Walter Scott Robin der Rote – der Bandenführer der Hochlande Zweiter Band Aus dem Tagebuche eines Kaufherrnsohnes. Erstes Kapitel. Von trüben Ahnungen erfüllt, wofür ich mir selbst keinen befriedigenden Grund angeben konnte, verschloß ich mich in mein Zimmer im Wirtshause und fing ernstlich zu überlegen an, was am besten zu tun sei. Ich war nie eigentlich abergläubisch; allein es war etwas so seltsam Zurückstoßendes in den Zügen des schottischen Kaufmanns, daß ich nicht beschließen konnte, mich ohne Vorsicht in seine Hände zu geben. Auf der andern Seite hatte die warnende Stimme, die ich hinter mir hörte, die Gestalt, welche einem Schatten gleich durch jene Grabhallen schwebte, etwas Anziehendes für die Phantasie eines jungen Mannes, der noch überdies ein junger Dichter war. Wenn mich Gefahr umringte, wie die geheimnisvolle Nachricht andeutete, wie hatte ich anders sie kennen lernen oder Mittel finden sollen, ihr auszuweichen, als wenn ich den unbekannten Ratgeber aufsuchte, dem ich nur freundliche Absichten beilegen zu können glaubte. Rashleigh und seine Ränke kamen mir mehr als einmal in den Sinn; allein ich war in so großer Eile gereist, daß ich nicht vermuten konnte, er sei von meiner Ankunft in Glasgow benachrichtigt, viel weniger vorbereitet, einen bösen Streich gegen mich auszuführen. Ueberdies fehlte es mir nicht an Mut und Zuversicht, ich war stark und rüstig und verstand mich auf die Handhabung von Waffen, worin alle jungen Franzosen damals geübt waren. Einen einzelnen Feind fürchtete ich nicht, und ich beschloß, meinen geheimnisvollen Ratgeber, seinem Winke gemäß, auf der Brücke zu treffen und nachher meinen Entschluß den Umständen entsprechend zu fassen. Ich darf nicht verhehlen, was ich mir damals selbst zu verhehlen suchte, – die unterdrückte, doch heimlich genährte Hoffnung, daß von Diana Vernon auf unbekannte Weise diese seltsame Warnung ausgehe. Sie allein, – flüsterte diese verführerische Hoffnung – sie allein wußte von meiner Reise; nach ihrer eignen Angabe besaß sie Freunde und Einfluß in Schottland; sie hatte mir einen Talisman erteilt, dessen Macht ich erproben sollte, wenn alle andern Mittel fehlschlugen. Wer, als Diana Vernon, besaß Mittel, Geschicklichkeit und Neigung, die Gefahren abzuwenden, welche, wie es schien, meine Schritte umringten? Diese schmeichelhafte Erklärung meiner bedenklichen Lage stellte sich mir immer von neuem dar. Ich eilte ins Freie, und ohne es zu wollen, schlug ich den Weg nach jener Brücke ein. Bis zu der angegebenen Zeit mußten jedoch noch ein paar Stunden vergehen. Diese Zwischenzeit war, wie sich leicht denken läßt, langweilig genug, und ich kann kaum sagen, wie sie vergangen ist. Mannigfache Gruppen von Menschen, jung und alt, wandelten längs der großen Wiese am östlichen Ufer des Flusses, die zu einem Spaziergange der Einwohner dient, oder gingen mit langsamen Schritten über die lange Brücke, welche zum westlichen Teil der Grafschaft führt. Allmählich war mir, als wenn es den Leuten auffiele, daß ich so unentwegt hier auf und ab ging, und ich verließ diesen vielbegangnen Weg und begab mich auf die einsamere Allee, die quer über die Wiese führte. Zu meiner Ueberraschung hörte ich plötzlich Andreas' Stimme. Ich brauchte nur hinter einen Baum zu treten, um unbemerkt zu bleiben und seiner abgeschmackten Zudringlichkeit zu entgehen. Mit einem ernst aussehenden Manne, der einen schwarzen Rock, herabhängenden Hut und langen Mantel trug, ging er langsam vorüber, und ich hörte, wie er eine Schilderung erteilte, die meine Selbstliebe zwar als Zerrbild verpönen, aber dennoch ähnlich finden mußte. »Ja, ja, wie ich Euch sage, Herr Hammorgaw,« sprach er. – »Es fehlt ihm keineswegs an Verstand, er sieht recht gut ein, was vernünftig ist – aber er ist toll und töricht mit seinem poetischen Unsinn. Ein nackter Felsen, über welchen ein Bach herabfällt, ist ihm so lieb, wie ein Garten mit blühenden Pflanzen und Küchenkräutern. Und hernach schwatzt er lieber mit einer albernen Dirne, man nennt sie Diana Vernon – als daß er hörte, was ihm gut tun würde sein Leben lang, von Euch oder mir oder andern verständigen und ehrbaren Leuten. Vernunft, Herr, kann er nicht ertragen – Gott helf' ihm!« Sein Freund verriet bloß seine Meinung durch ein: »Ei, ei,« und: »Ist's so?« und dergleichen Ausdrücke des Anteils, bis er endlich eine längere Bemerkung machte, die ich nur aus meines getreuen Wegweisers Worten abnahm: »Meine Meinung soll ich ihm sagen, verlangt Ihr? Da wär Andreas wohl ein Narr! Er hat den Teufel im Leibe, Herr! – Aber der Bursche ist bei alledem nicht bös; er braucht nur jemand, der auf ihn acht gibt. Das Gold läuft ihm durch die Hand wie Wasser, und 's ist kein übel Ding, ihm nah zu sein, wenn er den Beutel in der Hand hat, und er legt ihn selten weg. Und dann ist er von guter Herkunft.« – Das letztere seiner Mitteilung sprach er leiser, und entfernte sich mit seinem Begleiter bald aus meiner Nähe. Die Nacht war nun angebrochen. Die zunehmende Dunkelheit gab der breiten, stillen Oberfläche des tiefen und angeschwollenen Stromes zuerst eine gleichförmig dunkle Farbe, dann ein trübes, unruhiges Aussehen, hier und da matt vom abnehmenden Monde beleuchtet. Die starke, alte Brücke, die sich über den Fluß streckte, war kaum noch sichtbar. Je tiefer die Nacht herniedersank, desto stiller wurde die Gegend; doch sah man zuweilen ein Licht längs dem Ufer blinken, hörte zuweilen auch den Hufschlag eines Pferdes, das einen Landbewohner, der den Sonntag in Glasgow zugebracht hatte, nach Hause trug. Aber diese Erscheinungen wurden nach und nach seltener und hörten endlich ganz auf, bis ich einsam an den Ufern des Clyde in feierlicher Stille wandelte, die nur durch den Stundenschlag, der von den Kirchtürmen ertönte, unterbrochen ward. Je tiefer die Nacht herniedersank, desto größer wurde aber auch meine Ungeduld über die Ungewißheit, in der ich mich befand. Sie wurde bald unausstehlich, und mich überkamen Zweifel, ob, was mich getäuscht, der Streich eines Toren, der Aberwitz eines Verrückten oder der überlegte Anschlag eines Schurken sei, und mit unglaublicher Unruhe und Verlegenheit ging ich auf dem kleinen Strandwege hin, der zum Eingang der Brücke führt. Endlich erklang von der Hauptkirche St. Mungo die zwölfte Stunde, und nach einander folgten die übrigen Türme. Kaum war der Widerhall des letzten Tones verklungen, als eine Menschengestalt, die erste, die ich seit zwei Stunden gesehen, vom westlichen Ufer her über die Brücke kam. Ich ging ihr entgegen mit einer Empfindung, als ob mein Schicksal von dem Erfolge der Zusammenkunft abgehangen hätte: in solch lebhafte Besorgnis hatte mich das lange Warten gesetzt. Ich kam dem Wanderer näher und sah nun, daß er mehr unter, als über Mittelgröße, doch anscheinend stark, untersetzt und kräftig war und daß ein Reitermantel ihn umhüllte. In der Erwartung, daß er mich anreden werde, blieb ich stehen und ließ ihn näher kommen; aber ich sah mich unangenehm getäuscht, als er schweigend vorüber ging. Ich blieb stehen und blickte ihm nach, ungewiß, ob ich ihm folgen sollte. Der Unbekannte ging bis beinahe an das östliche Ende der Brücke, blieb dann stehen, sah sich um und kam wieder auf mich zu. Ich nahm mir vor, ihn diesmal nicht vorbei zu lassen, ohne ihn anzusprechen, sondern sprach ihn, als er mir gegenüber ging, mit den Worten an: »Ihr seid recht spät unterwegs, Herr!« »Ich halte die Probe,« antwortete er, »und denke, Ihr auch, Herr Osbaldistone!« »Ihr seid also derjenige, der mich aufforderte, Euch hier zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu treffen?« »Jawohl,« erwiderte er. »Folgt mir, und Ihr werdet erfahren, warum.« »Ehe ich Euch folge, muß ich Euren Namen und Eure Absicht wissen.« »Ich bin ein Mann,« war die Antwort, »und meine Absicht ist freundlich.« »Ein Mann?« wiederholte ich. »Die Auskunft ist recht kurz.« »Sie reicht für einen, der keine andre geben kann,« sprach der Fremde. »Wer ohne Namen, Freunde, Geld und Vaterland ist, ist immer wenigstens ein Mann, und wer das alles hat, ist nicht mehr als ein Mann.« »Immerhin ist dies, gelinde gesagt, keine Nachricht über Euch, daß ein Fremder Euch trauen sollte.« »Es ist die einzige, die ich Euch zu geben denke; was Ihr weiter wissen wollt, müßt Ihr durch Eure Augen erfahren, nicht durch meine Zunge – Ihr müßt mir also folgen oder über Weiteres in Unwissenheit bleiben.« Es lag etwas Trocknes, selbst Rauhes im Wesen dieses Mannes, das nicht geeignet war, Zutrauen zu erwecken. »Was fürchtet Ihr?« fragte er ungeduldig. »Wem, glaubt Ihr, sei Euer Leben so wichtig, daß man suchen sollte, Euch seiner zu berauben?« »Ich fürchte nichts,« antwortete ich fest, obwohl etwas hastig. »Voran – ich begleite Euch.« Wir gingen, gegen meine Erwartung, in die Stadt zurück und schlichen, stummen Gespenstern gleich, neben einander durch ihre leeren, geräuschlosen Straßen, deren hohe, finstere Häuser mit den mannigfachen Zieraten und Fenstereinfassungen im bleichen Mondlicht noch höher und dunkler erschienen. Eine Weile lang gingen wir, ohne zu sprechen. Endlich sagte mein Führer: »Fürchtet Ihr Euch?« »Ich gebe Eure eignen Worte zurück,« erwiderte ich. »Warum sollt' ich mich fürchten?« »Weil Ihr bei einem Fremden seid, – vielleicht bei einem Feinde, in einem Orte, wo Ihr keinen Freund und viele Feinde habt.« »Ich fürchte weder Euch noch sie; ich bin jung, rüstig und bewaffnet.« »Ich bin nicht bewaffnet,« erwiderte mein Führer; »doch darauf kommts nicht an, denn einer willigen Hand fehlt es nie an Wehr. Ihr fürchtet nichts, sagt Ihr, aber wenn Euch bekannt wäre, wer an Eurer Seite geht, möchtet Ihr vielleicht doch erschrecken.« »Und warum sollt ich?« war meine Antwort. »Noch einmal, ich fürchte nichts, das Ihr tun könnt.« »Nichts, das ich tun kann? – Mag sein! Aber fürchtet Ihr nicht die Folgen, wenn man Euch bei einem Mann fände, dessen Namen man nur in diesen einsamen Straßen zu nennen brauchte, um zu erleben, daß selbst die Steine aufständen, ihn zu ergreifen – dessen Kopf die Hälfte der Einwohner von Glasgow würde zu reichen Leuten machen, wenn es ihnen gelänge, ihn beim Kragen zu fassen?« »Und wer seid Ihr, dessen Name solche Wirkungen äußern sollte?« »Keiner von Euren Feinden, da ich Euch an einen Ort führe, wo mir ein Eisen am Bein und ein Strick um den Hals sicher wären, wenn ich erkannt werden sollte.« Ich blieb stehen und ging so weit zurück, daß ich meinen Begleiter genau beobachten konnte, so weit es das herrschende Licht gestattete. »Ihr habt entweder zu viel oder zu wenig gesagt,« antwortete ich. – »Zu viel, da Ihr Euch selbst einen Mann nennt, der den Gesetzen dieses Landes verfallen ist – und zu wenig, wenn Ihr mir nicht zeigen könnt, daß die Strenge der Gesetze Euch mit Unrecht verfolgt.« Als ich schwieg, trat er einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück und fuhr mit der Hand an den Degen. »Wie?« sprach er, »gegen einen wehrlosen Mann und gegen einen Mann, der Euer Freund ist?« »Ich weiß noch nicht, ob Ihr das eine oder das andre seid, und, aufrichtig gesprochen, Euer Reden und Euer Betragen berechtigen mich, an beidem zu zweifeln.« »Mannhaft geredet,« antwortete mein Führer, »und ich achte den Mann, dessen Kopf und Hand sich auf einander verlassen können; ich will frank und frei mit Euch sprechen: ich führ Euch ins Gefängnis.« »Ins Gefängnis?« rief ich. »Kraft welches Befehls, oder um welches Vergehens willen? Mein Leben eher als meine Freiheit! Ich biete Euch Trotz, und folge Euch keinen Schritt weiter.« »Nicht als Gefangnen führ ich Euch dahin. Ich bin,« setzte er, stolz sich reckend, hinzu, »weder ein Büttel noch ein Häscher; ich führ Euch zu einem Gefangenen, von dessen Lippen Ihr hören sollt, was Ihr gegenwärtig zu fürchten habt. Eure Freiheit ist bei dem Besuche wenig gefährdet; die meinige ist in Gefahr; allein ich gehe ihr bereitwillig entgegen, um Euretwillen; ich scheue kein Wagnis und liebe solch freies, junges Blut, das keinen Beschützer kennt, als seinen Degen.« Während er dies sprach, hatten wir die Hauptstraße erreicht und standen vor einem großen, steinernen Gebäude, dessen Fenster aussahen, als seien sie mit Eisen vergittert.« »Viel würden die Gerichtsherren von Glasgow darum geben,« sprach der Fremde, dessen breite Aussprache immer mehr die Heimat verriet und dessen Stimme auch immer mehr den Ton vertraulicher Unterredung annahm, »wenn sie den Mann, der jetzt außen so frei auf den Beinen steht, wie ein Hirsch, da drinnen hatte mit Eisen an den Beinen; aber es sollte ihnen wenig helfen; denn ehe der Morgen käme, sollten sie eine leere Kammer und den Insassen entflohen finden. – Doch kommt! Was zögert Ihr?« Mit diesen Worten klopfte er an eine niedrige Pforte. Gleich darauf antwortete jemand verschlafen, wie wenn er aus einem Traum erwachte, mit schreckhafter Stimme: »Was ists? – Wer ist da? – Was wollt Ihr mitten in der Nacht?– ganz gegen Brauch und Regel?« Die letzten Worte wurden so langsam, so gedehnt gesprochen, daß es sich anhörte, als hätte sich der Sprecher wieder zum Schlafen niedergelegt. Aber mein Führer sprach mit vernehmlichem Flüstern: »Dougal, Mann! habt Ihr vergessen – Gregaragh?« »Wartet, wartet!« erklang es schnell und bereitwillig als Antwort, und ich hörte, wie der Wächter sich regte. Mein Führer wechselte noch einige Worte in einer Sprache mit ihm, die mir gänzlich fremd war. Dann wurden die Riegel weggeschoben, aber mit ängstlicher Vorsicht, und wir standen in einer kleinen, aber sicher verwahrten Wachstube, dem Vorhofe des Gefängnisses. Zweites Kapitel Beim Eintritt warf ich einen scharfen Blick auf meinen Führer; allein die Lampe im Vorhofe brannte so düster, daß ich meine Neugierde nicht befriedigen konnte. Da der Schließer das Licht in der Hand hielt, fielen die Strahlen heller auf seine eigne Gestalt, die aber wenig Anziehendes hatte. Es war ein wilder Patron, dessen krauses, rotes Haar das Gesicht bedeckte und verfinsterte, das sich im übrigen einzig und allein durch die unbändige Freude auszeichnete, die er beim Anblick meines Führers empfand. Er fletschte die Zähne, zitterte und lachte, und war nahe am Weinen, wenn er nicht wirklich weinte. Die Freude schien seine Stimme zu ersticken, und er konnte sich nur durch: »O! o! – Ei! ei! – 's ist lange, seit ich Euch sah!« und andre, gleich kurze Ausrufungen in einer mir unbekannten Sprache ausdrücken. Mein Führer reichte dem Schließer gnädig die Hand und fragte freundlich: »Wie gehts Euch, Dougal?« »Ah! ah!« rief Dougal, die lauten Ausrufungen seines Staunens abschwächend und mit verstärkter Wachsamkeit umherblickend ... »Nein! Euch hier zu sehen! Euch hier! Was würde aus Euch werden, wenn die Gerichtsdiener Wind davon kriegten – die schmutzigen Halunken!« Mein Führer legte den Finger auf den Mund und sagte: »Fürchtet nichts, Dougal; Eure Hand soll mich nie einriegeln.« »Das soll sie nicht,« sprach Dougal; »sie sollte – sie würde – das heißt, sie möchte sich eher bis zum Ellbogen abhauen lassen. – Aber wann geht Ihr wieder hinunter? Und Ihr laßt michs doch wissen? Ich bin ja Euer armer Vetter, Gott weiß, nur im siebenten Grade.« »Ich wills Euch wissen lassen, Dougal, sobald meine Pläne in Richtigkeit sind.« »Und meiner Treu! Wenn Ihr's tut, und wenn's Sonnabend nacht wäre, schmeiß' ich dem Aufseher die Schlüssel an den Kopf oder brauche sie zu sonst was – und das, eh's Sabbath morgen wird – so wirds geschehen.« Der geheimnisvolle Fremde unterbrach die Ausrufe seines Bekannten von neuem und redete ihn in der Sprache an, die, wie ich nachher erfuhr, Gälisch oder Ersisch war, vermutlich, um ihm zu sagen, was er von ihm verlangte. »Von Herzen gern! Von ganzer Seele!« war die Antwort, womit der Schließer seine Bereitwilligkeit zu erkennen gab. Dann putzte er die Lampe, die dem Verlöschen nahe war, und gab mir ein Zeichen zu folgen. »Geht Ihr nicht mit?« fragte ich den Fremden. »Es ist unnötig,« erwiderte er; »meine Gesellschaft könnte Euch ungelegen sein, und besser ists, ich bleibe und decke den Rückzug.« »Ihr werdet mich doch nicht in Gefahr locken?« fragte ich. »In keine Gefahr, die ich nicht selber im doppelten Maße teilte,« antwortete der Fremde mit einem so zuversichtlichen Tone, daß kein Mißtrauen aufkommen konnte. Ich folgte dem Schließer. Er ließ die innere Pforte hinter sich offen, fühlte mich eine Wendeltreppe hinauf, dann durch einen schmalen Gang und trat, nachdem er eine Tür geöffnet hatte, in ein enges Gemach, setzte die Lampe auf den kleinen hölzernen Tisch, sah auf das Strohlager in einer Ecke und sagte dann mit leiser Stimme: »Sie schläft.« »Sie! – Wer? – Kann es Diana Bernon sein, in dieser Wohnung des Elends!« rief ich. Ich wendete meine Blicke auf das Lager, und mit einem Gefühle, worin getäuschte Erwartung sich seltsam mit Freude mischte, sah ich, daß ich mich in meiner ersten Vermutung geirrt hatte. Ich erblickte einen Kopf, der weder jung noch hübsch war, mit dichtem, grauen Barte, in einer roten Nachtmütze. Der Schlummernde erwachte aus einem tiefen Schlafe, gähnte und rieb sich die Augen, ... und ich erkannte keine andern Züge, als die meines Freundes Owen. Um ihm Zeit zur Erholung zu lassen, zog ich mich ein wenig zurück. Da fiel mir zum Glück ein, daß ich nur ein Fremder in diesem Aufenthalte des Herzeleids war, und daß jedes Geräusch üble Folgen haben könnte. Der unglückliche Formalist hatte sich indessen von dem Strohlager aufgerichtet, und sich auf die eine Hand stützend und mit der andern seine Nachtmütze rückend, sprach er mit einem Tone, worin so viel Unmut, als er empfinden konnte, mit Schläfrigkeit stritt: »Laßt Euch sagen, Herr Dugwell oder wie Ihr sonst heißen möget, die Totalsumme von der Sache ist, daß ich mich bei dem Lordmajor beklagen muß, wenn Ihr mich solchergestalt in meiner nächtlichen Ruhe stört.« »Ein Herr will mit Ihnen sprechen,« erwiderte Dougal in dem echten mürrischen Tone eines Schließers, der grell abstach von dem hellen Klange hochländischer Begrüßung, womit er meinen geheimnisvollen Führer empfangen hatte, und entfernte sich. Es verging einige Zeit, ehe ich den unglücklichen Schläfer so weit brachte, daß er wußte, wer da sei; aber der Schmerz des würdigen Mannes, der natürlicherweise voraussetzte, daß ich seine Gefangenschaft teilen sollte, war grenzenlos. »O, Herr Franz! Wohin habt Ihr Euch und unser Haus gebracht! An mich selber denk ich nicht, ich bin gleichsam nur eine Ziffer; aber Ihr wäret Eures Vaters Hauptsumme – Ihr hättet der erste Mann im ersten Hause der ersten Stadt sein können, und nun eingeschlossen in einen schmutzigen schottischen Kerker, wo man nicht einmal den Staub von den Kleidern bürsten kann – o! das ist fürchterlich!« Er rieb mit grämlicher Empfindlichkeit den braunen Rock, der ehedem nicht einen Fleck zeigte und jetzt allen Unrat des Fußbodens an sich hatte. »O, der Himmel sei uns gnädig!« fuhr er fort. »Was für eine Neuigkeit wird das sein auf der Börse! Dergleichen hat man nicht gehört seit der Schlacht von Almanza, wo das Ganze des britischen Verlustes auf 5000 Tote und Verwundete und eine unbestimmte Anzahl von Vermißten angegeben ward – aber was ist das gegen die Nachricht, daß Osbaldistone und Tresham aufgehört haben zu zahlen?« Ich unterbrach ihn, um ihm zu sagen, daß ich nicht Gefangener sei, obwohl ich kaum zu erklären vermochte, wie ich zu solcher Zeit an diesen Ort gekommen war. Ich konnte seine Fragen nur dadurch zum Schweigen bringen, daß ich ihn fortwährend über seine eigne Lage fragte, und er sagte mir alles, was er wußte. Unter den zwei Handelsfreunden meines Vaters in Glasgow, wo er wegen seines Verkehrs mit Schottland bedeutende Geschäfte machte, hatte sich das Haus Mac Vittie und Compagnie am gefälligsten und willfährigsten gezeigt und bei jeder Gelegenheit dem großen englischen Hause nachgegeben. Was mein Vater vorschrieb, war für Mac Vittie und Comp. Gesetz, und die Spitzfindigkeiten, deren sich Owen im Geschäftsverkehr befleißigte, waren ihnen kaum weniger heilig. Bei Owen galt dieser Ton tiefer Ehrerbietung für bare Münze, aber mein Vater, der das menschliche Herz genauer kannte, und entweder gegen solches Uebermaß von Unterwürfigkeit Argwohn faßte, oder als ein Freund der Kürze und Einfachheit im Geschäfte der weitschweifigen Beteuerungen dieser Herren müde war, hatte sich ihrem Verlangen, die einzigen Geschäftsträger im Hochlande zu werden, beständig widersetzt. Er ließ im Gegenteil vieles durch einen Handelsfreund von ganz entgegengesetzter Sinnesart besorgen, einen Mann, dessen gute Meinung von sich selber bis zum Dünkel stieg, den Engländern im allgemeinen ebenso abgeneigt, wie mein Vater den Schottländern, nur auf dem Fuße völliger Gleichheit verkehren wollend, überdies eifersüchtig, gelegentlich streitsüchtig war, und ebenso hartnäckig wie Owen an seinen Meinungen in bezug auf Form hing. Diese Eigenheiten der Gemütsart machten es schwierig, mit Nikolaus Jarvie zu verhandeln, und gaben gelegentlich Anlaß zu Differenzen zwischen ihm und dem englischen Handelshause, die nur deshalb nicht zum offnen Bruche führten, weil man auf beiden Seiten Vorteile für sich hatte. Ueberdies wurde Owens persönliche Eitelkeit bei den Erörterungen, die sie veranlaßten, zuweilen ein wenig gekränkt, und man kann sich daher nicht wundern, daß unser alter Freund immer seinen Einfluß zu gunsten der höflichen, bescheidenen, willfährigen Herren Mac Vittie und Mac Fin anwendete, und Jarvie als einen trotzigen, eingebildeten schottischen Krämer bezeichnete, mit dem sich kein Geschäft machen ließe. Unter diesen Umständen, die ich erst späterhin genauer erfuhr, konnte es nicht überraschen, daß Owen in der verdrießlichen Lage, in welche das Haus durch meines Vaters Abwesenheit und Rashleighs Verschwinden geraten war, bei seiner Ankunft in Schottland, wo er zwei Tage vor mir eintraf, sich an die Freundschaft jener Handelsherren wendete, die sich immer gefällig und dankbar gezeigt hatten und seinem Herrn von Herzen zugetan waren. Man empfing ihn im Kontor von Mac Vittie und Mac Fin beinahe wie einen Schutzheiligen. Aber die Saiten erklangen auf einmal ganz anders, als er den Handelsfreunden die Bedrängnisse des Hauses eröffnete und sie um Rat und Beistand bat. Mac Vittie wäre fast in die Erde gesunken, als er solche Kunde vernahm, auf die er ganz und gar nicht gerechnet hatte, und Mac Fin stellte sofort im Hauptbuche fest, auf welcher Seite zwischen den beiden Häusern der Vorteil sei. Leider neigte sich die Schale bedeutend gegen die englische Firma, und die Gesichter der Handelsfreunde, die bisher nur bleich und zweifelnd ausgesehen hatten, wurden nun unheilverkündend, mürrisch und finster. Sie beantworteten Owens Ansuchen um Beistand mit dem Gegenverlangen schnellster Sicherstellung wegen des drohenden Verlustes, und forderten endlich unverhohlen, daß zu diesem Zweck gewisse Zahlungsmittel, über die in andrer Weise verfügt werden sollte, in ihre Hände gegeben würden. Owen verweigerte diese Forderung mit großem Unwillen als entehrend für sein Handelshaus, ungerecht gegen die andern Gläubiger, und sehr undankbar von seiten derjenigen, welche sie stellten. Owen hatte, wie es wohl immer sein mag, einen kleinen Anteil an dem Geschäfte des Hauses, dessen erster Buchhalter er war, und mußte daher für die Verbindlichkeiten desselben persönlich haften. Die schottischen Handelsherren wußten dies, und um ihn ihre Macht fühlen zu lassen, oder vielmehr, um ihn dadurch zu den für sie vorteilhaften Maßregeln zu drängen, ließen sie ihn einstweilen verhaften, ein Vorgehen, zu welchem die Gesetze Schottlands, wie es den Anschein hat, den Gläubiger berechtigen, der beschwört, daß der Schuldner sich mit der Absicht der Landesflucht trage. Auf solche beschworne Aussage hin war der arme Owen einen Tag früher, als ich auf so wunderbare Weise in sein Gefängnis geführt wurde, in Verhaft genommen worden. Mir standen die Gefahren, von denen wir umringt waren, deutlich vor Augen, aber desto schwerer war, es, Hilfsmittel zu finden. Die Warnung, die ich bereits erhalten hatte, schien anzudeuten, daß meine persönliche Freiheit gefährdet werden könnte, wenn ich offen für Owen eintreten wollte. Owen hegte dieselbe Besorgnis und versicherte mir in übertriebner Angst, daß ein Schotte, ehe man ihn in Gefahr setzte, einen Pfennig durch einen Engländer zu verlieren, mit allen Vollmachten ausgestattet würde, dessen Weib, Kinder, Knechte, Mägde und Fremde von Haus und Hof weg zu verhaften. In Sorge, vielleicht selbst solchem Schicksal zu verfallen, richtete ich die Frage an Owen, ob er sich nicht auch an den andern Handelsfreund meines Vaters, Nikolaus Jarvie, gewandt habe? Er antwortete, daß er ihm heute morgen geschrieben habe; aber wenn das glattzüngige, höfliche Haus in Gallowgate ihn so behandelt habe, was ließe sich dann von dem mürrischen Grobian auf dem Salzmarkte erwarten? »Ihr könntet ebenso leicht,« sprach Owen, »von einem Mäkler verlangen, daß er seine Prozente aufgebe, als von ihm eine Gefälligkeit erwarten, ohne eine dagegen. Nicht einmal geantwortet hat er auf den Brief, der ihm doch auf dem Frühgange zur Kirche übergeben wurde.« – Hier warf sich der trostlose Mann auf das Strohlager und rief: »Mein armer, lieber Herr!« – »O, Franz, Franz! das kommt alles von Eurer Hartnäckigkeit! Gott verzeih mir, daß ich Euch das sage in Eurer Bedrängnis! Es ist Gottes Schickung, und der Mensch muß sich unterwerfen.« Meine Philosophie konnte nicht verhindern, daß ich den Kummer des armen Mannes teilte. In der Mitte unsers vereinten Kummers wurden wir plötzlich durch lautes Pochen am äußern Gefängnistore gestört. Ich lief hinaus an die Treppe, um zu lauschen, konnte aber nichts als die Stimme des Schließers vernehmen, der abwechselnd laute Töne zu jemand draußen, und leise mit dem Manne sprach, der mich hergeführt hatte. »Er kommt! er kommt!« sagte er laut; dann mit gedämpfter Stimme: »O, du meine Güte, was wollt Ihr nun machen? – Geht die Treppe hinauf und verbergt Euch hinter des Gefangenen Bett!« – laut: »Er kommt so schnell als möglich!« – leise: »Ach! es ist der Profos mit den Gerichtsdienern und der Wache – und der Aufseher kommt auch! die Treppe herab. – Gott steh Euch bei! geht hinauf, oder er sieht Euch!« – laut: »Er kommt! er kommt! – die Schlösser sind so verrostet!« Während Dougal unwillig und so langsam wie irgend möglich Schlösser und Riegel öffnete, da die draußen Stehenden sich nicht länger zurückhalten ließen, kam mein Führer die Wendeltreppe hinauf und sprang in Owens Gemach, wohin ich ihm folgte. Er blickte schnell umher, als ob er einen Ort suchte, wo er sich verbergen könnte, dann sprach er zu mir: »Leihet mir Eure Pistolen! – Doch es liegt nichts dran, ich kanns ohne sie vollbringen. Was Ihr auch sehen möget, bekümmert Euch nicht darum und mengt Euch nicht in andrer Leute Händel. Die Sache hier geht nur mich an, und ich muß fertig zu werden suchen, so gut es geht; ich bin schon oft ebenso arg in der Klemme gewesen, und wohl noch schlimmer als jetzt.« Bei diesen Worten warf der Fremde seinen Mantel ab, stellte sich der Tür gegenüber, auf die er einen scharfen, entschlossenen Blick warf, und zog sich ein wenig zurück, seine Kraft zu sammeln, einem guten Rosse gleich, das über eine Schranke setzen will. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die Absicht habe, um sich aus seiner Verlegenheit zu ziehen, bei Oeffnung der Türe auf den Eintretenden loszuspringen und sich durch tollen Widerstand den Weg auf die Straße zu erzwingen. Nach einem Augenblick banger Erwartung öffnete sich die Tür, und es erschien – nicht eine Wache mit Bajonetten oder Wächter mit Keulen, Säbeln und Hellebarden – sondern ein freundliches Mädchen mit hochgeschürztem Kleide und einer Laterne in der Hand. Diesem Mädchen folgte ein starker, kleiner, ziemlich wohlbeleibter Mann, der Würde nach, wie sich bald zeigte, eine Magistratsperson mit Stutzperücke, lärmend und atemlos vor mürrischer Ungeduld. Mein Führer wich bei dem Eintritt desselben zurück, als ob er sich der Beobachtung hätte entziehen wollen; allein er konnte dem durchdringenden Blick nicht entgehen, womit dieser Beamte das Gemach übersah. »Eine schöne Sache, Stanchells,« sprach er zu dem Oberaufseher, der sich jetzt mit Ehrerbietung an der Tür zeigte, »mich eine halbe Stunde vor dem Tor stehen zu lassen. Was soll das heißen? – Fremde im Kerker nach der Schließzeit? Das soll untersucht werden, Stanchells, darauf verlaßt Euch. Haltet die Tür verschlossen, ich will mit diesen Herren ein Wörtchen reden. – Aber erst muß ich mit dem alten Bekannten hier schwatzen. – Herr Owen! Herr Owen! wie stehts mit Euch?« »Körperlich wohl, ich dank Euch, Herr Jarvie,« erwiderte langsam der arme Owen; »aber sehr bekümmert im Geiste.« »Ohne Zweifel, ohne Zweifel. – Ja, ja, eine böse Sache – obendrein für einen, der den Kopf so hoch trug! Herr Osbaldistone ist ja ein guter, ehrlicher Mann, aber ich habs immer gesagt, er gehört zu den Leuten, die Türen mit Hörnern einrennen, wie mein Vater, der ehrwürdige Vorsteher, zu sagen pflegte. Ich habs dem Herrn Osbaldistone auch gesagt, und er schien's nicht ganz so freundlich aufzunehmen, wie ich's meinte, aber es war gut gemeint, gut gemeint.« Diese Anrede, die mit wundersamer Geläufigkeit und sichtlicher Selbstgefälligkeit vorgetragen wurde, machte uns Hoffnung, von Jarvies Händen Beistand zu erhalten; aber es zeigte sich bald, daß wir uns geirrt haben sollten, denn als Owen sich etwas verletzt darüber äußerte, daß man ihn in seiner jetzigen Lage an solche Dinge erinnere, nahm ihn Jarvie bei der Hand und rief ihm zu: »Habt guten Mut! Meint Ihr, ich wäre um Mitternacht hergekommen und hätte fast den Sabbath verletzt, nur um einem gefallenen Manne von seinen Fehltritte zu erzählen? Nein, nein, das tut Niklas Jarvie nicht, und so machte es auch vor ihm sein würdiger Vater nicht, der Vorsteher. Hört, Mann! Es ist meine Regel, am Sabbath nie an weltliche Geschäfte zu denken, und ob ich mir gleich alle Mühe gab, mir Euren Brief, den ich heut morgen erhielt, aus dem Sinne zu schlagen, so hab ich doch den ganzen Tag mehr, daran gedacht als an die Predigt. – Und es ist meine Regel, mit dem Schlag zehn Uhr in mein Bett mit den gelben Vorhängen zu gehen, wenn ich nicht einen Kabeljau mit einem Nachbarn esse oder ein Nachbar mit mir. – Fragt nur das Mädchen hier, ob das nicht Grundregel in meinem Hause ist. Und heute hab ich gesessen und in guten Büchern gelesen und gegähnt, als ob ich die St. Enox-Kirche verschlingen wollte, bis es zwölf schlug. Da war's erlaubte Zeit, in mein Hauptbuch zu blicken und zu sehen, wie die Sachen zwischen uns stehen, und da Zeit und Flut auf niemand warten, mußte das Mädchen die Laterne anbrennen, und ich ging hierher, um zu überlegen, was in Eurer Sache getan werden kann. Stadtvogt Jarvie kann zu jeder Stunde ins Gefängnis kommen, bei Tag und bei Nacht, und so konnte es auch mein Vater, der Vorsteher, zu seiner Zeit – der redliche Mann; geehrt sei sein Andenken!« Obwohl der tiefe Seufzer, den Owen bei Erwähnung des Hauptbuchs ausstieß, die Befürchtung in mir weckte, daß auch hier die Rechnung nicht günstig für uns stehe, und obwohl in den Worten des würdigen Beamten viel Selbstgefälligkeit und Stolz auf sein überlegnes Urteil lagen, so ließ sich doch auch, eine gewisse offne und derbe Gutmütigkeit nicht darin verkennen, die mir wieder Hoffnung machte. Er bat um einige Papiere, nahm sie hastig aus Owens Hand, setzte sich auf das Strohlager, ließ sich von dem Mädchen leuchten, und überflog sie, während er bald über das schlechte Licht klagte, bald über den Inhalt der Papiere brummte oder schalt. Diesen Umstand schien mein Führer benutzen zu wollen, um sich davon zu machen. Er gab mir ein Zeichen, nichts zu sagen, und hob den Fuß, nach der Tür zu schleichen. Allein der wachsame Beamte, sehr verschieden von meinem alten Bekannten, Richter Inglewood, merkte alsbald den Braten und rief: »Aufpassen, Stanchells! – Verschließt die Tür und haltet Wache draußen!« Des Fremden Stirn verfinsterte sich, und er schien einen Augenblick darauf zu sinnen, gewaltsamerweise sich zu entfernen; doch ehe er entschieden hatte, war die Tür verschlossen und der schwere Riegel vorgeschoben. Er murmelte einige heftige Worte in seiner Landessprache, schritt durch das Gemach, und mit einer Miene mürrischer Entschlossenheit, als wenn er nun das Ende der Sache abwarten wolle, setzte er sich auf den eichenen Tisch und pfiff ein Liedchen. Jarvie, in Geschäftssachen offenbar höchst gewandt, wandte sich zu Owen: »Gut, Herr Owen, gut – Euer Haus ist an Mac Vittie und Comp. gewisse Summen schuldig. – Schämen sollten sich die Honigmäuler; sie haben das reichlich gewonnen bei dem Handel mit dem Eichenholz von Glen-Cailziechat, den sie mir aus den Zähnen rissen, zufolge Eurer freundlichen Fürsprache, wie ich wohl sagen darf, Herr Owen – aber das hat jetzt nichts zu sagen. Ihr seids nun einmal schuldig, und deshalb hat man Euch hinter Schloß und Riegel bringen lassen; Ihr mögt auch bei andern Leuten noch in der Kreide stehen – vielleicht bei mir auch.« »Ich kanns nicht in Abrede stellen, Herr Jarvie,« sprach Owen, »die Bilanz dürfte gegen uns sein; aber Ihr wollt bedenken –« »Ich habe jetzt keine Zeit zu bedenken. – So nahe am Sabbath, und außer dem warmen Bette zu solcher Nachtzeit, – da ist keine Zeit zu bedenken. Aber was ich sagen wollte, Ihr steht in meiner Schuld, das läßt sich nicht leugnen, und wie hoch, das wird sich zeigen. Aber dann seh' ich nicht ein, Herr Owen, wie Ihr, als Mann, der die Geschäfte versteht, die Sachen abmachen wollt, weshalb Ihr noch hier seid und wie Ihr uns alle befriedigen wollt, wie ich Euch zutraue, wenn Ihr hier im Gefängnis liegen müßt. Nun, Herr, wenn Ihr eine Bürgschaft findet könntet, daß Ihr nicht aus dem Lande gehen, sondern vor unsern Gerichten erscheinen und Euren Bürgen erledigen wollt, das ist judicio sisti, so könnt Ihr noch heut morgen in Freiheit gesetzt werden.« »Wenn ein Freund solche Sicherheit für mich leisten wollte, Herr Jarvie, so könnt' ich ohne Zweifel meine Freiheit nützlich für die Firma anwenden und für alle, die mit ihr in Verbindung stehen.« »Nun, Herr Owen,« entgegnete der Bürger von Glasgow, »ich habe kein Mißtrauen gegen Euch, und wills beweisen – wills beweisen. Ich bin ein bedächtiger Mann, das ist bekannt, und arbeitsam, wie die ganze Stadt bezeugen kann, und ich weiß mein Geld zu gewinnen und zu bewahren, und auch zu zählen, wie irgend jemand in Glasgow. Und ich bin ein verständiger Mann, wie mein Vater, der Vorsteher, es auch war; aber eh' ein wackrer, höflicher Mann, der das Geschäft versteht, und allen gerecht werden will, hier im Gefängnisse liegen soll, außer stände sich selbst oder sonst jemand zu helfen – Nein! Ich will selber Euer Bürge sein. – Aber merkts Euch, es ist Bürgschaft judicio sisti, wie unser Stadtschreiber sagt, nicht judicatum solvi, für Eure Schuld zu stehen, denn das ist ein großer Unterschied.« Owen versicherte, daß er unter den obwaltenden Umständen nicht erwarten könne, eine Bürgschaft für die wirkliche Zahlung zu finden, daß aber nicht im mindesten zu besorgen sei, er werde auf gehörige Ladung nicht erscheinen. Drittes Kapitel. Der Beamte nahm seiner Dienstmagd die Leuchte ab, und begann seine Untersuchung, wie Diogenes in den Straßen von Athen, mit der Laterne in der Hand, und vermutlich mit ebenso wenig Erwartung, als der Cyniker, irgend einen besondern Schatz bei seiner Nachforschung zu finden. Der erste, dem er sich näherte, war mein geheimnisvoller Führer, der noch auf dem Tische saß, die Augen starr auf die Wand heftend, wobei er seinen Zügen den unbeugsamsten Ausdruck gab, mit einem Ansehen zwischen Sorglosigkeit und Trotz die Hände auf der Brust faltete und mit den Absätzen an das Tischbein schlug, um zu der Weise, die er noch immer pfiff, den Takt anzugeben. Er unterwarf sich Jarvies Untersuchung mit einer so entschiedenen Zuversicht und Kühnheit, daß des besorgten Forschers Gedächtnis und Scharfsinn auf einen Augenblick irre wurden. »Ah! – Ei! – O!« rief er, »wahrlich! 's ist unmöglich! – und doch – nein! – Wahrhaftig, es kann nicht sein! – Und doch – Ihr Räuber, Ihr eingefleischter Teufel, der Ihr seid, zu allen bösen Dingen geschickt und zu nichts gutem – seid Ihr's wirklich?« »Wie Ihr seht, Herr Jarvie,« war die trockne Antwort. »Wahrhaftig! wenn ich nicht ganz verdutzt bin. – Ihr Erzschelm! Ihr wagt Euch ins Gefängnis von Glasgow? Was meint Ihr wohl, daß Euer Kopf wert ist?« »Hm! Gut gewogen und nach holländischem Gewicht mag er wohl die Köpfe von vier Stadtvögten, einem Profos und Stadtschreiber und sechs Vorstehern aufwiegen.« – »O, Ihr Hauptschurke!« sprach Jarvie. »Aber beichtet Eure Sünden und bereitet Euch vor; denn wenn ich ein Wort sage –« »Das ist wahr,« sprach der andre und legte die Hände nachlässig auf den Rücken; »aber Ihr werdet dieses Wort nie sagen.« »Und warum sollt ich nicht?« rief Jarvie. »Warum sollt ich nicht? Antwortet mir – warum nicht?« »Aus drei hinreichenden Ursachen, Herr Jarvie. Erstlich wegen alter Geschichten, zweitens um des alten Weibes willen in Stuckavrallachan, durch das wir etwas verwandt sind, zu meiner Schande sei es gesagt – und letztens, Vogt, weil ich, wenn ich nur das geringste Zeichen sähe, daß Ihr mich verraten wolltet, diese Wand mit Eurem Hirn bedecken würde, eh' eine Menschenhand Euch retten könnte.« »Ihr seid ein kühner, verzweifelter Schurke!« erwiderte Jarvie unerschrocken, »und Ihr wißt, daß ich Euch als solchen kenne und nicht einen Augenblick auf meine eigene Gefahr so dastehen würde.« »Ich weiß wohl,« sprach der andre, »es fließt gutes Blut in Euren Adern, und es sollte mir leid tun, meinen eignen Vetter zu verletzen, aber ich will so frei von hier weggehen, als ich gekommen bin, oder die Mauern dieses Gefängnisses sollen zehn Jahre davon zu sagen wissen.« »Gut, gut,« sprach Jarvie; »Blut ist dicker als Wasser, und Freunde und Verwandte brauchen sich nicht den Staub im Auge zu sehen, wenn andrer Augen ihn nicht sehen. Es würde der alten Frau in Stuckavrallachan eine traurige Nachricht sein, wenn sie hörte, daß Ihr, Ihr hochländischer Bastard, mir das Gehirn ausgeschlagen hättet, oder daß ich Euch zu einem Strick verhalf. Aber Ihr müßt gestehen, daß, wenn Ihr nicht selbst wäret, Robin, ich keinen bessern Mann aus dem Hochlande hätte fangen können. Aber wo sind meine tausend Pfund Schottisch, die ich Euch geliehen habe – und wann werde ich sie wiedersehen?« »Wo die sind?« antwortete mein Führer, nachdem er sich gestellt hatte, als sinne er einen Augenblick nach, »das kann ich so genau nicht sagen; vermutlich, wo der letzte Schnee ist.« »Und der liegt auf dem Gipfel des Schehallion, Du Hund,« sprach Jarvie; »aber ich verlange Bezahlung auf der Stelle.« »Ei, ich trage weder Schnee noch Geld bei mir,« erwiderte der Hochländer. – »Und wann Ihrs wiedersehen wollt? – I nun, gerade wenn der König sein Eigentum wieder hat, wie's im alten Liede heißt.« »Das Schlimmste von allem, Robin,« entgegnete Jarvie; »ja, Ihr treuloser Verräter, das Schlimmste von allem! Wollt Ihr das Papsttum wiederbringen und die willkürliche Gewalt? Bleibt lieber bei Eurem alten Diebs- und Hehlerhandwerk – besser stehlen, als Völker zu grunde richten.« »Laßts gut sein mit Euren Whigs-Grundsätzen,« antwortete Robin. »Wir kennen uns ja schon lange. Ich werde Sorge tragen, daß Euer Kontor nicht ausgeleert wird, wenns einmal über das Ausräumen der andern Buden in Glasgow hergehen sollte. Und wenn's nicht gerade Eurer Pflicht ganz nahe liegt, so müßt Ihr mich nicht öfter sehen, Niklas, als ich gesehen sein will.« »Ihr seid ein verwegner Schelm, Rob,« antwortete Jarvie, »und Ihr werdet an den Galgen kommen, das wird man sehen und hören; aber ich will nicht der Unglücksvogel sein und mein Nest verunreinigen, außer im Fall der Not und beim Ruf der Pflicht, den niemand hören sollte, ohne zu gehorchen! – Und wer zum Henker ist dies?« fuhr er, sich zu mir wendend, fort. »Vermutlich einer, den Ihr angeworben habt? Er sieht aus, als wenn er einen kühnen Mut für die Landstraße und einen langen Hals für den Galgen hätte.« »Das guter Herr Jarvie,« sprach Owen, der, wie ich selbst, bei dieser seltsamen Unterhaltung der beiden seltsamen Vettern, die sich auf so seltsame Weise fanden, verstummt war, »das ist der junge Herr Franz Osbaldistone, das einzige Kind meines Prinzipals, der in unser Kontor kommen sollte, als sein Vetter Rashleigh Osbaldistone so glücklich war, darin aufgenommen zu werden« – Owen konnte hier einen Seufzer nicht unterdrücken – »aber dennoch –« »O, ich habe von dem Burschen gehört,« fiel der schottische Kaufmann ein. »Euer Prinzipal wollte durchaus einen Kaufmann aus ihm machen, und der Junge ward ein herumziehender Komödiant. Nun, Herr, was meint Ihr denn zu Eurem Handwerk? Wird Hamlet der Däne oder Hamlets Geist Bürgschaft für Herrn Owen leisten?« »Ich verdiene Euren Spott nicht,« gab ich zur Antwort, »aber ich achte Euren Beweggrund und bin zu dankbar für den Beistand, den Ihr Herrn Owen geleistet habt, als daß ich unwillig darüber sein sollte. Mein einziges Geschäft hier war, ihm in der Sorge für meines Vaters Angelegenheiten Beistand zu leisten, so wenig ich vielleicht auch vermag. Meine Abneigung gegen den Handelsstand aber ist ein Gefühl, worüber ich am besten und allein urteilen kann.« »Wahrhaftig,« sprach der Hochländer, »ich schätzte diesen jungen Mann, eh' ich wußte, was an ihm war; aber ich verehre ihn, weil er die Weber und Spinner und dergleichen Tun und Treiben verachtet.« »Ihr seid toll, Robin!« rief sein Vetter. »Und dieser junge Mann hier, den Ihr auf dem kürzesten Wege zum Galgen und zur Hölle führt, wird er sich mit seinen Theaterstücken und Versen eher befreien können, als mit Euren Flüchen und blanken Dolchen? Oder kann ihm Macbeth mit all seinen Mannen und Hexen und mit Euren Mannen dazu, Robin, die fünftausend Pfund verschaffen, um die Wechsel zu bezahlen, die in zehn Tagen verfallen sind?« »In zehn Tagen?« fragte ich und zog unwillkürlich Dianas Paket hervor. Die Zeit war verflossen, während der ich das Siegel heilig halten sollte, und ich erbrach es schnell. Ein versiegelter Brief fiel aus dem unbeschriebenen Umschlage, da ich ihn mit zitternder Hand öffnete. Ein Windzug, der durch ein zerbrochnes Fenster drang, wehte den Brief zu Jarvies Füßen, der ihn aufhob, mit rücksichtsloser Neugierde die Aufschrift las und ihn zu meinem Erstaunen seinem hochländischen Vetter übergab. »Der Wind hat hier einen Brief seinem rechten Eigentümer zugeweht,« sprach er, »obgleich zehntausend Zufälle dagegen waren, daß er in Eure Hände kam.« Der Hochländer las die Aufschrift und erbrach den Brief ohne alle Umstände. Ich suchte ihn abzuhalten. »Ihr müßt mich erst überzeugen, Herr,« sprach ich, »daß dieser Brief an Euch gerichtet ist, eh' ich's Euch gestatten kann, ihn zu lesen.« »Beruhigt Euch, Herr Osbaldistone,« erwiderte der Hochländer mit großer Fassung. »Denkt an den Richter Inglewood, an den Schreiber Jobson, an Morris – und vor allem an Euren gehorsamen Diener Robert Campbell, und an die schöne Diana Vernon. Erinnert Euch an dies alles, und zweifelt nicht länger, ob der Brief an mich sei.« Ich erstaunte über meine eigne Einfalt. Die Stimme, selbst die Züge dieses Mannes, so unvollkommen ich sie auch sah, hatten während der ganzen Nacht dunkle Erinnerungen in mir erregt, denen ich keine besondern örtlichen oder persönlichen Beziehungen geben konnte. Jetzt aber wards mir auf einmal klar – dieser Mann war Campbell selbst. Seine ganze Eigentümlichkeit stellte sich mir dar, die tiefe, starke Stimme, die unbeugsamen, strengen, obwohl gescheiten Züge, die schottische Aussprache mit ihren Mundarten und Bildern, die er zwar zuweilen verleugnen konnte, die aber in jedem Augenblicke heftiger Erregung zurückkehrte und seinem Spotte Kraft oder seinen Vorstellungen Lebhaftigkeit gab. Sein Wuchs war mehr unter als über Mittelgröße, und sein Gliederbau so kräftig, als es sein konnte, ohne der Behendigkeit Abbruch zu tun, die er, nach der besondern Leichtigkeit und Freiheit seiner Bewegungen zu urteilen, im hohen Grade besaß. Durch zweierlei ward das Ebenmaß seiner Gestalt gestört – seine Schultern waren, im Verhältnis zu seiner Größe, zu breit, und seine Arme, obwohl rund, nervig und stark, waren so lang, daß sie eher entstellten. Ohne diesen Mangel an Ebenmaß hätte er für einen sehr schönen Mann gelten können, aber er erhielt dadurch etwas Wildes, Unregelmäßiges und gleichsam Unirdisches und erinnerte mich unwillkürlich an die Märchen meiner Wärterin von den alten Pikten, welche in der Vorzeit Northumberland verwüsteten, ihren Sagen nach halb Poltergeist, halb menschliche Wesen waren und sich, wie dieser Hochländer, durch Mut, List, Wildheit, lange Arme und breite Schultern auszeichneten. »Eine schwierige Sache gibt sie mir auf,« sprach der Hochländer; »aber 's ist ein ehrlich Spiel, und ich wills für sie tun. Herr Osbaldistone, ich wohne nicht weit von hier, mein Vetter kann Euch den Weg zeigen. Herr Owen mag in Glasgow sein bestes tun. Ihr aber besucht mich in den Klüften, und ich kann wahrscheinlich Euch zu Gefallen sein und Eurem Vater helfen in seinen Nöten. Ich bin nur ein armer Mann, aber Geist ist besser als Gold – und, Vetter,« fuhr er, zu Jarvie gewendet, fort, »wenn Ihr soviel wagt, eine Schüssel schottische Fleischschnitten oder eine Wildbretkeule mit mir zu essen, so begleitet diesen jungen Herren bis Drymen oder Bucklivie oder am besten bis nach Aberfoil, da will ich jemand auf Euch warten lassen, der Euch den Weg zu dem Orte zeigen soll, wo ich dann sein werde. – Was meint Ihr? Hier ist meine Hand, ich werde Euch nie hintergehen.