Julius Rodenberg Stillleben auf Sylt     1876     Meiner treuen Lebens- und Reisegefährtin zur Erinnerung an die Tage von Sylt, September 1875. Vorwort zur dritten Auflage Siebzehn Jahre, nachdem ich es geschrieben, und fünfzehn, nachdem es zum zweitenmale gedruckt, kommt dieses kleine Buch wieder in meine Hand. In diesen anderthalb Jahrzehnten hat die Welt so große Veränderungen erfahren, daß man, auf jene Zeiten zurückschauend, zuweilen, in nachdenklichen Augenblicken, sich wol fragen mag, ob Alles, was dazwischen liegt, ein Traum; und daß man Plätze, an denen man damals jung und glücklich und harmlos gewesen, heute wiedersieht mit einer Empfindung, nicht unähnlich jener des Rip van Winkel, dessen Geschichte Washington Irving in seinem »Skizzenbuch« so schön und rührend erzählt. Manches von dem, was einst Wirklichkeit für uns gewesen, ist in das Reich der Schatten zurückgetreten; aber der schönste Traum, den der Dichter träumen, die heißeste Sehnsucht, die der Patriot empfinden konnte, haben sich indessen verwirklicht. Die Gegenwart ist so mächtig bewegt und gewaltig, und so wunderbar und vollkommen der Umschwung aller Dinge, daß Nichts davon unberührt geblieben und Alles, was hinter uns liegt, sich in eine nebelhafte Ferne zu verlieren scheint. Und dennoch thut es wohl, sich des Vergangenen zu erinnern; es ist ein Theil dessen, was wir waren und wir schulden ihm Pietät. Auch das vorliegende Buch, wie das Publikum es kennt, ist ein Stück der Vergangenheit. Als ich es schrieb, als ich zum erstenmal auf Sylt war, da lag die Hand des Dänen noch schwer auf Schleswig-Holstein und den Inseln; es war neun Jahre nach dem Unglückstage von Idstedt, an welchem Schleswig verloren ging, acht Jahre nach dem Tage nicht nur des Unglücks, sondern mehr noch der Schmach, wo Holstein, von dem Bundestag im Stich gelassen, von Preußischen und Österreichischen Regimentern seinem Zwingherrn ausgeliefert, sein Heer aufgelöst, seine Landesversammlung und Statthalterschaft auseinandergejagt wurde – Groll und Bitterkeit war in den Herzen, dumpfes Schweigen überall, das Vertrauen ausgelöscht und Nichts übrig, als das Bewußtsein, ohnmächtig zu sein in fremder Gewalt. Als ich wiederkam, nach sechszehn Jahren, da war Schleswig-Holstein deutsch; da war es wieder, was es einst gewesen, die deutsche Grenzmark gegen Norden, die Hüterin des Reichs, die Wächterin am Meere. Denn auch im Völkerleben mag das Wort Goethe's gelten, daß uns zuweilen das Schicksal unsere Wünsche gewährt, aber auf seine Weise, um uns Etwas über unsere Wünsche gewähren zu können. Nirgends vielleicht wird man der vollzogenen Umgestaltung in ihrer ganzen Größe so stark, ich möchte sagen so unmittelbar inne, als wenn man nach vielen Jahren der Abwesenheit hierher zurückkehrt, an diesen Ausgangspunkt ungeahnt mächtiger Entscheidungen; auf diesen Erdenfleck, auf welchem man gleichsam die ganze germanische Welt um sich versammelt sieht: gegen Westen England, gegen Norden und Nordosten die scandinavischen Reiche, gegen Süden und Südosten Deutschland. Eine Art von historischem Zauber, etwas verhängnißvoll Eingreifendes ruht auf diesem Winkel von Schleswig, auf dieser Halbinsel zwischen Ost- und Nordsee und den Inseln umher, von denen aus, in grauer Vorzeit, ein Germanenreich mit germanischer Sprache, germanischem Recht und germanischer Sitte im celtischen Britannien errichtet und, in unserer Zeit, der erste, zwar entfernte, doch unaufhaltsam wirkende Anstoß zur Wiedererrichtung des Deutschen Reichs gegeben ward. Viel wäre daher in diesem Büchlein von Sylt sowol wegzulassen als hinzuzufügen. Aber ich gestehe, daß mir der Muth fehlt, daran zu rühren. Indem ich mir daher vorbehalte, den Eindrücken und Wahrnehmungen meines zweiten Besuchs auf Sylt im Herbste 1875 einen Nachtrag zu widmen, glaube ich, daß ich das »Stillleben« selbst lassen sollte, wie es im Jahre 1859 war. Es ist ein Jugendwerk; und woher nähme ich heut, nach so viel inzwischen verflossenen Jahren, die Stimmung von damals? Ich habe gesehen, daß das Buch noch in gutem Andenken steht, auf Sylt und anderwärts; und ich will deswegen, außer einigen Berichtigungen, Nichts an demselben weder ab- noch zuthun. Eine feinere Erwägung kommt hinzu: es ist ein bescheidenes aber treues Denkmal der Insel und seiner Bewohner, wie sie damals, kurz vor ihrer Rückkehr zu Deutschland waren, und auch vielleicht als solches darf es Schutz vor willkürlicher Abänderung verlangen. Es spricht zum Theil von Zuständen, die gewesen, und an die man daher ruhig denken mag, wie an die Todten, die auch nicht mehr wehe thun, nicht mehr verletzen können. Ich möchte dieses besonders meinen Freunden in Dänemark sagen. Sie haben mich seitdem kennen gelernt, und ich habe zweimal in ihrer schönen Hauptstadt, in ihrem lieblichen, mit Seen geschmückten und mit Buchen bekränzten Lande Tage verlebt, die mir stets unvergeßlich bleiben werden, Tage der Gastfreundschaft, die zurückzurufen mich heute noch beglückt. Auch der alte Streit, so wollen wir hoffen, ist für Immer geschlichtet und selbst die Erinnerung daran hat den bitteren Beigeschmack verloren; denn sie gehört bereits der Geschichte. Wie das deutsche Volk grade gegenwärtig durch die neuen und überraschenden Briefpublicationen aus dem Archive der Herzöge von Schleswig-Holstein-Augustenburg daran gemahnt wird, welch' hohe und edle Verpflichtungen es in dem Namen und Andenken Schiller 's an das liebenswürdige, kunstsinnige, leicht enthusiasmirte dänische Volk knüpfen: so möge dieses sich sagen, daß es weitab von den politischen Machtfragen und hoch über ihnen andere Fragen giebt, Fragen des innern Lebens, der sittlichen Freiheit und des ungehemmten intellectuellen Fortschrittes, in welchen volle Gemeinsamkeit und intimes Verständniß zwischen allen Stämmen der großen germanischen Völkerfamilie herrscht. Mit der Sprache, die sie einst in ihrer Kindheit und im Elternhaus geredet; mit den heiligen Erinnerungen an beide, die sie in Sang und Sage bewahren; mit der Charakteranlage, die sie mitnahmen, als sie hinauszogen in die Welt, lebt das Gefühl einer idealen Einheit in ihnen fort und wird, wiewol oftmals verläugnet, sich doch immer wieder geltend machen, wenn es sich um jene Fragen handelt, welche nicht ein Volk allein, sondern das Wohl und Wehe der Menschheit betreffen. Berlin , am 7. April 1876. J. R.   1859.   Die Einwohner der Inseln sind stille geworden. Jesaias 23, 2. I. Westerland , am 10. August Hier sind wir am fernsten Nordseestrande. Ein kleines, friedlich stilles Haus unter den Dünen beherbergt uns. Die Wände sind weiß, die Decke ist niedrig; von den Fenstern läßt nur eines halb sich öffnen, die andren sind fest zugenagelt, denn scharf streicht der Wind über Sylt. Unser Blick geht südwärts auf die weite, breite Haide. Einzelne Häuser sind hier verstreut, andere liegen dort beisammen. Wie einsam ist es auf Sylt! Am Abend, als ich ankam, und ein Rauschen, halb des Meeres, halb des Windes, auf dem sanften Rasenboden aber keines Menschen Tritt gehört ward, während mich das Geheimniß der Dunkelheit und des Ungekannten umgab: da hatte ich die Empfindung, als könne man hier ein neues Leben voll schweigender Glückseligkeit beginnen. Hinter uns liegen die Dünen, bleiche, traurige Hügel mit wehendem Schilf und Riedgras. Unter den Hügeln ist das Meer – weit, breit und gelbgrün gleich der Haide. Aber wie wettert es auf der Meereshaide! Immer Wellen, immer Wind. Die Brandung rollt gegen die Dünenhügel, zeichnet ihre phantastischen Linien in den feinen weißen Sand, und läßt Muscheln, bunte Steine und milchweiße Kiesel zurück, wenn sie geht; Spielwerk aus dem Meeresgrund für die Kinder. Wir sehen es, wir heben es auf, wir schleudern es wieder in die Fluth zurück. Wir werden selber Kinder am Meeresstrand. Menschen gehen wenig am Strand. Die tiefe Einsamkeit desselben wird selten, selten nur gestört. Der Wanderer kann schweifen, kann sinnen und träumen. Oft stößt sein Fuß auf schwarze dicke torfartige Massen, halb im Sande vergraben, oben von der Fluth frei gewaschen. Das sind die Waldreste von Sylt. Wo wir jetzt im breiten Sonnenschein zur Seite des Meeres auf Sand wandeln, da haben einst hohe, schöne Bäume gestanden; weit hinaus, dort, wo im offenen Meere die Schaumwelle spritzt, hat eine große Stadt gelegen, in welcher reiche Kaufleute gewohnt. Aber das Meer hat dieses Land zerrissen, es hat sich neue Straßen gesucht, und neue Küsten gegründet. Die große Stadt mit den reichen Kaufleuten ist hinunter, der schöne Wald von Sylt ist hinunter; wir leben auf einer kahlen baum- und strauchlosen Haideinsel in neun oder zehn kleinen Dörfern, und vor uns und hinter uns und rechts und links ist das Meer. Fahren wir nach Norden, so erreichen wir Island. Fahren wir gen Westen, so landen wir bei England. Südlich liegt Hamburg und Helgoland und Deutschland und Belgien. Das östliche Meer ist still und schmal. Wir sehen gegenüber die Küsten von Jütland und Nordschleswig. Zur Zeit der Ebbe liegt es halb trocken; die Watts , flache Sandbänke, treten hervor und flimmern wie Silberstaub in der Sonne, während das blaue Wasser des Wattenmeeres sie wie ein blaues Band vielgestaltig umschlingt. Kleine Fischerböte segeln hin und wieder; ab und an steigt eine Rauchsäule auf, wenn das Dampfschiff von Husum oder Hoyer kommt. Weidenbüsche mit Besenreisern an der Spitze bezeichnen seinen Kurs; sie sind zu beiden Seiten in die Watts gesteckt und zwischen durch in den Kanälen des Wassers steuert das flachgehende Schiff. Man verliert das Land nie aus den Augen; wenn das Festland zur Rechten verschwindet, so tauchen zur Linken aus dem Wasser die Halligen auf, breitgestreckte Sandflächen, deren hügelförmige Erhöhung auf der Mitte drei, vier Hütten, ein paar Scheuern und Ställe trägt. Die Hügelabhänge geben reiche Weide und die Halligbauern haben das schönste Vieh. Im Winter, wenn der Wind kommt und das Wasser thürmt, sitzen sie oft monatelang einsam auf ihren Halligen, sie sehen das Festland, sie können aber nicht hinüber. Mit Böten ist dann gleichfalls nicht anzukommen. Einmal oder zweimal, wenn das Wasser ganz tief gefallen ist, wagen sich junge rüstige Leute, welche mit den gefährlichen Straßen vertraut sind, über die Watts an's Land; während der einen Ebbe hinüber, während der andern zurück. Dieses sind die sogenannten Schlickläufer , deren Schicksale der abenteuerliche Zug sind in der Monotonie der Wattbänke und der Halligen. Einmal war ein alter Halligbauer, der sich den Fuß gebrochen hatte, an's Land nach Husum gebracht worden, damit ihn der dortige Chirurgus kurire. Es war um die Winterzeit, wo das Meer überzutreten pflegt. Der Kranke hoffte auf Heimkehr, bevor das hohe Wasser sie ihm abschnitte; aber sein Uebel zeigte sich hartnäckiger, und eines Tages kam das Wasser und stieg über den breiten Sand jenseits der Deiche und überschwemmte die Watts, so weit man sehen konnte. Da saß nun der arme Bauer tagelang, den Blick der traurig wogenden Fläche zugekehrt; und des Nachts, seiner körperlichen Schmerzen vergessend, hörte er ihr Rauschen. Sein Heimweh wuchs; und oft, bei klaren Sonnenuntergängen, sah er auf dem kalten Winterabendroth fern zwischen Himmel und Wasser die bläulich-scharfen Umrisse von Giebel, Dach und Mauerwerk. Es war sein Haus auf der Hallig, bis zu deren oberstem Hügelrande das Meer gestiegen. So saß er Tag für Tag, und sein Herz that ihm über die Maßen weh. Da, eines Nachmittags spät, erblickte er auf der Straße von Husum einen Mann, welchen er kannte. Er war von seiner eigenen Hallig, hatte die Zeit des Neumondes wahrgenommen, um über den Schlick nach dem Festland zu laufen und gedachte des Abends, bei Ebbe, den Heimweg zu suchen. Der kranke Bauer rief seinen Freund, den Schlickläufer, herein und sagte ihm, daß er es hier nicht mehr aushalten könne und daß er mit ihm heimkehren wolle. Umsonst daß dieser ihm abredete und mehr als einmal sprach: »Bedenk' was das Ende ist, wenn Dein Fuß Dich nicht mehr tragen will.« Der Bauer beharrte bei seinem Vorsatz. Der Schlickläufer sagte, gleich nach Sonnenuntergang müßten sie sich auf den Weg machen, und heimlich, zu der verabredeten Zeit, stahl sich der Kranke an das Ufer. »Nun folg' mir,« sagte der Schlickläufer, »und bleib um Gotteswillen nicht zurück. Wenn die Fluth eintrifft, sind wir verloren, und ich kann Dich nicht retten. So komm!« Sie gingen und der Neumond schien matt über ihren Pfad, der sich schmal und gefährlich durch's Wasser zog. Eine Stunde lang hörte der Schlickläufer den Schritt des Kranken hinter sich, gleichmäßig wie beim Aussetzen; dann, allmälig, blieb er ein wenig zurück. Er wandte sich um und rief: »Eil Dich, um Gotteswillen! Sonst erreichen wir die Hallig nicht!« – Mehrere Mal noch wandte er sich um. »Holla, ho!« rief er, und »ho!« kam es zurück, erst näher, dann weiter, immer weiter und schwächer, als käm' es schon aus dem Wasser. Zuletzt war es ganz still, nur sein eigenes »Holla, ho!« klang in die Nacht hinaus und mischte sich mit dem fernen Brausen der Fluth, welche von Westen hereinkam. Das Wasser spülte schon flach über seinen Weg und mit lautem verzweifeltem »Holla, ho!« lief er weiter; aber keine Antwort und dicht hinter seinen Fersen das steigende Gewässer. Schweißtriefend erreichte er die Hallig zuletzt, und als er sich umsah, da stand Alles wieder unter Wasser, von dem Hügelrand bis zu den Deichen, die er beim schwindenden Licht der Mondsichel leise verdämmern sah. Trüb und voll rauschte die Fluth herein; von dem kranken Bauern aber hat man nie und nie mehr Etwas gehört. – So ist das Wattenmeer. Anders die Nordsee, die vom Westen an gegen unsere Dünen rollt. Ihre Brandung ist hoch und gefährlich, ihre Küste für Schiffe unnahbar, zum Landen zu jäh und steil. Darum ist das Meer hier leblos – kein Segel, kein Mast in noch so weiter Ferne; kein Punkt, auf dem das Auge haften, mit dem das Herz und seine Sehnsucht langsam weiter schwanken möchte. Nur Möven über der breiten, unermeßlichen Wogenmasse und Wolken, das ist Alles. So weit ist der Blick, so hoch der Himmel, so phantastisch, so groß, so golden geballt die Wolken; aber die Seele des Menschen fürchtet sich, mit ihnen zu reisen. Wohin auf dieser kalten, ungastlichen Meeresfläche? Schaurig rollt und rauscht sie; es ist nicht das Lied des Lebens und des kräftigen Wagemuthes, das sie an den Küsten von England singt. Auch in Ostende hatte sie noch andere Töne. Es war Liebe dazwischen, Sehnsucht und Heimweh. Hier singt sie ihren düstern Gesang von Einsamkeit, von Entsagung, von Trauer um Vergangenes. Oft, wenn ich in der grauen Abenddämmerung durch den Sand gehe und diesen Gesang höre, wird mir ängstlich zu Muthe, und über die Dünenhügel kehre ich auf die Haide zurück, und unter dem schweren Himmel erblicke ich die Abendlichter der kleinen Häuser in der Ferne. Die Männer, die in diesen Häusern wohnen, sind Seefahrer und weitgereiste Kapitaine, die nun auf ihrer Heimathinsel nach stürmischem Leben zeitlich und ewig zu ruhen gedenken. Aber auch die Frauen tragen ihr Theil von dem, was das Meer giebt und nimmt. Ich wohne bei einem grau gewordenen Mädchen, des Namens Jungfer Brigitte Mario, und nicht ohne Ehrfurcht seh' ich im Stillen ihrem Wandel zu. Ihr Liebster ist vor zwanzig, dreißig Jahren auf der See verunglückt; aber Brigitte ist dem Todten treu geblieben. Sie hat das Bild des Schiffes, welches er geführt, an die Küchenwand, dem Herd gegenüber, gehängt; sie spricht nicht von ihm, ich weiß kaum, ob sie noch an ihn denkt – sie ist so alt, so grau geworden. Aber treu ist sie ihm geblieben, und obwol sie so gut einen Jüten hätte zum Mann bekommen können, wie manche Andere, so hat sie's doch vorgezogen, so lange beim alten Rathsmann Dekker als Magd zu dienen, bis sie sich ein kleines Vermögen erspart hatte, um davon ihr Alter zu fristen. Sie hatte ein kleines Haus, hundert Schritt von dem entfernt, welches sie heute bewohnt; aber der Blitz schlug ein und verzehrte in einer Nacht, wo der Brand weithin geleuchtet haben soll über die dunkle Insel, Alles, was sie besaß. Da sammelten die Westerländer für sie und bauten ihr das neue Haus, stellten ihr Tische, Stühle, Betten für ein billiges Miethgeld in die Stuben, und zogen um den Platz des alten, welches Brigitte jetzt als Garten benutzt, eine Mauer von Erde, Rasen und dunklen Steinen. Statt der gehofften Ruhe hat ihr das Alter neue Sorgen gebracht; sie muß wieder schaffen und arbeiten, wie zuvor; sie thut es stumm, aber mit Freuden, und was ihr auf Erden noch von Liebe und Neigung geblieben, das vertheilt sie ehrlich zwischen den armen Kindern, die mehrere Mal in der Woche zu ihr kommen, und den Schafen, der Kuh und der Katze, die mit ihr den Hüttenraum bewohnen. Viele ehrwürdige Frauen, viele schlanke Mädchen in schwarzen Kleidern und schwarzen Miedern, weiße Tücher um das blonde Haar geknüpft, begegnen uns, wenn wir gegen Abend die Insel durchstreifen, denn jedes Jahr verunglücken sylter Männer auf fernen Meeren, und bei dem engen Verwandtschaftsverhältniß, in dem hier Familie zu Familie steht, ist die Trauer allgemein. Männer mit ergrauendem Haar und harten Händen sitzen vor der Thür oder man trifft sie im Wirthshaus bei einem Glase Grog; es sind Schiffskapitäne, die auf Hamburger Schiffen das atlantische Meer wol fünfzigmal gekreuzt haben, oder auf holländischen Fahrzeugen die batavischen Inseln besuchten. Jetzt bauen sie Hafer und Gerste, jetzt bekümmern sie sich um die Schafe und um die Kühe; auf der Kommode ihrer kleinen, sauberen Zimmer steht das Modell ihres Schiffes, und gern erzählen sie dem Fremden von den Abenteuern, die sie auf See gehabt. Einige haben sich dicht an dem geschützten Strande des Wattenmeeres schöne, steinerne Häuser mit weißen Wänden und platten Dächern errichtet. Bei einem dieser Häuser fuhr ich jüngst vorbei, um die Stunde des Sonnenuntergangs. Unten in der schön beleuchteten Stube sah ich Teppichflur und Polsterstühle und bequeme Sophas; auf dem Tische stand ein silbernes Kaffeeservice, die Tassen noch ungeordnet hier und dort, als habe man sich erst eben erhoben. So traulich war dies Zimmer, so voll Abendsonne, so voll Seeluft. Oben auf dem Dache stand der Kapitain und über einen niedrigen Schornstein hatte er sein Fernglas auf den Strand und die blaue See gerichtet. »Was sucht Ihr, Kapitain?« fragte ich. »Mein Weib und meine Kinder!« antwortete er. »Sie sind nach dem Kaffee hinunter in die Dünen gegangen. Nun will es Nacht werden und ich habe sie aus den Augen verloren!« Dann fuhr ich weiter, und lange noch, wenn ich zurücksah, erblickte ich das weiße Haus und im Abendsonnenglanz darauf den Kapitain mit dem Fernrohr, der sein Weib und seine Kinder suchte. Es ist merkwürdig, wie sehr diese Leute mit ihren falbblonden Haaren, ihren wasserblauen Augen, ihren starken Knochen und ihrem breiten, täppischen Wesen mich an die Engländer erinnern. Auch ihre Sprache erinnert mich jedesmal an sie. Sie reden unser Hochdeutsch, wie die auf dem Continente reisenden Engländer es zu reden pflegen; etwas weniger gebrochen, aber grade so hart, als sei es eine ihnen fremde Sprache. Unter sich gebrauchen sie nichts anderes, als ihr altes, heimathliches Friesisch. Es klingt wie Englisch, und ist die Mutter des Englischen; auch Worte, und namentlich diejenigen Ausdrücke, die sich auf das Meer, die Schiffe und die gemeinsam heidnische Vergangenheit beziehen, sind in beiden gleich. Das Loch heißt Gap und Gat , die Klippe Cliff , die Marsch Marsh , wie an der englischen Ostküste, das Thal Daehl (dale) , ganz wie es sich in den Ortsbezeichnungen des nördlichen Englands erhalten hat; die Wochentage, deren Namen und Bedeutung aus dem Heidenglauben stammen, sind dieselben: Windjsdei, Türsdei, Fridei – Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Weihnachten heißt, wie in England (the feast of Yule) , auch hier noch immer das Jöölfest oder der Jöölabend . Hier hören wir auch das englische »th« wieder, jenen Buchstaben des angelsächsischen Alphabets, dessen Aussprache uns so viel Mühe macht, wenn wir nach England hinüber kommen. Aber die Sylter sprechen ihn schärfer, als die Engländer; sie sagen »Zinghügel« für Thinghügel, und nennen das südwestlich von dem unseren belegene Dorf Thinnum: »Zinnum.« Ja, während das eigenthümliche Zeichen, welches in dem alten angelsächsischen Alphabet für dieses »th« existirte, nämlich ein d mit einem Strichlein durch den Kopf des Buchstabens, in England verschwunden ist, hat es sich im Alphabet des Mutterlandes erhalten, und noch heute heißt das deutsche »ob, oder« z. B. auf Sylt: »wedder« , und wird ungefähr so ausgesprochen, wie das englische »wether« . Eigentliche Schriftsprache ist die Friesensprache nie recht gewesen, obgleich sie sehr edel ist; oder es war ihr doch nicht vergönnt, lange als solche zu bestehen. »Keine Fürsten von Holland und von Dänemark und keine Fürsten von Schleswig und Holstein haben sich je der Friesensprache angenommen oder sie nur irgendwie begünstigt. Wer das Edle untergehen läßt, wenn er es erhalten kann, den wird die Zukunft richten.« So sagt in seinem Buche über Irland der Nordfriese C. I. Clement. Unsere Insel ist der letzte Vorposten jenes »cimbrischen Chersonesus,« auf dem die Jüten und die Angeln und die nördlichsten Sachsen wohnten; und dieser Boden, auf dem wir stehen, und alles Land ringsum, das wir im Horizonte matt dämmern sehen, wenn wir die Innenhügel besteigen, ist der wahre Boden Alt-Englands. Der englische Antiquar Gunn hält Angeln »für eine kleine Insel bei dem Herzogthum Schleswig in Dänemark, von welcher Flensburg die Hauptstadt ist.« Giles, der Herausgeber der »Six Old English Chronicles« druckt diese Angabe gutgläubig nach (p. 400) . Was würde jener aus »Adam Bede« bekannte Kritiker, welcher mit seiner linken Hand die Zwillinge in der Wiege schaukelt, und mit seiner rechten einen im Hebräischen nicht ganz capitelfesten Gegner züchtigt, sagen, wenn ein deutscher Gelehrter sich eines solchen Irrthums schuldig machte? Nordöstlich von Westerland, wenn wir gegen das Dorf Wenningstedt gehen, kommen wir an eine mächtige Einbucht in den Dünenstrichen. Durch die Wölbung sehen wir das blaue Meer zur Linken und schimmernd bis dicht an den jähen Küstenhang rauscht es heran. Kräftiger wettert uns die Meeresluft entgegen; die Halme schwanken, der dürre Sandhafer weht, der langhalmige Dünenroggen schlägt hin und her. Dies ist das Riesgap, Reiseloch, die Bucht der Abreise. Vor uns, am Fuße des rothen Kliffs, steht der Leuchtthurm, dessen wechselnde Flammen wir am späten Abend, im dämmernden Mondeshimmel so gerne betrachten; weit, in blauer Ferne, zeichnen die Thinghügel sanfte Conturen in den Duft des Ostens. Wo wir nun im Reisegap über ellenhohen Flugsand niedersteigen an die festere Feuchtigkeit, zu den gehäuften Kieseln des Seegestades: da stiegen einst vor vierzehnhundert Jahren wilde Männer, trotzig und halb nackt, mit flachsgelben Haaren, mit kurzen, breiten Schwertern, »Saxe« genannt, und setzten sich in kleine Segelböte von Eschenholz und schwammen hinüber, und schwammen viele Tage, bis sie bei der Insel Thanet, an der Küste von Britannien Anker warfen, und eroberten von der kleinen Insel aus die große Insel, und gaben derselben ihren Namen und ihre Sprache, und herrschen noch immer, nachdem ihre ferne Heimath vom Nordmeere an allen Ecken zerrissen ist, und die kleine Insel, die Insel Thanet, längst keine Insel mehr ist, sondern die letzte Landspitze von Kent bildet. Das Meer ist dasselbe, das die Barken der Angeln und Sachsen und Friesen an's Land trug; die Luft ist dieselbe, die ihre Standarten mit dem schneeweißen Roß flattern ließ, und das schneeweiße Roß ist noch heut das Wappenthier von Kent, von Braunschweig und Hannover. Gerne sitz' ich auf den Hügeln des Reisegaps und denke an die Männer, die hier niedergestiegen und nach Britannien gefahren sind, und denke an Hengist, ihren grausamen, heldenmüthigen Führer und an Vortigern, den guten, milden, poesiereichen König der britischen Celten, den Freund Merlin's. Dann schlage ich ein Buch auf, das ich mit an das Meer genommen – »Sechs altenglische Chroniken;« ich schlage die britische Geschichte Gottfrieds, des Weihbischofs von Monmouth, auf. Der Meerwind aus Westen saust durch die Blätter, und ich lese: »Inzwischen aber kehrten die Botschafter von Deutschland zurück, mit achtzehn Schiffen voll der besten Kriegsmannen, die zu finden waren. Sie brachten auch Rowena mit, die Tochter des Hengist, eine der schönsten Jungfrauen jener Zeit. Nach ihrer Ankunft lud Hengist den König ein, seine neuen Gebäude und die neuen Männer zu sehen, die herübergekommen. Der König kam; hier ward er mit einem fürstlichen Banquet unterhalten und als das vorbei war, da kam die junge Dame aus ihrem Gemache mit einer goldenen Schale voll Wein, nahte sich dem Könige damit und sagte unter einer tiefen Verbeugung: »Lord! König, wacht Heil!« Der König, als er das Gesicht der Dame gesehen, war plötzlich eben so erstaunt als bezaubert durch die Schönheit desselben; er rief seinen Dolmetscher, um ihn zu fragen, was sie gesagt habe, und was er antworten solle? »Sie nannte Euch Herr und König,« sagte der Dolmetscher, »und bat um die Erlaubniß, Eure Gesundheit trinken zu dürfen! Ihr müßt nun antworten: Trink Heil!« Vortigern antwortete demgemäß: »Trink Heil!« und bat sie, zu trinken; darauf nahm er die Schale aus ihrer Hand, küßte sie und trank selber. Von jener Zeit bis zu dieser ist es Gebrauch im Britenland geblieben, daß der, welcher einem Andern zutrinkt, sagt: »Wacht Heil!« und dieser Letztere erwiedert: »Trink Heil!« Noch heute finden sich Reste dieses Gebrauches in der Sitte und Sprache Englands. » Wassail « heißt zechen, schmausen, und der » Wassail «-Becher geht noch heut bei Banquet und Festgelag von Hand zu Hand. In der alten Heimath aber, im Friesenland, empfangen die Bauern im Wirthshaus den Neuankommenden noch immer mit dem Gruße Rowena's: »Waes Hial!« und dieser erwiedert wie Vortigern: »Drink Hial!« (S. Hansen , Friesische Sagen, etc. p. 135.) Vortigern war nun trunken von den verschiedenen Getränken, und der Teufel nahm die Gelegenheit wahr, um in sein Herz zu schleichen und ihn in das Mädchen verliebt zu machen, so daß er bei ihrem Vater um sie anhielt. Es geschah, sage ich, durch des Teufels Spiel, daß er, so doch ein Christ war, sich in eine Heidin verliebte. Hier nun entdeckte Hengist, der ein schlauer Mann war, den Leichtsinn des Königs, und er überlegte mit seinem Bruder Horsa und den andern alten Männern, was zu thun sei in Bezug auf des Königs Bitte. Sie riethen ihm einstimmig, seine Tochter dem Könige zu geben und als Gegengabe dafür die Provinz Kent zu verlangen. Demgemäß ward die Tochter ohne Verzug Vortigern übergeben, und Hengist empfing die Provinz Kent, ohne daß Gorangan, der sie verwaltete, Kenntniß davon hatte. In derselben Nacht aber heirathete der König die heidnische Jungfrau und vergnügte sich im höchsten Maße mit ihr; wodurch er den Haß des Adels und seiner eigenen Söhne rasch auf sich lud.« Und so lieg' ich im Reisegap bei Wenningstedt und denke an den grausamen Hengist, den Sachsen, der seine schöne Tochter Rowena dem weichherzigen König Vortigern zur Frau gab, und ihn später ermorden ließ und sein Reich eroberte ... und der Meerwind streicht durch die Blätter der alten Chronik und dem Westen zugewandt ist mein Auge und der untergehenden Sonne. II. Am 13. August. Die Insel Sylt ist das äußerste Stück deutschen Landes, wo noch deutsch geredet und deutsch gefühlt wird. Das wilde Meer, nirgends wilder als an diesen Küsten, hat dies Stück schon seit Jahrhunderten von der mütterlichen Erde des Festlandes abgerissen; wie ein verlorner Posten steht es in der einsamen Wasserwüste, dem zerstörenden Andrang des Meeres preisgegeben. Und wie von der Westseite das Meer heranbraust, so von der Nordseite ein anderes, dem deutschen Wesen nicht minder feindliches Element, das Dänenthum, das die Nordspitze der Insel schon bezwungen hat und weiter dringt. So sehen wir von der deutschen Küste, dem deutschen Meere aus, die Insel langsam untergehen. Es ist nicht, weil sie besonders groß oder schön oder werthvoll für uns wäre, daß wir sie wehmüthig betrachten; aber mit ihr geht ein Theil von uns selber, ein schönes Stück unserer eigenen Vergangenheit hinunter, und ihr Verlust erinnert uns an vieles Andere, was wir schon verloren. Die Halbinsel, auf welcher jetzt bis an's rechte Elbufer das Regiment des Dänen reicht, war einst der Sitz des kräftigsten deutschen Volksstammes, des freiesten, des stolzesten; die Heimath der Nordfriesen, welche England erobert und dem englischen Volke die Grundlagen seiner Sprache, seines Rechts, seiner Macht gegeben haben. O, spät und als man ihn längst nicht mehr erwartete, hat England die Schuld seines Dankes hierfür gezahlt: mit der parlamentarischen Agitation gegen die schleswig-holstein'sche Erhebung, mit den Leitartikeln der »Times« und dem Londoner Vertrag von 1852. Und doch werden sie und wir es nie vergessen, daß die Wurzeln ihrer Macht sich in diesem Boden genährt haben, der deutsch war und deutsch bleiben wird, so lange es Gott gefällt; die blondfalben Haare der Friesen, ihre Sprache, ihre Verfassung und ihr Recht erinnern uns täglich an die Verwandtschaft. In jenen grauen Tagen nun, wo Hengist und Horsa eben ihre Mannen gen West geführt hatten und die Fahne mit dem weißen Sachsenroß zuerst über den Kalkfelsen von Kent flatterte, wo Vortigern, der gutmüthig schwache Britenkönig, durch Verrath gestorben war und Arthur, der König der mittelalterlichen Romantik, das heilige Drachenbanner der Kymrus in die wilde Einsamkeit des Snowdon's geflüchtet hatte: da waren die friesischen Lande auch noch ganz anders, als sie heute sind. Da hingen die Inseln, die jetzt verloren im Meere schwimmen, mit dem Festland, jener Halbinsel, zusammen; ja es giebt eine Sage, daß Heligoland oder Heiligland, das Helgoland unserer Tage, Die Engländer nennen es noch heut » Heligoland .