Peter Rosegger Die Abelsberger Chronik Vorwort. Die kleine, aber berühmte Landstadt Abelsberg feiert demnächst das Jubiläum ihres fünfhundertjährigen Bestehens. Zu dieser Sache bin ich vom vorbereitenden Komitee – das löbl. Magistrat an der Spitze – angegangen worden, die Festschrift zu verfassen. Der ehrenden Aufgabe nachkommend, habe ich mich entschlossen, in Rücksicht auf die bekannte Bescheidenheit der Abelsberger, von den bei solchen Anlässen sonst gebräuchlichen Lobeshymnen abzusehen, sondern zur Bearbeitung einen mehr sachlichen Gegenstand zu wählen. Demnach wurde aus der Geschichte und dem Leben der Stadt Abelsberg und deren Umgebung der Stoff zu dieser Festschrift gezogen. In liebevoller Hingabe an diese Arbeit staunte ich selbst über die Fülle der Ereignisse, Großtaten und hervorragenden Eigenschaften des auserlesenen Völkleins, und besonders auch einzelner aus ihm, deren Weltanschauung und Lebensführung und Taten schlicht und anmutig hier erzählt worden sind. Also ist die »Abelsberger Chronik« entstanden, die ich der Feststadt hiermit devotest gewidmet haben will. Der Verfasser. Ein Gerichtstag zu Alt-Abelsberg. Wir sind für den 28. Oktober Anno 1628 nach Alt-Abelsberg auf den Amtstag vorgeladen. Da werden wir wohl einen Vorfahren schicken müssen, uns entschuldigend, daß wir selber nicht erscheinen könnten, weil wir noch gar nicht auf der Welt wären. Was es denn geben mag? Die Abelsberger Vogtei hat einen tiefen Turm und draußen auf dem Hügel, wo man weit ins Land sieht, ein hohes Gerüste, an dem eine Leiter lehnt – eine Aussichtswarte der alten Zeit – mit dem Blick ins Jenseits. Man tut verdammt schwer mit dem Vogt von Alt-Abelsberg. Da sitzt er am breiten Tisch und ist mit Aktenstößen vermauert, daß nur der Kahlkopf daraus hervorschaut. Zwischen den Papierwuchten steht ein Kruzifix, der Schrecken aller Bösewichter, vor dem sich mancher im Meineide wohl den lichten Galgen ab-, hingegen die »ewige Höllen« angeschworen hat. Unter dem Tisch aber ist ein Querbrett und auf dem steht ein stattlicher Krug, aus welchem der Vogt bisweilen einen Schluck Weisheit zu sich nimmt, oder einen scharfen Trunk Strenge, oder einen Tropfen Milde, je nach Bedarf. Denn »dieweilen der allmächtige Gott dieses Jahr einen ziemlichen Herbst beschert, zudem der Wein gut, so sind der Vogtei die großen Fässer zu füllen«. So ist's amtlich bekannt gegeben worden. Weiter unten sitzt ein Ratsherr von Abelsberg, der nur ausnahmsweise fungiert, daher eines besonders richterlichen Ansehens beflissen ist. Noch weiter unten hockt der Schreiberknecht, der die Gerichtsverhandlungen jenes Tages sorgfältig aufs Papier tut oder vielleicht gar aufs Pergament, auf daß es nach Jahrhunderten »zur Warnung christlicher Personen« gelesen werden kann. Die Gerichtsstube hat schwere Fenstergitter, was der heute vorgerufene Jörg Metze für überflüssig hält. »Wird's wohl sicherlich keinem einfallen, daß er da beim Fenster hereinsteigt!« Aber hinaus, mein Jörg Metze! Wir, oder vielmehr die Unsern, sitzen am äußersten Rande der Anklagebank – ganz am Ende – und müssen warten, bis alle anderen fertig sind. Das wird vielleicht gar etwas mit Ausschluß der Öffentlichkeit. »Die Barbara Obrechtin hie?« Die Genannte meldet sich, sie wäre hie. »Sie soll aufstehen und hergehen und dem Gericht ihre Reverenz erweisen. – Die Barbara Obrechtin hat ein böses Maul, ist des greulichen Fluchens verklagt, hat auch die Schüttnerin eine Hundsflug geheißen!« »Und hat mich,« fährt die Klägerin Schüttnerin auf, »ein Schreibermensch und Pfaffenroß geheißen.« »Ist's wahr?« frägt der Vogt. »Beim heiligen Sakrament sag' ich's aus, es ist wahr!« ruft die Klägerin. »Wenn's wahr ist, mag sie's ja sagen,« entscheidet der Vogt, denn die Obrechtin hat ein fein Gesichtlein. »Wahr ist's, daß sie mich's geheißen hat,« schreit die Schüttnerin, »aber nit wahr ist's, daß ich's bin.« »Und ich sag's umgekehrt!« ruft die Obrechtin. Sie hat ein fein Gesicht, doch ist ihr nicht zu helfen, sie hat in dem letzten Wort – in dem Widerruf – die Beschimpfung wiederholt. Der Richter muß sie verdammen. Sie soll in den Turm und drei Tag beten. – »Der Ulrich Riedling!« »Hie!« »Er hat sein Eheweib mit dem Axthelb auf die Brust geschlagen.« »Mit Vergunst, hoher Herr, sie ist selber dran schuld, sie hat mir nit den Rucken zugehalten.« »Schlagt Ihr sie oftmalen?« fragt der Richter. »Mit Vergunst, hoher Herr, nur an Sonn- und Feiertagen.« »Weshalben?« »Weil ich zu Werktags im Oberwald arbeite und nit daheim bin.« »Damit ihr euch einander attachieret, setze ich euch zusammen in den Turm. – Man soll ihnen aber nur einen Suppentopf und einen Löffel geben.« So der weise Entscheid des Vogtes. – »Jetzo kommen die zwei!« sagt der Büttel und deutet mit dem Zuchtstock auf ein jüngeres Paar, dem er eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken scheint. »Der Josef Birstl und die Agatha Grießel!« »Sein bereit!« sagt der Bursche und steht mit dem Weibsbild von der Bank auf. Der Richter: »Vor etlich Monaten habt ihr hierorts zugesagt, daß ihr euch ehelich verbinden werdet. Ist bis dato nicht geschehen.« »Wir finden keinen Geistlichen, der's so gut kann, als wir's brauchen,« entgegnet der Bursche. »Es kommen,« sagt der Richter, »bei jungen Eheleuten die Siebenmonatskinder in Brauch.« »Ja, wenn das Weib über die Stiegen fällt,« gibt der Bursche zu bedenken. »Ist nur die Frage,« wendet jetzt der Ratsherr ein, »warum die Weisheit Gottes das junge Geschöpf neun Monat lang der Welt vorenthält, wenn es, wie man sehen kann, mit sieben schon fertig ist! Darum ist mein Begehr: Früh genug heiraten.« Das junge Weibsbild hebt zu weinen an; es wäre ihr das Heiraten sonst ja recht, aber Ehemänner schlügen ihre Weiber, während andere mit ihnen größtenteils zärtlich wären. Wird verordnet, das Paar hätte so lange, bis es »ehekirchlich« getraut, jeden Freitag eine Stunde auf der Schimpfkanzel zu stehen. Der Rat wendet ein, ob man die zwei nicht lieber auseinanderjagen solle? »Kann bei denen Leuten nit mehr stattfinden,« ist der Bescheid des Vogtes und der Büttel führt die Abgetanen ihrer Wege. – Jetzt wird der Säufer Hannes Brenn vorgeführt, man kennt ihn allerwegen. Aber er stellt sich ganz nüchtern und ist vor dem Vogt der Höflichste und Gewandteste von allen. Er ist wie daheim in dieser Gerichtsstube und weiß genauen Bescheid, wie man sich zu verhalten hat. Den Richter besticht das nicht. »Hannes Brenn,« sagt er, »du bist neulings wieder auf Suff betreten worden.« Der Hannes zuckt mit Bedauern die Achseln. »Bist demzufolge eines Meineides gegen den allmächtigen Gott überwiesen, Hannes Brenn!« »Das ist ein Irrtum, ehrenwerter Herr Vogt,« verteidigt sich der Hannes, »meineidig worden bin ich nit.« »Dieser Ausspruch ist eine verdammliche Frechheit, Hannes Brenn,« sagt der Vogt, »und will ich dir deine eigene Urfehde in Erinnerung bringen, die du vor Jahresfrist, wie du wegen Suffs das drittmal aus dem Turm bist entlassen worden, gegeben hast.« Und liest die Schrift: »Ich Hannes Brenn, seßhaft zu Ober-Abelsberg, Gericht Abelsberg, bekenn: Nachdem ich mich zuwider der Römischen Kayserlichen Majestät meines allergnädigsten Herrn ausgegangenen Mandaten mit Suff und Fluch und Stritt bisher trotz alles Verwarnens oftmals übersehen, dennoch durch Gnad und Barmherzigkeit des Herrn Landvogt milde gebüßt worden bin, schwöre ich anheute einen aufgehobenen Eid leiblich zu Gott und den Heiligen, daß ich von heut dato in der Landvogtei und gnädigen Verwaltung keine offen Herberg oder Wirtshaus besuchen will. Wo ich aber an mir selbst Untreue begehen und diese Urfehde nit halten möcht, soll alsdann mein gnädiger Herr Landvogt volle Gewalt und Macht haben, mich straks gefänglich einzuziehen auf Jahr und Tag. Diese Urkund habe ich getan zu Abelsberg am 13. Juli Tag, Anno 1628. Hannes Brenn.« So die Urfehde. Der Richter fragt: »Nun, Hannes, wie steht es jetzt? Du bist neuerlich im Wirtshaus bei Suff und Fluchen und Stritt betreten worden.« »Mag ja sein, Herr Landvogt.« »Und also meineidig!« »Meineidig bin ich nit worden, Herr Landvogt.« »Wiederhole demnach noch einmal,« liest der Richter, »schwöre ich anheute einen aufgehobenen Eid leiblich zu Gott und den Heiligen, daß ich von heut dato in der Landvogtei und gnädigen Verwaltung keine offen Herberg oder Wirtshaus besuchen will.« »Darum bin ich in die Hirschberger Vogtei hinübergegangen, wann der Durst zu groß worden ist.« »Soll ich den Kerl peinlich beraten?« fragt der entrüstete Vogt. Der Ratsherr meint, solchen Rat könne der Hannes leichtlich übel aufnehmen und dafür gelegentlich einen roten Hahn verehren. Er schlage vor, den Eid des Hannes Brenn auch für die Vogteien Hirschberg, Obermoos und Neumünster erweitern zu lassen. Ist angenommen und verfügt. – Nun kommt die saubere Gesellschaft der Sakramentsschwänzer. Das sind fünf Bauern aus Ober-Abelsberg, deretwegen der Kirchherr sich bei Gericht beschwert hat, daß sie die österliche Beichte umgangen hätten und am verwichenen Ablaßsonntag auch noch bei keinem Beichtstuhl gesehen worden wären. Die fünf Männer stehen rostig und eckig von der Bank auf. Sie sollten vortreten. Sie heben sich mit vieler Not ein paar Schritte voran. Ob sie des Teufels wären? fragt sie der Richter. Sie schauen sich gegenseitig an: daß sie nicht wüßten! »Michel Schmied, wesweg bist du am verwichenen Sonntag nicht zum Sakrament gegangen?« »Ist halt so eine Sach',« antwortet der Angerufene und walkt in Verlegenheit seinen Filzhut, was die übrigen vier genau so machen, »bin desselbigen Tages schon morgens früh soviel zornig gewesen, weil's geheißen hat, meine Kühe wären in der Nacht verhext worden, was sich aber alsdann herausgestellt hat, daß es nit wahr ist gewesen. So hab' ich mir drauf gedacht: an einem solchen Tag, wo du in der Gottesfrüh schon so höllisch gescholten hast, gehst nit zum Sakrament.« »Und der Tubelfranz, warum ist der ausblieben?« »Wenn ich Birnknödel freß, schier noch ehevor ich die Augen recht aufmach'!« entschuldigt sich der Tubelfranz. »Sind just so gestanden im Bettkastel, vom vorigen Tag her, und mein Weib, das hat sie, wegräumen tut sie gar nix. Ich reck' die Füß' aus und denk': aufstehen sollst! Und reck' die Hand' aus, und auf ja und na kommt mir eine mit dem Birnknödel zurück – und schnurgerade ins Maul. Sagt mein Weib: Birnknödel ißt und willst heut' zum Sakrament? Ich schrei ihr das letzte Wort nach und spring' auf – und aus ist's für den Tag. Muß schon warten, bis ich einmal nüchternerweise aufsteh'.« »Also, das wäre der Tubelfranz gewesen,« meint der Vogt und klaubt in seinen Papieren; »jetzt möcht' ich aber gerne wissen, was der Anton Wolten für ein Hindernis gehabt!« Der Anton Wolten starrt seine Genossen an, ob das ihn angehe? ob er's wohl auch wäre, der Anton Wolten? Und als hieran alle Zweifel behoben sind, stottert er, daß an jenem Tage seine Hosen so unziemlich viele Löcher gehabt hätten, daß auch die Joppe, die man wohl noch an ihm sehen könne, derart schäbig wäre, daß es einem christlichen Gewissen wohl schon die Ehrerbietung vor dem Heiligsten verbiete, in solchem Aufzuge das Sakrament zu empfangen. Der vierte sagt aus, daß er sonstwie nicht genugsamlich vorbereitet gewesen sei, um die heilige Handlung zu begehen. Und der fünfte, der Christian Holluf, ruft, als er zur Rede gestellt wird: »Das übersteigt schon alle Gnad' und Barmherzigkeit!« »Gnad' und Barmherzigkeit verlangst du, alter Sünder!« sagt der Richter. »Nit für mich, Herr Vogt, nit für mich, aber für den Kirchherrn. Bedenkt's einmal! Den ganzen Tag im finsteren Winkel sitzen – mitten in der Sündenbrut, und nix hören als Lumpereien und Schurkereien und allerhand stinkende Laster. Da müßt einer kein Herz im Leib haben, wenn unsereins auch noch kommen tät mit der schmutzigen Wäsch'. Wer kann denn das aushalten? Na, na, ich komme an einem andern Tag, wo der Kirchherr ausgerastet ist.« So sagt nun der Ratsherr: »Das sind ja lauter christliche Leute! Soviel Ehrerbietung haben vor dem Sakrament und seinem Diener, das wird man nicht bald wiederfinden.« Der Vogt ist anderer Meinung und verurteilt die fünfe zur sofortigen Beicht und Kommunion. – Jetzt wird's draußen laut, die Tür springt auf und knarrt in ihren schweren Angeln. Sechs Männer schleppen ein gebundenes Weibsbild herein. Das hatte, weil Hände und Füße gefesselt, von ihren weißen Zähnen Gebrauch gemacht, solange sie konnte und nun keine andere Gegenwehr, als die schneidende Zunge. Der Landvogt fährt die Büttel an, was denn das für eine Art sei, die anberaumte Gerichtssitzung mit einem nicht dahergehörigen Weibsbild zu unterbrechen. »Wir kriegen jeder drei Schinderlinge,« entgegnet einer der Büttel. »Wir haben die Hexe abgefangen.« »Von dato 30. Julius Tag an wird für das Hexenabfangen nit mehr als zwei Schinderlinge gezahlt, per Person,« redet jetzt der Schreiberknecht drein und weist auf die Schrift, die solchen Beschluß enthält. »Doch soll hinfüro der Hexe Bett und dazugehörige Federn den Bütteln, als Folterknechten und Scharfrichtern, zu gleichen Teilen zugesprochen werden.« Damit geben sich die sechs Gesellen zufrieden und es beginnt das Verhör der Hexe. Sie ist ein junges Weib mit rotem Haar und schielenden Augen. Sie ist angeklagt, ein Hagelwetter gemacht zu haben, das alles Obst in der Abelsberger Gegend zunichte schlug. Ursache: Weil man sie bei einem Apfeldiebstahl ertappt und scharf gezüchtigt habe. Beweis: Der Schlürer Jakob habe vor seinem Haus ein hühnereigroßes Hagelkorn aufgehoben und in dem ein rotes Haar gefunden, das nur von der Magdalena Heitin herrühren könne. Die Magdalena Heitin wird losgebunden und gütlich befragt. Sie leugnet, wie alle Hexen anfangs leugnen. Äpfel habe sie gestohlen, das gesteht sie, und dafür sei sie auch geschlagen und eine Weile bei den Haaren umhergezerrt worden und könne es schon sein, daß dem Schlürer Jakob dabei eins in der Hand geblieben. Wenn jeder Hexe, so bemerkt jetzt der Ratsherr, auf ihr erstes Aussagen geglaubt worden wäre, so hätte Abelsberg viel Geld erspart, das sonst auf Scheiterhaufen drangegangen. Aber es nütze nichts. Gegen die Heitin sei ausgesagt worden, und in so wichtigen Sachen gebe vor Gott dem Allmächtigen keiner ein falsches Zeugnis. Nun beginnt die peinliche Frage, und dazu wird ein anderes Lokal gewählt. Wir hören durch die Wand die Magdalena Heitin schelten und wimmern, wir hören sie nach einer Weile herzbrecherisch schreien und alle Heiligen anrufen. Und wie die Qualen so groß werden, daß es nicht mehr möglich ist, dabei zu leben, und noch nicht möglich ist, dabei zu sterben, da hebt sie an, auszusagen. Wie ihr nach der Mißhandlung von wegen den Äpfeln vor Leid und Schand das Herz hätte abspringen wollen, da sei ihr im Riederschachen ein fremder Mann begegnet, der habe ihr zugeredet, daß er ihr helfen wolle, wenn sie Gott und allen Heiligen abschwören und ihm zu Willen sein möchte; sie habe es getan und dann vom Fremden eine Haselgerte bekommen, mit der sie das böse Wetter gezaubert. »'s ist allemal dieselbe Geschichte,« sagt der Ratsherr. Freilich wohl, mein ehrenwerter Ratsherr, ist's allemal die alte Geschichte, weil einer unter den Martern der Folter nichts Neues einfällt und sie nur das nachsagt, was sie von anderen gehört hat. – Aber bei der Magdalena Heitin sind sie an eine Unrechte gekommen; das ist eine Rachgierige, die denkt: Wenn sie mich zugrunde richten, so sollen auch andere hin sein. Und reitet die bravsten und angesehensten Weiber von Abelsberg und Ober-Abelsbeig ins Verderben. Sie sagt aus, daß sie nicht allein wäre, und fragt, ob man nicht wisse, daß ein Hexenstück nur dann gelingen könne, wenn alle Zauberer und Hexen der ganzen Gegend damit einverstanden wären? Nun habe sie auf dem Besenritt viel gute Bekannte und ehrenwerte Frauen begegnet, so die Gerbermeisterin von Ober-Abelsberg und die Frau des Küsters daselbst mit ihrer Tochter, dann den Schuhmacher Okensaß zu Abelsberg und sein Weib, und die Schwägerin des Ratsherrn Bühlkamm und deren Schwester, die Schulzensfrau und die Frau des Landvogtes und viele andere. Die Schulzensfrau verlege sich aber nur auf das Umbeten der Krankheiten von einer Person auf eine andere, während sich die Traitmesserin von Abelsberg zumeist mit Verhinderung ehelicher Pflichten befasse. Jetzt ist's Zeit für den Landvogt, zu beschwichtigen. Es würde ein boshaftes Geschwätz sein, man solle die Magdalena Heitin ein wenig peitschen und dann auf freien Fuß setzen. Dagegen wehren sich aber die übrigen anwesenden Angeklagten und Vorgeladenen. »Wenn gemein Mann und Frau auf bloße Gerüchtaussagen eingeführt werden, so begehren wir das auch bei Herrenleuten. Die Schwägerin des Ratsherrn Bühlkamm und deren Schwester und die Frau des Schulzen und des Landvogtes müssen so gut wie andere in den Hexenstuhl gestellt und peinlich befragt werden!« So will nun der Vogt die gefährliche Weibsperson ein- für allemal unschädlich machen. Es wird ohnehin morgen eine Gesellschaft verbrannt; er läßt den Bütteln sagen: »Wenn wir mit der Magdalena Heitin fertig werden, so mag sie mitgehen.« – Schreiten hierauf zur Tagesordnung. Also erzählt das älteste uns vorliegende Blatt der Chronik von Abelsberg, sinnig bezeichnend die Vorfahren derer, die wir nun zu bewundern haben werden. Die Abelsberger der Majestät. »Geschehen muß was!« sprach der Vorstand im hohen Rate zu Abelsberg, »denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat's gern, wenn was ist, und von den Abelsbergern wird was erwartet.« »Aber was! Ich hab' noch keinen blassen Nebel davon,« rief der Hirschenwirt, »ist dir was eingefallen, Vorstand?« »Bei einem Haar wär' mir was eingefallen,« berichtete dieser, »just ein klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz' Nacht Hab' ich mich zerstudiert, daß mein Weib schon toll ist worden, und g'rad wie mir was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist's, gar ist's mit dem Ausdenken.« »Darf ich reden?« fragte der Färbermeister. »Soviel du willst,« sagte der Vorstand, »ich weiß eh nichts mehr.« So sagte der Färber: »Was werden wir denn machen? Ich denk', so ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den Zitternschlagermaxl, einen Triumphbogen da oben bei der Maut, ein paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen, und wenn sie kommen, daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!« Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rates. Aber der Rat Hufschmied stand auf und sagte: »Das ist nichts, das hat sie hundertmal schon gesehen und besser, als wir's zuweg bringen. Das Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo soviel G'reisig zu Handen ist, als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat, und was den Abelsbergern Ehr' macht. – Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt' ich nichts; die Herrschaften, wenn sie nie was anderes sehen, täten 'leicht glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten, und sie lernen was dabei. Desweg sag' ich, daß wir da ober Abelsberg an beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen – und wenn die Wägen kommen, sollen die Leut' flink arbeiten. Das ist mein Rat.« Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im Rate zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der Vorstand nahm nun das Wort und sagte: »Ich halte nichts darauf, daß unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind – und daß sie fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. – Sein die Manner mit mir einverstanden?« »Vorstand!« rief ihm der Rat Schneider zu, »für das wirst du Baron!« Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes wurde angenommen. – Nun gab's ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. – Den Rastelbinder brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete einer dem Vorstand, denn es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten, daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen Eindruck machen könne. Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn fahren konnte, der im Gerüttel feiner Wagen, im Zeremonientaumel seines Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen. Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr' gebracht, nicht ungern, denn für gar manches war ihm das Bewußtsein feiner Kaiserwürde eine hohe Genugtuung. So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder, und die Arbeiter hatten ihre bunteste Sonntagstracht an. Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende Bäume. Der Hirte trieb eine Herde schöner, bekränzter Rinder über die Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber waren die Obstbauern, die von alten Holzbirnbäumen die feinsten Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein aus Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei Abelsberg, und der Obersthofmeister hauchte dem Kaiser zu: »Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Majestät für ein Land haben!« Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei, und Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo der bekränzte Eingang prangte – kauerten etliche Krüppel, ein Kretin und ein paar alte zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war's Ernst. Der Hof stutzte sehr – gar sehr stutzte er über eine solche durchaus nicht harmlose Pointe der Festlichkeit – und nach dem Ortsvorstande, der mit seinem Rate auf dem Marktplatze tief geknickt stand, wurde nicht mehr verlangt. Vor dem Tore des Posthauses standen sechs Blumen streuende Bauernmädchen, aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg. Der hohe Rat war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er sofort; aber der Kretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden Familien meinten, sie hätten gehört, daß das ganze Land bei dem Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele Armut, die da sei, gehöre sozusagen auch zum Lande, sie hätten des weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre. Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich verdorben hatten, in den Arrest sperren lassen. »Tu' das, Vorstand,« sagte der Rat Hufschmied. »Brauchst gar nicht zuzusperren. Wenn die armen Hascherln was zu essen kriegen, bleiben sie auch so.« Ist später Vorstand geworden, der Hufschmied. Der Turmbau zu Abelsberg. Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Türme, so wollten die Abelsberger an der ihren auch zwei Türme haben. Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte oben eine Kuppel, um welche die Schwalben allerlei Narreteien trieben, und hatte ein Paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, »die den Schlaraffen von Abelsberg zulieb' kurzen Tag und lange Nacht machte«, wie Urkunde berichtet. Die Nacht ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind sie beim Zeug. Ihr »Zeug«, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und wieder der Schoppen, und um sechs Uhr abends ist zu solchem Tagwerk der Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend und jeder geht gleich am Abend nicht heim, mancher bleibt noch gern ein wenig »in die Nacht hinein«. So schöne Zeitrechnung macht der Turm mit seinen Glocken und mit seiner Uhr. Darum gibt es Leute zu Abelsberg, die sagen: »Wenn's bei einem Turme schon so schön ist, wie müßt's erst sein, wenn wir zwei Türme hätten!« Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Turm wäre schon recht, aber von wegen Gottesehr'. Im Rate saß ein Lästerer, der sagte: »Ich stimme nicht für zwei Türme, jeder Ochs hat zwei Hörner.« Der mußte auf der Stelle abdanken. Alle anderen wollten einen zweiten Turm; so stand einer auf und sprach das Wort: »Die Bürger Geld zusammenschießen!« Der Mann mußte abdanken. Endlich hielt ein dritter eine Rede und sprach: »Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird, mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben –« Der Mann wurde mit einem »nichtendenwollenden« Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: »Und wenn, meine Herren, der Turm zur Gottesehr' erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Turm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Turmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Turm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opferkasse darf unbedenklich unserem ehrenwerten Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.« Über solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten alsogleich zum Bürgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um. Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Turmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerte Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Kassenwart gemacht – und so war der Same gelegt zum Turme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einer Kuppel, um welche die Schwalben allerlei Narreteien treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht. Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam – auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Kirchturm. Der Küster waltete treu seines Amtes und war – nebstbei gesagt – nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen – stand ja doch der »goldene Hirsch« offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: »Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirt zum »goldenen Hirschen« eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!« Der ehrenwerte Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer – ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen – so trank er und trank wie ein Abelsberger. Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es – wie er so schön sagte – »vom Zechen zum Blechen kam«, daß er sein Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem Weibe. Bevor er aber noch den »goldenen Hirschen« um einen Kredit angehen will bis auf morgen – eigentlich nur bis auf heute – bis er nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt – entdeckt er in seiner Hosentasche das Opfergeld für den Turmbau, das er tags zuvor erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu tun pflegt. Das reicht für die Zeche – es bleibt sogar noch etwas übrig. Was? Übrigbleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht nachsagen. Was nützt die Turmspitze, wenn der Turm versoffen ist! »He, Wirtshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.« Und als es Morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war – der letzte Knopf vom Turmgeld – da stand der Küster Thomas Reckenschlauch auf. Tat aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder umfallen. Indes, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu sehr rechts, um später ein bißchen zuviel nach links abzuschwenken. Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging, und starrte auf den Kirchturm hin und begann zu kichern. – »'s ist richtig,« stammelte er, »das Turmgeld – er steht schon – der zweite. Ach – der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! Zwei Türme auf der Abelsberger Kirchen!« Und taumelte entzückt nach Hause. Eine angenehmere und billigere Bauart gibt's nicht. Und nachdem nun der ehrenwerte Küster Reckenschlauch die Entdeckung gemacht hat, wie man in Abelsberg Türme baut, so soll es nicht allzuselten geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat – und daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten Turm neben dem ersten stehen sieht. Und der Küster rät es jedem, der in Abelsberg zwei Türme haben will: »Geh' hin und tu' desgleichen!« Der Bürgermeister von Abelsberg. Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die Jagdlustigen von der Berufsarbeit – ab – sagen sie – es verführe die Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht mehr aus dem Kopfe zu bringen; es verlocke zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten Schützen seine gesunden Glieder oder die eines anderen. Und schließlich ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre Steuern. Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu gescheit. Die Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, solange noch das Pulver nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da es krachen darf? Nein. Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt's Hallodria, Räusche, Abenteuer, kurz alles mögliche, nur kein Wildbret. Das Wildbret haben die Wildschützen in Sicherheit gebracht. Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten Abelsberger. Der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein – es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so – – wären in Abelsberg leicht die bravsten Leute die längste Zeit auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf sonst was; und so – munkelt man – könnte es sich zutragen, daß eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der Gottesdienst ausbliebe, weil – der Herr Pfarrer verreist ist. 's ist eine böse Sach', und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und über, bricht in Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd schlecht abschneidet, und der ganze Gemeinderat flucht mit, daß, von den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt. Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das linke war ihm vor Jahren in Böhmen angeschossen worden. – So war's voreh'; dann ist's anders geworden. Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rate folgendermaßen das Wort ergriff: »Daß ich sag', nach meinem Versteh'n: Die Jagd, verpachten tun wir's nit; denn wegen warum? Unsere Buben werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!« Patriotisch war er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: »Aber das sag' ich, nach meinem Versteh'n, einen schärferen Jagdwachter müssen wir haben. Ich rat', wir lassen einen Militärsmann kommen, einen Ausgedienten; so einer ist respektabel und kann laufen. Die Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so einer ist pünktlich und kostet nicht viel. Ich sag', wir machen Ja darüber.« Sie machten Ja darüber. Etliche Tage nachher trat der Soldatenschorsch das Amt an. Er war ein Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen langen klirrenden Säbel – Gemeindegut – und trug einen wuchtigen Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er ins Fluchen geriet, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das war nun der neue Gemeindediener und der »Jagdwachter«. »Daß Er's weiß, Schorsch,« redete ihn der Bürgermeister bald nach der Aufnahme an, »wenn Er seine Sach' in Ordnung hält, so kommen wir gut miteinander aus. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal hat Er die Kanzlei reinzuhalten; unter dem verwichenen Diener ist meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, muß Er von Wirtshaus zu Wirtshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildbret fehlt, so wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! Und ist's wer immer, hört Er, Schorsch, ohne Pardon einfangen und in den Arrest treiben. Verstanden?« Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade und mit rasselndem Säbel davon. Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, daß sie blank wie eine Wachtstube war; er »vertrug« die Schriften, anfangs freilich einigemal ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er in die Wirtshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem »Raufen« war der Schorsch dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand nicht, seinem braven Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an welchem er sich nach Wunsch und Wahl gütlich tun konnte. An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit der Kommißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem Tiegel schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschierte, die Zähne aufeinanderbiß und mit den Augen dreinstach, da hatte er gefährliche Steuerbogen in der Tasche. Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den Wald hinaus. – Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich auch heute der Diener meines Herrn. So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildnis hinein. Und als er gegen eine Felswand kam, an der wilder Efeu emporrankte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. – Es wäre ein anmutiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß. Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er nicht klappere im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung zu, in welcher der Schuß gefallen war. Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann und weidete einen erschossenen Rehbock aus. – Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte sich der Schorsch. Kreuzbomben und Mordsstern, heute ist nicht Jagdtag. Da ist's jedem verboten, der Herr Burgermeister hat es strenge gesetzt. Halt, Kerlchen, wir zwei werden näher bekannt. – Aber was ist denn das? Das ist ja der Herr Burgermeister! – Tut nichts, mein Herr! Wer wildert, ist ein Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alles eins. Das Schießen ist jetzt nicht erlaubt. Und tat er's redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg hast du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. – Wenn's aber der Bürgermeister selber ist! warnte eine innere Stimme. – Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der Ertappte sei wer immer: einfangen! – Des höllischen Satans will ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich sein soll. Er hat mich abgespäht und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Kerl bin. Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen! Etliche Sekunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: »He da!« Fast kollerte der Wilderer vor jähem Schreck über und über. »Aufstehen!« kommandierte der Soldat, »wir gehen mitsammen.« »Aber Schorsch, aber Schorschl!« lachte der Ertappte, »es ist ja – es war ja –« »Rehbock über die Achsel! Flink!« rief der Diener mit schneidiger Stimme. »Na, so tu' Er – hi, hi – – tu' Er doch die Augen auf, Schorschl!« »Ich mach' keinen Unterschied.« »Aber – Er sieht's ja, hi, hi –« »Im Namen des Gesetzes arretiert!« »Aber so mach' Er keine Dummheiten, Schorsch!« »Marsch!« »Hör' Er! Das verbitte ich mir!« »Ich brauche Gewalt!« knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. Aus seinen Augen funkelte gemachter Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor. Im Kabinett, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist's der Stärkere. Höhergestellte Personen lassen sich bisweilen erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Bürgermeister von Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte. Der Vorstand machte mehrmals unterwegs Versuche, sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war's ein für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein mußte, wenn ihn das Tier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmütig; ist's eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. Da versuchte es der Arretierte mit Versprechungen; hundert Stück feine Zigarren fürs erste; eine goldene Sackuhr fürs zweite; und endlich, da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, – erzählt die Chronik – seine älteste Tochter fürs dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wut ausbrach und mit geballter Faust dem Rehbock einen solch derben Schlag versetzte, daß der Burgermeister darunter taumelte. Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: »Brav, Schorschl! Er hat die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei uns sein Lebtag lang versorgt.« »Wohl,« schmunzelte der Soldat, »'s hat aber auch Müh' gekostet, und deswegen möchte ich Zeugenschaft haben, daß die Sach' pflichtgetreu ausgeführt worden ist.« »Das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, des Respektes wegen, versteht Er?« »Mit Verlaub!« sagte der Schorsch gemessen, »die Schulkinder sollen es wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn er stiehlt. – Marsch!« Mitten durch den Marktplatz trieb er den Vorstand dem Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lachendem Volke. Einige Gemeinderäte eilten herbei; vor diesen salutierte der Schorsch: »Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!« Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen an und murmelten: »Ei schau, der Kerl ist gefährlich!« Dann laut: »Der Soldatenschorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir wo rekommandieren. Abelsberg ist für ihn nichts.« Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem Burgermeister sprechen, »der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben«. Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden. Der Schulmeister von Abelsberg. War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen mochte, so war sie nicht. Und das tat in seinem Herzen bitterlich graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites und jätete Unkraut und säete Weizen – zumeist taube Körner, die keine Keimkraft hatten. Soll halt werden, was werden will. Aber die Eltern von den Kindern. Da stak's! Schickten sie dem Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine Schande, daß man ihm nicht auch das Bier dazu ermögliche. Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondieren. Bei der Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von den Tugenden der Sanftmut und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele dieser Tugenden anfühlte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Aber nicht den Schulmeister. Wo bissel Geld herausschauen könnte, nie den Schulmeister. Und überhaupt diese Amtmänner! Schon gut. Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim bleiben muß? Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen ...! – Darum sage ich: ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas mißliebig war bei den Leuten. Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die Geige von der Wand nahm, um damit im Wirtshause bei einer Freimusik aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht zusammenzufiedeln – ging die Türe auf. Der besäbelte Gemeindediener und der befrackte Amtmann traten herein, und letzterer bedeutete dem Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und gestrengen Gutsherrn wäre. »Ist vielleicht das Musizieren für andere verpönt?« fragte der Schulmeister bissig. »Keineswegs,« antwortete der Amtmann, »doch zeigen wir Euch an, daß Ihr laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!« »Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!« Es gab eine Szene. Während sich im Städtchen alles auf das Fest rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeindearrest von Abelsberg getan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am Aschermittwoch. Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz: »Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde untersteht sich untertänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.« Der Gutsherr schrieb zurück: »Was für ein Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet L. L. von S.« Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: »Hochgeborner, gnädigster Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin lautete, den Schulmeister hiesigen Ortes einzuschließen, rapportiert ein Gefertigtes dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respektiert und ausgeführt worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In ehrfurchtsvollster Erniedrigung Amt Abelsberg.« Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn: »Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären. L. L. von S.« Des war der Herr Amtmann etwas indigniert. Er besprach sich mit seinem Schreiber und beide kamen endlich darüber überein, daß das Geschätzte Nr. I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden sei. Dasselbe lautete wörtlich: »Komme diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde. L. L. von S.« Der Schreiber vermutete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint haben, mit ins Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, einschließen, und nicht in den Gemeindekotter. »Ja!« machte der Amtmann die Achsel zuckend, »mit mir muß man ohne Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeiten.« Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu betragen! Der Schulmeister war Überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung in das Gefängnis gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmütiger zu sein. Der Brückenwirt zu Abelsberg. Der Brückenwirt zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauergut besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als vielmehr weil das Hirschengut voll Reichtum gewesen war, während das Brückenwirtshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak. Das Wasser tut's freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der Wein tut's auch nicht immer. Der Brückenwirt hatte Wein, ja sogar sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, sondern die Armut. Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirt schmachtete. Ja, schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den Hirschenhof verkauft und das Wirtshaus gepachtet hatte, wollte ihm kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur eins, um ein wohlhabender Mann zu sein – der Kredit. Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Kapital, als den Kredit, aber er betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der Brückenwirt wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der »reiche« Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er sich so nahe ans Herz, daß er vor Schwermut in eine harte Krankheit verfiel. Dem Arzte vertraute er's, daß die Welt doch schön sei, und daß er nichts so ungern tue, als sterben, Der Arzt tröstete, er solle daran nicht denken, er, der Doktor, wolle ihm schon helfen. Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche Sorge er – der Brückenwirt – getroffen hätte, daß er – der Nachbar – zu seinem letzthalbjährigen Pacht käme. »Ich habe für alle Sorge getragen,« sagte der Brückenwirt mit schwacher Stimme, »wenn ich nur nicht alles, aber gar alles auf die letzte Stunde verschoben hätt'! – Ist er denn nicht da?« »Wer?« fragten ihn die Anwesenden. »Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder mitbringt.« Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der Brückenwirt für eine Hinterlassenschaft haben werde. »Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,« hieß es. »Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,« rief ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der Brückenwirt sein Testament. »Hätt's lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem seligen Weib,« sagte er, »die Wirtschaft ist unter fremden Händen nicht besser geworden; alle Jahr' einmal hinreisen, das ist zu weit. – Nu, in Gott'snam'. Was da ist, das will ich redlich verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt tu's der Herr aufschreiben.« Die Feder war bereit zum Kratzen. »Die Neudorfer,« hub der Kranke an, »die haben jetzt drei Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll angeschafft werden. Nachher – das auch aufschreiben: Beim hintern Altar – der heiligen Magdalena tut ein frischer Anstrich not, hat schon soviel abgefärbt, letzt' Zeit her. – Das Schulhaus braucht ein neues Dach. Fürs Armeleuthaus will ich – daß tausend Gulden kommen sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme Waisenkinder aufschreiben. – Nix danken, Leut', nix danken. Wer's hat, der kann's ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser Welt und er sich den Himmel kann kaufen. – Aufgeschrieben ist's? Nachher wär's soweit richtig. Und – wenn sie mich auf die Bank legen, so tut suchen im Bettstroh ...« Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg, und der Ortsschreiber rannte von Haus zu Haus und verkündete es frohlockend: »Der Bruckenwirt – wer hätt' sich das vorgestellt! Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohltätigen Zwecken vermacht! Ja Leut', bei dem seiner Leich' müssen die Abelsberger was tun. Der große Kondukt mit Musik! Nur jammerschad', daß wir die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen so geizige Leut', ehvor sie kaputt sind.« Er hielt inne, fast selbst erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbnis. Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift: »Dem großen Wohltäter der Gemein' Herrn Hans Michel Scherger Widmen diesen Stein Die dankbaren Abelsberger.« »Wenn er nur stirbt!« bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich. In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Turme. »Verschieden!« murmelte der Schneider und zog wehmutsvoll seine Haube vom Kopfe. Es war aber nur die Elfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um die Mittagszeit zum Essen rief. Der Brückenwirt lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Haustür offen; sie war die »Leichanlegerin« von Abelsberg. Aber sie wurde nicht geholt. Der Doktor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte sich der Brückenwirt am nächsten Morgen besser. Und nach vierzehn Tagen war er gesund. Jetzt gaben sich die Leute die Tür in die Hand, um den Genesenen zu beglückwünschen; und jeder versicherte, es wäre ihm soviel unendlich hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, und mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess' gezahlt auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen sollt', na, und weil ein's das nicht mitansehen kunnt, wenn der best' Mensch von der ganzen Gemein' hinaus auf den Friedhof getragen werden tät. »Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl soviel gern haben,« sagte der Brückenwirt. Aber jetzt erfuhr er's mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm beisprangen in allem mit Rat und Tat. Das Brückenwirtshaus war nun stets besucht, der Wirt geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er Gemeinderat. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirt. Einmal bei verschlossenen Türen las der Wirt sein Testament. – Na, es war ja recht: wenn die Abelsbeiger eine vierte Kirchenglocke haben wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena tut ein Anstrich not; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. Das Schulhaus braucht ein neues Dach – es ist ja wahr! und wer wollte nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen Waisenkinder? Wer's hat, der kann's geben. Suchen mögen sie, wenn er auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh ... Gefunden hätten sie freilich nichts. Zu Abelsberg beim Spielchen. Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab's nicht gesehen. Sie schlossen sich dabei ein – der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und ließen sich's gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein verbotenes Spiel! – i bewahre – beim Pfarrer! »Brandeln«, »Zwicken«, ein wenig »Mauscheln« mitunter, das war der Zeitvertreib. »Na, ich dank' schön für einen solchen Zeitvertreib!« sagt zwar der Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes Geld. Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl fürlieb nimmt. Und hernachen – wie schon angedeutet worden – ganz abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Häuserin durfte in die Oberstube – und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit leeren Händen erscheint sie selten. Sie ist ja Herrin der Küche und über alles, was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt – er war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten Vierunddreißigerjahr zu dieser Welt gekommen war – und was die gut geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis' und Trank suchte er sich, so gut es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber im Pfarrhofe versagte ihm das Glück. Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst spät abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ. »Grüß' dich, grüß' dich, Bruder!« empfing ihn stets der Pfarrer, »setz' dich doch auf deinen Platz.« »Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der geistlichen Weih' gehört die Ehr' zu!« »Bitte, du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!« So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich jeder stets wieder auf dem alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin und rief: »Bruder, stich die Sau!« Das tat der Hochbergreichhofer wohl hier in Natur, aber in den Karten vermochte er's selten. Oft genug kam ihm guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: »Du, Herr Bruder, geistlich Weih' ausgenommen, du hast falsche Karten!« »Lapp!« lachte der Pfarrer, »das kannst ja anders machen. Nimm fürs nächstemal deine Karten mit.« »Das ist eine Red'.« »Aber, was ich dir sagen wollt', Bruder. Am nächsten Sonntag geh' nicht in die Predigt, ich rat' dir's.« »Ja, hörst, wesweg denn nicht?« »Weißt, Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten Haushälter, und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Kunnt dir unangenehm sein.« Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber sagten nach derselben: »Scharf ist's niedergangen heut', und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch' gewesen, der Hochbergreichhofer?« Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei – ein rechter Judasblick, die geistlich' Weih' in Ehr'! Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: »Na, grüß' dich, Bruder, setz' dich wieder auf dein Platzl. Hast Karten bei dir?« Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, aber nie ins Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer. Da kam diesem plötzlich der Zorn: »Was schaust mir denn nicht ins Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?« Zum Glück kam in diesem Augenblick die Häuserin mit dem gebratenen Huhn. Sie war ein noch recht reputierliches Frauenzimmer und allerweil woltern nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, tat einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die Rose. Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah – den Spiegel. Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt, erhob er sich langsam – starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel offen lag – starrte dem Pfarrer ins Angesicht und murmelte: »Jetzt, Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn du einen Kameraden hast, der mir in die Karten schaut, nachher – nachher glaub' ich's gern!« Der geistliche Herr tat einen schreckhaft lauten Lacher. »Endlich!« rief er, »endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß du gescheit worden bist. Tu' dich nicht giften, Bruder, laß uns jetzt essen und trinken, heut' wird es das letztemal sein, daß du die Jause zahlst.« Ein Abelsberger Kalbskopf. Der Dorfbarbier Tabaksimerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte – gestehen wir's offen, denn es läßt sich nicht leugnen – einen Rausch. Auf dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand – zwei in eins und eins in zwei – wie die siamesischen Brüder. Es war zwölf Uhr mittags. Da schellte es an der Tür. Der Postbote trat ein und überreichte dem Tabaksimerl einen Brief. Der Simerl tat's mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände: »Lieber Freund und Simerl! Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis' mir die Ehr' und komm' heute mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf. Mit Grüßen                                      Jakob K., Bäckermeister.« »Das ist schön von ihm,« dachte oder sagte der Simerl zu sich, »daß er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um elf Uhr, und jetzt ist's schon zwölf ! Du verfluchte Post! Ob er mir's nicht zu Fleiß tut, dieser fikraments Postschreiber, dieser neue, der mir jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut' zu rasieren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und Stingel, daß gar keins mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett' ich, er unterschlagt mir auch welche. Dem tu' ich noch was an! Vorderhand soll er's jetzt erfahren, wie's taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er mir machen, und giften muß er sich heut', und ausgelacht muß er werden vom ganzen Dorf. Ich tu' ihm's an, ich bin nicht so dumm!« Drauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende Zeilen: »Lieber Postschreiber! Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr' und kommen heut' mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf. Mit Grüßen                                     Jakob K., Bäckermeister.« Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, das rief er an: »Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, du bist so gut und gibst mir den Brief geschwind dem Postschreiber hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört dein.« Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabaksimerl lachte sich in die Faust. Und als es eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das Haus des Bäckers Jakob und lugte durch das Fenster, wie dumm der Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen. Aber als der Simerl durchs Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker Jakob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim Weine saßen. »'s ist einmal gedeckt für einen zweiten,« lachte der Bäckermeister, »und ist's der eine nicht, so ist's der andere. Und will ich's aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir Bruderschaft: sollst leben!« Lustig stießen sie an, und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er konnte sich das Ding nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich's auf. Da stand's ja schwarz auf weiß, genau, wie er's selbst dem Postschreiber geschrieben hatte: »Erweis' mir die Ehr' und komm' heute mittags um 1 Uhr –« Wie der Irrtum möglich war? Der Tabaksimerl hatte in seinem Dusel den Einser doppelt gelesen. Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein anderer speiste; oder hätte der Simerl nicht eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den Schultern säße? Abelsberger Touristen. Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leute, die einzelne Gegenden »wirklich romantisch« fanden; heutigentags aber sind alle Wälder und Berge »so herrlich!« Und der Sonnenaufgang! Wer hätte das vor soviel Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang Mode werden sollte! Mode! O du heilige Welt Gottes, vergib mir dieses Wort. Aber du weißt es ja doch selber am besten, wie wenigen, die doch deine ewig großen und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen Herzens anzubeten. Wohl, es mögen die Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüte wachgerufen haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt zurückgeschaudert, wie vor einem unheimlichen Feinde. Und heute – je wilder die Gegend, je schöner; natürlich, wenn gute Wege in derselben angelegt sind und Wirtshäuser. Zarte Frauen mit ihren Kindern steigen heute auf Berge, auf die sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt sich ins Fremdenbuch und steigt wieder herab. Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur halt gar so schön geworden ist! »Touristen!« Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen – das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst wirklich suchen, nicht bloß an heiteren Sommertagen, sondern auch, wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen Majestät des Winters ruht. Denn wir werden – um getragen zu sprechen – unsere große, heilige Mutter lieben und insgemein an ihren Busen fliehen aus dem Treiben der Welt. Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgstale, und zweitens hat ein Abelsberger Wirt über die Tür seines Hauses einen grünen Baum malen und seine Herberge demnach »Zum grünen Baum« benamsen lassen. Und nicht allein das, des Wirtes Sinn für Natur erstreckt sich sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern – es ist keine Fabel! – Naturwein und bloß Naturwein lagert. Und wer eben Sinn dafür hat – zwischen den Fässern auch das Plätschern eines Wasserbrünnleins hört sich anmutig. Allerdings, Sitzgarten ist keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpfl trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die Abelsberger gehen nicht ins Wirtshaus, um Sommerabende zu genießen. Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der – wie Poeten so schön sagen – heute in den Blättern säuselt – in den Zeitungsblättern nämlich. Sie sind fürs erste daher wacker liberal, die Abelsberger, denn: »Fortschritt und Freiheit!« sagt der Tischler, und hat diese Worte in sein Bierglas stechen lassen. Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in der Zeitung von der schönen Schweiz. »Ja, die Schweiz!« meinte der Webermeister, »von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs herkommt!« – Allmählich dann zogen sich – dem Blatte nach – die Naturschönheiten der Schweiz auch ins Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in dem letzten Jahre war eine Großartigkeit aufgetaucht im eigenen Lande. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und Eisenerz! Diese hohen, schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! – Und mitten hindurch die Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein nicht bestiegen, das Hochtor und den Damischbachturm nicht bewundert zu haben. Da taten sich die Abelsberger zusammen. »Zu meiner Zeit, wie ich als Bursche durchs Ennstal gewandert bin,« sagte der Sattler, »da ist mir nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden gekommen bin und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken habe. Nu, heute mag's anders sein.« »Leute,« rief der Tischler, »tun wir zusammen, machen wir eine Tour ins Gesäuse?« Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, Würste, Schinken, Spielkarten – eine »Hetz« muß es geben! – Mägdlein wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und der Schulmeisterssohn und andere – ihrer neun Stück sind's, die mit Hall und Schall und hellem Übermut, wie's Touristen ansteht, den Eisenbahnzug besteigen. Das Wetter ist heiter, rein, kühl – ganz gemacht für Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmut an die lustige Reise, und beim Wirt »Zum grünen Baum« sitzen sie abends und folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge und in die Winkel der Sennhütten. Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas angegriffen, stark ermüdet, und die meisten hatten Schürfe, blaue Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden sie sofort ins Wirtshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, denn – sagten sie – die Wirtshäuser hätten sie unterwegs nur von Hörensagen genossen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! – Hierauf sollten sie erzählen. »Ja,« sagte der Binder gedehnt, »erzählen! – Das muß einer selber gesehen haben – nicht wahr?« Seine Genossen bestätigten es. »Diese Berge!« rief der Weber, »diese Hochöfen in Admont, na!« »Ihr seid doch auch im Stift gewesen?« »Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix zweit's gibt's nit!« Ob der Verwechslung schmunzelten die Zuhörer. »Und auf dem Reichenstein?« »Da schaut's grad' einmal her!« rief der Schulmeisterssohn und wies seine zerschundenen Hände vor; »aufwärts, da ging's, bis wir ins Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag' ich euch, geht einem das Edelweiß, just zum Niedermäh'n! Dann, wie wir zum Eis gekommen sind, nicht wahr, zu den Gletschern?« wendete er sich an die Genossen. »Na, ich dank!« stimmten diese bei, » das sind ein bißl Gletscher!« »Und der Sonnenaufgang,« sagte der Pfleger, »lohnend, höchst lohnend! – Und in dem Gebirg ist euch eine Sonne ! – 's ist ein Gaudium gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir euch nicht schnurgerade niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend Fuß! Gerad' ein Sauser ist's gewesen, sind wir herunten auf dem Boden gestanden.« »Nu,« fügte der Schulmeisterssohn bei, »und da haben wir uns so zerschunden.« »Und deine blauen Flecken im Gesichte?« fragte man den Sattler. »Je, dem seine blauen Flecken,« rief der Schulmeisterische; »nicht um fünfzig Gulden gibst du sie her, Sattler, gelt? – Hat euch der Sakra nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!« Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen. »Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet ihr doch mitbringen sollen!« »Ihr schwätzet beim Ofen, wie ihr's versteht. Jeder hat seinen Hut voll Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Büschen heim.« »Kampf mit den Lämmergeiern?« fragten die Leute und brachten den Mund nicht mehr zu. »Haar' lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.« »Herrgott, das war eine Tour!« – Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens. Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes Schreiben: »Tamern, den 30./9. 1875. Werter Herr Bürgermeister! Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich ein; da entspann sich zwischen diesen und den werten Herren Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr den kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu suchen, und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause gekommen sein. – Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiermit die Ehre habe: Zwei Abendessen für 9 Personen ... 23 fl. 70 kr Ein Mittagsessen detto ... 15 " 98 " Zwei Frühstück detto ... 8 " 10 " Wein für 9 Personen ... 26 " 48 " Dem Stubenmädchen für Depurgationen ... – " 80 " Für eine Weinflasche à 40 kr., und drei Fensterscheiben à 30 kr., zusammen ... 1 " 30 " Summa 76 fl. 36 kr. Um gefällige Notiznahme bittet achtungsvoll ergebenst Peter Streicher , Gasthausbesitzer in Tamern.« Der Bürgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine Nachfeier beim »Grünen Baum«. Nachdem die Gefeierten neuerdings und stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer an der sausenden Enns und bei der Besteigung des »elftaufend Fuß hohen Gletschers Reichenstein« dargetan hatten, sagte der Burgermeister, er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein Ehrendiplom hiermit zu überreichen – und las feierlichen Tones Brief und Gasthausrechnung des Peter Streicher vor. Ein Abelsberger auf dem Vesuv. Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indes ließ er sich nicht betören von den Reichtümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften – sein Sinn stand höher. Da hatte er einmal – es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt – hatte er einmal durch einen alten Hausierer die Sage von dem feuerspeienden Berge gehört. Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal diesen feuerspeienden Berg zu sehen und – Ehre seinem Mannesmute! – zu besteigen. Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten. Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zuzeiten in die Gegend, die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Tale, nicht wie ein wüstausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Tor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheuren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! – Das weckte Treibaus' Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten. Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Äuglein klein, sein Näschen rot und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: »weit und tief ins Welschland hinein!« zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise innerte ihn nichts, als der schiefe Turm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und die Fontana trevi in Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spien. Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte – dem feuerspeienden Berge. Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. – Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das Treiben dieses Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gesten machen. Ich sah so von weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinanderstemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des breiten Strohhutes, der das Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der grünen Waden über den Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: »Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!« Jetzt hub er behäbig an, die Ärmel zu zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit seiner schwarzen Weste, die eine Reihe Silberknöpfe und eine schwere, talerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten Ledergurte dastand. Nun war kein Zweifel mehr – ein Landsmann. – Zu allem Überflusse hörte ich ihn noch brummen: »A Viehhitz' das, und bis in die spat Nacht eini!« Darauf sehr laut und immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden Italiener: »Na, so versteht's denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da auffi möcht' ih!« Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des Cicerone, aber ein welscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte das Haupt und wollte weiter. Da rief ich, auf ihn zueilend: »Vetter, grüß Gott!« Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann schrie er, die Hände ausbreitend: »Jessas, Jessas, das – ja, das ist ja wieder einmal an ordentlicher Mensch! – Freilih, freilih – na, ih trau mir's z'sagen: a fett's Paar Ochsen kunnt mir die Freud' nit machen! – Grüß Ihna Gott! Sag'n S', Landsmann, sein S' ah z'weg'n dem da kemma?« Er deutete gegen den Vesuv. Das war das Finden und Binden – er schwur mir ewige Freundschaft. Wir gingen in eine Osteria, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölkl habe – wie es sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz alledem morgen mit dem frühesten zu besteigen gedenke. Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die Partie auf den Vesuv zu machen. Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen Viehhändler an demselben Abend. »Heut' zahl' ich alles!« rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube. Am andern Morgen – es lag noch Finsternis über den Wassern – war es meines neuen Reisegefährten erstes, daß er mir zeigte, wie er seinen roten Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: »Also heute! Heute! Und das Parapluie da heb' ich mir auf zum ewigen Andenken!« Der gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles möglichst Hochdeutsch zu sprechen. Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts. »Vor Banditen fürcht' ich mich gar nicht, gelt?« sagte Thomas, als er so neben mir auf dem Esel wackelte. »Und wenn einer kommt, meiner Seel', ich schlag' zu!« er hob seinen Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: »Na, so leicht kann nix geschehen, es sind unser fünfe.« Die Esel warfen ihm einen dankbaren Blick zu. Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert schien. Dann kamen wir über schrullige Lavaströme – hier stieg mein Thomas zum erstenmal ab, befühlte den rauhen, schrundigen Boden und schüttelte den Kopf. »Überhaupt,« sprach mein Landsmann, »das italienisch' Land ist nicht das, was der Leut' Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der ist auf unseren Bergen just so blau, wenn's schön ist. Die Sonne hier scheint heißer wie daheim, und das – halt, Eselein, schmeiß' mich nicht ab! 's ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem italienischen Paradies, überall voller Steine. Wein wär' schon recht, wenn er nicht warm wär'. Und im Brot ist kein Salz, in der Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, frag' ich, was ist das für ein Land?« Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel eins in die Weichen gab. »Und doch,« entgegnete ich seiner Rede, »soll Italien das Wunderland sein, wo ein offenes Herz auch das schönste Ideal durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.« In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen. Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, dort und da ein weißes Segel, über Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See. Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun wohl noch auf der härenen Decke. Im Wirtshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und Trauben und unser Führer erzählte von den Zerstörungen, die der letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder gewesen. »Und Vieher sind doch keine zugrunde gegangen?« fragte Treibaus teilnehmend. Der Bursche hatte ihn nicht verstanden. Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig und schrundig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken in Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, im Schatten, obwohl die ganze Gegend unten schon im Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe kamen, je mehr umhüllte ihn eine dunstige, rötliche Luft und wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie er immer röter und glühender wurde, und wie – »Sas Maria!« rief Thomas, »g'rad' jetzt hebt er an zu speien!« und wollte abwärts. Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden Rauch, rot und sprühend, wie ein Klumpen Glut. Der Führer drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an den Kratern, den dampfenden Schrunden und Klüften, bunt in hellen Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, wie ein böses Gewissen – der feuerspeiende Berg. Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem sonnigen Lächeln der Welt. Nun lag Neapels Halbmond in Reinheit da. Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; dann zogen sich hin die samtähnlichen Höhen von Canzaldoli, die schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia – dann die unabsehbare Meeresweite. Hernach links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das Sarnotal mit der rötlichen Trümmerstätte Pompejis. Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem Halbkessel die kahlen, toten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine andere Ruine der Hölle, – und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine. Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. »Recht weichleibig, ganz semmelfärbig, man meint, es müßt Mürztaler Schlag sein!« Eine Herde Rinder entzückte ihn. Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den Wildnissen der Vesuvkrone umher. Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu ersticken. Da dampfende Schrunde, heiße Lavaklöße und Schollen; dort hat sich die Erde gespalten und Glutschein rötet die Wände, aber dunkle Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihm einen Blick hinabtun, der prallt zurück und stammelt: »Der Mensch versuche die Götter nicht!« Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen Wände nach innen ab und der Trichter teilt sich unter phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen nicht einmal den Schall zurückgeben vom Stein, den man in sie schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen, wie das Knurren des Löwen. Aus allen Spalten und Klüften dringt Rauch. Dort in der Schramme sehe ich helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Zyklopen und höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? – Wie tief und gewaltig, du schrecklicher Hephästos, ist deine Werkstatt! Ein hohles Donnern – der Führer riß uns in großen Schritten zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus den Schlünden. »Geht's weiter, ist das a schauderhafte Sach'!« jammerte Thomas, »jetzt fahr' ich aber gleich ab.« Der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, legte sie in eine kleine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu jeder Vormittagsjause! Die Schalen tat er sorglich in ein Papier und steckte sie in die Tasche – zum ewigen Andenken. Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen angekohlt waren. »Schau, schau,« sagte Thomas, »das wundert mich, die meinen sind vom Pinzgauerschlag.« In seinen roten Regenschirm hatte ein glühendes Aschenstäubchen ein Loch gefressen. »Bravo!« rief Thomas aus, »auch das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und Kindeskinder!« »Ah,« entgegnete ich, »das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er verheiratet ist.« Er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond: »Na, das ist schon eine barbarische Hitz', da heroben!« Von seiner Familie weiter keine Rede mehr. Ich hätte den Führer und meinen Landsmann zur Rückkehr schier am liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller Seele zu feiern. Da kam mein Gefährte: »Na, Sie, versetzen tu' ich Ihna nit!« Und noch volkstümlicher: »Hiazt hab'n ma's g'seh'n, und hiazt geh'n ma hoam.« Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugnis zu geben von dem »feuerspeienden Berg« und als kühner Besteiger desselben unvergänglichen Ruhm zu ernten. Das reiche Jahr eines Abelsbergers. Es hat eine Zeit gegeben, da die Ober-Abelsberger Bauern über alle Maßen gescheit gewesen sind. Dann später kam die Schule, und die hat das gute Volk recht heruntergebracht. Da haben sie die Jahre her so höllisch viel gelernt, daß sie jetzt nachgerade gar nichts mehr wissen. Oder erkennt es heute in der Silvesternacht einer, was für ein Jahr kommen wird? Ich glaube nicht. Die alten Ober-Abelsberger hingegen haben es aus den Zeichen erkannt, denn dazumal hat man an die Zeichen noch geglaubt und weil man daran geglaubt hat, so sind sie auch zugetroffen. »Heute geschieht kein Wunder mehr, weil sich die Leute nur darüber lustig machen würden.« Einstmals hat man die Offenbarungen geehrt; und es ist nicht etwa, daß ich den schönen Namen erdichte, er hat wirklich so geheißen, der Eberhard Weisheit. Und hat den Namen verdient, denn er war der weiseste Bauer im Ober-Abelsberger Gau. Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Silvesternacht auch auf den »Kreuzweg« gegangen, um unter Gebet und frommen Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge sei. Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser gibt, denen man die Sache des langen und breiten erklären soll. Wenn man in der Silvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann einem auf diesem Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal ums Geldsäckl winden, denn es kommt ein schlechtes Jahr. Wenn hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter Last daherkeucht, dann soll man lustig ins nächste Wirtshaus eilen und sich selbst zur nachtschlafenden Stund' was Gutes antun, wohl auch anderen was zukommen lassen, denn es wird alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches Jahr. Also war's in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und wo ein Kreuz stand, bei dem es nicht selten gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund vor die Tür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E– Eberhard Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus Schnee und Sturm gemacht. Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern. Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Tanzboden gewählt hätten. – Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr – was wird es bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird's wissen und wird still sein. Siehe – dort kommt schon was! – Ein schwarzer Punkt im Gestöber, doch kommt er näher und näher, 's ist ein schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter Last gebeugter Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine Schultern schmiegt, und wankt vorüber. Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin und her und entschied sich endlich für das Bachwirtshaus. Denn dort pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, sah er vor dem Hause am Trog, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube. »Noch spät auf?« sagte der Wirt. »Schon früh auf!« antwortete der Eberhard. »So wünsch' ich glückselig Neujahr!« »Hat sich schon angemeldet. Bring' mir eine Maß auf einmal, Wirt, und da draußen vor dem Haus rastet einer, dem schick' auch einen Krug voll hinaus. Er hat's wohl verdient, und ich bin der Zahler.« Wenn er der Zahler ist, so wird er an seinem Tisch nicht allein sitzen bleiben müssen. Lustig geht's her, und draußen trinkt einer den Krug aus und denkt: Das neue Jahr hebt nicht schlecht an, der Wein hat mich rechtschaffen stark gemacht, und jetzt, meine liebe Sau, jetzt gehen wir's wieder an. Lud frisch auf und hastete weiter. Am nächsten Morgen, als der Eberhard Weisheit endlich nach Hause kam, trat ihm nichts Erfreuliches entgegen. Die Knechte stöberten in der Umgebung des Hauses herum und suchten im Schnee nach Spuren; die Hausmutter gröhlte und schrie: »Meine Alte! 's ist noch keine so feist gewesen, seit ich im Haus bin, und just die! Aber wart', wart', Dieb, wenn ich dich unter die Finger krieg'! Ich will dir sagen, was im Weisheithof eine Sau kostet.« Da fragte der Eberhard etwas unsicher, was denn los sei? »Ja!« rief das Weib, »mit dir habe ich auch was zu reden! Was hast du in den Nächten außer Haus herumzuzodeln? Aus dem Wirtshaus kommst, merk' ich! Und jetzt laß dir sagen, daß sie uns heut' über Nacht die beste Sau im Stall gestochen und fortgeschleppt haben. Die Spur geht über die Steinheid' gegen den Kreuzweg und weiterhin hat sie der Schnee verweht. Was willst jetzt, wenn der Fasching kommt, für ein Fleisch essen, möcht' ich wissen! Wo wirst den Speck hernehmen! Na, ich sag's: das neue Jahr hebt schön an!« Jetzt hat der Eberhard sich einen schlichten, zweisilbigen Namen gegeben und weiter kein Wort gesprochen. Aber, wenn seither die Rede ist vom Kreuzweg und was man auf demselben für Offenbarungen haben könne, schlägt sich der Eberhard sachte seitab. Nach wie vor hält er der Väter Glauben in Ehren, bleibt in der Silvesternacht aber hübsch daheim und sperrt den Schweinstall zu. Ein junger Abelsberger in der Residenz. Ein Junge aus Ober-Abelsberg kam in die Hauptstadt, um zu studieren. Unter seinen Professoren hatte der treuherzige Knabe mehrere Gönner, wovon ihm einer eines Tages für sich und einen Freund zwei Eintrittskarten schenkte. Die Eintrittskarten galten für eine philosophische Vorlesung, die derselbe Professor in einem öffentlichen Saale halten sollte. Der junge Student aus dem Dorfe freute sich schon den ganzen Tag auf den Abend der Vorlesung, und sein Kummer war nur der, daß er unter seinen wenigen Bekannten keinen Genossen fand, welcher die zweite Eintrittskarte angenommen hätte. Die Studenten wollten den Abend lieber anderswo zubringen, als den Herrn Professor anhören, dessen Stimme sie ohnehin gut kannten. Als die Stunde kam, ging der wißbegierige Junge nach dem Saale der Vorlesung und war betrübt, daß der Schatz, den er in der Tasche trug, zum Teile unverwertet bleiben sollte. Da sah er an der Gassenecke einen schlichten, anspruchslosen Mann stehen, dem Anzuge nach vielleicht ein Bahnschaffner oder so etwas. Ah, dachte sich der kleine Student, dem kann ich einen Gefallen tun, der hat just nichts zu tun und ist gewiß froh, wenn er meinen Herrn Professor einmal hört. »He, Vetter!« rief er dem Manne zu, »wenn Sie was profitieren wollen, so kommen Sie mit!« »Ich bitte!« entgegnete der andere und ging mit dem Jungen. Dieser gab an der Pforte die zwei Karten ab, die beiden traten in den Saal. Die Vorlesung begann. Der Student hörte mit Begeisterung zu, in der Hoffnung, all die schönen Worte, die er heute anhörte, dereinst in den höheren Schulen auch zu verstehen. Neben ihm stand bewegungslos wie ein Baum der Mann von der Straßenecke. – Das ist ein dankbarer Mensch, dachte sich der Student. – Der Kleine wird vielleicht einen Schützer im Gedränge, einen Begleiter auf dem Heimweg haben wollen, dachte der andere. Nach der Vorlesung sagte der Junge zu seinem Manne: »Nichts danken, mich freut's, wenn's gefallen hat. Behüt' Gott!« Und er wollte im Trosse davon. »Ich bitte,« warf der andere rasch ein und hielt den Jungen am Arme fest, »ich bekomme neunzig Kreuzer. Ja, neunzig; für die Stunde ist des Nachts sechzig, und anderthalb Stunden bin ich zu Diensten gestanden.« Der unglückliche Bursche aus dem Dorfe hatte einen Dienstmann mit in die philosophische Vorlesung gezogen. Geld hatte er keines im Sack. Der Auftritt wurde laut; der Junge war sprachlos vor Schreck und Ärger. Der Professor kam und tat, was vielleicht an seiner Stelle noch keiner getan hatte: er entschädigte einem seiner Zuhörer mit neunzig Kreuzern die in der Vorlesung verlorne Zeit. Eine Abelsberger Heiratsgeschichte. Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres machen, als wieder einen Unseligen hineinstecken. Ihren ersten Gatten hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes Haus zusammengefegt; die Gallbeißerin liebte ihn. Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von seinem Gesichte wusch, um darzutun, daß er noch fein und glatt und nicht alt sei; und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas verdünntem Karmin anstrich, um darzutun, daß sie fein und rot und noch jung sei. Alsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein möglichstes tat. Die Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgendeinem hohen Schornsteine eine Lungenentzündung herab und legte sich damit zu Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und Neubrunn feierlich verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken einen schallenden »Tusch« aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit auf dem Chore mitmusiziert hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch nicht gesund, und zweitens, weil er todkrank wäre. Man stelle sich den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, alles aufzubieten, um zu retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der Meister bejahte und ein Übereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr befürwortete. Es geschah, aber der Notar – wie solche Leute schon in allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen – schrieb unter den Ehevertrag als letzte Klausel: »Dieser Kontrakt tritt mit der kirchlichen Trauung obengenannten Paares in Gültigkeit.« Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur wenige Stunden mehr zu leben habe. »Ist denn nicht ein Stock mehr zu retten!« wimmerte die Braut und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin ans Bett und rief: »Mein Geliebter, mein Einziger, ich will dein Weib oder deine Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!« Der Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb' und Treue. Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe. Es sei kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich ins Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bette gebe und somit der Herzenswunsch beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie Gott es wolle. So wurde, da alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr obwalteten, die Trauung »einfach und würdig«, wie die Gallbeißerin es wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette weg in den Gasthof zum Festmahle, bei dem es gar heiter herging, die Braut viel mit Wein geehrt und sogar der Sterbende leben gelassen wurde. Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister beigestellt hatte und bei welchem wieder wacker angestoßen werden sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn entschlafen. Die Braut flennte eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen Gelegenheiten die Zeremonien lästig sind! Am andern Morgen, während auf dem Turme die Totenglocken klangen, bestieg die Gallbeißerin tränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des Schmerzes wieder zur Erde nieder. Am Haustore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen. Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug ins reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerten Seite. Er habe – und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche – einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfeger Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden wert, ein anderes Vermögen sei nicht da, und es freue ihn – den Bäckermeister – daß sein ehrenwerter, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe und Erbin werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie – wozu er bereits die amtlichen Wege zu betreten sich erlaubt habe – ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen, sondern erkläre sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt. So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen, und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes. Es wäre unerquicklich, ihre Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange. Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, und so weiter. – Der Bäckermeister soll's auch bedenken! Der Abelsberger Baßgeigenkrieg. Auf dem sehr finsteren Dachboden des Wirtshauses von Ober-Abelsberg, unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Überbleibseln vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braun angestrichene, und dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man wußte nicht ihr Geburtsjahr, und an ihrer Wiege war es gewiß nicht gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden des Wirtshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben. Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie hin, oder huschte ein ander' Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub. Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie Pfiffen da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes aus Wonne anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzen Tönen. Aber keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich. Die lieben possierlichen Rotschwänzchen nisten nicht ungern in altem Gerümpel, und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene Baßgeige eingenistet hatte. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des kleinen Wirtsfriedl – der ein passionierter Vogelfreund war – auf das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an, störte den Hausfrieden der Rotschwänzchen, und nicht lange hernach kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab. Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron seine Verehrung. Es war eine große ungeteilte Freude in Ober-Abelsberg. Und nach dem Gottesdienst ging alles ins Wirtshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Krug, so weiß es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie vormittags Kirchenlieder jodelt und nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie schon vormittags in Ehrfurcht gesungen hatte, so ließ sie nun im Wirtshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon all die Röcke flogen und die Hosen flatterten. Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Na hat die Geige wohl gottsrechtschaffen gebrummt. Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: »Wir haben ja keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.« Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser einen wegen der Himmel über Abelsberg voller Geigen. Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher in so einem Orte gutmütige Bauern und ehrsame Handwerker und ein paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so trotteten jetzt nur mehr »Liberale« und »Klerikale« über die Dorfgasse. Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die »Liberalen« männlich und die »Klerikalen« weiblich gewesen wären, so wäre die Sache bigott leicht geschlichtet worden; so aber bestand eine Kluft zwischen Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, zwischen Kirche und Wirtshaus. Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden Teilen und allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment gewesen; au contraire , wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. Der Schulmeister spielte aus dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. Da schickte der neue Regenschori – der nicht bloß unter der Fahne der »Klerikalen« stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war – in das Wirtshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber da hub der Wirt statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und der Schulmeister sei liberal; im Wirtshause, wo sie aufgefunden worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirtshaus sei – man sehe es ja doch an der aufliegenden Zimmermannschen »Freiheit« – liberal. Maßen sei die Baßgeige liberal mitsamt dem Fiedelbogen. Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine Predigt aus dem Evangelienbuch zu ziehen. Die Baßgeige war der Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Bemerkung hub der Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe alles gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. – Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirtshaus gespielt, und der Schulmeister war dazumal klerikal gewesen. Und wenn noch die Braut erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen habe, so sei darauf zu erinnern, die Braut sei heutzutage die Frau des Kirchendieners. Und wenn er – der Pfarrer – endlich behaupte, das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so werde keiner sein im Orte, der das Gegenteil beweisen könne, und die Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein für allemal den Klerikalen. Die Gründe des Herrn Pfarrers waren schlagend, nur schade, daß kein einziger Liberaler in der Predigt gewesen. Die Liberalen saßen im Wirtshaufe und sangen kecke Trinklieder, und die Geige gab den Baß dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Kaplan: Wozu solang mit Worten fechten, laßt uns endlich Taten sehn! – schlich durch Nacht und Nebel in das Wirtshaus und entführte die Baßgeige in den Pfarrhof. Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen gingen aufs Bezirksgericht und strengten eine Klage an gegen den Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. – »Albernheiten!« sagte das Bezirksgericht, »so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt euch friedlich.« Und die Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirtshaus. Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen räuberischer Eingriffe in ihr Besitztum. Der Dechant sagte, sie sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen aber die Baßgeige fest in den Pfarrhof zurückbringen. Sofort verschwand die Geige wieder aus dem Wirtshaus. Da gingen denn die Liberalen zum Landesgericht. »Geht, schert euch nicht,« sagte das Landgericht, »verschenkt den Scherben!« – »Aber es handelt sich nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!« sagten die Ober-Abelsberger. Doch das Landgericht wies sie ab. So waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirtshaus. Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. »Ja, meine Lieben,« sagte der Bischof, »nur standhaft sein. Haben sie nur erst die Baßgeige, so nehmen sie euch auch die Orgel, und haben sie diese, gehört auch das Chor ihnen und sie rauben euch zuletzt die Kirche mitsamt dem Turm. Ich allerdings kann nichts für die Sache tun, aber steht nur männlich selbst dafür ein.« Männlich selbst dafür einstehen, das hieß: die Baßgeige aus dem Hintertürchen des Wirtshauses wieder in den Pfarrhof schleppen. So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit schwarzen Röcken und weißen Krawatten – wohin? – zum obersten Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Häuserin besteche und ihr den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke. Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Kaplan brevierbetend am Wirtshause vorübergingen, hörten sie drin johlen und tanzen und die wohlbekannte Stimme der Baßgeige. Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein, hielten Rat und beschlossen einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe. Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit dem edeln Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem edeln Saft der Gerste, da hielten sie Rat und beschlossen: Gehen die zum Papst, so gehen wir zum Kaiser! Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen Rom, die andre gen Wien. Die alte, arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des Wirtshauses und – war tief verstimmt über den närrischen Hader, dessen unschuldige Ursache sie geworden, und der entzweiend und zersetzend selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde ernstlich gefährdete. – »Ach,« so seufzte sie oft, »wäre ich wieder oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen Vögel – wie wäre mir wohl!« Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im Wirtshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im Gesicht, als er all sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da horchten die Ober-Abelsberger auf – jetzt erst hörten sie, wie eine Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: »Ist nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!« Das Blut wurde ihnen heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, alles durcheinander – toll zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte, und schmunzelnd ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken, und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken, und ehe noch der Morgen graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den Winkeln herum – Männer und Weiber, Liberale und Klerikale – alles durcheinander. Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und – was der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen – die altehrwürdige Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in Ober-Abelsberg. Wie Abelsberg bekehrt worden ist. Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in der er von der Sünderin Magdalena sprach. »Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena, aber eine noch unbekehrte! Wollt ihr's wissen, welche? Dort! Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!« Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, alle duckten die Köpfe – »Was?« rief der Prediger, »ich hab' geglaubt, es wäre nur eine da!« Und ein andermal: »Die Jungfrauen der Wienerstadt all: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!« Das war denn doch etwas zu arg für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. »Ich widerrufe gar nichts,« sagte er bei seiner nächsten Predigt, »wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab' ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!« Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es tun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht jeder kann, der will. Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham sein, denn Abelsberg war euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. – »Bei uns dahier,« rief er in einer seiner Predigten, »bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirtshausgehen, bei der Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein', na, da möcht' der Teufel euer Pfarrer sein!« Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. – »Ah na,« denkt er, »in der Kirch' heb' ich keinen Unfried an,« und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: »Schrei' du nur zu da oben und hau' die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel 'nein: morgen wirst heiser sein.« Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein und manches alte Weiblein zog die Beine ein, weil es an den Zehen schon die Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fauste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen. Und – ganz wie der Richter berechnet hatte – am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert. Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Tür geklopft. – »Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf'!« murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben »Wer ist's?« keine Stimme hat, die Tür auf. Wird aber sofort gelassener, als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Haare zu glätten; treten hierauf ins Zimmer, und der Ältesten einer hebt an so zu reden: »Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben ins Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! – Und was wir halt sagen wollten –« »Setzt euch, liebe Leute, soviel Sessel zur Verfügung stehen,« lud der Pfarrer leutselig ein. »Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich gradweg reden – der Sonntagspredigt wegen täten wir halt da sein. Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist schon ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrherrnwort; sakra 'nein, das hat uns an'griffen. – 's ist wohl richtig, unsere Gemein' ist hundsschlecht über und über, muß eine Veränderung nehmen – wohl, wohl, Hochwürden!« Der Pfarrer lächelte wehmütig und flüsterte friedensvoll: »Gott walt's!« »Das ist gewiß!« sagte der Sprecher, »und wir Männer sind zusamm'gestanden und haben gesagt: Und wollt' sich einer schon vor der Höllen nicht scheuen, so kunnt's doch 'leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein' heut in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist's auch. Desweg, 's muß eine Veränderung nehmen. – Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh', ich tät's nit mehr imstand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein' Unehr' wollt' machen. – Und so« – er wendete sich zu seinen Mitmännern – »redet jetzt ihr eure Sach'.« Ein stämmiger Bursch trat hervor: »Ich dank' mein Mädel ab, muß eh zu den Soldaten.« Ein rotbärtiger Geselle: »Mein' Dirn, die lass' ich nit! Aber die Gemein', die duldet uns nit, und wir wandern aus.« Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: »Ich Heirat' die Meine gleich auf der Stell'!« und trat zurück. Ein anderer: »Tät' meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die Erlaubnis dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang' ich an?« »Wie der Will',« belehrte der Seelsorger, »mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.« »Werd's halt einmal probieren,« sagte der andere und trat zurück. Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür: »Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf' Predigt, hätt' sie eh schon lang' gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es war' gegangen, das Beest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen Herrn seine Sonntagspredigt halt' ich ihr vor – da läuft sie schon davon.« Ein Holzhauer sagte: »Ganz lassen werd' ich halt meine Kathel nicht können; 's ist ein blutarm' Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl', beim Kirchenwirt, ich sag', 's selb kann mir die christlich' Nächstenlieb' nit wehren.« »Gewiß nicht,« antwortete der Pfarrer, »wenn's beim Seidel nur auch bleibt!« »Und wär's letzlich eine Halbe, weil ich auch mittrink'?« »Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!« rief der Pfarrer, »tu' lieber beten: Führ' uns nicht in Versuchung!« »Wohl, wohl,« sagte der Holzhauer, »will schon fleißig beten.« Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: »Wenn's drauf ankommt, Hochwürden, so brauch' ich gar keine, aber zum Waschen und Flicken muß einer wen haben. Und halt auch, daß einer, der kein' Vater und kein' Mutter und kein' Geschwister nit hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt' mit einem Menschen und gern wen mögen wollt', der ihn ein bisset lieb tät' haben.« Ein alter Bartstrupp humpelte vor: »Und ich auch, Hochwürden, möcht' mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.« »Ihr seid ja verheiratet,« sagte der Pfarrer. »Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch bös wie eine wilde Katz', und Branntwein saufen tut sie wie ein Loch, und fluchen tut sie wie ein Husar. Mit so einer zu leben, das wird eine Todsünd' sein.« »Geht mir weg, Lästerer!« rief der Seelsorger. Torkelte der Alte gegen die Türe. Ein anderer trat hervor: »Ich hab' zwei, aber ich bring' sie nit weg, ehvor ich sie nicht bezahlt hab', was ihnen gebührt. Aber ...« weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, »ich nehm' 's Geld schon zu leih'n.« »Ich hab' meiner Tag keine Weibsleut mögen!« krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, »aber weil ich jetzt hör', daß die Sach' gar so groß' Sünd' ist, so kunnt eins schier neugierig werden.« »Na, na, unser Herr Pfarrer hat recht, es muß eine Veränderung geschehen,« sagten mehrere. »Ist brav, ist brav,« sprach der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, »und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wenn jetzt wieder sittsame Zeiten kommen sollen.« Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit: »Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt', hochwürdiger Herr Pfarrer.« »Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn's in meiner Macht steht, von Herzen gern.« »'s ist halt der Gemeinde wegen,« fuhr der Redner beklommen fort, »und daß mit Gottes Hilf' ein anderer Geist in die Leut' tät' kommen. Desweg wär' unser Gebitt: Wenn der Herr Pfarrer halt die Frau Haushälterin tät' weggeben ...« Hab' früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf jedem die offene Dose hin. Und jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte, und jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten, »Helf Gott! Helf Gott!« riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: »Helf' uns Gott allen miteinander!« Eine Abelsberger Katze. Im Pfarrhofe zu Abelsberg bei Tische saßen immer ihrer drei. Der Pfarrer, die Katze und der Kaplan. Besteck hatte die Katze keines. Ja, hätt' ich ihre scharfen Zähnchen, wollt' nicht fragen nach Messer und Gabel, und ihr zartes, langes Zünglein ist brauchbar wie der feinste Silberlöffel. Am liebsten saß sie dem Pfarrer auf dem Schoß, wo der Talar ein Grüblein machte; saß nicht ungern auf dem Tisch, am Rande des Tellers; bekostete zuweilen auch die gemeinsame Schüssel, ob wohl in Salz und Schmalz das richtige Verhältnis obwalte, wie es die geistlichen Herren am liebsten hätten. Und war dieses richtige Verhältnis da, so aß sie sich fürs erste selbst ohne alle Umstände satt. Der Pfarrer hatte seinen rechten Spaß mit dem possierlichen Wesen, und schob ihm nicht die schlechtesten Bissen zu, gar mitunter solche, auf die bereits schon der Kaplan ein Auge geworfen hatte. Nach einer Weile ereignete es sich, daß der Pfarrer auf einige Zeit verreiste. Der Kaplan hatte mittlerweile Gemeinde- und Hauswesen zu verwalten – tat's auch mit Umsicht und Gewissenhaftigkeit. Aber eins wollte er dieweilen vollführen; gegen des Pfarrers Liebling, der keine Messe las, keine Predigt hielt und keine Beichte abhörte, und im Pfarrhofe doch mindestens so gut, wenn nicht besser gehalten wurde, als der Kaplan – gegen die Katze schmiedete er Ränke. Aber ihm waren die Hände gebunden – wenn der Herr nach Hause kommt, wird sein erster Blick in den Bettwinkel sein, wo der Liebling seine Wohnstatt hat. Gibt es denn aber kein Mittel, das graue Unwesen für immer vom Tische fernzuhalten? Nach dem Kruzifix, das über dem Tische an der Wand hing, glitt des Priesters Blick. An demselben Tage fiel ihm eine kleine Hundspeitsche ins Auge, die beim Sattlermeister im Auslagkasten lehnte. Da kam ihm plötzlich die Erleuchtung. Er kaufte die Peitsche, und als es Essenszeit war und er sich allein zum Tisch setzte, kam wie immer die gute Katz' herbei. Der Kaplan nahm salbungsvoll das Kruzifix in die rechte, die Hundspeitsche in die linke Hand – hielt ersteres der Katze vor und mit der letzteren – schwapps! ging's über des Tierleins Rücken. Mit einem Satz war die Katz' davon. Aber bei der nächsten Mahlzeit erschien sie wieder. Der Priester nahm in die Rechte das Kruzifix, in die Linke die Peitsche und tat wie das erstemal. Husch war sie weg. Ein drittes Mal nahte sie schon mit einigem Zagen, aber sie nahte, und der Kaplan tat wie das erste- und das zweitemal. So ging's etliche Tage fort. Da kam der Herr Pfarrer heim. Recht froh und heiter, daß wieder alles in Ordnung ist, setzen sie sich zu Tische und die Gottesgab' läßt nicht warten. »Aber wo ist denn mein Katzel?« fragt der Pfarrer. Lugt auch der Kaplan um. »Dort hinter dem Ofen hockt's ja.« »Merkwürdig, daß es heute nicht zum Tisch kommt!« »Wirklich, Herr Pfarrer, das nimmt mich auch wunder. Ich merke schon seit ein paar Tagen so etwas. Mir fiel es sogar schon ein, was die Leute sagen – mag aber nicht dran glauben.« »Die Leute?« meint der Pfarrer, »was sagen sie denn?« »Nein, ich glaub's nicht, 's ist so ein abergläubisches Geschwätz, nur daß man davon spricht. – So eine Katz', sagen die Leute, wenn sie altert, tät' ein Gespenst werden und sich keinem Kruzifix in die Nähe getrauen.« »Papperlapapp!« lacht der Pfarrer. »Na, versteht sich. Ein Altweibergeschwätz.« »Ist nur um ein Probieren zu tun,« meint der Pfarrer, »na, Kätzle, komm, komm her zu mir!« Dieser trauten Einladung vermag das Tier nicht zu widerstehen, es naht und steigt dem Herrn auf den Schoß. Der Pfarrer langt nach dem Kruzifix, aber kaum die Katze dieses in seiner Hand erblickt, ergreift sie in wilder Hast die Flucht. Die beiden Priester blicken sich lautlos an. »Merkwürdig!« sagt der Pfarrer endlich. »Seltsam!« entgegnet der Kaplan. »Wenn's so ist, muß ich das Vieh aus dem Haus tun,« sagt der Pfarrer. »Das wäre jammerschad'!« bedauerte der Kaplan. Bald war die Katze beim Abdecker. Aus ihrer Haut wurden Hundspeitschen geschnitten. Zu Abelsberg wieder wer geworden. Eine junge Witwe aus Schlesien war eingewandert, hatte sich in der Nähe von Abelsberg einen schönen Bauernhof gekauft und war Großhofbauerin. Zu dieser Großhofbäuerin kam eines Tages ein Kleinhäusler aus der Gegend, ein junger, hübscher Mann. Der setzte sich in der Vorlauben auf eine Bank und wartete, bis ihn wer ansprach. Wartete nicht lange, so kam die Großhofbäuerin aus der Stube und fragte ihn, ob er auf jemanden warte. »Ach na,« sagte der junge Mann, »Großhofbäuerin, ich bin wieder wer geworden.« »Was bist?« fragte die Bäuerin. »Wieder wer geworden bin ich,« antwortete er. »Ich weiß ja gar nicht, wer du sonst warst oder bist,« sagte die Bäuerin. »Ich bin nicht gar viel,« sagte er, »ich bin sonst der Teichgräber Franzl, und heut' nacht bin ich wieder wer geworden. Jetzt weiß ich mir halt nicht zu helfen und weiß nicht, wo ich hingehen soll.« Da entgegnete sie: »Wenn du – wie du sagst – wieder wer geworden bist und du weißt sonst nirgends hinzugehen, so kannst ja bei mir bleiben. In so einem Hof hat man fortweg Leute vonnöten, die wer sind.« »Es ist wohl recht hart,« meinte hierauf der Franz, »wenn man wieder wer geworden ist und hat keine Seel', an die man sich halten könnt'.« »So halte dich an mich,« sagte die junge Bäuerin, »bist wer und stellst deinen Mann, so werden wir uns leicht verstehen. Nur nicht so verzagt sein!« »Wär' schon recht das –« »Kannst gleich in Dienst treten, wenn du willst. Ich brauche just einen kernigen Knecht – bis ein Bauer im Hause ist.« »Wär' schon recht,« meinte der Franzl, »aber halt leid tut's mir. Mein Weib –« »Ja, bist denn verheiratet?« rief sie. »Na,« sagt er, »heut' nacht bin ich wieder wer geworden.« »Da bin ich mir zu dumm,« rief die Bäuerin ärgerlich, »das verstehe ich nicht. Traudel, geh her zu dem, vielleicht bringst du's heraus, was es mit dem ist.« Die Küchenmagd kam herbei und sagte: »Mit dem da? Das weiß ich schon, was es mit dem ist. Mit dem ist es eine harte Sach'.« »Wesweg?« »Aber er hat's ja gesagt, Bäurin, und er sagt's ja.« »Daß er wieder wer geworden ist, sagt er alleweil.« »Nun also. Die Bäuerin sollt's wissen, wie hart es sein kann, wenn einer Witwer geworden ist?« »Witewer? Wer ist Witewer?« »Aber jetzt muß ich schon lachen, Bäurin,« lief die Küchenmagd, »da steht er, der Witewer. Heut' nacht ist ihm sein Weib verstorben.« »O weh!« sagte die Großhofbäuerin; »ja, Franzl, warum hast du das nicht gleich gesagt? Warum denn nicht gleich, Franzel?« »Er hat's ja schon zehnmal gesagt!« rief die Magd. Die Großhofbäuerin hat nämlich nicht Abelsbergerisch verstanden. Aber der Häusler Franz hat nachher besser sprechen gelernt. Er ist nun wirklich wieder wer geworden – er ist Großhofbauer geworden. Ein Abelsberger Heutrog. Kreuzhäuselhans war arm daran, war alles schuldig bis auf seine neun Kinder. Das Häusel und das Vieh waren ihm schon versteigert worden, und jetzt ging's an den Stall. Der Nachbar Türkensepp nahm's zeitig wahr. »Du,« sagte er zu seinem Schwager, dem Baumzapferlenz, »morgen wird zu Ober-Abelsberg der Kreuzhäuselstall versteigert; möcht' gern dabei sein, muß aber morgen ins G'reut hinüber; ist dort ein wohlfeiler Schimmel zu kaufen. Hab' die Gutheit, Schwager, und geh' zur Versteigerung, und wenn der Heutrog – 's ist ein nagelneuer Trog, der mir just will passen – wenn der an die Reih' kommt, so biete für mich mit. Gelt, ich kann mich verlassen?« »Freilich, das ist gewiß,« beteuerte der Lenz, »recht gern, daß ich für dich mitbiete.« Aber auf dem Heimweg denkt sich der Lenz: ein wohlfeiler Schimmel wär' zu haben drüben im G'reut? Ei, den geh' ich mir holen morgen in aller Früh. Aber der Heutrog? – Da begegnet ihm sein Gevatter, der Spitzborstentoni. »He, Gevatter,« ruft ihm der Lenz zu, »könntest mir einen großmächtigen Gefallen tun, morgen über Tags. Des Kreuzhäuselhans Stall wird versteigert; bist gewiß auch dabei. Ich möcht' für einen guten Bekannten den Heutrog haben – ein nagelneuer Trog. Wolltest mir hübsch keck mitbieten darum!« »Mein du, von Herzen gern, und das macht mir ja gar keine Müh' und Plag',« meint der Toni; und der Lenz ist seiner Sorge enthoben und macht sich des andern Morgens zeitig auf den Weg in das G'reut, um, noch ehe der Türkensepp sich einfindet, den wohlfeilen Schimmel zu kaufen. Mittlerweile aber hat der Türkensepp erfahren, der Schimmel sei nicht mehr zu haben. So kann er sich bei der Versteigerung ja leicht selber einstellen und braucht den Lenz nicht zu belästigen. Doch, nun sieht er's, auf den Schwager ist kein Verlaß – gar keiner; der Baumzapferlenz ist bei der Versteigerung gar nicht zu sehen. Dafür aber ist – als die Reihe an das bewußte Einrichtungsstück kommt – der Spitzborstentoni wie versessen auf den Trog. Der Toni hat das nagelneue Prachtstück bereits von drei auf sieben Gulden hinaufgetrieben. »Achti!« ruft der Türkensepp. »Neuni!« sagt der Spitzborstentoni. Da beißt sich der Sepp in die Zunge. »Zehne!« schreit er. »Elfi!« ruft der Toni und denkt: Ich zahl's ja nicht, der Trog kommt für meines Gevatters Bekannten.. Der Starrschädel! flucht der Sepp bei sich selber, den tauch' ich noch nieder; der Türkensepp darf nicht zuschanden werden. »Zwölfi!« schreit er. »Dreizehni!« brüllt der Toni. »Vierzehni!« der Sepp. Beide sind in der Hitze – Fünfzehni! – sechzehni! – siebzehni! – Alles lacht über die beiden Trotzköpfe, die um den Heutrog kämpfen. – Achtzehni! – neunzehni! – »Zwanzig Gulden! Fixsaker noch einmal!« schreit der Sepp. »Einundzwanzig!« stöhnt der Toni. »Auch gut,« denkt sich der Türkensepp, »bei dem lass' ich ihn; jetzt sitzt er in der Wolle.« »Einundzwanzig zum ersten!« ruft der Beamte, »zum zweiten! – zum drittenmal!« Der Hammer fällt. Der Toni hat den Heutrog. »Du Narr!« lacht alles, »der Klotz ist nicht drei Gulden wert.« Der Türkensepp kichert darüber, daß der Partner aus reiner Prahlsucht in die Falle gegangen. Zur selben Stunde reitet der Baumzapferlenz auf seinem erstandenen Schimmel herbei. – »Gevatter!« ruft ihm der Toni zu, »ich hab' keck mitgeboten, da ist der Heutrog.« »Ist mir rechtschaffen lieb,« sagt der Lenz, »komm, Schwager Sepp, bist ja auch da; gleichwohl ich selber hab' ins G'reut hinüber müssen, ist dein Willen getan worden; mein Gevatter, der Spitzborstentoni, hat die Gutheit gehabt, hat für dich den Heutrog erstanden?« Da wird dem Türkensepp übel bis in die Leber hinein; jetzt hat er sich selber gesteigert, hat mehr denn siebzehn Gulden aus seinem eigenen Beutel herausgeschrien. »Mach' dir nichts draus!