« »Nein, nein, Robin,« sprach der vorsichtige Bürger; »ich wage mich selten weit hinaus; es steht mir nicht frei, in Eure wilden Gebirge zu gehen, das verträgt sich mit meinem Amte nicht!« »Der Henker hol' Euer Amt und Euch!« entgegnete Campbell. »Der einzige, gute Blutstropfen, den Ihr im Leibe habt, ist von unserm Urgroßoheim, der zu Dumbarton hingerichtet ward, und Ihr könnt sagen, es entwürdige Euer Amt, mich zu besuchen? Hört, Vetter – ich will Euch Eure tausend Pfund Schottisch bezahlen bei Heller und Pfennig, wenn Ihr ein wackrer Mensch seid und diesen Herrn begleitet.« »Nichts mehr, Robin, nichts mehr! Wollen sehen, was sich tun läßt. Aber erwartet nicht, daß ich über die Grenze des Hochlandes gehe. Auf keinen Fall tu' ich das. Ihr müßt mich in Bucklivie oder im Wirtshause zu Aberfoil treffen, und dürft das nötige nicht vergessen.« »Sorgt nicht, sorgt nicht,« sprach Campbell. »Ich will so treu sein, wie die Stahlklinge, die nie ihrem Herrn versagte. – Aber ich muß fort, Vetter; denn die Kerkerluft von Glasgow ist nicht die heilsamste für einen Hochländer.« »Meiner Treu!« erwiderte der Kaufmann; »und wollt ich meine Schuldigkeit tun, so würdet Ihr keine andre Luft mehr atmen. O, daß ich einem helfen und beistehen muß, der Gerechtigkeit zu entrinnen! Es wird Schimpf und Schande sein für mich und die meinigen und meines Vaters Andenken auf immer.« »Still! still!« erwiderte sein Vetter; »laßt diese Fliege nur an der Wand sitzen; wenn der Schmutz trocken ist, läßt er sich abreiben. Euer Vater, wackrer Mann, konnte eines Freundes Fehler ebensowohl übersehen, als ein andrer.« »Ihr könnt recht haben, Robin,« antwortete Jarvie nach augenblicklichem Nachdenken. »Er war ein mächtiger Mann, der Vorsteher; er wußte, daß wir unsre Schwächen haben, und liebte seine Freunde. – Ihr habt ihn nicht vergessen. Robin?« »Ihn vergessen?« erwiderte sein Vetter, »Was könnte es mir helfen, ihn zu vergessen? Er war ein tüchtiger Weber und wirkte mir die ersten Strümpfe. Doch laßt uns gehen, Vetter, Kommt, füllt mir den Becher; kommt, füllt mir den Krug; Kommt, sattelt die Pferde und ruft meinen Zug; Kommt, öffnet die Tore und frei laßt mich fort, Darf länger nicht weilen im stattlichen Ort.« »Still, Herr,« sprach der Beamte gebieterisch. »Jubeln und Singen so nahe am Ende des Sabbaths? Das Haus könnte Euch noch in einem andern Tone singen hören. – I nun, wir haben ja wohl alle Fehltritte zu verantworten – Stanchells, macht die Tür auf!« Der Kerkermeister gehorchte, und wir gingen alle hinaus. Mit einiger Ueberraschung sah er auf die beiden Fremden, ohne Zweifel verwundert, wie sie ohne sein Vorwissen hierher gekommen waren. Aber Jarvie's: »Freunde von mir, Stanchells, Freunde von mir!« legte allen Nachfragen Schweigen auf. Wir stiegen nun in das Vorhaus hinab und riefen mehrmals Dougals Namen, worauf aber keine Antwort erfolgte, und Campbell bemerkte mit höhnischem Lächeln, wenn er Dougal recht kenne, so werde er schwerlich gewartet haben, den Dank für seinen Anteil an dem Werke dieser Nacht zu empfangen, sondern wahrscheinlich mit starkem Schritt der Grenze zueilen. »Und ließ uns, vor allem mich selbst, im Gefängnis eingeschlossen!« rief Jarvie zornig und bestürzt. »Schafft Hämmer, Brecheisen und Zangen! Schickt nach dem Schlosser und laßt ihn wissen, daß Stadtvogt Jarvie im Gefängnis eingeschlossen sei, von einem hochländischen Spitzbuben, den er hängen lassen will, so hoch als Haman –« »Wenn Ihr ihn fangt,« sprach Campbell ernst. »Aber wartet, die Tür ist gewiß nicht verschlossen.« In der Tat fanden wir bei der Untersuchung nicht allein die Tür offen, sondern auch, daß Dougal die Schlüssel mitgenommen hatte, damit ihm nicht sogleich jemand im Schließeramt folgen könne. »Er hat jetzt einen Schimmer von gesundem Menschenverstand, dieser Dougal,« sprach Campbell. »Er wußte, daß eine offne Tür mir in der Klemme nützlich werden konnte.« Wir waren indes auf der Straße. »Ich sag Euch, Robin,« sprach Jarvie, »wenn Ihr das Leben so fortführt, solltet Ihr, nach meinen Gedanken, in jedem Gefängnis in Schottland einen von Euren Anhängern als Türhüter haben für den schlimmsten Fall.« »Einer von meinen Verwandten als Stadtvogt in jedem Orte wird ebenso gut sein, Vetter Niklas. – Und damit gute Nacht oder guten Morgen! Und vergeßt nicht das Wirtshaus von Aberfoil.« Ohne die Antwort abzuwarten, sprang Campbell auf die andre Seite der Straße und verlor sich in der Dunkelheit. Gleich darauf hörten wir leise auf eine besondre Art pfeifen. »Da hört Ihr die holländischen Teufel,« sprach Jarvie. »Sie meinen, sie wären bereits am Fuße des Ben Lomond, wo sie singen und pfeifen können, ohne sich um den Sonntag oder Samstag zu bekümmern.« – Indem er dies sprach, fiel etwas mit großem Gerassel vor uns auf die Straße nieder. – »Gott steh uns bei! Was ist das? Mathilde, leuchte hierher. – Wahrhaftig! Wenns nicht die Schlüssel sind. Nun, das ist ebenso gut, sie kosten der Stadt Geld, und es würde einiges Gerede über ihren Verlust gewesen sein. – O, wenn mancher etwas von dem Streiche dieser Nacht erführe, so könnt ich mir wohl ein graues Haar darüber wachsen lassen!« Da wir nur wenige Schritte noch von dem Gefängnis entfernt waren, trugen wir die Schlüssel zurück und übergaben sie dem Oberaufseher, der im Vorhause Wache hielt, bis der Beistand ankam, den er verlangt hatte, um den entflohenen Dougal herbeizuschaffen. Nach Erledigung dieser Pflicht gegen die Stadt, und da ich in derselben Richtung mit dem ehrlichen Beamten zu gehen hatte, so benutzte ich seine Leuchte und er meinen Arm, um uns durch die Straßen zu finden, die, wenigstens damals, dunkel, uneben und schlecht gepflastert waren. Das Alter ist leicht durch die Aufmerksamkeit der Jugend versöhnt. Jarvie äußerte Teilnahme an mir und setzte hinzu: da ich nicht zu dem Schauspielervolk gehöre, das seine Seele hasse, werde es ihn freuen, wenn ich gerösteten Kabeljau oder frischen Hering mit ihm zum Frühstück essen wollte; in Gesellschaft meines Freundes Owen, den er um jene Zeit in Freiheit setzen werde. Mittlerweile waren wir vor seiner Tür angekommen. Er blieb indes auf der Schwelle stehen und fuhr im feierlichen Tone tiefer Zerknirschung fort: »Erstlich hab ich am Sabbath meinen eignen Gedanken nachgehangen, zweitens hab ich mich für einen Engländer verbürgt, und drittens und letztens hab ich, leider! einen Uebeltäter aus dem Gefängnis entkommen lassen. – Allein es gibt noch Balsam, Herr Osbaldistone! – Mathilde, ich finde den Weg, leuchte dem Herrn zum Wirtshaus an der Ecke. – Herr Osbaldistone,« flüsterte er mir zu, »seid nicht ungebührlich gegen die Mathilde, sie ist ehrbarer Leute Kind und eine nahe Verwandte des Lords von Limmerfields.« Viertes Kapitel Ich gedachte der Mahnung, die mir der ehrliche Beamte beim Auseinandergehen gegeben hatte, erachtete es indessen nicht für ungebührlich, der halben Krone, womit ich Mathildens Begleitung belohnte, einen Kuß beizufügen, zumal ihr: »Pfui schämt Euch, Herr!« keinen sonderlich heftigen Verdruß über die Beleidigung ausdrückte. Ich pochte wiederholt an der Tür. Ein paar Hunde, die sich verlaufen hatten, bellten, was die Lungen herhielten; ein paar Nachtmützen fuhren aus den benachbarten Fenstern und schimpften und wetterten über solche Störung der nächtlichen Ruhe. Darüber wachte auch die Wirtin auf und fing auf der Stelle an, verschiedenen Leuten in der Küche die Leviten zu lesen darüber, daß sie noch nicht an der Tür waren, mich an weiterem Skandalieren zu verhindern. Diese Helden waren keine anderen, als der getreue Andreas, sein Freund der Vorsänger, und ein dritter, wie ich nachher erfuhr, der öffentliche Ausrufer. Sie saßen bei einem Kruge Doppelbier, auf meine Kosten, wie die Rechnung auswies, um die Art und Weise der Bekanntmachung zu überlegen, die am nächsten Tage in den Straßen erfolgen sollte, damit der unglückliche junge Mann, wie sie mich nannten, seinen Freunden ohne fernern Aufschub wieder zugeführt werde. Daß ich mein Mißvergnügen über diese unbescheidene Einmischung in meine Angelegenheiten nicht unterdrückte, wird sich jeder vernünftige Mensch allein sagen; Andreas überließ sich aber bei meiner Ankunft einem solchen Ausbruch der Freude, daß ich meinem Aerger tatsächlich gar nicht Luft machen konnte. Ich begnügte mich, ihm die Tür meines Schlafzimmers vor der Nase zuzuschlagen, als er hinter mir herlief, dem Himmel für meine Rückkehr dankend, und mir dringlich ans Herz legend, künftighin vorsichtiger zu sein, wenn ich allein ausginge, mit dem Vorsatz, mich dieses lästigen, pedantischen und eingebildeten Toren, der sich mehr als Aufseher, statt Diener betätigen zu wollen schien, am andern Morgen, bevor ich anderes vornähme, zu verabschieden. Mit diesem Entschlusse rief ich ihn am Morgen auf mein Zimmer und fragte, was ich ihm für seine Begleitung bis Glasgow schuldig sei. Bei dieser Frage, die er mit Grund für die Einleitung zur Entlassung hielt, wurde er weiß wie Kalk an der Wand. »Euer Gnaden werden doch nicht –« hub er zögernd an. »Sprich, Schurke! oder ich geb Dir eins auf den Schädel!« rief ich, während Andreas, zwischen der doppelten Gefahr, alles zu verlieren, wenn er zuviel verlangte, oder einen Teil einzubüßen, wenn er weniger begehrte, als ich wahrscheinlich zu bewilligen Lust hatte, unschlüssig dastand. Bei meinen Drohungen platzte er jedoch heraus, wie zuweilen ein gutgemeinter Schlag auf den Rücken die Luftröhre von einem eingedrungenen Brocken befreit: »Achtzehn Stüber für den Tag, werdet Ihr wohl nicht als unbillig finden.« »Es ist zweimal so viel als gewöhnlich, und dreimal mehr, als Ihr verdient, Andreas; doch hier ist eine Guinee, und nun geht Eurer Wege.« »Gott verzeih mir! Seid Ihr von Sinnen, Herr?« rief Andreas. »Nein; aber ich glaube, Ihr wollt mich von Sinnen bringen. Ich geb Euch ein Drittel mehr, als Ihr fordert, und Ihr steht und gafft mich an und beschwert Euch, als ob ich Euch zu wenig gegeben hatte. Nehmt Euer Geld und geht Eurer Wege.« »Herr, behüt uns!« fuhr Andreas fort. »Womit hab ich Euer Gnaden beleidigt? Gewiß, alles Fleisch ist gleich den Blumen auf dem Felde; aber wenn ein Kamillenbeet Wert hat für den Arzt, so kann Euch Andreas Gutdienst nicht weniger nützlich sein – die Trennung von mir ist so viel wert wie Euer Leben.« »Auf Ehre,« erwiderte ich; »es ist schwer zu sagen, ob Ihr mehr ein Schelm seid oder ein Narr. – So wollt Ihr also durchaus bei mir bleiben?« »Mein' Treu', das eben war mein Gedanke,« entgegnete er entschieden. »Wenn Ihr nicht wißt, daß Ihr einen guten Diener habt, so weiß ich, daß ich einen guten Herrn habe. Der Teufel müßte in mir stecken, wenn ich von Euch ginge – zudem hab ich ja gar keine gehörige Aufkündigung meines Dienstes erhalten.« »Eures Dienstes!« sprach ich. »Ich hab Euch nicht als Diener gemietet, sondern nur als Führer oder Wegweiser, dessen Landeskenntnis ich auf der Reise benutzt habe.« »Freilich bin ich kein gewöhnlicher Diener, das geb ich zu, Herr,« bemerkte der Gärtner; »aber Ihr wißt, ich hab eine gute Stelle aufgegeben, was ich nur eine Stunde vorher wußte, um Euer Gnaden Verlangen zu erfüllen. Ehrlich und mit gutem Gewissen kann man es als Gärtner in Schloß Osbaldistone jährlich auf richtige zwanzig Pfund bringen, und die bin ich nicht willens, für eine Guinee aufzugeben. Ich habe wenigstens gerechnet, bis zur Mietzeit bei Euch zu bleiben, und auch so lange Lohn, Kostgeld und Trinkgeld erwartet.« »Diese unverschämten Forderungen sollen Euch nichts helfen, « erwiderte ich, »und wenn ich noch etwas davon höre, so will ich Euch zeigen, daß Junker Thorncliff nicht der einzige seines Namens ist, der seine Hände zu brauchen weiß.« Die ganze Sache kam mir bei diesen Worten so lächerlich vor, daß ich, so ungehalten ich wirklich war, kaum mich zusammennehmen konnte, um über die Ernsthaftigkeit, womit Andreas die übertriebene Forderung behauptete, nicht in Lachen auszubrechen. Der Schelm merkte den Eindruck, den er auf meine Lachmuskeln gemacht hatte, und war um so beharrlicher. Er hielt es indes für ratsamer, seine Ansprüche etwas herabzustimmen, um nicht meine Geduld und seine Sache zugleich zu erschöpfen. Wenn es auch in meiner Gewalt stehe, äußerte er, mich von einem treuen Diener, der mir und den meinigen zwanzig Jahre lang bei Tag und Nacht gedient habe, plötzlich und an einem fremden Orte zu trennen, so sei er doch versichert, daß es mir so wenig als irgend einem wackern Manne in den Sinn komme, einen armen Burschen, wie ihn, der vierzig, fünfzig, sogar hundert Meilen, aus seinem Wege gegangen sei, bloß um mir Gesellschaft zu leisten, und der nichts habe, als seinen Lohn, auf diese Art in Not zu versetzen. Noch unschlüssig, fragte ich ihn, ob er die Wege und Städte im nördlichen Schottland kenne, da meines Vaters Verkehr mit den hochländischen Waldbewohnern mich wahrscheinlich dahin führen würde. Ich glaube, wenn ich ihn nach dem Wege zum Paradies gefragt hätte, so hätte er es in diesem Augenblick auf sich genommen, mich hinzuführen, und ich konnte mich nachher glücklich schätzen, als ich fand, daß seine wirkliche Kenntnis der Gegend nicht gar weit unter dem war, dessen er sich rühmte. Ich bestimmte ihm seinen Lohn und behielt mir das Recht vor, ihn nach Belieben zu verabschieden. Zuletzt gab ich ihm einen strengen Verweis über sein Betragen am vorigen Tage, und er entfernte sich mit frohem Herzen, obwohl etwas kleinlaut, um seinem Freunde, dem Vorsänger, zu erzählen, wie er den jungen englischen Junker zurechtgewiesen habe. Der Uebereinkunft gemäß begab ich mich darauf zu dem Herrn Niklas Jarvie, wo ein behagliches Frühstück im Sprechzimmer, das der wackre Mann so ziemlich auf allerhand Weise benutzte, bereitet war. Der geschäftige, wohlwollende Beamte hatte redlich Wort gehalten. Ich fand meinen Freund Owen in Freiheit, und daß er sich jetzt wieder als ein andrer Mann zeigte, wie im Gefängnis, versteht sich wohl von selbst. Dennoch hatte das Bewußtsein, der drückenden Geldverlegenheiten nicht Herr werden zu können, seinen Mut niedergebeugt. Nachdem wir uns jetzt gesetzt hatten, verriet die Schwermut in seinem Blick und Benehmen, so verschieden von seiner gewöhnlichen ruhigen und gelassenen Zufriedenheit, daß er in Gedanken die Tage, Stunden und Minuten berechnete, nach deren Verlauf, wenn er die notwendigen Summen nicht auftrieb, das große Haus Osbaldistone und Tresham fallen mußte. Es blieb daher mir überlassen, unsers Wirtes gastfreundlichem Mahle, seinem Tee, der gerade aus China kam, seinem Kaffee, der auf seiner eignen kleinen Pflanzung in Jamaika gewachsen war, seinem englischen Röstbrot und Doppelbier, seinem getrockneten Lachs, seinen Heringen, und selbst seinem doppelt damastnen Tischtuch, das niemand anders, als sein Vater, der würdige Vorsteher, gewebt hatte, das gebührende Lob zu zollen. »Aber sagt mir, Herr Jarvie,« fragte ich, als wir bei Tisch saßen, »wer mag dieser Robert Campbell sein, den wir in letzter Nacht trafen?« Die Frage schien den wackern Mann in Verlegenheit zu setzen, und statt zu antworten, wiederholte er: »Was? wer Robert Campbell ist?« »Ja,« sprach ich; »ich meine, wer und was er ist?« »Ei, hm! – er ist – na, er ist – Aber wo traft Ihr ihn denn, den Robert Campbell, wie Ihr ihn nennt?« »Zufällig vor einigen Monaten in Nord-England,« erwiderte ich. »Nun, Herr Osbaldistone,« sprach Jarvie mürrisch, »dann wißt Ihr so viel von ihm als ich.« »Das sollt ich nicht meinen, Herr Jarvie,« erwiderte ich. »Ihr seid ja, wie es scheint, sein Freund und Verwandter.« »Es ist allerdings etwas Vetterschaft zwischen uns,« sprach Jarvie zögernd, »aber wir haben uns wenig gesehen, seit Robin den Viehhandel aufgab. Der arme Mensch! Man hat ihn hart behandelt, wo er's besser verdient hätte. – Es ist mancher, der ihn lieber wieder hinter dreihundert Ochsen sehen möchte, als an der Spitze von dreißig schlimmem Bestien.« »Alles dies, Herr Jarvie, sagt mir nichts von seinem Stande, von seiner Art, sich durchs Leben zu schlagen, von seinem Einkommen,« erwiderte ich. »Stand?« sprach Jarvie. »Er ist ein hochländischer Herr – einen bessern Stand brauchts nicht. Wie er sich durchs Leben schlägt? na, im Gebirge als Hochländer, im Unterland als Unterländer – und sein Einkommen? –hm, was brauchen wir uns darum zu bekümmern, so lang er uns nicht in Anspruch nimmt? Aber ich habe keine Zeit, jetzt von ihm zu schwatzen, da wir uns schleunigst mit Eures Vaters Angelegenheiten beschäftigen müssen.« Mit diesen Worten setzte er seine Brille auf und nahm Platz, um die Angaben zu untersuchen, die Owen ihm, wie er es fürs klügste hielt, ohne allen Rückhalt bekannt gab. Ich war mit Geschäftssachen vertraut genug, um wahrnehmen zu können, wie genau und scharfsinnig Jarvie die Gegenstände beurteilte, die seiner Prüfung unterworfen wurden, und, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wieviel Ehrlichkeit und sogar Edelmut er dabei zeigte. Er kratzte freilich mehrmals sich hinter den Ohren, als er bemerkte, wie das Soll von Osbaldistone und Tresham in seiner eignen Rechnung stand. »Es kann ein verlorner Posten sein,« bemerkte er; »und, auf Gewissen! was Eure Geldleute in London auch davon sagen mögen, bei uns in Glasgow ists keine Kleinigkeit. Es wird eine große Lücke reißen. Aber was ists denn? Ich hoffe, Euer Haus wird darum nicht fallen, was auch gekommen und gegangen sein mag, und wenns auch geschieht, so will ich nie so schlimm sein, wie die Raben hier in Gallowgate. Soll ich durch Euch verlieren, so werd ich doch nie leugnen, daß ich manches schöne Pfund Sterling durch Euch gewonnen habe.« Er zeigte sichtlich freundschaftliche Teilnahme an den Angelegenheiten meines Vaters, schlug mehrere Hilfsmittel vor, billigte verschiedne Einrichtungen, die Owen angab, und zerstreute durch seinen Rat und Beistand nicht wenig den Trübsinn, der auf der Stirn dieses bekümmerten Mannes ruhte. Da ich ein müßiger Zuschauer bei dieser Gelegenheit war, und vielleicht auch mehr als einmal einige Neigung verriet, die Unterhaltung wieder auf Cambell zu lenken, entließ mich Jarvie ohne viele Umstände mit dem Rate, ins Kollegium zu gehen, wo ich ein paar Personen finden würde, die Griechisch und Latein sprächen, wenigstens Geld genug dafür erhielten, es zu tun, und wo ich etwas von Body's Übersetzung der heiligen Schrift lesen könne, – bessere Poesie als irgend eine, wie er wenigstens von Leuten gehört habe, die dergleichen Dinge verstehen oder verstehen sollten. Er versüßte jedoch diese Abschiedspille durch eine Einladung, mittags bei ihm zu essen, aber pünktlich um ein Uhr, seiner wie auch schon seines Vaters Tischzeit, zu kommen. Fünftes Kapitel. Ich begab mich, wie der würdige Beamte mir empfohlen hatte, nach dem Schulgebäude, um über mein künftiges Verhalten nachzudenken. Ich wanderte von einem Viereck der altmodischen Gebäude zum andern und dann in den Kollegiengarten, wo ich, angezogen durch Einsamkeit des Ortes, und über die Seltsamkeit des Schicksals sinnend, mehrmals auf- und abging. Den Umständen gemäß, die mein erstes Zusammentreffen mit Campbell begleitet hatten, konnte ich nicht zweifeln, daß dieser Mensch sich mit irgend einem kühnen Unternehmen befaßte. Der Widerwille Jarvies, von ihm und seinen Verhältnissen, sowie von den Vorfällen der verwichnen Nacht zu sprechen, konnte meinen Argwohn nur verstärken. Dennoch hatte sich Diana Vernon, wie es schien, unbedenklich an ihn in bezug auf mich gewendet, und das Betragen des Stadtbeamten selbst gegen ihn zeigte eine seltsame Mischung von Güte und sogar Hochachtung mit Bedauern und Tadel. Es mußte etwas Ungewöhnliches in Campbells Lage und Denkungsart sein, und was mir noch seltsamer vorkam, sein Schicksal schien Einfluß auf das meinige üben zu sollen. Ich nahm mir vor, bei der ersten schicklichen Gelegenheit zu versuchen, ob sich von Jarvie Genaues über den geheimnisvollen Mann erforschen ließe; denn mir mußte daran liegen, festzustellen, ob ich, ohne Nachteil für meinen Ruf, fernere Gemeinschaft mit ihm unterhalten dürfe. Damit beschäftigt, sah ich plötzlich meine Aufmerksamkeit auf drei Männer gelenkt, die am obern Ende des Ganges, wo ich schlenderte, in ernstlichem Gespräch begriffen zu sein schienen. Eine innere Stimme sagte mir, daß der mittlere jener drei Männer Rashleigh Osbaldistone war. Ihn anzureden war meine erste Regung; die zweite war, ihn zu beobachten, bis er allein sein würde, oder wenigstens seine Begleiter erst ins Auge zu fassen, ehe ich ihn selbst zur Rede stellte. Sie waren noch immer so weit entfernt, und so in ihr Gespräch vertieft, daß ich Zeit hatte, unbemerkt hinter eine Hecke zu treten. Es war zu jener Zeit unter muntern Jünglingen Sitte, auf ihren Morgenspaziergängen einen Scharlachmantel überzuwerfen, den Stutzer zuweilen so trugen, daß er einen Teil des Gesichts verhüllte. Was tat jetzt ich und konnte nun, von der Hecke beschirmt, an meinem Vater vorübergehen, unbemerkt von ihm und den andern. Ich erschrak nicht wenig, in Rashleighs Begleitern denselben Morris, der mich angeklagt hatte, und den Kaufmann Mac Vittie zu erkennen, dessen trotziges, strenges Ansehen am vorigen Tage mir so abstoßend gewesen war. Ein Zusammentreffen schlimmerer Vorbedeutung hätte sich Wohl schwerlich für meine und meines Vaters Angelegenheiten denken lassen. Als die drei Männer ein paar Schritte vorüber waren, kehrte ich um und folgte ihnen unbemerkt nach. Am Ende des Ganges trennten sie sich; Morris und Mac Vittie verließen den Garten, und Rashleigh kam allein den Gang zurück. Ich war entschlossen, ihm entgegen zu treten und Ersatz für die Kränkungen zu fordern, die er meinem Vater zugefügt hatte, wenngleich ich noch nicht wußte, auf welche Weise sich Ersatz schaffen ließe. Ich meinte jedoch, dies dem Zufall überlassen zu sollen, und trat, den Mantel zurückschlagend, durch eine Oeffnung der niedrigen Hecke Rashleigh entgegen. Rashleigh war nicht der Mann, sich überraschen oder aus der Fassung bringen zu lassen. Als er jedoch mich so nahe vor sich sah, und wohl auch auf meinem Gesicht den Ausdruck des Unwillens las, der in meiner Brust glühte, war er sichtlich bestürzt. »Gut, daß ich Euch treffe, Herr,« hub ich an; »ich wollte eben zu dem Zweck, Euch aufzusuchen, eine lange, unsichre Reise antreten.« »Ihr kennt also den, den Ihr sucht, wenig,« erwiderte Rashleigh mit seiner unerschütterlichen Fassung. »Meinen Freunden wird es leicht, mich zu finden, leichter noch meinen Feinden. Euer Betragen nötigt mich zu der Frage, unter welche Klasse ich Franz Osbaldistone zu setzen habe.« »Unter Eure Feinde,« antwortete ich, »unter Eure Todfeinde, wenn Ihr nicht sogleich gerecht werdet gegen Euren Wohltäter, meinen Vater, und Rechenschaft gebt von seinem Eigentum.« »Und wem, Herr Osbaldistone, bin ich als Mitglied von Eures Vaters Handelshause über mein Verhalten in Dingen, die in jeder Hinsicht zu meinen eignen geworden sind, Rechenschaft abzulegen, gezwungen? Gewiß, nicht einem jungen Menschen, der so feinen, Geschmack an Literatur besitzt, daß solche Erörterungen ihm widrig und unverständlich sein würden!« »Euer Spott, Herr ist keine Verantwortung; ich will nicht von Euch gehen, als bis ich volle Auskunft über den Betrug habe, auf den Ihr sinnt. – Ihr sollt mit mir vor Gericht.« »Meinetwegen,« sprach Rashleigh und machte einige Schritte, als ob er mich begleiten wollte; dann blieb er stehen und fuhr fort: »Wäre ich geneigt, Eurem Ansinnen zu folgen, so würdet Ihr bald merken, wer von uns beiden am meisten Ursache hat, einen Richter zu scheuen. Aber ich hege keinen Wunsch, Euer Schicksal zu beschleunigen. Geht, junger Mann! Amüsiert Euch in Eurer Phantasiewelt und überlaßt die praktischen Geschäfte des Lebens denen, die sie zu führen wissen und führen können.« Seine Absicht war, wie ich vermutete, mich zu reizen, und es gelang ihm. »Herr Osbaldistone,« sprach ich, »dieser Ton, so frech er bei aller Ruhe ist, soll Euch nichts helfen. Ihr solltet erwägen, daß der Name, den wir beide führen, nie einen Schimpf gelitten hat und in meiner Person keinem Schimpfe ausgesetzt sein darf.« »Ihr erinnert mich,« sprach Rashleigh mit einem seiner finstersten Blicke, »daß dieser Name in mir entehrt worden ist! – Ihr erinnert mich auch, durch wen! Glaubt Ihr, ich hätte den Abend im Schlosse vergessen, wo Ihr wohlfeil und ungestraft den Eisenfresser auf meine Kosten spieltet? Für diesen Schimpf, der nur durch Blut abgewaschen werden kann, – wie auch dafür, daß Ihr mir zu verschiedenen Zeiten in den Weg getreten seid, und immer zu meinem Nachteil – dafür, daß Ihr mit törichter Hartnäckigkeit Entwürfe zu durchkreuzen sucht, deren Wichtigkeit Ihr weder kennt, noch fähig zu würdigen seid – für alles dies seid Ihr mir Rechenschaft von langer Hand schuldig, für die früh ein Tag der Rechnung kommen soll.« »Er komme, wann er wolle,« erwiderte ich, »und wird mich willig und bereit finden. Indessen scheint Ihr den schwersten Punkt vergessen zu haben – daß ich das Vergnügen hatte, dem Verstände und den tugendhaften Gefühlen des Fräuleins Vernon jenen Beistand zu leisten, der es ihr ermöglichte, sich aus Euren schändlichen Netzen zu befreien.« Seine dunklen Augen schienen Flammen zu sprühen bei diesem scharfen Wort, aber seine Stimme behielt denselben ruhigen Ton, mit dem er bisher die Unterhaltung geführt hatte. »Ich hatte andre Absichten mit Euch, junger Mann,« war seine Antwort, »die weniger gefährlich für Euch waren und sich für meinen jetzigen Stand und meine frühere Erziehung besser geschickt hätten. Allein ich sehe, es verlangt Euch nach der persönlichen Züchtigung, die Eure knabenhafte Unverschämtheit in so hohem Maße verdient. Folgt mir an einen entlegenen Ort, wo wir nicht so leicht gestört werden können.« Ich folgte ihm, aber mit wachsamem Auge, denn ich traute ihm das Aergste zu, auf einem offnen Platz mit geschornen Hecken und Bildsäulen; und es war zu meinem Glücke, daß ich auf meiner Hut war, denn Rashleighs Degen war gezogen und bedrohte meine Brust, ehe ich meinen Mantel abgeworfen hatte, so daß ich mein Leben nur dadurch rettete, daß ich mehrere Schritte zurücksprang. Er hatte einige Vorteile durch die Verschiedenheit unsrer Waffen, denn sein Degen war länger und dreieckig, während der meinige eine flache, zweischneidige Klinge hatte, und sich kaum so gut wie der seinige regieren ließ. Im übrigen waren wir ziemlich gleich; aber seine offenbar boshafte Absicht machte ihn keinen Augenblick unvorsichtig, und er erschöpfte alle List und alle Künste der Verteidigung, während er zu gleicher Zeit auf den ärgsten Ausgang unsers Kampfes bedacht war. Auf meiner Seite war der Kampf anfangs mit Mäßigkeit geführt worden, und während eines Ganges von ein paar Minuten fand ich Zeit zu der Erwägung, daß Rashleigh meines Vaters Neffe und der Sohn eines Oheims war, der mir allerdings in seiner Art, Freundschaft erwiesen hatte, und daß sein Tod von meiner Hand großes Leidwesen in der Familie verursachen müßte. Ich hatte mir deshalb vorgenommen, ihn zu entwaffnen, und hatte gemeint, daß mir das bei meiner vermeintlichen Ueberlegenheit nicht schwer fallen könnte. Ich sah aber bald, daß ich meinen Mann gefunden hatte, und einige Stöße, die ich erhielt, nötigten mich zu besserer Vorsicht. Nach und nach wurde ich, durch die Feindseligkeit, mit der mir Rashleigh nach dem Leben trachtete, erbittert und erwiderte die Stöße ebenso ergrimmt, wie er sie führte, und so schien sich annehmen zu lassen, daß der Kampf einen traurigen Ausgang haben werde, es hätte wenig gefehlt, auf meine Kosten; denn mein Fuß glitt aus, und ich konnte mich nicht schnell genug erheben, um den Gegenstoß abzuwenden. Rashleigh stieß so heftig zu, daß sein Degen mir durch die Rippen fuhr, bis der Griff meine Brust traf, so daß ich großen Schmerz empfand, und auf einen Augenblick hielt ich mich für tödlich verwundet. Begierig, mich zu rächen, rang ich mit meinem Gegner, faßte mit der linken Hand den Griff seines Degens und nahm den meinigen kürzer, um ihn zu durchbohren. Da wurde unser Kampf auf Tod und Leben durch einen Mann unterbrochen, der sich gewaltsam zwischen uns warf und uns voneinander riß. Dann rief er mit lauter, gebieterischer Stimme: »Wie! die Söhne derjenigen, die an einer Brust gesogen haben, wollen ihr Blut vergießen, als obs fremdes wäre? – Bei der Hand meines Vaters, den ersten, der noch einen Streich tut, spalt ich bis auf die Brust!« Verblüfft blickte ich empor. Der Sprecher war kein anderer, als Campbell. Er hielt in der Hand ein breites, gezognes Schwert, das er über seinem Haupte schwang, wie um seiner Vermittelung, den schärfsten Nachdruck zu geben; Rashleigh und ich starrten beide den Mann schweigend an, der uns abwechselnd zu ermahnen fortfuhr: »Meint Ihr, Herr Franz, daß Ihr Enres Vaters Kredit wieder herstellen könnt, wenn Ihr Euren Verwandten erstecht oder Euch von ihm erstechen laßt? Oder denkt Ihr, Herr Rashleigh, daß die Menschen ihr Leben und Vermögen jemand anvertrauen wollen, der im Augenblick, wo es ein großes politisches Interesse gilt, wie ein Trunkenbold herumrennt und Händel sucht? Nun, seht mich nicht so grimmig an; wenn Ihr zornig seid, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch zu wenden habt.« »Meine gegenwärtige Lage macht Euch so vermessen,« erwiderte Rashleigh, »sonst würdet Ihrs schwerlich gewagt haben. Euch einzumischen, wo meine Ehre im Spiel ist.« »Ei, sehe doch einer! Vermessen? Und warum? Ihr mögt reicher sein als ich, Herr Osbaldistone, und gelehrter, was ich gar nicht bestreiten will; aber ich meine, Ihr seid weder stattlicher, noch von besserm Stande als ich, und wenn ich höre, daß Ihr so gut seid wie ich, wird es eine Neuigkeit für mich sein. Von wagen sprecht Ihr? Na wäre viel zu wagen! – Ich habe wohl mehr als Ihr beide zusammen, mich in manchem heißen Kampfe herumgeschlagen und nicht viel an mein Morgenwerk gedacht, wenn's vorbei war.« Rashleigh hatte unterdessen seine Fassung wieder erlangt. »Mein Vetter,« sagte er, »wird zugeben, daß er mich zu diesem Kampfe gezwungen hat. Ich habe ihn nicht gesucht, und es ist mir sehr lieb, daß wir gestört wurden, ehe ich seine Voreiligkeit strenger gezüchtigt hatte.« »Seid Ihr verwundet?« fragte mich Campbell mit Teilnahme. »Eine leichte Schmarre,« antwortete ich, »deren sich mein gütiger Vetter nicht lange hätte rühmen sollen, wenn Ihr nicht zwischen uns gekommen wäret.« »Meiner Treu! das ist wahr, Herr Rashleigh,« sprach Campbell; »denn der kalte Stahl und Euer bestes Blut konnten bald miteinander bekannt werden, als ich Euern Vetter am rechten Arm packte. Aber seht deshalb nicht so mürrisch drein! Kommt mit mir mit, ich habe Euch etwas zu erzählen, und dabei werdet Ihr Euch schön abkühlen und eines Bessern besinnen.« »Bitte um Entschuldigung, mein Herr,« sprach ich; »mir ist schon bei mehr als einer Gelegenheit vorgekommen, als ob Ihr freundliche Absichten gegen mich hegtet; allein ich darf und will diesen Mann nicht verlassen, bis er mir zurückgibt, was er meinem Vater verräterischerweise geraubt hat und was ich unbedingt haben muß, um die Verbindlichkeiten meines Vaters zu lösen.« »Gebt Euch für heute zufrieden,« erwiderte Campbell; »denn wolltet Ihr uns auch folgen, so würde es Euch doch nichts nützen und Euch nichts helfen. Ihr habt gerade genug an einem Gegner, wollt Ihr Euch zwei über den Kopf bringen?« »Zwanzig, wenns sein muß,« antwortete ich. Ich faßte Rashleigh beim Kragen. Er leistete keinen Widerstand, sprach aber mit höhnischem Lächeln: »Ihr hört ihn selbst, Mac Gregor! er rennt in sein Verderben – ists meine Schuld, wenn er hineinstürzt? Die Verhaftsbefehle sind nun ausgefertigt und alles ist bereit.« Der Schottländer war in sichtbarer Verlegenheit. Er blickte rund umher, vor sich und hinter sich, und sprach sodann: »Nie werde ich zugeben, daß ihm etwas Uebles geschieht, weil er aufgestanden ist für den Vater, dem er das Leben dankt. Verflucht seien sie alle die Obrigkeiten, Richter, Vögte, Gerichtsdiener und Häscher und dergleichen schwarzes Hornvieh, das unser armes altes Schottland seit hundert Jahren quält. Es war ein lustiges Leben, als jedermann seine Habe mit seiner eignen Faust bewahrte, und als das Land nicht geplagt war mit Verhaftsbefehlen, Klagen und Gegenklagen und solcherlei Trug und List. Ich sag es noch einmal, mein Gewissen leidet es nicht, daß dieser wackre, harmlose Jüngling übel behandelt werde, und besonders auf solche Art. Da wär es mir schon lieber, Ihr zöget wieder blank und machtet den Streit aus wie wackre Männer.« »Euer Gewissen, Mac Gregor!« sprach Rashleigh; »Ihr vergeßt, wie lange wir uns beide kennen.« »Ja, mein Gewissen!« wiederholte Campbell, oder Mac Gregor, ober wie er heißen mochte. »Ich habe so ein Ding in meiner Brust, Herr Osbaldistone; mag ja sein, daß ich Euch hierin was voraus habe. Was unsre Bekanntschaft miteinander betrifft, so werdet Ihr wissen, wenn Ihr mich kennt, wodurch ich geworden bin, was ich bin; Ihr mögt ja davon denken, was Ihr wollt; aber ich tausche nicht mit dem stolzesten jener Unterdrücker, die mich genötigt haben, den Heidebusch zum Aufenthalt zu wählen. Was Ihr seid, Herr Rashleigh, und wie Ihr rechtfertigt oder entschuldigt, was Ihr seid, ist eine Sache, die Ihr mit Eurem Herzen abzumachen habt, und wohl auch mal werdet abmachen müssen, wenn nicht früher, so doch am Tage des ewigen Gerichts! ... Und nun, Herr Franz, laßt ihn los! Er sagt mit Wahrheit, daß Ihr eine Gerichtsperson mehr zu fürchten habt, als er, und wenn Eure Sache so gerade wäre wie ein Pfeil, er würde Mittel finden, sie krumm zu machen. –So! laßt ihn los, sage ich.« Er lieh seinen Worten Unterstützung durch eine so plötzliche und unvermutete Anstrengung, daß er Rashleigh mit der einen Faust und mit der andern mich, trotz meines Sträubens, mit herkulischer Kraft festhielt. »Sucht das Weite, Herr Rashleigh!« rief er. »Lauft, als könntet Ihr Hände und Beine dazu brauchen; getan habt Ihr es ja oft genug!« »Dankt's diesem Herrn, Vetter!« sprach Rashleigh. »Wenn ich Euch meine Schuld heute nicht voll tilge, sondern gehe, so geschieht es in der Hoffnung, daß wir uns bald wieder treffen und dann keine Unterbrechung zu befürchten haben werden.« Er steckte seinen Degen ein und verlor sich im Gebüsch. Der Schottländer hielt mich teils durch Gewalt, teils durch Vorstellungen ab, Rashleigh zu folgen, und ich gewann langsam die Meinung, daß es mir wenig helfen möchte. »So wahr ich lebe!« sagte Campbell, als er sah, daß ich auf Widerstand verzichtete, denn daß er mich aufs schonendste behandelte, konnte mir wohl oder übel nicht verborgen bleiben. »Ihr seid ein Wagehals, wie ich ihn noch nie gesehen! Was hattet Ihr im Sinne? Wolltet Ihr dem Wolf in seine Höhle folgen? – Ich sage Euch, er hat die alte Falle wieder aufgestellt. Er hat die Einnehmerseele, den Morris, bewogen, die alte Geschichte wieder aufzutischen, und Ihr könnt jetzt von mir keine Hilfe erwarten, wie vor dem Richter Inglewood. Es sagt meiner Gesundheit nicht zu, diesen Whigs, diesem Beamtenvolke, hier nahe zu kommen. Ihr aber geht nun heim, gleich einem guten Sohn. – Vermeidet Rashleigh und Morris und diesen viehischen Mac Vittie! – Denkt an das Wirtshaus von Aberfoil, wie ich gesagt habe, und bei dem Wort eines Ehrenmannes, es soll Euch kein Leid geschehen. Aber haltet Euch ruhig, bis wir uns wiedersehen. Ich muß fort, damit ich Rashleigh aus der Stadt bringe, ehe etwas Schlimmeres daraus entsteht; denn wo er die Nase hinsteckt, ist immer Unheil. Denkt an Aberfoil!« Er wandte sich ab, um mich dem Sinnen über die sonderbaren Ereignisse zu überlassen, die mir begegnet waren. Meine erste Sorge war, meine Kleidung zu ordnen und den Mantel so umzuschlagen, daß er das Blut verbarg, das mir aus der Seite drang. Ich hatte das kaum getan, so füllte sich der Garten mit den Schülern, deren Unterricht zu Ende war, und ich eilte hinaus. Auf dem Wege nach Jarvie's Wohnung, dessen Essenszeit nun kam, blieb ich vor einem kleinen Laden stehen, dessen Schild anzeigte, daß er dem Chirurgen und Apotheker Christoph Neilson gehörte. In der Hinterstube fand ich einen ältlichen muntern Herrn, der ungläubig mit dem Kopfe schüttelte, als ich ihm sagte, ich sei zufällig durch ein Rappier verwundet worden. Aber er legte mir Scharpie auf die Wunde und meinte: »Von einem Rappiere rührt Eure Blessur nicht her, junger Herr! Ja, das böse Jugendblut! das böse Jugendblut! Aber wir Wundärzte sind verschwiegen. Und wenn es nicht heißes Blut gäbe, und böses Blut, was wollte aus den gelehrten zwei Fakultäten werden?« Sechstes Kapitel. »Warum kommt Ihr so spät?« fragte Jarvie, als ich in die Eßstube trat; »es hat vor fünf Minuten schon eins geschlagen. Die Mathilde ist zweimal mit dem Essen an der Tür gewesen.« Ich entschuldigte mich, so gut es ging, wegen dieser Unpünktlichkeit, und saß bald an der Tafel. Jarvie war ein höchst angenehmer Wirt und übte die ungezwungenste Gastfreundschaft, nötigte Owen und mich bloß allzu viel zu den schottischen Leckerbissen, von denen sein Tisch strotzte, die aber mit unserm Geschmack doch nicht so recht harmonierten. Ich fand mich einigermaßen damit zurecht, aber Owen, dessen Begriffe von Höflichkeit weit strenger und förmlicher waren, und der bei dem Freunde der Firma nicht gegen den Respekt verstoßen wollte, zwang sich mit kläglicher Gefälligkeit einen Bissen nach dem andern hinunter, und pries alles in einem Tone, aus dem der Widerwille, trotz aller Höflichkeit, deren er sich befleißigte, ziemlich scharf hervorklang. Als wir abgegessen hatten, bereitete Jarvic mit eignen Händen einen kleinen Napf voll Branntweinpunsch, den ersten, den ich im Leben erblickt hatte. Wir fanden das Getränk sehr schmackhaft. Es führte zu einem langen Gespräch zwischen Owen und unserm Wirt über den Handelsverkehr, der sich seit der Vereinigung Schottlands mit England zwischen Glasgow und den britischen Ansiedelungen in Amerika und Westindien angeknüpft hatte, und über die vorzügliche Lage dieser Stadt für die Aus- und Einfuhr. Einige Bemerkungen Owens über die Schwierigkeit für Schottland, zu exportieren, ohne von England zu kaufen, veranlaßten Jarvie zu heftiger Entgegnung. »Nein, nein, Herr,« sagte er, »wir stehen auf eignen Füßen – wir haben unsre Wolle, haben Leinwand aller Art, besser und wohlfeiler, als Ihr in London – und wir kaufen Eure nordenglischen Waren doch so wohlfeil in Liverpool wie Ihr, und machen gute Geschäft mit Kattun und Musselin. Nein, nein! Ihr werdet bald finden, wir Glasgower sind nicht so weit zurück, daß wir nicht folgen könnten. – Aber für Euch, Herr Osbaldistone, ist das eine schlechte Unterhaltung,« wandte er sich zu mit, da er bemerkte, daß ich einige Zeit geschwiegen hatte; indessen Ihr wißt wohl, es spricht nun mal jeder gern von seinem Handwerk.« Zur Entschuldigung für meine Zerstreutheit und Nachdenklichkeit fühlte ich die bedauerlichen Umstände meiner Lage und die seltsamen Abenteuer dieses Morgens an. Auf diese Art erhielt ich, was ich suchte, nämlich die Gelegenheit, meine Geschichte ausführlich und ohne Unterbrechung zu erzählen. Einzig und allein der erhaltenen Wunde erwähnte ich nicht, als zu unbedeutend. Jarvie hörte mit großer Aufmerksamkeit und anscheinender Teilnahme zu, zwinkerte mit den kleinen grauen Augen, nahm ein paar Prisen und unterbrach mich nur zuweilen durch kurze Ausrufungen. Als ich zu der Nachricht von dem Zweikampf kam, faltete Owen die Hände, hob die Augen gen Himmel und zeigte das Bild kläglichsten Schreckens, während Jarvie hastig einfiel: »Unrecht – schweres Unrecht, den Degen zu ziehen gegen Euren Verwandten! das verbieten göttliche und menschliche Gesetze! Aber erzählt weiter – was geschah dann?« Als ich nun von Campbell erzählte, stand Jarvie ganz verdutzt auf und schritt durchs Zimmer. »Robin schon wieder? Der Mensch ist toll! schier toll und töricht!« rief er. »An den Galgen wird er sich noch bringen und seine ganze Verwandtschaft in Schimpf und Schande stürzen! das wird man noch erleben! – Mein Vater, der Vorsteher, hat ihm die ersten, Strümpfe gewirkt – sonderbar, ich glaube, Threeplie, der Seiler, der jetzige Vorsteher, wird ihm die letzte Halsbinde drehen! – Doch sprecht weiter! wie ward's weiter?« Ich erzählte die ganze Geschichte, so genau ich konnte, aber Jarvie fand immer noch an dem und jenem herumzureden, nach diesem und anderm zu fragen, bis ich, obgleich mit Widerwillen, auf die Begebenheit mit Morris und auf mein Zusammentreffen mit Campbell in Inglewoods Hause zurück gelangte. Jarvie hörte allem aufmerksam zu und schwieg eine Weile, nachdem ich ausgeredet hatte. »Ueber alles dies bitt ich Euch nun um Euren Rat, Herr Jarvie; denn er wird mir ohne Zweifel den besten Weg zeigen, für meines Vaters Vorteil und meine eigne Ehre zu handeln.« »Ihr habt recht, junger Mann, ganz recht,« sprach Jarvie. »Nehmt den Rat von Männern an, die älter und weiser sind als Ihr, und machts nicht, wie der gottlose Rehabeam, der mit jungen, unbärtigen Burschen Rat hielt und die Greise, die zu seines Vaters Salomo Füßen gesessen hatten, für nichts ansah. – Aber, junger Mann, ich mag nichts von Ehre hören; wir haben es hier einzig und allein mit der Kreditfrage zu tun. Ehre ist eine böse Madam, die umherspukt in allen Winkeln, die auf den Gassen Streit vom Zaune bricht; Kredit ist ein anständiger, ehrsamer Herr, der hübsch daheim bleibt und gut Spiel hat.« »Ein wahres Wort, Herr Jarvie,« sprach unser Freund Owen, »Kredit ist die Hauptsumma, und wenn wir diese nur retten können, mit welchem Verlust es auch sei –« »Recht so, Herr Owen, recht so,« erwiderte Jarvie; »Ihr sprecht verständig, und ich hoffe, die Sache wird sich noch wenden. Aber was Robin betrifft, so meine ich, er wird diesem jungen Manne gefällig sein, wenn es in seiner Macht steht. Er hat ein gutes Herz, der arme Robin, und ob ich gleich bei seinen frühern Geschäften zweihundert Pfund verlor, und nicht viel Hoffnung habe, je meine tausend Pfund Schottisch zurück zu sehen, die er mir jetzt verspricht, so sag ich dennoch, Robin meint's gut.« »Ich darf ihn also für einen ehrlichen Mann halten?« fragte ich. »I nun!« erwiderte Jarvie nach einigem Räuspern. – »Ja, er hat so eine hochländische Ehrlichkeit, – er ist ehrlich mit Vorbehalt, wie man zu sagen pflegt.« »Aber glaubt Ihr,« fragte ich, »daß dieser Mann mir dienen kann, oder will, meinetwegen mit Vorbehalt – wie Ihr sagt – oder weiter, darf ich mich an den Ort wagen, wo ich ihn treffen sollte?« »Ehrlich und aufrichtig gesagt, des Versuchs ist es wert. Ihr seht selbst, hier könnt Ihr ohne Gefahr nicht bleiben. Dieser Morris hat nicht weit von hier eine Zolleinnehmerstelle am Hafen bekommen. Alle Welt hält ihn bloß für einen Gänsekopf und ein Hasenherz, für einen Bummler und Leuteschinder; aber wenn er eine Anzeige macht, dann muß die Obrigkeit natürlicherweise sie annehmen und gelten lassen, wenn sie nicht widerlegt wird. Man könnte Euch also leicht einsperren, und das möchte für Eures Vaters Angelegenheiten doch sehr nachteilig sein.« »Allerdings,« erwiderte ich; »dennoch sehe ich nicht ein, wie ich meinem Vater einen Dienst leisten könnte, wenn ich Glasgow verließe, wo wahrscheinlich der Hauptschauplatz von Rashleighs Ränken sein wird, und wenn ich, mich der zweifelhaften Treue dieses Mannes hingeben wollte, von dem ich wenig mehr weiß, als daß er die Gerechtigkeit fürchtet, wozu er schließlich seinen guten Grund haben mag; ganz abgesehen davon, daß er in enger Verbindung mit jenem Manne steht, der wahrscheinlich der Urheber unsers Verderbens sein wird.« »Ei, Ihr beurteilt Robin recht streng,« sprach Jarvie – »den armen Schelm; aber Ihr wißt nicht, wie es in unserm Gebirge steht oder, wie wir es nennen, im Hochlande. Dort wohnt ein ganz andrer Menschenschlag, wie bei uns. Da gibt es keine Gerichtshöfe, keine Obrigkeiten, die das Schwert nicht umsonst tragen, gleich mir und andern Beamten in dieser Stadt. – Sondern der Laird befiehlt, und die Taugenichtse müssen bereit sein, und sie kennen kein anderes Gesetz, als die Länge ihrer Dolche. Das Schwert ist der Ankläger, die Tartsche ist der Verteidiger, der ärgste Trotzkopf hält's am längsten aus – da habt Ihr einen hochländischen Prozeß.