« die Südwestspitze des großen Friesenlandes gewesen. Zu der Zeit, wo die Völker Europas durch die germanische Wanderung zersetzt und neugestaltet wurden, soll auch die Landzunge, welche Frankreich mit England verband, durch den Wellensturz des Atlantischen Oceans durchbrochen worden sein; die Brücke, über welche die celtische Urbevölkerung aus Iberien und Gallien hinübergewandert, war nicht mehr. Der Damm, der die germanischen Küsten beschützt hatte, deckte sie nicht länger, und Nordfriesland sollte den Stoß zuerst empfinden. Mit dem Fluthstrom aus Nordwest vereinte sich der neue aus Südwest; und er brachte Stürme und Überschwemmungen und Verwüstungen, und er zerriß das Friesenland, und er hat Wangeroge verschwemmt und er droht Helgoland zu begraben. So hat sich der britische Kanal an dem Lande gerächt, von welchem das Volk kam, das die britischen Inseln erobert und beherrscht hat, bis auf diesen Tag. Das alte Land der Nordfriesen wurde von den Gewässern in Inseln zerschnitten, die unter dem Namen der friesischen Uthlande (Außenlande, Insellande) lange bekannt sind. Sie liegen aufwärts längs der Westküste von Schleswig, und die hauptsächlichsten derselben heißen: Nordstrand, Pelworm, Föhr, Amrum und Sylt. Ihren Westrand kehren sie dem stürmischen Nordmeer zu, das sie zerrissen hat und täglich mehr zerreißt; von der Ostseite sieht man das feste Land gegenüber, und nur das blaue, ruhige Wasser des Wattenmeeres trennt sie von demselben. Oft, zur Ebbezeit, die hier zwei Stunden später eintritt, als in der großen Nordsee, ist dieses Wasser so flach, daß man den Grund sieht und hindurchwaten kann. Dann soll man von Sylt nach Amrum mit einem Wagen fahren, und, wenn man die Straßen kennt, Föhr und die Widingsharde am Festland trocknen Fußes erreichen können; Strecken, über welche die Fluth das Dampfschiff trägt, verwandeln sich alsdann in schwarze fette Schlickmassen, aus welchen trefflicher Marschboden würde, wenn man sie einzudeichen wagen dürfte. »Es ist diß Land«, sagt Dr. Kaspar Danckwerth, weiland Burgemeister von Husum (Mitte des 17. Jahrhunderts), der diese Stelle jedoch aus einem noch ältern Buche, aus der Chronik des Saxo Grammaticus , welcher um 1200 schrieb, entlehnt hat – »es ist diß Land reich an Korn und Vieh, sonsten aber nah an dem Meer und so niedrig belegen, daß es zuweilen damit übergossen wird. Damit aber solches nicht geschehe, seynd die Ufer rund herumb mit Teichen verwahret: wann aber des Meeres Gewalt dieselben durchbricht, so überschwemmt es das Land, reisset die Häuser danieder und verderbet das Korn. Gemeinlich machet oder reisset das Meer große Wehlen in die Aecker hinein und wirft die Erde aufs fremde Felder. – Sonsten trägt Frießland trefflich viel Graß und man siedet daselbsten auch Salz aus gedorrter Erde. Den Winter über liegt das Land stets mit Wasser bedecket und giebt das Ansehen, als ob es ein See wäre, daher es zweifelhaft, wozu man diß Land eigentlich rechnen soll, dieweil man es zu Sommerzeit pflüget, zu Winterzeit aber mit Böten darüber fähret.« Hier bekommen wir, von einem Augenzeugen, die Schilderung des Scheidungsprozesses; dieser selbst vollendete sich erst zu Ende des 17. Jahrhunderts, und was dem Augenzeugen und seinen Söhnen und seinen Enkeln vierhundert Jahre lang als ein topographisches Amphibium, als ein Mittelding zwischen Wasser und Land erschienen, ist seit der Zeit eine Inselgruppe, bewohnt von einem muthigen, ehrenfesten Volksstamme, der die deutsche Sprache spricht, uns zwar unverständlich, wie die Sprache des Hildebrandsliedes, aber nicht weniger deutsch, und sich deutsche Freiheiten und Rechte in jahrhundertelangem Kampfe männlich erhalten hat, einem Kampfe, der im achten Jahrhundert begonnen und im neunzehnten noch nicht beendet ist. Noch zeigt man bei Archsum und bei Tinnum auf Sylt zwei Erdwälle, welche vordem dänische Zwingburgen getragen; die Burgen sind längst zerstört und Schafe weiden auf der Höhe, wo sie damals gestanden. Freilich liegt, ungefähr in der Mitte zwischen den Wällen, die man noch heute Tinnumburg und Archsumburg nennt, die Landvogtei, in welcher der dänische Statthalter wohnt; aber sie haben den dänischen Statthalter gezwungen, deutsch mit ihnen zu reden und nach deutscher Weise mit ihnen zu Gericht zu sitzen. Denn ob es auch Mächte und Geschicke im Völkerleben giebt, die ruhig ihren Weg wandeln und zuletzt an das Ziel kommen, trotz allen Widerstandes: so haben diese Leute den Widerstand doch gewagt und, treu ihrem heldenmüthigen Wahlspruch: »Lieber todt als Sklav«, haben sie ihr Land gegen das Meer und ihr Recht gegen den Feind behauptet, – und wenn nun zuletzt, nach Jahrhunderten vielleicht, das Meer und der Feind siegen sollten, so wird man doch sagen: der Kampf ist schön und erhaben gewesen, und mit Wehmuth wird der Blick des spätesten deutschen Geschichtsforschers auf der Stelle haften, wo er auf den nordfriesischen Inseln geführt worden. Die Insel Sylt ist ihrer Lage nach die äußerste der Gruppe. Sie ist zugleich ihrem Umfange nach die größte. Sie hat in Süd und Nord 4 ¾ Meilen Länge, in Ost und West ¼ bis 1 ½ Meilen Breite und zählt 2700 Einwohner. Fruchtbaren Landes giebt es nur wenig, das Meiste ist unabsehbare Haide und aufgethürmter Dünensand, wo nur Schafe ein kümmerliches Futter finden. Die Mehrzahl der Bedürfnisse muß vom festen Lande bezogen werden. Die Inselbewohner sind muthige, treuherzige, gastfreie Menschen; sie zeichnen sich nicht durch Schönheit aus, aber die Männer sind kräftig und die Frauen haben einen edlen Wuchs und seelenvolle Augen. Wenn man das Land durchwandert und um die Abendzeit von Dorf zu Dorf geht, dem Meere fern, wo man sein Rauschen nicht hört und nur noch die himmlisch reine Luft athmet, die es entsendet, so könnte man sich einbilden, man sei in einer einsamen, von vielen wilden Blüthen duftenden Haidegegend, und reizend ist es, das Verhältnis zu betrachten, in welchem diese Leute zum Meere stehn, das ihre Existenz täglich bedroht, und zum Lande, dessen friedliche Fläche sich vor ihren Hütten ausdehnt. Sie sehen auf's Meer mit wehmüthigen und sehnsüchtigen Blicken; es hat Jedem, der auf der Insel wohnt, schon etwas Liebes, und nicht Wenigen Alles geraubt. Aber ihre Männer hören nicht auf, es zu befahren; berühmt ist der Muth und das Geschick der Sylter Schiffscapitaine auf allen Meeren des Globus, und wenig Knaben giebt es hier, die nicht zur See gingen, sobald sie die Schule verlassen. Viele kehren nie zurück, keiner aber eher, als bis er auf vielen Fahrten so viel erworben, um nun daheim, nachdem die eine Hälfte des Lebens fortgestürmt ist, die andere gemächlich »in Ruh verdehnen« zu können. Die Sylter Frauen dagegen hängen am Haus und sie verlassen es niemals. Sie fürchten das Meer, das ihre Väter und Brüder, ihre Männer oder Bräutigame befahren; ihr Reiseziel ist das nächste Städtchen des Festlandes. Hamburg zu sehen, ist ein nicht Allen gewährter Lebenswunsch, und nur von Zweien oder Dreien wird erzählt, daß sie in England gewesen. Daher es denn geschieht, daß man auf dieser Insel so wenig junge Männer und so viel Wittwen, so viel alte Mädchen sieht, die nie heirathen. »Sie hätten wol Alle heirathen können«, sagte meine Wirthin, die Jungfrau Brigitte, »aber der Bräutigam ist verunglückt, und Landsleute oder Jüten, wie die Anderen, haben sie nicht gewollt.« Die Sylter Frauen stehen an ihrem Herde wie die Priesterinnen der germanischen Vorzeit: sie besorgen das Hauswesen. Im Feld und auf der Wiese sieht man fast nur Frauen, und sie sind es, die das Vieh auf die Weide ziehen und wieder zurückholen. Die niedrige Feldarbeit wird von eingewanderten Dänen aus Jütland verrichtet. Diese – meist der untersten Bevölkerungsclasse angehörig, an ihren nichtssagenden Gesichtern, stumpfen Blicken und unbeholfenem Betragen leicht von den freien, stolzen Friesen zu unterscheiden, unter welchen sie sich bewegen, – stehen zu letzteren in einem untergeordneten Verhältniß, und werden vorzugsweise als »Knechte« behandelt und bezeichnet. Darum auch »Jüte« genannt zu werden, der größte Schimpfname auf Sylt ist, und diejenigen, welche es wirklich sind, leiden es doch nicht gern, daß man ihnen diesen Namen gebe, mit dem sich stets der Nebenbegriff des Schimpflichen verbindet. Allein das hat doch nicht verhindern können, daß dies jütische Element, verachtet wie es ist, von Jahr zu Jahr mehr vordringt, je mehr das Bedürfniß nach Arbeitskräften fühlbar wird. Und nicht alle Frauen denken so gut alt-sylterisch, wie meine Jungfrau Brigitte. Denn namentlich zeigen sich in neuester Zeit die Seemannswittwen nicht abgeneigt, sich mit jütischen Männern zum zweitenmale zu verbinden, die dann aber den Namen der Ersteren annehmen, da hier zu Lande die verheiratheten Fremden nach ihren Frauen genannt werden. So habe ich auf Sylt manch einen Mann gesehen, der eine deutsche Frau und einen deutschen Namen dazu hat, und nicht deutsch sprechen kann! Recht aufkommen können aber weder diese Fremden noch diejenigen, welche als »Landsleute« im Gegensatz zu den Andren, den Seefahrern, entweder nicht stark oder nicht muthig genug waren, dem allgemeinen Zuge aufs Wasser zu folgen. Eine lange Vergangenheit voll seefahrender Väter und Vorväter verleiht hier der Familie den patricischen Charakter, deren jede hier ihre Genealogie und ihren Stammbaum hat, wie bei uns auf dem Festlande der Adel; und das Mädchen, das im aufgeschürzten Rock die Kühe über die Haide führt, kann die Geschichte seiner Ahnen erzählen und ist stolz darauf. Wunderbare Geschichten sind es zuweilen, denen ähnlich, die man von der Geburt der römischen Zwillinge, oder der Helden und Halbgötter der nordischen Mythe erzählt. Mein Freund, der Schiffscapitain Dirk Meinerts Hahn, der die Stammtafeln seiner Familie mit ganz besonderer Genauigkeit geführt hat, beginnt seine Erzählung mit einem schönen Mädchen aus Holland, das von dem Sohne eines reichen und hochmüthigen Kaufherrn in Amsterdam geliebt worden sei. Dieser, der für seinen Sohn eine andere Verbindung wünschte, wußte es zu veranstalten, daß Jens Grete – so hieß das Mädchen – nebst der Frucht ihrer Liebe auf eines seiner Handelsschiffe, das nach Riga gehen sollte, gebracht wurde. Das Schiff scheiterte in einer düstern Novembernacht auf den Hörnumer Bänken, unter ging die Mannschaft, unter ging Jens Grete, die Geliebte des Amsterdamer Kaufmannssohnes, aber eine Wiege schwamm an Land und in der Wiege lag ein Knäblein, und das Knäblein wuchs heran und ging auf See und erwarb sich Ruhm und Reichthümer auf seiner Fahrt und ward der Stammvater der Familie Hahn, in welcher die älteste Tochter immer noch Grete heißt. Und welch eine hübsche Grete, mit welch dunklen Augen und freundseligen Mienen ist es, die in unsern Tagen das Andenken an die unglückliche Stammmutter forterhält! Und so wie in das häusliche Leben dieses Volkes, so voll von dem Stolz und der Einfachheit der Patriarchen, ein fremdes Element sich störend eindrängt: so stürmt vernichtender noch gegen ihr Land selbst das andere Element, das Meer, heran. Die Dörfer der Ostküste sind freilich geschützt: das stille, an seiner blauen Bucht fast träumerisch gelegene Keitum, – die Dörfer Tinnum, Archsum und das von fetten Marschländereien umgebene Morsum haben Nichts zu befürchten. Aber traurig ist es, die Bewohner der Westdörfer Westerland und Rantum sprechen zu hören. Sie haben zwischen sich und dem Meere die Dünen, aber die Dünen wandern landein, wenn der Südwest im Winter und nahenden Frühling rast, und die Häuser, in denen ihre Eltern gewohnt, und die Stellen, auf welchen sie als Kinder gespielt, werden verschüttet, und über manchen Platz, den die alten Leute noch herausfinden und mit den Fingern zeigen, ebbt und fluthet jetzt die große Nordsee. Boy Jensen, der Schmidt von Westerland, der nun achtzig Jahre alt ist, hat mir Stellen gezeigt, wo er als Knabe die Pferde seines Vaters geritten und die Kühe geweidet hat. Sie liegen jetzt tief, tief unter den Dünen, und die Herren haben ihr Bad daselbst, seit den drei Jahren, daß man angefangen hat in Westerland Seebäder zu nehmen. Es ist traurig genug, wenn man seine Heimath verlassen und in fremde Länder und zu fremden Leuten wandern muß; aber man verliert sie doch nicht, indem man sie verläßt, sie bleibt stehn, wo wir als Kinder sie gesehn, und unsre Träume und Wünsche dürfen sie oft noch besuchen. Diesen Männern aber geht die Heimath unter den Füßen fort. Sie versuchen sie zu halten, sie umklammern sie mit der ganzen Verzweiflung der Liebe; aber sie geht fort. Umsonst, daß die Bewohner der Westküste von Sylt dem Ansturz des Meerstroms, dem Wandern der Dünen Einhalt zu thun versuchen. Sie bepflanzen die Dünen, eine nach der andern, die lange Küste hinauf, mit Riedgras und Sandroggen, – dürre, steife Gewächse, deren hartnäckige Wurzelfasern den fliehenden Staub zusammenhalten sollen. Sie liegen, vor Allem wieder die Frauen und Mädchen, denen ja – bei der Abwesenheit der Männer – die Hütung des Landes vertraut scheint, in den kalten stürmischen Herbstmonaten auf diesen Dünen und pflanzen und bauen; und welch hartes Werk es ist, das sehen wir, wenn wir es versuchen, über die Dünenkette hinzusteigen und von dem weichenden Sand und dem Winde, der ihn um uns herumjagt, ermüdet sind, ehe wir die Hälfte zurückgelegt haben. Dekker, der Strandvogt, hat mir von einem Mädchen erzählt, das sich hier in den Dünen den Tod geholt; seine eigene Schwester ist an den Folgen der Erkältung und Ueberarbeitung gestorben. Dieses ist auch ein Tod fürs Vaterland. Seht! wie sie knieend auf den Dünen liegen, im November-Sturm, im eisigen Regen, die Mädchen von Westerland, wie sie das Meer beschwören und anflehn, wie sie ihm ihr jungfräuliches Leben zum Opfer bieten ... Aber das Meer schlägt donnernd gegen die Küste und ihr Flehen verhallt im Südwest und die Dünen wandern. Und traurig durch die langen, weißen Sandthäler von Hörnum – dem unbewohnbaren Westende der Insel – schwebt das »Stademwüffke«, die weiße Frau von Sylt und weint und klagt über den Untergang, und daß sie Nichts gegen die Thorheit und Verderbtheit der Menschen und Nichts gegen die Bosheit der heidnischen Sturm- und Meeresgeister vermochte, die seit Jahrhunderten Hörnum verwüsten und ganz Sylt dereinst vernichten werden. Und über die Haiden der Nordspitze, von den gespenstischen Bramhügeln bis hinauf zu dem still gewordenen, verödeten Königshafen wandert bei stürmischer Nacht der »Jückersmarschmann« und die Fackel, die er in den Händen trägt, wird weithin gesehn und sein Seufzen weht mit dem Winde von Dorf zu Dorf. Doch wie das Land, auf dem sie wohnen, auch wankt und weicht: fest steht ihr deutsches Recht, ihre deutsche Tugend. Germanischer kann in der Welt Nichts sein, als das häusliche und öffentliche Leben dieses Inselvolkes. Nüchtern und enthaltsam sind die Männer; das Einzige was viel und gern getrunken wird, ist der Kaffee. Das Gefängniß steht seit Menschengedenken leer, und wenn ja einmal Jemand hineingebracht wird, so ist es ein Ausländer; zuletzt war es ein Blankeneser Fischer, der im Hafen von Keitum ankerte und seinen Schiffsjungen mißhandelt hatte. Nachtwächter giebt es nicht und die Hausthüren verschließt man nur gegen den Sturm, nicht gegen die Diebe, und hängt den Schlüssel auf die Außenklinke; Clasen, der Polizeidiener, ist ein alter, lahmer Mann, der kaum noch gehen kann. Sittsam und streng sind die Frauen. Ihre Unschuld ist so groß, daß der Fremde sie küssen kann, ohne daß sie oder ihre Männer etwas Böses darin finden. Aber nie hat man von den Uebeln gehört, die bei uns im Sonnenschein über die Straße gehn. Kinder, die ihren Vater nicht kennen, giebt es nicht auf Sylt. Der junge Ehemann, indem er seine angetraute Frau zum erstenmale über die Schwelle seines Hauses führte, steckte in alten Zeiten zugleich ein Schwert über die Thür; zum Zeichen, daß sie mit einem Schritte unter sein Dach und unter seinen Blutbann getreten sei, und noch zeigt man den Weg, auf welchem ehebrecherische Frauen an's Meer geführt wurden, das ihre Schuld begraben sollte. Aber nicht dreimal, so weit Sage und Geschichte reichen, ist dieser Pfad zum Meere gewandelt worden. Das Verhältniß der beiden Geschlechter ist das zarteste, welches sich denken läßt. Im Herbste, wenn die jungen Männer von weiten Reisen zurückkehren und während der Monate, wo die See unfahrbar wird, in der Heimath verweilen, ist die Zeit der Liebe und Liebeserklärungen. Aehnlich dem »Fensterl'n« in den Alpenländern hat sich hier, am Meeresstrand, das sg. »Thüren« erhalten. Das junge, heirathsfähige Mädchen hält Hof an der Hausthür, die »Halfjunkengänger«, so genannt, weil sie im Halbdunkel zu erscheinen pflegen, versammeln sich in der Stube bei den Eltern desselben, und warten, bis ihnen Audienz gegeben wird. Das Mädchen erwählt sich Einen von den erschienenen Freiersleuten und die Andern kommen nicht wieder. Dann verloben sie sich und bleiben sich jahrelang treu, und selten nimmt das Mädchen einen Andern, wenn ihr Liebster von der See nicht wiederkehrt. Kommt es jedoch mit Gottes Hülfe zur Heirath, so findet diese regelmäßig am Donnerstage vor dem ersten Advent statt. Wenn dann die Ströme wieder aufgehen, dann pflegt auch der junge Ehemann wieder zu gehn, und oft, um nicht mehr heimzukehren. Manch eine Wittwe hab' ich auf Sylt gesehn, die nur wenige Monate Frau gewesen. »Die Hochzeiten waren in vorigen Zeiten weit munterer und geräuschvoller als in den späteren Jahren«, heißt es in einem kleinen Büchlein vom Jahre 1828, das ich auf dem Tassenbrett in Jungfer Brigittens Küche gefunden habe. »Man lud sehr viele Gäste dazu ein, und man war bei mäßiger Bewirthung recht fröhlich. Wenn der Bräutigam die Braut aus ihrer Eltern Hause abholte, so begleiteten ihn bisweilen fünfzig, sechszig bis siebzig und mehrere Leute zu Pferde und man zechte lustig darauf los, Branntewein und gutes Bier ... Sonst hat man hier keine öffentlichen Lustbarkeiten, als blos am Petri-Tage, nämlich den 22. Februar, da sehr viele junge Leute sich, insonderheit in Keitum, versammeln und tanzen. An diesem Tage werden auch, einer alten Gewohnheit zufolge, sehr viele Kuchen gegessen und ausgetheilt, so daß dieser Tag für die Bäcker und für die Kinder der angenehmste Tag ist.« Selbst bei einem Völkchen von so insularer Abgeschiedenheit und conservativer Gesinnung verliert sich Manches, was Herkommen und Sitte geheiligt haben. So ist die malerische alt-sylter Tracht fast ganz verschwunden. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts trugen die Frauen einen kurzen karmoisinrothen Rock, der nicht viel weiter, als über die Knie reichte, weiße Strümpfe, einen feingestrickten Brustlatz und einen Kopf-Aufsatz, dem nicht unähnlich, den wir bei den Damen aus der Zeit und am Hofe der Königin Elisabeth in England sehen. Von den langen Röcken mit großen silbernen Knöpfen und den buntgestickten Westen der Männer wird noch in mehreren Häusern auf Sylt Manches zum Andenken aufbewahrt. Die heutige Tracht der Sylterinnen unterscheidet sich wenig von der, die wir überall sehn. Nur ein weißes Tuch, das sie bei der Alltagsarbeit fest um den Kopf zu schlingen und über den Mund zu ziehen pflegen, wenn sie in den Sturm hinausgehen, giebt ihrem Ansehn etwas Geheimnißvolles, und jenen prophetischen Zug, von dem Tacitus gesprochen. Das Eigenthümlichste und Ehrwürdigste, weil es sich von Alters her fast unverändert erhalten hat, ist das Gerichtswesen und die bürgerliche Verfassung von Sylt. Der einzige Königliche Beamte auf Sylt ist der Landvogt, aber seine Macht ist eine nach altem Recht höchst beschränkte. Er kann in eigner Person nur über Sachen entscheiden, die den Werth von 10 Thlr. nicht überschreiten; in allen übrigen Fällen bleibt die Entscheidung den zwölf Rathmännern von Sylt überlassen. Die zwölf Rathmänner sind der Rest der Volksgemeinde, die einst auf den Thinghügeln tagte. Die Thinghügel stehen noch, der Landvogtei grade gegenüber, und die wellenförmigen Conturen ihrer Kuppen werden weithin über die flachen Inseln gesehen. Wir wissen aus dem altdeutschen Gerichtsverfahren von zwei ungebotenen, d. h. regelmäßig und ohne besonderes Aufgebot stattfindenden Things, von denen das eine im Frühling und das andere im Herbst abgehalten wurde. Von diesen beiden ist auf Sylt nur das Herbstthing geblieben, und es wird im Anfange des Oktober-Monats nach vierzehn Tage vorher ergangener Bekanntmachung gehalten; nicht mehr auf den Thinghügeln wie in alter Zeit, sondern gegenüber in der Landvogtei, deren nach Vorn geöffnetes Häuserviereck mir immer einen düstern Eindruck gemacht hat, so oft ich vorbeiging. In diesem großen öffentlichen Herbstgericht hat der Landvogt jedoch keine Stimme; er fungirt nur als Protokollführer. An die Stelle der gebotenen, d. h. bei besonders dringlichen Angelegenheiten außerordentlich angesagten Things ist heutzutage ein Gericht getreten, das aus dem Landvogt und zweien Rathmännern besteht. Gerichtet wird nach Nordstrander Landrecht, »damit der Durchlauchtige und Hochgeborene Fürst und Herr Johannes der Aeltere von Gottes Gnaden, Erbe zu Norwegen, Herzog zu Schleswig-Holstein etc., seine Unterthanen, die fünf Hardesräthe, Bunde und Einwohner desselben seines Landes begnadet und begabet hat. Anno 1572.« Ich habe mir's vom Rathmanne Dekker auf Westerland geben lassen, als er mir eines Abends vor einem Fuder Heu, das sein Knecht einfuhr, begegnete und wir lange über Sylter Recht und Gericht im Nachhausegehen gesprochen hatten. Das altdeutsche System der Brüche und Mannsbuße findet sich noch darin, und manche sonderbare Bestimmung gegen Viehzauber und Hexerei, woran die Sylter bis auf den heutigen Tag glauben. Die Communal- und Landschaftsangelegenheiten werden durch neun Landesgevollmächtigte verhandelt und verwaltet. Sie versammeln sich jährlich etwa zweimal in Keitum, in dem Hause zwischen der Post und Groot's Wirthshaus, in welchem eine alte Jungfer und ein alter Junggeselle wohnen, und in dem langen Zimmer, worin zur Winterzeit die Keitumer ihren Sonntagstanz halten. Das Institut der Landesgevollmächtigten ist jedoch bei allem Nutzen, den die innere Oekonomie der Insel davon hat, nicht sehr populär auf Sylt; und zwar nur deshalb nicht, weil es von der dänischen Regierung angeordnet und eingeführt worden ist. So groß ist die Abneigung gegen Dänemark; so groß, so rührend die Anhänglichkeit an das ferne Deutschland, von dessen Segnungen die Insel doch niemals Etwas empfunden. Als im Jahre 1848 der Ruf des deutschen Volkes nach einem deutschen Parlamente auch hierher gedrungen und nun endlich eine allgemeine und große Wahl ausgeschrieben worden war: da versammelten sich die Männer von Sylt – sonst so indolent, wo sich's um politische Dinge handelte – und nicht viel weniger als vierhundert Stimmen bezeugten es, daß selbst am letzten Küstenrande, wo deutsches Volk wohnt, der Gedanke eines einigen Deutschlands begeisterten Anklang gefunden. Und ein oder zwei Jahr später, als der Krieg um Schleswig-Holstein entbrannt war, da hat auch die Insel Sylt ihr Contingent gestellt und ihre Opfer gebracht. Manch ein Vater erzählt von einem Sohne, der drüben auf dem Felde von Idstedt begraben liegt, oder nach dem Kriege die Heimath für immer verlassen und nach Amerika auswandern mußte. Was sollen wir Deutschen erwidern, wenn wir uns solche Geschichten erzählen lassen, auf einer Insel und von einem Volke, das für uns geweint und geblutet hat und das wir kaum dem Namen nach kennen? Auch hat man mir einen Mann gezeigt, der besonders heftig und im patriotischen Sinne zur Zeit des Krieges auf Sylt agitirt hat; dieser Mann mußte sich ein halbes Jahr lang in der wilden Sandwüste von Hörnum verborgen halten, dann wurde er mit den Andern amnestirt. Aber stumm, ernst und schmerzlich in sich gekehrt, geht er noch heute herum. Die Sprache des Gerichts, der Schule und der Kirche ist deutsch verblieben, das haben diese wackeren Männer durchgesetzt und die Schullehrer und Pastöre von Sylt sind die bravsten Deutschen, die ich je gesehen. Die Pfarreien von Morsum und Keitum sind ansehnlich dotirt; der Pfarrer von Westerland und Rantum jedoch soll sich, wenn man Alles rechnet, was ihm an Gehalt, Ländereiertrag und Sporteln zufällt, nicht auf dreihundert Thaler stehen. Die Männer, welche das Wort Gottes auf den Inseln predigen, müssen sich an Einsamkeit und Entbehrung gewöhnen. Die Prediger auf den kleinen Inseln und Halligen sind zugleich Küster und Todtengräber und erst wenn sie in dieser Weise dem Herrn und ihrer Gemeinde sechs Jahre gedient haben, erhalten sie das Recht, auf einer der größeren Inseln angestellt zu werden. Lieder habe ich auf Sylt nicht gehört, » Frisia non cantat « ist ein altes Wort; »die Friesen singen nicht.« Der Kampf mit dem Meere hat sie ernst gemacht, und ihr Leben ist ein Leben voller Gefahren und Sorgen und Arbeit. Auch von Volkspoesie habe ich nur wenig vereinzelte Spuren entdecken können. Firmenich's »Völkerstimmen« bringen gleich auf den ersten Blättern ein Paar Gedichte in der Sylter-Friesischen Mundart. Doch sind diese Gedichte noch nicht sehr alt; ihr Verfasser ist der Vater des Schullehrers C. P. Hansen in Keitum, von welchem wir jüngst ein hübsches Buch über »die Insel Sylt wie sie war und wie sie ist« (Leipzig, Weber) gelesen haben. Die wenigen Dichtungen, die sich aus älterer Zeit erhalten haben, sind von geistlicher Natur, oder sie beziehen sich auf den – Hexenglauben, der, wie in dem Sylter Recht, so hier in der Sylter Poesie seine Spuren zurückgelassen hat. Ich habe oft mit dem Schullehrer Hansen, der die Vergangenheit und die Gegenwart seiner Insel kennt, wie kein Zweiter, über diesen Gegenstand gesprochen; aber Alles, was ich von ihm erfahren habe, sind ein paar Hexensprüche und ein Hexenlied, die ich in hochdeutscher Übersetzung sogleich mittheilen werde. Es ist zwar die Absicht dieses wackeren Forschers, etwa versprengte Reste der alt-sylter Volksdichtung zu sammeln, wie er früher die »Sagen und Erzählungen« seiner Heimathinsel, und verstreut darin einige jener Reste, gesammelt hat (Mona, Wendeborn); über den Erfolg jedoch muß erst die Zukunft uns belehren. Inzwischen ist uns ein neues Werk von Hansen zugegangen: » Der Sylter-Friese , Geschichtliche Notizen, chronologisch geordnet und benutzt zu Schilderungen der Sitten, Rechte, Kämpfe und Leiden, Niederlagen und Erhebungen des Sylter Volks in dem 17. und 18. Jahrhundert.« (Kiel, Homann). Die Hexensprüche – welche in auffallender Weise an den Goethe'schen Spruch erinnern: »Eines schickt sich nicht für Alle«, nur in die Hexensprache übertragen, – lauten: Leg Knoten hin für Jedermann, Stoß hie und da und nirgend an, Sei hier und da und überall, Bring Jeden, nur nicht Dich, zu Fall! Etwas voller in Form und Inhalt klingt folgendes Liedchen, das man schon als eine Sylter Volks-Ballade bezeichnen dürfte, mit dem schauerlichen Ton und Hintergrund der nordischen Mythe: Glühauge saß auf dem Steinchenbrink, Und stiert in den Tag, der zu dämmern anfing; Sie hat sich verspätet beim Tanze der Nacht, Drum ist sie verfallen der strafenden Macht. Sie stiert in das dämmernde Morgenroth, Sie stiert in's Verderben, sie stiert in den Tod. Da sieht sie zwei Schwestern – sie fliegen vorbei, Sie haben verpaßt auch den Hahnenschrei. Sie steht sie, sie kennt sie, sie ruft ihnen zu: Lauf, lauf, lahme Ente! Lauf, manntolle Kuh! Und die Ente, die läuft, und die Kuh, die jagt, Und – »Hu! was war das?