« rief der Toni spottend. »Sepp, den Heutrog kannst ja du gut brauchen.« Der Türkensepp fluchte hinein in den nagelneuen Trog. Die Leute lachten gewaltig. Der Kreuzhäuselhans, der arm' Tropf, lachte noch am meisten. Der Korbflechter von Abelsberg. Es ist immer gut, wenn der Mensch zweierlei Handwerk kann. Und besonders gut für einen Teichgräber, wenn er sich auch ein wenig aufs Korbflechten versteht; denn der Teich ist im Winter gefroren, aber die Körbe lassen sich in der warmen Stube flechten, und des freut sich der Teichgräber von Ober-Abelsberg. Die böse Welt sagt freilich, er hätte das Körbemachen von den Weibsleuten gelernt, die ihn mit derlei Ware einstmals reichlich versorgt haben sollen. Nun, jeder Mensch hat seinen Teil Spott zu tragen, und wenn einer ein doppelter ist, nämlich Teichgräber und Korbflechter, so gebührt ihm der doppelte Spott, maßen doch die Welt damit allemal freigebiger ist, als mit der Ehre. Kam einst der Bauer von der Lärchlend herüber und fragte im Häuschen des Teichgräbers höflich an, ob der Mann auch Kohlenkrippen flechten könne oder ob zu diesem Geschäfte eine besondere Wissenschaft dazu gehöre. »Zu einem Kohlenkrippenflechten gehört mancherlei dazu, vor allem aber recht viel Weiden,« antwortete der Teichgräber in seiner vernünftigen Weise, »bringst du mir die Weiden ins Haus, so kannst du in acht Tagen die Krippen haben.« Der eine tat's, und der andere hielt Wort. Er ließ sich in seiner Stube warm einheizen, damit die Weiden weich blieben und die Finger nicht steif wurden – denn es war scharfer Winter – er erwog Weite und Tiefe, schnitzte die Jöcher, stellte das Schragwerk auf und begann zu flechten. So eine Kohlenkrippe, wer sie kennt, ist nichts Kleines! Sie ist berechnet, auf einen vierräderigen Unterwagen gestellt zu werden und so viel Holzkohlen zu fassen, als zwei Pferde vom Fleck bringen können. Da gehört schon Schick und Fleiß dazu, in einer Woche eine solche Krippe! Und der Flechter hatte einige Angst, ob er sein Wort wohl werde einlösen können. Weil er ein gemütlicher Hans war, der Flechter, so blieb er bei seiner Arbeit nicht lange allein. Es kamen die Nachbarskinder zu ihm, es fanden sich auch Erwachsene ein, die ihre Pfeife rauchten, der Flechterei zuschauten und ihren Spaß hatten, wenn der Mann recht lustige Schwanke erzählte. Der Jugend gegenüber war er stets lehrhaft gestimmt und erzählte diesmal aus Anlaß der Krippe die Naturgeschichte der Weiden, die gerne am Bache wachsen und recht tüchtig hin und her wedeln, wenn der Wind geht. Dann sprach er von den Holzkohlen, daß dieselben aus Holz gebrannt würden, gleichsam wie die Ziegeln aus Lehm, daß sie dann der Schmied zum Eisenmachen brauche, daß der scharfe Schnitzger, mit dem er hantiere, ohne Kohlen nicht so hätte zustande kommen können, daß es daher recht und billig sei, daß der Schnitzger jetzt mithelfe, den Kohlen eine neue Krippe zu machen, weil die Dankbarkeit eine Tugend und Zier sei aller Kreatur. – So wird dem Weisen auch das einfache Handwerk zu einer Quelle der Weisheit. Den Erwachsenen gegenüber war er der Humorist, erzählte die Schwanke vom Michel Knieweit, von dem Eulenspiegel oder »Eigenspiegel«, wie er sagte, von den sieben Schwaben auch, zum Exempel, wie sie ein Haus bauten, bei dem sie vergaßen, Fenster zu machen, so daß sie das Licht in Säcken hineintragen mußten, und dergleichen. Dabei wurde viel gelacht, aber der Korbflechter erklärte, es sei in solchen Sachen viel Wahrheit drin, und die sieben Schwaben wären noch nicht ausgestorben, selbst in Abelsberg seien etliche Nachkommen derselben zu finden, so die Turmbauer von Abelsberg, die das Geld, aus dem ein zweiter Kirchturm hätte erbaut werden sollen, vertranken, worauf sie den einen Turm doppelt gesehen; oder der Türkensepp, der sich bei einem Heutrogkauf durch einen zweiten selber gesteigert hat; oder der Amtmann, der den Schulmeister einsperren ließ, weil der Gutsherr geschrieben, er wolle sein Namensfest durch ein großes Essen gefeiert wissen, woran sich die Bürger mit Einschluß des Schulmeisters beteiligen sollten; oder der Bürgermeister selber, der vom Gemeindediener beim Wildern ertappt und ins Gemeindehaus getrieben wurde – das wären lauter Streiche, wo die Schlauheit von der Dummheit geschlagen werde. Eine ähnliche Moral war allemal das Käpplein, das der Korbflechter solchen Geschichten schließlich aufsetzte. Weil der Korbflechter ein ganzer Mann war, bei dem jedes Wort eine Tat ist, so war am achten Tage die Krippe fertig. Der Bauer von der Lärchlend kam, trat in die Stube und stieß einen Schrei aus. Der Korbflechter erschrak; sollte dem Bauer die Krippe nicht recht sein? »Über und über recht!« rief der Bauer, »eine brave Form, die rechte Größe, was nicht leicht ist.« »Ja, das glaube ich, daß es nicht leicht ist,« sprach der Flechter, »wenn du sagst, fünfzehn Faß Kohlen muß sie tragen, da nimmt der Mensch den Bleistift und rechnet. Wäre das Ding viereckig oder rund, so möchte Umfang und Durchschnitt leicht berechnet sein, aber Sachen, die unten eng sind und in der Mitten einen Bauch haben sollen – mein Lieber, da gehört schon ein Kopf dazu!« »Ist ja alles recht, aber Flechter, aber Korbflechter!« rief der Bauer wieder, »wie bringst denn das Ungetüm bei der Tür hinaus?!« Der Korbflechter knickte ein. »Herr Jesses, auf das hab' ich vergessen!« – – Das ist die Geschichte vom gescheiten Korbflechter zu Ober-Abelsberg. Wie sich der Konflikt zwischen der Kohlenkrippe und der Haustür gelöst hat, das erhellt nicht; wahrscheinlich hat die Krippe müssen nachgeben und sich in hundert Trümmer auseinanderreißen lassen. Wenn nicht, so steht sie heute noch in der Stube. Wie der Abelsberger Gesangverein preisgekrönt worden ist. Die schöne Stadt Kramau liegt mitten in deutschen Landen. Sie ist ob ihrer Bierbässe weit und breit bekannt als Sängerstadt, weshalb ich sie nicht näher zu beschreiben brauche. Diese Geschichte handelt von einem heißen Sängerkriege, der vor wenigen Jahren in Kramau stattgefunden. Es hatte nämlich der weite Sängergau bei einem seiner vorhergehenden Liederfeste beschlossen, in der schönen und allzeit sangbereiten Stadt Kramau ein großes Wettsingen zu veranstalten, denn, sagten die Brüder, Kriege müsse es auf Erden schon einmal geben und da sei es besser, sie würden gesungen, denn geschlagen. So erhielt auch der Abelsberger Männergesangverein »Orgel« seine gebührende Einladung zum großen Wettkampfe, denn die Abelsberger – das muß man wohl zugeben – haben feine Pfeifen in der Kehle und ihre Tenöre haben einen guten Klang weit über den Gau hinaus. Hochgemut rüsteten sich die Abelsberger zum Sängerfeste und von der Zeit, als die Proben angingen, trat eine strenge Disziplin in Wirksamkeit, die jedem Sänger der »Orgel« verbot, täglich mehr als zwei Humpen Bier zu trinken, länger, als bis zur Torsperre außer Haus zu sein, zu jodeln, zu fluchen, zu politisieren und über die Gemeindezustände Zunge zu machen. Da gab es wohl auf der Welt kein ordentlicheres und friedlicheres Völklein, als die Abelsberger waren, zur Zeit ihrer Vorbereitungen zum großen Sängerfeste, und der alte Oberlehrer der Pfarr- und Hauptschule zum heiligen Prokopus beteuerte in diesen Tagen wiederholentlich, daß man hier wieder sehen könne, was der Gesang auf den Menschen für eine unerhört sittigende Wirkung übe. Auf der Reise nach Kramau wurde die Disziplin noch verstärkt, doch machte das Reisemarschallamt, welches, seiner Obliegenheiten voll, im hintersten Wagen saß, bekannt, daß auf der Heimfahrt, wenn keine Ursache mehr sei, die Stimme zu schonen, zum Ersatz, die lustigste Ungebundenheit Platz greifen dürfe. Dess' waren die sechsundachtzig Sänger wohl zufrieden und so fuhren sie gehobenen Herzens den Ehren entgegen, die sie im schönen Kramau erwarten sollten. Es war ihnen hinterbracht worden, daß die übrigen dreizehn Gesangvereine, die an dem Kampfe teilnehmen sollten, sich vor den Abelsbergern fürchteten; denn was tut der tiefste Baß und der gemessenste Bariton, wenn der Tenor nicht genügend vertreten ist! Klingen muß es, wenn gesungen wird, das haben die Leute gern, und wovon sollen die Frauen im Auditorium dann girren und schwärmen, wenn die Tenoristen fehlen? Die Abelsberger werden siegen, das wußte man im voraus. Bei der Einladung konnte man sie nicht umgehen, aber man hatte erwartet, die Abelsberger würden – wie sie ja sonst gar charmant waren – im Vorgefühle ihrer sanglichen Stärke die Beteiligung an dem Sängerwettkampfe ablehnen. Nun, die »Orgel« hat nicht abgelehnt, sie hat gefunden, daß ihre wohl schon mit reichen Trophäen geschmückte Vereinsfahne durch ein Siegeszeichen von Kramau nicht verunstaltet würde und daß der erste Sängerpreis von hundert Dukaten, in erquickendes Naß aufgelöst, das Erdendasein eher verschönern als verschlimmern könne. Am Bahnhofe von Kramau änderte sich das Wetter. Gewaltige Flaggen verdeckten die Sonne und ein Blumenregen ging nieder auf die Sängerschar. Von den bereits anwesenden Gesangvereinen wurden die Abelsberger – kernige Burschen auf und auf, die noch dazu in der höchst malerischen Abelsberger Tracht erschienen – stürmisch begrüßt; ein schallendes »Grüß Gott, deutsche Sangesbrüder!« und der Vereinswahlspruch wurde abgesungen, dann setzte sich der imposante Zug in Bewegung durch einen fabelhaft herrlichen Triumphbogen in die festlich geschmückte Stadt, Die Gassen, durch die er seinen Lauf nahm, waren von jubelnden Menschen besetzt, alle Fenster von lieblichen Frauen, die mit huldvollen Winken und fröhlichen Zurufen Rosen niederwarfen, besonders auf die Abelsberger, und an Stricken Torten, Trauben und Sektflaschen herabließen zum Vereine »Orgel«, dessen Mitglieder sich nun nicht mehr halten konnten, sondern in das Geschrei der Sänger einstimmten. Die Ehrenbezeigungen häuften sich, je näher der Zug der Sängerhalle kam; vom Inhalte der Flaschen, denen man an den Standarten den Hals brach, und von den wahnsinnigen Vivatrufen der übrigen Sangesbrüder ganz berauscht, schrien nun auch die Abelsberger aus voller Kehle, selbst die Altmeister und Reisemarschälle mit – und erst spät als die hellsten Abelsberger Tenöre einen Stich ins Gedämpfte hatten, bemerkte einer zu seinem Nachbar: »Nu, guck dir dort bei den Scheiksängern einmal das Naturwunder an: die einen reißen das Maul auf und die anderen schreien!« »Bei Gott, Bruder, das geht nicht mit rechten Dingen zu!« Da wurden sie's nun gewahr, daß die Scheiksänger zum Vivatrufen und zum: »Grüß Gott, ihr schönen Frauen! Hoch die Stadt Kramau! Hoch und dreimal hoch!« ein Dutzend professioneller Schreier von heim mitgenommen hatten, damit sie hierin ihren Mann stellten, ohne sich die Stimmen zu verderben. – Aber die Entdeckung war zu spät, einige Abelsberger Kehlen hatten bereits gelitten. Sofort erging ein strenger Befehl: Von jetzt an das Maul halten und sich sammeln, wogegen Dawiderhandelnde dem Standrecht verfallen! Und bei der nach kurzer Stärkung stattgefundenen Generalprobe der gesamten Vereine zeigte es sich, daß für die »Orgel« der Sieg höchst wahrscheinlich war, und ganz Kramau sprach davon, daß den Ehrenpreis von hundert Dukaten niemand anderer als die munteren Abelsbeiger heimführen würden. Die Abelsbeiger Altmeister warnten ihre Sänger fortwährend, im Angesichte des Glückes nicht übermütig zu werden, strenge mit sich hauszuhalten, für das am nächsten Tage statthabende Wettsingen. Es könne sich bei geringstem Versehen vieles wenden und alles verspielt sein; was das für eine Schmach wäre, fragten sie in düsterstem Ernste, wenn sie nach der Vaterstadt, die schon zum Empfange der Sieger rüste, als elendiglich Durchgefallene zurückkehren müßten? Sie sollten heute weder an Wein, Weib noch Gesang denken, sondern den Rest damit zubringen, in der schönen Umgebung der Stadt stille Spaziergänge zu machen und abends so bald als möglich das Bett zu suchen. Daß die Zimmer in dem für sie bestimmten Hotel »Zum goldenen Fuchsen« die richtige Temperatur hätten, dafür sei gesorgt. Man wolle sich nur in keiner Weise aufregen und sich endlich nicht etwa noch durch einen unzeitigen Morgenspaziergang in der feuchtkalten Luft verderben, lieber im Bette bleiben bis eine Stunde vor Beginn des Wettsingens, das um zehn Uhr vormittags seinen Anfang nehme. – Zum Schlusse solch väterlicher Ermahnungen wurden noch Brustbonbons ausgeteilt unter den Sängern, womit ganz leichte Schäden in der Kehle ausgebessert werden können. Und hierauf hat sich der Abelsberger Sängerchor für diesen Tag aufgelöst. – Die Sänger von der Scheik waren etwas aufgeregt. Sie besaßen ein paar Tenöre, auf Grund derer sie sich in der Hoffnung wiegten, es den Abelsbergern abzugewinnen, für den Fall diese etwa durch ein kleines Mißgeschick oder Diätfehler beeinflußt werden sollten. Mit Befriedigung hatten die Scheiksänger beim Einzug das begeisterte Geschrei der »Orgel« gehört, während sie, die Scheiksänger, nur sehenshalber den Mund auftaten, und mit den Händen agierten, das übrige ihrem schlau gegründeten Lärmchor überließen. Da sich's aber hernach bei der Generalprobe leider gezeigt, daß die Abelsbeiger Stimmen an Indisposition und Heiserkeit nicht das Gewünschte leisteten, so versuchte jetzt das Komitee, das sich eigens zu dem Zwecke konstituiert hatte, den übrigen Gesangvereinen noch vor der Schlacht die schärfsten Spitzen zu brechen, in den einzelnen, im Städtchen herumirrenden Mitgliedern der »Orgel« die denselben angeborene Vorliebe für ihren Wahlspruch: »Wein, Weib und Gesang« zu wecken. Aber die Abelsberger waren heute unzugänglich wie die Maulwürfe. Man fing an, die Hoffnung aufzugeben, verhielt sich jedoch nichtsdestoweniger untätig. Während in der Stadt Kramau das muntere Leben der Sänger sich bis tief in die Nacht hinein erstreckte, während es Platzmusik gab und Beleuchtung und Standreden und was der Herrlichkeiten mehr sind bei einem deutschen Sängerfeste, suchten die Abelsberger, eingedenk ihrer Verordnungen und ihrer morgigen Aufgabe, beizeiten das Hotel »Zum goldenen Fuchsen« auf, in dessen drei Stockwerken die »Orgel« einquartiert worden war. Der Kehle zuliebe machten sie im »Restaurant« der Gurgel nur mäßige Zugeständnisse und suchten dann, je zu zweien oder dreien, ihre Schlafzimmer auf. Noch ließen sie sich's angelegen sein, den Zustand ihres Festanzuges zu prüfen, und da ziemlich alles in gewünschter Ordnung war, so legten sie sich arglos zu Bette. »Morgen um diese Zeit soll's anders umgehen!« bemerkte vor dem Einschlafen noch der zweite Baß zum Bettnachbar, dem ersten Tenor. »Ja,« sagte der Tenor, »wenn wir nur erst unsere Abelsberger Lieder loslassen! Die wollen wir ihnen einmal hinlegen, daß sie nur dran lecken sollen!« »Schlafen!« schnarrte im anstoßenden Zimmer die Stimme des Reisemarschalls. So war's für heute aus. – Schon halb neun Uhr war's am nächsten Morgen, als das Marschallamt das Flügelhorn erschallen ließ. Da hoben sie sich – der eine früher, der andere später – aus ihren Kissen. Sie zogen sich sittsam an, holten vor den Türen die frischglänzenden Stiefel und machten sorgfältig Toilette. »Die Tenöre haben je ein weiches Ei und eine Tasse Tee ohne Rum zu sich zu nehmen!« so bestimmte der erste Tagesbefehl. »Ich weiß nicht,« murmelte unser zweiter Tenor, »was meine Stiefel heut' haben. Ich kann in dies Sakermentsleder nicht hinein!« »Und ich verwundere mich,« entgegnete der Zimmergenosse, »daß mein Fuß heute einmal in den Schuh rutscht, so leicht, wie der Bauer ins Wirtshaus.« »Ich hab' zwei Linke!« rief der Baß, »da hat sich einer einen dummen Spaß gemacht.« »Scheidewasser will ich saufen, wenn das meine Schuhe sind!« sagte jetzt auch der Tenor. »Das ist höllisch!« polterte im Nebenzimmer ein anderer, »ich habe unechte Stiefel!« Und aus einem dritten Gemach: »Ich hab' zwei verkehrte Stiefel!« Da flogen schon die Türen auf, links und rechts im Gang: »Hausknecht!« – »Stubenmädchen!« – »Hausmeister!« – »Meine Stiefletten!« – »Ich habe zwei Rechte!« – »Ich einen Kleinen und einen Großen!« – »Da ist ein Breiter und ein Gespitzter!« Derart riefen die Stimmen durcheinander, und die Stiefel flogen im Vorfall! umher wie die Maikäfer. So war's im zweiten Stock, so war's im ersten und im dritten. Alles Schuhwerk verwechselt ... Das Reisemarschallamt fuhr hin und her wie eine fluchende Wolke, alle Stubenmädchen flatterten wirr durch die Räume, der Portier und der Hausmeister schmetterten, und der Hausknecht rang die Hände und beteuerte bei seiner Seelen Seligkeit seine Unschuld. Er und sein Gehilfe hätten die frischgewichsten Stiefel ihren Nummern nach gewissenhaft wie immer an die betreffenden Zimmertüren gestellt. »Das hat ein Feind getan!« hieß es, »das hat ein Feind getan!« Von den Sängern huschten die einen in bloßen Strümpfen um, andere ächzten im Namen ihrer Hühneraugen über den Druck der neuen Verhältnisse. Da war's denn aus mit aller Ruhe und Diät, und durch das Haus brauste ein Gewirre von Fluchen, Lärmen und Lachen, und das Marschallamt fahndete racheschnaubend nach den Missetätern. Es mußten deren mehrere gewesen sein, sie konnten sich nächtlicherweile ins Haus geschlichen haben, weil sich so ein vertracktes Hoteltor jedem Gauch zu jeder Stunde auftun muß, sie mußten emsiglich tätig gewesen sein, um an den Türen aller Stockwerke die Stiefel in so schaudervoller Weise durcheinander zu bringen. Nach einer Stunde heilloser Verwirrung war mit Hilfe der Zimmernummern, die an den Sohlen angekreidet waren, endlich ein Teil der »Orgel« in seiner rechtmäßigen Beschuhung. »Ich habe Nummer 3 und 27!« rief es hier, und ein Arm hielt die betreffenden Stiefel hoch empor. »Hier ist 96!« »Wer braucht einen 44?« »105 ist da!« Die Eigner meldeten sich, aber leider zeigte es sich bald, daß auf mancher Sohle die Nummern gefälscht worden waren, so daß endlich die Reisemarschälle alle Hoffnung an dem rechtzeitigen Eintreffen in der Sängerhalle mit ohnmächtigen Stoßseufzern aufgaben. Zudem alles erregt, die Stimmen verschrien, jede Feststimmung weggeblasen, die Indisposition im höchsten Grade vorhanden. – Unter solchen Umständen wird die »Orgel« an den Sängerwettkampfe sich nicht beteiligen. Aber die Absage, wie soll sie motiviert werden? Der eiligst zusammenberufene Rat, teils noch in Socken, faßte den Beschluß, es sei sofort ein Schreiben an das Generalkomitee des Sängerfestes zu richten, durch das angezeigt werde, daß der Abelsberger Gesangverein »Orgel«, nachdem er durch seine Anwesenheit ebenso seine Sympathien für das Fest, als durch seine Beteiligung an der Hauptprobe bewiesen zu haben glaube, daß er dem Gaue zu keiner Unehre sei: daß besagter und unterfertigter Gesangverein – um die in dieser gastlichen Stadt versammelten löblichen, strebsamen und sehr tüchtigen Sängerbünde und Gesangvereine in der Erringung eines wohlverdienten Ehrenpreises nicht etwa zu inkommodieren – den Entschluß gefaßt habe, sich an dem eigentlichen Wettsingen nicht zu beteiligen. In diesem Sinne und in ähnlicher schwungvoller Stilisierung wurde das Schriftstück abgefaßt und seiner hochlöblichen Adresse mit »deutschem Sängergruße« zugeschickt. Noch hatte die zehnte Stunde nicht geschlagen, so ging von der Zentralkanzlei des Festkomitees ein Sturm aus und durch ganz Kramau. Die Abelsberger, die besten Sänger des Gaues, die wiederholt schon preisgekrönten Sänger wollen nicht singen! Und warum wollen sie nicht singen? Sind sie beleidigt worden? Nein, die Abelsberger sind viel zu gemütlich, um beleidigt werden zu können. Oder singen sie aus Bescheidenheit nicht? Nein, die Abelsberger sind viel zu aufrichtig, um die Bescheidenen zu spielen. Aus Großmut singen sie nicht, aus reiner Großmut nicht; sie wollen den jüngeren Vereinen den Preis nicht wegschnappen. Aber (und so wuchs die Revolution) sie müssen singen, jetzt erst recht müssen sie! Die Abelsbeiger wollen wir hören, nur die Abelsberger! Wir stürmen den »goldenen Fuchs« und tragen die ganze »Orgel« auf unseren Achseln in die Sängerhalle! Das Festkomitee schrieb zurück, daß es die »Orgel« von ihrer einmal geleisteten Zusage nicht mehr entbinden könne. Die Sänger von der Scheik merkten, jetzt ginge es doppelt schief für sie, und alle Bemühungen waren vergeblich gewesen. Die Abelsberger aber gewannen mittlerweile Zeit, Mut und vor allem – Stiefel. Fünfunddreißig Minuten nach zehn Uhr marschierten sie in wohlgeordneter Doppelreihe, von dem Jubel der Menschenmenge begleitet, in die Sängerhalle ein. – Wie es bei demselbigen Sängerwettkampfe in der schönen Gaustadt Kramau dem Abelsberger Gesangverein »Orgel« ergangen ist, das findet sich in einem Blatte seiner ruhmreichen Chronik verzeichnet. »Der Enthusiasmus,« so heißt es in der Sängerchronik, »der Enthusiasmus, mit welchem der Verein bei seinem Betreten der Sängerbühne begrüßt wurde, war ein nicht endenwollender. Der Verein sang das ausgeloste Preislied: ›O Vaterland, zu Schutz und Wehr!‹, welches einen demonstrativen Applaus entfesselte und das Abelsbergerlied: ›Mein' Freud' ist die Sennerin,‹ welches er auf stürmisches Verlangen des Publikums zweimal wiederholen mußte. Nachdem die abgetretenen Sänger siebenmal herausgerufen worden waren, erstürmte das Publikum die Bühne und trug unsern Kapellmeister, Herrn F. Schaubinger, durch den jubelbrausenden Saal. Die hochlöbliche Jury hat dem Gesangverein ›Orgel‹ den ersten Preis, bestehend in einer silbernen Ehrenstandarte und in einhundert Dukaten, zuerkannt.« – Schließlich sei aber noch eine Bemerkung erwähnt, die einer von der Jury erst vor kurzem zum Kapellmeister des Abelsberger Gesangvereines gemacht hat. »Wir waren damals am grünen Tisch zu Kramau,« sagte er, »in einer nicht geringen Verlegenheit. Sehr genau genommen, hätte der Preis eigentlich dem Sängerbunde von der Scheik gebührt. Ihr seid zu hitzig gewesen, habt übertrieben, während die von der Scheik trotz ihrer geringeren Stimmittel durch ihr Maßhalten künstlerisch mehr geleistet haben. Aber vor der Menge hat eure Kraft und Verve den größeren Effekt erzielt. Die öffentliche Meinung war schon einmal durch die Reklame bestochen, die ihr durch eure Absage zugunsten der übrigen Vereine für euch zu machen gewußt habt – und sie war so entschieden für euch, daß wir es gar nicht wagen konnten, den Preis einem anderen Vereine zuzuerkennen.« Also ist es – Ursache und Wirkung genau erwogen – höchstwahrscheinlich die schlimme Stiefelgeschichte gewesen, die der »Orgel« den Sieg vermittelt hat. Wer aber die Urheberschaft der Stiefelgeschichte ergründen wollte, bei den Scheiksängern würde er sie nicht erfahren. Eine Abelsberger Hahnenjagd. Unweit Abelsberg, im Ramsauertale steht die alte moosbärtige Fichte, an der das Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der Preinermichel den Bock geschossen. Im Frühjahre war's, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung ins Tal fuhr. Der Oberförster – Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher die Geschichte erzählt – hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er war ratlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß einen Freund, den Preinermichel mit sich, und als sie allein durch den Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog, wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der Förster: »Möcht' ich wissen, wie wir das anfangen.« »Ist was anzufangen?« fragte der Michel. »Der Graf ist da und will morgen früh einen Auerhahn schießen.« »Dem gehört die Jagd, der kann's tun.« »Der kann's nicht tun,« sagte der Oberförster. »Warum?« Heuer gibt's ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.« »Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was geschehen. Jetzt, denk' dir einmal, ist's heuer das vierte Jahr, daß der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein Federl geschossen. Er wird dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das wär' arg; du weißt, Michel, er gibt –« und machte mit den zwei Gebefingern eine bedeutsame Geste. »Kurz, er muß morgen den Hahn schießen. Aber wie, Mensch, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken wüßt'.« »Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,« meinte der Preinermichel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt. »Anbinden,« sagte der Förster, »dran habe ich schon gedacht, aber es ist zu wenig; er trifft ihn nicht.« »Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?« »Trifft ihn nit. Und wenn er trifft, so fallt nix. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh'; dem fehlt nicht mehr, als alles zum Jäger.« »Nachher kunnt ich keinen Rat geben,« sagte der Michel. »Es gibt nur ein Mittel,« flüsterte der Förster mit leiser Stimme, als traute er nicht einmal den Bäumen, »und weil es das einzige ist, so muß es ausgeführt werden.« »Nachher ist's ja recht.« »Aber dazu brauch' ich dich, Michel. Los' einmal.« Sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei. »Na du,« sagte dieser plötzlich laut auflachend, »das tu' ich nicht !« »Kannst es ganz ruhig tun; 's ist gar keine Gefahr. Er schießt zum mindesten eine Klafter weit an dir vorbei.« »Zu dem Geschäft such' dir einen andern, Förster.« »Nun, zu deiner Beruhigung – du weißt ja, daß ich dem Herrn den Büchsenspanner abgebe – werde ich das Gewehr blind laden.« »Das ist eine Red'. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn schießen?« »Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und schwieriger der Weg, je größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den hohen Herren. Und um drei Uhr, wo's g'rad' noch die rechte Finstern hat. Nicht vergessen aufs Balzen!« »Ist recht.« Sie verabredeten noch manches und verloren sich im Walde. – Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich mit allem, was dem Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der Förster meint, das oder das sei nicht nötig, so sagt der Graf fürsichtig, 's wär' immerhin besser, man denkt an alles. Es ist eine klare stille Nacht. »Exzellenz!« sagte der Förster unterwegs, »heut' gilt's einen. Ich sag's. Ich weiß einen. So schön ist noch keiner gestanden, wie der.« »Soll Sein Schade nicht sein. Doch – hat Er's gehört, jetzt? Ist das nicht ein Schuß gewesen?« »Wahrhaftig,« lachte der Förster, »aufs Haar wie ein Schuß; das hat mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Exzellenzherr, eine Lawine ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts Seltenes.« Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, je leiser wurde ihr Gespräch. Als sie bei der Rotbuche waren und horchten, hörten sie das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen. So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in deren buschigem Gewipfel das Tier schnalzte und balzte, daß es eine Lust war. Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe. »Wohl, wohl! 's ist ein sakrisch mächtiger Kerl.« »Nicht das schwarze Bündel dort, Exzellenz, das ist der Baumwipfel. Daneben, der kleine Punkt ...« »Gut, gut!« entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur Wange. – Puff! – – Hurra! Das Tier rauschte herab von Ast zu Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden. Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger Vogel. – Das Telegraphenamt! Alsogleich berichten der Gemahlin, den Freunden: Waidmannsheil! Den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! – Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen! Aber – was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen – was das sein mag? – Sogleich ist Licht gemacht – welch eine Erscheinung?! In den Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel. »Verdammter Esel!« fluchte der Förster für sich und rasch setzte er bei: »Der erste Fall in meiner Praxis, Exzellenzherr, wo mir das vorkommt, was erzählt wird. Daß Auerhähne bisweilen in die Nähe der Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute irgendwo beiseite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!« Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen; auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von der er früher den toten Vogel herabgeschleudert hatte. »Was kann denn ich dafür!« beteuerte er dem Förster, »ihr seid zu früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an meinem Gurt. Ich reiß' ihn eilends los, nu, und hab' halt meinen gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.« In acht Tagen war das Revier verkauft. Ein Abelsberger Wetterprozeß. Mitgeteilt vom Abelsberger Richter. Wenn euch Volksschilderern und Dorfgeschichtenschreibern einmal der Stoff ausgeht, dann werdet Advokat in Abelsberg, Da gibt's immer was Neues. Heutzutage, wenn dem Bauer unrecht geschieht, rächt er sich nicht mehr mit derber Hand; ein Mann der Gesittung ist er geworden – geht zum Gericht und klagt. Das gibt ihm Ansehen. Nicht allein seine Nachbarn verklagt er, nicht allein seine Dienstboten und Vorgesetzten, auch den Bürger verklagt er und den Zigeuner und alle Welt und den Herrgott. Auch den Herrgott verklagt er! Und wenn sein Advokat gerieben ist: der Herrgott verspielt! Der mag noch froh sein, daß die Todesstrafe größtenteils abgeschafft ist, vor Zeiten sind die Wettermacher verbrannt worden. Um nichts Geringeres handelte es sich vor kurzem, als der Rüppel-im-Hof mit zwei seiner Genossen aus Ober-Abelsberg bei mir eintrat, als um Blitz und Hagelwetter. Der Mann wie nicht minder seine Nachbarn waren an ihrer Habe arg geschädigt worden, ein schweres Gewitter, das über die Breitebenhöhe herabgefahren war, hatte ihre Feldfrüchte zerstört, in ihre Bäume und Heuschober geschlagen, ihre Wiesen mit Schutt überschwemmt, sie in ihrer Wirtschaft wieder auf ein langes Jahr zurückgeworfen. Dem Schattleitner hatte der Sturm einen Schirmbaum gebrochen und der fallende Baum hatte eine Kuh erschlagen. – Im ganzen, wie im einzelnen brachten sie Beispiele vor, wie groß der Schaden sei. Ich fragte den Rüppel, ob er die Klage direkt gegen den Herrgott einreichen wolle? Darob war er anfangs etwas verdutzt. »Das nit, das nit. Dem kann man's nit verübeln, ist seine Pflicht und Schuldigkeit, daß er im Hochsommer fest niederdonnern laßt. Von ihm aus ist's der Breiteben vermeint gewesen und an unserm Unglück sind die Breitebenbauern schuld!« »Wieso?« fragte ich. »Gehen die Höllsaggra her und schießen!« »Auf wen?« »Aufs Wetter! Laden, wie's aufsteigt, ihre Pöller, als wenn's eine Fronleichnamsprozession tät setzen, und just wie die blauen Wolken mit den weißen Nebelfranzen schön stad brummend daherziehen über die Breitebenhöhe – bums! bums! pfeffern sie los und jagen uns den ganzen Krempel herab auf die Ober-Abelsberger Felder. Bei uns hat's ausgeschüttet. Auf der Breiteben hat's kaum tröpfelt.« Hierauf fragte ich, wieso er mit dieser Sache zu mir käme? »Wir Ober-Abelsberger Bauern stehen zusammen und klagen die Breitebnerbauern auf Schadenersatz und daß sie zukünftig nimmer schießen.« Ein richtiger Advokat hätte die Klage sogleich angenommen; wenn die Ober-Abelsberger Bauern glauben, daß sie durch das Schießen der Breitebnerbauern geschädigt werden, so sollen es diese vergüten – natürlich. Die Breitebnerbauern sind Besitzer von Grund und Boden, aber die Luft gehört nicht ihnen, für die Luft zahlen sie keine Steuern, Luft und Wolken dürfen sie nicht alterieren und nach Belieben hin- und herjagen, daß auf andere der Nachteil kommt. Da findet sich im Gesetzbuch eine Reihe von Paragraphen, die sich in diesem Falle anwenden lassen. Geschädigt an Vermögen: Bürgerliches Gesetzbuch § 1330, § 1332. Es hatte Wege unfahrbar gemacht, Stege vertragen, die Leute konnten nicht hingehen, wo sie wollten. Also geschädigt an der persönlichen Freiheit § 1329. Ferner die Paragraphen gegen die Sicherheit des Lebens: Eine Kuh hatte es getötet, ebensoleicht konnte es auch die Ochsen getötet oder lebensgefährlich verletzt haben, §§ 1325, 1326, 1327 usw. Einer der ergiebigsten Monsterprozesse stand in Aussicht. Die Breitebnerbauern hatten geschossen! Ich war so unklug, den Ober-Abelsberger Bauern zu sagen, daß sie nicht so unklug sein sollten. Mit einer solchen Klage würden sie ausgelacht werden. Daß man mit dem Schießen gegen ein Gewitter was ausrichte, sei ein alter Aberglauben. »So,« sagte der Rüppel-im-Hof, »ein alter Aberglauben! Das erste, was ich höre. Und wohl das Wetterläuten auch, nit wahr? Und wir geben dem Meßner die Glockenstrickkreuzer und im Herbst die Korngarben deswegen! Und daß er alles liegen und stehen laßt, wenn ein Gewitter zusteht, und zum Glockenstrick rennt, das ist ein Aberglauben!« Der Mann war zornig. »Die Weihe der Kirchenglocken in Ehren,« entgegnete ich, »und das geweihte Pulver auch in Ehren, aber die Wetterwolken kümmern sich sehr wenig drum.« Da lachte der Bauer auf und rief: »Um die Weih' werden sie sich freilich nicht viel kümmern, das glaube ich selber. Aber um Hall und Schall werden sie sich kümmern. Wenn der Herr das nit weiß, so soll er nur einmal die Halter auf der Alm fragen. Die heben, wenn ein Gewitter herzieht, all miteinander an zu schreien, mit Schellen, Brettern, Pfannen zu klappern und zu lärmen. Früher hat's geheißen, die bösen Geister vertreiben, heute sagen wir: die Luft erschüttern, daß die Elektrizität auslaßt und sich die Wolken zerteilen. Na, na, wir haben auch was gelernt.« Das hatte in der Tat einen schulmeisterlichen Abglanz. Ich könnte nun für den Fall, als Sie, lieber Büchermacher, das Honorar nach der Zeile berechnen sollten, gelehrterweise von den alten Wettersagen, von dem Einflusse der Göttin des Schalles und von anderen altdeutschen Göttern und ihrem Zusammenhange mit den heutigen Volksanschauungen usw. sprechen, auch – wie es einem richtigen Dozenten ansteht – die Naturwissenschaften berühren, durch dieselben die Wahrnehmung der schlichten Landleute rechtfertigen, was sich immer gut macht. Aber mir geht's doch noch um den Prozeß. Ich stellte den Leuten zwar vor, daß gegen die ungeheuren Lasten und Gewalten, die in einem Gewitter heranziehen, der nichtige Schall einer Stimme, einer Glocke, selbst eines Pöllerschusses, ganz und gar machtlos sei. Jedes Lüftchen erschüttere die Luft mehr, als der Knall eines Schusses. Man denke sich den Sturm, der einem Gewitter vorauszutoben pflege. »Am besten kann's der Herr auf dem Frauenkogl sehen,« fuhr der Rüppel nun wieder ganz ruhig fort, »auf dem Frauenkogl steht die Kirche, und wenn ein Gewitter zusammenzieht, da läutet der Meßner die Glocken auf dem Turm, und währt's nit lang, so kriegen gerad' über dem Turm die Wolken ein Loch, so daß oftmals der blaue Himmel durchschaut. Und das Wetter verteilt sich oder wird in die Steinberge hineinverjagt. Und hat der Herr das noch nie bemerkt, wie es zu Ostern und zu Fronleichnam ist? Es mag noch so regnerisch ausschauen, daß man meint: Heut' verwascht's die Prozession mit Fahn' und Fetzen! Heben im Land nur erst die Glocken an, die Musikanten und die Pöllerschüsse, gleich wird's lichter am Himmel und aushalten tut's! Lufterschütterung!« Ich fühlte mich nachgerade geschlagen. Wenn der Bauersmensch auf einmal so naturwissenschaftlich tut und seinem alten Aberglauben ein neumodisches Mäntelchen umhängt, da wird einem angst und bang. »Wenn große Schlachten geschlagen werden,« sagte ich nun, nachdem ich die braven Landleute endlich zum Sitzen gebracht hatte, »da sollte man meinen, geht's doch auch nicht so ganz ohne Lärm ab –« »Schon gewiß nit,« sagte einer der Bauern, »das habe ich bei Königgrätz erfahren!« »Waren Sie dabei?« »Schon kurios. Aber nur anfangs.« »Man hat meines Wissens nichts gelesen, daß der Kanonendonner die Nebel von Chlum zerteilt hätte!« »Na, Sie glauben's halt nit,« rief der Rüppel-im-Hof, »geben Sie acht, daß es Ihnen nit so ergeht, wie dem Hechelberger Kaplan. Jawohl, Herr Notar! Der Kaplan ist ein blutjunges Herrl gewesen, wie er nach Hechelberg gekommen, schnurgerade aus der Studie – und da sind die höllisch gescheit! Überall hat er neue Mode wollen einführen und hat in Hechelberg auch das Wetterläuten wollen abbringen. Seit Menschengedenken haben sie geläutet zu Hechelberg. Hoch oben unter der Alm, da tut's not, da sind die Wetter am g'straflichsten (gefährlichsten). Und der Jung' hat's abbringen wollen. Der Meßner, der ist recht, der hat gesagt: nein! – Und sind alle falsch (böse) geworden auf den Kaplan. Der ist aber ein – ein –« der Bauer legte die Faust an den Kopf, um anzuzeigen, daß der Kaplan es faustdick hinter den Ohren gehabt habe, »der ist ein – ich will nit sagen, was gewest! Just am Magdalenatag ist's gewesen, im vorigen Jahr, ist eh' ein schlimmer Wettertag das, weil gerad' die Hundstage eingehen. Steckt der Kaplan nit den Kirchenschlüssel ein und geht fort? Das Wetter steigt auf, der Meßner will läuten, kann nit dazu. Alles hat's niederdroschen! Nit ein Stammel ist stehenblieben in der ganzen Hechelberger Pfarr'! – Acht Tag' drauf ist der Kaplan abgefahren. Hat müssen !« Und so wollten es die Ober-Abelsberger jetzt den Breitebnern zeigen! »Ja, haben,« fragte ich, »die Ober-Abelsberger ein Privilegium?« »Haben auch eins!« riefen sie alle zusammen, »ist auch eins, ein Privilegi. Die alten Leut' können es noch ganz genau sagen. Das ist halt unterschiedlich. Die Hechelberger dürfen läuten und schießen, die Triesentaler dürfen nicht. Auf dem Frauenkogel dürfen sie nur läuten. In Fährdorf dürfen sie läuten und schießen. Bei den Hochreithäusern dürfen sie schießen. Wir Ober-Abelsberger dürfen läuten und schießen, aber die Nullgrabner und die Hölser und die in der Hinterau dürfen's nit! Und die Breitebner dürfen's nit!« Worin diese Privilegien ihren Ursprung hätten? war meine Frage. »Ja, wenn's der Herr nit weiß!« riefen sie, »wir wissen das auch nit. Aber sein tut's, 's ist alles aufgeschrieben. Im Gemeindekataster steht alles drinnen, auch 'leicht ein Brief aus Pergamenthaut und der Siegelknopf dran.« »Aber ein Privilegium kann ja verjähren.« » Das nit!« sagte der Rüppel-im-Hof, »das verjährt nit, weil Blitz und Hagel auch nit verjährt.« »So ist's,« gaben die anderen bei. Na, da mußte ich freilich die Klage anhängig machen gegen die Häuser auf der Breiteben, weil sie durch ihr Wetterschießen das Privilegium verletzt. – Aber die Bauern auf der Breiteben hatten auch ihren Advokaten, und zwar im Kopf. Als es zur Verhandlung kam, fragte der Richter von der Breiteben ganz höflich, seit wann sie nicht mehr heiraten dürften? »Vom Heiraten ist keine Rede, aber vom Wetterschießen!« »Und bei uns,« sagte der von der Breiteben, »ist wieder vom Wetterschießen keine Red', sondern vom Heiraten. Der Lex in der Lacken hat geheiratet und bei der Hochzeit haben wir nach altem Brauch Pöller geschossen. Daß zur Stund' just ein Gewitter aufgestiegen ist, dafür können wir nit. Und daß sich das Wetter vor dem Schießen geschreckt hat, dafür können wir auch nit. Und daß es den Ober-Abelsbergern das Traid niederdroschen hat, das ist uns vom Herzen unlieb.« Der Rüppel-im-Hof war auf solche Wendung so zornig, daß er ausrief: »Ich versteh' nit, wie einer heiraten kann, wenn ein Wetter zusteht!« Der Prozeß war hiermit gegenstandslos geworden. Gegen das Pöllerschießen auf Dorfhochzeiten war schlechterdings kein Paragraph zu finden. Und das Heiraten ist erlaubt, auch wenn ein Gewitter zusteht. Das Abelsberger Steueramt. Eines Tages lief ein fleißiger Aufpasser von Abelsberg zur Steuerbehörde: »Habt ihr den Wolf in der Gruben?« »Den Wolfgang Filzmoser aus dem Grubenwald?« entgegnete das Steueramt barsch, »den Pechölmann? der im Sommer mit Erdbeeren hausieren geht? Ne, den armen Teufel haben wir nicht.« »Löbliches Steueramt!« sprach der Mann gar untertänig, »dieser arme Teufel ist einer der reichsten Männer unseres Bezirkes. Er übt eine Menge Gewerbe aus, er ist Pechschaber, Pechölbrenner, Ameiseiergräber, Kräuter-, Pilz- und Beerensammler und handelt mit allen diesen Sachen. Sogar eine Branntweindestillation soll er irgendwo haben, wozu würde er sonst die Beeren der Ebereschen sammeln. Ein Unchrist will ich sein, wenn der Wolf in der Gruben nicht ein Dutzend Agenten beschäftigt. Der nimmt Geld ein, der Wolf! Löbliches Steueramt, den müßt ihr anbohren!« Das Steueramt gab dem Offenbarer zu verstehen, er könne sich schon fortmachen. Dann schüttelte es den Kopf, aber nun war's Pflicht und Schuldigkeit, den Mann hervorzuholen. Der alte Wolf in der Gruben bekam einen grauen Bogen mit schwarzen Linien und leeren Räumen dazwischen, und die Aufforderung, als redlicher Staatsbürger bei seinem Gewissen das Jahreseinkommen wahrheitsgemäß einzubekennen, widrigenfalls usw. Es sträubt sich die Feder, den grausamen Nachsatz wiederzugeben. Wir kennen ihn ja alle. Nicht lange dauerte es, so war das Einbekenntnis des Wolf in der Gruben da. In sehr spießiger Schrift und mit angstblasser Tinte gab er an: Einkumen jerlich hextens fl. 50 000. Waaasl rief das Steueramt aus. Dieser simple Waldmensch macht so große Geschäfte!! Unglaublich. Doch halt! Wenn er fünfzigtausend eingesteht, so nimmt er gewiß hunderttausend ein, wir kennen das. Vorläufig läßt sich aber nur mit der eingestandenen Summe rechnen. Wenige Tage später keuchte der Amtsdiener hinauf in den Grubenwald und suchte lange das Haus des Wolf. Diesen traf er unterwegs. Der Wolf war gerade auf dem Anger beschäftigt, von dem gebreiteten Tuche die gesammelten Ameisen auslaufen zu lassen, die während der Flucht ihre Eier vom Wuste sonderten und so dem zweifüßigen Ungetüme daneben unbewußt einen Gefallen taten. Die Arbeit, oder vielmehr die Ameisen muß man verstehen, und der Wolf verstand sie. Er tat just mit seiner Tabakspfeife um; der Saggra wollte nicht brennen, weil's hauptsächlich einer von Buchenlaub war. Jetzt, wie der Mann hörte, daß er zu den steuerzahlenden Staatsbürgern aufgenommen war, verneigte er sich vor dem Boten und dankte für die Ehr'. Dann kietzelte er den grauen Bogen auf, Gott, das ging umständlicher wie Pechschaben und Ameiseiergraben. Und im Bogen da sah er sehr hübsch geschriebene Ziffern stehen. Dem Wolf in der Gruben war an Gewerbs- und Einkommensteuer für das verstrichene Jahr vorgeschrieben, bei Vermeidung der Exekution innerhalb vierzehn Tagen zu leisten einen Betrag von viertausendfünfhundertsechzig Gulden einundsiebzig Kreuzern. Der Bote stand noch da, als warte er auf etwas. Der Alte blinzelte ihn nun an und sagte: »Das ist kein schlechter Spaß.« Sonst sagte er nichts, sondern sah wieder nach seiner Arbeit. Am nächsten Sonntag ging der Wolf ins Wirtshaus, ließ an den Tischen den grauen Bogen umhergehen und prahlte sich mit ihm. Die Bauern murmelten nur so und blickten ehrerbietig auf den Waldmenschen, der ein gar so einfaches Gewand anhatte, und ein gar so einfältiges Gesicht und gar soviel Geld. »Das zahlt sich aus,« sagte der Wirt, der sich aufs Rechnen verstand, »bei dir verdient sich ein Angeber was. Wenn er ein Drittel der Steuer kriegt, und soviel soll so ein Herr ja glaub' ich kriegen, dann macht's eintausendfünfhundertzwanzig Gulden, und davon braucht er gewiß keine Einkommensteuer zu zahlen. Ja, ja, kannst mir's glauben, Wolf, angegeben bist worden. Eine ärgerliche Geschichte, gelt?« »Was redest denn, Herr Vater!« rief der Wolf, »das ist doch nichts Ärgerliches, wenn einer über viertausend Gulden Steuer zahlen kann.« Weiter sagte er kein Wort und die Leute erfuhren es nicht, wo der Alte sein vieles Geld hatte. Für den Wolf war nun aber das eine mißlich: er konnte bei seinem Hausieren mit Pechöl nicht mehr um einen »warmen Löffel Suppe« betteln, er mußte jetzt überall alles bezahlen und teurer als andere. Dafür wurde er auch überall mit Ehren behandelt, er mußte im Wirtshause beim Herrentisch sitzen, er bekam ein frisch ausgespültes Trinkglas und ein blank gescheuertes Eßbesteck und lauter so hübsche Sachen, und das tat ihm wohl. Auch angebettelt wurde er jetzt oft und er wußte die Ehre zu schätzen. Das Steueramt wartete auf die viertausendfünfhundertsechzig Gulden. Die vierzehntägige Frist wartete es ganz geduldig ab; natürlich, der Wolf wird bis auf die letzte Stunde vom Betrag den Zins genießen wollen, macht ein hübsches Tabakgeld. Als dann aber die dritte Woche auch verstrich, und zwar mit einer Harmlosigkeit, als ob kein Wolf in der Gruben auf der Welt wäre, und als die vierte Woche mit demselben einfältigen Gesichte begann, da schickte das Amt den Boten noch einmal hinauf. Er traf den Wolf wieder im Walde, wo der Mann ein großes Feuer angemacht hatte und mit einem langen Aststummel darin herumstierte. Am Feuer standen mehrere große Töpfe, in denen eine dickliche, glänzend schwarze Masse brodelte. »Ist das Mittagmahl schon fertig?« mit dieser Anrede begrüßte der Bote den Wolf. »Wenn's Ihm schmeckt, ist Er eingeladen,« sagte der Wolf, »aber es wird Ihm zu hantig (bitter) sein.« Das in den Töpfen war nämlich kochendes Pech. »Da hätt' ich wieder ein Papierl für den Wolf,« sprach der Bote, »seit zehn Tagen ist Exekution und wenn Er binnen acht Tagen nicht zahlt, so wird gepfändet. Das Haus und die Fahrnisse und alles!« »Ist schon recht,« antwortete der Alte, »kommt nur. Wenn ich nicht zu Hause sein sollte: der Schlüssel liegt unter der Türschwelle im Mausloch.« »Er hat aber zu Hause zu sein, wenn die hohe Obrigkeit kommt!« »Wenn's sein kann, recht gern. Vor der hohen Obrigkeit hab' ich keine Angst und vor dem löblichen Steueramt schon am allerwenigsten.« Damit konnte der Bote wieder gehen. Der Wolf schaute ihm kopfschüttelnd nach: »Ich kenn' mich frei nicht aus, sie tun, als ob's Ernst wär'. Meinetwegen, mir kann nicht viel geschehen.« Als das Steueramt hierauf wieder acht Tage und noch einmal acht Tage gewartet hatte, jeden Tag zwei Gulden Exekutionsgebühr aufschreibend, war die Geduld endlich aufgezehrt. Ihrer drei Herren und zwei Diener stiegen hinauf ins Waldgebirge. Sie rauchten unterwegs so gemütlich ihre Zigarre, und kein Mensch sah in ihrem freundlichen Äußern die inneren Wölfe. Auf der flachen Ausböschung eines Berges stand ein schöner, großer Bauernhof; das gemauerte einstöckige Wohnhaus mit den vielen Fenstern sah aus wie ein kleines Schloß, und die stattlichen Wirtschaftsgebäude waren wie ein kleines Dorf. »Ist's da beim Wolfen in der Gruben?« fragte einer der Herren. »Wohl nit,« war die Antwort einer Magd, »da ist's beim Fürstenhofer. Der Wolf ist weiter oben.« Nachdem sie noch eine Weile durch finsteren Wald gegangen waren, kamen sie zu einer Mulde, die Gruben genannt. Da war langes Gras und Gesträuch und das Gestock geschlagener Bäume. Und hier stand das Haus des Wolfen. Es war aber eigentlich eine Köhlerhütte und auf dem halbflachen Dache hockte der Wolfgang Filzmoser. Was er da oben treibe? wurde gleich gefragt. »Ich tu' mir just die Kuchen backen für den Winter,« antwortete der Alte, denn er hatte zerschnittene Pilze auf die Bretter hingelegt, damit sie in der Sonne dörren konnten. »Er soll ein bissel herabkommen.« Schreibzeug wurde hervorgeholt, das große Amtssiegel wurde ausgepackt, und mehrere Stangen Petschierwachs taten sie bereit. Mit bedenklicher Miene wurde die Hütte besichtigt, zuerst auswendig, dann von innen, wobei sich mehrere in der Dunkelheit die Köpfe anstießen. »Ja, wenn man das Fenster zumacht, dann ist's freilich finster,« sagte der Alte und machte die zugezogene Türe wieder auf. Ob er denn dahier wohne? »Schon seit drei Jahren.« Sie fragten nicht erst, ob er jetzt zahlen wolle. Die Gnadenzeit war verscherzt, unverzüglich folgte trotz einer gewissen Aussichtslosigkeit die Aufahme des Inventars. »Wir hätten uns den Weg ersparen können,« meinte einer der Herren. »Diese Hütte ist nichts.« »Sein tut sie schon was, aber mein gehört sie nicht,« sagte der Wolf. »Dem Fürstenhofer gehört sie. Solang er nicht Kohlen brennt, darf ich drin wohnen. Aber das« – er wies auf die Gegenstände in der Hütte – »das da ist alles mein, wenn's die Herren aufschreiben wollen.« Das Inventar lautete: »Hölzerne Truhe mit vorhandenen Kleidern und Wäsche fl. 15, ditto Bettstatt mit Tuch und Kotzen 90 kr., ein Holzzuber 30 kr., ditto mit Eisenreifen 35 kr., Kochgeschirre 1 fl. 50 kr., ein Blechlöffel 2 kr., vorhandene Eßvorräte fl. 2, drei Wandbildchen mit Weihbrunngefäß 15 kr.« »Ja,« sagte der Alte, »das gehört alles mein. Aber da ist noch was!« Aus dem Westensack zog er eine Uhr hervor. Stand sie auch schon auf dem Blatt? »Silberne Taschenuhr fl. 7.« »Und das Beste findet ihr gar nicht,« rief der Alte und nestelte aus dem Bettstroh einen Strumpfsack hervor, der einen ruppigen Bauch hatte und mit einem Riemen zugebunden war. »Bares Silbergeld im Werte von fl. 80,« also kam der Strumpf mit den alten Münzen ins Inventar. »Und wo hat Er das weitere Geld?« fragte einer der Amtsleute scharf. »Aha, den Herren wird man nicht zu gescheit!« schmunzelte der Wolf und zog aus dem innern Rocksack langsam eine große rote Brieftasche hervor. Da drinnen war der Heimatschein, ein gemalter Bauernkalender, ein Tobiassegen und fünf Gulden in Papier. »Das ist nicht alles, Alter!« »Ist auch nicht,« murmelte dieser und tat aus dem Hosensack ein Lederbeutelchen; da drinn war eine ganze Menge Kupferkreuzer. »Wolf,« rief nun das Steueramt, »Er macht sich lustig über die Behörde! Ich will Ihm's nicht raten! Wo ist das Vermögen?« »Sonst hab' ich nichts mehr,« antwortete der Alte. »Er hat amtlich angegeben, daß er jährlich 50 000 Gulden Einnahme habe!« »Das wär' lustig! Wenn's wahr wär'!« lachte der Alte auf. War auch schon der graue Bogen vorhanden. »Hier steht es schwarz auf weiß, fl. 50 000. Hat Er das geschrieben?« »Ja freilich, meine Herren.« »Und uns zum Narren gehalten?« »Gott bewahr', meine Herren! Ich habe nicht geschrieben: fünfzigtausend Gulden; ich hab' geschrieben fünfhundert Gulden, ja für's höchst fünfhundert Gulden. Heuer g'langt's nicht auf dreihundert, und sind da schon die neunzig Holzknechttagwerke dabei. Die Zeiten werden halt alleweil schlechter. Jetzt hat mir der Förster das Pechhacken verboten und das Ameisgraben, und das Beerenbrocken will er mir auch nicht erlauben. Nachher kann ich zusperren oder offenlassen und mit dem Bettelsack gehen. Bin nur froh, daß mein Weib gestorben ist. Über zwei Jahr' ist sie mir auf dem Stroh gelegen und immer einmal haben wir allzwei die halben Nächte lang geflennt, so schlecht ist's uns 'gangen. Das gute Wesen, was bin ich froh, daß sie der Herrgott zu sich genommen hat! Mit mir wird er wohl auch ein Mittel machen, wenn's Zeit ist.« So sprach der alte Wolf und krümmte den Mund. »Ja, ja, ist alles recht!« sagte nun das Steueramt, »aber die 50 000 Gulden!« Ich glaub's, daß sie ihm im Kopf umgingen. Und was hat sich nun herausgestellt? Es hat sich herausgestellt, daß der Wolf auf den Einbekenntnisbogen so geschrieben: »Einkumen jerlich hextens fl. 500.00 (bedeutet soviel als Gulden 500, Kreuzer 00).« Aber das Sternlein zwischen den Nullen war abhanden gekommen oder vielmehr so verblaßt, daß man es bei Tage nicht sehen konnte und bei Nacht noch weniger. Mit der Lupe glückte es einem geschickten Sterngucker, es noch zu entdecken, sonst wäre der Alte wegen Irreführung oder Belügung oder Verspottung der Behörde (drei messerscharfe §§§ standen dafür da) bestraft worden. Der Wolf war sehr überrascht, als er trotz der fürchterlichen Anstalten schließlich nicht einen Kreuzer Steuer zu zahlen brauchte. Von nun an saß er Sonntags im Wirtshause wieder auf der Ofenbank und aß seine »Portion Fleck« mit rostigem Löffel; Werktags konnte er bei den Bauern sein Süppl wieder dreist erbetteln. Und fürs geschenkte Süppl schenkte er den noch Ärmeren einen Kreuzer. Heute ist der alte Wolf schon ganz gebückt, aber trotzdem kann er nicht mehr Schwämme und nicht mehr Erdbeeren suchen, denn es haben ihn die Augen verlassen. So hockt er am Ende des Dorfes an der Straße, denkt wehmütig an die glanzvolle Zeit, da er in so herrlichem Geruche gestanden, und wartet. Manchmal wohl geschieht es, daß ein mißmutiger Mann vorüberfährt, der über viertausend Gulden Jahressteuer zahlt. Wenn einer ohnehin so lasterhaft hoch besteuert ist, den Bettlern auch noch geben? Nein. – Da murmelt der Alte manchmal vor sich hin: »Siehst du, Wolfel, auch die hohen Steuern machen nicht glücklich!« Wahrlich nein, mein Guter. Und Reichtum macht wohl die Hemden lind, aber die Herzen hart. Der Abelsberger Landwächter. Die Straße, von der hier erzählt werden soll, muß der Leser nicht notwendig passiert haben; es geht auch so. Es genügt, zu wissen, daß diese Straße über den Dreibuckelberg führt, der zwischen Abelsberg und Siedeldorf steht, daß sie stundenlang ist und daß der einsame Wanderer sich vor Räubern fürchten darf, ohne ausgelacht zu werden. Denn es begegnet ihm auf dem ganzen Weg niemand, der ihn auslachen könnte; nicht einmal ein Räuber. Die Fuhrleute, als die Roheisenführer aus dem Oberland und die Mostführer aus dem Unterland, und die Holzkohlenwagen natürlich nicht zu rechnen. Auf der ganzen Strecke über Heideland, Almen und Legföhrenbestände nicht ein einziges Haus, mit Ausnahme der Wegmachershütte, die unter einigen Fichten in der Nähe eines Brunnentroges steht und für den alten Wegmacher und seine Tochter die Woche über nur als dürftiger Unterstand dient. Aber auch nur für die Nacht und bei besonderem Unwetter. Ansonsten aber sitzen die zwei Leutchen an irgendeinem Felswändlein, wie sie hin und hin am Wege stehen, und zerschlagen mit ihren langstieligen Schlägeln die größeren Steine in kleinere, schichten diese in Schotterhaufen, darauf sie zu Mittag sich wie auf ein Sofa setzen und aus dem Zwielingstopf ihre Mahlzeit verzehren. Den Alten sehe ich in grauem Zwilchgewand, von den Steinen kaum zu unterscheiden. Die Junge aber will unterschieden sein und von den lustigen Fuhrleuten nicht für einen Stein angesehen werden. Deshalb hat sie, die Barfüßerin, gern ein lichtblaues Küttlein an und ein rotes Tuch über dem Busen. Darauf rief ihr jener Mostführer »Guten Tag!« zu und knallte mit der Peitsche. Wenn es war, daß der alte Wegmacher weiter oben oder weiter unten mit der Radeltruhe die Straße schotterte und die Junge allein bei ihrem »Steinerschlagen« saß, ließ der Mostführer wohl auch einmal die Pferde rasten, setzte sich zu ihr, befühlte mit zwei Fingern den Rand des roten Tuches und fragte, was es gekostet habe. Weil aber Steinschlägerinnen das Schlagen schon gewohnt sind, so schlug sie ihn auf die Finger, – aber durchaus nicht mit dem Eisenschlägel, sondern mit der Hand, ganz glimpflich, so daß es der Zutäppische auf weiteres ankommen lassen wollte. Nämlich auf die Frage, ob sie das schöne rote Tuch ihm denn nicht verkaufen wolle. Er habe einen Schatz und möchte, daß der auch so was Schönes über der Brust trage. Da sprach sie, das Tuch allein sei nicht feil. Desselben Weges kam auch manchmal ein Landwächter, so einer, wie sie vom Abelsberger Kreisgericht im Lande herumgeschickt werden, um über Sicherheit und Ordnung zu wachen, wie auch, um allfällig Räuber, Mörder und andere Missetäter einzufangen, die den Nächsten schädigen oder die gute Sitte verletzen. Der Landwächter hatte einen schwarzen Federhut auf, trug ein Bajonett an der Seite und hinten ein Schußgewehr, deren weiße Riemen sich auf der breiten Brust kreuzten, weshalb er von Leuten, denen solche Gestalten mißliebig sind, die Kreuzspinne genannt wurde. Auch hatte der Mann am Riemen ein paar Handschließen hängen für solche, denen die Einladung, im Namen Seiner Majestät freundlichst mitzukommen, nicht genügte. So marschierte der Landwächter denn auch manchmal durch diese Gegend, um auf der langen Straße über den Dreibuckelberg nach dem Rechten zu sehen. Saß bisweilen auf dem Schotterhaufen bei den Steinschlagerleuten und erkundigte sich, ob sie keinen Spitzbuben gesehen. Der Alte wußte keinen rechten Bescheid zu geben, denn er konnte die Spitzbuben von den anderen Leuten nicht unterscheiden, »weil's halt leider Gottes noch immer keine Spitzbubenuniform gibt.