Felicitas Rose Kerlchen als Anstandsdame Provinzmädel – Band V S. im November 18.. Brief von Bümi an Kerlchen. Mein liebes, kleines, dummes, dreimal vernageltes Kerlchen! Bitte besieh Dir genau den Briefumschlag, es klebt eine Zwanzigpfennigmarke drauf, und das will bei den schlechten Zeiten viel sagen. Es herrscht in S. eine gar zu gesunde Luft, es ist geradezu ein Grab für einen Arzt mit Frau und –, na, also vorläufig mit Frau. Nicht die kleinste Seuche zeigt sich am Horizont, niemand bricht sich Arm oder Bein, trotzdem das Pflaster miserabel ist und Franz sich in der Stadtverordnetenversammlung auch gegen die Erneuerung ausgesprochen hat, – aus guten Gründen. Selbst die Influenza macht »Halt« vor den Toren unserer Stadt, während sie im Weichbilde der nächsten herumwütet, wie nicht gescheit. Es ist eine hungrige, elende Zeit, (verzeih, ich muß eine Pause machen, die Paketpost hält vor der Tür, und die Olsch schickt mir eine Kiste mit Wurst, Speck und Spickgans) – – – – Also wo war ich stehn geblieben? Richtig – es ist eine hungrige, elende Zeit. Beim Aufwachen höre ich von Franz anstatt »Guten Morgen!« schon immer »Sparen, sparen,« na und das tue ich ja auch. Weshalb ich Dir diese Jammerepistel sende und mir dazu vom Etat zwanzig Pfennige abknapse? Um Dir Deine Verbohrtheit, Deinen Leichtsinn, Deine Unüberlegtheit recht ins Gemüte zu führen, Du dummes, dummes, liebes, ideales Goldkerlchen! Eben fährt wieder Herr von Borby vorbei, an unserm Hause läßt er immer noch ein bißchen langsamer fahren, damit ich ja auch richtig sehe, wie satt und fett er im Fond sitzt. »So hätte es deine Cousine auch haben können,« sagt jede Miene seines Gesichts. Auf dem Platz, an seiner Seite, wo Du dummes Kerlchen eigentlich sitzen solltest, sitzt jetzt sein greulicher Hund, den Du ob seiner Rassenunreinheit: »Pinscherteckelterrierspitzchen« getauft hattest. Findest Du es nicht riesig geschmacklos, ein heilig angetrautes Weib durch einen Hund zu ersetzen? Onkel Liskow soll gesagt haben: »Weil der Borby das Kerlchen nicht gekriegt hat, ist er gleich auf den Hund gekommen. Kerlchen, im Ernst, – glaubst Du, daß Dir Dein Idealismus eine Bohne nützen wird? Ich hätte mir Dein vornehmes und manchmal doch recht hochmütiges Gesichtchen so herrlich vorstellen können im Borbyschen Landauer, Du würdest mich dann immer abholen zum Spazierenfahren, und Dein Greuel von Mann ließen wir zu Hause. Mindestens paßt Du nicht zur »Stütze«, – Kerlchen, ich könnte heulen, wenn ich dran denke, daß Du in »Stellung« bist und »Fräulein« heißt. So ein lieb Ding, wie Du bist! So 'ne söte Deern! Son lütten Katteiker! Der liebe Gott selbst muß ja seine helle Freude an Dir haben und hätte gewiß den alten Borby rasch zu sich genommen, wenn Du damals »ja« sagtest. Kerlchen, Du warst am Ende doch 'n Schaf. Und Fritz von Rumohr ist auch eins. Denk blos, – er hätte in Berlin ein steinreiches Mädel haben können, hübsch und gut gewachsen dazu (Fräulein von Strand deutete ja neulich auf der Taufe von Luttewetes Kindchen schon so etwas an), aber als ihre Eltern, weil sich ihre verzogene Einzige nun mal den hübschen Kerl in den Kopf gesetzt hatte, mit Taschentraualtar und gezücktem Segen auf ihn losgegangen sind, ist er reineweg zum Eiszapfen geworden, sodaß sie wieder stoppen mußten. So ein Unsinn! Was will er denn? Von seinem Jammergehalt darbt er sich das Nötigste ab, um die Ehrenschuld seines Vaters zu bezahlen. Das klingt ja wunderschön, und der Mensch sieht ja auch »hungrig« viel interessanter aus, als »satt«, aber der Rumohr sieht ohnedies schon »berückend« aus und soll nicht noch vollends unsere Mitschwestern mit seiner »Interessantigkeit« verrückt machen. Sagtest Nu was, Kerlchen? Natürlich nicht. Aus Dir wird man nie klug. Wärst Du aber vernünftig gewesen. Du unvernünftiges Kerlchen, dann hättest Du zu Borby »ja« gesagt, wärst, anstatt »Stütze der Hausfrau«, Stütze dieses alten, wackligen Hausherrn geworden, bis er sanft »entschluf«, Dich zur Erbin seiner Millionen machte, mit denen Du nach angemessener Frist den Rumohr beglücktest. Wäre das nicht ein herrlicher Romanschluß gewesen? So lach' doch, Kerlchen, lach' doch! Sieh nicht so furchtbar ernst drein, ich sehe ja Deine großen, erschrockenen Kinderaugen bis hierher leuchten. Du kennst doch Deine Bümi! Weißt doch, daß sie zu Dir hält, daß sie Dich versteht so ganz, und gar! Gelt, viel lieber hungern allein oder mit einem geliebten Menschen, als prassen mit einem verhaßten Manne um der Versorgung willen! Da fährt er wieder vorbei, der Protz, der es wagte, auch nur zu denken, – daß Kerlchen, unser Kerlchen, – könnte, würde – – ohhh. Lang, lang strecke ich ihm die Zunge hinaus (ich habe das so prachtvoll von Dir gelernt), hinter dem Vorhang allerdings (leider muß ich auf Franzens Stellung Rücksicht nehmen), – noch länger, denn Borby lächelt und grinst zu uns herauf, – Kerlchen, mir ist ganz schlecht geworden, aber ich habe Dich gerächt. – – – Schreibe mir genau Deine neue Adresse. Deine Frau von Altenhof ist sogar hier bekannt. Sie soll mehr als wunderlich sein und mir bangt um Dich. Gott befohlen, Gott befohlen! Deine treue Bümi. * Aus Kerlchens Tagebuch. Altenhof, im November 18.. Wieder ein anderes Heim, wieder andere Menschen! »Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern.« Aber der Müller, der das gedichtet und der Schubert, der das gesungen, haben sicher was anderes damit gemeint. Das Wandern der Stützen ist nicht lustig. Kerlchen, tapfer! Das Wort rufe ich mir zu im Wachen und im Traum. Ach Mädels, Mädels, wenn ihr wüßtet – wenn ihr euch so warm einmuschelt bei Vater und Mutter – – wie man draußen friert – – Pfui, Kerlchen, ich glaub, du heulst. I wo, nicht doch! Das tut nur so 'n bißchen weh – – Kopf hoch, tapfer! Ich hab ja auch nicht rechte Ursache zum Klagen, hab es auch nach dem Hammerhäuschen wieder ganz gut getroffen, habe »mehr Glück, als Verstand«, wie Fräulein von Dewitz mir noch zum Abschied zurief. Aber arg einsam ist's hier, und nicht viel Arbeit scheint es hier zu geben, das ist nix für Kerlchen. – – Ich war schon einen halben Tag in Altenhof und hatte von den Schloßbewohnern überhaupt noch niemand zu Gesicht bekommen, das gab schon von vornherein ein eigentümliches Gefühl der Verlassenheit, ich wußte weiter nichts, als daß ich, wie Fräulein von Dörrberg mir sagte, »Frau von Altenhof« eine »Stütze« sein sollte, und dem Schlosse »Sonnenschein«. Nun stand ich da mutterseelenallein in einem düsteren Prachtzimmer und kam auf die dümmsten Gedanken, die ja bei mir schon so wie so locker sitzen. Fünfzig Mark monatliches Gehalt soll ich hier bekommen, das macht fünfundzwanzig Mark fürs Stützen und fünfundzwanzig Mark für 'n Sonnenschein. Himmel, wenn's nun nicht reicht? Wenn ich nun nicht so viel inwendig drin habe? Bedenk Kerlchen, monatlich! Ich werde sehr sparsam mit meinem Gehalt sein, falls ich wieder was rausrücken muß. Fünfzig Mark ist rasend viel Geld für ein Siebzehnjähriges, ich glaub' nicht, daß ich genügend dafür leiste. Das waren so meine Gedanken. Vielleicht waren sie dumm, vielleicht auch nicht, bei mir weiß man sowas nie genau. Ein zweites unangenehmes Gefühl erweckte in mir das Buch, das auf meinem Nachttischchen lag. Ich war's von Jugend an gewöhnt, das neue Testament da liegen zu sehen, aus dem ich jeden Morgen wunderschöne Sprüche las. Und was lag nun darauf? » Der gute Ton in allen Lebenslagen .« Ich sagte nur »au!« als ich den Titel las, denn ich fühlte den Hieb beinahe körperlich. Ordentlich ein bißchen böse wurde ich auf Fräulein von Dörrberg, die entschieden geschwatzt haben mußte. Aber was nun? Totenstille im ganzen Schlosse. Ich fing schon an kribbelig zu werden. Jeder Mensch wird verstehen, was ich meine. So am kleinsten Ziebchen (wie wir Thüringer sagen) beginnt es und im Kopf endet es schließlich mit »wütend werden« und »loshauen«. Aber ich tat keins von beiden, ich muß mich ja täglich, stündlich und minütlich bemühen, Liebe, Güte, Sanftmut u. s. w. in mir aufzuspeichern, damit ich monatlich für fünfundzwanzig Reichsmark Sonnenschein abgeben kann. Und so tat ich das Dritte, ich zog an der Klingelschnur, die an der Türe hing. Daß es so etwas wie Sturmläuten wurde, dafür konnte ich nicht, ich bin eben ein kräftiges Mädel. Ich stellte mich wartend an das Fenster, dessen Vorhänge ich weit, weit zurückschob, obgleich es nichts nützte, denn das Zimmer blieb so katakombenhaft, wie vorher. »Kerlchen, Kerlchen, wie soll das hier mit dir werden?« dachte ich kopfschüttelnd, und zentnerschwer fiel die mich umgebende Einsamkeit auf mein Herz. »Fräulein hat geklingelt?« fragte eine flüsternde Stimme, und wie aus der Erde gewachsen stand ein Bedienter neben mir, – schwarz, schattenhaft, wie einer von der heiligen Feme. »Donnerwetter,« fuhr ich ihn an, »da kann man ja den Tod davon haben, können Sie denn nicht anklopfen?« »Ich habe geklopft!« (Dies wieder im leisesten Flüsterton gesagt.) »Sind Sie heiser?« fragte ich. Abwehrende Handbewegung. »Na dann reden Sie auch ordentlich und wandeln Sie nicht so weich wie auf Wiesen im Wonnemond! Ist jemand krank oder tot im Schlosse?« Kopfschütteln. »Ich wünsche Frau von Altenhof zu sprechen!« Das war recht laut und kräftig gesagt, der Diener knickte nervös zusammen und verschwand lautlos, wie er gekommen. Gleich, nachdem er gegangen, untersuchte ich die Tür, – nein, sie ließ sich mit dem besten Willen nicht zuschlagen , trotzdem ich zuletzt »Fangball« damit spielte. Die absatzlosen Lackschuhe des Dieners tauchten wieder neben mir auf, er flüsterte: »Frau Baronin weiden gleich selbst kommen,« ich nickte gönnerhaft und erwartete nun ehrbar das Erscheinen meiner neuen Herrin. Endlich kam sie, auch schattenhaft, – lautlos. Ich habe wirklich kaum in meinem Leben ein so verblüfftes, wirklich erschrockenes Gesicht gesehen, als das ihre war beim Anblick meiner kleinen Persönlichkeit. Sie zog mich zum Fenster, schob die Vorhänge noch ein wenig mehr zurück und rief mit allen Zeichen des Schreckens: »Aber Sie sind ja ein Kind!« Ich fand es etwas beleidigend von ihr, obgleich es ja wonnig ist, Kind zu sein, aber ich war doch schon über ein Jahr »Fräulein« genannt worden. »Wie alt Sind Sie?« »Siebzehn Jahr.« »Mein Gott, mein Gott, was hat sich die Dörrberg nur gedacht?« Die Baronin sah ganz unglücklich aus, und ich überlegte im Stillen, ob es hier Wohl eine Schande sei, sehr jung zu sein. »Was hat Ihnen denn Fräulein von Dörrberg gesagt?« »Ich sollte hier »Stütze« sein und »Sonnenschein«, aber ich kann ja auch wieder gehen, wenn es nicht richtig ist.« Ich schluchzte weh auf. Stelle sich mal einer so hin und lasse sich begucken und dann für nicht voll ansehen. »O, o, so war's nicht gemeint,« die Dörrbergen hat gewiß Gutes im Sinn gehabt, aber es ist ein Mißverständnis – – ich – ich suchte eine Dame.« »O, eine Dame bin ich! Meine Stumpfnase reckte sich in die Luft, ganz, ganz hoch. Mein Vater war Oberst und Regimentskommandeur, und meine Mutter ist eine geborene Freiin Cronshagen aus dem Hause Mühlenweg.« »Der Tausend!« sagte sie spöttisch. »Von der Seite hat Sie ja die Dörrberg gar nicht geschildert. Also hochnäsig? Schade! Ich sehe nämlich gar nicht auf diesen äußeren Tand, bei mir gilt der Mensch « – – – Ich schämte mich furchtbar. Rasch nahm ich ihre Hand und küßte sie. »Verzeihen Sie mir,« bat ich, »es war zu dumm von mir, ich meint' es nicht eigentlich so greulich, wie ich mich ausgedrückt habe. Soll ich nun gleich wieder gehen?« Auf ihrem Gesicht erschien ein gütiges Lächeln. »Nein, nein, nicht gleich. Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, ich suchte für mein Haus etwas ganz anderes, – ich suchte eine Anstandsdame.« »Eine Anstandsdame,« rief ich erschrocken, »ist denn jemand bei Ihnen unanständig?« Na, da hatte ich ja nun natürlich wieder ins Fetttöpfchen getreten, es tat mir rasend leid. Sie wendete sich rasch von mir fort, und ich sah, wie sie den Kopf schüttelte in vollster Ratlosigkeit. Ich war fest entschlossen, gleich wieder fortzugehen, da drehte sie sich rasch um. »Ich habe eine verwaiste, siebzehnjährige Nichte bei mir, Wera von Altenhof, die mit Herrn von Rhoda auf Groß-Rhoda verlobt ist. – Für sie suchte ich eine ältere Dame, die mit dem Brautpaar spazieren gehen und sich außerdem mit Wera nutzbringend beschäftigen sollte.« Wieder sah ich beschämt zu Boden. Frau von Altenhof sah mich so merkwürdig an; wahrscheinlich hatte sie nicht das geringste Vertrauen, daß ich überhaupt imstande sei, mich nutzbringend zu beschäftigen, und weshalb sie noch eine Dame für das Brautpaar brauchte, war mir überhaupt nicht klar, – das konnte doch wahrhaftig allein gehen. »Nun man kann's ja doch immerhin probieren,« sagte die Baronin endlich mit einem tiefen Seufzer wie zu sich selbst. »Es kommt ja schließlich darauf an, wie Sie sich mit Wera stellen; wen sie lieb gewinnt, für den geht sie durchs Feuer, und schließlich – die veränderte Sachlage wird ihr Wohl behagen. Ich bin auch des Suchens müde, denn ich bin mißtrauisch geworden, ach, sehr mißtrauisch. Ich hatte auf die vorige Dame Häuser gebaut, und dann ging sie mit meinem Verwalter durch.« »Pfui Deubel,« entgegnete ich ausdrucksvoll. Die Baronin hatte Wohl noch mehr sagen wollen, aber nun schnappte sie ab. »Heinrich wird Ihnen nachher melden, daß das Essen serviert ist, bis dahin sind Sie Ihr eigener Herr!« Sie sprach es, wie das Vorangegangene, flüsternd, leise, ich versank in einem Hofknicks, und sie entschwebte lautlos, schattenhaft wie ein Spuk. Die Tür aber sagte weder »bum« noch »klapp«, einfach unheimlich war's. O, wie sehnte ich mich nach den lustigen, lauten Stimmen von Munke, Bümi und Luttewete! Ja selbst eine Reichstagsrede von Tante Hedwig würde erfrischend in diesen Räumen wirken, aber die Baronin würde der Schlag treffen, wenn man ihr diese meine Verwandtschaft auch noch meuchlings vorsetzte. Und nun, wer in aller Welt war diese Wera, von der mir Fräulein von Dörrberg auch nicht einen Ton gesagt hatte? Mißmutig und aufgeregt lief ich planlos in meinem Zimmer umher. Wenn ich gewußt hätte, ob ein Klavier im Hause sei, o, dann hätte ich nach weiter gar nichts auf der Welt verlangt – aber wie sich zurechtfinden in dem Riesenbau? Die Einsamkeit wurde mir so unheimlich, daß ich laut zu reden anfing, indem ich dreimal »Kerlchen« sagte, – wirklich es half, und da probierte ich meine Stimme stärker und sang, – – huh, wie es von den Wänden hallte: »In meiner Heimat da wird es jetzt Frühling!« Gleich darauf schrak ich zusammen, die Tür war wieder aufgegangen, das Klopfen hatte ich wohl überhört, schwarz und schattenhaft stand der Diener in der Öffnung und sah mich vorwurfsvoll an. Ich stand wie ein ertappter Verbrecher da, sagte keinen Ton, und er verschwand, wie er gekommen. Aber nun kam ein ehrlicher Zorn über mich. Ich war ja doch nicht ins Kloster gegangen, – ich sollte ja Sonnenschein abgeben, und das konnte ich nicht, wenn ich ebenso stumm einherwandelte und Trübsal blies, wie die Menschen hier. Ich beschloß, auf Entdeckungsreisen auszugehen und vor allen Dingen ein Instrument auszukundschaften. Hei, dann sollte mein geliebter Beethoven ein lautes Wort dreinreden und Vater Bach ein sehr energisches, ach, und Brahmssche Lieder wollt' ich singen – Aber in den lauten Hackenschuhen könnt' ich unmöglich über Treppen und Gänge klappern, die hieß es zu allererst mal ausziehen; in Strümpfen würde sich dann das Weitere finden. Und als ich die Schuhe erst mal in der Hand hielt, kam eine köstliche Unternehmungslust über mich und mit ihr die übermütigste Fröhlichkeit. Wahrhaftig, jetzt weiß ich selber nicht mehr, wie's kam, aber ich warf beide Stiefeln gegen die braune Flügeltür, daß es nur so krachte. Es war eine selige Erinnerung an die Buchenwalder Zeit, wenn Onkel und Tante es ebenso machten, damit Ruhe im »Jungfernzwinger« sein sollte. Wieder öffnete die Tür sich lautlos, und das Gesicht des Dieners war ganz blaß, aber diesmal ließ ich mich nicht einschüchtern, meine Zunge flog so blitzschnell gegen ihn hinaus, daß er vor Entsetzen das Schloß hart einschnappen ließ, wirklich laut und hart, wie es hier wohl seit Jahrzehnten nicht mehr gehört worden war. So, und nun los! In Strümpfen eilte ich hinaus, niemand war draußen zu sehen, ich schlich den Gang entlang und öffnete sacht jede Tür, welche in ihn mündete, aber überall starrten mir leere Wände oder Bücher entgegen. Nun gings eine zweite Treppe hinab zu den eigentlichen Wohnräumen der Frau von Altenhof, die ich bereits gesehen hatte, ich huschte an ihnen vorbei und stand nun vor einer Riesenflügeltür, hinter der ich mit Recht auch einen Riesensaal vermutete. Eiskalte Luft schlug mir entgegen, eine mächtige Halle tat sich auf, Ritter und Edelfrauen schauten von den Wänden nieder, und ich nickte ihnen zu. »Felicitas Schlieden-Kerlchen«, stellte ich mich übermütig knicksend vor, »bitt' schön, haben Sie vielleicht ein Klavier hier?« Die meisten derer von Altenhof würdigten mich keiner Antwort, aber ein junger, schöner Ritter im braunen Spitzbart zeigte mit seiner Hellebarde freundlich lächelnd zur Seite und richtig – – hurra! Jubelnd stürzte ich auf den Konzertflügel zu, in solcher Größe hatte ich ihn hier nicht vermutet. Er war verschlossen, aber das kümmerte mich nicht, der Schlüssel ließ sich leicht herumdrehen, und dann – – – Erst waren meine Hände leicht präludierend über die Tasten geglitten, o der süße, volle Ton, die edle Klangfarbe, – selbst Meister Johannsens Flügel war nicht zu vergleichen mit diesem herrlichen Instrument. Kein Mißklang in den Saiten, es war, als habe ein großer Künstler eben seinen Lieblingsplatz verlassen, – o und es hatte doch, nach dem dicken Staub zu urteilen, schon lange, lange niemand mehr die Tasten berührt. Kraftvoll setzte ich ein. Mächtig hallte Beethovens Sonate pathétique von den Wänden wider, wie Orgelklang zog es durch den weiten Raum. Und wie auf Kommando war auch der Diener wieder da. Jetzt erst kommt es mir so recht zum Bewußtsein, wie unerhört er wohl mein eigenmächtiges Benehmen gefunden haben muß, er ließ es auch nicht mehr bei vorwurfsvollen Blicken bewenden, seine Stimme klang ärgerlich zu mir herüber: »Es ist serviert!« Aber Beethoven übertönte ihn. Wer mag wohl an Hunger denken, wenn er bei Beethoven ist, das Kerlchen sicher nicht. Ich sah nichts mehr um mich her, es kümmerte mich nicht, ob der Diener im Saal blieb oder hinausgegangen war, die Gegenwart versank, – mein Vaterhaus tauchte auf und leuchtete mir entgegen, wie ein Bildchen auf Goldgrund gemalt, und dann zogen sie alle vorüber, alle, die das Kerlchen lieb hatten, mein Väterchen zuerst, das liebe, unvergessene, und den Beschluß machte Chrisli, mein kleiner Herzensliebling. Wie das Adagio rauschte und wogte, wie seine Töne sich geheimnisvoll mit leisen Stimmen verbanden, die in diesem hohen Saale wohnten und schliefen, die nun erwacht waren und wunderbar mitklangen in den Melodien des großen Meisters. Als ich die Hände von den Tasten nahm, war es fast ganz dunkel im Saal. Ich blickte um mich und erschrak, denn aus der Dämmerung leuchtete mir eine grellrote Schleife entgegen, und die Gestalt, die sie schmückte, kauerte neben Frau von Altenhof und weinte, – ja, weinte fassungslos. Dann erhob sie sich plötzlich und ging hinaus, ohne daß ich ihre Züge gesehen hätte. Ich stand mit klopfendem Heizen vor der Schloßherrin, ich schämte mich meines Eindringens in diese Räume, zugleich stieg ein grenzenloses Weh in mir auf, eine tiefe Sehnsucht nach Heimat und Liebe. Da erfaßten mich zwei Hände, und eine gütige Stimme sagte: »Gott segne Ihren Eingang – Kerlchen!« Am nächsten Tage, nach einer sehr unruhigen Nacht, während welcher alle Ahnen der Altenhofer aus ihren goldenen Rahmen stiegen und mich besuchten, was etwas sehr Unheimliches für mich hatte, stand Frau von Altenhof in meinem Zimmerchen, als ich Briefe nach Hause schrieb – – nach Hause! Wo ist denn dein Zuhause, heimatloses Kerlchen? Es war erst fünf Uhr früh, aber ich war gestiefelt und gespornt, und mein knurrender Magen führte schon seit einer Stunde eine gar liebliche Musik auf. »Frühaufchen!« nickte mir die Baronin zu. »Das ist eine liebe Entdeckung! Wenn Sie dieses Talent auch bei Wera zu erwecken suchten, wäre ich von Herzen dankbar. Aber nun soll Ihnen auch jeden Morgen um fünf Uhr spätestens das erste Frühstück serviert werden, oder wollen Sie es bei mir in meinem Zimmer einnehmen?« Ich dankte in ruhigem, verbindlichem Tone, denn ich hatte am Abend vorher mindestens zwanzig Seiten im »Guten Ton in allen Lebenslagen« studiert und saß bis obenhin voll Anstandsregeln wie der Hund voll – – o Himmel, ich meine natürlich, wie der Esel voll grauer Haare. Die Baronin nahm mich nun gleich mit in ihr Zimmer, und während wir das Frühstück verschmausten, mußte ich ihr ununterbrochen von meinem früheren Leben erzählen, wobei sie immer gütiger und freundlicher wurde, und ich immer hungriger. Als ich aufstand, setzte mein Magen seine Musik fort, und zwar war er jetzt beim Presto agitato angelangt. Ein Hauptparagraph im »Guten Ton« sagt nämlich, daß ein junges Mädchen aus guter Familie sich nicht »sättigen« darf und nun vollends eine »Anstandsdame«, die muß von Luft und Liebe leben. Ich ziehe eigentlich Eier und Schinken vor. Um acht Uhr begaben wir uns in das Zimmer von Fräulein Wera von Altenhof, d. h. an das Zimmer, denn es war verschlossen und verriegelt. »Nicht um die Welt lasse ich Euch 'rein,« rief eine laute Stimme von drinnen. »Mir ist gesagt worden, ich hätte drei Wochen Anstandsferien, die sind erst morgen um. Eher mache ich nicht auf. Wo ist Heinrich, mein Rabe? Ich will Frühstück haben und die Postsachen!« »Keine Torheiten, Wera,« flüsterte die Baronin an der Türspalte, »du wirst sofort öffnen!« »Ich verstehe kein Wort, Tante Lisbet, die Türen schließen famos, du mußt brüllen wie ich!« Die Baronin zuckte ratlos die Achseln, und wir wollten eben wieder abschieben, da wurde die Tür vorsichtig geöffnet, und ein Auge lugte durch die Spalte. Nach einer Weile schob sich die Tür weiter auseinander, und eine hochgewachsene, schlanke junge Dame im weißen Spitzenmorgenrock stand vor uns. »Alle guten Geister,« rief sie, »was heißt das?« »Ich bringe dir Fräulein Felicitas Schlichen, es wäre wohl schicklich gewesen, wenn du ihr den Willkommengruß geboten hättest.« »Machst du Jux, Tanteli, oder redest du im Brustton der Überzeugung? Das soll Fräulein Schlieden sein, meine – meine Anstandsdame? O ich ersticke!!!« Sie lachte so laut und unbändig, daß die Baronin das Feld räumte, wahrscheinlich um nicht wankelmütig in der Pädagogik zu werden. Mich aber zog Wera an beiden Händen in ihr Zimmer, drehte mich rundum und lachte weiter. Was sollte ich tun? Sie gefiel mir auf den ersten Blick, und so lachte ich mit, planlos und schallend. »Na, Gott sei Dank,« sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen, »Sie scheinen ausnehmend vernünftig zu sein. Aber nun erst mal erklären – wie, wo, warum, woher du kamst der Fahrt und wie dein Nam' und Art.« Das tat ich nun mit Wonne, zwei Stunden blieb ich bei Wera und war danach ausgequetscht wie eine Zitrone. Bei dieser Gelegenheit räumte ich auch das Zimmer auf. Ich ordnete ihre reizenden Sachen richtig und stellte alles an seinen rechten Ort, und sie sah mir gemütsruhig zu, während sie sich, ein Bein über das andere geschlagen, im Schaukelstuhl wiegte. »Heute müssen Sie mir das mal besorgen,« bat, sie mit einem ganz lieben Lächeln auf ihrem feinen Gesichtchen, »es sieht zu nett aus, wenn Sie so herumwirtschaften. Gott, bin ich glücklich, hab ich mich gefürchtet vor der »Anstandsdame«. Sie gefallen mir so ausnehmend. Sie sehen so eigenartig, so vornehm aus – – famos, einfach famos! Wir werden Altenhof auf'n Kopp stellen, übrigens was sagen Sie zu Altenhof?« Ich zuckte die Achseln. »Bitte, sprechen Sie sich rein aus, machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube. Nicht wahr, es ist fürchterlich hier?« »Ach nee, jetzt schon nicht mehr,« bekannte ich seelenvergnügt, »jetzt hab' ich Sie ja gefunden!« »Sie haben wirklich einen außerordentlich scharfen Blick und verfügen über ungeheure Menschenkenntnis,« sagte Wera mit angenommenem Ernst, lachte aber gleich darauf wieder lustig los. »Es ist gar nicht auszudenken, was wir beide alles vollführen werden, – Gott, Sie ahnen ja nicht, wie schrecklich es ist, sein Leben unter Greisen zu verbringen!« »Frau von Altenhof ist aber doch noch nicht so alt?« »O – Greis ist in meinen Augen jeder, der das sechsunddreißigste Lebensjahr überschritten hat und Moral predigt, na, und das stimmt bei allen hier.« Wera fing meinen Blick auf, der auf das lebensgroße Ölbild eines jungen Mannes fiel, das auf einer Staffelei stand. Sie wurde ein ganz klein wenig rot, ein träumerisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, dann aber brach der Schelm gleich wieder durch. »Das ist auch ein Greis, mein Ernst, und was für einer! Er ist zwar erst dreißig Jahr alt, aber huh – – die Predigten! Er hat seinen Beruf verfehlt und hätte Pfarrer werden müssen.« Sie legte ihr Gesicht liebkosend an das seine und küßte das Bild. »Ich bin ein so namenlos glückliches Menschenkind, seit ich ihn kenne,« sagte sie warm. »Tante schilt, ich soll das kostbare Bild nicht immer küssen, weil mein Schatz davon schon 'n richtigen Streifen gekriegt hat, so so – um die »Schnut« rum, sehen Sie, – aber schad't nix, ich lass' es eben mal wieder überstreichen. Haben Sie schon 'n Schatz?« »Nein.« »Schade! Wir hätten uns sonst so nett drüber unterhalten können, – aber es wird sich schon was finden hier – Sie sind eine süße, kleine Person! Sie brach mit einem Male wieder in ein tosendes Gelächter aus, und als ich sie verwundert ansah, tanzte sie in der Stube herum und klatschte in die Hände wie ein kleines Kind. »Es gibt 'n Hauptspaß, 'n Hauptspaß! Ich hab 'n Schwager, wissen Sie, Heinz von Rhoda, er ist erst so alt wie ich und noch auf Kriegsschule, er kommt nächstens her und wird sich sofort in Sie verlieben, er tut es nicht anders, er verliebt sich immer auf drei Tage, und ich bin dann seine Vertraute. Endlich wieder mal 'ne Abwechslung in dem öden Einerlei. Sie müssen wissen, ich bin wie eingekerkert hier, ich darf nicht allein spazieren gehen, und nicht allein mit meinem Verlobten sein, und heiraten dürfen wir auch erst im Frühjahr. Das sind alles so verrückte Sachen, von Greisen ausgetüftelt. Und am schlimmsten ist darin Tante Aurelie von Rhoda, die Stiftsdame. Passen Sie auf, nächstens kommt sie, um Sie zu besehen, – o sie wird außer sich sein, daß Sie so jung, so hübsch und so fidel sind. Sie wird daraus dringen, daß eine andere, wirkliche Anstandsdame besorgt wird, aber wir werden standhafte Zinnsoldaten bleiben, gelt?« Sie sah mich so lieb und gut an und legte ihren Arm um mich, ich nickte ihr fröhlich zu, und dann gaben wir uns einen dollen Kuß. * Brief von Fritz von Rumohr an Kerlchen. Liebes Kerlchen! Konnt ich Dir damals im Hammerhäuschen eine große Freude machen, als ich Dir Deines Väterchens Bild schickte, so muß ich Dir heute weh tun, – – Onkel Liskow ist tot. Liebes, liebes Kerlchen! Du wirst ihn von Herzen betrauern, den Edlen, Guten, der so wenig Glück im Leben gehabt hat. Gestern haben wir ihn eingebettet in Buchenwalder Erde, und wir haben Dir aus bester Absicht, nichts von seinem Hinscheiden gesagt. Die Reise ist weit und kostspielig, Du hättest Dich gesorgt und gegrämt und hättest ihm doch nichts sein können, da er niemand mehr erkannte. Sein Tod war schön, denn seine Phantasien hatten ihn auf sein altes Schiff geführt; laut rief und befehligte er seine blauen Jungens mit ungebrochener Kraft und heller Stimme, so daß wir alle glaubten, er werde uns noch eine Spanne Zeit erhalten bleiben, wenn das Fieber vorüber sei. In der letzten Nacht, als ich bei ihm wachte, plauderte er mir alle Seemannsgeschichten vor, lachte dazwischen herzlich auf, aber dann wurde seine Stimme matter, und er klammerte sich an mich an, voll Angst, als suche er etwas und könne es nicht finden. Ich beruhigte ihn, da sah er mich liebreich an und fing plötzlich leise an zu summen, zu singen, unser Lied, Kerlchen, unser trautes Lied: »Kiel, du Stadt in Deutschlands Norden!