« Glühauge fragt. Das Morgenroth riß und es brannte die Sonn' – Glühauge flog zu dem Henker davon! Noch vielerlei wäre über diesen Punkt und manchen andern zu forschen und zu untersuchen; aber der Boden ist für die Wissenschaft und ihre fleißige Schwester, die Reisebeschreibung, zu neu, um Alles mit einem Zuge erschöpfen zu können. Wir müssen uns zuletzt bescheiden, und vor manchem Räthsel stehen bleiben. Die Insel liegt ernst und nachdenklich vor uns, und das Volk, das sie bewohnt, spricht nicht viel, und oft genug habe ich an den Spruch denken müssen, den ich an einem dieser Tage über einer Seitenthür der Kirche von Keitum gelesen habe: Viel wissen und wenig sagen, Nicht antworten auf alle Fragen! III. Am 16. August. Das Nordseebad Westerland besteht jetzt drei Jahre. Es will mir nicht einleuchten, warum man erst vor drei Jahren auf den Gedanken kam, hier zu baden. Der Strand an der ganzen Küste hinauf ist vortrefflich; er senkt sich flach und bequem und der Grund ist weicher Sand- und Muschelboden. Das Wasser kann nicht besser und kräftiger sein; hier rollt die breite Woge des Nordmeeres heran, von keiner Insel mehr gehemmt, von keinem letzten Ausläufer des Landes eingezwängt, nur die Sandbänke, die vor unserem Strande liegen, zerreißen ihre ruhige Fläche, und schaumspritzend, in immerwährender Brandung stürzt sie sich auf den Sand, wo wir sie erwarten. Dieses heilkräftige Wellenspiel ist vom Winde nicht abhängig; die See kann blau sein und sonnig vom goldenen Morgen schimmern, ohne daß der Wogenbruch fehlt, der dann wie ein silberner, vielfach gewundener Streif den Biegungen der Küste folgt. Wenn nun aber dunkles Gewölk die Fernsicht beschränkt, wenn der Regen über dem dumpfen Meere steht und der westliche Wind in die trübe Masse von Nebel und Wasser braust: dann scheint die Brandung zu rauchen, wirbelnd überstürzt eine Welle die andere, der aufgewühlte Boden mischt seine röthlichen Bestandtheile mit dem dunkelgrünen Schaume und ein donnerartiges Getöse den Strand entlang verkündet die schwere See. Dann halten wir uns an Seilen, die weiter oben an den Dünen ankerfest gemacht sind, und indem wir, an's Festland gekettet, in den rasch verdunstenden Schaum tauchen, überschauen wir nicht die nächste Welle und bedenken kaum, welcher Schrecken, welch' unsägliche Gefahr hinter den Bänken lauert, von denen sie herantobt. Wehe dem Fahrzeuge, das in diese Brandung geräth! Wir aber holen uns, dicht aus der Nähe des gräßlichen Todes, neue Kraft, dem Leben zu trotzen; und nicht zwanzig Schritte vom schauerlichsten Grabe, neue Lust, es zu genießen. Und wie herrlich ist die Luft, die uns umwettert, wie rein ist sie, wie kühl – wie weitet sich die ganze Brust, indem sie die köstliche Frische in sich athmet. Man geht ihr entgegen, man glaubt sie umfassen, umarmen zu können. Man sitzt einsam mit ihr auf den Hügeln, sie zieht dahin, ewig neugeboren, und sie flüstert uns schöne Erzählungen in die lauschende Seele, tausend süße Stimmen nimmt sie an, die alle von Liebe und Leben, und Hoffnung und Glück sprechen. So ist das Seebad von Westerland. Wessen Seele nicht gewohnt ist, die luftigen Pfade zu wandeln, die der Scheidestrahl des sinkenden Tages in's Wasser und weit hinaus zeichnet, der wird sich unglücklich fühlen an diesen Küsten. Wer es nicht vergessen kann, daß jenseits der Gewässer eine Welt liegt, voll zweifelhafter Freuden, voll halber Genüsse, voll unbefriedigter Wünsche, was könnte der hier suchen, auf der entlegensten Insel, die nichts hat als ihr Meer, ihre Haide, ihre strohgedeckten Hütten und ihre schuldlosen Bewohner? Haben wir doch kaum eine Zeitung, die uns Kunde gäbe von dem wirren Laufe der Dinge da draußen, und selten nur kommt der alte Postbote von Keitum mit einem Briefe, der uns erinnert, daß es noch hier und da im Weltall ein Herz giebt, das wir lieben oder verehren dürfen. Die Verbindung mit dem Festland ist mangelhaft und höchst unregelmäßig; von den beiden Dampfschiffen, die den Dienst besorgen sollen, bleibt bald das eine und bald das andere aus. Will man mit einem Segelboote fahren, so muß günstiger Wind abgewartet werden, und nicht selten, mitten in der Reise, schlägt er um, und das Boot muß liegen bleiben oder zurückkehren. Was uns ein neuer Reiz zu sein scheint, ist es nicht für Alle. Dazu ist das Badeleben höchst monoton. Keine Musik, kein Tanz, keine Gesellschaften; soll etwas dergleichen veranstaltet werden, so müssen die Mittel dazu erst mühsam und mit großem Aufwand vom Lande herbeigeschafft werden. Man wohnt in den beschränkten Räumen, welche die Insulaner mit den Badegästen theilen. Ein kleines Stübchen mit weißer Kalkwand, nicht größer, als daß ein Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, vielleicht noch ein Sopha mit Haartuch überzogen, darin Platz finden können, ist unser Quartier. Nicht jeder findet Ersatz darin, daß er mit den besten der Menschen, mit den ehrlichsten und gütigsten Wand an Wand unter einem Strohdach wohnt; daß mit dem Wenigen, was ihm gewährt wird, stets das Gefühl verbunden ist, als sei er ein Gast und kein bezahlender Fremder, dem man es gewährt, und daß die größte Reinlichkeit im Aeußern die Lauterkeit des Innern überall begleitet. Von Essen und Trinken ist auch nicht viel zu sagen. Wir müssen an der Genügsamkeit, die uns umgiebt, Theil nehmen. Wir leben zwar am Meere, aber diesseits der Brandung halten sich keine Fische, und jenseits derselben fangen sie die Blankeneser uns weg. Wir schmachten nach Fischen, aber wir müssen uns an Entsagung gewöhnen. Dicht vor der Nordspitze unserer Insel liegen die berühmten Austernbänke, aber der Fang wird erst beginnen, wenn wir jene längst verlassen haben. Nirgends werden mehr Krick-Enten gejagt, als in der Vogelkoje zwischen Wenningstädt und List auf Sylt; aber sie streichen erst, wenn die Westwinde des September wehen. Und werden wir diese Winde nicht durch die dürren Linden von Berlin rauschen hören? Wir stehen, wie Tantalus, bis an's Kinn im Wasser, und können nicht trinken; wir sehen, wie Tantalus, Zweige mit goldenen Früchten über uns hangen, und können sie nicht erhaschen. O, zahlreich und bemerkenswerth sind die Lehren, die uns die Tage von Sylt hinterlassen! Am Empfindlichsten von Allem sind die Mängel, die uns beim Aufenthalt am Strande begegnen. Erstlich ist das Baden bei Ebbezeit einigermaßen beschwerlich; die Badehäuschen, in denen man sich entkleidet, stehen alsdann so weit vom Wasser, daß man oft zwei Minuten über den Sand und durch die kalte Luft, zuweilen im Regen, laufen muß, ehe man die äußerste Welle fängt. Die Westerländer sagen, es sei wegen der meistentheils sehr schweren Fluth unthunlich, die Bretterbuden näher zu bringen, und wegen des weichenden Sandes unmöglich, sie auf Räder zu stellen. Dieser weiche Sand ist eine zweite Mißlichkeit. Man sinkt oft bis an die Knöchel in den feuchten Kies, wenn man am Strande lustwandelt, und eine Promenade, die nicht länger als ein Stündchen zu währen braucht, macht todtmüde. Für Erfrischung nach solchen Touren ist allerdings zur Noth gesorgt; ein paar Leinenzelte sind in den Schutz eines Dünenhügels aufgestellt. Aber gering ist der Comfort, der uns auf den Holzbänken derselben erwartet, und geringer noch die Auswahl dessen, was der Wirth gegen Hunger und Durst in Bereitschaft hat. Auch nicht für Alle wird der Ausblick befriedigend sein, den man von dieser Ruhestatt gegen das breite Meer hat. Kein Schiff mit dem Fernglas zu finden – kein Segel, noch so fern, zu entdecken. Leblos für Jeden, der in der unendlichen Eintönigkeit der wogenden Fläche, in dem ruhigen Wandel von Schatten und Licht nicht die ewige Nahrung alles Lebendigen zu erblicken vermag, liegt die See vor Sylt; und nur selten erblickt man ein Fischerboot von anderen Küsten, das bei östlichem Winde vorbeitreibt. Es ist nicht Jedermanns Sache, die Natur zu belauschen, die oft am Gewaltigsten redet, wo sie am Tiefsten zu schweigen scheint; was mir den Eindruck dieser Insel vollendet, daß nämlich auch ihre See so einsam, so traurig ist, das wird Andere noch mehr verstimmen. Was kümmert es sie, daß diese See den Gesang des Untergangs singt? Daß die Welle, indem sie heranbraust, einen Fuß breit Erde nach dem andern fortreißt, die Dünenwälle zurückschiebt, und zuletzt die ganze Insel und ihre Bewohner hinunterspülen wird, wie es deren Voreltern und die Stadt, die Dörfer und die Wälder hinuntergespült hat, in denen sie einst wohnten? Werden sie sich geneigt fühlen, die kleinen Züge sorgsam zu belauschen, in denen sich das Wesen eines Volkes offenbart – werden sie sein häusliches Leben beobachten mit seinen unbedeutenden Sorgen, die nicht über den Viehstall und die Weide hinausgehen – oder die abenteuerlichen Wege der seefahrenden Jugend verfolgen, die sich nicht selten in Sturm, Schiffbruch und Tod an fernen, unwirthbaren Küsten traurig verlieren? Werden sie so viel Geduld haben, um die Sagen und alten Geschichten anzuhören? Die Thinghöhen besteigen – auf den Bramhügeln im brütenden Mittags-Sonnenschein träumen? Werden sie in stillem Versunkensein die unscheinbaren Erlebnisse des Tages zusammentragen und aneinanderreihen, aus denen sich zuletzt das Bild dieser Insel und dieses Volkes herstellt – klein, anspruchslos aber ehrwürdig und voll jener süßen Farben, die das Auge besänftigen, voll jener Töne des Friedens, die man im Leben oft bange sucht, ohne zu wissen, wo man sie finden soll? Werden Viele zu solch' verlorenem Thun gestimmt sein? Ich fürchte, nicht Viele. Zu den geschilderten Uebelständen des Strandes gesellt sich noch dieser, daß die Häuser des Dorfes weit ab von ihm liegen; zehn Minuten die nächsten, bis auf zwanzig Minuten und darüber die entfernteren. Weite Strecken durch struppig Dünengras und aufgehäuften Sand und beschwerlich zu wandeln für Reifröcke und pariser Stiefelchen! Es ist schlechte Gelegenheit auf Sylt für Toilette; fast jede Bequemlichkeit, an die uns Andern das Leben gewöhnt hat, hört hier auf. Johanne, die Nähterin, ist die Einzige, die mit der Nadel umzugehen weiß; die Wäscherin hält kein Wort, der Schuster fühlt sich gekränkt, wenn man ihn rufen läßt. Wer seiner bedarf, soll zu ihm kommen. Endlich hat sich ein Barbier gefunden. Er ist ein Cigarrenmacher und wohnt in Keitum, eine halbe Stunde von hier. Außerdem ist er Kellner in der Dünenhalle. Wenn sein großes, grelles Augenpaar über mir ruht, glaube ich in ein Paar Feuerräder oder ein Paar Katzenaugen, die im Dunkeln leuchten, zu sehen; und sein gelber struppiger Bart erinnert mich an die Moosbüschel einer alten Austernschale. Er heißt Breuer, aber so nennt ihn Niemand; Einige nennen ihn Leporello, Andere Rinaldo, und er hört auf beide Namen. Ein Modebad ist Westerland nicht und wird es, nach den angedeuteten Uebelständen, die zu sehr in der Natur und Beschaffenheit der Insel und des Strandes liegen, auch schwerlich werden. Das dänische Gouvernement scheint nicht geneigt, das junge Bad zu protegiren, obwol es auch seinem Emporkommen eben Nichts in den Weg legt; und nicht einmal sind alle Sylter sehr für dasselbe eingenommen. Viele von den Einsichtigen fürchten den demoralisirenden Einfluß, den die Leichtigkeit des neuen Gelderwerbs und der Besuch der verderbteren Städtebewohner ausüben könne; von einem Capitain, der, reich und bejahrt nach vielfältigen Seereisen zurückgekehrt, sich das schönste von den jungen Mädchen der Heimathinsel zur Frau nahm, mit der er jetzt in behaglicher Zurückgezogenheit in einem großen Steinhause an der Küste wohnt, sagt man, er habe sich der Einrichtung des Seebades ganz besonders widersetzt, weil er von den jungen Müssiggängern, die sich dort versammeln würden, Gefahr und Nachstellungen für seine Frau besorgt habe. Das Gottesfürchtigste aber, was wir in dieser Hinsicht gehört haben, ist ein Wunsch, welchen C. J. Clement , der von seiner kleinen Heimathinsel aus so große und durch ihre Forschungen bedeutende Reisen nach Schottland und Irland gemacht, irgendwo in seinen Schriften allen Ernstes ausspricht: »Der Allmächtige braucht nur einen einzigen Haifisch in die Binnengewässer der Friesen zu lassen (denn außen vor giebt es genug von diesen Fischen!) so wird bald kein Bad mehr bei den Inselfriesen sein« ... Der Besuch von Westerland wird von Jahr zu Jahr wachsen; aber ein Bad für die große und fashionable Welt wird es nicht werden. Es werden Leute hierherkommen, die wie wir, Sehnsucht haben nach der Stille, in der die erschütterten Saiten ihres Innern endlich einmal austönen können; Leute, die dem bunten, flüchtigen Tand entfliehen wollen, anstatt ihn aufzusuchen, die wieder einmal auf kurze Zeit – da ihnen längere nicht gegönnt ist – in die kunstlos einfachen, die natürlichen Bedingungen des Lebens zurückkehren möchten, aus denen sie hervorgegangen sind, die Einen mit, die Andern ohne Schuld. Mein einziger Umgang unter den hiesigen Badegästen ist ein Müller aus Mecklenburg und ein Wattenfabrikant aus Westfalen. Die guten Leute wissen nicht, wie sie hierhergekommen sind; ich weiß es auch nicht. Aber es thut mir wohl, von Mehl und Watten und Packeseln und Kleinstädtern sprechen zu hören; ich fühle mich in die Sphäre und die Räume meiner Kindheit zurückversetzt, und das vollendet das Glück und den Frieden, dessen ich hier vollauf genieße. Unser Lebenslauf ist höchst einfach und ein Tagewerk gleicht dem andern. Wir stehen in früher Morgenstunde auf, und noch halbwarm vom Schlummer und Traum der Nacht stürzen wir uns in den Schaum des Meeres und fühlen uns mit Eins gekühlt und gestärkt. Dann gehen wir den Strand entlang und sehen, was die letzte Fluth gebracht hat. Etwas Tuul , – jene schwarzen Torfreste der Wälder von Altsylt – pflegt jedesmal da zu sein. Auch an Quallen fehlt es nicht: blaue Mollusken mit schönen, bunten Rändern. Manche Fluth wirft Tausende zugleich aus; es ist schwer, diesen weichen Klumpen beim Gehen auszuweichen, oft sogar beim Baden schlägt eine Welle sie heran und man fühlt noch lange ein Brennen an dem Fleck, wo das giftige Halbthier gesessen. Bunte Muscheln, zarte Kiesel liegen vor uns ausgestreut. Einjährige Möven, an den grauen Flügeldecken zu erkennen, spazieren durch das stehengebliebene Wasser in den Strandrinnen; weiße Möven schweben in breitem Fluge aus den Dünennestern dem Meere zu und noch lange bleibt ihre Schaar wie eine Silberflocke über der blauen Tiefe sichtbar. Auch der Strandläufer stelzt zuweilen eilfertig an uns vorbei; aber der Sand, der unter unsern Tritten knirscht, scheucht ihn auf und seewärts fliegt er. Je nach dem Winde und der Richtung des Fluthstroms finden sich Pflanzen aus den verschiedenen Regionen und Distrikten des Meergrundes. Schwarze, traurige Gewächse, oder braune und zäh wie Leder, mit langen Fäden, harten Glocken und verworrenen Büscheln, an denen Sand klebt. Aufgeplatzte Rocheneier – lederartig und mit Spitzen versehen – hängen dazwischen. Die röthlichen Schalen der Hummer und des Seekrebses brechen unter unseren Sohlen. In einer vom Seewasser gewühlten Grube liegt ein todter Kabeljau, und die Möven und Wasserspinnen halten ihr Fest an ihm. Ein schwarzes Brett treibt auf dem Wasser; die eine Welle schleppt es heran, die andere schwemmt es zurück. Zuletzt liegt es schaumtriefend im Sande fest. Es ist eine Schiffsplanke. Wer sagt mir, woher sie kommt? Wie lange sie schon in dem Meere getrieben? Wer sagt mir, ob nicht ein Mensch an ihr bis zum Letzten gehängt, und sie fahren ließ und niederging? Das Brett schweigt. Es liegt im Sande fest. Einen Holznagel treibe ich aus der Fuge und trage ihn zum Andenken mit mir. Kein menschliches Wesen außer mir ist am Strande; ganz ferne in der blendenden Helligkeit des weißen Sandes und der Morgensonne wird ein schwarzer Punkt sichtbar, der sich zu bewegen scheint. Es ist der Strandvogt, der die Runde macht. Nun ist es Frühstückszeit und über die Dünen gehe ich zurück. Mein Haus ist das erste unter den Dünen. Brigitte hat den Tisch mit einem sauberen Leinen bedeckt, der Kaffee ist fertig, Brod, Butter und Eier sind da, und die beste Milch. Eine Kerze steht zum Anzünden bereit; daneben liegt die frische Thonpfeife mit der Siegellackspitze und in einem bunten Schälchen holländischer Rauchtabak. Welch eine Lust, wenn die bläulichen Duftwolken emporkräuseln! Wenn das Meer von Ferne rauscht; durch das eine, halboffene Fensterchen die Morgensonne, die Morgenluft strömt; wenn der Blick auf die ruhige Haide geht, mit einigen Schafen, hier und da, mit werdenden Kühen und einem oder zwei sylter Mädchen, die fern auf den Fußsteigen durch die Wiesen schreiten. Alles ist lautlos, Alles ist still; auf dem weichen Rasenboden ist kein Tritt zu hören. Nur Meeresrauschen, Windesrauschen, das Blöken des Schafes, der Ruf der Kuh, das Gackern der Hühner – Nichts vernehmbar, als die Haushaltstimmen der Natur. So ist auch der Wandel meiner Jungfer Brigitte. Ich höre sie nicht, ich sehe sie selten; entweder ist sie bei den Kühen oder bei den Schafen, oder sie sitzt in ihrem Kämmerchen – dabei aber habe ich das Walten gütiger und unermüdlicher Sorgfalt nie naher und wohlthuender empfunden. – Wenn der Rest des holländischen Tabaks verdampft worden, begeben wir uns wiederum an den Strand; im leichten Leinenrock mit flatterndem Halstuch, mit bequemen Schuhen. Wir könnten hier im Schlafrock und in Pantoffeln gehen und thun es ab und an. Wir setzen uns auf die Bank am Strande zu Paulsen, dem Badewärter. Paulsen ist sechsundzwanzig Jahre in der Fremde gewesen; er hat amerikanische Schiffe zehn Jahre als Capitain geführt. Bevor er im sechsten Jahre seiner Reise Sylt verließ, verheirathete er sich. Er sah seine Frau darauf zwanzig Jahre nicht wieder. Er kam nach Newyork, wurde krank, in's Lazareth gebracht und war dem Tode nahe. In solchen Lagen glaubt der Seemann an ein Mittel, das entweder rasch zum Ende oder zur Genesung führt: er muß auf's Schiff und auf See. Paulsen entfloh mit Hilfe eines Kameraden und kam auf einen Westindienfahrer. Der Capitain entdeckte den Kranken, als es zu spät war, ihn auszusetzen. Paulsen verstand keinen Menschen an Bord. Paulsen ward von Keinem verstanden. Sie sprachen Portugiesisch. Aber er genas und kam glücklich in der Havanna an. Vier Jahre später sprach er Portugiesisch und Englisch und hatte ein eigenes Schiff, das er zehn Jahre lang führte. Die letzten sechs Jahre seines abenteuerlichen Lebens war er Goldgräber in Kalifornien. Hier sammelte er ungeheure Reichthümer, baute Häuser, ließ Dampfmaschinen errichten und trieb die Goldgräberei in's Große. Hier traf er auch den täppischen Mommsen, einen armen Schlucker von Landsmann, dem es in der Fremde gar nicht recht gelingen wollte und der es zuletzt nach mancherlei Fahrten im Goldlande zum – Nachtwächter von Sacramento-Stadt gebracht hatte. Diesen nahm Paulsen in seine Dienste und als Beide endlich, jeder nach seiner Meinung, Geld genug hatten, da machten sie sich auf ein Schiff, das nach Liverpool abging, litten an der irischen Küste Schiffbruch, verloren all' ihr Geld und retteten kaum das nackte Leben. Und als sie bettelarm auf Sylt ankamen, da fand Paulsen seine Frau wieder und einen Jungen obendrein von 19, 20 Jahren, der sein Sohn war und den er noch nie gesehen. Und als vor drei Jahren das Seebad zu Westerland eingerichtet wurde, da machte man Paulsen, den Schiffscapitain von Newyork und Goldgräber, zum Badewärter, und Mommsen, den Nachtwächter von Sacramento, zu seinem Gehilfen. Und so sitzen wir hier auf der Bank am Strande zwischen Beiden. Paulsen mit seiner blaugestreiften Jacke, seiner weiten Hose, seinem breiten Strohhut sieht aus wie ein Yankee und singt, wenn er sich unbelauscht meint: »Yankee Doodle went to town, to buy a pair of trowsers« ... und mit einem schwermüthigen Blicke über das weite Wasser gen Westen sagt er, daß er gerne wieder nach Amerika ginge, wenn sein Weib nur wollte. Aber sein Weib sei wie alle Sylterinnen und könne sich von dieser armseligen Insel nicht trennen. Mommsen, der Gehilfe jedoch mag nichts mehr von Amerika hören; mit seinem Friesrock und der Mütze, tief über den Hinterkopf gezogen, sitzt er da und wundert sich über Alles, was er sieht; über den Rock, den ein fremder Herr trägt, über einen Regenschirm, über die Badekarren, am meisten über seine eignen Stiefel, die er oft stundenlang ansieht. Gegen Mittag verlassen die beiden den Strand, und es ist Zeit, daß auch wir uns auf den Weg zur Dünenhalle und zu Meister Steffens begeben. Meister Steffens ist kein geborner Sylter, aber sein Beruf hat ihn naturalisirt. Er ist der Wirth von Westerland und die »Dünenhalle« ist sein Herrschaftsgebiet. Meister Steffens ist ein kurzer, dicker Mann, der sich jetzt, in seinem sechszigsten Jahre, zum erstenmale den Schnurrbart stehen läßt. Er ist vermählt, hat aber keine Kinder; er arbeitet, wie er sagt, für die Menschheit. Sein Stolz ist ein dreieckiges Holzgerüst von eigener Erfindung, in welchem er Fleischkeulen aufhängt. Er kann stundenlang darunter stehen und die Schwenkungen beobachten, die sie machen, wenn der Wind sie hin- und hertreibt. Die vertrautesten seiner Gäste führt er manchmal in weihevollen Stunden zu diesem Verschlag und fordert sie auf, an dem Anblick Theil zu nehmen. Seine Freude ist der Ochsenbraten, den er Mittags auf den Tisch setzt, und den Werth desselben bemißt er nach dem Schweiße, den er vergießt, wenn er ihn zerschneidet. Sein einziger Verdruß auf Sylt und Erden ist der »Mann im Strandhotel«, der sich als zweiter Wirth seit Anfang dieses Jahres hier besetzt hat. Steffens verachtet diesen Mann, wie Moses, der Prophet vom Sinai, die Priester des Baals verachtet hat; er haßt ihn, wie Brutus den Cäsar gehaßt, und fürchtet ihn, wie Robespierre den Danton gefürchtet hat. Seine Waffen sind die Tranchirgabel und das Vorlegemesser, das er schwingt, wie ein Hüne das Schlachtschwert schwingen würde, wenn er aus einem der Gräber auferstehen könnte, die wir durch die Fenster unseres Speisesaales fern am Haiderand täglich erblicken. »Laßt ihn nur kommen, den Mann im Strandhotel«, sagt er dann knirschend und triumphirend zugleich, indem er mit der Gabel in den Braten sticht, »von ihm heißt es in der Bibel: sein Geist ist willig, aber sein Fleisch ist schwach.« – Den Abend, als ich ankam, nahm er mich am Wagen in Empfang und behauptete, er kenne mich schon recht gut, könne sich aber nicht sogleich besinnen, wo er mich gesehn. Ich konnte mich auch nicht besinnen und verlangte – hungrig wie ich von der langwierigen Fahrt durch's Wattenmeer war – nach der Speisekarte. »Wilkens in Hamburg und Steffens auf Sylt führen keine Speisekarte; verlangen Sie, mein Herr!« – Ich verlangte ein Beefsteak. »Das Beefsteak, mein Herr«, sagte Meister Steffens, »ist gerade alle geworden, damit kann ich für heute nicht dienen! »Nun dann etwas Braten,« – »Vielleicht Kalbsbraten? Oder Hammelbraten – Ochsenbraten? .... – »Einerlei, wenn es nur Braten ist«, erwiderte ich, »und recht bald.« Meister Steffens stand eine Weile vor mir, dem Anschein nach in tiefe Gedanken versunken; dann nahm er eine Prise und sagte: »Ja, mein Herr, Braten ist auch nicht da; ich werde aber sogleich gehen und ihnen das Beste bringen, was Küche und Keller sonst noch vermag.« Meister Steffens ging und nach einer halben Stunde stand ein Souper, bestehend aus Brod, Butter, Eiern und Käse vor mir. Dieser Tage kamen ein paar Creolen aus der dänischen Colonie St. Thomas hier an. »Wissen Sie, was diese Creolen zu mir gesagt haben?« raunte mir Meister Steffens in's Ohr, nachdem er mich geheimnißvoll in das dunkele Billardzimmer geführt hatte. »Sie haben gesagt: Steffens, Euer Name ist in ganz Europa berühmt, wir haben von Euch schon in St. Thomas reden gehört. Nun legt eine Probe ab und zeigt uns, daß Ihr's doch besser versteht, als da drüben der Mann im Strandhotel. Da habe ich gesagt, das will ich thun, meine Herren, und habe sie in den Verschlag geführt und ihnen die Braten gezeigt, die dort hingen, und zuletzt habe ich den Creolen auf die Schulter geschlagen und gesagt: solche Ochsen, meine Herren, giebt es da drüben im Strandhotel doch wahrlich nicht! Da haben die Herren gesagt, das wäre richtig, und sie wollten mir ein schriftliches Attest darüber ausfertigen.« ... Das ist Meister Steffens, und bei ihm verbringen wir unsere Mittage und unsere Abende. Hier sitzen wir an einem langen Tische bei drei oder vier Lichtern und trinken Thee oder Grog; die alten Schiffskapitäne kommen und erzählen von ihren Fahrten und Abenteuern, der Küster von Westerland kommt und bringt einen Collegen aus Schleswig mit, der vom Regiment des Dänen daselbst erzählt. Ich spiele Sechsundsechszig mit dem Müller, und der Watten-Fabrikant liest die neueste Nummer der Hamburger »Reform« – acht Tage alt, ehe sie zu uns kommt – und macht darauf in hoher Politik. Andere sprechen von den Hasen in den hörnumer Dünen oder von dem eisernen Hause, das man im nächsten Jahre auf Spekulation dicht am Meere bauen will. Hier ist es auch, wo wir die Bekanntschaft von Wulff Manne Dekker machen. Wulff Manne Dekker ist unser Faktotum. Sein Bruder ist Strandinspektor, sein Vetter ist Strandvogt; seine Familie gehört zu den ältesten der seefahrenden Patricier von Sylt. Wulff Manne hat es auf See nicht weit gebracht; seine Talente sind von festländischer Beschaffenheit und die Natur hat ihn dazu bestimmt, Gottes Wege auf dem Trocknen zu wandeln. Es ist nicht leicht, eine Beschreibung dieses Mannes zu machen, da er ohne bestimmten Charakter Alles ist, ohne bestimmendes Gewerbe Alles thut, und ohne bestimmbares Interesse – Alles weiß. Auch allgegenwärtig scheint er zu sein. Die Suppe und den Braten ißt er bei Steffens, den Pudding nimmt er bei dem »Mann im Strandhotel« ein, und zwischen beiden verspricht er einem Bootsmann aus Föhr, daß er ihm zur Heimfahrt Passagiere verschaffen wolle. Die frühesten Badegäste sehen ihn am Strande, und die spätesten behaupten, ihn auch da gesehen zu haben. Nicht lange darauf aber sitzt er schon beim ersten Frühstück in Keitum, während er bei Gelegenheit des zweiten die Stelle am nösser Ufer in Augenschein nimmt, wo man ein Häuschen zum Empfang der landenden Ankömmlinge errichten will. Die Hasenjäger von Hörnum sind ihm zur Zeit des Sonnenuntergangs begegnet, und die Vergnügungs-Parthie, die von Wenningstedt heimkehrt, erzählt, daß er auf der Rampe des Leuchtthurms gestanden habe. Und wenn er des Abends an dem langen Tische in der Dünenhalle sitzt, so ist man nicht sicher, daß er im nächsten Augenblick im Strandhotel erscheint; und daß im folgenden ein Mann aus dem Strandhotel kommt, um sich zu erkundigen, ob man Wulff Manne Dekker nicht gesehen habe? Er ist der leibhaftige Ueberall und Nirgends, und es geschieht auf Sylt Nichts, bei dem er nicht zu Gevatter gestanden. Er ist der Weltmann, der den Verkehr vermittelt; er ist Eisenbahn und Telegraph zugleich. Sein Haus ist das einzige zu Westerland, welches ein Ziegeldach hat. Er versteht es, die gerühmte Biederkeit der Insulaner mit den continentalen Tugenden zu vereinen, die namentlich zur Zeit der Badesaison nicht unüblich sind. Er hat das Seebad gegründet, Um ganz correct zu sein, und das Wort zu erläutern, welches damals, im Jahre 1859, allerdings seine ominöse Nebenbedeutung noch nicht hatte, will ich Folgendes zur Entstehung und frühesten Geschichte des Seebades hinzufügen. Die erste Anregung ward im Beginn der fünfziger Jahre von einem Arzte, Dr. Roß aus Altona, gegeben. Die ersten Fremden ließen sich, in allerdings spärlicher Zahl, in den Jahren 1854 und 55 sehen, worauf sich, 1856, eine Gesellschaft von Einheimischen bildete, mit Wulff Manne Dekker an der Spitze und Steffens als Wirth. Der 29. September des Jahres 1857 kann als der eigentliche Geburtstag des Seebades gelten: Der Grundstein zur Dünenhalle wurde nach einer schönen Rede des Dr. Roß feierlich gelegt, Wulff Manne Dekker zum Director des neuen Seebades gewählt, und in die Reihe der übrigen trat Westerland auf Sylt im Jahre 1858 mit 263 Badegästen. Als ich es im folgenden Jahre, dem zweiten seines Bestehens, besuchte, standen Wulff Manne Decker und Steffens im Zenith ihrer Glorie, wiewol Ersterer schon vom Direktorat zurückgetreten war und Letzterer an dem »Mann im Strandhôtel« einen Widersacher und Concurrenten erhalten hatte. Seitdem sind die Beiden von einer jüngern Generation überholt worden, was ihr Verdienst um die Vergangenheit aber nicht schmälert (Anmerkung vom Jahre 1875.) und es fehlt nicht viel, so verspricht er dem Badegast Sturm und hohe Wellen für morgen, und günstige Witterung mit klarem Sonnenuntergang für übermorgen. Die Post bleibt aus, weil conträrer Wind das Fährschiff von Hoyer zurückhält; er verspricht, sich um die Sache zu bekümmern, und siehe da – am andern Morgen sind die Briefe da. Man beklagt sich über den sauren Wein und das dünne Bier in den Gasthäusern; acht Tage darauf hat Wulff Manne Sherry und Porter von Hamburg im Keller und seine Preiscourante bedecken die Tische aller Badegäste. In der linken Brusttasche trägt er ein Buch mit Gummilitze, auf dessen Deckel in Goldbuchstaben zu lesen ist: »Baden-Notizen.