« Die Junge hingegen meinte, dem Landjäger schalkhaft zublinzelnd, fast alle Mannsbilder seien Spitzbuben, ausgenommen ... Und machte vor dem Kaiserlichen einen Knicks. Nun, in manchen Stücken wollen auch die Kaiserlichen keine Ausnahme machen; und so meinte er, daß es auf dem Steinhaufen nahezu besser sitzen sei als auf der Holzbank in der Wachtstube. Und eines Abends, es war schon spät, marschierte der Landwächter wieder einmal die Straße entlang von Siedeldorf gen Abelsberg. Er war heute in nicht geringen Sorgen. Unten auf der Heide war er dem alten Steinschläger begegnet, der die stumpf gewordenen Steinbrecheisen zum Dorfschmied tragen mußte, um sie schärfen zu lassen. Da wolle der Steinschläger über Nacht in seinem Dorfhäuschen bleiben und am nächsten Morgen wieder in den Steinbruch hinaufgehen. Der Landwächter fragte nicht weiter, obschon es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Um so größer ward aber seine Besorgnis, die Junge möchte über Nacht allein – mutterseelenallein – in der Wegmachershütte verbleiben und Gefahren ausgesetzt sein. Denn wer bürgt, daß nicht ein schlechter Schelm oder ein Zigeunergesindel des Weges kommt und die arme Einschichtige überfällt? Wem obliegt es, wachsam zu sein, das Stromervolk abzupassen und abzufassen? Und als er zur Hütte hinaufkam und im Fensterchen den Lichtschein sah, ging er hinein. Der unversperrte Vorraum war eng und die Kammer mochte wohl auch nicht viel geräumiger sein. So machte er sich's bequem im Vorgelaß auf dem Brett, zog aus seinem Glanzledertornisterchen Brot, Speck und Schnaps und hielt Abendmahl. – Und nun die Geschichte von der anderen Seite. Wohl dem, der Freunde hat, die ihn auch in der Gefahr nicht verlassen! Vom Mostführer war es durchaus nicht ein müßiges Tändeln gewesen, wenn er auf dem Schotterhaufen mit der jungen Steinschlägerin scherzte. Jetzt, als er unten beim Wirt in Siedeldorf sein Fuhrwerk eingestellt hatte und als der alte Steinschläger in die Zechstube trat, um einen Krug Most zu trinken, obwohl weder Samstag noch Sonntag war, fiel ihm wie ein Steinschlägel der Gedanke aufs Herz: die Junge oben allein? Er verzehrte aber gelassen seinen Schafbraten, trank ein Glas Sausalerwein dazu und schloß dann mit dem Wirt ein Apfelmostgeschäft ab. »Der Most trinkt sich wie Sausalerwein,« versicherte der Führer, »wirst es schon sehen, Wirt; deine Gäste werden's auch sagen.« Der Wirt verstand und so war der Handel richtig. Bald darauf verzog sich der Mostführer durch das Gehöft hin und hinten hinaus und im Dunkeln die Bergstraße anwärts. Er ging länger als eine Stunde. Es stieg über dem Waldrücken der Mond auf, den bald die Wolken verdeckten. Es strich ein lauer Wind, – Wetterwind. In solchen Nächten achtet man weder Most, Mond noch Wind; sein Herz gehörte der Freundschaft zum verlassenen Dirndl. Endlich kam er zur Steinschlägerhütte. Sie war dunkel, daneben rieselte der Brunnen und in den Fichten rauschte der Wind. Er drückte mit der flachen Hand vorsichtig an die äußere Tür: sie wich lautlos zurück. Er stand im Gelaß und horchte. Es war ganz finster, er wollte aber nicht stolpern, ihr nicht einen Schreck einjagen, wenn keiner nötig ist. Ein Zündhölzchen strich er über den Oberschenkel: da ging ihm ein Licht auf, – aber was für eins! Auf dem Sitzbrett lagen Tornister, Gewehr und Bajonett ... Na also! So wird sie ja ohnehin bewacht. Den Augenblick, als der Wind lebhaft rüttelte an der Hütte, nahm er wahr, um die Sachen zusammenzuraffen; damit eilte er zur Tür hinaus, hastig hinan unter die Fichten. Der Mostführer war Soldat gewesen; in der Reserve stand er noch: so wußte er mit Waffen umzugehen. Den Federhut setzte er aufs Haupt, schob das Sturmband unters Kinn, hing die Bajonettscheide um; das Messer selbst steckte er an das doppelt geladene Gewehr. Die Handschellen öffnete er und hing sie bereit an den Riemen. So! Jetzt sind wir die Kreuzspinne, jetzt werden wir einmal Mücken fangen. Und Landwächter, und was überhaupt ins Netz geflogen ist. Er wieherte vor Vergnügen; der Spaß, den er vorhatte, war zu lustig! Der Mostführer in solcher Rüstung schlich an die Tür, in das Vorgelaß und klebte ein brennendes Wachszündstäbchen an den Gewehrkolben. So schlich er und pochte mit starker Faust an die innere Tür. Drinnen ein Gepolter. »Wer ist's?« kreischte eine weibliche Stimme. »Patroull' ist da!« rief der Mostführer, stieß die Tür auf und drang mit vorgehaltener Waffe ein. Der in Unordnung geratene Landwächter lachte zuerst überlaut, denn er glaubte, einen Kameraden vor sich zu sehen, der einen Scherz machte. Als er aber bemerkte, daß es seine eigenen Sachen waren, mit denen der Gegner anrückte, daß er es möglicherweise mit einem Wahnsinnigen oder gar Eifersüchtigen zu tun hatte, verging ihm das Lachen. Der Mostführer erklärte den Landwächter für verhaftet. Der wollte sprechen, der andere aber bedeutete kurz und fest: »Geredet wird nix. Wenn's dem Herrn nit recht ist, so druck' ich los.« Der Landwächter versuchte Einwände, wollte alles auf die spaßhafte Achsel nehmen; lauerte dabei auf einen Moment, sich der Waffe zu bemächtigen, was aber bei der Gewandtheit des anderen aussichtslos, ja gefährlich schien. Und als der Feind zu fluchen begann und immer wüster fluchte, fing der Landwächter zu bitten an. Dabei faltete er die Hände. Das war dem Mostführer just recht. Eine schnelle Schlingung, ein Einschnalzen der Feder, – und der arme Sünder war gefesselt mit seinen eigenen Handschließen. »Gut ist's!« sagte der Mostführer, als dieses Stück gelungen war und er ein frisches Kerzchen anzündete; »jetzt wollen wir uns gemütlich unterhalten. Nachher spazieren wir miteinander aufs Kreisgericht.« Die junge Steinschlägerin war nicht mehr da. Auf einen Augenblick hatte der Führer sie vorher gesehen, aber ohne das rote Tuch, das er kaufen wollte. Die Wollendecke hatte sie an sich gerissen, zum Loch hinaus war sie gewirbelt in die schützende Nacht, zweien guten Freunden auf einmal entkommen. Mit einem wehmütigen Seufzer hob der Mostführer seine Stimme und sagte zum Landwächter: »Also gehen wir!« Unterwegs wurde der Landwächter mehrmals aufgeregt und wollte die Offensive ergreifen. »Aber Bübel, was fällt dir ein!« beruhigte der Mostführer. »Den Most laßt man erst laufen, bis er gegoren hat. Ein bissel Buße tun! Und dir's auf längere Zeit merken, daß man anderen ihre Weibsbilder in Ruh' laßt!« Das könnte ich mir eigentlich auch selbst merken, redete jetzt vorlaut sein Gewissen drein, denn mich ginge sie, die da oben, weiter auch nichts an. »Da in meiner Westentasche steckt eine silberne Sackuhr,« sagte dann, milden Sinnes, der Gefangene; »sie gehört dein, wenn du mir meine anderen Sachen jetzt gibst!« »Du, das ist mir zu gefährlich!« lachte der Mostführer, »du könntest den Spieß umkehren.« »Ich versprech' dir...« »Das hilft nichts, weil ich's nicht glaub'. Am gescheitesten ist's, du machst flink voran, daß uns der Tag nicht ertappt, eh wir ins Stadtl kommen. Weißt, die Stadtfrauen sind neugierige Dinger. Die möchten's gleich wissen wollen, wer es ist, der in Strümpfen.« Also keine Rettung. Der Landwächter gab sich drein. Noch gibt's eine höhere Macht! Es war frühmorgens, als dem Kreisrichter, der beim Kaffee saß und Knaster stopfte, gemeldet wurde, der Landwächter habe wieder einmal einen aufgelegten Spitzbuben gebracht und sie täten warten draußen im Saal. Da ging der Richter sogleich hinaus, denn die aufgelegten Spitzbuben waren ihm noch die lieberen der Gattung. Der gefesselte Landwächter lauerte hingeduckt an der Wand, er erkannte ihn augenblicklich; der Mostführer in Waffen stand soldatisch da, legte seine Hand an die Schläfe und rapportierte: »Herr Kreisrichter! Ich habe in der vergangenen Nacht diesen Menschen bei jemandem gefunden, bei dem er nichts zu tun hat. Er hat was anderes zu tun als wie so was; und er hat einen Staatsmißbrauch begangen, Herr Richter! Und deshalb habe ich ihn abgefangen und eingeführt, daß er seine Straf' kriegt. Da ist er.« Der Richter war ein kleiner buckliger Mann mit grauem Schnurrbartbusch; er lachte immer fröhlich und war dabei ein gar gestrenger Herr. Alsbald durchschaute er die Angelegenheit. Den armen Sünder ließ er stehen, wie er stand, und verhörte ihn nicht, hingegen befahl er freundlich dem Mostführer, die Waffen abzulegen und sie dem Gerichtsdiener zu übergeben. Als dieses geschehen war, lachte der Richter und sprach: »Mir scheint, das ist ein schwieriger Fall. Du, der du den da gebracht hast, bist wohl der Landwächter! Dann ist der da, den du eingeführt hast, nicht der Landwächter, hat also keinen Amtsmißbrauch begangen. Du hast den Mann also unrechtmäßigerweise festgenommen und sollst deshalb gebührend gebüßt werden.« »Herr Richter!« antwortete der andere: »Ich bin nicht der Landwächter, sondern heiße Sebastian Grünauer und bin Fuhrmann zu Siedeldorf. Ich hab' den Landwächter abgefangen, weil er oben in der Wegmachershütte einen Amtsmißbrauch begangen hat, den ich nicht weiter zu sagen brauch', weil sich's der Herr Richter selber denken kann.« »Ich kann mir's denken« – der Richter lachte munter auf –, »aber ich denke halt auch etwas anderes, mein Lieber! Die Gesetzparagraphen sind mir augenblicklich nicht im Kopf, Sie werden schon entschuldigen: die Sache wird nachher ohnehin schriftlich gemacht. Wir stellen jetzt den Fall fest. Sie können sich niedersetzen, wenn Sie wollen. Tun's lieber stehen? Na, ist auch gesünder. Das Ding ist so: Wenn Sie nicht der Landwächter sind, sondern ein Fuhrmann, so geht Sie der Amtsmißbrauch des Landwächters nichts an. Sie haben den Mann gefesselt, also ihn an seiner freien Bewegung gehindert: Eingriff in die persönliche Freiheit; haben ihm auch gedroht: Vergehen gegen die persönliche Sicherheit. Strafbar. Sie haben einer Amtsperson den gebührenden Respekt verweigert, haben sich sogar an ihr tätlich vergriffen: Verbrechen der Auflehnung gegen die Obrigkeit, Verbrechen der Gewalttätigkeit im allgemeinen, der Gewalttätigkeit gegen ein behördliches Organ im besonderen. Strafbar. Sie haben dem Landwächter Kleidung, Waffen und so weiter weggenommen: Verbrechen der Entwendung persönlichen Eigentums, Verbrechen des Raubes landesherrlicher Gegenstände. Sehr strafbar. Sie werden also entschuldigen, Sebastian Grünauer, daß ich Sie ohne weiteres, unter Anwendung besonderer Milderungsgründe, zu acht Monaten Arrest verurteile. – Zu Hause alles wohl? Na, schön! ... Zetlischek, geben Sie dem Sternbacher seine Sachen, daß er sich zurechtbringt und den Mann gleich auf Nummer Sieben führen kann.« Als der Mostführer sich sehr bald darauf in dem wohlverwahrten schattigen Stübchen fand, war er just einmal verblüfft. Ich habe ja bloß einen Scherz getrieben, dachte er, und das vom Kreisrichter wird doch wohl um Gotteswillen auch Scherz sein! Als er aber nachher das schriftliche Urteil zu Gesicht bekam: »Im Namen Seiner Majestät« und mit dem großen Gerichtssiegel, da wurde ihm übel. Dann stellte er auf seiner Nummer Sieben – Zeit hatte er dazu – mancherlei Betrachtungen an und faßte Vorsätze, was er in seinem Leben nie wieder tun werde. Er werde sich nie mehr in etwas mischen, das nicht seine Pferde und Mostfässer betrifft. Er werde nie mehr einen weiten Weg gehen, um bei der Nacht eine Steinschlägerstochter zu beschützen. Am allerwenigsten aber werde er je noch einmal einen Landwächter vor den Richter schleppen. Im Wirtshause zu Ober-Abelsberg. Herr Christof war nach der Sommerfrische ein anderer, als er vor derselben gewesen. Er hatte sich erholt, Gott sei Dank, aber er hatte eine Gewohnheit mitgebracht, die seine Frau für ein Laster, seine Freunde für eine Tugend hielten. »Gib nur Zeit, ich werde mir sie schon wieder abgewöhnen,« sagte er zu seiner Frau; »die neue Lebensweise schlägt mir recht gut an,« sagte er zu seinen Freunden. Die Gattin wendete all ihre Mittel an, den Herrn Gemahl des Abends zu rechter Stunde nach Hause zu locken – ein leckeres Nachtmählchen, ein feines Glas Wein, ein gut durchwärmtes Zimmer und alle Vorzüge eines wohleingerichteten Schlafgemaches. Und es war doch vergebens. – Herr Christof blieb bei den Wirtshausbrüdern sitzen; er, der sonst der erste gewesen, der aufstand und nach Hause ging, wartete nun als der letzte, bis der Kellner höflich mahnen mußte, daß die Sperrstunde geschlagen habe. Das fiel seinen Mitgenossen selbst auf und sie fragten ihn einmal, worin die so vorteilhafte Änderung denn eigentlich ihren Grund haben möge: ob es die Unterhaltung sei, oder der Wein, oder schmeichelhafterweise die Gesellschaft, was ihn so sehr fessele. »Es ist bloß die Gewohnheit,« antwortete Herr Christof aufrichtig, »und ich gestehe es gerne, wie ich sie mir angeeignet habe. Kellner, noch eine kleine Flasche Nußdorfer!« »Ober-Abelsberg, wo ich, wie Ihr wißt, aus Gesundheitsrücksichten den Sommer zugebracht habe, ist ein großes Dorf, in dem noch die alte, landesübliche Gemütlichkeit herrscht. Am Abende kommen die Bürger, an Sonn- und Feiertagen auch die Bürgerinnen im Wirtshause zusammen; ebenso finden sich im Wirtshause die Sommerfrischler ein, und die Gesellschaft verträgt sich mitsammen in brüderlicher Heiterkeit. Meine liebe Frau, das wißt ihr, war in Linz bei ihrer kranken Mutter auf Besuch; so ließ sich für mich das Wirtshaus nicht umgehen. Und ich hatte es – dank meiner Selbsthilfe – auch kaum zu bereuen. Schon am ersten Tage wurde ich mit den Wirtshausbesuchern vertraut, sie kamen mir so treuherzig entgegen, boten mir in uneigennütziger Weise ihre Dienste und verschiedenerlei Vorteile; der Kaufmann stellte mir Wasser von seinem besonders guten Hausbrunnen zur Verfügung, der Schmied seine schattige Gartenbank, der Zimmermeister seinen Wald zum Spazierengehen, der Amtsschreiber sein Konversationslexikon, der Wirt Küche und Keller, der Bürgermeister sein Roß und Wagen, der Schulmeister seinen Feldstecher, der Sattlermeister seine Tochter. Für letztere hatte ich als Ehemann höflich zu danken. – Alles, was mein Herz verlangte, war da. Gerne stießen sie mit mir die Gläser an: Auf gut Freund! Und wahrlich, ich fühlte mich wie unter Brüdern. Trotzdem wich ich von meiner Tages- oder vielmehr Nachtordnung nicht ab; wie gewohnt, mit –« »Mit dem Schlage neun zahltest du deine Zeche und gingest.« »So war es. Ich gratulierte mir aber zu dem gemütlichen Kreise, den ich gefunden, und des anderen Abends saß ich zeitlich wieder im Wirtshause. Alles empfing mich, wie einen alten Freund, und der Kaufmann sagte, daß sie gestern nach meinem Fortgehen noch lange von mir gesprochen hätten. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt. An diesem Abende ging's noch unterhaltlicher zu, als am ersten; ein Handelsreisender war da, der erzählte allerlei Späße; ein Professor aus Wien, ein in weiten Kreisen berühmter Mann, hatte um seinen Tisch eine Runde von dankbaren Zuhörern gesammelt, denen er in seinem wissenschaftlichen Eifer populäre Erörterungen über Wald und Feld, Wasser und Erdreich hielt; Schätze verschwendete er in seinen Worten, alles war Ohr, und der Ortsschreiber, ein kleines, weißköpfiges Herrchen, wackelte in einem fort zustimmend und sehr begreifend mit dem Kopfe. Bei einem anderen Tische wurde gesungen und der Herr Kurat wußte Schelmenliedchen. Der Professor aus Wien mochte gewohnt sein, nicht länger als eine Stunde zu dozieren. Er war der erste, welcher sich nach allen Seiten verneigend höflich empfahl und nach Hause ging. »Gimpel!« sagte der Ortsschreiber, »als ob es unsereiner nicht schon längst wüßte, und Gott sei Dank gründlicher wüßte, was der als funkelnagelneu aus der Stadt zu bringen glaubt. Man hat auch studiert.« »Und wie verzwickt er dabei geschaut hat,« redete ein anderer, »wie er bei seinem Predigen nach Luft geschnappt hat! Ich habe fortweg gefürchtet, er beißt sich in die Nasenspitze.« Gelächter. »Tun tut er, als wie wenn er weiß was für ein hochgelahrter Mann sein tät,« bemerkte ein dritter, »Rektor und Direktor!« »Und Hektor!« warf vom nächsten Tische her der Schneider ein. Gelächter. Nun nahm der alte Ortsschreiber das Wort, und um den Leuten zu zeigen, wie ein ganz anderer Kerl er sei, als so ein Professor, begann er nicht bloß über Wald und Wiese, Wasser und Luft, sondern auch über Philosophie und Politik ein Langes und Breites zu salbadern, was den Zuhörern sehr zu imponieren schien. Kaum war er jedoch aus der Stube, so beglückwünschte sich der ganze Tisch, daß der alte Kannegießer endlich einmal fort sei, nannte ihn einen eingebildeten Maulhelden und Windbeutel, der seine ganze Gescheitheit mit alten Scharteken und mit Zeitungsblättern nähre. Mittlerweile schickte sich unter allgemeinem Bedauern eine Frau Hofrätin an, nach Hause zu gehen. Man bestürmte sie, noch zu bleiben, da man sich bei ihren munteren Gesprächen so einzig unterhalte. Als sie sich aber trotzdem freundlich verabschiedete, küßten ihr mehrere der Herren die Hand und bekomplimentierten sie in liebenswürdigster Weise. Als sie fort war, stockte die Unterhaltung. »Hätte sie doch einer nach Hause begleiten sollen, die Frau Hofrätin,« sagte der Kaufmann. »Die wohl Hofrätin, die!« äußerte der Wirt, »ihre Zeche sieht nicht danach aus. Da gehen so Leute auf das Land, um groß zu tun und zwicken sich um jeden Kreuzer die Fingernägel stumpf.« »Wahr ist's!« bestätigte der Greisler, »der war anfangs bei mir der feine Emmentaler zu schlecht, heute kauft sie nichts als Quargl, weil er wohlfeiler ist.« »Bei mir hat sie's mit Zucker und Kaffee genau so gemacht,« rief der Kaufmann. »Kommt nur der Herr Hauptmann wieder auf Besuch,« bemerkte der Tischler, »da wird sie schon ausrücken!« »Ich vermein', die rückt schon beim Leutnant aus!« sagte der Zimmermeister und lachte seinen Witz selbst zu Grabe. Denn die anderen lachten bereits wieder über was anderes, über irgendeinen Hohn, den man auf irgendeine abwesende Persönlichkeit gemünzt hatte. – Bei solcher Unterhaltung war es im Fluge dreiviertel Zehn geworden. Fast mit Gewalt mußte ich mich von meinen lieben Zechgenossen losreißen; sie blieben alle noch sitzen – Leut' ausrichten. Am nächsten Abend scharten sie sich wieder in anhänglichster Weise um den Professor, um die Frau Hofrätin, auch der alte Schreiber war wieder in Ehren und die Herrschaften waren stets neu entzückt von der gutmütigen Zutunlichkeit und Offenheit der Leute. Kaum sie aber wieder fort waren, begann derselbe Tanz über die Abwesenden, wie gestern. Ich blieb instinktmäßig sitzen, noch länger, als den Abend zuvor. Der Kaufmann entfernte sich; da witzelte man über den Schacherer und Pfennigfuchser, über seinen guten Profit und über seine schlechte Ware. Der Agent war fort; da sprach man von seiner Geckenhaftigkeit und von seinen Schulden. Der Kurat war fort; da machte man sich lustig über seine Schnaderhüpfeln, er solle sie lieber daheim der Köchin vorsingen. Den Schneider hatten sie gehalten, so lange als möglich, hatten sich begastet an dem von ihm in Jubel aufgetischten Wein; nun war er fort, da besprachen sie im Tone mitbürgerlicher Teilnahme, wie es für den Mann weit vernünftiger wäre, er täte für seine Familie, die zu Hause am Hungertuche nage, ein Stück Rindfleisch kaufen, als das Geld im Wirtshause verjuxen. Schon war es elf Uhr, aber immer noch war so viel Publikum versammelt, daß es mir gewagt schien, die Stube zu verlassen. Ein mutiges Aufraffen, ein kühner Schritt vor die Tür; doch lange, und als ich schon im Bette lag, immer noch fühlte ich es heiß und kalt über meinen Rücken laufen, als ob, wie man sagt, der Tod übers Grab schritte. – Am nächsten Tage ging ich freilich wieder ins Wirtshaus, weil mir erstens das Abendessen und zweitens die Gesellschaft Bedürfnis war. Aber je öfter ich sah und hörte, wie man mit den Fortgegangenen und den Abwesenden umsprang, wie die scharfen Lästerzungen jedes gute Haar an ihnen wegrasierten, daß sie reine Schelme wurden – je weniger konnte ich mich zum Nachhausegehen entschließen. Wenngleich ich mich an dem Wettkampfe im Verlästern und Ehrabschneiden weder beteiligte noch demselben Einhalt zu tun versuchte, so hütete ich durch meine Anwesenheit doch wenigstens meine Person und deren Reputation. Bei solchem Wachtdienste trank ich selbstverständlich einen Schoppen um den andern, sah und hörte einen um den andern scheiden und ausläuten, und blieb und blieb, bis ich der letzte war im Wirtshause, oft spät nach Mitternacht. Auch dem Wirte und der Kellnerin traute ich noch nicht, hielt daher aus, bis eins um das andere in einem Winkel eingenickt war. Nun erst sprang ich leichten Herzens auf und floh vermittelst der Zehenspitzen zum Tempel hinaus. – Und auf solche Weise, meine lieben Freunde, habe ich mir's angewöhnt, bis spät in der Nacht im Wirtshause zu sitzen. – Und als der letzte darin oblag es selbstredend mir, hiermit alle anderen ausgerichtet zu haben. Der Abelsberger Volksmann. Sein Name ist Johann Häfenpfeifer. Er wird – sagen seine Freunde – genannt, so weit die deutsche Zunge reicht. Er pflegt Volksversammlungen zu veranstalten, um wirtschaftliche Fragen zu besprechen, aber sein feuriger Geist bleibt bei den armseligen Bauern- und Krämerangelegenheiten nicht lange stehen, mit einem graziösen Salto mortale springt er kopfüber in sein Element, in die große Politik hinein, in der er anfangs munter umherplätschert, allmählich aber mit Händen und Füßen so gewaltig dreinzuhauen pflegt, daß Wellen schäumen, die Gischten hoch aufspritzen und ein recht niedlicher Sturm zustande kommt. Die Versammlung ist begeistert, hingerissen. In Ober-Abelsberg hat Johann Häfenpfeifer einen politischen Verein »Fanfaria« gegründet. Der Name ist viel zu bescheiden, der Verein könnte »Weltsteuerrad« oder »Generalkompaß« oder »Völkergericht« oder »Nationaler Regulator« heißen. Der Verein »Fanfaria« zu Ober-Abelsberg besteht zwar nur aus fünfunddreißig Mitgliedern; lauter schlichte Leute, aber lauter Patrioten, gesiebt-nationale und politische Hellseher. Eine so edle Uneigennützigkeit wird man nicht bald anderswo finden, als in der »Fanfaria«; die Mitglieder lassen ihre eigenen Geschäfte verlottern, ihre Wirtschaften zugrunde gehen, ihre Familien verkommen, um ganz und voll – wie der technische Ausdruck lautet – ihrem Volke zu leben. Und nicht etwa nur in Phrasen leben sie für ihr Volk, nein, sie greifen tatsächlich ein und stellen in den Bewegungen der Nation sozusagen den Regulator dar. Der Verein »Fanfaria« zu Ober-Abelsberg teilt nämlich nach allen Seiten des öffentlichen Lebens hin Vertrauens- oder Mißtrauensvoten aus. Eine landwirtschaftliche Gesellschaft Deutschlands faßte vor einiger Zeit eine Resolution gegen die Annahme der Steuererhöhung. Sie erhielt eine Vertrauensadresse von der »Fanfaria«. Die Adresse war ein merkwürdiges politisches Memorandum, in welchem die Erhöhung der deutschen Wehrkraft und die Verringerung der Steuern befürwortet wurde. Die Abelsberger Logik ist schon so. Ein Reichsratsabgeordneter hielt eine Rede über die Notwendigkeit der Flußregulierungen in den Alpen. Der Verein »Fanfaria« erteilte ihm ein Mißtrauensvotum, weil er in seiner Rede nicht gegen die Juden polemisiert hatte. Einer Zeitung schickte der Verein »Fanfaria« das Mißtrauensvotum, weil sie anstatt Schriftleitung immer noch das ketzerische Wort: Redaktion gebrauchte. Einem Schneidermeister sandte der Verein »Fanfaria« eine Belobungsadresse, weil derselbe unter der Rechnung für seine Kunden zu schreiben pflegte: »Mit germanischem Gruß saldiert Wenzel Czéchiczek.« Als Bismarck das Septennat verlangte, ward ihm die Auszeichnung, von dem Vereine »Fanfaria« in Ober-Abelsberg mit einem warmen Vertrauensvotum bedacht zu werden. Hingegen ein Mißtrauensdekret dem deutschen Kronprinzen, als der auf seinem Landgute die Garteneinplankungen braun und nicht schwarz-weiß-rot anstreichen ließ. »Euere kaiserliche Hoheit!« hieß es in dem wackeren Schriftstück, »Das große deutsche Volk wendet sein Auge voll Zuversicht den Stufen des Thrones zu. Wie, wenn dort anstatt der herrlichen Farben der Hohenzollern maikäferbraune Gartenplanken stehen? Wohin soll das führen? Soll es dann ein Wunder sein, wenn der nationale Geist wieder erblaßt? Wir beschwören Euere kaiserliche Hoheit usw.« Der Vereinssekretär der »Fanfaria« las keine Zeitungsnummer, ohne sich aus ihr Vorfälle des In- und Auslandes anzumerken, die mit Kundgebungen zu bedenken wären. Natürlich der französischen Regierung ein Mißtrauensvotum, als sie Belfort befestigte, und dem Papst ein Mißtrauensvotum, als er friedenvermittelnd sich für die Sache der deutschen Regierung entschied. Und wenn dann solche Kundgebungen gar in den Blättern verzeichnet standen, da hüpfte jedem Mitgliede vor Stolz das Vereinsherz. Man muß sagen, der politische Scharfblick der »Fanfaria« war so weitreichend, daß ihm kein anderer zu folgen vermochte. Man hörte auf den von ihr veranstalteten Wanderversammlungen viel Neues, und wenn Gevatter Böttcher oder Sensenschmied sprach, da eröffneten sich oft ganz ungeahnte Perspektiven in di« politische Zukunft. Daher waren solche Versammlungen auch stets so gut besucht, daß einmal ein berühmter Komiker, der zu gleicher Zeit in der Stadt gastierte, leere Häuser sah, während die Bierhalle der »Fanfaria« die andrängende lachfrohe Menschenmenge kaum fassen konnte. Nur wenn der Vereinsobmann, Herr Johann Häfenpfeifer – den Humpen Bier zu Händen, im Munde die Zigarre – sprach, hörte man nichts Neues, hingegen wurden die alten Schlagworte und Sprüche mit so oppositionsgewaltiger Wucht hingeworfen, daß es eine Freude war. Nebstdem war Häfenpfeifer ein sehr jovialer Mann. Jedem, an dem er vorbeikam auf seinem Wege zu und von der Tribüne, drückte er die Hand, oder klopfte ihm wenigstens auf die Achsel. Es sind die Wahlen vor der Tür. »Ja, ja,« sagte einer der Bürger, »wie ich höre, soll das Reichsratsgebäude einen unsinnig großen Saal haben, da muß einer sein, der reden kann! Der eine Stimme hat! Ein Zwitscherer tut's nicht in so bewegter Zeit!« Da war aber ein Zeitungsschreiber – eine niederträchtige Schreiberseele! – Der ließ drucken: Man solle sich den Mann nur einmal näher ansehen, ob einer, der nicht einmal sein eigenes Haus aufrecht zu halten wisse, für das Allgemeine wirken könne? Ob ein Mensch, der seine Familie vernachlässige, ein Herz für sein Volk haben könne? Ob ein Wühler und Hetzer auf den Frieden und das Gedeihen seiner Nation hinarbeite? Ob dieser Johann Häfenpfeifer nicht am Ende ein eitler Tropf wäre? – Man mag sich vorstellen, was auf solches hin dieser Zeitungsschmierer von dem Vereine »Fanfaria« für eine Adresse erhalten hat. Bei der Wahl erhielt Johann Häfenpfeifer von dem halben Tausend Wählern fünfunddreißig Stimmen, weil auch seine eigene. Nun begann er zu grollen gegen die Undankbarkeit des Vaterlandes. Er fand diesen Boden nicht mehr wert, daß selbiger den großen Patrioten Johann Häfenpfeifer trage, und er wanderte aus. Aber nicht für immer, das sagte er wohl, er gehe ins Reich hinaus, um dort für die nationale Sache Propaganda zu machen, er gehe, um den deutschen Brüdern zu klagen, wie armselig es bestellt sei in seinem Vaterlande, und er wolle mit mächtigen Verbündeten wiederkehren und siegen. In B., einer norddeutschen Provinzialstadt, ließ er große Plakate anschlagen: Johann Häfenpfeifer werde eine öffentliche Rede halten über die politischen Zustände Österreichs. Zur selben Zeit hatte die Stadtverwaltung von B. von dem Vereine »Fanfaria« zu Ober-Abelsberg eine stilvolle Zustimmungsadresse erhalten darüber, daß B. die schöne Stadt, ein Schoßkind der Germania, edeln Patrioten ein gastliches Asyl bereite. Der Rat ließ in Karten und geographischen Werken nachschlagen, ohne Ober-Abelsberg zu finden, bis der gelehrte Archivarius erklärte, Ober-Abelsberg sei nur ein Deckname für Schildbürg, und die Zuschrift sei als munterer Gruß von den weisen Schildbürgern zu betrachten. Nicht besser als dem Rate erging es den guten Bewohnern von B., sie durchblätterten alle Lexika, alle etwaigen Verzeichnisse der Staatsmänner, Redner und Volksvertreter des In- und Auslandes, der Name Johann Häfenpfeifer war nicht zu finden. Die angekündigte Rede konnte wegen Teilnahmslosigkeit des Publikums nicht abgehalten werden. Nun ließ Häfenpfeifer sich in einen nationalen Verein von B. eintragen und für eine nächste Versammlung erbot er sich, in dem Vereine eine Rede über die politischen Zustände Österreichs halten zu wollen. Natürlich mit Dank angenommen, denn für das schöne alte Österreich haben die Reichsdeutschen stets ein Herz. Die Versammlung tagte, Häfenpfeifer wurde mit großer Zuvorkommenheit behandelt, und als er fest und ernst die Rednerbühne bestieg, war alle Aufmerksamkeit der zahlreichen Anwesenden auf ihn gerichtet. Der Redner begann mit einem Appell an die deutsche Nation. Dann ging er auf die Zustände Österreichs über und machte dabei das einemal eine geringschätzige, das anderemal eine tiefbekümmerte Miene, rang auch gelegentlich die Hände, als flehe er um Hilfe. Bittere Klagen führte er über die Fahrlässigkeit der Deutschen, die sich lieber mit Ackerbau, mit Eisennägelfabrikation, Leinwebern und Ledergerben beschäftigten, als mit politischen Taten. Bittere Klagen gegen die katholische Kirche, welche gegen die deutsche Nationalkirche stets Front mache. Von feisten Pfaffen und leckeren Nönnlein war die Rede, die parasitenartig ... In der Versammlung war ein Zischlaut zu hören. Was ist das? Mitten im katholischen Österreich ist derlei stets hell bejubelt worden, und hier im protestantischen Norden? – Der Redner fuhr fort und führte bittere Klagen gegen die österreichischen Schulen, die immer noch den Patriotismus von dazumal vorbeteten; bittere Klagen gegen die österreichischen Schriftsteller und Dichter, welche lau gegen die nationale Idee einen ekeligen Humanitätsdusel trieben, als lebe man noch zur Zeit Lessings und Goethes; leidenschaftliche Klagen gegen den Beamtenstand, welcher kriecherisch seine habsburgische Stefansturmpolitik ... Der Redner wurde unterbrochen. Ein Mann des Gesetzes, mit der preußischen Mütze auf dem Haupte, war aufgestanden und erklärte nun mit einer ganz eigentümlichen Schneidigkeit, er könne den Sprecher in diesem Tone nicht fortfahren lassen. Johann Häfenpfeifer hatte es sonst geliebt, bei seinen Reden die Polizeiorgane zu provozieren; ein Ordnungsruf im Namen des Gesetzes hatte seinem Esel erst den richtigen Sattel aufgesetzt. Aber heute, an dieser Stelle und in diesem Lande, erschrak er vor dem Polizeiorgane so sehr, daß er den Faden seiner Rede verlor. Er tappte eine Weile herum, erwischte noch einige Phrasen von nationaler Größe, von politischer Verbrüderung usw., in denen er seine sonore Stimme kräftig auftönen ließ. Keine Hand rührte sich zum Beifall, als er geendet hatte. Stark verblüfft stieg er von der Tribüne, und um seinen Platz, wo er beim Glase Bier nun saß, blieb es öde. Nur ein mitleidiger Kandidat der Theologie trat zu ihm heran und fragte, ob er nicht erschöpft sei? Es scheine der Saal nicht besonders akustisch zu sein. Der wohlwollende Kandidat erhofft für diesen Samariterdienst einen Sitz im Himmel. Nun bestieg der Vorstand des Vereins die Tribüne und sagte: »Indem ich dem Herrn Häfenpfeifer für seinen Vortrag höflich danke, wollen wir zur Tagesordnung übergehen.« Das war alles. Herr Häfenpfeifer machte sich bald unauffällig davon, seine heutige Tagesordnung war ein rasender Ärger, bis der gute Morpheus ihm die Augen schloß. Am nächsten Tage stand in dem K. Regierungsblatte von B. gelegentlich des Referates über die Versammlung des nationalen Vereines: »Die nun erfolgte Rede eines Herrn J. Häfenpfeifer aus Österreich glauben wir nicht ernst nehmen zu sollen. Der Mann hat sich so wütig ins eigene Nest gespuckt, daß auf den Gesichtern der Zuhörerschaft nachgerade ein mitleidiges Befremden zu sehen war. Wahrlich schlecht stünde es um das deutsche Volk, wenn es viele solcher Individuen unter sich hätte, die ihre Lebensaufgabe darin erblicken, alle Autoritäten ihres Vaterlandes zu beschimpfen und zu verhöhnen. Wir ehren gewiß die heutigen schweren Sorgen der Deutschen in Österreich, wir freuen uns des deutschen Bewußtseins, das in ihnen erwacht ist, wie wir geloben, unsere deutschen Brüder in der Not nicht zu verlassen, aber mit einem Renegatentum schließt der Deutsche keinen Pakt. Nun ist Herr Johann Häfenpfeifer wieder heimgekehrt nach Ober-Abelsberg. Er spricht nicht mehr soviel wie früher, am wenigsten von seinen politischen Erfolgen in Deutschland. Die »Fanfaria« teilt nach wie vor ihre Kundgebungen aus und hat erst vor kurzem in einem energischen Schriftstück den Rothschild aufgefordert, sofort nach Jerusalem zu übersiedeln, widrigenfalls usw. – Auch derlei Schrullen zeitigt das erregte politische Leben eines Volkes. Ihr Fluch liegt in ihrer Lächerlichkeit und es ist besser, wir selbst sehen und brennen diese Schäden an unserem Fleisch, als daß es der Feind tue. Der Johann Häfenpfeifer merkt zwar nichts. – Guten Abend! Der Beinbrucharzt zu Abelsberg. Na, da kann die heilige Margareta eine Freude haben, wenn an ihrem Namensfeste zu Ober-Abelsberg allemal einer erschlagen wird. Was willst du denn? Ist ja keiner erschlagen worden diesmal, nur den Fuß haben sie dem Fleischhauer gebrochen, oder vielmehr er sich selber, als er zur Tür hinausflog auf den Antrittstein. Das ist ja genug! sagt ihr in eurer Bescheidenheit. »Das ist zuviel!« ächzt der Fleischhauer, »den Steffel ruft mir, ihr lieben Leut', ihr guten Leut', den Steffel!« wimmert er. Ach Gott, wenn ein Fleischersmann so wimmert, der sich vor keinem Blute fürchtet, falls es nicht aus seinem eigenen Leibe rinnt! Soll's doch von seinen Ochsen lernen, ein Fleischer, wie man hinfällt, wenn man getroffen ist, und weiters kein Aufhebens macht. Aber ein Aufhebens muß man diesmal doch machen, denn liegen lassen kann man ihn nicht, den Fleischhauermeister Falent. Also den Steffel! Den Beinbrucharzt! Als sie den Fleischer in sein Haus tragen, erheben im Stalle die Kälber ein flöhlich Geplärr, aber ihre Mutter, die Kuh, brummt: »Halt's die Mäuler, dumme Vieher, um den Steffel ist geschickt. In drei Wochen ist der Satan wieder auf den Beinen.« Mittlerweile kommt der Bote: »Mit dem Steffel ist's nichts. Der Steffel ist eingesperrt.« »Jesses! na, was hat er denn angestellt?« »Beinbrüche hat er geheilt!« »Dodl, das ist ja nichts Schlechtes.« »Und den Doktor hat er geschimpft. Und hat ihn der Doktor einsperren lassen.« »Weil er geschimpft hat?« »Weil er Beinbrüch' geheilt hat. Ehrlich wahr auch, Beinbruchheilen, das ist verboten, das dürfen nur die Geprüften.« »Aber; Halbesel du, wenn sich einer gach das Bein bricht, da hat der Steffel nicht erst Zeit, sich prüfen zu lassen.« »Deswegen soll man zum Doktor gehen, sagt der Doktor. Der Doktor ist schon geprüft, sagt der Doktor.« »Oh! – oh! – oh! die Schmerzen!« wimmert der Meister Falent. »Kein Knochen kann mehr ganz sein,« klagt der Meister, »alles wackelt, ach!« Jetzt was ist zu machen? den Doktor holen? »Tät' ich nicht,« sagten die Nachbarn, »der Doktor hat's aus den Büchern. Mit dem Kopf wird er's gut können, das Beineinrichten, aber mit der Hand, das ist eine andere Frage. Und woher denn? Er hat ja keine Gelegenheit, daß er sich übt. Jeder, der sich was bricht, braucht den Steffel.« »So ist's,« sagt ein anderer. »Nachher das auch: die Doktoren tun soviel gern studieren, jeder will selber was profitieren bei so einem Fall, wenn's auch weh tut, das macht nichts, leiden tut's ja der Kranke und dafür ist er krank.« »Ich will nicht sagen, daß sie's nicht können, die Doktoren, das will ich nicht sagen,« rief wieder ein anderer drein, »nach der alten Weis' einen Fuß einrichten, das ist ja keine Kunst. Aber sie tun herum, ob's nicht auch nach einer neuen Weis' ginge. So was muß man ja auf verschiedene Art machen können; der Mensch lernt nicht aus, und auf die Wissenschaft muß man denken, heißt's. Und nachher ist's nichts nutz und muß es doch wieder frisch gebrochen werden, das Bein, wenn ein ordentlicher Beinbrucharzt dazukommt. Na, na, zu einem Probierstein ist gerad' nicht jeder Mensch hart genug.« »Wo sitzt er denn, der Steffel?« schrie der Fleischhauermeister in heller Verzweiflung. »Im Gemeindekotter.« »Meine Gesellen sollen gehen, die Schlaghacken mitnehmen, den Kotter aufsprengen.« »Nachbar, das geht nicht,« mahnte der Bachelwirt, »aber ich weiß was anderes. Mit dem Richter bin ich gut bekannt. Ist ein kamoder Herr. Kannst auch einmal ein feistes Schweindl springen lassen zu Weihnachten oder so. Wird ihn gefreuen. Ich schicke hinüber. Wastel, geh' her, da hast einen Sechser. Lauf' eilends zum Herrn Richter nach Abelsberg. Ich und der Herr Fleischhauermeister lassen ihn bitten, er wollt' uns den Steffel auf ein Stündel herüberlassen, nur auf ein Stündel, der Herr Falent hätt' Unglück gehabt, und wir täten – na wart', bleib' da, ich muß schon selber gehen, wird gescheiter sein. Nur nicht verzagt sein, Nachbar, ich bring' den Steffel. Dieweilen alles herrichten. Das Bett in die Mitten von der Stuben rücken, Weiberleut'! auch ein paar Stricke werden wir brauchen. Behüt' Gott, werden bald da sein.« Der Richter ist beim »Goldenen Fuchsen« auf dem Scheibenschützenstand. Der Ober-Abelsberger Wirt brauchte sich nicht zu ducken, er trifft auch mitunter ins Schwarze – besonders wenn er die Zechschulden der Abelsberger Bürger an die Tafel kreidet. Aber heute schleicht er so wunderlich an und läßt durch die Kellnerin den Herrn Richter bitten – nur auf ein paar Wörtel. »Was gibt's Neues, lieber Bachelwirt!« so der Richter. Der Wirt winkt ihn so ein wenig abseits gegen die Linde. »Ein großes Gebitt!« hebt er an und trägt sein Anliegen vor. »Bei einem Raufhandel!« »Wo sind denn die Gendarmen wieder?« brauste der Richter auf. »Ein Beinbruch!« »Und dann allemal zum Richter, zum Richter. Der Richter kann das Krumme nicht gerad' machen.« »Ist nicht krumm, ist ganz ab.« »Haben Sie ihn schon?« »Liegt elendiglich dahin.« »Ob sie den Raufbold schon haben?« »Das weiß ich nicht. Der tut jetzt auch nicht weh. Aber das Bein soll so höllisch weh tun. Wir bitten um den Beinbrucharzt.« »Habe ich Beinbruchärzte?« lachte da der Richter grell auf. »Einen hat der Richter, einen hat er. Und recht gut aufgehoben. Nur auf ein Stündel Urlaub, wenn der Steffel Zeit hätt'.« »Aber zum Teufel!« sagte der Richter, »ein Beinbruch, da geht man zum Doktor.« »Ist nicht daheim,« log der Bachelwirt, »soll erst abends heimkommen. Solang' kann aber der arme Meister unmöglich warten, unmöglich! Der Fuß schwillt auf, unterlauft mit Blut, ist nachher nichts mehr zu machen. Kunnt ein Krüppel bleiben auf sein Lebtag.« »Ja, mein Gott! Ihr werdet einsehen, daß man einen Arrestanten nicht auslassen kann, und schon gar nicht, um ihn wieder etwas vollführen zu lassen, weswegen er abgestraft ist.« Faßte der Bachelwirt den Richter sachte am Arm und sagte leise: »Wir wissen es alle miteinander. Der Kurpfuscherei wegen wird der Steffel nicht eingesperrt. Beinbruchdoktorn tut er und hat er dabei wohl mehr Gutes gestiftet als wie Schlechtes! Wohl mehr Gutes! Von weitum laufen die Leut' zu ihm zusammen. Soll ihm ja nächstens ganz und gar erlaubt werden, sagt man.« »Mag sein, mag alles sein,« wehrte der Richter ab. »Mit Verlaub,« fuhr der Wirt fort, »der Steffel sitzt, weil er den Doktor hat geschimpft. Und soll sitzen. Soll sitzen, solang' er will. Nur für das Stündel, für das einzige Stündel! Es ist eine Freundschaft, die wir Ober-Abelsberger dem Herrn Richter nie vergessen werden.« »Wer bürgt mir denn, daß er wieder zurückkommt?« fragte der Richter. »Ich, Herr Richter, ich! Mit meinem Kopf, mit meinem ganzen Haus, mit Küch' und Keller, Herr Richter, das Faß Kerschbacher, ich nehm's nicht aus. Der Fleischhauer bürgt auch mit was, ich weiß es. Und wenn ich ihn am Strick muß führen, ich bring' ihn wieder.« »Es ist schwer zu verantworten –« »Wenn er ihn nur schreien kunnt hören, der Herr Richter, den armen Teufel! Es geht einem durch Mark und Bein.« »Schwer zu verantworten für einen Richter –« »Nicht Richter! Nicht Richter diesmal, Herr Richter. Diesmal nur Mensch, der helfen kann, der helfen will und niemand davon einen Schaden hat. Ich weiß es gewiß und ich habe gesagt: ich geh' nicht umsonst, hab' ich gesagt. Zu unserem Richter geht man nie umsonst, wenn man in der Not ist, der hat nicht allein den Kopf, hab' ich gesagt, der hat auch das Herz am rechten Fleck.« Der verstand's, der Bachelwirt! Der Richter war gerührt, und um das zu verbergen, schrie er nun fast wild auf: »Aber ohne Gendarm laß ich den Kerl nicht fort!« »Vergelt's Gott!« antwortete der Wirt. Bald darauf sind drei Männer gen Ober-Abelsberg gezogen, voran der Bachelwirt, hinten der Landsknecht mit dem aufgepflanzten Spieß, in der Mitte ein kleines, nach vorne geneigtes, raschtrippelndes Männlein, machte zwei Schritte, so oft der Gendarm einen tat. Das war der Steffel. Seines Zeichens ein Kleinhäusler und Schuhmacher, hatte er mit dem menschlichen Fuß nähere Bekanntschaft gemacht, hatte es vom Schusterpech zum »Dürrband« (Harzpflaster) gebracht und war – er wußte selbst nicht wie – auf einmal Beinbruchrichter. Mit einem Pferd hub er an, er richtete das gebrochene Bein soweit her, daß es zum Schinder gehen konnte, da sagten die Leute, der Steffel kann Beinbruch heilen. Er vervollkommnete sich auch bald in dieser Kunst, aber so recht kam er erst ins Zeug, als er die Tochter eines alten »Beinbruchdoktors« heiratete, die ihm als Heiratsgut die Wissenschaft und die Werkzeuge zum »Doktorn« mitbrachte. Er war froh, das Schusterhandwerk auf den Nagel hängen zu können, weil ihm – wie er sagte – das Sitzen nicht guttue. Und jetzt auf einmal ein solches Sitzen! Es ist leicht zu glauben, daß der Steffel über den Spaziergang nach Ober-Abelsberg vergnügt war. Er nahm die Fahrgelegenheit des Bachelwirtes nicht an, er wollte ein wenig Bewegung machen und als Märtyrer vor dem Gendarmen hergehen, und daß ihn, den wegen Kurpfuscherei Eingenähten, jetzt der Gendarm zu einem frischen Beinbruch hinführen mußte, das war doch auch was wert. Mittlerweile war beim Fleischhauer die Krippenurschel geholt worden, ein kümmerliches Weibsbild, das aber Krankheiten abbeten und Wunden beschwören konnte. Sie hockte vor dem bloßen Fuß, den ihr der Fleischhauer vom Bett unter der Decke heraushielt, machte darüber mit dem Daumen fortwährend Kreuzzeichen und sprach: »Beinbruch, ich segne dich auf diesen heiligen Tag, daß du wieder wirst gerad' bis auf den neunten Tag, wie es Gott Vater, Sohn und heiliger Geist haben mag. Heilsam ist diese gebrochene Wunden, heilsam ist dieser Tag, da Gott der Herr geboren ward. Jetzt nehm' ich diese Stunde, stehe über diese gebrochene Wunden, daß diese gebrochene Wunden nicht soll schwellen im Namen Gottes Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« Jetzt traten sie ein. Das erste war, daß der Steffel mit seinem grämigen Gesichte – es war im Kotter nicht holdseliger geworden – sich in die Runde wendete, zu sehen, ob alles vorhanden. Verbandzeug, Stricke, »Eisenklampfen« und starke Männer. Was nicht da ist, das soll gebracht werden! – Dann zog er sein blaues Blusel aus und streifte an den Armen das Hemd auf. »Die Schmerzen hätten nachgelassen, Gott Lob und Dank!« bofelte die alte Krippenurschel. »Den Teufel haben sie nachgelassen!« knirschte der Fleischhauer. »Nein! nein!« begehrte die Alte jetzt plötzlich auf und versteckte ihre runzeligen Hände unter die Schürze, denn die Fleischhauermeisterin wollte ihr eine Gabe auf die Hand legen. »Ich nehm' nichts! Ich darf nichts nehmen! Das tät' nicht helfen, wenn ich was wollt' nehmen! Um Gotteswillen muß es sein, sonst tät's nicht helfen! Ein andermal, wann mir die Frau Mutter was will schenken.« Dann humpelte sie mühsam über die Türschwelle hinaus. »Werden wir halt die G'schicht' angeh'n!« sagte der Steffel mit einer scharfschnarrenden Stimme, stellte sich ans Bett und begann das nackte Bein zu betasten und zu kneten. Der Kranke rief alle Heiligen an vor Schmerz. »Nur aushalten, Falent,« mahnte sein Weib, »jetzt ist der Steffel da, jetzt wird's bald besser sein. Ist vielleicht eh nur angesprengt.« »Die Eisenklampfen an die Wand schlagen!« befahl der Steffel. Es geschah, vier handfeste Bursche waren in Bereitschaft. Kienspäne und Schindeln wurden hergerichtet zum »Spanen«, auf einen Leinwandfleck wurden Salben gestrichen. »Die Weibsbilder sollen hinausmachen!« verordnete der Steffel, »dieweilen ist für sie nichts zu schaffen da!« Der Gendarm ging, den Raufbold zu suchen, der den Fleischhauer so unfein hingelegt hätte. Und jetzt wies es sich, es war's keiner. Der Mann muß sich rein selber niedergeworfen haben. Mittlerweile wurden dem Armen um den Leib und um die Beine feste Stricke gebunden. Diese Stricke hatten schon ihre Probe abgelegt bei den stärksten Rindern. »Nachher tun sie's,« hatte der Steffel gesagt. »Jetzt hinstellen, Burschen! Zwei zu Betthaupten, zwei zu Bettfüßen. Die Stricke fest um die Faust wickeln. Sobald ich sag': Anziehen! alsdann anziehen.« Der Meister Falent jammerte. »Jetzt ist's noch zu früh,« bedeutete ihm der Steffel und stellte sich in Bereitschaft zum »Einrichten«. Ein Blick noch, ob alles in Ordnung, dann: »Anziehen!« Ein klägliches Ächzen: »Fester anziehen! Stemmt's euch! fest anziehen!« Ein schreckbares Geheul, ein Krachen im Bein, ein lauter Aufschrei der Burschen – und der Fuß war aus den Fugen. Wie ein Lauffeuer ging es durch Ober-Abelsberg: »Der Schustersteffel hat dem Fleischhacker den Fuß ausgerissen!« »Wie einer Heuschreck' den Fuß ausgerissen!« Als sie kamen, um zu sehen, war das Bein in große Pflaster geschlagen. Die Fleischhauerin stand am Bett und labte ihren Mann mit Essig. Und der Steffel? Der hatte gesagt: »Wenn einer mit einem Fuß im Kotter steht, da soll der höllische Erbfeind ein Bein einrichten! Und überhaupt, wenn einmal wo ein altes Weib dabei ist, da müßt der Mensch rein Wunder wirken. Aber nur fleißig Pflaster auflegen, nachher wird's schon gut werden.« Dann ging er, von der Leibwache begleitet, wieder zurück in den Kotter. Seit dieser Geschichte sind Jahre und Jahre verflossen. Der Fleischhauermeister hinkt armselig herum in Ober-Abelsberg. Das eine Bein ist zu kurz, das andere zu lang, und der eine Witz, den der Mann noch macht, ist: sein Bein schreibe er fürder nicht mehr mit einem weichen, sondern mit einem harten P. Der Steffel ist besser zu Fuß, aber – hatte sich insgeheim der Richter geschworen – wenn ich den noch einmal in den Kotter krieg', Urlaub geb' ich ihm nicht mehr. Die Hungerkur zu Ober-Abelsberg. Erzählung eines Schneiders. Als ich vor fünfzehn Jahren bei dem Schneidermeister Johann Ölzl in die Lehre getreten war, wurde mir mitgeteilt, daß der Meister vor mir einen gar anstelligen, gescheiten und braven Lehrjungen gehabt und daß er denselben – verjagt habe. Das ging mir nahe. Der Ölzl war als gerechter Mann bekannt. Wenn er schon die Gescheiten und Tüchtigen verjagt, wie wird's erst mir ergehen? »Tröste dich,« sagte ein guter Bekannter, »vielleicht sind ihm die Ungeschickten und Dummen lieber.« Mich hat er tatsächlich nicht verjagt. Indessen hat es mir damals keine Ruhe gelassen. So ging ich eines Sonntags ins Dorf Gassel hinüber, wo jener Lehrling bei einem andern Meister eingestanden war und fragte dreist, weshalb ihn der Johann Ölzl fortgeschickt habe. Der Junge – Zenzl hieß er, ein helläugiger Bursche – machte ein pfiffiges Gesicht und antwortete: »Das will ich dir wohl sagen. Der Hungerkur wegen ist's hergegangen.« »Was? der Hungerkur wegen? Beim Ölzl hat man doch alleweil genug zu essen!« »Beim Ölzl schon. Aber beim Schusterpratz nit,« sagte der Junge. Jetzt, soweit verstand ich. Der Schusterpratzhof in Ober-Abelsberg war den Handwerkern bekannt, daß bei ihm ein gewisser Schmalhans Küchenmeister sei. Der hätte berichtigen können; erstens war in der ganzen Gegend kein Schmalhans bekannt, zweitens war derselbe unbekannte Schmalhans nie beim Schusterpratz im Dienst gewesen, ja, es war nachgewiesen, daß der Schusterpratz nie einen Küchenmeister gehabt habe. Wohl aber eine sehr tugendhafte Bäuerin, deren Tugend in der Sparsamkeit bestand. Schöner kann man über eine Abwesende doch nicht mehr sprechen. Nun war es einmal an einem Winterabend zwischen Lichten. Zwischen Lichten, so nennen die Handwerker jene halbe Stunde der Arbeitslast zwischen dem Taglicht und dem Nachtlicht. – In einer solchen Zwischenlichtenstunde nun war es damals beim Schusterpratz, wo die Schneider auf der Ster saßen, dem Lehrjungen Zenzl eingefallen, er wolle den Hausvater aufsuchen. Der Schusterpratzvater war nämlich schon mehrere Tage lang im Hofe nicht mehr gesehen worden. Es hieß, er sei schwer an der Herzgicht leidend und er müsse eine Hungerkur gebrauchen. Als die Bäuerin den Schneidern das mit Besorgnis mitgeteilt hatte, soll der Meister die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und ausgerufen haben: »Aber du liebester Gott, warum ist er denn nicht dageblieben? Da tät' ich ihm doch auf der ganzen Welt kein gesünderes Haus wissen, als den Schusterpratzhof!« Der Bader in Ober-Abelsberg hatte in Anbetracht der Kränklichkeit des alten Bauers von der Notwendigkeit einer strengen Hungerkur gesprochen und der Schusterpratzvater war also fort. Es hieß, im Ausgedinghäusel, das oben am Waldrande stand, betreibe er seit drei Tagen mit großem Fleiß die Hungerkur. Und die Leute sagten, jetzt werde das zaundürre Krüsperl bald hin sein. So redet man höchstens von einem Tier und kann ich derlei grobe Reden überhaupt nicht leiden. Ging nun zwischen Lichten der Lehrling hinauf, um zu spähen, ob der Alte wohl auch im Häusel sei und ob ihm am Ende nicht etwas widerfahren wäre. Es kann bei so einem Jungen natürlich nur die reine christliche Liebe gewesen sein, nicht etwa Neugierde oder Vorwitz! Als er hinaufkam zum Ausgedinghäusl, sah er im Fenster schon den Lichtschein. Der Junge trat leise in das dunkle Vorgelaß. Da roch es wie beim Ochsenwirt zu Ober-Abelsberg am Sonntag. Er tastete nach einer Tür und klopfte höflich an; denn Schneider sind gebildete Leute. Er mußte ein zweitesmal klopfen, da rief drinnen eine rasselnde Stimme: »Nau! Ist eh offen!« Vor lauter Hungerkur mußte der Patient das Zusperren vergessen haben. Ist der Zenzl bescheidentlich eingetreten und was hat er gefunden? Bei einer Ölfunzen am Tisch sitzt, die langen Ellbogen fast behaglich auseinandergespreizt, der alte Schusterpratz. In der rechte Hand hat er die Gabel, in der linken das Messer – und ißt, daß die Wangen bauchen und die Lippen schmatzen. Vor ihm stehen in Schüsseln und Töpfen Mehlklöße mit Speckgrammeln, Rauchfleisch mit Sauerkraut, Weißbrot mit Butter. Und ein großer, braunglasierter Krug, der kleine Tröpflein schwitzt. »Oh, das Schneiderbübel ist's«,« sagte der Alte. »Das ist brav, baß du mich einmal heimsuchst. Seid's alleweil noch nit fertig bei mir unten? Arm seid's dran. Geh her, halt mit ein bissel. Wirst gewiß was mögen.« »Mögen,« antwortete der Junge schüchtern, »mögen tu' ich schon was.« »Wart', wir tun noch ein paar Scheiter in den Ofen!« Und als das Feuer frisch brüllte, bekam der Junge Eßzeug vorgelegt, doch bevor er anhub, schaute er dem schon wieder schmausenden Bauern mit Verwunderung zu. »Na also, pack' an, pack' an, Kleiner! Wird dir auch gut tun, die Hungerkur.« »Die Hungerkur?« lachte der Junge. Da lachte auch der Alte und sprach: »Wenn das keine Hungerkur ist, Speckknödel, Rauchfleisch und Butter, nachher weiß ich nit, was eine Hungerkur ist.« Nach seinem bisherigen Dafürhalten war dem Lehrjungen diese Auffassung neu, aber nicht dumm. Er begann zu essen. »Gelt du, die Schusterpratzmutter ist brav,« sagte der Alte plötzlich. »Warum meint der Vater?« Er rieb mit der umgekehrten Hand seine grauen Bartstoppeln und antwortete: »Weil sie dir einen so guten Appetit hergerichtet hat. Mir hat sie schon auch einen hergerichtet, schon lang alleweil. Bis der Mensch die Herzgicht kriegt. So hab' ich mir's da heroben kamod g'macht. Bei der Nacht geh' ich immer einmal hinab, siehst du, da! – Mußt mich aber nicht verraten, Kleiner!« Aus der Pelztasche zog er, vorsichtig um sich blickend, einen großen rostigen Schlüssel. »Ist lange verloren gewesen, der. Sie weiß nichts, daß ich ihn gefunden hab' und bei der Nacht die Vorratskammer aufsperren tu'! Was glaubst denn! Wenn ich auf das anstünd', was sie mir heraufschickt, da wurd' mein Hunger schwerlich kuriert werden. Wenn's nit anderwärts gute Leute tät' geben! Der Ochsenwirt verlaßt mich ja auch nit. – Geh', Bübel, jetzt pack' einmal den Krug an!« Der Zenzl würgte, um dem Wunsche des Schusterpratzvaters prompt nachzukommen, rasch den Brocken hinab, faßte den stattlichen Krug mit beiden Händen und nahm einen Schluck ... Wasser war das nicht. So ein wenig herb und ein wenig zuckerig und schneidig auf der Zungen! »Was ist denn das im Krug?« fragte er. »Das ist was Gutes, weißt wohl. Ein Ungarischer. Schadet dir nit.« So nahm der Junge einen ausgiebigeren Schluck, da »verkutzte« er sich, daß ihm der Alte auf den Buckel klopfen mußte. »Stark ist's,« würgte er. »Ist gesund. Brennt das Geselchte und die Knödeln sauber zusamm' im Magen, daß wieder was Platz hat. Schau nur dazu, iß dich satt für die Wochen.« Der Junge war ein sehr folgsamer Lehrbub. Als sein Eifer im Essen doch nachließ, guckte er einmal wissenshalber in den Krug. Braun ist's. Und schmecken tut's alleweil besser. Lustig wird's! Das hat er sich gar nit gedacht, daß es da heroben im einschichtigen Ausnahmshäusel so lustig sein kann. »Aber wenn du mich verraten tust, Bub!« gab der alte Bauer mit ernsthaftem Kopfnicken zur Warnung. »Eh' wenn ich Euch verrat',« versicherte der Zenzl, »eh lass' ich mich vom Teufel bei den Füßen im Rauchfang aufhängen.« »Nachher – hätten's in der Höll' auch was Geselchtes,« kicherte der Alte. Wurde der Lehrjung' kecklich: »Soviel hungerleiden werden wir kaum da drunten, als wie bei der Schusterpratzmutter.« »Gelt? Gelt ja! Ein gescheit's Bübel bist! Und wenn ich nit eher verraten werd', so bleib' ich da, bis die ganze Vorratskammer aufgegessen ist. Die Butter ist eh' schon ranzig und der Schunken dorten beim Uhrkasten. Wegschmeißen muß man ihn, modeln (stinken) tut er. Sag', Bübel, was denkst du über die Schusterpratzmutter? Ist es Sparsamkeit oder Neid?« »Neid!« schrie der Junge. »Siegst es!« rief der Alte und patschte beide Hände auf die Oberschenkel, »uns muß der gleiche Floh gebissen haben, weil wir die gleichen Gedanken haben! Trink'!« Zurzeit schlug die Uhr. »Schon fünfe?« fragte der Zenzl. »Ja und eins dazu.« »Sechse? Nachher werd' ich schön stad gehn müssen,« sagte der Junge, während er schon eine ganze Stunde versäumt hatte. »Mein Meister wird nix sagen,« setzte er vergnüglich bei; in solchem Zustande ist beim Menschen ja alles leicht geschlichtet. Darum ist der Zustand so beliebt; aber der Lehrjunge wußte nichts davon, er meinte, die ganze Glückseligkeit käme davon, weil es in der lieben Welt halt überall gar so gemütlich sei. Als er lachend zur Tür hinausstolperte, trug ihm der Bauer auf, der Zenzl möcht' am Samstag, wenn er nach Ober-Abelsberg käme, dem Ochsenwirt sagen, er sollt' den in der Hungerkur nicht vergessen. Gelenkig wie ein Reh hüpft der Zenzl über das Schneefeld hinab in der Mondnacht. Jauchzen, soviel nur vom Munde geht! 's ist gar zu lustig auf der Welt! – Morgen abends wird er wieder hinaufgehen zum alten Schusterpratz, da oben ist's soviel gemütlich! Er kommt herab zum Hof, er tritt ins Haus. Als er durch die Küche geht und sieht, wie die Schusterpratzmutter just das Nachtmahl kocht – in der großen Pfanne die Wassersuppe – da lacht er hell auf. Soviel Spaß hat ihm eine Wassersuppe sein Lebtag nicht gemacht wie heute. Er tritt in die Stube. Beim Tisch mit der Lampe sitzt der Meister Ölzl, näht am Loden und hat ein finsteres Gesicht. »Ist der junge Herr endlich da?« fragt er mit einer ausgehöhlten Geisterstimme. »Ein bissel verweilt,« antwortet der Lehrjunge heiter, »das macht ja nix.