« Owen seufzte tief, und mir machte diese Beschreibung keine große Lust, mich in ein Land zu wagen, das von Recht und Gesetz so wenig kannte und hielt. »Wir sprechen nicht viel von diesen Dingen,« fuhr Jarvie fort, »weil sie uns bekannt sind; und was nützt es, sein Vaterland und seine Verwandten zu schmähen vor Fremden? Es ist ein schlechter Vogel, der sein eignes Nest besudelt.« »Gut, Herr; da aber nicht zudringliche Neugierde, sondern wirkliche Notwendigkeit mich antreibt, Erkundigungen einzuziehen, werdet Ihr's hoffentlich nicht übel nehmen, wenn ich Euch um einige weitere Nachricht bitte. Ich habe für meines Vaters Rechnung mit verschiedenen Herren in jenen wilden Gegenden zu tun, und ich muß von Eurer Einsicht und Erfahrung die nötige Aufklärung hierüber erwarten.« »Erfahrung,« antwortete Jarvie, dem meine letzten Worte sicherlich geschmeichelt hatten,«hab' ich am Ende wohl, und da Ihr willens seid, Euch von dem Rat eines Glasgower Webers leiten zu lassen, bin ich nicht der Mann, der dem Sohne eines alten Handelsfreundes seinen Rat verweigert. Nun, ich will also nichts reden von Hochverrat und dergleichen, oder was am Ende daran streifte; aber diese Hochländer haben lange Arme, und da ich hin und wieder mal mich in unsre Berge begebe, um alte Verwandte zu besuchen, so wollt' ich mir nicht gern böses Blut mit irgend einem ihres Clans machen. Um also fortzufahren – Ihr müßt wissen, unsre Hochlande sind eine wilde Art von Welt, voll Höhen, Wälder, Höhlen, Seen, Flüssen und Bergen, die selbst des Teufels Flügel ermüden würden, wenn er bis zu ihrem Gipfel fliegen sollte. In diesem Lande und auf seinen Inseln, die wenig besser oder wohl noch schlimmer sind, gibt es an die zweihundertdreißig Kirchspiele. Ob sie da alle Gälisch sprechen, weiß ich nicht, aber sie sind alle ein rohes Volk. Rechne ich nun mäßig jedes Kirchspiel zu achthundert Menschen, nach Abzug der Kinder unter neun Jahren, und addiere dann ein Fünftel für Kinder von neun Jahren und darüber hinzu, so wird die ganze Volksmenge –« »Gerade 220800 betragen,« sprach Owen, der erfreut in diese Berechnungen einging. »Richtig, Herr Owen, vollkommen richtig. Und da im Hochlande jeder Mann zwischen achtzehn und sechsundfünfzig Jahren die Waffen trägt, kommt eine Zahl von annähernd 57500 Männern heraus. Nun ist's aber eine traurige Wahrheit, daß es weder Arbeit, noch den Anschein von Arbeit für die Hälfte dieser armen Menschen gibt; das will sagen, daß Ackerbau, Viehzucht, Fischerei und andre ehrliche Gewerbe nicht der halben Volksmenge Beschäftigung geben, und mögen sie noch so faul sein! Unter diesen annähernd 60000 Männern nun mag es an 28–29000 rüstige Jünglinge geben, die waffenfähig sind und Waffen tragen, und verteufelt wenig Lust haben, sich nach ehrlichen Mitteln für ihren Lebensunterhalt umzusehen, wenn sie's auch könnten, was aber leider nicht der Fall ist.« »Ist's möglich? soll dies eine treue Schilderung eines so ansehnlichen Teils unsrer britischen Insel sein?« fragte ich. »Ich will's Euch ganz klar machen, Herr,« sprach Jarvie. »Wir wollen annehmen, daß jedes Kirchspiel, gleich verteilt, fünfzig Pflüge beschäftigt, was in einem so armseligen Lande viel ist und Weide genug hat für Pferde, Ochsen und Kühe; nun setzen wir zur Besorgung des Feldes und Viehes fünfundsechzig Familien, jede zu sechs Köpfen, oder in runder Summe fünfhundert Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, welche arbeiten und sich von saurer Milch und Haferbrei nähren mag; aber ich möchte wohl wissen, was die andern fünfhundert tun?« »Mein Gott!« rief ich, »was sagt Ihr, Herr Jarvie? Es schaudert mich, wenn ich an ihre Lage denke!« »Herr,« sprach Jarvie, »Ihr würdet noch mehr schaudern, wenn Ihr in ihrer Nähe lebtet. Ich will zugeben, daß die Hälfte von ihnen sich ehrlich durchschlägt in Nieder-Schottland durch Erntearbeit, Viehtreiben, Heuen und Feldarbeit; aber es gibt noch immer manches Hundert oder Tausend langbeiniger hochländischer Burschen, die nicht arbeiten und bei ihren Verwandten umher liegen müssen, oder davon leben, daß sie tun, was der Laird befiehlt, mag's recht oder unrecht sein. Und vornehmlich kommen viele hundert an die Grenze des Niederlandes, wo es was zu nehmen gibt, und leben vom Viehdiebstahl und von anderen Räubereien. Das ist bejammernswert in einem christlichen Lande, um so mehr, als sie stolz darauf sind und Herdendiebstahl für eine wackre Tat halten, die sich besser für seine Leute zieme, als durch ehrliche Arbeit einen Tagelohn zu verdienen. Die Lairds sind genau so schlimm wie die Burschen; denn wenn sie Raub und Diebstahl auch nicht anbefehlen, so verbieten sie's ihnen doch auch nicht, und geben ihnen Schutz und Zuflucht in ihren Wäldern und Gebirgen und festen Schlössern, wenn der Diebstahl verübt worden ist. Das ist eine Plage unsrer Hochlande, die seit vielen hundert Jahren all den gesetzlosen, unchristlichen Landstreichern, die unser ruhiges, gottesfürchtiges West-Schottland beunruhigt haben, Aufenthalt und Unterstand gegeben hat.« »Und ist dieser Verwandte von Euch und Freund von mir auch ein solcher Laird?« fragte ich. »Nein,« erwiderte Jarvie; »er ist keiner von den Häuptlingen, wie man sie nennt, Er ist aber von guter Herkunft. Ich kenne sein Geschlecht; er ist allerdings mein naher Verwandter, und, wie gesagt, von edlem, hochländischem Blute, obwohl Ihr leicht denken könnt, daß ich mir wenig aus solchem unsinnigen Begriff mache, denn das ist schlecht und flockig Garn, wie unsereins sagt.« »Wenn er aber auch keiner von den Häuptlingen ist, von denen ich meinen Vater erzählen hörte, so hat doch Euer Vetter in den Hochlanden vermutlich viel zu sagen?« fuhr ich fort. »Das dürft Ihr wohl glauben, – kein Name ist besser bekannt als der seinige. Robin war einst ein so wackrer, tätiger Viehhändler, als man unter zehntausend nur finden kann. Es war eine Freude, ihn zu sehen in seinem umgeschlagnen Plaid und seinen Riemenschuhen, mit der Tartsche auf dem Rücken und Tasche und Dolch am Gürtel, wie er Hunderten hochländischer Ochsen folgte, mit einem Dutzend rüstiger Gesellen, so rauh und wild, wie die Tiere, die sie treiben. Er war ein höflicher Mann und im Handel ein rechtlicher Mann. Ich hab's selbst mit angesehen, daß er fünf Schillinge auf ein Pfund Sterling herausgegeben hat.« »Fünfundzwanzig Prozent,« sprach Owen – »ein schweres Diskonto.« »Und er hat's gegeben, Herr, sag ich Euch; zumal wenn er glaubte, der Käufer sei arm und könne einen Verlust nicht verschmerzen. Aber es kamen schwere Zeiten, und Robin wagte viel. Es war nicht meine Schuld; er kann's mir nicht zuschreiben. Ich hab's ihm gesagt. Seine Gläubiger, besonders einige mächtige Nachbarn, griffen nach seinem Eigentum, und man erzählt, sie hätten sein Weib aus dem Hause geworfen und noch dazu mißhandelt. Schändlich! Schändlich! Ich bin ein friedlicher Mann und eine obrigkeitliche Person, aber hätte jemand meine Dienstmagd Mathilde so schlecht behandelt, wie sie Robins Weib behandelt haben mögen, ich glaube, ich hätte das Schwert wieder in Bewegung gesetzt, daß mein Vater, der Vorsteher, bei der Bothwellbrücke brauchte. – Gut, Robin kam heim und fand Verwüstung, Gott erbarm's! wo er Ueberfluß verlassen hatte. Er sah nach Westen, Osten, Süden und Norden, und sah weder Halt noch Hoffnung, weder Schutz noch Zuflucht. Da drückte er die Mütze in die Augen, gürtete das Schwert an seine Seite, ging ins Gebirge und war ein geschlagner Mann.« Die Stimme des wackern Bürgers wurde durch widerstreitende Empfindungen unterdrückt. Offenbar bildete er sich heimlich etwas ein auf die Verwandtschaft mit dem Hochländer, während er seinen Stammbaum zu verachten schien. »In seiner Verzweiflung,« sprach ich, als Jarvie in seiner Erzählung nicht fortfuhr,«ist Euer Vetter wohl einer von den Räubern geworden, die Ihr uns geschildert habt?« »Ganz so schlimm ja nicht,« erwiderte Jarvie – »aber er erhob Schutzgeld, und in weit größerm Umfange, als in unsern Tagen je geschehen ist; bis an die Tore von Stirling-Schloß hat ers erhoben!« »Schutzgeld? – Was soll ich darunter verstehen?« fragte ich verwundert. »Nun seht, Robin scharte einen Haufen Blaumützen um sich, was ihm bei seinem alten angesehenen Namen, mag er auch noch so tief heruntergedrückt worden sein, wahrlich nicht schwer fiel, und da es ihm leid tat, wie er sagte, daß solche Räübereien an der südlichen Grenze des Hochlands verübt werden könnten, schlug er vor, wenn ein Erbherr oder Pächter ihm vier Pfund Schottisch für jedes hundert Pfund Einkünfte bezahlte, was gewiß ein mäßiger Anschlag sei, so wollte er sie schadlos halten. Da mochten sie nun zu ihm schicken, wenn ihnen auch nur eine Klaue gestohlen worden, und Robin verpflichtete sich, sie wieder zu schaffen oder nach ihrem Vollwerte zu ersetzen – und er hielt immer Wort – ich muß bekennen, er hält sein Wort. Und diese Meinung herrscht im ganzen Lande.« »Ein sonderbarer Versicherungsvertrag,« bemerkte Owen. »Er steht im krassen Widerspruch zu unsern Gesetzen, das muß man eingestehen,« sprach Jarvie. »Schutzgeld zu erheben und Schutzgeld zu bezahlen ist straffällig; wenn mir aber das Gesetz Scheune und Stall nicht beschützen kann, warum sollt' ich mich nicht mit einem Hochländer einlassen, der's kann? – Darauf gebt mir Bescheid!« »Aber wird dieser Schutzgeldvertrag, wie Ihr's nennt,« fragte ich, »seitens der Landbesitzer und Pächter freiwillig geschlossen? wenn nicht, was geschieht? und was ist die Folge, wenn jemand sich weigert, solchen Tribut zu bezahlen?« »Nun, ich will jedem Freunde raten, sich mit Robin zu einigen, denn wer noch so sehr auf seiner Hut ist, ist und bleibt doch, mögen sie wachen, wie sie wollen, und tun, was sie wollen, wenn bei uns die langen Nächte herbeikommen, noch immer Schrecken genug ausgesetzt. Gewiß! es haben sich ja hin und wieder Lairds geweigert, den Tribut zu entrichten; aber was hatten sie davon? schon im ersten Winter ging ihnen die halbe Herde verloren; und seitdem halten's die meisten für das beste, mit Robin sich gütlich zu einigen. Er meint's ehrlich mit jedem, der's mit ihm ehrlich meint; aber wer ihn aufbringt, der kann ebenso gut mit dem Teufel anbinden.« »Und auf diese Weise,« fuhr ich fort, »hat er sich zu den Gesetzen des Landes in Konflikt gesetzt?« »In Konflikt? – Nun, Ihr könnt's ja so nennen! sein Genick würde seine Last wohl spüren, wenn sie ihn fingen. Aber er hat gute Freunde unter den Großen, und ich könnte Euch eine gar vornehme Familie nennen, die ihm, soweit sie es mit Anstand kann, die Stange hält, um ihn als Dorn für andre zu brauchen. Zudem ist er ein so verschlagner Schelm, wie nie einer in unsern Tagen dies Handwerk getrieben hat oder treiben könnte. Manch tollen Streich hat er gespielt, – mehr als in ein Buch ginge, und ein wunderliches Buch würde es sein – so gut, als Robin Hood oder Wilhelm Wallace, voll kühner Taten und Erinnerungen, wie sie die Leute gern erzählen an Winterabenden.« Ich verfolgte nun meine Nachforschungen durch die Frage, welchen Einfluß dieser Robert Campbell auf meine oder meines Vaters Angelegenheiten haben könne? »Was Eures Vaters Sache anbetrifft,« erklärte Jarvie, »nun, so müßt Ihr wissen, daß in den letzten zwanzig Jahren einige Lairds und Häuptlinge im Hochlande ihren eignen Vorteil besser eingesehen haben. Euer Vater und noch andre kauften mehrere Waldungen, und Eures Vaters Haus gab dafür bedeutende Wechsel. Osbaldistone und Tresham hatten guten Kredit – und ich sag's Herrn Owen ins Gesicht, wie hinter seinem Rücken, bis auf das Unglück, das Gott geschickt hat, war niemand redlicher im Handel, und die hochländischen Herren, Inhaber dieser Wechsel, fanden für die Wechsel von Eurem Vater oder doch für den weitaus größten Teil der Wechsel in Glasgow und Edinburg willige Nehmer – so daß – aha! versteht Ihr mich nun?« Ich bekannte, daß ich seine Meinung nicht ganz verfolgen könne. »I nun,« sprach er, »wenn die Wechsel nicht bezahlt werden, so halten sich die Kaufleute in Glasgow an die hochländischen Lairds, die aber kein Geld haben und nicht wiedergeben können, was längst durchgebracht ist. – Sie werden in Verzweiflung geraten – fünfhundert Menschen werden aufstehen, die sonst daheim gesessen hätten – und die eingestellte Zahlung von Eures Vaters Hause wird den Ausbruch der Revolte im Hochlande beschleunigen, wo ja schon lange alles gärt und rumort, seitdem König Georg – Gott segne ihn! – die Tausende von Pfunden nicht mehr an die Clans und Häuptlinge zahlen läßt, die ihnen von König Wilhelm und Königin Anna bezahlt wurden, um sie in Ruhe zu halten.« »Ihr glaubt also,« sprach ich, überrascht von dieser sonderbaren Ansicht der Sache, »daß Rashleigh meinem Vater so viel Schlimmes bloß zugefügt hat, in der Absicht, einen Aufstand der Hochländer zu beeilen?« »Ohne Zweifel ist dies die Hauptursache gewesen. Eine andre ist das bare Geld, das er mitgenommen hat. Für Euren Vater ist dies nur ein geringer Verlust, obwohl es für Rashleigh der Hauptgewinn sein mag. Die mitgenommenen Papiere haben gar keinen Nutzen für ihn; damit kann er sich die Pfeife anzünden. Er hats bei Mac Vittie und Comp., wie ich durch einen guten Freund erfuhr, versucht, sie umzusetzen; aber sie haben ihn mit schönen Redensarten abgespeist. Man kennt Rashleigh in Glasgow besser, als man ihm traut, denn er war hier, anno 1707, in ein Jakobiten- und Papisten-Abenteuer verwickelt und hinterließ Schulden über Schulden. ... Nein, nein, hier wird er kein Papier los, denn man traut ihm nicht, wie er dazu kam. Er wird diese Ware im Hochlande in Sicherheit bringen, und mein Vetter Robin könnte wohl dazu gelangen, wenn er wollte.« »Würde er aber geneigt sein, uns darin zu dienen?« sprach ich. »Wenn er die Sache der Jakobiten unterstützt und in ihre Anschläge verwickelt ist, wird er um meinetwillen oder, wenn Ihr wollt, um der Gerechtigkeit willen, dann etwas tun wollen, was Eurer Ansicht nach ihren Plänen von solchem Nachteil wäre?« »Darüber kann ich nichts Bestimmtes sagen. Die Großen unter ihnen trauen Robin nicht, und er mag ihnen nicht trauen – er hat sich gut eigentlich nur mit den Argyles gestanden. Wäre er nicht in Bedrängnis, so würde er lieber auf Argyle's Seite treten, als auf Breadalbane's, denn es besteht eine alte Feindschaft zwischen der gräflichen Familie Breadalbane und seinem Stamm und Namen. Eigentlich steht Robin für sich allein. Er wird sich auf die Seite schlagen, die ihm am besten zusagt. Wenn der Teufel Laird wäre, so würde Robin sein Lehnsmann sein, und Ihr könnt's ihm nicht verargen, dem armen Schelm, in seinen Umständen. Aber eins ist sehr gegen Euch – Robin hat eine graue Mähre in seinem Stalle.« »Was meint Ihr damit?« »Robins Weib – ein furchtbares Weib. Sie kann den Anblick eines freundlichen Schottländers nicht ertragen, wenn er aus Nieder-Schottland kommt, viel weniger den eines Engländers, und sie wird eifrig für alles sein, was den König Jakob emporbringen und den König Georg stürzen kann.« »Es ist doch seltsam,« erwiderte ich, »daß die Handelsunternehmungen Londoner Bürger mit Staatsumwälzungen und Revolten verwickelt werden sollten.« »Durchaus nicht seltsam,« entgegnete Jarvie, »das sind nur Eure törichten Vorurteile. Ich habe erst letzt in Backer's Chronik gelesen, daß Londoner Kaufleute die Bank in Genua zwingen konnten, dem König von Spanien eine ansehnliche Summe, die sie ihm versprochen hatten, nicht vorzuschießen, wodurch die große spanische Armada ein halbes Jahr aufgehalten wurde. Was sagt Ihr dazu?« »Daß die Kaufleute ihrem Vaterlande einen goldenen Dienst erwiesen, dessen unsere Geschichtsbücher ehrenvoll erwähnen sollten.« »Das ist meine Meinung auch, und wer die drei bis vier ehrlichen hochländischen Häuptlinge davon abhielte, Hals über Kopf sich und ihre armen Leute ins Verderben zu stürzen, und Eures Vaters Kredit und mein eignes gutes Geld, das ich von Osbaldistone und Tresham zu fordern habe, rettete, der würde sich um Staat und Menschheit verdient machen – wer das bewirken könnte, den sollte man, und wenn er nur ein armer Weber wäre, behandeln und rühmen, wie irgend einen, den der König ehren will.« »Wie weit die öffentliche Dankbarkeit sich erstrecken würde, maße ich mir nicht an zu entscheiden,« sprach ich; »aber wir würden es an Dankbarkeit sicher nicht fehlen lassen, Herr Jarvie.« »Daran zweifle ich nicht! Könnte man nur die Papiere den Händen der Philister entwinden, es sind gute Papiere, und wenn sie in den rechten Händen wären, und das sind ja die Eurigen, Herr Owen, wären sie auch die rechte Ware! Drei Männer in Glasgow, so gering Ihr auch über uns denken möget – Sandie Steenson, John Pirie und ein dritter, den ich jetzt nicht nennen will, würden das nötige Geld vorschießen, um den Kredit Eures Hauses zu erhalten, und keine bessere Sicherheit verlangen.« Owens Augen glänzten bei dieser Aussicht, aber sein Gesicht trübte sich sogleich wieder, als er erwog, wie unwahrscheinlich es sei, die Papiere wieder zu erlangen. »Verzweifelt nicht, Herr!« sprach Jarvie. »Ich bin gerade wie mein Vater, der Vorsteher, der sich auch nicht in die Geschäfte eines Freundes mischen konnte, ohne sie schließlich zu seinen eignen zu machen. – Morgen will ich mir die Stiefel anziehen und mit Herrn Franz ins Hochland reiten. Wenn ich den Robin nicht zur Vernunft bringe und sein Weib dazu, so weiß ich nicht, wer's kann. Sonst war ich ein guter Freund von ihnen, gar nicht davon zu reden, daß ich in der vergangenen Nacht so getan, als sei mir Robin nicht bekannt, während es ihm doch an den Kragen gegangen wäre, wenn ich ihn namhaft gemacht hätte. Auf mancherlei Vorhalt in der Ratssitzung werde ich mich freilich gefaßt machen müssen, denn es scheint bereits ruchbar zu sein, daß Robin in der Stadt war und daß man ihn mit mir gesehen hat. ... Meine Verwandtschaft mit ihm wird mir ja ohnehin oft genug vorgehalten. ... Aber warum sollt ich auf solch Geschwätz achten? Steht Robin in Acht, so sag's man ihm selbst. Ich habe eine schottische Zunge, und wenn sie fragen, so werde ich schon antworten.« Mit großer Freude sah ich, daß Jarvie nach und nach die Schranken der Vorsicht überschritt, indem er seinem vaterländischen Geist und dem natürlichen Wunsche, seinen Schaden wieder auszuwetzen, Rechnung trug, und freudig nahm ich seinen Vorschlag an, am nächsten Morgen die Reise mit ihm zu unternehmen. Wir beschlossen, früh um fünf Uhr abzureisen. Owen, dessen Begleitung keinen Nutzen für uns haben konnte, sollte unsre Rückkehr in Glasgow erwarten. Ich verschaffte ihm in meinem Wirtshause ein Zimmer neben dem meinigen, befahl Andreas, zur bestimmten Stunde einzutreffen, und legte mich mit besseren Hoffnungen zur Ruhe, als es in der letzten Zeit mein Los gewesen war. Siebentes Kapitel. Es war ein frischer Herbstmorgen, als ich Andreas, der Anweisung gemäß, mit den Pferden vor Jarvie's Hause traf. Ich bemerkte sogleich, daß er jenes schlechte Pferd, das ihm großmütig sein rechtskundiger Freund gegen Thorncliffs Mähre überlieferte, mit einem Tiere vertauscht hatte, das nur auf drei Beinen zu gehen schien, während das vierte zur Begleitung in der Luft schwebte. »Was wollt Ihr mit diesem Tiere, und wo ist das Pferd, das Euch nach Glasgow brachte!« fragte ich natürlich voll Ungeduld. »Verkauft, Herr. Es fraß unsinnig und hätte mich im Wirtshause aufgefressen. Den Gaul da hab ich für Eure Rechnung gekauft. Es ist ein guter Handel gewesen, denn jedes Bein kostet ein Pfund Sterling – das macht zusammen vier. Wenn's eine Meile gelaufen ist, wirds die Lahmheit schon verlieren.« »Ihr werdet wohl nicht eher ruhen, als bis Eure Schultern mit meiner Peitsche Bekanntschaft machen. Schafft Ihr nicht auf der Stelle das andre Pferd wieder, so sollt Ihr dafür büßen.« Ungeachtet meiner Drohungen blieb Andreas dabei, er habe den Gaul für meine Rechnung gekauft und billig gekauft und müsse dem Manne, der mein Pferd gekauft habe, eine Guinee Rückkauf geben, ehe er's wiederbringen könne. Obwohl ich einsah, daß mich der Schelm betrog, war ich doch, als echter Engländer, willens, ihm die Guinee zu geben, um keine Zeit zu verlieren, als Jarvie erschien. Er war eingemummt, wie zu einer Fahrt quer durch Sibirien, und unter Mathildens Aufsicht führten zwei Lehrjungen den strammen Paßgänger herbei, der bei solchen Gelegenheiten die Ehre hatte, Glasgows obrigkeitliche Person zu tragen. Nachdem er die Ursache des Streites zwischen mir und meinem Diener erfahren hatte, machte er sogleich allem Zwist ein Ende durch den Ausspruch, daß, wenn Andreas nicht alsbald das dreibeinige Pferd zurückgebe und das brauchbare vierfüßige Tier zur Stelle schaffe, so würde er ihn ins Gefängnis schicken und um die Hälfte seines Lohnes strafen. »Es wär' müßig, mir eine Geldstrafe aufzulegen,« sagte Andreas keck, »da ich nicht einen roten Heller bezahlen kann.« »Wenn Ihr nicht zahlen könnt, so läßt sichs Euch am Leibe abstrafen. Ich werde schon sorgen, daß Ihr auf diese oder jene andre Weise nicht zu kurz kommt.« Es blieb Andreas nichts andres übrig, als sich Jarvie's Befehl zu unterwerfen, und ein paar Worte zwischen den Zähnen murmelnd, ging er. Augenscheinlich machte es keine Mühe, die beiden Pferde wieder umzutauschen, denn er war in wenigen Minuten wieder da, und von der Guinee Rückkaufsgeld ließ er kein Wort mehr verlauten. Während wir gemächlich in nordöstlicher Richtung entlang ritten, hatte ich Gelegenheit, die guten Eigenschaften meines neuen Freundes zu würdigen und zu bewundern. Zwar betrachtete er, wie mein Vater, den Handel als den wichtigsten Gegenstand im Leben; dennoch war er unbefangen genug, um auch den Wert allgemeinerer Kenntnisse zu schätzen. Die Unterhaltung erwies ihn als einen scharfsinnigen Beobachter, als einen freisinnigen Denker und als einen, seinen Lebensverhältnissen angemessen, gebildeten Menschen. Er war gut mit den Altertümern des Landes bekannt und unterhielt mich mit der Erzählung merkwürdiger Ereignisse, die vormals in den Gegenden, durch die wir reisten, stattgefunden hatten. Auch bemerkte ich mit Vergnügen, daß er, obwohl ein eifriger Schottländer, und sehr besorgt für die Ehre seines Vaterlandes, doch auch dem Nachbarlande alle Gerechtigkeit erwies. Als wir Glasgow hinter uns hatten, kamen wir in eine wilde und offene Gegend, die immer rauher ward, je weiter wir reisten. Ueberaus große, öde Heiden breiteten sich rund umher aus, bald eben verlaufend und von Sümpfen unterbrochen, die ein verräterisches Grün bedeckte oder dunkles Torf umgab, bald zu gewaltigen Anhöhen emporsteigend, denen die Würde und Form der Gebirge fehlte, während sie dem Wanderer noch beschwerlicher waren. Weder Baum noch Busch boten dem Auge Ersatz für die einförmige braune Decke eines unfruchtbaren Bodens. Das Heidekraut selbst war von jener unvollkommenen Art, die wenig oder keine Blüte gewährt, und die, so weit meine Beobachtungen reichen, das armseligste und rauhste Gewand darbietet, womit je die Natur die Erde bekleidete. Wir sahen kein lebendiges Geschöpf, als zuweilen einige umherirrende Schafe von seltsam verschiedener Farbe, als schwarz, bläulich und orange. Selbst die Vögel schienen diese Wüste zu meiden, wenigstens hörte ich nur den eintönigen, klagenden Ton des Kiebitzes. Bei unserm Mittagsmahl, das wir in der armseligsten Schenke genossen, fanden wir jedoch glücklicherweise, daß jene lästigen Schreier nicht die einzigen Bewohner der Moore waren. Die Wirtin setzte uns einiges Moorwild vor, wozu noch Schafkäse, geräucherter Lachs und Haferbrot kam. Ein sehr mittelmäßiges Bier und ein Glas vortrefflichen Branntweins würzte unser Mahl, und da während der Zeit unsre Pferde ihr Korn verzehrt hatten, setzten wir unsre Reise mit erneuter Kraft fort. Ich bedurfte aller Stärkung einer guten Mahlzeit, um eine Mutlosigkeit zu bekämpfen, die meinen Geist beschlich, als ich die seltsame Ungewißheit meines Unternehmens mit dem trostlosen Anblick der Gegend in Vergleich stellte, durch die es mich führte. Unser Weg wurde immer wilder und öder. Die wenigen elenden Hütten, die noch einige Spuren menschlicher Bewohnung zeigten, wurden jetzt immer seltener und verschwanden endlich, als wir eine ungeheure Anhöhe von Moorland hinaufritten, gänzlich. Ich richtete verschiedene Fragen an Freund Jarvie über die Namen und Lage dieser merkwürdigen Gebirge; aber er wußte nichts oder hatte nicht Lust, etwas mitzuteilen. »Es sind Hochlandsberge,« sagte er. »Ihr werdet genug davon sehen und hören, eh' Ihr wieder nach Glasgow kommt. Ich kann sie nicht ansehen – ich erblicke sie nie ohne Grauen. Es ist nicht Furcht, nein, aber mich dauern die armen, verblendeten, halb verhungerten Menschen, die dort wohnen. Allein sprecht nicht mehr davon, es ist nicht gut reden von Hochländern, so nah' an der Grenze. Ich habe manchen ehrlichen Mann gekannt, der sich nicht so weit gewagt hätte, ohne vorher sein Testament zu machen.« Ich suchte hierauf wieder das Gespräch auf den Mann zu leiten, den wir besuchen wollten; in diesem Punkte war Jarvie ganz unzugänglich, zum Teil wohl, weil Andreas bei uns war und so nahe hinter uns ritt, daß sein Ohr jedes Wort, das wir sprachen, auffassen konnte, während seine Zunge sich bei jeder Gelegenheit in unser Gespräch mischte. Als er näher heran ritt, um die Antwort auf meine Frage über Campbell zu hören, gab ihm Jarvie einen derben Rüffel, und hieß ihn, sich in geziemender Entfernung zu halten. »Was Eure Frage betrifft, Herr Osbaldistone,« sprach Jarvie zu mir, »so sollt Ihr, da uns nun dieser Bursche nicht mehr hören kann, wissen, daß Euch das Fragen und mir das Antworten freisteht. Gutes kann ich nicht viel von Robin sagen, und Böses will ich nicht von ihm sagen, denn außer, daß er mein Vetter ist, so kommen wir seinem Lande nahe, und hinter jedem Busche könnte einer von seinen Leuten lauern. – Laßt Euch von mir raten, je weniger Ihr von ihm sprecht, oder von dem, was wir tun und wohin wir gehen, desto schneller werden wir unsre Sache abmachen können. Wir fallen vielleicht auch unter Feinde von ihm, – er hat deren viele, und doch sitzt seine Mütze noch fest auf seinem Kopfe; aber ich glaube, sie werden am Ende doch die Oberhand über ihn erhalten – denn früh oder spät kommt das Messer über den Fuchsbalg.« »Es muß sich wohl von selbst verstehen, daß ich nichts in der Sache tue, ohne mich von Eurer Erfahrung leiten zu lassen,« sprach ich. »Ganz recht, Herr Osbaldistone – aber ich muß auch mit diesem Schwätzer deshalb reden, denn Kinder und Narren sprechen, was sie hören. – Andreas! Hört Ihr!« Andreas, der seit dem letzten Verweise ziemlich weit zurückgeblieben war, gab keine Antwort. »Andreas, Schurke!« wiederholte Jarvie. »Hierher! hierher!« »Hierher? So ruft man Hunde,« sprach Andreas, mürrisch sich nähernd. »Hundelohn sollt Ihr auch haben, wenn Ihr nicht merkt, was ich Euch sage, Ihr Schelm, Ihr! – Wir nähern uns nun dem Hochlande –« »So siehts mir ganz aus,« erwiderte Andreas. »Ruhig! und hört zu, was ich Euch sage. – Wir kommen jetzt ans Hochland heran –« »Das hab ich schon einmal vernommen,« fiel der unverbesserliche Andreas ein. Jarvie geriet in Wut; und ich mußte mich ins Mittel legen und Andreas Schweigen anbefehlen. »Ich schweige,« antwortete er. »Was Ihr mir zu Recht befehlt, tu' ich immer ohne Nein; wie schon meine Mutter zu sagen pflegte: sei es besser, sei es schlimmer, hat er's Geld, so folg' ihm immer.« »Nun,« sprach Jarvie, »wenn Euch an Eurem Sündenleben was liegt, dann merkt, was ich Euch sage. In dem Wirtshaus, wo wir wahrscheinlich übernachten werden, verkehren Leute aus allen Clans und Geschlechtern, aus dem Hoch- und Niederlande, und gar häufig gibts dort mehr blanke Dolche als offne Bibeln zu sehen, wenn der landesübliche Trunk, den die Schotten Usquebaugh nennen, ihnen in die Köpfe steigt. Laßt Euch in nichts ein, beleidigt niemand, sondern haltet Eure böse Zunge im Zügel! und laßt jeden Hahn seinen Kampf allein ausfechten.« »Als ob ich noch nie Hochländer gesehen hätte und nicht wüßte, wie man sie behandeln muß,« erwiderte Andreas geringschätzig. »Das wird wohl kaum einer besser verstehen als ich. Ich habe von ihnen gekauft und an sie verkauft, und, habe mit ihnen manch liebes Mal am gleichen Tische gesessen.« »Habt Ihr auch schon gekämpft mit ihnen?« fragte Jarvie. »Nein, nein,« erwiderte Andreas, »davor hab' ich mich gehütet. Es hätte sich auch nicht geziemt für mich als Künstler und halber Gelehrter in meinem Fache, mit Leuten mich in Kampf und Streit eingelassen, die keine Pflanze oder Blume auf schottisch zu nennen wissen, geschweige auf lateinisch.« »Ihr verhaltet Euch also still, hört Ihr? und redet kein Wort, weder im Guten noch im Bösen zu irgend jemand, den Ihr im Wirtshaus trefft. Vor allen Dingen laßt Euch gesagt sein, daß Ihr nicht mit Eures Herrn Namen oder dem meinigen großtut, oder gar etwa ausposaunt, das ist der Stadtvogt Niklas Jarvie, Sohn des würdigen Vorstehers Niklas Jarvie, und das da Herr Franz Osbaldistone, Sohn des Hauptkonsorten des großen Handelshauses Osbaldistone und Tresham in der City.« »Schon gut, schon gut!« erwiderte Andreas. »Warum sollt ich Eure Namen in den Mund nehmen? da gibts wichtigere Dinge.« »Gerade die wichtigen Dinge fürchte ich, Ihr schnatternder Gänserich! Versteht Ihr denn nicht? Ihr sollt überhaupt nicht schnattern!« »Wenn Ihr meint,« erwiderte Andreas trotzig, »ich sei zu dumm, mit Leuten zu reden, oder wie andre Leute zu reden, so gebt mir meinen Lohn und mein Kostgeld, und ich gehe nach Glasgow zurück. Viel schaden wirds mir nicht, wenn wir uns trennen, wie das alte Pferd zum zerbrochnen Karren sagt.« Darauf sagte ich dem Grobian kurz und bündig, er könne, wenns ihm als besser erscheine, heimkehren, jeden Augenblick; aber es würde mir nicht einfallen, ihm in diesem Falle einen Kreuzer für seine bisherige Dienstleistung zu bezahlen; und diese Rede machte ihn mürbe; er zog die Hörner ein, um mich eines Jarvie'schen Ausdrucks zu bedienen, und erklärte mir, gehorchen zu wollen. Der Weg fing nun an, bergab zu gehen, und wir kamen in eine Gegend, die weder fruchtbarer noch romantischer als die bisher durchzogene war, und nur zuweilen durch den Ausblick auf einen aufsteigenden Gipfel der hochländischen Gebirge Abwechslung erhielt. Wir ritten ununterbrochen fort, und als die anbrechende Nacht diese öden Wildnisse überschattete, waren wir, nach Jarvie's Angabe, noch über drei Meilen von dem Ort entfernt, wo wir die Nacht zubringen wollten. Achtes Kapitel. Es war eine schöne Nacht, und der Mond leuchtete hell und klar. Unter seiner Beleuchtung kam mir die Gegend um vieles lieblicher vor, als im Tageslicht. Der noch immer bergab führende Pfad drehte und wendete sich, verließ die offne Heide und gelangte in steilere Schluchten, die uns das nahe Bett eines Baches oder Flusses andeuteten. Endlich kamen wir an das Ufer eines Stromes, der größere Aehnlichkeit mit den Strömen meiner Heimat als die bisher gesehenen hatte; er war schmal, tief und still, obgleich das matte Licht, das auf seinem ruhigen Gewässer glänzte, auch zeigte, daß wir jetzt unter den hohen Gebirgen waren, die seine Wege bildeten. »Das ist der Forth,« sprach Jarvie mit einem Ausdrucke von Ehrerbietung, die die Schottländer gewöhnlich ihren Flüssen zollen. Ich war recht froh, nach einer so langen und ermüdenden Tagereise mich einer Gegend zu nähern, die versprechender aussah als alles bisher durchzogene Land; und der Forth schien wirklich, so viel mir das unvollkommene Licht zu urteilen gestattete, die Bewunderung zu verdienen, die man ihm darbrachte. Eine schöne Anhöhe von regelmäßig runder Form, mit Unterholz und Haselstauden, Eschen und Zwergeichen bekleidet, worunter einige mächtige alte Bäume, über die andern hervorragend, ihre Zacken und nackten Zweige im Silberschimmer des Mondes zeigten, schienen die Quelle des Stromes zu beschützen. Wie mein Gefährte erzählte, der zwar kein Wort davon zu glauben vorgab, aber doch mit gedämpfter Stimme und einem Ausdruck von Furchtsamkeit sprach, enthielt nach der Sage der umwohnenden Landleute dieser Hügel, so regelmäßig geformt, so reizend und in anmutiger Abwechslung mit alten Bäumen und Buschholz bewachsen, in seinen unsichtbaren Höhlen die Paläste der »Fairies«, einer Art geistiger Wesen, die eine Mittelklasse zwischen den Menschen und Dämonen bildeten und wegen ihrer launischen, rachsüchtigen und reizbaren Stimmung gegen die Menschheit vermieden und gefürchtet würden. Doch sogleich setzte er hinzu, als er vor uns einige Lichter blinken sah: »Es ist am Ende auch alles nur Teufelstrug, und ich freue mich nicht, es zu sagen – denn wir sind nun dem Hause nah, und dort schimmern die Lichter im Wirtshaus zu Aberfoil.« Eine hohe und schmale steinerne Brücke führte uns über den Forth. Mein Begleiter sagte indes, der gewöhnliche Weg aus dem Hochlande nach der südlicheren Gegend gehe durch die Furt von Frew, wo der Strom stets tief und schwer passierbar, zuweilen ganz ungangbar sei. Von dieser Furt bis östlich zur Brücke von Stirling gibt es keinen weitern Uebergang, und so bildet der Forth von seiner Quelle bis beinah zu dem Frith, oder dem Eingang ins Meer, das ihn aufnimmt, eine ziemlich sichere Grenze zwischen dem Hochland und Niederland Schottlands; der Forth durfte also, wie Jarvie sagte, als »Zaum« des wilden Hochländers gelten. Ein kurzer Ritt jenseits der Brücke brachte uns vor die Tür des Wirtshauses, wo wir übernachten wollten. Es war eine elende Hütte, beinahe schlimmer als die, wo wir zu Mittag gegessen hatten. Aber die kleinen Fenster waren erhellt, Stimmen erklangen von innen, und alles verhieß Aussicht auf Obdach und Erfrischung. Andreas bemerkte zuerst, daß ein abgeschälter Weidenstab quer über die halb offene Tür gelegt war. Er hielt an und riet uns, nicht einzutreten. »Denn,« sagte er, »es zechen ein paar Häuptlinge und große Männer drin und wollen nicht gestört sein. Das wenigste, was wir davon kriegen, und wenn wir mir nichts dir nichts hineingehen, wird ein zerschlagener Kopf sein, um uns bessere Sitte zu lehren, wenn uns nicht ein kalter Dolch in die Gedärme fährt, was ebenso leicht möglich ist.« Ich sah den Stadtvogt an, der flüsternd zugestand, »daß der Kuckuck Grund habe, einmal im Jahr zu singen.« Mittlerweile kamen ein paar halb bekleidete Dirnen aus dem Wirtshause und den umliegenden Hütten, die den Hufschlag unserer Pferde gehört hatten. Niemand begrüßte uns oder hielt die Pferde, nachdem wir abgestiegen waren, und auf alle unsre Fragen erhielten wir die trostlose Antwort: »Kann nicht Sächsisch.« Jarvie fand indes Mittel, sie Englisch zu lehren. »Wenn ich Dir einen Kreuzer gebe,« sprach er zu einem zehnjährigen Buben mit einem zerrissenen Plaid, »willst Du dann Sächsisch verstehen?« »O ja, dann versteh ichs,« antwortete der Knabe in geziemendem Englisch. »Dann geh und sag Deiner Mutter, Bube, daß zwei sächsische Herren mit ihr sprechen wollen.« Die Wirtin erschien sogleich mit einem brennenden Kienspan in der Hand, den die Hochländer oft statt eines Lichtes brauchen. Ein solche Fackel beleuchtete jetzt die wilden, ängstlichen Züge einer bleichen, magern Frau von ungewöhnlicher Größe, deren unreinlicher, zerlumpter Anzug kaum eine anständige Bedeckung gewährte. Ihr schwarzes Haar, das in ungekämmten Locken unter ihrer Haube hervorhing, und der fremde, verlegene Blick, womit sie uns betrachtete, gaben ihr das Bild einer Zauberin, die bei ihren verbotenen Gebräuchen aufgestört wird. Sie weigerte sich entschieden, uns Unterstand zu geben. Wir machten Vorstellungen, wir erwähnten unsre starke Tagereise, die Müdigkeit unsrer Pferde, und daß wir dann bis Callander reisen müßten, das nach Jarvies Angaben noch sieben schottische Meilen entfernt sei. »Liebe Frau,« wandte ich mich an die Wirtin, »seit sechs Stunden haben wir keinen Bissen gegessen. Ich bin halb verhungert und habe wirklich nicht Lust, ohne Abendbrot meine Wohnung in Euern Gebirgen aufzuschlagen. Ich muß unter allen Umständen in Eure Stube hinein, und so gut sichs eben machen läßt, müßt Ihr Euren Gästen auseinandersetzen, daß noch ein paar Fremde kommen. – Andreas, Ihr sorgt für die Pferde.« Die Frau sah mich verwundert an und rief dann: »Wer auf seinen Kopf besteht, den muß man gehen lassen! – Man sehe diese englischen Fresser! Er hat sich heut schon einmal gestopft wie 'n Gänserich und wagt eher Leben und Freiheit, als daß er ein Abendessen entbehrt. – Aber ich wasche meine Hände in Unschuld. – Folgt mir,« sagte sie zu Andreas, »ich will Euch zeigen, wo Ihr die Pferde unterbringt.« Ich war einigermaßen bestürzt über die Aeußerungen der Wirtin, die eine nahe Gefahr anzudeuten schienen. Trotzdem wollte ich nun nicht zurücktreten, da ich meinen Entschluß erklärt hatte, und trat kühn ins Haus. Nachdem ich in dem schmalen Eingange kaum der Gefahr entronnen war, mir an ein paar Torfhaufen oder einem Pökelfaß, das in der Nähe stand, die Beine einzurennen, stieß ich eine halb verfallne Tür auf, die nicht aus Brettern, sondern aus Weidenstäben gemacht war, und trat mit Jarvie in das Hauptgemach dieses schottischen Karawanserais. Das Innere bot einen Anblick dar, der mir seltsam genug vorkam. Das Feuer, mit Torf und dürren Reisern genährt, flammte lustig in der Mitte, aber der Rauch, der keinen andern Ausgang hatte, als ein Loch im Dache, umkreiste in dunkeln Wolken, etwa fünf Fuß hoch vom Boden, die Decke des Gemaches. Der untere Raum war ziemlich hell, weil unzählige Luftströme durch die Spalten der Tür, zwei viereckige Löcher, die man Fenster nannte, wovon das eine mit einem Plaid, das andere mit einem zerrissenen Mantel verstopft war, und durch eine Menge weniger sichtbarer Oeffnungen in den aus Steinen und Torf erbauten Wänden, nach dem Feuer zu drangen. Nahe an demselben saßen an einem alten eichnen Tische drei Männer, Gäste, wie es schien, die man unmöglich mit Gleichgültigkeit betrachten konnte. Zwei von ihnen waren in hochländischer, Kleidung, der eine, ein kleiner, schwärzlicher Mann von lebhaften, muntern, beweglichen Gesichtszügen, trug enge, lange Beinkleider von gewürfeltem Zeuge. Jarvie flüsterte mir zu, daß es ein Mann von Bedeutung sein müsse, denn nur die Vornehmen trügen solche Beinkleider, die genau nach dem Geschmacke der Hochländer sehr schwer zu weben wären. Der zweite Bergländer war ein großer, starker Mann, mit reichlichem roten Haar, einem sommerfleckigen Gesicht, hohen Backenknochen und langem Kinn – eine Art von Zerrbild der eigentümlichen schottischen Züge. Sein Tartan hatte viel Scharlach, während Schatten von Schwarz und Dunkelgrün in den Würfeln des andern vorherrschend waren. Der dritte Gast, in niederschottischer Tracht, war ein kühner Mann von trotzigem Aussehen, dessen Blick und Benehmen etwas kriegerisches andeutete; sein Reitrock war reich besetzt, und sein aufgestülpter Hut von ungeheurem Umfange. Sein Seitengewehr und ein Paar Pistolen lagen vor ihm auf dem Tische. Jeder der beiden Hochländer hatte seinen blanken Dolch neben sich in den Tisch gesteckt, ein Zeichen, wie ich nachher erfuhr, daß ihr Gelage nicht durch Streit gestört werden sollte. Vor diesen Herren stand eine große zinnerne Kanne mit dem Nationalgetränk, das wir schon unter dem Namen »Usquebaugh« kennen gelernt haben, einem beinahe so starken Getränk wie Schnaps, das die Hochländer von Malz bereiten und verdünnt in großer Menge genießen. Ein zerbrochenes Glas mit einem hölzernen Fuße diente als gemeinschaftliches Trinkgeschirr und machte sehr schnell unter ihnen die Runde. Sie sprachen laut, und eifrig, bald Gälisch, bald Englisch. Ein andrer Hochländer, in seinen Plaid gehüllt, lag auf dem Boden, mit dem Kopf auf einem Strohbündel, das auf einem Stein lag, und schlief, oder schien zu schlafen, ohne zu beachten, was um ihn her vorging. Er schien gleichfalls ein Fremder zu sein, denn er war völlig angezogen und mit Schwert und Tartsche gerüstet, den gewöhnlichen Waffen der Hochländer, wenn sie auf der Reise sind. Wir traten so still herein, und die Zecher waren so eifrig in ihr Gespräch vertieft, daß wir einige Minuten ihrer Aufmerksamkeit entgingen. Ich bemerkte jedoch, daß der Hochländer, welcher unweit des Feuers lag, sich bei unserm Eintritte auf den Ellbogen stützte, mit seinem Plaid den untern Teil seines Gesichts verhüllte und uns einige Augenblicke ansah, worauf er wieder seine liegende Stellung annahm und zu schlafen schien. Wir näherten uns dem Feuer, das uns, nach dem späten Ritte in einer kalten Herbstnacht, wohlig anmutete, und erregten zuerst die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste, indem wir die Wirtin riefen. Sie näherte sich, blickte zweifelnd und furchtsam bald auf uns, bald auf die andern, und gab unbestimmte Antwort auf unser Verlangen nach einer Mahlzeit. Sie wisse nicht, sprach sie, ob etwas im Hause sei – wenigstens etwas für unsern Geschmack. Ich versicherte, daß wir mit allem zufrieden seien, was da sei, und nachdem ich mich, aber vergeblich, umgesehen hatte, ob sich nicht irgendwo was zum Hinsetzen fände, machte ich eine alte Hühnerstiege für Jarvie zurecht und kehrte einen zerbrochenen Zuber für mich selbst um. Andreas trat gleich nachher herein, und stellte sich schweigend hinter uns. Die Eingeborenen, wie ich sie nennen kann, starrten uns fortwährend an, als wenn unsre Zuversicht sie verlegen machte, und wir, wenigstens ich, suchten, so gut wir konnten, unter dem Anschein von Gleichgültigkeit unsre heimliche Besorgnis zu verbergen. Endlich wandte sich der kleinere Hochländer zu mir und sprach in stolzem Tone und in gutem Englisch: »Ihr tut ja ganz, als wenn Ihr hier zu Hause wäret, Herr.« »Das ist so meine Art, wenn ich in ein öffentliches Wirtshaus komme,« lautete meine Antwort. »Habt Ihr nicht an dem weißen Stabe vor der Tür gesehen, daß andre Leute das Haus schon für sich in Beschlag genommen hatten?« fragte der lange Hochländer. »Ich maße mir nicht an, die Sitten dieses Landes zu kennen,« erwiderte ich; »aber ich möchte wissen, wie drei Menschen berechtigt sein könnten, alle andern Reisenden von dem einzigen Orte zu Obdach und Erfrischung auszuschließen, den es meilenweit in der Runde gibt.« »Es ist kein Grund dafür da, Ihr Herren,« sprach Jarvie. »Wir wollen niemand beleidigen – aber es ist weder ein Gesetz noch ein Grund dafür. Aber wenn eine Kanne guter Branntwein den Streit ausmachen könnte, wir sind friedliche Leute und wollten gern –« »Verdammt wär Euer Branntwein, Herr!« sprach der Niederländer und setzte seinen großen Hut grimmig aufs Haupt. »Wir sehnen uns weder nach Eurer Gesellschaft, noch nach Eurem Branntwein.« – Er stand von seinem Sitze auf; seine Gefährten erhoben sich gleichfalls, murmelten gegen einander, zogen ihre Plaids herauf und schnaubten, wie es ihrer Landsleute Sitte ist, wenn sie sich in Leidenschaft hineinarbeiten. »Ich hab Euch gesagt, was kommen wird,« sprach die Wirtin, »und Ihr wolltet nicht hören. Fort mit Euch aus meinem Hause, und macht keine Störung hier! – Müßige Engländer wollen hier bei Nacht und Nebel herumziehen, und ehrbare, friedsame Leute stören, die ihr Gläschen beim Feuer trinken!« Ein Kampf schien unvermeidlich. Empört über die Ungastlichkeit, wie man mich behandelte, sprang ich auf, da ich die andern aufstehen sah, und schlug meinen Mantel zurück, um zur Verteidigung bereit zu sein. »Wir sind drei gegen drei,« sprach der kleinere Hochländer, seine Blicke auf uns werfend »Wenn Ihr wackre Männer seid, so zieht.« – Er entblößte sein Schwert und trat auf mich zu. Ich stellte mich zur Verteidigung, und auf die Ueberlegenheit meiner Waffe vertrauend, fürchtete ich wenig den Ausgang des Kampfes. Jarvie betrug sich mit unerwarteter Herzhaftigkeit. Als er den riesenhaften Hochländer vor sich sah, zog er einige Male an seiner Klinge; da er aber fand, daß sie, verrostet und lange ungebraucht, nicht aus der Scheide ging, ergriff er das glühende Pflugmesser, das man statt eines Schüreisens beim Feuer gebraucht hatte, und schwang es mit solchem Erfolge, daß er sogleich des Hochländers Plaid in Flammen setzte und ihn nötigte, sich zurückzuziehen, bis sie gelöscht waren. Dagegen war Andreas, der es mit dem Niederländer hätte ausnehmen sollen, gleich beim Anfange des Streits verschwunden. »Ehrlich Spiel! Ehrlich Spiel!« rief sein Gegner und schien willens, keinen Teil an dem entbrannten Streite zu nehmen. Wir waren also, was die Zahl betraf, gleich. Meine Absicht war, meinen Gegner womöglich zu entwaffnen, aber ich konnte ihm nicht nahe kommen, aus Furcht vor seinem Dolche, den er in der Linken hielt, um die Stöße meines Degens abzuwehren. Indessen war Jarvie, ungeachtet seines Erfolges im ersten Gange, hart bedrängt. Das Gewicht seiner Wehr, die Wohlbeleibtheit seiner Person und die Aufwallung seiner Leidenschaft raubten ihm bald Kraft und Atem, und er war nahe daran, seinem Gegner zu erliegen, als der Schläfer von der Erde aufsprang und, das entblößte Schwert und die Tartsche in der Hand, sich zwischen die Kämpfenden warf: »Hab mein Brot in Glasgow gegessen,« rief er, »und meiner Treu', ich fechte für Stadtvogt Jarvie, – das will ich!