« In diesem Buche befinden sich die Fahrpläne der Eisenbahnen und Dampfschiffe der ganzen Welt; die Fluthkalender des Außenmeeres und des Binnenmeeres, die Akten über die Entstehung des hiesigen Seebades, die Reden, welche Wulff Manne bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat, der Speisezettel aus dem Strandhotel, die Tanzordnung vom nicht zu Stande gekommenen Ball in der Dünenhalle, – dieses Buch gleicht dem Sack eines Professors der Magie. Alle Wünsche, die man nicht hat, werden befriedigt. Außerdem hat Wulff Manne eine bemerkenswerthe Leidenschaft für das Anfertigen von Schriftstücken, und in der Geschwindigkeit, mit der er eines dem andern folgen läßt, übertrifft er die kühnsten Vorstellungen. Die Tische beider Wirthshäuser liegen voll von seinen Manifesten; und da er gefunden hat, daß man an beiden Orten denselben nicht immer die gebührende Achtung erweist, so hat er zwei schwarze Tafeln verfertigen lassen, an die er sie befestigt. Es erscheint ein gedrucktes Verzeichnis der hier weilenden Fremden. Wulff Manne kann jedoch nicht umhin, es zweimal abzuschreiben und so an die schwarze Tafel zu nageln. In jeder Badekammer hängt ein gedrucktes Register über Ebbe und Fluth. Wulff Manne händigt es seinen Freunden noch einmal geschrieben ein. Es kommt kein Dampfschiff, es geht keines ab, ohne daß Wulff Manne es nicht schriftlich verkündigte, obgleich es Alle auf den Fahrplänen schon vorher gedruckt gelesen haben. Seine Erlasse, Bekanntmachungen und Aufforderungen vermischten Inhalts haben weder Zahl, noch Ziel, noch Grenze. Eine noch größere Leidenschaft womöglich als für die Schrift, hat Wulff Manne jedoch für den Druck. In diesem Punkt ist er Fanatiker. Die Rede, die Jungfer Jaken Eschels sprach, als sie bei Errichtung der Dünenhalle dem Zimmermann den Kranz überreichte, läßt er drucken; und die Rede, mit der Boy Boysen, der Zimmermann, dankte, läßt er gleichfalls drucken. Daß er seine eigenen, bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden drucken läßt, versteht sich. Es wird ein Plan von Westerland gezeichnet und er läßt ihn drucken. Ein Buch über Sylt erscheint bei Weber in Leipzig; Wulff Manne läßt es in Tondern noch einmal drucken. Auf eine Karte der friesischen Inselgruppen schreibt er mit Bleifeder unter die Brockhaus'sche Firma seine eigene; und in einem Exemplare von Gerstäcker's Reisen lesen wir: »Stuttgart und Tübingen, J. G. Cottascher Verlag. Sylt und Westerland. W. M. Dekker'scher Verlag.« Ganz kürzlich hat er seine Preiscourante auch gedruckt erscheinen lassen. Sie lauten folgendermaßen:   »Verlag von Wulff Manne Dekker in Westerland. Der Fremdenführer auf Sylt 4 Mark. Plan von Westerland 2 Mark. Rothwein von 5 Mark an. Porter (die halbe Flasche) 3 Mark. Briefbogen mit Ansichten von Westerland ¼ Mark. NB. Sobald Krickenten zu haben sind, werde ich es bekannt machen.« In dieses Mannes Gesellschaft, so viel uns davon gegönnt ist, sitzen wir die schon länger werdenden Herbstabende dahin. Gegen zehn Uhr brechen wir auf. Ueber die finstere Haide gehen wir nach Haus. Im Norden leuchtet durch das schauerliche Dunkel der Feuerthurm; sobald wir über die Gräben hinaus sind, wandern wir in vollständiger Einsamkeit und Nichts mehr stört uns, als das Husten eines aus dem Schlafe auffahrenden Schafes, das gespenstisch mit dem Heulen des Nachtwindes dahinwandert. So erreichen wir zuletzt den Hafen, welcher den Menschen in der Fremde vergessen macht, daß er eine Heimat gehabt und verloren hat: das Bett, in welchem die Leiden und Freuden des Tages für eine Weile ihr Ende finden; und begleitet von dem Rauschen des Meeres gehen wir in jenes stille, selige Reich ein, dessen Grenzen von Abend bis Morgen reichen, und in dem wir alle Menschen und Plätze, die uns je lieb gewesen, noch einmal wieder sehen und besuchen dürfen. IV. Am 18. August. In der heißen Mittagstunde lieb' ich es, zu den Ringhügeln zu gehn. Sie liegen seitab von meinem Häuschen, fern in der Haide, unter den Dünen. Ich sehe ihre sanften Wellen, wie sie sich mit dem spärlichen Grün ihrer Moosbekleidung gegen das matte Blau des Augusthimmels erheben. Mein Weg geht zuerst über Stoppelfelder, in welchen ein Weib arbeitend an der Erde kniet, oder ein Schaf weidet. Dann kommt der weiche Haideboden, mit seinem Geruch, wie der des Kirchhofs meiner Heimath; mit jenen gelb-röthlichen, kleinen Blumen, unter denen ich, in meiner ersten Jugend, auf den Hügeln, so gerne träumte. Die schönen, lächelnden Geister der Kinderzeit kommen und begleiten mich, hier an dem letzten Küstenrande der einsamen See, zu den gespenstischen Bramhügeln. Ich ersteige die mäßige Höhe, und sehe nun, durch eine Senkung in den Dünen, einen Streifen blauen Gewässers, das vom Mittagsglanze schillert; ich sehe nordwärts im heißen Dufte, der sich, von dem Aushauch der Blüthen voll, berauschend ausdehnt, eine gestaltenreiche Niederung – Haidegräber, Dünenhügel, und neblige Thäler dazwischen und ein Dorf, dessen zerstreute Hütten auf dem traumhaft blauen Hintergründe zu verdämmern scheinen. Kein lebendes Wesen, kein Wandersmann ist zu sehen, nur das Rauschen des Meeres wandert leise von Düne zu Düne, und sein kühler Athem, der sich flüsternd im Kraute verliert, streift zuweilen die Stirne des Ruhenden. Solch' ein tiefer Frieden waltet hier oben! Das Herz ruht am Herzen der Natur, und über dem Haupte geben sich stille Blumen die Hände, und nehmen, schon jetzt, in ihren sanften Bund den Erdenpilgrim auf. Zwar mahnt noch Manches an Umkehr in's stürmische Leben. Wie ein Schatten wandelt die Feindschaft vorüber; wie ein Rosengewölk gegen Abend gaukelt Freundschaft und Liebe dahin und manch' ein blonder Engelskopf in ihrem Gefolge. Aber die Seele lächelt, indem sie die Erscheinungen sieht, und sie empfindet es, wie sanft sich's dereinst unter Blumen ruhen wird! – Die Ringhügel sind mir darum lieb geworden, und die Mittagsstille wird mir hier nie gestört. Denn die Leute fürchten sich vor der Nähe derselben, weil diese Anhöhen ehedem von den Hexen als Zusammenkunftsorte benutzt worden, und ihre Geister noch immerdar um die Moosfläche rundfahren. Ich aber, in der Einsamkeit der tiefstillen Insel, suche die andere Einsamkeit der Gespensterhügel und freue mich der Visionen, die von der brütenden Mittagssonne und dem aufsteigenden Moderduft der Haide geboren, meine Träume beleben. Halbwach erhebe ich mich zuletzt und wandle – mir selber vorkommend wie ein Schatten, der über die breite, weite Haide schwankt – den Häusern von Westerland entgegen. Einzeln, hier und da, von der Windmühle herauf – deren Flügel sich matt drehen – bis zu den weißen Dünen liegen sie unter der Gleichmäßigkeit der hohen Sonne, wie ausgestorben und von allem Leben verlassen, eines wie das andere; und verwirrt von dem Lichtglanz der Fläche, dem melancholischen Stillstand der Landschaft, dem betäubenden Dufte des warmen Windes und dem schlaftrunknen Rauschen der See würde ich das meine nicht finden, wäre es nicht um meinen ehrlichen Schlafrock, welchen zu dieser Zeit Brigitte vor die Thür zu hängen pflegt, und welcher mir alsdann mit dem Roth seines Unterfutters ganz in schwere Sonnengluth getaucht, als ein Signalfeuer der Heimkehr leuchtet. V. Am 19. August. Gestern, in meinem Friesrock und meinem Filzhut, die beide vor einem Jahre um diese Zeit den Sturm und Regen der Westhaide von Irland und den Salzschaum des Atlantischen Ozeans versucht haben, ging ich in die Dämmerung der Insel hinaus. Es hatte lange geregnet und das Moos und Riedgras war noch schwer und feucht. Auch der Himmel war noch grau und dumpf, aber gegen Westen schien er sich zu öffnen und ein matter Abschiedsglanz kam von daher und fiel für einige Augenblicke schräg über die Dünenabhänge und das ferne Haideland. Ich blieb hinter den Dünen und sah das Meer nicht; aber ich hörte, wie es an- und abrollte, und der Wind blies mir entgegen, schwellend, sinkend; bald, als brause er aus dem ziehenden Gewölk – dem sich der westliche Schimmer leise mitzutheilen schien – bald, als verliere er sich im Gestrüpp unter meinen Füßen. Wie ein Gesang, zu dem ich die Worte suchte; wie eine Musik aus anderen Sphären. Schwebend, schwebend ... o, wer auch so leicht wäre! Und wer singt diese wundersamen Lieder, die unser Herz mit namenloser Sehnsucht füllen? Sind es die Geister der Geschiedenen, die uns grüßen, die uns rufen? Wenn wir nach unserem Einschlafen Luftgeister würden – welch ein Gedanke! Wenn wir so über die Fläche schwebten, über Land, über Meer, wie einst der Geist Gottes – durch alle Welten, höher, immer höher, in ewiger Wanderwonne. Wir sehnen uns nach der Ferne; aber wir erreichen sie nicht. Wir ersteigen den Hügel, und um einen Horizont weiter ist sie uns gerückt. Wir machen eine neue Reise nach der Gegend hin, wo der Himmel die Erde berührte; aber sie liegt noch vor uns. Wir kommen zuletzt an's Meer und stehen dem Sonnenuntergang gegenüber; aber die Ferne ist noch da, weiter, endloser als je. Wir fahren über das Meer und gewinnen das jenseitige Land; aber die Ferne ist aufs Neue da, und sie führt uns immer, immer, von Tag zu Tag, bis wir vielleicht, am Abend unsres Lebens, an dem Punkte wieder angelangt sind, von dem wir ausgingen. Hier, in der Hütte, die uns geboren, unter dem Hügel, welcher unsere ersten Träume, unser erstes Glück, unsere erste Liebe gesehen, schlafen wir ein. Wir erwachen nicht mehr; aber wir sind in die Luft zurückgekehrt, in unsere ewige Heimath, in das wahre Element unseres Lebens. Nun empfinden wir, daß unser Erdenwallen Nichts war, als eine Sehnsucht nach dem Unendlichen, dem wir nachgingen, ohne es erreichen zu können; und dessen wir nun, gelöst von der Schwere des Körpers, vollauf genießen, athmend, schwebend, stürmend, jauchzend! Wir selber oft, in wehmüthigem Rückerinnern, flüstern durch die Blumen, die auf unserem Grabe stehen. Auf einmal stand ich vor einem Mauerviereck aus schwarzen Steinen, an welchen ein Schimmer des Abendlichts hing. Es war so einsam und so still ringsum; es war kein Mensch zu sehen. Ueber der schwarzen Thüre war eine schwarze Tafel mit Goldbuchstaben: Heimathstätte für Heimathlose . Offenbarung Johannis 14, 13. Ich öffnete die Thüre und trat ein. Unter der westlichen Mauer waren neun Gräber, ohne Kreuz, ohne Gedenkschrift – kein Name, keine Jahreszahl. Neun Hügel, stumm, dunkel, mit etwas Moos bekleidet. Ich stand eine Weile; dann ging ich und schloß die schwarze Thüre hinter mir, wie ich sie gefunden hatte. Noch immer kein Mensch; ich erstieg die nächste Düne. Je höher ich kam, je offener schien der Himmel zu werden, je breiter der Glanz um mich. Nun war ich oben, und ein goldschillerndes Meer lag vor mir und flammendes Purpurgewölk, so weit der Blick reichte, und schwimmend darin die sterbende Sonne. An dem gelben, breiten Strande gingen noch ein paar Menschen; und auf der Dünenkuppe zu meiner Rechten stand ein Mädchen, und in der Glorie, die sie umgab, flatterten ihre dunklen Röcke. Da ich nach Haus gekommen war, in der vollständigen Dunkelheit des Abends, schlug ich die Bibel auf und las, beim einsamen Schimmer meiner Kerze, Offenbarung Johannis 14, 13: »Und ich hörete eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an ... »Und ich sahe, und siehe, eine weiße Wolke ...«   Heute morgen nun war der Himmel blau, und heiter in seiner Höhe stand die östliche Sonne. Das Meer war frisch und bewegt, und eine Lust war es, darin zu baden. Nach dem Bade trat ich meine Wanderung an, den Sand hinunter, dicht am Meere; die wenigen Badekarren und die paar Menschen darin oder daneben blieben weit zurück, und lange war ich allein. Ich traf zuletzt auf einen Mann, welcher Tuul grub. Dieser Mann hatte ein Gesicht, von Wind und Wetter ganz roth geworden; klare, blaue Augen und langes, gelbes Haar. Er mochte wol einige vierzig Jahr alt sein, und wie ich ihn so dastehen sah, in der vollen Helligkeit der Sonne, dem offenen, einsamen Meer gegenüber, über seinen Spaten gebeugt, trat ich zu ihm. Nach Mancherlei, was wir zuerst sprachen, fragte ich ihn über den kleinen Kirchhof mit der schwarzen Mauer, welchen ich gestern Abend unter der Düne gesehen. »Auf diesen Kirchhof«, sagte der Mann, »bringen wir Diejenigen, welche von der See hier an's Land gewaschen werden.« »Schiffbrüchige?« fragte ich. »Schiffbrüchige und Andere. Nicht selten fällt ein Matros, wenn er in der Takelage einen Fehltritt thut, in's Wasser und ist, wenn Wind und Strömung scharf gehen, im nächsten Augenblick weg.« »Und nicht mehr als neun Gräber in dieser langen Zeit?« »Der Kirchhof ist noch nicht alt. Früher wurden die Leichen, die wir auf unserem Sande fanden, in den Dünen verscharrt. Es war eine alte Sage, daß man diejenigen, welche das Meer von sich wirft, auch nicht ehrlich, wie andere Christen, begraben dürfe. Da machte man denn ein Loch unter der Düne und legte den fremden Todten hinein, ohne Sarg, wie man ihn gefunden. Der nächste Wind thürmte häuserhohen Flugsand über dem Grab und manch ein vergessen Christenkind liegt dort in den Dünen. In neuerer Zeit hat man sich nun viele Mühe gegeben, diesen unmenschlichen Gebrauch abzustellen; aber die Alten wollten lange nichts davon hören, und erst seit dem Tode des letzten Strandvogtes, vor ein paar Jahren, ist es anders geworden. Da ward der Kirchhof, den Ihr gestern gesehen habt, angelegt; und wenn nun eine Leiche auf dem Sande gefunden wird, so kömmt sie zuerst in die Strandvogts-Scheuer, wird gewaschen und eine genaue Beschreibung derselben, unter dem Datum, an welchem sie gefunden worden, in das Tagebuch gesetzt. Wenn später nun vielleicht ein Freund und Angehöriger nach dem Grabe fragen sollte, so kann man es nach der Beschreibung finden. Denn wir wissen ja nicht, wen wir begraben, – weß Namens und aus welchem Lande er ist. Wir geben ihm einen schwarzen Sarg, eine geschützte Stelle, wo er nicht vom Sande verschüttet wird, und einen Rasenfleck über dem Hügel. Wir tragen ihn hinaus, wie wir unsere eigenen Leute hinaustragen, wir singen ein Lied an seinem Grabe und unser Pfarrer spricht den Segen darüber. Das ist unser Brauch.« »Und ist der jetzige Strandvogt der neuen Einrichtung zugethan?« »Ja, ja ... o, ja ...« erwiederte der Mann mit dem rothen Gesicht, das um diese Zeit noch etwas röther geworden, und mit den klaren, blauen Augen, die mich verlegen ansahen. »Eigentlich, um die Wahrheit zu sagen, hat er sie erst durchgesetzt, und nach vielem Verdruß mit Gemeinde und Obrigkeit jenen Kirchhof zu Stande gebracht.« »Und wie heißt er?« »Dekker.« »Ich möchte ihn kennen lernen. Wo treff' ich ihn?« Ein wenig stotternd sagte der Mann, indem er sich an seinem Spaten aufrichtete: »Hier.« Da gab ich ihm, dem Strandvogt Dekker von Westerland, der die Todten des Meeres begräbt, meine Hand und schloß Freundschaft mit ihm; und zurück über die Düne, um sie noch einmal zu besuchen, gingen wir mit einander zu der »Heimathstätte für Heimathlose«. VI. Am 20. August. Das Westende von Sylt zieht sich lang und öde in die Einsamkeit des Meeres hinaus; links liegt das unbewegte, flache Watt, bei Ebbezeit einer Sandebene mit Wasserstreifen ähnlicher, als einem Meer, und von rechts heran stürmt die wilde Nordsee, welche diesen Theil der Insel nahezu schon zerstört hat. Er ist so dünn, so lang; man fürchtet, die Strömung könne eines Tages durchbrechen und Alles, was noch übrig ist, begraben. Die Insel soll in 190 Jahren bereits gegen zwei Fünftel ihres Areals verloren haben; an der Westseite aber und ihrem langgestreckten Ende ist diese Abnahme am Bemerkbarsten. Man sieht hier Jahr für Jahr ein Stück nach dem andern hingehen; der Name eines Dorfes, welches vor Zeiten hier gelegen, Alt-Eidum , findet sich auf der Karte, weit ab von dem äußersten Küstenrande, mitten in der tiefen See, wo sie schon seit mehr als einem Jahrhundert frei an- und abläuft. – Die traurigste Geschichte aber, weil sie sich zum Theil noch vor unseren eigenen Augen zuträgt, hat das Dorf, welches am Eingang zu dieser, der Zerstörung verfallenen Welt, halb verschüttet im Sande, halb versunken in der See liegt. Das Dorf heißt Rantum , und es ist die letzte menschliche Wohnstätte, bevor man sich in die Wüstenei der Dünen und des Meeres zu beiden Seiten verliert. Die Sylter sprechen mit Wehmuth von diesem Dorfe; sie sehen in ihm das Schicksal ihrer ganzen Insel. Sie nennen es das »ehemalige« Dorf und erzählen von den alten Häusern, in denen sie manche fröhliche Stunde verlebt, und den alten Leuten, die einst darin gewohnt, und deren Gräber jetzt weit hinaus in der Nordsee liegen. Vor etwa 100 Jahren stand noch die alte Kirche. Darauf aber, nachdem das Dorf von dem westlichsten Theil der daneben belegenen Ackerländereien bis auf den östlichsten Theil derselben verlegt worden war, mußte endlich auch die Kirche versetzt werden. Vor 80 Jahren standen noch gegen 40 Häuser um diese neue Kirche herum und jetzt ist keine Spur mehr vorhanden, weder von dem Dorfe, noch von der Kirche. Um letztere nicht vom Flugsand verschütten zu lassen, hat man sie (im Jahre 1801) abgebrochen. »Sowol die Stelle«, heißt es in Booysen's »Beschreibung der Insel Sylt« aus dem Jahre 1828, Sie erschien in Schleswig; der Verfasser war, wie er im Vorwort sagt, ein »ehemaliger Seemann.« »wo die Kirche stand, als wo die Häuser standen, ist schon unter den Wellen der Nordsee verschwunden; blos dreizehn, zum Theil sehr elende, von den Einwohnern des vorigen Rantum erbauete Hütten, ein wenig süd-ostwärts vom ehemaligen Rantum, dienen noch als Beweis, daß in der Gegend ehedem ein Dorf dieses Namens gewesen ist und führen noch diesen Namen; diese werden von sechzig Einwohnern bewohnt.« So vor dreißig Jahren. Heut hat Rantum nur noch fünf von Sand und See bedrängte Hütten mit 36 Einwohnern, die – von aller Steuer frei – seit Anfang dieses Jahrhunderts, wo ihre Ländereien in's Wasser gingen, von ihren Schafen, ihren Fischen und dem kümmerlichen Erlös des Dünengrases, aus dem sie Stricke drehen, leben. Dieses versunkene Dorf habe ich heut Nachmittag besucht. Ueber eine breite, grüne, von zahlreichen Meeresrillen durchrissene Niederung am blauen Watt wanderte ich stundenlang dahin. Kein Mensch begegnete mir mehr, als ich die Häuser von Westerland hinter mir hatte; und die Sonnabendnachmittagstille, so frisch, so kühl vom Anhauch beider Meere, von denen ich das eine sah und das andere hörte, ward durch Nichts unterbrochen. Die fünf Häuser von Rantum lagen von Anfang an vor mir; erst wie schwache Zeichnungen auf dem Dufte des Hintergrundes, dann bestimmter und lange klar mit ihren Giebeln und Umrissen, ehe ich sie erreichte. Nun war ich unter ihnen. Sie stehen, jedes einzelne, auf einem Hügel für sich; dicht über dem Watt, und den Dünenschluchten zugekehrt, die sich westwärts ziehen, ihr letzter Damm gegen die Nordsee, deren Brausen hier stark widerhallt. Auch ein kleines Schulhaus ist auf einem dieser Hügel zu sehen. Aber es giebt keine Kinder in Rantum, die es besuchen könnten; die der letzten Generation sind schon über die Zeit hinaus, und von der jetzigen sind noch keine so weit. So steht die Schule von Rantum auf ihrem Hügel, verschlossen seit manchem Tag. Das erste Haus, an das ich ging, war eines Zimmermanns. Ein Mann und ein Junge waren darin; ich fragte sie nach dem Wirthshaus, und sie zeigten mir das andere Haus gegenüber. Ich erstieg den Hügel, auf welchem es liegt. Es war verschlossen, und durch die Fenster sah ich in leere Stuben. Auf dem Hofe davor lag ein zerschelltes Boot mit englischen Porterflaschen darin, die das Meer angetrieben haben mochte; mit zerbrochenen Segelstangen, mit Kasten, in denen Schiffszwieback gewesen, und an dessen Brettern noch die Firma der Londoner Fabrik zu lesen war, mit Namenbrettern, deren Inschriften meistens englische waren, mit mehreren Schiffsfiguren. Während ich noch so zwischen diesen Trümmern zur See verunglückter Schiffe weilte, kam eine Frau, die mich wahrgenommen hatte, aus den Dünenschluchten und aus weiterer Entfernung folgte ihr ein Mädchen. Die Frau begrüßte mich und schloß das Haus auf, in welches wir demnächst eintraten. Sie sagte, es sei das Haus des alten Strandvogtes von Hörnum, welcher jüngsthin verstorben, und ihr Mann habe es angekauft. Sie wollten es aber erst zum Winter beziehen, und jetzt stehe es leer. Hierauf machte sie ein Feuer und stellte Wasser zum Kaffee daran. Indem trat auch das Mädchen herein. Es war bildhübsch und trug sich reizend, anders als ich bis jetzt auf dieser Insel wahrgenommen. Sie hatte einen kurzen, bunten Rock, mit einem Brustlatz vom schwarzem Sammet, daran silberne Glöckchen zierlich geordnet hingen; eine mit Gold und Silber reich gestickte Haube und lange seidene Bänder daran. Sie war schlank gebaut und ihre Glieder hatten eine ebenmäßige Fülle; ihr Auge war blau, ihr Gesicht ernst aber freundlich. Sie sagte mir, sie sei von der Insel Amrum auf Besuch hierhergekommen und wolle am andern Montag wieder dahin zurück. Dort trügen sich die Mädchen und Frauen alle so. Sie hieß Merret – das ist unser Marie – und sprach das Hochdeutsche mit Mühe; wir konnten uns nicht gut verstehen, und die Frau war unsere Dolmetscherin. Als der Kaffee fertig war, setzten wir uns in des alten Strandvogtes Stube, an den langen, rothen Tisch, und tranken ihn zusammen aus. Die Frau hatte etwas Kuchen im Schranke stehen, und holte ihn herbei, während Merret ruhig neben mir saß. Was sollte ich mit einem so fremden, so jungen und so hübschen Mädchen sprechen? Ich fragte, ob sie auch schon einen Schatz habe? Da sah sie mich lächelnd an und schüttelte den Kopf, denn sie verstand es nicht. Als ich aber das Wort auf »Halfjunkengänger« brachte, was hier für Schatz gesetzt wird, da erröthete sie mit Einemmal und schlug das Auge nieder. Denn das verstand sie. Als wir mit unserem bescheidenen Freundschaftsmale zu Ende waren, erhob ich mich zur Heimkehr. Es fing schon an dunkel zu werden. Beide Frauenzimmer gingen ein Stück Weges mit mir, und als wir uns verabschiedet hatten, blieben sie noch eine Weile stehen, und wenn ich mich umkehrte, sah ich lange noch in der Dämmerung ihre Tücher wehen, mit denen sie mir Lebewol winkten. VII. Am 21. August. Heute ist Sonntag. Das Glöcklein der kleinen Kirche von Westerland läutet aus der Ferne, und der Morgen ist so rein, so klar und so still, daß ich es hier vernehme, in meinem kleinen Hause, dicht unter den Dünen. Die Sonne füllt mein Gemach; in der Küche, am beschatteten Fenster, sitzt Brigitte Marlo, und neben ihr auf dem Tische sitzt die Katze. Sie sehen der Kuh zu, die auf dem Rasenfleck weidet. Ich verlasse das stille Haus an der Düne und wandere landein, dem Klange des Glöckleins nach. Ueber die sonnige Haide sehe ich hier und dort Menschen wandeln. Der Horizont ist weit und frei, und zu meiner Linken, in der Entfernung des sommerlichen Duftes steht die Kirche von Keitum. Sie steht einsam auf einer Erhebung des Bodens, zwischen dem Grün der Haide und dem Blau des Himmels, und ihr Läuten mischt sich zuweilen, wenn der Wind es trägt, mit dem des Westerland-Kirchleins. Dieses ist so klein; das Dach von Schilf und Rohr, das Thürmlein von Holz. Sie steht an dieser Stelle nun etwas über zweihundert Jahre, aber die Bausteine ihrer Mauern und ihre Gerätschaften sind viele hundert Jahre älter. Darin stimmen alle Chronisten und Alles, was ich von den Leuten habe sagen hören, überein, daß diese Kirche aus den Ueberresten der alten Eidumkirche sei errichtet worden. Seit dem Jahre 1436 begann der Untergang der Ortschaften längs der Westküste. Heidnische und christliche Erinnerungen vereinen sich in den Sagen von ihrem Untergange. Da war nämlich der Meermann Ekke – der Aigir oder Aegir der nordischen Mythe – der sich in eine Sylter Jungfrau verliebte. Der Umgang mit dem finsteren Gotte des stürmenden Elementes ward aber dem Menschenkinde, welchem er unter einer fremden Gestalt erschienen war, unheimlich und es bat um seine Freiheit. Aber wir kennen ja das wehmüthige Band, welches die Ueberirdischen, die sich nach Liebe sehnen, an die Sterblichen fesselt; jenen düsteren Zug, zu genießen und zu verderben, der schon die heitere Mythe des Griechenhimmels trübt. Ekke gab sein Opfer nicht frei; aber sie solle frei sein, sagte er, wenn sie ihm seinen vollen Namen zu sagen wisse. Lange wanderte sie nun allein am Meer hin und durch die Dünen, bis sie in einer Nacht, die sie geängstet durchschritt, einen Gesang vernahm, der aus der Tiefe eines Sandhügels zu kommen schien und mit dem Winde westwärts zum Wasser wanderte: Heute will ich brauen, Morgen will ich backen, Uebermorgen will ich Hochzeit machen. Ich heiße Ekke Nekkepenn; Meine Braut ist Inge von Rantum, Und das weiß Niemand als ich allein. Das Mädchen war erlöst, und als der Meermann wieder kam, da sagte sie: »Du heißest Ekke Nekkepenn, und ich bleibe Inge von Rantum.« Da kehrte der Meergott zu Ran, seiner Gemahlin, der er lange ungetreu gewesen, zurück, und sie – die Mutter der Wellen und Stürme, der Ueberschwemmungen und Schiffbrüche – rächte sich an Sylt, und zerstörte Rantum und Eidum, und nagt an den Dünen von Hörnum in jeder stürmischen Frühlingsnacht, bis Alles dahin sein wird. So ungefähr berichtet mein Freund C. P. Hansen, der Schullehrer von Keitum, in seinen »Friesischen Sagen und Erzählungen«; und Hans Kielholt, der alte Chronist, der den Untergang jener Ortschaften mit angesehen, da sein Vater Pastor in denselben gewesen, schildert ihn also: »Die schöne Kirche, die mein sel. Vater hatte, steht nun täglich zwei Fuß mit Wasser an den Mauern. Die Bauern sagen, daß die fremden Schiffsleute das Dach, auch das Blei und drei schöne Glocken davon abgenommen haben. Ach und auch Wehe! und jämmerlich zu beklagen, daß das Allerbeste von diesem Land so sehr ist vernichtet, verwüstet und ins Wasser versunken.« Das war um 1436, bei der großen Sturmfluth. Die Eidumer wanderten aus und gründeten Westerland, aber die Kirche blieb, wie sie war, noch zweihundert Jahre stehen. Erst im Jahre 1634 brach man sie ab, und baute aus ihren Materialien die kleine Kirche auf, vor der ich jetzt stehe. Viele der geweihten Gefäße und Utensilien stammen aus jener Zeit und sind uralt; namentlich das Altarblatt, an das sich auch eine sagenhafte Ueberlieferung knüpft. Sie beginnt – wie alle Geschichten auf Sylt – mit einer großen Ueberschwemmung. Alle Dörfer der Nordwestspitze List, die seitdem durch die Dänen in Besitz genommen ist, gingen darin unter, und nur ein Mann mit seiner Frau, Jens Lüngg, blieb übrig. Da nahm er den Altar der Kirche und floh vor den Dänen in die Wildniß von Hörnum und hielt daselbst seinen Gottesdienst. In jener Sturmfluth waren nun aber auch alle Geistlichen auf Sylt ertrunken und große Gottlosigkeit nahm überhand, so daß in den Kirchen getanzt und aus den Weihgefäßen Bier getrunken ward. Da vernahm der Pabst von diesem erbärmlichen Zustand und Hans Kielholt vermerkt: »daß der Pabst durch seine Gevollmächtigten gewesen ist bei der Königlichen Majestät (von Dänemark) mit freundlicher Bitte, daß er das geistliche Regiment über alle Kirchen möchte in eine rechte Ordnung bringen und die Kirchen einweihen lassen, welche Bitte ist dem Pabste geurlaubt worden.« Darauf kamen andere Prediger nach Sylt, die Kirchen wurden aufs Neue geweiht und Jens Lüngg schenkte seinen Altar der von Eidum. Als er nun eines Sonntags dahin kam, um Theil an Gebet und Predigt zu nehmen, da erkannte er seinen Altar nicht wieder. Neben der Mutter Gottes, die ihm traurig, wie aus alter Zeit, entgegenlächelte, sah er zwei grobe dänische Heilige gemalt, vor denen die Gemeinde niederkniete. Er aber wollte seine Knie nicht vor gemalten Götzen beugen, wie er sagte; und als man ihn zwingen wollte, da zog er sein Messer, und fiel vor ihnen nieder, wie es die Anderen wollten, – aber todt! »Da ist ein alter Mann«, sagt unser Predigersohn aus dem 15. Jahrhundert, Hans Kielholt, »der ist ein Heide gewesen, der hat in der Kirche gestanden und zugesehen, da hat er sein eigen Messer genommen und sich selber die Kehle ausgestochen, darum daß er sich nicht wollte mit dem neuen Glauben beladen.