« Der Meister läßt die Nadel ruhen und starrt auf den Jungen. »Ja, was ist denn daaas?« frägt er. Die Gegenred' ist ihm was Neues. »Gehn's, gehn's, Meister, tun's nit a so!« lacht der Junge. »Wegen einer halben Stund' da. Der Mensch lebt eh nur einmal. Wenn's beim Meister einmal so lustig ist, wird er auch um eine halbe Stund' länger ausbleiben. Mich g'freut's halt just einmal. Ist was zum Bügeln? Soviel schon hat der Meister g'näht derweil? Brav ist er g'west. Geltn's, Meister, wir wollen nett sein miteinand', 's ist halt gar soviel lustig!« Dieweilen er aus dem Küchenfeuer das Bügeleisen holt, kann sich der Meister Ölzl immer noch nicht fassen. – Ja, was hat er denn heut'? Ist er verruckt worden? Oder gar b'soffen? »Gut ist's gebraten!« sagt der Junge und hält das Bügeleisen hin, daß der Meister sehen soll, wie es fast glüht. »Wenn die Schusterpratzmutter so gut Bratel braten kunnt, wie Bügeleisen braten! Also her mit der Hosen!« Er spannte sie über die Tischecke und in dem Augenblicke, als das munter hingestoßene Bügeleisen den Loden berührte, stieg der blaue, brenzelige Rauch auf. Jetzt sprang wie ein Löwe der Meister empor, riß ihm das Bügeleisen aus der Hand und schleuderte es in den Stubenwinkel hin, daß die Wand krachte. Einen Augenblick Totenstille. Dann hob sich der Meister Johann Ölzl zu einer würdevollen Haltung und sprach leise, aber nachdrücklich die Worte: »Vinzenz, geh' jetzt ins Nest. Morgen früh will ich dich aber nimmer sehen. Wir zwei sind fremd.« Als der Junge solches vernahm, war er plötzlich nüchtern geworden. »Beleidigt ist der Meister? Aufgekündigt hat er mich? Ja, warum denn? Wahrscheinlich hab' ich was Dummes gemacht. Um Verzeihung bitten? Ja, freilich, ich werd' um Verzeihung bitten, weil 's einmal lustig ist g'west!« Er packte seine Sachen in den Ranzen und den Ranzen auf den Rücken. »B'hüt Gott!« würgte er noch hervor und dann ging er davon. Nicht ins Nest ist er gegangen. Im stillen Mondlicht ist er dahingegangen über Berg und Tal, bis er um Mitternacht vor der Hütte seiner Mutter stand. Dort stieg er von außen die Leiter hinan und legte sich auf dem Überboden ins Heu. Am nächsten Tage guckte er durch eine Dachspalte und sah, wie sein hinkendes Mütterchen mit Korb und Stecken ausging ins Tagewerk. Er zeigte sich nicht auf, sie braucht von nichts zu wissen, bis die Falte wieder ausgebügelt ist. Und zwar, ohne daß er den Loden versengt! Er wusch sich am Brunnen das Gesicht und ging hinaus ins Dorf Gassel, wo er bei dem ehrenwerten Schneidermeister Matthias Schreckenberger eine neue Statt gefunden hat. Ich hatte mich beim Zenzl dann noch erkundigt, welchen Verlauf beim alten Schusterpratz die Hungerkur genommen hat. »Das kannst dir wohl denken,« war seine Antwort. Ich kann mir's aber nicht denken. Als ich beim Meister Johann Ölzl in die Lehre trat, war der Schusterpratz nicht mehr vorhanden. Zu früh vom Ausgedinghäusel zurückgekehrt, soll er in Ermangelung anderer Nahrung ins Gras gebissen haben. Der Vetter von Ober-Abelsberg. Mein Nachbar, der Oberbuchhalter Ellwurf, hatte einen Vetter bekommen. Ellwurf war einst jahrelang Lohnschreiber gewesen mit 9 Gulden Gehalt im Monat, und stand da ohne Freund und Verwandten. Dann war er Schreiber mit 32 Gulden geworden, hatte trotzdem keinen Verwandten. Dann ward er Buchhalter mit 70 Gulden und einer Frau, aber Verwandten hatte er noch immer keinen. Endlich wurde er Oberbuchhalter mit 2600 fl. Jahresgehalt, und siehe, es war ein Vetter da. Man konnte nicht sagen, daß er vom Himmel gefallen sei, denn er war schon gegen fünfzig Jahre alt und seit dreißig Jahren Mastviehhändler in Ober-Abelsberg. Aber es war ein überaus freundlicher Vetter, wie er jetzt auf einmal in der Tür stand, die Arme ausbreitete und dem Oberbuchhalter zurief: »Friedel! Friedel! Kennst du mich denn nicht mehr? der Oheim Isidor! deines seligen Vaters Bruder!« – Auch seine Gestalt war erfreulich. Sie war nicht groß von Ansehen, jedoch aber behangen mit einer großen Ledertasche, in der ein ganzer Schweinsschinken stak; sie hatte über der Achsel einen Korb hangen mit Eiern und Krapfen. »Weil ich doch nicht ganz mit leeren Händen kommen mag zu meinem lieben Friedel, den ich halt gar nicht vergessen kann. Als Wickelkind hab' ich dich einmal über das Breitfeld hinausgetragen, weißt du noch? Wenn er jetzt schon zu mir nicht kommt, so mußt du wohl einmal zu ihm gehen, hab' ich mir gedacht. Geht dir gut, hab' ich gehört. Hast es weit gebracht, sakermentisch weit! Über zweitausend das Jahr, sagen sie! Donnersbub, soviel tragt's bei mir nimmer. Aber schön hast es da! Sauber ist's bei dir. Hast ja auch eine Frau, höre ich. Darf ich sie sehen? Da hab ich was für sie. So große Eier machen sie nicht in der Stadt! Kosten mich auch fünf Kreuzer, das Paar! Na, na, nicht so! Euch kosten sie nichts. Und nachher da – ein Schinken! Da wird er einmal schmausen dabei, mein Friedel! Bauernschinken: Im Rauchfang geselcht! In der ganzen Grazerstadt findest keinen, wie den. Ich hätt' ihn gestern im Postwirtshaus zu Leoben verkaufen können, um fünf Gulden! Oha! sag' ich, hab' ich gesagt, der wird nix verkauft, der gehört meinem Neffen, dem Herrn Oberbuchhalter zu Graz. – Ein paar Tage bleib' ich bei euch. Ei ja, das wohl. Verlassen tu' ich meine Verwandten nicht. Wer kommt denn da? Ist das die deinige? deine Frau? Eine saggrische Gredl! Grüß Gott, Frau Mahm! der Vetter Isidor! Kennst mich nicht? Bissel ein Recht mußt mir doch noch lassen an deinem Mann, verstehst! Wie du noch in Abrahams Schnappsack bist gewesen, hab' ich ihn schon auf den Händen getragen über das Breitfeld hinaus. Nichts Kleines noch? Na, wird schon kommen. Du, Frauerl! Geh', schau einmal, was dir der alte Vetter mitbringt!« Das alles so schnell hergeredet, so daß weder der Oberbuchhalter noch seine Frau ein Wort dazwischenschieben konnten. Sie hätten auch nicht recht gewußt, was da zu sagen war. Ziemlich gelassen führten sie die Bescherung in den »Salon«. Das war das größte, schönste, kostspieligste Zimmer, welches unser Ehepaar leer stehen ließ, während es sich mit ein paar engen, dunkeln, hofseitigen Kammern zum Wohnen bediente. Aber das verlangt der »Anstand« so. Ein Salon, natürlich! da werden wöchentlich ein paar fremde Leute hineingeführt auf ein halb Stündlein Geplausch. Die näheren Bekannten hocken sich erst noch in eine Hofkammer hin, wo es sich eigentlich noch gemütlicher tratschen läßt. Doch, was rede ich denn da über meinen lieben Nachbar, den Oberbuchhalter Ellwurf! das ist ja nicht bei ihm allein so, das ist auch bei uns so, das ist fast überall so, wo es gescheite Leute gibt. – Also hinein mit dem Vetter in den Salon. Freilich wohl warf die Hausfrau einen verzweifelten Blick auf sein Schuhwerk, aber der Blick änderte daran nichts, da hätte ein Borstenbesen bessere Dienste geleistet. Alsdann am Abend. Da schickte der Oberbuchhalter ein Briefl zu mir, ich möchte ihm zu Hilfe kommen. Es sei ein ungeahnter Vetter vom Lande eingetroffen und mit dem wisse er nichts anzufangen. Ich möchte doch zum Nachtmahl hinüberkommen. Ein Vetter vom Lande? Mit dem wird doch noch fertig zu werden sein. Ich ging hinüber, wurde dem Gaste vorgestellt als ein Freund des Hauses, worauf er meine Hand packte, sie derb drückte und laut rief: »Schön! Schön! Aber was Sie für ein Handerl haben, ein weiches! Sind Sie auch ein Buchhalter? Nicht? Kein Buchhalter? Na, macht nix, wenn's nicht anders ist. Alle Leute können halt nicht Buchhalter sein,« entschuldigte er nachsichtsvoll. Doch ging seine Wärme gegen mich augenblicklich um ein paar Grade zurück, steigerte sich aber beim zweiten Glase Wein zu ungeahnter Höhe. Den Neffen umarmte er, den habe er ja einmal auf den Händen getragen, über das Breitfeld hinaus. Mich sprach er mit du an. »Wenn'st auch kein Buchhalter bist. Hast halt ein anderes Geschäft. Auch recht, auch recht. Geh'n tut's dir gut, das sieht man. Aber schau – meiner lieben Schwägerin, oder Mahm, oder was sie ist, der muß ich doch ein Bussel geben!« denn die Frau Oberbuchhalterin war eben hereingekommen mit dem Schinkenaufschnitt. – »Ein Bussel krieg' ich vom Vetter!« lachte das muntere Frauchen, »na, da muß ich mir doch vorher den Mund abwischen gehen!« eilte in die Küche zurück und kam nicht mehr herein. Der Vetter sprach seinem Schinken mit Macht zu. »Wohl, wohl,« sagte er während des Essens. »Hab' mir's gleich gedacht, daß er euch schmecken wird. So guten Schinken gibt's nur auf der Bäuerei. Da tun sie ihn im Rauchfang selchen. Die Stadtfleischhacker selchen ihn mit Schalider (Salpeter), da ist er nicht gut. Aber Wein habt's einen guten. Was er etwan kostet, die Maß?« Aus der Küche brachte die Magd Kalbsbraten mit Salat und hernach Käse mit Backwerk herein. Der Vetter bedauerte, nicht auch einen Schafkäse mitgebracht zu haben. »Der beste Kas ist der Schafkas!« erklärte er. Und dabei trank er und trank. Sein Gesicht war während des Essens, Trinkens und Plauderns leuchtend rot geworden. Es war rundlich, wohlrasiert, hatte ein Birnnäschen und kleine Äuglein, die bei jedem Wort vielsagend blinzelten, als wäre es etwas gar Anzügliches, Deutsames. Schließlich wollte er mit mir Sackuhr tauschen, die seine sei viel größer und schwerer und nur wöchentlich einmal zum Aufziehen. Das rückwärtige Blatt sei echt Schildkrotschale, der Reifen von Silber, Altsilber, nicht Neusilber, und er hätte schon gutes Angebot gehabt für diese Uhr. Ob sie auch verläßlich ginge? fragte der Oberbuchhalter. »Mein Gott!« entgegnete der Vetter überlegen, »da gibt man sie halt dem Uhrmacher.« Der Zeiger stand tatsächlich auf halb sieben, statt auf zehn Uhr. Trotzdem nahm der Vetter die Zeit wahr und traf Anstalt, seine große rußige Pfeife zu stopfen. Der Oberbuchhalter wollte es mit einer Kubazigarre verhindern, was ihm aber nicht gelang. »So, so, a Zigarl!« sagte der Vetter und nahm sie in die Faust wie einen Spatenstiel. »Da derspare ich meinen eigenen Tabak. Vergelt's Gott! Wart's, Bürschlein, das machen wir so!« Er zerbrach die Zigarre mit den Fingern, stopfte sie in seine Pfeife und begann sie dergestalt bedächtig zu rauchen. Der Hausherr öffnete bald ein Fenster, da fand aber der Vetter, es stinke herein. Als der Oberbuchhalter bereits auf eine Gelegenheit zu sinnen begann, die Tafel aufzuheben, klatschte der Vetter plötzlich in die Hände: Wißt's was, Leut', jetzt wär' ein Schnaps gut! Was? du hast nit einmal einen Schnaps im Haus, Oberbuchhalter? Na, wart', da hast, schick' einen kleinen Buben!« Aus seinem ledernen Geldbeutel nestelte er einen Zwanziger hervor, da gestand der Buchhalter, er hätte nicht bloß keinen Schnaps im Hause, sondern auch keinen kleinen Buben. »Seid's Pfründner!« knurrte der Vetter gutmütig. »Das muß ich schon sagen, leben tun wir in Ober-Abelsberg besser als die Stadtleut'!« Ziemlich auffallend fragte mich der Oberbuchhalter, wieviel Uhr ich hätte? Es zeigte sich die elfte Stunde, und nun hob der Vetter seinen fetten Zeigefinger und die falben Augenbrauen: »Gelt, daß du einen schlechten Brader hast! Auf der meinen ist's erst halb sieben – nach der könnten wir noch lang gemütlich beisammensitzen!« Um gut und angenehm auseinanderzukommen belachten wir den Witz und dann wurde der Vetter in sein Zimmer gebracht. Es war der Salon. Frau Ellwurf tat ein übriges zu Ehren des Gastes, sie überdeckte die großblumigen Möbel mit weißen Leintüchern und über den Parkettboden breitete sie einen Teppich, der sonst draußen im Vorzimmer lag. »Jetzt sollt' ich halt mein Federbett da haben!« sagte der Vetter, während er das Lager befühlte. »Schlaf' recht wohl, Onkel!« verabschiedete ihn der Oberbuchhalter, »die Kleider leg auf einen Sessel vor die Tür hinaus.« »Gestohlen wird nichts, gelt?« ließ er fallen, tat zur Vorsicht aber Geldbeutel und Brieftasche aus den Säcken, doch wurden die Schätze wohl erst an sicherem Ort geborgen, als wir aus dem Zimmer waren und er die Tür hinter uns verriegelt hatte. Der eine Tag war überstanden. Nun aber der andere? – Ich war morgens mitten im Rasieren, als die Köchin des Ellwurf – ohne anzuklopfen – in das Zimmer stürzte: der gnädige Herr lasse bitten, geschwind möchte ich kommen! – Ich beeilte mich noch, die linke Wange der rechten gleichzumachen, da war auch schon Oberbuchhalters Stubenmädchen vorhanden: Es sei die höchste Zeit! Beim Vetter wäre etwas nicht richtig! Sie müsse sogleich weiter zum Arzt und zum Geistlichen. Als ich hinüberkam, stand die Tür in das Zimmer des Vetters weit offen. Am Bette stand ratlos der Herr Ellwurf im Schlafrock, während seine Frau eine Decke um die andere über den armen Vetter breitete. Denn dieser schüttelte und klapperte, daß es ihn im Bett auf- und niederschnellte wie einen Ballen. Das Gesicht fahl, eingefallen, verzerrt und greisenhaft, die Augenlider halb zugesunken, so ächzte und stöhnte er. Jetzt erhob er sich, beugte sich über die große Waschschüssel, die sie ihm ans Bett gestellt hatten mit Wasser, daß er sich laben könne; ein wilder Krampf krümmte seinen Körper, und dann fiel er wieder aufs Lager zurück. Die Pulse sprangen wild. Der hat Gift im Leibe! war mein erster Gedanke, und der Oberbuchhalter starrte mich fragend an. Er wie sie schienen meine Meinung zu erraten, und so lief die Frau nun in die Küche um Kuhmilch, die in solchen Fällen heilsam sein soll. »Macht's ein End'!« stöhnte der Kranke in Todesnot, rang die Hände und rieb sich mit den Fäusten Brust und Bauch, »laßt's mich nit so verdammt leiden. Oh, dieses Übel! Und dieser rasende Kopfschmerz! Was denn , was denn ? Es soll ja alles euch gehören, wem denn sonst?« – Ob er etwa Papier und Feder wünsche? fragte ihn der Oberbuchhalter. »O sterben, sterben!« wimmerte der Vetter unter Zähneklappern, »sterben tut soviel weh! soviel weh!« und ächzte zum Erbarmen. »Soweit wird's ja wohl nicht sein, um Gottes willen!« tröstete die Frau, »gleich wird der Doktor kommen, gleich wird er da sein. Nachher wird's schon besser werden.« Dem Sterbenden gab es plötzlich einen Riß. Dann schlug er das Auge weit auf, es war halb gebrochen, er starrte auf den Oberbuchhalter – ein Blick voll unendlichen Vorwurfs. »Dieses Haus! dieses unglückselige Haus!« stöhnte er, immerwährend von heftigem Fieber hin- und hergeschleudert. »Wenn du einen Wunsch solltest haben, guter Vetter,« sprach der Oberbuchhalter und hielt ihm Papier und Bleistift vor. »Nein, nicht so, was glaubst du denn von uns! Ich meine nur, falls du aus der Apotheke etwas haben wolltest. Der Arzt muß ja übrigens jeden Augenblick da sein.« »Du – hu hu!« gröhlte der Vergehende, sich halb gegen den Buchhalter aufrichtend, unheimlich wie ein Gespenst. Die Fäuste reckte er bebend gegen Himmel, und dann krümmte er sich wieder auf dem Bette wie eine Raupe. Das Stubenmädchen kündete an der Tür: »Der Herr Doktor!« Der Arzt trat ein, tat einen raschen Blick auf den Kranken, ob es nicht schon zu spät sei. In wenigen fliegenden Worten teilte die Hausfrau ihm die Krankengeschichte mit, während er begann, den Schwerleidenden zu untersuchen. Zuerst fühlte er ihm den Puls, dann prüfte er den Hitzegrad, hernach behorchte er die Brust, soweit es bei dem Fieberschütteln möglich war, den kalten Schweiß wischte er ihm mit einem weißen Tuch von der Stirn, dann hob er mit den Fingernägeln die Augenklappen und prüfte sie genau. Dann richtete sich der Doktor empor und heftete einen durchdringenden Blick auf den Oberbuchhalter. »Wie nur auf einmal so was sein kann!« murmelte dieser, selber schier gebrochen. »Es ist etwas vorgegangen!« sagte der Doktor mit leiser Stimme. »Mein Gott, was soll denn vorgegangen sein?« jammerte Herr Ellwurf. »Er kam vom Lande herein, erst gestern. Wir haben den Abend noch so gemütlich mitsammen zugebracht.« »Er war noch so frisch und munter!« bestätigte die Frau. »Noch soviel gelacht haben die Herren.« Der Doktor winkte mit der Hand ab, sie sollten es gut sein lassen, und stellte dann an den Kranken ein paar Fragen, die dieser unter Krämpfen und Stöhnen halb ohnmächtig beantwortete. Der Doktor winkte den Herrn Ellwurf ins andere Zimmer; als sie dort waren, lehnte er die Tür halb zu, stellte sich nahe vor den Oberbuchhalter hin und murmelte: »Erschrecken Sie nicht, Herr Ellwurf ! die Diagnose stellt sich – ich dürfte mich kaum irren.« – »Steht es wirklich schlecht, Doktor?« »Dieser Zustand,« fuhr der Arzt kopfschüttelnd fort, »hat ganz verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Katzenjammer. – Gewiß. Na, mit keinem gewöhnlichen, das versteht sich. Der Mann mag vielleicht über die Gewohnheit zugesprochen haben. Es ist ein großer Kater, mein lieber Herr!« In diesem Augenblick hörte man vom Krankenzimmer her das Geräusch einer Eruption. Als ich ins Zimmer trat, war alles vorüber, die Frau und die Mägde lebhaft beschäftigt, Ordnung zu machen. Der Vetter lag zurückgesunken in das Kissen, die wachsfalben Hände über der Brust; er bewegte sich nicht mehr. Wenige Augenblicke später hub er an, mit größter Behaglichkeit zu schnarchen. Der Doktor schmunzelte und sprach: »Jetzt lassen Sie ihn ein paar Stunden schlafen. Später bereiten Sie ihm einen Rostbraten mit Knödeln, denn er wird Hunger haben.« Der Oberbuchhalter konnte sich vor Verblüffung nicht fassen. Einen solchen Rausch hatte er noch nie gesehen. Er war auch zu lange Zeit kleiner Lohnschreiber gewesen. Abelsberger Studentenpulver. (1869.). Da gingen einmal drei Abelsberger Studenten auf Vakanzen. Sie machten eine Bergreise im Salzburgischen und hatten viel Courage und wenig Geld. Der eine, Markus Frischer, hatte in Berchtesgaden wohl eine kleine, zierliche Dose herausgefeilscht und dieselbe hübsch mit Schnupftabak gefüllt, um dem zu besuchenden Pfarrer in Sankt Barbara damit ein Geschenk zu machen. Das sollte bei dem geistlichen Herrn – einem weitläufigen Verwandten Frischers – eine feine Aufnahme und noble Bewirtung bezwecken. Als sich der Herr »Vetter« aber nur mit einem einzigen Glase sauren Weines und etlichen Stücklein Brotes, die er selber vorschnitt, einstellte, ließ der Enttäuschte in den Wirren des Abschiednehmens die Berchtesgadner Dose heimlich wieder mitgehen. Dann kamen sie ins Pinzgauische hinüber, in das Wildschützenland. »Hier wohnen lauter fromme Leute,« sagte Studio Grußing, Kandidat der Juristerei, der größte und kühnste von den dreien, »in den Bauernhöfen, wo wir zusprechen, wollen wir fleißig geistlich werden und einstens unsere heiligen Messen lesen für die Wohltäter. Werden dabei nicht verhungern, versteht ihr? Aber Geld! Es gibt pulverisierte Tausender genug zerstreut im Lande, es wäre schmählich für so drei Kreuzköpfeln –« »Freunde!« rief Stroche, der älteste und verschlagenste vom Kleeblatt, »ihr wißt, ich kenne diese Gegend und die Leute, die ihres Aberglaubens wegen so berühmt sind, wie etwa die Oberammergauer ihrer Passionsspiele halber. Es gibt anderswo auf der ganzen Welt keine Pinzgauer mehr. – Und jetzt habe ich eine Idee.« »Ah, Ideen hast du viele,« rief Grußing, »zeige endlich nur einmal, daß Idealisten auch praktisch sein können, denn die böse Welt will das nicht glauben.« »Ich werde sie überzeugen,« versetzte Stroche trocken. »Frischer, willst du mir zum allgemeinen Besten deinen Schnupftabak zur Verfügung stellen? Die Dose magst für deine alten Tage behalten. – Und du, Bruder Grußing, willst du dich einmal ein bißchen totschießen lassen?« »Oh, mit Vergnügen!« rief der Gefragte. »Schön,« sagte Stroche, »so werden wir morgen Geld haben. – Der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen, merkt euch das!« Sie lugten ihn an und dachten: Ist ein komischer Kautz, der Stroche. Dann stiegen die drei ins Gebirge hinan, einem Hirtenhause zu, das versteckt war zwischen Wald und Wänden. Unterwegs hatte Stroche mit dem »Jusdoktor« viel zu reden, und es wurden in einem Verstecke die Kleider umgekehrt und der Plaid in Form eines alten Bauernmantels aufgeheftet, es wurde mit ausgepreßtem Kräutersaft das Gesicht Grußings braun gefärbt, es wurde das Hinken auf dem linken Fuß eingeübt und mehreres dergleichen. Dann gingen die zwei, Stroche und Frischer, in die Halterhütte. Der Halter – Duckmichel hießen sie ihn – war ein kleiner, rühriger und doch unbeholfen und blöd aussehender Mann; nur in dem stets halbgeschlossenen Auge hatte er jene stechende Glut, die bei fanatischen und abergläubischen Leuten so häufig zu bemerken ist. Und die ganze Hütte war inwendig mit geweihten Weidenzweigen, Amuletten, Alraunen usw. behangen. Die beiden Studenten – Stroche war nicht ganz fremd im Hause – wurden mit bäuerlicher Höflichkeit empfangen und mit Brot, Butter und süßer Milch bewirtet. – Täten allbeide auf geistlich studieren, hätten ein heißes Jahr hinter sich – die siebente Schul', wo der Theolog' mit dem Teufel die erste Bekanntschaft machen müsse. »So, so,« sagte der Duckmichel und klopfte an dem Fingernagel des Daumens die Asche seiner Pfeife aus. »So, so! Tuen die Herren nur essen und trinken! Gesegne Gott, wir haben noch was in der Kammer. Ist wohl vergunnt! – Die siebente Schul', die schwarz' Schul', heißt's, mein' ich – ? Na, gelt, weiß es ja. – Viel dicker aufs Brot streichen, junger Herr, die Butter! Recht schad', daß uns der Honig ist gar worden. – Schau, schau. – Vor nächst Jahren sind auch einmal so Herren heroben gewesen; die haben dem Nachbar da unten, dem Schledererferl – heißt er – der Müh' wert ein bissel ein Studentenpulver gegeben.« »Aha,« murmelte Stroche, seinem Genossen einen recht absichtlich vielsagenden Blick zuwerfend, »ägyptisches Pulver, meint er.« Der Halter lugte und lauerte, war überzeugt, sie hätten Studentenpulver bei sich. Dieses ist ein gezaubertes Schießpulver, das nicht knallt – für Wildschützen eine gute Sach'. Stroche erhob sich nun einmal und ging hinaus ins Gebüsch, wo Grußing im Brombeerlaub lag. »Du,« flüsterte er zu diesem, »es geht prächtig, der Dummkopf ist allein zu Hause und er hat selber von dem Pulver angefangen. Puppe dich eilig in deinen Räuberstaat, schleiche dort auf die Felsbank und pflück' Erdbeeren so lange, bis ich vor der Hütte laut rufe: »Feuer!« Dann wird der Hahn knacken und wie du das hörst, so stürze zusammen – vergiß nicht drauf!« Es war schon früher alles verabredet gewesen, und so genügte die kurze Weisung, nach welcher Stroche sogleich wieder ins Haus eilte. Darauf kam der Halter mit Ingwerbranntwein. Der Student blickte zum Fenster hinaus auf die gegenüberstehende Felswand. Der Duckmichel hätte gern vom Studentenpulver gesprochen, man merkte es ihm an. Er redete so herum von Venedigerkapseln, deren Feuer den Schuß die doppelte Weite trägt; von Suchkugeln, die jenes Ziel – sei es wo immer – aufsuchen, an das der Schütze beim Losdrücken denkt. Dann fragte er: was denn immer Neues in der Welt? »Neues genug, aber nicht viel Gutes,« sagte Stroche, auf die gewohnte Sprechart der Landleute eingehend. »Habt's schon gehört, in der Kufsteinerfestung – der schwarze Hannes ist wieder ausgebrochen.« »Soll's doch wahr sein?« rief der Halter und blinzelnd: »Der braucht den Hörndlbuben (Bezeichnung für den Teufel).« »Siehst du, der Mann sagt's auch!« rief der eine Student dem anderen zu. »Sakra, bei dem wär' ein Geld zu verdienen!« »Wieso das, mit Verlaub?« fragte der Halter und machte einen langen Hals gegen den Sprecher, auf daß dieser das Ohr für die Antwort näher hätte. »Ei!« vertraute Stroche, »sind ja doch dreihundert Dukaten auf des Räubers Kopf gesetzt!« Der Halter schlug einen Lacher: »Den einbringen! Da müßt' einer ein wenig mehr können, als Birnen sieden.« »Na, mit gewöhnlichen Mitteln geht es nicht, das geb' ich zu,« sagte der Student, und zu seinem Genossen: »Aber das Ägyptische, das tät's wohl!« »Weil –« meinte nun der Duckmichel angelegentlich, »weil wir schon davon reden, wie ist das, mit dem Ägyptischen?« »Ja, guter Mann, das ist das Studentenpulver, von dem Ihr vorhin gesprochen habt,« flüsterte Stroche geheimnisvoll, »nicht allein, daß dieses Pulver nicht kracht, Ihr wißt es ja: es löst an anderen jede Hexerei auf. Kein Zweifel, der Hannes macht sich unsichtbar, macht sich schußfest – aber vor diesem Pulver« – er deutete gegen seine Brusttasche – »ist alles umsonst. Doch, sprechen wir von was anderem. – Ich verwett' meine arme Seele, wir haben gestern da unten bei Hüttau den schwarzen Hannes gesehen.« »Na, seid mir aber so gut!« hauchte der erschrockene Halter. »Ganz nach der Beschreibung. Dieselbe Figur, dieselben kohlrabenschwarzen Haar', derselbe Lodenkittel; und hinkt er nicht am linken Fuß?« »Jesses, freilich, freilich!« wußte der Halter, »hat ihn ja einmal ein Standar ins Knie geschossen.« »Punktum, er ist's gewesen!« rief der Student und schlug die Faust auf den Tisch. Dann faßte er in heller Freude den Genossen an beiden Rockflügeln: »Bruder, vielleicht gelingt's uns, den Vogel abzuschießen. Jetzt bin ich aber tausendmal froh, daß ich eine Portion Pulver zu mir gesteckt hab'!« Dann wieder zum Halter: »Na, wie geht's immer, Vetter? Mitunter ein wenig wildern, was? Läßt sich denken, ein Gebirgsbewohner. Nu, 's ist ja recht.« »Wohl, wohl, aber –« fuhr's jetzt dem Manne heraus, »Studentenpulver tät einer halt brauchen. Weil wir schon einmal dabei sind: die Herren haben gewiß eines im Sack?!« Der schlaue Student schwieg einen Augenblick. »Nu,« sagte er dann, »etwelches trägt man schon bei sich, wenn auch nicht viel, 's ist ein kostspielig Ding!« »Allzuwenig,« meinte nun der Halter, »wollt' ich nicht hergeben dafür. Was tät' der Schuß denn kosten?« »Ist ja nichts für Euch,« sagte Stroche, mit der Hand abwehrend. »Der Schuß kostet einen Taler.« Jetzt gab der Halter nicht mehr nach, bis der Studiosus sein braunes Pulver, sorgsam in Papier gewickelt, hervorgezogen hatte. – »Es kann aber höchstens für acht oder zehn Schuß reichen.« – Der Mann holte seine Geldtasche, feilschte eine Weile und murmelte dann: »'s wird die Herren nicht kränken, aber probieren möcht' ich's doch erst.« »Das versteht sich,« sagte der Student und sein Auge war durchs Fenster auf die gegenüberliegende Felswand gerichtet. »Bei Gott!« flüsterte er, »jetzt wird mir die Sach' schon verdächtig. Seht ihr nichts dort? Schon eine Weile kriecht euch im Gewände so eine Kreatur herum, die – – ein Spitzbub' will ich sein, wenn das nicht der leibhaftige schwarze Hannes ist!« Die anderen zwei sahen jetzt die Gestalt auch. Der ganze schwarze Kerl, wie er hinkt und sich duckt und späht – 's ist der flüchtige Räuber. »Der ist unser!« knurrte Stroche mit leuchtendem Auge, »das ist einmal ein rechtes Ziel zur Prob' fürs Pulver. Ich bitt' Euch, Mann Gottes, einen Kugelstutzen!« »Ah na,« sagte der Duckmichel, »da schieß' ich selber.« »Um so besser, Ihr habt ein gutes Auge. Aber, Freund, das Gewehr ist doch nicht schon geladen?« »Noch nicht,« antwortete der Halter, »haben die Herren, wie sie da heraufgegangen, keinen Schuß gehört? Da hab' ich meinen Stutzen auf einen Raben losgedrückt.« »Gut,« sagte der Student, »nichts schlechter, als wenn die beiden Pulvergattungen zusammenkommen.« »Soviel weiß ich wohl selber,« brummte der Michel und lud das Gewehr mit einer Bleikugel und dem braunen Studentenpulver. Sie schlichen vors Haus. Der Mann im Gewände schien Beeren zu pflücken. »Man merkt es seiner Sorglosigkeit wohl an, daß er sich für unsichtbar hält,« versetzte Frischer. »Ja, unser Pulver!« lispelte der andere, »aber, Vetter, zielet gut, und wartet, bis ich rufe.« Der Halter spannte das Schloß und fuhr mit dem Gewehre zur Wange. Stroche blinzelte entzückt seinem Genossen, dann rief er laut: »Feuer!« In demselben Augenblicke loderte die Mündung des Laufes, gellend knallte der Schuß. Die beiden Studenten stießen einen Schreckruf aus und erbleichten. Pulverrauch verdeckte ihren Augen, was vorging drüben an der Felswand. Der Halter aber wendete sich höhnisch gegen den bebenden Stroche: »Ist das euer Pulver, das nicht kracht?« »Was ist geschehen?« stöhnte dieser, »wieso kann das sein! Da gibt's ein Unglück!« Hierauf stellte sich der Duckmichel, das Gewehr fest auf die Erde stemmend, gerade vor die Studenten hin und sagte gelassen: »Meint ihr denn, ihr sauberen Herrlein, unsereiner ist gar so dumm? – Nasses Pulver schon ist mir zuwider, viel weniger schieß ich mit Schnupftabak. – Studentenpulver! Oh, wir kennen den Spaß schon seit lange! Hab's auch recht gut gehört, was ihr da unten im Strupp mit eurem Spießgesellen beredet habt. Hab' mich unterhalten bei eurer Gescheitheit. Und so müßt ihr mir's schon zu gut halten, daß ich das echt geladene Zeugel losgeschossen habe, weil mir der Vogel da drüben einmal gar so prächtig auf der Mücke gesessen ist.« »Jesus und Maria!« jammerten die beiden Studenten, »was ist mit unserem Kameraden geschehen?« Jetzt löste sich der Rauch und vom Felsen heran eilte Grußing, hoch in der rechten Hand einen toten Falken haltend, der ihm nach dem Schusse förmlich in den Schoß gefallen war. »Den Vogel will ich euch schenken,« sagte der Halter, »spannt ihm hübsch die Flügel aus und nagelt ihn über eure Bücher an die Wand, daß ihr's ja nicht vergeht, wie wir Bauersleute gar so abergläubisch und dumm sind. – Ist noch Buttermilch anständig!« Wie Duckmäuser schlichen die drei genarrten Musensöhne davon. Sie leben heute noch. Geistlich ist keiner geworden; alle drei sind Advokaten in Abelsberg und Umgebung, haben immer noch viel Courage und wenig Geld. Aber das Studentenpulver schnupfen sie selber. Zwei besonders schlaue Abelsberger. Lieber Leser! Wenn dich dein Nebenbuhler in einen Turm hinauflockt, die Leiter davonträgt und zu deinem Schatz geht, was wirst du machen? Wirst du es dir in einer Mauernische und unter Spinnweben bequem machen und ein beschauliches Leben führen? – Wahrscheinlich kommst du niemals in diese unliebsame Lage, für alle Fälle aber höre, wie es der Sulmlenzel gemacht hat. Dieser Sulmlenzel hatte einen guten Freund, gebürtig aus Abelsberg. Und dieser gute Freund war so gut, daß er eines Samstagfeierabends zum Lenzel sagte: »Ja du, mein Lieber, weißt, was ich heut' möcht'? Auf der Antonikirchen ihrem Turm möcht' ich oben sein. Die Aussicht, die man dort haben muß bei dem klaren Wetter wie heut'! Wohin man sieht vom Antoniturm aus? Nach Graz sieht man hinein und gar ins Windisch hinab, wo der Wein wachst.« Nun hatte der Alpenjodel, der Lenz, sein Lebtag noch keine Gegend gesehen, wo der Wein wächst. »Die schönsten kanarigrünen Weinberge!« sagte der gute Freund, »ganz rauschig wirst schon vom Anschauen! Magst, so steigen wir auf den Turm.« »Es gilt,« antwortete der Lenzel, und sie gingen. Jeder hatte sein »halbes Feiertagsgewand« an. Der Abelsberger, Sebald hieß er, hatte sogar den grünen Hut mit der kecken Hahnenfeder auf. Die Feder bog sich nach vorne, das sah unternehmend aus. Am Feierabend gibt es allerhand Sachen! Welcher von den beiden jungen Burschen der schönste war? Na, da müßt ihr schon die Angla fragen, die weiß es genau. Aber der eine, der Sebald, wußte es nicht, daß sie es wußte, und aus dieser Unwissenheit kann eine Katastrophe entstehen. Nun, einstweilen habe ich zu berichten, daß sie hinanstiegen den waldigen Hügel zur Antonikirche, die oben ihr weißes Türmlein hoch über die Wipfel hinblicken ließ. Die Kirche stand zur Feierabendzeit stets offen, falls jemand beten kommen wollte; der Opferstock war gut verwahrt und sonst nicht viel vorhanden, was ein versperrtes Kirchtorschloß gerechtfertigt hätte. Um den spitzen Turmhelm kreisten Vögel. »Steig' nur voraus die Leiter hinauf, ich schau in der Sakristei nach, ob der Pfarrer nicht ein Spektivi (Fernrohr) hat und komm' gleich nach,« so sagte der Sebald. Nun wußte der Lenzel zwar wohl, daß ein »Spektivi« nicht unumgänglich zu den kirchlichen Geräten gehört, dachte aber, sein Freund, der manchmal Meßnerdienste leistete, könne es wohl wissen, was da vorhanden war. Da ihn schon nach der Grazerstadt und den Weinbergen gelüstete, so stieg er langsam voraus die steile, etwas wackelnde Leiter hinan und gab hübsch acht, daß er sich im Dunkeln nicht an einen Balken stieß. Es mußte schon wer oben sein, denn es pochte einer. Das war aber das Ticken des Kirchenuhrpendels, welches neben den auf- und niedergehenden Gewichtsseilen sachte hin- und herschwang. – Bald lichtete es sich, es waren die Turmfenster da, und der Bursche stand am Ziele. Er schaute hinaus in die weite Welt. Die Grazerstadt? Zwischen den Bergen dort sieht man ins Blaue hinaus. Dort draußen kann sie wo liegen. Und ist sie dort nicht, so wird sie halt wo anders sein. Die Welt ist überhaupt sehr groß. Und sehr hübsch. Besonders, wenn sie im Sommer-Samstagfeierabend so breit und flach daliegt, wie auf dem Nudelbrett der Strudelteig und die Bäuerin schon die Speckgrammeln drauf gesäet hat. Die Speckgrammeln, das waren hier die Kirschbäume und die Wirtshäuser und die Almhütten dort drüben, wo saubere Dirndeln hausen. Und hübsch ist sie, die Welt, wenn man ein frischer Knab' mit zweiundzwanzig Jahren tut sein! Bis erst der Sebald mit dem Spektivi heraufkommt, dann schaun wir hinüber zu den Almhütten. Auf der grünen Alm standen die Kühe und Kälber wie weiße Flöhe, die sah man auch mit freiem Auge, aber die Angla, die könnte man nur mit dem Rohr erkennen – die Angla – – die Angla ... Gott, so ein Mädel! Unten auf dem Sandweg an der Kirche lief jetzt der Abelsberger davon, schleifte hinter sich eine lange Leiter her, schleuderte sie auf den Rasen und eilte hohnlachend talwärts. Und jetzt merkt es der gute Lenzel, daß er verraten und verkauft ist. Er schreit dem Treulosen nach: »Hör' auf, das ist ein dummer Spaß! bring' die Leiter her!« Ja, die Leiter her! Der Sebald wendet sich dort beim Ahorn einmal um und macht mit den zehn Fingern vor der Nase eine Gebärde, als wie man es beim Klarinettblasen tut. Und dann flugs in den Wald hinein. Der Lenzel versuchte allerlei, wie man vom Turm herabkommt. Es gibt zwei Wege, einen inwendig, einen auswendig. Der inwendige ist dunkel, der auswendige licht, luftig, steilab geht jeder. – Ob man sich die Beine bricht, wenn man da hinabhüpft, oder ob man ganz tot ist? Ganz tot, das wäre zu dumm, die Beine brechen, das wäre auch nicht klug. Schreit man um Hilfe, so kommen sie und lachen und morgen bist der Turmspatz in der ganzen Gegend. Wenn die Angla hört, daß du der Turmspatz bist! Das Übernachten auf dem Turm wäre weiter kein Unglück, aber – Tik, tak, macht der Teuxel die ganze Nacht, während der Mensch dort drüben auf der Alm sein soll. Dort drüben auf der Alm ist derweil ein anderer. Tik, tak, macht der Teuxel, der Pendelschlag. Den Sebald hat's gewiß danach geplangt, nach der Almhütte. Tik, tak, macht er? So höre doch, das ist ja ein guter Rat! Die Uhr leiht dir ihre Strickleiter. – Verstanden hat er's! Wie schlau er auf einmal geworden ist! Das Pendel hebt er aus, setzt sich auf den Steinklumpen des Uhrgewichts, hält sich ans Seil und tik tak, tik tak – in hastiger Eile – rasch sinkt das Gewicht mitsamt dem Insassen. In kaum einer Stunde ist er so weit unten, daß er den Sprung wagen kann. So, da wären wir wieder. – Man glaubt es nicht, was der Mensch an seinem festen Erdboden hat. Ist vertrackt schwer zu entraten, der feste Erdboden! Mittlerweile war es auch draußen dunkel geworden. Und das, dachte der Bursche, ist just die rechte Zeit zum Fensterlngehen auf die grüne Alm. Zwar die grüne Alm ist bei der Nacht schwarz, und die weißen Kühe sind auch schwarz, und die Angla wird auch schwarz sein. Das macht nichts. Der Weg ist ebenfalls schwarz, doch er trifft ihn ganz genau. Nach zwei Stunden ist er auf der Alm bei den Sennhütten. In der ersten Hütte ist Licht; das ist nicht seine Hütte, aber er guckt durchs Fenster hinein. Da drinnen sind ihrer ein halb Dutzend Dirndlein beisammen, sitzen um einen Leuchtspan herum, flicken ihr Gewand aus und tun plaudern. Und die kleine Angla ist auch dabei. Sie sitzt gerade neben der Herdglut, daß sie ganz glühend ausschaut im Rundgesichtel und über dem weißen Busenhemd. Herrschaft! denkt sich der Lenzel, glühendes Eisen wär' gut schmieden! Wenn sich heut' die auch noch auswendig anzündet! Na, derweil geh' ich voraus in ihre Hütten, sie wird schon nachkommen. Bleibt aber immer noch stehen und schaut hinein. Mit den Augen hört er's zwar nicht, was sie plaudern, aber an ihren schalkhaften Gesichtern, an ihrem Kichern und Lachen merkt er's, sie sprechen von den Mannsbildern. Na, das ist wenigstens was Rechtes! – Jetzt strengt er seine Ohren an, aber sie sind immer noch nicht lang genug, er hört nur so etwas, als ob eine den Vorschlag gemacht hätte, sie sollten Buben tauschen. »Oh na!« ruft die Angla laut aus, »das tu' ich nit! Meinen Buben vertausch' ich nicht! Behalt's ihr eure Scherben nur selber, der meinige ist noch gut über und über, und den geb' ich nit her.« Na, Lenzel, um so was zu hören, das verlohnt sich doch, auf dem Uhrgewicht vom Turm herabgeritten zu sein! Der Leuchtspan gloste seinem Rande zu, der Bursche sputete sich jetzt zur oberen Hütte hinauf. Die Brettertür war versperrt, er wußte durch den Heuboden ein Loch hinein und bald saß er drinnen, wieder so im Dunkeln, wie vorhin im Turme, aber in ganz anderer Stimmung! Hinter der Seitenwand schellte manchmal die Kuh, und man hörte ihr Wiederkäuen. Der weiche Stalldunst erfüllte die Hütte. Der Lenzl machte sich's bequem. Die Bettkissen waren ganz kühl und fühlten sich ein wenig schwanig an; und es war ein prickelnder Duft vorhanden, der ihm gar wohl behagte. Und jetzt fängt etwas an zu geschehen. Zuerst leise, dann lebhafter klopfte es ans Fenster, das über dem Bette ist. Ein krummgebogener Finger, und daran war ein großer Lackel gewachsen und dieser bettelte um Einlaß. Der Lenzel erkannte an Haltung und Stimme seinen guten Freund Sebald, den schlauen Abelsberger. Da der Lenzel drinnen nicht gleich antwortete, so sagte der draußen: »Wohl, wohl, Dirndel, heut' wirst schon mit mir zufrieden sein müssen; der andere ist zwar viel feiner als ich, aber kommen tut er heut' nit.« Der Lenzel öffnete das Glasfenster ein klein wenig und flüsterte mit verstellter Stimme hinaus: »Warum kommt er denn nit, der andere?« »Du, mit dem hast Malär,« sagte der draußen, »der Lenzel ist neuzeit Betbruder worden. Der geht jetzt zu der Antonikirchen fensterln, gewiß auch noch. Und hat mich hergeschickt, kennen tust mich eh, der Brennbaumer Sebaldl. Und sollt' dir statt seiner die Zeit vertreiben helfen. Gelt, 's ist dir recht, Herzerl?« »Auf keine Weis' nit,« flüsterte der Lenzel. »Wirst sehen, daß ich nit zu verachten bin.« »Vom Verachten hab' ich nichts gesagt, aber schlafen will ich.« »Ich will dir helfen dabei. Zwei richten mehr aus beim Schlafen, als eins.« »Meinst du?« »Gewiß auch noch. Und ich geh' heut nit heim alßer weißer (unverrichteter Dinge).« »Mußt dich halt mit Kohlen anstreichen dort beim Herd.« »Gilt schon, ich will mich mit Kohlen anstreichen an deinem Herd.« »Keinen Mohren mag ich aber nit.« »So will ich mich weiß waschen an deiner Milch.« »Die Milch gehört nit mein.« »So will ich sie gut bezahlen.« »Mit Hobelschaiten leicht?« »Will dir einen Gefallen tun, wie ihn ein Bauer mit drei Paar Ochsen nit kann leisten. Dirndl, derbarm dich, mach' auf.« »Wenn du schon gar so hitzig bist. Daß du mir die Wand nit anbrennst da draußen, so mußt halt hereinfliegen beim Rauchfang.« »Zum Fliegen bin ich nit eingerichtet, wirst schon die Tür müssen aufmachen zur Abwechslung.« »Immer einmal eine Abwechslung wird wohl nit schaden, aber die Tür ist verriegelt und die schönsten Buben finden das Heubodenloch. Komm' nur. Gleich ums Eck, durch die Schupfen links.« Also das Zwiegespräch. Der Lenzel hatte vorhin an der Wand eine Viehgerte getastet, nach der griff er jetzt, während der andere den Weg in die Hütte suchte und auch fand. Und mit der Gerte kauerte er sich hinter dem Bette an die Wand und dachte, wenn sie nur heut' noch einen frischen Span angezündet hätten in der unteren Hütte. Jetzt kunnt ich die Kleine nit brauchen da heroben. Mittlerweile hatte sich der Sebald mit einiger Mühe und Umständlichkeit von rückwärts hereingearbeitet, einmal stieß er seine Knie an die Balken, dann seine Achsel, dann seinen Kopf, er litt es mit größter Geduld, ich glaube, es hat ihm gar nicht weh getan. Der Lenzel strich mit der Hand über die Gerte hinaus, sie war dreifach geflochten und hübsch zähe. Jetzt war der Sebald beim Herd und tappte in die Asche hinein, jetzt war er beim Milchkasten, tastete an den Töpfen herum und lispelte: »Wo denn – wo hast es denn, dein Liegerstadl?« »Bist nimmer weit davon,« flüsterte der Lenzl nach Weiberart. »Au, das ist ja der Leckentrog!« klagte der andere, weil er in die Kleien geraten war. »Du wirst mir noch ins Milchhäfen fallen wie ein Schwabenkäfer,« zischelte der Lenzel. »Mußt nit gar so dalgert umeinandertappen, laß dir Zeit, wirst nichts versäumen. Deine Joppen häng' dort an den Nagel.« »Ist eh wahr,« antwortete der Sebald und begann das überflüssige Gewand von sich zu tun. Dem Lenzel war schon ganz heiß geworden und die Armmuskeln spannten sich scharf. »Ein bissel leid tut's mir halt doch um den anderen,« hauchte er scheinbar recht weichmütig. »Um die Letfeigen? Um den Turmspatzen?« versetzte der Sebald. »Turmspatzen?« fragte der Lenzel. »Na, so wo denn? Wo bist denn, Schneggerl!« »Na bin ich!« so der Lenzel und fuhr mit der Peitsche aus seinem Winkel hervor wie ein wildes Tier ... Als die Angla nächtlicherweile an ihre Hütte gekommen war, erschrak sie schier zum Schlagtreffen, drinnen war ein schreckbares Gepolter, Gefluche, Gestöhn und Gewimmer. – Wie ein Pfeil schoß sie zurück zu den Nachbarshütten. Dort steckten sich alle zusammen und getrauten kaum Atem zu holen die ganze Nacht. Erst als das Morgenrot aufstieg, gingen sie mit Knitteln und Sensen bewaffnet heldenhaft der oberen Hütte zu, um etwa die Ursache des nächtlichen Spukes zu erforschen. Die Tür war ordnungsmäßig verschlossen, wie sich das bei Geistergeschichten gehört. Und als sie die Türe öffneten – welch ein Durcheinander! Herrgott noch einmal, welch ein Durcheinander! Ein Teil des Bettes lag auf dem Herde, von der Bank waren zwei Füße eingeknickt, so daß die Kleien und die Milch zwischen den Scherben als vielarmiger Brei ausgebreitet lagen. Diebe konnten es nicht gewesen sein, denn es fehlte nichts; es war im Gegenteile manches da, was nicht in die Hütte gehörte. Unter dem umgestürzten Tisch ein grüner Hut mit Hahnenfedern und ein Tabaksbeutel, und im Winkel ein benagelter Mannsschuh. »Da haben s' g'rauft!« zeterten die Weibsleute. »Um mich haben s' g'rauft!« sagte die Angla mit großartiger Ruhe. »Zerschlagen haben s' ihr alles!« schrie eine andere. »Angla, dich mögen s' nit, da sieht man's!« »Um mich haben s' g'rauft!« wiederholte sie. Denn ein Bauerndirndl fühlt ihre Liebe erst anerkannt, wenn um sie gerauft worden ist. Am nächsten Samstag kam der eine um seinen Tabaksbeutel. »Aber Lenzel!« girrte ihn das Dirndel an, »bist du's gewesen? Ja, was hast denn ang'stellt?« Schmunzelnd barg er den Beutel rückwärts am Hosengurt. »Das hab' ich auch gefunden,« sagte sie und tat aus dem Winkel den grünen Hut und den Mannsschuh hervor. »Das gehört einem anderen,« entgegnete der Bursche. »Derselbe wird die Sachen wohl schwerlich holen kommen. Kannst sie einem Armen schenken.« Man kann nicht sagen, daß die Begebenheiten damit ihr Ende fanden. Der Erzähler mischt sich nicht weiter drein. Wie jener Abelsberger zu einer gekommen ist. Der Blindschleicher war Gärtnerbursche zu Abelsberg, ein hübscher Bursche – aber dumm. Man sollte also meinen, daß er bei den Weibern sein Glück gemacht hätte. Allein die Zesendorferinnen sind ein besonderer Schlag; »keinen Bidling allein mögen sie nit«, wie eine ihrer Wortführerinnen einmal dargetan hatte. »Ich bin ja kein Bidling (Rumpf) nit!« hatte sich hierauf der Blindschleicher scharf verteidigt. »Du bist ein Bidling!« rief sie, »weil du keinen Kopf hast.« Daß er alsogleich mit beiden Händen nach dem seinen griff, war ein Beweis, daß sie recht hatte. Bestätigt hatte den Umstand erst die Militärkommission bei der Rekrutierung. Den sechs Schuh langen Kerl ließen sie heimgehen, »weil er um einen Kopf zu kurz sei«. Indes wußte der Blindschleicher recht gut, daß man die Weiber nur mit Schmeicheleien besticht; und daß zum Schmeicheln und Courschneiden gerade nicht viel Kopf dazu gehört, das weiß männiglich. Aber der hübsche Gärtnergehilfe hatte nachgerade gar nichts Gangbares in seinem Oberteil. Er war süß wie eine gezuckerte Feigensuppe. Wenn er ausging, hatte er seine Knopflöcher voll Rosen und Knospen. Wenn schon eine Rose reizend ist, wie sie andere tragen, meinte er, so würden mehrere wohl noch reizender sein. Alsdann die Haare mit Schweinefett glatt und glänzend gemacht, und wie ein fescher Wiener an beiden Ohren »Sechser« gedreht! Aber einmal zeigte ein vorbeitreibender Kuhhirt nach ihm und sagte: »Das ist ja kein Sechser!« »Was denn?« fragte der Blindschleicher. »Das ist ein Fünfer!« Das wollte den Gärtner schier verdrießen, denn es war ihm, als ob man in der Gegend einfältige Leute »Fünfer« nenne. Und hatte hierin nicht unrecht. Das Halstuch trug der hübsche Bursche stets in Fahnen, und zwar in hellfarbigen. Das zeigt Flottheit an und lockt die Mädchen. Doch anstatt der Mädchen gingen die Truthühner auf ihn los, die ihn öfter als einmal gackernd durchs halbe Dorf jagten. Mit Männern war er etwas ungeschlacht und wich ihnen gern aus, weil sie ihn entweder aufzogen oder unbeachtet ließen, je nachdem sie übermütig oder ernsthaft waren. Bei den Weibern tat er gar holdselig, und oftmals seufzte er in sich hinein: »Ich möcht' eine haben! Wenn ich nur eine kunnt kriegen!« Lange Zeit hatte er nicht gewußt, warum das Plangen war, aber allmählich sickerte das Gefühl in einem Punkt zusammen und endlich wuchs es sich heraus, warum er eine haben möcht'! Nämlich, daß er sagen könnte: »Wenn ihr mich auch hänselt, kriegt hab' ich doch eine« – Besonders eine war, vor deren Angesicht er zerschmolz, wie Butter in der Sonne. Das war die Rotrubenliese, Jungmagd im Zaunhof. Das war die Lebfrischeste im Umkreis und nach der stand sein Sinn. Aber der Blindschleicher klagte es seinem Freund, dem Nachtwächter, als sie nachts durch das stille Dorf hinschritten. »Mein Mensch,« klagte er, »du glaubst mir's nicht, was ich für ein Kreuz hab'. 's ist eine Schand und ein Spott, wie mir nach der Rotrubenliese plangt!« »So greif' zu!« riet der Nachtwächter. »Greif' zu, Narr, wenn sie nichts von dir wissen will!« »Von mir braucht sie nichts zu wissen. Ich hab' eh meine Alte höllisch fest an mir.« »Von mir will sie nichts wissen!« sagte der Blindschleicher. »Was ich ihr schön tu', Freund! Und sie! Wenn ich sag' zu ihr: Liese, guten Morgen, Liese! so sagt sie: Leck' Salz! Und wenn ich sag': Du bist soviel schön, Liese! so sagt sie: Und du bist soviel gescheit, Burschl.« »Und gefreut dich das nicht?« fragte der Nachtwächter. »Wie kann's mich denn gefreuen, wenn sie nachher wieder sagt, sie mag nur einen Dummen. Das ist schon eine Verschwefelte, die Liese! Und wenn ich ihr ein Röselein geben will und sag': So bist du, wie das Röselein da, so rot bist du und so gut riechst du und so scharf stichst du! – nimmt sie mir das Röselein so lieb aus der Hand und hält es der Geiß hin zum Fressen.« »'s hat eilf geschlagen!« rief der Nachtwächter laut, »und du, mein lieber Blindschleicher,« setzte er leise bei, »du mußt es ganz anders angehen, wenn du eine haben willst.« »Ich möcht' schier verzagen,« klagte der Gärtnerbursche. »Und wie oft hab' ich ihr schon gesagt: Goldene Liese! Diamantene Liese! Hab' ich gesagt, du schmeckst wie Butter und Honig, ich streich' dich auf mein Brot, ich fress' dich vor lauter Gernhaben, hab' ich gesagt, ich küsse dir die Fußsohlen und salbe dir die Fersen mit meinem Bart, habe ich gesagt; wie das Sauerkraut in dem Kübel, so kannst du mich treten mit deinen Füßen und mit den Knien mich zerquetschen, wie du willst, von dir tut mir gar nichts weh. Du kannst mir mit deinen Armen den Hals zusamm'schnüren und mich mit deiner Wang' ersticken, 's tut mir gar nichts weh', du bist mein himmlisches Paradeiserl. – So schön hab' ich gesprochen, denn ich, wenn ich einmal anfang'! Bedenk mein glutheißes Blut! Hab' ich gesagt!« »Und was hat sie Antwort geben?« »Geh' zum Bader aderlassen, hat sie mir Antwort geben. Oh, sie ist ein Stein, mein Mensch, sie ist ein Stein.« »Sei getröstet, Junge,« sagte der Nachtwächter, der ein kluger Mann war. »Steine hebt man nicht mit Winseln und Streicheln, mein Holder. Den Stein auf dem Erdboden muß man erst mit einem tollen Stoß locker machen, dann kann man ihn heben. Verstehst mich?« »Meinst, daß ich ihr in die Seiten rennen soll, der Liese?« »Nicht ganz so scharf. Es gibt auch Gleichnisse auf der lieben Welt, mußt du wissen, und wenn ich dir zum Beispiel sag': Du bist ein Esel, so ist das nicht gerade so aufs Wort gemeint, es ist nur ein Gleichnis.« »Ja, ja,« gab der Blindschleicher bei, »schau, wenn du mir so was sagst, so verstehe ich's leicht. Du bist mein liebster Freund. Aber wenn ich nur 's Mädel haben kunnt!« »Die Weiber,« so belehrte jetzt der Nachtwächter, indem er stehenblieb und sich auf seinen langen Spieß stützte, »die Weiber sind eine ganz besondere Art Gottesgeschöpf. Der erste Mensch, der ist noch nicht gar gut geraten, wie's halt schon geht, so lang' man's noch nicht in der Hand (Übung) hat. Aber der zweite – mußt betrachten – der ist schon besser geraten. Ich sag' dir's kurz: Der Mann ist des Gottschöpfers Lehrbubenarbeit, das Weib ist sein Meisterstück. – Sie haben ihre Eigenheiten, daß es gar nicht zu glauben ist! Aber ich kenne sie! Ein Nachtwächter, mein Lieber, der alle Stund' der Nacht sein Aug' offen hat, der kennt die Sachen! Wenn du eine mit Feinheiten und Süßigkeiten nicht gewinnst, so denke, daß man alle Vögel nicht mit Zucker ködert. Versuch's mit deiner Liese, beleidige sie einmal. Nicht so halb und halb, sondern tüchtig; tu' ihr was an, daß sie an dich denkt; sie wird schon aufhören, zu hänseln, du wirst ihr nicht mehr gleichgültig sein, sie wird dich vielleicht sogar hassen, aber, mein Freund, du mußt wissen, daß der Haß viel näher bei der Liebe steht, als die Gleichgültigkeit. Ich kunnt dir Geschichten erzählen! Und das meine ich mit dem Stoß und daß der Stein nur einmal locker wird. Beleidige sie, verlieren kannst nichts. – Es hat zwölfe g'schlagen!« Ob die Stunde schon aus war, ist nicht erhärtet, aber gerufen hat er sie. »Denk' nach darüber,« sagte er noch. Der Blindschleicher ging seiner Wege und traf umfassende Vorbereitungen, darüber nachzudenken. Er ging stundenlang zuerst den Bach entlang; aber wie kann einem denn was einfallen, wenn das Wasser so rauscht! Dann schlich er über die Felder, da waren es wieder die Grillen, oder es stand dort eine schwarze Gestalt, die möglicherweise ein Geist sein konnte. Zwar hatte ihm der Schulmeister einmal gesagt: »Blindschleicher, ich gebe dir mein Wort, vor einem Geist kannst du sicher sein!« – aber wer weiß! Es ist ja doch ganz sündhaft, so in der Nacht was ausdenken, wie man der Liebsten was Böses antun kann. »Meinetwegen, auf die Sünd' schau ich nicht, wenn ich sie nur bekomm'.« Erst als er in seiner Kammer die Stiefel auszog, fiel's ihm ein: Auf dem Kirchweg', wo es alle Leut' sehen, schlagst ihr einen Haspel (ihr ein Bein stellen, einen Fuß ausschlagen), daß sie auf die Straßen fällt. Als er jedoch im Bette lag, gefiel ihm diese Sache nicht recht. Da ist's vielleicht vernünftiger, er tut das, was der Holzfranzl seiner untreuen Geliebten einmal getan hat, der führte sie ins Wirtshaus und ließ ihr abgeschmatzte Zwetschkenkörner vorsetzen. Nur ist es wahrscheinlich, daß die Liese gar nicht mitgeht. Am tiefsten freilich, meinte er, würde er ihr damit weh' tun, wenn er hinginge und sagte: »Liese, lebe ewig wohl, ich geh' sterben!« – Das war ein Gedanke! Der Blindschleicher erschrak nachgerade darüber, daß in seinem Haupte ein so gewaltiger Gedanke aufgestanden war, der konnte darin kaum aufrechtstehen, er stieß überall an – schließlich tat dem armen Burschen der Kopf weh', und am nächsten Morgen, als er aufstand und die helle Sonne auf die Blumen des Gartens schien, war er sich darüber klar: Blindschleicher, vom Sterben sagst nichts. Derselbe Tag war ein Sonntag, er zog also ein strammes, aschgraues Beinkleid an, eine gelbgeblümte Weste mit der kirschroten Krawattenfahne darüber, besteckte die Knopflöcher des blauen Jackettels mit Rosenknospen, auch das braune Rundhütchen mit Rosmarin, strich die Haarsechser in zierlichster Ordnung gegen seine beiden Wangen heraus, tat dem sprossenden Bärtl etwas zugute, und wie ihm nun der Spiegel bestätigte, daß er unwiderstehlich sei, schwoll sein Herz plötzlich in der Ahnung: »Blindschleicher, heut' ist ein besonderer Tag, heut' mußt du eine kriegen!« Es war ein fast feierlicher Gang hin durch die Kastanienallee gegen die Abelsberger Kirche, und bei diesem Gange nahm er sich vor: am heutigen Nachmittag will er die Liese aufsuchen und schwer beleidigen. Sie weint, sie schmollt, er bittet ihr's ab, dann steht die Sache schon ganz anders. – Sollte aber dieses äußerste Mittel bei der Rotrubenliese nicht verfangen, so tut er auf sie nicht weiter spekulieren, sondern beleidigt eine andere. Beleidigen läßt sich eine jede, das ist das wenigste! »Da geht schon wieder der Dirndljager!« kicherte ein loser Junge, als der Blindschleicher an einer Gruppe von Burschen halb hochmütig, halb befangen vorüberkam. Den, der da gerufen, möchte er nun auch beleidigen, aber getraut sich nicht recht. Als er zur Kirche kam, wo sie gerade zum Hochamte läuteten, so daß sich die Leute zur Tür hineindrängten, tat auch der Blindschleicher mit. Und wie er im Gedränge so zurückblickte, wer's denn hinten gar so eilig habe, sah er ganz nahe an sich – die Liese. Sie kicherte mit mehreren Burschen, die sich neben sie heranpreßten. Der Blindschleicher sah den Weihbrunnkessel, worin jeder die Finger eintauchte, um sich und die Fernerstehenden, die nicht zum Kessel gelangen konnten, zu besprengen. In dem Augenblicke fiel dem Gärtnergehilfen ein: Jetzt tu' es, jetzt beleidige sie. Tauchte seine gehöhlte Hand ins Wasser, rief: »Da ist auch eine, der man den Teufel austreiben muß!« und schüttete der Rotrubenliese den ganzen Inhalt der hohlen Hand ins Gesicht. Die Liese tat einen Atemstoß, sagte hell und laut: »Er ist schon heraußen!