« Seine Worte mit der Tat unterstützend, ließ dieser unerwartete Helfer sein Schwert um die Ohren seines großen Landsmanns pfeifen, der unverzagt seine Streiche mit Zinsen zurückgab. Da aber beide runde hölzerne Schilde hatten, mit Leder überzogen und Erz beschlagen, womit sie behend die gegenseitigen Streiche auffingen, war ihr Gefecht mit weit mehr Lärm als wirklicher Gefahr verbunden. Es schien in der Tat mehr auf Prahlerei abgesehen, als auf einen Versuch, jemand zu verletzen, denn der Niederländer, der aus Mangel eines Gegners untätig gestanden hatte, übernahm es jetzt, den Friedensstifter zu machen. »Halt ein! Halt ein!« rief er. »Genug getan! Genug! 's ist kein Kampf auf Leben und Tod. Die fremden Herren haben sich als Ehrenmänner gezeigt und geziemende Genugtuung gegeben. Ich halte auf Ehre so viel, wie jeder andre, aber ich hasse unnützes Blutvergießen.« Ich wünschte natürlich nicht, den Streit fortzusetzen; mein Gegner schien gleichfalls geneigt, das Schwert einzustecken; Jarvie, nach Atem schnappend, war als überwunden zu betrachten, und unsre beiden Schwert- und Schildmänner gaben ihr Gefecht so gleichgültig auf, als sie es angefangen hatten. »Und nun,« sprach der würdige Mann, der den Friedensstifter gemacht hatte, »laßt uns trinken und uns vertragen als ehrliche Kerle. Das Haus ist groß genug für alle. Ich schlage vor, daß dieser gute kleine Herr, der sehr mitgenommen scheint, einen Becher voll Branntwein holen läßt, und ich bezahle einen andern, und dann vertrinken wir unsre Kreuzer als Brüder.« »Und wer bezahlt mir meinen neuen, schönen Plaid?« sprach der lange Hochländer. »Es ist ein Loch 'nein gebrannt, so groß, daß man eine Hand durchstecken kann. Hat man noch je einen anständigen Mann mit einem Feuerbrande fechten sehen?« »Laßt Euch das nicht bekümmern,« sprach Jarvie, der jetzt wieder zu Atem gekommen war. »Hab ich die Wunde gemacht, werd' ich auch das Pflaster dafür finden. Ihr sollt einen neuen Plaid haben, und zwar den besten von den Farben Eures Clans. Sagt mir, wohin ichs Euch schicken soll von Glasgow.« »Ich brauche meinen Clan nicht zu nennen – ich bin vom Königs-Clan, der wohl bekannt ist,« antwortete der Hochländer. »Aber Ihr könnt ein Stück vom Plaid nehmen und das Muster davon sehen. Ein Vetter von mir soll zum Martinsfest danach fragen, wenn Ihr sagt, wo Ihr wohnt. Aber, wackrer Herr, wenn Ihr zunächst wieder fechtet und Euren Gegner nur etwas achtet, so nehmt Euer Schwert, weil Ihr eins traget, und nicht Pflugeisen und Feuerbrände wie ein wilder Indianer.« »Wahrhaftig!« erwiderte Jarvie, »ein jeder muß tun, was er kann. Mein Schwert ist nicht wieder ans Tageslicht gekommen seit dem Gefecht an der Bothwell-Brücke, wo mein Vater es führte, und ich weiß nicht einmal gewiß, obs auch da herauskam, denn die Schlacht war eine der kürzesten. Auf jeden Fall ists jetzt so in die Scheide gerostet, daß ichs nicht davon trennen kann, und als ich das merkte, ergriff ich das erste beste, was mir zur Verteidigung helfen konnte. Aus dem Alter, in welchem man fechtet und fechten kann, bin ich heraus, immerhin laß ich mich nicht gern schimpfen. – Doch wo ist der wackre Bursche, der so tapfer meinen Streit übernahm?« Der Held, nachdem er sich umsah, war indes nicht mehr zu sehen. Er hatte sich gleich nach dem Ende des Gefechtes entfernt, und doch hatte ich an seinen wilden Zügen und den struppigen roten Haaren unsern Bekannten Dougal, den Gefängnisschließer, wiedererkannt. Ich teilte diese Bemerkung leise dem Stadtvogt mit, der in demselben Tone antwortete: »Gut, gut, ich sehe, der bewußte Mann hat recht. Dieser Dougal hat einen Schimmer von gesundem Menschenverstand. Ich muß darauf denken, wie ich ihm etwas Gutes erzeigen kann.« Mit diesen Worten setzte er sich nieder, holte einigemal tief Atem und sprach zu der herbeigerufenen Wirtin: »Da ich finde, daß mein Leib kein Loch gekriegt hat, was in Eurem Hause wohl zu fürchten war, halt ichs fürs beste, etwas hinein zu füllen.« Die Wirtin, die sich, sobald der Sturm vorüber war, dienstfertig zeigte, unternahm es sogleich, uns ein schmackhaftes Abendbrot von Wildbretschnitten herzurichten; sie ließ Branntwein auf den Tisch setzen, den auch die Hochländer, trotz ihrer Vorliebe für ihre starken, einheimischen Getränke, nicht verschmähten, und nachdem der erste Becher herumgegangen war, fragte der niederländische Herr nach unserm Stand und dem Zweck unsrer Reise. »Wir sind Leute aus Glasgow, Euch aufzuwarten,« sprach Jarvie mit dem Anschein großer Demut, »und reisen nach Stirling, um etwas Geld einzufordern, das man uns schuldig ist.« Der Sprecher von der andern Partei versetzte höhnisch: »Ihr Handelsleute aus Glasgow habt nichts anders zu tun, als daß Ihr West-Schottland von einem Ende zum andern durchzieht und ehrliche Leute plagt, die zufällig nichts in den Händen haben, wie ich.« »Wenn unsre Schuldner so ehrliche Männer wären, als zu denen ich Euch rechne, Herr Garschattachin,« entgegnete Jarvie, »wahrhaftig! so könnten wir uns die Müh' ersparen, denn sie würden kommen und uns aufsuchen.« »Ei! Was! Wie!« rief die Person, an die diese Worte gerichtet. »So wahr ich lebe, es ist mein alter Freund Niklas Jarvie, der beste Mann, der je einem bedrängten Menschen Geld geliehen. Kommt Ihr vielleicht zur mir?« »Meiner Treu', nein, Herr Galbraith,« versetzte Jarvie. »Ich hatt' etwas andres auf dem Rohre – ich dachte wohl, Ihr würdet sagen, ich käme wegen des verfallenen Jahreszinses der kleinen erblichen Verschreibung zwischen uns?« »Verdammt die jährlichen Zinsen!« rief der Laird, so recht vom Herzen. – »Nicht ein Wort von Geschäften zwischen uns, da Ihr so nah an seiner Heimat seid. – Wie ein Reitkleid einen Mann doch entstellen kann – daß ich meinen alten teuren Freund, den Vorsteher, nicht wiedererkannte!« »Stadtvogt, wenn's Euch beliebt,« entgegnete mein Gefährte. »Aber ich sehe, woher der Irrtum kommt; die Verschreibung ward bei meines seligen Vaters Lebzeiten gegeben, und der war Vorsteher; aber er hieß Niklas wie ich. So viel ich mich besinne, ward zu meiner Zeit keine Zahlung gemacht, und daher entstand ohne Zweifel das Mißverständnis.« »Hol der Teufel das Mißverständnis, und was es veranlaßte!« versetzte Galbraith. »Aber ich bin erfreut, daß Ihr Stadtvogt seid. Füllt das Glas, Ihr Herren! – Aufs Wohl meines vortrefflichen Freundes, des Stadtvogts Niklas Jarvie! – Ich kannte ihn und seinen Vater seit zwanzig Jahren. – Füllt noch eins! – Dem baldigen Lord Provost Niklas Jarvie! – Und wer sagt, daß jemand in Glasgow besser dazu tauge, der hats mit mir zu tun!« Mit diesen Worten rückte Duncan Galbraith trotzig den Hut auf die eine Seite. Der Branntwein war vermutlich bei den Hochländern die beste Empfehlung, denn sie fingen mit Galbraith Gälisch zu reden an, das er sehr geläufig sprach, da er, wie ich nachher erfuhr, in der Nähe vom Hochlande seinen Wohnsitz hatte. »Ich hab den Burschen von Anfang an recht gut gekannt,« flüsterte Jarvie mir zu; »aber wer weiß, wie's ihm eingefallen wäre, seine Schulden zu bezahlen, als wir die Schwerter zogen. Ehe er, was er bei heißem Blut schnell getan hätte, im gewöhnlichen Wege tun wird, mag geraume Zeit vergehen; er kommt nicht oft nach Glasgow, aber manches Reh und Birkhuhn schickt er uns aus dem Gebirge. Mein Vater hegte für die Familie Garschattachin große Achtung.« Da das Abendessen nun ziemlich fertig war, sah ich mich nach Andreas um; aber dieser getreue Diener war, seit der Zwist begonnen hatte, von niemand gesehen worden. Die Wirtin meinte indes, unser Diener sei in den Stall gegangen, und erbot sich, mir dorthin zu leuchten; aber zu dieser Stunde selbst in den Stall zu gehen, dazu könne sie niemand bringen, denn es hause ein Kobold darin, und darum könne sie auch keinen Stallknecht halten. Als sie mir jedoch zu dem armseligen Schuppen leuchtete, wo unsre Pferde grobes Heu schmausten, kam es zu Tage, daß sie mich aus andrer Absicht von der Gesellschaft entfernt hatte. »Da, lest!« sprach sie, als wir vor dem Stall standen, und schob mir ein Blatt Papier in die Hand. »Gott sei Dank, daß ichs los bin! Zwischen Soldaten, Sachsen und Viehdieben ist jede ehrliche Frau besser daran, wenn sie in der Hölle lebt, als an der hochländischen Grenze.« Mit diesen Worten gab sie mir die Kienfackel in die Hand und ging ins Haus zurück. Neuntes Kapitel. Ich verweilte am Eingange des Stalles und entzifferte beim Schein meiner Fackel folgenden Brief, der auf ein feuchtes, zerknittertes, schmutziges Blatt geschrieben war: Mein Herr! Es sind Nachteulen draußen, darum kann ich Euch und meinen geehrten Vetter N. J. nicht im Wirtshause von Aberfoil treffen, wie meine Absicht war. Ich bitte Euch, unnötige Gemeinschaft mit den Leuten zu vermeiden, die Ihr dort antreffen werdet, weil für die Zukunft Verdruß daraus entstehen könnte. Die Person, die Euch dies zustellt, ist treu und zuverlässig und wird Euch an einen Ort führen, wo ich Euch, so Gott will, sicher treffen kann, wenn Ihr und mein Vetter mein armes Haus besuchen wollt, allwo ich, meinen Feinden zum Trotz, noch immer die Bewirtung versprechen kann, die ein Hochländer seinen Freunden zu geben pflegt, und wo wir feierlich die Gesundheit einer gewissen D. V. trinken und über gewisse Sachen reden wollen, worin ich Euch beistehen zu können hoffe. Uebrigens verbleibe Euer ergebner Diener R. M. C. Ich war ziemlich verdrießlich über den Inhalt dieses Briefes, der den Dienst, den ich von diesem Campbell erwartet hatte, in ungewisse Ferne zu rücken schien. Dennoch war es mir einiger Trost, zu wissen, daß er fortwährend Anteil an mir nahm, da ich ohne ihn nicht hoffen konnte, meines Vaters Papiere wieder zu erhalten. Ich beschloß daher, seinen Vorschriften zu folgen, gegen die Hochländer höchst vorsichtig zu sein, und bei erster günstiger Gelegenheit die Wirtin zu fragen, wo ich diesen geheimnisvollen Mann finden könnte. Mein nächstes Geschäft war nun, Andreas aufzusuchen. Ich rief ihn mehrmals bei Namen, ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich vernahm ich, nachdem ich den ganzen Stall, nicht ohne Feuersgefahr, abgeleuchtet hatte, ein klägliches »Hier!« in einem so ächzenden Tone, als ob es der von der Wirtin gefürchtete Kobold selbst ausspräche. Dem Rufe folgend, ging ich der Ecke des Schuppens zu, wo ich im Winkel der Mauer den mannhaften Andreas hinter einem Fasse fand, das mit Federn gefüllt zu sein schien, und halb durch Gewalt, halb durch Befehle und Ermahnungen, nötigte ich ihn, hervorzukommen. Seine ersten Worte waren: »Ich bin ein ehrlicher Bursche, Herr!« »Wer zweifelt daran?« versetzte ich; »aber wie gehört das jetzt hierher? Ihr sollt uns beim Abendessen aufwarten.« »Ja,« erwiderte er, ohne anscheinend zu verstehen, was ich zu ihm sagte. »Ich bin ein ehrlicher Bursche, was auch der Stadtvogt dagegen vorbringen mag. Ich gebe zu, meine Seele hängt an der Welt und ihren Gütern, wie bei vielen andern auch; aber ich bin ein ehrlicher Kerl, und wenn ich auch das und jenes geschwatzt haben mag, liegt es mir gar nicht im Sinne, Euch bald zu verlassen.« »Was zum Henker treibt Ihr denn?« erwiderte ich. »Sind wir denn nicht über alles jetzt einig? Warum schwatzt Ihr nun ohne Sinn und Verstand in einem fort vom Fortgehen?« »Wenn Ihr Euch raten lassen wollt, Herr,« sagte Andreas, »brecht lieber Euer Wort, als daß Ihr weiter geht. Ich bin ja gewiß, Ihr werdet Euren Freunden Ehre machen, wenn Ihr etwas mehr Klugheit und Festigkeit erhalten habt; aber ich kann Euch nicht länger folgen, wenn Ihr auch versinken und umkommen solltet auf dem Wege, aus Mangel eines Führers und Ratgebers – wer dorthin den Fuß setzt, wo Robin der Rote haust, der setzt die Vorsehung in Versuchung.« »Robin der Rote!« sprach ich etwas befremdet; »ich kenne niemand dieses Namens. Was sind das für neue Possen, Andreas?« »Es ist hart,« versetzte Andreas, »sehr hart, daß man einem Manne nicht glauben will, wenn er die reine Wahrheit spricht, bloß weil er zuweilen ein wenig lügt, wo's nötig ist. Ihr braucht nicht zu fragen, wer Robin der Rote ist, der Erzräuber, der! – Gott verzeih mir's! – Ich hoffe, es hört uns niemand – da Ihr einen Brief von ihm in der Tasche habt. Ich hörte, wie einer seiner Gehilfen das alte Reibeisen von Wirtin bat, ihn Euch zu geben. Sie dachten, ich verstände ihr Kauderwelsch nicht, aber wenn ichs gleich nicht viel sprechen kann, erriet ich doch recht gut, um was es sich drehte! O, Herr Franz, alle Torheiten Eures Oheims und alle Streiche Eurer Vettern sind nichts gegen diesen Räuber der Räuber! Fangt meinetwegen dem Papst und dem Teufel Seelen ein, wie Euer Vetter Rashleigh, lärmt und tobt und entheiligt den Sabbat, wie alle Eure Vettern zusammengenommen, aber beim barmherzigen Himmel! kommt Robin dem Roten nicht zu nahe.« Die Besorgnis des Gärtners war zu aufrichtig, als daß ich sie für Verstellung hätte halten können. Ich sagte ihm aber nichts weiter, als daß ich im Wirtshause zu übernachten gedächte, und empfahl ihm, gut für die Pferde zu sorgen. Uebrigens legte ich ihm das strengste Stillschweigen auf und gab ihm die Versicherung, daß ich mich nicht unvorsichtig in Gefahr begeben würde. Er folgte mir mit kläglicher Miene in das Haus und murmelte zwischen den Zähnen, Menschen sollten doch eher versorgt werden, als das liebe Vieh, er habe den ganzen Tag noch keinen Bissen zu sich genommen. Die Eintracht der Gesellschaft schien während meiner Abwesenheit eine Störung erlitten zu haben, denn ich fand Galbraith und meinen Freund Jarvie in lebhaftem Streite. »Ich will solche Reden nicht hören gegen den Herzog von Argyle und den Namen Campbell,« rief Jarvie bei meinem Eintritt. »Er ist ein wackrer, volkstümlich gesinnter Mann, ein Ruhm fürs Land und ein Freund und Beschützer des Handels von Glasgow.« »Ich sage nichts gegen Mac Callummore,« Herzog von Argyle mit seinem Stammnamen im Hochlande. sprach der kleinere Hochländer lachend. »Aber nie gabs eine Verräterei in Schottland, worunter nicht ein Campbell stak, und jetzt, da das Schlimme die Oberhand gewinnt, sinds nicht wieder die Campbells, die das Recht darnieder halten? Aber das Wesen wird nicht lange dauern, und es wird Zeit sein, das Schwert zu schärfen. Die alte rostige Klinge hält hoffentlich wieder blutige Ernte.« »Schämt Euch, Garschattachin!« rief der Stadtvogt; »pfui, schämt Euch, so etwas zu sagen vor einer obrigkeitlichen Person, und Euch selber in Ungelegenheit zu bringen. – Wie denkt Ihr die Eurigen zu erhalten und Eure Gläubiger zu befriedigen, – mich und andre – wenn Ihr auf diesem wilden Wege fortgeht, der Euch, zum Schaden aller, die mit Euch in Verbindung stehen, dem Gesetz verantwortlich machen wird?« »Verdammt meine Gläubiger und Ihr dazu, wenn Ihr einer davon seid!« entgegnete der tapfre Galbraith. – »Ich sag', es wird bald eine andre Welt sein, und dann wird kein Campbell die Nase mehr hoch tragen und seine Hunde dahin hetzen, wohin er selbst nicht kommen darf, und nicht mehr Diebe, Mörder und Unterdrücker beschützen, die bessre Leute als sie selber sind, plündern und berauben.« Jarvie hatte große Lust, den Streit fortzusetzen, als der wohlriechende Duft des gebratnen Wildbrets, den uns die Wirtin jetzt vorsetzte, eine so kräftige Wirkung auf ihn übte, daß er sich eifrig über seinen Teller machte und die Fremden den Streit unter sich fortsetzen ließ. »Wahr ist's,« sagte der lange Hochländer, der, wie ich hörte, Stuart hieß, »wir würden nicht geplagt und geschoren, uns hier zu versammeln, um Robin den Roten zu fangen, wenn die Campbells ihm nicht Zuflucht gäben. Es waren unser dreißig meines Namens. Wir jagten den Mac Gregor, wie man ein Reh jagt, bis in die Gegend von Glenfalloch, wo die Campbells aufstanden und uns in den Arm fielen, daß wir um allen Lohn kamen. Aber ich gäb etwas drum, wenn ich dem Robin wieder so nahe wäre, als an jenem Tage.« Unglücklicherweise schien mein Freund Jarvie an allem, was diese Hochländer sprachen, ein Aergernis zu nehmen. »Verzeiht mir, wenn ich gerade heraus rede, Herr,« rief er; »aber Ihr hättet wohl viel drum gegeben, so weit von Robin weg zu sein wie jetzt. – Traun! mein glühendes Pflugmesser wäre nichts gewesen gegen sein Schwert.« »Ihr tätet besser, wenn Ihr nicht mehr von Eurem Pflugmesser sprächet, oder, bei Gott! Ihr sollt mir Eure Worte hinunterschlucken, und zwei Hände voll kalten Stahls sollen nachhelfen.« Und mit einem drohenden Blick griff der Hochländer zu dem Dolche. »Keinen Streit, Allan,« sprach sein kleinerer Gefährte. »Wenn der Herr aus Glasgow etwas auf Robin hält, so kann er ihn vielleicht noch diese Nacht in Ketten sehen, und morgen am Stricke; denn lange genug hat er das Land geplagt, und sein Lauf ist nahe am Ende. – Aber es wird Zeit, Allan, daß wir zu unsern Leuten gehen.« »Warum, zum Henker, eilt Ihr denn so?« sprach Galbraith. »Mess' und Mahl hindert nie am Werk. Und nach meiner Vorschrift hätte man Euch nie aus Euren Schluchten gerufen, uns zu helfen. Die Besatzung und unsre Reiter hätten Robin leicht fangen können. Hier ist die Hand,« sprach er, seine eigne emporhebend, »die ihn auf den Rasen werfen soll, und die nimmer einen von Euch Hochländern zur Hilfe bedarf.« »Dann hättet Ihr uns lassen sollen, wo wir waren,« sprach der andre; »ich laufe nicht sechzig Meilen weit, wenn ich nicht gerufen werde. Aber wenn ich Euch meine Meinung sagen soll, so rat ich Euch, Eure Zunge besser im Zaum zu halten. Wenn man einen Vogel fangen will, wirft man nicht mit der Mütze nach ihm; und wer eine Stütze hat wie die unsrige, der hält sich lange; das aber kann der auch, den Ihr kennt! Auch diese Herren haben manches gehört, was sie nicht gehört hätten, wenn der Branntwein nicht zu stark für Euer Hirn gewesen wäre, Major Galbraith. – Ihr braucht Euren Hut gar nicht so trotzig aufzusetzen und den Eisenfresser gegen mich zu spielen, denn das sind Faxen, die ich nicht leiden mag.« »Ich habs gesagt,« erwiderte der berauschte Galbraith feierlich, »daß ich diese Nacht weder mit Kleid noch Tartan streiten will. Wenn ich außer Dienst bin, streit ich mit Euch und mit jedermann aus dem Hochlande oder dem Niederlande, aber nicht im Dienste – nein, nein! – Ich wollte, wir hörten von diesen Rotröcken. Wenns etwas gegen König Jakob zu tun gäbe, hätten wir sie schon lange gesehen; wenn aber die Ruhe im Lande erhalten werden soll, können sie so gut lügen, wie ihre Nachbarn.« Wahrend er so sprach, hörten wir den Taktschritt eines Haufens Fußvolk, und ein Offizier mit einer Anzahl Soldaten trat herein. Er sprach Englisch, und das war mir Musik in den Ohren, denn ich war der Mundart der Schottländer nun herzlich satt. »Ihr seid vermutlich Major Galbraith von der Reiterei aus Lennox, und die Herren sind die beiden Hochländer, die ich hier treffen sollte?« Die Fremden bejahten es und boten dem Offizier Erfrischungen an, die er ablehnte. »Ich habe mich verspätet, Ihr Herren, und wünsche nun die Zeit wieder einzubringen. Ich habe Befehl, zwei Personen aufzusuchen und zu verhaften, die verräterischer Anschläge beschuldigt werden. Gehören diese Herren dort zu Eurer Gesellschaft?« fragte er, auf Jarvie und mich blickend. Wir hatten beide, mit unserm Abendessen beschäftigt, wenig auf ihn geachtet. »Es sind Reisende,« versetzte Galbraith; »ehrbare Reisende.« »Mein Befehl lautet,« sprach der Hauptmann, uns mit einem Licht genauer beleuchtend, »einen ältern und einen jungen Mann zu verhaften, und ich glaube, diese Herren entsprechen genau der Beschreibung.« »Bedenkt, was Ihr sagt, Herr,« sprach Jarvie; »weder Euer roter Rock noch Euer Tressenhut soll Euch schützen, wenn Ihr mir einen Schimpf antut. Ich bin ein freier Bürger und eine obrigkeitliche Person aus Glasgow; Niklas Jarvie ist mein Name, wie auch mein Vater hieß – ich bin Stadtvogt, und mein Vater war Vorsteher.« »Es war ein Spitzkopf, »Spitzköpfe« und »Rundköpfe« waren die Spitznamen der Parteien gegen und für das Haus Stuart. sagte Major Galbraith, »und focht gegen den König an der Bothwellbrücke.« »Er bezahlte, was er schuldig war und was er kaufte, Major Galbraith,« erwiderte Jarvie, »und war ein redlicherer Mann, als je einer auf seinen Schenkeln stand.« »Ich habe nicht Zeit, mir alles das anzuhören,« erklärte der Offizier. »Ich muß Euch aufhalten, meine Herren, wenn Ihr nicht auskömmliche Sicherheit beibringen könnt dafür, daß Ihr treue Untertanen seid.« »Ich verlange vor eine bürgerliche Obrigkeit gebracht zu weiden,« rief Jarvie. »Ich bin nicht gehalten, jedem Rotrock zu antworten, der mir Fragen stellt.« »Gut, Herr! sofern Ihr nicht sprechen wollt, werde ich ja wissen, wie ich mich zu verhalten habe.... Und Ihr,« (zu mir sich wendend) »wie ist Euer Name?« »Franz Osbaldistone, Herr.« »Wie? Ein Sohn von Sir Hildebrand Osbaldistone in Northumberland?« »Nein,« fiel Jarvie ein; »ein Sohn von William Osbaldistone, dem Inhaber des großen Handelshauses Osbaldistone und Tresham in London.« »Ich fürchte, Euer Name vermehrt nur den Verdacht gegen Euch, und ich sehe mich gezwungen, Euch all Eure Papiere abzufordern.« Ich sah, daß die Hochländer sich mit ängstlichen Blicken maßen. »Ich führe keine Papiere bei mir,« erwiderte ich. Der Offizier befahl, mich zu entwaffnen und zu untersuchen. Widerstand wäre Tollheit gewesen. Ich gab also meine Waffen ab und unterwarf mich einer Untersuchung. Es wurde nichts gefunden als der Zettel, den ich durch die Wirtin erhalten hatte. »Ich hab etwas anderes erwartet,« sprach der Offizier; »allein der Zettel gewährt uns ausreichenden Grund, Euch festzuhalten. Ihr steht im Briefwechsel mit dem geächteten Räuber Robert Mac Gregor Campbell, der so lange eine Plage dieser Gegend gewesen ist. – Was könnt Ihr dawider vorbringen?« »Kundschafter von Robin!« riefen die Hochländer – »an den nächsten Baum mit ihm!« »Wir sind auf Reisen, nach einigem Gut von uns zu sehen, das zufällig in seine Hände gefallen ist, Ihr Herren,« sagte Jarvie; – »es gibt hoffentlich kein Gesetz in England, das einen Mann straffällig macht, der nach seinem Eigentum sieht?« »Wie seid Ihr zu dem Briefe gekommen?« fragte der Offizier. Die arme Witwe zu verraten, war mir nicht möglich, und ich schwieg. »Wißt Ihr etwas davon, Gesell?« fragte der Offizier den Gärtner, dessen Kinnbacken wie Castagnetten klapperten, als er die Drohungen der Hochländer vernahm. »O – ja, ich weiß alles. – Ein hochländischer Taugenichts gab den Brief der Wirtin hier. Daß mein Herr davon nichts weiß, beeide ich. Aber er will ins Gebirge gehen, um mit Robin zu sprechen. Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit, Herr, ihn durch ein Paar von Euren Rotröcken sicher nach Glasgow zurückbringen zu lassen, ob willig oder nicht. Den Herrn Jarvie dagegen könnt ihr behalten, so lang es Euch gefällt, denn der ist reich genug, um jede Buße zu zahlen, die Ihr ihm auferlegt. Mein Herr ist auch mit Glücksgütern gesegnet, um sich auszulösen. Was aber mich angeht, so bin ich ein armer Gärtnerbursch, und nicht wert, daß Ihr Euch bemüht.« »Es wird am besten sein, diese drei Leute unter Bedeckung nach der Garnison zu schicken,« sagte der Offizier, »denn sie scheinen im unmittelbaren Verkehr mit dem Feinde zu stehen. Ihr habt Euch als meine Gefangenen zu betrachten und werdet mit Tagesanbruch an einen sichern Ort gebracht. Ich kann keine Einwendungen anhören,« fuhr er fort, sich von Jarvie abwendend, dessen Mund sich zur Gegenrede geöffnet hatte, »mein Dienst verstattet mir zu unnützen Erörterungen keine Zeit.« »Gut – gut, Herr,« sprach Jarvie; »mags denn nach Eurer Pfeife gehen; aber seht zu, daß ich Euch nicht zum Tanze zwinge, ehe aller Tage Abend ist.« Zwischen dem Offizier und den Hochländern wurde nun eifrig beraten, aber so leise, daß, sich unmöglich etwas verstehen ließ. Als sie fertig waren, verließen alle das Haus. »Diese Hochländer,« sagte hierauf Jarvie zu mir, »sind von den westlichen Clans und ebensolche Langfinger, wie ihre Nachbarn, und dennoch seht Ihr, wie sie gekommen sind, gegen den armen Robin zu fechten, weil sie einen alten Groll gegen ihn und seinen Stamm haben. Er wird alle Hände voll zu tun haben, der arme Robin, wenn die Sonne über die Berge kommt. Es ist wohl nicht recht, wenn eine obrigkeitliche Person etwas gegen den Lauf der Gerechtigkeit wünscht, aber der Teufel soll mich holen; wenn die Kunde, daß Robin es allen tüchtig heimgezahlt hätte, mir das Herz bräche!« Zehntes Kapitel Wir durften den übrigen Teil der Nacht schlafen, so gut es die elende Einrichtung der Schenke zuließ. Aber ermüdet durch die Reise und die nachfolgenden Auftritte, und nicht sonderlich bekümmert wegen unserer Verhaftung, die nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit sein konnte, kamen wir bald zur Ruhe, und ich hörte den Stadtvogt, der mit den seltsamen Verhältnissen, in denen wir uns befanden, vielleicht besser zurechtkam als ich, bald auf seinem harten Lager tüchtig schnarchen. Mir blieb nichts weiter übrig, als den Kopf auf den Tisch zu legen, und während des unruhigen Halbschlummers, der mich von Zeit zu Zeit befiel, bekam ich Gelegenheit zu der Wahrnehmung, daß sich in den Bewegungen der Soldaten Zweifel und Unentschlossenheit kundtaten. Es wurden Männer ausgesandt wie auf Kundschaft, die aber, wie ich recht gut merkte, ihrem Anführer keine erfreuliche Kunde meldeten; denn er war sichtlich unruhig und ängstlich und schickte wieder kleine Haufen von zwei bis drei Mann ab, von denen aber einige, wie ich aus dem Geflüster der übrigen vernahm, nicht zurückgekehrt waren. Der Morgen war angebrochen, als ein Korporal und zwei Gemeine in die Hütte stürmten und mit einer Art von Triumph einen Hochländer herbeischleppten, in welchem ich sogleich meinen Bekannten, den gewesenen Gefängnisschließer, erkannte. Der Stadtvogt, der bei dem Lärm, den sie beim Eintritt machten, in die Höhe fuhr, rief sogleich: »Gott erbarms! Sie haben die arme Kreatur Dougal gekriegt – Hauptmann, ich will Bürgschaft für ihn leisten, hinlängliche Bürgschaft für diesen Dougal.« Auf dieses Anerbieten, das ohne Zweifel von einer dankbaren Erinnerung an die letzten Dienstleistungen des Hochländers eingegeben wurde, antwortete der Hauptmann, Jarvie möge doch lieber an seine eignen Angelegenheiten denken, statt zu vergessen, daß er gegenwärtig selbst Gefangener sei. »Ich nehm Euch zum Zeugen, Herr Osbaldistone,« sprach Jarvie, der mit dem bürgerlichen Recht besser bekannt war als mit dem Kriegsrecht, »daß mir der Herr verweigert hat, Bürgschaft zu stellen. Meiner Meinung nach kann Dougal sich wegen unrechtmäßiger Verhaftung beklagen, und ich will ihm zu seinem Rechte verhelfen.« Der Offizier, Thornton mit Namen, ließ sich durch Jarvies Beschwerden nicht stören, sondern nahm Dougal scharf ins Verhör und nötigte ihm nach und nach die Aussage ab, daß er Robert Mac Gregor kenne und daß er ihn im letzten Jahr, im letzten Halbjahr, im letzten Vierteljahr, im letzten Monat – in letzter Woche, gesehen habe, ja daß er vor knapp einer Stunde mit ihm auseinandergegangen sei. Alle diese Angaben kamen wie Blutstropfen von dem Gefangenen und wurden augenscheinlich nur durch des Hauptmanns Drohung ausgepreßt, ihn an den nächsten Baum hängen zu lassen, wenn er nicht bestimmte und genaue Nachrichten gäbe. »Und nun, Freundchen,« sprach der Offizier, »wirst Du mir noch sagen, wieviel Leute Dein Herr gegenwärtig bei sich hat.« Dougal blickte überall hin, bloß nicht auf den Fragesteller, und antwortete, das wisse er selbst nicht und könne es also auch nicht sagen. »Sieh mich an, Du Hochlandshund,« rief der Offizier, »und bedenke, daß Dein Leben von der Antwort abhängt. ... Wieviel Schelme hatte dieser vogelfreie Schurke bei sich, als Du ihn verließest?« »Nicht mehr als ein halbes Dutzend, als ich ging.« »Und wo waren die übrigen Schelme?« »Mit dem Leutnant gegen die Kerle im Westen gezogen.« »Gegen die westlichen Clans?« sprach der Hauptmann. »Hm – wahrscheinlich genug, und zu welcher bübischen Tat bist Du hier gewesen?« »Um zu sehen, was Ihr Und Eure Rotröcke im Dorfe wolltet.« »Die Kreatur bricht am Ende doch die Treue,« sprach Jarvie; »ich setze mich seinetwegen besser nicht in Unkosten.« »Und nun, Freundchen,« fuhr der Hauptmann fort, »wollen wir uns miteinander verständigen. Du solltest als Spion am nächsten Baume hängen; aber wenn Du mir einen Dienst erzeigst, erzeig ich Dir einen andern. Du sollst mich mit einigen meiner Leute zu dem Orte führen, wo Du Deinen Herrn verlassen hast, da ich wegen wichtiger Geschäfte mit ihm zu sprechen habe, und ich lasse Dich Deiner Wege ziehen und gebe Dir noch fünf Guineen dazu.« »Oh! oh!« rief Dougal in äußerster Bekümmernis; »kanns nicht tun,– kanns nicht tun! Läßt sich lieber hängen.« »Dann sollst Du hängen, und Dein Blut komm' über Dein eigen Haupt. – Korporal Cramp, macht den General-Profos – fort mit ihm!« Der Korporal hatte dem armen Dougal einige Zeit gegenübergestanden und einen Strick, den er im Hause fand, zusammengedreht. Jetzt warf er denselben um des Angeklagten Nacken und schleifte ihn mit Hilfe zweier Soldaten bis zur Tür, wo aber Dougal, von Todesangst übermannt, ausrief: »Halt! halt! Ihr Herren! – Will tun was der Herr Hauptmann verlangt – halt!« »Fort mit dem Buben,« sprach Jarvie, »er verdient jetzt mehr als je, gehangen zu werden. – Fort mit ihm, Korporal! Warum bringt Ihr ihn nicht weg?« »Ich glaube, Herr,« versetzte der Korporal, »wenn Ihr gehangen werden solltet, dann hättet Ihr schwerlich solche Eile.« Dieses Nebengespräch verhinderte mich, zu hören, was zwischen dem Gefangenen und dem Hauptmann vorging; doch ächzte ersterer mit sehr niedergeschlagnem Tone: »Und wollt Ihr nicht verlangen, daß ich weiter mitgehe, als Euch zu zeigen, wo Mac Gregor ist? Oh! oh!« »Still mit Deinem Geheul, Du Schelm! Ich gebe Dir mein Wort, daß Du zu weiterm nicht gehalten sein sollst. Laßt die Mannschaft vor dem Hause antreten, Korporal! Führt die Pferde der Herren heraus; wir müssen sie mitnehmen. Ich kann keine Leute entbehren, um sie als Wache hier zu lassen. Vorwärts – marsch!« Wir wurden mit Dougal als Gefangene hinausgeführt. Als wir die Hütte verließen, hörte ich, wie Dougal den Hauptmann an die fünf Guineen erinnerte. »Da hast Du sie,« sprach der Offizier und gab ihm Gold in die Hand; »aber laß Dir gesagt sein, wenn Du Dir etwa einfallen lassen solltest, mich irre zu leiten, jag ich Dir eine Kugel durch den Kopf.« »Die Kreatur ist schlechter, als ich geglaubt habe,« sprach Jarvie – »ein erbärmlicher Wicht! Mein Vater, der Vorsteher, hatte gar recht mit seiner Rede: geprägtes Silber hat mehr Seelen erschlagen, als das nackte Schwert je Leiber erschlug.« Die Wirtin trat nun vor und verlangte Bezahlung der Zeche, mit Einschluß alles dessen, was Galbraith und die Hochländer verzehrt hatten. Der englische Offizier machte Einwendungen, allein die Frau erklärte, wenn sie nicht dem Namen des edlen Herrn vertraut, auf den sich die Gesellschaft berufen hätte, so würde sie nie einen Tropfen Branntwein hergegeben haben; denn sie möge den Herrn Galbreith wiedersehen oder nicht, ihr Geld werde sie schwerlich bekommen – und sie sei eine arme Witwe, die nichts habe als ihre Kundschaft. Der Hauptmann machte ihren Reden ein Ende, indem er die Zeche bezahlte, die sich nur auf einige Schillinge belief, obwohl sie nach schottischer Rechnung sich wie eine ganz schreckliche Summe anhörte. Es war eine Wohltat für mich, die dunkle, rauchige, stickige Atmosphäre der hochländischen Hütte gegen die duftige Frische der Morgenluft zu vertauschen, als die Strahlen der aufgehenden Sonne, aus einem Zelt goldner und purpurner Wolken hervorbrechend, eine Gegend beleuchteten, schöner und romantischer, als ich je eine erblickt hatte. Links lag das Tal, das der Forth in östlicher Richtung durchströmte. Zur Rechten breitete sich mitten unter Wäldern, Hügeln und Felsen das Bett eines großen Bergsees aus, auf dessen Fläche der Morgenwind leichte Wellen kräuselte, die, glänzend im Sonnenschein, weiter flossen. Hohe Hügel, Felsen und Dämme, von Birken- und Eichenwäldern umwogt, begrenzten diese bezaubernde Wasserfläche, und das Laub, wie es im Winde rauschte und in der Sonne schimmerte, erteilte der tiefen Einsamkeit eine Art von Leben und Bewegung. Nur der Mensch erschien in einem geringern Zustande in einer Gegend, wo die ganze Natur große erhabne Züge trug. Die armseligen Hütten, deren das Dorf ungefähr ein Dutzend besaß, bestanden aus rohen Steinen, mit Lehm verbunden, und waren mit Rasen bedeckt, die auf unbehauene Baumstämme gelegt waren. Die Dächer reichten so tief herab, daß Andreas meinte, wir hätten letzte Nacht über das Dorf wegreiten können, ohne von seiner Nähe etwas gewahr zu werden, bis die Pferde mit den Beinen durch die Dächer gerutscht wären. Aus allem konnten wir sehen, daß das Wirtshaus, so elend der Aufenthalt darin war, noch immer bei weitem das beste im Dorfe war. Die Bewohner der ärmlichen Hütten wurden durch das Geräusch unsrer Abreise aufgestört, und während die Soldaten, zwanzig an der Zahl, sich in Reih und Glied stellten, guckten ein paar alte Weiber, mit grauen Flanellhauben auf dem Kopfe, deren Gesichter an Macbeths Hexen erinnerten, durch die halb geöffneten Türen. Auch kleine Kinder kamen langsam zum Vorschein, teils ganz nackt, teils mit Lumpen von gestricktem Zeuge bedeckt, klatschten in die kleinen Hände und wiesen den englischen Soldaten die Zähne, mit einem Ausdruck von Nationalhaß und Bosheit, der sich mit ihrem Alter nicht recht zu vertragen schien. Was mir vor allem auffiel, war der Umstand, daß keine Männer, nicht einmal Knaben von zehn oder zwölf Jahren, unter den Bewohnern des Dorfes zu sehen waren. Sobald wir unsern Marsch wieder angetreten hatten, machte sich die Feindseligkeit der Bewohner in Worten Luft. Das letzte Glied hatte gerade das Dorf verlassen, da mischte sich ein gellender Ausruf der Weiber mit Kindergeschrei und Händeklatschen, womit die Weiber im Hochlande ihr Klagegeheul und Wutgeschrei zu verstärken pflegen. Ich fragte Andreas, der bleich wie der Tod aussah, was der Lärm zu bedeuten habe? »Ich glaube, wir werdens bald genug erfahren,« antwortete er. »Vorläufig heißts für uns, daß die Weiber die Rotröcke und jeden, der Sächsisch spricht, verfluchen und ihnen alles Böse wünschen. Das Schlimmste ist, sie schreien uns nach, wir sollten nur am See hinauf gehen, da würden wir schon sehen, wohin wir kämen.« Der Weg, den wir zogen, schien einen Angriff auf uns sehr zu begünstigen. Anfangs wand er sich abwärts vom See durch sumpfiges Wiesenland, mit Unterholz bewachsen, dann führte er durch dunkle, dichte Gebüsche, wo wenige Schritte vor uns ein Hinterhalt verborgen sein konnte, und oft ging er über rauhe Bergströme, in denen die Soldaten bis an die Kniee wateten,, und die mit solcher Gewalt strömten, daß immer zwei Mann sich an den Armen fassen mußten, um hindurchzugelangen. Jarvie, dessen gesunder Verstand die Situation ihn besser noch erfassen ließ als mich, ritt kurz entschlossen zu dem Hauptmann heran. »Als Anhänger des Königs Georg und als Freund seiner Arme nehme ich mir die Freiheit zu der Frage: Meint Ihr keine bessre Zeit wählen zu können, um in dieser Schlucht hinauf zu ziehen? Wenn Ihr Robin den Roten aufsucht, so weiß man, daß er immer über fünfzig Mann stark ist, und wenn ihm gar seine Freunde beistehen, so kann es Euch schlecht ergehen. Mein aufrichtiger Rat ist, lieber wieder in das Dorf zurückzugehen; denn die Hochlandsweiber sind wie die Seemöwen; wenn sie schreien, kommt immer schlecht Wetter.« »Seid ohne Sorge, Herr,« erwiderte Hauptmann Thornton. »Als Anhänger des Königs Georg werdet Ihr mit Vergnügen hören, daß die Reiter von der Landmiliz, von Major Galbraith befehligt, sich schon mit zwei andern Reiterhaufen vereinigt haben, um alle niedern Pässe dieser wilden Gegend zu besetzen. Dreihundert Hochländer, unter den beiden Herren, die Ihr im Wirtshause gesehen habt, halten die obern Pässe. Die letzten Nachrichten über Robin stimmen mit den Aussagen des eingefangenen Burschen überein, daß er sich von allen Seiten umringt sieht und, entweder um sich leichter verborgen zu halten, oder um sich durchs Gebirge zu schlagen, den größern Teil seiner Mannschaft entlassen haben wird.« »Wenn bloß nicht Galbraith heute morgen mehr Branntwein als Gehirn im Kopfe hat,« meinte Jarvie. »Ich an Eurer Stelle, Herr Hauptmann, würde nicht meine Zuversicht auf die Hochländer setzen, denn eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.« Der Hauptmann ordnete seine Marschlinie anders, befahl den Soldaten, die Gewehre zu laden und die Bajonette aufzustecken, und bildete aus je einem Unteroffizier und zwei Mann eine Vor- und eine Nachhut. Dougal ward von neuem verhört, behauptete aber die Wahrheit seiner frühern Aussagen standhaft, und als man ihm über die verdächtige Beschaffenheit des Weges, den er führte, Vorhaltungen machte, antwortete er hartnäckig, er habe den Weg nicht selbst gemacht, und wenn die Herren lieber auf breiten Landstraßen marschierten, so hätten sie in Glasgow bleiben sollen. Plötzlich verließ der Weg den Waldgrund und zog sich dicht am Ufer des Sees hin, so daß er die volle Aussicht auf dessen ausgebreiteten Spiegel bot, der nun, da sich der Wind gänzlich gelegt, in stiller Pracht die hohen dunklen Heideberge, die grauen, gewaltigen Felsen und rauhen Ufer widerspiegelte, die ihn umringten. Die Hügel senkten sich jetzt so nah an seine Ufer herab, und waren so zerrissen und steil, daß kein Weg übrig blieb, als der schmale Pfad, den wir zogen, und der von Felsen überhangen war, von denen aus wir leicht und fast ohne Möglichkeit, Widerstand zu leisten, durch herabgerollte Steine hätten vernichtet werden können. Ueberdies konnten wir auf einem Pfade, der sich um jedes Vorgebirge und jede Bucht wand, die das Ufer einschnitt, selten weiter als hundert Schritte vor uns sehen. Unser Anführer schien unruhig zu werden. Das verriet sich durch die wiederholten Befehle an seine Soldaten, scharfen Ausguck zu halten, und durch wiederholte Warnungen gegen Dougal, ihn auf der Stelle niederzuknallen. »Wenn die Herren den roten Gregarach suchen wollten,« antwortete Dougal hierauf mit unerschütterlicher Ruhe, »so müßten sie sich eben gefaßt darauf machen, daß es ohne Gefahr nicht dabei abgehen würde.« Da machte der Unteroffizier, der die Vorhut anführte, Halt und sandte einen Mann mit der Meldung zurück, daß der Pfad vor ihm von Hochländern besetzt sei. Fast im nämlichen Augenblicke kam von der Nachhut die Meldung, in den Wäldern, die wir eben durchzogen hätten, erklänge der Dudelsack. Hauptmann Thornton, ebenso kriegskundig wie mutig, beschloß ohne weiteres, den Paß vor ihm zu stürmen, ehe der Angriff im Rücken zur Ausführung kommen könne. Dougal wurde zwischen zwei Mann genommen, und auch wir mußten mitten zwischen die Soldaten treten. Dann rückten die Soldaten vor mit der Standhaftigkeit englischer Krieger; nicht so Andreas, der vor Angst sich nicht zu halten wußte. Wir näherten uns bis auf zwanzig Schritte der Stelle, wo man den Feind gesehen hatte. Es war eines jener Vorgebirge, die in den See hinaus laufen, an dessen Fuße der Weg sich bisher wand. Der rauhe Pfad verließ das Ufer und stieg in steilem Zickzack am Abhang eines grauen Schieferfelsens hinauf, der anders nicht zu ersteigen gewesen wäre. Auf dem Gipfel des Felsens, wohin der schmale, zerrissene Weg führte, meinte der Korporal die Mützen und langen Flinten von Hochländern gesehen zu haben, die anscheinend unter Heidekraut und Buschholz versteckt lagen. Thornton hieß ihn in drei Gliedern vorgehen, während er selbst langsamer zur Unterstützung mit der übrigen Mannschaft nachrücken wollte. Aber der geplante Angriff wurde durch die unvermutete Erscheinung einer Frau auf dem Gipfel gestört, die den Engländern gebieterisch »Halt« entgegenschrie und Auskunft verlangte, was die Rotröcke in Mac Gregors Lande suchten. Selten hab ich eine so auffallende, so erhabne Gestalt gesehen, wie diese Frau, die zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahre stehen mochte. Ihr Gesicht mußte sich vormals durch Formen männlicher Schönheit ausgezeichnet haben, obwohl ihre Züge durch die Einwirkung rauher Witterung, und vielleicht durch den zerstörenden Einfluß des Kummers und der Leidenschaften tief gefurcht, jetzt nur stark, scharf und ausdrucksvoll waren. Sie trug ihren Plaid nicht um den Kopf und die Schultern gelegt, wie es Sitte der schottischen Frauen ist, sondern nach Art der hochländischen Krieger um den Leib geschlagen. Eine Mannsmütze mit einer Feder bedeckte ihr Haupt, in der Hand hielt sie ein entblößtes Schwert und ein Paar Pistolen im Gürtel. »Das ist Robins Weib, Helene Campbell,« flüsterte Jarvie angsterfüllt mir zu, »da wird es bald genug blutige Köpfe unter uns geben.« »Was sucht Ihr hier?« wiederholte sie, als Hauptmann Thornton selbst sich genähert hatte, um zu rekognoszieren. »Wir suchen Robin Mac Gregor Campbell, über den die Acht verhängt ist,« versetzte der Offizier, »führen aber nicht Krieg gegen Weiber; drum leistet nicht vergeblichen Widerstand gegen des Königs Soldaten, sondern versichert Euch einer gnädigen Behandlung.« »Ja, ich kenne Eure Gnade,« erwiderte die Amazone. »Ihr habt mir weder Namen noch Ruf gelassen – meiner Mutter Gebeine werden in ihrem Grabe schaudern, wenn man die meinigen an ihre Seite legt. Ihr habt mir und meinen Angehörigen weder Haus noch Heimat gelassen, weder Bett noch Lager, kein Vieh, uns zu nähren, keine Herde, uns zu kleiden. Ihr habt uns alles genommen, alles, selbst den Namen unsrer Väter, und nun wollt Ihr unser Leben holen?« »Ich trachte nach keines Menschen Leben,« sagte der Hauptmann; »ich vollführe bloß die mir erteilten Befehle. Wenn Ihr allein seid, Frau, so habt Ihr nichts zu fürchten, – sind aber tollkühne Männer bei Euch, die vergeblichen Widerstand leisten wollen, dann komme ihr Blut über ihr eigenes Haupt. – Vorwärts, Korporal!« »Vorwärts, marsch!« rief der Unteroffizier, »Hurra, Kinder! Robins Kopf oder einen Beutel mit Gold!« Im Sturmschritt ging er voran, und seine sechs Krieger folgten; aber sie waren kaum um die erste Wendung des steilen Pfades herum, so krachte ein Dutzend Feuergewehre von verschiedenen Seiten des Passes her schnell hinter einander. Durch den Leib geschossen, suchte der Korporal noch immer die Höhe zu erklimmen, und hob sich mit den Händen an den Felsen empor, bis er nach einer verzweiflungsvollen Anstrengung losließ und vom Rande der Klippe in den tiefen See hinabstürzte, wo er ertrank. Von den Soldaten fielen drei; die übrigen retirierten, zum größten Teil blessiert, zur Hauptmacht zurück. »Grenadiere an die Spitze!