Peter Rosegger Sonnenschein Vorwort Sonnenschein – welch glänzender Titel! Ich bewundere meinen Mut, der ihn schrieb auf dieses Buch, dessen, wenn auch zumeist heiterer Inhalt mit der Sonne wohl kaum etwas anderes gemein haben kann, als vielleicht eine Anzahl Bündel warmer Strahlen, einige Flecken, einmal eine Sonnenfinsternis und darunter ziehende Wolken. Aber schau mein Leser, die Finsternis kommt von unserem Erdschatten und geht vorüber. Die weißen Wolken gehören zur Sonne, sie erhöhen ihr Licht oder hauchen eine lauschige Dämmerung über die Landschaften der Seele. So wird die Heiterkeit des Buches von absichtlichen und Wohl auch unabsichtlichen Schatten durchzittert werden. Ich empfinde nur allzuoft die Unzulänglichkeit meiner Kraft. Ein starkes Talent aber fühle ich in mir, eines, das jeder haben soll, der da sein Licht leuchten lassen will: das Talent, an Gott und an die Menschen zu glauben, den Sieg der Freude zu erhoffen und zu lieben den Sonnenschein, der vom Himmel kommt. Hätte jemand alle Fähigkeiten, aber diese nicht, so müßte er sich zurückziehen in eine dunkle Höhle und schweigen. Die Wahrheit dieser Erde ist ernst und oft trüb, aber sie verträgt es recht gut, von ein bißchen Poesie beleuchtet zu werden, ohne daß sie unwahr wird. Die Welt ist reich an Niedertracht und sie ist reich an Größe und Schönheit. Nur darauf kommt es an, was wir Poeten liegen lassen oder auflesen. Ich entscheide mich für das Bessere. Und so will ich dir, mein Leser, in diesem Buche etwas Frohes, Liebes geben. Nimmst du es an, so bringe nur auch eine gute Stimmung mit. Ich möchte nicht, daß es mir am Ende so erginge wie jenen klugen Schildbürgern, die den Sonnenschein sackvollweise tragen wollten in ihr Rathaus, das keine Fenster hatte. Krieglach, im Herbst 1912, Der Verfasser. Onkel Sonnenschein Ein Tagebuch. Ach, die reizenden Zeitgenossen! Wie barmherzig sie einem ins Gesicht lügen. »Vortrefflich sehen Sie aus. In der Tat, Sie sehen – unberufen – viel besser aus als das letztemal! Kein Vergleich!« Danke schön für die freundliche Erinnerung. Weiß zwar ohnehin, daß ich krank bin. Mein gütiger Arzt pflegte immer zu sagen: »Schwächliche und kränkliche Leute werden älter als starkgesunde, weil sie auf ihre Gesundheit nicht sündigen.« Seit einiger Zeit bringt er den Trost in anderer Form. »Bei gewissenhafter Diät läßt sich immer noch ein Weilchen gewinnen.« Wie alt ich bin? Just in den besten Jahren. In den besten ! Ich spüre es in allen Gliedern. Mindestens fünfzig Jahre hätte ich noch auf dem Kerbholz, wenn's der Ewigkeit-Herr nicht übers Knie abbricht und ein Kreuzl draus macht. Aber mein eigener Adam will mir untreu werden. Ich hätte ihn zu sehr vernachlässigt, hätte es allfort mit der Seele gehalten. Wenn die Seele lustig sein wollte, habe der Leib Wein trinken müssen und den Katzenjammer bestreiten; wenn der Seele ums Lieben war oder ums Hassen, habe sie Feuer in den Leib geworfen, daß er sich verzehrte. Und wenn sie, diese herrische Seele, in langen Nächten ihre närrischen Gedankenfäden spann und wob, mußte der arme Leib dabei hocken, zusammengekauert, schlafdurstig und gebrochen. Man möge nur einmal andere, etwa vierfüßige Leiber betrachten, die ließen sich derlei Knechtungen nicht gefallen, die stampften mit ihren vier Pfoten das bißchen Seele einfach in den Dreck – basta. Aber, so opponiert der Leib weiter, nun wäre seine Geduld zur Rüste, er wolle zusperren vor Torschluß, und ich könnte mit der obdachlosen Seele gerade einmal davonfliegen, in den Himmel hinauf zu den so begeistert besungenen Göttern oder – anderswohin. Jeden Tag mehrmals deutet er mir das an, der unliebenswürdig gewordene Körper. Ich glaube, es ist sein Ernst. Zum Satan, mir ist aber die Sache nicht gleichgültig. Ich bin noch nicht satt und ich mag die fragenden Blicke meiner Kinder, das heimliche Flennen meines Weibes nicht aushalten. Was hilft's? Ich will ins klare kommen. Muß es sein, na, Dagobert, dann fangen wir langsam an, einzupacken. Morgen will ich meinen Arzt an der Gurgel packen: Blut oder Wahrheit! Der soll mir nicht auskneifen. Heute will ich mich noch der lieben Unwissenheit freuen. Sie macht ja glücklich, sagt man. Wenn ich dem Spiegel glauben wollte! Diese Grobiane mit den blutleeren Quecksilberrücken zeigen ja allemal um mindestens fünfundzwanzig Prozent zu jämmerlich. * Sapperlot, Dagobert, was ist denn das für eine Aufführung? Siebenschläfer! Schickt es sich auch, am Tage der Urteilsverkündung so sorglos zu schlafen? – Mehr als Sterben kann mir nicht leicht passieren. Das dürfte abends mein letzter Gedanke gewesen sein. Das wäre schon gar schön, wenn dieses Leben mit seinen täglichen zehn Plagen kein Ende hätte! Da müßten alle Wissenschaften und anderen kulturellen Kräfte schnell zusammenhalten, um einen ausgiebigen Tod zu erfinden. Das wäre die größte Errungenschaft des Jahrhunderts, der Erfinder des Todes würde unsterblich weiden, und die künftigen Kalender würden eine Zeitrechnung einführen: »Seit der Erfindung des Todes so und so viele Jahre.« Meinem Doktor Balsam hätte es wohl zuzutrauen sein mögen, wenn ihm nicht Kain zuvorgekommen wäre. Er macht sich ein Vergnügen daraus, dem Patienten, der ihn darum fragt: zu versichern: »Lieber Freund, ich kann Ihnen zu Ihrer vollsten Beruhigung mitteilen, daß Sie keine drei Monat' mehr leben!« Und er hält Wort! Mir ist kein Fall bekannt, daß ein Kranker sich gestattet hätte, das Maximum zu überschreiten. Und zu diesem verläßlichen Mann will ich nun gehen. Wenn er auch heute wieder Hypochonder zu mir sagen sollte, dann schreibe ich mich von jetzt ab: Dagobert Hypochonder, und ein Manupropria dazu, so groß wie der Schweif eines Lindwurms. * Ich war schon bei ihm. Ich komme schon zurück. Ich weiß es schon. Im Vorzimmer habe ich eine volle Stunde warten müssen. Da gab es genügend Zeit zum Sichausschnaufen von der Treppe, die nicht weniger als dreizehn Stufen hat. Meine Mitwartenden hatten es alle so dringend, hineinzukommen und gesund zu werden. »Bitte,« habe ich gesagt, »will schon warten.« Diese Wartezimmer der Ärzte! Jodoformduft, schwellende Sammetsessel und Spucknapf daneben. Und Teppiche, daß sich die Bakterien passabel einnisten können. Alles luftdicht verschlossen, natürlich, weil die lieben Kranken kein offenes Fenster vertragen können und es vorziehen, die ausgeatmete Luft der Mitkranken in sich zu saugen, als den frischen freien Tageshauch zu trinken. Ob das Ordinationszimmer wohl allemal soviel gutmacht, als das Wartezimmer schadet? Auf dem runden Tisch lagen illustrierte Zeitschriften herum, abgegriffen und schmutzig, auch ein alter Jahrgang der »Fliegenden Blätter« war vorhanden. Da kann man sich ja unterhalten. Hätte mich auch. Guten Morgen! sagten seine Schergen, als sie in die Zelle traten, um den Delinquenten zum Galgen zu führen. – Sah der freundliche Doktor Balsam, als er die Tür öffnete, meine werte Person und bedeutete den übrigen höflich, er müsse mit mir die Reihenfolge stören, denn ich wäre nicht in der Lage zu warten. Im Ordinationszimmer mußte ich mich auf das rote Sofa setzen. Der Doktor steht hoch, stramm vor mir da, stemmt den Arm in die Seite, strotzt vor Behagen. Man sieht es, wieviel Gesundheit der zu vergeben hat. Dann setzt er sich mir gegenüber, legt seine wulstige Hand aus meine abgezehrte und sagt: »Es steht ja recht leidlich, nicht wahr?« Ich entziehe ihm die Hand, klammere die Finger ineinander und beginne mein banges Anliegen vorzubringen: »Doktor! Ich will auf die Polizei, wo die gefundenen Sachen abgegeben werden. Ich habe meine Geduld verloren. Schon zwei Jahre lang so krank sein –« Da versagte der Atem. »Sind Sie denn wieder so gelaufen?« fragt er mit aller erheuchelten Einfalt. »Sie müssen mich heute noch einmal untersuchen, Doktor, und zwar gründlich. Ich glaube – mit mir ist's aus.« »Ei, warum nicht gar!« lacht er auf. »Ich will es nun gerade einmal wissen, wie es steht« Ich will mein Haus bestellen.« »Das soll jeder bestellen und jederzeit bestellt haben. Sie sagten mir doch, daß Sie schon vor Jahren, in gesunden Tagen, das Testament gemacht haben.« »Sapperlot, ja! Ein Mann mit regelmäßiger Frau, dito Kindern wird viel Testament machen! Dahin stünde nichts mehr im Wege, Doktor. Allein die Familie – sie will vorbereitet sein. Und mich wird die Wahrheit nur stärken, so wie mich die Ungewißheit lahm gemacht hat und noch verrückt machen würde. Helfen können Sie mir nicht, Herr. Alles, was Sie mir tun können, was ich von Ihnen verlange: Prüfen Sie nochmals genau meinen Zustand und sagen mir, wie es steht.« Er fühlt mir den Puls. Es pocht sein eigenes Blut an den Fingerspitzen, »Sie sind heute etwas aufgeregt. Das Fieber ist mäßig. Entkleiden Sie einmal den Oberkörper.« Und dann beginnt er das bekannte Spiel. Er klopft an der Brust und horcht. Er klopft am Schlüsselbein, hinter den Achseln, an den Seitenrippen, legt seine bebartete Wange dran und horcht. Kein Wort sagt er. An einzelne Stellen legt er neuerdings sein Blatt und klopft. Ein Mehlsack kann nicht tonloser sein. Er befiehlt, tief Atem zu holen, und legt wieder sein kaltes Ohr an. Dann richtet er sich auf und sagt: »Na!« Sonst nichts. Bei der gebückten Stellung ist ihm das Blut ins Gesicht gekommen. »Wie steht's?« frage ich etwas kleinlaut. »Ich kann nur wiederholen, daß Sie sehr acht geben müssen.« »Geben Sie mir Monate? Wochen?« Da sagt der Doktor: »Und wenn jetzt der gesundeste Mensch vor mich tritt und will wissen, wieviel Lebenszeit ich ihm gebe, so sage ich: »Herr, nicht einen Tag. Das menschliche Leben ist wie ein Schatten, heißt es in der Schrift.« »Um Bibelsprüche zu hören, geht man nicht zum Arzt.« »Allerdings muß ich Ihnen sagen, Herr Dagobert, daß Ihr Übel in ein neues Stadium getreten ist. Doch wenn es nicht weiter greift. – Um ein, zwei Wochen, gottlob, handelt es sich noch nicht.« »Also um Monate?« Er schweigt. »Ich danke Ihnen, Doktor. Eine größere Deutlichkeit will ich Ihnen ersparen. Sie können sehen, daß mein Puls jetzt nicht anders geht wie vor einigen Minuten.« Jetzt springt er über auf den Buchbinder Artor. »Sie wissen, daß der Mann an einem schweren Herzleiden laboriert. Wenn er in vierundzwanzig Stunden noch lebt, so hat die medizinische Wissenschaft einen beispiellosen Erfolg zu verzeichnen. Vierundzwanzig Stunden, sage ich! Dagegen werden Sie noch ein Methusalemalter erreichen.« Mit diesem Trost war die Ordination geschlossen. Den Heimweg trat ich durch die Gärten an. Der Herbstsonnentag schlief über den gilbenden Birken, von welchen manches Blatt träumerisch niedertänzelte auf die Astern. Der Herbst tat »Dukatenzählen«. – Nur noch Monate. In meinem Leben nie hatte ich mich so leicht getragen als auf diesem Gang. Ich fühlte keinen Körper mehr, es war, als ob ich ihn beim Arzt vergessen hätte. Ein paar Bekannte, die mir begegneten, schauten durch mich in die leere Luft, ich glaube, einer ist sogar mitten durch mich hindurchgeschritten und hat über die Gelsen geschimpft. – Wie ich um die Straßenecke komme, ist in der Wohnung des Buchbinders Artor ein ungewöhnlicher Lärm. Türen gehen auf und zu, und mehrere Kinder weinen laut und so kläglich, daß mir übel wird. Er ist tot, der Vater, der Ernährer. – Nur noch Monate, Dagobert, und auch aus deinem Hause wird ein solches Weinen dringen. Die Stufen zu meiner Wohnung hinauf erinnerten mich wohl daran, wieviel Erde noch an meiner Seele klebt. Im Zimmer helle Klänge. Das Goldköpfel griff in die Saiten und sang: »holder Mai, du lieber Knabe!« Der größere Junge lauerte über dem Buch: »Mythologie der Hellenen.« Der Kleinste, der mit Mutters Schere aus Papier just einen Altar schnitzte, ließ das Spiel und packte mich jubelnd am Bein, dem zitternden, wankenden. Gepfropft voll ist die Welt vor Schönheit und Freude ... Mein Weib kam mir ruhig entgegen, aber ihr forschender Blick! Diese stumme, flehende Frage – sie ging mir durch Mark und Bein. »Es ist wie im Juli,« sagte ich, dabei fröstelte mir. »Konrad, höre, Maikäfer bin ich keiner!« Denn der Kleine wollte mir vor Vergnügen über meine Heimkehr das Bein ausreißen.« * Der Tag war vorüber. Schon im Bette liegend, verglich ich den Morgen und den Abend – das Nichtwissen und das Wissen. Jetzt erst. Jetzt erst. – Meine Leutchen schliefen in der Nebenstube. Ich rang mit dem abscheulichsten Schmerze, der je seinen Zahn zerfleischend in ein Wesen geschlagen hat. – Sterben müssen! So früh, so lebensdurstig noch. Für immer und ewig von Weib und Kind gerissen. – Und unschuldig! Was hatte ich denn getan, als gelebt? – Wenn ein Mensch den anderen tötet, da durchglüht es die ganze Gesellschaft, und sie rastet nimmer, bis Gerechtigkeit gewaltet hat. Die Richter zittern vor der Möglichkeit eines Irrtums, vor einem Justizmord schreit die ganze Menschheit auf, als wäre sie ins Herz getroffen. Und ein Wesen mit demselben Rechtssinn wird langsam, bei vollem Bewußtsein hingemordet, und fromme Leute nennen das Ratschluß Gottes. Nennen es so, ist ihnen völlig recht und mucksen nicht unter dem Beile der grausamen Henkerin Natur. Man sollte doch lieber das Frommsein lernen anstatt andere Künste. – Die Fäuste wollte ich aufmachen und die Hände zum Gebet zusammenlegen; aber sie krampften sich wieder zur Faust. Gegen Mitternacht kam der Brustkrampf. Qualvoll – Stunde um Stunde. Aller Trutz, alle Liebe war dahin, das ganze Leben bestand nur aus einem Wunsch: tot zu sein. Durch die Fenster schien der Mond und legte seinen Silberäther auf das Bildnis meines Großvaters. Das hub leise an zu sprechen: »Du sollst nicht trotzig sein, Kind, der treue Gott ist's, der mit einer Laterne dir den letzten Weg erhellt, während andere, die sorglos hintanzen, plötzlich in die Grube stürzen. Du wirst nicht auf fremden Wegen zusammenbrechen, sondern im Kreise der Deinen einschlafen, du wirst nicht erst lebenssatt und seelenleer sterben, nachdem du schon lange die Leiche an dir herumgetragen. Das Beste hast du gelebt, die sonnige Jugend, die fruchtbare Manneszeit. Um dich vor dem Greisenalter zu retten, führt er dich hinüber so sachte und sanft, wie du jeden Abend einschlummerst. Und noch Gelegenheit zu haben, mit Ruhe und Bedacht zu schlichten, den Verbleibenden manches ratende Wort zu geben, manche Herzensangelegenheit zu ordnen. Dich beängstigt kein möglicher Verlust, dich erregt kein Gewinn. Im müden Körper Seelenfrieden. Sei doch dankbar, Kind.« Also du meinst, Großpapa, daß ich mir aus dem Sterben ein Vergnügen machen soll. Gut. Ich werde frühen Feierabend halten und vom Sofa aus den Meinen behaglich zusehen. Arbeitet, sorget, kümmert euch, kränket euch – ich tue nicht mehr mit, ich habe jetzt ein wichtigeres Geschäft und bitte, mich nicht zu inkommodieren. Ich will bequem sterben. Diesen Gesellen muß ich mir einmal recht angelegentlich in die Seele prägen, damit er im nächsten Leben gleich herzunehmen ist. Denn auch der Bildhauer muß in mein Inventar der Ewigkeit. Also halte still, Roderich Steinschnabel, alter Kerl mit den schwarzen Moseslocken und dem zweischweifigen Paulusbart! Das lebenglühende Gesicht mit den breiten Wangenknochen, auf denen immer die zwei sonnigen Scheibchen einer Freude sind. Wenn bei deiner Mutter Tod damals die hellen Tropfen nicht herabgerieselt wären, man hätte die Miene für ein seliges Lachen halten müssen. So vergnügt blüht es um die stattliche Nase und auf der breiten Stirn und um die buschigen Brauen, die wie zwei kühngeschwungene Bärte wuchern. Und dieser immer sprühende Phosphor des Auges! Wenn die Seele losbricht und das ungefüge, oft unklare Wort nicht ausreicht, so spricht er mit seinen Augenflammen, dieser glühende Mensch. Zwei italienische Blutstropfen hat er in sich und eine heidnische Seele. Alles ist gut, lautet sein Bekenntnis, mit Ausnahme von zwei Dingen. Die Steine des Anstoßes sind ihm die fabrikmäßig erzeugten Grabobelisken auf unseren Friedhöfen, und kein Märtyrer kann schwerer an seinem Kreuze tragen, als mein Steinschnabel an den gußeisernen Grabkreuzen trägt. In seinem Skizzenbuche keimt es immer, in seiner Werkstatt wachsen die weißen, heiteren Marmorgestalten, und sein Lebenszweck besteht darin, unsere Friedhöfe mit Schönheit zu schmücken. »Denke dir, Dagobert!« kommt er heute lachend zu mir herein, »die Baronin hat meine Psyche abgelehnt. Sie wolle mir die Arbeit vergüten, habe sich aber entschlossen, auf die Familiengruft ein Ecce-homo-Bild stellen zu lassen, O Freund, wie anbetungswürdig groß ist doch die Einfalt!« »Die Psyche wird wohl noch Anwert finden,« will ich ihn trösten. »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel der Buchbinder Artor. Der wird ja doch auch bißchen ein Grabmal haben wollen.« »Der Artor? Ist er denn gestorben?« »Gestern mittag.« Steinschnabel schüttelt das große mähnige Haupt und sagt nachdenklich: »Merkwürdig, was es doch für Leute gibt. Gestern mittag ist er gestorben, und heute morgen sitzt er am offenen Fenster und putzt seine Brillen.« »Ich sage dir, gestern mittag ist er gestorben.« »Und ich sage dir, heute morgen putzte er seine Brillen.« »Dann ist dieser Mensch pflichtvergessen. Der Arzt hatte ihm keinen Tag mehr gegeben.« »Dann ist der Arzt ein Schmutzian. Die Tage reichen für alle, und jeder nehme sich ihrer, soviel er tragen kann.« »Nein, ich hatte doch die Kinder weinen gehört, gestern, als er gestorben war.« »Dieses Geheimnis will ich dir offenbaren,« sagt Steinschnabel. »Denn das Heulen ist auch anderen aufgefallen. Der Älteste hatte Geburtstag und bekam von der Frau Godl Lebkuchen. Die Hauskatze scheint dem Ältesten wohlgewogen zu sein, wollte den Festtag auch mitfeiern und fraß die Lebkuchen auf. Wie dann die Kinder eiern gehen wollten und nichts mehr da war, haben sie geheult, man kann's ihnen nicht verdenken.« Muß gestehen, dieses Ereignis hat mich angenehm berührt. Den Lebkuchen will ich ersetzen, und Doktor Balsam irrt sich hoffentlich öfter. »Wie weit bist du denn mit deiner Psyche?« Sie kraucht bereits aus der Puppe hervor.« »Kraucht sie?« »In einem Monat kann sie flügge sein.« »Schon? – Höre, Steinschnabelchen, vielleicht machen wir zwei ein Geschäft mitsammen. Wir sprechen noch davon.« Denn es trat Frau Radegunde ein, mein flachsblondes Gespons mit dem hellen Rundgesicht und dem taubengrauen Kleid. Mein Weib und Steinschnabel sind wie Tag und Nacht. Ein bewölkter Tag und eine sternhelle Nacht. Denn Radegunde ist vielfach bewölkt; wettert's nicht, so regnet's, und regnet's nicht, so tröpfelt's. Wenn sie bisweilen auf zwei Tage zu ihrem alten Vater verreist, so halten es die Kinder und ich wie die Mäuse, wenn die Katze nicht daheim ist, da ist alles erlaubt. Das heißt, auf einer gewissen Ordnung bestehe ich. Wenn zum Beispiel bei Tisch der Konrad oder einer der anderen in die Suppenschüssel steigen will, so muß er vorher Schuhe und Strümpfe ausziehen, daß sie nicht naß werden. Aber nur am ersten Tage geht's so fidel her, am zweiten zählen wir schon sehnsüchtig die Stunden, bis sie heimkommt. Sogar die Dienstmagd wird nervös, wenn sie ein paar Tage die gnädige Frau nicht greinen hört. Der Wind treibt eben die Mühle, und wenn ich allein die Herrschaft führe, so ist nach acht Tagen das ganze Haus korrumpiert. Viel zu gut wäre ich, sagen die Leute; Radegunde weiß das besser – zu bequem bin ich, zu gleichgültig, zu patschig, kurz, um es mit einem einzigen allgemein verständlichen Worte auszudrücken – zu faul. Schleifen soll's, aber treten wolle ich nicht; dieses Sprichwort hat sie vom Scherenschleifer, sowie sie überhaupt gern drastische Bilder aus dem Leben nimmt, um mich zu kennzeichnen. – Nun, das alles war einmal, ist aber leider nicht mehr. Umwölkt ist die flachsblonde Kleine freilich noch, aber es donnert nicht mehr. Wie wenn es leise tauen täte am nebelichten Herbsttag, so ist es. So still traurig, so liebreich mit mir, daß einem angst und bange wird. Ich fürchte, sie weiß alles, ahnt es vielleicht schon länger als ich, wie es mit mir steht. Na, die soll mich erst kennen lernen! Ich mach's wie der Buchbinder und lasse mich von keinem Doktor Balsam, oder er möge heißen wie immer, auf den Kirchhof komplimentieren. Steinschnabel war langsam von der Bank aufgestanden und hatte ihr mit leuchtendem Aug' entgegengelacht. Sie sagte nur: »Soviel sprechen soll er nicht.« Da gab mir der Freund einen erklecklichen Händedruck, grüßte die Frau mit einem leichten Scherzwort und ging weg. Sie hat recht, ich spreche zu viel. Wenn sie mein Tagebuch zu Gesicht bekäme, dann wäre es auch dran, daß ich zuviel schreibe. Was bliebe mir schließlich übrig, als zu singen! Sie brummt, wenn ich einmal einen Vierzeiler summe, merke aber, daß es ihr heimlich wohltut. Und vollends scherzen! Sonst ist sie doch ein Feind von Kindereien bei Erwachsenen. Sie denkt wohl, je schlechter der Witz, je besser das Befinden. Und lacht und kraut mir mit zarten Fingern das Haar und lobt mich, daß ich ein liebes Lamm sei und ist so dankbar, daß ich wohler bin. Ich Hab' sie getäuscht auf muntere Art, Das Klagen mir , ihnen die Tränen erspart. Ich habe des Lebens buntes Panier Noch einmal entfacht mit froher Begier. Doch in den Nächten, einsam und still. Da hab' ich beweint mein verwegenes Spiel. Wie warm mein Leben, wie kalt das Grab – An dieser Stelle hat sie mir das Büchlein richtig abgefangen, nachdem sie vorher mein Geheimnis Zeile für Zeile über die Achsel her gelesen. Dann ist eins geflennt worden. Also auch das nicht. Ja, womit soll man sich denn eigentlich die Zeit vertreiben? – Kaum ein paar Monate noch, und die Zeit sich nicht zu vertreiben wissen. Welch ein Unglück, wenn Doktor Balsam mir hundert Jahre verschrieben hätte! Eigentlich eine recht lange Zeit gab's, da ich unseres Herrgotts Spaß nicht verstanden habe. Das Leben, ich hatte es schrecklich ernst genommen. Mit grausamer Wichtigmacherei habe ich die kindischen Pläsierchen genossen oder ihnen nachgejagt, schwitzend und keuchend. Konrad, kleiner, mit deinem Seifenblasenspiel betreibst du ein viel vernünftigeres und sachlicheres Lebensglück, als ich es getan. Denn du plagst dich nicht dabei, freuest dich redlich an den bunten Kugeln, weißt, daß es Seifenblasen sind, und freuest dich sogar, wenn sie zerplatzen. »Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein!« Ja, ja, bibelfest, das bin ich. Der Mensch braucht notwendig wie das Stück Brot einen Herrgott, dem er die Schuld geben kann, wenn er selber dumm ist. Freilich ist es einem gescheiten Herrgott schwer zu verzeihen, wenn er dumme Menschen erschafft – ich hätte, meint der Bildhauer, nämlich gerade noch so viel Religion, daß sie knapp ausreicht, um Gott zu lästern. Die Stimmungen fliegen wie die Wolken im Herbstwind. Und schwankende Rohre, sagt Steinschnabel, brechen nicht« Jetzt frostiger Schatten, jetzt wieder Sonnenschein. Und wenn nur die Schmerzen schlummern, will man schon jauchzen vor lauter Wohlbefinden. Das Kranksein, so empfinde ich's in diesem Augenblick, hat auch sein Gutes. Mancher genießt das Leben nur halb, solange er es ganz hat, und genießt es erst ganz, wenn er's nur halb besitzt. Eben läuten die Glocken für den Buchbinder. Diesmal ist es nicht die Katze, diesmal ist es der Tod. Doch schön, wenn man sich auf einen Arzt verlassen kann. Und mich will er auch schon fort haben, der liebe Doktor Balsam. Die Riviera, meint er, oder wenigstens Arco am Gardasee, Den Winter über. Da habe ich ihm heute bedeutet: »Gelehrter Herr! Wenn Ihr keine anderen Anekdoten mehr wisset, als wie man einmal einen Todkranken in die Fremde geschleppt hat, damit er dort in einem Hotelzimmer unter Kellnerfräcken ruhig versterben kann, dann – mit Verstattung – seid Ihr mir nicht mehr ergötzlich genug.« Ich hätte ihm noch gern mehr und Erklecklicheres gesagt, da setzte sein Verbündeter ein, der Brustkrampf, und erstickte die Sachen, die ihm vermeint gewesen. Später unterhielt ich mich mit Radegunde über das merkwürdige Begräbnis des Kommerzienrates. Und unser kleiner Konrad setzte sich seine größten Augen ein – der will sie sicherlich wieder nachahmen, die erhabene Feierlichkeit. – Hundert Leute in auswendiger Trauer, die »Pompfunebre« mit dem Leichenwagen aus Sammet und Spiegelglas, sechs Rappen daran mit Silberbeschlag, auf den Rappen sechs schwarze Reiter, mit Silber betreßt. Die hohe Geistlichkeit im Trauerornat. Beflorte Sänger und Musikanten, drei Kranzwagen und was eben alles dazu gehört, um einem Kommerzienrat ins Grab hinein das Kompliment zu machen. Nur eine Kleinigkeit fehlte. Aus Versehen war an einer Bahnstation der Waggon abgekoppelt worden, in dem der Sarg stand, und so hat sich zu dem feierlichen Begräbnis die Leiche nicht eingefunden. Ner Herr Rat hatte nämlich auch die Mode mitgemacht, nach Italien sterben zu gehen, wie man dahin seine Hochzeitsreise tut, und so hatte er nun auf dem Rückweg den Anschluß versäumt. »Ist es euch ein Vergnügen, dann können wir's auch so machen.« Radegunde gab mir eins – ein ganz leichtes – auf die Wange und kramte am Nähtisch herum. Da merkte ich, wie die Sterbenden unbarmherzig sind. Es wird schwer halten, mit ihr das Notwendige zu besprechen. Da wird Steinschnabel mittun müssen. * Was dies Leben mir beschieden, Es war gut, ich bin's zufrieden. Könnt ich eines noch erwerben: Nur daheim, daheim zu sterben. Nicht auf fernen Wanderswegen Möcht ich mich zur Ruhe legen. Nirgends auf der ganzen Erde Als daheim am eigenen Herde. Vor des Todes grausen Schrecken Will ich nimmer mich verstecken. Wenn aus Augen, schmerzbefeuchtet, Liebe mir zu Bette leuchtet. Wenn die Meinen mich umgeben, Atmend mein entschwindend Leben, Und aus gottergebnem Sterben Meines Herzens Frieden erben. »Das gefällt mir recht gut,« sagte Steinschnabel, als ich ihm dieses Gedicht zu lesen gegeben, »nur in der achten Zeile hapert's, da hast du eine Silbe zuviel gespendet.« Ich war nachgerade empört. Erst später kam es mir, daß er mit der Versmesserei die Rührung wird haben verbergen wollen. Denn dieser Schwächling kann keine Traurigkeit vertragen. Und ich? Ich weiß mir oft gar nichts Lustigeres, als traurig zu sein. * Bisweilen sieht man in der Nacht mehr als am Tage. Sie kommen alle, die Gedanken, denen lebensfrohe Leute auszuweichen pflegen, und die Bekannten, die vor uns schlafen gegangen sind. Sie machen ihre Einladung. Frau Hofrat muß auch jetzt noch ihre Schleppe haben und zerrt das Bartuch nach, und mit dem Japanischen fächelt sie gar kokett, dabei mit Recht ihr Antlitz verdeckend. Und draußen auf dem Meere gleiten die unzähligen Schiffe der ewigen Dunkelheit zu. O Nacht, du heilige Urwesenheit! Wenn Gottes zornige Hand einst die Ampeln vom Himmelsgewölbe reißt, was vor allen Lichtern war, wird nach allen Lichtern sein – die Nacht. Der schlaflose Kranke in dunkler Stube hat Gelegenheit, sich bei Zeiten mit ihr vertraut zu machen. * Allerseelen! Ich bin auf den Friedhof gefahren zu meinem Grabe. Vom Eingange die Ecke links. Heute wildes Gekraute, vom Reif welk gesengt, wie gekocht auf der Erde liegend. Wenn wieder Allerseelen kommt, wird hier ein schönes Blumenbeet sein, in blauen Glastulpen brennende Kerzen. Davor kniet eine junge, schwarzgekleidete Frau, mit schwarz behandschuhter Hand ein weißes Tüchlein ins Gesicht pressend. – Dann kommen die Kinder, daß sie auch ein Vaterunser beten sollen. Mit munteren Augen und frischen Wangen denken sie dabei an Roß und Wagen, an Taschenfeitel und Mundharmoniken und an die Weidengerten, die sie sich auf dem Heimweg schneiden werden. – Ob die Seele nicht hinüberspringen könnte vom modernden Leib auf den leblustigen Knaben? Vielleicht. Fliegt nicht auch der Vogel, wenn der Baum umgehauen wird, auf einen anderen über? Wahrscheinlich stehe ich dann selbst an meinem Grabe und denke: da unten ruht mein Vater. Wie es auch sei, am besten, daß es nicht nach Menschenwitz und Menschenwillen geht – da wäre es sicherlich verfahren. * Heute bin ich zum Steinschnabel in die Werkstatt gefahren. Denn die Nacht war wieder schlimm gewesen, aber ich will die Plagen nicht immer aufschreiben, sie graben sich schon selber ein. Das stete Sandbrünnlein in der Uhr rieselt ganz zart, und doch schüttert davor mein ganzer Leib, als stünde er an einem donnernden Wasserfall. Die Hammerschläge der Steinmetze klingen, und ich stehe mitten im Olymp. Die Weißen Göttergestalten ringsum warten nur auf ein schönheitsfrohes Geschlecht, um herauszutreten ins Leben, in die Kirchen und Tempel, auf die Straßen und Friedhöfe. In einem besonderen, lichten Raum mit Glaswänden arbeitet der Meister. Er hat den grauen Linnenkittel an und das weiße Käppchen auf, unter welchem zu allen Seiten das Löwengelock hervorquillt, grau vor Gipsstaub. Er steht an seiner Psyche, der Mädchengestalt mit den Schmetterlingsflügeln. Alle Sprödigkeit des Materials ist überwunden, in leuchtender Schönheit, zart und schmiegsam schwebt sie, man glaubt Wärme aus diesen Gliedern hervorströmen zu fühlen. »Ich brauche sie nur zu küssen,« sagt Steinschnabel, »und sie ist lebendig.« Er wurde bei dieser geplanten Lebenserweckung leider gestört. Obschon die Steinmetze im Vorraum laut riefen, der Meister sei augenblicklich nicht zu sprechen, trippelte es doch herein, das Blondlockel. Ein kleines Herrchen war's, die nagelneuen, gestreiften Hosen an den Knöcheln waren aufgestülpt, aus den kurzen Hemdärmeln standen weit die steifen Manschetten mit mächtigen Perlmutterknöpfen hervor, der hohe Hemdkragen schraubte den kleinen, wohlrasierten Kopf empor. Auf dem Näschen ritt ein goldener Zwicker. Das ganze eckige Kerlchen schaukelte ein wenig. Mit seitlings gehobenem und rechtwinklig gekrümmtem Arm reichte er die Hand und näselte: »'n Tag, Meister, 'n Tag!« Und dann begann er Spreu zu sprechen, kurzgehackten, spießigen Spreu. Das Korn darin war, daß er ein schönes, sinnreiches Grabmal wünsche für seine verstorbene Schwiegermama. Er denke sich aufs Grab schwarze Marmorplatte, weißes Hautrelief: lebensgroßes Totengerippe mit Hippe und Sanduhr. »Kolossal sinnig, nicht wahr?« »Für Frau Schwiegermama. Gewiß,« spottete mein Steinschnabel, und sein Auge blinzelte unter dem Busch. »Gut, will die Arbeit besorgen. Der Stein soll wohl recht schwer sein?« »He, he. Charmante Dame gewesen,« lächelte der Herr, Damit war das Geschäft abgemacht. Als das Gigerl davon war, sagte ich zum Meister: »Mensch, wie kannst du eine solche Arbeit übernehmen?« »Ich habe sie ja nicht übernommen,« lachte Steinschnabel. »Dieses lebensgroße Totengerippe werden meine Lehrjungen herstellen.« Die »charmante Dame« hatte dem Herrn Schwiegersohn nämlich eine halbe Million hinterlassen. Nicht jede Schwiegermama ist so liebenswürdig. Doch begreift man, daß auf solch ein Grab nicht etwas Sinnbildliches taugt, das durch einen Kuß lebendig wird. »Schnabel,« sagte ich endlich, »weil wir schon bei Sanduhr und Hippe sind, ich komme heute mit einem großen Anliegen zu dir. Die Sache – du gestattest schon, daß ich mich auf den Balken setze und an die Wand lehne,« denn mir war zum Umsinken. »Die Sache ist die. Ich habe, wie du weißt, drei Kinder.« Er zählte lustig an den Fingern ab: »Richard – Konrad – Frida. Es stimmt.« »Nun höre. Ich tue nicht lange um, Freund. Meine Kinder werden einen Vormund brauchen. Wen soll ich mir denken als den Beschützer meiner Familie? Es kann kein anderer sein als du.« Er hatte sich mir gegenübergesetzt, trommelte mit den Fingern auf dem Balken, schaute mich an und sagte: »So, so! Hm, hm!« Und setzte ruhig und leise bei: »Wann erwartest du denn schon?« Diese Bemerkung in dieser Form machte mich verwirrt, da verbesserte er sich rasch: »Ah, ja so! Ich bin zerstreut. Dachte an Gevatterschaft.« An die Mauer hingesunken, trocknete ich mir mit dem Taschentuch die feuchte Stirn: »Du siehst ja, wie es mit mir steht.« Er faßte meine Hand. Das Feuer seines Auges glühte warm auf mich her. »Dagobert, wenn es dich beruhigt: Wo du mich brauchen kannst im Leben oder im Tod, ich stehe zu deiner Verfügung. Hast du aber in dieser von dir bemerkten Angelegenheit mit deiner Frau gesprochen? Ich meine, ob es ihr wohl recht sein würde? Mir scheint nämlich, und du mußt es ja auch schon wahr getan haben, daß der Bildhauer Steinschnabel nicht ihr besonderer Günstling ist.« »Ach Gott, Roderich, du kennst ja ihre Art. Allerdings, der Sache wegen gesprochen habe ich mit ihr noch nicht. Wenn ich vom Sterben rede, da hält sie mir nicht stand, da zankt sie, daß man Gott nicht versuchen solle, und behauptet, daß ich sie weit überleben würde. Wenn sie wüßte, was mir der Arzt gesagt hat! Glaubt ihr denn, ich hätte nicht den Drang, mich darüber auszusprechen? Ihr müßt es doch so gut wie ich selbst merken, was es bei mir geschlagen hat. Was soll denn diese verdammte Vertuscherei! Verneint mein Leiden, wenn ihr könnt, mir ist's recht, ich lebe gern, Gott weiß es. Und wenn ihr das nicht könnt! Laßt mich die furchtbare Wahrheit doch nicht so allein tragen!« Weil ich keuchend und mit gerungenen Händen vor ihm niedersinke, so richtet er mich erschrocken auf: »Um Gottes willen, Dagobert, welche Erregung! Deine lebhafte Phantasie –« »Laß die Phantasie. Höre, was Doktor Balsam gesagt hat. Er tat's auf mein Bitten, nach einer gewissenhaften Diagnose. Weißt du, was er gesagt hat? Daß ich nach zwei Monaten sterben muß.« »Das hätte er dir gesagt?« »Der eine Monat ist schon vorüber.« »Verzeihe, lieber Freund,« sprach hierauf Steinschnabel, »so redet kein Arzt zum Kranken. Er mag gesagt haben, daß dein Leiden noch ziemlich lange dauern kann, daß es überhaupt schwer heilbar sei, ja daß man unter Umständen gefaßt sein müsse, schon in wenigen Monaten das Los aller Erdenkinder –« »Und das ist nicht genug? Ist es nicht genug, wenn der Arzt so zum Kranken spricht? Ein Tor, der's nicht versteht.« »Übrigens,« sagte der Bildhauer und legte seine Hand auf die meinige. »Es ist ja nicht zu leugnen, daß du krank bist. Aber ist denn noch nie ein Schwerkranker gesund geworden? Hat sich noch nie ein Arzt geirrt?« »Darum,« war mein Geständnis, »habe ich die letzte Hoffnung auch noch nicht aufgegeben. Ohne jeden Funken von Hoffnung lebt selbst der Resignierteste nicht einen Tag. Weil es aber weitaus wahrscheinlicher ist, daß mein Leiden gewöhnlichen Verlauf nimmt, so muß ich eben mein Haus bestellen. Und du sollst mich beruhigen und sagen, daß du im Fall meines Todes die Vormundschaft über meine drei Kinder übernimmst.« Er drückte mir frisch die Hände: »Abgemacht.« – Es ist ja nicht zu leugnen, daß du krank bist. Auch der Schnabel sagt's. Na ja. Schwerkranke, die im Bette liegen, das ist in Ordnung. Aber Schwerkranke, die umherwandeln wie ein Schatten ohne Mann, das sind Gespenster. Allerlei muß der Mensch lernen, seines Fortkommens wegen, warum nicht auch die Kunst zu sterben. Der richtige Kursus dauert achtzig oder neunzig Jahre lang. Dann kann man's und schickt sich willig drein. Mancher Arme, Verlassene kann es schon früher, obschon es für ihn auf Erden immer noch zu hoffen gebe, während beim blasierten Reichen alles aus ist. Nicht leben können und nicht sterben wollen – das muß eine Hundeexistenz sein. Ich hätte noch soviel zugute gehabt. Und immer solche Gedanken! Seltsam, daß bei einer Aufbahrung das Vorzimmer unheimlicher ist als der Raum, wo die Leiche liegt. Und daß an einem Toten die Kleider das grauenhafteste sind. Also nur das Drum und Dran. In meiner Kindheit machte es mir den größten Spaß, Gestorbene anzuschauen und Leichenbegängnisse mitzumachen. Die Totenschädel auf dem Traueraltare lachen so lustig. – Das ist die göttliche Einfalt des Kindes. Später ist man »tief gerührt« oder gar »erschüttert«. Und man jammert sich in eine flotte Desperation hinein, die eher ein Vergnügen als ein Leid genannt werden könnte. Es kommt nicht selten vor, daß Fernerstehenden ein Todesfall viel ungeheuerlicher erscheint als den nächsten Angehörigen. Und daß sie sich dann ordentlich wundern, diese in ruhiger Gelassenheit zu finden. – Wo also ist die Schrecknis des Todes, wenn nicht in nächster Nähe? »O Tod!« rief jener Pfarrer aus bei der Leichenrede, »o Tod, wo ist dein Stachel?« Ein Handwerksbursche, der sich hinter dem Strauche barg, antwortete: »Lassen Sie das, Hochwürden. Wir brauchen es nicht zu wissen.« * Es ist Winterszeit, und ich komme rasch zur Tiefe. Der Gang durch die drei Zimmer bedeutet eine Fußreise, vor deren Antritt ich das Testament machen würde, wenn es nicht schon geschehen wäre. Die Füße wollen den Körper nicht mehr tragen, und er ist doch so leicht geworden. Schwer ist nur das Herz. * Wenn ich des Morgens erwache, fällt mein Blick auf das marmorne Haupt meines geliebten Friedrich Schiller, den ich mir nicht als Greis denken kann. Wer jung stirbt, hinterläßt der Welt ein ewiges Bild der Jugend. Mein Sterbezimmer hat mir die Radegunde schon vorwegs ausgestattet mit schönen Bildwerken, mit grünen Blatt- und Nadelsträuchern, mit frischen Blumen. »Mitten im Dezember ein Garten, der auf die Bahre wartet.« Das Wort muß mir entschlüpft sein, denn nun brach das Wetter los. – Ob ich denn alles mißdeuten müsse? Dieweilen sie mir das Zimmer angenehm machen wolle, glaube man, sie bereite schon auf den Tod vor? Ob sie denn noch nicht genug gepeinigt sei? – Und weinte zum Herzbrechen. – Da habe ich zu mir gesagt: Schlechter Kerl! Tut sie nicht alles, daß dir wohl sei, daß du getröstet seiest? Fällt nicht durch die Fenster Luft und Sonnenschein, aber so, daß mein Haupt beschützt bleibt? Rückt sie mir nicht täglich hundertmal die Kissen, die Sessel zurecht? Stehen nicht beständig Labsale bereit? Kommt eine Zeitung, ein Buch unaufgeschnitten auf den Tisch? Verliert sich ein Sacktuch, ohne daß ein anderes schon bereit ist? Und trällert sie, die sonst so ernste, nicht ein heiteres Liedel, während sie vielleicht aufschreien möchte vor Bange? – Und du? Du wirst nicht müde, sie zu quälen mit deinen Todesphantasien. Hast du nicht in niedrigsten Volksschichten Familienväter gesehen, die sterbend noch die Ihrigen beruhigen und trösten und bis zum letzten Atemzug leugnen, daß sie sterben. Jämmerlicher Mitleidshascher! Wo du froh sein solltest, daß dein tapferes Weib nicht mit Klagen, vielmehr mit stetem Sorgen und Wohltun ihr Mitleid beweist! Heute. Sie meint, ich schlafe, rückt mir leise die Klingel nahe und entfernt sich auf Zehenspitzen ins Nebenzimmer Zu ihrem Nähtisch. Aber ich wache und rufe: »Gunde!« Sofort ist sie am Bette. »Wo sind die Kinder?« »Richard und Frida sind in der Schule,« berichtet sie. »Und Konrad?« »Der? Ich weiß nicht. Ich glaube, im Stöckel ist er.« Das Stöckel ist eine Art Gartenhaus und Rumpelkammer, wo Geräte aufbewahrt sind und alte Gewandtruhen stehen. »Was macht er im Stöckel? Er wird sich erkälten.« »Weißt du, er ist ein guter, dummer Junge. Von der Kirche hat er's –« Da klingelt es. Ein angenehmer Besuch. Der Steuerbote. Er bringt eine Vorladung. Es sei im Einbekenntnis wieder einmal was nicht in Ordnung. Möglich! Ich habe bei dem letzten Einbekenntnis gleich die Betriebskosten des kommenden Jahres abgezogen, fünfhundert Kronen fürs Begräbnis. Daran haben die Herren natürlich wieder was auszusetzen. »Frau,« sagte ich nachher. »Ich werde den Steinschnabel bitten müssen, daß er für mich den Gang macht.« Weil sie darauf nichts sagt, sondern sachte mein Gewand herrichtet, falls ich das Aufstehen versuchen wolle, so fahre ich fort: »Sage mir einmal, Gunde, hast du gegen den Schnabel etwas?« Die Hosen über den Arm gelegt, steht sie da und schaut mich an. »Ich? Gegen den Bildhauer? Wie meinst du das?« »Ich meine, weil wir ihn noch öfter zu brauchen haben werden. Ein herzensguter Mensch. Man kann sich auf ihn verlassen. Man kann ihm schon was anvertrauen. Ich sage dir, Gunde, der Schnabel ist ein braver Kerl, durch und durch!« Fast betroffen antwortete sie: »Mein Gott, das hat ja niemand bestritten.« »Siehe, das freut mich, Weib, daß du nichts gegen ihn hast. Ich meine, daß er dir nicht zuwider ist. Möglich, daß wir ihn vielfach brauchen werden. Wenn's mit mir noch lange so fortgeht – es dürften uns auch Veränderungen nicht ganz unvorbereitet treffen. Wenn ich einem meine Familie anvertrauen wollte, so wäre es der Schnabel.« »Nun gut,« sagte sie, »wenn du stirbst, so soll Steinschnabel der Kinder Vormund sein.« Und ging zur Tür hinaus. Hart und kalt wie Eisen hat mich das Wort getroffen. – Habe ich es nicht selber hervorgelockt? Kranke sind Egoisten, aber solche, die nicht mehr wissen, was sie wollen. * Weil der kleine Konrad heute wieder im Stöckel war, so wollte ich doch einmal sehen, was er dort treibt. Das muß ein besonderes Kinderspiel sein! Eine Beschäftigung, die ihn den Frost nicht fühlen läßt. In den großen Filzpatschen und dem langen Schlafrock aus Wolle, den mir meine Gunde genäht hat, siffelte ich hinüber. Unterwegs im Hof begegnet mir Richard, der gerade aus dem Gymnasium kommt, bei meinem Anblick hinter der Ecke abbiegen will, endlich aber doch auf mich zugeht. Er hat ein krebsrotes Gesicht und reibt mit der Faust an den Augen herum. Er getraue sich nicht zur Mutter, sie werde ihm das Mittagsmahl entziehen und Strafaufgaben verordnen. Denn er habe wieder einen Zensurschein bekommen. Wacker, Junge! Nur gesunde und aufgeweckte Knaben bekommen Zensurscheine. Aus einem fleißigen Schüler ist noch selten ein bedeutender Mann geworden. Genies waren stets leichtsinnige Studenten. Nur so fort, junger Mann! – Just laut ausgerufen habe ich diese pädagogischen Grundsätze nicht, aber gedacht habe ich sie mit aller Redlichkeit. »Gib her den Wisch!« sage ich und stecke ihn in die Tasche. »Ich werde ihn schon unterschreiben.« Er hüpft munter davon, und ich habe ihm wieder einen Tag der seligen Jugendzeit gerettet. Im Griechischen hatte der Junge das Malheur. Daß doch ein siebenfaches Blitz-Kreuz-Donnerwetter dieses verdammte Griechisch einmal aus unseren Schulen hinausfege! Über die Schulnot der Kinder habe ich mich ja immer getröstet. Die Schwerlernenden sind gewöhnlich selbständige Naturen, für äußere Einflüsse wenig empfänglich. Leute, die mit der Theorie nicht viel anzufangen wissen, sind die eigentlichen Tatmenschen. Ich glaube, Richard ist beim unrichtigen Tor hinein. Er gehört in die Realschule. Steinschnabel wollte sogar, daß dem Knaben, nachdem ihm schon einmal das Leben geschenkt worden sei, auch die Jugend geschenkt würde. Man soll, ist seine Meinung, die zwölfjährigen Knaben in den Wald hinausjagen, wo sie sich selber ihre Nahrung und ihre Felle erjagen müßten. Dabei würden sie tüchtiger als auf allen papiernen Hochschulen und wüßten, was Leben heißt. Das wird nicht wahr sein. Ich bin ein ganz papierner Mensch und weiß doch, was Leben heißt. Allerdings erst, seit es sterben heißt. Wie glücklich ist doch noch der Konrad in seinem achten Lebensjahre! Aber im Stöckel ist es mäuschenstill. Ganz leise öffne ich ein Spältchen die Tür, um zu gucken, worin denn der Knabe so vertieft sein könne. Nun, da habe ich's gesehen. An der Wand über der alten Truhe steht hübsch aufrecht eine Blechpfanne. Sie wird meinen Vorfahren die Schmalznocken geröstet haben, ist aber jetzt vom Rost zerfressen. Auf dem schuppigen Boden dieser Pfanne ist mit Kreide eine Figur gezeichnet, eine Art Dreieck mit zwei Ringlein an der oberen Ecke. In den Ringlein Punkte, Augen, Nase und Mund darstellend, und das ganze eine Kopie der Maria mit dem Christkind von Zell. Auf der Truhe an beiden Seiten der Pfanne zwei brennende Kerzen. Zwischen diesen ist noch ein mit dem Sacktüchlein verhülltes Geheimnis. Und davor steht mein Konrad im Priesterornat aus Goldpapier. Die Arme leicht ausgestreckt, murmelt er Gebete. Tief versunken in seine Andacht. – Jetzt hob er sein verzücktes Auge zur Pfanne empor, jetzt machte er eine tiefe Kniebeugung, jetzt zog er feierlich das Sacktuch weg, und was enthüllt dastand – es war die Pfefferbüchse von der Küche. Als dieses geschehen war, faltete der kleine Zelebrant die Händchen und sprach leise und langsam: »Heilige Maria, Mutter Gottes! Lasse uns unseren lieben Vater wieder gesund werden!« Da wäre ich wohl am liebsten hingestürzt und hätte ihn an die Brust gerissen. Nein. Leise habe ich die Tür wieder angelehnt, dann bin ich niedergekniet im Schnee, und wie der Knabe drinnen für den Vater die Messe las, so hat hier der Vater ein Gebet getan zu dem allmächtigen Gott für das Kind. * Es ist doch eigentlich merkwürdig, daß der eine stirbt und der andere leben bleibt. Dieser sieht jenen daliegen, eiszapfenkalt auf dem Schragen und frißt sein Heu mit demselben Appetit als früher, solange noch ihrer zwei waren. Die Liebe, wenn eine vorhanden ist, tut einen Schrei, im übrigen getröstet er sich und denkt an seinen Vorteil. Täglich Todesnachrichten, Leichenzüge, links und rechts sinken sie hin, die Bekannten – der Überlebende trottet seine gewohnten Wege und bleibt der windige Kleinigkeitskrämer. Das alte Ehepaar im dritten Stock. Sie hatten doch achtundvierzig Jahre lang füreinander gelebt. Er ringt mit dem Tode, die Frau hockt weinend daneben, muß zuschauen bei seinem Sterben und kann nicht helfen. Sie hatten stets ihre gemeinsame Liebe und ihr gesondertes Geld im Kasten. Nun sehe ich rabenschwarz, Gott verzeihe mir! – Sie labt ihn mit Essig, betet laut und merkt, daß sein Leib sich krampft und sein Auge starr wird. Sie eilt zur Lade um das Sterbelicht, da kommt ihr zufällig sein Kassenschlüssel in die Hand. Da ist er, denkt sie, für alle Fälle, und verbirgt ihn in ihrer Tasche. Dann krampft sie ihm das Kerzenlicht zwischen die Finger und horcht, ob er noch atmet. Als es aus seinen Mundwinkeln hervorschäumt, stockt ihr Gebet. Dann fährt sie mit dem Tuch über sein Antlitz, da sind auch gleich die Augenlider zu. Sie horcht. Nichts mehr. Sie huscht eilig zu seiner Kasse. Die Leiche ist noch kaum kalt, so nahen die Notare. Der Staat wie die Familie haschen mit gleicher Gier nach dem Glücksfall, und eins sucht das andere zu überlisten. Ist es gut bestellt, dann kommt die pompöse Trauer. Er war so gut, sie sind ihm so dankbar und können sich verlassen auf den Tod, der keinen wieder aufwachen läßt. – Nein, ein solches Totsein möchte ich nicht erleben. Der Himmel hat mich vor dem Unangenehmsten behütet – als reicher Mann zu sterben. Es muß eine wahre Kalamität sein, das, was man mit Sorgen erworben, mit Schmerzen geliebt hat, von dem man weiß Gott was für Freude und Lust erhofft hat, auf einmal fremden Klauen überlassen zu müssen. Vor dem letzten Beraubtwerden schützt keine Polizei. Und nicht zu wissen, ob die klagenden Hinterbliebenen Freudentränen weinen oder Trauertränen lachen. Bei den Armen geht es redlicher her, wird geweint, so ist es echt, wird gelacht, so ist es auch echt – und der im Sarg ist stillvergnügt. Wenn man nur schon so weit wäre! Wenn bloß einmal das mit dem Schnabel in Ordnung ist! Mein Testament. Es sind herzensgute Worte drin, und doch – und doch – Ziffern wären besser. Gott und der Schnabel, die werden's schon machen. * In der Jugend studiert man Erwachsene, um klug zu werden. Im späteren Leben studiert man Kinder, um glücklich zu werden. Mein Siechtum gibt mir Muße, von der Einfalt Weisheit zu lernen. Wenn das Kind eines zerbrochenen Spielzeugs wegen weint, so können wir lachen. Das ist Überlegenheit. Wenn die Flammen auf unseren Dachfirsten prasseln, so jubeln die Kinder. Das ist auch Überlegenheit. Werdet wie die Kinder. Und steht es nicht irgendwo geschrieben, daß der Umgang mit Kindern gesund machen kann? Die Welt bedarf Männer, das Haus Kinder und der Sterbende lechzt nach einem Jungbrunnen. In gesunden Tagen habe ich an meinen Kindern viel gesündigt. Die Kleinen wollten zu mir. »Kinder, ich habe keine Zeit!« Sie wollten mit mir spielen. »So laßt mich doch, es kommt Besuch!« Sie bitten, daß ich ihnen Märchen erzähle. »Aber Rangen, ihr seht ja, daß ich schreibe!« Immer für Fremde, nie für die, deren Kreis noch so klein ist, die niemanden haben als Vater und Mutter. Auf den Abend werden sie vertröstet. Sie bestehen darauf mit hartnäckiger Sehnsucht. Der Abend kommt. »Ich bin müde, und ihr gehört ins Bett! Am Sonntage wollen wir miteinander spazieren gehen.« Sie ergeben sich betrübt, zählen die Stunden bis zum Sonntag, bauen so zuversichtlich auf das Versprechen, als ob sie noch nie getäuscht worden wären. Am Sonntage wird man von Bekannten zu einem Essen geladen und sagt zu. So betrügst du das Kind um dich und dich um das Kind. Man kann unter einem Dache wohnen und doch um mehr als ein Weltmeer voneinander getrennt sein. Schicke deinen Sohn nach Australien, und du wirst die Bande, die dich an ihn knüpfen, inniger fühlen, als wenn euch eine zolldicke Zimmertür trennt. Freilich ist die Tür nur dünn, aber sie geht nicht auf. Eltern sind ihren Kindern lange nicht immer so treu, als sie glauben. Auf einmal sind diese erwachsen, und jetzt geht das Verwundern an über das Entfremdetsein der Kinder und daß es überhaupt keine Kinder mehr gebe. Frida, das Mädel, ist stets die kleine würdige Schwester. Sie bemuttert die Knaben, brummt mit ihnen; ist anderseits wieder bereit, die Sünden der Brüder auf sich zu nehmen, wenn ein Strafgericht droht. Von meiner Seite droht selten eins. Selbst als vor einigen Tagen die Gebrüder Dagobert gemeinsam eine Katze totwürgten, empfand ich zwar das Bestialische dieser Tat, polterte auch einige Flüche und Sittenregeln hervor, aber eigentlich zornig konnte ich nicht werden. Manchmal lechze ich nach einem jener Zornausbrüche, die in früherer Zeit mich oft so sehr erleichtert und erfrischt haben. Aber es glüht nichts mehr. Radegunde jagte die Katzenmörder dreimal ums Haus herum, warf ihnen dann einen alten Handkorb nach, in dem sie das Tier zum Abdecker tragen sollten. Sie weigerten sich, es zu tun, sie vermochten eingestandenermaßen ihr Opfer nicht anzusehen, ein richtiges Verbrecherschauern ging über ihre Rücken. »Ihr bösartigen Buben!« rief die Mutter ihnen zu, »als Merks werdet ihr mir drei Wochen lang täglich um diese Stunde ein Vaterunser beten!« »Für die Katz?!« rief Steinschnabel dazwischen, der dem Auftritt beiwohnte. »Darf ich mich in den Handel mischen?« »Und ob! Du bist ja künftig der Erzieher.« »Ihr werdet die Jungen doch nicht mit dem Gebet des Herrn strafen wollen! – Laßt mich machen!« Er rief die Knaben vor. Und welch eine Miene! Das Sonnenleuchten seiner Augen wurde zu förmlichen Blitzen, die jeden Augenblick einschlagen konnten. »Warum habt ihr das arme Tier getötet?« Sie schwiegen, ließen die Köpfe hängen. Sie wüßten nicht warum. »Böse Buben! Zur Strafe werdet ihr eine ganze Woche lang das Vaterunser nicht in den Mund nehmen. Verstanden das?« Sie huben an zu brüllen. Konrad, der gewohnt war, allemal vor dem Schlafengehen mit frommer Innigkeit das Vaterunser zu beten, kniete nieder: »Lieber Onkel, verzeihe uns!« Der Onkel wandte sich mit strenger Miene ab. Und zu uns: »Auch die Alten können sich's merken und es gelegentlich ihrem Beichtvater erzählen.« * Also ist es, daß mir die Krankheit meine Kinder näher führt. Aber mein Zustand scheint ihnen selbstverständlich, und sie haben keine Traurigkeit. Gestern kam Onkel Steinschnabel – jetzt ist er natürlich schon immer der Onkel – und brachte dem Konrad ein sonderbares Spielzeug mit. Eine Sanduhr. Bei einem Antiquitätenhändler soll er sie erstanden haben, er bedurfte sie als Modell zur Sanduhr am Denkmal für jene »charmante Dame«. Das Dinge hat sehr zierlich geschnitzte Säulchen aus Elfenbein und zwei Glastrichter, die mit den engen Ausmündungen aneinanderstehen, so daß der feine, gelbe Sand, der im oberen Trichter ist, durch den engen Hals in den unteren läuft. Der Knabe hatte das laternenförmige Ding, das an allen acht Ecken mit niedlichen elfenbeinernen Totenschädelchen geziert ist, auf den Tisch gestellt und betrachtete den lebendigen Sand. Oben am Rande wie in der Tiefe rieseln die Körnchen ineinander, unversiegbar rinnt das dünne trockene Brünnlein hinab, und kaum merkt man, daß im oberen Trichter der Sand in sich zusammensinkt, während der im unteren sachte ansteigt. »Wie lange denn, Onkel?« fragte der Knabe. »Bis abends neun Uhr ist's abgelaufen,« antwortete Steinschnabel. Durch Mark und Bein ging mir das Wort. »Und dann?« fragte der Knabe. »Das sollst du sehen,« sagte der Schnabel. Die Kleinen umkreisen ihn jubelnd, geben aber doch immer ein bißchen acht, daß das Sonnenleuchten seines Auges nicht plötzlich zum Blitze wird. Dieses helle, ewig frohe Auge durchleuchtet gleichsam die ganze Wohnung, bis ins Gemach der Frau hinein. Er spielt mit den Kindern, als ob er selbst eins wäre, und was ihnen an Schabernack nicht einfällt, das fällt ihm ein. Sind sie müde vom Tollen, so setzen sie sich zusammen, und er erzählt ihnen Märchen oder Schwänke, daß alle wie die hellen Glöcklein lachen. Selbst Gunde, die ernsthafte, läßt bisweilen ihre Hand mit der Nähnadel auf dem Knie ruhen und betrachtet die Gruppe wohlgefällig. Mit dem Schnabel spricht sie wenig und er mit ihr nicht viel, aber manchmal schauen sie sich doch offen an, wenn auch sehr kurz, nur so blitzartig. Mich dünkt immer, zwischen ihnen ist noch nicht ganz das Vertrauen, wie es zwischen Freunden sein soll. Ich bringe an diesem Tage etwas in Anregung. Meine Gestalt richte ich auf, soweit es noch gehen will, so stelle ich mich vor ihn hin. »Schnabel, sieh mich an. Glaubst du denn nicht, daß sich der Dagobert noch rechtzeitig um ein bißchen Unsterblichkeit umsehen soll?« »Aber versteht sich, wozu ist man denn Philosoph!« »Nun also. Warum zögerst du denn immer noch, mir einen Antrag zu machen? Wenn so ein Kerl schon in Fleisch und Knochen nicht halten will, so stellen wir ihn einfach aus Stein her.« »Wirklich?« lachte er mich an. »Wäre es dir angenehm? Wird es dich nicht zu sehr ermüden? Wir können ja ganz kurze Sitzungen halten, und jeden zweiten Tag.« »Gedenke der Sanduhr! Spute dich.« »Wir wollen uns vortrefflich dabei unterhalten.« »Na, weißt du, der Unterhaltung wegen gerade nicht, so gut du dich auf Kurzweil verstehst. Man sollte dich ja geradezu einsperren, du lieber Zeitvertreiber und Lebensverkürzer! Doch in diesem Fall ist's anders. Wenn einer weiß, die Witze sollen nur verhüten, daß die Visage des Modells nicht ganz in Apathie versumpft, dann zündet das Feuerwerk nicht.« »Das ist abzuwarten. In der nächsten Woche beginnt die Schöpfung. Gott nahm Lehm. Material zweiter Güte. Wir wollen es mit Carrara-Marmor versuchen.« »Sage mir, Vertrauter, hast du einen größeren Vorrat von dieser Gattung Geist? – dann lieber nicht. Wisse, allzuviel Spiritus ist Kranken nicht zuträglich.« »Und schon gar, wenn es Fusel ist, nicht wahr? Na, Freund, du sollst nur nahrhaftes Getränk haben. Milch, wie ein Säugling an der Mutterbrust. Kind, altes, launenhaftes! Zeige deinem himmlischen Vater nur noch einmal ein frohes Gesicht.« Er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände, von Aug' zu Aug' ging ein Strahl, der mein ganzes Wesen warm durchrieselte. »Sei doch wieder einmal ein ganzer Mensch!« sprach er weiter, »erhebe dein Herz, und das Schicksal hat keine Macht über dich. Schau doch. Ob es Glück oder Unglück um dich gibt, das kommt auf dich selber an. Nach dem, wie du bist, gestaltet sich dein Geschick. Gewöhne dir doch einmal das Wünschen ab und die Ungeduld nach der Gesundheit. Verzichte gelassen auf sie, vielleicht hast du sie dann.« »Mir schwillt das Herz bei deinen Worten!« rief ich entzückt aus. »Das soll's aber nicht. Schwellen soll's nicht. Ich gedenke dir eine leidenschaftslose Heiterkeit ins Gesicht zu meißeln, dann sollst einmal sehen, was du für ein Bursche bist.« Beim Abendessen ging's wieder gemütlich zu. Ich fühlte mich wohler als gewöhnlich, mein Weib legte mir das beste Stück Kalbsbraten auf den Teller und bat den Onkel, sich selber zu bedienen. Die Knaben stritten lustig über Raben. Richard behauptete, die Raben wären schwarz, Konrad versicherte, sie seien weiß. Der Schnabel schlichtete den Streit, Konrad habe recht, denn es gebe auch weiße Raben – wenigstens im Sprichwort. Richard hätte übrigens auch nicht ganz unrecht, weil die schwarzen Raben in der Mehrzahl seien. Plötzlich wandelte mich eine Ohnmacht an; mein Weib bettete mich auf das Sofa und hielt mir ein in Weinessig getauchtes Tuch vor die Nase. »Onkel!« rief Konrad, »die Sanduhr ist abgelaufen.« Auf dem Schranke stand sie, wie ein Laternlein anzusehen, in dem kein Licht ist. Der obere Trichter war leer, der untere voll. – Aller Augen schauten hin, Konrads blickten erwartungsvoll auf den Onkel. »Ist sie abgelaufen?« sagte dieser. »Ja, Onkel, sie ist abgelaufen.« »Na, dann macht man's immer so.« Und stülpte die Sanduhr über, daß der volle Trichter oben war und das dünne trockene Brünnlein sachte begann, nach unten zu rieseln. * Zu blöde ist das. Über das Christfest habe ich heute weinen müssen – daß es so glückselig ist. Ja, mein Gott, wenn man auch in diesem Fall weint! Wann kommt man dann überhaupt zum Lachen! So nervös wäre ich! sagen sie. Was heißt das? Ist dann nicht auch ein morscher Strick nervös? »O Weihnacht und kein Kind im Haus!« sang vor etlichen Tagen der Schnabel. In lustiger Melodie sang er es, aber die Stimme hatte einen Trauerschleier um. »Kinder! Es sind ihrer ja im Hause!« sprach ich. »Du weißt doch, wohin du gehörst am Weihnachtsfeste!« So ist er bei uns gewesen. Gunde war nicht sonderlich davon erbaut, sie möchte solche Feste allemal »ohne Zeugen« begehen, aber dann fällt's immer ein wenig herb hausbacken aus. Onkel Sonnenschein zerstreut das leichte Gewölk. In solchen Tagen kommt alles wieder, was man je an solchen Tagen gesündigt hat. Die größte Weihnachtstugend, hatte ich immer geglaubt, bestünde im Geben. Tatsächlich besteht sie im Nehmen. In der Kunst, recht und liebreich und dankbar zu nehmen. Mein ganzes Herz legte ich in die Geschenke für mein Weib, und was sie gab, das war mir oft fast peinlich, weil ich nicht an ihre Liebe, sondern an ihre Opfer dachte. Heute mache ich das besser. Ich schenke nicht viel, lasse mich aber tapfer beschenken, und das macht meine Gunde froh und heiter, auch ohne den Onkel Sonnenschein. Mein Nachbar, der alte Bankier Golding, hatte wieder seinen Anfall von Schenkwut. Zu Weihnachten pflegt er seinen Bekannten Körbe von Naschwaren, Spielwaren und Nippsachen ins Haus zu schicken. In hastiger Erregtheit bindet er schon tagelang vorher Pakete, windet Flaschen in Stroh und nagelt Kisten. Am Vorabend beschäftigt er neun Dienstmänner zum Austragen. Ist das Fest vorüber, dann hockt er sich zu seinen Geschäftsbüchern, rechnet und knausert, und seine Seele sitzt wieder ein ganzes Jahr lang im Arrest – der Wertheimerkasse. Meinen Leuten hat der Edle diesmal ein Fäßchen Heringe geschickt und mir ein Paar benagelte Bergschuhe mit Rucksack und Eispickel. Der Witz ist gut, aber – das Fleisch ist schwach. Einst hatte ich halb Europa durchwandert mit meinem Haselstock, den ich mir als Student am Fuße der Wartburg geschnitten. Heute dient dieser Stock noch dazu, daß ich ein Kerzchen dran binde und mit ihm den Christbaum anzünde. Während solcher Tätigkeit begann der Christbaum sachte zu tanzen, das Zimmer begann zu tanzen – später fand ich mich liegend auf dem Fußteppich, Haupt und Kleider feucht von dem Wasser, das sie mir an den Leib gegossen hatten. Gunde labte mich wie immer mit Essig, der Schnabel löste mir die Schuhe von den Füßen, in schweigendem Verständnis waren sie eins, mir zu helfen. Die Kinder standen schluchzend umher und wimmerten: »Mein Vater! Mein Vater!« Und das ist dies Jahr ihre Christbaumfreude gewesen. Der Doktor ist geholt worden und hat mich wieder einmal gründlich untersucht, auch Herz und Nieren durchforscht. Gundes und des Bildhauers Augen hingen an seinem Munde, aber er hat nichts gesagt. Auf die Bemerkung meiner Frau, daß ich einmal Verlangen nach Früchtebrot geäußert hätte und ob sie mir unter Umständen davon geben dürfe, antwortete er fast barsch: »Ich bitte, Frau. Geben Sie ihm alles, was er wünscht!« * Am Tage der unschuldigen Kinder ist der Volkssitte entsprechend früh am Morgen Konrad an mein Bett gekommen, hat mit einem Birkenrutlein auf meine Decke losgeschlagen unter dem hellachenden Ruf: »Kindel auf! Kindel auf! – Frisch und g'sund! Frisch und g'sund!« Ich wüßte auf Erden keinen Schlag, der so süß wäre als des lieben Kindes zarter Rutenstreich an diesem Lostage. Und ich wüßte keinen furchtbareren Schicksalsschlag als den nach Vater oder Mutter geführten Schlag eines ruchlosen Kindes. * Aus meiner Lade habe ich heute alte, heilige Sachen hervorgeholt. Das Myrtensträußchen vom Hochzeitstage. Das knistert, so dürr ist es. Wie fange ich es nur an, daß sie mir dieses Kleinod in den Sarg mitgeben? Ich fürchte mich vor der großen Einsamkeit im Grabe und möchte einen Segen bei mir haben. Aber man darf ja nicht ein Wort davon sprechen. Alle stecken ihren Kopf in den Sand und lassen mich allein mit meinem Sterben. Ich will wieder einmal meinen letzten Willen schreiben. Schreiben und immer schreiben! Das zagende Wort, sonst habe ich ja nichts mehr. Und Sterbende sollen bekennen und beichten. * Meiner Tage habe ich noch keinen toten König gesehen. Auch keinen toten Bettler. Nur tote Menschen. Ich kann nicht fassen, weshalb der eine Mensch ohne weiteres und der andere mit aller Umständlichkeit ins Grab geworfen wird. Mir ist es unfaßbar, daß der heilige Menschenleib dessen, der im Leben angesehen war, mit kindischem Takt entehrt werden muß. Vor der Majestät des Todes ist aller Prunk kurzweg lächerlich. Oder wäre es gerade der passende Abschluß für das Possenspiel des Weltlebens? Wenn der Tod nur auch einen Spaß verstünde! Ich will für meine werte Person das Begräbnisprogramm aufstellen und selbiges an die Kasse kleben, damit sie es gleich finden. Da liegt auf kaltem Bett die Lehmgestalt, die aus dem Menschen eine Sache geworden ist. Sie waschen das Antlitz und strählen das Haar, denn es ist der hohe Festtag gekommen. Vielleicht weht die abgeschiedene Seele, bevor sie den Flug weiter nimmt durch die Ewigkeiten, noch ein Weilchen ums Ruhebett und schaut verwundert die Gestalt an, in der sie gehaust hat. Manches Menschenantlitz ist in den ersten Stunden des Todes schöner, als es im Leben gewesen. Der Abschiedskuß der Seele. Drei Tage lang liege der Leib noch im Lichte, damit denen, die in Liebe und Nachsicht ihn gewohnt waren, das Entschwinden nicht zu plötzlich sei. Die ihm gut gewesen, sollen an dem friedlichen Schläfer sehen, daß es auch so gut ist. Das Schweigen des Toten! Nichts ist so beredt. Aber seine ganze Weltanschauung heißt: Mir ist alles eins. Nicht einmal Bahre und Grab kümmern ihn was, das sind Angelegenheiten der Überlebenden, die sie sich einrichten mögen nach ihrem Belieben. Je persönlicher dieses Belieben, je unabhängiger von Brauch und Sitte – je echter. Die starre Gestalt in ein dunkles Gemach legen, zu Häupten eine Ampel anzünden und ein paar Kerzen und ihr ein einfaches Kreuz in die Hand geben. Das Sterben ist als eine religiöse Handlung zu betrachten, als ein Opfer seiner selbst dem Ewigen. Dann auf die Brust den Myrtenzweig. Sind Blumen da, so sollen sie nicht gebrochen, sollen lebendig sein. Was macht ein Toter mit toten Pflanzen? Erdreich will Lebendiges hegen. Mit Heftigkeit lehne ich ab den Metallsarg, die gewölbte Gruft. Kein Kerker soll mich absperren vom Leben der frischen fruchtbaren Erde, die ein Anrecht auf mich hat, wie ich auf sie. Was sagte doch letzthin der Schnabel, als er mit Lehm umtat? »Wir wollen miteinander ja noch vieles schaffen, wir wollen die Zukunft noch überraschen mit dem, was wir können, die Erde und ich, der Wille!« Ein Sarg aus Fichtenholz, nicht angestrichen, denn die Farbe »konserviert«, das heißt in diesem Falle, sie hält lange tot, was tot ist. Ich will aber baldigst wieder anfangen. Am nettesten wäre es, den Leib bloß in Leinwand gewickelt der Erde zu übergeben. Des Leichenbegängnisses wegen bin ich unbescheiden. Nicht von Tieren will ich gezogen werden, vielmehr von Menschen getragen. Auf zwei Bahrstangen, die auf den Schultern der Männer liegen. Kranzspenden verbeten. Grünzeug und buntes Bänderwerk in Haufen nachschleppen? Nein. Es ist ja wahr, was Roderich sagt, daß der Mensch, wenn er sein Innerstes heben will, zur Blume greift, eine Blume der Braut, eine Blume dem Toten. Allein die Vielheit des Straußes heißt Laub und die Vielheit der Blume heißt Heu. Ich habe Leichenzüge gesehen, deren Kränze ein kleines bürgerliches Vermögen ausgemacht haben. Und rechts und links am prunkvollen Toten darben Lebendige. Wenn jenen Armen, deren fleißige Hände vielleicht die Kränze wanden, noch der Ertrag zukäme! Nein, er kommt den Krämern zugute. Das Kränzeunwesen ist eine der dümmsten Sitten und grenzt in seiner jetzigen Unwahrhaftigkeit schon beinahe an – nein, ich will's nicht sagen. Die Prunkgewinde, deren Schleifen stets mit dem Namen der Spender geschmückt sind, zeigen aller Welt, wer sich um die Trauer auch was kosten lassen kann. Kurz, ich hasse die Kränze, ich hasse sie aus Liebe zum Kranz; in der Masse erstickt das Symbol, nur der eine Kranz auf dem Sarge, von den Nächsten hingelegt, nimmt Weihe an. Was die Liebe tut, um sich zu genügen – Gott sei davor, daß ich es tadle! Und nun die letzte Station: das Grab. Wem wird vor der Erde grauen – vor sich selber! Sagte das nicht Onkel Sonnenschein? Also intime Beziehungen. Ein tiefes eigenes Grab ohne Kündigungsfrist. Der Hügel ein Garten. Hier beginnt das Reich der Kränze, der lebendigen. In frischen Halmen gedenke ich wieder heraufzukommen, durch die Blume will ich zu Weib und Kindern sprechen: Auferstehung von den Toten, ewiges Leben. * Gesagt ist es ganz hübsch. Doch im Halm, in der Blume fortzuleben, oder in einem Schmetterling, einem Vogel, oder im Tau, oder im Lehm – nein, das wäre mir zu lumpig. Mir schwant eine ganz andere Offenbarung, und wenn ich jetzt sehr gescheit philosophieren werde, so brauchst du, mein lieber Steinschnabel, mich deshalb nicht gleich für verrückt zu halten. In schlaflosen Nächten, wo das Ticktack der Uhr gleichsam mit unaufhörlichen Schritten von einer Ewigkeit zur anderen geht, da kommt's. Schon an der Pforte des Jenseits stehend, möchte man doch gern ein wenig durchs Schlüsselloch gucken – aber der Schlüssel steckt von innen. Da tut man ein übriges und – spinnt. In Spiel und Ernst spinnt man weiter und verstrickt sich sachte in das Hirngespinst, daß es schließlich ist, als hätte die Seele, die arme, ein Hemd aus Spinnweben an. Wohlan! – Was ich heute schreibe, es wird morgen belächelt, übermorgen vergessen, nach hundert Jahren unverständlich, nach tausend Jahren selbstverständlich sein. Es ist mir nicht möglich, das Leben zu lassen, es ist nicht möglich. Das ewige Sein, ich gebe es nicht hin, und müßte ich die Zukunft mit der Vergangenheit ausfüllen. Daß ich's nur sage: Unser Leben muß sich wiederholen. Denn der Wahn, daß wir just und eben jetzt ein Eintagsfliegenleben hätten, ist zu dumm. Ich bin, und das ist mir der allersicherste Beweis, daß ich war und sein werde. Daß wir täglich Leute um uns geboren werden und hinsterben sehen, beweist nichts, sie sind eine Erscheinung, sie kamen nach unserer Wahrnehmung her und gingen wieder fort. Das werden auch wir anderen so erscheinen, als wenn wir kämen und gingen. Als moderner kritischer Geist glaube ich nur das, was ich persönlich weiß und erfahren habe. Vom Geborenwerden weiß ich nichts, das Sterben habe ich nicht erfahren. So werde ich wohl immer sein. Nicht wahr, ich bin verrückt, wie ein Philosoph, oder philosophiere wie ein Verrückter! Plaudern kann man ja davon, wir haben reichlich Zeit dazu, wir Bürger der Ewigkeit. Es kommt dicker: ich will ewig sein, ohne alt zu werden, ohne die Kette von Ursache und Wirkung bewußt fortschleppen zu müssen. Seit Kindheit weiß ich, daß uns der liebe Gott einen Himmel bereitet hat. Der wird unsinnig schön sein! Weil man aber nicht weiß, wie und wo und wann, so ist das beängstigend. Und weil der Bauer nichts ißt als das, was er schon kennt, so möchte ich einen Himmel haben, den ich schon gewohnt bin. Und so werde ich den lieben Gott, wenn er just einmal in guter Laune ist, bitten: Herr! Willst du mir schon recht gut sein, so gib mir mein Leben wieder, das zu Ende will. Laß mich mein altes Leben wieder durchmachen. Nicht etwa, weil ich's besser machen wollte ein zweites Mal, sondern, weil's mir gerade so gefällt, wie es war und ist. Geht's oben an den Rand, so fange ich wieder unten an. Und allemal so herum. Gib mir's ganz genau wieder, wie es war, als ob es photographiert und phonographiert und typographiert wäre, mit allen Örtlichkeiten, Menschen, Freuden und Plagen, Dulden und Taten, Tugenden und Sünden. Die Sünden vergiß mir nicht, sie haben auch ihr Gutes! Ich will nichts vermissen, nicht das rotblumige Tuch am Busen meiner Mutter, das ich beiseite schob, wenn's zu trinken gab; nicht das blaue Kinderkittelchen mit den weißen Sternen; nicht das tönerne Milchschüßlein mit den gemalten Spiralringen; nicht ein einziges Bein vom roten Pferde, dem hölzernen, außer bis ich es selber kaputt mache; nicht ein Härchen von meinem ersten Bartanflug, an jedem hing ein Himmelreich. Alles, alles wieder, in derselben Reihenfolge, mit derselben Entwicklung in mir und weit ringsum. Es werde, wie's gewesen ist. Amen! Nun mag es ja sein, daß der liebe Gott wundershalber nicht anders wie ein vernünftiger Mensch antwortet: »Aber Kind, was für Mucken! Soll ich deinetwegen die ganze Welt zurückschrauben um so und so viele Jahre? Soll ich alle Toten wieder erwecken, daß sie dein Gefolge seien? Soll ich den alten Zeitgeist wieder einführen, den sie unter vielen Plackereien endlich losgebracht haben? Nein, ein solcher Reaktionär ist der Alte doch nicht.