« und versetzte dem Burschen mit klatschender Hand eine auf die Wange. Und das ist die Geschichte, wie der Blindschleicher zu einer gekommen ist. Wie eine Abelsbergerin als Ehefrau ausging und als Jungfrau heimkam. Zum kleinen Moidei machen wir eine große Einleitung. Da war ein grünes, fruchtbares Tal. In demselben lebten Weiber, lauter Weiber, und alles übrige war unbekannt. Außer dem bißchen gegenseitiger Scheelsucht und außer dem bißchen Tratsch war keine Unterhaltlichkeit. Aber auch der Tratsch war sehr mager, er hatte keinen rechten Stoff. Der Mensch muß zweiköpfig sein, dann erst ist es ein Vergnügen, seine Sünden zu begucken. Eines war aber dabei, ein junges, kühnes Weib, das wollte nicht mittun, sondern trieb sich einsam auf besonderen Wegen um. Sie empfand, daß sie einsam war, ohne zu wissen, daß sie zweisam sein könnte. Gegen Sonnenaufgang des Tales war ein hohes Gebirge. Und weil jeden Morgen darüber eine Sonne aufging, so meinte das einsame Weib, es müsse dort was Heißes dahinterstecken. Sie versuchte daher mehrmals, das Gebirge zu besteigen, aber sie kam nicht hinauf. Wohl brachte sie von ihren Ausflügen mancherlei seltsame Sachen mit. Einmal eine Alpenrosenknospe, die erst an ihrer Brust sich entfaltete, einmal das Horn eines Steinbockes, das sie sich an den Kopf setzte, wohin es aber nicht passen wollte. Ein andermal brachte sie ein länglich-rundes, gesprenkeltes Ding, das keines der Weiber kannte. Es ging von einer Hand in die andere, bis das Ding plötzlich barst und ein Vöglein heraussprang, daß sie anfangs erschraken, sich dann aber höchlich daran ergötzten. Nun zogen die Weiber selbander in das Gebirge, um Vogelnester zu suchen und Eier auszuheben; aber der Einsamen wurde dieser Spaß bald langweilig, sie strebte von den Engtälern weiter gegen die Höhen, und immer weiter hinauf. Einmal blieb sie sehr lange aus, als sie wieder zurückkehrte, wußte sie aber auch was zu erzählen. Sie sei so weit hinaufgekommen, bis der Boden unter ihren Füßen auf der anderen Seite wieder abwärts gegangen. Jenseits des Gebirges sei auch ein Tal, und aus dem seien ganz eigenartige Wesen heraufgestiegen – große, knochige Menschen, und hätten Haare im Gesicht. Ob sie gefährlich wären? Für den ersten Augenblick schienen sie sehr gefährlich. Einer sei wie wütend auf sie hergefahren, aber die Sache sei nicht sehr schlimm gewesen. Alsdann seien die absonderlichen Menschen in ihr Tal hinabgegangen, und sie – die Einsame – sei diesseits herabgestiegen. Auf solche Mär wurden die Weiber höchst aufgeregt und sie stiegen höher und höher hinan in das Gebirge, mutvoll bereit, die Ungeheuer aufzusuchen. Mittlerweile hatte sich auch im jenseitigen Tale unter den bärtigen Wesen das Gerücht verbreitet, daß sich hinter dem Gebirge Geschöpfe aufhielten, den Menschen höchst ähnlich und doch nicht mit ihnen vergleichbar. Sie seien ganz unheimlich glatt und zart und ihr Anblick könne wahnsinnig machen. Alsogleich waren auch sie entschlossen, über so eine Nachbarschaft nähere Erfahrung einzuholen; sie stiegen ihrerseits das Gebirge hinan – und oben auf dem Rücken, wo liebliche Hochmatten waren, trafen sie sich. Die neue Bekanntschaft fiel zur gegenseitigen Zufriedenheit aus, und bevor sie sich trennten und jeder Teil wieder in sein Tal stieg, verabredeten sie über Jahresfrist eine neue Zusammenkunft auf den Hochmatten des Gebirges. Und so ward es, daß sie Jahr für Jahr oben zusammenkamen, die Weiber des diesseitigen und die bärtigen Wesen des jenseitigen Tales, und daß sie allemal einen Monat beisammenblieben auf dem Gebirge, um den milden Sonnenschein und den Wohlhauch der Alpenblumen zu genießen. Allmählich erschienen im Tale der Weiber winzig kleine Geschöpfe, im ganzen den großen ähnlich. Junge Menschlein. Die Mädchen blieben bei den Weibern, die Knaben wurden in das Tal der Männer geschickt. – Und es entwickelte sich ein großes Geschlecht, gewaltig an Körperkraft und an Seelenglut. – Diese tropische Sage von der Entdeckung der Männer und von dem jährlich nur einmal übersteigbaren Gebirge zwischen den beiden Geschlechtern kann uns nachdenklich machen. Wir haben es besser und sind schlimmer daran. Nichts entmannt den Mann mehr, als die beständige weibliche Gesellschaft. Die Leidenschaft und Glut der Liebe, der noch allerlei Hindernisse unter die Füße geworfen werden, wird lahm, sobald das Ziel ohne jeglichen Kampf täglich erreichbar ist. Wird lahm und matt und langweilig, und wie mancher wünschte sich zwischen sich und seiner trauten Ehehälfte ein hohes Gebirge. Zwar würde bei der heutigen Ausbildung der Touristik schließlich weder der eine noch der andere Teil den Jahreslauf abwarten, sondern wöchentlich ein- oder gar zweimal eine Bergpartie machen. An die Sage von der Entdeckung der Männer erinnere ich mich jedesmal, wenn ich in jene Gegend unseres Vaterlandes komme, in der die Weiber jährlich einmal auswandern, um, wie es heißt, sich Männer zu suchen. So ist es auch in Ober-Abelsberg herkömmlich, daß im Juni die Dienstmägde ihre Dienstorte verlassen, um in den »Schnitt« zu gehen. Sie haben sich das von ihren Dienstherren zum Vorbehalt gemacht und ziehen in den Sommermonaten, solange zu Hause das Getreide noch nicht reif ist, ins Unter- oder Vorderland, wo die Wachtel lustig schlägt im Kornfeld, wo das Korn schon der vielen fleißigen Sicheln harrt, und wo sich die Schnitterinnen ein Stück Geld verdienen können. »Sie gehen Männer suchen«, ist der Spott, den man ihnen von daheim nachsendet. Und es geschieht in der Tat zuweilen, daß die eine oder die andere einen mit heimbringt oder selber nicht mehr zurückkommt, oder wenigstens nach dem abgelaufenen Dienstjahre wieder ins Unterland zieht, wohin sie die Wachtel lockt. Bei mancher freilich ist es nichts weiter, als daß sie nebst ihrem vollen Geldtäschchen nur noch ein anderes Andenken mit nach Hause bringt, das dann die Lust und das Leid – das Verhängnis ihres Lebens wird. – Derlei geschieht häufig – die Kornraden und die Mohnblumen, die in den Halmen wachsen, brennen gar so rot. Äußerst selten aber geschieht es, daß eine als Ehefrau in den Schnitt zieht und als Jungfrau heimkehrt. Einmal ist das doch geschehen. Der Schneidermeister Benjamin zu Ober-Abelsberg hatte seine dritte Frau genommen – ein kleines, jugendfrisches Weibchen – die Moidei. Selbstverständlich nahm er's heikel mit seiner Kleinen, wie er ein zwar nicht mehr junger, aber vierschrötiger Kerl war, so wußte er den übrigen Männern in solcher Sache Respekt einzuflößen, und auch seiner Moidei. Diese ließ sich's mit dem eingeflößten Respekt genug sein und hielt sich soweit brav. Das Schlimme jedoch war, daß der Meister erwerbshalber darauf angewiesen war, sein junges Weibchen zur Hochsommerszeit in den Schnitt zu schicken. Vier Wochen weg sein vom eheleiblich angetrauten Manne! Draußen im Land gibt's allerhand Leut', und so ein Weiberblut kann man nicht zwingen: Der muß dir gefallen und der darf dir nicht gefallen. Oh, die Weiber, wenn sie fortgehen! Lassen sie ihre Treue beim Manne daheim, so gehen sie treulos fort, und nehmen sie die Treue mit sich, so kommen sie oft ohne dieselbe heim. Die Moidei nimmt sich selber mit, nimmt sich ganz mit! in ihrem Kopf wird freilich der Ehemann noch ein Weilchen hocken, aber bei ihren Augen werden andere Männer hineingucken, bei ihren Ohren werden kecke Burschen hineinsingen und flüstern, an ihre Nase werden vorwitzige Jungen duftende Rosenknospen halten, und wenn sie in solcher Not den heiligen Namen des Ehemannes anrufen will, da wird man ihr mit bärtiger Lippe den Mund verschließen, mit heißem Begehr umschlingt sie den Mann, der eben erst zehn Stunden weit weg war ... So spintisierte der Meister Benjamin. Und wenn sie wenig Geld heimbringt vom Schnitt: Du mußt dich nicht gar viel verlegt haben aufs Schneiden! Hast keine Zeit dazu gehabt? – Und wenn sie viel Geld heimbringt: Ist das alles fürs Kornschneiden? Die Moidi war nun draußen in Urlaufen und schnitt Korn auf den Dorfäckern; ihren Unterstand hatte sie beim Küster genommen. Warum just beim Küster? fragte sich der Meister Benjamin, warum nicht beim Wirt, beim Schuster oder sonst wo? Was ist der Küster für ein Mensch? Ein alter Junggeselle. Ein frommer Mann natürlich. Gott, diese Betbrüder, das sind gerade die Ärgsten. Man kennt diese Leute, wie sie in der Kirche mit ihrem Klingelbeutel zwischen den Weibsbildern herumschleifen und »Vergelt's Gott« sagen, ohne daß was hineingeworfen wird. Der Küster von Urlaufen ist noch nicht »fünfzig«, hat – wie man hört – stets Backen und Kinn glatt rasiert und hat seinen Bartkranz unten am Halse herum wie die Schiffersleute. Die den Bart so tragen, das sind allemal die Schlimmsten. Eine Glatze soll er haben, aber die rückwärtigen Haare nach vorn kämmen, damit man die Glatze nicht sieht! Warum tut er das, als weil er noch jung sein will? Und warum will er noch jung ausschauen, als um Weiber zu betören? – Und bei diesem Gauch wohnt sie, die Moidei! Einen Brief schreibt sie an den Heimgespons: es ginge ihr soweit gut. Vergißt aber die Marke darauf zu kleben, so daß er Strafporto zahlen muß. Endlich ist der Schnitt vorbei, die Moidei kehrt heim, springt dem Meister Benjamin an die Brust und packt ihr Geld aus. Es ist nicht zuviel und nicht zuwenig. Ist verdächtig! Warum sie's gar so genau macht! Wenn die Weiber so zärtlich sind und so akkurat, da haben sie was zu verdecken. – Zudem wird gemunkelt, der Wind weht so mancherlei Anspielungen hin und her vom Küster in Urlaufen und seinem Stübel, er hatte nebst dem Heuboden nur eins. Das ward dem guten Meister Benjamin endlich zu arg. Er kannte zwar den Küster nicht, so wie er auch von diesem kaum gekannt sein konnte, aber eine gerade Verständigung ist zwischen Männern am besten. Der Meister schrieb dem Küster einen Brief von wegen der kleinen Moidei, und was an der Leute Reden sei? und er, der Küster, würde schon noch erfahren, mit wem er's zu tun habe! und unterstrich die Worte, weil man sie im Briefe nicht schreien kann. Der Küster in Urlaufen war bei Empfang des Briefes stark verblüfft. Was der mit seinem Dirndel für Geschichten macht, da! dachte er. Soll's nicht schneiden ausschicken, wenn er nachher Angst hat, sie könnt' unters Stroh kommen. Das ist der »Geltsgott« dafür, daß ich sie aus Christenpflicht auf meinem Heuboden schlafen laß, daß das unerfahrene Ding nicht Schaden leidet. Soll ein anderes Mal der Alte selber mitgehen und sein Parasol halten übers Mädel, daß sie ja keine Sommersprossen heimbringt. – Und weil er ein gutes Gewissen hatte, wie es jedem Küster geziemt, so nahm er alsogleich ein Blatt Papier und schrieb an den Schneidermeister Benjamin: »Ich unterzeichneder bestedige Mit mein Heiligen eid und bey der Küster-Ehre fon Urlaufen, daß die Schniderin Maria-Moidei mein Hauß als jungfrau verlassen hat. Johann Sappel , Küster zu Urlaufen.« Einen solchen Brief muß man sich doch hinter den Spiegel stecken. Meinst du's nicht auch, Meister Benjamin? Abelsberger Herren- und Frauenrecht. »Reich, aber ...« damit charakterisierte ein boshafter Dorfinsasse den jungen Schlagelschautz, der als Bräutigam der Kathinka Reckel zu Ober-Abelsberg von der Kanzel verkündet worden war. »Reich, aber ...?« fragte Schlagelschautzs Vetter, der Blasius, entgegen, »wie ist das gemeint?« »Mein Gott,« antwortete der boshafte Dorfinsasse, »wie wird das gemeint sein! Jeder kann nicht gescheit sein; es muß auch einfache Leute geben. Arm, aber gescheit, was hat der Mensch davon? Dumm, aber reich – ist gescheiter.« Schlagelschautzs Vetter war beruhigt. Übrigens war der Schlagelschautz nicht so – »einfach«, wie der boshafte Dorfinfasse glauben machen wollte, sonst hätte er sich nicht die Schönste als Braut ausgesucht. »Bei dieser Hochzeit möchte ich der Schloßherr sein,« bemerkte der Gemeindeschreiber im Wirtshaus. »Warum der Schloßherr?« fragte der Bräutigam, »den geht ja meine Hochzeit nichts an.« »Oho!« rief der Schreiber und blinzelte den anderen Gästen zu, »den Schloßherrn geht deine Hochzeit ganz kurios an! Du wirst doch vom Herrnrecht was wissen, Schlagel? Du wirst doch vom Erstlingsrecht was gehört haben, Schlagel? Mußt es ja schon in der Schule gelernt haben: Alle Erstlingsfrucht soll dem Herrn geweihet werden!« »In die Schul' bin ich zwar mein Lebtag nicht gegangen, aber das von der Erstlingsfrucht, das weiß ich,« sagte der Schlagel. »Ist nachher der Zehent daraus worden.« »Meinst!« sprach der Schreiber und stützte seine Ellbogen auf den Tisch. »Wenn's der Herr verlangt, muß es ein Erstling sein. Und unser Schloßherr verlangt's, darauf kannst du dich verlassen.« »Ich weiß nicht, was der Herr Gemeindeschreiber will,« sagte der Bräutigam. Da nahm der Schneidermeister den Schlagel am Arm und zerrte ihn mit sich in die Stubenecke, dort deutete er ihm flüsternd etwas aus. Der Schlagelschautz wurde blaß wie die neugetünchte Mauer. Das Haupt schüttelte er, die Hände schlug er zusammen und fragte endlich: »Was ist da zu machen?« »Da kann keiner was machen,« beschied der Tischlermeister, denn alle wußten nun, wovon die Rede war. »Das muß sich jeder gefallen lassen, der ein Weib heimführt. Leider! Ist noch ein altes Recht. Sollte längst abgekommen sein; ist aber nicht abgekommen, weil es den hohen Herren gar so gut gefällt.« »Daß ich bisher nichts davon gehört habe!« sagte der Schlagel kopfschüttelnd. »Solche Sachen erzählt man nicht, mußt du wissen,« belehrte der Schreiber, »und die es angeht, sind erst recht still. Das kannst dir denken.« »Es ist wahr,« meinte der Schlagel und setzte sich wieder an seinen Platz, »es laßt sich denken, daß sie still sind, die es angeht, es laßt sich denken. – Aber wie geht's denn zu? möcht' ich wissen.« »Wie geht's zu?« sagte der Schreiber. »Musik gemacht wird, getrunken wird, getanzt wird, lustig ist's. Vielleicht ist der Schloßherr selber da und fliegt beim Kranzelabtanzen etlichemal mit der Braut ringsum. Ist eine Ehr'! Ich wollt', er tät's mit der Meinigen. Nun, daß ich's sage. Finster wird's, toll geht's her im Hochzeitshaus. Da ist dir auf einmal die Braut weg. Weiß er nichts, der Bräutigam, so sucht er sie und macht Lärm und wird ausgelacht. Weiß er's, so ist er still und wartet geduldig, bis sie wiederkommt. Bringt ja wolter ein sauberes Präsent mit vom Schloßherrn, ein seidenes Halstuch, ein Ringel, oder was weiß ich! mit leeren Händen kommt sie nicht zurück. Jetzt aber gehört sie sein.« »Wem!« »Dem Ehemann.« »Na, siehst es!« trösteten die anderen, »nachher ist ja alles recht.« Der Bräutigam aber schüttelte immer den Kopf. »Mag euch recht sein,« murmelte er, »mir nicht. Wenn ich das früher gewußt, hätt' ich alles stehen lassen. Ein solches Heiraten! Für einen anderen! Du verflucht!« »Und ist das allemal?« fragte der Tischler überlaut den Schreiber. »Es gibt Ausnahmen,« berichtete der Schreiber. »Wie fert (im vorigen Jahre) der Gugelfranz die Bäckerwitib hat geheiratet, da hat der Herr auf sein Vorrecht verzichtet. Geschieht selten, wunderselten! Die Kathinka. Müßt nicht gescheit sein, der Schloßherr.« »Wenn ich aber hinginge,« meinte der Schlagelschautz, »und meine Aufwartung tät' machen!« »Nach dir geht's ihm nicht.« »– Aufwartung machen und ihn rechtschaffen bitten, er möcht' diesmal Gnade für Recht geben.« »Probieren kannst es,« sagte der Schreiber, »glaube aber nicht, daß es was nutzt.« »Lieber fang' ich noch einmal an zum Roboten und zum Zehentgeben, wie es mein Vater hat gemacht, als daß ich so was wollt' leiden. Ich nicht, ich! Da bin ich heikel! Ich gehe zum Schloßherrn.« Den Spaß, den die Tischgesellschaft unter sich hatte, als der Bräutigam fortgegangen war, kann man sich denken. Was nun den Schloßherrn anbelangt, von dem die Dorfleute gesprochen, so hatten sie einen solchen gar nicht. Das Schloß stand wohl noch da, auf dem vor Zeiten die Herren gehaust und von dem aus sie die Bevölkerung vergewaltigt hatten; aber dieses Schloß war von einem Bankdirektor angekauft worden, der nun darin wohnte, sich auf den hohen Herrn hinausspielte, doch weiter nicht viel Beachtung fand. Dieser Schloßherr war schon nahe den Sechzigern, hatte aber noch pechschwarzes, stets fein gekräuseltes Haar und einen ebenso schwarzen aufgespitzten Schnurrbart. Eine hellrote Halsbinde trug er und lauter lichtfarbige Beinkleider, unter denen jedoch die Beine manchmal ein wenig schlotterten, was er durch einen tänzelnden Gang recht geschickt zu verbergen wußte. Weil sich der Bauer Schlagel nicht anmelden ließ, sondern geradeswegs in seine Gemächer trat, so wäre der Schloßherr schier beim Malen überrascht worden. Er war ein Meister in der Kunst, Haar und Bart zu färben. Rasch steckte er seine Lorgnette auf die scharfe Nase und näselte in jenem lallenden Tone, der so vornehm lassen soll: »Wer ist's? Was sucht man?« »Herr!« stotterte der Schlagel und zerknitterte den Hut zwischen seinen zum Bitten aneinandergelegten Fäusten, »Herr, ich bin der Bauer Schlagelschautz, der jetzt heiratet, der gnädige Herr kann sich denken, warum ich da bin.« Nun hatte der »gnädige Herr« von der Geschichte schon gehört und war nicht gewillt, den Spaß zu verderben – im Gegenteil, er wollte ihn treiben, so weit er ging. Die Leute sind dumm, vielleicht geht er weit. »Sehr erfreut, Schlagelschautz,« sagte der Schloßherr, »sehr erfreut über Ihre Aufmerksamkeit. Wenn es mir irgend möglich ist, so werde ich mich zu Ihrer Hochzeit einfinden.« »Einfinden?« entgegnete der Bauer und machte ein langes Gesicht. »Es ist niemand dabei, nur die nächsten Verwandten, sonst niemand. Machen es ganz einfach. Führen keine Hochzeitsgebräuche auf, gar keine.« »Das ist aber nicht schön von dem Schlagelschautz, he, he,« entgegnete der Gutsherr und guckte ihn nickenden Kopfes immer durch die Lorgnette an, die er sich mit der Hand an die Augen hielt. »Ich hab's nicht gern,« fuhr der Bauer etwas dreister werdend fort, »die Meinige mag's auch nicht. Wir möchten nach der Trauung gleich davonfahren, wenn ich bitten dürft'.« »Das ist aber nicht schön von Euch,« wiederholte der Herr, »die alten ehrwürdigen Sitten soll man nicht abkommen lassen. Ist ein Gläschen Süßer gefällig?« Likör wartete er ihm auf. Der Bauer tat einen Schluck, wischte sich den Mund und sagte: »Der ist gut. Hab's ja alleweil gehört, daß mit dem gnädigen Herrn leicht umzugehen ist. Wir wollten uns schon verstehen allzwei. Aber an meiner Braut ist nichts dran. Einzig nichts. Einen guten Honig habe ich daheim, wenn ich ihn herschicken darf. Aber das mit der Braut, da tät' ich wohl recht schön bitten. 's ist der Abreise wegen. Wollt' tausendmal bitten, daß der gnädige Herr bei uns eine Ausnahme möcht' machen. Wollt' recht erkenntlich sein dafür.« Der Bauer mußte sich auf einen Diwan setzen, der Schloßherr setzte sich neben ihn und streichelte seine Knie und kicherte. »Mein Liebster,« sagte er dann, »recht gern möchte ich Ihnen den Gefallen tun, recht gern, hi, hi, jedoch ich darf nicht. Geschätzter, ich darf nicht. Sie mögen die Gebräuche der werten Voreltem abkommen lassen; ich will und kann es nicht, bin das meinen Ahnen und meinen Nachkommen schuldig. Sie werden das begreifen, mein Bester, übrigens, es ist ja nicht so schlimm, als Sie etwa annehmen mögen, hi, hi. Ein Kuß auf die Stirn, wie der Vater die Tochter küßt zum Segen. Ist das was Unrechtes? Sie werden doch Ihre Braut nicht um die Gratifikation bringen wollen, die damit verbunden ist. Eh nein, das müßt Ihr nicht so schlimm auffassen. Von einer Störung im Hochzeitsprogramm kann gar keine Rede sein. Sie können nach der Trauung sofort mit Ihrem Weibchen abreisen, wann's beliebt.« »Vergelt's Gott!« rief der Schlagelschautz und faßte die weiße kalte Hand des gnädigen Herrn, »Vergelt's Gott!« »Ein paar Tage früher schicken Sie Ihre Braut her in das Schloß, weil sie sich in den Katalog schreiben muß.« »Einschreiben?« stöhnte der Bauer, »zum Einschreiben ist's? Sie kann nicht schreiben. Ich kann zwar auch nicht, aber das Kreuz mach' ich. Kann's gleich tun, weil ich schon da bin. Auch für die Kathinka.« Der Schloßherr läutete einem Diener und gab Befehl, die Arrestanten auf eine halbe Stunde in den Hof zu führen, »damit sie einmal ein bißchen Luft schnappen können, und dem armen Teufel von jungen Ehemann, der sich in voriger Woche heimlich hat trauen lassen, jeden Donnerstag aus der Einzelhaft. Man will auch menschlich sein.« Der Diener nickte verständnisvoll. Der Schloßherr wendete sich ruhig wieder dem Schlagel zu, klopfte ihm auf die Achsel und sagte: »Ne, ne, mein Freund, sie muß ihr Kreuz selber machen.« »Wenn's sein muß!« murmelte der Bauer und stand schwerfällig auf, »im Gottesnamen.« Dachte aber bei sich: »Daß ich sie allein hergehen lasse, so dumm bin ich nicht.« Und torkelte zur Tür hinaus. Der Schloßherr rieb sich die Hände, und als sie warm waren, lachte er sich ins Fäustchen. Der Schlagelschautz ging schnurgerade zu seiner Braut und erzählte ihr alles. Sie streichelte sein Haupt, seine Stirne, schaute ihm ins Gesicht und sagte mit zärtlicher Stimme: »Du lieber Kerl!« Denn das ahnte sie, je einfältiger der Mann, je besser für das Weib. »Weil du nur gesund bist, Schatz,« sagte sie und streichelte ihn, »Gesundheit ist das beste.« »Aber, was sagst du dazu?« war seine Frage. »Ich freue mich drauf – daß ich ins Schloß gehen kann,« antwortete die Kathinka. »Ich werde mit dir gehen,« sagte er. »Ich werde allein gehen,« erklärte sie bestimmt, »ich werde ihm das Kreuz schon allein machen, wenn er eins haben will.« »Aber einen süßen Schnaps hat er,« gab der Bräutigam zu bedenken. »Das ist schon recht,« darauf sie schneidig, »süßen Schnaps trink' ich gern.« Am nächsten Tage ging die Kathinka ins Schloß. Der Schlagelschautz schlich außen um das Gebäude und horchte an dem Fenstern. Eines ist offen, und wenn's darauf ankommt, springt man hinein. Es mag ja sein, ein Vaterskuß. Der Schloßherr ist ja immer als Vater seiner Untertanen betrachtet worden. Es mag ja sein. Aber sobald er einen Hilferuf hört, der Schautz, will er ins Schloß und dreinschlagen, und wenn er ein Jahr lang eingesperrt wird, es ist ihm schon alles eins. Und nun soll man wieder einmal sehen, wie sich mancherlei im Leben und in den Büchern wiederholt. – Zuerst hörte der Schlagel, wie sie eintritt, ihr »Küß die Hand« sagt und von dem gnädigen Herrn freundlich empfangen wird. Dann ist einige Zeit hinter den Mauern alles still. Natürlich, bis er den Katalog aus der Lade tut und aufschlägt und die Feder spitzt, so ein hoher Herr hat noch lauter Gänsefedern; und sie ist auch nicht die Geschickteste, ein Kreuzel aufs Papier, das braucht eine Viertelstunde Vorbereitung. Nachher erst kommt er mit dem süßen Schnaps. Sie soll nur trinken, wenn er ihr schmeckt. Das alles stellt sich der Bauer vor, da hört er drinnen plötzlich einen Schall und Wehschrei. Der Schlagel schwingt sich auf den Mauersockel, springt durchs Fenster und sieht, was vorgefallen ist. – Im Winkel kauert der gnädige Herr, preßt seine Hände an die Wange und starrt auf die zerschmetterte Lorgnette am Boden. An der anderen Ecke steht die Kathinka, ihren Arm hat sie noch halb ausgestreckt. Dann tritt sie aufrecht wie eine Königin gegen den noch immer wimmernden Schloßherrn und sagt: »Ja, mein Gnädiger! Es gibt nicht allein ein Herrenrecht, es gibt auch ein Frauenrecht. Und das hab' ich ausgeübt. Ich will Ihm zeigen, Leute zu foppen und nach Weibsbildern zu langen, die Ihn nichts angehen. Und jetzt laden wir den gnädigen Herrn höflich zu unserer Hochzeit ein, wenn Er mag dabei sein. – Komm', Schlagelschautz, das Kreuz ist gemacht.« Abelsberger Schelme. Es dunkelte der Abend einer Dreikönigsnacht. Der Radmacher Malchus Kirschkern war in einer sehr gehobenen Stimmung, denn er wollte in dieser Nacht zu seinem Schatz gehen. Zu welchem? Denn er hatte zwei Schatze oder Schätze oder Schätzer – wie sagt man denn? Der eine war die junge Maid im Kugelkumpfhof, der andere war schon begraben. Aber gerade zu diesem wollte der Malchus gehen und ihn ausgraben mitsamt dem eisernen Topf, in dem er ruhte. Wenn er diesen Schatz hebt, dann kann er den anderen heiraten. Vergraben ruht er im Schachen hinter der Flachsdörrkammer, unter dem alten Ahorn bei der Wolfsgrube, wo der Laubhaufen liegt. Schon im Herbste hatte der Malchus dürres Laub dort aufgehäuft, damit der Boden nicht zu arg sollte frieren können, denn heben darf man den Schatz nur mitten im Winter, in einer der drei Rauhnächte – am besten in der Dreikönigsnacht. In dieser Nacht ist der Teufel besoffen. In der Christnacht wäre er hungerig, in der Neujahrsnacht durstig, bis zur dritten Rauhnacht aber hat er schon so viele Seelen und Geister von Schatzgräbern und Hexen getrunken, daß er satt und besoffen ist. Vorbereitet ist der Malchus mit Weihwasser und Amuletten, hat sich auch kräftige Wehrsprüchlein eingelernt und anderlei Vorsichtsmaßregeln getroffen, die ein Schatzgräber bedarf. Wenn er gegen Mitternacht in den Schachen hinausgeht, wird ihm die Mutter nachrufen oder die Maid im Kugelkumpfhof, oder eine andere bekannte Stimme – wahrscheinlich aber die Maid im Kugelkumpfhof. Er soll ja nicht etwa umschauen, sonst ist alles verspielt und der Teufel hat Macht über ihn. Es ist schon recht, daß er besoffen ist, aber schließlich, – kann nicht auch ein besoffener Teufel unangenehm werden? – Nun, hoffentlich gelingt's, wollen es versuchen in Gottes – halt! In Gottes Namen darf man nicht sagen. Es ist ja eigentlich blitzdumm, daß der Mensch nicht einmal Gott anrufen soll bei so was Wichtigem. Aber es ist ihm geraten worden, er soll's nicht tun. Gott könnte unrecht verstehen und es für einen Frevel halten. – Bewahre, ein Frevel, das ist es nicht. Es ist sein heiliger Ernst, daß er den alten großen Schatz, der seit dem Hunnenkrieg vergraben liegt unter dem Ahorn, heben will. O du braver, tapferer Malchus Kirschkern du! Genau am nämlichen Abende war es, daß in der Strohkammer beim Blahwind sechs Burschen beisammen hockten und eine Spitzbüberei aussannen. Der Rüppel, des Vlahwind Sohn, war dem Malchus nicht ganz hold – wahrscheinlich der Maid im Kugelkumpfhofe wegen – und gegen den will er heut' was anstiften. »A so, seid's dabei?« fragte er die Kameraden. »Wohl,« sagte der Thoma. »Wohl!« sagte der Tripfel. »Wohl!« sagte der Hartel. »Wohl!« sagte der Zingg. »Ich will erst wissen, was es gibt?« sagte der Steff. »Einen Mohrenspaß gibt's,« belehrte der Rüppel. »Soll man dir denn alles zweimal sagen, Steff?« »Ich bin vorhin nit dagewest,« antwortete der Steff. »Er ist vorhin nit dagewest,« bestätigten die anderen. »Der Salinenkaspar ist dagewest. Der tut aber nit mit.« »Soll er's bleiben lassen.« »Weil morgen sein Namenstag ist, sagt er.« »Soll er's bleiben lassen. Wir richten's auch ohne seiner.« »Was gibt's denn also eigentlich?« »Den Radmacher wollen wir foppen,« sagte der Rüppel zum Steff. »Gut ist's, da bin ich dabei. Wenn wer gefoppt wird, da bin ich allemal dabei.« »Schau einmal, da haben wir die Kienrußbüchsen.« »Einen Schnurrbart anmalen?« »Was lauter! 's handelt sich ja um kein Fensterlngehen. Das ganze Gesicht schwarz machen. Teufel machen. Weißt? Hörst? Verstehst? Der Radmacher Malcherl geht in der heutigen Nacht wieder einmal Schatzgraben. Bei dem Ahorn im Schachen hinter dem Flachsdörrofen, wo wir schon einmal den Hirsenferd haben gefoppt. Hat mich angeredet, daß ich soll mitgehen. Na, du! sag' ich, tat' mich fürchten. Ich nit, sagt er, der Malcherl, aber beim Graben, daß ich wen brauchen tät'. Hast du keine Kurasch, so bleib' daheim. Ich nit, ich, daß ich mich vor dem Schwarzen fürcht'! sagt er, und wenn er siebenfach erscheint, sagt er. Was der für ein großes Maul hat! – Jetzt, verstehst, Steff, den Malcherl, den foppen wir! Soll jeder seine Joppe verkehrt anlegen, das Gesicht schwarz machen, den Kopf mit einem Tuch einbinden, so daß die Zipfel lange Ohren machen. So in den Schachen, wenn's eilf schlagt. Wenn er nachher kommt und zu graben anhebt beim Ahorn, fahren wir brüllend drein und jagen ihn aus den Hosen. – So ist's und so wird's sein.« »Es gilt, Rüppel!« sagt der Steff. »Das wird ein Mohrenspaß werden!« »Freilich wird's einer.« Der Tripfel hatte aber Bedenken, ob das wohl auch dem Herrn Teufel recht sein werde? Ob er nit beleidigt ist, ihm so ins Handwerk zu pfuschen? »Weißt,« sagt er, »so ein dummer Teufel versteht keinen Spaß!« »Ei was,« meint der Thoma, »in der Dreikönigsnacht, sagt man, ist er besoffen, da liegt er in seinem Rauchkobel.« »So hab' ich's auch gehört, immer einmal,« sagt der Hartel. »Für alle Fälle schreib' ich mir auf die Stiefelsohlen ein Trudenkreuz, daß er mir nit nachkann,« sagt der Zingg. »Das kannst eh tun. Das können wir all' tun.« »Ich trag' mir auch einen Spaten mit,« gestand der Thoma. »Wenn ich schon einmal dabei bin, bei so was, da will ich was davon haben. Ich grab'.« »Wir helfen dir und teilen nachher,« sagte der Rüppel. »Lari fari!« stieß der Steff hervor. Sie schauten ihn an: »Was, Lari fari?« »Wegen des vergrabenen Schatzes steig' ich nit aus dem Bett. Das ist lari fari. Aber die Leut' foppen, da bin ich dabei.« »Gut ist's, und Schlag eilf beim Haustor.« »Beim Haustor, Schlag eilf!« »In der umgekehrten Joppen, mit dem geschwärzten Gesicht und den Tuchohrwascheln am Kopf!« »Haben's gehört.« »Ich trag' auch meinen Spaten mit,« sagte der Zingg. »Und ich schreib' mir auch ein Trudenkreuz auf den Stiefel,« sagte der Thoma. Dann gingen sie auseinander, jeder in sein Haus zum Nachtmahl. Das Nachtmahl zu Heiligendreikönig ist nicht gering in Abelsberg bei den Bauern. 's ist ja die letzte Weihnachtszeitfestnacht. Da muß man zur Ehre Gottes noch einmal dreinhauen mit Löffel und Gabel. Sogar Wein ist vorhanden, obschon der alte Wolf im Steinhupfhofe warnt: »Wenn der Hölldeuxel in der Dreikönigsnacht sich einen Rausch antrinkt, so sollten es die Leut' sein lassen. Sonst tät' man sie nit auseinand' kennen.« – Sein Knecht, der Hartel, sah das nicht ein. Wenn er heut' nacht überhaupt schon Teufel spielen soll, so kann er ihm's doch auch mit einem Rausch nachmachen. Der Tripfel hatte mit dem Thoma noch eine Beratung, eine Art Gewissenserforschung. »Du, Thoma! Sag' mir einmal aufrichtig, glaubst du an den Teufel?« »Du, Tripfel! Es ist im vorigen Sommer einmal ein Zigeuner dagewest, der hat gesagt, Teufel tät's gar keinen geben, hat er gesagt, der Zigeuner.« »Du, Thoma! Das hab' ich auch schon gehört sagen. Wenn's einen tät' geben, hätt' ich nicht die Kurasch, heut' nacht.« »Du, Tripfel! Weil's der Zigeuner gesagt hat, das beweist mir nichts. Ich bleib' bei meinem alten Glauben.« »Du, Thoma! So gibt's einen?« »Du, Tripfel! Kannst dich verlassen drauf. Aber umlauft er nit! Im Schachen lauft er nit um. Der Teufel, der ist in der Höll' unten. Dort ist er mit feurigen Ketten an die glühende Felswand angeschmiedet, und desweg tut jeder Schmied den letzten Hammerschlag allemal auf den leeren Amboß machen, der ist der Teufelskette vermeint, und daß sie nit reißt. Gewiß auch noch!« »Du, Thoma! Wenn er in der Höll' so fest angeschmiedet ist, nachher wag' ich's heut' nacht, daß wir den Radmacher foppen. Soll man sich auch einen Schwanz anbinden?« »Vom Schwanz hat er nichts gesagt, der Rüppel.« »Ich wüßt einen schönen Ochsenschwanz zu kriegen, beim Metzger.« »'s kunnt den anderen nit recht sein, wenn gerade du der schönste Teufel wolltest sein.« »Ist gut. Aber das Trudenkreuz mach' ich.« »Und ich trag den Spaten mit.« »Und den Weihbrunn nimmt man auch!« »Und ein Räuschel trink' ich mir auch.« Nach dieser klugen Beredung taten sie das ihre. Die hölzerne Glocke auf dem Turme zu Ober-Abelsberg klapperte elfmal. Die Geisterstunde der geheimnisvollen Rauhnacht hatte begonnen, und am Gautor hinter dem Dorfe standen sechs schreckliche Gestalten. Es war eine bewölkte Mondnacht, aber so viel sah man, daß an den Gestalten die Lappen schlaff herabhingen, daß sie schwarze Gesichter und Köpfe mit langen Ohren hatten. Einer fürchtete sich anfangs vor dem anderen, aber an den Stimmen und an den leisen Anrufungen erkannten sie sich bald. Sie standen nahe zusammen und spannen Schabernack und Ränke gegen den Schatzgräber Malchus, dessen umfassende Vorbereitungen sie ausgespäht hatten. Dann schlichen sie selbander davon über das beschneite Stoppelfeld und über die Bachbrücke. Weil dort ein Wegkreuz stand, so huben einige ihre Daumen zum Gesicht, um sich zu bekreuzigen. – Hau! dachte der Tripfel, ein Teufel wird doch kein Kreuz machen! – Und wenn ich keins mach', so kann mir was passieren! dachte er weiter. Und wenn ich eins mach', so ist's ein Frevel und es kann mir erst recht was geschehen. Damit schloß er den Gedankengang. – Sie gingen quer in die Heide hinein, auf welcher in blassem Schnee allerhand schwarze Wesen kauerten. Katzen, Hunde, Drachen mit unterschiedlichen Köpfen. Es waren aber nur Strauchschöpfe und kleine Fichten. Weiterhin auf der Land stand ein schwarzes, großes Ungetüm. Das abscheulichste Höllenbeest hätte es können sein, wenn es nicht die Haardörrstube gewesen wäre. Hinten sah man schon die finsteren Zacken der Schachenwipfel in den Himmel aufstehen. Plötzlich stand einer still, hielt den anderen am Arme fest und flüsterte: »Hast nichts gehört? Hast es nit gehört? Als wie wenn ein großer Vogel geflogen wär', so hat's gerauscht in der Luft!« – Sie horchten, hörten aber nichts. Doch – ein klagendes Ächzen hörten sie vom Baume her. – »Das ist ein Baumast,« tröstete der Rüppel. »Aber es geht ja gar kein Wind.« »Er muß doch gehen auf der Höhe, weil so was summt.« »Ich tu' gar nichts hören, als wie eine Schovidel (Nachteule).« »Und ich will am Faschingstag fasten, wenn ich was anders hör', als mein Herzklopfen.« »Daß es gar so schauderhaft still sein kann! Buben, singen wir einen Jodler!« »Daß dich! Jetzt singen! Wo dort über die Heide ein schwarzer Wutzel dahergeht. Uff!« »Er regt sich doch nit. 's ist ja nur wieder so ein Strauch. Singen wir eins!« Der Thoma und der Zingg wollten anheben, brachten aber vor Angst keinen Ton hervor. »Du!« flüsterte der Hartel zum Rüppel und stieß ihn mit dem Ellbogen ein wenig in die Seite. »Du, Rüppel! Wie viele sind unser denn?« Da zählte der andere flüsternd: »Ich, du, der Thoma, der Tripfel, der Zingg und der Steff. – Sechse sind unser.« »Sieben sind unser!« hauchte der Hartel. »Na, du, sei so gut!« »Aufrichtig Gott wahr, sieben sind unser.« »Schwatz' nit. Dieweilen wir uns doch nur sechst zusammengeredt haben.« »Nutzt nichts. Sieben sind unser! Schau doch und zähl' selber!« Sie hoben unauffällig den Finger und zählten. Es waren ihrer sieben, und nicht um einen weniger. Jeder mit schwarzem Gesicht und langen Ohren. »Was ist das?« stöhnte der Rüppel. Er konnte vor Grauen nicht einmal erbleichen, weil er geschwärzt war. Sie teilten es dem nebenschleichenden Steff mit, der zählte auch. Sieben waren ihrer – und der eine, der siebente, der Fremde, man unterschied ihn an seinem hinkenden Gang, der hielt sich ein wenig abseits am Wacholderbusch; es war als ob er aus ihm hervorgekommen wäre. »Der Malchus wird's sein,« flüsterte der Thoma. »Nit denkbar. Der geht heut' seinen eigenen Weg. Stimmt auch in der Figur nit. Bei weitem nit. Ein ganz anderer ist's, mein' du!« »Buben, mir wird übel!« »Und wie er die Ohrwaschel tut bledern! Das sind keine tuchenen. Das sind Ohrwaschel aus Fledermausflügeln!« »Gehen wir geschwinder! Mich scheikt's (schauert's)! Das Sprichwort, kennst es, das Sprichwort – daß man – daß man ihn nit soll an die Wand malen.« »Und daß er gar so hinken tut!« »Weil er einen Pferdfuß hat.« »Wenn ich nur das nit getan hätt'! Daß ich heut' mitgegangen bin!« wimmerte der Zingg. Dieweilen sie rasch vorwärts geeilt waren, so daß der geheimnisvolle Unbekannte etwas zurückblieb', raffte der Rüppel die Kameraden zusammen und zischelte: »Wißt's was, Buben, derschlagen wir ihn!« »Prrl Müßten ihrer aus festerem Holz sein, als wir armen Sünder! Den Teufel erschlagen!« »Haben wir eine andere Wahl? Umsonst geht er uns nit nach. Wenn nit wir ihn, so er uns.« »Ich wollt's wagen. Ich bin gestellt. Auf jedem Ellbogen hab' ich ein Trudenkreuz. Hinten auf dem Buckel hab' ich auch eins. Was kann mir geschehen? Nachher sechs gegen einen! Eine helle Schand', meiner Seel'!« »Gehen wir ihn an?« »Gehen wir ihn an. Aber nit so gach. Ich muß erst meinen Zorn verrauchen lassen. In der Hitz trifft man nix.« »Und 's wird doch ein gutes Werk sein, den Teufel erschlagen. Vielleicht haben wir die Gnad'. Hört's, Buben, ist denn keiner von euch ein Sonntagskind?« »Hier!« rief der Zingg und rief es laut, daß er sich rasch den Mund zuhielt und alle nach rückwärts schauten, ob jener es gehört. Der schreckliche Siebente schlich lauernd zwischen den Büschen heran und tat, als wollte er plötzlich auf einen oder den anderen losfahren, um ihn zu zerreißen. Aus seinen Murren ging es wie katzenhaftes Gefunkel. »Ich bin an einem Neumondsonntag auf die Welt gekommen,« flüsterte der Zingg. »Aber die Sonntagskinder sind friedsame Leut', die sollten nit herschlagen, hab' ich oft gehört.« »Und desweg haben sie die Gnad', den Teufel umzukriegen.« »Na, also, voran Kameraden!« flüsterte der Zingg. »Wenn ihr nichts ausrichtet, nachher mach' ich ihm den Garaus!« »Mensch, du bist es! Du bist stärker wie zehn Riesen!« sagte der Thoma. »Mein Lebtag hab ich gehört, ein Neumondsonntagskind kann den Teufel erschlagen. Na, da hast meinen Krampen.« »Hab' selber einen,« gab der Zingg fast mutig entgegen. »In Gottesnamen. Aber ihr müßt mir helfen.« »Alle miteinander. Heiliger Georg, steh' uns bei! Er kommt schon, er lauft schon an. Wart', Luder, verdammtes! Du hast es lang genug getrieben mit deinen Teufeleien. Da hast eins!« Einen gellenden Schrei hat er ausgestoßen, der Siebente, als sie auf ihn hinstürzten und mit Spaten und Krampen loshieben auf sein Haupt, daß er sofort zusammenbrach. Für einen Teufel machte er's auffallend kurz. Ein paarmal zuckte er noch mit seinen Pfoten, dann röchelte er, dann taten sie noch einige Hiebe drauf, dann lag er ruhig da und war tot. Und als die dunkle Kreatur also dalag, im Mondendämmer so grauenhaft anzuschauen, daß es den sechs Burschen eiskalt über den Rücken ging, da murmelte der Hartel: »Hätt' mir's nicht gedacht, daß das so leicht sollt gehen.« »Traut ihm nit!« warnte der Thoma. »Wie oft ist der böse Feind schon erschlagen worden und ist doch allemal wieder dagewest. Ich wollt', wir hätten ihn schon neun Klafter tief in der Erden!« Ein großer Übermut hatte die Burschen plötzlich erfaßt. Wenn er nur heute tot bleibt, daß sie unbehelligt vielleicht den Schatz heben mögen. »Vorerst heißt's mit ihm abfahren, zu einem Steinhaufen. Steine darüber, daß er nimmer mag aufstehen.« »Die schönen Stiefel, die er an hat,« sagte der Zingg. »Um die Stiefel tut's mir völlig leid, daß sie mit eingescharrt werden sollen.« »Zieh' ihm sie aus!« riet der Hartel. »Und das tu' ich auch. Hat keiner ein Weihwasser bei sich? Zur Vorsicht, eh' ich ihn angreif'.« Als er dann angriff, stellte sich eine völlige Gefahrlosigkeit heraus. Ohne Umstände ließ sich der Stiefel vom rechten Beine ziehen. Als er den bestrumpften Fuß vor sich sah, fragte er: »An welchem Bein hat denn der Teufel den Pferdefuß, von dem alleweil die Red' ist?« »Immer am linken,« antwortete der Rüppel. Der Zingg zog auch vom linken Bein den Stiefel. – Merkwürdig das! Es war wieder ein gewöhnlicher bestrumpfter Menschenfuß. »Mich deucht, der Teufel foppt uns,« sagte der Hartel. »Weil wir ihn haben nachmachen wollen, so macht er jetzt uns nach. Er glaubt, wenn er sich auf einen Menschen hinausspielt, so werden wir ihm weiter nichts antun. Oho! Diesmal wirst uns nit zu gescheit, Herr Teufel!« Plötzlich machte der Zingg einen Sprung, lief hinter die anderen und stotterte: »Saggra! Jetzt hat's mich aber geschreckt! – Ich bitt' euch, schaut's nach! Beim Kopf schaut's nach! Ich bitt euch!« »Aha! Die Hörner! Hast sie schon gesehen?« »Ein Kopftüchel hat er um, wie unsereiner. Ein Kopftüchel! Leut', mir steigen die Grausbirn' auf, wir haben was angestellt!« – – So ähnlich werden sie unter sich geredet haben, wörtlich weiß man's allerdings nicht; wird wohl in alter Form gewesen sein, denn die Geschichte ist schon lange her. Nun, wie der tote Teufel dermaßen dagelegen, haben sie es gesehen. Die langen Ohren waren nicht echt, sie waren Tüchelzipfe. Die schwarze Gesichtsfarbe war falsch, sie war aus Kienruß. Der ganze Teufel war falsch, denn es war – der Salinenkaspar! Echt war nur das eine, der eingeschlagene Schädel und die Blutlache, in der er lag. Jetzt haben sie angefangen zu wimmern, die Schelme, alle sechs. Jetzt haben sie auch vergessen, daß sie ausgegangen waren, um den Malchus zu foppen. Einer hat's auf den anderen schieben wollen, des haben sie gestritten, bis der Nachtwächter Wind bekam; damit war alles verfahren. Mit brennendem Schnee rieben sie sich den Kienruß vom Gesicht, aber die Hauptsache war nicht mehr auszulöschen. – Am nächsten Tage, als sie vor dem Gericht standen, haben sie es so erzählt, wie es hier mitgeteilt worden ist. Denn es lag eine andere Annahme nahe. Die sechse sollten den Mummenschanz unternommen haben, um Fensterln zu gehen und den Nebenbuhler Kaspar totzuschlagen. Vom Salinenkaspar wußte man wohl, daß er von dem bevorstehenden Schabernack, den sie dem Malchus Kirschkern antun wollten, gehört hatte. Er hat aber nicht mittun und auch nicht daheim bleiben wollen; weil er ein Schalk war, so hat er den Spaß auf eigene Faust betreiben wollen, was hernach den verhängnisvollen Irrtum veranlaßt hat. Das Gericht entschied sich für das Mildere. Man hatte keinen Mord, man hatte einen Totschlag. Einen Totschlag aus Dummheit; vielleicht waren die sonst so braven Söhne ansehnlicher Bauern dazu verhext worden, daß sie aus Verblendung den Salinenkaspar erschlagen mußten. Das Gericht hat sonach den Fall und die armen Sünder an die Verwandtschaft des Erschlagenen abgetreten, wie es in gewissen Fällen Brauch und Sitte gewesen zu jener Zeit. Der Salinenkaspar war der einzige Sohn armer, betagter Eltern, ein braver Arbeiter und ein frischer, heiterer Mensch gewesen. – Also, was kostet der Mann? – Während das halb' Dutzend Schelme im Kotter beisammen hockte, unter Kopfhängerei und Galgenhumor allerlei Vermutungen anstellte, ob es ein Hängen oder ein Köpfen oder ein Vierteilen geben werde, saß der Rat der Verwandten des Getöteten in einer großen, dunkeln Kammer »bei Christus und den Lichtern«, und beriet, wie teuer man den Kaspar verkaufen wolle. Begraben war er schon, aber bezahlt war er noch nicht. Alt und jung war beisammen, jeder und jede hatte ein finsteres Gesicht, nur der Metzger hatte ein rotes. Des waren sie einig, richten wollten sie nach Gerechtigkeit, nicht als Verwandte des Erschlagenen, sondern als wahre Richter, als die sich der Schuster und der Metzger und der Fischmeister und die Korbflechterin hoch und groß empfanden. Der alte Vater des Kaspar hatte noch ein heißes Herz und verlangte, daß alle sechse hängen sollten. Die alte Mutter hingegen war voller Demut, sie wollte die arme Seele ihres so plötzlich aus dem Leben geschiedenen Sohnes damit aus dem Fegefeuer erlösen, daß sie seinen Mördern verzieh. »Ein Narr bist!« schrie ihr der Alte zu. »Verzeiht denn unser Herrgott? Hat er nit das Fegefeuer und die Höllenpein zur Straf' für die Sünder?« »So wollen wir die Strafen dem Herrgott überlassen.« »Wo der Herrgott nit verzeiht, sollen wir Menschen verzeihen?« »Just deswegen, weil wir selber sündhafte Menschen sind.« Der Pfarrer war auch zugegen und wunderte sich darüber, daß zwischen den alten Eheleuten die Sache in eine Art Kirchenstreit ausarten wollte. Auf vieles Hin- und Herreden kamen sie endlich dahin überein, daß der Vater von den Totschlägern die Altersversorgung verlangte, die sonst der Kaspar an Vater und Mutter zu schlichten gehabt hätte, und daß die Mutter begehrte, die sechs Burschen sollten recht viele gute Werke verrichten zum Heil und Trost der armen Seele. – Nach langer Beratung und völliger Vereinbarung mit dem Verwandtenkreise hat denn der Amtmann ein Schriftstück auf das Papier gebracht, das seit jener Zeit erhalten geblieben und vor kurzem erst in einem alten Schranke zu Abelsberg aufgefunden worden ist. Dieses Schriftstück hat folgenden Wortlaut: »Verzeichnus des Sühnvertrags oder Vergleichung zwischen den Todtschlagern Ruppertus Höpfler, Thomas Panggerl, Trypoldus Sandinger, Erhard Marcher, Zinkratz Powaldi, Stephan Möller zur ain Seiten und der Freundschaft von dem Getödten Kaspar Pernstainer zur anern Seiten. Zum Ersten wird bekhent, das die Tat durch gots zulassung in ain Bösen irrtumb für gangen ist. Also das vnser got Genade, wi mir Verzeichen. Dahero Begert der belaidigt Tail von den Tätern am Ort, da die Tat beschehen ist, am kreutz mit Vnsers Herrn auch Frawen vnd sant Johans Bildnuß vnd oben am kreutz ain Eißern Kreuzl zu Ainem warzaichen der Tat zu setzen. Weiter sulden die Täter ain Tag für nemen zu pessern vnd zu piessen, an den Ort, da die Endleibt person ligt. Vnd die Täter sullen ausgen an ain Annern Ort vnd sulden pej ihnen haben vier Ersam männer, vnd die Täter sulden haben ain lainas Tuech vmb das gesäß vnd sonst an dem gantzen leib sulden sie nakhed vnd ploß geen, vnd die vier Männer sulden parfueß parhaubt vnd vngegürt seyn, vnd wan die Täter die Freundschaft des Getödten sechen, sulden sie mit den vier Mänern nider knien, bis suliche ihnen Erlaubt, Aufzusteen vnd hinzuzügen. Vnd zu des todten Vatter vnd Muetter sulden sie hin knien vnd Sprechen: Mein lieb Vatter vnd Muetter, mir bitten euch durch gots seiner heiling Martter vnd durch der Junkhfrau Maria willen, durch all gots heilling willen, was mir an Eurm sun begangen habn umb Verzeichung. Weiter begert der belaidigt Tail, daß die Täter alljärlich am selben Tag sulden halten lassen ain gotsdienst, ain sel Ambt hoch Ambt, drej gesprochne Meßen, am Vigilj, dapej sulden die Täter khnien, wie Vorbemeld mit dem vmbegirten Tuech. Nach dem Vigilj sulden die Täter mit den vier Männern auf das grab geen vnd sich nider legen kreutz weiß so lang piß der Priester das placebe gesprochen hat, vnd die vier Mäner sulden neben ihrer khnien. Vnd sulden die Täter dapej tragen ain Prinnend wags kherzen vngefähr pej ainem pfundt vnd die 4 maner aine mit ainem fierdung. Weiter begert der belaidigt Tail ain kirchfart. Nemblich gen sand Jacob, gen Rom vnd gen Zell, doch Bekhent der belaidigt Tail das bey den Tätern das Vermögen nit da sey. Wiewol es pillich wär so wellen sy ihnen doch nit weiter Aufladen, als zu Mitterfasten gen sand Jacob zu geen, der gestalt, das sy vom Herrn Pfarrer zu sand Jacob ain schreiben herwiderumb bringen, das sy dieselb khirchfart ausgericht haben. Nachdem die Annern khirchfarten vill Zerrung bedürften, so sulden die Täter zu dem armen Hauß in Abelsberg 5 Gulden pießen. Weiter begert die gantz Freundschaft, dieweil die Alten eltern ir Ehleiblichs khind von Jugend auf in armuet vnd mit harter arbeit erzogen vnd nun Trost davon gehabt häten, on Zweiffl Ir leiblichs khind sie alß zwaj alt leut ir leben langkh hät erhalten, darumb sy die Täter gepracht haben, sulden die Täter für Vatter vnd Muetter mit ainer Suma gelts benotlich 60 Gulden im jar aufkhomen. Zu Abelsberg, tag heilling Paul Einsiedlertag, anno 1603.« Also war es beschlossen worden von der Freundschaft des Erschlagenen in der dunkeln Kammer »bei Christus und den Lichtern«. Als nachher die sechs armen Sünder aus ihrem Kotter hervorgetan wurden, waren sie nicht wenig überrascht, so leichten Kaufes davongekommen zu sein. Nur das eine wollte ihnen nicht gefallen, daß alljährlich am selben Tage die »Täter sulden nahked, nur ain lainers Tuech umb das Gesäß, zu sein grab geen vnd si nider legen kreutzweiß«. Denn derselbe Tag, der Jahrestag der Tat, war mitten im Winter. »Wird auch noch auszuhalten sein,« meinte der Rüppel, »leichter wie's Gehängtwerden auf jeden Fall.« Wenn nicht alle Zeichen trügen, erkundigt sich die schöne Leserin zum Schlusse noch nach dem Malchus Kirschkern, und ob der Radmacher seinen Schatz gefunden hat. – Den unter dem Ahorn kaum, den hinter dem Fenster des Kugelkumpfhofes sicherlich. So ist's anzunehmen. Genaues weiß man nicht. Jedenfalls war es dem Malchus zur großen Erbauung, alljährlich am heiligen Dreikönigstage beim Gottesdienst und auf dem Kirchhofe die spärlich bekleideten sechs Schelme zu sehen, die einst ausgezogen waren, um ihn zu »foppen«. Ein Paar Abelsberger Ochsen. Der alte Rosensteiner in Ober-Abelsberg war gestorben. Gestorben, bestattet, beklagt und auch gepriesen als ein braver Mann, um den es schade ist, daß er hat sterben müssen. Soweit waren die Förmlichkeiten erfüllt. Die Aushaltsamsten saßen beim Drachenwirt noch beisammen zur Totenzehrung. Die Klagenden aßen so lange, bis sie getröstet wurden, und bei denen das Essen nicht anschlug, die versuchten es mit dem Trinken und genasen der Betrübnis. Allmählich hatten sich die Leidtragenden verzogen, um des Abends es wieder mit dem Leben zu probieren, nachdem sie den ganzen Tag mit dem Tode umgegangen waren. Nur ihrer drei tapfere Bauern – der Stanger, der Hopf und der Michelmachel – saßen noch beim Kruge, um mit dem verstorbenen Rosensteiner gründlich fertig zu werden. Seinen Lebenslauf, seine Gewohnheiten, seine Wirtschaft, seine Verwandten waren in Kreuz und Krumm durchgearbeitet; nun rieten und stritten sie noch darüber, wie alt der Rosensteiner gewesen, wie vermögend und endlich auch, wieviel Schuh er an Länge gemessen haben mochte. Bei diesem letzteren hielten sie sich am längsten auf, denn zwischen fünf und sechs Schuh gingen die Meinungen Zoll für Zoll auf und nieder. »Das ist doch leicht festgestellt,« sagte der Hopf, »man darf nur sein Leichbrett messen, und man hat's.« In jener Gegend herrscht nämlich die Sitte, daß der Tote gleich nach dem Absterben auf ein Brett gelegt wird, das eigens dazu gemacht, genau die Länge der Leiche hat oder diese Länge durch ein Zeichen andeutet. Dann wird das Brett ins Freie gebracht. Nun, so war das Leichbrett, auf dem der Rosensteiner ausgestreckt gelegen, draußen im Schachen hingelegt worden, gerade vor einem hohen, rotangestrichenen Kreuze, das Hexenkreuz genannt, weil an jener Stelle die letzte Hexe verbrannt worden sein soll. »Du, wahr ist's!« sagte auf Hopfs Vorschlag der Stanger, »messen wir das Leichbrett.« »Und ich sag's, der Rosensteiner war um einen halben Schuh kürzer als ich!« rief der Michelmachel. »Darfst dich g'rad einmal aufs Brett legen, nachher wird sich 's zeigen,« riet der Hopf. »Hau, der sich aufs Leichbrett legen!« lachte der Stanger. »Ich? Warum denn nicht?« begehrte der Michelmachel auf. »Kunnt wohl sein, daß dir die Grausbirn' aufstiegen.« »Mir die Grausbirn'? Auf dem Leichbrett? Auf so einem Brett liegt sich's just so gut, wie auf einer anderen Bank.« »Oder besser!« »Besser, wie im weichsten Federbett, ich glaub's.« »Lebendigerweis' schwerlich!« »Gilt's was, ich leg' mich aufs Leichbrett,« rief der Michelmachel, »heut' noch, wenn ihr wollt, und rauch' drauf meine Pfeife Tabak.« »Gilt's was, du tust es nicht!« darauf der Hopf. »Gilt's was, ich tu's!« schrie der andere. »Was gilt die Wett'?« Der Stanger und der Hopf stießen sich unter dem Tisch mit den Knien an, da verstanden sie sich. Bei der Feuchtigkeit, die immer noch in reichlichem Maße vorhanden war, gedieh die Wette. »Machel! Wenn du heut' bei der Nacht von elf bis zwölf Uhr auf dem Rosensteiner seinem Leichbrett liegst, nachher –« »Was gilt's?« »Ein Paar Ochsen!« »Gut ist's,« sagte der Michelmachel und hielt seine Hand hin, »wenn ich heut' um Mitternacht nicht eine ganze Stund' auf dem Rosensteiner seinem Leichbrett lieg', so soll morgen der Weidbub mein braunes Paar Ochsen in deinen Stall treiben. Aber Gegenpart. Verstehst?« »Gut. Wenn du heut' von elf bis zwölf Uhr in der Nacht auf dem Leichbrett liegen bleibst, kriegst mein falbes Paar, bei meiner Seel'!« Also entgegnete der Hopf. Zeugen waren der Stanger, der Wirt und der heilige Florian, der über dem Hausaltar auf der Wand stand. Noch mancherlei wurde in bezug auf die Wette beredet und sichergestellt. Als besonders wurde vermerkt, daß es verboten sei, den Michel mit Gewalt vom Brett zu reißen oder zu rütteln. »Wer soll denn aufpassen?« fragte der Drachenwirt. »Ja, Narr!« rief der Hopf, »wenn ein Aufpasser daneben steht, da wird's freilich kein Heldenstück sein, auf dem Leichbrett liegen zu bleiben. Oh, beileib nein, Nachbar Michelmachel, mutterseelenallein mußt du ausgestreckt liegen auf dem Totenladen.« »Da lauft er davon und plauscht uns morgen an,« mutmaßte der Wirt. »Du wirst wohl ein Ehrenwert haben?« fragte der Stanger den Michelmachel. Dieser besann sich drauf – ja, er hätte eins. »Das mußt du uns geben, daß du liegen bleibst von Schlag elf bis Schlag zwölf.« »Nach der Kirchenuhr halt' ich mich, wenn sie nicht stehenbleibt – verstehst?« »Gut ist's.« Ganz feierlich wurde es ausgemacht, und hierauf erhoben sich der Stanger und der Hopf, um »nach Hause zu gehen«. »Es ist Zeit zum Schlafengehen!« hatten sie dem Michelmachel noch zugerufen. »Ja, gute Nacht!« fügte der Michelmachel. »Auch soviel!« gaben die beiden und schoben sich sachte zur Tür hinaus. Der Michelmachel blieb noch sitzen bei seinem Kruge, er hatte Zeit. Eine frische Pfeife stopfte er an, dann brütete er vor sich hin und blies viel Rauch von sich. Gedanken schien er zu haben. Der Machel war einer von jener Gattung, bei der man sich nicht auskennt, ist ein Rädchen zuviel im Kopfe oder eins zuwenig. Von der einen Seite sah er aus wie ein Lapp, von der anderen wie ein Schalk. Wie kann einer einfältig sein, wenn er zweifältig ist?! Setzte sich jetzt der Wirt ihm gegenüber und schaute ihn an. »Machel,« sagte er hernach, »das muß dich doch freuen von deinen Nachbarn.« »Was muß mich freuen?« »Daß sie ein solches Vertrau setzen auf dein Ehrenwort. Auf ein Paar Ochsen wird so was selten geschätzt, hierzulande!« Der Michelmachel sagte nichts dazu. Die Gäste waren alle davon, der Wirt hielt auch schon manchmal die flache Hand vor den Mund; als diese Form nicht verschlug, gähnte er den Machel offen an. Der Zeiger war hoch emporgerückt am Ziffernblatte. Also raffte sich der Mann zusammen. »Gezahlt hat heute der Rosensteiner, glaub' ich?« fragte er noch. »Was hat er, und du geh' jetzt in Gottes Namen und leg' dich auf sein Brett.« Etwas ungleich war ihm doch, dem Michelmachel, als er jetzt in der stillen, dunkeln Nacht über das Feld dahintrottete gegen den Schachen. Auf dem Kirchturme hatte es schon dreiviertel zu elf geschlagen. Etwas warm ward dem Michelmachel um die Brust und etwas eng. Schlecht Wetter wird, weil es so schwül ist. Die Pfeife war ihm auch ausgegangen, er zündete sie wieder an. Er ging in den Wald, und beim Sternenschein, der zwischen den Fichtenwipfeln niederfloß, sah er bald das Hexenkreuz. Es war heute sehr hoch, und schien immer noch höher zu wachsen. Vor dem Kreuze im wuchernden Grase lag eine lange, schmale, grauschimmernde Tafel. Das war's. – Der Rosensteiner, sollte er denn wirklich so lang gewesen sein? – Die Pfeife war schon wieder ausgegangen. Es ist ein dummer Spaß! dachte sich der Machel, ein ganz dummer Spaß! – Da schlug es elf Uhr. – Das schöne Paar Ochsen! – »Brett ist Brett!