« Nur diese eine Zeile, – er wiederholte sie mühsam ein paar Mal, – dann war alles vorbei – –. Nun bin ich noch einsamer geworden! – Aber mir ist's eine liebe Beruhigung, daß das brave Seemannsherz nicht in einem der Friedhöfe der Weltstadt ruht, sondern daß wir es in Schleswig-Holstein einsenken durften, unter den hohen Buchenstämmen. Sie werden im nächsten Sommer mit vollen, grünen, rauschenden Blättern ein Schlummerlied über seinem Hügel singen, und die nahe Ostsee wirft dazu donnernd ihre Wellen an den Strand, das sind die Ehrensalven über das Seemannsgrab. Onkel Liskow hat mich zu seinem Erben eingesetzt. Das einst so stattliche Vermögen ist freilich verloren, aber der Rest erleichtert mir das Abzahlen der Ehrenschuld um ein Bedeutendes. Von den Möbeln im lieben »Schiff« in der Kleiststraße will ich mir auch einige zurückbehalten, die unserm Toten besonders wert waren, denn wenn jetzt auch mein Zukunftshimmel noch grau in grau ist – o liebes Kerlchen, es könnte ja doch möglich sein, daß noch einmal ein lichter Sonnenblick kommt, daß ich nicht immer der einsame Sonderling bleiben muß. Gott segne Dich, Kerlchen, liebes Kerlchen, Schutzengel – – – Dein Fritz von Rumohr. * Aus Kerlchens Tagebuch. Altenhof, Dezember 18.. Altenhof ist doch so etwas wie ein verwunschenes Schloß, und ich glaube, wenn Wera nicht hier wäre, könnte man das Gruseln lernen, wie der Peter im Märchen. Gottlob, ich hause wenigstens nicht mehr in dem düsteren Prachtraume, der mir zuerst angewiesen war, ich bin in die hellen Regionen übergesiedelt, in die sogenannten »Rumpelkammern«, deren Fenster direkt nach dem Parke hinausgehen. Ich war ganz begeistert von der Aussicht durch eine Lichtung hindurch, weit, weit ins Land hinein, man sieht den dunklen Tannenwald, der Altenhof begrenzt und der entzückend im Rauhreif aussieht, wenn die Sonne darauf tanzt und Millionen Lichtchen hervorzaubert. Wera hatte dasselbe Gefühl gehabt, wie ich, und sich der »kalten Pracht« entzogen, um in die »sonnige Einfachheit« zu flüchten, und so machte ich's ihr nach, erbat und erhielt die Erlaubnis der Baronin zum Umsiedeln und war bald fix und fertig eingerichtet, mit hellen schönen Gardinen und leuchtend gelben Vorhängen dahinter, die ein magisches Licht verbreiteten, in dessen Schein das Kerlchen ordentlich bildschön aussah, sobald man aber das volle Tageslicht hereinließ, war ich dasselbe Scheusälchen wie sonst. Und als nun ein großer, blumengeschmückter Teppich im Zimmer lag, als ein hübscher Schreibtisch in die Ecke gerückt war, – da hatte ich mir schon selbst Väterchens Bild von seinem früheren Platz geholt und es mit großer Anstrengung in mein neues Reich geschleppt. Der Diener Heinrich nahm mir die Mühe des Aufhängens ab und verschwand alsbald geräuschlos; er sah mir's wohl am Gesicht ab, daß ich gar so gern allein sein wollte. »Gelt, mein Einziges, so ist's schöner?« rief ich dem Bilde zu, »du hast auch immer die Sonne lieb gehabt, Väterchen, und nun sieh bloß, wie sie hier hereinscheint, ist's nicht zum Entzücken? Aber nun sollst du auch dein Kerlchen sehen, wenn es mal »schön« aussieht.« Rasch zog ich die Vorhänge zusammen, so daß das gelbliche Licht um mich herumflutete, und drehte mich wiegend nach allen Seiten. Zuckte es nicht um Väterchens Mund? Lachte er nicht hell auf über sein närrisches Kerlchen? Rief er nicht: »I du Strick, du Windhund, du Erzgeneraldümmerchen!« Nein, diesmal sagte er hart und laut: »Kindskopf«, und da ich dieses Wort und diesen Ton nie von ihm gehört hatte, zog ich vor Schreck die Vorhänge wieder auseinander, und stand neben mir, vom hellen Tageslicht grell beleuchtet, eine wunderbare Gestalt, klein, verkrüppelt, mit hohem Buckel, großem Mund und großer Nase, einer klugen, hohen Stirn und ganz wunderschönen Augen. War's eine Dame, war's ein Kind? »Kindskopf«, rief es wieder, »und das will Anstandsdame spielen!« Mein erschrockenes Gesicht schien sie zu amüsieren. »Ja, ja, eitel sind wir nun mal alle, selbst ich.« Sie zeigte auf die hochrote Schleife in ihrem schwarzen Haar, die so aufdringlich auf dem dünnen Zopfe saß. »Warum soll solch ein junges, schönes, schlankes Geschöpf wie Sie nicht gefallen wollen, wenn ich mir sogar einbilde mit dem roten Dings da oben besser auszusehen. Gott, wie närrisch sind wir Frauensleute!« Ich sah sie nur immer unverwandt an, und da lachte sie laut auf. »Gefall' ich Ihnen denn gar so ausnehmend, daß Sie den Blick nicht von mir wenden können?« Ich vermochte nichts zu antworten, und da zeigte sie mit dem Finger erst auf ihre Stirn, um mir den Grad ihrer Wertschätzung anzudeuten, und dann auf das Bild, mit dem ich so laute und eifrige Zwiesprache gehalten hatte. »Wer ist das?« »Mein Vater!« »Wo ist er?« »Im Himmel.« Sie zog die Mundwinkel spöttisch hinunter, unglaublich häßlich und abstoßend sah sie in diesem Augenblicke aus. »Kleines Schulmädchen, wie alt bist du?« »Siebzehn Jahre.« »Hm! – – Ihr Vater war ein hoher Offizier?« »Ja.« »Und jetzt sind Sie »Stütze«, Sie junges Kind?« »Wir haben kein Geld.« »Ahhh, das alte Lied!« Sie lachte schrill auf. »Lustig gelebt und selig gestorben! Was schert mich Weib, was schert mich Kind, laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind! Ich merk's schon, die Welt steht noch auf ihrem alten, faulen Fleck.« Mir wurde unglaublich bang in ihrer Nähe, ich hatte überhaupt von dem Vorhandensein einer zweiten Dame im Herrenhause Altenhof keine Ahnung gehabt. »Machen Sie nicht so ein Gesicht, wie ein Lämmlein, das der Wolf fressen will. Ich tu Ihnen nichts, ich freue mich nur immer wieder, wenn ich's bestätigt finde, daß an den Mannsleuten Hopfen und Malz verloren ist.« – Einen Bruder haben Sie natürlich auch?« Ich nickte bestätigend. »Einen älteren Bruder, nicht wahr, der um jeden Preis Offizier werden mußte, obgleich kein Vermögen da war, der jetzt im Grunde seines Herzens todunglücklich ist und das ihm täglich vor Augen stehende glänzende Elend auch täglich in Sekt ersäuft, um es aus der Welt zu schaffen.« »Ich weiß gar nicht, warum Sie so reden,« rief ich zornig. »Sie kennen ja meinen Bruder gar nicht, und mein Väterchen erst recht nicht, er war der herrlichste Mensch, den es je auf der Erde gegeben hat!« »Natürlich!« lachte sie spöttisch. »Er, der herrlichste von allen,« anders tun wir's nun einmal nicht. Zuerst vergöttern wir den Vater, dann den Bruder und dann den eigentlichen »Stern der Herrlichkeit«, bis die »nied're Magd« schließlich doch erkennt, wie Himmelhoch sie über ihren Götzen gestanden hat.« Sie verstummte plötzlich, denn die Türe war leise aufgegangen, und Frau von Altenhof stand neben uns. »Geh ins Bett, Gisela,« gebot sie rauh und wies mit der Hand hinaus; es war, als spräche sie zu einem unartigen Kinde, und die Verwachsene nahm Frau von Altenhofs Hand, küßte sie zärtlich und sagte folgsam: »Ich gehe schon, Lisbet.« Frau von Altenhof folgte ihr. Ich lief natürlich sofort zu Wera, aufgeregt und zitternd und wißbegierig und erzählte ihr von dieser neuen Entdeckung. Ich hatte längst mit Wera Brüderschaft gemacht, das tun ja wohl alle siebzehnjährigen Leute, aber wir wollten, wenn die Stiftsdame käme, ganz auf fremdem »Sie-Fuß« stehen und hatten uns außerdem für diesen Tag einen Plan ausgeheckt, der an Tollheit nichts zu wünschen übrig ließ. Als ich Wera von meinem Abenteuer erzählte, wurde sie ganz ernst. »Siehst du, Kerlchen,« sagte sie, »da ist ein reicher Geist häßlich gestört. Gisela von Altenhof ist die Schwägerin von Tante Lisbet und war einst, oder ist vielleicht auch noch das gescheiteste Frauenzimmer hier weit in der Runde. Ein Mann hat ihr das Herz gebrochen, ein elender Schurke hat sie sitzen lassen, um 'ner anderen nachzulaufen. Seitdem ist Gisela so, wie sie jetzt ist, krank, verbittert, oft rasend vor Zorn, und in solchen Anfällen weiß sie kaum, was sie tut und spricht, dann wieder in ernster Arbeit versenkt wochenlang an ihr Zimmer gefesselt. Ihr Verlobter soll ein sehr begabter Generalstabsoffizier gewesen sein, und alle Pläne, die er ihr während der Brautzeit mitgeteilt und angeregt hatte, weil sie sich für alles interessierte, die arbeitet sie nun aus. Sonderbar, – nicht wahr, Kerlchen? Wie groß und echt und dauernd doch Frauenliebe sein kann!« Wera schmiegte sich eng an mich an, sie hatte Tränen in den Augen. »Tante Gisela tut mir so furchtbar leid,« sagte sie leise. »Aber sehr schlimm ist es doch, daß sie hier im Schlosse keinem Manne mehr trauen, – auch Tante Lisbet tut es nicht, und mein Ernst leidet oft schmerzlich darunter. Siehst du, Kerlchen, das ist die ernste Seite unseres wonnigen, großen Glückes. Tante Lisbet hat auch unsagbar Schweres durchgemacht und ist infolgedessen verbittert und scheu geworden, – fällt es dir nicht auf, daß hier außer Heinrich kein Mann im Hause ist? Mich wundert's nur, daß deine Verwandten dich überhaupt hergelassen haben, Schloß Altenhof ist förmlich verrufen, in Sandkrug und Rhoda glauben sie, die Altenhofer Damen wären beide übergeschnappt, aber so ist's nicht, es ist noch viel, viel trauriger. Und wenn Tante Lisbet ihre Herzkrämpfe bekommt, dann darf kein Arzt gerufen werden, denn der alte, gute Doktor Gieseke, der Kreisphysikus in Sandkrug, soll Schuld sein am Tode von Tante Lisbets einzigem Kinde. »Wie schrecklich!« rief ich erschauernd. »Ach, immer noch nicht das Schrecklichste! Was Tante Lisbet alles durchgemacht hat, das glaubst du gar nicht, Kerlchen. Von ihrem eigenen Vater ist sie an ihren Mann verkauft worden, und der Onkel Altenhof soll ja ein perfektes Scheusal gewesen sein. Na, überhaupt wir Altenhofer! Siehst du, Kerlchen, jede Familie hat ja wohl ihr sogenanntes Skelett im Hause, aber wir Altenhofer stecken voll Skeletter. Wie ich den ganzen Krempel zum ersten Male hörte, sagt ich mir: »Nie willst du einen Mann lieben« und drei Tage drauf verlobte ich mich mit Ernst von Rhoda, weil er behauptete, ich redete blühenden Unsinn und bedürfte einer männlichen Stütze. Himmel, wie freu' ich mich, wenn du ihn endlich kennen lernst! Nächstens muß er ja kommen, ich hab' ihm geschrieben, daß die »Anstandsdame« eingetroffen ist, o und ich freu' mich so auf sein Gesicht, wenn er sieht, wie sie eigentlich beschaffen ist.« Wera sprang auf, tründelte mit mir im Zimmer umher, wie ein Kreisel, und ich war auch in diesem Augenblicke selbst überzeugt, daß ich in nichts einer »Anstandsdame« glich. * Heute keuchte der Landbriefträger ordentlich unter der Last der Briefe, die er mir brachte. Ich riß verwundert die Augen auf, und Wera überreichte mir rasch einen alten verstaubten Strauß aus gemachten Blumen, der in irgend einer Ecke moderte, obgleich sie ganz genau weiß, daß mein Geburtstag nicht ist. Ein langes Schreiben von Fräulein von Dörrberg bestand in einem einzigen Angstruf, ob es mir gut ginge, sie mache sich bittere Vorwürfe, daß sie mich »unwissend« nach Altenhof gelassen habe, aber sie hätte es nicht übers Herz gebracht, in all dem Traurigen noch einmal herumzuwühlen. Nun sei ihr eben vom Schlächter Krone ein Brief ins Haus gejagt worden, der sie nicht mehr schlafen lasse, er spräche das tollste Zeug vom Schlosse Altenhof und verlange nicht mehr und nicht weniger, als daß man »das Kerlchen« wieder forthole. »Was soll ich tun, was soll ich tun,« jammert Fräulein von Dörrberg, »o Kerlchen, es wird hoffentlich so schlimm nicht sein, und wenn die beiden verbitterten Frauen Dir Herz und Sinn trüben wollen, glaub' ihnen nicht, Kerlchen, lach' sie aus und zieh sie hinüber auf Deine Seite, die Sonnenseite.« Der zweite Brief war von Onkel Waldemar, kurz, bündig: »Schlächter Krone hat geschrieben, (ich kenne den Mann zwar nicht, aber er spielt sich so etwas als Vormund von Dir auf), er schreibt, man solle dich sofort wegholen aus Altenhof, und macht mir die tollsten Vorwürfe. Ist 'was Wahres daran, so weißt Du, geliebter Kerl, daß unser Haus das Deine ist, und wir erwarten Dich sofort!!!« Der dritte Brief war ein Klageruf meiner armen, kleinen, verängstigten Muusch. »Schlächter Krone hat geschrieben, der gute, närrische alte Mitbürger und Freund aus Schwarzhausen. Seitdem hab' ich keine Ruhe mehr, – Kerlchen, es ist doch wohl besser, Du kommst so rasch als möglich her!« No. 4: Doktor Franz Schirmer: »Verehrtes Kerlchen! Von Schlachter Krone trifft eben Eilbrief ein. Man soll Sie sofort von Altenhof abholen. Nun, – mein Haus ist das Ihre, ebenso urteilen Ihre anderen Vettern. Herzlich willkommen!« Nachschrift von Bümi. Goldiges Kerlchen, ich bitte Dich um Gottes willen, »komm!« Ich soll Dich tausendmal grüßen von Munke und Luttewete, sie können die Zeit nicht erwarten, bis Du wieder in unsern Armen ruhst. (Unsere Männer erst recht nicht.) Was gibt es für schreckliche Menschen in der Welt! Schlächter Krone hat uns furchtbare Angst gemacht. Denke ja nicht, daß Du uns zur Last fällst, im Gegenteil, unser Weizen blüht, denn, Gott sei Lob und Dank, sie ist da, sie ist bei uns, sie ist in S. die Influenza nämlich. Sie grassiert heftig, und mein Franz hat alle Hände voll zu tun. Geniere Dich ja nicht etwa vor Herrn von Borby, und fürchte Dich nicht vor einer Begegnung mit ihm, er ist zwar leider noch gesund, aber die Influenza wird ihn schon noch unterkriegen, er sitzt schon recht knickebeinig in den grauen Tuchpolstern seines Wagens. Auf baldiges Wiedersehn! Deine treue Bümi. * Und nun No. 5 von dem allzu Besorgten selbst, der meine Sippe rebellisch gemacht: Allerwertestes Fräulein Kerlchen! Wenn ich nicht einen so tüchtigen Kompangschon hätte in meinem Herrn Neffen Bär, denselben Sie schon aus der Tanzstunde kennen, könnte ich natürlich nicht so über die Maßen Briefwechseln, als ich das in den letzten Tagen vermocht habe. Jetzt bin ich so in die Übung gekommen, daß ich mich reineweg als Schriftsteller fühle, nur mit dem Unterschied, daß meine Schriftstellerei Porto kostet und die andern von der Zunft dagegen haariges Geld verdienen. Die Hauptsache war mich aber, Angst zu machen und das ist mich denn hoffentlich auch gelungen. Keine ruhige Stunde habe ich noch nicht gehabt, seitdem daß Sie in dem gottverlassenen Schlosse Altenhof sitzen, wo das doch meiner Seel kein Aufenthalt für unser unschuldiges, herzerquickendes Kerlchen ist und ich habe gesammelte Urteilskraft darin, denn ich habe selber auch mal Jungvieh in das Schloß geliefert. Mich überläuft's jetzt noch mit einer Gänsehaut, trotzdem ich mich nie in meinem Leben mit diesem Geflügel, sondern nur mit Ochsen abgegeben habe, wenn ich an die Zeit, an die paar elenden Tage denke, die ich in Altenhof verlebte. So ganz be–a–be schlenderte ich damals im Parke umher, weil ich niemand zum Redestehen fand, und da saß in einer Feranda ein arg verkrüppeltes Mädchen oder Kind, das ich sanftmütig ansprach. Aber da schrie sie greulich auf, kratzte mir beinahe die Augen aus und lief voll Entsetzen weg, als wenn ich die Kollern im Leibe hätte, dabei rief sie egal: »zu Hilfe, ein Mann, ein Mann!« Na, ich retirirte denn auch geschwind bis ans andere Ende des Parkes und da traf ich wieder eine Dame, schwarz vom Kopf bis zu den Füßen angezogen, die sah mich auch stumm und starr an, als wenn mein Dasein 'was Unerhörtes wäre, und wie ich mit ihr reden will, winkt sie mir streng ab und geht ohne Gruß an mich vorbei ins Schloß. Wie ich nun noch ganz verbast dastehe, kommt eine dritte Frauensperson, was wie 'ne Dienerin aussah, legt den Finger auf den Mund, was so viel hieß, daß ich's Maul halten sollte und führt mich stumm dahin, wo ich gekommen, nämlich ins Dorfwirtshaus, wo mein Vieh auf mich wartete und mich freudig begrüßte. Und hier wurde auch der Kauf perfekt gemacht, denn ins Schloß durfte ich nicht, weil da keine Mannsleute gelitten werden. Nun bitt' ich Sie! Aber das macht mir nicht die schwärzesten und trübsten Gedanken, wenn es mich auch furchtbar wurmt, daß Fräulein Kerlchen in Ihre schönsten Jahre keinen Mann sehen soll wo Sie doch so gut und lieb und brav sind, daß man Sie vom Fleck weg heiraten möchte, wenn man kein alter Mann und Freund und Schlächtermeister wäre. Sondern die meiste Angst machte mich, daß alle, die ich damals nach die Verhältnisse von die beiden Namens fragte auf die Stirn tippten – – verrückt, – totalitter übergeschnappt!!! Na, ich fuhr denn schnell heime zu meine Frau und jetzt, – wie die Nachricht kommt, Fräulein Kerlchen sind als Stütze in Altenhof, herrjeh, ich denk' doch, mich laust, mit Respekt zu sagen, der Affe. Und nun bitt' ich um tausend Gottes willen Ihnen, mein liebes, gutes hochwohlgeborenes Fräulein Kerlchen, daß Sie sich mit Herz und Lunge und Magen und Leber und Nieren in Acht nehmen, vor allen aber mit's Gemüt, daß Ihnen da kein Schade nicht geschieht und zu aller Zeit und jeder Stunde steht Ihnen mein Haus offen (bloß zwischen 10 Uhr nachts und früh sieber, kommen jetzt keine Züge in Schwarzhausen an), und sollens nicht verschmähen, denn ich kann's nicht verantworten, wenn ich mal in der Ewigkeit vor Ihren Herrn Vater stehe und er fragt mir: »Was ist mit meinem Kerlchen geschehen?« Und ich hoffe, meine geehrten Schreiben haben auch alle Ihre Verwandten mobil gemacht, daß sie besser Acht geben auf das kostbare Perlchen in ihner Stammbaumkrone. Leben Sie immer wohl und beruhigen Sie mir. Meine Frau und mein neveu grüßen Ihnen und ängstigen sich auch mit Hochachtung gleich wie Ihr Freund Krone. P. S. Morgen wird geschlachtet. * Das war eine Anstrengung, ehe ich alle meine Lieben wieder beruhigt hatte. Nun war's wieder ganz gut, daß ich wenig hier zu tun habe; bei Käfermanns wäre es mir nicht möglich gewesen, so viel zu schreiben, und ich hätte gewärtig sein müssen, daß mir mein Schlächterfreund persönlich über den Hals kam. So ging der Sturm nochmals vorüber, und ich lebte mich immer mehr ein, besonders, da ich Wera zur Seite hatte. Täglich ritten wir aus, das war das Allerschönste. Ein Reitkleid besaß ich natürlich nicht, aber einen alten Turnanzug, kurzen Rock und darunter die Bux', und Wera bat und flehte so lange, bis Frau von Altenhof es wenigstens erlaubte, daß ich »einmal« in diesem »Aufzuge« Wera begleiten durfte. Es wurde aber sofort nach Buchenwalde geschrieben, damit meine Muusch mir ihr Reisekleid schickte. Wera beteuerte, daß uns niemand auf dem Wege begegnen würde, außerdem ritt Heinrich auf einem alten, biederen Braunen in angemessener Entfernung stolz und steif hinter uns her, daß jedermann, der uns Mädels lachend und Tollheiten treibend gesehen hätte, ihn für die Anstandsdame gehalten hätte. Fromm waren unsere beiden Gäule auch, die Baronin wäre gestorben, wenn sie uns auf »wilden« gewußt hätte. Trotz Weras Schwur, daß uns niemand begegnen würde, lernte ich auf diesem Ausflug Weras Verlobten kennen. Wir waren scharf zugetrabt, die klare Winterluft hatte uns heiße, rote Backen angeblasen, vergeblich suchte uns Heinrich schon ein paar Mal zum Umkehren zu bewegen, er hatte ja seine »gemessenen Befehle« von der Baronin, die aber immer wieder durch Weras: »Seien Sie kein Frosch, Heinrich, wir reiten weiter«, durchkreuzt wurden. Schließlich hatten wir uns elend verritten, Wera kannte das Gelände nicht mehr, behauptete aber kleinlaut, »dahinten irgendwo« müsse Groß-Rhoda liegen. Als ich sie scharf ansah, wurde sie rot und murmelte dann irgend etwas vor sich hin, das so klang wie: »Unverlobte Menschenkinder hätten überhaupt kein Verständnis und könnten ruhig das Maul halten.« Na, ich hielt es ja auch. »Hinter jenem Berg muß unser Kirchturm liegen,« rief sie dann. (Wenn Wera von Groß-Rhoda redet, sagt sie immer » unser «, sie sieht sich schon ganz als Gutsherrin dort.) »Tingsleben« liegt dort, gnädiges Fräulein, »es ist der Tingslebener Hügel,« rief Heinrich. Die beiden stritten sich regelrecht, und ich sprang derweile ab. »Was wollen wir gleich haben,« entgegnete ich fröhlich, reichte Heinrich meine Zügel und fing an, kühn die Buche zu erklimmen, die in unserer nächsten Nähe weit und mächtig ihre starken Zweige reckte. »Eichhörnchen,« schrie Wera begeistert, »du bist ein Teufelskerl!« Hoch oben saß ich, weit über alle Berge konnte ich schauen, aber natürlich hatte Wera unrecht, nichts war vor uns zu sehen, was auch nur im entferntesten dem Kirchturm von Groß-Rhoda glich. Eben hatte ich ihnen das Ergebnis meiner Bemühungen heruntergeschrien, als ich Pferdegetrappel hörte und gleich drauf den überseligen Ruf: »Ernst!« und »Wera! Wo kommst du her?« Hastig kletterte ich baumabwärts. Wera war mit Hilfe ihres Verlobten abgestiegen und schmiegte sich an ihn; ein jüngerer, bartloser Mann stand neben ihnen und sprach eifrig und laut mit heller Knabenstimme. »Etwas vergaloppiert haben wir uns,« lachte Wera, und – – sie sah zärtlich zu ihrem Verlobten auf, – ich wollte wenigstens mal unsern Kirchturm sehen!« Herr von Rhoda küßte sie mit einem Jubelruf. »Ich schelte ja auch gar nicht mit dir, mein Werchen, – aber, aber, was würde Tante Aurelia sagen!« »Garnichts kann sie sagen,« rief Wera eifrig, »ich bin ja mit meiner Anstandsdame hier!« »O Himmel,« rief sie gleich drauf und besann sich augenscheinlich jetzt erst auf mich, während ihr Verlobter verblüfft fragte: »Deine Anstandsdame? Wo ist sie denn?« »Hier hängt sie!« schrie ich vom Baum hinunter, wo ich rittlings auf einem Zweige saß, denn mein Rock hatte sich in ein spitzes Ästlein verheddert und ich mußte mit Geduld versuchen, ihn loszukriegen. Mein Anblick muß von unten aus mehr als sonderbar gewesen sein, denn Wera lachte unbändig, der junge Mann auch, während Herr von Rhoda viel zu verblüfft dazu war und Heinrich mich direkt mißbilligend betrachtete. Endlich siegte die Tugend, mein Rock ließ los, der Ast auch, und ich sprang in kühnem Bogen auf die Erde. Das war eine lustige Vorstellung. Ich machte nochmals einen kläglichen Versuch, mein Gesicht in ernste Anstaltsfalten zu legen, aber Herr von Rhoda gab selbst das Zeichen zum fröhlichen Loslachen, und da genierte ich mich nicht länger. »Erni, ich bitte dich bloß himmelhoch, erzähle Tante Aurelia nichts davon,« flehte Wera, »du mußt sie in dem süßen Wahne lassen, als hätte ich endlich eine waschechte Anstandsdame bekommen, wir haben da einen Plan, o verdirb' ihn uns nicht, sonst muß Kerlchen fort!« »Kerlchen?« »Ja, so heißt sie! Stimmt es nicht? Ist es nicht goldig?« Herr von Rhoda schüttelte mir kräftig die Hand, und sein gutes, männliches Gesicht mit den hellen Augen und dem blonden, starken Bart nickte mir freundlich zu. Der Fähnrich Heinz von Rhoda aber sah mich so strahlend an, daß ich ärgerlich und erschrocken fortguckte, besonders da Wera mir zuraunte: »Weeß Kneppchen, er hat schon Feuer gefangen.« Nun ritten wir alle fröhlich zurück, Heinz und ich voraus, das Brautpaar hinter uns, und Heinrich machte den würdigen Beschluß. Das Brautpaar nahm sich Zeit, es sah sich viel in die Augen und plauderte unablässig. Heinz und ich ritten etwas schärfer vorwärts: »Sie reiten wie Diana selbst,« rief mir der Fähnrich schwärmerisch zu, aber ich meinte, etwas besser ging ich doch im Zeuge, als die Jagdgöttin, die ich reichlich unbekleidet aus den Bildergalerien kannte. In übermütigster Laune langten wir alle schließlich in Altenhof an. Ich kannte schon den ganzen Lebenslauf von Heinz von Rhoda, ja ich kannte sogar seine »Flammen« sämtlich und auch sein flatterhaftes Gemüt; denn als wir abstiegen, flüsterte er mir beteuernd zu: »Es waren keine Flammen, es waren nur Ölfunzeln, denn jetzt erst durchglüht eine Flamme wahrhaft mein Inneres – o – Fräulein Felicitas!« »Legen Sie es einstweilen dorthin,« entgegnete ich ihm und meinte natürlich Sattel und Zaumzeug damit, das er meinem Pferde abgenommen hatte. Ich merkte erst viel später am Frühstückstisch, daß ich ihn mit irgend etwas elend vor den Kopf gestoßen hatte. Wir vier jungen Menschenkinder tafelten allein. Frau von Altenhof hatte Weras Verlobten nur gemessen freundlich begrüßt, sich auch zuerst bei uns niedergelassen, aber Weras ganz und gar übermütige Fröhlichkeit verscheuchte sie bald wieder. Ehe sie sich zurückzog, schlang Wera ihre Arme liebevoll um ihren Hals. »Tanteli, ich bin so unsäglich froh, daß ich ihn endlich einmal wieder hab',« sagte sie innig, »aber wenn du willst, verhalte ich mich ganz sittsam, nur bleib' bei uns, Tanteli!« Frau von Altenhof sah garnicht bös aus, ganz liebevoll guckte sie das Werchen an, aus dessen holdem Gesichtchen so viel Glück strahlte. »Ich will zu Gisela,« sagte sie einfach und setzte beinahe schelmisch hinzu, wie man es noch nie an ihr gesehen hatte: »Ihr habt ja jetzt Eure Anstandsdame!« »Was hast du nur mit deiner Tante angefangen, Werchen?« fragte Herr von Rhoda erstaunt, »sie ist ja kaum wiederzuerkennen?« »Da bin ich nicht dran schuld, das hat alles das Kerlchen gemacht,« rief Wera, und dann gab sie so eine begeisterte Schilderung meines Wirkens in Schloß Altenhof, daß ich ihr immer abwinken mußte, denn sie übertreibt im Guten noch viel toller, als im Schlechten. »Item, ich hab das Kerlchen lieb!« schloß Wera. »Das freut mich!« Herr von Rhoda reichte mir seine Hand herüber. »Mein Werchen ist trotz seiner Jugend ein unbewußter Menschenkenner, ich hab mich schon oft auf ihr Urteil verlassen können.« »Na, da kannst du erst was an Kerlchen erleben,« triumphierte Wera, »das ist das reine Thermometerchen! Wenn dem ein unsympathischer Mensch entgegentritt, wird es eiskalt vom Kopf bis zur Zeh und kriegt 'ne Gänsehaut, als war' es wirklich 'ne – – – –« »Stopp, Vera! Na und wie wurde Ihnen denn zu Mut, als ich Ihnen so wildfremd gegenüberstand,« fragte Herr von Rhoda lustig. »Mörderlich heiß,« rief ich rasch, um ihm etwas recht Gutes zu sagen, aber das Brautpaar wollte sich totlachen über meinen Ausspruch. Nur der Fähnrich Heinz, war »steinerner Gast«. Er zog und drehte an seinem mehr als mangelhaften Schnurrbart. Daß es überhaupt einer sein sollte, entnahm ich aus dem alten guten Ratschlag, den Wera für dieses Möbel erteilte: »Außen Honig und innen Taubenmist!« Plötzlich fuhr Wera mit einem Schreckensruf unter den Tisch. »Was hast du?« fragte ihr Verlobter erstaunt, während wir andern beiden aufsprangen. »Heinz ist ein Barthaar heruntergefallen,« rief sie dumpf, »o Himmel, welche Lücke wird es reißen. Aber sei nur ruhig, Heinzelmännchen, ich such' es dir, ich such' es dir!« Sie krabbelte noch eine Weile auf dem Fußboden umher und dann sah ihr Schelmengesicht bedauernd in das zornige des jungen Schwagers. »Nix gefunden, Heinz, wenigstens jetzt nicht, aber ich schick' dir's noch per Fracht, armer Kerl, – so gleich die Hälfte des schönsten Schmuckes einbüßen zu müssen!« Wenn Blicke töten könnten, hätten wir jetzt von Rechts wegen lang hinschlagen müssen, ich strich schnell ein appetitliches Kaviarbrötchen zurecht, legte ein Stückchen Zitrone drauf und reichte es Heinz, bereute es aber schon im nächsten Augenblicke, denn er schnappte gleich zu und sah mich selig an. »Er frißt aus der Hand,« behauptete Wera, und dann hoben wir die Tafel auf. * Der Abend gehörte mir allein. Frau von Altenhof hatte am Nachmittag anspannen lassen und zum erstenmal selbst das Brautpaar nach Groß-Rhoda begleitet, um sich nach Tante Aureliens Befinden zu erkundigen. Diese wohnte immer ein Vierteljahr dort, während sie die übrigen drei Viertel des Jahres in ihrem Stift in G. zubrachte. Sie sollte dreihundertundfünfundsechzig Krankheiten »in und am Leibe« haben, behauptete Wera, wenigstens hätte sie jeden Tag 'ne andere, und nun wollte Wera ihr von der Anstandsdame ein wenig »vorsohlen«. Es war recht einsam für mich, als alle fortfuhren. Ich setzte mich zum Schreiben in mein Zimmer nieder und beschloß, frühzeitig ins Bett zu gehen. Plötzlich öffnete sich lautlos die Tür, und die verkrüppelte Gestalt Giselas von Altenhof huschte zu mir herein. Ich erschrak heftig, aber sie nahm meine beiden Hände. »Ich kann nicht schlafen,« jammerte sie. »Und ich bin so allein, ich möchte ein bißchen bei Ihnen bleiben, und Sie sollen mir etwas erzählen, ich mag Sie gern. Sie sind klug und denken vornehm, Sie sind nicht neugierig und schwatzhaft wie andere kleine Schulmädchen. Und Sie sollen mir die trüben Gedanken verscheuchen. Immer wenn der »Bräutigam« dagewesen ist, werde ich die Vorstellung nicht los, daß, die arme Wera bald ebenso unglücklich werden muß wie ich. Ach, hören Sie nicht auf mich, ich! schwatze törichtes Zeug. »Himmel, wie behaglich,« rief sie dann und schaute sich bei mir rings um. »Man kennt ja die alte Rumpelkammer garnicht wieder. Und da der alte Schreibtisch von Mama! Wie nett haben Sie den gestellt und so hübsch als Bücherschrank benutzt. Sind das Ihre Lieblinge? Schnell lassen Sie sehen. »Sage mir, was du liest, und ich will dir sagen, wer du bist.« Gisela sah sich jedes Buch an und las laut die Namen darauf: »Schiller«, »Lessing«, »Uhland«, »Shakespeare«, »Reuter«, »Stifter«, »Körner«, »Scheffel«, »Quickborn von Klaus Groth«, »Das Heideprinzeßchen von Marlitt«, »Heidi von Spyri«, »Deutsche Jugend von Lohmeyer«, »Schiller-Palleske«, »Die Fernhäfen des Weltverkehrs«, »Zeitschriften für Turf und Sport«, »Das Pferd, seine Zucht und Pflege«. »Eine anschauliche Sammlung,« lachte sie, »aber nun sagen Sie mir auch, was Sie am liebsten davon haben und was Sie am besten verstehen.« »Die hab' ich alle am liebsten und verstehe auch alle.« »So? Ich dachte, Shakespeare wäre reichlich derb für so ein noli me tangere , wie Sie es sind.« »Das weiß ich nicht. Mein Väterchen sprach auch so ähnlich wie Shakespeare; da kamen auch manchmal Wörter vor, die nicht schön waren, und meine Muusch war immer außer sich, aber Papa sagte: »Das wäre ehrliches Deutsch.« »Immer und immer dieses Väterchen!« sagte Gisela gereizt. »Ich kann es nicht hören, wenn Sie mit einem Manne solche Abgötterei treiben.« »O sprechen Sie doch nicht so,« bat ich, »es tut mir weh!