« Und wenn wir zwei beide schon einmal so im gemütlichen Gespräch wären miteinander, so würde ich nun bescheidentlich entgegnen: »Herr und Vater! Wie du jetzt gesprochen, das ist dein Ernst nicht. Es ist sicher nur ein liebenswürdiger Spott auf die menschliche Naseweisheit. Denn so klug reden nur die törichten Menschen. Wozu wärest du der Allmächtige, der alles kann! Und schließlich – an der Welt brauchst du ja gar nichts zu ändern, lasse in Gottesnamen alles, wie es ist, nur gib mir die Vorstellung, als ob alles so wäre, wie ich es meine. Nur ein Rädchen im Gehirn berühre mit deinem Finger, und es ist.« Darauf wird der Herr mir wahrscheinlich auf die Achsel klopfen und sagen: »Laß das gut sein. Wie es zu machen ist, das weiß ich schon selber. Gehe jetzt an dein Tagewerk, wir sprechen noch davon.« * O, so lebensdurstig, so lebensdurstig! Dieses Sein, das die vom Doktor Balsam gezogene Grenze bereits überschritten hat, auf Wucherzinsen möchte ich es anlegen im altrenommierten Bankhause Ewigkeit. Der Winter geht zu Ende, und ich atme noch. Beim Buchbinder hat er sich auch geirrt, endlich aber doch recht behalten. Der Buchbinder wiederholt vielleicht just anderswo sein Leben, und ich springe morgen über oder – schnappe über. Ach, Santa Maria! Wenn ich nur einmal noch einen Lebenswandel führen könnte, wie es Gott gefällig ist – nämlich auf zwei Füßen. Vor ein paar Tagen sind wir ausgefahren, um frische Gottesluft zu schnappen. Die Felder liegen noch im Schnee, die Straßen sind grundlos, von oben scheint die Sonne, und auf den Fichtenwipfeln, die scharf und klar in den blauen Himmel hineinstehen, singen die Finken. In zwei Bettdecken hat meine Gunde mich eingeschlagen, um Hals und Kopf noch ein Wollentuch gewickelt, so daß nur Nase und Augen ein bißchen hervorgucken können. Sie sitzt neben mir und wendet keinen Blick von dem alten Wickelkinde. Gegenüber der Schnabel, immer der gleiche frohe Bursche, warmherzig, schalkhaft, ihre Sorgen, die er heimlich teilt, zerstreuend. Wie schwer er die Zigarre entbehrt an meiner Seite! Wie tapfer er auf das Glas Wein verzichtet, das ich als Temperenzler abgeschafft habe. Er ist sonst einer, der's nicht verschmäht – durchaus nicht. Im vorigen Jahre, noch bestrebt andere zu retten und selig zu machen, habe ich denn mal auch diesem Lebemann etwas Moralisches versetzen wollen. Wir begegneten damals im Walde einem alten Holzknecht mit roten Wangen und weißem Haar. Voll frischen Schwunges klob er Scheiter; aus seinem lebhaften Auge blickte soviel Gesundheit und Nüchternheit, daß ich ihn schier meinem Freunde Schnabel als leuchtendes Beispiel aufstellen wollte. »Immer fleißig?« sprach ich den Mann an. »Passiert.« »Wie alt seid Ihr nur?« »Rat' einmal.« »Ich geb' Euch sechzig.« »Ich nehm' sie nicht. Um zwanzig Jahre zu wenig.« »Daß Ihr bei Eurem hohen Alter noch so bei Kraft seid!« »Passiert.« »Saget uns doch einmal, Vetter, wie Ihr immer gelebt habt?« Er zuckte die Achseln, denn er wußte keine Antwort. »Daß Ihr noch so frisch und rüstig seid und so alt geworden, was tut Ihr denn?« »Ich? Was ich tu, daß ich so alt geworden bin? Saufen tu ich!« Man kann sich's denken, wie schadenfroh der Schnabel aufgelacht hat darüber, daß der Mäßigkeitsapostel ein so unpädagogisches Vorbild erwischt. Erst später hat es sich herausgestellt, was der Alte unter »saufen« verstand. Wenn in der Gegend der Typhus drohte oder die Cholera oder die Blattern grassierten, da ging der Mann her und soff. Nämlich, er trank Wacholderbranntwein als Schutzmittel gegen Ansteckung. Vor einem lukullischen Bildhauer möchte ich aber doch keinen Waldsohn mehr fragen, wie er lebt. Von der Spazierfahrt heimgekehrt, mußten mich zwei Dienstmänner aufs Zimmer tragen, so sehr hatte mich die freie Luft angegriffen. Dann merkte ich aber, wie hinter der Tür Gunde in ihr Tuch schluchzt und wie der Schnabel neben ihr steht und zu trösten sucht. Heute ist's doch wieder so weit, daß wir miteinander ein Terzett gelacht haben, weil der Schnabel aus einer Kartoffel den Doktor Balsam modelliert hatte. Mit meinem Porträtsitzen ist's nichts. Sie haben mir sogar den Spiegel aus dem Zimmer genommen unter dem Vorwand, es müsse der Rahmen einmal frisch vergoldet werden. Der eigentliche Grund – ich kann mir ihn schon denken. Wir haben eine alte Magd im Hause, die seit gestern über heftiges Magenleiden klagt, daß sie gar nichts mehr essen könne. Doktor Balsam fand sofort, daß sie an einer Halsentzündung litt, und stellte es sich heraus, daß die Person den Schlund für den Magen hielt. Unter diesem Dafürhalten ist sie achtundfünfzig Jahre alt geworden. Der Schnabel meint, sie hätte es auch jetzt nicht notwendig zu erfahren gebraucht, wie die Sache steht. Der Mensch müsse anständigerweise wohl einen Magen haben, brauche aber nicht zu wissen, wo er sitzt. Immer und überall die schlimmsten Zeichen! Gestein war mein Geburtstag – der siebenunddreißigste; ist viel für meine Gesundheit getan worden. Als ich mit Gunde anstieß, zerbrach mein Glas, so daß der rote Wein sich über das Tischtuch ergoß. »Hurra, Kindstaufe!« rief der Schnabel. Frau Gunde war erschrocken – ich merkte es wohl. »Und du mach' mit deinem dummen Krimskram in den Winkel!« schrie sie dem Konrad zu. Dieser spielte nämlich mit der Sanduhr. Muß schon ein paar Jahr her sein, daß wir, Steinschnabel und ich, eines Tages in unserer Stadtpfarrkirche gestanden haben, um die Marienstatue aus dem dreizehnten Jahrhundert zu betrachten. In der Kirche saßen Andächtige und summten ein Gebet. »Was ist denn das?« fragte Steinschnabel. »Das ist eine Litanei.« »Aber sie beten immer: Vom jähen und unversehenen Tode erlöse uns, o Herr!« »Ja, ja, so lautet's.« »Mensch, das ist ja falsch!« sagte er fast laut. »Den jähen und unversehenen Tod beschere uns, o Herr! muß es heißen.« Wenn einer in Leiden und Angst so dahinsiecht^ sich und anderen zur Qual, da denkt man daran. Rhythmisch wiegend waren Klänge durch mein Haupt gezogen während des Schlafes. Dann war ich aufgewacht« Im Nebenzimmer gingen geschäftige Schritte auf und ab. Das ist was Besonderes. Ich klingele. Gunde kommt herein und versichert, es sei nichts. Da bin ich schon auf den Beinen und eile ins Zimmer der Kinder. Liegt ausgestreckt der kleine Konrad, stahlblau im Gesicht, starr der Blick – ringt furchtbar nach Atem, an den Lippen Schaum. Nie Magd läuft mit warmen Tüchern herbei, murmelt: »Es wird gleich besser!« Und mit dem gleichen Atemstoß ruft sie alle Heiligen an. Ich werfe mich in die Kleider, laufe die Treppe hinab, hinaus in die regnende Nacht – zum Arzt. Der erschrickt nicht wenig und jagt mich nach Hause. Mein Gott, jetzt fällt mir ein: Ich bin ja selber krank! Nach zwei Stunden war bei dem Knaben der schreckliche Krampf vorüber. Er schlummerte, ich rang zornig mit dem Doktor, der mich mit Gewalt an mein Bett schleppte. Ich war nicht müde, in der lebhaften Betätigung für das Kind hatte ich Erquickung gefunden. Erst auf die Versicherung, daß es bei dem Jungen nichts als ein Stimmritzenkrampf gewesen und die Gefahr vorüber sei, habe ich mich beruhigen können. Am Morgen hatte ich ein paar Stunden länger geschlafen als sonst. Wenn es noch eine Ordnung gäbe auf der Welt, so müßte ich jetzt tot sein. Aber es gibt keine Ordnung mehr. Doktor Balsam ist arg erbost. »Solche Patienten habe ich schon gar gern,« soll er bei einem Nachbar über mich gesagt haben. »Da begehen sie mutwillig einen Selbstmord, und der Arzt soll sie wieder von den Toten auferwecken.« Vier Tage seit der Schreckensnacht, und ich lebe immer noch. Ich schlage wieder einmal in einem pathologischen Werke nach, was hätte geschehen können. Regelmäßigerweise hätte ich an einem Herzkrampf zusammenstürzen müssen. – Es ist ein sehr interessantes Buch, ich finde alle meine Krankheitserscheinungen drin: die Brustkrämpfe, den abnormen Herzschlag, die unheimliche Abmagerung, die Verdauungsschwäche, den Schwindel, die Appetitlosigkeit, die Unruhe im Schlafe, das Blutbrechen, die enorme Erschöpfung, kurzum, mein ganzes Todesarsenal ist in dem gelehrten Werke genau aufgestapelt. Nur die Ursache, weshalb ich an meinem Exzesse nicht gestorben bin, steht nicht drin. Und gerade das ist das Ungeheuerliche. Nun, so will ich weiter hangen und bangen und mich vertraut machen mit dem Unabwendbaren. Es wird doch auch im gestorbenen Zustande auszuhalten sein, mutmaßt der Schnabel. Wer weiß, warum die Totenschädel alle lachen! In guten Tagen denkt man selten daran, daß sie mit schlimmen bezahlt werden müssen. Bevor du zum Festschmause gehst, wähle dir einen Arzt. Wähle klug, nimm einen erster Güte. Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein! Dieses Wort sprach einer der berühmtesten von ihnen. Ich möchte gern dankbar sein und den Ärzten, die mir schon so viele Ratschläge erteilt haben, auch ein paar geben. Der Kranke sucht beim Arzt vor allem persönliche Teilnahme. Der Arzt soll ihn geduldig ausreden lassen, und für diese wohltätige Geduld darf er – ich gestatte es – Honorar einstecken. Bei den Verordnungen braucht er nicht gerade allemal der Buchwissenschaft das erste Wort zu lassen, er darf manchmal auch seinen oder anderer Hausverstand zum Konsilium laden. Kranken, die Medizin wünschen, soll sie verschrieben werden. Der Glaube wirkt auch hier das Wunder. Oft bittet der Kranke um volle Aufrichtigkeit. Aber! Nur die größten Verbrecher dürfen zum Tode verurteilt werden. An mir hat Doktor Balsam einen Justizmord begangen. Oder begehen wollen. Junge Ärzte leiden an der Gier nach Operationen. Zwei Stunden von hier lebt ein Mann, dem das Bein abgeschnitten werden sollte. Das erste und das zweite Mal ließ er die Doktoren mit ihren Messern nicht vor; als sie, in höchster Besorgnis, die Sache könne mit einer allgemeinen Blutvergiftung enden, das dritte Mal kamen, war der Kranke geflohen und zwar – zu Fuß! Die meisten Patienten sind undankbar. Geht's gut, tut's Gott oder ihre eigene Umsicht; geht's schlecht, ist der Arzt schuld. Es gibt auch Ärzte, die den Spieß umdrehen. Manchem Arzt wird nachgesagt, daß er hauptsächlich auf Gelderwerb ausgehe. Das glaube ich nicht. Wer wird deswegen in die Tiefen des menschlichen Elends steigen und sein ganzes Leben darin zubringen! Nein, dahin schickt ihn die Liebe. Wenn er auch abgestumpft ist gegen das Leiden und oft gleichgültig erscheint – es ist die starke, opferfähige Liebe. Mancher Arzt bringt – anstatt Honorar zu nehmen – Geld mit ins Haus des armen Kranken. Arm, aber angebetet von dem Volke. Mein Doktor Balsam ist just kein solcher Popularitätshascher. Wöchentlich ein paarmal kommt er zu mir, stets sorgfältig rasiert, in guter Laune und in weißer Weste. Er setzt sich breit und behaglich zu mir, prüft die Temperatur, erklärt mir, wie man Zwiebeltunke bereitet, weshalb die ungarischen Kornpreise steigen und erzählt dann Witze aus der »Jugend«. Nebenbei schreibt er manchmal ein paar lateinische Worte auf für die Apotheke. Von mir ist weiter nicht die Rede. Mein Vater sah einmal einen armen Sünder zum Hochgericht fahren. Ner hatte schwarze Handschuhe angezogen und um seinen Hut einen Trauerflor gewunden. Ordentlich in Feststimmung schien der arme Teufel zu sein. War er doch jetzt einmal der Mann des Tages. Bin ich nicht derselbe Tropf mit meiner geistigen Trauertoilette? Der Frühling ist da. Wie soll ich mich zu ihm verhalten? Ich empfinde keine Betrübnis und keine Freude, bin völlig stumpf. Vielleicht läßt mich der Herrgott so dumm werden, daß ich vom Sterben nichts merke. Das wäre gescheit. Wenn das Sterben nur nicht gerade das letzte wäre, was einem passieren muß! Wenn nach demselben nur noch ein bißchen was käme, sei es eine Stunde Liebesglück, sei es ein frohes Lied, sei es ein Ausblick von der Bergeshöhe, sei es ein frischer Freundschaftstrunk, nur etwas als Lohn für ein tapferes Sterben, nur eins, das nicht mehr unter dem Siegel des Todes steht. »Ja,« fragte mich auf solche Klage der Freund, »bist denn du nicht bei den Göttern geladen im Elysium?« Vielleicht wird das Sterben nicht schmerzlich sein? Schmerz ist nur ein Zeichen von Lebenskraft. Gefühllosigkeit, Bewußtlosigkeit – tot. Na nu, jetzt weiß ich, weshalb mir der Lenz nicht mehr fühlbar ist. Aber – Sterbende haben ihre Launen. Mancher will, daß die Hinterbleibenden hübsch gesittig zu seinem letzten Segen niederknien. Einer wie ich macht in der letzten Stunde noch das Programm fürs Begräbnis und bestimmt seine Gewandung, in der er die große Reise antreten will. Sie möchten nach ihrem Tode gern noch eine Weile mitspielen und es anderen aufmutzen, was ihnen selber nicht gelang. In Krimdorf drüben starb einer, der des lieben Himmels wegen seinem Töchterlein das Versprechen abnahm, ins Kloster zu gehen. Nun hat das Mädchen mit der Erfüllung solange gewartet, bis die Liebe kam. Es muß den Schwur brechen oder ins Elend wandern. Und das hat der liebende Kater auf dem Sterbebett getan. Ich glaube schon darum, daß es zu Ende ist, weil ich mich bereits nach allen Seiten hin ausgestreckt habe. Es gibt nichts Erhabenes, und es gibt nichts Niederträchtiges, das ich nicht gedacht und gefühlt hätte. Ich bin in der Gesinnung ein Heiliger gewesen und im Leben ein Erzschelm. An einen Beichtvater werde ich noch denken müssen. Hat man die lateinischen Rezepte hinter sich, dann kommen die lateinischen Gebete. Lateinische Küche, lateinische Kirche – deutscher Michel! Meine Krankenstube ist eine Künstlerwerkstatt. Da ich mich für die Reproduktion leider nicht mehr eigne, so ist Radegunde herbeigeholt worden. Na hilft kein Sträuben, sie wird in Lehm gemodelt, später in Gips gegossen, damit ich – spaßen sie – ein Andenken hätte,, wenn sie einmal gestorben sein würde. Ich solle hübsch daneben sitzen, meint der Schnabel, und zusehen bei dem Kunststücks wie man eine bewegsame Hausfrau festbannt. Ich hatte das in der Tat nicht für möglich gehalten, aber dem Schwerenöter gelingt's. Es zuckt ihr Wohl in den Gliedern, wenn draußen die Knaben poltern oder die Magd schreit. Sie kneift die Lippen zusammen, das ist jedoch dem Schnabel nicht recht. Sie wirft den Kopf und schupft die Achseln, das ist ihm auch nicht recht. Sie grollt über das gottlose Dasitzen, wo das Haus voll Arbeit sei, das macht ihm gar nichts, denn sie sitzt doch. »Auf ein Andenken, wenn sie nimmer sein wird.« Kindereien! Ich habe diese Sitzungen hauptsächlich veranstaltet, damit die beiden sich ein wenig aneinander gewöhnen. Denn sie trutzt wirklich manchmal mit ihm. Seine heitere Geduld mit ihr scheint grenzenlos, könnte aber doch einmal ein Ende nehmen, und damit wäre die Vormundschaft in Frage gestellt. Sogar schon an der halbfertigen Büste sieht man's, was meine Gunde eigentlich für einen klassischen Kopf hat. Dieser Hals und diese Nasenlinie und diese leicht vorgeschwungene Oberlippe! Man sieht sich solche Dinge, in denen so viel Seele liegt, vereinzelt zu selten an. Der Schnabel legt sein Löwenhaupt einmal nach der einen, dann nach der anderen Seite hin und betrachtet das Werk fast mit Begierde, und aus seinen Augen sprüht heißes Leben auf das kahle Tongebilde, daß mich manchmal dünkt, es müsse die Augen niederschlagen. So sind die Künstler, alles Wirkliche wird ihnen erst bedeutsam, wenn es in Kunst übergeht. Zum Andenken, wenn sie nimmer sein wird! Der dumme Gedanke ließ mich heute nicht schlafen. Er ist wie ein wildes Tier, das in friedliche Gefilde einbricht. Er ist nicht zu fassen. Daß sie mir vorangehen könnte! O Herrgott, bin ich ein Egoist! Was ich nicht ertragen kann, soll sie ertragen! Immer nur denke ich an mein Sterben, nie an ihr Leid. Jetzt erst, o Heiland, sehe ich die ganze Gräßlichkeit dessen, was uns bevorsteht. Wenn sie mich so lieb hat als ich sie – o mein Gott! o mein Gott! Ist es nicht merkwürdig, daß man einen Menschen als fahlen Lehm oder braune Erde ansehen kann, ohne wahnsinnig zu werden? Ein junger Mann stand auf dem Kirchhof, hatte in der Hand schwarze Erde und lieb sie zwischen den Fingerspitzen. Erde, gewöhnliche Erde, nichts weiter. »Nichts weiter?« bemerkt der Schnabel. »Mein Lieber, es scheint, du weißt nicht, was Erde ist!« Läuft heute Konrad zur Tür herein und sagt, er hätte mich lieb und mir zuliebe just die ganze Schüssel Reisbrei ausgegessen. Und der Onkel habe gesagt, nun werde er groß, viel größer wie ein Baum, so groß, daß man ihn auf einen Zwirnknäuel haspeln müsse, um ihn zur Tür hereinzubringen. »Laß die Possen und gehe!« sagte ich. Will allein sein, muß nachdenken, was Erde ist. – Das junge Leben weise ich von mir, der Tod bleibt neben mir stehen. * In vergangener Nacht träumte mir, ich hätte Speckklöße mit Sauerkraut gegessen. Als ich erwachte, lag mir die Kost so sehr im Magen, daß »doppelkohlensaures Natron« genommen werden mußte. »Schnabel!« sage ich, »wenn man im Traum sich den Magen verderben kann, dann stehe ich für nichts.« »Freilich,« lacht er, »nimm im Traum doch einmal eine Handvoll Dukaten aus der Kiste und sieh beim Erwachen nach, ob du sie in der Hand hast. Und du willst die Freuden dieses Lebens mit hinübernehmen in ein anderes?« * Während Konrad heute seinem Unterricht im Rechnen oblag, ging ich im Garten umher und sah, worin der Junge vorher unterbrochen worden war. Am Raine unter dem Birnbaum war in der Erde ein Loch aufgewühlt. Auf dem Kieswege dahin war der Kondukt aufgestellt. Vorne Mutters grüner Kaffeetopf, in welchem mit aufragenden Spießen eine Tischgabel stak. Hinter demselben das neue Paar Schuhe Konrads. Diesem reihten sich an die Kalblederschuhe Fridas und die Stiefeletten Richards. Dann Onkel Sonnenscheins Bierkrug, dessen Henkel mit einem schwarzen Florfetzlein behängen war. Hernach der hölzerne Fußschemel, der sonst unter Mutters Nähtisch steht. Darauf lag das rote Kopfkissen Fridas, und auf diesem war etwas Längliches und Eckiges gebettet und mit einem blauen Sacktuch zugedeckt. Hinter solchem Katafalk kamen meine großen Röhrenstiefel, dann Mutters Hausschuhe und ganz hinten die Filzpatschen der Magd. Und das alles stand in einer Reihe auf dem Kieswege des Gartens. Also ein Leichenzug! Hm, hm! – So, so! – Wer ist dir denn gestorben, Konrad, wenn man fragen darf? – Meine Frage bestand darin, daß ich das blaue Sacktuch mit zwei Fingern an der Ecke faßte und es aufhob. Die Sanduhr! – Die Sanduhr ist tot. Da lag sie auf dem Bahrkissen. Einer der Trichter in Scherben, Zeit und Ewigkeit ausgeronnen. »Wenn die Kinder so spielen, da nimmt's nachher allemal einen!« sagte das alte Moidle, dieweilen es scheuern ging. »Es nimmt einen!« Natürlich nimmt's einen, das Moidle, einen Waschlappen, wenn es die Zuber scheuern soll! * Heute früh ist Doktor Balsam gestorben. Plötzlich, während des Ankleidens. Der starke, lebensfrische Mann, der für ein Jahrhundert gebaut schien. Der immer so behaglich saß an meinem Krankenlager und der mir bloß – ein paar Monate gegeben hat. Wann war denn das? * Als sie vom Begräbnis kamen, drückte der Schnabel mir, munter die Hand. Just, als wollte er gratulieren. Nachher wankte ich auf den Friedhof zu meinem Doktor Balsam. Weiß nicht recht, war's der Abschieds- oder Antrittsbesuch. Dabei sah ich, daß der Friedhof ein anderer wird. Er belebt sich mit leuchtenden Marmorgestalten. Teils sind sie aus klassischer und germanischer Mythe, teils aus dem christlichen Himmel. Der Blick wendet sich ab von den schauerlichen Bildern des Jammers und des Todes, und aus den Grabstätten stehen künstlerische Sinnbilder von Auferstehung, Leben und Freude. Besonders rührte mich ein schöner, weißer Engel, der mit einem Arm gegen den Himmel weist, mit dem anderen sich beugend anschickt, den Gruftdeckel zu öffnen. Statt des Kreuzes sieht man den Auferstandenen, oder die Erweckung des Lazarus, oder ein Sinnbild aus den Offenbarungen. Auf der Ruhestätte eines jungen Mannes schläft ein bildschöner Jüngling, bewacht von Genien, die ihren Finger an den Mund legen, gleichsam als solle der Schläfer aus seinem süßen Frieden nicht geweckt werden. – Ein anderer Jüngling ist mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Anbetung aufs Knie gesunken vor einer verschleierten Bildsäule. – Ein Greis kauert da mit der zerbrochenen Fackel, hinter ihm steht aufrecht ein Engel, mit hochgehobenem Arm eine Lampe haltend. – Voran schreitet der Schnitter mit der Sichel und Garbe, hinter ihm die Heilandsgestalt als Säemann. – Mutter Gea in sitzender Stellung, auf dem Schoße ein schlafendes Kind. – Der Friedhof wird ein Ort des frohen Glaubens und der tröstenden Liebe. Und das tut mein frohgemuter Bruder Sonnenschein! Auf diesem Friedhofswege habe ich auch etwas anderes erlebt, das aufgeschrieben werden muß. An der Totenkammer vorüberschreitend, hörte ich drinnen laut sprechen und lachen. Die Fensterecke ist gerade so tief, daß ich gucken konnte. Saßen in der Kammer der Totengräber und der Stephan Eschbaumer, pensionierter und jubilierter Stadtschreiber. Zwischen sich hatten sie die schwarzangestrichene Tragbahre und auf derselben ein Brett liegen. Und das war der Tisch, auf dem sie Karten spielten. Dem Totengräber schien es aber an Lust zu fehlen, er ließ die ausgeworfenen Blätter vor sich liegen, stemmte den Ellbogen an und den Kopf auf die Faust, klöpfelte mit den Fingern der anderen Hand und sagte nachdenklich: »Um den Mann tut's mir leid. Er hat mir viele Kunden zugeführt!« Dann lachte er auf. Von wem nur die Rede sein mochte! Der Eschbaumer strich seinen langen Bart, starrte wie traumversunken vor sich hin und gröhlte plötzlich auf: »Es ist zum Lachen!« Wie durch dasselbe aufgeschreckt, fuhr er empor und sagte: »Beinlkramer, weißt! Zum Karteln haben wir jetzt zwei beide keinen Löffel. Ich bin eigentlich wegen etwas anderem zu dir gekommen.« Der Totengräber raffte die Blätter zusammen. »Du,« sagte der Stadtschreiber, »steht es nicht geschrieben, der Tod ist der Sold der Sünde.« »Mir scheint.« »Aber Narr, von diesem Sold kann ja keiner leben!« »Da hast recht.« »Du hast's gut, Lochschaufler, bei dir wird's alleweil größer, je mehr du wegnimmst. Sei so gut, schaufle meiner Alten auch eins aus.« »Deiner Alten? Deiner Alten, sagst du?« »Willst du den heiligen Leib anschauen? Die Seel' ist schon ausgeflogen – heut bei der Nacht.« Einem Totengräber ist das sonst nichts Besonderes. »Witwer bist du, Eschbaumer!« rief er, »aber das ist, aber das ist!« »Ja, das ist,« antwortete der Stadtschreiber gelassen. »Achtundzwanzig Jahre haben wir die Ehefreuden miteinander gelitten. Ich hab' in dieser langen Zeit, wenn ich zur heiligen Beicht gegangen, nicht ein einziges Mal mein Gewissen zu erforschen gebraucht; sie hat mir jeden lieben Tag alle meine Sünden vorgehalten.« »Na, und hast du sie nicht –?« sagte der Totengräber und machte eine schwingende Bewegung mit dem Arm. »Nur im ersten Jahr,« antwortete der andere verständnisvoll. »Ist aber nichts. Dem Weibe schlägt man allemal drei Feiertage und sich selber drei Fasttage. Na, und tut man nichts, so heißt es: Mann, ich bin dir gleichgültig. Widersprechen tun sie schon allemal, nur ein Wunder, daß sie beim Altar ja sagen, diese lieben Engerln.« »Von Engeln ist halt kein Menschenverstand zu erwarten,« lachte der Totengräber. »Engel! Und ich hab' immer gedacht, die Weiber wären unsterblich, weil sie keinen Geist aufgeben können. Und jetzt ist sie doch dahin. So sanft und lieb ist sie gewesen in letzter Zeit, daß ich gesagt hab': Brigitta, bei dir ist was nicht in Richtigkeit. Und heut nacht auf einmal –. Na, sie wird jetzt in die Erden wollen, sonst macht sie mir wieder andere Geschichten, Also, sei so gut, alter Maulwurf.« – Das habe ich ihnen abgelauscht und mich baß gewundert über die merkwürdige Leichenrede. Stark säuerlich soll sie ja gewesen sein, die kleine Frau des Stadtschreibers, und so hat er sich stets mit einer lustigen Philosophie getröstet. Diesmal ist's ihm aber allem Anschein nach nicht ernst damit. Er soll nicht essen und nicht schlafen können und will mit dem Zynismus nur seine Traurigkeit herumkriegen. Umgekehrt wie bei anderen, die sich bei Todesfällen die Traurigkeit auswendig hinaufhängen, soviel nur Platz hat, krampfhaft und oft erzwungen jegliche Zerstreuung meiden, gerade wo sie manche am nötigsten hätten. Trauer auf Termin. Ist das halbe Jahr aus – die Flore weg, ist das Jahr aus – ein großer Ball. Ich möchte im Herzen der Meinigen weiterleben, aber nicht als traurige Gestalt. Jetzt stirbt der Balsam, und ich lebe noch. Es ist doch komisch! * Nur einmal noch den Frühling erleben! So weinte ich auf vor wenigen Monaten. Er kam und – rührte mich nicht. Der Sommer ist da, alles leuchtet und blüht, unendlich flutet das Leben. In mir bleibt es kalt. Das heißt ja schon gestorben sein! möchte man glauben, wenn nicht anderseits jeder lebhafte Schritt im Vorhause, jeder frische Ausruf eines Kindes, jedes Hundegebell auf der Gasse mich in Aufregung versetzte. Wenn ausgefahren wird, darf nie ein Kind mit, weil jede lebhafte Bewegung desselben mich in Schreck versetzt, es falle aus dem Wagen. Jedes helle Lachen ist mir zuwider, jeder leichte, noch so harmlose Widerspruch versetzt mich in Unmut, zum Aufbrausen ist mir; doch anstatt des kräftigen Zornausbruches sinkt allemal alles wieder ohnmächtig zusammen. Fahre ich mit Steinschnabel allein, so sehne ich mich nach Gunde, und fahre ich mit dieser, so finde ich es unerträglich, ohne den Schnabel. Der, wenn er mit mir allein fährt, läßt den Wagen manchmal beim Forsthause halten, und wir steigen auf den Hochanger. Er schleppt mich am Arm, und aus seinem breiten, geröteten Antlitz lacht eitel Freude, wenn's passabel geht. – Gesprochen wird dabei wenig, wir dürfen uns nur ansehen, um zu wissen, was wir meinen. In seinem Auge Wohlwollen, Lust, Übermut; in dem meinen –? Der Hochanger ist im Halbrund umstanden von alten, verwitterten Tannen. Sie ragen mit ihrem Gezacke und ihren Barten in das lautere Himmelsblau. Nach der anderen Seite hin ist der kahle Abhang. Im weiten Kessel liegt die Stadt mit ihrem Rauchschleier. Die Seitentäler führen ins Waldgebirge, das im sommerlichen Äther schlummert, herüberschweigend aus der Ferne. Und doch alles so lebendig und vogelsangdurchklungen. So sind wir auch gestern wieder gesessen da oben. Über junges Gras das Wollentuch gebreitet, und die warme Sonne auf uns nieder. Im Schatten fröstelt mich. Auch mein Schnabel streckt sich lieber im Lichte aus, legt sich gern hin und öffnet Weste und Hemd, um sich die Sonne so recht ans Herz glühen zu lassen. Davon kommt wohl die Wärme und die Sonnenheiterkeit dieses Menschen. Auch gestern legte er sich so hin und sagte, ich möchte wie er die Brust auftun und doch einmal den Himmel hineinlachen lassen. »O Freund,« antworte ich traurig, »bei mir vergeht ihm das Lachen. In mir wird's nimmer warm!« Er schweigt. Erst nach einer Weile sitzt er ein wenig auf, wendet sich zu mir und sagt mit veränderter Stimme: »Dagobert, laß das. Du treibst deinen Totentanz jetzt schon zu weit. – Ich will dir von einem Kameraden erzählen, den ich in Rom kennen gelernt hatte. Wenn du jedoch hier auf dem stillen Anger ein wenig schlafen willst, so ist es noch besser. Du magst dabei nach Belieben den Mund auftun, damit einmal ordentliche Luft in deine Lunge rinnt. Daß dir keine Eidechsen und Lindwürmer hineinkriechen, will ich getreulich wachen.« Darauf meine Antwort: »Ich werde noch schlafen genug« Erzähle mir von deinem Kameraden in Rom.« »Giuseppe Cypresso habe ich ihn genannt, und das hörte er nicht ungern. Wer hatte an sich eine Gitarre hängen, die nahm er vor, kniff die Saiten, schlug sein schwarzes Auge auf und sang vom Sterben. Er blühte wie eine Pfingstrose so üppig und hatte Backen wie Kaiseräpfel, so derb und rot, und sang vom Sterben. Elegien hatte er gedichtet, voller Sehnsucht nach Ruhe und Grab, und in seiner kecksten Burschenlaune hob er das Glas und stieß mit Freund Hein an: Auf Bruderschaft, alter Schelm! Er besuchte Sterbende und sah ihnen zu, er wachte bei Toten und schaute sie an, fast vergnügt. Den Friedhof nannte er das letzte Eden, weit wertvoller als das erste, das wir verloren hätten. Wenn andere vor dem Tode schauerten, lächelte er überlegen: Was wollt ihr? Der Tod ist die größte Gnade, die der Himmel dem Menschen gegeben.« »Wenn diese schönen Worte auf mich zielen sollten, erspare dir sie, Schnabel, ich bin längst resigniert.« Er fährt ruhig fort: »Als mein Giuseppe Cypresso im dreißigsten Lebensjahre war, zeigten sich bei ihm die ersten Spuren eines Brustleidens. – Das ist die gerade Straße, sagte er gelassen. Doch war die Straße lang, viele Stufen des Leidens hatte er durchzumachen bis zu jener, wo er in schlaflosen Nächten mit wunder Brust nach Atem rang. Hatte er Luft, so sprach er vom Sterben. Er testierte, er ordnete sein Begräbnis an und kam sich als Mittelpunkt der Feier interessant vor. Die Ärzte meinten, das sei nicht wohlgetan, sich solchen Phantasien hinzugeben, so schlimm stehe es nicht, und Wille und Mut zum Leben sei die halbe Genesung. Nein, er blieb bei seiner Lieblingsbeschäftigung und vertrieb sich in den schlaflosen Nächten die Zeit damit, sich kalt und starr auf der Bahre zu sehen, den schlanken Leichnam mit dem schönen blassen Gesicht; die Umstehenden schluchzen zu hören, hinter seinem eigenen Sarge einherzugehen und sein dumpfes Hinabrollen zu vernehmen. Er setzte sich einen schönen Denkstein mit tiefsinniger Inschrift, er bepflanzte das Grab mit Rosen und ließ jeden Abend eine liebe Maid, die früher spröde gewesen, hinausgehen und an seinem Grabe weinen. – Aber er starb nicht, und er genas auch nicht. Eines Tages bestellte er sich beim Tischler den Sarg, genau nach der Länge seines Körpers. Er ließ ihn in seine Wohnung schaffen, zog das schwarze Gewand an und legte sich hinein. Die Hände über der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen – aber nur halb, so daß er zwischen den Wimpern durch noch in den schiefhängenden Wandspiegel blicken konnte.« »Und hat ihn der Herr nicht mit dem plötzlichen Tode bestraft?« »Nein,« sagt Steinschnabel. »Wenn auf Dummheit die Todesstrafe stünde, da träte mancher Überkluge nicht zwei Paar Stiefel zuschanden. Mein Cypresso lebte noch Jahre. Da setzte sein Leiden plötzlich von neuem und ganz seltsamlich ein. Der Arzt untersuchte ihn genau und machte ein bedenkliches Gesicht. Giuseppe bat ihn mit schwacher Stimme, kein Hehl zu machen, er blicke dem Tod ruhig ins Auge. So sagte der Arzt: Ich weiß es, lieber Herr, Sie sind Philosoph und erwarten das, was uns allen bevorsteht, mit Würde. Wenn Sie vielleicht eine letzte Angelegenheit zu ordnen haben – tun Sie's heute!« »Nun?« In so großer Spannung, daß ich mich aufsetzen muß. Das Herz pocht bis an den Hals herauf. Mein Erzähler sieht völlig verändert aus, die Mähne sträubt sich, aus den Augen geht ein mondlicher Glanz. »Giuseppe Cypresso – als er so den Arzt vernommen – ist totenblaß geworden. Auf der Stirn große, kalte Tropfen. Taumelt in die Ecke und wimmert: Sterben?! – Wirklich sterben? Nein, das ist nicht möglich. – Das ist Unsinn, Doktor! Bin oft schon viel kränker gewesen als jetzt, solche Leute werden alt. Ich will nicht sterben, helfen Sie mir! Irren kann man ja, selbst der beste Arzt. Prüfen Sie mich noch einmal, strenge, strenge. Sie werden finden, daß ich gesund bin – fast gesund. Sehen Sie, Herr! Fühlen Sie mich doch einmal ordentlich an! – Wir alle erschraken ob seiner fast rasenden Verzweiflung. Dagobert, dann ist er nach Hause gekommen, hat zu essen verlangt, zu trinken. Ein Rekonvaleszent habe Hunger! Und während des Essens – ich bin dabei gewesen, Dagobert – soll ich noch sagen, was geschehen ist?« »Nicht nötig, Roderich.« »Na – dann sage ich's eben nicht.« * Wenn dieser Schnabel einmal ernsthaft wird, dann ist er wirklich unangenehm. – Seinen Cypresso habe ich in Verdacht, daß er nur für mich gelebt hat und gestorben ist. Mit dem Tode solange kokettieren, spielen, als man sich vor ihm sicher fühlt; dann aber, wenn er plötzlich brutal in Sicht kommt – pfui! Ich will gesund werden. * Heute sammelte ich diese Blätter. Und bei ihrer Durchsicht scheint es, als wäre ich zuweilen noch leidender gewesen als jetzt. Was sind das stellenweise für hippokratische Schriftzüge! Die Hand geht nun sicherer, der gekrümmte Rücken droht nicht zu brechen; innerlich jedoch ist mir ekelhafter als je. Der Gleichmut der Ergebung ist dahin. Ich will gesund sein und bin's nicht. Die fliehende Seele wird festgehalten an den Strängen des Fleisches, hat sich durch die Befreiungsversuche nur verwundet, zerrissen, aber nicht gerettet. Leben wollen, das ist zu wenig. Was will ich denn sonst? Ich weiß nicht was. Ich bin unausstehlich. Mein Weib erträgt meine Launen und schweigt, meine Kinder nahen mir nicht mehr so häufig als sonst. Nur wenn Onkel Sonnenschein da ist, kommen sie heran und entfalten ihre Blüten, wie am Maimorgen die Margariten. Aber selbst der Schnabel ist anders. Er plaudert nicht mehr so harmlos wie sonst, nur sein Angesicht lacht, und aus seinen Nachtaugen leuchtet der ewige Tag, sprüht Freude ob allem, was ihn umgibt, Wohlwollen für alle, die ihm nahe sind. Mir scheint, daß er auch mit Gunde endlich auf gutem Fuße steht und sie mit ihm. Obschon ... Ich weiß nicht... In seinem Berufe hat er einen Sieg errungen. Ein Teil der Presse und mit ihr des Volkes hatte sich lange ablehnend verhalten gegen seine klassische Richtung, die das kirchliche verdrängen wolle, um heitere Bilder oder freventlich gar weltliche Gestalten an seinen Platz zu stellen. Als dieser »Heide« aber trotzdem aufkam, als seine Gestalten sachte einzogen in Kunsttempel, Kapellen und Kirchen, als sie auf öffentlichen Plätzen standen, an Brunnen und Brücken und auf den Grüften, und als die Menschen sich daran erfreuten und erbauten und stolz darauf waren, wenn Fremde ihren Meister lobten – da schwieg jene Partei und begann gelegentlich selbst Bestellungen zu machen bei dem fröhlichen Heiden, der Licht aus dem Steine schlug, so wie es aus seinem Auge blitzte. Und nicht allein seine Gebilde bewundern die Leute, auch schon seine Person. Angesehene Häuser suchen ihn in ihre Kreise zu ziehen, er hat dafür stets ein frohsinniges Dankwort, einen festen Händedruck, geht aber – zu Dagobert. Weil er noch Junggeselle ist, so suchen sie für ihn Bräute, finden ihrer auch in allerbester Gesellschaft – schöne, reiche, liebenswürdige Jungfrauen. Er scheint aber nur die Schönheit zu sehen, die seinem Meißel aus dem Marmor entgegensteigt. Ein Modell mag noch so reizend sein, er verliebt sich erst in die Gestalt, wenn sie in weißem Steine vor ihm steht. Kunstliebende Damen, die seine Werkstatt bisweilen besuchen, finden, daß er schon graue Locken und grauen Bart hat. Sie ahnen nicht, wie jung er sein kann. Nein – er sollte heiraten. Der Rahmen meines Zimmerspiegels ist hergestellt, er ist sehr schön geworden. Die Glastafel dunkelt klar wie ein Bergsee. Das beste daran aber ist der Kerl, der mir daraus entgegenschaut. Fast mußte ich ihn anrufen, wie vortrefflich er aussehe. In der Tat – unberufen – viel besser als das letztemal. Kein Vergleich! – Ich hielt zurück, wohl wissend, daß leidende Menschen es nicht gern haben, wenn man ihnen Wohlbefinden nachsagt, von dem sie nichts spüren. Neben dem Spiegel steht ein anderes Bild. Es war mir immer klar gewesen, daß meine Gunde schön ist. Aber daß sie so schön ist, das sehe ich erst jetzt an ihrer Marmorbüste. »Man braucht ihr nur einen Kuß zu geben, und sie wird lebendig!« sagte der Schnabel und legte den Arm um den schlanken Hals der Büste. Ich stieß ihn zurück. Und jetzt ist mir lebhaft darum zu tun, daß dieses Bildnis ein Seitenstück bekomme. Ein rechtmäßiges... Und deshalb haben die Sitzungen heute begonnen. – Eine Stunde vorher hatte er den schweren feuchten Lehm um das Gerüste gebaut mit emsiger Hand, und als ich dazu kam, war Dagobert fast schon zu erkennen. Ich muß doch wohl in ihm drinnen sein, weil er mich aus sich, aus dem Gedächtnisse geformt hat.. Ob er denn bei Gunde das auch so gemacht hat? Und dann begann das Fliegen seines leuchtenden Auges zwischen meinem Haupte und der Tonbüste und das flinke Graben, Streichen und Staupen seines Griffels, seiner Finger, die, kaum den Ton berührend, einen charakteristischen Zug um den anderen hervorriefen. Dabei tat er heitere Bemerkungen und manch ernsthaftes Sprüchlein über allerlei, so daß es war, als brauche er an seine Arbeit gar nicht zu denken, als vollziehe sich die Schöpfung ganz von selbst. »Halte dich nur gut, Dagobert,« sagte er. »Dieses Bild wird dich überleben und deine Tugenden oder Unarten beim Sitzen in die spätesten Zeiten tragen.« Da fiel mir ein, daß ich wohl eine Bestimmung würde treffen müssen, welchem der Meinen die Büste gehören soll, wenn sie sich einmal zerstreuen. »Triff keine,« sagte der Schnabel, »außer etwa die, daß der Stein in vier Stücke zerschlagen werden soll –« Den Schnabel verstehe ich auch, wenn er seine Sätze nicht zu Ende spricht. Drei der Lieben zu kränken, um eines zu bevorzugen! Dieser große Gerechtigkeitssinn in ihm, mit ewigem Frohmut verklärt, macht ja den ganzen herrlichen Kerl aus. »Roderich,« sage ich, aber nicht ganz unbefangen, »zu den wenigen klugen Taten meines Lebens gehört deine Ernennung zum Generalbevollmächtigten für meine Familie.« Er hält einen Augenblick still mit seinem Griffel, legt mir einen forschenden Blick zu und beginnt wieder zu modeln. Er ist just bei der Nase. »Es bleibt also dabei?« sagt er leichthin und tut mit seinem Griffel an den Nüstern herum.. »Dagobert, ich muß dir noch einmal etwas erzählen.« Sein Auge drang nicht so ins Innere wie sonst, wenn er mir ins Gesicht schaut, es blieb äußerlich an der Form hasten. Da ward mir plötzlich mein Doppelwesen bewußt: der Leib ist ihm eine Sache, nur die Seele ist ihm der Mensch, mit dem er spricht, um ihn hervorzuholen und in den Ton zu bannen. »Schnabel,« sage ich, »daher ist es kein Wunder, daß man beim Modellsitzen so geistlos wird, um nicht zu sagen leblos. Wenn du so die Seele nimmst. Denn ich bin vor Erschöpfung dem Tode nahe. Deine Absicht, mich mit Geplauder zu konservieren, macht die Sache nur noch schlechter.« »Na,« lacht er, »wenn es schon so schlecht ist, wollen wir's gut sein lassen – für heute. Morgen will ich dir eine Geschichte erzählen, die dich ergötzen wird..« Nun, Und heute? Es war ein Regentag. Die Kinder beim Lernen, Gunde in der Wäschekammer. Jetzt schreibe ich. Aber merkwürdig! Meine Hand ist so fest und ruhig wie seit lange nichts. Ach Gott, war das ein Tag! War das ein Tag! »Heute will ich mit dem Mund ins reine kommen,« hatte mein Bildhauer gesagt.- »Das heißt, ich soll den Mund halten,« gab ich noch launig bei. »Bitte, das habe ich nicht gesagt. – Wenn du jedoch die Gehörwerkzeuge ein wenig gebrauchen willst, so ist es zweckmäßig, denn ich muß dir eine Geschichte erzählen. – Nicht wahr, du bist so gut und hebst den Kopf ein klein bißchen höher. So! gut! – Wenn wir ein halbes Stündchen ungestört bleiben, so ist es mir recht. Wir haben heute die wichtigste und die schwierigste Partie.« Nachdem er den Türschlüssel von innen umgedreht und den Fenstervorhang vollends in die Höhe gezogen hatte, begann er zu arbeiten und gleichzeitig zu erzählen« »Es war einmal –« »Ah, die Geschichte kenne ich.« »Um so besser. Alten Bekannten begegnet man bisweilen gern. – Es war also einmal ein alter Bekannter. – Auch so einer wie der Cypresso und doch anders. Er siffelte noch so ein bißchen herum, sein Arzt hatte ihm das Leben abgesprochen. – Gelt, Dagobert, du tust mir den Gefallen und lassest den Kopf nicht so hängen. Es quatscht mir den Unterkiefer zu breit. – Nun, daß ich fortfahre. So benutzte der kranke Mann das Restchen Zeit, um sich allerhand Gedanken zu machen, wovon etliche ein bißchen krause waren. Er begann sich bei noch lebendigem Leibe einzubalsamieren und bestellte als braver Familienvater einen Gerhab für Frau und Kind. Nun war dieser Gerhab in spe ein Rappelkopf. Anfangs wollte er sich durchaus nicht drein finden, später jedoch – aber ich muß dich schon wieder plagen. Der Kopf ist jetzt zu hoch. Ein bißchen tiefer, bitte ich. So! gut! – Er war nämlich, ist zu sagen, ein guter Freund des Kranken. Das Hinsiechen und die Traurigkeit gingen ihm zu Herzen. Zuerst, wie gesagt, wollte er nicht, durchaus nicht, allein der Kranke ließ nicht ab und tat alles, um den Freund ans Haus zu fesseln. Die Frau wollte auch nicht. Der Mensch war ihr zuwider wegen seiner beständigen Heiterkeit, dieweilen ihr weh ums Herz war. Doch das änderte sich. Weil sie in eine immer tiefere Betrübnis sank, so haben sich die beiden bisweilen zusammengesetzt und gemeinsame Trauer gehalten um den Freund und Gatten. Das mußte natürlich heimlich geschehen. Und bei solcher Heimlichkeit begann – ganz unvermerkt anfangs, allmählich jedoch – Er wurde natürlich abgewiesen. – Dieses Weib, ich sage es dir ... Und er ist auch kein ... Sie huben an, voreinander sich zu fürchten. Denn die Gefahr ... Ich weiß nicht, ob ... Kurz und gut, oder vielmehr – lang und schlecht –« Jetzt bin ich aufgesprungen: »Ich glaube, er lebt zu lang, der alte Bekannte!« »Noch mehr, Dagobert, er wird gesund. Und wird keine geringe Mühe haben, die Frau und den Gerhab, die er anfangs so schwer zusammengebracht hat, wieder auseinander zu bringen.« Mir stockt der Atem in der Brust. Und kann nur noch sagen: »Also, das ist's! Also, das ist's! Und darum muß ich fort!« Ich taumele zur Tür, reiße sie auf. Dann – dunkel. Wie ich wieder zu mir komme, ist er nicht mehr im Zimmer. – Jetzt ruhig Blut, denke ich, und gehe hinaus gegen die Wäschekammer. Mich wundert es unterwegs, daß ich auf einmal so ruhig gehen kann, da doch alles in mir kocht zum übersprudeln, zum Zerplatzen. Dieser unerhörte Verrat! – Nur ruhig Blut. – Ich schleiche an die Kammertür und drücke die Klinke. Die weicht nicht. Die Tür verschlossen. Ich lege mein Ohr an. Flüstern, eine weibliche Stimme – und eine andere. Was wird nun geschehen? Jetzt wird der Onkel Sonnenschein erschlagen! Eine so süße, grause Wut habe ich in meinem Leben noch nicht gehabt als in diesem Augenblick« Meine Glieder sind leicht wie Flügel. Feuerfunken muß ich gesprüht haben, sie tanzten mir vor den Augen. Im Hofe steht ein Holzstock mit eisernem Amboß, auf dem der Gärtner die Sicheln zu dengeln pflegt. Diesen erfasse ich mit beiden Händen, stürze gegen die Kammertür. Mit einem Schwung hebe ich das schwere Gerät zum Schlag. Die Tür springt in Scheiben auseinander. Ein Schreckschrei der Gunde. Am Wäschetisch steht sie, und neben ihr – sei tapfer und schreibe es nur hin, du alter Tor. Schäme dich nicht fürs Wort, schreib' es nur hin! – neben ihr steht der Junge – der Richard. Lieber Leser! Ich spreche nämlich zu mir selber, der ich wahrscheinlich nach vierzig oder fünfzig Jahren diese Blätter lesen werde. Also lieber Leser, du willst wissen, wie das kam? Das kam so: Der Gymnasiast war mit einem zerrissenen Beinkleid nach Hause gekommen, und weil das kein Zensurschein ist, so hatte er bei der Mutter Zuflucht genommen, die hinter verschlossener Tür den Schaden schlichtete. – Diese Erkenntnis hat mir jedoch nichts geholfen, in der nächsten Minute wußte es die ganze Nachbarschaft, daß der halbverrückte Dagobert vollends übergeschnappt sei. Mag ja sein – einen Schnapper hat's gemacht. * Was habe ich seit fünf Tagen versucht, geleistet und gelacht! Und nicht geglaubt und doch erlebt! Hell zum Aufkreischen wäre es bei solch beispiellosem Schicksalswirbel! Daß ein glühender Zorn fressenden Rost aus dem Leibe brennen kann, soll ja wohl vorkommen können. Die Ärzte bringen es bei einem Kranken allerdings häufig bloß zu einem schleichenden Ärger. Ein weit größeres Wunder ist's, wenn man durch eine gewaltige Dummheit – gescheit wird. Ich schließe mein Tagebuch. Weiß mir nun Besseres. Es ist auf einmal ganz anders wie sonst. Als ob in einer jahrelang verschlossenen Kammer plötzlich die Fenster aufgerissen worden wären. Frische Luft, frische kühle Luft. Wenn nun auch noch Sonnenschein hereinkommt! Ein Brief, der heute mit dem Eilboten abgeschickt wurde, hat folgenden Wortlaut: Lieber Freund Roderich Steinschnabel! Mache dir zu wissen, daß ich, Gott sei Dank, so weit gesund bin – und zwar seit fünf Tagen, da ich den Onkel Sonnenschein töten wollte. Aus welchem Grunde immer du mich eifersüchtig gemacht hast – es ist dir gelungen. Die Wut, die so groß war, daß sie kein Mensch beschreiben könnte. Gerettet, geheilt! Ein Sturm, der die faulen Dünste hinweggefegt. Wie wohl mir nachher gewesen, gar nicht zu sagen. So gut wie in diesen Nächten habe ich seit meiner Jugend nicht mehr geschlafen. Die höchste Zeit. Es ist ja immerhin möglich, daß du dieses Weib liebst, wer's nicht täte, wäre ein siebenfacher Esel. Doch wenn Untreue dabei im Spiele wäre, hättest du mir's sicher nicht auf die Nase gebunden. Jetzt auf einmal kann ich klar denken. Verzeihe mir, daß ich so krank gewesen bin. Die Wolke ist vorüber. Komm zu uns, du unentbehrlicher Kamerad, du heller Sonnenschein meines Hauses. Liebe die Meinen, wie du willst. Dagobert sitzt wieder fest im Sattel. Amen. Frühling Über den Fluren lag Winter. Wo einst die blühenden Matten gewesen mit den grasenden Herden und barfuß hüpfenden Hirten; die Bäche, bestanden von Dotterblumen und Vergißmeinnicht, bewohnt von nach vorwärts schießenden Forellen und nach rückwärts schleichenden Krebsen; die Felder, belebt von lachenden Schnittern mit klingenden Sicheln; die hin und her sich schlängelnden Wege mit kollernden Karren und trillernden Handwerksburschen; die Gärten mit Nelken und Reseda hegenden Maiden – wo das alles und noch vieles andere in Prangen und Prachten einst gewesen, da starrte jetzt eine unabsehbare Schneeheide. Wo einst buschige Fichten gestanden, da ragten reglose Schneeschober auf; wo einst Strupp und Sträucher gewuchert, da lagen glatte Schneehügel. Wo einst schimmernde Teiche gelegen, da war das glasige Auge des Eises. Etliche Raben flogen hin und her, ließen sich nieder auf dem Schnee, suchten vergeblich nach Nahrung und krächzten erbärmlich. – Und wie man keine Erde sah, so sah man auch keinen Himmel. Unten weiß und oben grau und nach allen Seiten hin in graue Nebeldämmerung verschwimmend das ganze Bild. – Was war das für ein grauses Gestöber gewesen, viele Tage lang, bis es so geworden! »Graus!« hatten die Leute gesagt, und ich jauchzte im Innern. Hätte ich laut hinausgejauchzt in das Unwetter, so würden sie mich für närrisch gehalten haben, denn wie kann ein vernünftiger Mensch sich freuen an Sturm, Schneien und wüstem Schneetreiben? Also strich ich draußen umher, bis auf die Knie im Schnee, an den Wangen die eisigen Nadeln – und jauchzte still für mich. Und als die Stürme sich endlich gelegt hatten, als die starre Ruhe eingetreten war, und aus frostigem Nebel sich nur bisweilen ein Schneefünklein hervorspann, nahm ich mein längstes Paar Füße und ging hinaus aufs Land. Stellenweise waren die Füße noch zu kurz und ich versank in die Schneewehen bis an die Lenden, später festete sich unter mir der Boden, der Schnee war hart wie Stadtpflaster und ich ging darüber hin. Über ein eisernes Kreuz stolperte ich plötzlich – ein schmiedeeisernes, rostiges Ding mit zwei Querbalken. Wer das nur in den Schnee gesteckt haben mag! Der Schnee ist ja doch kein Grabhügel, vielmehr eine Wiegendecke, unter welcher der junge Frühling schläft. Mit scharfem Ruck riß ich das Kreuz heraus und trug es mit mir bis zu einem großen Gehöft, das halb in den Schnee versunken und halb aus dem Schnee herausgewachsen war. Der Greuthof. Dort waren sie in der Stube beisammen; eine ältliche Frau stand hinter dem großen Ofen und hielt die Schürze ins Gesicht gepreßt; ein paar Männer am Tische spielten Karten, wobei der eine schmunzelte und der andere fluchte. Ich war in diesem Hause nicht fremd, daher fragte mich der Fluchende, was ich ihnen denn für ein Kreuz ins Haus brächte. Auf meinen Bescheid, wie ich dazu gekommen, schrie der Mann auf: »Herr Jesses! So hoch ist der Schnee? Von der gemauerten Pestsäule, die am Rain steht, hat der Mensch das Giebelkreuz gerissen! Und im Sommer kunnt's der größeste Mann mit der Hand nit derlangen!« – Als Heiligtumschänder hätten sie mich jetzt packen können; der Pestsäule das Kreuz vom Schopfe zu reißen! Sofort zog ich mir einen Gulden Sühngeld aus der Tasche für den Maurer oder Schmied; was weiß ich, wer's wieder festmachen kann! Nun wollte ich einmal sehen, warum das Weib die Schürze vors Gesicht hielt. Sie stand am Fenster, tat als schaue sie hinaus, sah aber nichts, als Urwald. Tropischen Urwald, den das Eis an die Scheibe gemalt, gleichsam wie einen schwermütigen Traum aus längst vergangenen Zeiten, da turmhohe Schachtelhalme und Farnkräuter gestanden in diesem Himmelsstriche, wo heute der starre Winter liegt. So wird es kalt und kälter auf Erden. Nur das Mutterherz bleibt warm, immer und immer gleich warm. Die Greuthoferin hatte ein Kind gehabt, eine Jungfrau von neunzehn Jahren. Ein weißes Gewand am Leibe, einen grünen Zweig um die Stirn – so war sie vom Elternhause fortgeführt worden der Kirche zu, wo die Glocken klangen. – Darum weinte die Mutter still vor sich hin. Da hegt und erzieht man ein Kind mit Not und Sorgen, hängt sein Herz und Hoffen daran, und wenn man alt wird, führen sie es einem fort. »Sie zog in ein Land, wo nicht Winter ist, sondern ewiger Frühling!« also tröstete der Pfarrer, denn das Brautpaar hatte seine Hochzeitsreise angeblich nach Italien gemacht. Es ist ja so der Brauch, und obzwar die Braut gesagt hatte: »Gustav, was sollen denn wir jetzt in dem stockfremden Italien anfangen?« drang doch der Vater des Bräutigams, ein Kaufmann im Flecken, die Vornehmheit mitzumachen, denn er gehörte zu den ersten Häusern, und die ersten Häuser fahren, wenn sie neu verheiratet sind, nach Italien. Wenn der Pfarrer mit dem italienischen Paradiesesgarten getröstet hatte, so tröstete ich das trauernde Weib mit kleinen Kindern, Buben und Mädeln, Blauäuglein und Braunäuglein, Blondköpflein und Schwarzköpflein – lauter Enkelkinder, die ihr allmählich die Stube beleben würden und das Herz erfüllen mit neuem Sorgen, Lieben und Hoffen. – Jetzt, wie ich so schön tröstete, weinte das Weib noch mehr, und wir wären beide in eine großartige Rührseligkeit geraten, wenn der Mann, der Greuthofer, nicht so wacker geflucht hätte. »Du Hauptschelm!« rief er seinem Gegner zu, »meine Tochter hast mir schon abgespielt, jetzt willst du mir auch noch das Haus abspielen!« Denn sein Gegner war der Eidam, der Bräutigamsvater, Herr Wernhut, der gekommen, um die vereinsamten Brauteltern ein wenig zu zerstreuen. – Lasse ich ihn gewinnen, so dachte der schlaue Handelsmann, dann sagt er: Gott, es wäre alles schön, wenn ich nur auch das Töchterlein hätte! – Lasse ich ihn verspielen, so ärgert er sich, flucht und schilt, und vergißt das Herzleid. Deswegen laß ich ihn verspielen. – Also der Kaufmann, und gewann dem neuen Schwieger Groschen um Groschen aus dem Sack. Sieht man, wie prächtig manche Leute trösten können. Ich blieb im Greuthofe über Nacht, um am nächsten Morgen meine Winterreise fortsetzen zu können. Ich wollte ins Gebirge, so recht in den nordischen, finsteren, in den allertiefsten Winter hinein. Der Mensch, dem innerlich wohl und warm ist, verlangt manchmal nach großer Rauheit, Herbheit, Wildheit der äußeren Welt. Und wenn der Schnee so hoch ist, daß man über die Wipfel der Fichtenwälder hin spazieren gehen kann, fühlt man sich im Bereiche der Vöglein der Erde fern und den Gräbern ganz entrückt. Beim Nachtmahle ging es leidlich zu und wir plauderten natürlich von dem neuvermählten Paare. – Heute wird's in Mailand sein, oder schon in Florenz? »Reisen sie auch nach Rom?« war meine Frage. »Jetzt nicht; die Frau erst später,« gab der Kaufmann Wernhut zur sinnigen Antwort. »Den Kopf kunnt ich mir herabreißen,« schmetterte die Bäuerin auf einmal und riß einen nagelneuen rotseidenen Sonnenschirm aus dem Kasten, »hat sie vom Oheim das Dachel bekommen für Italien, und dieweilen sie jetzt dort in der Sonnen umhersteigt, steht das blutrot' Unding da im Kasten! Wie ein Weibsbild so verliebt sein kann! Den Schirm vergessen!« »Das ist noch nichts,« gab ich drauf, »manche sind so verliebt, daß sie sich selber vergessen. Desweg ist's allemal gut, wenn man ordnungsgemäß zusammentut, was beisammen sein will.« »Den Sonnenstich kann sie kriegen!,« jammerte die Mutter. »Des Weibes bester Schirm ist der Mann,« sagte ich. Das junge Paar war mir schon lange bekannt. Gustav war ein Jugendkamerad von mir gewesen, ein hübscher, kluger Bursche, der auch ein bißchen frische Eigenart in sich hatte und also zum aufgeweckten, gelehrigen Großhoftöchterlein wohl paßte. Ein Jahr oder zwei hatten sie sich heimlich gern gehabt, der Kaufmannssohn und das kreuzsaubere Dirndel. Wenn ich sie an Sonntagsabenden so miteinander im Garten umherschleichen sah, nicht viel miteinander plaudernd, um so mehr einander aber in die Augen lugend und ein wenig schäkernd – da ward mir oft angst und bang. Neidisch war ich nicht, ich hatte die Meine schon im Trocknen, aber bei zwei Liebenden, die gerne scherzen, ist immer die Gefahr, daß sie auf einmal ihr Glück verscherzen könnten. Nun, jetzt hatten sie sich fest und sicher, und ich konnte mich am selbigen Abend ruhig schlafen legen. Am nächsten Morgen wanderte ich weiter. Ein kalter Sonnenschein vermochte den dichten blauen Äther, welcher über der Gegend lag, kaum zu durchdringen. Der Schneepfad winselte unter meinen Füßen, die Schuhe klangen wie Holz, der Bart war weiß bereift, die Ohren brannten im eisigen Feuer. Vor mir stand das Gebirge, dessen Waldung der unteren Region in weißem, flimmerndem Reif prangte. Aus dem Engtale kam Wasser heraus, das in seinem Bette zu Eis gestockt war. Eine Weile war es noch unterhalb der Eisdecke mühsam fortgekrochen, endlich ward es ihm in solchem Gewölbe zu eng, es ergoß sich über das Eis, rann auf die Flächen hinaus und bildete dort sulzige Tümpel. Im Engtale war Schatten. An den Wasserfällen, wo es zur Sommerszeit rauschte und toste, hatten sich in Orgelpfeifenform Eiszapfen und glasige Schäfte gebildet, stellenweise ganze Burgen aufgebaut, und das Wasser gurgelte darunter kaum vernehmbar. Der Weg war gut ausgefahren von Schlitten, die Holz zu Tale beförderten. Er ging die frostige Schlucht entlang, ging die Hänge hinan und kam ins Bereich von Sonnenschein, der hier heller und wärmer war, als unten. In den Zweigen der Bäume hüpften Eichhörnchen und Vögel umher und schüttelten Schneeschollen von den Ästen. Weiter am Berge hatten die Fichten und Tannen ihre Schneemäntel schon früher abgeworfen und sie standen wie dunkle Kegel auf weißem Grunde. Ich kam zu einer verlassenen Köhlerei, da lagen statt Kohlenmeiler große Schneewuchten zusammengetrieben, aber daneben rieselte aus der Berglehne ein munteres Brünnlein und das Wasser im Troge war klar wie Kristall und ich sah daran nicht ein Krustlein Eis. Noch weiter oben auf der Holzschlagblöße luden Männer Baumstrünke auf einen Schlitten, ihre Röcke hatten sie an Lärchenäste gehangen, sie selbst waren in Hemdärmeln. Auch ich hatte schon längst meine Pelzhandschuhe von den Fingern gestreift und den Mantel aufgeknöpft. Und das war eine liebsame Enttäuschung auf meiner wonnigen Winterfahrt! Endlich waren die Wälder hinter mir, freie Almmatten dehnten sich weithin und die weißen Flächen hatten stellenweise dunkle Flecken. Der Blick war frei ins weite Land hinaus, über welchem das eingefrorene Meer des Nebels starrte. Hoch über allem die Himmelsglocke in unendlicher Bläue und der Sonnenstern so prächtig lodernd, wie in Sommertagen. Um eine Bergkante bog der Weg in die Hochmulde der Karalm, da waren die sonnigen Hänge ganz schneefrei, moorige Wieslein lachten in hellem Grün der Kresse, und an den Rändern blühten Schneeglöckchen. Auf einer Gruppe von Schirmtannen sangen Finken, nichts ahnend vom Jänner, der im Kalender stand. Der graue Kiesweg lag trocken vor mir und ging einem stattlichen Hause zu, das hinter den Schirmtannen stand und von welchem helles Hundegebell herüberhallte. Neben dem Wege stand ein wandiger Felshügel. Den bestieg ich von hinterwärts und setzte mich auf einen von der Sonne hübsch bewärmten Stein. Also blickte ich hinaus in die Welt. Anstatt stöbernden Winter, den ich gesucht, hatte ich im Gebirge den Frühling gefunden. Warm, sonnig und feierlich umgab mich die reine, weiche Luft. Auf dem sandigen Grunde blühten Eriken; zu meinen Füßen rieselte ein Eidechschen hin, und unterhalb meines Felsens hörte ich eine heitere Mädchenstimme. »Daß doch,« kicherte sie, »die Männer gar so ungeschickt sind!« »Ich habe schon mancherlei versucht,« sagte auf das Gekicher unten zart und schmiegsam eine männliche Stimme, »ganz mißlungen ist mir eigentlich noch nichts. Und just mit dem Weiberhaar sollte ich nicht fertig werden können?« Ich war ganz nahe den Sprechenden, sah sie aber nicht, weil sie unten enge an der Felswand sitzen mußten, über welcher ich lehnte. »Ja, ja,« sagte nun das Mädchen, »im Weiberhaar, da hat sich schon mancher verwickelt. Das ist unser Netz, mit dem wir fischen. Aber, Tschapperl, du wirst doch Zöpfe flechten können! Nur nicht so fest.« »Einmal ist es zu fest, dann wieder zu locker,« antwortete der junge Mann – es war gewiß ein junger, weil er so täppisch ins Garn gegangen. »Die Zöpfe sind ja fertig, nur muß ich sie an den Enden immer festhalten, sonst gehen sie wieder auf.« »Närrlein, mußt sie halt mit dem blauen Bandel binden und nachher hinabhängen lassen, wie es der Brauch ist bei einer deutschen Jungfrau,« »Bei wem?« »Ei geh, du zupfst schon wieder zu arg!« »Rickerl,« sagte nun die männliche Stimme – aber da mußte ich die Ohren schon heidnisch spitzen, daß ich's verstand – »Rickerl, das möcht' sich nicht recht schicken. Ich denk', um das Köpferl winden, die Zöpfe, wie es bei einer deutschen Hausfrau der Brauch ist.« »Mach' mich halt, wie ich dir am besten gefall',« sagte sie, »wenn du mich garstig herrichtest, hast du selber den Schaden.« Nach einem Weilchen sprach die männliche Stimme: »So, jetzt hast du wieder dein Kranzel auf dem Haupt, eines aus Menschenhaar, das steht dir am besten,« Länger war es nicht mehr auszuhalten. Ich kroch an den Rand des Felsens hinaus und lugte hinab. – Wie? Was? – Ei, das ist hübsch! So steht's? Darum hat sie den rotseidenen Sonnenschirm zu Hause vergessen! Ich zog mich zurück und rief laut: »Italien ist dies Jahr hoch gelegen!« War es mäuschenstill. Ich aber stieg an der rückwärtigen Seite hinab, und bald hatte ich sie beide zwischen mir und der Felswand. »Ein Entkommen ist unmöglich,« sagte ich, »ergebt euch!« Nach dem ersten Schreck ein lautes Auflachen: »Der Peter ist's!« »Ja, der Peter ist's. Aber nicht der zu Rom in Italien!« »Nein,« rief Gustav, »der auf der steirischen Alm. Bist aber doch ein Schelm, Peter, daß du uns nachsteigst...« »Ich steig' euch nicht nach, aber ihr stieget mir voraus! – Nein, Kinder, das ist kein Land für Hochzeitsreisende. Ja, für Liebende, das laß ich mir gefallen, für die gibt's nur auf der Alm kein' Sünd; für Verheiratete gibt's auf der ganzen Welt keine, nicht einmal im heiligen Italien.« Gustav reichte mir die Hand und sagte: »Nicht wahr, zum Mittagsmahl gibst uns die Ehre und dann mach', daß du wieder fortkommst. Gegen Abend wird es arg frostig da heroben, ich versichere dich. Und kein Mensch da, mußt bedenken! Wir sind heute und morgen in Florenz, dann reisen wir nach Pisa zum schiefen Turm, hernach wollen wir uns in Padua noch aufhalten beim heiligen Antonius, und in Venedig bei Sankt Marko. Es kann noch der Tage zehn oder zwölf währen, bis wir heimkommen.« In diesem Augenblick gellte vom Jagdhause her ein Pfiff. »Mittag ist's, Kinder, lassen wir die Suppe nicht kalt werden.« Also gingen wir zu dreien gegen das Haus hin, Gustav links, ich rechts, Rickerl in der Mitte. Was die für eine Gesichtsfarbe bekommen hatte auf der Alm! So fein rot hatte ich ihre Wangen noch nie gesehen. Im Forsthause, in einer traulichen Stube, dessen großer Kachelofen eine weiche Wärme ausströmte, dessen Fenster in die weite Alpenwelt hinausschauten, war ein Tisch gedeckt, freilich nur für zwei Personen, doch dem graubärtigen Forstjäger und seiner emsigen Frau machte das dritte Gedeck keine Sorgen. »Im Bunde der dritte!« Also deklamierend setzte ich mich hin. »Das ist dein Teil,« sagte Gustav und stellte mir die Weinflasche hart vor die Nase hin. Welch ein Tropfen! »Vom Rhein, vom deutschen Rhein! Peter, bade in ihm dein Herz.« Gott, und wie es nun Frühling wurde in jedem Winkel der Seele! »Jetzt begreife ich, Kinder!« »Was begreifst du?« fragte Gustav. »Daß wir nicht nach Italien gepilgert sind? Ha, das ist wahrlich leicht zu begreifen. In der wonnig einsamen Zeit, die nur einmal in unserem Leben da ist auf ein paar Wochen, werde ich mein Weibchen in den Eisenbahnwagen zerren, von Hotel zu Hotel schleppen, es den Glotzaugen frecher Portiers und dummer Kellner aussetzen, ihm unter fremdem Klima jeden Tag eine neue Unbequemlichkeit machen, hier eine schlechte Fahrt, da einen schlechten Tisch, dort ein schlechtes Bett, ruhelos hetzen von Stadt zu Stadt, von Galerie zu Galerie, ohne Interesse dafür, beständig in den Bädeker schauen, statt einander in die Augen – natürlich, ich werde eine Hochzeitsreise machen!« »Und wozu habt ihr es uns denn glauben machen, ihr falschen Leut'?« »Ja, Alter, das wird freilich schwer zu erraten sein, weshalb wir den Leuten aus dem Wege gehen. He? Weil wir für uns sein wollen. Was ist die Hochzeitsreise anders, als eine Flucht? Eine Flucht vor Bekannten und Verwandten. Ob das Asyl Italien heißt, oder Jagdhaus auf der Karalm, das ist eins. Mit meinem alten Freunde, dem Karjäger, ist die Geschichte schon lange abgemacht gewesen, er hat uns, wie du siehst, gut eingenestet. – Gelt, Rickerl, es tut's!« – So wandte der Schelm sich zu seiner jungen Frau. Der ganzen Anlage nach merkte ich, daß die beiden sich kein Leid antun würden, wenn sie mich ehestens wieder verlören. Doch gab ich ihnen vor meinem Aufbruche noch zu bedenken, daß sie dem Jänner-Frühling auf dem Berge nicht zu sehr trauen sollten. Schon die nächste Nacht könnte einen so schweren Schneepelz über sie werfen, daß sie wochenlang nicht mehr hervorzukriechen vermöchten. »Schweig!« unterbrach mich Gustav, »ich mag gar nicht daran denken, es wäre zu himmlisch!« – Er mochte wohl recht haben. Auch unter dem Winterpelz ist Frühling, wenn zwei junge Leute sich gern haben. Alles Alpengestöber und nordische Eis ist nimmer imstande, das göttliche Flämmlein zu ersticken, das in den Liebenden ist und an Glanz und Wärme den Maiensonnenschein weit übertrifft. In dem Augenblicke, als ich fortgehen wollte, stellte Gustav sich mit seiner stattlichen Gestalt in die Tür und sagte: »Oho, Freund, so leichten Kaufes kommst du mir nicht davon. Den schauderhaftesten Schwur, der je geschworen wurde, mußt du mir jetzt schwören, daß du uns nicht verraten wirst!« »Bedenke, daß ich Poet bin,« war mein zagender Einwand, »wie soll ich so etwas für mich behalten?« »Bis wir von unserer Hochzeitsreise zurückgekehrt sind, magst du plaudern. Und nun siehe, daß du vor Abend zu Tale kommst.« Bin ich also von den sonnigen Höhen wieder hinabgestiegen in die frostige Fläche, um im Greuthofe die Mär zu erzählen: Auf der Karalm wäre die Luft so rein, daß man von dort aus mit freiem Auge bis nach Italien hineinsehe. Mit einem guten Fernrohr könne man sogar die Hochzeitsreisenden erblicken, und wie der junge Mann seiner jungen Frau die Haarzöpfe flechte. Der junge Geldmacher Das mach' nach, wenn du kannst!« sagte der Oberfeitel zu Dölsach und zeigte am Tisch eine neue Fünfzigernote herum. »So ein Nachmachen von Geldzetteln, das kann kein Mensch vollbringen, keiner nicht! Da gehört ein Kaiserkopf dazu, zum Geldmachen. Ja, meine lieben Leut'!« »Was einem etwa geschehen tät, wenn man herginge und mit dem scharfgespitzten Bleistift den Fünfziger schön sauber nachzeichnen wollt!« So gab einer dran. »Probier's!« rief der Oberfeitel, »bist imstand', den kleinwinzigen Druck da auch nur zu lesen? Und werden dir nicht die Finger zittern, wenn du zwanzigmal schreiben sollst: Die Fälschung dieser Staatsnote wird mit lebenslänglichem schweren Kerker bestraft? Hast die Kurasch dazu?« »Leicht nicht,« sagte ein anderer, »da tue ich lieber drei Monate lang holzhacken – ist der Fünfziger auch gemacht und ist keine Gefahr dabei.