« rief Hauptmann Thornton, stellte sich ins vorderste Glied, und mit Hurra! ging es wieder vorwärts. Die Grenadiere rüsteten sich, ihre Granaten in die Gebüsche zu werfen, wo der Hinterhalt lag, und die andern machten sich zur Unterstützung fertig. Dougal, im Handgemenge vergessen, schlug sich in das Dickicht, das über dem Teile des Weges hing, wo wir zuerst Halt machten, und stieg mit der Gewandtheit einer wilden Katze empor. Ich folgte unwillkürlich seinem Beispiel und kletterte, bis ich außer Atem war. Das ununterbrochene Geknatter, denn jeder Schuß fand tausendfältigen Widerhall in den Bergen, das Gezische und Knallen der brennenden Granatenzünder, das Hurra der Soldaten und das mark- und beinerschütternde Geschrei ihrer hochländischen Gegner beflügelte, – wie ich mich nicht zu gestehen schäme, – mein Verlangen, einen sichern Ort zu erreichen. Aber der Aufstieg wurde bald so steil, daß ich alle Hoffnung aufgab, Dougal einzuholen, der sich von Felsen zu Felsen, von Stamm zu Stamm mit der Leichtigkeit eines Eichhörnchens aufschwang; und ich blickte zurück, um zu sehen, was aus meinen andern Gefährten geworden war. Der Stadtvogt, durch die Furcht getrieben, war ungefähr zwanzig Fuß hoch gestiegen, als er beim Sprunge von einem Felsstück zum andern ausglitt; und wäre er nicht an einem starken Dornstrauch mit den Rockschößen hängen geblieben, der ihn nun schwebend in der Luft hielt, so wäre er ohne Zweifel heim zu seinem Vater, dem Vorsteher, gegangen. Andreas war glücklicher gewesen, bis er zum Gipfel eines kahlen Felsens gelangte, der, über den Wald hervorragend, so steil und unzugänglich war, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte. Auf der schmalen Felsenfläche hin und wieder tretend, schrie er abwechselnd in gälischer und englischer Sprache um Erbarmen, je nachdem der Sieg auf diese oder jene Seite sich zu neigen schien. Aber seine Rufe fanden nur Widerhall im Stöhnen des Stadtvogts, dem es in seiner schwebenden Situation, – die viel von einer Luftschaukel an sich hatte, – mit jeder Sekunde schrecklicher zu Mute wurde. Bald aber sollte dem Vogt wie dem Gärtner Erlösung winken, denn die Ursache seines Schreckens schwand, das Feuer, anfangs so rege unterhalten, hörte plötzlich auf, was als sicheres Zeichen dafür gelten konnte, daß der Kampf zu Ende war. Ich suchte nun eine Stelle, von wo aus ich die Aufmerksamkeit der Sieger auf Jarvie lenken könnte, und fand nach mühsamer Kletterarbeit, was ich suchte. Ich übersah nun das Schlachtfeld; der Kampf war wirklich vorüber und hatte, wie ich mir von vornherein gedacht hatte, mit einer Niederlage der Engländer geendigt. Die Hochländer waren beschäftigt, den Offizier und den geringen Ueberrest der Schar, zwölf Mann, von denen die meisten verwundet waren, zu entwaffnen. Der Sieg war von ihren Gegnern wohlfeil erkauft, denn sie hatten nur einen Toten und zwei Verwundete. Aber all meine Aufmerksamkeit wurde jetzt von dem englischen Hauptmann in Anspruch genommen, von dessen Gesicht das Blut floß und der mit seiner Mannschaft nun all jene harten Maßregeln erlitt, die der Sieger dem Ueberwundenen auferlegt. Elftes Kapitel. Es schien mir so gut wie ausgemacht, daß Dougal seine Rolle mit Absicht gespielt hatte, um die Engländer in das Defilee zu locken, und ich konnte nicht umhin, die Geschicklichkeit zu bewundern, wie der unwissende, halb rohe Wilde seine Absicht zu verbergen wußte, und den erkünstelten Widerwillen, mit dem er sich die falsche Nachricht hatte abnötigen lassen. Ich sah, daß wir uns den Siegern nur mit Vorsicht nähern durften, denn sie rasten in ihrem Taumel über den Sieg förmlich vor Wut. Ein Paar Soldaten, die schwer verwundet waren und nicht aufstehen konnten, wurden von zerlumpten holländischen Buben, die sich unter die Männer gemischt hatten, niedergestochen. Ich hielt es deshalb nicht für geraten, uns ohne jede Fürsprache zu zeigen, und da ich Campbell, den ich mit dem berüchtigten Freibeuter Robin für eins halten mußte, nirgends erblickte, meinte ich, es möchte gut sein, den Schutz seines Kundschafters Dougal in Anspruch zu nehmen. Aber all mein Suchen war vergeblich, und ich kehrte endlich zurück, um zu versuchen, ob ich dem unglücklichen Freunde allein Beistand leisten könnte. Aber zu meiner Freude sah ich ihn aus seiner Schwebe bereits erlöst und heil und gesund, wenn auch pechschwarz im Gesicht und äußerst mitgenommen an Leib und Sachen, unter dem Felsen sitzen, an welchem er in der Luft geschwebt hatte. Ich eilte auf ihn zu. Ein heftiger Hustenanfall benahm ihm allen Atem, und es verging einige Zeit, bis er imstande war, den Zweifeln Ausdruck zu geben, die er jetzt, in meine Bereitwilligkeit, ihm beizuspringen, setzen zu müssen meinte. Ich bemühte mich nach Möglichkeit, ihm klar zu machen, wie unmöglich es mir gewesen war, ihm zu helfen, da ich doch der Hilfe selbst dringend bedurft hätte, und so wandte mir der Stadtvogt, der ebenso versöhnlich als aufbrausend war, seine Gunst wieder zu. Ich fragte ihn alsdann, wie es ihm gelungen sei, sich loszumachen. »Na, wenn ich mir selbst hätte helfen sollen, wie ich da hing, mit dem Kopf auf der einen Seite und mit den Beinen auf der andern, wie 'ne Garnwage, da hält ich wohl hängen können bis zum jüngsten Tage! Die Kreatur Dougal hat mir wieder beigestanden, wie gestern, hat mir die Schöße vom Rocke mit dem Dolch abgesäbelt und mir dann mit einem andern Burschen so geschickt wieder auf die Beine geholfen, als wenn ich immer darauf gestanden hätte. Aber da kann man sehen, was gutes, festes Tuch ist. Hätt' ich morschen Kamelot aus französischem Gespinst getragen, wie Ihr, der wäre doch gerissen wie ein alter Fetzen, bei solchem Gewicht, wie ichs habe.« Ich fragte, was aus seinem Retter geworden sei. »Die Kreatur,« wie Jarvie den Hochländer gewöhnlich nannte, »machte mir begreiflich, daß ich klüger täte, hier zu warten, statt vor ihm zu der Dame hinzugehen. Ich glaube, er sucht Euch,« fuhr er fort – »es ist eine gar bedächtige Kreatur, und meiner Treu, ich wollte schwören, er hat recht mit der Lady, wie er sie nennt. Helene Campbell war nicht gerade das sanfteste Mädel und ist auch nicht die holdseligste Frau, und die Leute sagen, Robin hätte selbst gehörigen Dampf vor ihr. Daß sie mich kennen wird, bezweifle ich, denn wir haben uns seit vielen Jahren nicht gesehen. Warten wir also, bis Dougal kommt, ehe wir hingehen.« Ich stimmte seiner Meinung bei, aber das Schicksal wollte nicht, daß Jarvies Vorsicht ihm oder sonst jemand an diesem Tage nützen sollte. Andreas hatte zwar aufgehört, auf der Felsenspitze Luftsprünge zu machen, sobald es zu knallen aufhörte; er blieb in solcher Höhe doch eine zu seltsame Figur, als daß er den scharfen Blicken der Hochländer hätte entgehen können, sobald sie Zeit gewannen, sich umzusehen. Ein wildes, lautes Geschrei unter den Siegern verriet, daß man ihn entdeckt hatte, und sogleich eilten mehrere von ihnen ins Gebüsch und erstiegen die felsige Seite des Hügels in verschiedenen Richtungen nach dem Orte zu, wo sie die seltsame Erscheinung wahrgenommen hatten. Denjenigen, welche sich dem armen Kerl zuerst auf Schußweite näherten, fiel es gar nicht ein, ihm in seiner mißlichen Lage Beistand anzubieten, sondern sie legten ihre langen Gewehre an und gaben ihm durch unzweideutige Winke zu verstehen, daß er herabkommen und sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben müsse, wenn sie ihn nicht herunterschießen sollten. Da konnte nun Andreas nicht länger anstehen, das Wagstück zu unternehmen, denn die größere Gefahr machte ihn unempfindlich gegen jene andre, die wenigstens nicht unbedingt tödlich zu sein brauchte, und er begann den Abstieg, indem er sich bald an Efeu, bald an einen Eichenstumpf oder ein vorragendes Felsstück klammerte, und dabei, so oft er eine Hand frei hatte, sie ausstreckte, wie wenn er bitten wollte, ja kein Gewehr loszudrücken. Seine Ungeschicklichkeit ergötzte die Hochländer höchlich, und sie konnten sich die Würze nicht schenken, ein paarmal in die Luft zu knallen, sobald sie merkten, daß er dann aus Angst um so schneller herunterzusteigen suchte. Endlich gewann er festern Boden, und mit einemmale schlug er der Länge nach auf die Erde, wo ihm die Hochländer, ehe er wieder auf die Beine kam, nicht nur den gesamten Inhalt seiner Taschen raubten, sondern ihm auch mit nicht minder bewundernswerter Schnelligkeit Perücke, Hut, Rock, Weste, Strümpfe und Schuhe abnahmen, daß der arme Schelm, der als wohlbeleibter und anständig bürgerlicher Diener auf den Rücken gefallen war, ausgeschält, kahlköpfig, einer Vogelscheuche gleich, wieder aufstand. Ohne Rücksicht auf seine nackten Füße zu nehmen, die sich an den scharfen Felsenstücken stießen, schleppten sie ihn durch alle Hindernisse dem Wege zu. Die Luchsaugen der herabsteigenden Hochländer hatten mich und Jarvie entdeckt, und sogleich umringte uns ein halbes Dutzend derselben, drohte mit Dolch und Schwert und richtete die Pistolen auf uns. Widerstand wäre Wahnsinn gewesen, und wir ergaben uns in unser Schicksal. Es hätte wenig gefehlt, so hätten wir das Schicksal des armen Andreas geteilt und ein Vogelscheuchen-Trio mit ihm gebildet; aber zu unserm Glück erschien Dougal, und mit seinem Auftreten veränderte sich die Bühne. Mit strengem Tone zwang er die Plünderer, von fernerem Raube abzulassen. Aber Andreas strengte seine Lunge umsonst an, um durch Douglas' Vermittelung wieder zu seinen Kleidern, wenigstens doch Schuhen, zu gelangen. »Nein, nein,« antwortete Dougal darauf; »der ist sicher nichts Vornehmes; seine Vorfahren sind auch barfuß gegangen, oder ich müßte mich sehr irren.« Schnell führte er uns den Pfad hinab, wo das Gefecht stattgefunden hatte, ließ Andreas zusehen, ob er folgen konnte oder folgen wollte, und eilte, uns vor die Anführerin seiner Schar zu bringen. Nun standen wir vor der Heldin des Tages, deren äußere Erscheinung, um die Wahrheit zu gestehen, keine geringere Besorgnis in mir weckte, als die rauhen und kriegerischen Gestalten, die uns umringten. Ich weiß nicht, ob Helene Mac Gregor tätigen Anteil am Streite genommen hatte; aber die Blutflecken an ihrer Stirn, ihren Händen und nackten Armen, das blutige Schwert, das sie in der Hand hielt – die Röte ihres Angesichts und die verwirrten Rabenlocken, die unter ihrer roten Mütze hervorwallten, alles schien anzudeuten, daß sie wirklich im Kampfe gewesen war. Ich wußte nicht, wie ich eine so ungewöhnliche Frau anreden sollte; Jarvie riß mich indessen aus dieser Verlegenheit, indem er nach mancherlei Geräusper und Gehüstel sich mit den Worten an sie wandte: »Ich schätze mich glücklich, daß ich die frohe Gelegenheit habe –« (ein Zittern seiner Stimme widersprach dem Nachdruck, den er geflissentlich auf das Wort »froh« legte), »meines Vetters Frau einen guten Morgen zu wünschen. Wie gehts Euch, wenn ich fragen darf?« fuhr er fort und schwatzte sich immer mehr in seine gewöhnliche Weise hinein, die ein Gemisch von Vertraulichkeit und Eigenliebe darbot. – »Wie ists Euch die lange Zeit her gegangen? – Ihr habt mich wohl vergessen, Frau Mac Gregor Campbell, – aber meines Vaters, des Vorstehers auf dem Salzmarkte in Glasgow, entsinnt Ihr Euch doch noch? Er war ein ehrlicher Mann und zuverlässig, und hat immer auf Euch und die Eurigen gehalten. – Wie gesagt, es freut mich recht, Euch zu sehen, Frau Mac Gregor Campbell, als meines Vetters Weib.« »Wer seid Ihr,« antwortete sie streng, »daß Ihrs wagt, auf die Verwandtschaft mit Mac Gregor Anspruch zu machen, und weder seine Kleidung traget, noch seine Sprache redet? Ihr habt die Zunge und Gewohnheit des Hundes, und wollt Euch niederlegen zu dem Reh?« »Ich weiß nicht,« antwortete der unverzagte Jarvie, »ob man Euch die Verwandtschaft je gehörig erklärt hat, aber sie ist richtig und kann bewiesen werden. Meine Mutter, Elsbeth Macfarlane, ward die Frau meines Vaters, Vorstehers Nikolas Jarvie – Friede sei mit beiden! – Und Elsbeth war die Tochter des Parlane Macfarlane. Dieser Macfarlane nun stand, wie dessen überlebende Tochter, Maggy Macfarlane, die Duncan Mac Nab in Stuckavrallachan heiratete, bezeugen kann, mit Eurem Manne, Robin Mac Gregor, im vierten Grade der Verwandtschaft, denn –« Die Heldin tat seinen Auseinandersetzungen durch die stolze Frage Einhalt, ob ein rauschender Strom Verwandtschaft mit dem Wasser anerkenne, das die Anwohner zu ihrem geringen Hausgebrauch davon ableiten? »Sehr wahr, Frau Base,« sprach Jarvie; »dennoch würde der Fluß recht froh sein, wenn er den Mühlgraben wieder hätte im Sommer, wo seine Kieselsteine weiß sind von der Sonne. Ich weiß wohl, Ihr Hochländer achtet uns Leute in Glasgow gering wegen unserer Sprache und unserer Tracht; aber jeder spricht, wie ers als Kind gelernt hat, und es müßte sich närrisch ausnehmen, wenn ich meinen fetten Bauch in einen kurzen, hochländischen Rock stecken, und meine kurzen Beine unter dem Knie gürten sollte, wie Eure langbeinigen Burschen. – Doch nebenbei, Frau Base,« fuhr er fort, ungeachtet ihm Douglas Winke Stillschweigen anzuraten schienen, und die Amazone Zeichen von Ungeduld zu erkennen gab, »ich wollt Euch zu erwägen geben, daß des Königs Botschaft zuweilen in des Krämers Haus kommt, und daß, so hoch Ihr Euren Mann halten möget, wie 's recht ist, daß jede Frau ihren Mann hält – was auch die heilige Schrift befiehlt – so bin ich wohl schon eher dienstfertig gegen Robin gewesen. Ich hab Euch auch, als Ihr Euch verheiraten wolltet, eine Schnur Perlen geschickt, und als Robin noch ein ehrlicher Viehhändler war ... den Landfrieden noch nicht störte durch seine Streitereien und Kriegszüge ...« Hier berührte er offenbar einen Punkt, den die Frau Base nicht leiden mochte; denn sie richtete sich hoch auf und verriet ihre Heftigkeit durch ein Lachen, in welchem Hohn und Erbitterung zum Ausdruck kamen. »Ja,« rief sie, »Ihr und Euresgleichen konntet Euch einer Verwandtschaft mit uns anmaßen, so lange wir uns herabließen, wie Vieh unter Eurem Joche zu leben. Aber nun sind wir frei, denn wir üben an Euch Rache, blutige Rache. Das Werk, das dieser Tag so gut begonnen hat, will ich weiterführen, und jedes Band soll zerrissen werden zwischen Mac Gregor und den Schuften im Niederlande. Herbei, Allan! Dougal! Bindet diese Sachsen zusammen und werft sie in den hochländischen See, dort mögen sie sich ihre Hochlandssippe suchen.« Erschrocken über diesen Befehl, erhob Jarvie eine Beschwerde, die wahrscheinlich die heftige Leidenschaft der Person, an die sie gerichtet, nur noch mehr entflammt hätte, als Dougal sich zwischen beide warf und in seiner Muttersprache, die er mit einer Schnelligkeit und Geläufigkeit redete, die sehr gegen die langsame, unvollkommne Weise abstach, wie er sich im Englischen ausdrückte, unsre Verteidigung übernahm. Seine Herrin unterbrach ihn in englischer Sprache, als wenn sie uns die Bitterkeit des Todes im voraus hätte wollen fühlen lassen: »Elender Hund und Abkömmling eines Hundes, Du lehnst Dich gegen meinen Befehl auf? Sollt ich Dir gebieten, ihnen die Zungen auszuschneiden und sie in andere Hälse zu setzen, damit wir sehen, wer am besten Sächsisch spräche, oder ihnen die Herzen auszureißen und sie in andere Leiber zu setzen, damit wir sehen, wer die besten Anschläge gegen Mac Gregor ersinnen könne? – und dergleichen geschah vor alters in den Tagen der Rache, wenn unsre Väter Unrecht zu vergelten hatten! Wie kannst Du Dich erkühnen, zu säumen, wenn ich befehle?« »Gewiß, gewiß, Euer Wille sollte geschehen,« erwiderte er, »und das wäre nur recht. – Aber man sollte meinen, wenn Ihr einen Hauptmann von den Rotröcken und einen Korporal und noch ein paar Rotröcke in den See werfen ließet, so dürfte das für Euren Grimm eine bessere Genugtuung sein, als wenn Ihr zwei wackern, höflichen Herren Leid antun wollt. Es sind Freunde von Gregarach, sie sind auf des Häuptlings Zusage hier und nicht, um Verrat auszuführen, wie Ihr selbst bezeugen könnt.« Die Frau wollte antworten, als einige wilde Töne einer Sackpfeife von der Straße nach Aberfoil herauf schallten, wahrscheinlich dieselben, welche Thorntons Nachhut gehört hatte. Das Gefecht war von so kurzer Dauer gewesen, daß die bewaffneten Männer, welche diesen kriegerischen Tönen folgten, nicht zeitig genug eintrafen, um an dem Kampfe teilzunehmen, und sie kamen jetzt nur, den Triumph ihrer Landsleute zu teilen. Die neuen Ankömmlinge unterschieden sich auffallend von denjenigen, die unsre Bedeckung überwunden hatten. Unter den Hochländern, welche die Gebieterin umringten, befanden sich Greise, Knaben, selbst Weiber, kurz Menschen, die nur die dringendste Not bewaffnet hatte; die dreißig bis vierzig Hochländer, die jetzt zu den andern stießen, waren aber lauter rüstige, kampfgewohnte Leute, in der Blüte der Jugend oder des männlichen Alters, deren kurze Strümpfe und gegürtete Plaids ihre nervigen Glieder prächtig hervorhoben. Auch in ihrer Bewaffnung waren sie dem ersten Haufen ebenso überlegen, wie in Kleidung und Ansehen; die Begleiter der Frau trugen Aexte, Sicheln und andre alte Waffen neben ihren Gewehren, und einige bloß Keulen, Dolche und lange Messer, die andern aber führten meistens Pistolen im Gürtel. Jeder hatte ein gutes Gewehr in der Hand und ein Schwert an der Seite, außer einer starken, runden Tartsche von leichtem Holz, die mit Leder überzogen und mit kupfernen Buckeln, nebst einer eingeschraubten stählernen Spitze in der Mitte, versehen war. Aber ihre Haltung und die klagenden Töne, die ihr Dudelsack zuweilen anstimmte, verrieten, daß dieser Trupp von keinem Siegeszuge kam. Mit traurigen, gesenkten Blicken traten sie vor die Frau ihres Häuptlings, die auf sie zuschritt. Ihr Gesicht drückte Unwillen und Besorgnis aus, sie fragte den Spielmann: »Was bedeutet das, Allaster? Warum eine Klage im Augenblicke des Sieges? – Robert! Hamish! Wo ist Mac Gregor? Wo ist Euer Vater?« Ihre Söhne, die den Trupp anführten, näherten sich ihr langsamen, unsichern Schrittes und murmelten einige gälische Worte, worauf sie ein Geschrei ausstieß, daß die Felsen ertönten. Alle Weiber und Knaben stimmten ein, schlugen in die Hände und heulten, als ob ihr Leben in dem Tone hätte verlöschen sollen. Der Widerhall des Berges, der seit dem Ende des Kampfes geschwiegen hatte, antwortete auf dieses Jammergeschrei, das selbst die Nachtvögel aus ihren Höhlen trieb. »Gefangen!« wiederholte Helene, als das Geschrei nachgelassen hatte. »Gefangen! – und Ihr lebt? Feigherzige Hunde! Hab ich Euch darum die Brust gereicht, daß Ihr Euer Blut schonen sollt gegen Eures Vaters Feinde? Daß Ihr ihn einfangen laßt von den Häschern und herkommt, es mir zu künden?« Mac Gregors Söhne, an die dieser grimmige Verweis sich richtete, waren Jünglinge, von denen der ältere kaum sein zwanzigstes Jahr erreicht hatte. Er hieß Robert, und um ihn vom Vater zu unterscheiden, setzten die Hochländer: Og, »der Kleine«, hinzu. Dunkles Haar und düstre Züge, mit der Glut frischer Gesundheit und Lebenslust, und eine Gestalt, die über seine Jahre kräftig und untersetzt war, gaben ihm das echte Aussehen eines jungen Sohnes der Berge. Hamish, »Jakob«, war um einen Kopf länger und weit hübscher als sein Bruder; seine hellblauen Augen und das üppige schöne Haar, das unter der hochblauen Mütze hervorwallte, ließen ihn als idealen Typus des jugendlichen Hochschotten erscheinen. Beide standen jetzt, tief bekümmert und tief beschämt, vor der Mütter und hörten ehrerbietig und unterwürfig die schweren Vorwürfe an. Als endlich ihr Unwille sich milderte, machte der ältere in englischer Sprache, wahrscheinlich um nicht von ihren Begleitern verstanden zu werden, einen Versuch zur Rechtfertigung. Ich stand ihm so nahe, daß ich ihn verstehen konnte, und da es mir wichtig war, über den seltsamen Vorgang Aufklärung zu erhalten, lauschte ich aufmerksam. Mac Gregor war, wie der Sohn erzählte, zu einer Zusammenkunft mit einem Schotten aus dem Unterlande, der ein Zeichen brachte von – der Name wurde sehr leise gemurmelt, aber ich glaubte den meinigen zu hören – bestellt worden und war der Aufforderung gefolgt, hatte aber befohlen, den Sachsen, der die Botschaft gebracht hatte, als Geisel festzuhalten, um sich redlichen Verfahrens zu versichern. Bloß in Begleitung von Angus Breck und Rory und mit der ausdrücklichen Weisung, daß niemand ihm folgen sollte, war er an den Ort aufgebrochen, wo er erwartet wurde. Nach einer halben Stunde schon sei Angus Breck zurückgekommen mit der Nachricht, Mac Gregor sei von einer Abteilung Miliz unter Galbraith Garschattachin überfallen und gefangen genommen worden. Als er Galbraith gedroht hatte, daß an dem Bürgen Vergeltung geübt werden würde, hätte dieser verächtlich erwidert: »Wir hängen den Dieb und Eure Leute den Söldner, und das Land wird so zwei unerwünschte Dinge auf einmal los.« »Und das erfuhrst Du, falscher Verräter,« sprach Mac Gregors Gattin, »und eiltest nicht, ohne Rücksicht auf Dein Leben, Deinem Vater zu Hilfe?« Der Jüngling wies bescheiden auf die überlegene Macht des Feindes hin, der, wie er vernommen habe, in einem alten Schlosse am See liegen bleiben wolle, das zwar fest sei, aber mit ausreichender Mannschaft überrumpelt werden könne. Es wurden nun Boten ausgesandt, alles, was von Kriegern erreichbar sei, aufzubieten zum Angriff auf die verräterischen Niederschotten; und die Traurigkeit und Verzweiflung, die sich anfangs auf allen Gesichtern zeigten, wichen jetzt der Hoffnung, ihren Anführer zu befreien, und dem Durst nach Rache. Mac Gregors Frau ließ den Mann vor sich bringen, der als Geisel zurückbehalten worden war; und in dem armen Tropfe, der, schon halb tot vor Schrecken, herbeigeschleppt wurde, erkannte ich zu meinem Erstaunen und Entsetzen meinen alten Bekannten Morris. Er fiel vor der Häuptlingsfrau nieder, um ihre Kniee zu umfassen; allein sie wich zurück, wie vor einem räudigen Tiere, und er konnte nur, als Zeichen der tiefsten Erniedrigung, den Saum ihres Plaids küssen. Totenbleich und krampfhaft die Hände ringend, jammerte er, er sei nur das Werkzeug andrer, und murmelte Rashleighs Namen. – Nur um sein Leben bat er – für sein Leben wollt er alles geben, was er in der Welt besaß – nur sein Leben verlangte er, wenn es auch unter Qualen und Entbehrungen verlängert werden sollte; nur den Atem begehrte er, und sollte er ihn in den Dünsten der tiefsten Berghöhle schöpfen müssen. Den Hohn und Widerwillen und die Verachtung zu beschreiben, womit die Häuptlingsfrau auf den Menschen, der um sein Leben so kläglich winselte, niedersah, ist unmöglich. »Elender!« schrie sie, »Du könntest durch die Welt kriechen, ungerührt von ihrer Schande, von ihrem unaussprechlichen Elend, von ihren Lastern, von ihrer Trübsal? – Du Schuft könntest leben, während der Edle verraten wird? während Schurken auf den Nacken des Tapfern den Fuß setzen? Nein! Krepieren sollst Du, wie ein Hund! krepieren, ehe die Wolke dort vor der Sonne vorüberzieht!« Sie gab den Männern, die sie umstanden, einen kurzen Befehl in gälischer Sprache. Morris wurde ergriffen und an den Rand der Klippe, die über dem See hing, geschleift. Er stieß ein Geschrei aus, so furchtbar, so mark- und beinerschütternd, daß es noch jahrelang nachher meinen Schlummer gestört hat. Einige hielten ihn, daß er sich nicht rühren konnte; andre banden einen schweren Stein in einen Plaid und schlangen den Plaid um seinen Nacken; noch andre rissen ihm die Kleider vom Leibe. Dann stürzten sie ihn in den See, der hier zwölf Fuß tief war, und übertäubten sein letztes Angstgeschrei mit ihrem Freudengebrüll der befriedigten Rache. Die schwere Last sank in die Fluten des Sees, und die Wellen, die sein Fall gestört hatte, flossen ruhig darüber hin, und das Leben eines Elenden war für immer aus den Reihen des Daseins verschwunden. Ich hatte an jenem Tage verschiedne Landsleute fallen sehen, aber bei aller Teilnahme, die meine Brust durchdrang, empfand ich doch nicht jenes qualvolle Entsetzen, das mich, befiel, als ich mit ansehen mußte, wie der unglückliche Morris in den Tod gejagt wurde. Ich sah Jarvie an. Sein Gesicht drückte dieselben Gefühle aus, wie das meinige. Er konnte sich nicht bezwingen, sondern murmelte, aber laut genug, um gehört und verstanden zu werden: »Ich zeuge gegen diese Tat, es ist ein blutiger, grausamer Mord – eine verfluchte Tat, und Gott wird sie seinerzeit rächen.« »Ihr fürchtet Euch also nicht davor, ihm nachzufolgen?« fragte die Häuptlingsfrau, indem sie einen Blick auf ihn schoß, wie der Falke auf seinen Raub, ehe er ihn ergreift. »Base,« versetzte Jarvie, »niemand wird mit Willen seinen Lebensfaden abschneiden, ehe man das Ende des Knäuels gehörig auf die Garnwinde abgewunden hat. – Und ich habe noch viel zu verrichten in dieser Welt, Geschäfte kommunaler und persönlicher Art –« »Ruhig!« herrschte das Weib ihn an – »ruhig von albernem Zeug, das nicht hergehört – antwortet kurz und bündig, wie würdet Ihr unser Verfahren gegen den sächsischen Hund nennen?« Der Stadtvogt räusperte sich. »Wenn Ihr gefragt würdet vor einem Gerichtshofe, wie Ihrs nennt, was würdet Ihr antworten?« fragte das Weib wieder mit verschärftem Tone. Jarvie blickte dahin und dorthin, als ob er auf eine Ausflucht sinne, und antwortete sodann wie einer, der kein Mittel sieht, einen Rückzug zu bewirken, und sich entschließt, den Kampf zu bestehen: »Ich sehe, wohin Ihr mich treiben wollt. Ihr wollt mich zwingen, zu sprechen, wie es mein Gewissen verlangt. Zwar könnte Euer eigner Mann, den ich hierher gewünscht hätte, sowohl um seinet- als meinetwillen, und auch die arme hochländische Kreatur Dougal Euch sagen, daß Niklas Jarvie bei den Fehlern eines Freundes auch ein Auge zudrücken kann, so gut, wie irgend jemand sonst; aber dennoch sag ich Euch, Base, meine Zunge spricht nie, wovon mein Herz nichts weiß. Eh' ich sagte, der arme Tropf dort sei gesetzmäßig ums Leben gebracht, wollt ich mich lieber an seine Seite legen lassen. – Aber ich glaube, Ihr wäret die erste Hochländerin, die dergleichen gegen den Verwandten ihres Mannes täte.« Wahrscheinlich war sein entschlossener Ton besser geeignet, auf das harte Herz des Weibes Eindruck zu machen. Sie ließ uns jetzt beide vor sich treten. »Euer Name,« sprach sie zu mir, »ist Osbaldistone? – Der tote Hund, den Ihr sterben sahet, nannte Euch so.« »So ist Rashleigh wohl Euer Vorname?« fuhr sie fort. »Nein. Ich heiße Franz.« »Aber Ihr kennt Rashleigh Osbaldistone? – Er ist Euer Bruder, wenn ich nicht irre, oder wenigstens Euer Verwandter und genauer Freund.« »Mein Verwandter ist er, aber nicht mein Freund,« versetzte ich. »Vor kurzem standen wir uns im Zweikampf gegenüber. Soviel ich weiß, war es Euer Mann, der uns auseinander brachte. Mein Blut ist kaum noch trocken an seinem Schwerte, und die Wunde in meiner Seite noch nicht vernarbt. Ich habe wenig Ursache, den, welchen Ihr nennt, als Freund anzuerkennen.« »Wenn Ihr nichts mit seinen Anschlägen zu tun habt,« erwiderte sie, »so könnt Ihr sicher und ohne für Eure Freiheit zu fürchten, zu Galbraith und seinen Leuten gehen und eine Botschaft von Mac Gregors Frau überbringen?« Ich antwortete, daß mir kein Grund bekannt sei, warum die Mannschaft mich zurückhalten sollte, und daß ich für mich nichts zu befürchten haben dürfte. Könne es meinem Freunde und meinem Diener, als ihren Gefangenen, zum Schutz gereichen, wenn ich die Botschaft übernehme, so sei ich bereit, sogleich aufzubrechen. Ich sei in das Land gekommen, setzte ich hinzu, auf ihres Mannes Einladung und seine Versicherung, daß er mir in einer wichtigen Angelegenheit beistehen wolle, und mein Reisegefährte, Herr Jarvie, habe mich aus eben dieser Absicht begleitet. »Ich wollte,« fiel der Stadtvogt ein, »in meinen Stiefeln wäre siedendes Wasser gewesen, als ich sie in dieser Absicht anzog.« »In den Worten dieses jungen Menschen erkennt Ihr Euren Vater,« sagte Helene Mac Gregor zu ihren Söhnen. »Er ist nur klug, wenn er die Mütze auf dem Kopfe und das Schwert in der Hand hat; aber sobald er den Tartan mit dem Tuchkleide vertauscht, mischt er sich in die elenden Ränke der Niederländer und wird nach allem, was er schon gelitten hat, von neuem ihr Werkzeug, ihr Sklave.« »Und ihr Wohltäter, setzet hinzu,« rief ich. »Mag sein,« antwortete sie. »Doch genug davon! – Ich werde Euch zu den feindlichen Vorposten bringen lassen, fragt nach ihrem Anführer und bringt ihm diese Botschaft von mir, Helene Mac Gregor: Wenn sie ein Haar krümmen auf Mac Gregors Haupt, und ihn nicht binnen zwölf Stunden in Freiheit setzen, so soll, ehe Weihnachten kommt, keine Frau in Lennox sein, die nicht Totenklage anstimmt, – kein Pächter, der nicht ach und weh schreit über eine abgebrannte Scheune und einen leeren Stall – kein Laird, kein Erbe soll sein Haupt abends niederlegen auf sein Kissen mit der Zuversicht, daß er lebe am Morgen – und zum Anfange dessen will ich, sobald die Frist vorüber ist, ihnen diesen Stadtvogt von Glasgow, diesen sächsischen Hauptmann und alle übrigen Gefangenen, jeden in einen Plaid gebunden und in so viel Stücke zerhackt, als Würfel im Tartan sind, herüberschicken!« Hamish, Mac Gregors jüngster Sohn, nebst zwei Gefährten begleiteten mich, sowohl um mir den Weg zu zeigen, als auch die Stärke und Stellung des Feindes zu erforschen. Um mir die Flucht unmöglich zu machen, vielleicht auch, um ein Unterpfand in Händen zu haben, zwang man mich, zu Fuße zu gehen. Dougal hatte mitgehen sollen, er wußte aber auszuweichen, und zwar, wie wir nachher erfuhren, um über Jarvie zu wachen, dem er, nach seinen rohen Begriffen von Treue, Dankbarkeit schuldig zu sein glaubte, weil er in gewisser Hinsicht einst sein Gönner oder Herr gewesen war. Nachdem wir ungefähr eine Stunde sehr schnell marschiert waren, erreichten wir eine mit Buschholz bedeckte Anhöhe, wo wir eine umfassende Aussicht über das Tal hatten und die Stellung der Soldaten genau beobachten konnten. Da es meistens Reiterei war, hatte man sich weislich gehütet, gegen den Engpaß vorzudringen, wo Hauptmann Thornton den kürzeren zog. Die Stellung war ziemlich geschickt auf einer Anhöhe in der Mitte des kleinen Tales von Aberfoil genommen, durch welches sich der Forth schlängelt, das von zwei Hügelreihen eingeschlossen und in der Ferne von höheren Gebirgen begrenzt wird. Das Tal ist indes breit genug, um die Reiter gegen einen plötzlichen Angriff der Hochländer zu sichern, und sie hatten in gehöriger Entfernung von der Hauptschar nach allen Richtungen Schildwachen und Vorposten aufgestellt, um bei dem geringsten Alarm aufzusitzen und unter Waffen zu sein. Die weidenden Pferde im Tale, die mannigfachen Kriegergruppen an dem schönen kleinen Flusse, die kahlen, romantischen Felsen, die sie einschlossen, während fern nach dem Morgen zu der Menteith-See hervorblinkte, und das Schloß Stirling, in dämmernder Ferne, längs der blauen Ochill-Gebirge sich zeigend, den Hintergrund schloß, das alles bot ein so seltsames, lebensvolles und schönes Bild, daß es sich mir so fest in Erinnerung geprägt hat, daß ich noch jetzt meine, es vor mir zu haben. Hamish Mac Gregor riß mich aus meiner Versunkenheit, indem er mir zurief, ich solle zu den Kriegern hinabsteigen und meine Botschaft bei ihrem Anführer ausrichten, schärfte mir aber ein, weder zu sagen, wer mich zu diesem Orte geleitet, noch wo mich meine Begleitung verlassen habe. Ich machte mich auf den Weg und Andreas folgte mir. Von seiner englischen Tracht besaß er nur noch die Beinkleider und Strümpfe und trug Riemenschuhe, die ihm Dougal aus Mitleid gegeben hatte. Ein zerrissener Plaid mußte den Mangel der andern Kleidungsstücke ersetzen. Wir waren noch nicht weit gegangen, als eine Reiterwache auf uns zuritt und mir mit vorgehaltenem Gewehr Halt! zurief. Ich verlangte, vor den Kommandanten gebracht zu werden und wurde sogleich in einen Kreis von Offizieren geführt, die um einen Mann von höherem Range herum im Grase saßen. Mein Bekannter Galbraith und viele andre, teils in Uniform, teils in gewöhnlicher Kleidung, aber alle bewaffnet, schienen Befehle von ihm entgegenzunehmen. Zum Sprechen aufgefordert, erzählte ich, wie ich unwillkürlich Zeuge der Niederlage geworden sei, die des Königs Soldaten von den Hochländern beim Passe vom Ard-See, wie man den Ort nannte, erlitten hätten, und wie die Sieger ihren Gefangenen und dem ganzen Niederlande alle Art von Unheil drohten, wenn nicht ihr Anführer ungekränkt ihnen zurückgegeben werde. Der Herzog, denn das war die Person, der ich rapportierte, hörte mich gelassen an und erklärte sodann, daß es ihm leid tue, die unglücklichen Gefangenen preiszugeben, allein es sei eine törichte Voraussetzung, daß er den wahren Urheber all dieser Gewalttaten freigeben werde. »Ihr könnt zurückkehren,« schloß er, »zu denen, die Euch sandten, und ihnen sagen, daß ich Robin Campbell, den Sie Mac Gregor nennen, mit Tagesanbruch unwiderruflich hinrichten lasse, als einen Geächteten, der mit den Waffen in der Hand ergriffen wurde und der den Tod für tausend Uebeltaten verdient. Sagt denen, die Euch sandten, ferner, daß man mich mit Recht meines Postens für unwürdig halten würde, wenn ich anders handeln wollte; daß ich das Land gegen ihre frechen Drohungen schützen werde, und daß, wenn sie den unglücklichen Männern, die ein böser Zufall in ihre Macht gegeben hat, ein Haar auf ihrem Haupte krümmen, ich eine Rache nehmen will, über die selbst die Steine in den Tälern hundert Jahre Weh schreien sollen!« Ich erlaubte mir hinsichtlich des ehrenvollen Auftrags, den man mir auftrug, geltend zu machen, daß ich mich, wenn ich ihn ausführte, zunächst selbst in schwere Gefahr brächte, worauf der Herzog antwortete, daß ich in diesem Falle meinen Diener schicken möge. »Der Teufel müßte mir in den Beinen stecken,« rief Andreas, ohne Rücksicht auf die Anwesenden und ohne zu warten, bis ich geantwortet hatte – »wenn ich nur einen Fuß dazu höbe. Denken die Leute, ich hätt' eine andre Kehle in der Tasche, wenn die Hochländer mir die hier abgeschnitten haben? Oder ich könnte untertauchen an der einen Seite des Sees und an der andern wieder raus kommen, wie ein wilder Enterich? Nicht doch! jeder für sich und Gott für uns alle. Mögen sich die Leute doch selbst bedienen und ihre eignen Boten sein, bis ihre Jungen groß sind. Robin der Rote hat nie ins Kirchspiel von Dreepdaily den Fuß gesetzt, um Aepfel oder Birnen zu stehlen.« Mühsam gelang es mir, Andreas zum Schweigen zu bringen. Dann stellte ich dem Herzoge vor, welcher großen Gefahr Hauptmann Thornton und Jarvie gewiß ausgesetzt sein würden, und bat ihn, mich zum Ueberbringer von Bedingungen zu machen, durch die ihr Leben geschützt werden könnte. Ich versicherte ihm, daß ich keine Gefahr scheuen würde, wenn ich nützlich sein könnte, doch nach allem, was ich gehört und gesehen habe, dürfe ich kaum zweifeln, daß man die Gefangenen sogleich ermorden werde, wenn der Geächtete den Tod erleiden sollte. Der Herzog war sichtlich sehr bewegt. Es sei ein harter Fall, sprach er, und er fühle es, allein er habe eine höhere Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen – Robin müsse sterben! Ich gestehe, daß ich dieses Todesurteil gegen meinen Bekannten Campbell, der sich wiederholt gegen mich willfährig und dienstfertig gezeigt hatte, nicht ohne tiefe Bewegung hörte. Mehrere Männer im Gefolge des Herzogs wagten, dem Gefangenen das Wort zu reden. Es wäre doch rätlicher, meinten sie, ihn nach Schloß Stirling zu schicken und dort in engem Gewahrsam zu halten, als Unterpfand für die Unterwerfung und Zerstreuung seiner Rotte. Major Galbraith ging noch weiter, auf des Herzogs Ehre vertrauend, obwohl er wußte, daß dieser aus besondern Gründen dem Gefangenen abgeneigt war. Robin, sprach er, sei zwar ein bedenklicher Nachbar, aber sonst ein gescheiter Kerl, der schon noch zur Vernunft zu bringen sei; sein Weib und seine Söhne hingegen wären ohne Furcht und Erbarmen und würden an der Spitze seiner Spießgesellen eine ärgere Landplage sein, als er es je gewesen. »Oho! oho!« erwiderte der Herzog, »Klugheit und List haben lediglich die Herrschaft dieses Banditen so lang erhalten. Ein gewöhnlicher, hochländischer Räuber wäre in so vielen Wochen unterdrückt worden, als er nicht in Jahren. Ohne ihn ist seine Bande sicher nicht mehr zu fürchten, als eine Wespe ohne Kopf, die vielleicht noch einmal sticht, aber dann zerquetscht wird.« Galbraith ließ sich nicht so leicht zum Schweigen bringen. »Mylord,« erwiderte er, »ich habe gewiß keine Freundschaft gegen Robin und er ebensowenig gegen mich, denn mir sind zweimal meine Ställe von ihm ausgeleert worden, den Schaden unter meinen Pächtern gar nicht zu nennen – aber dennoch –« »Dennoch,« sprach der Herzog mit einem bedeutsamen Lächeln, »meint Ihr, eine solche Freiheit könne man dem Freund eines Freundes verzeihen, und man hält Robin für keinen Feind der Freunde Major Galbraiths über dem Wasser.« »Wenns so wäre, Mylord,« versetzte Garschattachin in demselben scherzenden Tone, »so ist's nicht das Schlimmste; was ich von ihm höre. Aber ich wollte, wir hätten Nachricht von den Clans, worauf wir so lange warten. Ich möchte wetten, sie halten ihr Wort, wie es Hochländer zu halten pflegen – ich kannte sie nie anders.« »Ich glaube das nicht,« sprach der Herzog. »Diese Herren sind als Männer von Ehre bekannt, und ich muß notwendig erwarten, daß sie ihr Versprechen einlösen werden. Es mögen noch ein paar Reiter nach unsern Freunden ausgesandt werden. Vor ihrer Ankunft können wir's nicht wagen, den Paß anzugreifen, wo Hauptmann Thornton sich überfallen ließ, und wo, wie ich weiß, zehn Mann Fußvolk gegen das beste Reiterregiment standhalten können. – Unterdessen laßt der Mannschaft Erfrischungen reichen.« Auch ich zog Vorteil von diesem Befehle, denn ich hatte seit unserm eiligen Mahl am Abend vorher in Aberfoil nichts mehr genossen. Die ausgesendeten Reiter kehrten ohne Nachricht von den erwarteten Hilfsvölkern zurück, und die Sonne näherte sich dem Untergang, als ein Hochländer, der zu den Clans gehörte, mit einem Brief erschien, den er dem Herzog überreichte. »Um einen Oxhoft Wein will ich wetten,« sprach Galbraith, »es ist die Botschaft, daß die verwünschten Hochländer, die wir hier unter so vielen Plagen und Beschwerden erwartet haben, sich zurückziehen und es uns überlassen, unsre Sache auszuführen, wenn wir können.« »So ist es, Ihr Herren,« sprach der Herzog empört, als er den Brief gelesen hatte, der auf ein schmutziges Stück Papier geschrieben, aber mit sehr genauer Aufschrift versehen war. »Unsre Verbündeten haben uns verlassen und Frieden mit dem Feinde geschlossen.« Nach einer Pause, die von keiner Seite unterbrochen wurde, denn alle standen zu sehr unter der Wucht dieser Nachricht, fuhr er fort: »Unter diesen Umständen möchte es nicht klug sein, sich hier einem nächtlichen Ueberfall auszusetzen. Ich schlage deshalb vor, wir ziehen uns nach Duchray und Gartartan zurück; aber bevor wir uns trennen, will ich Robin in Eurer Gegenwart verhören, damit Ihr mit eignen Augen und Ohren Euch überzeugt, wie höchst unpassend es wäre, ihm Raum zu ferneren Gewalttätigkeiten zu lassen. Der Gefangene wurde vorgeführt. Seine Arme waren über den Ellbogen befestigt und mit einem Sattelgurt scharf an den Leib geschnallt. Zwei Korporale führten ihn, und zwei Glieder Soldaten mit Karabinern und aufgepflanzten Bajonetts folgten. Ich hatte diesen Mann noch nie in seiner Landestracht gesehen, die die Eigentümlichkeit seiner Gestalt in ein auffallendes Licht setzte. Ein Krauskopf von rotem Haar, das der Hut und die Perücke der niederländischen Tracht großenteils verborgen hatten, zeigte sich jetzt unter der hochländischen Mütze und rechtfertigte den Beinamen »der Rote«, unter dem er im Niederlande bekannt war und, wie ich glaube, noch immer in Erinnerung steht. Auch war der Beiname noch weiterhin berechtigt insofern, als seine Beine, vom Saume des Schurzes bis zum Rande der kurzen Strümpfe hinab, nach hochländischer Sitte unbedeckt, vorzüglich um die Kniee mit einem dichten, rothaarigen Felle überzogen waren, das ihnen den Anschein von Schenkeln des im Hochlande heimischen roten Bullen gab. Sein Betragen war kühn und ungezwungen und, so weit ihn seine Bande nicht hinderten, stolz und sogar würdevoll. Er verbeugte sich vor dem Herzoge, nickte verschiednen andern zu und zeigte sich verwundert, auch mich hier zu finden. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Campbell,« sagte der Herzog. »So ist es, Mylord! Ich wünschte, wir hätten uns wiedergesehen, wenn ich besser imstande gewesen wäre, Euch die schuldige Höflichkeit zu bezeigen,« versetzte Robin und blickte auf seine gefesselten Arme. – »Aber es wird schon wieder gute Zeit kommen.« »Keine Zeit, wie jetzt, Campbell,« erwiderte der Herzog; »denn die Stunden entfliehen schnell, wo Ihr Eure letzte Rechnung mit den irdischen Dingen abzuschließen habt. Ihr wißt selbst, daß Ihr den Tod verdient, und müßt Euch dazu bereiten.« »Mylord,« antwortete Robin, »obwohl ich mein Unglück Euer Gnaden vor die Tür legen könnte, werde ich dennoch niemals sagen, daß Ihr mit Wissen und Willen sein Urheber gewesen seid. Hätt' ich das geglaubt, Mylord, so hieltet Ihr heute nicht über mich Gericht; denn Ihr waret dreimal in schußgerechter Ferne von mir, wo Ihr nur ans rote Wild dachtet, und wenig Leute haben es erlebt, daß ich mein Ziel verfehlte. Aber man hat mich bei Euch verleumdet und Euch aufgebracht gegen einen Mann, der so friedlich war, wie irgend einer im Lande, und in Eurem Namen ward ich aufs Aeußerste getrieben. Ich habe ja einige Vergeltung genommen, und ich hoffe es zu erleben, auch das zu vergelten, was Ihr jetzt sagt.« »Ich weiß,« sprach der Herzog mit steigendem Unwillen, »daß Ihr ein entschlossener, vermessener Schurke seid, der sein Wort hält, wenn er Unheil zu stiften schwört; aber ich werde sorgen, Euch daran zu verhindern. Ihr habt keine Feinde, als Eure bösen Taten. Sorgt nun wenigstens, daß die Unglücklichen, die in die Hände der Eurigen geraten sind, vor dem schlimmsten Lose bewahrt bleiben, und verbietet den Eurigen, Hand an sie zu legen!« »Mylord,« gab Rubin zur Antwort, »keiner von meinen Feinden kann sagen, daß ich ein blutdürstiger Mann gewesen bin, und wär ich jetzt unter meinen Leuten, ich könnte vier oder fünfhundert wilde Hochländer so leicht regieren, als Eure Gnaden diese acht oder zehn Lakaien. Aber wenn Ihr einem Hause sein Haupt nehmen wollt, so könnt Ihr darauf rechnen, daß es Unordnung unter den Gliedern gibt. – Indessen komme, was da will, ein wackrer Mann ist drüben im Lager der meinigen, ein Vetter von mir, und ihm darf kein Leid geschehen! Ist jemand hier, der für Mac Gregor einen Gang tun will? – er kanns vergelten, obgleich seine Hände jetzt gefesselt sind.« Der Hochländer, der dem Herzoge den Brief überbracht hatte, erwiderte: »Ich will für Euch handeln, Mac Gregor, und zurück ins Tal gehen.« Er trat hinzu, und der Gefangene gab ihm einen Auftrag an seine Frau, der mir, da er gälisch sprach, zwar unverständlich blieb, sich aber, wie ich nicht zweifelte, auf Jarvies Sicherheit bezog. »Hört Ihr den Unverschämten?« sprach der Herzog. »Er beträgt sich, wie seine Herren, die uns einluden, gemeine Sache gegen diese Freibeuter zu machen, und uns verlassen haben, sobald diese die Ländereien überliefern wollten, worüber sie im Streite lagen. Es ist weder Treu noch Glauben unter den Leuten, die Plaid und Tartan tragen.« »Euer Ahnherr sprach nicht so, Mylord,« antwortete Galbraith, »und mit Erlaubnis, auch Ihr würdet nicht Ursache haben, so zu reden, wenn Ihr nur gerecht gegen den Anführer werden wolltet.« »Still, Garschattachin!« sprach der Herzog; »Ihr führt gefährliche Reden; aber ich glaube, Ihr meint ein Vorrecht zu besitzen. Seid so gefällig, mit Euren Leuten nach Gartartan aufzubrechen; ich selbst will den Gefangenen nach Duchray begleiten und werde Euch morgen weitere Befehle schicken. Es bekommt keiner von Euren Reitern Urlaub. Verstanden?« »Befehl und Gegenbefehl,« murmelte Galbraith zwischen den Zähnen. »Aber Geduld! Wir werden bald Stuhlwechsel spielen, wenn der König kommt.« Die beiden Reiterhaufen rüsteten sich zum Aufbruche, um noch bei Tageslicht ihr Nachtquartier zu erreichen. Ich erhielt weniger die Einladung als die Weisung, die Truppen zu begleiten, und sah, daß ich zwar nicht mehr als Gefangener, aber doch als verdächtig angesehen wurde. Ich fügte mich, so gut ich konnte, in mein Schicksal, und tröstete mich mit der Hoffnung, von dem gefangenen Freibeuter einige Nachrichten über Rashleigh und seine Anschläge zu erhalten. Dreizehntes Kapitel Die Felsen und Schluchten an jeder Seite des Tales hallten jetzt von den Tönen der Trompeten wider, als die Reiter, in zwei Haufen geteilt, langsam abzogen. Galbraiths Schar wandte sich bald rechts und ging über den Forth, um ein altes Schloß in der Nähe zum Aufenthalt für die Nacht einzunehmen. Wir hingegen setzten unsern Zug in ziemlich guter Ordnung fort. Der Herzog hatte den Gefangenen hinter einem Reiter seines Gefolges aufsitzen lassen, namens Ewan Brigglands, der der längste und stärkste Mann von der ganzen Schar war. Ein Sattelgurt war beiden um den Leib gelegt und vorn auf des Reiters Brust geschnallt, so daß es Robin unmöglich war, sich in Freiheit zu setzen. Ich erhielt eines der Handpferde und bekam Weisung, mich dicht neben dem Paare zu halten. Wir hatten immer wenigstens einen, wenn nicht zwei Mann mit Pistolen in der Hand an der Seite. Andreas, den man auf einen erbeuteten hochländischen Klepper gesetzt hatte, durfte unter dem Troß reiten, der dem Zuge folgte. So kamen wir bis an den Forth, der als Ausfluß eines Sees selbst an seinen schmalen Teilen noch immer von beträchtlicher Tiefe ist. Der Weg zur Furt senkte sich durch eine steile, zerrissene Schlucht, in der nur ein Reiter auf einmal passieren konnte. Wählend die vordern Glieder nach und nach hinunter ritten, mußten die andern am Ufer halten. Da hörte ich, wie Robin dem Manne, hinter dem er ritt, die Worte zuflüsterte: »Euer Vater, Ewan, hätte, und wenns alle Herzöge in der Christenheit gewollt hätten, einen alten Freund nicht wie ein Kalb zur Schlachtbank geführt.« Ewan antwortete nicht, zuckte aber die Achseln, um zu verstehen zu geben, daß ers doch nicht ändern könne. »'s ist ein gar traurig Ding,« sprach Robin weiter, flüsterte aber seine Worte so leise in Ewans Ohr, daß niemand sie hören konnte, außer mir, der sich gewiß nicht veranlaßt fühlte, ihn in seinen Bemühungen zur Flucht zu stören; – »'s ist ein traurig Ding, daß Ewan Brigglands, dem Robin Mac Gregor mit Hand, Schwert und Beutel geholfen hat, eines vornehmen Herrn Unmut höher achten will, als eines Freundes Leben.« Ewan schien schmerzlich bewegt, aber schwieg. Da hörten wir den Herzog vom jenseitigen Ufer her rufen: »Schafft den Gefangenen herüber!