Wilhelm Heinrich Riehl Die Familie 1861 Vorwort Dieses Buch über die » Familie « bildet den Schlußstein meiner » Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Socialpolitik « und zwar, wie mir scheint, nicht bloß den Schlußstein als den zuletzt eingefügten, sondern auch als den eigentlich schließenden Stein, der das Gewölbe erst zusammenhält und den festen Mittelpunkt ausmacht, darin der Gegendruck aller Pfeiler und Mauern seine Stütze findet. In »Land und Leute« legte ich die Methode meiner naturgeschichtlichen Volksstudien dar und bezeichnete zugleich in der ethnographischen Dreigliederung Deutschlands die natürliche Vorbedingung der Verschiedenheit des Volkslebens wie der socialen Standpunkte. Die »bürgerliche Gesellschaft« sucht die großen Naturgruppen des Volkes auf, welche durch Stand und Beruf, Sitte und Lebensart gegeben sind, den Staat und sein Rechtsleben noch nicht voraussetzen, dennoch aber im Staate als Stoff und Inhalt für die plastische Staatskunst berücksichtigt werden müssen. Es gibt aber noch andere, noch ursprünglichere Gruppen im Volksleben, die gleichfalls den Staat nicht voraussetzen, trotzdem aber seine höchste Beachtung heischen, und ihrerseits vom Staate vorausgesetzt werden. Diese Gruppen sind die Familien . Die Familie ist der Urgrund aller organischen Gebilde in der Volkspersönlichkeit. Daher konnte ich in diesem Buche viele Begriffe erst wissenschaftlich entwickeln und feststellen, die in den beiden andern Bänden als gegeben vorausgesetzt sind. In dem Gegensatz von Mann und Weib z.B. läßt sich erst die sociale Ungleichheit als ein ewiges Naturgesetz im Leben der Menschheit erweisen. Der Begriff der Sitte und ihre Bedeutung für das Rechtsleben des Staates hat hier erst seine erschöpfende Darstellung gefunden. Die theoretische Scheidung und das in der Praxis unlösbare Sich-durchdringen der Gebiete des Staates, der Familie und der Gesellschaft konnte hier erst mit der rechten Klarheit erörtert werden. An dieses und anderes dachte ich, als ich oben das Bild vom »Schlußstein« gebrauchte. Nun wird man aber fragen, warum ich denn bei den vorliegenden drei Bänden den Stiel nicht geradezu umgekehrt habe und also der inneren Logik der Sache gemäß zuerst die »Familie« geschrieben, dann die »bürgerliche Gesellschaft« und zuletzt meine Methode in »Land und Leuten« gerechtfertiget und auf die bestehenden deutschen Zustände angewandt? Darauf habe ich zweierlei zu erwidern. Erstlich ist das ganze Werk nicht nach einem vorgefaßten symmetrischen Plane gemacht worden, sondern es ist binnen Jahr und Tag mit dem Verfasser gewachsen. Das System lag in dem Bewußseyn des Verfassers, aber nicht um ein System darzustellen, schrieb er die drei Bücher, sondern um Thatsachen, in denen sein System verborgen steckt, reden zu lassen für die Art der politischen Forschung und Erkenntniß, welche nun einmal mit seiner ganzen Persönlichkeit unauflösbar verwoben ist. So bearbeitete er also die drei großen Stoffe in der Reihenfolge, wie sie ihm durch das persönliche Bedürfniß, sich dieser Dinge quitt zu machen, eingegeben ward, nicht nach einem vorgefaßten systematischen Gesammtplane. Zum Andern meint er aber, es sey dennoch gut, daß er gerade diese, scheinbar verkehrte, Reihenfolge gewählt. Und in der That, wenn ich jetzt, wo die Resultate dieser fünfjährigen Arbeit schwarz auf weiß und übersichtlich vor mir liegen, noch einmal das Ganze zu schaffen und neu zu ordnen hätte, würde ich eben die Bände doch gerade so folgen lassen, wie sie gegenwärtig vorliegen. Es scheint mir nämlich, ein richtiger Instinkt habe mich geleitet, in der Reihenfolge der Stoffe genau denselben Weg einzuschlagen, der meine ganze Methode der politischen Forschung und Darstellung charakterisirt. Ich gehe von der Anschauung des Besondern aus, um durch Vergleichung und Schluß von da den Weg zum Allgemeinen zu finden. Nach derselben Logik folgen sich die drei Bände dieser Naturgeschichte des Volkes. »Land und Leute« enthält die individuellsten Untersuchungen, wie ich sie in einzelnen Gauen unsers Vaterlandes, bei ganz bestimmten Stammespersönlichkeiten angestellt habe. Die »bürgerliche Gesellschaft« geht schon zum Allgemeineren über; sie sucht aus den örtlichen Anschauungen zu schließen auf die einheitlichen Grundlagen der großen socialen Volksgruppen der ganzen deutschen Nation. Die »Familie« endlich behandelt die universellste aller Gliederungen der Volkspersönlichkeit; die allgemeinsten Grundlagen des organischen Volksthumes sind in ihr dargestellt, und der Socialpolitiker wird hier häufig sogar über den Gesichtskreis der Nation hinaus auf die Kulturgeschichte der Menschheit blicken müssen. Man sieht also, die Reihenfolge dieser drei Bände war eine zufällige und ist doch für mich eine innerlich nothwendige gewesen, indem sie aus meiner Art, politisch zu denken, mir selber unbewußt, hervorgewachsen ist. Und so sind die drei Bücher mit mir gewachsen und ich mit den Büchern, und in der, nach dem System verkehrten, nach meiner analytischen Methode aber doch wieder überwiegend praktischen Reihenfolge der Bände mag sich wiederum die Persönlichkeit des Autors unverhüllt spiegeln. Abgesehen von den wissenschaftlichen Lesern wünsche ich mir namentlich für die »Familie« auch noch einen Leserkreis anderer Art. Ich möchte, daß das Buch auch als ein kleines Kunstwerk erfunden würde – nennt's meinetwegen ein Idyll vom deutschen Hause – und so als Hausbuch sich einbürgere in dieser und jener Familie, namentlich auch bei deutschen Frauen. In bangen Tagen häuslicher Angst und Sorge hat mich die Bearbeitung gerade dieses Gegenstandes, der ja so ganz besonders im deutschen Gemüth anklingt, getröstet und muthig erhalten. Vielleicht fühlen es einige Leser, vorab dem zweiten Theile, an, daß dieses Buch dem Autor während des Schaffens wie zu einem Trostgedicht wurde, und verspüren wohl gar unter ähnlichen Umständen eine annähernd ähnliche Wirkung des Buches. Wenn man nun eine Arbeit solcher Art vollendet hat, dann empfindet man zwar wohl auch jenen Abendfrieden, der den Menschen beim Abschluß jedes Tagewerks in geheimer Wonne überschleicht; aber andererseits ist es Einem auch, als ob man von einem lieben Freunde scheide, einen langgewöhnten, belebenden Umgang aufgebe. Wie man sich langsam einem Freunde nähert, so lebt man sich auch langsam in ein Werk des Geistes ein, und die Freundschaft wird meist dann erst recht fest geschlossen seyn, wenn man just dem Verkehr ein Ende machen muß. Da verspürt man eine Leere, die nicht so bald wieder ausgefüllt seyn wird. Aber der Kern, die tragende Idee solchen Verkehrs bleibt doch fest in uns sitzen nach dem Abschiede vom Buche wie vom Freunde. Und ich glaube fast, dieses Buch würde von allem, was ich geschrieben, die größte, praktische, politische Wirkung üben, wenn es ihm gelänge, auch nur bei wenigen verwandten Geistern die gleiche Begeisterung zu festigen, die es bei mir selbst gefestigt hat, nämlich die Begeisterung für das große, unser Volk veredelnde und zur sittlichen Einheit verbrüdernde Kleinod des deutschen Hauses und der deutschen Familie. München , am 14. December 1854. W. H. R. Vorwort zur dritten Auflage. Der rasche Eingang, den dieses Buch von der »Familie« in der deutschen Lesewelt gefunden, mag wohl ein Zeichen seyn, wie tief das Interesse für das Haus und die Sehnsucht nach einer Erneuerung und Vertiefung des Familienlebens in unserem Volke wurzelt. Es hat mich die auch in tausend andern Dingen offenbar werdende Theilnahme für den Wiederaufbau des Hauses bestimmt, ein weiteres Werk, welches ich nicht jetzt geschrieben, sondern welches seit Jahren mir unter der Hand aufgewachsen ist und seinen Ursprung recht eigentlich dem Bedürfniß meines eigenen Hauses verdankt, als eine Art künstlerischer Illustration zur »Familie« zu veröffentlichen. Unter dem Titel » Hausmusik « wird nämlich binnen Kurzem im J. G. Cotta'schen Verlage eine Sammlung meiner Liedercompositionen erscheinen. Dieselbe wurden geschrieben für das Haus und die Freunde des Hauses, als schlichte, sinnig anregende, in den Formen möglichst streng und keusch gehaltene Musik. Aus Opposition gegen die üppige, überreizte Tonkunst unseres Concerts und unserer Salons lebte ich mich ein in diese Hausmusik, zugleich begeistert von dem Vorbilde jener großen Meister des achtzehnten Jahrhunderts, die ich in der »Familie« als die ächten Hausmusiker bezeichnet habe. Es ist dieses Liederbuch ebensogut ein Stück von mir, und vielleicht noch mehr, wie das vorliegende Werk. Ich glaubte daher wohl in dem Vorwort zu den Liedern sagen zu dürfen, daß sie sich zur »Familie« verhalten wie ein Bilderatlas zu einem naturgeschichtlichen Werke. »Was ich hier in Worten untersucht und dem Verstande vorgelegt, das wollte ich dort im Tonbilde veranschaulichen, ich wollte es Gläubigen und Ungläubigen ins Herz hinein singen. Ich glaube darum fast, wer meinen Büchern Freund ist, der wird es auch meinen Liedern werden, und wer meine Bücher nicht leiden mag, dem werden auch meine Lieder nicht gefallen; denn beide verkündigen ganz das gleiche Bekenntniß.« München, am 27. Juli 1855. W. H. R. Erstes Buch Mann und Weib. Erstes Kapitel. Die sociale Ungleichheit als Naturgesetz. Wäre der Mensch geschlechtlos, gäbe es nicht Mann und Weib , dann könnte man träumen, daß die Völker der Erde zu Freiheit und Gleichheit berufen seyen. Indem aber Gott der Herr Mann und Weib schuf, hat er die Ungleichheit und die Abhängigkeit als eine Grundbedingung aller menschlichen Entwickelung gesetzt. Es ist der verwegenste Gedanke des modernen Radikalismus, daß das Verhältniß der Ungleichheit und Abhängigkeit auch zwischen Weib und Mann, wie es die Natur gegeben, wie es die Sitte von Jahrtausenden weitergebildet und in die ehernen Tafeln aller Gesetzgebungen eingeschrieben hat, ein Ausfluß barbarischer Tyrannei, ein bloßes Siegeszeichen der rohen physischen Gewalt sey. Die älteste Satzung des widerrechtlichen socialen Despotismus steht diesen freien Geistern in den Eingangskapiteln der Genesis, wo zum Weibe gesagt ist: »Dein Wille soll deinem Manne unterworfen seyn und er soll dein Herr seyn.« Bedeutungsvoll aber ist es Jehovah selber, der dort mit eigenem Worte diese Satzung aufstellt. Und zwar unmittelbar nach dem Sündenfalle. Trifft sich's hierbei nicht seltsam, daß gerade radicale deutsche Socialphilosophen, die kleinen Jünger eines großen Meisters – Hegels – auf den Satz pochen, daß in dem Sündenfall der Mensch erst Mensch geworden, während er vorher als zahme Bestie im Paradies, zu deutsch im Thiergarten, umhergewandelt sey? Wohlan! wir halten euch beim Wort. Unmittelbar mit diesem »Menschwerden« hing die Unterordnung der weiblichen Persönlichkeit unter die männliche in der Familie zusammen, aus welcher, naturnothwendig wie aus dem Saatkorn die Pflanze, aufgesproßt ist die ungleichartige Gliederung der bürgerlichen und politischen Gesellschaft. Prophetisch sind in jenem Kapitel der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts die zwei mächtigsten Hebel zur Herausbildung eines öffentlichen Lebens neben einander gestellt, jene Hebel, über welche sich gerade jetzt die sociale Theorie am meisten den Kopf zerbricht: die natürliche organische Gliederung der Gesellschaft in ihrem Grundbau, der Familie, und die Berufung zur mühevoll erobernden individuellen Arbeit. Denn unmittelbar nachher heißt es: »Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen.« Und beides ist ausgesprochen in der Form eines göttlichen Fluches, das heißt eines Fluches dessen geheime Frucht ein Segen ist. Es ist scheinbar ein kleines, ja ein eitles Ding, zu reden von dem Gegensatz zwischen Weib und Mann, und stecken doch so große Folgerungen darinnen. Es ist dieser Gegensatz ein Ding, welches sich von selbst versteht, und doch ist derjenige der Weiseste, welcher zur rechten Zeit immer gerade die Dinge zu sagen weiß, die sich von selbst verstehen. In dem Buche von »Land und Leuten« habe ich gezeigt, wie mit den Verschiedenheiten der Bodenbildung, selbst innerhalb eines einzelnen Landes, die größte Mannichfaltigkeit nicht nur der gesellschaftlichen Zustände, sondern selbst der Anschauung und Parteiung des Gesellschaftslebens gegeben seyn müsse. Also schon die Landes- und Volkskunde legt Protest ein gegen die Ausebnung der Gesellschaft. Hier gehe ich aber noch viel weiter zurück: die beiden Begriffe »Mann und Weib« führen uns auf den Punkt, wo die Gesellschaftskunde in die Anthropologie hinübergreift, wo der natürliche Gegensatz der menschlichen Geschlechter ein naturwissenschaftlicher wird, wo der Anatom für uns den Beweis antritt, daß die Ungleichartigkeit der ursprünglichen und buchstäblichen »organischen« Gliederung des Menschengeschlechtes eine unvertilgbare, von Gott gesetzte, bis auf Nerven-, Blut- und Muskelbildung durchgeführte sey. In dem Gegensatz von Mann und Weib ist die Ungleichartigkeit der menschlichen Berufe und damit auch die sociale Ungleichheit und Abhängigkeit als ein Naturgesetz aufgestellt. Wer Mann und Weib nicht wieder zur Geschlechtseinheit zurückführen kann, der vermesse sich auch nicht, das Menschengeschlecht zur socialen und politischen Einheit und Gleichheit zu führen. Ein tiefsinniges, oft sehr gedankenlos gebrauchtes Wort des Volksmundes sagt: » Vor Gott sind alle Menschen gleich.« Allerdings vor Gott, und nur vor Gott, und eben darum nicht vor den Menschen. Die Urparagraphen des göttlichen Sittengesetzes sind als die gleichen in unser aller Herzen geschrieben. Also nur das Göttliche ist das allgemein Menschliche. Es gibt vielerlei richtige Staats- und Gesellschaftsverfassungen, wie es Männer und Weiber gibt, Mongolen und Kaukasier, Binnenland- und Küstenbewohner, aber es gibt nur ein einiges und gleiches Grundgesetz der Religion für Alle. Indem sich die Menschheit besondert, bildet sie erst den Staat und die Gesellschaft. Eine einheitliche menschliche Universalgesellschaft bestand nur im Paradiese und auch da nur – bevor Eva geschaffen war. Sie wird wiederkommen nach dem jüngsten Tag, wo auch nicht mehr Mann und Weib seyn, wo nicht mehr gefreit werden wird, das heißt, wo die Menschen eben aufhören sollen Menschen zu seyn. Es stehet geschrieben, daß bis dahin Ein Hirt und Eine Heerde werden soll, nämlich in göttlichen Dinge; es stehet aber nichts geschrieben von Einem König und Einem Volk . Ein Universalstaat widerspricht der Idee des Staates: denn dieser ist gegründet auf die Besonderungen von Land und Volk, von Stand und Beruf, von Mann und Weib. Unser Staat ist männlichen Geschlechts, der Universalstaat aber müßte generis neutrius seyn; denn so lange die Männer blos direct das staatliche Leben schaffen, die Frauen aber nur mittelbar in der Familie dafür wirken, ist eben auch der rechte Universalstaat noch nicht da. Consequent ist darum auf der einen Seite nur der Socialpolitiker, der die Idee der Menschheit nur in der Summe der mannigfaltigst abgestuften, von Natur ungleichartigen Thatsachen der Familien, Volksgesellschaften und Staaten verwirklicht sieht, und auf der andern Seite der Socialist, der sich nicht scheut seinen Traum eines Universalstaates auch durch den Traum einer in sich gleichen Universalgesellschaft zu begründen, und schließlich den Muth besitzt zu sagen: auch der unterschiedliche Beruf von Mann und Weib ist nur eine willkürliche, barbarische Satzung der finsteren Vorzeit. Wenn im Universalstaate nicht Mann und Weib eben so gleich berufen sind, wie Edelmann und Bettelmann, dann wäre der Universalstaat doch wieder ein Sonder-Staat der Männer. Man muß darum den tollen Muth dieser Consequenz der Socialisten bewundern, welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und sociale Berufung zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen, um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen. Périsse la nature plutôt que les principes! Nicht zu Ehren eines Principes, wohl aber zu Ehren der Natur hielten die beiden Wetterauischen Gemeinden Kirchgöns und Pohlgöns noch im sechzehnten Jahrhundert folgenden in unvordenklicher Zeit geschlossenen Pakt aufrecht. Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen, dann brachen die Nachbarn dem Manne, der sich solches hatte gefallen lassen, die First vom Dache ab, und die Mannschaft des verbündeten Dorfes kam solenniter herbeigezogen mit einem Esel, auf welchen die Frau gesetzt und im Orte herumgeführt wurde, »damit die Männer nach Gottes Gebot Herren bleiben und die Oberhand behalten sollen.« Der Mann der sich's hatte gefallen lassen, wird so gut gestraft wie die Frau, welche den Frevel verübt, und nur durch Spendung einer Ohm Bier an die verbündeten Gemeinden konnte sich das straffällige Ehepaar von der Strafe loskaufen. Gottes Gebot und dem Gesetze der Natur zu Ehren, wird man dann die Ohm Bier ausgetrunken haben. Die Kirchgönser und Pohlgönser waren also praktische Social-Politiker, keine Socialisten. Wie aber ein Mann gestraft würde, der seine Frau geprügelt, darüber scheint nichts pactirt gewesen zu seyn. Durch Letzteres wäre das Recht und die Sittlichkeit verletzt gewesen, und deßhalb kam es dem Pfarrer und dem Amtmann zu, solche Gemeinheit zu strafen; prügelte aber das Weib den Mann, so war dadurch noch obendrein eine offene Empörung gegen ein Naturgesetz der Gesellschaft verkündet, und die Gemeinden als sociale Körperschaft traten zusammen, nicht um dem Pfarrer oder Amtmann ins Handwerk zu greifen, sondern lediglich um diese Empörung niederzuschlagen. Das Haus des geprügelten Mannes ist von innen heraus zerstört, und zum Wahrzeichen dessen wird ihm die First vom Dache gerissen. Klüglich hat man sich bisher begnügt, die sogenannte Emancipation der Frauen vorzugsweise poetisch zu verherrlichen. Die Lehre von der Ausgleichung des Geschlechtsgegensatzes gehört bis jetzt mehr der Novellistik an als der wissenschaftlichen Literatur. Sie klingt einleuchtender in Poesie als in Prosa, und fast nur, wo sie gereimt behandelt wurde, entging sie dem Schicksale, ungereimt zu erscheinen. Auch war es den Socialisten selten recht geheuer, wenn sich die Gelegenheit ergab, einmal thatsächlich zuzugreifen und die Frauen als gleichberufene Mitarbeiterinnen einzuführen in das politische Leben. Die Kirchgönser und Pohlgönser sind in ihrer Vertheidigung von Gottes Gebot und dem Gesetze der Natur weit zuversichtlicher aufgetreten. Es gibt gewisse Wahrheiten, die nur wahr sind, wenn man sie gleich der Decorationsmalerei aus einiger Entfernung und bei künstlichem Licht betrachtet. So erwies sich die Lehre von dem gleichen Beruf der beiden Geschlechter berechtigter in der Poesie als im System, aber immer noch berechtigter im System als in der That. Die Frauen sind, um ein Bild aus dem Feudalwesen zu nehmen, noch »Wildfänge« in dem großen Lehensreiche der conservativen Staatspraxis. Es gilt, diese herrenlose Sippe in einen festen Unterthanenverband zur Staatspraxis zu bringen, ihnen die Vergunst der Theilnahme zu schaffen an kaiserlichem Recht und Landrecht der social-politischen Wissenschaft. Die politische Würdigung des Gegensatzes von Mann und Weib aus dem Gesichtspunkte der Naturgeschichte des Volkes ist eben die Aufgabe dieses Abschnittes. Wie uns die Socialisten zu Untersuchungen über das Proletariat zwangen, so haben sie uns auch die Untersuchung über Mann und Weib zur Gewissenspflicht gemacht. Denn wer den Feind schlagen will, der muß sich auf Feindes Gebiet begeben und nicht warten, bis er zu ihm herüberkommt. So lange uns die Socialisten nicht aus der behaglichen Beschränkung aufgestört hatten, daß die Politik lediglich das angewandte Staatsrecht sey, war die Erörterung des Geschlechtsgegensatzes und seiner politischen Folgen kaum flüchtiger staatsmännischer Betrachtung würdig. Jetzt aber ist sie zu einem Eckstein des ganzen Systems der Naturunterschiede der Gesellschaft und damit auch des Staates geworden. Das Staatsrecht erscheint uns nunmehr bloß als die Formenlehre der Politik; ihr gegenüber steht die Lehre von den politischen Stoffen, die ich als die »Wissenschaft vom Volke« bezeichne. In dieser Wissenschaft wird auch der Gegensatz der beiden Geschlechter nach seiner politischen Bedeutung zu untersuchen seyn. So gewiß Stoff und Form im Staatsleben sich fortwährend durchdringen, so gewiß müssen sie doch theoretisch gesondert behandelt werden. Dem Aesthetiker gesteht es Jedermann zu, daß er Inhalt und Form des Kunstwerkes scheidet und gesondert betrachtet, obgleich es niemals ein Kunstwerk gegeben hat, welches bloß aus Form oder ein anderes, welches bloß aus Inhalt bestanden hätte. Aus der Durchdringung beider geht erst das Kunstwerk hervor, wie der Staat erst aus der Durchdringung des gesellschaftlichen Stoffes und der Rechtsformen. Warum soll denn dem Politiker verwehrt seyn, was dem Aesthetiker nicht nur erlaubt ist, sondern sogar als wissenschaftliche Schärfe von ihm gefordert wird? Die Lehre von der » bürgerlichen Gesellschaft « bildet die eine Halbschied der Gesammtlehre von den politischen Stoffen . Die Lehre von der » Familie « gibt die andere Hälfte. Staatsrecht und Gesellschaftskunde berühren nur beiläufig den Gegensatz von Mann und Weib, sie haben ihn nicht in der ganzen Breite seiner Thatsachen und Folgerungen zu erforschen. In einem System der »bürgerlichen Gesellschaft« wird man bei Aufstellung der einzelnen Gruppen nicht etwa wieder gesondert behandeln müssen den Bauer und die Bäuerin, den Bürger und die Bürgersfrau etc. Im Gegentheil ist gerade die höhere Einheit dieses Unterschiedes das »Bauernthum,« das »Bürgerthum,« der eigenste Gegenstand der Gesellschaftskunde. Der Staat ist männlichen Geschlechtes und die Gesellschaftsgruppen sind generis neutrius : wo bleiben da die Frauen? Sie sollen bleiben in der »Familie,« die ja die vorwiegende Signatur der Weiblichkeit schon in ihrem Geschlechtsartikel aufzeigt. In der Lehre von der Familie ist die ursprünglichste natürliche Gliederung des Volkes, wodurch dasselbe dem Geschlechte nach in Männer und Frauen gespalten wird, zu erörtern und abzumachen. Die Familie setzt nur das Individuum voraus; Staat und Gesellschaft aber setzen bereits die Familie voraus, und haben es darnach im Allgemeinen nur mit dem öffentlichen Stellvertreter der Familie zu thun, mit dem Manne. Mit dieser »Voraussetzung« der Familie meine ich es aber ernstlich. Die Lehre von der Familie muß eben so gut wie die Gesellschaftskunde als ein selbständiger Wissenschaftszweig bearbeitet werden, oder unsere ganze Staatswissenschaft steht in der Luft. Mit dem bloßen Familienrecht ist es hier nicht gethan. Die Lehre von der Familie ist eine sociale Disciplin, ein Theil der Volkskunde . Wie für die Wissenschaft, so muß auch für die Staatskunst die Lehre von der Familie erst noch erobert werden. Familienleben und Staatsleben bedingen sich nicht in ihrem Princip, wohl aber in ihren Wirkungen. Weit gründlicher denn der Staat hat die Kirche seit alten Zeiten die Macht der Familie ausgenützt. Und doch handelt es sich hier um eine wahre Naturmacht zur Stütze der erhaltenden Staatskunst, um einen am Anfang der Tage aus dem Boden gewachsenen Felsenpfeiler, nicht um künstlich gefugtes Mauerwerk. Ueber der unmittelbaren Beziehung das Mannes zum Staate wird die in der Familie vermittelte des Weibes vergessen. Freilich handelt der Mann auf der politischen Bühne, während die Frau nur eine ruhende Macht im Staate ist. Der aber weist sich als einen schlechten Logiker aus, der die ruhende und leidende Kraft für gleichbedeutend nimmt mit einer nicht vorhandenen. In der That, die Frauen könnten sich beschweren darüber, daß man sie vergißt im öffentlichen Leben. Ich bin ein Mitkämpfer für die verrufene »Emancipation der Frauen,« indem ich kämpfe für eine bedeutend erweiterte Geltung und Berücksichtigung der Familie im modernen Staat. Denn in der Familie stecken die Frauen. Sie sollen wirken für das öffentliche Leben, aber man soll ihrer dabei nicht ansichtig werden, denn sie sollen zu Hause bleiben. Diese Wirksamkeit im Hause aber ist den Frauen zur Zeit noch sehr verkümmert, und wird es bleiben, so lange die Lehre von der Familie das Aschenbrödel unter den Disciplinen der Volkskunde bleibt. * In dem Gegensatz von Mann und Frau sind gar manche Grundzüge der natürlichen Gliederung der Gesellschaft bereits vorverkündet. Andererseits wirkt Standesart und Standessitte eben so sehr bestimmend auf das Gepräge des Weibes oder Mannes, wie die Standessitte wiederum so oft mit der Familiensitte untrennbar zusammengewachsen ist. Auf den untersten Stufen der Gesellschaft ist die Charakterfigur von Mann und Weib noch nicht in ihren vollen, bestimmten Umrissen herausgezeichnet. Das Gegenbild wird erst fertig mit der steigenden Gesittung. Denn die ächte Civilisation sondert und gliedert, die schlechte ebnet aus. Das Bauernweib ist in jeder Beziehung, bis auf das allgemeine körperliche Gepräge hinab, noch ein Halbmann: erst im höheren Culturleben tritt das ganze Weib dem ganzen Mann in jedem Zug charakteristisch gegenüber. Von dieser merkwürdigen Thatsache und ihren Folgen wird das nächste Kapitel ausführlich handeln. Hier beschäftigt uns der Gegensatz von Mann und Weib noch in seiner Allgemeinheit. Und da erscheint dann dem Social-Politiker jene doppelte Naturmacht in demselben verborgen, die in der einfachsten Hauptgliederung der Gesellschaft schon bestimmter zu Tage tritt: eine Macht des »socialen Beharrens« und der »socialen Bewegung,« der That und der ruhenden Kraft. Der Mann strebt in der Familie doch schon wieder über die Familie hinaus, aus den Familien gestaltet er die größern Kreise der Gesellschaft und des Staates, und so wird der Staat als die letzte, dem Manne eigenste Frucht dieses Strebens zuletzt ein rein männliches Wesen. Das Weib nimmt nur insofern Antheil an den Entwickelungen jener Kreise, als es dieselben auf die Familie zurückbezieht, es beharrt in der Familie; nicht umsonst stempelt die Sprache die Familie als weiblich ; sie ist des Weibes ursprünglichster Besitz. Der Mann also stellt in der Familie die Potenz dar, welche das Bürgerthum hauptsächlich in der Gesellschaft vertritt; das Weib die Potenz der Aristokratie. Adel und Bauern beharren im Stande, der ihr eigenster Besitz ist, sie beziehen Gesellschaft und Staat auf den Stand zurück; das Bürgerthum aber sucht hinauszugehen über den Stand, es sucht denselben zur Gesellschaft zu erweitern. Wo Staat und Gesellschaft stille stehen, da wuchert darum die Weiberherrschaft auf, nicht minder ein ausschließendes Regiment der Mächte des socialen Beharrens. Der Acker »junkert,« sagt der Bauer, wenn das Land nur noch Halme und Aehren erzeugt, aber keine Samenkörner darin, welche die Aussaat hundert- und tausendfältig weiter tragen. So wie die absoluten Staaten des Orients stille standen und junkerten, brach die Weiberherrschaft durch, sie brach durch trotz des Harems und im Harem. Und obgleich im Orient das Haus zugleich der Kerker der Frauen ist, wußten sie doch in der Zeit der politischen Stagnation die Thüre zu finden, durch welche man in den Thronsaal schlüpft. Als Frankreich junkerte, beherrschten Mätressen mit dem Schlage ihres Fächers das Land. Aber auch nur, wo das Beharren im Staatsleben den Gegensatz der Bewegung verliert, ist ächtes Weiberregiment möglich. Elisabeth von England und Maria Theresia führten kein Weiberregiment: sie waren Männer in Frauenkleidern. Das Weib ist von Haus aus conservativ, und wo es radikal wird, ist es radikal – aus Aristokratismus. Es stehet vorwiegend unter dem Zauberbanne der Sitte gleich den Gesellschaftsgruppen der Bauern und der Aristokratie. Ganz wie bei letzteren ruht seine gesellschaftliche Geltung mehr in dem was es ist und darstellt, als in dem, was es thut. Ein Hinwegsetzen über die Sitte, welches bei dem Manne vielleicht noch als Originalität oder harmloser Eigensinn passiren könnte, bezeichnet der Sprachgebrauch mit scharfem Verständniß bei dem Weibe bereits als »unweiblich«. Bei dem Stande, der in seiner ganzen Lebensführung zumeist dem Naturtrieb der Sitte folgt, bei den Bauern, sind vorzugsweise die Frauen die Hüterinnen dieses Triebs. Die Frauen sollen aber überhaupt sorgen, daß das heilige Feuer des häuslichen Herdes niemals erlischt, das heißt, ihr Beruf ist es ganz besonders, die Sitte des Hauses zu pflegen, zu schirmen und fortzubilden. Schon darin ist ihnen ein positiver politischer Beruf gegeben. Unsere besten volksthümlichsten Sitten sind uns bewahrt worden durch Frauenhände. Solche Sitten aber sind wesentliche Züge unserer Nationalität! unsere Nationalität würde unendlich mehr sich abgeschliffen haben, wenn die Frauen nicht gewesen wären. Die altherkömmlichen Festesherrlichkeiten des Bauernvolks haben sich nur da frisch und leidlich ganz erhalten, wo eine Feier der Familie gilt, das heißt wo die Frauen mitthun dürfen. Das Haus ist die Citadelle der Sitte. Während die Festgebräuche des Schwerttanzes, des Hahnenschlags etc., überhaupt alle die bäuerlichen Kampf- und Festspiele, bei welchen auf Kirmessen und an andern Jubeltagen der Mann allein prunken konnte, fast durchweg abgekommen oder bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft sind, haben sich die alten Bräuche bei Verlobungen, Hochzeiten, Kindtaufen etc., soweit die Frauen dabei die Hand im Spiele haben, viel lebendiger erhalten. Es ist hier sogar ein Uebermaß der festlichen Bräuche zeitweilig eingetreten, namentlich sind die deutschen Hochzeitsitten zu einer so üppigen Mannichfaltigkeit angewachsen, daß sie der Culturhistoriker gar nicht mehr übersehen und ordnen kann. Mit ihren unmäßigen Hochzeiten, Polterabenden, Kindsbieren, Vor- und Nach-Kindtaufen etc., haben die Frauen zuletzt die Polizei ins Haus gerufen und durch das Unmaß der häuslichen Sitte auch die Ertödtung ächter und berechtigter Sitten leider fördern helfen. Bei der Ausstattung der Mädchen herrscht bei norddeutschen Hofbauern noch häufig die alte deutschrechtliche Auffassung der Aussteuer als einer Absteuer, d.h. einer standesmäßigen Abfindung, die nach dem Stand der Eltern und nicht nach ihrem Privatbesitz bemessen wird. Es ist dieß ein uraltes Verfahren, das außerdem nur noch bei hohen Potentaten annähernd vorkommt, und bloß die Mädchen, die conservativen Frauen haben bei jenen Hofbauern für sich daran festgehalten: denn bei den Jungen ist mitunter das romanistische Gleichtheilungsprincip schon durchgedrungen, wo bei den Mädchen noch eine Absteuer und keine Aussteuer stattfinden. In Gegenden, wo bei den Männern die Volkstracht durchaus verloren gegangen ist, tragen doch häufig die Weiber noch das altmütterliche Kleid. Aber kein einziges Beispiel des umgekehrten Falles ist mir bekannt. Es mögen leicht zwei Drittel der noch florirenden bäuerlichen Originaltrachten Weibertrachten seyn. Unter diesen letzteren sind aber mehrere noch ächt mittelalterlich, während die männlichen deutschen Bauerntrachten kaum je über das siebzehnte oder achtzehnte Jahrhundert hinaufgehen. Man kann wohl einen Bauernburschen des neunzehnten Jahrhunderts sehen, der in dem Sonntagsrocke des achtzehnten seine Braut, die in einem bürgerlichen Festkleid des fünfzehnten prangt, zum Altare führt. Dieses Bild ist eine Illustration zur Geschichte der Frauen. Der zähe, beharrende, conservative Geist des weiblichen Geschlechts spiegelt sich darin. Die Frauen allein zeichnen in allen Ständen noch Jungfrauen, Frauen und Wittwen durch bestimmte Schattirungen der Tracht aus. Diese Symbolisirung der verschiedenen Stufen der Familienglieder fand gewiß auch ursprünglich in der männlichen Tracht statt. Allein die beweglicheren Männer haben die Abzeichen jener Stufen weggeworfen und Junggesell, Ehemann und Wittwer gehen in dem gleichen Rock daher. Die Familie ist die Welt der Frauen, darum kündet die Frau auch gleich durch ihre Haube aller Welt, wie sie in der Familie steht. Die kargen Reste von Volkstrachten im Bürgerstande, soweit sie in Deutschland noch erhalten sind, fallen meines Wissens ausschließlich den Bürgerinnen zu. Bürgersfrauen tragen in Eger noch den schwarzen, mit Gold verbrämten, innen mit Scharlach gefütterten Faltenmantel des siebzehnten Jahrhunderts, und in den bayerischen Städten tragen die Bürgersfrauen noch die Riegelhauben, die alten Mieder mit den Silberketten, während bei dem städtischen Mannsvolk keine Spur der entsprechenden Tracht mehr vorhanden ist. Die Mägde vom Lande, welche in der Stadt dienen, hängen, wenn nur einmal die erste Anfechtung abgeschlagen wurde, länger und zäher an ihrem heimatlichen Kleid, als die Knechte . Es ist solche Beharrlichkeit um so höher anzuschlagen, als die bäuerlich gekleidete Magd der Verspottung um ihres Rockes willen wehrlos preisgegeben ist. Um der Sitte ihrer alten Umgebung treu bleiben zu können, muß sie gegen die Sitte ihrer neuen Umgebung verstoßen. Darin liegt für das weibliche Naturell ein tiefer tragischer Conflikt, den ich manchmal mitempfand, wenn ich sah, wie der städtische Pöbel in sündlicher Frivolität die Bauerndirne wegen ihres Rockes verhöhnte, wegen der treuen Anhänglichkeit an die überlieferte heimische Sitte. Die Tracht ist überhaupt ein höchst wichtiges Ding, wo es sich um die Familie und ihre Sitte handelt. Die große Hauptscheidung der Tracht in männliche und weibliche findet sich bei allen Völkern, und in allen Perioden der Geschichte. Hier ist ein wahrer consensus gentium . Die Civilisation hat diesen Unterschied nicht entfernt auszugleichen vermocht. Die besondere Frauentracht ist der handgreifliche Protest aller Nationen, gegen die Berufung von Frauen und Männern zu gleichem Wirken. Die Frauen halten nicht mit Unrecht so viel auf ihr Kostüm: es ist das Wahrzeichen ihrer Eigenartigkeit; und ein ächter Socialist muß beim Anblick jedes Weiberrockes in die Zähne knirschen, denn solange es noch besondere Weiberröcke gibt, ist es auch noch nichts mit einem folgerechten Socialismus. Hat aber das Weib erst einmal den Bann des alten Herkommens in Sitte und Tracht durchbrochen, hat es den natürlichen Conservatismus seines Geschlechts erst einmal verleugnet, dann wird es auch weit zügelloser, radikaler, neuerungssüchtiger in der Mode als der Mann. So wird die Großmutter ihre alten Geschichten und Sprüche treuer und vollzähliger den Enkeln überliefern als der Großvater, und doch konnte man wiederum mit Grund den Frauen zur Last legen, daß sie z.B. jene zur Zeit der Kreuzzüge beginnende Verwälschung unserer Sprache durch eingeflickten fremdländischen Wortflitter hauptsächlich angestiftet hätten, indem sie bei der damaligen weiblichen Liebhaberei des Sprachstudiums nichts Eiligeres zu thun hatten, als mit jedem neugelernten fremden Worte sofort die altüberlieferte deutsche Redeweise neu aufzuputzen. Hier zeigt es sich, daß der Stab der strengen Sitte dem Weibe eben ein wahres Naturbedürfniß ist. Es wird haltlos sobald es diesen Stab von sich wirft. Darum liegt ein tiefer Sinn in jener altisländischen Rechtssatzung, kraft deren das Aufgeben der landesüblichen Tracht der Frau als ein Ehescheidungsgrund geltend gemacht werden konnte. Man sollte nun meinen, die Modesucht der städtischen Frauen stehe in geradem Widerspruch zu dem Beharren der Bauernweiber, bei der überlieferten Tracht. Dieß ist aber keineswegs der Fall. Der bestimmende Grund für die Modesucht der Städterin ist durchaus nicht jener Drang nach gesellschaftlicher Nivellirung, welcher den Bürger sein besonderes standesmäßiges Kleid mit dem möglichst form- und farblosen, gleichsam allgemeinen Rock der gebildeten Welt vertauschen heißt. Aus Vornehmthuerei, nicht aus Liberalismus, aus dem falschen aristokratischen Gelüsten einen ganz bestimmten und zwar möglichst hohen Rang repräsentiren zu wollen, hascht die Frau nach jeder neuen Mode: aus einem ächten Aristokratismus hält die Bauernfrau an dem ererbten Kleide fest. So alt wie unsere Volkstrachten ist daher auch die Klage, daß die Dienstmägde in Schleiern einhergehen, »geschmückt wie Hofjungfrawen,« denn sie wird bereits im sechzehnten Jahrhundert erhoben. Jener eigentümliche Stolz der Gelehrten, der die Geringschätzung der äußeren Abzeichen des Ranges durch eine möglichst nichtssagende und nachlässig geordnete Tracht ausdrückt, wird bei dem Weibe niemals Wurzel fassen. König Salomo war ein Mann, darum prunkt er mit jenem Bettlerstolz, der, indem er fortwährend ausruft: »Alles ist eitel,« eben darin sich selbst als den Allereitelsten bekundet. Das Weib weiß recht wohl, daß der äußere Rang – ganz im Sinne der Aristokratie – bei ihm viel strenger berechnet wird, als beim Manne. Einem bedeutenden Manne öffnen sich alle Schranken der vornehmen Geselligkeit; er kann hoffähig werden bloß um seines Talentes willen. Die geistvollste Frau dagegen wird niemals hoffähig werden, weil sie geistvoll ist. Sie steht in ihrem einmal angeborenen oder angeheiratheten Rang, über den sie durch eigene Kraft nicht hinaus kann. Darum wacht sie um so eifersüchtiger über denselben, und sucht sich wenigstens in ihrem Putz zeitweilig in einen höheren Rang hinaufzuträumen. Der Mann kann seinen Lebensberuf wählen, er kann ihn wechseln, er kann sich selbst im reiferen Alter noch neue Berufe schaffen. Der Frau wird der Beruf angeboren und sie muß in ihm verharren. Das allein gibt den Frauen schon ein aristokratisches, conservatives Gepräge. Es legten in den letzten Revolutionsjahren viele deutsche Frauen den entschiedensten politischen Freisinn zur Schau. Aber nirgends verfuhren sie wie jene demokratischen Männer, welche den Rock mit dem Kittel vertauschten, sich wie Tagelöhner kleideten, um Volksmänner zu werden, und geradezu renommirten mit der Maske einer möglichst niedrigen bürgerlichen Stellung. Diese unächten Blousenmänner wollten ausebnen, indem sie alle Gesellschaftsgruppen herabzogen zu der unreifsten und untersten des vierten Standes. Dergleichen fällt keiner Frau ein. Keine einzige vornehme Demokratin hat sich, um volksthümlich zu werden, den Schurz einer Küchenmagd umgebunden. Die weiblichen Radikalen wollten nur insofern nivelliren, als sie gern alle Stände gleich vornehm gemacht hätten . Die Männer wollten alle Stände gleich gering machen. Das ist der Gegensatz von Mann und Frau. Wenn die Demokratinnen alle Welt gleich vornehm zu machen sich vermaßen, so übersahen sie den Widerspruch, der in den Wörtern »gleich« und »vornehm« liegt. Aber gerade derselbe Widersinn ist ja auch angedeutet in dem Wort, daß die Frauen nur aus Aristokratismus radikal werden. Von dem Augenblicke an, wo die Londoner Schenkmädchen im Bloomercostüm paradirten, war diese neumodische Tracht auch für die freisinnigste Dame »unmöglich« geworden; sie ist von nun an ein weiblicher Taglöhnerkittel, sie stellt nichts vornehm apartes mehr dar. Es ist also derselbe Geist des Beharrens, welcher bei der weiblichen Landbevölkerung sich beugt unter die Alleinherrschaft der Sitte als einer unwandelbaren, und in der Stadt unter die Despotie der Mode, als der rastlos wechselnden. Die frei sich bewegende Selbstbestimmung fehlt hier wie dort. Im Begriff der weiblichen Modesucht selbst liegt es schon, radikal zu seyn aus Aristokratismus. Der Mann ist im Allgemeinen gleichgültiger gegen die Mode, weil er es auch gegen die Sitte ist. Die Unabhängigleitserklärung von der Herrschergewalt der Sitte kündigt hier, wie bei den Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft, die Macht der Bewegung an. Darum nennen wir es weibisch, wenn Laffen und Stutzer jeden Wechsel der Mode mitmachen, wie es andererseits auf die noch nicht vollständig vorhandene Durchbildung des Geschlechtsgegensatzes deutet, wenn bei abgeschlossenen Bauerschaften Männer und Weiber gleich treu an der alten Kleidersitte hängen. Männer, welche jeder Mode nachlaufen, gehören übrigens merkwürdig genug meist solchen Berufsweisen an, deren Arbeit ebensogut in Weiber- als in Männerhänden seyn könnte, wie z. B. Schneidergesellen, Ladendiener, Schauspieler u.s.w. Deutschland besitzt kein revolutionäres Proletariat unter den Frauen. Unsere armen Taglöhnerinnen stecken noch viel zu tief in der Weiblichkeit um revolutionär seyn zu können. Die weiblichen Demagogen sind gebildete Frauen, Blaustrümpfe, die ihr Geschlecht verläugnen, vornehme Damen, die Monate lang in den Logen der Parlamente zuhörten, weil sie zu Hause nichts zu thun hatten. Eine Frau, die an die Gleichstellung ihres Geschlechtes mit den Männern denkt, muß bereits sehr viele confuse Bücher gelesen haben. Von selber verfällt eine deutsche Frau noch nicht auf den Gedanken der »Emancipation der Frauen.« Die wenigsten Frauen verstehen den Sinn dieser Theorie: die ganz wenigen aber, welche selbige verstehen, haben sie mißverstanden. Das Weib hält die natürlichen Stufenfolgen im Familienleben und den Gesellschaftsgruppen streng auseinander, nicht aus politischem Bewußtseyn sondern aus Instinkt. Es hat die Selbstbeschränkung auf einen engen Kreis im Hause kennen gelernt; es wird nur vollgültig, indem es sich eins weiß mit einem Mann; es existirt nicht für sich, sondern nur in und mit der Familie; es kann mit Anstand nicht einmal allein spazieren gehen; es lernt also von Jugend auf seine Persönlichkeit einem höheren Ganzen unterordnen. Das Weib beurtheilt die Gesellschaft nach dem Hause; es begreift die Gliederung der Gesellschaft als eine Naturnotwendigkeit, der man seinen persönlichen Eigensinn ebensogut beugen müsse wie der Idee der Familie, während der Mann noch nach Beweisen für die Vernünftigkeit dieser Gliederungen sucht. Auch darum sind die Standesschranken für das Naturell des Weibes weit fester gefugt, als für den Mann, oft sogar zu fest und unübersteiglich. Es läßt sich recht gut eine Naturgeschichte der Gesellschaft für Frauen schreiben, nicht aber eine Philosophie der Gesellschaft. Ein Bauernbube kann es weit eher zum vornehmen Herrn bringen, als ein Bauernmädchen zur Dame. So sahen wir wohl, daß im Jahr 1848 Geheimräthe, dieweil ihnen der Angstschweiß auf der Stirne stand, mit Proletariern Brüderschaft tranken, nicht aber daß die gleich heftig erschreckten Geheimräthinnen mit den Marktweibern smollirt hätten. Man würde es geradezu » unweiblich « nennen, wollte eine Bürgersfrau die Sitten einer Bäurin annehmen. » Unmännlich « wäre der entsprechende Schritt des Mannes wenigstens nicht. Es ist sogar eine erbliche Schwachheit des weiblichen Geschlechts, die gesellschaftlichen Unterschiede bis ins verderbliche Extrem festzuhalten. Das Weib verknöchert weit eher in seinem Standesbewußtseyn, gleich dem Aristokraten und dem Bauern, als daß es gleich dem Bürger in den umgekehrten Fehler der Gleichgültigkeit gegen alles gesellschaftliche Leben, in das »sociale Philisterthum« verfiele. Es liegt ein erstaunlicher Drang zum körperschaftlichen Zusammenhalten in der weiblichen Natur, und sollte sich derselbe auch nur in der Art äußern, wie bei jenen Württembergerinnen, welche Anno 1848 einen Aufruf erließen, daß alle schwäbischen Mädchen sich verbinden möchten, keinen Reaktionär mehr zu heirathen! Eine heillose Verwirrung ist bei uns eingerissen im Gebrauch der Wörter » gesellig « und » gesellschaftlich « (social). Wenn man von den Formen des persönlichen Umganges, von den öffentlichen und häuslichen Lustbarkeiten einer Stadt spricht, nennt man das wohl gar das »gesellschaftliche« oder »sociale Leben« – zur Verzweiflung social-politischer Ohren. Diese Verwechselung des »Geselligen« und »Gesellschaftlichen« muß wohl von den Frauen aufgebracht worden seyn. Denn sie schauen die Gesellschaft ja fast nur im Spiegel des geselligen Lebens; sie erstarren so tief im socialen Standesbewußtseyn, daß sie auch im geselligen Leben, wo gerade vor der Gleichheit der Bildung und des Strebens alle Standesunterschiede fallen sollten, den Rang nicht vergessen können, der ihnen angeboren oder mit ihrem Manne angetraut ist. Der Mann gibt dem Hause und der Familie Namen und äußere Gestaltung: er vertritt das Haus nach außen. Durch die Frau aber werden die Sitten des Hauses erst lebendig: so haucht sie in der That dem Hause den Odem des Lebens ein. Die eigenste Weise des Hauses, sein individueller Charakter wird fast immer bestimmt durch die Frau. Auch hier springt das beharrende, aristokratische Wesen der Frauen hervor. Wenn sich eine Norddeutsche nach Süddeutschland verheirathet, so hält sie in der fremden Gegend ihre heimathlichen Sitten dennoch fest, impft sie dem Hause ein, und die Kinder werden trotz der süddeutschen Umgebung schwer davon loskommen können. Der Mann fügt sich allmählich den fremden Bräuchen der Frau. Zieht der Mann in einen fremden Gau und gründet sich dort eine Familie, so wird man von seinen mitgebrachten Sitten im neuen Hause kaum etwas verspüren; er selber wird vielmehr sehr rasch umgemodelt werden und der häuslichen Art seiner Frau ganz folgen. Der weibliche Geist des häuslichen Beharrens ruht nicht über ihm. Wenn die Großmutter oder Urgroßmutter eines mitteldeutschen Hauses eine Schwäbin war, dann findet man immer noch etwas schwäbische Küche, allerlei schwäbische Ausdrücke und Sprüchwörter, einigen schwäbischen Aberglauben und ein klein wenig Schwabentrotz in der Familie überliefert. War aber bloß der Großvater ein Schwabe, dann wird man im mitteldeutschen Hause kaum mehr etwas Schwäbisches aufspüren können. Diese Thatsache ist von großer Wichtigkeit für den Ethnographen, der die Bewegung und Verbreitung der Sitten erforscht. Er wird hier zu einem paradoxen Satze kommen: Gerade dadurch, daß die Frauen am zähesten aushalten bei den ererbten häuslichen Sitten, tragen sie am meisten zur Verschmelzung und Bindung der Volkseigenthümlichkeiten bei. Der Mann, der, wenn er auswandert, seine heimische Sitte rasch mit der fremden vertauscht, fördert dadurch das starre Abschließen der Volkscharaktere. Ursache und Wirkung kreuzen sich also hier in diagonaler Entgegensetzung. Es ist uns nunmehr schon nahe gelegt, den öffentlichen und nationalen Beruf der Frauen zu begreifen. Sie bewahren das instinctive Leben, das Gemüthsleben des Volkes, welches sich kundgibt in der nationalen Sitte, und eben damit den eigentlichen Genius des Volkes, die verborgensten, dunkelsten, aber eigensten Kräfte, aus welchen in dem männlichen Staatsleben seine bewußte Seelenthätigkeit, sein politisches Schaffen entspringt. Der politische Volks charakter ruht in letzter Instanz bei dem Weibe, die politische That bei dem Mann. Ueber die unermeßliche Wichtigkeit dieser Vorbildung des Staatslebens in der häuslichen Sitte, werde ich im ersten Kapitel des zweiten Buches dieser Schrift eingehender reden, und dabei möge man sich erinnern an den hier angedeuteten politischen Beruf der Frauen. Unsere Religionsbegriffe lernen wir bei den Männern; beten aber lernen wir bei der Mutter. Die Mutter lehrt uns die Selbstbeschränkung, der Vater öffnet uns den ersten Blick in die Welt. Ein einseitiges Muttersöhnchen wird daher leicht zum Stubenhocker, der in sich hinein verkrüppelt. Die Großmutter wird uns am schönsten die Mährchen und Sprüche des Hauses erzählen, der Großvater aber die Geschichte der Zeit, die er selber durchgelebt. Fühlt man nicht klar in diesen wenigen weltbekannten Zügen den Gegensatz männlicher und weiblicher Natur? Aber auch die praktischen Folgerungen sollte man herausfühlen. Die sociale Tugend ist es, deren Grund zuerst von Frauenhänden in uns gelegt wird; zur politischen bedarf es der Lehre und des Beispiels der Männer. Wie von fernher dämmert uns in dem Naturunterschiede der Geschlechter bereits ein Schattenbild des großen Doppelreiches von Gesellschaft und Staat entgegen. Die Sitte, die bewegende Kraft der Gesellschaft wird gehegt und bewahrt vom Weibe, das Weib steht im Naturleben der Sitte; der Mann erst schafft aus dem Rechtsbewußtseyn das Gesetz, die bewegende Kraft des Staates. Gesellschaft und Staat aber werden erst in ihrer gegenseitigen Durchdringung ein lebendiges Ganze, wie Weib und Mann zusammen erst einen ganzen Menschen ausmachen. Dann wiederholt sich im innern Kreise der bürgerlichen Gesellschaft dasselbe Gleichniß, welches doch auch wieder mehr als ein Gleichniß, welches eine Thatsache ist. In Weib und Mann sind uns hier die Mächte des Beharrens und der Bewegung vorgebildet. Die Mächte des socialen Beharrens aber, Aristokratie und Bauernthum, sind die reinsten gesellschaftlichen Mächte. In den Mächten der socialen Bewegung, namentlich im Bürgerthum, wird die Gesellschaft schon über sich hinausgeführt zum Staate. Die Macht des Bürgerthums am Ausgange des Mittelalters weissagt den Sturz des feudalen, des aristokratischen Gesellschaftsstaates. Man hat mir vorgehalten, ich habe in meinem Buch von der »bürgerlichen Gesellschaft« die Mächte des socialen Beharrens mit besonderer Vorliebe behandelt. Das ist ganz richtig, aber auch natürlich. Denn in ihnen lebt eben das gesellschaftliche Element am reinsten, vollsten, mächtigsten. Wer dagegen ein Buch vom Staate schreibt, der wird am ausführlichsten in die Ideen und Thaten des Bürgerthums eingehen müssen, denn dieß ist der am meisten staatliche Stand. So behandle ich auch in diesem Abschnitt von »Mann und Weib« das Weib mit der größeren Liebe und Ausführlichkeit. Ihm gilt fast immer mein Hauptsatz, dem Mann nur der erläuternde Gegensatz. Denn das Weib bildet das vorzugsweise familienhafte Geschlecht, es ist ganz erfüllt von der Idee der Familie, während der Mann, selbst sofern er in der Familie steht, doch auch schon wieder über die Familie hinausgreift. Man hat in unsern Tagen gar oft die Forderung einer politischen Volkserziehung gestellt. Seltsam genug aber verstand man darunter die Einführung des Volkes in das Studium der politischen Parteilehren. Wenn aber das Volk seine Parteigrundsätze nicht erlebt, dann wird es sie gewiß auch nicht erlernen. Der erste Schritt zu einer politischen Erziehung des Volkes scheint mir vielmehr darin zu suchen, daß man das weibliche Geschlecht wieder gründlicher in seine eigene Art zurückführt. Denn von der Erziehung des weiblichen Geschlechts hängen unsere socialen Zustände in weit höherem Maße ab, als man wohl wähnen mag. Man bilde die jungen Mädchen wieder zu Hüterinnen der Sitte, man lehre sie wieder Selbstbeschränkung im Hause finden, man gebe ihre Erziehung, die viel zu viel der Schule zugefallen ist, der Familie wieder mehr anheim, und die Anerkennung der Sitte und die Selbstbeschränkung im gegebenen Lebenskreise, als die beiden socialen Nationaltugenden werden auch bei den Männern allmählig wieder einziehen. Statt dessen suchen wir, wunderlich genug, die jungen Mädchen mit jedmöglicher künstlerischer und wissenschaftlicher Bildung auszustatten, mit einer durchaus männlichen Bildung, und sind nachher erstaunt, daß die Sitte des deutschen Hauses schwindet, daß unsere Kinder den inneren socialen Halt und die rechte Selbstbeschränkung im Hause nicht mehr eingepflanzt erhalten! Der Unterschied von Mann und Weib konnte nicht dadurch ausgeglichen werden, daß wir die Frauen wie Männer erziehen, aber die Grundfesten der Gesellschaft wurden erschüttert. Weiter unten werde ich reden über die Emancipirung von den Frauen. Diese ist nöthig geworden eben durch die Mißachtung der natürlichen Berufe beider Geschlechter in der Erziehung. Die Frauen werden in allerlei männlicher Kunst und Wissenschaft aufgezogen und haben in Folge dessen unser Geistesleben weibisch gemacht, statt daß sie, in den Mysterien des deutschen Hauses herangebildet, unserem Familien- und Gesellschaftsleben den ächten weiblichen Grundton hätten geben müssen. So gehen die Wirren der socialen Frage bis auf den verkannten Unterschied von Mann und Weib zurück. Das Mittelalter machte mit feinfühligem Sprachsinne eine Abstufung in den Wörtern »Weib« und »Frau.« »Weib« bezeichnet einmal den allgemeinen Geschlechtsgegensatz, und so mußte ich dieses Buch wohl überschreiben: »Mann und Weib.« Anders gefärbt wird aber die Bedeutung dieses Wortes, wenn man es dem Worte »Frau« gegenüberstellt. Dann wurde die bewegliche, unstäte, schmiegsame Naturseite des andern Geschlechts, welche radikal macht aus mißverstandenem Aristokratismus, in dem Ausdruck »Weib« zusammengefaßt. »Frau« war das treu beharrende, in der Selbstbeschränkung große, in der Zucht der Sitte gefestete Wesen, das Idealbild des andern Geschlechts. Von einer »Würde der Frauen« konnte Schiller singen, aber nicht von einer »Würde der Weiber.« So sagt Walther von der Vogelweide zum Lobe seiner Landsmänninnen, daß in Deutschland die »Weiber« noch besser seyen als anderwärts die »Frauen.« In dieser sprachlichen Unterscheidung liegt eine klare Erkenntniß des Berufes der Frauen angedeutet, wie die Willkür, mit welcher wir jetzt oft beide Wörter zusammenwerfen, und gar noch die französische »Dame« dazu nehmen, ein Beweis mehr ist, wie sehr diese Erkenntniß im modernen Leben verdunkelt wurde. Die Socialisten appelliren an die Weiber, wir wollen an die Frauen appelliren. Es ist nun zunächst meine Aufgabe, darzustellen, wie die höhere Gesittung naturgemäß zu einer immer tieferen Ausprägung des Charakteristischen bei beiden Geschlechtern führen muß, also zur immer bestimmteren Unterscheidung von Mann und Frau. Daraus ergibt sich, daß das Streben, den Frauen den gleichen Beruf mit den Männern zu überweisen, keine That des Fortschrittes, sondern der wahrhaften Reaction, der Rückkehr zur ursprünglichen Rohheit wäre. Das leitet uns denn zu dem Kapitel über die Emancipation von den Frauen. Mit dem Versuch eines solchen Rückschrittes, der ein durchaus widernatürlicher ist, würde aber den »Frauen« die Schmach angethan, daß man sie als zu »Weibern« entartet voraussetzte. Zweites Kapitel Die Scheidung der Geschlechter im Processe des Culturlebens Bei fast allen Bildnissen berühmter weiblicher Schönheiten aus vergangenen Jahrhunderten überraschen uns die bestimmt geführten Conturen und Züge; es dünken uns diese Köpfe zu männlich gegenüber dem Urbild weiblicher Schönheit, welches uns Modernen vorschwebt. Sowie die mittelaltrigen Maler den allgemeinen Typus der Engel- und Heiligenköpfe aufgeben, so wie van Eyck und Hemmling Madonnen und weibliche Heilige mit persönlichen, individuell durchgebildeten Köpfen malen, schleichen sich in diese so tief empfundenen Bildnisse zartester Jungfräulichkeit gewisse harte Züge ein, welche uns die Köpfe auffallend männlich oder ein klein wenig zu alt erscheinen lassen. Van Eyck'sche Madonnen mit dem Christuskind auf dem Schooße sehen uns häufig wie Dreißigerinnen aus. Dennoch folgte der Maler der Natur; aber die Natur ist seitdem eine andere geworden. Auch die zarte Jungfrau hatte vor drei Jahrhunderten noch männlichere Züge als jetzt, und wer in dem Porträt der Maria Stuart ein Gesicht wie aus dem Modejournal geschnitten sucht, der wird sich enttäuscht finden, durch die bestimmten, für das Auge des neunzehnten Jahrhunderts fast männlich bestimmten Umrisse dieser gepriesenen Schönheit. Der Unterschied von Mann und Weib entwickelt sich immer tiefer mit der steigenden Gesittung. Und diese immer individuellere Ausprägung des Geschlechtsgegensatzes erstreckt sich über den ganzen Menschen an Leib und Seele. Nicht bloß die alten Maler, auch unsere Aerzte und Anatomen können hier die Beobachtungen des Socialpolitikers vermehren helfen. Bei dem rohen Naturmenschen, desgleichen bei verkümmerten, in ihrer Gesittung verkrüppelten Volksgruppen zeigt sich der Gegensatz von Mann und Weib noch vielfach verwischt und verdunkelt. Er verdeutlicht und erweitert sich in gleichem Schritt mit der wachsenden Cultur. Bei sehr abgeschlossen lebenden Bauerschaften, bei einer verarmten und gedrückten Landbevölkerung wie bei den in harter körperlicher Arbeit und Entbehrung erstarrten Proletariern hat der männliche und weibliche Kopf fast ganz die gleiche Physiognomie. Ein in Männertracht gemaltes Frauengesicht aus diesen Volksschichten wird sich kaum von einem Mannskopf unterscheiden lassen. Namentlich alte Weiber und alte Männer gleichen sich hier, wie ein Ei dem andern. Selbst der mittlere Durchschnitt der Körperlänge wird sich beim gemeinen Volke für beide Geschlechter weit gleichmäßiger stellen als bei den verfeinerten Klassen. Unsere kleinen städtischen Weibchen neben den langaufgeschossenen Männern künden den Culturmenschen an. Wer Scenen aus den Nibelungen malt, der darf seine Kriemhild und Brunhild nur um weniges kleiner messen als seinen Siegfried und Hagen. Das Weib des Recken ist selber noch reckenhaft gewesen. In den norddeutschen Marschen sind grenadiermäßige, ihrem Manne schier gleichgewachsene Bauernweiber noch nahezu die Regel. In unsern Städten sind solche Erscheinungen bereits eine auffallende Ausnahme. Mit dem höheren Alter wird die Bauernfrau sehr häufig ein förmliches Mannweib. Selbst die Klangfarbe der Stimme der beiden Geschlechter ist bei einfacheren Zuständen der Gesittung im Allgemeinen gleichmäßiger. Der hohe Tenor, als die weibliche Mannsstimme, und der tiefe Alt, als die männliche Frauenstimme, sind bei den Culturmenschen viel seltener als bei den Naturmenschen, wo männliche und weibliche Art noch unterschiedsloser in einander übergreift. Unsere Kapellmeister reisen nach Ungarn und Galizien, um helle, hohe Tenore zu suchen, und für den tiefen Alt wird fast gar nicht mehr componirt, weil die mannweiblichen Contra-Altistinnen bei den civilisirten Völkern aussterben. Herrschend wird dagegen der bestimmteste Gegensatz der geschlechtlichen Klangfarbe: Sopran und Baß. Diese Thatsache ist bereits bestimmend geworden für unsere Gesangschule, bestimmend für unsere vocale Tondichtung – auf welche versteckte Seitenwege führt doch hier die Wahrnehmung des stets sich erweiternden Gegensatzes zwischen Mann und Weib! Dinge, welche die emancipirten Damen als eine ganz neue Eroberung hinzustellen suchen, finden sich bei den niedern Volksklassen in frischer und berechtigter Ursprünglichkeit längst vor, nur daß sie hier von einem etwas abschreckenden bucolischen Parfüm durchdrungen sind. Die Tirolerinnen z.B. gehen, ohne es zu ahnen, in fast vollständiger Bloomertracht: Männerhut, kurzer Rock und hohe Schnürstiefeln. Auch das Kleid der patriarchalisch in den Harem gekerkerten Türkinnen wollten socialistische Damen zum Abzeichen der befreiten Weiblichkeit erwählen: sie vergaßen nur, daß auch der Schleier zum türkischen Costüm gehört. Als Seitenstück zu den jungen Damen mit der Papier-Cigarre im Munde sind mir bei Mittel- und niederdeutschen Bauernhochzeiten, Kindtaufen und Metzelsuppen häufig häßliche alte Weiber aufgestoßen, die, als holzschnittmäßige Vordergrundsfiguren, mit dem qualmenden Thonpfeifenstummel, einem sogenannten »Backenwärmer,« am Tische saßen und eine Tabakssorte in die Luft bliesen, bei deren Arom es selbst einem starknervigen Städter schwarz vor den Augen hätte werden können. Bei der untersten Hefe des Bauernvolkes, dazu bei Vagabunden und Zigeunern, hat die Verschmelzung männlicher und weiblicher Sitte ihren wahren geschichtlichen Boden. Hier sind die Frauen emancipirt. Hier herrscht keine prüde Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Decenz, und eine Zote, die den Männern zu ungewaschen ist, findet bei den Weibern immer noch eine gute Statt. Der gemeine Mann bezeichnet das Weib gerne geschlechtlos als »das Mensch« und zwar keineswegs immer im verächtlichen Sinn, sondern gerade auch dann, wenn ihm das Treue, Geduldige, Entsagende der weiblichen Natur vorschwebt. Also: ein, treues, ehrliches, fleißiges Mensch. Er ahnt noch nicht die tiefe Herabsetzung, welche darin liegt, wenn man eine Person als geschlechtlos bezeichnet. Die Volkssprache kennt sogar Wörter, darin die beiden Geschlechtsbezeichnungen geradezu zusammengekoppelt sind, wie etwa wenn sie die Frauen »Weibskerle« nennt. Das ist wiederum kein Schimpfwort; es soll nur die dem Weib aus dem Volke eigene selbstbewußte, aktiv vorschreitende Mannesnatur bezeichnen. Mit der Logik der gebildeteren Sprache vertragen sich solche Wörter nicht mehr, weil den gebildeteren Kreisen die Scheidung von Mann und Weib bereits zum vollsten Bewußtseyn gekommen ist. Recht klar veranschaulicht sich das der steigenden Cultur Schritt für Schritt folgende Auseinandergehen männlicher und weiblicher Art in der Kleidersitte. Die Tunica, womit wir den gemeinen Mann des deutschen Mittelalters auf alten Bildern und Holzschnitten bekleidet sehen, ist, gleich dem heutigen Bauernkittel, nur ein abgekürzter Weiberrock. Die Wörter »Kappe« und »Haube« gelten in der älteren Sprache oft unterschiedlos für die Kopfbedeckung beider Geschlechter. In Altbayern nennt man heute noch die Kappen der Männer Hauben, wie anderwärts die Hauben der Weiber Kappen. Die altbürgerliche Riegelhaube ist nichts weiter als der männliche Haarbeutel, auf einen Weiberzopf angewandt. Dagegen ist die Tracht der beiden Geschlechter wohl niemals gründlicher geschieden gewesen als bei der feinen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts. Hier scheint überhaupt die Trennung der Geschlechter ebenso ins Uebermaß erweitert , als sie bei den untersten Volksschichten unter dem rechten Maß zurückgeblieben ist. Ein unversöhnlicherer Gegensatz ist nicht wohl denkbar, als der des Fracks und des langen Frauengewandes, des topfartig geschlossenen runden Männerhutes, und des gleich den Scheuledern der Pferde zu beiden Seiten offenen Schirmhutes unserer Damen. Selbst in den Farben der Gewandung hat das eine Geschlecht die dunklen charakterlosen und abgedämpften, das andere die hellen, vollen und saftigen für sich ausschließlich in Beschlag genommen. Aber auch der geschäftliche Beruf des Weibes aus dem Volke fällt mit dem des Mannes noch völlig zusammen. Je mehr dagegen die Berufskreise Reichthum und Bildung voraussetzen, um so weniger ist dem Weibe eine Mitarbeit an dem Berufe des Mannes vergönnt. Bei dem bäuerlichen Taglöhner und dem armen Kühbauern schafft die Frau ganz das Gleiche wie der Mann. Auch die geistige Bildungsstufe Beider wird völlig gleichartig seyn. Beide arbeiten am Acker, lenken Pflug und Wagen gemeinsam, säen, ernten und verkaufen gemeinsam oder in zufälliger Abwechslung. Das Walten im Hause ist nur eine gelegentliche Zugabe für die Frau. Ja, männlicher und weiblicher Beruf findet sich auch hier oft ebenso ausgetauscht, wie die Bezeichnung von Kappe und Haube. So bewacht der Hirt vielleicht, Strümpfe strickend, die Heerde, während seine Frau hinter dem Pfluge geht. Es ist selbst oft, als wäre der alttestamentliche Fluch, daß das Weib mit Schmerzen gebären solle, von solchen Weibern genommen: denn sie gebären wohl gar »hinter den Hecken,« packen den neugebornen Wurm auf, tragen ihn eine Stunde Wegs weit nach Hause und stehen nach drei Tagen wieder an ihrer gewohnten Arbeit. Gerade Schwangerschaft und Kindbett ist es ja, was in andern Kreisen den Frauen unmöglich macht einen äußern geschäftlichen Beruf stätig durchzuführen gleich dem Mann, der immer seines Körpers Herr ist. Bei einer reichen, blühenden, an großen Verkehrsstraßen gelegenen bäuerlichen Bevölkerung tauscht die Frau schon durchaus nicht mehr so consequent ihre Arbeit mit der des Mannes. Da würde es die Frau in der Regel schon für sehr unschicklich halten, das Gespann zu lenken oder auch nur einen Kahn zu steuern: sie würde ausgelacht werden, wenn sie hinterm Pfluge ginge, und der Mann wenn er Strümpfe strickte. Die Hauptthätigkeit der Frau ist in den entwickelteren Schichten des Bauernthumes schon selbständiger auf das Haus beschränkt; auch die Unterscheidung männlicher und weiblicher Tracht und Sitte ist bei blühenden Bauerschaften in der Regel weit höher entfaltet als bei armseligen, zurückgebliebenen. Aber wenigstens ein Theil des landwirthschaftlichen Geschäftes wird doch überall auf dem Lande unterschiedslos von Mann und Weib geübt werden. Aehnlich geht es beim handarbeitenden Proletarier. Taglöhner und Taglöhnerinnen üben meist den ganz gleichen Beruf. Bei den Fabrikarbeitern stehen Männer und Frauen, Kinder und Greise oft durchweg in der nämlichen Thätigkeit. Nur bei Straßenräubern von Fach und gemeinen Dieben hilft auch die Frau mit im Geschäft; bei vornehmen Gaunern übt der Mann in der Regel seinen Beruf ganz allein. Hier sey nun ferner daran erinnert, daß die Theilung des Berufs nicht bloß nach dem Geschlecht, sondern selbst nach den Altersstufen immer verwischter wird, je tiefer wir zu besitz- und bildungslosen Volksschichten hinabsteigen. Bei dem armen Kleinbauern muß schon der Schulbube dem Vater die halbe Berufsarbeit abnehmen. Die Beschäftigung der Frau, der heranwachsenden Kinder und des Hausgesindes fällt in eins zusammen. In den Städten haben die Kinder, bis sie zu Jünglingen und Jungfrauen herangereift sind, ihre eigenthümliche Kindertracht. Auf den Dörfern steckt der fünfjährige Bube schon in den verkleinerten Wasserstiefeln und dem Miniaturrocke des Vaters, und ruft uns in dieser drolligen Zwergenmaske die alte naturgeschichtliche Wahrheit ins Gedächtnis, daß nur die höchsten Formen des organischen Lebens auch die reichsten und bestimmtesten Gliederungen in sich schließen. Der unterschiedlose Beruf der Geschlechter ist ein trauriges Erbtheil armer und verkommener Leute, und das gliederungslose, abstracte Staatsbürgenthum wollen wir den Würmern und Mollusken nicht streitig machen. Die Absonderung der beiden Geschlechter im geschäftlichen Beruf, wie sie beim entwickelteren Bauernthum bereits begonnen, setzt sich bei den Bürgern stufenweise fort. Dem Schuster, dem Schneider, dem Schenkwirth, überhaupt dem eigentlichen Kleingewerb ist die Frau noch ein ganzer Gesell im Geschäft. Bei den größeren Gewerben aber und vollends bei den geistigen Berufen hört diese weibliche Mitarbeit ganz auf. Des Ministers Frau kann nicht mehr im Kabinet aushelfen, wie des Krämers Frau im Laden. Je höher der Berufskreis: um so gesonderter ist die Thätigkeit von Mann und Frau. Während man aber in Europa eine Frau nirgends auch nur in das unterste Bureau des Ministeriums läßt, setzt man in Oesterreich, England, Rußland, Spanien, Portugal Frauen auf den Thron. Man läßt sie zu keinem öffentlichen Amte zu, nur zu dem höchsten, staatlichsten, männlichsten von allen – zum Königsamte. Griechen und Römer kannten solches Frauenregiment nur bei den Barbaren, und nur ein Heliogabal konnte seine Mutter in den Senat führen. Die weibliche Thronfolge, ist bei unsern Gesittungszuständen eine der wunderlichsten Abnormitäten, die aus dem Mittelalter stehen geblieben sind, und erklärt sich nur aus der Auffassung, daß das ganze Land als Privateigenthum des regierenden Hauses gedacht wird. Wenn der Mann stirbt, dann nimmt ja die Frau auch das Regiment über ihr ererbtes Haus in die Hände. Je geläuterter aber die Idee des Staates und der Familie wird, um so sicherer muß die weibliche Thronfolge abgeschafft werden. * In der Urgeschichte der Völker zeigt sich eine verwandte Vertuschung der Geschlechtsgegensätze wie bei den rohen Urschichten der modernen Gesellschaft. Im altgriechischen Olymp theilen sich Götter mit Göttinnen ganz ähnlich in die himmlischen Berufsgeschäfte, wie heutzutage die Proletarier und die Kleinbauern mit ihren Weibern. Pallas übt Mannesberufe, und Göttinnen mischen sich in das Getümmel des Kampfes. Es ist eine der bedeutsamsten culturgeschichtlichen Signaturen des deutschen Volles, als des familienhaftesten , daß die Göttinnen des deutschen Olymps nur wie himmlische Mütter des Hauses gedacht werden. Wo die griechische Göttin den Speer führt, da führt die deutsche den Rocken. Dieß hängt eng zusammen mit einer andern Thatsache, die ein Stolz der germanischen Volksstämme seyn sollte. Mit dem Eintreten des deutschen Volkes in die Weltgeschichte werden die Frauen erst wahrhaft frei, eigenartig; das volle Bewußtseyn über Beruf und Stellung von Mann und Weib ist der Menschheit erst von den Germanen hell entzündet worden. Die Frauen des Orients und des klassischen Alterthums wandeln dahin wie in einem Traumleben, nur der Mann waltet dort im klaren Sonnenlichte des Tages. Erst die Germanen haben die Würde der Frauen und die Würdigung der Frauen mitgebracht in die abendländische Welt. Wie eine eingeborne göttliche Gabe seines Stammes hat das rohe Krieger- und Jägervolk die wahre Idee von der Stellung der beiden Geschlechter herübergetragen aus seiner dunklen asiatischen Urheimath, gleich als ein Erbstück aus dem verlorenen Paradiese. An dieser germanischen Erkenntnis der Berufe von Mann und Weib konnte das Christenthum erst recht fest anknüpfen und zu ganz neuen Entwickelungen der Gesittung treiben. So ist die reinere Erfassung des Geschlechtsgegensatzes im deutschen Geiste zu einem der granitenen Pfeiler geworden, auf denen die große Epoche des neuen christlich-germanischen Culturlebens ruht. Bei Jakob Böhme finden wir den sinnvollen Mythus tief und herrlich entwickelt, daß der Urvater Adam ursprünglich ein volles Bild Gottes gewesen sey, »Mann und Weib und doch keines von beiden.« Auch Platon hat diesen Gedanken, und in der biblischen Schöpfungsgeschichte wird das Weib nur abgelöst aus dem männlichen Urmenschen, nicht neu geschaffen. Die theosophische Anschauung des großen Schusters von der Geschlechtseinheit im Urmenschen ist das Spiegelbild der geschichtlichen Thatsache von der Verdunkelung des Geschlechtsgegensatzes bei den Naturvölkern. Eine Semiramis und Deborah, eine Sibylle und Velleda ist nur bei ganz unentwickelten Gesellschaftszuständen denkbar. Als in der Zeit der Karolinger die Seherin Thiota aus Allemannien ihre Weissagungen verkündet, wird sie bereits kraft bischöflichen Synodalbeschlusses öffentlich mit Ruthen gepeitscht und hört von da an auf zu weissagen. Die faule, veräußerlichte Civilisation des späten römischen Alterthums sucht aus Blasirtheit uralte Anschauungen und Zustände wieder aufzuwärmen. Da ergötzt sich dann auch die verderbte Sinnlichkeit an der Darstellung des Hermaphroditen, des geschlechtseinheitlichen und darum geschlechtslosen Menschen. Gesunden Naturen ist ein solcher Zwitter ebenso zuwider, wie eine emancipirte Dame, der Hermaphrodit der modernen veräußerlichten Civilisation. Die Sage von den Amazonen symbolisirt uns die im Urzustande noch nicht vollzogene Trennung des männlichen und weiblichen Berufs. In einem Lande wie Dahomey, wo Sklavenjagd noch die nobelste Arbeit ist und Menschenopfer der höchste Festprunk, gibt es auch jetzt noch Amazonen. Dort besteht die Hälfte des Heeres aus Weibern. Dort schlägt aber auch der König seinen Unterthanen noch nach Belieben die Köpfe ab: der Oberhenker ist sein erster Minister, und als Oberhofmeisterin des Harems figurirt die Frau Oberhenkerin. Man ist so glücklich, die reinste Civilehe zu besitzen: die Braut reicht ihrem künftigen Gemahl einen Schnaps, und mit dieser einzigen sinnreichen Ceremonie ist die Ehe geschlossen. S. Dahomey and the Dahomans by F. E. Forbes. London 1851. Trotzdem ahnen selbst die Dahomer schon den Berufsgegensatz von Mann und Weib; denn die Amazonen dürfen sich nicht verheirathen, weil sie, wie sie selber sagen, »ihr Geschlecht vertauscht« haben und »Männer, nicht Weiber sind.