« Des waren sie alle einverstanden, die Bauern von Dölsach. Nur einer, ein ganz junger noch, ein schlank aufgeschossenes Bürschl, schien nicht recht darüber im reinen zu sein, wieso man diese interessante Sach' so mir nichts dir nichts fallen lassen könne. Etwas tiefsinniger, als es der Franz sonst gewohnt war, ging er vom Hause hinan gegen die grüne Höhe, wo die Zirmbüsche stehen und wo man den weiten Ausblick hat ins schöne Land Tirol. Da unten sind die blauenden Täler, in welchen man von diesem einen Punkte aus nicht weniger als achtundvierzig Kirchtürme blinken sieht. Dort drüben stehen die weißen Berge der Dolomiten, von wannen im Lenz der lawinenstürzende Föhn kommt und im Sommer das schloßenschleudernde Wetter. Heute liegt über der Gegend Sonnenschein, und die Glocken der Almherden klingen auf den Hochmatten, und die Hirten jauchzen oder liegen im Grase, wollen nichts und denken nichts – lassen sich schaukeln von dem, der in seiner Hand den Erdball dreht. Dem Franz ist heute nicht ums Jauchzen und nicht ums Liegen auf dem Bauch. Er sieht aus, wie alle übrigen munteren Bauernburschen, aber inwendig ist er ganz anders geraten als die anderen. Schnitzen und malen! Unser Herrgott hat's auch so getrieben, hat die Eibe geschnitzt, hat den Himmel gemalt. Der Junge zieht jetzt sein Taschenmesser, schärft es an einem Quarzstein und schneidet sich damit einen Zirmast. Der Bacherwirt unten im Dorfe hat einen fuchsbraunen Hengst, ein schönes Tier, das soll jetzt dran – das wird nachgeschnitzt aus dem harten, glattrindigen Zirmholz. Das Hengstenachmachen ist nicht verboten. Ist aber auch keine so große Unterhaltlichkeit dabei, als etwa beim Geldnachzeichnen. Kein Mensch könnt's vollbringen? Es gehört ein Kaiserkopf dazu! meint der Oberfeitel. Das wollte dem Jungen nicht aus dem Sinn. Dabei stellte sich heraus, daß das zu gleicher Zeit nicht geht, nämlich das Denken ans Geldmachen und das Schnitzen von Hengsten; der Hengst bekam unglaublich lange Ohren und der Geldmachergedanke einen langen Schweif. Und der Schweif hing ihm an, so daß der Bursche niederstieg zu seinem Hause, von seinem Vater eine Fünfzigernote borgte und sich damit in die Kammer einschloß. So eine große Banknote war im Hause ein seltener Gast, der es allemal gar dringend hatte und sich nur für kurze Zeit im Ederhofe aufhielt; sie machte immer nur eine flüchtige Rast auf ihrer abenteuerlichen Wanderung durch das Land – dort Gutes stiftend, hier Übles. So was muß porträtiert werden! Dann mag's ja wieder laufen und Sünden machen soviel es will. Der Franz spitzte den Bleistift. Immerfort das Heiligenbildermalen, das Rösser- und Vogelzeichnen – das ist nicht spaßig. Wir wollen einmal redlich wissen, ob der Oberfeitel die Wahrheit sagt: Das kann kein Mensch vollbringen. Keiner nicht. – Wollen es versuchen. So der Franzl und ging mit flinken Fingern an die Arbeit. Das feine Papier können wir freilich nicht nachmachen, dachte er bei sich, wir sind kein' Papiermacher. – Der Wasserdruck schiert uns auch nicht – der ist was für den Müllner. Aber die Zeichnung! Die Fälschung dieser Staatsnote wird mit lebenslänglichem schweren Kerker bestraft – diese Worte schrieb der Franzi mit einem einzigen wagrechten Striche. »Jesses Maria, Franzi!« rief seine Schwester draußen, »was treibst du in der Kammer, was denn, daß du dich einsperrst?« Die Fälschung dieser Staatsnote wird mit lebenslänglichem schweren Kerker bestraft, schrieb der Franzi. »Du bist drinnen?« rief die Schwester, »du stellst was an; du brichst was.« »Ich mach' was,« antwortete der Bursche. »Dabei verriegelt man nicht die Tür.« »Sie ist schon offen.« Am Abend, als die Leute beisammen waren, schauten sie das Kunststück an; einer gab die Note dem anderen in die Hand, und sie fingen an, die echte mit der falschen zu vergleichen, bis einer fragte: »Ja, wo ist denn nachher dem Franzl seiner?« Der war's, den der Mann in der Hand hielt. »Aber das ist ja doch der echte! Wie? Was? Das wäre der falsche?« »Da schau her!« rief der alte Eder, Franzls Vater, »du Lump, du junger!« Die Zeichnung ging – stolz knisternd, wie ein echtes Stück Papiergeld – in den Händen herum, und der Franz kümmerte sich nicht weiter drum. Er hatte es vollbracht – das Blatt brauchte er nicht mehr. Ein junger Nachbar war im Hause, der Patritz; der verfolgte an diesem Abende eine Person der Ederfamilie, um sie auf lebenslang gefangen zu nehmen. Aber eine unschuldige Person, nicht etwa den Geldfälscher, sondern dessen muntere Schwester mit dem krausen Haar. Er schlug sie in jene gefährlichen Bande, denen sich selten ein Mädchen entwinden kann oder will: er legte seine Arme um ihren geschmeidigen Leib. »Maria,« flüsterte er ihr ins Ohr, »ich will dir was sagen.« »Sag's nur her!« antwortete sie, »es wird gewiß wieder was Wichtiges sein, was ich schon seit Ostern her weiß.« »Wissen wirst es schon seit letztem Fasching her.« »Seit letztem Fasching her weiß ich, daß du ein dummer Bub' bist,« neckte sie. »Wenn's dumm ist, daß einer das schönste Dirndl auf der Welt gern hat! Das liebste Dirndl! Das herzliebste Dirndl! – nachher hast du mit deiner Red' recht.« So stritten sie sich in die Verlobung hinein – der Patritz und die Maria. Als an demselben Abende der Patritz fast ungebührlich spät nach Hause ging, gesellte sich ihm der Geißbub des Jakhofes zu und lud ihn ein, noch mit ins Wirtshaus zu kommen; er zahle heute eine Maß Glühwein. »Schau hin, das Wirtshaus hat schon schwarze Fenster,« sagte der Tritz (Patritz). »Die Kellnerin muß noch einmal aufzünden. Die Wirtin muß aus dem Bett; ich will einen gezuckerten Eierschmarn haben und einen Kaffe dazu. Der Wirt muß auch aus dem Bett; ich will was Zithernschlagen hören; ich bin just einmal aufgelegt zum Lustigsein. Himmelherrgott, geh' her – was kostet die Welt?« So der Geißbub. »Du tust ja gerad', als ob deine Geißen eine goldene Milch täten geben,« sagte der Tritz. »Die Lieserl muß auch aus dem Bett,« fuhr der Geißbub' fort, »ich will mit ihr eins tanzen.« Der Tritz konnte den Übermut des sonst so duckmausigen Burschen gar nicht begreifen. »Mir scheint, du kommst ohnehin schon vom Wirtshaus,« sagte er. »Von unsers Herrgotts Keller, ja; hab' mir beim Ederhofbrunnen gerad' meinen Durst gelöscht. Ist schade um den prächtigen Durst, aber 's ist schon wieder ein neuer da, und den lösch' ich mit Löschpapier!« Damit hielt der Geißbub' eine große Geldnote in die mondhelle Luft hinein: »Der Krämer muß auch aus dem Bett; ich will einen Feigenkranz für die Lieserl.« »Wo hast denn du diesen Fünfziger her?« fragte der Tritz, indem er nach dem Papier langte. »Du kannst auch einen haben, Kamerad,« vertraute ihm der Geißbub', »der Eder-Franz macht sie.« »So,« sagte der Tritz, »das ist der vom Eder-Franz? Schau, Geißbub', den muß ich dir wechseln. Geh' mit zum Richter; dort laß ich dir zweimal fünfundzwanzig dafür geben, ist auch fünfzig.« Damit war der Geißbub denn nun gar nicht einverstanden; er bettelte, er schmeichelte, er zankte und schimpfte, aber er war von beiden nicht der Stärkere. Der Tritz hatte das Papier schon in gutem Gewahrsam, und dem Geißbuben blieb auf der Welt nichts übrig, als seinen schönen Durst beim nächsten Hausbrunnen zu löschen. Der Tritz ging seines Weges, und die falsche Geldnote sorgfältig glättend und in seine Brieftasche legend, dachte er: So, mit dem Häutlein mach' jetzt ich meinen Spaß. * An einem der nächsten Tage finden wir den Eder-Franz wieder auf der freien Höhe. »Auf der Alm, da ist's fein, Gibt's ka Sünd und ka Pein. Ist der Berg wie ein Rosenstock, Ist der Wind wie ein Nagerlduft, Glanzt's Wasser wie ein Silberring, Spielt d' Sonn' wie eine goldene Luft. Wann ih jauchz und a Gsangl sing: Der Schall wie ein Glöckerl klingt; Mein Herz, das ist alleweil voll Freud, Kennt ka Sünd und ka Pein. Auf der Alm ist's gut sein!« So sang der Bursche, und sein leuchtendes Auge sagte, daß er's nicht aus dem Leeren sang. – Wir dürfen den Franzel ja wohl näher betrachten; denn das ist einer, an dem wir ein wenig Herzeleid erleben werden, aber auch viel Ehre und Wunder. Er kann nicht viel älter sein als sechzehn Jahre; sein volles Haupthaar ist braun wie reife Kastanien; ob es auch recht lind ist, möchte die Sennerin wissen, aber er biegt ihre Hand weg, wenn sie ihn anfühlen will. Sein längliches Gesicht ist weiß und rot, echte Farben, die sich selbst in der Sonne nicht bräunen, von Bart noch gar nichts da; die Oberlippe spitzt sich noch in Knabentrotz, aber das Auge ist weich und sinnend; es schaut eine Welt von Schönheit heraus, und es schaut eine Welt von Schönheit hinein. Niedrige Bundschuhe trug der Junge und nackte Waden und eine ziegenhäut'ne Kniehose, und über der sich frei wölbenden Brust nichts als das rauhe Linnenhemd und den ledernen Hosenträger. Das Ungefügige an dem ganzen Bürschl war ein hoher trichterförmiger Filzhut, ein sogenannter Sternstecher, wie die spitzen Tirolerhüte heißen, die nach landläufigem Sprichwort so hoch sind, daß man damit vom Himmel die Sterne herabstechen kann. Dieser Sternstecher ragte wie ein finsterer Turm über das heitere Antlitz des Franzel. So ging er über die weichen Matten hin zwischen den Zerben, und es war ihm, als suche er etwas und wisse nicht, soll es ihm aus dem Erdboden herauswachsen oder von Himmel herabfliegen. »Es war ein extriger, ein stader Bua,« hat einer von ihm erzählt. Aus dem Tale der Drau, der Isel, aus dem weiten Boden von Lienz klangen in zartem Gesumme die Glocken des Feierabends herauf. Zu solchen Stunden ist es ja, als wären vieltausend Saiten gezogen von Berg zu Berg über das ganze Tirolerland, und als spielte auf dieser Zither ein unsichtbarer Künstler – so leis', so zart und getragen tönt es durch die Lüfte. Die Glocken der Kirchtürme waren es, die zum Feierabendgottesdienste riefen. Es war ja wieder eine arbeitsschwere Woche vorbei, und die Leute hatten vollauf zu tun gehabt, das liebe Brot zu fassen und zu heimen, das der Weltvater in goldenen Halmen aus der Erde reckte. Jetzt sollten sie danken gehen und sich ausruhen in der kühlen, dunkeln Kirche und sich an Leib und Seele vorbereiten für den Sonntag. Das riefen die Glocken im Tale. Aber der Franzel stieg nicht hinab; ihm gefiel es auf dem Berge, und er schaute zu dem lichten Hochaltare des Großglockners hinüber, hinter welchem still und groß die Sonne niedersank. »Mein Herz, das ist alleweil voll Freud'! Auf der Alm, da ist's gut sein!« Auf demselben Berge gab es heute auch andere, die das Läuten der Kirchenglocken nicht achteten. Dieselben anderen saßen in der Bergschänke der Niederung, die den schönen Namen »Auf der Wacht« trägt. Im heiligen Jahre Neun sind dort die Tiroler auf der Wacht gestanden mit Messer und Stutzen, um ihr Heimatland zu schützen vor den übermütigen Franzosen. Das Heimatsgefühl der Völker, der Freiheitsdrang einer Welt, das Ideal unserer Zeit ist im Bauerntume eingeweiht worden. Heute ist es friedsam auf den Matten, genannt »Die Wacht«. Und auch an jenem Sonnabende war es friedsam dort und heiter dabei, obwohl ein anderer, ein unsichtbarer Feind bigott heuchlerisch heranschwamm in den sonst so schönen Klängen der Festglocken. Es fanden sich in dem Berghause an schönen Sommertagen gern die Almer ein und die Burschen des Tales, die Scharfschützen, um beim roten Tirolerwein, bei Mädchenaugenglut und Zitherklang die Nächte zu »durchwachten«; denn nimmer veröden darf das Haus »Auf der Wacht«, und ein Feuer, sei es nun das der Vaterlandsliebe oder der Mädchenminne oder auch des Hasses gegen einen persönlichen Feind, wird in jedem einsamen Berghause bewahrt, wie unten in der Pfarrkirche das »ewige Licht«. Die Frömmigkeit des alten Moidle, das des Wirtes Schwester ist, hilft all' nichts. Schon mehrmals war sie heute lauernd in der Gaststube umhergeschlichen und hatte ziemlich laut vor sich hingemurmelt: »Zusammenläuten tun sie. Zum Segen tun sie läuten. Christenmensch! Unsereins mühselige Haut wollt' gern in die Kirchen gehen, wenn die Füß' täten tragen. Und das jung' Volk schaut sich neuzeit um den Herrgott gar nimmer um. Geh weg; jetzt seh' ich's schon, die Leut' werden ganz kalt im Glauben. Eiskalt werden sie im Glauben, die Leut'; jetzt seh' ich's schon.« Man kümmerte sich nicht um das Getue der Alten; man sang, man lachte; man scherzte mit den Mädchen, bis das Moidle dreinschrie: »Jawohl, die Dirnen sind euer Rosenkranzgebet heutzutag. Jawohl, ihnen den Kranz vom Kopf beten, das ist euer liebster Gottesdienst. Jawohl!« Die Burschen lachten und einer rief: »Sag' noch so was, Moidle, daß wir wieder was zu lachen haben!« »Werd's nicht lachen, wenn die Straf' Gottes kommt, weil ihr keinen Glauben habt,« versicherte die Alte. »Weible,« sagte einer der Burschen, »wegen unseres Glaubens brauchst du dir gar kein graues Haar wachsen zu lassen, das wachst dir so auch schon. Einen Glauben haben wir noch, mußt wissen. Bin voreh gewiß nicht der letzte in der Predigt und im Segen gewesen. Seitlang sie aber die Leut' mit den Standarn (Gendarmen) in die Kirchen treiben lassen, seitlang mag ich gar nicht mehr hineingehen. Ich mag nicht mehr. Zum Beten laß ich mich nicht zwingen.« Der Wirt »Auf der Wacht« war an den stämmigen Burschen herangetreten, der die obigen Worte gesprochen. »Reden könnt's, was ihr wollt's,« sagte er leise, »aber nur nicht zu laut. Ich sehe euch gern bei mir, Mannerleut' und Weiberleut', aber soll ich's aufrichtig sagen, heute wär's mir lieber, wenn –« »Wenn wir beim Loch draußen wären,« vervollständigte einer die Rede des Wirtes. »Auf das sag' ich nicht nein,« versetzte jener. »Es ist halt morgen der Rosenkranzsonntag, wo im Wirtshaus keine Zusammenkunft sein soll und an solchen Feierabenden auch nicht; Neuzeit ist's halt wieder so viel streng. Schau' dir die neue Polizeiverordnung an, die ich erst heut' an die Wand genagelt habe!« »Die hängt ja umgekehrt!« riefen die Burschen lachend. »Wirt, die hast du bei den Füßen aufgehängt, wie ein geschlachtetes Schwein.« »O du Höllsaggera,« knurrte der Wirt; »so ist's, wenn der Mensch nicht lesen kann; dann stellt er die Gesetze auf den Kopf. Das muß ich gleich anders machen; ich fürcht' halt, die Spitzhauben kommen noch heut' herauf.« »Sie sollen nur kommen.« »Aber schaut's, meine lieben Leut',« gab der Wirt zu bedenken, »wenn sie euch da beisammen finden! Unsereiner wird halt so viel gestraft, wenn man Unterstand gibt.« Im Tischwinkel hub sich eine braune Knochengestalt zu bewegen an. »Was meinst, Wirt, was meinst?« grollte sie. »Von Unterstand sagst was? Sind wir Schwärzer, Wilddiebe, Strolche, daß von Unterstandgeben die Red' ist? Wir sind Bauersleut' und Holzleut' und sitzen nach der Arbeit friedlich im Wirtshaus. Weißt, Wirt, daß im Wirtshaus der ehrliche Gast sein gutes Recht hat? Weißt es nicht, so schreibe ich dir's auf den Buckel, und gewiß nicht verkehrt, wie deine Polizeiordnung.« »Geh, geh!« beschwichtigte ein anderer, ein dicker, staubiger Kohlenbrenner aus dem Iseltale, »weißt es so gut wie wir, daß der Wirt nicht anders kann. Willst deinen Zorn auslassen über die neumodische Einrichtung, so mußt ganz wo anders anklopfen.« »Anklopfen,« rief der Knochige, »wie im Achtundvierzigerjahr zu Brixen beim Herrn Bischof, daß die Fenster haben gesungen! Wir sind katholische Christen, will ich ihm ins Ohr schreien, aber mit deiner neuen Standarnreligion, hol' dich der –« »Spielmann!« rief der stämmigste der Burschen in die Stube. »Schlafst, Spielmann?« »Ein klein Bissel bin ich noch da,« sagte dieser, sich aus dem Ofenwinkel hervorwindend. »Wenn du nicht schlafst, so sei so gut und kratz' ein paar Saiten!« »Lustig wohlauf Ist der Drauthaler Lauf, Ist der Drauthaler Zier, Und das Dirndl g'hört mir.« Singend umschlang er das blühende Mädchen, das an seiner Seite saß und jetzt dem kernfrischen Burschen freudig und stolz ins kecke Auge blickte. Das war der Tritz, und das Mädchen seine Braut Maria, die Schwester des Franz, der zurzeit draußen auf den freien Höhen sich umtrieb. – Laut erschollen jetzt die übermütigsten Lieder; die Zither klang, und es wollte just der muntere Reigen anheben – da schoß plötzlich der Wirt durch die Stube, um in angstvoller Hast das erst angezündete Kerzenlicht auszublasen. »Was willst denn?« rief der Tritz und zog ihm den Leuchter weg, »ist's besser, wenn wir im Finstern sind?« »Um des lieben Gottes willen!« schnaufte der Wirt, »da draußen, da draußen – ich hab' sie gesehen; es steigen die Spitzhauben daher.« »Wer wird denn da das Licht auslöschen? Wir wollen sie uns anschauen. Sie sollen kommen!« Sie waren auch schon da. Dröhnenden Schrittes traten zwei Gendarmen zur Tür herein. Die Stube war finster vor Rauch, aber die Eintretenden waren noch finsterer; zwischen den Zechtischen blieben sie stehen und schauten um sich. Die Burschen taten trotzig, und keiner rückte an seinem Tische, daß die Landwacht Platz nehmen konnte. Endlich sahen die Gendarmen einen leeren Tisch, setzten sich und hielten die Gewehre zwischen den Beinen. Sie wollten etwas trinken. Über diese Wendung war der Wirt froh. Schmunzelnd sagte er, als er auf einer Blechtasse die schwitzende Flasche brachte, es wäre »der Beste«, und in der Tat, sie merkten es bald, der Schlechteste war es nicht. Nun ja, sie wollten auch einmal ein gemütliches Stündl haben. Mußten sie doch unten im Tale mit ihren Spießen tagaus tagein umhersteigen, wie die leibhaftige Straf' Gottes, fanden nirgends freundlichen Anspruch und mußten gar manchmal einen einführen, weil er etwas getan hatte, was sie selber getan hätten, wenn Gelegenheit dazu gewesen wäre. Aber – »auf der Alm gibt's ka Sünd,« da braucht man also keinen Pfarrer und keinen Gendarmen, und da darf jedweder, der das Zeug dazu hat, ein lustiger Bursch' sein. Das martialische Aussehen der Landwächter wurde von Minute zu Minute zahmer; sie wollten sich an die heitere Gesellschaft schließen, mit den Burschen »warteln«, mit den Mädchen schalken. Doch die Gesellen taten nicht viel desgleichen, als ob sie an dem geselligen Zuwachse eine besondere Freude hätten, und etliche knurrten gar wie ein Kettenhund, der gern beißen möchte, aber den Stiefelabsatz fürchtet. Als es wieder ans Tanzen ging, warb einer der Gendarmen um das schönste Dirndl im Reigen; da stand schon der Tritz da, zog das Mädchen mit sich fort und sang: »A Spitzkappenbua Hat ein' Dirndl nachg'fragt; A Spitzbua will ih hoaßn, Wann's ihm was tragt.« Da war's nun freilich kein Wunder, daß es kam, wie es kam. Es stand nicht lange an, so leerte der Gendarm sein Glas, stieß es scharf auf den Tisch und rief: »Heimgehen! Sperrstunde!« Jetzt trat eine befremdliche Stille ein; nur einer der anwesenden Bauern brummte in die Ofenwand hinein, aber so laut, daß man es weithin hören konnte: »Sperrstunde! Überall wollen sie zusperren, heutzutage. Redlich wahr: Haus Österreich ist ein Gefangenhaus geworden.« Als das Wort heraus war, hätte es der Sprecher selbst wieder gern eingefangen und seinen eigenen Mund fürsorglich zugesperrt. Aber der Landwächter schickte sich schon an, den Namen des Vorlauten aufzuschreiben. »Seid keine Narren miteinand'!« rief jetzt ein Mölltaler dazwischen, um der bedenklich werdenden Stimmung einen kecken Ruck zu geben, »lasset jetzt die gespreizten Geschichten und seid's lustig! Wir kommen so jung nimmer zusammen. Wein her, Wirt! Und die Herren müssen auch mittun. Wisset, wir Bauersleut' haben keine Rösser; darum reiten wir die Wörter – und ist nicht schlecht gemeint. Na, auf Gesundheit! Auf gute Freundschaft!« Einer der Gendarmen wollte schon anstoßen mit dem neugefüllten Glas. »Hüte dich!« raunte ihm der andere zu, »sie retirieren – nur aufschreiben, alle aufschreiben!« Sie schrieben – aber sie schrieben in ihr Armensünderbüchel lauter falsche Namen; den echten behielt jeder der Befragten schlau für sich selber. »Die Kerze ist auch schon benebelt,« bemerkte der Aufschreiber nicht ohne Laune, da das Licht vor lauter Tabaksqualm kaum den nötigen Schein gab. »Wirt!« rief der Tritz, »bring' noch Kerzen, daß dem Herrn Standarm ein Licht aufgeht. Ich zahl's.« Er möge, murmelte der Landwächter, das Geld in seinem Beutel behalten, würde leicht Platz haben da drinnen. Und die Bettelkerze sei man bei den Drautaler Bauern gewohnt. »Bettelkerze!« sagte der Tritz mit spottender Weichheit. »Na, das nicht! So vornehmen Herren müssen die Drautaler Bauern schon eine Extrakerze verehren.« Dabei zog er sein Ledertäschchen aus dem Sack und langte aus ihm eine Fünfzigguldennote hervor. »Versaufen?!« rief der Bursche mit heller Stimme, indem er den Schein mit zwei Fingern hoch über den Köpfen hielt, daß er wie ein Kirchweihfähnlein flatterte, »versaufen? Nein. Licht wollen wir machen, wir Drautaler Bettelbauern, daß der Herr Standar zum Schreiben sieht.« Gelassen rollte er vor den Augen der Gendarmen den Fünfziger zusammen, hielt die Rolle über das Kerzenlicht, und als sie lichterloh brannte, rief er: »Ich bitt', meine Herren, wenn's gefällig!« Die Landwächter schrieben nicht; sie taten den Mund auf und waren stumm. Hingegen schlugen die anderen Leute einen hellen Lärm, und die Weiber waren dem Tritz in den Arm gefallen, um ihm das Geld zu entreißen. Zu spät war's, zu spät – die »Anweisung«, für welche der Sage nach die privilegierte österreichische Nationalbank dem Überbringer fünfzig Gulden Silbermünze ausbezahlt, flog als Aschenflaum auf den Tisch. »Heilige Maria vom grünen Anger!« zeterten sie, »jetzt hat er Geld verbrannt. – Jetzt hat er eine Kuh verbrannt!« riefen die Halter. »Jetzt hat er ein Joch schönes Lärchbaumholz verbrannt,« riefen die Holzhauer. »Den heurigen Haferbau hat er verbrannt,« riefen die Bauern. »Auf zehn Jahre Tabakgeld hat er verbrannt,« kicherte ein alter Raucher. Und Maria, seine Braut, fragte den Geliebten: »Bist denn ein Narr worden, Tritz?« »Den Arrest habe ich einem verbrannt,« sagte der Bursche und setzte sich ruhig an seinen Platz. »O wart', Bauer!« brummte der Gendarm, »der Arrest und die Hölle sind feuersicher gebaut; du kommst in beide.« Und er schrieb die Tat des übermütigen Burschen in das Sündenbuch. Jetzt fistelte aus dem dunkelsten Winkel her eine Stimme: »Ist nicht so gefährlich beim Patritz, wenn er Banknoten verbrennt. Er hat einen künstlichen Schwager.« Was das heißen sollte? »Der macht ihm's!« schrie der Gauch und huschte zur Tür hinaus. Da horchten die Gendarmen erst recht auf, aber die Leute merkten, es wäre nun die höchste Zeit, das Wirtshaus »Auf der Wacht« zu räumen, und sie räumten es auch. – – Der Eder-Franz wußte von all dem nichts; er erging sich immer noch auf den mondhellen Höhen und sang in die Nacht hinaus: »Mein Herz, das ist alleweil voll Freud'! Auf der Alm ist's gut sein!« Am Sonntag darauf, nach dem Gottesdienst war es, daß auf dem Kirchplatz zu Dölsach der Oberfeitel plötzlich neben dem Patritz stand und ihm ins Ohr flüsterte: »Lauf' eilends davon! Versteck' dich in dem Wald! Sie suchen dich.« »Wer sucht mich?« fragte der Bursche. »Die Spitzhauben.« Da war zwischen der Menge schon der Dorfrichter in Sicht, hinter ihm die Gendarmen. Der Richter machte mit der Hand ein paar verstehbare Deuter: der Tritz solle sich davonmachen! Da sie aber nicht bemerkt wurden, so machte der Richter vom Amte Gebrauch und ließ den Burschen festnehmen. Wohin die Reise? Nach Lienz zum Gericht! Der Patritz Neuleitner hat den Feierabend entheiligt und die Polizei verhöhnt. Diese beiden Fälle wären noch etwa von den Behörden in Dölsach zu schlichten gewesen. Anders der dritte! Der Bursche hatte eine große Geldnote verbrannt. Was hat es damit für eine Bewandtnis? Das muß untersucht werden; da steckt was dahinter. Das Protzigtun mit dem Gelde war ein alter Schaden der Drautaler Bauern. Man ließ es noch hingehen, wenn sie bei Hochzeiten tagelange Gelage hielten, wenn die Totenmahle oft die ganze Erbschaft des Verstorbenen verschlangen; man »verstattete« es dem Drautaler Großbauer oder Holzknecht, wenn er an seiner Sonntagsjoppe anstatt Bein- oder Messingknöpfe echte Maria-Theresientaler trug. Wenn sie aber würfelten, kegelten, karteten um nichts Geringeres als um Dukaten, wenn sie zur »Bankozettelzeit« (beim großen Staatsbankerotte) ihre Pfeifen mit eitel Zehnguldennoten anzündeten – das konnte man nimmer gehen lassen, nicht vom moralischen und nicht vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus. Es war Zeit, einmal ein nachdrückliches Beispiel aufzustellen, wie man in Zukunft gegen Übermut, Verschwendung und Trotz vorzugehen gedenke. Die sehnigen Arme des Patritz hatten sich anfangs gegen die Eisenbanden aufgelehnt, aber die hohe Obrigkeit hatte guten Stahl in ihren Ketten, und der schnitt ins Fleisch. Mit aneinandergeschlossenen Armen schlug sich der Bursche den Hut in die Stirn, und so ging es die weiße Landstraße entlang gegen Lienz. Die ihm begegneten, wunderten sich baß, was doch der Patritz Neuleitner auf einmal für ein hoher Herr geworden sei, daß er zwei Adjutanten mit sich habe. Am selbigen Nachmittag saß Maria in der Christenlehre und weinte. Der Pfarrer war höchlich darüber erfreut, daß sein Wort Gottes heute einmal ein Herz rühren Aber sie hörte nicht die heilige Lehre; sie hörte das Gericht, das über ihren Tritz das Urteil sprach. Und er war trotz der schweren Anklage so unschuldig wie das Gotteslamm dort auf dem Altare. Sie wußte alles. Als Verschwender werden sie ihn strafen und ihm sein Haus wegnehmen und es einem »Gerhaber« (Vormund) zur Verwaltung geben; war schon davon die Rede gewesen. Es war anderen auch schon so ergangen. Dann steht auch die Heirat um, und sie hat nichts und er hat nichts. Und alles dieses höllischen Fetzen Papiers wegen! Es war ja nur ein nichtiger Fetzen gewesen, den er am Kerzenlicht verbrannt, nichts als jene gottverlassene Zeichnung, die der Franzel wundershalber gemacht hatte. Jetzt eilte das Mädchen den Berg hinan zu ihrem Elternhause, dem Ederhof. Sie lief zu dem Franz, der eben an der Schnitzbank saß und eine Figur schuf. »Jetzt wirf mir den Holzscherben weg und geh nach Lienz hinab,« sagte sie. »Du bist an allem schuld. Jetzt geh und sag's! Das Papier hat keinen Wert gehabt – geh und sag's! Du hättest es gezeichnet, das sag' jetzt, wenn du mein Bruder bist!« »Ich soll's beim Gericht sagen, daß ich eine Banknote nachgemacht hab'? Der Narr werde ich nicht sein.« So der junge Schnitzer. »Hab' ich ihm das Papier gegeben? Hab' ich gesagt, daß er die Standarn damit foppen soll? Etliche Tage im Schatten sitzen – sonst geschieht ihm nichts, dem Tritz, und das schadet nicht.« »Du bist der Fälscher, und er soll eingesperrt sein – ist das eine Gerechtigkeit?« rief das Mädchen. »Kannst das verlangen, Franz? Hat er dir's nicht gut gemeint, daß er dem Geißbuben den Wisch weggenommen und ihn verbrannt hat? Sonst holen die Spitzhauben leicht dich, und dich hängen sie auf. Noch jetzt kann er dich einbringen, wenn er will, aber er läßt sich lieber mit Messern schneiden, als daß er dich verrät'.« Sie schluchzte zum Erbarmen. »Schwester,« sagte Franz, »zum Gericht geh' ich nicht« Aber wenn sie kommen und mich fragen, werd' ich's nicht leugnen.« »Und sie werden kommen!« sagte Maria. – Nun trat der Vater, der alte Eder, bekümmert herzu. »Kinder,« sagte er, und sein Haupt wankte bei jedem Wort, »ihr werdet mir noch eine Dummheit machen. Der Teufel hat dich reiten müssen, Franz, daß du mit dem Geld angefangen hast. Jetzt ist die Sau fertig. Dein Glück kann's dir kosten. Aber das sage ich dir: selber verrat dich nicht! Ob der Tritz ein paar Tage im Arrest sitzt oder du zwanzig Jahr' im Kriminal – das wird ein Unterschied sein. Nicht? Meinst nicht, Dirn? Nur gescheit sein!« Gescheit sein! Das ist leicht gesagt. Und vollends von verliebten Leuten verlangen, daß sie gescheit seien! Die Maria war ja verliebt. Und jetzt, da der Tritz unschuldig im Gefängnis saß, wie die wahrhaften Helden in den Rittergeschichten, jetzt stand er in ihrem Herzen so groß da, und ihr war, als gehöre zu diesem ritterlichen Helden eine treue, ebenso heldenmütige Jungfrau, die ihn befreite. Ihr Vater mußte sie fast mit Gewalt zu ihrer Arbeit auf die Alm schicken, daß sie nicht hingehe, um dem Bräutigam zuliebe den Bruder zu verraten. – – Am nächsten Tage wurde der alte Eder vor Gericht geladen. Als der Franzel sah, wie ernst die Sache zu werden begann, wollte er sich stellen. »Untersteh' dich nicht!« rief der Alte. »Spring' nicht selber in die Schlammaß! Geh' du zu deinen Zirmmatten hinauf, bleib' in den Heuhütten, bis ich dich rufen laß!« Dann ging der Alte nach Lienz zum Gericht. Dort wurde er an den grünen Tisch gestellt vor das Kruzifix. Aber einer der Herren setzte sich neben ihn und sagte vertraulich: Die Sache ist nicht so bös, mein lieber Eder. Tut es jetzt nur schön offen erzählen, was es mit der verbrannten Fünfzigerbanknote für eine Bewandtnis hat.« »Gebt's mir Ruh!« brummte der Alte. »Ihr habt es gesehen, als Euer Sohn den Schein zeichnete. Er ist ja noch ein Kind, und wir wollen daraus auch gar nichts Kriminalistisches machen. Aber den Sachverhalt müssen wir wissen, daß wir den Patritz Neuleitner freilassen können. Also Euer Sohn hat zum Scherz versucht, das Ding nachzumachen?« Sie wollen dich fangen, warnte eine innere Stimme den Alten, sag' nichts, bleib still wie der Fisch im Wasser! Jedes Wort könnte dem Franzel ein Jahr seines Lebens kosten. Er ballte die Fäuste auf seinen Knien und starrte mit verglasten Augen auf den Boden. Der Richter erhob seine Stimme: »Hat Euer Sohn die Note gemacht oder nicht?« Er deutete auf das Kruzifix: »Ihr steht vor dem, den Ihr in Eurer Sterbestunde anrufen werdet! Ihr seid ein Ehrenmann gewesen Euer Leben lang; Ihr wollt es bleiben. Also auf meine Frage: Ja oder nein!« Da zuckte der Verhörte seine Achseln und murmelte: »Wenn Ihr mich so angeht! Lügen kann ich nicht. Mein Franzel hat die Dummheit gemacht, aber keine Absicht dabei gehabt, keine schlechte Absicht. Der Fetzen ist uns aus der Hand gekommen – sonst hätten wir ihn gleich zerrissen.« »Und ist's auch das einzigemal gewesen, daß er sich in derlei versucht?« »Das hab' ich ihn gefragt, und er hat gesagt: das erste- und das letztemal. Und es ist auch so; ich kenne meinen Franzel; es ist auch so.« »Folglich ist die Sache in Ordnung, Eder, und Ihr könnt wieder nach Hause gehen.« Der Bauer ging, aber sein Herz war nicht leicht, »'s ist doch eine Falle,« sagte er sich; denn zu jener Zeit hat jeder dem Gericht mißtraut. Als er nach Hause kam und der Franzel noch immer nicht davongegangen war, wollte er ihn zur Flucht bewegen. »Davonlaufen mag ich nicht,« sagte der Bursche trotzig, »dann täten sie mich erst recht für einen Spitzbuben halten.« Am nächsten Tage kam auch der Patritz heim und wußte zu sagen: Alles sei abgetan. Aber den Franzel möchten sie sehen. Der Alte schlug die Hände über den Kopf zusammen: Jetzt sei alles verspielt. Der Franzel aber ging nach Lienz. Die Herren schauten ihn mit Wohlgefallen an und meinten, wenn er schon so eine gute Hand zum Zeichnen habe, so solle er ihnen einen Beweis geben. Der Franz nahm Bleistift und Papier und porträtierte einen nach dem andern. Und als sie die Bilder sahen, da waren sie darüber eins: das wird kein Banknotenfälscher; der findet sein Fortkommen und seinen Ruf anderswo. – Es kam jetzt noch eine kurze, aber lustige Bauernlebenzeit. Der Patritz heiratete seine Maria, und es ist ein Paar geworden, an dem die Leute noch heute ihre Freude haben. Und der Franzel? Ihr lieben Leute, den findet ihr nicht mehr in der Gegend. Er lebt in einer großen Stadt und ist ein berühmter Mann. Gern erzählt er noch von jener harmlosen, aber nicht ganz ungefährlichen Geldmachergeschichte. Was er heute schafft, das ist mehr wert, als alle Papier-Banknoten auf der ganzen Welt zusammengenommen – es sind die herrlichen Bilder aus dem Tiroler Volksleben; denn der Träger dieser kleinen Geschichte ist kein anderer als unser – Franz Defregger. * Die Geschichte vom jungen Geldmacher ist zwar jetzt aus. Aber es muß doch noch erzählt werden, wie das weiter ging. Es fängt mit dem Gerede der Leute an, das einige Jahre nach obiger Geschichte folgendermaßen lautete: »Der Franzl hat jetzt den Ederhof z' Stronach übernommen? – Das ist der Rechte! Ich sag' nur soviel: Schaut euch nach etlichen Jahren sein Hausdach an! Zerrissen und verwindiert. Weil's nachher – malerisch ist. Und seine Melkküh' schnitzt sich der aus Zirmholz.« – So sagten die Bauern von Dölsach. Und die Weiber und Mädchen: »Wird er bald heiraten, der Franzl?« Die Leute redeten und der Franz wirtschaftete auf dem überkommenen Gute seines Vaters. Es ging nicht besser und nicht übler wie bei den Nachbarn; es war ein großer Grund, aber ein kleiner Erwerb, es waren keine Schulden da, aber auch kein Bargeld, es war schier wie an jenem Orte, wo nach dem Volkswort die ungetauft verstorbenen Kinder hinkommen: keine Freud' und kein Leid. Aber der Franzl war kein ungetauftes Kind, und »keine Freud' und kein Leid«, das war ihm zu langweilig. Wenn er noch Zeit zum Schnitzeln hätte! Wie glücklich sind doch die Grödner Holzschnitzer, die Pitztaler Herrgöttlmacher, die Tessiner Bilderhändler! Die lassen ihre Landwirtschaft den Weibern und widmen sich der Kunst, und reisen mit ihren Werken in der Welt herum und führen ein fröhlich Leben. Einmal war der Franz gar schon dran, ins Pitztal auszuwandern und sich dort dem Schnitzen hinzugeben – Werke zu schaffen, vor denen die braven Tiroler auf den Knien liegen, wie vor dem lieben Gott selber. Der Gedanke tat ihm wohl, wenngleich er sich der Sehnsucht nach Künstlerehre nicht bewußt war. – Aber er war an den Ederhof gekettet und gab sich drein. Eines Abends, der Franz saß gerade beim Anschaften einer Stallgabel – war ja auch Schnitzarbeit! – trat der Unterschlager Martin aus dem Iseltale ins Haus: Ob er fleißig wär', der Ederhofer? ob er nicht schon bald Feierabend mache? Der Franz antwortete, was man eben darauf zu antworten pflegt, und der Martin möge abrasten, und es sei jetzt ein passabel schönes Wetter und was es Neues gebe in Lienz? »Laß gehen,« sagte der Martin und warf die Hand so hin durch die Luft, »in diesen Bergen gibt's nie was Neues. 's ist ein ödweiliger Weltwinkel.« »Der Weltwinkel ist nicht zuwider,« sagte der Franz. »So?« darauf der andere, »na, du schaust mir nicht darnach aus, als ob's dir just gefallen tät' dahier.« Der Franz schlug den Gabelstiel an, schob die Achseln in die Höhe und murmelte: »Was kann man machen?« »Eder,« sagte der Martin und blickte ihm scharf ins Gesicht, »geh mit!« »Wohin?« »Nach Amerika. – Jetzt schaust drein! Du, auf das Dreinschauen von dir hab' ich mich schon lang' gefreut. Ernsterweis', Eder, ich bin der Sach' wegen da. Sind allzuschlechte Zeiten jetzt im Land Tirol. Wir, an zwanzig Bauern aus dem Iseltal und auch von der Draugegend wandern aus in die Neue Welt. Und sie lassen dich fragen, ob du dabei bist.« Der junge Eder warf die Stallgabel in die Ecke und sah dem Martin frisch und munter ins Gesicht. Der Iseltaler – es war der wortfähigste, den sie schicken konnten – setzte das Unternehmen jetzt auseinander, sprach von den deutschen Ansiedelungen in Peru, von einer tirolischen Kolonie, von einem Neu-Innsbruck am Maranon, und wie man sich dort für geringes Geld große fruchtbare Grundstücke erwerben könne, auf denen aller Lebensbedarf selber wachse, so daß der Eigentümer zum größten Teile seinen Lieblingsbeschäftigungen leben könne. – Bauerngüter seien jetzt leicht an Mann gebracht. In drei Monaten, um Jakobi, wären sie reisefertig und schifften sich in Bremen ein. – Er sollte sich's überlegen. Der Franz trommelte mit den Schuhspitzen auf dem Boden und dachte nach. Er hatte schon manches von Amerika gehört und gar selber gelesen; nicht zu leugnen, es war ihm auch schon einmal der Gedanke gekommen, die Neue Welt müßte besser halten, als die Alte. Jetzt hob er den Kopf gegen den Martin und sagte: »Wo kann man euch finden, jetzt die Sonntage?« »Auf der Post in Lienz sind wir allemal beisammen. Etliche haben ihre Häuser schon verkauft, andere sind noch in Unterhandlung. Der Zirbelhofer heiratet noch eher seine saubere Matreierin. Sollst du auch tun, Franz, wenn's dazu kommt – daß es eine Kurzweil gibt auf der See. Und kernechte Tirolerkinder, nachher drüben. Überleg' dir's halt.« »Will mir das Ding überlegen,« meinte der Eder, aber mit einer Miene, aus welcher der Martin nicht klug werden konnte, war's Spaß oder Ernst. Der Iseltaler ging davon und berichtete den Genossen: »Schwerlich, daß er wird mit dabei sein, der Eder z' Stronach. Er hat g'rad nit ja und nit na g'sagt.« Einige Tage darauf war eine Hochzeit beim Wirt in Dölsach. Die Verwandten Ederhofers waren auch dabei. Das dürfte eine Gelegenheit sein, dachte sich der Franz und ging des Abends, als es finster wurde, ins Wirtshaus nach. Da hatte er guten Empfang, bei den Tischen wollten sie den unterhaltsamen Burschen haben und auf dem Tanzboden auch. Er entschied sich für den Tanzboden. Mit den hübschesten Dirndln der Gemein hopste er und bei jedem dachte er insgeheim: Wolltest du mit übers Wasser? – Sie lachten ihn alle so treuherzig an und sie ahnten es nicht, daß jetzt auf einmal das große Wasser lag zwischen ihnen und dem lieben, flinken, dunkelgelockten Eder-Franz. Erst nach Mitternacht zog sich der Franz in eine Nebenstube zurück, wo mehrere seiner Grundnachbarn und Verwandten im Gespräche saßen. Sie sprachen über Wirtschaftssachen und daß jetzt billig Häuserkaufen wäre, da ein ganzes Rudel Iseltalerbauern nach Amerika auswandere. Mehrere Kauflustige waren darunter. »Kauft mir das meine ab!« sagte der Eder plötzlich. »Dein Haus? Ist es feil? Gehst etwa auch ins Amerika, Franz?« »Freilich.« »Zweimal darfst es nicht sagen, so glaub' ich's,« rief seine Schwester. »Gleichschauen tät's dir, daß du auf einmal davonliefest, so weit der Himmel aufgespannt ist.« »Mir ist's recht, daß wir heut' beisammen sind und davon reden können,« sagte er, »ihr wißt alle miteinander, daß ich meines Vaters Wirtschaft, so lang' ich sie hab', nicht verschandieren werde, wißt aber auch, daß ich keine rechte Freud' dran hab'. Nehmt ihr von meinen Geschwistern eins das Haus, – ich verkauf mein Teil – probier' mein Glück auf andere Art. Was kann mir denn geschehen, wenn ich nach Amerika gehe?« Sie blickten alle auf ihn hin. Der Eder sah nicht aus, als wolle er spaßen. Seine Schwester riß gleich die Schürze zum Gesicht und schluchzte: Das hätt' sie ja gewußt, hätt' sich's immer gedacht, der Franzl würde auf einmal so was anfangen. Jetzt sei das Unglück da. Der Franz lachte überlaut, er sehe kein Unglück, und schon vor Zeiten, da sie noch keine Eisenbahn und kein Dampfschiff gehabt, hätten sie schon gesungen: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. »Na, na, Franzl,« sagte ein schon betagter Vetter und legte die hagere Hand auf den Arm des jungen Mannes: »Das ist nichts, das mußt du dir aus dem Kopfe schlagen. Bleibe im Land und nähre dich redlich, heißt's.« Es wäre schon gut, sagte der Eder, aber es wäre auch spät, er wünsche allen eine gute Nacht. Stand auf, ging davon. Die Schwester war verzagt. »Es ist so viel, als wie wenn er schon fort wär',« meinte sie, »was sich der einbildet, das führt er aus.« »Oho, da werden schon auch noch andere Leute was d'reinzureden haben!« rief ein Greis vom Nachbarstisch her, »ich bin sein Göd und den Göden hat er zu fragen. – Daß er am End' heimkäm' wie ein Haderlump und brächt' uns das gelb' Fieber mit und andere Schlechtigkeiten. Lieber geh' ich ins Amt und laß ihn noch einmal assentieren. – Schau da her!« Die komische Entrüstung des Alten weckte eine Gegenströmung. Mehrere junge Leute riefen, wenn der Eder-Franzl nach Amerika gehe, so gingen sie auch mit. Mädchen liefen herbei, was das für eine Mode wäre, auf dem Tanzboden kein einziger Tänzer mehr! Amerika! – Aber die Fiedeln übertönten schließlich das Wort. Am nächsten Sonntag nachmittags nach dem Segen kamen sie im Ederhofe zusammen, die Geschwister, Schwäger, Vettern und Muhmen des Franz. Zuerst lobten sie seine Wirtschaft, den stattlichen Hof, den weiten Ackergrund, die schöne Alm, und was das für ein Glück war', heutzutag' hausgesessen zu sein, und daß einer wisse, wo er daheim sei und seine Freunde finde, so oft er sie brauche. Franz freute sich, nur Gutes zu hören von denselben Leuten, die sonst immer mit seinem Hauswesen zu nörgeln gehabt hatten, denen sonst weder er, noch die Dölsachergegend, noch sie selbst recht gewesen waren, die dem lieben Gott unter der Hand seine Welt ausbessern wollten, oder ihm weisen, wie man am besten eine neue erschaffe. Als sie nun aber in ihrem Gespräche der Wendung immer näher kamen, unterbrach sie der Franz: »Laßt's gut sein, Leut', mich g'freut's, daß ihr mich doch gleichwohl noch so gern habt; das wird mir wohl tun, wenn ich in der Fremde bin.« Jetzt fuhren sie los: »Du darfst nicht fort!« »Dein Vater müßt' sich noch im Grab umdrehen, wenn du den guten, alten Ederhof so wolltest verscherzen!« »Und ein Vagabund wolltest werden –« »– und zu den Heiden wolltest gehen –« »– und so viel Schand' bringen auf deine Landsleut'!« »Wenn du den Hof verkaufst!« rief ein Ältester von Dölsach, »so legt die Gemeinde das Geld in Beschlag, wie's für einen Verschwender gehört.« Da ließ der Franz seine Hand plötzlich stark auf den Tisch fallen und sagte: »Jetzt hab' ich genug! Noch ist das Haus mein und das sag' ich euch: wenn ich gehen will, euretwegen bleib' ich nicht!« »Ist auch gut,« brummten sie, »weil wir's nur wissen.« Und verloren sich nach und nach aus dem Hause. – Und der Eder ging wiederholt nach Lienz, kehrte auf der Post ein und unterredete sich mit den Iseltalern. Ein Käufer fürs Haus war auch gefunden. Franz wollte nur früher noch mit Bruder und Schwester reden und ihnen in ernster und gütlicher Weise die Sache klarlegen, und sie dahin bringen, daß sie mit seiner Auswanderung einverstanden wären. Der Bruder hatte schließlich nichts mehr dagegen, nur meinte er, dürfe der Franz nicht allein fort, auch er würde mit ihm gehen. Jetzt saß der Franz erst recht in der Klemme; den jungen Burschen, der niemals nach weiterem gestrebt hatte, als was eben ein Bauernjunge im Gebirge bedarf, mitzunehmen, konnte er nicht wagen; ihn zurückdrängen war dasselbe Unrecht, was die anderen an ihm, dem Franz, begingen. »Ja, Brüderl,« sagte Franz, »ließe dich denn die Hannele mit?« Der Bruder schwieg, das war ein Punkt, der erwogen sein wollte. Und nach einiger Zeit kam er darüber ins reine; es würde denn doch wohl das Vernünftigste sein, der Franz tue nach freiem Willen, und er aber bliebe daheim. Aber bei der Schwester ging es schwerer. Sie hing mit leidenschaftlicher Liebe an ihrem Bruder, und hub in dieser Zeit schon immer zu weinen an, so oft sie ihn ansah: »Gerad', als ob du mir auf der Totenbahr' lägest. Gestorben bist mir schon und fortgetragen haben sie dich noch nicht.« Er war heiter und schmeichelte ihr bisweilen ein Lächeln ab, und bat sie dann, sie möge die Sache mit Ruhe und Vernunft überlegen; nach Amerika sei es heute nicht weiter, als wie früher nach Galizien, nach Siebenbürgen hinein, wohin doch so viele Tirolersoldaten marschiert und glücklich wieder zurückgekommen wären. Auch er komme wieder zurück, er bleibe nicht im fremden Land, er suche nur sein Glück und würde es finden, und würde in wenigen Jahren die Mittel erwerben, sich seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Bildschnitzen hinzugeben – und dann würde sie erst sehen, was sie für einen Bruder habe! So sagte sie endlich, wenn er in dieser Auswanderung denn sein Glück zu finden hoffe, sei es im Gottesnamen – sie füge sich; nur auf seine Gesundheit sollt' er schauen. Am nächsten Feiertage sollte der Hausverkauf amtlich geschlossen werden. Am Vorabende kam der Schwager Tritz und nahm den Franz mit ins Dorf und ins Wirtshaus. Da waren schon Leute beisammen, taten aber, als ob sie ganz zufällig so zusammengekommen wären. Der Herr Pfarrer war auch da. – Die Unterhaltung wollte nicht recht vorangehen. Eine lange Weile wurde vom Wetter gesprochen, dann eine halbe Stunde lang von der Klauenseuche, die auf den Almen grassiere, endlich wußte man, daß es mit der Eisenbahn durch das Tal, von Franzensfeste her doch Ernst werden würde. Aber merkwürdigerweise war heute kein rechtes Leben an der Eisenbahn, die Leute kamen bei dem Diskurs nicht in die Hitze wie sonst, und das Gespräch wollte wieder versickern. »Ja, einer muß doch anfangen,« flüsterte man und trat einander unter dem Tische auf die Füße. So fing einer an: »Ja, die Eisenbahn, die sollt' halt in acht Tagen schon fertig sein.« »Warum?« fragte man. »Damit unsere Auswanderer nach Amerika gleich per Dampf könnten abfahren.« Die Wendung war plump, aber sie war gemacht und nun mußte man – wohl oder übel – den Stier bei den Hörnern packen. Der Pfarrer erhob sich von seinem Platze und setzte sich an die Seite des Eder-Franz. Da schwieg noch alles. »Franz,« sagte der Pfarrer und schmiegte sich an den Angesprochenen, »Franz, ich kann's nicht glauben, daß du uns verlassen willst.« Nach einer Weile antwortete der Eder: »Ja doch, Herr Pfarrer.« »Es ist nur ein Spaß gewesen oder fürs höchste eine kleine Übereilung, nichts weiter. Du bleibst uns daheim.« »Es ist schon alles so ziemlich in Richtigkeit. Mein Haus ist so viel als verkauft; habe darauf schon die Hand gegeben.« »Der Handel geht wieder zurück!« riefen mehrere, »dafür sind wir da ! Schau, was sollt' denn aus der Dölsacher Musikbande werden, wärest du nicht dabei? – Du bleibst bei uns, Franz. Da kannst treiben, was du willst, wir lassen dich nicht fort!« Sie fielen ordentlich über ihn her und hielten ihn an den Händen und schlangen ihre Arme um seinen Nacken. Lauter Nachbarn und Schulfreunde von ihm waren es. »Schau,« sagte jetzt der Pfarrer wieder, »könntest es denn übers Herz bringen? An jedem dieser Freunde, die dich heute an ihre Brust schließen, hängt ein Stück deiner Kindheit und Jugend. Mir bist eines der liebsten Pfarrkinder seit je gewesen; ich weiß am besten, wie treu du stets gehangen hast an Vater und Mutter, an Geschwistern und Freunden, an der ganzen Gemein. Wie, daß du dich jetzt loszureißen vermöchtest für immer aus dem heiligen Verband, der Freud' und Not zu jeder Zeit brüderlich mit dir getragen hat; daß du dich jetzt könntest trennen von dem stillen, alpenumfriedeten Tale der Heimat, um, ein Abenteurer, auszuwandern in einen fernen Weltteil, einer höchst unsicheren Existenz entgegen, um in der Jagd nach Gold vielleicht unter wilden Stämmen elendiglich zugrunde zu gehen! – O blicke hier hinaus, wie friedlich deine altehrwürdige Pfarrkirche im Mondlichte steht! – Franz! an diesen Kirchhofmauern ruhen die Gebeine deiner Eltern, deiner Vorfahren, die der treuen Heimat treu geblieben sind ...« Der Eder riß sich los, sprang auf und schritt rasch hinaus in die Stille der Mondnacht. Er stützte sich an einen Pfeiler und krampfig hob und senkte sich seine Brust. * Am anderen Tage unterzeichnete er den Kaufvertrag – und das Heimathaus war in fremden Händen. Aber zurzeit ging ein Gerücht, die Abreise der Auswanderer sei verschoben worden. In das Iseltal waren durch Zeitungen und Privatbriefe beunruhigende Nachrichten gekommen: man möge sich wohl vorsehen, mit der amerikanischen Angelegenheit stünde es nicht ganz so, wie man etwa glaube; die Reise nach Peru sei viel kostspieliger, als es die Agenten eingestehen; in Peru sei Grund und Boden längst verteilt und bevölkert, und in den Gold- und Silberminen fänden wohl Tausende ihr Elend und ihr Grab, aber nur wenige ihr Glück. Die Eingewanderten, die der Landessprache nicht mächtig, das Klima und die Lebensweise nicht gewöhnt wären, würden bald das Opfer gewissenloser Spekulanten oder böser Seuchen; glücklich noch diejenigen, die einen letzten Blutpfennig besitzen, um wieder in die alte Heimat zurückzugelangen. Ja, dachte der Eder-Franz: von solchen Gründen lasse ich mich gern bestimmen. Und aufrichtig, ich wüßte nicht, ob ich es übers Herz gebracht hätte, der Heimat, den Verwandten, besonders der Schwester, die so sehr an mir hängt, Ade zu sagen. Auf der Post zu Lienz blieb bald einer und der andere der Amerikalustigen aus und die Sache schlief ein. Unser Franz aber stand da und hatte kein Haus und kein Geschäft. Jetzt gab es wieder gar nicht viele zu Stronach und Dölsach, die sich sonderlich um ihn kümmerten; wohl aber etliche, die heimlich lachten über einen, der da zwischen zwei Stühlen auf dem Lehm saß. Saß eines Tages wirklich auf der Lehmbank am Wege, als zwei Maurergesellen, gute Bekannte von ihm, die wie er zu der Dölsacher Musikbande gehörten, mit Stock und Reisesack bepackt daherkamen. »Ei, wohin denn?« fragte sie Franz. »Ins Amerika,« antwortete der eine, schmunzelte aber dabei, daß man sah, es war ein Schelmenwort. »Nach Sprugge (Innsbruck) gehen wir,« sagte der zweite, »wenn du mit willst, Franz?« Meinte der Franz: »Ihr habt mir's zu eilig.« »Wir warten auf dich, wir packen sogleich ab, wenn du hernach mitgehst.« »Welchen Weg nehmen wir?« »Wir reisen dem Land nach« (nach der Landstraße). »So laßt Zeit ein paar Tage.« »Was fangen wir an dieweil?« »Ich weiß euch was,« sagte Franz. »In Drauburg ist morgen Hochzeit. Eine Wegmacherdirn heiratet. Die kann sich nicht viel kosten lassen; der spielt ihr den Hochzeitsmarsch und ein paar Tanzeln im Wirtshaus auf. Die dankt euch's ihr Lebtag lang. Und ich bin, dieweilen ihr geiget, fertig.« So war's den Maurergesellen recht. Sie gingen mit ihren Musikinstrumenten nach Drauburg. Der Franz ging zu seiner Schwester und erzählte ihr von seinem neuen Reiseziel. Ihr war auch das nicht recht. – Er vertut sein Geld und wird vom Glauben abkommen. – Nichtsdestoweniger ging der Franz nach Innsbruck. Es war im Frühjahr 1860. Es war eine lustige Burschenreise mit den zwei Maurergesellen – alle drei Musikanten. Bald hernach schrieb er einen Brief an seine Schwester, in welchem unter anderem auch folgendes stand: »Als wir das letztemal beisammen wahren, da wahr mein Herz noch so bedrängt, das es mir stäte Trehnen aus den Augen preste und so mußte ich euch in meiner Heimat verlassen. Aber nach Regen kommt Sonnenschein. – Den als ich zum erstenmale Innsbruck erblickte, da wahren meine Trehnen abgewischt. (Hierauf schreibt er von einer Reise, die er nach München, Augsburg und Kempten machte.) Und jetzt ist mein einziges Bestreben nach meinen Vorhaben, den meine Provesion scheint auch nicht schlecht zu sein, wenn ich einmal weitere Vortschritte machen kann. Und ibrigens bin ich ganz gesund Gott sei Dank, wie ich euch auch alle anzutreven hoffe und es geht mir recht gut. Und wenn du vielleicht gedenkest jetzt ist er in einer Stadt da wird er sich nur an eitelkeit und underhaldung ergozen, und beten wird er nichts, so irrst du dich treue Schwester den Innsbruck bietet zum guten eben so viel gelegenheit dar, als zum schlechten denn an Kirchen velt es ja nicht wenn man behten will. Seit nun tausendmal gegrüst treue Schwester u. s. w. – Die Adres ist zu machen. An Erwirdigen Herrn Michael Stolz Bildhauer k. k. Riallehrer in Innsbruck.« Franz war nämlich in die Zeichenschule gegangen, wo er unter der Leitung des Professors Stolz ungefähr drei Monate lang Unterricht nahm. Da zeigte es sich denn, daß in diesem Bauernburschen mehr stecke, als bloße Auswanderungslust und als Neigung für Baumrindenschnitzereien. Dem fehlt nur ein großer Lehrmeister, dachte sich Professor Stolz, und empfahl seinen Zögling dem Maler Piloth in München. So kam der fünfundzwanzigjährige Franz von Stronach aus Innsbruck in die Großstadt, in die Maler- und Künstlerstadt an der Isar. Dort begann er mit Hilfe seiner aus dem Hause gelösten Geldsumme ein geordnetes Studium. Er besuchte die Gewerbeschule und trat bei Meister Piloth in die Lehre. »Was?« sagte Piloth eines Tages; »Sie wollen auch Maler werden? Da haben Sie eine schwere Aufgabe in den heutigen Tagen!« Sah aber bald, daß der gelehrige, geniale Schüler die schwere Aufgabe überwinden dürfte. Ein andermal stand Franz vor einer Gemäldeauslage in der Stadt und hörte hinter sich die Bemerkung: »Ja, die Bilder sind schön. Nur schade, daß die Maler verhungern müssen.« Aber er verlor nicht den Mut – er lernte und lernte. – Wenn ich's nur einmal so weit bringe, dachte er, daß ich mir täglich zwei Gulden verdiene! – Er hat's noch weiter gebracht. – Piloth gewann den schlichten, offenen Tiroler bald lieb, und oft sah man an seiner Seite den strammen Alpenburschen, der noch seinen grauen Lodenrock und eine mit Pfauenfederkiel gestickte Leibbinde trug, durch die Gassen wandeln. Piloths Haus und Atelier standen ihm stets offen und war ein eigenes Klopfzeichen an der Tür verabredet, das ihm zu allen Tagesstunden Einlaß verschaffte. Später lebte der junge Maler aus den Tiroler Bergen ein paar Jahre in Paris, kehrte dann (1865) aber mit um so größerer Freude in die Alpenheimat zurück – ein ganz anderer, als der war, welcher fünf Jahre früher mit den Maurern davongezogen. Solange er unter den Leuten und Naturgegenständen noch Skizzen fummelte – hier einen Kopf, dort eine Hand, ein Tier, einen Baum, da ein Geräte, ein Haus, einen Stein – solange lächelten sie über sein Gehaben. Als er aber den Dölsachern für ihre neue Kirche das herrliche Altarbild malte, die heilige Familie – da lächelten sie nicht mehr, da wollten ihre Hände sich schier heben zum Hutabnehmen vor diesem Manne. Der Kinderkittel In mein drittes Lebensjahr gekommen, entdeckte ich an mir etwas sehr Widerwärtiges. Einen Kinderkittel. Einen blaubarchentener Kinderkittel mit Armlöchern und Hinterschlitz, genau so einen, wie ihn meine ältere Schwester trug. Nun war aber meine ältere Schwester ein Mädel, was bei mir nicht zutraf. Die Schwester gehörte zur Mutter, hieß es immer, und ich zum Vater. Nun hatte aber der Vater keinen Weiberkittel an, sondern eine graue Hose mit grünem Hosenträger über dem roten Brustfleck. Also war es eines Morgens, als die Mutter mir den Kinderkittel über den Kopf streifen wollte, daß ich mich verzweifelt dagegen sträubte. Ich wolle nicht mehr hinein und nicht mehr hinein, ich wolle eine Hose haben! »Eine Hose, die wirst du auch kriegen, mein Kind,« sagte die Mutter, »aber früher mußt du dir mancherlei Dinge abgewöhnen. Sobald du dir den Zutzel abtust, kriegst du die Hose.« Es war nämlich, daß ich den Zulp im Munde hatte. Da war in einem weißen Leinwandfetzen geschnittene Semmel und Zucker eingebunden, so daß es ein Knötlein bildete. Dieses Knötlein wurde in warme Milch getaucht, bis der Inhalt sich geweicht hatte, und mir dann in den Mund gesteckt, so oft ich unruhig, ungebärdig war, so oft ich drohte, es zu werden, oder auch, wenn ich schlafen sollte. Es war ein Ersatz für die Mutterbrust gewesen, die mir ein Jahr früher entzogen worden; ich hatte mich nun so sehr an den »Zutzel« gewöhnt, daß er mir fast den ganzen Tag im Munde stak, selbst wenn er schon ausgesogen und eine plattgedrückte ödschmeckende Lutsche war. Er stak im Munde, wenn ich einschlief und wenn ich aufwachte, war mein erster Schrei nach ihm. Und diesen Unentbehrlichen sollte ich hingeben um die Knabenhose! Ich war aber sofort dazu entschlossen, wurde jedoch wieder rückfällig, noch bevor der Schneider die Sache fertig hatte. Nur daß ich's heimlich tat, was öffentlich nicht beliebt war, in Abwesenheit der Leute, die mich darob ausgespottet hätten. Einmal war ich krank, da bekam ich den Zutzel sogar ohne Ausschluß der Öffentlichkeit und ohne Spott, was mir sehr wohltat. Eines Tages aber, als ich am Herde hockte und wieder recht lebhaft sog und schmatzte, kam mir plötzlich, ohne äußeren Anlaß, die ganze Schmählichkeit der Sache ins Bewußtsein, ich riß, den Zulp aus dem Mund und warf ihn ins Feuer. Diese Mannestat gab mir, wie ich glaubte, volles Anrecht auf die Hose, allein mein Vater sagte, es hätte noch einen Haken. Ich müßte auch noch die Docken fortwerfen und anstatt mit derselben mit Peitschen und sich fichtenzapfenen Rössern spielen. Ich hatte nämlich gleich meiner Schwester aus alten Lappen ein striezelförmiges Ding gebunden und dasselbe wie ein kleines Kind geschaukelt, geatzt und liebkost; ihm auch mit einem Löffel manchmal Suppe in den Mund geflößt, der gar nicht vorhanden war; es in ein Bettl gelegt und in den Schlaf gelullt, ohne daß es je einmal wach gewesen. Diese süße Beschäftigung sei, so hieß es, wohl eine Arbeit für das Mädel, aber nicht für den Knaben, der seine Beine schon in die Hose stecken wolle. Das sah ich ein, das Kindl adoptierte meine Schwester, und ich war frei. Einige Tage nachher brachte mein Vater ein Paket nach Hause; es war in blaues Papier gewickelt, er hielt es mir vor die Nase und sagte, ich solle riechen, was drin sei. Endlich enthüllte er ein Höselein aus braunem Zeug und mit Drahthafteln. Ich weiß nicht, was wonniger war: als ich den Kittel das letztemal auszog, oder als ich die Hose das erstemal anzog. Ersterer bekam einen verächtlichen Fußtritt und doch kehrt man einst zu ihm zurück. Denn wie merkwürdig: der Kittel ist männlichen, die Hose weiblichen Geschlechts! – Der Kittel wurde nun von der Mutter als Schreckgespenst aufgestellt: »Wenn du in dem neuen Hösel nicht ordentlich bist, so mußt du wieder in den Kittel zurück!« Die eiserne Jungfrau mit ihren Messern konnte nicht gefürchteter sein, als es von mir der Kinderkittel war. Mein heimliches Grauen wich erst, als mein jüngerer Bruder in denselben hineinwuchs und für mich die Gefahr demnach beseitigt war. In der Hose war es herrlich! Am ersten Tage schritt ich beständig die Stube auf und ab und blickte nieder auf meine Beine und die schönen Falten, welche die Braune bei jedem Schritt abwechslungsweise einmal nach rechts, das andere Mal nach links zog. Nur schien mir – nach Vergleich mit anderen Beinkleidern – einiges nicht an der richtigen Stelle angebracht zu sein. Mein Vater sagte, das würde sich ändern, sobald mein sauberes Verhalten verbürgt sei. Und schon die zweite Hose hatte die richtige Bauart, sie war jedoch wieder aus braunem Zeug, hatte noch immer Drahthafteln. Die Beinknöpfe kämen erst, bis ich mir angewöhnt hätte, des Morgens sogleich nach dem Gewecktwerden aus dem Bette zu steigen und mich ordentlich mit kaltem Wasser zu waschen. Es ward auch das und nun kamen schwarzglänzende Beinknöpfe. Auch ein gleichfarbiges Jäckel gab es und einen roten Brustfleck, über welchen der grüne Hosenträger ging. Dieser Hosenträger diente hauptsächlich dazu, daß er in der Schule mir ein Beispiel gab, wie ein großes H aussieht. Es wäre das schon recht gewesen, wenn nur die Nachbarburschen nicht graue Anzüge mit grünen Aufschlägen getragen hätten. Wie mußten diese Burschen glücklich sein! Ganz bescheidentlich wurde darauf hingewiesen, da sagte mein Vater: »Was du nicht alles möchtest, kleiner Knauß! Ein Steirergewand kostet mehr Geld als du wert bist. Bis du erst die Ochsen führen kannst, bekommst du graues Gewand mit grünen Aufschlägen. Es muß alles verdient sein.« Das ist auch in Ordnung, dachte ich, und ein halbes Jahr später führte ich schon die Ochsen, als wir das Heu und das Korn in die Scheunen taten. Das war aber nun nicht genug; um ein neues Gewand zu bekommen, mußte auch noch das alte zerrissen sein. Ich tat mein Möglichstes. Doch erst an meinem vierzehnten Namenstage kroch ich glückselig in die graue Tuchhose, die an beiden Außenseiten der Schenkel einen schmalen grünen Streifen hatte von oben bis unten. Und ich zog die grautuchene Weste an, deren Ränder ebenso grün ausgeschlagen waren; und ich schlüpfte in den grauen Tuchrock, der einen grünen Kragen hatte und über den Säcken grüne Deckeln, und Knöpfe aus Hirschhornknochen. Die Mutter hatte dazu ein rotes Halstuch gespendet, welches zwischen den weißen Hemdkragenflügeln ein niedliches Knötlein machte. Jetzt war ich's! Jawohl, Kleider machen Leute! und ich kann sagen, daß die Kleider mich erzogen haben. Schlimm stand zu solcher Pracht nur der schwarze Strohhut. Andere trugen dunkelgrüne Filzhüte mit breiten lichtgrünen Bändern. »Das einzige, was mir noch fehlt.« »Der grüne Hut kommt, bis du den Pflug führen und Gras mähen kannst,« sagte mein Vater. Ich versuchte diese Aufgaben alsbald zu lösen, aber es ging nicht, mein Leiblein war noch zu leicht für so schwere Arbeit. Erst im siebzehnten Jahre packte ich mit Erfolg den Pflug an den Hörnern. So war auch der Filzhut da mit dem grünen Bande. Um diese Zeit hatte ich auch etwas anderes bekommen, an das der strenge Vater keine Bedingung geknüpft, und das nicht wenig zu meinem Ansehen beitrug – einen Schnurrbart. Wenn auch einen ganz zarten. So hatte ich nun alles beisammen. Alles? Alles eigentlich doch nicht. Die Nachbarsburschen hatten auf ihren grünen Hüten Federbuschen mit weißen Flaumstößen und krummen Hahnenfedern. »Uh je!« sagte ich einmal, »die haben schöne Federbuschen.« Wollte aber nicht weiter anspielen. Der Vater überhörte die Bemerkung und pfiff so ein wenig mit gespitztem Munde. Er konnte das fein. »Auf grünen Hüten stehen sie gut, die Federbuschen,« sagte ich, um nicht näher anzuspielen. »Der Federbuschen geht mich nichts mehr an,« sagte der Vater; »der ist deine Sache.« Jetzt das verstand ich nicht. Denn ich hatte in den Säcken mit den grünen Deckeln kein Geld drin, hatte bisher auch keines bedurft, weil die Eltern für alles sorgten. Nun hieß es plötzlich: Der Federbusch ist deine Sache. Und so ein Ding kostete der Sage nach nicht weniger als drei Gulden. Sonach fragte ich eines Tages einen Nachbarsburschen, der mein Freund war, wie der Mensch zu einem Federbuschen kommen könne? Der Freund tat einen unbändigen Lacher, welcher mich fast in den Erdboden bohrte. Nach langem Schweigen fragte ich leise: »Wie ist das gemeint?« »Ha, ha, das ist gar nicht gemeint,« lachte er. »Einen Federbusch kauft sich kein Bursch. Den Vogel selber schießen!« »Hast du ihn selber geschossen?« fragte ich. »Kann schon sein, aber nicht mit der Büchsen.« »Womit denn?« Er zuckte die Achseln. »Wie also bist du zum Federbusch gekommen?« »Spendasche!« »Von wem denn?« »Von wem etwa?« fragte er zurück und schaute mich verschmitzt an. »Geh heim und denk nach, vielleicht fällt's dir ein, von wem man Federbuschen kriegt.« Ich ging heim, dachte nach, aber es fiel mir nicht ein, von wem man Federbuschen zur Spendasche bekommen könne. Es verging ein Tag und eine Nacht und fiel mir nicht ein. Es verging eine Woche, ein Monat, ein Jahr und fiel mir nicht ein. – Alles, vom ersten Hösel bis zu den grünen Aufschlägen, hatte sich so glatt entwickelt, und jetzt stockte es. Mein Vater sagte einmal, bis ich mir tüchtig verdienen könne, würde es auch eine Sackuhr geben, aber vom Federbusch sagte er nicht ein Wort. Nun war einmal Faschingtag und ich ging ins Wirtshaus. Mein Vater gab mir einen Silberzwanziger mit und ich solle zeigen, daß ich meines Vaters Sohn sei. Das dachte ich – würde doch wohl auch ohne Silberzwanziger feststehen. Aber ich nahm ihn sehr gerne. An der Wirtshaustür stand ein braunes Mädel in rotem Kittel, »Hei!« rief es mir entgegen, »jetzt kommt er. Der muß mich zum Tanz führen!« Vom Damm-Müller die Tochter war's, ich kannte sie vom Sehen schon lange und hatte mir oft gedacht: Wie kann die beim Wasser so braun werden? Schade, daß sie so braun ist! Ich wäre aber zu schämig gewesen, jetzt ein freundliches Wort zu ihr zu sagen, auch fiel mir keines ein; daher nahm ich sie bloß am Arm und führte sie in den Tanzsaal. Wir tanzten etlichemale herum, sie legte ihren warmen Kopf an meine Brust, ich neigte mich so über sie, daß meine Wange auf ihrem Haare lag, welches nach Nelkenöl roch. Lange hernach, wenn ich irgendwo Nelkenöl roch, fiel mir ihr Haar ein. Als wir nach einer Weile rasteten, sah ich zu meinem Erstaunen, daß die Welt noch auf ihrem alten Flecke stand, daß alles war wie sonst, ja, daß sich gar niemand um uns kümmerte, sondern alles vor sich ging, als wäre nichts geschehen. Und es war doch das Unerhörteste geschehen. Ich, der vor den Weibsbildern sonst geflohen war wie der Hase vor den Jagdhunden, weil ich mich schämte, anders zu sein als sie, dem heiß geworden war vor Angst, wenn er in Gefahr lief, von Mädeln angeredet oder gar gehänselt zu weiden: ich hatte jetzt mit einer getanzt, hatte meinen Arm um ihren Hals gelegt, hatte meine Wange an die ihre geschmiegt, der Hauch unseres Mundes war ineinander geflossen – so saßen wir jetzt nebeneinander da, und ich schaute verblüfft drein. Dann lachten wir uns an, sagten aber nichts zueinander. Etwas später teilte ich ihr mit, daß ich jetzt in die Zechstube gehen wolle und Wein trinken, und fragte, ob sie nicht auch durstig wäre? »Das ist gewiß,« antwortete sie, »willst mir Wein zahlen?« Da zog ich sie gleich mit mir fort, und wir aßen und tranken eine ganze Stunde lang, und die Wirtin bediente uns freundlich und emsig, als wenn wir ein junges Ehepaar wären. Wir sprachen während des Essens ein wenig davon, daß ihres Vaters Mühle schon seit langer Zeit vereist sei und daß endlich doch einmal wärmeres Wetter werden müsse. Als wir uns ohne viel Umstände gesättigt hatten, gingen wir, die Finger ineinandergehäkelt, in den Tanzsaal und tanzten bis Mitternacht. Um Mitternacht sagte sie: »So, das ist schön! Jetzt kommt mein Bruder nicht, mich zu holen, und ich kann allein nach Hause gehen.« Ihr Bruder war zwar auch im Wirtshause gewesen, doch seit einer Stunde verschwunden, ohne daß wir viel fragten wohin und warum. »Wenn es dir recht ist, so will ich mit dir bis zu deiner Mühle gehen.« So trug ich mich an. »Wird mir eine Gnade sein,« war ihre Antwort. Da stutzte ich und wußte nicht, war das ernst oder gefoppt. Ich ging mit ihr. Weil der Schneepfad enge war, so schritt ich voraus und sie hinter mir drein. »Es ist aber viel Schnee,« sagte sie einmal. »Sehr viel Schnee,« antwortete ich. Sonst redeten wir nichts unterwegs. Als wir an die Dammühle kamen, gab sie mir so ein wenig die Hand her und sagte: »Dank schön.« »Ist gern geschehen,« antwortete ich. Dann ließ ich ihre Hand fahren und wir gingen auseinander. Kaum ich allein war, wollte ich vergehen vor Reu und Leid; vor Reu, daß ich ihre Hand fahren gelassen hatte, vor Leid, daß ich plötzlich allein war. Das war doch nicht das richtige Ende gewesen von einem solchen Faschingstage. Solches war um Lichtmeß gewesen. Ich dachte nachher daran, und wenn ich daran dachte, so ward mir heiß und kalt, als stecke von jenem Tanzabende her ein heimliches Fieber in mir. Man sagt's ja immer, daß es nicht gesund sei, so aus dem heißen Tanzsaal in die kalte Nacht! Eine Woche vor Ostern kam ein Knabe und brachte mir ein Päckchen in rotem Papier. Das gehöre mir. »Was ist es denn?« fragte ich den Boten. »Ich weiß es nicht.« »Wer schickt es denn?« »Das sag' ich nicht.« Und lief davon. Das rote Päckchen war mit einem roten Bändchen umbunden. Ich knotete es mühsam auf, um zu sehen, was das doch für eine unerdenkliche Sach' sein könne – da hatte ich auf einmal einen Federbuschen in der Hand. Ein weißes Flaumstößchen und daran eine schwarze sichelkrumme Feder. Mein erster Gedanke: das ist von der Müllerischen! denn ich hatte inzwischen erfahren, daß nach altem Brauch ein Mädel dem Burschen, welcher es zum Tanz geführt und bewirtet, ein Seidentuch oder einen Federbuschen zum Gegengeschenk machen müsse. Daß der Federbusch gewählt worden, freute mich unbändig. Am Karsamstage steckte ich den Federbusch auf den Hut ins grüne Band und ging umher, zu sehen, was die Leute zu diesem Weltwunder sagten. Sie sagten nicht viel dazu, als ob sie es ganz für selbstverständlich hielten, daß auch ich etwas auf dem Hute trage. Und im Grunde war's auch selbstverständlich. Ich fühlte mich nun eine ganze Spanne höher gewachsen, so als ob der Federbusch ein Teil meines Leibes wäre. Am Abende, als es schon finster war und just der Vollmond aufging, schlich ich hinaus durch das Tal zur Dammühle. Als ich hinkam, stand dort am Gartenzaun das Mädel, aber es war der rauschende Bach zwischen ihm und mir. Ich schwenkte den Hut, da sah sie mich. Wir waren beide still und verständigten uns durch Zeichen. Ich setzte den Hut so auf, daß die krumme Feder keck nach vorne stand; sie neigte rasch den Kopf: das wäre schon recht. Ich suchte durch Deuten mit dem Finger zu fragen, ob sie die Spenderin wäre? Sie nickte wieder mit dem Kopfe. Jetzt warf ich ihr Kußhände hinüber; sie warf nichts zurück, hielt aber an den Zipfen ihre Schürze auf, um die geworfenen Küsse in derselben aufzufangen. Jetzt faßte mich ein solches Entzücken, daß ich einen Sprung machte zu ihr hinüber. Da plumpste ich in den Bach und rann rasch davon. Es ist weiter nichts gewesen. Bloß daß ich ertrunken wäre in der Radstube, wenn es mir nicht gelang, mich am Pfosten zu stemmen und am Mühlrade aufzurichten. Jetzt begann sich aber das Mühlrad zu drehen von meiner Schwere und ich kletterte von Daube zu Daube, und so weit ich emporkam, senkte mich das Rad wieder zurück, es war ein verdammter Spaziergang an den Radschaufeln hinan und mit den Füßen immer im Wasser – so dauerte es, bis der Müller den Spaß entdeckte und mich aufs Trockene zog. Was ich in seiner Radstube zu suchen hätte? Weiter nichts, als meinen Hut, der mir ins Wasser gefallen wäre. Dieweilen kam schon sie und brachte mir den Hut, den sie herausgefischt. Der Federbusch war zwar naß, trocknete aber sehr bald, und mich hatte der brave Müller eingeladen, in seinem Hause zu übernachten, damit meine Kleider trocknen könnten. – Zur Beruhigung derer, die sich etwa um meine Gesundheit kümmern sollten, teile ich mit, daß ich in jener Osternacht sehr gut geschlafen habe. Am nächsten Morgen begegneten wir uns unter der Haustür. »Mädel,« sagte ich rasch, »du gefällst mir, magst mich?