« – Das Altarblatt ist noch heut da mit den beiden Dänenheiligen, welche vor vier Jahren frisch vergoldet worden, und nach einem derselben ist die Kirche St. Niels genannt, bis auf diesen Tag. In diese Kirche trete ich ein, nachdem ich lange draußen unter den eingesunkenen Grabsteinen verweilt habe. Der Gottesdienst ist hochdeutsch und ein Sylter Mann, der neben mir sitzt, läßt mich in sein Gebetbuch einsehen. Rings an den Wänden des kleinen, dürftigen Innenraums hängen die Bildnisse der alten Pastore von Westerland; mit Allongeperrücken die ersten aus dem siebzehnten Jahrhundert, und so weiter, bis auf diese Zeit, viele treuherzige, starke, verwitterte Gesichter. Darunter sitzt in den Betstühlen die kleine Gemeinde von Westerland und Rantum. Auch Merret seh ich, das schöne Mädchen von Amrum in ihrem Sammetmieder mit den Silberglöckchen daran. Aber sie sieht nicht auf von ihrem Gesangbuch und ihre Lippen rühren sich leise. Eine Orgel haben wir nicht; der Küster giebt mit seiner andächtigen, aber unmelodischen Stimme den Ton an, und die Anderen folgen. Dann besteigt der Pfarrer, ein ernster, vielgeprüfter Mann, die niedrige Kanzel, und am Ende seiner Predigt, mit fester Stimme, spricht er, der lang Verfolgte und schwer Gedrückte, das Gebet für Seine Majestät Friedrich VII., König von Dänemark, und Herzog zu Schleswig, Holstein und Lauenburg ... Dann geht die Kirche aus und unter den Heimkehrenden seh ich Merret noch einmal. An ihrer Seite, über die sonnige Haide, geht der Sohn der Wirthin von Wenningstedt, ein schmucker Frieslandssohn, der eben von einer Reise nach Java zurückgekommen ist. Diesmal sieht sie mich; aber sie erröthet und mein Gruß bringt sie in Verlegenheit. Sie erinnert sich gewiß an das, was ich gestern mit ihr von den »Halfjunkengängern« gesprochen habe. – VIII. Am 25 August. In der Frühe dieses Tages brach ich auf, um das wilde, von Menschen nicht mehr bewohnte Westende der Insel, die Dünen von Hörnum, zu besuchen. Ich hatte einen kleinen Wagen mit zwei Pferden und einem jungen Burschen, der sie führte. Die Luft war frisch und klar, die Sonne schien über Land und Meer. Zur Linken lag das Watt, so blau, so lautlos still, und am Rande des Horizontes erschien der »feste Wall« mit den sanften Umrissen seiner Dorfschaften und Kirchenthürme; zur Rechten standen die Dünen und ihr dunkelblauer Schatten zeichnete große, schöne Formen in den Sonnenschein der Haide. In Rantum machten wir Station; der Junge hielt an dem langen Hause, wo ich vorgestern den Zimmermann gesprochen. Gegenüber auf dem Hügel das Haus des todten Strandvogts war wieder verschlossen, und Merret von Amrum war früh am Morgen über das Wasser heimgekehrt. Des Zimmermanns Mutter ist eine ganz alte Frau. Sie saß in der sonnigen Stube auf einem hölzernen Lehnstuhl. Zahllose Fliegen summten an der Decke und den Fenstern. Hand und Stimme, da sie mich willkommen hieß, zitterten ein wenig vor Alter, aber ihr ehrwürdig Gesicht unter der breiten Haube war heiter, wie die Herbstsonne, an der sie sich wärmte. Diese Frau, wie sie nun dasitzt, am Ende ihrer Tage, in dem verfallenen Dorfe, in dem Hause ihrer heimgegangenen Väter, hat eine schöne und reiche Lebensgeschichte. Am Anfange unseres Jahrhunderts, da sie ein junges, frisches Inselkind war, zu der Zeit, wo England und Dänemark im Kriege lagen, landete ein Kaperschiff unfern dieses Strandes. Da war ein Matros, aus Norwegen gebürtig, hieß Lassen und verliebte sich in diese schöne Merret Peter Claassen von Rantum. Das waren noch Zeiten für Seeräuber und verwegene Liebschaften; aber auch für Treue und Zuverlässigkeit. Und als der Krieg ein Ende hatte, da kam Lassen nach Rantum und heirathete die schöne Merret Peter Claassen und zeugete mit ihr 21 Kinder, von denen die Söhne als Schiffscapitaine das Meer befahren und die Töchter sich gut und glücklich nach Westerland verheirathet haben, bis auf Eine, die nicht von der Mutter wollte, und heute noch bei ihr ist. Einer von ihren Söhnen, der Capitain Lassen, der sich in Westerland zur Ruhe gesetzt hat, ist mein guter Freund und manch ein Glas Grog haben wir zusammen bei Meister Steffens getrunken. Alt Merret's Mann und fünf ihrer Söhne sind gestorben, zur See die Einen, in fernen Landen die Anderen; aber die Bilder Aller, in kunstlosen Zeichnungen und halbverlöschten Daguerreotypen bedecken die südliche Wand ihres Zimmers. Die Mutter sitzt unter ihnen, und die Sonne, welche hereinscheint, umgiebt sie Alle. Dieses sind die letzten Häuser und die letzten Menschen; von hier bis an's Ende des Landes, wo die weite See beginnt, die ununterbrochen zwischen dem Sand von Hörnum und den Kalkfelsen von Kent rollt, ist Alles todtenstill, nur die Stimmen der Natur und das Brüten der Einsamkeit sind zu vernehmen. Strandläufer stehen im flachen Wasser des Watts und mit ihren langen zierlichen Füßen verlieren sie sich pfeilschnell weit hinaus, sobald sie unsere Räder hören, die sich im schimmernden Sande knisternd umdrehen. Im harten Riedgras der Dünen weiden die Schafe, und ihre zarten Fußtapfen, die sich im feuchten Sande abgedrückt haben, reichen bis an's Wasser. Eine Möve fliegt vom Westen heran, und das Weiß ihrer Flügel schimmert wie Silber im durchsichtigen Blau des Aethers. Eine zweite folgt ihrem Fluge, und kurze, traurige Töne stößt sie aus, als klage sie, daß die andere ihr entfliehe. Ob es so Etwas wie Untreue auch im Reich der Lüfte und in der unbegrenzten Region zwischen Himmel und Wasser giebt? ... Nun verlieren sich auch die Schafe und das letzte, spärliche Grün verschwindet. Weißer Sand zur Linken verdeckt uns den ferneren Anblick des sanften, blauen Wassers; und weißer Sand zur Rechten, hoch aufgethürmt und in strahlende Sonne getaucht, dämpft das Rauschen des Meeres. Weißer Sand liegt vor uns, brennend in der Sonne, blendendes Licht und dumpfe Hitze ausstrahlend. Immer schwerer wälzen sich die Räder in der weichenden Masse, über Hügel, durch Thäler, durch eine einsame, untergehende Welt, welche uns blendet und berauscht. Ein wirres, unheimliches Getöse empfängt uns, je näher wir dem Herzen der Einsamkeit kommen, als wäre es der ängstliche Pulsschlag desselben. Was ist es? Es kann das Rauschen des Meeres nicht sein. Es klingt so traurig, wie ein tiefer, schwerer Seufzer. Ist es der Wind, der klagend durch die Dünen zieht? Nein, es sind die Möven, die hier im Sande nisten, und die – von unserem Wagen aufgejagt – besorgt für ihre Nester und ihre Jungen, jammernd um die Dünen rundfliegen. Es ist der unbeschreiblich herzerschütternde Ton, welcher Anlaß gegeben hat zur Entstehung der Sage vom Stademwüffke, welches die Stätte bewacht, »wo fromme, freie Menschen gewohnt.« Denn einst hatte Hörnum auch seine lustige Zeit, in den guten, alten Tagen, wo Pidder Lüng, der Enkel jenes Mannes, der sich vor dem Altar der Eidum-Kirche den Tod gegeben, hier lebte und kämpfte. Er kämpfte gegen das Meer und gegen die Dänen für Friesland und die Friesen, und sein Lied, einer der wenigen Reste aus der Zeit, wo Friesland noch sang, war: Frei ist der Fischfang, Frei ist die Jagd, Frei ist der Strandgang, Frei ist die Nacht. Frei ist die See, frei von Lande zu Land, Frei ist die See und der Hörnumer Sand! Hurrah für den Büh! (Jungen, das engl. boy .) Hat er kein Land, Hat er tagelang Müh Beim Fischen am Strand: Hat er die See doch von Lande zu Land, Hat er die See und den Hörnumer Sand! Priester sind störrig – Doch wir, nicht faul, Wenn sie zu kurrig, Schlagen sie auf's Maul. Uns bleibt die See ja, von Lande zu Land, Uns bleibt die See und der Hörnumer Sand! Und so lebten sie, frech und froh, und liebten und küßten, und lachten und sangen, bis eines Tages Pidder Lüng am Galgen über der Höhe von Munkmarsch baumelte. Seitdem liegt Hörnum öd' und verlassen, und Sturm, Sonne, Möven und Hasen sind seine Bewohner. Das Küssethal und das Kressen-Jakobsthal , in welchem ihre »Festung« stand, hört nur noch den Angstruf der aufgejagten Vögel und das Branden der fernen See. Hier verließ ich meinen Wagen und wanderte allein weiter durch den heißen, tiefen Sand. Zerbrochene Eierschalen und die flüchtigen Fußspuren eines Hasen waren die einzigen Zeichen des Lebens. Sonst war Nichts da als weißer, wüster Sand, der todtenstumm unter der Sonne lag, und in der ungeheuren Monotonie schien der Wandel der Zeit seine Merkmale, die Ausdehnung des Raumes ihre Grenzen zu verlieren. Ein großer Sandhügel lag vor mir, mit einer schwarzen Baake, welche – wie ein riesiges Knochengerippe – aus dem weißen Boden in die sonnezitternde Mittagsluft ragte. Ich wanderte und wanderte, aber die Entfernung wollte nicht enden, und wie eine wunderliche Kette lief, wenn ich zurücksah, die Reihe meiner Fußtritte über die weite Sandebene. Endlich, müde genug, stand ich am Fuße des Hügels; endlich war ich oben. Mein Auge, vom ewigen Weiß verwirrt, ward nun von Blau umgeben, so weit es sah – vom Blau des Meeres unten, vom Blau des Himmels oben, und meine heiße Stirne fühlte die frische, weiche Kühle des Windes. Eine kleine, schwarze Bretterhütte, von Innen und Außen getheert, liegt hier im Schutze eines Vorhügels. Sie ist für Schiffbrüchige, die an diese ungastliche Küste geworfen werden. Es ist eine Art von Koje darin und Stroh zum Lager; in einem eingemauerten Fasse Trinkwasser, in einem Blechkasten Schiffszwieback, in einer Blechbüchse Schwefelhölzer. Eine schwüle Luft, von den Ausdünstungen des Theers genährt, füllte den engen, dunklen Raum, welcher wol schon das Dankgebet manch eines den Schrecken des stürmenden Meeres Entronnenen gehört haben mag. – Als ich wieder ins Freie hinaustrat, hatte ich das allerschönste Panorama. Hinter mir die Grabesstille der Sandwelt, ihre Berge, ihre Schluchten – ein wehmüthig fesselndes Bild; vor mir die weite, blaue, träumende Fläche der sommerlichen Nordsee und des Watts, die sich hier an der Hörnumodde vereinen. Zur Linken, aus dem feinen Dufte, den Sonne und Wasser webten, dämmerte Amrum, an dessen Nordküste Merret um diese Zeit wol gelandet sein mochte. Aber ich fühlte kein Verlangen dahin; mein Auge war gen Westen gewandt, und meine Seele wünschte sich Flügel, um – gleich den Möven – hinüber zu fliegen. IX. Am 31. August. Auf dem Wege, welchen ich von meiner Wohnung in die Mitte des Dorfes gehe, liegt ein freundliches Häuschen, einstöckig und flach, wie die anderen, aber schmucker und behäbiger. Ein grünes Spalier friedet den kleinen Garten vor demselben ein, und mancherlei Gebüsch und Blumenwerk, wie es dem Boden und der späten Jahreszeit angemessen, hält sich hier im geschützten Raume. Die Fenster sind gleichfalls grün gestrichen und Blumentöpfe stehen hinter den Scheiben, und zwischen den Blumen erscheinen oft zwei Mädchenköpfe, der eine braun, der andere blond. In diesem lieben Hause wohnt mein Freund, der Schiffscapitain Dirck Meinerts Hahn , und in seiner Stube sitz' ich oft am Nachmittag, wo mir dann der braune Mädchenkopf eine gute Tasse Kaffee mit prächtiger Sahne, die man nirgends besser hat, als auf Sylt, und der blonde Cigarre und Feuer dazu bringt. Diese Insel, mit der Abgeschiedenheit, in der sie ihre Bewohner hält, ist reich an Originalen; das beste derselben aber ist mein Freund Dirck Meinerts Hahn. Eine seefahrende Familie, wie keine zweite, ist es, aus der er abstammt. Seine Reisen sind weit und lang gewesen, und zahllos und höchst merkwürdig die Abenteuer und Schicksale, die er auf ihnen erlebte. Jetzt ist er ein kleines, munteres Männlein von sechzig Jahren etwa, und sein Gesicht ist braun von allem Wind, Wetter und Sonnenschein, dem es die lange Zeit getrotzt hat; jetzt hat er sich zur Ruhe gesetzt und leidlich hat er sich in die Ruhe, die ihn umgiebt, gefunden. Aber wenn er von seinen Fahrten spricht, da fängt das alte Seemannsherz zu klopfen an, und die kleinen, braunen, freundlichen Augen werden gar lebendig; dann schiebt er wol die Mütze vom Ohr, die er sonst schwerlich vom Kopfe läßt, und seine hartgewordene Hand schlägt auf den Tisch und er lacht dazwischen, als wollte er hier, in seiner stillen, grünen Behausung den Sturm noch einmal verlachen. Seine Frau Hedwig ist längst gestorben, aber sie nimmt den ersten Platz in seiner Erinnerung ein, und er spricht von ihr jeden Tag. Seine älteste Tochter Christine hat sich mit dem Capitain Boysen vor drei Monaten verheirathet; Grete, der braune Mädchenkopf, ist mit dem Steuermann Petersen, der seit April auf der Reise nach Valparaiso ist, verlobt, und sie trägt einen dicken Ring von Gold an ihrem Finger. Das jüngste Mädchen, das blonde, heißt nach der Mutter und ist jetzt siebzehn Jahr alt, ein schlankes, frisches Kind, welches immer lacht, wie der Vater und Schwester Grete. Hahn's einziger Sohn ist Kaufmann. Der Alte hat sich's, in einer dunklen Sturmnacht, wo sein Schiff mastenlos auf dem gefährlichen Sande vor Hollands Küsten herumtrieb, verschworen, daß, wenn er je Söhne bekommen sollte, keiner von ihnen Seemann werden sollte. Aber das Sylter Blut steckte in dem Jungen; er ward Kaufmann, wie es sein Vater wollte, und lernte auf einem Hamburger Comptoir. Als er aber mit der Lehre fertig war, setzte er sich auf das nächste Schiff und ging nach Valparaiso, wo er jetzt seit mehreren Jahren in einem Exportgeschäft arbeitet. Dies ist die Familie meines Freundes, und glücklich, in der Sicherheit des Vergangenen die Einen, in dem festen Vertrauen auf das Kommende und Gottes Vatergüte, welche Beides lenkt, die Anderen, leben sie in ihrem Hause. Sie hören das Meer rauschen, leiser, lauter, wie es Fluth und Ebbe, Wind und Jahreszeit mit sich bringt; sie athmen die reine, süße Luft, welche breit über die Hügel und Blumen der Haide heraufweht. Die Bildnisse der Schiffe, die der Vater geführt, zieren die Wände der kleinen Stube; vornan der »Zebra«, auf welchem er eine der ersten deutschen Kolonien nach Australien führte, die seitdem im fernen Lande bestens prosperirte und ihrem heldenmüthigen Capitain zu Ehren eines ihrer Dörfer »Hahndorf« genannt hat. In der Stube gegenüber hat unser Freund einen Bücherschrank mit einer kleinen hübschen Bibliothek, welche zu mustern mir oft schon Vergnügen gemacht hat. Da haben wir Walter Scott's Novellen, Marryat's und Cooper's Seeromane; da haben wir Mügge's »Vogt von Sylt«, und Heinrich Smidt's – des einstigen Gefährten unseres Freundes – »Zu Wasser und Land«. – Gerstäcker's Weltreisen und Kohl's Beschreibungen fremder Länder sind da. Alles in dieser kleinen Bücherwelt bezieht sich auf das Meer und die Ferne, und zwar in der Weise, wie es sich dem Aug' und Herzen des deutschen Wanderers und seines Stammverwandten, des englischen, dargestellt hat. Denn das Meer und die Ferne, mit dem unwiderstehlichen Reiz, den sie auf unser Gemüth üben – mit dem wehmüthigen Zauber, den sie um die Stunde des Abschiedes verbreiten, mit dem Heimweh, das sie bergen und das oft für die Ziehenden ihr einziger Preis und Gewinn ist – das kennt doch kein romanisch Kind! Das ist unser Eigenthum, und das Zeichen, an dem sich Engländer und Deutsche wiedererkennen ... Auch »David Copperfield« von Dickens fehlt nicht; und, als ob das Buch an dieser Stelle zumeist geöffnet worden: jedesmal beim Aufschlagen habe ich die Schilderung des Schiffbruchs an der Yarmouth-Küste in der Hand, jenes Meisterstück der Malerei, welche die Stimmung der Natur und die der Menschenseele in ihrer düsteren, fast dämonischen Harmonie darstellt. – Das merkwürdigste Werk dieser Sylter Seemannsbibliothek aber ist ein Werk, welches aus zwei geschriebenen Quartbänden besteht. Es enthält die Lebensgeschichte Dirck Meinerts Hahn's und seiner sämmtlichen Seefahrten Beschreibung, und ist – nachdem er sich zur Ruhe gesetzt – in seinen Mußestunden, theils aus seiner Erinnerung, theils nach seinen Schiffsjournalen von ihm selbst verfaßt. Er gab es mir mit und ich kann gar nicht sagen, wie diese Blätter – aus denen das Meer und der Sturm selbst zu mir redeten – hier, in dieser verwandten Umgebung, meine ganze Seele gefesselt, erschüttert, zum Nachdenken angeregt – wie sie meine Phantasie erfüllt haben. In den einleitenden Worten sagt der Schreiber, daß er sein Werk zum Andenken für seine Kinder begonnen habe und demnächst mit Gottes Hülfe zu beenden hoffe; und ich kann mir vorstellen, wie es in den Händen derselben lebt, wenn er selbst lange nicht mehr ist, und wie es als ein heiliges Vermächtniß vom Vater auf den Sohn geht, durch viele Generationen; und wie vielleicht in vierhundert Jahren der Forscher auf Sylt dieses Buch citirt, wie ich heute das auf ähnliche Weise entstandene des ehrenfesten Hans Kielholt, des Predigersohnes von Alt-Eidum, citirt habe. Dies ist die Genesis unserer Geschichtsquellen. Es ist späte Nacht. Das eine der beiden Bücher liegt offen vor mir – trotz der dicht geschlossenen Fenster wehen auf meinem Tische die Lichter ängstlich hin und her, und die Rahmen klappern. Es ist eine Unruhe in der Natur, die sich auch der Seele schon mitgetheilt hat. Große Wolken jagen bei mattem Mondenlicht über die Haide, und ihre grotesken, unheimlichen Formen deuten mir die Entstehung der nordischen Sage von fürchterlichen Thieren, die durch die Luft stürmen und den Mond zu verschlingen trachten. Der Wind saust nur in Zwischenräumen durch die Ebene; es ist, als ob er noch irgendwo gefesselt sei und an seinen Ketten rüttele. Aber dumpf und so, daß er mich nicht schlafen läßt, ist der Schlag des Meeres gegen die Dünenwand; und unter dem Eindruck des nahenden Sturmes schreibe ich mir folgende Stelle aus dem Tagebuch Dirck Meinerts Hahn's in das meine. »1836, in meinem 32. Lebensjahr: ... Bis zu den Azorischen Inseln setzten wir ohne besondere Ereignisse unsere Reise fort, wo uns ein so schwerer Sturm überfiel, wie ich noch früher nie erlebt habe. So wie der Wind zunahm, ließ ich zuerst das Vorluck dicht machen. Dies erkannten die Passagiere schon für eine mißliche Behandlung. Gegen Abend wehete es schon so schwer, daß es nicht zu ändern war, das Hinterluck länger offen zu halten. Ich ging in den Raum nieder und stellte den Menschen vor, wie gefährlich es wäre, mit den offenen Luken unter diesen Umständen zu fahren und sagte, sie müßten zugeben, wenn ich auch das Hinterluck dicht machte. Dieß war aber weit gefehlt, aus allen Ecken überschrieen sie meine Stimme – Luft – Luft wollen wir haben! Gut, erwiderte ich, Ihr sollt Euren Willen haben; erschreckt aber nicht, wenn Gott Euren Ungehorsam bestraft. Mir soll es recht sein, mein Leben hat mir nicht mehr Werth, als Euch das Eurige. Kaum war ich wieder auf Deck gekommen, brach eine furchtbare See jämmerlich über das ganze Schiff. Es war mir mit Hülfe des zweiten Steuermannes nicht möglich, das Luck so geschwind überzulegen, daß nicht eine ungeheure Masse Wasser im Raum zu den Menschen hinunterstürzte. Wir legten jedoch so schleunig wie möglich das Luck über. Nachdem ich mich wieder erholt hatte, ließ ich den zweiten Steuermann das Luck wieder so weit aufheben, daß ich zu dieser muthwilligen Gesellschaft hinunterkam, jedoch ohne daß sie meine Gegenwart bemerkten. Jetzt tönte Heulen und Wehklagen, Geschrei aus allen Ecken – wir sind verloren. Einige beteten, Andere weinten; Einige sangen, wieder Andere schrieen. Ich machte mich nach Vorne, wo die, so katholischer Religion waren, von den Lutheranern abgesondert ihr Lager hatten, zu untersuchen, wie viel Wasser eigentlich im Zwischendeck war und fand zu meiner größten Bestürzung die Betten im Lee alle treibend. Die Eigner saßen auf dem Verschlag ihrer Kojen und überließen ruhig ihr Bettzeug dem Spiel des Seewassers. In diesem Augenblick, da die Menschen meine Gegenwart nicht (wegen Dunkelheit) bemerkten, ließ ich mir Zeit, meine Neugierde zu befriedigen, ein Gespräch zwischen zwei Katholiken anzuhören, dem ich später nachgedacht habe, und das ich hier ebenfalls mit anführen werde. Erster (der in der oberen Koy saß). Wie soll es wol werden, Bruder? Zweiter (aus der unteren Koy). Wie soll es werden – so wie es beinah schon ist. Der Tod, der Tod ist da und nicht mehr auszuweichen. Erster . O, wir haben ja doch noch Hoffnung zu unserem Leben, denn wenigstens schien der Capitain noch unverzagt zu sein, wie ich ihn zuletzt sahe. Zweiter . Ja, der ist so, wie andere Lutheraner und Schiffer. Die Menschen werden erst bange, wenn sie den Tod fühlen. Von uns hängt dieses Unglück ab, als eine Strafe von Gott. Erster . Wie meinst Du das? Zweiter . Weil wir einem Lutheraner unser Leben anvertraut haben. Erster . Dieserwegen trag' ich nun gar kein Bedenken, denn der Mann versteht wol sein Schiff zu kommandiren. Zweiter . Das wol, aber der Mann kann in diesem unseligen lutheranischen Glauben nicht glücklich fahren, und wenn ich das früher gewußt hätte, würde ich mein Leben nicht auf ein Schiff gewagt haben, wo der Capitain nicht einmal katholischen Glauben hat. – Du sollst sehen, das Schiff geht diese Nacht zu Grunde und wir sind verloren, dabei bleib' ich. Du siehst ja, es ist bereits über halb voll Wasser. (Sie glaubten, weil das Wasser nicht vom Zwischendeck lief, das Schiff sei so weit voll.) Ich entfernte mich, unbemerkt wieder auf Deck zu kommen. Neben der Treppe, an Backbord-Seite, lag ein bejahrter, aber bemittelter, ehrlicher und religiöser Bauer, Namens Brick, lutherischer Religion. Ich liebte diesen alten Mann sehr, hatte ihm erlaubt, jeden Abend zu mir in die Kajüte zu kommen, wo er dann gern bis Mitternacht bei mir saß und mir die Langeweile durch seine Erzählungen vertrieb. Dieser hatte eine Familie bei sich von 11 Personen. Ich ließ mir wiederum einen Augenblick Zeit, unbemerkt vor des Alten Bett zu vernehmen, wie er sich bei diesem Umstand hatte. Es ließ sich aber Keiner verlauten, so daß ich mich schon entfernen wollte; fing endlich die jüngste Tochter an, die nur erst fünf Jahre alt war, und in der Mutter Arm zu liegen schien. Liebe Mutter, warum sind wir doch nicht zu Hause geblieben, wenn wir hier alle sterben sollen. Du hast immer gesagt, in Amerika wäre es besser, zu Hause hat uns aber doch noch nicht so was gedroht? Ja, mein gutes Kind, erwiderte die Mutter, das wußten wir auch nicht, daß uns Todesnoth begegnen würde auf unserem Wege dahin. Sonst wären wir auch da geblieben – und fing bitterlich an zu weinen. Wenn wir denn nun sterben, fing das Kind wieder an, willst Du mich dann wol fest in Deinem Arm behalten, Mutter, daß wir nicht von einander kommen? Hierauf brachen alle übrigen Kinder in Weinen aus, die bereits mehrstens erwachsen waren. Wiewol mir keine Angst angekommen war, und ich als Seemann diesen Umstand von einer ganz anderen Seite erkannte, wie diese Elenden, und sie gerne getröstet hätte, mußte ich doch in dem Augenblick meiner Feigheit mich schämen, indem ich durch die Sprache dieses Mädchens selbst meine Stimme nicht verlauten lassen mochte. Hielt mich deshalb unbemerkt. Endlich brach der Alte aus in einem gefaßten und ernsthaften Tone: Kinder, wie könnt Ihr nun weinen, und besonders Du Mutter – Du weißt, wir haben unser Eigenthum in Deutschland verkauft, wo wir unser gutes Auskommen hatten, blos deswegen, daß wir unsere Kinder (weil ihrer so viele waren) nicht unversorgt nach unserem Tode in der Welt zurücklassen wollten. Kämen wir nun auch wirklich nach Amerika hin, so ist es noch eine große Frage, ob wir uns da mehr erübrigen und in dieser Hinsicht unseren Zweck erreichen? Wie kann Gott wol unseren Wunsch besser befriedigen, als wenn er uns nun Alle auf Einmal zu sich nimmt? Dann sterben wir überzeugt, daß Keiner von uns später Noth leidet, Keiner braucht dem Andern nachzutrauern, und was noch mehr, Grete, sagte er zu seiner Frau, noch sind unsere Kinder rein und unverdorben, wie ich und Du, wir werden daher ganz gewiß in jenem Leben alle wieder zusammen kommen, daher betet nur Alle mit mir um ein seliges Ende. Ich stand während dieses Gespräches neben dem alten Manne, der vor seinem Bette auf einer Kiste saß; ließ mich bemerken, legte meine Hand auf seine sammetne Calotte, die er gewöhnlich auf seinem Haupte trug und sagte: Verzaget nicht, alter, braver Mann, ich werde Euch mit Gottes Hülfe wol nach Amerika bringen. O, erwiderte er freundlich, seid Ihr da, Capitain? Ich verlasse mich auf Sie und Gott. Ich wollte mich jetzt die Treppe hinauf verfügen, bemerkte aber quer über Steuerbord-Seite ein neues Gespräch, das meine Aufmerksamkeit rege machte. Es lagen nämlich da zwei Personen bei einander, Einer ein Löffelmacher, der Zweite ein Gerber. Diese hatten einen Krug Branntwein bei sich, gaben einander wechselseitig die Hände und tranken sich fleißig zu, jedesmal sagend: Nun Adje, Bruder, im Himmel sehen wir uns wieder. Ich lernte aus Vorgehendem erkennen, auf wie viel verschiedenerlei Art die Menschen ihren Trost herleiten – verfügte mich wieder auf Deck, nahm die Lampe mit einigen Matrosen mit mir wieder hinunter, das Wasser im Zwischendeck auszuschöpfen. Wie die Menschen meine persönliche Gegenwart in dem Lampenschein gewahrten, schrien sie alle vereint, besonders die Katholiken: Ach, Capitain, retten Sie uns, retten Sie uns! Ich tröstete und beruhigte sie wieder, stellte ihnen vor, wenn sie meiner Ordre nicht widerlebt hätten, würden sie dieser Angst überhoben gewesen sein und schilderte ihnen das als Strafe von Gott für ihren Ungehorsam. Von allen Ecken erwiderten sie: Wir wollen uns von nun Alles gefallen lassen, retten Sie nur unser Leben. Nachdem wir das Wasser ausgeschöpft hatten, wünscht' ich ihnen eine gute Nacht, ging auf Deck und machte die Luke dicht. Es war in der Nacht zwischen dem 28. und 29. September. Der Sturm nahm derart zu, daß es um 10 Uhr Abends schon orkanmäßig wehete; wir lagen bei vor dem Achterstagsegel und stumpf vom Groß-Märssegel. Um eilf Uhr flog ersteres total weg; wir banden ein Vormarssegel statt dessen unter, das ebenfalls im Beisetzen wegflog. Zu 12 Uhr wehete es einen förmlichen Orkan. Der große Mast bog sich furchtbar, daß er ganz abzubrechen drohte, welches mich bewog, einen Versuch zu machen, das Märssegel zu bergen, das jedoch während des Aufgaiens ebenfalls wegflog. Die zerrissenen Stücke von diesem Segel, das noch neu war, klatschten oben so schwer bei jedem Schlag, den es nahm, als wenn ein Kanonenschuß fiele, wodurch die Menschen im Raum bemerkten, daß was Außerordentliches vorgehe. Fingen daher an, mit Brandholz unter die Luken zu schlagen. Ich hob eine Luke oben auf und rief zu ihnen hinunter: Könnt Ihr es denn nicht mehr im Trocknen aushalten, wollt Ihr Euer Gelübde schon wieder brechen? Eine Stimme erwiderte: Wenn Sie nur da sind, dann machen Sie nur wieder dicht. Zuvor habe ich bemerkt, daß zwei Personen unter der Gesellschaft bei einem Kruge Branntwein Abschied tranken. Wie das Segel zu klatschen anfing, hatte einer von diesen den Uebrigen zugerufen: jetzt ist's vorbei, nun ist der Capitain mit allen seinen Leuten schon über Bord und wir segeln hier allein – welches sie zu neuer Unruhe bewogen hatte. Wie sie nun erfuhren, daß ich noch da sei, beruhigten sie sich wieder. Vermittelst meiner Hängematte, die wir in Besan-Wand ausspannten, lag das Schiff übrigens für Top und Takel ziemlich gut an dem Wind; zu fünf Uhr Morgens sprang der Wind auf Nordost und wurde etwas handsamer, zu sechs Uhr ließ ich wieder eine Luke aufmachen; ich erstaunte über den fürchterlichen Dampf, der bei dieser Oeffnung herauskam. Mit großem Spektakel kam nun Alles nach der Treppe hin, was sich noch bewegen konnte. Der Eine führte mehr Klagen beim Aufsteigen, als der Andere. Wie sie aber die fürchterlich hohe und brechende See gewahrten, hatte Keiner ein Wort weiter zu sagen. Wie hierauf das Wetter besser wurde, war kein Einziger bange gewesen, vielweniger daß er den Tod gefürchtet hätte, außer dem vorbenannten Bauer Brick. Dieser gestand mir offenherzig, wie ihm zu Muthe gewesen war und was er von den Uebrigen gesehen und gehört hatte.« X. Am 1. September. Der Sturm ist losgebrochen. In wahren Fieberträumen habe ich die Nacht verbracht. Das Haus schien zu zittern, der Regen schlug unaufhörlich rasselnd gegen die Fenster und die See brauste, als wolle sie die Dünen noch in dieser Stunde durchbrechen. Ich stand früh auf. Das Haideland, mit seinen düstern, zerstreuten Hütten lag unter schwerem Regen vor mir. Alles sah grau und finster aus, und der Horizont war trübe, trostlos und eng. Das erste menschliche Wesen, das ich sah, war der Strandvogt, der vorüberging. Er trug einen Friesrock, bis über die Ohren gezogen, einen Theerhut, hohe Stiefeln und einen mächtigen Stock. So ging er dahin, um an der Küste zu sehen, ob ein Unglück geschehen, ob ein Schiff in Gefahr. Ich hielt es nicht lange mehr im traurigen Stübchen aus; auch ich nahm Filz und Friesrock und folgte ihm. Ueber die Haide hin, den Dünen zu ging es, bis an die Knöchel im Wasser. Der Sturm sauste mir voll entgegen und hemmte zuweilen Athem und Schritt. Dann weiter bis an den nassen Sand; dann auf zu den Dünen, dann nieder und nun die See im rasenden Sturme vor mir. Die Luft war voll Salzschaum, der Strand bis dicht unter die Hügel voll vom Donner der Brandung. Die Möven, die sonst ruhig dem Meere zuschweben, waren alle zurückgejagt; und im ängstlichen Fluge, mit Wehgeschrei umflatterten sie die Sandberge. Und Regen und Wogen und Aufruhr erfüllten den Westen, und Himmel und Wasser brauten in unheilvollem Durcheinander. Woge auf Woge – die eine wälzte sich heran, weit und langsam, nun, am Lande, hob sie sich und brach und stürzte mit schaurigem Gepolter, weißzischend, über die Fläche. Die andere, dicht dahinter, fing das rückkehrende Wasser auf, und jagte es mit erneuter Wuth gegen den zitternden Strand. Und eine neue Woge kam – hier, und dort und überall, so weit das Auge reichte, und die Seele bebte, von der Urgewalt der Zerstörungsmusik berauscht. Und ewig, aus ihrem Untergange neu geboren; kehrte Welle auf Welle wieder, und es war, als ob dies grausige Getümmel, meilenweit, aus den Fesseln des Abgrundes losgelassen, nicht eher wieder ruhen werde, bis das Meer Alles verzehrt und verschlungen, den Sand, die Dünen, uns selber. Weiter ging ich. Der Schaum der Brandung spritzte gegen meine Kleider. Fern, in der stürmischen Dämmerung des Regens, des Sturmes und des nahen Meeres kämpfte der Strandvogt. Kein Schiff war zu sehen, kein Segel. Ich dankte Gott, daß er den Kurs der an diesen Küsten irrenden Fahrzeuge nicht hierher in den vernichtenden Strudel gelenkt. Die Badekarren waren hoch in die Dünen hinaufgeschoben; Paulsen, der Bademeister, saß in einer derselben, und Mommsen, sein Gehilfe, saß in einem Boote, das er gleichfalls vor dem Wasser hinaufgeflüchtet. Sonst war Niemand in der Einöde des Strandes. Paulsen saß stille da und sein Auge ging auf's Meer und seine Seele folgte dem Sturm und den Wellen. Ich setzte mich zu ihm. Lange saßen wir stumm neben einander; dann begann er zu reden, und ich lauschte – beim Donner des Elementes – seinen Worten. Solch ein Wetter sei es gewesen, sagte er, das ihm vor Jahren und um diese Herbstzeit sein ganzes Glück und den sauern Erwerb eines Lebens zerschmettert habe. Er könnte jetzt ein reicher Mann sein, sagte er, und das schönste Haus auf Sylt haben, oder auch in einem eigenen Schiffe zur See fahren, anstatt hier auf den Badekarren zu sitzen und den Leuten die Badetücher zu trocknen. Ach, ach – er habe das schon lange verwunden; aber wenn er solch ein Wetter sehe, dann komme es wieder über ihn und er könne sich tagelang nicht vom Aufruhr des Meeres trennen. Damals, nach zwanzigjähriger Abwesenheit von der Insel, habe ihn zuletzt doch die Sehnsucht ergriffen und er habe auf Einmal Hab und Gut und Eigenthum, welches er in Sacramento-Stadt besessen, verkauft. Warum habe er es auch gethan? Tausendmal stehe er jetzt hier, am Rande des Meeres, und blicke hinüber gen Westen und frage sich, warum er das gethan habe? Er könnte jetzt einen Palast in Sacramento-Stadt oder auch in San Francisco haben. Er habe so viel Gold gehabt; er wisse gar nicht, wie viel und wolle es auch gar nicht wissen, drei, vier Säcke voll. Mommsen, sein Gehilfe, habe auch einen Beutel voll gehabt. »Ist es wahr oder nicht, Mommsen?