« »So? Tut Ihnen das schon weh? Aber schmerzt es Sie nicht viel mehr, daß Sie unter fremden Menschen Ihr Brot verdienen müssen, was Sie nicht brauchten, wenn der Herr Oberst besser für Sie gesorgt hätte. O, ich kenne die Leichtfertigkeit, mit der die Offiziere – –« »Schweigen Sie,« rief ich außer mir, »schweigen Sie, oder ich weise Sie aus meiner Stube hinaus, jawohl, das tue ich!« – – – – »Ruhig, um Gotteswillen,« rief Gisela erschreckt aus, »wenn man Sie weinen hört, dann muß ich aus Ihrem Zimmer, ach und ich fürchte mich so vor der Einsamkeit.« Sie sah so krank und traurig aus mit einem Male, daß ich mich sofort besann. Ja, ich schämte mich, weil ich vergessen hatte, daß es eine Kranke war, mit der ich sprach. Gisela setzte sich auf die niedrige Ruhebank neben meinem Schreibtisch und zog mich neben sich nieder, dann streichelte sie meine eiskalten Hände. »Wer wird so aus allen Fugen fahren – – so ein dummes, ein dummes! Gott im Himmel, sparen Sie Ihre Tränen für die Zukunft, wenn all das über Sie hereinbricht, was ich durchgemacht habe – – – Hören Sie, wie der Sturm um unser Schloß saust, – jetzt will ich Ihnen eine Geschichte erzählen, – gerade jetzt!« Ja, ich hörte es, wie Eissplitter und Schnee an die Fenster schlugen, wie es im Kamin fauchte und auflohte, als wären alle bösen Geister der Nacht losgelassen. Ich sah Gisela an, sah mit Angst und Trauer ihr blasses Gesicht, auf dem rote Flecke brannten, und ihre fiebernden Augen. »Wollen wir nicht lieber schlafen gehen,« fragte ich und suchte meine Hand aus der ihrigen zu lösen, aber sie hielt mich wie in einem Schraubstock fest, und ich merkte wohl, daß sie gar nicht auf mich hörte. So blieb ich still neben ihr sitzen, denn draußen ging der alte Diener auf und nieder, ich hörte seine Schritte, er trat wohl etwas fester auf, um mich zu beruhigen. Gisela sah mich nicht an, sie schaute geradeaus, als spräche sie zu der Flamme, die im Kamin loderte. »Ich bin in diesem Schlosse geboren,« erzählte sie, und die alte Nora saß an meiner Wiege und sang mir die Lieder, die sie dem Sturme abgelauscht hatte. Nie hat sich ein anderes Gesicht als das ihrige über mein kleines Bett gebeugt, denn meine Mutter trugen sie auf den Kirchhof, als ich kaum ein paar Tage geatmet hatte. Unter dem rohen Regimente meines Bruders, dem der Krüppel überall im Wege war, habe ich meine eigentliche Jugend verbracht. Dann heiratete er Lisbet von Dornau, die Tochter unseres Gutsnachbarn, an der ich mit schwärmerischer Zärtlichkeit hing. Sie war klug, gut und schön; – erst viel später vertraute sie mir in qualvoller Stunde an, weshalb sie den häßlichen Menschen, meinen Bruder, geheiratet habe, er hatte sie bei einem Trinkgelage ihrem bankerotten Vater abgekauft. Der einzige, gebildete Mann, den wir zum Umgang hatten, war Dr. Gieseke aus Sandkrug, aber auch er betrog uns. Lisbets Sonnenschein, ihr heranblühendes Töchterchen, verunglückte auf einem Spazierritt, Dr. Gieseke, der gerufen wurde, kam angeheitert von einer Hochzeit, sah in seinem Zustand das Kind kaum an, und so starb es noch in derselben Nacht. Lisbet selbst hat es gar nicht mehr lebend gesehen, sie lag damals am Typhus schwer darnieder. So verging in Leid und Gram die Zeit, aber dann kam ein Tag, ein sonniger, goldiger Herbsttag, der mir mit einem Schlage meine Jugend wiedergab, meinen Frohsinn, alles wiedergab, was gut und schön war. Er kam zum erstenmal in unser Haus, Hans von Hartwig. Sechs Offiziere hatten eine Generalstabsreise unternommen, und mein Bruder bat die Herren, seine Gäste zu sein für die Zeit, da sie in unserm Gelände zu tun hatten. Hartwig erschien mir wie ein Geschöpf aus einer andern Welt. Hoch und groß gewachsen, mit einem idealschönen Kopf, glich er den Helden sämtlicher Bücher, die ich in meiner weltabgeschiedenen Einsamkeit verschlungen hatte, und sein Äußeres stach so sehr von dem seiner Begleiter, vor allen Dingen aber von der häßlichen Zwergengestalt meines Bruders ab, daß ich mich gar nicht verwunderte, als mir erzählt wurde, Hartwig sei auch von seinen Vorgesetzten zu hohen Dingen ausersehen, als der klügste Kopf, der beste Charakter unter all seinen Kameraden. Andern Tags wurde eine große Jagd veranstaltet, von welcher mein Bruder uns tot ins Haus getragen wurde; wie es hieß, habe sich sein Gewehr beim Überspringen eines Grabens selbst entladen. Für Lisbet und mich war sein Tod eine Erlösung, es war, als sollte nun ein neues Leben seinen Einzug in unser altes Schloß halten. Für mich begann auch ein neues Dasein, Hartwig war ja bei uns, er bot uns seine Dienste an bei den vielen geschäftlichen Angelegenheiten, die mit so einem Todesfall Hand in Hand gehen. – Als er wieder nach Berlin zurückkehrte, schrieben wir uns täglich, und seinen Urlaub verbrachte er wieder bei uns. Er verehrte »Mama Lisbet«, wie er meine Schwägerin nannte, und mich hatte er lieb, trotz meines verkrüppelten Körpers, trotz meines unschönen Gesichtes, er hatte meine Seele lieb und meinen klugen Kopf. Hundertmal hat er mir das gesagt, als ich seine glückselige Braut war und mit ihm arbeitete, mit ihm las und schrieb, stunden-, tagelang, ohne zu ermüden. Wir waren ein seltsames Brautpaar. Wie zwei gute Kameraden gingen wir nebeneinander her: ich zu scheu, um ihm zu zeigen, daß ich ihn vergötterte, und er ziemlich wortkarg, ernst und verschlossen, ganz aufgehend in Arbeit und Beruf. Aber wir hatten uns lieb, und ich dachte im Wachen und im Traum nur noch an die Zeit, wo ich ihm ganz gehören würde. Dann wollte er Urlaub nehmen und weite Reisen mit mir machen, Studienreisen, ein Jahr lang, oder länger, und ich war glücklich, daß mein Reichtum uns unbedenklich alles erlauben würde. Mein Reichtum! Wie wenig hatte ich bisher davon gehabt und auf ihn geachtet! Ja, er war mir eher als etwas Häßliches erschienen, weil er an dem Unglück meiner Lisbet mit schuld war. Mit Hartwig sprach ich niemals über die Geldfrage. Ich wußte, daß er mit Leih und Seele Soldat war und daß er kein armes Mädchen heiraten konnte, ich freute mich, daß ich doch auch noch etwas einsetzen konnte seinen großen innerlichen und äußerlichen Vorzügen gegenüber, und sei's auch nur den schnöden Mammon, der doch dem Geliebten so viel Schönes verschaffen würde. So sorgte ich für meine Aussteuer, und die Hochzeit sollte nach einer längeren Dienstreise meines Verlobten ganz still hier in Schloß Altenhof stattfinden. Ich schrieb ihm glückerfüllte Briefe nach dem kleinen Dörfchen, in dem er sich einquartiert hatte, um eine größere Arbeit zu vollenden und er schrieb mir ruhige, sachliche Episteln wieder, die aber doch auch manch' zärtliches Wort enthielten. Dann verzögerten sich seine Antwortschreiben, wie sich auch seine Heimreise ungebührlich verzögerte, sie blieben endlich ganz aus, bis jener furchtbare Brief kam, jener Schrei von ihm: »Gib mich frei!« Von ihm, dem ich so grenzenlos vertraute! Ich bin keine stille, entsagungsvolle Natur: ich weinte und tobte und klammerte mich an ihn, an sein Wort, das er mir verpfändet, – ich hätte ihn nie freigegeben, nie , und würde heute vielleicht sein Weib sein. Aber ich wurde krank, und während meiner Fieberphantasien schrieb Lisbet an ihn: »Sie find frei!« Tausendmal habe ich sie dafür geschmäht und ihn verflucht, daß er das Opfer annahm, ach und tausendmal habe ich mir den Tod gewünscht, aber der holt nicht die an Leib und Seele Verkrüppelten, der nimmt nur die Gesunden, Starken, Unentbehrlichen, um die Lücken recht grausam empfindlich zu machen. Was aus Hartwig geworden ist, weiß ich nicht, ich habe in gesunden Tagen nie nach ihm geforscht, um nicht an ihn zu denken, wenn die geistige Nacht über mich hereinbrach, denn in diesem schrecklichen Zustande hatte ich immer das Gefühl, als dürfte ich nicht ruhen, bis er zu Grunde gerichtet wäre, wie ich selbst. Er muß den Dienst quittiert haben, denn das Mädchen, das ihn mir abwendig gemacht, war bettelarm, eine Pfarrerswaise, die sich durch Stricken und Nähen ihr Brot in jenem Torf verdiente. Wie er sie geliebt haben muß! Jedes Wort in seinem Briefe brach mir das Herz, – er kam wie ein Bettler zu mir, er , der stolze, hochgemute Mann bettelte bei mir um seine Freiheit. – – – – – Gisela sank fröstelnd in sich zusammen. Die Lampe brannte dunkel und drohte auszugehen, ich war so todmüde und so abgespannt von all dem Schrecklichen, was ich gehört hatte. Ganz wirr und taumlig, stand ich auf. »O, lassen Sie uns schlafen gehen!« bat ich Gisela wieder und wieder. Sie strich sich über die Stirn und sah mich an. »Schlafen!« wiederholte sie. »Mir ist, als könnt' ich heute schlafen; ich hab' mir alles vom Herzen heruntergesprochen, was sonst so grenzenlos schwer drauf lastete. Kleines, dummes Mädchen, ich habe mein Leid mit Ihnen geteilt!« Gisela stand auf und schritt langsam und müde an meinen Schreibtisch, wo sie noch einmal meine Bücher betrachtete. »Daß sind die besten Freunde,« sagte sie und schlug aufs Geratewohl einen Band auf. »Jawohl,« lachte sie bitter; »das paßt auf Hartwigs kluge Braut: »Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren«. O mein Kopf, mein armer Kopf!« Ich umschlang Gisela sacht und führte sie sorgsam hinaus, brachte sie zu Bett und hielt ihre Hand, bis sie fest eingeschlafen war. Dann begab auch ich mich zur Ruhe, ich versuchte es wenigstens, zu schlafen, aber meine Gedanken wirbelten wie toll durcheinander, zu viel war heute auf mich eingestürmt. Ich faltete die Hände, um meinem besten Freunde alles zu vertrauen, aber die Müdigkeit übermannte mich, ich konnte nichts mehr denken als: »Lieber Gott, mach' mich fromm, Daß ich in den Himmel komm«. Mein altes Kindergebet. Und mit diesem schlief ich endlich ein. * Brief von Bümi an Kerlchen! Kleines! Wenn noch ein Tropfen Tinte sich im Umkreise von Altenhof befinden sollte, so tauche Deine Feder hinein und versuche, mit diesem Tropfen uns aus unserer Unruhe zu reißen. Die Buchenwalder schreiben alle Nasen lang: »Kerlchen hat geschrieben«, »Kerlchen hat an seine Mutter geschrieben«, »Kerlchen hat an die Frau Pastern geschrieben«, aber so schlau sind weder die Olsch, noch das Jüngchen, daß sie hinzusetzten: »Kerlchen geht's gut«. Und so hänge ich vor Angst um Dich nur noch in den Gräten (ein schauderhafter Anblick), und Franz schleicht als Schemen zu seinen Patienten. (Hier folgt eine Anmerkung des Dr. Franz Schirmer: »Bitte, Fräulein Kerlchen, dividieren Sie die Briefe meiner Frau immer durch 10, die berühmte Schliedensche Phantasie geht regelmäßig mit ihr durch. Ergebensten Gruß Dr. F. S.) – Siehst Du, Kerlchen, so ist er nun. Unter dem Vorwande, immer in meiner Nähe weilen zu müssen, liest er mir über die Schulter weg meine Briefe, schiebt mich dann einfach beiseite und kliert in meine tadellose höhere Töchterschrift seine nicht zu entziffernde Doktorpfote. Und ein Heuchler ist er obendrein, denn zu Dir spricht er zart von »Schliedenscher Phantasie«, während er zu mir vorhin sagte: »Lüg' du und der Deubel«. Mir ist's ein wahres Wunder, daß man diesen abscheulichen Menschen so unvernünftig lieb hat und – offen gestanden, Kerlchen, ich kann immer noch nicht begreifen, daß Du diesen, – diesen, – diesen, na eben meinen Franz nicht mit allen zehn Fingern an den Rockschlippen festgehalten hast, für Dich selbst, als Du noch in Hilskehmen bei der verflossenen Frau Käfermann stütztest. Du mußt doch ein rechter Eiszapfen sein. Hinwiederum danke ich Dir aus vollem Herzen, daß Du mir meinen Doktor reserviert hast, was wäre ich ohne ihn? (Stimmt! Dr. F. S.) So 'n Unsinn! Ich wäre dann natürlich wolkenlos glücklich in Buchenwalde und bildete den Augentrost meiner Eltern, (Hm, hm. Dr. F. S.) Du mußt nämlich wissen, mein Herzenskerlchen, Franz sitzt dicht neben mir und reißt mir jede Minute die Feder aus der Hand, um seine dummen Randglossen zu machen. Für das Wort »dumm« mußte ich ihn eben zehn Minuten lang um Verzeihung bitten und zwar in einer ganz verrückten, kaum wiederzugebenden, närrischen Sprache, wie sie sich eben zwei verrückte, dumme Leutchen ausdenken, die sich närrisch, närrisch, närrisch lieb haben. So: »Verßaiung iiiich biiii – hitee!« O Kerlchen, nicht wahr, man ist ja nur einmal jung! Vom achtzigsten Jahre ab will ich mich bemühen, verständig zu werden, – augenblicklich ist das Leben zu, zu, zu schön, holdriohoh! Wie schon gesagt, ich vergehe vor Angst um Dich, also schreibe endlich Deiner Bümi. Nachschrift. Ach du liebe Zeit, die Hauptsache habe ich ja ganz vergessen! – Es ist doch merkwürdig, mein Franz ist doch ein so gescheiter Mensch, aber in seiner Nähe fällt mir nie was Vernünftiges ein, woran mag das nur liegen??? Eben wurde er abgerufen, und nun ist's mir, als bestände ich lediglich aus Auerschen Glühstrümpfen, – so helle tagt's mir, also hör' fix zu: »Du kommst doch zu Weihnachten hierher?« Wir alle rechnen auf Dich, denn Deine Schilderung von Altenhof, die, wie ich fürchte, noch »schöngefärbt« war und die in dem Satze gipfelte: »Ein Tannenbaum wird hier nicht angezündet«, hat uns empört und betrübt zugleich. Vielleicht zünden die Hottentotten keine Tanne an, aber in unsern christlichen Landen muß im kleinsten Stübchen ein Bäumchen brennen. Und wenn es auch nur handhoch ist und ein einziges Lichtchen aufweist, das man an dem letzten Fünkchen Gottvertrauen in der eigenen Seele entzündet – – – Kerlchen tu mir die Liebe und bleib zur lieben Weihnachtszeit nicht bei den Leuten, die nicht einmal dieses Fünkchen mehr haben. Auf Wiedersehn zum Fest bei uns oder im Buchenwälder Familiensaal. Immer die Deine Bümi. * Aus Kerlchens Tagebuch. Die gute Bümi! Die lieben Menschenkinder in Buchenwalde und im gesamten Schleswigholstein! Wie sie mir alles zu Liebe tun wollen und sich um mich sorgen! Nebenbei denkt aber das liebe Völkchen, daß ich gar nichts zu tun hätte, als etwa den ganzen Tag auf dem Söller des Altenhofer Schlosses zu sitzen und mit dem Tüchlein Grüße zu winken, wie es in alten Rumänen so schön von sittsamen Jungfrauen heißt. Und nun Weihnachten! Nein, nein, das Herz wird mir zwar groß, wenn ich an den Buchenwälder Lichterbaum denke, aber – – – Wera wird in Groß-Rhoda sein, und da gehöre ich doch wohl zu den beiden einsamen Frauen hier. Ein Brief ist von meinem Erich-Bruder angekommen, der mich über die Maßen erschreckt hat. Wie klein ist die Welt! Der gute Schlachter Krone hat auch an Erich geschrieben und Fabeldinge von Altenhof erzählt, Erich und Fritz von Rumohr sorgen sich um mich. Und was schreibt Erich? »Kerlchen, – ich hab' mich an der besten Quelle über Altenhof erkundigt, und über die Damen die beruhigende Antwort bekommen: »Wunderlich, aber tadellos«. Und diese beste Quelle wird auch unserm Kerlchen der beste Schutz sein, wenn es wirklich einmal Zuflucht suchen müßte: es ist mein Freund Hans von Hartwig, der in Sandkrug bei Altenhof verheiratet ist. Kerlchen, ein Prachtmensch mit einem Idealfrauchen! Du mußt sie unbedingt aufsuchen. Ich wundere mich, daß die beiden nicht in Altenhof verkehren, er sprach doch mit so großer Verehrung von den Namen. Hier in Berlin hatten sich Hans und Inge tapfer durchgeschlagen, der hochbegabte Mensch mußte ja vor Jahren Königs Rock ausziehen, um sein Lieb heimführen zu können, – jetzt hat er eine gute, gesicherte Stellung an der großen Nadelfabrik in Sandkrug. Grüße ihn von mir, den Treuen und seine Inge und das Büblein dazu!« * »Hans von Hartwig, der Treue! O, was soll ich tun! Wenn Gisela das wüßte! Ob ich mit Wera darüber spreche? Aber die lebt und webt ja nur in bräutlichen Gedanken. Kerlchen, Kerlchen, da sitzt du nun mal ordentlich drin! * Brief von Kerlchen an Munke, Bümi und Luttewete! Geliebte Walküren! Dieses mein Rundsendschreiben trifft Euch, wie ich hoffe, bei guter Gesundheit an, ich schicke es an die Frau Baronin Munke von Russee zuerst, teils weil sie die Älteste ist und teils, weil sie zum hohen Adel gehört. Denn Kinder, ich bin eine ganz andere geworden, ich habe mich auf das blaue Blut meiner Mutter besonnen, bin nicht mehr das »Kerlchen« mit Kraftausdrücken und mangelhaften Manieren, ich bin jetzt nur »Anstandsdame«. Donner und Hagel, hatten wir, Wera und ich, gestern einen Jux!!! Übrigens muß ich hier einschalten, daß jegliche Eifersuchtswallung von Euch der reinste Mumpitz ist – Werchen ist ja goldig, ich geb's zu, aber Ihr müßtet doch wahrhaftig Euer konservatives Kerlchen kennen, das seine Freundschaften nie wechselt wie sein – – na was denn nun gleich? »Ich hab es getragen sieben Jahr und trag' es nicht länger mehr!« Na also! Munke, Bümi und Luttewete über alles! Kinder hört zu! Gestern meldete sich die Stiftsdame Aurelia, Baronin von Rhoda, hier an, und da sich Wera und ich bei der Nachricht gerade in den Ställen befanden, um diese gründlich zu revidieren, so könnt Ihr Euch denken, welcher Reinigung wir uns zu unterziehen hatten, um uns bei Dame Aurelia nicht in gar zu schlechten Geruch zu setzen. Frau von Altenhof machte ein sorgenvolles Gesicht. Sie scheint mich sehr lieb zu haben und fürchtet sich vor den strengen Augen der Stiftsdame, die meine gänzliche Unfähigkeit, als »Anstandsdame« aufzutreten, wohl sofort weg haben und mich weg schicken würde. Und ich selbst! Eine namenlose Angst hatte mich erfaßt, daß ich abgesetzt werden könnte von meinem Posten. Aber nun hättet Ihr Wera sehen müssen! »Tanteli,« schmeichelte sie, »laß dir nur keine kalten Füße wachsen, das fingern wir schon –« O, und es wurde gefingert! Wera schleppte aus »Urahnens Kleiderschrank« ein schwarzseidenes Gewand hervor, das sie mir anzog, und in dem ich aussah, wie 'n Bild aus einem alten Rahmen geschnitten. Meinen lockigen Ruschelkopp bearbeitete sie mit Pomade so lange, bis sich wenigstens ein Scheitel ziehen ließ, den hielt sie mit einem schwarzen Bande fest, nachdem sie mir ein greuliches, aus dicken Maschen bestehendes Netz übergezogen hatte. Wera schrie vor Wonne auf, als sie mich besah. Über mich aber kamen Reuegedanken knüppeldick : »Werchen, es ist doch so 'ne dolle Verstellung!« »Tugendbraten!« entgegnete sie mir verächtlich, »Wenn du wüßtest, wie hart und schrecklich die Stiftsdame ist, du verlörst kein Wort. Nicht fünf Minuten läßt sie dich hier, wenn du ihr mit deinen siebzehn Jahren und den Schelmenaugen entgegentrittst, – aber freilich, – wenn du mich nicht lieb hast – oder wenn du meinen Ernst Lügen strafen willst, der dich doch bereits geschildert hat – – – – – – Diese beiden letzten Gründe schlugen durch, ich fügte mich. Wera jubelte laut und gab mir einen Kuß. »Aber, aber, was machen wir mit den Augen?« »Nee, nee, die laß man, da is nischt zu wollen!« »Noch!« behauptete Wera, und dann zog sie mir mit schwarzer Tusche die Brauen über der Nasenwurzel zusammen und mit einem Male hatte ich ein ganz strenges Aussehen! Nun hing sie mir noch an lila seidenem Bande eine Lorgnette um, weil der Klemmer von meiner ungeeigneten Nase wegrutschte, und mit diesem Rüstzeug steuerte ich nun auf Wera zu, um meine Probe zu halten. Sie floh lachend über Tische und Stühle, ich setzte ihr gewandt nach, – es war ein Glück, daß die Türen so gut schlossen, denn so ein Radau war noch nie erlebt worden in Altenhof. Gerade als ich »Koppheister« über die Seitenlehne des alten Sofas geschossen hatte und nun noch recht erhitzt und schnell atmend da saß, fuhr der Wagen der Stiftsdame vor, Wera unterzog mich nochmal einer gründlichen Musterung und verließ das Lokal, um die »Olsche« vorzubereiten. Und nun bekam ich Geschmack an der Sache, eine wahrhaft übermütige Stimmung beherrschte mich. Ich setzte mich in den Sessel, breitete meine Taffetseide gefällig um mich her, ließ meine Blicke noch über den Tisch schweifen, auf dem drei dickleibige alte Schwarten lagen, nämlich ein Roman von Henriette Paalzow und zwei Scharteken von Pestalozzi und Fröbel. Ich selbst nahm den »Guten Ton in allen Lebenslagen« zur Hand und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Eine tödlich langweilige halbe Stunde des Wartens verging, während welcher ich mir meine eingeramste Lex herunterrebbelte, endlich dauerte mir die Geschichte zu lange, ich lief zur Tür und öffnete sie sacht. Und da hörte ich auch schon langsame Schritte vom äußersten Ende des Flures und unterschied Weras und eine fremde Stimme. »Nein, mein liebes Kind, – ich bleibe dabei, es war die höchste Zeit,« sagte gerade die Stiftsdame, »und wie ich aus allem, was Ihr mir mitteiltet, vernehme, habt Ihr eine außerordentlich gute Wahl getroffen.« »Ach, liebe Tante,« seufzte Wera, und schon durch ihren wehleidigen Tonfall wurden meine Lachmuskeln aufs höchste angespannt, »ich fühle aber, wie mein Frohsinn mehr und mehr schwindet, es ist zu ernst, dieses Fräulein Felicitas Schlieden!« »Immer besser, immer bresser«!« lautete die Antwort, »so können wir hoffen, daß mit der Zeit doch noch eine ruhige, ernste Gutsfrau aus dir wird, die meinen Neffen wahrhaft beglückt; er selbst ist auch sehr eingenommen von der ruhigen Würde des Fräulein Felicitas.« Hier prustete ich los, da half kein Widerstreben, aber ich verdeckte den Heiterkeitsausbruch mit einem Hustenanfall und setzte mich mit »ruhiger Würde« in meinen Sessel. Ein leises Klopfen. »Hörrein!!!« Fräulein Aurelia von Rhoda erschien in der offenen Tür und – Kinner, Lud' un Minschen! – mir fiel das Herz beinahe in die Schuhsohlen. Aber Wera verzog keine Miene, hatte die Hände gefaltet und machte ein ganz verdeubelt heimtückisches Gesicht, während ich aufsprang und einen tiefen Knicks hinsetzte. »Ah mademoiselle la baronesse! Je suis charmé de vous voir!« Sie streckte mir ihre Hand hin, die ich mit meinen Lippen berührte. Dann überflog ihr scharfer Blick meine ganze Bude, aber da Wera und ich alle Hufeisen, Rappiere und Reitpeitschen daraus entfernt und dafür Nähkörbchen und Erbauungsbücher etabliert hatten, so wurde sie immer huldreicher und freundlicher. »Es freut mich, daß es Ihnen hier nicht zu einsam ist,« begann sie ihre Unterhaltung, »ich höre, Sie waren früher auf einem großen und lebhaften Rittergute in Schleswig-Holstein, und auch das Hammerhaus von Fräulein von Dörrberg bot Ihnen gewiß mehr Abwechslung.« Ich nickte stumm, nicht um die Welt hätte ich antworten können. Wera gab mir einen unauffälligen Rippenstoß. »Ab – wechs – lung?« fragte sie zurück und dehnte jede Silbe endlos, wie sie sich überhaupt einer überaus langsamen, vornehmen Sprache befleißigte. »Fräulein Schlieden macht sich garnichts aus Abwechslung, Sie ist das nicht gewöhnt. Sie hat immer still für sich hingelebt, wie es ihrem inneren Empfinden und dem ihrer streng puritanisch veranlagten Cousinen entspricht.« Hier bekam Wera einen Krampfanfall und stürzte so rasch aus der Tür, daß Fräulein von Rhota ihr mißbilligend nachblickte. Sie seufzte. »Da ist noch viel zu feilen,« sagte sie und deutete mit der Lorgnette auf die Tür, durch welche Wera verschwunden war. »Dieses übersprudelnde Temperament ist schwer zu zügeln, aber mit der Zeit werden Ihre unablässigen Ermahnungen schon von Erfolg gekrönt sein.« Hier erschien Wera wieder, zog sich aber auch ebenso rasch wieder zurück, mein Anblick mußte von überwältigender Komik sein, denn ich hörte sie draußen stöhnen und ächzen. »Die Erziehung liegt in den besten Händen,« erklärte die Stiftsdame verbindlich und dann blieb sie über eine halbe Stunde bei mir, schilderte mir sämtliche Krankheiten, die in ihrem Körper nisteten und zuletzt mußte ich noch ein streng sachgemäßes Urteil über einen »Pickel« abgeben, den sie für eine »Balggeschwulst« hielt. Während dieser anregenden Unterhaltung war Wera ununterbrochen herein- und wieder hinausgelaufen, sie konnte durchaus ihre Fassung nicht bewahren. Ich wollte ihr schon zurufen: »Wera quängel und krätsch doch nich egal 'naus und 'rein«, aber ich besann mich noch beizeiten und flötete ihr zu: »Dieses unruhvolle Gebühren ist nicht fair , meine Liebe!« Daraufhin blieb sie im Zimmer, hielt sich aber das Taschentuch vor das Gesicht, und es sah für einen unbefangenen Beobachter aus, als sei sie von irgend etwas schmerzlich bewegt. Endlich erhob sich die Stiftsdame, und ich tat desgleichen. »Ich fahre mit den besten Hoffnungen für die Zukunft wieder nach Hause,« sagte sie lieblich lächelnd, »und werde meinem Neffen erzählen, daß ich seiner Ansicht voll beistimme. Meine Nichte Wera aber wird sich bemühen, endlich ein korrektes Wesen anzunehmen und Ihren Ratschlägen nicht unzugänglich sein.« Wieder seufzte ich schwer. »O Baronesse, es gehört jetzt leider in den vornehmsten Familien zum guten Ton, mit burschikosen Schlagworten um sich zu werfen, und langsame, edelschöne Bewegungen durch brutale Zimmergymnastik zu ersetzen, ein demokratischer Hauch liegt über der ganzen Welt, ein Duft, den ich hasse, der an Bierstube und Stall gemahnt und die Sehnsucht nach Lavendel und Thymian in uns wachruft.« Hier erfolgte wieder ein unartikuliertes Grunzen hinter Weras Taschentuch her, aber die Stiftsdame drückte mir warm die Hand. Dann gab sie mir noch ein untrügliches Mittel gegen Migräne, und ich empfahl nach kurzem Nachdenken für ihre Balggeschwulst Pinselungen mit Citronensaft und Massage, immer vom Pickel ausgehend nach dem Herzen zu. »Vielen Dank!« »Ohhh bitte!« »Adieu!« »Adieu!« »Noch einmal verbindlichsten Dank!« »Ohhh bitte!« »Adieu!« »Adieu!« »Es war mir eine Freude!« »Die Ehre liegt auf meiner Seite!« »Vielen Dank!« »Ohhh bitte!« »Adieu!« »Adieu!« Dieses letzte Adieu mußte ich ihr bereits zubrüllen, denn sie war unter Danken und Knicksen schon am Ende des Flures angelangt, ich aber erwischte noch mit knapper Not den Türflügel zu meiner Stube, lief hinein, riegelte schleunigst ab, warf mich aufs Sofa und lachte – lachte – lachte, daß mir die Tränen über die Backen liefen. Darauf fiel mir Wera um den Hals, wir sprachen noch einmal das köstliche Erlebnis durch und lachten wieder. Dann warf ich meine Vermummung ab, während Wera sich nach den Vorderräumen begab, um möglichst viel von dem Urteil ihrer Tante zu erfahren. Ich blieb bis zum Nachmittag in meinen Gemächern, was die Stiftsdame »äußerst taktvoll« nannte; auch als sie abreiste, winkte ich ihr nur vom Fenster zu, und da sie kurzsichtig ist, merkte sie nichts von meiner Verwandlung. Frau von Altenhof machte ein ganz glückliches Gesicht, als sie zu mir kam. »Kerlchen, Kerlchen, Sie sind ja ein Zauberer, was haben Sie nur angefangen, die strenge Dame ist ja begeistert von Ihnen!« Aber nun flog alle Verstellung wie Spreu von mir ab, ich beichtete unsere ganzen Schandtaten, und Frau von Altenhof lächelte und strich mir liebreich übers Haar. »Aber gottlose Ware seid ihr doch,« meinte sie. Und nun melde sich, wer eine Anstandsdame braucht, ich stehe zur Verfügung, sobald die Mission an meinem Zögling vollendet ist. Wera wird wohl das Weihnachtsfest in Groß-Rhoda verbringen, ich bleibe still bei Frau von Altenhof und Gisela. Mein Schreiben ist ein streng vertrauliches an Euch, schleppt es also nicht in alle Windrichtungen, denn es könnte den Anschein erwecken, als fehle es mir am nötigen Ernst, während doch ganz und gar in ihrem Berufe aufgeht Eure Anstandsdame. * Aus Kerlchens Tagebuch. Vielleicht eine halbe Stunde von Altenhof entfernt liegt ein schöner Tannenwald, der ganz entzückend im Winterschnee aussieht, vom Schlosse führt ein schmaler Weg dorthin, den der Förster und seine Gehilfen gut gangbar gemacht haben. In diesem Wald, nahe der Lichtung, von welcher man Schloß und Gut Altenhof übersehen kann, liegt ein kleiner See, so malerisch, so versteckt, daß ich fest davon überzeugt bin, im Sommer tauchen sich die Nixen hinein. Ich habe ihn deshalb »Elfenbad« genannt. Auf der Karte steht nur: »Der Tümpel«, aber Landkarten sind ja immer unpoetisch. – Dort hinaus wanderte ich jeden Morgen auf ein Stündchen oder zwei mit meinen Schlittschuhen; – man kann dort so herrlich das Bogenlaufen üben. Hei, da tummelte ich mich, schnitt »Achten« und meinen Namenszug in das Eis und war so recht in meinem Element. Auch gestern pilgerte ich hin. Wera war mit einem Bündel Aussteuersorgen nach Sandkrug gefahren und hatte mir heilig versprochen, sich musterhaft anständig zu benehmen, damit sie ihre »Dame« entbehren könne. Ich war auf meinem Tümpel so recht in Gott vergnügt, und da mir das Bogenlaufen nicht genügte, um meine Vergnügtheit auszudrücken, fing ich ein Gespräch mit den umstehenden Bäumen an, desgleichen mit einer kleinen Blaumeise, die mir zuguckte. Dann umarmte ich der Reihe nach die Tannen, die mich so freundlich beschützten, und drückte mein heißes Gesicht an ihren kühlen Stamm, der so köstlich nach »Weihnachten« roch. Und mit diesem Duft strömte eine solche Menge von Kindheitserinnerungen auf mich ein, daß ich hochaufatmen mußte und dann sang ich jubelnd hinaus in die klare Winterluft: »O du fröhliche, o du selige Gnadenbringende Weihnachtszeit, Welt war verloren, Christ ist geboren, Freue dich, freue dich, o Christenheit!« »Das nenne ich aber eine stimmungsvolle Kirche!« sagte da eine Stimme neben mir. Ich erschrak natürlich sehr und guckte den fremden Herrn nicht gerade freundlich an. Er stand auf der kleinen Anhöhe seitwärts und lehnte sich behaglich an einen Stamm, sein Gesicht kam mir recht spöttisch vor. »Warum singen Sie denn an so ungewöhnlicher Stelle Ihre Weihnachtslieder, und was haben dir Bäume getan, daß sie eine so außerordentliche und beneidenswerte Belohnung bekommen?