« »Bist mir auch nicht zuwider,« antwortete sie. Die Verhandlung dauerte nicht drei Sekunden. Und so hatte ich endlich alles beisammen, ich hatte die Hose, den grün ausgeschlagenen Rock, den Steirerhut, den Federbusch und das Mädel. Heute habe ich noch mehr. Ich habe einen dreijährigen Knaben, der einen blaubarchentenen Kinderkittel mit Armlöchern und Hinterschlitz trägt, im Arm ein kleines Kind aus alten Lappen schaukelt und an einem Zutzel lutscht. Wer des Knaben weitere Geschichte wissen will, der mag vorne bei diesem Kapitel wieder anfangen. Ich behaupte nur das: so widerwärtig uns Männern der Kinderkittel auch sein mag, wir kriegen ihn doch nicht los, wachsen wir an der einen Seite aus ihm hinaus, so wachsen wir an der anderen wieder hinein. »Und es ist recht gut so,« schloß der Mann, der mir diese seine Kittelgeschichte erzählt hat. Die Magd mit dem zugenähten Kittelsack Beim Stecken im Stock hatten sie eine alte Magd. Die war weltberühmt, nämlich ihr Ruf ging durch das ganze Waldland, nach der einen Seite bis zur Mürz hinaus und nach der anderen Seite bis in das Tal von Stanz hinüber. Und noch unermeßlich weiter. Die Leute erzählten sich eine Mär, daß sogar in Graz unten, in der großen Herren- und Frauenstadt, die Magd Ernesta Guggenhoferin irgendwo ehrenhaft festgeschrieben sei. Diese merkwürdige Magd hatte nämlich einen zugenähten Kittelsack. Werktags merkte man nichts. Wenn da ein kümmerliches Menschenkind herumstand, das offenen Auges in den blauen oder grauen Himmel hineinfragte, ob nicht etwa einmal was zum Essen herabfiele, fuhr die Ernesta in ihren Sack und zog eine Brotrinde hervor, oder ein paar gedörrte Birnen, oder gar einen Kreuzer, und bat das Menschenkind, ob es nicht so gut sein und das Ding annehmen wolle, sie könne bei der Arbeit im Sack die Knötteln nicht leiden. Am Sonntag jedoch, wenn sie über den Bergrücken hin nach der weißen Kirche der heiligen Katharina ging, hatte sie am Leib einen wulstigen kurzen Zwilchkittel. Der hatte rote und schwarze Streifen, die von oben bis unten gingen, und hatte zwei tiefe Säcke, einen rechterhand und einen linkerhand, wie die Männer an den Hosen. Der zur Linken barg mancherlei Sachen, als den roten Taschenfeitel, den braunen Rosenkranz und wohl manchmal auch eine Semmel oder ein paar Birnen, eben für solche Menschenkinder, die in den Himmel hinaufschauen, ob nicht etwas zum Essen herabfiele. Wenn die Ernesta aber einmal gedankenlos in den rechten Sack fahren wollte, da – da glitt die Hand außen an den roten Streifen hinab und kam unverrichteterweise zurück, denn der Sack war zugenäht. Am Feldsteig, wenn sie über den Zaun stieg, da spielte es so, als ob in diesem Sack ein platter, eckiger Gegenstand wäre. Gebetbuch war's keins, weil sie gar nicht lesen konnte, und Dienstbotenbüchel war's auch keins, weil's bei der Ernesta derlei Faxen einfach nicht gab. Die Kennzeichnungen brav, fleißig und treu waren ihr Lebtag nicht über sie gesprochen oder geschrieben worden – was soll denn der Mensch anders sein? Davon redet man gar nicht. Dreißig Jahre lang war die Ernesta beim Stecken im Stock im Dienst gestanden als Stallmagd. Dann war sie eines Tages in das Amt nach Kindberg vorgerufen worden. Die einzige Schreckenszeit, die sie in ihrem Leben durchgemacht hatte, mit Ausnahme des Jahres, als die große Viehseuche gewesen und ihr alle Kühe und Kälber im Stall bettlägerig geworden waren. Und wenn sie jetzt eingesperrt werden sollte! Ja, warum denn, was hatte sie denn angestellt? Man riet ihr, der Vorladung sich zu widersetzen, aber sie dachte, dann könne es so sein wie mit der alten Zigeunerin, die von dem »Standarn« geholt worden war. Nein, sie wollte in Gottesnamen freiwillig gehen, und je näher sie dem schönen Marktflecken Kindberg kam, je mutiger wurde sie und je neugieriger, was man mit ihr wolle. Vor der Amtsstunde sättigte sie sich im Wirtshaus für alle Fälle noch mit einer Portion Fleischsuppe und einem Seidel Wein. Beim Amt gab es mehrere Leute, an keinem war etwas Verdächtiges zu merken. Endlich kam ein großer graubärtiger Herr, rief etliche Namen auf und auch den der Ernesta Guggenhoferin. »Sie sind das? Heißen Sie so? Beim Stecken im Stock, nicht wahr? Na gut.« Und dann kam's: »Sie haben dreißig Jahre lang ununterbrochen bei einem und demselben Bauern gedient. Sie bekommen hier ein Prämium.« – Ein braunes, ganz dünnes Büchelchen gab er ihr in die Hand. »Gut einstecken, daß Sie's nicht verlieren! Ja, jetzt können Sie schon wieder gehen.« Außer dem Orte bei dem ersten Baume setzte sie sich in den Schatten, um wundershalber einmal nachzusehen, was lauter in diesem Büchel drin sein werde. Ein Heiligenbild vielleicht oder gar die Mutter Gottes. Ob's wohl auch geweiht sein wird? Das hätte sie doch fragen sollen. – Mein Gott, schreiben lernen soll sie noch in ihren alten Tagen! Denn das Büchel hatte weiße, linierte Blätter, so wie bei einem Schulkind. Auf dem einen Blatt steht was geschrieben. Eine Aufweisung wird's sein, so was wird's sein. Was der Will, stecken wir's halt wieder ein und gehen heim. Die Leute im Steckenhofe zerbrachen sich die Köpfe, aber auch in den zerbrochenen war nichts vorfindbar, was über das braune Büchel hätte Aufschluß geben können. Wenn's der Waldbauernbub auch nicht weiß?! – Natürlich, der wußte es auch nicht. Der sah nur, daß auf dem einen Blatte eine geschriebene Zeile stand, Ziffern vorn und Ziffern hinten und dazwischen ein paar Namen, die kein Mensch lesen konnte. Aber siehe – ganz vorn, es war ein wenig zugeklebt – doch auch etwas Schöneres. Ein Engel und darüber mit zierlichen Buchstaben geschrieben: Steiermärkische Sparkasse. – »Aha!« sagten die Leute, »zusammensparen sollst was, Ernesta, so ist es gemeint. Nachher mußt Steuer zahlen. Weil's dein Geld haben wollen. Geh, wärst nit g'scheit!« Anders der Steckenbauer, als er selber das Büchel in Augenschein nahm. »Ernesta,« sagte er, schier feierlich ernsthaft sagte er es. »Gefreut mich, daß du das bekommen hast. Eine Auszeichnung. Verdient hast sie eh. Hundert Gulden hast in der Sparkasse liegen. Sie sind eine Ehrengabe von der Landschaft und gehören dein.« Nun und seither war's, daß die Magd einen zugenähten Kittelsack hatte. Sie blieb hierauf noch zehn Jahre beim Stecken, dann noch zehn Jahre und endlich war keine Rede mehr vom Bleiben und keine vom Gehen. Das Ansehen der alten Magd war hoch gewachsen. Nicht, weil sie ein gutes Dienstbot war, sondern weil sie Geld hatte. Eine Schüssel voll Geld, wenn's beisammen wär'. Hundert Gulden, nicht um einen Groschen weniger. Es gibt Leute, die in der Jugend ein unschönes Gesicht haben und erst lieblich anzusehen sind, wenn die aufgeblähten roten Wangen ein wenig schmächtiger und zarter werden und feine Fältchen bekommen. Der Bachleitner Hetzel fand, daß die Ernesta immer hübscher werde. Der Hetzel war ein ausgedienter Soldat und Wassermeister in der Gegend. Er hatte die Aufgabe, aus dem Bach je nach Bedarf die Mühlen zu speisen und die Wiesen zu bewässern. Bei diesem wässerigen Gewerbe wurde er nicht gerade fett, aber er trug sich mit der Hoffnung, daß ihm in seinem Leben noch einmal ein großes Glück zustehen werde. Einstweilen fand er, daß die Magd Ernesta ein gutes Herz habe. "Hab ich eins?« lachte sie auf und schlug mit der flachen Hand an den zugenähten Kittelsack, daß es klatschte. Die Form dieser Antwort war nicht nach seinem Sinn, er sagte nichts mehr. Zur kleinen Aushilfe war sie immer zu haben, ob nun ein Armer das Herabfallen des Essens erwartete oder ob ein anderes Dienstbot notwendig Schuhriemen brauchte oder Nadel und Zwirn oder auch ein Pfeifel Tabak. Für derlei fiel vom Jahrlohn ab und der Kittelsack blieb zugenäht. Da sie keine Verwandten hatte, so fragte sie eines Abends im Stall der Steckenbauer, was sie wohl vorhabe mit dem Sparkassebüchel? Was damit zu geschehen habe, falls sie einmal – na, halt nur, daß man davon rede. Nämlich, falls sie einmal nicht wäre. – Die Magd saß just unter einer Kuh und molk ein weißes, sprühendes Brünnlein in den Sechter. »Aber was glaubst denn, Bauer, ich bin ja!« »Ist eh recht, ist eh so weit recht, Ernesta. Ich hab halt gemeint: Wer dir deine Sach' in Ordnung halten soll. Es ist unsicher, sind wieder Zigeuner im Land. Oft denk' ich, wenn wir all auf dem Felde arbeiten: Das Haus steht allein und die Truhen haben kein G'schloß. Auch deine Gewandtruhe hat keins, wo der schöne Sonntagskittel drinnen liegt. Mein Kasten hat eins und wenn du etwan solltest Sorgen haben um dein Buchel, gern heb' ich dir's auf.« »Geh kindisch!« antwortete sie. »Wer wird denn 's Büchel nehmen! Ist ja fest eingenäht!« Von dieser Zeit an aber doch, daß sie den schwarzrot gestreiften Kittel, der viele Jahre lang ihr Sonntagskleid gewesen war, auch an den Werktagen zu tragen begann. Denn besser als ein eisernes »G'schloß« ist ein lebendiger Wächter! dachte sie, und auf eine Untersuchung, ob beim Sack oben und unten und seitlings die Nahden in Ordnung waren und auch der Zeug nirgends ein Loch hatte, war sie gänzlich beruhigt und trug ihren Schatz bei sich. In der Nacht legte sie den Kittel unter das Strohkissen und betete den Abendsegen, worauf ein Christenmensch unbesorgt einschlafen darf. So kam also die Ernesta mit ihrem vernähten Sack glücklich über viele Jahre hinweg. Und als sie schon recht alt war, klagte sie einmal einem Meßner auf dem Sonnberg, der ihr Seelentröster war, ihre Bekümmernis von wegen des Sparkassebüchels. Darüber wurde der Meßner so betrübt, daß er die Hände auf dem Schoß zusammenklammerte und das Haupt nach der rechten Schulter neigte. »Bekümmernis!« sagte er mit leiser und bewegter Stimme, »das wäre nichts, Ernesta! Wenn dich dieses Geld belastet, so wirf es von dir, daß nicht deine Seele Schaden leide. Das heißt, just wegwerfen auf die Gasse hin, so ist es nicht gemeint. Es gibt viel Notleidendes. Hast du dir unseren Seitenaltar einmal recht angesehen? Was wäre nötiger, als daß die Heiligen dran neu vergoldet würden! Du kannst machen, was du willst mit deinem Geld, Gott bewahre mich, daß ich dich zu was überreden wollte. Wie sehr aber so eine Kirchenstiftung, oder was zum Troste der Seelen ist, not täte; das kannst du dir selber denken. Für deine verstorbenen Verwandten einmal ein paar Seelenmessen – möchten ihnen auch gut tun. Na, überleg' dir's halt und komm' glücklich heim. Und verlier' nichts.« Unterwegs nach Hause dachte sie schon nicht mehr an die Worte des Kirchendieners, auch nicht an ihr Büchel, sondern nur an ihre Stallbewohner. Sie wäre doch eine schlechte Person, daß sie so in weit und breit umginge, während daheim das arme Vieh bei der leeren Krippe stehen müsse! Dann jedoch griff sie um so emsiger zu und entschuldigte sich mit zärtlichen Worten beim Vieh, daß sie es so lange habe warten lassen. Sie konnte die Stallarbeit jetzt nicht mehr recht so leisten, als der Bauer verlangte, aber sie ließ neben sich keine andere Magd dran, lieber arbeitete sie selber Tag und Nacht. »Du bist nit gescheit,« so sagte ihr nun wieder einmal der Hetzel, der sie zeitweilig heimsuchte, weil er nicht immer nur Wasser, sondern auch einmal Milch wollte rieseln hören. Zudem lugte er gerne manchmal nach dem Glücke aus, ob es denn nicht endlich einmal komme. »Bist nit gescheit, Ernesta,« sagte er zu ihr. »Wenn ich das Geld hätt', wie du, da wollt' ich noch einen Finger rühren! Nit um ein Hammerhaus! Na leget ich mich hin aufs Heu, die Weinflaschen daneben und die Tabakpfeifen – und jetzt leckt's mich ins Gnack!« »Du alter Wasserpatsch, das kannst auch ohne Geld tun!« lachte die Alte lustig auf, »einen Heustadl und ein' alte Weinflaschen wirst doch noch auftreiben mögen!« Der Hetzel lugte sie schief an; ganz krumm wie ein Haken war sein Blick und mit zärtlich girrender Stimme sagte er: »Du bist ein Luder, Ernesta, dich sollt' man totschlagen! Wenn du einmal allein durch einen Wald gehst, so laß mich's wissen.« »Mit solchen Reden treibt man keinen Spaß!« verwies sie. »Es haben schon bessere, als du bist, die Gnad' Gottes verloren.« Daß es beim Hetzel nicht schlecht gemeint war, das wußte sie gleichwohl. Seit er damals so halbwegs um sie geworben hatte, machte sie heimlich einen Unterschied zwischen ihm und anderen. Einer hat halt doch um mich angehalten! Diese Vorstellung tat ihr wohler als das Büchel im Kittelsack. Und daß sie ihn damals so lustig abgeschnalzt hatte, machte ihr auch noch immer Vergnügen. Er ist zwar um vierzig Jahr' jünger als ich, aber wenn ich will, mein Büchel heiratet er jederzeit. – So hörte sie ihm ernsthaft zu, als er ihr ernsthafte Ratschläge gab. Er an ihrer Stelle möchte das Geld nicht immer bei den Stadtleuten liegen lassen. Das seien auch nicht die Verläßlichsten, soviel man höre. Auch gebe es alle Augenblick' wo einen Rummel, da wisse man nicht, ob eine Sparkasse, und wäre sie aus noch so dickem Eisen, wohl auch sicher sei. Dann komme es darauf an, wer die Schlüssel habe! Heut' lieber als morgen solle sie sich auf die Füß' machen nach Graz und ihr Geld aufheben. »Hast du nit Zeit, so schicke mich,« fügte er bei. »Oder was beißt mich!« lachte sie auf. »Wenigstens nimm mich mit als Beschützer. Bin einmal Soldat gewest und weiß den Weg. Mit den Herren kann ich auch umgehen. Nur zehrungfrei halt'st mich, sonst verlang ich nichts.« Sie lehnte ihn aber doch ab. Sie hatte so eine Art von züchtiger Empfindung. Sie wollte keinen in ihr Büchel gucken lassen. Und die hundert Gulden, die will sie zuerst einmal ganz allein in der Hand haben. Der Steckenbauer war auch der Meinung, sie solle sich endlich einmal um ihr Geld umsehen. Und so ging sie eines Tages in aller Herrgottsfrüh fort nach der Grazerstadt. Auf weiten Straßen sind Bauersleute nicht so ratlos, als man etwa annimmt. Sie gehen von Kirche zu Kirche. Die Ernesta mußte nur die Kirchen wissen, an denen sie vorüberkommt, und die lernte sie sich ein wie das Vaterunser. Einmal Fischbach, dann Heilbrunn, nachher Passail, nachher Semriach, nachher Straßengel, und so hin und hin. Freilich sind diese Kirchen viele Stunden weit auseinander und zwischen ihnen liegen manchmal ausgebreitete Wildnisse. Zwei Begleiter hatte die alte Ernesta, den Schutzengel und das Brotbündel, in welches ihr die Steckenbäuerin auch Käse und Rauchfleisch gebunden hatte. »Aber sie sollt' dafür einen schönen Grazer Markt heimbringen.« Weil sie einen alten Pilgerstab bei sich hatte und daran den Rosenkranz hängen, so hielt man sie unterwegs für eine Wallfahrerin. Die Alte hingegen kam sich schwer sündhaft vor, daß sie eitel Geldes wegen so in die Welt wandere. Und das viele Geld! Mit hundert Gulden kann sich der Mensch alles kaufen, nur den Himmel nicht. – Was sie sich nur lauter kaufen wird! Ob dem Stecken wohl die Kühe und Kalben feil wären? Einstweilen beschenkte sie arme Kinder mit Kreuzern. Bei einem Rasten unterwegs besichtigte sie den Kittelsack, in den das Büchel immer noch genäht war. Es wunderte sie, daß die Nahten noch so fest zusammenhielten, und waren doch vor so vielen und vielen Jahren genadelt worden. Am zweiten Tage war sie am Ziel. Als sie an einer Ecke des Gebäudes stand, wo es hieß, sie bekomme ihr Geld, zog sie sich in eine dunkle Ecke zurück, trennte mit dem Feitel die Naht auf und zog das Büchel heraus. Es hatte verknitterte Ecken und war ganz warm. Dann trottete sie vor und der Diener führte sie an den Schalter. An demselben standen Leute wie daheim das liebe Vieh vor dem Brunnentrog. Einer der Herren, die da hinter dem Gitter überall umhersaßen und schrieben, nahm ihr das Sparkassebuch aus der Hand, bog fürs erste einmal die Ecken zurecht, öffnete es, blickte hinein und schaute dann die alte Magd an. Diese sagte, sie wolle ihr Geld. Hernach gab er das Büchel weiter. Bald wurde an einem anderen Schalter gerufen: »Ernesta Guggenhofer!« »Hier!« antwortete sie hell, denn das hatte sie von der Christenlehre, wenn sie gerufen worden war. – Ob's wohl auch das Ganze setzt, dachte sie, ob man nicht was abzieht fürs Geldaufheben? Wer Mann drin nahm einen Buschen Geld aus der Lade und legte ihr einen Hundertguldenschein vor. »Bedank mich halt fleißig!« sagte sie zitternd vor Freude. Und legte ihr einen zweiten Hunderter vor. Und einen dritten und noch mehrere Gulden. »Das weitere gehört halt nit mein,« sagte sie und schob das Geld zurück. »Sie wollen doch beheben mitsamt den Zinsen? Nun also. Macht dreihundert und fünf Gulden.« Das kaum hören und die Alte begann laut zu jammern: »'s recht Büchel han ich nit! Mein Büchel ist weg! Mein Büchel ist mir vertauscht worden! Meins ist auf hundert Gulden, gradaus. Au weh, au weh, mein Büchel!« Sie schoß aufgeregt hin und her und andere drängten herbei. »Sie einfältige Person!« rief der am Schalter. »So kommen Sie doch und packen Sie Ihr Geld ein!« Er hatte keine geringe Mühe, ihr zu erklären, daß es wirklich ihr Büchel sei, daß eben durch die vielen Jahre her die Zinsen so groß geworden wären. Krampfhaft hat sie endlich die Geldnoten zusammengetastet; wahrlich, ihre steifen, knochigen Finger machten das nicht am besten. Und war froh, als der ganze Ballen mit einem roten Taschentuch umwickelt im Sacke stak. Dann taumelte sie hinaus und in ihrem Kopfe war's wie an jenem Leihkauftage vor Jahren, als sie aus Übermut zu viel süßen Wein getrunken hatte. Nachher, als sie in einer Kaffeeschänke saß, ließ sie den Kopf hängen und sann nach, was sie denn um Gottes willen anfangen werde mit diesem lasterhaft vielen Geld. Als dann die Zeche zu bezahlen war, feilschte sie, ob man von den acht Kreuzern nicht etwas nachlassen wolle, sie sei eine alte Bauernmagd und habe einen weiten Weg bis heim. Die Schänkin schob ihr die kleinen Münzen gutmütig zurück, sie möge nur gesund nach Hause kommen. Auf dem Heimweg beteilte sie zwei Bettler mit kleinen Almosen, als ihr aber der dritte begegnete, gab sie nichts. Wozu Geld kriegen, wenn man's wieder soll vertun? Man hat seine Sach' auch nit gestohlen, wahrlich nit! – Sie wischte sich mit dem Ärmling den Schweiß vom Gesicht. – Und tut doch nur Bettler züchten mit dem fortwährenden Geben und Geben. Sollt' jeder selber schauen auf sein' Sach', tät's kein Bettelvolk geben! Als sie am zweiten Tag durch den großen Teufelssteinwald ging, wo kein rechter Weg war, nur schlechte Fußsteige hin und her, dunkelte der Abend. In den Wipfeln kein Laut, nur ein Rabe schrie auf einem der alten Bäume, die über den Jungwald aufragten. Die Ernesta huschte – so müde sie auch war – eilig und dachte: Wenn jetzt ein Räuber tät' kommen! – Da stand er schon vor ihr, der Wassermeister Hetzel, der wieder einmal einem längst erwarteten Glücke entgegenging. Sie erschrak nicht schlecht. »Da bin ich!« sagte er gemütlich, »In welchem Säckel hast es denn?« »O Halbnarr!« rief sie, »wenn du dem Geld nachfragst, mußt schon selber nach Graz gehen. Nit einen Groschen!« Und sie wunderte sich heimlich über ihre Lüge. Die hat mir 'leicht der Schutzengel eingegeben? dachte sie. »Ist das Büchel falsch gewest?« fragte der Hetzel. »Ist falsch gewest, verfallen – abgestanden, weil ich zu lang gewartet hab.« »Jetzt hast nix, Ernesta! Ah, da muß ih lachen!« Sie betastete heimlich den Knoten in ihrem Sack. Daß sie doch am Ende der Himmel nicht wirklich strafe! »Halt' dich an bei mir,« so lud er sie ein, sich in seinen Arm zu hängen. »Halt' dich nur fest an, daß d' nit fallst übers Wurzelwerk. – Du, das Sauglück, das ich erst noch hab'! Wenn du mich hättest geheiratet! Eine Alte und kein Geld! Marand Josef!« Endlich kamen sie hinab zum Alpsteigwirt, da kehrten sie ein. Sie würde Hunger und Durst haben nach dem weiten Weg, wenn sich der Mensch aufs Geld verlaßt und nix kriegt! Er ließ ihr Wein geben und zwei Portionen Lämmernes backen. Dabei kicherte er immer in seinen buschigen Schnauzbart hinein. »Derbarmen tust mir, Alte!« lachte er laut auf und legte seinen Arm um ihren Hals. »Weißt, Ernesta, ich muß dir was sagen. Wenn du heut' das Geld hättest gehabt, da oben im Wald! Ich hab' mir's schon vorgenommen. Umsonst gehst ihr nit entgegen, hab' ich mir gesagt. Auf der Stell' muß sie dir's versprechen und morgen gehen wir zum Pfarrer.« »Narr, das können wir eh so auch noch tun,« meinte sie mit Schalkheit. »Na, Alte, ohne Geld nit! Denk' dir leicht die Stuben voll Kinder – und kein Kreuzer im Haus!« Da hatte er den Seitenstoß. Doch die ganze Schärfe ihres Ellbogens hatte sie ihm nicht fühlen lassen. – Das ist ja ein grundguter Mensch, dachte sie. Derweil ich ihn angelogen hab', derweil ich Verdacht gehabt hab'! Wie soll denn das weitergehen, wenn mich das Geld schon am ersten Tage hautschlecht macht? Das ganz' Jahr bring' ich sonst nit so viel Sünden zusamm', als ich jetzt auf dem Heimweg von Graz schon begangen hab'. Das kunnt sauber werden! – Plötzlich faßte sie das Weinglas und tat einen so ausgiebigen Zug, daß der Hetzel ihr den Arm abfing. »Warum laßt mich nit trinken?« fragte sie ihn scharf. »Weißt denn so gewiß, daß ich heut' keine Kurasch mehr brauch'? Ja, mein Lieber!« Sie fuhr in den Kittelsack, zog den roten Tuchballen hervor und hieb ihn auf den Tisch hin. »Was hast denn da für einen Knödel?« fragte er. »Schau' nach, Neugieriger!« Er nestelte das Tuch auseinander und kam auf zerknittertes Papier. Er nestelte auch das auseinander und schnob mit der Nase. Nichts sagte er, kein Wort, schnob nur mit der Nase. Und nestelte und schmunzelte. »Hetzel, du bist besser, als du ausschaust,« sagte sie, »mein Gut, dein Gut.« Ihm war unsicher. Ihm verging das Lachen. »Und muß – muß ich dich heiraten?« »Bleib sitzen, Hetzel, und iß dein Kälbernes. Ich bleib bei meinen Kühen und du bei deinem Wasser. Aber zusammenhalten – wenn's dir recht ist.« »Und – heiraten?« »Batsch, dummer! Daß du alleweil vom Weib redest! Brauchst denn kei' Mutter?« »Machen wir's einmal wie die Herrischen,« sagte der Hetzel und hob sein Glas, um mit ihr anzustoßen. »Na, du!« weigerte sie sich, »daß ich noch rauschiger tät werden! Hab' eh schon zu viel geredet.« Und am nächsten Tag tat sie wirklich, als sei der Abend beim Alpsteigwirt gar nicht gewesen. Sie wollte vom Hetzel nichts wissen. Und als Leute zusammenkamen, um die Million zu sehen, die sie von Graz mit heimgebracht, schlug die Alte ihre Arme auseinander: »Gscht, gscht!« wie man die Hühner vom Brotkorb jagt. Von der Million ließ sie nichts sehen. Der Kittelsack war wieder zugenäht. Am dritten Tage nach ihrer Heimkehr blieb die alte Ernesta in ihrem Bette liegen. Der Arzt, der just bei einem Nachbar zu tun gehabt hatte und herüber kam, schrieb es der Reiseanstrengung zu und riet, sie solle mit ihrem Stechen und Hitzen ein Paar Tage liegen bleiben. Sie tat ein übriges und stand gar nicht mehr auf. Am sechsten Tage starb sie an der Lungenentzündung – in ihrem einundachtzigsten Lebensjahre. Testament hatte sie keines hinterlassen, bei dem Versehenwerden aber in Gegenwart mehrerer Leute hell und deutlich die Worte gesagt: »Mein gestreifter Kittel gehört dem Wassermeister Hetzel!« Der trennte nun mit vergnüglicher Betrübnis die Sacknaht auf. Dann holte er rasch eine Ziegenhirtin hervor, die in der Köhlerhütte gesessen war. – Sie trug zeitlings den gestreiften Kittel, aber in den Sack greifen tat er, wann er wollte. Die Sonnseitige und der Schattseitige Diese vorstehende Geschichte muß man aus verschiedenen Gründen wissen. Sie ist sehr einfach und sehr ärgerlich und sehr lustig und sehr merkwürdig. Von zwei Großbauern handelt sie, die nebeneinander ihren Besitz hatten, der eine an der sonnseitigen Berglehne, der andere an der schattseitigen. Der Sonnseitige baute Weizen, der Schattseitige mußte sich mit Hafer abgeben. Der Sonnseitige trieb Viehzucht, der Schattseitige Waldwirtschaft. Der Sonnseitige hatte Obst, der Schattseitige verlegte sich auf Kartoffeln. Der Sonnseitige hörte auf seinem Dache manchmal eine Nachtigall singen, der Schattseitige immer nur Spatzen. Fast widernatürlich erschien nur das eine, daß der Sonnseitige ein schwarzbärtiger, sehr ernster nachdenklicher Mann war, und daß der Schattseitige fast Goldlocken und ein stets freundlich lächelndes Rundgesicht hatte. Und noch unglaublicher ist es, daß diese beiden ganz verschiedenen Männer mit den ganz verschiedenen Höfen in treuer Freundschaft zusammenstanden. Sie halfen sich gegenseitig in der Arbeit, die bei der Ungleichheit der Lage selten in die gleiche Zeit zusammenfiel. Sie standen sich in allem bei, wie das bei den aufeinander angewiesenen Hinterbauern wohl so herkömmlich ist. Sie tauschten je nach Bedarf ihre Naturprodukte aus, so daß sie größtenteils den Handel ersparten mit der weiten Welt. Ihre Freundschaft stammte aus jungen Zeiten. Damals waren beide in ein und dasselbe Dirndl verliebt gewesen, was sonst nicht gerade das Gefühl der Brüderlichkeit erzeugen soll. Aber während sie sich zögernd anschickten, einander in aller Nachbarlichkeit den Standpunkt klarzumachen, kam ein Dritter über das Mädel und verdarb es. Diesen Dritten bläuten die beiden schneckenweich durch, und seit solch gemeinsamer Tat waren sie zusammen wie Brüder. Während ihres Soldatenlebens standen sie sich auch bei, der genügsame Schwarze gab dem genußfrohen Blonden manchmal ein Stück Kommißbrot, der fleißige Blonde putzte dem bequemeren Schwarzen Gewehr und Bajonett. Auf ihre Höfe heimgekehrt, haben sie sich Weiber genommen, der Schwarze eine vom Tal herauf, der Blonde eine von der Alm herab, und sie waren stillschweigend dahin übereingekommen, daß sie in allem Gemeinschaft halten wollten, nur nicht in den letzteren Stücken. Beim Blonden, dem Schattseitigen, schrie es zuerst, das war ein Bub. Ein paar Jahre nachher schrie es auch beim Sonnseitigen, und das war ein Mädel. Und jetzt kam dem Schattseitigen der übermütige Gedanke, sein Johansel und des anderen Margretel müßten ein Paar werden. Und die beiden jungen Leutchen waren zurzeit noch gar nicht verliebt. Falls sie aber je einmal verliebt werden sollten, hatte der Sonnseitige nichts dagegen. »Gut ist's, Nachbar, und brav bist!« Also haben die Väter sich versprochen, daß die Kinder einander lieben würden, damit Sonn- und Schattseiten endlich auch Form rechtens zusammenkämen. Die Kinder wuchsen heran und waren frisch und sauber. Der Johansel war heiter wie sein Vater, die Margretel war ernsthaft und klug wie der ihre. Daß die junge Sonnseitige das weiche Blondgelocke des Schattseitigen, und der junge Schattseitige das dunkle Haar des alten Sonnseitigen hatte, war auch wieder so ein Spiel der Natur, die auf diesem Berge ihre Schalkereien trieb. Und die jungen Leute betrugen sich zur vollsten Zufriedenheit der Alten. Schon als Kinder kamen sie zusammen auf die Matte, um Blindekuh zu spielen, in der Schule saßen sie auf einer Bank und traten einander oft trutzig auf die Zehen. Später gingen sie, von den Eltern geführt, auf die Kirchweih und tanzten miteinander und keiner versuchte es, dem strammen Schattseitigen das Dirndl abwendig zu machen. Die beiden Bauern trugen sich schon mit Plänen, ihre Höfe zusammenzutun zu einem Großgrundbesitz und die jungen Leute daraufzusetzen, daß sie ein Ahnenpaar würden des Geschlechtes der Sonn- und Schattseitigen für Jahrhunderte. Und die Kinder waren sehr sittsam. Der Johansel war neunzehn Jahre alt geworden, tat aber noch nichts desgleichen. Die Margretel ging auch allemal so ruhig und werktägig an ihm vorüber und fragte ihn höchstens, ob das Wetter anhalten werde. Dem Johansel war das Wetter gleichgültig, wenn es nur in den Samstagnächten nicht regnete, denn da ging er mit anderen Burschen im »Gaffeln« und Fensterln um unten im Tal und drüben auf den Bergen. Am Fenster des sonnseitigen Nachbarhofes meldete er sich nie, er dachte nicht daran. Weil er das einzige Kind war auf dem Hofe, so brauchte kein Soldatenleben besorgt zu werden, und weil der Alte sich schon gerne in die Behaglichkeit zu setzen gedachte, so stand dem Burschen nichts im Wege, von der Erde Besitz zu ergreifen und die Braut heimzuführen. »Mach' halt Ernst, Sohn!« sagte der Vater eines Tages. Der Johansel machte ein ernstes Gesicht, anders verstand er's nicht. »Rechtschaffen sauber hat sie sich ausgewachsen,« sagte der Alte. »Ein Vogelnest ist auch schon drin,« antwortete der Bursche, denn er meinte, der Vater spiele auf die junge Linde an, die vor dem Hause stand. Der Sonnseitige hinwiederum, wenn er bei Weib und Tochter saß, redete gern von Nachbars Johansel. Ein bildhübscher Mensch! Ein braver Bursch'! Ein lieber Kerl! Und was die Margretel dazu sage? Was soll sie denn dazu sagen, er sei halt auch so wie die andern jungen Leut'. Die Alten machten Gelegenheit, die Jungen ergriffen die nicht. Die Alten trachteten, daß Sonntags auf dem Kirchweg die Kinder zusammenkamen; diese kamen zusammen, gingen gleichgültig nebeneinander her und wendeten sich bei nächster Gelegenheit wieder voneinander ab. Zu Ostern schickte die Alte vom Sonnseitigen dem Johansel fünf rote Eier mit der Bemerkung, er könne sich's wohl denken, von wem. »Eier tu' ich gern essen,« sagte der Bursche, schälte sie ab und steckte eins nach dem andern in den Mund. Zu Pfingsten kam der alte Schattseitige in den sonnseitigen Hof, ging dem Dirndl zu, das im Garten Blumen jätete und rief über den Zaun hinein: »Schon wieder fleißig bist, Margretel. Du wirst schon einmal eine brave Bäurin. Einen schönen Gruß hab' ich auszurichten, willst raten von wem?« »Einen schönen Gruß, nimmt man allemal, und von wem der will!« Das war ihre Antwort. – Und sie taten nichts desgleichen. Man konnte auch nicht dahinter kommen, als hätten die Kinder andere im Kopf. Der Johansel scherzte mit vielen Nachbarsdirndeln so herum, die Margretel neckte manchen Burschen, besonders bevorzugt wurde keine und keiner. »Daß die zwei gar so g'schamig sind zueinander,« sagte eines Tages der Sonnseitige. »G'schamig meinst?« entgegnete der Nachbar. »Ich weiß es nicht.« »Müssen ihnen halt einmal die Nasen zusammenstoßen, daß sie's merken.« »Du, ich weiß es nicht!« antwortete der Schattseitige mit bedenklicher Miene. »Wenn wir nicht dazuschauen, so mischt sich der eine oder die andre drein – was machst nachher?« Er wisse es nicht. Wenn ich ein so gemütliches Rundgesicht hätte wie der Schattseitige, so wollte ich doch einmal etwas anderes sagen als: »Ich weiß es nicht.« Der schiefwinkelige Viehhändler Zusel kam wieder einmal in die Gegend und trat beim Sonnseitigen ein, als die beiden Freunde just so beisammensaßen. Ein paar schicksame Redensarten zuerst, dann vom lieben Gesund, vom Vieh und auf einmal die Frage: »Na, Bauern, macht's schon bald Hochzeit miteinand?« »Weiß nichts,« sagte der Schattseitige. »Du weißt nichts? Und überall reden die Leut' davon. Und habt's ja mir selber schon einmal gesagt, sie sollten ein Paar werden allzwei!« »Wie's Gott will,« gab der Sonnseitige bei. »Ich denk', er wird's nicht wollen,« meinte der Schattseitige. »Oho, mögen sie sich nicht?« fragte der Viehhändler überlaut. »Mich deucht, 's ist schlimmer,« sprach der Sonnseitige. »Wenn sie sich spinnefeind wären, so ließe sich noch darüber reden, da kunnten sie ja Freundschaft machen miteinand. Aber 's ist schlimmer. Sie sehen einander nicht; wie zwei Holzstücke, so sind sie sich gleichgültig.« »Mit Holzstücken ist auch noch nicht zu verzagen,« sprach der Viehhändler. »Holz kann Feuer fangen.« Sprach es, schob ein wenig die Zungenspitze zwischen den Lippen hervor und zog seine linke Achsel in die Höhe. Er war in manchen Händeln schon der Bauern Vertrauter gewesen von Jugend auf, nun da durfte er wohl mitreden, und er tat's jetzt redlich. »Männer!« sagte der Zusel, »ernsterweis', ihr sähet es gern, daß die zwei zusammenkämen. Und die Leut' wissen's auch und möcht euch niemand hinderlich sein. Ich weiß was, Männer, denn ich bin ein vertrackter Strick. Wenn ihr's durchsetzen wollt, so müßt ihr's ein bissel anders angehen. Der Johansel hat sich hören lassen, von anderen ließe er sich keine aussuchen und nicht einmal von den Vaterleuten. Er sei schon selber so klug zu sehen, welche ihm gefällt. – Und der ledige Trotz ist's, und so ist's und nicht anders!« »Nachher hätten wir's ja selber verdorben?« sagte der Sonnseitige. »Ja, und nachher müßte man's selber wieder gutmachen,« gab der alte Viehhändler mit bedeutsamer Miene drein. »'s ist eigentlich ein heller Spaß!« lachte der Schattseitige auf. »Spaß!« entgegnete der Nachbar, »das kunnt ich just nicht sagen. Mir geht's nahe. Wenn man sich einmal seit vielen Jahren in was hineingedacht hat! Mir steht's nicht an, daß ich einen weltfremden Schlingel in mein Haus setze.« »Und ich will auch keine andere zur Schwiegerin haben,« so der Schattseitige. »Nun also!« sagte der Viehhändler und netzte sich mit der Zunge die Lippen, »alsdann mögt's vielleicht einen guten Rat brauchen. Ich hätt' einen im Sack, ist mehr wert als ein paar Ochsen. 's wär' nicht der erste Kuppelpelz, den ich verdiene. Zwei junge Leut' nicht zusammenbringen! Das wär' schon auch was Neues. – Macht's die Tür zu, daß nicht jeder hereinlofen kann.« Und weil sie die Tür zugemacht haben, so weiß ich nicht, was weiter gesprochen worden ist. * War eines Morgens der Johansel damit beschäftigt, den stahlgrauen Stier schön zu machen. Das Tier sollte nämlich an diesem Tage auf die Kirchweih, auf welcher es Tanzmusik, Jahrmarkt und Viehmarkt gab. Dazu wurde der Stahlgraue fast hochzeitlich hergerichtet. Der Johansel striegelte ihm von der Haut alle Mistkrümchen herab, beraspelte mit einer Hornfeile die Klauen und die Hörner und stutzte den Schweif. Das Tier hielt ruhig still, als wisse es um die Vorteile einer sorgfältigen Toilette. An der Stalltür stand der Schattseitige und schaute seinem Sohne mit Wohlgefallen zu. »Laß gehen, wird ja gut sein,« sagte er endlich, »und jetzt geh' und tu' dich auch selber zusammen.« Blickte der Junge auf den Alten und antwortete: »Ich bin ja beisammen.« »Das Haar wirst dir doch auskampeln, wenn du auf die Kirchweih gehst!« »Das kann ich eh' tun,« sagte der Johansel und fuhr sich mit den ausgespreizten Fingern ein paarmal durch die Haare. »Johansel,« sprach der Alte ganz gelassen, aber ernsthaft, »du mußt mehr halten auf dich. Wer selber nichts auf sich hält, auf den halten andere auch nichts. Den Grauen kannst verkaufen auf dem Markt, das ist recht. Aber was anderes kannst dafür heimbringen. Na, was glaubst, was ich meine? Mir ist's schon eingefallen in deinem Alter, nur daß mir dazumal mein Vater die Wirtschaft noch nicht übergeben hat. Du bist besser dran. Ich und deine Mutter, wir haben uns viel geplagt unser Lebtag und möchten es ein paar Jahrlen gut haben, ehevor wir einrucken müssen. Da hat eine schön hereinzusitzen, eine junge Bäuerin. Hast dir denn noch keine ausgesucht? – Schau du, das rechte Hörndl muß mehr aufg'spitzt sein, wart, gib her!« Er nahm dem Burschen die Raspel aus der Hand und feilte dem Stahlgrauen die Hornspitze mehr aufwärts. Dabei fuhr er fort: »Oder willst mir ihn gunnen, den Kuppelpelz? Ist auch recht, hab' eh gern warm. – In der Hebenreuth drüben steht eine. Aha, du spitzest schon das Ohrwaschel. Die Höfelgruberische! Gelt, die ist's? Na, ist sie's? Ein braves Mädel. Holz bei der Hütten, und die Kittelsäcke voller Dukaten. Wirst nicht leicht eine Gescheitere finden. Na, wenn sie heut' auf dem Markt ist, schau sie an darauf hin. Mich brauchst weiter nicht mehr zu fragen. So, das Hörndl ist recht. Das Hirnblatt mußt ihm noch glatt striegeln.« Die »Ohrwaschel« hatte er freilich gespitzt, der Johansel, weil er anfangs meinte, die Margretel von der Sonnseite käme aufspaziert, und jetzt war's die kropfige Höfelgruber-Dirn. Just, daß er nicht laut auflachte. Er sagte nichts, kein Wort. Es war überhaupt zu dumm. Die Höfelgruberische! Daß die Alten schon einmal gar kein Auge für die Figur haben! Daß sie alleweil nur ans Geld denken! Himmel-Hollerbuschen, was wäre dagegen die Margretel für eine! Unter solchen Gedanken führte er den Stahlgrauen zu Markte. Ob er ihn verkauft hat, das weiß, ich nicht, daß er die Höfelgruberische nicht angeschaut hat drauf hin – das weiß ich. Das war just nicht dumm, aber noch klüger war die Margretel auf der Sonnseite. Die hatte schon Wind bekommen; ach, du lieber Sankt Isidor! Ein einziges Mädel ist gescheiter als drei Mannsleute, und selbst wenn ein Viehhändler darunter ist. Stand sie da unter dem Apfelbaum und hielt eine große blaue Schürze auf, in welche der Vater Äpfel vom Baume schüttelte. Auf einmal schüttelte er nicht mehr, sondern hub an zu sprechen: »Tochter, hast gehört? Ich will dir was sagen, was die jungen Weibsbilder alleweil gern hören. Nu, was wird's wohl sein? Heut' oder morgen wird wer kommen. Sollt' er sich bei dir anmelden, so wirst ihn nicht hart abweisen, denk ich. Wie der dir's gut meint, Kränkung tat' er keine verdienen. Wenn du den nimmst, da brauchst dein Lebtag keine Schuh mehr, der tragt dich auf den Händen. Zwei Häuser hat er im Stadtel, und wenn dir keins davon gefällt, so baut er dir ein drittes, Dirndl, hörst, um den ist viel Augenwasser geronnen – und mögen, sagt er, tut er nur dich und sonst keine, keine einzige mehr. – Hessa, das ist ein Saftiger. Verkost' ihn.« Mit dem Saftigen meinte er einen gelben Butterapfel; sie legte ihn zu den übrigen und dachte einen Augenblick: Der Johansel kann's doch nicht sein, der hat keine zwei Häuser im Stadtel. Am nächsten Tage kam er und wurde vom Vater an mutiglich vorgestellt. Schiefachselig war er und glatzköpfig und mit der Zunge leckte er immer über die Lippen heraus, als ob er das, was von den süßen Worten dran kleben blieb, wieder wollte hineinlecken. Der Viehhändler Zusel war's und kein anderer, und der hielt manierlich um ihre Hand an. »In Züchten und Ehren,« sagte er nach altem Spruche, »will ich mich nahen, werte Jungfrau Margarete. Daß ich kein Jüngling mehr bin, sehet Ihr gleichwohl, das ist nur ein Grund für mich, ernstlich ans Freien zu denken, und ein Grund für Euch, Euere Hand mit Vertrauen in die eines erfahrenen Mannes zu legen, und sein herztausiger Schatz zu sein.« Weil sie ihn jetzt mit ihren großen Augen fast andächtig betrachtete, so fuhr der alte Zusel fort: »Seit einem halben Jahre oder länger habe ich heimlich um Euch gekundschaftet und erfahren, daß Ihr gar sittiglich seid und klug und keinem jungen Lecker Gehör gebt. Und mein kleiner Finger tut mir's sagen, daß Ihr ganz heimlich den Zusel im Herzen traget, und daß Ihr Wohl nimmer nein sagen werdet, wenn ich Euch jetzt in Gegenwart Eures Vaters frage, ob Ihr in Lieb und Treuen Haus, Tisch und so weiter mit mir teilen wollet. Liebstes Jungfräulein, ich frage Euch!« Auf solchen Spruch war es still. Das Dirndel schlug den Blick zu Boden, zerzauste eine Schürzenecke und sagte nicht nein. Dem Vater war das nicht ganz geheuer, rasch setzte er ein: »Stark über die Fünfzig ist er freilich schon...« »Das macht nichts!« rief die Margretel aus. »Die Alten sind gut behalten, heißt's, und ein Mannsbild wird ja gar nicht alt, sagt das Sprichwort. Und besser alter Mann und junges Weib, als umgekehrt.« »Freilich,« setzte der Vater bei, »heißt's auch: Alter schützt vor Torheit nicht, und wer altet, der kaltet.« »Geht's, geht's,« sagte der Viehhändler mit fast kreischender Stimme: »Was wollt's denn mit so dummen Sprücheln? Der Zusel nimmt's noch mit einem Dreißigjährigen auf, wenn's was gilt! Gilt's was? He!« »In Gottesnamen,« flüsterte das Dirndel, »will ich's halt wagen.« Der Zusel tat schon die Arme auseinander und wetzte die Lippen mit der Zunge für den Verlobungskuß. Der Vater fuhr dazwischen. »Das hat auf morgen noch Zeit,« sagte er schneidig, »wer neunundfünfzig Jahr gewartet hat, wird auch noch einen Tag warten können. Hörst, Dirn, in die Küche geh' hinaus, die Mutter hat gerufen.« Na, da ist das Mädel hinausgegangen, und der Sonnseitige hat seinem schiefwinkligen Viehhändler höllisch einfältig ins Gesicht gestarrt, »Du Zusel,« sagte er, »das Band foppt uns!« »Geh', Patsch, foppen!« war des andern Ausruf. »Merkst es denn nicht, Schwieger, was es geschlagen hat? Verliebt ist sie in mich!« »Oho!« »Was?« »Oho ter odoh, singen die Halter!« drauf der Bauer. »Freilich verliebt in dich! Gewiß auch noch. Kann mir's denken, he, he!« »Dein Frotzeln kannst just sein lassen, Vater. Deinen Willen hast hergegeben, sie hat ja gesagt, der Spaß ist ernst geworden, und ich bin nicht der Narr und steh' zurück.« »He he – he he,« meckerte der Sonnseitige und schob sich sachte zur Tür hinaus. Kurze Zeit nach diesen Begebenheiten kam der Allerseelentag. Unter den Kirchhofbesuchern war auch die Margretel, sie hatte eine große Flasche mit Weihwasser bei sich und goß dieses auf das begraste Grab einer alten Muhme. Da trat der Johansel zu ihr; ganz hastig trat er hin und sagte halblaut: »Heut ist just der rechte Tag dazu, daß man dir gratuliert.« »So, gratulieren! Zu was denn?« »Na, halt zu deinem schönen Bräutigam!« »Gott geb' ihr die ewige Ruh!« hauchte sie, den Rest aus dem Glas auf den Rasen schüttend, dann wendete sie sich schneidig zum Burschen: »Hörst, Johansel, von dir nehm' ich nichts an. Kein gutes Wort und kein schlechtes und gar nichts und du laß mich in Fried'!« Sie wollte davon, er faßte sie am Arm und sagte: »Zornig bist! Jetzt laß ich dich erst recht nicht in Fried. Warum bist denn früher nie so zornig auf mich gewesen? Und ich mag dich auch nicht, und du bist mir viel zu – zu – gar nichts bist mir, und ich will dir nur noch meine Meinung sagen.« »Ich bitt' dich gar schön, gehen wir hinaus, die Leut' schauen schon auf uns. Da auf dem Friedhof solche Sachen!« Denn es war ihr zumut', als wäre das der Streit eines Liebespaares. Draußen am Rain unter dem Ahorn auf der Schichte der niedergefallenen gelben Blätter, dort standen die zwei jungen Leute und machten sich Vorwürfe. Er ihr, weil sie sich diesem lächerlichen Menschen verlobt hatte; sie ihm, weil er sich um sie die ganze Zeit her nie gekümmert. Und als sie so weit waren, daß die Margretel zu weinen anhub, legte er seinen Arm um ihren Hals und sagte mit einer recht unsicheren Stimme: »Wenn ich weiß', daß du heiraten willst und nicht gleich den erstbesten nehmen mußt, so kann ich auch aufwarten. Dem Viehhändler gunn ich dich nicht, daß du's weißt!« Lachte sie mitten aus dem Schluchzen hervor: »Lapperl, dummes! Glaubst denn, es ist mein Ernst? Will mit dem Alten ja nur den Vater in die Angsten jagen – und auch noch einen andern –« »Leicht gar mich?« »'s wär' bald verpaßt, Bübel! Allzulang' wartet man nicht auf einen, der alle Fenster probiert in der Nachbarschaft. Und wenn du glaubst, der jung' Bursch' hat nur zu winken, daß eine dem Bräutigam durchgeht und ihm nachlauft, so kannst auch noch was lernen. Für nichts kriegt mich keiner. Derweil seh' ich nur deinen Trutz, aber der ist mir zu wenig. Auch der Possen, den du dem Zusel spielen willst, ist mir noch nicht genug, ich will mehr, mein Lieber!« »So viel Geld wie der Viehschacherer weiß ich nicht, ob ich aufbringe.« »Nach Geld frag' ich nicht, daß du's weißt,« »Was lauter sonst?« »Wenn's dir nicht einfällt, was zum Heiraten gehört, nachher, nachher – behüt' dich Gott.« »Was wird denn dazugehören zum Heiraten? Kunnt mir's nicht denken. Ein bissel Gernhaben wird halt dazu gehören.« »Na endlich! das hat was gebraucht, bis er draufkommt.« Vom kahlen Ahornbaum flatterte das vorletzte Blatt herab und gerade zwischen den Köpfen der beiden. Es war so schön dreilappig, aber es hat wenig genützt. Und als das letzte fiel, das allerletzte Blatt – nun, ihr könnt euch's denken. Also haben die Alten von der Sonn- und von der Schattenseite die Erfüllung ihrer Absicht doch erlebt. Der Zusel hätte Hochzeitsbitter sein sollen, aber er hat sich dafür bedankt. Daß er das Mädel foppen wollte, daran fand er nichts; aber daß er selber gefoppt wurde, das nahm er übel. Nun, er kann schon heimgehen, wir brauchen ihn nicht mehr. Der Vagabunden-Franz Nächtliches Werben. Mitten auf seinen winterlichen Landflächen liegt der stattliche Karmerhof. Eine blasse Mondnacht deckt ihn zu – er schläft. Der Kettenhund schläft, denn es rührt sich nichts; der Brunnen vor dem Hause rieselt fast unhörbar in seinem eisigen Mantel; der rote Schein an den Fenstern ist erloschen. Aber traue man so einem Bauernhofe nicht! Wenn er noch so still und regungslos daliegt – inwendig lebt's, wacht's. Sind die Fenster auch dunkel, es kann doch was glühen, lodern und leuchten da drinnen in verschlossener Kammer. Wir haben den Zauberschlüssel und dürfen hinein. Den Schnarchenden wünschen wir friedsame Ruh' und schleichen vorüber, den Träumenden gönnen wir heitere Gestalten, den Weinenden lassen wir ungestört ihr Herzleid verrinnen und schleichen vorüber. Hingegen, wo die alte Thres bei der matten Ampel ihr Jöppl flickt, daß es übermorgen zum ersten Werktag nach den Weihnachtsfesten die Kälte nicht hinein- und den Rest der lieben Wärme nicht herauslasse, da mögen wir uns nebenhin auf das Fußende ihres Bettes setzen – wenn sie's erlaubt. Sie erlaubt's aber nicht. Wer mit ihr was zu tun hätte, der möge beim hellen Tag kommen und nicht zur nachtschlafenden Stund' – sie sei in guten Sitten alt geworden. Da weiß ich aber im Hause ein Kämmerl, das ist gerade über der Stube, in welcher der brave Karmer mit der Seinigen schläft; und im Kämmerl steht ein weißes Bett mit blauen Bändern in dem Kopfkissen, und da drinnen liegt etwas, auch in guten Sitten groß geworden, das viel jünger und anmutiger ist, als die gute Thres, und das nicht flickt, sondern an Gedanken spinnt, das keine Ampel brennen hat und doch soviel sieht. Ein sonniger Wintertag und die Leute gehen von der Kirche heim und unter ihnen geht der alte Student. Die Burschen umringen ihn, die vorwitzigen Dirndln gucken ihnen unter den Schultern durch und möchten auch was sehen und hören, denn er macht ihnen wieder was vor, erzählt Geschichten, sagt ihnen neue Lieder und Sprücheln – er macht sie selber, er kann so Sachen, er weiß allerhand Schwänke, daß es ein heller Spaß ist, und wenn er will, so muß den Leuten auf der Stelle das Wasser aus den Augen rinnen – er kann's. Schier fürchten muß man ihn; wenn er anfängt, da hebt's einem inwendig ordentlich zu graben an. Kein Mensch glaubt's, was das für einer ist! 's schickt sich gar nicht, auf dem Kirchweg so weltliche Sachen, aber man muß dabei sein und zuhören, will man oder nicht. Ich verwett' nichts drauf, der Mensch kann zaubern! – So sah es und so dachte es, das Lichtl. Das Lichtl! So ward das Töchterlein des Karmer genannt. In der heiligen Taufe, bei der noch niemand weiß, als was der Mensch einst gerufen werden wird, gab man ihm den Namen Mechtildis. Kaum das Mädchen aus den Kinderschuhen gesprungen war, sah man, daß der Nonnenname für es nicht passe. Auch konnte ihn keiner kunstgerecht aussprechen, die Zunge der Bauersleute in der unteren Schlehn ist nicht danach gewachsen, daß sie des Namens Mechtildis Herr zu werden vermöchte. Man weiß nicht, wie es kam, aber wie auf Verabredung nannten die Leute das Töchterl des Karmer: 's Lichtl. Wenn man's betrachtet, es war nichts Fremdes dabei, es waren im neuen Namen lauter Buchstaben aus der Mechtildis und auch sonst: die Jungfrau lebte so still, heiter und fromm und schön für sich, als wie ein Lichtlein vor dem Muttergottesbilde. Der Vater sorgte freilich brav für den Docht und die stille Mutter goß täglich das Öl ihrer zärtlichen Liebe dazu. Und da geschah es wohl, daß in der Gegend, die an Mädchenschönheiten nicht reich ist, das Lichtl vom Karmerhofe weithin sichtbar war und daß in den langen Nächten kein Stern am Himmel so viele heimliche Verehrer hatte, als das Lichtl im Karmerhofe. Es brannte im neunzehnten Jahre und das gibt gerade den hellsten Schein. Die größte Glut kommt erst später. In der Kammer des Mädchens duftete noch der Weihrauch; es war nämlich die Dreikönigsnacht, die letzte der drei »Rauchnächte«, da man vor dem Schlafengehen alle Räume des Hofes mit geweihtem Rauche besegnet. Und wie nun das Lichtl auf ihrem Bette ruhte, längst mit ihrem Abendgebete fertig war und doch nicht einschlafen konnte, sondern in ihrer Seele dem Treiben des alten Studenten zusah, da hörte sie plötzlich draußen vor dem Hause Tritte knistern. Sie lugte durch's Fenster. Drei schreckbar große Männer gingen langsam auf das Haus zu und blieben vor demselben stehen. Nach genauerer Betrachtung bemerkte das Lichtl, daß alle drei oben und unten Köpfe und die Füße in der Mitte hatten. Die Hälfte der Gestalten war nicht echt, sondern nur der Schatten des Mondes, drum sagte ja die – 169 – alte Thres immer: »Dirndln, gebt acht, die Mannerleut', die beim Mondschein dahersteigen, sind zur Hälfte falsch!« Sie stellten sich gerade vor das Fenster des Karmer, da hub einer von den dreien so an zu sprechen: »Wach' auf, du lieber und ehrsamer Hausvater mein, es grüße dich das Kind Jesulein, wir stehen im Schutz und Schirm der heiligen drei Könige, Gott sei Lob und Ehr' und wir haben ein großes Begehr!« Nicht lange hernach wurde hinter dem Fenster die Stimme des Karmers hörbar, diese sagte: »Männer, ich kenne euch nicht; aber weil ihr mir den heiligen Gruß bringet,so gottwillkomm! Was ist euer Begehr?« Der Redner fuhr in seinem alten Spruche fort: »Gott der Herr hat einen Junggesellen erschaffen, der kann nicht wachen und nicht schlafen, der schickt uns aus zu diesem ehrsamen Haus und läßt fragen, ob er die Jungfrau Tochter zum Eheweib kunnt haben.« Man kann sich denken, wie das Lichtl über diese Worte, die es deutlich gehört hatte, erschrak. Das waren die Brautwerber, wie solche nach der Väter Sitte in der Dreikönigsnacht anklopfen, um, ohne sich zu erkennen zu geben, mit den Eltern eines Mädchens vorläufige Anfrage und Verhandlung zu pflegen. Waren die äußeren Bedingungen, die man Gesicht um Gesicht so ungerne abmacht, für die Eltern oder den Vormund des Mädchens annehmbar, so erscheinen die nächtlichen Unbekannten an einem der nächsten Tage als wirkliche Werber, als welche sie erst angeben, für wen sie die Braut eigentlich begehren. Das gibt dann freilich mitunter eine höllische Überraschung, zumeist aber kommt die Einigung leicht zustande. Dieser Brauch ist in manchen Gegenden Österreichs heute noch üblich, so auch in der unteren Schlehn, wo die Geschichte spielt. Das Lichtl horchte nun, was der Vater sagen würde. Der Vater gab nicht sogleich Antwort. Endlich aber machte er das Fenster auf und sagte: »Meine werten Manner! Meine Tochter ist noch schier ein Kind und hat wohl bis jetzt an keinen Bräutigam gedacht. Gleichwohl weiß ich, daß Vater und Mutter das liebste Kind müssen hingeben, wenn's Zeit und Gotteswill' ist, und haben die Eltern zu fragen, wer der Tochtermann sein soll und ob er Wohl imstande ist, Weib und Kind ehrsam zu versorgen.« Nach diesen Worten trat der Redner noch näher ans Fenster und sagte: »Der Junggesell', der uns schickt, ist ehrenwert und wohl nicht mehr jung genug, als daß er noch länger zuwarten kunnt, die Jungfrau zu begehren, die er meint. Er kennt sie seit etlichen Jahren und hat sich den Schritt wohl überlegt. Führt er sie heim, so wird er ein freudenreicher Mann sein, wird sie ihm verweigert, so will er sich als Junggesell' auf die Totenbahr' legen. Das laßt er sagen.« »Nichts für ungut, Manner,« entgegnete der Karmer, »was ihr da vorbringt, das sagt jeder, das hat auch der Färber zu Schlehnfeld gesagt, der sich jetzt den Ehebund mit seinem Weib wieder auseinander trennen lassen will, als wär's ein verkehrt zusammengenähter Pelz, bei dem die Wolle nach außen geht und einwendig die harte, kalte Schöpshaut ist. Ich frag', ob euer Junggesell' ein gutes Gemüt hat?« »Mein ehrsamer Hausvater! Unser Junggesell' ist nicht reich und nicht arm; er hat nichts, als ein kleines leeres Haus, aber er hat den lieben Gesund und er hat den ehrlichen Namen und was den Verstand anlangt, so ist er etwan um einen Kopf größer, als manch anderer; und er hat viel Gemüt, ein gutes und leichtes Gemüt – das ist sein Weg und Steg. Weiter können wir nichts sagen. Wenn Eure Jungfrau Tochter nicht nach einem gar Jungen ausschaut und nicht meint, sein Gesicht müßt' wie Milch und Blut sein, und nicht viel auf der Leut' Reden geht, so soll sie ihn nehmen – er ist ihrer wert.« 's ist der Kurschmied, 's ist der Timotheus! so rief es jetzt im Mädchen und es hätte am liebsten laut aufgelacht, wenn man hätte wissen dürfen, daß sie gehorcht. – Ja, ja, der Timotheus hat sein Häusel bei Schlehnfeld und läuft ihm alles zu, weil er so gut Zahnreißen kann; Verstand und Humor hat er auch, sonst könnte er jetzt in seinen alten Tagen nicht auf den Gedanken kommen, zu heiraten. Jetzt wird er erst schön! Die Blatternarben sieht man vor Falten nicht mehr und die roten Haare werden, grau. Alles paßt auf ihn, es ist der Kurschmied. Jetzt ist sie nur begierig, was der Vater auf eine solche Zumutung für einen Bescheid geben wird. Das hörte sie bald, der Karmer antwortete: »Wenn das alles so ist, wie ihr sagt, so soll er am Erharditag kommen und sich zeigen. Meine Tochter wird das letzte Wort haben. Ist er brav und ihr recht, so werde ich nichts dagegen haben.« Hierauf entgegnete der Redner: »So hätten wir in Sitten und Ehren unsere Sach' getan und Ihr habt uns in Sitten und Ehren empfangen. Seid bedankt, Karmer, und wir sprechen den heiligen Dreikönig-Segen über Euer Haus und Hof und rufen den heiligen Schutzengel an zur guten Nacht.« »Gute Nacht,« sagte der Karmer und schloß das Fenster. Die drei Männer gingen davon. Das Lichtl aber, das wußte sich nicht zu helfen. Zuerst war ihr, als hätte sie ein schwerer Stein auf den Kopf getroffen, die zwei Fenster ihrer Kammer huben an sich zu drehen. Als sie wieder zu sich kam, begann sie zu weinen und das war das gescheiteste, was sie tun konnte. Dabei wurde ihr leichter und endlich begriff sie, daß sie sehr allein war. Hatte der Vater nicht gesagt, daß seine Tochter das letzte Wort habe? Wo man ihr solche Dinge zumutet, daß hier gehandelt wird, wie um eine Katz' im Sack, da ist ihr erstes und ihr letztes Wort: Nein. Warum hat sie es nicht gleich zum Fenster hinausgerufen? Dann wäre alles überflüssige Hinundhergehen und Hinundherreden abgetan. So fest stand ihr Nein, daß sie es mitten in der Nacht noch verkörpern wollte. Sie hob ihren Zeigefinger und schrieb mit demselben auf das schwitzende Fensterglas das Wort: Nein. Der Mond schien durch das Fenster und legte das Wort mit silberweißen Buchstaben auf die Bettdecke des Mädchens. Es war das ganze, wahrhaftige Nein, aber – umgekehrt. Auf Gassen und Straßen. Als der Karmer am Dreikönigsmorgen erwachte, sah er nicht gut aus. Bei offenem Fenster kann sich der Mensch in der Nacht erkälten. Sonst war er gewohnt, sich an jedem Sonn- und Feiertage das Gesicht zu rasieren, heute ließ er die Haare stehen, wie sie standen, so daß sein Weib ihn fragte: »Ja, Michel, willst denn du heut' nicht in die Kirche gehen?« »Ich bin nicht aufgelegt,« war die Antwort. Sie wußte recht gut, was ihn wurmte. Er war zu vorschnell gewesen. Wer weiß, was jetzt für ein Geselle vorsprechen wird! Es ließ sich nichts Rechtes vermuten. Die nächtlichen Werber waren ihm, so viel er sie sah, unbekannt, und den Sprecher, wenn es nicht der Postmeister zu Schlehnfeld gewesen sein sollte, den wüßte er schon gar nicht. – Der Bauer hatte die Nacht über alle Häuser in der unteren Schlehn abgedacht, in keinem fand er einen heiratsmäßigen Mann, der auf die Beschreibung der nächtlichen Weiber paßte. Auf den Kurschmied Timotheus dachte er nur, wenn er Zahnschmerz hatte; gottlob, das war heute nicht der Fall. – Ehrenwert, ein gutes Gemüt, ihrer wert? Der Karmer war ein Mann, der auf solche Sachen was hielt. Als er das Weib genommen hatte, war er auch nichts gewesen, als ehrenwert, lustig und ihrer wert, und wie schön und gut war's geworden! Sein Haus und Hof war gewachsen, seine Familie war gewachsen, schließlich war auch sein Bäuchlein gewachsen, und so hatte er wohl Ursache, der munterste und gemütlichste Mann von der ganzen Schlehn, zu sein – und er war es auch. – Heute aber nicht. Wenn er verstimmt war, pflegte er nicht unter die Leute zu gehen; er ließ sich denn heute nicht viel blicken, aber machte sich doch aus den Weg zur Kirche. Vor ihm ging ein Trupp von Bauern; der Karmer hielt sich zurück, aber sie zogen ihn bald in ihren Kreis. Und wird auch besser sein, dachte er sich, je mehr man so einen Gedanken auseinanderzieht, je wüster wird er.Das Herzanliegen muß man nicht noch spazieren führen, sonst wird es gar zu kräftig. Bei der Bauerngruppe, die mit dampfenden Tabakspfeifen des Weges dahertrottete, gab es viel zu lachen – aber für den Karmer war doch nichts Rechtes dabei. – Sie sprachen vom Färber zu Schlehnfeld, der sich von seinem Weibe scheiden lassen wollte und da wußte der Stiegelwirt, der keine Pfeife, sondern eine Zigarre im Munde hatte und anstatt des Hutes eine Pelzmütze auf dem Kopf, eine schöne Geschichte. Hätten sich der Stiegelwirt und der Färber nicht beim neuesten Pferdehandel verfeindet so wäre sie nicht erzählt worden. »Der Färber zu Schlehnfeld, das ist ein Hauptadut!« sagte der Stiegelwirt. »An ihr soll's liegen,« bemerkte ein anderer, »sie soll ein Band sein!« »Was weißt denn du!« fuhr ihn der Wirt in die Rede. »Tät's mir nicht leid um den Färber, ich kunnt eine schöne Geschichte erzählen.« »Wird eh nit wahr sein,« sagte ein Dritter. »So!« rief der Stiegelwirt, »wollt's auch nicht glauben, wenn ich's nicht von ihm selber hätt'. Schon vor zwei oder drei Jahren, ehzeit, nachdem sie geheiratet haben, ist's auseinander gegangen. Leicht, daß ihm was anderes in den Kopf geschossen ist – er hat ihrer wieder ledig sein wollen.« »Schon dazumal?« »Schon dazumal. Sterben wird sie nicht so bald, auf das darf er sich keine Hoffnung machen. Zur Zeit war von der neumodischen Ehe viel die Rede und von den Ehescheidungen. Das packt der Färber gleich auf, das ist seine Sach'. Aber ein gehöriger Grund muß sein, sagt der Notar. Wo eine Ursach' hernehmen? Sein Weib ist soweit brav und macht er die Ursach', so heißt's alle Kosten zahlen und Vergütung auswerfen. Das will mein Färber nicht. Ist selb' Zeit oft in mein Haus gekommen, sind ja von der Schulbank auf Kameraden gewesen. Und da sagt er mir einmal, daß ich nicht verheiratet wäre; das weiß ich, sag' ich, willst mir vielleicht die Deinige geben? Warum denn nicht? lacht er auf, laß dich erwischen mit ihr. Nachher hab' ich sie, wo ich sie brauch' –. Geht aber schon ein verdammt schneidiger Wind heut'.« »Na und –?« fragte einer der Weggenossen. »Dreikönigwind macht Lichtmeß lind,« sagte der Karmer, um das Gespräch auf einen harmloseren Gegenstand zu lenken; ein schneidiger Wind schneidet doch keine Ehre ab. – »Der dort vorangeht, ist es der Förster-Toni oder ist es der Vagabunden-Franz?« »Ei, der Förster-Toni geht nicht so flink fürbaß. Es ist der alte Student, der Weltvagabund. Eilen wir voran, der muß uns was erzählen.« Des einigten sie sich. Der Mann voran sah einem Weidmann ähnlich von den Wasserstiefeln an bis zur Feldmütze, auf der nicht einmal das grüne Tannenreis fehlte. Auch der schöne, lange Vollbart war da und die Adlernase, wie sie Förster tragen. Nur die Locken hingen zu lang in den Nacken herab. Die beiden Hände in den Rocksäcken vergraben, die Beine flink vorsetzend, so schritt die schlanke und doch kernige Gestalt dem Markte Schlehnfeld zu – der feinste Vagabund, der je diese Straße unter den Füßen gehabt hat. Er war einmal Student gewesen und wollte was werden. Er ward aber nichts, sondern ist alter Student geblieben, bis er wirklich ein recht alter geworden. Im Buch, aus dem er studierte, waren Berg und Tal die Blätter, Mensch und Tier die Buchstaben, Wirtshäuser die Interpunktionen. Wenn draußen in der Universitätsstadt die Burschen lustige Kneipen hielten, da saß er mitten unter ihnen und machte die übermütigsten Lieder. Wo sich ein Paar in Fehde und Zweikampf hineinsprühen wollten, da warf er allemal einen Schwank dazwischen, der so toll und närrisch war, daß sie aufs Schlagen vergaßen. Wo sich's um eine Liebschaft handelte, da holte er den Beteiligten die Kastanien aus dem Feuer, so daß sie ihn aus Dankbarkeit den Onkel des Cupido hießen. Die übrige Zeit strich er im Lande herum und meinte es mit den Bauernburschen gerade so gut, wie mit den Musensöhnen. Er war selber ein Bauernbursche, drei Stunden von Schlehnfeld in einem Winzerhäuschen geboren. Weil der Knabe so aufgeweckt gewesen, hat ihn der Dechant von Schlehnfeld studieren lassen. Und nach und nach ist es halt so geworden: Der Dechant starb, der Vater des Knaben starb, der junge Mann begann zu leben. Er kegelte und kartelte so ein wenig in der Welt herum, guckte hier einmal zu tief in den Krug, dort einmal zu tief in die Augen, war heute zu Gast bei einem lustigen Schloßherrn und schlief morgen in einer Scheune oder im Schatten eines Baumes. Dabei sang er Lieder, die noch kein Mensch gehört, aber jeder in Lust und Leid schon in sich empfunden hatte. Vom Hunnenkönig Etzel erzählt man, daß aus der Scholle, auf welche er seinen Fuß gesetzt, kein Halm mehr wächst. Bei unserem alten Studenten war das gerade umgekehrt, überall, wo er ging und stand, und wäre es auf steiniger Straßen oder auf Schnee und Eis, überall wuchsen Blümlein auf hinter ihm, Knospen und Rosen, und die Leute pflückten und heimten sie, um damit ihr Leben zu schmücken. Einmal zog er mit Volkssängern, das andere Mal mit einer Schauspielerbande; dann sah man ihn an der Seite eines alten, blinden Geigers, dem seine Führerin gestorben war, und zu den Liedern, die er dichtete, strich der Geiger die Weisen – neue, seltsame Weisen, die durch Dorf und Wald klangen und nimmer verklangen. »Ich bin ein Vöglein Zur Maienzeit, Ich flieg' umher Im Lande weit, Und süß gestimmt Sing' ich mein Lied, Daß, wer's vernimmt. Im Herzen glüht.« O frohe Zeit! Je üppiger aber sein blonder Bart ward und je mehr graue Härchen in diesen Bart kamen, um so öfter setzte er auch das folgende bei: »Ich möchte mir bauen Im Strauch ein Nest, Von innen recht lind, Von außen fest. Da sieh', schon hockt Das Huhn auf dem Ei, Ho, wie frohlockt Mein Herz dabei. Dann Brot, ja Brot Für die Brut im Nest! Ein Schuft, der in Not Die Seinen läßt! Dann sing' ich dem Wald, Der laufenden Welt, Bis jung und alt In Schlummer fällt. O Vögelein, wie So lieb und leicht. Was kaum mit Müh' Ein Mensch erreicht!« Wie lange währte das? Bald war die Wandermüdheit weg, er wanderte wieder im fremden Tal und sang: »Gott sei Lob und sei Dank, Ich bin frei, ich bin frank! Ich bin frank, ich bin frei. Wie der Stein, den ich kei (werfe), Wie der Schrei, den ich schrei. Wie mein Zeiserl, Dem ich's Häuserl Auftua und – fliag zua! – – – – – – – – – – – – – – – – – – Gelts Gott, wann s d mich bschenkst, Und Gott gsegns, wann s d mich bstiehlst, Aber gscheiter, laß s bleibn, Wann s d nit ausglacht wern willst. Wia mehra, daß d hast, Und wia mehr, daß d verlangst, Um so größer wird d Last und dei Plag und dein Angst. Wia s Haserl sei Graserl, Find s Büaberl sei Liab, Na, und stiehlst dir a Busserl, Bist ah noh ka Diab. s Bingerl aufn Bugl, A Rüathl in d' Händ, Rul ich um, wir a Kugl, De s Rastn nit kennt. Wir a Kügerl, a klingads, Wir a Vögerl, a singads, Wir a Wasserl, a springads, Dem s im Wald nimmer gfallt. Was ich han, va dem iß ich Und gwandt mich und spiel Oda trink, wann ich n Himmel Auf Erdn habn will. Freili, Null va Null hebt sich Jahraus und jahrein, Aber s lebt sich, es lebt sich Pfarr aus und Pfarr ein. Han nia z weng und nia z viel, Bin nia arm und nia reich. Aber just wir ich will, Ich bin frank, ich bin frei. Drum Gottlob und sei Dank, Daß ich frei bin und frank, Daß ich frank bin und frei, Jucheissa, juchei!« Diese und folgende Lieder sind von Franz Stelzhamer, dem Urbild der Erzählung. So sang er – so lebte er. Doch war einmal eine Zeit, nachdem man lange nichts vom Studenten-Franz gehört hatte, daß er gar zerrissen und zerfahren in die Schlehn heimkam. Die Stiefel taten den Schnabel auf, der fuchsfarbige Rock grinste an den Nähten auseinander und hing mit den großen Taschen, in denen die ganze Habe war, schlotternd hinab. Haar und Bart aber waren gepflegt, wie in guten Tagen und unter den buschigen Brauen die großen blauen Augen waren noch die alten, guten, treuherzigen Augen. Sie blickten wohl etwas unruhig hin und her und wäre ihnen fast lieber gewesen, keinem Bekannten zu begegnen, als so vielen, wovon ihm doch die meisten gerne ausgewichen wären, um nicht »Grüß Gott, Franz!« sagen zu müssen, und »wie geht's, wie steht's alleweil?« wo es doch der Augenschein gab, wie es ging und stand. Er wäre nicht gekommen, aber es rief ihn eine mit sterbendem Hauch: »Nur meinen Franzl möcht' ich noch einmal sehen!« Und weit weg, wo er weilte, mitten unter lauten, lustigen Brüdern in der Straßenschenke war es ihm plötzlich gewesen, er hätte sein Mütterlein »Franzel« rufen gehört. Er stand auf und ging den kürzesten Weg in die Schlehn zum lieben Winzerhäuschen. Das war verschlossen. Er blickte zum Fenster hinein. Da lag auf ihrem armen Bette die Mutter – o wie schmal und blaß, im Gesicht! Sie sah ihn, sie lächelte, sie hob ihre Hand zu seiner Stirne und eine Freudenträne in ihrem Auge dankte, daß er gekommen war. Dann sagte sie, er möge nur ein klein Weilchen Geduld haben, die Wärterin habe wegen eines Ganges die Tür versperrt, sie müsse bald kommen. Er ging einigemal ungeduldig um das kleine Haus herum; da kam endlich vom Nachbar her die Wärterin, in der Hand einen großen Wachskerzenstock, den sie geholt zu haben schien; sie schloß die Tür auf, sie tat einen Blick nach dem Bette und eilig zündete sie die Kerze an. Aber die alte Frau schlief schon. Sie hat noch sein liebes, schönes Gesicht gesehen, aber nichts von seiner bedenklichen Zerfahrenheit. Und kurze Zeit nachher sang man in der Gegend das Lied: »Mein Mütterl,« wozu der Karmer die Bemerkung tat: »Ich bin ein angesehener Mann, ich hab' brave Kinder, aber keines wird mir einen solchen Marbelstein (Marmorstein, Denkmal) auf das Grab setzen, wie dieser Weltvagabund seiner Mutter selig.« Seither war der Student wieder lange Zeit verschollen gewesen, aber nicht vergessen. Seine Lieder lebten und manch' vornehme Kalesche fuhr in Schlehnfeld beim Postmeister vor und die Inhaber stiegen aus und erkundigten sich nach dem Geburtsorte des Dichters. Auf einmal war er selber wieder da und heimte sich in einem Wirtshause ein und schaffte sich ein Gewand an, wie es die Förster tragen und strich in Berg und Tal um und machte Bekanntschaft und Freundschaft mit allem, was ihm begegnete, war es Baum, Tier oder Mensch. Und wo es heiter herging, da holte man ihn herbei, den lustigen Studenten-Franz. Sie hätten ihn immerhin gern den Vagabunden-Franz geheißen, aber der Wirt, bei dem er wohnte, brachte heraus, daß er den Namen Student doch nicht ganz umsonst trage. In seiner Stube lägen allerlei Bücher und Schriften herum – die Unordnung sei höllisch groß – und das Verdächtige wäre, daß er sich bisweilen einschließe und mit jemandem laut in einer fremden Sprache rede. – Letztlich hätte er, der Wirt, ihn einmal geradaus gefragt, wer denn so oft bei ihm drinnen sei? Hätte er, der Student, geantwortet: Der Homer. – Wird ein guter Bekannter von ihm sein. – Also, und jetzt am Dreikönigstage, wollten ihn auf dem Kirchwege die Bauern einholen, aber es war ganz sonderbar, heute gesellte er sich nicht zu, und als sie ihm nahe kamen, schlug er einen Seitenweg ein. Sollte auch der Mücken in den Kopf kriegen? Dann wird ein schlechtes Jahr. Auf dem Kirchplatze übergab der Postbote dem Karmer einen Brief. Vom Karl, dem Sohn und Feldwebel aus Ungarn? Nein, vom Steueramt. Der Bauer zahlt seine Steuern gern, ja er ist der einzige in der Gegend, der dem Steueramtsboten Trinkgeld gibt, weil solcher Bote ohnehin von anderen Seiten schmählich genug behandelt wird. Aber heute wäre ihm ein Brief von seinem Sohne lieber gewesen und hätte derselbe gleichwohl wieder eine Zehner-Banknote gekostet. Es ereignete sich denn nichts an diesem Tage und am nächsten, was ihm den Humor wiedergebracht hätte. Mit dem Lichtl war er doppelt zart und liebevoll, aber das Lichtl wich ihm aus oder zeigte ihm ein schmollendes Gesichtchen, so daß die alte Thres den Finger hob und lispelte: »Wie kommst denn du mir neuzeit gegen deinen Vater vor? Lichtl, Lichtl, ich glaub', dir tut eine Lichtputzen not!