« Es sind zwar in den deutschen Befreiungskriegen, in den polnischen und italienischen Revolutionskämpfen allerlei verkappte weibliche Husaren aufgeritten, und bei den letztjährigen Wiener Straßengefechten gab es auch einige Barrikadenamazonen. In solchen Erscheinungen mag der Patriotismus oder die politische Schwärmerei ein Wunder wirken, allein bis zur Generalissima gleich der Jungfrau von Orleans wird es in unserer modernen Gesellschaft auch die heldenmüthigste Schwärmerin nicht mehr bringen können. Der Gedanke der strengsten Theilung der Arbeit zwischen Mann und Weib ist eine zu tief gewurzelte Grundlehre aller höheren Gesittung geworden. In Südamerika kann Manuelita, die Tochter des Dictators Rosas, noch das Amt eines Unterstaatssecretärs im Kabinette ihres Vaters führen, ihre Büreaux einrichten, alle Fäden einer verwickelten modernen Verwaltung in Händen halten, und doch eine liebenswürdige Dame bleiben. Mit diesem Zug aus dem dortigen Staatsleben muß man aber auch einen Zug aus dem geselligen Leben vergleichen. Manuelita sitzt am Pianoforte und singt im erlesenen Cirkel spanische Romanzen. Da tritt ihr Vater ins Zimmer mit einem silbernen Präsentirteller, worauf ein paar Menschenohren liegen, von dem Kopf eines Unitariers abgeschnitten. Langsam schreitet der Dictator auf das Pianoforte zu und stellt den Teller vor den Augen seiner Tochter nieder. Mit Wuth und Entsetzen springt sie auf: aber mit seinem festen, schrecklichen Blick bannt der Dictator ihre Zunge und ihre Mienen, daß sie, statt seine Barbarei zu verfluchen, ohnmächtig zu Boden sinkt. Wo solche Scenen noch möglich oder denkbar, da kann eine Frau immer noch Unterstaatssecretärin in einem wohlgeordneten Ministerium seyn. Nur in alten Zeiten konnte den Nonnen der Beruf weiblicher Priesterinnen zugetheilt werden. Hatten sie ihn nicht als ein uraltes Erbstück in die Gegenwart herübergebracht, sie würden ihn jetzt gewiß nicht erworben haben. Nur indem sich dieses weibliche Priesterthum hinter seinen Klostermauern gleichsam außerhalb des Staates und der Gesellschaft gesetzt hat, konnte es sich in unserer Zeit noch seinen Bestand retten. Dem Bewußtseyn des gemeinen Mannes liegt freilich ein weibliches Priesterthum auch heute noch viel näher als den gebildeteren Schichten. In strengkatholischen Schichten Oberdeutschlands hält es der Bauer keineswegs für eine Profanation, wenn beim Läuten der Abendglocke die Dienstmagd sich erhebt und inmitten der anwesenden Männer die Gebetformeln vorspricht, indeß diese mit den Responsorien einfallen. Der gebildete Reflektionsmensch hat diese Naivetät nicht. Er würde den Patriarchen des Hauses zu solch priesterlichem Dienste erküren, aber gewiß nicht ein Weib, geschweige die Magd! Vielleicht belehrt ihn aber Tacitus über diese Naivetät, wenn er von den alten Deutschen erzählt, daß sie den Frauen vorzugsweise den Charakter der Heiligkeit, eine Priester- und Sehernatur zugeschrieben. Und der Name Frau stammt von einer Göttin her, von Frouva, der frohen Frau, der huldvollen Schwester des Fro. Aber der Name der Göttin selber ist wieder aus der Rippe eines Mannesnamens genommen, wie das Urweib aus des Urmannes Rippe. Es zeugt für das höhere Alter der katholischen Cultusformen, daß in den katholischen Kirchen Männer und Frauen nebeneinander beten, während es protestantische Art ist, die beiden Geschlechter in den Kirchenstühlen abzusondern. Dem naiven Sinne der alten Zeit, der eben erst Nonnen zu Priesterinnen geschaffen, lag eine solche Scheidung ganz fern, und zu Ehren des Hereinragens der Familie in den Gottesdienst der Gemeinde wünschten wir, daß sie auch in den protestantischen Kirchen wieder beseitigt würde. Wenn Mann und Frau untrennbar zusammen durchs Leben gehen sollen, dann sollen sie auch in der Kirche neben einander beten. * Man könnte nun wähnen, weil bei den niederen Volksschichten eine so auffallende Gleichartigkeit der beiden Geschlechter in Natur, Sitte und Beruf herrscht, so müsse dort das Weib auch im bürgerlichen Leben drein reden können gleich dem Manne. Allein nirgends tritt in diesem Stücke das Weib tiefer in den Hintergrund der stillen Häuslichkeit zurück, als gerade bei den Bauern. Es pflügt mit dem Manne den Acker, aber »es schweigt in der Gemeinde.« Das Amt der Gemeinde-Gänsehüterin schließt bezeichnend genug die ganze öffentliche Laufbahn in sich, welche einer Frau auf den Dörfern offen steht. In der Last der Arbeit steht die Bäuerin dem Bauern gleich, in der Zucht des Hauses ist sie ihm am gründlichsten unterthan. Die Mädchen heirathen meist sehr früh und ehe ihr Charakter zu einiger Selbständigkeit gereift ist, bekommen rasch viele Kinder, arbeiten sich das Mark aus den Knochen, werden darum alt und häßlich vor der Zeit und gehen vollständig in der täglichen Plage um die Familie auf. Sie sind die wahren Leibeigenen, vielleicht nicht immer des Mannes, aber doch allezeit des Hauses. Die selbständige Persönlichkeit prägt sich bei der Bauernfrau in der Regel erst dann aus, wenn sie eine Matrone geworden ist. Weibliche Originalköpfe, über den stillen Beruf ihres Geschlechtes hinausdrängende Frauencharaktere, die sich in der Stadt schon mit achtzehn Jahren als Dichterinnen, Malerinnen, Sängerinnen geltend gemacht hätten, müssen hier warten, bis sie alte Weiber geworden sind; dann erst können sie als zahnlose Hexen die Karte schlagen, das Vieh beschwören, oder sonstwie die Eigenart ihres Genius walten lassen. Das ist schier alles, was unsern Naturmenschen von dem persönlichen Erbtheil der Sibyllen und Velleden verblieben ist. Böse Hexen sind aus den Seherinnen geworden: »Wo der Teufel nicht selber kommen kann, da schickt er ein altes Weib.« Von den jungen und schönen Bauernmädchen dagegen gleicht eine so sehr der andern, daß kein Dorfgeschichtchen-Dichter damit zurechtkommen kann, ein individuelles Porträt von dieser Art zu zeichnen, oder er mischt fremde, städtische Farbentöne hinein. Es fügt sich zu einem wunderbar vollendeten Bau, den nicht Schulwitz ersonnen, sondern der aus dem innersten Wesen unserer Natur frei emporgewachsen ist, daß das Weib aus dem Volke, äußerlich zumeist dem Manne gleichgestellt, in der Zucht des Hauses ihm am strengsten untergeordnet ist, während die höhere Gesittung, welche Mann und Weib besondert, dennoch – oder gerade darum! – das Verhältnis des Weibes zum Manne in der Familie erst zur harmonischen Gleichstimmung gebracht hat. Noch reicher und geordneter aber gestaltet sich dieser Bau, wenn wir ihn in seinem Verhältniß zu den natürlichen Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft betrachten. Die Familie des Bauern ist noch patriarchalisch gebunden. Bei den verdorbenen Bauerschaften geht es so wüst und gemein im Hause zu, daß alle feineren Züge des Familienlebens gleichsam von Schmutz überdeckt und verrostet sind; nur den groben Grundzug des patriarchalischen Hausregiments merkt man noch im Verhältniß von Mann und Frau. Der Großvater, der Patriarch des Hauses, heißt in manchen Gegenden »das Herrchen.« Im Volksmund gelten aber auch im Allgemeinen »Mann« und »Herr« vielfach als Ein Wort. Die Dorfschulzen auf der schwäbischen Alp reden ihre Gemeindebürger in den Gemeindeversammlungen nicht »ihr Herren Bürger« an, sondern mit dem stolzen Amts- und Ehrentitel: »ihr Mannen-Bürger.« Als sich's ein neuerungssüchtiger Schulze beikommen ließ, seine Bauern als Messjes (messieurs) zu begrüßen, erhoben sich dieselben und riefen im Gefühl ihrer verletzten Mannes-Herrenwürde: wir sind nicht Messjes, wir sind Mannen . Gegen solches »Mannen«-Bewußtseyn tritt das Weib vollständig in den Hintergrund. Weil sich die weibliche Natur noch nicht zu ihrer vollen Eigenart herausgebildet hat neben der männlichen, bleibt sie trocken, spröde, unbedeutend, sie entbehrt der Idealität. Der Bauer ist oft ein viel größerer Virtuose der Persönlichkeit, als unsere bürgerlichen oder aristokratischen Männercharaktere: allein mit den gebildeten Frauen kann sich in diesem Punkte die Bäuerin nur selten messen. Sie ist der leibeigene Gehülfe des Mannes, recht eigentlich die »Männin« nach Luthers Ausdruck, die nicht aufkommen kann neben dem Manne, weil sie ihm gleich ist . Hier trifft der höchste Idealismus mit dem gröbsten Realismus zusammen, wie hochstudirte Salondamen wohl auch mit Viehmägden und Zigeunerinnen auf dem gleichen Boden der Mannweiblichkeit sich begegnen. Plato kommt in seiner Republik auf dieselbe Vermischung des Berufes der Geschlechter, welche bei unsern Kleinbauern die unterste Stufe der Gesittung bezeichnet. Seine Frauen würden darum gerade so trocken, spröde und unbedeutend geworden seyn, wie die verkommenen armen Bäuerinnen. Ich kann mir's nicht versagen, zur Veranschaulichung die Worte Hegels hierher zu setzen, in welchen er mit seinem kurzangebundenen Sarkasmus die Stellung der Frauen in Platons Idealstaat zeichnet: »Die Frauen, deren wesentliche Bestimmung das Familienleben ist, entbehren in der Platonischen Republik dieses ihres Bodens. In derselben folgt daher: indem die Familie aufgelöst ist und die Weiber nicht mehr dem Hause vorstehen, so sind sie auch keine Privatpersonen und nehmen die Weise des Mannes als des allgemeinen Individuums im Staate an. Und Plato läßt die Weiber deßwegen ebenso wie die Männer vertheilen, alle männlichen Arbeiten verrichten, ja selbst mit in den Krieg ziehen. So setzt er sie auf beinahe gleichen Fuß mit den Männern, hat aber dennoch kein sonderliches Zutrauen zu ihrer Tapferkeit , sondern stellt sie nur hinterdrein, und zwar nicht als Reserve, sondern als arrière-garde , um wenigstens dem Feinde durch die Menge Furcht einzujagen und im Nothfalle auch zu Hülfe zu eilen.« Man sieht eben, so wie die Frauen gleich berufen werden mit den Männern, kommen sie doch immer ins Hintertreffen, verlieren ihre Eigenthümlichkeit und gewinnen keine neue dafür, in der Platonischen Republik so gut wie bei unsern Kleinbauern. Das Familienleben des Bauern hat darum auch eine sehr eintönige Färbung. Weil der Gegensatz der Geschlechter auf's kleinste zusammengeschrumpft ist, so wurzelt die eheliche Liebe hier auch weit mehr in der Freundschaft als in der Minne. Daher ist die Ritterlichkeit des Frauendienstes, wie sie in der Anschauung der feineren Welt immer noch durchklingt, dem Bauern ganz fremd. Die Bauersfrau bewahrt die Sitte des Hauses am treuesten und macht dadurch das Bauernhaus gar oft zu einem wahren Musterhaus, daran man dem Städter ein Exempel aufstellen kann. Aber dieses Leben in der häuslichen Sitte ist auch wieder passiv und unbewußt; ein Dritter erschauet wohl die in diesem Hause webende Poesie, aber die darinnen wohnen, ahnen sie selber nicht. Dieselben Ursachen und dieselbe Wirkung finden wir auch in der Familie des germanischen Alterthums. Man muß die romantischen Züge aus dem mittelaltrigen Ritterschloß nicht in die Bauernhütte der deutschen Urwälder übertragen. Treffend sagt Weinhold in seiner »Geschichte der Frauen des Mittelalters«: »Die Hochstellung der Frauen unter den Germanen war eine mehr religiöse als weltliche, mehr eine passive als active. Wir würden sehr irren, wenn wir die Frauen im Vordergrunde des Volkes und als die Mittelpunkte der Gesellschaft und des geistigen Lebens ansehen wollten. Die altgermanische Frauenverehrung ist durchaus nicht zu modernisiren; das Weib war Weib, zu deutsch ein Wesen hinter dem Manne. Rechtlich war die Lage der Frau völlig untergeordnet und läßt sich durchaus nur mit der des Kindes im väterlichen Hause vergleichen.« Bei den Wisigothen durften die Frauen nicht einmal ohne einen Beistand zur Ader lassen. Erst als in den höher gesitteten Gesellschaftsschichten des Mittelalters die Sonderung der Geschlechter bis ins Aeußerlichste vollzogen wurde, kam die romantische Minne und der ritterliche Frauendienst in das patriarchalische Haus. Denselben mittelaltrigen Frauen, die so opfervollen Minnedienst begehrten, war es bei den beschimpfendsten Strafen verboten, Männerkleider zu tragen, und die scheidende Etikette im Verkehr beider Geschlechter ist wohl niemals peinlicher zugespitzt gewesen als in jener Zeit. Seit dem Mittelalter blieb nun der Aristokratie das Streben eigen, nicht nur die Sonderung der Geschlechter immer schärfer zu vollziehen – was die nothwendige und wohlthätige Folge der entwickelten Gesittung überhaupt ist – sondern sie auch in allem äußeren Nebenwerk auf die letzte Spitze zu treiben. Dadurch sind wir dann endlich zu einem Extrem der Ueberweiblichkeit gekommen, das eben so einseitig ist als die Unweiblichkeit bei dem rohen Volk. Selbst der leibliche Gegensatz von Mann und Weib hat sich in der sogenannten »feinen« Welt zu einer fast erschreckenden Bestimmtheit durchgebildet. Schier findet man in dem Schmächtigen, Marklosen, Krankhaften das eigenthümlich Weibliche, wenn man bei dem Mann die frische Natur noch allenfalls gelten läßt. Die Unterscheidung des »schwachen« und »starken« Geschlechts wird auf dieser Stufe eine bittere Wahrheit. Eine schmächtig in der Stubenluft aufgeschossene Gestalt mit leidend weißer Gesichtsfarbe gilt uns schon als der Typus ächter moderner Frauenart. Die weichen, rundlichen, unterschiedslosen Formen in Gestalt und Zügen nehmen bei unsern Frauen so bedenklich überhand, daß wir fast den Sinn für persönlich charakteristische weibliche Schönheit verlieren. Wir zwingen unsere Maler immer mehr zu der Manier, einen Frauenkopf wie den andern zu bilden. Während beim gemeinen Volk das Weib die volle Hälfte von des Mannes harter körperlicher Arbeit auf seine Schultern nimmt, wird unter feinen Leuten die einfachste Kraftäußerung und Leibesübung für unweiblich gestempelt. Eine Dame, die auch nur einen ehrlichen Tagemarsch rüstig zu Fuß machen kann, gilt für ein Mannweib. Wer die edle, schönen Frauen so wohl anstehende Reitkunst übt, erscheint schon halbwegs als eine Emancipirte. Schon bei den höfischen Frauen des Mittelalters gilt es als eines der obersten Gesetze des Anstandes, möglichst langsam und mit ganz kleinen Schrittchen zu gehen, andeutend, daß nicht eine geschäftliche Nöthigung, sondern lediglich die freie Laune eine Dame zu dem plebejischen Akt des Gehens treiben dürfe. Hiermit hängt zusammen, daß das lange bis auf die Füße herabfallende Hof- und Paradekleid, welches jede freie und rasche Bewegung hemmt und eine Zwangsjacke zum feierlich langsamen Tempo ist, allmählig auch das Werktagskleid der vornehmen Damen und dann leider sogar der Bürgersfrauen wurde. Die Bauernweiber haben bei ihrer Theilung des landwirthschaftlichen Berufs mit den Männern vernünftigerweise noch zumeist die netten kurzen Röcke beibehalten. Hände, so fein und niedlich, daß man ihnen ansieht, es sey niemals mit denselben gearbeitet worden, Füße, so klein und nach dem Reihen hinauf widernatürlich zusammengedrückt, daß ein vollkommener Körper gar nicht ordentlich darauf stehen, geschweige gehen kann, gelten für besondere weibliche Schönheiten. Aphrodite zeigt uns auf den Bildsäulen der Griechen und Römer noch so kräftig ausgebildete und gut proportionirte Füße, daß eine moderne Dame sich schämen würde, dergleichen zu besitzen. So kommen wir auch zu der Forderung, daß ein schönes Frauengesicht nur Mienen haben soll, aber keine Züge . In den Mienen spiegeln sich die Stimmungen des Augenblicks, aus den Zügen aber spricht Schicksal und Charakter des Menschen. Hat eine Frau »Züge« – etwa wie eine Van Eyck'sche Madonna – dann dünkt uns ihr Kopf schon männlich, denn eine moderne feine Dame soll keine Schicksale gehabt, sie soll nichts erlebt, sie soll auch keinen bestimmten Charakter haben. Auch das Volk sagt: »Die häßlichste Frau ist die beste Haushälterin.« Ein häßliches Gesicht hat eben Züge, und hinter den Zügen steckt etwas. Darum besitzen große Geister das Privilegium der Züge und damit ein gewisses Privilegium der Häßlichkeit. Es ist offenbar, daß wir mit alle diesem bei dem unnatürlichen Extrem der Weiblichkeit, bei dem Ueberweiblichen angekommen sind. Wir gehen hier selbst weiter als das im Punkte der haarscharf ausgeklügelten Frauensitte doch äußerst pretiöse spätere Mittelalter. Damals gab man z.B. das Alleinreisen der Frauen noch in sehr liberaler Ausdehnung zu, während wir bald dahin gekommen seyn werden, daß sich anständige Damen nur paarweise gleich den Nonnen vor ihrer Hausthüre sehen lassen dürfen. So zwingen wir die gebildetere Frau, entweder in reiner Unthätigkeit zu verharren, oder die Schranken ihres Geschlechtes zu durchbrechen und ihrem Thätigkeitstrieb in Dingen, die außerhalb des Hauses liegen, Genüge zu leisten. Die feinste Spitze der Gesittung biegt sich hier wieder zur ursprünglichen Barbarei zurück, und die Dame des europäischen Salons verbringt gar oft ihr Leben ganz in derselben Weise wie das ungebildete Weib des orientalischen Harems, dessen Tagesarbeit erfüllt ist, wenn es sich geputzt, gebadet, mit Oelen und Pomaden gesalbt und zum Zeitvertreib ein wenig gestickt oder gewebt hat. Die Vertilgung der persönlichen Originalität im Weibe durch die Ueberweiblichkeit ist schon in den modernen Frauennamen angedeutet. Sie sind ohne Vergleich charakterloser als die Taufnamen der Männer. Nur ganz wenige ächt deutsche Frauennamen sind noch im Schwang, dafür unzählige fremdländische. In allerlei Formen und Unformen sind die neueren Frauennamen von männlichen abgeleitet, während die alte Zeit noch überwiegend viele, jetzt verklungene, selbständige weibliche Namen hatte. Wenn es unweiblich geworden ist, das persönliche Gepräge der »Züge« im Gesicht zu führen, dann ist auch ein wahrhaft persönlicher und originaler Taufname unweiblich und überflüssig. Und so glauben wir denn auch in unsern abscheulichen Christinen, Adolphinen, Georginen, Henrietten, Louisen, Charlotten, Albertinen, Seraphinen etc. wunder wie bedeutsame Namen zu besitzen, während sie gegenüber den stolzen, selbständigen Namen einer Gerberg, Liuba, Rosamunde, Hedwig, Bertha, Gertrud etc. doch eigentlich auf nichts deuten, als auf die Unselbständigkeit und Verblasenheit der persönlichen Natur bei unsern Frauen. Die veräußerlichte und übertriebene Scheidung der Geschlechter bei der Aristokratie und die daraus hervorwachsende Ueberweiblichkeit ist allmählich auch in die höheren Schichten des Bürgerthums eingezogen. Hier fehlt aber der feste Zusammenhalt der Familie und des Stammes, der es bei der Aristokratie noch einigermaßen unschädlich macht, daß dort fast alle eigene That von den Frauen genommen ist. Im Bürgerthum tritt die sociale Geltung der Familie in den Hintergrund. Die Ehe hat allenfalls noch ihre Romantik, aber nicht mehr ihre Politik. Die Neigungsheirathen überwiegen in eben dem Grade, wie bei den Bauern und Edelleuten die Standes- und Convenienzheirathen. Die Aufstellung förmlicher Ehegedinge wird in den Städten immer seltener. Die modern bürgerliche Sitte hat die patriarchalische Gewalt des Hausvaters möglichst abgeschwächt. Die altfränkische Forderung eines »Segens der Eltern« ist hier in der Oper und dem Schauspiel fast zu größerem Ansehen und drastischerer Wirksamkeit gekommen, als im wirklichen Leben. Ein Liebender, der nach altbürgerlicher Art zuerst beim Vater um die Hand der Tochter anhielte, um hintendrein seine Ehewerbung bei jener zu beginnen, würde sich geradezu lächerlich machen. Bei dem Bürgerthum verengert sich die historische und sociale Anschauung von der im Stamme und allen seinen Zweigen erst abgeschlossenen Familie zu der des vereinzelten häuslichen Kreises . Da kann dann freilich die Poesie der Minne, das ideale Moment der Einigung und Gleichstellung beider Geschlechter im Hause, die freie Liebeswahl von Mann und Frau zur vollen Geltung kommen, während das Alles bei dem Bauern niedergehalten wird durch die Starrheit des Familienbegriffs. Allein, was die Familie an traulicher Innerlichkeit und dichterischer Weihe gewinnen mag, das geht ihr am äußeren Umfang und an festem Zusammenhalt verloren. Und hiezu kommt dann also der auf's äußerste zugespitzte Begriff der modernen Weiblichkeit. Bei den französischen Damen berührt sich Unweiblichkeit und Ueberweiblichkeit am nächsten. Auch dem Hause ist dort der feste Boden der überlieferten Sitte fast ganz weggezogen. Darum droht in Frankreich aber auch das ganze Familienleben in Trümmer zu fallen. Auch bei den englischen Frauen grassirt die Ueberweiblichkeit. Weil aber in England ein wirkliches Hausregiment, strenge Familiensitte und Heilighaltung des häuslichen Herdes noch gangbarere Dinge sind, als in Frankreich, hat das weibliche Geschlecht seinen letzten Rückhalt noch nicht verloren. Als der Friedenskongreß im Jahre 1850 in Frankfurt tagte, erregte es bei uns Deutschen kein geringes Aufsehen, daß die englischen Teilnehmer, sowohl aus Britannien wie selbst aus Nordamerika, fast sammt und sonders ihre Frauen über's Meer mitgebracht hatten. Ein Franzose und wohl auch ein Deutscher aus der verfeinerten Gesellschaft würde im Gegentheil froh seyn, bei solchem Anlaß einmal auf ein paar Wochen familienlos erscheinen zu dürfen, und die Frau jedenfalls zu Hause lassen, um sich wieder einmal auf etliche Tage recht ohne alle Fessel in die goldene Zeit des Junggesellenlebens zurückzuversetzen. Die veräußerlichte und übertriebene Sonderung der Geschlechter ist ein wahrer Keil zum Auseinandersprengen der Familie geworden. Der feinen Dame ist das Walten im Hause zuletzt auch nicht mehr weiblich genug. Die Unweiblichkeit auf niederen Culturstufen verdunkelt die eheliche Liebe und Hingebung: die Ueberweiblichkeit der veräußerlichten Civilisation zerstört das »Haus.« Bei den Bauern und den Kleinbürgern kann es häufig ein Gebot der Nothwendigkeit seyn, eine Frau zu nehmen, weil auf dem Acker und in der Werkstatt die Mitarbeit einer Hausfrau gefordert ist. Die Frau findet also ihren ganz bestimmten Beruf in der Familie bereits vor. Ebenso kann der sociale Beruf des Aristokraten, der in dem Stamme erst dem Individuum vermittelt ist, um der Aufrechthaltung dieses Stammes, um der Pflege des historischen Familienlebens willen, zur Heirath gebieterisch zwingen. Auch hier findet die Frau, und sey sie noch so überweiblich geworden, wenigstens eine Seite ihres Berufes in der Familie bestimmt vorgezeichnet. Und dieser Beruf in der Familie ist zugleich ein Beruf im Stande , wie er bei der Bäuerin und Kleinbürgerin nebenbei ein geschäftlicher Beruf ist. Bei dem reichern und gebildetem Bürger dagegen wird die Gründung einer Familie fast immer rein die Sache persönlicher Neigung seyn. Ist daher die Frau zu fein, um in der Familie und dem Hause, rein um der Familie selbst willen, ihren Beruf und ihren Frieden zu finden, dann steht eine solche Ueberweibliche ganz ohne den sittlichen Halt eines festen Berufes in der Luft. Nichts thun ist aber hier schon so viel wie zerstören. Die Frau, welche das Haus nicht erbaut, reißt das Haus nieder. Eine Zwischenstellung gibt es nicht. Nun hat aber auch die neuere Zeit eine große Zahl selbständiger weiblicher Berufszweige ausgebildet, durch welche das Weib der Familie ganz entrückt wird. Diese Künstlerinnen und Erzieherinnen aller Art bis herab zu den Köchinnen und Näherinnen treiben für sich ein eigenthümlich weibliches Geschäft, sie stehen da als social ganz vereinzelte und eigenherrische Wesen und unterscheiden sich dadurch ganz bestimmt von der Frau des Bauern oder des Kleinbürgers, die ihrem Manne um der Familie willen in seinem – männlichen – Berufe aushilft. Die Familie besteht für diese selbständigen Frauen nur noch als etwas Zufälliges, wie auch ihr Geschlecht nur noch etwas Zufälliges ist. Diese Erscheinung, die wohl immer im Kleinen vorhanden war, rückt jetzt massenhaft vor, verwirrt die Klarheit des Gegensatzes von männlichem und weiblichem Beruf und hemmt eine durchgreifende Reform der Familie. Dazu kommt eine andere Neubildung, der vierte Stand, in welchem die Familienlosigkeit geradezu zur Regel wird. Wo hier die Familie auftritt, ist sie meist zur Existenz gar nicht berechtigt. Wie soll sie nun eine gesunde, vollgültige Familie werden? Der Stand setzt sonst das Haus voraus; der vierte Stand hat aber kein Haus. Er erweist sich also auch in diesen Sinne als der Stand, der sein eigenes Wesen verneint. Das Weib steht hier vereinsamt, fessellos; es kann sich nicht in seiner Eigenthümlichkeit entfalten, weil es von seinem natürlichen Boden, der Familie, abgelöst ist. Neben unberechtigten Familienexistenzen wuchert freie Liebe, wilde Ehe. Unweiblichkeit und Ueberweiblichkeit gehen hier oft die seltsamste Mischung ein. Nachdem daher den modernen Poeten die Bauernmädchen zu grob und die Fräulein zu fein geworden waren, haben sich die französischen Neuromantiker mit besonderer Liebe dem »Weib aus dem Volke,« den Frauen des vierten Standes zugewandt. Hier gehen noch die herbsten Gegensätze einträchtig mit einander, romantische Rohheit und pikante Fäulniß der Civilisation, hier kann man noch einen Teufel zum Engel verklären, und eine Buhldirne, die an den Straßenecken Abends auf den Fang lauert, zu einer Magdalena rein waschen. Man muß sich nicht verhehlen, daß die »Marien-Blüthen« und »Camelia-Damen« dieser Poeten trotz ihrer künstlerischen und sittlichen Unwahrheit das Lesepublikum, namentlich das weibliche, am Herzen gepackt haben. Denn es spiegelt sich in ihnen eine der unheimlichsten, aber auch sicherlich folgenschwersten Gährungen der Zeit, angerührt durch die übertriebene und veräußerlichte Sonderung der Geschlechter und die damit zusammenhängende innere Familienlosigkeit im höheren Bürgerthume und die äußere Familienlosigkeit beim vierten Stande. Die Stellung der Frau in der Familie bei Bauern, Bürgern und Aristokraten ist kurz und bündig in Folgendem versinnbildet: Bei den Bauern reden sich die Ehegatten mit Du an, das Kind aber muß den Vater Ihr heißen. In der höheren Aristokratie sagt häufig nicht bloß das Kind zum Vater, sondern mitunter wohl auch zum Uebermaß der die Geschlechter scheidenden Etikette ein Gatte zum andern Sie . Altbürgerliche Sitte war es, daß wenigstens das Kind den Vater Sie oder Ihr nannte. Neubürgerliche Sitte dagegen ist's, daß sich die ganze Familie, für welche die Gemüthlichkeit des häuslichen Lebens an die Stelle der patriarchalischen Zucht des Hauses getreten ist, durch die Bank duze . Nicht bloß im gesunden, selbst im kranken leiblichen Leben scheiden sich in den verfeinerten Gefellschaftsschichten die beiden Geschlechter auf's bestimmteste. Die Gruppe der eigenthümlichen Frauenkrankheiten, welche bei den niedern Volksklassen nur klein und gleichsam die von der Natur diktirte Ausnahme ist, erweitert sich hier künstlich zur Regel. Das ganze Krankheitsleben der verfeinerten Frauenwelt ist ein individuelles, von dem Kreise der Männerkrankheiten unterschiedenes geworden, und die Berufung eigener Damenärzte wäre eben so zweckmäßig wie die von eigenen Damenpredigern und Beichtvätern. In den Dorfschulen erhalten Buben und Mädchen die ganz gleiche geistige Ausbildung; sie sitzen sogar meist zusammen auf der nämlichen Schulbank. Beim Kleinbürgerthum, in der niedern städtischen Volksschule, nehmen wir wohl noch das Gleiche wahr; aber so wie wir höher aufsteigen sondert sich eine selbständige weibliche Erziehung von der männlichen ab. Wollte oder könnte man eigene Töchterschulen auf dem Lande errichten, so würde man dort eine vollständige Revolution in die gegenseitige Stellung der beiden Geschlechter werfen. In der gebildeteren Gesellschaft haben wir aber nicht bloß eigene Schulen, eigene Lehrsysteme, eigene Lehrerinnen und Lehrbücher für das weibliche Geschlecht, sondern auch eine ganze Bibliothek von Schriften, welche alle Zweige der Wissenschaft, von der Astronomie bis zur Aesthetik, weiblich machen , für Frauen popularisiren und verwässern. Es ist dieß also eine Art von Volksliteratur für gebildete Frauen. Den Schriftstellern dagegen, die für das »wirkliche Volk,« für die bildungsärmeren Volksklassen, schreiben, wird es gewiß nicht beifallen, entsprechend eine gemeinnützige Literatur für Bauernfrauen gesondert abzuzweigen. Hier zielen die Bücher auf das ganze Volk, auf die in Bildung und Beruf noch nahe oder gleichstehenden Männer und Frauen zumal. Die Literatur und Kunst für Frauen und von Frauen wird immer selbständiger. Sie wirkt bereits auf unsere gesammte Entwicklung in Wissenschaft und Kunst leise aber sicher zurück. Namentlich ist schier unsere ganze Belletristik geradezu unter den Pantoffel gekommen. Ich sprach oben von den männlichen Zügen der Frauenköpfe aus vergangenen Jahrhunderten. Ihnen zur Seite finden wir die prächtigen altdeutschen Männerköpfe, strenge, feste Physiognomien, mit den bestimmtesten Zügen, die ein stark bewegtes Leben eingegraben, ganze Naturen, ächte Charakterköpfe, an denen wir uns nicht satt sehen können. Dieser deutsche Männerkopf den Keiner tiefer erfaßt und dargestellt als Holbein, verschwindet in der feinen, vornehmen Welt immer mehr. Die Einflüsse der Ueberweiblichkeit strahlen in diesen Kreisen von den Frauen auch auf die Männer über, und das Uebermaß der Sonderung der Geschlechter droht sich dadurch wieder auszugleichen, daß der feine Mann weibisch wird, ein Milchgesicht an Leib und Seele. Davon werde ich ein Mehreres reden im nächsten Kapitel, welches »die Emancipirung von den Frauen« zur Überschrift führt. Die Holbeinischen Männerköpfe sind aber deßhalb doch noch lange nicht ausgestorben in unserer Zeit. Eine Gallerie unserer großen Meister in Wissenschaft und Kunst würde hunderte der durchgebildetsten Prachtexemplare dieser Art enthalten; auch auf den Bauerndörfern, in den Werkstätten, unter den Handarbeitern finden sich solche ächte Charakterköpfe des deutschen Mannes noch in reicher Wahl. Nur im Salon entdecken wir sie kaum mehr. Mit anderer Barbarei der verfeinertsten Gesittung wuchern dort auch jene aus dem Modejournal geschnittenen weiblichen Männerköpfe ohne »Züge,« hinter denen ein Maler aus Holbeins Zeit wohl Hermaphroditen vermuthen würde, nicht aber ganze Männer. Und die stecken auch in der That nicht dahinter. Auf die Liebe und Liebesunfähigkeit solcher Milchgesichter zielt es wohl, wenn die Frauen im Volkssprüchwort verächtlich sagen: »Ein Kuß ohne Bart ist ein Ei ohne Salz.« Ich muß aus alle dem Vorhergehenden doch auch noch eine allgemeine Schlußfolgerung ziehen. Sie lautet so: Wenn das Weib in dem eigenartigen Gepräge seines Geschlechts sich recht klar von männlicher Art abhebt und die weibliche Sitte auf's unterschiedenste zuspitzt, dann nur kann es frei seine Einflüsse in Haus und Gesellschaft üben und herrschen wo es soll und – wo es nicht soll. Dagegen bleibt es in um so höherem Grade die Leibeigene des Mannes, als männliche Sitte und männliches Wesen noch ungeschieden in ihm vorhanden ist. Mir fällt nicht ein, den für die Idealität des Familienlebens so bedeutsamen Zug in der Stellung des Weibes anzutasten, wornach in den höheren Gesellschaftsschichten die Last aller äußeren Berufsarbeit von ihm genommen ist, damit es im stillen, in sich befriedeten Seyn die versöhnte Innerlichkeit des Gemüthslebens gegenüber dem nach Außen drängenden Schaffen des Mannes voll und rein und schön darstelle. Es stimmt vielmehr dieser ideellere Beruf der glücklicheren Hälfte der Frauen vollständig zu meinem Satze, daß dieselben, ächt aristokratisch, mehr durch das wirken sollen, was sie repräsentiren, als durch das was sie thun, ein Gedanke, der so alt ist, als die Erkenntniß der weiblichen Natur überhaupt und der so sinnreich aus einigen Schiller'schen Xenien hervorklingt, wenn der Dichter z.B. von der weiblichen Schönheit sagt: »Wo sie sich zeige, sie herrscht; herrschet bloß, weil sie sich zeigt,« Und von der Frauen Tugend im Gegensatz zu der des Mannes: »Tugenden brauchet der Mann, er stürzt sich wagend in's Leben, Tritt mit dem stärkeren Glück in den bedenklichen Kampf. Eine Tugend genüget dem Weib: sie ist da, sie erscheinet ; Lieblich dem Herzen, dem Aug' lieblich erscheine sie stets.« Und von dem »weiblichen Ideal«: »Dünke der Mann sich frei! Du bist es, denn ewig nothwendig Weißt du von keiner Wahl, keiner Nothwendigkeit mehr.« Die Blütheperiode unserer klassischen Nationalliteratur im achtzehnten Jahrhundert zeigt auf tausend Blättern ein tiefes Verständniß der modernen deutschen Frauennatur. Man braucht nur die Art wie Goethe Frauenart und Frauenliebe erfaßt, zu vergleichen mit dem Frauencultus und dem Minnedienst des Mittelalters, um den ungeheuern Fortschritt zu erkennen, den wir in der freien, eigenartigen Entfaltung beider Geschlechter und doch auch wieder in der Vereinigung des männlichen und weiblichen Berufes gemacht haben. Allein Goethe's Frauencharaktere haben auch noch »Züge«, sie kranken noch nicht an der Blässe und Gestaltlosigkeit der Ueberweiblichen. In dem Kapitel von der »Verleugnung des Hauses« werde ich zeigen, wie die überlieferte deutsche Sitte des Hauses und die in ihr wohnende Poesie schier gar in Ungnade gefallen war bei unsern großen Literatoren aus Goethe's Zeit. Wenn diese Poeten nun aber auch vor der geschichtlichen Thatsache des deutschen Hauses zurückschreckten, dann wußten sie den Gegensatz männlicher und weiblicher Art in seiner Scheidung und Versöhnung um so tiefer zu erkennen und dichterisch zu gestalten. Kein Dichter hat die weibliche Natur in ihrer edelsten modernen Erscheinung wahrer und mannichfaltiger gezeichnet als Meister Goethe. Allein die ganze Bildung jener Zeit blieb eben stehen bei dem ersten Theile der Wissenschaft von der Familie, bei dem Buche, welches von »Mann und Weib« handelt, zu dem zweiten Buche, welches die historisch entwickelte Verfassung der deutschen Familie und die organisch erwachsene Sitte des Hauses zum Gegenstande hat, vermochte erst ein späteres Geschlecht wieder vorzudringen. Dieselbe Einseitigkeit aber lastet schwer wie ein Alp noch jetzt auf der häuslichen Lebenspraxis fast der ganzen vornehmeren und gebildeteren Gesellschaft. Fassen wir den Muth, auch das zweite Buch der Familie uns wieder zu erobern, das Buch, welches den »Organismus der Familie und die Sitte des Hauses« im Titel führt! Nach J. J. Wagners geistvollem Worte »schaut das Volt sich selber an in seinen Familien.« In der Familie dämmern uns zuerst die natürlichen Gliederungen des Volkes auf. So schreibet auch schon Paulus an die Korinther: Ich lasse Euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt, der Mann aber ist des Weibes Haupt, Gott aber ist Christus Haupt« – und entwickelt die einfachste Gliederung des Gottesreiches und das große Mysterium der Stellung Christi an dem Mysterium der Stellung von Mann und Weib. Je tiefer wir eindringen in das Wesen der Familie, wie es durch die im Culturprocesse wechselnde Art von Mann und Weib mitbedingt wird, um so reicher und prachtvoller wird auch hier die natürliche Mannichfaltigkeit des gesammten Volkslebens vor unsern innern Sinnen aufleuchten. Recht als ein Spiegel des großen Weltorganismus, darinnen auch nicht das Gleichartige, steif Symmetrische, sondern das Ungleichartige, groß und klein, gerad und krumm, zur stolzen Einheit sich zusammenbaut, schauet uns dieses organisch gegliederte Volksthum an. Wie will uns die Schulweisheit, welche nach den nivellirten großen Städten, in denen sie sich eingesponnen, die ganze Welt bemißt, solche fröhliche, üppige Naturfülle wegdisputiren? Mag von politischen Folgerungen daraus entspringen, was da will: zuerst kommt uns die ewig junge Natur des Volkslebens und die Pflege ihres freien Wachsthums und hintendrein erst die »alte Schwiegermutter« Politik. Drittes Kapitel Die Emancipirung von den Frauen In Tagen der Abspannung des öffentlichen Lebens, der erschlafften Sitte des Hauses, in üppigen Friedenstagen bemerken wir in den verschiedensten Zeitläuften ein Vordrängen der Frauen auf den offenen Markt, ein Hereinpfuschen namentlich in die geistigen Berufe der Männer. So geschah es in der Zeit nach den Kreuzzügen, wo die vornehmen Frauen mit Sprachstudien dilettirten und oft besser lesen und richtiger schreiben konnten als ihre Männer, während andererseits der Minnedienst in einer Weise überwucherte, daß er zu einem sittlichen und gesellschaftlichen Fluch zu werden drohte. Aehnlich stand es am Ausgang des Mittelalters. Die gewaltigen Gährungen eines neuen Culturlebens brausten auf. Der Märzsturm dieser weltgeschichtlichen Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche rüttelte auch an allen Pfosten des deutschen Hauses. Da traten aus diesem sonst so verschwiegenen Hause gelehrte Streiterinnen des Humanismus, die mit Latein und Griechisch um sich schlugen und in den klassischen Staats- und Privatalterthümern besser zu Hause waren als in den »Alterthümern« der strengen deutschen Haussitte. Als die Araber in Spanien sich unabhängig gemacht hatten von dem Khalifat, als die Omejjaden den höchsten Prunk eines orientalischen Hofes in Cordova entfalteten, da war mit diesen Thatsachen der Glaubensstaat des Islam bereits in seiner Idee verleugnet, in seinem Kern angefressen. Alsbald kommen aber auch spanisch-arabische Dichterinnen in erklecklicher Zahl und eine Favorit-Sultanin schreibt historische und ästhetische Untersuchungen. Das sind die Leichenhühner, die das Absterben des Reiches Mohameds ankündigen. Als mit der Ermordung Ali's, mit der Herrschaft der Omejjaden in Damaskus die Periode der großen Glaubensspaltung und des Glaubensspottes im Islam beginnt, sehen wir sogleich eine Frau, der strengen Bande orientalischer Frauenzucht vergessend, an der Spitze der Spötter. Die eigene Gemahlin des Khalifen Muavia macht ein Spottgedicht auf ihren Eheherrn: dieser aber als resoluter Muselmann schickt den Blaustrumpf im Harem sofort wieder zu ihrem heimathlichen Stamme zurück. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert erscheint eine kurze Periode, wo in den Niederlanden und Italien die Malerinnen und Kupferstecherinnen wie Brombeeren an allen Wegen wachsen. In der Perücken- und Zopfzeit treten die fürstlichen Mätressen in den Vordergrund, nach Kräften sich in der Staatskunst versuchend. In Frankreich nahmen die Buhldirnen am Throne Revange dafür, daß das salische Gesetz den Frauen verbietet, auf dem Throne das Land zu beherrschen, und die Pariser Damen wurden geistreich und trugen in Briefen, Memoiren und Romanen gar emsig Urkunden zusammen zur Gesellschaftskunde ihrer Zeit. In unsern Tagen ist es vorwiegend die Kunst und die schöne Literatur, worin eine große Gruppe von Frauen auf die Zeitstimmung Einfluß übt. Immer deutet aber auch hier das massenhafte Hervorströmen geistig productiver Frauen und die Vergötterung der weiblichen Schöngeister auf eine Periode des politischen Stillstandes. Die Geschichte unseres politischen Elendes läuft parallel mit unserer Geschichte der Blaustrümpfe. Wo aber das öffentliche Leben einen kräftigen neuen Aufschwung nimmt, da sind allezeit die Frauen in den Frieden des Hauses zurückgetreten. Ein wahnsinniger Cultus der Sängerinnen bezeichnet die Zeit der Karlsbader Beschlüsse. In den schwülen, matten Tagen nach der Julirevolution stoßen wir auf eine ganze Schaar von Schriftstellerinnen, welche das junge Deutschland mit einem Zwiebacksüpplein aufziehen helfen. Bettina's »Schwebereligion« und die »Gedankenatomistik« der Rahel würden zu einer andern Zeit schwerlich so begeisterte Bewunderer, selbst in Berlin nicht, gefunden haben. Nur an dem unheimlichen nebligen Vorabend der Februarrevolution konnte es noch Lärm erregen, daß etliche Frauen von deutschem Namen und französischer Art mit der »Emancipation« gleichsam auf den Messen hausiren gingen, indem sie dem ganzen deutschen Publikum zeigten, wie eine emancipirte Frau ißt, trinkt, raucht und mit der Polizei Scandal hat. Die Zeit der sprachgelehrten Frauen im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert ist zugleich eine Zeit der sprachgelehrten Wunderkinder gewesen, gerade so wie jetzt das künstlerische Dilettantenthum bei den Frauen mit den künstlerischen Wunderkindern zusammenfällt. Melanchthon schrieb bekanntlich, als er fünfzehn Jahre alt war, seine griechische Grammatik und hielt im sechzehnten als Magister Vorlesungen über die Philosophie des Aristoteles. Andreas Canter aus Gröningen legte schon vor dem zehnten Jahre die h. Schrift öffentlich aus, ward im zehnten Jahre beider Rechte Doctor und disputirte öffentlich vor Kaiser Friedrich III., der ihn nach Wien berief. Das geht noch über die Milanollo's. Wie aber heutzutage das künstlerische Virtuosenthum miasmatisch in der Luft der Zeit schwebt, daß ja auch heuer zehnjährige Bübchen schon Verse machen so glatt und schön wie Platen und Rückert: – so erging es damals mit dem sprachgelehrten Virtuosenthum. Dringt nun ein solches Miasma einmal so gründlich durch, daß die Frauen massenhaft davon berührt werden, dann müssen zuletzt selbst auch noch die Kinder daran, und wo die Blaustrümpfe epidemisch auftreten, da kommen alsbald auch einige Wunderkinder nach. Es ist dann aber auch hohe Zeit, daß man die Luft reinige. Ich sage nicht, daß eine Frau überhaupt alle künstlerische und literarische Produktivität sich versagen solle. Aber das massenhafte Aufsteigen weiblicher Berühmtheiten und ihr Hervordrängen in die Oeffentlichkeit ist allemal das Wahrzeichen einer krankhaften Nervenstimmung des Zeitalters. Gar leicht unterschätzt man den Einfluß dieser aus dem Rahmen der Familie in ganzen Schwärmen heraustretenden Frauengeister. Kunst, Literatur und Gesellschaft der Gegenwart zeigen aber wahrhaftig genug sichtbarliche Spuren desselben. Als die Schauspielkunst noch vorwiegend oder ausschließend von Männern geübt wurde, war sie ganz anders geartet als gegenwärtig. Die Gründung eines eigenen Berufs der Schauspielerinnen und Sängerinnen ist nicht bloß ein Bruch mit alten Sitten gewesen: sie schloß zugleich eine ästhetische Umwälzung der gesammten Bühnenkunst in sich. Ebenso erging es mit der Kirchenmusik, als die Kirchensängerinnen dazu kamen. Der ganze katholische Cultus hat durch dieses weibliche Element eine andere Nase bekommen. Die Kirchenmusik hat ihren Mönchscharakter, ihren ascetischen Ton verloren, sie ist dramatisch geworden, der Welt geöffnet, als die Frauen auf den Singchor stiegen; und die gemächlichen Wiener Meister konnten zuletzt gar eine förmliche Volksmusik zur Messe machen, und weil die Kirchweih ja auch mit der Kirche zusammenhängt, so umklingt selbst etwas Kirchweihmusik naiv und rührend und weiblich schalkhaft den alten, strengen, männlichen Text. Wenn man es in früherer Zeit als selbstverständlich ansah daß die Schauspielerinnen, weil sie sich ja so manchmal hinwegsetzen mußten über weibliche Sitte, auch hinwegsprangen über die Sittlichkeit, so lag in dieser Folgerung eine aus tiefer Kenntniß der weiblichen Natur geschöpfte Wahrheit. Und die That bestätigte sie. Die Schauspielerinnen waren wirklich im Ganzen sehr zuchtlos, solange ihr Beruf außerhalb der Schranken der bürgerlichen Sitte gestellt erschien. Erst als dieses freie weibliche Künstlerleben allmählich selbst Sitte und Regel zu werden anfing und in der Gesellschaft einen bestimmten Platz zu finden begann, hob sich auch die Sittlichkeit hinter den Kulissen. Es begegnen uns hier allerlei interessante Einzelzüge, charakteristisch für die Stellung der Frauen überhaupt. Die Schauspielerin tritt durch ihre öffentliche Wirksamkeit aus den Schranken des Familienheiligthums heraus. Die früher fast allgemeine Sitte, daß solche Künstlerinnen ihren Familiennamen dem Publikum gegenüber mit einem Künstlernamen vertauschten, ist hierfür höchst bezeichnend. Verheirathete Schauspielerinnen dienen zweien Herren; es liegt ein richtiger Gedanke der Forderung zu Grunde, daß eine Frau, welche sich einem öffentlichen Dienste widmet, der Familie entsage. Die weiblichen Priesterinnen, die Nonnen, sind darum auch mit Recht familienlos. Im priesterlichen Amt, in der Kinderzucht, in der Kranken- und Armenpflege etc. tragen sie den Tribut an die Gesellschaft ab, welchen sonst das Weib in seiner Wirksamkeit für die Familie abzutragen pflegt. Der Staat stellt nicht gerne verheirathete Lehrerinnen an. Der Brauch der Schauspielerinnen, in der Ehe ihren ursprünglichen Namen mit dem neuerworbenen ihres Mannes zusammengekoppelt fortzuführen, findet seine sociale Rechtfertigung. Die verheirathete Künstlerin, selbständig wirkend und erwerbend, steht nur halb unter dem Hausregiment ihres Mannes. Man präsumirt auch in der Regel nicht mit Unrecht, daß sie ihren Mann mehr als andere Frauen unter dem Pantoffel habe. Wir befinden uns hier aber auch auf einem der lehrreichsten Gebiete für das Studium der Frauennatur in ihren kunstgeschichtlichen Einflüssen. Eine vollere Hingabe des Künstlers an die Oeffentlichkeit als auf der Bühne läßt sich nicht denken. Er macht seine eigene Persönlichkeit als solche zum Kunstwerke . Daher scheidet sich auch hier der Gegensatz von männlicher und weiblicher Art ästhetisch am schärfsten ab. Das Weib, seinem vorwiegend passiven Wesen gemäß, wirkt auf der Bühne auch künstlerisch weit mehr durch das, was es ist, wie es sich giebt, als durch sein Handeln, mehr in dem fertigen, als in dem sich entwickelnden Charakter. Gerade der äußerlich hinreißendste Effekt genialer Darstellerinnen weist auf diesen Satz zurück. Ich erinnere an Jenny Lind und Henriette Sonntag. Frauenrollen sollten darum vom Dichter mehr bloß angelegt als ausgeschrieben seyn. Man erzählt von der Pasta, daß sie schon durch ihr bloßes Kommen und Gehen den Zuschauer in die ahndungsvolle Stimmung der Situation zu versetzen gewußt habe, und daß das ruhende Kunstgebilde ihres bloßen Erscheinens bei der weiblich maßvollen Plastik ihrer Geberden von weit hinreißenderer Wirkung gewesen, als das vordringende Spiel Talma's. Es war die ruhende Majestät der idealen Weiblichkeit, welche wesentlich nur erscheinen, nur sich geben darf, um zu wirken. Die gleiche Beobachtung wird man bei der Rachel machen können: ihre stärksten Effekte weiß sie meist in die Pausen zu legen, am wildesten bewegt erscheint sie, wenn sie stille steht, und durch die Kunst der Repräsentation ihrer Persönlichkeit macht sie die Sünden ihrer französisch manieristischen Declamation auch für den deutschen Zuschauer wieder gut. Solche Erscheinungen, denen sich hundert verwandte anreihen ließen, mußten eine ganz neue Art von dramatischer Kunst schaffen. Seit die Frauen die Bühne überwiegend beherrschen, wird das Schauspiel mehr und mehr durch die Oper verdrängt. Auf einen großen Sänger kommen gewiß vier gleich bedeutende Sängerinnen, aber auf vier selbstschöpferische Schauspieler kaum eine Schauspielerin vom gleichen Range produktiver Künstlerschaft. Dieses Verhältniß ist ganz naturgemäß. So wie der Bühnenkünstler singt, stellt er fast immer die handelnde Entfaltung des Charakters still und zeigt uns denselben in seiner objektiven Erscheinung; er tauscht die männliche Gedankenfülle des gesprochenen Wortes mit der weiblichen Gemüthsfülle des Tons. Hier sind die Frauen obenauf. Der Milder-Hauptmann fehlte der eigentliche Genius, ja selbst die strenge musikalische Schulbildung; sie sang die edelsten Recitative in Mozarts und Glucks Opern im Wiener Dialekt, ihr Organ ermangelte der Biegsamkeit, ihre Bewegungen der freien höheren Grazie. Und dennoch galt sie Jahrzehnte hindurch für eine Künstlerin ersten Ranges. Es war die ruhende Schönheit der gewaltigen Fülle des reinen metallklingenden Tones, die Naturschönheit einer weiblichen Heldengestalt, welche ein Kunstwerk ahnen ließ, ohne daß ein solches ausgeführt vorhanden war. Nicht durch das, was sie that, sondern durch das, was sie repräsentirte, wirkte die Künstlerin. Hier ist die Gefahr einer tiefen Verderbniß des Geschmacks durch den Einfluß einer solchen vorwiegend weiblichen Kunstrichtung sehr nahe gelegt. Die eigenthümlich weibliche Kunstauffassung der einzelnen großen Sängerinnen wirkte seit Faustina Hasse's Tagen häufig selbst maßgebend zurück auf die ganze Schreibart des Componisten. Gar mancher neuere italienische und französische Meister ist zum Manieristen verdorben worden durch die Sängerinnen, denen er seine Rollen auf den Leib schrieb. Nur von sehr wenigen Sängern wird man einen ähnlichen Einfluß nachweisen können, und beim Schauspiel wird sich vollends gegen ganze Dutzende von Componisten kaum ein einziger Dichter finden, der seine Dramen für eine bestimmte Schauspielerin gedichtet hätte. Durch den Beruf, auf der Bühne die eigene Persönlichkeit in freier, wechselnder Gestaltung als Kunstwerk zu setzen, wird es, wie schon angedeutet, den Künstlerinnen nahe gelegt, auch im bürgerlichen Leben nach freier Laune sich ihre wechselnde originelle Rolle zu schaffen, unbekümmert um die nüchterne Einförmigkeit der socialen Sitte. Der romantische Reiz dieser künstlerischen Entfesselung der Frauensitte wirkt ansteckend auch weit über die Künstlerkreise hinaus. Seit Frauen öffentlich die Bretter betreten, seit die bürgerliche Sitte sich allmählig ausgesöhnt hat mit dieser Thatsache, recken die Philinen, obgleich sehr selten im Geiste der Goethe'schen Romanfigur, in allen Ecken der verfeinerten Gesellschaft die Köpfchen in die Höhe. Es gibt wenig Grillen der modernen emancipirten Frauen, die ihren Ursprung nicht auf die Künstlerlaunen der weiblichen Bühnenwelt zurückführen ließen. Ein Urbild einer solchen modernen Künstlerin, die auch das bunte Drama ihres wirklichen Lebens dichterisch frei gestaltete und im hellen nüchternen Tagessonnenlicht ganz ebenso phantastisch auftrat, als sey sie von dem gedämpften Lampenschimmer der Schaubühne umleuchtet, war die Malibran. Wenn das ungelehrige Kind, von der geißelnden Ruthe ihres harten Vaters in die Vorhallen des Kunsttempels getrieben, plötzlich umschlägt, und in der eigenthümlichsten, genialsten Erfassung ihrer Kunst ganz in derselben aufzugehen scheint, trotz dem schmerzensfeuchten Ausdruck ihres tief wehmüthigen Auges naiv und ausgelassen fröhlich, scheinbar dennoch ein ganzes Kind ist und bleibt, wenn sie, die zarte Jungfrau, doch zugleich als kühne Reiterin auf wilden Rossen dahin jagt, bei ihren Seereisen als nicht minder kecke Schwimmerin in leichter Matrosenkleidung über Bord mitten in die Fluthen springt, ebenso in ihrem Gesang mit bestrickendem Zauber das Widersprechendste zu vereinigen weiß, und plötzlich, räthselhaft wie sie aufgetaucht, wieder verschwindet und gerade zur rechten Zeit in der vollen Frühlingsblüthe ihrer Schönheit und ihres Ruhmes stirbt: dann glauben wir nicht nüchterne Wirklichkeit, sondern ein zartes Idyll, ein duftiges Mährchen vor uns entfaltet zu sehen, oder auch den vollendeten Roman eines ächt modernen künstlerisch emamcipirten Blaustrumpfes. Diese Damen arbeiten nicht bloß auf den ästhetischen, sondern auch auf den bürgerlichen Kulisseneffekt. Eine geraume Zeit erschien das fashionable Virtuosenthum als die affenmäßige männliche Copie einer solchen weiblichen Bühnenkunst außerhalb der Bühne. Diese eleganten Virtuosen, die bald genial struppig wie Buschmänner, bald geschniegelt wie Ladendiener auftraten, stiebten gleichfalls mehr durch das zu wirken, was sie repräsentirten, als durch das, was sie leisteten. Interessant zu sein lag ihnen näher als interessant zu musiciren, und in Weiberlaune sich über die Sitte hinaus zu setzen, dieß eben dünkte ihnen interessant. Hier zeigte sich's recht deutlich, daß, wenn eine Nachahmung männlichen Wesens beim Weibe unter gewissen Umständen und in engen Gränzen noch passiren mag, die Koketterie mit weiblicher Art beim Manne unter allen Umständen läppisch und ekelhaft erscheint. Es wirft interessante Streiflichter auf den Entwicklungsgang des Frauenthums, wenn wir der ächt modemen weiblichen Kunstübung des Bühnenberufs und ihren Folgen für Gesellschaft und Haus die entsprechend vorwiegende Neigung der kunstbegabten Frauen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts zur Malerei vergleichend gegenüber stellen. Während gegenwärtig die Frauen eine selbständige, sozusagen weibliche Seitenlinie der dramatischen Kunstschöpfung eröffnet haben, schmiegen sich jene zahlreichen Malerinnen im Gegentheil wunderbar treu und voll Selbstentsagung den großen männlichen Meistern an. Also auch hier ist in der höheren Bildungsepoche das weibliche Naturell eigenartiger hervorgetreten. Jene Malerinnen beschränken sich fast durchweg auf Kunstzweige, deren oberste Anforderung auf die treue und fleißige Ausführung, nicht auf neue Erfindung und geniale Composition zielt: Blumenstücke, Porträte, Miniaturbilder. Der Zahl nach sind diese Künstlerinnen sehr bedeutend, der kunstgeschichtlichen Geltung nach unbedeutend. Die italienische Historienmalerin Sirani wird als die einzige genannt, »deren Lob nicht von Schmeichelei eingegeben, sondern von ihrem Verdienst gefordert worden sey,« und dieses Lob ist doch auch schon längst von Vergessenheit gedeckt. Es handelt sich hier weniger um einen epochemachenden geistigen Aufschwung der Frauen, als um eine Fortsetzung der mittelalterlichen Damenliebhaberei an allerlei Curiositäten, an niedlicher Arbeit. Sie stickten mit Pinsel und Grabstichel. Gar viele dieser Malerinnen waren zugleich – und darin klingt abermals eine mittelalterliche Reminiscenz durch – Sprachgelehrte. Die Porträtmalerin Anna Maria Schurmann, eine Musterfigur dieser Gattung, war eine wahre Tausendkünstlerin von Jugend auf. Sie dichtete, musicirte, malte, stach in Kupfer, schnitzte in Holz und Elfenbein, sprach im siebenten Jahre Latein, übersetzte im zehnten Seneca's Schriften ins Flandrische und Französische. Nebenbei handhabte sie noch das Griechische, Hebräische, Syrische, Spanische und Italienische in Versen und in Prosa. Die Malerin Elisabeth Cheron war Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften und übersetzte als ein weiblicher Ambrosius Lobwasser die Psalmen aus dem hebräischen Urtext in französische Reime. Dieß giebt ein ungefähres Bild von den damaligen als Künstlerinnen hervorragenden Frauen. Sie waren keine Emancipirten. Es handelte sich vor allem um einen Bienenfleiß, mit dem ein abenteuerlicher, jedenfalls sehr äußerlicher Wissenskram zusammengetragen und ein Kunstwerk in's feinste ausgedüftelt wurde. Es wird mit der dicken Gelehrsamkeit so mancher großen Philologen kaum anders gewesen seyn. Von Joseph Justus Ecaliger steht freilich gefchrieben, daß er dreizehn Sprachen gesprochen, aber wie er sie gesprochen, steht nicht dabei. Wenn man damals den Kupferstichen der beiden Töchter des Malers Klöcker das höchste Lob gab, indem man ihre Blätter mit dem Prädikat »muliebris industriae ingniique monumenta« einzeichnete, so würde sich eine moderne selbstschöpferische Künstlerin wenig von einem solchen Lob geschmeichelt fühlen, worin die industria , und mit Recht, vor das ingenium gesetzt ist. Was es überhaupt mit dem aus dem Mittelalter herüberragenden gelehrten und künstlerischen Fleiß der Frauen in socialem Betracht auf sich hatte, leuchtet am klarsten daraus hervor, daß solche Gelehrsamkeit in jener früheren Zeit bei Männern als weibisch machend angesehen wurde, und daher die vornehmen Frauen mehrentheils besser lesen und schreiben konnten, als ihre Ehemänner. Noch Jahrhunderte später, zur Reformationszeit, wird die gelehrte Humanistin Olympia Morata, der die (wahrscheinlich unbegründete) Sage eine Berufung als Lehrerin der griechischen Sprache an die Heidelberger Universität zukommen läßt, geradezu wegen der in ihrer Gelehrsamkeit offenbarten ächten Weiblichkeit, gerühmt und auch in diesem Sinne eine »Perle ihres Geschlechts« genannt. Hier zeichnet sich wie in einem Epigramm der Gegensatz des romantischen und modernen Zeitalters: im Mittelalter galt die Gelehrsamkeit bei den Männern aus demselben Grunde für unmännlich, aus welchem sie in der Gegenwart bei den Frauen für unweiblich gilt. Die von den Frauen so fleißig geübte Kabinetsmalerei war an sich keine der Oeffentlichkeit zugewandte Kunst, und die weibliche Mitarbeit an derselben eine durchaus naturgemäße. Wenn aber einer der bedeutendsten unter den lebenden Aesthetikern die Blüthe der Kabinetsmalerei an sich als ein Wahrzeichm der politischen Verderbniß und darum auch als ein ästhetisch sehr zweideutiges Phänomen ansieht, so möchten wir ihm von unserm socialen Standpunkte entgegen halten, daß in diesem auch den Frauen so vertrauten Kunstzweige wenigstens eine Gediegenheit und Innerlichkeit des häuslichen Lebens, eine Fülle und Kraft des Familiengeistes ausgesprochen ist, welche, namentlich in der Sphäre des Bürgerthums , jene Epoche noch so ehrenwerth auszeichnet. Das ächte Familienleben ist aber an sich schon eine Form des öffentlichen Lebens . Im Reiche der Socialisten würde freilich die Pflege der Kabinetsmalerei ein Staatsverbrechen seyn. Die Bedeutung jenes harmlosen Kunstzweiges für das Haus und die Familie führt uns zurück auf die sociale Stellung der alten Malerinnen, die ebenso entschieden noch im Herzen der Familie war, als die modernen Künstlerinnen sich meist von der Familie zu emancipiren suchen. Ich bemerkte über diesen entscheidenden Punkt in meinen »Culturgeschichtlichen Briefen«: »Die meisten der alten Kabinetsmalerinnen stammten aus Malerfamilien, und sehr viele haben sich auch wieder mit Malern und Kupferstechern verheirathet. Landschaftsmalerinnen sind selten, Historienmalerinnen noch seltener, und kunsthistorisch von wenig Bedeutung; Anna von Deyster radirte zwar Landschaften, aber ächt weiblich – mit einer Nähnadel. Wir finden hier ein weibliches Künstlerthum, welches noch fast gar keinen Beischmack von Blaustrumpferei hat.« – »Wo die malenden Männer selbst kaum erst der Zuchtschule des Handwerkes entronnen waren, wo der Künstlerberuf so häufig als ein Erbstück der Familie angesehen wurde, und dadurch die Atmosphäre der Kunst auch für die Weiber eine häusliche war, da konnte sich auch die weibliche Künstlerschaft leichter in den rechten Schranken halten, indem sie vorwiegend nur die Aufgaben der sinnigen, feinfühligen Beobachtung, der zart detaillirten Nachahmung für sich erkor. Von der Frau des Landschaftsmalers Parmigiano aber steht geschrieben, sie habe mit ihrem Manne das Land durchzogen und ihm bei seinen Arbeiten geholfen – und diese rein aufopfernde Art weiblicher Künstlerschaft ist sicherlich von allen die beste gewesen.« Eine moderne Erscheinung, welche sich der Frau des Parmigiano würdig zur Seite stellt, war Dorothea Schlözer , die Tochter des bekannten Historikers. In dem gelehrten väterlichen Hause ward sie selbst eine Gelehrte, aber sie blieb eine ächt weibliche Natur, eben weil ihr diese Gelehrsamkeit mit dem Hause überliefert war. Sie bearbeitete, um ihrem Vater Freude zu machen , die russische Münzgeschichte und trug als Jungfrau sogar den philosophischen Doktorhut. Als sie aber die Haube des Ehestandes aufsetzte, legte sie den Doktorhut bei Seite und lebte fortan nur noch der Familie. * Die modernen in der Öffentlichkeit wirkenden Künstlerinnen, deren grundverschiedenes Gegenbild aus einer vergangenen Zeit ich eben skizzirte, haben aber doch immer nur einen vereinzelt thatsächlichen, nicht aber einen durchgreifenden und principiellen Kampf mit der überlieferten Frauensitte durchgefochten. Den Krieg gegen die Gesellschaft führen sie harmlos, naiv, unbewußt, durchaus mittelbar, und es werden sich wohl wenige Sängerinnen finden, die gleich der Schröder-Devrient – buchstäblich oder figürlich – auf den Barrikaden der Revolution gestanden haben. Selbst in Nordamerika, wo doch die Lebensluft der Frauen, die häusliche Sitte, so dünn und trocken geworden ist, gibt es nur ganz zahme, sanfte Dichterinnen. Literarische Blaustrümpfe sind höchst selten, gesellschaftstürmende Damen unerhört. Vor einigen Jahren erschien ein Werk: » the female poets of America, « welches uns nicht weniger als neunzig nordamerikanische Dichterinnen vorführte. Ein französischer Berichterstatter in der Revue des deux Mondes , der in Paris ganz anders geartete Priesterinnen der Muse vor Augen haben mochte, konnte sich nicht genug darüber wundern, daß diese Dichterinnen nicht sammt und sonders aus Eitelkeit oder Scandalsucht geschrieben, auch nicht, was bei einer Französin besonders pikant, aus Reue über verübten Scandal, sondern ganz harmlos, »wie bei uns junge Mädchen zeichnen oder singen.« Es waren eben anmuthige Unterhaltungen, ein künstlerisches Spiel mit Versen, wie es Frauen ebenso wohl ansteht, als wenn sie stickten oder einen Lampenschirm malten. Am meisten aber fühlte sich der Franzose betroffen durch die Entdeckung, daß keine einzige dieser neunzig amerikanischen Dichterinnen das Glück der ehelichen Liebe in Versen schildere. Allein eben darum weil diesen Frauen die eheliche Liebe kein Stoff zum Spielen war, kein Gegenstand, den man auf den Lampenschirm malt oder in Versen stickt, haben sie die eheliche Liebe aus ihrer Poesie gelassen, die dadurch das Präjudiz einer wirklich weiblichen Poesie erhält. Es gibt aber in unserm alten Europa auch eine grundsätzliche und durchgreifende Fehde der Frauen gegen die historische Gesellschaft und den darauf gebauten Staat. Eine Reihe von Schriftstellerinnen und praktischen Professorinnen der »Emancipation« haben in dieser Richtung entschieden Front gemacht und sind mit offenem Visir in die politischen Schranken getreten. Hier steigt eine ganz neue, wesentlich moderne Erscheinung auf. Auch das achtzehnte Jahrhundert hatte seine freien Frauen. Aber die Zügellosigkeit des Lebensgenusses, die Befreiung von der drückenden Fessel der Sitte genügte ihnen, sie wollten nur für ihre eigene Person emancipirt seyn. Jene dagegen wollten die ganze Welt emancipiren und rücken angriffsweise vor als die streitende Kirche des Frauenthums. Der Gegensatz wird recht klar, wenn man die in Sitte und Sittlichkeit entfesselten Frauengestalten der Heinse'schen Romane etwa mit Gutzkows Wally vergleicht. Heinse's Hildegard von Hohenthal und ihre Genossinnen sind üppige, sinnlich vollsaftige, vor allem aber kunstberauschte Weiber. Sie bilden sich ein, in dem Epicuräismus des Schönheitsgenusses das Ideal eines ächt weiblichen Lebenswandels gefunden zu haben, aber sie übersehen, daß die derb sinnliche Naturschönheit erst zur künstlerischen verklärt wird, indem sie sich durchgeistigt und sich selbst ein strenges Maß setzt. Wally dagegen ist ein für die Kunst des seligen Genießens verlorenes, durchaus theoretisch raffinirendes Wesen, ein Kind gekünstelter Gesellschaftszustände, viel zu kokett und selbstbewußt in ihren Reflektionsspielereien, um noch sinnlich üppig seyn zu können. Ganz nothwendig thut sie sich daher auch alsbald als Schriftstellerin auf, während Heinse's Frauen bloß im Kunstgenuß schwelgen. Indeß Wally eine lange pointirte Abhandlung gegen die christlich-kirchlichen Dogmen schreibt, ziehen es die Rubens'schen Weiber des üppigen Poeten aus dem achtzehnten Jahrhundert vor, mit Augen und Ohren zu schmausen, zu trinken und zu küssen. Wally verneint mit kaltem Bewußtseyn die Sitte, jene im trunkenen Taumel und ohne Tendenz. Wo Heinse theoretische Auseinandersetzungen über das Ideal der gesellschaftlichen Stellung der Frauen gibt, wird er geradezu komisch. Die klassische Stelle hierfür findet sich am Schlusse des Ardinghello. In dem auf den »glückseligen Inseln« gegründeten Idealstaate, dessen oberster Würdeträger den officiellen Titel eines »Hohenpriesters der Natur« führt, wird den Frauen folgende Rolle zugewiesen: sie erhalten Stimmen bei den allgemeinen Geschäften, jedoch nur zehn Procent im Vergleich mit den Männern, und werden nicht als bloße Sklavinnen behandelt. »Neben anderem Amazonenhaften« rüsten sie Schiffe und laufen auf Streifereien aus. Sie sind Mitglieder des Staates, obgleich die schwächeren , und ihnen bleibt das Recht, besonders das gut oder nicht gut zu heißen, was sie selbst betrifft . Uebrigens besteht immer der Hauptunterschied, daß die Männer erwerben und sie bewahren . Man sieht, Heinse, obgleich im Punkte der Entfesselung der Frauenzucht und Sitte der keckste Stürmer und Dränger seiner Zeit, steht mit seiner Reducirung der politischen Währung der Frauen auf zehn Procent noch arg zurück in der Kultur gegen unsere modernen Verfechter der vollen politischen und socialen Gleichberechtigung der Frauen, und das Ikarien seiner glückseligen Inseln wäre heutzutage noch lange nicht ikarisch genug, um auf »Entschiedenheit« Anspruch machen zu können. Auch läßt Heinse doch noch den Grundunterschied gelten, daß die Männer erwerben , die Frauen bewahren sollen. Er ahnt den aristokratischen Beruf der Frauen. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert blühete eine reiche satyrische und polemische Flugschriftenliteratur über die Stellung von Mann und Weib. Sie war für den großen Markt bestimmt, eine Art Volksliteratur, oder, wenn man lieber will, Philisterliteratur. In diesen zahllosen Flugblättern macht sich jene Sorte von trivialen Späßen und platt komischen Scenen breit, über welche unsere Großeltern noch recht herzlich lachen konnten, und wo die Satyre nicht mit reinem Salz gesalzen war, da that es auch Salpeter aus der Kloake. Da tritt nun in solchen Blättern gemeiniglich der Advokat der Frauen auf und klagt über die Tyrannei, die Prügelsucht, die Trinklust der Männer; oder es kommt der Advokat der Männer und schildert das Pantoffelregiment der bösen Weiber, das Hauskreuz in Gestalt einer alten Schwiegermutter oder einer jungen Tochter, zu deren Hütung kein Argus Augen genug habe etc. So harmlos amusirte man sich damals noch über den Krieg der Männer und der Frauen. Nur die zufälligen Thatsachen der Haustyrannei wagte man anzugreifen, nur im platten Spaß den Männern das Scepter zu entwinden, aber nimmermehr im Ernst dem ersten Kapitel aus dem ersten Buche des ersten aller Bücher entgegen an eine wirkliche Ausgleichung von Beruf und Regiment zwischen Mann und Frau zu denken! Wie ganz anders hat sich jetzt die vielfach von weiblichen Federn geschriebene Tagesliteratur über die gesellschaftliche und politische Unterdrückung der Frauen gestaltet! Sie ist theoretisch und mit einem Anfluge von Wissenschaftlichkeit disciplinirt, sie hat ihr Theil ergriffen an den großen Fragen des öffentlichen Lebens, sie erscheint im engsten Zusammenhange mit unserm politischen Liberalismus, mit den radikalen Gesellschaftslehren. Welcher Fortschritt gegenüber jener alten hausbackenen Schnurrenliteratur von »Männer- und Weiberherrschaft!« Die emancipirten Frauen stellen sich jetzt gewappneten Armes auf den Boden des Naturrechts, um die äußersten Consequenzen der Ausebnung des historischen Sitten- und Rechtsbestandes zu ziehen, und jenes Heraustreten des Weibes aus dem Heiligthume des Hauses, welches bis dahin höchstens als Ausnahme seine Rechtfertigung fand, für die Regel zu erklären. Dahinter steckt die Ueberweiblichkeit, die gar leicht in ihr Gegentheil, die Unweiblichkeit umschlägt; sie hat bereits den verschiedensten Gebilden unsers nationalen Lebens ihren Stempel aufgeprägt, und von ihr müssen wir uns emancipiren. An diese Ueberweiblichkeit knüpfen die Socialisten den Strick, womit sie die historische Gesellschaft erwürgen wollen. Erst wenn man das Weib dem Hause entrissen hat, kann man die Ehe »vor den Richterstuhl der Vernunft« entbieten und statt ihrer die »freie Liebe« decretiren. Mit dem Hause und dem Hausregiment aber fallen alle natürlichen Gruppirungen der Gesellschaft, und der erste Schöpfungstag, ein Chaos selbstsüchtiger Einzelwesen, wäre als höchster Triumph der Gesittung wiederhergestellt. Merkwürdig genug ist es aber den Revolutionsmännern selbst in der Regel wieder Angst geworden vor den Frauen, wenn sie an deren Emancipirung gingen. Sie fürchteten das Zaubernetz der Ueberweiblichkeit. Im Jahr 1848 zog man die Frauen in Paris in das politische Klubwesen. Als aber im Mai jenes Jahres der große Pariser Frauenklub seine erste – sehr stürmische – Sitzung gehalten, ließ das Ministerium Arbeitssäle für müßige Frauenzimmer errichten und Armenküchen , in denen volksfreundliche Damen der Kochkunst sich widmen konnten. Also ein Revolutionsministerium selbst wußte nichts eiligeres zu thun als die politischen Frauen aus dem Klub geradenwegs in die Küche zu schicken. Man hatte kaum mit der Emancipirung der Frauen angefangen, als man schon flugs mit der Emancipirung von den Frauen wieder schloß. Es geschah dieß aber in denselben wunderlichen Tagen, wo das französische Ministerium decretirte, daß »keine Schriftsteller mehr als Erdarbeiter angestellt« werden sollten. Die Frauenklubs waren überhaupt ein gar lustiges Intermezzo zu dem trüben Schauspiele der Revolution. Die Frauen konnten auf der Tribüne immer nur sprechen, nicht reden, sie konnten Zwiesprach halten, aber nicht debattiren. Dagegen redeten und debattirten damals ganz bildungslose Arbeiter mit mehr Sicherheit als mancher kathedergewohnte Professor. Vor den Wirkungen der Ueberweiblichkeit auf diesem Wege brauchte man sich also nicht zu fürchten; aber wo sie sich still und unmerklich in unsere Sitten und Anschauungen einschleichen will, da mögen wir der Emancipirung von den Frauen gedenken. Ganz ernsthafte Demonstrationen, an welchen 1848, namentlich in Paris, politische Frauen theilgenommen, glänzen jetzt durch den Humor des inneren Widerspruches zwischen Zweck und Mittel. Als Cremieux das neue Ehescheidungsgesetz in die Nationalversammlung eingebracht hatte, bewegte sich am 30. Mai eine »Damendemonstration« über den Vendômeplatz, wo sie aus ihrer Mitte einen Ausschuß von zwölf Köpfen in das Kabinet Cremieux's, des Justizministers, abordnete. Diese weiblichen Deputirten begrüßten dann den verblüfften Mann mit dem Rufe: »Es lebe Cremieux! Es lebe das Ehescheidungsgesetz. « Die Art moderner Frauen, von denen wir uns emancipiren müssen, begreift nämlich nicht einmal, daß einzig und allein ein recht strenges Ehescheidungsgesetz, welches im Sinne des Wortes der Schrift die Lösung der Ehe auf's Aeußerste erschwert, zu besonderen Gunsten der Frauen gemacht ist. Alle leichten Ehescheidungsgesetze sind zum Frommen der Fessellosigkeit der Männer und ein Spott auf die Würde der Frauen. Das allerleichteste Ehescheidungsgeseh entsteht, wenn man die Weibergemeinschaft zuläßt. Als aber vor drei Jahren eine Gesellschaft von Schwärmern tief hinten in Nordamerika die Weibergemeinschaft unter sich einführte, fanden sie, Zweihundert an der Zahl, nur sechzig Weiber die mitthun wollten. Denn den Weibern mochte hier doch wohl klar geworden sein, daß eine solche allerleichteste Form der Eheschließung und Lösung weder ihrem Vortheil noch ihrer Würde zusage. Die Auflehnung der verfeinerten Frauen wider die geschichtliche Familie und Gesellschaft war überall die ergötzliche Karikatur der Revolution, wie zu andern Zeiten die unmittelbare Theilnahme des weiblichen Pöbels an der Volksbewegung als ihr bestialisch diabolisches Zerrbild erschienen ist. Auch in Deutschland traten Frauen auf und machten Profession aus der Lehre der Entfesselung weiblicher Art und Sitte. Wir sehen nicht bloß in Paris, sondern auch in norddeutschen Städten, namentlich in den Jahren 1842-1848, Damen in Männerrock und Hosen, mit Sporen und Reitpeitsche, die wogende Feder auf dem Hut, die brennende Cigarre im Mund durch die Straßen stolziren und in den Bierkneipen zechen. Wir sehen Luise Aston – vor andern der »öffentliche Charakter« unter dieser Gruppe – ausgewiesen, eine »Märtyrerin.