« fuhr der Fremde fort, und nun wäre es gewiß schicklicher gewesen, die Flucht zu ergreifen, wie es andere wohlerzogene Mädchen sicherlich getan hätten, aber ich fand seine Frage so grenzenlos dumm, daß ich mich gar nicht weiter besann, sondern ärgerlich antwortete: »Was fragen Sie noch? Ist es nicht ein himmlischer Morgen? Und riecht es nicht nach Weihnachten überall? Da muß doch jeder Mensch jubeln und singen und dankbar sein – –« »Kerlchen!« rief er. »Es stimmt alles! Das wilde Lockenhaar, die trotzigen Augen, das Stumpfnäschen –« »Meine Nase geht Sie gar nichts an,« begehrte ich auf, ohne weiter drauf zu achten, daß mich der Unbekannte mit meinem Namen angeredet hatte, denn ich war wirklich zornig, weil meine Nase sozusagen meine Achillesferse ist, sie guckt gar so fröhlich in die Luft, und mein Väterchen wollte mir schon immer einen Extraregenschirm dafür kaufen. »Sie geht mich aber doch etwas an.« Mit zwei Sätzen war der Fremde bei mir, schwenkte mich auf dem glatten Eise herum, daß ich beinahe lang hinschlug und sagte: »Guten Tag, Kerlchen! Sie sind meines lieben, jungen Freundes Erich Schlieden Schwesterchen.« »Herr von Hartwig?« fragte ich zweifelnd, und er bestätigte: »In Lebensgröße!« Nun das war doch wirklich ein sonderbares Zusammentreffen. Wir fragten auch weiter gar nicht, wo wir herkämen, wir waren gleich mitten drin im Erzählen. Die Zeit verging im Fluge, ich war furchtbar erschrocken – als ich endlich nach der Uhr sah, schnallte rasch meine Schlittschuhe ab, wobei er mir ritterlich half, und schritt neben ihm durch den Tannenwald. »Ich dachte es mir gleich, daß nur Sie es sein könnten,« sagte Herr von Hartwig, »und als Sie mir zuriefen, man müsse dankbar sein, da wurde es zur Gewißheit, denn Erichs drittes Wort war immer: »Kein dankbareres Seelchen auf Gottes Welt, als unser Kerlchen!« Aber nun lasse ich Sie auch nicht wieder los. Sie müssen sich auf irgend eine Weise Urlaub verschaffen und mit mir nach Sandkrug wandern, Sie müssen mein Heim kennen lernen, mein liebes Weib und meinen Jungen!« Wie seine Augen leuchteten, als er das sagte. Aber ich schüttelte stumm den Kopf. »Sie wollen nicht?« fragte er erstaunt. »Ja, aber warum denn nicht? Freuen Sie sich nicht, daß wir uns gefunden haben, hat Erich Ihnen nicht von meiner Inge geschrieben, die sich so auf Sie freut? Was ist Ihnen, haben Sie kein Vertrauen zu mir?« Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte ja auch kein Vertrauen zu ihm. Er war ein Wortbrüchiger, der die arme, kranke Gisela betrogen und verlassen hatte. Trotzig und abweisend sah ich ihn an. Er wurde sehr blaß. »Sie sind ein Kind,« stieß er rauh hervor, »was wissen Sie von – – –, aber gleichviel, Ihnen ist von mir erzählt worden und – – schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort.« »Ja!« fuhr ich auf, »ich bin auch fertig mit Ihnen – es war Fahnenflucht, das ist das Schlimmste für einen Offizier.« »Echt Kerlchen,« entgegnete er. »Aber ich nehme den Handschuh nicht auf. Ich sehe aus allem, was Sie tun und sagen, nur das eine, daß Sie Gisela von Altenhof sehr lieb haben, – und das tut mir wohl. – Und nun werden Sie mir Ihre Hand geben und mir fest versprechen, ehe Sie endgültig über mich aburteilen, erst einmal zu uns zu kommen. Und wenn ich auch in Ihren Augen rabenschwarz bin, meine Inge hat Ihrem Erich-Bruder viel Gutes getan, hat ihn vor Verzweiflung bewahrt in den schwersten Tagen seines Lebens, – nicht wahr, das gibt für das »dankbare« Kerlchen den Ausschlag. Ich reichte ihm, ohne zu zögern, meine Hand, er drückte sie kräftig, dann zog er tief den Hut und ging raschen Schrittes davon. Ich kam sehr nachdenklich nach Hause. Auf dem Wirtschaftshofe stieß ich mit einem jungen Mädchen zusammen, das für die Schloßbewohner näht und oft von Sandkrug hereinkommt, um nach neuer Arbeit zu fragen. Sie sah mich spöttisch an, und als ich ihr freundlich guten Tag bot, erwiderte sie dies reichlich schnippisch. Als ich in die Vorhalle trat, kam mir die alte Tina, wie es schien, recht aufgeregt, entgegen, nahm meine Hand und sagte eindringlich: »Ich hab' so viel auf Sie gehalten, Fräulein Felicitas, – ach Gott, – wir alle dachten, ein guter Engel wär' für uns vom lieben Gott geschickt worden. Liebes, liebes Kindchen, ach kommen Sie doch bloß nicht auf Abwege! Die Marthe hat Sie gesehen, mit einem fremden Mann im Walde, immerzu hat sie Sie beobachtet und ich glaube nicht, daß die Marthe lügt – – –« »Wahrscheinlich lügt sie doch,« rief ich empört, »wenn sie irgend etwas Häßliches gesagt hat. Der Herr war ein alter Freund meines Bruders.« »Warum kommt er denn nicht offen ins Schloß,« beharrte die alte Dienerin, »das ist doch sonst so Sitte bei den Vornehmen, und nur niederes Volk trifft sich heimlich im Walde.« »Wir haben uns nicht heimlich getroffen,« rief ich außer mir. »Ich sah ihn heut' zum erstenmal!« Damit rannte ich zornbebend die Treppe hinauf. »O Gott, o Gott, zum erstenmal! Ich denk', es ist ein alter Freund?« jammerte Tine hinter mir her, o jeh, o jeh, die Jugend will nun mal nicht hören!« Nein, ich wollte ihr Gejammer auch nicht hören, ganz atemlos kam ich in meinem Stübchen an. Nein, so etwas! So ein dummer, blödsinniger Verdacht! Und mir, mir so etwas zuzutrauen! Ich warf die Schlittschuhe in eine Ecke und mich selbst längelang auf das Ruhebett, das in allen Fugen krachte. Da lag ich in ohnmächtigem Zorn eine Weile, bis mir schreckhaft der Gedanke kam, daß Frau von Altenhof auf mich warte, um sich vorsingen und -spielen zu lassen. Das war auch eine neue »Errungenschaft«. Frau von Altenhof hatte eine »phänomenale« Altstimme an mir entdeckt und pflegte sie um so mehr, als sie selbst hochmusikalisch war, während Wera ebenso gern eine Tür »knaarzen«, wie eine Liszt'sche Rhapsodie hörte. Ich sprang schnell auf, fuhr mit dem Kamm durch meinen Ruschelkopf und zog alles gerade, was irgendwie schief hing. Dann stürmte ich zur Schloßherrin, aber kurz vor dem Eintritt in den Musiksaal hemmte ich etwas meine Riesenschritte und trat sehr sittsam und manierlich in das Gemach. Frau von Altenhof hatte die Hand über das Gesicht gelegt und sah nicht auf, als ich eintrat. So überließ ich sie ihren Gedanken und ging gleich zum Flügel, um das alte Volksliedchen zu singen, welches mir meine Lehrerin aus ihrem Notenschatz ausgewählt hatte: »Wer ist so verlassen, wie ich auf der Welt? Nicht Vater nicht Mutter, kein Gut und kein Geld Es weht durch die Lande der Winterwind, Untreu ward der Liebste mir armem Kind, Weil gülden kein Kettlein am Halse mir gleißt, Ach, weiß es wohl Einer, – was Sehnsucht heißt?« Leise, ganz leise war Frau von Altenhof hereingeschritten, und nun stand sie neben mir und faßte meine beiden Hände, daß das Notenblatt zur Erde fiel. »Felicitas, haben Sie doch Vertrauen zu mir,« sagte sie beweglich, und ich sah sie erstaunt an mit klopfendem herzen, denn sie war so anders als die Tage vorher, und es tat mir weh, daß sie nicht »Kerlchen« zu mir sagte, wie sonst immer. »Ich hab' großes Vertrauen zu Ihnen,« sagte ich einfach. »Das ist ja nicht wahr, Kind, rief sie erregt, »o – soll ich denn immer wieder enttäuscht werden? Sind denn auch Sie nicht wahr mit Ihrem unschuldigen Kindergesicht? Warum singen Sie mit so ergreifendem Ausdruck dieses Lied von der Untreue des Geliebten?« »Das weiß ich nicht. Es ist doch aber gewiß traurig, wenn ein Mann untreu und schlecht ist.« Frau von Altenhof sah mich an, als wollte ihr Blick mir bis ins innerste Herz dringen. »Kerlchen, Kerlchen!« rief sie. »Und wer ist der Herr, mit dem Sie sich im Walde trafen, der Ihre Hände hielt und nicht losließ, mit dem Sie ein erregtes Gespräch hatten und von dem Sie sich traurig trennten? Sehen Sie, wie Sie rot und blaß werden? O Kerlchen, Kerlchen!« Nun, da sollte man nicht rot und blaß werden. Lieber will ich gar nicht weiter erzählen, denn was nun kam, war gewiß nicht schön, und Frau von Altenhof sah, daß ich kein nettes, sanftes, gutes Mädchen war, sondern ein wildes, tobendes, abscheuliches Menschenkind, das sich wie rasend gebärdete und alles hervorsprudelte, was ich eigentlich mit Rücksicht auf Gisela still bei mir behalten wollte. Aber vielleicht war's auch gut so. Frau von Altenhof guckte mir nur ganz erschrocken zu, sie hatte wahrscheinlich noch nie so einen Sturmwind gesehen, und als sie dann den Arm um mich legte und ganz liebevoll und freundlich: »Ruhe im Lande!« sagte, da schämte ich mich grenzenlos. Aber das Schlimme ist, daß ich in solchen Fällen nicht weinen kann, wie andere Mädchen, sondern mit heißen, trockenen Augen und steif wie ein Holzbock dastehe und wahrscheinlich nicht die Bohne zerknirscht aussehe. »Kleines, dummes Geschöpf,« sagte Frau von Altenhof zärtlich und zog mich nahe zu sich heran. »Gottlob und Dank, daß ich mich nicht in Ihnen getäuscht habe. Über dieser Freude vergesse ich beinahe das Leid, daß jener Mann in unserer Nähe weilt, der so unsäglichen Jammer über Gisela gebracht hat. Sie darf natürlich von seiner Anwesenheit nichts erfahren, versprechen Sie mir das, Kerlchen, ja? Sie ist schon so lange so still und arbeitsam, daß ich meine, ihr Geist ist dauernd klar und scharf, aber er darf durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Nicht wahr, wir beide wollen sie vor neuem Leid bewahren?« Ich nickte eifrig, und dann fingen wir an zu singen und zu üben und vergaßen alles um uns, bis Heinrich zu Tisch rief. Ich hatte einen gesegneten Hunger vom Schlittschuhlaufen mitgebracht und konnte ihn auch nach allen Richtungen stillen, denn Frau von Altenhof genoß heute nichts, sondern schaute traurig und sinnend ins Weite, sie überdachte wohl meine Begegnung mit Herrn von Hartwig, der Ihnen einst so nahe stand, und Gisela hatte sich entschuldigen lassen, – sie sei krank. Am nächsten Tag, als ich mir auf der schönen Landstraße nach Sandkrug hin etwas die Füße vertreten wollte, überholte mich ein rasches Fuhrwerk. Der ältere Herr, welcher in Tücher und Pelze gewickelt drinnen saß, warf die Hüllen von sich ab, ließ halten und sprang aus dem Wagen. »Dr. Gieseke,« stellte er sich vor. Ich nickte kurz. »Ich möchte Sie entführen,« begann er mit rauher Stimme, und als ich ihn erschrocken ansah, lachte er kurz auf. »Nein, es ist nichts Romantisches dabei, aber ich habe einen Auftrag von Herrn von Hartwig, der mir mitteilte, er habe Sie gestern kennen gelernt. Der arme Mensch war so ziemlich kopflos, denn seine Frau, ein zartes, blasses Menschenkind hat einen Blutsturz bekommen, und nun ist niemand da, der dort ein wenig helfen kann. Pfarrers sind auch beide über Land zu einer Taufe, aber Hartwig schwört drauf, daß Sie Hilfe bringen könnten. Wollen Sie um Urlaub bitten? In einer halben Stunde bin ich wieder hier.« Ich nickte ihm hastig zu und eilte ins Schloß. Zuerst traf ich nur Wera, der ich aufgeregt alles erzählte. »Natürlich mußt du hin,« redete sie mir zu, das gebietet die einfache Menschlichkeit, und du kannst ja nichts dafür, was dieser Hartwig unserer Gisela angetan hat.« Sie erschrak und legte den Finger auf den Mund. Die Tür zum Nebenzimmer stand offen, der leichte Schritt Giselas, welche unablässig auf und ab ging, war hörbar. Hatte sie alles vernommen? Still verließen Wera und ich das Zimmer und eilten zu Frau von Altenhof. Diese drückte mir stumm die Hand, als ich ihr das Vorgefallene erzählte und erteilte mir sofort Urlaub. Eine halbe Stunde später saß ich bei Dr. Gieseke im Wagen. Ich sah ihn scheu von der Seite an; was ich von ihm gehört, war nicht gerade dazu angetan, ihm Vertrauen zu schenken. Und doch, je länger ich mit ihm zusammen war, desto besser gefiel er mir, und desto mehr fiel mir der gramvolle Zug in seinem Gesicht auf. »Warum betrachten Sie mich so angelegentlich,« fragte er mich plötzlich und schroff, und ich wurde glühend rot, sagte aber keinen Ton. Hätte er nun weiter geforscht, wäre ich sicher mucksmäuschenstill geblieben , aber da er so ganz verschlossen dasaß, drückten mir verschiedene Fragen beinahe das Herz ab. Endlich hielt ichs nicht länger aus, er sollte doch wissen, wie ich über ihn dachte. »Frau von Altenhof ist furchtbar unglücklich,« stieß ich hervor. Er lächelte wehmütig. »Kleines Mädchen, Sie können sich ja so schlecht verstellen, ich weiß, ja längst, was in Ihnen vorgeht. Noch ehe Hartwig Sie kennen lernte, hat er mir, seinem alten Freund, von »Erich« und Ihnen erzählt. Wie oft hat uns das »Kerlchen«, sich selbst unbewußt, erheitert. Und nun hat man Ihnen eine Schauermär vom alten Gieseke erzählt, die immer noch an Düsterkeit zugenommen hat, je mehr Jahre darüber hingegangen sind, und Sie grübeln unablässig drüber nach: »Ist es wahr, oder nicht?« Hab' ich Recht?« Ich nickte. »Aber wie könnte ich nun verlangen, daß Sie mir glauben sollen, wenn ich, der Fremde, Ihnen sage: – »Es ist ein häßliches Spiel mit mir getrieben worden, und alles beruht auf Lüge und Verleumdung?« Ich sah in sein gutes, sympathisches Gesicht und streckte ihm ohne Zögern die Hand hin. »Ich glaube Ihnen,« sagte ich einfach. »Sieh, sieh,« nickte er. »Also ganz das impulsive, kleine Kerlchen, als welches ich Sie schon kenne!« »Aber was nützt das,« seufzte ich. »Alle im Schlosse denken häßlich von Ihnen!« »Ich weiß, ich weiß!« Der traurige Zug in seinem Gesicht verschärfte sich. »Frau von Altenhof hat meine Briefe ungelesen zerrissen, ich hab' ihr verziehen um des Schmerzes willen, den sie als Mutter erlitt. Das Kind war längst tot, als man mich damals rufen ließ, der eigene Vater hatte dessen Tod verschuldet, und seiner schwerkranken Frau dann das andere Märchen aufgebürdet, zu dem ich ihm freilich die Handhabe bot, weil ich stark angeheitert von einer Hochzeitsfeierlichkeit kam. Ich hab's schwer gebüßt.« Er versank in tiefes Schweigen, und ich war so im innersten Herzen empört über das Netz von Lüge, das man um ihn gezogen, daß auch ich kein einziges Wort fand. Endlich rasselte der Wagen durch Sandkrug. Alle Köpfe fuhren an die Fenster, man schien mich gleich zu erkennen, und jemand aus Altenhof zu sehen, ist immer etwas Besonderes. Man wird angestarrt und wenn irgend möglich ausgefragt, aber diesmal fuhren wir durch den Ort hindurch bis nach der Friedhofsallee, in der lauter kleine Häuser stehen, die der Besitzer der Nadelfabrik für seine Beamten und Arbeiter gebaut hat. Ich war nur selten hierhin gekommen, aber immer hatte ich mich an den lieben grauen Häuschen gefreut, die alle einzeln in hübschen Gärten lagen und so wohlgehalten und gepflegt aussahen. Aber ich hatte nicht geahnt, daß in einem der Häuschen Erichs Freund wohnte. Der Wagen hielt, Herr von Hartwig kam uns entgegengeeilt und drückte meine Hände, als wollte er sie gar nicht wieder loslassen. »Dank, Dank,« rief er immer wieder. »So bald schon kommen Sie! Inge schläft, sie sieht viel, viel wohler aus,« wandte er sich dann zum Doktor. »Das ist recht,« antwortete dieser, »und ich lasse Ihnen erst mal dieses kleine, liebe Samariterchen hier, damit es sieht, wo es helfen kann, und heute Abend hole ich es wieder ab.« So kam ich in Hans von Hartwigs Haus. – Es war ganz ebenso gebaut wie die anderen Häuser, aber doch schien es mir vornehmer und größer zu sein, das machte wohl die eigenartige, wunderschöne Einrichtung, die, wenn man sie näher betrachtete, doch nur höchst einfach, aber mit ausgesuchtem Geschmack hergestellt war. Als ich ins Wohnzimmer trat, blieb ich überrascht auf der Schwelle stehen. So engelschön hatte ich mir »Bubi« doch nicht gedacht, trotzdem der Doktor mir unterwegs eine begeisterte Schilderung des Jungen entworfen hatte. Wie ein Bild sah er aus in seinem schwarzen Samtkittel, über dessen Kragen hellblonde, seidenweiche Locken fielen, mit dem weiß und roten Gesichtchen, aus dem ein Paar wunderschöne, sprechende Blauaugen sahen. »Dies ist Onkel Erichs ›Kerlchen-Schwester‹,« stellte mich Herr von Hartwig vor, und das kleine Bild streckte mir die Hand hin und sagte ruhig: »Das ist schön, du darfst hier bleiben!« »Er ist etwas selbstherrlich, unser Felix,« lachte Herr von Hartwig, »aber er ist durch und durch ritterlich; nicht wahr, Felix, du wirst deine Namensschwester nachher beschützen und unterhalten, wenn ich nach der Fabrik gehe?« Der Sechsjährige nickte ernsthaft. »Ich wollte es ja durchaus nicht leiden, daß Doktor Gieseke Sie holte,« wandte sich Hartwig an mich, »aber er tat es nicht anders, unsere Magd, ein eben der Schule entronnenes Mädel ist »horndumm«, wie man in Sandkrug sagt, und hat heute ganz den Kopf verloren, als meine Inge krank wurde.« Ich nickte verständnisvoll, denn der Doktor hatte mich unterwegs schon instruiert, deshalb lief ich nun auch gleich in die Küche, um einen guten, soliden Kaffee zu kochen, der nach Ansicht aller vernünftigen und unvernünftigen Leute rasch einen verzagten Menschen ins Gleichgewicht bringt. Die Magd saß an dem Küchentisch, hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und heulte, neben ihr lag ein Traumbuch. »Guten Tag,« sagte ich. »Ach Gott,« heulte sie. »Sie müssen nicht mehr weinen,« beruhigte ich sie und guckte sie erstaunt an, denn sie war einen Kopf größer als ich und sehr breit, so daß sie gar nicht wie ein »eben der Schule entronnenes Mädel« aussah. »Doch! Es ist zu traurig! So schön und jung und schon sterben müssen!« Ich wußte zuerst nicht, ob sie sich selbst meinte, aber sie sah nicht nach Sterben aus, und von den beiden Eigenschaftswörtern paßte auch nur das eine. »Wer soll denn sterben?« fragte ich. Sie zeigte mit dem Daumen nach dem Nebenzimmer. »Die Frau,« antwortete sie. »Meine Mutter hat von »Nähnadeln« geträumt, da kam heute der Blutsturz, und ich habe von »Stecknadeln« geträumt, nu muß sie sterben.« »Reden Sie doch nicht solchen Unsinn,« rief ich ärgerlich, »und hören Sie auf mit Heulen, Es ist wohl kein Wunder, daß Sie so »spitzig« träumen, wenn Sie alle in der Nadelfabrik beschäftigt sind. Und nun räumen Sie drinnen ein bißchen auf, und ich koche Kaffee.« Karline verschwand mit einem schweren Schluchzer, und ich holte die Kaffeemühle und maß von Zuntz seiner seligen Witwe eine gehörige Portion hinein, die ich dann, tief in Gedanken, zermahlte. Daß ich in der Küche von Hans von Hartwig Kaffee kochte, war doch wirklich seltsam. Das Wasser brauste und sprudelte auf dem Herd, ich schöpfte es aus und trichterte einen wundervoll duftenden Trank zurecht. Dann wurde die Tür vom Nebenzimmer leise geöffnet, und Herr von Hartwig erschien auf der Schwelle. »Inge will Sie sehen, Fräulein Felicitas, – bitte!« Ich schritt an ihm vorbei in das geöffnete Schlafzimmer, eine durchsichtig zarte, blasse Hand streckte sich mir entgegen. »Willkommen, Kerlchen!« rief eine süße, weiche Stimme. War es wirklich eine Frau, die Mutter eines sechsjährigen Kindes, die dort im weißen Kissen lag? Überirdisch schön war Inge Hartwig. Eine Fülle blonder Löckchen krauste sich um ihre Stirn, auf dem Kissen lagen zwei schwere, blonde Zöpfe. Und die Augen! Gab es wirklich auf der Welt solch ein leuchtendes Blau? Ich war zu ihr hingeeilt und hatte, ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand geküßt. »Das ist also Kerlchen?« fragte sie und sah mich liebevoll an. »Da hat der Erich nicht zu viel gesagt, gelt Hansel?« Und gleich sind Sie zu uns gekommen? Das ist lieb von Ihnen. Wie das aus der Küche duftet, Sie sind wohl schon fleißig gewesen?« »Ich will den Kaffee gleich holen,« erwiderte ich und lief wieder hinaus, denn ich fühlte, daß mir die Tränen in die Augen schossen, so rührend schön, lieblich und doch so krank sah das Gesichtchen von Frau Inge aus. Ich hantierte lange draußen herum, nach einer Weile kam Hans von Hartwig wieder zu mir. »Sie glauben doch nicht, daß Inge kränker ist, als sie sagt?« fragte er mich hastig. Ich schüttelte den Kopf, sprechen konnte ich gar nicht, und er stützte sich schwer auf den Tisch. »Sie war doch immer so gesund und sieht so rosig aus,« fuhr er fort, »der Blutsturz hat mich so sehr erschreckt, aber Doktor Gieseke hat mich ganz beruhigt; nicht wahr, eigentlich krank sieht Inge doch auch nicht aus, nur so zart, sehr zart!« So viel Angst lag in seiner Stimme. Ich streckte ihm beide Hände hin. »Lieber Herr von Hartwig, ich hab' nie in meinem Leben solch einen Engel gesehen, wie Frau Inge, wir wollen sie schon gesund pflegen, gelt? Und jeden Tag komme ich, wenn ich darf, – ja – darf ich?« »Ob Sie dürfen? Gutes Kerlchen! Tausendmal ja! Ich segne den Augenblick, als ich Sie Bäume umarmend im Walde fand, aber nun kommen Sie, Inge darf nicht ahnen, daß wir uns um sie sorgen.« Nun deckten wir den Kaffeetisch vor Frau Inges Bett, und saßen später alle vier vergnügt beisammen, denn Felix war auch hereingekommen, und wie er sich an seine Mutter schmiegte, war es das entzückendste Madonnenbildchen. Dann erschien Karline, die Kuchen vom Bäcker geholt hatte, und erzählte strahlend, daß sich alle, die ihr begegnet wären, nach der »Frau« erkundigt hätten; ja sogar eine blühende Hyazinthe brachte sie mit, die hätte ihr die »Frau Lehrer« aus dem Fenster gereicht. »Wie sie dich lieben!« sagte Hartwig leise und strich zärtlich über das goldige Lockenhaar seiner Inge. »Wie die Menschen gut sind!« flüsterte Frau Inge, und sah bewegt zu ihm auf. Er küßte ihre Hand, dann verabschiedete er sich auf einige Zeit von uns, um nach der Fabrik zu gehen und dem Direktor Bericht zu erstatten. Als ich später den Tisch abräumte und das Geschirr in die Küche trug, saß Karline wieder über dem Traumbuch und studierte. »'s kann auch sein, daß sie leben bleibt,« bemerkte sie weise und löste vorsichtig die aneinander klebenden Ecken, »ich hab' da von der Bäckerfrau ein anderes Traumbuch mitgebracht »nach Angaben eines morgenländischen Weisen«, (meins ist von der Lenormanden) da steht bei »Nadeln« nischt vom Sterben, sondern: »Guter Fortgang des Geschäfts, – nu, mir soll's recht sein.« »Immer dieses dumme Traumbuch,« rief ich ärgerlich, »meinen Sie, der liebe Gott kümmert sich darum?« »Nu, da muß ich aber doch sehr bitten,« begehrte die stämmige Person auf, – »das Traumbuch hat schon meine Großmutter selig gehabt, un is allemal eingetroffen, was sie geträumt hat. »Das glaube ich nicht!« »So? Na denn nicht! Aber ganz Sandkrug weiß ja auch, daß die Altenhofer nischt glauben, an kein Deubel und an kein Traumbuch und kein Gott!« »Es ist ein Unrecht, diese drei Namen in einem Atem zu nennen,« rief ich zornig. »Kümmern sich Fräulein man um sich selber, unsereins tut schon kein Unrecht. – Un die Martha, die fürs Schloß näht, hat von Scheren und Messern geträumt, das bedeutet »Zusammenbruch des Hauses« und soll uns gar nich wundern, wenn das alte Schloß mal zusammenstürzt, Fräulein sollten beizeiten auskneifen.« Ich drehte der dummen Person den Rücken zu und begab mich ins Wohnzimmer, wo ich auch rasch Ordnung schaffte. Es lag noch alles so, wie es gelegen, als der Anfall die arme, zarte Frau Inge überraschte. Eine feine Stickerei lag auf der Erde, ich hob sie auf und legte sie in einen weißen Korb, der lauter entzückende Sachen enthielt: kleinwinzige Jäckchen, Hemdchen, Mützchen, weiße, weiche Tücher, gestrickte Schuhchen. Ganz sacht strich ich liebkosend über alles, dann eilte ich zu Frau Inge ans Bett, auf dessen Kante Bubi noch immer saß, und ganz ernsthaft mit Mütterchen plauderte. Ach, da hab' ich noch ein paar ganz traute Stündchen gesessen, und es war mir zum erstenmal, als hatte ich nun erst eine richtige Freundin gefunden, die mich verstand und der ich auch alles hätte sagen können, wie sie mir alles vertraute. – In diesen Stunden wich auch die Empörung gegen Hans von Hartwig in mir einem andern Empfinden. Er hatte ja schlimmes Unrecht getan, gewiß, – aber das hatte er wohl auch gebüßt durch jahrelange Bitternisse. Ich mußte an sein Haar denken, das an den Schlafen schon ganz ergraut war, das hatte wohl die immerwährende Angst und Sorge getan, die er um seine geliebte Inge trug. Und sein Beruf! Daß er diesen hatte aufgeben müssen quälte auch Frau Inge, aber jeder hatte all die Jahre hindurch sein Leid vor dem andern verborgen, nur helle Augen hatten sie sich gezeigt, trotzdem die Arbeit in der Fabrik, das fortwährende Beisammensein mit einem ungebildeten Vorgesetzten Hartwig zur Qual wurde. Auch nach Gisela fragte Frau Inge. Leise und stockend bat sie mich, von ihr zu erzählen, und ich tat es mit wehem Herzen, denn ich sah, wie immer Röte und Blasse auf Frau Inges Gesicht wechselten, sah, wie ihre blassen Hände unaufhörlich vor innerer Erregung über die Decke strichen, und hörte aus jeder Frage, daß sie von der früheren Verlobung ihres Gatten wisse, wenn sie auch erst nach ihrer Verheiratung gehört, daß er eine andere um ihretwillen aufgab. Als der Wagen des Doktors abends vor dem Hause hielt, um mich abzuholen, da hatten wir ganz feste, feste Freundschaft geschlossen, und ich versprach mit Hand und Mund, täglich wiederzukommen. Dr. Gieseke blieb bei Frau Inge, ich fuhr allein im geschlossenen Wagen durch die Winternacht nach Altenhof. Wir hatten die Lichter von Sandkrug schon eine Weile hinter uns gelassen, als der Kutscher plötzlich mit raschem Ruck den Wagen anhielt, daß ich heftig erschrak. Ich hörte ihn mit jemand sprechen, und dann wurde der Schlag aufgerissen. »Ich bin's,« sagte Gisela, und die vermummte Gestalt setzte sich zu mir in den Wagen. Ich sah, daß sie vor Frost schauerte. »Aber Fräulein von Altenhof!« rief ich vorwurfsvoll, während unser Gefährt sich wieder in Bewegung setzte, »was tun Sie denn hier in Wind und Wetter so weit vom Schlosse entfernt? Sie können sich in den Tod erkälten!« »Erkälten! Was liegt daran?« Sie lehnte sich in die Polster zurück; schweigend fuhren wir nebeneinander dahin. Plötzlich packte sie meine Hand, daß es mir weh tat. »Erzählen Sie mir von Hans von Hartwig!« Wie ein Schrei kam es von ihren Lippen. Ich fuhr zurück, ich suchte meine Hand frei zu machen, doppelt groß war meine Angst, denn ich konnte im Dunkel des Wagens ihr Gesicht nicht erkennen. Aber sie hielt mich fest wie in einem Schraubstock. »Quälen Sie mich doch nicht so,« rief sie heiser, »ich habe Ihre Unterredung mit Wera belauscht, ich habe Übermenschliches bis heute Abend ertragen, jetzt sollen Sie mir alles erzählen!« Ich sah, daß ich in ihrer Gewalt war, und so fügte ich mich. Ich sprach von Hartwigs Häuslichkeit, von seinem entzückenden Weib, von seinem lieblichen Knaben, und sie unterbrach mich mit keinem Wort, keinem Ausruf, nur wenn ich einen Augenblick inne hielt, drängte sie: »Weiter, weiter!«, mit einer Stimme, die klanglos vor Erregung war. Endlich, endlich hielt der Wagen vor dem Schloßportal. Mir war's, als wären wir tagelang gefahren: ich hatte heftiges Herzklopfen, meine Locken klebten an der Stirn, und meine Handgelenke taten weh von Giselas schmerzhaftem Griff. Auch jetzt sprach sie nicht, ohne ein Wort ging sie an mir und Heinrich, der uns empfing, vorbei in ihre Zimmer. Frau von Altenhof teilte ich das Vorgefallene mit, und an dem Abend saßen wir beide bis in die tiefe Nacht und sorgten uns, machten Pläne für die Zukunft, die sich alle um unser Sorgenkind drehten, ach, und es war solch ein liebes Gefühl für mich, als Frau von Altenhof zu mir sagte: »Kerlchen, liebes Kerlchen, Sie sind nicht nur das Anstandsdämchen, das von uns belacht wird, Sie sind jetzt wahrhaft meine Stütze, was fing' ich wohl an ohne Kerlchen!« Und in dieser stillen Nacht, da wir uns beinahe wie Mutter und Kind aneinander schlossen, erzählte ich ihr auch von dem alten Doktor Gieseke: erst zaghaft und scheu, voll Angst, die alten Wunden wieder aufzureißen, aber dann trieb mich mächtig das Gefühl, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Frau von Altenhof wurde totenblaß. »Pfui, welch' ein Gewebe von Lüge, o pfui! Und mich hineinzuziehen! Und dann darinnen zu bleiben durch eigene Schuld! Kerlchen, ich hab' unendlich viel wieder gut zu machen!« Am andern Tag fuhr sie selbst nach Sandkrug. Wie mögen wohl die biederen Kleinstädter die Hälse gereckt haben, als ihr Gefährt stundenlang vor Doktor Giesekes Wohnung stand. Ich kauerte derweilen in Veras Stube und packte deren Köfferchen, denn sie wollte noch an demselben Tage nach Groß-Rhoda. »Kerlchen, ich werde mich trotz meines Schatzes halbtot nach dir sehnen,« behauptete sie, »aber mitnehmen kann ich dich ja nicht, Tante Rhoda würde mich sofort enterben, wenn sie die Anstandsdame plötzlich so verwandelt sähe, – das muß erst alles nach und nach kommen.« »Hätten wir doch niemals Komödie gespielt!« sagte ich seufzend. »Ach Himmel, jetzt nur keine Moralpauken! Aber du bist viel besser als ich. Du bleibst als barmherziger Samariter hier in lauter Trübsal, und ich fahre ins sonnige Glück hinein, O Kerlchen, aber ich komme bald wieder!