« Sei zum Lieben mir gegeben. Am Morgen des Erharditages stand das Lichtl mit verweinten Augen auf, es wußte heute nicht, wohin sich wenden. Dem Vater konnte sie nicht in das Gesicht sehen. Sie wußte nichts von der Unruhe, die auch ihren Vater quälte. Sie kam sich verraten und verkauft vor. Die Mutter hielt es immer mit dem Vater, zu der durfte, wollte sie heute nicht gehen. Das ganze Mädchen, wie es jetzt dastand in seinem geschlossenen Hauskleide, mit seinen scharf geschlossenen Lippen und in der geschlossenen Kammer, war ein leibhaftiges Nein. Es war noch nicht hoch am Tage, als der Kettenhund Fremde verkündete und an der Haustür wurden Männerstimmen vernehmbar. Das Lichtl hielt es jetzt im Stübchen nicht mehr aus; sie lief durch den finsteren Bodengang in die Kammer ihrer Großbase, der alten Thres. »Du bist ja nicht gescheit,« sagte diese, »du läufst bigott um, wie ein verliebtes Ding! Nicht? Nu, was gehen dich denn nachher die Bidelleut (Brautwerber) an? Wirst gefragt, so trittst vor, bedankst dich für die Ehr', hättest gar nichts gegen den braven Soundso, wolltest aber aufrichtig sein und kurzweg sagen, dein Herz täte dir nichts weisen und ohne das könntest du nimmer in den heiligen Ehestand treten. Drauf machst du dein Beugerl und gehst weg.« Im Vorboden ging der Hausjunge um und rief das Lichtl, es möge eilends zum Vater auf seine Stube kommen. Sagte das Mädchen: »In Gottesnamen, so gehe ich, in fünf Minuten ist alles vorbei!« Liebes Lichtl! In fünf Minuten war alles ganz anders, aber nichts vorbei. In der Stube bei ihrem Vater und ihrer Mutter stand der Postmeister von Schlehnfeld und der alte Student. Beide hatten schwarze Kleider an; der dicke Postmeister machte ein breites, lächelndes Gesicht, als das Mädchen eintrat, der Student stand ernsthaft da, sein Gesicht war braun und rauh, nur die hohe Stirne war weiß, von der die Haare rückwärts gingen, wie beim Herrn Christus. Der braune Vollbart zuckte ein wenig und sein Auge richtete sich so gutmütig und treuherzig auf das Angesicht der Jungfrau. Der Karmer trat seiner Tochter entgegen und sagte: »Mein liebes Kind! Diese zwei Männer, die du wohl kennen wirst, sind deinetwegen gekommen. Der Herr Franz hält um deine Hand an.« Das Lichtl stand da – unbeweglich und rot erglüht wie ein Flämmchen, wenn kein Lufthauch zieht. Der Franz hielt ja den Atem ein. Der Postmeister hatte das Seine bereits gesprochen, der Vater wartete auf ihre Antwort. Aber sie schaute vor sich hin und sah nichts und schwieg. »Daß ich es bin, nicht wahr, daß ich es bin, du liebes Kind!« so rief jetzt der Student aus und hielt die Hände über der Brust gekreuzt, »ich, der Mann, der nichts ist, als ein leichtsinniger Singsang, der nichts hat, als ein froh Gemüt und – graue Haare im Bart. – Vierzig Jahre bin ich jetzt alt, aber zehn davon sind dein; ich habe dich, da du noch ein kleines, blondes Mädel warst, umwunden und mir verbunden in meinem Gedenken. Ich bin gegangen und habe nicht gefragt, was die Menschen meinen, nicht geschaut, ob die Sterne scheinen – du in mir und nur du allein! Singen und lieben, sonst kann ich nichts, o Jungfrau, komm', sei zum Lieben mein!« »Ist schon recht, das ist schon recht,« beschwichtigte der Karmer den überquellenden Burschen, »ich glaube es, Franz, daß euch das Herz hat hergeführt, aber jetzund muß man wohl auch den Kopf was reden lassen. Ich frage nicht: Könnt Ihr eine Familie ernähren? Denn ich weiß Ihr könnt das und Ihr werdet es. Aber Eure Wege gehen weit herum in Land und Stadt, wird Euch meine Tochter folgen können? sie ist ein Bauernkind. Sie ist ein Bauernkind und wird nicht denken können, was Ihr denkt, und wird nicht wollen können, was Ihr wollt. Sie wird unschuldig dran sein und Ihr werdet unschuldig sein und es kann doch ein Elend sein.« Sagte der Postmeister: »Das ist alles überlegt worden. Er zieht mit seinem Weib in das Häuschen seiner Mutter, das ihm gehört, dort wird er arbeiten, wie sein Vater gearbeitet hat. Von der weiten Welt will er nichts mehr, er will daheim sein.« Die Karmerin stand an der Ecke und tat nichts, als weinen. Der Karmer nahm seine Tochter an der Hand und sagte: »Das Begehren hast du gehört, so gib deine Antwort.« Sie fiel ihrem Vater um den Hals und schluchzte: »Ich kann's nicht glauben, daß es sein Ernst ist!« »Haben schon gewonnen,« flüsterte der Postmeister dem Studenten zu. Und nach wenigen Minuten hing das Lichtl nicht mehr an des Vaters, sondern an des Bräutigams Brust. »Sind aber noch nicht fertig,« sagte der Karmer. Nun hatte auch die Mutter ihr Kind an sich gerissen und schluchzte: »Ich hab' gemeint, du einzige Tochter, du müßtest mein bleiben, bis ich die Augen werde schließen. Jetzt bist auf einmal weg –« »Nein, Mutter, so mußt du nicht –« »Das lass', das hilft alles nichts,« unterbrach sie der Vater, »du wirst uns lieb behalten, das weiß, ich. Aber gehören wirst du ihm und er dir und das wird immer wachsen, wachsen in dir, und endlich werden Vater und Mutter keinen Platz mehr haben. Es ist ja recht so, und wenn du mir's anders wolltest, ich könnt's nicht gut heißen. Du trittst aus deinem alten Kreis und gehst in einen neuen ein. Es segne dich der liebe Herrgott!« »Und weil,« so begann jetzt der Postmeister wieder, »unser lieber Freund Franz glaubt, bei ihm war's schon hohe Zeit, und es auch der gute Brauch ist, daß man, wenn's einmal angefangen, nicht allzu lang' herumzieht, so möchten wir es gleich der Hochzeit wegen besprechen.« Wie da dem Lichtl zumute war! Ist meine liebe Leserin schon in deren Lage gewesen? Dann ist mein Beschreiben überflüssig, sie möge zurückdenken an die einzigste Stunde und – weinen. Hat sie es noch nicht erfahren, dann gelingt es dem Erzähler nimmer, ihr ein Gefühl zu schildern, so die junge, liebende Braut befällt, wenn das erstemal von der Hochzeit die Rede ist... »Der Hochzeit wegen, meint ihr?« sagte der Karmer; »fürs erste setzen wir uns zu einem Glas Wein – man redet dann leichter.« Und als das Haus erfuhr, es werde den Freiersleuten Wein aufgetragen, da schoß alles kichernd und flüsternd durcheinander und die alte Thres brummte: »So sind sie heutzutage da zieren und sperren sie sich – und nehmen tun sie den ersten, der kommt!« Wie hätte es die gute Alte wissen sollen, daß eben der Rechte kam? – Das Lichtl hatte doch viele Männer gesehen, junge und alte, die meisten sind artig mit ihr gewesen, manche sogar süß – aber in der Brust heiß geworden, ganz plötzlich heiß und unstet war ihr nur gewesen, wenn sie den alten Studenten gesehen hatte. Er schaute sie oft an, redete aber mit jeder anderen mehr, als mit ihr. Es gibt Männer, die mit Furchen auf der Stirne noch ein Kind sind, wenn sie die Liebe erfaßt. So einer war der Franz. Er dichtete allerlei von der Liebe, was ihn eigentlich gar nichts anging; er war der Mund eines Herzens, das so heiß ist, so gewaltig bebt in Lust und Schmerzen und – stumm ist. Er war der Mund des Volksherzens. Und wie es ihn nun selber erfaßte, da erging es ihm auch nicht besser, als anderen – er war stumm und konnte das Mädchen nur ansehen und träumen. Endlich wollten seine Pulse nicht mehr gleichmäßig schlagen – er mußte wissen, ob sie ihn liebhaben kann. Nun stand er aber – unverdient wie die meisten lustigen Gesellen – im Geruche der Flatterhaftigkeit; er fürchtete, das Lichtl würde ihm eine Liebeserklärung unter vier Augen nicht glauben wollen; sie sollte seinen Ernst sehen, und so ging er hin und warb um sie nach altem Brauch. – Was alles haben sie jetzt hinterher beredet. – Man wollte den Leuten nicht viel Zeit zum üblichen Geschwätz lassen. Die Hochzeit wurde bestimmt als am dritten Sonntag nach der Verlobung. »Und nun will ich noch was sagen,« sprach der Karmer und schob das Weinglas vor sich hin. »Franz, Ihr wollt' in das Häusel Eurer Mutter ziehen und arbeiten wie Euer Vater? Seht, das ist schön, aber es taugt nicht. Die Sorgen kommen später, ich möchte Euch gern so lang' als möglich davor bewahren. Man wird sich arg verwundern, daß ein Mann, wie Ihr, die Tochter eines Großbauers bekommt. Ich, der Karmer, aber sage, ich bin stolz darauf, daß Ihr sie begehrt. – Franz, gebt mir Eure Hand. Ich halt' Euch in Ehren seit dem ersten Sang, den ich von Euch gehört hab' und seit ich Euch näher kenne, seit ich das Lied von Eurer Mutter weiß, hab' ich Euch lieb. Und wenn Ihr jetzt mein Sohn seid, so sollt Ihr wohl arbeiten im Weinberg, aber nicht wie der arme Winzer, Euer Vater selig – ich hab' ihn gut gekannt – sondern wie es der Heil Jesus meint – im Geist und mit dem Herzen. Ihr sollt Lieder machen und schöne Märchen und Geschichten, die das Herz erfreuen. Auch dazu muß wer auf der Welt sein und es sind doch so wenige. Ich habe gehört, Ihr tut noch gern mit Büchern um und schreibt was Neues. So wollte ich Euch doch in meinem Haus die zwei Stuben, die gegen den Baumgarten hinausgehen, herrichten lassen, daß Ihr arbeitet und studiert, wie es Euch zur Freude ist. Und ich möchte wissen, ob sich der Bauernhof nicht so gut seinen Dichter halten kann, als wie das Schloß und die Stadt!« »Vater!« hatte der Franz hierauf gesagt. Sonst nichts. Am nächsten Tage gingen sie alle miteinander zum Pfarrer von Schlehnfeld. Der Karmer war wieder in seiner gewohnten Fröhlichkeit und fast vornehm ging er in seiner stattlichen Gestalt neben dem »alten Studenten« daher. – Wo ist ein Mann weit und breit, der einen lustigen Stromer zu seinem Tochtermanne machen kann? Keiner kann's. Wo ist der Bauer, der einen Liedermann zu seinem Schwiegersohne kriegt? – Und das Lichtl! Was das hell brannte und rein und still! Und der sonst so kecke, übermütige Franz, wie war er so zart und schüchtern und aufmerksam, und fast ehrerbietig gegen seine schöne Braut, als wäre sie keine Bauerndirne, sondern eine Prinzessin. Als sie an den Pfarrhof kamen, schossen aus dem Tore zwei Menschen heraus und liefen, der eine rechts, der andere links, seitab. Der Postmeister, der als Beistandszeuge mit unserem Pärchen war, konnte es nicht unterlassen, folgende Bemerkung zu tun: »Da gehen zwei hinein, die gern beisammen wären, und da sprangen zwei heraus, die gern auseinander wären.« Der Färber und seine Frau waren es gewesen. Sie waren beim Pfarrherrn oben, um sich gegenseitig zu verleumden und die Ehescheidung zu erwirken. Der Pfarrherr hatte ihnen einen derben Strafsermon gehalten, die Scheidung rund abgeschlagen und als sie beide gegen ihn auf waren, ihnen die Türe gewiesen. »Ist das ein Vorbedeuten?« fragte das Lichtl den Bräutigam etwas beklommen, als die verfahrenen Eheleute vor ihren Augen auseinandergestoben waren. »Ja, gewiß, mein Kind,« antwortete Franz, »wenn schon das rostige Band so fest hält, an dem zwei Bestien nagen, wie der Hund an der Kette, wie muß erst das blanke goldene Band halten, an welchem jeder leichte Schaden allsogleich im Liebesfeuer wieder festgeschmiedet wird.« »Du kannst alles so schön und gelehrt auslegen,« sagte sie, »ich kann mir's wohl immer denken, wie du's meinst, aber aufrichtig, Franz, aufs Wort verstehen kann ich dich nicht immer.« »Dann machen wir's so! Das ist die Weltsprache, die jeder versteht.« Er gab ihr einen Kuß, gerade als sie durch das Tor in den Pfarrhof traten. »Es zeigt sich alles gut,« sagte der Postmeister zum Karmer. »Gott sei Dank!« antwortete dieser, »aber mir tut doch das Herz weh.« Die Hochzeit war ganz, wie alle Bauernhochzeiten sind, so wollte es der Bräutigam. Er lud aber keinen seiner entfernten Freunde in der Stadt und auf Schlössern dazu ein, denn so Leute blasen und spreizen sich den guten Bauernsitten gegenüber allzugern auf, spötteln oder deuteln und verstehen doch nichts davon. Bei dem Gesundheittrinken, wo jeder mit dem Weinglase in der Hand sein Sprüchl zu sagen hat, legte der Franz seinen rechten Arm um den Nacken des Lichtl, so daß der grüne Kranz auf ihrem Haar seine Stirn berührte und lispelte zu ihr: »Vier Viertel ist ein Ganz's, Und ganz dein g'hört der Franz...« Im warmen Nest. »Es ist doch um das Lieben Ein wonnigliches Ding fürwahr! Man treibt und wird getrieben, Wacht Narren und ist selber Narr. Das Suchen und das Finden, Das Wenden und das Winden, Das Bändigen und Binden – Wem das nicht tief zu Herzen ging! 's ist doch ein wonnig Ding!« So sang er damals. In den ersten Monaten war sein Geist wie betäubt gewesen, »betäubt von frischem Erdengeruch des aufwirbelnden Lebens«. Dann kam allmählich die milde Ruhe und die Abklärung; er ging in den sonnigen Weiten um und dichtete, er weilte auf seiner heimlichen Stube und arbeitete. Er studierte und schrieb und der Karmer hütete seine Wohnung, daß kein Lärm und Unfrieden den Franz störe. Dem Hirten war verboten, die blökende und schellende Herde an den Fenstern des Schaffenden vorbeizutreiben; den Knechten war an den Feierabenden – als der Zeit, da Franz am liebsten arbeitete – nicht gestattet, sich im Baumgarten herumzubalgen. Dem Lichtl fiel es auf, warum der Fuhrmann nicht mehr mit der Peitsche knatterte, wie er das sonst so gerne und lustig getan hatte, und so kamen sie dahinter, daß ein Verbot darauf liege. Es wurde erst wieder anders, als Franz hoch und teuer versicherte, daß ihm bei Herdenschellen, Peitschenknallen und Knechtejodeln die Arbeiten, die er mache, viel besser gelängen, als in der Klosterstille. Aber der Großbauer blieb in seiner Fürsorge, die Muse nicht zu verscheuchen, die eingegangen war unter sein Dach. Der Franz durfte sich weder kümmern um Küche und Keller, noch um ein anderes Nötige, so daß er einmal zum Karmer sagte: »Ich muß dir zu verstehen geben, Vater, daß man Dichter nicht zu mästen pflegt.« Auf das entgegnete der Karmer, daß es auf der Bauernschaft nicht der Brauch wäre, ein Hausgeschöpf, sei es Mensch oder Tier, Hunger leiden zu lassen. Doch werde er seinen Hammel schon ausnützen. Hernach fragte er, ob es nicht erlaubt wäre, einmal zuzuhören, wenn er – der Franz – dem Lichtl die neuen G'schriften vorlese? Wie freute sich Franz über diese Frage, und so saß denn der Bauer manchen Abend in der Stube seines Schwiegersohnes, und dieser las seine Studien und Schöpfungen vor. Dabei schaute denn der Vater unverwandt seiner Tochter ins Gesicht und nach ihren Mienen beurteilte er das Vorgelesene – lachte, wenn sie lächelte, war ernsthaft, wenn sie es war. Sie – die Frau dieses gelehrten Mannes – mußte seine Schriften wohl verstehen, und begriff er sie nicht, so war er eben dafür ein Bauer, und je weniger er ein Stück verstand, um so höher und gelehrter mußte es wohl sein, und um so mehr war er stolz auf seinen Mann. Bisweilen, so hoffte er, würde der alte Vagabund doch wieder ein lustiges Lied haben, oder eins, das zu Herzen geht. – Aber tatsächlich – der Vogel sang spärlicher, seit er bei Zucker und Brot so warm im Bauer saß. Einmal fand das Lichtl auf dem Tische ihres Mannes ein angefangenes Lied: »Mir tut das Herz so weh, Wenn ich der Zeit gedenk' –« Nichts weiter. Am nächsten Tage fehlte das Blatt. Zur selben Zeit war es, als der junge Töpfer Hieronymus aus Schlehnfeld im Karmerhofe vorsprach. Er wendete sich vor der Haustür an den Bauer: Ob der Herr Franz daheim wäre? »Was wollt Ihr denn von ihm!« fragte der Karmer, der den Schwiegersohn eben in seiner Arbeit wußte und ihn nicht stören lassen wollte. »Wisset, Karmerhofer,« entgegnete der Töpfergeselle, »ich sag's nicht gern, aber – so ein Gedicht täte ich für wen brauchen und weil der Franz so schön allerlei zusammenreimen kann –« Da unterbrach ihn der Bauer, was man denn glaube? Sein Herr Sohn arbeite nicht auf Bestellung, so wie Schuster und Schneider. »Soll's ein Liebsg'sangel sein?« rief der Franz zum Fenster herab. »Maria und Josef!« sagte der Töpfer, »da oben reckt er ja den Kopf herfür.« Der Franz trillerte: »So viel, als da Wörtl Stehn auf dem Papier, So viel han ich Seufzer tan, Seufzer zu dir! »Ist das recht?« »Franzl, sing' weiter!« bat der Töpfergeselle. »Und mehr, als is gflossen Tinten aufs Papier han ich Tränen vergossen. Schware Tränen zu dir. Und wollt ich dir sagen, Was ich Tag und Nacht denk, hätt ich Seufzer und Tränen Und Tinten viel z'weng.« »Das brauch' ich, das kann ich schon brauchen!« jubelte der Töpfergeselle, »zuck' (höre) nur nicht auf!« »Und wollt ich dir klagen All mein Lieb und mein Leid, Siebn Ellen wurd er lang, der Brief, Siebn wurd er breit! Und so bschließ ich mein Schreiben Und petschier's mit ein Kuß, Und es wird dir treu bleiben Dein Hieronymus.« Der Töpfer war entzückt. Also gar auf seinen Namen lautete das Gedicht. Auf ein Blatt geschrieben trug er es nach Hause, um es sofort an die richtige Adresse zu befördern. Und zwei Wochen später war der Franz Besitzer eines kunstreichen Kruges mit weißer Glasur, zwei roten Herzen und den zierlich geschriebenen Worten: »Dem Herrn Dichter.« Aus diesem Kruge trank Franz manches neue Lied, denn es kam eine Zeit, da er zu frohem Sange von außen hinein begeistert werden mußte. Als der Frühherbst da war, die schönste Zeit des Wanderns, wurde der alte Vagabund in seinem friedlichen Daheim von Tag zu Tag unruhiger. Schon früher hatte er dem Lichtl öfters von seinen alten Freunden und Studiengenossen erzählt, die draußen in Städten oder Märkten, oder auf Landgütern und Schlössern wohnten und daß manche unter ihnen ihn mit seiner jungen Frau auf einen Besuch eingeladen hätten. Das Lichtl hatte stets dafür gedankt, sie sei nicht für so weite Reisen, auch könne sie sich zu den Herren nicht schicken und ihr sei es am liebsten daheim. Auch der Karmer hatte geraten, der Franz möge für dieses Jahr sich daheim ausruhen und wohl sein lassen, und wenn er gerade einen besonders lieben Bekannten habe, so sei er jetzt ja in der Lage, ihn zu sich einzuladen, ihm, dem Karmer, würde jeder bescheidene Gast willkommen sein. Und der goldherzige Mann verdoppelte seine Güte und Aufmerksamkeit; auch der mittlerweile auf Urlaub heimgekehrte Sohn des Bauers gewann seinen Schwager bald lieb und erwies ihm allerlei Artiges. Es waren lauter warme Herzen, die den Vagabunden-Franz umgaben. Das Gesinde des Hofes hatte aber seine besonderen Ansichten: So was würde man nicht bald wieder finden, wie diesen Franz, zuhalb Stadtherr, zuhalb Bettelmann – arbeitet nichts und lebt wie ein Prinz. »Dennoch kommt er mir nicht mehr so lustig vor, wie voreh,« bemerkte eine der Mägde. – Und eines Abends legte der Franz seinen Arm um das Weib und sagte: »Lichtl, ich mag nicht mehr.« Sie schwieg, er auch. Nach einer Weile sagte er: »Lichtl, ich muß – ich muß fort. Da wird mein Blut zu Blei, des Hauses Umfriedung zu Ketten, ich möcht' schreien einen Schrei, daß sie kommen und mich retten!« »Jeß, Maria, Mann, was hast du für Gedanken?« fuhr das Lichtl auf. Er sah sie überrascht an: »Gedanken? Hab' ich laut gedacht? Dann war's ein Gedicht.« »Franz,« bat sie, »sei aufrichtig mit mir, du hast was auf dem Herzen!« Er starrte auf den Tisch hin, seine hohe Stirne wurde rot, ein zuckendes Rot, sein rückwärts wallendes Haar zitterte. »Ja!« rief er, »ich will fort, ich muß fort, aber du mußt mit mir. Wir besuchen meinen lieben, alten Freund Berger in der Arch, er hat dort ein Landgut, er hat mich schon so lange und so fein eingeladen. Das ist ein prächtiger, alter Junge, er wird dir gefallen. Und wir besuchen endlich einmal den wackeren Edelknaben, den Grafen auf Stoßberg – ich bin bei ihm wie daheim. Vor dem brauchst du dich nicht zu fürchten, das ist ein Ritter vom Fuß bis zum Kopf, der weiß nichts von bürgerlich und adelig, ist ein alter Student geblieben, und der am besten zecht und pürscht und dabei ein ehrlicher Kerl ist, der ist sein Freund. O, was freue ich mich, dich endlich wieder zu umarmen, du gutes, altes Haus!« Das Lichtl sagte nichts. Und am anderen Tage teilten sie es dem Vater mit, sie wollten eine Reise tun. »Mein lieber Vagabund,« sagte der Karmer ernsthaft und hielt den Franz an der Hand, »ich laß euch ohne Sorgen fort, ich will mir denken, es ist die Hochzeitsreise. Aber gib acht, daß dich der Vagabundenteufel nicht packt, er kennt dich allzugut. Zu einzeln tanzt sich's lustig hin, und du, der Heimatlose, warst überall daheim, wo sie dein Wort verstanden haben. Aber zu zweien ginge jeder Schritt ins Blaue hinein dem Unguten zu. Ich wollt's nicht erleben, meine lieben Kinder, daß ihr einmal in jenen Zustand zurückkämet, in welchem eins von euch schon einmal heimgekehrt ist. Ich will jetzt nicht sagen: Franz, leg' ab und bleibe; ich kann mir's denken, wie dir's ums Weite ist. Ich will auch nicht sagen: Laß dein Weib daheim; sie soll mit dir auf alle Wege, und wär's ins Elend; Mann und Weib gehören zusammen, wie der Doppelkern in einer Nuß. – Jetzt zählen wir Maria Geburt; bis zu Michelli, verhoff' ich, halten wir zusammen das Erntemahl.« Neues Vagabundenleben. »Gott sei Lob und sei Dank, Ich bin frei, ich bin frank!« So jauchzte er auf, der Vagabunden-Franz, als er auf der Straße hinter Schlehnfeld dahinstapfte. Neben ihm ging sein Lichtl. Sie war still. Ihr taten schon die Schuhe weh, aber sie wollte es ihm nicht sagen, sie wollte seine Lust nicht verderben, und die Schuhe hatten eigentlich noch gar kein Recht zu drücken, waren sie doch erst eine Stunde gegangen. Sie wird später ja fahren, aber er läßt sich das freie echte Wandern nicht nehmen. Das Ranzel am Rücken, den Stock in der Hand und Funklnagelneue Stiefel, Die Taschen voll Geld, Und mei Vater hat gsagt: Bua, jetzt betracht d Welt! Das Weib war bald glücklich auf einen Wagen gebracht. »Zu Lehmdorf, Lichtl, steigst aus, beim Fuchsenwirt wartest auf mich.« »Will's schon halten. Übergeh' dich nicht, Franz!« Der Wagen rollte davon, der Vagabund pfiff und sang und trat mit den Füßen den Takt dazu. »A Lebn voller Freuden Führ ich auf der Welt, Mein Zimmer is d Leiten, Mein Haus s weite Feld. Meine Wänd, meine Fenster Sein die Bäum grün und frisch, Stein und Stock meine Stühl, Meine Knie sein mein Tisch. Auf dem les ich und los ich, Drauf iß ich und schreib, Drauf hutschad (schauktelte) ich die Kinder, Wann ich s hätt, zsamt dem Weib. Da Wind is mein Knecht, Fleißig schon, aber dumm, Er blattelt wohl um, Aber selten is s recht. Meine Köchin, d Frau Sunn, Dient mir treu ohne Lohn, Und mein Kellner, der Brunn, Nimmt kein Trinkgeld nit on. Linde Waserl, feine Graserl, Zum Liegn findt ich gnua, A gsunds Fell über d Seel, Mit dem hüll ich mich zua. Statt n Spanlicht brenn ich Mondlicht, Statt n Kerznlicht Stern! Bin begierig, wann ich stirb, Was s mir anzündn wern. Wer möcht sich drum kümmern Und wunderli sein, So Heilign, wie ich Gebn selten an Schein!« Solche Lieder sprudelten jetzt aus ihm hervor – ein Quell aus dem Felsen, den ein Moses mit dem Wanderstab berührt hat. So ging es nun fort tagelang – sein Lichtl teils zu Wagen, teils zu Fuß – bis sie endlich die Arch erreichten, wo der alte Jugendfreund Berger sein Landgut hatte. Als sie dem stattlichen Hause nahten, sah Franz seinen Freund schon am Fenster stehen, er winkte mit der Hand hinauf: »Grüß' dich, grüß' dich, alter Freund, wir sind da!« Doch jener war vom Fenster zurückgetreten und hatte es nicht gesehen, nicht gehört. Sie gingen in das Haus, ein Diener trat ihnen in den Weg, was sie begehrten? »Melden ist nicht nötig, wir gehen zum Hausherrn.« »Ich darf Fremde nicht vorlassen.« »So sagt, der Vagabunden-Franzl ist da – und mit ihr.« – »Jetzt paß auf,« schmunzelte der Franz zu seinem Weib, »der wird eine Freud' haben!« Der Diener kam zurück und sagte: »Der Herr ist nicht zu Hause.« »Aber ich sah ihn ja vorhin am Fenster.« »So wird er seither ausgegangen sein.« »Das ist nicht möglich, wir hätten uns an der Tür treffen müssen.« »Wenn ich sage: er ist nicht zu Hause, so ist er nicht zu Hause. Adieu!« Da schlichen sie davon und der Franz war kleinlaut. Das Lichtl wollte ihm seine Vertrauensseligkeit verweisen, aber er dauerte sie und da hub sie an und zog höllisch gegen diesen Herrn Berger los, der seinen besten Freund ins Haus lade, um sich vor ihm verleugnen und ihm die Tür weisen zu lassen. »Nein,« meinte der Franz, »so ist er nicht, er wird mich nicht erkannt haben, er mag wirklich durch eine Hintertür davongegangen sein in die Wirtschaftsgebäude, auf die Äcker, mein Gott, so ein Mann hat auch seine Geschäfte und Sorgen. Gib acht, Lichtl, er reitet uns nach oder holt uns mit dem Wagen ein – denke dir den Spaß!« Aber der Herr Gutsbesitzer kam weder geritten noch gefahren, sie kehrten in einer Schenke ein und es war von ihm weiter nicht mehr die Rede. Auf derselben Straße begegnete ihnen aber ein Bekannter aus Schlehnfeld – der Färber. Er reiste in die Stadt und machte ein gar fröhlich Gesicht. So fröhlich, als ob er zur Hochzeit ginge. Er ging zur Ehescheidung. Der Prozeß war gewonnen. Zur Scheidung war endlich ein Grund gefunden worden. Als der Vagabund mit seinem geduldigen Weibe in den Marktflecken Menberg kam, erinnerte er sich, daß in Menberg sein alter Freund, der Meister Peter lebe. »Lichtl, den müssen wir aufsuchen. Weltewig wäre mir der böse, wenn er erführe, daß wir in Menberg waren, ohne ihn zu besuchen. Meister Peter ist ein berühmter Maler; Kind, ich sage dir, der läßt dich nicht fort, dem mußt du sitzen. Wenn du nur erst die wunderprächtigen Bilder von seinen Frauen siehst!« »Hat er mehrere Frauen gehabt?« »Er hat sie noch. Ja, da wirst du lachen. Er lebt mit zwei Frauen.« Man kann sich das Entsetzen des Bauernweibes denken. »Zwei auf einmal! Und ist es denn möglich, daß er beide gern hat?« »Er hat gar keine gern. Aber er laßt sich gern haben. Die eine ist gescheit, die braucht er zum Diskurieren, die andere ist schön, die braucht er zum Malen.« »Du hast saubere Freunde, Franz,« sagte sie. »Wie sie Gott gibt.« »Na, zu so einem gehe ich nicht mit!« Es kam auch nicht dazu. Als sie am Friedhofe vorbei in den Marktflecken einwanderten, begegneten ihnen die zwei Frauen des Meisters Peter; jede hatte ein schwarzes Kleid an, jede trug am Arm einen grünen Kranz mit zinnoberrotem Band. Der Peter war gestorben. Der Franz ging mit auf den Friedhof. Diese zwei Frauen, sonst so bissig aufeinander, feindselig, fortweg lauernd und sich überlistend und tastend, wie zwei Katzen um eine Maus – sie gingen jetzt friedfertig, teilnehmend nebeneinander her wie zwei Schwestern. Als sie ihre Kränze auf das Grab legten, lehnten sie sich aneinander und waren einig um den Toten, wie sie um den Lebenden uneinig gewesen waren. »Tröst' uns, Franz, tröst' uns,« schluchzte die eine. Hierauf sagte der Franz: »Freud und Leid hat alls sein Zeit. Wie s kommt, so gehts und keins verstehts, Aufs Hirn kannst hämmern, ans Herz kannst schlagen, Das gescheidest is: geduldig tragen.« Unvorsichtig mit dem Lichtl! Die Reise wurde von Tag zu Tag beschwerlicher. Beide hatten sonnenverbrannte Gesichter, beide hatten wunde Füße und an Franzens Kleidern wären allerlei vagabundenmäßige Schäden bemerkbar geworden, wenn sie das Lichtl unter Baumschatten oder in verschwiegenen Schlafkammern nicht sorgfältig ausgebessert hätte. Das Lichtl schlug vor, umzukehren, aber der Franz bat sie, sie möge ihm die Freude gewähren, den alten, treuen Busenfreund aus Stoßberg wiederzusehen. Sie waren doch kaum mehr eine Tagereise von der alten Grasenburg entfernt. Das Lichtl gab sich drein und machte den Gatten nur noch aufmerksam, daß die Reisekasse der Erschöpfung nahe sei. »O, du gutes Kind!« rief der Franz, »das laß dir keine Sorge sein; überall, wo ich meinen Namen nenne, finden wir ein gedecktes Tischlein.« Einmal wurden sie von einem Landwächter angehalten und um den Paß befragt. Das Lichtl schämte sich halb zu Tode – wie mußten sie schon aussehen, daß in einer so ruhigen Zeit, in einer so sicheren Gegend eine solche Frage frei war! Aber der Franz sagte: »Seit wann haben denn Vagabunden einen Paß? Na, schaut mich nur einmal recht an.« »Ich kenn' Euch nicht,« brummte der Landwächter. Da begann der Franz zu trillern: »Alleweil keuzlusti Und trauri gar nia, Ih steh da, wia da Kerschbam In ewiger Blüa!« »Der Franzl, der Franzil« rief der Landwächter aus, »dich kennt man wie den Vogel am Singen; aber so fein beieinander bist jetzt, daß du völlig fremd ausschaust.« »Aha, hierzuland' hält der Landwächter nur die feinen Leut' an.« »Na, ist schon gut, Franz, du brauchst keinen Paß, bist ja, wie das schlecht' Geld, überall bekannt. Wer ist denn die da?« »Dem schlechten Geld sein Weibel.« Er ließ sie wandern. »Franz,« sagte das Lichtl und weinte in ihr Sacktuch, »ich komm' mir vor, wie eine verlorene Seel'.« »Laß Zeit, bis wir beim Grafen sind,« tröstete er sie, »dort rasten wir aus, lassen uns gut geschehen, so lang's uns freut.« Und am selbigen Abend kamen sie auf Stoßberg an. Der Graf hatte Gäste, die schon zu den Herbstjagden angekommen waren, es ging lebhaft zu im Schloßhof, und Mensch und Hund trollte sich lustig durcheinander. Der Graf war ein Mann »in den besten Jahren«, diese besten Jahre währen bei Herren seinesgleichen, bis das Zipperlein kommt. Edelmann, Weltmann, Lebemann, diese drei Männer hatte der Graf Stoßberg unter seinem Hütl beisammen. Er empfing den Franz sehr höflich und zuvorkommend, stellte ihn den Gästen als den »Liederdichter Franz von Schlehnfeld« vor; mancher trat auf ihn zu, um ihm verbindliche Worte zu sagen; er schlug seinen gemütlichen Ton an, es mochte aber keiner recht darauf eingehen. Der Graf wollte mit dem vor Verlegenheit überaus ungeschickten Lichtl ein kleines Gespräch anfangen, versuchte es in schäkerndem Tone, war gar freundlich und herablassend und sagte ihr allerlei Artiges, aber sie knüpfte fortwährend an ihrem Handbündel und tat, als wäre der Knoten an diesem Bündel die Hauptsache auf der Welt. Dann wurden sie bewirtet, aber nicht mit den anderen Herrschaften, sondern im Gesindehaus. Der Franz machte sich Hoffnung auf einen fröhlichen Abend und bereitete in sich schon allerlei Schwanke und Schnaken vor, womit er die Gesellschaft zu unterhalten gedachte. Da kam ein Diener und brachte die Nachricht, daß der Herr Graf meine, die zwei Leutchen möchten von dem weiten Wege müde sein und so würde ihnen unten in der Hube eine Nachtherberge angewiesen werden. Ein halbes Stündchen später kauerten der Franz und sein Lichtl in einer Scheunenkammer des Bauernhauses, das am Fuße des Schloßberges stand und die Hube geheißen war. Die Kammer duftete nach frischem Stroh, das an einer Wand aufgeschichtet war; auch die Liegerstätten bestanden aus Stroh, das mit Leinwand überzogen worden. Franz war verstimmt über diesen Empfang beim Grafen, aber als er sich zur Rast legte, sagte er: »Das Bett ist nicht schlecht.« »Mein's daheim im Karmerhof wäre mir lieber,« bemerkte das Lichtl. »Weil dir nichts recht ist!« fuhr er jetzt plötzlich gegen sie auf. »Weil du auf der Reise Ansprüche machst, als wie eine Fürstentochter und meinst, der Graf müßt' uns mit Musik ins Schloß geleiten lassen und in seinem Rittersaal unsertwegen eine Mahlzeit geben und was weiß ich für Sachen!« »Das magst wohl du erwartet haben, Franz, ich nicht,« so antwortete sie und barg ihr Gesicht in das Kissen. Als es schon finster und still war im ganzen Hause und draußen nur der Bach rauschte, wurde der Franz erst inne, daß er seinen Zorn gegen den Grafen an einer ganz Unschuldigen ausgelassen habe. Er legte seine Hand zu ihr hinüber und sagte: »Gute Nacht, Lichtl, morgen reisen wir heim zu.« Sie erwiderte warmherzig das Gute Nacht – dann schliefen sie ein. Am andern Morgen, als sie sich hastig zur Abreise rüsteten, kam vom Schlosse herab wieder der Diener: »Der Herr Graf läßt sagen, wenn der Vagabund gut ausgeschlafen hätte, so solle er sich ausmachen und mit auf die Jagd gehen.« »Siehst du!« jubelte der Franz zu seinem Weibe, »das ist mein Graf, das gemütliche, alte Haus! Oh, er kommt auch noch darauf, daß wir Duzbrüder sind. Ja, versteht sich, daß ich dabei bin. Ich laß dem Herrn Grafen einen guten Morgen sagen und eine gute Stund', einen guten Anblick und einen guten Hund, ein gutes Pulver und ein gutes Blei. Ich komme glei'.« – Der Franz war über das Lebenszeichen seines alten Freundes in hellen Freuden. »Was nur ich dieweilen anfangen werde?« meinte das Lichtl. »Dir wird die Zeit zu kurz. Du schaust dir die Schießstatt an und die Kugelbahn; findest auch nicht bald eine, wie die da oben. Wirst an der Wand einen aufgeschrieben sehen, der vor sieben Jahren am Jakobitag alle Neune schob! Kennst ihn gut, denselbigen! Nachher laßt dir im Schloß die schönen Zimmer zeigen.« »Nicht einen Schritt ins Schloß!« rief das Lichtl, »ich pfeif' auf dem seine Zimmer!« »Wirst dich schon unterhalten, behüte dich Gott, Schatz!« Verließ sie und ging mit den Jägern. Es ging lustig zu auf der Jagd, obschon der Jagdherr wegen Unpäßlichkeit nicht dabei war. Der Franz schoß nichts, machte aber ein paar Weidmannslieder, die man im Lager bei Wein und Branntwein nach bekannten Arien sang, wo man den »ewig jungen Sohn in Apollo und Weltvagabunden« mit rasendem Geschrei »leben« ließ. Schade nur, daß es so nicht dauern wollte; bald zerstreuten sich die Jäger wieder im Gebirge und der Franz wollte nicht begreifen, wie ihnen die Tierhetze besser gefallen konnte, als Wein und Gesang. Ganz allein lag er nun im Waldschatten da und so blieb er liegen und schaute zwischen den Tannen in den blauen Himmel hinein. »Urgroß ist Waldesruh'!« Ganz allein kehrte er im Abenddunkel ins Tal zurück. Das lag im roten Scheine. Am Fuße des Schloßbergs brannte das Haus. Es brannte lichterloh und die Rauchwirbel umhüllten das stolze Stoßberg. Mit Löschen befaßte sich niemand, es war zu spät. Die Leute umstanden ein Weib, das an einem Steine kauerte. Bei dem Scheine des Brandes erkannte der Franz sein Lichtl. Er fuhr drein: was hier vorgehe? »Sie hat die Huben angezündet!« riefen mehrere Stimmen. »Das ist erlogen!« schrie der Franz. »Mein lieber Mann,« rief das Lichtl, »es ist wahr.« »Hinweg da!« schrie er und öffnete sich mit seinen Ellbogen eine Gasse zu ihr. Er hob sie vom feuchten Boden auf, sie schrie vor Herzleid. »Sei still, sei still,« beruhigte er sie, »es ist aus Unvorsicht geschehen.« »O nein,« sagte sie, »ich hab's mit Fleiß getan.« »Lichtl! Bist du wahnsinnig geworden?« »Ich will dir wohl alles sagen, Franz!« Und dann hat sie ihm was gesagt. »Wie es finster wird, sitz' ich in der Kammer beim Kerzenlicht und ist mir, als wärest du in einer Gefahr und als sollt' ich was beten. Auf einmal geht die Tür auf und ein Mann steht vor mir, hat eine Larve an. Ich spring auf und frag' ihn, was er will. Steht nicht lang' an, so weiß ich's. Wer hilft mir? Das Schreien ist umsonst. – Da kommt mir der Gedanke: das Feuer muß mir helfen, lieber verbrennen! Ich fahr' mit der Kerze ins Stroh. – Er springt hinaus, ich lauf' auch davon. – Da hast du mich noch einmal, Franz, aber verlaß mich nimmer!« Ehe vom Hause die letzten Brände einfielen, kam vom Schlosse herab der Befehl: Für den Brand sei niemand verantwortlich zu machen, aber der Landstreicher möge mit seinem Weibe sofort die Gegend verlassen. Jetzt hat der Franz aufgelacht – aber so seltsam aufgelacht, daß es war, wie ein gewaltiges Lied. Er nahm das Weib an seine Seiten – dann gingen sie heim. Zerfahren und erschöpft kamen sie nach Tagen von dem Besuche bei ihren »lieben Freunden« nach Schlehnfeld zurück. »Nu, wie ist's ergangen?« fragte der Karmer, seine Kinder mit offenen Armen empfangend, »seid wohl überall recht gut aufgenommen worden?« Da faßte der Franz den Schwiegervater bei der Hand: »Jetzt hab' ich wieder ein neues Liedl: »Viel g'habt habn und nix mehr, Das nimmt den Mut; Viel gwest sein und nix mehr, Wie weh das tut! Und noch eins: Die Heimat und d'Herzen Reißt nix auseinand, Ih bau' mir mein' Himmel Daheim in mein' Land!« Jetzt ging's. In der unteren Schlehn gab's eine Neuigkeit. Die Färbersleute lassen sich nicht scheiden, sie bleiben beisammen. Es war endlich durchgesetzt, die Scheidung konnte von beiden Teilen verlangt und vollzogen werden. Aber der Prozeß hatte das Vermögen der beiden Teile verschlungen. Und nun sie arm waren, wußte eines oder das andere nichts Rechtes zu beginnen; sie bedurfte eines tüchtigen Arbeiters, er bedurfte einer häuslichen Wirtin – so blieben sie beisammen. Um das Ding aufzuputzen, sagten sie: sie hätten in Glück und Freud' beisammen gelebt, so wollten sie sich in der Not nicht verlassen. Jetzt hatten sie andere Sorgen, als ihre Ehe, jetzt ging's. Sie wußten es nun selbst nicht mehr zu sagen, welcher Teufel sie denn eigentlich geritten hatte. Sie hätten ja gewiß gerne zusammenbleiben wollen, aber zusammenbleiben müssen, das war für zwei Trotzköpfe eine zu harte Sach'. Und unsere lieben Vagabundenleut'? Sie wollten, als der junge Karmer das Gut übernahm, in ihr Winzerhäuschen ziehen, aber im Karmerhofe ließ man sie nicht fort. »Schwalben, Dichter und Störche sind für das Haus allzeit ein Segen!« sagte der alte Karmer und der junge widersprach nicht. Im nächsten Frühjahre mit den Schwalben kam vom Landesfürsten eine goldene Ehrenmünze für den Sänger Franz von Schlehnfeld; im nächsten Herbste kam der Storch. Da saß die junge Mutter mit dem Kind an der Brust und da neigte der Franz sich nieder, schlang den Arm um sie und – blieb stumm. Es gibt kein Wort, es gibt kein Lied dafür. Drei Mittagsessen Jedermann hält – so begann mein Freund seine Erzählung – seinen eigenen Kopf für den klügsten, sein eigenes Kind für das schönste und seine eigene Liebes- und Heiratsgeschichte für die interessanteste. Meine Heiratsgeschichte ist wirklich interessant und ich würde glauben, ich hätte sie aus einem munteren Roman gelesen, wenn nicht mein treues Eheweib Juliane neben mir weilte, zu dem ich unmöglich anders gekommen sein kann, als durch nachstehende Heiratsgeschichte. Ich lebte von meinem neunzehnten bis zu meinem dreißigsten Jahr im Städtchen B. als kleiner Steuerbeamter. Ein lustiger Kerl, der ich war, hielt ich mit aller Welt gut' Freundschaft und sie mit mir. Eingemietet hatte ich mich in einer Hofkammer, was natürlich den ständigen Witz verursachen mußte vom »Kammerherrn bei Hofe«. Er war aber völlig ungerechtfertigt, denn ich war überall im Städtchen daheim, nur nicht in meiner Wohnung. Die erstere Zeit zwang mich mein Kanari, daß ich täglich oder nächtlich einmal heimging in die Hofkammer, um ihn zu füttern; später trug ich das Vogelhaus der Bequemlichkeit halber zum Lindenbräu, wo ich es im Extrazimmer aufhing und das Tierchen denn ordnungsgemäß speisen und tränken konnte. Da einmal der Vogel beim Lindenbräu war und ich nicht verlangen konnte, daß ihn die Kellnerin atzen und sich von ihm umsonst anpfeifen lassen sollte, so ging ich täglich hin, aber nur einmal, nämlich zu Mittag nach der Amtsstunde. Ich blieb – Genossen sind in B. immer zuwege – im Extrazimmer sitzen, natürlich bis ordentlich in die Nacht, und legte mich dann der Bequemlichkeit halber unter meinem Vogelbauer auf die Bank hin. Lustig war es immer, Possen gab es jeden Tag und an alles dachte ich eher, als ans Heiraten. Da drehte sich eines Abends, als meine Genossen einmal recht vernünftig waren, das Gespräch um das Wirtshausleben. Mitten im Wirtshaus erdreisteten wir uns zu sagen, daß gegen den Trank zwar nichts einzuwenden sei, daß aber die Speisen für die Länge in einem Privathause doch besser schmeckten, als das unablässige Schnitzel und Rostbeef im Gasthause. Das Gespräch hatte einen philiströsen Beigeschmack, und schon gar, als den vorhandenen Junggesellen die Gründung eines häuslichen Herdes geraten wurde. Empört über die süßelnde Moralsiederei des Abends rief ich urplötzlich aus: »Ich brauche keinen eigenen Herd und wenn mir die Wirtshauskost nicht ansteht, so speise ich eben in einem Privathause.« »Wenn du geladen bist,« warf einer her. »Bin täglich geladen, wenn ich will!« rief ich, pochte kühnlich auf meine Beliebtheit, deren ich mich in der Stadt erfreute, und hingerissen von diesem stolzen Bewußtsein setzte ich bei: »Übrigens warte ich nicht erst auf die Einladung, ich gehe ins nächstbeste Haus, wann ich will und speise dort.« Das wäre doch etwas viel gesagt, meinte einer, und so elastisch dürfte selbst die zäheste Freundschaft nicht sein, daß man den ungeladenen Gast, eben wann es ihm beliebt, zu Tische zieht. »Warum denn nicht?« war meine Frage. »Ich gehe eine Wette ein, daß ich in jeder Familie der Stadt B. speise, wann ihr wollt! Ich gehe ins Haus und sie werden mich zu Tische laden.« »Was gilt die Wette, du sitzest auf!?« »Wer sie verliert,« sagte ich, »der gibt den Stadtarmen eine Mahlzeit!« »Wacker!« »So werdet ihr mir morgen um halb zwölf Uhr vormittags sagen, in welcher Familie ich zu Mittag speisen soll. Ich werde hingehen, und sie werden mich zu Tische laden.« »Angenommen.« »Nur eines bedinge ich mir. Arme Familien, denen ein Gast schwerfallen würde, sind ausgenommen.« »Selbstverständlich.« »Auf wie viele Tage wollt ihr es vorläufig versuchen?« »Auf eine Woche,« sagten einige. »Auf drei Tage,« meinten andere. »Drei Tage, an welchen ihm wir die Häuser seines Mittagsmahles vorschreiben, werden reichlich genug sein, um den Prahlhans gründlich zu heilen.« So ward es festgenagelt. Ich bestellte beim Lindenbräu schon an demselbigen Abende den Rostbraten des nächsten Tages ab und schlief dann recht Wohl auf der Bank unter meinem Kanarienvogel. Am nächsten Tage von acht Uhr morgens an saß ich wohlgemut in meinem Amte. Die bockbeinigen Parteien, mit denen ich zu tun hatte, konnten mir den Humor niemals verderben. Etwa um Glockenschlag elf meldete sich der Magen, höflich fragend, was heute zu gewärtigen stehe? – Laß Zeit, mein Kind, noch weiß ich es nicht. – Um halb zwölf Uhr brachte der Kanzleidiener ein versiegeltes Briefchen herein. Ich wog es in der Hand und roch einmal darauf hin; nichts von Küchenduft, es war geruchloses Kanzleipapier. Ich öffnete und las, daß ich heute, Donnerstag den 11. Juni 1885, beim Herrn Apotheker Bitterle speisen solle. – So, so! Beim Apotheker Bitterle. Ein ganz braver Mann, der Bitterle. Indes, ich hatte ihn erst am selbigen Vormittag angeschnauzt, weil er Umstände mit der Einkommenssteuer machte. Herr Bitterle ist ein etwas sparsamer Mann, der das viele Schweinsfett, welches er jährlich kauft, nicht für die Küche eignet, sondern damit in der Apotheke die Hasen-, Dachs-, Kreuzotterfettöpfe und andere Salbendosen füllt. – Nun, im Gottesnamen, wir wollen es versuchen. Um zwölf Uhr stieg ich die finstere Treppe hinan zur Wohnung des Apothekers. An der obersten Stufe lag ein großer Kater, der schnurrte mich an, blieb des weiteren aber liegen. An der offenen Küchentür blieb ich stehen und sagte, höflich den Hut lüftend: »Guten Morgen, Frau von Bitterle!« Denn sie stand beim Kochen. »Uh!« versetzte sie, »der Herr Karl! Sie suchen gewiß meinen Mann. Er ist in der Apotheke.« »Er hat ganz recht,« antwortete ich, »aber mir ist heute die deutsche Küche lieber als die lateinische.« »Ist auch gesünder,« sagte die gescheite Frau und glättete mit einem Handstrich ihre schneeweiße Küchenschürze. »Besonders wenn eine so geschmackige Köchin drin steht,« sprach ich. »Da kriegt einer auch ordentlichen Appetit. Aber ich bitte, Frau von Bitterle! kein Schmuck und keine Seiden steht der deutschen Frau so gut als der Kochlöffel. Allen Respekt! Wenn ich nur wüßte, womit die gnädige Frau den Salat einmacht? Tafelöl ist das nicht!« »Mein Mann ißt den Salat nur mit Leinöl.« »Nicht möglich!« rief ich aus. »Vortrefflich, sage ich Ihnen!« versicherte die Frau und träufelte das goldige Öl auf das Grünzeug, »wer Leinöl einmal gewohnt ist, der ißt kein anderes mehr. Und gesund für die Brust!« »Sein mag's,« sagte ich ernsthaft, »sein mag das wohl. Ich glaub's geschwind. Soll ja das beste Öl sein, das Leinöl, hab's immer gehört. Delikat muß es sein! Aber frisch wird man es selten haben können.« »Wissen Sie was, Herr Karl,« sagte das Frauchen und wendete mir ihr am Feuer gerötetes Gesicht zu, »wenn Sie glauben, daß wir den Salat mit abgestandenem Öl einmachen, so rate ich Ihnen, sich vom Gegenteil zu überzeugen und einmal mit uns zu Mittag zu essen.« »Liebste Frau Bitterle!« sage ich und halte die Hand hin, »es gilt. Ich speise heute mit Euch.« Jetzt kommt der Apotheker die Treppe herauf, der Kater ist still, aber der Bitterle knurrt. »Du, Mann,« ruft ihm die Frau entgegen, »denke dir, wir haben heute einen lieben Gast!« »Hol' ihn der –« brummte Bitterle, »so oft man im Steueramt zu tun hat, ist der Humor für den ganzen Tag weg. Wer ist es denn?« Da trete ich vor. »Freund,« sage ich und halte ihm beide Hände entgegen; »die Schrift sagt: wenn du jemand beleidigt hast, so lasse die Sonne nicht untergehen, ohne ihn zu versöhnen. Ich mag die Sonne nicht einmal den Zenit überschreiten lassen, ohne dir Abbitte zu tun. Im Drange des Geschäftes entrollt einem eben manchmal ein herbes Wort, ohne daß man die Parteien eigentlich ansieht, wer sie sind. Schlimm war's nicht gemeint, Franz, ich muß mit dir heute eine Flasche Wein ausstechen, du, stolpere nicht, da liegt ein großer Kater. Grüß dich!« Da hätte ich den Kerl sehen mögen, der mich jetzt die Treppe hinabgeworfen! Gerührt reichte mir Herr Bitterle die Hand. »Er gibt uns die Ehre, mit uns zu speisen,« rief die Frau und war emsig beschäftigt, das Zimmer zu richten und den Tisch zu decken. »Müssen halt fürlieb nehmen. Wenn ich's nur um eine Stunde früher gewußt hätte! Ich habe zwei Hühner. Nun verhungern werden wir nicht. – Ich bitte, ist's gefällig?« Kurz, es ward ein munteres Mahl. Ich wußte allerhand Schnurren und trällerte mitten durchs Rindfleisch und den Leinölsalat heraus tirolische Schnaderhüpfeln, denn mein Gastherr war ein Tiroler. Vaterländischen Wein tischte er auf und nach der ersten Flasche schon machte er allem Ehre, nur nicht seinem Namen Bitterle. Die Frau brachte zum Überfluß noch Aufgeschnittenes, wozu ich insgeheim gerne meine Wettgegner eingeladen hätte, die ich schon unten auf der Straße stehen sah, spähend, wie es mir wohl erginge beim Apotheker Bitterle. Wie waren sie erstaunt, als ich das Fenster öffnete, und in der einen Hand eine Havanna, in der anderen ein schäumendes Stengelglas schwingend ihnen zutrank auf gute Gesundheit. So war die erste Probe glänzend ausgefallen und am nächsten Morgen – ich gestehe es – stieg ich absichtlich mit dem rechten Fuß zuerst von der Bank, auf daß ich nicht minder glücklich sein möchte. Vormittags kam mir der Gedanke, ob ich mir gegen alle Fälle nicht ein Paar Frankfurter holen lassen sollte, gewann aber die Oberhand über das Gelüste und erwartete ruhig die Weisung. Punkt halb zwölf war sie da: Heute, Freitag den 12. Juni, beim Herrn Propst. Beim Propst. So schlimm hatte ich's nicht erwartet. Ich hatte die letzte Zeit her – weil man doch auch für die Unsterblichkeit etwas tun will – ein wenig Propaganda gemacht für den Altkatholizismus und war deswegen von dem klerikalen Wochenblättchen ordentlich plattgebügelt worden, woran ich zwar schon vergessen hatte. Und nun soll mich der Propst, ein kirchenstrenger Mann, heute zu Tische laden. Noch dazu war Freitag, da die Geistlichen kein Fleisch essen. Die Bosheit meiner Gegner war grenzenlos. Indes, der Mut verließ mich nicht, obzwar ich unterwegs schon den Speisezettel zusammenstellte für das Mahl der Stadtarmen. Als ich durch den Hof der Propstei schritt, begann ich zu ahnen, daß die Wahl des Tages beim Propst doch nicht ganz so boshaft sein dürfte, als ich mir vorgestellt. Bestechender Schmorduft machte meine Sinne wirbeln; am Brunnen wurden Fische ausgeweidet und ein Mann trug einen Flaschenkork die breite Steintreppe hinauf. – Heute, wenn du schlau wärest, heute lohnte es sich der Mühe, dachte ich, aber es fiel mir keine Form und keine Finte ein und klar wurde es mir: wenn der hochwürdige Herr mich aus eigenem Antriebe nicht zu Tische lädt, mit Listen kann man ihm nicht bei, abgesehen davon, daß man sich bei solchen Herren nichts vergeben darf. Ich bedauerte, in meiner Prahlsucht mich zu weit vorgewagt zu haben, in jedem Hause zu B. wird für den Karl doch nicht gedeckt sein. Ich trat in das Stiegenhaus, schritt durch einen düsteren Kreuzgang und klopfte an der Tür des Herrn. Als ich eintrat, kam er mir von seinem Pulte her, wo er augenscheinlich gelesen hatte, mit kalter Höflichkeit ein paar Schritte entgegen. Das war's, was ich am meisten gefürchtet hatte. Gegen einen tüchtigen Zornerguß, wie er Halbketzern doch offenbar gebührt, war ich mit allerlei Philosophie und Humor gerüstet gewesen, aber ein glatter Eiszapfen läßt sich nicht anfassen. Was mir zu Diensten wäre? war seine Frage. »Herr,« entgegnete ich, »es muß nicht heute sein, es kann auch ein anderes Mal sein. Ich wollte nur gebeten haben, daß Sie mir einmal ein halbes Stündlein schenken möchten. Es läge mir dran, es wäre mir wichtig – heißt das, wenn ich Sie nicht inkommodieren sollte.« »Bitte,« sagte er kühl und deutete auf einen Ledersessel. »Ihr seid,« versetzte ich rasch Platz nehmend, »in der Nähe besehen doch nicht ganz so schlimm, als wir Ketzer euch malen. Aber vollkommen trauen mag ich euch nicht, es müßte mir denn gegönnt sein, anstatt mit dem hochwürdigen Herrn Propst, mit einem wohlwollenden Freunde zu plaudern. Auf hohem Kirchenstuhl sitzend könnten Sie mir meinen heutigen Besuch schrecklich schief nehmen.« Ich gebe mein Ehrenwort, daß – indem ich so sprach – mir nicht der mindeste Faden vorschwebte, an dem ich entlang wollte. Der würdige Herr, der im ganzen eine recht behagliche und gemütliche Erscheinung gab, mochte vermuten, daß der sonst allenthalben wohlgelittene, fröhliche Steuerbeamte sich bei ihm seines altkatholischen Treibens wegen zu rechtfertigen suchen wollte, oder wohl gar Belehrung über diesen Punkt. Er war fein genug, solchem Vorhaben die Wege zu glätten, er schmunzelte und klingelte nach einer Flasche Wein. Das war verfahren. Wer eine Flasche Wein auftischt, hat nicht die Absicht, zum Mittagsessen zu laden. Noch plötzlich zuckte durch meinen Kopf die rettende Idee. Ich war sehr ernsthaft und sagte: »Es sollte mich nicht kümmern und es ginge mich nichts an. Ihr Herren möget tun, was ihr wollt. Aber es gilt eine Wette. Ich behaupte, es ist nicht wahr, daß die geistlichen Herren das selbst niemals halten, was sie anderen predigen. Es ist nicht wahr, daß sich die Herren an Fasttagen Fleischspeisen austäfeln lassen. Fische, Krebse und Schnecken natürlich ausgenommen. Ja, es ist nicht einmal wahr, daß sie ihre Fastenspeise mit Schweinsfett kochen. So behaupte ich, aber die anderen beteuern, ihr fülltet selbst eure Torten und Freitagskuchen mit Schinken, Ganslebern und anderem Fleische. Das wäre kein Fasttag, habe ich gesagt, und ich gebe es nicht zu. Alle sind gegen mich und wir streiten hin und her und endlich bin ich ihnen hereingefallen. Einen Eimer Reininghauser gilt's.« Mit großer Desperation brachte ich das vor und trank; der Propst lachte und trank auch. »Ich hätte,« fuhr ich fort, »zur Richtigstellung den kürzesten Weg nehmen können, den in die Küche, welchen wahrscheinlich meine Gegner finden werden. Aber ich halte das nicht für korrekt. Ich gehe stets den ehrlichen Weg und bitte Euer Hochwürden, die Wette entscheiden zu wollen.« Aber lieber Freund!« lachte der Propst, »wie soll ich in dieser Sache entscheiden? Und wenn ich jeden Freitag eine ganze Fleischbank aufäße, so müßte ich es leugnen und im Worte wenigstens das Kirchengebot verteidigen. Das sollten Sie ja wissen und wissen es auch, und darum werden Sie und werden es Ihre Gegner mir nicht glauben, wenn ich sage, daß in meinem Hause das Fastengebot genau im kirchlichen Sinne gehalten wird.« »Herr!« sage ich und stehe auf, »ich habe das Vergnügen, Sie seit neun Jahren persönlich zu kennen. Ihr Wort genügt mir vollkommen.« »Und ich werde es Ihnen trotzdem durch die Tat beweisen,« sagte der Propst, »daß wir katholische Priester auch nach unserer Lehre leben. In zehn Minuten von jetzt ist es Mittag, ich werde mich mittlerweile nicht von Ihrer Seite begeben und Sie erweisen mir die Ehre, heute mit mir zu speisen.« »Herr,« sage ich und verneige mich tief gerührt, »die Ehre ist meinerseits.« Eine Viertelstunde später saßen wir, ihrer vier heitere Priester und meine Wenigkeit, im Refektorium und schmausten. Ich muß wohl gestehen, daß ich mein Lebtag keinen stilgerechteren Fasttag gehalten habe, als an jenem Freitag. Erbsensuppe, Salat mit harten Eiern, Hummer mit Mayonnaise, Forellen mit Krentunke, Rahmstrudel, Obst, Käse, schwarzer Kaffee mit Zigarren, Kerschbacher und Ofner Weine zu Ehren des Gastes. Als der Kaffee kredenzt ward, blickte mich der Propst triumphierend an; ich drückte ihm die Hand. »So wird euch halt immer unrecht getan von der bösen Welt,« sagte ich. »Hoch! Es lebe der Fasttag!« Während unsere Gläser aneinanderklangen, erhob sich draußen auf der Gasse ein Lärm. Meine Gegner waren wieder dort versammelt und stimmten laut in unser Hoch ein. »Sie sollen heraufkommen!« rief der Propst, »auch diese Herren müssen sich überzeugen!« So saßen wir bald alle zusammen in der Runde und hielten bei munteren Reden ein scharfes Trinken. Erst im Abenddunkel gingen wir mit illuminierten Köpfen nach Hause, heißt das, ich zum Lindenbräu. Der Propst und ich waren dicke Freunde geworden, und mir fiel es nicht mehr ein, mich je noch einmal um den Altkatholizismus zu kümmern, da es sich bei dem noch älteren so trefflich leben ließ. Nach diesen zwei so glänzend bestandenen Proben hätte ein anderer an meiner Stelle wohl erwarten mögen, daß am dritten Tage ihn die Gegner selbst zu einem solennen Mittagsmahle einladen würden. Aber der hätte meine Freunde schlecht gekannt. Am dritten Tage um halb zwölf Uhr kam der Befehl, daß ich bei der Frau Regierungsrätin Langen zu Mittag essen sollte. Das war zuviel. Die Frau Regierungsrätin war ein junges hübsches Weib, dem erst wenige Wochen früher der Regierungsrat gestorben war. Die Witwe lebte seither ganz zurückgezogen mit ihrem Kinde und einer alten Magd. Die ganze Stadt teilte den Kummer mit der stillen hochachtbaren Frau, niemand aber wagte sie in ihrer Trauer zu stören, sie wünschte allein mit ihrem Knaben zu sein und das Andenken an den geliebten Gatten, mit dem sie kaum vier Jahre glücklich verheiratet gewesen war, in der häuslichen Stille zu feiern. Ich, als übermütiger Bursche und mitunter ganz rasender Witzbold bekannt, war durchaus nicht die richtige Berufenheit um der trauernden Witwe einen Besuch abzustatten. Schon wollte ich mich meinen tückischen Feinden ergeben, als mir einfiel, daß auf dieser Erde mitunter ganz unglaubliche Dinge zu geschehen pflegen, daß ein einziger Mann, wie Napoleon, die ganze Welt erobert hatte; warum sollte es mir nicht gelingen, ein einfaches Mittagsessen bei der Frau Rätin zu erobern? Ich ging in die Neugasse, wo ihr Haus stand. Schon von außen war es mit einem gewissen weihevollen Frieden umgeben; die Fenster waren mit weißen Vorhängen verschleiert. Ich zog an der Klingel. Die Magd rief von der Küche her, es sei offen, was man wolle? Ob die gnädige Frau zu sprechen sei? »Ach Gott,« sagte die Magd, als sie mich erkannt hatte, »sie will immer allein sein, und wie gut wäre es, wenn sie sich etwas zerstreuen ließe! Die gute Seele wird mir noch krank. – Versuchen Sie es nur,« flüsterte sie, wies gegen die Zimmertür und machte mit dem gebogenen Finger die Geste des Anklopfens. Das ließ ich mir freilich nicht zweimal gesagt sein. Nach wiederholtem, etwas ängstlichem Klopfen hörte ich ein mattes Herein. Ich trat in das Zimmer. Sie hatte eben, soviel ich noch bemerken konnte, ihr zweijähriges Knäblein geherzt, jetzt stand sie auf und ging mir ruhig ein paar Schritte entgegen. Ihr Gesicht war recht blaß, und in den schönen Augen waren Spuren von Tränen, die sie jetzt wie durch eine zufällige Handbewegung über das Gesicht zu verwischen suchte. Ich weiß nicht mehr, welche Worte ich gestottert und Was sie mir darauf zur Antwort gegeben hatte. Es ist Wohl das gleichgültigste gewesen, was man sagen kann, und ich sah sofort, hier sei ein rasches Umkehren das beste. Mit einer verfehlten Tür entschuldigte ich mich und trat mit einigen Verbeugungen überaus plump den Rückzug an. Als ich die Stiege hinabschritt, rief sie von oben nach: »Herr Karl, erlauben Sie! Sie haben gewiß der Verlassenschaftssteuer wegen mit mir zu sprechen und sind zu zartfühlend... Ich bitte, wenn das der Fall ist, nur herzukommen; mir selbst, die sich nun einmal in das Unvermeidliche fügen muß, wird es angenehm sein, wenn sich die Dinge endlich geordnet haben.« Ich trat wieder bei ihr ein. »Sie sind ja der Freund meines Mannes gewesen,« fuhr die Witwe fort, »und ich muß mich auch noch bedanken für die freundliche Kondolenzkarte ...« »Das liebe Kind!« rief ich aus und beugte mich zum blondlockigen Knaben nieder. Dieser blickte mich etwas befremdet an, fragte dann die Mutter: »Mami, ist das Papa?« Die Frau antwortete nicht, sondern wendete sich beiseite und weinte. Ich hob das Kind auf meine Arme, trug es gegen die Mutter und flüsterte ihm zu: »Sage der lieben Mama, sie soll nicht weinen; sie hat ein so herziges Bübl, sie ist so jung noch und soll sich wieder freuen an der schönen Welt.« »Ich danke Ihnen,« sagte sie und legte einen Augenblick ihre Hand auf meinen Arm, »die Leute meinen es so gut mit mir. Es ist eine traurige Zeit für mich.« Jetzt kam die Magd mit einem braungefleckten Töpflein und einem Schüsselchen herein und sagte zum Knaben: »Fritz, deine Suppe ist da!« »Ich mag nicht,« antwortete der Kleine und machte sich zutraulich mit meiner roten Halsbinde zu schaffen. »Fritzchen,« ermahnte ihn die Mutter wehmütig, »sei brav, iß jetzt deine Suppe.« »Ich mag nicht,« sagte der Kleine. »Schau, Fritz, wie groß du schon bist!« sagte ich und hob das Kind hoch empor, was ihm Spaß machte, »und du wirst noch größer, viel größer, wenn du deine Suppe ißt. Dann wirst du so groß wie ein Baum.« »Wirst du auch so groß wie ein Baum, wenn du Suppe ißt?« fragte der Knabe. »Ei freilich.« »So iß. Dann esse ich auch.« »Gut, Junge,« rief ich vergnügt, »wir wollen miteinander die Mittagssuppe essen.« Ich setzte mich zum Tisch, nahm den Kleinen aufs Knie und wir löffelten beide ganz emsig die Suppe aus. Hierauf schlang Fritz seine Ärmchen um meinen Hals und sagte: »Papa, jetzt darfst du nicht mehr fortgehen.« Ich blickte auf die junge Witwe, unsere Augen zuckten so seltsam aneinander, daß ich erschrak. Und wie mich dünkt, sie war auch erschrocken. Wir wechselten hierauf wieder einige gleichgültige Worte, ich sagte, daß ich meine Amtssache doch besser ein andermal abmachen wolle. Dem Kleinen versprach ich, daß ich bald wiederkommen würde und so verließ ich die Wohnung. Unten stand einer meiner Gegner und machte ein triumphierendes Gesicht. Diesmal also abgeblitzt!« lachte er. »Wieso?« fragte ich, »bin eingeladen worden und habe zu Mittag gegessen.« – Drei Monate später ging ich mit demselben Partner schwarz befrackt zur Frau Regierungsrätin, aus welchem Anlaß, ihr werdet es vermuten. Sie zierte sich nicht lange, sondern erbat sich die Jährung des Todesfalles. Am 13. Juni 1886, es war das liebliche Pfingstfest, haben wir Hochzeit gehalten. An demselben Tag gaben meine Wettgegner den Stadtarmen ein Mahl. Rindssuppe mit Mark und Leber, Rauchfleisch mit Kren, Schweinsbraten mit Salat, Reispudding und Wein. Ich führte meine junge Frau in den Saal, daß wir uns an dem Behagen der alten, lahmen und tauben Tafelgäste erfreuten. Alsogleich boten sie uns einen Ehrenplatz, wir tranken auf ihr Wohl, und sie tranken »auf gute Gesundheit des Mannes, der – ein Liebling der Stadt – nicht bloß zu Tische geladen wird von den Wohlhabenden sondern auch von Kindern und Armen.« Ich aber ließ vom Lindenbräu den Kanarienvogel holen und in unsere neue Wohnung bringen, nahm von dieser Zeit keine Wetten des Mittagstisches wegen mehr an, sondern speiste stets bei mir selber. Und mit gutem Appetit. Die Geschichte vom Schmied und seiner Liebe In einer schwülen Stunde hatte Stachel, der Schmied, den folgenden Brief geschrieben: »An die Nelda Haslinger, beim Herrn Franz de Paul Haslinger zu Oberstraßen. Liebster Schatz! Bleibt also beim Sonntag von fünf bis sieben. Auf bewußten Plausch. Wo, das weißt eh. Ich verlass' mich drauf. Wenn ich einmal was derspart hab' oder wir sonst zu einem Vermögen kommen, so heirat' ich dich. Drauf kannst dich verlassen. Dein herztreuer Eustach Schlägler, Schmiedgesell in Unterstraßen.« Man sieht, dieser Brief war nicht lang. Auch das Papier war ziemlich lumpig, und doch muß gesagt werden, daß der Schmied-Stachel sein Lebtag keinen Eisenring geschmiedet hatte, der so unverbrüchlich festhielt, als dieser Brief. Das Eisen rostet, Liebesbriefe aber rosten nicht, und selbst, wenn sie tausendmal naß werden unter Küssen und Tränen. Und die Nelda bestand auf ihrem Schein. Der Stachel war in der Arbeit ein fleißiger Bursch und hatte keinen schlechten Lohn, aber er vertrank ihn und verspielte ihn. Denn wenn er spart, dann erspart er sich etwas, und dann muß er sie heiraten. Anders konnten sie gottlob wohl kaum zu einem Vermögen kommen. Der Stachel hatte von seinen Verwandten bereits geerbt: vom Vetter einen noch fast neuen Tuchrock, von der Muhme ein ägyptisches Traumbüchel und eine Tabaksdose aus Krötenhorn, vom Vater den ehrlichen Namen und von der Mutter die Medizinflaschen und die ärztlichen Rechnungen. Bei der Nelda stand auch nichts in Aussicht, denn ihr Oheim, dessen Junggesellenwirtschaft sie seit einiger Zeit versorgt, war sehr schwerhörig, wenn sie manchmal von ihrer Zukunft sprach. Also fühlte der Stachel sich ziemlich sicher. Jenes Briefes würde er selbstverständlich längst vergessen haben, allein die Nelda brachte ihn manchmal zum Vorschein. Sie bewahrte ihn an einer – man möchte sagen – einbruchsicheren Stelle, wohin keine Diebeshand mehr griff, wo auch kein Brandunglück mehr zu fürchten war. Der Stachel war noch in die Volksschule gegangen, als die Nelda schon so schwach stand, daß sie einer sitzen lassen konnte. Seither war sie vorsichtiger geworden. Dem Schmiedgesellen gefiel nur nicht, daß sie ewig jung blieb – seit sechs Jahren schon im neunundzwanzigsten! Ihm gefielen – aufrichtig gestanden – besser solche, die noch in dem Alter stehen, in welchem man sich lieber älter macht, als jünger. Eine saß am Sonntag in der Kirche, die – Eustach Schlägler! Wer hat sich verschrieben? – Wenn der Mensch nur kein Gewissen hätte! Eines Tages kam die Nelda zu ihm, hochgerötet war sie und aufgeregt, und sie hätte ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Er erschrak unsäglich, beruhigte sich aber, als sie ihm folgendes mitteilte: »Hinter dem Ofen, in welchem ihr alter Oheim fast beständig sitze, und von welcher Stelle er nicht wegzubringen sei, befinde sich in die Wand eingemauert ein eisernes Kästlein! »Was geht das mich an!« sprach der Stachel. »Aber denke doch, Stachel! Denkst du denn nicht? Er ist einmal in Mailand gewesen, als Soldat, nachher auch in Welschland, ja sogar in Italien! Da kann er sich schon was dermacht haben!« »Ist er bei den Banditen gewesen? Bei den Strauchrittern mein' ich, weißt eh.« »Aber Stachel, wo denkst du hin! Mein alter brummiger Oheim! Der brummt ja alleweil so laut, den hätten sie gleich aus dem Versteck gehabt. Derspart wird er sich was haben, und nichts davon gebraucht, weil er seine Pension hat. Und denk' dir nur, der Oheim ist kränklich – und auch schon alt!« »Das ist wahr,« sagte der Stachel. »Und ich noch jung.« Darauf schwieg der Stachel. »Richte dich zusammen, Stachel, laß dir die Bräutigamshosen machen. Den Schneider werd' ich schon zahlen.« Der Schmied ging seit dieser Unterredung mürrisch um und hieb mit seinem Werkzeug auf das glühende Eisen heftiger, als es nötig war. Er verdarb damit manches. Und da meinte der Meister, dem Stachel müsse man nicht soviel zu essen geben, er leide an überschüssiger Kraft. – Wenn einmal ein Schmied zu stark ist! Nur schade, daß so kräftige Mannsleute manchmal sonst so schwach sind! – Wenn der Mensch nur nicht schreiben lernen müßte! Dieses verdammte Schreiben! Der Stachel hätte sich am liebsten fremd gemacht zu Unterstraßen und wäre in die weite Welt marschiert. Aber jene, die am Sonntag in der Kirche saß! – Als ob am Sonntag nicht viele in der Kirche säßen! Nein, für den Stachel nur eine. – Wer sie ist? – Ein armes Zuchtdirndel beim Steckelbauer. Arm und verwaist, hat nichts Gutes auf der Welt, die Leute sind hart auf sie. Ihre liebste Zeit ist in der Kirche, da gilt sie soviel, wie die anderen, da weiß sie einen, der ihr gut ist ... das ist eine, die in der Kirche noch an den lieben Gott denkt. Dieser hinwiederum schiebt den Schmiedgesellen vor. Und am Pfingstsonntage, nach dem Gottesdienst, wie sie unter den Birken steht und ihr Busentuch in Ordnung bringt, das sich im Gedränge verschoben hat, geht der Stachel auf sie zu und fragt ganz freimütig. Und sie lauft davon. – So dumm ist der Stachel sich sein Lebtag nicht vorgekommen, als jetzt, da er mutterseelenallein unter den Birken stand, unter denen er gerade zu zweit hatte stehen wollen. Er hätte sich vor Zorn Maschen und Hemdkragen vom Halse reißen mögen; auf dem Boden lag ein rissiger Stein, den trat er in Scheiben. Und das soll Liebe sein? An einem der nächsten Abende ging er hinauf gegen den Steckelbauernhof. Es war schon dunkel, es war gewitterschwül und hinter den Bergen zuckten Blitzscheine auf. Des Hohlweges herab lief die Nelda, sie lief mit Hast. Er wich ihr schnell aus: »Du hast's eilig, will dich nicht aufhalten.« »O Lapperl, du willst mir ausweichen!« sagte sie vertraulich, »ich wollt' ja zu dir hinablaufen.« Da blieben sie stehen beisammen und der Stachel dachte: Was ist jetzt zu machen, daß ich ihr entkomme? »Endlich, mein Lieber, endlich können wir Ernst machen,« flüsterte sie. »Ernst? Mit was? Wieso?« »Geh', stell' dich nicht so tappig. Hast schon lang' genug danach geplangt. Im Schreiben bist alleweil aufrichtiger wie im Reden. Heiraten können wir.« Der Stachel schüttelte den Kopf. »Ja, wenn ich was derspart hätt'!« rief er wie unmutig aus. »Ich bin ja soviel ein leichtsinniger Mensch und kann mir's nicht abgewöhnen. Was ich mich schon geärgert hab' über mich selber! Nein, nein, so ein Lump wär' das größte Unglück für seine Familie!« »Was redest denn, Stachel?« sprach sie und packte ihn an der Hand. »Ich acht's ja, daß du so redlich denkst, aber hab' ich dich gefragt nach deinem Ersparten? Das ist nimmer Not, jetzt nimmer. Ich hab' die Mittel.« »Du?« »Mein Oheim ...« »Aber der gibt nichts her.« »Alles gibt er her.« »Ist ja soviel sparsam, dein Oheim ...« »... gewesen. Du, der hat sich kurios geändert!« »Was du nicht sagst!« »Alles, was da ist, gehört mein, seiner einzigen Verwandten.« »Hat er das gesagt?« »Gesagt hat er's!« »Kann sich aber doch wieder anders besinnen.« »Das tut er nimmer.« »Wird's wieder zurückhaben wollen.« »Das kann er nimmer.« »Warum soll er das nicht können?« »Weil er auf dem Brett liegt.