« Sie wird wegen Preßvergehen angeklagt, weil ihre »wilden Rosen« als zu stachelicht erschienen waren, und steht mannhaft dem Berliner Polizeipräsidenten, Herrn von Puttkammer, Rede, und entwickelt ihm in großer Geläufigkeit ihre politischen, religiösen und socialen Ansichten, nicht ohne einige theoretische Excurse über die Ehe und die Freigebung der Naturechte der Frauen. Nachgehends wird sie wieder ein Weib und geht mit in den schleswig-holsteinischen Feldzug, um in den Spitälern zu helfen und die verwundeten Krieger zu pflegen. Und diese vielbesprochene Dame war nicht etwa ein tolles Mädchen oder eine alte Jungfer, sondern eine, wenn auch geschiedene Gattin, eine Mutter. Die Ehe wirkt sonst am tiefsten dahin, das Weib weiblich zu bewahren. Die Ueberweiblichkeit aber begreift den Ernst der Ehe nicht mehr; wie in ihr das Geschlecht schrankenlos in seiner Eigenart sich gehen läßt, so auch das Individuum. Da bleibt kein Raum mehr zur Opferwilligkeit für die große Idee der Familie und des Hauses. Jene emancipirte Frau war die Tochter eines deutschen Landpfarrers, in der Einsamkeit des Dorfes erzogen, von früh auf nur ein schwärmerisches Gemüthsleben führend, dann einem reichen, nüchternen englischen Maschinenfabrikanten angetraut, aus ihrer Einsamkeit plötzlich in die fremde große Welt gestoßen. Da waren alle Vorbedingungen zur Ueberweiblichkeit gegeben. Wenn Tausende von Männern gegenwärtig aus dem socialen Geleise kommen, weil sie, in zärtlichster Besorgnis; um sich selbst, die »rechte Existenz« und den »rechten Beruf« verfehlt zu haben wähnen: dann werden Tausende von Frauen irre an der natürlichen Stellung des Weibes, weil sie, bei gleicher Selbstverhätschelung in den falschen Ehebund getreten zu seyn glauben. Gerade für den Ernst der Ehe find wir im Durchschnitt viel zu sentimental gegenüber unserm werthen Ich, zu zärtlich gegen uns selbst. Das wirkt die Ueberweiblichkeit, die auch Manner weibisch macht. Vordem war man fatalistischer, oder, wenn man will, gottergebener, biß die Zähne zusammen und hielt den einmal erwählten Beruf, die einmal geschlossene Ehe als eine in Gottes Rathschluß vollendete Thatsache fest, und so gab es gar keine communistischen Männer und nur wenige emancipirte Frauen. Das ist ja eben das eigentliche Salz der Ehe, daß man, wenn man einmal Ja gesagt hat, nicht wieder Nein sagen kann. In solchen Erscheinungen wie Luise Aston sehen wir die Frucht unserer ungesunden literarischen Entwickelungen. Aus Ueberweiblichkeit copirt die Dame die Männer, zeigt aber auch zugleich den Männern, wie weibisch sie geworden sind. Die Frau besitzt einen ungleich mächtigeren Nachahmungstrieb als der Mann. Er muß ihr zum Theil die mindere Schöpfungskraft ersetzen. Die Gier, mit welcher so viele literarische Damen gerade der blasirtesten, zerrissensten, innerlich faulsten Poesie der Zeit nachahmend sich zuwenden, gemahnt mich an jene russischen Poeten und Künstler, die auch nur solche Schöpfungen des abendländischen Europa, welche tüchtig von der Verderbniß veräußerlichter Cultur angefressen sind, nachzuahmen pflegen. Es ist sehr verführerisch, hier eine Parallele zwischen den Slaven und den Frauen zu ziehen. Die Slaven sind ein gemüthliches, häusliches, in der Selbstbeschränkung zufriedenes Volk, ganz nach guter Frauen Art, singen gern und gut und tanzen noch besser, halten fest an väterlicher Sitte und haben viel passive Tapferkeit, wie das alles auch bei guten Frauen seyn soll. Aber es fehlt ihnen der erfinderische und künstlerisch selbstschöpferische Geist. Dafür sind sie wunderbare Virtuosen in der Nachahmung; gerade wie die Frauen. Wenn sie – die Slaven – aber einmal beginnen, fremde Art nachzuahmen, dann werden sie wahrhaft zügellos in der Aufnahme des Ausländischen, vor dem sie sonst spröde sich abschließen. Also: national und conservativ in den Sitten, im ruhenden Seyn und Wesen; fessellos dem Fremden hingegeben in der Productivität. Das ist auch Frauen-Art, und bei diesem Geschlecht so wenig ein innerer Widerspruch wie bei jenem Volk. Aber nicht bloß bei den sogenannten emancipirten Damen, auch bei Frauen ganz entgegengesetzter Art bricht die Ueberweiblichkeit hervor und steckt uns mit ihrem marklosen Wesen an. Als im vorigen Jahrhundert der Pietismus von einem deutschen Schloß und Herrenhause zum andern zog, waren es vorzugsweise die Gräfinnen und Baronessen, welche die neue weiche, schwärmerische Gemüthsstimmung hegten, dieselbe dann noch weicher und kranker auf die Männer wieder zurück leiteten, den Pfarrer spielten, als seyen sie ordinirt und nach Außen auf's trefflichste Propaganda machten für ihre Partei. Das war auch Ueberweiblichkeit, die ins Männliche umschlug und unter deren Einfluß die ganze Sache verdarb. Viele unserer heutigen milden und frommen Frauenvereine zur Heilung von allen möglichen sittlichen und socialen Schäden trifft derselbe Vorwurf. Der rechte Frauenverein ist das Haus. Wenn eine wohlhabende Frau einsam steht, dann soll sie sich vorerst umschauen, ob in ihrer Sippe keine Familie ist, bei der sie als »alte Tante« einziehen kann und mitarbeiten am Hause. Es ist dieß immer noch ein stolzerer und weiblicherer Wirkungskreis denn Präsidentin mehrerer Frauenvereine zu seyn. Kann sie nicht alte Tante werden, dann gibt es vielleicht ein Kloster, wo sie arme Kinder erziehen und als in einem großen Hause mit den andern Nonnen zusammenleben und wirken kann. Schickt es sich aber auch mit dem Kloster nicht, dann möge sie in Gottes Namen Frauenvereine gründen und leiten. Ich weiß recht wohl, wie viel Frauenmilde, Frauenbarmherzigkeit, Frauenaufopferung in solchen Vereinen als in einem köstlichen Gefäß geborgen liegt. Ich weiß aber auch, daß gar oft das überweibliche Gelüsten, die Männer nachzuahmen, dahinter spuckt und daß die großartigsten Gedanken umfassender Association zur Hülfe in unsern socialen Nöthen häufig travestirt werden in diesem weiblichen Vereinswesen und dadurch unmöglich gemacht. Es gibt auch viele Frauen, die dadurch ihrem Hause ohne Gewissensbisse zu entschlüpfen wähnen, daß sie in einen milden, frommen Verein gehen. Aber ihr Gewissen wird eines Tages wach werden und wird ihnen sagen, daß eine Frau nicht gerecht werden kann vor dem Herrn, wenn sie nicht vorher gerecht worden ist vor ihrem Hause. Es ist am Ende bloß ein kleiner Unterschied, durch Erziehung und Lebensgewohnheit bedingt, ob man sich dem Hause entzieht, indem man im Verein sich mit Plänen zur Aufhülfe der nothleidenden Klassen unterhält oder im Literatenklubb über Freiheit und Gleichheit räsonnirt. Ein merkwürdiges Zeugniß, wie ganz und gar der Begriff von dem Ernst und der Würde des Eheberufs in der zimperlichen Ueberweiblichkeit untergegangen ist, liegt darin, daß sich feine Damen am meisten geschmeichelt fühlen, wenn sie Einer gar nicht für Hausfrauen oder Mütter hält. Es ist hier bei dem weiblichen Berufe ganz dieselbe Erscheinung, wie wenn der Schneider sich schämt, ein Schneider zu heißen – ächtes sociales Philisterthum! Wo ist doch der Stolz der Frauen hingekommen auf den Ehestand als den »ächten Stand,« auf den Segen einer zahlreichen Familie und Verwandtschaft, auf das Haus mit allem was dazugehört, auf die selbstgesponnene Leinwand, auf deren Menge die Frauen vordem so ehrgeizig erpicht waren, wie der Bauer auf den größten Misthaufen. Denn beides war das sicherste Wahrzeichen glänzender Wirthschaft. Die Pariser Damen schicken ihre kleinen Kinder zur Erziehung auf's Land und übergeben ihr eigen Fleisch und Blut Miethlingen, damit sie selber für ehelos und kinderlos, und darum noch für jugendlicher und weil für jugendlicher, auch für schöner gelten mögen, als sie sind. Denn jung ist auch der Teufel schön gewesen. Dieß ist der schnurgerade Gegensatz zu dem vollständigen Aufgehen der Bauernfrau in der Familie. Verheirathet zu seyn erweckt immer noch einen gewissen Respekt in den Kreisen des gemeinen Mannes, während der Ehe in der feineren Welt schon ein Beigeschmack des Philisterhaften anhängt. Darum wird es immer mehr »guter Ton,« die Familienfeste möglichst kurz und still abzumachen, eine Taufe etwa, wie sie eine deutsche Schriftstellerin uns schildert, zu zwölf Personen bei einer Flasche Malaga und einer Schüssel Süßes, wovon der Conditor den Rest wieder an sich nimmt. Man schämt sich ordentlich, ein Kind zu bekommen und taufen lassen zu müssen. Wo diejenige Ehe für die reizendste gilt, von der es kein Mensch merkt, daß sie überhaupt vorhanden ist, da muß die natürliche Stellung beider Geschlechter, namentlich aber des weiblichen, bereits total verschoben seyn. Gegenüber dem Bilde der modernen Pariser Mütter, die sich ihrer kleinen Kinder schämen und dieselben »auf's Land« ins Exil schicken, stehe die wahrhaft poesiegetränkte Kunde, welche uns der Limburger Chronist von dem ächten Frauenstolz einer deutschen Mutter der alten Zeit überliefert hat. Die Frau vom Stein, des großen deutschen Freiherrn Ahnfrau, hatte vier Töchter, von denen jede einem Ritter vermählt war, und zwei Söhne, beide Ritter und beide beweibt, und ihr Mann war auch ein Ritter. Da fügte es sich eines Tages, daß alle ihre Kinder in ihrem Hause waren, und es hatte die edle Frau sechs Töchter zu Tische sitzen und sechs Söhne, und diese sechs waren Ritter. »Und als sie also bey einander über einer Taffel sassen, da sagte die Frau ingemein: dieser Ehren ist zu viel . Darauff hatte niemand kein Acht; sehr kurz darnach steht dieselbe Frau auff und gehet heimlich ihre Strassen weg, daß nie kein Mensch davon die Wahrheit erfahren können, wohin sie kommen wäre.« Eine moderne Dame wäre vielleicht auch davon gelaufen, wenn sie sich als die Mutter von zwölf Kindern und Schwiegerkindern hätte präsentiren müssen, aber gewiß nicht, weil ihr »Solcher Ehren zu viel« gedünkt, gewiß nicht, um im großherzigen Opfermuthe einer fast antik heidnischen Schicksalsbeschwörung durch das eigene Entsagen den Neid der Götter von den Häuptern der Kinder abzuwenden. Uebrigens wurde auch im Mittelalter die Ueberweiblichkeit zu Zeiten Meisterin über ächte Frauenart. Der übertriebene Minnecultus setzt schon diese Ueberweiblichkeit voraus. Die feinste Schule der Galanterie an den provenzalischen Liebeshöfen stellte geradezu den Satz auf, daß sich die Liebe mit dem Ehestande nicht vertrage. Man schloß dem entsprechend Liebesbündnisse, die keineswegs Ehebündnisse waren oder werden sollten, unter großen Feierlichkeiten und ließ sie selbst vom Priester einsegnen. Das Schauspiel dieser Liebeshöfe, nur in anderm Kostüm, wiederholt sich in der Zeit Ludwigs XIV., wo überhaupt in so vielen Stücken ein letztes Aufleuchten mittelalterlichen Gepränges erscheint, und nicht bedeutungslos der Brustharnisch immer noch neben der Perücke getragen wird. Aeußerst klar sehen wir in der Geschichte der Frauen dieser Zeit, wie die Ueberweiblichkit ausgebrütet wird, wie sie sich entwickelt und zuletzt das ganze französische Culturleben umstrickt, das ganze öffentliche Leben verfälscht und verdirbt. Zuerst nehmen wir da wahr, daß die Frauen empfindsam werden, überfein; die Ehe und das Haus sind ihnen zu plumpe Dinge, sie frischen jene Idee mittelalterlicher Liebeshöfe wieder auf, daß die Liebe mit dem Augenblicke der Hochzeit aufhöre. Dann werden wirkliche neue Liebeshöfe im Rococogeschmacke gegründet. Die feine Dame hält große Cour in ihrem festlich geschmückten Alcoven, wobei allerlei Hofsitten nachgeäfft werden. Der Alcoven wird zu einem förmlichen Tempel des Minnecultus, und der Herr, welcher dort als Hofmarschall die Etikette handhabt, führt den wunderlichen Ehren-Namen eines »Alcovisten.« Die Unterhaltung muß sich in verfeinerten überweiblichen Redeweisen bewegen; plumpe Wörter, wie »Ehestand,« »Sich verheirathen« u. dgl. vermeidet man gänzlich. Man sagt statt des Letzteren » donner dans l'amour permis, « wie man statt »Tanzen« sagt »Liebesrunen mit den Beinen zeichnen« tracer des chiffres d'amour. Von solchen verzwickten Redewendungen sind hunderte in der Schriftsprache sitzen geblieben und haben die kräftige und gesunde volksthümliche Redeweise verdrängt. So wird also schon der Genius der Sprache weibischer durch die überweiblichen Frauen. Bei dieser Sprachverbesserung sind aber die feinen Damen nicht stehen geblieben. Weil sie im Hause nichts mehr zu thun hatten, so warfen sie sich zuerst auf die schöngeistige Literatur. Die ganze maßlose Schöngeisterei des achtzehnten Jahrhunderts ist weiblichen Ursprungs. In den Salons des Hotel Rambouillet wird ein Forum für die schöne Literatur eröffnet, viele Poeten sind schon so gefesselt von den weiblichen Einflüssen, daß sie ihre Werke vor diesen Gerichtshof bringen. Die Frauen selber werden schöpferisch und übertragen die verzwickte Empfindsamkeit ihres Minnecultus im Alcoven in die Literatur. Dann werfen sie sich auf wissenschaftlichen und religiösen Dilettantismus. Das ganze Geistesleben des Zeitalters Ludwigs XIV. kommt unter den Pantoffel. Furchtbar rasch geht es nun auf der einmal betretenen abschüssigen Bahn in die Tiefe. Ludwig selber, der sich anfangs streng gegen weibliche Einflüsse abzuschließen trachtete, erhält nachgerade ein vollständiges Kartenspiel von vier Herzensköniginnen. Das Frauenregiment dringt nun auch zur Politik vor. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war die Galanterie der überweiblichen Frauen noch ein harmloses Spiel gewesen. Die Dame des Salons, wie wir sagen würden, oder wie man damals hätte sagen müssen, die Dame des Alcoven, empfing zwar ihren glänzenden Cirkel, nach höfischer Sitte, im Bette liegend, allein der »Alcovist« machte dabei nicht nur die Honneurs, er war auch ein Ehrenwächter. Das änderte sich rasch, und der Alcov sah im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ganz andern Minnecultus. Mit den häuslichen Sitten wird das Weib auch allemal der Sittlichkeit ledig. Und so ist dann die letzte Folge jener Überweiblichkeit, jenes Uebergreifens der Frauen in Kunst und Literatur, in religiöses und politisches Volksleben ein Abgrund von sittlicher Fäulniß. Mit der Frivolität geht bald die religiöse Heuchelei, verschwommene pietistische Schönseligkeit Hand in Hand, und die Büßerinnen selber unterwühlen den sittlichen Ernst des religiösen Geistes. Molière, der nur die besseren, unschuldigeren Zeiten dieses Weiberregiments erlebte, hat in seinen »gelehrten Frauen« bereits prophetische Blicke in die Zukunft solchen Treibens geworfen. Die Moral der »gelehrten Frauen« ist: die Emancipirung von den Frauen. Es ist darum ganz zeitgemäß, daß uns unlängst Adolph Laun in Oldenburg diese Warnungskomödie gesondert übersetzt und mit einer lesenswerthen Einleitung »über das Preziosenthum im siebzehnten Jahrhundert« herausgegeben hat. Denn die Einflüsse der Ueberweiblichkeit dringen wieder unmerklich in alle Poren unsers Culturlebens ein. Die Folgen lassen sich bereits leise spüren. Vor einem weiteren Fortschreiten auf dieser Bahn aber möge uns der Himmel bewahren, sowohl um der Würde der Frauen wie um die Würde der Männer willen. Die Wurzel aller solcher weiblicher Krankheitseinflüsse steckt in der von der feinen Gesellschaft angestrebten Ueberweiblichkeit. So war es im Mittelalter und in der Rococozeit; so ist es noch jetzt. Nur durch die Zucht des Hauses, nur durch das Leben in der Familie kann man diesen Teufel der Ueberweiblichkeit bannen. Wie sollen aber die Kinder für die Familie und in der Familie erzogen werden, wenn die Eltern selber ein strenges häusliches Leben längst aufgegeben haben? Dagegen finden wir meist eine vom Hause weit abführende, wohl gar von Frauen selbst geübte Damenpädagogik, welche den Schaum aller Kunst und Wissenschaft als »Bildungsstoff« für halbwüchsige Fräulein abschöpft und dadurch die unerhörte Individualisirung und falsche Selbständigkeit der weiblichen Natur erzielen hilft. Von solcher Frauenart müssen wir uns emancipiren. Gerade der natürliche conservative Beruf der Frauen zum Erhalten und Pflegen der überlieferten Sitten, zur Bewahrung des Hauses, zur Hebung eines Geistes der Selbstbeschränkung, des Maßes und der Opferwilligkeit geht bei dem überweiblichen Wesen am sichersten verloren. In Rußland, dem Lande der raffinirtesten Ueberfeinerung bei der vornehmen Welt, hat die Polizei ein besonders scharfes Auge auf überweibliche Frauen. Auffallend vornehme Damen, die von ihren Reisen durch Italien, Frankreich, Deutschland nach Petersburg zurückkehren, werden dort vom Thorschreiber oft ebenso vorweg für verdächtig angesehen, wie bei uns die Handwerksburschen, und der Czaar verbannt höchst gebildete unruhige Frauenköpfe nicht selten zur socialpolitischen Kur in das etwas minder gebildete Land Sibirien. Ein liberaler Schriftsteller macht nicht ohne Grund darauf aufmerksam, daß bei verschiedenen polnischen Aufstandsversuchen die »heroischen modernen Weiber« weit mehr die Fäden der revolutionären Intrigue eingefädelt hätten, als die Männer, und daß die deutschkatholische Sache weit eifriger durch den Fanatismus der Frauen als durch die Nüchternheit der Männer befördert worden sey. Letzteres ist vollkommen richtig. Ronge war von überweiblichen Frauen noch eine gute Weile mit zarten Spenden fast erdrückt, als Männer von Bildung längst nur noch ein Lächeln für ihn hatten. Seine Theologie entsprach so ganz der veräußerlichten, ästhetisch und moralphilosophisch verdünnten Religionsidee, wie sie in Briefen, Memoiren und Romanen der schöngeistigen Frauenliteratur, in Stammbuchsprüchen und Almanachversen seit einem halben Jahrhundert entwickelt worden war, daß die überbildeten Frauen im Bekenntnis des Ronge'schen Katechismus im Grunde nur das als Geschenk noch einmal hinnahmen, was längst ihr eigenstes Besitzthum gewesen war. So haben gar viele feine, überweibliche Frauen auch im ersten Rausche unserer letzten revolutionären Bewegung sofort ihren natürlichen Geschlechtsberuf des Beharrens und Bewahrens vergessen und den Radikalen begeistert zugejubelt. Die Demokraten mit ihren jungen, stattlich bebarteten Wortführern, mit ihren Turnerschaaren, den wallenden Fahnen und wogenden Federn, den malerischen Volksversammlungen, den prächtig deklamirenden Volksrednern stellten mehr dar, als sie thaten und waren. Der weiblichen Natur entging diese Wahlverwandtschaft nicht. Die gesetzten, glatt rasirten conservativen Männer dagegen, deren Chorführer in den Parlamenten einen bedenklich starken Beitrag zur Statistik der Glatzköpfe lieferten, stellten für ein Frauenauge äußerlich wenig oder nichts dar. Aber auch die politische Lehre der Demokraten entsprach jenem merkwürdigen radikalen Naturrecht der Gesellschaft, weches sich bei den Frauen sofort da ausbildet, wo sie das feste geschichtliche Recht der überlieferten Sitte aufgeben. Dieses Naturrecht wird in folgender Weise entwickelt. Zuerst fällt die Frau auf den Gedanken, daß ihr in der Familie vermittelter öffentlicher Beruf ein geringfügigerer sey, als der unmittelbar politische des Mannes. Sie glaubt nun dem Manne nur gleich seyn zu können, wenn sie das Gleiche wirkt, und beginnt demgemäß allerlei männliche Geschäfte eifrigst in's Weibliche zu travestiren. Jetzt ist die Folgerung nahegelegt, daß das Festhalten verschiedener Berufe der Geschlechter nur eine von den Männern in unvordenklicher Zeit ersonnene und wie durch einen Geheimbund des starken Geschlechtes fortwährend aufrecht erhaltene Tyrannei sey. Mit den verschiedenartigen Geschlechtsberufen fallen dann natürlich auch die verschiedenen Berufe der Stände – und so geht es mit Siebenmeilenstiefeln weiter zur vollständigen Ausebnung von Gesellschaft und Staat. Vermag das Weib einmal nicht mehr die nothwendige Ungleichartigkeit des Berufes von Mann und Frau einzusehen, dann wird sie in der Regel noch weit ausschweifender in socialistischen Schwärmereien, als der Mann. Selbst wo das Weib thun darf, was der Mann thut, darf es dasselbe doch nicht thun, wie es der Mann thut. Es ist z. B. die Sitte der städtischen Frauen, auch im gewöhnlichen Verkehr mit einem bis über die Knöchel herabfallenden – ursprünglich höfischen – Gewande einherzugehen, so überweiblich und darum für eine rührige Hausfrau so unpraktisch und widersinnig, daß eine Empörung gegen dieses Hofkleid in der Küche an sich ganz berechtigt erschiene. Obendrein bieten die Volkstrachten herrliche Motive zu zweckmäßigerem und schönerem Gewand. Jede einzelne Frau kann nun wohl ganz still in ihrem Kreise dahin wirken, daß die Sitte allmählig in ihrer Verkehrtheit erkannt werde und sich aus sich selbst umgestalte. Wenn aber eine Handvoll Frauen für eine solche Kleiderreform stracks eine Agitation eröffnen, weibliche Meetings mit langweiligen Reden und desto kurzweiligeren Debatten abhalten und nicht nur eine neue Sitte machen, sondern auch neue gesellschaftliche Grundsätze so beiläufig als Garnitur zu den neuen Röcken aufsetzen wollen, dann haben sie schon die Schranken ihres Berufes durchbrochen. Nicht um des Gegenstandes willen, sondern wegen der Art, wie sie ihn angreifen, sind sie unweiblich geworden. Das weibliche Talent der Nachahmung können wir gegenwärtig hinreichend in unserem ganzen Geistesleben verspüren. Die Gewandtheit, eine neue Zeitstimmung aufzunehmen und in geschmeidige Formen zu gießen, der Reproduktionsgeist, welcher den Frauen einen so entschiedenen Beruf für die Bühne gegeben, ist von den Frauen auch immer mehr den Männern übermittelt worden. In der Leichtigkeit, mit welcher jetzt jegliches Wissen und jede Kunst Gemeingut wird, steckt mehr weiblicher Einfluß, als man ahnt. In männlicheren Zeiten vertieft sich der Einzelne in das Einzelne; jetzt haben Alle alle Weisheit mit Löffeln gegessen – aber es ist meist ein Schaumlöffel gewesen und das Beste ist doch durchgelaufen. Ich sprach oben von dem Einfluß des weiblichen Singchores auf die Kirchenmusik. Der entschied sich schon in alter Zeit. Wie viel größer ist jetzt der weibliche Einfluß auf die ganze schöpferische Tonkunst geworden, wo die Frauen nicht bloß mitsingen, sondern auch componiren und namentlich kunstrichtern, wo sie ein »Publikum« geworden sind, auf welches der Tondichter vor allen Dingen rechnen muß. Man vergleiche z. B. die spröden, herben, einseitig männlichen musikalischen Formen und Gedanken aus Händels und Bachs Periode mit unserm heutigen flüssigen, zierlichen, schmiegsamen Styl, um dieses weiblichen Einflusses inne zu werden. Es ist in der ganzen Epoche keine einzige große, schöpferische Tondichterin aufgetreten, und höchstens sind sinnigen Frauen kleine volksthümliche Lieder trefflich geglückt, während es mit dem ausgearbeiteten Musikstück und dem strengen, contrapunktischen Satz, d. h. mit der höheren musikalischen Architektonik, bei den Frauen niemals recht flecken etc. will. Und dennoch haben sie einen mächtigen Einfluß über unsere ganze musikalische Entwicklung erstreckt. Die Schnörkeleien und das zärtliche Girren der Zopfcomponisten haben sie schon auf dem Gewissen; dann zum guten Theil die Sentimentalitäten und Ueberschwänglichkeiten der Romantiker, und die Blasirtheit, Koketterie und raffinirte Putzsucht der neuesten Schulen obendrein. Wenn Mendelssohn manchmal so gar blaß und eintönig und traumhaft verschwommen im Colorit wird, daß sich diese dünne Farbe unmöglich auf die Dauer halten kann, dann möge man sich nicht bloß seiner angeborenen weiblichen Natur, sondern auch der weiblichen Einflüsse erinnern, die seine Entwickelung fortwährend begleiteten. An der Ehre der geschmeidigen, wasserflüssigen Prosa im Schriftthum des neunzehnten Jahrhunderts haben die Frauen keinen geringen Antheil. Was uns die oft so holperige, ungefüge Rede des sechzehnten Jahrhunderts noch immer so frisch und wunderbar anziehend macht, das ist dagegen der männliche Geist jener harten Zeit, der aus ihrer volksthümlich kernhaften Sprache wie Feuer aus einem Felsen bricht. Bei einer raffinirten, auf's Aeußerste und äußerlich entfalteten Gesittung ist die Gefahr eines übermächtigen Vordringens der weiblichen Art in eben dem Maße nahe gerückt, wie gegentheils bei rohen Naturzuständen, in der Urzeit, im heroischen Zeitalter, im niederen Volksleben die zarte Weiblichkeit leicht von der wilden, ungeschliffenen Mannheit erdrückt wird. Weit zeitgemäßer wäre daher am Ende statt einer »Emancipation der Frauen« eine »Emancipation von den Frauen.« Unsere Buchhändler speculiren auf nichts eifriger als auf Damenlectüre: ein Dichter, den die Frauen kaufen, ist ein gemachter Mann. Die Frauen sind jetzt »ein Publikum« geworden für den Poeten, wie sie vor zweihundert Jahren ein Kunstrichtercollegium im Hotel Rambouillet waren. Am Ende sind sie gar »das« Publikum, und das Publikum erzieht sich seine Poeten. Können wir uns z. B. Redwitz denken ohne die Voraussetzung eines Frauenpublikums? Wir haben »weibliche Hochschulen,« Frauenzeitungen und Damenvorlesungen aller Art. Es gibt kaum eine Wissenschaft mehr, von der Metaphysik bis zur Maschinenkunde, welche nicht in eigenen Büchern zum besondern Handgebrauch der Frauen verarbeitet worden wäre. Von solch literarischer Betriebsamkeit im Frauendienste hat man sich noch nichts träumen lassen, als der Großvater die Großmutter nahm. Man hat aber damals auch nichts gewußt von dem rückwirkenden Einfluß, den die Frauen allmählig auch auf das wissenschaftliche Leben üben werden. Denn solche Beziehungen bleiben niemals einseitig. Durchwandert die Säle unserer Kunstausstellungen: zwei Drittel der Gemälde sind in der Regel auf den Geschmack und das Urtheil der Frauen berechnet. Hat der Ernst der Kunst dabei gewonnen? Seit es bei den Damen der feinern Welt wieder vorherrschend »guter Ton« geworden ist, kirchlich gläubig und politisch loyal zu seyn, ist der Bruch mit der Revolution nicht bloß durch die Bajonette, sondern auch in der Stimmung der Massen entschieden. Haben die Frauen, jede durch gründliche Umkehr im eigenen Hause , einen solchen Umschwung bewirkt, dann haben sie in ächt weiblicher Art ihren Beruf erfüllt. Aber Mission nach Außen machen in der religiösen und socialen Welt, das sollen die Frauen nicht. Das Haus ist ihre Gemeinde. Das unmittelbare Leben im Glauben und im Gebet liegt der Frauennatur oft viel näher als der männlichen. Wir mögen die Frauen darum glücklich preisen. Aber wenn sie mit dem Glauben nicht etwa Berge versetzen, sondern noch viel mehr, den Staat und die Gesellschaft neu bauen wollen und diese Rechnung mit ungleichartigen Größen auch bei den Männern in Curs bringen, dann muß sich der Politiker seiner Haut wehren. Die Staatsmänner und Staatsbürger sollen als Menschen Gott im Herzen tragen; der Staat bleibt darum doch eine menschliche Anstalt und die Gesellschaft zeigt uns den Menschen zuvörderst von seiner wirthschaftlichen, beruflichen, ständischen Seite, nur mittelbar von seiner religiösen. Wer die Gesellschaft verjüngen und den Staat fortbilden will, der soll freilich im Namen Gottes an's Werk gehen, aber als Politiker an ein politisches Werk. Der Satz, daß nur durch Gottes Wort die zerfallende Gesellschaft wieder aufgebaut werden könne, ist so allgemein wahr, daß er speciell wieder nichts besagt, und der Staatsmann nichts mit ihm anfangen kann. Er würde zum politischen Quietismus führen; er ist Frauenweisheit im guten und schlimmen Sinne. Ein« neue Gliederung der Stände, ein neues Innungsleben, eine Neubelebung tüchtiger Sitten und Gesetze des Hauses schafft man nicht durch Gottes Wort. Gute Christen aber soll aus uns Allen Gottes Wort schaffen, damit wir fähig sind, gute neue Gesetze und gute alte Sitten zu ertragen und zu üben. Die heilige Schrift sagt: Gebet dem Kaiser was des Kaisers und Gott was Gottes ist. Es könnte Mancher mich mißverstehen, als wolle ich jede höhere Bildung von den Frauen genommen wissen, als wolle ich die Frauen, ganz und gar nur in die Haushaltung schlachten. Ich bin aber nicht entfernt ein solcher Barbar. Molière hat folgende treffende Verse über die feinere Geistesbildung der Frauen: »Je consens qu'une femme ait de clarté de tout: Mais je ne lui veux point la passion choquante De se rendre savante afin d'être savante; Et j'aime que souvent, aux questions qu'on fait, Elle sache ignorer les choses qu'elle sait: De son étude enfin je veux qu'elle se cache, Et qu'elle ait du savoir sans voulor qu'on le sache.« Das ist mir aus der Seele gesprochen. Eine Frau mag in künstlerischer und wissenschaftlicher Bildung ihren Geist auf's reichste entfalten; aber diese Bildung soll ihr nur in seltenen Ausnahmefällen Selbstzweck seyn, die Frau soll nur ganz ausnahmsweise Profession davon machen. Dann wäre aber solche Bildung nur ein müßiger Putz des Geistes? Keineswegs. Der Mann, die Familie, die Freunde, die ganze Umgebung einer Frau werden mittelbar die reichsten Früchte edler, durchgebildeter Weiblichkeit ernten. Herrschen soll die Frau, indem sie dient, den Mann aus seiner Beschränkung herausreißen, indem sie sich selbst beschränkt, Einflüsse üben, wo sie nur Einflüsse zu empfangen scheint. Das glänzendste Beispiel solch ächt weiblicher Wirksamkeit in den höchsten Sphären des Geisteslebens gibt uns die neuere Culturgeschichte in dem Verhältniß der Freundin Goethe's, Charlotte von Stein, zu dem Dichter. Eine reichbegabte, tiefgebildete Frau, wirkt sie bestimmend mit auf die Gestaltung der deutschen Literatur, nicht indem sie selber auf den Markt tritt, Bücher schreibt u. dgl., sondern indem sie für den Freund und mit dem Freunde die Leuchte ihrer Gedanken entzündet und dadurch den versöhnten, milden, harmonischen Geist edler Weiblichkeit in des Dichters Seele gießt, der ihn auf dem klassischen Höhepunkt seines Wirkens so, hoch vor Allen auszeichnet. In diesem Sinne hat die Freundin Theil an Tasso, an Iphigenie, an Egmont, an der italienischen Reise, die ja fast ganz für sie und im Gedächtnis; an sie geschrieben wurde; sie hat Theil an der Unsterblichkeit des Poeten, den sie bestimmen half, indem sie sich von ihm bestimmen ließ; und indem sie im Hause blieb, ist sie doch auch vor die Nation getreten und ihr Name wird genannt werden, solange man Goethe's Namen nennt. Solch ächter, in den Schranken der Weiblichkeit gehaltener Einfluß der Frauen tritt fast immer ein in den eigentlich klassischen Perioden des Culturlebens der Nationen. Ich komme noch einmal auf die Musikanten zurück, die mir nun eben an's Herz gewachsen sind. Mozart und Haydn zeigen den versöhnenden, sänftigenden Einfluß edelster Weiblichkeit in fast jeder Note, die sie geschrieben. Sie hatten es beide gern mit den Frauen zu thun. Mozart hat ja von der Liebe so innig in Tönen gedichtet wie kein Anderer; Haydn, in seinen Gedanken so deutsch gemüthlich, in seinen Formen so hellenisch plastisch, ist der größte Meister der Hausmusik. In seinen alten Tagen hat sich Vater Haydn noch besonders schöne Mädchenköpfe, die ihm in Wien aufstießen, malen lassen, zur Anlegung eines kleinen Schönheitskabinets. Aber für ein »Damenpublikum« haben beide niemals componirt. Sie componirten auch nicht vorwiegend für Männer, wie der spröde, in die Tiefen seines einsamen Geistes versunkene Sebastian Bach: sie componirten für das ganze Volk, für Männer und Frauen zumal. Das ist ein ganz anderes Ding als die Herrschaft, welche ein Publikum überweiblicher Damen auf die moderne Kunstentwickelung übt. Von diesen Damen müssen wir uns emancipiren, nicht von Frauen der anderen Art. Die Deutschen hatten den großen Beruf in der Weltgeschichte, Mann und Weib zuerst in der ganzen Tiefe ihres Gegensatzes zu erkennen und namentlich die weibliche Natur frei zu machen, zu vollen Ehren zu bringen. Diese deutscheste That hat ihr kleines aber wunderbar tiefsinniges Symbol in dem Charakter des deutschen Volksliedes gefunden. Das deutsche Volkslied ist männlich gegenüber den schwärmerisch weichen, weiblichen, oft weibischen Mollweisen der Slaven, gegenüber der schmiegsamen Anmuth der italienischen Gesänge. Dennoch aber klingt weibliche Innigkeit und Gefühlsunmittelbarkeit wiederum so klar und edel aus den meisten männlichen Rythmen und männlichen Dur-Weisen unserer Lieder hervor, daß männliche und weibliche Art zum reinsten Einklang wie bei keiner andern Nation hier verbunden scheinen. Das haben die drei größten Meister der Versöhnung männlicher und weiblicher Art von den neueren Kunstlern, Goethe, Haydn und Mozart, wohl herausgefühlt, denn gerade diese Drei haben wiederum das deutsche Volkslied in Wort und Ton zur Verjüngung der ganzen Kunst in ihre klassischen Schöpfungen hinüber geleitet. Mann und Weib denken und handeln nach den gleichen, allgemeinen menschlichen Denk- und Sittengesetzen. Darum spricht man in der Logik nicht vom männlichen und weiblichen Geiste und in der Moral nicht vom männlichen und weiblichen Gewissen, sondern in beiden Wissenschaften nur vom Menschen. Die Psychologie dagegen scheidet schon zwischen Mann und Frau,, und ihre Base,, die Physiologie , noch viel mehr. Denn die Richtung in welcher diese Gesetze von Mann und Weib angewandt und entwickelt werden, ist eine unterschiedene. Es gibt nur Einen menschlichen Geist , aber es gibt eine männliche und weibliche Seele , die mitbedingt ist durch die höchst verschiedenartige Nerven-, Knochen-, Blut- und Muskelbildung von Mann und Frau. Es entspringt daraus ein gesonderter männlicher und weiblicher Beruf. Wir treten hier vor das große Geheimniß des Zusammenhanges zwischen dem sterblichen Leib und dem unsterblichen Geiste. Ein moderner Naturforscher sagt, die Gedanken werden vom Gehirn erzeugt, wie der Urin von den Nieren. Das ist keine neue Weisheit. Ein Materialist des achtzehnten Jahrhunderts hat sie etwas derber, aber gleich ernstlich gemeint, in folgenden Spruch gefaßt: »Wenn ein hypochondrischer Dunst in unsern Eingeweiden wüthet, so kommt es nur darauf an, welche Direktion er nimmt. Steigt er aufwärts, so wird es ein sublimer Gedanke, steigt er abwärts, so wird eine Blähung daraus.« Zu so gemeiner Auffassung des Menschen wird derjenige nicht kommen, welcher im menschlichen Geiste zugleich den »Odem des Lebens,« den göttlichen Geist erkennt, der in seinem Wesen und seinen Gesetzen unabhängig ist von den Besonderheiten des Körpers und des Geschlechts, in der Richtung der Entwicklung, die er einschlägt aber mitbedingt durch den Körper. So kreuzt sich hier, wie in allen menschlichen Dingen, Willensfreiheit und Naturnotwendigkeit – göttliche Vorbestimmung. Und ein Produkt dieser Kreuzung erkennen wir auch in den verschiedenen Berufen der Geschlechter. Das Weib kann thun, was der Mann thut, aber es soll es anders thun als der Mann. Es handelt in den Schranken der Sitte und des Hauses und indem die Ueberweiblichkeit diese durchbricht, wird sie zugleich zur Unweiblichkeit. Es ist höchst unlogisch, daß gerade die Materialisten, denen der Gedanke aus dem Hirn sich absondert wie der Urin aus den Nieren, für die Gleichartigkeit männlichen und weiblichen Berufes eifern. Für sie gibt es ja nur eine Sonderung der Geschlechter, zuletzt Ueberweiblichkeit und Uebermännlichkeit; denn sie bleiben ja stecken in der körperlichen Ungleichartigkeit, welche ihnen die verschiedenen Phasen des Geisteslebens erzeugt, und von da gibt es für sie gar keine Brücke zu dem allgemein Menschlichen und Gottlichen im Menschen, außer in den Extremen, die sich berühren, indem das überweibliche Weib den Mann zum Weibe macht – auf der Stufe der veräußerlichten Gesittung – oder der übermännliche Mann das Weib zum Manne – im Zustande der Rohheit und Barbarei. Wir erkennen in und mit der Besonderung der Geschlechter zugleich die Versöhnung des Gegensatzes; für den Materialisten gibt es eine Ausgleichung nur in dem widerlichen Bilde des Hermaphroditen. Der griechische Mythus aber sagt, daß Atalantius, der Sohn des Hermes und der Aphrodite, zur Strafe von den Göttern in den geschlechtlosen Hennaphroditen verwandelt worden sey, weil ihm die Liebe gefehlt habe. Viertes Kapitel. Zur Nutzanwendung. »Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll',« – sagt das Volk. Wenn es aber schon nicht gut ist, daß der Mann allein sey, dann taugt das noch viel weniger für die Frau. Erst in der Familie finden wir den ganzen Menschen. Damit ist beileibe nicht gesagt, daß jeder sich verheirathen solle; aber einer Familie angehören, in einem Hause, zum mindesten in einer familienartigen Genossenschaft leben, sollte ein Jeder. Es gehört zu den höchsten und schwierigsten politischen Aufgaben der Gegenwart, diesen Zustand, von dem wir sehr weit entfernt sind, möglichst wieder herzustellen. Wenn mich der praktische Staatsmann fragte, was denn alle die in den vorhergehenden Kapiteln angestellten Untersuchungen über den Gegensatz und die Entwickelung männlicher und weiblicher Natur zum Aufbau einer »deutschen Social-Politik« nützen sollen? dann würde ich ihm erwidern: Sie sollen vor allen Dingen zu der Erkenntniß führen, daß wir in unserer Gesetzgebung und Verwaltung noch kaum einen Anfang gemacht haben, auf diesen Urgegensatz alles menschlichen Lebens und seine ungeheuern Folgen Rücksicht zu nehmen. Wie wollen wir da von einem organischen Staatswesen reden? Nur wer die Ursachen und Folgen der verschiedenen Abstufungen des Geschlechtsgegensatzes erfaßt hat, wird die politische Bedeutung der Familie ermessen. Schon hier wird der Staatsmann eingestehen müssen, daß in allen deutschen und europäischen Staaten noch wenig oder nichts geschieht, um die Stellung von Mann und Weib in ihrem fortlaufenden Entwicklungsproceß statistisch zu erforschen und den Männern der Gesetzgebung und Verwaltung als ein hochwichtiges Material geordnet vorzulegen. Unsere Zahlenstatistiker rechnen pflichtlich aus, wie viele Männer und Frauen, wie viele Familien im Lande leben, wie viele Durchschnittsköpfe die Familie zählt, wie viele Ehen alljährlich geschlossen werden, wie viele vereinzelte Existenzen neben den Familien hergehen, wie viele Familien in einem Hause wohnen, und wie die Menschen fruchtbar sind und sich mehren. Das ist eine recht nützliche Wissenschaft; aber soll dies unser ganzes statistisches Wissen von den Geschlechtern und der Familie bleiben? Dem Staatsmann soll ja doch nicht bloß ein Blick in das Kirchenbuch, es soll ihm auch ein Blick in's Haus eröffnet werden. Er soll auch wissen, wie das Verhältniß von Mann und Weib sich stellt in den verschiedenen Volksschichten, wie es sich entwickelt, stehen bleibt, zurück geht. Hat denn die Familie des Kleinbauern, wo Mann und Weib noch in gleicher Bildung gefesselt sind und hinter demselben Pfluge gehen, den gleichen politischen Sinn, wie die höhere bürgerliche Familie mit ihren voll und übervoll entfalteten Geschlechtsgegensätzen? Sollen beide in der Gesetzgebung über Einen Kamm geschoren werden? Die Erkenntnis; von diesen Dingen, nicht bloß in allgemeinen Umrissen, wie ich sie hier gezeichnet, sondern die genaue statistische Erkenntniß, die eindringt in das Detail nach den einzelnen Provinzen, Städten, Dörfern, eine Statistik, die das fortlaufende Werden der Gestalten dieser Zustände aufzeichnet und vergleichend zusammenstellt, ist mindestens ebenso wichtig für die Staatsverwaltung als die Zahlenstatistik der Bevölkerung. Es handelt sich hier nicht um zufällige Aperçus, nicht um persönliche Ansichten und Erörterungen, sondern um ein Erkennen und Festhalten ganz bestimmter Thatsachen , die sich in der Sitte und Lebenspraxis des Volkes fest und klar aussprechen. Gar häufig findet man aber, daß selbst Localbeamte, die doch nur an und mit dem Volk fortwährend ihre Amtsthätigkeit zu üben haben, von den socialen und Familienzuständen ihres Bezirks wenig oder nichts wissen. Es haben mir bei meinen Entdeckungsfahrten in's Innere von Deutschland Beamte mitunter ganz naiv dieses Geständniß selber abgelegt, ohne etwas Arges dabei zu ahnen. Sie leben unter dem Volk und sehen und hören täglich, was es treibt; weil sie aber weder die Bedeutung der täglich wahrgenommenen Einzelzüge seines Lebens ahnen, noch dieselben durch Vergleichung mit den Zuständen anderer Landstriche in ihrer Eigenthümlichkeit zu erfassen wissen, so vegetiren sie eben so bewußtlos in diesem Volksleben fort, wie der ächteste Bauersmann. Forscht man bei solchen Leuten etwa auch nur, wie der gemeine Mann ihres Bezirkes seinen Tisch bestellt, so ist die regelmäßige Antwort, dast das Volk hier dasselbe esse, was man wohl auch anderwärts essen werde. Höchstens hört man, daß die Kost »gut« oder »schlecht« sey. Nun muß der Wißbegierige an ein förmliches, wohlberechnetes Inquiriren gehen, und von dem Frühstücke bis zum Abendbrod, von der täglichen Kost bis zu allen festlichen Speisen im Jahreskalender durchkatechisiren, und so wird er zuletzt ganze Seiten von Notizen über eigenthümliche Verhältnisse aufzeichnen können, wo man ihm anfangs gar nichts besonderes zu sagen wußte. Der Beamte hatte also wohl die Kenntniß von diesen einfachsten Thatsachen des Volkslebens, aber er wußte nicht, daß darin etwas Unterscheidendes lieget er hatte kein Bewuhßtseyn seiner Kenntniß – d. h. eben kein »Wissen,« obgleich er alles »wußte« und schließlich auch mittheilte. Wenn aber nun ein solcher Beamter sich nicht einmal der unterscheidenden Küche seines Bezirkes bewußt geworden ist, wie viel weniger wird er die so viel subtileren, aber auch so viel gewichtigeren, Unterschiede im Wesen und Leben der Familie erfaßt haben? Kein wissenschaftliches Material über die Stellung von Mann und Weib ist in wahrhaft ungemessener Fülle aufgehäuft. In der Rechtsgeschichte und im Privatrecht wurde wohl kaum ein Kapitel gründlicher und vielseitiger durchgearbeitet als jenes, welches von den besonderen Rechtsverhältnissen des Mannes und Weibes handelt. Die allgemeine Culturgeschichte strotzt von Aufzeichnungen über Frauensitte und Frauenbildung. Die vergleichenden ethnographischen Studien über die Beziehungen der beiden Geschlechter bei den verschiedenen Völkern sind vollends bereits so sehr Gemeingut der Bildung geworden, daß es schwer ist, hier noch wichtige Thatsachen zusammenzustellen ohne trivial zu werden. Aber für die Ausnutzung aller dieser Weisheit zur Erkenntniß des socialen und politischen Geistes im Volk und vollends zu einer der Staatsverwaltung zu gut kommenden Erforschung des Lebens der Geschlechter und der Familien in einem Lande ist überall noch gar wenig geschehen. Ich will nur auf eine einzige – freilich die gewichtigste – Thatsache in der Stellung von Mann und Weib hinweisen, um deren unabsehbare politische Consequenzen anzudeuten, die keineswegs bereits ihre ganze Berücksichtigung im Staate gefunden haben. Als Resultat unserer Betrachtung erschien uns nämlich die Geltung der Frauen im öffentlichen Leben als eine bloß indirekte, in der Familie vermittelte. Wir wollen einmal diese Thatsache nach ihrer ganzen Ausdehnung und ihrem praktischen Werth zergliedern. Alle Nationen, selbst die rohesten, haben wenigstens eine Ahnung davon, daß die häusliche Tugend zugleich die öffentliche Tugend des Weibes sey. Geschlechtliche Unsittlichkeit entwürdigt darum das Weib noch unendlich tiefer als den Mann; sie ist Hochverrath an der Familie. Folgerecht bestrafen selbst Nomaden und Wilde den Ehebruch der Frau schärfer als den vom Manne verübten; er ist eines der wenigen Staatsverbrechen, welche die Frau begehen kann. Selbst in unsern modernen Ehescheidungsgesetzen klingt diese Anschauung noch mitunter durch. Die alten Skandinavier gestatteten dem Manne Kebsweiber zu halten: die Frau aber verpflichteten sie bei Todesstrafe zur unverbrüchlichen ausschließlichen Treue gegen ihren Eheherrn. Wir sind jetzt hoffentlich auf dem Punkte der Gesittung angelangt, wo derartige Unterscheidungen vom Gesetzgeber nicht mehr gemacht werden dürfen. Dagegen besteht eine andere Thatsache, die ans dem gleichen Urgrund quillt. Die Frauen sind gegenwärtig im Allngemeinen ohne Zweifel sittlicher als die Männer. Sie haben den Libertinismus des achtzehnten Jahrhunderts weit gründlicher überwunden. Die meisten Männer schämen sich jetzt wohl, öffentlich solcher Unsittlichkeiten geziehen zu werden, mit denen ein galanter Herr vor hundert Jahren noch laut prahlte; die meisten Frauen sind dagegen wieder zu dem sittlichen Instinkt zurückgekehrt, sich solcher Unsittlichkeiten überhaupt, auch bloß vor sich selber, zu schämen. Das hat ihr ganz der Familie hingegebenes Leben gewirkt. Im Hause haben sie einen naiven religiösen Glauben, eine naive Sittlichkeit wiedergewonnen, daß wir Männer sie hier auf Umwegen erst noch einholen müssen. Positiv ist hiermit also dasselbe bewiesen, was durch jene schärfere Bestrafung des Ehebruchs der Frau negativ bewiesen war. Die Wahrheit, daß die Frauen durch das Haus besser sind wie wir, aber auch durch das Haus in ihrer Wirksamkeit beschränkt, hat das germanische Alterthum schon so tief erfaßt in der Anschauung, nach welcher ihm die Frauen vorzugsweise religiös geweiht erscheinen, vorahnend, Wunder wirkend mit göttlichen Zauberkräften, während den Frauen selbst der ältesten deutschen Götter- und Heldensage kaum irgend eine männliche Heldenarbeit zugetheilt wird. Eine so reine und tiefsinnige Erfassung des Weibes finden wir wohl in der Urzeit keines andern Volkes wieder. Die Orientalin geht verschleiert außerhalb des Hauses: sie existirt überhaupt nur im Hause. Ihre freie Persönlichkeit geht unter in der Familie; ihr Haus ist nicht ihre Burg, sondern ihr Kerker. Das ist das Uebermaß der Bindung weiblicher Wirksamkeit an das Haus, wie uns überhaupt der Orient die erdrückende, alles persönliche Leben tödtende Uebermacht der Familie zeigt. In Rom, dem Rechtsstaate, kümmert sich die Regierung nicht um das Leben in der Familie. Die Frau lebt im Hause; die Kindererziehung gehört dem Innern des Hauses an. Aber der Mann, als die einzige politische Person, ist zugleich der politische Despot des Hauses. Der Staat erdrückt das persönliche Leben der Familie: er erkennt nicht an, daß das Walten der Frau im Hause zugleich ein politisches, ein öffentliches Wirken ist. Und die römischen Frauen haben sich furchtbar dafür gerächt; denn durch sie ist die alte einfache römische Familiensitte und, in nothwendiger Folge, auch die öffentliche Sitte zerstört worden. Weit flotter noch wie unsere modernen emancipirten Damen haben die Römerinnen einen Aufstand gemacht und Sturmpetitionen überreicht, um die Zurücknahme des den Luxus beschränkenden Oppischen Gesetzes zu erzwingen. Mit der von den Frauen eingeleiteten Ueppigkeit im Hause war die Verderbniß des alten Römerthums angebahnt, und als der stolze römische Staat in Trümmer stürzte, ist es mit zur tragischen Sühne dafür gewesen, daß er die politische Macht des Hauses und die politische Wirksamkeit der Frauen im Hause nicht erkannt hatte. Hier ist der Punkt, wo man in Wahrheit von einer gebotenen Emancipation unserer Frauen reden kann: Die Familie muß politisch emancipirt werden, dann sind die Frauen emancipirt. Das Weib wirkt in der Familie, für die Familie; es bringt ihr sein Bestes ganz zum Opfer dar; es erzieht die Kinder, es lebt das Leben des Mannes mit; die Gütergemeinschaft der Ehe erstreckt sich auch auf die geistigen Besitzthümer, aber vor der Welt kommen die eigensten Gedanken, die eigensten sittlichen Thaten des Weibes meist nur dem Manne zu gut; auf seinen Namen häufen sich die Ehren, während man gar bald der Gattin vergißt, die ihm diese Ehren hat mitgewinnen helfen. Nun kann aber doch wahrlich die Frau fordern, nicht daß der Staat ihre Person theilnehmen lasse an dem öffentlichen Leben, wohl aber, daß er die große politische Macht der Familie, in weit höherem Maße als gegenwärtig, berücksichtige bei der Volksvertretung wie in der Staatsverwaltung. Wird man der Familie gerecht, dann wird man den Frauen gerecht, denn der Herd des Hauses ist ja der Altar, darauf sie ihr verschwiegenes und doch so entscheidendes Wirken für Gesellschaft und Staat niedergelegt haben. Wir leben in einer Zeit, die gezwungen ist, mit neuen Wahlgesetzen, mit neuen Systemen der Volksvertretung Versuche anzustellen. Denn die alten Formen fallen hier auseinander. Ueber die beste neue Art der Volksvertretung aber gibt es schier so viele Meinungen als Köpfe darüber urtheilen. Jeder hat seinen besondern Eintheilungsgrund, nach welchem er das Volk neu gegliedert haben will, Jeder seine apparte neue Art von Kammern und Landtagen. Man wird also in deutschen Landen so lange nach verschiedenen Richtungen experimentiren, bis sich der Kern einer allgemeinen Ueberzeugung über das Beste in allen den Versuchen gefestet hat, und dann gewinnt wieder ein bestimmtes neues Princip der Volksvertretung auf ein Menschenalter Bestand und Alleinherrschaft. Da wir uns also eben in dieser Uebergangszeit befinden, wo Jeglicher Vorschläge zu einer neuen Zusammensetzung der Volksvertretung zu Markte trägt, so erlaube auch ich mir im Interesse der wahren Emancipation der Frauen folgenden Vorschlag. Bei den Wahllisten soll nicht bloß auf Stand, Vermögen, Beruf etc der Wahlmänner und Wahlcandidaten gesehen werden, sondern ihre Eigenschaft als Familienväter oder Junggesellen soll eben so sehr mitentscheiden über Wahlrecht und Wählbarkeit. Nur ein Familienvater oder Wittwer kann Wahlmann seyn: gewählt werden kann auch ein Junggesell; allein die Junggesellen müßten doch auch nur in geringerer Zahl gewählt werden dürfen, etwa so, daß in der Kammer höchstens auf zwei Familienväter ein Junggesell käme. Dünkt das den Hagestolzen zu hart, dann geben wir ihnen allenfalls zu, daß auch bei den Wählern auf je zwei Familienväter ein Junggesell mitwählen darf. Damit haben wir wenigstens unser Princip noch vollständig gerettet. Diese Verkürzung der Junggesellen bei der Volksvertretung geschieht nicht etwa auf Grund des Spruches: »Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll',« sondern aus folgenden beweglichen Gründen der socialen Politik. Streng genommen sollte eigentlich nur der Familienvater (Ehemann oder Wittwer) als Vertreter des Volkes gewählt werden können, denn er allein ist der natürliche Repräsentant der großen öffentlichen Macht der Familie, die außerdem gar nicht vertreten und berücksichtigt ist. Nicht die Einzelperson, sondern die Familie ist die nächste Voraussetzung der Stände, der Gesellschaft, überhaupt der Volkspersönlichkeit. »In den Familien schaut,« nach dem oben citirten Worte J.J. Wagners, »das Volk sich selbst an.« Wenn das Volk sich selbst erschaut und erkennt in seinen Familien, dann wird es seine Persönlichkeit auch am reinsten im Kleinen wiedergespiegelt, d.h. vertreten wissen in einer mit Berücksichtigung der Familie gestalteten Volksvertretung. Der Mann ist nicht nur der rechtliche Vormund des Hauses: alle Bildungs- und Gesittungsarbeit des Hauses wird durch ihn erst den weiteren Kreisen, der Öffentlichkeit vermittelt. Wo die Ehe eine wahre, eine geistig ebenbürtige und sittlich vollgültige ist, da weben stets zwei Personen in den vornehmsten Gedanken und Gesinnungen des Mannes – er selbst und seine Frau. In diesem hohen und reinen Sinn werden auch alle ächten Ehefrauen mitvertreten seyn im Parlament, wenn der Ehemann darin sitzt. Allein nicht bloß Mann und Frau, das »ganze Haus« wirkt, in seinen Gliedern gegenseitig sich bestimmend, zusammen als eine moralische Gesammtpersönlichkeit. In dem »ganzen Haus« ist auch gar mancher Junggesell, gar manche Jungfrau eingeschlossen, die als Verwandte oder Geschäftsgehülfen Unterkunft bei der Familie gefunden haben. Es gehört selbst das Gesinde dazu, worunter ich freilich nicht solche Knechte und Mägde verstehe, die auf jeden Georgi und Michaeli in einen andern Dienst laufen. Sie alle werden insbesondere mitvertreten seyn in dem Familienvater. Dabei mag man freilich auch ermessen, welches politische Gewicht in der Idee des Wiederaufbaues des »ganzen Hauses« liegt, wie ich dieses im zweiten Buche gezeichnet habe, halb als eine Ruine der Vergangenheit, halb als das Zauberschloß einer besseren Zukunft. Endlich gibt dann doch der Besitz einer Familie, wofern nur die Ehegesetze die rechten sind, in noch weit höherer Weise eine Gewähr für die bürgerliche Gediegenheit des Volksvertreters und für sein natürliches Interesse an der Erhaltung des Staates als der bloße Besitz von Grundeigenthum. Dies ist also die einzige vernünftige politische Emancipation, welche die Frauen noch anzustreben haben: die durchgreifende Berücksichtigung der Familie im Staate. Die Emancipation der Frauen ist kurzweg zu verdeutschen in die »staatliche Anerkennung der Familie.« Der Gedanke, daß nur als Familienglied auch der Mann im Staate erst vollständig »seinen Mann stelle,« schaut unstreitig auch aus dem seltsamen Antrag auf Einführung einer »Hagestolzensteuer« hervor, der vor einigen Jahren in mehreren deutschen Kammern eingebracht wurde. Dort haben die Antragsteller gewiß an den Spruch gedacht:'»Je länger Junggesell, je tiefer in der Höll'.« Es wäre aber doch sehr lustig, wenn man heutzutage, wo alles, was wir besitzen und thun, bereits besteuert ist, die Leute nun auch noch besteuern wollte für das, was sie nicht sind, nicht besitzen und nicht thun. Der Staat soll allerdings mit allen Mitteln dahin wirken, daß die furchtbare Zahl der von jedem Familienleben losgerissenen Einzelexistenzen, der Träger des proletarischen Geistes, verringert werde. Es ist aber ein großer Unterschied zwischen diesen vereinzelten Leuten und einem Hagestolz. Ein Hagestolz kann ebensogut in einer Familie leben und wirken wie eine alte Jungfer. Nur die Familie repräsentiren kann er nicht, das kann allein der Hausvater und Eheherr. Der Staat soll so wenig einen Prohibitivzoll auf die Ehelosigkeit als eine Prämie auf's Heirathen setzen. Nur die Ueberzahl familienloser, keinem Hause angehörender Sonderinteressen soll er beschränken. Das wird aber geschehen, wenn die Idee des »ganzen Hauses« wieder zu höheren Ehren, und die Macht der Familie zur vollen politischen Anerkennung kommt. Selbst die freiesten Frauen, die in Gedanken für einen gleichen Beruf mit den Männern schwärmen, ahnen in der Regel den inneren Widerspruch, wenn es gilt, hier zur That zu schreiten. Zur Candidatur für die französische Nationalversammlung von 1848 wurde von Männern Frau Dudevant, George Sand, vorgeschlagen. Aber mit dem natürlichen Takt eines Weibes wies die berühmte Dichterin, die man doch wohl für sehr freigesinnt, für sehr fehdelustig gegen die überlieferten Sitten halten mußte, das unsinnige Ansinnen der Männer entrüstet zurück. Dem natürlichen Taktgefühl, dem angebornen Conservatismus der Frauen muß man eben zu Hülfe kommen, indem man in der erhöhten Anerkennung der Familie zeigt, daß man den weiblichen Beruf im Hause versteht und politisch würdigt. Ignorirt aber der Staat die Familie, dann legt er selber ja den Frauen die Frage in den Mund, ob sie denn eine vollkommene Null im öffentlichen Leben für alle Ewigkeit seyn und bleiben sollen? Wer dem Gedanken der in der Familie vermittelten politischen Stellung der Frauen weiter nachgeht, dem wird dadurch auch ein neues Licht aufgehen über die grenzenlose Halbheit in unsern bisherigen Zusammensetzungsarten der Volksvertretung. Die Censustheorie z. B. wägt die Stimme des Einzelnen zur Volksvertretung nach der Summe des Beitrags, den derselbe durch seinen Besitz und Erwerb zum Nationalvermögen leistet. Da müßte aber doch wahrlich die Frau des armen Kleinbauern oder Handarbeiters, noch mehr die selbständige Taglöhnerin, die Künstlerin etc. ebensogut ein Stimmrecht haben wie der Mann. Beide treiben das gleiche Geschäft, erwerben, besitzen selbständig , stehen in der Bildung auf wesentlich gleicher Stufe. Warum läßt man solche Frauen nicht mitwählen zum Parlament? Auf die Frage muß die Censustheorie schlechterdings die Antwort schuldig bleiben. Nur aus Instinkt, der Überlieferung folgend, handelt man gescheidter als man in der That ist, und schließt die Frau ohne Grund von der Wahl aus. Denn wollte man zugestehen, daß die Frauen um deßwillen nicht mitwählen, weil die Volksvertretung ja nicht ein Abbild der Einzelnen in der Nation darbieten soll, sondern das verkleinerte Bild aller natürlichen Organismen der Volkspersönlichkeit, und folglich die Frauen ja schon vertreten seyen in dem Organismus der Familie – so würde damit die Censustheorie sich selber den Hals brechen, denn nur indem sie die politische Bedeutung dieser natürlichen Organismen leugnet, besteht sie. Nur eine ständische Wahlform verträgt sich mit dem Erkennen und Anerkennen der Familie. Darum hat sich der einseitige moderne Constitutionalismus auch niemals sonderlich mit der Lehre von der Familie befaßt; man geht nicht ohne Noth auf's Glatteis, und aus der Idee der Familie wächst die Idee der natürlichen Stände auf. Man rechnet z. B. aus, daß die ritterbürtigen großen Grundbesitzer einer Provinz etwa nur ein Zwanzigstel von sämmtlichem Grund und Boden ihres Landstriches inne haben und demgemäß besteuert sind, und folgert nun hieraus, daß es doch schreiendes Unrecht sey, solcher Zwanzigstels-Minderheit ein gleiches Gewicht im Landtag einzuräumen wie der neunzehnfach mehr steuernden Mehrheit der übrigen Grundbesitzer. Vom Standpunkt der reinen Censustheorie ist diese Folgerung ganz richtig. Ich frage dann nur immer wieder, woher man das Recht leitet, die selbständig erwerbenden Bäuerinnen und Taglöhnerinnen, noch mehr die sogar selbständig steuernden Putzmacherinnen, Lehrerinnen und Sängerinnen vom Wahlakt auszuschließen? Entweder stellt die Volksvertretung die gesammte Volkspersönlichkeit nach der Gliederung ihrer natürlichen Organismen dar – (und dies ist das einzige Mittel, die Proportionen des Urbildes auch auf das Abbild richtig zu übertragen) – oder sie ist bloß aus den erwerbenden und besitzenden Individuen gegriffen, wobei man davon absieht, das Volk als ein organisches Ganze, eine Persönlichkeit zu fassen. Im ersteren Falle gehört der Stand wie die Familie zu diesen natürlichen Organismen; und mit demselben Recht, womit man die Familie als solche vertreten seyn läßt in den Männern, laßt man die ritterlichen Gutsbesitzer gesondert wählen neben den Kleinbauern und wägt beide Gmppen als sociale Mächte im Ganzen , nicht aber zählt man die Köpfe ihrer Mitglieder im Einzelnen. Wer aber bloß die steuerzahlenden Individuen abschätzt und zählt, der hat gar kein Recht, die steuerzahlenden selbständigen Frauen zu übergehen. So wie er es aber damit rechtfertigt, daß er die Frauen als nur in der Familie zählend gelten läßt, wird er seinem eigenen Principe untreu und steht schon mit einem Fuß auf dem ketzerischen Boden der organischen Gliederung der Volkspersönlichkeit. * Die vereinzelten, familienlosen Frauen, namentlich der arbeitenden Klassen, werden in Zukunft den Staatsmännern noch manche schwere Stunde bereiten. Ihre Zahl droht sich in geometrischer Steigung zu vermehren, während die Zahl der in der Familie wirkenden Frauen nur in arithmetischer wächst. Nicht von der zunehmenden Ehelosigkeit spreche ich, sondern von der wachsenden Familienlosigkeit . Was nützt aller Beweis, daß der Beruf des Weibes in der Familie gegeben sey, wenn Tausende von Frauen keine Familie mehr finden können, die sie aufnimmt? Die Familie schließt sich, namentlich im wohlhabenden Bürgerthum, immer enger ab; lieber miethet der moderne Hausvater drei wildfremde Mägde, als daß er ein einziges armes Bäschen in seine Familie aufnähme. So sehen sich unzählige Frauen in einen Zustand versetzt, welcher vollkommen dem des socialen Proletariates entspricht. Sie sind beruflos, mittellos, familienlos. Das geht durch alle Stände. Vom Stricken und Spinnen kann auch das genügsamste weibliche Wesen kaum mehr leben. Der Kreis der von Frauen selbständig betriebenen Geschäfte hat sich zwar nach andern Seiten bedeutend, ja übermäßig erweitert, aber dennoch ist er viel zu klein für die täglich wachsende Masse vereinzelter verdienstloser Frauen. Hier bildet sich eine Gruppe der stillen und verschämten Armuth, deren Elend auf ganz eigenthümlichen und neuen Voraussetzungen beruht. Der Jammer dieser weiblichen Proletarier wird nicht in der Presse zur Schau getragen, wie bei dem männlichen Arbeitervolk; sie machen auch keine Aufläufe und bauen keine Barrikaden. Sie verhungern und verkommen ganz in der Stille, und ihr Nothschrei stört nicht die behagliche Verdauung dinirender und soupirender Minister. Gott allein siehet ihr verschwiegenes Dulden. Auch daran möget ihr erkennen, wie die Entsagung die eigentliche Pfahl- und Herzwurzel ist von dem natürlichen Conservatismus des Weibes. In der Verzweiflung haben sich viele vereinzelte Frauen allerlei neue Hantierungen vom Zaune gebrochen, die oft nur halb Gewerb, halb Bettelei sind. Soll man es nun gestatten, daß auf solche Existenz hin die Frau sich etwa mit einem ähnlich proletarischen Mann verheirathet? Geben zwei halbe Existenzen zusammen eine ganze? Ich glaube nicht. Ein familienhaftes Haus wenigstens werden sie gewiß nicht geben, und ein familienloses Haus ist schlimmer als gar keines. Als in den dreißiger Jahren der vielbesprochene »Donner der Julikanonen« nur insofern an der Spree wiederhatte, daß die Berliner Schneidergesellen Krawall machten wegen der Schneidermamsellen, lachte man über diesen Contrast großer Ursachen und kleiner Wirkungen. Ich glaube aber, es steckt eine dräuendere revolutionäre Zukunft hinter dem Krieg der Schneidergesellen gegen die Schneidermamsellen als hinter der ganzen Julirevolution. Denn die Noth der Familienlosigkeit und der weiblichen Beruflosigkeit zeigt sich hier zusammengekoppelt mit der Angstfrage des Proletariats. Die einfachen Hantierungen der Fabrikarbeiterinnen entsprechen noch allenfalls dem Begriff einer untergeordneten weiblichen Gewerbthätigteit. Sie sind bloß eine Arbeit, kein Beruf, sie erheischen kein meistermäßiges Erlernen und drängen das Weib nicht, gleich so mancher anderer Arbeit, aus den Schranken ihres Geschlechts. Sieht man aber die von der verdorbenen Luft, dem Staub und Maschinenöldunst der Fabriksäle gebleichten Gesichter dieser Arbeiterinnen, die gekrümmten Gestalten kaum entfalteter Jungfrauen, und erwägt dabei die sittlichen Folgen eines derartigen massenhaften Zusammenlebens vereinzelter Bursche und Mädchen, dann möchte man es wahrlich nicht auf sein Gewissen nehmen, die Fabriken als Zufluchtsstätten für beruflose Frauen besonders zu empfehlen. Es haben ehrenwerthe Fabrikherrn wohl ein sittlich veredelndes Vereinswesen unter ihren Arbeitern begründet, welches den Männern ein Stück des Hauses ersetzen kann: die volle Familie niemals, den Frauen aber gar nicht. Was auf der einen Seite durch die Fabriken gewonnen wird, indem eine große Zahl von Frauen dort wenigstens Arbeit und Unterhalt finden, das kehrt sich andererseits wieder zum Schaden, denn hunderte von Frauen, die, wenn sie ihren Eigenwillen opfern wollten, ächt weiblich einer Familie dienen könnten, gehen, um frei und fessellos zu seyn, in die Fabrik. Dadurch wird aber der Geist der Familienlosigkeit selber wieder gehegt, der eben darin wurzelt, daß Jeglicher sein eigener Herr zu seyn begehrt, und nicht erkennt, daß es höher ist, seinen Eigenwillen vor der großen sittlichen Institution der Familie zu beugen. »Eines Andern Knecht soll Niemand seyn, der für sich selbst kann bleiben allein.« Der Vers ist nicht für Frauen gemacht. Er war der Wahlspruch des Paracelsus, und ein Mann wie Paracelsus durfte wohl ein so stolzes Wort im Munde führen. Heutzutage aber will es ihm jeder Esel nachsprechen, der doch nichts weniger als ein Paracelsus ist. Es gibt viele familienlose Frauen, die, wie man sagt, »von ihrem Geld leben können.« Sie verkümmern aber auch als mit sich selbst zerfallene alte Jungfern. Sie stehen vereinsamt und ohne Beruf. Ich möchte sie dem aristokratischen Proletariat vergleichen. Ihr Geschlecht und ihre Stellung verbietet ihnen geschäftsmäßig zu arbeiten. Sie verzehren ihre Renten als unsers Herrgotts Tagediebe. Viele dieser Frauen üben Werke der Mildthätigkeit, um nur überhaupt etwas zu thun. Das ist gewiß ein heiliger Beruf für Frauenhand, und Gott wird ihnen vergelten. Aber ein voller, ganzer, das Weib erfüllender Beruf ist es doch noch nicht, und ich glaube, viele von diesen in wohlhäbiger Unabhängigkeit lebenden Frauen beneiden manchmal eine arme Dienstmagd, der es vergönnt war, unter Müh und Plage sich in eine Familie einzuleben, die Kinder aufziehen zu helfen und liebzugewinnen, als wären sie ihr eigen Fleisch und Blut, und mit ihrem harten Stück Brod unvermerkt auch den Frieden eines weiblichen Berufs im Hause zu finden. Es ist wohl das fürchterlichste Ding, beruflos, ziellos ein Pflanzendaseyn zu leben, und sey es auch ein üppiges, und es gehört die ganze natürliche Entsagungskraft, der Duldermuth einer Frau dazu, um bei einem solchen Daseyn nicht aus der Haut zu fahren. Als man den Kreis der Familie auch in den Städten noch weiter zog und eine wenn auch entfernte Base nicht vereinsamen ließ, so lange noch ein Platz am Tische und eine Schlafstatte noch in den Dachkammern vorhanden war, da fanden solche arme Wesen nicht nur eine Häuslichkeit, sondern auch einen Beruf in der Familie, der sie nahe standen und als natürliche Hausgenossen einverleibt waren. Das ist anders geworden, wie ich im Kapitel vom »ganzen Hause« zeigen werde. Aber muß es anders geworden seyn? Das Volk hält jede häßliche Frau vorweg für eine gute Haushälterin. In den gebildeteren Kreisen ist man jetzt versucht, jede häßliche Frau vorweg für eine Schriftstellerin oder für eine Gouvernante zu halten. Eine häßliche Frau ist in der Regel auch eine Verbissene, Verbitterte, Gekränkte. Und in der That ist die überwiegende Zahl der modernen Schriftstellerinnen lediglich durch Verbitterung über die Verschrobenheit ihrer Stellung in Familie und Gesellschaft, wozu sich noch der Fluch der raffinirten Ueberweiblichkeit gesellt haben mag, zur Schriftstellerei getrieben worden. Groll und Trotz gegen Gott und die Welt war oft genug die einzige Begeisterung, welche sie an's Werk trieb, und doch – wie gemäßigt haben die meisten geschrieben gegenüber unsern im Weltschmerz unter die Literaten gegangenen Männern! Der sociale Roman ist seit Johanna Schoppenhauers Tagen äußerst fleißig von Frauen angebaut worden. Damen aber, welche solche Romane schrieben, um der Gesellschaft Fehde anzukündigen, haben dies meist nur im Sinne eines veräußerlichten Aristokratismus gethan, Bettler sollen Fürstenbrüder werden, – aber die Verbrüderung muß jedenfalls im Salon und mit Anstand vor sich gehen. Neben den Schriftstellerinnen stehen die Gouvernanten. Die Frau soll erziehen; das beste Theil unserer Erziehung haben wir Alle wohl von Frauen erhalten. Soll aber die Frau auch lehren und ein Gewerb aus dem Lehramt machen? Sie soll lehren in der Familie. So wie sie öffentlich lehrt, treten dieselben Gefahren ein, wie bei der öffentlichen Kunstübung der Frauen, und wenn die Frauen massenhaft dem Lehramt zuströmen, wenn es sich gleichsam von selbst versteht daß jedes häßliche und nicht allzureiche Mädchen aus guter Familie Lehrerin wird, dann ist damit bereits ein krankhafter Zug in der ganzen Physiognomie des weiblichen Geschlechtes angezeigt. Diese Gruppe vereinzelter Frauen ist um so gefährlicher, weil sie in der That einen ächt weiblichen Beruf üben, nur nicht in weiblicher Art; weil auch am Ende weniger die Erscheinung an sich als die Massenhaftigkeit ihres Auftretens den Staatsmann stutzig machen muß. Auch hier tritt immer wieder die Frage, wie die Familie diese tausend durch den weiblichen Lehrberuf sich absondernden Elemente auf's Neue an sich ziehen könne, als die eigentliche Frage der »Nutzanwendung« für den Staatsmann in den Vordergrund. Auf die verschobene Stellung der beiden Geschlechter zu einander übt das weibliche Erziehungswesen den entscheidendsten Einfluß. Ein Unterrichtsminister würde zwar gewiß darüber lachen, wenn man ihm sagte, daß das Studium des Gegensatzes von Mann und Weib speciell in sein Departement einschlage; es hat aber doch seine Richtigkeit. Zur gerechten oder verfälschten Herausbildung jenes Gegensatzes, in dem die Gesundheit und Dauerbarkeit der Familie beruht, wirkt die Erziehung auf's Entschiedenste mit. Ich verwies oben bereits auf den Einfluß der Dorfschulen, wo Mädchen und Buben bis zur Confirmation auf denselben Schulbänken sitzen. So treibt die Ueberweiblichkeit der feinen Welt in der Töchtererziehung dieser Kreise ihre erste tiefe Wurzel. Wo ein Mädchen schon mit dem ABC-Buch anf den Isolirschemel einer aparten weiblichen Bildung gestellt wird, da ist es kein Wunder, wenn die erwachsene Dame zuletzt vor lauter Weiblichkeit zu Grunde geht. Die erste Erziehung gehört der Frau, aber – in der Familie . Vornehme Damen schicken ihre kleinen Mädchen, wenn diese kaum ordentlich laufen können, häufig bereits in eine weibliche Pension, nicht um sie besser erziehen zu lassen, sondern um sie los zu werden. In einem Lebensalter, wo das Kind noch rein in der Zucht des Hauses stehen sollte, wird hier bereits die künftige Dame in ihm vorgebildet. Gegenüber solchen Müttern erscheint mir der berühmte Strauchdieb Matthias Weber, weiland Zeit- und Ruhmesgenosse des Schinderhannes, immer als ein höchst respektables Gegenbild. Als Weber vor seiner Hinrichtung gebeichtet hatte, sagte er zu dem Beichtvater, nun habe er nur noch einen Herzenswunsch: nur eine kleine Weile möchte er frei seyn, um – noch einmal etwas recht Großes stehlen zu können! Als ihm der Beichtvater staunend diesen letzten Wunsch verwies, erwiderte der Räuber: »Ja, das wollt' ich, ich würde das Geld nehmen und dafür mein armes Kind erziehen lassen. Es wird doch zu Grunde gehen!« Der Spitzbube hatte noch väterliches Gefühl; er hätte bei besseren Verhältnissen sein Kind gewiß nicht in ein Pensionat geschickt, um es los zu werden. Die Tochter soll, noch weit entschiedener als der Sohn, möglichst lange in der elterlichen Familie gehalten werden, denn wenn sie auch nebenbei in die Schule geht, ihre Hochschule wird immer das elterliche Haus seyn. Die ausschließliche Bildung durch Privatunterricht, die vorzugsweise bei den Töchtern eingerissen ist, läßt zwar das Kind im Hause, trägt aber auch von der andern Seite zu der bei dem weiblichen Geschlecht so verfänglichen Vereinzelung der Persönlichkeit und des Geschlechtes bei. Ueberall liegen hier Keime, aus denen später die Ueberweiblichkeit aufsproßt. Auch in den Städten sollte man die Mädchen bis zum zwölften oder vierzehnten Jahre durchaus in die Volksschule schicken, seyen ihre Eltern so vornehm wie sie wollen. Die Kinder werden hier von den Kindern gemeiner Leute zwar manche Rohheit lernen, sie werden aber auch vor der Ziererei überweiblicher Art gründlich bewahrt und erhalten Auge und Sinn für des Volkes derbe und kräftige Natur. Es liegt ein unberechenbarer Gewinn für die Charakterbildung der Männer und Frauen der höheren Kreise darin, wenn sie wenigstens in der Schule mit der Gesammtheit der Kinder aus dem Volke auf einer Bank gesessen und mit den barfüßigen Kameraden und Gespielinnen unter dem gleichen Kriegsrecht des Bakels gestanden haben. Die Mädchen erhalten hier auch wenigstens noch männliche Schulmeister und keine weibliche »Erzieherinnen.« Sie sollen den Ernst und die harte Disciplin einer öffentlichen Volksschule durchkosten, als Präservativ gegen die Ueberweiblichkeit. Das Weib kann die mannichfachsten Bildungsstoffe in sich aufnehmen; es kann in der Kunst und Wissenschaft festen Fuß fassen, und sofern es dadurch nur dem weiblichen Hauptberuf, welcher der Familie gehört, nicht untreu wird, mag eine solche anspruchlose und feine männliche Bildung auch dem Weibe ein köstlicher Schmuck werden. Dieses Ausnahmeverhältniß aber wird in den meisten weiblichen Erziehungsanstalten zur Regel verkehrt. Geradezu auf der Grundlage der Wissenschaft und Kunst soll hier das Mädchen erzogen werden. Und es ist das noch nicht einmal die männlich ernste, strenge Kunst und Wissenschaft, in welche mühsam einzudringen schon allein zur Zucht des Geistes wird, sondern bei der weiblichen Erziehung ist ein bloßes Dilettantenwesen mit Musik, Malerei und Poesie obenauf, die Sprachbildung zielt nicht auf die logische Zucht der Erkenntniß der Sprache und ihrer Gesetze, sondern auf sein renommistisches Parliren. Wenn dazu der Unterricht in allen möglichen Wissenschaften von Frauen ertheilt wird, die selbst niemals Gelegenheit hatten, die festen Fundamente eines streng wissenschaftlichen akademischen Studiums zu legen, was soll da anders herauskommen als eine Oberflächlichkeit, die zur ächten Zucht des Geistes zu wenig und zur Bewahrung der naiven natürlichen Frauenart viel zu viel ist? So fängt denn der Blaustrumpf bereits im Institute an, und jene specifisch weibliche Literatur der glänzend lakirten Oberflächlichkeit hat hier ihre wahre Universität gefunden. Man spricht von der strengen Häuslichkeit, dem festen Charakter der Mütter und Frauen der guten alten Zeit, und im ehrenden Gedächtniß an sie nennt man den natürlichen Scharfblick, die natürliche Gesundheit und Schlagfertigkeit des Urtheils »Mutterwitz« – als den von der Mutter ererbten Witz. Diese Frauen mit den vollen ehrwürdigen Gesichtern in den großen steifen Halskrausen, die Frauen, von denen wir den Mutterwitz geerbt, hatten aber auch ganz andere weibliche Erziehungsanstalten durchzumachen als unsere Pensionen und Institute, in denen gemeinhin der Mutterwitz todtgeschlagen wird. In der »Christlichen Kirchenordnung« des Landes Braunschweig-Wolfenbüttel vom Jahre 1543 finden wir einen Abschnitt »Von der Junkfrouwen Scholen,« der uns ein höchst anschauliches Bild von den »Dameninstituten« des sechzehnten Jahrhunderts gibt. Die Jungfrauen sollen in diesen Schulen lesen und schreiben lernen und zwar ziemlich bedächtig, nämlich »allein lesen« in einem bis zwei Jahren. Dann lernen sie Psalmen singen, lernen den Katechismus und ein gutes Stück der Bibel auswendig. »Wer seine Jungfrauen mehr will lassen lernen, der lasse sie auch mit dem Schreiben lernen, geschriebene Briefe zu lesen « u.s.w. wie es naiv genug heißt. Wenn die Schulstunden der Mädchen vorüber sind, dann »sollen sie bei ihrer Mutter seyn zu Haus', sollen etwas lesen, und lernen von ihrer Mutter tüchtig haushalten und was dar mehr zu gehöret. Man soll ihnen auch nicht zu viel auflegen, Maß ist zu allen Dingen gut. Man lasse die kleinen Kinder zu Zeiten auch spielen, daß sie darnach desto fleißiger zum Studiren wieder ankommen.« Auch über die religiöse Erziehung in den Jungfrauenschulen redet die Schulordnung Dinge, die heute noch nützlich zu hören sind. Da heißt es unter Anderem: »Salomon am Ende seiner Sprüche sagt, daß es nicht genug ist, wenn eine Hausfrau schön ist, so sie nicht auch gottesfürchtig ist; die nach Gottes Worte Gott allezeit in allen ihren Geschäften vor Augen hat. Gottlose Mütter fragen nichts nach Gott, das heißt nach Gottes Wort, darum halten sie auch ihre Knechte und Mägde nicht zu Gottes Wort und ziehen gottlose Kinder auf. Aber aus solcher Jungfrauen-Schule können wir viele Hausmütter kriegen, die mit Gottes Wort zu Gottes Furcht gehalten sind, die gedenken bei Christo zu bleiben, in welchem sie getauft sind, die halten nachgehends ihre Kinder und Gesinde, auch zu Gottes Wort« ... »Von solchen Hausmüttern, die Gott fürchten, wird nachmals die Stadt besetzet mit ihren Kindern, die fromme Bürger und Bürgerinnen werden, und kommt von ihnen ein edel Geschlecht, die Kinder Gottes werden durch den Glauben an Jesum Christum bis zum jüngsten Tag: darum wollen wir traun solche Jungfrauen-Schulen nicht versäumen, sondern in Ehren halten.