« fragte Paulsen. Mommsen richtete sich in seinem Boot auf, und mit einer täppischen Miene, zwischen Lachen und Weinen, sagte er: Ja, es sei wahr. »Wir bestiegen in Monterey einen Dampfer und fuhren mit fünfhundert Passagieren und einer starken Ladung Gold Mitte August ab. Die Fahrt bis an die irische Küste ging gut, und wir sahen schon die »zwölf Nadeln« über Galway. Da aber ging unser Unglück an. Gottes Fluch auf die irische Küste! Der Wind sprang nach Südost um, dann kam der Sturm und dann, noch ehe die Nacht da war, der Orkan. Wir konnten den Kurs nicht mehr halten, und statt gegen die Südküste, liefen wir gegen die Nordwestküste von Irland. Wir ließen Raketen steigen, um einen Lootsen zu bekommen. Aber die Raketen verpufften im Sturm und kein Lootse kam. Das Schiff lief mit Gewalt gegen die Küste und uns Allen ward ängstlich zu Muth; der Capitain ließ zwei Anker fallen, um es zum Stehen zu zwingen. Aber die Ankerketten rissen wie Garn, und die Maschine arbeitete aus allen Kräften gegen den Sturm, aber umsonst. Ich dachte, aus so vielen Stürmen bist Du nun glücklich herausgekommen, da Du noch Nichts zu verlieren hattest, als höchstens das Leben, und hier sollst Du verderben, mit Deinen Säcken voll Gold, die Du Dir mühsam erworben? Da setzte ich mich in meine Koy und meine Säcke um mich her und sagte: mit diesen oder gar nicht! Hab' ich das gesagt, Mommsen?« Ja, sagte Mommsen, das hat er gesagt; und er habe dasselbe gesagt, und seinen Beutel gleichfalls vor sich auf's Knie genommen. »So saßen wir zusammen in unsrer Koy und das Heulen des Sturmes war schrecklich, und die Maschine keuchte, wie wenn ihr der Athem wollte ausgehen, und das Schiff zitterte in allen Rippen. Mit diesen oder gar nicht, Mommsen! sagte ich, und wir waren fest zum Aeußersten entschlossen. Aber Du lieber, grundgütiger Gott, was wird aus dem Menschen, wenn's nun wirklich an's Leben geht? Als ich gegen Mitternacht dicht neben unserer Koy einen Capitain, der kurz vorher erst selbst sein Schiff verloren hatte, sagen hörte: »Macht schnell, wir sind alle verloren!« da merkte ich, daß die Gefahr groß sein mußte; aber ich suchte meinem Gehilfen Mommsen die Furcht auszureden und befahl ihm, bei den Säcken zu bleiben, ich wollte einmal oben nachsehen. Was sah ich da? Die Masten waren schon über Bord gegangen, und das Land – so viel man erkennen konnte – mit einem Tau zu erreichen. Ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Arm, schrie: »wir wollen zusammen sterben!« Ein Matrose mit einem Ankertau stürzte sich in's Meer, um an's Land zu schwimmen; aber weg war er, ehe sich noch eine Hand um ihn bekümmern konnte. Und krach, krach ging es – das waren die ersten Stöße, und wir fühlten nun wol, daß wir uns in Felsengrund befanden. Alles drängte sich in der großen Cajüte zusammen, todtenbleich und frostzitternd, weinend und schreiend; und ein Geistlicher fing an zu beten und beim Jammern der Frauen und Kinder beteten Einige mit ihm. Die Stöße aber wurden gegen Morgen immer furchtbarer, und gegen drei Uhr Morgens war's zu Ende. Der Orkan warf das Schiff auf die Felsen der Küste. Da lag es in vier Faden Wasser, wenn's viel war, auf Leeseite und jede Welle gab uns einen neuen Stoß, so daß unser letzter Muth verschwand. Länger hatte es Mommsen auch nicht im Raume ausgehalten, und in der grauen Sturmdämmerung stand er auf einmal mit seinem Beutel vor mir. Wo hast Du meine Säcke, Unglückskind? fragte ich. Er sagte, sie stünden noch im Raume. Darauf lief ich mit ihm hinunter, um sie heraufzuschleppen. Ich hatte eben wieder das Verdeck erreicht und hielt mich knapp im Gleichgewicht, als plötzlich eine brausend daherkommende Welle die Breitseite faßte. Mit diesen oder gar nicht! rief ich Mommsen zu – da kam ein heftiger Schlag, der das Schiff an den Felsen drückte, es drehte sich noch einmal halb um sich selbst, dann kam ein dumpfes Getöse, zu meinen Füßen theilte sich der Boden und das Erste, was ich sinken sah, waren meine Säcke mit Gold. In dem Wahnsinn meines Schmerzes sprang ich ihnen nach – ich sah und hörte Nichts von dem Untergang der Anderen, wie im Augenblick alle Räume unter Wasser waren, und Alles, was nicht sank, von den zusammenbrechenden Trümmern des Vordertheils erschlagen ward. Mein Wahnsinn rettete mein Leben. Oft schon habe ich gewünscht, ich wäre da geblieben, wo die Anderen liegen. Ich schwamm nicht, denn ich hätte auch gegen die Wellen nicht schwimmen können; ich hielt mich nur eben, halb bewußtlos, über Wasser, und mehrere Male an den Strand und mehrere Male zurückgeworfen, blieb ich zuletzt halb todt auf dem Sande liegen. Wären hier Klippen gewesen, so hätte dieser letzte Stoß meinem Leben ein Ende gemacht. Als ich aus meinem Taumel erwachte, war es breiter Tag geworden; auf dem Wasser trieben die letzten Planken des Schiffes, und über die Felsen kam das irische Gesindel aus dem nächsten Küstendorfe, um Strandgut zu bergen. Dafür hatte aber der Sturm gesorgt, daß sie Nichts fanden, als mich und noch etwa vierzig, die von der ganzen Schiffsmannschaft allein übrig geblieben, und Bettler waren, wie ich. Zuletzt fand sich auch Mommsen ein, der über seinen Beutel mit Gold heulte, und sich nicht einmal beruhigen wollte, als ich ihm sagte, ich hätte meine vier Säcke auch verloren. – So kamen wir denn, nach vierzehn Tagen, ärmer als wir gegangen, auf dieser Insel an, und sitzen allhier auf dem Sande von Westerland und denken an unser Gold, welches an der irischen Küste versunken und begraben liegt.« Paulsen schwieg und Mommsen, sein Gehülfe, desgleichen; und noch lange, nachdem ich schon gegangen, blieben sie sitzen, wie ich sie gefunden, Mommsen in seinem Boote, und Paulsen in seiner Karre, das Auge aufs Meer gerichtet und die Seele folgend dem Sturm und den Wellen. Nach dem Frühstück, als der Tag vorgeschritten war und der Himmel sich ein wenig geklärt hatte, begab ich mich in die Wohnung des Strandvogtes. Er war nicht lange von seiner Wanderung zurückgekommen. Sein Gesicht war noch ganz geröthet vom scharfen Strich des Windes und des Salzwassers, seine Kleider hingen zum Trocknen am Feuer, und er saß vor einem Journal, um Aufzeichnungen über Richtung und Stärke des Windes zu machen, und ging darauf ans Fenster, um nach einem Instrument zu sehen »für einen gewissen Professor in Berlin, Namens Dove«, wie er sagte. Hierauf führte er mich durch sein geräumiges Haus, zeigte mir Stuben und Verschläge, Viehstall, Heuschober – Alles unter einem Dach und dicht gegen das Wetter gemacht. Zuletzt kamen wir in die Scheune, in welcher das Strandgut bis zur Reklamation, oder wo diese nicht erfolgt, bis zur Versteigerung geborgen wird. Da lagen Haufen von Stangen und Gebälk aller Art, zersplittert und vom Salzwasser, in welchem es lange getrieben, ganz schwarz und zerfressen. Da lagen Schiffseimer und Porterkrüge und kleine Fässer und sonstiges Geräthe. Da lag ein Namensbrett von einem Schooner, mit Namen: Magnet, der mit Mann und Maus an der Küste von Norwegen gesunken ist, und die Kajütenthür einer Brigg, von der man weder Namen noch Schicksal bis jetzt erfahren hat. Jene Thür trieb im Frühjahr an und liegt nun in des Strandvogts Scheuer. Sie ist noch gut erhalten, die Farben sind noch erkennbar und folgender Spruch in englischer Sprache steht mit klaren Lettern darauf geschrieben: Winds may raise and seas may roar, We on his love our spirits stay, Him with quiet joy adore, Whom winds and seas obey. Das heißt zu deutsch: Mag auch stürmen Wind und Meer, Still in Seiner Lieb' wir sind, Freudig geben wir Ihm die Ehr', Dem Meer gehorcht und Wind! Als ich dem Strandvogt diesen Vers übersetzt hatte, da nickte er traurig mit dem Kopfe und sagte: Amen! XII. Am 8. September. Zum letzten Male sitze ich im Morgensonnenschein auf dem Rasen und sehe mir das Häuschen mit seiner grünen Bogenthür, seinen vier Fensterchen, seinem Strohdach an, unter welchem ich so viel Tage der Einsamkeit, des Friedens und der Rückkehr zu mir selber gefeiert habe. Dort an den Dünen weiden ein paar Schafe, dort über die Haide – das Weiße Tuch fest um den Kopf geschlungen, eine hohe starke Figur, eine wahre Lady Macbeth-Gestalt – geht Jungfrau Brigitte Marlo. Dankbar und gerührt nehm' ich Abschied von dem Einen und dem Anderen; von dem Meer, von den Hügeln, von der Haide, von den Menschen, welche ihre stillen und ernsten Bewohner sind. Ich habe viel von ihnen gelernt; aus ihrem Leben, das ohne Leidenschaft und Verbrechen, aber voll großer Sorgen und immerwährender Gefahr, aus ihrer Geschichte, die ohne Bedeutung ist für die heutige Welt, aber ihr ein Muster sein könnte in der Standhaftigkeit ihrer Kämpfe, nehme ich einen Schatz der Erinnerung mit mir. Gestern zum Abschied hat Wulff Manne Dekker in der Dünenhalle einen Ball der Westerländer veranstaltet, der all' meine Freunde und Freundinnen noch einmal um mich versammelte. Grete Hahn erschien dabei im alten Nationalkostüm der Sylterinnen, welches seit Anfang dieses Jahrhunderts abgekommen, aber noch in einzelnen Exemplaren von mehreren Familien zum Andenken aufbewahrt wird. Es ist das Kostüm, von welchem um's Jahr 1650 der Bürgermeister von Husum schrieb: »Die Einwohner dieser Insul haben auch noch ihren besonderen Habit oder Tracht an Kleidung, insonderheit tragen die Weiber kurtze Röcke, so nicht viel über die Knie herunter reichen, wie vormahls die spartanischen Weiber auch sollen getragen haben, denen sie an Muth und Hertze sich auch vergleichen.« – Meine kleine braunäugige Spartanerin sah reizend in diesem kurzen weißen Rocke aus. Sie trug dazu hohe, rothe Strümpfe, ein weißes Tuch, das ihren Kopf vestalisch verhüllte, und den berühmten Smak – das altfriesische Hemd mit unzähligen Falten, »wozu einige dreißig Ellen Leinen gingen,« und das, wie Clement behauptet, von den Streifzügen der Friesen und Dänen her sich in Irland lange erhalten hat. Gewiß ist, daß das Hemd in England – freilich um ein Beträchtliches gegen sein friesisches Original verkleinert – noch »smock« heißt; sowie auch, daß dieser Smak ganz gewiß keine »dreißig Ellen Leinen« maß. Denn da man kein passendes Exemplar aufzutreiben wußte, nahm man eins von – meinen Hemden; und es stand dem Mädchen vortrefflich und sie gewann darin einen Reiz, den ich bisher nicht an ihr gekannt hatte. – Grete's Partner in Alt-Sylter Tracht war Kruse, der Tanzdeputirte im Bratenrock. Früher war dieser Mann Schiffskoch, und jetzt ist er Vergnügungscommissär von Westerland. Sein eigentliches Geschäft zwar ist das Fuhrwesen; allein damit will es nicht recht vorwärts, sintemal sein eines Pferd todt ist und sein anderes am Rande des Grabes geht. Das Musikchor, welches sich eine Weile in Mißtönen der schreiendsten Natur erging, bestand aus vier Personen. Muck, der Schiffszimmermann, spielte die erste Violine, und Boysen, der Handelsmann, die zweite; die Clarinette blies Nickels, der Tausendkünstler, der sonst auch Daguerreotypen verfertigt, und den Baß strich der lahme Jens, der an Krücken geht. Aber nicht lange, so kam eine andere Musik auf's Tapet. Es schnarrte, dröhnte, gellte und pfiff, daß ich glaubte, es sei wol ein halb Dutzend neuer Musikanten angekommen. Dem war aber nicht so; es hatte sich ein Junge vom Land herübergemacht mit einem wunderseltsamen Instrumente, das er zur Lust und Freude der Tanzenden, die noch einmal so rasch durch den Saal flogen, im reichlichen Schweiße seines Angesichtes bearbeitete. Der Körper dieses Instrumentes war eine Handharmonika, die er aber mit den Knieen spielte, und während seine Rechte über das Tastwerk hin- und herfingerte, schlug er mit der Linken ein an's Bein geschnalltes Becken und stieß mit dem Mund in eine am Instrument befestigte Trompete, außer bei den zarteren Stellen, zu welchen er pfiff, so daß dieser Mensch mit jedem Glied, daß er rühren konnte, Musik machte, und zwar so lange, bis er von allem Arbeiten, Pfeifen, Blasen und Beckenschlagen schweißgebadet und halb lahm war. Dann bekam er eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen, und auch die Uebrigen setzten sich zu diesem Lieblingsmahl der Sylter nieder, bis der neugekräftigte Orpheus zu neuen Freuden rief. Doch sieh, was ist das? Dort über das Grün kommt Grete, und vor sich breit im Sonnenschein trägt sie den »Smak,« der, nach diesem nächtlichen Streifzug in die Mythe des Frauenreichs, als gewöhnliches Hemd in das Alltagsleben zurückkehren muß! Am Abend desselben Tage. (An Bord der »Ida«.) Wie bunt, bei Sonnenuntergang, war das Ufer von Nösse, woselbst wir uns einschifften! Es sah wie ein Lagerbild aus oder wie eine Auswandererscene. Da brannten kleine Feuer, über denen Wasserkessel hingen, und ihr bläulicher Rauch wirbelte in die Scheidegluth des Westens empor. Da standen Karren und Pferde und friesische Jungen dazwischen mit langen, falben Haaren – solche, wie mich am Tage der Ankunft empfangen hatten. Da waren Gesellschaften von Herren und Damen, welche an die Küste nach Schleswig oder nach Hamburg zurückfahren wollten – da waren Frauen und Mädchen und Knaben, welche mit Kieseln nach den Seevögeln warfen, daß sie erschreckt auffuhren und sich im Glanze des Abends verloren. Da war halb Westerland versammelt, um Abschied zu nehmen, und da war ein Händeschütteln und ein Bitten, Sylt nicht zu vergessen, und ein Versprechen, im anderen Jahr wiederzukommen – und endlich, als die »Ida«, von Föhr herandampfend, Anker warf, ein Stürzen nach den Böten und ein Schieben der Männer, die nackt bis über's Knie im schwarzen Schlick standen. Und dann kam noch einmal Wulff Manne Dekker an Bord, um jedem Einzelnen die Hand zu drücken, und wie er nun die Schiffsleiter hinabstieg in das letzte Boot, welches zurückging, und dann langsam in der Dämmerung des Abends und dem Nebel des Meeres verschwand, war er das Letzte, was wir von Sylt sahen. XIII. Berlin, 21. October 1860. Unser Leben ist unser bestes Gedicht. Die Schlüsse, die uns das Schicksal in die Feder diktirt, sind die ergreifendsten. Eben, wo dieser letzte Bogen in die Druckerei gehn soll, erhalte ich einen Brief mit dem Zeichen eines Schiffs gesiegelt, in dessen Segel ich die Initialen des Seefahrers und Romandichters Heinrich Smidt Auch er – wackerer Mann! – ist, mit den Seinen, längst gestorben, und nur das kleine Haus in der Krausenstraße zu Berlin, welches er bewohnt hat, erinnert mich noch zuweilen an die frohen Sonntagabende, die ich dort verbracht. (Anmerkung a. d. J. 1876.) erkenne. »Mein Neffe«, schreibt er, »Herr Carl Felix von Westerland auf Sylt, war in diesen Tagen hier. Er brachte mir die Nachricht mit, daß mein alter Freund, der Capitain Dirck Meinerts Hahn, mit Tode abgegangen ist.« Guter, alter, freundlicher Mann! Du sitzest nicht mehr am Fenster Deines Hauses unter den Dünen. Du lachst nicht mehr, Du erzählst nicht mehr. Ich werde Dich nicht wiedersehen, wenn ich die kühle Frieslands-Insel auf's Neue besuche. Du liegst nun bei der kleinen Kirche von Westerland zur Seite Deiner Frau Hedwig, die Dir im Tode vorangegangen. Die Haide rauscht über Euch. Die Stürme des Herbstes brausen über Eure Hügel, und wenn der Sommer kommt, werden die kleinen Bienen darüber summen ...... Schlafe wol, guter, alter, freundlicher Mann!   1875. – singe getrost, auf daß deiner wieder gedacht werde. Jesaias 23, 16. I. Es war ein heißer Tag, ein sehr heißer Tag, gegen Ende August 1875 und in der Schellingstraße zu Berlin, als ich einen Brief erhielt, der Alles um mich her plötzlich zu verwandeln schien – die blendenden Häuserwände gegenüber, glühend von Sonne, den Staub der Straße, den Dunst des Himmels. Eine andere Luft wehte mich an und andere Zeiten stiegen herauf, vergessene, versunkene – so daß ich an jenem Morgen statt zu arbeiten, meinen Träumen nachhing, bis ich, der Gegenwart und Wirklichkeit ganz entrückt, Gesichter und Plätze wiederzusehen glaubte, die ich seit einer halben Ewigkeit nicht gesehen, nicht einmal mehr in meinen Träumen. Der Brief, der alle diese Wunder bewirkt, kam weit her – von Westerland, von Sylt; und das Erste, was mich an demselben, auf dem »Briefumschlag« schon (wie es in des Generalpostmeisters Wörterbuch heißt) mächtig bewegte, war die deutsche Reichspostmarke, mit dem Namen »Keitum« quer über den deutschen Reichsadler hin. Solch' eine Zehnpfennigmarke ist sonst ein sehr nützliches, wiewol sehr gewöhnliches und gleichgültiges Ding; aber in diesem Falle rief sie mir auf einen Schlag Alles in's Gedächtniß zurück, was in den verflossenen Jahren mit Sylt und mit uns vorgegangen war – den Krieg von 64, den Krieg von 66, den Krieg von 70, – die »Provinz« Schleswig-Holstein, das deutsche Reich, den Weltpost-Verband und noch Einiges mehr. Doch es ist Zeit, daß ich den Leser mit dem Inhalt des wunderbaren Briefes bekannt mache. Geschrieben war er von einem Manne, den ich glücklich bin, meinen Nachbarn, und stolz, meinen Freund nennen zu dürfen; von einem Poeten, der das Land der Friesen und die Nordsee sehr liebt und genau kennt, und in seinem herrlichen, in einigen Scenen ganz vom Geiste Shakespeares erfüllten Drama »Die Gräfin« Zeugniß dafür abgelegt, wie gut er den herben Charakter und die kraftvolle Sprache Beider belauscht hat und wiederzugeben versteht. Von ihm – brauche ich nach Allem, was ich gesagt, noch hinzuzufügen, daß es Heinrich Kruse ? – war der Brief, und er lautete folgendermaßen: Nordseebad Westerland auf Sylt. »Wo kommen Sie denn her?« fragte mich heute der Generalsuperintendent M. (aus M.), als er mir auf dem Wege begegnete. »Was werden Sie sagen?« antwortete ich, »von einem Besuch bei einem rothwangigen Mädchen ...« Nämlich von Brigitte Marlo, die in ihrem Häuschen noch gerade so wohnt, wie Sie es beschrieben haben. Sie sieht, trotz ihrer 65 Jahre, noch frisch und unverfallen aus und glich, in ihrer weißen Kopfhülle, den Frauen auf einem altdeutschen Gemälde. Sie füttert ihr Vieh, sie spinnt Wolle und vermiethet im Sommer ihre beiden kleinen Gelasse für 4 Thaler wöchentlich, an einen einzelnen Herrn noch billiger .... Sie lebt zufrieden, obgleich sie, wie sie selbst bemerkte, sonst Nichts besitzt als ihre Zufriedenheit. Quid brevi fortes jaculamur aevo Multa? Diese Zeilen, begleitet von einer kleinen Ansicht des Strandes und der Nachschrift: »ich will hier bis zum 3. September bleiben und die Austern-Saison eröffnen helfen« fielen recht wie eine fröhliche Botschaft des Meeres »in mein sonst so dunkles Leben« – (ich meine es nicht so genau damit, ich citire nur Heine, an den man ja immer denken muß, wenn man an das Meer denkt) – und war es Brigitte, waren es die Austern – kurz, die alte Sehnsucht erwachte wieder, und am 13. September befand ich mich auf der Reise, zu spät, um den Freund noch zu treffen, der, wie ich hoffen durfte, die Monate mit einem »r« würdig inaugurirt; aber noch frühe genug, so schmeichelte ich mir, um mich zu erfreuen an dem, und Gott zu danken für das, was er mir etwa übrig gelassen. Ich will es trotzdem nicht verhehlen, daß mir vor dem Wiedersehen mit Sylt einigermaßen bangte. Gleich einem von den versunkenen Eilanden im westlichen Meere, welche, wie das Mährchen erzählt, manchmal bei Sonnenuntergang zauberisch aus der Tiefe heraufsteigen, verzehrende Sehnsucht weckend in dem Schiffer, der sie von ferne sieht, und unter dem Wasser verschwindend, wenn er sie zu erreichen strebt: so hatte das Bild dieser Insel oft vor meinem Blicke gestanden: ... »Oh Arranmore, lov'd Arranmore, how oft I dream of thee...« O! Arranmore, wie oft im Traum Schwebt mir die Zeit vorbei, Wo ich an deiner Küste Saum Gewandert jung und frei. Wol manch' einen Pfad ging ich seither Durch wonnig Blumenland, Doch nie fand ich den Frieden mehr, Den ich bei dir empfand. Wie gern auf deinem luft'gen Kliff Stand ich bei Morgenruh; Dann flog mein Herz, leicht wie das Schiff, Dem offenen Meere zu! Und wenn die Luft vom gold'nen Strahl Des Westens überquoll, Wie sucht' ich dann das Ruhethal, Das dorten liegen soll ... Das Eden für der Tapfern Schaar, Nach Lebenskampf und Tod Das oft der Woge wunderbar Entsteigt im Abendroth ... Ach! Traum an Schmerz und Wahrheit reich! Dort über'm die Meer die Höh'n, Sie sind dem Glück der Jugend gleich, So flüchtig und so schön! ... Dieses Gedicht Thomas Moore's, dessen grüne Heimathinsel ich das Jahr zuvor besucht und dessen »Irish Melodies« mich auf allen meinen Wanderungen begleiteten, hatte ich auf Sylt übersetzt, am Meeresstrande sitzend, oder, um Mittagszeit, in der Haide liegend – damals ohne bestimmtes Gefühl dafür, mit welcher Wehmuth ich einst die halbverwischte Bleifederschrift auf den kleinen, vergilbten Blättern betrachten und an mir selbst den Sinn der Schlußzeile verstehen lernen sollte, .... »so flüchtig und so schön ....« Immer weiter zurück war die Erinnerung an Sylt getreten – die Linien blasser, die Umrisse undeutlicher geworden, bis sie fast ganz zerflossen. Dann und wann war noch ein vereinzelter Ruf, wie vom Winde getragen, ein Gruß herübergekommen, ein Echo – bis auch dieses verhallt und Alles stumm geworden. Mir war, als sei mit der Jugend auch dieses ihr sonnigstes, stillstes, reinstes Eden für mich dahingegangen; als ob dieses meerumrauschte Dünen- und Haideland, welches in seiner Einsamkeit und jungfräulichen Abgeschiedenheit ich fast allein gekannt, mir fremd geworden, seitdem es, von Sommergästen umschwärmt, einen gewissen Ruhm in der Welt erlangt hatte. Doch das Herz vergißt nicht so leicht; und siehe! – da bin ich auf einer zweiten Fahrt nach Sylt, wie zum Wiedersehen und Wiederbegegnen mit einer alten Jugendliebe ... und es ist Herbst und Nachmittag .... einer jener sanften Herbstnachmittage, welche so schön und zuweilen so melancholisch sind in unserem, Norden .... II. Wenn man aus der Hauptstadt in diese weiten, üppigen Gefilde von Holstein und Schleswig kommt, in diese gesegneten Landschaften, voll saftigen Grün's noch im Herbste, mit Wiesen und Wald und Wasser, mit kleinen Dörfern zur Seite des Weges, mit freundlichen Städten, die von Behäbigkeit glänzen: so hat man ein Gefühl des Wechsels und Wohlbefindens, die beide nicht stärker gedacht werden können. Es ist dieselbe nordische Natur, aber verschönt von allen Reizen, welche die Fruchtbarkeit des Bodens zu verleihen vermag; es ist derselbe Himmel, aber die größere Nähe des Meeres macht ihn stimmungsvoller. Auch der Menschenschlag, welcher diese Gegenden bewohnt, bildet einen auffallenden, aber erklärlichen Gegensatz zu dem Bewohner der Mark und noch mehr zu dem Berliner, welchen die Beimischung fremden Blutes und der Zwang der Verhältnisse rascher, beweglicher, so mit der Hand als mit der Zunge gemacht haben. Der Mensch ist ein Produkt der Bedingungen, unter denen er aufgewachsen; und wenn ich Nichts gegen die Berliner sagen will, die meine Landsleute sind, so brauche ich Nichts für die Schleswig-Holsteiner zu sagen, nach der Fürsprache, welche ihnen jüngst im Reichstage von Seiten Bismarck's zu Theil geworden. Aber – das Wort des Fürsten in Ehren! – ich glaube dennoch, daß es den braven Bewohnern jener neuen Provinz schwerer werden wird, sich an uns zu gewöhnen, als umgekehrt. Nicht nur, weil man bescheiden ist, wenn man aus der Mark kommt, sondern weil uns Alles mit einer gewissen Fülle traut und behaglich anspricht, wenn man nach Schleswig-Holstein kommt: die fetten Marschen und grünen Buchenwälder, die blauen Wasserstreifen und die weißen Segel darauf, die schmucken Dörfer, die malerisch gelegenen Städte, deren rothe Dächer und schlanke Kirchtürme zufrieden und einladend aus üppigen Laubmassen hervorschauen und mit diesen zusammen in den Buchten der See oder den Flußbreiten sich spiegeln. Mehr noch. In eine ferne, germanische Vorzeit versetzt uns diese Fahrt durch Holstein, und besonders durch Schleswig, welche sich zwischen zwei Meeren und zwei Küsten bewegt: der Ostseeküste, mit Hügel und Wald, dem alten Sitze der Angeln, Die gegenwärtige Landschaft Angeln, die von der Ostsee, der Schlei, dem Flensburger Meerbusen und dem großen Haiderücken in der Mitte Schleswig's begrenzt wird, bildet nur einen kleinen Theil des ehemaligen Angel- oder Engellandes, da die Angeln ursprünglich wol das ganze heutige Schleswig bewohnten. Vergl. Kohl , Reisen in Dänemark und den Herzogthümern, I. p. 125. der flachen, marschigen Nordseeküste, mit den Inseln, den Sitzen der Friesen, während weiter unten, nach Süden, in Holstein, bis über die Elbe die Sachsen saßen, und nördlich, wo das Land der Scandinaven begann, die Jüten. Es ist merkwürdig und doch leicht erklärlich, wie sehr Schleswig an die englische Grafschaft Kent erinnert; denn Angeln, Sachsen und Friesen, denen sich in geringerer Zahl auch Jüten anschlossen, waren die Eroberer Englands und Kent war der Ausgangs- und durch Jahrhunderte der Stützpunkt ihrer Invasion und Eroberung. Ueberall, hier wie drüben, ist man von den alten, scandinavisch-germanischen Erinnerungen umgeben, in dem Aussehn des Landes, in den Namen der Ortschaften, in dem Anbau des Bodens, in der Einhegung der Felder und Wiesen, den »Knicken«, den »hedges« und »fences« und der Haltung des Viehs. Wenn man die Karte von Schleswig mit der Karte von Kent vergleicht, so findet man eine große Aehnlichkeit sogar in der Bodengestalt, in Hügel, Wald, Marschen, Flußläufen und Einschnitten der See – für letztere hat sich in Schleswig noch das scandinavische »Fjord« erhalten in Förde, Föhrde, dasselbe was in Schottland »Firth« heißt (Firth of Forth, Firth of Tay etc.). Das »wick« findet sich hier, wie dort, in Schles wig und Green wich , Wool wich , Sand wich ; das »um« in den friesischen Ortsnamen (Keitum, Rantum etc.) ist das hochdeutsche »heim« , das englische »ham« , und das »nis« oder »naes« (Landnase, Vorgebirge) begegnet in Arnis und Sheer neß . Dem dänischen Wold zwischen der Kieler Bucht und dem Eckernförder Meerbusen hier entspricht der kenntische Weald ... »Wealde, id est regio nemerosa ....« Camden, Britannica (Edit. Francof. 