« Der Schmied ging langsam weiter, sie neben ihm her. Er schwieg und war nachdenklich. Da hatte er es ja gehört, wie dieses Weib einmal sprechen würde, wenn er selber auf der Bahre läge. Überaus widerlich kam sie ihm vor, und er sann auf Mittel, sich ohne Aufsehen von ihr loszulösen. Das Heiraten hatte er ihr versprochen – und brieflich; unter Bedingungen zwar, aber diese waren jetzt erfüllt. Ein guter Freund hatte ihm gesagt: Hättest dich dem Teufel verschrieben, so könntest vielleicht noch erlöst werden; aber so ...? Hat sie nicht schon einmal durchblicken lassen, daß sie ihn bei Gericht verklagen will, wenn er »seinen Wechsel« nicht einlöst? »Warum bist denn so still, Stachel?« fragte sie ihn. »Sollst dich ja gefreuen über unser Glück!« »Gefreuen? Soviel traurig bin ich.« »Ja, wesweg denn, Stachel?« »Weil dein Oheim gestorben ist!« »Narr! Der hat's überstanden.« Der Stachel blieb wieder stehen: »Weißt, Nelda, ich will dir was sagen. Du hast jetzt ein Vermögen, ich bin ein armer Teufel. Du mußt dich nicht für gebunden halten. Tu kriegst jetzt Männer, die weit besser für dich passen. Ich glaube nicht, daß du mit mir könntest glücklich werden; meine Untugenden kann ich mir nicht mehr abgewöhnen, lch bin schon zu alt dazu.« Sie flog ihm an den Hals: »Jetzt erst weist sich's, was du für ein braver Mensch bist! Und daß du nur auf mich denkst! Ja, ja, Stachel, ich erlaub' dir's schon, du brauchst dich nicht zu ändern, ich mag dich wie du bist. Sollen wir ein Hammerwerk kaufen? Oder gefreut dich ein großer Bauernhof? Oder willst du lieber in die Stadt?« Der Stachel stutzte. »Soll denn soviel da sein?« fragte er dann mit weicher Stimme. »Es wird schon was da sein!« »In Bargeld?« »Wahrscheinlich. Möcht' es selber wissen. Bin schon höllisch neugierig.« »Ja, hast du es nicht gesehen?« »Es ist im eisernen Kastel hinter dem Ofen. Das ist noch gesperrt.« »Da heißt's zuwarten. Ist gerichtliche Sach'.« »Es war' bald offen. Mit Schmiedewerkzeug wär's bald offen.« Jetzt wendete sich der Schmied rasch zu ihr: »Nelda, das ist wahr! Ich könnte einbrechen.« »Na, das heißt, nicht so,« entgegnete sie abwehrend. »Gleich so ein grausliches Wort da! Wer spricht denn vom Einbrechen? Aufmachen, wenn's leicht geht – wegen der Gewißheit,« »Na freilich,« sagte er in gutmütig beistimmendem Tone und insgeheim: Jetzt möcht' ich doch wissen, wie weit sie geht und ob ihr das ernst ist. Vor der habe ich keine Angst mehr, mit der treibe ich jetzt mein Spiel. »Ich will dir schon helfen, Nelda,« sagte der Stachel, »geh' nur voraus, ich muß bloß Werkzeug holen und werde bald nachkommen.« »So komm fein bald,« flüsterte sie und eilte dem Häuslein zu, in welchem sie mit dem Oheim zur Miete seit einem Jahre gewohnt hatte. Soviel Werkzeug glaubte der Schmied bei sich zu haben, als er brauchen würde bei dem bevorstehenden Einbruche. Er ging also nicht hinab zur Schmiede um Werkzeug, sondern er ging hinauf gegen den Steckelbauernhof. Mittlerweile waren die Blitze greller geworden, man hörte schon das Nachhallen seiner Donnerschläge. Als er zur Weide kam, die von alten Bäumen und Büschen eingeschlossen war, sah er im Scheine der Blitze, daß hier Rinder grasten und bei denselben ein Menschenwesen stand. Steckelbauers Ochsen, die tagsüber auf der Brache gepflügt hatten, waren beim Abendmahl, und wer sie dabei beaufsichtigte, das war – ein blinkender Blitz verriet es – das Kirchendirndel. Es stand in seinem Werktagsg'wandlein recht schlank da, mit den Barfüßen im feuchten Grase; auf dem Köpfel hatte es einen alten Männerhut mit sehr breiter schwammiger Krempe, die es vorne über die Augen herabzog zu Schutz und Schirm vor den schreckbaren Blitzen. Das Dirndel schlich ganz nahe an die Rinder heran, als suche es bei diesen Heil und Trost im nahenden Gewitter. Als die Tiere aber jetzt anfingen, miteinander zu gaukeln und sich gegenseitig mutwillige Stirnstöße zu versetzen, kam die Hirtin in Gefahr, von ihnen in den Boden getreten zu werden, sie mußte zurückweichen und war ganz allein mit ihrer Angst. Jetzt trat der Stachel vor, und, um sie nicht auch noch zu erschrecken, blieb er etliche Schritte vor ihr stehen und sagte heiter: »Dirndel, soll ich dir fürchten helfen?« Heute lief sie nicht davon, denn es war ihr beruhigend, einen Menschen nahe zu wissen; zwar gestand sie nicht ihre Gewitterangst, erzählte nur, daß der Blitz vor einiger Zeit auf der Erlau einen Hirten mitsamt den Schafen erschlagen habe. Und so oft ein Strahl durch den Himmel flog, zuckte sie mit dem Atem auf, und je näher die Donner kamen, je näher kam sie an den Stachel her. »Ist denn niemand anderer in eurem Hof, der so spät abends die Ochsen tät weiden?« also der Schmied. »Es will sonst niemand,« antwortete sie. »Und du willst?« »Ich werde nicht danach gefragt. Da heißt's nur: Es ist ausgespannt. Nandel-Dirn, geh' Ochsen weiden.« »Nandel-Dirn, ich sag' dir was,« sprach nun der Schmied. »Von heut' an sollst du nimmer allein Ochsen weiden. Ich will dir allemal Gesellschaft leisten.« Sie entgegnete nichts darauf, denn sie war über sein Wort ordentlich erschrocken, gerade wie damals unter den Birken, sie war derlei ja nicht gewohnt. Ganz leise sagte sie endlich: »Du mußt mir wohl recht gut sein ...« Jetzt war der Sturm da. Er toste in den Bäumen, er pfiff im Gebüsch, er grub Sand aus dem Boden und streute ihn in die Lüfte. Vögel, die schon schlafen gegangen, flatterten wieder auf, und Wassertropfen, so kalt und scharf wie Eis, sausten nieder. Die Rinder liefen mit gehobenen Schwänzen in den Wald hinein; die beiden Menschen fanden unter einer vorspringenden Felswand einigen Schutz. Sie schmiegten sich enge aneinander, das Dirndel zitterte, er suchte es mit seinem Rocke zu decken, doch schon in den ersten Augenblicken waren sie durchnäßt bis an die Haut. Das Unwetter wütete nur kurze Weile. Dann ward es ruhig, die Bäume troffen, die Wolken standen in lichten Fetzen und zwischendurch schien der Mond. »Das muß auch noch sein,« sagte der Stachel und preßte ihr einen ausgiebigen Kuß auf die Lippen. Sie drückte rasch entgegen, wahrscheinlich, um ihn zurückzudrängen. Dann trieb sie ihre Ochsen dem Hofe zu und er ging nach Oberstraßen. Von einer zur andern! Und einbrechen! Der Schmied mußte lachen darüber, daß er ein so bodenlos niederträchtiger Kerl geworden war. Der alte Franz de Paul Haslinger lag ganz manierlich da. Er brummte nicht und verweigerte nichts. »Alles, was vorhanden ist, kannst haben!« Das war sein vorletztes Wort gewesen. Sein letztes, gab die Nelda an, habe sie nicht mehr verstanden. Dasselbe soll ihre Person bezeichnet haben, und zwar sehr bündig. Unter dem Kopfkissen hatte sie seine Brieftasche gefunden, in der fand sich sein Pensionsbogen und ein Zehnguldenschein und ein Vater Radetzky in Holzschnitt und ein buntbemaltes Bildchen des heiligen Franz de Paul. Natürlich! – Als nun der Schmied kam, nahm die Nelda ihre Handlampe und führte ihn hinter den Ofen. Ja, da war das eiserne Kästl, wohl eingemauert in die Wand, so daß man nur das Türchen sah mit dem kleinen runden Schlüsselloch. Das Ding lag fest im Schlosse und rührte sich nicht, wie auch die Nelda daran zu rütteln suchte. »Das soll es sein?« fragte der Stachel. »Freilich,« lispelte sie. »Das ist's?« fragte er nochmals. »Mach', mach', ehe die Leute kommen. Mit dem Eisen kannst du ja umgehen. Bei dir ist's bald geschehen.« Sie bebte vor Gier. »Wohl, wohl,« sagte er ganz ruhig, geschehen wird's bald sein. Aber den Schlosserlohn sollst mir im voraus zahlen. Ich meine, sobald du den Schatz siehst, kann dich der Geizteufel packen, und du gibst nichts mehr her.« »So schwatz' nicht und mach' auf!« Er zog schmunzelnd sein Taschenmesser hervor, öffnete an demselben ein Eisenhäklein, steckte es ins Schlüsselloch des eisernen Türchens, stocherte ein wenig – offen war's. Die Nelda stürzte hin und starrte in das Loch. Da drinnen war es sehr finster und sehr rußig – der Stachel lachte laut auf. Das eiserne Türchen führte in den Schlauch des Schornsteins, für den Rauchfangkehrer in außergewöhnlichen Fällen. Die Nelda war wie gelähmt. Sie fuhr sich in ihr Gewand und zerrte daran, fuhr sich in ihr Haar und grub darin. daß es ganz wüst wurde. Jetzt streckte sie ihre Arme in die finstere Öffnung, nach unten hin, nach oben hin, nach den Seiten hin – die Hände kamen leer zurück, aber grausam rußig. Der Schmied lachte noch immer, lachte, daß er sich den Bauch halten mußte, der unfromme Schelm – und war doch eine Leiche im Haus. Die Nelda, nachdem sie sich ausgetobt hatte, verfiel in einen Weinkrampf. Als die Nachbarn kamen, um an der Bahre die nächtliche Wache zu halten, wie es Sitte ist zu Oberstraßen, verwunderten sie sich baß über den tiefen Schmerz der armen Thusnelda Haslinger. Ihrer bekannten Artung nach hätte man erwartet, daß sie den Tod des alten Rittmeisters wesentlich gefaßter ertragen würde. – Freilich, der einzige Verwandte, es ist ja zu begreifen. Es war sehr traurig, und doch mußte noch einmal gelacht werden, denn die Nelda sah im Gesichte aus wie ein Zebra – das hatten die rußigen Finger getan. – Der alte Oheim lag sehr behaglich da und schien sein letztes Wort nicht zu bereuen. Der Stachel sagte: »Gute Nacht!« – Die Nelda war so wütend, daß sie ihm alle Töpfe und Kübel hätte nachschleudern mögen, die da umherstanden; an den Busen fuhr sie sich, riß ein Papier hervor, zerknüllte es in der Faust und warf es dem Burschen nach auf den Rücken. Schon im nächsten Augenblicke bereute sie den Wurf, war aber zu spät; der Stachel hob an der Haustüre den Knüllen auf, steckte ihn in den Hosensack und sagte: »Jetzt ist's gut!« Dann war er fort, verschwunden in der dunkeln Nacht. Nach Hause ging er, geradewegs nach Hause und legte sich schlafen. Am nächsten Tage war Sonntag. Er ging in die Kirche und lugte hin auf die eine. Wieder ganz trocken war sie, gottlob! Nachmittags ging er nicht ins Wirtshaus, nicht auf die Kugelbahn, denn heute hub er an zu sparen. Jetzt konnte es ihm ja nicht mehr gefährlich werden, der Knüllen war in seiner Hand. Es währte nicht zwei Jahre, was sage ich, zwei Jahre! kaum eins! und es geschah, was wir ja schon wissen. Der Eustach Schlägler führte die eine, die Seine aus der Kirche. Das weitere ist ohnehin gut. Die Häuselschnecke Einen Juchezer zum ersten! denn heute geht's auf die Alm. Einen Juchezer zum zweiten, denn wir holen die Braut. Einen Juchezer zum dritten – warum, das wird sich zeigen. Auf der grünen Kärntner-Alm, da ist sie und da weint sie. Auf einem moosigen Stein kniet sie und betet. Es ist da oben selten eine so steinunglücklich oder so der himmlischen Freuden voll, daß sie beim Beten weinen muß. So eine ist unser frisches Dirndel, die Toni. Über knietief steckt sie im Glück, darum muß sie so närrisch weinen, daß sie sich vor sich selber schämen möchte. Jetzt trottet die semmelfalbe Kuh daher, da tut das Dirndel mit der grauen Schürze das Nasse weg von den Wangen und sagt: »Du, Alte, jetzt hab' ich lei so viel lachen müssen, daß mir 's Wasser in die Augen ist gestiegen. Denk' dir, jetzt kommen zwei Toni zusammen, er heißt Toni und ich auch, und das wird einen schönen Wirrwarr geben, sag' ich dir!« Die Kuh gab eine etwas unverständliche Antwort, aber Bräute verstehen an solchen Tagen auch die Tiersprache. »Der Namen wegen,« sagte die Semmelfalbe, »wird's keinen Wirrwarr geben, wenn nur sonst ...! Daß es dir mit dem deinigen nur nicht so geht, wie mir mit dem meinigen! Möcht' dir's nit wünschen. Die Männertreu, meine liebe Toni, die Männertreu'!« Auf das mußte das Dirndel wirklich lachen. »Die Männertreu'!« rief sie, »ach, was fällt dir ein. Die ist ja gar so viel stark, die bricht nit! Dem Toni seine, sagt er, ist aus Eichenholz und an den Eckelen noch dazu mit Eisen beschlagen.« Und sie lachte so lang, bis sie einen Schrei tat. Von hinten her hatte sie einer mit kräftigen Armen um die Mitte gefaßt und hoch in die Lüfte geschwungen. »Hops auf, Schneckerle!« sagte der Toni, »jetzt bin ich da um dich.« »Geh, schlechter Toni!« sagte die Toni, »daß du mich so schrecken kannst! Auslaß!« Hochzeitlich angetan stand er vor ihr in nagelneuer Bauerntracht. Von den Höhen her in der Morgenfrische klangen Waldhörner und Schwegelpfeifen. Die Halter und Senninnen, welche von den Musikanten aufgesucht und abgeholt worden waren in ihren zerstreuten Hütten, kamen herbei, um von der Genossin Abschied zu nehmen. Sie brachten bekränzte Butter und Kuchen und in Binsenkörblein frische Brunnenkresse und Eier. Dann huben sie an zu tafeln auf der grünen Alm. Der Halter Jirgel hatte einen Plutzer bei sich. »Greift's zu,« lud er ein, »für jedes ein kuhmaulvoll Geist!« Sie tranken den Branntwein und wurden unbändig munter. Nur die Toni, obzwar sie auch ihr »kuhmaulvoll Geist« zu sich genommen hatte, war völlig weinerlich. Denn die Kameradinnen setzten ihr jetzt das Kranzel aus Alpenblumen aufs Haar, und bei solchem Geschehnisse werden jeder Braut die Augen naß. Doch aber schaute sie der Toni forschend an und sprach: »Was weinst denn jetzt, Tonele? Des Kranzels wegen? Du wirst es doch heut' wohl noch tragen dürfen, gelt!?« – Heftig nickte sie mit dem Haupte auf und ab, so daß die Kameradin sagte: »Aber so halt still den Schädel! 's ist ja noch nit festgespendelt.« »Macht's, macht's!« drängte der Bräutigam, denn ihm war schon ums Hochzeiten. Die Tonele war aber noch nicht fertig. Jetzt trug sie dem Almbuben strenge auf, die Hütte und die drei Kühe sorgfältig zu bewachen, bis die Sefferl heraufkomme; sie selber bleibe für das Jahr schon unten im Tal, und die Almer möchten im Herbst mit dem Vieh gesund heimkommen ins Häusel. Dann wendete sie sich an ihre Almgenossinnen: »Der heurige Sommer hat bei mir nit lang' gedauert,« sagte sie feierlich, »aber wenn halt der Rechte kommt, da verlaßt man die Küh' und Kalmen und die besten Kameradinnen und geht mit ihm, wohin er will, und wär's bis ans End' der Welt oder gar nach Amerika, wie die Glöckel-Kathrin mit ihrem Thomas. Ich geh' freilich nur mit ihm in mein Staudenhäusel hinab und verhoff' euch schon immer einmal noch zu sehen. Dank euch Gott für alles! Nu, Theresel, daß du mir meine Küh' oft hast heimgetrieben; du, Nandel, daß du mir der krummen Kalm den Schinken (Fuß) hast einfatschen helfen; du, Stefel, daß du mir immer einmal einen Bund Futter hast zur Hütten getragen. Seid's all bedankt. Und dich, Mariedl, hab' ich einmal ein treckigs Mensch geheißen, tu' mir's heilig verzeihen. Und wem ich sonst was Leids hab' getan, tut's mir's heilig verzeihen, und in den Ehestand nachschelten, das soll mir niemand.« »O du närrische Tonele!« riefen alle, »wir wünschen dir tausend Glück und hundert leibige Küh' und zehn kleine Buben!« Länger hielt's der Toni nimmer aus, rasch nahm er die Braut am Arm und fuhr mit ihr ab über die grüne Alm. Er war ein Holzknecht, von der Murauergegend herübergekommen erst vor kurzer Zeit; gerade nicht von den schönsten einer, aber mein Gott: Jugend, Gesundheit und gerade Glieder, was braucht man denn mehr? Der Jugend wegen hätte er zwar noch um zehn Jahre früher heiraten können, aber – und das waren seine eigenen Worte – eine Weichschneck' (Waldschnecke) könnt' er nicht brauchen. Und ein Häuselschneck' hätt' er bisher nicht gefunden; die Tonele ist Erbin des Staudenhäusels und der kleinen Alm, und so wagt er es mit ihr und sie mit ihm. Und just der allein steht ihr an. Als sie jetzt durch den Wald hinabgingen, legte er den Arm um ihre Mitte: »Wir haben uns halt gern, du Schneckerl, du! Gelt?« »Was fragst denn?« sagte sie, »wie gern ich dich hab', das weißt du, und wie gern du mich hast, das mußt du lei auch wissen.« »So gern wie dich, hab' ich noch keine gehabt.« »Am End' bin ich gar die erste!« rief sie und klatschte die Hände zusammen. »Bei meiner Treue!« versicherte er. »Und ich bin ja auch dein erster, gelt, Tonele?« »Ja, was glaubst denn, Toni?« rief das Dirndel lustig. »Daß ich alleweil auf dich gewartet hätt'? Und hab' doch gar nit gewußt, daß du auf der Welt bist! Mein letzter kannst sein, wenn du willst!« »Geh', Tonele, tu' nit so Späßle machen!« sagte er. »Wenn's ernst wär', was du jetzt gesagt hast, ich wüßt' nit, was ich tät'!« »Na, versteht sich!« lachte sie, »gleich da über die Wand abi! Wie du schon bist! – Du schau, da haben sie uns abgesperrt.« Kein Sturmwind war gegangen, nicht gestern und nicht heute, aber die Bäume lagen in kreuz und krumm über dem Hohlwege. Das hatten mutwillige Bursche den Brautleuten zu Ehren getan. Aber der Toni stieg darüber hin und die Tonele kroch unten durch. Als sie ins Tal kamen, wo zwischen einem Waldschachen und dem Wasser das Staudenhäusel steht, ging die Tonele hinein, und den Bräutigam ließ sie heraußen stehen. Er stand da, schaute um und um und überlegte, was nun zuerst gearbeitet werden müsse am Häusel, im Garten und auf dem sonnseitigen Feldlein. Es ist alles hübsch beieinand, und es wird sich leben lassen. Das alles kriegt er zum Lohn, weil er so ein schöner Mann ist! Eine feine Häuselschneck' hat er gefunden, und die andern – die Weichschnecken –? Ah was, vom Murauerischen herüber ist's weit. Er schien die Weiber zu kennen, daher hatte er sich auf eine Stunde Wartens gefaßt gemacht, und daher begann er nun die jungen, lose gewordenen Obstbäumlein mit Weidenzweigen fester an den Stab zu binden; denn eine Stunde lang müßig stehen, das war des jungen Holzknechts Sache nicht. Aber sie kam schon nach einer halben Stunde aus dem Häusel und leuchtete wie ein Maienstrauß. Ein weißes Kittele mit blauen Sternlein und hellen Röslein, ein vergißmeinnichtfarbiges Schürzele, ein schwarzes Joppele mit rotseidenem Busentuch darüber. Das Gesicht war schon auf der Alm gewaschen, das Haar schon auf der Alm gekraust, das Kränzel schon auf der Alm angespendelt worden. »So, jetzt bin ich's,« sagte sie lustig, »wenn man einen so sauberen Mann heiratet, muß man sich lei auch sauber herputzen. Gefall' ich dir? – Du bist mir aber ein schöner Bräut'ger, du hast ja gar keinen Buschen auf dem Hütele! Gib her, ich steck' dir einen hinauf. So, jetzt bist es.« Nelken und Rosmarin hatte er im grünen Band und ein Stammel davon stand hoch über den Hut hinaus, also daß seine heutige Würde wohl von weitem zu erkennen war. Die Braut trug in blaues Tuch gewickelt einen großen Laib Brot bei sich, aber nicht für den Bräutigam, falls er unterwegs zur Kirche hungrig werden sollte, sondern für die Armen, die nun anhuben, hin und hin am Wegesrand zu stehen, und an denen sie das Brot stückweise verteilte. Barmherzig sein, damit soll nach altem Brauch der heilige Ehe- und Wehestand anheben. Neben dem Wege im Moorgrund balgten sich verwahrloste Kinder. Ihre Kleidchen waren fahl, zerfetzt, mit Morast bespritzt. Diese Rangen rief der Bräutigam, warf ihnen aber die kleinen Münzen nicht vor die Füße, sondern gab sie ihnen in die beklecksten Hände. »Du hast die Kinderle wohl recht gern, Toni?« fragte ihn die Braut. »Vielleicht arme Waislein!« sagte er, »kein Mensch kümmert sich um sie. Wenn eins auch noch Eltern hat, so schauen sie sich nit um nach dem Würmel oder dürfen sich nit umschauen; 's is halt ein Kreuz. – Na, jetzt geht's nur und tut's nit raufen! Wirst ihn auslassen, du Racker, den andern beim Haar! – 's ist halt ein Kreuz!« Je näher sie dem Dorfe und der Kirche kamen, je feierlicher ward der Braut zumute, und auf manche holde Red' des Bräut'gers gab sie kaum eine Antwort. Auf dem Kirchenplatz waren schon die Hochzeitsgäste versammelt mit den Musikanten. Die Hochzeitsmutter nahte mit einem dürren Palmkatzelzweig und verlangte nach der Väter Sitte, daß der Bräutigam sich drei Katzeln in die Schuhe tue. Jetzt wurde der Holzknecht das erstemal rot; vor den Leuten die Stiefel ausziehen, daß sie sahen, er hätte keine Strümpfe an? – Mit einem Silberzwanziger kaufte er sich los vom alten Brauch. Auch die Braut legte eine Münze auf den Teller, mit dem der Küster demütig umherging. »Tut's ihn nur recht schamiern, den Himmelvater, daß er euch Glück und Segen gibt!« sagte die dicke Hochzeitsmutter sinnig, sie selber gab nichts. Als sie zu Paar und Paar in die Kirche schritten, bemerkte der Toni, der mit einer »Kranzeldirn« hinter der Braut mit dem »Kranzelbuben« ging, daß neben dem Tore der Forstjung' stand, und daß die Tonele ihr Gesicht rasch auf die andere Seite wendete. Der Forstjung' stand am Tor, starr, finster und wüst. Sein Auge zuckte und konnte sich nicht wenden von der Braut, bis sie in der Tür verschwunden war. Der Toni knirschte mit den weißen Zähnen so stark, daß das Kranzdirndel ihn flüsternd fragte, ob er sich jetzt nicht einen Zahn ausgebissen hätte? Eine Viertelstunde später ist das Jasagen da. Er stößt seine drei Ja scharf heraus, sie lispelt dieselben schämig und so leise, daß die Fernerstehenden schon meinen, die Tonele habe ihre Ja verweigert, aber der Geistliche hat sie recht wohl gehört – und somit ist das Schloß zugeschnappt und der Schlüssel hinausgeschleudert in die bodenlose Ewigkeit. Der Bräutigam hatte während der Trauung mehrmals nach dem Eingange geschielt. Wenn jemand käme und Lärm schlüge!... Das wäre so was! Es ist halt ein Kreuz! – Aber es geschah nichts, und sie gingen hernach ins Wirtshaus zum Tanz und zum Essen. Daß in Spaß und Ernst noch manch sinniger Hochzeitsbrauch erfüllt wurde, wird man mir ohne besondere Beteuerung und Berichterstattung glauben. Als die dreifache Mahlzeit zu Ende ging, waren schon die Lichter angezündet im Saal, da stand der Hochzeitsvater (Hochzeitsleiter) auf, schrie in den lustigen Festwirrwarr hinein, er bitte um Ruhe, es sei der Engel aus dem Paradies gekommen mit einer Botschaft. Der Engel aus dem Paradies? Na, da horchten sie auf. Der Brautvater räusperte sich ganz wie der Pfarrer auf der Kanzel, legte auch die Hände so vor sich hin auf den Tisch und hub mit derselben Manier an, also zu sprechen: »Liebe Braut- und Hochzeitsleute! Im heiligen Paradies, als sie fertig waren allbeide, küßte der Gottvater den Adam auf die Stirn und die Eva auf den Mund, und deswegen hat der Mann seinen Verstand im Hirn und das Weib den ihren auf der Zung'. Und sintemalen und alldieweilen das Weib ihren Verstand auf der Zung' hat, so sagt sie ihre Geheimnisse frank und frei, und der Mann tut seine verschweigen. Und deswegen hat mir die schöne Braut just anvertraut, daß ihr das Herz möcht' zerspringen vor lauter Lieb' und Freud' und anderen Dingen, und daß sie einen so braven Mann hat gekriegt und daß so viele ehrenwerte Gäste sich zu ihrem Ehrentag haben eingefunden. Und da wollt' sie gleich ihre Brieftasche aufmachen und dem Herrn Speisemeister (Hochzeitswirt) und Kellerwartel alles bezahlen, was die ehrsame Gesellschaft genossen, auf den Bescheidteller gelegt und in die Gurgel gegossen. Noch zu rechter Zeit stupst sie der Engel aus dem Paradies in die Seit' und sagt: ›Geldverschwenden willst heut'? Und aufs Jahr tut liegen ein Kindele in der Wiegen und schreit um Brot. Und in sieben Jahren sind sieben Kindelein da und schreien alle um Brot, um Brei und noch um sonst allerlei. Bedenk's und gib Ruh' und mach' dein Tascherl wieder zu und laß den lieben Hochzeitsgästen die Freud' und Ehr', daß sie das selber lei büßen, was sie verzehrt und daß sie auch für das ehrsame Brautpaar zahlen und für die Brautmutter, gar lobenswert, die sich rechtschaffen geplagt hat an dem heutigen Tag, und für den Brautvater, den alten armen Hascher, der predigen soll und keine Stimm' nicht hat.‹ – Just so hat's ihr der Engel gesagt, und just so hat es die schöne Jungfer Braut mir anvertraut, sintemalen sie kein Geheimnis verschweigen kunnt, weil sie der Gottvater geküßt hat auf den Mund. Und wetten will ich nichts, das Stuck hat ihm der schlaue Bräut'ger abgeguckt und macht ihm's nach, wozu er meinen Segen hat und unser aller Glückwunsch für hundert Jahr! Vivat das Brautpaar!« Also hatte der muntere Alte gesprochen, und jetzt wußten sie die Botschaft des Engels aus dem Paradiese: Zum zahlen war's. Nun fiel es aber jemandem ein, daß dieser schöne lange Tag auch eine Nacht habe, weshalb der Tanzboden frisch mit Federweiß zu bestreuen sei. Allein der Toni vermutete, die Tonele würde nach all den Sachen schon müde sein, und so schlich er mit ihr heimlich davon. Unterwegs gegen das Staudenhäusel ging ihr der Toni zu schnell, es schien, als wäre sie noch gern im Wirtshaus geblieben. »Soll wer nachkommen, weil du so stad gehst?« fragte sie ihr Mann. »Willst wen einholen, weil du so laufst?« fragte sie entgegen. Dann schwiegen sie und gingen. Es war dunkel. In der Schlucht rieselte das Wasser, die Schuhe der nebeneinander Wandelnden stießen manchmal leicht an einen Stein, sonst war alles still. »Gut hat er gesprochen, der alte Eichinger,« hub nach einer Weile der Toni wieder an. »Gerade das hab' ich nit recht verstanden, daß ein Weibsbild kein Geheimnis sollt' verschweigen können.« »So was sagen die Leut' halt lei spaßeshalber,« meinte die Braut. Dann gingen sie wieder schweigsam nebeneinander hin. Die Braut trug in der Hand ein Bündel Bescheidessen, da drin waren Bratenstücke, Kuchen und Krapfen, Dinge, die der Hochzeiter bei der Tafel nicht zu essen pflegt, sondern mit nach Hause trägt zum Verteilen. »Für wen, Schneckerl, für wen bringst denn du das Bescheidessen heim?« fragte sie der Toni. »Na, halt für die Kinder!« lachte die Tonele, und über diese launige Rede lachte auch er hell auf. »Da mögen die Krapfen wohl ein wenig altbacken werden, bis so ein kleiner Saggra hineinbeißen wird.« Sie gab darauf keine Antwort. Nach einer Weile sagte er: »Hast du ihn eingeladen zur Hochzeit?« »Wen?« »Den Försterjung.« »Wie kommst du jetzt auf den Försterjung?« Der Toni blieb stehen, machte einen Griff in den Sack, einen Strich über den Ärmling und leuchtete ihr mit brennendem Streichholz ins Gesicht: »Will doch einmal sehen, wie du ausschaust, wenn vom Försterjung die Red' ist.« Sie war nicht rot geworden, sie schaute ihm ganz keck in die Augen und sagte: »Da guckest umsonst, Bübel, vom Försterjungen wirst nit viel hängen sehen an meiner Nasen.« »Aber bei der Kirchtür hab' ich ihn stehen sehen,« murmelte er, und der Klang der Stimme war unsicher geworden. Sie hub an laut zu lachen: »Ah, das ist gut!« rief sie, »jetzt zwickt ihn schon die Eifersucht. Ja du mein herzliebster Toni! Ein Mensch und ein Engel zusammenheiraten, das tät's ja nit! Da ist's doch gescheiter, wenn zwei Menschen mit Fleisch und Blut zusammen kommen. Und was wirst denn sagen, wenn du schon ein paar junge Schnecken findest im Schneckenhäusel?« Er blieb stehen, faßte sie am Arm und sagte: »Wenn ich dich versteh', Tonele, es ist zum Erschrecken, wie du redest! Wenn ich doch nit der erste wär'!« Sie schnellte von ihrem Arm seine Finger los, faßte aber mit der Hand um so fester seinen Jackenflügel an. »Wenn es so ist, meinst du,« sagte sie, »so müssen wir schon deutlich miteinander reden. Jetzt sag' mir einmal, du schöner Holzknecht, warum soll uns Weibsleuten das auf Punkt und Siegel verboten sein, was ihr Männer euch nicht bloß erlaubt, sondern sogar für Recht und Ehr' betrachtet? Daß in der Ehe der Aushupf beim Weib schlimmer ist als beim Mann, das verstehe ich, und so dumm bin ich nit, daß ich solches nit kunnt verstehen. Aber daß beim Heiraten sie ihm die Zukunft schenken und die Vergangenheit umsonst draufgeben soll, und daß der Mann beim Heiraten mehr Erspartes von ihr verlangen kann als sie von ihm, das verstehe ich lei schon gar nit.« »Daß ich nichts Erspartes hab', werd' ich dir wohl eh gesagt haben,« wendete er ein. »Nein, nein, Toni, du weißt recht gut, was für ein Erspartes ich meine. Du wenigstens verlangst von mir die erst' Lieb'.« »Verlang' ich auch, Schneckerl, verlang' ich auch.« »Warum aber bringt denn das Bübel so was nit mit?« fragte sie. Der Toni antwortete: »Wenn du etwan auf mich solltest anspielen –!« »Ei beileib' nit, auf dich schon gar nit!« »Wär' ein rechter Irrtum,« sagte er, »ich hab' mir nichts vorzuwerfen, Gott sei Dank, ich nit!« »Toni,« entgegnete hierauf sie ganz ruhig, »jetzt möcht' ich dir aber kein Streichhölzel vor die Nasen halten. Wenn du jetzt nit rot wirst wie ein Paradiesapfel, nachher – nachher wärst ein grundschlechter Mensch.« Nun fand es aber der junge Ehemann an der Zeit, seine Herrlichkeit aufzumutzen. Wenn er sich gleich das erstemal weichkriegen ließe, dann wäre die Schlacht verloren noch vor dem Kriege. Nicht einmal zum Eifersüchtigsein hätte er ein Recht, wenn sie jetzt nicht scharf zurückgeschlagen wird. Er strampfte also seinen Fuß auf den Boden und rief: »Was soll das heißen? Jetzt wird's mir zu dumm! Hab' ich dich betrogen? Gut, so zeig' hin, wo, wann, mit wem! Zeig' hin! Gelt, jetzt bist still, weil du mir nichts nachsagen kannst. Und wenn was wär' gewesen, ging's wen was an? Hättest du einen Schaden davon? Hättest du Sorg' zu tragen dafür? Ich glaub' nit. Ich sag' dir das, meine liebe Toni: Wenn jeder und jede so brav ist wie ich vor der Verheiratung, nachher wird keine Sintflut mehr kommen und kein Schwefelregen auch nicht mehr, daß du's weißt! Und daß du so verdächtig herumredest, als ob was nit richtig wär' bei mir, das kannst lei bleiben lassen, und das verbiet' ich mir, verstehst! Ich hab' vor dem Altar leicht und gern' ja gesagt, und gehört haben sie's auch, und ich hab' keine Ursach' zu fürchten, daß ein ungebetener Gast vor der Kirchtür steht, hast verstanden? Und mit solchen Sachen kommst mir nimmer, merk' dir's – verstehst?!« Darauf sagte die Tonele fast gütig: »Sollst recht haben, und wir wollen nit gleich in der ersten Stund' miteinander streiten. Nur soviel: Was du jetzt von dir gesagt hast, das kann ich von mir sagen, und mit gutem Gewissen. Und wenn ich anders geredet hab', so ist's gefoppt gewesen. Wollen die Vergangenheit in Ruh lassen. Muß immer eine alle zwei Augen zudrücken bei ihrem Mann, das weiß ich eh. Aber wenn einer gar keine Fehler hat, da wird er sie freilich nit eingestehen, das kann ich mir denken. – Halten wir nur von jetzt an schön zusammen, mein Mann, helfen wir einander geduldig und nachsichtig die Pflichten und Sorgen tragen, wie der Pfarrer heut' gesagt hat, und von vergangenen Geschichten weiter kein Wort mehr. Toni, gib mir die Hand drauf.« Das tat der Toni denn äußerst gerne, und er war überaus zufrieden mit dem Erfolg seines strammen Auftretens, durch das ihm in dem Staudenhäusel die Würde des Mannes für immer gesichert war. »Und jetzt gehen wir eilends heim!« sagte sie, ihren Arm in den seinen legend. »Wir haben nimmer weit.« Sie sahen auch schon die rotschimmernden Fensterscheiben des Staudenhäusels. Als sie über den schmalen Wiesensteig gingen, das Weib hinter dem Mann, blieb der Toni stehen und bemerkte, daß auf diesem Wieslein schon die zweite Mahd reif sei. »Das wird gleich morgen gemacht. Um sechse weck' mich auf. Ist das Heu fertig, nachher geht's an den Staudenschopf. Den kann ich nit brauchen beim Haus; etliche Schirmbäume bleiben stehen, das andere wird Acker. So oft ich den Bach höre, der gleim an uns vorbeirinnt, denk' ich an eine Mühle. Der Zuspruch wollt' sich schon finden. In zehn Jahrln, Weib, wird's anders anschaun da herum, so aufwirtschaften, das macht mir just einmal eine Freud'.« Jetzt hätte sich's aber wahrlich verlohnt, wenn er ihr mit dem Streichholz ins Gesicht geleuchtet hätte – jetzt waren ihre Wangen rot und ihre Augen strahlend. Der tüchtige Wirt, den sie an ihm einführte in ihr Häusel! Als der Toni durch die niedere Tür in die Stube trat, gab's da drin eine kleine ältliche Weibsperson und zwei nett herausgeputzte Knaben von etwa vier oder fünf Jahren. Im ersten Augenblick erschrak der Toni fürchterlich – im zweiten erschrak er noch mehr. Die Knäblein duckten sich etwas scheu, dann kamen sie sachte an ihn heran, und eins sagte benommen: »Vaterl!« Und der Toni – er erkannte sie. Sprachlos war er und versteinert. Die Tonele packte auf dem Tisch rasch ihr Bündl aus und rief den Kindern zu: »Na jetzt, euren Vater habt ihr wieder. Der geht euch lei nit mehr durch. Und die Mutter ist auch da! Schaut einmal, was sie euch mitgebracht hat.« Und teilte Fleisch und Krapfen an die beiden Knaben aus. Hernach ging sie in die Nebenstube. Er schälte die zutraulich gewordenen Kleinen von seinen Knien und ging ihr nach. Sie saß auf der Ofenbank und weinte. Er stand vor ihr, da er doch knien sollte; er stand da wie ein Strunk, von dem der Blitz den stolzen Wipfel geschlagen. Endlich sagte er kaum hörbar, so dumpf: »Weib, du kannst dir's denken, wie mir jetzt ist. Neun Ellen in den Erdboden hinab schäme ich mich. – Tonele!« Ihre Hand hätte er fassen mögen und die Tropfen ihr von den Wangen küssen – er getraute sich nicht, sie zu berühren. Endlich richtete sie sich ein wenig auf, strich mit der Schürze über das Gesicht. In ihrem Haar war noch der Hochzeitskranz. »Wenn ich dich gern hab',« sagte sie dann, »so werd' ich deine Kinder auch nit verlassen. Und mußt wissen: So eine Schneck ', wie du sagst, hat nit grad 's Häusel allein, hat auch ihre Fühlhörner, mein Mensch! – Von der Kramer-Klara, die oftmals ins Steirische hinüberkommt, und die jetzt draußen in der Stube bei den Kindern ist, hab' ich ja schon vor zwei Wochen alles erfahren; sie hat mir dort in der Murauergegend bei den Bauernhäusern herum die Waislein zusammensuchen müssen. Man soll die Hascherlen – sagt die Klara – recht gern hergegeben haben, recht gern, sagt sie. Auch das G'schrift hat sie mir alles mitgebracht, und die kleinen Buben können dir gar nimmer abgestritten werden. Daß du sie so unter fremden Leuten hättest verderben lassen wollen, das glaub' ich nit, und ich glaub's nit. Na, hab' ich mir gedacht, erspar' ihm den Gang und laß sie lei selber holen. So sind sie da, und jetzt haben wir halt schon ein paar gesunde Buben miteinand, und gut ist's und aus ist's.« Ich glaub's, was sie sagen, daß jetzt der Holzknecht feuchte Augen bekommen hätte, und kein Wort gesagt, auch nicht ein einziges. So etwas verschlägt einem das Redewerk – ich glaub's gern. In der Familienstube des Schneckenhäusels soll es an demselbigen Abend noch ein heiteres Stündl mit Naschen und Schäkern gegeben haben. Und der Toni, heißt es, hätte dabei den würdigen Hausvater gespielt. Wie aber die Kinder zu Bette gebracht worden, da sei er fast schwindelig zur Tür hinausgetreten in die Mondnacht und hätte einen Juchezer getan, der weit und weit fortgeklungen in die Wälder. – Und das – das ist der Juchezer zum dritten! Reich Jetzt bist du noch in Sorgen; in einer Stunde wirst du fröhlich sein. Jetzt bist du noch demütig und mußt dienen; in einer Stunde wirst du herrschen. Jetzt bist du noch arm – in einer Stunde wirst du reich sein. Gutes Weib, liebe Maria Steinwenderin, wie ist dir ums Herz? Dein Leben lang hast du keinen lastenfreien Tag gehabt; schwer arbeiten vom Morgen bis in den Abend und dann die müden Hände erst aufheben zur Bitte ums tägliche Brot. Und vor dem Einschlafen die Angst, deinen Kindern könne es einst noch schlechter gehen als dir, und im Schlafe träumen von deinen verstorbenen Eltern, die wie du in Drangsal haben gelebt. Das ist bisher dein Lebenslauf gewesen. Aber heute – Maria Steinwenderin – heute ist dein Mann nach Landeck gegangen, um bessere Zeiten heimzutragen in dein Haus. Geld wird er bringen, viel Geld, so lasterhaft viel Geld, daß du jetzt schon anfängst, dich vor der Hölle zu fürchten, die nach der Bibel reichen Leuten so gewiß ist. Zwölf Wochen mögen nun aus sein, oder gar ein Vierteljahr – wie doch die Zeit vergeht! – seit du das gestrickte Geldsäcklein gefunden hast. Unten auf der Innbrücke war's, und just zwischen zwei Balken ist's gelegen, und wenn die Balken um ein nadelspitzbreit weiter auseinander gewesen wären, so wäre das Säcklein ins Wasser hinabgefallen. Es war nicht gar dick, ein zusammengerunzeltes Heiligenbildchen war drin – der heilige Jakobus – und vier Zehnkreuzerstücke. Als wie wenn es glühende Kohlen gewesen wären in deiner Hand, so bist du mit dem Fund in den Pfarrhof gelaufen und dreimal ist's verkündet worden auf der Kanzel: es wär' auf der Stubener Innbrücke ein Geldsäckel gefunden worden und der Verlustträger möge es im Pfarrhofe abholen. Verwunderlich! 's ist niemand gekommen um das Geld und dasselbe ist der Maria Steinwenderin als Eigentum anheimgestellt worden. Darauf hat sie eine ganze Nacht nicht schlafen mögen, hat simuliert, was sie denn anfangen sollt' mit dem Fund, daß er ihr am besten gedeihe und auch der armen Seele des Verlustträgers noch zugute kommen möge. Und da – wie schon der Hahn das erstemal kräht draußen in der Lauben, fällt ihr jählings ein, daß der heilige Jakobus, der beim Geld gelegen wäre, ein Patron für die Lotterie ist. Ordentlich einen heißen Stich gibt's ihr im Herzen; ja, in die Lotterie setzen will sie die vier Münzen, und das wird zum Glücke sein. Sie betet noch ein Vaterunser und dann will sie einschlafen, da ist schon die Zeit zum Aufstehen und sie muß die Steine abtragen von des Nachbars Kornfeld. Und am Sonntag, wenn ihr Mann heimkommt von der Holzarbeit und die zwei Kinder hütet, geht die Maria nach Landeck und setzt drei Nummern – wie sie ihr zufällig in den Kopf kommen – in die Lotterie. Sie hat so große Hoffnung auf den Gewinn, daß sie den Kindern zwei Lebkuchen kauft und ihrem Manne neue Schuhriemen und, weil sie immer noch Geld in der Tasche hat, auch einen großen Wecken. Und jetzt ist Geld angebaut auf einem großen fruchtbaren Acker. – Je näher aber die Zeit der Ziehung kam, je kleiner wurde die Hoffnung, und am letzten Tage war sie so mutlos, daß sie es gar nicht wagte, in das Städtchen zu gehen, um sich von ihrer Enttäuschung zu überzeugen. Da schleppte sich ein Dörchergespann des Weges, das die Bauernhäuser und Kleinhäusler abbettelte und ablauerte, ob nicht irgendwo etwas heimlich zu erhaschen wäre und das den Leuten die Nummern angab, die bei der nächsten Ziehung herauskommen müßten. Die Maria Steinwenderin schenkte dem Gesindel ein paar Stücke Brot und sagte, um neue Nummern wär' ihr nichts, aber die zuletzt herausgekommenen möchte sie wissen. »Kann ja gern sein, Bäuerin,« gab ein altes Fräulein zur Antwort und holte mit den erdfalben Fingern ein Papierstück aus ihrem Wanderbuche, »derlei heißt eins fort mit, wenn man aus der Stadt geht. Sind brühwarm, sind erst gestern herausgekommen.« Die Maria griff nach dem Papier, sah, las die Ziffern und erschrak so heftig, daß sie sich auf die Bank setzen und das Fraulein bitten mußte, es möge ihr die Gutheit tun und ein Schöpfel frisch Wasser holen vom Brunnentrog. Die Ziffern, mit widerspenstigem Bleistift von der starren Hand einer Bettlerin auf das zerknitterte Löschpapier gekritzelt, sagten der Maria, daß sie reich war, daß sie wohl – – jetzt mußte das Weib auf die Bank sinken – wohl an die tausend Gulden bar in der Stadt liegen habe, die ihr und ihrem Manne und ihren Kindern aller Not ein Ende machen sollten. – Weiter konnte sie nicht mehr denken, bis das Wasser kam. Und während sie, die Ellbogen zitternd auf die Knie gestemmt, trank und absetzte, um Atem zu holen, und wieder trank – trottete das Dörchergespann träge davon. Und noch an demselben Tage hat sie ins Holz zu ihrem Manne geschickt, er solle alles liegen und stehen lassen und eilends heimkommen. »Na, in Gottesnam'!« sagte der Gatte, als er die Botschaft hörte, »jetzt kann ich mich zusammenhalten, jetzt ist daheim was geschehen. – Das Haus steht noch?« fragte er den Boten. »Warum soll's denn nimmer stehen?« »Hat mein Weib selber mit dir geredet?« »Sie hat mich selber geschickt.« »Und hättest auch noch einen kleinen Buben gesehen?« »Zwei Bübeln – recht flinke, saubere Bübeln – sind vor der Tür herumgelaufen.« »Hui!« jauchzte der Hölzer auf, »sonst kann's sein, was es will!« und eilte nach Hause. Daß anstatt dem großen Unglücke ein großes Glück da war – wie hätte der arme Mann daran denken können! Als er vernahm, sie hätten einen Terno gemacht, faßte er sein Weib mit beiden Armen um die Mitten und rief: »O du sakrische Mirzel!« Dann verglichen sie die Nummern mit denen auf dem Setzschein und es waren dieselben – das Glück war verbucht. Und am Tage darauf ging also der Holzer Simon hinaus nach Landeck. Er nahm einen schweren Weißdornstock mit sich, er schliff sich noch das Tischmesser, das sonst zum Brotschneiden war und steckte es in den inwendigen Rocksack, denn das wußte er, wer Geld hat, der muß auch Wehr haben. Als er fortging, stolperte er noch über den holperigen Fußboden der Vorkammer und brummte lachend: »Du verfluchtlete Keischen, du alte, von dir laß ich mir schon lang' noch kein Bein stellen.« Und nun verging im Hause der Vormittag und die Maria zählte die Stunden auf der wurmstichigen Wanduhr bis zur Rückkehr des Simon. Die Uhr hatte mit ihrem hölzernen Zeiger fünfzig Jahre oder mehr herabgemessen, aber mit dem heutigen Tage wollte sie nicht fertig werden. Jetzt war's um zwei Uhr nachmittag. Die Maria hatte ein gutes Mittagessen fertig, das sie auf dem Herde sorgfältig mit einer umgestülpten Kochpfanne zudeckte. Sie aß selbst keinen Bissen davon, mit ihm zusammen wollte sie heute Mahlzeit halten, und in einer Stunde konnte der Simon da sein. Aber das Glück – weil's eh so selten kommt – muß man höflich empfangen. Zuerst warf die Maria ihre rauhen, beflickten Werktagskleider weg und zog was Besseres an. Dann wusch sie den beiden Knäblein Gesicht und Hände und versah sie mit frischen Hemdchen. »Müßt nicht schlimm sein heut',« sagte sie, »es kommt das Geld!« »Ist das Geld brav?« fragte der kleinste Knabe, der in seinem weißen Hemdchen auf dem Strohpolster saß, mit seiner zarten Hautfarbe schon jetzt anzusehen wie ein Herrenkind, das nur zufällig in die Holzerhütte gekommen sein mochte. »Ja freilich, Simerl,« antwortete die Mutter von freudigster Hochstimmung getragen, »das Geld ist wohl brav. Wisset, Kinder – geh' her, Sepple, und setz' dich da auf die Bank und lass' mir das Fingersutzeln sein! – jetzt loset einmal zu. Wenn der Vater mit dem Geld kommt, nachher kaufen wir das Hochbrunnerhäusel, wo wir gestern oben gewesen sind.« »Und den Taubenkobel auch dazu?« fragte der größere Knabe. »Freilich, Sepple, auch den Taubenkobel dazu. Und nachher kauf' ich euch ein schönes Gewandel, wie die Schlagwirtbuben haben, und nachher gehst mir mit dem Schlagwirtbuben in die Schul', Sepple, und lernst was und kommst nachher gar auf Sprugge und kannst ein Pfarrer werden. Wirst aber sauber sein, wenn du in der weißen Pfaid predigen tust und nachher mußt für deine Mutter schön eine Mess' lesen –« »Und wenn du stirbst, so werde ich dich einsprengen (einsegnen),« sagte der Kleine. Sie lachte über den Einfall des Kindes, aber das war doch ein Dämpfer gewesen und sie brach die weiteren Schilderungen von ihrem künftigen Pfarrer ab. »Herentgegen du, Simerl,« sagte sie aber zu dem kleinsten Knäblein, »du wirst nachher schön daheim bleiben, wirst dein' Vater und Mutter hausen helfen und in zehn Jahren mögen wir 'leicht einen großen Hof kaufen, den Talschlösserhof, weißt, wo der große Kettenhund ist.« Der Knabe schmiegte sein Köpfchen an den Busen der Mutter, ihm graute vor dem Kettenhund, der ihm in Erinnerung war, weil derselbe vor etlichen Tagen, als er mit dem Vater am Hof vorbeigekommen, so schauderhaft bös gebellt hatte. »Klein's Närrle du!« rief die Mutter, »wenn du Bauer auf dem Talschlösserhof bist, wirst schon froh sein, wenn du einen scharfen Kettenhund hast. Der Talschlösserhofer hat viel Sachen, da sind die Schelm' (Diebe) nit weit. – Ja, Büble, aber halt still, daß ich dir das Pfaidle kann einknöpfeln! Du magst doch nit ein Vaterunser lang' Ruh' geben den ganzen Tag! Wart, wenn du erst Talschlösserhofbauer bist, wirst schon gewetten (eingespannt) werden. Alle Kammern voll Korn und alle Ställ' voll Küh' und Ochsen wirst haben, Lämmle auch! Freilich Lämmle auch! Und Dienstknechte wirst haben müssen und Mägde, daß es nur so staubt im Hof. Nachher bist angesehen weit und breit, und nachher mußt dir ein Weib heiraten –« »Und nachher kriegst du kleine Kinder,« ergänzte der Sepple mit ernsthaftem Kopfneigen. »Ja, und du laß lieber das Fingersutzeln sein!« mahnte die Mutter den Größeren, »weißt, was der Vater sagen wird, wenn er heimkommt und einen Lebzelten (Lebkuchen) mitgebracht hat? Den geb' ich allen dem Simerl, wird er sagen, der Sepple hat eh seinen Finger im Maul.« Da zog der Junge seinen Zeigefinger aus dem Munde, ballte die Hand und steckte sie rasch in die Hosentasche. Ging aber nicht lang' her, so fand er den Finger wieder zwischen den Lippen; ganz von selber und ohne daß es der Sepple gemerkt hatte, war er hineingekommen, dafür biß der Junge jetzt die Zähne darüber zusammen, um den Ungebärdigen zu strafen und war überrascht, daß der gebissene Finger ihm weh tat. Die Maria Steinwenderin aber hub nun an, zum Fenster hinauszugucken. Der Simon konnte schon da sein oder sie sollte ihn fürs wenigst dort über die Grabenwiese herangehen sehen. – Im Schlagwirtshaus unten wird er vielleicht ein halb Stündl abrasten. Da hat er schon recht; er gunnt sich so sonst nie ein Tröpfel. Aber lang' bleibt er nicht sitzen, das weiß ich, und so möcht' er schon da sein. – Wenn man's aber recht bedenkt, so kann er noch nicht leicht da sein. Das Geld werden sie ihm nicht gleich bis vor die Tür entgegengetragen haben, selb' kann sich eins raiten (denken, berechnen); da wird gewiß auch bei der Herrschaft (Amt) was zu tun sein und allerlei Geschrift ausgestellt werden müssen, 's ist kein' kleine Sach'. Oder zuletzt hat die Lotterie gar nicht einmal soviel Geld beisammen, daß sie's auf einmal auszahlen kunnt. Wenn sich der Simon nur nicht überdölpeln (übervorteilen) läßt, und daß wir alles kriegen, was uns gebührt! – So simulierte das Weib, und es waren schon neue Sorgen da, bevor noch das Geld kam. – Daß ihm unterwegs nichts Böses begegnet sein wird! dachte sie weiter, es gibt allerhand so Leute auf der Straßen, und daß einer in der Lotterie was gewonnen hat, kommt gleich auf. – Nein, 's ist ja der hellichte Tag. Wenn auch; den Holzmeister haben sie auch beim hellichten Tag ins Wasser geworfen und haben ihm das Geld weggenommen, mit dem er hätt' sollen die Knecht' auszahlen. Vor einem Jahr wird's gewesen sein und die Leut' sind heut' auch nicht besser wie dazumal, und das Gesindel wird alleweil mehr auf der Straßen. Immer tiefer dachte sie sich in die Angst hinein. Da rief der Sepple, der auf der Bank kniete und zum Fenster hinauslugte: »Der Vater geht über die Grabenwiesen!« »Du machst wieder ein' Possen!« rief die Mutter, als wollte sie die Kunde erst nicht glauben. »Ja, und aufrichtig Gott wahr, er geht über die Grabenwiesen!« Die Maria sah es nun selbst. Mit großen, aber sehr langsamen Schritten stieg der Simon über den weichen Moorgrund, wo hie und da ein Brett, ein Stein lag, um den Fuß darauf zu setzen. Seinen Stock benutzte er als dritten Fuß, auf welchem er sich bisweilen über einen Sumpf oder Wassergraben schwang. – Ist so viel wie gar kein Weg, da von der Straßen bis zum elendigen Steinwenderhäusel. Ein ewiges Glück, daß eins von diesem Grund einmal erlöst wird – und wie er zu Boden schaut, der Simon, und in die Erden hineinlacht! Und nicht einmal die Pfeifen hat er heut' im Mund. Dem sieht man's leicht an, daß er extra was hat. Glaub's gern, der ist seiner Tag' mit Tausendern noch nicht spazieren gegangen. – So war wieder das Denken der Häuslerin. Als der Simon von der Wiese über die Holzschranke auf den Hausanger hereinstieg, brach er einen Zaunstecken, daß es krachte, und schleuderte ihn dann von sich. – Wie er schon übermütig ist! dachte Maria; nun, wir brauchen auch diesen alten Zaun gar nicht mehr. »Jetzt, Kinder, seid hübsch ruhig, jetzt kommt das Geld!« flüsterte die Maria; da schrien die Kinder: »Jetzt kommt das Geld!« und polterten der Türe zu. Diese ging schärfer als gewöhnlich auf und nicht ganz ohne Gefahr für die Kleinen. Der Simon trat herein. Wortlos schob er die Kinder von seinen Knien weg, schritt dann schwerfällig über die Stube, zog seinen Janker aus und warf ihn auf die Bank hin. Davor erschrak die Maria etwas. Er hing den Rock sonst immer hübsch an den Nagel, wenn er ihn auszog, und heute, wo in dem Sack die volle Brieftasche steckt, sollte er's schon ganz besonders tun. Der Simon wird doch von denen keiner sein, die leichtsinnig werden, sobald sie Geld haben! Nein, das nicht, ein Seidel getrunken dürft' er haben. Der Simon, den Hut noch auf dem Kopf, etwas ins Gesicht hereingeschoben, ging in der Stube so hin und her, griff ein- ums anderemal an die Wandstelle hinauf, als ob er was suchte, fuhr sich dann mit den Hemdärmeln über das rauhe gerötete Gesicht, wobei er in seinem Schnurrbarte einige Verwirrung anrichtete. Dabei knurrte er gegen die Wand gekehrt ein paar Silben, die nicht verstanden werden konnten. Sein Weib war nicht weit von der Ofenbank gestanden und hatte ihn so von der Seite angesehen. »Na,« sagte sie endlich, »jetzt ruck' nur aus.« »Ein höllvermaledeites G'lumpert!« stieß der Mann wild hervor. »– Aber, Sim, was –? wirst doch nit!« stotterte das Weib. Da wendete er sich gegen sie und schrie ihr ins Gesicht: »Derstunken und derlogen ist's!« »Wird leicht doch nicht sein,« hauchte sie. »Keinen Hundskreuzer haben wir!« rief er, »nit eine Nummer ist da, nit eine, die auf unserem höllmentischen Fetzen steht. 's ist eine angespielte Sach' oder 's ist ein helles Teufelsg'spiel, daß die Nummern, die du dir von den Strolchen hast aufschwatzen lassen, just zusammpaßt haben. Ausg'lacht haben sie mich, wie ich, der Narr, heut' hintrott und 's Geld haben will. Und gemeint hab' ich, bei der Gurgel packen müßt' ich ihn auf der Stell', den Lotterieschreiber, bis er mir mein' Sach' weist. Zum G'raten, daß sie mich nit eingesperrt haben. Ich sag' dir, Alte, eine Bestie kannst werden, wenn du dir zuerst einbildest, du hättest die Säckel voll Geld, und ein einzig Wort, ein Rauberwort, greift dir hinein und reißt dir's weg. So ein Rauberwort ist das gewesen, wie der Schreiber den Fetzen anschaut und sagt: Was wollt denn Ihr? Das soll ein Treffer sein? sagt er. Alles falsch. Nicht eine Nummer stimmt. – Lump! sag' ich ihm ins Gesicht, weil Ihr meint's, ein Arbeitsmensch kunnt sich nit veresentieren (verteidigen), so wollt's ihm's ablaugnen. Ja, wie ich sag', ein kleines G'fehlt hat's g'habt, daß sie mich nit in die Keichen (Arrest) stecken.« Die arme Maria setzte sich jetzt auf die Ofenbank und sagte kein Wort. Die Kinder kamen zu ihr und fragten, wo das Geld wäre. Dem Kleinen reinigte sie mit ihrer Schürze das Naschen. Und mit derselben Schürze fuhr sie sich dann selbst zu Gesichte, um anscheinend ein ähnliches Geschäft zu verrichten, in Wahrheit aber, um in die Leinwand zu schluchzen. »So was halt' ich für das größte Unglück,« rief der Simon und ging, die Hände in den Hosentaschen, rasch über die Stube. »Ist es auch,« antwortete das Weib, »und oft genug hat der Schlagwirt gesagt: Die Armut kennst nur, wenn du einmal reich gewesen bist. Jetzt trifft's uns selber. – Ich hab' mir schon den Talschlösserhof gekauft gehabt,« lachte sie mit nassen Augen. »Der ist dir niedergebrannt und du darfst nit einmal Brandsteuer sammeln gehen.« Und sollten wieder fortrackern und fortkümmern in der Elendigkeit.« Er blieb vor ihr stehen und die Fäuste in den Taschen machten zwei große Knoten an den Hüften: »Weißt, daß ich jetzt ein schlechter Mensch werden kunnt?« Sie sah ihn an. »Ich trau' mir nimmer.« »So mußt halt nicht denken,« sagte sie. »Wenn's mir einmal so zusetzt, daß, wenn eins schon bettelarm ist, man vom Herrgott noch obendrein zum Narren gehalten wird – nachher bin ich alles imstand.« »So unchristlich möcht' ich mir auch wieder nicht denken,« sagte das Weib. »Ich möcht' auch nicht!« rief er, »aber wenn's einen so überfällt und der Mensch etwan in den Inn gestürzt ist, mit dem ich heut' unten bei der Kreuzwand zusammenkommen bin –« Sie sprang von der Bank auf, daß das Sepple, welches ihr im Schoß gehockt war, ordentlich auf den Boden hinabkollerte. »Jesu Christi – Simon!« kreischte sie, »wirst doch nichts angestellt haben!« »Schon vor dem Postwirtshaus z' Landeck hab' ich ihn 'troffen. So ein Stadtherr, der sich vor lauter Gutleben in der Stadt gar nimmer zu helfen weiß, daß er für nichts im Gebirge herumsteigt, weil er sein Lebtag einmal möcht' müd' und hungrig werden. Mit einem Hunderter hat er den Postwirt auszahlt; hab's wohl gesehen, hat noch mehr so Papier gehabt in seiner Brieftaschen. Und nachher, wie ich später hell verzagt auf der Straßen dahergeh', zur linken Hand die Steinwand, zur rechten das Wasser, und kein Mensch ist weit und breit, als wie der Stadtherr, der ein paar Büchsenschuß vor mir hinsteigt, so hab' ich mir denkt: Simon, weil's heut' so schlecht ausgangen ist und daß du noch verlacht worden bist, dieweil deine Elendigkeit wieder neuerdings anhebt, wag' einmal ein ander G'spiel.« »Simon!« schrie das Weib, und als wenn sie ihn würgen wollte, fuhr sie mit den Fingern gegen seinen Hals: »Red' mir nit weiter!« »Weiß auch nichts mehr,« sagte er. »Der lieb' Herrgott wird dich beschützt haben!« »Auf den hab' ich nit denkt. – Du bist mir eingefallen – die Kinder –« die Stimme verschlug's ihm. »Geh',« fuhr er dann spöttisch fort, »grimm dich nit um den Stadtherrn, der steigt frisch und gesund dem Engadin zu, und du hast ja so viel einen braven Mann, der läßt Weib und Kind schon noch eine Zeitlang Hunger leiden.« »Vom Hunger leiden ist gar keine Red',« sagte sie, »und wenn wir und unsere Kinder in Plag' und Kümmernus fortleben müssen, so ist das freilich wohl bös, dieweil's anderen so gut geht, aber daß eins desweg' schlecht werden müßt' –« »Sei lieber still!« fuhr er sie an, »wir sind einmal für die Mühsal auf der Welt, und da hilft kein Reden. Du bist auch so dumm! Hättest das Geld, das du hast gefunden, lieber im Sack behalten, anstatt dem Kaiser einzuspielen, der eh genug hat, wär' mir der heutige Tag verspart blieben und die Ärgernis. Das hättest dir denken mögen, hättest ein Tüpfel Verstand in deinem dicken Kopf.« »Freilich!« entgegnete sie gereizt, »zu tot gern hast mir's glaubt, wie ich dir vom Glück hab' erzählt. Und jetzt hätt' ich die Schuld! – Geht' weg, ihr Gezücht!« damit schob sie die beiden Kinder, die sich an sie gedrängt hatten, unwirsch von sich. »Euretwegen hat man nichts Gut's und kein Stündel Ruh' auf der Welt, und letztlich gebt auch ihr einem die Schuld seiner Tag', wenn's euch nit so geht, wie's euch tät taugen. – Wahr ist's: wer heiratet, der begeht siebenmal eine Narrheit und neunmal eine Dummheit, und gar eine Straf' Gottes ist's, wenn Bettelleut' zusammenheiraten.« So ging's zu, und es war ein rechtes Elend zu dieser Stunde in dem sonst so friedlichen Steinwenderhause. Der Mann grollte, das Weib schmollte, die Kinder röhrten. Der Sepple aber, der sich gar nicht beruhigen wollte, weil er das Böse, so ins Haus eingekehrt war, schon ahnte – er bekam von der Mutter endlich doch eine Birne geschenkt, die ihm den Mund stopfen sollte. Der Simerl hockte in einem Winkel, nichts am Leibe, als das weiße Hemd, das ihm zur Feier des Tages angetan worden war. – Das erwartete Glück aber ließ sich fein entschuldigen, es sei bei Fürsten und Grafen geladen, es könne nicht kommen, schicke aber, da die alte Armut denn einmal abgedankt sei, eine neue ins Haus. – An der äußeren Seite der Stubentür war ein Tasten nach der Klinke, ein unsicheres Drücken an derselben, bis endlich die Tür ein wenig aufging, dann aber wieder langsam zugezogen wurde. Dem Kleinen kam das so unheimlich vor, daß er trotz allem von seinem Winkel zur Mutter schoß. Aber draußen war keine Ruhe, und an der hölzernen Türklinke knarrte und ächzte es leise, bis es dem Simon zu toll wurde. Er trat zornig zur Tür, riß sie auf – da kollerte ein alter Bettelmann, der sich an der Klinke gestützt haben mochte, über die Schwelle herein zu den Füßen des Holzers. Diesem wäre der Bettler sehr gelegen gekommen, um an ihm seine Wut auslassen zu können! Aber vor allem mußte der Alte von der Erde aufgehoben werden. Tat wohl selbst das möglichste, der bresthafte Mann, um wieder auf die Beine zu kommen, aber der starke Arm des Simon war doch auch nötig. Und als der Holzer sah, wie ihn der Alte mit seinem abgezehrten stoppelbärtigen Gesichte, mit seinen müden und trüben Augen so traurig und dankbar anblickte, da verging ihm die Wildheit. »Wie närrisch, daß Ihr da hereingefallen seid!« sagte er. Der Alte blickte ihn an und antwortete nichts. Stand auch schon die Maria da und fragte: »Was wollt Ihr denn? Ist Euch letz geworden, gelt?« Er richtete sein müdes Auge auch auf sie; mit halbgeöffnetem Munde und vorgebeugtem Haupte stand er da, und sagte noch immer kein Wort. »Mein Gott, Ihr seid ja hell nit bei Euch selber!« rief das Weib. Da tastete der alte Mann zitternd nach ihrem Arm, um sich zu stützen, und mit der anderen Hand fuhr er gegen den Mund und machte die Geste des Essens. Jetzt blickte die Maria ihren Mann an und er sie. Nun wußten sie, der Greis hatte Hunger. Der Simon hieß ihn auf die Ofenbank niedersetzen, aber der Alte hörte die Einladung nicht, er wankte wieder zur Tür hinaus, und vor derselben auf der Wandbank legte er mühevoll sein Bündel ab und setzte sich mit Hilfe seines Stockes daneben hin. Welch ein Mühsal, der selbst das Abrasten so sauer wird! Das kleine Simerle auf dem Arm, das sich fest an sie schmiegte, eilte die Maria Steinwenderin in die Milchkammer und brachte eine volle Rein Milch heraus, von der sie nicht einmal die Rahmschichte weggeblasen hatte, wie sie sonst stets tat, wenn sie den Ihren die Gottesgabe auftischte. Der Simon nahm aus der Tischlade den Laib Brot, schnitt ein Stück davon ab, und das Messer ging tiefer, als sonst. Und als die Maria an der Tür stand, an ihrer Seite der neugierige Sepple, der an seiner Birne nagte und dabei, halb in Furcht, halb in Mitleid, den alten Mann beschaute; an ihrem Arm das Knäbl im weißen Linnen, mit apfelroten Wangen und seinem Paar klaren Augensternen, und wie sie, die Maria, in ihrer drallen Gestalt, mit zierlich geflochtenem Blondhaar, dastand und mit einem Angesichte voll Milde und Wohlwollen die Milchschüssel reichte, da blickte der Simon nur so hin. – Und als der alte taubstumme, allverlassene Mann vorgebeugten Leibes mit zitternder Begier nach der Schüssel langte, während die blassen Lippen zuckten und aus den stieren Augen der Hunger glotzte, da blickte der Simon nur so hin. Und während der Greis draußen Milch und Brot verschlang und Maria in die Stube zurückgekehrt war, setzte sich der Holzer auf einen Dreifuß, hielt die Ellbogen auf seine nackten Knie gestützt und sah zu seinen Schuhspitzen hinab. »Geh' her ein wenig, Maria,« sagte er nach einer Weile, ohne aufzublicken. Sie ging ganz leise zu ihm, neigte ihr Haupt nieder zu dem seinen und sagte: »Willst mir was, Simon?« Ihre Stimme war gütig. »Maria,« sprach er und zog mit beiden Händen, aber lässig die Riemen seiner Bundschuhe fester. »Mußt nit bös sein dessertweg, daß ich so bin gewesen. Mußt mir die Red' verzeihen, so schlecht, wie ich's gesagt, hab' ich's nit vermeint.« »Geh', sei nit närrisch,« war die Antwort. »Gar versündigen kunnt man sich mit solch gottlosem Reden,« fuhr er fort. »Wenn man's nimmt, möcht' wissen, was uns fehlt? Sind gesund, mögen unsere Sach' verdienen, haben unser Dach und Fach, halten brav zusamm' und haben keine Feindschaftlichkeiten herum. Nachher – Maria – schau' dir einmal die zwei Buben da an. – Wenn man's nimmt und wenn man den alten Hascher anschaut da draußen, so kann man wohl sagen, wir sind nicht arm, wir sind reiche Leut'!« Darauf antwortete das Weib: »Gerad' wie du's jetzt gesagt hast, so hab' ich denkt, wie ich dem armen Mann das Reindl Milch hab' gereicht. Der ist alt und krank und hat 'leicht keinen Menschen auf der Welt, zu dem er kunnt' seine Zuflucht nehmen. Und sein Anliegen, das kann er nit sagen und wollt' ihn wer trösten, so kann er's nit hören. Halb blind ist er auch schon. – Der ist arm und doch weiß man's nit, ob er auch unglücklich ist. Zwischen Armut und Unglück liegt ein tiefer Graben, hab' ich oft gehört. Und anderteils, wenn man bedenkt, daß wir reich sind, damit wär' ich noch lang' nit zufrieden. In der Brust muß einem leicht sein – und das ist mir jetzt wieder. Schau' mich an, mein Simon! Gelt, du verzeihst mir das grob' Wort, das ich voreh hab' dahergeschrien, wo ich selber nit dran glaubt hab'. Gelt, Simon, 's tut dir nit mehr weh?« Er neigte mit dem Kopfe tief hinab, zog die Schuhriemen ganz übermäßig fest zusammen und sah starr zu Boden. Jetzt ging wieder die Tür auf, ganz leise, aber weit, und herein schaute der alte Bettelmann und der hatte ein ganz anderes Gesicht, als das erstemal, und die Augen waren lebhafter. Er war gestärkt. Und als er sah, daß die Eheleute auf ihn anschauten, tappte er mit dem Finger seiner rechten Hand auf die linke Seite seiner Brust und zeigte darauf hastig mit demselben Finger nach oben, gegen den Himmel, wo der Vergelter wohnt. »Gesegne Euch's Gott!« rief ihm die Maria zu, gleichwohl sie wußte, daß er taubstumm war. Der Simon sprang auf, rascher, als man es sonst tut, wenn man ein gut Werk verrichten will, schnitt noch ein Stück Brot ab und reichte es dem Alten. Dieser dankte durch allerlei Gebärden, dann trippelte er auf seine Bank zurück, lud das Bündel auf den Rücken, faßte den Stock und wandelte davon. Beinahe frisch und munter sah er aus, der Gesättigte, aber der Schüssel, die auf der Bank stehen geblieben, war es nicht anzusehen, was heute in ihr gewesen sein mochte. Der Simon hatte dem Alten eine Weile nachgeblickt; dann setzte er sich wieder auf den Dreifuß, aber mit der Miene des Behagens. Dann tat er einen Pfiff und sagte: »Geht her, Buben, wir wollen eins hopsen miteinand'! – Und du, Mutter, wenn du was zum Essen hast, so bring's herein, sonst krieg' ich Schaben im Magen.« Da war sie die geschäftige Hausfrau und das glückselige Weib. Und der Simon, als er am Tische stand und Brot in die Suppe schnitt, wackelte mit dem Haupte und murmelte: »Du verdangelte Sach'! Jetzund wär' ich heut' bald verrückt worden. Eine Schand für die Welt, daß der Bettelmann muß reich machen!« Zwei, die sich nicht mögen Eines Sonntags nach dem Gottesdienst war's, da klopfte es sehr höflich an der Stubentür des alten Herrn Pfarrers von Großhöfen. »Herein!« rief der Pfarrer. Es ist erfreulich, daß er trotz seines schneeweißen Haupthaares noch die frische Stimme hat. Was draußen war, ging aber nicht herein, sondern klopfte noch einmal. Wenn man bittweise kommt, kann man nicht höflich genug sein. »Ist ja offen!« schreit der Pfarrer. Da geht endlich die Tür auf und ein gut untersetzter, kerngesunder Bauernbursche windet sich schwerfällig herein und lacht gutmütig auf den Pfarrer her. »Ei schau,« sagt dieser und rückt sich auf seinem Ledersessel zurecht, »der junge Vetter läßt sich einmal ansehen.« Der junge Vetter hebt ein wenig die Hand gegen den Kopf, läßt sie aber auf halbem Wege stehen. Er weiß nicht recht, ob man vor dem Pfarrer, auch wenn er Oheim ist, den Hut abnehmen soll. Der geistliche Herr ist nämlich der Bruder seines Vaters, und vor solchen Blutsfreunden – kurz, der Bursche weiß nicht, was sich schickt, will aber doch auch nichts Unschicksames machen und – »Nur herab mit dem Hut, Franzl,« sagt der Pfarrer lachend, »genier' dich nicht. – Noch alleweil wachsen tust.« Der Franzl bleibt mitten in der Stube stehen und lacht immer noch so her. Der Hut wäre glücklich herunten, jetzt aber weiß er nicht, soll er ihn in den Händen halten oder sonst wo hintun, heut' scheniert er sich so viel. »Wie geht's, wie steht's, Franzl?« fragt der Pfarrer. Der Bursche hat noch nicht ein einziges Wort gesagt, es ist also die höchste Zeit, daß er etwas Passendes spricht. »Ei Teuxel,« sagt er, »wie wird's gehen? Beim bessern Ort nix nutz.« »Oho! Wenn einmal ein junger Bursche so klagt! Und der einzige Ebenholzersohn obendrein, der mit zwei Rössern in die Kirche fährt.« »Kunnt wohl sein,« meint der Franzl, setzt sich auf eine Bank und trifft Anstalten, seine Tabakspfeife in Brand zu tun, aus lauter Verlegenheit. Die beinerne Rohrspitze zwischen den Zähnen, mit zwei Fingern aus der halb übergestülpten Tabaksblase die Pfeife stopfend, sagt er: »Ist halt eine zuwidere Sach' das, jetzt für mich.« »Haben sie dich etwa gar zu den Soldaten genommen?« »Das nit. Ich habe Plattfüß', hat der Feldscher gesagt. Aber mein Vater hat mir jetzt die Wirtschaft übergeben.« »Das wird dich doch nicht kränken!« ruft der Pfarrer. »Das just nit. Aber haben muß ich wen. Und desweg ist's zuwider. Beweiben soll ich mich jetzt.« Der alte Herr lugt den Burschen an. »Solches wird wohl kein Unglück sein,« sagt er dann. »Kein Unglück just nit,« meint der Franzl. »Und Sorgen wird's dir auch nit viel machen.« »Wohl, wohl!« sagt der Bursche und nebelt Rauch aus. »Franzl,« spricht der alte Herr, »geh', tu' mir den Gefallen und leg' den Stinktiegel weg.« »Mag der Herr Vetter leicht das Rauchen nit leiden?« fragt der Bursche und nebelt weiter. »Ist mir lieber, wenn du's bleiben läßt in der Stube.« »Das kann ich eh' tun,« sagt der Franzl gutmütig und legt die Pfeife auf das nebenstehende Betpult. »Wollen dafür eins schnupfen miteinand,« sagt der Pfarrer und reicht die Dose her. »Wann ich Verlaub han,« sagt der Franzl, macht aus den zwei Fingern kunstgerecht ein Zänglein, taucht ein und steckt sich die Nüstern an. »Und jetzt erzähle mir halt deine Schmerzen, Franzl,« lenkt der Pfarrer ein, »und wesweg dir das Heiraten zuwider ist.« »Zuwider sonst nit,« gesteht der Franzl, »sein tut's halt so – ah – ah – ah zih !« »Helf Gott!« sagt der Pfarrer. Es muß aber was passiert sein, der Franzl wird feuerrot. »Mach' dir nichts draus,« tröstet der alte Herr, »ist halt eine Hosennaht gesprungen. – Na halt, wenn schon, denn schon! sagt der Preußenkönig. Frisch anpacken!« »Ich weiß mir frei keine,« meint der Franzi und fährt sich mit dem roten Sacktuch über das Gesicht, »Wenn halt der Herr Vetter eine tät wissen.« »Ich? Für dich? Na hörst, Junge! Ich werde sie dir anbinden, aber suchen mußt du sie selber. Es gibt ihrer mehr als genug.« »Das ist eben der Teuxel,« meint der Franzl, »daß ihrer so viele sind. Wär' nur eine, da tät' mir keine Wahl weh'.« »Besinne dich einmal,« riet der alte Herr, »eine wird dir doch lieber sein als die anderen.« »Wird mir ziemlich Wurscht sein. Wenn mich der Herr Vetter wollt' fragen, die, welche ich am wenigsten mag – da kunnt ich Antwort geben.« »Und welche ist denn dieselbe?« »Die Haubruggerische ist's!« ruft der Franzl und wird neuerdings rot im Gesicht. »Und weswegen wolltest du gerade diese nicht? Ist ja ein kreuzbraves, arbeitsames Dirndl. Haben tut sie auch was.« »Aber der Stolz! Herr Pfarrer! Eine Schmalzgräfin kunnt sie sein, so stolz! Soll sich in ein Glaskastel einfassen lassen. Freilich auf den Altar dürft' man so ein Frauenbild nit stellen, die tät' keinen Menschen erhören bei der Maiandacht.« »Wie kommst denn jetzt auf die Maiandacht!« fragt der Pfarrer. »Franzl, du mußt über die Haubruggerische schon höllisch gekränkt sein. Hast gewiß schon eine Wallfahrt zu ihr gemacht und hast unerhört wieder fortmüssen. Hab' ich's erraten?« Der Bursche nimmt sein Pfeifenzeug in die Hand', schraubt an dem Rohr, als wäre es nicht fest genug im Tiegel, legt es wieder hin und murmelt: »Wird nit weit gefehlt sein.« »Schön,« sagt der Pfarrer, »da hätten wir sie schon.« »Ich nit, ich,« meinte der Franzl, »ich sag' nichts mehr zu ihr. Werd' mich nit noch einmal abtrumpfen lassen. Von der Haubruggerischen Prinzessin da.« Darauf nimmt er seinen Hut, schaut ihn über und über an, auch inwendig, wie es mit dem Futter steht und sagt: »Hätt' halt ein großes Gebitt.« Dabei macht er ein Auge zu und mit dem anderen zwinkert er. »Hast dir dein Blinzeln noch nicht abgewöhnt!« lacht der alte Herr. »Dein Vater hat's auch gehabt. Alleweil ein Aug' zudrücken! Erspar' dir das, bis du ein Weib hast. – Also was denn, Franzl, was denn?« »Zum Herrn Vetter kommen allerhand so Weibsbilder. Wenn er mir halt eine tät' aussuchen.