« Diese Jungfrauen-Schulen hatten auch damals schon eine »Jungfrauen-Schulmeisterin,« obgleich die alte Zeit weit bedenklicher war als die unsrige in der Zulassung der Frauen zum Lehramt, und schon Karl der Große wollte, daß nicht Frauen sondern Männer die Mädchen erziehen sollten. Allein die »Jungfrauen-Schulmeisterin« sieht dann doch ganz anders aus als die moderne »Erzieherin.« »Zu dieser Schule soll man verschaffen eine ehrliche Matrona , die wohl lehren kann und mit den Jungfrauen wohl und vernünftig kann umgehen, die Gottes Wort liebt und gern in der Bibel und sonst was gutes lieset.« Aus dem Nonnenkloster geht die Jungfrauen-Schule hervor, darum fordert man zuerst eine Matrone zur Schulmeisterin, und zwar, da das Kloster wie die Jungfrauen-Schule im Sinne der Zeit nur die häusliche Erziehung ergänzen soll, wo möglich eine verheirathete oder verwittwete, keine alte Jungfer. Joh. Ludw. Bives in seiner damals als klassisch anerkannten Schrift » de institutione christianae foeminae « fordert sogar, daß der Mädchen-Schulmeister verheirathet sey und obendrein, daß er wo möglich eine schöne Frau habe – » ita demum in alienas minime exardescet .« In diesen Jungfrauen-Schulen erkennen wir erst recht die ehrsamen Hausfrauen, wie sie uns von den Bildern Dürers, Holbeins und Kranachs hellen Auges entgegenschauen, und in den modernen Pensionaten und Instituten mögen wir die Damenköpfe unserer Almanachkupfer und Modejournale erkennen. Mit allen diesen Erörterungen über die politische Vertretung der Frauen durch eine erweiterte Anerkennung der Familie, dann über die vereinzelten Frauen und damit zusammenhängend über die Erziehung zur Ueberweiblichkeit habe ich also nur verschiedene Folgen der Einen Thatsache dargelegt, daß der Beruf der Frauen überall in der Regel nur ein in der Familie vermittelter seyn könne. Diesem Centralsatze sind aber überhaupt alle Untersuchungen über Wesen und Natur der Frauen zugewandt. Er ist der geheime Kern aller im Vorhergehenden aufgestellten Thesen über den Geschlechtsgegensatz. Er führt uns auch hinüber zu dem nächsten Buche, welches von dem Ideal und der Reform des Hauses und der Familie handelt. Wo aber bleibt die Nutzanwendung? Was soll man denn beginnen mit den vereinzelten Frauen? Wie soll man die täglich wachsende Heerschaar Derjenigen mindern, die ohne ihr Verschulden losgelöst sind von der Familie, hinausgestoßen, einsam dastehend in der eigensüchtigen, wirr bewegten Welt, beruflos, mittellos, oder doch wenigstens von vornherein ohne Gnade verdammt zu einem verfehlten, ziellosen Leben? Was soll man mit diesen Aermsten anfangen? Soll man sie in Nonnenklöster sperren? in Pfründnerhäuser einkaufen? barmherzige Vereine aus ihnen organisiren? soll man die Wittwenkassen erweitern, Lebensversicherungen für Schwestern und Basen gründen, die voraussichtlich alte Jungfern werden? soll man die Ueberzahl der familienlosen Frauen über's Meer nach Australien schicken? soll man sie todtschlagen? Mit einem Sturme solcher Fragen wird der Socialpolitiker leicht vom praktischen Staatsmann übergossen. Er gibt aber auf so viele Fragen ganz kaltblütig nur eine einzige Antwort: »Beginnen« soll man mit der ganzen Legion der vereinzelten Frauen gar nichts. Man soll sie ihrer Wege gehen lassen nach wie vor. In allen den eben aufgeworfenen Fragen mögen gute Aushülfen für einzelne Fälle liegen – nur das Todtschlagen will ich nicht empfohlen haben – allein für den Krankheitszustand als Ganzes und in seiner Wurzel ist durch solche örtliche Linderung noch nichts gewonnen. Man will aber helfen, augenblicklich helfen! – Ja man mag augenblicklich helfen, aber die Frucht wird sich frühestens zeigen binnen heute und fünfzig Jahren -gerade wie bei der »Reform der Gesellschaft.« Wer in solchen Dingen sogenannte praktische Rathschlage begehrt, wundersame Geheimmittel, die von heute auf morgen wirken, der möge bedenken, daß in der Regel nur der Idealist oder der Charlatan derlei praktische Rathschlage in socialen Fragen gibt; der besonnene, ehrliche, gründliche und praktische Mann glaubt auch hier an keine Universalpillen. Aber soll man denn solche Krankheitszustände ganz sich selber überlassen? Gewiß nicht. Der Verfasser, welcher ein ziemlicher Ketzer im Glauben an die medicinische Facultät ist, befolgt für seine Person bei Unpäßlichkeit das Selbstheilverfahren der Hunde, die sich lediglich durch Fasten, heftige Bewegung und Schlafen curiren und ist dabei so wohl gefahren, daß er seit seinen Kinderkrankheiten – unberufen! – für den Dittersdorfischen Doctor und Apotheker mehr Geld ausgegeben hat als für den wirklichen. Er glaubt auch, daß alle vernünftigen Heilmittel keinen andern Zweck haben können, als eine oder mehrere der Wirkungen dieser drei Naturhülfen künstlich zu erzielen. Die Naturhülfen müssen wir auch für das sociale Heilverfahren aufsuchen. Die Rückführung der vereinzelten Frauen zur Familie wird nur dann erfolgen, wenn die ganze Nation wieder tiefer durchdrungen seyn wird von dem Geiste der Familienhaftigkeit . Einen solchen »Geist« citirt man aber nicht wie ein Gespenst durch ein Zauberwort mit etwas social-politischem Hocuspocus. Man kann ihn nur entzünden – langsam und allmählich – bei den Einzelnen, man kann durch ein treffendes Wort den Leuten klar machen, was sie wohl geahnt und gefühlt, aber nicht auszusprechen gewußt haben, man kann solchergestalt allmählig eine stille Gemeinde der Gleichgesinnten stiften, und in Jahr und Tag, wenn vielleicht längst unsere Kinder an unsere Statt eingerückt sind, wird der ursprüngliche zündende Funke zu einem hellen Feuerschein geworden, der Geist wird in allem Volke »entzündet« seyn. So zu wirken soll der Stolz, aber auch zugleich die Selbstbescheidung des Socialpolitikers seyn. Meine Antwort, wie man die vereinzelten Frauen ins Familienleben zurückführen solle, war darum in sehr wenigen Worten gegeben, sie folgt aber auch noch in vielen. Denn das ganze nunmehr folgende Buch vom »Haus und der Familie« ist eigentlich auch eine Antwort darauf. Dort habe ich nämlich meine Ansicht über das Urbild der Familie, über ihren Verfall und Wiederaufbau niedergelegt. Ich habe wiederum viele einzelne praktische Rathschläge angedeutet, aber kein einziges Universalmittel. Den Geist der Familienhaftigkeit wünschte ich zu entzünden durch dieses Buch, und wenn mir dieß gelänge bei einigen Wenigen, Gleichgesinnten, wenn ich nur ein Dutzend deutscher Männer und Frauen bewegen könnte, die verklungene Idee des »ganzen Hauses« wieder in sich aufleben zu lassen, dann würde ich mich glücklich preisen mit diesem Buche einen großen praktischen Erfolg gewonnen zu haben. Mit dem Geiste der Familienhaftigkeit werden die Frauen nicht mehr fessellos und persönlich eigenherrisch ins Weite schweifen wollen; sie werden ihre Seligkeit wieder darin finden, zu Hause zu bleiben. Die Familien selber aber werden sie dann auch wiederum nicht mehr von sich stoßen, sie werden es Gott danken, die natürlichen Genossen des Hauses statt gemietheten Volkes wieder in ihre Mauern einziehen zu sehen. Ein Jeder fange nur in seinem eigenen Hause an, dann wird die deutsche Familie bald reformirt seyn. Der Staat kann viel thun, er kann trefflichen Hebammendienst verrichten bei socialen Geburten, aber selber ein neues sociales Leben zeugen oder gebären kann er nimmermehr. Und gerade den allgemeinsten Urverhältnissen der socialen Erscheinungen gegenüber ist der Staat am ohnmächtigsten. Wo es nicht für das deutsche Haus begeisterten Männern und Frauen gelingt, einen wahren apostolischen Glaubenseifer für die große sittliche und nationale Idee der Familie anzufachen, da wird es dem Staate nie und nimmer gelingen die verschobene Stellung des männlichen und weiblichen Geschlechtes in die rechte Linie zu rücken. Das deutsche Haus baut sich auf wie die gothische Kirche: von Innen nach Außen . So wird aus dem Innern der Familien heraus die Stellung von Mann und Weib wieder ins Loth gebracht werden müssen. Dann wird auch wieder herrlich erfüllt werden, was Goethe so wunderbar schön von dem Beruf der Frauen gesagt hat und was ich den ächten deutschen Frauen zur Erbauung, den modernen Damen aber zum Trutz als den rechten Zimmermannsspruch hierhersetzen will, da ich nun den letzten Balken zum äußeren Fachwerk meiner Familie aufgeschlagen: »Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach ihrer Bestimmung: Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen, Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für Andre. Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer Wird und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in Andern! « Zweites Buch Haus und Familie. Erstes Kapitel. Die Idee der Familie. Der philosophische Mythus Platons, Jakob Böhme's und so manches anderen Denkers, daß in dem Urmenschen Mann und Weib in Einer Person vereinigt gewesen sey, findet seine praktische Deutung in der Ehe. Die in ihre zwei Gegensätze gespaltene menschliche Gesammtpersönlichkeit sucht in der Ehe wieder einheitlich zu werden. In einem einzelnen Mann oder einer einzelnen Frau kann sich die Idee der Menschheit niemals vollständig darstellen. Ein Ehepaar gibt erst einen Mikrokosmus der ganzen Menschheit. Die Menschheit ist ausgegangen von dem »ersten Paar;« und wenn sie ausstürbe bis nur auf ein Paar, könnte sie doch wieder aufwachsen und blühend werden wie vorher. Durch die leibliche und sittliche Verbindung von Persönlichkeiten der beiden Geschlechter zur Wiederherstellung des ganzen Menschen – die Ehe – entsteht die Familie . Denn mit jener Wiederherstellung des ganzen Menschen ist zugleich die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes gegeben, und die drei Elemente der Familie: Vater, Mutter und Kinder sind in ihr bereits vollständig vorausgesetzt. Die Familie ist darum der erste und engste Kreis, in welchen wir unser ganzes menschliches Wesen wiederfinden, uns in uns befriedigt und bei uns selbst daheim fühlen. Sie ist die ursprünglichste, urälteste menschlich-sittliche Genossenschaft, zugleich eine allgemein menschliche; denn mit der Sprache und dem religiösen Glauben finden wir die Familie bei allen Völkern der Erde wieder. Die Ehe und die Familiengründung ist der erste Ausfluß des hohen Urrechtes des Menschen: der freien Persönlichkeit . Bei dem Thiere verbinden sich die Geschlechtsindividuen gattungsmäßig und eben darum nur vorübergehend: bei dem Menschen verbanden sich die Personen für die ganze Lebensdauer. Wenn moderne Socialisten Staats-Kindererzeugungs-Anstalten an die Stelle der Familie setzen wollen, so heißt das nichts anderes, als die Bestialität an die Stelle der Menschlichkeit setzen. Um aber den Begriff der Familie logisch zu vernichten, muß z. B. Peter Leroux von einem Grundsatz ausgehen, welcher schon durch die bekanntesten physiologischen Thatsachen widerlegt wird: von dem Grundsatz: »die Menschheit ist virtualiter in jedem einzelnen Menschen . Die Menschheit ist der Mensch – der Mensch die Menschheit.« Wir sagen umgekehrt: der einzelne Mensch kann nicht einmal für das verkleinerte Bild der Menschheit gelten, geschweige daß er selbst die Menschheit wäre; die Menschheit ist erst im Bilde repräsentirt durch zwei Menschen, durch Mann und Weib, und wiederum nicht durch Mann und Weib in ihrer Vereinzelung, sondern in ihrer Verbindung durch die Ehe zur Familie . Die Protestanten des sechzehnten Jahrhunderts sagten statt des »Ehestandes« auch: der » ächte Stand .« In der That ist er auch der Urstand: die Basis aller weiteren Gesellschaftsentwickelung. Als die Wiederherstellung des ganzen Menschen weihet die Kirche den Ehestand und erkennt in ihm eine göttliche Einsetzung. Man hat es katholischerseits den Protestanten als eine Inconsequenz vorgehalten, daß sie zwar ein für das ganze Leben bindendes Ehegelübde statuirten, dagegen ein gleiches Gelübde, der Ehelosigkeit nicht wollen gelten lassen. In dem Ehegelübde ist aber eigentlich nur das Urrecht der menschlichen Persönlichkeit, das Recht auf die Wiederherstellung des ganzen Menschen in der Vereinigung von Mann und Weib besiegelt und erfüllt; das Gelübde der Ehelosigkeit dagegen ist ein Verzicht auf dieses Urrecht. Der qualitative Unterschied beider Kategorien springt auch schon daraus hervor, daß eine auf Zeitdauer abgeschlossene Ehe eigentlich gar keine Ehe, ein logisches Unding ist, wahrend sich eine auf Zeitdauer gelobte Ehelosigkeit recht wohl denken läßt. Ich kann meine Persönlichkeit ganz und ungetheilt nur einer anderen Persönlichkeit darbringen, nicht aber einer Mehrzahl von Persönlichkeiten. Daher kann eigentlich nur aus der Monogamie eine wirkliche Ehe hervorgehen. Je reifer die Menschheit wird, um so allgemeiner wird die Monogamie. Die Familie ist uns aber nicht bloß religiös, sondern auch social und politisch ein Heiligthum. Denn die Möglichkeit aller organischen Gliederungen der bürgerlichen Gesellschaft ist in der Familie im Keim gegeben, wie der Eichbaum in der Eichel steckt. In der Familie ist gegründet die social-politische Potenz der Sitte, aus welcher das Gesetz hervorgewachsen ist. Die Familie ist überhaupt die nothwendige Voraussetzung aller öffentlichen Entwickelung der Völker. Die Familie antasten, heißt aller menschlichen Gesittung den Boden wegziehen. Der Staat setzt die Familie voraus, aber er ist keineswegs, wie man so oft behauptet hat, die erweitertete Familie: noch ist der Organismus der Familie schlechthin ein Vorbild des Staatsorganismus. Die Familie ist nur das natürliche Vorgebilde der Volkspersönlichkeit, d.h. der bürgerlichen Gesellschaft. Beide sind, gleichsam als Naturprodukte unserer geschichtlichen Entwicklung, bestimmt durch die Idee der Sitte; der Staat dagegen ruht auf der Idee des Rechtes. So verkehrt es daher ist, den Staat als eine erweiterte Familie zu betrachten, so verkehrt ist es, bei der Familie oder der bürgerlichen Gesellschaft nach der beiden Organismen zu Grunde liegenden Rechtsidee zu fragen. In dem Wesen beider liegt gar keine Rechtsidee, wohl aber kann und muß der Staat die Familie wie die Gesellschaft hinüberziehen in seine Rechtssphäre. Aber auch dann noch betrachten wir mit gutem Grund das Familienrecht nicht als einen Theil des öffentlichen Rechtes, sondern des Privatrechts. Es ist ein Zeichen der höchst niedrigen politischen Entwickelungsstufe des patriarchalischen Staates (der eben überhaupt nur annähernd für einen Staat gelten kann), daß hier wirklich der Staat als eine erweiterte Familie erscheint. Wie der Staat auf den Schwerpunkt des Rechtes gestellt ist, so die Familie auf den Schwerpunkt der sich ergänzenden Liebe und der auf diese gegründeten bewegenden Mächte der Autorität und Pietät . Die Familie steht unter der natürlichen Obervormundschaft der Eltern und speziell des Familienvaters. Diese Obervormundschaft ist ein Urrecht, in der Natur der Sache gegeben. Weil Vater und Mutter die Auctores , die Urheber der Familie sind, darum besitzen sie von selber auch die Auctoritas , die Macht der Autorität. Weil aber die Autorität die Gewalt des Urhebers ist, so ist sie andererseits gegründet auf die natürliche Liebe und Aufopferung des Erzeugers für sein Kind. Ebenso steht der Mann zu seiner Frau in dem aus der Liebe hervorwachsenden Verhältnis; der Autorität. Nicht gezwungen durch äußere Unterdrückung, sondern weil sie es ihrer Natur nach gar nicht anders kann und mag, tritt die Frau unter die Autorität des Mannes. So war es seit die Welt stehet und so wird es bleiben. Die Frau gibt ihren Namen auf und nimmt den Namen des Mannes dafür hin; denn in diesem Namen allein ist zugleich der durch die langen Reihen der Generationen fortlebende Namen der Familie gegeben. Auch die Religion des Vaters wird für das Bekenntnis der Familie entscheidend; denn er ist der Repräsentant der Familie. Eine völlige Verschiedenheit der Religion beider Ehegatten kann gar nicht gedacht werden, denn eine solche Ehe würde von vornherein ihrem vollen Begriffe nicht entsprechen. Wohl aber wird z.B. Verschiedenheit der Confession innerhalb der gemeinsamen christlichen Kirche eine wahre Ehe nicht unmöglich machen. Es liegt dann aber im Begriff der Familie, daß alle Kinder der Confession des Vaters folgen, als des Hauptes, des Repräsentanten, des Namengebers der Familie. Ohne diese Voraussetzung kann die Integrität und Continuität der Familie gar nicht aufrecht erhalten werden. Bei den Häusern der Fürsten und des hohen Adels, wo der historische Zusammenhang der Familie noch mit besonderer Sorgfalt gewahrt wird, gilt es daher als allgemeiner Grundsatz, daß die Confession des Familienhauptes, d.h. eben die historische Confession der Familie, maßgebend bleibe für alle Glieder der Familie. In Rußland, wo patriarchalische Zustände noch so tief in das sociale, religiöse und politische Leben eingreifen, müssen sich selbst die Schwiegertöchter des Kaisers bequemen, die Confession des Hauptes der kaiserlichen Familie anzunehmen. Das Alles sind Ausflüsse des natürlichen Autoritätsverhältnisses in der Familie, für welche der Staat keine Analogie hat. Schon bei der Aufstellung dieser einfachsten Begriffe der Familie öffnet sich vor uns ein wahrer Abgrund gewaltiger Consequenzen. Fragt mich Einer: warum bist du Protestant? so kann ich (wie mir dünkt ohne den Vorwurf der Oberflächlichkeit) nur antworten: weil mein Vater Protestant war. Ich bin es mit Ueberzeugung; aber ich würde zu dieser Ueberzeugung niemals gekommen seyn, wenn ich nicht in protestantischen Anschauungen und Ideen aufgewachsen, wenn meine Familie nicht protestantisch gewesen wäre: mein religiöses Bekenntniß, scheinbar das Individuellste, was ich nur besitze, ist mir also wesentlich eingeimpft worden durch die Autorität der Familie. Der gemeine Mann hält darum das Abfallen vom Glauben der Väter (»Umfallen« sagten unsere Vorfahren schlechtweg) auch deßhalb für ganz besonders schimpflich, weil er darin neben Anderem die größte Verleugnung der Familie sieht. Nur in Zeiten der wildesten religiösen Erregung werfen ganze Völker die Scheu vor einer solchen Verläugnung der Familie von sich. Darum sind aber auch die großen religiösen Krisen der Menschheit niemals ohne die gründlichste Umwälzung der Familie wie der Gesellschaft vor sich gegangen. Wir ahnen gar nicht, wie sehr die Autorität der Familie unser innerstes Selbst gefesselt hält. Dieses Schauspiel wiederholt sich, wenn wir im Großen statt auf einzelne Menschen auf ganze Generationen blicken. Die vergangenen Geschlechter stehen zu den gegenwärtigen im Verhältnis; der Autorität, des Urheber-Rechtes, wie der Vater zum Sohn. Sie haben uns die Bahnen unserer Entwickelung fest bestimmt, und wir folgen diesen Bahnen so gewiß als ich Protestant bin und seyn muß, weil mein Vater Protestant war. Aber auch diese Fesselung der natürlichen Autorität hat Maß und Ziel. Dem Kinde wird niemals der ganz gleiche Beruf mit dem Vater zufallen, und wenn ich schon ein Protestant bin, weil mein Vater einer war, so bin ich doch ein ganz anderer Protestant als mein Vater. Wenn das Familienhaupt den übrigen Gliedern der Familie gegenüber im Verhältniß der Autorität steht, so stehen diese zu ihm im Verhältnisse der Pietät , der liebe- und ehrfurchtsvollen Hingebung. Ich sagte, auch bei den Generationen der Menschheit wiederhole sich das Verhältniß der väterlichen Autorität der vorangegangenen Geschlechter zu den nachfolgenden. So soll sich auch das Verhältniß der Pietät gegen die Vorfahren bei jedem lebenden Geschlechte wiederholen. Autorität und Pietät sind die bewegenden sittlichen Motive in der Familie. Im Staate sind sie das nicht; sie treten hier in die zweite Linie zurück, und das Rechtsbewußtseyn tritt an ihrer Statt in die erste Linie vor. Aus dem Grundverhältniß der natürlichen Autorität und Pietät zwischen den Familiengliedern wächst die Familiensitte auf, welche das Familienleben formt und ordnet, wie das Gesetz die Formirung des Rechtsbewußtseyns im Staatsleben ist. Es ist hier am Ort, den höchst wichtigen Begriff der Sitte gründlicher zu bestimmen. Denn von der Familie geht das Regiment der Sitte aus, um sich über die bürgerliche Gesellschaft und, beim organischen Aufwachsen der Gesetze und Rechtsgewohnheiten, auch über den Staat zu verbreiten. Die Entstehung der Sitte vergleiche ich mit der Entstehung des Volksliedes. Kein Volkslied hat einen bestimmten, nennbaren Verfasser. So lange man einen solchen noch nennen kann, ist das Lied auch kein wirkliches Volkslied geworden. Nur das Volk selber macht Volkslieder. Allein ein Einzelner muß doch der erste Urheber gewesen seyn? Ganz gewiß. Andere bildeten aber sein Lied weiter; ganze Generationen modelten es auf's neue um, so daß immer wohl Elemente des ursprünglichen Liedes blieben, aber auch so viele neue, an denen Hunderte mitgearbeitet, hinzukamen, daß zuletzt Niemand mehr sagen kann, wer eigentlich das Lied gemacht hat. Wüßte man auch den Namen des Autors, so thäte das gar nichts zur Sache. Das Lied ist sein Lied nicht mehr. Es sind hundert neue Lieder daraus hervorgewachsen, an welche hundert weitere Sänger Ansprüche haben, und als die Quintessenz dieser hundert Lieder erscheint zuletzt die eben geltende neueste Fassung als Volkslied. In fünfzig Jahren wird aber auch diese wieder in eine andere umgebildet worden seyn. So entsteht und wächst das Volkslied, und ganze Generationen sind sein Dichter und Componist gewesen. Aehnlich geschieht es mit der Sitte. Eine Sitte kann niemals von einem Einzelnen willkürlich gemacht werden: sie wird und wächst wie das Volkslied. Eine von einem Einzelnen geschaffene Einrichtung wird erst zur Sitte, indem sie sich durch eine Reihe von Geschlechtern festsetzt, erweitert und fortbildet. Etymologisch ist dies angedeutet in den mit Sitte häufig gleichbedeutend genommenen Wörtern »Brauch« und »Herkommen.« Die Sitte wird solchergestalt zu dem natürlichen, organischen Produkt einer ganzen Kette menschlicher Entwickelungen, und das Vorurtheil, daß eine Sitte schon darum gut sey, weil sie sehr alt, ist in der Regel nicht unbegründet. Ein Volkslied muß auch alt seyn, sehr alt, um recht ächt und gut zu seyn. Ein »ganz neues Volkslied« ist eigentlich ein Unsinn. Denn ein solches Lied kirnte wohl im Volke gesungen werden, aber es kann nicht vom Volke gemacht seyn ; dazu braucht es Zeit. Es fragt sich nun aber weiter, was denn eigentlich der substanzielle Werth der Sitten sey, die ächt sind, weil sie alt sind. Sind sie auch gut, weil sie alt sind? sind etwa die ältesten die besten? Sollen wir unfern Trieb zur freiesten, buntesten, individuellsten Entwickelung jenen Sitten in Fesseln dahin geben, deren einziges Recht ihr langer Stammbaum ist? Sollten wir nicht nach eigenen Heften neue Normen der Lebenspraxis aufstellen, begründet auf die in der modernen Zeit unstreitig geläuterten Ideen der Freiheit, des Rechtes, des Wohlstandes, der Bildung? Hier stelle ich nun geradezu den paradoxen Satz auf, daß allerdings die meisten Sitten gut sind, weil sie alt sind, und daß wirklich in der Regel die ältesten die besten. Wir erkannten oben die Sitte als das geschichtliche Produkt einer ganzen Kette menschlicher Entwickelungen. Sie ist ein Gefäß nicht des Witzes eines Einzelnen sondern der Weisheit der Jahrhunderte. Sie läuterte sich und wuchs mit denselben Generationen unseres Volkes, mit denen uns das ganze große Erbe unserer geistigen Fundamental-Anschauungen zugewachsen ist. Es wiederholt sich also auch hier ein Verhältniß, welches der väterlichen Autorität verwandt ist. Weil die nationale Sitte geschaffen ist von der ganzen Volkspersönlichkeit , darum legen wir ihr höheren Werth bei, als dem Brauch, welchen ein Einzelner aufbringt. Man will ja auch nicht, daß ein Einzelner die Gesetze mache; die Vertreter der ganzen Nation, nämlich der Fürst mit seinen Ministern zusammt den Volksabgeordneten beschließen die Gesetze. Glaubet man nun hier, daß es würdiger und besser sey, wenn ein solches Werk im Namen und Auftrag der ganzen Volkspersönlichkeit geschaffen werde: um wie viel höher muß man dann das Gewicht jener großen Volkskammer anschlagen, die seit Jahrhunderten tagt um stätig und langsam die nationalen Sitten herauszubilden. Aus den Sitten sprossen die allgemeinsten und dauerhaftesten Gesetze auf, die eigentlichen Grundgesetze der Staaten. Sie bauen eine Brücke von der Gesellschaft zum Staate hinüber. Wie die Kunst-Musik sich verjüngt und erkräftigt, indem sie von Zeit zu Zeit immer wieder zu dem Born des Volksliedes zurückkehrt, so verjüngt sich auch der Staatsorganismus durch jede neue Berücksichtigung der volksthümlichen Sitte. Diese Rücksichtnahme auf die Volkspersönlichkeit anzubahnen und zu regeln, ist eben die Aufgabe der Social-Politik . Das Volk bleibt durch Jahrhunderte jung, während der Einzelne in Jahrzehnten altert: darum ist die Volkssitte und das Volkslied ein wahrer Jungbrunnen für alternde Staatsmänner und Musikanten. Denn die schwer zu verwüstende Jugendfrische des Volkes sprüht und glüht in seinen Sitten und Liedern, und je älter Sitten und Lieder sind, um so jugendfrischer müssen sie natürlich seyn, weil ihre Keime alsdann ja in dem frühesten Jugendalter des Volkes gesäet wurden. Wenn aber die Sitte keimt, wächst und blüht, dann muß sie auch vergehen. Tausende von Sitten erstarren, sterben ab und werden vergessen. Die ursprünglichsten aber dauern fast immer am längsten aus, und auch darum sind sie gut, weil sie alt sind, denn sie haben die Feuerprobe der Jahrhunderte bestanden. Ein jugendlich naives Zeitalter besitzt vorwiegend noch die rechte Unbefangenheit und den natürlichen Instinkt, um jene allgemeinsten und sittlichsten Sitten schaffen zu können, die für die häusliche und gesellschaftliche Lebenspraris auf Jahrhunderte den Grund legen. An eine Sitte muß man glauben . Wenn wir aber auch ganz vortreffliche neue Grundlagen des Hauses und der Familie ersönnen, würden doch schwerlich noch einmal Sitten daraus aufwachsen, denn alle Welt würde unsere neuen Regeln kritisiren, und nur die Wenigsten würden sie gläubig hinnehmen und bewahren. Eine Epoche, welche so theoretisch schöpferisch ist auf dem Gebiete des Rechts wie die unsrige, wird es niemals praktisch auf dem Gebiete der Sitte seyn. Wir werden die ererbten Sitten läutern, weiter bilden oder zerstören, in minder wichtigen Dingen werden wir auch allenfalls Keime zu neuen Sitten pflanzen; aber Cardinalsitten der Nation , die bestimmend würden für den ganzen Charakter derselben, schafft unsere Zeit keine mehr. Wären darum die alten Cardinalsitten unseres Volkes auch minder gut als sie wirklich sind, so müßten wir sie doch festhalten, weil in ihnen eine Autorität gegeben ist, die, einmal gebrochen, für uns nie mehr wieder gewonnen werden kann . Die Nationen selber fallen in Trümmer, wenn einmal ihre Cardinalsitten fallen; denn in dem Aufgeben dieser Sitten ist zugleich der ganze Charakter der Nation, die innerste Culturmacht derselben, verläugnet und abgeschworen. * Ich habe gezeigt, wie die Idee der Familie eine ganz andere sey, als die Idee des Staates, indem die Familie gegründet ist auf das Bewußtseyn der liebevollen Autorität und Pietät unter ihren Gliedern, der Staat aber auf das Rechtsbewußtseyn; wie dem entsprechend der innere Lebensgang der Familie geregelt wird durch die Sitte, der Lebensgang des Staates aber durch das Gesetz. Dieser starre principielle Gegensatz wird jedoch in der Wirklichkeit flüssig. Die staatlichen Rechtsverhältnisse greifen hinüber in die Familie, und der Staat, der eben nicht bloß nackter Rechtsstaat ist, sondern zugleich ein socialer, in der Volkspersönlichkeit gewurzelter Staat, kann sich dem Rückschlage der Familienzustände durchaus nicht entziehen. Hausregiment und Staatsregiment sind zwei grundverschiedene Dinge. Dennoch reißt der Verfall des Hausregimentes auch das Staatsregiment unrettbar mit sich fort. Als Landgraf Philipp der Großmüthige von Hessen seinen Sohn Georg eines Tages aus der Schule rufen ließ, und dieser zierlich aufgeputzt mit neuen, engen, glatten Stiefeln und einem feinen hohen Filzhütchen erschien, schnitt der Vater dem geputzten Prinzen mit eigener Hand die Stiefel von den Füßen ab: und sandte ihn, mit einem Paar seiner eigenen großen Stiefel und einem rauhen Filzhut angethan, zum großen Gelächter der Gassenbuben zu seinem Lehrmeister zurück. Man würde es heutzutage sehr unpolitisch finden, wenn ein Fürst seine väterliche Gewalt so angesichts der Oeffentlichkeit übte, daß er einen Erbprinzen, und wäre derselbe gleich noch ein ABC-Schütze, zur Strafe für ein häusliches Vergehen dem Spotte des Marktes preisgäbe. Vor dreihundert Jahren war das Verfahren Philipps im Gegentheil politisch. Zeigte der Fürst, daß er ein kraftvolles Hausregiment führe, so erwartete man auch ein kraftvolles Staatsregiment von ihm. So war es in dieser ersten Blüthezeit der neuen patriarchalischen Füistensouveränetät. Im constitutionellen Staatsrecht gibt es kein Kapitel vom Hausregiment, wohl aber in der Social-Politik. Beiläufig bemerkt, ist die öffentliche und handgreifliche Demonstration des Hausregiments bei jenem Prinzen Georg gar nicht übel angeschlagen. Der Ahnherr der hessendarmstädtischen Linie, zeichnete er sich nachgehends durch seine kluge, sparsame Führung des Staatshaushaltes aus, durch ein patriarchalisch-ökonomisches Staatsregiment. Man begehrt gegenwärtig wieder dringender als vorher Anerkennung der Autorität des Fürsten, der Verwaltung, der Gesetzgebung, der Kirche in Summa aller öffentlichen Lebensmächte. Das kann nichts anderes heißen, als daß man die bewußt oder instinctiv dargebrachte Beugung des Eigenwillens vor diesen Gewalten im Interesse der Gesammtheit fordert. Bei den Massen zieht dieser Geist des Respects vor der Autorität nur ein, wenn das Geschlecht die volle Autorität der Familie wieder durchempfunden hat . Eine anscheinend wieder gewonnene Autorität der öffentlichen Mächte steht so lange wurzellos in der Luft, als in der Sitte des Hauses die Autorität des Hausregiments nicht restaurirt ist. Es kann kein patriarchalisches, rein auf das Verhältniß von Autorität und Pietät gegründetes Staatsregiment mehr bestehen in dem civilisirten Europa, wohl aber ein patriarchalisches Familienregiment, und dieses letztere muß bestehen, wo ein ächt conservativer Geist bei den Staatsbürgern einziehen soll. Im Hause allein aber kann bei uns das Volk den Geist der Autorität und Pietät noch gewinnen, im Hause kann es lernen, wie Zucht und Freiheit mit einander gehen, wie das Individuum sich opfern muß für eine höhere moralische Gesammtpersönlichkeit – die Familie. Und im Staatsleben, obgleich es auf eine andere Idee als die Familie gebaut ist, wird man die Früchte dieser Schule des Hauses ernten. Der tiefste Grund zur Autorität in der Familie, zum Hausregimcnt, wird gelegt bei der Erziehung der Kinder . Früher erzog man die Kinder im Hause; moderne Art ist es dagegen, sie möglichst früh hinaus in die Schule zu schicken. Die deutschen Fürstensöhne des sechzehnten Jahrhunderts wurden im früheren Knabenalter noch von ihren Müttern erzogen; später nahm der Vater in Gemeinschaft mit den Hofmeistern die Erziehung in die Hand. Regieren lernten die Prinzen gleichfalls im väterlichen Hause, indem sie schweigend zuhören durften, wenn wichtige Staatsangelegenheiten verhandelt wurden. Nachgehends schickte man sie fleißig in die Schreibstuben der fürstlichen Räthe, auf daß sie dort mitarbeiten und die Kunst des Regiments von unten herauf kennen lernten. (Gegenwärtig hält man es zwar noch für passend, daß ein Prinz im Militär von unten herauf dient und zur Probe einmal Schildwache steht, würde es aber durchaus nicht mehr für passend halten, wenn er sich auch durch die Bureaux der Ministerien von unten auf arbeitete, obgleich er doch später weit mehr regieren als commandiren soll.) Hatte der Prinz zu Hause ausgelernt, dann ging er in die Fremde, d. h. an den Hof eines befreundeten deutschen Fürsten, um anderer Leute Art und Weise kennen zu lernen. Auch dort kam er in die Zucht des Hauses und lernte fremdem Hausregiment sich fügen. Auf diese Art bildete man zwar keine Gelehrten (obgleich Ludwig der Getreue von Hessen-Darmstadt bei seinem häuslichen Erziehungscursus das ganze Corpus juris auswendig gelernt hat); aber man bildete Persönlichkeiten. Der Segen solcher ächten familienhaften Gesellen-Erziehung ging früher durch alle Stände. Wer Cavalier werden wollte, der zog nicht auf die Pagerie, sondern ging zu einem erfahrenen alten Hofherrn, in dessen Haus er wie in kindlichen Pflichten und Rechten gehalten wurde und nebenbei alle Handgriffe eines Cavaliers erlernte. Der Künstler suchte sich seinen Meister auf, und der Meister machte eine Schule, die zugleich eine Schule der häuslichen Autorität war. Nicht blos die Kunst, auch das Familienleben wurde trocken durch die Akademien. Bei dem Handwerk lebt das heutzutage noch halb und halb in alter Weise fort. Der ächte Bauer allein aber gehet noch bei keinem andern auf die hohe Schule der Landwirthschaft als bei seinem eigenen Vater. Dadurch ist zwar die bekannte Verstocktheit gegen ökonomische Fortschritte unter das Bauernvolk gekommen; allein auf der andern Seite ist auch der Bauer ein um so größerer Virtuos der Persönlichkeit geblieben, familienhafter und in seinem Stand gefesteter als irgend ein anderer moderner Mensch. Es gehört jetzt zum vornehmen Ton, die Kinder so früh als möglich aus dem Hause zu schaffen, oder sie wenigstens im Hause ganz an einen gemietheten Hofmeister abzugeben. Man sagt, unsere Berufs- und Erwerbsverhältnisse sind so complicirt geworden, daß sich der Vater der häuslichen Erziehung seiner Kinder gar nicht mehr widmen kann. Damit wäre aber nur der Beweis geführt, daß unsere Erwerbsverhältnisse überspannt und maßlos geworden sind, daß wir in Vielthuerei und der Hetzjagd nach Geldgewinn uns selber verderben, nicht aber daß wir unsere Kinder der häuslichen Erziehung entreißen müssen. In unserer statistischen und finanz-politischen Zeit mißt man die Arbeit nur nach dem daraus hervorspringenden materiellen Erwerb. Das ist grundfalsch. Die häusliche Kindererziehung ist eine Arbeit, durch welche man gar nichts erwirbt – höchstens Gottes und seiner Kinder Segen – und dennoch sollte sie die vornehmste Arbeit eines jeden Staatsbürgers seyn. Wer aber von vornherein keine Zeit hat, seine Kinder selbst zu erziehen, dem sollte auch das Heirathen von Polizeiwegen von vornherein verboten seyn. Man verbietet ja auch das Heirathen wegen mangelnder Subsistenzmittel. Die häusliche Erziehung gehört auch zur Subsistenz der Familie; denn der Mensch lebt nicht vom Brode allein. Der Zeitpunkt, in welchem die häusliche Erziehung übergehen muß in die öffentliche, wird nach den verschiedenen Culturstufen der Völker ein verschiedener seyn. Wir können die häusliche Erziehung nicht mehr so weit erstrecken, wie das Mittelalter: nicht aus dem eitlen Grund, daß die Familienväter keine Zeit mehr übrig hätten für ihre Kinder, sondern weil der Staat eine ganz andere Stellung zur Familie eingenommen hat . Denn in der Schule baut sich der Staat eine Brücke zur Familie und macht ein in der modernen Staatsidee tief begründetes Oberaufsichtsrecht über die Familie geltend, wie es das Mittelalter nicht gekannt hat. Ihrer Form nach gehört die Schule dem Staat, ihrem Inhalte nach aber sollte sie eine Vertretung und Fortsetzung des Hauses seyn. Ganz verkehrt aber ist das moderne Extrem, nach welchem die Schule das Haus absorbirt und überflüssig macht. Unser modernes Schulwesen ist aufgekommen mit der Reformation, mit der modernen Fürstensouveränetät, mit der modernen Staatsidee des sechzehnten Jahrhunderts. Das ist eine culturgeschichtliche Thatsache von großer Tragweite. Die Stellung der Schule zur Familie hielt auch gleichen Schritt mit der Entwicklung jener Staatsidee. Zuerst bildete sich die absolute Fürstengewalt als das entscheidende Moment im neuen Staate heraus, der die Feudalwelt stürzte. Die Organisirung der Schulen als Bildungs anstalten war damals eine Frucht des Humanismus und der Reformation; ihre Organisirung als Erziehungs anstalten dagegen eine Frucht des neuen Staatslebens. Die neuen souveränen Fürsten mochten wohl fühlen, daß die Idee der in ihrer Person dargestellten Staatsallmacht, die sich ihnen vorerst noch wie eine dunkle Ahnung aufdrängte, den mittelalterlichen Absolutismus der Familie und der häuslichen Autorität beugen müsse. Die Anlegung der öffentlichen Schulen bot ein vortreffliches Mittel dazu: denn in diesen Schulen tritt ja das Kind aus der Autorität der Familie heraus unter die Autorität einer öffentlichen Anstalt. Kein Jahrhundert war eifriger in der Gründung öffentlicher Schulen und in der Zerstörung der Winkelschulen als das sechzehnte. Beiläufig bemerkt trat man durch die Schulen auch nicht bloß der Uebermacht der Familie entgegen, sondern nicht minder der Uebermacht der Kirche. Wie aber die neue Fürstensouveränetät sich selber noch keineswegs frei gemacht hatte von den pattiarchalischen Reminiscenzen des Mittelalters, so ging auch der patriarchalische Geist der Familienautorität vorerst noch durch die neuen Schulen. Es gab noch keine Schullehrer und Schulgehülfen , sondern Schulmeister und Schulgesellen . Sie handhabten als Patriarchen der Schule die väterliche Autorität. Luther nennt die Schulmeister auch Zuchtmeister, Bildung und Zucht war eines. An den zehn Geboten lernten die Kinder das ABC, und am Vaterunser und dem Glauben lernten sie buchstabiren. Um sich zum Lateinsprechen zu rüsten, mußte der Tertianer der Lateinschule vorerst den ganzen Terenz auswendig leinen, und durfte dann in der Klasse (bei dem »Haufen« pflegte man etwas zuchtmeisterlicher zu sagen) nur lateinisch reden. Durch so harte Zucht kam die Autorität des Hauses in die Schule. Man vermeinte auch, aus ein und demselben Schulbuche müsse für alle Ewigkeit gelernt werden. Von Melanchthons griechischer Grammatik ist z. B. in alten protestantischen Schulordnungen ausdrücklich gesagt, daß »Grammatica Philippi für alle Zeiten « Schulgrammatik bleiben müsse. Wisset ihr nicht, daß auf ererbten Büchern aus der väterlichen Bibliothek ein ganz anderer Segen ruhet, als auf neu erkauften? Jene Bücher lebt man durch; die neuen liest man bloß durch. Darum saß ein eigener huldreicher Zauber in der alten Weise, welche in Schule und Haus die Lehr- und Hausbücher von Geschlecht zu Geschlecht forterben und immer brauchbar bleiben ließ, während der ganze grelle Individualismus der modernen Zeit losgelassen ist in dem Brauch, daß jeder Schulmeister mit einem eigenen Lehrbuch experimentiren muß. Die politische Entwickelung blieb aber nicht stehen bei der absoluten Fürstensouveränetät. Während der Blüthezeit dieser neuen Herrschergewalt wurden allmählich neue Gedanken über die Rechtsordnung des Staates wissenschaftlich durchgearbeitet. Sie gingen dann auch in die öffentliche Meinung, in die Staatspraxis über. Da gab es keinen Glauben mehr an patriarchalische Autorität, nicht im Staate, auch nicht in der Familie. Wäre es nicht Barbarei gewesen, wenn die Schulmeister allein noch patriarchalische Autorität geübt hätten? Neue Ideen wurden allmächtig: Gleichheit des Rechts, Gleichheit der Stände, Freiheit der Staatsbürger, allgemeine Humanität, allgemeine Weltverbrüderung. Es war eine Periode der Verläugnung des Hauses und der Familie, wie ich weiter unten nachweisen werde. Das Haus mußte also auch aus der Schule fortgeschafft werden. Basedow, der selbst aus dem elterlichen Hause fortgelaufen war, weil er die häusliche Zucht seines Vaters, eines Perückenmachers, nicht ertragen wollte, begründete den Philanthropinismus in der Erziehung, der sich ebenso bestimmt auf die Theorien Locke's, Rousseau's etc. stützte, wie es nachgehends die Staatsgrundsätze der Revolution gethan. Bildung aller Art sollte den Kindern gleich gebratenen Tauben in den Mund fliegen. »Bitter für den Mund, ist für's Herz gesund« – war ein verachteter Bauernspruch geworden. Der Mühsal und Plage der häuslichen Zucht sollte die liebe Jugend ganz überhoben werden. Der Schmutz und die Armseligkeit des bürgerlichen und bäuerlichen Hauses kam der feinen Welt plötzlich zur haarsträubend genauen Anschauung. Man erkannte dabei freilich nicht, daß doch auch die etwas kannibalisch klingende Redeweise der Bauern einen tiefen Sinn birgt, nach welcher just der Bube, der am meisten Läuse hat, dereinst der gesündeste, kräftigste und schmuckste Bursche werden wird. Die philanthropischen Erzieher trieben nicht nur den Geist der häuslichen Zucht aus der Schule, sondern sie suchten überhaupt die Schule an die Stelle des Hauses zu setzen. Dieß fand abermals die Sympathie und Begünstigung des Staates, der gerade in die Phase des modernen Bureaukratismus überzugehen begann. Der büreaukratische Staat, welcher alles eigenthümliche sociale Leben verneinte, wollte noch viel weniger der Familie die Berechtigung eines selbständigen sittlichen Kreises im öffentlichen Leben zuerkennen. Er suchte daher den Sieg der reinen Schulerziehung über die Hauserziehung nach Kräften zu fördern. Die Zucht- und Meisterlosigkeit des Geschlechtes, welches Deutschlands tiefste Erniedrigung in der napoleonischen Zeit miterlebt und theilweise mitverschuldet hat, hing nicht wenig mit der Zerstörung aller patriarchalischen Autorität in Schule und Haus zusammen. Aus den neumodischen Schulen, in welchen vernünftige Ueberzeugung und freundschaftlicher Verkehr die alte Zucht ersetzen sollte, kamen tausend anmaßliche Vielwisser hervor, aber gar selten ein Charakter. Wie sehr das Zeitalter, da es die gesunde Praxis der überlieferten häuslichen Zucht aufgegeben, einem pädagogischen Theoretisiren verfiel, und darüber den einfachsten Mutterwitz in Erziehungsfragen verlor, zeigt das Beispiel des Philosophen Fichte. Dieser Denker, der selbst der philanthropischen Erziehungsspielerei in seinen Schriften als ein Reformator gegenübersteht, wandte sich an den Philosophen Johann Jakob Wagner, um ihn als Erzieher für seinen anderthalbjährigen Knaben zu engagiren, weil »das Kind beim ersten Erwachen seiner Vernunft gleich als völlig vernünftig behandelt werden, daher unablässig in verständiger und gesetzter Gesellschaft seyn solle, die sich mit ihm unterhalte, als ob es selbst verständig sey.« Erst als die Ausführung des Problems herannahete, nahm Fichte wahr, daß der anderthalbjährige Kleine noch nicht einmal zwei Worte deutlich sprechen konnte, also schlechterdings außer Stande war, die ihm zugedachte philosophische Erziehung bereits aufzunehmen! Im Gegensatz zu Fichte's »verständiger und gesetzter Gesellschaft« für Kinder, die eben laufen lernen, sagt der Bauer: »Jung bei jung und alt bei alt; denn was jung ist, das spielt gern, und was alt ist, das brummt gern.« Durch die Entfernung vom Hause und ihre Folgen führte der Weg zum Wiedererkennen des Werthes der altmodischen naturalistischen häuslichen Erziehung. Indem wir abkommen von dem Begriff der büreaukratischen Staatsallmacht, indem wir die Bedeutung der socialen Mächte wie der Familie neben dem Staate wieder zu würdigen beginnen, können wir uns auch einer Umgestaltung unsers Erziehungswesens nicht lange mehr entschlagen. Wir müssen dem Hause wiedergeben, was des Hauses ist; in der Schule aber nicht den Geist der häuslichen Zucht verläugnen, sondern vielmehr verklärt und geläutert wiederum walten lassen. Radowitz unterscheidet einmal die Perioden der Pädagogik nach »geprügelten und geschmeichelten Generationen,« die sich fort und fort wechselsweise folgen, denn die Väter suchen vorzugsweise das bei den Söhnen nachzuholen, was man in ihrer Jugend versäumte. Dem Lehrer des nachmaligen Grafen Eberhard im Barte von Württemberg, Johannes Nauclerus, ist »eingebunden« worden, dem Jungherrn nicht zu viel lateinisch zu lehren, »sondern wäre genug, wann er schreiben und lesen kundt.« In Folge dessen empfand Graf Eberhard später den Mangel gelehrter Bildung so bitter an sich selber, daß er die Gelehrten auf's höchste in Ehren hielt, und dieweil er selbst kein Latein gelernt, stiftete er die hohe Schule in Tübingen, damit andere Leute um so besser Latein lernen möchten. – Unsere Generation war noch halb und halb eine »geschmeichelte;« es wird also wohl wieder eine »geprügelte« kommen müssen. In Nordamerika, wo das Familienleben fast ganz untergeht in dem Rennen und Jagen nach Gelderwerb, besteht auch kaum eine häusliche Erziehung. Die Frauen, die dort überhaupt für das eigene Führen der Haushaltung zu vornehm sind, mögen sich noch viel weniger mit der Zucht ihrer unartigen Rangen plagen; die Väter haben keine Zeit dazu. Auch gehört es zur amerikanischen Freiheit, dem Kind möglichst seinen Willen zu lassen. Strenge Uebung der häuslichen Autorität wäre eine »feudale« Reminiscenz aus der alten Welt. Dafür ist denn auch die großstädtische amerikanische Gassenjugend die ungezogenste und bösartigste, die es gibt. Die Volksschulen können nicht gedeihen, weil die Vorschule der häuslichen Zucht fehlt, weil überhaupt nur dann ein Volk für das ganze Erziehungswerk begeistert und opferwillig seyn wird, wenn die Väter bei der Uebung des häuslichen Erzieheramtes dessen Bedeutung selber durchempfunden haben. Ein höchst merkwürdiger nordamerikanischer Schriftsteller und Agitator, der Congregationalist Theodor Parker, legt in einer seiner geistvollen Abhandlungen die Schattenseiten des Erziehungswesens seines Landes mit großem Scharfblicke dar, kommt aber zuletzt zu der Forderung, daß die Erziehung und Bildung für alle Menschen eine möglichst gleichmäßige und ausgedehnte werden, daß der künftige Arbeiter dieselbe Erziehung erhalten müsse wie der künftige Gelehrte etc. Das ist ächt amerikanisch. Wer die Gesellschaft nivelliren will, der muß nicht damit anfangen, daß er den Besitz ausgleicht, sondern die Erziehung. Die Erziehung erhält ihren Grundton im Hause, welches ein anderes ist je nach den verschiedenen Gesellschaftsgruppen. Der Arbeiter wird seinen Sohn ganz anders erziehen, als der Gelehrte. Darum ist noch lange kein Kastenwesen in dieser socialen Unterscheidung der häuslichen Erziehung festgestellt. Denn wenn in dem Sohn des Arbeiters ein mächtiger Charakter und ein Talent steckt, dann durchbricht er den Bann des Hauses und wird in seiner Bildung sich bis zum höchsten wissenschaftlichen Range durcharbeiten. Die Erziehung soll also – im Gegensatz zu der Forderung jenes Amerikaners – für jeden gesellschaftlichen Kreis die beste seyn, aber nicht für jeden die gleiche. Maß und Richtung sind hierbei bezeichnet durch die Familienzustände, das Haus der einzelnen Gesellschaftsgruppen. Daran mag man die Bedeutung des Hauses und der häuslichen Erziehung für das Fortbestehen wie für die Verjüngung unserer gesammten bürgerlichen Gesellschaft erkennen. Die modernen »Rettungshäuser« sind neben Anderem ein thatsächlicher Beweis, daß man die Bedeutung der Familienzucht für die Erziehung wieder begreifen lernt. Nicht bloß Waisenkinder, sondern überhaupt familienlose Kinder, Kinder welche »hinter den Hecken jung geworden« sind, sollen hier ein Haus wiederfinden; zuerst sollen sie erzogen werden in christlicher Familiensitte, in der liebevollen Zucht des Hauses, und alsdann gebildet in allerlei nützlicher Kenntniß; zuerst soll ihnen das Haus erschlossen werden und nachher die ganze Welt. Darin ist ein großer Gedanke geborgen. * Auf den uranfänglichsten Stufen der Civilisation der Völker ist das Familienleben schon kräftig entwickelt, das Staatsleben dagegen schlummert noch. Auch der Gedanke der Freiheit und des persönlichen Menschenrechtes des Individuums schlummert noch, während das Recht der Familie bereits entschieden zum Bewußtseyn gekommen ist. Dadurch entsteht eine Zwingherrschaft des Hauses, eine Despotie der Sitte, die im patriarchalischen Zustand jede andere öffentliche und private Freiheit verschlingt. Und doch ist diese Zwingherrschaft zugleich der älteste Adelsbrief des Menschen: denn in der Despotie der Familien- und Stammessitten ist der erste Grundunterschied einer Horde roher Wilden von einer Horde Bestien gegeben. Während bei uns die Familie schier aufgehoben wird durch die Fessellosigkeit des Individuums, droht die Familie bei rein patriarchalischen Zuständen das Individuum geradezu zu vernichten. Schwache und krüppelhafte Kinder werden bei den alten Germanen, bei den Indianern Nordamerikas und selbst noch bei den Spartanern ausgesetzt und getödtet, damit sie die Familie nicht verunzieren und belästigen. Uneheliche Kinder, die der Familie doch nur zur Schande gereichen würden, wurden früher von den Kabylen ohne weiteres erdrosselt. Im Orient kaufte der Bräutigam die Braut seinem Schwiegervater ab, nicht als seine Sklavin, sondern um sie als Sklavin der allgewaltigen Familien-Idee zu bezeichnen. Eine alte Jungfer zu bleiben, ist nirgends schimpflicher als im Orient; denn nur in der Familie gilt das Weib, nicht als Individuum. Die Furcht, mehr Töchter zu besitzen, als man verheirathen kann, führt in Indien nicht selten zum Kindermord. Bei den Hindus, wo überhaupt so manches Symbol einer richtigen Idee in ungeheuerlicher Verzerrung dargestellt wird, zeigt die Wittwenverbrennung, wie sich der Despotismus der Familie bis zur Vernichtung des Individuums steigert. Gerade bei dem ritterlichsten indischen Volke, bei den Radschputen, ist die Wittwenverbrennung bis in die neueste Zeit nicht auszurotten gewesen: wie uns bei diesem besonderen Stamm so mancher mittelalterlich romantische Zug in der phantastischen Umbildung des Orients entgegentritt, so auch in der Wittwenverbrennung der bis zur wahnsinnigen Selbstvernichtung gesteigerte mittelalterliche Cultus des Hauses und der Minne. Die Wolga-Kalmüken behandeln ihre Frauen mit der feinsten patriarchalischen Courtoisie; so wie aber die Frau im Hauswesen etwas versieht, hört diese Courtoisie auf (denn der Genius des Hauses steht höher als die persönliche Würde des Weibes) und die Sünderin wird tüchtig durchgepeitscht. Die Peitsche womit dieß geschieht, zugleich Schwert und Scepter des Hausregiments, wird aber wie eine heilige Reliquie von Geschlecht zu Geschlecht aufbewahrt. Das merkwürdigste Beispiel, in welchem Grade ein Volk geradezu aufgehen kann in der Familie und dem damit zusammenhängenden familienhaften Stammesleben, geben übrigens die Zigeuner. Schon der Name, den sich das Volk selber gibt, »Rom« oder »Romanisaal« heißt nach der Auslegung des großen Zingaristen Borrow Familienvolk. Das Volk hat kein Land, keine Stadt, kein Haus, es ist nur bei sich selbst zu Hause, d.h. beim Stamm, bei der Familie. Diese einzige Basis des Volkslebens ersetzt ihm jede andere. Nur innerhalb der Familie und des Stammes gibt es eine Sittlichkeit, gibt es Recht und Gesetz: die ganze übrige Welt ist dem Zigeuner vogelfrei. Den Bruder der großen Stammesfamilie soll er nicht betrügen, nicht bestehlen, er soll ihm kein Geld schuldig bleiben; wenn er andere Leute betrügt oder bestiehlt, so hat das nichts zu sagen. Denn nur innerhalb des Stammes gilt das Sittengesetz. Wenn der Bruder ihn beleidigt, so ist seine Ehre gekränkt und er fordert eclatante Genugthuung; der Fremde dagegen mag ihn treten, mag ihm ins Gesicht speien, das kränkt seine Ehre so wenig, als der Biß eines Hundes meine Ehre kränkt – es reizt höchstens seine geheime Rache. Die Familienpietät ist des Zigeuners Religion, der Gehorsam gegen die Sitte der Stammesfamilie seine Staatsbürgerpflicht. Jede öffentliche sittliche Macht wird bei ihm verschlungen von der Familie. Der Zigeuner hat Familienüberlieferungen. Er liebt es, dieselben beim Feuer des nächtlichen Lagers im Walde den Seinen zu erzählen und träumend in dem vergangenen Glanze seines Geschlechtes zu schwärmen. Aber er hat keine Volksgeschichte. So fest die Familie sein Volk zusammenhält, so zerbröckelt ihm ihr Absolutismus doch wieder den historischen Begriff des Volkes in die Erinnerung an lauter einzelne Familien. Der Zigeuner rettet Einzelzüge aus seiner Familienüberlieferung oft mit wunderbarem historischem Instinkt; aber er kann uns nicht einmal andeuten, wann sein Volk nach Spanien, nach Europa gekommen ist. Er weiß nicht, woher es kommt und wohin es geht. So vernichtet das Uebermaß der Familienhaftigkeit den historischen Geist nicht minder, wie auf den kahlen Höhen der Civilisation die Verläugnung der Familie denselben auslöscht. Wie könnte der Zigeuner auch eine Geschichte seines Volkes haben, da eine Geschichte der andern Völker für ihn so wenig existirt, als für uns eine Geschichte der Hunde? Erst indem ein Volk an andern Völkern sich reibt, indem es sein Wesen mit dem ihrigen vergleicht und mißt, wird es sich auch seiner eigenen Volkspersönlichteil historisch bewußt. Eine Familien- und Stammestradition, die sich bloß in sich selbst versenkt, kann niemals zu einer Volksgeschichte werden. Die Zigeunermutter wacht über ihrem Kind wie die Löwin über ihrem Jungen. Aber so tief die wilde Mutterliebe in ihrer Brust sitzt, bringt sie doch auch diese der Idee der Familie zum Opfer dar. Oder wollt ihr lieber sagen dem Idol der Familie? Noch im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ließ die deutsche Justiz gelegentlich ein ganzes Dutzend Zigeuner der Reihe nach an den Chausseebäumen aufknüpfen, lediglich weil sie Zigeuner waren. Da nämlich der Stamm der Zigeuner alle Draußenstehenden im Punkte des Bestehlens und Betrügens für vogelfrei erklärte, so erklärte die Justiz alle Zigeuner im Punkte des Hängens für vogelfrei. Oftmals bot man Generalpardon jedem, der die Schlupfwinkel der übrigen Horde angeben wollte. Sie ließen sich aber der Reihe nach aufhängen und schwiegen. Es ist hierbei vorgekommen, daß man hochschwangere Mütter – aus Menschlichkeit! – von der Execution ausnahm, um sie vorerst gebären zu lassen. Dann erst wurden sie zum Galgen geführt und ihnen Pardon unter derselben Bedingung wie den Andern geboten. Allein sie überwanden selbst die Mutterliebe, die ihnen befahl, zum Schutze des verlassenen neugeborenen Wurmes ihr Leben zu erhalten und den Stamm zu verrathen; sie ließen sich aufhängen, zu Ehren des allmächtigen Familiengeistes ihres Volkes und überließen das Kind unserem Herrgott und ihren Henkersknechten. Das urpatriarchalische Uebermaß des Familienthums, welches die Familie zu einem Moloch macht, dem die freie Persönlichkeit in den Rachen geworfen wird, ist in den Überlieferungen auch des deutschen Volksaberglaubens noch tief in das germanische Mittelalter hereingedrungen. Aus dem dunkelsten Alterthum dämmert dort der Glaube herüber, daß ein Hausbau am festesten wird, wenn man ein lebendes Kind in die Fundamente einmauert. Vernichtet werden muß der Einzelne, vernichtet das theuerste Kleinod der Familie, ein unschuldiges Kind, damit das ganze Haus fest stehe über der Leiche des zu Tode gemarterten Einzelmenschen. Auf den bloßen Grundlagen der natürlichen Autorität und Pietät kann die Familie sich erweitern zum familienhaften Stamm; die Familiensitte kann als Stammessitte den Schein eines bürgerlichen Gesetzes annehmen, die Sühne des Hausfriedensbruches kann sich in der Blutrache bis zum Vernichtungskrieg ganzer Volkerstämme erweitern: allein niemals wird diese quantitative Ausdehnung der Familie den Stamm auch qualitativ auf die Potenz eines Staatsvolkes erheben. Die starre, reine Familienherrschaft erzeugt die Gesittung, um sie selber wieder zu verschlingen. Der bloße Familienstaat erstarrt; das bezeugt die Geschichte des Orients zur Genüge. In großen Zügen hat sie ihre Warnungen aufgezeichnet, wohin die ausschließliche Uebermacht des Familienprincipes führt, wenn das Staats- und Gesellschaftsleben daneben verkümmert und verkrüppelt bleibt. Sorgen wir aber, daß die Nachwelt nicht bei uns selbst ein Warnungszeichen nach entgegengesetzter Seite erkennen muß, ein Warnungszeichen, wohin die einseitige Uebermacht des Staatsprincipes führt, wenn die Familie und das Haus daneben verläugnet wird! Der organische Zusammenhang des Hausregiments mit dem Staatsregiment besteht am unmittelbarsten in der germanischen Urzeit; er lockert sich in der Feudalzeit: er löst sich auf in dem modern büreaukratischen Staate. Die Familie sinkt dem letzteren zur bloßen statistischen Formel herab. Wie der Patriarchalisnms die Familie fälschlich als das Vorbild des Staates ansteht, so tragen die mechanischen Administrationsschulmeister unserer Zeit den Staat in die Familie hinüber und möchten gar auch das Haus nach ihrem Schubladensystem der Statistik und Verwaltung regiert wissen. Die Sittenlehre der Edda hebt noch an mit der Sitte des Hauses. Erst aus der Sittlichkeit der Familie wächst ihr die allgemeine Sittlichkeit hervor. So setzt auch das germanische Alterthum das Haus voran, als den wahren Herd der öffentlichen Sittlichkeit, der nationalen Kraft und Tugend. Es kennt nicht nur ein durchgreifendes Hausregiment, sondern auch eine entsprechende Hauspolizei. Seltsam genug steigert sich bei den alten Deutschen die Autorität des Hausvaters zum Uebermaß wegen der Ohnmacht des staatlichen Elementes, während der altrömische Bürger ein Tyrann des Hauses seyn konnte kraft der Uebermacht der Staatsidee, die in ihm, dem Bürger, allein den ganzen Menschen sah. Im patriarchalischen Deutschland war die Polizei Sache der Familie; sie ward vom Hausvater über alle zu derselben gehörige Personen geübt. In unfern meisten modernen Strafgesetzbüchern dagegen kann das allgemeine Büttelamt des Staates selbst bis zu den unerzogenen Kindern am häuslichen Herde vordringen. Es ist schon ein Zeugniß besonderer Mäßigung und Anerkennung der Familie, daß das bayerische Gesetz vom Jahre 1813 der Polizeibehörde bloß das Recht der »Mitwirkung« zugesteht, wenn der Vater seinem bösen Buben die Ruthe applicirt, wofern derselbe gegen ein öffentliches Gesetz gesündigt hat. Dem entgegen möchte ich einen Zug der deutschen Volkssitte stellen, welcher anzeigt, wie tief der Gedanke, daß der Vater nicht bloß der Meister, sondern auch der verantwortliche Stellvertreter seiner Kinder sey, heute noch im Volksbewußtsenn wurzelt. Wenn eine Krankheit durch »Besprechung« geheilt werden soll, dann ist zum Gelingen durchaus nöthig, daß der zu besprechende Kranke den vollen Glauben an die Besprechung habe. Soll aber ein Kind durch Besprechung geheilt werden, dann muß der Vater für das Kind den Glauben an die Besprechung haben . Dem Bauern geht also die Stellvertretung des Kindes durch den Vater so weit, daß um des Glaubens willen, den der Vater hat, das kranke Kind gehellt werden kann. Und dieser Vater soll dem Staate gegenüber nicht einmal mehr die volle Zucht seines Kindes auf sein Gewissen und seine Verantwortung nehmen dürfen! In den lateinischen Rechtsbüchern des deutschen Mittelalters heißt der Gemeinfreie, der in Beziehung zur Gesellschaft nur home liber ist, in Beziehung auf sein Weib baro . Es symbolisirt das tiefe Durchdrungenseyn des Zeitalters von der Würde des Hausregiments, daß der Hausvater allezeit Freiherr ist über Frau und Kinder. Bei den Juden vom alten Schlag, die bekanntlich noch viel mehr altpatriarchalische Familiensitten bewahren als wir, hört man häufig die ächt jüdische Redewendung, daß der Sohn den Vater nicht seinen Vater nennt, sondern umschreibend sagt: er ist » der Vater über mich «: selbst der Oheim ist wohl auch noch »der Onkel über ihn .« Das ist der ins Hebräische überfetzte baro des mittelaltrigen Hauses. Vor den Wagen der Cybele ist ein Löwe und eine Löwin gespannt, beide ziehen unter Einem Joch . Sie sind ein verwunschenes Ehepaar, Hippomenes und Atalante. Zur Strafe wurden sie hier eingejocht, weil Hippomenes sich des Undankes gegen Aphrodite schuldig gemacht, und nun in dem Frevel, der Frevel gebärt, das Heiligthum der Cybele entweihen mußte mit seiner persönlich schuldlosen Frau, auf daß Beide, als das gesammthaftbare Ehepaar die völlig gleiche Strafe treffe. Die altdeutsche Gesammtbürgschaft der Gemeinden hatte ihr Fundament in der noch älteren Gesammtbürgschaft der Familie. Durch Frevel und Niedertracht eines einzigen Familienglieds tonnte das ganze Haus zu Schanden werden und seine bürgerlichen Rechte und Ehren verlieren. Bei einer solchen Haftbarkeit aller Familiengenossen geht die freie Persönlichkeit auf in der Familie; die Autorität der Familien muß bis zur wirklichen Herrschaft entwickelt, und die Sitte des Hauses ein festes, heiliges Gesetz seyn, bei dessen Aufrechthaltung einer für den andern einsteht. Beim gemeinen Manne finden sich auch jetzt noch mehr Trümmer dieser alterthümlich strengen Anschauung der Familie, als in der seinen Welt, in welcher man sich nicht mehr gar viel daraus macht, wenn ein Vetter oder eine Nase ein mauvais sujet isk Die Selbstherrlichkit des Individuums ist auch hier das Losungswort der Civllisation. Selbst essen schmeckt am besten. Als man Anno achtundvierzig in der Noth des Augenblickes mehreren deutschen Kammern Gesetze vorlegte, welche die Gesammtbürgschaft der Gemeinden in Fällen des Aufruhrs wiederherstellen sollten, machten die meisten Abgeordneten ein kurioses Gesicht zu dieser Institution aus den germanischen Urwäldern. Das lebende Geschlecht konnte kein rechtes Verständniß von der tiefen sittlichen und politischen Bedeutung dieser Gesammtbürgschaft haben, weil es die Gesammtbürgschaft der Familie nicht mehr kennt, die auf einer ganz andern Idee des Hauses ruht als die unsere, ganz andere Sitten des Hauses erzeugte; weil unsere Gemeinden längst vergessen haben, daß sie ursprünglich ein Clan gewesen sind, und weil unser Staatsregiment erst an der Außenpforte der socialen Politik angekommen ist. In England, wo die Sitte des Hauses weit dauernder gewesen als bei uns, ist auch die Gesammtbürgschaft der Gemeinden ein stätiges Rechtsherkommen geblieben bis auf diesen Tag. Der einzige Ort, wo im modernen Leben noch ein patriarchalisches Hausregiment eingewachsen ist in den Organismus einer öffentlichen Corporation, ist – die Kaserne. Die Kaserne steht aber der Phalanstere der Socialisten bedenklich nahe. Man sieht, ein Spiel mit den Analogien patriarchalischer Zustände kann in unserer Zeit mitunter Kinderspiel mit Feuerzeug seyn. In der Kaserne existirt noch eine Art öffentliches Familienleben. Die Truppe, welche beim gemeinsamen Kartoffelschälen auf dem Kasernenhof eine gemüthliche Hausdisciplin durchgemacht hat, wird im Felde um so besser zusammenzuhalten wissen. Wenn um der Schuld eines Einzelnen willen eine ganze Rotte kriegsrechtlich decimirt wird, das ist noch so etwas wie Gesammtbürgschaft der Familie. Die Starte der altdeutschen Heerverfassung beruhte großentheils auf der Haftbarkeit der einzelnen Streit- und Stammesgenossen für einander. Der Organismus der Familie gab Basis und Vorbild zur militärischen Organisation, und die wohlgeschulten römischen Legionen konnten diesen sogenannten Barbaren nicht widerstehen. Aber unsere Familie ist eben nicht mehr die altdeutsche und soll sie nicht mehr seyn. Das gute Recht des Individuums und die berechtigte Idee des modernen Staates tritt dazwischen. Die Kaserne besteht im modernen Leben, weil die Ausnahme neben der Regel bestehen soll, und in diesem Sinne mag man das im Style eines großen mit absolutem Hausregiment geleiteten Familienlebens eingerichtete Hauswesen unserer Soldaten wie einen letzten Nachklang der Familienorganisation des alten Heerbannes anerkennen. So hat sich denn auch die patriarchalische Autorität, der familienhafte Corpsgeist unter den Soldaten als ein kräftiger, rücksichtsloser Gegendruck in Tagen allgemeiner Zuchtlosigkeit gut bewährt. Hier bin ich abermals bei dem Punkte angelangt, wo sich der Gegensatz von Familie und Staat als ein flüssiger zeigen muß. Aus dem Autoritätsprincip der Familie geht niemals das Rechtsprincip des Staates hervor, aber der in der Familie genährte Geist der Autorität und Pietät soll auch heute noch Staatsregiment und Staatsbürgerthum durchdringen, weihen und verklären. Gerade so steht es mit dem Verhältniß der Sitte des Hauses zum Gesetz des Staates. In der Urzeit fällt Familiensitte und Staatsgesetz zusammen. In den Perioden des entwickelten Rechtsbewußtseyns krystallisiren sich die instinktiven Sitten zu einem Gewohnheitsrecht, welches die Grundlage der ältesten und allgemeinsten Gesetze der Völker wird. Von da an ist Sitte und Gesetz für alle Folgezeit theoretisch geschieden. Praktisch soll aber der Geist der Volkssitte immerfort erfrischend und verjüngend auch durch das bewußte Rechtsleben gehen. Nur der todte Rechtsstaat, nur der starr mechanische Verwaltungsstaat hebt diesen innerlichen, ideellen Zusammenhang zwischen Sitte und Gesetz geflissentlich auf. Es gehört zu den reizvollsten Aufgaben der Philosophie wie der Staats- und Volkswissenschaft, die öffentlichen Rechtsgewohnheiten der Völker mit den Resten der überlieferten Familiensitten zu vergleichen, auf daß man inne werde, welch geheimnißvoller Austausch zwischen der Sitte des Hauses und der nationalen Gesetzgebung besteht. Da kann man ahnend hinabschauen in die unergründliche Tiefe des Seelenlebens der Nationen. Ein Volk wie die Franzosen, welches nicht mehr fähig ist, Hausregiment zu führen und zu ertragen, kann auch mit keinem Staatsregiment mehr zurecht kommen. Und doch sind Hausregiment und Staatsregiment grundverschiedene Dinge geworden. Je gefesteter die Sitte des Hauses, um so gefesteler ist das Gesetz. Das Rechtsleben des französischen Staates wird gipfeldürr werden, weil die Sitte des Hauses abgeschnitten ist, welche allein den Wurzeln neue Säfte zuführen könnte. Im achtzehnten Jahrhundert entwickelte sich auch bei uns der Geist der Familienlosigkeit: der Polizeistaat und die socialistische Standeslosigkeit folgte im neunzehnten: nun wird die Umkehr folgen müssen oder der Ruin. Es ist aber die Sitte des Hauses gerade derjenige Punkt, wo jeder Einzelne Großes wirken kann, um (mit einem Modeausdruck) »die Gesellschaft zu reformiren,« tüchtigen Bürgersinn zu wecken, einen ächt conservativen und loyalen Geist im Volke zu begründen, das Staatsregiment zu stärken. Die höchste Aufgabe für den Neubau der halb zertrümmerten Gesellschaft ist für Jeden gegeben in der Erneuerung der Familiensitten. Selbst den Frauen ist hier das Reich ihrer politischen Wirksamkeit angewiesen. Statt über neue Verfassungen zu phantasiren, wollen wir unsere Familien wieder in Zucht und Ordnung bringen, dann sind wir auch politische Männer. Wer den Teufel bannen will, muß selbst rein seyn. Im eigenen Hause müssen wir zuerst uns rein machen. Die neuen guten Gesetze werden von selber kommen, wenn erst einmal die gute Sitte wieder da ist; denn die Gesetze, das organische Produkt der Sitte, stehen entweder in fortwährendem lebendigem Austausch mit den Sitten, oder sie sind bloß ein beschriebenes Stück Papier. An unsern Kindern und Enkeln wird es seyn, die alten Formen in Staat und Gesellschaft, die uns noch zum leidlichen Nothbehelf genügen, umzubilden, wenn wir erst einmal gesorgt haben, daß sich eine würdigere, größere und strengere Lebenspraxis herausbilde, und daß das kommende Geschlecht die rechten Männer habe, um neue, bessere Staatsformen ertragen zu können. Wo wir das aber nicht thun, werden die nach uns kommen, noch schlimmer daran seyn als wir; die Sünden der Väter werden sich an den Söhnen rächen, und unser eigen Blut wird, wie ein schneidendes Wort des Volksmundes sagt, unsere Knochen im Grabe verfluchen. Zweites Kapitel Das ganze Haus Es zeigt die Auflösung des Familienbewußtseyns an, daß es mehr und mehr Sitte wird, die einzelnen Genossen des »Hauses« in Gruppen abzusondern: Mann und Frau, die Kinder, das Gesinde, die Geschäftsgehülfen etc. bilden in dem vornehmeren Hause je eine Familie für sich. Der alte Gedanke des »ganzen Hauses« ist damit faktisch aufgehoben. Schon die Ausdehnung der Familie selber wird von der nivellirenden modernen Gesittung immer enger gefaßt. In den bürgerlichen Kreisen hält man es für höchst kleinstädtisch und altmodisch, entferntere Verwandtschaftsgrade noch zur Familie zu ziehen. Die Aristokratie und die Bauern dagegen, die auch hier als »Mächte des socialen Beharrens« erscheinen, erkennen die Familie noch in viel weiteren Gränzen an. Ein Andergeschwisterkindsvetter gehört dem Bauern noch zur nächsten Verwandtschaft, und er läßt ihm seinen vollen vetterlichen Schutz angedeihen. Vettern und Basen werden bis in die entferntesten Grade förmlich aufgesucht, man ist stolz auf eine recht große Sippe und beobachtet sorgfältig die Verwandtschaftstitulaturen. Bei Fürsten und Bauern sagt man noch »Herr Vetter« und »Herr Bruder;« im seineren Bürgerstande sind diese Titel Rococo. Ja dem Bauern fallen die Begriffe der »Verwandtschaft« und »Freundschaft« auch sprachlich noch ganz zusammen. »Freundschaft« in der Bauernsprache ist Blutsfreundschaft. Ein »Freund« ist jedenfalls ein Vetter: wäre er das nicht, so müßte man ihn durch das geringere Prädikat eines »guten Freundes« unterscheiden. Der patriarchalische Araber rechnet sogar den bloßen Milchbruder noch zu seinen wirklichen Verwandten. Das allmählige Zusammenschrumpfen des uranfänglich auf den ganzen Stamm ausgedehnten Begriffes der Verwandtschaft mit zunehmender Civilisation geht durch die historische Entwickelung des gesammten Volks. Bis auf Innecenz III. galt die Verwandtschaft schon im siebenten Grade als ehehindernd. Dieser Papst beschränkte das Ehehinderniß auf den vierten Grad, und später ging man noch weiter zurück. Im patriarchalischen Rußland sind die Verwandtschaftsgrade noch in ganz mittelalterlicher Weise ein unbedingtes Ehehinderniß. Den Gleichnamigen nennen wir einen »Namens vetter .« Das ist ein beachtenswerther Ausdruck. Der Bauer sieht heute noch den Namensvetter nicht als einen ganz Fremden an, wenn ihm derselbe auch noch so fern stehen sollte. In dem Namensvetter steckt ihm eine mögliche Vetterschaft, deren Enthüllung späteren Forschungen der Genealogen vorbehalten bleibt. Bis dahin gilt der mögliche Vetter einstweilen als ein halber wirklicher Vetter. Lächelt nicht über diese Heilighaltung des eigenen Namens; es schlummert eine sittliche Idee darin, – der Instinkt der Familienehre! Je familienhafter die Völker und Stände sind, um so scrupulöser sind sie mit den Namen. Beim hohen Adel und den ächten Bauern sucht die Familie selbst ihren kleinen Kreis herkömmlicher Vornamen erblich beizubehalten, und wenn alle Prinzen eines Hauses Friedlich Wilhelm und alle Jungen einer Bauernsippschaft Hans und Peter heißen, so liegt beiden das gleiche Motiv concentrirten Familienbewußtseyns zu Grunde. Die Gevatterleute zählen dem Bauer zwar an sich schon zu den Verwandten; er nimmt sie aber auch am liebsten aus seiner wirklichen Verwandtschaft. Schon dieser äußere Grund wirkt dann mit, daß die Familie auch in den Namen auf einen bestimmten engen Kreis beschlossen bleibt; denn die moderne Unsitte, den Kindern andere Namen als die der Gevattersleute beizulegen, kennt der ächte Bauer noch nicht. Im gebildeten Mittelstand herrscht die vollendetste Willkür bei der Wahl der Vornamen; es kommt hier nur die persönliche Liebhaberei, nicht die Familie, in Betracht. »Es ist eins wie die Kuh heißt, wenn sie nur gute Milch gibt.