1816) p. 245. Auch das Wort »wold« hat sich noch erhalten, z. B. in Gloucestershire (the Cot's wold hills) . dort, beides ehemals Waldregionen und unseren tapferen, raub- und beutelustigen Vorfahren wolbekannt. Sie übertrugen die Namen und Kennzeichen der Heimath auf das neue Land, welches in seiner natürlichen Beschaffenheit und Lage mannigfache Verwandtschaft zeigte mit demjenigen, welches sie verlassen; und es begreift sich daher, daß sie sich bald heimisch machten und fühlten und daß ihre Spuren am längsten darin hafteten. Nach einem und einem halben Jahrhundert waren die Ueberbleibsel der alten Briten auf die Westküste zurückgedrängt und in jene heut noch unterschiedlichen, jedoch schon damals kaum mehr unter sich zusammenhangenden Bruchstücke von Cornwall, damals West-Wales genannt, im Südwesten, Nord-Wales in der Mitte und Cumbria (Cumberland) im Nordwesten zersplittert, wo die altbritische Sprache und Tradition in Märchen und Sage bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat; während auf der Ostseite und von dort aus immer compacter in das Innere vorrückend, sich die neuen Königreiche der Eroberer bildeten, die demnächst unter einander, dann mit den eindringenden Dänen, Der Name »Däne« war damals (gegen 800 n. Chr.) nicht beschränkt wie heute, sondern ein Collectivname für alle Nordmänner. Sie brachten der angelsächsischen Bevölkerung Englands nichts wesentlich Neues; wol aber war dies der Fall mit den Normannen, welche sich seit Anfang des 10. Jahrhunderts in Frankreich (Normandie) angesiedelt hatten und noch im Verlaufe des Jahrhunderts »französische Christen und feudal bis ins Herz« geworden waren. Vgl. Green, A short history ot the English people. p. 68. deren Sprache wenig von der ihrigen abwich, um die Oberherrschaft stritten und mit diesen zusammen endlich in der bereits mit französischen Elementen versetzten normannischen Invasion und Eroberung die staatlichen Bindemittel empfingen, welche ihnen – nach echt germanischer Weise! – bisher gefehlt. – In Kent saßen die Juten und Friesen; an sie schlossen sich die Sachsen, und zwar die Südsachsen im heutigen Sussex , die Mittelsachsen in Middlesex , die Westsachsen in Wessex (ein Name, der sich nicht, wie die vorhergehenden und der nachfolgende in einem einzelnen Shire erhalten hat, sondern den ganzen Südwesten des heutigen Englands bis Cornwall umfaßt) und die Ostsachsen in Essex . Nördlich an die Sachsen schlossen sich die Angeln, und zwar die Ostangeln, das sogenannte Südvolk im heutigen Suffolk und das Nordvolk im heutigen Norfolk , die Mittelangeln oder Mercians, die Männer der Mark, in den heute sogenannten Mittelland-Grafschaften , lange die Mark oder Grenze gegen die Briten, und am Weitesten oben, im Lande nördlich vom Humber, im heutigen Northumberland , die Northumbrier, die bis nach Schottland hineinreichten und deren König Eadwin (617–633) seinen Namen in Eadwin's Burg, dem heutigen Edinburg, verewigt hat. So weisen Namen und Erinnerungen von hier weit über den Ocean und durch mehr als ein Jahrtausend, und wie ich dieses anmuthige Land im Abendsonnenschein durchfliege, die Wiege Englands und lange der Gegenstand bittren Streites zwischen Dänemark und Deutschland, glaube ich durch allen Hader und den ganzen Tumult politischer Verwicklungen und Entwicklungen die Stimme des gemeinsamen Blutes zu vernehmen, und erkenne in den schroff von einander Getrennten Züge der Verwandtschaft und Familienähnlichkeit, welche, von der Zeit nicht verwischt, in Aussehn, Gesittung und Sprache fortleben, wie vor tausend Jahren. III. Glühend, zur einen Seite des Weges, ein Feuerball, ging die Sonne nieder, während zur andern voll und silbern der Mond heraufkam, als wir hinter Flensburg uns Nordschleswig näherten und aus den Regionen der Ostsee westlich gegen die der Nordsee wandten, Hügel und Wald und wellenförmige Ebene hörten auf, und die große Niederung begann. In dem Coupé, in welchem wir fuhren, wurde viel, ja fast ausschließlich dänisch gesprochen. Bei Tingleff bogen wir von der Hauptlinie ab, und kamen zu guter Abendstunde und bei hellem Mondenschein in Tondern an. Dieses Tondern ist ein stiller, gemüthlicher Ort, mit alten Giebelhäusern, welche ihre phantastischen Schatten über die Straße werfen, und einem etwas fremdartigen Charakter, ob für den Deutschen im Allgemeinen, oder nur für den Binnenländer, will ich nicht entscheiden. Denn wenn auch das Dänische keineswegs vorherrscht, so hört man es doch noch. Bestimmter tritt der Eindruck hervor, daß man der See nicht mehr fern; es ist Etwas in der Luft, was nach See riecht, eine größere Feuchtigkeit, und als wir am späten Abend hinaus wanderten vor die Stadt, in die Haide, da war Alles lebendig von Möven. Wir konnten sie nicht sehen; aber bald da, bald dort aus der mondhellen Einsamkeit vernahmen wir kurz und scharf den melancholischen Pfiff dieses Vogels, welcher die Küsten umschwirrt, dem Heimkehrenden die Nähe des Landes und dem Ausziehenden die Nähe des Meeres verkündend. Ein gutes Wirthshaus nahm uns auf, mit Teppichen in den Zimmern und mit Bäumen vor den Fenstern. Ich hätte niemals geglaubt, daß man es in einer entlegenen, kleinen Stadt sich so bequem machen könne. Doch ist es so; und wer nach Tondern kommt, den empfehle ich der Fürsorge des Herrn Weber, in dessen Haus wir uns gar trefflich wohl gefühlt, und dessen Tafel eine Fülle von guten Dingen bietet, kalt und warm, und einen Rothwein, wie man ihn in keiner von unseren Hansestädten besser trinkt. Lieber Leser! Du wirst an diesen Ausführungen merken, um wie viel älter der Schreiber dieser Zeilen seit jenem ersten »Stillleben auf Sylt« geworden ... Aber wer kann es ändern? Am nächsten Morgen erschien das alterthümliche Städtchen nicht minder ansprechend. Es war so behaglich, in der warmen Sonne zu spazieren, zwischen diesen großen, stillen Häusern, von denen einige etwas Patrizisches haben und alle gar sauber und blank aussehen; auf dieser Straße, wo kaum ein Wagen vorbeifuhr und über die steinerne Brücke mit malerischen Blicken auf das Wasser, welches zwischen überhängendem Grün und Erkerhäusern dahinfließt. Die Läden und Gewölbe sind nicht unansehnlich; hübsche Sachen, sogar Bilder und Bücher, sind an den Schaufenstern, ein schattiger Spaziergang mit freundlichen Anlagen und Ruhesitzen ist vor der Stadt, ein großer Vergnügungsgarten mit Tischen und Bänken unter den Bäumen, mit Kegelbahn u. s. w. ist hinter der Stadt – mein Gott, wie glücklich und zufrieden wird man in Tondern leben können! Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich eine ganz entschiedene Passion für Tondern gefaßt habe. Mittags setzten wir unsere Reise fort in einem Wägelchen, in dem es sich höchst vergnüglich kutschiren ließ. Ein weicher, sommerlicher Wind wehte uns entgegen, und die Landschaft, wenn sie keine Abwechslung bot, hatte doch in ihrer Einförmigkeit etwas ungemein Wohlthuendes. Die grüne Ebene, weit und unabsehbar, wie der Himmel darüber, an dem die Sonne jetzt von einem aufziehenden Gewölk verdeckt ward, jetzt in ganzer Herrlichkeit strahlte – die Haide bald in Schatten tauchend, bald in Gold kleidend, bis an den fernsten Rand des Horizontes. Dieses sind die großen und erhabenen Schauspiele, welche, in ihrer scheinbaren Monotonie so mannigfaltig und in ihrer Ruhe so bewegt, das Auge nicht müde wird zu sehen; vor ihnen verstummt allmälig der tausendfältige Wirrwarr der Welt und die Menschenseele weitet sich und athmet auf in einer Empfindung glücklicher Übereinstimmung mit der Alles bewältigenden Natur, unserer Mutter, welche uns geboren, und an deren Herzen wir einst, wenn der Kampf ausgekämpft, in Frieden – so hoffen wir – ruhen werden. Dann und wann in dem einsam stillen Marschland, durch welches die Straße sich hinzog wie ein weißer Faden, erschien ein Dörfchen oder ein einzelnes Bauerngehöft, von kräftigem Baumschlag umstanden, wie in einem kleinen Walde für sich, mit stattlichem Wohnhaus und umfangreichen Stallungen, Scheunen, Wirthschaftsgebäuden; hierauf ein altes Schloß, der Sitz, wie man mir sagt, des Grafen Schack, hinter Wall und Graben, mitten in einem düstern, vornehmen Park, ohne daß man doch, äußerlich betrachtet, einen so großen Unterschied zwischen Herrenhof und Bauerngut bemerken könnte, wie meistens anderwärts. Dies hier, längs der ganzen friesischen Westküste ist recht eigentlich das Land der freien Bauern, welche den Adel unter sich nicht duldeten; ja, was von den Geschlechtern desselben sich unter ihnen anzusiedeln versuchte; zu einer gewissen Zeit förmlich verbannten, während die Ostküste immer in den Händen der privilegirten, ritterschaftlichen Gutsherren war. Niemals habe ich hübschere Bauernhäuser gesehn, wie hier; keines von ihnen, einzeln oder in Gruppen, ohne Blumengarten vor der Thür, ohne Blumentöpfe in den Fenstern. Ein Ausdruck zugleich von vollkommener Unabhängigkeit verbindet sich mit dem offenbaren Sinne für Sauberkeit und liebevoller Pflege des Heimwesens, welches, sei es klein oder groß, immer Etwas bedeutet, immer Etwas in sich Geschlossenes darstellt, als ob es des Zusammenhangs mit den übrigen nicht bedürfe. Man wird an diese Worte des Tacitus (Germania 16) erinnert: »Einsam und abgesondert bauen sie sich an, wo eine Quelle, eine Aue, ein Gehölz ihnen wolgefällt. Dörfer legen sie an; nicht wie wir mit fortlaufenden, aneinander gebauten Häusern, Jeder machte sich einen freien Platz um sein Haus ...« Fohlen tummeln sich in Lust und Freiheit auf den weiten Weideplätzen, schweres Mastvieh lagert auf den Triften und wo der Boden magrer wird, grasen die Schafe. Wo wir jetzt fahren, war vor sechshundert Jahren Wasser und wo jetzt Wasser ist, waren damals Inseln, die seitdem untergegangen sind. Die Karte des Wattenmeeres ist förmlich besäet mit Namen von versunkenen Ortschaften, und ganze »Harden« sind zu kleinen Ueberbleibseln zusammengeschrumpft oder in Halligen zerbröckelt, auf denen zuweilen nicht mehr als ein Haus und eine Familie Platz hat. Die Festlandsküste, wie wir sie gegenwärtig kennen, existirt erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts; und überall von Gräben durchzogen, durch Dämme befestigt, durch Deiche geschützt, verräth sie dem Auge noch deutlich genug ihren Ursprung, Man meint immer, das Meer müsse nun endlich erscheinen, und von dem weiten Horizont getäuscht, an welchem auch die Wolken immer größer und voller heraufschweben, erwartet man von dem einen Augenblick zum anderen Segelstangen und Mastbäume zu sehen. Aber es sind nur Telegraphenstangen und der Kirchthurm von Mögeltondern; und immer wieder hinter den Deichhügeln dieselbe Landschaft, dieselbe Einsamkeit der Landstraße, jetzt nur unterbrochen durch das Heranrollen eines schweren Gefährts – einer gelben Kutsche mit der Inschrift in Gold: »Deutsche Reichspost.« Der letzte Festlandsort ist Hoyer, woselbst ein wackerer, ehemaliger Schiffscapitain gastlich Hof und Haus hält und von hier sind es noch zehn bis fünfzehn Minuten bis zum Wasser. Dem heiteren Morgen ist ein sonneloser Nachmittag gefolgt; ein schwermüthiger, ächt nordischer Ton liegt in der Luft, und wie wir dahinfahren, gegen Westen gewandt, erscheint plötzlich am Rande des Himmels eine mattglänzende Silberlinie – das Meer. Das Meer macht hier, besonders an einem so ruhigen Tage, keinen irgendwie großartigen Eindruck. Es verengt sich zu einem Canale, der tief in das Land einschneidet und längs dessen Rande und weit hinaus eine haidebewachsene Niederung sich hinzieht. Man verliert die Küste kaum aus den Blicken. Aber dennoch ist es das Meer und ein Athem weht über dasselbe, voll von Verheißung, Möven flattern hin und her, ihr weißes Gefieder scharf abhebend gegen den grauen Wolkenhintergrund. Segel tauchen auf und verschwinden und eine Rauchsäule zeigt sich, das Nahen des kleinen Dampfers verkündend, der von Sylt herüberkommt. Wir gehen ihm am flachen Ufer weit entgegen und wie er nun in den Canal einbiegt, lesen wir am Bugspriet, glänzend noch an diesem umwölkten Septembernachmittag, seinen Namen. Es ist der Dampfer Germania , welcher zusammen mit dem Dampfer Bismarck der Insel Sylt gehört und die regelmäßige Verbindung zwischen Hoyer und Munkmarsch herstellt. Mir aber, indem ich sinnend an unserer fernen Nordwestküste stand, erzählten die Namen dieser beiden Schiffe die ganze Geschichte der verflossenen Jahre. IV. Wie wir vorhin mit dem Wagen über Land gefahren, das ehemals Wasser, so fuhren wir nun mit dem Schiffe über Wasser, das ehemals Land gewesen. Die Ueberfahrt dauert nicht viel mehr als anderthalb Stunden, und mir verging sie wie im Traum. So weich war die Luft, so still das Wasser und so lautlos fast der Gang des Schiffs. Nichts rührte sich, kaum plätscherten die Wogen, wenn der Kiel sie theilte. Die Zeit selber schien stille zu stehen; als ob es von Ewigkeit so gewesen und kein Unterschied zwischen heute und gestern. Schatten lagerten sich umher – war es der Reflex der Wolken im Wasser, waren es die Erinnerungen? Langsam wandelte das Schiff hindurch, und ein fahles Licht färbte den Himmel und Schaaren von Möven flogen vorüber, eine der andern folgend. Unmerklich im Osten verlor sich die eine Küste, unmerklich im Westen stieg die andere herauf – ein langer, schmaler, dunkler Streifen, der allmälig in die Höhe wuchs, sich wellenförmig in die Breite dehnte, sich reckte nach Rechts und nach Links, die Gestalt von Land annahm, so klein und niedlich, daß man es, von Deck aus gesehen, in die Westentasche hätte stecken mögen; mit Dünenhügeln und Haidehöhen, in zierlichstem Miniaturformat, mit einem Leuchtthurm, so klein wie der Thurm auf einem Schachbrett, mit Dorfschaften nicht viel größer als Ameisenhaufen, mit einer kleinen Windmühle und drei kleinen Häusern auf einem kleinen, grünen Vorsprung, mit einem Landungsplatz und vielen kleinen tanzenden Böten davor, und vielen kleinen Menschen und Wagen und Pferden darauf, wie die hübschesten Liliputaner. Mein Gott, wenn das Alles wieder versänke, bei der ersten Berührung, und ich wieder erwachen müßte in der Schellingstraße zu Berlin ... Aber mit einer stolzen Schwenkung rauschte die »Germania« heran und warf Anker und hielt mein Traumbild fest – und wenn ja noch ein Zweifel blieb, so lag dort hinten, weiter auf der Rhede, der »Bismarck« – und wie ich den zu Gesicht bekam, da war ich vollkommen beruhigt; denn, sagte ich mir, was der einmal zwischen den Händen hat, das läßt er nicht mehr los. Und so war's. Da war mein braves Sylt und die drei kleinen Häuser mit der Windmühle waren Munkmarsch, Alles unverändert, wie ich es zuletzt gesehn. Und der Korbwagen war derselbe und ein dänischer Mann, ein Eingewanderter und Eingeheiratheter, des Deutschen noch immer nicht mächtig, schwang die Peitsche und seine beiden Braunen, derb und schwerfällig, wie ihr Kutscher, trabten dahin, und der Sandweg war derselbe und die Haide war dieselbe .... Darin ändert sich so bald Nichts. Wir Menschen stürzen um und bauen auf, schaffen und zerstören; aber die Natur nimmt im Ganzen wenig Notiz davon. Mir ist zuweilen, als ob sie mit einer gewissen Neugier zusähe, wie weit das kommen und wo das enden werde. Sie war vorher und sie wird nachher sein. Ihr kann man Nichts anhaben; und das hat, mitten in diesem Wechsel irdischer Dinge, manchmal etwas recht Tröstliches. Nach einer Weile verlassen wir den Sandweg, und die Norddörfer Haide (so genannt nach den Norddörfern Kampen, Braderup und Wenningstedt) liegt vor und um uns, uferlos möchte ich sagen, mit so gut wie gar keinem Weg, und nur gen Westen von der Dünenkette begrenzt. Das ist die Haide, wie ich sie lange gekannt; die Hügel, die Thäler, die ich oftmals durchschweift, und ich meine, sie müßten sich bewegen, wie ich bewegt bin vom Wiedersehen. Aber was sind sechszehn Jahre für sie, welche die Friesen und Angeln und Sachsen abreisen sahen unter Hengist und Horsa, vor eintausend dreihundert Jahren, sie, damals schon uralt und grau bemost, die stummen Zeugen, und jetzt die Gräber und Schatzkammern der vorhistorischen Zeiten? Einzelne Häuser werden unter den Dünen sichtbar; es sind Häuser von Westerland, welches weit zerstreut über der Haide liegt, nicht wie ein einziges, großes Dorf, welches es ist, sondern in lauter kleinen Gruppen, welche »Hedige« (Nord-, Süd-, Ost- und Westhedig) und »Enden« (Süder-, Wester- und Osterende) heißen und unter sich gar keinen Zusammenhang zu haben scheinen. Einem der letzten Häuser unter den Dünen steuern wir, in südwestlicher Richtung, zu. Wie der Wagen herankommt – eine seltene Erscheinung in dieser Gegend und in dieser Zeit des vorgerückten Herbstes, wo Gäste nicht mehr erwartet werden – tritt eine hohe Frauengestalt vor die Thür. Das weiße Tuch um den Kopf gebunden und die Hand vor den Augen, um besser ausschauen zu können, steht sie da. Der Wagen hält und ich erkenne sie sogleich. Es ist Brigitte Marlo. Sie steht ganz, wie sie damals stand, als ich Abschied nahm und sie mir lange nachschaute. Doch sie erkennt mich nicht mehr. »Hab' ich mich denn so verändert, liebe Brigitte?« frag' ich, indem ich ihre treue, gute, von Arbeit gehärtete Hand in die meine nehme. Nun plötzlich fliegt ein Strahl des Erinnerns und der Freude, recht wie Sonnenschein, über ihr wettergeröthetes Gesicht und ihre blauen Augen schimmern feucht. Sie nennt meinen Namen, immer noch ein wenig zweifelnd, indem sie einen Blick auf die Dame im Wagen wirft, meine Begleiterin. »Ja, liebe Jungfer Brigitte«, sag' ich, »das ist nun einmal so. Aber sie ist nicht eifersüchtig.« Lachend und glücklich mit dem Willkommsgruß tritt die Fünfundsechszigjährige, rüstig in unverminderter Kraft, an den Wagen heran. Das kleine Haus öffnet sich mir auf's Neue. Nichts darin hat sich verändert, die kleine grüne Thür, die beiden Zimmer, die Fenster, die sich nur halb öffnen lassen, – wie mich das Alles vertraut anblickt! Und dort der Tisch, an dem ich geschrieben, und dort der Stuhl, auf welchem Dirck Meinerts Hahn saß, wenn er Grog mit mir trank, oder Wulff Manne Dekker, wenn er große Pläne mit mir schmiedete, und dort das Brett, auf welchem meine Thonpfeife mit der Siegellackspitze stand und mein Knaster in einer Porzellanschale lag .... Und draußen der Gartenfleck, und die Kuh, und die Schafe an den Pflock gebunden, und die Katze, die aus der Bodenluke schaut, und die Hühner, die gackernd umherspazieren .... Die ganze Welt ist eine andere geworden; aber Brigitte und ihr Haus sind dieselben geblieben. Einsam und zufrieden, wie ich sie vor sechszehn Jahren verlassen, finde ich sie heute wieder. Mein Freund Kruse hat mir nicht zu viel über sie geschrieben. Es ist später Nachmittag geworden, und wie ich draußen vor dem Häuschen auf- und abgehe, Alles wieder erkennend und wieder begrüßend, sehe ich auch einen jungen Menschen, dessen bisher Niemand Acht gehabt. Er sitzt auf einem Bänkchen, nicht weit von der Thür, und hat ein Buch auf den Knien liegen, und sein Auge, noch voll von der Schwärmerei der ersten Jugend, blickt auf von dem Buch und in die Dämmerung hinein, aus welcher holdselige Wesen ihm zu nahen scheinen, reizende Mädchenfiguren, mit goldenem, weichem Haar und himmlisch blauen Augen, so rosig das Antlitz, so lieblich der Mund, so schön, so gut ... Jetzt begegnet sein Blick dem meinigen und ich bemerke, daß er vor mir zurückschreckt. Er erkennt mich nicht, auch er nicht! Und doch bin ich selbst der junge Mann, wie ich oft so dagesessen – lang, lang ist's her .... V. Ich habe alle meine Freunde – mit Ausnahme von Dirck Meinerts Hahn – noch am Leben und im besten Wohlsein getroffen. Gleich am Morgen nach meiner Ankunft erschien Wulff Manne Dekker mit einem großen Kasten voll Moos und Muscheln; bald darauf machten ein hübscher, braunäugiger Knabe von acht und ein allerliebstes Mädchen von zehn Jahren, Sohn und Tochter von Grete, geb. Hahn, im Namen der Mutter ihre Aufwartung, und am Abend war ich bei Meister Steffens, der aber nicht mehr in der »Dünenhalle« residirt, sondern sich ein eigenes Palais gebaut hat, »Christianenhöhe« genannt, ein wunderliches Ding von einem Haus, mit einem achteckigen Sitzungssaal für seine Gäste, die Wände geschmückt mit Diplomen, die des Meisters Ruhm verkünden, und mit einer großen Photographie, die ihn darstellt, wie er sein Schlachtschwert, vulgo Tranchirmesser, über einer gewaltigen Ochsenkeule schwingt. Er hat die Mitte der siebenzig überschritten, fühlt sich aber immer noch wie ein Jüngling, und zum Zeichen deß hat er sich kürzlich noch einmal verheirathet und neuerdings den Bart stehen lassen. Diese Leute – Gott erhalte sie! – nehmen es auf mit den Erzvätern und Patriarchen; ja, sie begnügen sich nicht einmal mit dem biblischen Alter, von welchem geschrieben steht: »unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre«; denn 84, 88, 90 Jahre gelten hier für gar kein ungewöhnliches Lebensziel, und dabei bleiben sie körperlich gesund und geistig frisch bis zur letzten Stunde und haben Nachkommen »wie Sand am Meere.« Das Geschlecht der Dekker z. B. zählte 1860 bereits 403, das der Wulff sogar 547 Glieder. Ihre Geschlechtsregister gleichen denen der heiligen Schrift. Diese Familien von Seefahrern und Bauern haben ihre Stammbäume, welche denjenigen unserer Ritterbürtigen an Genauigkeit und zuweilen an Alter Nichts nachgeben; in einigen Familien findet eine gewisse regelmäßige Vererbung des Berufes statt, wie z. B. des Schullehreramts seit 150 und mehr Jahren in der Familie Hansen, deren heutiger Repräsentant der um die Bildung und literarische Geltung seiner Heimathinsel so hochverdiente Lehrer C. P. Hansen in Keitum. Das Bad und damit auch das Dorf Westerland hat sich seit meiner ersten Anwesenheit auf Sylt erstaunlich gehoben. Von 470 Badegästen im Jahr 1859 ist die Zahl derselben auf 1500 im Jahre 1875 gestiegen. Ganz besonders stark ist der Aufschwung seit Sylt wieder deutsch geworden: von 566 im Jahre 1863 hob die Zahl sich sofort auf 1000 Badegästen im Jahre 1867, und seitdem, mit Ausnahme der Kriegsjahre 1866 und 1870, hat sie sich auf der Höhe von dreizehn-, vierzehn- und fünfzehnhundert gehalten. Diesem Verhältniß entsprechend sind auch die zum Baden gehörigen Einrichtungen und Anstalten erweitert, vergrößert und vermehrt worden. Westerland ist nicht ganz mehr das primitive Seebad, welches es war. Die Begründung des Seebades und der Fremdenverkehr auf Sylt haben zwar glücklicherweise nicht die schlimmen Folgen für den Charakter der Bewohner gehabt, welche seiner Zeit die Alten voraussahen, wiewol einige Fälle, die mir besonders nahe gehen, zeigen, daß sie doch auch nicht ganz ohne Einfluß geblieben. Im Allgemeinen jedoch haben die Sylter Nichts von ihrer früheren Treuherzigkeit verloren, trotzdem sie gelernt haben, etwas mehr für die Bequemlichkeit ihrer Besucher zu thun. Acht neue Hotels sind erstanden, einige davon mit großen Namen und Ansprüchen, obgleich stattlicher Aufputz und Goldschrift schlecht gegen den salzigen Seewind aushalten; aber sie sind alle zusammen gut eingerichtet und geführt, und eines oder zwei wirklich rühmenswerth in ihrer Art. Die Verpflegung der Gäste kann billigen Anforderungen genügen; an Fischen, wenn man nicht, wie die hiesigen Speisekarten, Sardines à l'huile und marinirte Häringe dafür nehmen will, ist immer noch derselbe Mangel wie sonst, und was die Austern betrifft, so will ich meinem mehrerwähnten, ehrenwerthen Freunde zwar nicht die Schuld beimessen, allein Alles, was davon auf meinen Theil kam, beschränkte sich rund auf ein halbes Dutzend. Es hat für den Binnenländer etwas Widersinniges, am Meere zu sein, und zur gehörigen Zeit weder Fische noch Austern zu haben, obwol an Beidem kein Mangel in der unmittelbarsten Nähe. In diesem Betreff dürften die Sylter sich ein wenig mehr rühren, da es sich nur um Schwierigkeiten handelt, nicht um unüberwindliche Hindernisse. Die neuen Hotels und eine ganze Reihe neuer sauberer Häuser außerdem liegen im Westhedig, einer Gegend, die, weil sie die nächste zu den Dünen und dem Meere, noch vor wenigen Jahren verödet und versandet und so werthlos war, daß die dort belegenen Grundstücke entweder zu dem niedrigsten Satze oder gar nicht im Steuerregister standen. Jetzt, eben wegen jener Nachbarschaft, ist dieser Theil von Westerland der gesuchteste geworden, ein außerordentlich reges Leben herrscht daselbst, und als ich am Abend zuerst dorthin kam und die vielen Fenster leuchten und die Wimpel an den hohen Flaggenstöcken wehen sah und das gastliche Klingen und Klappern von Gläsern und Tellern und die fröhlichen Menschenstimmen hörte, wo ich ehemals nur dürre Haide gekannt, da war mir in der That, als sei ich in eine fremde Welt versetzt worden, die hier durch irgend ein Wunder entstanden. Und nicht viel weniger gehörte dazu, um aus diesem sterilen, dem Westwind und Flugsand ausgesetzten Boden alles Das hervorzubringen. Einer von den Bewohnern dieser neuen Gegend ist ein Berliner, ein übrigens prächtiger, jovialer und auf Sylt allgemein beliebter Mann, der es sich in den Kopf gesetzt, hier eine Villa zu haben und einen Garten anzulegen. Nun sind Anpflanzungen irgend welcher Art, es müßte denn der Sandhafer auf der Düne und die Kartoffel und der spärliche Roggen hinter derselben sein, auf dieser ungeschützten Seite von Sylt etwas Unerhörtes. Kein Strauch kommt hier fort, geschweige denn eine Blume. Der Unterschied in dieser Beziehung zwischen dem, aller Unbill des Meeres und des Windes ausgesetzten Westen und dem landein gelegenen Osten dieser Insel ist, wiewol die Entfernung kaum ein Stündlein beträgt, doch so groß, daß man schier in ein ander Land in ein wärmeres, sonnigeres gekommen zu sein vermeint, wenn man Keitum erreicht hat und den blauen Streifen des Wattenmeeres, das stufenförmig niedergehende Ufer, die rothen Ziegeldächer, die grünenden Hecken, die Gärten, und in einem derselben, dem der »Friesenhalle«, den schönen Nußbaum sieht, dessen dichtes Laub um diese Herbsteszeit in aller Pracht von Braun und Roth schimmerte. Selbst auf der Keitumer Haide noch gedeiht, schlecht und recht, eine kleine Beholzung von Nadelbäumen mit etlichen Birken und Eichen dazwischen, welche vor mehr als sechszig Jahren Uwen Jens Lornsen, der »Vogt von Sylt«, hier angelegt und die seinen Namen trägt, »Lornsens Hain.« Freilich sind die Stämme trotz ihres immerhin beträchtlichen Alters noch so dünn, daß man sie mit den Händen umfassen kann, während die Höhe nicht weit über 4 Meter beträgt; Heß , Erinnerungen an Sylt. Naturwissenschaftliche und historisch-geographische Skizzen. Hannover. 1876. p. 84. und die Königliche Baumschule bei Tinnum ist noch nicht über das Stadium des Versuchs hinaus, wiewol auch sie, in ihrer zarten Jugend schon, Spuren der Beschädigung an der Wetterseite zeigt. Kommt man gar nach Westerland und zumal dem Theile, der den Dünen am Nächsten ist, so wird Alles kahl, unfruchtbar und öde; der scharfe, salzige Nordwest duldet Nichts, was »in Farben freudig blüht«, kaum etwas Grünes, und was der Wind verschont, geht durch das Wasser und den Flugsand zu Grunde. Jedoch der Hang zum Urbarmachen und Civilisiren steckt einmal in dem Berliner; ihn schrecken nicht Sand noch Wasser, noch hat er es jemals an Mühe, Geduld und Ausdauer fehlen lassen. Wenn dem nicht immer so gewesen, wo wäre dann Berlin? Freilich ist es ein Ding mit der Spree und den Havelseen und ein ander Ding mit dem großen, großen Ozean, dessen Anhauch belebt und tödtet, gleich dem Geiste des Herrn, der darüber schwebt. Doch nicht einmal davor hat der sceptische Berliner den gebührenden Respect; glaubt vielmehr, daß man die Sache bisher nicht auf die rechte Weise angefaßt, kauft ein weitläufiges Terrain, dicht unter der Düne, »dem Strich der Erde, den Nebel drückt und schädliche Witterung,« baut hohe Mauern ringsum, welche dem Feinde, dem westlichen Winde, zu übersteigen nicht leicht werden wird, besetzt dieselben mit Dornen, um die Luft ihres Salzgehaltes zu berauben, legt dagegen im Inneren Leitungen süßen Wassers und Glashäuser an, und geht nun an das Werk, dort Blumen, Obst und Gemüse zu ziehen, »wo auf trägen Gefilden ein Baum von keinem Sommerlüftchen erquickt wird.« Inzwischen hängt das ganze Herz des Berliners an seinem Garten auf Sylt, und kaum ist mit Beginn des Frühlings das Eis im Wattenmeer aufgegangen, so verläßt er sein schönes, großes Haus in der Friedrichsstadt und eilt gen Westen, um nach seinem »Grundstück« zu sehen. Bis seine Villa fertig sein wird, bewohnt er ein Häuschen im Westhedig, in welchem er einen guten Weinkeller unterhält; und manches Glas Wein habe ich mit dem fröhlichen Mann auf das Gedeihen seiner Besitzung geleert – vivat, floreat, crescat! Allein ich glaube nicht recht daran; als ich dies schwarze, theerbestrichene, dornengekrönte Mauerquadrat zuerst, in der Morgensonne, vor mir sah, ohne zu wissen, welch' ein Paradiesgärtlein dahinter sich verberge, schien es mir von allen denkbaren Dingen am Meisten einem Kirchhof zu gleichen. Doch bei Gott ist Nichts unmöglich. – »Der Herr läßt Gras wachsen auf hohen Bergen.« »Es ist aber auch darnach. Hallelujah!