« So kam Weihnachten heran. Ich hatte schon ein paarmal das Gespräch darauf gebracht, aber Frau von Altenhof war nie darauf eingegangen, und ich sah wohl, daß ihr Herz trotz der klärenden Aussprache mit dem alten Freunde im Banne der trüben Erinnerung blieb. So ging ich selbst zum Herrn Pfarrer, holte mir Arbeit für die Ärmsten des Dorfes und saß Abend für Abend mit Tina und der »ollen Müllern« strickend auf der großen Vordiele. Die Unterhaltung riß dabei nicht ab. Die »olle Müllern« erzählte, daß sie früher das schönste Mädchen Thüringens gewesen sei. Und wenn sie dabei so strahlend griente und ihren einzigen gelben Zahn zeigte, riß sie mich zu fröhlichem, ungläubigem Lachen hin. Das nahm sie mir aber gewaltig übel und setzte als Trumpf auf ihre Mitteilungen den Bericht, daß noch gestern der neue Briefträger zu ihr gesagt habe: »Schöne Frau, sind Sie nicht die »olle Müllern?« Unter solchen »anregenden« Gesprächen vergingen die Stunden im Fluge, aber jeden Tag holte mich außerdem der Doktorwagen ab, und ich durfte ein paar Stündchen bei Hartwigs bleiben, die mich immer mit grenzenlosem Jubel empfingen und ganz als zu sich gehörig betrachteten. Frau Inge hatte gleich am Tage nach dem Blutsturz das Bett wieder verlassen können, sie behauptete auch, gar zu notwendig in dem kleinen Haushalte zu sein, der unter Karlinens »Traumbuchregiment« gar zu sehr »drunter und drüber« ging. Inge von Hartwig hatte mich vollständig bezaubert. Es ist gar nicht zu schildern, wie entzückend sie aussah, wenn sie im Hause umherschaltete, oder wenn sie neben ihrem Manne saß und ihm erzählte, oder Bubi lehrte oder sang mit ihrem Harfenstimmchen. Das ganze Häuschen war wie durchleuchtet von Glück, und wenn ich abends in das düstere Altenhofer Schloß kam, war mir's, als hingen noch Sonnenfädchen an mir, die als seine Strahlen in alle dunkeln Ecken leuchteten. Und jeden Abend berichtete ich treulich die Erlebnisse an Frau von Altenhof und sah, daß sich der dunkle Vorhang zum Nebenzimmer bewegte, und hörte später leise die Tür ins Schloß fallen, – zu mir in den Wagen war Gisela nie mehr gekommen. * Der vierundzwanzigste Dezember trat mit recht häßlichem Wetter an. Der Sturm wütete schon früh am Morgen, ein dichtes Flockengewimmel führte draußen seinen Tanz auf, und im Schlosse mußte tagsüber das Gas angezündet bleiben, damit man die Gegenstände im Zimmer erkennen konnte. Der Landbriefträger war volle drei Stunden später gekommen als sonst, dafür brachte er mir aber auch eine Menge Pakete, die er an einem Strick um den Hals gereiht hatte. Es waren Liebesgaben von Bümi, Luttewete, Erich und Fritz von Rumohr, aber auch drei große Kisten schleppte der brave Stephansbote mit sich, von Munle, von Muusch und – vom Schlächter Krone. Hochgeborenes und ergebenstes Fräulein Kerlchen! Niemals fällt der Mensch so rasch vom Fleisch, als wenn er nichts ißt. Junge vornehme Damen denken insbesondere lieber an Blumen und Schmetterlinge, und doch ist Wurscht sonne Hauptsache. Anbei zehn Pfund, die ich zum heiligen Weihnachtsfeste mit ebensolchem Wohlwollen zu verzehren bitte wie Ihren ewigen, achtungsvollen Freund Krone, Schlachtermeister. Aber auch ein wunderschönes, großes Bild des Brautpaares Wera und Ernst war heimlich in mein Zimmer gelegt worden, und die lieben Gesichter schauten mich fröhlich an. Ein kostbares Album lag daneben und trug auf goldenem Schild die seine Gravierung: »Meiner geliebten Anstandsdame«. Das liebe, runde Tannenbäumchen, vom Förster besorgt, hatte ich mit Äpfeln und Nüssen geschmückt, gelbe Wachslichtchen daran befestigt und auf meinen Schreibtisch unter Väterchens Bild gestellt, da sollte es am Abend dem Geliebtesten gerade in das schöne, gute Antlitz leuchten. Auf dem weißgedeckten Tische hatte ich alle Geschenke ausgebreitet, und wieder war das schönste, ach, das allerschönste von Fritz von Rumohr gekommen, ein großes Bild, Haus Buchenwalde in Kreide gezeichnet, und rings herum die Bilder meiner Lieben, auch nicht einen hatte er vergessen, – Fritz – lieber Fritz! Nun waren sie alle um mich versammelt, Kerlchen brauchte am heiligen Abend nicht allein in der Fremde zu sein. – Frau von Altenhof hatte niemand beschenkt und auch keine Geschenke erhalten. Eine Decke, deren Muster ihr gefallen, als ich einmal eine alte Truhe auskramte, und die sehr mühsam zu arbeiten war, hatte ich ihr auf einen Tisch im Wohnzimmer hingebreitet, dort lag sie unbeachtet, wie es schien. Der Weihnachtstag verging wie alle anderen gewöhnlichen Tage, es herrschte kein Trubel, es war nicht gebacken worden, die Leute in Schloß Altenhof machten auch keine weihnächtlichen Gesichter, sie waren das nicht mehr gewohnt. Hohen Lohn bekam ja ein jeder das ganze Jahr hindurch, da konnten sie sich alles kaufen, was sie sich wünschten, aber ach – Feststimmung und heimliches Freuen und Raten und frohglänzende Augen gab es nicht in Altenhof. Um 6 Uhr zündete ich mein Bäumchen an. Ein zarter Tannenduft, vermischt mit dem Geruch von braunen holsteinischen Kuchen und einem »Erfurter Schittchen«, das Schlachter Krone beigelegt hatte, durchzog mein kleines Heim. Väterchens Bild war hell erleuchtet, und wie sein gutes, treues Gesicht so lieb auf sein einsames Kerlchen niedersah, da faltete ich fest meine Hände und befahl mich in stiller Weihenacht dem Schutze des lieben Gottes. Leise hallten die Glocken vom fernen Kirchlein. Nach meiner stillen Andacht setzte ich mich ans Fenster und blickte hinaus in das Toben des Schneesturmes. Die Glocken hatten zu läuten aufgehört, und ich dachte, daß sie wohl heute überhaupt vergeblich zur Kirche riefen, nur die ganz Nahewohnenden konnten bei diesem Unwetter das Gotteshaus aufsuchen. Ehe noch meine kleinen Wachslichtchen heruntergebrannt waren, kamen Heinrich und Tine leise hereingeschritten, sie blieben bescheiden an der Türe stehen, und auf ihren Gesichtern lag ein andächtiger Ausdruck; wie lange hatten sie wohl kein Weihnachtsbäumchen gesehen: Ich bat sie, näher zu treten, und sie bewunderten meine Geschenke, aber immer kehrte ihr Blick wieder auf die kleine Tanne, deren Lichtchen einen unbeschreiblichen Zauber über mein Stübchen ausgossen. Das Kerlchen und die beiden alten grauen Leute hielten sich fest an den Händen, – so feierlich war mir's zu Sinn, ich fühlte im tiefinnersten Herzen das Segenswort: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«. So standen und schauten wir, bis auch das letzte Lichtchen knisternd erlosch. * Frau von Altenhof und Gisela warteten bereits im Eßzimmer, als wir hinüber kamen; Gisela stand an dem hohen Fenster, und ihre Augen suchten das Dunkel zu durchdringen. Die große Laterne vor dem Schloßportal war angezündet worden, aber der Sturm hatte dem Gehäuse längst eine Schneehülle gegeben, durch welche die windgepeitschte Flamme nur ab und zu schwach aufleuchtete. »Ein unheimliches Wetter,« sagte Gisela und schauerte in sich zusammen. »Es ist doch Weihnachtswetter,« wagte ich zu bemerken, »und der Sturm ist vielleicht schon vom Frühling ausgeschickt, – darf ich nachher Weihnachts- und Frühlingslieder singen?« – »Das Kerlchen ist ein kleiner König Midas,« meinte Frau von Altenhof lächelnd, »was es anfaßt, wird zu Gold, solchen Menschenkindern kann Schnee und Sturm so leicht nichts anhaben – –« Ein lautes Peitschenknallen ließ mich erschreckt ans Fenster laufen. Heinrich erschien eben, gefolgt von Tine mit dampfenden Schüsseln, um uns das Abendbrot zu reichen, aber wir achteten nicht auf ihn, wir schauten angestrengt durch das Dunkel draußen, denn wir erkannten im unsicheren Lichte der Laterne, daß ein Gefährt auf der Landstraße hielt, und eine Person sich Weg bahnte durch den tiefen Schnee. Frau von Altenhof schickte Heinrich hinaus, um nachzusehen, wer da käme, und mir schlug plötzlich das Herz in unerträglicher Angst. Dann hörten wir auf der großen Diele Stampfen und Klopfen, hörten lautes, ungestümes Fragen und Heinrichs gedämpftes Antworten, dann kam's die Stufen herauf, die Tür flog auf, – ich schrie auf – war das wirklich Hans von Hartwig, der da plötzlich vor uns stand? Sein Haar hing ihm wild in die Stirn, er war ohne Hut und Mantel, sein Gesicht heiß und rot, wie nach schwerer, körperlicher Anstrengung. Nur einzelne Worte stieß er hervor, heiser und tonlos: »Mitkommen – mitkommen – meine Inge – schwerkrank – wußte niemand – mitkommen!« – Er hielt sich an der Tür fest, der starke Mann schwankte hin und her, und ich stürzte auf den Tisch zu, wo der schwere Wein stand, den Frau von Altenhof manchmal genoß, goß ein Weinglas voll und hielt es Hartwig hin. Er trank es auf einen Zug leer. Nun kann ich unmöglich so rasch schildern, wie alles vor sich ging. Ich konnte nicht in Giselas Gesicht schauen, denn sie war ohne einen Laut hinausgeeilt und draußen stand sie nach wenigen Minuten dicht verschleiert und fest gerüstet zu der winterlichen Fahrt. Frau von Altenhof saß zitternd in ihrem Sessel, die Augen voll Schrecken und auch voll Mitleid auf Hartwig gerichtet; wie furchtbar mochte sie ihn wohl verändert finden! Sie faßte meine Hand: »Gehen Sie mit, Felicitas, – behüten Sie Gisela, – o Kerlchen, wie wird das enden!« Hartwig war zu ihr getreten, mechanisch bewegten sich seine Lippen aber er sagte nichts, er beugte sich tief über Frau von Altenhofs Hände und küßte sie. Dann schritt er hinaus, zog Giselas Arm durch den seinen und führte sie sogleich die Steinstufen hinab, ich folgte, nachdem ich meinen alten Pelzmantel umgeworfen und die Pelzmütze über die Ohren gezogen hatte. Heinrich leuchtete mit einem Windlicht, dabei sah ich, wie ihm die hellen Tränen über die Backen liefen. Mit großer Mühe kämpften wir uns bis zu dem Gefährt durch, es war der wohlbekannte Doktorwagen, aber ganz mit Schnee bedeckt, Der Kutscher hatte schon wieder gewendet. »Drei Personen?« rief er, mit lauter Stimme gegen den Sturm ankämpfend, »wenn wir da man durchkommen, Herr.« Hans von Hartwig antwortete nicht, er hob Gisela in den Wagen, ich setzte mich neben sie, und Hartwig schwang sich zum Kutscher auf den Bock. Das war eine Fahrt! Die Räder ächzten und stöhnten, manchmal neigte sich der Wagen ganz auf die Seite, als wollte er umfallen, und der Sturm warf immer wieder die Fenster herunter und eine Wolke von Schnee zu uns herein. Ab und zu hielt das Gefährt, dann stiegen die beiden Männer ab, hoben die Räder und schoben uns aus irgend einer Schneewehe heraus, nach einer Weile unerträglichen Wartens ging es dann weiter. Ich war bereits trotz meines dicken Pelzmantels zum Eiszapfen geworden, aber das machte mir weiter keine Sorge, – und merkwürdig – ich hatte in dem Augenblick auch keine Gedanken für oder Hartwig, ich dachte nur an Gisela. »O sprechen Sie doch ein Wort,« bat ich sie. Gisela streichelte meine Hand. »Kerlchen, wie ist er elend geworden!« sagte sie und brach in bitterliches Weinen aus. Ich umschlang sie, und es kümmerte mich nicht, daß mein Mantel dabei von den Schultern fiel. »Wie gut sind Sie!« rief ich. Ich glaube nicht, daß ich mitgegangen wäre!« »Doch, doch!« meinte sie hastig, »unser Kerlchen wäre schon mitgegangen. Weiß ich denn selbst, wie mir geschah? Ich hatte nur das eine Gefühl, »du darfst nicht klein sein.« Nein, sie zeigte sich wahrhaft groß , die kleine verkrüppelte Gisela; in diesen angstvollen Stunden in dem dunklen Wagen lernte ich ein wundersam gutes Herz kennen. Als wir endlich vor dem kleinen, grauen Hause hielten, saßen wir noch ein Weilchen still im Wagen, denn niemand öffnete ihn, und meine erstarrten Hände versuchten vergeblich die vereisten und verschneiten Fenster herunterzulassen. Nach einer geraumen Weile erschien der Kutscher. »Na, da muß ich Sie ja woll erlösen,« brummte er, »Herr von Hartwig hat ja rein vergessen, daß Sie hier im Eiskeller sitzen, O Herr Jesus, was vor'n Weihnachtsfest!« Wir gingen durch das schmale Vorgärtchen, Gisela klammerte sich an mich an und zeigte auf die zwei kleinen Fenster zu ebener Erde, wo das Schlafzimmer lag, – ich hatte ihr ja so genau alles geschildert. »Kerlchen – o mein Gott, Kerlchen!« Nie beiden Fenster standen offen, der starke Wind hatte die weißen Vorhänge erfaßt und sie hinausgetrieben, dort blähten sie sich und flogen geisterhaft auf und nieder. Im Hausflur kam uns Doktor Gieseke entgegen. »Gott Lob und Dank, daß Sie da sind,« raunte er uns zu, und ich sah, daß der sonst so Ruhige ganz und gar erschüttert war. Ich wollte ins Schlafzimmer treten, um meine Inge zu begrüßen, aber der Doktor nahm sacht meine Hand vom Türgriff. »Morgen,« sagte er, »morgen.« Die Tränen liefen ihm über das Gesicht. »Wir wollen den unglücklichen Mann da drinnen mit ihr allein lassen. Kommen Sie!« Er öffnete das Wohnzimmer. Die kleine Studierlampe mit dem grünen Schirm davor, beleuchtete ein friedliches Bild. Felix' Bettchen war ins Stübchen hineingestellt worden, Bubi schlief und hielt eine Fahne fest in der Hand, vor ihm auf der Bettdecke lagen Bleisoldaten und ein Bilderbuch. Die junge Magd, die am Tisch saß, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief gleichfalls. »Wir wollen sie ruhen lassen,« sagte der Arzt, »sie hat heute wacker ihre Pflicht getan.« Ich hörte kaum, was er sprach, ich stand und starrte auf einen kleinen Wäschekorb, der da auf zwei Stühlen ruhte und mit einem blauen Schleier verhüllt war. Doktor Gieseke trat zu mir: »Frau Inges Vermächtnis!« Mit so tiefem, erschütterndem Ernst sprach er das aus, daß ich sofort alles begriff. Frau Inge war tot, – das große, wonnige Glück in dem Häuschen jäh zerstört. O wie tat mir das Herz weh! Gisela sah mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck auf die beiden mutterlosen Kinder, Ob sie daran dachte, wie oft sie in den vergangenen Jahren das Schicksal um Strafe für den Schuldigen angefleht hatte, und wie grenzenlos hart die Vergeltung nun ausgefallen war? Wie in unerträglichem körperlichen Schmerz wand sie ihre Hände ineinander, dann trat sie an das Bettchen des Knaben und schaute lange und forschend in sein holdes Gesicht. Er schlief ruhig und fest, aber unter den eindringlichen Blicken schien er unruhig zu weiden; plötzlich warf er sich herum: »Mutti!« rief er sehnsüchtig. Gisela strich liebkosend über sein Köpfchen, dann richtete sie sich wie in einem plötzlichen Entschluß straff aus und schritt, ohne das Wort an uns zu richten, aus der Tür. Wir hörten sie sacht das Sterbezimmer öffnen und schließen und hatten beide nicht den Mut, sie zurückzuhalten. Es war eine furchtbare Nacht. Draußen tobte noch immer der Sturm, als wollte er ganz Sandkrug forttragen; ich fror bis ins innerste Mark, denn der eiserne Ofen war ausgebrannt, und die Magd schlief fest. »Armes Kerlchen!« tröstete der Doktor mitleidig, »Sie müssen unbedingt die Karoline wecken, damit sie hier frisch Feuer einlegt und Ihnen außerdem etwas Warmes braut. Ich selbst muß jetzt fort, trotz Schnee und Sturm, ich hab' da in der Nähe noch ein armes Weib, das mit Schmerzen auf den Arzt wartet. Ich komme aber mit dem Morgengrauen noch einmal her und bringe die Wärterin mit. Tapfer, Kerlchen!« Er ging hinaus, fauchend riß ihm der Sturm die Haustüre aus der Hand, krachend flog sie ins Schloß. Karline fuhr jäh aus dem Schlummer, auch Felix und das Kleinchen regten sich. Die Magd war nach blödem Umherstarren sofort wieder in Schlaf gefallen, Felix desgleichen, nur das Wimmern des Kleinchens dauerte fort und machte mich hell und wach und tapfer. Ich lief in die Küche, holte Heizmaterial, schleppte alles in die Stube, entfernte die Asche aus dem Ofen, und bald prasselte wieder ein helles Feuer darin. Dann ging's wieder zurück in die Küche, wo ich schöne Milch im sauberen Steintopf fand, und ich besann mich ein Weilchen, daß so ein winzig Ding wohl verdünnte Milch bekommen müsse. Ich goß also eine Mischung in ein Emailtöpfchen und setzte es drinnen zum Wärmen auf die Ofenplatte. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch das kleine Schächtelchen aus Frau Inges Korb auf dem Nähtischchen hervorgucken, das sie mit süßem, strahlendem Lachen gezeigt, und in welchem doch weiter nichts Schönes als – fünf schwarze »Gummischnuller« lagen. Ich nahm einen solchen heraus, reinigte ihn in der Küche, holte aus der Speisekammer eine leere Bierflasche, die ich unermüdlich ausschwenkte und kam gerade wieder in das Zimmer, als die Milch aus dem Töpfchen steigen wollte. Dieses Unglück verhütete ich noch eben, aber nun galt es erst wieder, durch fortdauerndes Umgießen in einen kalten Topf der kochenden Milch die richtige Temperatur zu geben, was mir auch endlich gelang. Dann füllte ich das Getränk in die Bierflasche, zog den Gummistöpsel über und begab mich triumpierend zu dem Wäschekorb, aus dem jetzt kein Wimmern mehr, sondern ganz energisches Schreien tönte. Sobald ich aber das schwarze Ungetüm in dem winzigen Mäulchen untergebracht hatte, war Kleinchen still und sog tapfer darauf los, aber nach kaum einer Viertelminute fing das Geschrei wieder an. Mir brach der Angstschweiß aus, ich hob die Bierflasche schließlich senkrecht in die Höhe, aber es half alles nichts, wie ich denn das auch reumütig einsah: ich hatte sowohl Kleinchen als auch der Flasche zuviel zugemutet, – es war kein Loch im »Schnuller«. Nun nahm ich eine Stecknadel, stach vorsichtig in das Gummi, und reichte es aufs neue hin, aber ohne Erfolg. Wieder ein Minütchen des Besinnens, währenddem Kleinchen die Welt jämmerlich zu finden schien, dann nahm ich eine Stricknadel aus dem Nahkorb, hielt sie lange über die Lampe und – brannte mir selbst ein abscheuliches Loch in die Hand, denn ich hatte die Stricknadel am verkehrten Ende angefaßt, während ich den Schnuller suchte, den ich inzwischen verlegt hatte. Er war, wahrscheinlich um der Quälerei des Brennens zu entgehen, unter den Tisch gehüpft und von dort weiter unter Sofa oder Schrank, denn trotzdem ich mich platt auf die Erde legte und alles ableuchtete, konnte ich nichts entdecken. So holte ich mir den zweiten Pfropfen aus dem Kästchen. Wieder glühte die Stricknadel – und eine Riesenöffnung im Gummi verbreitete eine wahre Wolke von abscheulichem Duft. Ich nahm sofort an, daß Kleinchen sich weigern würde, an diesem Ungetüm zu saugen, deshalb stürzte ich wieder in die Küche, wusch beide Brandwunden sauber aus, wobei ich beinahe schrie, während der Schnuller sich ruhig verhielt, und tauchte letzteren auch noch in Puderzucker, um Kleinchen liebevoll zu täuschen. Dieses war inzwischen wieder eingedämmert, aber ich glaubte ihm doch nun Nahrung schuldig zu sein und schob die Flasche in das kleine Mündchen. Herr des Himmels, Kleinchen schluckte und schluckte, und die Milch ergoß sich in Strömen aus dem Riesenloch ins Mäulchen und sofort wieder aus dem Mäulchen über die ganze Wäsche in das Bettchen hinein. Das nahm nun Kleinchen sehr übel und sein Gesichtchen spielte in allen Farben, was mir eine wahnsinnige Angst einjagte. Ich hob seinen kleinen Rücken etwas hoch, schob meinen Arm darunter und versetzte das Persönchen in schaukelnde Bewegung, was zur Folge hatte, daß Kleinchen Luft kriegte und zur natürlichen Hautfärbung zurückkehrte. Wieder entnahm ich dem Kästchen einen neuen Schnuller, aber jetzt war ich auch schon gescheiter geworden und warf die Stricknadel verächtlich zu ihren Schwestern, holte mir eine sehr vernünftige Stopfnadel, und deren angeglühte Spitze brannte ein tadelloses Löchlein in den Saugpfropfen. Inzwischen war die Milch kalt geworden und mußte wieder in die Ofenröhre wandern, aber Kampf führt zum Sieg! Noch ehe Kleinchen sich zum völligen Skeptiker auswachsen konnte, hatte es ein vernünftiges warmes Fläschchen im Arm, über das nasse Kissen war eine weiche Serviette gebreitet, und die nasse Leibwäsche hatte ich, so gut es gehen wollte, durch trockene Taschentücher unter- und überlegt. Kleinchen schlief. Auch mir wollten die Augen zufallen, aber der Gedanke an das Zimmer »da drüben«, in welchem zwei unglückliche Menschen die Totenwacht hielten, ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ein seltsames Grauen beschlich mich, das den Schlaf von mir scheuchte, und da ich wußte, daß vor den Gedanken, die in solchen Stunden über uns herfallen, nur Arbeit schützt, so suchte ich mir Arbeit. Ich füllte einen Kessel mit Wasser, setzte ihn auf die glühende Platte des eisernen Öfchens und fing an, Kaffee zu mahlen. Niemand kümmerte sich um mich, Hartwig und Gisela hatten wohl überhaupt meine Anwesenheit vergessen, und Karline war durch kein Geräusch aus ihrer Übermüdung aufzurütteln. Die Kirchenuhr von Sandkrug schlug vier Uhr, als die Hausglocke klang und Doktor Gieseke mit einer älteren Frau zurückkehrte. Sie liefen beide auf den warmen Ofen zu, gänzlich erstarrt schienen sie zu sein, aber der Doktor sah doch erstaunt auf die noch immer schlafende Karoline, auf den gedeckten Kaffeetisch, auf die Kanne, der ein aromatischer Duft entstieg, auf das rosige Gesichtchen der Kleinsten, in deren Ärmchen die Bierflasche mit dem schwarzen Stöpsel ruhte, und er sah mich scharf an und fragte kopfschüttelnd: »Haben Sie sich das alles allein ausgedacht?« Ich nickte. »Kerlchen, Kerlchen, man sollte Sie nehmen und gleich als Oberin in eine Kleinkinderbewahranstalt tragen, – das ist ja alles mit einer Umsicht angeordnet – – –« Er besah sich die Bierflasche und das kunstreiche Loch im Stöpsel. Seine Augen strahlten. »Nein, nein, ich kann mir doch noch etwas Besseres für Sie denken, als den Diakonissenberuf, – Ihnen schenkt gewiß unser Herrgott noch mal den besten Mann und – – »Vierundzwanzig Kinder,« ergänzte ich ganz ernst, und der Doktor lachte auch nicht, nachdem er mich eine Weile ordentlich angeschaut, sondern sagte nur: »Kleines Mutterchen!« »Aber nun wollen wir auch dem Kaffee alle Ehre antun, Mutter Schulz,« rief er der alten, netten Frau zu, »wir haben beide eine Stärkung verdient, und am heutigen Tage tritt noch viel Aufregendes an uns heran. Hat sich noch niemand von da drüben blicken lassen?« Ich schüttelte traurig den Kopf. »Herrgott, was soll aus dem Manne werden!« rief der Doktor schmerzlich. »Es ist gerade, als ob seine ganze Kraft in den zarten Händen gelegen hätte, die jetzt im Tode erstarrt sind. Kindchen, Kindchen, ich hab' schon viel Elend gesehen, aber ich fürchte mich buchstäblich, Hans von Hartwig ins Auge zu schauen. Er weiß, wie ich mich gemüht habe, dem Tode diese Beute abzujagen, ich bin seit vorgestern nicht aus den Kleidern gekommen. Aber hier war Menschenmacht umsonst – – wären wir doch nur erst über die nächsten Tage hinweg!« Er schaute bekümmert in seine Kaffeetasse, die ich ihm inzwischen vollgeschenkt hatte und in den Trank, den ich »aus Liebe« gebraut, und Mutter Scholzen schlürfte behaglich und laut, verschmähte auch die Butterbrote nicht, von denen ich einige neben die dickbäuchige Kanne gelegt. »Essen und Trinken hält Leib und Seel' zusammen, das is en Satz!« bemerkte sie philosophisch. Ich beeilte mich, ihr wieder einzuschenken. Sie streichelte meine Hand. »Lange Haare, kurzer Verstand, das is en Satz!« fuhr sie fort. Aber hier heißt's: »Kurze Haare, langer Verstand!« Is auch en Satz! Nu, nu, mir kann's recht sein!« Karline hatte während unserer Unterhaltung schon lange unartikulierte Laute ausgestoßen, sie räkelte sich auf dem unbequemen Stuhl herum und bei der Bemerkung von Mutter Scholz über lange Haare und kurzen Verstand fielen ihre beiden prächtigen, schwarzen Zöpfe herunter, daß sie bis auf den Fußboden hingen und eine treffende Illustration zu den Worten bildeten. Sie riß ihre Augen unglaublich weit auf und suchte die Situation zu erfassen und als sie besonders den Doktor und die beiden Kinderbetten genügend angestiert hatte, brach sie plötzlich in ein so ohrbetäubendes Geheul aus, daß ihr der Arzt erschreckt den Mund zuhielt. »Was fällt dir ein,« herrschte er sie an. »Geh' ins Bett und schlaf noch ein paar Stunden, deine Kräfte werden noch gebraucht. Zeig', daß du ein vernünftiges Mädchen bist,« fuhr er begütigend fort. Hast eine gute Herrin verloren, jetzt kannst du dich dankbar erweisen.« »Ich kann nicht in meine Kammer gehen,« wimmerte Karline. Die Frau »wandelt« heute noch überall herum und sieht nach dem Rechten, ich fürchte mich zu Tode.« »Aberglauben und kein Ende,« rief Doktor Gieseke zornig mit kaum beherrschter Stimme, »wollte Gott, sie könnte hier noch nach dem Rechten sehn!« »Ich will mit ihr gehn,« warf ich ein, nahm das zitternde Geschöpf am Arm und verließ mit ihr das Zimmer. Wie ein kleines Kind mußte ich sie ins Bett bringen, und als sie endlich lag, dauerte es auch nicht lange, bis der Schlaf sie wieder übermannte. Ich huschte die Treppe hinunter, aber unten hätte ich auch beinahe einen lauten Schrei ausgestoßen, denn im fahlen Lichte eines trüben Lämpchens kauerte eine Gestalt, über die ich um ein Haar gefallen wäre Es war Gisela. »Ich möchte heim, Kerlchen,« sagte sie leise und müde, »es braucht mich niemand hier.« »Kommen Sie mit herein,« bat ich, »Sie sind eiskalt und halb erstarrt, woher wußten Sie, daß ich nach oben gegangen war?« »Ich bin seit ein paar Stunden hier,« entgegnete sie frostbebend, »ich konnte nicht in jenem Zimmer bleiben, konnte nicht mit ansehen – – – und er merkte es auch gar nicht, daß ich gleich wieder ging.« »Und so lange haben Sie hier in Kälte und Zugwind gelauert?« fragte ich vorwurfsvoll Sie ließ sich willig von mir ins warme Zimmer führen. Hier hatte sich inzwischen das Bild etwas verändert. Mutter Scholz war mit Kleinchen beschäftigt und tat ihm alle möglichen Guttaten mit reiner Wäsche an, Doktor Gieseke saß an Bubis Bettchen, strich mit zitternder Hand über das Lockenköpfchen, zu bewegt, um antworten zu können auf die unermüdliche, sehnsüchtige Frage: »Wo ist Mutti?« Als der Doktor Gisela erblickte, sprang er auf, die Weichmütigkeit auf seinem Antlitz war mit einem Schlage fortgewischt. »Sie werden sich jetzt sofort hier aufs Sofa legen,« gebot er. »Ich will fort,« antwortete sie und dabei hing sie schwer und müde zum Umfallen an meinem Arm. »Davon ist gar keine Rede,« erwiderte der Arzt. »Ich habe meinen Wagen nach Hause geschickt, Kutscher und Pferde ruhen nach diesem anstrengenden Tage den sie beinahe nur im Schneesturm verbracht haben. Wir betten Sie jetzt so gut es gehen will, und Sie schlafen noch ein paar Stunden, verstanden?« Wir legten Gisela auf das breite, bequeme Schlafsofa, Doktor Giseke schenkte ihr selbst von dem Kaffee ein, nachdem er vorher ein kleines, weißes Pulver in der Tasse verrührt hatte, ohne daß Gisela etwas davon gewahrte. »So, und nun trinken Sie!« Sie schlürfte gehorsam den heißen Trank und streckte fröstelnd die matten Glieder aus. »Weshalb er nur die Gisela geholt hat,« raunte mir der Doktor flüsternd zu, – »sie hätte ja doch nichts helfen können, bei ihrem schwachen Körper.« »Hartwig war ganz verzweifelt,« bemerkte ich. Vielleicht wußte er gar nicht, was er tat, aber es war doch gut, daß ich mit herkam.« »Freilich, sehr gut war's. Aber was beginnen wir jetzo mit dem Weiblein, womit ich das Kerlchen meine. Am liebsten steckte ich es auch für ein paar Stunden fort, aber das Fremdenzimmer liegt oben im Giebel, ist wohl gar nicht zurecht gemacht – – –« »Und ich gehe auch nicht, ich bin nicht müde.« Dr. Giseke lächelte mild über diese Lüge, denn meine Augenlider waren schwer wie Bleideckel, aber ich blinzelte tapfer unter ihnen hervor. »Jugend braucht Schlaf, das is en Satz,« ließ sich Mutter Scholz hören, »setzen Sie sich man in diesen Schaukelstuhl und besehn Sie sich inwendig, Fräulein, ich übernehme hier 's Regiment, falls der Herr Doktor auch schlafen wollen.« »Nein, nein, Mutter Scholzen, ich wache mit Ihnen,« entgegnete der Doktor, – wer weiß, ob nicht Herr von Hartwig doch nach mir verlangt. Legen Sie noch ein Scheit Holz in den Ofen, wir haben's verdient und dann lassen Sie uns den Rest dieser schaurigen Nacht verschwatzen. Ins Gerede werden wir zwei alten Krümper ja wohl nicht mehr kommen.« »Die Welt is schlecht von Anbeginn, das is en Satz!« nickte Mutter Scholz, und dann warf sie ein Scheit in den Ofen, daß die Funken hell aufsprühten. Noch manches sagte sie außerdem, und der Doktor pflichtete ihr bei, immer leiser und undeutlicher wurden ihre Stimmen, immer nebelhafter die Gegenstände im Zimmer, – o, es war süß, die Augen zu schließen nach den Anstrengungen des Tages, des Abends –, der Nacht. Christnacht! Niemand von uns hatte mehr daran gedacht, daß es Weihnachtsabend sei, und doch lag dort auch ein Christkindchen in der Wiege – – – ich faltete meine Hände. – – – – –   Mich weckte ein eiskalter Luftzug und hastig fuhr ich empor. Verwirrt sah ich um mich. Es war heller Tag. Man hatte den Schaukelstuhl mit mir zusammen in eine Ecke geschoben, ohne daß ich auch nur das Geringste gemerkt hatte. Das Zimmer war sauber aufgeräumt, Felix' Bett war leer, ebenso das Sofa, auf dem Gisela geruht; neben der Korbwiege, die mit einer Rollschutzwand umgeben war, stand eine kleine Badewanne, die wohl schon ihre Dienste getan hatte, denn Kleinchen war wieder eifrig mit Trinken beschäftigt, und beide Fensterflügel standen offen, um die frische Winterluft hereinzulassen. Mit dem Rücken nach mir zu saß der Doktor, eine Menge Briefschaften lagen neben ihm, und eben studierte er ein Telegrammformular. Dann stand er auf, um die Fenster zu schließen, und ich wollte ihm gerade den Gutenmorgengruß leise zurufen, als Hartwig eintrat. War es Hartwig? Oder nicht vielmehr ein alter, gebeugter, grauhaariger Mann, dessen geisterhaft blasse, gramverzerrte Züge das grelle Tageslicht unbarmherzig beleuchtete? Der Doktor ging auf ihn zu und rüttelte ihn. »Herr des Himmels, Mann, Herr von Hartwig, wie sehen Sie aus? Sie wüten ja gegen sich selbst, Sie müssen daran denken, daß Sie noch Pflichten haben – gegen andere – gegen Ihre Kinder – –« Hartwig regte sich nicht, er starrte geradeaus, und seine Augen waren schreckhaft weit geöffnet, als sähen sie durch die Wand hindurch – in etwas Furchtbares hinein. »Hier ist Ihr Kind,« fuhr der Doktor fort und zog ihn mit energischem Griff zu dem Bettchen hin. »Frau Inges heiliges Vermächtnis für Sie! Schauen Sie das liebe Ding doch wenigstens an, an, versündigen Sie sich nicht, es kann noch ein Segen für Sie werden.