« murmelte er und streckte sich hin auf den Laden. Da die Hände an den Seiten keinen Platz hatten auf dem schmalen Brette, so mußte er sie über den Magen legen, wie bei – – Nun, Machet, wer ist länger, du oder ich? – War es seine Grabesstimme, seine hohle – ? Oder kann der Mensch sich etwas so lebhaft einbilden? – Die Pfeife hat er weggeworfen. Wenn man schlafen könnte! Der Rosensteiner schläft. – Puh! Kalt über den Rücken! Es sind dumme Einbildungen. Als ob auf allen Bänken und Bettstätten, wo wir rasten, nicht schon Menschen gelegen wären, die gestorben sind! Auf dem Kirchplatz unten sind seit Menschengedenken die Särge niedergelegt worden zur Einsegnung, und doch ist Jahrmarkt auf demselben Platz, und doch stehen bei Hochzeiten die Musikanten auf demselben Platz – kein Mensch denkt daran. Der Tote ist tot, es ist alles Einbildung. – Was? Krampf in den Beinen? Starr? Ei, das wollen wir doch sehen! – Er schlenkerte ein Bein in die Höhe, es war noch ganz und gar lebendig. – Ein Frevel ist's eigentlich doch. Aber das Paar Ochsen! Will nachher Messen lesen lassen für den Rosensteiner, Gott hab' ihn selig. – Erst ein Viertel auf zwölf! Das geht höllisch langsam, als ob's wirklich schon die Ewigkeit wäre. – Sonst, wenn man ein paar Krüge getrunken, gleich ist der Schlaf da, und was für einer! Heut' bin ich so munter – und frisch – daß nur alles zuckt in mir! Ja, freilich zuckte es in ihm, weil er vor einem Geräusch erschrak. Als ob jemand ein dürres Ästlein, das auf dem Waldsteige lag, entzweigetreten hätte, so ein Knistern! Und dort heran nahten langsam, schwebend zwei schwarze Gestalten. Der Michelmachel rief alle Heiligen an; das half nicht viel, seine Beine wollten auf- und davonlaufen. Er rief das Paar Ochsen an, da blieben die Glieder festgebannt liegen auf dem schmalen Brette. – Die Gestalten nahten dem Kreuze – stellten sich an das Leichbrett, einer zu Häupten und einer zu Füßen, und bückten sich; Tragstangen waren am Brette; so hoben sie es langsam auf. Nun dachte der Machel an keinen Ochsen mehr, wollte vom Laden springen, war aber gelähmt vor Schreck. Allzulang' dauerte der Schreck nicht, denn die schwarzen Gestalten pusterten, stolperten ein paarmal in den Baumwurzeln und benahmen sich nicht haarscharf wie pure Gespenster. Und wie dem Michelmachel das auffiel, kam über ihn ein unendlicher Trost. Zwei Schelme sind es! Und da wurde ihm traulich. Der Stanger und der Hopf – ein Paar Ochsen! Alles um ein Paar Ochsen. – Wenn sich das so verhält, daß sie mich schrecken wollen, baß sie mir Grausen einjagen wollen und daß ich vom Brett springen soll; wenn sich's so verhält, dann ist alles gut, sehr gut, und ich weiß, was ich tu'! Ich rühr' mich nicht, ich bin gestorben, mausetot, da wird ihnen der Spaß schon vergehen. Es wird sich aber nicht gut machen lassen, mausetot sein. Der Mensch wird nicht kalt und starr, wann er will. Schlafen will ich, baum- und steinfest schlafen will ich bis zwölf Uhr, sie sollen mich tragen, wohin sie wollen. Also hatte der geriebene Michelmachel seine Selbständigkeit wiedergewonnen. Die zwei schwarzen Gestalten (o ihr Spitzbuben, die ihr aus dem Wirtshause so früh schlafen gegangen seid!) trugen das Brett, welches richtig auf zwei Tragstangen gebunden war, wie ein Bahre dahin durch den Wald. Der Nachbar Hopf war ein Kurschmied und roch 'immer ein bißchen nach Pechöl. Der schwarze Kerl da voran riecht auch ein bißchen nach Pechöl. Also können wir ganz sorglos schlafen, da sind ja gute Kameraden zuweg'. Die Bahre schwankte zwischen den Stämmen dahin, schwankte auf das freie Feld hinaus. Hinter dem Lofenstein ging der Halbmond auf und warf aus der feierlich wandelnden Gruppe einen gespenstischen Schatten hin über den Plan. Der Michelmachel schnarchte. Es schlug halb zwölf Uhr. Dem vorderen Träger wurde unbehaglich. Wenn der Lump schläft – gesoffen hat er wie ein Loch – nachher wird er freilich liegen bleiben auf dem Brett, und die schönen Ochsen sind hin. – Er hub an, unregelmäßige Schritte zu machen, die Bahre schaukelte, aber der Machel fiel nicht herab. Doch bewegte er sich jetzt ein wenig und tat einen Seufzer. Aha! – Wart', Michelmachel, wir wollen dir schon Grausen machen! Die Bahre schwankte den Feldrain entlang, schwankte dem Hohlweg entlang, schwankte einen Hügel hinan – gegen den Friedhof. – Was tausend! dachte der Michel bei sich, die treiben es keck. In den Kirchhof! Zum Grabe des Rosensteiner hin! Das ist noch nicht zugeworfen! Hab's ja immer gesagt, unser Totengräber ist nichts nutz. – Das geht doch über den Spaß. Aber der verd ... Hammer auf dem Turm will immer noch nicht zwölf schlagen. Das Paar Ochsen ist höllisch teuer, meiner Seel'! Und liegen bleib' ich justament. Es sind ja eigentlich zwei Paar. Für zwei Paar Ochsen kann sich der Mensch was gefallen lassen. Ich die Ochsen und sie die Sünde. Nur zu, Nachbarn! Halb geschlossenen Auges lag er da, sich mit beiden Ellbogen auf das Brett zwickend, daß er nicht hinabfiel. Die von blassem Mondlichte beschienenen Kreuze des Kirchhofes schwebten zuckend vorüber. Endlich wurde haltgemacht und die Bahre zu Boden gestellt, am Rande eines offenen Grabes. Im Erdhaufen stak der Spaten, daneben lagen noch die Stricke, mit denen der Sarg am Tage zuvor hinabgesenkt worden war. Die schwarzen Gesellen standen jetzt unbeweglich da und beobachteten den Mann auf dem Brette. Der lag still wie ein Toter. Die Stunde ging gegen zwölf. Konnte man ihn nicht endlich vom Brette werfen? Das war gegen die Wette. Aber die Ochsen, die Ochsen! »Gott verzeih's, wir müssen's tun!« flüsterte der eine Schwarze zum anderen. »Das wird wirken!« Sie legten die Stricke um das Brett; sie rückten es über den Rand des Grabes hin, sie senkten es. Sie merkten das Beben des Michelmachel, als die Bahre tiefer und tiefer hinabglitt auf den Sarg des Rosensteiners. Im nämlichen Augenblicke tauchte vom Totengräberhäuschen her ein Mann auf; die zwei Schwarzen ließen sachte die Stricke los und flohen davon. Als sie draußen vor der Kirchhofsmauer im Gebüsche ihre dunkeln Pferdedecken abgeworfen hatten, schlug es zwölf Uhr. »Die Ochsen sind hin!« stöhnte der Hopf. »Jetzt wird er heraufkriechen und uns auslachen. Es ist teufelmäßig.« »Hätt's nicht gedacht, Schwager, daß der so hartgesotten ist!« sagte der Stanger. Und voll giftigen Ärgers schlichen sie ihren Höfen zu. Der nächste Tag war ein Sonntag. Als der Hopf in der Kirche von seinem Platz hinüberschielte nach dem des Michelmachel, war derselbe leer. Das fiel auf. Der Machel war sonst ein fleißiger Kirchenbesucher, ei, das wohl! Sollte er krank sein? Hätte ihm doch der Schauder geschadet? Es geschähe ihm schon recht, dem Frevler, dem Schelm, dem – ach, meine Ochsen! – Als beim Nachmittagssegen der Michelmachel wieder nicht in der Kirche war, wurde der Hopf erst ein bißchen neugierig und er fragte einen Knecht des Machel, ob sein Bauer wohl auf einer Wallfahrt oder auf einem Viehhandel aus sei? »Redlich wahr, das weiß ich selber nit,« antwortete der Knecht. »Soviel ich weiß, ist er seit der gestrigen Begräbnisfeier gar nicht heimgekommm – weil die Bäuerin so geschimpft hat, heut' früh.« »Die Bäuerin hat geschimpft, daß der Bauer nicht heimgekommen wär'?« fragte der Hopf. »Der Machel hat gestern stark getrunken. Am End' hat er sich wo verschlafen?« »Kann wohl sein, kann wohl sein,« sagte der Knecht, »na, macht nichts, heut' ist eh Sonntag.« Jetzt wurde dem Hopf etwas uneben zumute; er ging hinter den Häusern des Dorfes zum Friedhof hinaus und wußte nicht recht, warum. Auch wußte er eigentlich nicht, warum er gerade, hinter den Häusern, wo kein rechter Weg war, dahinstieg. Auf dem Friedhofe eilte er dem Grabe des Rosensteiners zu; das war geschlossen, darüber rundete sich ein Hügel aus frischer, rötlicher Erde. – Wenn er – so arbeitete es jetzt im kleinen Haupte des Hopf – wenn er vor Entsetzen ohnmächtig geworden wäre! Oder wenn er doch so fest geschlafen hätte in seinem martialischen Rausche, daß – Nein, es ist nicht auszudenken! Dort vor dem Häuschen saß der Totengräber, rauchte aus seinem Nasenwärmer und blickte wohlgefällig hin über sein reichbestelltes Feld. Er sah zwar nicht viel, denn auf dem einen Auge hatte er ein »Blümel« und das andere war altersschwach. Schon ganz nahe war der Hopf, als er ihn bemerkte. Je, ist das nicht der Hopfbauer? Gar säumig und schleichend kommt er heran. Was nur der wieder will! »Tust halt ein bissel rasten, Vater Adam!« so redete der Bauer ihn mit lauter Stimme an, denn der Totengräber war »großhörig«, so nennt man Leute, welche nur großen Lärm hören, kleinen nicht. »Rasten, wohl, wohl, tut mir eh schon not.« So die Antwort. Lehnte sich der Hopf an den Zaun hin, schaute unsicher umher, als suche er etwas. Er suchte nach einer Form für seine Frage. »Bist wohl eh fleißig gewesen, Vater Adam,« sagte er endlich. »Muß halt sein.« »Hast dich geschleunt mit dem Zumachen – beim Rosensteiner.« »Wohl eh. Heut' bei der Nacht hab' ich die Gruben verschüttet. Der Herr Pfarrer mag's nicht leiden, wenn ein Grab über Nacht offen bleibt.« »Bei der Nacht, sagst? Heut' bei der Nacht?« stammelte der Bauer. »Aber daß du dich nicht fürchten tust, so bei der Nacht!« »Eh, vor wem denn?« lacht der Totengräber heiser. »Etwan, daß sich andere vor mir fürchten, das kunnt' sich schon zutragen.« »Tust nie was wahrnehmen, so bei den Gräbern?« fragte der Hopf forschend. »Fürwitzige Leut', oder Besoffene, oder so was?« »Ich schau nicht viel um.« »Und heute nacht, hast niemand gesehen beim Grab? Oder unten? Oder heraufsteigen?« »Laß mich aus,« rief der Alte unwillig, »man schaufelt zu und geht wieder schlafen.« – Der Hopf ging zum Friedhofe hinaus, es war mehr ein Taumeln, als ein Gehen. Draußen klammerte er die knochigen Finger ineinander und murmelte: »Nicht anders! Nicht anders!« Am Abende saß er auf der Bank vor dem Stangerhause und klagte es dem Nachbar: »Ich möcht' ins Wasser springen!« »Ist dir denn gar so heiß?« entgegnete der Stanger. »Der Machel! Denk' dir, der Michelmachel!« »Was ist's denn mit dem Michelmachel?« »Lebendig begraben!« »Wer sagt denn das? Kann er nicht früher gestorben sein?« Wie im Spaß redete er so, der Stanger. »Kann dir ja recht sein. Erbst ein Paar Ochsen von ihm.« »Der höllische Höllteufel soll die Ochsen holen!« »Die Ochsen? Was soll der höllische Höllteufel nur mit den Ochsen anfangen? Der ist kein Freund von Rindsbraten, der weiß sich ein besseres Fleisch, Hopfnachbar!« »Du bist auch dabei gewesen!« rief der Hopf. »Als Zeuge, nicht als Wettender!« »Du hast uns hineingefoppt, und jetzt redest so! Und jetzt ist er lebendig begraben!« »Jetzt nicht mehr.« »Natürlich, weil er jetzt schon tot ist,« jammerte der Hopf. »Daß er mir so was hat angetan! In seiner schauderhaften Leichtsinnigkeit! Sich vor lauter Rauschdusel auf den Kirchhof schleppen und in die Gruben werfen lassen! – Armer Hascher!« Er verhüllte mit den Händen das Gesicht. Sie wurden in ihrer Unterhaltung gestört von einem eilends des Weges laufenden Weibe. »So hat er mir's noch nie aufgeführt!« rief sie vor sich in die Luft hinein. »Und nicht einmal in den Wirtshäusern ist er zu finden! Michel, Michel! Wenn du nicht bald heimgehst! Es wird dir alleweil gefährlicher, ich sag' dir's! – Seit der Totenzehrung nimmer daheim gewest! – »Wißt denn ihr nichts von meinem Mann?« fragte sie den beiden Bauern zu. Was sollten sie nur darauf antworten? Sie antworteten gar nichts und das Michelmachel-Weib wütete weiter. Von Schlaf konnte in der folgenden Nacht beim Hopf keine Rede sein. Die Leinwanddecke lastete schwer und erstickend wie fünf Schuh Erde über ihm. Lag er doch auf dem Sarge des Rosensteiners ganz enge neben dem Machel. Schon turmhoch wuchtete die Erde über ihnen und der Totengräber schaufelte immer noch drauf. Schon grünte der Rasen über dem Grabe, aber sie konnten immer noch nicht sterben; sie rangen miteinander, zausten sich bei Haar und Bart, bissen sich bei den Nasen, und das alles der Paar Ochsen wegen, die auf dem Hügel behaglich grasten und gleichzeitig den Boden düngten für nächstes Jahr, da die lebendig Begrabenen in der Tiefe immer noch miteinander raufen werden. – Oh, das war eine Nacht! Am nächsten Tage strich der Hopf so umher, erschrak vor jedem Baumrascheln und vor jedem Vogelpfiff. Beim Drachenwirt kehrte er ein, vielleicht wärmt der Wein. Den Bauer fröstelte. Der Drachenwirt blickte ihn sehr forschend an, setzte sich zu ihm und sagte in gleichgültigem Tone: »Nun, wer hat denn die Wette gewonnen?« »Dummheiten!« knurrte der Hopf. »Welcher ist denn eigentlich länger, der Machel oder der Rosensteiner?« »In Fried' laß mich!« »Nu, Hopf,« fragte der Wirt, »weißt du auch nicht, wo der Michelmachel kunnt sein? Er ist seit der Samstagnacht nicht mehr gesehen worden.« »Du wirst es besser wissen, wir haben ihn bei dir da in der Stuben sitzen lassen.« Der Hopf merkte, daß der Wein heute seine Schuldigkeit nicht tat. Als er bei der Tür hinauswollte, traten ihm zwei Gendarmen entgegen. »Was kann ich dafür? Was kann ich dafür!« lärmte der Hopf ihnen ganz dumm entgegen, bevor sie noch eigentlich nach was gefragt hatten. Nun, da haben sie ihn in Empfang genommen. Als der Bauer in so verläßlicher Begleitung den Wiesenweg dahinging, sah er seine Herden weiden. »Ochsen, Ochsen!« stöhnte er auf. Tiefstes Weltleid und strengste Selbsterkenntnis lagen in diesem Rufe. Vom Waldberge herab kam ein Mann gegangen, der hatte einen Strick und einen Stock bei sich, vor der Herde stand er prüfend still. Mit einer stechenden Fistelstimme lachte der Hopf plötzlich auf, wies mit beiden Zeigefingern hin: »Da ist er ja! Da ist er ja, der Schelm, der Erzschelm!« Und der da niedergestiegen war vom Waldberge gegen die Rinder, das war der Michelmachel, lebendig über und über, und kein Erdstäubchen klebte an seinen Kleidern. Er kam um sein Ochsenpaar. Damit hat die merkwürdige Geschichte ein Ende. Und wenn man ihn fragt, den Michelmachel, wo er die zwei Tage zugebracht, so schmunzelt er höllisch verschmitzt. Und wenn ihn der Wirt oder gar der Gendarm schärfer fragt, so gesteht er ganz treuherzig, auf seiner Alm sei er oben gewesen, um sich ein bissel auslüften zu lassen. Und wenn ihn der Hopf auf sein Gewissen fragt, warum der Michelmachel ihn in solche Angst versetzt, so antwortet der Michelmachel: »Ich hab' nur dein Paar Ochsen reif werden lassen wollen. Verstehst? Heut' gibst du mir sie lieber, als du's gestern hättest gegeben. Ich bin meine geschlagene Stund' auf dem Brette gelegen, nachher eilends herausgekrochen, just noch ehe der Vater Adam angefangen hat zu schaufeln. – Die da, die zwei Falben sind's, gelt? wir wollen sie bald herfürkriegen!« In demselben Augenblicke, als die Gendarmen den Hopf freiließen, nahm der Michelmachel das schöne Ochsenpaar an den Strick. Und als der Hopf solches sehen mußte, hieb er sich die Faust an die Stirn, daß es dröhnte. »Und den hab' ich bejammert?! O ich –« Vom zurückgeläuteten Toten. Mit aufgeschürztem Vortuch und scharfem Messer stand er im Kreise seiner Zöglinge, und schnitt ihnen der Reihe nach die Köpfe ab. Warf sie in einen Leiterwagen zusammen und die Stengel standen kahl da im Krautgarten. Hinterher kam das Weib und hackte auch die Stengel ab. Die Krautköpfe den Knechten und Dirnen, die Krautstengel den Schweinen, so spielte das traute Paar die Vorsehung für den Winter. Auf einmal bog sich die krumme Alte geradewärts und horchte. »Hörst nix, Fockel?« fragte sie ihren Mann. Der stand auch still, legte die hohle Hand ans Ohr, machte einen kurzen Pfiff und sagte: »Läuten tuns.« »Was mögen's denn läuten? Im hellen Werktag.« »Für unsere geköpften Krautgebel 'leicht freilich nit.« Schaf, du! dachte sie, sagte es aber nicht, denn er war Schultheiß. Hastete der Halter Nickel am Feldrain heran: »Wißt's es schon? Wißt's es schon?« »Was denn? Was ist denn geschehen?« Der Halter atemlos: »Läuten tun's!« »Das hören wir ja, du Popel! Warum läuten sie?« »'s selb weiß ich selber nit.« Vom Dorfe her brummte es lange. Dann setzte das Läuten ab und begann wieder. »Totenschauer läuten! 's hat wieder einer dran glauben müssen,« meinte der Fock und schnitt Köpfe. Über den Feldweg kam der Feidelbub mit dem Rübenkarren gefahren, der berichtete, gestorben sei jemand. »Du, Fock, du Schultheißfockl« rief der Halter, »jetzt weiß ich schon, wesweg sie läuten. Gestorben ist wer!« Kam auch schon der Briefbote gegangen: »Eine Neuigkeit, meine Herren und Damen! Der Silsam ist gestorben!« Dem Fock fiel das Messer aus der Hand, der Fockin die Hacke. Der reiche, kerngesunde Silsam! Der ehrengeachtete Nachbar Silsam! »'s Herzschlagel. In der Flachsdörrkammer.« Na, jetzt wußten sie auch, woran und wo. »Mich g'freut's nimmer, 's Krautköpfen,« meinte der Schultheiß, »'s ist eh eine Sitzung. Ich geh' zum Michelwirt.« »Tut's lieber beten!« ermahnte die Fockin. »Halt deinen Knödelbeißer!« gab der Fock rüde zurück und siffelte davon. »Ins Wirtshaus, jetzt!« sagte der Halter. »Da tät' ich was Gescheiteres wissen! Tut's beten!« Dann trottete er der Alm zu und freute sich über seine Klugheit, daß er gleich gewußt hatte, gestorben wäre einer und beten sollten sie! Die anderen eilten ins Dorf. Dort war alles aufgeregt und fast in gehobener Stimmung. Es trägt sich doch so selten was zu in Ober-Abelsberg. Jährlich zwei, drei Leichen, dann ist's aber auch ein Volksfest. Bis auf einen Stiefbruder hatte der Silsam keinen Verwandten gehabt, also tat das Totenklagen niemandem weh, man trank dabei, man munkelte dabei, seufzte ein- ums andere Mal: 's ist schad' um ihn! Wem er's nur vermacht haben wird! – Und im ganzen gab es eine rechte Unterhaltung. Weil der Silsam ein guter Christ gewesen und sonst auch was, so gab es natürlich ein großes Leichenbegängnis. Der Pfarrer betete am Grabe nicht drei Vaterunser, wie es sonst geschah, sondern sieben, und die Gemeinde half wacker mit, den verstorbenen Mitgenossen ins Himmelreich hineinzubeten. Die drei Glocken läuteten eine ganze Stunde lang, die große brummte in langsamen Schlägen, die mittlere schlug ihre helleren und schnelleren Klänge, und die kleine bimmelte mit hastigen Schiittlein drunter her. Etliche mochten betend sich bei solchem Begängnisse wohl der irdischen Vergänglichkeit erinnert haben, die meisten dachten nichts, als etwa, daß bei diesem Knien auf den Erdschollen die Hosen schmutzig werden. Als es vorüber war, sagten sie untereinander: »So, das wäre auch vorbei.« Aber es war nicht vorbei, es fing erst an, und in der alten Chronik ist die unerhörte Geschichte verbucht. – Als der Silsam bestattet war, erhob sich auf einmal die Mär, der Silsam sei nicht gestorben. Er sei zwar tot, aber nicht gestorben wie andere Leute, er habe sich – selbst – Es mußte noch einmal vorzeitig Feierabend gemacht werden in den Gärten, auf den Feldern, und das Wirtshaus war so übervoll, daß der Michelwirt es sogar wagte mit dem abgestandenen Faß Bier, das er schon halb und halb für den Schweinstrog bestimmt gehabt hatte. Der Strick wurde herumgelangt von Tisch zu Tisch, ein schmales Korbband war es eigentlich, mancher versuchte spaßeshalber seine Zähigkeit, »halten tät's es! Gehalten hat's es!« Des Verstorbenen Bruder, der Berthold, hätte vielleicht alles gewußt, aber er war nicht vorhanden. Der Pfarrer ließ ihn holen aus der Holzknechtkaserne, aber der Berthold wollte nichts sagen. Er hatte schon zuviel gesagt, nachts im Traume: »Bruder, Bruder, warum hast du mir das getan? Müssen alle warten aufs andere Sterben, hättest nit du auch warten können? Was pressiert 's denn so, die Ewigkeit rennt dir nit davon! Wenn's aufkommt, scharren sie dich ein, wie einen Hund. Die Leut' sind Teufel bei so was, und die Schand' kommt auf mich!« So hatte der alte Berthold im Traum geschwätzt in der Kasern', bis er nachher scharf ins Verhör genommen wurde. Na, halt am Strick habe er ihn gefunden, in der Flachskammer. Und warum? Kein Mensch wußte es. Der Silsam war in früherer Zeit immer so heiter gewesen, so angesehen und wohlhabend. Wo muß nun der Teuxel denn gesteckt haben? Der Berthold konnte sich's schon denken, als er in den Truhen Geld suchte und Schuldbriefe fand. Am nächsten Allerheiligentag wird der eine fällig, der große, und der Klotzbauer wird herüberkommen aus dem Galtental und alle Herrlichkeit ausblasen. So ein Schuldbrief ist weniger als nichts. Armut! Mit der wär' am Ende noch fertig zu werden, der Mensch – wenn man's recht nimmt – braucht ja nicht viel, aber der Gläubiger Wut und der Leute Hohn! Das mochte der Silsam bedacht haben, als er vom Felde Rüben heimtrug. Das Korbband wetzte ihm an der Schulter herum; strich ein wenig an den Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich wär' das beste. Versäumen tätest du nichts mehr auf der Welt. Auf dieser dummen Welt! Ich tät' gar nit so weh. Ein bissel anziehen, ein bissel blau vor den Augen, und gut ist's. Einmal ist einer zu früh abgeschnitten worden, der hat gesagt: Ihr verflixten Leut', es wäre so angenehm gewest, es hat just so schön gegruselt über den Buckel hinab. – Probier's mit mir. Taugt's dir nit, kannst dich ja auf die Füß' stellen.« O, dieser höllische Korbstrick! – Und dann hat ihn der Bruder gefunden, auf die Füße gestellt hatte er sich nicht mehr, aber die Zunge hat er der Welt vorgestreckt, wie ein Bub, der jemandem ein boshaftes Schnippchen geschlagen. Halb hörte solches der Pfarrer aus dem Munde des Beithold, halb dachte er sich 's, und es wäre nur gut, baß es jetzt erst aufgekommen, da der arme Mensch schon mit christlichem Segen in der Erde ruht. Nun aber standen etliche Bauern zusammen, meldeten sich im Pfarrhof und was jetzt zu machen wäre? »Was wird zu machen sein,« meinte der Pfarrer, »nichts.« »Aber das können wir nicht dulden! Auf dem geweihten Kirchhof, wo wir selber einmal liegen sollen, unsere Weiber und Kinder, da können wir keinen Selbstmörder brauchen, 'raus muß er!« »Ja, Hochwürden Pfarrer, 'raus muß er! Und das heilig Gebet, das wir für ihn gehalten, nehmen wir auch wieder zurück!« Dem Pfarrer war ungleich. Man solle lieber kein Aufsehen machen, und den armen Silsam ruhig schlafen lassen. »Kein Aufsehen! Ruhig schlafen, der Gottlose, in geweihter Erden!« schrien die Bauern, »wenn einmal die Geistlinger selber so reden, dann ist's kein Wunder, wenn der Antichrist anruckt!« Der Pfarrer war ein wenig betroffen, daß seine Pfarrkinder manche Predigt, die im Laufe der Zeit gehalten worden, so ernstgenommen, daß sie so fest waren im »Glauben«. Er konnte sich eigentlich dazu gratulieren, aber eine Stimme in seinem Menschenherzen sagte doch: Knöpfe sind's! Pharisäer sind's! Er besprach sich mit Fock, dem Schultheiß, was da zu machen wäre. Der Schultheiß rieb sich am Kinn, es war leidlich glatt rasiert, glotzte tiefsinnig drein, schnalzte mit der Zunge und sagte: »Na!« Das war aber dem Pfarrer zu wenig. Und der Schultheiß sprach: »Pfarrer, lassen wir ihn drinnen. Aber das Grab muß er bezahlen, das geweihte, das ihm nicht gebührt. Hundert Taler für die Gemeinde werden nit zuviel sein.« »Und die Kirche? Soll die schon wieder einmal leer ausgehen?« »Der Friedhof gehört der Gemeinde, wird von der Gemeinde erhalten, was einkommt, gehört also auch der Gemeinde. Wem's nit recht ist, der soll klagen!« »Du bist und bleibst ein Steinschädel!« sagte der Pfarrer, bestand aber nicht weiter auf seiner kirchlichen Forderung, weil er's insgeheim ja wußte vom Berthold, der Silsam habe nichts hinterlassen. Am nächsten Tage wußte es freilich auch der Schultheiß. »Nichts da ist?! Das ist doch ein hautschlechter Kerl gewesen, dieser Silsam. Ohne Umstände heraus mit ihm!« So das würdige Gemeindeoberhaupt, und hieb zornig mit der Faust auf den Tisch. Da sagte der Pfarrer bescheidentlich: »Wenn nichts da ist, dann soll man ihn erst recht liegen lassen, wo er liegt. Das Exhumieren kostet ja Geld, wer soll's zahlen?« »Die Kirche soll's zahlen!« sagte der Schultheiß, »denn der Kirche wäre es zugestanden, sich vorher zu überzeugen, ob der Tote auch richtig in geweihte Erde gehört oder nit!« »Mit dir will ich nicht streiten, macht's was 's wollt's,« sagte der Pfarrer und ging davon. Der Schultheiß zog den Berthold heran, des Verstorbenen Bruder: »Hörst, Mensch, du bist der Bruder, du bist der Erbe. Willst zahlen, daß er liegen bleiben darf?« »Du Patsch!« gab der Berthold geringschätzig zur Antwort. Sonst sagte er nichts. »Gut, du wirst zahlen fürs Ausgraben.« Der Berthold steckte den Daumen zwischen den Zeige- und den langen Finger, bog die letzteren ein, so daß der Daumen hinten hinaus stand, und hielt solche zierliche Figur dem Schultheiß vor. Dieser gab ihm einen Fußtritt zur Tür hinaus, und damit war die Besprechung zu Ende. Noch an demselben Tage kamen die Schaufler und begannen zu wühlen auf dem Grabe des Silsam. Der Pfarrer war nicht dabei, der ging unruhig in seinem Baumgarten auf und ab und murmelte: »Bestie, dein Name ist Mensch!« – Aber der alte gemütliche Mann war eingeschüchtert, und der Mut, mit dem er in früheren Jahren Glaubenseifer und Fehde gegen andersartige gepredigt hatte, ließ ihn jetzt im Stiche, da es galt, einen abscheulichen Frevel zu verhüten. Auf dem Kirchhof hatte sich das halbe Dorf versammelt, aber nicht, um zu beten. Im Gegenteil, das vorige Begräbnisgebet mußte rückgängig gemacht werden. Der Kirchendiener mit dem käsweißen Gesicht und dem kohlschwarzen Haar kniete während der Exhumierung vor dem großen Kreuze, hob die Hände auf und rief in einem halb singenden Tone: »Himmelgott! Wir haben vor drei Tagen für den Silsam sieben Vaterunser gebetet, tu' sie streichen. Verzeih' uns, daß wir so verblendet gewesen und für einen Selbstmörder gebetet haben, der in die Höllen gehört. – Verzeih' uns die Sünd'!« »Amen!« sagte die Gemeinde. Aber der Frieden war damit immer noch nicht ganz in die Gemüter zurückgekehrt. Denn nun fiel dem Klampfererschwend erst das Wichtigste ein: Die Glocken! – Hatten nicht die Kirchenglocken geläutet beim Begräbnis dem Selbstmörder! Die Glocken sind entweiht! Man kann sie zu keinem Gottesdienst mehr brauchen! Das wär' sauber! Bei Hochzeiten Selbstmörderglocken! –Sie müssen umgegossen werden. Jetzt, das Umgießen war aber nicht nach der Leute Sinn. Ob es die Gemeinde zu bestreiten habe, oder der Pfarrsprengel, zahlen müßten die Leute, und am Ende – so meinten sie – bliebe die Unweihe doch im Erz. Man müsse den Teufel anderswie austreiben. Der Kirchendiener mit dem käsweißen Gesicht und dem kohlschwarzen Haar lehnte am Kreuz, hielt die Arme über der Brust verschränkt und sagte es nur so nebenbei hin: »Wir haben das Gebet zurückgebetet, wir können ja auch die Glocken zurückläuten.« Wie? – Sie horchten hin. Die Glocken zurückläuten? »Das ist wieder einmal gescheit, Kirchenwaschel!« Die es sagten, tippten mit ihren Fingern auf die Stirn – das war soviel als zurückgelobt. Der Kirchendiener sagte ganz gelassen: »Man braucht nur die Glockenklöppel umgekehrt einzuhängen, dann läutet's zurück.« Jetzt spotteten sie nicht mehr. Das war ein Gedanke! Das war ein Mittel. Das beste und das einzige. – Eilends machten sich etliche Bursche, der Klampferer, der Seiler und der Riemer darunter, mit Werkzeug auf den Turm, und nach drei Stunden läuteten die Glocken zurück. Sie klöckelten verdammt schrill, aber das war eben das Passende, und unter ihrem Bimmeln wurde der Sarg des Silsam aus der Grube gehoben. Am Strick schleiften sie die Masse über den Rasen hin, zum Tore hinaus. Der Abdecker leitete die Arbeit. Und draußen hinter der Kirchhofsmauer am Hagebuttenstrauch haben sie die Truhe eingescharrt. Ein Anrainer wollte Verwahrung einlegen. Wie kam der Fidelveit dazu, bei seinem Acker eine solche Nachbarschaft zu haben? »Ja, ja, Fidelveit,« neckte der Klampferer, »nachher steigt dir der Silsam durch die Kornhalme herauf und ins Mehl!« »Wie komm' ich dazu!« rief der Fidel dem Schultheiß entgegen. »Halt dein Lugendorf!« fuhr ihn dieser an, damit war der Protest erledigt. Aber nicht alles war damit erledigt, es ergaben sich immer noch neue Schwierigkeiten. Der Eckgrubenschuster warf die Frage auf von wegen der Totenzehrung. Nach dem ersten Begräbnis waren die Leute beim Michelwirt zusammengekommen, um für die Seelenruhe des Verstorbenen zu trinken. Diese Seelenruhe mußte jetzt auch zurückgetrunken werden. Nach dem vom Kirchendiener erfundenen Systeme war das gar nicht so schwer. Man setze sich umgekehrt zum Zechtisch, so daß ihm der Rücken zugewendet ist, und trinke. So haben sie sich rings um die Tische gesetzt, sich fest dran mit dem Rücken gestemmt und haben zurückgetrunken fünf Stunden lang. Und während die Leute im Wirtshause soffen und gröhlten, schlich in der Dunkelheit und auf Umwegen der Pfarrer hinaus bis zum Raine hinter der Kirchhofsmauer. Dort am Hagebuttenstrauche brach er zwei dürre Äste, band sie mit einem Dornzweig kreuzweise zusammen und steckte das Kreuz auf den lockeren Schollenhügel. Ein Abelsberger, der seinen Tod überlebte. Wie? Ein dreißigjähriger Krieg hätte das ganze deutsche Volk an den Rand des Abgrundes gebracht? Und Joachim, der Zieler zu Abelsberg, führt einen fünfzigjährigen und ist munter wohlauf. Er dreht schon einen Strick, um das halbe Säkulum zu feiern – von anderen die goldene Hochzeit genannt. Mit diesem Strick will er über dem Eingang in ihre Schlafstube eine Tafel anbinden, der Inschrift: »Vivat, holde Braut!« Die Schlachten waren im ersten Vierteljahrhundert geschlagen worden, später, als die feindlichen Lager sich teilten, nahm es der Joachim nicht mehr so ernst und wenn die böse Frau gewaltig ausrückte, mit Worten zuerst, da lachte er – und mit dem Besenstiel zuletzt, da duckte er sich und fügte gemütlich: »Oha, jetzt wärest du mir beinahe mit deinem Besen angekommen.« Und dann sagte er: »Liebes Weib, wenn ich einmal gestorben bin, so wirst du ein schwarzes Gewand anziehen wollen. Das paßt aber nicht. In meinem Testament wird geschrieben stehen, daß du ein Jahr lang nach meinem Tod in einem weißen Kleid mit rosenroten Bändern umhergehen mußt, wenn du willst meine Erbin sein.« Da flennte sie kläglich, denn erstens muß man das tun, wenn vom Sterben die Rede ist und zweitens wußte sie doch, daß in ihren Jahren der Witwe schwarz weit besser stehen würde als weiß. Denn sie wird sehr traurig sein – wie kann man denn da ein weißes Kleid tragen mit rosenroten Bändern, dieweilen sie in die Kirche geht, oder im Walde Holz sammelt, wo die Jäger sind. Nein, das tut sie nicht, sie wird sich kleiden wie sie will. Oder soll sie etwa anfangen, den Willen ihres Mannes zu erfüllen, gerade wenn er tot ist? Aber eine alte Muhme hatte sie und die behauptete, mit einem letzten Willen ließe sich nicht spaßen. Wenn sie die Wirtschaft erben wolle, so müsse sie auch die Bedingung erfüllen, das sei einmal in der ganzen Welt so und dem größten Narren werde der letzte Wille befolgt, wenn eine Erbschaft dran hängt. »Nein, ich will mich nicht lächerlich machen mit dem weißen Kleid. Dieser Bösewicht! Eine arme verlassene Frau, die so keine andere Freude mehr hat auf der Welt, als das bissel schwarz. Just zufleiß tut er's, daß er mich nach dem Tode noch peinigen kann! Nein, ich trag's nicht, das weiße Kleid! Ich trag's nicht!« »Aber Närrchen,« sagte die alte Base, »so weit ist es ja noch gar nicht. Vielleicht ändert er's. Und sonst hilfst dir auch leicht. Ich möcht' nur wissen, warum du gerade das weiße Kleid nicht sollst tragen wollen. Er sagt ja nicht, daß du's auswendig mußt tragen. Trag's inwendig!« Das sah anders aus. Jetzt, wenn's nur schon dran wär'! »Liebes Weib,« sagte der Joachim dann eines Tages, »du würdest es schon gern sehen, daß ich abkratze. Muß nur noch um ein paar Wochen Nachsicht bitten. Die goldene Hochzeit möcht' ich halt noch gar so gern mit dir begehen. Weil wir halt soviel glücklich miteinander haben gelebt.« »Geh', hör mir auf und putz' dich nicht!« rief sie aus. »Wo du mir die ganze lange Zeit her das Leben hast sauer gemacht. Und jetzt möchtest dich prahlen mit dem Glück. Na, mach' du deine goldene Hochzeit nur allein, ich tu' nicht mit.« »Wirst eh recht haben,« antwortete er. »Müssen überhaupt erst sehen, ob wir den Tag erleben.« »Mir ist's alle Tag' recht,« sagte sie trübselig, und meinte natürlich das Sterben. »Ich hab' genug, will endlich einmal Ruh' haben.« Es war schwer für ihn, das Lachen zu verhalten. Sie, die seit fünfzig Jahren täglich ihren Stecken vom Zaun brach – sie will Ruh' haben! »Vielleicht findest sie bald,« sprach er. »So oder so. Nur nicht verzweifeln. Der Herrgott wird dich schon erlösen.« »Natürlich,« loderte sie auf, »das wär' dir halt recht. Kannst wohl schon nicht erwarten, bis mich der Herrgott zu sich nimmt. Hast dir sicher schon eine andere hergerichtet. Ich unglückliches Weib!« Ihre Finger krümmten sich, er eilte rasch zur Tür hinaus. Dort sagte er für sich: »Wenn eins gescheit ist und das andere dumm – dann geht's.« Sie hörte es. »Wer ist dumm?« »Aber, Weibel, wer denn? Das ist doch keine Frage! Ich bin dumm.« Sie wendete sich ihrer Muhme zu, die am Ofen saß und Garn auf die Spule wand. Gehobenen Kopfes, mit triumphierendem Gesichte schaute sie um sich. Siegerin, wie jeden Tag! Aber die Woche endete nicht, ohne daß etwas geschah. An jenem Abende waren sie im Zimmer beisammen. Die Muhme spulte Garn, das Eheweib spann und der Joachim saß auf dem Dreifuß und nagelte einen Bergschuh. Es begann schon ein wenig zu dunkeln, der Alte rückte den Dreifuß näher ans Fenster, um an der Ferse noch die letzten Nägel eintreiben zu können. Das geschah aber nicht, der Hammer fiel zu Boden und der Joachim lehnte sich an die Wand zurück. »Stanzl!« fagte die Muhme leise, »du, Stanzl, schau! Was tut er denn?« »Ja, allemall« antwortete das Eheweib, »sobald eine Wolke für die Sonne geht, ist's bei dem Feierabend. Man muß ihn einsalzen, daß er nicht zu stinken anhebt vor Faulheit.« »Wenn's nur nit gar was anderes ist!« sagte die Muhme und stand auf. »Es scheint, Stanzl, du wirst das weiße Kleid anlegen!« Das Eheweib schob nun das Spinnrad beiseite, eilte zu ihrem Mann und sah, daß er im Sterben war. Er lehnte am Brett, er verzerrte den Mund, die Augen gingen ihm über, in der Kehle gurgelte das Todesröcheln. Die Muhme zündete rasch die Kerze an – das Sterbelicht, die Ehefrau fuhr mit feuchtem Lappen über sein Gesicht und redete auf ihn ein. Er hörte nichts mehr, die Augen brachen ein. »Kennst mich denn nicht, Joachim?« rief sie. »Ich bin bei dir! – Ich, dein treues Weib. Hörst du es? Aber, Mann, ums Himmels willen! Wirst mich doch nicht verlassen! Jetzt auf einmal! O heilige Katharina, halt' ihn fest, lass' ihn nicht sterben! Joachim! Willst denn fort von mir? Was hab' ich dir denn getan, du lieber Mann, daß du mich willst verlassen! Sollt's einmal ein Mißverständnis gegeben haben, so mußt verzeihen. Nur ein bissel bleib' noch bei mir und lass mich nicht allein auf der Welt. Schau, du bist ja mein Lieb! Ohne deiner kann ich nicht leben, bist mein Lieb, mein einziges! – Willst denn richtig schon gehen? So nimm mich mit dir, Joachim, mein Joachim! Nimm mich mit! Nur einmal noch schau mich an! Ich bitte dich gar schön, tu' mich nicht verlassen. Es ist ja nur eine Ohnmacht, du wirst mir noch einmal munter! Gelt, Joachim, du wirst mir noch einmal munter! Ich weiß ja nichts, ich kann mir ja nicht helfen.« Laut schrie sie ihm ins Ohr: »Wo ist denn 's Geld aufgehoben? In der Ledertruhen? Im Heu? Sag' doch noch ein Wort! Oder ist's im Schüttkasten? Nur einmal noch komm' zu dir selber. Fünfzig Jahr' bist mir herztreu gewesen und jetzt willst mir keine einzige Stund' mehr schenken! Verlass' mich nicht, mein lieber Mann, tu' mir das nicht an, daß du mir so willst sterben!« So klagte sie laut und ungestüm, schaute hilfesuchend nach der betenden Muhme, streichelte zärtlich den Joachim. Dieser ließ Hand und Kopf hängen, wachte nicht mehr auf, schaute sie nicht mehr an – war tot. Als die traute Ehefrau Konstantia endlich dran glauben mußte, hat sie ein bissel geflennt. Dann fuhr sie sich mit dem Ärmling über das Gesicht, trat fest auf den Boden und sagte hart und gelassen: »So, jetzt wär' das auch vorbei, jetzt gibt's zu tun.« Sofort entwarf sie den Plan. Sie geht ins Dorf zum Pfarrer und läßt läuten. Die Muhme muß zum Bäcker, zum Fleischer, das Totenmahl zu bestellen. Der Tote bleibt liegen auf der Bank, wie er hingesunken ist. – Was zieht man denn gleich an, als Witwe? Das weiße ist ja noch nicht fertig. Aus dem Kasten das bessere Gewand. Trauer? Ist am ersten Tag noch nicht der Brauch. Also das gewöhnliche braune Kleid mit den roten Tupfen. Man soll nicht finden, als wäre sie vorbereitet gewesen. Aber auch zu glatt und nett soll sie sich nicht machen. Der Schreck, der Schmerz muß auch auswendig zu erkennen sein. – Eine Viertelstunde später klappt die Tür zu und der Tote ist im Hause allein. Wie er es merkt, sie wären fort, hebt er sachte den Kopf und stemmt sich auf den Ellbogen. Dann reibt er sich mit der Hand das Kinn, die Wangen, die Stirn und murmelt: »Teuxel, das ist schwerer, wie ich mir's vorgestellt hab'. Wie sie mir herumgefahren ist im Gesicht mit den nassen Bratzen! – Geweint hat sie wirklich – das hätte ich mir nicht verhofft. Na – ungeschickt gelegt hab' ich mich.« Er saß auf und rieb sich das Bein. »Ganz der Fuß ist mir tot worden.« Dann stieg er aufs Fletz und war erstaunt über das Ereignis, das er nun erlebt oder vielmehr erstorben hatte. Es war finster geworden, aber da brannte ja seine Sterbekerze. Das ist unheimlich, er zündete einen Leuchtspan an und löschte die Kerze aus. Er ging zum Herde, ob er nicht Feuer machen sollte. Daß es heimlicher werde. Auch fröstelte ihn. – Über den Rücken rieselt's so sonderbar – wie Schüttelfrost. Pfui! Und keine Luft ist im Zimmer. Ein Fenster auf. Im Dorfe läuten sie. Was läuten sie denn im Dorf? Daß es so schauerlich sein kann, wenn man im Hause allein ist! – Er will zur Tür hinaus, die zitternden Beine stolpern an der Schwelle, er fällt zusammen. Liegen bleiben darf er nicht, sapperlot, das wär' gefehlt. Am Ende –! Am Ende behält sie auch diesmal wieder recht. – Er erhebt sich, trachtet seinem Bette zu. Nach einer Stunde kommt die Ehefrau mit den Nachbarinnen. Während sie Licht macht, ruft sie aus: »O meine lieben Leute, seht, da liegt er mir!« Aber er lag nicht dort, wohin sie zeigte. »Du erlaubst schon, Stanzl,« redete er aus dem Winkel zwischen schlotternden Zähnen hervor, »ich bin ins Bett gegangen. Da stirbt sich's kamodter.« Natürlich ein Aufkreischen in der Stube und ein Hinausstieben der Weiber zur Tür. So hatte Joachim Zeit zum Überlegen, wie er sich nun herauswinden wollte. – Gesehen hatte er die Wirkung seines Todes – das war so eine Art Achtungserfolg gewesen. Weiter pressierte es ihm nicht. Wenn man die Leute zum Narren hält, läßt sich die närrische Welt zur Not ertragen. Es dauerte hübsch lange, wie sie ihn so allein ließen. Das ertrug sich jetzt recht gut, seine Todesangst hatte sich bei dem Wiedersehen mit seiner Gesponsin wieder in Schelmerei umgewandelt. Und als sie dann erschienen, die Stanzl, die Muhme mit den Nachbarinnen und Nachbarn, und als sie ihm mit dem Span ins Gesicht leuchteten, da reckte er ihr die Hand entgegen: »Weil du gar so fleißig gebetet hast, meine gute Stanzl, daß ich doch noch einmal zurückkommen soll – schau, so bin ich halt wieder da.« »Um eine glückliche Sterbstund' betet man, alter Tepp!« rief sie und die Sache war wieder auf der altgewohnten Höhe. Drei Wochen später haben sie die goldene Hochzeit gefeiert, wobei die ganze Gemeinde tief gerührt war, mit Ausnahme des Hochzeitspaares. Sie brummte fortwährend über ihren Mann und tat, als hielte sie ihn zum Schlechtesten. Er aber – hielt sie zum besten. Wie Abelsberg herabgekommen ist. Das Herz lachte einem, wenn man an Abelsberg dachte. Es war ein blühender Ort. Es war eine Hauptpoststation, und was das besagt, kann ein Zeitgenosse der Eisenbahn kaum ermessen. Ein Postort war der Herr und Gebieter des Reisenden und nahm ihm erkleckliches Passiergeld ab. Vom Wirt und Sattler bis hinab zum Wagner, Hufschmied, Krämer, Schuster, Rasierer, alle Gewerbe sogen an der gemeinsamen Mutterbrust »Postkutsche«, und sogen sich daran voll und fett. Allmählich kam die neue Zeit, und sogar mit ihrer Eisenbahn. Aber die alten Menschen änderten sich nicht. Abelsberg nahm nichts wahr, trottete und taumelte so im alten Trab dahin. Wo es aber mittat beim neuen, da mißverstand es den Geist und machte alles verkehrt. Von der Freiheit des Wortes machten die guten Abelsberger den ausgiebigsten Gebrauch; sie setzten sich in Wirtshäuser zusammen, politisierten über Kaiser und Reich, schlugen mit markigen Worten tapfer auf Regierung und Behörden los, auf Staats- und Gemeindezustände, auf alles Denkbare, was sie anging und was sie nicht anging. Als die Wahlen kamen, waren sie auch nicht faul, mit dem Munde zu revoltieren und zu reformieren; leider hatten sie – arbeitsam wie sie schon waren – nicht Zeit, zur Urne zu gehen und ihre Stimmen dort abzugeben. So fiel fürs erste die Gemeindevertretung auf den Großgrundbesitz der Umgebung und dieser wand den Bürgern des Ortes rasch den Herrscherstab aus der Hand, so daß die Bürger in ihrem eigenen Weiler fast wie Fremdlinge waren und von der Gnade der Umgebung abhingen. Großherzig, wie der Abelsberger von jeher gewesen, machte er sich nichts draus und dachte: also brauche ich mich um diese leidigen Gemeindesachen nicht zu kümmern, kann ruhig meinem Erwerbe leben und verfeinde mich mit keinem Kunden, wenn ich zu keiner Partei und zu keinem Rate gehöre. Er kümmerte sich nun auch tatsächlich weder um Welthandel noch um Kommunalangelegenheiten. Die Verrottung eines Ortes zeigt sich am klarsten in der Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit für geistige Dinge. Der Abelsberger kümmerte sich auch nicht um sein Geschäft. Das ging doch eigentlich von selbst, denn man hat verläßliche Leute, auch einen tüchtigen Geschäftsführer, so kann man sich selber wohlsein lassen. Man lebt ja nur einmal. Des Morgens ist das Bett am besten. Vormittags auf ein Glas Bier ins Wirtshaus, eine Pfeife, ein Plausch. Zu Mittag lassen wir uns nichts abgehen, warum sollen wir uns etwas abgehen lassen, wir haben gearbeitet genug unser Lebtag! Dann das Nachmittagsschläfchen bis zum Kaffee. Nach demselben im Geschäft nachsehen, ob alles in Ordnung geht, denn umsichtig sind wir immer und »das Geschäft, das ist die Hauptsache«! Weil man mit der Zeit gehen muß, so haben wir unseren Gesangverein und unseren Turnverein. Tägliche Übung im Wirtsgarten und Probe im Wirtshause. Beim Geburtstage und Namensfeste eines jeden Mitgliedes Ständchen vor dem Hause desselben und später fröhliche Tafelrunde in dem Hause des Gefeierten. Immer heiter. – Also hat der Abelsberger von sich und seinen geselligen Talenten keine schlechte Meinung, und natürlich auch keinen Grund dazu. Andere Leute denken freilich wieder anders, sie sagen, dieses Abelsberg wäre ein verlottertes Phäakennest. Sie beklagen sich über die Schlamperei und Unverläßlichkeit der Gewerbsleute. Die Handwerker, aus denen das Bürgertum des Städtchens eigentlich besteht, seien in eine große Schleuderhaftigkeit und Lässigkeit hineingeraten, es liege ihnen nichts mehr an ihrem Geschäfte, sie setzten keinen Stolz mehr daran, gute Ware zu liefern, sondern hätten ihr Auge mehr auf augenblicklichen Geldgewinn gerichtet. Und nicht einmal hierin wären sie praktisch. Sie übernähmen wohl Bestellungen, sicherten auch mit großer Bestimmtheit die rechtzeitige Ausführung zu, hielten aber nie Wort. Es sei noch nicht dagewesen, daß der Maurer an dem Tage erschienen, an dem er sein Erscheinen zugesagt; es sei ganz undenkbar, daß der Schmied eine Feuerzange oder ein Torband zu dem versprochenen Termine abliefere, und eher würde der Stadtkirchturm von Abelsberg sich auf die Spitze stellen, als ein Abelsberger Schneider eine Hose an dem Tage fertig habe, für den er sie mit heiligen Eiden zugesagt. Um einige Tage muß gelogen sein. Und wenn der Mann bei seiner Arbeitslosigkeit aus Langeweile vergehen müßte, so dürfte er trotzdem die Arbeit nicht zur bestimmten Zeit fertig haben, es muß gelogen sein. Und kommt das Bestellte endlich zustande, so müßt's ein Wunder sein, wenn es den Wünschen des Bestellers entspreche. Ein echter Abelsberger Gewerbsmann arbeitet nicht nach den Ansprüchen der Kunden, sondern nach seinem eigenen Gutdünken. Die Ungenauigkeit, das Nichtworthalten scheint in Abelsberg die Geschäftsehre zu sein, so wie anderswo die Verläßlichkeit und Pünktlichkeit es ist. Wenn der Mann aus lauter Untätigkeit sich auch nur schwer vor üblem Geruch zu bewahren weiß, wenn seine Familie manchmal wegen Erwerbslosigkeit am Hungertuche nagt, so muß doch der Anschein gewahrt werden, als ob das Geschäft im lebhaften Betriebe stünde und als ob man auf den einzelnen Kunden nicht anstehe. – Dieser noble Zug des kleinen Gewerbsmannes ist wohl auch anderswo zu finden, wie kann er sich da noch wundern, daß mit der Großindustrie nicht zu konkurrieren ist! Nicht in allem, aber in vielem könnte die Werkstatt mit der Fabrik den Wettkampf erfolgreich bestehen, wenn der kleine Gewerbsmann arbeitsam, gewissenhaft, verläßlich und tüchtig wäre, wenn er ordentliche Ware lieferte, Wort hielte und sich mit bürgerlichem Gewinn begnügte. Das aber ist auch eine Eigenschaft unseres Kleingewerbestandes zu Abelsberg, je weniger Arbeit ein Meister hat, je protziger und teurer tritt er mit seiner Ware auf, als ob der einzelne Kunde, der ihm doch einmal zuläuft, den Ausfall der übrigen decken müßte. Wenn die Fabrik schlecht und billig liefert, so liefert die Werkstatt zu Abelsberg schlecht und teuer; freilich lachen dazu die fremden Agenten, die im Orte Tag für Tag ihre Fabriksware anpreisen und gegen alle möglichen Vorteile absetzen. Sie siegen. Der einheimische Gewerbsmann kann schimpfen wie er will, mit Worten schlägt man keine Konkurrenz tot, nur mit tüchtiger Arbeit. Und die ist ihm zu unbequem. Wenn der Abelsberger dann seine Kunden richtig verloren hat, so steckt er die Hände in die Hosentaschen, pfeift eins und meint: »Mir ist alles eins, hab' eh nichts dabei gehabt, bei diesem Geschäft, ich tu' nichts mehr.« Und protzt weiter, gleichwohl er flüchtig bei der hinteren Tür hinaushuschen muß, wenn ein Gläubiger bei der vorderen hereingeht. Hochnäsig hat er stets auf seine Kunden herabgeschaut und hochnäsig wird er auch den Weg ins Armenhaus gehen. Der Krämer von Abelsberg hat sich seit Ewigkeit auf einen Großkaufmann hinausgespielt, der Patrizier sieht nicht ein, warum er nun auf einmal mit dem lumpigen Kunden artig sein solle, warum er ihm in höflicher Gefälligkeit das ganze Pult mit Schnittware vollräumen solle zur Auswahl, da der Kunde dann im besten Falle doch nur einen halben Meter Segeltuch kauft. Der Mann vergißt, was seines Amtes ist, er vergißt, daß in dem Augenblicke, wo Kunden mit verschiedenartigen Bedürfnissen vor sein Pult treten, er Krämer und nichts als Krämer ist, der den Käufern dienend gegenübersteht, gefällig mit ihnen zu verkehren hat und keine Miene verziehen soll, wenn nach halbstündigem Suchen und Wühlen in der Ware der Kunde, ohne etwas erstanden zu haben, zur Tür hinausgeht. Diese Geduld und Selbstverleugnung gehört einmal zum Geschäft und lohnt sich im ganzen immer auch mit klingender Münze. Der Jude weiß das besser. Und der Jude, der jetzt in Abelsberg seine Bude aufgeschlagen hat, macht mit untertänigstem Lächeln die besten Geschäfte, während der angestammte Kaufmann in seiner stolzen Bürgerwürde finster unter dem Tore seines Hauses steht und in schweren Sorgen ist wegen drohenden Konkurses. Weil durch Preisgebung des Feldes jüdische Ware Eingang gefunden, so gaben die unzufrieden gewordenen Abelsberger alle Schuld an den schlechten Zuständen den Juden. So schlau wie der Jude vorzugehen, meinten sie, dazu wäre ihre Bravheit zu groß. Emsigkeit, Findigkeit, Klugheit, das ist mit der bürgerlichen Ehre doch wohl vereinbar. Wenn dazu auch Fleiß, Arbeitsamkeit und Promptheit kommt, dann kann's auch dem kleinen Gewerbsmann noch glücken. Arbeitsamkeit, Verläßlichkeit und Sparsamkeit ist der beste Antisemitismus. Nur schade, daß es die Abelsberger nicht glauben wollen. Sie gedenken mit Schreien und Schimpfen ans Ziel zu kommen, nur wird dieses Ziel ein anderes sein als das, welches sie meinen. In unserer Zeit hat sich das Land für Fremdenbesuch eingerichtet. Städte, Flecken und Dörfer rüsten sich lebhaft zur Aufnahme von Sommergästen. Auf diese »närrische Mode« schaut nun Abelsberg mit ganz besonderer Geringschätzung nieder. Man merkt diese Geringschätzung gleich, wenn man seine schlechten Steige, grundlosen Wege, schmutzigen Plätze, verwahrlosten Brunnen, dumpfigen Gasthäuser sieht. Auf Plätzen und freien Angern kein Baumschatten, keine Ruhebank. »Wenn die Fremden kommen, so sollen sie sich ins Wirtshaus setzen, da haben sie Schatten und Bank.« In diesem weisen Satze gipfelt ihre Fürsorge für die Fremden. Trotz dieser Geringachtung trachtet doch ein Gasthaus dem anderen den Fremden wegzustibitzen, wenn sich einer am Bahnhofe zeigt, und sie raufen fast um ihn und suchen scheelsüchtig einander zu verdächtigen. Hat man aber einen Fremden im Garn, dann wird er auch tüchtig gerupft. In nichts ist Abelsberg so modern, als in den Preisen. Also ist es dahin gekommen, daß auf diesem Bahnhofe außer geldgierigen Agenten, die den Bürgern des Ortes das Brot von ihrem eigenen Tische wegschnappen, kein Fremder mehr aussteigt. Von Jahr zu Jahr wird es stiller in Abelsberg. Die Gewerbe lösen sich auf, die Geschäfte sperren zu, die Häuser bröckeln ab, lassen Regen sickern durch ihre Bedachung. Viele Bürger dieses schönen Ortes irren in der Welt umher. Wenn sich draußen einmal zwei begegnen, so suchen sie sich rasch unkenntlich zu machen, denn sie schämen sich voreinander. Lieber Leser, der Erzähler ist diesmal ungemütlich geworden, nicht wahr? Und du suchst endlich auf der Landkarte nach diesem Abelsberg. Weißt du denn noch immer nicht, daß es viele Abelsberge gibt, daß sie auf der Karte aber andere Namen haben? Der Hauthosenstreit zu Abelsberg. Herr Oehrichson hat das Wort!« rief der Präsident des Vereines für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen. »Bravo!« schrien viele Stimmen, denn Herr Oehrichson war ein beliebter Redner; was Wunder, er entstammte ja – wie sein Name zeigt – dem großen Volke, welches das Parlament erfunden. Herr Oehrichson, ein schlanker Mann in tadellosem Salonanzuge und mit echt englischen Kotelettes an den Backen, bestieg ruhig die Rednertribüne, schob ein wenig die Rockärmel zurück, daß man die weißen Manschetten mit den Diamantknöpfen sehen konnte, und begann in schlichter Weise: »Hochansehnliche Versammlung! Nach so glänzenden Ausführungen, wie wir sie eben von meinem geehrten Herrn Vorredner gehört haben, noch das Wort zu ergreifen, ist – ich leugne es nicht – ein kühnes Unterfangen. Wenn ich es dennoch tue« – sein Blick ruhte einen Augenblick sinnend auf dem Pult – »so entschuldige mich die hohe Wichtigkeit der Sache, die ich in wenigen Worten anzudeuten und zu vertreten die Ehre haben werde. – Meine Herren! Wir haben bisher einer Seite unseres Volkstums viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, einer sowohl sozial, als auch politisch gleich wichtigen Sache, die ich in die eine Bezeichnung: Hauthosenpolitik zusammenzufassen mir erlauben möchte. (Bravo!) Die Hauthosen, meine Herren, sind in unserer Kleidung der einzige echte Rest altgermanischer Tracht. (Unruhe rechts.) Keine Nation hat es gewagt, die Hauthosen für sich zu annektieren.« »Sansculotten!« rief eine Stimme aus der Versammlung. »Es ist das Wort Sansculotten gefallen,« fuhr der Redner ruhig fort, »ich präzisiere mich dahin, daß hier nicht von Hosen aus Menschenhaut, wie sie die Wilden oder Revolutionäre tragen, die Rede sein kann, sondern von Hosen aus Hirsch-, Gems-, Bock- und Schaffellen, wie sie unsere wackeren Älpler tragen. Diese einzig natürliche Bekleidung kräftigt den Körper und gibt ihm jene Elastizität und Schönheit, wie keine andere Hülle es je imstande ist. Ich habe vorhin gesagt: die Hauthose sei sozial und politisch gleich wichtig. Sozial, denn sie fördert die Gewerbe, politisch, denn sie ist – ich möchte sagen – das germanische Glaubensbekenntnis. (Oho! rechts. Wacker! links.) Meine Herren! Wir müssen unserem inneren Drange auch äußerlichen Ausdruck geben. (Bravo!) Ich kann mir unter einem französischen Kostüm ein Mitglied des Vereins für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen nicht wohl denken.« »Selber französisches Kostüm!« rief einer. »Allerdings,« lächelte Herr Oehrichson in seiner gewinnenden Weise, »allerdings tragen wir alle heute die scheußlichen Pantalons und was drum und dran hängt, und eben dieser Umstand beleuchtet greller, als ich es vermag, das große Versäumnis, dessen sich unser Verein zuschulden kommen ließ. Aber das muß anders werden. Ich beantrage ein Subkomitee zur Einführung der urgermanischen, echt volkstümlichen und alpinen Hautkniehosen.« Angenommen. Zum Vorsitzenden des Subkomitees wurde Herr Oehrichson gewählt. Eines der begeistertsten Vereinsmitglieder, Herr Steffel, stets in allem Guten und Neuen voran, ein echter Fortschrittsmann, der niemals öffentlich sprach, hingegen aber stets gewohnt war, ohne Rücksicht auf die Spötteleien oder sonstigen Widerhaarigkeiten seiner Zeitgenossen, das für wahr erkannte Wort anderer zur Tat zu machen – Herr Steffel erschien bei der nächsten Vereinssitzung in Hauthosen. Die Tatsache war um so verdienstlicher, als sie große Mühe gekostet hatte. Aus Billigkeitsgründen hatte er sie bei einem Flickschneider bestellt. Der wagte sich kaum dran, bis der Herr Steffel versicherte: »Sie werden zahlreiche Kunden erhalten, Ihr Geschäft wird großen Aufschwung nehmen, denn die Hauthosen kommen jetzt in die Mode.« Aber das Gelächter war unbeschreiblich, als Herr Steffel, eine ungegerbte, pelzige und knatternde Schafhauthose am Leibe, in die Versammlung trat. Herr Oehrichson konnte kaum zu Worte kommen: Gegerbte Hauthosen hätte er gemeint, gewöhnliche Lederhosen, Knielederhosen, wie sie die Oberlandler und Tiroler tragen. Wenn Herr Steffel schon in einer ungegerbten Schaf- oder Ochsenhaut stecken wolle, was bedürfe es da der Rederei und des Schneiders, er stecke ohnehin seit jeher darin und werde sein Lebtag darin stecken bleiben. Dieser Zwischenfall hatte aber nichts verdorben. Das Komitee war äußerst tätig, und die Knielederhosen kamen sowohl inner-, als auch außerhalb des Vereines bald in Schwung. Schöne, schwarzgefärbte Lederhosen mit weißen, auch grünen Näten und Verzierungen trugen sie, an der Magengegend den reichgeschmückten Deckel, an den Knien die Hirschhornknopfreihen, an der linken Seite die Tasche für das Messerbesteck. Aber die Lederhosen gehören zu jenen Dingen, die nicht sehr schön sind, wenn sie sehr schön sind. Die Lederhosen müssen abgeschabt und abgewetzt aussehen und wenigstens an hervorstehenden Rundungen eine mausgraue Farbe haben. Ursprünglich wurden diese Schönheiten durch die Arbeit und die Zeit erzeugt; weil die Abelsberger jedoch für körperliche Arbeiten keine besondere Vorliebe hatten und beim Zuwarten auf das Altern der Hosen Gefahr liefen, selbst alt zu werden, so mußten angedeutete Vorzüge künstlich erzeugt werden. Kurz, sie wurden erzeugt und die Hauthosen florierten. Um diese Zeit tagte in Abelsberg die Handschuhmacherinnung. Bei derselben ergriff unter anderen der Vorstand das Wort und sprach zur Versammlung: »Werte Innungsgenossen! Noch ein ernstes Wort im Namen unseres Handwerkes. Ihr wisset, daß die Hauthosen aufgekommen sind. Wir begrüßten in ihnen eine Hebung unseres Geschäftes. Doch siehe, da kommen die Schneider und arbeiten uns das Fell weg. Die Schneider haben aber nicht das Recht dazu. Das Fell gehört den Handschuhmachern! Wir müssen uns wehren um unser Fell! Wenn wir den Schneidern einmal das Fell überlassen, dann werden sie bei den Hosen nicht bleiben, sie werden auch Handschuhe nähen. Und es werden die Schuster und die Sattler kommen – sie arbeiten ja auch in Leder – und werden Handschuhe nähen, und wir Handschuhmacher können unser Handwerk einsalzen lassen! Ich beantrage eine Resolution gegen die Schneider!« Einstimmig angenommen. Am selben Tage tagte zu Abelsberg in der Stadt die Genossenschaft der Kleidermacher. Herr Oehrichson – denn er war Schneidermeister und beschäftigte ein Dutzend Gesellen – nahm das Wort und sprach: »Meine Herren! Ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich an meine erfolgreichen Bestrebungen erinnere, die Lederhosen in Schwung zu bringen. Ich dachte dabei in erster Linie an die Hebung unseres Geschäftes, das durch Import von Kleidern aus Paris auf das Empfindlichste geschädigt ist. Nun mußten wir aber die sehr bedauerliche Erfahrung machen, daß sich ein fremdes Handwerk, ich meine die Handschuhmacher, über diese Branche hergemacht hat, um den Rahm abzuschöpfen, den wir ihnen gebuttert haben. (Sehr gut!) Meine Herren! Die Hosen gehören uns! Die lassen wir uns weder von den Frauen, noch von den Handschuhmachern nehmen. (Große Heiterkeit.) Wenn sie erst die Hosen hätten, dann würden sie auch die Gilets und Paletots nehmen und unsere ehrwürdige Kleidermacherkunst, die älteste auf Erden, wäre gewesen ! Meine Herren! ich beantrage, daß wir vor den Handschuhmachern den Schutz des Gerichtes in Anspruch nehmen.« Einstimmig angenommen. Drei Wochen nach diesen Resolutionen war die gerichtliche Tagsatzung. Mittlerweile hatten Schneider wie Handschuhmacher Lederhosen fabriziert, was das Zeug hielt. Die Konkurrenz begann bereits den Preis zu drücken und das beste Geschäft machten die Gerber, denen lediglich nur die Mode des Herrn Steffel gefährlich geworden wäre. Bei der Gerichtsverhandlung waren die hervorragendsten Vertreter der Schneider-, wie auch der Handschuhmacherzunft anwesend, und beide Parteien salonmäßig herausgeputzt; jede wollte als die bestgebildete scheinen und die andere durch Anstand, Höflichkeit und Würde übertrumpfen. Der Richter fragte nach ihren Beschwerden. Die Schneider sprachen im Sinne der Genossenschaftsrede ihres Herr Oehrichson; die Handschuhmacher erhoben ebenfalls die uns bereits bekannte Beschwerde. Dabei wurden sie allmählich hitzig. »Wir haben für die Hauthosen ein altes Privileg!