« Der Pfarrer schaut so eine Weile auf den Burschen hin, klopft dann auf die Dose, nimmt eine Prise und spricht: »Du bist mir ein sauberer Held, du!« »Sonst laß ich's gar sein,« sagt der Franzl und steht auf. »Ich kann die alte Thresel-Muhm auch nehmen zum Wirtschaften. Ich brauch' kein Weib.« »Nur nicht gleich so verzagt! Ich will sehen, was sich machen läßt.« So der Pfarrer. »Bitt' gar schön,« sagt der Bursche und preßt zwischen den zwei Fäusten, die ein Händefalten zur Not andeuten wollen, den Hut zusammen. »Ja, ja, geh' nur!« versetzt der Pfarrer, dem Neffen auf die Achsel klopfend. Ob er bald nachfragen kommen dürfe? will der Bursche noch wissen, dann windet er sich täppisch zur Tür hinaus. * Einige Tage später, als der alte, würdige Pfarrer über den Kirchplatz geht und die Dorfdirndln zutraulich herbeikommen und ihm die Hand küssen, faßt er die Haubruggerische, die Hannerl, so ein wenig am Kinn und sagt: »Schau, du läßt dich auch nicht mehr sehen im Pfarrhof, Kleinerweise, ja, da kommen sie, aber wenn sie halt groß und sauber werden, da vergessen sie den alten Herrn. Na, bleib' nur schön brav, Dirndl!« Schämig duckt sie sich hinter die anderen, heimlich voller Glück und Stolz darüber, daß der Pfarrer gerade zu ihr die freundlichen Worte gesagt hat. Am nächsten Sonntage nach dem Nachmittagssegen spricht die Hannerl schon vor im Pfarrhof. Ein Gartentöpflein trägt sie mit einem Nelkenstamm und den will sie dem Herrn Pfarrer verehren. »Der Tausendsapperlot!« ruft der Pfarrer, »das ist ja schon gar aus der Weis'! Die Menge von Knospen, die dran sind! Hast du den schönen Stamm selber gezügelt, Hannerl?« »Kann wohl sein,« meint sie, »aber ist halt nit gar groß.« Sie stellt den Topf behutsam auf einen Tisch, aber ganz an den Rand, weil sie das für bescheidener und schicklicher hält. Auch wie sie sich hierauf niedersetzen muß, setzt sie sich ganz an die Ecke des hölzernen Stuhles – beileibe nicht auf die lederne Bank – und hält mit beiden Händen das zierlich gefallene Tüchlein an den Busen und weiß nichts zu reden. Auch dem alten Herrn geht's schier nicht besser und da müssen Vater und Mutter her. – »Was machen sie alleweil? Sind sie gesund?« »Dank der Nachfrag', gottlob, so weit ja.« »Und dein Bruder, tut er noch fleißig Klarinett' blasen?« »Jetzt hat er nit Zeit dazu,« flüstert das Dirndl und macht ein schalkhaftes Gesicht. »Wieso denn?« »Geht ja jetzt biedeln (brautwerben) um!« »Der Tausend! Dein Bruder, der Jörgel?« – Der alte Herr tut, als ob er von nichts wisse. »Da kriegst du nachher gar eine schöne Schwägerin ins Haus.« »Gefreu' mich zwar nit gar recht viel drauf,« meint die Hannerl und glättet mit der flachen Hand an ihrem Tüchelchen eine Falte. »Nachher tat' ich ihm's nachmachen,« sagt der Pfarrer. »Wem?« fragt das Dirndl und schlägt die großen schwarzen Augen auf. »Dem Bruder. Heiraten täte ich auch.« Sie tut einen hellen Lacher. So was muß man für Spaß nehmen; alsogleich aber hält sie das Tüchlein vor den Mund, als ob sie zu vorlaut gewesen wäre mit dem Lachen. »Im Ernst, Hannerl,« sagt der Pfarrer, »ich denke, es ist schon bald Zeit, daß du ans Heiraten denkst,« »Ich mag nit heiraten,« sagt sie. »Ei, das wird wohl dein Ernst nicht sein.« »Das Heiraten wär' halt ein kitzlich Ding, sagt meine Base, die Seffel.« »Da hat deine Base, die Seffel, freilich wohl recht,« entgegnet der alte Herr, »aber so saubere und brave Dirndln dürfen nit ledig bleiben. Wäre doch schad'.« »Wird desweg die Welt nit zusamm'fallen,« meint sie und neigt züchtig ihr Köpfchen. Der Pfarrer spielt auf dem Tisch so ein wenig mit seiner braunbeinernen Schnupftabaksdose, stellt sie auf die Schmalseite, legt sie wieder um, stellt sie wieder auf und sagt: »Ich wüßte dir einen.« Sie schämt sich in ihr Handtüchlein hinein und meint: »'s selb wird nit sein.« Ja, ja, Hannerl. Ein braver tüchtiger Bursch'. Ein sauberer Bursch'. Könntest gleich Großbäuerin werden.« »'s selb wär' mir nit z'wider,« lacht sie. »Wird dir auch der Bursch' nicht zuwider sein, denke ich,« sagt der Pfarrer; »was meinst denn du zum Ebenholzer-Franzl?« »Der?« sagt die Hannerl und ist ein wenig überrascht. »Das wäre der Rechte für dich, tät' ich meinen.« »Den mag ich nit!« sagt das Dirndl. »Ei das!« ruft der Pfarrer. Sie schüttelt das Haupt, ihre Wangen sind rot geworden und die Mundwinkel zucken ein bißchen. »Ja; warum denn?« fragt der Pfarrer. »Der Ebenholzer-Franzl ist nicht zu verachten. Hab' ihm kürzlich eist beim Ackern zugesehen. Wie der den Pflug packt mit einer Hand und ihn in die Furche setzt! Man meint, es geht alles von selber, 's ist gerade lustig, dem bei der Arbeit zuzuschauen. Gutherzig ist er auch, soviel ich weiß. Und gern hat er dich. Schon lange hat er dich gern, Hannerl, Drauf kannst du dich verlassen.« »Und ich will ihn nit,« sagt das Dirndl. Der Pfarrer schiebt die Dose wieder ein paarmal über, dann sagt er: »Na, wenn du ihn nicht willst, das ist was anderes. Muß halt schauen, daß man eine andere für ihn findet. Ein Weib muß er haben, weil er das Haus übernimmt. – Wie geht's dir sonst, Hannerl?« »Muß schon gut sein,« sagt sie und zupft am Handtüchel. »Wie steht die Feldfrucht bei euch?« »Soweit gut,« sagt sie und dreht aus der Tuchecke einen Zipfel. »Wenn das Wetter so forttut,« meint der Pfarrer, »so haben wir ein gutes Körndel zu hoffen.« Das Dirndl sagt nichts. »Die Wiesen bedürfen Regen.« Das Dirndl sagt nichts, sondern lockert sachte den Tuchzipfel wieder auseinander. »Heißt's halt fleißig wässern.« »Wenn,« spricht nun die Hannerl und windet schier mit Gewalt das Tüchel zu einem Strick, »wenn der Herr Pfarrer schon durchaus will –« »Was meinst, Dirndl?« »– daß ich ihn nehmen soll –« »Nein, nein, Kind, wenn du nicht selber willst,« sagt der Pfarrer, »zu einem so wichtigen Schritt darf man niemand zwingen. Er wird schon eine finden.« Der Strick wird immer fester gedreht, immer fester. Plötzlich wirft sie das zusammengewundene Tüchel zu Boden und sagt: »Gut, ich nehme ihn.« Zwei, die sich mögen Es war Feierabend vor der Kirchweih. Im Steinleitner-Hof ruhten die Werkzeuge, und die untergehende Sonne legte schon den Feiertagsschein darauf. Der alte Steinleitner hatte sein Kinn rasiert und seine dünnen grauenden Haare glatt gestrichen und das grüne Samtkäppchen daraufgesetzt. Die weißärmeligen Hände in die Hosentaschen gesteckt, so ging er jetzt ums Haus herum – er suchte seinen Sohn. Mit dem hatte er was zu besprechen; kann's mit Güte abgemacht werden, dachte er, so wird's am besten sein. Er hatte stark vorspringende Stirnknochen, wie Leute, die geschaffen sind, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Daher ist sein liebevolles Fürnehmen doppelt erfreulich. Anderseits ging auch sein Sohn, der Martel, ums Haus herum; das war ein kerniger Bursch' so zwischen vierundzwanzig und dreißig – näher ist bei diesen Bauernköpfen das Alter ja selten zu bestimmen. Er hatte einen großen schwarzen Schnurrbart, kleine scharfblitzende Augen und auf dem buschigen Kopfe eine schwarz- und rotgestreifte Zipfelmütze, aber ohne die dazugehörige Quaste, weil der Martel das Gängeln und Baumeln nicht leiden mag. Nun gängelte und baumelte aber seit einiger Zeit im Hofe etwas, das war nicht so leicht festzukriegen wie die Quaste an der Zipfelmütze, und darum wollte auch er heute mit dem Alten ein Wörtel reden. So ein Wörtel mit dem Alten redet man sein Lebtag' nur einmal, und darum ist's am besten, wenn's in Güte geschehen kann. Also geht jeder der beiden mit seinem Anliegen dem anderen entgegen, und wie die vorsätzliche Güte ausgefallen ist, das werden wir bald erfahren. Dort, wo unter vorspringendem Lattendach die Mostpresse steht, dort begegnen sie sich. »Magst nicht rasten, Martel?« sagte der Alte und setzte sich selber auf den Schragen, »mußt ja müd' sein, wie du wieder brav zur Arbeit g'schaut hast in dieser Wochen – recht wolter brav.« »Für seine eigene Sach' arbeiten, das macht nicht müd',« antwortete der Bursche und rüttelte an dem Preßbaum, als ob er nur darum stehengeblieben wäre. Er setzte sich nicht nieder. »Für eigene Sach', meinst,« sagte der Alte, »freilich wohl. Kriegst sie auch, die Wirtschaft, in ein paar Jahrln. Bist mir alleweil lieb gewest. Über und über wär's in Ordnung mit dir, bis auf ein klein Stückel. Bis auf ein ganz klein Stückel, mein Martel. Wenn du mir das Stückel wolltest lassen, ich wüßt mir auf der Welt keinen besseren Buben zu finden, als wie du bist. Auf der Welt keinen.« Der Martel tat, als sinne er nach, und dann sagte er: »Kunnt mir's nit denken, was der Vater meint.« »Nit? Und daß dir dein Gewissen nichts vorwirft? Schau', nicht allein meinetwegen, Martel, auch unsers Herrgott's wegen. Hat uns Heuer wieder ein so gutes Jahr geschenkt. Das viele Korn! Most, verhoff' ich, kriegen wir auch der Eimer vierzig, und guten. Sollst wohl doch ein bissel dankbar sein und dem Herrgott eine Freude machen. Und ich weiß es, Martel, er hat eine, wenn du die Dudel laufen laßt...« Damit war der alte Steinleitner rasch aufgestanden und versuchte jetzt des Burschen Hand zu fassen, die der aber wieder an den Preßbaum legte, als wollte er ihn tiefer unter das Dach schieben. »Geh', Martel, mach' uns die Freud', mir und dem Herrgott, laß sie laufen. Das ist keine für dich. Bist auch noch zu jung, schau', ich hab' erst in meinem Zweiunddreißigsten geheiratet.« »Ich hätt's nit verlangt, daß mich der Vater auf seine Hochzeit mitgenommen –« warf der Bursche ein, biß sich jedoch sofort auf die Lippen, als sollte es nicht gesagt sein. »Meinst was damit?« fragte der Alte schief und streckte seinen Kopf vor. »Will's nit gesagt haben,« versetzte der Bursche, »in diesen Stücken ist jeder sein eigener Herr. Ist aber mein Denken, daß wir dennoch gut miteinander auskommen sollen, Vater. Was sollen denn wir zwei uns das Leben sauer machen? Der Vater hat die Wirtschaft auf die Höhe gebracht, er soll ihr vorstehen noch viele Jahre lang. Ich verlang' mir nit die Herrschaft im Haus. Aber das muß ich den Vater schon bitten, daß ich jetzt heirate und mit meinem Weib – die Magd sein soll, wie ich der Knecht – auf dem Steinleitnerhof leben will. Das wollt' ich dem Vater heut' sagen und verhoff' ich, es wird kein Unwillen sein.« So sprach der Bursche. Auf das faltete der Alte seine Hände und sagte: »Martel, das tu mir und deiner Mutter nicht an, daß du jetzt schon eine junge Bäuerin ins Haus bringst – ich bitt' dich um tausend Gotteswillen! Du siehst es in anderen Häusern, wie das ein Elend ist, wenn zwei Weiber sind und jede das Recht haben will. Und erst gar diese Dudel! Für Leut', die sich nicht ausstehen mögen, wird die Welt zu eng, und jetzt soll uns das kleine Steinleitnerhaus weit genug sein? Ich mag sie nicht, die Dudel, und ich mag sie einmal nicht!« »Wenn der Junge allemal die heiraten sollt', so der Alte möcht', da kunnt der Herrgott die Weltkugel bald in den Sack stecken. Der muß mit den Jungen wirtschaften und nit mit den Alten!« So der Martel. Das verdroß den Alten, mit der Faust gab er sich einen Hieb an den Oberschenkel, daß das Leder daran knarrte, und rief: »Du nimmst sie nicht, die Dudel!« »Der Vater kann's wehren, daß ich sie nicht ins Haus bring', das kann er; aber mir – der alt genug ist und sich soweit nichts vorzuwerfen hat – das Heiraten versagen, das kann er nicht!« »Das Heiraten versag' ich dir nicht. Zehn kannst nehmen, wenn du magst, für jeden Finger eine, wenn du magst. Aber die nimmst mir nicht. Aus ist's!« »Schandfleck, der seinen Vaterleuten nicht folgt!« schrie jetzt eine weibliche Stimme zur Türe heraus und goß einen Kübel Spülicht gerade gegen den Martel hin. »Schandfleck, wahr ist's!« gab auch der Alte scharf bei, »folgen wirst deinen Eltern, Laff, verdammter!« »Vaterleut!« sagte nun der Märtet, »wenn ihr gewußt hättet, was auf eure Reden geschieht! Ihr hättet sie nie gesagt. Wenn ihr sie nit zurücknehmt, so bin ich von dieser Stund' an fremd in eurem Haus. Ich folg' euch, wo es die Pflicht ist; in dem Stuck folg' ich euch nit. Nehmt's zurück, euer Wort!« »Schandfleck!« zeterten die beiden Alten noch giftiger. »Ihr seid nimmer ganz jung,« fuhr der Bursche ruhig fort. »Daß es euch nit reut! Ihr habt keinen, als wie mich. Ich brauch' den Steinleitnerhof nit. Schenkt ihn einem, daß er dafür euch eine heiratet, und nit sich selber. Wenn ihr so einen findet ...« »Geh' zum Teufel, du Racker!« kreischte der Alte und hob beide Arme empor, als wollte er seinen Sohn damit verscheuchen oder niederschlagen. Ohne ein Wort zu sagen, ging dieser in seine Kammer, trat nach einem Weilchen aus derselben hervor und hatte einen vollbepackten Tragkorb auf dem Rücken. Seine Kleider und sein Bettzeug hatte er aufgepackt. Er ging nun zu seinen Eltern, die drinnen am Feuerherd standen und noch vor Erregung zitterten. Schweigend hielt er ihnen die Hand hin zum Abschied. Der Alte tat einen scharfen Wink mit seiner Linken: »Fahr' hin« – und so schieden Kind und Eltern, ohne sich auch nur mit den Fingerspitzen berührt zu haben. Als der Martel aus den Augen war, wollte ihm die Mutter nachstürzen; der Alte hielt sie starr am Arm zurück: »Mach' keine Dummheit, Weib. Der kommt uns wieder.« »Der kommt uns nimmer,« sagte sie und begann zu weinen. »Ich kenn' meinen Martel, wenn der sich was aufsetzt, so bleibt er dabei.« »Die Dudel hat ihn verruckt gemacht,« knurrte der Steinleitner, »verhext hat sie ihn, ich will drauf wetten. Dieses Spulergesindel ist alles imstand! Jetzt geh' ich auf der Stell' ins Spulerhäusel hinab und rauf' ihnen die Haar aus. Allen rauf' ich sie aus!« Er wollte fort, sie war zur Besinnung gekommen und ergriff seine Hand: »Vorhin hast du mich zurückgehalten, jetzt tu' ich's. Im Zorne muß man so heikle Sachen nicht anpacken. Heut' bleib' daheim und schlaf' darüber, morgen tu', was du willst.« Das war klug gesprochen für ein Weib, dem selbst herb war in der Brust. Er blieb daheim, aber er schlief nicht, sondern wachte die ganze Nacht und sann und überlegte, was da zu machen wäre. Sauber und fein ist sie freilich; der Narr, er hätte sich 's damit genug sein lassen sollen. Aber heiraten! Man sagt den Spulerleuten nichts Gutes nach. Ein eingewandertes Gesindel! Sogar lange Finger sollen sie haben, wenn's leicht geht. Beweisen! So klug sind sie schon, daß sie sich nichts beweisen lassen. Der Alte tut, als erwerbe er sich im Holzschlag seine Sach'! Das Weib geht betteln. Die Söhne weiß man ohnehin, wie sie's treiben, und das Mädel will sein bissel Schönheit jetzt um einen festen Bauernhof ausspielen. Na, ich glaub's. Und schon gar, wenn so ein kerniger Bursch dran hängt. Ich glaub's. Zu scharf sind wir dreingefahren heut'. Wir wollen es mit Feinheiten probieren, vielleicht geht's besser. Morgen früh geh' ich ins Spulerhäusel hinab und red' ihnen im Guten zu. Auch dem Martel. Wo wird er sein, als unten bei der Dudel! Liebschaft, ich hab' nichts dagegen. Aber heiraten nicht. Brauchen sie Korn, Holz oder was, sie sollen es haben. Vom Vorjahr her sind sie mir noch ein Stück Loden schuldig, soll vergessen sein. Ihre Geißen mögen sie auf meine Brachen treiben, sollen keinen schlechten Nachbar haben an dem Steinleitner, nur den Buben sollen sie mir nicht närrisch machen, nur das nicht. Und jetzt in Gottesnamen schlafen, morgen heißt's munter sein. Das waren seine Gedanken und Pläne. Der Morgenstern fand ihn noch mit offenen Augen. * Als die Sonne so hoch war, daß sie niederschien über die Waldhöhen ins Engtal, trat der Steinleitner im Spulerhäusel ein. Das war ein ärmlicher Holzbau und mit Lehm verworfen. Die Fensterscheiben waren teils aus Papier, aber davor standen in Töpfen frische Blumen. Im Vorgemach, das zugleich Küche war, hantierte am kümmerlichen Herd das Spulerweib in etwas zerfahrenem Anzug. An dem faltenreich und schlaff hinabhängenden Kittel zerrten ein Paar halbnackte Rangen, die sich auf dem bloßen Lehmboden herumwälzten. Als der Bauer durch die niedrige Tür in die Stube trat, sah er auch dort ein Nest mit kleinen Kindern, vom Wickelkind an bis zu Geschöpfen von etwa zwei Jahren. Sie krochen auf und unter verschlissenen Kissen herum, die auf dem Fußboden lagen. Das Kleinste lag in dem breiten Familienbett, unter dessen bunten Lappen noch mehrere vergraben sein konnten. Ein anderes kletterte kreischend an einem Stuhle hinauf; noch ein paar andere balgten sich im Ofenwinkel, und der Bauer mußte nur acht geben, daß er bei seinem Eintritte nicht auf die Brut trete. Am Rande des Bettes saß der Spuler, der einen Höcker hatte und einen langen grauen Bart, welcher so tief unter dem Kinn hervorging, als wäre er nicht von den Backen, sondern vom Hals herausgewachsen. Die langen, dünnen Haupthaare hatte er von beiden Seiten hinauf über dem Scheitel in einem Knütlein zusammengebunden, der Glatze wegen. So saß er da und umwickelte eben die Schuhe an seinen Füßen mit einem Strohband, daß sie nicht auseinanderklafften. »Ich muß schon ein wenig hereinfragen,« sagte der Steinleitner ohne besonderen Gruß, »ob vielleicht mein Martel da ist?« »Sie sind schon fort, vor einer Stunde schon,« antwortete der Spuler. Dann trat er dem Bauer entgegen: »Grüß, dich Gott, Schwieger! Wirst hinwegkrauchen, Wurm, elendiger!« Das letztere galt einem Knäblein, dem er bei der Begrüßung auf die Zehen getreten war, und der jetzt ein Zetergeschrei erhob. »Wär' schon ich zu dir kommen, Nachbar. Na, mich gefreut's, mich gefreut's.« »Will wissen, wo mein Bub ist,« fragte der Bauer. »Wo? Zum Pfarrer sind sie in aller Früh, die jungen Leut'! Ich und mein Weib haben es ihm noch vorgestellt, er soll sich Zeit lassen und überlegen. Das schon, daß er ein braves Weib kriegt an unserer Tochter, aber sonst: haben tut sie nichts, sein tut sie nichts, und wissen wir nicht, ob sie in allen Stucken passen wird für eine Steinleithoferin. Wir wollen kein Falsch haben und wissen recht gut, daß es unsere Tochter büßen müßt' späterer Zeit, wenn wir sie jetzt mit Trug täten verschachern. Wir reden nicht zu, wir reden nicht ab. Aber sein hat's müssen, heut', auf einmal, so daß ich schon zu meiner Alten hab' gesagt: sie müssen eine starke Ursach' haben, daß sie so eilen.« »Der Ursach' wegen, wenn ich dich versteh', wollt' ich gern ein Aug' zudrucken,« sagte der Steinleitner. »Laß es nicht darauf ankommen, Nachbar, ich rat' dir's,« sprach der Spuler schier so leise, daß der Kinderlärm darüberging. »Wie es meine zwei Buben treiben – das ist ein Elend! Hab' sie abgehalten vom Heiraten in meiner tollen Verblendung. Der Mensch, und der eigene Vater noch dazu, kann ja so schlecht wie der Beelzebub sein, wenn er dumm ist, allzudumm, blitzdumm, so strohmarterdumm, als wie ich. Den Kopf kunnt ich mir wegreißen. Seid's gescheit, hab' ich gesagt. Sollt's desweg das Weibervolk ja nicht verachten, hab' ich gesagt, nur binden tut's euch nicht und' ein Hauskreuz aufladen, das ihr nachher nimmer vom Buckel kriegt's. Wäre schad' um eure jungen Jahr', hab' ich gesagt!« »Verstanden haben mich meine Buben,« fuhr der Spuler fort, »gescheit sind sie gewesen und jetzt schicken mir die Lotter alle Jahr' – – weg da unter den Füßen, ihr Ungeziefer! – Das ist ein Elend, mein Mensch! Na, Hiesele, geh', krauch' herauf an mein altes Kamelgeripp', ist nicht so schlimm gemeint gewest, bist ja doch mein Hiesele du!« So schwatzte der alte Häusler abwechselnd mit dem Bauern und mit den Kindern. Man hätte es ihm anmerken können, daß insgeheim ihn sein Gewissen peinigte, weil er dazu beigetragen, der Söhne gutes menschliches Recht und Trachten nach einem eigenen Herd zu verkürzen, zu hintertreiben, und wie er diesen Irrtum an seiner Tochter nun wieder gutmachen wollte. Als ob er nichts gehört hätte, fragte jetzt der Steinleitner: »Und die zwei, was wollen sie denn machen beim Pfarrer?« »Weil ich nicht glaub', daß sie sich begraben lassen wollen,« sagte der Spuler, »so denke ich, sie werden sich versprechen.« »So hol's der dreidoppelte Teufel übereinand!« schrie der Bauer und stürmte davon. Wie ein Wahnwitziger rannte er wegshin und durch den Wald hinauf, seinem Hause zu. Es war ihm, als höhnten die Bäume und schaukelten spottend ihre Wipfel, und die Vögel pfiffen ihn ans. Der hochpropere Steinleitner, der alleweil der erste hat sein wollen an Ehrenhaftigkeit, der jeden Nachbarn über die Achsel angesehen, weil er – der Steinleithofer – in der Gegend der einzige war, der auf seinem Hause jetzt einen hundertachtzigjährigen Familienstammbaum aufweisen konnte, wie sich's im Pfarrbuch wies! Der stolze Steinleitner jetzt der Spulerleute Schwieher! Ein einziger Spatz war vernünftig unter dem losen Gevögel; ist's denn eine Ehr' für den jungen Steinleitner, zwitscherte dieser Spatz, wenn er eine von oben herabholt? Ist's nicht eine größere Ehr', wenn er eine von unten hinauf heiratet? Ich nehm' mir keine Geierstochter von der Höh', die wollte gleich fertig sein mit mir, da möcht' ich mir lieber die Amsel oder gar das Kibitzl, da könnt' ich von oben herabschauen auf sie, anstatt sie auf mich. Sei kein Läpp, Bauer! Machst zu dem, was unvermeidlich ist, einen Ja-Deuter mit dem Kopf, so halten dich die Leute bald für klug und du selber wirst dir kaum vorzuwerfen haben: Ei, hätt' ich's anders gemacht! – Nicht schlecht, was der Spatz da schwatzte, aber der Bauer war arg mißmutig, schon auch über sich selber, daß er heute wieder so arg in Zorn geraten, wo er sich doch vorgenommen, die Sache mit Feinheit zu schlichten. Ihnen zum Pfarrer nachgehen? Das Pfarrdorf steht dort drüben, aber beim Pfarrer richtet man in dieser Sache nichts aus, so einer will alles zusammenheiraten lassen, schon aus Bosheit darüber, daß er selber ledig bleiben muß. Arg verwirrt kam der Bauer heim, aber er sagte nichts, er knurrte nur, als ihn das Weib fragte, was er ausgerichtet. So war's. Und nun kamen unterschiedliche Zeiten. Zuerst kam der Tag der Trauung des jungen Paares: es waren keine Musikanten dabei, es waren keine lustigen Gäste dabei, es war auch der Steinleitner nicht dabei. Der ging an jenem Tage in Einöden um, wo er vermuten konnte, daß ihm kein Mensch begegnete. Bald hernach hörte der Bauer – ganz zufällig Wohl, denn er fragte nicht danach und litt es auch nicht, daß in seinem Hause von seinem Sohn gesprochen werde – der Martel habe draußen in einem großen Eisenhammer Arbeit gefunden und mit seinem Weibe ein Stübchen im dortigen Werksarbeiterhause bezogen. Der Steinleitner mußte einen fremden Knecht ins Haus nehmen, der den Martel ersetzen sollte. Das war ein langweiliger, unsauberer Patron, wollte sich aber fortwährend durch geschmeidige Reden und Hervorheben seiner Leistungen und seines guten Herzens einschleichen, weil der Gauch sich Hoffnung machte, der Bauer werde ihn anstatt des anderen zum Sohn einsetzen. Als er endlich die Eitelkeit seiner Hoffnung einsah, weil ihn der Bauer ein- fürs anderemal einen gottvermaledeiten Wichtling nannte, hub er zu stehlen an. Der Bauer verjagte ihn, mußte seinetwegen aber mehrmals vor Gericht, wobei nichts herauskam als Schande und Ärger. Auf einem solchen Gerichtsgang vernahm der Steinleitner, daß der große Eisenhammer aus Mangel an Arbeit stehenbleibe, und daß die meisten der Arbeiter bereits entlassen seien. Was wird der Martel machen? fuhr es ihm durch den Kopf, aber er war zu stolz, danach zu forschen. * Dem Martel, dem ging's schlecht. Gar wiederholt kam es ihm in den Sinn: Ist's denn doch eine Strafe Gottes? Ich habe meinen Eltern in allem gehorcht, hätte ich denn auch in diesem einen Stück ihren Willen tun sollen? Hätte ich diese gute liebe Seele an der Straße liegen lassen sollen? Meinetwegen bereue ich es nimmer und nimmer, daß ich sie genommen; aber ihretwegen ist's mir hart ... Sie waren anfangs, als sie brotlos geworden, von Häusel zu Häusel gezogen, von armen zu ärmeren, weil der Erwerb immer kärglicher ward. Es waren so schlechte Zeiten gekommen. Nun wohnten sie in einer von Holzbauern verlassenen Hütte im Rodwald. Sie hatten zwei Kinder; die Mutter war kaum imstande, sie zu nähren und zu pflegen, denn sie kränkelte. Der Martel arbeitete, wo er Arbeit fand, er tat das Schwerste gegen geringen Lohn, er brachte alles heim und sie wurden alle nicht satt. Bisweilen kam die Spulerin, die brachte Mehl und Brot, wie sie es erbettelt hatte; sie blieb manchen Tag bei ihrer Tochter und half ihr weinen. Mehrmals war der Martel im Begriff, zu seinem Vater zu gehen, dem wohlhabenden Bauer, aber sein Weib hielt ihn davon ab. »Wenn du der Schuldige wärest,« sagte sie, »so müßtest du freilich hingehen und ihm abbitten. Aber du wirst wohl im Recht gewesen sein, und wenn du jetzt hingehst und ihn um Hilfe bittest, so ist es gerade, als ob du dein Recht tätest schimpfen. Du hast oft gesagt, Martel, bei der jetzigen Zeit, wo alles so freigeisterisch ist, tät' man irr' werden im Glauben. Jetzt hast gleich eine Gelegenheit zu probieren, ob ein Gott im Himmel ist oder nicht. Wir tun unsere Schuldigkeit, und wenn einer im Himmel ist, so muß er uns helfen.« So tröstete ihn das Weib. »Wenn du es darauf ankommen lassen magst, du gute Haut,« entgegnete er, »ich will's auch noch verwinden.« Endlich war gar keine Arbeit mehr zu finden. So währte es lange. Da, eines Tages; Martel kam von einem Gange heim und sagte: »Für morgen weiß ich Arbeit; sie trägt mehr als eine Woche. Schau, wie das Michele schon anhebt zu lallen!« »Das ist gewiß,« antwortete das Weib und hielt den einjährigen Knaben vor den Vater hin, »wart' einmal! Paß auf, Michele, paß auf!« Der Kleine schaute ihr mit seinen hellen Äuglein auf den Mund. »Paß auf, Michele! Sag': Vater!« »Vater!« sagte das Kind ganz deutlich. Dem Martel ging ein Strahl der Freude durchs Leben. »Vater,« wiederholte der Martel leise. »Vater unser.« Der Knabe schaute ihn an, schier ein wenig verwundert darüber, daß er nicht zufrieden war mit dem einen schönen Wort! – Am nächsten Morgen – es war sehr früh am Tage und die Dämmerung lag noch fast öde auf der bereiften Matte – ging der Martel davon. Er hatte seine Wassersuppe gegessen, er hatte die schlafenden Kinder geküßt und bekreuzt, er hatte dem Weibe Lebewohl gesagt, wie gewöhnlich, wenn er fortging. Aber tagsüber wurde dem Weibe angst und bang', und es wußte nicht warum. Die scharfen Fußeisen waren heute nicht da, der Martel mußte sie mitgenommen haben. Das ängstigte sie noch mehr, doch zum Troste sagte sie sich: Die Fußeisen hat er schon oft mitgenommen, wenn er über den Berg ging, was weiter? Sie hätte ihn aber doch fragen sollen nach seinen Wegen. Nein, nein, diese Kümmernis ist gar zum Lachen. Er ist schon selber klug. – Und trotzdem kam ihr Gemüt heute nicht zur Ruhe. Durch häusliche Arbeit suchte sie sich zu zerstreuen, aber es zitterten ihre Hände und Füße vor Erschöpfung. Es war ein schlimmer Tag, die Luft wie Blei, und das Herz in einer seltsamen Beklemmung. Da nahm sie das Michele auf ihren Schoß und lehrte ihn die zwei Worte sprechen: »Vater unser ...« * An demselben Morgen war's, als weit drinnen im Gebirge, in seiner Stube, auch der alte Steinleitner ein Vaterunser betete. Er hatte wieder einmal eine schlaflose Nacht gehabt. Es meldete sich zu dem vielen Kummer, den er insgeheim trug, auch schon die körperliche Mühsal an. Sein Weib machte ihm in manchem Vorwürfe, wo sie selber mit schuld war, und die Unzufriedenheit mit sich selbst ließ sie am Gatten aus. Da war ihm oft bitter zumute, und je mehr ihn der Schlaf floh in den Nächten, je häufiger flogen ihn böse Gedanken an und nagten an seinem Gehirn. So hatte ihn auch an diesem Tage das Morgengrauen noch wachend gefunden. Und als von der Dorfkirche her, die auf gegenüberliegendem Berge stand, die Frühglocke klang, richtete er sich auf und betete ein Vaterunser. Da war ihm heute das erstemal etwas in diesem Gebete, was er früher nie entdeckt hatte. »Führe uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben!« Vater unser! beten die Menschen gemeinsam. Die Glücklichen gedankenlos, die in Not und Elend Lebenden mit Andacht und Schmerzen. – Wie Wohl der Martel beten wird und die Seinen? Man hört, er hat auch Kinder. Und wenn sie in Not sind und ihre Hände falten: Vater unser! Wird da der Gott ihr Gebet nicht an mich weisen? Ihr habt auf Erden noch euren Vater, der soll euch helfen. Und wenn sie klagen: Der hilft nicht, der hat einen Kieselstein in der Brust! so wird er antworten: Geduld, wir wollen den Kieselstein zermalmen. – So kam es ihm vor, dem trotzigen Mann, der den Gedanken, seinen Sohn und dessen Familie zurückzurufen, so oft mit wildem Trotz zu Boden geschlagen hatte. Immer wieder daran gedacht, und immer wieder zu Boden geschlagen, und immer wieder geknirscht. – Gestern hatte die Dorfglocke einen seiner Nachbarn, der jünger gewesen als er, zu Grabe geläutet. Heute läutet sie ihm zum Gebete, und »Vater unser!« hallte es wie aus Kindermund durch die Luft. – Der Bauer stand auf, ging zum Kasten und tat sein Sonntagsgewand heraus. »Was ihm einfalle? Am hellen Werktag!« sagte das Weib. Er antwortete nicht, zog sich an, nahm aus der Tischlade ein Stück Brot und ging fort. Fürs erste ging er hinab zum Spulerhäusel. Der Alte dort hockte mitten in der Brut von schreienden, kreischenden Kindern; die größeren waren schon flügge geworden und bei Bauern als Hirten untergebracht. Die braven Söhne, die als Taglöhner herumgearbeitet, einmal näher, einmal ferner waren, bisweilen ganz verschollen, ließen aber doch plötzlich wieder etwas von sich anrücken ... Die Alten sind just recht zum Kinderatzen. Wäre es ihnen einst anders recht gewesen, so könnte jetzt jeder sein eigenes ehrliches Nest haben, denn der Ehestand macht tüchtiger zur Arbeit, ernster und gewissenhafter, als das ledige Dahinleben und das schelmenhafte Umhergaunern. Wenn die Kinder von ihren eigenen Eltern verführt werden, das ist gar lustig. Aber es geschieht jedem, wie er's verdient. – Dachte es der Steinleitner? Der alte Spuler war stumpfsinnig geworden und kreischte und röhrte jetzt selber mit, wenn es das Gezücht tat. »Wo die alte Spulerin wäre?« fragte der Steinleitner. »Wer?« »Die Spulerin!« »Die Spulerin? Die Spulerin? Wer ist denn die?« »Dein Weib – Tropf, alter!« »Ei, so, so. Mein Weib, die meinst? Die Alte meinst? So, so, die Alte!« »Wo ist sie denn?« »Wer?« »Dein Weib!« »Die? Die wird wohl eh da sein.« »Sie ist nicht da.« »Nicht?« fragte der Spuler überrascht, »nachher – nachher ist sie gewiß, fortgegangen. Hi, hi, jetzt ist sie fortgegangen.« Der Steinleitner dachte sich's wohl, sie war wieder auf dem Bettel aus. So konnte er hier nichts erfahren. Er ging seiner Wege. Er ging stundenlang, bis er in Gegenden kam, wo die Berge niedriger und die Täler weiter wurden. Dem Eisenhammer wollte er zu, vielleicht war dort etwas zu erfahren. Da kam der alte Mann, wo die Waldungen zu Ende gingen, durch eine Engschlucht, an welcher eine Felswand aufstieg; über derselben ragte eine hornartige Zacke in den Himmel. Von unten hinauf war der Fels, der durch einen Sattel mit dem Bergzug zusammenhing, mit Flechten und einzelnen Fichtenzweigen bewachsen; gegen die Schlucht, in welcher die wilde Gins an den Steinblöcken toste, stürzte der Fels fast von seiner Spitze bis zum Grunde senkrecht ab. Dem alten Bauer wäre all das nicht aufgefallen, wenn am Wege nicht Leute gestanden wären, welche, die Hände über den Augen, alle wie einer, zur Spitze des Felsens schauten. Der Steinleitner blickte auch hinauf, und da er nichts sah, als die starre Spitze, die immer gleich blieb, fragte er, was denn da zu sehen wäre? »Jetzt noch nichts,« antwortete ihm ein munteres Männlein, »und wenn was zu sehen sein wird, halten wir uns, denke ich, die Augen zu. Es ist kein Spaß. – Habt Ihr's nicht zu eilig, so laßt Euch doch ein wenig Zeit. Von hinten geht er hinauf, er muß bald kommen.« »Ein Mensch? Da oben ein Mensch?« fragte der Bauer. »Die blechene Gems trägt er hinauf,« belehrte der Alte redselig. »Der Baron draußen – dem gehört hierum die Jagd, dem Baron – der will da auf dem Geierstein eine blechene Gems, weil sie vom Weg aus so schön anzuschauen ist, und etwan auch, weil er im Hochgebirg' oben die lebendigen schon alle totgeschossen hat. Soll früher auch eine oben gewesen sein, auf dem Geierstein, eine Gems, eine blechene. Habt Ihr gute Augen, so seht Ihr den eisernen Stab noch, wo sie angenagelt ist gewesen. Schon im vorigen Herbst hat sie der Baron wollen oben haben, die Gems, ist keiner gewesen, der hinaufgestiegen wäre, 's ist aber auch! Nicht um sein ganzes G'schloß, wenn er mir's geben wollt', der Baron, möcht' ich da hinauf. Wenn einer da oben nur ein Ruckerl macht, ein unrechtes, so tut ihm kein Zahn mehr weh. Dem nicht mehr! Jetzt hat er endlich einen Narren gefunden, der Baron. – Schau du! Schau du! Er taucht herfür!« Hinter einem Steinvorsprung des spitzen Kegels wurde ein schwarzer Punkt sichtbar, das Haupt und bald auch die ganze Gestalt des Mannes, der die Blechgemse an den Rücken gebunden hatte. Der Vorsprung mochte ihm ein erwünschter Ruhpunkt sein, er stand etliche Augenblicke still. Er war, wie er so mit seiner scharfgeschnittenen Gestalt in den Himmel aufragte, wie eine Fliege zu sehen. Nun begann er wieder zu klettern, das stellenweise scheinbar senkrechte Gewände hinan. Da man die feinen Zacken und das Moosgeflecht in den Spalten, woran er Hand und Fuß legte, nicht sehen konnte, so schien es, als klettere er, wie eine Fliege am Fenster, die glatten Tafeln empor. Mehrere der Zuschauer wendeten die Augen ab und lugten nur verstohlen hin, als fürchteten sie, ein scharfer Blick könne ihn in den Abgrund stoßen. »Brav hält er sich!« flüsterte einer zum anderen, »jetzt wird er bald gewonnen haben.« »Wer ist er denn?« fragte der Steinleitner, der unverwandt zur Felsspitze emporsah, welcher sich der kühne Steiger immer mehr näherte. »Ein vazierender Hammerschmied,« war die Antwort. »Soll Weib und Kind haben und nichts zu essen, heißt es, und desweg' hätt' er diese Arbeit übernommen. Armer Teufel!« »Wird gut zahlen, der Baron!« mutmaßte man. »Und wenn's ein' Zehnerbanknoten wär', ich möcht' mein Leben nit drum ausspielen.« »Und schon Gottigkeit, wenn ich eines reichen Bauers Sohn wär', wie der Martel.« »Jesus Maria!« rief der Steinleitner. Alle zuckten zusammen über den Schrei. »Gott!« atmete der Bauer auf, »mir ist's gewesen, er wäre gestürzt.« »Er ist oben!« riefen sie erregt. »Gut Heil! Gut Heil!« Der Mann stand auf der schärfsten Spitze, mit der einen Hand hielt er den Stock in den Boden gestemmt, mit der anderen schwang er den Hut. »Warum er nicht jauchzt?« bemerkte einer. »Hat gesagt, daß er's tun will, wenn er oben ist.« »Wird's auch getan haben,« belehrte ein anderer. »Der Hall und Schall bleibt auf der Höh'.« »Wenn ihn nur der Herrgott hört!« sagte der Steinleitner und faltete die Hände. Der Mann auf dem Felsen begann seine Arbeit. Er löste die Blechgemse von seinem Rücken und befestigte sie an den eisernen Stab, der aufrecht stand. Man merkte die große Vorsicht, mit welcher der Steiger das vollbrachte. Er hielt den einen Arm um die Stange geschlungen, während er mit dem anderen hantierte. Plötzlich flog ein schwarzer Punkt davon. »Den Hut hat er von sich geschleudert!« heißt es. »Der Wind hat ihn genommen,« sagte einer, »seht, wie er in die Lüfte hinausfliegt! Es muß ein wenig ungestüm sein, da oben.« Der schwarze Punkt wirbelte in der Luft und wehte dann in weitem Bogen gegen die Waldhöhen hin, wo er entschwand. Als die Augen wieder zur Felsenspitze zurückkehrten, stand auf derselben die Gemse, aber der Mann war nicht mehr da. »Wo ist er?« rief alles, »er ist jäh verschwunden!« »Er müßte doch denselben Weg zurückmachen, wo wir ihn hinaufsteigen sahen!« »Wenn er auf der rückwärtigen Seite hinabgefahren ist!« »Gnade ihm Gott!« Einige knieten nieder, um zu beten. Andere eilten davon, gegen die Felswand hin. Unter diesen war auch der alte Steinleitner. Wie ein Knabe von zwanzig Jahren, so sprang er von Felsblock zu Block über den reißenden Bach, der in Gischten aufspritzte bis zu seiner Brust. Er eilte durch Haselgebüsch gegen das Gestein empor, er verlief sich in Schrunde und mußte umkehren, er geriet in Brombeergestrüppe und anderes Dorngehege, dessen Ritzen er freilich nicht achtete, das ihm aber Bänder und Schlingen um die Beine warf, höhnend: Du hast dich früher nicht um ihn gekümmert, vielleicht braucht er dich jetzt nimmer. Als ob's der Wind hingeweht hätte, so ward es bekannt unten im Dorf und in allen umliegenden Häusern: der Gemsträger ist nicht zurückgekehrt, ist in Verlust geraten oben auf dem Geierstein. Jetzt umkreisten sie den Berg, stiegen hinan, kletterten an den Wänden herum, spürten in Schrunden und Gründen und fanden ihn nicht. Eine Schlucht war, deren Tiefe allerlei Gestrüppe bedeckte, da konnte er hinabgestürzt sein. Es wollte keiner wagen, sich durch Seile in den Abgrund niederzulassen. Auch der Baron war gekommen, und als es gegen Abend ging, rief er einen Preis aus für den, der den Verunglückten auffinde. Zur Stunde, da die Abendglocke Ave-Maria läutete, baumelte der alte Steinleitner an einem langen Seil durch wilden Holler, Einbeerlaub und Schierling hinab in den Abgrund. »Dem ist um den Preis!« meinten die Leute. Zur selben Zeit war's, als oben an der senkrechten Wand von einer scheinbar unzugänglichen Felsbank her eine weibliche Stimme um Hilfe rief. Das Weib des Martel war's, das nach vernommener Kunde alsogleich herbeigeeilt war aus der Hütte im Rodwald, das ohne Säumen, Wanken und Klagen den rechten Weg fand, das, vergessend des eigenen Lebens, emporkam an den wüsten Massen, als trügen es die Engel. Dort auf der Felsbank – gerade so breit wie ein Bahrbrett – lag auf Steinmoos, zwischen einem Alpenrosenstrauch und wilden Nelken, der Steiger. Als die Leute endlich mit vieler Not hinaufkamen, lag das Haupt des Verunglückten auf dem Schoße des Weibes. Große Schrammen am Haupte waren mit einer Blutkruste überzogen. Sie atzte seine Stirne mit kühlen Blättern. Er atmete langsam, aber ruhig, schlug jetzt die Augen auf und schaute befremdet auf seine Umgebung. Das war ihm alles unbekannt, nur an den blassen Zügen seines Weibes blieb sein Blick ruhen. Man bedurfte schon der Fackeln, als sie den alten, in Verzweiflung bereits stumpf gewordenen Steinleitner aus dem Abgrund heraufzogen und den Martel mit heißer Gefahr vom Hange herabtrugen. Dort, wo das kahle Gestein aufhört und an sanfteren Lehnen das Gebüsch wuchert, dort kamen sie zusammen. Die Leute warfen lange zuckende Schatten über das Gestein hinauf. Der alte Bauer wankte der Tragbahre zu, und als er das Angesicht seines Sohnes erblickte und das des Weibes, hat er laut gröhlend beide umschlungen. Der Dorfarzt erklärte den Zustand des Verunglückten nicht für hoffnungslos. Der Baron erbot alle seine Kräfte – deren mögen freilich viele sein, aber wohl oft noch zu wenig, um ein Leben zu retten, das eine Herrnlaune leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Und nun war denn Gott einmal vom Himmel gekommen in die arme Hütte des Martel. Nach wenigen Wochen war die Wunde geheilt, der große Blutverlust ersetzt. Sein Weib wurde vom alten Steinleitner mit Liebe schier überladen, sie und die Kleinen. Wie ein Springquell drang das so lange zurückgedrängte Vatergefühl hervor, und der Alte sah nun, es war alles anders, als es seine Bitterkeit und sein Trotz ihm vorgespiegelt. Heute leben sie alle zusammen auf dem Steinleithofe. Die alte Bäuerin keift mitunter ein Weniges; lieber Gott, wer wollte dem braven alten Weiblein in aller Welt diese unschuldige Ergötzung mißgönnen. Die Schwiegertochter und die Kinder haben längst erfahren, daß es nicht grob ernst ist. Zu vermelden ist noch, daß das heranwachsende Michele, welches einst so brav »Vater unser« sagen gelernt hatte, nun Miene macht, als wolle es sich auch um eine Dudel umschauen. Der Großvater und der Vater halten Rat, was in dieser Sache zu tun sei, und kommen zu folgendem Entschluß: Solange der Junge nur noch herumflattert und er die eine möchte, weil sie hübsch ist, und die nächste, weil sie munter ist, und die dritte, weil sie ein anderer haben will, solange nur gescheiterweise abreden und zurückhalten. Wenn er sich aber einmal auf eine festgesetzt hat, und die müßt' er haben und keine andere – nachher in Gottesnamen ja sagen. Was der Herrgott anstiftet, das wird er auch verantworten. Heilige Wunder Das war ein glühender Kampf der zwei jungen Eheleute. Mein Garten, in welchem ich arbeitete, stößt hart an ihr Haus und so mußte ich unfreiwilliger und wohl auch unbemerkter Zeuge sein, wie sie alle bräutliche Zier, die sie sich in den Tagen still aufkeimender Liebe, in den Tagen des Werdens, des Brautstandes, der Trauung und der Flitterwochen gegenseitig an das Herz gehangen hatten, nun roh und unbarmherzig herabrissen. Die Ursache des Streites habe ich nicht vernommen, aber ich habe gehört, wie sie sich gegenseitig alles Harte und Bittere sagten; sie schreiend, mit einer Stimme, die scharf wie Nadeln und Messer war; er grollend, in einem Tone, der dumpf und stumpf war, wie eine schwere Holzkeule. Von Falschheit und Untreue hörte ich sie sagen. »Du bist Mein Unglück geworden!« ruft er. »Was ich denn hab' verschuldet,« schreit sie, »daß mich Gott so hart kann strafen, bei solch einem Menschen leben zu müssen!« Er hat höhnenden Trotz, versinkt manchmal in finstere Ruhe. Sie gibt sich heftig und rasch aus, und ist sie mit ihren Vorwürfen zu Rande, so beginnt sie wieder von vorne, daß es wirklich zu hören ist, als nehme sein Sündenregister kein Ende. Ihre Stimme zittert, das eine Mal vor Wut, das andere Mal vor Schluchzen, ganz wie es in den Text paßt. Endlich haben sie sich so tief in ihr Elend hineingefeindet, daß sie den Tag verfluchen, da sie sich das erstemal gesehen, verfluchen ihre Liebe und Ehe und alles Gute, das sie sich gegenseitig angetan, verfluchen ihr Leben. »Du bringst mich noch auf den Freidhof (Friedhof)!« weint sie, »tu's bald, ich bitte dich! Tausendmal lieber unter dem Rasen, als in diesem Haus!« »Jetzt ist alles aus,« murmelt er und wankt davon. Mir tat das Herz weh. So brave Leute, vor sechs Wochen erst Hochzeit gehalten, beneidet und befreudet zugleich vom ganzen Dorfe! Und nun dieser wilde, plötzliche Bruch! »Gottlob! Gottlob, wenn alles aus ist!« rief das junge Weib dem Manne nach und begann – soviel ich wahrnahm – Kasten und Laden auszuräumen und ihr Eigentum in Bündeln zusammenzupacken. Mir war bange. Ob ich nicht den Vermittler zu machen hätte versuchen sollen? Es wäre damit ja kaum etwas mehr zu verderben gewesen. Mir selbst zitterten die Glieder so sehr, daß ich von meiner Arbeit ablassen mußte. Ich ging, um mich zu beruhigen, hinaus über die Wiesen und Felder in den friedensheiteren Mainachmittag. Es war eine milde, stille Luft, der Himmel war mit einer zarten, blassen Schichte überzogen, die sich hie und da zu leichten Wolkenballen verdichtete. Trotzdem brannte die Sonne manchmal so scharf und schwül herab, daß ich mich in den Schatten eines Lärchenbaumes setzte, der in seinem lichten Grün still und freundlich zwischen den Feldern stand. Ich sah hinaus ins blühende Tal, hinab auf das Dorf, das scheinbar so friedvoll daliegt und doch soviel Leidenschaft und Unheil birgt unter seinen Dächern. – Von meinen Träumen erwachend, gewahrte ich, daß die Sonne mir ins Auge schien. War ich denn so lange hier gesessen, daß mittlerweile der Schatten sich wendete? Und hatte ich die Sonne denn jemals an so nördlichem Himmel gesehen, als sie jetzt stand, halb verdeckt hinter der milchigen Dunstschicht? Was war denn das? Ich stand rasch auf und sah nun am Himmel erst auch die eigentliche Sonne, fast noch an der Stelle, wo sie vorhin gestanden. Zwei Sonnen! In einer alten Urkunde des Dorfes war zu lesen, daß einst an einem Pfingstsonntag ein Hirt auf der Weide am Himmel zwo Sonnen gesehen. Es sei hierauf ein großes Sterben gekommen, aber nach demselben seien die Menschen so fruchtbar gewesen, daß auf den Gassen und Wiesen kleine Kinder wie Maikäfer herumgezappelt wären und man acht haben mußte, keines zu zertreten. Heute sah ich das Unerhörte, und es war nicht Einbildung, die zwei Sonnen standen vor meinen leiblichen Augen am Himmel. Etwa fünfzehn Grade weit standen sie auseinander; die südliche war so funkelnd, daß man sie nicht anblicken konnte, die nördliche war sanfter, fast größer, weiß wie der Mond, und ihr Rand war so scharf geschnitten, daß man ihn durch den leichten Schleier genau erkennen konnte. – Ich war tief erregt; nicht das »große Sterben« fürchtete ich, das nun kommen sollte, auch nicht die Kinder, die auf Gassen und Wiesen unzählig wie Maikäfer umkrabbeln werden – Mich bewegte das heilige Wunder der Natur, das sich still und groß vor meinen Augen zeigte. Ist es denn wirklich? fragte ich mich. Träume ich nicht? Ach, wäre ein zweites Wesen hier, daß es mit mir sehen und mir die Wahrheit bestätigen könnte! – Das zweite Wesen war der Lärchbaum, der bestätigte mir die zwei Sonnen am Himmel, denn er hatte zwei Schatten. Sie lagen über dem grünenden Felde hin, der schärfere mehr gegen Norden, der sanftere ein wenig gegen Süden gelegt. Es muß in unserem Gliederspiele etwas Unwillkürliches sein, eine angeborene Art: als ich jetzt wieder so zu den zwei wunderbaren Sonnen aufblickte, da wollten sich die Knie beugen, die Arme streckten sich gegen Himmel, und ich hätte was dafür gegeben, zu wissen, wen ich für dieses herrliche Naturspiel preisen, wem ich dafür danken dürfte. Sachte begann endlich der zweite Schatten zu verblassen, die nördliche Sonne verlor ihre Ränder und floß gleichsam auseinander zu einer lichten Wolke, in deren Schicht die Widerspiegelung stattgefunden hatte. Die andere, unsere liebe alte Sonne, stand klar und strahlend am Himmel. In einer wahren Weihestimmung setze ich meinen Weg fort. Im Friedhofe, der feierlich ernst und doch fast freundlich einladend zwischen Feld und Flur liegt, kehre ich ein. An einem frischen Grabe stehe ich still und sinne darüber nach, wie es doch sein kann, daß von zweien Wesen, die auf ewig miteinander verbunden sind, das eine oben auf dem Rasen steht, die Wunder des Himmels sieht, die Nachtigall hört – und das andere ist da unten zu Erde geworden. Und wie mein lichtmüdes Auge sich senkt, sehe ich den erdigen Hügel nicht mehr, sehe ich zu meinen Füßen einen prangenden Flor von wilden Blümlein und Röslein. – Ist dieses Wunder nicht ebenso groß, als jenes vorhin am Himmel? Ist es nicht größer? – Wie die Menschen immer noch bangen mögen vor der dunkeln Tiefe, die nimmer müde wird, Blumen heraufzusenden! Wenn Schafe vor einem Muttergottesbilde niederknien, wenn ein aus Holz geschnitzter Christus Tränen vergießt, welch triviale Wunder! Wenn auf dem Haupte eines Hirschen zwischen den Geweihen ein Kruzifix wächst, wenn in der Christnacht das Rind in der menschlichen Sprache redet, welch kindische Wunder! Wenn der Lahme vor dem Gnadenaltar seine Krücke vergißt oder der Stumme davor plötzlich ein helles Loblied anstimmt, welch knechtisch eigennützige Wunder! Wenn in dunkler Kammer die Tische tanzen, aus der Wand ein Menschenarm hervorwächst und die Satzungen der Spiritisten niederschreibt, welch theatralische Wunder! Von der heiligen Rosa wird erzählt, daß sie den christlichen Gefangenen verbotenerweise in einem verdeckten Korbe Brot zugetragen habe. Da fragte sie einst der Gefängniswärter, was sie im Korbe trage, und sie antwortete: Rosen. Der Gefängniswärter wollte ihr nicht glauben, sondern öffnete den Korb, und siehe, es waren – zum eigenen Erstaunen der Jungfrau – wirklich Rosen. Also hat der Herr seine fromme Dienerin bezeugt. – Daß Geduld Rosen bringt, mag manchmal wohl auch ein Wunder sein, aber wenn eine Lüge Rosen bringt, das ist ein größeres; weitaus das größte jedoch: wenn das Grab Rosen bringt. Die heiligen Wunder Gottes sind zu groß, um bewundert zu werden, sie begegnen uns auf Schritt und Tritt, sie begleiten uns von der Stunde, da wir das Licht der Welt erblicken, bis zu jener, da das Auge bricht. Der sanft niedersinkende Herbst ist nicht minder voll von Wundern, als der aufblühende Frühling; der Erde unheimlicher Grund nicht minder wie des Himmels unendliche Höhe. Und wenn wir Menschen das Wunder am Ende gar begreifen, so ist es ja noch um so größer! Jetzt war die Sonne untergegangen, das Tal, sonst voll des gesättigten Lichtes, lag im Dunkel und hoch am dunkeln Himmel standen Funken. Wer das mit reifen Sinnen das erstemal sähe! Ich ging den Feldrain entlang bis zum Schachen, dort war eine Sitzbank, dort wollte ich ausruhen und träumend an die finsteren Tannenwipfel meine Jakobsleiter lehnen. Als ich gegen die Stelle kam, merkte ich, daß auf der Bank schon jemand war. Der lag darauf hingekauert und stöhnte und schluchzte, daß sein Körper schüttelte. Ich dachte gleich an meinen Nachbar, der heute mit seinem Weib die unselige Stunde gehabt. Ich schlich durch das Dickicht, daß ich hinter der Bank zu stehen kam, um zu fragen, was ihm wäre. Nun erkannte ich bestimmt, daß er's war. Sein Weinen hier in der einsamen Nacht, sein Weinen um ein verlorenes Leben war so herzbewegend, daß ich nicht den Mut hatte, zu ihm zu treten. Wohl unversehens kam jemand anderer, und das war sein Weib. Sie mußte ihn gesucht haben. Zagend schritt sie gegen die Bank, beugte sich nieder, legte ihre Hand auf sein Haupt und sagte leise: »Sei gut, Franz! Sei wieder gut!« Er hatte sich erschrocken rasch aufgerichtet, mit der Hand deutete er heftig, daß sie ihm fernbleiben solle, blieb dann am anderen Ende der Bank kauern und suchte sein Schluchzen aufzuhalten, was ihm kaum gelingen wollte. Sein Weib stand nun neben der Bank, unbeweglich wie eine Bildsäule. Endlich trat sie noch einen Schritt näher und blieb wieder stehen – soviel ich im Dunkeln sah, ihr Haupt war gesenkt. Plötzlich stürzte sie auf ihn hin, nahm sein Haupt mit beiden Händen, küßte stürmisch sein Haar, seine Stirne, und rief mit schluchzender Stimme fortwährend: »Franz! Franz!« Dieser wehrte ab und fragte mit fremder Stimme: »Was willst du von mir? Wir kennen uns nicht!« Sie wich zurück. Eine lange Weile stand sie wieder unbeweglich da; er kauerte, den Arm auf die Lehne gestützt, an der Bank. Das Sternchen eines Johanniskäferchens schwebte umher, gleichsam als wollte es einen holden Kreis ziehen um das entzweite Ehepaar. Das Weib tat einen Seufzer, kniete hin vor den Mann, hob die gefalteten Hände und bat: »Verzeihe mir, Franz! Schau, es ist in der Aufregung geschehen und ich weiß nicht, was ich gesagt habe. Franz! Schau mich an, du bist mir ja der liebste Mensch auf der ganzen Welt. Wenn du mich nicht gern hättest, ich könnt' nimmer leben. Aber soviel gereizt kann ich sein, wenn mir etwas über die Leber lauft, und da tu' ich leicht unrecht. Mußt mir den Fehler verzeihen, es ist ja bald wieder gut und tut's mir selber am meisten weh. Du bist ja so gut. Du bist eine Bessere wert als ich bin – ich will's werden, Franz!« Mit ihrer Schürze trocknete sie ihm auf der Wange die Tränen. »Sei gut, mein Alter, ich kann dich nicht weinen sehen. Ich will dich nicht mehr kränken, du bist mein liebes Herz...« Vor Schluchzen konnte sie nicht weiter sprechen. Er fuhr auf und riß sie mit beiden Annen an seine Brust und preßte sie an sich und küßte voller Wonne ihre Augen, ihren Mund... O heiliges Wunder! Zwei Leute, die wenige Stunden früher so bitter uneinig gewesen, daß man glaubte, es sei zwischen ihnen keine Versöhnung und kein Verständnis mehr möglich, waren hier in weicher, friedsamer Nacht so einig und eins, wie das bei zwei jungen Menschen, wovon jedes in einer besonderen Haut steckt, nur immer möglich ist. Als ich hierauf, nach Hause gekommen, die wunderbaren Erfahrungen dieses Tages meinem alten Vetter erzählte, der den Ehestreit vorher auch wahrgenommen hatte, sagte der Vetter: »Es sind wunderbare Ereignisse, es sind sehr wunderbare Ereignisse! Bedenkest du aber, was an allem noch das größte Wunder ist?« »Du meinst wohl die zwei Sonnen?« »Nein, ich meine die Frau, die ihren Fehler einsieht.« Der Mann mit den sechs Händen Im Brücktal, ganz hinten oben, steht ein Bauernhaus, das man für Geld anschauen lassen könnte. Dort sitzt der Mann mit den sechs Händen. Sitzt? Der sitzt? Wo er zu gleicher Zeit im Stall ist und auf der Wiese, und auf dem Felde, und in der Scheune! Der hat mehr Füße als ein Krebs, nur daß er damit nicht rückwärts geht. Und so einer soll sitzen? Aber er sitzt doch in der Stube und hat ein Kind auf dem Arm, und läßt eins auf dem Knie reiten und schaukelt das dritte in der Wiege. Und just vorher ist er noch bei der Kornfuhr gesehen worden, auf dem Acker und bei den Melkkühen im Stall. Es liegen ja noch die Halme in seinem Haar, es klebt ja noch ein bißchen Kuhmist an seinen klobigen Schuhen, die mit Weidenbändern geraidelt sind, damit sie nicht auseinandergehen. Für den Werktag tut's alles und das Linnengewand dieses Bauers hat mehr Flicker, als das Dorfkirchdach Bretter. Im Kasten hängt schon was Besseres für den Sonntag. Das ist der richtige Bauernzogel aus alter Zeit. Hat sich aber in der weiten Welt schon umgesehen. In einer großen Bierfabrik ist er Brauknecht gewesen und in einem Eisenwerk Schmied so manches Jahr. Das Stilett hat er auch ein paar Jährchen an der Seite getragen, dann noch ein halbes Jahr Dienstmann in der Stadt. Dann wird er langsam draufgekommen sein, was an der weiten, rauschenden Welt dahinter ist, denn es gelüstete ihn wieder zurück ins stille Gebirg' zu den Bauern, deren einer er von Haus aus war. Die Tauben hätten's nicht besser zusammentragen können, den Erhard und die junge Witwe, die auf einem verschuldeten Bauernhofe hauste, im Brückeltal, ganz hinten oben. Die Witwe zog ihn an, die Schulden schreckten ihn nicht ab. Da gab's einmal ordentlich zu tun, ein beständiges Arbeiten, bei dem man wußte, für wen und für was. Die meisten Leute glauben, essen, trinken und schlafen wäre das notwendigste für den Menschen; nach dem Erhard im Brenthof mußte man glauben, die Tätigkeit sei noch viel wichtiger, ersetze essen, trinken und schlafen. Letzteres verschmähte er ja auch nicht ganz, soviel just Zeit dazu übrigblieb; blieb keine, war's auch gut. Aber es blieb alleweil noch eine. Trotzdem er selber Großknecht, Weidbub und Stallmagd sein mußte, saß, er doch fast immer auch zu rechter Zeit bei Tisch, kniete zum Gebet und stieg früher ins Bett als die Nachbarsleute, die im Dorfkrug saßen oder an Weiberfenstern umherklöpfelten. Er hatte für alles Zeit; behäbig, aber weitschrittig ging er umher, bedachtsam, sachte faßte er an, und nie umsonst. Jeder Schritt, jeder Griff hatte seinen Erfolg. Anfangs hatte er es natürlich mit den Dienstboten versucht, denn die siebzig Joch Grund und die zwanzig Stück Vieh verlangten seit jeher mindestens ein halb Dutzend Leute. Dienstboten hatte der neue Bauer sehr leicht bekommen, denn sie waren begierig, wie es bei einem Manne, der weit in der Welt herumgekommen und sogar bei den Sozialdemokraten gewesen, zu leben wäre. Bald aber erzählten sie einander, daß es keinen größeren »Leuteschinder« gebe, als den Erhard auf dem Brenthof. Nicht, daß er zur Arbeit greinend angetrieben hätte, dieweilen er sich selber wohl geschehen ließ, nein, es war schlimmer: ohne viel zu meistern, arbeitete er ihnen selber vor, von früh bis abend. Und da konnten sie schon schandenhalber nicht allzuweit zurückbleiben, um so weniger, als der Hausvater auch das Essen mit seinem Gesinde teilte und nicht einen Bissen zu sich nahm, den nicht auch seine Dienstboten haben konnten. Außer dem Sonntagskaffee, den er seinem Weibe zuliebe eingeführt hatte und nur mit ihr teilte, im Küchenwinkel, bescheidentlich und schüchtern, als müsse er sich bei Magd und Knecht entschuldigen, daß er einmal etwas aus dem Extratöpfel löffelte. Daß er in der Arbeit nicht mächtig viel von ihnen verlangen konnte, wußte er freilich, strenger war er, wenn sie Luderleben treiben wollten. Die Leute waren nicht gerade unwillig, aber oft noch vor der abgemachten Zeit, und gewöhnlich bei genötigter Arbeit, trödelten sie zum Erhardt heran und sagten, sie wollten gehen. Mancher verzichtete sogar freiwillig auf den fälligen Lohn, es sei ihm nicht des Geldes wegen, er habe auch sonst keine Klage der Behandlung halber; am Ende wäre ihm weder die Arbeit zu stark, noch die Kost zu schlecht – aber so viel langweilig täte ihm halt werden in der Einschicht und er wolle doch auch in eine Fabrik gehen. Der Erhard hatte gefunden, daß die Wirtschaft durch die Dienstboten eher gehemmt als gefördert worden war, er hatte gefunden, daß allzuviel Rücksicht auf Knecht und Magd genommen werden mußte, daß eigentlich sie die Herren im Hause waren und er der Knecht – so ließ er sie ruhig ziehen. Gab es zeitweilig im Übermaß zu tun, so nahm er irgendeinen halbverhungerten Häusler auf, der an gutem Willen zusetzte, was ihm an Kraft gebrach, so daß es recht ward. In gewöhnlichen Zeiten schlichtete der Erhard alles, was früher die Knechte und Mägde getan hatten, es wurde nicht überall angefangen, aber es wurde das Angefangene gründlicher durchgeführt und gut vollendet. Den Feldbau setzte er zurück, die Viehzucht tat er voran, das gab geringere Arbeit, doch mußte sie sorgfältiger verrichtet werden. Eine Kuh ist wehleidiger gegen schlechte Behandlung als ein Kornfeld, woran das meiste der Himmel tut. Der Erhard liebte die Tiere aus zweifachem Grunde: erstens wegen ihrer Nützlichkeit, zweitens weil sie lebendige Hausgenossen waren, die ihn gutmütig anglotzten und zutunlich Hände und Kleider beleckten. Sie hatten ihn gerne, und dies tat ihm wohl, obschon er auf das Gernhaben der Rinder, Schafe und Schweine nicht anstand. Sein Weib hatte ihm allmählich acht Kinder geschenkt. Diese hüpften, wenn auch barfuß, so doch in gut geflickten Höslein, Kittlein und reinen Hemden, stets wohl gewaschen und gekämmt, lustig umher. Die älteren waren außer der Schulzeit schon beim Vieh zu brauchen, zu Botengängen und anderem. Die jüngsten trug die Mutter auf dem Arme umher, wenn sie in Haus und Garten nach dem Rechten sah. Sie säugte das Kind, sie schaukelte das zweite, sie schürte am Herde das Feuer, sie unterwies das ältere Mädel. Das alles tat sie auf einmal, und noch mehr, wenn es sein mußte. Manchmal schalt sie die Kinder, brummte ein wenig mit dem Mann, war sonst aber frohlaunig, summte gern ein Liedel und – was die Hauptsache war – fütterte die Ihren stets mit einem nahrhaften Essen. – Stillsitzen konnte sie nicht fünf Minuten, wenn sie eine Arbeit sah; und war des Abends schon alles getan, so scheuerte sie noch einen Zuber, der ohnehin blank war, oder flickte ein Höslein, bevor noch das Loch ganz durchgewetzt worden. Wenn sie dann auch wieder anhub, neue Windeln zu nähen, da schlugen die Nachbarinnen ihre Hände über dem Kopf zusammen darüber, daß dieser Brenthof denn wahrhaftig ein reines Kaninchennest sei und wie der Erhard wohl glaube, die davongelaufenen Dienstboten mit Eigenbau ersetzen zu müssen. Zu bedauern sei das Weib, das vor lauter Kindern allgemach ein reines Kramperl werde. – Wenn der Brenthoferin so etwas zu Gehör kam, da verwunderte sie sich baß, was sie denn wollten? Sie sei froh des Kindersegens, und wenn sie zwei Dutzend hätte, so möchte sie täglich den lieben Gott bitten, ihr ja keines wieder wegzunehmen. der Erhard sagte überlaut, schon deswegen, daß die Kinder einmal brave Arbeitsleute abgeben würden, seien sie nicht zu verachten; denn er schämte sich zu gestehen, daß es die Herzensfreude, die Vatersfreude war. Bauersleute sagen es nicht, daß man die Kinder liebt, weil sie ja doch eigen Fleisch und Blut sind. Hätschelt man denn eigen Hand und Fuß? Nein, das gestehen sie nicht zu, das wäre gar zu kindisch, wenn sie ihre liebe Brut so vor allen Gaffern und Neidern enthüllen wollten. Da muß denn die Brauchbarkeit herhalten, der Arbeit wegen muß man Kinder haben und erziehen. Der Bauer schämt sich jeder Liebe, und die bäuerliche Schämigkeit deckt oft tiefere Gemütswerte, als so ein gebildet sein wollender Windhund mit allem sentimentalen Wortschwall zu zeigen hat. Und wie ich – der mit dem Brenthofer gut bekannt ist – eines Tages das viele Kinderwerk dort ansehe und bemerke, wie schon wieder ein neues unterwegs ist, sage ich: »Aber Erhard, wie kannst du so unbesinnt sein? Hast du denn noch nicht genug Kummer und Sorgen auf deinem Hof? Wie wirst sie denn aufbringen, alle?« – Da hat er mich nur so angeschaut, völlig verständnislos, was ich denn meine? – Die Kinder schienen in der Wirtschaft nur so neben mitzulaufen, und sie liefen wie junge Rehe, so frisch und munter, und wenn sie Erdäpfel ausgruben, Krautblätter sammelten, Ziegen fütterten, Hühnereier suchten, so war das den Kindern ein Spiel, in Wirklichkeit aber doch schon eine kleine Arbeit, zu der sie Erhard gütig und wie selbst mitspielend, anleitete. Herb sein mit den Kindern und greinen, das trug sich nicht zu, erziehen tat er sie gar nicht, er war bloß selber so, wie er die Kinder haben wollte und sie taten ihm's unwillkürlich nach. Einmal nur, als der ältere Bub mit einer Vogelstelle beschäftigt war, ließ der Kleine es darauf ankommen und den Vater ihn drei- oder viermal rufen. Darauf sagte dieser nur ganz gelassen: »Ich will dir's zeigen! Für ein anderes Mal!« und hieb ihm den pfeifenden Geiselriemen um die Barfüße, daß das Büblein jämmerlich zappelte und dann willig auf den Acker lief, um die kleinen Steine zu sammeln und auf den Steinhaufen zu tragen. Die Nachbarn wunderten sich, daß der Erhard mit seinen Arbeiten immer auch so früh oder noch früher fertig wurde, als sie bei ihrem Schock Dienstboten. Und es war nicht gehudelt, es war mit Fleiß und Schick bestellt. Manch einer wollte es ihm abgucken, wie man's denn mache, aber er sah nichts, als daß der Erhard ruhig, ohne Säumnis und ohne Hast arbeitete und daß im Brenthofe alles ununterbrochen tätig war, wie auf einem Ameishaufen, wo alles läuft und trägt und schiebt und zieht, zu den Löchern heraus, zu den Löchern hinein, und man kommt doch nicht dahinter, wieso es wird. Beim Erhard sah man's freilich, wo er angriff, da tat sich's. Fast selber schien es sich zu tun, und brach einmal ein Haustiel entzwei, so tat's der Stumpf, und brach ein Rad, so band es sich mit der »Wieden« leicht wieder fest und die Arbeit ging voran. Er war bei tagläufigen Schäden sein eigener Wagner und Schmied, und als einmal der Schneider die Ster verlog, sagte er: »Das wird auch noch keine Hexerei sein!« und machte sich die Hosen selber. »Es ist rein, als ob der Mensch sechs Händ' hätt'!« sagten die Leute. Dazu fand der Erhard noch Zeit, bisweilen tagelang im Viehhandel umzugehen. Er wollte nicht bloß das »zuchtigste« Vieh haben, es mußte auch das schönste sein. Nicht bloß, daß die Schnauze feucht sein sollte und die Haut nicht festkleben durfte an den Rippen, es mußten die Vorderfüße kurz sein, der Rücken gerade wie ein Lineal, das Hinterteil gehoben und der Schwanz an der Wurzel in einem schwunghaften Bogen getragen. Wenn es in der Bauernschaft von einem heißt: Wer hat das schönste Vieh! so ist das mehr als anderer Ruf, denn schönes Vieh bedingt Klugheit, Fleiß und Geschmacks 's ist ein idealer, uneigennütziger Hang, denn für Milch, Pflug und Fleischer wären häßliche Tiere gerade so gut. Es kann aber sein, daß auch bei dem Vieh die Schönheit ein Erfolg der Gesundheit ist. Ein krankes Kalb konnte den Erhard weit mehr aus dem Häusel bringen, als ein krankes Kind. Das letztere steht in Gottes Willen, ums Kalb kümmert sich der Herr weniger, das hat der Bauer auf dem Gewissen. Am Sonntage versäumte der Erhard selten einen Kirchgang, wozu er sein Weib oder eines seiner Kinder mitnahm. Nachher gab's im Wirtshaus ein Krügel Wein, bei dem er nach den Tischen hin aushorchte, was es Neues gebe und sich auch selber ins Gespräch tat. Es waren zumeist gut abgelegene Nachrichten aus der weiten Welt, an denen er dann jahrelang festhielt, nicht ahnend, daß sich draußen in einem Jahr mehr verändert, als bei den Bauern in zehn. So hatte er vor zwanzig Jahren vom Türkenkrieg in Bosnien gehört, daher sagte er zu seinen Leuten: »Gott geb's, daß ihr nicht einmal müsset Soldat werden, 's ist halt alleweil Türkenkrieg.« – Lieber als im Wirtshause trank er aber sein Tröpfel Wein daheim, wenn ihn die Kinder umsummten und sich kletternd an seine Beine und Arme hingen. Fliegen verscheucht man mit dem Tabakrauch; Kinder wollen sogar probieren, ob sie's auch könnten, wenn ihnen der Vater den Stummel probeweise in den Mund stecken ließe. Der Vater aber sagte ernsthaft: »Pfui, das Tabakrauchen ist abscheulich!« und nebelte dabei, was das Zeug hielt. Das war aber auch der einzige Fall, wo er seine Kinder mit Worten erziehen wollte und nicht mit dem Vorbild. Dafür feixten ihn die Fratzen auch aus hinter seinem Rücken und duschelten einander zu: »Der Vater tut ja selber rauchen!« Und weil es gar so abscheulich war und er es trotzdem tat, wurden sie danach leckerig. Die Mutter aber sagte zu den Buben: »Untersteht's euch nur! Wenn ich bei einem den Tabaktiegel sehe, so schmeiß,' ich ihn mitsamt dem Buben hinaus auf den Misthaufen!« Dazu nun schmunzelte der Erhard, das war auch für ihn gesprochen und er versteckte sein Rauchzeug sorgfältig von einem Sonntag zum andern. Also führte Erhard manchmal ein rechtes Genußleben, bei dem er sich aber im Grunde lange nicht so wohl befand, als bei der Arbeit. Er gehörte ja zu jenen Glücklichen, denen Pflichterfüllung zugleich das beste Genießen ist. Die Schulden, die er mit dem Hofe übernommen, waren längst getilgt. Die Steuern zahlte er so regelmäßig, daß die Herren ihm schon größere Abgaben vorschreiben wollten. Denn diese Leute können die Ordnung nicht vertragen, und wenn einer ordentlich zahlt, so glauben sie schon, er habe das Geld buttenweise im Keller stehen. Und zahlt er verspätet und unregelmäßig, so gibt's Verzugszinsen und endlich eine Verwirrung, bei der sich der Bauer und der »Herr« nicht mehr auskennt. So weit ließ es Erhard nicht kommen und er lugte dem Steueramte scharf auf die Finger. Als die Steuer sich aber trotzdem erhöhte, war's richtig. Die Scholle hatte sich unter den fleißigen Händen Erhards so sehr verbessert, daß sie fast das zweifache trug gegen ehemals. Fruchtbarkeit überall, vom Gewipfel der Waldbäume an bis in die trautsamste Kammer. Als er mir den gesegneten Zustand seines Weibes zum elften Kinde mitteilte, habe ich wohl müssen keifen. »Ich hatte doch gemeint, mit dem Dezimalsystem würdest du's gut sein lassen und nun scheinst es aufs Dutzend anzulegen.« Sagte er: »Mich freut's, daß mir Gott so viele anvertraut.