« Ewan setzte sein Pferd in Bewegung, und eben, als ich Robin sagen hörte: »Ist nicht das Blut eines Mac Gregor mehr wert als ein zerrissener Ledergurt? es wird wohl einst schärfere Rechenschaft abzulegen sein,« ritten sie schnell an mir vorüber ins Wasser. Auf der andern Seite sah ich, wahrend die Dämmerung schnell sank, den Herzog beschäftigt, die gelandete Mannschaft wieder ins Glied treten zu lassen. Da verriet mir heftiges Geplätscher im Wasser, daß Mac Gregors Beredsamkeit über Ewan gesiegt hatte. Auch der Herzog hörte den Schall und erriet im Nu, was derselbe zu bedeuten hatte. »Hund! Wo ist Dein Gefangener?« rief er Ewan zu, als derselbe ans Land heraufstieg; und ohne die Entschuldigung abzuwarten, die der erschrockene Vasall zu stottern begann, feuerte er seine Pistole auf ihn ab. »Teilt Euch und verfolgt den Schurken!« rief er. »Hundert Guineen dem, der Robin den Roten fangt!« Die Ufer des Stromes wurden nun ein Schauplatz ärgster Verwirrung. Robin, den Ewan ohne Zweifel durch Lösung des Sattelgurts freigemacht hatte, war herabgeglitten, untergetaucht und unter dem Bauch des Pferdes hinweggeschwommen. Als er aber auf einen Augenblick an die Oberfläche kommen mußte, um Atem zu schöpfen, verriet ihn der Schimmer seines bunten Plaids. Einige Reiter stürzten in den Strom, ohne Rücksicht auf die eigne Sicherheit; andre sprengten an den Ufern auf und nieder, um den Flüchtling, wenn er ans Land steigen sollte, zu stellen. Das Geschrei an beiden Ufern und im Strome, das Echo der Schüsse, der Anblick der vielen Reiter, die an den Ufern auf und ab sprengten, dazu die wilde Gegend und das unsichere Zwielicht des Herbstabends: es war ein Bild, das an den tollsten Hexensabbat hätte erinnern können. Einem so geschickten Schwimmer wie Robin konnte, nachdem er die ersten Hindernisse überwunden hatte, die Flucht nicht schwer fallen. Einmal sah ich ihn hart bedrängt, und mehrere Hiebe fielen rings um ihn her ins Wasser, was mich an die Ottern-Jagden erinnerte, die ich in Osbaldistone-Hall gesehen hatte. Mac Gregor war indes listiger als die Otter; denn als man ihn am ärgsten verfolgte, löste er unbemerkt seinen Plaid auf und ließ ihn von dem Strome forttreiben, wo er schnell die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Viele Reiter wurden dadurch auf eine falsche Spur geleitet, und mancher Schuß oder Hieb von der Person abgelenkt, der er hatte gelten sollen. Sobald es ihm erst einmal gelungen war, sich aus dem Sehbereich zu bringen, schwand allmählich die Möglichkeit, seiner habhaft zu werden, denn die steilen Ufer machten den Fluß an vielen Stellen unzugänglich, und Erlen-, Pappeln- und Birkendickichte wehrten den Zutritt zum Wasser. Die anbrechende Nacht nahm dem Unternehmen mit jedem Augenblicke mehr die Aussicht auf Gelingen. Einige der Verfolger gerieten in Stromwirbel und schrien um Beistand; andre, die in der Verwirrung einen Schuß, Hieb oder Stich abbekommen hatten, drohten Rache, und zu wiederholten Malen kam es bei solchen Vorfällen zu blutigen Händeln. Die Trompeten bliesen zum Sammeln. Der Kommandant hatte, so ungern es auch geschehen mochte, die Hoffnung aufgegeben, der ihm so unerwartet entrissenen Beute wieder habhaft zu werden. Die Reiter standen in düstern Gruppen am südlichen Ufer des Stromes, dessen Gemurmel, lange übertäubt von dem lauten Geschrei rachgieriger Verfolgung, sich nun dumpf vermischte mit mißmutigen, schmähenden Stimmen. Bis jetzt war ich nur Zuschauer, wenn auch nicht gleichgültig, bei dem seltsamen Schauspiel gewesen. Allein nun hörte ich plötzlich schreien: »Wo ist der Engländer? Er ists gewesen, der Robin das Messer gab, um den Gurt loszuschneiden.« Und nun riefen mehrere Stimmen nacheinander: »Haut ihn in Stücke!« »Jagt ihm ein paar Kugeln durch den Kopf!« »Stoßt ihm das Schwert in die Kaldaunen!« – Und ich hörte, wie verschiedne Reiter hin und her sprengten, ohne Zweifel in der Absicht, diese Drohungen auszuführen. Ich durchschaute im Nu meine Lage, sprang vom Pferde, das ich laufen ließ, und retirierte in ein Erlengebüsch, hinter dem ich bei der wachsenden Dunkelheit nicht leicht entdeckt werden konnte. Als der Lärm nachzulassen anfing, und der Hufschlag der Pferde sich seltner in der Nähe meines Zufluchtsortes hören ließ, war mein erster Gedanke, den Herzog aufzusuchen, wenn alles ruhig sein würde, und mich ihm zu überliefern als ein treuer Untertan, der nicht die Gerechtigkeit zu fürchten, und als ein Fremder, der allen Anspruch auf Schutz und Gastfreundschaft zu machen hatte. Mit diesem Vorsatze kroch ich aus meinem Aufenthalte hervor und blickte umher. Die Dämmerung war nun beinahe in Dunkelheit übergegangen, kaum noch einige Reiter waren auf dem linken Ufer des Flusses, und von denen auf der andern Seite hörte ich nur den Hufschlag der Pferde und die gezogenen Töne der Trompeten, die durch die Wälder schallten, um Nachzügler herbeizurufen. Ich befand mich daher in einer ziemlich schwierigen Lage. Ohne Pferd ließ sich nicht daran denken, den Strom zu passieren; blieb ich aber auf dem linken Ufer, so hatte ich keine andre Aussicht, als nach allen erduldeten Mühseligkeiten und Strapazen der Nacht an der Seite eines Berges zuzubringen. Nach kurzem Bedenken beschloß ich deshalb, nach dem kleinen Wirtshause in Aberfoil zurückzukehren, in welchem ich die vorige Nacht zugebracht hatte. Vor Robin brauchte ich mich nicht zu fürchten, und für ihn auch nichts mehr. Er war nun frei, und falls ich unter seine Leute fiel, so verschaffte mir sicher die Botschaft von seiner Rettung ihren Schutz. Ein scharfer Frostwind teilte die Nebelwolken und jagte sie in verworrene, wechselnde Massen zusammen, die bald um die Häupter der Berge schwebten, bald mit dichten, gewaltigen Nebelmassen die tiefen Küsten füllten. Der Mond goß sein Licht auf die Windungen des Flusses, die Felsenspitzen und jähen Abhänge. Unter dem belebenden Einfluß der kalten Atmosphäre stählten sich meine Nerven. Unwillkürlich pfiff ich vor mir hin, und stolzer und höher schlugen meine Lebenspulse, je mehr mein Vertrauen auf die Stärke, den Mut und die Hilfsmittel in mir selbst zunahm. Ich war so verloren in meine Gedanken und in die Empfindungen, die sie weckten, daß mich ein Reiterpaar einholte, dessen Annäherung ich erst gewahr wurde, als es mir zur Seite war. »Heda! Freund, wohin so spät?« sprach mich der eine auf englisch an. »Zum Nachtlager nach Aberfoil,« versetzte ich. »Sind die Wege offen?« fragte er mit derselben gebieterischen Stimme. »Ich weiß es nicht,« war meine Antwort. »Aber wenn Ihr Engländer seid, so rate ich Euch, bis es Tag wird, zurückzukehren. Ich möchte nicht behaupten, daß es für Fremde sonderlich sicher hier sei.« »Die Soldaten haben eine Schlappe bekommen – nicht wahr?« fragte der Reiter. »Jawohl! ein Offizier ist mit seinen Leuten teils aufgerieben, teils gefangen genommen worden.« »Wißt Ihr das gewiß?« war die Antwort. »So gewiß, als ich Euch sprechen höre. Ich war wider Willen Zeuge des Kampfes.« »Wider Willen? Ihr waret also nicht dabei?« »Gewiß nicht,« gab ich zur Antwort. »Ich wurde von dem Offizier gefangen gehalten.« »So? – Wer seid Ihr? – Wie heißt Ihr? –« »Fürwahr, Herr,« antwortete ich, »ich sehe nicht ein, warum ich einem Fremden solche Menge Fragen beantworten sollte. Ich hab Euch gesagt, daß Ihr in gefährlicher und unruhiger Gegend reist. Wollt Ihr weiter gehen, so ist es Eure Sache. Aber da ich Euch nicht nach Eurem Namen und Geschäfte frage, werdet Ihr besser tun, mich mit solchen Fragen zu verschonen.« »Herr Franz Osbaldistone,« sagte der andre Reiter mit einer Stimme, die durch alle meine Nerven bebte, »sollte doch nicht seine Lieblingsmelodien pfeifen, wenn er unerkannt zu bleiben wünscht.« Und Diana Vernon – denn sie war es, in einen Reitermantel gehüllt, die jetzt sprach – pfiff lustig den andern Teil der Melodie, die ich gepfiffen hatte, als sie herbeikamen. »Gott im Himmel!« rief ich, wie vom Donner gerührt, »solltet Ihr es sein, Fräulein Vernon, an solchem Orte, – zu solcher Stunde, in solchem wilden Lande – in solcher –« »In solcher männlichen Tracht, wollt Ihr sagen. Aber was ist zu tun! – Am Ende bleibt die Philosophie des vortrefflichen Korporal Nym doch die beste – es geht, wie's gehen kann – pauca verba .« Während sie dies sprach, nützte ich begierig den hellern Mondschein aus, um den Begleiter Dianas zu betrachten. Daß es mich lebhaft wundern, ja in heftige Erregung setzen mußte, das Mädchen an solch einsamem Orte, auf solch gefahrvollem Ritte, unter dem Schutz eines einzigen Mannes so unvermuteterweise zu treffen, werde ich Dir nicht erst zu sagen brauchen. Der Reiter sprach nicht mit Rashleighs tiefer, melodischer Stimme, sondern höher und gebieterischer; überdies war er größer von Figur, als dieser mir in so hohem Maße verhaßte Mensch. Ebensowenig glich der Fremde in seiner Rede einem andern von meinen Vettern; denn an jedem Worte, das der Fremde sprach, erkannte man den Mann von Verstand und Bildung. Er schien meinen forschenden Blicken ausweichen zu wollen. »Diana,« sprach er mit einem Tone, der Güte und Befehl ausdrückte, »gib Deinem Vetter sein Eigentum, und laß uns hier keine Zeit verlieren.« Diana hatte unterdessen ein Päckchen vorgezogen, beugte sich vom Pferde zu mir nieder und sagte mit einer Stimme, die das Bestreben, ihre gewöhnliche feine Leichtigkeit des Ausdrucks anzunehmen, verriet, und mit einem tiefern, ernstern Tone der Empfindung kämpfte: »Ihr seht, lieber Vetter, ich bin zu Eurem Schutzengel geboren. Rashleigh ist genötigt worden, seine Beute herzugeben, und hätten wir vorige Nacht, wie es unsre Absicht war, das Dorf Aberfoil erreicht, so hätte ich sicher einen hochländischen Sylphen gefunden, der Euch diese Dokumente des Handelsreichtums zugeweht hätte. Aber Riesen und Reiter hatten den Weg versperrt, und irrende Ritter und Fräuleins unserer Tage, so kühn sie auch sein mögen, dürfen nicht, wie vor alters, sich in unnütze Gefahren stürzen. – Tut Ihr das lieber auch nicht, lieber Vetter!« »Diana,« sprach ihr Begleiter, »ich muß noch einmal erinnern, daß die Nacht vorrückt, und wir sind noch weit vom Hause.« »Ich komme, ich komme – erwäget,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »wie spät ich an Beschränkung gewöhnt worden bin; überdies hab ich meinem Vetter das Päckchen noch nicht gegeben und ihm Lebewohl gesagt – für immer! – Ja, Franz,« fuhr sie fort, »für immer! Es liegt ein Abgrund zwischen uns – ein Abgrund gewissen Verderbens. – Ihr dürft uns nicht folgen, wohin wir gehen – an dem, was wir tun, dürft Ihr keinen Anteil nehmen. – Lebt wohl! – Seid glücklich!« Indem sie sich von ihrem hochländischen Klepper herabbeugte, berührte ihr Gesicht, vielleicht nicht ganz wider Willen, das meinige. – Sie drückte meine Hand, während die Träne, die in ihrem Auge zitterte, auf meine Wange fiel. Es war ein unvergeßlicher Augenblick – unaussprechlich bitter, und dennoch vermischt mit einem so tief ergreifenden, süßen Wonnegefühl, daß auf einmal alle Empfindungen meines Herzens sich ergossen. Es war nur ein Augenblick, gleich darauf rief sie ihrem Gefährten zu, daß sie bereit sei, ihm zu folgen; und ihre Pferde in scharfen Trab setzend, waren sie bald weit von der Stelle entfernt, wo ich stand. Der Himmel weiß, es war nicht Unempfindlichkeit, was auf mir lag und meine Zunge so sehr fesselte, daß ich Dianas halbe Umarmung nicht erwidern, noch ihr Lebewohl beantworten konnte. Das Wort erstarb auf meinen Lippen – Ueberraschung und Schmerz betäubten mich fast. Mit dem Paket in der Hand, blickte ich unbeweglich ihnen nach, als ob ich die Funken hätte zählen wollen, die unter den Hufen ihrer Pferde sprühten. Ich blickte ihnen noch nach, selbst als die Funken nicht mehr zu sehen waren, und lauschte noch auf die Töne des Hufschlags, als schon der letzte entfernte Laut in meinen Ohren verhallt war. Endlich quollen Tränen aus meinen Augen, die ich mechanisch zu trocknen suchte, fast ohne zu wissen, daß ich sie vergoß, aber sie flossen stärker und stärker; am Wege mich niedersetzend, weinte ich die ersten und bittersten Tränen, die seit der Kindheit mein Auge getrübt hatten. Vierzehntes Kapitel Kaum hatte ich meinen Gefühlen in dieser Stimmung nachgegeben, als ich meiner Schwäche mich schämte. Ich erinnerte mich, daß ich seit einiger Zeit bemüht gewesen war, Diana Vernon, wenn ihr Bild in mir aufstieg, als eine Freundin zu betrachten, an deren Wohl ich zwar immer lebhaften Anteil nehmen würde, mit der ich aber ferner wenig Verbindung unterhalten könnte. Aber die kaum unterdrückte Zärtlichkeit ihres Benehmens, das Romanhafte unsres plötzlichen Zusammentreffens an einem Orte, wo es sich doch gar nicht vermuten oder erwarten ließ, waren Umstände, die mich gänzlich aus der Fassung brachten. Ich erholte mich indessen eher, als ich es für möglich gehalten hätte, und ohne mir Zeit zur Erwägung der Gründe hierfür zu lassen, verfolgte ich wieder meinen Weg. Wenn ich nun auch meines Vaters Eigentum wieder erlangt hatte, so lag es mir doch noch immer ob, meinen Freund Jarvie aus einer Lage zu befreien, in die er um meinetwillen sich verwickelt hatte, und wo anders könnte ich überdies, dachte ich bei mir, ein Nachtlager finden, als in dem kleinen Wirtshause von Aberfoil? Und weiter dachte ich, die beiden müssen doch auch da verweilen, denn wie könnten sie zu Pferde weiter kommen? – »Wir werden uns also wiedersehen –«, sprach ich bei mir, »vielleicht zum letztenmal – allein ich werde erfahren, wer der Glückliche ist, der das Ansehen eines Gemahls über sie behauptet; ich werde erfahren, ob ich in der bedenklichen Lage, in die sie verwickelt zu sein scheint, etwas tun kann, meine Dankbarkeit auszudrücken für ihre Großmut – für ihre uneigennützige Freundschaft.« Während ich so mit mir selber sprach, fühlte ich plötzlich einen Schlag auf die Schulter und vernahm die tiefe Stimme eines Hochländers, der noch schneller ging als ich, einen so guten Schritt ich auch zu halten glaubte. »Eine feine Nacht, Herr Osbaldistone! – Haben uns schon eine Stunde vorher getroffen!« rief die Stimme, und sie war nicht zu verkennen! Er war seinen Verfolgern entkommen und in voller Flucht zu seiner Wildnis und seinen Anhängern begriffen. Auch hatte er sich wieder bewaffnet, wahrscheinlich in dem Hause eines heimlichen Freundes; denn er trug ein Gewehr auf der Schulter und die ständige Dolchwaffe der Hochländer an der Seite. Unter gewöhnlichen Umständen wäre es mir nicht angenehm gewesen, mich mit solchem Manne, in solcher Lage und zu so später Stunde allein zu sehen; denn wenn ich mich auch gewöhnt hatte, Robin in gewissem Grade als Freund zu betrachten, so bekenne ich doch offen, daß ich ihn nie reden hörte, ohne ein gewisses Gruseln zu fühlen. Die Aussprache der Hochländer gibt ihren Worten gewöhnlich einen tiefen, hohlen Ton, sowohl wegen der häufigen Kehllaute ihrer Sprache, als weil sie insgemein mit besonderm Nachdrucke sprechen. Zu diesen Volkseigenheiten gesellte sich bei Robin eine rauhe Gleichgültigkeit gegen Betonung und Sitte; denn sein Gemüt war weder zu entmutigen, noch zu ergreifen, oder gar zu überraschen, ganz gleich, was ihm das Schicksal brachte. Gewohnheit der Gefahr und unbegrenztes Vertrauen auf eigne Kraft und die Klugheit hatten jene Empfindung, die wir Furcht nennen, vollständig in ihm ertötet, und das gesetzlose, unsichre Leben, das er führte, hatte ihn gegen seine Mitmenschen abgestumpft, wenn auch nicht gänzlich rücksichtslos gemacht. Obendrein war ich eben erst Zeuge der grausamen Ermordung eines Wehrlosen durch seine Frau und seine Parteigänger gewesen. ... In meiner jetzigen Stimmung aber, und in der seltsamen Lage, in der ich mich zurzeit befand, mußte mir die Gesellschaft des Geächteten als eine Linderung meiner eignen quälenden Gedanken eher willkommen sein als nicht, und ich nährte die Hoffnung, daß ich mit seiner Hilfe einen Faden durch das Labyrinth erhalten könnte, in welches mein Schicksal mich verwickelt hatte. Herzlich erwiderte ich daher seine Begrüßung und wünschte ihm Glück zu seiner Rettung unter Verhältnissen, wo Flucht unmöglich geschienen hatte. »Ei nun,« erwiderte er, »die Spanne zwischen Hals und Galgen ist wohl eben so weit oder kurz, wie zwischen Becher und Mund. Meine Gefahr war jedoch geringer, als Ihr denken mögt, da Ihr fremd hier im Lande seid. Unter den Männern, die mich fangen und festhalten und wieder fangen sollten, war ein Teil, der gar nicht wollte, daß man mich fangen und festhalten oder wiederfangen sollte, und von dem andern Teile war wieder die Hälfte, die sich fürchtete, mich zu reizen, und so hatt' ichs nur mit einem verhältnismäßig sehr geringen Teil eigentlicher Widersacher zu tun.« Er erkundigte sich darauf nach meinen Abenteuern seit unsrer Ankunft im Hochland und lachte herzlich über meine Erzählung von dem Gefecht im Wirtshause und Jarvies Heldentaten mit dem glühenden Eisen. »Glasgow soll leben!« rief er aus. »Meiner Treu! keinen bessern Spaß hätte ich sehen können, als wie Vetter Niklas dem Iverach das Plaid versengte. Aber mein Vetter,« setzte er ernster hinzu, »hat ein bißchen edles Blut in den Adern, wenn er auch dummerweise zu einem gemeinen Gewerbe erzogen worden ist, das eines wackern Mannes Geist nur abstumpfen kann. – Ihr werdet nun einsehen, warum ich Euch in Aberfoil nicht treffen konnte, denn die Brüder in Glasgow hatten mir eine feine Schlinge gedreht, als ich ein paar Tage in Königs Angelegenheiten mich dort herumtrieb – aber ich denke, ich hab einen Riß in den Bund gemacht, und sie werden so leicht nicht wieder einen Clan gegen den andern hetzen können, wie sie es getan haben. Hoffentlich erlebe ich den Tag noch, wo alle Hochländer für einen Mann stehen. – Aber was gabs weiter?« Ich erzählte nun, wie nach Hauptmann Thorntons Ankunft der Stadtvogt und ich als verdächtige Subjekte festgenommen wurden, und daß Thornton geäußert habe, beauftragt zu sein mit der Festnahme eines ältern und eines jüngern Mannes, deren Beschreibung auf uns paßte. Das weckte von neuem Robins Lachlust. »So wahr ich lebe,« sprach er, »sie haben meinen Freund Jarvie für die Exzellenz und Euch für Diana Vernon genommen. – O diese Nachteulen!« »Fräulein Vernon?« fragte ich zögernd und erwartete zitternd die Antwort. – »Führt sie noch diesen Namen? Sie ritt eben hier vorüber mit einem Manne, der eine Art von Gewalt über sie zu haben schien.« »Ja, ja!« antwortete Robin; »sie steht jetzt unter rechtmäßiger Gewalt, und es war hohe Zeit für einen solchen Wildfang. Aber ein herzhaftes Mädel ists! Schade, daß die Exzellenz ein bißchen ängstlich ist. So einer wie Ihr oder Robert oder Hamish hätte besser in den Jahren gepaßt.« Hiermit fielen also die Kartenhäuser gänzlich zusammen, die meine Phantasie, meiner Vernunft zum Trotz, so oft und so gern gebaut hatte. Obwohl ich kaum anders erwarten konnte, als daß Diana, in einem solchen Lande und zu einer solchen Stunde nur mit einem Manne reisen konnte, der rechtmäßigen Anspruch besaß, als ihr Beschützer aufzutreten, fühlte ich doch den Streich, als er mich traf, nicht weniger schmerzlich, und Robins Worte, die mich aufforderten, weiter zu erzählen, klangen in mein Ohr, ohne daß ich ihren Inhalt genau gefaßt hätte. »Ihr seid krank,« sprach er endlich, nachdem er sich zweimal an mich gewendet, ohne Antwort zu erhalten. »Das Tagwerk ist zu schwer für einen Jüngling gewesen, der an dergleichen Dinge nicht gewöhnt ward.« Der leutselige Ton dieser Worte brachte mich wieder zu mir und erinnerte mich an das, was meine Lage verlangte. Ich fuhr in meiner Erzählung fort, so gut ich konnte, und Robin äußerte große Freude über das glückliche Gefecht im Engpasse. »Es heißt,« bemerkte er, »des Königs Spreu sei besser, als andrer Leute Korn; aber von des Königs Soldaten läßt sich das nicht sagen, wenn sie die Waffen strecken vor ein paar alten Kerlen, die nicht mehr fechten können, vor Buben, die es erst lernen müssen, und vor Weibern mit Rocken und Spindel. – Aber wer hätte bei unserm Dougal so viel Verstand gesucht, dessen Kopf doch nie anders bedeckt ist, als mit dem eignen zottigen Haar? – Erzählt weiter, bitte – wenngleich ich fürchte, was nun kommen wird. – Meine Helene ist ein eingefleischter Teufel, wenn ihr das Blut warm wird. Das arme Ding! Ursache dazu hat sie freilich übergenug!« So schonend wie möglich suchte ich ihm zu erzählen, wie wir empfangen worden waren, allein ich sah deutlich, daß ihm die Erzählung großen Schmerz verursachte. »Tausend Mark gäbe ich darum, wenn ich daheim gewesen wäre,« sprach, er. »Fremde zu mißhandeln, und dazu meinen eignen Vetter, der mir so viel Freundschaft erzeigt hat! – Ich wollte lieber, sie hätten das halbe Lennox in ihrer Torheit verbrannt! Aber das kommt davon, wenn man Weibern und Jungen traut, die kennen weder Maß noch Vernunft in ihrem Tun. An allem jedoch ist der Schurke von Zöllner schuld, der mich betrog, indem er vorgab, er bringe Botschaft von Eurem Vetter Rashleigh, den ich in des Königs Angelegenheiten treffen sollte. Ich glaubte schon, Galbraith und ein Teil von Lennox wolle eintreten für König Jakob. – Meiner Treu, aber ich wußte, daß man mich betrogen hatte, als ich hörte, der Herzog sei da, und als sie mir den Sattelgurt um die Arme legten, da erriet ich, was meiner wartete, denn Euern Vetter, mit Verlaub, kenn ich als aalglatten Wicht schon zur Genüge. Wenn er nur nicht selbst dabei zu grunde gehen möchte! Morris machte ein gar wunderliches Gesicht, als ich mir ausbedang, er solle bis zu meiner Rückkehr als Geisel bleiben. Aber ich bin zurückgekommen, ohne es ihm, oder denen, die ihn brauchten, Dank zu wissen, und die Frage ist nun, wie dieser Einnehmer selbst zurückkommen wird. Ohne Lösegeld nicht, das versprech ich ihm.« »Morris,« sprach ich, »hat bereits das letzte Lösegeld bezahlt, das ein Mensch entrichten kann.« »Was,« rief mein Gefährte hastig, »aber doch im Gefecht getötet?« »Er ward mit kaltem Blut ermordet, als der Kampf vorüber war, Herr Campbell.« »Mit kaltem Blute? – Verdammt!« murmelte er zwischen den Zähnen. – »Wie kam das, Herr? Redet, und bleibt mir mit dem Herrn und dem Campbell weg. Ich stehe wieder auf meinem Heimatsland, und mein Name ist Mac Gregor.« Er war sichtlich in leidenschaftlicher Erregung; allein ohne auf seinen rauhen Ton zu achten, erzählte ich ihm kurz und deutlich, wie Morris starb. Er stieß den Kolben seines Gewehrs auf den Boden und brach in die Worte aus: »Bei Gott! nach solcher Tat möchte man Verwandten, Clan, Vaterland, Weib und Kind abschwören! – Und dennoch hats der Schurke lange verdient. Was ist übrigens für ein Unterschied, ob man mit einem Stein um den Hals unter dem Wasser kämpft oder mit einem Strick um denselben in der Luft zappelt? Am Ende ists doch nur Ersticken, und er hat den Tod erlitten, den er mir zudachte. Dennoch wünschte ich, sie hätten ihn lieber mit einer Kugel oder einem Dolche umgebracht, denn die Art seines Todes wird viel unnützes Gerede machen. – Nun, jeden Menschen trifft sein Los, und, wir müssen alle sterben, wenn unser Tag kommt. – In Abrede stellen kann niemand, daß Helene Mac Gregor schweres Unrecht zu rächen hat.« Mit diesen Worten schien er sich den Gegenstand aus dem Sinne zu schlagen und fragte weiter, wie ich von den Soldaten losgekommen sei, in deren Gewalt er mich gesehen hatte. Meine Erzählung war bald zu Ende, und ich fügte hinzu, wie ich die Papiere meines Vaters wieder erhalten habe, wagte es aber nicht, Dianas Namen über die Lippen zu bringen. »Daß Ihr sie wieder kriegen würdet, wußte ich,« versetzte Mac Gregor. »Der Brief, den Ihr mir brachtet, enthielt die diesbezüglichen Wünsche und Weisungen der Exzellenz, und ich wäre gewiß auch dazu behilflich gewesen. War doch dies der Grund für mich, Euch ins Gebirge einzuladen. Vermutlich hat die Exzellenz mit Rashleigh früher verhandelt, als ich rechnete.« Der erste Teil dieser Antwort fiel mir besonders auf. »War denn der Brief, den ich Euch brachte, von dem Manne, den Ihr Exzellenz nennt? Wer ist er? Was ist sein Stand und eigentlicher Name?« »Meiner Meinung nach,« versetzte Mac Gregor, »kann Euch dies ziemlich unwichtig sein, da Ihr bis heute noch nichts davon wißt; und ich werde darum nichts von diesen Dingen sagen. Aber wohl wußte ich, daß der Brief von seiner eignen Hand war, denn da ich, wie Ihr seht, gerade genug für mich selbst zu tun habe, hätte ich mir sonst wohl nicht so viel Müh' um die Sache gegeben.« Ich erinnerte mich nun des Lichts, das ich im Büchersaal gesehen hatte, der verschiednen Umstände, wodurch meine Eifersucht erregt worden war, des Handschuhs, der Bewegung der Tapete, die den geheimen Gang zu Rashleighs Zimmer verdeckte, und vor allem, daß Diana sich entfernte, um, wie ich damals dachte, den Brief zu schreiben, der im äußersten Notfalle meine Zuflucht sein sollte. Ihre Stunden wurden also nicht in Einsamkeit zugebracht, sondern sie hörte auf die Anträge irgend eines verwegnen Agenten der Jakobiten-Verräterei, der heimlich in ihres Oheims Wohnung lebte. Andre junge Mädchen ließen sich durch Gold gewinnen oder durch Eitelkeit von ihrer ersten Liebe ableiten; aber Diana hatte meine und ihre Neigung geopfert, um das Schicksal eines vermessenen, Abenteurers zu teilen, um durch mitternächtliche Wildnisse die Schlupfwinkel der Freibeuter auszunehmen, ohne Hoffnung, etwas zu gewinnen, als die Nachäffung von Rang und Glück, die der Scheinhof des Prätendenten in Saint-Germain gewähren konnte. »Ich will sie, wenn möglich, noch einmal sehen,« dachte ich. »Ich will als Freund, als Verwandter mit ihr reden über die Gefahr, der sie sich aussetzt, und will ihr die Flucht nach Frankreich zu erleichtern suchen, wo sie bequemer, anständiger und sicherer den Erfolg der Unruhen abwarten kann, die der politische Betrüger, mit dem sie ihr Schicksal vereint hat, ohne Zweifel zu erregen vorhat.« Nachdem wir beide einige Minuten geschwiegen hatten, wandte ich mich an meinen Begleiter ... »Ich muß also glauben,« sagte ich, »daß Seine Exzellenz, wie ich diesen Mann in Ermanglung eines andern Namens nennen muß, zu gleicher Zeit mit mir in Schloß Osbaldistone wohnte?« »Gewiß, gewiß – und in des Fräuleins Zimmer, wie es doch auch am schicklichsten war.« – Diese Mitteilung freiwilliger Natur fügte Galle zu Bitterkeit. »Aber wenige,« fuhr Mac Gregor fort, »wußten, daß er dort war, mit Ausnahme von Rashleigh und Herrn Hildebrand; denn von Euch konnte die Rede nicht sein, und die jungen Burschen haben nicht Verstand genug, eine Katze von der Milch zu jagen. – Aber 's ist ein prächtiges altes Gebäude, und vornehmlich bewundre ich die vielen Höhlen und Löcher und Zufluchtsörter. Ihr könnt da zwanzig bis dreißig Mann in einen Winkel stecken, und eine ganze Woche mag wohl hingehen, ehe die Bewohner sie entdecken – was bei Gelegenheit von großem Nutzen werden kann. Ich wollte, wir hätten ein solches Schloß hier bei uns, – aber wir armen Hochländer müssen uns statt solcher Bequemlichkeit der Wälder und Höhlen bedienen.« »Vermutlich wußte Seine Exzellenz,« sprach ich, »um den ersten Anfall von –« »Morris, wollt Ihr sagen,« sprach Robin kalt, als ich innehielt; denn er war zu sehr an gewaltsame Tat gewöhnt, als daß die Bewegung, die er anfangs verriet, von langer Dauer hätte sein sollen. »Ich pflegte herzlich über den Tropf zu lachen, hätte aber schwerlich das Herz gehabt, es noch einmal zu tun, seit der unglücklichen Begebenheit am See. – Nein, nein, die Exzellenz wußte nichts von diesem Streich – es ward alles zwischen mir und Rashleigh abgemacht. Aber was nachher kam, wie Rashleigh den Verdacht von sich auf Euch zu lenken wußte, da er Euch von Anfang an nicht besonders leiden mochte – wie Fräulein Diana haben wollte, daß wir unsre Spinnwebe wieder wegfegen und Euch der Gerechtigkeit aus den Klauen reißen sollten – und der feige Mensch, der Morris, aus Furcht vor seinen fünf Sinnen nichts wußte, als er eben den rechten Mann sah, wo er einen unschuldigen anklagte. – O! darüber hab ich noch oft lachen müssen. – Und nun kann ich für den armen Teufel nichts weiter tun, als daß ich ein paar Messen für seine Seele lesen lasse.« »Darf ich fragen, wodurch Fräulein Diana so viel Einfluß auf Rashleigh und seine Teilnehmer erlangt hat, daß sie Eure Pläne zerstören konnte?« »Meine Pläne? Ich hatte keinen Teil daran. Von mir kann niemand sagen, daß ich je meine Last auf andrer Leute Schultern legte – es war einzig und allein Rashleighs Angelegenheit. Aber freilich hat sie großen Einfluß auf uns beide, wegen der Zuneigung Seiner Exzellenz, und weil sie auch viele Geheimnisse weiß, die uns angehen. – Der Henker hol den!« rief er als Schluß, »der Weibern ein Geheimnis zu bewahren oder die Macht, es zu mißbrauchen, gibt! – Toren soll man keine Stöcke in die Hände geben.« Wir waren jetzt dem Dorfe sehr nahe, als drei bewaffnete Hochländer auf uns zusprangen und mit vorgehaltenem Gewehr uns befahlen, zu stehen und unser Gewerbe anzugeben. Das einzige Wort Gregarach, das mein Begleiter mit der tiefen, gebieterischen Stimme aussprach, wurde mit einem Ruf, oder vielmehr Geschrei freudigen Erkennens beantwortet. Der eine warf sein Gewehr hin, umfaßte die Kniee seines Häuptlings und ergoß sich in einen Strom gälischer Glückwünsche, die sich zuweilen zu einem Freudengeschrei erhoben. Die beiden andern eilten, nachdem der erste Rausch vorüber war, buchstäblich flink wie Rehe voran, weil jeder der erste sein wollte, der dem Dorfe die Nachricht von Robins Flucht und Rückkehr brächte. Die Kunde erregte so lauten Jubel, daß die Gebirge widerhallten; und jung und alt, Weiber und Kinder, ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, eilten das Tal hinab uns entgegen, schnell und tosend wie ein Bergstrom. Als ich das ungestüme Geräusch und Geschrei der freudigen Menge vernahm, hielt ich es für angemessen, den Häuptling zu erinnern, daß ich ein Fremder und unter seinem Schutze sei. Er hielt mich demzufolge fest bei der Hand, während die Versammlung unter wahrhaft rührenden Aeußerungen inniger Ergebenheit und Freude über seine Rückkehr uns umgab, und nicht eher reichte er seinen Anhängern die Hand, bis er ihnen zu verstehen gegeben hatte, daß ich freundlich und aufmerksam behandelt werden sollte. Das Gebot eines Sultans von Delhi hätte nicht schneller vollzogen werden können, und mir ward jetzt ihre wohlgemeinte Aufmerksamkeit fast ebenso lästig, wie früher ihre rauhe Behandlung. Sie wollten dem Freunde ihres Anführers kaum erlauben, auf eignen Füßen zu gehen, so eifrig waren sie, mir auf dem Wege Hilfe und Beistand zu leisten, und als ich über einen Stein stolperte, den ich im Gedränge übersah, hoben sie mich auf und schleppten mich auf ihren Armen triumphierend ins Dorf. Bei der Ankunft vor dem Wirtshause fand ich, daß Ansehen und Volksgunst in den Hochlanden ihre Beschwerlichkeiten haben, wie überall. Ehe Mac Gregor in das Haus gelangen konnte, wo er Ruhe und Erfrischung genießen wollte, mußte er die Geschichte seiner Flucht wenigstens zwölfmal erzählen. Endlich entfernte sich eine Gruppe nach der andern, um auf der Heide oder in einer benachbarten Hütte das Nachtlager zu suchen. Manche verwünschten den Herzog und Garschattachin, andre beklagten das Mißgeschick Ewans; aber alle stimmten darin überein, daß Robins Flucht sich mit jeder Tat ihrer Häuptlinge vergleichen könne, seit den Tagen des Dougal-Ciar, des Gründers seines Stammes. Der Geächtete faßte nun meinen Arm und führte mich in das Innere der Hütte. Ich blickte umher in den rauchigen Winkeln, um Diana und ihren Begleiter zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen, und ich fühlte, daß ich durch weitere Erkundigung geheime Beweggründe verraten möchte, die besser verborgen blieben. Ich fand kein bekanntes Gesicht, als den Stadtvogt Jarvie, der auf einem Stuhl am Feuer saß, und eine gewisse stolze Zurückhaltung annahm, als Robin ihn bewillkommnete, Entschuldigungen wegen der geringen Bequemlichkeiten machte und nach seinem Befinden fragte. »Ich bin ziemlich wohl, Vetter,« sprach der Stadtvogt, »ganz leidlich, ich dank Euch. Und was die Bequemlichkeit betrifft, so kann man ja den Salzmarkt nicht mit sich schleppen, wie die Schnecke ihr Haus – aber es freut mich, daß Ihr den Händen der Leute, die wahrlich nicht Eure Freunde sind, entkommen seid.« »Gut also,« erwiderte Robin. »Was fehlt Euch? – Ende gut, alles gut. – Kommt, nehmt einen Becher Branntwein. Euer Vater, der Vorsteher, schlugs nie aus.« »Außer wenn er müde war, Robin, und das bin ich heute auf mehr als eine Art geworden. Aber,« fuhr er fort und füllte langsam einen kleinen hölzernen Becher, der drei Gläser halten konnte, »er war ein mäßiger Mann, und das bin ich auch! Auf Eure Gesundheit, Robin, und auf Euer Wohlsein hier und dort! Auch meine Base Helene soll leben, und Eure beiden hoffnungsvollen Söhne. Aber davon bald mehr!« Als der Stadtvogt den Becher niedersetzte, erkannte er auch mich und begrüßte mich herzlich, lehnte aber weitre Mitteilungen für den Augenblick ab. »Ich will Eure Sache nachher besprechen,« sagte er; »jetzt muß ich, wie billig, mit den Angelegenheiten meines Vetters anfangen. – Ich hoffe, Robin, es ist niemand hier, der das, was ich sagen will, weitertragen könnte, zu dem Stadtrat, oder sonst wohin, zu meinem und Eurem Nachteile?« »Seid deshalb unbesorgt, Vetter Niklas,« antwortete Mac Gregor. »Die Hälfte von ihnen versteht nicht, was Ihr sagt, und die andern bekümmern sich nicht darum. – Ueberdies risse ich allen die Zunge aus, die sichs herausnehmen wollten, von dem zu schwatzen, was man in ihrer Gegenwart zu mir redet.« »Gut, Vetter, in diesem Fall, und da Herr Osbaldistone hier ein verständiger Jüngling und treuer Freund ist, will ich Euch gerade heraussagen, Ihr erzieht Eure Familie für böse Wege.« – Nachdem er sich hierauf geräuspert hatte, verwandelte er sein vertrauliches Lächeln in einen ernsten tadelnden Blick und fuhr fort: »Ihr wißt selbst, wie es mit Euch und der Gerechtigkeit steht – und meine Base Helene – ich will nichts von ihrem heutigen Empfange sagen, der gewiß nicht freundlich war, denn ich halt es ihrer Gemütsbewegung zu gute; aber diesen persönlichen Grund der Klage beiseite setzend, hab ich von Eurer Frau zu sagen –« »Sagt nichts von ihr,« fiel Robert in strengem und ernstem Tone ein, »als was sich für einen Freund zu sagen und für einen Mann zu hören geziemt. Von mir hingegen könnt Ihr alles sprechen, was Euch beliebt.« »Gut, gut,« versetzte Jarvie, nicht ohne Verlegenheit, »wir wollen das übergehen. Aber ich erachte es nicht für recht, in Familien Unheil zu stiften. Was hingegen Eure beiden Söhne betrifft, so liegen die Dinge doch eigentlich recht schwer, denn Robin und Hamish besitzen nicht die gewöhnlichen Anfangsgründe einer guten Erziehung. Nicht einmal das Einmaleins, die Wurzel aller nützlichen Kenntnisse, kennen sie, und sie lachten und spotteten mich nur aus, als ich ihnen über ihre Unwissenheit meine Meinung sagte. Ich glaube, sie können weder lesen, schreiben, noch rechnen, wenn man so etwas von seinen eigenen Verwandten in einem christlichen Lande noch glauben darf. »Wenn sie es könnten, Vetter,« sprach Mac Gregor sehr gleichgültig, so müßten sie's von selbst gelernt haben, denn wie zum Henker hätt' ich einen Lehrer für sie beschaffen sollen? Sollt ich etwa ans Tor Eurer Schule in Glasgow anschlagen lassen: Robin der Rote braucht einen Lehrmeister für seine Knaben?« »Nein, Vetter,« versetzte Jarvie, »aber Ihr hättet die Jungen dahin schicken sollen, wo sie Gottesfurcht und die Gebräuche gesitteter Leute hätten lernen können. Sie sind ja so unwissend wie das Vieh, das Ihr sonst zu Markte treibt, oder wie die englischen Bauern, die es Euch abkaufen.« »Hm!« antwortete Robin; »Hamish kann einen Birkhahn im Fluge mit einer einzigen Kugel herabschießen, und Rob stößt einen Dolch durch ein Brett, das zwei Zoll dick ist.« »Desto schlimmer für sie, Vetter!« rief der Kaufmann von Glasgow mit großer Entschiedenheit. ... »Wenn sie nichts Besseres können, als das, so möchten sie lieber gar nichts verstehen. Sagt mir selbst, Robin, was Ihr mit all diesem Hauen und Stoßen und Schießen gewonnen habt? Waret Ihr glücklicher, als Ihr hinter Eurem Vieh herzöget, in ehrlichem Gewerbe, oder seid Ihrs jetzt, an der Spitze Eurer hochländischen Landstreicher und Gaudiebe?« Ich bemerkte, daß Mac Gregor, während sein wohlmeinender Vetter auf diese Weise mit ihm sprach, sich drehte und krümmte, wie einer, der Schmerz erduldet, aber den Entschluß gefaßt hat, keinen Seufzer seinen Lippen entfliehen zu lassen, und ich wartete auf eine Gelegenheit, den wohlgemeinten, aber offenbar verfehlten Ton, worin Jarvie mit diesem ungewöhnlichen Manne sprach, zu unterbrechen. Das Gespräch kam indes zu Ende ohne meine Einmischung. »Und seht,« sprach der Stadtvogt, »nun hab ich gedacht, Robin, da Ihr zu sehr im schwarzen Buche steht, als daß Ihr auf Pardon rechnen dürftet, und zu alt seid, Euch zu ändern, wär es doch ein Jammer, wenn so ein Paar hoffnungsvolle Jungen zu dergleichen gottlosem Gewerbe auferzogen würden, wie das Eurige, und ich wollte sie gern als Lehrlinge an den Webstuhl setzen, wie ich selbst angefangen habe, und mein Vater, der Vorsteher, vor mir, obwohl ich jetzt, dem Geber sei Dank, im großen handle – und –« Er sah, wie sich ein Wettersturm auf Robins Stirn zusammenzog, und das bestimmte ihn wahrscheinlich, seinem Vorschlage, der so geringen Beifall zu finden schien, einen bessern Anstrich dadurch zu geben, daß er ihm durch Großmut gewissermaßen die Krone aufsetzte. »Robin,« sagte er, »Ihr braucht nicht so finster dreinzuschauen; denn ich verzichte aufs Lehrgeld und will Euch auch nie wegen der tausend Mark plagen.« »Hunderttausend Teufel!« rief Robin und schritt durch die Hütte. »Meine Söhne Weber! Tausend noch einmal! Eher wollt ich alle Weberstühle in Glasgow, Weberbaum und Weberschiffe im Höllenfeuer brennen sehen!« Nicht ohne Mühe machte ich dem Stadtvogt, der antworten wollte, begreiflich, wie ungeziemend und bedenklich es sei, unserm Wirt über diesen Punkt zuzusetzen; aber nach wenigen Augenblicken hatte Robin seine heitre Stimmung wiedererlangt. »Na, Ihr meints gut – Ihr meints gut,« sprach er, »gebt mir die Hand, Niklas, und wenn ich je meine Söhn' in die Lehre gebe, so sollt Ihr die Wahl haben. – Und was die tausend Mark anbetrifft, die noch zwischen uns offen stehen – Heda! Eachin Analeister, gib mir meine Tasche.« Ein langer, rüstiger Hochländer, der Robins Leutnant zu sein schien, brachte aus irgend einem verborgnen Ort eine große Tasche aus Seeotterfell, reich mit silbernen Verzierungen und Buckeln besetzt, wie sie vornehme Hochländer im vollen Staate vor sich zu tragen pflegen. »Ich will niemand raten, diese Tasche zu öffnen, der nicht das Geheimnis kennt,« sprach Robin der Rote, während er einen Knopf in dieser, den andern in jener Richtung drehte, eine Buckel aufhob, die andre niederdrückte, bis die Oeffnung des Säckels, die mit einer Silberplatte verschlossen war, aufsprang. Er machte mir eine kleine verborgne Pistole bemerkbar, deren Drücker mit der Oeffnung zusammenhing und einen Teil des Kunstwerks ausmachte, so daß sie gewiß losgehen und wahrscheinlich den Unkundigen treffen mußte, der sich das Schloß zu öffnen bemühte. »Dies,« sprach er, »die Pistole berührend, »ist mein Schatzmeister.« Der Stadtvogt setzte seine Brille auf, um die Einrichtung zu untersuchen, und nachdem ers getan hatte, gab er die Tasche lächelnd und mit einem Seufzer zurück. »Ach, Robin!« sagte er dann, »hielten alle Leute ihre Beutel so wohl verwahrt wie Ihr, dann möchte wohl Eure Tasche nicht so gefüllt sein, wie sie es, dem Gewichte nach zu schließen, heute wohl sein dürfte.« »Sorgt nicht, Vetter!« antwortete Robin lachend, »sie ist immer offen für eines Freundes Not, oder um eine gerechte Schuld zu bezahlen. – Hier sind Eure tausend Mark,« fuhr er fort und langte eine Geldrolle heraus. »Zählt sie und seht, daß die Summe stimmt!« Jarvie nahm schweigend das Geld, und nachdem er es einen Augenblick in der Hand gewogen hatte, legte er es auf den Tisch und erwiderte: »Ich kanns nicht nehmen, Robin, mag nichts damit zu tun haben, es kann kein Segen dabei sein. – Ich habe heute zur Genüge gesehen, auf welchem Wege Ihr zu Eurem Geld kommt. Unrecht Gut gedeihet nicht. Gerade heraus gesagt, ich will nichts damit zu tun haben – es sieht aus, als ob Blut daran wäre.« »Meiner Treu!« sprach der Geächtete mit einer Gleichgültigkeit, die er vielleicht nicht ganz so empfand, »es ist gutes französisches Gold, und war vorher nie in eines Schottländers Beutel. – Seht es an – es sind lauter Louisdor, schön und glänzend, wie aus der Münze.« »Desto schlimmer, desto schlimmer – eben darum viel schlimmer, Robin,« versetzte Jarvie, seine Augen von dem Gelde abwendend, obgleich ihm die Finger danach zu jucken schienen, wie Cäsar nach der Krone. – »Empörung ist schlimmer, als Hexerei oder Räuberei; das steht in der Bibel.« »Kümmert Euch nicht darum, Vetter,« sprach der Freibeuter; »Ihr kommt ehrlich zu dem Gelde. Kommt's von dem einen König, so könnt Ihrs dem andern geben, wenn Ihr Lust habt. Es wird grade dienen, einen Feind zu schwächen, und in dem Punkte, wo der arme König Jakob schon der Schwächere ist; denn Gott weiß es, Hände und Herzen hat er genug, aber am Gelde mags ihm wohl fehlen.« »Dann wird er wohl nicht viele Hochländer auf seine Seite bekommen,« sprach Jarvie, indem er seine Brille wieder aufsetzte und den Inhalt der geöffneten Rolle zu zählen anfing. »Und Unterländer wohl nicht mehr,« erwiderte Mac Gregor, die Augenbrauen emporziehend. Er sah mich an und blinzelte nach dem Stadtvogt, der, ohne den Spott zu bemerken, mit gewohnter Vorsicht jedes Goldstück wog. Nachdem er die Summe zweimal überzählt hatte, Kapital und Interessen, gab er drei Goldstücke zurück zu einem Kleide für seine Base, wie er sagte, und noch ein paar für die beiden Buben, wofür sie sich nach Gefallen kaufen könnten, nur kein Schießpulver. Der Hochländer erstaunte über seines Vetters unerwartete Großmut, nahm aber freundlich die Gabe an, die er in seine wohlverwahrte Tasche steckte. Jarvie zog darauf den Schuldschein hervor, auf dessen Rückseite er eine Quittung geschrieben hatte, die er, nach Beifügung seines eignen Namens, vor mir als Zeugen unterschreiben ließ. Er sah sich ängstlich nach einem andern um, da die schottischen Gesetze in dergleichen Fällen zwei Zeugen verlangen. »Ihr werdet hier drei Meilen in der Runde schwerlich jemand finden, der schreiben kann, uns drei ausgenommen,« sprach Robin; »aber ich will die Sache leicht abmachen.« Er nahm die Schrift und warf sie ins Feuer, worüber der Stadtvogt nun seinerseits erstaunte. Allein sein Vetter fuhr fort: »Dies ist unsre Art im Hochlande, Rechnungen zu tilgen. –Es könnte die Zeit kommen, Vetter, wo derlei Verschreibungen und Quittungen, wenn ich sie aufbewahren wollte, Freunde in Ungelegenheit bringen könnten, weil sie mit mir zu tun haben.« Jarvie erhob keinen Einwurf gegen diesen Grund, und unser Abendessen wurde aufgetragen, reichlicher, auch besser und feiner, als man an diesem Ort erwarten konnte. Die meisten Speisen waren kalt, woraus wir sehen konnten, daß sie weit von hier zubereitet sein mochten; ein paar Flaschen guter Franzwein würzten die mancherlei Wildbretpasteten und andern Gerichte aufs angenehmste. Mac Gregor machte gastfreundlich den Wirt und bat um Entschuldigung, daß eine besondre Pastete, die man uns vorsetzte, schon angebrochen sei. »Ihr müßt nämlich wissen,« sagte er zu Jarvie, ohne mich anzublicken, »daß Ihr in dieser Nacht nicht die einzigen Gäste in Mac Gregors Lande seid; sonst wäre meine Frau mit den beiden Jungen auch hier zu Eurem Empfange, wie es sich gebührt.« Der Stadtvogt schien recht froh darüber zu sein, und ich wäre sicher auch seiner Meinung gewesen, wenn Robins Worte nicht die Vermutung in mir wachgerufen hätten, daß jetzt Diana und ihr Gefährte, den ich mir als ihren Gemahl nun einmal nicht zu denken vermochte, von Robins Familie bewirtet werde. Aber meine Gedanken wurden durch Robin abgelenkt, der sich jetzt Mühe gab, uns ein besseres Nachtlager zu verschaffen, als wir in der vorigen Nacht gehabt hatten. Zwei leidlich erhaltene Bettstellen, die sich an den Wänden der Hütte befanden, waren mit Heidekraut, das eben in voller Blüte stand, angefüllt, das, mit den Blüten nach oben gekehrt, eine elastische und duftige Matratze abgab. Mäntel und was man an Betten auftreiben konnte, wurden darüber gebreitet und machten es weich und warm. Jarvie schien todmüde zu sein. Ich beschloß darum, meine Mitteilungen bis auf den nächsten Morgen zu sparen, und ließ ihn zu Bett gehen, sobald er reichlich zu Abendbrot gegessen hatte. Obwohl müde und erschöpft, fand ich doch keinen rechten Schlaf, sondern wurde von einer seltenen Unruhe und Angst geplagt, die zu weiterer Unterhaltung zwischen mir und Mac Gregor führte. Fünfzehntes Kapitel. »Ich weiß nicht, was ich mit Euch machen soll, Herr Osbaldistone,« sagte Robin, als er mir die Flasche zuschob. »Ihr eßt nicht, scheint keine Lust zum Schlaf zu haben, und trinkt auch nicht, obwohl dieser Bordeauxwein aus Sir Hildebrands eignem Keller stammen dürfte. Wäret Ihr immer so enthaltsam gewesen, so hättet Ihr den tödlichen Haß Eures Vetters Rashleigh sicher vermieden.