« riefen die Handschuhmacher. »Privilegien sind seit der Gewerbefreiheit gefallen!« sagten die Schneider. »Ihr seid Handschuhmacher und nicht Hosenmacher!« »Wenn es auf den Namen ankommt,« entgegnete ein Handschuhmacher, »so dürfet ihr nicht einmal Hosen nähen , sondern bloß zuschneiden, denn ihr seid nicht Näher, ihr seid Schneider!« »Wir sind Kleidermacher« sagte der Schneider, »wir könnten also auch Handschuhe machen, denn auch Handschuhe sind Kleider.« »Macht ihr Hüte?« fragte der Handschuhmacher giftig, »dürft ihr Schuhe erzeugen? Auch Hut und Stiefel sind Kleider, aber was würden die Huterer und Schuster dazu sagen? Oder die Strumpfwirker, wenn ihr für eure Kunden Strümpfe stricktet?« »Ihr fanget euch in eurem eigenen Garn,« sagte der schlagfertige Schneider; »wenn der Handschuhmacher Hosen macht, dann darf der Schneider Stiefel, der Schuster Lebkuchen, der Seifensieder Töpfe machen und der Töpfer rasieren! Dann hört alles auf. Ich aber sage, die Hosen gehören dem Schneider und nur dem Schneider allein!« »Die Hosen sollt ihr haben!« rief der Handschuhmacher, »aber die Haut werdet ihr uns nicht abziehen, das Fell werdet ihr uns nicht nehmen, das gehört einstweilen noch den Handschuhmachern, Gott sei Dank!« »Ich bitte,« versetzte der Schneider, »wer hat uns den Stoff vorgeschrieben, den wir verarbeiten dürfen? Wir können unsere Hosen aus Tuch und aus Leinwand, aus Seide und aus Leder erzeugen. Und wenn wir sie aus Fließpapier machen, wird uns kein Buchbinder dreinreden, und wenn wir sie aus Blech erzeugen, so wird's dem Klampferer recht sein müssen. – Vor einem Jahre haben uns die Kürschner an den Leib wollen, wir Schneider dürften keine Pelze machen. Na, denen haben wir heimgeleuchtet! Als ob ein Pelz kein Rock wäre! Als ob der Schneider keinen Rock machen dürfte!« »Die Hosen sind verspielt!« flüsterten die Handschuhmacher zueinander. »Unser beschränkter Titel allein macht's. Als ob wir nicht Fellner oder Häuterer heißen könnten, um aus den Fellen zu erzeugen, was wir wollten!« »Und wir haben das Recht dazu!« rief der Sprechwart der Handschuhmacher. So wie der Tischler nicht allein Tische, sondern auch Kästen, Bänke, Schränke; der Schlosser nicht bloß Schlösser, sondern auch Maschinen, Hämmer und Gitter; der Wagner nicht allein Wagen, sondern auch Schlitten; der Sattler nicht nur Sättel, sondern auch Kutschen und allerlei Riemenzeug verfertigt, so wird der Handschuhmacher nicht bloß Handschuhe, sondern auch Hosen aus Fellen machen.« »Es ist so!« stimmten die übrigen Fellner bei. »Es ist ganz und gar nicht so!« riefen die Schneider. Jetzt erhob der Richter das Wort. »Meine Herren!« sagte er, »so werden Sie nie einig werden. Gut, die Schneider machen Hosen und die Fellner Handschuhe. Aber ich sehe hier, daß auch die Schneider Handschuhe an den Händen haben und auch die Handschuhmacher Hosen an den Beinen. Einer kann eben des anderen nicht entraten. Darum Geduld miteinander! Der Handschuhmacher soll machen, was sich aus weichgegerbten Fellen machen läßt, und der Schneider soll aus jedem Stoff Hosen nahen dürfen, der dazu taugt. Das ist meine Meinung, und wem es nicht recht ist, der soll weitergehen.« Den Schneidern war's nicht recht, daß die Handschuhmacher Weichsellhosen machen durften, sie gingen weiter. Den Fellnern war's nicht recht, daß die Schneider gegerbte Tierhautkleider verfertigen durften, sie wollten weitergehen. Das Obergericht entschied: Beide sollen machen, was sie machen können, und die Kunden sollen bestellen bei dem, der's am besten macht. Aus war der Handel. Die Handschuhmacher hatten gesiegt. Aber Herr Oehrichson erklärte bei einer nächsten Sitzung im Vereine für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen: Die Hauthosen erwiesen sich nicht als praktisch, sie ließen im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß, und Ebenbildern Gottes gezieme es nicht, in Tierhäuten einherzuschreiten. Er beantrage die schlichte, ehrliche Tuchhose, wie stets der wackere Älpler in guter Lodengewandung den Unbilden der Witterung am besten Trotz biete. Der Antrag stand, die Hauthose fiel, und Friede war in der Stadt zu Abelsberg. Das Unterhosenfest zu Abelsberg. Beim Dichter erschienen zwei Herren in Frack und Glacéhandschuhen. »Haben die Ehre uns vorzustellen, hier Herr von Taflinger, Gasthofbesitzer. Meine Wenigkeit: Mayer, Kleideretablissement.« Dichter : Womit kann ich dienen? Herr Mayer : Wir kommen mit einer sehr großen Bitte. Sind aber der Zuversicht, daß in Anbetracht des schönen und gemeinnützigen Zweckes –. Die Sache ist die: der verehrte Herr Doktor werden sich gewiß daran erinnern, daß in dem nächsten Herbst der hundertste Jahrestag seit der Einführung eines wichtigen, ja, ich sage höchstwichtigen Momentes fällt. Eines Momentes, von dem ich nicht anstehe, zu behaupten, daß mit ihm eine neue Kulturepoche begonnen hat. Dichter : Ah, Sie meinen das Eisenbahnwesen. Herr Mayer (etwas kleinlaut): Ne, das Eisenbahnwesen meine ich nicht. Etwas weit Allgemeineres, Einschneidenderes, für das Individuum Wichtigeres ist's, etwas, das sowohl in sanitärer Beziehung, als auch aus Schönheits- und Bequemlichkeitsinteressen, vornehmlich aber aus Wirtschaft- und Wohlanständigkeitsgründen für jedermann von größter Wesentlichkeit ist. – Der Herr Doktor haben es doch schon erraten? Nicht? O, Schäker! Der Herr Doktor tragen ja selber eine am Leibe – vermutlich. Dichter (kurz): Ich bitte zu sagen, was die Herren wünschen. Herr Mayer : Nun denn. Im nächsten Herbst jährt es sich das hundertste Mal, seit in hiesiger Gegend die Unterhose eingeführt worden ist. Die Herrenunterhose. Früher hat man nur die eine, äußere, getragen; mein Vater selig konnte sich noch recht gut erinnern, daß – Dichter : Was geht das mich an? Herr Mayer (etwas indigniert): O! das geht uns alle an! Es ist Sache der Menschheit. Kleider machen Leute. Und doppelte Kleider – natürlich vervollkommnen den Menschen in doppeltem Grade. Gedenken Sie mit der einem Poeten von Gottes Gnaden zur Verfügung stehenden Phantasie gütigst der Zeitepochen, wo der Mensch noch kein Beinkleid besaß, und die Wichtigkeit des Gesagten wird klar vor Augen treten. Erinnern sich der Herr Doktor der Sansculotten! der französischen Revolution, Gott behüte uns davor! Kurz, wir glauben nicht allein berechtigt, wir glauben es unserer Zeit, unserem Volke schuldig zu sein, dem Grundpfeiler aller Zivilisation und Gesittung, der Hose, ein großes Gedenkfest zu weihen. Es hat sich demnach ein Komitee zusammengetan, um im nächsten Herbst auf unserer Stadtwiese –« Herr Taflinger : An welche mein Gasthausgarten grenzt – Herr Mayer : Ein großes Volksfest zu veranstalten. Die Vorarbeiten dazu sind natürlich jetzt schon im Zuge, und somit kommen wir im Namen des Komitees vertrauensvoll an den Herrn Doktor heran mit der recht inständigen Bitte, derselbe möchte uns in seiner gewohnten Liebenswürdigkeit den Festprolog verfassen. Dichter : Zum Unterhosenfest? Herr Taflinger : Ganz recht, nennen wir es so. Sehr gut. Das wird ziehen. Ich verspreche mir einen großartigen Erfolg. Auch haben wir den Chefredakteur des »Abelsberger Wochenblattes« in das Festkomitee gewählt, damit wir alle in der Zeitung genannt werden. Herr Mayer : Ihr Prolog soll sehr günstig rezensiert werden, ich garantiere Ihnen dafür. Herr Taflinger : Auch ein großes Bankett gibt es, mit Toasten. Vielleicht wollten Herr Doktor so gefällig sein, den Toast auf das Komitee zu übernehmen. Herr Mayer : In diesem Falle würde ich mir gestatten, meinen Trinkspruch auf unseren gefeierten Dichter auszubringen. Herr Taflinger : Es kommt alles in die Zeitung. Selbst wenn wir uns, was Gott verhüte, blamieren sollten, in der Zeitung wird Ihnen das so glänzend herausgeputzt werden, daß den Abwesenden die Zähne wässern sollen nach dem Defizit, das wir machen! Herr Mayer : Spaß apart, es wird ein echtes Volksfest werden. Volksspiele natürlich: Stangenklettern, Kapselschießen, Ringstechen, Nationaltänze in Nationaltrachten und ein Festzug – Herr Taflinger : Ein Festzug, wertester Doktor, daß Ihnen Hören und Sehen vergehen soll! Die Feuerwehr, die Turner, die Radfahrer in ihrem schmücken Kostüm; der Gesangverein mit einer eigens für das Fest komponierten Weihehymne; der Volapükklub mit allen Weltsprachen und hinterher der Stenographenverein, der mit dem Schreiben nachkommt. Herr Mayer : Von dem Festzuge werden auch photographische Aufnahmen gemacht! Herr Taflinger : Und Ihr Festprolog soll auf Velinpapier gedruckt unter dem Volke verteilt werden. Dichter : Meine Herren, wie stellen Sie sich so ein Festgedicht vor? Soll ich das zweifüßige Beinkleid in fünffüßigen Jamben besingen? Oder dünkt es Ihnen, besonders bei der im Waschen eingehenden Wolle der Jägerhosen, vorteilhafter, den Streckvers anzuwenden? Herr Mayer : Doktorchen, Sie haben uns nicht verstanden. Die Hose ist Nebensache, wir wollen einfach ein Volksfest haben, damit Fremde kommen, damit Geld unter die Leute kommt, damit wir uns wieder einmal unterhalten in dieser traurigen Zeit. Der Inhalt des Festgedichtes bleibt ganz Ihre Sache. Besingen Sie die Freude, die Lust, den Tanz, das Spiel – Herr Taflinger : Das Essen und Trinken – Herr Mayer (schalkhaft): Die hübschen Weiber – Herr Taflinger : Besingen Sie alle sieben Todsünden in Verslein, ha, ha – damit's Gaudium gibt! Dichter : Wohlan, meine Herren, ich besinge die sieben Todsünden in hübschen Verslein. Herr Taflinger (sich die Hände reibend): Das wird reizend! Wir sind Ihnen sehr verbunden! Dichter : Ich werde meine Arbeit rechtzeitig fertig haben. Leben Sie wohl. Der Dichter nahm sich zusammen. Er wendete seine ganze Grazie auf, suchte seine glühendsten Farben hervor, um das Laster in seinem volle Reize zu besingen. Er besang im Trinken den Durst, die Glut des Weines und so weiter. Er besang im Spiele die Geldfreude, den Gewinn und so weiter. Er besang in der Liebe die Sehnsucht, den Kuß und so weiter. Er besang das Fest, die Fahnen, Triumphbögen, Illuminationen, den Champagner, die Komitees und so weiter. Es ward ein großes, in leidenschaftlicher Herzglut geschmiedetes Zeitgedicht. Dann schickte es der Dichter ans Festkomitee. Schon am nächsten Tage kam das Gedicht wieder zurück, begleitet von dem folgenden Schreiben: »Euer Hochwohlgeboren! Vor allem unseren verbindlichsten Dank für die so prompte Lieferung des Festgedichtes. Was nun aber dessen Inhalt betrifft, so ist zwar der erste Teil ganz reizend und vollkommen zweckentsprechend. In bezug auf die Lösung des Poems hat das Komitee die Arbeit für nicht genügend befunden. Sie haben uns insoferne mißverstanden, als Sie die Freude und Lust zwar auf das reizendste zur Darstellung bringen, allein leider auch die weniger erfreulichen Folgen schildern, welche durchaus nicht geeignet sind, die Feststimmung zu erhöhen. Sie beschreiben z. B. nicht bloß die Süßigkeiten der Liebe, sondern auch das im Leben allerdings nicht zu leugnende, daraus folgende Ungemach. Sie beschreiben nicht bloß das Vergnügen des Gewinnes beim Spiel, sondern weit lebhafter noch die Verzweiflung des Verlierens; Sie beschreiben nicht allein das glänzende Fest, sondern auch das Defizit desselben, und weisen darauf hin, daß man in so ernster Zeit, als die unsere sei, inmitten des Elends so vieler Volksklassen, bei dem drohenden allgemeinen Bankerotte keine glänzenden Feste feiern soll. Sie nennen das einen Tanz ohne Takt. Sie sprechen von Leuten, die in der Verblendung ihrer unersättlichen Eitelkeit keine Ahnung hätten von der Sittenlosigkeit und Schamlosigkeit, die in solchem Treiben liege. Euer Hochwohlgeboren werden selbst einsehen, daß solches nicht die Sprache eines Volksfestes sein kann und daß wir gezwungen sind, für Ihre Bemühung dankend, Ihr sonderbares Festgedicht abzulehnen. Mit dem Ausdruck usw. Das Festkomitee. Der Dichter hatte bei Durchlesung dieses Schreibens ein wenig geschmunzelt. Da nun aber das Gedicht doch einmal da war, so wollte er es auch veröffentlicht wissen. Allein das »Abelsberger Wochenblatt« bringe prinzipiell keine Gedichte, hieß es in der Ablehnung. Es hatte dafür auch keinen Raum. Denn die Beschreibung des Festes füllte die Seiten. Da waren aufgezählt alle Fahnen, die aus den Häusern gehangen, alle Namen derer, die sie gefärbt, genäht, in Handel gebracht, aufgehißt hatten; der Weber, der sie gewebt, wurde vergessen, wogegen er schon am nächsten Tage bei der Redaktion Beschwerde führte, bis auch sein Name nachgetragen war. Und es wurde jeder und jede in die Zeitung gedruckt, die gesungen, gepfiffen, gestrampft, gejodelt hatten, auch jeder, der für den Freitisch eine Semmel oder für das Glücksspiel einen blechernen Taschenspiegel gespendet hatte, las sich fettgedruckt in der Zeitung, und als beim Festmahle einer nieste und ein anderer »Zur Genesung!« rief, verbuchte solches das »Abelsberger Wochenblatt« als eine großartige Parteidemonstration. Damit war der Beweis hergestellt, daß das herrliche Fest in allen seinen Teilen auf das beste gelungen ist und alle Teilnehmer desselben es zu den schönsten Erinnerungen zählen werden. Der Dichter aber hatte sich von dieser Zeit an in Abelsberg unmöglich gemacht, doch ging er nicht davon, gleich jenem Festkomiteemitgliede, welches vor Entsetzen über das Defizit nach Amerika durchgebrannt war. Das Abelsberger Altweiberdiner. Auf dieser Welt gibt es nicht leicht etwas Gefährlicheres, als wenn ein ungebildeter, bislang dürftiger Mensch plötzlich zu Gelde kommt. Wenn einer in den Graben fällt und sich den Fuß bricht, so kann er schlimmstenfalls sein Lebtag lang auf der Krücke gehen müssen, bleibt aber im übrigen ein normaler Mensch. Wenn einer aus dem Kahne ins Wasser stürzt, so wird er entweder gerettet und bald wieder trocken, oder er ertrinkt, was man für das Sterben abrechnen kann, das ihm auch sonst nicht ausgeblieben wäre. Wenn aber ein gewöhnlicher Mensch plötzlich viel Geld kriegt, so kann er ein Narr werden. Denn nicht alle werden durch Geld reich, manche werden durch Geld auch arm. Arm und dumm und manchmal auch noch etwas anderes. Daß sie ihre Arbeitslust verlieren, daß sie dem Hochmute verfallen, ist schlimm, daß sie sich dann aber zu Tode langweilen oder die tollsten Streiche machen, ist schlimmer. Und daß sie manchmal aus braven Leuten sogar zu Lumpe werden, ist am schlimmsten. Ich kannte eine Kleinhäuslerfamilie: Vater, Mutter, Tochter. Er war Beinwarendrechsler, doch das Geschäft ernährte kaum seinen Mann, geschweige des Mannes Frau und der Frau Tochter. Sie hungerten sich stumpfsinnig dahin, und endlich kündigte ihnen der Eigentümer des Wohnhäuschens die Miete, die sie nicht mehr bezahlen konnten. In dieser bedenklichen Lage gewann der Beindrechsler durch den Anteilschein eines Loses die Summe von sechstausend Gulden. Bravo, blinde Dame Fortuna! Doch gewiß einmal an die rechte Stelle getroffen. – Wir wollen sehen. Der Mann zahlte sofort den rückständigen Zins, daß sie im Häuschen wohnen bleiben konnten, dann huben die Freuden an! Nein, die Wünsche. Der Frau ein rotes Seidenkleid, der Tochter ein blaues. Dem Manne eine goldene Taschenuhr. Dann ein Rößlein und Wagen für die Kirchfahrt am Sonntage. Auch ein Knecht dazu und ein stattlicher Hund. Der Frau ein großer Wandspiegel, ein Putztisch, eine rote Samthaube mit Pfauenfedern. Der Tochter ein Kleiderschrank mit vergoldeten Leisten. Echte Spitzen, Schuhe aus amerikanischem Leder, ein japanesischer Fächer aus weißer Seide, indische Spezereien und ein Silberkäfig mit einem Papagei. Dem Manne ein Reitsattel, ein Jagdanzug, ein englisches Schußgewehr. Der Frau ein chinesischer Fußteppich, der Tochter ein kostbares Halsgeschmeide; dem Manne ein Kanapee nach Rokokomuster. Und als sie mit diesem und ähnlichem ihr Dasein sehr schön geschmückt hatten, dachten sie daran, daß sie vergessen hätten, sich das Häuschen zu kaufen oder auch nur auf eine Weile die Miete dafür voraus zu bezahlen. Die Frau sagte, das müsse alsogleich geschehen; die Tochter meinte, nicht diese Hütte solle man kaufen, sondern ein hübsches Stadthaus, und der Mann bekannte, er kaufe weder die Hütte noch das Stadthaus, denn er habe kein Geld mehr. – Hernach kam der Eigentümer des Häuschens, wies sie hinaus, und nun stand die Familie mit ihrem Plunder auf der Gasse und hatte kein Obdach. Es war jetzt schlimmer als je – nicht bloß arm, sondern auch lächerlich. Ob man denn gerade ein Beindrechsler sein muß, um es so und ähnlich zu machen? Ob man nicht auch ein Kaufmann, ein Beamter, ein Gewerbsmann, ein Soldat, ein Baron oder Graf oder dergleichen sein könne, um es geradeso zu treiben? Die Antwort kostet nur einen Pfennig, aber ich bleibe sie schuldig. Ich erzähle lieber einen anderen Fall, der seltener ist und so spaßhaft und wunderlich, daß man ihn für die Dichtung eines Schelmes halten könnte. Man soll nur nicht vergessen, daß nicht bloß Schälke und Schelme dichten können, sondern auch der Zufall, das Geschick, die Verhältnisse, die mit einem närrischen Menschen manchmal in übermütigster Weise wirtschaften. Der Mann, von dem hier die Rede sein soll, war in seiner Jugend Holzfäller gewesen, dann war er Holzhändler geworden, zuerst kleiner, dann großer, endlich einer von solchen, die man nicht mehr Händler, sondern Lieferanten nennt. Als er in seinem fünfzigsten Jahre einmal sein Vermögen prüfte, erschrak er baß. Er war Millionär. Sofort gab er alles Geschäftliche auf und fand es hoch an der Zeit, sich an den Genuß zu machen. Jetzt, das verstand aber der gute Mann nicht. Es gehört eine seine Bildung dazu, ein Vermögen froh und artig genießen zu können. Das plumpe Dreinfahren übersättigt zu rasch. Man muß den Sekt in dünnen Zügen schlürfen, nicht saufen wie der Ochse das Wasser. Manchem Emporkömmling, der reiten will, ist kein Roß hoch genug, so setzt er sich auf den Elefanten. Um soviel war der Holzhändler klüger als der Beindrechsler, daß er sich vor allem ein Haus kaufte. Und zwar eines in der Stadt Abelsberg. Das erste war, daß er an seinem Palais die Türen und Fensterrahmen vergolden ließ. Zwischen den vergoldeten Fensterrahmen schaute er dann im kirschroten Schlafrock und mit langer Pfeife heraus, lachte wohlwollend oder auch spöttisch auf die Vorbeigehenden nieder; und sah er auf der Gasse eine hübsche Frau vorübergehen, so winkte er ihr in leutseligster Weise mit der Hand Grüße zu, als wäre sie eine alte Bekannte. Zu seinem Geburts- wie auch zu seinem Namenstage gab er große Gastmähler, zu welchen er den Stadthauptmann, den Dompfarrer, den Zeitungsschreiber, den Mauteinnehmer, seinen Schornsteinfeger und seine von ihm oft beschäftigten Dienstmänner einlud. Er warf und goß den Gästen die Himmelsgaben – üppig, üppig waren sie! – nur so vor, führte dabei mit schreiender Stimme das Gespräch, erzählte uralte Schwanke und machte auch selber Witze. Je mehr sie lachten, je mehr gab's Wein, und je feineren. Es war zu gemütlich! Herr Kragerl, so hieß er, war, so hieß es, ein gutherziger Mann. Er hatte in seinem Hause ein junges, dickes Weibsbild, von dem niemand recht wußte, in welchem Verhältnisse es zu ihm stand. Ein Schwesterkind! versicherte er. Plötzlich aber wollte er dieses Schwesterkind heiraten. Der Pfarrer sagte, das ginge nicht, der zu nahen Blutsverwandtschaft wegen. Ein Schwesterkind! – »Wieso!« fragte Herr Kragerl, »ein Schwesterkind ist es freilich, aber nicht von meiner Schwester, sondern von der Schwester meines Hausmeisters.« Der Pfarrer fand aber noch andere Hindernisse, das Paar zu trauen, es ging nämlich das Gerücht, daß Herr Kragerl schon verheiratet sei. »Verdammt, was geht das ihn an,« hatte Herr Kragerl darauf gesagt, »wenn ich zwei Weiber habe, so ist das ja nur mein Schade!« Zu Trotz beschloß er nun, die Angelegenheit eigenmächtig zu schlichten. Er veranstaltete im ersten Hotel der Stadt, im Grand-Elegant-Hotel, ein festliches Mahl, bei dem er die Hausgenossin feierlich für seine Frau Gemahlin erklären wollte. Er lud dazu alle Freunde und ihm erreichbaren Honoratioren ein, die Tafel war für vierundzwanzig Personen bestellt. Am vorletzten Tage schickte ihm aber der Bürgermeister und der Stadthauptmann und der Oberrichter eine Absage zu, bedauernd, verhindert zu sein, bei dem Festmahle zu erscheinen. »Auch gut! Sehr gut! Ausgezeichnet!« rief Herr Kragerl tiefbeleidigt, »ich brauche das hochnasige Volk nicht. Sollen alle zu Hause bleiben. Alle! Alle diese hochnasigen Einfaltspinsel!« Und er schickte dem Stadtphysikus und dem pensionierten Obersten Pumberger und dem Stadtschreiber Federler und allen übrigen Herrschaften Absagebriefe: sie könnten zu Hause bleiben, er wolle schon Ersatz finden! – Die so abgelehnten Gäste wußten nicht, wie das gemeint sei, blieben aber sehr gerne zu Hause. Der Herr Kragerl begab sich in einem unnummerierten Zweispänner zum Besitzer des Grand-Elegant-Hotels und berichtete ihm, daß das Mahl für vierundzwanzig Personen nicht stattfinde; daß der Wirt aber sofort ein viel glänzenderes für achtundvierzig Personen veranstalten solle. Es habe vor einiger Zeit bei der Anwesenheit des Landesfürsten ein Festdiner stattgefunden, geradeso solle der Wirt auch diese Tafel machen. Silberne Löffel, goldene Löffel, kristallene Becher, Tischwäsche mit echten Stickereien, vier zwölfarmige Kandelaber; drei Blumenvasen mit exotischen Gewächsen: Menü nebst anderem nicht zu vergessen der Trüffelpasteten, Fasanen, Nachtigallzungen, der feinsten französischen Weine; vor allem Champagner, unversiegbar viel Champagner. Zum Schluß die pikantesten Käsesorten und echten Mokka! Kurz alles, was rar und nobel, koste es, was es wolle. Nachdem im Grand-Elegant-Hotel die Festtafel dergestalt angeordnet war, verfügte sich Herr Kragerl in das städtische Armenamt. Dort brachte er seinen Wunsch vor, er bedürfe für den nächsten Tag achtundvierzig alte Weiber. Die häßlichsten, die bissigsten womöglich. Es geschehe ihnen nichts, er stelle sie unversehrt, wie er sie erhalten, wieder zurück, er wolle ihnen nur ein Mittagsbrot zuteil werden lassen. Zu Ehren seiner Verlobung achtundvierzig Arme speisen – alle Achtung! Die Achtundvierzig wurden bewilligt, lauter Beteilte und Pfründnerinnen aus dem Armenhause. Sie wurden bestellt für den nächsten Tag in das Grand-Elegant-Hotel um sechs Uhr zum Diner. Einige der Geladenen wußten nicht recht, was das sei, ein Diner, ob sie mit etwas beteilt würden oder ob es eine neue Hunde- und Katzensteuer gebe. Andere wußten, daß es sich um ein Mittagsmahl handle, das ein edler Wohltäter auftischen lasse, aber sie wußten nicht, sei die angegebene Stunde sechs Uhr morgens oder abends gemeint. Eine alte Frau, die einmal in besseren Verhältnissen gelebt hatte, klärte die übrigen darüber auf, daß in vornehmen Kreisen die Leute um zwölf Uhr mittags Morgen hatten, und um sechs Uhr abends Mittag, und um zwölf Uhr nachts Abend, und um sechs Uhr morgens Mitternacht. Trotzdem sah man an dem festgesetzten Tag schon bald nach zwölf Uhr mittags etliche Weiblein um das Grand-Elegant-Hotel schleichen und spähen, ohngeachtet der Gastgeber bekannt gegeben, er würde die Gäste vor sechs Uhr in ihren Wohnungen mit Wagen abholen lassen. So kam die Stunde. Der große Festsaal des Grand-Elegant-Hotels war feenhaft beleuchtet. An den drei Kronleuchtern hundert elektrische Flammen, Glühlichter, an vier goldenen Armleuchtern achtzig Wachskerzen, deren Funken in den Eßgedecken hundertfach widerstrahlten. Die Tafel war in Halbrundform und von kunstvoll geschnitzten Sesseln umstanden. In den silbernen Tafelaufsätzen lebendige Palmen, Orchideen und indische Rosen. In mächtigen Kristalltassen auf Goldständern quollen über die schwellenden Früchte: Orangen, Feigen, Mandeln, Trauben. An den mit Marmor bekleideten Wänden standen starr wie aus Holz geschnitzt, achtundvierzig buntlivrierte Lakaien. Nun kamen die Wagen angefahren, flinke Diener öffneten den Schlag, griffen galant den alten Damen unter die Arme, um ihnen herauszuhelfen und sie in den Festsaal zu begleiten. So torkelten sie denn hinein, und manche tat einen Pfiff oder stieß ein Kreischen aus, als sie die unerhörte Pracht sah. Die meisten waren in ihrem verschlissenen Anzuge, der in schlappen Falten niederhing. Einzelne hatten auch Hauben mit feuerroten Bändern auf und sonstiges Flitterwerk an der buckligen, verknorpelten Gestalt. Graue stechende Äuglein, scharfe Geiernasen, zahnloser Mund und langes Kinn waren vorwiegend, es gab aber auch gemütliche Stumpfnäschen und runde Rotwängelchen darunter, deren Runzlein schwerer zu zählen wären, wie die Haare auf dem Haupte. Fast jede hatte ein zierliches Handkörbchen bei sich, und etliche trugen mit aller Sorgfalt am Arm oder unter dem Muff ein Hündlein oder ein Kätzlein. Die Beherzteren traten vor, verneigten sich vor den Lakaien wie vor Heiligenstatuen und begannen dann lüsternen Auges die Schätze der Tafel zu prüfen. Da erschien die Herrlichkeit. Herr Kragerl, mit dem breiten, hochgeröteten Gesichte verschmitzt lächelnd, trat ein, an seinem Arm das Schwesterkind. Er war in elegantestem Schwarz, nur daß er im Knopfloch eine Rose stecken und am dicken Hals eine großartige zinnoberrote Masche trug. Als er die Handschuhe auszog, sah man die Brillantringe an seinen fleischigen Fingern. »Sie« prangte in lilienhaftestem Weiß. An den nackten Armen aber trug sie so massige Reifen, daß ein harmloses Weiblein erschrak, weil es glaubte, die schöne Frau wäre einer Kerkerfessel entkommen und habe die Ringe noch an sich. Auch am Halse trug sie schwere Ketten von Gold und Perlen, und an den Ohrläppchen hatte sie lange Schellen baumeln, die das hellste Feuer ausblitzten. Das Unangenehmste an dieser Person war den betagten Frauen das Gesicht, denn selbiges war jung und glatt wie das einer Puppe. Die »Braut« schien sehr munter und schnippisch, streckte das Brätzchen sofort nach einem Früchteteller aus und nahm eine Handvoll Knackmandeln, die sie teils in den Sack ihres Herrn Bräutigams steckte und teils über die versammelten Gäste hinwarf. Herr Kragerl grüßte seine Geladenen mit hoher Grandezza. Auf ein Zeichen von ihm wurden an der Wand die bunten Figuren lebendig, jede bemächtigte sich eines Weibleins, führte es an einen Sessel und schob diesen hinten an. So saßen sie und obenan der Herr Kragerl und seine Braut – wie König und Königin. Das Mahl hub an. Als der Bediente mit dem Lachsbrett zu kursieren begann, griff die erste nach demselben und anstatt sich von dem Tier ein Stückchen herabzuschaufeln, glaubte sie, das ganze Ungetüm gehöre ihr, bis sie von der Nachbarin eines Besseren oder vielmehr eines Schlechteren belehrt wurde. Weil im Fische ein Dolch stak, so erhob sich bei Tische das Gerücht, er sei meuchlings ermordet worden. Herr Kragerl war in bester Laune und ergötzte sich sowohl an der Gier, mit welcher die armen Leutchen zu essen begannen, als auch an der Ungeschicklichkeit, mit der sie die Dinge handhabten. Er ließ Wein einschenken. Anfangs nippten sie schämig, allmählich versuchten sie kühnere Züge, und endlich tranken sie »nach Durst«. Als das Wildbret und der Fasan kam, steckten etliche einen Bissen um den anderen heimlich unter den Tisch hinab; war auf dem Schoß das Körbchen nicht, so lauerte dort das Hündlein oder das Kätzlein, begierig nach den außerordentlichen Gaben schnappend. Manchmal knurrte eines oder das andere ein wenig, worauf die Eigentümerinnen tödlich erschraken, bis der freundliche Gastherr sie ermunterte, aus ihren Lieblingen kein Geheimnis zu machen; er selbst legte den Arm um seine Braut. »Verdammt!« sagte er zu dieser, »wenn ich jetzt unsere gespreizten Hochnäsigen herbeiwünschen könnte, daß sie sähen, wie man auf sie pfeift, und daß es bei den alten Weibern gemütlicher zugeht, als bei ihnen.« Als der Champagner kam, wollten die Diener still aufmachen, aber der Herr Kragerl rief: »Verflucht! Nur fest knallen lassen!« Da ging's los zu allen Seiten wie in einem Kleingewehrfeuer, daß sich die alten Frauen ihre Ohren zuhielten und kicherten vor Angst und Behagen. Herr Kragerl zog seinen Frack aus, schleuderte ihn hin, und wie er so in flatternden Hemdärmeln war, hob er sein Glas auf und schrie: »Verdammt noch einmal meine Herrschaften! Wir müssen doch anstoßen auf meine Frau Gemahlin! Ich bin nicht abergläubisch, uns werden die alten Weiber nicht Unglück, sondern Glück bedeuten. Gott gib's! Vivat! Hoch!« »Hoch!« piepsten die einen. »Hoch! Hoch!« kreischten die anderen. »Hoch! Hoch! Hoch!« schrien endlich alle aus vollem Halse. Aber mit den Champagnergläsern konnten sie nicht umgehen, den größten Teil gossen sie sich ins Gesicht, daß er niedertroff am spitzen Kinn, wie bei Tauwetter die Wassertropfen von den Eiszapfen. »Teufel!« rief der Herr Kragerl, »Bedientenvolk, faules, dummes! Könnt ihr den Wein nicht in die Kübel schütten?« Die Diener warfen aus den metallenen Eiskübeln das Eis, gossen sie voll Champagner, und diese Gefäße gingen nun in der Runde herum, daß sie alle daraus tranken wie aus dem Kruge das Wasser. Die Hunde und Katzen waren ihren Verstecken längst entsprungen und tummelten sich bereits auf dem Tische um. »Sakra!« rief der Herr Kragerl, »die Amurln werden auch Durst haben! Sauft! Sauft, bis euch das Fell platzt! Euch gönne ich's! Die Hochnäsigen sind mir viel zu schlecht! He Vivat!« Und er setzte den Tieren einen Kübel Champagner vor. Die mit fetten Bissen gesättigten Wesen hatten freilich Durst. Sie schnupperten, sie pfusterten, sie leckten, sie tranken, sie soffen, und dann hub ein Miauen und ein Keifen und ein Bellen an und ein Schnattern und Zetern der Weiber, daß es unbeschreiblich ist. Es ist auch unmöglich, die weiteren Vorgänge zu schildern; unter dem Gejohle des edeln Gastgebers fanden Szenen und Ereignisse statt, die alle Bewohner des Hotels zusammenlockten und sogar die Leute von der Gasse herein, unter denen auch etliche Polizeimänner waren, die dem Spuk ein Ende machten. Die Dinge spitzten sich hierauf so zu, daß Herr Kragerl mit dem Schwesterkinde es für geraten hielt, sein Domizil freiwillig zu ändern. Sein Andenken aber, gipfelnd im Altweiberdiner im Grand-Elegant-Hotel, wird in jener Stadt noch lange bestehen als lehrreiches Beispiel, was gewisse Abelsberger Naturen imstande sind, zu vollführen, wenn sie Geld haben. Ein Abelsberger Schweineverkäufer. »Heut' hab' ich meine Alte verkauft!« Solches waren die ersten Worte des Bauers Johann Birnkifler von Ober-Abelsberg, als er zur Türe hereinging. Sein Weib trat ihm würdevoll entgegen und sagte: »Mit so dummen Späßen ist's mir lieber, du gehst hinaus als wie herein!« Nahm er sie um den Hals und sprach: »Weiberl, du hast unrecht verstanden. Dich kann man nit verkaufen, das heißt, einen Menschen darf man nit verkaufen – und will auch nit, will nit. Na, na, meine alte Sau hab' ich verkauft.« Das Weib fuhr sich mit beiden Händen an die Brust: »Jetzt gibt's mir einen Stich im Herzen. Die Nutsch hast hergegeben? Himmlischer Vater, die Sau hat er verkauft! das ist aus der Weis', das ist ganz aus der Weis'. Was ist jetzt zu machen? Jetzt hat er sie vertan und fragt mich nit! hast sie hergegeben? Nein, das laß ich nit angehen, das laß ich nit! – Wieviel Geld hast denn kriegt für sie?« »Einen ganzen Haufen!« flüsterte der Birnkifler seiner Ehegesponsin zu, und dabei machte er ein verdammt verschmitztes Gesicht. »Aber wie denn? Wie denn, um Gottes willen!« rief sie. »Nach der Meß,« so erzählt er, »geh' ich zum Kirchenwirt auf mein Seidel, weißt, das mir der Oberdorfer Bader verordnet hat, wegen meines Leberleidens. Und weil mir der Abelsberger Doktor auch ein Seidel angeraten hat, nan, so hab' ich zwei getrunken. Dabei denk' ich mir: warum sich denn alleweil nur von den Doktoren raten lassen, einen guten Rat kannst dir doch auch selber einmal geben, und trink' auf meinen eigenen Rat das dritte Seidel. Der Kirchenwirt sagt, der Mensch müßt' auch in der Medizin Maß halten, und bringt mir das vierte Seidel und fragt mich so nebenbei, ob ich kein Schwein zu verkaufen hätt'. Ich hab' aus unserer Alten kein Geheimnis gemacht, und daß sie schon seit Allerheiligen in der Mast steht, und daß sie nit viel nachgeben wird von zwei Zentnern. Er legt mir achtzehn Taler auf den Tisch, und ich leg' ihm die Sau auf den Tisch, heißt das, schlag' ihm sie zu.« »Bist ein Narr!« schrie jetzt das Weib. »Die kugelrunde Speckfeiste um achtzehn Taler!« Der Birnkifler kümmerte sich nicht viel um ihren Ausruf, sondern fuhr fort zu erzählen: »Wie ich nachher durchs Dorf herauf geh', schreit mir der Fleischhacker nach, ob ich nicht ein fettes Schwein stehen hätt' im Stall? Ah, versteht sich! sag' ich. Ich trau' dir, Birnkifler, sagt er. Ist nit das erste Geschäft, was wir miteinander machen und soll auch nit das letzte sein. Jetzt vor den Feiertagen brauch' ich Fleisch. Zwanzig Taler auf die Hand dafür, unbeschaut! – Ist recht, sag' ich.« »Aber, Tepp, wenn du sie dem Kirchenwirt hast verkauft!« rief das Weib. »Heroben beim Stiegelkreuz,« erzählt der Birnkifler weiter, »sitzt der Kalbeltreiber von Neudorf. Das Umherlaufen in so einem Patschwetter hätt' er schon satt bei seinen gichtischen Beinen. Ob ich ihm kein Schlachtschwein wüßt'! Zahlen tät' er gut. Ich weiß eins, sag' ich und hab' auf der Stelle vierundzwanzig Taler auf der Hand.« Das Weib des Birnkifler ringt die Hände. Dreimal hat er sie verkauft! Dreimal! Der schlechte Mensch! Der Betrüger! – Aber es war nicht lange Zeit zum Ehrabschneiden. Die Tür ging auf, der Nachbar Breitenbichler kam schwerfällig hereingestampft. Sollt' doch ein wenig abrasten, lud der Birnkifler ein. Ja, das Rasten sei ihm nicht zuwider, entgegnet der Nachbar und setzt sich an den Tisch. »Die Lauferei jetzt,« setzt er bei, »die wird mir eh schon zu dumm. Meiner Tochter Ehrentag auf die nächst' Wochen, du weißt ja. Bis man alles beisammen hat für achtzig Gäste. Eine feiste Sau geht mir noch ab. Hab' gehört, Nachbar, du hättest eine im Stall. Wollt' dir nit zu sparsam sein.« »Ist recht, gehen wir sie anschaun,« meint der Birnkifler, »wenn man dem Nachbarn einen Gefallen kann erweisen, warum denn nit?« Eine Viertelstunde später war das Schwein verkauft an den Breitenbichler um fünfundzwanzig Taler. Später, als der Johann Birnkifler mit seinem Weibe allein war, leerte er in eine Holzschüssel seine Säcke aus, sie waren voll Taler, deren siebenundachtzig hatte er! Seit ich auf der Wirtschaft bin, hab' ich noch keine Mastsau um einen solchen Preis verkauft, war sein süßes Denken. »Eingesperrt wirst!« rief das Weib. »Warum?« fragte er entgegen, »'s hat ja keiner gefragt, ob das Vieh mein gehört. Jeder nur: ob ich nit im Stall eine feiste Sau stehen hätt' – was ja wahr ist – und gleich das Geld her. Ein Narr, der nit angreift heutzutag'!« »Aber Todl, alter!« zeterte sie und kam ihm mit ihren fuchtelnden Händen sehr nahe. »Ich hab' sie ja verkauft, die Sau, heut' Vormittag, dieweil du aus bist gewest. Der Rösselwirtsknecht hat zugefragt. Fünfundzwanzig Taler und fünf Silbergroschen extra als Nutschgeld.« »Nachher hätten wir ja weit über hundert Taler gelöst fürs Vieh!« jubelte der Birnkifler. »Der Rösselwirtsknecht holt sie in etlichen Tagen,« berichtete das Weib. »Wer zuerst kommt, der mahlt zuerst.« »Und die anderen? Die vier anderen?« »Geh', Alte, laß mich aus!« murrte er, »allemal, wenn man heimkommt, machst du so Geschichten. Ich will jetzt Ruh' haben!« Und ging hinaus aufs Heu, wo er sich niederlegte. Am nächsten Tag, als der Birnkifler frisch ausgeschlafen hatte und ihm der gestrige Handel einfiel, kam ihm die Sache etwas bedenklich vor. Das wäre ja beinahe, als ob er sein Schwein fünfmal verkauft hätte! Indes nahm er erklecklich viel Medizin für seine kranke Leber zu sich, und diese Medizin war auch ein gutes Mittel gegen das beißende Gewissen. Und eines Tages wird es lebendig bei dem Birnkiflerhause. Den Fahrweg herauf kommt der Kirchenwirt mit einem Stock; den Fußsteig durch den Schachen her steigt der Fleischhacker mit dem Hunde. Am Feldrain heran trottet der Kalbeltreiber von Neudorf mit einem Strick. Durch den Kohlgarten herab trabt der Nachbar Breitenbichler mit seinem Knecht, und die Straße her fährt der Rösselwirtsknecht mit Roß und Wagen. Als unsere Eheleute solch werte Gäste kommen sahen, ließen beide die Arme herabhängen und murmelten ganz gleichzeitig: »So, jetzt ist die Sau fertig!« Der Johann Birnkifler hatte aber immer gute Einfälle, so sagte er auch jetzt: »Am gescheitesten ist's, wir geben sie gar keinem, verleugnen sie und schlachten sie selber.« »Ich weiß schon, was ich tu',« sagte sie, »ich sag', was wahr ist, daß du verrückt bist worden, das Schwein gehört dem Rösselwirtsknecht und dich sollen sie ins Narrenhaus stecken.« »Bedank' mich recht schön!« antwortete er und verneigte sich vor seiner Lebensgenossin. »Also, dummer Tepp, was ist sonst zu machen!« schrie sie, denn einesteils tat er ihr doch leid, und die Gefahr drohte im höchsten Grad. »Zum Schlagtreffen ist's!« »Ich weiß was!« flüsterte er, als die Männer draußen schon über den Hausanger gingen, »ich weiß was. Mich trifft der Schlag.« Er fiel hin auf das Fletz. »Ich bin schon tot. Deck' mich zu und sei trauernde Witwe.« Das verstand sie. Es war schreckbar toll, aber manchmal ist die Tollheit das klügste. Als sie einer nach dem andern zur Tür hereintraten, hörten sie das herzzerreißende Klagen der Birnkistlerin. Händeringend stand sie vor der verhüllten Leiche! »Vor einer Stunde noch frisch und gesund und jetzt mausetot, o ihr heiligen vierzehn Nothelfer, steht uns bei!« »Leberleidend ist er schon lang' gewesen,« meinte der Kirchenwirt. »Die Leber wird angeschwollen sein und wird ihm das Herz zerdrückt haben.« »O Gott, der arme Mensch hat schon lang' einen Stein auf dem Herzen gehabt!« jammerte das Weib. »Dann ist's Weinstein gewesen,« warf der Fleischhacker ein. Und so ergingen sie sich in Mutmaßungen, woran und wieso der Johann Birnkistler so plötzlich des Todes verstorben sei. Der Rösselwirtsknecht nahm sich endlich einen Anlauf zu folgender Rede: »Es tut sich zwar frei nicht schicken, Birnkiflerbäuerin, daß der Mensch bei einem solchen Unglück von Geschäftssachen spricht. Freilich könnt' ich ein anderes Mal kommen, aber der Weg ist weit, und weil ich mein Rößl schon bei mir hab' heut' – weißt, Bäuerin, um das Mastschwein wär' ich da, das ich dir vor etlichen Tagen abgekauft hab'.« Sie wehrte mit der flachen Hand ab: »Gott, ja, nimm's, nimm's, steht eh draußen im Stall. Lasset mich nur jetzt mit solchen Sachen in Fried!« Nun rückten aber auch die übrigen mit ihrem Vorhaben heraus, das Weib wies gegen den Stall, und sie wunderten sich baß darüber, daß der Birnkifler fünf Mastschweine stehen habe unter seinem Dache. Freilich erwies diese weltgläubige Annahme sich nur zu bald als Trugschluß. Es fand sich nur ein einziger Stall vor und in diesem nur ein einziges Schwein und als Rest nur noch die Gewißheit, daß die Käufer geprellt seien. Der Fleischhacker wollte Lärm schlagen, allein der sittsame Breitenbichler erinnerte an die Achtung, die man einem Toten unter allen Umständen schuldig sei. Die Strafe habe ihn augenscheinlich ja schon erreicht und für sie, die Käufer, wäre es das klügste, die fette Sau ohne viel Wesens in fünf gleiche Stücke zu teilen, damit jeder wenigstens einen Brocken von ihr habe. Einverstanden. Und als sie mit ihren fünf Brocken abgezogen waren, stand der Johann Birnkifler von den Toten auf und schmunzelte. Er hatte in seiner Brieftasche die fünffache Sau, und ein Käufer hatte von der einfachen nur den fünften Teil. Aber gescheit muß man sein! »Es wird dir doch schlecht gehen, bis sie erfahren, daß du wieder munter worden bist!« gab das Weib zu bedenken. »Laß mich nur machen!« sagte der Mann. »Mit denen fünfen werd' ich schon fertig. Wenn sie mir nur keinen Gerichtsprozeß machen, der wär' mir zuwider. Die Doktors, das sind verflucht gescheite Luder!« Was er gefürchtet, trat ein. Als die fünf Geprellten die Auferstehung des fünffachen Schweineverkäufers erfuhren, verklagten sie ihn vor Gericht. Das Weib war außer sich und sah schon den Galgen; der Bauer blieb ziemlich ruhig und rechnete so: sie haben die Sau miteinander geteilt, haben sich abgefunden, also sind sie abgefertigt. Und meinetwegen? Auf das Wiederlebendigwerden ist keine Straf' gesetzt. Etwas unheimlich war ihm aber doch, dem guten Johann Birnkifler, also ging er hinab ins Stadtl und nahm sich einen Advokaten auf. Der Herr Doktor Schlauchel war ein erfahrener Mann, hatte schon viele Gesetzparagraphhäklein, an denen Leute hängen geblieben, gerade gebogen, allein dieser Fall war ihm bedenklich. »Bauer!« sagte er nach tiefem Nachdenken, »Ihr habt Euer Schwein wissentlich mehrmals verkauft. Es steht schlimm um Euch, Ihr werdet sachfällig!« »Daß der Teuxel ...« knurrte der Bauer. »Ich habe jedoch eine Idee,« sprach der Advokat. »Wir wollen es versuchen, vielleicht gelingt's. Aber klug sein, Birnkifler!« »O je!« machte dieser, als wollte er sagen, an Klugheit sei ihm niemand über. »Ihr werdet vor Gericht stehen,« belehrte der Advokat Doktor Schlauchel. »Da wird viel herumgeredet werden. Und was Ihr auch antworten möget, es wird nichts nutzen, es wird für die Katz' sein. Deswegen merket Euch einmal das: Was sie auch sagen mögen, tut nichts desgleichen, sagt nur: abgepfiffen! Bei der ganzen Verhandlung nit ein einziges Wort, nur allemal: abgepfiffen!« Der Bauer lächelte pfiffig und sagte: »Bedank' mich recht schön, Herr Doktor, das will ich tun.« »Und auf dem Heimwege bringt Ihr mir mein Gebühr von dreißig Talern.« Also der Doktor, und der Johann Birnkifler ging zum Gerichte. Na, da gab's Leute! Da waren fünf Ankläger, zwei Richter, zwei Schreiber und der Gerichtsdiener. Zehn gegen einen! Und erst noch die Gesetzbücher in Haufen, die waren ja auch gegen ihn. Der Bauer stellte sich recht demütig hin vor den grünen Tisch und zerknüllte seine Hutkrempe. »Ihr seid der Bauer Johann Birnkifler, so und so alt, bisher unbescholten, und habt ein Schwein verkauft. Ist es so?« »Abgepfiffen,« sagte der Angeklagte ruhig. »Was meint Ihr?« fuhr der Richter auf. »Und seid beschuldigt, ein und dasselbe Schwein an mehrere Käufer verkauft zu haben. Was sagt Ihr dazu?« »Abgepfiffen,« antwortete der Bauer. »Wollt Ihr es vielleicht leugnen? Hier stehen fünf Zeugen, ehrenwerte Männer. Nun?!« »Abgepfiffen,« schrie der Bauer hell auf. »Seid Ihr verrückt? Wisset Ihr, daß Ihr nur durch sofortige Vergütung und reumütige Abbitte Eure Strafe wesentlich verringern könnt'?« »Abgepfiffen,« antwortete der Bauer mit trauriger Miene. Der Richter wurde stutzig. Und als er auf weitere Fragen von dem Angeklagten immer nur das Wort »Abgepfiffen« hörte, und nichts als das Wort »Abgepfiffen«, das manchmal wie ein Hilfe- oder Drohruf ausgestoßen, dann wieder wie im Stumpfsinne hingelallt wurde, wendete der Richter sich zu den fünf Anklägern und sprach im Tone des Vorwurfs: »Wen habt ihr denn da hereingebracht? Das ist ja ein Unglücklicher, ein armer Irrsinniger! Wohl auch epileptisch, woran ihr scharfsinnigerweise seinen Tod gesehen habt. Und mit einem solchen Menschen schließet ihr Geschäfte ab? Wohl kaum in einer anderen Absicht, als den Schwachsinnigen zu übervorteilen? – Ich finde zu urteilen, daß dieser Mann das Schwein nicht aus unlauterer Absicht wiederholt verkauft hat, sondern aus reiner Vergeßlichkeit. Ich spreche ihn frei, und ihr möget euch merken, daß ein vernünftiger Mensch mit einem Narren keinen Handel macht. Ihr könnt heimgehen, Johann Birnkifler.« Dieser verneigte sich so ein wenig und tappte dann blöde zur Tür hinaus. Auf seinem Wege nach Hause nahm er die kürzeste Gasse. Sie führte am stattlichen Hause des Herrn Doktors Schlauchel vorüber. Der Herr Doktor schaute zum Fenster herab. Er hatte ein blaues Hauskäppchen auf und ein langes Pfeifenrohr im Munde und in Gold gefaßte Brillen auf der Nase. Daher sah er den Johann Birnkifler schon von weitem daherstiefeln. »Nun, ich sehe, Ihr seid ja ganz munter auf freiem Fuße, Birnkifler!« rief er hinab. Der Bauer nickte mit dem Kopfe, ja, er wäre munter auf freiem Fuße. »Es ist also gut gegangen!« Der Bauer nickte vergnüglich mit dem Kopfe und trachtete weiter. »Mein Rat hat also geholfen? Hat er? Na, schön, das freut mich. Nun kommt aber einmal zu mir herauf, Birnkifler, und bringt mir meine dreißig Taler.« »– Abgepfiffen!« sagte der Bauer und trottete gelassen seines Weges. Einer der nach Abelsberg geht. Mitgeteilt von einem guten Freund aus Ober-Abelsberg. Und den Esel meinem lieben Bruder Stephan! So hatte er noch gesagt und dann war er gestorben. Einen Tag später erhielt ich die Nachricht vom Tode des älteren Bruders, am zweiten Tage war ich als ein Hauptleidtragender unter den Erben beim Leichenbegängnisse und am dritten Tage nahm ich sein teures Vermächtnis in Empfang – den stattlichen mausfarbigen Esel. So rührend war es, daß der Bruder mit dem Esel an mich gedacht hatte und ich faßte den Entschluß, solches Andenken an ihn heilig zu halten. »Jetzt, mein lieber Grauer, jetzt gehören wir zwei zusammen,« sagte ich zum freundlichen Tiere und legte ihm den Strick um den Hals, was es, die Ohren spitzend, ruhig geschehen ließ. Und dann machten wir uns auf den Weg nach Ober-Abelsberg, wo ich daheim bin. Ein sechs Stunden langer Weg – schier zuviel Ehre für das kleine Örtel. Und was wird der Esel sagen, wenn er nach so vielen Umständlichkeiten nur eine elendliche Hütte findet! Freilich ein schlechtes Haus, aber einen guten Herrn! Schon im ersten Augenblicke hatte ich das Tier lieb und die Zuneigung wuchs von Schritt zu Schritt, die wir selbander wegshin trabten. Als wir aber zur Flußbrücke vom Tadelbach kamen, da blieb der Esel stehen und schüttelte sein ehrwürdiges Haupt. Ich tat anfangs, als verstünde ich das nicht, aber er schüttelte es zum zweitenmal und das bedeutete: Nein, mein Lieber, da gehe ich nicht hinüber! – Ich ging voraus und zerrte am Strick, mußte aber doch zu wenig Anziehungskraft für ihn haben, denn er stemmte die Vorderfüße ein und stand fest. – Ein Schock Schulkinder kam des Weges, die Kinder stellten sich um uns herum und waren sehr lustig über das anziehende Schauspiel, das ich ihnen bot und über die strenge Zurückhaltung, die der Esel sich auferlegte. Ich schämte mich so viel, daß ich mit der linken Hand mein Gesicht verdeckte, während die Rechte den Strick hielt. Die Kinder neckten ihn mit Rutenzweigen, da schlug er die Hinterfüße aus und hierauf lachten sie noch mehr. Endlich kamen drei Holzknechte des Weges, die eben in den Wald gingen. »Wenn du deinen Kameraden über die Brücken haben willst, so mußt ihn hinübertragen,« sagte einer der Männer. »Will er nicht gehen, so geht er nicht, ein ordentlicher Esel läßt sich zu nichts zwingen.« Was ich mich da geniert hab', daß der Eselbesitzer sich so über den Esel muß belehren lassen von stockfremden Leuten – es ist nicht zu sagen. Ich steckte mein Gesicht nur so zwischen die Achseln hinein und brummte: »Wie kunnt ich ihn denn tragen, wo er vier Füße hat und ich nur zwei! Packten sie auch schon an, hoben das Tier an Füßen, Bauch und Kragen in die Höhe und trugen es über die Brücke. Als der Graue wieder auf festem Erdboden stand, neigte er in würdevoller Selbstgefälligkeit das Haupt und trabte wieder ruhig seine Straße. Die Holzhauer gingen ebenfalls ihres Weges und ich hörte sie noch lachen von weitem. Der Graue hatte Charakter gezeigt und mir einen gewissen Respekt eingeflößt; allein je näher wir dem Aubache kamen, der wieder auf einer Brücke zu überschreiten war, je eifriger sann ich auf Mittel, den strammen Charakter des Genossen ein wenig zu biegen. Mit Brot und Salz, so ich mit hatte, wurden Bestechungsversuche gemacht, zugleich aber auch eine Exekutionsanstalt gegründet. Ich schnitt eine Birkengerte, streifte das Laub herab und flocht sie zierlich zu einer Rute. Der Esel schaute mir dabei ziemlich gleichgültig zu. Dann nahten wir uns der Aubachbrücke. Da war Einschicht und kein Mensch, der mir das Tier über die Brücke tragen und mich hätte auslachen können. Wollen wir halt einmal sehen, Grauer, wer von uns beiden nachgibt. Ich tat nichts desgleichen und wollte mit ihm nur so forttraben, als ob die Brücke nichts als der gewöhnliche Kiesweg wäre. Zwei Schritte vor ihr blieb er stehen und stand. Das Brot fraß er mir aus der Hand und stand ruhig da; die Gerte bekam er in die Weichen, das erstemal zuckte er ein bißchen, das zweitemal nicht mehr, sondern stand fest angenagelt auf dem Fleck. »Ja,« fragte ich ihn, »was glaubst du denn? Sollen wir da stehenbleiben selbander, bis die Bäche versiegen?« Er schüttelte das graue Haupt. »Nun, mein Lieber, wenn du keinen eigenen Antrieb spürst, zu gehorchen, so sollst du fremden wahrnehmen.« – Hinter ihn stellte ich mich, spuckte mir in die hohlen Hände, wand die Rute und ließ sie mit aller Macht hinpfeifen auf die mausgraue Kreatur. Diese hüpfte zuerst mit den Hinterbeinen auf, dann mit den Vorderfüßen, tat eine Wendung, sprang in den Fluß und watete dann ruhig durch das Wasser hinüber ans andere Ufer. Dort stand sie, die Kreatur, schüttelte von ihrem Leib das Wasser und schaute zu mir herüber – gerade als ob sie sagen wollte: Damit du nicht glaubst, ich fürchte mich vor dem Wasser; du sollst nur wissen, daß ich prinzipiell über keine Brücke gehe! Ich hinwiederum springe prinzipiell nicht in den Fluß, sondern gehe über die Brücke. Also ging ich hinüber und wir waren zusammen gute Kameraden. Anfangs stapfte der Graue wieder leidlich voran, erhaschte unterwegs manchmal eine Schnauze voll Heidekraut, das am Wege stand, endlich hub er an stehenzubleiben und stehenzubleiben. Mit guten Worten versuchte ich es, begann ihm seine neue Heimat zu schildern, das duftige Heu, das er fressen werde, das weiche Stroh, auf dem er liegen werde; von den Disteln, die am Raine wachsen, sagte ich nichts, weil ich nicht weiß, ob man einen Esel nicht etwa beleidigt, wenn man mit ihm von Disteln spricht. Zwar heißt es, er fresse sie gern, doch ich machte keine Anspielung. Auch den Karren, an den ich ihn spannen, die Säcke, die ich ihm aufladen wollte, wurden verschwiegen, weil ich nicht glaube, daß diese Dinge ein wesentlicher Beweggrund gewesen wären. Auf die Länge fruchtete auch der brüderliche Zuspruch nichts, das Vieh wurde immer stutziger und war endlich gar nicht mehr von der Stelle zu bringen. In dieser Not bemerkte mich ein alter Schäfer, der auf der Heide ein Rudel Schafe weidete. Anfangs sah er mir eine Weile zu, dann kam er herbei und sagte: »Schrecklich plagt ihr euch all' zwei. Du kannst dir's nicht anschicken, verstehst den Esel nicht. Der Esel ist ein praktischer Mann, der nicht alleweil so ins Ungewisse fortgehen mag. Er will wissen wofür. Paß einmal auf, ich werde ihm jetzt ein Versprechen machen, das der Graue lieber glauben wird, als deine Redereien. Paß nur auf!« Ein Bündchen Heu, wie es auf der Au zum Trocknen lag, machte er zusammen, befestigte es an ein Stänglein und band mit dem Stricke das Stänglein so querüber an den Kopf des Esels, daß das Heubündel zwei Spannen lang vor den Augen des Tieres baumelte. Früher als ich, verstand diese Anstalt der Esel. Er hob sofort die Schnauze nach dem Heu, aber in demselben Augenblick ging das Bündel in die Höhe. Tat der Esel ein paar Schritte nach vorwärts, um es zu erlangen, allein das Bündel ließ sich nicht erwischen, schnellte immer weiter und weiter. »Jetzt wird er schon gehen,« sagte der alte Schäfer und ich sagte zu mir: Wenn mir das selber eingefallen wäre, ich müßte mich mein Lebtag in Ehren halten. Dem dummen Schäfer konnte es freilich leicht einfallen, der hat immer mit Heu zu tun. Heiß war es geworden, ich zog meinen Rock aus und hing ihn meiner Bequemlichkeit halber auf den Rücken des Grauen. Dem war's ganz einerlei, ihm ging's nur nach dem Heubüschel und diesem eilte er nach, so daß wir schneller vorwärts kamen, als mir selber lieb war. Denn weil dieses verdammte Heu, das immer vor den Augen hin und her baumelte, nicht zu erreichen war, so fing der Esel endlich an zu laufen, sprang bei einer Biegung vom Wege ab und galoppierte über die Heide hin, wie ein tolles Rindvieh. Ich natürlich ihm nach; wie dem Esel mit dem Heu, ging's mir mit dem Esel, ich sah ihn vor mir und konnte ihn nicht einholen. Schließlich sah ich ihn auch nicht mehr, denn er war ins Gebüsch hineingefahren – und ich stand da ohne Esel und ohne Rock. Ersterer wäre zu ersetzen gewesen – einstweilen durch mich selber – allein im Rucksack war meine Brieftasche und diese konnte so leicht nicht ersetzt werden, denn sie barg all mein Zurückgelegtes, für die Sparkasse Bestimmtes. Als ich nun so dastand – einsam auf Erden – hub ich an zu fluchen. Ich fluchte gut und scharf, half aber nicht viel oder eigentlich gar nichts. So versuchte ich ein anderes Mittel, um wieder zu meinem Esel zu kommen, ich kroch ins Gebüsch und suchte ihn. Im Strup, so meinte ich, wird er ja hängen, oder im Moor stecken, oder im Brombeerengeschlinge liegen bleiben. Der Strup kam, zerkratzte mir das Gesicht, aber der Esel hing nicht; das Moor kam, ich versank in den Morast bis über die Waden, aber der Esel stak nicht; das Brombeerengeschlinge kam, zerfetzte mir die Hosen, aber der Esel lag nirgends herum. – »In dem Tiere steckt der Satan, anders könnte ich mir's auf natürliche Weise nicht erklären!« Es erklärte sich selbst. In einem Lärchendickicht stand er und fraß behaglich an dem Heubüschel, das hier abgeworfen auf dem Boden lag. Ich habe sofort meinen Rock vom Rücken losgerissen, dann den Strick fest in die Hand gefaßt und folgendermaßen zum Grauen gesprochen: »Lieber Freund, ich sollte dich jetzt eigentlich totschlagen, aber es hilft nichts, deshalb würdest du nicht dümmer und ich nicht klüger. Du bist eine ganz vertrackte Bestie. Ich habe dir's gut gemeint, wollte dich nicht ausnutzen gleich am ersten Tage, habe dir die Ehre erwiesen, neben deiner gemütlich auf der Straße daherzuspazieren. Und du tust mir alles Niederträchtige an. Bei der ersten Brücke hast du mich vor den Leuten zuschanden gemacht, bei der zweiten Brücke hast du mich gefoppt, nachher bist halsstarrig gewesen wie ein Stier, endlich bist mir gar mit Rock und Geld davon gelaufen, wie ein Schelm. Daß es solchergestalt mit unserer Freundschaft aus ist, wirst du einsehen. In diesem Augenblick – das Heu hast du gefressen – trittst du deinen Dienst an. Wir haben noch ein gut Stück Weges, den wirst du für uns beide machen. Wollen doch sehen, wer von uns beiden über ist!« Und damit schwang ich mich auf den Rücken des Esels, daß er schier einknickte unter meiner Last. »Also vorwärts, Kreatur!« Was geschah? Der Esel hub sachte an auszuschreiten, ernst und ruhig trabte er mit mir davon. Auf das Ergebenste ließ er sich leiten, zeigte sich sehr unterrichtet, schaute nicht nach links und nicht nach rechts; er streckte seinen Kragen nach keinem Grasbüschel aus, er blieb nicht stehen und er lief nicht, er trabte ernst und ruhig des Weges. Zu einem Tümpel kamen wir, den ein ausgetretener Mühlbach auf die Straße gegossen, er trug mich gemessen hinüber; zu einer Brücke kamen wir; da setzt's was, dachte ich, aber er zögerte nicht einen Augenblick, trabte ernst und ruhig über die Brücke. In großer Eintracht ging die Strecke von sich, bis wir gegen Abend wohlbehalten nach Ober-Abelsberg kamen. Heute ist der Graue lange schon tot. Ich werde ihm meine Hochachtung bewahren, wie jedem, von dem man etwas Rechtes gelernt hat. Ich habe von ihm gelernt, daß der Esel ein gutes und nützliches Tier ist, wenn man ihn – als Esel behandelt.