« Ein qualvolles Aufstöhnen war die Antwort. »Du lieber Gott, ja wohl, ich weiß, es ist ein schwacher Ersatz, und ich bin auch nicht der Mensch dazu, Ihnen heute schon zu sagen: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt,« aber Sie sollen sich ermannen und die Zukunft ins Auge fassen, dieser Zustand darf nicht andauern, er untergräbt Ihre Gesundheit, – er macht Sie tot!« »Wär ich's !!!« »Schämen Sie sich! Und was wird aus den Kindern? Herr von Hartwig, Sie wissen ja garnicht, was für einen Schatz Ihnen Frau Inge hinterlassen hat; soll ich alter Junggeselle es Ihnen sagen? Und nun hören Sie zu. Hier ist das Telegramm an Ihren Freund, es soll gleich fort, dann kann er heute Abend noch hier sein. Haben Sie keine Verwandten zu benachrichtigen?« »Nein.« »Auch von Frau Inges Seite nicht?« »Nein.« Der Doktor legte ihm die Hand auf den Arm und schaute tief bekümmert in das schmerzversteinte Gesicht »Ihren lieben Jungen hat sich die Frau Pfarrerin vorhin geholt, er soll bei ihr bleiben, bis – bis Sie einen festen Entschluß gefaßt haben, Besuch lassen wir nicht herein, ich habe strenge Weisung gegeben, ist's Ihnen recht so?« Keine Antwort. »Der Pfarrer war auch vorhin da, er fragte an, ob es Ihnen recht sei, wenn die Kleine morgen getauft wird, ehe – ehe – – –« Keine Antwort. Der Doktor wandte sich ab. »So will ich denn jetzt gehen. Die Wärterin ist draußen, sie wird Ihre Kleine vorläufig pflegen, bis wir eine zuverlässige Wirtschafterin ermittelt haben. Und dann – ist auch noch das Kerlchen da.« »Jawohl, ich bin noch da,« beeilte ich mich hinzuzufügen und sprang von dem Schaukelstuhl auf. Hartwig sah mich an, aber es war garnicht, als ob er mich erkannte, ich hätte laut aufweinen mögen, – nie hatte ich solches Leid auf einem Menschenantlitz gesehen. Ich begleitete den Doktor zur Tür. »Kerlchen, Kerlchen,« ermahnte er, »jetzt kommt wieder einmal eine Mission für Sie. Setzen Sie alles daran, damit diese stumme Verzweiflung aufhört, sorgen Sie auch dafür, daß er irgend etwas zu sich nimmt, und wenn es geht, lassen Sie ihn vorläufig nicht wieder ins Sterbezimmer, – ich habe Angst um ihn. Bald bin ich wieder da, es ist so unendlich viel anzuordnen, Hartwigs Zustand versagt mir jede Hilfe, Gott befohlen, Kerlchen!« Damit ging der Doktor und ließ mich allein mit der schweren Aufgabe. Hartwig war zum Tisch getreten und ließ sich schwer auf den daneben stehenden Stuhl fallen. Ich holte aus der Ofenröhre den Kaffee, der ganz frisch von Mutter Scholz zubereitet schien, und schenkte uns beiden ein, dann strich ich ein Buttersemmelchen und schob es ihm hin. Er achtete gar nicht darauf. Ich streichelte seine eiskalte Hand, die zur Faust geballt auf dem Tische lag. »O, ich weiß wohl, wie es Ihnen zu Mute ist,« sagte ich, »ich hab es selbst durchgemacht, als mein Väterchen starb. Damals war mir's auch gerade so, als wäre mein Herz herausgerissen, und ich durfte mich doch nicht zu ihm legen ins Grab, ich mußte gleich fort und arbeiten und was verdienen und ich bin doch nur – ein Kerlchen.« Über Hartwigs Gesicht flog ein Zucken, als hätte ich ihm tüchtig weh getan, aber er sprach kein Wort. Eine Weile waren wir ganz still, dann fing Kleinchen leise an zu weinen. Hartwig erhob sich hastig und schritt der Tür zu, ohne auch nur einen Blick auf den Korb zu werfen, aus dem die wehmütigen Tönchen drangen. Mich befiel eine heftige Angst. Wenn er sich jetzt wieder in das Zimmer einschloß, in dem die Tote lag, dann war gewiß alles verloren, und der alte Doktor würde mir nie mehr eine Aufgabe anvertrauen. Ich vertrat Hartwig den Weg. »Sie dürfen jetzt nicht hinausgehen,« bemerkte ich fest, »Sie müssen mir helfen.« Ich sprang zum Korb, nahm hastig das kleine Bündel heraus, und ehe sich der Vater noch besinnen konnte, hatte ich ihm das hilflose Geschöpfchen in die Arme gelegt, er mußte schon zugreifen, wenn es nicht auf die Erde fallen sollte. Ich wagte nicht in sein Gesicht zu sehen, sondern nahm schnell die erkaltete Milchflasche an mich und lief damit in die Küche. Mit einem frischen Fläschchen bewaffnet, kam ich dann wieder herein, scheu streifte mein Blick den Vater und sein Kind. Er hatte sich wieder am Tisch niedergelassen, hatte nicht, wie ich fürchtete, das Kleinchen in sein Bettchen zurückgelegt, sondern hielt es umfaßt, und seine Augen waren auf das winzige Gesichtchen geheftet, als wolle er etwas herauslesen. Kleinchen weinte nicht mehr, es war wieder eingeschlafen. Ich ordnete sorgsam das Bettchen, dann trat ich wieder zu den beiden. »Nicht wahr, es ist ganz goldig süß?« fragte ich und beugte mich zärtlich zu der Kleinen. »Sie müssen gar nie daran denken, daß Sie nun auch sterben möchten, denn die Kinderchen haben doch niemand auf der Welt, als Sie und mich und den Erich, aber der kann diese nicht zu sich nehmen, wenn Sie tot sind, und wenn ich sie nehme, weiß ich gar nicht, ob ich genug für uns alle verdienen kann – – –« Hartwig preßte heftig meine Hand, während ich über mich selbst erschrocken war, daß ich ihm so die Leviten las. Da ging die Tür auf, und die Magd brachte einen Brief herein. »Aus Altenhof,« sagte sie und ging gleich wieder hinaus. Ich nahm Kleinchen aus Hartwigs Armen, bettete es sanft in den Korb, während Hartwig den Brief öffnete und las. Eine Weile hielt er ihn in der zitternden Hand, dann flog das Papier zur Erde, beide Hände schlug Hartwig vor das Gesicht, und nun endlich kamen die erlösenden Tränen. Ich wäre so gern hinausgegangen, aber ich wagte es nicht, mich vom Platze zu rühren. Nach einer geraumen Zeit bückte sich Hartwig und reichte mir den Brief hin. Er atmete schwer, es war, als ginge ein Sturm über ihn hin. Ich erkannte Giselas große, eckige Handschrift und las: »Gib mir Deine Kinder, Hans von Hartwig, vertraue sie mir an, ich will sie behüten, will sie hegen, wie sie die Heimgegangene gehegt hätte. Du darfst nicht hier bleiben nach dem größten Schmerz Deines Lebens, hier in dem engbegrenzten, Dir so unsympathischen Wirkungskreis. Du würdest es jetzt nicht ertragen ohne sie . – Aber Deine zarten Kinder dürfen und können nicht mit Dir ins Ungewisse hinaus, deshalb gib sie mir! Wenn Du glaubst, einst gegen mich gefehlt zu haben, jetzt kannst Du es wieder gut machen, durch Dein Vertrauen . Gott schütze Dich! Gisela von Altenhof. Ich küßte den Brief. »O, wie sie gut ist, die Gisela? Nun ist schon alles viel heller, nicht wahr,« fragte ich unruhig, »nicht wahr, Sie tun alles, was Gisela sagt?« »Alles!« entgegnete er mit halb erstickter Stimme; ich bringe die Kinder ihr selbst hin – – o Kerlchen – – – – – – – Aber dazu kam es nicht. Der gute Doktor erschien wieder, er nahm die ganze Sache in die Hand, und schon am Nachmittag saß ich mit Mutter Scholz und Karoline und beiden Kindern im Wagen und fuhr gen Altenhof. Ganz väterlich zärtlich hatte mich der gute Doktor gestreichelt, als er sah, wie Hans von Hartwig seine Kinderchen in die Arme nahm und küßte, er dachte wohl Wunder, was ich getan hätte, und ich hatte doch nur den Verzagten tüchtig ausgescholten. – Nach all dem grenzenlos Traurigen kam doch immer wieder ein heller Lichtblick, und der hellste traf mich am dunklen Abend des ersten Weihnachtsfeiertages, als ich meinen Erich-Bruder im Arme hielt. Niemand hatte mir davon gesagt, der Doktor, welcher das Telegramm an Erich abschickte, hatte nur an »Hartwigs Freund«, aber nicht an »Kerlchens Bruder« gedacht, ich war ganz und gar überrascht, ach und so grenzenlos froh, daß ich – – – bitterlich zu weinen anfing. So bin ich nun, der richtige Till Eulenspiegel, ein erzdummes Kerlchen! Ich fand den Erich so sehr ernst geworden, so tief die Falte zwischen den dunklen Brauen, und sein Mund unter dem starken, blonden Schnurrbart sah aus, als hätte er das Lachen ganz und gar verlernt. Wie zärtlich er zu mir war! »Mein Terle – Terle! Liebling! Fee! Gottlob, du bist ein ganzer Kerl geworden! Wenn dich Väterchen sehen könnte!« Ach, die liebe Stimme mal wieder zu hören! Es tat so wohl, und ich trocknete meine Tränen, die ja auch halb Freudentränen und halb – alles Mögliche waren. Hans von Hartwig war auch mitgekommen, aber ich sprach ihn nicht mehr, er war eine halbe Stunde mit Gisela und seinem Bubi zusammen wohl in schwerer, ernster Unterredung, und während dieser Zeit saßen Frau von Altenhof, Erich und ich und bewachten Kleinchens Schlaf, und die Schloßherrin erzählte so gute, liebe Sachen von mir, natürlich viel, viel zu sehr von ihrer Herzensgute beeinflußt. Dann fuhren die beiden Freunde wieder nach Sandkrug, einen stummen Händedruck wechselte ich mit Hartwig – ob ich ihn wohl je wiedersehen werde? Am andern Tage betteten sie unsere liebe Frau Inge in die tiefverschneite Erde, nur ganz wenige Menschen gaben ihr das letzte Geleit, so hatte es Hartwig gewollt. Aber beinahe jeder der Beamten und Arbeiter der großen Fabrik hatte eine kleine Blumenspende geschickt, und sei es auch nur eine selbstgezogene Blume aus dem Zimmer oder einen Stechpalmenkranz aus dem nahen Walde, sie trauerten alle in ihrer Art um das holde Geschöpf, das wie ein lichter Sonnenstrahl über die Erde gehuscht war. – Am fünften März, da ist ihr Geburtstag, da wollen wir ihr einen schlichten Thüringer »Findlingstein« auf das Grab setzen, darauf soll nichts stehen als ihr Name und die schlichten Worte: »Du kamst, Du gingst, ein kurzer Gast In diesem armen Erdenland, Woher, wohin, – wir wissen nur, Aus Gotteshand, in Gotteshand.« Gleich nach der Beerdigung reiste Erich mit Hartwig nach Berlin. Erichs Oberst ist ein großer Gönner von Hartwig, er hatte ihn auch nach seiner Heirat niemals ganz aus den Augen gelassen, aber Hartwig vermied jede Beziehung zu seinen früheren Kreisen. Nach kaum acht Tagen war das kleine, graue Häuschen ganz verlassen und verwaist, durch die tiefen Furchen des Weges von Sandkrug nach Altenhof ächzte ein Möbelwagen und brachte die liebe, trauliche Einrichtung von Hans und Inge in das Altenhofer Schloß. Dort sollte sie stehen bleiben für Bubi und Kleinchen, oder bis Hartwig wiederkehrte. Er hatte eine Stelle auf der Farm eines großen Handlungshauses in Rio Grande de Sul angenommen, dem ein Schwager des Obersten K. vorstand. »Vielleicht gesundet er dort,« schrieb mir Erich, der ihm bis aufs Schiff das Geleit gegeben hatte. »Die Menschen werden dort anders bewertet, als hier, er findet ganz andere Verhältnisse, findet heiße Arbeit, aber auch, will's Gott, volle Befriedigung.« Und wählend nun der einsame Mann sein Leid hinaustrug in die Ferne, Heimat und Glück hinter sich lassend, blühte in Schloß Altenhof ein neues, nie gekanntes Leben auf. Bubis sehnsüchtige Fragen nach Mutti verstummten allmählich, denn ich hatte ihm gesagt, daß »Mutti« im Himmel sei und von dort auf ihren kleinen Felix herniederschaue. Nun saß er stundenlang am Fenster, sah hinauf in den grauen, düstern Himmel und rief mir jedesmal glückselig zu, wenn sich die dunklen Wolken einmal teilten: »Mutti schaut!« »Mutti« war für ihn nur die eine, aber »Mutter« nannte er alle, die es gut mit ihm meinten, und wer hätte es nicht gut mit ihm gemeint! Da war »Mutter Lisbet«, »Mutter Gisela«, »Mutter Scholz«, »Mutter Tine« und sogar »Mutter Karline«, aber er war nicht zu bewegen, zu mir »Mutter Felicitas« zu sagen, trotzdem wir zwei Unzertrennliche waren, er nannte mich unentwegt und mit klingender Stimme: »Das Kerlchen!« Auch wenn er von mir sprach, sprach er nur von »das Kerlchen«, – weshalb – dahinter sind wir nicht gekommen. Und wahrhaftig, – es war, als hätten Mutter Lisbet und Mutter Gisela mit dem neuen Titel auch ganz neue Menschen angezogen, sie waren nicht mehr krank, nicht mehr scheu, nicht mehr menschenverachtend, – sie hatten keine Zeit mehr dazu, glaub' ich. Felix und Kleinchen hielten uns aber auch den ganzen Tag in Atem. Erst wenn sie abends endgültig zur Ruhe gebracht waren, kamen wir andern zu einer ordentlichen Unterhaltung über die Ereignisse des Tages, zur Besprechung von Zukunftsplänen. Vorher sprach Felix immer noch sein Abendgebetchen, sang süße, kleine, fromme Lieder, die ihn »Mutti« gelehrt, und nur ich durfte ihm die Händchen falten und an seinem Bettchen sitzen, Frau von Altenhof und Gisela blieben abseits stehen, aber ich sah doch, wie tiefbewegt beide waren von den schlichten Worten des kleinen Beters. Ich hauste schon längst nicht mehr allein in den »Rumpelkammern«. Das ganze Schloß ist umgesiedelt. »Kinder brauchen Licht, Luft und Sonne!« Diese Parole gab Doktor Gieseke aus, und bald wurde es auch das Feldgeschrei. Jetzt stehen in Mutter Lisbets früherem Salon und im Wohn- und Speisezimmer die alten Bücherscharteken, und wir alle wohnen in den sonnigen Rumpelkammern, aus deren großen Fenstern man so weit, so weit hinausschaut ins Thüringer Land. * Brief von Leutnant Erich Schlieden an Kerlchen. Geliebter Kerl! Wer hätte gedacht, daß aus dem düsteren Altenhoser Schloß noch einmal so sonnige Briefe meine Studierstube in Berlin W. verklären würden. Verzeih', mein Terle-Terle, aber Deine letzten Nachrichten haben eine köstliche, lachende Unterhaltung für zwei abgearbeitete Menschen abgegeben, für Deinen Erich-Bruder und – Fritz von Rumohr, der sich jetzt wöchentlich einmal bei mir erholt. Wenn er antritt, wandern wir beide schweigend zum Potsdamer Bahnhof, fahren schweigend nach Halensee hinaus, machen schweigend einen scharfen Gang durch den kalten Grunewald und kehren dann in einem stillen Wirtshaus ein, wo wir uns jeder eine Tasse Kaffee, und ich, in seligem Andenken an meine Kadettenzeit, einen Apfelkuchen mit Schlagsahne geben lassen, aber von da ab sind wir nicht mehr schweigend, sondern behandeln eingehend unser Thema: »Kerlchen.« Und dann ziehe ich den in den letzten acht Tagen von Dir erhaltenen Brief hervor und lese und – o Du liebes Kerlchen, wenn es nach Dir ginge, könnten wir beide schon die denkbar musterhaftesten Familienväter abgeben, so bewandert sind wir bereits durch Deine Schilderungen in »Klein-Kinderpflege«. Du ahnst gewiß gar nicht, welch köstliche Vorträge Du uns hältst, die trotz ihrer Ernsthaftigkeit oder vielleicht gerade deshalb so zwerchfellerschütternd wirken. Du glaubst nicht, wie es mich beruhigt, zu wissen, daß »Kleinchen« jetzt schon ein paar »Striche« Milch mehr bekommt, und daß trotzdem seine Verdauung ganz vorzüglich ist. Auch Fritz nimmt mit gebührender Bewunderung hiervon Kenntnis. Hast Du uns aber so treu von den Kindern berichtet, so will ich Dir und den andern Schloßbewohnern auch mitteilen, daß wir Nachricht vom Vater haben, gute Nachricht. Oder sagen wir lieber, über den Vater, denn Hartwig schreibt nicht selbst. Der Handelsherr und Besitzer der Farm hat an meinen Oberst geschrieben und rühmt Hartwig als eiserne Arbeitskraft, aber er »sei erstaunt gewesen, einen alten Mann vor sich zu sehen«. So hat das Leid den Sechsundreißigjährigen verändert! Kerlchen, ich sehe trotz der guten Nachrichten trübe in die Zukunft. Hier muß ein Höherer helfen. Gottlob, daß Altenhofs reich sind und für niemand mehr zu sorgen haben, so werden die Kleinen nicht materielle Not zu leiden brauchen, wenn sie auch fern von Vater-, Mutter- und Verwandtenliebe aufwachsen. Verwandtenliebe! Auch ein Kapitel, liebes Kerlchen! Ich hatte auf eigene Faust an die einzige, wohlhabende Verwandte von Hartwig geschrieben, ein älteres Fräulein, die Schwester seines Vaters, die ihren Neffen früher vergötterte, aber von dem Tage seiner Verlobung ihm feindlich gegenüberstand. Das traf ihn vielleicht noch härter als alles andere, denn er hing an der »alten Jungfer«, wie sie sich selbst mit Vorliebe nannte. Sie war stolz auf diesen Titel. Ich schrieb an sie, weil der Tod jeden Groll auslöscht, und weil Hans mir in den Stunden vor unserem Scheiden sein Herz ausschüttete und mir anvertraute, daß Fräulein Laura von Hartwig seinerzeit Gisela sehr lieb gehabt und nur mit ihm gebrochen habe, weil er sich von seiner ersten Braut trennte. Erst als ich den Brief abgeschickt, sagte ich es Hartwig, und er beschleunigte seine Reise ins Ausland, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. »Ich kenne Tante Laura,« fügte er zu mir, »sie ist eigensinnig und starrköpfig und hätte meiner Inge nie ein gutes Wort gegönnt, aber wenn sie erfährt, daß da zwei mutterlose Waisen aus Hartwigs Stamm in der Welt umherlaufen, kommt sie sofort.« Unnütze Sorge! Ein Vierteljahr ist schon vergangen, – nicht eine Zeile hat sie auf die Todesanzeige und meinen beweglichen Brief erwidert. Aber sie haust da oben irgendwo im Lübeckischen, Hans gab mir die Stadt Mölln als Adresse an, da hab' ich den Brief aufs Geratewohl hingeschickt, denn Fritz von Rumohr schwört, daß bei den heutigen, famosen postalischen Zuständen jeder Brief ankäme und lautete auch die Adresse: »An Kerlchen in Deutschland.« Fritz von Rumohr kennt Fräulein von Hartwig auch, sie ist eine Freundin seiner Großmutter; er ist empört wie ich, daß man nichts von ihr hört, und sie die verwaisten Kinder fremden Menschen überläßt. Gott verzeih' mir die Sünde. Es sind keine fremden Menschen, es sind Edelmenschen, und mein Terle-Terle gehört zu ihnen. Leb' wohl, Schwesterchen, Fritz grüßt Dich tausendmal. Dein Erich. * Brief von Bümi an Kerlchen. Liebe Kindermuhme! Muß man »Tante« zu Dir sagen? Gehst Du eigentlich ins achtzehnte Jahr, oder trägst Du bereits lilaseidene Kleider, schwarzweißbebänderte Hauben und einen Pompadour, der nach Lavendel riecht und in dem sich nur Gummischnuller und Wickelbänder befinden? Kerlchen! Verdrehtes, gemütliches, lustiges Schelmenkerlchen, dichtendes Parnaßkerlchen, hofluftatmendes Fürstenpatenkind, Buchenwalder Herzenstrost a. D., was ist aus Dir geworden? Erst eine Anstandsdame und nun Kindermuhme? Man hört so ernsthafte Dinge von Dir, daß man im Geiste immer mit abgezogenem Hute dasteht, was eine große Unbequemlichkeit und Anstrengung ist, aber eine noch größere Anstrengung verursacht es, täglich mit anzuhören, wie der Vater, die Schwäger, ja der eigene Ehemann am lautesten ausrufen: »Das is en Frauenzimmer! Nein, das is eben kein Frauenzimmer, das is en Kerlchen ! Nehmt euch allesamt ein Beispiel!« Das tun wir ja auch, Donnerja! Luttewete weicht Tag und Nacht nicht von ihrer Rösi, um gegen Dich nicht abzustechen, denn Schwager Helsa ist noch genau so vernarrt in Dich, als am ersten Tage, da Du in Buchenwalde Deinen Einzug hieltest, aber was sollen Munke und ich tun, die wir nicht den Schatten eines Sprößlings besitzen? Aber warte nur, das soll schon noch anders werden! Und damit Du nicht zu übermütig wirst, teile ich Dir heute eine Trauerbotschaft mit: Du bist Witwe geworden. Borby ist verblichen. Noch ehe er »dritter Ehemann« werden konnte, hat er sich empfohlen, niemand weint ihm eine Träne nach, denn sein Testament ist gerade so greulich, wie er es all sein Lebtag war. Unsere gute Stadt S., die ihn ein Menschenalter lang ertragen hat, bekommt nichts, kein Waisenhaus, kein armer Dienstbote, niemand von seiner Umgebung besitzt einen roten Heller. Nur das hiesige Hundeasyl bekommt 1000 Mark, damit es seinen abscheulichen Pinscherdackelterrier zu Tode pflegt und ihn dann »angemessen« beerdigt. (Nicht den Borby, sondern den Hund.) Sein ganzes übriges Millionenvermögen kommt – und das ist die Gemeinheit – nach England. Ein ganz entfernter Onkel-Vetter-Neffe von ihm wohnt dort, gleichfalls ein Scheusal (er war zur Beerdigung hier und bleibt hier, bis er die Millionen flüssig mit herübernehmen kann), der erbt alles und nimmt alles grinsend an, nur für die Braut, die alte Baronin Brockhorst, dankt er bestens. Kerlchen, Kerlchen, ich möchte wirklich wissen, ob Du – wenn Du – – ob Du dann jetzt eine reiche Witwe wärst, oder derselbe arme Schlucker von vordem. Denn Borbys Tod kam sehr plötzlich, – einen Sohn und Erben hättet Ihr unmöglich schon haben können. »Weib Du rasest«! ruft mir eben Franz zu, der natürlich wieder alles gelesen hat. Liebes, süßes Kerlchen, verzeih' mir! Gib' mir bald Nachricht über Dein Tun und Treiben, sinke nicht unter in Milch und ersticke nicht in Windeln, sondern schmücke Dein Heim, koche mit Gas und behalte lieb Deine Bümi. * Aus Kerlchens Tagebuch. Heute ist Wera wieder hier eingerückt. Wie ich mich nach ihr gesehnt habe! Sie schrieb so treulich, und ich konnte ihr nur so wenig antworten, meine ganze Zeit nahmen ja die Kinder und die ganz veränderten Verhältnisse in Anspruch. Auch heute war ich im Kinderzimmer und badete Kleinchen, da Mutter Scholz nicht ganz »auf Deck« ist. Als ich endlich alles besorgt hatte und Kleinchen eingeschlafen war, lief ich spornstreichs nach Weras Zimmer und fand sie da sitzen, mit bitterbösem, ganz blassem Gesicht, das sich aber bald zornig rötete. »Schöne Wirtschaft das!« polterte sie los. »Ich bin wohl hier der »Gar-Niemand« geworden? O ich bin wütend! So furchtbar hab' ich mich nach dir gebangt und immer nur von dir gesprochen, und beinahe jeden Tag geschrieben, aber hab' ich wohl 'ne vernünftige Antwort gekriegt? Ihr habt wohl alle einen Klaps? Lauter alte Jungfern im Schloß, und dann dieses Kindergeschrei, und wo man hinguckt, flattert Kinderwäsche –« Sie sah zornig auf die Wiese, wo Leine an Leine gespannt war, auf denen Kleinchens und Bubis Sachen trockneten. »Guck' nicht hin,« riet ich versöhnend. »Aber, ich lass' es mir nicht gefallen! Du bist meine Anstandsdame, um meinetwillen bist du überhaupt hergekommen, was nützt auch so 'nem Säugling 'ne Anstandsdame, der tut doch, was er will.« »Stimmt!« sagte ich lachend. »Ich bin auch bereits von der Anstandsdame feierlich zur Kindermuhme avanciert, und glaub' mir, mein Werchen, da brauch' ich mich nicht zu verstellen, da steh' ich meinen Mann!« »Wenn ich dich freilasse!« grollte Wera. »Ach, du Dummerchen! Heute hast du wohl 'n Klaps?« Komm mit und besieh dir das süße Bündel da drüben und dann wiederhole mir alles, – wenn du kannst!« Ich zog sie nach dem Kinderzimmer hin und auf dem Wege erzählte ich ihr die ganzen Erlebnisse der trüben Zeit, und richtig schlug sie gleich ins Gegenteil um, wie ich es gar nicht anders erwartet hatte!« »Ein Hauptkerl bist du,« sagte sie bewundernd zu mir, »ich bin stolz auf dich!« Dann schlich sie auf den Zehen zu Kleinchens Bettchen und schaute lange in das kleine Gesichtchen; als sie sich dann zu mir wendete, hatte sie die Augen voll Tränen. »Auch so ein Mutterloses!« flüsterte sie. »Ob es der liebe Gott wohl auch so führt, daß es später geborgen ist, wie ich bei meinem Ernst?« »Gutes Werchen! Und du bist mir nicht mehr bös?« »Still, still, Kerlchen! Ich war häßlich egoistisch! Vergib mir! Und dann laß uns weiter in meinem Zimmer plaudern, hast du Zeit?« »Jetzt eine ganze Menge!« rief ich fröhlich, und dann saßen wir eng umschlungen in Weras Zimmer und fanden des Schwatzens kein Ende, bis uns tiefe Dunkelheit umgab. Aber ich merkte wohl, daß Wera immer noch etwas auf dem Herzen behielt, und mochte doch nicht in sie dringen, wenn sie es mir freiwillig nicht anvertraute. Schon wollte ich mich wieder nach den Kindern umsehen, da tönte es bittend an mein Ohr: »Kerlchen!!!« »Was denn?« »Kerlchen, wirst du nun arg bös werden, daß ich dir vorhin so einen Auftritt gemacht habe, und noch nachträglich mit mir zürnen?« »Weri, nicht so 'ne lange Vorrede!« »Sieh, Kerlchen, – es war schnöde Selbstsucht von mir. Ich wollte dich ganz und gar für mich allein behalten. Und doch mußt du mich erst mal für ein Weilchen freilassen, denn – o Kerlchen, denke dir – nur noch vier Wochen, und ich soll schon als Herrin in Groß-Rhoda einziehen, ich, deine kleine, dumme Wera!« »Wera!« Ich war zuerst so verblüfft, daß ich weiter gar nichts sagen konnte. Sie schmiegte sich an mich. »Es ist jetzt alles festgesetzt worden,« fuhr sie fort, »in vier Wochen ist die Hochzeit, ganz still, in Ernsts Schlosse, Tante Lisbet ist damit einverstanden, dann fahren wir gleich nach Italien und – o Kerlchen, nun kommt ja das Wunderwunderschöne – du sollst ein paar Tage darauf die Tante Aurelia begleiten, erst nach Bayern, dann weiter südwärts, und dann wollen wir uns im schönen Italien treffen, ist das nicht wonnig?« Ich war aufgesprungen. »Das ist nicht möglich!« stammelte ich. »Doch, doch, es ist Wahrheit!« jubelte Wera. Tante Altenhof ist einverstanden damit, sie ist sogar glücklich darüber, daß deine Pflichttreue eine solche Belohnung findet, daß du die schöne Fremde kennen lernen kannst, du, mit deinem empfänglichen Herzen!« Ich hatte die Lampe angezündet. »Sag's mir nochmal im hellen Licht, Wera, ob es Wahrheit ist!« »Sicher, sicher, du ungläubiger Thomas!« »Aber – was wird Fräulein von Rhoda sagen,« stammelte ich kleinlaut. »Ja, das muß allerdings noch gedeichselt werden,« rief Wera, »aber das besorgt mein Erni schon bei Gelegenheit, wenn er auch absolut keine Anlage zum Diplomaten hat. Kommt Zeit, kommt Rat! O Kerlchen, noch vier Wochen, und ich bin sein!« Sie versank in träumerisches Sinnen, und ich schwieg auch; während ein glückseliges Gefühl in mir Einzug hielt. Reisen! Die Welt sehen! Die wunderbar schöne Gotteswelt! O wie gut meinte es das Schicksal mit mir! Wie dankbar wollte ich sein und Fräulein von Rhoda alles nach Kräften zu vergelten suchen. * Vier Wochen später. Es ist alles anders geworden. Nur ganz flüchtig kann ich heute in mein Buch schreiben. In der Schloßkapelle zu Groß-Rhoda steht heute mein Werchen vor dem Altar und wird die glückselige Frau ihres Ernst. Eben wird der Wagen angespannt, der mich auf ein Stündchen hinbringen soll. Dann fahre ich wieder zurück, um meinen Platz am Krankenbett einzunehmen. Jawohl am Krankenbett! Denn drüben ringt unser geliebter, kleiner Felix mit dem Scharlach, Kleinchen ist von ihm abgesondert, aber es hat keinen Appetit und unruhigen Schlaf; – – wenn es krank würde, schwer krank, das zarte, süße Ding? Wie sie alle gut mit mir sind! Wie sie mir selbstlos zuredeten, an der schönen, sich vielleicht nie wieder bietenden Reise festzuhalten! Und nun, da ich fest darauf bestand, in den Tagen der Not bei ihnen zu bleiben, wie sie mich verwöhnen! Ich tat doch nur meine Pflicht! Ich denke gar nicht mehr an Italien, habe still meine Koffer wieder ausgepackt und denke nur noch, daß ich meinem Werchen die Myrtenkrone aufs Haar setze und Zeuge ihres Glückes bin. Dann zurück zu den mutterlosen Kindern! Väterchen! Liebes! Du siehst so treu und gut, auf mich herab! Gelt, du siehst mich am liebsten, wenn ich tapfer bin?! – – – – – – * Wieder daheim! Wera war eine einzigschöne Braut! So strahlend, so lieb und froh, und doch so demütig in ihrem Glück. Frau von Altenhof war mit mir hingefahren und begleitete mich auch wieder zurück. Es war eine ruhige, kleine Tafelrunde, während welcher ich kaum die Augen aufzuschlagen wagte, denn die Stiftsdame schaute mich unverwandt und kopfschüttelnd durch ihre Lorgnette an. Als ich dann später Wera das Reisekleid anlegen half, brach bei dieser der Übermut zum erstenmal wieder durch. »O Kerlchen, weißt du, was Tante Aurelia gesagt hat? Du seist ihr ein Rätsel. Trotz der schweren Krankheit und der aufopfernden Nachtwachen habest du dich förmlich verjüngt, und das Pedantische an dir sei wohltuendem Ernst gewichen!« Wir lachten beide noch einmal recht herzlich und froh zusammen, mit keinem Worte streiften wir die Reise und meine zerstörten Hoffnungen. Nur als ich vom jungen Paare Abschied nahm, drückte mir Ernst von Rhoda stark die Hand und sagte: »Tapferes Kerlchen! Ich bin stolz darauf, daß meine Wera Sie Freundin nennt!