« »Wäre ich immer so vorsichtig gewesen,« erwiderte ich, errötend über den Auftritt, an den er mich erinnerte, »so hätt' ich wohl noch schlimmeres Uebel vermieden – den Vorwurf meines Gewissens.« Mac Gregor warf einen scharfen und grimmigen Blick auf mich, als hätte er erforschen wollen, ob der Verwurf, den er offenbar fühlte, mit Absicht erteilt worden sei. Aber er sah, daß ich an mich selbst, nicht an ihn dachte, und wendete das Gesicht tief seufzend nach dem Feuer. Ich folgte seinem Beispiel, und wir blieben ein paar Minuten lang, in peinliche Gedanken vertieft, liegen. Alles in der Hütte schlief jetzt oder war doch still, uns beide ausgenommen. Mac Gregor brach zuerst das Schweigen in einem Tone, als sei er willens, über einen Gegenstand zu sprechen, über den er lieber schwiege. »Mein Vetter Niklas meints gut,« sagte er; »aber er setzt einem Manne von meiner Gemütsart viel zu hart zu, wenn er davon spricht, was ich war, was ich habe werden müssen, und vor allem, was mich gezwungen hat, das zu werden, was ich jetzt bin.« Er schwieg, und obwohl ich fühlte, wie heikel die Unterhaltung werden konnte, so konnte ich doch nicht umhin, zu antworten, daß ohne Zweifel seine gegenwärtige Lage vieles enthalten dürfte, was ihm zuwider sei. »Mich würde es gewiß freuen,« setzte ich hinzu, »wenn Ihr Euch auf ehrenvolle Weise herausreißen könntet.« »Ihr redet wie ein Knabe,« erwiderte Robin in einem Tone, der wie seiner Donner klang, »wie ein Knabe, der sich denkt, eine alte knorrige Eiche lasse sich so leicht biegen wie ein junger Zweig. Kann ich wohl vergessen, daß ich gebrandmarkt bin als vogelfreier Wicht, – entehrt als Verräter – daß man einen Preis auf meinen Kopf setzte, wie auf einen Wolf, und meine Familie behandelt hat, wie die Füchsin und ihre Jungen, die jedermann quälen, verachten und beschimpfen kann? Selbst mein Name, den ich von einer langen und edlen Reihe tapferer Ahnherren erhielt, ist verrufen, gleich einem Zauber, den Teufel zu beschwören!« Ich sah deutlich, daß er sich durch solche Aufzählung der ihm widerfahrenen Kränkungen selbst zur Wut aufregte, um für die Verirrungen, in die er sich hatte hetzen lassen, in den eignen Augen eine Rechtfertigung zu finden. Und das gelang ihm; denn seine hellen grauen Augen schienen Flammen zu sprühen, während er den Fuß vorwärts stieß und zurückzog, den Griff seines Dolches faßte, den Arm ausstreckte, die Faust ballte und endlich aufsprang. »Und erfahren sollen sie,« rief er in demselben tiefen Tone erstickter Leidenschaft, »daß der Name Mac Gregor, den sie zu ächten wagten, ein Zauber ist, der den wilden Teufel bannt. Von meiner Rache sollen sie hören! Der elende Viehhändler, dem sie alles genommen, den sie entehrt und niedergehetzt haben, weil Habsucht mehr verlangte, als er bezahlen konnte, er wird in furchtbarer Gestalt über sie herstürzen. Doch warum spreche ich hiervon?« fuhr er in ruhigerm Tone fort, indem er sich wieder setzte. »Ihr könnt mir glauben, Herr Osbaldistone, es reizt mich zur Ungeduld, wenn ich gejagt werde wie ein Otter oder wie ein Lachs in Untiefen, und das von meinen Freunden und Nachbarn! Ein Heiliger würde die Geduld verlieren, wenn man ihn mit so vielen Schwertstreichen und Pistolenschüssen bedroht hätte, als heute mich im Strom; wieviel mehr ein Hochländer, der um seiner Geduld willen wahrlich nicht berühmt ist, wie Ihr wohl wißt. – Aber eins liegt mir im Sinne von dem, was Vetter Niklas sagte. – Meine Jungen machen mir Kummer, wenn ich daran denke, daß sie vielleicht einmal leben sollen, wie ihr Vater hat leben müssen.« – Und trauernd stützte er das Haupt auf die Hand. Ich war tief ergriffen, und der Wunsch, ihm zu helfen, erfüllte mein Gemüt. »Wir haben gute Verbindungen im Auslande,« sagte ich; »könnten nicht Eure Söhne mit einiger Unterstützung, die sie von meines Vaters Hause doch erwarten dürfen, Anstellung in fremden Diensten finden?« Mein Gesicht, glaube ich, verriet aufrichtige Rührung; allein mein Gefährte, ohne mich weiter reden zu lassen, nahm meine Hand und erwiderte: »Ich dank Euch – dank Euch! Aber laßt uns nichts mehr davon sprechen! Ich hätte nicht geglaubt, daß jemand noch eine Träne in Mac Gregors Augenwimpern sehen werde.« – Er trocknete das feuchte Auge unter den dichten roten Brauen mit dem Handrücken. »Morgen früh,« sagte er, »wollen wir darüber sprechen, und auch von Euren Angelegenheiten – denn wir brechen früh auf: Wollt Ihr mir nicht in einem Becher Bescheid tun?« Ich lehnte ab. »Dann muß ich mir selbst Bescheid tun!« rief er und stürzte wenigstens ein halbes Maß Wein hinunter. Ich legte mich nieder, entschlossen, mit den Fragen, die ich an ihn stellen wollte, zu warten, bis er sich in ruhigerer Gemütsstimmung befände. Wirklich erfüllte dieser sonderbare Mann meine Einbildungskraft in solchem Maße, daß ich nicht umhin konnte, ihn noch ein paar Augenblicke zu beobachten, ehe ich mich auf meinem Heidekrautlager auf die andre Seite drehte. Er ging auf und nieder, bekreuzte sich von Zeit zu Zeit und murmelte ein lateinisches Gebet; dann hüllte er sich in seinen Plaid, sein nacktes Schwert an der einen Seite, die Pistole an der andern, und die Falten seines Mantels so geordnet, daß er bei jedem Alarm gleich aufspringen konnte. In wenigen Minuten verriet sein tiefes Atmen, daß er fest eingeschlafen war. Von Müdigkeit erschöpft und betäubt von den ungewöhnlichen Ereignissen des Tages, erlag auch ich bald der Gewalt eines tiefen Schlummers und erwachte, trotz aller Gründe zur Wachsamkeit, nicht eher als bis am andern Morgen. Als ich die Augen aufschlug und mich besinnen konnte, wo ich war, sah ich, daß Mac Gregor die Hütte bereits verlassen hatte. Ich weckte den Stadtvogt, der nach schweren Klagen über Gliederschmerz endlich im stande war, die frohe Nachricht zu erfassen, daß die von Rashleigh mitgenommenen Papiere und Dokumente glücklich wieder in meinem Besitze seien. Sogleich stand er geschäftig auf und verglich den Inhalt meines Pakets mit Owens Verzeichnis, wobei er murmelte: »Recht, recht – die wahre Sache – Baillie und Whittington – wo ist Baillie und Whittington – siebenhundert, sechs und acht. – Genau bis auf den Bruch. – Pollack und Peelmann – achtundzwanzig – sieben – genau. – Dem Himmel sei Dank! – Grub und Grinder, – bessre Männer kanns nicht geben – dreihundertundsiebenzig. – Gliblad – zwanzig, hier zweifle ich an Zahlung. – Slipprytongue – Slipprytongue hat aufgehört – aber das sind Bagatellen – und alles andre stimmt – Gott sei Dank! Nun können wir dies traurige Land verlassen. An den Hard-See aber werde ich nie ohne Grausen denken!« »Es tut mir leid, Vetter,« sagte Mac Gregor, der in die Stube hereintrat, als Jarvie diese letzten Worte sprach, »daß die Umstände mir nicht erlaubt haben, Euch zu bewillkommnen, wie ich es gewünscht hatte. Wenn Ihr aber meine bescheidne Wohnung besuchen wollt –« »Sehr verbunden, sehr verbunden,« erwiderte Jarvie schnell. »Aber wir müssen aufbrechen – wir müssen fort, Herr Osbaldistone und ich – Geschäfte können nicht warten.« »Gut, Vetter,« versetzte der Hochländer, »Ihr kennt unsre Sitte: speise den Gast, der kommt; und sei ihm behilflich, wenn er gehen muß. Aber Ihr könnt nicht über Drymen heimkehren; ich muß Euch über den See fetzen zur Fähre von Balloch und Eure Pferde dahin vorausschicken. Ein kluger Mann kehrt nie auf der gleichen Straße zurück, wenn er eine andre frei hat« »Ja, ja, Rob, das ist eine von den Regeln, die Ihr gelernt habt, als Ihr den Viehhandel triebt. Ihr hattet keine Lust die Pächter wiederzusehen, denen Euer Vieh das Gras abgeweidet hatte – und ich glaube, jetzt hinterlaßt Ihr noch schlimmere Spuren wie damals.« »Desto notwendiger ists jetzt, Vetter, mit dem Wege zu wechseln,« antwortete Robin; »aber Dougal soll die Pferde hinführen; er wird jetzt als Bedienter des Stadtvogts erscheinen, doch nicht von Aberfoil oder aus Robins Land, sondern vom Schlosse Stirling. – Aber seht, da ist er ja.« »Ich hätte die Kreatur nicht gekannt,« meinte Jarvie, und es war in der Tat nicht leicht, den wilden Hochländer wiederzuerkennen, als er vor der Tür der Hütte erschien, in Hut, Perücke und Reitrock, die einst Andreas gehört hatten, auf des Stadtvogts Pferde, mit dem meinigen am Zaume. Er bekam von seinem Herrn Weisung, gewisse Orte zu vermeiden, wo er Verdacht erwecken konnte, unterwegs alle mögliche Kundschaft einzuziehen und uns an einem bestimmten Ort, unweit der Fähre von Balloch, zu erwarten. Mac Gregor lud uns nun ein, mit ihm uns auf den Weg zu machen, und da wir nach seiner Versicherung noch vor dem Frühstück ein paar Meilen wandern müßten, meinte er, wir sollten doch lieber nicht unterlassen, uns für diesen Marsch mit einem Schlucke Schnaps zu stärken. Der Stadtvogt tat ihm Bescheid, meinte aber, er tue es nur, um den Magen, der bei ihm nicht allzu gut bestellt sei, gegen den Morgennebel zu schützen, und in solchem Falle hätte auch sein Vater, der Vorsteher, durch Lehre und Beispiel einen Schluck gutgeheißen. »Sehr richtig, Vetter,« versetzte Robin; »aus diesem Grund haben auch wir, die Kinder des Nebels, ein Recht, von früh bis Abend Branntwein zu trinken.« Jarvie bestieg nach dieser Labung einen kleinen hochländischen Klepper, mir ward ein andrer angeboten, den ich aber ausschlug, und unter solch andrer Begleitung und Aussicht zogen wir zum andern Male den Weg, den wir tags vorher gezogen waren. Unser Geleit bestand aus Mac Gregor und etwa einem Halbdutzend der stattlichsten, bestbewaffneten und rüstigsten Hochländer seiner Schar. Als wir uns dem Engpasse näherten, der mir als Schauplatz des Gefechts vom verwichnen Tage noch in trüber Erinnerung war, beeilte sich Mac Gregor, das Wort zu nehmen, wohl mehr, um meinem Gemüt gerecht zu werden, als daß er einer Aeußerung von mir hätte zuvorkommen wollen. »Ihr müßt Arges von uns denken, Herr Osbaldistone, und es kann natürlich nicht anders sein. Aber erwägt wenigstens, man hat uns herausgefordert. Wir sind ein rohes, unwissendes, auch wohl ein heftiges, leidenschaftliches, aber kein grausames Volk. Frieden und Gesetze würden im Lande nicht durch uns gestört werden, wenn man uns den Segen eines friedlichen Rechts wollte genießen lassen. – Aber wir sind schändlich verfolgt und gehetzt worden.« »Und das macht kluge Leute toll,« meinte Jarvie. »Und wohin mußten wir auf solche Weise gelangen, da wir doch noch leben, wie unsre Väter vor tausend Jahren lebten, und kaum mehr Wissen und Einsicht haben als sie? Können wir bessre Behandlung gewähren, als Feinde von Feinden erhalten? Ich bin in zwanzig Gefechten gewesen und habe nie einen Menschen verletzt, außer wenn mein Blut erhitzt war; und dennoch wollte man mich verraten und aufhängen, wie einen herrenlosen Hund, an das Tor des ersten besten vornehmen Herrn, der einen Groll gegen mich hat.« Ich erwiderte, daß auch mir als Engländer die Aechtung seines Namens und Geschlechts als sehr grausam und willkürlich erscheine, und erneuerte meinen Vorschlag, ihm selbst, wenn er es wollte, und seinen Söhnen Anstellung in fremden Kriegsdiensten zu verschaffen. Mac Gregor drückte mir herzlich die Hand und hielt mich zurück, als wenn er beabsichtige, Jarvie auf dem schmalen Pfade vorausreiten zu lassen. »Ihr seid ein gutherziger, wackrer Jüngling,« sprach er, »der recht gut weiß, was man den Gefühlen eines Mannes von Ehre schuldig ist. – Aber die Heide, die mein Fuß betreten hat, als ich lebte, muß über mir blühen, wenn ich tot bin. Mein Mut würde sinken und mein Arm würde zusammenschrumpfen und verwelken wie Farnkraut im Froste, wenn ich die Berge meiner Heimat nicht mehr sehen sollte; und die Welt hat keine Gegend, mich für den Verlust dieser Felsen und Klippen, die Ihr hier seht, so wild sie sind, zu trösten. – – Und Helene – was sollte aus ihr werden, wenn ich sie neuen Beleidigungen, neuen Grausamkeiten aussetzte? oder wie könnte sie diese Gegenden verlassen, wo die Erinnerung an ihre Kränkungen versüßt wird durch die Erinnerung an ihre Rache? Ich bin einst so hart von meinem großen Feinde, wie ich wohl sagen kann, bedrängt worden, daß ich dem Sturme nachgeben mußte, und mit den meinigen unsre Heimat verlassen habe und auf einige Zeit in Mac Callummore's Land gezogen bin. Da hat Helene ein Klagelied auf unsern Wegzug aus der Heimat gedichtet, wie es besser kein Mac Rimmon hätte dichten können, so rührend und wehmütig, daß uns das Herz fast brach, als sie es sang! »Aber Eure Söhne,« sagte ich, »sind jetzt in dem Alter, in welchem Eure Landsleute doch wohl gern die Welt sehen?« »Ich wär's freilich zufrieden,« erwiderte er, »wenn sie ihr Glück in französischen oder spanischen Diensten versuchten, wie schottische Edelleute zu tun pflegen, und gestern abend kam mir Euer Plan auch ganz ausführbar vor. – Aber ich habe Seine Exzellenz heute morgen gesehen, ehe Ihr aufgestanden waret.« »Hat er denn so nahe bei uns die Nacht zugebracht?« fragte ich mit ängstlich klopfendem Herzen. »Näher als Ihr glaubt,« war die Antwort. »Aber er schien eifersüchtig zu sein auf die Unterhaltung, die Ihr mit der jungen Dame geführt habt, und da seht Ihr –« »Gelegenheit zur Eifersucht habe ich ihm nicht gegeben,« erwiderte ich, nicht ohne Stolz; »ich hätte seine Einsamkeit gewißlich nicht gestört.« »Aber Ihr müßt doch nicht gleich unter Euren Locken hervorblicken wie eine Wildkatze aus einem Efeubusch; denn Ihr müßt doch nicht verkennen, daß er Euch aufrichtig wohl will, und das doch auch bewiesen hat. Gerade das ists ja immer, was die Heide in Feuer setzt, und ists auch jetzt wieder!« »Die Heide in Feuer?« fragte ich. »Ich verstehe Euch nicht.« »Nun,« versetzte Robin, »Ihr wißt doch, daß Weiber und Geld an allem Unheil in der Welt schuld sind. Ich habe Eurem Vetter Rashleigh nicht mehr getraut, seit er merkte, daß Diana Vernon nicht seine Liebste werden sollte; und ich glaube auch, er hat vorzüglich deshalb einen Widerwillen gegen die Exzellenz gefaßt. Nun kam die Herausgabe Eurer Papiere dazu – und jetzt ist es denn auch bewiesen, daß er, sobald er sie fahren lassen mußte, flugs nach Stirling geritten ist, und der Regierung alles offenbart hat, was in der Stille in unsern Gebirgen vorging, und manches noch dazu. Das ist ohne Zweifel Grund und Ursach gewesen, daß man das Land besetzte, um die Exzellenz und die Lady zu fangen, und gleichzeitig einen Angriff gegen mich zu machen. Der arme Teufel Morris, dem er alles weis machen konnte, hat sich gewiß von ihm und einigen niederländischen Edelleuten bestimmen lassen, mich in die Falle zu locken. – Aber war auch Rashleigh Osbaldistone der letzte und beste seines Geschlechts, sollten wir je wieder zusammentreffen, will ich des Todes sein, wenn nicht, ehe wir scheiden, mein Dolch und sein Herzblut bekannt miteinander werden.« Er sprach diese Drohung mit schrecklich finsterm Blick aus und legte die Hand an den Dolch. »Ich könnte mich fast freuen über das Geschehene,« sagte ich, »wenn sich hoffen ließe, daß, durch Rashleighs Verräterei, die tollkühnen Anschläge verhindert würden, deren Hauptanstifter er, wie ich längst argwöhnte, gewesen ist.« »Glaubt das nicht,« sprach Robin der Rote. »Eines Verräters Wort hat noch nie eine gute Sache verdorben. Er wußte freilich viel von unsern Geheimnissen, und wäre das nicht gewesen, so wären die Schlösser in Stirling und Edinburg jetzt in unsrer Gewalt, oder würden bald an uns fallen, was jetzt kaum noch zu hoffen ist. Aber unsre Sache ist zu gut, als daß sie um eines Verräters willen aufgegeben werden sollte, wie man in kurzem sehen und hören wird. Und darum nehmt, was ich Euch vor allem sagen wollte, meinen besten Dank für Euer Anerbieten wegen meiner Söhne entgegen, das ich gestern für sie anzunehmen gedachte. Aber ich sehe, durch dieses Elenden Verräterei werden unsre Großen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie nicht länger säumen dürfen, wenn sie nicht in ihren Häusern festgenommen, wie Hunde gekoppelt und nach London getrieben werden wollen, gleich den wackern Herren und Edelleuten anno 1707. Bürgerkrieg ist ein Basilisk; wir haben auf dem Ei, das ihn barg, zehn Jahre lang sitzen können, aber da kommt Rashleigh, der die Schale entzwei schlägt, und heraus kommt das Wundertier und ruft zu Feuer und Schwert. Bei dermaßen bestellten Sachen brauche ich alle Hände, die ich erlangen kann, und ohne Geringschätzung der Könige von Frankreich und Spanien, denen ich alles Gute wünsche, muß ich doch meinen, König Jakob sei ebensogut wie sie und besitze das nächste Anrecht auf meine Söhne, seine gebornen Untertanen.« Ich begriff leicht, daß diese Worte einen allgemeinen Volksaufstand andeuteten; da es aber so nutzlos als gefährlich gewesen sein würde, die politische Meinung meines Führers an solchem Ort und in solchem Augenblicke zu bestreiten, begnügte ich mich, die Verwirrung und das Unglück zu beklagen, die aus solchem Werke hervorgehen mußten. »Laßt's nur kommen, Herr,« versetzte Mac Gregor. »Ich habe nie gesehen, daß schlechtes Wetter sich ohne Regenschauer aufklärt; und wenn in der Welt das Unterste zu oberst gekehrt ist, haben ehrliche Leute die beste Gelegenheit, sich ein Stück Brot zu schneiden.« Ich suchte wieder das Gespräch auf Diana zu bringen, aber so frei er sich über die meisten Dinge äußerte, die für mich nichts Erfreuliches hatten, beobachtete er doch über diesen Gegenstand allein, der für mich am anziehendsten war, eine gewisse Zurückhaltung, und begnügte sich, anzudeuten, daß die Lady, wenn ihn seine Hoffnung nicht trüge, bald in einem ruhigeren Lande leben werde, als Schottland für absehbare Zeit sein dürfte. Mit dieser Antwort mußte ich mich zufrieden geben, und mit der Hoffnung, daß der Zufall mich wieder, wie früher, begünstigen und mir wenigstens das traurige Vergnügen gestatten werde, einem Wesen Lebewohl zu sagen, das meine Neigung in einem höhern Grade besaß, als ich geglaubt hatte, ließ ich das Gespräch fallen. Wir gingen ungefähr sechs englische Meilen weit am Rande des Sees auf einem wilden und reizvoll abwechselnden Pfade, bis wir einen hochländischen Meierhof erreichten, der an dem klaren Wasserspiegel lag und, wie ich glaube, Lediart hieß. Hier fanden wir auch einen ansehnlichen Haufen von Mac Gregors Leuten. Wir stiegen am Ufer des Sees aufwärts, am Ufer eines rauschenden Baches entlang. Rechts blieben einige hochländische Hütten liegen, umgeben von Stücken urbaren Landes, das gleichsam aus den anliegenden Gebüschen ausgehauen war, und Gerste und Hafer trug. Von da ab ward der Hügel steiler, und auf seinem schroffen Lande trafen wir wieder auf ungefähr fünfzig Männer von Mac Gregors Gefolge. Sie standen auf einer Stelle, deren ich mich immer noch mit Bewunderung erinnere. Der Bach fand hier in seinem Lauf eine Felsenwand, über die er sich in zwei Fällen hinabstürzte. Der erste Fall, über den sich eine prächtige alte Eiche, aus dem jenseitigen Ufer hervorsprossend, wölbte, als ob sie die herniederschießenden dunklen Gewässer beschirmen wollte, mochte zwölf Fuß hoch sein. Der gebrochene Strom fiel in ein schönes Felsenbecken, fast so regelmäßig, wie mit dem Meißel gehauen, und stürzte, nachdem er sich auf dem steinigen Rande herumgedreht hatte, steil, wenigstens fünfzig Fuß tief, durch eine dunkle enge Schlucht, und eilte dann in ruhigerem Laufe dem See zu. Hier hatten Robins Frau und Anhänger unser Frühstück bereitet, in der wohl berechneten Absicht, bei ihrem Gaste durch das erhabene Naturbild, das er ihrem Gaste bot, ein Gefühl von Ehrfurcht zu wecken. Die Hochländer sind von Natur ernst und stolz, und wie roh sie uns auch erscheinen mögen, so gehen sie doch in ihren Begriffen von Form und Höflichkeit so weit, daß man es für übertrieben hielte, wäre nicht der Ausdruck überlegener Kraft damit verbunden, und ihre gemessene Ehrerbietung und strenge Förmlichkeit, die bei einem gewöhnlichen Landmanne lächerlich erscheinen, gibt dem kriegerisch gerüsteten Hochländer eine stolze Würde. Daher war auch unser Empfang nicht ohne Feierlichkeit. Die Hochländer, die auf der Höhe zerstreut gewesen waren, zogen sich bei unserer Annäherung zusammen, und standen bewegungslos in geschlossenen Gliedern hinter drei Gestalten, in denen ich bald Helene Mac Gregor und ihre beiden Söhne erkannte. Robin ordnete seine Begleiter, und wo die Anhöhe steil ward, bat er Jarvie abzusteigen, und führte uns langsam an der Spitze des Trupps hinauf. Als wir uns näherten, hörten wir die wilden Töne des Dudelsacks, die, mit dem Rauschen des Wasserfalls vermischt, ihren natürlichen Mißklang verloren. Mac Gregors Frau kam uns einige Schritte entgegen. Ihr Anzug war sorgfältig in weiblicherm Geschmack als am vorigen Tage geordnet, allein ihre Züge trugen denselben stolzen, unbeugsamen, entschlossenen Charakter, und als sie meinen Freund Jarvie mit einer unvermuteten, ihm sichtlich nicht eben willkommenen Umarmung begrüßte, verriet mir die Bewegung seiner Perücke, seines Rückens und seiner Beine, daß ihm ungefähr zu Mute war, wie einem, der sich plötzlich von einer Bärin ergriffen fühlt, ohne unterscheiden zu können, ob das Tier freundlich oder grimmig ist. »Vetter,« sprach sie, »Ihn seid willkommen – und auch Ihr, Fremdling,« fügte sie, zu mir gewandt, hinzu und ließ meinen erschrockenen Gefährten los, der unwillkürlich zurücktrat und sich die Perücke zurecht setzte. – »Ihr seid auch willkommen. – Ihr kamt in unser unglückliches Land, als unser Blut heiß und unsre Hand locker war. Entschuldigt den rauhen Empfang und schreibt ihn der bösen Zeit zu, nicht uns.« Alles dies sprach sie mit dem Benehmen einer Fürstin und mit Anmut, Geläufigkeit und Nachdruck. Sie lud uns zu einer Erfrischung ein, die auf dem Rasen zubereitet wurde, und das Beste bot, was ihre Berge liefern konnten; allein der Genuß wurde gestört und getrübt durch den finstern, unwandelbaren Ernst, der auf ihrer Stirn ruhte, und durch unsre bangen Erinnerungen an die Ereignisse des verwichenen Tages. Vergebens suchte der Häuptling uns fröhlicher zu stimmen. Ein Schauder erfüllte unsre Gemüter, als ob wir bei einem Leichenmahle gewesen wären, und jede Brust fühlte sich erleichtert, als es zu Ende war. »Lebt wohl, Vetter!« sprach sie zu Jarvie, indem wir aufstanden. »Der beste Wunsch, den Helene Mac Gregor einem Freunde geben kann, ist, daß er sie nie wiedersehen möge.« Der Stadtvogt suchte eine Antwort hervorzubringen, vermutlich mit irgend einem moralischen Gemeinspruch verbrämt; allein der ruhige, traurige Ernst ihres Gesichts brachte den Beamten mit seiner förmlichen Wichtigkeit ganz aus der Fassung. Er hustete, räusperte, bückte sich und – schwieg. »Für Euch, Fremdling,« sprach sie zu mir, »hab ich ein Andenken von einer Person, die Ihr –« »Helene!« fiel Mac Gregor mit lauter und ernster Stimme ein, »was soll das heißen? Hast Du den Befehl vergessen?« »Mac Gregor,« erwiderte sie, »ich habe nichts vergessen. Hände wie diese,« fuhr sie fort, und streckte ihre langen, nervigen, nackten Arme aus, »passen nicht zur Uebermittelung von Liebeszeichen, sie müßten denn mit Jammer verbunden sein. – Jüngling,« sprach sie, mir einen Ring reichend, den ich als einen der wenigen Zieraten erkannte, die Diana zuweilen trug, »dies kommt von einer Person, die Ihr nie wiedersehen werdet. Ist es ein freudloses Andenken, so paßt es gut dazu, durch die Hände einer Frau zu gehen, die Freude nie mehr kennen wird. Ihre letzten Worte waren: Er mag mich für immer vergessen.« »Und kann sie dies für möglich halten?« sprach ich, kaum meiner Worte mir bewußt. »Alles kann vergessen werden,« versetzte die seltsame Frau, »alles – bloß nicht Schande und Rache.« »Aufgespielt!« rief Mac Gregor, stampfend vor Ungeduld. Die Sackpfeifen ertönten, und ihre trillernden, schnarrenden Klänge machten der Unterhaltung ein Ende. Wir nahmen mit stummen Gebärden von unserer Wirtin Abschied, und ich entfernte mich mit einem neuen Beweise, daß Diana mich liebte, und auf immer von mir getrennt war. Sechzehntes Kapitel Unser Weg führte durch eine wüste, aber trotz allem romantische Gegend, die ich aber in dem Kummer meiner Seele nicht genauer betrachten konnte. Der hohe Gipfel des Ben Lomond, hier der hervorragende Herrscher der Gebirge, lag uns zur Rechten und diente zum auffallenden Grenzzeichen. Ich ward nicht eher aus meiner Unempfindlichkeit gegen alles Aeußere erweckt, bis wir nach einer langen, beschwerlichen Wanderung aus einer Bergschlucht traten und der Loch Lomond vor uns lag. Ich will nicht zu beschreiben versuchen, was sich kaum vorstellen läßt, ohne es gesehen zu haben. In der Tat bildet dieser herrliche See mit seinen zahllosen lieblichen Eilanden eine der überraschendsten, schönsten und erhabensten Szenerien. Das östliche, besonders rauhe und wilde Uferland war zu jener Zeit Hauptsitz des Clans Mac Gregor, und zwischen Loch Lomond und einem andern See lag eine kleine Garnison, deren Aufgabe es war, den kühnen Häuptling in Schach zu halten. Das Land war aber von Natur so befestigt, hatte so zahlreiche Engpässe, Moräste, Höhlen und andre Unterschlupfe und Bollwerke, daß das kleine Fort, in welchem die Garnison lag, kaum als Ort gelten konnte, der vor Gefahren schützt. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte auch die Besatzung den verwegenen Mut Robins des Roten und seiner Anhänger empfunden. Unter einem hohen Felsen in einer Bucht erwartete uns ein Boot, das mit vier muntern hochländischen Ruderern bemannt war, und unser Wirt nahm mit Herzlichkeit von uns Abschied. Wir stießen vom Ufer ab und steuerten nach der südwestlichen Ecke des Sees, wo der Fluß Leven austritt. Robin blieb noch einige Zeit am Ufer stehen, kenntlich noch in weiter Ferne an seinem langen Gewehr, an dem wehenden bunten Gewand und an der einzelnen Feder auf der Mütze, wodurch in jenen Zeiten der hochländische Krieger sich auszeichnete. Endlich sahen wir ihn langsam den Berg hinanschreiten, begleitet von den Männern, die seine Leibwache bildeten. Wir setzten unsre Fahrt lange fort unter Schweigen, das nur durch das gälische Lied unterbrochen wurde, das einer von den Ruderern in leisen, unregelmäßigen Rhythmen sang und dann in einen wilden Chor überging, in den die andern einfielen. So traurig ich gestimmt war, so gewährte mir der Anblick der prächtigen Landschaft, die uns umgab, doch einige Linderung, und in der Schwärmerei des Augenblicks kam mir der Einfall, daß es sich für einen Katholiken auf einem der anmutigen Eilande, zwischen denen unser Boot dahinglitt, als Einsiedler herrlich leben und sterben ließe. Der Stadtvogt hing auch seinen Betrachtungen nach, die aber von den meinigen recht verschieden waren, denn nach einem langen Stillschweigen, das er benützt hatte, um allerhand Berechnungen anzustellen, versuchte er den Beweis zu liefern, daß es möglich sei, den See auszutrocknen, und für Pflug und Egge viele hundert, ja viele tausend Morgen Landes zu gewinnen. Endlich näherten wir uns dem Landungsplatze, nicht weit von den Trümmern einer alten Feste, wo der See in den Leven abfließt. Hier trafen wir Dougal mit den Pferden. Ich drückte dem wackern Bergschotten ein paar Goldfüchse in die Hand, die ihn zu wahren Bockssprüngen der Freude bestimmten; und während er sich hierauf wieder in die Berge schlug, bestiegen wir unsre Pferde und ritten die Straße nach Glasgow. Als wir den See mit seinem prächtigen Amphitheater von Bergen aus dem Gesichte verloren, konnte ich nicht unterlassen, mit Begeisterung von dessen Naturschönheiten zu sprechen, obwohl ich wußte, bei Jarvie keinerlei Verständnis dafür zu finden. »Ihr seid ein junger Mann und ein Engländer,« erwiderte er; »und damit erklären sich wohl solche Anschauungen; aber ich bin ein schlichter Mann, der bloß für den Nutzwert der Ländereien Verständnis hat, und gebe gern die schönste Aussicht, die wir im Hochlande gesehen haben, für den ersten Blick der Dächer von Glasgow. Bin ich erst einmal wieder dort, dann will ich nicht um jedes Narren willen – nichts für ungut, Herr Franz – der Stadt wieder den Rücken drehen.« Der wackre Mann sah diesen Wunsch rasch erfüllt, denn ein Dauerritt, den Tag und die Nacht hindurch, brachte uns am andern Morgen vor sein Haus. Nachdem ich meinen wackern Reisegefährten der Obhut seiner bedachtsamen und dienstfertigen Mathilde überliefert hatte, begab ich mich nach meinem Wirtshaus, wo ich zu dieser ungewöhnlichen Stunde noch Licht antraf. Die Tür ging auf, und kein andrer als Andreas, der Gärtner, war es, der beim ersten Klang meiner Stimme vor Freude schrie und, ohne ein Wort zu sagen, die Treppe hinauf nach dem Zimmer im zweiten Stock lief, aus dessen Fenstern das Licht schimmerte. In der Erwartung, daß er meine Ankunft dem bekümmerten Owen melden wollte, folgte ich ihm auf dem Fuße. Owen war nicht allein – es war noch ein andrer im Zimmer – mein Vater. In der ersten Minute versuchte er, seine gewöhnliche Würde zu behaupten. »Franz, es freut mich, Dich zu sehen.« – In der nächsten Minute aber lag er in meinen Armen und rief: »Mein lieber, lieber Sohn!« Owen umfaßte meine Hände, die er mit Tränen benetzte, während er mir zu meiner Rückkehr Glück wünschte. Nachdem die erste Aufwallung der Freude vorüber war, erfuhr ich, daß mein Vater kurz nachher, als sich Owen auf den Weg nach Schottland gemacht hatte, aus Holland zurückgekehrt war. Entschlossen und rasch in allen seinen Bewegungen, verweilte er nur, die Mittel zur Erfüllung aller Verbindlichkeiten herbeizuschaffen, die sein Kaufhaus zu erfüllen hatte. Mit seinen reichen Hilfsmitteln und, da es ihm gelungen war, in den Niederlanden alle Geschäfte gut abzuwickeln, gestärkt an Kapital und Kredit, gelang es ihm leicht, Verhältnisse, die vielleicht nur seine Abwesenheit geschaffen oder erschwert hatte, zu ordnen, und sobald ihm dies gelungen war, reiste er auf der Stelle nach Schottland, um Rashleigh zur Rechenschaft zu ziehen und zugleich seine Angelegenheiten auch dort wieder in Ordnung zu bringen. Seine Ankunft unter solchen Umständen war ein Donnerschlag für Mac Vittie und Compagnie, die geglaubt hatten, sein Stern sei für immer untergegangen. Aufs äußerste aufgebracht über die Behandlung, die sein Geschäftsführer Owen erfahren hatte, wies mein Vater alle Entschuldigungen und gütlichen Vergleiche zurück, berichtigte die laufende Rechnung und erklärte dann dem schottischen Handelshause, daß hiermit zwischen ihnen und ihm aller geschäftlicher Verkehr als aufgehoben anzusehen sei. Unterdes war er meinetwegen nicht wenig in Sorgen. Owen hatte es nicht für möglich gehalten, daß eine Reise von fünfzig bis sechzig Meilen, von London aus in jeder Richtung schon damals ein Kinderspiel, mit solchen Gefahren verbunden sein könnte. Aber mein Vater kannte das Land und die gesetzlosen Bewohner besser, und so stiegen die Besorgnisse der beiden wackern Männer zur Angst, als wenige Stunden vor meiner Ankunft Andreas erschien, und eine übertriebene Schilderung der bedenklichen Lage gab, in der er mich zurückgelassen hatte. Owen wäre, wenn er allein gewesen und von niemand beraten worden wäre, ganz ohne Frage in die hellste Verzweiflung geraten über all das Schlimme, das er über mein Schicksal aus dem Munde des Gärtners vernahm; aber mein Vater, bei seiner Menschenkenntnis, war besser im stande, die Sinnesart des Erzählers zu durchschauen und den wahren Verlauf seiner Nachrichten zu würdigen. Immerhin waren sie beunruhigend genug, auch wenn ein gewisses Maß von Uebertreibung dabei obwaltete. Und so faßte mein Vater ohne weiteres den Entschluß, sich selbst auf den Weg zu machen, um meine Freilassung durch ein Lösegeld oder im Wege der Unterhandlung zu bewirken, und war mit Owen noch in später Nachtstunde mit der Durchsicht von Briefen und Erledigung andrer Geschäfte beschäftigt, die während seiner Abwesenheit vollendet werden sollten. So traf es sich, daß ich sie noch munter fand. Es war spät, als wir auseinandergingen. Viel zu ungeduldig, mich langer Ruhe hinzugeben, stand ich beizeiten wieder auf. Andreas meldete sich pflichtgemäß zu seinem Dienst, und an Stelle der Vogelscheuche, zu der die Hochländer ihn gemacht hatten, zeigte er sich jetzt in tiefer Trauerkleidung. Nach verschiedenen Fragen, die der Schelm erst gar nicht verstehen wollte, brachte er endlich heraus, daß er gemeint habe, um meinetwillen Trauer anlegen zu sollen, und da der Trödler, in dessen Bude er sich ausgestattet, den Anzug nicht habe wiedernehmen wollen, und er doch in meinen Diensten um seine Kleider gekommen sei, so rechne er darauf, daß sowohl ich als mein Vater, zumal ihm ja Gottes Segen in so reichem Maße zuteil geworden sei, nicht leiden würden, daß ein so armer Bursche wie er, besonders ein alter und treuer Diener des Hauses, solchen Verlust aus eigner Tasche trüge. Da seine Beschwerde insoweit begründet war, als ihn sein Verlust tatsächlich in meinen Diensten getroffen hatte, so gelang ihm seine List, und er kam zu einem guten Anzug. Sobald mein Vater aufgestanden, besuchte er den Stadtvogt. Mit wenigen, aber männlichen und kräftigen Worten dankte er ihm, tief ergriffen über alle Güte, die er ihm und mir erwiesen hatte, und bot ihm, nachdem er ihn über die Ordnung seiner Angelegenheiten genügend Aufklärung gegeben, unter sehr vorteilhaften Bedingungen den Anteil an seiner Firma an, den bisher Mac Vittie besessen hatte. Jarvie gratulierte meinem Vater und Owen herzlich zu dem Umschwung der Verhältnisse, meinte, wenn er auch nicht leugnen wolle, sein Bestes getan zu haben, doch schließlich über seine Pflicht nicht hinausgegangen zu sein, und erklärte, sich zu der Erweiterung der geschäftlichen Beziehungen gern zu verstehen; hätten Mac Vitties sich als wackre Leute erwiesen, so wäre er ihnen nicht gern ins Gehege gekommen; so aber müßten sie den Schaden hinnehmen, den sie sich selbst gestiftet hätten. Jarvie zog mich darauf in eine Ecke, und nach nochmaligem herzlichen Glückwunsche fügte er, nicht ohne Verlegenheit, hinzu: »Ich möchte gern, Herr Franz, daß von den seltsamen Dingen, die wir im Hochlande erlebten, so wenig als möglich gesprochen werde. Und wird man nicht gerichtlich zu einer Aussage über den schrecklichen Vorfall mit Morris genötigt, möchte es kaum gut sein, darüber viel verlauten zu lassen; und daß es im Ratskollegium nicht gerade als rühmlich gelten möchte, daß einer aus ihrer Mitte mit Hochländern gefochten und ihnen ein Plaid angesengt hat, brauche ich wohl auch nicht erst zu sagen; noch weniger, daß einer von ihnen ohne Hut und Perücke am Strauche gehangen hat.« Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der gutmütige Mann wurde verlegen, lächelte aber gleichfalls, indem er mit Kopfschütteln sagte: »Ich sehe, wie's steht – ich sehe, wie's steht. Aber redet nicht davon, und sagts auch Eurem geschwätzigen und eingebildeten Diener, daß er den Mund zu halten habe. Ich möchte nicht einmal, daß die Mathilde was davon erführe. Das Gerede darüber nähme sicher kein Ende.« Wir verlebten noch einen Tag im gastfreien Hause des Glasgower Stadtvogts. Dann nahmen wir von ihm Abschied. Da er in dieser Erzählung nicht mehr auftreten wird, sei noch kurz bemerkt, daß er in Wohlstand und Ehre sein Leben weiterführte und noch zu den höchsten Würden in seiner Vaterstadt aufgestiegen ist. Nach ungefähr zwei Jahren wurde er des Junggesellenlebens überdrüssig und erhob die sorgsame Mathilde von ihrem Platz am Küchenfeuer auf den ersten Rang an seiner Tafel, als ehrsame Frau Jarvie. Siebzehntes Kapitel An dem Morgen, an welchem wir Glasgow verlassen wollten, stürzte Andreas wie ein Wahnsinniger in meine Stube, tanzte herum, hüpfte hin und her und sang und schrie, daß mir die Ohren gellten. Endlich gelang es mir, ihn zum Schweigen zu bringen und zu sagen, was vorgefallen sei. Die Hochländer hätten losgeschlagen, und Robin der Rote würde mit seiner hosenlosen Bande in 24 Stunden in Glasgow sein. »Schweigt!« rief ich, »Ihr Tropf! Ihr müßt betrunken oder toll sein.« »Betrunken oder toll?« versetzte Andreas keck. »Wenn man mal was sagt, was vornehme Leute nicht hören mögen, dann heißts gleich, man sei toll oder habe was im Kopfe!« Ich stand schnell auf und fand meinen Vater und Owen gleichfalls auf den Füßen und in großer Unruhe. Die Kunde meines Dieners erwies sich nur allzu wahr. Der große Aufstand, der Großbritannien im Jahre 1715 erschütterte, war bereits ausgebrochen. Der unglückliche Graf von Mar hatte in einer schlimmen Stunde die Fahne der Stuarts erhoben, um über viele angesehene Geschlechter in Schottland und England Jammer und Elend zu bringen. Verrat war im Werke gewesen, ihm hatte mein Vetter Rashleigh nicht fern gestanden, und so hatten Georgs des Ersten Räte rechtzeitig Wink von den Dingen bekommen, die im Werke waren, und ihre Gegenmaßregeln treffen können. Dadurch waren die Empörer genötigt worden, früher loszuschlagen, als sie willens waren, früher als alle Vorbereitungen getroffen waren. Wir berieten uns über die Maßregeln, die uns diese bedenkliche Lage aufnötigte, und stimmten meinem Vater bei, uns sogleich Pässe zu verschaffen und gerades Weges nach London zu reisen. Ich äußerte den Wunsch, in einem der freiwilligen Heerhaufen, die bereits gebildet wurden, dem Staate meine Dienste anzubieten. Mein Vater sagte ohne weiteres Ja hierzu; denn wenn er auch den Krieg als ein Gewerbe mißbilligte, so wäre doch niemand schneller bereit gewesen, sein Leben zur Verteidigung der bürgerlichen und religiösen Freiheit in die Schanze zu schlagen, als er. Wir reisten schnell durch Dumfriesshire und die angrenzenden Grafschaften von England. In der ganzen Gegend waren die Torys bereits in Bewegung, Soldaten und Pferde musternd, wahrend die Whigs sich in den Hauptstädten versammelten, die Einwohner bewaffneten und sich zum Bürgerkriege vorbereiteten. Oft waren wir in Gefahr, angehalten zu werden, und genötigt, Umwege zu machen, um den zusammengezogenen Truppen auszuweichen. Nach unsrer Ankunft in London schlossen wir sogleich mit Privatbanken und angesehenen Kaufleuten ein Abkommen, die Regierung zu unterstützen und dem Andrang auf die königl. Bank ein Paroli zu bieten, worauf die Verschworenen es hauptsächlich angelegt hatten, in der Hoffnung, einen Staatsbankerott herbeizuführen. Es gelang schnell, Käufer für eine Anzahl von Staatspapieren zu finden, die beim Ausbruche des Aufstandes einen jähen Sturz erlitten hatten. Ich war auch nicht müßig, sondern warb auf meines Vaters Kosten gegen zweihundert Mann, mit denen ich zu General Charpenters Armee stieß. Unterdessen hatte sich der Aufstand in England verbreitet. Der unglückliche Graf von Darwentwater ergriff die Waffen, mit dem General Foster. Mein armer Oheim, dessen Vermögen durch seine eigne Sorglosigkeit und die Verschwendung seiner Söhne und seines Haushalts fast bis auf nichts herabgekommen war, ließ sich leicht bewegen, der unglücklichen Fahne zu folgen. Ehe er aber diesen Schritt tat, traf er eine Vorsichtsmaßregel, die man ihm nicht zugetraut haben würde – er machte sein Testament! Nach dessen Wortlaut sollten seine Besitzungen auf seine Söhne, von einem zum andern, und auf ihre männlichen Nachkommen forterben, bis auf Rashleigh, gegen den er zufolge seiner Abtrünnigkeit einen maßlosen Haß hegte: er fertigte ihn mit einem Schilling ab und setzte mich zum nächsten Erben nach seinen Söhnen ein. Gerne hatte mich der alte Herr ja immer gehabt, immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, daß er, im Vertrauen auf die Zahl und Körperkraft seiner jugendlichen Söhne, die mit ihm unter die Waffen traten, diese letzte Verfügung für ein totes Wort gehalten hat, vorzüglich darum hinzugefügt, um sowohl öffentlich als privatim seinen Unwillen über Rashleighs Verräterei auszudrücken. Auch vermachte er der Nichte seiner verstorbenen Gemahlin, Diana Vernon, jetzt Lady Diana Vernon Beauchamp, einige Diamanten, die ihrer Tante gehört hatten, und ein großes silbernes Becken, worauf die verschränkten Wappen der Familien Vernon und Osbaldistone eingegraben waren. Dem Ratschlusse des Himmels gemäß sollte aber sein zahlreicher und rüstiger Stamm schneller untergehen, als er höchstwahrscheinlich vermuten konnte. Bei der ersten Musterung der Verschworenen zu Green Rigg geriet Thorncliff mit einem Edelmann aus Northumberland, der eben so heftig und starrsinnig war als er, über den Vorrang in Streit. Ungeachtet aller Vorstellungen gaben sie ihrem Kommandanten eine Probe, inwieweit er sich auf ihre Manneszucht verlassen konnte; sie fochten ihren Streit mit dem Schwert aus, und mein Vetter blieb auf dem Platze. Sein Tod war ein empfindlicher Verlust für Ritter Hildebrand, da Thorncliff, trotz seiner rohen Gemütsart, ein Paar Gran Verstand mehr hatte, als die übrigen Brüder zusammen, ausgenommen natürlich Rashleigh. Percival, der Trunkenbold, starb gleichfalls in seinem Beruf. Er ging, als Jakob der Dritte von den Insurgenten zum König ausgerufen wurde, mit einem andern Edelmann eine Wette ein, wer den größten Becher voll starken Branntweins austrinken könnte. Die Aufgabe ging ins Ungeheure. Ich habe das eigentliche Maß, um welches es sich dabei gehandelt hat, vergessen; allein Percival fiel infolge dieser sinnlosen Wette in ein starkes Fieber, und unter dem fortwährenden Rufe: »Wasser! Wasser!« starb er nach drei Tagen. Richard brach an der Warrington-Brücke den Hals als er mit einem abgerittenen Pferde, das er einem zu den Insurgenten übergetretenen Kaufmann aus Manchester aufschwatzen wollte, über einen Zaun zu setzen versuchte. Das Tier stürzte, und der unglückliche Jockey kam dabei um. Wilfred, der Narr, hatte, wie es sich zuweilen bei seinesgleichen zuträgt, das meiste Glück in der Familie. Er fiel in der Schlacht bei Preston, in der er mit großer Tapferkeit focht, obwohl er nie recht begriffen haben soll, weshalb gekämpft wurde, und sich nicht immer besinnen konnte, auf welches Königs Seite er die Waffen führte. Auch Johann hielt sich in derselben Schlacht tapfer, war aber nicht so glücklich, auf dem Walplatz zu sterben, sondern wurde nur schwer verwundet. Der alte Hildebrand, dem diese so schnell aufeinander folgenden Unglücksfälle das Herz gebrochen hatten, geriet, als seine Partei sich nach dem Verluste der Schlacht ergeben mußte, in Gefangenschaft und wurde mit seinem Sohne Johann nach Newgate gebracht. Meines Vaters Einfluß und die allgemeine Teilnahme, die ein Vater erregte, der in so kurzer Zeit so viele Söhne verlor, hätte wohl meinem Oheim und meinem Vetter die Anklage des Hochverrats erspart oder zum wenigsten stark gemildert; aber ihr Urteil wurde von einem höhern Richterstuhle gefällt. Johann starb im Gefängnisse an seinen Wunden. Mein armer Oheim war tief gebeugt durch das Unglück, das ihn betroffen hatte, konnte sich unmöglich darin finden, daß alles um ihn her zusammenstürzte und daß, er, statt auf seinem schönen Herrensitze, in einer elenden Gefängniszelle hausen mußte. Er starb nach einigen Wochen im eigentlichen Sinne des Wortes am gebrochenen Herzen. Merkwürdig war mir nun, daß mein Vater, nachdem er seinem Bruder die letzten Pflichten erwiesen, plötzlich den lebhaften Wunsch hegte, daß ich dem Testament gemäß handeln und das Erbe meines Oheims antreten solle. Es kam mir so vor, als sei in dem Kaufherrn der alte Stolz auf sein edles Geschlecht nicht völlig ausgerodet gewesen, als hätte er bisher nur, gleich dem Fuchs in der Fabel, verachtet, was er nicht erreichen konnte. Uebrigens sprach hierbei wesentlich wohl seine heftige Abneigung gegen Rashleigh mit, der laut drohte, seines Vaters Verfügung angreifen zu wollen; denn er sei von seinem Vater ungerechterweise enterbt worden, aber das Testament seines Bruders habe die Kränkung, wenn auch nicht das Unrecht vergütet, und den Ueberrest des Stammguts dem rechtmäßigen Erben hinterlassen. Dieses brüderliche Vermächtnis gedenke er auch zu behaupten. Rashleigh war indes als Gegner nicht gering zu schätzen, denn was er der englischen Regierung über den im Werke befindlichen Aufstand verraten hatte, war so rechtzeitig und schnell gekommen und so listig und ausführlich gewesen, daß es ihm bei den Ministern viele Gönner erworben hatte. Deshalb befolgte mein Vater den Rat seines Rechtsbeistandes, eine Anzahl von Hypotheken, die auf dem Schlosse Osbaldistone lasteten, aufzukaufen, und auf mich überschreiben zu lassen. Mit den Urkunden ausgestattet, beauftragte er mich, nach dem Schlosse Osbaldistone zu reisen und es als Erbe und Vertreter der Familie in Besitz zu nehmen. Von dem Richter Inglewood sollte ich die Urschrift des Testaments erhalten, das mein Oheim gemacht hatte, und zur Sicherung meiner Rechte alle die Maßregeln ergreifen, die mir den Vorteil des » beatug possidens « sicherten. In jeder andern Zeit hätte eine solche Veränderung meiner Lage mir aufrichtige Freude bereitet; jetzt aber konnte Schloß Osbaldistone mir nur schmerzliche Erinnerungen wecken. Indes glaubte ich, nur in dieser Gegend Nachrichten von Dianas Schicksal erhalten zu können. Ich hatte allen Grund zu fürchten, daß es ganz anders sich gestaltet haben möge, als es meinen Wünschen nach hätte sein sollen. Ich konnte nichts über sie erfahren. Vergebens bemühte ich mich, das Vertrauen einiger entfernten Verwandten zu gewinnen, die sich unter den Gefangenen in Newgate befanden. Ein Stolz, den ich nicht verdammen konnte, und ein natürlicher Argwohn gegen den Whig, Franz Osbaldistone, den Vetter des zweifachen Verräters Rashleigh, verschlossen jedes Herz und jeden Mund, und ich erhielt nur kalten, erzwungenen Dank für die Wohltaten, die ich ihnen erweisen konnte. Nach und nach minderte sich auch ihre Zahl; gruppenweis wurden sie nacheinander zum Tode geführt, und die, denen das Gesetz noch Frist gönnte, verloren alles Interesse an der Menschheit und am Leben, weil sie wußten, daß auch sie an die Reihe kämen. Ich war daher froh, London und Newgate den Rücken wenden und die freie Luft von Northumberland atmen zu können. Andreas war in meinem Dienste geblieben; vorderhand konnte mir seine Ortskenntnis von Schloß und Gegend nützen. Wir legten die Reise ohne Abenteuer zurück und fanden das Land, in welchem vor kurzem wilder Aufruhr getobt hatte, jetzt in Frieden und Ordnung. Je näher wir dem Schlosse Osbaldistone kamen, desto enger schnürte sich mir das Herz zusammen bei dem Gedanken, den Fuß in diese verödete Wohnung setzen zu sollen; und um den gefürchteten Augenblick hinauszuschieben, beschloß ich, zuerst den Richter Inglewood aufzusuchen. Das erste, was mir der wackre Mann mitteilte, war, daß er seinen Schreiber Jobson los sei, der als Gehilfe eines Friedensrichters jetzt seinen Eifer für König Georg und die protestantische Erbfolge betätigte. Richter Inglewood empfing mich sehr freundlich und händigte mir bereitwillig meines Oheims Testament aus, an dem kein Fehler zu bemerken war. Anfangs in sichtlicher Verlegenheit mir gegenüber, taute er langsam auf, und so hatten wir bereits einige Humpen geleert, als er mich plötzlich aufforderte, einen vollen Becher einzuschenken auf das Wohl der guten, lieben Diana Vernon, der »Rose in der Wildnis«, der »Glockenblume von den Sheviot-Burgen«, die in ein verwünschtes Kloster verpflanzt werde. »Ist denn Fräulein Vernon nicht verheiratet?