« Sehr charakteristisch ist der hier um sich greifende Brauch, den Kindern nachgehends einen Phantasie-Vornamen statt ihres ächten Taufnamens beizulegen. Während bei ausgeprägtem Familiengeiste ein Vorname für ganze Generationen, durch ganze Jahrhunderte gelten wird, hält er hier nicht einmal für den Einzelnen durch's ganze Leben wider. Wer etwa als kleiner Bube Christoph hieß, den tauft man, wenn er in die Flegeljahre kommt und zu nobel wird für den Christoph, in einen Alexander um u. s. w. Um die Juden zu einer größeren Assimilirung mit unserem socialen Leben zu führen, hat sie der modern Staat gezwungen, sich Vor- und Zunamen nach deutscher Art beizulegen. Die Resultate dieses Experiments sind höchst bemeikenswerth. Die ächten Juden vom alten Schrot und Korn, die noch eine Familienhaftigkeit besitzen, welche uns Deutsche oft beschämt, fixirten einfach ihre alt nationalen Namen zu der neuen befohlenen Form. Die modernisirten Juden dagegen, denen mit der Nationalität zugleich das Familienbewußtseyn und der sociale Conservatismus entschwunden ist, sprangen nun sofort zu den wunderlichsten Phantasienamen über, die mit dn Abstammung, dem Beruf und der Persönlichkeit dessen der sie trägt, gar keinen Zusammenhang mehr haben und, indem sie den Juden verstecken sollten, den Juden von seiner schwachen Seite gerade erst recht hervorhoben. Statt ihrem Mayer, Hirsch, Bär sc. die stolzen nationalen Patriarchen-Namen eines Moses, Abraham, Isat sc. vorzusetzen, suchten sie sich hinter einen romantisch ritterlichen Adelbert, Hugo oder Richard zu verbergen. Den Mädchen gaben sie den sentimentalsten Phantasienamen wie Veilchen, Blümchen, Lilli, Mimili, oder wandelten gar die nationale Miriam in den von allen Frauennamen am meisten christlich geweiheten der Maria um. Wie läßt uns hier der Name in die innersten Zustände der Familienverfassung hineinschauen! Untersuchungen über die Geschichte der Tauf- und Familiennamen geben dem Culturhistoriker gar merkwürdige Aufschlüsse über die Wandelungen im nationalen, gesellschaftlichen und Familiengeiste des Voltes. Im früheren Mittelalter z. B. herrschen in Deutschland die acht deutschen Taufnamen fast ausschließend. Das Volk nennt seine Söhne nach den Helden der eigenen Vorzeit. Im späteren Mittelalter dagegen, als die Weltherrschaft der römischen Kirche festgegründet war und vielfach die nationalen Besonderungen ausglich, nehmen die lateinischen und griechischen Namen der Heiligensage überhand und verdrängen die altdeutschen. In der Reformationszeit und den nächstfolgenden Jahrhunderten kommen die biblischen Namen alten und neuen Testamentes besonders in Schwung. Es bildet sich sogar eine Unterscheidung vorwiegend protestantischer und vorwiegend katholischer biblischer Namen. In unserer Zeit geht die adelige Familie wieder mehr zu den mittelalterlich ritterlichen Vornamen zurück, der Bauer hält fest an der Ueberlieferung der letzten Jahrhunderte, in der nivellirten und verfeinerten bürgerlichen Welt dagegen ist ein bis zu vollständiger Confusion gesteigerter Eklekticismus eingerissen. Man greift nach den Namen aller Zeiten und Nationen und läßt die Wahl dabei lediglich durch Zufälligkeiten und persönliche Liebhaberei entscheiden. Der Name charakterisirt die Persönlichkeit, die Familie, den Stand, den Beruf nicht mehr. Er sinkt zu einem rein äußerlichen Abzeichen zurück, und wenn ein ehrsamer Schneider seine Kinder Athelstan, Jean-Noë und Oscar oder Natalie, Zaire, Olga und Iphigenie taufen läßt, so ist das im Grunde nicht mehr werth, als wenn er sie einfach numerirte; denn jene Namen sind hier eben so unlebendig wie die todte Nummer. Die allgemeine Festigung der Familiennamen geht in Deutschland mit der Herausbildung der einzelnen Gesellschaftsgruppen Hand in Hand. Indem der deutsche Kleinbauer im sechzehnten Jahrhundert die Grundsteine zu dem modernen Bauernstande legt, organisirt er seine Familiennamen, die sich früher größtentheils auf Spitznamen oder wechselnde Eigenschaftsnamen beschränkt hatten. Ohne Familiennamen können wir Deutsche uns auch keine sociale Namhaftigkeit denken. In Japan, wo (wie in China) Familie und Staat noch vollständig zusammenfallen, und eben darum ein ächtes Staatsleben noch so wenig ezistiren kann als ein ächtes Familienleben, wird selbst der Familienname des Einzelnen nicht respectirt von der patriarchalischen Staatsallmacht. Er ist überhaupt noch kein bleibender. Das zeigt die tiefste Stufe des socialen Bewußtseyns an. Der erwachsene Mann führt dort einen andern Namen als das Kind. Kommt ein neuer Oberbeamter in eine Provinz, so müssen alle Untergebene, welche denselben Namen wie er führen, sich einen neuen Namen suchen. Das Staatsoberhaupt ertheilt nicht nur neue Titel, sondern es ehrt auch ausgezeichnete Männer durch Verleihung eines neuen Namens. Bei uns verleiht umgekehrt der Fürst die größte Auszeichnung dadurch, daher einen neuen Namen zu einem alten stempelt; denn das Adelsprädicat besagt im Grunde nichts anderes. Einen neuen Namen nimmt man nur dann an, wenn der alte gar zu häßlich und lächerlich, oder wenn er mit einem unauslöschlichen Schimpf bedeckt worden ist. Darin bekundet sich das germanische Bewußtseyn von dem historischen Zusammenhalt der ganzen Familie. Ueberhaupt ist das Wesen des Namens als der nothwendigen Marke der freien menschlichen Persönlichkeit von keinem Volke tiefer erfaßt und folgerechter ausgebildet worden als vom deutschen. Das hängt zusammen mit der dem deutschen Geiste eigenthümlichen klaren Erkenntniß des Berufes der beiden Geschlechter und der Familie. Kein Volk hat gleich dem unsern den Namen stets in Ehren gehalten. Unser jetzt gangbares System der Tauf- und Familiennamen ist ein wunderbares, allmählich aus unserer ganzen Gesittung hervorgewachsenes Zeugniß, wie wir neben der Bindung des Individuums an Stamm und Familie zugleich doch auch wieder dessen eigenartige Persönlichkeit anerkennen. Das Alterthum hatte diese folgerechte Durchführung der Familiennamen nicht, weil es eben die Bedeutung der Familie und des Stammes noch nicht in ihrer ganzen Tiefe entwickelt hatte. Aus den socialen Kämpfen des deutschen Mittelalters ging mit einer neuen Idee der Familie und Gesellschaft auch der moderne Organismus der Namen hervor und die ganze gesittete europäische Welt, die mit uns Theil genommen an diesen Kämpfen, genießt jetzt mit uns auch diese Frucht. Mit der »ganzen Familie« hängt nun das »ganze Haus« zusammen. Die moderne Zeit kennt leider fast nur noch die »Familie,« nicht mehr das »Haus,« den freundlichen, gemüthlichen Begriff des ganzen Hauses, welches nicht blos die natürlichen Familienglieder, sondern auch alle jene freiwilligen Genossen und Mitarbeiter der Familie in sich schließt, die man vor Alters mit dem Worte »Ingesinde« umfaßte. In dem »ganzen Hause« wird der Segen der Familie auch auf ganze Gruppen sonst familienloser Leute erstreckt, sie werden hineingezogen, wie durch Adoption, in das sittliche Verhältniß der Autorität und Pietät. Das ist für die sociale Festigung eines ganzen Volkes von der tiefsten Bedeutung. Wir haben noch Familienfeste, aber kaum mehr Hausfeste, Familiensitten, aber kaum Sitten des Hauses, keine Tradition des Hauses. Es gibt gar viele Leute die, wie wir mit charakteristisch einfältigem Ausdruck sagen, »ein Haus machen,« aber nur noch gar wenige, die ein Haus haben. Das Haus als Inbegriff einer socialen Gesammtpersönlichkeit; das »ganze Haus,« hat der Vereinzelung der Familie weichen müssen. Hierin liegt eigentlich eine weit bedenklichere social-politische Thatsache als in der zunehmenden Lockerung der Familienbande. Das Familienbewußtseyn stellt sich schon von selber wieder her; das Bewußtseyn des Hauses aber wird, einmal erloschen, kaum wieder zu entzünden seyn. Durch das Absterben des Hauses, als der halb naturnothwendigen, halb freiwilligen Genossenschaft, ist ein Mittelglied zwischen der Familie und der Gesellschaftsgruppe verloren gegangen und die günstigste Gelegenheit zur socialen Wirksamkeit und Machtentfaltung des Hausregiments vernichtet. Vordem rechnete man selbst die Nachbarn wenigstens halb und halb noch mit zum ganzen Hause. Die Nachbarschaft trägt nach altem Styl die Todten des Hauses zu Grabe. Wenn arme Leute den Singchor der Schulknaben nicht bezahlen konnten, dann traten an manchen Orten die Nachbarn des Verstorbenen zusammen und sangen am offenen Grabe und beim Leichengottesdienst. Jedes Ereigniß des Hauses mußte dem Nachbar angekündigt, zu jedem größeren Feste des Hauses mußte er geladen werden. Kurz nach einer glücklichen Entbindung versammelten sich die Nachbarinnen bei der Wöchnerin und tranken das »Kindsbier.« »Nachbar« ist dem Bauern die freundschaftliche Titulatur, welche zunächst nach dem »Vetter« kommt; sie steht um einen Grad höher wie »Landsmann« und um zwei Grade höher wie ein bloßes: »guter Freund.« Diese Heranziehung des Nachbarn zum »ganzen Hause« hat ihren guten historischen Grund in der Geschichte der deutschen Familie. Um den Hof des Stammvaters siedelten sich in uralter Zeit allmählig die weiter abzweigenden Glieder der Sippe an, und wann dann zuletzt, aus dem Hofe ein Weiler entstand, so waren ja alle Ortsgenossen auch Stammesgenossen, alle Nachbarn auch Vettern. Es gibt auch heute noch abgeschlossene kleine Dörfer in Deutschland, in denen sämmtliche Familien unter einander verwandt, alle Nachbarn Vetter sind, und das »ganze Haus« sich erweitert zur »ganzen Gemeinde.« In solchen Dörfern bewahren sich dann nicht nur die originellsten Sitten, sondern es herrscht da häufig auch das fröhlichste wirthschaftliche Gedeihen. Wenn aber den Landgemeinden zugemuthet wird, jeden fremden Lump unbesehen in ihren Verband aufzunehmen, dann werden sich die ordentlichen Leute nachgerade dafür bedanken, alle Nachbarsleute wie halbe Vettern anzusehen. Eines der merkwürdigsten Dörfer, in welchem der familienhafte Zusammenhang aller Ortsnachbarn gleichsam das Dorf selbst zu einem »ganzen Hause« macht, ist Gerhardsbrunn auf der Sickinger Höhe in der Pfalz. Mitten in einer nivellirten, von den Einflüssen der französischen Herrschaft tief berührten Gegend gelegen, hat es lediglich durch den Familienzusammenhalt seine Eigenthümlichkeit zu retten gewußt. Und es ist dabei reich geworden bei nur mäßiger Gunst der Lage. Fast alle Familien des Ortes sind unter einander verwandt; und bei allen wirthschaftlichen Interessen erscheint das Dorf als eine festgeschlossene Verbrüderung. Dem Gesetze nach darf es dort keine geschlossenen Erbgüter, nicht Majorate oder Minorate geben. Damit aber jede Familie in Glanz und Wohlstand bleibe, stehen alle Ortsnachbarn für Einen Mann und machen durch eine treu bewahrte Sitte jenes Gesetz illusorisch. Die Familie beschließt, wer von den Kindern das Gut erben soll. Für die Nichterbenden sucht man in den Nachbardörfern, wo der Boden wohlfeiler ist, ein Stück Landes anzukaufen, oder sie finden im Heimathsdorfe selbst ihr Unterkommen. Wollte Einer, der bei solcher Erbtheilung durch die Familie zu kurz gekommen, gerichtliche Klage erheben, so würde das Gut zu gleichen Theilen zerstückt werden müssen. Keiner aber wagt eine solche Klage, für die ihn die Verachtung des ganzen Hauses und der ganzen Gemeinde treffen würde. Und das ist mitten in der »aufgeklärten« Pfalz. Die Gemeinde hält so klettenfest zusammen, daß sie neben der officiellen Gemeindeordnung noch eine private Ordnung aus alter Zeit bewahrt und handhabt. Um in der damit zusammenhängenden Gemeindeversammlung stimmfähig zu werden, muß man Familienvater seyn. Sämmtliche verbrüderte Ortsgenossen hielten sich bis vor wenigen Jahren einen Flurschützen nach eigenem Schnitt, der die Uebertreter der Flurordnung um mäßige Summen pfänden durfte ohne Protokoll. Man glaubte, dergleichen innere Gemeindepolizei müsse man im Stillen abmachen und nicht jeden kleinen Feldfrevel gleich an die große Glocke der öffentlichen Polizeistube hängen. Diese Familiengemeinde hat sich eine Kirche und ein Schulhaus gebaut nach eigenen Rissen, mit eigenen Händen – und mit kaum glaublich geringem Geldaufwand. Sie bewirthschaftet die Felder nach gemeinsamem überliefertem Plan, und diese Felder ertragen, als ob ein ganz besonderer Segen auf ihnen ruhe. Es ist der Segen des Familienzusammenhanges und der guten Nachbarschaft in einer Gemeinde, die da stehet wie ein einiges »ganzes Haus.« Es gehört heutzutage viel Muth, viel Selbständigkeit dazu, wenn ein Familienvater aus den gebildeteren Schichten des Bürgerthums die Idee des »ganzen Hauses« noch praktisch aufrecht halten will. Wenn der Beamte, der Gelehrte es ja wagt, in den der häuslichen Muße gewidmeten Abendstunden mit Frau und Kindern und Gesinde sich um einen großen Tisch zu setzen, so möchte er wenigstens gewiß nicht gern in dieser Situation von einem Dritten überrascht werden, denn man würde ihn einen Sonderling nennen. Und doch ist gerade ein solches regelmäßiges Zusammenseyn des ganzen Hauses so fein und löblich und unbezahlbar für die Festigung des Familienbewußtseyns, für die Kräftigung des Hausregiments. Bei vielen deutschen Bauerschaften ist der einzige Umstand, ob das ganze Haus einschließlich des Gesindes an Einem Tisch sitzt, geradezu maßgebend für die Beantwortung der Fragen, ob das Gesindeverhältniß dort schon ein rein rechtliches geworden oder ob es noch ein theilweise Patriarchalisches sey, ob die alten Sitten überhaupt verschwunden sind, oder ob sie festgehalten und fortgebildet werden. Wenn der reichere Handwerker oder Kaufmann die Lehrjungen, Gesellen oder Gehülfen mit seiner Familie am selben Tisch essen ließe, dann glaubt er gegenwärtig schon der Würde seines Hauses etwas zu vergeben. Und doch ist es gerade durch dieses Ausschließen von Gesinde und Geschäftspersonal aus dem Kreise des »ganzen Hauses« gekommen, daß jene Leute keinen rechten Respekt mehr haben vor dem Hausvater und Meister, oder daß der Respekt jedenfalls nicht über ihre Lehr- und Dienstzeit hinausreicht. Früher hielt das Band, welches den Lehrling an den Meister fesselte, oft für das ganze Leben fest. Der Meister stand auch dann noch als Patriarch dem Lehrling gegenüber, wenn dieser längst selber Meister geworden war. Er redete den ehemaligen Lehrling, und mochte es derselbe zu noch so hohen Würden und Ehren gebracht haben, seine Lebetage mit »Er« an, während dieser ihm mit dem respektvollen »Ihr« erwiderte. Weil der Lehrling dem Hause des Meisters wirklich angehört hatte, darum nur konnte sein Verhältnis zu jenem immer ein kindliches bleiben. Nicht aus Kriecherei und Bedientensinn entsprang dieses Herkommen, sondern aus der Pietät des deutschen Familiengeistes. Je mehr die freiwillige Anerkennung einer natürlichen Autorität in allen Bezügen unsers bürgerlichen Lebens altfränkisch ward, um so sicherer mußten die späteren Geschlechter politisch haltlos und social meisterlos werden. Wie will man jetzt neue künstliche Autoritäten im Gesellschaftsleben schaffen, bevor man den alten natürlichen einen neuen Widerhalt gegeben hat! Gegenwärtig hört man in den Städten häufig, daß sich sogar die Knechte und Mägde einer und derselben Herrschaft gegenseitig mit »Sie« anreden! Also haben diese Leute gar keine Ahnung mehr von ihrer natürlichen Verbrüderung als Glieder desselben Hauses. Es macht sich zwar lustig, ist aber doch sehr probat, wenn der Hausherr neu eintretenden Dienstboten die Verpflichtung auflegt, sich binnen vierundzwanzig Stunden mit ihren bereits zum Hause gehörigen Genossen zu duzen, andernfalls wieder hinzugehen, wo sie hergekommen sind. Das wäre schon ein kleiner Versuch zur »Reform der Gesellschaft.« Im alten deutschen Bauernhaus redete der Herr den Knecht mit »Du« an, der Knecht den Herrn mit »Ihr.« Also ganz dieselbe Anrede wie zwischen Vater und Kind. Ja es kam sogar häufig vor, und ist bei abgeschlossenen Bauerschaften noch immer nicht ganz verschwunden, daß das Gesinde seine Herrschaft »Vater« und »Mutter« anredet. Noch charakteristischer für die ehemalige Familienhaftigkeit des Gesindes ist ein alter Brauch, der sich auf schleswig'schen Bauernhöfen vereinzelt erhalten hat. Das Gesinde gibt nämlich nur denjenigen Familiengliedern die respektvollere Anrede mit »Ihr,« welche im Alter ihm vorangehen: wer jünger ist, und wäre es der Dienstherr selber, den nennt die Magd »Du.« Das Gesinde betrachtet sich also geradezu als ein Glied der Familie. Dabei ist freilich vorausgesetzt, daß an ein willkürliches Wechseln des Dienstes gar nicht gedacht wird; das Gesinde weiß, daß es auf Lebenszeit Versorgung im Hause findet. Bei manchen norddeutschen Bauernschaften zeigt sich der Begriff des Gesindes noch immer so innig mit dem der Familie verwachsen, daß reiche Bauersleute ihre Kinder auf ein paar Jahre zum Dienst auf andere Höfe, wie auf eine hohe Schule der Häuslichkeit schicken. Die Kinder sollen einmal sehen, wie es draußen zugeht, und wer später recht befehlen will, der muß auch vorher einmal recht gedient haben. Es sind aber gerade keine in der Feudalzeit geknechtete und verdorbene, sondern uralt freie Bauernschaften, bei denen sich eine so freie und edle Auffassung des Gesindes praktisch erhalten hat. Die Familienhaftigkeit des deutschen Gesindes, das Zusammmleben zu einem »ganzen Haus,« wird besonders gerühmt in der Zeit unsers unverdorbenen ältesten Volksthumes. Als dagegen die Deutschen durch die grausamen Kriege mit den Römern und die trüben Gährungen der Völkerwanderung roher wurden, grausamer, üppig, beutegierig, da verblaßte auch die Idee des ganzen Hauses. Das menschlich so viel unwürdigere römische Verhältniß des Herrn zum Knechte dringt nun auch in das deutsche Haus, und die ganze Rohheit und Barbarei in den Strafgesetzen und dem Untersuchungsverfahren der späteren Jahrhunderte entwickelt sich zuerst gegen das Gesinde. Und dennoch ist nachgehends der Kern des deutschen Hauses wieder gerettet worden und ging aus dem Schutt und der Verwilderung der Völkerwanderung wieder rein hervor. So unzerstörbar war die deutsche Idee der Familie, die als eine neue, zündende in die Welt getreten ist und uns stark gemacht hat, die antike Welt zu überwinden, das Christenthum in uns aufzunehmen und so die große neue Culturepoche des deutsch-christlichen Mittelalters aufzubauen. Am Grabe des Herrn werden nach altheidnischem deutschem Brauch Knechte desselben geopfert. Dahinter steckt mehr als eine bloße Barbarei, es steckt auch eine tiefsinnige Auffassung des »ganzen Hauses« dahinter, wie die indische Wittwenverbrennung ein Symbol der Unteilbarkeit der Familie ist und in ihrer Grundidee abgedämpft fortklang in der altdeutschen Anschauung, welche die Wiederverheirathung einer Wittwe mit tiefem Schimpf belegte. »Wenn es auf den Herrn regnet, trauft es auf den Knecht.« Das Gesinde soll im »ganzen Hause« sein Schicksal als eins erkennen mit dem des Herrn. Wenn unsere Mägde einmal die deutsche Sprach- und Gesellschaftsalterthümer studiren, so werden sie finden, daß das gegenwärtig ihnen so besonders verhaßte Wort »Magd« ein sprachliches Zeugniß ist für den früheren innigen Zusammenhang des Gesindes mit dem Hause. Bei den Angelsachsen bezeichnet die »Maégd« gerade das, was wir im umfassenden Sinne das »ganze Haus« nennen; Maégsceaft ist die Verwandtschaft, und die Spillmagen und Schwertmagen leiten auch nicht aus dem Magen ihren Ursprung, sondern hängen eben mit den Sprachwurzeln dieser Maégd und Maégsceaft zusammen. Magd ist ein Ehrentitel, der aus dem Familienleben, als sich dasselbe verengerte, auf die Dienstbotenkreise ausschließlich überging. Während unsere Voreltern noch der Mutter Gottes keinen schöneren Namen zu geben wußten, als indem sie dieselbe die reine »Magd« nannten, kündigt einem jetzt die niedrigste Dirne den Dienst, wenn man sie Magd titulirt, statt ihr die nobleren Prädikate einer Köchin oder eines Stubenmädchens zu geben! Die Sprachforschung liefert überhaupt gar merkwürdige Urkunden zur Geschichte des fortschreitenden Zusammenschrumpfens des Familienbegriffs. Worte wie Gesinde, Magd, Haus, Sippe u.s.w. hatten früher sämmtlich einen weit umfassenderen Sinn als jetzt. Von den Etymologen können unsere Hausväter lernen, daß das Radicalmittel wider die Entartung des Gesindes nicht in Medaillen und Prämien für brave Mägde u. dgl. besteht, sondern in der entschiedenen Aufnahme der Dienstboten in den Bann des »ganzen Hauses.« Dann muß es das Gesinde selbst wieder als eine Ehre anerkennen, wenn es gründlich unter die hausväterliche Polizei und Strafgewalt gestellt wird. Im deutschen Volksaberglauben thun selbst die Hausgeister den faulen Knechten und Mägden die Ehre an, sie zu züchtigen für ihre Lässigkeit im häuslichen Dienst. Sie blasen ihnen das Licht aus, ziehen ihnen im Bette die Decke vom Leib, stoßen ihnen die Milchkübel um. Das geschieht den »Mägden« und »Knechten«. Ein modernes Stubenmädchen, eine Köchin oder ein Bedienter ist dagegen gar nicht mehr werth, daß ein Hausgeist sich herabläßt, ihnen eine tüchtige Lection zu geben. In vielen süddeutschen Städten von noch etwas altmodischem Schnitt ist es in den Gasthöfen der Brauch, daß der Wirth mit seiner Familie an der Spitze der Gasttafel sitzt und nicht bloß vorschneidet, sondern auch vorißt. Auf dem Dorfe sitzt dann am untern Ende der Tafel auch das Gesinde. Der meist corpulente Wirth mit seiner corpulenten Familie soll nicht bloß den Vorsitz führen als die leibhaftige Urkunde, daß eine Küche gut anschlägt; er soll auch dem Gaste den Eindruck gemüthlicher und patriarchalischer Häuslichkeit selbst im Wirthshause schaffen, er soll der Gasttafel das Gepräge einer Haustafel geben: als Hausherr sitzt er obenan vor allen Gästen. Dieß ist der letzte Abglanz jener väterlichen Würde, welche in früheren Jahrhunderten der deutsche (und englische) Gastwirth seinen Gästen gegenüber behauptete, zugleich ein Zeugniß, wie tief das Bedürfniß des »ganzen Hauses« im deutschen Geiste gewurzelt ist. Wenn der Familienvater, auch der vornehme und reiche, nicht mit dem Kaffeetisch das Tagewerk einleitet, sondern mit einem gemeinsamen Gebet, zu welchem sich Weib und Kinder und Gesinde – das »ganze Haus« – um ihn versammeln müssen, dann meint man wohl, das sey Zopf und Muckerei. Ein solcher gemeinsamer Antritt des Tagewerks ist aber ein Wahrzeichen des Zusammenhaltens und Zusammenhängens des »Hauses.« Darum ist er ganz abgesehen von seiner sittlichreligiösen Bedeutung auch in socialem Betrachte Gold werth. Wenn man nicht in die Kirche gehen konnte, dann las nach alter Sitte der Hausvater dem ganzen Hause am Sonntag Morgen aus der Postille vor. Am Weihnachts- und Neujahrsabend versammelte er das Haus um sich und las ein Kapitel aus der Bibel; das Gleiche geschah wohl auch an jedem Sonntag Abend. Ging die Familie zum Abendmahl, dann sprach der Hausvater als Eröffnung des Ganges zur Kirche ein Gebet in der Familienhalle. Bei vereinzelten Bauerschaften geschieht das Alles noch. Merken die städtischen Väter denn nicht, daß sie mit dem Aufgeben dieser Sitten freiwillig eines der stolzesten Attribute ihrer Stellung im Hause aus der Hand gegeben haben? Wahrlich, der Hausvater sollte den letzten Rest, der ihm von der hauspriesterlichen Würde seiner Urahnen verblieben, nämlich das Amt, dem »ganzen Hause« vorzubeten, nicht so leichtsinnig wegwerfen. Es steckt mehr Ehre, Rang und Herrscherrecht darin für einen stolzen Geist, als in einer ganzen Collection von Titeln und Orden. Gar viele arme Schächer von Familienvätern sehen das recht gut ein, fürchten aber doch, der »feingebildete« Nachbar möge sie auslachen. Sie schämen sich nicht, wenig und nichts zu seyn in ihrem Hause, aber viel zu seyn, Priester und Herr des Hauses zu seyn, deß schämen sie sich! »Die Feigheit ist's, die uns verdirbt,« wie's in dem alten Burschenliede heißt. Denn es gehört mehr Muth und begeisterte Ueberzeugung dazu, in der Sitte, im socialen Leben, im Hause mit der Revolution zu brechen als im politischen. Der politisch-conservative Mann kann sich in bewegter Zeit höchstens verhaßt machen, der social-conservative aber wird dem ganzen vornehmen und geringen Pöbel lächerlich erscheinen, und das fürchtet der Philister weit mehr als jenes. Der nivellirende Radicalismus hat sich jetzt in die feste Citadelle der häuslichen und bürgerlichen Lebenspraxis zurückgezogen, und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß der social Conservative heute noch ganz in derselben ungedeckten Position ficht, wie der politisch Conservative Anno achtundvierzig, und er hat nicht darauf zu hoffen, daß ihm jemals Polizeidiener, Gensdarmen und mobile Colonnen secundiren werden. Viel Feind, viel Ehr! Bei der Wiederherstellung der gefesteten Häuslichkeit, der ganzen Familie und des ganzen Hauses schließt sich aber Ring an Ring, ein Schritt führt zu tausenden und selbst die wirthschaftlichen und politischen Consequenzen der oft scheinbar harmlosesten und gleichgültigsten Gebräuche sind hier kaum abzusehen. Aus dem Neubau des Hauses wächst ein Neubau der Gesellschaft und des Standes unabwendbar hervor. Ich will dafür nur noch ein kleines Beispiel heranziehen. Zu der Idee des ganzen Hauses gehört es auch, daß Eltern und Großeltern, wenn sie sich in ihren alten Tagen zur Ruhe setzen, im Hause der Kinder wohnen. Auf dem Lande ist dafür von Anbeginn her meist schon ein eigenes Stübchen vorgesehen; allein selbst bei den schwankenden Wohnungs- und Erwerbsverhältnissen der Städter läßt sich diese schöne Sitte noch in sehr vielen Fällen aufrecht erhalten. Am festesten aber zeigt sich dieses Zusammenwohnen von Großeltern, Kindern und Enkeln auf dem Lande, wenn der Grundbesitz geschlossen ist. Bei Gleichtheilung der Güter, wenn Grund und Boden, Haus und Hof, zu einer beweglichen Waare wird, muß dieses Beisammenbleiben der Alten und Jungen allmählig verschwinden. Es wird wie in den Städten, eine zufällige , keine nothwendige Erscheinung mehr seyn. Zieht der Volkswirth diesen großen sittlichen Faktor auch mit in Berechnung, wenn er die Vortheile der geschlossenen und getheilten Güter gegeneinander wägt? Kann der Statistiker eine Ziffer finden zur Schätzung des Segens, der ins Haus kommt, wenn die Kinder auf dem Schoße der Großmutter den Ueberlieferungen der Familie lauschen können, und den alten Leuten in denselben Räumen, wo sie ihre Jugend verlebt, das Alter »wiederblühsam« wird im Kreise der Enkel und Urenkel? Ist die Unverträglichkeit der Jungen mit den Alten, die in den Städten das Zusammenwohnen von ganzen Generationen einer Familie so selten macht, nicht mitbedingt durch den Geist der absoluten modernen Geldwirthschaft, welche das wirthschaftliche Interesse der Einzelnen so hoch erhoben hat über das wirthschaftliche Interesse der Familien und Körperschaften? »Es gibt nur eine böse Schwiegermutter in der Welt, aber Jeder glaubt, er habe sie.« Gefällt euch dieser Gedanke besser oder der andere, daß das Haus erst ganz ist und auch der ganze Segen des Hauses erst in ihm wohnt, wenn Urahne, Großmutter, Kind und Enkel einträchtig bei einander wohnen und das Gesinde im Hause einheimisch wird, gleich als habe es dazu gehört von Anbeginn und zähle auch zu den Kindern des Hauses? Wir werden aber unsere deutschen Zustände rücksichtlich des »ganzen Hauses« immer noch tröstlich und hoffnungsreich finden, wenn, wir nach Amerika hinüberschauen. Amerika hat nach Meister Goethe's Wort »keine verfallenen Schlösser und keine Basalte«; es hat aber auch nicht einmal eine Ruine von dem, was wir im stolzen (die Philologen sagen im »eminenten«) Sinne das »ganze Haus« nennen. Die Nordamerikaner der besseren Klasse führen freilich meist ein sehr strenges, abgeschlossenes eheliches Leben; allein gerade durch die hier waltende Ausschließlichkeit kommen sie nicht einmal zum vollen Begriff der Familie, geschweige zu dem des Hauses. Es gibt kein Gesinde, sondern nur gemiethete Dienstboten in den Vereinigten Staaten. Darum ward dieses Land das gelobte Land fauler, hoffärtiger, meisterloser Mägde und viele verlegene Waare der Art, für die es in Deutschland keinen Abnehmer mehr gab, ist bereits mit Glück und gutem Absatz dorthin exportirt worden. Die Miethverträge mit den Dienstboten laufen dort in der Regel nur auf einen Monat: Kündigungsfristen sind keine vorbehalten, und wenn die Magd am letzten Abend des Monats aufkündigt, kann sie am nächsten Morgen gehen. So ist schon vorweg dafür gesorgt, daß die Dienerschaft im Hause nicht warm wird, daß sie beileibe nicht dazu kommt, ein wirkliches Glied des Hauses zu werden, daß ihre schwankende proletarische Stellung nur ja keine gesellschaftlich feste werde. Eine solche nordamerikanische Magd, die sich nicht »verdingt,« sondern »vermiethet,« kleidet sich dann wie eine Dame, läßt sich Mistreß tituliren, und wenn (was in den Mittelklassen gewöhnlich ist) der Hausherr die Schuhe selber putzt, Haus und Straße kehrt und mit dem Henkelkorb zu Markte geht, so hat seine Mistreß Magd nichts dagegen einzuwenden. Auch das Verhältniß der Gesellen zum Meister, des Gehülfen zum Geschäftsherrn, welches im »feudalen alten Europa« vordem eine Art Adoption war, ist in der neuen Welt zum bloßen Miethvertrag veräußerlicht worden. In den deutschen Großstädten ist man theilweise auch schon zu diesem Fortschritte gekommen. Gesellen werden nach der Stückzahl ihrer Arbeiten bezahlt oder vermiethen sich auf kurze Dauer, für bestimmte einzelne Arbeiten. Fragen die ökonomischen Vertheidiger der Gewerbefreiheit auch nach den ungeheuern sittlichen und socialen Nachtheilen, die aus diesen Verhältnissen erwachsen? Und wenn auch aus keinem andern Grund, so wäre schon allein um deßwillen das Innungswesen einer verjüngten Wiederherstellung würdig, weil nur durch Innungen das familienhafte Verhältniß zwischen Meister und Gesell dauernd wieder befestigt werden kann. Die schrankenlose Gewerbefreiheit Nordamerika's läßt es schon an sich kaum zu, daß der Gesell und Gehülfe sich im »Hause« einbürgere. Eine ungeheure Masse von Arbeitern und Geschäftsleuten wandelt ja dort fortwährend probirend von einem Geschäft zum andern. Ein Müllergesell, der sein Glück übermorgen als Kaminfeger versucht, im nächsten Quartal bei einem Maurer handlangert und über's Jahr vielleicht von dem Geschäfte profitirt, das er weiland seinen Müllereseln abgelernt hat, und selber Sackträger wird, kann doch weder bei seinen Eseln noch bei seinen Meistern recht zu Hause seyn. Bei den größeren stabilen Geschäften dagegen ist der Herr überall um so mehr geneigt, seine Familie außer Verkehr mit seinen Arbeitsgenossen zu setzen, als die Abschließung der engeren Familie vom »Hause« von vornherein ein Grunddogma des häuslichen Anstandes in den Vereinigten Staaten ist. Hier kann uns Deutschen recht klar werden, wie viele Nachklänge des alten Zunft- und Gewerbewesens in den häuslichen Sitten unsers kleinen Gewerbestandes noch festsitzen. Die Sitte des Hauses und die Satzung der Gilde bedingen sich gegenseitig. Was für die Festigung dieser Sitte des Hauses bei der Aristokratie Hausgesetze und Familienverträge gewirkt haben, das wirkte im Bürgerstand das Gesetz der Gewerbgenossenschaft. In Amerika kann es vorkommen, daß sich ein Geselle auf Monatsgage arglos ohne weitere Klausel vermiethet, und wenn der Zahltag kommt, zahlt ihm der Meister etwa nur Dreiviertheile des Bedungenen unter dem Vorgeben, der Rest gleiche den Schaden aus, den ihm der Geselle durch Abnützung der Werkzeuge, mißlungene Versuche u. dgl. gemacht! Eine solche Ueberlistung würde bei unsern Handwerksmeistern auch der ärmste Teufel, der zäheste Geizhals für schimpflich halten, und zwar lediglich deßhalb, weil in ihm noch immer der Gedanke dämmert, daß ein Gesell als Genosse des Hauses nach nobleren Grundsätzen behandelt werden müsse als ein fremder Dritter, mit dem man bloß einen Mietvertrag abgeschlossen hat. Dahinter spucken alte, scheinbar längst begrabene Zunftideen. Wenn der Geselle nicht einmal einen Wochen- oder Monatslohn erhält, sondern nach der Zahl der gearbeiteten Stücke bezahlt wird, dann ist die vollständigste Ablösung vom Hause des Meisters damit attestirt und besiegelt. Solange bei uns der Geselle noch einen wesentlichen Theil seines Lohnes in Naturalleistungen, in Kost und Wohnung, bezieht, dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß für den gewerbtreibenden Mittelstand der Begriff des »ganzen Hauses« gar verloren sey. Als das Verhältniß des Gesellen zum Meister noch ein durchaus familienhaftes war, erhielt er gar keinen Lohn, sondern nur die häusliche Verpflegung, dazu höchstens ein geschenktes Geld. In dem Maße als der Geselle mehr in klingender Münze bezahlt wird, löst sich dieses Verhältniß. Ebenso geht es beim Gesinde. In einem alten Handwerksburschenlied zeigt sich jener innige Zusammenhang der häuslichen Verpflegung mit der Hausangehörigkeit recht klar empfunden. Der Geselle zählt je in einem Verse auf, was er an jedem Wochentage arbeitet und was ihm dafür zu Theil wird; zuletzt am Samstag zahlt ihm der Meister den Lohn, aber zu allerletzt in der Sonntagsfrühe geht er noch zur Frau Meisterin »und kriegt ein reines Hemde.« Solange die Handwerksburschen diesen Vers vom »reinen Hemde« noch singen können, brauchen wir uns noch nicht vor nordamerikanischen Zuständen zu fürchten. Das seit der französischen Revolution immer ungestümer andrängende Begehren, alle öffentlichen und privaten Naturalleistungen in Geld zu verwandeln, hat seine tiefe sociale Schattenseite. Bisher hat man nur die (oft gleichfalls problematischen) wirthschaftlichen Lichtseiten ins Auge gefaßt. Wie das Ingesinde durch, die ausschließliche Geldlöhnung frei gemacht von den Banden des Hauses und also auch vom Hause entfremdet wird, so treibt die Kapitalismus der Naturalabgaben den Bauer aus seiner ländlichen Abgeschlossenheit in die Stadt, und wo er sonst dem Grundherrn patriarchalisch verhaftet war, wird er es jetzt dem Geldjuden – aber jedenfalls nicht patriarchalisch. Kehren wir noch einmal zum Hauptthema dieses Abschnittes zurück. Ein recht augenfälliges Zeichen der Lockerung der Bande des Hauses und der Familie liegt in der immer mehr abkommenden Familiengastfreundschaft. Wer auch nur zehn bis fünfzehn Jahre zurückdenkt, wird wahrgenommen haben, daß man sich zusehends entwöhnt hat, Verwandte und Freunde des Hauses bei sich zu beherbergen. Statt den Gast durch einen solennen Familienschmaus zu ehren, führt man ihn wohl gar an die Gasttafel des Wirthshauses. Das würde zu unserer Väter Zeit eine grobe Beleidigung gewesen seyn. Merkwürdigerweise hat sich die Familiengastfreundschaft in vielen Städten und Dörfern des westlichen Mitteldeutschlands noch in hohem Grade lebendig erhalten, während sonst gerade dort die alten Familiensitten am meisten abgestorben sind. Daran mag man die Fähigkeit zur Wiedererweckung eines tiefern Familienlebens auch in diesen social aufgelösten Gauen erkennen. Bei der mäßigen Gastfreundschaft, die heutzutage in unsern Städten noch geübt wird, ist es höchst charakteristisch, daß man sich in den meisten Familien bestrebt, in Gegenwart eines Gastes, und stehe er dem Hause noch so nahe, die Sitte des Hauses zu verbergen . Von hundert Familien z.B., in denen noch ein Tischgebet gesprochen wird, werden neun und neunzig dieses Gebet weglassen, wenn ein Gast am Tische ist. So macht man's auch mit dem andern Herkommen des Hauses. Die Kinder werden vom Tische geschickt, die Mägde müssen das Zimmer räumen, Hund und Katze werden vom Ofen verjagt, das ganze Haus wird suspendirt. Man schämt sich jeder originalen häuslichen Sitte angesichts anderer Leute, statt daß man stolz auf dieselbe seyn sollte. (So schämt man sich auch, eine eigenthümliche, seinen Bedürfnissen angemessene, eine persönliche Wohnung sich zu bauen, und macht alle Häuser nach Außen über einen Leisten, da doch noch lange nicht alle Insassen über einen Leisten gemacht sind). Der Gast soll durchaus nicht merken, daß er in einem individuell organisirten Hause ist: es soll ihm vorkommen, als sey er in dem Hause der nivellirenden Civilisation, – im Wirthshause. Dieß ist das Gegenstück zu dem, was ich oben von den süddeutschen Wirthshäusern alten Styles erzählte. Der Gast soll sich aber nach dem Hause richten und nicht das Haus nach dem Gaste. Jene alte Gastfreundschaft, die in so inniger Beziehung zu dem Gedanken des »ganzen Hauses« steht, hat sich aus der Stadt auf das Land zurückgezogen. Wenn noch irgend Jemand im schönsten Sinne des Wortes »ein Haus macht,« dann sind es die deutschen Landpfarrer. Bei ihrer Vereinsamung suchen sie in dem Hause ihre sociale Welt. Wer als Student einmal im Lande umher gezogen ist, heute bei diesem, morgen bei jenem verwandten, befreundeten, empfohlenen oder auch ganz unbekannten Pfarrer Quartier suchend, der kennt dieses selige Behagen, überall ein Daheim zu treffen, überall eine Familie von originellem Gepräge, einen Hausherrn, der noch ein Charakterkopf, ein Haus, das noch ein wirkliches, eigenartiges und ganzes Haus ist. Dieß sind die Wanderungen, auf denen man Charaktere und Sitten kennen lernt. Der deutsche Bursch nennt solche Art, als Gast von Familie zu Familie zu wandern, mit prächtigem Ausdruck »onkeln.« Man begrüßt ja gleichsam jeden gastfreundlichen Hausherrn als seinen Onkel und läßt sich auf einen oder ein paar Tage zum Neffen adoptiren. In diesem »onkeln« liegt eine Fülle aus dem ächt deutschen Leben gegriffener Poesie, die uns in der Erinnerung auch bei greisem Haupte noch warm wie Maiensonne in's Herz hinein scheinen wird. Das ist die Poesie des schönen Bildes vom »ganzen Hause,« – eine halb verklungene Sage. Schon mancher Landpfarrer hat sich all sein Hab und Gut wegonkeln lassen. Das war nicht gescheidt. Aber nur Ihr sollt ihn nicht meistern und sagen, daß es nicht gescheidt gewesen, die Ihr in den großen Städten auch die letzten Trümmer des »ganzen Hauses« niederzureißen fleißig seyd, eine Sitte des Hauses nur noch bei verschlossenen Thüren kennt, die Gastfreundschaft im Wirthshause übt, nur die Narren, wie das Sprüchwort sagt, Onkel heißet und in Euren Haus- und Familiengesetzen als ersten Paragraphen aufstellt, daß der eigene Mund der nächste Vetter sey. Drittes Kapitel. Die Familie und die bürgerliche Baukunst. Wie eine Illustration dem Texte, stellt sich dieses Kapitel dem vorigen gegenüber. Die Architektur des modernen Wohnhauses ist das steinerne Sinnbild der erlöschenden Idee vom »ganzen Hause.« Die besseren städtischen Bürgerhäuser aus dem sechzehnten und siebenzehnten Jahrhundert öffnen dem Eintretenden sogleich große Hausfluren, Vorplätze und Höfe. Häufig ist das ganze Erdgeschoß lediglich Vorhalle; die Wohnungsräume beginnen erst im ersten Stock. Diese großen Vorplätze waren aber allen Hausgenossen zur gemeinen Benutzung; sie sind gleichsam die Allmende des »ganzen Hauses.« Dasselbe gilt von den traulichen Gallerien und bedeckten Gängen, welche gegen den innern Hofraum oft durch alle Stockwerke gingen. Hier soll man sich versammeln und ergehen können, hier sollen die Kinder beim Regenwetter sich tummeln und spielen. In der warmen Jahreszeit tafelte das ganze Haus häufig auf der Flur des ersten Stockes, ein schönes Herkommen, welches in Oberdeutschland noch nicht ganz erloschen ist. Jener besonders wichtige Raum war in den Bürgerhäusern katholischer Gegenden häufig sogar mit einer Art Hauskapelle geziert, indem an der Hauptwand ein großes Crucifix aufgestellt war mit einem Betstuhl. In den reichen Bürgerhäusern erscheinen diese Vorplätze mit Säulen, Bildnereien und Gemälden geschmückt, und an dem im Hofe traulich rauschenden Brunnen fehlte selten allerlei zur Kurzweil angebrachter Zierrath von wasserspritzenden Nymphen, speienden Delphinen, Larven und derlei Dingen. Wir belächeln jetzt diese Spielereien der Rococozeit, und unsere Künstler könnten solchen Zierrath in der That viel vernünftiger, kritischer und kunstmäßiger machen. Dennoch erscheint uns auch wieder jener kindisch phantastische Schmuck ehrwürdig, er ist geweiht; denn er gibt Zeugniß von dem behaglichen, sinnigen Stillleben der deutschen Familie in einer Zeit der Erniedrigung, wo eine deutsche Politik verloren gegangen war, von einem deutschen Reiche nur noch der Schatten übrig geblieben, und das deutsche Volk allein noch Rettung für sich gefunden hatte in der Gediegenheit, Ehrenhaftigkeit und Innerlichkeit des deutschen Hauses. Der »häusliche Herd,« welcher jetzt nur noch eine Redefigur, war auch vor Zeiten einmal eine Wirklichkeit. Im alten deutschen Bauernhause stand der Herrscherstuhl der Hausfrau hinter dem Herde. Im reicheren Bürgerhaus war die Küche eine stattliche, oft schön gewölbte Halle, und in geselligen Stunden versammelte sich wohl auch die Familie in der Küche und verzehrte ihr Abendbrod am »häuslichen Herd.« Dort wies auch der Volksglaube den guten Hausgeistern ihren vornehmsten Sitz an, in eigens am Herde angebrachte kleine Nischen legte man ihnen Speise, auch etwas Reisholz und zu Zeiten ein Käppchen und ein Röschen zum Lohn für treue Dienste. In den modernen großstädtischen Privathäusern sind fast alle dem » ganzen Hause « dienende Räume auf das dürftigste Maß beschränkt: die breiten Vorplätze sind zu einem armseligen schmalen Hausgang zusammengeschrumpft, statt der Familie und der Hausgeister tummeln sich nur noch Mägde und Köchinnen in der profanirten Küche; namentlich sind aber die Höfe (die früher nur in den engen Gassen der Handwerker und Kaufleute eng und klein waren, in patricischen Quartieren aber weit und schmuckreich), jetzt selbst bei den reichsten großstädtischen Häusern häufig zu schmalen, feuchten, stinkenden Winkeln geworden, wohin keine Sonne und kein Mond dringt; die heimlichen inneren Gallerien sind durchaus verschwunden, und wo sonst das ganze Haus auf der Hausflur getafelt, da verzehren jetzt höchstens des Hauses Bettelleute dort ihr Gnadenbrot. Paris und London und Neu-York kann man in unsern neuen deutschen Großstädten wiederfinden, wer aber das deutsche Haus suchen will, der muß in alte abgestorbene Reichsstädte gehen, und wo Einer in Romanen die trauliche, schmuckreiche innere Einrichtung der patricischen deutschen Wohnung aus dem sechzehnten und siebenzehnten Jahrhundert abgeschildert siehet, da wird ihm vielleicht das Herz noch einmal weit bei dem Gedanken an das Behagen des deutschen Hauses. Wir begreifen wohl noch den gleichsam poetischen Werth jener Räume für das häusliche Leben, aber nicht mehr den reellen, weil uns die alte Gesammthäuslichkeit kein nothwendiges Bedürfniß mehr ist. Der Blick auf die dem »ganzen Hause« gewidmeten, für den Häuserspeculanten überflüssigen Vorplätze, Gallerien, Höfe etc. leitet zu einer ethnographischen Parallele. Bei den meisten aufgelösten mitteldeutschen Bauerschaften ist die volksthümliche örtliche Bauart der Häuser zugleich mit der Volkstracht aufgegeben worden und man baut möglichst billige und rentable viereckigte Wohn-Kasten im Kleinen, wie in den Städten im Großen. Hier ist denn auch die Hausflur, obgleich für das Bauernhaus noch viel wichtiger als für das bürgerliche, zu einer winzigen Ecke zusammengegangen. Bei den reichen, selbständigen, an alter Art festhaltenden Bauerschaften des deutschen Nordens und Südens dagegen finden sich noch große, stolze Hausfluren als die Regel, ja in Oberdeutschland noch offene und bedeckte Gallerien und Erker bei den Bauernhäusern. In manchen rheinischen Gegenden kann man den Wohlstand eines Bauern ziemlich sicher nach der Größe seiner Hausflur bemessen. Der bäuerliche Proletarier hat da oft gar keine Hausflur, nicht einmal einen Hausgang. Man tritt durch die Hausthüre unmittelbar in die Küche, wohl gar in die Wohnstube, wodurch das Haus eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einer Hundehütte erhält. Oder der Hausgang ist so eng daß ein schmaler, hungriger Mensch wohl hindurch gehen kann, wenn er aber drinnen stirbt, so kann man ihn im Sarg nicht hinaustragen. Es ist diese Beschränkung sogenannter überflüssiger Räume keineswegs immer durch die Mittellosigkeit des Erbauers geboten. Da in solchen mitteldeutschen Taglöhnerfamilien die Häuslichkeit und das Familienleben überhaupt leider auf sein kleinstes Maß zusammengeschrumpft ist, so bedarf man in der That der Räume nicht, die der ganzen Familie dienen sollen. Nicht durch neue Hausfluren, sondern durch einen neuen Geist der Familienhaftigkeit wäre also hier die Bauart zu verbessern. Die stolzen Hausfluren kommen dann wieder von selber, auch im armen Hause. Aehnlich wie mit der Hausflur des Bauernhauses verhält es sich mit dem Hofraum. Auch der äußere Schmuck des Hofes ist kein übler Maßstab für den Wohlstand des Bauern. In der Pfalz haben die alten Hofthore der reichen weinbauenden Ortschaften geradezu einen monumentalen Charakter. Als die Mordbrennerbanden Ludwigs XIV. die Pfalz verbrannten, wurden die Häuser in diesen Dörfern zerstört, nur die massiven, in stattlichen Spitzbogen und Rundbogen gewölbten Hofthore blieben mehrentheils stehen und stehen heute noch neben den später neu wieder angebauten Wohnungen und legen Zeugniß ab von dem Reichthum und der Wohnlichkeit dieser Bauerndörfer in alter Zeit. Auf dem Schlußstein des Thorbogens ist die Jahreszahl der Erbauung eingehauen, oft auch der Name des Erbauers oder das Zeichen seines Berufes, nicht selten steht auch ein Vers dabei, der uns anzeigt, was in jenem Jahre Korn und Wein gegolten. Auch ziert wohl mancherlei Ornamentenwerk die großen Sandsteinblöcke der Thorpfeiler. Wo hält wohl jetzt noch der Bauer so viel auf den sinnigen und massiven Schmuck seines Hauses und Hofes? Haus und Gehöfte der damals so reichen Pfälzer Weinbauern muß wie eine kleine Burg anzuschauen gewesen seyn, während freilich anderwärts der deutsche Bauer zu selbiger Zeit auch noch in Lehmhütten wohnte, die an die Hütten der Wilden erinnern. Zu dem stattlichen Doppelchor stimmte die hohe steinerne Hofmauer. Das Haus stand mit der schmalen Giebelfronte gegen die Straße gekehrt, die Längenseite mit den meisten Fenstern und der Hausthüre ging also auf den Hof; ein unberechenbarer Vortheil für ein Bauernhaus, denn auf seinen Hof soll der Bauer aus dem Fenster schauen, nicht auf die Straße. An der Langseite im Hofe war die große steinerne Bank angebracht, auf welcher das »ganze Haus« am milden Sommerabend plaudernd beisammen saß. Durch diese Frontstellung des Hauptgebäudes und den beschlossenen Hof war das Haus gleichsam überall nach Innen gekehrt, während wir es jetzt mit der langen Straßenfaçade nach Außen gewendet haben. In diesem einzigen Umstande liegt eine ungeheure Krisis im. Familienleben angedeutet. Der trauliche Binnenhof hat den besten Theil seiner Bedeutung für die gemüthliche Häuslichkeit verloren, seit wir die Hauptseite des Hauses von ihm weggewendet haben und höchstens noch die Küchen- und Abtrittsfenster auf den Hof schauen lassen. Nur durch den Hof konnte man ins Haus gelangen; man trat nicht unmittelbar von der Straße in das Heiligthum des Hauses ein. In dem Maße als die Familie an öffentlicher Bedeutung verloren hat, sind die Häuser gegen die Straße offener geworden. Im Orient, wo die Idee der freien Persönlichkeit wie der Gesellschaft und des Staates noch vielfach gefangen gehalten ist in dem Bann der übermächtigen Familie, sind die Häuser in gleichem Extrem ganz nach Innen gekehrt, der Harem kerkermäßig abgeschlossen: das Haus hat gar keine Straßenfronte, weder architektonisch noch social. In jenen Bauernhöfen der reichen Pfalz mußte der Bauer, wenn das große Hofthor hinter ihm ins Schloß gefallen war, sich fühlen nicht wie der Türke im Kerker seines Hauses, wohl aber wie der Ritter in seinem Burgfrieden. Ahmte er vor Zeiten doch selbst den Ritter darin nach, daß er die Strafe des Burgfriedensbruches in seinem Hofe so gut versinnbildete, wie der Ritter in seinem Schloßhofe. Wo dieser das Bild der abgehauenen blutigen Hand als Warnungsmal für den Friedensbrecher aufstellt, da nagelte der Bauer den schlimmsten Friedensbrecher seines Hofes, den Habicht oder die Eule zum warnenden Exempel an das Scheuerthor: »Wer diesen Burgfrieden bricht, Der wird also gericht.« Es ist eine höchst bemerkenswerthe Thatsache, daß in der ganzen bayerischen Vorder-Pfalz, wo fast durchaus das löbliche Herkommen noch herrscht, die Bauernhäuser nach Innen, nach dem Hofe gekehrt zu stellen und nur die schmale Giebelfront auf die Straße zu richten, eine große Reinlichkeit und Ordnung die Hofräume auszeichnet, während in dem angränzenden Westrich, wo man die Häuser mit der Langseite nach Außen gewendet hat, Schmutz und Unordnung als unmittelbare Folge eingezogen ist. Die Straße selber wird hier zum Hof, die Misthaufen sitzen auf der Straße, das Ackergeräthe fährt lüderlich daneben umher, der Hof ist offen geworden, er ist aus dem Frieden des Hauses herausgerückt, der Gasse preisgegeben; das Heiligthum des Hofes aber wie des Hauses, wie der Familie, vor allem des deutschen Hauses und der deutschen Familie, ist gegründet in deren Abgeschlossenheit und Innerlichkeit. In der mannigfaltigen Bauart unserer Bauernhäuser, die sich sehr genau nach ethnographischen Gruppen abscheidet und hierin den Volkstrachten entspricht, hatte sich die wunderbar reiche Vielartigkeit des deutschen Volksgeistes ein schönes Denkmal gesetzt. Es bezeichnet andererseits den viel tieferen Standpunkt des slavischen Volkslebens, daß das slavische Bauernhaus überall gleichförmig, ohne bildungsfähige architektonische Motive ist und z.B. durch das ganze weite russische Reich sich wesentlich gleich bleibt in der Dürftigkeit und Nüchternheit seiner Linien und dem Schmutz seiner inneren Ausstattung. Wo noch eine ursprüngliche Bauart des deutschen Bauernhauses besteht, da sollte man sie zu erhalten, nötigenfalls mit Schonung ihrer charakteristischen Formen zu verbessern suchen. Außerdem wäre es jetzt hoch an der Zeit, in Bild und Schrift eine Zusammenstellung aller deutschen Volksbauweisen ebensogut wie aller deutschen Volkstrachten zu veranstalten; denn in vielen Strichen dürfte bald mit dem letzten ächten Bauernrock auch das letzte ächte Bauernhaus verschwunden seyn. Während sich vordem ein Herrenhaus und Schloß wieder dadurch vor dem stattlichsten Bürger- und Bauernhause auszeichnete, daß es, wenn auch nicht an sich größer, doch Höfe, Gallerien, Vorplätze und offene Hallen in weit größerem Verhältnisse besaß, sieht man jetzt in den Städten sogar fürstliche Paläste, die nicht einmal eine weite, stattliche Vorhalle, geschweige denn einen ordentlichen Hof besitzen, und die sich nur durch den Portier und die Schildwachen als Paläste legitimiren. Es lag ein tiefer Sinn in der Forderung, daß ein Herrenhaus gerade die dem »ganzen Hause« geweiheten Räume, die unnützen und doch so nothwendigen, in gedoppeltem Maße besitzen solle; denn die höchste Bedeutung der Aristokratie wurzelt darin, daß sie die Familie und das »Haus« am umfassendsten auf die sociale Potenz erhoben hat. Solche von ächt aristokratischem Schmuck entblößte Herrenhäuser namentlich der modernen Beamtenaristokratie in den großen Residenzstädten, nennt man in Norddeutschland sehr passend »Hôtels,« da dergleichen Gebäude in der That eines bessern und deutschen Namens in der Regel nicht werth sind. Schauen wir in das Innere unserer Wohnungen, so findet sich's, daß das » Familienzimmer ,« der gemeinsame Aufenthalt für Mann und Weib und Kinder und Gesinde immer kleiner geworden oder ganz verschwunden ist. Dagegen werden die besondern Zimmer für einzelne Familienglieder immer zahlreicher und eigenthümlicher ausgestattet. Vater, Mutter und Kinder beanspruchen für sich bereits eine ganze Reihe verschiedenartiger Gemächer. Man raffinirt förmlich darauf, neue Zimmer zu erfinden. Sie sollen auch im Einzelnen wieder charakteristisch ausgestattet werden. Die Vereinsamung des Familiengliedes selbst im Innern des Hauses gilt für vornehm; sie ist darum schon in dem Aeußeren einer »fashionablen« Einrichtung zu veranschaulichen. Die eigentlichen »Familienmeubel« sind altväterisch geworden. Als der Großvater die Großmutter nahm, da galt es noch als das Wahrzeichen eines soliden Hauses, eines Hauses vom alten Glanze, daß die Braut einige capitale Familienmeubel, alte, treue Diener des Hauses, zur Aussteuer mitnehmen mußte. Jetzt gilt umgekehrt nur diejenige Ausstattung für vornehm, bei welcher alles funkelneu ist. So tief haben uns die Tapezierer, Schreiner und Meubelhändler unterjocht! Das Ehebett existiert nur noch bei den Bauern und den Engländern, und die Wiege der Kinder steht nicht mehr zu Händen bei dem Bett der Eltern. Das »Kinderzimmer« muß vielmehr möglichst entfernt vom elterlichen Schlafgemache seyn; denn ein »gebildeter« Vater kann in der Regel gar kein kleines Kind mehr schreien hören. Wer aber Kinder in die Welt setzen, will, der muß sie auch können schreien hören, und wer das eine nicht kann, soll auch das andere bleiben lassen. Ganz besonders sind hier wiederum die Bauernhäuser ins Auge zu fassen. Hier ist die ganze Familie schon durch den gemeinsamen Beruf aller ihrer Mitglieder viel enger zusammengeschlossen als in der Stadt, darum auch im Hause vorzugsweise auf gemeinsame Räume angewiesen. Nichts desto weniger sucht man jetzt in den reicheren Bauernhäusern gleichfalls eine Menge gesonderter Räume und isolirter Winkelchen anzubringen, die dem alten Bauernhause ganz fremd waren. Hierin zeigt sich's schon, daß das patriarchalische Zusammenleben und Wirken der Bauernfamilie gebrochen ist. Ein Haus mit vielen kleinen Stuben ist gar kein ordentliches Bauernhaus mehr. Selbst das wirthschaftliche Hausregiment wird zerstört durch die vielen gesonderten kleinen Räume; in der großen Familienhalle dagegen, wo der Speisetisch zur Seite des Herdes steht, herrscht der Bauer und die Bäuerin. So ist z.B. in alten Bauernhäusern der Stall häufig unmittelbar an die Küche gebaut und durch einen bedeckten Gang mit derselben verbunden, damit die Hausfrau die Hantierung des Gesindes in Küche und Stall mit Einem Blick übersehen und ihr Zepter ungetheilt führen könne. Ein herrliches Muster altpatriarchalischer Einrichtung zeigt in dieser Beziehung das alte Sachsenhaus, wie es Justus Möser geschildert und wie es bei den reichen oldenburgischen Marschbauern und in Schleswig heute noch besteht. Hier steht der Herd im Mittelpunkte des Hauses, und hinter dem Herde thront die Bauernfrau. »Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht sie zu gleicher Zeit drei Thüren, dankt denen, die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immerfort und kocht dabei. Ihre Schlafstelle ist gleichfalls hinter dem Herde und sie behält aus derselben eben diese große Aussicht, sieht ihr Gesinde zur Arbeit aufstehen und sich niederlegen, das Feuer anbrennen und verlöschen und alle Thüren auf- und zuschlagen, höret ihr Vieh fressen, die Weberin schlagen, und beobachtet wiederum Keller, Boden und Kammer. Wenn sie im Kindbette liegt, kann sie noch einen Theil dieser häuslichen Pflichten aus dieser ihrer Schlafstelle wahrnehmen. Jede zufällige Arbeit bleibt ebenfalls in der Kette der übrigen. Sowie das Vieh gefüttert und die Dresche gewandt ist, kann sie hinter ihrem Spinnrade ausruhen, anstatt, daß in andern Orten, wo die Leute in Stuben sitzen, so oft die Hausthür aufgeht, Jemand aus der Stube dem Fremden entgegen gehen, ihn wiederum aus dem Hause führen und seine Arbeit so lange versäumen muß. Der Platz beim Herde ist der schönste unter allen.« So zeichnet Möser das plastische Bild der Bauernfrau, die in der patriarchalischen Würde längst verklungener Zeiten von ihrem Sitz hinter'm Herde das ganze Haus beherrscht. Auf diesem Herde aber brennt das Feuer den ganzen Tag und glimmt die ganze Nacht hindurch, urväterlicher Poesie zu Ehren und der modernen Feuerpolizei zum Trotz; wenn aber der Hausherr stirbt, dann wird nach altem Brauch das Herdfeuer gelöscht. Auf der untersten Stufe bäuerlicher Armuth treffen wir freilich ein scheinbar ähnliches Bild wieder, wo auch die ganze Familie auf einen einzigen häuslichen Raum zusammengedrängt ist; aber nicht in eine weite, geräumige Wohn- und Speisehalle, sondern in ungesunde Winkel, nicht im Bewußtseyn der Familienhaftigkeit und des Familienregiments, sondern bloß aus Noth. Wenn der Städter sieht, wie in der Bauernhütte oft nicht bloß die Familie, sondern dazu auch noch Hühner, junge Gänse und Enten, Hunde und Katzen in einer Stube zusammenwohnen, dann macht ihm dies wohl den Eindruck des äußersten Elendes, und er bedauert die armen Leute recht herzlich, die mit Hühnern und Gänsen ihr Zimmer theilen müssen. Ein Zeichen von Wohlstand und Gesittung ist es nun freilich nicht, wenn das »ganze Haus« mitsammt den Hausthieren in einer einzigen engen Stube lebt und webt. Es bleibt aber doch noch sehr die Frage, ob es unappetitlicher und gesundheitswidriger, wenn, wie auf dem elendsten Bauerndorf, Hühner und Gänse in der Stube sitzen, oder, wie in den reichen Häusern Wiens, die Mägde in der Küche schlafen. Und ob wir jenen armen Leuten nicht das beste Theil ihres häuslichen Behagens mitnähmen, wenn wir, ich will nicht sagen die Kinder, sondern auch nur die Hühner und Gänse, Hunde und Katzen in ein besonderes Gemach einquartierten, das ist eine zweite Frage. Wer will entscheiden, was menschenwürdiger sey: das bittersüße Elend dieses gemeinsamen Lebens, oder die Vereinsamung eines wohlbezahlten Fabrikarbeiters? Jene Hausthiere, mit welchen die arme Bauernfamilie ihr Zimmer theilt, sind ihr in der That Glieder des Hauses. Der Bauer schließt oft eine keineswegs sentimentale, sondern durchaus naive Freundschaft, aber eine Herzensfreundschaft, mit seinem Vieh, von der die wenigsten Stadtmenschen einen Begriff und ein Verständnis; haben. Sein Vieh ist ihm eine nothwendige Ergänzung zum »ganzen Hause,« und es charakterisirt das alte deutsche Bauernhaus fast aller Gaue, daß der Stall mit der Wohnung wenigstens unter einem Dache steht . Ein armes geplagtes Bäuerlein, welches über Niemand Herr und Meister ist, übt ein absolutes Hausregiment wenigstens über sein Vieh. Es ist ein wunderbares Geheimniß der Menschennatur, daß der Mensch nicht fröhlich leben kann, er habe denn eine andere lebende Seele, und wär' es auch bloß ein Hund, die er meistere . Gegenüber unserem Hunde sind wir wie allwaltende Götter, schicksalspinnende Dämonen. Darum vertraut der ächte Hund blind seinem Herrn. (Was freilich ein Hund im stillen Sinne denkt, wenn er die frevliche Hand des Herrn leckt, die ihn malträtirt, das hat uns bis jetzt noch keiner gesagt.) Darum finden wir in der Genossenschaft der Thiere eine Ergänzung, die uns kein menschlicher Umgang bieten kann. Das Hausvieh soll im Hausregiment unser eingeborenes Gelüsten zum aufgeklärten Despotismus auf seinen Rücken nehmen, und es ist noch lange nicht menschenunwürdig, wenn die armen Leute ihr Geflügel in der Wohnstube herbergen. Der Bettelmann ist zufrieden, weil er seinen Hund als seinen letzten Knecht behandeln kann, und der Hund dankt ihm dafür, indem er seines Zuchtmeisters letzter Freund wird. Der rohe Materialismus unserer Zeit, der die Existenz bloß nach dem Essen und Trinken abmißt, sagt freilich, es sey eine Sünde, wenn man erbetteltes Brod auch noch mit einem Hunde theile. Es stehet aber geschrieben: der Mensch lebt nicht vom Brode allein, und ich möchte es nicht auf mein Gewissen nehmen, auf dem Wege der Besteuerung den armen Mann dahin zu bringen, daß er seinen letzten Freund und Hausgenossen zum Schinder führt. Treibt ihr dem Bauern seine Hühner und Gänse, Hunde und Katzen aus der Stube, so zerstört ihr seine Häuslichkeit. Man lasse jeden nicht nur nach seiner Façon selig werden, sondern auch schon auf Erden möglichst nach seiner Façon glücklich seyn. Zu einem ganzen Hause gehört auch ein Hund, und den alten Jungfern muß der Mops, gerade wie beim Bettelmann, das ganze übrige Haus ersetzen. Der Fanatismus, mit welchem gegenwärtig so Mancher, der gar nicht recht weiß, was eigentlich ein Hund ist, für die Vertilgung der Hunde durch hohe Steuer eifert, zeigt eben auch, wie sehr die Idee des »ganzen Hauses« sich verdunkelt hat. Denn gerade darin bewährt sich so recht die läuternde und veredelnde Kraft des hausgenossenschaftlichen Lebens, daß dasselbe selbst der in seinen Kreis gezogenen Thierwelt eine höhere Weihe, daß es selbst dem Verhältnis; des Menschen zum Thier eine humane Deutung gibt. Das ist derselbe Hund, der Hausgenosse, den wir auf mittelaltrigen Grabsteinen zu Füßen des Hausvaters und der Hausmutter ausgehauen sehen. Für Mahomets Hündlein ist ein Platz im türkischen Himmel reservirt, und in dem frommen Mittelalter durfte der Hund – nicht bloß der steinerne sondern auch der lebendige – die Familie in die Kirche begleiten. Es wurde den Leuten wohl häuslicher in der Kirche, wenn während des Gebetes der Hund zu ihren Füßen lag. Heutzutage verbietet die Polizei nun gar das Mitnehmen der Hunde ins Wirthshaus. So steuert unsere ganze Zeit der eigensüchtigen Vereinzelung zu, der Vereinzelung selbst zwischen Mensch und Hund. Ein deutscher Meister, Schnorr, hat die Austreibung des ersten Menschenpaares aus dem Paradiese dargestellt: den Verwiesenen folgt auf dem Bilde nur – der Hund. Das ist ein tiefsinniger Gedanke, eines deutschen Meisters würdig. In dem treuen Hausthier ist uns in der That der letzte Zeuge der unschuldsvollen Freundschaft aller Creatur aus dem Paradiese nachgezogen. Ich knüpfe nach dieser Abschweifung wieder an bei meiner Kritik der Räume des modernen bürgerlichen Wohnhauses. Jene dem »ganzen Haus« gewidmeten Plätze und Hallen sind also auf das Kleinste zusammengedrängt, die Gastzimmer für Freunde des Hauses u. dgl. sind entweder ganz verschwunden oder doch bedeutend beschränkt worden. Der bedeutsamste Raum im vornehmeren bürgerlichen Hause wird dagegen einem ganz neuen Gemache zugetheilt: dem Salon . Aller architektonische Schmuck, der sonst auf Hof, Vorhalle, Hausflur und Familienzimmer verwendet wurde, kommt jetzt dem Salon zu gut. Es ist aber dieser Schmuck nicht mehr, wie bei dem alten Familienzimmer, durch eine feste, langsam und organisch nur sich umbildende Sitte bestimmt, sondern er wechselt nach Mode und persönlicher Laune. Der Salon dient aber auch nicht, wie jene Räume, dem »Hause,« sondern der »Gesellschaft« und diese Gesellschaft des Salons ist weit entfernt, gleichbedeutend zu seyn mit dem engen, festgeschlossenen Kreis der Freunde des Hauses. Die nichtsnutzige, sociale Fiction der sogenannten »Gesellschaft,« als des Inbegriffs einer Gruppe von interessanten oder eleganten feinen Leuten, bei denen man von den bürgerlichen, häuslichen und sittlichen Qualitäten absieht, die bonne société , bezeichnet vielmehr geradezu die Auflösung des häuslichen Freundeskreises und des Familienlebens. Die wohlhabenden Leute hatten wohl immer ihr Prunk- und Staatszimmer und auch im reichen Bauernhause wird die stattlich geputzte »Obenhinaufstube« nicht fehlen. Das sind aber keine Salons. Der Unterschied ist ein sehr wesentlicher, ein social begründeter. Die Staatsstube stand neben der Familienstube in zweiter Linie, sie diente den Festlichkeiten des Hauses ; sie hatte ihren typischen Schmuck, ihre herkömmliche, provinciell unterschiedene Einrichtung, die so fest stand, wie die Sitten, welche die Feste des Hauses regelten. Sie war nicht der Schauplatz der gewöhnlichen häuslichen Geselligkeit. Die Freunde des Hauses versammelten sich im Familienzimmer. Der Salon dagegen hat das Familienzimmer in die zweite Linie geschoben; er ist zum bedeutsamsten Raum des modernen Hauses geworden; da er aber fast nur eine negative Bedeutung für die Familie hat, so ist in dem Salon der Schwerpunkt des architektonischen Hauses außerhalb des socialen gerückt und damit das »ganze Haus« windschief geworden. In den großen Städten gibt es jetzt unzählige Familien der »guten Gesellschaft,« die selbst ihre Gesundheit dem Salon zum Opfer bringen. Wohn- und Schlafzimmer werden in die ungesundesten und engsten Räume des Hauses verlegt, damit nur für den Salon der beste und glänzendste Theil übrig bleibe. Hinterdrein wundert man sich dann noch, warum die Cholera nicht aus unsern großen Städten auszutreiben sey! Das ist ja dieselbe vornehme Lumperei, die mit dem elegantesten Rocke gleißt, darunter aber kein ganzes Hemd auf dem Leibe hat. Wo noch ein ächtes Familienleben ist, da sollte das Familienzimmer das stolzeste Gemach seyn und die Hausfrau sollte in demselben thronen, wie jene niedersächsischen Bauernfrauen hinter dem Herde; gegenwärtig aber würden sich unzählige Hausfrauen schämen, wenn ein Fremder zufällig in ihr Familienzimmer geriethe statt in das Empfangszimmer oder den Salon. Der Salon ist, wie schon sein Name besagt, ein dem deutschen Hause aufgepfropftes fremdes Gewächs. Es ist überhaupt ein trauriges Wahrzeichen, daß wir für viele Räumlichkeiten des Hauses die deutschen Namen vergessen haben und beweist, wie tief sich französische Anschauungen in unsere häuslichen Sitten einfressen. Souterrain, Parterre, Beletage etc. sind uns viel geläufiger als die entsprechenden deutschen Wörter. Von dem unübersetzbaren »Hôtel« der Minister und großen Herren habe ich bereits geredet. Den »Salon« können wir zum Glück ebenfalls nicht übersetzen. Ja es erscheint sogar bereits als fast allgemeine deutsche Sitte, die Geschosse des Hauses nach französischer Art zu zählen, so daß man die Beletage den ersten Stock nennt u.s.w., da es doch deutsche Art gewesen, von dem auf dem Kellergeschoß (dem Raume der Werkstätten, Kaufmannsgewölbe und Trinkstuben) errichteten Stock anzufangen und also das Parterre als den ersten, die Beletage als den zweiten Stock zu bezeichnen u.s.f. Nur in einzelnen Landstrichen hat sich die deutsche Art, die Geschosse zu zählen noch erhalten, was dann der viel allgemeiner eingebürgerten französischen Weise gegenüber zu allerlei Confusion führt und auch ein Zug im Bilde der deutschen Einheit ist. Gerade solch ein Aufnehmen nicht eines einzelnen fremden Wortes, sondern eines auf fremder Anschauung beruhenden Brauchs und noch dazu bei einem so nahe liegenden und so tief ins nationale Leben eingewachsenen Gegenstande wie das Haus, ist fürwahr ein böses Omen. Für den Einzelnen ist das moderne Haus wohnlicher, geräumiger geworden, für die Familie enger und ärmer, wie überhaupt die meisten Verbesserungen unserer Lebensweise vorwiegend den Junggesellen und Hagestolzen zu gut kommen. Das architektonische Symbol für die Stellung des Einzelnen zur Familie war im alten Hause der Erker . Im Erker, der eigentlich zum Familienzimmer, zur Wohnhalle gehört, findet der Einzelne wohl seinen Arbeits-, Spiel- und Schmollwinkel, er kann sich dorthin zurückziehen: aber er kann sich nicht abschließen, denn der Erker ist gegen das Zimmer offen. So soll auch der Einzelne zur Familie stehen, und nach diesem Grundgedanken des Erkers müßte von Rechtswegen das ganze Haus construirt seyn. Der Erker war auch in künstlerischer Beziehung der eigenthümlichste Schmuck unserer bürgerlichen Privat-Architekturen im Mittelalter wie in der Renaissancezeit. Wenn Nürnberg von seinen Kunstdenkmalen auch nichts weiter gerettet hätte, als seine zahlreichen schönen Erker, so würde es bloß darum immer noch ein für die deutsche Kunstgeschichte höchst wichtiger Punkt bleiben. Eben weil der Erker nichts zufälliges ist am deutschen Hause, sondern eine wesentliche Idee desselben versinnbildet, ist er eine wirklich volksthümliche Form selbst in unserer bäuerlichen Architektur geworden. In dem oberdeutschen Gebirgshaus ist der Erker aufs mannigfaltigste und sinnreichste angebracht, in Mitteldeutschland schmückte er im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert wenigstens die reicheren Bauernhäuser, und in den äußersten Nordostmarken Deutschlands sind die sogenannten Beischläge und Balkone an den Bauernhäusern noch heute als eine Art verkrüppelter Erker übrig geblieben. In alten Schlössern und Herrenhäusern findet man häufig den Erker prunkvoller und kunstreicher ausgeschmückt als irgend einen andern Raum; manchmal scheint sich die ganze Baukunst eines einzelnen Besitzers erschöpft zu haben in der Herstellung eines neuen prächtigen Erkers am altväterlichen Hause. Da ist dann aber auch außen die reichste Steinmetzarbeit angebracht, innen Täfelwerk und Holzschnitzerei, bemalt und vergoldet und mit bedeutsamen Versen und Sprüchen geziert, und solch ein Erker erscheint dann am Hause wie der Chor an der Kirche, als das schmuckreichste Heiligthum des Hauses. Der Eifer, mit welchem die moderne Baupolizei ihr Interdikt gegen die Erker seit mehr als hundert Jahren gehandhabt hat und noch handhabt, ist höchst charakteristisch. Die äußerliche Gleichmacherei der Häuser hängt eng zusammen mit der Nivellirung des Staates, der Gesellschaft, der Familie, die einen Grundzug der Bestrebungen des achtzehnten und teilweise auch noch des neunzehnten Jahrhunderts bildet. Damit die Häuserfronten glatt nach dem Lineal abgeschnitten sehen und dem Nachbar die Aussicht nicht verdorben werde, rasirt man die Erker, die ein organisches, nothwendiges Product des deutschen Familienlebens geworden sind! Als ob die Häuser da seyen um der Aussicht willen, als ob das Haus von außen nach innen gebaut werde und nicht vielmehr von innen nach außen! Mit diesem Satze bin ich in das Centrum des vorliegenden Capitels gekommen. Die kunstgeschichtliche Thatsache, daß das Mittelalter Häuser und Burgen und Kirchen von innen heraus gebaut hat, die äußeren Maße und Formen nach dem Bedürfnisse des Innern, nach den praktischen Zwecken des Hauses frei gestaltend, während wir als ächte Doctrinäre schablonenweise von außen nach innen bauen: diese kunstgeschichtliche Thatsache müssen wir als in der entsprechenden socialen wurzelnd erkennen. Wir bauen auch in der Gesellschaft, in der Familie symmetrisch, mechanisch von außen nach innen, statt organisch von innen nach außen. Darum helfen alle Experimente nichts, einen modernen, wirklich lebensfähigen Styl für unsere Häuserbauten zu finden. Der eine Baumeister probirt's mit der Gothik, der andere mit der Renaissance, ein dritter mit dem griechisch-römischen, ein vierter mit dem byzantinischen Styl, ein fünfter gar mit dem Zopf. Es gibt aber immer nur neu zusammengesetzte Häuserdekorationen, keine wirklich neuen Häuser. Das architektonische Haus der Zukunft muß von innen heraus gebaut werden, wie das sociale. Schafft erst die neue Familie, dann wird diese Familie sich selber ihr Haus bilden, – »anleiben.