« Als ich wieder zu Hause anlangte, fiel mir aus meinem Reisehandtäschchen ein kleiner Zettel entgegen. Ich betrachtete die Knabenhandschrift nachdenklich, und wenn das Verschen auch keine Unterschrift trug, so stand mir doch greifbar deutlich der Fähnrich Heinz vor Augen: »Gern würf' ich ab den falschen Schein, Laut möcht' ich meinen Namen nennen, Dir schlägt mein Herz, nur Dir allein! Du aber willst es nicht erkennen! « Er hatte heute an der Hochzeitstafel das Amt des Mundschenks übernommen!!! * In Altenhof war es Frühling geworden, und zwar kein Frühling mit Aprilwetter, Sonnenschein, Regen und Sturm, sondern ein lachender, sonniger Frühling mit Vogelfang und Veilchenduft; der alte, düstere Graben, der sich um das Schloß herumzog, war wie besäet mit den blauen Blümchen. Kerlchen stand im Graben und pflückte Veilchen. Zum erstenmal seit langer, langer Zeit hatte es ein weißes Kleid an, und keinen Schmuck an sich, als einen Veilchenstrauß im Gürtel, außer den roten Wangen und den lachenden Blauaugen. Heute war Festtag in Altenhof. Wer es nicht in allen Gliedern spürte, wie »das Kerlchen«, der brauchte nur hineinzugehen und sich die Türen zu besehen, die sämtlich Guirlanden trugen, eine zarte Aufmerksamkeit der dienstbaren Geister in Altenhof. Doppelter Festtag, denn Felix war schon seit ein paar Tagen aus strenger Krankheitshaft entlassen, und heute war Taufe von Kleinchen! Über ein Vierteljahr war das Dingelchen schon alt, und Mutter Scholz konnte kaum noch ihren Groll verbergen, wie lange man denn eigentlich warten wollte mit der Aufnahme dieses kleinen Erdenbürgers in den Bund der Christenheit. »Sie soll woll selber »ja« sagen, wenn der Herr Pfarrer fragt,« äußerte sie entrüstet. Nun, man konnte der guten Mutter Scholz die tieferen Gründe nicht mitteilen, sie ahnte nicht, welch stille Kämpfe ausgefochten wurden, niemandem sichtbar, tief drinnen in den Herzen der beiden Frauen. Wohl hatte der Pfarrer die Schwelle des Schlosses überschritten, aber immer war ihm in der großen Vorhalle nur das Kerlchen entgegengelaufen, und seine Kinderaugen hatten ihm schon von weitem die traurige Botschaft kundgetan, die der Mund dann leise aussprach: »Die Damen nehmen niemand an«. Dann war aber das Kerlchen »Prediger in der Wüste« geworden, hatte mit heiligem Eifer für eine gute Sache gestritten, und sacht, aber eindringlich pochten auch die zarten Kinderhändchen an die Herzen der beiden einsamen Frauen. Da taten sie sich endlich auf, zuerst noch scheu und beinahe erschrocken vor der Fülle des Lichtes, die hineinfiel, dann aber immer mehr erwärmend, erstarkend in dem Bewußtsein: »Gott sitzt im Regimente und führt alles wohl.« Und heute war Taufe. Schon am vergangenen Sonntag hatte der Pfarrer im Schlosse zu Mittag gegessen, und da war der Tag festgesetzt und die Patin ernannt worden, Gisela sollte es sein, und »Gisela-Inge« hieß das Kleinchen von jetzt ab. Kerlchen pflückte Veilchen. Heute sollte das ganze Schloß untertauchen in Frühlingsblumen, der Tauftisch, das Taufkleidchen, die Taufpatin und die »Freßgevattern« sollten mit Veilchen bekränzt werden. O wie schön war die Welt! Beide Arme warf Kerlchen in die Luft und atmete tief auf und sang: »In meiner Heimat, da wird es jetzt Frühling, der blüht auf den ältesten Gräbern sogar, da flüstern die Brunnen, da locken die Lieder, da wandert mit Kätzchen die Kinderschar!« Der schmetternde Klang eines Posthorns mischte sich nicht gerade harmonisch in das angestimmte Lied, Kerlchen brach jäh ab und kletterte an dem Grabenrand in die Höhe, um Ausschau zu halten. Wie kam jetzt die Post hierher? Es war auch nicht die alte gute, gelbe Kutsche, die täglich von Sandkrug über. Altenhof nach Rhoda und weiter fuhr, es war eine hübsche offene »Halbchaise« des Posthalters, und der junge Postillon war des Posthalters eigener Sohn und hatte die beste Uniform an. »Extrapost.« Das ganze Schloß kam zusammengelaufen, vom Hof, aus den Ställen, überall her ging und sprang man hinzu, um das Ungewöhnliche zu beobachten. Und die Extrapost fuhr nicht etwa schlankweg vorbei, nein, sie hielt unter nochmaligem schmetternden Signal an, und dem Wagen entstieg eine mittelgroße, vollwichtige Dame mit energischen Zügen starker Nase, durchdringenden, hellen Augen und einem roten, von grauem Wellenscheitel umrahmten Gesicht. Mit offenem Munde schauten die Altenhofer, Kerlchen voran, das Wunder an. »Wie die Ochsen das neue Tor!« Die alte Dame warf ihnen diesen Satz ungeniert an den Kopf, und der Troß stob verlegen lachend auseinander. Inzwischen war Heinrich herbeigeeilt und half den leichten Koffer vom Bock herunterheben. Beim Anblick des Koffers und der einzigen Schachtel außerdem wetterte und fluchte die alte Dame wie ein Stadtsoldat. »Kreuzmohrenelement, – ich sag's ja, – eine Kiste und zwei Schachteln sind stehen geblieben, das kommt davon, wenn man nicht Probe reisen kann.« Ihr Gesicht, das in böse Falten gezogen war, wurde milder, als sie Kerlchen erblickte, das wie der verkörperte Frühlingstag vor ihr stand. Sie nahm ihm ohne weiteres einen Veilchenstrauß ab. »Das nenne ich doch noch einen Empfang! Aber woher weißt du denn, Kind, daß ich komme, – oder sind Sie schon eine erwachsene Dame?« Kerlchen sah sehr verblüfft aus und zuckte die Achseln, es konnte sich gar keinen Vers aus der Fremden machen.« »Na, – mit der Pulvererfindung scheint ihr euch hier ja nicht lediglich zu beschäftigen,« meinte die Dame trocken, »bisher hat mir hier noch kein Mensch ein Wort gesagt. Geh er und melde er mich bei seiner Herrschaft,« wandte sie sich an Heinrich, und dieser ließ beinahe wieder Koffer und Schachtel fallen vor Schreck. Was war das? So sprach und wetterte nur eine – er hatte sie im Gedächtnis behalten, lange Jahre hindurch. Aber die zornigen Worte: »Nun, was steht er, was gafft er,« brachten ihn zu sich. »Melde er Freifräulein Laura von Hartwig.« In Kerlchens Gesicht wetterleuchtete es, und so sprechend war sein Mienenspiel, daß Fräulein von Hartwig stutzig wurde. »Nun, – geht Ihnen ein Seifensieder auf? Kennen Sie mich, haben Sie von mir gehört?« »Jawohl,« sagte Kerlchen rasch, »ich bin Erich Schliedens Schwester.« »Leutnant Schliedens Schwester! Da schlag eine Bombe drein! Das sagt dieses Kiekindiewelt so, als wär's ein Empfehlungsbrief. Jawohl! Leutnant Schliedens Schwester! Jagt mich dieser verdrehte Mensch vom Lauenburgischen herunter ins Thüringische, als wär' ich ein perpetuum mobile . Jagt mich mit einem ganz verrückten Brief, von dem ich kein Wort glaube. Und dann nennt sich der Mensch auch noch Leutnant Schlieden! Die Welt ist bunt, Donner und Hagel, bunt ist die Welt!« Kerlchen folgte kopfschüttelnd der voranstapfenden alten Dame ins Schloß. Sie schien ihm nicht ganz richtig im Kopfe zu sein. Drinnen in der Vorhalle standen Frau von Altenhof und Gisela, um den unerwarteten Besuch zu empfangen. Beide waren blaß vor innerer Erregung. Fräulein von Hartwig knickste altmodisch. »Lisbet und Gisela! Es stimmt! Die Welt ist bunt, Donner und Hagel, bunt ist die Welt. Sieben Jahre haben wir uns nicht gesehn, nichts voneinander gehörte, schöner und jünger sind wir nicht geworden inzwischen, aber das Herz ist noch auf dem rechten Fleck. Grüß Gott, Leute, alle miteinander!« Frau von Altenhof streckte ihr beide Hände entgegen und dann umfaßten sie sich lange – stumm. Darauf löste sich Fräulein von Hartwig aus der Umarmung und schritt mit Gisela nach dem früheren Empfangszimmer. »Nicht hier,« gebot Gisela und führte die Erstaunte nach den ehemaligen Rumpelkammern, – wir sind umgesiedelt, – der Kinder wegen. Kopfschüttelnd blieb die alte Dame vor den guirlandengeschmückten Türen stehen. »Ist ein Fest hier – bei Euch?« fragte sie ungläubigen Tones. »Die Taufe von Hans von Hartwigs Kind,« sagte Gisela mit seltsam verschleierter Stimme und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. »So ist sie denn wirklich wahr, die tolle Mär, die mir der Leutnant Schlieden da auftischte, und die ich nicht glauben wollte? Wirklich zerstört das trügerische Glück, die Frau tot, Hartwig fort, und ihr beiden, ausgerechnet just ihr beiden nahmt die Kinder auf?« Frau von Altenhof reichte Gisela über den Tisch hinüber die Hand, ein Aufleuchten des Glücks flog über beider Gesicht. Fräulein von Hartwig lachte kurz und hart auf. »Man sieht's euch an, ihr tatet es gern! Das alte, ewige Rätsel vom Frauenherzen. Verratet es, tretet es, – – es liebt und verzeiht. Ich bin nicht besser, wie ihr alle!« Kerlchen ging gern jeder Sache auf den Grund, und so stand es jetzt mit strenger Richtermiene vor der Säumigen. »Warum kamen Sie jetzt erst?« »Frag du und der Deubel!« war die nicht sehr höfliche Antwort, aber doch nicht grob genug, um ein Kerlchen einzuschüchtern, das von der Rechtmäßigkeit einer Frage überzeugt war. »O, – der Erich hat so auf Nachricht gewartet, er hat doch gleich geschrieben, als die arme Inge starb, und Hans von Hartwig hat seine Abreise beschleunigt, er wollte Sie nicht sehen, weil Sie seine Inge nicht lieb hatten, aber er war fest überzeugt, daß Sie kommen würden.« »War er? War er?« rief Fräulein Laura, und ein strahlendes Lächeln verschönte ihr derbes Gesicht. Recht hat er damit gehabt, dreimal recht! Nach dem eindringlichen Brief von seinem Freunde mußte ich kommen! Und bin ich nicht gleich gekommen? Gestern traf ich erst in Mölln ein, es muß mich der Leibhaftige geplagt haben, daß ich ein Vierteljahr auf Reisen war, wie ein Vagabund. Und dann hatte der superkluge Herr Leutnant Schlieden erst mal einfach »Mölln« auf den Brief geschrieben, und der ist in sämtlichen »Möllns« herumgefludert, mir dann nachgeschickt worden, hat mich nicht gefunden, item – was soll ich mich entschuldigen, gestern hab' ich ihn gefunden, – sperr' die Ohren auf, Gelbschnabel, – ich sagte gestern, und heute bin ich hier. Wie mir's nahe geht, daß es doch zu spät ist, weiß der Allmächtige, und es geht keinen was an, als ihn und mich.« Kerlchen streckte ihr die Hand hin. »Es ist gut, daß sich die Sache so verhält, und den Erich wird's freuen,« sagt es ernsthaft. »So? Wat büst du förn Klugsnacker?« Fräulein Laura schaute Kerlchen forschend in das Gesicht. »Wenn ich bloß wüßte, wo ich deine Augen schon gesehen hab' – –.« Sie blieb eine Weile nachdenklich, dann rief sie: »Bringt mir jetzt was zu essen, und dann wollen wir in die Kinderstube gehen. Auf den nüchternen Magen kann ich mir die Würmer nicht ansehen, – na, und dann müssen wir besprechen, Pläne schmieden, handeln, – und ihr müßt mir haarklein alles erzählen, denkt, daß ich soviel wie nichts weiß, was in den letzten Jahren geschehen, trotzdem der Brief des Leutnants dick und gewichtig genug war.« Kerlchen war schon hinausgelaufen, um in der Küche Bescheid zu geben, sie brachte kurze Zeit darauf die Meldung, daß im Eßzimmer das Frühstück bereit stehe. Und nach der Stärkung ging man ins Kinderzimmer. Die kleine Inge saß auf dem Arm von Mutter Scholz, krähte und lachte seelenvergnügt, froh, endlich aus dem dummen Vierteljahr heraus zu sein. Fräulein von Hartwig beachtete das süße Geschöpfchen kaum. »Säuglinge sind Kaulquappen,« sagte sie unwirsch zu Mutter Scholz, die sich tiefentrüstet mit ihrem Pflegling in eine Ecke zurückzog. Felix baute an einem »Hüttchen«, er kam aber gehorsam sofort herbei und sah der fremden Name aufmerksam und ernsthaft ins Gesicht, nachdem er ihr mit ritterlicher Verneigung die Hand geküßt. Auch Fräulein Laura unterzog den schönen Knaben einer eingehenden Musterung, ihre Lippen zuckten, dann wendete sie sich mit einem schweren Seufzer ab, Felix ließ erschrocken ihre Hand los und lief hinaus, die Wärterin folgte ihm mit Klein-Inge, um in der Küche voll Zorn zu erzählen, daß man ihr Kind eine Kaulquappe genannt hatte. »Welch' ein Engel ist der Junge,« sagte Fräulein Laura mit seltener Weichheit, – »wirklich ein Engel – aber nicht einen einzigen Hartwigschen Zug hat er im Gesicht.« »Hans von Hartwig war ja auch kein Engel,« fiel Kerlchen rasch ein, »aber Frau Inge war es, – Felix sieht aus wie sie.« »Ja,« rief Gisela laut und fest. »Sie war engelschön und engelgut, ich sah sie ja nur im Tode, aber ich wußte in dem Augenblicke, daß Hartwig sie lieben mußte , daß er schuldlos war.« »Larifari, Sentimentalitäten und kein Ende,« rief Fräulein Laura heftig, alle Weichheit war aus ihrer Stimme fortgewischt. »Da würde jedes hübsche Lärvchen ein Freibrief werden, auf den man frisch drauf los sündigen könnte, so oder so – hoffentlich hat die Mutter dem Jungen noch etwas Besseres vermacht als nur ihre Schönheit, – holt mir ihn wieder herein und auch sein Schwesterchen, ich will sie nicht aus der Kinderstube vertreiben.« Mutter Scholz erschien wieder, etwas milder gestimmt, denn Tina und Heinrich hatten ihr inzwischen sehr viel Gutes von Fräulein von Hartwig erzählt, wobei bei der durchaus praktischen Mutter Scholz am meisten ins Gewicht fiel, daß »Tante Laura« eine Erbtante war, »Solchen Menschen kann man viel verzeihen,« sagte sie diplomatisch. Klein-Inge war inzwischen müde und deshalb verdrießlich geworden, sie »knarrte« erst ein wenig und setzte dann mit großer Lungenkraft zu einem Solo ein. »Bravo,« rief Tante Laura, »Du bist die rechte, echte Hartwig, genau so brüllte dein Vater von Jugend auf und – o Wonne, in deinem unentwickelten Pfropfen von Nase sehe ich bereits den Hartwigschen »Zinken« hervorwachsen, – Deern, weiß Gott, du machst mir Freude – ja schrei nur drauf los, das Hartwigsche Maul hast du auch mit der Devise: »Gut, daß die Ohren da sind, sonst ging's rundum.« Mutter Scholz setzte alle Manieren eines gut geschulten Dienstboten, der bisher nur in »hochherrschaftlichen« Häusern »gewartet« hatte, außer Acht und drehte tiefbeleidigt der Sprecherin den Rücken zu, diese lachte weiter, und plötzlich fing Felix auch an zu lachen, laut und herzlich, anhaltend und ansteckend, und mit einem Jubelruf drehte sich Tante Laura um und riß ihn in ihre Arme, an ihr Herz. – »Junge, mein Junge,« rief sie und lachte weiter, während ihr die heißen Tränen über die Wangen liefen, – Sohn meines Herzensjungen, dieses Lachen legitimiert dich – Gott Lob und Dank!« Felix legte seine Ärmchen um ihren Hals. »Bleib' bei uns, Mutter Laura,« bat er zärtlich. Die alte Dame weinte fassungslos. Es war, als ob alles Leid, das der Vater des Jungen in sieben Jahren ihr zugefügt, und das sie in grimmigem Zorn unterdrückt hatte, sich plötzlich Luft machen wollte. Dann aber schämte sie sich ihrer Schwäche. »Mein Lebtag war ich kein hysterischer Jammerlappen,« sagte sie unwirsch und wischte sich energisch die Tränen fort. »Komm, mein Junge, jetzt bleiben wir zusammen, und heute wollen wir erst mal taufen, damit dein Fräulein Schwester aus dem heidnischen Zustand herauskommt.« Gisela hatte leise das Zimmer verlassen, niemand achtete auf sie, außer Kerlchen; dem fielen die plötzliche, seltsame Blässe in Giselas Gesicht auf und die grenzenlos traurigen Augen, die ins Leere starrten, beinahe so wie in früheren schrecklichen Zeiten, Nach einer kleinen Weile ging Kerlchen ihr nach, Gisela saß in ihrem Zimmer in Zorn und Weh. »Geben Sie acht, Kerlchen, – sie nimmt mir die Kinder, sie ist die einzige Verwandte, sie ist gesund, reich – – und ich kann sie nicht wieder hergeben, ich überleb' es nicht. O du, – den sie Herrgott nennen, laß mir diesen einzigen Sonnenstrahl in meinem armen, dunklen, verpfuschten Leben!« Gisela war wie aus allen Fugen gerissen, und Kerlchen stand zitternd, aber nicht ratlos diesem Verzweiflungssturm gegenüber. »Wir geben die Kinder einfach nicht,« entgegnete es trotzig-beruhigend, »Hab' ich das Kleinchen nicht beinahe selber »gekriegt«? Es hätt' verhungern können, wenn der liebe Gott und ich nicht da waren und aufpaßten. Nee, – ich geb's nicht her! Und Ihnen hat Herr von Hartwig die Kinder geschenkt, ach und so von ganzem Herzen gern! Ich hab's ja gesehn, ich war ja dabei, als Ihr Brief kam. Na hat Hans von Hartwig zum erstenmal geweint, und das hat ihn gesund gemacht!« »Plauderkerlchen, Herzenstrost, – – wie bist du gut,« – geh jetzt hinüber – ich komme bald nach.« – * Im »Ahnensaal« war der Tauftisch aufgestellt, die Zeugen waren vollständig versammelt. Es hatte vorher noch einen kleinen Aufschub gegeben, Gisela war etwas verspätet aus ihrem Zimmer gekommen und hatte mit stockender Stimme Fräulein von Hartwig gefragt, ob sie die Patenstelle übernehmen und dem Kinde ihren Namen geben wolle, aber Tante Laura hatte sie erstaunt angesehen und energisch erwidert: »Nein! Laura von Hartwig ist immer ein Stiefkind des Glücks gewesen, abgesehen vom elenden Mammon, der ja immer vorhanden war, aber von der törichten Welt viel zu hoch eingeschätzt wird. Warum wollen wir also den Namen noch einmal aufleben lassen? Gisela-Inge, da steckt der Wert zweier edlen Frauen darin, ihr habt recht gewählt!« So hielt denn Gisela das Kind dem Pfarrer entgegen, fest hatte sie es ans Herz gedrückt, und zum zweitenmal stieg ihr Gebet in heißem Flehn empor: »Nimm mir das Kind nicht wieder, lieber Gott!« Auch die Dienerschaft des Schlosses wohnte der heiligen Handlung bei, und mit fast ehrfürchtigen Blicken ruhten Heinrichs Augen auf seiner geliebten Herrin. Nach der Tauffeier schritten alle in die Nebengemächer zurück, nur Gisela ließ sich mit dem Kinde, das sie noch immer aus dem Arme trug, in einen Sessel nieder und sah lange in das kleine Gesichtchen. Felix blieb auch bei ihr, er schmiegte sich eng an »Schwesterchen« an und umfaßte mit dem andern Arm Giselas Hals. Kerlchen stand stützend und bewachend neben der Gruppe. Nach einem Weilchen wurde Tante Lauras Stimme im Nebenzimmer laut, und die Tür öffnete sich, »Wo steckt ihr denn,« fragte sie, »der Herr Pfarrer und ich verhungern, und das Kleinvolk soll ins Bett, um ein Mittagsschläfchen zu machen, Holla, ihr seht so ernsthaft aus, was gibt's?« »Wollen Sie die Kinder fortnehmen aus Altenhof?« fragte Kerlchen an Giselas Stelle ohne weitere Umschweife. Tante Laura sah sehr betreten aus, dann lachte sie in der ihr eigenen Art kurz auf. »Ist das Kücken dein Vormund, Gisela?« fragte sie. »Aber einerlei, – das war's also?« Sie strich mütterlich zärtlich über Giselas Haar. »Meinst du, ich hätte die Veränderung in deinem Wesen nicht bemerkt? Und zerbrach mir den Kopf – – Darauf wäre ich nicht gekommen. Aber das besprechen wir drinnen beim Glase Wein, beim Taufessen. Kinder, ich bin aus der alten Schule – Essen und Trinken hält Leib und Seel' zusammen, kommt, kommt, kommt, ich bin sogar noch für die guten alten, ehrlichen Leichenschmäuse, und meine alte Marie soll euch was Ordentliches zusammenkochen, wenn ihr mich mal zu Grabe tragt.« Damit zog sie die Widerstrebenden durch den Saal mit sich ins Eßzimmer. Frau von Altenhof saß schon auf ihrem Platz, sie sah angegriffen und müde aus, und doch lag ein Schimmer stiller Freude auf ihrem Antlitz, besonders, als sich jetzt Felix von der Gruppe löste und auf sie zueilte. Fräulein von Hartwig tat dasselbe und setzte sich dicht neben sie. »Lisbet, Liebste, ich muß dir arg verwunderlich scheinen,« flüsterte Tante Laura, » – und ich kann dir auch sagen, nächstens bin ich zu Ende mit meiner Kraft. Wenn ich mich nicht durch lautes Sprechen und gewaltsamen Humor aufrecht halte, ist's um mich geschehn.« Frau von Altenhof legte beruhigend ihre Hand auf die der Freundin. »Ich verstehe dich,« antwortete sie gütig. »Zu viel ist heut auf mich eingestürmt,« fuhr Fräulein von Hartwig fort, »denn trotz des ausführlichen Briefes vom Leutnant Schlieden überraschte mich doch alles aufs höchste. Sieben Jahre habe ich nichts von Hans gehört, sieben Jahre habe ich in bitterm Groll der Frau geflucht, die ihn umgarnt hatte, und nun ist sie tot, und auf Schritt und Tritt begegnet mir heute ihr Name, nicht nur hier, auch auf der Reise, beim Aufenthalt in Sandkrug – überall wurde er mit Liebe genannt, mit Achtung, mit Ehrfurcht – das hat mich furchtbar zusammengerüttelt. Und nun bin ich hier bei ihren Kindern, und selbst diese zu schützen habt ihr mir verwehrt. »Laura – nein, nein – nicht so.« »Laß, Lisbet, – ich weiß, ich kam zu spät, und wenn ich's jetzt noch gut machen will, so breche ich Gisela das Herz. Ich bin eine unnütze alte Person!« Ihr Gesicht sah in diesem Augenblicke tief bekümmert aus, aber schon im nächsten rief sie mit gänzlich verändertem Ausdruck dem Pfarrer zu: »Kommen Sie, Mann Gottes, setzen Sie sich neben mich, ich habe wichtige Sachen mit Ihnen zu verhandeln. Aber erst die Suppe und eine Château 1878 er Margaux. – Ik segg Se Herr Paster, disse Win, dat 'sn Kirl, en echten! Prost!« Der Pfarrer tat lächelnd Bescheid. Das alte Fräulein gefiel ihm, lhr frisches, geradeehrliches Wesen wirkte befreiend auf ihn, inmitten der düsteren Färbung des Schlosses. Nach der Suppe räusperte sich Tante Laura stark, als wollte sie zu einer längeren Rede einsetzen, sie schluckte und schluckte, aber es wurde nichts daraus, bis sie plötzlich sehr laut und polternd rief: »Ne ne, wat schall ik woll mit de Kinners anfangen? De könt ju man beholln. I wo doch, ik ward mi doch nich son Kropptüg upladen, – da kann ik ja noch in ander Lüd Mäuler kamen.« Über Giselas Gesicht ging ein helles Freuen, ein seliges Leuchten flammte in ihren Augen, dagegen löffelte Fräulein von Hartwig nach ihrer Rede so rasch ihre Suppe aus, als hätte sie tagelang nichts gegessen, und als der Teller leer war, schlug sie auf den Tisch, als hätte sie eine Welt von Widersachern vor sich. – »Aber tun will ich was, ich gehe nicht so fort von hier, ohne etwas getan zu haben für – für – für das Andenken von Frau Inge Hartwig. Ihr zwei Frauenzimmer seid reich, ich kann euch nichts anbieten zur Bestreitung der Erziehungskosten, aber es gibt manches noch außerdem zu regeln und bedenken. So denke ich, setze ich der Mutter Scholz, die das Kleine sehr zu lieben scheint, eine anständige Summe auch für die Zukunft aus, damit sie immer als alleinige Wärterin hier bleiben kann. Zweitens will ich den Platz um die Grabstelle herum kaufen, auf dem Frau Inge liegt, es soll Hartwigsches Erbbegräbnis werden, und drittens kaufe ich das kleine graue Haus, in dem Frau Inge geschaltet und gewaltet hat und der Sonnenschein meines Neffen Hans gewesen ist. Dieses Haus soll »Ingeheim« heißen und armen alleinstehenden Frauen Unterkunft und außerdem einen jährlichen Zuschuß gewähren. Ich höre, daß z. B. für die Landschullehrerwitwen hier herum schlecht gesorgt ist, – machen wir's fürs erste also zum Lehrerwitwenhaus, wenn es Ihnen so gut dünkt, Herr Pastor. So! – Ich habe vor Zeugen gesprochen, – bringen Sie alles in Richtigkeit!« Sie lehnte sich erschöpft in ihren Stuhl zurück, niemand sprach, zu mächtig arbeitete es in Kopf und Herz der Zuhörer. Aber lange konnte Kerlchen das nicht aushalten, es sah mit so leuchtenden Augen im Kreise umher, daß jeder, der es kannte, sich etwas von ihm vermuten konnte, aber jeder war mit sich selbst beschäftigt, bis es endlich sein Weinglas hochhob und mit so schmetternder, jubelnder Stimme »Hurra« rief, daß alle zum Tode erschrocken zusammenfuhren; es war wohl das erste »Hurra« überhaupt, das diese Wände zu hören bekamen. Der Pfarrer neigte sich zu Fräulein von Hartwig. »Das Kerlchen spricht nur in seiner urwüchsigen Art aus, was uns allen auf der Zunge liegt, Heil Ihnen, Fräulein von Hartwig, Gott segne Sie für Ihr edles Werk!« Sein Glas klang an das von Tante Laura, und nun reichten alle ihre Gläser hin, Kerlchen aber sprang auf, lief zu Fräulein von Hartwig hin und küßte in überströmender Dankbarkeit ihre Hände. »Herr Paster, nu kiken Se de Ogen von de Deern an,« lachte Tante Laura. »Oha min Lütten, ik heww Freud an di. Und daß du son famosen Bruder hast, der mich hierherjagte, wo ich Unrecht gut machen konnte. Und daß du auch noch »Schlieden« heißt!!! Deern, Deern, ich hab in jungen Jahren einen Leutnant Schlieden gekannt, den kann ich all mein Lebtag nicht vergessen und bin um seinetwillen all den vielen Schliedens gut, die in der Welt herumlaufen. Der stand bei der Feldartillerie damals in meinem kleinen ostpreußischen Nest mit meinem Bruder zusammen, dem er der getreue Eckart war und den er einst vor Schimpf und Schande bewahrte. Meine Mutter und ich schauten wie zu einem Heiligen zu ihm auf, trotzdem auch ich bedeutend älter war als er, und wir verloren ihn eigentlich erst aus den Augen, als er sich verheiratete mit einem blonden Mädchen aus dem Hause Mühlenweg –« »Meine Mutter,« stammelte Kerlchen und dann in ausbrechendem Jubel: »Und das war mein Väterchen, mein liebes, liebes!!!« Fräulein von Hartwig sprang auf. »Wat seggst du doo, du Undäg, du – du – du – wat?« Sie schüttelte Kerlchen, während die hellen Tränen aus ihren Augen stürzten. »Segg mi dat noch mol, dat du dat Kind von Ernst Schlieden büst.« Und als Kerlchen glücklich nickte, da küßte sie es rundum ab. »Die Welt ist rund, rund ist die Welt!« rief sie mit Stentorstimme. Geben Sie mir Braten, Heinrich, und nehmen Sie den kalten Fisch mit samt dem Teller fort, Donner und Hagel, verzeihen Sie Herr Paster, äwer – wat toveel is, is toveel!« Wie das Taufessen zu Ende ging, wußte eigentlich niemand so recht zu sagen. Es bildeten sich lauter Grüppchen. Frau von Altenhof saß mit dem Pfarrer zusammen und sprach über Bubis Erziehung. Der Pfarrer wollte ihn täglich unterrichten im Verein mit einem hochbegabten Lehrer in Sandkrug und ihn bis zur Tertia eines Gymnasiums vorbereiten. Gisela plauderte mit Felix, der ihr heute neu geschenkt erschien, Mutter Scholz kam mit dem erwachten Kleinchen herein und hörte unter Lachen und Weinen von dem »anständigen Jahresgehalt für alle Zukunft«, das ihr Fräulein von Hartwig ausgesetzt, und fühlte beinahe körperlich die feurigen Kohlen brennen, die Tante Laura auf ihr Haupt gesammelt hatte, denn sie hatte eben erst noch tüchtig in der Küche geschimpft, wo die Vermutung ausgesprochen worden war, die alte Dame werde die Kinder fortnehmen. Tante Laura aber war von Felicitas unzertrennlich. Nicht genug konnte ihr das Kerlchen erzählen, und soweit sein scharfes Gedächtnis zurückreichte, lag sein Lebenslauf und der des geliebten Vaters klar vor den Augen der gespannt Lauschenden. Mit beinahe verklärten Blicken sah Fräulein von Hartwig auf die Plaudernde, denn Kerlchen war ja nun so recht in seinem Fahrwasser, die ganze sonnige Kinderzeit, das Walten der zarten, feingebildeten Mutter, die Freundschaft mit dem prächtigen, hochgemuten Prinzen Li, des sonnigen Erichs liebevolle Zärtlichkeit und dann die grenzenlose Liebe und Verehrung für den so früh dahingeschiedenen Vater, alles durchflutete heute mehr denn je sein Herz, das sich plötzlich auftun durfte vor einer verständnisinnigen Seele. »Mien Lüttenlütten, mien Deern, mien Terle – Terle,« flüsterten zärtlich die Lippen der alten Dame. »Oha, oha, wat bün ik froh, dat ik di hüt seggen kann, ik bün ne ole Jungfer blewen, wil dat ik den Ernst Schlieden ni harr kregen kunn, un es gew ok inne ganze Welt ni noch so eenen.« Dann folgte Tante Laura dem Kerlchen in sein Zimmer, und hier stand sie lange vor dem Bilde von Keilchens Väterchen und ließ sich alle anderen Bilder zeigen, beaugenscheinigte auch das von Fritz von Rumohr, das im unscheinbarsten Winkel eines mächtigen Familienalbums versteckt war, mit allergrößtem Interesse und erzählte Kerlchen, daß sie eine gute Freundin seiner Großmutter, der alten Frau Heinke Tönningsen droben in der Marsch sei, und »dat de Fritz en ganzen Kirl , äwer ok en verdeuwelter, hochnäsiger Knopp wier, sunst hätt he dat Geld annehmen müßt, womit ik em de Schull'n vun sien Vadder betahlen wull.« Dann ging Kerlchen wieder zu den andern zurück, und Fräulein von Hartwig blieb allein in Kerlchens Stübchen, »um sik de Ogen to warmen, un sik 'n beten inwenni to beseihn, danen – wat to veel is, is to veel.« Als Tante Laura abends wieder bei ihnen erschien, da merkten alle, daß sie »'ne Id«« hätte, die in ihrem Kopfe heillos rumorte und keine Ruhe hatte, bis sie einen Ausweg fand. »Kinder,« rief sie, »nehmt mal erst alle eure Dankesbezeugungen von heute Mittag wieder zurück, die drücken mich stark, und ich kann so was nicht vertragen, denn – – mi is dat all weder leid worn.« Nie Anwesenden sahen die alte Dame schier entsetzt an. Was sollte das heißen? »Nee, nee, so ist das nicht gemeint,« beruhigte Tante Laura, die Kinder bleiben hier; und alles, was ich dem Herrn Pastor gesagt, hat seine Richtigkeit, aber ich will nicht für edel und gut und selbstlos gelten, wenn ich doch meine egoistischen Hintergedanken dabei habe. Und die hab' ich, da oben hab' ich sie gekriegt, in Kerlchens Stübchen. »Gewt mi de Deern!« bat sie plötzlich in flehenden Lauten und streckte beide Hände nach Frau von Altenhof aus, »laßt mir das Kerlchen!« Und als die andern sie tief erschrocken ansahn, fuhr sie bittend fort: »Ik bruk jo keen Stütz, davor is jo mien ol Marie dor, awer ik bruk son lütten Reiseunkel, denn ik bün trotz minen Öller, und trotz der veelen Reisen doch man 'n dämlichen Bruder, de nix wie Dummheiten macht un denn verturn ik mi mit de Schaffners un de Putschees un de Kutschers, nee, nee, ik wull de Deern hewwen!« »Aber Laura – – –!« »Nee, nee, swig man still, ich möt de Deern hewwen! Dor sitt ik so alleen in Mölln in dat Nest mang luter Philisters un mien einzigst Freud heww ik des Sünndags, denn gah ik to Kark un up 'n Rückweg, da lat ik mi vun Köster de ole Rüstung vun Till Uhlenspeigel wisen, denn dat 's 'n Ort Ideal vun mi, un dann gah ik to sin Graww. Äwer nu heww ik düssen lütten, nüdlichen lebennigen Till Uhlenspeigel kennen liehrt un will em beholen – na – warum antwortet ihr nicht, Donner und Hagel!