« rief ich im höchsten Erstaunen. »Ich glaubte, Seine Exzellenz –« »Pah! Pah! Seine Exzellenz und Seine Herrlichkeit ist alles Schnickschnack jetzt, wißt Ihr – leere Titel von St. Germain. Graf von Beauchamp! Botschafter von Frankreich! – weiß doch der Herzog-Regent von Orleans kaum, daß solch ein Monsieur lebt. Aber Ihr müßt doch den alten Sir Friedrich Vernon im Schlosse gesehen haben, wo er die Rolle des Pater Vaughan spielte!« »Gerechter Himmel! Also war Vaughan ihr Vater?« »Ja freilich,« erwiderte der Richter gleichgültig. »Es ist jetzt ohne Nutzen, das Geheimnis zu bewahren, denn er muß nun aus dem Lande sein, – sonst wärs freilich meine Pflicht, ihn gefangen zu nehmen. – Kommt, leert Euer Glas aufs Wohl meiner lieben, verlorenen Diana!« »Ich war, wie sich denken läßt, nicht aufgelegt, in des Richters Fröhlichkeit einzustimmen. Der Kopf schwindelte mir. »Ich habe nie gehört, daß ihr Vater noch lebe,« sagte ich. »An unsrer Regierung hats nicht gelegen, daß er noch lebt,« erwiderte Inglewood; »denn es hätte wohl nicht so leicht ein andrer Kopf so viel eingebracht, wie der seinige. Zu König Wilhelms Zeit wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung zum Tode verurteilt, hatte er sich in Schottland mit einer aus dem Hause Breadalbane verheiratet und besaß daher großen Einfluß bei allen Häuptlingen. Wie es heißt, hat er bei dem Frieden zu Ryswick ausgeliefert werden sollen, allein er rettete sich durch List, und sein jäher Tod wurde in den französischen Blättern öffentlich bekannt gemacht. Als er hierher zurückkam, kannten wir alten Leute ihn recht gut, – das will sagen, ich kannte ihn wohl; da aber keine Anzeige gegen ihn einkam, und mein Gedächtnis durch öftere Gichtanfälle litt, hätte ich doch nicht darauf schwören mögen.« Im Schlosse kannte ihn nur seine Tochter, der alte Ritter und Raghleigh, der hinter das Geheimnis gekommen war, wie er hinter alles kam, und es der armen Diana wie eine Schnur um den Nacken hielt. Ich habe ihr hundertmal angesehen, daß sie ihm ins Gesicht gespieen hätte, wäre es ihr nicht um den Vater gegangen, dessen Leben an einem Faden hing.« Sir Friedrich Vernon, oder wie er unter den Jakobiten hieß, Seine Exzellenz Viscount Beauchamp, war mit seiner Tochter nicht ohne Schwierigkeit den Folgen von Rashleighs Verrat entgangen. Da man aber nicht vernommen hatte, daß Vernon in der Gewalt der Regierung sei, zweifelte er nicht daran, daß ihm die Flucht ins Ausland geglückt sei, wo seine Tochter, nach der bittern Uebereinkunft mit seinem Schwager, da sie keinen Osbaldistone heiraten wollte, ins Kloster werde gehen müssen. Ich kann nicht sagen, – so groß ist der Eigensinn des menschlichen Herzens, – ob diese Nachricht mir Freude oder Kummer gewährte. Es schien mir, als ob mein Schmerz über Dianas Verlust stärker als schwächer wäre, seitdem ich wußte, daß sie nicht durch Verheiratung mit einem andern, sondern durch die Mauern eines Klosters auf ewig von mir getrennt war. Ich wurde trübsinnig, niedergeschlagen, zerstreut und unfähig, das Gespräch mit dem Richter fortzusetzen, der auf seiner Seite zu gähnen anfing und vorschlug, bald zur Ruhe zu gehen. Ich nahm von ihm Abschied, mit dem Entschlusse, am folgenden Morgen nach dem Schlosse hinüberzureiten. Inglewood billigte meinen Vorsatz. Es werde gut sein, meinte er, wenn ich mich dort zeigte, bevor meine Ankunft in der Gegend bekannt geworden sei, umsomehr, da Rashleigh, wie er vernehme, in Jobsons Hause sich aufhalte, ohne Zweifel, um Unheil zu stiften. »Sie passen gut zu einander,« fügte er hinzu, »da Herr Rashleigh alles Recht verloren hat, sich unter ehrenwerte Männer zu mischen; aber unmöglich können zwei solche verdammte Schelme freundlich zusammentun, wenn nicht zum Schaden ehrlicher Leute.« Achtzehntes Kapitel. Auf meinem Wege nach dem Schlosse traf ich dieselben Gegenstände, die ich an Dianas Seite auf ihrem mir unvergeßlichen Ritte von Inglewoods Wohnung gesehen hatte. Ihr Geist schien mich zu begleiten, und als ich an die Stelle kam, wo ich sie zum ersten Male erblickte, war es mir, als hörte ich Hundegebell und Jagdhornklänge, und ich starrte in den leeren Raum hin, als hätte es mich verlangt, die schöne Jägerin, gleich einer überirdischen Erscheinung, wieder vom Hügel herab kommen zu sehen. Aber alles war still und einsam. Als ich ins Schloß trat, frappierte mich der Gegensatz zwischen den geschlossenen Toren und Fenstern, den mit Gras überwachsenen Steinen, den öden Höfen und zwischen dem fröhlichen Leben und Treiben, das ich ehedem hier so oft mit angesehen hatte, wenn die muntern Jäger des Morgens auszogen oder abends heimkehrten, auf das lebhafteste, und der Gedanke; daß ich als Herr und Eigentümer hierher zurückkehrte, an diese Stätte, die ich als Flüchtling verlassen hatte, gewährte mir nur geringen Trost. Während ich meinen Gedanken nachhing, bemühte sich mein Begleiter, Andreas, den ganz andre Gefühle beherrschten, an alle Pforten zu donnern, und begehrte als Leibknappe des neuen Burgherrn Einlaß in einem Tone, der keinen Zweifel über die wichtige Meinung ließ, die er von sich hatte. Endlich zeigte sich Anton Syddall, meines Oheims alter Kellner und Haushofmeister, furchtsam und ungern an einem wohlvergitterten Fenster, und fragte, was wir begehrten. »Wir kommen, Euch Euer Amt abzunehmen, alter Freund!« sprach Andreas. »Ihr könnt sogleich die Schlüssel herausgeben. Ihr habt nun ausgedient, Herr Syddall; aber jedes Ding hält eben auf Erden seine Zeit, und Ihr könnt ganz gut nun auch mal unten am Tische sitzen, wie seitdem Andreas.« Ich setzte nun Syddall die neuen Verhältnisse auseinander, aber der alte Mann tat sehr bekümmert und war offenbar nicht willens, mich ins Schloß zu lassen, obwohl er sich demütig und unterwürfig verhielt. Ich hatte Nachsicht mit ihm, bestand aber auf meinem Verlangen. »Wir kommen vom Richter Inglewood,« sprach Andreas, in der Absicht, meinem Verlangen mehr Nachdruck zu geben. »Wir haben jetzt Recht und Gesetz im Lande, Herr Syddall, und Eure Rebellen und Papisten können jetzt nicht mehr bloß tun und lassen, was ihnen beliebt.« Diese Drohung erschreckte den Greis, der wohl wußte, daß er wegen seines Glaubens und wegen seiner Anhänglichkeit an den Ritter Hildebrand und seine Söhne nicht gut angeschrieben stand. Zitternd vor Furcht, öffnete er eine Nebenpforte, die mit vielen Riegeln und Stangen versehen war. »Wo soll ich heizen, gnädiger Herr?« fragte er, mir demütig durch den Gang folgend. »Ich fürchte, es wird Euch recht traurig und öde im Schlosse vorkommen. Aber Ihr reitet vielleicht zum Mittagessen wieder zu dem Richter?« »Macht Feuer im Büchersaal,« erwiderte ich. »Im Büchersaal?« antwortete der alte Mann. »Dort hat die ganze Zeit niemand gesessen, und es raucht drin, denn die Dohlen haben im Frühjahr ihre Nester im Kamine gebaut, und junge Burschen, die sie hätten herabstoßen können, hatten wir nicht im Schlosse.« Wie es schien, führte uns der Kellermeister ungern nach dem Büchersaal, und wider alle Erwartung sah es hier wohnlicher aus als sonst. Auf dem Rost brannte helles Feuer, das sich zu den Worten des Alten von Rauch und Dohlen im Kamine gar nicht recht vertrug. Er griff nach der Ofengabel, scheinbar in der Absicht zu schüren, wohl aber mehr, um seine Verlegenheit zu verbergen, und sagte, es wundre ihn, daß es jetzt so gut brenne, da es doch am Morgen tüchtig geraucht habe. Ich wollte allein sein, um mich von den ersten schmerzlichen Gefühlen zu erholen, die alles, was mich umgab, in mir hervorrief, und bat Syddall, den Renteneinnehmer, der in einiger Entfernung vom Schlosse wohnte, zu sagen, daß es mir lieb sei, wenn er im Laufe des Tages einmal vorspräche. Er entfernte sich sichtlich ungern. Dann hieß ich Andreas, sich nach ein paar starken Gesellen umzusehen, auf die er sich verlassen könne, denn weit und breit in der Gegend wohnten nur Katholiken, und Rashleigh, dem man eine verwegene Handlung wohl zutrauen konnte, hielt sich auch in der Nähe auf. Andreas übernahm den Auftrag mit großer Freude und versicherte, ein paar echte Presbyterianer zu bringen, die es mit dem Papste, dem Teufel und dem Prätendenten aufnehmen würden. – »Und gern will ich selbst ihnen Gesellschaft leisten,« sagte er; »denn noch in der letzten Nacht, die ich im Schlosse zubrachte, sah ich das Bild dort (auf das Bildnis in Lebensgröße von Dianas Großvater zeigend), im Mondschein durch den Garten wandeln! Ich sagte Euer Gnaden, daß ein Gespenst mich erschreckt habe; Ihr wolltet jedoch nicht darauf hören. Ich hab es ja immer gesagt, daß es unter den Papisten Hexerei und Teufelei gäbe, aber ich hab es mit leiblichen Augen erst gesehen in jener furchtbaren Nacht.« »Trollt Euch!« gab ich ihm, zur Antwort, »und bringt mir die Leute; seht aber zu, daß es nicht Kerle sind wie Ihr, die vor ihrem eignen Schatten erschrecken.« Er ging, ohne mir zu antworten, denn Wardlow, der Rentmeister, trat herein. Wardlaw war ein verständiger, redlicher Mann, dessen Pünktlichkeit und Klugheit meinem Oheim zur Aufrechterhaltung seines Hauses nicht wenig geholfen hatte. Er prüfte meine Ansprüche genau und erklärte sie für durchaus in Ordnung. Es war im Grunde genommen eine recht mühselige Erbschaft, denn das Gut war mit Schulden und Hypotheken überlastet, und wer nicht, wie mein Vater, in der Lage war, die Schulden zu tilgen und eine Hypothek nach der andern abzulösen, hätte vor einer Sorgenlast gestanden, die ihm alle Freude an dem Besitze verleidet hätte. Der Rentmeister blieb bei mir zum Essen. Da wir viel schriftliche Arbeiten mit zu besorgen hatten, wollte ich lieber gleich im Büchersaal essen, obwohl mir Syddall nachdrücklich die Steinhalle empfahl, die er dazu hatte herrichten lassen. Währenddessen kam Andreas mit seinen Angeworbenen zurück, die er als nüchtern, anständig, rechtgläubig und vor allem als löwenkühn pries. Ich wies Andreas an, für ihren Unterhalt zu sorgen, und sie verließen das Zimmer. Syddall sah ihnen mit Kopfschütteln nach. Ich begehrte die Ursache zu wissen. »Je nun,« sagte er, »wenn Ihr mir glauben wollt, wirds wohl Euer Schade nicht sein, denn was ich Euch sage, ist die nackte Wahrheit. Was den alten Ambrosius Wingfield angeht, so ist er ein ehrlicher Mann; aber wenns einen falschen Kerl in der Welt gibt, so ists sein Bruder. – Das ganze Land weiß, daß er für Schreiber Jobson den Kundschafter gemacht hat, um die Edelleute in Ungelegenheit zu bringen. Aber er ist ein Presbyterianer, und weiter braucht man ja, wie es scheint, heutzutage nichts zu sein, um als was in der Welt zu gelten.« Nachdem der alte Mann seinem Herzen auf diese Weise Luft gemacht und Wein auf die Tafel gesetzt hatte, entfernte er sich. Gegen Abend packte der Rentmeister seine Papiere zusammen und begab sich nach Hause. Ich blieb in jenem verworrenen Gemütszustände mit mir allein, in welchem wir kaum sagen können, ob uns Gesellschaft oder Einsamkeit lieber ist. Ich hatte aber nicht die Wahl zwischen beidem; denn, ich befand mich allein in dem Zimmer, das vor allem andern geeignet war, mich mit traurigen Gedanken zu erfüllen. Bei der Dämmerung steckte Andreas den Kopf zur Tür herein, um zu fragen, ob ich Licht haben wolle; es sei doch schon aus Rücksicht auf Gespenster nicht gut, im Finstern zu sitzen. Ich hieß ihn mürrisch seines Weges gehen, schürte das Feuer an, setzte mich in einen der großen ledernen Armstühle, die an dem gotischen Kamine standen, und blickte träumend in die lodernde Flamme, die ich genährt hatte. »Und so,« sprach ich vor mich hin, »entstehen, wachsen und enden die Wünsche der Sterblichen! Lappalien wecken sie, die Phantasie entzündet sie, die Hoffnung nährt sie, bis sie verzehren, was sie entflammen, und der Mensch mitsamt seinen Hoffnungen, Leidenschaften und Wünschen in einem Aschenhaufen versinkt.« Ein tiefer Seufzer aus dem andern Ende des Zimmers schien mir zu antworten. Erschrocken fuhr ich auf, und vor mir stand – Diana Vernon, auf den Arm eines Mannes gestützt, der dem oft erwähnten Großvaterbildnis so ähnlich war, daß ich schnell nach dem Rahmen blickte, in der Meinung, die Gestalt sei daraus herniedergestiegen. Dann beschlich mich der Gedanke, ich müsse wohl plötzlich wahnsinnig geworden sein, oder die Geister der Toten wären aus ihren Gräbern gestiegen. Ein Blick auf meine Gestalt überzeugte mich aber, daß ich bei Sinnen sei, und ein andrer Blick, es seien nicht Schemen, sondern lebendige Wesen, die vor mir ständen. Ja, es war Diana selbst, aber bleicher und magerer als sonst, und kein Bewohner des Grabes stand neben ihr, sondern Vaughan, oder vielmehr Sir Vernon, in einem Anzuge, der dem seines Ahnherrn glich, mit dessen Bild sein Gesicht Familienähnlichkeit hatte. Er sprach zuerst, denn Diana heftete ihre Augen fest auf den Boden, und mir fesselte Erstaunen die Zunge. »Wir erscheinen als Bittsteller, Herr Osbaldistone,« sagte er, »und suchen Zuflucht und Schutz unter Eurem Dache, bis wir eine Reise fortsetzen können, wo Kerker und Tod auf jedem Schritt uns drohen.« »Gewiß,« antwortete ich mit Anstrengung – »Fräulein Vernon kann nicht vermuten – Ihr, mein Herr, könnt nicht glauben, daß ich vergessen habe, welchen Anteil Ihr mir in meinen Bedrängnissen gezeigt habt, oder daß ich fähig wäre, jemand zu verraten, am wenigsten Euch.« »Ich weiß es,« sprach Vernon; »dennoch setze ich mit unaussprechlichem Widerstreben ein Vertrauen in Euch, das vielleicht mißfällig, gewiß gefährlich ist, und das ich lieber jedem andern erteilen möchte. Aber mein Schicksal, das mich durch ein gefahrvolles Leben verfolgte, bedrängt mich jetzt hart, und es bleibt mir keine Wahl.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Stimme meines geschäftigen Dieners ließ sich hören: »Ich bringe die Lichter. Ihr könnt sie anstecken, wenn's Euch recht ist.« Ich eilte zur Tür, um ihn am Eintritt zu verhindern. Hastig schob ich ihn hinaus, schloß die Tür hinter ihm zu und verriegelte sie – dann fielen mir plötzlich die beiden Gefährten ein, die er unten hatte; mit fiel ein, was Syddall über sie geäußert hatte, und daß man den einen für einen Spion halte, und schnell ging ich Andreas in die Dienstbotenstube nach, wo sie saßen. Andreas sprach laut, als ich die Tür öffnete, verstummte aber gleich, als er mich eintreten sah, »Was ist Euch?« fragte ich, »Ihr seht ja aus, als ob Ihr einen Geist gesehen hättet.« »M – mir ist g – gar nichts,« antwortete Andreas; »aber Ihr – Ihr hattets g – gar so eilig –« »Eilig? – Ihr müßt nicht recht klug sein,« gab ich zur Antwort – »ich dächte doch, Ihr hättets sehen müssen, daß Ihr mich aus dem Schlafe wecktet – unmanierlich genug, das muß ich sagen, und möcht mirs verbitten fürs nächste Mal – aber Syddall sagt mir, er könne keine Betten für die Leute schaffen, und Herr Wardlaw hälts für unnötig, daß sie hier bleiben. Da ist eine Krone für Euch, Leutchen; ich danke für Euren guten Willen; aber Ihr könnt sogleich wieder gehen.« Die Männer nahmen das Geld und gingen, zufrieden und, wie es schien, ohne Argwohn. Ich wartete, bis sie sich entfernt hatten und bis ich sicher war, daß sie für diesen Abend nicht mehr mit Andreas sprechen konnten. Dann begab ich mich, halbwegs beruhigt und in der Ueberzeugung, zunächst besser für die Sicherheit meiner Gäste nicht handeln zu können, in den Büchersaal zurück, um ihnen meine Maßregeln mitzuteilen. Sobald ich dies getan, unterrichtete ich sie noch, daß ich Syddall beauftragt hätte, niemand in den Büchersaal hinauf zu lassen, sondern was dort zu besorgen sei, selbst zu besorgen, weil ich annehmen müsse, daß sie die Zuflucht hier doch nur durch ihn gefunden hätten. Diana dankte mir durch einen freundlichen Blick für meine Vorsicht. »Ihr versteht jetzt mein Geheimnis, Herr Franz,« sprach sie. »Ihr wißt, wie nah und teuer mir der Verwandte ist, der so oft hier Zuflucht gefunden hat, und werdet Euch nicht länger wundern, daß Rashleigh, der unser Mitwisser war, mich mit eiserner Rute beherrschte.« Ihr Vater fügte hinzu, es sei ihre Absicht, mich nicht lange durch ihre Gegenwart zu beunruhigen. Ich bat die Flüchtlinge, nur auf ihre Sicherheit Rücksicht zu nehmen und sich andernfalls versichert zu halten, daß meinerseits alles geschehen sollte, was ihre Flucht erleichtern könne. »Rashleigh war mir immer verdächtig,« nahm Sir Vernon wieder das Wort, »aber die Art und Weise, wie er sich gegen meine Tochter betrug, und seine Treulosigkeit gegen Euren Vater haben ihn mir verhaßt und verächtlich gemacht. Bei unsrer letzten Zusammenkunft vergaß ich die Klugheit und sagte ihm rundheraus meine Meinung, und die Folge war, daß er Glauben und Vaterland verriet. Damals hegte ich noch die Hoffnung, seine Abtrünnigkeit würde von geringer Bedeutung sein. Der Graf von Mar unterhielt ein tapferes Heer in Schottland; Lord Derwentwater, Foster, Kenmore, Winton und andre Edelleute sammelten Truppen an der Grenze. Meine ausgebreiteten Verbindungen mit den englischen Edelleuten in dieser Gegend ließen es für angemessen erscheinen, daß ich mich einer Abteilung anschloß, die über den Frith und Forth durch Niederschottland ging, um sich an der Grenze mit den englischen Insurgenten zu vereinigen. Meine Tochter begleitete mich auf diesem langen, gefahr- und mühevollen Zuge.« »Und sie wird nie ihren treuen Vater verlassen!« rief Diana, sich zärtlich an seinen Arm schmiegend. »Kaum waren wir mit unsern englischen Freunden vereinigt, so sah ich, daß unsre Sache verloren war. Die Zahl der Streiter verminderte sich, anstatt zuzunehmen, und es verband sich niemand mit uns, als Anhänger unseres Glaubens. Die Torys der herrschenden Kirche verhielten sich unschlüssig, und endlich wurden wir von einer überlegenen Macht bei der kleinen Stadt Preston eingeschlossen. Wir verteidigten uns einen Tag lang tapfer. Am folgenden Tage aber sank unsern Führern der Mut, und sie beschlossen, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Das hieß aber nichts anderes, als freiwillig das Haupt auf den Block legen. Ungefähr dreißig Edelleute dachten wie ich. Wir stiegen zu Pferde und nahmen meine Tochter, die durchaus mein Schicksal teilen wollte, in die Mitte. Betroffen durch ihren Mut und ihre kindliche Liebe, erklärten ihre Gefährten, lieber zu sterben, als sie zurückzulassen. Wir ritten über einen sumpfigen Wiesengrund, der sich bis zum Fluß Ribble ausdehnte, durch den uns einer von der Partei eine gute Furt zu zeigen versprach. Dieser Sumpf war von dem Feinde nicht stark besetzt worden, so daß wir nur einige Reiter fanden, die wir zerstreuten und niederhieben. Wir setzten über den Fluß, erreichten die Straße nach Liverpool und trennten uns, um an verschiedenen Orten Zuflucht zu suchen. Mein Schicksal führte mich nach Wales, wo ich noch manchen Anhänger habe. Dennoch fand sich keine sichere Gelegenheit, zur See zu entkommen, und ich mußte mich wieder nordwärts wenden. Ein erprobter Freund will mich hier treffen und mich zu dem Hafen von Solway geleiten, wo ein Schiff bereitliegt, das mich für immer aus meinem Vaterlande entfernt. Da das Schloß Osbaldistone leer und unbewohnt war und unter Syddalls Aufsicht stand, der schon früher unser Vertrauen besessen hätte, wählten wir es zum Zufluchtsort. Wir erwarteten von Tag zu Tag die Ankunft unseres freundlichen Führers. Da zwang uns Eure unerwartete Rückkunft, uns an Euch zu wenden und um Eure Hilfe zu bitten.« Hiermit endigte Vernons Erzählung. Ich konnte mir kaum einreden, daß ich seine Tochter wirklich vor mir sah. Ihr Vater bemerkte es und fügte hinzu: »Ja, ja, es ist mein Kind, meine teure Diana; aber sie hat Prüfungen erduldet, die einer Märtyrerin Ehre machen würden; sie hat Gefahren und Tod in allerhand Gestalten gesehen; sie hat Beschwerden und Entbehrungen getragen, vor denen Männer zurückbeben würden; sie hat den Tag in Finsternis, die Nacht mit Wachen zugebracht, und nie einen Laut der Schwäche oder Klage hören lassen. Mit einem Wort, Herr Osbaldistone, sie ist ein würdiges Opfer, das ich Gott darbringen will, als das Köstlichste, was mir geblieben ist.« Nach diesen Worten folgte eine Pause. Ich verstand ihren traurigen Sinn allzu gut. Dianas Vater sorgte auch jetzt noch, meine Hoffnungen auf eine Vereinigung mit ihr zu zerstören. »Wir wollen Herrn Osbaldistone nicht länger stören,« sagte er zu seiner Tochter, »nachdem wir ihm die Verhältnisse der unglücklichen Gäste geschildert, die seinen Schutz ansprechen.« Ich erbot mich, das Zimmer zu verlassen, damit sie ungestört verweilen könnten; Sir Vernon meinte aber, das würde nur Verdacht bei den Dienern erregen, ihr Zufluchtsort sei durch Syddalls Sorgfalt mit allem versehen, was ihnen not täte. »Ihr erlaubt wohl aber,« schloß er, »daß wir uns jetzt zurückziehen. Wir müssen der Ruhe genießen, da wir ja nicht wissen, wann wir unsre gefahrvolle Reise antreten müssen.« Er nahm den Arm seiner Tochter und verschwand mit einer tiefen Verbeugung hinter der Tapete. Neunzehntes Kapitel. Ich kam mir wie betäubt und erstarrt vor. Wenn die Einbildungskraft bei einem geliebten Gegenstand verweilt, zeigt sie denselben nicht allein in dem schönsten Lichte, sondern auch in demjenigen, worin wir ihn am liebsten erblicken. Dianas Bild schwebte mir vor, wie sie war, als ihre Abschiedsträne auf meine Wange fiel, als ihr Andenken, von Mac Gregors Frau überreicht, ihren Wunsch andeutete, die Erinnerung an meine Zuneigung in Verbannung und Einsamkeit mitzunehmen. Ich sah sie wieder, und ihr kaltes, hingebendes Wesen, das so viel stille Schwermut ausdrückte, täuschte meine Erwartung und verletzte mich beinah. In meinem selbstsüchtigen Gefühle beschuldigte ich sie der Gleichgültigkeit – der Unempfindlichkeit. Ich legte ihrem Vater Stolz, Grausamkeit, Fanatismus bei und vergaß, daß Vater und Tochter alles dem Götzen opferten. Vernon war ein eifriger Katholik, der es für eine Lästerung ansah, sich mit einem Ketzer persönlich einzulassen; und Diana, für die ihres Vaters Sicherheit seit Jahren die erste Triebfeder ihrer Gedanken, Hoffnungen und Handlungen war, erachtete es für Kindespflicht, nicht allein ihren weltlichen Besitz, sondern auch ihre Herzensneigung seinem Willen zu opfern. »Also verschmäht,« sprach ich zu mir selbst, als ich den Inhalt von Vernons Mitteilungen erwog, »verschmäht und abgewiesen, ja für unwürdig erachtet, mit ihr zu reden. Mag es sein! Das soll mich aber nicht abhalten, für ihre Sicherheit zu sorgen. Ich will hier Wache halten, und so lange sie unter meinem Dache ist, soll keine Gefahr ihr drohen, die der Arm eines, entschlossenen Mannes abzuwenden vermag.« Ich rief Syddall herbei. Er kam, aber in Begleitung meines zudringlichen Dieners, der, seit ich das Haus in Besitz genommen, sich überall unentbehrlich zu machen suchte und, wie es bei Leuten seines Schlages oft der Fall ist, über das Ziel hinausschoß und sich, statt unentbehrlich, eher unangenehm machte. Seine Anwesenheit hinderte mich, offen mit Syddall zu sprechen; anderseits traute ich mir nicht, ihn wegzuschicken, aus Furcht, seinen Argwohn zu vermehren. Nach einer Weile sagte ich indessen, kurz entschlossen: »Ich werde hier schlafen; ich habe noch viel zu tun, und werde mich erst spät niederlegen.« Syddall schien meinen Blick zu verstehen und erbot sich, mir Matratzen und Betten zu besorgen, ich entließ Andreas mit dem Bescheide, mich am Morgen vor sieben Uhr nicht zu stören, und sie entfernten sich. Ich suchte mein Gemüt zu beruhigen und von der sonderbaren Lage abzuziehen, in der ich mich befand. Aber ich kämpfte vergebens, denn die Nähe derjenigen, von welcher ich bald auf immer getrennt werden sollte, gönnte mir keine Ruhe; ihr Name stand in jedem Buche, das ich zu lesen versuchte, ihr Bild drängte sich in meine Gedanken, ich mochte mich befassen, womit ich wollte. Ruhelos ging ich auf und nieder; ich warf mich auf das Lager und versuchte zu schlafen, allein vergebens; mein Mut wallte fieberhaft und schlug mir in den Adern gleich Strömen flüssigen Feuers. Endlich stand ich auf, machte das Fenster auf und starrte in das helle Mondlicht; die stille schöne Nacht brachte mir wenigstens einige Erfrischung, und als ich dann meinen Platz auf dem Ruhebett wieder einnahm, da war, der Himmel ist mein Zeuge! mein Herz freilich nicht leichter, aber doch ruhiger. Und nun fand endlich der Schlummer den Weg zu meinen Lidern. Aber schreckliche Träume beunruhigten mich noch immer, und mit einemmal war mirs, als wenn es mir in den Ohren zu donnern anfinge ... aber es vergingen einige Minuten, ehe ich mich sammeln und unterscheiden konnte. Und nun hörte ich, daß der Lärm von heftigen Schlägen gegen das Tor herrührte. Zu Tode erschrocken sprang ich von meinem Lager auf, nahm den Degen unter den Arm und eilte hinaus, den Eintritt zu wehren. Als ich die Treppe erreichte, aus deren Fenstern man in den Eingangshof sah, hörte ich Syddall im Wortwechsel mit rauhen Stimmen, die auf grund königlicher Vollmacht Eintritt forderten für den Land- und Friedensrichter Standish, und dem alten Diener, wenn er nicht Gehorsam leistete, mit den schwersten Strafen drohten. Während sie noch sprachen, hörte ich zu meinem unsäglichen Verdruß, wie Andreas den Kellermeister auf die Seite schob, um selbst das Tor zu öffnen. »Wenn sie in des Königs Namen kommen,« rief er, »so haben wir doch nichts zu fürchten – wir haben Gut und Blut für den König gelassen und brauchen uns nicht zu verstecken, wie manche Leute, Herr Syddall – denn wir sind weder Papisten noch Jakobiten.« Umsonst flog ich die Treppe hinunter. Ich hörte, wie ein Riegel nach dem andern weggeschoben wurde; ich hörte, wie der Schwätzer Andreas fort und fort von Anhänglichkeit an König Georg faselte, und ich durfte nicht mehr zweifeln, daß die Häscher Zutritt erlangt hätten, ehe ich bis zur Tür kommen könnte. Ich lief zum Büchersaal zurück, verrammelte die Tür so gut ich konnte, und rief Diana. Sie öffnete sogleich. Sie war bereits angekleidet und verriet weder Unruhe noch Furcht. »Mein Vater ist schon munter,« sagte sie; »er ist in Rashleighs Zimmer. Wir wollen in den Garten fliehen und dann in den Wald durch die Hintertür, zu der mir Syddall den Schlüssel gab für den Notfall – niemand kennt die Waldgründe besser als ich. haltet sie nur noch einige Minuten auf! – Lieber, lieber Franz, noch einmal, lebt Wohl!« Sie war verschwunden, wie ein Luftgebilde – auf dem Wege zum Vater. Die Häscher versuchten die Tür zum Büchersaal zu sprengen, als ich wieder hineintrat. »Räuber!« rief ich, mit Vorbedacht die Absicht ihres Lärms mißverstehend. »Räuber!... Syddall, Andreas! hierher! Weicht von der Tür, Gesindel – oder ich schieße!« »Herr Gerichtsschreiber Jobson,« rief Andreas von draußen herein, »verlangt Zutritt auf grund gesetzlicher Vollmacht –« »Zu suchen, zu greifen und zu verhaften,« fiel die Stimme des Zungendreschers ein, »die Leiber gewisser Personen, in meiner Vollmacht benannt, als des Hochverrats schuldig.« Neuer Lärm an der Tür! »Ich stehe auf, Ihr Herren!« rief ich, um so viel Zeit wie möglich zu gewinnen. »Braucht nicht Gewalt! Zeigt mir Eure Vollmacht, und ist sie in Ordnung, so werde ich mich nicht widersetzen!« »Gott segne den König!« rief Andreas. »Ich habs Euch ja gesagt, daß Ihr hier keine Jakobiten findet.« Ich konnte sie nun aber nicht länger warten lassen, denn sie hätten sonst die Tür gesprengt. Wie ein Pfeil schoß Jobson herein, von mehreren Gehilfen begleitet, unter denen ich den jüngern Wingfield entdeckte, dem er ohne Zweifel seine Nachricht zu danken hatte. Er zeigte mir die Vollmacht, die nicht allein auf Friedrich Vernon, einen prozessierten und landflüchtigen Verbrecher, sondern auch gegen Diana Vernon und Franz Osbaldistone, wegen Mitwisserschaft des Verrats, lautete. Widerstand wäre hier Tollheit gewesen; ich bedang mir nur einige Minuten Aufschub, dann übergab ich mich als Gefangenen. Jobson schritt in Dianas Kammer; ich hörte, wie er sich von dort in das Zimmer begab, in welchem Vernon geschlafen hatte. »Der Hase ist entwischt,« sprach er roh, »aber das Lager ist noch warm, und die Hunde werden ihn wohl schon beim Felle haben. –« Wenig fehlte, so hätte ich den Wicht niedergeschlagen. Da erscholl vom Garten herauf ein angstvoller Schrei. Er sagte mir, daß der Wicht von Schreiber recht hatte, und nach fünf Minuten trat Rasleigh mit Vernon und Diana ins Zimmer. »Der Fuchs,« sprach er, »kennt seinen alten Bau, aber er hat vergessen, daß ein achtsamer Jäger ihn verstopfen konnte. – Ich halte die Gartenpforte nicht vergessen, Sir Friedrich – oder, wenn Euch dieser Titel besser gefällt, Lord Beauchamp.« »Rashleigh,« sprach Vernon, »Du bist ein elender Schurke!« »Der Namen stand mir besser, Herr Ritter, oder Mylord, als ich unter der Leitung eines geschickten Lehrers den Bürgerkrieg in ein friedliches Land z« bringen suchte. Aber,« sprach er mit emporgewandtem Blick, »ich habe mein Bestes getan, meine Verirrungen wieder gut zu machen.« Ich konnte mich nicht länger halten. Ich hatte mir vorgenommen, dem Vorgänge schweigend zuzusehen, aber ich fühlte, daß ich reden oder sterben müßte. »Wenn die Hölle eine Gestalt hat, die scheußlicher ist als die andre,« rief ich, »so muß es Niederträchtigkeit unter der Larve der Heuchelei sein.« »Ei, ei, mein sanftes Vetterlein,« sprach Rashleigh, indem er ein Licht nach mir hinhielt und mich vom Kopfe bis zum Fuße musterte. »Recht willkommen im Schlosse! Euer Groll stört mich nicht! es ist recht hart, ein Gut und eine Braut in einer Nacht zu verlieren; denn sofern Ihr nichts dawider habt, werden wir Besitz nehmen von diesem armen Herrschaftshaus, im Namen des gesetzmäßigen Erben, Rashleigh Osbaldistone.« Rashleigh suchte vergebens den Zorn zu verbergen, der aus seinem Gesichte mit Scham um die Herrschaft rang. Noch schärfer verriet sich dieser Kampf, als Diana jetzt das Wort an ihn richtete. »Rashleigh,« sagte sie verächtlich, »Ihr tut mir leid, denn so groß das Unheil ist, das Ihr mir habt zufügen wollen, so groß auch das Böse ist, das Ihr wirklich verübt habt, so kann ich Euch doch nicht in dem Maße hassen, wie ich Euch verachte. Was Ihr jetzt getan habt, mag das Werk einer Stunde sein; aber es wird Euch Stoff zum Nachdenken geben für Euer ganzes Leben – und was für Stoff, das überlasse, ich Eurem eigenen Gewissen, das wohl kaum immer schlummern wird.« Rashleigh ging ein paarmal durch das Zimmer, dann trat er zu dem Tische, auf dem noch Wein stand, und schenkte mit zitternder Hand ein volles Glas ein. Als er aber sah, daß wir seine Bewegung merkten, unterdrückte er sie mit starker Anstrengung, sah uns fest und trotzig an und führte den Becher zum Munde, ohne einen Tropfen zu vergießen. »Es ist meines Vaters alter Burgunder,« sagte er, auf Jobson blickend. »Es freut mich, daß noch etwas davon da ist. – Ihr werdet für Leute sorgen, die in meinem Namen für das Haus und mein Eigentum Sorge tragen, und diesen blöden Kellermeister zusammen mit dem noch blöderen Narren Andreas zum Tempel hinauswerfen. Unterdessen wollen wir diese andern Personen an schicklichem Ort in Verwahrsam bringen. Ich habe den alten Familienwagen in Bereitschaft setzen lassen,« fuhr er fort, »obwohl ich weiß, daß selbst das Fräulein zu Fuß oder zu Pferde der Nachtluft trotzen könnte, wenn ihr die Reise besser zu Sinne stände.« Andreas rang die Hände. »Ich habe doch bloß erzählt, daß mein Herr mit einem Geist im Büchersaale sich zu unterhalten scheine – und dieser Schelm von Wingfield konnte einen alten Freund verraten, der zwanzig Jahre lang jeden Sonntag mit ihm aus demselben Psalmbuch gesungen hat!« Ohne auf seine Wehklagen zu achten, wurde er zusammen mit dem alten Kellermeister, beide wie sie gingen und standen, aus dem Hause gejagt. Diese unfreundliche Handlung sollte jedoch merkwürdige Folgen zeitigen. Andreas war, in der Absicht, sich ein Nachtlager zu suchen, durch die Allee in den »alten Wald« gegangen, wie man das Stück Land nannte, obwohl es jetzt mehr als Weide gebraucht wurde, als er plötzlich auf eine schottische Viehherde stieß, die während der Nacht hier ruhen sollte. Da er die Gewohnheit seiner Landsleute kannte, ihre Herden auf den besten Grasplatz, den sie finden können, nachts über zu treiben und sich durch Aufbruch vor Tage der Zahlung für das Nachtquartier zu entziehen, so wunderte er sich nicht weiter über dieses Begegnis, geriet aber auf der Stelle in heftige Bestürzung, als ein Hochländer aufsprang und ihn mit der Anschuldigung, sein Vieh gestört zu haben, nicht eher ziehen lassen wollte, als bis er mit seinem Herrn gesprochen hätte. Der Hochländer führte ihn nun in ein Dickicht, wo sich noch andre Hochländer befanden. Hier merkte Andreas bald, daß es der Treiber zu viel für eine Herde waren, – und merkte an ihren Fragen, daß sie wohl andern Werg auf ihrem Rocken haben möchten. Sie fragten ihn nun genau nach allem, was im Schlosse vorgegangen war und schienen sehr verwundert, über seine Nachrichten. Dann sprachen sie leise miteinander und trieben endlich ihr Vieh an den Eingang der Allee, in einiger Entfernung vom Hause. Hier schleppten sie gefällte Bäume zusammen, die in der Nähe lagen, und errichteten ein leichtes Verhau quer über den Weg. Der Tag fing jetzt an zu grauen, und ein matter Schein im Osten verschmolz mit dem verblassenden Mondlicht, so daß man die Gegenstände ziemlich genau unterscheiden konnte. Eine Kutsche, von vier Pferden gezogen und von sechs Mann zu Pferd begleitet, kam die Allee entlang gerasselt. Die Hochländer lauschten. In dem Wagen saß Jobson mit seinen unglücklichen Gefangenen. Das Gefolge bestand aus Rashleigh, mehreren Reitern und Gerichtsdienern. Kaum war die Kutsche zum Tore hinaus, so wurde es durch einen Hochländer, der zu diesem Zwecke dort postiert war, hinter den Reitern gesperrt. Im selben Augenblick geriet der Wagen in die Herde hinein und sah sich durch das Verhau aufgehalten. Zwei Reiter stiegen ab, die Baumstämme wegzuschaffen, die andern trieben das Vieh mit ihren Peitschen aus dem Wege. »Wer nimmt sich heraus, unser Vieh zu mißhandeln?« rief da eine rauhe Stimme. – »Schieß, Angus!« Darauf Rashleigh: »Verrat, Jobson, Verrat!« und feuerte seine Pistole auf den Mann ab, der zu schießen befohlen hatte. »Zum Schwert!« rief der Anführer der Hochländer, und im Nu war man handgemein. Durch den plötzlichen Angriff in Schrecken gesetzt, zudem an sich nicht eben tapfer, suchten die Schergen den Weg zum Schlosse zurückzugewinnen. Als aber ein Schuß von dem Tore her dröhnte, glaubten sie sich umringt und rissen nach verschiedenen Richtungen aus. Inzwischen war Rashleigh abgestiegen und focht zu Fuß mit dem Anführer der Bande. Aber so verzweifelt er kämpfte, so unterlag er doch bald. »Wollt Ihr um Pardon bitten, um Gottes, Königs Jakob und alter Freundschaft willen?« rief eine Stimme, die ich recht gut kannte. – »Nein!« antwortete Rashleigh entschlossen. »Dann stirb, Verräter, in Deinem Laster,« versetzte Mac Gregor und durchbohrte den unter ihm liegenden Gegner mit dem Schwerte. Im nächsten Augenblick war er am Kutscherschlage, hob Fräulein Vernon heraus, half ihrem Vater und mir aussteigen, packte den Schreiber beim Schopf und warf ihn unter die Räder. »Herr Osbaldistone,« sprach er leise, »Ihr habt nichts zu fürchten. – Eure Freunde werden bald in Sicherheit sein. – Lebt wohl, und gedenkt an Mac Gregor!« Er pfiff – seine Leute versammelten sich um ihn, nahmen Vernon und Diana in die Mitte und verschwanden im Walde. Der Kutscher hatte die Pferde im Stiche gelassen und war beim ersten Schuß geflohen; allein die Tiere, von dem Verhau aufgehalten, blieben ruhig stehen, zum Glücke für Jobson; denn bei der geringsten Bewegung wären ihm die Räder über den Leib gegangen. Ich leistete ihm Beistand, denn er war vor Schreck so außer sich, daß er sich nicht selbst aufhelfen konnte. Ich machte ihm hierauf bemerklich, daß ich mich weder um die Gefangenen bekümmert, noch ihnen zur Flucht verholfen, noch selbst zu entfliehen versucht hätte, und fordere ihn auf, nach dem Schlosse zurückzugehen, und Leute zum Beistand für die Verwundeten zu rufen. Aber die Furcht hatte sich seiner in solchem Maße bemeistert, daß er sich nicht zu bewegen vermochte. Ich wollte den Gang deshalb selbst verrichten, stolperte aber über den Körper eines Menschen, den ich für tot hielt. Es war indessen niemand weiter als Andreas, der sich zu Boden bloß darum geworfen hatte, weil ihm so die durch die Luft schwirrenden Kugeln nichts antun konnten. Ich war so froh, ihn zu finden, daß ich nicht fragte, wie er dahin gekommen sei, sondern ihn sogleich mit dem Gange betraute, den ich selbst hatte verrichten wollen. Ich wandte mich nun vor allem an Rashleigh. Er stöhnte tief, als er mich kommen sah, und zwar ebenso sehr aus Haß wie vor Schmerzen. – Dann blickte er zur Seite, willens, kein Wort mehr zu sprechen. Wir hoben ihn in den Wagen. Mit Mühe machte ich nun Jobson begreiflich, daß er mit einsteigen müsse, um Rashleigh beizustehen. Er gehorchte. Wir lenkten hierauf die Pferde um, öffneten das Tor der Allee und fuhren langsam nach dem Schlosse zurück. Einige Flüchtlinge waren schon auf Umwegen dorthin gelangt und hatten die dort zurückgebliebenen Gerichtsschergen durch die Meldung in Angst gejagt, Rashleigh, Jobson und alle übrigen seien am Eingänge der Allee von einem Regiment wilder Hochländer in Stücke gehauen worden. Als wir an das Schloß herankamen, klang uns ein Summen entgegen, wie wenn Bienen in ihren Körben schwirrten. Alles war in wildem Aufruhr. Aber Jobson hatte sich inzwischen erholt und war um so ungeduldiger, aus dem Wagen erlöst zu werden, als einer von seinen Begleitern, der Gerichtsdiener, eben an seiner Seite verschieden war. Rashleigh lebte noch, war aber so schwer verwundet, daß sein Blut den Boden des Wagens bedeckte und lange Spuren zurückließ vom Eingange bis in die Steinhalle, wo man ihn in einen Lehnstuhl setzte. Einige versuchten, das Blut zu stillen; andre schrien nach einem Wundarzt, aber niemand schien Lust zu haben, einen Schritt zu tun. »Quält mich nicht,« lallte der Verwundete nach einer Weile. »Ich weiß, mir kann kein Beistand helfen. Ich sterbe.« Er richtete sich im Lehnstuhl empor, obwohl der Todesschweiß schon auf seiner Stirn stand, und sprach mit einer Festigkeit, die seine Kräfte zu übersteigen schien: »Vetter Franz, tretet zu mir.« – Ich näherte mich. – »Ich will Euch bloß sagen, daß keine Todesqual in meinen Gesinnungen gegen Euch etwas ändern kann. Ich hasse Euch!« rief er, und der Ausdruck von Wut gab seinen Augen, die bald auf immer sich schließen sollten, einen grausigen Glanz.... »Ich hasse Euch, jetzt, da ich blutend vor Euch liege, so grimmig, als wenn mein Fuß auf Eurem Nacken stünde.« »Ich habe Euch keine Ursache dazu gegeben,« versetzte ich; »um Euretwillen wünschte ich, Ihr wäret jetzt mildern Sinnes.« »Ihr habt mir Ursache gegeben,« entgegnete er, »denn Ihr habt mich gehemmt in meinem Ehrgeize, seid mir hinderlich gewesen bei allem Gewinne, und habt mir die Geliebte abspenstig gemacht. ... Ich war berufen, die Ehre meines Hauses zu werden – ich bin ihm zur Schande geworden – alles durch Eure Schuld. Selbst mein Erbe mußte an Euch fallen. Nehmt es! möge der Fluch eines Sterbenden darauf ruhen!« Nachdem er diesen furchtbaren Wunsch ausgestoßen hatte, sank er in den Lehnstuhl zurück. Sein Auge wurde starr, seine Glieder wurden steif, aber das Grinsen des Hasses entstellte sein Gesicht noch im Tode. Ich will nicht länger bei diesem grausen Bilde verweilen, und nur noch mitteilen, daß mein Erbteil mir nicht weiter bestritten wurde, sondern daß Jobson zugestehen mußte, die Anklage gegen mich sei nur zu Rashleighs Vorteil erhoben worden, um mich aus dem Schlosse zu entfernen. Jobsons Name wurde aus der Reihe der Sachwalter gestrichen, und er sank in Armut und Verachtung. Sobald ich meine Angelegenheiten im Schlosse in Ordnung gebracht hatte, kehrte ich nach London zurück, glücklich, einen Ort zu verlassen, der so viel schmerzliche Erinnerungen weckte. Ich wartete nun mit Angst und Unruhe auf Nachrichten von Dianas und ihres Vaters Schicksal. Ein Kaufmann aus Frankreich, der Handelsgeschäfte in London hatte, brachte mir einen Brief von ihr, der mich über ihre Sicherheit beruhigte, aber mir auch mitteilte, daß ihr Vater infolge seiner letzten Strapazen und Entbehrungen einer verzehrenden Krankheit verfallen sei und dem Tode entgegengehe; seinem Willen gemäß sei sie willens, den Schleier zu nehmen. Da hielt es mich nicht länger; ich machte meinen Vater offenherzig mit dem Zustande meines Herzens bekannt, und war er auch nicht wenig bestürzt über meine Absicht, eine Katholikin zu heiraten, so wünschte er doch, wie er sagte, daß ich im Leben »gefestigt« würde; und da ich, wie er jetzt recht gut einsähe, durch meine treuliche Teilnahme an seinen kaufmännischen Geschäften ihm von so großem Nutzen gewesen sei, wolle er mir in meiner Herzenssache auch nicht zuwider sein.... »Aber,« schloß er, »ich hätte mir nun und nimmer gedacht, daß mein Sohn Herr des Erbguts Osbaldistone werden, und noch weniger, daß er sich seine Braut aus einem französischen Kloster holen werde. Indessen muß eine so liebe Tochter auch eine liebe Gattin werden.« Daß ich meine Verbindung nach besten Kräften beschleunigte, brauche ich Dir nicht zu sagen, Freund Tresham; Du weißt auch, wie lange und wie glücklich ich an Dianas Seite lebte, und wie tief ich um sie trauerte. Aber Du weißt nicht, – und kannst es nicht wissen, in welch hohem Maße sie den Schmerz ihres Gatten verdiente. Romantische Abenteuer habe ich nicht mehr zu erzählen. Die weitern Ereignisse meines Lebens sind Dir ja bekannt. In Schottland war ich noch oft; den kühnen Hochländer, der auf die frühern Ereignisse meines Lebens so viel Einfluß hatte, habe ich aber nie wiedergesehen, indessen hin und wieder erfahren, daß er seinen mächtigen Feinden zum Trotze in den Gebirgen von Loch Lomond, sogar auf gewisse Weise von der Regierung beschützt, im hohen Alter, gegen das Jahr 1736, eines friedlichen Todes gestorben ist, was gewiß zu den höchsten Unwahrscheinlichkeiten des menschlichen Daseins gehören dürfte, aber mir so sicher verbürgt worden ist, daß sich nicht daran zweifeln läßt. Er ist noch heute in der Gegend von Lennox als der Robin Hood von Schottland, »die Furcht der Reichen, der Freund der Armen«, bekannt. Der alte Andreas, dessen Du Dich ja gewiß noch erinnern wirst, pflegte zu sagen: es gäbe mancherlei Dinge, die zu bös seien, daß man sie segnen, und zu gut, daß man sie verdammen könne, und solch ein Ding sei Robin der Rote gewesen. Ende.