« Wenn also einmal unsere Salons wieder veröden, dagegen aber eine allgemeine Sehnsucht nach einer wirklichen Familienhalle, nach stattlichen Hausfluren, Höfen und Gallerien, vor allem aber nach dem traulichen Erker empfunden wird, das heißt, wenn wir wieder einmal eine neue und feste Sitte des Hauses gewonnen haben, dann wird auch ein neuer, organischer bürgerlicher Baustyl da seyn, und die Baumeister werden gar nicht wissen, wie sie zu demselben gekommen sind. Sie sind dann auch nicht zu ihm gekommen, sondern er zu ihnen. Wie können sie aber jetzt Häuser von innen heraus bauen, wo die Mode alle architektonisch entwicklungsfähigen Innenräume des Hauses für überflüssig erklärt? Viele werden sich nicht einmal einen klaren Begriff machen können von dem, was es heißt, von »innen heraus« zu bauen; Andere werden befürchten, daß dabei in der Regel ein abenteuerliches, für das künstlerische Auge monströses Ganze zu Tag kommen wird. Ich verweise aber nur auf die schönsten Muster ächter deutscher Bauernhäuser, wie sie sich in den Hochgebirgen finden und bereits in der Kunstarchitektur überall nachgeahmt werden. Diese sogenannten Schweizerhäuser sind in ihrer Grundanlage rein nach Rücksichten der häuslichen Zweckmäßigkeit von innen heraus gebaut und doch sind sie bei dem im Volke lebenden, in seiner Sitte geregelten naiven Schönheitssinn von selber so schön geworden, wie ein Volkslied schön, wie eine Volkstracht malerisch wird. Bei den bürgerlichen Häusern wie den Schlössern und Burgen des Mittelalters kommt noch ein anderer Umstand hinzu, der ihnen ganz besonders das Gepräge des Gewordenen, organisch Erwachsenen aufdrückt. In der Regel hat eine ganze Reihe von Geschlechtern an dem massiven altväterlichen Hause umgebaut, erweitert, geschmückt, fortgebildet und zwar immer in freier Gestaltung, nach Bedürfniß, nach eigenen Heften, nicht nach einem conventionellen Plan. Man ist dabei oft zwanglos bis zur ästhetischen Barbarei gewesen. Allein wie eine Sitte in der Familie und Gesellschaft wächst und wird, so ist hier auch das Haus geworden , es blieb das alte und ist doch ein anderes. So machte selbst das steinerne Haus denselben von der Poesie geweihten Gang der Entwickelung durch, welcher der Volkstracht, der Volkssitte, dem Volkslied einen idealen Werth verleiht. Ein Denkmal nicht bloß des Erbauers, sondern auch seiner Söhne und Enkel war es in einem so tiefen Sinne das Eigenthum der Familie, als einer historisch wachsenden und fortblühenden Kette von Geschlechtern, wie es das moderne Haus mit seinen unterschiedlosen, fortbildungsunfähigen Räumen und seinen wechselnden Miethern und Besitzern niemals werden kann. Derselbe Zauber ruht auf jenem alten Hause, der uns eine mittelaltrige Kirche, an welcher Jahrhunderte weitergebildet, verbessert und verdorben haben, in dichterischem Schimmer verklärt, während uns eine künstlerisch vielleicht weit schönere und reinere neue gothische Kirche kalt läßt. Hier möge ein kurzer kulturgeschichtlicher Rückblick auf die Entwickelung unserer bürgerlichen Architektur vergönnt seyn. Im Mittelalter nahm das reichere Bürgerhaus seine architektonischen Motive von der Kirche, der Burg und dem Rathhaus und verarbeitete sie eigenthümlich. Es entsprachen diese maßgebenden Vorbilder den drei großen mittelaltrigen Mächten der Hierarchie, der Ritterschaft und des Bürgerthums. Diese Mächte werden im sechzehnten Jahrhundert gebeugt durch die neue Fürstensouveränetät. In der Eingangsepoche zur neuen Zeit schreibt Macchiavell bedeutsam ein Buch vom »Fürsten,« und das Urbild aller Architektur wird von nun an der fürstliche Palast . Die Burg wird zum Schloß, die Renaissance- und Rococokirche wird zu einem prunkvollen Palaste Gottes, das reichstädtische Rathhaus entlehnt seine Motive von dem Königsschloß. Wie nun aber auch Hofsitte und Hoftracht allmählig eindringt in die bürgerlichen Kreise und zuletzt eine vornehme allgemeine Sitte und Tracht der europäischen gebildeten Welt an die Stelle der bürgerlichen Nationaltrachten und Sitten setzt, so gestaltet jetzt auch der Bürger sein Haus nach dem Muster des Palastes und die nationale bürgerliche Bauart verschwindet in allen großen Städten Europas. In Italien hatte Macchiavell seinen Fürsten geschrieben; von Italien aus begann der neue Palaststyl seinen Eroberungszug durch unsern ganzen Welttheil. Nach den italienischen Einflüssen kamen die französischen im Zeitalter Ludwigs XIV. Die nationalen Architekturformen wurden dem schulmäßig erfaßten antiken Schönheitsideal geopfert. Nun konnte man nicht mehr von innen heraus bauen, denn die Bedürfnisse, die Sitten, die socialen und häuslichen Zustände des classischen Alterthums waren ja ganz andere gewesen als die unsrigen. Man gelangte daher zu einer decorativen äußeren Symmetrie der Gebäude, die mit der Gestaltung der Innenräume in keinem, organischen Zusammenhang mehr stand: das Gesammtergebniß war eine todte Scheinarchitektur. Es ist nun höchst merkwürdig, kunstgeschichtlich aber noch gar nicht genügend beachtet, wie sich die deutsche Hausarchitektur zu dieser großen Krisis verhielt. Das deutsche Bauernhaus wurde bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts nur wenig und äußerlich von den neuen Bauformen berührt. Zu derselben Zeit aber, wo die Volkstrachten im westlichen und mittleren Deutschland zu verschwinden beginnen, wird dort auch das Bauernhaus nach städtischem Muster umgestaltet. Es verliert seine localen und volksthümlichen Räume und Formen; da es aber anderseits den akademisch regelrechten Schmuck der städtischen Wohnhäuser sich nicht aneignen kann, so sinkt es zur gemeinsten und häßlichsten Bauart herab, ähnlich wie der städtisch gekleidete Bauer (den man in der Pfalz einen »Manschettenbauer« nennt) immer am geschmacklosesten gekleidet ist. Wo dagegen Bauernsitte und Bauerntracht erhalten ist, da ist auch in der Regel das eigenthümliche, nationale, malerische Bauernhaus gerettet worden. Weit interessanter ist der Umbildungsproceß des Häuserbaues in den Städten. Im sechzehnten Jahrhundert verschwindet der deutsche Baustyl rasch bei Kirchen und Schlössern. Nicht so bei dem bürgerlichen Wohnhause. Der deutsche Erker, der den antikisirenden Formen schnurgerade widerspricht, behauptet sich bis ins achtzehnte Jahrhundert. Die deutsche Art, das Haus mit der schmalen Giebelfront gegen die Straße zu kehren, kämpft bis zur Zopfzeit, meist siegreich, um ihr Recht, obgleich der neu aufgekommene italienische und französische Baustyl mit den schmalen spitzen Giebeln durchaus nichts gescheidtes anzufangen weiß und breite, gleichförmige Façaden verlangt. Die altdeutschen treppenförmig aufsteigenden Giebelwände erhalten sich sogar durch die ganze Rococoperiode. Gothische Kreuzgewölbe werden in den Reichsstädten noch tief im siebzehnten Jahrhundert bei den Hausfluren und Kaufhallen der Bürgerhäuser angebracht, während man sie bei jedem andern Bau längst als barbarisch verworfen hatte. Die innere Anlage des Hauses bleibt gleichfalls in dieser Zeit noch die alterthümliche; bei den öffentlichen Architekturen hatte man längst verlernt, von innen heraus zu bauen, bei dem bürgerlichen Hause verstand man es noch. In diesen höchst merkwürdigen Thatsachen spiegelt sich die Zähigkeit der deutschen Familiensitte. In seinem Hause hat der Deutsche zu allerletzt sich selber aufgegeben. Schloß und Kirche und Rathhaus waren schon lange verwälscht, verzopft worden in den neuen Formen des europäischen Geschmackes: da bewahrte das bürgerliche Haus allein noch die Reste der alten nationalen Ueberlieferung. Fürwahr diese Thatsache wiegt schwer für den Culturhistoriker. Sie hängt eng zusammen mit der anderen: daß der deutsche Bürger in dem altfränkischen Hause sich damals aus Instinkt tüchtig und ehrenhaft erhielt, während die vornehme Welt in den neumodischen Prunkpalästen entartete und verlüderlichte. In ihrem politischen Leben hatten die deutschen Reichsstädte frühzeitig das alte Rom copirt, so daß auch in dem kleinsten reichsstädtischen Krähwinkel Consul und Senat gespielt wurde, frühzeitig das römische Recht eingeführt, frühe schon die ganze römische Kunst und Wissenschaft der Renaissance gehegt: dennoch blieb die Sitte wie der Bau des Hauses in diesen Städten deutsch bis gegen die neueste Zeit und gar mancher Reichsstädter, der auf dem Forum ein grauenvoller Spießbürger, ist in seinem Hause ein ehrwürdiger deutscher Patriarch gewesen. Erst das Zeitalter Ludwigs XIV. propfte den französischen Palaststyl mit Erfolg auch dem deutschen Bürgerhause auf. Die veränderten politischen und wissenschaftlichen Zustände lassen damals eine Menge neuer Städte aufblühen, in denen Raum gegeben war, sich nach französischem Muster mit breiten symmetrischen Façaden anzubauen. Ja es werden von einzelnen Fürsten ganze Musterstädte in dieser Art gebaut, die man in ihrer äußerlichen Regelmäßigkeit damals für die schönsten Städte hielt, während man sie heutzutage für die langweiligsten hält. Als Kurfürst Karl Friedlich von der Pfalz im Jahr 1718 um Erneuerung der erloschenen Privilegien der Stadt Frankenthal angegangen wurde, fragte er die Abgeordneten des Frankenthaler Stadtraths, wie ihre Stadt angelegt sey? Die Antwort lautete: sie sey »auf den Mannheimer Fuß angelegt« – und die Privilegien wurden erneuert. Wie bei diesen »auf den Mannheimer Fuß« angelegten Städten das lebendige Werden und Wachsen der ganzen Stadt dem Schulgesetz einer äußern Symmetrie geopfert wird, so geschieht es von nun an in reißend schnellem Fortschritt auch bei den einzelnen Häusern. Seltsam genug befreiten wir unsere Gärten fast in derselben Zeit von der Tyrannei der Baumscheere und den geradlinig zugeschnittenen Alleen und Hecken und symmetrischen Beeten, als die gleiche Tyrannei der geraden Linie und der Fenstersymmetrie bei dem bürgerlichen Hause durchaus den Sieg gewann. Dieser Widerspruch in äußeren Dingen wiederholt sich im tiefsten Seelenleben der Nation. Gerade in der Zeit, von der ich eben geredet, in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, befreit sich ja unsere Nationalliteratur, unsere Wissenschaft, unsere Kunsttheorie von dem steifen Regelzwange des Zopfes, und doch wird in demselben Zeitpunkt unser politisches, sociales und häusliches Leben einseitiger als je zuvor nach der geraden Linie zurecht geschnitten, ausgeebnet und in die Fessel der Symmetrie geschlagen. Die Poesie als Kunst blüht auf, während die Poesie im Volke, in der Gesellschaft, im Hause erlischt. Das ist das gleiche Schauspiel, wie wenn wir heute geradlinig symmetrische Häuser neben die krummlinig naturwüchsigsten englischen Gärten bauen. Die Zeit ist aber nicht mehr fern, wo man diesen Widerspruch nicht bloß erkennen, sondern auch im Praktischen herausfühlen wird, und mit einer organischen Erneuerung des Familienlebens werden uns die geradlinig symmetrischen Wohnhäuser wieder ebenso widernatürlich erscheinen, als weiland die geradlinig zugeschnittenen Hecken und Alleen bei der Erneuerung eines nationalen Kunstlebens. Für das Recht der krummen Linien, der Winkel und Ecken, erhebe ich daher hier meine Stimme aus dem gleichen Grund, aus welchem ich sie in einem andern Buche erhoben habe für das Recht des Waldes neben dem Feld, der Berge neben den Ebenen, des natürlichen Volkslebens neben einer ausgleichenden Civilisation. Das mittelalterliche Haus hatte ein ganz bestimmtes persönliches Gepräge, eine dem Familienleben entsprechende Individualität. Darum liebte man es auch, dem Privathause einen persönlichen Namen zu geben. Wir finden Häuser nach der Familie genannt, wie das »Haus Limpurg« in Frankfurt a. M., nach Erinnerungen aus der alten Götter- und Heldensage, wie das Haus »zum großen Schmied Wieland« in Würzburg; nach Erinnerungen aus der Volkssage, wie die Häuser »zum kurzen Heinrich,« »zur schönen Müllerin« etc.; dazu kommen noch tausend andere oft phantasiereiche und phantastische Häusernamen von allen möglichen Dingen der Natur und des Aberglaubens entlehnt. Das organische Haus hatte einen Namen; das symmetrische hat eine Nummer. So hatten auch die alten gewachsenen Straßen ihre historisch »gewordenen« Namen; die neuen gemachten Straßen tauft man willkürlich, und in der am meisten symmetrischen Stadt Deutschlands, in Mannheim, konnte man sich nicht einmal bis zu einem gemachten Namen der schnurgeraden Straßen aufschwingen, sondern ist bei dem bloßen Buchstaben stehen geblieben, und hat solchergestalt gleichsam die ganze Stadt zu einem ABC-Buch in Großfolio gemacht. In dem Kunstbau reicher städtischer Privatarchitekturen sind wir bereits aus ästhetischem Bewußtseyn wieder abgekommen von der Übertragung des absolut symmetrischen italienisch-französischen Palaststyles auf das bürgerliche Wohnhaus. Man hat es wohl endlich begriffen, daß eine solche Façade, die bei den großartigen Massen eines Königsschlosses imposant erscheinen kann, inhaltlos und nüchtern wird, wenn man sie auf ein gewöhnliches Haus überträgt. Wir sehen demgemäß in Städten wie München und Berlin mancherlei künstlerisch wohlgelungene Versuche, einzelne Häuser wieder mit zierlichen Erkern, schönen Giebeln, malerischen Galerien u. dgl. zu schmücken. Allein dies sind eben doch nur künstlerische Studien, die man bei den Prunkgebäuden reicher Leute versucht. Sie sind der Erkenntnis des Schönen bei dem einzelnen Meister, nicht dem häuslichen Bedürfnis des städtischen Volkes entquollen. Die wahren Häuser des modernen Bedürfnisses sind und bleiben vorerst noch die traurigen kahlen Wohnungskasernen unserer Großstädte, bei denen Alles auf Geldgewinn und Geldersparnis ausgerechnet ist, jede individuelle Gestaltung verpönt, weil sie nutzlos Geld kosten würde, jeder sinnige Schmuck unterlassen, weil man Geld dafür wegwerfen müßte, jede Berechnung auf den dauernden Wohnsitz einer Familie und vollends ganzer Generationen derselben Familie beseitigt, weil Häuser und Wohnungen eine wandelbare Waare geworden sind, hineingezogen in den tosenden Wirbel der allgemeinen städtischen Kapitalwirthschaft. Man hat in unserer Zeit wieder ganze Musterstraßen mit großem Aufwande von Kunst und Geld gebaut – wie weiland ganze Musterstädte. Es sind aber doch nur Paradestraßen geworden, keine wirklichen Straßen und auch keine eigentlich neuen Straßen. Das glänzendste und großartigste Beispiel der Art ist wohl die Ludwigsstraße in München. Sie nimmt sich bei aller Schönheit im Einzelnen dennoch aus wie ein tootes akademisches Modell, nicht wie eine natürliche Straße. Sie müßte imponiren durch ihre Länge, wenn sie nicht so breit gerathen wäre, daß man gar nicht merkt, wie lang sie eigentlich ist. Allen ihren schönen Häusern sieht man es an, daß sie theoretisch ersonnen, nicht aus dem praktischen Bedürfnis von innen heraus gebaut worden sind. Sie ist eine Straße von Palästen, nicht von Häusern. Die meisten ihrer Häuser sind – ganz nach der Weise des Palastbaues – in so übergroßen Maßen angelegt, daß man meint, sie sollten von zwölf Fuß hohen Menschen bewohnt werden. Jedes Haus hat nur eine Front, keines ein Profil. Dies ist aber das fast untrügliche Kennzeichen eines organisch von innen heraus für die Familie gebauten Hauses, daß es sich stark und mannigfaltig profilirt, während das mechanisch symmetrisch für eine Summe von einzelnen Miethinsassen gebaute Haus gar kein Profil hat. Darum gewährt die Ludwigsstraße auch nur eine architektonisch stattliche, nicht aber eine malerische Perspektive. Sie symbolisirt die Zeit ihrer Entstehung: das Nivellement der modernen Bildung und der modernen Geldwirthschaft ist in solchen Straßen dargestellt, nicht das individuelle Leben der Familie. Solche Straßen schauen sich langweilig an, wie in Parade aufmarschirte Militärcolonnen. Eine natürliche Straße dagegen, wo große und kleine, vorspringende und zurücktretende, stark und schwach profilirte Häuser zusammenstehen, sieht malerisch aus, wie eine in den mannigfaltigsten Formen bewegte Volksversammlung. Bei der kitzlichen Frage, wie es denn hier (vorerst wenigstens ästhetisch) besser zu machen sey und wie neue Straßen malerisch angelegt werden müßten, komme ich nun freilich eben so sehr mit unserer Baupolizei in Conflict wie bei den Erkern. Das einfachste Muster einer schönen Straßenlinie ist der natürliche Fußpfad , den des Wanderers Fuß unwillkürlich immer in anmuthig geschwungenen Wellenlinien zeichnet, niemals schnurgerade. In derselben Linie wachsen auch heute noch in unsern Dörfern häufig die Straßen auf; man verständigt sich über die allgemeine Richtung, innerhalb derselben aber legt Jeder sein Haus nach Bedürfniß, Sitte und eigenem Geschmacke an, und zuletzt wird eine malerisch gewundene Straße mit reicher Profilirung der Häuserfronten daraus, ganz von selber, ohne Absicht und Theorie. In unsern Gärten ahmen wir längst den schönen Linienschwung des natürlichen Fußpfades auch bei künstlichen Wegen nach: wer gewinnt den Ruhm, in unsern Städten die erste anmuthig gekrümmte neue Straße wieder zu bauen? Etwa eine Straße von so anmuthigen Windungen wie die stolze Maximiliansstraße in Augsburg, oder die sich in einem so spitzen Winkel gabelförmig spaltet, daß man vom Hauptarme aus gleichzeitig den Einblick in beide Seitenzweige hat, wodurch bei dem in den Scheitelpunkt des Winkels gestellten Hause die schönste Gelegenheit zu einem großen Pracht-Erker oder auch zu einem alle drei Arme beherrschenden Thurm gegeben ist! Zu solchen malerischen Straßenführungen bieten unsere alten Städte noch Muster ohne Zahl; es gilt nur die Ehre der ersten Nachahmung zu erwerben! Selbst die äußere Decoration unserer Wohnhäuser, in der wir eine so überwiegende Meisterschaft gewonnen haben, trägt fast immer den Stempel der innern Unwahrheit. Denn auch dieser Schmuck des architektonischen Hauses steht mit dem inwendigen socialen Hause in gar keinem nothwendigen Zusammenhange mehr. Ein reicher Schuster läßt etwa sein Haus mit Löwen ornamentiren, ein Schneider das seine mit Adlern, ein Kaufmann mit gothischen Drachen! Was in aller Welt hat aber ein Schneider mit Adlern zu schaffen, oder ein Schuster mit Löwen, oder ein Weinhändler mit Drachen? Auch das Ornament des Hauses darf kein zufälliges seyn; es muß den Bewohner charakterisiren. Da sind in dem alten Brauch, die Gewerbszeichen des Erbauers oder kleine genreartige Scenen aus seinem Berufsleben am Hause auszubauen, doch ganz andere Motive zu wirklich neuer und geistvoller Ornamentik gegeben. Auch an den Häuserschmuck durch Heiligenbilder und Gruppen aus der heiligen Geschichte darf hier erinnert werden. Welch großartiges Denkmal häuslichen und künstlerischen Sinnes haben sich vor Zeiten die Bürger Augsburgs gesetzt, indem sie die Außenwände fast jedes bedeutenderen Privathauses mit großen Freskobildern aus der heiligen und Profangeschichte oder mit Darstellungen aus dem bürgerlichen Berufsleben bedeckten, und welche Schmach hat die spätere Zeit auf sich geladen, indem sie diese Bilder, darunter wirkliche Kunstwerke, großentheils muthwillig zerstörte und übertünchte! Und hier soll auch der schönen alten Sitte gedacht seyn, welche das Haus innen und außen mit ernsten und gemüthlich heiteren Versen und Sprüchen schmückte. Die Bauernschaften, die, von dem Nationalismus der Zeit berührt, das löbliche Herkommen aufgaben, über ihrer Hausthür einen Spruch oder Vers eingraben zu lassen, haben sich damit den reichsten Quell epigrammatischer Volkspoesie selber verstopft. Wo aber die alte Sitte des Hauses, Volkstracht und voltsthümlicher Häuserbau bewahrt blieben, da blüht auch meist solche Spruchdichtung heute noch. Dieser »Hausschatz« deutscher Spruchverse ist in seiner Art nicht minder reich an lauterem Golde wie das eigentliche Volkslied. Ich getraute mir wohl ein kleines Büchlein zusammenzustellen voll sinniger Weisheit aus dem Volksmund, voll beschaulicher und erbaulicher, naiver und drolliger Verse, die alle nur von Hausthüren und Innen- und Außenwänden deutscher Bauernhäuser abgeschrieben seyn sollten. So schrieb der gottesfürchtige Bauersmann vor Zeiten an sein neues Haus: »Wo Gott nicht gibt zum Haus sein Gunst, Da ist all unser Bau'n umsunst. Oder: »Wir bauen hier so feste Und sind doch fremde Gäste: Wo wir sollen ewig seyn, Bauen wir so wenig ein.« Ein Dritter setzte einfach den Spruch über seine Thür: »Der Herr segne unsern Eingang und Ausgang.« Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß in den hundert Jahren seit eine solche Inschrift etwa steht, nicht wenigstens Ein Mann aus oder eingegangen sey mit einer Spitzbuberei im Sinne, die er beim zufälligen Blick auf diesen Spruch habe bleiben lassen. Das beliebteste Thema weltlicher Verse an den Bauernhäusern gilt dem Protest gegen unbefugte Kritik des Hausbaues. Was stehet ihr für diesem Haus Und laßt die bösen Mäuler aus? Ich hab' gebaut, wie mir's gefällt, Mich hat's gekost mein gut Stück Geld.« Oder: »Wer da bauet an Markt und Straßen Muß Neider und Narren reden lassen.« Feiner und eleganter findet man denselben Gedanken an städtischen Rococohäusern ausgesprochen in der Inschrift: » Plures judices quam artifices .« Sehr häufig ist er aber auch zu einem allgemeinen Sittenspruch erweitert, der das stolze Selbstgefühl des Bauherrn und seine Gleichgültigkeit gegen fremdes Urtheil überhaupt ausspricht. Hierher gehört der schöne plattdeutsche Hausspruch: Wat frag ick na de Lü! Gott helpet mi!« Als Seitenstück dazu mag folgender oberdeutscher Spruch dienen, den ich im Elsaß an einer einsamen Mühle fand, in knorrigen, wie mit dem Dreschflegel geschriebenen Lapidarversen: »Thu Recht! steh fest! kehr dich nicht dran, Wenn dich auch tadelt manch ein Mann: Der muß noch kommen auf die Welt, Der thut was jedem Narr'n gefällt.« In manchen Gegenden dehnt sich diese Spruchpoesie auch auf die Nebengebäude des Hauses aus, namentlich sind mitunter die Gemeindebackhäuser ganz bedeckt von Versen voll derben Humors. Eine einfach schöne Inschrift für Scheunen und Wirtschaftsgebäude ist die mittelalterliche: »Gott versieh die Deinen,« welche sich an den Ruinen des Klosters Otterberg in der Pfalz findet. Am reichsten und mannichfaltigsten ist der Schatz dieser Hausepigramme noch da, wo auch die Wohnstube an passender Stelle mit Inschriften geschmückt ist. Als Probe dieser meist erbaulichen oder humoristischen Poesie der Familienhalle, möge hier ein Vers stehen, der über dem ungeheuern altväterischen Ofen einer Bauernstube im Illerthal angebracht ist: »Wenn Haß und Neid Brenneten wie ein Feuer, Dann wär das Holz in dieser Zeit Nicht gar so tbeuer.« An alten großen Standuhren in unsern Bauernstuben kann man das tiefsinnige Wort lesen: »So geht die Zeit Zur Ewigkeit.« Es sind aber die meisten dieser Hausverse ein wirkliches Gemeingut des Volkes, denn sie finden sich in mancherlei Varianten oft in den entlegensten Gegenden wieder. So kann man z. B. jenen Vers aus dem Illerthale auch in der Pfalz über Hausthüren lesen, wo er sich wohl auf das theuere Bauholz beziehen soll und dann noch zu der Würde einer Hausthüren-Inschrift erhoben wird durch den moralischen Zusatz: Ob's aber auch gibt der Neider gar viel, So geschieht doch Alles wie Gott will.« Sind nun solche Sprüche nicht ein köstliches Ornament des deutschen Hauses, auch des städtischen, dem sie früher nicht fremd waren? Wer aber hat den Muth, einen schönen Vers und ein schönes Bild wieder über seine Hausthüre setzen zu lassen? * Wenn uns Nordamerika in socialer Beziehung das Bild des Hauses gibt, wie es nicht seyn soll, dann trifft dies auch in architektonischer zu. Nicht bloß das »ganze Haus« trägt hier das Gepräge des Wechselnden, Flüchtigen, sondern auch die Wohnung. Man baut die Häuser fabrikmäßig und bewohnt sie meist nur auf kurze Dauer. Ein Haus, welches fünfzehn bis zwanzig Jahre gestanden, ist dort ein altes Haus und reif zum Abbruch. Man macht wohl auch transportable gußeiserne Häuser. Nur in einer Zeit, wo das Haus ein rein symmetrischer Kasten geworden ist und alle individuelle Gestaltung verloren hat, kann man auf die Idee kommen, Häuser aus Eisen fabrikmäßig zu gießen. Unsere eisernen Industriepaläste, bei welchen dieses Verfahren zum höchsten technischen Kunststück ausgebildet ist, erscheinen dem entsprechend als das Äußerste, was in schablonenmäßig symmetrischem Bau geleistet werden kann. Die organische Freiheit der architektonischen Formen ist hier so weit ertödtet, daß der ganze Bau eigentlich nur aus der vieltausendmaligen Wiederholung eines einzigen Pfeilers, eines Sprenggitters, eines Stabes etc. besteht, welche nach dem einmal gefertigten Metall fabricirt und dann in todter Gleichförmigkeit bis ins Unendliche zusammengefügt werden können. Wir sind hiermit auf der äußersten Spitze des Gegensatzes zur mittelalterlichen Architektur angekommen. Jeder Säulenknauf, jeder Pfeiler, jeder Fensterbogen war dort selbständig, individuell, persönlich ornamentirt. Nur in der Gesammtanlage saß die Symmetrie, daneben ging dann die Durchbildung des Einzelnen überall ihren eigenen, freien Weg. Welch ungeheurer Sprung von diesem architektonischen Detail, bei welchem kein Blatt, kein Schnörkel wie der andere gewunden ist, und die persönliche Menschenhand, ähnlich wie die schaffende Natur selber, zwar das Ganze nach gleichem Plan und Gesetz, aber im Einzelnen doch kein Stück wie das andere bildet und niemals sich selbst wiederholt – und der modernen Eisenarchitektur, die über die einmal gegebene Form weniger magerer Glieder und Ornamentstücke in tausendmaliger Wiederholung das Ganze mechanisch abgießt! Greller ist die schroffe principielle Scheidung zweier einander so nahe liegender in vielen Stücken auch noch so innig verbundener Epochen nirgends ausgesprochen. Von dem für den socialen Conservatismus so wichtigen Einleben langer Generationen der Familien in dieselben festgegründeten Räume kann bei dem wandelbaren nordamerikanischen Hause gar nicht die Rede seyn. Die meisten Familien wohnen dort ohnedies zur Miethe und sind alljährlich auf der Wanderschaft nach einer neuen Wohnung. Darum beschränkt man auch den Hausrath auf das Nothdürftigste. Selbst bei wohlhabenden Familien übersteigt dessen Werth oft nicht die Summe von etwa 250 Dollars. Dies ist doch die Armseligkeit im Schooße des Reichthums. Je wandelbarer Haus und Hausgeräth, desto wandelbarer ist natürlich auch die Sitte des Hauses. Als äußerster Gegensatz alter deutscher Sitte gegen neue amerikanische erscheint hier das Herkommen in einigen unserer ehemaligen Reichsstädte, wo nicht nur glänzend ausgestattete Prunkzimmer im Patricierhause zur Schau eingerichtet sind, deren reiches Mobiliar fast niemals benutzt wird, sondern auch eigene Staatsküchen, sogenannte » Putzküchen « d. h. Küchen, in denen man niemals kocht, sondern die, mit einer Überfülle des besten, blankesten Kochgeschirres ausgestattet, gleichfalls nur zur Augenweide und Zierde des Hauses dienen. Nicht einmal die Zimmerwände sind in Neuyork durchgängig niet- und nagelfest. Man ist dort auf die charakteristische Erfindung gekommen, die Zwischenwände verschiebbar zu machen, so daß man eine Reihe von kleineren Zimmern beliebig in größere verwandeln kann. Und zwar treten sich die verschiedenen in einem Hause wohnenden Familien solche erweiterte Räume gegenseitig für bestimmte Gesellschaftstage ab! Man hat also sogar aus den Zimmern ein Stück Meubel gemacht und leiht seine Zimmer aus! Von Hausfluren, Vorhallen und andern dergleichen »unnützen« Räumen ist in dem großstädtischen nordamerikanischen Hause natürlich äußerst wenig zu sehen. Auch die besten architektonischen Motive für einen traulichen Hof fallen von selbst weg, da man äußerst selten Nebengebäude an diesen Häusern anbringt. Wie beim Mobiliar, so vermeidet man auch bei der Zimmerverzierung alle auf das »ganze Haus« berechnete Bequemlichkeiten. Nur der Einzelne hat sein egoistisches Behagen. Daher speist die Familie im Kellerraum (zu deutsch »Souterrain«), und das Gesinde schläft in der Küche. Ganz ähnliche schauerliche Einrichtungen brechen sich mehr und mehr in den deutschen großen Städten Bahn. Auch in Wien schlagen bereits die Mägde am Abend ihr Bett in der Küche auf, um es am Morgen wieder abzuräumen! Die modernen himmelhohen Häuserkasernen gerade in den reichsten, gewerbfleißigsten Straßen unserer Großstädte, in Straßen, welche in der knickerigen Auftheilung der inneren Räume und Winkel nur in den Ghettos und Judengassen des Mittelalters ihres Gleichen finden, zeigen an, daß auch das Haus der Gier des Gelderwerbs geopfert ist. So mußten naturgemäß unsere commerciellen Straßen auch architektonisch zu Judengassen werden. Viele rühmen es als ein glänzendes Zeichen großstädtischen Lebens, daß man in solchen Häuserkasernen jahrelang wohnen möge, ohne die Mitinsassen auch nur dem Namen nach zu kennen, und daß eine ganze Familie aussterben könne, ohne daß es die Hälfte der übrigen Hausgenossen nur merke. Es ist dieses Zeichen aber fürwahr ein sehr trauriges. In Bremen, wo noch so Manches von der alten hanseatischen Gediegenheit übrig geblieben ist, herrscht heute noch, mehr als in einer anderen größeren deutschen Stadt, das Verhältniß, daß der wohlhabendere Mann allein in seinem Hause wohnt. Miethsleute bloß um des Geldes willen ins Haus zu nehmen, galt dem vornehmeren deutschen Bürger in den Reichsstädten früher als etwas Unfeines. Es liegt dieser Auffassung ein Stolz zu Grunde, den ich nicht verdammen möchte, weil er zusammenhängt mit der Idee, daß das väterliche Haus das ausschließliche Heiligthum der Familie seyn und bleiben solle. Der stolze englische Spruch: » My house is my castle « wird geradezu lächerlich, wenn man dabei an eine Miethwohnung denkt. So ist es ein Segen unsers Dorflebens, daß auf dem Lande je nur eine Familie ein Haus bewohnt. Zahlreiche Miethsleute im Dorfe sind der sichere Beweis, daß es kein ächtes Bauerndorf mehr ist. Das uralte deutsche Sachsenhaus hat darum, so groß es auch seyn mag, immer nur ein Erdgeschoß, und der ächte niedersächsische Marschbauer soll sich mitunter fürchten, in den Städten eine Treppe hinaufzusteigen. In der That, dem geheimen Grauen, welches ihn beim Anblick der aufgethürmten Stockwerke beschleicht, läßt sich eine tiefe Begründung und Deutung geben. Es besteht für das Wohnhaus ein natürliches Normalmaß. Wird dasselbe bedeutend überschritten, oder ist man bedeutend unter demselben zurückgeblieben, so ist allemal ein bedenklicher socialer Zustand angedeutet. Im einen Falle erhalten wir die Wohnkaserne, ein Produkt der Uebercivilisation, im andern die Hütte, das Haus der Uncivilisation. Es muß aber dieses Normalmaß nach zwei Richtungen bestimmt werden. Einmal für die Größe des Hauses an sich und dann für die Verhältnisse seiner einzelnen Theile zu einander. Für die Größe des Hauses läßt sich in der von der Natur ja hinreichend begrenzten Ausdehnung der Familie der Maßstab finden. Aus einer Familie können bei Lebzeiten der Stammeltern wohl drei bis vier vollzählige Familien werden. Eine größere Vervielfältigung gehört zu den seltenen Ausnahmen. Hiermit ist auch ein natürliches Maß für die größte Ausdehnung des Hauses gegeben. Ein Haus, in welchem mehr als vier vollständige Familien wohnen, ist schon monströs und wird zur Kaserne. Nun braucht aber eine arme Familie viel weniger Raum als eine reiche, schon weil die Diener, Gehülfen ec., die Mitglieder des »ganzen Hauses,« mit dem aufsteigenden Stand und Vermögen zahlreicher werden. Es ist also in jenem Normalmaße selber schon ein genügender Spielraum gegeben: das Haus wächst naturgemäß mit der socialen Bedeutung der Insassen, ohne daß es ins Endlose und Ungeheuerliche wachsen könnte. Ein reicher Mann kann noch ein ächtes Wohnhaus von einer Größe bauen, in welcher ein für arme Familien berechnetes Haus bereits eine Kaserne würde, und der fürstliche Palast tritt naturgemäß weit über die Normalverhältnisse der bürgerlichen Häuser hinaus. Ein ähnliches Maß läßt sich für die Verhältnisse der einzelnen Theile des Hauses finden. Ich deutete oben bereits auf jene modernen Kunstwohnhäuser, die sich schon dadurch vorweg als künstliche und gemachte ausweisen, daß ihre gesammte architektonische Gliederung zu groß gegriffen ist. Die mittlere Mannesgröße gibt hier ein festes und zugleich dehnsames Normalmaß. Denn was ist natürlicher, als daß der Mensch selber die Maßeinheit seines Hauses sey? Ein Wohnhaus, dessen Fenster in ihrer Höhe eine mittlere Mannesgröße bedeutend überragen, sieht unwahr aus, denn es gibt das Bild, als müsse es von Riesen bewohnt werden. Aus einem Hause dagegen, dessen Fensterhöhe nicht einmal die halbe Manneshöhe erreicht, lugt eine beschränkte Existenz, wo nicht gar Elend und Verkümmerung. Ein Wohnzimmer wird nicht über dritthalb Mannesgrößen hoch seyn dürfen, wenn es nicht den Eindruck eines unwohnlichen Saales machen soll. Ueber diese natürlichen Maße gehen die mittelaltrigen Wohnhäuser fast niemals hinaus, häufiger bleiben sie, dem das Enge und Individuelle bis zum Aeußersten anstrebenden Geiste der Zeit gemäß, hinter denselben zurück. Auch zwang der karge Raum, welcher in den festungsmäßig abgeschlossenen Städten dem einzelnen Hause vergönnt war, nicht selten zu engen und winkeligen Bauten, die ich gewiß nicht als Muster empfehle. Anders schon ist es in der Renaissance- und Rococozeit. So unglücklich diese Periode für das künstlerische Element in der Architektur ist, so musterhaft ist sie in vielen Stücken für das praktische beim bürgerlichen Wohnhaus. In den inneren und äußeren Verhältnissen desselben wird fast durchweg das natürliche Maß eingehalten. Denn der Gedanke des socialen Hauses und der Familie war damals noch weit lebendiger als späterhin. Unsere traulichsten Zimmer, Erker, Höfe, Hausgärtchen ec. stammen aus dem Jahrhundert vor dem dreißigjährigen Kriege. Man baute das Haus eben damals noch von innen heraus, während jetzt unsere weit kunstreicheren, gelehrteren und geschmackvolleren Architekten in übermäßigen Proportionen experimentiren, weil sie über dem Streben nach großartigen Formen vergessen, daß doch immer der Mensch das Maß seines Hauses bleibt und daß sie nicht für den Riesen Goliath, sondern für fünf bis sechs Fuß hohe Menschen Häuser bauen sollen. Ein ander Ding ist es bei öffentlichen Gebäuden, die nicht für die Familie bestimmt sind, sondern für die Gemeinde, das Volk, den Fürsten mit seinem ganzen Hofstaat u.s.w. Hier ist es naturgemäß, daß man entsprechend über die Maße des Hauses hinausgehe, und der Baumeister wird hier nur um so charakteristischer in großartigen Massen und Maßen gestalten können, wenn er beim bürgerlichen Hause sich auf die kleineren natürlichen Verhältnisse beschränkt. Es wäre eine der schönsten Aufgaben der neuerdings erstandenen »gemeinnützigen Baugesellschaften« durch ihre Musterbauten für die kleinen Leute dahin zu wirken, daß die Familie wieder als das natürliche Maß des Hauses betrachtet werde. Es mögen diese Gesellschaften beherzigen, daß es im Geiste ihrer Mission als einer socialen liegt, nicht Wohnungskasernen hinzustellen, und seyen dieselben noch so trefflich eingerichtet, sondern wirkliche Familienhäuser, kleine Häuser, die von innen heraus gebaut sind. Das Familienhaus und die ächte Sitte des Hauses bedingen sich gegenseitig. Das Extrem der Wohnungskaserne ist das große Gasthaus; dort hört die Familie ganz auf und nur noch das egoistische Individuum sitzt in allen Winkeln. Die Baugesellschaften würden häufig Fluch auf sich laden statt des Segens, wollten sie Wohnungskasernen, Hôtels für Arbeiter bauen, statt der Familienhäuser. Sie dürften sich nicht verwundern, wenn die Arbeit durch die architektonische Wohnungskaserne allmählig auch in der socialen Kaserne des Socialismus heimisch würden; denn der arme Mann verträgt das massenhafte Zusammenwohnen noch weit weniger als der Reiche. Scharf gegenüber der Wohnungskaserne steht die Hütte des bäuerlichen Proletariers. Sie zeigt an, daß das »ganze Haus« noch eine ungegliederte Masse ist. Darum aber trifft diese armselige Hütte, wo Hausflur, Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Stall in einem Raum beschlossen sind, doch wieder mit dem glänzenden Hôtel zusammen: beide verneinen die gegliederte Familie. Nur daß die Bauernhütte eine Zukunft hat, das Hôtel keine. Viertes Kapitel. Verläugnung und Bekenntniß des Hauses. Ein Rückblick auf die geistige Entwicklungsgeschichte der deutschen Nation in den letzten hundert Jahren zeigt uns, daß die großen Begründer unserer modern klassischen Literatur, welche im vorigen Jahrhundert Deutschlands Geltung in Poesie und Wissenschaft so glänzend vor allen Völkern Europas heraushoben, der nationalen Entwicklung der Familie (wie der Gesellschaft) gleichsam um des Princips willen Feindschaft bieten mußten. Gerade in dem Zeitraum, wo man mit Recht sagte, daß die Existenz unserer Nation vorwiegend eine literarische gewesen sey, wurde in der deutschen Literatur nichts gründlicher ignorirt als die Familie und ihre Interessen. Die Familie war nicht recht hoffähig bei unsern großen Literatoren, man schob sie vornehm bei Seite wie die Nationalität. Es hängt naturnothwendig zusammen, daß Weltbürgerthum, Uebersehen der gesellschaftlichen Mächte und Unterschätzung der Familie allezeit vereint auftreten. Die Humanitätsidee verschlang den Gedanken an die Familie, über der Menschheit wurden die Menschen vergessen. Nur die Jurisprudenz hatte noch ihre trockenen wissenschaftlichen Kategorien für die Familie, und die moralistischen Denker müheten sich ab, die Idee der Familie möglichst langweilig und trivial auseinanderzulegen. Justus Möser, der Prophet der socialen Wissenschaft, blieb einsam stehen mit seinen meisterhaften Abhandlungen über die Sitte des deutschen Hauses; ja er konnte seinen Posten überhaupt nur einnehmen, indem er sich stemmte gegen die ganze literarische und politische Strömung der Zeit. Weit vorausschauend, war er doch der größte Reaktionär seiner Tage. In seiner Schilderung und Vertheidigung der Osnabrückischen Bauernhäuser, in seiner vortrefflichen Zeichnung des Kampfes, welcher damals zwischen dem alten deutschen Familienleben und der neu aufkommenden Empfindsamkeit und der Leichtfertigkeit der Sitten gefochten wurde, hat er uns nicht bloß schriftliche Urkunden bewahrt von der Rettung deutscher Sitte und Art im bürgerlichen Hause, als ihrem damals fast einzigen Zufluchtsort, sondern Mösers ganze literarische Persönlichkeit selber ist uns zugleich deß Urkunde und Zeugniß. So fällt auch in dieselbe Zeit, wo die Familie von der feineren literarischen Bildung ignorirt wurde, die größte Blüthe der deutschen Hausmusik. Auch sie ist uns Urkunde für den Geist der damaligen bürgerlichen, nicht der vornehmen Kreise. Unsere großen Literatoren nehmen so gut wie keine Notiz von den gleichzeitig wirkenden Musikern, Künstlern ersten Ranges, die alle in der Hausmusik den ersten Grund ihrer Größe gelegt haben. Diese im deutschen Hause gewurzelte Kunst ward eben auch vornehm über die Achsel angesehen. Ahnet man wohl, wenn man die sämmtlichen Werke Klopstocks, Lessings, Goethes, Herders, Schillers durchliest, die cultur- und kunstgeschichtliche Bedeutung der gleichzeitig wirkenden größten Tonsetzer Händel, Bach, Gluck, Haydn, Mozart und Beethoven? Ist diese völlige Neutralität zwischen zwei so eminenten, durch ein ganzes Jahrhundert neben einander herlaufenden Erscheinungen nicht eine der wunderbarsten culturgeschichtlichen Thatsachen? Zu derselben Zeit, wo der Poet das deutsche Haus erst vergessen und nach Rom und Hellas wandern mußte, um dichterisch ideal zu seyn, wirkte unser größter Meister geistlicher Hausmusik, Sebastian Bach, und der größte Meister weltlicher Hausmusik, Joseph Haydn. Darin ist der Gegensatz der deutschen Bildungsaristokratie und des in das Haus als in seine letzte Citadelle geflüchteten deutschen Bürgerthumes jener Zeit auf's tiefste kunstgeschichtlich ausgesprochen. Schon ist aber gegenwärtig Bach theilweise wiedererstanden aus seiner Vergessenheit; Haydn wird wiedererstehen so gewiß unsere Generation sichtbarlich wieder heimzukehren beginnt in das Heiligthum des Hauses. In unserer literarischen Sturm- und Drangperiode war die Ketzerei gangbar, daß das Genie gar nicht zum ordentlichen Ehemann tauge, daß ein guter Hausvater nothwendig ein Philister sey. Mit einer solchen Frucht der Cultur müßten wir billig erröthen vor den Hindus mit ihrer vom tiefsten Familienbewußtseyn zeugenden Satzung, wornach der Mann erst vollkommen ist, wenn er aus drei vereinigten Personen besteht: ihm selbst, seinem Weibe und seinem Sohne. Die Moralisten der alten Schule, wie Mendelssohn, Garve, Sulzer, Engel ec., welche die ethischen Ideen des Hauses, der Ehe, der Familie mit flachen Wasserfarben ausmalten und bei der Beurtheilung des deutschen Hauses aller naturgeschichtlichen und historischen Individualisirung entbehrten, gaben den Männern der »Genialität« sogar ein gewisses Recht, wenn dieselben diese in der Literatur spießbürgerlich gewordenen Dinge entweder ganz bei Seite schoben oder sie in grob sinnlichen Realismus auffaßten. In der Opposition gegen jene moralistische Langweiligkeit schwärmte man also mit Diderot für die Familienverhältnisse der Südseeinsulaner, und Heinse definirte, wie wenn er eben von Otahaiti käme, »die eigentliche, wahre Liebe als den Drang, mit einer Person vom andern Geschlecht ein Kind zu erzeugen, wobei die Liebe ihrer Natur nach so lange dauere, bis das Kind geboren sey und seinen Eltern Freude mache.« Er klagt dann, daß man in unserer Poesie diese Leidenschaft nie in ihrer Fülle finde. »In unsern Schauspielen und Romanen ist alles gewissermaßen nur Vorspiel dazu, ein leeres Wortgeklingel, welchem Leser und Zuhörer ihr eigenes Gefühl beilegen, das oft nicht darinnen ist.« Er fordert dann weiter auf, das Mädchen seiner Wahl auszusuchen nach der Kraft und Gesundheit des Körperbaues und ihrer wahrscheinlichen Tüchtigkeit, gesunde und starke Kinder zur Welt zu bringen. So konnte man alles Ernstes zu einer Zeit schreiben, wo die Dichter sich mit der Hausordnung des griechischen Olymps besser vertraut zeigten als mit der Sitte des deutschen Hauses, und wo trotzdem andererseits die beste deutsche Hausmusik gemacht wurde! Das Familienleben der wenigsten unter den Meistern unserer großen Literaturepoche ist biographisch bedeutsam geworden. Dritthalbhundert Jahre früher hatte Luther noch aus dem Schooße der Familie heraus seine weltgeschichtliche Sendung vollführt; er war ein öffentlicher Charakter auch als Familienvater, und ohne Kenntniß von seiner Häuslichkeit würde man den ganzen Mann gar nicht verstehen. Um Reden an die deutsche Nation zu schreiben, schrieb er Tischreden. Das häusliche Leben unserer literarischen Reformatoren dagegen ist meist etwas ganz zufälliges, gleichgültiges, eine reine Privatsache. Ja sie entäußerten sich wohl gar des Hauses, um Poeten zu werden. Selbst bei Goethe, der uns das epische Idyll vom deutschen Bürgerhause, »Hermann und Dorothea« gesungen, bei Goethe, der so unendlich viel dem altbürgerlichen elterlichen Hause verdankte, der ohne die Schule der Familie gewiß nicht dieser Olympier voll sicheren Maßes und seliger Versöhntheit geworden wäre, verlieren sich in der fortschreitenden literarischen Entwickelung diese geheimen innigen Wechselbezüge zwischen dem geistigen Schaffen und dem Familienleben immer mehr. Die romantische Dichterschule im Anfang unsers Jahrhunderts griff zwar wieder in den reichen Schatz des deutsch-christlichen Lebens im Mittelalter. Allein vorerst war es doch nur mehr die Decoration mit der Außenseite altdeutscher Zustände, welche man hervorzog. Trotz aller Mährchen und Sagen, Mönche und Nonnen, Ritter, Knappen und Edelfrauen ging das deutsche Haus ziemlich leer aus. Man hat außerdem nicht ohne Grund aufmerksam gemacht auf die große Zahl der unglücklichen und gelösten Ehen, der Selbstmorde aus leidenschaftlicher Liebe und der durch zügelloses, unhäusliches Leben zu Grund gegangenen Persönlichkeiten, die man unter den Dichtern und Dichterinnen dieser Schule findet. Professor Hundeshagen in Heidelberg hat unlängst in einer gedankenreichen akademischen Rede »über die Natur und geschichtliche Entwickelung der Humanitätsidee« den Humanitarismus unserer klassischen Literaturperiode nach seinen guten und schlimmen Seiten mit scharfer Kritik geschildert. Er bemerkt dabei, »daß der humanitarische Sturm und Drang in Ländern von einem politischen Leben voll lebendiger Realität und im Wesen gesunder Besonderung , wie dasjenige Englands, weniger excentrisch war, rascher und gründlicher abgearbeitet wurde und großentheils nur mit Hinterlassung wohlthätiger Folgen vorüberging.« In England war eben die überlieferte Familie wie die Gesellschaft eine so feststehende historische Thatsache, daß wohl die humanitarische Geistesbewegung an diesem Felsen zerschellen konnte, nicht aber umgekehrt, wie in Deutschland, der Fels zerbröckelt wurde von der anströmenden Fluth. In der englischen Literatur selbst des achtzehnten Jahrhunderts spiegelt sich die Thatsache, daß in jenem Lande die Sitte des Hauses oftmals eher zu pedantisch starr als zu locker gewesen ist. Der familienhafte Geist, welcher schon die Sitten und Institutionen der alten Angelsachsen veredelte, ist durch alle Jahrhunderte eine Auszeichnung des britischen Volkes geblieben. Der Geschichtschreiber Schlosser sagt bezeichnend, als er erzählt, wie der angelsächsische König Edwy durch sein Liebesverhältnis zu der schönen Buhlerin Elgiva die Hälfte seines Reiches verlor: »Edwy beleidigte durch dieses Verhältniß die englische Nation, die auch jetzt noch lieber von einem als Privatmann und im häuslichen Leben schätzbaren König einiges Uebel erduldet, als daß sie einen Wüstling, wenn dessen Regierung auch nicht gerade schlecht ist, mit Gelassenheit auf ihrem Throne sieht.« Gerade in der Faustperiode unserer neueren deutschen Literatur war es, wo man recht gründlich zu vergessen begann, daß in der ältesten überlieferten Form der Faustsage bei dem Pakte des Doktor Faust mit dem Teufel auch der Hauptpunkt verzeichnet stehet: »daß Faust sich nicht verehelichen dürfe, sondern nach der römischen Priester Weise den Ehestand abschwören solle,« wobei ihm aber selbstverständlich der anderweitige Umgang mit Frauen nichts weniger als verpönt wird. Der Teufel, der freilich auch ein Genie ist, ist selber gleichfalls nicht verheiratet. Er hat nicht einmal eine Mutter, sondern bloß eine Großmutter. Die alte Zeit war viel zu tief überzeugt von der sittlich veredelnden Kraft des Hauses, als daß sie sich den Teufel en famille hätte denken können. Der Rationalismus, welcher in unserer großen Literaturperiode der treibende Sauerteig der deutschen Wissenschaft war, zog gegen überlieferte Sitten und Gebräuche grundsätzlich zu Felde, weil er sie nicht rationell zu begründen wußte, weil er überhaupt ein Feind der Tradition war. Und die Sitte des Hauses war mit darunter. Zwar ging man nicht mit jener directen Feindschaft der Familie zu Leibe, mit welcher man die organisch gegliederte Gesellschaft angriff, allein man ignorirte, man verläugnete sie. Etwas so reeles wie das Haus bot kein ideales Interesse für die gebildete Welt. Man schob das Haus literarisch in den Winkel und lernte es theoretisch gering schätzen. Jetzt erntet gerade das damals unberührte Bürgerthum die Früchte dieser Periode der »Verläugnung des Hauses.« Wie äußerlich faßt z.B. selbst der hausbackene Voß, der doch seinen mitstrebenden Zeitgenossen gegenüber eigentlich noch wie ein Hausvater vom alten Schrot und Korn dichtet, die Sitten des Hauses! Wie widerwärtig präsentiren sich dieselben vollends in den schönseligen Familienromanen und Familiendramen jener Zeit! Gerade diese ästhetisch längst gerichteten Familienschauspiele sind darum kulturgeschichtlich von höchster Wichtigkeit und nach ihrer socialen Bedeutung noch lange nicht hinreichend gewürdigt. Sie kamen aus Frankreich zu uns herüber. Es ist aber auch gar nicht das deutsche Haus, welches in denselben gezeichnet wird, sondern das französische unter deutscher Firma. Der einflußreichste Poet solcher Familienstücke, Kotzebue, beutete die deutsche Sitte des Hauses vielmehr in der Regel nur in ihrer Verzerrung als plumpe Karikatur aus. Aber gerade in diesen Schauspielen fühlte sich das deutsche Publikum wirklich zu Hause, ein Beweis, daß es schon gar nicht mehr recht wußte, wie eigentlich ein deutsches Haus aussah. Frau von Staël, welche ihre Kenntniß deutscher Zustände nicht aus dem Volk, sondern aus den Salons schöpfte, schrieb damals folgendes merkwürdige Urtheil über das deutsche Familienleben nieder: »In Deutschland gibt es in der Ehe beinahe gar keine Ungleichheit zwischen den beiden Geschlechtern. Dieß rührt daher, daß die Weiber die heiligen Bande eben so oft zerreißen, wie die Männer. Die Leichtigkeit der Ehescheidung hat in die Familienverhältnisse eine Art von Anarchie gebracht, welche nichts in seiner Wahrheit und in seiner Stärke bestehen läßt. Um etwas Heiliges auf Erden zu bewahren, ist es doch wohl besser, daß es in der Ehe eine Sclavin, als zwei starke Geister gebe.« Wer erkennt wohl in diesen Zügen die deutsche Familie? Erscheint es nicht vielmehr, als ob hier französische Zustände gezeichnet seyen. Die Beobachtung der Frau von Staël war eben nicht aus dem deutschen Volk, sie war aus der damaligen französisirten gebildeten Gesellschaft in Deutschland geschöpft, die mit der französischen Literatur, der französischen Theorie zugleich die französische Praxis des Familienlebens herübergenommen hatte, die Familienlosigkeit, an welcher das französische Volk über kurz oder lang zu Grunde gehen wird. In den französisch-deutschen Familienlustspielen damaliger Zeit liegt die komische Pointe gewöhnlich darin, daß die Kinder ihre Eltern, die Frauen ihre Männer, und umgekehrt, betrügen und überlisten und zwar in den zartesten und heiligsten Punkten der Familienehre und Sittlichkeit. Diese Ueberlistung wird dann als feine, schlaue, geistreiche »Intrigue« belacht, während man die alten deutschen Volkspossen, wo die Komik gewöhnlich dadurch recht drastisch gemacht wird, daß der Mann seine Frau prügelt, als ungeheuer unsittlich und gemein verabscheut. Ich halte auch dafür, daß diese dramatischen Prügeleffekte sehr gemein gewesen, aber doch nicht halb so gemein, als die angeblich feinen Betrügereien zwischen Gatten, Eltern, Kindern und Blutsfreunden, die selbst heute noch sehr häufig die »Intrigue« der aus Frankreich importirten Lustspiele und Bluetten bilden, und denen auch ein vornehmes und feines Publikum noch immer behaglich zuschaut, während es »sittlich entrüstet« die Loge verlassen würde, wollte man ihm die alten Prügelstücke wieder vorführen. Das Mittel war in denselben zwar grob gewählt, der Zweck der Prügel aber in der Regel ein sehr löblicher. Wenn man solche Stücke, in denen die Verhöhnung aller Sitte und Ehre des Hauses, sofern sie nur in »anständigen« Formen geschieht, glorificirt ist, und die noch immer schaarenweise auf den Brettern umgehen, wenigstens von solchen Bühnen verbannte, die Unterstützung aus öffentlichen Geldern erhalten, so wäre dieß doch ein ganz anderer Akt von ästhetischer Volkserziehung und von Sittenpolizei, als wenn man sonst gute Stücke um einiger politisch liberaler Phrasen willen verbietet. Der allerabgedroschenste, unvermeidlichste Witz in den Lustspielen des achtzehnten Jahrhunderts galt dem »Hörnersetzen.« Dem Wortspiele mit den Hörnern entrinnt man fast in keinem komischen Stück, und in der Oper ist selbiger Zeit das triviale Bild bei der Instrumentation selbst bis zu den Hörnern im Orchester abgejagt worden. Es ist, als gäbe es gar nichts lustigeres auf der Welt als Ehebruch. Man muß zur Ehre des gegenwärtigen Geschlechtes bekennen, daß wir die feine Schlüpfrigkeit der Wieland'schen und Kotzebue'schen Schule, welche unsern Vätern noch ganz »nobel« erschien, auf der Bühne schon für etwas unfein halten. Wir haben zugenommen an »Prüderie,« weil der Familiengeist wieder zu erstarken beginnt. »Prüderie« und das entgegenstehende »Coquetterie« sind zwei Worte und Begriffe, welche dem Zeitalter Ludwigs XIV. recht zu eigen gehören; denn jede Zeit hat ihre eigenthümlichen und neuen Worte, an denen man ihren Geist erkennen mag. Coquetterie ist das Manövre des Hahns – coq – der mit gespreiztem, auf dem Boden schleifendem Flügel buhlend in bald weiten bald engen Kreisen um die Henne herumsteigt, dann aber auch der Henne, die mit der gleichen Taktik sich einen Hahn zu fangen sucht. Prüderie dagegen ist der sittliche Instinkt, welcher uns treibt, das Auge mit Ekel von dieser Hahnenscene abzuwenden. Wir können uns also gratuliren, daß unser Theaterpublikum wieder so prüde zu werden beginnt. Als mit der französischen Herrschaft eine Menge französischer Sitten sich unvermerkt in unser häusliches und bürgerliches Leben einstahlen, war ihnen durch die allgemeine Geistesströmung der vorhergegangenen Jahrzehnte bereits freie Bahn gemacht worden. Im deutschen Westen, wo das französische Regiment am längsten und nachdrücklichsten gewaltet, wo die französische Gesetzgebung tief ins Volksleben eindrang, ist auch die deutsche Sitte des Hauses heute noch am Entschiedensten gebrochen. Nicht bloß von innen heraus, auch von außen herein ward das deutsche Haus unterwühlt. Als Symbol hierfür mag es erscheinen, daß wir für das von den deutschen Völkern am reichsten und tiefsten ausgebildete Institut der »Familie« gar kein gangbares ächt deutsches Wort mehr besitzen, und daß eben diese lateinische Familia von dem Erbfeind der deutschen Sitte des Hauses, von dem römischen Recht, uns angeheftet worden ist. Gerade hier scheint es mir am Ort, anschaulich zu machen, wie tief das Einschleichen fremder Sitten in das Haus zugleich das ganze politische und wirthschaftliche Leben eines Volkes umgestalte. Ich wähle dazu eine ethnographische Parallele. In der bayerischen Rheinpfalz haben sich bekanntlich französische Gesetze und französische Sitten seit mehr als einem Menschenalter festgesetzt. Die nivellirenden Ideen des vorigen Jahrhunderts, deren literarisches, theoretisches Eindringen bei den Gebildeten ich eben angedeutet, sind hier durch die französische Revolution und die napoleonische Herrschaft auch in das kirchliche, sociale und häusliche Leben des Volkes eingezogen. Hieran knüpft sich nun eine höchst merkwürdige Umstimmung in der ganzen Denkart der Pfälzer. Die französische Fassung socialer Freiheit und Unabhängigkeit unterscheidet sich von der deutschen wesentlich dadurch, daß sie das Individuum als solches selbständig und fessellos machen will, während es deutsch ist, in der Macht und Unabhängigkeit der Gesellschaftsgruppe und der Familie , welcher der Einzelne angehört, seine persönliche Unabhängigkeit mit eingeschlossen zu finden. Dieser Gegensatz wird aus dem Folgenden deutlicher werden. In der Pfalz hat sich die französische Idee der Fessellosigkeit des Individuums im Volke so fest genistet, daß nicht nur die Familienzustände dadurch eine ganz veränderte Gestalt gewonnen haben, sondern auch die socialen und wirthschaftlichen einer völligen Umwandlung entgegengehen. Der Drang jedes Einzelnen, sich ganz frei auf die eigenen Beine zu stellen, hat hier eine Güterzerstückelung, überhaupt eine fortwährende Zerspaltung aller wirthschaftlichen Existenzen, ein Fluctuiren alles Vermögens und Besitzthums zur Folge gehabt, welches in Deutschland seines Gleichen nicht wieder findet. Diese Zustände hängen auf's engste mit dem gelockerten Familiengeiste zusammen. Der Einzelne will seine persönliche Fessellosigkeit nicht dem Glanz und der Macht der Familie opfern; der Vater würde nicht ruhig sterben können, wenn er, um die Familie dauernd in Ansehen und Besitz zu erhalten, das Erbtheil der nachgebornen Söhne verkürzte und ihnen allenfalls aufgäbe, im Dienste und als Gehülfen des älteren Bruders, des Erbherrn, das gemeinsame Ansehen der Familie fördern und mehren zu helfen. Diese letztere ächt deutsche, und wenn man sie recht erfaßt, tief sittliche Auffassung erscheint dem mit der französischen Idee der individuellen Fessellosigkeit groß gewachsenen Pfälzer als bare Unsittlichkeit. Das Erbe zerfällt also in gleiche Theile und die Mehrzahl der Kinder wird dadurch in der Regel gezwungen, in fremdem Dienste , ja als Taglöhner, ihr Brod zu verdienen. Mit einem bewundernswerthen Heldenmuth des Fleißes und der Ausdauer, – denn dieser zeichnet namentlich die Vorderpfälzer aus – plagen sich nun die Leute, um auf einem winzigen Gütchen zu darben und – frei zu seyn, von den Wucherjuden beherrscht zu werden und frei zu seyn, in fremden Dienst zu gehen, Knecht zu werden, Taglöhner zu werden und – frei zu seyn. Seltsamer Widerspruch! In seines Bruders Hause als Gehülfe und bevorzugter Diener zu arbeiten und den Besitz der Familie als einer moralischen Persönlichkeit dauernd zu wahren, nennt man unerträgliche Sklaverei, dagegen im Dienste fremder Leute zu taglöhnern, Freiheit! So läßt sich auch der Geselle und Lehrjunge in der Pfalz selten mehr die Familienzucht im Hause des Meisters gefallen; er kann ja kraft der Gewerbefreiheit jeden Tag selber Meister werden oder Lohnarbeiter als »sein eigener Herr,« und Lohnarbeiter zu seyn dünkt ihm weit ehrenvoller, als der Familie des Meisters, dem »Ingesinde« im alten stolzen Sinne des Wortes, beigesellt. Nun möge aber das Gegenbild folgen, ein Bild der deutschen Art, nach welcher der Mann nicht für sich allein fessellos zu seyn begehrt, sondern seine Freiheit sucht in der Macht und Ehre seines Hauses. In Nordwestdeutschland sitzen noch Bauerschaften, bei denen der Hof, die »Stelle,« als Stamm- und Erbgut der Familie noch in eben der Weise hoch und heilig gehalten wird, wie der Patriot sein Vaterland heilig hält. Hier ordnen sich die jüngeren Söhne, wenn sie nicht auswärts ihr Glück suchen, dem älteren Bruder, dem Gutserben freiwillig unter, dienen ihm als bevorzugte Knechte aus demselben Drang, aus welchem die Pfälzer ein solches Verhältniß verabscheuen: – aus Freiheitsdrang . Sie würden es für eine unwürdige Sklaverei halten, bei fremden Herren zu taglöhnern, während sie mit Stolz des väterlichen Hauses Diener sind. Sterben nachgeborene Söhne, die als sogenannte »alte Jungen« ledig bleiben und im Dienste ihres Bruders sitzen, dann vermachen sie in der Regel ihren kleinen Erbschaftsantheil und ihr erspartes Geld wiederum dem Gutsherrn, obgleich derselbe ja ohnedieß schon fast alles besitzt, obgleich die jüngeren Geschwister einen solchen Zuschuß viel besser brauchen könnten, obgleich die natürliche Regung des Neides gegen den Bevorzugten davon abmahnen könnte. Allein es ist auch eigentlich gar nicht der ältere Bruder, dem solchergestalt selbst die Ersparnisse seiner Geschwister wieder zufließen: es ist das Haus, die Familie, dem diese Erbschaft vermacht wird, und der ältere Bruder erscheint hier nur als die Personification des Hauses. Also umgekehrt wie bei den Pfälzern opfert hier der Einzelne sein ganzes persönliches Interesse für das Gedeihen des Hauses, umgekehrt wie in der Pfalz würde hier der Vater nicht ruhig sterben können, welcher um des egoistischen, augenblicklichen Vortheils der einzelnen Kinder willen sein Gut theilte, die »Stelle« zerstörte, die Familie zerstreute, das väterliche Haus zu einer bloßen Abstraction machte. Dem in deutscher Familienhaftigkeit großgewachsenen niedersächsischen Hofbauern würde eben dies wieder wie baare Unsittlichkeit aussehen, was dem Pfälzer Humanität, göttliches und menschliches Recht dünkt. Hier mag man erkennen, wie tief unsere socialen und wirthschaftlichen Zustände in der Familie gewurzelt sind. Der gleiche Trieb nach Unabhängigkeit und Besitz führt zu direkt entgegengesetzten Zuständen, weil das Verhältniß des Individuums zur Familie anders gefaßt wird , und jede der beiden Parteien glaubt, bei ihr allein sey die Unabhängigkeit gewonnen, bei der andern die Sklaverei. Ohne Vergleich sittlich tiefer als die modern französische scheint mir freilich die deutsche Auffassung, wonach das Individuum seinen Eigennutz und seine Fessellosigkeit zum Opfer geben soll an das Haus. Und zwar wird »das Haus« hier nicht blos gedacht als die gegenwärtige Generation, sondern die große historische Kette unserer Familie in Vergangenheit und Zukunft ist es, vor deren Glanz und Macht das Interesse des Einzelnen verschwinden muß. Soll der Einzelne nicht auch seinen persönlichen Vortheil dem Vaterlande, der Nation opfern? Wohlan! Die Familie ist eine eben so gewaltige, eine eben so heilige und für die Entwicklung der Menschheit maßgebende Thatsache wie die Nation. Ist der aufopfernde Patriotismus etwas sittlich großes, dann muß dies auch die aufopfernde Familienhaftigkeit seyn, wie wir sie in der Sitte jener norddeutschen Bauern verkörpert finden. Die aufopfernde Familienhaftigkeit ist der beste Rechtstitel des Adels; sie ist es, die ihm auch als moderne Institution eine Zukunft verheißt. Merkwürdig genug trifft sich's, daß es in der Pfalz eben auch keinen grundbesitzenden Adel mehr gibt, und daß wiederum die Franzosen es waren, die ihn von dort vertrieben haben. Auch diese Thatsache hängt zusammen mit der Verläugnung des Hauses, der historischen Familie in der pfälzischen Volkssitte. Im achtzehnten Jahrhundert waren es mehr die literarischen, im neunzehnten mehr die politischen und socialen Einflüsse Frankreichs, welche auflösend in unser Familienleben eindrangen. Die Sitte des Hauses – das war die beste Provinz, welche uns die Franzosen weggenommen haben. Leider sieht es im Punkte dieser Sitte in gar vielen vornehmen deutschen Häusern aus wie im Elsaß, wo man französisch zu reden noch nicht recht gelernt, das deutsch reden aber schon halb vergessen hat. Uebrigens ist die Wiedereroberung des deutschen Hauses langsam, doch stätig, wieder vorgeschritten, seitdem wir uns politisch und literarisch wieder frei gemacht von der französischen Herrschaft. Als in den dreißiger Jahren französische literarische Einflüsse in der jungdeutschen Schule auf kurze Zeit wieder zu spucken begannen, drängte sich der Gedanke, daß ein Genie kein guter Ehemann seyn könne, das alte Vorurtheil von der Philistrosität des Hauses und der Familie, auch sogleich wieder als eine moderne belletristische Doktrin hervor. Das war nur ein flüchtiges Anzeichen, aber es ist leicht zu deuten. Nicht Klagen voll Verzweiflung, sondern Klagen, darin eine geheime fröhliche Hoffnung schlummert, dürfen wir gegenwärtig über unser Familienleben erheben. Wir wachsen im Hause, und das ist wahrlich auch ein politischer Zuwachs für die Nation. Wie ganz anders steht jetzt die Wissenschaft zum Hause als vor hundert Jahren! Die Familie ist von der Wissenschaft unendlich tiefer erkannt, sie ist zugleich wieder ein Gegenstand des öffentlichen Interesses in unserem Volke geworden. Erkenntniß ist schon halbe Besserung. Auch in der Geschichte der Wissenschaft der beiden letztvergangenen Jahrhunderte ist die »Verläugnung des Hauses« mit großen Lettern eingezeichnet. Die gänzliche Verkennung der Idee der Familie hängt hier innigst zusammen mit jener schiefen Fassung der Staatsidee, die sich wie eine erbliche Krankheit durch die ganze Staatswissenschaft des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts fortgeschleppt hat. Die Staatswissenschaft hatte ebensogut ihre Renaissance und ihr Rococo wie die bildende Kunst. In dem mittelaltrigen Feudalstaate war die Staatsidee unterjocht worden von den Mächten der Gesellschaft und der Familie. Niemals hat die Social politik einseitiger überwogen als im Mittelalter. Von dieser Einseitigkeit suchte man sich in der Zeit der Renaissance zu befreien. Mit den römischen Schriftwerken, mit den römischen Tempeln und Bildsäulen zog man auch die römische Staatsidee wieder aus dem Schutte der Jahrhunderte hervor. Die Wissenschaft knüpfte – wie die Kunst – da wieder an, wo die Römer aufgehört hatten; was dazwischen lag, suchte man zu vergessen. Hugo Grotius sieht in dem Staate nur die Vereinigung freier Menschen zum Aufbau des Rechtes und zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt. Hobbes erklärt den Staat für eine durch Vertrag verbundene Gesellschaft von Individuen, die sich solchergestalt verbündet haben, um dem Elende des Naturzustandes ein Ende zu machen, während Rousseau einen Vertrag der Einzelnen aufstellen will, durch welchen, umgekehrt wie bei Hobbes, das Heil und Glück des Naturzustandes wieder heraufbeschworen werden soll. Damit waren die großen historischen Mächte der Gesellschaft und der Familie theoretisch in die Ecke geschoben. Pufendorf setzt in seinem Naturrecht die allgemeine Moral an die Stelle der geschichtlich gewordenen Sitte und des Gesetzes. Diese Sitte aber ist eben so gewiß die Lebensbedingung der Gesellschaft und der Familie, wie die Rechtsidee die Lebensbedingung des Staates ist. War der Staat nur ein Vertrag, waren die gesellschaftlichen Zustände nur pactirt worden, beides aus bloßen Gründen der Noth und der äußeren Nützlichkeit, dann lag die Folgerung nahe, in der Ehe auch bloß einen Vertrag zu sehen. Da hatte der heidnische Jurist doch noch eine viel tiefere Anschauung von der Ehe als die christlichen Humanisten des 18. Jahrhunderts (wie denn überhaupt die antike Welt fast überall tiefer ging im Original als in der Copie der Renaissance) wenn er sagt: »Nuptiae sunt conjunctio maris et feminae, et consortium omins vitae, divini et humani juris communicatio.« Die deutschen Philosophen des vorigen Jahrhunderts vertieften und erweiterten die Staatsidee des Hugo Grotius, aber sie blieben zu ausschließend bei der Rechtsseite des Staates stehen und fielen dadurch immer wieder in die Vertragstheorie zurück. Dieser Zauberbann ist es, der selbst den zum größten Ethiker gebornen Kant zurückhält, das ethische Moment im geschichtlich aufwachsenden Volksleben, die in schönem Doppelsinne »sittliche« Macht in der Gesellschaft und Familie in der Theorie des Staates wieder zur vollen Geltung zu bringen. Wo daher der Staatsrechtslehrer in dieser ganzen Periode der »Renaissance« der Staatswissenschaften vielfach die glänzendsten Lichtseiten aufzeigt, da stehet der Socialpolitiker, wie sich zugleich daneben die tiefsten Schatten lagern. Der einseitige Rechtsstaat mußte theoretisch zur Lockerung der Ehegesetzgebung, praktisch zur allmähligen Verleugnung des Hauses führen. Der Staat als bloße Rechtsanstalt kennt bloß Individuen, Staatsbürger. Er stehet ab von der naturgeschichtlichen Thatsache der Volkspersönlichkeit, die in den zwei mächtigen Organismen der Gesellschaft und der Familie vor uns steht, geadelt durch die sittliche Potenz der historischen Sitte. Er hält darum jedes Opfer persönlicher Freiheit, welches der Einzelne der Idee der Gesellschaft und der Familie bringen muß, für eine Rechtsbeschränkung die man beseitigen müsse. Mit dieser Auffassung, die als eine unwiderstehliche kulturgeschichtliche Thatsache den ganzen Geist des achtzehnten Jahrhunderts mitbestimmte, hängt die allmählig eingetretene Praxis einer immer lockeren Ehegesetzgebung eng zusammen. In dem Maße als unsere Gesetze humaner geworden sind, lassen sie die eigenen Rechte der Familie als einer socialen und sittlichen Macht zurücktreten zu Gunsten der egoistischen Freiheit des Individuums. In unsern Besitzverhältnissen ist z.B. der Begriff des Familieneigenthums fast ganz verloren gegangen. Wir vergessen zuletzt völlig, daß es überhaupt noch anderes Privateigenthum geben könne, als das einzelnen Personen zugehörige. Der alte Rechtsspruch: »so mancher Mund, so manches Pfund,« ist uns bei den Familienerbtheilungen ein so natürliches, gar keines Beweises bedürfendes Axiom geworden, wie etwa, daß zweimal zwei vier ist. Mit diesen Erbtheilungen wird das Loos auch um die Sitte des Hauses geworfen; sie wird in Fetzen zerrissen wie das Vermögen. Es ist das große Verdienst der Aristokratie und einiger alter Bauerschaften, daß sie uns wenigstens ein Bild dessen bewahrt haben, was eigentlich Familieneigenthum heißt, und was dessen sociale und politische Bedeutung ist. Nach einem uralten, durch Geschichte und Sage verbürgten Rechtsgrundsatz fast aller europäischen Staaten war ein Friedensbruch dem Manne dann erlaubt, wenn es der unmittelbaren Bestrafung der an seinem Weib, seiner Tochter, Mutter oder Schwester verletzten Hausehre galt. Wo die Heiligkeit des Hauses gebrochen wird, da tritt hier sofort ein Ausnahmerecht an die Stelle des Gesetzes. Die Familie steht dem alten Germanen insofern höher denn das Gesetz, als sie der Zweck des Gesetzes ist. Der ganze künstliche Organismus des Staates ist ihm wesentlich vorhanden, um den natürlichen Organismus der Familie sicher zu stellen, und der Friede der Familie steht über dem Landesfrieden. Das ist eine einseitige, aber tiefe und großartige Auffassung des Hauses, patriarchalischen Zuständen entquollen, in der That nicht mehr passend für unser entwickelteres öffentliches Rechtsbewußtseyn. Aber wie hünenhaft gewaltig steht diese Opferung der allgemeinen Rechtssicherheit für das Haus neben unserer schwächlichen Verleugnung des Hauses zu Gunsten persönlicher Fessellosigkeit! So sind auch unsere Rechtsbegriffe in Betreff des Hausregiments, der väterlichen Gewalt etc. erstaunlich milde geworden. Eine wohlthuende Humanität ist hier eingezogen, aber es fragt sich, ob nicht hinter dieser Humanität gegen den Einzelnen eine Barbarei gegen das Ganze lauert, ob nicht, wie selbst Herder, der große Verkünder der Humanität, sagt, »das was wir Cultur nennen, oft bloß eine verfeinerte Schwachheit ist?« Allen Rücksichten hat man Rechnung getragen, nur nicht der socialen Bedeutung der Familie als Gesammtpersönlichkeit, nur nicht der Rettung der Sitte des Hauses. Wir brauchen nur unsere deutschen Landesgesetzgebungen, wie sie vor hundert Jahren bestanden, nachzusehen, um die ungeheure Umwandlung inne zu werden, welche bei der öffentlichen Meinung über die Familie eingetreten ist. Da sind scharfe Strafen angesetzt gewesen auf heimliche Verlöbnisse nicht nur von solchen, die noch unter elterlicher Gewalt stehen, sondern auch die bereits ihrer eigenen Gewalt waren. Der Akt der Verlobung selbst ist jetzt eine ganz freie Sitte geworden, wobei es sich höchstens noch um ein geselliges Familienfest handelt. Zu unserer Großväter Zeit dagegen hatte dieser Akt auch noch seine im Gesetz geforderten Formalitäten; ein Verlöbniß unter vier Augen war, wie gesagt, selbst den unabhängigsten Brautleuten verboten, und durch die Zuziehung wenigstens zweier Freunde als Zeugen mußte der Vorgang sein officielles Gepräge erhalten. Nach gemeinem kaiserlichen Recht konnten die Kinder enterbt werden, wenn sie ihre Eltern und Großeltern vorsätzlich geschlagen, ja nur mit schweren ehrenrührigen Injurien tractirt hatten, oder wenn der Sohn für seine zur Schuldhaft gekommenen Eltern nicht bürgen wollte, oder wenn Kinder wider ihrer Eltern Willen ein »leichtfertiges, unehrliches Gewerb« ergriffen hatten, z.B. Scharfrichter, Komödianten oder dergleichen geworden waren. Hatten die Eltern aber selber ein derartiges Gewerbe betrieben, so durften sie die Kinder nicht enterben, wenn dieselben wider ihren Willen das Gleiche thaten. So untrennbar dachte man in alter Zeit die ganze berufliche und sociale Stellung des Kindes mit der des Vaters zusammenhängend. Ein merkwürdiges Zeugniß dessen, daß man sich die Stellung des Weibes gar nicht isolirt, sondern nur im Mittelpunkte der Familie denken konnte, liegt in dem alten Gesetzesparagraphen, wonach Eltern, welche ihre Tochter fünfundzwanzig Jahre haben alt werden lassen, ohne ihr zur Ehe zu helfen, dieselbe nachgehends nicht mehr enterben können, wenn sie zu Fall käme oder sich wider ihrer Eltern Willen verlobte. Es liegt also den Eltern indirekt die Pflicht ob, für ihre Tochter einen Mann zu suchen. Das kommt uns, die wir inzwischen so viele Romane gelesen haben, freilich sehr possierlich vor. Daß unsere Strafgesetze seit hundert Jahren im Allgemeinen milder geworden sind, dafür aber an strenger und consequenter Handhabung gewonnen haben, wird Jedermann als einen Fortschritt anerkennen. Vielleicht ist jedoch der Uebergang von äußerster Strenge zur äußersten Milde bei keinem Verbrechen so grell gewesen als beim Ehebruch. Wo im vorigen Jahrhundert noch Todesstrafe auf demselben stand, da sühnt man ihn jetzt durch eine milde Gefängnißstrafe oder eine Geldbuße. Würde man die organische Volkspersönlichkeit im Staate gründlicher anerkennen, dann müßte bei Ehebruch, wenn auch nicht mehr mit dem Tode, so doch mit einer schweren Strafe gebüßt werden. Denn in der freventlichen Zerstörung des Heiligthums der Familie wird der Organismus der Volkspersönlichkeit in seinem innersten Nerv verletzt. Ist die Ehe ein bloßer Vertrag, dann mag Ehebruch mit einer Geldbuße immerhin genügend bestraft seyn. So scheint auch die gebildete und vornehme Gesellschaft im Zeitalter Ludwigs XIV. und XV. gedacht zu haben. Als die politische und sociale Vertragstheorie für die wahre Offenbarung des Zeitgeistes galt, da brachen die vornehmen und gebildeten Leute die Ehe wie man einen lästigen Contract bricht, hurten nach Herzenslust und berühmten sich dessen, während drakonische Ehebruchsgesetze gleichzeitig den Tod auf solchen »Contractbruch« setzten, und ein Quartier im Thurm mit einem täglichen Frühstück von Peitschenhieben auf die Hurerei. Aber diese Gesetze galten nicht für den feinen Mann, sie galten nur für das rohe, gemeine Volk. Und dieses suchte in der That so gut als möglich seine alte strenge Familiensittlichkeit zu retten. Jetzt haben wir ein milderes Gesetz und die vornehmen und gebildeten Leute sind in dem besprochenen Punkte entschieden sittlicher geworden, es gehört nicht mehr zum feinen Ton lüderlich zu seyn, und wer es noch ist, der schämt sich dessen und ist es insgeheim. Dagegen ist aber der gemeine und arme Mann in seiner Familiensittlichkeit an gar manchen Orten um so mehr zurückgegangen: er zehrt jetzt noch an den praktischen Resultaten der Lehren des achtzehnten Jahrhunderts. Es ist keine Schulweisheit so hoch und fein, daß sie nicht durch alle Gesellschaftsschichten bis herunter in die letzte Hütte der Armuth dränge, wenn sie sich überhaupt einmal bei den Gebildeten der Nation festgesetzt hat. Die Ausbreitung einer falschen Doctrin hat hier eine fatale Aehnlichkeit mit dem Weltgange der Seuchen. Aehnlich war es im Zeitalter der Renaissance mit den phantastisch originellen Denkern gegangen, die eben so weit von der Rechtsbegründung des Staates wie von der geschichtlichen Thatsache der Gesellschaft sich ferne hielten, und dafür den Träumen einer ganz neuen socialistischen Gesellschaftsordnung nachhingen. Was Plato über eine neue Ideal-Gesellschaft philosophirt, was der Gnostiker Epiphanes über Weiber- und Gütergemeinschaft gedacht, Campanellas Vorschläge über die Kindererzeugung als Staatsangelegenheit, die Frivolitäten der französischen Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts über das Familienleben, wie die Schwärmereien der modernen Communisten und Socialisten, welche die Familie als eine der patriarchalischen Urzeit angehörige überlebte Form betrachten: – das Alles ist, verdünnt und verflüchtigt, zuletzt bis in die Bildungsatmosphäre unserer großstädtischen Proletarier gedrungen. So mancher »gebildete« Bummler findet es gar nicht uneben, daß ihm ein neuer Glaube gegründet ist, welcher der Lüderlichkeit ein so heiteres Schlaraffenleben verheißt. Wie der »solide Mann« aus Indifferentismus allmählig ohne es selbst zu wissen zur Verleugnung des Hauses kam, so hatte der Lump nun auch eine geistreiche Rechtfertigung für sein geflissentliches Abschwören der häuslichen Tugend gefunden. Beides aber erscheint als der letzte Niederschlag wissenschaftlicher Strömungen, die anfänglich bei den hervorragendsten Geistern ihrer Zeit ihr gutes kulturgeschichtliches Recht gehabt hatten. Wenn aber irgend wo, dann gilt es im Haus und der Familie, daß man nicht gar zu gescheidt seyn soll. »Wer Geck wird, dem fängt's im Kopf an.