« wie der Küster respondirte, der über der Predigt eingeschlafen war. Keine Macht der Erde wird hinreichen, den Strand von Westerland zu verändern – weder seine großartige Erhabenheit und Schöne, noch die Unbequemlichkeit für Männlein und Weiblein, welche daselbst spazieren und baden wollen. Von der nächsten menschlichen Behausung ist immer noch ein Weg von zehn oder fünfzehn Minuten über Dünenhügel und knietiefen Sand, und hat man das Meer erreicht, so ist eine Promenade längs desselben mit vielerlei Beschwerden verbunden, zumal wenn die Sonne vom wolkenlosen Firmament hernieder brennt. Einige Pavillons, die noch nicht waren bei meiner ersten Anwesenheit, stehen im Schatten der Dünen, hoch über dem Meer, und es sitzt sich dort recht vergnüglich, besonders am Vormittag, wenn die biederen Musikanten noch nicht zur Stelle. Jedoch der Mangel oder vielmehr die Schwierigkeit eines Spaziergangs am Meere war, ist und wird immer die schwache Seite des sonst so gesegneten Bades von Westerland sein. Weswegen sich eine Aktiengesellschaft zusammenthat und die Höhe von Wenningstedt erkor, um daselbst ein Monstre-Hôtel anzulegen, Steintreppen und Quais zu bauen, und das alte »Riesgap« der Angeln und Sachsen mit allem »Comfort der Neuzeit« zu versehen. Allein, Sylt war noch nicht reif für Gründungen, oder der welterschütternde »Krach« kam zu frühe. Kurz, Alles was von der Herrlichkeit übrig geblieben, ist ein Steinhaufen, welcher in der Nähe der Ringhügel aufgethürmt liegt; und den einzigen Vortheil hat die Kirche von Westerland davon gehabt. Von der nicht unbeträchtlichen Kaufsumme nämlich, welche das Dorf für jene Haidestrecke erhielt, hat man dem bisher mit Schilf gedeckten Gotteshaus ein Schieferdach und eine Thurmspitze gegeben – eines der wenigen Beispiele, daß aus einer Gründung etwas Lobenswertes hervorgegangen. Nein, Sylt würde den besten Theil seines Reizes und seiner Anziehungskraft verlieren, sobald das Leben daselbst anfinge, weniger einfach, weniger schlicht und natürlich zu sein. Wer den Luxus nicht entbehren kann, der hat die Modebäder; wer aber nach Sylt kommt, der will Ruhe haben, der will allein sein mit dem Meer und der Haide, der will im Umgang mit den harmlosen und zufriedenen Menschen sich langsam darauf besinnen, daß die Welt nicht ganz und gar ein Schauplatz der Berechnung und Thorheit und das Leben nicht überall ein hastiges Jagen nach Gewinn und Ruhm ist, bei welchem der Eine dem Anderen im Wege steht. Wie wirkte die stille Größe dieser Natur auch diesmal wieder in unverminderter Kraft, und wie herrlich waren die Tage – der Himmel strahlend in herbstlichem Blau, die Haide so sonnig, die Lüfte so lau! Niemals habe ich Sylt so heiter und so freundlich gesehn, als in diesen späten Tagen, welche den Sommer noch einmal zurückzurufen schienen und der nordischen Meereseinsamkeit einen Zauber liehen, den ich nie vergessen werde. Wie köstlich am Morgen war der Anblick des Meeres, wenn die Dünen in purpurnem Schatten standen, wenn die Silberlinie des Sandes flimmerte, daß man jedes Körnchen unterscheiden zu können meinte, und dahinter das unermeßliche Blau sich ausdehnte, kaum athmend, nur mit leisem Murmeln an- und abrollend. Oder am Abend, wenn der ganze Horizont vom Sonnenuntergange glühte, welch' ein Gang durch die weite, stille Haide! Dann, vom Abendroth beglänzt, zieht sich die Kette der Dünen dahin, mit steilen Höhen und dunklen Schluchten, eine geheimnißvolle, phantastische Welt, und in Dämmerung gehüllt erscheinen die Hügel, mit welchen das Innere der Insel ganz bedeckt ist. Grabhügel sind es einer untergegangenen Zeit; – jeder von ihnen hat seinen besonderen Namen, und die Sage, an Thatsachen anknüpfend, die nur noch in den Traditionen leben, war geschäftig, jedem von ihnen auch seine besondere Geschichte zu geben. Von gewaltigen Kämpfen erzählt sie, von heißen Schlachten zwischen den ersten Bewohnern, die sich den Besitz dieser Insel streitig machten – zwischen den Zwergen, den »Oennereersken« , den Unterirdischen, die noch unter der Erde, in Höhlen wohnten, und den Riesen, von denen sie in langwierigen Kriegen befehdet, ausgerottet oder vertrieben wurden. Die Zwerge scheinen auf eine keltische Urbevölkerung hinzudeuten, welche im Verhältnis zu den nachfolgenden Riesen, den hünenhaften Skandinaven, in der That klein gewesen sein muh. Mannigfach haben sich auf Sylt Spuren keltischer neben solcher altgermanischer Mythe gehalten; man begegnet dem Puck hier, diesem ganz specifisch kymrisch-ersischen Poltergeist, der heute noch in Wales und Irland (Phuca) sein Wesen treibt, und die »Puken« werden sogar oft mit den Zwergen identificirt oder machen gemeinsame Sache mit ihnen; eine Schlucht in der Nähe von Braderup heißt nach ihnen »Puckthal« (Puck-dähl) und ein benachbarter Hügel »Puckhügel«, während andererseits der »Wednshügel« (Winjshoog) bei Keitum an die Opferhügel des Wodan, und die Betheurung »bie den Raawen« , die man zuweilen noch auf Sylt hören kann, an seine Raben Hugin und Munin erinnert, nach denen er auch der Rabengott, Hrafnagud, genannt war. Den Zwergen giebt die Sylter Sage Steinäxte und Messer aus Flintstein, die man begraben oder verloren in der Nähe von Kochstellen mit blauen Miesmuscheln auf der Haide, in den Dünen und auf den Kliffen noch manchmal findet; indessen die Riesen, die nach ihnen auftreten, stets mit Schwertern, Beilen und Bolzen aus Bronze, Kupfer und Eisen bewaffnet sind. Man vergl. Hansen , Sagen und Erzählungen der Sylter Friesen. Garding. 1875. p. XV u. 23. Ganze Geschlechter dieser Kämpfer läßt die Sage in einigen der Hügel begraben sein, wie in den »Lünggrewern« (den langen Gräbern) zwischen Westerland und Munkmarsch, oder in den »Bördern« (Riesenbetten) bei Kampen; andere wiederum bezeichnet sie als die Ruhestätten ihrer Könige, in denen diese entweder auf ihrem goldenen Wagen sitzen, wie König Bröns im Brönshügel bei dem rothen Kliff, oder zusammen mit ihrem goldenen Schiffe ruhen, wie König Ring im Ringhügel zwischen Westerland und Wenningstedt. Neuerdings sind einige dieser Hügel geöffnet worden; im Tipkenhügel, östlich von Keitum, fand man (1870) nur einen großen Steinhaufen; in dem von Professor Handelmann aus Kiel (1870 und 1871) geöffneten Krockhügel bei Kampen jedoch Skelette von 6-7 Fuß langen Menschen, sowie Schwerter von Bronze und goldene Schmucksachen; im großen Brönshoog zwar nicht den goldenen Wagen dieses Königs, wol aber einen Schädel, und in dem kleinen Brönshoog daneben, welcher das Grab seines Sohnes sein soll, Menschenknochen, zwei Bronzeschwerter und Reste gewebten Wollenzeuges. Der von Dr. Wiebel aus Hamburg (1868) untersuchte Dänghoog bei Wenningstedt scheint ein unterirdischer Wohnplatz gewesen zu sein, so niedrig, daß man nur gebückt darin stehen kann, aber mit ungeheuren, cyclopenhaften Steinwänden und einem 27 Fuß langen maulwurfsartigen Ausgang nach Süden, durch welchen man kriechend das Freie gewinnen konnte. Man klettert gegenwärtig, um diesen Bau zu besichtigen, von der entgegengesetzten Seite hinein und es wurden darin gefunden eine Feuerstätte, die Knochen eines kleinen Menschen, Steinwaffen, Haushaltgeräthe von Stein und Urnen von Thon. Eine vortreffliche Karte dieser Hügel, mit genauer Namensbezeichnung und sonstigen Notizen giebt Hansen in seinen »Sagen und Erzählungen der Sylter Friesen«. Indem wir unter den Hügeln, durch die Dämmerung also dahin schreiten, beginnt über mir ein Klingen und Schwirren – es ist der Draht des Telegraphen, welcher quer über die Insel gespannt, in der Abendluft erzittert. Auch es hat »eine wundersame, gewaltige Melodei«, dieses Lied der allermodernsten Gegenwart, wenn es bei Dunkelwerden plötzlich anhebt über den Gräbern und, selbst ein Wunder, hineintönt in das Wunderreich des Märchens und der Sage. Fern über den Dünen erlischt das Abendroth. Es ist ein mühsamer Weg da hinauf, durch Abgründe von Sand, in welchen man beim Steigen oft bis an die Knie versinkt. Aber welch' ein Blick, da wir oben sind! Noch ist das ganze Wasser in dunkle Gluth getaucht, und die See, murmelnd und rollend, trägt den Wiederschein bis an das Ufer. Dies ist die Stelle. Dort, wo der Flugsand aufgehäuft liegt, war einst der große Friesenhafen, und wo die Wellen jetzt kommen und gehen, lag die große friesische Handelsstadt Wenningstedt. Hier, wo im »Riesgap« die ersten Auswandrer und Erobrer sich eingeschifft, war noch durch Jahrhunderte der Sammelplatz und Abfahrtsort der Nordfriesen, wenn sie gen Westen zogen; noch sind Wegspuren hierher durch die Keitumer und die Tinnumer Haide zu verfolgen, ja, die Sage setzt, über das versunkene Land, diese Straße bis nach Helgoland fort. Aber der Friesenhafen ist versandet und die Friesenstadt untergegangen im Jahre 1362, und Nichts übrig geblieben als ein kleiner Teich, nordöstlich hinter uns, und um denselben gelagert das kleine Dorf Wenningstedt, mit nicht viel mehr als einem Dutzend Häuser und etwa 50 Einwohnern. Aber es ist ein trauliches kleines Dorf trotzdem und das Haus, aus welchem das Licht so freundlich herüber blinkt, ist das Wirthshaus, mit einem Gastzimmer, welches in Form und Täfelung genau das Bild einer Schiffskajüte darstellt, und in welchem es sich daher ganz vorzüglich sitzen läßt, wie in einem ordentlichen Schiffe. Und wie ich mich gen Osten umgewandt, da steigt voll und klar über Keitum der Mond herauf, die Haide versilbernd und um die Hügel einen märchenhaften Duft spinnend und webend. Es ist Nacht, eine stille, feierliche Nacht, in welcher lange nur das Säuseln des Windes und der Anschlag der Wellen gehört wird. Auf einmal schallt, von unten herauf, dumpfes Stimmengemurmel, Fackeln mit brennendem Pech huschen vorüber, der Fall und Stoß eines schweren Körpers wiederholt sich in kurzen, regelmäßigen Zwischenräumen, begleitet von einer Art eintönigen, melancholischen Gesanges. Die Buhnenarbeiter sind's, die an ihr nächtliches Werk gehen. Sie können nur zur Ebbezeit arbeiten und müssen daher auch die Nacht zu Rathe ziehen. Sie rammen Pfähle von wuchtigem Holz ein und bauen Steindämme zur Sicherung dieser bedrohten Westküste, die seit Jahrhunderten schutzlos da gelegen. Und der Mond stand hoch und die Pechfackeln brannten und nach jedem in liedartigem Tone gegebenen Commando des Aufsehers, mit dem er die Arbeiter zu bitten und zu ermuntern schien, hob sich und fiel die steinbeschwerte Ramme nieder, gleichsam den Tact schlagend zu seinem Gesange, der langsam hinter mir verhallte, indem wir unseren Heimweg fortsetzten. So regt sich überall neues Leben auf Sylt, seitdem es derjenigen Sorgfalt und Liebe sich erfreut, die der Fremde niemals gewähren kann; und in seine ehrwürdigen Traditionen, die es sich noch lange bewahren möge, klingt laut hinein die Stimme der neuen Zeit und einer neuen Entwicklung. – VI. Vielfältig habe ich, vor einem Jahrzehnt, in deutschen Gauen die alte Landesfarbe sich verwandeln sehen, die von Hannover, die von Kurhessen, die von Nassau, die von Frankfurt – aber niemals hatte ich geglaubt, daß ich es auch auf Sylt noch mit meinen eigenen Augen erblicken sollte. Doch da waren die schwarz-weißen Pfähle, so gut wie anderwärts, und zwischen Westerland und Keitum, auf offener Haide, stand eine jener wolbekannten Tafeln, gleichfalls schwarz-weiß, mit der Angabe der Provinz, des Regierungsbezirks, des Kreises, des Regiments, der Landwehr etc. Diese Preußen sind wie die alten Römer; wohin sie kommen, pflanzen sie zuerst ihre Feldzeichen auf und stecken so zu sagen ringsum ein befestigtes Lager ab; und den Soldaten folgen die Verwaltungsbeamten, die Vollstrecker des Gesetzes, auf dem Fuße. Wol war es ein harter Weg für Manchen zu wandeln, und vielfach noch unter dem Schwarz-Weiß schimmerte das frühere Weiß-Roth und Weiß-Gelb eine Weile durch. Aber es war der Weg, der zum Ziele geführt hat; und heute giebt es wol nur Wenige noch, auf Sylt und anderwärts, die dasjenige, was geschehen ist, ungeschehen machen möchten, selbst wenn sie könnten. Das Jahr 1870 hat die Wunden geheilt, welche das Jahr 1866 geschlagen; in der Hingebung an das wiedergewonnene, große deutsche Vaterland haben die Einen Trost für mannigfache Enttäuschung, die Anderen Ersatz für mannigfache Opfer und Alle zusammen jenes höchste Gut einer Nation gefunden, dessen Besitz und Hütung Stamm mit Stamm verbindet in Süd und Nord, auf dem Festland und den Inseln – »ein einzig Volk von Brüdern.« Als am 13. Juli des Jahres 1864 ein Häuflein Steyrischer Jäger bei Munkmarsch und Nösse landete, da bemächtigte sich der Sylter ein Gefühl, welches sie nie zuvor gekannt – das der Rettung und Sicherheit. Offen und unverhohlen durften sie nunmehr der lange gehegten, lang unterdrückten Herzensmeinung Ausdruck geben – mit schleswig-holsteinischen Flaggen schmückten sich die Häuser, mit ihren Sonntagskleidern die Bewohner; mit Blumen und Hurrah's, mit Ehrenpforten und Händedrücken wurden die Truppen begrüßt, welche ihnen das Zeichen der Befreiung brachten und den lange Verstoßenen und Vereinsamten die Rückkehr zur deutschen Völkerfamilie verbürgten. »Ich habe meine Sylter Landsleute nie so einig, so froh, so begeistert gesehen, wie in diesem Augenblick«, schreibt der wackere Hansen in seinen »Notizen über die Kriegsaffairen der Sylter«; und er fügt hinzu: »Manchem ernsten bejahrten Schiffscapitain, der vielleicht in seinem Leben nicht geweint hatte, flossen Thränen der Rührung über die wetterbraunen Wangen.« Ihm selbst verschloß Rührung den Mund, und er mußte sich damit begnügen, dem Führer der Truppen ein Gedicht zu überreichen, welches mit den Worten begann: Ihr seid willkommen, Deutschlands Heldensöhne! Ihr seid willkommen auf dem Sylterland! Den lieben Rettern unser Dank ertöne, O führt uns heim in's große Vaterland! Wenig konnten die braven Insulaner damals ahnen, daß die, welche sie als ihre »Retter« empfangen, in wenigen Jahren selbst keinen Theil mehr an jenem Vaterlande haben, und daß sie selbst preußisch werden sollten, nicht schleswig-holsteinisch. Wol hatten sie eine Deputation an Bismarck nach Berlin gesandt, daß er ihrer nicht vergessen möge; doch ihre Huldigungen gehörten dem Herzoge von Augustenburg. Nun, auch darüber ist die Zeit und die Fluth der Ereignisse hinweggerauscht; und ich glaube, nach den Eindrücken, die ich auf Sylt erhalten, so wie nach den Mittheilungen, die mir dort geworden, sagen zu dürfen, daß Zufriedenheit herrscht mit dem unzweifelhaft Guten, was die neue Ordnung der Dinge geschaffen hat, und Ergebung in manches Andere, was untrennbar damit verbunden ist. Tapfer und pflichtgetreu haben nicht wenige der jungen Sylter den Krieg von 1870 mitgemacht; keiner von ihnen ist vor dem Feinde gefallen, wol aber sind Einige den auf dem FeIde der Ehre erhaltenen Wunden nachmals erlegen und Andere wiederum in den Lazarethen verstorben, sowol in Frankreich, als daheim in den Herzogtümern; so daß auch diese kleine, ferne Insel mit dem Leben mehrerer ihrer Söhne die heilige Sache des Vaterlandes besiegelt hat. Zum größeren Theil ist bisher die junge Sylter Mannschaft, um ihrer militärischen Dienstpflicht zu genügen, zur deutschen Marine gegangen; und es ist dies auch sehr natürlich für eine inselbewohnende, seefahrende Bevölkerung. Allein in neuerer Zeit klagt man auf Sylt über Abnahme der Schiffscapitaine sowol, als der Seefahrer überhaupt. »Jetzt, seit der Preußischen Herrschaft«, sagt Hansen, »sind nur sehr wenige Sylter Schiffscapitaine in der Fahrt. Es wird ihnen zu schwer gemacht ihr Fortkommen zur See«. Das Nordseebad Westerland auf Sylt von C. P. Hansen. p. XL. Früher nämlich sollen sie die Navigation leicht und ohne viele Kosten in der Heimath erlernt, dann in Tönning und später in Flensburg oder Kiel ihr Seemannsexamen abgelegt und gewöhnlich den ersten Grad erzielt haben. Seitdem aber hat sich das Alles, so sagt man, viel schwieriger und kostspieliger für sie gestaltet durch die Staatsnavigationsschulen, von denen die Regierung nur eine an der Ostsee, in Schleswig, und keine an der Nordsee errichtet. Auch die mehrfachen Examina für kleine und große Fahrt, für Steuermänner und Schiffer haben, nach dieser Aussage, dazu beigetragen, daß die Mehrzahl der Sylter Jugend ihren früheren Haupterwerb immer mehr aufzugeben beginnt. Ich wage nicht zu entscheiden, in wie weit diese Behauptung begründet sei; keinesfalls aber, ihre Zuverlässigkeit vorausgesetzt, scheint sie mit den angeführten Thatsachen in einem nothwendigen Zusammenhange zu stehen. Nach Hansen's eigenen Angaben (a. a. O.) betrug die Zahl der Sylter Seefahrer im Jahre 1850: 300 gegen 275 in 1860, und 260 Ende 1867, so daß die Abnahme ziemlich gleichmäßig sowol vor, wie nach dem Eintritt der Preußischen Regierung Statt gefunden hat. Diese kann man daher keineswegs verantwortlich dafür machen; wol aber ergiebt sich, – und was zuerst Folge gewesen, mag späterhin mitwirkender Grund jenes Ausfalls geworden sein und wird vielleicht sein Ersatz werden, – daß in neueren Zeiten verhältnißmäßig mehr Einwohner als früher, namentlich auf der östlichen fruchtbareren Seite der Insel, in Morsum und Archsum, der einträglichen Landwirthschaft, dem Ackerbau und der Viehzucht sich widmen; und in Verbindung damit steht die anderweite Thatsache, daß die Zahl der militairpflichtigen Sylter, welche im Landheere, meistens in der Garde, dienen, gegen früher in der Zunahme begriffen ist. Ich glaube wol, daß es den Sylter Rekruten im Anfange nicht leicht geworden, sich an die stramme preußische Zucht und an die soldatische Kost zu gewöhnen, und daß mancher dieser jungen Inselbewohner, zumal in Berlin, wo nicht wenige von ihnen dienen, rechtes Heimweh bekommen haben mag und mitunter vielleicht auch rechten Hunger, wenn er des häuslichen Heerdes gedachte. Denn das Leben auf den Inseln und den Schiffen, wenn es einerseits ärmer an Genüssen und reicher an Entbehrungen ist, verlangt und gewährt auch andrerseits mehr, als das Leben auf dem Lande; namentlich ist die Nahrung substantieller und schmackhafter, als diejenige unsrer ländlichen Bevölkerungen im Allgemeinen zu sein pflegt. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß trotz solcher Klagen, die man, begründet oder nicht, überall hören wird, wo diese Verhältnisse neu sind, bis jetzt noch nicht ein einziger Fall auf Sylt vorgekommen ist, in welchem ein Militairpflichtiger sich eigenmächtig dem Dienste, sei es zu Wasser oder zu Lande, entzogen hätte. Das gereicht dem Charakter der Insel und seiner Bewohner zur höchsten Ehre, und ist jedenfalls mehr, als man von manchem unserer alten und angestammten Landestheile rühmen kann. Das Altsylter Volksgericht der Rathmänner, welches ich im Jahre 1859 noch in voller Uebung gesehen, ist im Jahre 1867 durch die Preußische Regierung aufgehoben worden. Statt der gebotenen und ungebotenen Thinge von Ehedem fungirt jetzt ein regelrechtes Königlich Preußisches Amtsgericht in der ehemaligen Landvogtei Tinnum. Bis zur Besitzergreifung durch Preußen hat es auf Sylt immer nur einen einzigen Königlichen Beamten gegeben: den Landvogt; das Wort »Amtmann«, in unserem Sinne, war dort unbekannt, der Beamte von Tondern, der diesen Namen führte, hat sich seitdem in einen »Landrath« verwandelt. In den verschiedenen Theilen des ehemaligen Amtes, jetzigen Kreises Tondern, gab es nur Hardesvögte; auf Sylt und Osterlandföhr dagegen seit 1460 Landvögte, die als Vertreter der Königlichen Gewalt in einem langwierigen, und von beiden Seiten hartnäckig geführten Kampfe die Befugnisse der ursprünglich republikanisch organisirten und durchaus auf Selbstregierung gestellten Volksgemeinde zu beschränken und an sich zu bringen trachteten. Auf diese Weise hatten sie, mindestens seit 1750, nicht nur die Polizei, sondern auch die Steuerhebung in ihre Hände gebracht und nahmen Theil an der ökonomischen Verwaltung wie der Justizpflege der Insel. Darüber hinaus zu kommen ist ihnen freilich niemals gelungen; sie mußten sich vielmehr immer damit begnügen, nur Beisitzer der Versammlung zu sein, Leiter der Berathungen, aber ohne das Recht der Stimmabgabe, sowohl bei den Urtheilen der zwölf Rathmänner, des sogenannten Sylter Rathes, welchem das Gericht, als auch bei den Beschlüssen der neun Gevollmächtigten, des sogenannten Landesgevollmächtigten-Collegiums, welchem die Verwaltung und die Polizei der Landschaft Sylt als solcher zustand. So war der Zustand der Dinge, welchen Preußen vorfand. Es begann die Reorganisation damit, daß, wie sich dies für ein modernes Gemeinwesen von selbst versteht, die Verwaltung von der Justiz getrennt und die Functionen zwischen dem Amtsrichter und dem Landvogt getheilt wurden. Für das Institut der Rathmänner war in der neuen Ordnung der Dinge kein Raum mehr, und es mußte, bei der ersten Berührung gleichsam, fallen; allein erklärlich ist das Bedauern derjenigen, welche mit einer so lang in Ehren gehaltenen Reliquie der Vergangenheit, diese selbst mehr und mehr entschwinden sehen, welche sich erinnern, daß dem Sylter Rache noch vor wenig mehr als hundert Jahren, sogar der Blutbann zugestanden, und daß derselbe niemals ein Urtheil gesprochen, welches nicht bestätigt worden wäre. Die Competenz des gegenwärtigen Amtsrichters erstreckt sich nur auf kleinere Sachen, Erbtheilungen etc., unter Beisitz zweier gewählter Schöffen, und sein Personal besteht aus einem Amtssecretär und einem Gerichtsdiener. Dem Landvogt dagegen, welcher seinen Sitz in Keitum hat und ausschließlich Verwaltungsbeamter ist, untersteht die Polizei, mit Allem was zu derselben gerechnet wird, sowie das hochwichtige Strand- und Dünenwesen, welches für die Insel von einer geradezu vitalen Bedeutung ist und von acht Strand- und Ufervögten nebst mehreren Dünenaufsehern besorgt wird. In alle diese Verhältnisse, seitdem Preußen dieselben in die Hand genommen, ist eine straffere Disciplin gekommen, die hier und dort, wo man bisher nicht daran gewöhnt war, noch drücken mag, aber ihre Zuverlässigkeit in guten wie schlimmen Tagen, ihre Unerläßlichkeit für das gemeine Wohl doch zu sehr erwiesen hat, als daß man, mit allen ihren Unbequemlichkeiten, sie nicht willig ertragen sollte. Preußische Zoll- und Steuer-, deutsche Post- und Telegraphenbeamte sind in voller Thätigkeit; aus ihrer Vereinsamung und Weltentlegenheit sieht sich die Insel plötzlich hineinversetzt in das volle moderne Staatsleben. Daß dies ohne Einbuße an gewissen lieb gewordenen patriarchalischen Überlieferungen und Einrichtungen nicht wol geschehen konnte, liegt auf der Hand; und in einer solchen Stimmung ist man nur zu sehr geneigt, dasjenige, was man verloren, auf Kosten des Neuen, was man dafür gewonnen, zu überschätzen. Das Gemüth des Menschen ist nun einmal so beschaffen, daß es am Alten hängt und das Vergangene zu glorificiren liebt. Nichts war noch zur Zeit meiner ersten Anwesenheit unpopulärer auf Sylt, als das erst aus dem Jahre 1790 datirende Colleg der Landesgevollmächtigten, in welchem der Sylter Rath eine Beeinträchtigung und Beschränkung seiner alten Rechte und Privilegien erblickte; jetzt hält man es hoch als »den letzten Rest der altfriesischen Freiheiten«. Umgekehrt, während man früher, und mit Recht, über die gänzliche Vernachlässigung der Insel Seitens der dänischen Regierung Beschwerde führte, glaubt man jetzt, daß die preußische sich vielleicht zu geschäftig erweise, indem man dreißig bis vierzig Beamte bei der Arbeit sieht, wo früher nur einige wenige waren. Daß Unzuträglichkeiten vorhanden, die mit der Lage der Insel zusammenhängen, soll nicht in Abrede gestellt werden, wie z. B. daß das Kreisgericht für Sylt sich jetzt in Flensburg befindet, welches bei der außerordentlichen Schwierigkeit der Communication im Winter für Schwache und Arme gar nicht zu erreichen ist. Indessen sollte man über den kleinen, theils wirklichen, theils nur eingebildeten Uebelständen die größeren Segnungen nicht vergessen, deren Sylt offenbar schon heute sich erfreut. Mit kräftiger Hand hat Preußen sogleich da eingegriffen, wo Hülfe am Meisten Noth that: nämlich am Strand und in den Dünen, durch deren Existenz diejenige der Insel selbst bedingt wird; so daß dieser lang isolirte Volksstamm nicht nur der nationalen Gemeinschaft wieder zurückgegeben, sondern auch der Boden selbst, auf dem er lebt, neu gesichert worden ist. Nicht mehr, wie in vergangenen Tagen, werden die Westerländer Frauen und Mädchen sich den Tod holen, indem sie bei Sturm und Wetter draußen in den Dünen arbeiten, um die wankenden durch Anpflanzungen zu befestigen; nicht mehr, auf ihre unzulängliche Kraft allein gestützt, hat die Insel den Kampf um ihr Dasein mit den Elementen zu führen, welche, je mehr die Schutzwälle wichen, desto ungestümer und unbarmherziger wurden. Hier, wie gegen einen einrückenden äußeren Feind, war es des Staates erste und oberste Pflicht, für seine bedrohten Angehörigen einzutreten; aber während der dänischen Zeit war für die Dünen regierungsseitig überhaupt Nichts gethan worden, so daß die Westerländer sich, ohne jegliche Beihülfe, gegen den Andrang der See zu schützen hatten. Hansen giebt die Kosten für Bau und Erhaltung des Seedeichs von Tinnum nach Westerland in den Jahren von 1820-1866 auf etwa 12,000 Mark an, welche, so wie die Arbeit unentgeltlich geleistet ward, gleichfalls durch freiwillige Beiträge des kleinen Dorfes aufgebracht werden mußten. Dazu kam, daß die Strandpolizei so schlecht gehandhabt ward, daß noch Ende der dreißiger Jahre der Strandraub auf Hörnum, und zwar auch von den Nachbarinseln Föhr und Amrum aus, betrieben wurde. Gegenwärtig hat der Strand, und zwar an seinen gefährdetsten Stellen, ein ganz anderes Ansehn gewonnen. Seit 1869 läßt die preußische Regierung auf Staatskosten die weitläufigen Dünen bei Rantum und nördlich von Kampen unter Aufsicht eines Düneninspectors bepflanzen, während zur Befestigung des Strandes bei Westerland bis aufwärts nach Wenningstedt jene Steindämme, die sogenannten »Buhnen«, angelegt werden, gleichfalls unter Aufsicht eines eigens dazu bestellten Wasserbaumeisters. Die gefährlichsten der Dünen sind die sogenannten Längen- oder Wanderdünen, jene nach Süd und Nord gedehnten, oft Meilen langen, sehr hohen und kahlen Sandberge, welche sich selten mit den sonst so stark wuchernden Dünenpflanzen bedecken und daher in ihrer Nacktheit und Ungebundenheit um so verderblicher sind, als sie bei Sturm, wie rauchende Berge, Massen von Sand über das ostwärts liegende Land schütten und sich selber unaufhaltsam, todbringend, ostwärts wälzen. Man vergl. Hansen: Sagen und Erzählungen der Sylter Friesen, S. 8 und 9. – Demselben würdigen Manne, Lehrer in Keitum, der eine Literatur über Sylt eigentlich erst geschaffen und dessen verdienstvolle Schriften ich im Verlaufe dieses Buches wiederholt genannt, habe ich auch für diese und die nachfolgenden statistischen Angaben zu danken, die er mir brieflich mitzutheilen die Güte hatte. Eine solche Düne nun, nördlich von Kampen, hat die Regierung bereits zum Stehen gebracht; und wie bedeutungsvoll diese That, kann nur der ermessen, welcher die Zerstörungsgeschichte der früheren Zeit studiert hat. Wenn demnach die Sylter nicht mehr in beständiger Angst zu leben brauchen, daß ihnen der Boden unter den Füßen entschwinde, so spiegelt diese zunehmende Sicherheit der Existenz sich auch in der sonstigen Prosperität der Insel. Die Bevölkerung derselben, welche sich im Jahre 1859 auf 2700 belief, ergab bei der Zählung von 1875 eine Zunahme von mehr als 400, nämlich 3114 Einwohner, darunter 1365 männlichen und 1749 weiblichen Geschlechts. Am meisten verhältnißmäßig hat Westerland gewonnen; im Jahre 1850 zählte das Dorf nicht mehr als 450 Einwohner, während es heute bereits 683 hat. Das Kirchspiel Keitum, das größte auf Sylt, hat seit 1860 um 163 Einwohner zugenommen, es zählt gegenwärtig 1734, von denen auf den Ort Keitum allein 886 kommen. Wir dürfen, mit diesen Zahlen vor uns, wol an eine gedeihliche Zukunft der Insel denken, deren Schicksal nun und für alle Zeit unauflöslich an dasjenige des großen, mächtigen, liebevoll sorgenden Vaterlandes geknüpft ist. VII. Wenn ich jetzt an Sylt denke, so sehe ich es, wie ich es an jenem letzten Tage vom Leuchtthurm vor mir ausgebreitet sah: die weite Haide sanft erglühend am Scheine der sinkenden Sonne, die Dächer der umher verstreuten Dörfer röthlich schimmernd, die See gen Osten bläulich dunkel, die See gen Westen strahlend von Licht und Farben, das ganze Gestade mit einem rosigen Wellenschaume gekränzt. Gen Süden, in der klaren Abendluft, dämmern die Umrisse der Nachbarinseln; und offen vor mir liegt die Einfahrt in den friesischen Archipel. Möge niemals eine andere als eine befreundete Flagge dort einpassiren – möge Frieden und stilles Genügen fortan walten über dieser schwergeprüften und treubefundenen Inselwelt! Am anderen Morgen war die Luft wieder herbstlich und grau, wie an dem Tage, an dem wir gekommen; als ob die Insel nun wieder zurücktauchen wolle in ihr heimatliches Element, nachdem ich sie für eine Weile sonnig und warm, wie nie zuvor, gesehen; ein zaubrisches Sommerbild mitten im Herbste. Vor der Thüre des Hauses unter den Dünen steht Brigitte Marlo, abermals zum Abschied winkend. »Sechzehn Jahre dürfen Sie nicht mehr ausbleiben«, sagt sie, »wenn ....« Sie vollendet den Satz nicht, doch ich verstehe, was sie sagen will, noch einmal die Jugend zurückrufend, für welche die Zeit keine Grenzen zu haben scheint, und leise zugleich mahnend an das Unabänderliche, welches uns Alle erwartet. Und wenn ich an die Zeit von damals denke und sie vergleiche mit der von heute, so ist es wie Beginn und Schluß, wie Sehnsucht und Erfüllung – Erfüllung im Einzelleben und mehr noch im Leben meines Volkes. Wer Solches sich ereignen und vollziehen sah, der sollte Wünsche nicht mehr für sich selber, sondern nur noch für das große Ganze hegen, welchem er angehört. Das Meer wird rauschen und die Wolken werden wandern; und ob wir wiederkehren oder nicht: wir wollen dankbar sein für das, was uns geworden, und die Stätten segnen, an denen wir glücklich gewesen.