« Ganz totenstill war's im Zimmer. Kerlchen sah die Altenhofer an, und diese wiederum das Kerlchen, die widerstreitendsten Gefühle bewegten sie. Frau von Altenhof ging auf Kerlchen zu und umfaßte es innig. »Kerlchen! Mir ist, als sollte ich »nein« sagen, als ginge der Sonnenschein dann fort aus Altenhof, den wir eben hierher gebannt haben, – – aber ich möchte nicht selbstsüchtig sein. Nun – und was sagt das Kerlchen?« Felicitas machte ein ganz verängstigtes Gesicht. »Ich weiß es nicht, o ich weiß es nicht,« sagte sie und trat vor Aufregung von einem Fuß auf den andern – – »o wenn doch jetzt mein Väterchen da wär' und mir sagte: »Das sollst du tun!!!« »Na dat wüßt ik, wat de seggen würd!« fiel Fräulein von Hartwig mit großer Bestimmtheit ein. »De würd seggen: »Gah du man mit de Olsch, mien Döchting, gah du man, dats ne ole verlatne Fru un wenn dat Schicksal ni anners besloten hett, denn haar ja dat ok den Moder warden kunn, sühst du, mien Döchting!« Kerlchen lachte befreit auf und streckte ihr die Hand hin. »Bestimmen Sie alle ganz über mich,« antwortete es einfach, »ich bin da am liebsten, wo ich am nötigsten bin.« »Aber, aber –« fiel Frau von Altenhof ein und Gisela sekundierte: »Wenn, wenn nun – – – –« »Mit die »Abers« und Wenns« bliwwt mi von Liew,« fuhr Tante Laura auf. »Wenn, wenn, wenn, jawul, wenn min Großmudder veer Räder hätt und wenn ik se gel anstriken laten wull, denn wier se 'ne Postkutsch! Nee, da is nu blot noch een eenzigste Frag to erledigen: »Hest du 'n Schatz, Kerlchen?« Nur einen Augenblick blitzten Kerlchens Augen zu Tante Laura hinüber, dann war es auch schon verschwunden, und nur der harte Klapp der zuschlagenden Tür gab den Zurückbleibenden eine unhöfliche Antwort. »Wat het denn de Deern?« fragte Fräulein von Hartwig verblüfft. Frau von Altenhof lachte. »Mußtest du auch gerade das fragen, Laura! Unser Kerlchen ist scheu wie ein Eichhörnchen und ein liebes, reines Kind dazu, – ich glaub', sie ist ein unbeschriebenes Blatt.« Tante Laura zuckte die Achseln. »Unbeschriewene Bläder weern mi all mol, äwer wie licht kümmt son Kirl und kliert da wat up. Äwer – – wenn Ii nix markt hebbt – – denn stimmt dat ok, denn Falsch is an de Deern ok nich en Happen, ik bün Minschenkenner, Dunner un Hagel!« Als Kerlchen nach einer halben Stunde wieder auf der Bildfläche erschien, da küßte Frau von Altenhof es herzlich. »Kindchen, gehn Sie mit Gott zu unserer alten Freundin, wir haben es als das Beste eingesehen, aber Altenhof bleibt immer ein wenig Ihre Heimat, gelt? Was Sie uns waren in all der Zeit – – – –,« ihre Stimme brach in Weichheit. »Jawoll,« polterte Tante Laura, »daran mötst du denken, wat du disse fremde Lüd wesen büst, un mi? Gornix, – ok ni en Happen.« Sie tat ordentlich beleidigt. »Un denn, eins möt ik di seggen. Dat »Türzuschlagen« dat mötst du di afgewöhnen, ni wohr, min Deern? Is 'ne dumme Mod. Un wenn alle Mätens de Dür tosmiten wulln, wenn man se nah ihren Schatz frög, denn gew dat en Klappen in de Welt, dat all de Kalk vun alle Hüs' vun den Bähn full. Und dann muß ich dir noch eins sagen, Kerlchen! Wenn , ich sage wenn mal einer kommen sollte, der – na, du, weißt schon, – dann komm' mit Vertrauen zu mir, mit rechtem schönen Vertrauen und sag mir alles, alles, – – – –, denn kann ik em jo immer noch de Knochens in Liew kaput slahn, dat he dat Wiederkommen vergeten deiht!« * Aus Kerlchens Tagebuch. Mölln, im Mai 18.. Die Welt ist bunt, bunt ist die Welt, Donner und Hagel, könnt ich eigentlich anfangen, denn daß ich hier plötzlich oben im Lauenburgischen sitze und von hier aus, wie Bümi sich poetisch ausdrückt, »Schleswig-Holstein riechen kann«, das ist doch mehr als merkwürdig. Noch viel merkwürdiger ist aber, daß ich beinahe jeden Tag 'ne andere Provinz rieche, denn wir sind eigentlich immer auf der Achse, ich bin richtiger, wohlbestallter Reisemarschall, und meine Anstandsdamen- und Kindermuhmenzeit erscheint mir wie ein schöner Traum, der nur besonders lebhaft wird, wenn mein Werchen mir wieder einen glückstrahlenden Brief schickt. Also doch noch Reisemarschall! Wie wir aber reisen, das wurde mir schreckhaft klar am Tage unseres Fortgehens von Altenhof – schmerzlichen Angedenkens. Wäre Tante Laura, – so muß ich sie jetzt nennen, nicht so todgut im innersten Schrein ihres Herzens, dann könnte ich wohl manchmal »das Ausreißen kriegen«, wie die alte Marie sich geschmackvoll ausdrückt. Tante Laura ist der reine Feldwebel von Gemüt, aber es gibt ja auch gewiß gute, großherzige Feldwebel. Wenn sie nur kommandieren kann, dann ist sie schon zufrieden, ach, und bei diesem Kommandieren kommen die unparlamentarischsten Kasernenhofblüten vor. Als der Tag unseres Scheidens nach dreiwöchentigem Aufenthalt von Tante Laura endgültig festgesetzt war, fragten wir, ob sie denn an die alte Marie geschrieben habe, daß eine Veränderung im Haushalte bevorstände. »Wat schall ik dor grot schriewen?« meinte sie erstaunt, »das löppt sik allens torecht, – wenn's Tid is, wird telegrafeert.« »Tid« war's bei ihr zwei Tage vor der Abreise. »Ich würde ja auch nicht telegraphieren, denn »oll Marie« muß immer bereit sein, aber ich brauch' 'n Doktor, wenn ich heimkomme; die Eisenbahnfahrt macht mich stets seekrank, und meine liebste Lektüre nach so 'ner langen Reise ist der selige Dichter Kotzebue.« Und was stand in dem Telegramm, das sie abschickte?: »Durch die glückliche Geburt einer großen, prächtigen Tochter wurde hocherfreut Laura von Hartwig. Doktor benachrichtigen, Bett aufstellen, kommen Dienstag!« Wir andern sahen ziemlich »bedrippt« aus, als sie's uns zeigte, aber sie selbst freute sich »mordsmäßig«, wie sie behauptete, auf das »Schafsgesicht von oll Marie«. Nun, es ist wahr, ich hätte wohl dabei sein mögen, als das Telegramm hier einlief, denn »oll Marie« hat, wie sie mir selbst immer wieder versichert, beinahe der Schlag gerührt. Der Doktor, nach dem sie gleich geschickt, ist noch dazu über Land gewesen, und sie hatte den Kreistierarzt rufen müssen, »aber der Grobian hat man bloß den Finger an die Stirn gestippt und is wieder gegangen, was soll man auch von 'n Menschen verlangen, der immer nur mit »Viechern« umgeht!« Dann hat sie in ihrer letzten, höchsten Not zur verwitweten Frau Kriegsrat Karg geschickt, in Mölln die »Sorgenrätin« genannt. Frau Kargs äußere Lebensumstände entsprechen nicht ihrem Namen, sie besitzt eine wunderschöne Villa in Mölln, am Fuße des Klüschenberges, aber sie hat immer und ewig »Sorgen«. Und die beiden haben dann zusammengesessen und beraten unter »Ach und O«, was das unerhörte Telegramm wohl zu bedeuten hätte, und Frau Kriegsrat hatte verzweifelt ausgerufen: »O die Sorgen, die Sorgen! Was macht mir die Hartwig für Sorgen!« Darauf hatte sie einen Schluck nach dem andern genehmigt nach dem alten Ausspruch von Busch: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör,« bis dann endlich der Herr Doktor Cramer nach Hause kam und in seiner fidelen Art ihnen die Wahrheit zeigte und auch mit seinen Vermutungen der Wahrheit ziemlich nahe kam. »Dienstag kommen wir,« sagte das Telegramm. Ich stand in meinem Stübchen in Altenhof, das mich schon fast wie verwaist anschaute, denn die Bilder meiner Lieben waren von den Wänden fort und durch Eilgut nach Mölln geschickt. Recht einsam kam ich mir vor, – so nicht Fisch und nicht Fleisch. Ich sagte mir, daß ich ja umgeben von Liebe sei, daß der liebe Gott es gut mit mir meine, indem er mir immer neue, brave, hochherzige Menschen in meinen Gesichtskreis schickte, aber ganz tief drinnen im Herzen wühlte doch ein Weh, ich konnt's nicht packen, nicht fassen und nicht hinauswerfen. »Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen,« blies draußen der Postillon, der von Rhoda herkam und zurück nach Sandkrug fuhr, heiß schossen mir die Tränen in die Augen. In diesem Augenblick polterte Tante Laura wie ein Alarmsignal zu mir ins Stübchen. »Schnell, schnell, bist du fertig, mien Deern?« Die Post ist schon da. Nun sag' »Gott behüt'« zu allen und dann komme, Heinrich holt die Sachen.« »Jetzt schon?« – fragte ich, zum Tod erschrocken, »fahren wir denn heute schon?« »Frag' nicht so viel, mien Deern, du weißt, ich mag's nicht leiden, mach' fixing zu, die Post wartet!« »Aber ich habe noch niemand Lebewohl gesagt,« rief ich mit zuckenden Lippen und innerlich ganz und gar empört. »Das ist sehr töricht von dir, miene ole lewe Deern, das tue ich immer schon drei, vier Tage vor Abreise, je nachdem das Personal groß ist, von dem ich mich verabschieden muß. Na, nu helpt dat äwer nich, nu komm man.« »Warum hat man mir vorher kein Wort gesagt, daß heute schon gereist wird,« fragte ich zornbebend. »Drähnsnack!« war die wenig höfliche Antwort, und dann kam Heinrich, hob mein Kofferchen auf die Schulter, nahm Handtasche und Schirmpaket und trug es an die Postkutsche, auf deren Bock der Postillon schon sehr ungeduldig mit der Peitsche knallte. Wie im Nebel sah ich durch meine Tränen Frau von Altenhof und Gisela, die mich zärtlich küßten und mich nicht von sich lassen wollten, löste sanft Felix' Händchen von meinen Rockfalten, an die er sich geklammert hatte, zum erstenmal eigensinnig, seit ich ihn überhaupt kannte, zum erstenmal auf seinem Willen bestehend, daß ihm »das Kerlchen ordentlich, langsam atjö sagen sollte.« Aber das half nichts, es wurde eine Hetzpartie. – »Wir versäumen den Zug, wir versäumen den Zug!« schrie Tante Laura aufgebracht, so als ahnte sie, daß in meinem schwarzen Herzen der glühende Wunsch aufstieg, den Anschluß jetzt und immer zu verpassen. Mutter Scholz und Tina schluchzten in ihre Schürzen hinein, Heinrich wahrte nur mühsam seine Mannes- und Dienerwürde, und an jeder Stalltür stand irgend eine Magd, die mir einen matten Abschiedsgruß zuwinkte, im Herzen tief gekränkt, daß ich zu »hochnäsig« war, um ordentlich in Küche und Stall Adieu zu sagen. Fort ging's, – viel eiliger als sonst fuhr der Wagen, denn der Schwager Postillon schimpfte über den langen Aufenthalt, – »ja, wenn's noch ein Wirtshaus gewesen wäre!« Ich lehnte meinen Kopf an die Polster und brach in lautes, kindisches Weinen aus, das von Tante Laura mit einem gemütlichen »dumme Deern, dumme Deern« begleitet wurde. »Ich will wieder zurück!« rief ich aufgebracht. »Das sollst du ja auch, dumme Deern, aber jetzt fahr' man erst mal ruhig mit und benimm dich nicht dämlig.« In Sandkrug hatte ich mich soweit gefaßt, daß ich dem kleinen, grauen Häuschen einen Gruß zuwinken konnte, Handwerker waren schon eifrig darin tätig, um es in ein »Ingeheim« zu verwandeln. Beim Doktorhäuschen kam der Schmerz wieder mit verdoppelter Gewalt über mich. »Was wird Doktor Gieseke sagen?« fragte ich weinend, – ich wollte heute zu ihm.« »Dat löppt sik allns torecht,« erwiderte Fräulein von Hartwig seelenruhig und dann, nach ein paar schauderhaften Minuten, während welcher wir auf dem berüchtigten Sandkruger Pflaster herumgeschlendert wurden, so daß Tante Laura und ich elend mit den Köpfen zusammenkrachten, – hielten wir vor dem Bahnhofsgebäude. Tante Laura rieb sich die Stirn, die eine rotblaue Stelle von meinem Dickkopf davongetragen hatte, und bemerkte orakelhaft: »Das wird morgen anders gemacht!« Unsere Koffer wurden abgeladen, und Tante Laura gab dem Postillon ein so hohes Trinkgeld, daß sein mürrisches Gesicht sich sofort in ein leutseliges verwandelte und er uns »Gottes Segen« auf die Reise wünschte. »Stellen Sie die Koffer man vorläufig in die Gepäckkammer,« rief die alte Dame den Trägern zu und ging mit mir nach dem Schalter. »Was kosten zwei Billets erster Klasse nach Mölln?« »Von hier aus kann ich Ihnen nur die Karten nach Buchen geben, lautete die überaus höfliche Antwort, von dort müssen Sie nach Mölln lösen. 's beträgt 78 Mark 80 Pfennig.« Er wollte uns die Karten reichen, aber Tante Laura winkte ihm ab. »Nee, nee, lassen Sie man,« sagte sie, »ich komme dann wieder vor.« Sie zählte trotzdem umständlich das Fahrgeld hin, steckte aber umgehend alles wieder ein. Der Beamte klappte das Fenster zu, öffnete es aber gleich drauf wieder und sah uns bedenklich in sehr unbequemer Stellung nach. In der Gepäckhalle stand der Dienstmann mit höflich abgezogener Mütze neben unsern Koffern. »Wie stets mit die Billetchens, Madamchen?« fragte er freundlich. Tante winkte wieder ab, händigte ihm ein reiches Trinkgeld ein und sagte: »Warten Sie hier auf uns.« Auch hier bedenkliches Kopfschütteln, ich folgte Tante willenlos, aber mit einem elenden Gefühl der Ungewißheit in mir nach dem Wartesaal. »Noch 10 Minuten bis Abgang des Zuges,« sagte Tante Laura befriedigt, da können wir bequem eine Tasse Kaffee trinken.« Ich saß wie auf Kohlen. »Aber – aber Tante Laura! – – »Schweig' davon, mach' mich nicht ärgerlich!« Der Kellner stürzte diensteifrig herbei, Tante bezahlte und nach dem Trinkgeld verneigte sich der Jüngling schier bis zur Erde. Wir tranken unsern Kaffee und schlenderten dann mit unserm Handgepäck auf den Perron. »Kommen auch unsere Koffer mit?« wagte ich wieder nach einer Weile bescheidentlich zu erinnern. »Tat löppt sik allens torecht, frag du man nich toveel, denn nu is nächstens min Geduld to En'n!« war die Antwort und ich dachte: »Na, Kerlchen, du bist ja 'n schöner Jammerlappen von Reisemarschall!« Nun unterwarf Tante Laura den Zug, der eben einlief, einer eingehenden Besichtigung, ich glaube, sie guckte sogar unter die Räder, – denn sie wurde ein paar Mal von einem Bahnbediensteten fortgerissen. Dann kletterte sie in ein Coupé erster Klasse, hieß mich nachklettern, besah und befühlte die Notbremse, inspizierte das Nebenabteil und dann kletterten wir ebenso gemütlich wieder heraus. Der Schaffner erschien in höchster Eile. »Einsteigen, meine Damen, rasch einsteigen,« rief er, »wo sind Ihre Billets?« Tante Laura machte sich ruhig Notizen in ihr kleines Reisebüchlein, während der Schaffner und ich ungeduldig von einem Fuß auf den andern traten. Ich stieg wieder ins Coupé, aber Tante riß mich so rasch herunter, daß ich taumelte und dem Schaffner in die Arme stürzte. Der preßte mich erst angstvoll an sich, um mich ebenso rasch wieder von sich zu stoßen, er war sehr zornig. Trotzdem bemühte er sich, ein »erstklassiges Gesicht« zu machen, schrie aber dabei »drittklassig«: »Was machen Sie denn, Madame? Das hätt 'n Unglück geben können. Steigen Sie sofort ein!« Der Zugführer pfiff gellend. » Aber wir wollen ja gar nicht mitfahren ,« rief da Fräulein von Hartwig dem Schaffner zu, und da der Zugführer zum drittenmal Pfiff, hatte jener nicht noch Zeit, zur Salzsäule zu werden. Wir sahen sekundenlang in ein wütendes, verblüfftes Gesicht, dann schlug der Schaffner uns die Tür vor der Nase zu, und zum erstenmal segnete ich meine Stumpfnase, denn hätte ich den historischen Haken der Cronshagen aus dem Hause Mühlenweg gehabt, so wäre sie weggewesen und allein auf Reisen gegangen. »Mach' nicht so zornige Augen, du dumme Deern,« redete mir Tante begütigend zu, »sieh mal, das ist all zu unserm Besten. Ich mache immer ein paar Tage vor der wirklichen Abreise eine Art Probe aufs Exempel, da lerne ich erst mal alle Widerwärtigkeiten kennen, die ich dann bei der richtigen Abreise vermeiden kann, erkundige mich nach den Preisen, mache alles durch, was so einem Reisenden passiert, und nehme in meinem Kopf und in meinem Büchlein Notiz davon. »Und nun ??? fragte ich atemlos. »Nun fahren wir hübsch wieder nach Altenhof, überraschen die lieben Menschen dort, du sagst allen in Ruhe »Lebewohl« und Donnerstag fahren wir wirklich.« »Tante Laura, – du, du – ich – ich –« »Reg' dich nicht auf. Kerlchen, – das Ei will immer klüger sein als die Henne, ich hab' dieses Rezept nun mal erprobt und habe es gut gefunden.« »Aber das Telegramm nach Mölln?« »O, das ist nur so 'n Schreckschuß. Marie weiß schon, daß wir erst Probe reisen und richtet sich darnach ein. – – Leuchtet dir mein Vorgehen nicht ein, Kerlchen?« » Nein! « beteuerte ich aus tiefstem Herzensgrund. »Ich finde es geradezu – – –« »Nur keine Injurie, Kerlchen, dein Gesicht sieht aus, als sollte es eine werden. Komm jetzt, wir müssen sehen, daß wir einen Wagen auftreiben.« Und so zogen wir denn wieder den Bahnsteig entlang, gingen am gottlob verschlossenen Schalterfenster vorbei und traten zu unsern Koffern, bei denen der brave Dienstmann immer noch Wache hielt. »Där Zug is Sie aberschtens nanu wech,« lachte er vertraulich. »Das wissen wir,« entgegnete Tante hoheitsvoll, »verschaffen Sie uns jetzt einen Wagen, der uns und diese Sachen nach dem Rittergute Altenhof bringt.« »Tantchen – liebe Tante Laura – könnten die Koffer nicht bis Donnerstag hier bleiben?« wendete ich ein. »Damit sie uns gestohlen werden?« fragte sie entrüstet. Auf keinen Fall! Außerdem habe ich meine Nachtmützen drin verpackt, ich kann nicht in fremden schlafen, ich behaupte, die Gedanken der jeweiligen Besitzerin bleiben in so 'ner Nachtmütze drin, und wenn mir die Altenhoferin eine borgen wollte, träumte ich ja wohl die ganze Nacht von gewalttätigen Ehemännern, von Seelenkämpfen und kleinen Kindern. Das ist mir zu genierlich, da ziehe ich meine altjüngferlichen Nachthauben vor.« Der Dienstmann erwartete uns an der Treppe, die vom Bahnhofsgebäude nach der Straße führt. »Der Doktorwagen hält bei Kaufmann Gerstenberg und der Kutscher sagt, er führ' nachher nach Altenhof,« berichtete der Niedere, »sonsten is Sie gei anderer Wagen nich ze kriegen.« »Schön, schön!« rief Tante Laura eifrig, »laden Sie gleich die Sachen auf.« Das Gesicht des alten Kutschers war weniger schön, als er den unvermuteten Zuwachs erhielt, und die Verblüffung des Doktors geradezu zum Malen. »Wo kommen Sie her, meine Damen? Vom Nord- oder Südpol? Was verschafft mir und meinen Wagen die Ehre?« »O, Herr Doktor!« rief ich mit tiefem Seufzer und von den verschiedensten Gefühlen bestürmt, aber Tante Laura schnitt meinen weiteren Redestrom ab. »Wir wollten Ihnen »Lebewohl« sagen, Herr Doktor!« begann sie mit trauriger Miene. »Lebewohl? I der Tausend! Ich denke, Sie kommen an ?« Nun ging das Erklären von neuem los, und danach dachte ich, der Doktor lachte sich von Sinn und Verstand. Ja, er ließ auf freiem Felde halten und stieg aus, um richtig »doll« lachen zu können mit »Händereiben« und »Beinschlenkern«, und als es endlich weiter gehen sollte, kletterte auch der alte Kutscher hinunter, prustete noch nachträglich los und rief: »Nee, – bis jetzt hab' ich mir schaniert, mich mit der Herrschaft zusammen zu amesieren, aber nanu geht's nich länger, ich muß mir die Bux volllachen.« Und die beiden Alten, Herr und Diener, standen auf der Landstraße und schüttelten und krümmten sich. »Dummheit lacht,« rief Tante Laura ärgerlich. »Was soll'« die Leute denken, die uns so sehen. Sehen Sie nach Ihren Pferden, Kutscher, und nun hü – vorwärts!« Die beiden guten, alten Doktorgäule schienen den Ruf auf sich zu beziehen, sie zogen an und wirklich, – hü – vorwärts ging's mit uns beiden Frauenzimmern an Bord, – Kutscher und Herr jagten hinterdrein. Tante schrie laut auf, ich rief kräftig brr – öh, kletterte blitzgeschwind auf den Bock und erfaßte die Zügel mit sicherer Artilleristenfaust. Stehen wollten natürlich die Gäule nicht gleich, aber sie machten auch keine weiteren Fisimatentchen, und daß die beiden Fuhrwerksbesitzer noch ein Weilchen länger zu laufen hatten, war gerechte Strafe für sie. Endlich konnte ich halten lassen und drehte mich nach Tante um. Sie hatte Hoffmannstropfen genommen und ihr Testament gemacht. »Gerad' war ich bei, dem Doktor auch was zu verschreiben,« um ihm den zerschellten Wagen und die toten Pferde zu ersetzen,« sagte sie ohne weitere Aufregung, »aber nun kriegt er nichts.« Endlich erreichten uns die beiden. Als sie uns ganz fidel vorfanden, kriegten sie auch wieder Farbe, die ihnen vorher bei der Möglichkeit eines Unfalls etwas angeblichen war, der Doktor stieg aber ziemlich kleinlaut ein, während der Kutscher grinsend sagte: »De ollen Mähren wullten au mol Probe foahren!« Na, und nun das Wiedersehn in Altenhof! Ich kam mir vor, wie »Peter in der Fremde«, aber die wahrhaft gütige Herzlichkeit und herzliche Güte von Frau von Altenhof brachten mich rasch über das dumme Verlegenheitsgefühl weg. Tante Laura focht das alles nicht an. Sie nahm mit einer Selbstverständlichkeit von ihrem Zimmer wieder Besitz, die darauf schließen ließ, daß sie das Manöver wirklich schon oft gemacht hatte, nur schien ihr »Programm« dadurch unliebsam gestört zu sein, daß die Betten schon abgezogen waren. »Das ist ungastlich,« behauptete sie; Tina senkte schuldbewußt ihr graues Haupt und suchte schleunigst den guten Ruf von Schloß Altenhof wieder herzustellen. Beinahe drei Tage lang bemühte sich Tante Laura, uns die Zweckmäßigkeit ihres Verfahrens »einzuremsen«, aber es gelang ihr regelmäßig vorbei. Sie nahm's uns aber nicht übel, und war »erhaben« über unser Lachen, in welches sie zuletzt sogar einstimmte, ohne doch ihren Plan zu ändern. Und dann reisten wir wirklich . Aber natürlich kam keine ernste Abschiedsstimmung auf. Immer wieder schien bei jedem der Beteiligten der Gedanke hochzukommen: »Vielleicht ist's bloß wieder 'ne Probefahrt,« trotzdem Tante Laura ganz ausgelöst in Trennungsschmerz war, aber eben nur sie allein!« Als das letzte Türmchen vom Altenhofer Schloß verschwunden war, atmete ich tief auf. »Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!« sprach eine laute und deutliche Stimme in meinem Innern. Dann lehnte ich mich zurück und schloß die Augen. »Nun, das muß ich sagen, – schön find' ich's nicht von dir, so ohne Träne fortzuziehn,« schluchzte Tante Laura und holte das dritte Taschentuch aus ihrem Pompadour. »O,« murmelte ich trotzig, »das hab' ich bei der Probereise reichlich besorgt, jetzt kann ich's nicht mehr!« »Dummer Schnickschnack!« Tante Laura schwelgte förmlich in Rührung, »Jetzt wird's Ernst, aber die Jugend von heute hat kein Gefühl.« Ach, im Herzen war mir's weh genug. Stumm legten wir den Rest des Weges zurück, nur als das schauderhafte, Pflaster anfangen wollte, rief Tante Laura dem Kutscher zu, rechts abzubiegen und den Feldweg zu fahren. »Das is awwer weiter, Madamchen,« warnte bedenklich der Kutscher. »Tun Sie, was ich befehle,« lautete die Anweisung, die keinen Widerspruch zuließ. Monologe hielt der Kutscher trotzdem, nur daß Tante überhaupt nicht aus ihn achtete, während ich bei allem Aufhorchen nichts verstand, denn dieser Weg war noch miserabler als der vorige, nur daß man anstatt auf schlechtem Pflaster auf tiefgefurchtem Lehmboden fuhr. Die Pferde keuchten buchstäblich unter unserer doch gewiß nicht allzu schweren Last, und an einer besonders tiefen Stelle wollten sie überhaupt nicht weiter. Jetzt schimpfte der Kutscher laut und vernehmlich, und Tante gab ihm nichts nach, es war ein »geharnischtes Sonett«, als Duett komponiert. Ich hörte ergeben zu und atmete auf, als die Pferde so vernünftig waren, wieder weiter zu fahren. Dann kam noch ein kleiner Aufenthalt, ein schwarzweißer Schlagbaum legte sich trennend zwischen uns und den Bahnübergang, der Kutscher nahm ein Priemchen, stopfte es in seine Backe, und als der Zug angefaucht kam, spuckte er in weitem Bogen zu ihm hin, griente vergnüglich und sagte kauend: »Da latscht er hien un singt nich mehr!« Ich sah in Tantens Gesicht. Es war schreckensstarr. »Kerlchen, unser Zug!« »Das kummt vun de Prowefahrt un denn vun den Umweg,« sagte seelenruhig der Kutscher, »aber das hilft nu nischt, mer kenn' uns de Ogen aus'n Kopp glupschen, das Luder wart' nich mehr uf uns. Hüh, Jule!« Er wendete sachte um und rief über die Schulter 'nüber: »An Madamchens Stelle würd' ich uffn Wagen abbenieren, in'n Dutzend sin de Fahrten allemal billger.« »Esel,« knirschte Tante, dann nahm sie meine Hand. »Wohin, Kerlchen? Es geht kein Zug vor morgen früh, und wir können doch unmöglich nach Altenhof – – –?« » Unmöglich , Tante Laura, wir müssen in ein Gasthaus.« Der Kutscher empfahl uns den »Blauen Löwen« als bestes, »da gäb's ä dausenddonnersüffges Bier«. Uns war alles gleichgültig. Das bezeichnete Gasthaus lag dem Bahnhof am nächsten, allerdings war es mehr als einfach, überall roch es nach Stall und saurer Milch, und ich schlug schaudernd vor, doch lieber in den »Rautenkranz« am Markt zu gehen. Aber Tante wehrte entsetzt ab. »So weit?« rief sie. »Man soll uns wohl sehen. Und morgen willst du wieder den Zug versäumen? Niemals! Die paar Stunden halten wir's schon aus.« »Wenn wir keine Probefahrten mehr machen, werden wir auch immer zu rechter Zeit kommen,« warf ich ein. »Kindskopf! Als ob es daran gelegen hätte!« Aus diesen ärgerlichen Worten entnahm ich, daß Tante Laura an ihrer Methode noch immer festhielt, ich lachte deshalb nur, um sie nicht noch mehr zu reizen, und sie war dann auch sehr liebenswürdig. Dafür war die Nacht schrecklich. Kein Auge tat ich zu, ein Zustand, der ganz ungewohnt für mich war. Auch Tante Laura litt schwer unter der heimtückischen Kampfesweise kleiner, brauner Tiere und schimpfte laut, was wieder ein heftiges Bollern an der Wand zur Folge hatte, hinter welcher ein Viehhändler schlief. »Maul halten« war noch das Sanfteste, was er uns zurief. Erst gegen Morgen schlief ich ein und – erwachte plötzlich mit heftigem Herzklopfen. Wild schaute ich mich um. Tante Lauras Bett war leer. Ich sah nach meiner Uhr, – ein viertel nach 9, und um 10 Uhr ging der Zug. Wo war Tante? Ich kleidete mich mit einer rasenden Geschwindigkeit an, wusch mich, durchsuchte das sogenannte »Hotel« nach allen Richtungen und erkundigte mich dann beim Wirt. Er sah mich mehr als mißtrauisch an. »Fortenhin is se weggemacht,« murrte er, »aber bezahlt is nischt un wenn die Jungfer meint, ich laß ihr ooch lospreschen, dann is se schief gewickelt.« Gottlob, meine Börse war in gutem Zustande, ich bezahlte unsere nicht sehr große Zeche und bemerkte nun erst, daß Tantens Reisetasche fehlte, ebenso unsere Koffer, nur mein Handtäschchen lag wie am Abend auf dem Tisch. Eine ungeheure Angst stieg in mir auf und ich lief wie gejagt nach dem Bahnhof. Das erste, was ich sah, waren unsere Koffer, bei denen der alte, wohlbekannte Dienstmann Wache hielt. Er redete aufgeregt auf ein paar Bahnbeamte ein, aber als ich heranstürmte, erkannte er mich sofort. Und nun wurde mir das Unglaubliche berichtet. »Schon um acht Uhr war das Madamchen angesockt gekommen, hätt' ihn als Wache an die Koffers gestellt und war dann uffn Berron gelatscht. Dort hätt grad der Acht-Uhr-Logalzug nach T. gestanden, in dän war se neingerammelt, da hätt's gepfiffen und er wär fortgemacht. Nunne hätt' ses Fenster uffgerissen nn nausgebrillt: Um Gottswillen, ech bin je nur uff Prowe hier. Adje sagte de Logomotive und wack war se.« »Ne, Freilein,« setzte der Biedere hinzu, » die derfen Se etwa nich ohne Wärter reisen lassen.« Ich war schnell entschlossen, ging an den Schalter und holte mir zwei Karten nach Mölln, der Zug, mit dem Tante gefahren war, ging nur bis T., ich würde sie also dort vorfinden. Die Koffer gab ich auf und saß Schlag zehn Uhr in meinem richtigen Koupee. Wahrhaftig! Als wir in T. einfuhren, saß da ein Jammerbild auf dem zugigen Bahnsteig: Tante Laura, bewacht von zwei wütenden Bahnbeamten, denen ich aber während der drei Minuten Aufenthalt alles richtig erklären konnte, mich stark wundernd, weshalb Tante den Mund überhaupt nicht auftat. Sie war hilflos wie ein Kind. Nachdem sie ordentlich geblecht hatte, waren wir »endlich allein«. Ich winkte den Leuten noch einen Abschiedsgruß zu, als sich der Zug in Bewegung setzte, bekam eine Kußhand zurück und den von dröhnendem Gelächter begleiteten Zuruf, der augenscheinlich Tante galt: »Max, kehre zurück, dir ist alles verziehen,« und saß dann mit den größesten, neugierigsten Augen von der Welt der Tante gegenüber. Erst nach und nach erholte diese sich von dem ausgestandenen Schrecken und als sie nun sah, daß alles in Ordnung war, daß unsere Koffer nicht etwa in Sandkrug warteten, sondern im Lübecker Zug drin steckten, daß sie im Besitz einer vollgültigen Fahrkarte war, – da strömten reichliche Erlösungstränen. Und nun erzählte sie mir unter Schluchzen und Aufregung, daß sie beinahe ins T.er Spritzenhaus gewandert sei, wegen – Beamtenbeleidigung, Beamtenbestechung und »weet Gott wat all!« Aber er hat mir verziehen, ich hörte es wohl, und du bist dran schuld. Kerlchen, das werde ich dir nie vergessen!« Von dieser Minute an setzte sie mich feierlichst zum wirklichen »Reiseonkel« ein. Sie übergab mir ihre Börse, sagte nicht »muh und nicht bäh« mehr, war ganz zahm und beschwor mich, »oll Marie« nichts von unsern Abenteuern zu verraten. Das versprach ich auch feierlichst. Aber wie behaglich und lang streckte ich mich an diesem Abend in meinem herrlichen, breiten Bette aus, wie süß und traumlos schlief ich nach den Aufregungen der letzten Tage. Traumlos? Nein, doch nicht ganz. Wie aus weiter, weiter Ferne hört' ich meinen Namen rufen, – mein Väterchen tat es nicht, es war aber auch eine liebe, liebe vertraute Stimme: »Kerlchen! Mein Kerlchen? Wie heißt du denn eigentlich? Erzieher? Anstandsdame? Kindermühmchen? Reiseonkel? – Wann darf ich dir endlich meinen Namen geben? Ende des fünften Bandes.