« Mit der Verflüchtigung des Familienbewußtseyns im Volk ging die steigende Leichtigkeit der Schließung und Lösung der Ehen Hand in Hand. So werden auch bei den conservativen Bauernschaften Ober- und Niederdeutschlands weit weniger Ehen geschlossen als bei dem der altväterlichen Sitte baren mitteldeutschen Landvolk. Ist die Ehe nur ein Vertrag, dann ist es Barbarei, ihre Lösbarkeit zu erschweren. Von Frankreich, wo die Civilehe am volksthümlichsten geworden ist, verbreiteten sich darum auch die milden Ehescheidungsgesetze über Deutschland. Ueberhaupt ist Frankreich die eigentliche Central-Werkstätte für die Auflösung der Familie. Den bloß bürgerlichen Ehevertrag haben die Franzosen in den letzten Jahren sogar den Muselmännern von Algerien mit einigem Erfolg annehmlich gemacht. Bekanntlich hält kein Volk fester an seinen patriarchalischen Familiensitten als die Araber, und doch sind vor dem Präfecturrath von Constantine Civilehen von Arabern abgeschlossen worden, wobei der Bräutigam, darunter der Abkömmling einer der ältesten Familien des Landes, auf sein nationales und religiöses Recht der Vielweiberei Verzicht leistete. Wenn nun gar die Türken bis zur Civilehe civilisirt werden, wie sollen da die Deutschen noch mit der kirchlichen Trauung hinter der Zeit zurückbleiben! Im »finsteren« Mittelalter kommen umgekehrt bloß kirchliche Ehen vor, welche nicht als bürgerliche gelten. Wer überall nur zärtliche Sorge für das Individuum trägt und nichts weiß von dem Opfer der Privatneigungen für das Ganze und für die Idee, der wird für eine möglichst leichte Auflösbarkeit der Ehen stimmen. Soll der Einzelne zu seiner Qual auf sein Leben lang an eine Person gefesselt seyn, die ihm zuwider ist? Und ist es nicht sittlicher eine Ehe zu lösen, die doch keine wahre, als ein lügnerisches Scheinverhältniß fortbestehen zu lassen. Wenn die Ehe ein bloßer Vertrag ist, allerdings. Nur daß dann auch der Schmied von Gretna-Green oder ein Maire eine passendere Person seyn wird, den Trauakt zu vollziehen als ein christlicher Geistlicher. Auch würde hier für die Männer der Vertragstheorie auf die bei den Europäern in Täbris in Persien herrschende Sitte der »temporären Ehen« zu verweisen seyn. Die dort weilenden Griechen aus Konstantinopel pflegen nämlich mit den Töchtern der nestorianischen Christen in Täbris Ehen für die Dauer ihres dortigen Aufenthalts abzuschließen. Der Vertrag wird mit allen Förmlichkeiten, oft auch im Beiseyn eines Priesters, für eine bestimmte Reihe von Jahren oder Monaten vollzogen, und dafür eine festgesetzte Summe entrichtet. Oft hat der neue Ehemann bereits eine Frau in Konstantinopel und erfreut sich dann also der Bequemlichkeit des Postillons von Lonjumeau, auf jeder Station eine Ehehälfte zu finden. Es liegt in dem Wesen der Familie, daß sie das Beharrende, Feste sey, welches Geschlechter, Stämme, Nationen zusammenhält. Der Segen des »Hauses« für die ganze Erziehung der Menschheit bestünde nicht ohne die unlösbare Bindung der Familie. Die Ehe erhält erst ihre Weihe, die Weihe der vollständigen Hingabe von Mann und Frau, durch ihre Unlösbarkeit; in diesem Sinne ist sie eine göttliche Einsetzung, in diesem Sinne wird sie von der Kirche eingesegnet. Gar Mancher, der sich in der Ehe unglücklich fühlt, und davon laufen möchte, wenn er könnte, wird durch den Gedanken an ihre Unlösbarkeit dazu kommen, sich in der Ehe zurechtzufinden. Andere Ehen sind und bleiben unglücklich. Hier aber soll der Einzelne dennoch die Ehe aufrecht erhalten, in dem Bewußtseyn, daß es groß sey, um einer großen Idee willen, um der Familie willen, sein Kreuz zu tragen. Man muß auch hart seyn können, – absonderlich gegen sich selbst. Zu einem lügnerischen, unsittlichen Scheinverhältniß soll aber eine solche Ehe dennoch nicht werden: denn wer von den beiden Ehegatten noch christlich und sittlich gesinnt ist, der soll nie aufhören zu arbeiten, daß er den andern zu sich herüberziehe. Dadurch wird auch eine solche unglückliche Ehe nicht ohne Weihe und Segen bleiben. Und wenn beide Ehegatten sich dabei nicht lieben können in romantischem, poetischem Minnedienst, dann sollen sie sich lieben um der »Familie« willen, um des »Hauses« willen, um des heiligen, unlösbaren Bundes willen, den sie geschlossen und einander in dieser Liebe ertragen. Darin finde ich Größe des Charakters, Begeisterungsfähigkeit und Aufopferungsmuth für eine der größten Ideen dieser Welt – für die Idee des Hauses – und eine heldenmäßig christliche Liebe. Wo dagegen die Eheleute gleich auseinander laufen, weil ihre Herzen nicht stimmen, weil eines das andere nicht ertragen mag, ja selbst weil eines das andere als in ungeahnte sittliche Verderbniß gesunken erkennt, da wird seyn: Verhätschelung des lieben Ich, Armuth an Begeisterung, an Liebe und an Opferfähigkeit und kleinmüthige Feigheit. Ist die Ehegesetzgebung streng, dann wird man auch weniger leichtsinnige Ehen schließen. Man wird sich hüten vor einer Speculationsheirath. Im südwestlichen Deutschland, wo die Gleichtheilung des Gutes bei den Bauern herrscht, wo in Folge dessen die Kleingüterwirthschaft überwuchert, in Folge dessen eine Ueberzahl zu früh geschlossener, in ihrer Existenz schwankender Ehen sich eingestellt hat, in Folge dessen die besitzlose Bevölkerung fortdauernd wächst und wiederum in Folge dessen die Auswanderung fortdauernd zunimmt: – in diesem Theile Deutschlands sind Speculationsheirathen zur Aufbesserung des allzukleinen väterlichen Erbstückes fortwährend an der Tagesordnung. Dort haben auch die französischen Ehegesetze, die eine möglichst leicht zu schließende und zu lösende Ehe gestatten, den tiefsten Eingang in das Bewußtseyn des Volkes gefunden. Die Früchte ernten wir theils schon jetzt, – noch mehr werden sie ernten, die nach uns kommen. Der unserer Zeit eigenthümliche Versuch der Ehe zwischen Juden und Christen gehört auch in das Kapitel von der Verläugnung des Hauses. Der ächte Jude besitzt noch ein sehr tiefes und concentrirtes Familienleben, in dem Bewußtseyn des Hauses beschämt er manchen Deutschen. Die Sitten seines Hauses sind dann aber auch natürlich ächt jüdische. Er wird sie unter allen Umständen nicht verschmelzen wollen mit deutschen und christlichen Sitten. Als ein Glied des auserwählten Volkes Gottes, eines Volkes, bei dem die Begriffe von Nation und Religion, von Familie und Religion untrennbar zusammenfallen, wird er es überhaupt verschmähen, bei den Töchtern der Gojim ein Weib zu suchen. Aus demselben Grunde ist eine wahre Ehe auch zwischen Türken und Christen undenkbar. Dem Muselmann steht jeder Ungläubige außerhalb der Nation, außerhalb des Staates, der Gesellschaft und des Hauses. Die Intoleranz ist ihm ein religiös-politisches Grunddogma, wie schon in der Schrift gesagt ist von Ismael, dem Ahnherrn der Araber: »Seine Hand wider Jedermann, und Jedermannes Hand wider ihn: er wird gegen allen seinen Brüdern wohnen.« Ganz anders dagegen steht es mit den »aufgeklärten« modernen Juden, an die man allein denken muß, wenn von Ehen zwischen Christen und Juden die Rede ist. Für sie existirt das altjüdische Haus so wenig mehr als der altjüdische Glaube. Sie haben sich aber auch nicht positiv etwas Anderem zugewandt, also im vorliegenden Fall dem deutschen Hause und dem Christenthum. Was wir hier als deutsche Sitte des Hauses aus unserm Volksleben zusammengestellt haben, das wird ihnen alles Barbarei und Mittelalter seyn. Also nur auf die Verleugnung des Hauses, auf die Verleugnung nationalen Familiengeistes ist die Möglichkeit einer Ehe zwischen Christen und Juden gegründet. Darum finden solche Ehen auch am meisten Anklang bei den Franzosen, als demjenigen Volke, welches es im ganzen christlichen Europa am weitesten gebracht in der Verleugnung des Hauses. Wie politische und volkswirthschaftliche Fragen sich oft vollständig umkehren, wenn man den social-politischen Maßstab an sie legt, so erhalten auch die Rechts- und Humanitätsfragen über strenge oder milde Ehegesetze, Civilehe, Christen- und Juden-Ehe, Ehebruch, die Stellung der unehelichen Kinder u.s.w. eine ganz andere Nase, wenn man die Familie dabei als sociales Institut, als das eigentliche Herz der Volkspersönlichkeit ins Auge faßt, das Haus als das organische Vorgebilde der Gesellschaft und die strenge Sitte des Hauses als das Allerheiligste des nationalen Geistes, als den Urquell der ächten Loyalität. Ich zeigte oben, wie diese Auffassung in unserer modernen Gesetzgebung allmählig immer mehr zurückgetreten sey. Es ist im Gegensatz hierzu das große Verdienst der sogenannten historischen Schule unter den Politikern und Rechtsgelehrten, die Bedeutung der organischen Volkspersönlichkeit für den Staat wieder zum Bewußtseyn gebracht und den Werth der Sitten in und neben den Gesetzen wieder wissenschaftlich gewürdigt zu haben. Die Ergebnisse dieser Richtung kommen keiner Lehre in größerem Maße zu gut als der Lehre von der Gesellschaft und der Familie. Savigny's classisches Wort, »daß die Gesetze nichts anderes seyn können, als die ins Bewußtseyn aufgenommene natürliche Ordnung, daß die Gesetze nichts Neues schaffen, sondern nur das Bestehende (– das »Gewordene« -) anerkennen können, so wie man im Staate nichts anderes suchen dürfe, als » die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche Weise selber geschaffen « – zeigt recht eigentlich den Weg, der aus dem Staatsrecht hinüberführet in die Socialpolitik. Auf diesem Wege hat dann auch eine Wiedergeburt unserer verflachten Gesetzgebung über die Familie bereits begonnen. In der Zeit politischer Ohnmacht und nationaler Erschlaffung, da wir noch gefangen waren in der Herrschaft Frankreichs, fanden wir die strenge alte Sitte des Hauses lächerlich und verläugneten das Haus. So wird es ein Zeichen der politischen Erhebung unserer Nation seyn, wenn wir die Glorie dieser Sitte wieder mit Stolz und durch die That anerkennen. Als unsere Urväter, die germanischen Barbaren, zum erstenmale auf der Bühne der civilisirten Welt erschienen, da gaben sie in der strengen Zucht und Sitte der Familie die erste Urkunde ihrer sittlichen Kraft und Ueberlegenheit, davor die ausgelebten Römer erschracken wie arme Sünder. Nicht bloß Tacitus war im ersten Jahrhundert mit Staunen erfüllt vor der Reinheit und Großheit des deutschen Familiengeistes: noch Jahrhunderte lang nachher sprachen die römischen Schriftsteller ihre Bewunderung über die deutsche Sitte des Hauses aus. Und zwar gibt hier der Feind dem Feinde dieses Ehrenzeugniß. Selbst der glühende Ketzerhaß konnte nicht verhindern, daß die rechtgläubigen Katholiken Roms den Gothen, den verhaßten, arianischen Ketzern, den Preis der häuslichen Tugend zugestanden. Hier erscheinen unsere Männer des Rechtes, der Politik und der Kirche vor Gott und der Welt gesammthaftbar verpflichtet, dahin zu wirken, daß mit der schlimmsten Revolution, der Revolution im Innern des Hauses gebrochen werde, damit uns unsere ältesten Ahnen, bärenhäuterischen Andenkens, nicht länger in dem Punkte der häuslichen Sittlichkeit beschämen, und wir in dem Organismus des »Hauses« nicht nachgerade zurückkommen weit hinter die Barbaren der germanischen Urwälder. In derselben Zeit, da man in der Praxis der Politik und Gesetzgebung die Familie auf die Seite schob, bekümmerte sich auch die Kirche möglichst wenig um dieselbe. Auch auf ihr lastet die Schuld, mitgewirkt zu haben zur Verläugnung des Hauses. Es war ein gewisser Pastoralhochmuth, der es für eines schriftgelehrten Geistlichen wenig würdig hielt, allzutief in das Amt der Privatseelsorge hinabzusteigen. Der Pfarrer glaubte genug zu thun, wenn er auf der Kanzel seinen Pfarrkindern gegenüberstand, sollte er ihnen auch noch ins Haus rücken? Andererseits war aber auch seit der französischen Revolution bei den Gemeinden jene Begriffsverwechselung gangbar geworden, welche Freiheit und individuelle Fessellosigkeit für gleichbedeutend nahm. Man würde dem Geistlichen die Thüre gewiesen haben, der sich um das Familienleben seiner Gemeindeglieder bekümmert hätte. Den Spruch des Engländers, daß unser Haus unsere Burg sey, trauestirt man sich dahin, daß Jeder in seinen vier Wänden treiben könne, was ihm beliebe. Gegenüber jenem Pastoralhochmuth, der das Haus zu gering achtete für ein Object priesterlicher Wirksamkeit mögen wir wohl jener in Einfalt frommen großen Maler der alten Zeit gedenken, die, wie van Eyck, Hemmling oder Dürer, ihren Scenen aus dem Leben Christi und der Heiligen dadurch den würdigsten Hintergrund zu geben suchten, daß sie dieselben mitten in das deutsche Haus versetzen. Da finden wir zum Exempel die Jungfrau Maria mitten in einer mit getreuester Liebe abconterfeiten deutsch-bürgerlichen Wohnstube, und zu ihren Füßen liegt zusammengeringelt die Hauskatze, während der Engel des Herrn hereintritt, um die Jungfrau als die Gesegnetste unter den Frauen zu begrüßen. Die trauliche Häuslichkeit schien herrlich und würdig genug als Rahmen zum Erhabensten und Heiligsten. So verweilten die alten Prediger gerne bei dem sinnigen Gedanken, wie Christus selbst dem »Hause« die größte Ehre angethan, indem er zuerst seine Herrlichkeit den Jüngern bewiesen habe bei einem Feste des Hauses, bei der Hochzeit zu Cana. Den Predigern ward auch vor Zeiten eingeschärft, fleißig allem Volk zu lehren, daß Gott selbst den Ehestand eingesetzet habe , und zu wachen, daß Zucht und Ehre in den Familien gewahrt werde, »auf daß Gott nicht eine harte Strafe lasse kommen auf unser Land.« Unsere Vorfahren suchten jedem Ereignisse des häuslichen Lebens durch eine religiöse Weihe Bedeutung zu geben. Unzählige schöne Gebräuche dieser Art sind ganz vergessen und verschollen. So herrschte z.B. im sechzehnten Jahrhundert und wohl auch noch später bei protestantischen Eltern die schöne Sitte, das Kind im Mutterleibe durch einen feierlichen Akt des Gebetes »Christo zuzutragen.« Denn auch die ungeborenen Kinder, wenn wir sie Christo mit dem Gebete zutragen, sollen seine Mitgenossen seyn. »Nimmet er sie nun an, so taufet er sie selbst mit dem heiligen Geiste, ehe sie bei uns zur Wassertaufe kommen.« Also auch das todtgeborne Kind soll durch diesen tiefsinnigen religiösen Hausbrauch zum Erben des Reiches Gottes eingezeichnet werden. Und zwar ist dieser Brauch nicht bloß dem Einzelnen anheimgegeben, die Kirche nahm auch seiner wahr, und er ist geregelt in den damaligen Kirchenordnungen. Die Kirchenordnung bekümmerte sich noch um die Hausordnung. So kann man etwa in der Kirchenordnung auch einen eigenen Abschnitt über die Hebammen finden. Die Prediger sollen die Hebammen unterweisen, wie sie eine Frau, welche Mutter wird, christlich zu trösten und zur Danksagung zu vermahnen haben, »um deßwillen, daß ihr die Gnade, Kinder zu gebären, von Gott verliehen ward, welche nicht allen Frauen gegeben ist.« In treuherzig naiver Weise wird dann beigefügt, daß Gott selbst bei der Geburt zugegen sey, und – wo Niemand hilft – selber die Stelle der Hebamme vertrete. Solange noch die Sitte des Hauses jedes bedeutendere Familienereigniß mit irgend einer religiösen Weihe umgab, so lange noch häufige Familienfeste Verwandte und Nachbarn in Freud und Leid zusammenführten, war damit der Kirche zugleich eine Handhabe gegeben, um Kirchenzucht und Hauszucht mit einander gehen zu lassen. Es besteht in diesem Punkte noch immer ein großer Unterschied zwischen Stadt und Land. Bei einigen besonders conservativen schleswig'schen Bauerschaften ist es noch üblich, daß der Hausvater eine Magd nur dann dingt, wenn sie verspricht, allsonntäglich die Kirche zu besuchen. In dem auch auf dem Lande städtisch gewordenen, social und kirchlich unterwühlten Mitteldeutschland dagegen pflegt man eine katholische Magd um deßwillen nicht gerne in Dienst zu nehmen, weil sie nicht nur zu viele Feiertage im Kalender hat, sondern auch durch die in der Beichte gegebene strengere Kirchenzucht regelmäßiger als eine protestantische Magd zum Kirchenbesuch möchte angehalten werden. Wo der Städter – dessen Familienfeste überhaupt fast ganz erloschen sind – das Herüberreichen der Hand der Kirche in seine Häuslichkeit als einen unerträglichen Eingriff der Pfaffen in seine persönliche Freiheit ansehen würde, da fordert der Bauer vom alten Schrot immer noch die Mithaftbarkeit der Kirche für sein Haus als etwas Selbstverständliches. Er will für sein Haus die Privatseelsorge, die in der Stadt ein so mißliebiges Ding geworden, und der Pfarrer, der sich bloß in der Studierstube und auf der Kanzel bewegt, ist ihm ein Nichtsthuer. Er sucht sich einen kleinen Hausgottesdienst zu schaffen, und wäre es auch nur, indem er den Morgen- und Abendsegen und das Tischgebet mit dem »ganzen Hause« spräche. Es gibt da noch mitunter Hausväter von wahrhaft priesterlicher Erscheinung, die ihr Haus regieren »recht als ein Amtmann Gottes in dieser Welt.« Die erweiterten Hausandachten, Bibelstunden, dazu auch die Auswüchse des Conventikelwesens, welches die Gemeinde vergißt über dem Haus, finden darum bei den Bauern weit leichter Eingang, als in der Stadt, weil bei ihnen schon das Haus als solches in Glauben und Aberglauben religiös gestimmt ist. In der modernen Stadt dagegen ist das Haus aller religiösen Beziehungen baar geworden. Man findet sich ja gerade darum in der Kirche mit dem lieben Gotte ab, damit er Einem im Hause ungestört lasse. Wenn's hoch kommt, hält man sich etwa für Cholerazeiten ein Stück Hausandacht in Reserve. Auf dem Lande ist es in neuester Zeit mitunter eifrigen strenggläubigen Geistlichen der jüngeren Generation wieder gelungen, die Kirchenzucht in einer Ausdehnung in das Haus hinüberzutragen, daß man staunen muß, wenn man die früheren Zustände gekannt hat. Städter lassen sich dergleichen noch lange nicht gefallen. In einer protestantischen Landgemeinde des westlichen Mitteldeutschlands sah ich ein höchst merkwürdiges Exempel der Umwandlung, welche ein einziger Geistlicher in der oben berührten Richtung gewirkt hatte. Das Dorf war, wie die ganze Gegend, wohlhabend, aufgeklärt, dabei in Auflösung und Indifferentismus des kirchlichen Lebens befangen. Trotzdem gelang es dem Geistlichen, binnen zehn Jahren wieder eine vollständig organisirte Privatseelsorge durchzuführen, zuerst ungern, dann gern gesehen, Eingang zu finden in die Häuser der Familien, die Hausandacht wieder aufzurichten und den Grund zu einer strengen Kirchenzucht zu legen. Er hat in Betreff der Ehre und Zucht des Hauses alte Satzungen wieder geltend gemacht, die dem modernen Bewußtseyn ganz wider den Strich laufen und ist doch bei seinen, wenn schon halbwegs modernisirten Bauern damit durchgedrungen. Er läßt z.B. kein gefallenes Mädchen zum Abendmahl zu, wenn sie nicht, wie man in dortiger Gegend sagt, »vorgestanden« hat, d.h. vor versammeltem Presbyterium in der Kirche ihre Schuld bekannt, Reue gezeigt und Besserung gelobt. Bräute, welche nicht mehr Jungfrauen waren, und es trotzdem wagten, mit einem Kranz auf dem Kopfe vor dem Traualtar zu erscheinen, excommunicirte er. Seitdem ist auch hierbei die alte Sitte wieder fest geworden in der Gemeinde. Früher ging man bekanntlich in solcher Härte gegen das Individuum noch viel weiter. Man ließ uneheliche Kinder, die doch nichts dafür können, daß sie unehelich geboren wurden und häufig gescheidter seyn sollen als die ehelichen, in keine ehrsame Zunft eintreten; der ächt geborne Mann wollte kein unächtgeborenes Mädchen zur Frau nehmen, und wo sich ja ein solches Paar darüber hinausgesetzt hätte, wäre doch die Braut noch von der Kanzel herunter als ein Hurkind proclamirt worden. Das ist sehr hart gegen das völlig unschuldige Individuum, und man mag seine eigenen Gedanken darüber haben, ob es nicht sehr zweckmäßig sey, daß dergleichen abgekommen. Aber diese Härte war eingegeben von der tiefen Ehrfurcht vor der überwältigenden sittlichen Idee der Familie, und unsere Humanität ist häufig entquollen aus der Verläugnung des Hauses. Der Jehova des alten Bundes sagt den Hebräern, dem patriarchalischen Familien- und Stammesvolk, daß die Sünden der Väter an den Kindern sollen heimgesucht werden bis ins vierte Glied. Einschneidender kann die tödtende Uebermacht der Familie des Orientes und der Urzeit über alles individuelle Recht gar nicht ausgesprochen werden, als in dieser furchtbaren Verheißung. Es gibt aber auch ein anderes Extrem, wo die Familie erdrückt wird, von der schrankenlosen Berechtigung des Individuums, und bei diesem Extrem stehen wir. Bei unsern Bauern also kann wohl noch die Zucht der Kirche bis zur Familiensitte durchdringen. Der Bauer trägt aber nicht nur die Kirche ins Haus; er trägt auch gerne das Haus in die Kirche. Seine häuslichen Nöthe läßt er im katholischen Oberdeutschland als Votivbild malen und hängt dieß in die Kirche; dort werden solche Tafeln zu Tausenden als Vermächtniß für künftige Geschlechter aufbewahrt, eine Leidenschronik der Familien. In der Kirche hat er, gleich dem Edelmann, seinen angestammten Familienplatz. Er geht wo möglich mit dem ganzen Hause zum gemeinsamen Abendmahl. Er findet es nur dann in der Ordnung, wenn seine Kinder in der Kirche getauft, seine Brautpaare am wirklichen Altare getraut werden, während es in den Stadtkirchen viel zu kalt und zugig für die Vornahme solcher Handlungen geworden ist, weßhalb die Stadtleute hier nun wieder einmal ausnahmsweise im Hause bleiben, wo sie gerade das Haus verlassen sollten. Ein sinniger Brauch ist in neuerer Zeit hier und da durch Bibelgesellschaften eingeführt worden: jedem Brautpaar, vornehm oder gering, wird am Traualtar eine Bibel geschenkt als ein durch die Erinnerung an diesen Moment zum Hausbuch ganz besonders geweihtes Exemplar der heiligen Schrift. In Oberdeutschland, wo altväterliche Familienhaftigkeit in manchen Städten und bei vielen Bauerschaften noch so fest sitzt, erstreckt sich der Cultus des Hauses auch noch in einer Ausdehnung auf den Kirchhof, von der man in Mitteldeutschland wenig mehr weiß. Selbst die Bauern schmücken hier die Gräber ihrer Angehörigen noch Jahre lang und beten in Tagen der Erinnerung bei denselben. Der aufgeklärte Mann in Mitteldeutschland hält das im Allgemeinen für eine überflüssige Sentimentalität. In den größeren Städten gehört es hier allenfalls noch zum guten Ton, ein Grab in den ersten Jahren zu pflegen: auf den Dörfern dagegen läßt man es verfallen. Namentlich bieten die Kirchhöfe der ehemals reformirten Gemeinden im deutschen Südwesten einen traurigen Anblick. Da macht kein Kreuz, keine Gedenktafel, kein Baum, keine Blume das Grab geliebter Todten kenntlich, nur ein Rasenstück bezeichnet das Kopfende eines Grabes wie des andern, und rasch überwuchert wildes Gestrüpp die versinkenden Erdhügel. Keine Gedächtnißfeier führt die Ueberlebenden zeitweilig zurück zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Dadurch ist der Familiensitte ein reiches Gebiet entrissen. Del Allerseelentag mit seinem schweigsamen Gottesdienst vor den geschmückten Gräbern ist ein Fest, um welches wir Protestanten im Interesse des Familiengeistes die Katholiken beneiden müssen. In Augsburg, wo noch so manche altprotestantische Sitte fest wurzelt, feiern auch die Protestanten ein Allerseelenfest auf dem Kirchhof: zum Unterschied von den Katholiken haben sie es auf Allerheiligen gelegt. Der Adel und das bürgerliche Patriciat hat seine Familiengräber; dem armen Manne hat man dagegen auf vielen unserer großstädtischen Kirchhöfe nicht einmal ein eigenes Grab gegönnt. Wer sich nicht für theures Geld seine gesonderte Ruhestätte erkaufen kann, den legt man mit vier, fünf Andern in eine große Grube, ein sogenanntes Freigrab, auf welchem kein Baum gepflanzt, kein Kreuz aufgerichtet werden darf. Es ist dieß eine empörende Sitte, häufig vom bloßen Eigennutz der Gemeinden eingegeben. Den Waisen des armen Mannes bleibt da nicht einmal ein Grab, welches sie ihres Vaters Grab nennen, welches sie pflegen und schmücken und mit dem Zeichen versehen können, durch welches man sonst das Grab eines Christenmenschen unterscheidet von dem Ort wo ein Hund verscharrt ist. Man spricht von der Familienlosigkeit des städtischen Proletariats: was thut man denn aber, um es familienhaft zu machen? * In der Blüthezeit des büreaukratischen Regiments, die zugleich die Blüthezeit der Verläugnung des Hauses gewesen, wurde zuerst durch volkswirthschaftliche Bedenken das Auge der Staatsmänner wieder auf die Familie gelenkt. Ueber den Geldkasten führte der Weg ins Allerheiligste des bürgerlichen Lebens. Das Haus ward wieder ein Stoff für den Verwaltungspolitiker, als man dem plötzlich erhobenen Schreckensruf von der drohenden Uebervölkerung nachzudenken begann. Zuerst sprach man von den vielen Kindern, dann von den leichtsinnigen Ehen und so fort, bis man zuletzt bei der Sitte des Hauses ankam. Ein charakteristischer Gang. Da ungefähr, als man das Wasser bis zum Mund gestiegen wähnte, dachte man wieder an die social-politische Potenz der Familie! Man erging sich eine Zeit lang in widerwärtigen Untersuchungen über eine mögliche Verminderung der »Kinderproduction« (ganz so wie man etwa über eine Verminderung der Hunde debattirt), über die Beförderung der Ehelosigkeit u.s.w. Man übersah aber, daß zumeist dadurch die leichtsinnigen Ehen so überzahlreich geworden, weil das Haus verläugnet, weil die sittliche Würde des Hauses in dem Bewußtseyn der ganzen Nation so tief heruntergedrückt war. Nicht die vielen Kinder an sich sind vom Uebel, wohl aber die vielen Kinder, die kein Haus haben . Von ihnen gilt der Spruch: »Viele Kinder sind Gottes Segen im Haus; aber sie ziehen Einem das Hemd vom Leibe weg.« Von innen heraus muß die Familie neu gebaut werden wie die Wohnung, fest in Ehren, Zucht und Sitten, dann wird die Klage verstummen über die Vielkinderei und man wird wieder sprechen wie vor Zeiten, daß viele Kinder Gottes Segen seyen. Es ist ein bedenkliches Zeichen, so etwas wie nationale und sociale Altersschwäche, daß uns der Kinderreichthum Armuth, der Kindersegen ein Unsegen geworden ist. Gar köstlich sagt noch Fischart in der Gargantua: »Die Kinder sind der Eltern schönster Wintermaien, Leidvergeß und Wendunmuth, des Vattern Aufenthaltung, Leitstäb', Krucken und Stützen, in welchen sein Alter wiederblühsam wird, sind der leiblich Nam' seines Stammens, Spiegel seiner vergangenen Jugend, Anmaßung seiner Geberden, Angesicht und Angestalt, gleichwie eine gezeichnete Heerd'.« Das klingt uns armen Leuten jetzt wie Ironie, weil wir für unsern Kinderreichthum das Haus noch nicht wiedergewonnen haben, und doch ist es das fröhliche, überzeugungsvolle Bekenntniß eines stärkeren, jugendlicheren Geschlechtes, das bei sich selbst zu Hause war. So wie sich die Gesellschaft in Individuen zersplittert und das Recht der Familie preisgegeben wird dem Recht der Individuen, ist jedes zweite Kind in der Ehe ein Ueberfluß. Es wird uns aber ergehen wie den Frauen in den alten Volkssagen, die, weil sie den Kindersegen verachtet, hundert Kinder auf einmal statt eines einzigen bekamen. Uebriges wird im »centralisirten Deutschland« auf dem platten Lande noch wenig über Uebervölkerung geklagt. Dies ist begreiflich. Denn es herrscht da immer noch eine gewisse Geschlossenheit der Familie, des Besitzes und des Erwerbs, die Leute heirathen später und wer nichts hat, der verzichtet häufiger auf die Gründung einer Familie. Im »individualisirten Deutschland« dagegen, wie in den meisten Städten, wo das Recht der Familie so vielfach der Freiheit des Individuums preisgegeben ist, wo Besitz und Erwerb fluctuirt und sich zersplittert, wo Gewerbefreiheit und Güterzerstückelung viele tausend unberechtigte Familienexistenzen ans Licht rufen, wo die Leute früh heirathen, und weil Jeder sein eigener Herr seyn kann, auch jeder heirathen zu müssen glaubt: – dort ist auch die Uebervölkerung mit dem ganzen Gefolge ihres Unsegens eingezogen. Unversöhnlicher sind überhaupt in Sachen des Hauses und der Familie die Gegensätze wohl niemals wider einander gestürmt als zu gegenwärtiger Zeit. Die geistige Strömung, unser sittliches Culturbewußtseyn, hat sich jetzt entschieden dem. Wiederaufbau der alten Sitten des Hauses wieder zugewendet: die einseitig materielle Entwicklung dagegen, die bloß zählen und rechnen kann, und die sich, wie der derbe Schweizer sagt, für drei Batzen des Teufels Schwanz durch's Maul ziehen läßt, führt eben so direct davon ab. Durch das immer entschiednere Vorherrschen der Kapitalwirthschaft, durch den beschleunigten Verkehr ist die ganze europäische Gesellschaft beweglicher geworden. Seßhafte Bevölkerungen schwinden, fluctuirende treten an ihre Stelle. Die wandelbare Sitte der Stadt droht die gefestete des Landes zu verschlingen. Es wird allmählig zur Ausnahme, daß der Sohn an demselben Orte bleibt, wo der Vater gelebt hat. Nordamerika, welches die am meisten fluctuirende Bevölkerung der Welt besitzt, zeigt uns darum auch nur noch den winzigen Rest eines »Hauses.« Als der Sohn in der Regel noch das Geschäft seines Vaters fortsetzte, konnten die Sitten des Hauses leicht stabil bleiben. Auch diese ehemalige Regel ist jetzt in den Städten fast zur Ausnahme geworden. Berechtigtes frühes Heirathen wird bei unsern Erwerbsverhältnissen immer seltener. Wie soll aber der Vater die Sitte des Hauses fest in die Kinder pflanzen, wenn ihn diese erst als einen Mann mit greisen Haaren kennen lernen, wenn er stirbt, bevor sie zu Vernunft und Einsicht gekommen sind? Daß der Großvater oder gar der Urgroßvater den Enkeln und Urenkeln die Ueberlieferungen des Hauses erzählt, das wird bei dem späten Heirathen bald nur noch in Gedichten vorkommen. Es ist eine Calamität geworden, wenn die Leute früh heirathen, eine Calamität, wenn sie spät heirathen, und wenn sie ehelos bleiben, so ist dieß auch eine Calamität. In diesem Kapitel von der Verläugnung des Hauses habe ich jedem Nachweis von dem Verschwinden des Familiengeistes in den unmittelbar hinter uns liegenden Perioden, Andeutungen über das Wiederaufblühen dieses Familiengeistes in der Gegenwart gegenüberzustellen gehabt. Die Wissenschaft ist von der Idee des abstracten Vertrags- und Rechtsstaates umgekehrt zur Erkenntnis; und Würdigung der organischen Volkspersönlichkeit bei der Herausbildung der öffentlichen Rechtszustände. Damit ist der Familie der rechte Platz gewonnen in der Staatswissenschaft. Die Kirche nimmt sich des Hauses wieder an. Das Haus ist überhaupt wieder ein Gegenstand des öffentlichen Interesses geworden, und gar manche vergessene Sitte desselben wird gegenwärtig restaurirt. Die Aristokratie sucht ihre alten Hausgesetze wieder hervor, die sie vor fünfzig Jahren als alten Plunder verlacht hat. Die Regierungen denken wieder an Gesetze zur Erweiterung der Fideicommisse, zur Neubegründung und Festigung von bäuerlichen Erbgütern. Sind das nicht lauter erfreuliche Anzeichen vom Wiederaufbau des Hauses? Aber auch die Verläugnung des Hauses steht noch daneben. Um den bittersten Hohn allen jenen erfreulichen Zeichen der Zeit entgegenzusetzen, brauchen wir nur ein Zeitungsblatt aufzulegen, in dessen Inseraten neben verlorenen Taschentüchern und Geldbeuteln auch »eine Frau gesucht« wird. Selbst in der lüderlichsten Zeit des vorigen Jahrhunderts wäre wiederum ein solcher Hochverrath an der Majestät der Familie undenkbar gewesen. Wer ein solcher Einfaltspinsel ist, daß er seine Frau nicht selber suchen kann, der hat überhaupt gar kein Recht zu heirathen. Er ist ein Unmündiger. Hier öffnet sich wieder eine schauerliche Aussicht in der Zerstörung des Familiengeistes. Vor einigen Jahren wurde in Berlin durch die Polizei ein »Heirathsbüreau« aufgehoben, wo sich eine ganze Schaar junger Männer hatte betrügen lassen durch die Ausbietung von jungen Damen mit Vermögen bis zu 300,00b Thalern. Wenn der Heirathslustige seine Gebühren erlegt hatte, so erhielt er regelmäßig den Bescheid, die gewünschte Dame habe bereits anderweitig gewählt. Daß eine solche Betrugsanstalt mit dem Ausbieten von reichen Bräuten, die gar nicht existirten, nicht nur einige Zeit bestehen, sondern auch gute Geschäfte machen konnte, ist eine schwere Anklage wider die namentlich in den großen Städten herrschende Verachtung aller Würde des Hauses. So erscheint uns auch im häuslichen Leben (wie im gesellschaftlichen und politischen) der Geist dieser Uebergangszeit als ein doppelköpfiges Wesen, welches verfährt gleich jenem alten Weibchen, das, vor dem Bilde des Erzengels Michael betend, nicht nur dem himmlischen Rittersmann, sondern auch dem von seinem Schwert niedergeschlagenen Teufel eine Kerze anzündete; aus Vorsicht nämlich, da man ja nicht wissen könne, ob nicht St. Belzebub auch wieder einmal oben auf komme. Wie der Componist eines Rondos kehre ich beim Schlusse dieses Kapitels zum Anfange desselben zurück. In der poetischen Literatur wie in der bildenden Kunst wurde uns vor hundert Jahren dargethan, daß es nichts sey mit der deutschen Sitte des Hauses. Wir haben aber eine tröstliche Verheißung des Gegentheils darin, daß dieselbe Sitte gerade in der Poesie und Malerei jetzt wieder immer mehr zu Ehren kommt. Ich könnte hier auf viele bedeutsame Erscheinungen verweisen; ich will aber nur von zweien Männern reden und sie sollen gelten für Viele. Der eine ist der Dresdener Maler Ludwig Richter. Mir däucht, wir haben seit dem sechzehnten Jahrhundert keinen Künstler besessen, der das Haus- und Familienleben des deutschen Volkes so tief durchempfunden und so treu im Bilde wiedergespiegelt hat, wie Richter in seinen zahllosen Holzschnittzeichnungen. Darum hat sich auch das deutsche Volk alsbald zu Hause gefühlt in seinen Bildern; er ist der volksthümlichste Zeichner der Gegenwart geworden. In den tausend Scenen, in welchen Richter die Plage und das Glück des häuslichen Lebens malt, hat die Nation jenen deutschen Familiengeist verkörpert wiedergeschaut, den sie besitzen sollte und großentheils nicht mehr besitzt. Möge hier die Kunst eine Prophetin neuer Entwickelungen seyn! Es klingt uns aus Richters Zeichnungen ein Ton entgegen wie eines Volksliedes: der Stoff ist aus dem täglichen Leben gegriffen, die Behandlung die natürlichste, und doch liegt ein dichterischer Zauber über diesen Darstellungen, den man nicht definiren, den man auch nicht nachahmen kann, ohne der Meister selber zu seyn. Jeder meint, gerade so würde er es auch gezeichnet haben, und doch kann es kein Anderer gerade so zeichnen. Richter schlägt fast alle Accorde der in der deutschen Häuslichkeit gewurzelten volksthümlichen Gemüthlichkeit an. Das tolle Treiben der Kinderstube, die schwärmerische Minne der Jugend, Hochzeitzüge und Kindtaufen, die Last der häuslichen Arbeit und das Behagen des gesegneten Mahles im Familienkreise, das gemüthliche deutsche Kneipenleben, die Noth der armen Hütte und den Schmerz des Trauerhauses – das Alles und unzähliges Andere weiß er mit wenigen empfundenen Bleistiftzügen wie ein Gedicht vor uns hinzustellen. Und weil er der geborene Maler des deutschen Hauses ist, drum hat er auch den Hund so lieb und hat ihn in hundertfältig verschiedener Charakteristik überall seinen Menschen beigesellt und dieses Thier des Hauses origineller, vielseitiger und poetischer behandelt, als wohl irgend ein moderner Meister. Mit den drolligen Hunden ist ihm dann auch der deutsche Spießbürger am possierlichsten gelungen. Ein Ehepaar mit einer Rotte Kinder zu zeichnen, die nichts weiter thun als am Mittagstisch Kartoffeln essen und eine solche Tiefe der Empfindung, des göttlichen und menschlichen Friedens in ein solches Bildchen zu legen, wie es Richter bei mehreren Darstellungen der Art gethan, das vermag nur ein deutscher Meister, ein Meister, welcher die ganze Bedeutung des Hauses für das deutsche Volksleben selber durchgelebt hat. Richter legt seine Scenen wohl auch gerne in den Frieden des Waldes; oder in die weite Landschaft gesegneter Feldfluren oder in heimliche Gartenlauben: aber auch da merken wir es seinen idealeren Figuren sogleich an, daß sie in einem deutschen Hause daheim sind und den Frieden dieses Hauses mitgebracht haben in Wald und Feld und Garten. Richter gibt uns jedoch in der Regel nicht geradezu das moderne Haus, er läßt gerne etwas von der Romantik mittelalterlichen Lebens oder von dem schlichten Ernst altväterlicher Zustände in diese neue Welt herüberleuchten. Ja es ist uns mitunter, als gebe er weniger ein Bild des jetzigen Hauses, denn ein Mährchen vom deutschen Hause, welches anhebt mit den Worten: »Es war einmal ...« Doch zeichnet er wiederum auch nicht die Gestalten aus der »guten alten Zeit,« wie sie wirklich gewesen sind, er verschmelzt bloß ihre guten Motive mit den modernen Erscheinungen. So möchte ich die Sitte des Hauses in der Wirklichkeit verjüngen helfen durch die Wiederaufnahme der verklärten guten Sitten der Vergangenheit, wie es Richter als Künstler in seinen Zeichnungen gethan. Denn die alte Zeit mag ich gerne die gute alte Zeit nennen, aber immer in der Voraussetzung, daß unsere Zeit die bessere sey. Ludwig Richter zeichnet uns alles Gute, Liebe und Schöne, was im deutschen Hause wohnen mag als ein Lichtbild. Höchstens geißelt er den Philister mit harmlosem Humor. Ihm zur Seite möge nun hier der andere Mann stehen, von dem ich zu reden versprochen, der ist ein Bußprediger, welcher die Verderbniß, die über das Haus gekommen, in kühnen Zügen umrissen, die Blüthe des in alter Ehrenfestigkeit gegründeten Hauses zwar auch mit großem Glanze geschildert hat, mit ungleich größerer Macht aber und mit einer Fülle der zürnenden sittlichen Begeisterung den Verfall der häuslichen Sitte, daß ihm hierin kein anderer deutscher Schriftsteller der neueren Zeit gleichkommt. Dieser Mann ist Jeremias Gotthelf . Nicht mit Unrecht gab er sich den Namen Jeremias; denn wie jener klagende Prophet auf die Trümmer von Jerusalem, deutet er uns immer wieder auf das zertrümmerte Heiligthum der deutschen Familie. Seine Bücher sind ohne Form und Maß, bald zu breit und bald zu lang, aber es sprüht ein so frischer Geist voll natürlicher Poesie in ihnen, daß man in dem Verfasser mit Recht ein Stück von einem Shakespeare gefunden hat. Shakespeare als Dorfpfarrer im Kanton Bern. Die ideelle Bedeutung der Kunst und verfeinerten Gesittung für das nationale Leben wird von Gotthelf nicht verstanden; er will sie gar nicht verstehen. Er ist ein eben so großer Barbar gegen den ästhetischen Humanismus, wie die ästhetischen Humanisten des klassischen Zeitalters Barbaren gegenüber dem Haus und der Familie waren. Und wie der feinfühlige, liebevolle, von den Grazien geweihte Richter nicht Bilder genug zeichnen kann, so kann dieser derbste Realist voll unbändiger Naturkraft, dieser zürnende Bußprediger in seiner groben, hagebuchenen Schweizerart nicht Bücher genug schreiben für das gebildete deutsche Publikum! Es bewundert ihn, – wenn es nicht vor ihm erschrickt. Das ist nicht bloß ein literarisches, das ist auch ein culturgeschichtliches Phänomen. Seine norddeutsche Kritiker behaupten, Gotthelf's Schriften leuchteten zwar von einem wunderbaren poetischen Funkensprühen und seyen voll fesselnder Ursprünglichkeit; allein man könne alle diese Bücher nur anfangen, nicht auslesen. Ich habe an mir selber im Gegentheil wahrgenommen, daß, wenn man nur ein einziges Buch von Gotthelf ordentlich zu lesen angefangen hat, der Verfasser einen gar nicht wieder losläßt. Er packt uns wie mit dämonischer Faust und reißt uns in seinen Gedankengang hinein, wir mögen wollen oder nicht. Und doch sind es immer nur die einfältigsten Themen, meist das Haus, die Familie, was er behandelt. Er hat unter andern ein kleines Büchlein geschrieben, betitelt: »Dursli, der Branntweinsäufer.« Die Fabel ist so einfach, daß man sie in drei Zeilen ausschreiben könnte, die ganz gewöhnliche Geschichte eines Familienvaters, der sein Haus durch sein wüstes Kneipenleben in's Elend bringt, aber ganz zuletzt in der zwölften Stunde wieder umkehrt. Diese Sache ist eben nicht neu und die Moral auch nicht. Aber durchaus neu ist die Gewalt der Schilderung, mit welcher uns dieser moderne Jeremias in den immer steigenden Verfall des Hauses blicken läßt: da wächst die simple Geschichte vor unsern Augen zu einer furchtbaren Tragödie auf, und wo die Katastrophe kommt, – so klein und gewöhnlich, daß sie ein regelrechter Poet gar keine Katastrophe mehr nennen würde – da malt sich das einfache Bild des dem Abgrund zustürzenden Hauses so naturwahr in seinen tausend Einzelzügen vor unsern Augen aus, daß es uns die Brust zusammenschnürt, und wir dem Verfasser zurufen möchten, er möge aufhören, wir haltens nicht länger aus! Und wo dann der Sünder sich bekehrt und Buße thut, und eine ganze Familie, die schon wie abgestorben war, wieder auflebt, und Friede und Segen wieder einzieht in das verödete Haus, da möchten wir dem Verfasser abermals zurufen, er möge innehalten, denn der stille Jubel wolle uns das Herz zersprengen. Das ist der Quell der Poesie, der in dem deutschen Hause verborgen ist, und nur des Poeten harret, der den Mosisstab besitzt, um ihn herauszuschlagen! Diese einfachen und doch so großen Motive des deutschen Hauses und der Familie, das sind die Perlen, welche wir in unserer glänzendsten Literaturperiode vor die Säue geworfen haben, oder wo sie diese nicht mochten, kam höchstens der hinkende Bote oder ein ähnlicher Kalendermann, um sie aufzuheben und in seinen Schnappsack zu stecken. Fünftes Kapitel Die Familie und der gesellige Kreis Die Sitte des geselligen Lebens soll in der Familiensitte wurzeln. Die ächte bonne société ist das zum Freundeskreise erweiterte Haus. Je weiter sich der gesellige Kreis von der Familie entfernt, um so bedeutungsloser wird er, und um so sicherer kann man auf den Verfall der Familie selbst schließen. England und Frankreich liefern in ihren nationalen Gegensätzen den Beleg hierzu. Die Geselligkeit des französischen Salons hat mit den Familiensitten nur noch den äußerlichsten Zusammenhang; in England ragt das Familienleben und die Sitte des Hauses überall auch in die weiteren Kreisen der Geselligkeit hinein. In England gilt es für aristokratisch, alten Hausbrauch noch zu besitzen und festzuhalten; von Frankreich dagegen ging jener vornehme Ton aus, welcher die größte Feinheit in der Verläugnung häuslicher Lokalsitten findet. Die gemeinsame Wohnhalle ist im altenglischen Hause zugleich der Festsaal. Der Platz am Kamin, der auch bei der zahlreichsten Gesellschaft sein Recht als der beste Platz in der Halle behauptet, symbolisirt, ähnlich dem deutschen Erker, das Hinübergreifen der Familie in den geselligen Kreis. Bei dem ächten Holländer schließt sich die Familie ab von der erweiterten Geselligkeit: er fühlt daher die Freunde des Hauses nicht in die Wohnhalle, sondern er hält sich dafür eigene Prunk- und Staatszimmer, die in der Regel jedoch das ganze Jahr leer stehen. Seine Wohnhalle und seinen Kamin baut der Engländer unter allen Himmelsstrichen wieder auf, wo er sich nur dauernd ansiedelt. Gesellige und Familiengemüthlichkeit sind ihm zugleich in diesen Zauberkreis gebannt. Selbst im Tropenlande macht er in den Wintermonaten ein Feuerchen in den Kamin. Und wäre die Luft auch noch so sommerlich: das Feuer im Kamin ist ihm wie eine Opferflamme, die auf dem Altar der Hausgötter lodert, und nur wo diese gnädig sind, wird auch die gesellige Freude eine reine seyn. Das gesellige Leben im deutschen bürgerlichen und bäuerlichen Hause hat seinen Ausgang genommen aus der Spinnstube der Hausfrau. Dort saß die Mutter an den langen Winterabenden mit ihren Mägden spinnend, die Kinder spielten, der Mann schaute zu, sprach mit darein, las wohl auch etwas vor; dann kamen Freunde und Freundinnen des Hauses, spannen und plauderten, aßen und tranken auch mit, und der Familienkreis erweiterte sich zum geselligen Kreise. Je gesunder fröhlicher und fruchtbringender deutsche Geselligkeit seyn soll, um so mehr wird man zu diesem altväterlichen Urbilde zurückkehren müssen. Spinnen gehörte weiland auch zur Gemüthlichkeit des deutschen Hauses, wie der Platz am Kamin zum englischen. Jetzt ist Spinnen kaum mehr ein nützliches Geschäft. Nur ganz arme und ganz vornehme Leute spinnen noch. Fürstinnen und Prinzessinnen fangen allenfalls aus romantischer Passion wieder einmal zu spinnen an, verschmähen dabei das bürgerliche Nürnberger Spinnrad und lassen die mittelalterliche Spindel wieder in weiten Kreisen über den Fußboden tanzen. Es ist ihnen wohl, als hätten sie mit der Mährchenspindel der alten Zeit auch so etwas von dem verklungenen Mährchen vom deutschen Hause wieder herübergenommen in ihre hellen, hohen, kalten Prunkgemächer. Religiöse Feste, welche, wie Weihnachten und Ostern, bei den romanischen Völkern wesentlich Volksfeste geworden, werden bei den germanischen zu Familienfesten. In Italien gehören sie der Straße, dem Markt, wie bei uns dem Hause. Die höheren Klassen in Frankreich fangen jetzt zwar an, sich den deutschen Weihnachtsbaum zu verschreiben, aber deutsche Weihnachten verschreiben sie sich damit noch lange nicht. Sie pflanzen den grünen Tannenbaum in den Salon , wir aber pflanzen ihn in das Kinderzimmer , in das innerste Familienheiligthum des Hauses. Dann erst könnte dieser Baum bei den Franzosen Wurzeln fassen, wenn sie sich vorher auch den Boden des deutschen Familienlebens hinübergeholt hätten. Im altenglischen Hause dagegen bestehen so gut wie bei uns höchst eigenthümliche und uralte Weihnachtsgebräuche. Auch diese nimmt der Engländer mit über See; in Hindostan feiert er englische Weihnachten. Bemerkenswerth erscheint es, daß in England die Weihnachtsbräuche weit mehr dem größeren geselligen Kreise der Familie und der Freunde des Hauses gelten, während die deutsche Weihnachtssitte fast ausschließlich der Kinderwelt gilt. In England erweitert sich das Haus am Weihnachtstage, in Deutschland zieht es sich in sich selbst zurück. Ein Gegensatz, der zu weiterem Nachdenken auffordert. Bei solchen religiösen Familienfesten voll uralten Herkommens muß man auch an scheinbar geringfügigen Aeußerlichkeiten starr und zäh festhalten. Es ist z.B. keine kluge Politik, wenn man in Wien darauf sinnet, Einfuhr und Vertrieb der Christbäume, die freilich durch ihre ungeheure Zahl alljährlich immer mehr zu einer regelmäßigen Waldverwüstung führen, polizeilich zu erschweren und zu verhindern. Man sagt, aus Papier gemachte Tannenbäume thäten's eben so gut. Das ist nicht wahr. Ein papierner Christbaum ist an sich schon ein Spott auf das alte deutsche Weihnachtsfest; für einen Pariser Weihnachtssalon wäre er dagegen sehr passend. Mit dem Verschwinden dieses wirklichen, natürlichen Tannenbaums wird auch die Familienfeier allmählich aufhören, eine wirklich und natürliche zu seyn. Es wird zwar jetzt in den feinen und feinsten Cirkeln unserer großen Städte mehr und mehr Mode, Frauenschmuck auch aus täuschend nachgemachten unächten Edelsteinen zu tragen; allein der schönste Edelstein unseres schönsten und nationalsten Familienfestes sollte wenigstens nirgends ein unächter werden, nicht im Palast und nicht in der Hütte. Jahrhunderte lang hat in Deutschland die Polizei gekämpft gegen das Uebermaß der Feste des Hauses bei Bürgern und Bauern. Die Beschränkung der Hochzeit- und Kindtaufgastereien ist ein stehender Artikel in unseren alten Landordnungen. Die Polizei hat dann auch endlich das Feld gewonnen, und höchstens kommen jetzt bei einigen abgeschlossenen reichen Bauernschaften noch Hochzeiten alten Styles vor. Man hat durch jene Einschränkungen dem übertriebenen Luxus, der maßlosen Schwelgerei steuern wollen, durch welche der »Proviant im Lande rar gemacht und vertheuert wird.« Allein Luxus und Schwelgerei sind trotzdem geblieben oder wohl gar gewachsen, der »Proviant im Lande« ist auch nicht wohlfeiler geworden; gelockert und zerstört dagegen ist der Zusammenhang der geselligen Festlichkeiten mit den Festen des Hauses . Betrachten wir einmal aus diesem Gesichtspunkte die Familienfeste, wie sie bis ins siebzehnte Jahrhundert beim deutschen Mittelstande herkömmlich waren. Bei der nachfolgenden Schilderung sind speciell mitteldeutsche Zustände unmittelbar vor dem dreißigjährigen Kriege ins Auge gefaßt. Hauptquellen waren mir dabei die Verordnung Landgraf Philipp des Jüngern von Hessen über die Beschränkung des Aufwandes bei Hochzeiten etc. vom Jahre 1613 und die Nassau-Katzenelnbogische Polizei-Ordnung vom Jahre 1616. Der Tag der Verlobung (die man in der alterthümlich Patriarchalischen Auffassung eines Kaufes der Braut auch »Handstreich« oder »Weinkauf« nannte) wurde mit einer Schmauserei beschlossen, zu welcher die näheren Freunde des Hauses geladen waren. Ging es hoch her, dann gab es Tags darauf noch eine Nachfeier. Zwischen Verlobung und Hochzeit kam dann der Polterabend, als das Gegenfest, welches die Freunde des Hauses dem Brautpaare gaben. Die Hochzeit selber war das eigentliche Prunk- und Schaustück unter allen Festen des Hauses. Sie mußte sich daher nicht nur durch großen Reichthum sondern auch durch besondere Förmlichkeit auszeichnen: in dem bürgerlichen Hause wird für diesen Tag eine Art von Hofetikette statuirt. Es wird ein besonderer Hochzeitsmarschall ernannt, welcher die Festordnung vor Beginn der Hochzeit zu verlesen und dann zu handhaben hat. Bei einer polizeimäßig eingeschränkten Hochzeit eines Mittelmannes gibt es nur drei Schmausereien, nämlich zwei am Hochzeitstage selber, die dritte Tages darauf bei der Nachfeier. Sechs Tische zu je zehn Personen geben keine übermäßige Hochzeitsgesellschaft für den gemeinen Bürger und Bauersmann zu einer Zeit, wo die ganze Nachbarschaft selbstverständlich zu den Freunden des Hauses gerechnet, und die Verwandtschaft bis in die entferntesten Grade respectirt wurde. Sechs warme Schüsseln geben ein bescheidenes Hochzeitsmahl zu einer Zeit, wo die Tische der kleinen Leute überhaupt noch nicht so hungerleiderisch bestellt waren, wie in den zwei folgenden Jahrhunderten, und nach Max Rumpolts Kochbuch der Küchenzettel eines glänzenden Bauernbanketts von Fleischspeisen allein zwölferlei Art aufweiset. Bei einem Rathsverwandten oder Bürgermeister, der's höher greifen konnte, waren auch hundert Hochzeitsgäste nicht allzuviel und ein entsprechend reiches Mahl kein übermäßiges. Ein Mann von Rang und Besitz eines damaligen Herren vom Rath gibt heutzutage vielleicht dreimal thé-dansant im Carneval und lädt jedesmal hundert Personen, von denen wenigstens zwanzig der Hausfrau erst müssen vorgestellt werden, damit sie weiß, wie ihre Gäste heißen. Der Luxus ist also gar nicht geringer worden, nur daß die Gasterei jetzt einer vom Hause abgelösten Geselligkeit gilt und sich hundertfach zersplittert, während sie vordem auf die Feste der Familie concentrirt war. Allein auch arme Leute hielten üppige Hochzeiten, sogenannte »Schenkhochzeiten,« – man könnte sie auch Bettelhochzeiten nennen. Bei jeder Hochzeit gingen nämlich, nachdem der dritte Gang aufgetragen worden, Becken von Tisch zu Tisch, in welche die Gäste ein Geldgeschenk warfen. Dasselbe galt als ein Beitrag nicht zu der Hauseinrichtung des neuen Paares, sondern zu den Hochzeitkosten, war also eigentlich den Eltern der Braut geschenkt. Gesondert davon wurde die »Haussteuer,« bestehend in allerlei Hausrath u. dgl. am Tische der Braut niedergelegt. Arme Leute suchten nun ihre Hochzeit in der Art einzurichten, daß sie dieselbe mit den Spenden in den Becken vollständig bezahlen konnten. Wenn solche Bettelhochzeiten im Wirthshause abgehalten wurden, vereinfachte man die Sache wohl gar in der Art, daß der Wirth die Becken circuliren ließ und jeder Gast seine Zeche hinein legte. Für unser Gefühl mag dergleichen etwas Unwürdiges haben; es hat die Schenkhochzeit aber auch ihre schöne Seite, die einem weniger feinfühligen, für den Glanz der Familie dagegen stärker eingenommenen Geschlecht, überwiegend hervortrat. Auch der arme Mann konnte wenigstens einmal in seinem Leben ein reiches Fest des Hauses begehen, ohne daß ihn nachgehends die Reue biß und die Schulden drückten. Nach der Hochzeit kam die Nachhochzeit. Hier fing das Schmausen von vorne an. Ueber die Nachhochzeit hinaus aber feierte man gern noch mehrere weitere kleine Nachhochzeiten unter allerlei absonderlichen Namen, als: Hühnertag, Zuckersuppe, Tischrücken u. s. w. Darunter sind auch Erwiderungsfeste, welche von den Hochzeitgästen dem neuen Paar gegeben werden. Nicht minder reichhaltig ist der Festkalender der Kindtaufen. Zu einer ordentlichen Kindtaufe gehört auch eine Nachkindtaufe und zu beiden eine tüchtige Schmauserei. Es folgen aber dann auch wieder Gegenfeste, indem die Gevatterleute die ursprünglichen Kindtaufgäste auf's neue zusammenladen, ein Tractament herrichten und in das Haus der Wöchnerin bringen lassen und dort das Gelag wieder in Gang bringen. Splendide Gevatterleute führten das wohl zwei- bis dreimal aus, so daß also die ganze Woche Kindtaufe war. Selbst an den Tag eines Begräbnisses knüpfte man ein häusliches Fest. Vom Kirchhof kehrte das Trauergeleite in das Sterbehaus zurück, wo man Wein und Speisen aufgetragen fand. Bei dem »Leichenimbs« sollen nun die Leidtragenden in tröstenden Gesprächen des Todten gedenken oder ihn beweinen, daher nennt man diese traurige Mahlzeit auch das »Flennes.« Aus dem einfachen »Imbs« aber wird allmählig ein förmlicher Leichenschmauß; je größere Braten aufgezehrt wurden, desto höher war der Verstorbene geehrt, und eingedenk des Spruches: »ein traurig Herz ist immer durstig,« durfte auch das Trinken nicht vernachlässigt werden. So bedeutsam und ergreifend der Brauch in seiner Einfachheit und ursprünglichen Reinheit gewesen, so empörend ward er in seiner Entartung. Der Schlemmerei von wochenlangen Hochzeiten und Kindtaufen wird gewiß Niemand das Wort reden wollen. Dennoch war das plumpe Einschreiten der Polizei, die nun die Zahl der Gäste, der Tische und der Schüsseln vorschrieb, vom Uebel. Eine entartete Sitte kann man höchstens polizeilich todtschlagen, nicht aber polizeilich verbessern. Um die von den Gevattersleuten als Erwiderungsfest bei der Kindbetterin abgehaltenen Gelage zu unterdrücken, ging man z. B. so weit, daß man es zwar nachsah, wenn die Gevatterin der Wöchnerin zur Erquickung eine Suppe ins Haus schickte; trug sie aber in eigener Person die Suppe hinüber und machte einen Besuch dabei, so verfiel sie in Strafe. Durch solche drakonische Unterdrückung der Ueppigkeit bei den Familienfesten zerstörte man wohl die Familienfeste, nicht aber die Ueppigkeit. Die Ueppigkeit übertrug sich in den weiteren geselligen Kreis, und dieser löste sich ab vom Hause. Durch den sittlichen Rückhalt des Hauses hätte die entartete Familiengeselligkeit sich von selber wieder reformirt; es kommt aber ein Millionär leichter in das Himmelreich, als daß sich der heutige, dem Hause entfremdete gesellige Kreis von innen heraus reformire. Diese Thatsachen sind bereits von ungeheurer Tragweite für unser ganzes Culturleben gewesen. Die Begehung der Geburts- und Namenstage trägt im deutschen Hause den Charakter eines Familienfestes. Die Sitte ist hier so tief einschneidend, daß die Feier des einen oder des andern dieser beiden Tage sogar den protestantischen Norden von dem katholischen Süden Deutschlands unterscheidet. Die Nordamerikaner lachen uns aus über unsere Geburtstagfeier; denn sie kennen fast nur die Abschließung und den Egoismus des Hauses, nicht aber die Erweiterung der Familie zum geselligen Festeskreise. Für das Haus gibt es bei dem Amerikaner nicht einmal ein Weihnachts- und Osterfest. Man begeht diese Tage bloß in der Kirche wie gewöhnliche Sonntage. In einige angloamerikanische Häuser Neu-Yorks soll zwar neuerdings der deutsche Christbaum eingedrungen seyn; das will aber gegenüber der nationalen Sitte gerade so viel heißen, wie wenn eine Prinzessin aus romantischer Passion wieder mit der Spindel zu spinnen anfängt. Den »zweiten Feiertag« haben die knickerigen Yankees ohnedieß abgeschafft, wie wir Deutschen den früher üblichen dritten Feiertag abschafften, als wir amerikanischer, d. h. realistischer und ökonomischer wurden. Das einzige nationale Fest der Nordamerikaner ist ein politisches Volksfest, die Feier des vierten Juli, und ihr einziges Fest, welches von weitem wie ein Familienfest aussieht, ist der Neujahrstag. Aus der Nähe betrachtet ist es aber erst recht eine Satyre auf ein Familienfest. Die Neujahrstagsfeier in Neu-York schildert ein feiner Beobachter des socialen Lebens in den nordamerikanischen Städten, Dr. Kirsten, folgendermaßen: »Es ist an diesem Tage der Brauch, daß die Herren den Damen ihren Glückwunsch überbringen. Dann wird in jedem Hause das Beste aufgetafelt, was das Land darbietet, und jeder Besucher langt, auch unaufgefordert, zu. Je mehr Besucher sich einfinden, zu desto größerer Ehre rechnen sich dies die Damen vom Hause an, und sie bemerken sich sorgfältig, wer dagewesen. Es würde als die größte Unart gelten, bliebe Jemand in einem bekannten Hause aus. Daher sind die Herren vom frühen Morgen bis spät Abends in Bewegung, und es findet an dem Tage ein merkwürdiges Rennen derselben statt, da manche bloß der Neugierde wegen hier und da sich einstellen. Am nächsten Tage beglückwünschen sich die Damen unter einander und theilen sich mit, wie viele Glückwünsche sie Tags zuvor empfangen haben und von wem. Dann sind die Straßen eben so lebhaft von Damen, als Tages zuvor von Herren gefüllt. Wessen Geschäfte es aber irgend erlauben, der findet sich dann auch wieder auf den Straßen ein, um die Damen zu bewundern, die insgesammt im höchsten Putze die Besuche abstatten.« Wenn irgend etwas die familienlose Geselligkeit der Nordamerikaner dramatisch veranschaulichen kann, dann ist es das Rococobild dieses scheinbaren Familienfestes. In Deutschland ist freilich auch das Gepräge des Neujahrsfestes als einer häuslichen Feier fast ganz abgeschliffen. Früher war Sylvesternacht und Neujahrstag durch manchen jetzt verklungenen Hausbrauch ausgezeichnet, welcher dem Vorschauen in die Zukunft des Hauses galt und auch den Freundeskreis um den häuslichen Herd versammelte. Schon im früheren Mittelalter wird die Neujahrsnacht mit einem Schmause in den Häusern bei hellem Fackelzug begangen, und auf den Straßen wird gesungen und getanzt. Wie wir aus dem Beichtspiegel des Bischofs Burkhard von Worms ersehen, sucht die Geistlichkeit die häusliche Feier des Neujahrstages zu unterdrücken, weil altheidnischer Volksaberglaube hierbei tief in die Sitten des Hauses herübergriff. Die abergläubischen Gebräuche, um in der Neujahrsnacht die Zukunft zu erkunden, sind aber beim gemeinen Manne geblieben, das harmlose häusliche Fest dagegen ist gerade bei dem abergläubischen Volke am meisten verschollen. Wir sehen aus alledem, wie bei patriarchalischen Volkszuständen die geselligen Freuden sich fast ausschließlich und bis zum Exceß an das Haus heften, während im glatten Nivellement der Civilisation der gesellige Kreis sich ganz losmacht von der Familie. So erscheinen hier z. B. die Russen als der directeste Gegensatz zu den Nordamerikanern. Die Ueberzahl und die maßlose Schwelgerei der russischen Familienfeste erinnert an unsere mittelaltrigen Zustände. Zu jedem hohen Feiertag macht der ächte Russe seinen sämmtlichen Verwandten und Freunden Gratulationsvisiten. Neben dem Geburts- und Namenstag ist auch der Tauf-, Verlobungs- und Hochzeittag des Hausvaters ein jährlich wiederkehrendes Familienfest und beim reicheren Mann verbinden sich die üppigsten geselligen Genüsse mit einer solchen Feier. Sehr verschieden abgestuft ist der Zusammenhang der Familie mit dem geselligen Kreise in den deutschen Gauen, wo die französischen politischen und socialen Einflüsse längere Zeit dominirt haben und französische Sitten in das deutsche Haus eingedrungen sind, und den Gegenden die von diesen Berührungen verschont blieben. Mit der deutschen Sitte des Hauses sind auch die häuslichen Feste gefallen. So waltet z.B. in den Rheingegenden entschieden die Sitte, daß die Männer und Frauen der bürgerlichen Kreise gesondert ihren geselligen Freuden nachgehen. Schon dadurch ist die Geselligkeit außer Berührung mit der Familie gesetzt. Während der Mann der Schoppenstecherei im Wirthshause obliegt, sitzen die Frauen in ihrer Kaffee- und Theegesellschaft. Das geht dort selbst bis zu den wohlhabenderen Bauern herunter. Solche Gesellschaften finden freilich im Hause statt; sie haben aber dennoch keine Spur von Familiengeselligkeit. Durch die Isolirung der Frauen bilden sie vielmehr den eigentlichen Herd des weiblichen Philisterthums, während der Mann im Wirthshause sich seine apparte Häuslichkeit aufbaut. Der schädliche Einfluß dieser nichts weniger als deutschen Sitte auf die Veräußerlichung des Familienlebens und die sociale Auflösung im Allgemeinen ist nicht schwer genug anzuschlagen. Es läßt sich ziemlich sicher nachweisen, daß in den Rheinlanden diese Unsitte in der napoleonischen Zeit, wo sich überhaupt die Sitten des Bürgerthums dort so sehr veräußerlichten, ganz besonders in Blüthe kam. Deßhalb schwärmt auch dort so mancher alte Weintrinker noch immer für diese gute alte Zeit als die eigentlich goldene seiner Gegend und läßt den alten Bonaparte hoch leben, und bedauert die jetzige, schon wieder etwas familienhaftere und nüchterne Generation als ein Geschlecht von Schwächlingen. Die süddeutsche Sitte, daß auch eine feine Dame ihren Mann in den Biergarten, wohl gar ins Kaffeehaus begleitet, würde im mitteldeutschen Westen für eine ausgemachte Barbarei gelten. Sie ist aber gar nicht so barbarisch, sondern hat vielmehr ihren guten Grund in einem tieferen Familienbewußtseyn. Von den norddeutschen Städten, wo man der deutschen Sitte des Hauses gleichfalls noch vielfach das Asyl gewahrt hat, macht jetzt ein geselliger Brauch die Runde durch die gebildeteren Cirkel von ganz Deutschland, den ich zu den vortrefflichen rechne. Er bildete den geraden Gegensatz zu dem dualistischen Unfug der Kaffeeschwestern und der Schoppenstecher. Es sind dieß die sogenannten »offenen Abende.« Die Familie erklärt den Freunden des Hauses, daß sie an einem bestimmten Wochenabend ein für allemal für den Freundeskreis zu Hause sey. Wer gerade kommen will, der mag kommen und einen hungrigen, aber unterhaltsamen Thee mittrinken. Dadurch wird eine Geselligkeit geweckt, die entschieden in der Familie ihren Schwerpunkt hat. Die »offenen Abende« sind in den letzten Jahren nicht nur in Gegenden vorgedrungen, wo man sie vordem nicht kannte, sondern auch in Schichten des Bürgerstandes herabgestiegen, wo sonst keine Ahnung mehr von derartiger Geselligkeit war. Das sind beachtenswerthe Zeichen des wiedererwachenden Familiengeistes. Ich bezeichnete Rußland bereits als das Land, wo die ins Familienleben verwebten geselligen Freuden noch in wahrhaft mittelalterlicher Ueberfülle geltend gemacht würden. So hat man in Rußland zu dem »offenen Abend« sogar auch noch einen »offenen Mittag.« In gastfreien Häusern lädt man die Freunde des Hauses ein für allemal zum Mittagessen, und sie kommen, wann es ihnen beliebt. In einzelnen russischen Städten sollen fast sämmtliche adelige Familien alltäglich offene Tafel halten, und ein Junggesell von Stande braucht, wenn er eine ausgebreitete Freundschaft besitzt, niemals einsam zu Hause zu essen. Er sucht sich einen Familientisch in einem gastfreien Hause und »onkelt« jeden Tag in ein anderes, ganz wie vor Zeiten die deutschen Schulmeister, wenn sie das Rundessen hatten. Hat die Geselligkeit unseres deutschen Salons irgend eine gute Seite, dann liegt sie in dem, was der Salon gemein hat mit dem offenen Abende, in dem einzigen Punkte nämlich, daß hier wie dort Männer und Frauen zusammen erscheinen. Was dem Städter der »offene Abend« das ist dem Bauern die Spinnstube . Ja man kann sagen, sie ist in ihrem Grundgedanken die ursprüngliche und bessere Form jenes geselligen Instituts. Ich rede hier von den großen, fast öffentlichen Spinnstuben, den geselligen Versammlungen des halben Dorfes, die hervorgewachsen sind aus jenen engeren häuslichen Spinnstuben, welche ich im Eingang dieses Kapitels als die eigentlichen Pflanzstätten des im deutschen Hause gewurzelten geselligen Kreises bezeichnete. Die rationalistisch-büreaukratische Zeit zog mit Feuer und Schwert gegen die großen Spinnstuben zu Feld. Schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts waren Geldstrafen auf die Theilnahme an einer Spinnstube gesetzt. Mit ächt polizeilichem Scharfblick nahm man nur den gelegentlichen Mißbrauch dieser Zusammenkünfte zu allerlei Rohheit und Unzucht wahr, und schlug den unendlich größeren Gewinn, welchen die Spinnstube so oft für den Familiengeist des Landvolkes bringt, für gar nichts an. Ein gründlicher Kenner des Volkslebens, Professor Brückner in Meiningen, sagt von den Spinnstuben: »In ernster und neckender Rede lernt sich hier die Dorfjugend gegenseitig kennen, neben dem Spulfleiß pflanzt sich Sage und Lied von Geschlecht zu Geschlecht fort, und die feste Familienhaftigkeit des Landvolkes hält die rohsinnliche Natur in Schranken. Daß auch diese Form des Zusammenlebens vom fleischlichen Sinn mißbraucht werden kann, ist thatsächlich; deßhalb kann aber dieses uralte Institut selbst nicht verdammt werden, das weit sittlichere Züge in sich trägt als das nächtliche Zusammenlagern der Jugend am Zaune.« In einigen Gegenden finden (oder fanden?) »Wettespinnen« in den Spinnstuben statt. Die Spinnerin, welche am raschesten und schönsten spinnt, hat die Ehre, daß das nächstemal die ganze Gesellschaft bei ihr zusammenkommt. Am Samstag Abend dürfen auch die jungen Burschen in die Spinnstuben kommen. Zu dem Wettespinnen fügen sie dann ihrerseits Wettgesänge. Das Volkslied ist vielfach in den Spinnstuben aufgewachsen, und die Volkssage hat sich oft als in ihr letztes Asyl dorthin geflüchtet. Es ist ein alterthümlicher deutscher Hochzeitsgebrauch, daß der Festzug, welcher die Aussteuer der Braut in die Wohnung des Bräutigams bringt, eröffnet wird von zwei Brautmädchen, von denen eines ein Spinnrad , das andere einen Haspel trägt. Beides sind nicht bloß die Symbole des häuslichen Fleißes, sie sind auch die Symbole der traulichsten und ächtesten Familiengeselligkeit: darum werden sie mit Recht allem Hausrath vorangetragen. In den letzten Jahren hat der Volksschriftsteller W. O. von Horn auch den weiland so verrufenen Namen der Spinnstube wieder zu Ehren zu bringen gesucht, indem er einen unserer besten Volkskalender mit demselben taufte. Welcher Mann des Volkes, welcher Geistliche, Schullehrer oder Gutsbesitzer wird sich den Ruhm gewinnen, die Spinnstuben seiner Gegend zu verjüngen, den Bauern und den Beamten wieder Respekt vor der Spinnstube zu erwecken und das Treiben in derselben auf Grund gereinigter und fortgebildeter alter Bräuche, wieder familienhafter, sittlicher und obendrein lustiger zu machen? Auf dem Dorfe ist man überhaupt gar nicht so arm an mannichfaltigen Formen der häuslichen Geselligkeit, wie man in der Stadt wohl glauben mag. Man dürfte z.B. in den Städten lange suchen, bis man ein so prächtiges ächtes Familienfest aufgefunden hätte, wie die Metzelsuppen unserer Bauern. Ein wunderbarer Zug im deutschen Leben ist, daß selbst diejenige Form der Geselligkeit, welche der Familie und dem Haus am gründlichsten entfremdet, die regulären Zechgelage in den Wirthshäusern, einen gewissen Charakter der Häuslichkeit annehmen. Trinken können auch die romanischen und slavischen Völker, aber bloß die germanischen können kneipen . Dieses »Kneipen« drückt eben das gemüthliche Zu-Hause-seyn in der Zechstube aus. Der »Stammgast« – auch eine specifisch-germanische Gestalt – will an der Wirthstafel gleichwie an seinem eigenen Herde sitzen; er begehrt darum allabendlich denselben Stuhl, dieselbe Ecke, dasselbe Glas, denselben Wein. Das ist auch »Sitte des Hauses.« Verkommene, verkneipte, zu wirklichen Trunkenbolden herabgesunkene Stammgäste sind sehr häufig für das innigste Familienleben durchaus geschaffene Naturen, gutmüthige aber schwache Menschen, die nur ein böser Stern in das unrechte Haus geführt hat. Aus lauter Familienbedürftigkeit, die sie in der Adoptivfamilie der Zechgenossen zu befriedigen suchen, vergessen sie die wirkliche Familie zu Hause. So ein Mann kann zum Vagabunden werden aus unersättlichem Trieb zur Häuslichkeit. Sind das nicht ächt deutsche Charaktere? Sofern aber das Kneipen ein in falscher Richtung sich bewegendes Extrem der Häuslichkeit wird, zerstört es die Häuslichkeit selber wieder. Durch das Kneipen ist der Ruin unserer alten deutschen Familienfeste, unserer reichen Hochzeiten und Kindtaufen, der Leichenimbs, der Willkomm- und Abschiedstrünke vorbereitet worden, durch das Kneipen kamen die sinnigen Festlichkeiten bei Aufnahmen in die Zunft, die merkwürdigen Bräuche beim »Weinkauf,« beim Aufschlagen neuer Häuser u.s.w. zu Fall. Ja die Kneipereien bei jenen Zunftfeierlichkeiten haben den Gegnern der Zünfte eine Waffe in die Hand gegeben, mit der sie dem ganzen inhaltreichen Institut des Zunftwesens erfolgreich zu Leibe gerückt sind. Das übertriebene Kneipen hat auch mitgewirkt, die feinere gebildetere Welt in die »Salons« zu treiben, wo in der That nicht gekneipt wird, wo aber auch die Häuslichkeit verschwunden ist. Im Elsaß gab es ein Geschlecht der Herren von Utenheim; diese nannten sich später von Matzenheim. Die Namensveränderung soll aber nach einer sehr alten Familiensage auf folgende Weise entstanden seyn. Einer der Herren von Utenheim pflegte stets in dem Dorfe Matzenheim im Wirthshause zu sitzen und verzehrte daselbst den größten Theil seines Gutes. Er war so ein vollendeter Stammgast zu Matzenheim, daß selbst sein Pferd nicht weiter zu bringen war, wenn es an die Wirthshausthüre kam. Weil er nun weit mehr zu Hause war im Wirthshause zu Matzenheim als auf der Burg zu Utenheim, so nannte man ihn zuletzt auch nur den Matzenheimer. Der Name erbte sich fort und ist von dem Wirthshause auf das ganze Utenheimische Haus übergegangen. Ein stärkerer historischer Beweis für die germanische Auffassung des »Hauses« im Wirthshause wird wohl schwerlich aufzufinden seyn. Das Wirthshausleben zerstört das Familienleben, und doch ist uns Deutschen der Familiengeist dermaßen angeboren, daß wir selbst im Wirthshaus, wo wir dem Hause entronnen zu seyn wähnen, nicht eher unser Behagen finden, als bis hier wieder ein eingebildetes Familienleben bestrickend vor unsern Sinnen gaukelt. In diesem innern Widerspruch liegt aber eben so gut ein tragisches wie ein komisches Element, und nicht mit allen Stammgästen geht die deutsche Volkssage so glimpflich um, wie mit dem alten Matzenheimer. Als alle Bauern beim Schall der Vesperglocke aus der Schenke gingen, blieb ein zäher Stammgast wie zum Trotz sitzen und rief höhnisch in das Geläut hinein: »Ich gang nit mit! Ich will der Letzte seyn! Wirth, noch so ein Schöpple!« Da versank die Schenke mit einem furchtbaren Schlag in die Erde und der Stammgast kann nun darin sitzen bleiben bis an den jüngsten Tag. Keine Literatur hat so köstliche Bilder jener Originale aufzuweisen, die ihren häuslichen Herd in der Schenkstube gefunden haben, wie die deutsche und englische, keine andere so breit behagliche Wirthshausschilderungen. Wäre das Haus nicht unser nationales Heiligthum, das Wirthshaus würde nicht so reichen Stoff von Poesie und Humor bieten. Was ist es denn, was den ganz gemeinen Wirthshausscenen auf den Bildern eines Jan Steen, Ostade, Teniers doch wieder eine dichterische Weihe gibt? Sind denn da nicht häufig bloß verlumpte Trunkenbolde dargestellt, Unfug und Unflätherei aller Art verübend, Kerle, die wir, wo sie uns in Wirklichkeit gegenüberträten, nur mit der Feuerzange anrühren würden, während wir ihr naturgetreues Conterfei als einen kostbaren Schmuck in unser Zimmer hängen! Der deutsche Genius der Kneipe, der Häuslichkeit im Wirthshause ist es, den jene Niederländer in ihren Bildern festzubannen wußten und der auch in das kanibalische Wohlbehagen ihrer betrunkenen Bauern und Matrosen einen idealen Funken wirft. Die alten holländischen Genremaler genossen diese Häuslichkeit im Wirthshause selber in so vollen Zügen, daß ihrer eine ziemlich ansehnliche Zahl im Kneipleben persönlich zu Grunde gegangen ist. Damals war aber auch noch die Zeit der colossalen Hochzeits-, Kindstaufs-, Kirmes- und Zunftschmausereien, einer Festes-Ueppigkeit im häuslichen und wirthshäuslichen Volksleben , die unser Geschlecht nicht mehr kennt. Und so vermochten denn auch jene Maler ihre traulichen Kneipbilder mit einer Naivetät und einer verklärenden Gemüthlichkeit des Humors zu malen, die uns nicht mehr eigen seyn kann. Wagt ein moderner Maler, was Jan Steen oder Ostade gewagt hat, dann wird er sofort gemein und widerlich. Denn als die Häuslichkeit der Familie zu entschwinden begann, da zog sie mit ihrem besten Theile auch aus dem Wirthshause fort. Andererseits sind wir viel zu sittlich bewußt geworden, als daß sich auch nur noch ein Matrose mit so göttlich anmuthiger Naivetät vollsaufen könnte, wie ein Ostade'scher Matrose. Die Geselligkeit im Innern einer deutschen Studentenverbindung trägt meist ein ganz häusliches, familienhaftes Gepräge. In der Kneipe erwacht und befriedigt sich der erste Drang des Burschen nach eigener Häuslichkeit. Darum tauft er auch seine wirkliche Wohnung, wenn er sie mit gemüthlichem Ausdruck bezeichnen will, nach dem Wirthshaus und nennt sie seine »Kneipe.« Wo anders läge denn nun die vielgepriesene Poesie des Kneiplebens der Studenten, als in dem völlig häuslichen Behagen, das sich damit verknüpft? Où peut-on être mieux qu'au sein de sa famille ? – das ist der Gedanke, der den deutschen Burschen zum Wirthshause zieht. Aus dem elterlichen Hause ist er zum erstenmale hinaus in die Fremde gekommen, er steht allein, Heimweh beschleicht ihn: da schafft er sich eine neue Familie in der Corps-Brüderschaft, ein neues Haus in der Kneipe. Nun ist seine häusliche Sehnsucht beschwichtigt, nun ist er doch wieder irgendwo daheim. Solche improvisirte Häuslichkeit unter den deutschen Studenten hat bestanden, so lange es deutsche Universitäten gibt. Nur die Form wechselt mit dem Geist der Zeiten, und ich möchte eben nicht behaupten, daß die gegenwärtige Form die beste sey. Als der klösterliche Geist noch fester saß bei der deutschen Nation, nahmen die Studentenverbindungen die Form klösterlicher Genossenschaften an, zum gemeinsamen Leben, gemeinsamen Studium und gemeinsamer Erholung. Die Erinnerung daran lebt noch fort in unsern akademischen Stiften und Convicten. Den gelehrten Verbrüderungen der deutschen Literatoren im siebzehnten Jahrhundert entsprachen etwa jene gelehrten Tischgesellschaften der Studenten, bei welchen die Gemeinschaft der Studien und einer familienartigen Geselligkeit neue Keime des Genossenschaftslebens legte. Als im achtzehnten Jahrhundert das geheime Ordenswesen bei den gebildeten Leuten in Mode kam, spiegelte es sich sofort in den Studentenverbindungen ab. Auch hier entstanden Orden, Logen, abentheuerliche Geheimbünde. So ist denn auch das moderne Verbindungswesen ein Abbild theils des entschwindenden, theils des wiederauflebenden Corporations- und Familiengeistes im deutschen Volke. Die Entartung zu einer bloßen Wirthshausschwärmerei hängt innig zusammen mit dem Mangel an festen, in guter Sitte begründeten Formen des gemeinsamen Lebens, der unsere Zeit überhaupt charakterisirt. Aus einer neuen organischen Gliederung unserer Gesellschaft, aus der Wiederbelebung und Festigung der Sitte des Hauses wird auch das Verbindungswesen der Studenten von selber in verbesserter Auflage hervorgehen. Die wüste Entartung des studentischen Wirthshaus-Lebens wird genau zu der Zeit aufhören, wo der Handwerker seine Zunftstube wieder gefunden hat, der Bauer seine reformirte Spinnstube, der Mann des Salons seine Wohnhalle, und wo die Familie sich wieder erweitert hat zum »ganzen Haus.« Tritt der Student nach vollendeten Studien ins bürgerliche Leben über, dann fühlt er als vereinzelter Mann in der Regel so lang ein Heimweh nach der Familie seiner akademischen Genossen, bis er sich selber eine Familie und ein Haus gründet. In diesem höchst merkwürdigen innigsten Zusammenhang der akademischen Geselligkeit mit der Idee der deutschen Familie steckt das Geheimniß, weßhalb sich der deutsche Bursch in der ganzen Welt nicht zum zweitenmale wiederfindet. Denn studiren und trinken können wohl auch andere Studenten, aber kneipen können sie nicht, kneipen mit der Naivetät Ostade'scher Bauern; sie wissen nicht das wunderliche Familienleben der deutschen Studentengenossenschaft mit seinen strengen, oft noch ganz mittelalterlichen Sitten des Hauses, ja mit geradezu aristokratischen Hausgesetzen nachzubilden und zu der ganzen Lebenspraxis des Burschen in Wechselbeziehung zu setzen, weil dem Charakter ihrer Nation die Tiefe und Fülle des deutschen Familienbewußtseyns überhaupt fehlt. Wie ein blasser Schatten dieser engbeschlossenen studentischen Häuslichkeit erscheint das in süddeutschen Reichsstädten wie in den alten Städten Norddeutschland vorherrschende Herkommen, daß sich zahlreiche kleine Trinkgesellschaften unter den Bürgern bilden, die in gemietheten Zimmern »unter sich« seyn wollen, eine eigene Haus- und Zechordnung für ihre geselligen Abende festsetzen und gleichsam eine auch räumlich isolirte Familie im Wirthshause improvisiren. Wenn der ehemalige Kurpfälzer, der im Allgemeinen die alten Sitten des Hauses sehr gründlich über Bord geworfen hat, Kirchweih hält, dann bricht bei ihm plötzlich die ganze Glorie altväterlichen Familienbewußtseyns wieder in die moderne Welt herein. Dieses einzige Mal im Jahre geht ihm der erloschene Gedanke des »ganzen Hauses« wieder auf. Was irgend zur Familie, zur Freundschaft und Verwandtschaft zählt, das strömt zusammen, um am häuslichen Heerde zu »kneipen.« Je mehr Gäste, je größer die Ehre. Fast alle alten Kirmesbräuche sind dort verschwunden, aber auf Kirmes sehen sich alle zerstreuten Verwandten wieder, die sich im ganzen Jahr nicht gesehen haben. Häuser und Stuben werden neu getüncht und geschmückt und die Tische zum Brechen mit Essen und Trinken beladen, zween fette Kälber werden geschlachtet, gleich als gälte es die Heimkehr des verlorenen Sohnes zu feiern, und dieser verlorene Sohn ist das »ganze Haus.« Dieser einzige Zug der pfälzischen Kirmes gibt ihr noch den Schimmer eines wirklichen Volksfestes. Die Kirchweihen alle auf einen Tag zu verlegen hieße hier den letzten Rest des Zusammenhangs der Familie und der Geselligkeit bei dem letzten übrig gebliebenen Volksfeste mit Gewalt zerstören. Denn das Zusammenströmen der ganzen Sippschaft von nah und fern bildet ja gerade die Weihe dieses Tages, und ich glaube, daß der liebe Gott um pfälzischer Gastfreundschaft willen und um jenes einzigen patriarchalisch-familienhaften Grundzuges der Kirmessen willen, den Pfälzern die schweren Sünden, welche sie durch Abschwörung so vieler deutschen Sitten des Hauses begangen, dereinst vergeben wird. Stellen wir dem deutschen Volk, welches die Familie immer noch so tief in die Geselligkeit hinein wachsen läßt, wieder dasjenige gegenüber, welches von diesem Zusammengehen kaum eine Ahnung hat, die Angloamerikaner, so finden wir bei dem Wirthshausleben wieder ganz die gleichen Gegensätze, denen wir stets bei dieser Parallelisirung begegnet sind. Der Amerikaner trinkt sein Glas Branntwein vor dem Schenktische stehend, und der Anstand fordert, daß er das Glas auf einen Zug leere. Im Stehen kann man aber schlechterdings nicht kneipen. Selbst wenn Mehrere zur Unterhaltung mit einander ins Wirthshaus gehen, sehen sie sich in der Regel nicht. Die Wirthshäuser sind nach einem ganz aristokratischen Rangsystem abgestuft. Während man in Süddeutschland wohl den Staatsminister und den letzten Taglöhner in derselben Bierstube kann sitzen sehen, werden in den großen Städten Nordamerika's vornehme und geringe Leute durchaus nicht in ein und dasselbe Wirthshaus gehen. Ja der vornehme Wirth fordert doppelte Preise, lediglich um den gemeinen Mann fern zu halten, und man findet das ganz in der Ordnung. Höchst charakteristisch ist, daß es in Neu-York nicht für guten Ton gilt, in dem nämlichen Schenklocale mehrere Gläser nach einander zu trinken. Wer größeren Durst verspürt, der geht vielmehr von einer Schenke zur andern und trinkt überall stehend sein eines Glas. Es soll beileibe Niemand in einem Wirthshause heimisch werden und sich häuslich niederlassen! Da wird doch das Princip recht klar, auf welchem der Unterschied zwischen Trinken und Kneipen beruht. Die abscheuliche nordamerikanische Sitte stehend zu essen und zu trinken, hat sich auch bereits in unsere Salons eingeschlichen. Man glaubt dadurch eine besonders gemächliche und lebendige Unterhaltung zu erzielen, da doch nur das Geschwätz lebendiger wird und nicht das Gespräch, wenn man mit Theetasse, Hut, Handschuhen und Kuchen in der Hand im Saale auf- und abläuft und dabei jeden Augenblick gewärtig seyn muß, daß einem ein ungeschickter Bedienter die mit zwei Fingern gehaltene volle Tasse in den Hut stößt, der darunter am dritten Finger schwebt. Man soll eben nicht seßhaft werden in seiner Gesellschaft, nicht einmal auf einem Stuhl, man soll sich nicht von wenigen anziehenden Leuten wie von einem kleinen Familienkreise fesseln lassen, sondern mit der Allgemeinheit verkehren. Das ist aber nicht deutsche »Sitte des Hauses,« sondern französischer »Ton,« der auf dem Grundaccord der Ausebnung aller charakteristischen Eigenart in der Gesellschaft aufgebaut ist. Da war es doch ohne Vergleich noch familienhafter in den vornehmen Cirkeln vor hundert Jahren, wo die Damen am Kamin kleine Bilder ausschnitzelten und bunte Seide zupften, um dieselbe zu allerlei Farbenspielen zusammenzulegen, indeß die Herren im Halbkreise umher saßen und den schnitzelnden und zupfenden Schönen den Hof machten. Die eigenthümliche, ceremoniöse und geistreiche, von der Familie ganz gelöste Geselligkeit unseres Salons hat bei den Fürstenhöfen ihre ursprüngliche Heimath. Ein Fürst muß allerdings häufig gesellige Kreise um sich versammeln, die nicht für eine Erweiterung des Familienkreises gelten können. Wie nun die Hoftracht unsere bürgerliche Tracht, der Palaststyl unsere bürgerliche Architektur verdrängt und aufgesogen hat, so ist auch diese höfische Form der Geselligkeit in unsere bürgerlichen Kreise übergegangen, wo ihr doch eigentlich aller Boden fehlt. Dazu kommt, daß die Sitten des modernen Salons überhaupt nicht einmal deutsche, sondern meist französische Sitten sind. In Betreff der verfeinerten Geselligkeit der Franzosen gilt aber gewiß am meisten das harte Wort, welches Kaiser Maximilian I. diesem Volke entgegengeworfen: »Sie singen höher, denn genotiret; sie lesen anders, denn geschrieben; sie reden und sagen anders, denn ihnen im Herzen ist.« Durch die häusliche Geselligkeit sammelt sich der Mensch: im Kreise seiner Freunde wird er erst recht bei sich zu Haus. Der unhäusliche Salon dagegen zersplittert die Naturen. Man unterhält sich da nur in Aphorismen, man huscht nur an aphoristischen Erscheinungen vorüber. Die dem Salon vergleichbare Erscheinung in unserer Literatur ist das »Feuilleton;« wer aber vorwiegend Feuilletons liest, der kann zuletzt gar kein solides Buch mehr lesen. Das kann auch der ächte Salonmensch nicht mehr, er liest keine Bücher, sondern er liest nur noch in Büchern; er kann auch nur Gespräche anknüpfen, aber keines zu Ende führen; überhaupt nur anregen, nicht selber vollenden; er wird sprunghaft, unstät, eine zerstückle Natur; er ist kein ganzer Mann mehr und vermag auch nicht mehr den ganzen Mann zu würdigen; denn im Salon streifen sich nur die Persönlichkeiten, aber sich fassen sie nicht. Das sind tiefgehende Krankheitszustände unserer Zeit, und ich lobe mir gegen jene feinen Leute die Zöglinge einer ordentlichen Spinnstube. Ich habe oben von den Zeichnungen Ludwig Richters gesprochen als einem Wahrzeichen der wiederauflebenden treuherzigen schlichten Familienhaftigkeit. Allein auch für das verstörte, unruhig geistreiche Wesen des Salons bietet uns nicht bloß eine einzelne Kunstrichtung, sondern fast eine ganze Kunst in ihrer gegenwärtigen Erscheinung ein Wahrzeichen. Es ist die Musik. Seit die große Periode der Hausmusik mit Beethoven sich abgeschlossen, ist die überwiegende Masse der musikalischen Production immer mehr diesem Geiste des Salons dienstbar geworden. Das feuilletonistische, abgerissene, geistreich gaukelnde, auf der Oberfläche hinstreichende Wesen des Salons charakterisirt das eigentlich Moderne in unserer Musik. Die wenigen tüchtigen Meister, welche eine Ausnahme machen, kennt die Nation; sie sind aber auch nicht recht modern. Ein »ganzes« Musikstück ist heutzutage so selten wie ein ganzer Salonmensch. Die übertriebene, überreizte musikalische Schreibart, die jeder melodischen und harmonischen Wendung eine apparte Pointe geben will und der großen Masse bereits den Magen völlig verdorben hat für jede natürliche und einfache Musik, verdankt der Berechnung auf den Effect im Salon großentheils ihren Ursprung. Unsere übrigen Künste sind in neuerer Zeit alle derart wieder erstarkt, daß man sie im Salon nicht mehr recht brauchen kann, nur die Musik ist noch schlecht genug dazu. Der Salon entscheidet über die Erfolge der meisten Musiker, und unzählige Musiker sind noch immer feil genug, um dem Erfolg im Salon ihre bessere künstlerische Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. Weil der geistreich gesellige Cirkel des Salons seiner Natur nach außerhalb der Familie steht, so läßt man ihn am besten in dieser Isolirung. Das Verkehrteste kommt zu Tag, wenn man gar die Familie in den Salon hinüberführen will. Die Familie kann im geselligen Kreise niemals secundär seyn: entweder sie ist das ursprüngliche und bestimmende oder sie tritt ganz zurück. Um den Salon familienhafter zu machen, schickt man wohl gar die kleinen Kinder in den Salon. Sie sollen dort feine Sitten lernen und ein Stückchen von jenem französischen Ton, der »höher singt als genotiret ist.« Uns erscheint es aber als eine wahre Sünde wider den heiligen Geist, die harmlose Kinderseele hinauszustoßen in dieses Treiben. Denn obgleich sie gar harmlos bleibt, so lange man sie rein bewahrt, lernt sie doch nicht bloß ein Stückchen von jenem Ton, sondern pfeifet bald jedes Lied in derselben Art. Wenn ein sechzehnjähriges Bauernmädchen, die noch Sonntagsschülerin ist, auf der Kirmes tanzt, dann wird sie vom Gendarmen zur Bestrafung notirt. Wenn aber zwölfjährige Puppen Kinderbälle geben, eigene Kindersalons eröffnen und mit den großen Leuten zum thé-dansant fahren, dann brauchen sie sich vor keinem Gendarmen zu fürchten. Solche Kinderbälle gemahnen mich immer an ein niederdeutsches mittelaltriges Bild vom Todtentanze. Dort ist neben Anderem auch ein Kinderball dargestellt. Der Tod tanzt mit den Kindern, und das Kind spricht zum Tod: »O Tod, wie soll ich das versteh«! Ich soll tanzen und kann noch nicht gehn!« Im »Hause« gibt es nichts unbedeutendes, und in scheinbar ganz geringfügigen Sitten des Hauses stecken oft tiefe sociale Consequenzen. Es ist z.B. auf den ersten Blick ganz gleichgültig, zu welcher Stunde man zu Mittag ißt. Und doch könnte man eine kleine Geschichte des socialen Liberalismus der letzten sechzig Jahre schreiben, deren einzelne Abschnitte sich ganz schlagend nach dem allmählichen Vorschieben der Mittagessensstunde abtheilen ließen. Vor der französischen Revolution fiel die allgemeine bürgerliche Mittagessensstunde in Deutschland zwischen 11 und 12 Uhr. Mit den zahllosen willkürlichen Neuerungen, mit welchen die Franzosen damals alle bisher übliche Zeiteintheilung abschaffen wollten, nicht weil sie schlecht, sondern bloß weil sie alt war, schoben sie auch die Mittagessensstunde auf 1 Uhr vor. Die Deutschen rückten nach, und wer bei uns nur halbwegs für einen aufgeklärten und volksthümlichen Bürger gelten wollte, der speiste nun wenigstens zwischen 12 und 1 Uhr. Der neue Kalender der französischen Revolution fiel mit der Republik, die neue Mittagessensstunde aber blieb, da sie keine so gewaltsame Neuerung, sondern nur eine scheinbare ganz bedeutungslose Variation gewesen war. Wo aber einmal in eine so feste Sitte das kleinste Loch gekommen ist, da läßt sich auch weiterhin nichts mehr dran halten. Die bürgerlichen Leute merkten es nun plötzlich den großen Herren ab (denen sie auch den Salon abgeguckt haben), daß dieselben ja nicht einmal um 1 Uhr, sondern erst um 2, 3 bis 4 Uhr tafelten. Wer bis 10 Uhr schlafen kann, für den wird es freilich erst um 4 Uhr Mittag. Es lag nun ganz im Geiste jener socialen Gleichmacherei, deren innerster Kern die Hoffart, die höher singen will, als genotiret, daß die allgemeine Mittagessensstunde in Frankreich immer weiter hinausgeschoben wurde. Gegenwärtig haben die Franzosen den Witz, man werde nun bald so weit vorgerückt seyn, daß man immer erst am folgenden Tag esse. In Deutschland ging man langsam aber sicher nach, und wo der Großvater zwischen 11 und 12, der Vater zwischen 12 und 1 Uhr zu Mittag gegessen, da »dinirt« der Sohn und Enkel jetzt um 2, 3 oder 4 Uhr. Die guten Philister merken gar nicht, daß sie mit ihrer vornehmen Tischzeit verkappte Revolutionäre sind. Vor mehreren Jahren erlebten wir das merkwürdige Ereigniß, daß durch eine ganze deutsche Stadt (Köln) ein förmlicher Principienkrieg ging über die Mittagessensstunde. Eine Partei wollte eine neue Tischzeit octroyiren, sie wollte dieselbe nach französischer Art noch tiefer in den Nachmittag hineinschieben und, da es sich um gemeinsame Interessen der Bureaus und Comptoire handelte, diese neue Sitte durch die Wucht der Majorität feststellen. Im Punkte der Sitte, und gar der häuslichen, läßt sich aber mit Gewalt schlechterdings nichts durchsetzen; man macht die Leute dadurch nur um so widerborstiger. Nachdem man vielen Lärm gemacht, wurde der Plan wieder fallen gelassen. Wohl aber kann man Sitten ganz allmählich reformiren, indem Jeder bei sich selber anfängt und ganz still in Wort und Exempel bei Freunden und Bekannten weiter Propaganda macht, bis zuletzt ein allgemeiner Brauch, endlich eine neue Sitte auskeimt. Es sollte nur einmal eine respectable Zahl unabhängiger Hausväter den Muth haben, ihr Tagewerk wieder zwischen 5 und 6 Uhr Morgens zu beginnen und die Tischzeit zwischen 11 und 12 Uhr zu legen, so würden bei der natürlichen Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung bald Tausende nachfolgen, die sich jetzt noch aus eitel Vornehmthuerei schämen, nach deutsch bürgerlicher Sitte Mittag zu machen. Die Bureaus und Comptoire würden allmählich gezwungen, sich nach diesem Brauch zu richten und mit der endlichen Restitution einer eben so vernünftigen als historisch begründeten Sitte des Hauses wäre zuletzt mehr gewonnen, als mit einem ganzen Gebund vortrefflicher neuer Gesetze. Sechstes Kapitel. Zum Wiederaufbau des Hauses. Will ein Volk sich jung bewahren, dann muß es seine überlieferten Sitten pflegen und weiterbilden. In den Sitten des Hauses verjüngt sich das staatliche und gesellschaftliche Leben. Man hat so oft das kalte Wort gesprochen, daß das deutsche Volk nur in seiner Literatur und Wissenschaft sich einig wisse. Deutschland ist aber auch im Großen und Ganzen immer noch einig in der nationalen Idee des deutschen Hauses . Es gibt noch eine deutsche »Familiensitte,« und die durchlöcherte und zerrissene Sitte des »Hauses« könnte aus dieser wiederhergestellt werden. Noch sind wir einig in der Familie, aber wir wissen uns nicht mehr einig darin. In der Literatur wissen wir uns allerdings längst schon einig. Dieses Bewußtseyn des deutschen Hauses als des köstlichsten nationalen Kleinods, in welchem die Stärke unserer Nation geborgen lag und für die Zukunft liegt, das Bewußtseyn der Einigkeit in deutscher Haussitte muß wiedergewonnen werden. Wir können uns nicht tiefer entwürdigen, als wenn wir die Ausländerei ins deutsche Haus eindringen lassen. Mit unsern häuslichen Sitten müssen wir die Grundpfeiler unsers Volksthums retten und bewahren, des in aller seiner lebensprühenden Vielgestaltung dennoch einigen deutschen Volksthums. In der Erhaltung der altüberlieferten Sitten des deutschen Hauses kann man darum nicht zäh und eigensinnig genug seyn. Man soll annehmen, daß diese Sitten schon dann positiv gut sind, wenn sie nur kein nachweisliches Unheil stiften. Selbst wenn sich für ein harmloses Herkommen des Familienlebens gar kein eigentlicher Zweck mehr auffinden läßt, soll man ihm aus Gnaden das Leben schenken. Man kann aus einer Mauer einen kleinen Stein losbröckeln, welcher für sich so gut wie gar nichts trägt und hält, und noch einen und immer mehrere, und von keinem einzelnen derselben wird man sagen können, daß er zur Festigkeit der Mauer durchaus nothwendig sey, und wenn man hunderte von diesen einzeln sämmtlich überflüssigen Steinen herausgezogen hat, gibt es doch ein Loch und die Mauer stürzt ein. Gerade so geht es mit an sich ganz gleichgültigen Sitten des Hauses. Jede Familie muß den aristokratischen Stolz haben, eine eigenartige Familie zu seyn. Sie sollte darum alles sorgfältig sammeln und bewahren, was ihren besondern Charakter dokumentirt. Mit diesem Familienconservatismus ist es aber im deutschen Bürgerhause jetzt meist gar traurig bestellt. Man liebt es ja hier das Auseinanderfallen der Familie als die Folge der Beweglichkeit unserer Kapitalwirthschaft, unserer unendlich wandelbaren bürgerlichen Erwerbs- und Verkehrsverhältnisse zu fassen und darum als etwas ächt modernes, großstädtisches, fashionables wohl gar zu bewundern. Unsere Väter haben sich emancipirt von der Kleinstädterei, und wir müssen uns von der Großstädterei emancipiren. Selbst in den begütertsten, gebildetsten Bürgerkreisen wissen ja die meisten Leute nicht einmal mehr, wer und was ihr Urgroßvater war. Das wäre ja ganz bäuerisch, noch etwas vom Urgroßvater zu wissen! Indem also die Familienkunde hier selten über den Großvater hinaufreicht, umfaßt sie gerade nur den kleinen natürlichen Kreis von Geschlechtern, die mit Lebensende und Lebensanfang einander noch zu erleben pflegen. Und doch haben unsere Väter noch fleißiger Notizen über die Familie aufgezeichnet als wir. Was wird nun vollends die kommende Generation von ihren Vorgängern wissen? Da kann also auch in der Sitte des Hauses von Familienüberlieferungen kaum mehr die Rede seyn. Ihr sprechet von deutscher Einheit, als ob der Bundestag oder das Parlament oder der Kaiser oder sonst wer eine deutsche Einigung machen solle; Ihr selber verrathet aber das einige deutsche Volksthum, indem Ihr das Familienbewußtseyn geflissentlich einschlafen laßt, die Familienüberlieferung austilgt, den Geist und die Sitte des deutschen Hauses austreibt, die uns so tief und stark verbunden halten. Ihr wollt national seyn in der Politik und seyd kosmopolitisch im eigenen Hause, wisset Ihr nicht, daß, wer den Teufel bannen will, selber rein seyn muß? Man nimmt jetzt häufig wahr, daß die alten Leute in dem raschen Wechsel unsers Lebens die Sitten ihrer Jugend selber vergessen, und die Großväter, welche den Enkeln von den Herrlichkeiten vergangener Tage – von denen ihres Großvaters Vater von alten Leuten erzählen hörte, da er noch jung war – im treuesten Chronikenstyle berichten, existiren auch aus diesem Grunde schon lange nur noch in den Romanen. Man hat gut reden von dem natürlichen Zusammenhang der Familie mit dem Wohnhause in einer Zeit, wo die Mehrheit der Stadtleute zur Miethe wohnt. Wie viele von ihnen, wissen denn noch, in welchem Hause sie geboren wurden? Daß so viele Menschen auch nur noch wissen, wie alt sie selber sind, ist schon ein halbes Wunder. An alle dem sollen die modernen wirthschaftlichen Verhältnisse schuld seyn. Man beklagt dann mitleidig das Familienleben als das nothwendige Opfer dieser Verhältnisse. Ist denn aber das Geld und der Erwerb das höhere und nicht vielmehr die Familie? Die Sittlichkeit und Eigenartigkeit des Volksthumes, wie sie durch die Familie bedingt ist, steht höher als das materielle Vermögen des Volkes. Und wenn die materielle Volkswirthschaft eine Richtung genommen hat, durch welche das deutsche Haus aus allen Fugen gerissen wird, dann ist damit nur bewiesen, daß diese wirthschaftliche Richtung eine schlechte und verwerflich seyn. Auf dem Reichthum eines Volkes, welches sein Haus verläugnen muß, um im Erwerb wetteifern zu können mit andern Völkern, ruht doch kein Segen. Statt also das Haus als ein nothwendiges Opfer unsers modernen Wirthschaftslebens zu beklagen, sollte man vielmehr die ökonomischen Entwickelungen den sittlichen unterordnen und lieber die ganze moderne Nationalökonomie zum Teufel gehen lassen als unser deutsches Haus. – – Das bürgerliche Haus, zu dem ich nach dieser Abschweifung zurückkehre, hat keinen Stammbaum und braucht keinen zu haben. Aber eine Familienchronik sollte in jedem Bürgerhause, in welchem man lesen und schreiben kann, angelegt werden. Vordem waren in der Hausbibel ein paar Blätter vorgebunden, wo der Hausvater Geburten, Sterbefälle und Familienverbindungen eintrug. Es war das gleichsam ein officieller Akt, und der Hausvater fühlte sich in seiner patriarchalischen Würde, wenn er eine Urkunde in dieses Hausarchiv brachte. Man sollte nun aus diesen einzelnen Blättern ein kleines Heft machen; es wird auch in der Bibel noch Platz finden und ist da an einem guten Ort. Will man eine umfangreichere Familienchronik anlegen, so kann sie neben diesem Haupturkundenbuch immer noch ein besonderes Buch bilden. Als sich im achtzehnten Jahrhundert die Sitte des Hauses lockerte, begannen viele Bürgersleute solche Familiennotizen in den Kalender einzutragen. Allein der Kalender bezeichnet den Wandel der Zeit, die Bibel das ewige Beharren im Wechsel. Darum wäre es ein Zeichen, daß man die Zopfzeit abgeschworen, wenn man das Hausarchiv wieder in die Bibel zurückverlegte; der Kalender war nicht feuerfest genug. Als es altmodisch geworden war, auch nur noch die gedrängteste Hauschronik im Kalender zu führen, kamen die Tagebücher und Selbstbekenntnisse auf. Sie charakterisiren ihre Zeit. Es war die Periode der subjektiven Genialität, des Humanitarismus. Im achtzehnten Jahrhundert, als die feinere Sitte in Deutschland unter das Joch der französischen gebeugt war, und im Anfange des neunzehnten, als das französische Soldatenregiment Deutschland in Banden schlug, grassirten auch die sentimentalen Tagebücher vorzugsweise. Es waren das auch die Tage der endlosen Briefschreiberei, und in den bogenlangen Briefen, die zusammen wieder ein Tagebuch bildeten, bespiegelte sich der Freund und machte sich schön angesichts des Freundes. In solchen Bekenntnissen spricht nur noch der Einzelne von sich selbst; das Haus verschwindet vor der Privatperson. Die Familienchronik ist dem Hause gegenüber eine öffentliche Urkunde, das Tagebuch ist ein geheimes Papier, bei dem der Autor jedoch im Stillen wünscht, es möchten Andere darüber kommen und schwarz auf weiß sehen, welch eine schöne Seele er gewesen. Anfangs hatte diese französische Rococomode der Selbstschau einen Anflug von idealer Tendenz, allmählig aber schälte sich die einfältigste Selbstvergötterung heraus. In den Tagebüchern, wo lauter persönliche Stimmungen, Eindrücke und Anregungen Tag für Tag notirt sind, macht sich eben der Verfasser gewöhnlich nur selber etwas weiß und stellt sich vor den Spiegel, um mit seiner eigenen werthen Person zu kokettiren. Wer nicht ein raffinirter Selbstquäler ist, der kann solch ein Tagebuch gar nicht führen, ohne fortwährend zu beschönigen, zu lügen und zu heucheln. Ganz anders ist es bei der Familienchronik, wo der Einzelne sich objektiv fühlt als Theil eines Ganzen, wo er nicht die biegsamen Empfindungen und Reflexionen niederzuschreiben hat, sondern die festen Thatsachen. Darum charakterisiren die Familienchroniken ein starkes und gesundes, die geheimen Tagebücher ein schwächliches und kränkelndes Geschlecht. Was gäben wir nicht darum, wenn wir auch nur von den nächsten Vorfahren unserer bedeutenden Männer trockene Hauschroniken besäßen! Ganze Lastwagen voll Selbstbekenntnisse würden auch nur wenige solcher Urkundenbücher nicht aufwiegen. In unsere ganze Culturgeschichte käme ein anderes Fundament, wenn Chroniken der Art allmählich wieder Sitte des Hauses würden. Die allgemeine Einführung ist gar nicht schwer: es braucht immer nur wieder Jeder bei sich selber anzufangen. Aus meiner Schulzeit gedenkt es mir, daß wir in öffentlicher Lehrstunde angeleitet wurden, Selbstbekenntnisse und reflektirende Tagebücher abzufassen. Ja es mußten Skizzen geheimer Selbstschau zur Probe gemacht und eingeliefert werden. Da wurde dann auch recht tapfer gelogen und renommirt. Welch wunderliche Pädagogik! Ganz ein ander Ding wäre es, wenn auch schon in den Schulen die Jugend hingewiesen würde auf die Wichtigkeit der Hauschronik und angeleitet zu ihrer besten Einrichtung. Proben könnten die Schulbuben freilich nicht sogleich zur Correctur einliefern. Aber in späteren Jahren würde das Senfkorn aufgehen und ein Baum werden, der über ganze kommende Geschlechter seinen schützenden Schatten breitete. Wo keine Pietät für die Urkunden des Hauses ist, da ist auch keine für öffentliche Urkunden. Geschichtslosigkeit in der Familie erzeugt Geschichtslosigkeit in Staat und Gesellschaft. Ein merkwürdiges Beispiel bietet hier wiederum Nordamerika. Mein Gewährsmann Kirsten berichtet: »So wenig sich hier im Privatleben der Einzelne um das kümmert, was Andere angeht, auf Andenken Werth legt etc., so beachtet auch die Gesammtheit das nicht weiter, was sie aus der Vergangenheit her berührt. Auf Sammlung von Staatsurkunden wird von den Amerikanern so gut als gar nicht Bedacht genommen. Nach der Versicherung durchaus glaubwürdiger Reisender, die historische oder statistische Notizen in den Archiven sammeln wollten, fanden sie den ungehindertsten, sogar auch wohl unbeaufsichtigten Zutritt zu denselben, alles aber in solcher Unordnung und Mangelhaftigkeit, daß ihre Forschungen großentheils vergeblich waren. Daneben begegnete es ihnen, daß sie höchst merkwürdige und wichtige Urkunden, von denen sie sich Abschriften erbaten, von dem Aufsichtsbeamten der Archive mit dem Bemerken zugestellt erhielten, sie möchten sie nur behalten .« Bei den Engländern und selbst bei den Dänen und Schweden rühmt man eine ziemlich allgemein im Volke verbreitete Kenntniß der vaterländischen Geschichte. Nicht von allen deutschen Gauen wird man das Gleiche rühmen können. In Gegenden, wo die alte Familienhaftigkeit noch fest sitzt (und von England wie von Skandinavien mag man dieß wohl eher behaupten, als von manchem mitteldeutschen Landstrich) da ist auch eine Stätte bereitet für den dem Vaterlande zugewandten historischen Sinn. Der Adel hat von standeswegen seine Familienarchive und Chroniken. Diese Archive sind aber bei den meisten Familien in den letzten hundert Jahren stark in Unordnung gerathen und sehr lückenhaft geworden. Ein durch Jahrhunderte stätig gut geführtes und erhaltenes Hausarchiv ist immer ein Wahrzeichen von der allgemeinen Blüthe des Hauses. Auf ein – leider so seltenes – Archiv der Art muß der ächte Aristokrat stolzer seyn, als auf Titel und Würden, denn es ist ein Gesammtdokument von der zur Sitte des Hauses gewordenen Familienhaftigkeit seiner Vorfahren, und läßt sich nicht nachträglich machen, wo es nicht historisch geworden ist. Umgekehrt ist die Nichtachtung der Familienurkunden in der Regel das erste Zeichen von dem beginnenden Verfall eines Geschlechts. Zuerst wird der alte Plunder von Familienpapieren an den Käsehändler und Wurstmacher aufs Pfund versteigert, und rasch hinterdrein wandert der übrige Plunder von Aeckern, Wiesen und Waldungen zum Geldjuden. Der Adel hat Familienstatuten, Hausgesetze, dazu eigene Standessitten des Hauses. Der ganze Organismus desselben ist bei ihm genauer festgestellt, als in irgend einer andern Gesellschaftsschicht, und zwar schwarz auf weiß, juristisch und urkundlich. Hier ist also kein neues Herkommen zu schaffen, sondern nur das alte, sehr bestimmte, strenger aufrecht zu halten. Aehnlich lebt aber bei den Bauern von guter Art noch eine feste mündliche Überlieferung der Sitte des Hauses. Wie dieselbe beim Adel zu einer mit diplomatischer Bestimmtheit ausgeprägten Regel geworden ist, so ist sie beim Bauern in ihrer naiven poetischen Urform stehen geblieben. Der Adel hat sich ein eigenes Recht des Hauses ausgebildet, der Bauer einen Cultus des Hauses . Beide Gegensätze der Form berühren sich im Wesen. Bloß der Bauer und der Adel unterscheiden noch praktisch, erbrechtlich, zwischen Familieneigenthum und dem freien Eigenthum des Einzelnen. An dem Herrenschloß und dem Bauernhaus haftet der gleiche Aberglaube, nur verschiedenartig gewandet. Der Aberglaube des Hauses aber ist der Urahn zahlloser Sitten des Hauses. Im Keller des Bauernhauses wie der freiherrlichen Burg sitzet derselbe stumme alte Mann und liest in dem geschriebenen Buche, indeß ihm ein Knabe die Lampe hält. Die weiße Frau, welche im Fürstenpalast todtverkündend umgeht, zeigt sich in vielen Gegenden auch im Bauernhause, und es fragt sich, ob die letztere nicht das Originalgespenst ist. Das Todtensehen in der Christnacht, wobei unter anderem der Sarg des im kommenden Jahre sterbenden Hausgenossen auf dem Giebel des Hauses schwebt, hängt eng zusammen mit der Sage von der bäuerlichen Ahnfrau. Im Bauernhofe lebt und webt es in allen Ecken von guten und bösen Geistern, ganz wie im ältesten Schlosse. Selbst in den Wänden und Tischen verspürt man ein geheimes gespenstiges Regen, Wichtelmännchen und Klopferle schaffen bei Tag und Nacht »und im Vertäfer popperet der Wurm,« wie Hebel sagt, die Todtenuhr. Nur in den modernen städtischen Wohnungskasernen spuckt es gar nicht mehr. In einzelnen Strichen der Rheinlande soll es auch im Bauernhause nicht mehr spucken seit die Franzosen das Land besessen haben, d. h. seit mit dem deutschen Hausaberglauben zugleich die deutsche Sitte des Hauses ausgetrieben worden ist. In dem Hausgarten pflanzt der Bauersmann ein junges Bäumchen in dem Jahre oder, womöglich, an dem Tage, wenn ihm ein Kind geboren wird. So wächst ihm das »Haus« im Garten gleichsam noch einmal im Bilde der Bäume auf. Stirbt ein solcher Baum ab, dann fürchtet man böse Vorbedeutung für das Leben des Kindes, an dessen Geburtstage er gepflanzt wurde. So ist mir auch am Tage meiner Geburt ein Kirschbäumchen im väterlichen Garten gepflanzt worden, von dem ich später fleißig Kirschen gegessen habe, und ich konnte es nie ohne sonderliche Bewegung ansehen, gleich als meinem Doppelgänger und sympathetisch mit mir zusammenhängend, und dankte wohl auch Gott, daß er das Bäumchen bis zum Kirschentragen hatte gedeihen lassen. Wenn sich irgendwo die tiefsinnige deutsche Auffassung des Hauses als eines persönlichen, aus dem Leben der Familie hervorgewachsenen Wesens ausspricht, dann ist es in unsern zahlreichern Volkssagen von den Hausgeistern. Die Hausgeister sind nicht nur die Schützer und Freunde des Hauses, sie rächen und strafen auch die Vernachlässigung der Häuslichkeit; sie quälen und necken den lüderlichen Hauswirth; Frau Holda zündet den faulen Spinnerinnen den Rocken an und wirft ihren Fluch in das Haus, in welchem zu Fastnacht nicht alle Rocken abgesponnen sind. Wir haben es also hier mit einem Volksaberglauben zu thun, dem große sittliche und nationale Ideen zu Grunde liegen, die Ideen des organischen Zusammenhanges zwischen Wohnung und Familie, der Persönlichkeit des Hauses und der Heiligkeit des häuslichen Lebens. Soll man einen solchen Volksglauben geradezu einen Aberglauben nennen? Soll man ihn ausrotten, wenn man weiß, daß mit ihm die schönsten Sitten des bäuerlichen Hauses fallen werden. Höchst merkwürdig ist es, daß der Hausgeist in unserm Volksglauben nicht bloß an der Wohnung haftet, sondern auch mitunter wie der Schutzgeist oder der strafende Geist des Hauses im ideellen Sinne erscheint. Der schlechte Hauswirth kann den strafenden Hausgeist nicht los werden, auch wenn er mit der ganzen Familie aus der heimgesuchten Wohnung flieht. Das ist recht lustig dargestellt in der Sage von dem Mann, der, um dem quälenden Hausgeist zu entgehen, all sein Besitzthum auf einen Wagen packte, das Haus verließ und hinter sich in Brand steckte. Als er nun davon fuhr und das Haus brennen sah und innerlich sich freute, daß er nun des Koboldes quitt geworden, da rief es plötzlich vom Wagen herunter: »Du! es war Zeit, daß wir uns aus dem Staube machten!« Es war der Hausgeist, der mit aufgestiegen war; denn seiner Wohnung konnte der Mann wohl entrinnen, nicht aber seinem Hause. Bauernkinder, die im Dunkeln auf den Speicher stiegen, sahen ein Fenster sich öffnen und schauten durch dasselbe in einen hell erleuchteten Raum gleich der großen Familienstube, nur daß alles alterthümlicher darinnen aussah, und altfränkische Gestalten wie aus der Urgroßmutter Zeit bewegten sich schweigend auf und ab und zeigten in Geberden, Stellungen und Handlungen die bevorstehenden Schicksale der Familie an. Ist diese weitverbreitete Mähr aus dem Bauernhause im Kern nicht ganz dieselbe, welche im vorigen Jahrhundert aus dem Königschlosse zu Stockholm berichtet wurde und damals Rumor durch das ganze aufgeklärte Europa machte? Die Vorfahren kommen wieder als stumme Propheten der Nachgeborenen, sie können sich von dem Hause nicht trennen, und das Fürstenschloß steht hier eben so nahe zusammen mit dem Bauernhaus, wie beide auf dem gleichen socialen Grundbau ruhen. Gerade im und am Hause zeigt sich die Anhänglichkeit des deutschen Bauern am Ererbten zumeist. Darin liegt ein Wink für den social-politischen Praktiker, der das Bauernthum in seiner Art festigen will. Er muß vorab verhüten, daß die bäuerliche Sitte des Hauses angetastet wird. Wenn ererbter Hausrath bei dem Bürgerthume älteren Styles nur als etwas besonders Ehrwürdiges galt, dann legt der Bauer ererbtem Geräth häufig sogar die Eigenschaft des Geweihten, Dämonischen, Wunderwirkenden bei. Mit dem ererbten Schlüssel des väterlichen Hauses sucht man in der Erbbibel die Zukunft zu erkunden; mit Hülfe eines Erbzaunes oder eines Erbsiebes kann man gleiche Kenntniß erlangen, nimmermehr aber mit dem Schlüssel eines Hauses, worin man zur Miethe wohnt, oder mit einem Sieb, welches man auf dem letzten Jahrmarkt gekauft hat. Im ererbten Geräth sitzt sympathetische Heilkraft. Kindern, die an Abzehrung oder Krämpfen leiden, gibt der oldenburgische Bauer Erbsilber ein, d. h. Silber, welches von einem in der Familie des Kranken vererbten Geräth abgeschabt ist. Die wahrhaft rührende, unvertilgbare Liebe, mit welcher der Mann aus dem Volke an dem Hause seiner Väter hängt, spricht sich in den zahlreichen Spielarten des ächt deutschen Volksaberglaubens aus, nach welchem auch der selig Gestorbene bei mancherlei Anlaß immer wieder in das Haus zurückkehrt, gleichwie es die als Wöchnerin verstorbene Mutter im Grabe nicht aushält, sondern allnächtlich sechs Wochen lang zurück ins Haus schleicht, um, von keines Sterblichen Auge bemerkt, ihr überlebendes Kind zu säugen. Der Bauersmann gibt daher solchen Todten Schuhe mit ins Grab, auf daß sie sich die nackten Füße nicht wund laufen. Wollte man solche Sagen des »Hauses« in die städtische Wohnungskaserne verlegen, es sähe wie der frivolste, widerlichste Spott aus. Wie der Todte nach dem Hause zurückkehrt, so holt er aber auch in andern Fällen das ganze Haus zu sich ins Grab. Der Volksglaube sagt, daß der Todte, wofern ihm ein Zipfel des Leichenhemds an den Mund komme, dergestalt, daß ers mit den Lippen erfassen könne, die übrigen Glieder der Familie »nach sich ziehe.« Darum steckt man der Leiche ein Brettchen unter das Kinn. Diese Sehnsucht des Todten nach der Familie, die allen ihren Gliedern das Leben kostet, malt sich hier in einzelnen Zügen, welche an den Vampyrismus erinnern. Aber wie sehr vermenschlicht wurde dieser Sagenkern, indem der germanische Volksglaube dem grauenhaften Gelüsten des Todes nach dem Leben das edle Motiv der unbezwinglichen Familienliebe untergelegt hat! An der natürlichen Poesie des Hausaberglaubens haftet die bäuerliche Sitte des Hauses. Sie sucht darum auch hier noch vorzugsweise gern eine religiöse Weihe. Denn der Glaube und der Aberglaube sind Geschwisterkinder. Der Ahnherr beider ist der Schauer der Creatur vor Tod und Vernichtung. Die ältesten und originellsten Volkssitten des Hauses treten darum noch immer hervor, wenn eine Leiche im Hause ist. Es geht auch in den Städten so. Wer nirgends mehr betet, dem kommt doch wohl an einem Grabe das Beten an. Abergläubische Sitten des Hauses, über die der aufgeklärte Mann sonst spottet, beobachtet er selber doch noch unwillkürlich bei Todesfällen. Die zerrissene vornehme Familie, die nirgends mehr zusammenkommt, findet sich zuletzt in der Familiengruft als im gemeinsamen Hause wieder. Die deutsche Sitte des Hauses ist ein Feld, auf welchem die naturgeschichtliche Erforschung des Volkslebens gar viele jetzt noch kaum geahnte Schätze zu heben hat. Denn man forschte bisher fast nur nach Einer Richtung hin, indem man vorzugsweise den Aberglauben und die Bräuche des Hauses untersuchte, welche sich poetisch oder durch ihren altheidnisch mythologischen Kern auszeichnen. Welche Ernte zu erwarten steht für unser ganzes Wissen von Haus und Familie, wenn auch einmal auf andern Punkten der Spaten eingeschlagen wird, das hat uns unlängst ein oldenburgischer Arzt, Dr. Goldschmidt , in einem merkwürdigen Büchlein gezeigt, welches den Titel führt, »Volksmedicin im nordwestlichen Deutschland.« Es ist darin die Hauptsumme des medicinischen Aberglaubens und der überlieferten medicinischen Präzis des oldenburgischen Landvolkes niedergelegt und geordnet. Die wunderlichen Hausmittel der Bauern, von denen sich der Arzt häufig mit Entsetzen abwendet, sind für den Culturhistoriker ein wahrer Hausschatz. Nicht nur die uralten Anschauungen unseres Volkes von dem menschlichen Leib, dem Geheimniß seines Werdens und Vergehens, seiner Vollkraft und seiner Leiden sind in der Volksheilkunde geborgen, sondern es wird uns hier auch ein tiefer Blick in das häusliche Leben des Volkes, in seine geheimsten Haussitten eröffnet. Solche Darstellungen der Volksmedizin sollten von kundigen Landärzten in allen Gauen Deutschlands aufgezeichnet werden: das Innere des deutschen Hauses würde sich uns dadurch in einer ganz neuen Beleuchtung offen legen, und für die psychologische Charakteristik des Volkes würde ein neuer Kreis der eigenthümlichsten Vorarbeiten gewonnen seyn. Wollte man in den Städten nach Resten der alten Volksmedicin suchen, so würde man wohl wenig gescheidtes mehr finden. Man sieht aus alle den vorhergehenden Ausführungen, daß die bauerliche und städtische Sitte des Hauses nicht bloß quantitativ, sondern auch qualitativ verschieden ist, daß sie auf ganz andern Voraussetzungen ruht. Dies war früher nicht in dem Grade der Fall. Das häusliche Leben war durch alle Stände gleichartiger: die neuere Zeit hat hier erst ständische Unterschiede geschaffen. Fast alles, as sich jetzt noch an Aberglauben und Sitten des Hauses bei den Bauern findet, dazu auch den ganzen religiösen Cultus des Hauses, besaßen wir früher auch in der Stadt. Stadt und Land sind hier nicht näher zusammengekommen, wie man im allgemeinen wohl wähnt, sie sind vielmehr erstaunlich auseinandergegangen. Die wichtigste Ursache, wehhalb städtische und bäuerliche Sitte des Hauses nicht mehr zusammengehen kann, ruht darin, daß beim Bauern der Besitz eines eigenen Wohnhauses etwas Wesentliches und Nothwendiges , beim Bürger etwas Zufälliges ist. Dort sitzt die Familie also fest im Hause, beide gehören organisch zusammen; hier zieht sie um, wohnt zur Miethe; das Haus ist etwas Wandelbares und Gleichgültiges. Das schlagendste Zeugniß für den untrennbaren Zusammenhang der Bauernfamilie mit dem Bauernhause sind die Hausmarken. Auch sie beginnen freilich in neuester Zeit zu verschwinden; um so mehr ist es also in einem Kapitel vom »Wiederaufbau des Hauses« am Orte, ein Wort von diesen Hausmarken zu reden, die man nicht sollte verschwinden lassen, ja deren Weiterverbreitung man anregen sollte. In vielen Gegenden Norddeutschlands (wie in Skandinavien) hat jedes Bauernhaus seine eigene Marke, einfache runenartige Zeichen, Über deren Ursprung sich die Gelehrten bis jetzt noch vergeblich den Kopf zerbrechen, und die am Giebel, an der Hausthür, dem Hofthor, der Wetterfahne ec. angebracht sind. Das Hauszeichen ist dem Bauern aber so werth, wie dem Freiherrn sein Wappen. Es besteht jedoch der große Unterschied, daß die Familie des Bauern, wenn sie einen andern Hof bezöge, was freilich selten geschieht, auch ihr Hauszeichen wechseln würde, während das Wappen des Edelmanns an der Familie haftet und von da erst auf sein Schloß übertragen wird; er vereinigt höchstens das Wappen neu erworbener Besitzungen mit seinem ursprünglichen. Allein dieses Wappen ist auch dann kein Zeichen der Besitzung, sondern des Geschlechtes gewesen. Jene Bauern dagegen leiten ihr persönliches Wahrzeichen geradezu vom Hause ab. Das Zeichen des Hauses wird auch an das Geräth gemalt, eingeschnitten, dem Vieh eingebrannt, es wird mit dem Pfluge in den Acker eingezeichnet es wird das Zeichen alles Besitzes, denn das Haus ist ja der persönlichste und eigenste Besitz der Familie. Auch an dem Kirchenstuhl und am Grabstein fehlt das Hauszeichen nicht. Noch mehr. Das Hauszeichen, welches, ich wiederhole es, keineswegs ein Geschlechtswappen ist, wird sogar zum Handzeichen des Hausbesitzers. Auf der Halbinsel Mönchgut wurden noch bei Menschengedenken öffentliche Urkunden, statt mit dem Namen, mit dem Hauszeichen unterschrieben. An dem Hause also erkennt man den Mann; seine Person und das Haus fallen in eins zusammen. Ein Lump, der nicht schreiben kann, mag drei Kreuze unters Protokoll setzen; der Bauer ältester Art dagegen malt sein Hauszeichen und läßt also sein eigenstes, persönlichstes Besitzthum, sein Haus haften für seine Person. Eine glänzendere Urkunde des uranfänglichen Zusammenhangs von Familie und Haus gibt es nicht, als diese Hausmarken. Früher fanden sich auch in deutschen Städten Hauszeichen und hatten unstreitig gleichen Sinn und gleiche Anwendung wie die Marke des Bauernhofes. Jetzt kann es gar keine Hauszeichen mehr in den Städten geben, wo man zur Miethe wohnt und nach Belieben sein Haus wechselt. Auf den Dörfern dagegen sollte man die Hausmarken in ihrer herkömmlichen Bedeutung ehren und, als das Wappen der Bauern, selbst bei den Kanzeleien und Gerichten wieder anerkennen, denn indem man solche Symbole aufrecht erhält, stützt man auch die Tendenz, aus welcher sie hervorgegangen sind, d. h. im vorliegenden Fall die Idee des untrennbaren Zusammenhanges von Mann und Haus. Ich habe in diesem Buch fast auf jeder Seite von den Bauern reden müssen, gleich als seyen die ursprünglichsten und nationalsten Formen unseres Familienlebens nur in dem Bauernhause zu finden. Dem ist auch in der That so, und es erwachsen hieraus weittragende Folgerungen für den Wiederaufbau des Hauses. Das deutsche Volk ist von Hause aus ein Landvolk gewesen, während uns Griechen und Römer als ein Stadtvolk entgegentreten. Das deutsche Volk siedelte sich zuerst nur in Höfen und Weilern an, unter fremdländischem Einfluß bildeten sich nachgehends die Städte: der Stand des freien Grundbesitzers war der Urstand des deutschen Volkes. Im gesellschaftlichen und politischen Leben wurde der deutsche Städtebürger im Mittelalter eigenartig, mächtig, er schuf neue große Entwickelungskreise unserer nationalen Existenz. Darum mußte ich in meiner »bürgerlichen Gesellschaft« sagen, daß der deutsche Bürger keineswegs bloß ein beweglich gewordener Bauer sey. Er ist eine selbständige sociale Erscheinung. Ganz anders steht es aber mit den Formen unseres häuslichen Lebens. Die Sitte des Hauses ist viel älteren Ursprunges als der Gesellschaftsorganismus: sie wurzelt bei uns durchaus in jener Zeit, wo die Deutschen noch ein Landvolk waren. Unser eigenstes Familienleben stammt aus dem Bauernhause. Das römische Volksthum ging aus von »der Stadt« als solcher, von Rom. Erst aus dem römischen Stadtbürger ging der römische Gesellschaftsbürger. der römische Staatsbürger hervor. Die Blüthe römischnationaler Sitte bekundete der Einzelne als »Urbanität.« Wir haben dieses Wort gedankenlos aufgenommen, während wir doch die Blüthe deutscher Sitte viel eher »Rusticität« nennen müßten. So lange der deutsche Bürger rein deutsche Sitten des, Hauses hatte, waren das verfeinerte Bauernsitten. Im Mittelalter ist es so noch gewesen. Mit der Beweglichkeit des städtischen Hauses ist jetzt die alte Bauernsitte im Bürgerhause theils unmöglich geworden, theils haben wir sie als altfränkischen Plunder von uns geworfen, aus London und Paris die kosmopolitische Sitte des gebildeten Europa uns verschrieben und das deutsche Haus verleugnet. So ist unser bürgerliches Familienleben, ich wiederhole es, ein qualitativ anderes geworden, als das ursprünglich deutsche, bäuerliche. Es wäre Verrücktheit zu glauben, daß jene alten naiv poetischen Sitten des Bauernhauses in der Stadt jemals wieder hergestellt werden könnten. So gewiß es in der entgeisteten Wohnungskaserne niemals wieder ordentlich geisten und spucken wird, so gewiß werden auch die alten, naiven, wesentlich im Hausaberglaubcn gewurzelten Bräuche nicht wieder aufkommen. Sollen wir aber darum das deutsche Haus in den Städten gänzlich verläugnen und verloren geben? Gewiß nicht. Eine neue Sitte des bürgerlichen Hauses müssen wir gründen, die der Bauernsitte gegenühersteht wie die bewußte, klare Lebenspraxis des Mannes dem dichtenden, Träume spinnenden Dahinleben des Jünglings. Sie muß hervorwachsen aus der bestimmten Ueberzeugung, daß nur in dem engen, durch die äußeren historisch nationalen Formen der häuslichen Sitte gefesteten Familienleben eine sittlich kräftige, staatsbürgerlich tüchtige Generation wieder aufwachsen kann. Im Taumel haben wir diese Sitten verloren: mit hell wachen Augen müssen wir sie wieder suchen. Und weil wir sie hell wach anders anschauen werden als vordem, drum werden sie auch zu anderen Sitten sich umwandeln, aber es werden gute deutsche Sitten seyn. Es vermeint Mancher, dessen politisches Glaubensbekenntnis; in äußerst loyalen und unterthänigen Phrasen abgefaßt ist, er sey ein gar conservativer Mann. Er ist aber ein Demagog, ein Revolutionär, weil in seinem Hause der Konservatismus fehlt, weil da aus eitel Vornehmthuerei jegliche überlieferte Sitte des Standes und der Familie weggeworfen ist, weil kein Hausregiment geführt wird, weil die Kinder als sociale Windbeutel aus dem Schooße der Familie hervorgehen. Unzählige »feine« Leute werden Demokraten, weil sie gar zu aristokratisch seyn wollen, und Merken selbst nicht einmal, was sie geworden sind. Mit dem bestimmten Gedanken müssen wir eine strengere Zucht des Hauses wieder ausnehmen, daß uns dieselbe social fest machen solle, wo wir jetzt noch umhergeblasen werden wie die Windfahnen. Aus dieser Zucht könnte eine neue bewußte bürgerliche Sitte des Hauses aufwachsen. Wenn sie aber außer allem Zusammenhang tritt mit der alten deutschen naiven Sitte, d. h. mit der Bauernsitte, dann wird sie doch alsbald vertrocknen; denn ein Volk ist auch nur einmal jung, und nur aus den Sitten der Jugendzeit unserer Nation strömt dem bewußt schaffenden Alter ein verjüngtes, gemüthfrisches Leben zu. Der politische Mann sollte es sich zum Exempel zur besonderen Gewissenspflicht machen, jetzt, wo die städtische Familie kaum je mehr in dasselbe Haus, in dieselbe Stadt zusammmgebannt bleibt, den Familienverkehr aus Princip um so lebendiger aufrecht zu erhalten. Aus Ueberzeugung müssen wir uns wieder Courage fassen, gleich dem Bauern wieder den Vetter und die Base zu ehren; um als conservative Männer den Staat zu stützen, müssen wir Familientraktamente halten für die ganze Sippschaft, so weit sie nur herausgerechnet werden kann, Familientraktamente wie auf einer Pfälzer Kirchweih. Regelmäßige Familienzusammenkünfte sollten zur allgemeinen Sitte werden; die Eisenbahn, die so manches alte Herkommen zerstört, würde dieses gute neue Herkommen schaffen helfen. Jeder Einzelne kann erfolgreiche Schritte zu diesem Zwecke thun, wenn er nur den Muth hat, ein deutscher, für das Haus begeisterter Mann zu seyn. Ich gedachte oben der Familienchronik. So lange es im Bauernhause noch ordentlich spuckt, braucht der Bauer keine ausgeführte Familienchronik. Er wohnt im eigenen Hause, und die Wände des Hauses erzählen ihm die Chronik seiner Väter. Er würde auch eine reglementsmäßige Familienchronik ohnedies nicht gut schreiben können, da ihm die Tinte meist eingetrocknet ist und kann sich mit den altherkömmlichen, der Bibel vorgehefteten kurzen Notizen wohl begnügen. Der Städter dagegen braucht eine solche Chronik, wenn er nicht mit der Zeit ganz familienlos werden will, denn seine gemietheten Zimmerwände sind stumm, die städtischen Großmütter haben ein schwaches Gedächtniß in Familiensachen bekommen, und so bleibt nur übrig, daß das beschriebene Papier die Überlieferungen des nomadischen Hauses einstweilen festhalte. Entsprechend den naturgeschichtlichen vier großen Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft wird auch der Wiederaufbau des Hauses unter vierfachem Gesichtspunkt vom Socialpolitiker behandelt werden müssen. Der Bauer hat einen Cultus des Hauses, bedingt durch das naive Fortleben in der überlieferten Familiensitte. Die Stammburg unsers nationalen häuslichen Herkommens ist das Bauernhaus. Das wirthschaftliche und sociale Leben des Bauern ordnet sich seiner Sitte des Hauses unter. In ihr ist dem gesammten Volke der Zusammenhang mit dem Urquell unserer ältesten nationalen Lebensanschauung gesichert. Der Socialpolitiker muß daher den Bauer nur in seiner Sitte und seinem Cultus des Hauses gewähren lassen und bewahren, er darf höchstens gelinde Hebammendienste zum Hervorziehen halb entwickelter oder halb erstickter Bauernsitte thun. Bei der Aristokratie hat sich die alt nationale Bauernsitte zu Standes- und Hausgesetzen krystallisirt. Der Stand ruht auf diesen Hausgesetzen. Werden sie nicht befestigt und neu geordnet, dann ist der ganze Stand der Adelsaristokratie ein Schattengebilde der Doctrin. Hier erhält also der Staatsmann bereits die positive Aufgabe auf dem Wege der Gesetzgebung dem in dem Wesen seines Familienthumes erst eigenartig werdenden Stande unter die Arme zu greifen. Das Bürgerthum hat die naive Bauernsitte und den Cultus des Hauses größtentheils abgestreift, es hat auch sein Familienleben nicht durch Hausgesetze gefestet. Darum muß es aber entschiedener noch als die beiden vorhergehenden Stände aus politischem Bewußtseyn zur strengen Zucht des Hauses zurückkehren. Es muß sich dadurch einen neuen Boden bürgerlicher Haussitte schaffen. Es wird der vierte Stand, bei dem ein berechtigtes Familienleben überhaupt kaum existirt, durch eine Concentration des bürgerlichen Lebens großentheils aufgehoben werden, denn eben aus der Verleugnung des bürgerlichen Hauses geht eine ungeheure Schaar von Proletariern hervor. Hier ist also der Punkt, wo wir mit aller Macht die Hebel der Reform einsetzen müssen. Jeder für sich in seinem Hause, und auch der Staat darf nicht bloß zusehen und gewähren lassen. Ich komme hier auf eine bis zum Ueberdruß besprochene Zeitfrage, auf die Frage der Auswanderung. Man wird glauben, sie müsse vorwiegend bei einer Betrachtung unserer gesellschaftlichen, unserer wirthschaftlichen oder politischen Zustände besprochen werden; ich aber glaube, sie gehört vor allen Dingen in ein Buch von der Familie. Die Leute, welche auswandern, weil sie im fernen Welttheil einen günstigeren Spielraum für die Entfaltung ihrer Kräfte bestimmt voraussehen, sind vernünftige Auswanderer. Sie sind nicht vom Auswanderungsfieber befallen, und von ihnen rede ich hier nicht. Die ungeheure Masse der Auswanderer geht nicht von diesem Gesichtspunkte aus. Sie sind vielmehr zerfallen mit dem europäischen Leben, müde dieser Zustände, in denen sie nicht recht leben und nicht recht sterben können, und steuern einem fernher dämmernden Glück entgegen, von dem sie so wenig eine bestimmte Vorstellung haben, wie von ihrem heimathlichen Unglück. Nun sagt man, diese Leute fliehen vor unsern erbärmlichen politischen und socialen Zuständen. Wer aber macht denn in letzter Instanz diese »politischem und socialen Zustände« als das Volk selber? Ein innerlich gesundes Volk ist noch niemals auf die Dauer schlecht regiert worden, und wenn unsere Gesellschaftsverfassung schlecht ist, so heißt das nichts anderes, als daß das Volk selber krankt. Die europamüden Auswanderer fliehen also vor sich selber. Es ist doch gar zu komisch zu glauben, die große Mehrzahl dieser Leute, die den untersten und bildunglosesten Volkskreisen angehören, gingen aus Unzufriedenheit mit unsern Staatsverfassungen und Verwaltungen übers Meer. Es würde ihnen wahrhaftig jede Verfassung recht seyn, denn sie verstehen die eine so wenig wie die andere, wenn sie nur mit sich selbst in Frieden wären. Die überlieferten Sitten haben sie aufgegeben, der Fesseln des Familienlebens sind sie quitt geworden, damit aber auch der süßen Bande der Familie, sie haben keinen »häuslichen Herd« mehr: warum sollten sie noch länger zu Hause bleiben? Sie sind eigenherrisch geworden; der jüngere Bruder mag dem älteren nicht mehr als oberster Knecht und Genosse dienen; er geht also übers Meer, um zu lernen, daß Der meist den schlechtesten Herrn hat, der sein eigener Herr ist. Wenn man es ganz in der Ordnung findet, daß das Volk seinen alten Rock ablegt und mit dem alten Rock seinen alten Gott, warum wundert man sich denn, daß es auswandert? So lange die Familiensitten fest waren, hielten sie auch den Mann im Hause fest. Nun ist es aber doch ganz natürlich, daß die Leute auswandern, da ihnen mit den Sitten auch »das Haus« verloren gegangen ist. Sie sind ja hier nicht mehr »zu Hause,« warum sollen sie denn hier bleiben? In den niederdeutschen Küstenstrichen und den oberdeutschen Hochgebirgsgegenden, wo der Bauer noch sein altväterliches Haus innen und außen besitzt, weiß man ja nichts vom Auswanderungsfieber: in Mittel- und Südwestdeutschland dagegen grassirt es am stärksten. Dort hat das Volk nach und nach alles Eigene, Ererbte, Angestammte aufgegeben, daß ihm zuletzt nur noch übrig blieb, die todte Scholle Landes aufzugeben, darauf es geboren ward. Daß ihm dieß nicht mehr schwer wird, ist erklärlich, und diese leichte Trennung nennt man Auswanderungsfieber. Bei den niedersächsischen Bauern, die noch im alten Sachsenhause wohnen, wo der Bruder die Ehren des Hauses in des Bruders Dienst zu mehren sucht, wo die Hausfrau in der großen Wohnhalle hinter dem Herde thront, und die Heuerleute unter dem patriarchalischen Schütze des Hofbauernhauses ihre Hütten aufschlagen, herrscht noch kein Auswanderungsfieber. Die Leute haben noch ein Haus: also fällt es ihnen auch nicht ein, auszuwandern. Wo das Auswanderungsfieber herrscht, da vermindern sich die Ehen in noch viel stärkerer Proportion als die Bevölkerungszahl abnimmt. Die Leute, welche ein Haus suchen , die heirathsfähigen Leute, wandern aus; sie fliehen vor dem alten Land, in welchem sie den Geist der Häuslichkeit nicht mehr finden können. Die Armen merken nicht, daß sie damit eigentlich nur vor sich selber fliehen! Die Verleugnung der nationalen Sitte und des deutschen Hauses ist es, die wie ein Fieber durch die Nerven unseres armen Volkes zittert und glüht; unstät und flüchtig wird das Volk, um dieser tief innen brennenden Unruhe zu entrinnen. Der einfältige Bauer merkt nicht, daß er und Andere mit seiner Väter Sitten sich und ihm auch seiner Väter Frieden gestohlen. Es ist öde geworden in seinem Haus. Nur ein böser Hausgeist spuckt noch darin, der Rachegeist der Verleugnung des Hauses. Und der Bauer packt seine ganze Habe auf den Wagen und sticht zum Auswandererschiff und steckt das väterliche Haus in Brand, damit dieser böse Hausgeist mit verbrenne, aber hoch oben von dem aufgethürmten Hausrath herab kichert ihm der Kobold zu: »Es war Zeit, daß wir uns aus dem Staube machten!« Und ob der entsittete deutsche Mann gleich über das ganze breite Weltmeer fährt, wird er diesen bösen Hausgeist doch nicht darin ersäufen können. Und würfe er all sein Hab und Gut, worin der Hausgeist scheinbar sich verschanzt, über Bord, er würde ihn doch nicht mit ins Wasser werfen, sondern zuletzt würde der rächende Hausgeist aus des Auswanderers eigener tiefster Brust heraussprechen und ihn peinigen. Wenn ein Volk vor sich selber flieht, dann hat es das Auswanderungsfieber. Es flieht dann freilich auch vor seinen socialen Zuständen; denn seine socialen Zustände hat es sich selber gemacht. Es flieht vor seinen politischen Zuständen: denn ein Volk wird im Großen und Ganzen immer gerade so gut und so schlecht regiert, als es regiert zu werden verdient. Die Regierenden sind ja doch auch ein Theil des Volkes und ihre Regierungsweise ist eine von den Früchten der gesammten Volksentwickelung. Wenn aber ein Volk sein häusliches Leben wieder in strenge Sitten fügt, dann zwingt es seine Machthaber zur politischen Tugend und indem wir unser Haus reformiren, reformiren wir den Staat. * Ich habe so viel von dem aus vergangenen Zeiten uns vererbten deutschen Bauernhause gesprochen; es stehet aber auch ein Bürgerhaus der Zukunft vor meinen Augen, welches anders aussieht wie eine Kaserne. Ihr schauet da – im zwanzigsten Jahrhundert – ein etwas unregelmäßig gebautes, mäßig großes Haus, gelegen in einer neuen und dennoch krummen, wie ein anmuthiger Fußpfad geschlängelten Straße. Die Giebelfront ist der Straße zugekehrt. Denn bis zum zwanzigsten Jahrhundert hat der Bürger so viel historische Bildung gewonnen, daß er weiß, es sei dies ein Wahrzeichen des deutschen Hauses. So wie er es aber für lächerlich hält, in seinem Hause französisch zu sprechen, so nicht minder, sein Haus nach französischer oder italienischer Art zu bauen. Der schönste Schmuck dieses zukünftigen Hauses ist ein Erker, und weil es mit der breiten Seite nach innen gekehrt ist, hat man einen traulichen Hof gewonnen, sinnig ausgeschmückt, in welchem sich die Kinder lustig tummeln, und an der dem Hofe zugewandten Front läuft oben eine offene Gallerie, von welcher die Eltern dem Treiben des jungen Volkes zuschauen können. Die Grundformen und Ornamente des Hauses sind eigenthümlich neu und doch wie der ganze Plan an altes anlehnend. Es ist nämlich bis dahin der gesuchte ächt »moderne« Styl wirklich gefunden worden. Im Hause wohnt nur eine Familie; säße noch eine andere zur Miethe darin, so würde sie wenigstens eine Hausflur, Treppe und Hausthür für sich gesondert begehren und dafür lieber einige Prunkräume vermissen oder etwas höheren Zins zahlen. Oben hinter den Giebelfenstern haust der Großvater und die Großmutter. Sie haben sich zur Ruhe gesetzt und ziehen selbst dann mit ihren Kindern, wenn diese zur Miethe wohnen. Das »ganze Haus« hält zusammen, Vettern und Basen sprechen öfters ein und finden ein nettes Gaststübchen. Zur Entgegnung »onkeln« die Kinder des Hauses in den Ferien bei den auswärts wohnenden Verwandten und zehren ein halbes Jahr an den anmuthigen Erinnerungen dieser Wanderfahrten. Die Familienfeste stehen wieder roth im Kalender und werden nach altem Style, nur mäßiger, und also auch fast fröhlicher als vor Jahrhunderten gefeiert. Der Großvater macht es sich in seinem Giebelstübchen zum besonderen Geschäft, die alten deutschen Sitten neu ans Licht zu ziehen, den Forderungen des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn's Noth thut, anzubequemen und, als Hofmarschall des Hauses, über ihre Aufrechthaltung zu wachen. Es gilt wieder für städtisch, sogar mit den Nachbarn gute Freundschaft zu halten. Die Gemeindeordnung sorgt aber auch dafür, daß sich nicht allerlei fremdes Gesindel neben den soliden Bürger siedelt. Ruhelose Lumpen wandern fleißig nach Amerika und man verschmerzt das Geld gerne, was mit ihnen fortgeht, weil sie auch ihr ansteckendes hektisches Fieber der Familien- und Gesellschaftslosigkeit mit hinübernehmen. Das Gesinde, die Gesellen und Gehülfen, zählen wieder mit zum ganzen Hause. Sie werden in strengerer Zucht gehalten, dafür aber auch, so weit es nur angeht, in den Kreis der Familie gezogen. Der Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts hat gefunden, daß die sogenannte »Erntebiere« der Bauern, das Fest, welches der Gutsherr seinen Arbeitern nach vollbrachter Ernte gibt, ein wahres Verbrüderungsfest für das Haus und das Gesinde seyn können. Er hat deßhalb gleichfalls ein eigenes Gesindefest in seinem Hause eingeführt, und zwar zu Weihnachten oder Neujahr, wo die Arbeit und Ernte des ganzen Jahres hinter uns liegt, während sonst gerade in dieser der Familienfestlichkeit am meisten geweiheten Zeit das Gesinde sich in seiner ganzen Einsamkeit fühlte, ausgestoßen aus dem Familienleben. Der Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts hat die verlorene hauspriesterliche Würde wieder erobert: er hat den Muth, wieder mit dem ganzen Hause zu beten, und mit dem ganzen Hause, wie in einem Aufzug, zur Kirche zu gehen. Ein verbessertes, aus Elementen des Vereins wie des Corporationswesens aufgebautes neues Innungsleben im Gewerb wird bis dahin mächtig diese Gesammthäuslichkeit fördern. Die Studenten haben dann die Poesie der genossenschaftlichen Bierkneipe noch nicht verloren, aber sie werden zugleich eine neue und höhere Form der Häuslichkeit wiedergefunden haben in einer Neubelebung der »Bursen .« Bursen, Gesellenhäuser, Rettungshäuser ec. werden dem Socialismus die Spitze abbrechen, indem sie die richtigen Ideen, welche in ihm enthalten sind, aufnehmen und den modernen Gedanken des in freier Vereinigung gemeinsamen Lebens verschmelzen mit der historischen Thatsache der deutschen Familie. Auch in dem vornehmen und reichen bürgerlichen Hause der deutschen Zukunft wird es keinen Salon mehr geben, wohl aber eine stolze, künstlerisch geschmückte Wohnhalle, etwa auch ein Prunkzimmer für die großen Familienfeste. Die Geselligkeit wird ihren Ausgangspunkt wieder in der Familie suchen. An den langen Winterabenden wird man fleißig Hausmusik machen, alte Hausmusik namentlich von Joseph Haydn und an besonders ernsten und geweihten Tagen von Sebastian Bach, außerdem auch noch von einigen noch unbekannten Hausmusikern »der Zukunft,« die aber gewiß nicht bei Richard Wagner in die Schule gegangen sind. Wenn nun die Glieder und Freunde des Hauses so im traulichen Kreise beim warmen Ofen beisammensitzen, dann werden sie sich auch manchmal erzählen von einer närrischen und doch großen vergangenen Zeit, die ihnen ungefähr so vorkommen wird, wie uns die Rococoperiode: – vom neunzehnten Jahrhundert. Die Männer namentlich, die bis dahin wirkliche politische Männer geworden sind, werden sich amüsiren über unsere Versuche und Theorien, mit denen wir auf der einen Seite den Staat festigen, die Gesellschaft erneuern wollten, während wir doch ganz vergaßen, vorher in der Familie die Mächte der Autorität und Pietät neu zu gründen. Unsere politischen Doctrinäre, liberalen und conservativen Zeichens, werden in diesem Punkt jenen Männern, die in der großen Wohnhalle über die gute alte Zeit plaudern, wie Leute erscheinen, die einen Bock zu melken versuchten, und unsere Nationalökonomen, Statistiker, Finanz- und Industriemänner, die eine gute Volkswirthschaft machen wollen, ohne an eine gute Hauswirthschaft zu denken, halten ein Sieb unter, um die Milch aufzufangen. Spaßhafte Dinge wird man sich erzählen von jener verklungenen urgroßväterlichen Zeit, wo von zweien Menschen, die sich begegnen, keiner dem andern zuerst »Grüß Gott« zurufen wollte, weil sich der eine so gut wie der andere als constitutioneller Staatsbürger fühlte, wo die Mägde in Einer Gesindestube und die Gymnasiasten in Einer Klasse sich untereinander mit »Sie« angeredet haben, wo der Vater »unter Mitwirkung der Polizei« seinem bösen Buben Hiebe gab, wo in dem abenteuerlichen Jahre 1848 Lateinschüler Beschwerden und Petitionen an deutsche Kammern schickten, das unconstitutionelle, despotische Regiment ihrer Lehrer betreffend, wo sich's aber die Lehrer auch ihrerseits als einen großen Schimpf verbaten, wenn man sie Meister der Schule, kurzweg Schulmeister nannte, wo die Schule ein verkleinerter Staat seyn sollte, statt ein vergrößertes Haus, und die Kindererzichung im Hause wieder eine Schulmeisterei im Miniaturbild. Man wird es dann auch ebenso kurios finden, wenn ein Vater sagen wollte, er habe keine Zeit seine Kinder zu erziehen, wie wenn ein Pfarrer sagte, er habe keine Zeit zum Predigen, oder ein Soldat, er habe keine Zeit zum Fechten. Obgleich man nun solchergestalt lächeln und sich ergötzen wird über gar manche Wunderlichkeiten und innere Widersprüche unseres häuslichen Lebens, wird man doch auch wieder mit Respect dieser unserer ringenden Zeit gedenken – mit Pietät. Denn eben weil man dann ja wieder wohnt in dem organischen Hause mit der Giebelfront und dem Erker, eben weil man das deutsche Familienleben wieder gefunden hat, betrachtet man die vergangenen Geschlechter mit derselben Pietät, mit der man seinen Vater anschaut und weiß, daß man nicht nur durch des Vaters Arbeit reich, sondern auch durch seine Fehler und Schwächen klug geworden ist. Die Kinder eines Vaters, der die Weinflasche liebt, werden selten dem Trunke sich ergeben, und in der Geschichte der Pädagogik folgen auf die geschmeichelten Generationen allemal die geprügelten. Die Ehegesetze werden in jener Zeit weit strenger seyn als in der gegenwärtigen; dennoch wird man sie nicht barbarisch nennen, weil die mit bestimmter Ueberzeugung aufgenommene strengere Sitte des Hauses die Strenge jener Gesetze selten zur Anwendung kommen läßt, weil die leichtsinnigen Ehen und folglich auch die leichtsinnigen Scheidungen seltener sind, weil der Einzelne weiß, daß er seine persönliche Fessellosigkeit den großen sittlichen Ideen der Menschheit, vor allem der Idee der Familie muß opfern können. Von den zahllosen »Hausbüchern,« die gegenwärtig in jährlich steigender Fluth den buchhändlerischen Markt überschwemmen, wird sich in dem Bücherschrank jenes Giebelhauses wenig mehr vorfinden. Es sind diese Bücher zumeist noch nicht dazu angethan, »Erbbücher« zu werden. Dennoch wird man einst ein Vorzeichen späterer glücklicher Entwicklungen darin erblicken, daß selbst die Buchhändler in unsern Tagen angefangen haben, auf das Haus (wie auch auf das »Volk«) zu speculiren, während sie noch vor zwanzig Jahren vorwiegend auf die Lust an der Verleugnung des Hauses speculirten. Als erstes weltliches Hausbuch wird aber in dem Bücherschrank jenes Giebelhauses die handschriftliche Familienchronik stehen, und man wird ihr den Ehrenplatz unmittelbar neben der Hausbibel geben. * Der Socialpolitiker konnte es sich nicht versagen, am Schlusse eines Buches, dessen Stoff so vielfach das deutsche Gemüth bewegt, schier dem Poeten ins Handwerk zu greifen, und von dem Traum einer goldenen Zukunft zu reden, die hier doch eigentlich nur als der von dem Goldschimmer der Phantasie überstrahlte Widerschein der Vergangenheit erscheint. Denn wir können uns die Zukunft überhaupt ja gar nicht anders denken, als indem wir Vergangenheit oder Gegenwart in ein anderes Colorit umstimmen. Könnten wir uns die wirklich neuen Elemente der Zukunft auch nur ahnend vorstellen, so würden wir sie damit auch schon halb besitzen und sie wäre eben keine rechte Zukunft mehr, sie wäre schon eine halbe Gegenwart. Hierin liegt aber ein tiefgreifender Beweis der Berechtigung unseres historischen Standpunktes. Nur indem wir die Vergangenheit ergreifen, besitzen wir auch die ganze Gegenwart; die Zukunft aber köen wir nur schauen in der Täuschung eines verklärten Abbildes dessen, was wir bereits besitzen. Und damit getröste ich mich gern meines verklärten Bildes vom bürgerlichen Hause mit der Giebelfront, über dessen friedlichem Dach der Himmel sich öffnet, daß man die Engel erschauen kann, wie sie sich freuen über solch ein Haus, und musiciren dazu mit ihrer himmlischen Hausmusik, die klingt ungefähr wie das schönste Quartett von Joseph Haydn. Wir besitzen dieses Haus schon halb; denn in der Idee ist es ja nur unser altes deutsches Haus. So lasset uns dasselbe auch in der Wirklichkeit erbauen, nicht bloß für die Zukunft sondern auch für die Gegenwart. Und weil das Haus mit der Giebelfront ein so persönliches Haus ist, vergleichbar jenen mittelalterlichen Häusern, die in der Inschrift von sich selber in erster Person sprechen: »Ich ward erbaut Anno Domini ...,« so muß es auch einen Hausspruch über der Thüre haben. Dazu aber erwähle ich die alten, einfachen und treuherzigen Verse, die schon so mancher deutsche Bauer über sein Haus gesetzt hat; und der Socialpolitiker denkt mit dem Poeten, sie werden gut stehen an den Pforten alles dessen, was wir in deutschen Landen bauen im Hause und in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staat: »Wo Gott nicht gibt zum Haus sein' Gunst, Da ist all unser Bau'n umsunst.«