« Na, dachte ich, der hat besseren Mut, als unsere nobeln Herrschaften, denen nach dem zweiten Kind schon das Herz in die Hosen fällt. Man braucht sich also nicht zu fürchten, daß die feine Gattung das Übergewicht bekommen wird auf der Welt. Und solange ein Land solchen Bauernschlag hat, ist noch nicht aller Tage Abend. Nun – und heute hat der Mann »mit den sechs Händen« richtig zwölf Kinder. Das dreizehnte war ihnen gestorben, bald nach der Geburt. War das eine Trauer! Gejammert haben sie nicht, aber ein Leid haben sie gehabt, wie es nicht größer sein kann bei dem zweitägigen Leichlein eines Herzenslieblings. Das kleine Hanserl war schon so lieb gewesen, so gescheit, so alle Vorzüge hatte es schon gehabt auf seinem achtundvierzigstündigen Lebenslaufe. Die Mutter hatte es schon mit dem Schulsack laufen sehen und der Vater es als Kuhbub mit der Geisel lustig knatternd geschaut. Alle süßen Sorgen und hellen Freuden, die sie bei den bereits erwachsenen gehabt, sahen sie schon sich an dem Jüngsten wiederholen – und auf einmal langten die unsichtbaren Arme Gottes herab: Nein, den nehm' ich mir wieder! Nach wenigen Wochen war auch das verwunden, denn wo Arbeit ist, besonders körperliche, da gedeiht kein chronisches Herzleid. Und die jungen Racker geraten dem Vater nach, sie werden gar nicht müde. Wenn sie die ganze Woche gearbeitet haben, gehen sie am Samstagabend noch zu Nachbarsfenstern, hinter welchen was Warmes atmet. Ob die Jungen auch sechs Arme haben werden, wie der Vater? Hoffentlich. Zum »Halfen« einstweilen braucht man nur zwei. Der Lachenmacher Nach Stockwiesen müssen wir. Dort geht's heute lustig zu. Über den Giebeln des Dorfes surrt die Luft, denn es wogt, es treibt und schwärmt in den Gassen und auf dem Kirchplatz. Alle Sträßlein, die zum Dorfe führen, sind bestreut mit dunkeln und bunten Tierchen, die sich dem stattlichen Orte Stockwiesen zu bewegen. Es sind aber keine Tierchen, es sind Leutchen, manche nahezu Menschen. Der Kirchturm winkt auch so freundlich. Der hat zu seinen obersten Fenstern, über der Uhr, ein weißrotes Fähnlein ausgesteckt. Es flattert an der Stange, wie ein Fetzen Freude, der in alle Welt fliegen möchte und nicht los kann. Die Glocken singen auch schon Willkommen den Herbeieilenden, die sich aber unterwegs bei Krämerständen, Schaubuden und Schenken verweilen, auf dem großen Platz sich herumdrängen, plaudern, feilschen, kaufen oder verkaufen, oder plump und starr dastehen im schiebenden Gedränge und ihre Pfeifen rauchen. Bis zum weit offenen Kirchtor dringen die wenigsten vor, obschon aus dem Innern Lichter herausfunkeln und die Orgel summt. Aber die Leute meinen, Kirchweih heiße doch nicht beten, vielmehr feilschen, trinken, tanzen, Weiberleut' foppen und Männer prügeln. Die evangelische Kirche, die in einer Häusergruppe jenseits der Ach steht, ist zugeknöpfter. Auf ihrem Turm flattert keine Kirchweihfahne, aber ein Kirchentörchen hält heute auch sie offen, wer etwa von den Katholiken kommen und sehen wolle, wie es in dieser Kirche gehalten wird, und ob es ihnen nicht etwa besser gefiele als drüben. Der katholische Kirchendiener, ein kleiner grämlicher Mann, stand nach dem spärlichen Gottesdienst ebenfalls auf dem Kirchplatz herum, aber nicht um sich zu belustigen, sondern um sich zu ärgern. Das Ärgern schien ihm lieber zu sein, denn er hatte doch die Wahl zwischen beiden. Er schnitt ein Gesicht, als ob er Kalmuswurzeln kaute. Er sah in der Menge allzu viele solche, die heute nicht hergehörten. »Was geht den Lutherischen unsere Kirchweih an!« schnurrte er. »Bei der heiligen Meß ducken sie sich weit ab, aber beim Handeln und Schandeln und Lumpen sind sie dabei. Da wollen sie zu uns gehören. Heimgeht! ihr habt keine Kirchweih, heimgeht!« Das sagt er ganz freimütig gegen die Evangelischen hin, die überall unter den »Christen« herumstehen, so daß man immer fürchten muß, die »Unseren« werden angesteckt. Aber der Mann sagte die abweisenden Worte ganz leise, daß es nur ein paar der nächsten Katholiken hören konnten. Auf diese Weise kann der Mensch freimütig sein, ohne daß es ihm schadet. Denn der Mensch ist nicht bloß Kirchendiener, sondern auch Schneider, und wenn die lutherischen Bauern nicht mehr bei ihm schneidern lassen, dann – wird die Kalmuswurzel, an der er kaut, noch bitterer. Das Schlimmste war nur, daß man es den Leuten gar nicht anmerkte, ob sie »christlich« oder »lutherisch« waren. Sie plauderten, handelten und scherzten miteinander, als ob sie lauter gut Freund wären, und wenn die herlebigen Burschen sich nach munteren Dirnen umsahen, so dachten sie gewiß an alles andere eher, denn an die Kirchenzugehörigkeit. Schau! Steht dort beim Büchelkrämer nicht der Pastor? Der neue, den wir erst frisch vom Sachsenland hereinkriegt haben. Hat einen Schnurrbart wie ein Husar und will Geistlicher sein. Na, zugeht's auf der Welt! Er schaut wohl nach, ob der Büchelkrämer auch lutherische Bibeln hat. »O Pardon!« sagt der Pastor, denn er ist im Gedränge jemand auf die Zehen getreten. Und steht neben ihm der katholische Pfarrer. Der macht ein sehr freundliches Gesicht und versichert, es sei nichts geschehen. Dann verlieren sie sich unter der Menge. Aus dem Gesumme hört man von allen Buden her die Marktschreiereien. Metallgießer schwingen ihre Glöcklein, Pfeifenschneider versuchen ihre Pfeifen, Spielwarenhändler lassen ihre Trommeln und Kindertrompeten hören; mit singendem Gekreische künden diese Krämer – die noch keine Zeitungsreklame haben – ihre allerbesten und allerschönsten und allerbilligsten Waren aus. Zwischendurch hört man den dünnen, grellen Ton einer Geige. Vor dem Bäckenwirtshaus auf einem leeren Bierfaß steht er und fiedelt so lebhaft, daß alle Glieder des alten Spielmanns zucken und schnellen wie galvanisierte Froschbeine. »Je, der Brosel!« ruft hell ein Bursche aus, »der Lachenmacher ist auch da! Lustig wird's heut, zum Lachen gibt's. Und tanzend werden wir alle miteinand. Gelt, Schatzerl!« Ein rundes, rotwangiges Dirndl hatte der Bursch am Arm gepackt und mit dem andern Ellbogen sich durch die Menge eine Gasse bohrend strebt er dem Bäckenwirtshause zu. Der Brosel, wer ist denn das? Seht ihr nicht, daß alle lachen, die ihn bemerkt haben? Die Milzreichsten dürfen gar nicht hinschauen auf den geigenden Spielmann und seine Gebärden, sonst müßten sie sich in Lachkrämpfen zusammenkauern und winden, und dazu fehlt im Jahrmarktsgedränge schlechterdings der Raum. Der Lachenmacher war von den Wirten abonniert für Sonn- und Feiertage, einmal bei diesem, einmal bei jenem. Wenn aus einem Wirtshaus das brüllende Lachen der Gäste gehört wurde, das man fürchtete, es platze das Haus – da wußte es jeder auf Platz und Gasse, der Brosel war drinnen, sang seine Schelmenliedeln, sagte seine Sprüche und erzählte seine Schnurren, womöglich alles in zierliche Reime gebracht, denn nicht bloß das liebe Leutgesindel, der Gescheite wie der Narr, auch die Wörter müßten tanzen zu Paar und Paar. Im Texte lag's übrigens gar nicht, die Liedeln, die Sprücheln, die Schwänke waren keinem neu. Aber der Gesichtsausdruck, mit denen sie vorgebracht wurden, war über alle Beschreibung lächerlich. Darum beschreibe ich sie auch nicht. Denke man sich ein rührsames Männlein mit einem runzeligen verkniffenen Gesicht, das in alle Formen gezogen wird – in die Länge wie eine Gurke, in die Breite wie ein Kürbis. Jetzt sind die Augen glotzig, wie zwei Pflugräder, jetzt zwinkernd und dünn wie zwei Kohlraupen. Die Nase jetzt dick wie eine Kaiserbirne, jetzt schmal wie ein »Bockshörndl«. Der Mund jetzt ein Schnitt von einem Ohr zum andern, jetzt wieder ein kleinwinziges Nullerl zwischen aufgepfauchten Wangen. Dabei wackelt das Kinn, über den Stirnknochen gleitet behendig die Haut auf und nieder, die grauen Haarbüscheln sträuben sich oder zucken munter hin und her und die Ohren trieben dabei ihre besonderen Spiele. Auch mit den Gliedmaßen bringt er allerlei Zuwege, es ist, als seien keine Knochen in ihnen, als sei der ganze Kerl aus Kautschuk. – Man behauptete, der Brosel brauche bei seiner Kammer keinen Schlüssel, er schlüpfe durch das Schlüsselloch wie ein langer Regenwurm und bedürfe dazu fünf Minuten. Die Geige, setzten solche Witzbolde bei, müsse er freilich zum Fenster hineinwerfen, denn die ließe sich nicht spinnen. Übrigens könne er sie auch draußen hängen lassen, er brauche nur die Beine zum Fenster herauszustrecken, er geige mit den Zehen geradeso gut als mit den Fingern. Auch solche, die sonst sich über kein »Ausgeschau« lustig machen wollen, über dem Brosel seine Grimassen konnten sie lustig lachen, denn er tat sie deswegen. Das hatte er sich ja zur Lebensaufgabe gesetzt, auf dieser traurigen Welt die Leute lachen zu machen. Es gibt Schuhmacher und Kammacher und Knöpfelmacher, warum soll's keine Lachenmacher geben? Das Gewerbe ernährt seinen Mann. Es war eigentlich ein Nebengewerbe für den Brosel. Seines Zeichens war er Spielmann und schon als solcher geboren worden, denn sein Vater – behauptete er – habe nur gespielt. Allerdings mit Tarockkarten, wobei er sein Gütchen verlor, so daß der Sohn sich einen anderen Beruf wählte. Er entschied sich für die Chirurgie bei den Haustieren. Das tat er jahrelang. Endlich aber ward ihm der Beruf, der so vielen Geschlechtern der Zukunft vorwegs das Leben abschnitt, zuwider, er wurde Spielmann. Schon in der Volksschule hatte er gelernt, die Geige zu beunruhigen; jetzt trat er mit mehr Liebe an sie heran und sie kreischte nicht mehr, wenn er den Fiedelbogen strich, sie erhörte sein Werben um ihr Lied und gab bisweilen einen lieblichen Ton; Hauptsache war der Takt, den er extra noch mit dem Fuße stampfte. Wer gern tanzt, dem ist leicht gestampft. In Zeiten, da man nicht tanzen wollte oder durfte, unterhielt er die Leute mit seinen »Faxen« und lachen tat mancher noch lieber als tanzen, was mir durchaus einleuchtet. Es gibt zwar Holzapfelseelen, die das Lachen einfach lächerlich finden, ich weiß mir auf der weiten Welt keinen größeren Spaß, als ein herzliches Gelächter. Nun aber war dem lustigen Brosel nicht zu trauen. Er sprach und sang Zwetschken. Hinter dem süßen Fleisch barg sich manchmal ein bitterer Kern. Wer ihn aufbiß, der glaubte dran. Auf solchen Schleichwegen brachte der Alte manche heilsame Wahrheit an den Mann und nahm noch Kleingeld dafür ein und allerhand Wohlwollen. Fühlte sich vom Kerne einmal einer getroffen, so tat er nichts desgleichen und lachte mit den andern, was immer weitaus das Klügste ist. Man hätte es frei nicht glauben mögen, daß der pudelnärrische Spielmann insgeheim ein so kluger Beobachter war und wohl wußte, in welches Holz die Nägel einzuschlagen waren. Jetzt also stand der Spielmann auf dem Bierfaß und geigte die Kirchtagsleute in das Bäckenwirtshaus hinein. Er geigte den ganzen Nachmittag und schaukelte sein geschmeidiges Körperlein dabei und schnitt seine Gesichter dazu. Damit diese um so deutlicher und ausdrucksvoller wurden, hatte ihn der Bäckenwirt glatt rasieren lassen; sein braunes Hochzeitsgeigengewandel hatte er auch an und so hätte er können bei jedem König an den Stufen des Thrones als Hofnarr sitzen. Aber er stand an den Stufen des Tanzbodens, auf dem Ihre Majestät die Freude herrscht. Noch stieg er aber nicht hinauf, denn vor dem Abendgebetläuten durfte nicht getanzt werden. Der Herr Pfarrer saß beim Bäckenwirt im Extrastübel, da hieß es strenge nach der Verordnung vorgehen und sittsam sein. Übrigens war es im Wirtshause schon sehr laut geworden. Als auch der neue Pastor kam, um bei der schönen Gelegenheit Ortsbekanntschaften anzuknüpfen, fand er in der großen Stube keinen Platz und der Wirt, sein grünes Käppchen lüftend, erinnerte höflich, daß der Hochwürden Herr Pastor ohnehin ins Extrastübel gehöre. Mir nix dir nix saßen sie plötzlich nebeneinander, der Herr Pastor und der Herr Pfarrer. Anfangs waren heute auch sie zwei Spielleute, machten zum bösen Spiel gute Miene, bedachten, daß manches auf dem Spiel stünde und besprachen in überlauter Gemütlichkeit das schöne Wetter, den belebten Jahrmarkt und das gute Geschäft. Man muß sich in der Nachbarschaft denn einmal miteinander abfinden, dachte jeder bei sich, und sie nahmen, um hübsch wohlgemut zu bleiben, ihre Zuflucht zum weltberühmten Friedens- und bisweilen wohl auch Kriegsstifter, dem Wein. Der Wirt hatte einen guten Tropfen, und wie er im Vertrauen versicherte, nicht bloß einen. Der Pastor entschuldigte sich beim katholischen Pfarrei, daß er noch nicht Gelegenheit gefunden, im Pfarrhause seinen Antrittsbesuch zu machen. »O, nix entschuldigen,« lachte der Pfarrer überlaut, »werd's leicht erwarten. Hab' keine große Sehnsucht nach Ihnen.« »Das glaube ich,« sagte der Pastor und lachte auch. Es war ein ungutes Lachen beiderseits. Es war keins, das der Brosel gemacht hatte. Endlich war es dunkel geworden auf der Gasse und licht in den Wirtsstuben. Das Gebetläuten war vorüber, die Hüte flogen wieder auf die Köpfe und die jungen Leute auf den Tanzboden. Der Brosel setzte sich an den erhöhten Spielleutetisch im Winkel, strich seine Saiten mit Geigenharz und drehte an den Stimmschrauben. Er drehte das Spiel um einen Ton höher, Tanzmusik darf nicht brummen, die muß jauchzen. Ganz erfüllt von der Würde seines Berufes machte der Alte ein ernstes Gesicht. Die Stirn runzelte sich immer mehr, die Augensterne traten immer tiefer hinter die Lider zurück, die Nase wurde immer länger und die Mundwinkel dehnten sich immer tiefer übers Kinn hinab, so finster ernsthaft, daß die Leute – in helles Lachen ausbrachen. Da zog er plötzlich andere Muskeln an und sieben Taler hätte einer wetten mögen, daß es ganz entschieden nicht dasselbe Gesicht war als früher, daß zwei Köpfe in dem Manne stecken mußten, wovon er je nach Belieben einen oder den andern wie die Schildkröte aus dem Rumpf hervorschob. Übrigens, jetzt ist's zum Tanzen. Ein gemütlich langsamer Steirischer klang los, die Paare hielten sich um die Mitte und die Gesichter der Tanzenden, die männlich trutzigen, die weiblich hingebenden, die verliebten und die zärtlichen – alle spielten auch im kleinen Rundgesichte des Spielmanns, so daß sich in ihm gleichsam das ganze Seelenleben des Tanzbodens Stelldichein gab. Von den Gaststuben kamen immer mehr Leute herauf, auch ältere, die sonst auf dem Tanzboden nicht mehr viel zu suchen haben. Unten sei es heute nicht gemütlich, im Extrastübel taten sie streiten, von wegen des Glaubens ginge es her. Der Herr Pfarrer, meinten sie, solle gescheiter sein. Er täte ja sonst bei solchem Diskurs nicht mit und solle auch nicht mittun, aber der Pastor habe immer Wasser auf die Mühle geleitet. Der Spielmann verzog sein Gesicht sehr in die Länge. »Sollen Fried geben,« murrte ein hagerer, grauköpfiger Bauer, »wir von hüber und drüber der Ach vertragen uns ja auch.« Der Spielmann zog sein Gesicht in die Breite und fiedelte. Ein flotter Walzer. Jedes Paar eine Erdkugel, die sich um sich immer selber drehend einen großen Kreis macht um den lodernden Sonnenball der Liebe. Und Brösel der Spielmann war's, der dieses kreisende Sonnensystem leitete mit seinem Fiedelbogen. In Wirbeln flog der Staub über den Köpfen, Wein- und Schweißdunst erfüllte das Haus mit Kirchtagsstimmung; halberschöpfte Tanzpaare taumelten in die Winkel hin und frische stürmten in die Reihen hinein. Manches Paar stieß im Gewirbel unsanft an ein anderes, das gab weiter keinen Weltuntergang; war der Bursche schneidig, so schmetterte er einen Fluch hin, war er sanft, so tat er einen Lacher, und wenn der Schweiß vom Gesichte troff, so fuhr ihm das Dirndel mit rotem Handtüchel über Stirn und Wangen und flüsterte ihm ins Ohr: »Tschapperl, mußt du dich denn gar a so plagen? A bissel stader!« Da hebt einer das Weinglas: »Vivat! Sollt leben all miteinander!« So ging es toll und toller – aber es war eine kreuzlustige Tollheit – durch den Abend hin. Da kam plötzlich der Wirtsjunge die Treppe heraufgesprungen: »Leut', geht helfen. Der Herr Pfarrer und der neue Pastor sind raufend worden!« Der Spielmann zuckte ab mit dem Fiedeln und hatte ein sehr langes Gesicht. Als sei die Feder gesprungen, so stockte das tanzende Rad, stand still und fiel auseinander. »Raufend? Wer? Die Herren?« Was Platz hatte in der Treppe, das drängte hinab; und hinten drein, aber ganz weichmütig gelassen, Brosel, der Spielmann. Seine Gucker zwinkerten, seine Stirnhaut zuckte auf und nieder und der gekniffene Mund bog sich im Halbkreis weit in die roten Wänglein hinein. Lacht so der boshafte Vollmond auf die Erde herab, wenn in lockenden Nächten leidenschaftliche Menschen in allerlei Unglück rennen? Unter dem Arm trug der Spielmann seine Geige, in der Hand schwang er den Fiedelbogen, als hätte er damit nebst dem Tanzboden auch das übrige Haus und die Welt zu regieren. Im Extrazimmer war der Sturm zwar vorüber; nun stand es so, daß die beiden Geistlichen kein Wort und keinen Blick mehr füreinander hatten; jeder stellte sich gleichmütig und rief seine Gemeindeangehörigen. Die Schafe sollten sich von den Böcken trennen und dem Hirten folgen. Aber die Scheidung mißlang. Protestanten wie Katholiken blieben untereinander sitzen, wo sie saßen und schauten betroffen auf die beiden Herren hin, die da plötzlich einen solchen Unfried erhoben hatten. Der stattliche Bäckenwirt stand am Gläserkasten, immer noch um die Seinen besorgt, die über den hölzernen Ständern stürzten. Und von den Gästen tat mancher heimlich schmunzeln über den Auftritt, den sie erlebt hatten. Jetzt drängten die Tanzbodenleute in die Gaststube herein und zwischendurch der Spielmann. Der blieb in der Tür des Extrazimmers stehen und fiedelte zum Gruß die Weise: »Da streiten sich die Leut' herum.« Dann ließ er seine Gesichter spielen, und die beiden Herren in ihrem Ärger wußten nicht recht, was jetzt zu machen sei. Hinaus konnte weder der eine noch der andere, so gaben sie sich den Anschein des Lässigen: der Pastor steckte seine Hände in die Tasche und blickte mit überlegenem Humor auf die possierliche Gestalt; der Pfarrer machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, gleichsam, solche Narreteien kenne er zur Genüge, und kehrte sich an sein Weinglas. Da zuckte der Brosel sein Spiel ab, tat ein äußerst gemütliches Gesicht hervor und begann halb sagend, halb singend eine Rede, dieselbe manchmal mit einer drolligen Grimasse oder mit einem Fiedelstrich künstlerisch mildernd. »Verzeiht, ihr Herren, es währt nit lang, ich will euch singen ein altes Gesang, von zweien Hochgeweihten, die taten gar bitterlich streiten. Oho! – Der eine tat sagen: Dein Luther ist ein Fresser; der andere: Dein Papst ist auch nichts besser. Der eine: Dein Luther ist Trug und Spott, der andere: Dein Papst ist auch kein Gott. Aha! – Du bist falsch und ich bin wahr! Ich bin gescheit, und du ein Narr. Hehe! – Da kommt ein alter Spielmann herein: Ihr Herren, ihr kunnt schon g'scheiter sein, wollt streiten, so steigt auf die Kanzel hinauf. Da gibt's keinen Gegner und keinen Tort, da habt ihr selber das letzte Wort. Im Wirtshaus gibt's ein andern Brauch, das ist eine Kirchen allgemein, kann jeder leben und lustig sein. Hehe! – Die Leut'auseinanderzanken dahier, was ist denn das für eine Manier? Könnt ihr nit schweigen, so kauft euch Geigen. Mehr Leut, als ihr mit Disputieren, hab' ich mit Fiedeln und Musizieren zusammengebracht und glücklich gemacht. Jaha! – Ich kenn euch einen, der's auch tut meinen, dem Fried und Freud das liebste ist, sein Name heißt Herr Jesu Christ.« Als der Brosel das gesagt, streicht er eine leise, liebliche Melodie und sein Gesicht nimmt einen natürlichen, rührend innigen Ausdruck an und schaut so treuherzig, fast flehend auf die beiden Seelenhirten hin. Der Pfarrer hat seine gewohnte gemütliche Art wiedererlangt. Bei den närrischen Sprüchen des Spielmanns muß man ja lachen – und er lacht. Dem Pastor ist nicht so wohl zumut. Sein Gesicht ist gerötet, er möchte am liebsten draußen sein. Denn als der Brosel sein lieblich Spiel – wie ein Wiegenlied war's, so zart – geendet hat, da lachen die Leute nicht. – Niemand hat diesmal zum Spruche des Lachenmachers gelacht! Ein andächtiges »Vergelt's Gott« sagten sie im Chore, wie es nach jeder guten Predigt üblich ist. Über die zwei Streitenden hat ein dritter den Sieg davongetragen. Die Stille in den Wirtsstuben war fast feierlich geworden. Aber das geht doch nicht an einem solchen Tage. Der alte Spielmann tat plötzlich einen flinken Hopser, jauchzte dazu und führte dann seine Gemeinde wieder auf den Tanzboden. Die beiden Geistlichen waren, jeder für sich unauffällig nach Hause gegangen. Aber am nächsten Tag, als sie sich zufällig auf der Achbrücke begegneten, blieb der Pastor stehen und sagte: »Ich glaube, Herr Amtsbruder, wir sind gestern ein wenig zu weit gegangen. Die Sache wäre beinahe lächerlich geworden. Mein Wunsch wäre, daß wir uns miteinander vertragen.« Der Pfarrer sah auf dem Boden ein Steinchen liegen, das wollte er mit der Spitze des Spazierstockes beiseite schnellen, trafs aber nicht. Dann gab er's auf. »Herr Pastor,« sagte er, »Sie haben es leicht. Sie können sein, wie Sie wollen. Aber ich!« Der liebe kleine Gott geht durch den Wald Der liebe Gott geht durch den Wald!« – so singt ein altes Lied, aber eine alte Erfahrung zeigt, daß er im Walde nicht jedem begegnet. Die Rehe und Hirsche vielleicht sehen ihn, fürchten ihn aber nicht – er geht ohne Büchse um. Der Pecher-Lenz, im Walde geboren und den Wald seit vierzig Jahren durchstreichend, ist, wie er meint, dem lieben himmlischen Waldgänger noch nicht ein einzigesmal begegnet, wohl aber manchem, vor dem er fluchend ausgerufen: »Ei, der Teufel nocheinmal!« Und doch! Auch der Lenz hat's erfahren: »Der liebe Gott geht durch den Wald.« Sein – des Pechers – Haus steht im Walde; alles ringsum strebt in wilden Büschen und hohen Stämmen himmelwärts, und auf den Wipfeln klingt die Lust – nur das Haus kriecht auf dem Sande, und seine Kammern sind dunkel. Bis ins dreißigste Jahr war der Lenz ein armer Pechersbursche gewesen; dann nahm er sich ein Weib und war nun der arme Pechersmann geheißen. So groß war der Unterschied. Seinem Vater ist's nicht viel besser ergangen. Der ist Waldhüter gewesen, aber von dem hochgelobten Walde war nur das Bitterste sein eigen – das Pech (Harz). Doch ließ sich's dabei leben; die Pecher, wohlgemerkt die ledigen, pfeifen beim Baumschaben heitere Liedeln, und die Terpentiner haben mitunter so schlecht nicht gezahlt. Das Handwerk ernährt seinen Mann – aber nur den Mann, nicht etwa auch noch Frau und Kinder. »Bei Euch in der Waldhütte sollte der Zölibat sein.« sagte einst ein fremder Jäger zum Pecher-Lenz. »Was ist denn das für ein Ding?« fragte der Lenz, »ist's was zum Essen oder zum Anlegen?« Als sich der Fremde näher erklärte, wurde der Lenz fast aufgebracht. Sein ganzes Glauben, Lieben und Hoffen geht auf Weib und Kind. Er selber ist so viel als Bettelmann. Wenn er im Walde ein grünes Reis auf seinen Hut steckt – es ist fremdes Gut. Die Hütte, in der er wohnt, steht auf dem Boden des Herrn Gallheim und ist gebaut aus dem Holze des Herrn Gallheim. Nur Weib und Kind sind sein eigen. Gallheim ist ein flinker Jäger und fröhlicher Lebemann, und ein kleiner Scherz mit der drallen, biederen Pecherin – warum nicht? Anderer Meinung ist der Lenz; der hat dem Gutsherrn darüber etwas Grobes gesagt. Grobsein aber ist nichts für einen armen Teufel; der muß allemal Süßwurzeln kauen, wenn er mit dem »gnädigen Herrn« spricht. Nun, der Lenz hat eben getan, wie er getan hat – wie ich auch täte, an seiner Stelle – und so ist ihm eines Tages ein großer Brief ins Haus gekommen. Der Lenz kann nicht lesen, aber sein Weib hat die unselige Kunst gelernt; er knittert mit Mühe das feine Zeug auseinander; das Blatt bleibt kleben an seinen harzigen Fingern: »Alte, geh', schau', was da drauf steht.« Da drauf stand solches: »An Lorenz Hackbretter im Kesselwald. Demselben diene zur Kenntnis, daß von nun ab forstwirtschaftlicher Rücksichten wegen das Pechschaben nicht mehr gestattet ist. Dawiderhandelnde verfallen der Strenge des Gesetzes. Der Oberförster im Auftrage des Herrn von Gallheim, Gutsbesitzers.« So hatte das junge Weib gelesen. »Nau?« sagte der Lenz, »und sonst nichts mehr? Der paar Worte wegen das viele Papier?« Er steckt die Hände in die Hosentaschen, ging in den Wald und brummte. »Nicht mehr gestattet! Forstwirtschaftlicher Rücksichten wegen, oder wie das Zeug heißt! Nun ja, die Sach' muß einen Namen haben! Allfort hab' ich acht gegeben auf den Stamm; dieser schöne Wald, wie er heute dasteht, unter der Pechschabe ist er aufgewachsen. Und jetzt auf einmal ist's ein Verderben. Sakra, was heb' ich jetzt an!« Gelernt hat er nichts. Wurzeln- und Kräutergraben ist noch das einzige; aber wenn er des Abends heimkehrt von seinen Gängen ist er oft trotzig und launisch, und unwirsch stößt er sein Kind, das Magdale, von sich, wenn es zu ihm herankommt und in Kindlichkeit fragt, was das Reh mache draußen im Walde. Das Reh draußen im Walde? Das bringt den Lenz auf neue Gedanken. Und eines Tages nimmt er den alten Kugelstutzen aus dem modernden Schranke hervor, schleicht damit hinaus, stellt sich an und siehe, harmlos kommt ein prachtvoller Hirsch mit hohem Geweih herangeschritten. Der Mann fährt mit dem Gewehr zur Wange – da sieht er in den Schaft eingegraben das Herz, aus dem ein Kreuz wächst. Das ist das liebe, traute, alte Zeichen, welches sein Vater so gern in Stab und Stiel seiner Werkzeuge eingegraben hatte. Ein Kreuz – der Vater ist arm gewesen; ein Herz – er ist treu geblieben. Das Gewehr entsinkt der Hand des Mannes, und der Hirsch läuft flink über die Matte hin. Ein Herz und ein Kreuz! Er hat Weib und Kind und wird sie mit Kräuter- und Wurzelgraben in Gottes Namen ernähren. Was geschah? Die Hirten taten sich zusammen und verklagten den Wurzelstecher, daß er den Grasboden verwüste. So wurde ihm auch dieses untersagt, und er ging verloren in den Wäldern umher und wußte nicht, was beginnen. Ihr fragt, ob ihm nicht doch der liebe Gott begegnet sei mit einem guten Gedanken? Was helfen gute Gedanken dem, der sie nicht ausführen kann! Wohl aber ein anderer Geist trat ihn bisweilen an, der flüsterte: Lenz, bist ein Mensch, hast ein Recht an die Welt; hast die Pflicht der Erhaltung gegen die Deinen, aber keine gegen Gallheim, keine gegen die reichen Bauernhöfe draußen, keine gegen den Wanderer, der durch den Wald muß. »Hinweg!« rief der Mann in solchen Augenblicken und schlug mit der Faust in die Luft hinein, »ein ehrlicher Mann will ich bleiben. Sakra, das will ich sehen, ob ich's nicht durchsetz'!« Ein Raucher war er. Für all seine Mühe und Arbeit war der persönliche Lohn stets ein Pfeifel. Dieweil er nun keinen Tabak mehr kaufen konnte, beizte er Buchenblätter in Harz und wunderte sich schließlich, wie der Arbeitsmensch so viel Geld ausgebe für ein Ding, das er selber bereiten kann. Magdale gedieh. Sie war nun sieben Jahre alt, war fleißig und brav, und als Weihnacht herankam, hoffte sie auf eine Gabe vom Christkind. Vater und Mutter lächelten bitter. Das Christkind kommt zu den braven Kindern nicht alle Jahre! – Der Lenz hatte an dem Tage draußen beim Klausenwirt wohl eine Semmel und etliche Äpfel erstanden, um damit die Ehre des heiligen Christ zu retten. Aber auch ein Tannenbäumchen soll dazu sein, und Lichteln dran. So war's früher stets gewesen, und so wurde es erwartet. Der Lenz ist am selben Tag wieder nicht daheim. Er streift im Walde herum. Der Boden ist hart gefroren, das Moos knistert unter den Füßen, die Äste hängen, von Eisnadeln des Nebelfrostes belastet, tief herab. Der Lenz wandelt zwischen den Bäumen. Vor manchem jungen Tannenwipfel bleibt er stehen. »Es wäre schon das rechte,« murmelt er, »aber – darf ich denn? – Ich dürfte freilich nicht, aber heute schickt mich das Christkind, das diesen Wald hat wachsen lassen. Mein seliger Vater hat viel tausend Bäume gepflanzt und gehütet – so kann's doch nicht soweit gefehlt sein, wenn ich mir ein Stämmel davon heimtrage für mein klein Dirndl.« Mit Hast fährt er nach seinem Taschenmesser, ein kräftiger Schnitt, und eine zarte Tannenkrone ist geknickt. In diesem Augenblick gellt ein Fluch. Zwei Männer mit Jagdgewehren stehen vor dem Lenz: Gallheim und sein Förster. »Haben wir dich endlich, du verdammter Waldfrevler!« rief der Förster. »Schon seit lange werden von boshafter Hand in unseren Wäldern Bäume geknickt. Dieser Lump da tut's!« »Ho ho,« brummte der Lenz, »nicht not, daß Ihr mich so anknurrt! Ich bin kein Lump, ihr Herren!« »Was denn?« sagte Gallheim. »In böser Absicht hab' ich mein Lebtag kein Zweigl vom Ast gebrochen.« »So? Und dieser Wipfel, der weder einen Spatenstiel, noch ein Stück Brennholz gibt?« »Zu Gnaden, Herr – für's Kind daheim ein Christbäumel.« »Die Ausrede ist nicht übel,« lachte Gallheim, »aber einen ertappten Dieb und Waldfrevler läßt man nicht laufen. Förster nehmt mir den Lungerer fest; die sichere Kammer wird ihm über die Festtage wohlbekommen.« Der Lenz zerstampfte den Moosboden. »Schau, du großer, gestrenger Herr,« sagte er knirschend, »das Moos ist auch nicht mein eigen, und ich zertrete es doch. Klag' mich! Die Luft ist auch nicht mein eigen, und die ich ausatme, mußt du vielleicht wieder einatmen – gnädiger Herr, du armer Schelm!« Damit machte er es nicht besser, aber in ihm kochte Trotz und Wut. Einerseits sah er's, er war ein Dieb; anderseits fühlte er's, es geschah ihm Unrecht. Finster grub er seinen Blick in den Boden, ließ sich fesseln und davonführen. Und das Tannenbäumchen blieb liegen auf dem frosterstarrten Boden, und statt der Christlichter glitzerten Eiskörner an den Zweigen. * Da hat sich an jenem Tage etwas zugetragen, das ganz so aussah, als hätte sich das Christkind für den armen Wäldler ins Mittel legen wollen; das liebe Christkind, welches den Reichen wohl glänzende Gaben bescheren mag, es heimlich aber doch lieber mit den Armen hält. Im Arrest hatten seit langem schon die Spinnen ihre Webstühle aufgerichtet. An diesem Weihnachtsabend nun wurden sie durch den Pecher-Lenz ein wenig gestört. Der Lenz zerriß sich seinen Bart vor Schmerz und Wut. Er dachte an sein schutzloses Heim, in welchem ihn heute die Seinen vergeblich erwarten würden: das Weib in Furcht und Angst; das Kind schluchzend, bis es einschläft – das ist ihre Weihnacht. Und er, der Lenz, der sich gehütet hat sein Leben lang, daß er ein ehrlicher Mann verbleibe, sitzt im Gefängnis, wo vor ihm der Räuber saß, wo nach ihm der Strolch sitzen wird. Das ist seine Weihnacht! – Zornig ob des Waldfrevlers und befriedigt zugleich, denselben erwischt zu haben, kehrte Gallheim in sein Herrenhaus zurück. Dort war Wirrnis und Jammer. Theobald, der zehnjährige Sohn des Herrn, war, wie gewöhnlich, am Nachmittage auf seinem Schimmel ausgeritten. Das Haus stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert und besaß eine Waffenkammer, in welcher sich mancherlei Rüstzeug befand. Nun war es heute dem Knaben eingefallen, derlei vom Reitknechte glätten und putzen zu lassen, daß es glänzte, und an sich zu hängen. So war er mit Blechwams und Helm und Schwert ausgezogen. Ein junger Ritter, dachte er an die Turniere und an die Burgfräulein, die er begehren und erstreiten wollte – und das feurige Roß trabte hinaus in den finsteren Wald. Die übliche Reitstunde ging vorüber – Theobald kehrte nicht zurück. Es begann zu schneien, es begann zu dämmern, – er kehrte nicht zurück. Als der Hauswart im Hofe die Laternen anzündete, rannte der Schimmel schnaubend und mit hochfliegender Mähne zum Tore herein. Aber auf dem Rosse saß kein Reiter. Jetzt ging das Entsetzen an. Die Mutter fiel in Ohnmacht. Der Vater schoß planlos umher. Die Dienerschaft stob verwirrt durcheinander; das Gesinde jammerte über den »lieben, guten, jungen, gnädigen Herrn«. Die Knechte sprengten auf Pferden zum Tore hinaus. Der Wächter läutete in seiner Kopflosigkeit die Sturmglocke. Die Frau des Hauses war die erste, welche wieder zur Besinnung kam. Sie eilte in den Schnee, in die Nacht hinaus; laut und hell rief sie ihr Kind, bis die Stimme versagte. Durch Heide und Wald irrte sie, und wo ein Kreuzbild stand, da sank sie auf die Knie und rang die Hände. Herr Gallheim hastete wie ein gehetztes Wild über Berg und Tal; das Reh und der Edelhirsch, nach denen er sonst so gierig sein Feuerrohr gerichtet, flohen erschreckt und lugten aus Verstecken hämisch auf ihn hin. In der Finsternis stolperte Gallheim über ein gebrochenes Bäumchen. Der Tannenwipfel war's, weswillen der Pecher-Lenz im Gefängnisse lag. »Auch dieser Mann hat ein Kind!« so rief es in ihm. Er eilte weiter und stieß in sein Horn. Die ganze Bewohnerschaft des Herrenhauses irrte im Walde. Der Pecher-Lenz war zu dieser Stunde fast der einzige Bewohner im großen Gebäude. »Das ist eine schlimme Weihnacht!« sagten die Suchenden zueinander. »Wir werden morgen einen traurigen Christtag haben!« Und sie stießen ins Horn und lauschten; sie feuerten Schüsse ab und horchten vergebens auf ein Gegenzeichen. Wohl, sie vernahmen Schreie, aber das waren die der anderen Sucher. Keiner hatte eine Spur, keiner wußte Rat. Endlich begann ein wildes Gestöber; der Sturm rüttelte in den Stämmen und erstickte den Schall der Hörner. Die Schneeflocken tanzten wie rote Sternchen um die Pechlunten; da sagte einer: »Der Herrgott legt schon das Bahrtuch darüber.« * »Das ist eine schlimme Weihnacht!« so seufzte auch das Weib des Lenz im Waldhause. Sie ging von einem Fenster zum andern, eilte bei jedem Geräusch an die Tür – aber er kam nicht. »Der Vater wird noch zum Christkind zu spät kommen,« meinte das kleine Magdale. »Weiß Gott,« antwortete die Mutter halb für sich, »zu spät für das Christkind wird er nicht kommen. Aber so lange ist er noch nie ausgeblieben. Mir ist heute den ganzen Tag bange. Geh' ins Bett, Magdale.« Jetzt klopfte es ans Fenster. »Gottlob! Gottlob!« Aber er war's nicht. Ein verspäteter Holzhauer ging vorbei, der rief durch die Scheibe herein: »He, Muhme, was hat er denn angestellt?« »Wer?« »Er!« »Ich weiß nicht, was Ihr meint,« fragte das Weib. »Die Muhme wüßte es gar nicht? Na, so sage ich auch nichts. Das Beste wird sein, die Muhme laßt mich heut in ihr warmes Stübel hinein.« »Ich laß niemand ein. Mann! Lenz!« rief sie gegen den Ofenwinkel hin. »Tue sich die Muhme nicht foppen,« lachte der Holzknecht draußen, »der Lenz ist heute nicht daheim – das weiß ich recht gut – und kommt auch nicht heim.« Sie stürzte zum Fenster hin: »Wißt Ihr was? Wo ist er denn?« »Mir sind sie begegnet,« berichtete der Holzer, »er hat den Hut im Gesicht gehabt, aber ich habe ihn doch erkannt. Die Hände sind ihm gebunden gewesen.« Das Weib tat einen Aufschrei. Der Holzhauer ging weiter. Und so ist anstatt des Christkindes im Waldhause der Jammer eingekehrt. Vielleicht als Vorbote nur. »Geh' schlafen jetzt!« sagte die Mutter zum Mädchen. Magdale blickte verwundert auf. War denn nicht Christabend? Das Weib hielt ihr Weinen zurück, das einzige, was sie ihrem Kinde tun konnte. Immer und immer wieder blies sie in die Glut des Herdes, und es wollte nicht brennen; so oft der Span verlosch, war es dem Mädchen, als hörte es irgendwo ein Schluchzen. Dann fragte es wieder nach dem Vater. »Sei still!« gab das Weib endlich unwirsch zur Antwort; bald setzte sie weicher hinzu: »Der Vater sucht das Christkind und hat sich im Walde ein bissel verirrt.« »Er wird es schon finden,« meinte das Magdale, »der kleine Gott geht durch den Wald, das Christkind hat gewiß ein goldenes Röckel an. Das tut schon leuchten.« »Freilich,« sagte die Mutter. Tiefer und tiefer ging es in die Nacht hinein. Draußen rauschte der Wind, und die Fensterwinkel waren vollgestopft von frischem Schnee. Im weiten Lande ist Glanz und Freude in dieser heiligen Nacht... Das Weib des Pechers zündete eine rote Kerze an. Mehrmals hatte die Kerze schon geleuchtet – es war ein trüber Glanz. Als der Vater des Lenz gestorben war, da hatte sie gebrannt; als in einer wilden Gewitternacht die Lawine vom Schollberge niederfuhr und das große Wasser gegen dieses Haus tobte, hatte sie gebrannt. Die rote Kerze sollte brennen, wenn einstmals nach diesem Leben der Lenz und sein Weib das Auge schließen müßten im Waldhause. Es war die Sterbekerze. Und jetzt, da des Hauses ältester Bewohner, der ehrliche Ruf, gestorben war, jetzt brannte sie wieder. Das Weib kniete vor dem Lichte nieder und betete zum Jesukinde. Sie betete nicht in wilder Leidenschaft, wie die vornehme Frau, sie betete mit Ergebung: »Ich lege, du heiliges Kind, mein Anliegen in deine Hände. Böses kann er nichts getan haben; es ist ja meine tägliche Bitt', daß ihn sein Schutzengel nicht sollt' verlassen. Aber mit gebundenen Händen! Hätte er denn doch gewildert, um dir zu Ehre, du heiliger Christ, einmal ein Stückel Fleisch heimzubringen? Armut und Sorge, o Gott, wie gern erträgt man's, nur nicht Schand' und Schmach!« »Jetzt sind sie draußen,« flüsterte das Magdale plötzlich. Und wahrhaftig, es war nicht das Klopfen des Windes – das war ein Pochen an der Tür. Sogleich erfaßte das Weib die Kerze und eilte, zu öffnen. Ein fremder Knabe stand vor ihr. Ein seltsamer Knabe; er hatte ein leuchtendes Kleid an. Die langen Locken waren voll Eis, die Augen voll Wasser. Vor Frost zitterte er und bat um Obdach. »Ist denn kein Mensch bei dir?« rief das Weib. »Bist du allein? So komm, so komm nur!« Und sie fächelte den Schnee von seinen Kleidern, aber die Brust blieb leuchtend. »Du liebes Christkind,« lispelte das Mädchen voller Andacht, »da setz' dich zum Ofen und wärme dich.« Und immer wieder fragte das Weib, wo er herkäme, wer er wäre? »Ich bin Theobald Gallheim,« antwortete endlich der Knabe. »Ich bin ausgeritten; da sind Wildhühner aufgeflogen, das Pferd ist scheu geworden und hat mich abgeworfen. Ich bin herumgegangen, bis es finster geworden ist. Dann ist der Wind und der Schnee gekommen, und ich habe gar nichts mehr gehört und gesehen und bin gefallen. Bin doch wieder weitergegangen lang und lang, und dann habe ich das Licht gesehen. Laßt mich liegen in Eurem Hause, und tut mir nichts Böses! Mein Vater wird schon kommen!« Das Fieber schüttelte ihn, als er das sprach. Das Weib hatte Mühe, ihm die Schuhe von den Füßen zu bringen; sie waren schier angefroren. Der Knabe ächzte vor Schmerz; die Pecherin legte ihm kaltes Grubenkraut auf die froststarren Hände und Füße, dann brachte sie heiße Milch und führte den Löffel selbst zu seinem Munde. Das Magdale war ein wenig zutraulich geworden. Und doch furchtsam schlich es spähend um den Knaben herum, schaute seine zarten Locken und seine weißen Wangen an und seine glänzende Brust und seine Augen. »Du armes Christkind, ist es doch richtig wahr, daß du so viel Kälte leiden mußt!« Das Weib trug von allen drei Betten, die in der Stube standen, die Kissen zusammen und baute damit auf der Ofenbank dem kleinen Gaste ein Lager. Theobald legte sich hin, dann fielen ihm auch schon die Augen zu. Dem geängstigten Weibe war leichter ums Herz geworden. Ihr war dieser Knabe, der in der Christnacht hilflos zu ihr gekommen, ein gutes Vorbedeuten. Das Magdale, das gar nicht schlafen wollte, zerstreute sie mit alten Weihnachtsliedern: »Ach, wie friert das göttlich Kind, Wie geht nicht aus und ein der Wind – Es liegt auf Heu und Stroh. Ei, wenn ich nur das Häuserl hätt', Das dort unt' im Dörferl steht, Wie wär' ich doch so froh! Ich nähm' die Mutter mit dem Kind, Tät's führen in mein Häuserl g'schwind!« Dabei unterbrach sich die Sängerin und horchte auf den Atem des Schlummernden; und das Magdale saß daneben und faltete die kleinen Hände ... Gellender Waldhornschall draußen! Dem Weibe blieb das Lied in der Kehle stecken. Draußen schwere Tritte, die Tür geht auf, über und über beschneite Männer treten herein, unter ihnen eine schöne Frau. Die Pecherin tat einen scheuen Blick auf die polternden Ankömmlinge, legte den Finger auf den Mund und wies auf den schlafenden Knaben. Kaum erblickte diesen die eintretende Frau, als sie mit einem Freudenschrei auf den Schläfer zustürzte. Der Knabe fuhr empor und blickte um sich. Und sah in dieser Hütte sich und seine Mutter. Sogleich wurde auf dem nahen Feldhügel das Zeichen geblasen: Gefunden! Gefunden! – Da kam auch Herr Gallheim. Alle kamen sie hier zusammen, und noch nie hatte das kleine Haus im Walde so viele und so fröhliche Gäste gesehen, als in dieser Nacht. Dem reichen Manne barst schier das Herz. Da sah er seinen Sohn so liebevoll gehalten von der Familie dessen, den er heute – – Den schnellsten Reiter sandte er nach dem Herrenhause, um die eiserne Tür zu öffnen. Sie waren alle noch beisammen, als der Lenz in einem vornehmen Wagen, bespannt mit zwei Rappen, angefahren kam. Zur Stunde ging schon der Morgen auf. »Verzeiht mir! Verzeiht mir alle drei! Ich will es gutzumachen trachten!« rief Gallheim. »Das Pechhacken, Lenz, das tut Euch schlecht und den Bäumen nicht gut. Aber die Förstersstelle wird frei, und zu Christbäumen für Eure Nachkommenschaft haltet von heute an dreißig Joch Waldgrund als Euer eigen.« Na also, Magdale! Da wird der liebe kleine Gott ja noch oft durch den Wald gehen! Der Fremde im Vaterhause Die Tür geht auf, in den Saal tritt der Institutsvorsteher. »Anderlacher Franz!« ruft er. »Hier!« antwortet ein zwölfjähriger Junge aus dem Pustertale. Ja, das war der Anderlacher Franz, der Sohn des Hegers, »unter der Alm«, den sein Vater nach Innsbruck geschickt hatte, um »geistlich« zu werden. »Ein Brief!« sagte der Vorsteher. »O je!« riefen die andern Jungen, »ein blinder – der hat keine roten Augen!« Der Anderlacher Franz war fast der einzige im Institut, der niemals einen jener Briefe bekam, welche durch die fünf roten Augen des Petschafts den Empfänger so freundlich anlachen. Franzens Vater wußte nicht, daß ein Mensch, wenn er zu essen und zu trinken, ein Gewand und ein Dach hat, auch noch Geld brauchen könne. Sein Bauernhaus lag im Gebirge – für ein Bauernhaus zu hoch, für eine Almwirtschaft zu tief, für ein »Kleingütel« gerade recht. Macht nichts. Wenn aus diesem Hause ein geistlicher Herr hervorgeht, dann hat es mehr, als seine Schuldigkeit getan. Nun, der kleine Franz drängte sich freudig zwischen seinen Kollegen durch, um den Brief in Empfang zu nehmen. Damit begab er sich eilig hinaus auf den langen Gang zu einer Stelle, wo durch das Hoffenster Licht hereinfiel; er wollte nicht, daß ihm beim Lesen ein neugieriges Auge über die Achsel gucke. Das Schreiben war zwar von seinem Vater, aber es war doch wieder nicht von seinem Vater – und die Genossen brauchen es nicht zu wissen, daß sein Vater nicht schreiben kann. Und richtig, der Franz kennt die Schrift sogleich – der Herr Pfarrer von St. Agnes ist es wieder. Der gute alte Herr hat den Jungen selbst nach Innsbruck gebracht und seitdem schreibt er ihm alles nach, was daheim vorgeht und was Vater, Mutter, Ahne, Schwester und Bruder ihm sagen lassen. In dem heutigen Briefe steht solches zu lesen: »Lieber Franzel! Ich hoffe, daß Dich diese Worte in guter Gesundheit finden werden, wie Du ja vernünftig bist, dieses größte Geschenk Gottes dankbar zu behüten. Durch das Semesterzeugnis, welches Du Deinem letzten Briefe beigelegt, hast Du den Deinen und mir eine rechte Freude gemacht. Besonders freut es mich, daß es mit dem Latein so gut geht; das Rechnen wird sich schon machen. Nur fort so, lieber Franz! Bei Deinen Eltern ist alles wohlauf, Dein Vater sagte mir, daß die Großmutter schon die Wochen zählt, bis Du auf die Vakanzen kommst. Es sind deren nur mehr neun. Wir wollen dann recht heiter sein und darfst mir nicht jeden Tag auf den Berg hinauf, bleibst im Pfarrhof, und bis dahin wird auch die neue Kugelbahn fertig sein. Bei Deinen Eltern daheim wirst ohnehin keinen Platz haben. Dein Vater, scheint es, will Dir die Sache nicht schreiben, aber ich muß Dir's doch verraten, was daheim vorgeht. Vor einiger Zeit – ich glaube, es ist schon drei Monate – haben sie bei Dir daheim Einquartierung erhalten. Sie ist unbequem und ganz absonderlich. Ein junger Mensch ist gekommen und der hat sich festgesetzt und läßt sich gar nicht mehr fortbringen. Und das nicht genug, er nimmt das ganze Haus in Anspruch und will bedient sein; ist dazu noch unglaublich wählerisch an Nahrung und allem, was man ihm aus Güte tut – kurzum, er spielt den Herrn im Hause. Die Leute müssen noch freundlich mit ihm umgehen und allerlei Rücksichten beobachten – ich weiß nicht, ob sich der junge Student mit diesem wird vertragen können. Nun, es wird sich alles tun, Franzel, bleibe nur hübsch brav und vergiß nicht auf Deine Eltern und auf Deinen väterlichen Freund Bernhard Paumgartner, Kurat zu St. Agnes.« Dem Briefe beigelegt, in ein feines Papier gewickelt, war ein Guldenschein, über den sich der Knabe den Kopf zerbrach, was der Pfarrer von St. Agnes aus der Stadt dafür geschickt haben wollte. Im Schreiben fand sich darüber keine Bemerkung. Aber noch mehr Kopfzerbrechens verursachte dem Burschen der Bericht über den seltsamen, fremden Menschen, der in sein Elternhaus gekommen sein soll. Warum ihn nur der Vater nicht fortschickte, wenn er so herrisch und zuhabig ist? Im Hause ist ohnehin nicht überflüssig viel Sach', was soll noch ein Fremder mitschmarotzen! Ob denn der Vater etwa einen Gläubiger hat, der sich so unsauber eindrängt? Ob er nicht gar etwa das Haus an jenen verkauft hat? – Nein, nein, heimlich, das tut der Vater nicht. Der hat kein Geheimnis vor der Mutter und die Mutter hätte mir's sicherlich schreiben lassen. Oder? – Jetzt hatte er's und das war's – albern, daß es ihm früher nicht eingefallen. Ein Exekutionssoldat. Hatte der Vater nicht so oft erzählt von Exekutionssoldaten, die vom Amte dem Bauer ins Haus geschickt werden, wenn der nicht zur rechten Zeit die Steuer erschwingen kann? Werden ins Haus geschickt und bleiben sitzen und lassen sich gut geschehen und spielen den Herrn, bis das Geld erlegt wird. Und da bläht sich hernach so einer auf, und je mehr er – sagt der Vater – in der Kasern' hat kuschen müssen, je närrischer stranzt er sich und muß alles zuweg sein, was er verlangt. – Der Franzel selber hatte einen solchen Schüsselreiter gekannt. Ein Kroat war's, konnte auf deutsch nur Braten, Butter und Kuchen sagen und wenn die Mutter nicht jeden Tag damit aufzuwarten vermochte, etliches auf deutsch gotteslästerlich fluchen. Der Vater fand sich beim Steueramt um einige Gulden im Rückstand, weil das für dasselbe Jahr zu verkaufende Stück Vieh in einen Abgrund gestürzt war. Nun blieb der Soldat so lange im Haus, bis der Anderlacher bei guten Nachbarsleuten das Geld zusammengebracht hatte. Das währte wochenlang, der Kroat aß dreimal so viel auf, als was das Steuergeld ausmachte, lag größtenteils auf der Ofenbank und vernebelte des Vaters Tabak oder er ging im Kuhstalle um und stellte der Magd nach, die vor ihm kreischend davonlief, wie die Henne vor dem Geier. Bis endlich das Steuerbüchel gedeckt war, hatte der Kerl auf gut deutsch schelten gelernt und ohne »Vergeltsgott« und ohne »Dankdirgott« ist er davongegangen. Kein Zweifel, so einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß Gott wo sonst überall herum. In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter anderen die zwei Fragen: »Ist der lästige Mensch noch im Haus und was soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?« Antwortete wieder der Pfarrer: »Der Mensch ist immer noch im Hause und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir's nicht geschrieben habe, so hättest Du Dir's selber denken können. Heute liegt das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten Dich mit Freuden.« Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer – aber diese verdächtige Einquartierung daheim! Die Vakanzen sind da. Als der Franzel sein Zeugnis bekommt, muß er an sich halten, daß er nicht laut aufjauchzt; das täte sich im Lehrsaal doch nicht schicken. Der Franzel ist in seiner Klasse der Erste. »Das gibt noch einen Bischof,« scherzte der Professor. »Vor Zeiten zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt dir aber nichts einbilden, Anderlacher.« Bischof hin und Bischof her – der Franzel geht jetzt heim auf die Alm. Da gibt's Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf des Kronenwirts Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht läßt sich sogar mit dem Exekutionssoldaten was anfangen: leiht er nur sein Gewehr – im Schachen gibt's Spatzen. Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt sein graues Jäcklein mit dem Samtkragen um, dann das Seitentäschchen, legt noch die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. O, dieser Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat's nicht anders getan, hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige Stund', wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was für ein Wetter einfalle. So nahm damals der Junge das Unding, das größer war, als er selber, unter den Arm und trug es in die Stadt Innsbruck. Dort bei den Kollegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen ihn hin und her wie fürwitzige Böcklein. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den Schuldiener bat, das rote Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er ihn wieder nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol – und fröhlich ging's der Heimat zu. Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so taufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was ging ihm das Herz auf! An der Sill schnitt er sich einen Haselstock, den braucht er unterwegs, und kommt er heim, so mag's etwan auch nicht schaden, wenn der fremde Mensch sieht, er bringe so was mit. * Am Samstagabend ist's, vor Jakobi. Im Hause unter der Alm ist's schon um drei Uhr Feierabend. Der Samstagabend gehört unserer lieben Frau. Der Hausvater läßt die Arbeit im Walde ruhen, kommt hemdärmelig, wie er an Sommertagen stets umgeht, ins Haus. Auf dem Filz hat er auch immer die Hahnenfeder, die holt er sich gelegentlich selber von der Luft herab. Mit heiler Haut kommt er selten vom Hage heim, hat's an den Kleidern keinen Riß, so gibt's am Finger eine Schramme. Es ist wohl wahr, er ringt mit der Arbeit trotz, wenn er dabei ist. Ihr seht auch kein Fleckel an seiner Hand, an seinem stets luftigen Brusthemd, an seinem Gesicht, auf welchem nicht einmal eine Wunde war. Vernarbt und verwegen sieht er aus, der knorbelige Mann mit dem buschigen Schnurrbart; da er jetzt in die Stube tritt, sagt er zu seinem Weibe: »Du, Mutter, klenk' (nadle) mir das Leible z'samm!« Wahrhaftig, das Leible (die Weste) ist arg auseinander, aber die Hausfrau setzt sich auf den Schemel: »Na, duck' dich her, Vater!« und bald ist alles geschlichtet. Jetzt schickt er sich an, seine Pfeife zu laden – geschnitzt hat sie der Rinleger-Sepp. Und das barfüßige Tonele muß mit dem funkelnden Stahlzänglein in die Küche um eine glühende Kohle. Dieweilen kommt schon das Büble gesprungen, klettert auf des Vaters Knie, will »reiten nach Wien, in die Kaiserstadt hin«, und das Maidle kettet dienstfertig des Vaters Lendengurt loser und das Kleinste – das erst seit kurzem seine eigenen Händchen entdeckt hat, und wie sie brauchbar sind zum Anpacken – langt nach der Pfeifenquaste oder gar kecklich nach dem »Schnauzbart«, unter dem von Zeit zu Zeit – der Anderlacher ist haushälterisch im Genuß – ein dünnes Rauchwirbelchen hervorquillt. So sitzt er mitten unter den Seinen und schaut ernsthaft drein – aber inwendig, da schmunzelt sein Herz. Er spricht nicht von Glück, aber er hat es. Warum nur die Weibsleute keinen Feierabend haben? Der Rinleger Sepp ist ein alter Spintisierer, der erklärt alles, der weiß auch, warum an Samstagen die Weibsleute keinen Feierabend haben, sondern bis spät in die Nacht in Haus und Scheuer beschäftigt sind, während die Mannsleute schon ihren Vergnügungen nachgehen, oder ihrer Ruhe obliegen. »Denen mit dem langen Haar und mit dem kurzen Verstand hat Gott desweg die Samstagsrast versagt, weil sie doch nicht täten rasten, sondern vor dem Spiegel stehen und Haar flechten und Hoffart betreiben. Da ist's gescheiter, Kübel waschen, Töpfe scheuern und Fußboden reiben. Wollen sie schon was putzen, so ist's von wegen der himmlischen Freud' besser, sie putzen was anderes, als sich selber.« Das Maidle soll noch mit dem Garnsträhn fertig werden, der über den Haspel gespannt ist; denn wenn über den Sonntag im Hause ein unabgezogener Faden bleibt, sei's am Rocken, sei's am Haspel, sei's am Spulen, sei's beim Nähkorb – so kommt gleich die Maus der Gertrudis und beißt den Faden ab oder webt allerlei Verdruß hinein. Die Anderlacherin hat eben auch keine Ruh', sie ist ein recht »g'schmackiges« (anmutiges) Weib, sie schafft an der Wiege, 's ist ein süß' Geschäft, süßer als Feierabend. – Das sagt auch die alte Ahndl (Großmutter), die sich ebenfalls um die Wiege zu tun macht und nicht eher Frieden findet, als bis sie den Platz erobert hat. Der »süße Namen« JI ± IS, der zu Häupten der Wiege gemalt ist, macht's nicht aus; aber das Büberle, das Lieberle, was drinnen liegt! Geschaukelt will der kleine Martin sein, wenn er ihnen den Gefallen tun soll, jetzt, da noch die sonnengoldigen Bäume zum Fenster hereinschauen, schon zu schlafen. »Kindlein haben gut schlafen,« meint die Ahndl, »Kindlein träumen immer vom Himmelreich.« Sie schaukelt und singt: »Nutz Heidl, mei Schatz, Auf'm Ofen steht die Katz, Die schwarze und die weiße, Die will das Büble beiße. Nutz hei ab, nutz hei ab, Das Katzl lauf den Steig ab, Lauft ein schwarzes Hündl nach, Beißt dem Katzl 's Füßel ab. Nutz Heidl Grüne Stäudl Rote Beerl dran, 's Büble schlaft schon.« Das alte Mütterlein lullt sich dabei schier selber in den Schlaf, das Martinele hingegen tut die Äuglein hell auf und zappelt mit den Beinchen unter der Decke und just heut' will es nicht zur Ruh' kommen, abgesehen von der Ahndl tragischem Gesang, der ja gar nicht ernst ist, weil sie allemal ein lustiges Gesicht dazu macht. Heute ist auch sonst kein Fried' im Haus – ein Poltern vor der Tür und schnurgerade will der Hund von der Kette ab und – sonst doch ein so gescheites Tier – bellt er und jauchzt wie närrisch. »Geh', Maidle, schau, was draußen hergeht.« Das Maidle macht kaum die Tür auf: »Herr Jesseles, der Franzel!« Ein Geschrei durchs kleine Haus: »Der Franzel ist da!« Ein Herbeistürzen aus der Küche, aus der Kammer, vom Hofe herein. Nur der Vater – so sehr ihm auch die Freude aus den Augen zuckt – trottet langsam, er weiß, der Junge läuft ihm nicht davon. Die Mutter, schier schämig vor dem Herrn Sohn, wischt mit der Schürze den Arm, daß er tauglich wird zum Willkomm; sie denkt: ein bissel wird sie wohl schon geweiht sein, seine Hand. Das geschäftige Maidle hat ihm die Reisetasche abgenommen und den Regenschirm – gottlob, diesen Regenschirm! Vom Kronenwirt die Burga bringt den Handsack herein. So kommen sie zusammen ... »Gott Ehr' und Dank, daß du da bist!« schreit die Mutter. »Grüß Gott, Franzel!« sagt der Vater schmunzelnd. Der Franz sagt gar nichts, er lächelt nur ein wenig und da hat er richtig noch seine beiden Grübchen hinter den Mundwinkeln! – Man weiß nicht, ob sie sich alle die Hände gedrückt haben; Kuß hat's keinen gesetzt. So ein Küssen ist nicht der Brauch dort im Gebirge, wo die Tannen wachsen. Sie täten sich schämen. Die Ahndl ist im ersten Freudenschreck in den hintersten Ofenwinkel gerannt und an ihre Rockfalte hat sich das größere Knäbel geschmiegt, dem ist diese Rockfalte zu aller Zeit der sicherste Hort. Nun schleicht das Mütterlein mählich hervor und luget unter der Achsel dessen durch, der dort Vater, hier Sohn ist, ihr Kind, das ihr die anderen Kleinen in den Arm gelegt. Sie luget auf den Franzel hin. »Gewachsen!« murmelt sie, »gottunmöglich gewachsen!« Und endlich fällt sie drein mit ihren Herzensworten und hält dem schönen heimkehrenden Enkel zitternd die alten Hände entgegen. »Und bist heut' schon von Bruneck her?« fragt der Anderlacher. Drauf ist die Sprache vom Wege und daß ihn das letzt' Wetter rechtschaffen zerrissen hat, und ob der Brunecker Postmeister den Schimmel vom Kronenwirt noch habe? – Was schiert er sich jetzt um solche Sachen, der Anderlacher, aber er will reden und es fällt ihm gar nichts anderes ein. Das alte Mütterlein kann sich länger nicht mehr halten. »Du, Franzel,« lispelt sie dem Jungen zu, »jetzt haben wir aber einen im Haus, den du noch gar nicht kennst!« »Ja richtig!« sagt der muntere Student, »der Pfarrer hat mir's geschrieben, hat sich der Kerl noch nicht getrollt?« Sie schauen sich gegenseitig an. »Sicherlich wieder so ein Soldat?« Jetzt wendet sich die Mutter, daß der Blick frei wird auf die Wiege, jetzt hebt sie das kleinwinzige Martinele auf: »Ja, Franz, der ist gekommen, dieweilen du z'Innsbruck bist gewesen.« Da macht der Bursche große Augen: Der! »Er will dein Bruder sein,« sagt die Mutter. Der Franz ist still und macht ein merkwürdig herziges Gesicht. – Noch in der Reiserüstung streckt er die Arme aus nach dem Brüderl. Aber der Kleine sträubt sich baß, stemmt das nackte Händchen trotzig gegen des Angreifers Brust, dann halb in Furcht und halb im Vertrauen blickt er ihm wie sinnend ins braune Auge und jetzt will's ihm schier bedünken, dem kleinen Martinele, der junge Mann hätte gute Ähnlichkeit mit dem Tonele, mit dem Maidle und mit den andern. Der Maler – Franz Defregger ist sein Name – hat diese herzige Gruppe geschaut und in einem Bilde, »Die Brüder« genannt, zu unserer Lust dargestellt. Und das kleine Martinele, ein wenig zurückhaltend noch, aber im ganzen nicht ungern, trachtet es hinüber zu dem, der es so liebherzig anblickt. Glücklich ist die Mutter und der Vater luget gar stolz und vergnügt auf die zwei Buben, als wollt' er zu jedem der beiden sagen: Schau, da hab' ich noch so einen! – Ja, gottlob, die Tiroler kommen nicht ab; unter der Alm stehen sie nach der Orgelpfeife, und der Rosenkranz, noch ist er nicht zu Ende! Drauf schielt er schalkhaft hin, was sich der zwölfjährige Bursch nur dabei denken mag. Und dem Großmütterl wird jetzt warm bis in die Zehenspitzen hinab und sein altes Auge leuchtet noch einmal auf und sein Fühlen ist Segen und nichts als Segen für die Brüder, die sich so gefunden. Wie ihre Arme, so sind nun ihre Leben ineinander verschlungen, sie werden zusammenstehen in unlöslicher Brüderlichkeit auf dieser harten Welt. Großmutter sieht den Tag, da steht das Martinele vor dem Altäre in der Kirche zu St. Agnes, aber nicht mehr so klein als heute; zu seiner Seite die Braut, rechtschaffen und schön – und aus der Sakristei kommt der Bruder, der geistliche Herr, und gibt, treuen, feuchten Auges wie heute, dem Martinele das, was er selbst nicht hat – ein liebes Weib. Die Fahnelträgerin Am Ende leitet der Verein für Priesterschutz eine Verfolgung gegen mich ein, wenn ich wieder einmal einen schalkhaften Landpfarrer aufzeige. Ich habe an solchen Schalken im Talar halt einmal meine besondere Freude, es ist an ihnen so etwas Deutschderb-Christliches und seit Abraham Santa Clara hat mancher Eulenspiegel in der Kirche manche schläfrige Seele mit einem hellen Lachen aufgeweckt. Da oben im Gebirge, in dem kleinen weltentlegenen Wildalpen, soll er gelebt haben, mein lustiger Pfarrer, ich habe ihn persönlich nicht gekannt, denke mir ihn aber als einen behäbigen ältlichen Herrn, der die Gaben Gottes, soweit sie in Wildalpen geboten werden, nicht verschmäht, mit derbem Wort und gerader Tat der Wahrheit die Ehre gibt und die Frömmigkeit, wenn sie ihm zu süßlich wird, gerne mit einer dreisten Schalkheit würzt. Von seinen Predigten spricht man noch heute, es sei ihm gerade gut zuzuhören gewesen. Weil er den Nagel stets auf den Kopf getroffen, so hätten ihn auch die vernagelten Köpfe wahrgenommen. Weitum war es bekannt, daß der Pfarrer von Wildalpen so possierlich predigen täte. Selbst in das neun Stunden entfernte Eisenerz hinüber war sein Ruf gedrungen. Dort kannten ihn etliche Krämer und Wirte sogar persönlich, weil er mehrmals des Jahres über das Gebirge herüberkam mit einem alten Buckelkorbe, um Kochsalz, Schnupftabak, Schreibzeug und andere Notwendigkeiten einzukaufen, die damals in seiner Wildnis zeitweise nicht zu haben waren. Wie ein Hochgebirgler kam er daher in Knielederhose, grünen Wadenstrümpfen und grobgenagelten Bundschuhen. Nur sein Kollare hatte er um den Hals gebunden und auch den Handküssen der Weiber und Kinder wehrte er nicht; das ist ja nicht dem alten Adam in mir vermeint, sagte er, sondern der heiligen Weih, die auch hinter der Lederhose überallhin mitgeht. Manchem halbgewachsenen Dirndl griff er ans Goderl: »Na, wie du aber wachst, Annamirl, das ist frei aus der Weis', da muß ich dir ja bald einen braven Mann suchen! Na, tu' nur schön brav bleiben; Gott behüte dich!« Da war es einmal, daß mehrere Eisenerzer Herren sich verabredeten, sie wollten doch einmal eine Bergtour machen nach Wildalpen hinüber, um den possierlichen Pfarrer predigen zu hören. Und das taten sie, ihrer fünf oder sechs, auch der Bergverwalter und der Rentner waren dabei, und der Zolleinnehmer, der schon seit Jahren inwendig keine Kirche gesehen und dessen Hosen immer nur beim Sitzteil, nie aber bei den Knien zu flicken gewesen, weil er wohl auf den Wirtsbänken, aber nie in einem Betstuhl daheim war. Am Vorabend gingen sie bis zu einer schlechten Hütte auf der Eisenerzerhöhe, um am nächsten Tage, einem Sonntage, rechtzeitig zur Predigt in Wildalpen einzutreffen, was sie auch nach angestrengten Märschen zuwege brachten. Das Kirchlein war schon gefüllt mit Andächtigen, und die vornehmen Gäste bargen sich möglichst hinter den Pfeilern, um von dem Pfarrer nicht etwa unzeitig bemerkt zu werden. Der mußte sich doch mit seinen Bauern allein wissen, um nach guter Gewohnheit loszulegen. Daß vor der Predigt in der Sakristei der Pfarrer und der Küster die Köpfe zusammensteckten, ist dem Erzähler wohl bekannt, aber die andern wußten es nicht. Und ist zu sagen, daß die Eisenerzer Herren mit Spannung auf die Predigt warteten, obschon dem dicken Rentmeister das Stehen gleich zum Beginne sauer ankam. »Grobe Wetter dauern ja nicht lang,« damit trösteten sie sich. Endlich erschien der Pfarrer auf der Kanzel. Ganz gleichmütig las er das Evangelium, betete dann das Vaterunser, was die Herren hinter den Pfeilern für ziemlich überflüssig hielten. Dann stand er auf, zog das blaue Taschentuch hervor, schneuzte sich schmetternd, wendete sich gegen den Kirchenraum und begann: »Meine lieben Pfarrkinder! Ich hab' mir's heut' überlegt. Was ich euch zu sagen hätt', das wißt ihr eh, befolgt nur das fleißig, was ich euch schon gesagt hab'. Heut' wollen wir statt einer Predigt um Erhaltung der Feldfrüchte drei Rosenkränze beten, den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen.« Dann kniete er wieder hin, begann das langwierige Gebet, das von der ebenfalls sich niederknienden Gemeinde eintönig nachgebetet wurde. Die Eisenerzer Herren schauten einander mit langen Gesichtern an, dann duckten sie sich noch weiter nach rückwärts, sachte dem Ausgange zu. Und wie sie abfahren wollten, war jetzt die Kirchentür zugesperrt – sie konnten nicht hinaus. Mit Entsetzen sahen sie sich verurteilt zum Psalter. Um nicht aufzufallen, mußten sie ebenfalls niederknien auf den steinharten Boden; wenn auch einer und der andere sein Sacktuch unters Knie bauschte, wenn sie auch einmal das rechte, einmal das linke Knie vorspannten, so blieben doch die Rosenkränze höchst schmerzhaft – alle drei. Als endlich, endlich nach geendetem Gottesdienste der Küster kam und mit einem absichtlich höchst einfältig stilisierten Gesicht die Kirchentür aufsperrte, huschten die fremden Gäste hinaus und davon und waren fürder nicht mehr leckerig auf eine Predigt des Pfarrers von Wildalpen. – Solche Geschichten also werden erzählt von diesem Dorfpfarrer, der eines Abends auf dem Kirchplatz stand hinter der Linde und heimlich einem sauberen Almdirndl zuschaute. Er wird eigentlich wohl nicht so sehr gelugt haben, weil sie so frisch und sauber war, denn solche Dirndeln sind nichts Neues in Wildalpen, als vielmehr, weil sie so andächtig vor dem großen Kruzifix kniete und betete. Einen schwarzen Filzhut hatte sie auf und ein blaues Röckel an, das hoffentlich etwas weiter hinabgehen wird, wenn sie erst nicht mehr kniet. Neben ihr auf der Erde war ein weißes Bündel mit Achselbändern. Als sie nach verrichteter Andacht aufstand, trat der Pfarrer vor und fragte sie ohne weiters: »Nau, Dirn, woher? wohin?« »Küß die Hand, Hochwürden!« antwortete sie, derweil sie sich zu schaffen machte, das Bündel aufzuladen. »Von der Alm herab und nach Mariazell.« Er setzte sich auf die Kniebank hin vor das Kreuz und lud sie ein, doch auch ein wenig zu rasten. Gar weit würde sie ohnehin nicht mehr kommen an diesem Abend. »Wenn's halt noch bis Weichselboden tät gehn,« sagte sie. »Oho! Das wirst nimmer dermachen mögen.« »Müd bin ich noch gar nit, von der Brennalm komm' ich herab. Das Almvieh haben wir gestern abgetrieben ins Gams hinüber, wo ich daheim bin, und jetzt will ich grad einmal unserer lieben Frau Dank sagen gehen, daß mir meine Küh' und Kälber und Säue gesund sind verblieben über den Sommer und ich meinem Bauern hübsch ein eichtl Butter und Käs hab können heimschicken.« So plauderte sie treuherzig und schaute aus dem roten Rundgesichtl munter auf den Pfarrer hin. »Almerin,« sprach hierauf dieser, »du bleibst heut' da und morgen gehst mit uns. Du weißt es doch, daß wir Wildalpner morgen auch nach Mariazell gehen – mit der Prozession. Müssen freilich schon mit dem Haushahn auf, wenn wir beizeiten in Zell sein wollen. Deswegen gehst bald schlafen. Magst nicht im Pfarrhof über Nacht bleiben?« Dem Dirndl war das recht, aber die Haushälterin nachher wollte Umstände machen. »Wo tät ma's denn hin, das fremd' Weibsbild? Im Kaplanstübel sind jetzt die Hühner und das Bischofzimmer ist voller Krautgebel, wissen's eh, Herr Pfarrer!« »Ah mei, für mich ist gleich was gut!« versicherte die Almerin bescheidentlich. »Im Stadl auf ein' Schaub Stroh schlaf' ich wie ein Ratz!« Nachtmahl essen taten sie selbander zu dreien. Es gab Eierschöberl mit Milch, aber als der Pfarrer eine wohlverkorkte Flasche Apfelwein auftun wollte, fand die Haushälterin den Stoppelzieher nicht und erinnerte, daß die Zellerprozession am nächsten Morgen zeitlich abziehen müsse. »Was glaubst, Dirndl!« rief der Pfarrer plötzlich und hieb seine flache Hand auf den Tisch, daß die Almerin schier erschrocken einzuckte, »bist denn so schreckig, Nandl oder Kathl oder wie du heißt. Oder bist eine schlimme Liesel?« »Nix verraten, Herr Pfarrer,« antwortete die Almerin. »Heißen tu' ich wie dieselbige, die wir morgen heimsuchen gehen.« Aus Schämigkeit darüber, daß sie sich unbedacht mit der Gottesmutter verglichen hatte, deckte sie eine Wange mit der Hand zu und mit dem anderen Auge forschte sie aus, was der Pfarrer zu einer solchen Hoffart für ein Gesicht machen werde. Dieser aber knüpfte von vorne wieder an: »Also, Maria! Was glaubst, Maria, wirst uns Wildalpern morgen das Fahnl (Fähnlein) vorantragen? Spaß und Ernst auch, wir haben keinen Fahnltrager; der Kirchenbub, der sonst mit der Fahnenstang' gegangen ist, fahrt mit seinem Rössel hintendrein, mit der alten Fischerin, die zu Fuß nicht mehr mitkommen kann. Andere Mannsbilder wird's wieder nicht viel geben. Will ja keiner mit bei der Prozession. Das heißt, ein paar schon. Und gleich, Dirndl, wie ich dich heut' hab' gesehen, was du für ein nutzes Stuck bist, hab' ich mir gedacht, das wär' die richtige Fahnlträgerin. Ein sauberes rotes Fahndl, ist die heilige Barbara drauf, den Wildalpern ihre. Und recht komod zu tragen. Gar nix schwer, aber eine Ehr', wie die Leut' sagen. Dem Kirchenbuben tut's eh leid, möcht' eh lieber mit der Fahnstang' gehen, wie mit der alten Fischerin.« Das Dirndl war über die ihr in Aussicht gestellte Würde ganz verblüfft. »Wenn die alte Fischerin mich kunnt brauchen!« sagte sie kleinlaut. »Bist schon einmal mit einem Roß gefahren?« »Das freilich wohl nicht. Aber Fahnl hab' ich auch noch keins getragen. Ich möcht' mich nicht schicken können. Die Fahnltrager müssen vorausgehen und ich weiß den Weg nicht recht gut.« »Hättest ihn für dich allein nicht verfehlt, wirst ihn auch mit der Prozession nicht verfehlen. Dein Bündel muß dir wer anderer tragen, das versteht sich. Und zehrungsfrei gehalten wirst von der Gemeinde. Ist alter Brauch.« »Um das geht's mir nicht. Etliche Sechserln hab' ich wohl selber bei mir. Aber mein Lebtag hab' ich's nicht gehört, daß bei der Zellerprozession ein Weibsbild fahnltragen tut.« »Gelt! Die Mariazeller werden einmal schauen, wenn die Wildalper mit einer bildsauberen Fahnlträgerin anrucken!« rief der Pfarrer lustig aus. »Also? Abgemacht und petschiert!« »Na, Herr Pfarrer, na. Zu tot schämen tät ich mich mit der Fahn'. Ich taug' nicht dazu. Werd's doch noch so viel ein Mannsbild zusammenbringen in Wildalpen, daß er die Fahnstang' tragt!« »Mannsbilder genug, liebe Dirn, Mannsbilder mehr als zu viel. Aber zu hoffärtig und nixnutzig sind sie mir für die Fahn'. Fuchteln um damit wie mit einem Peitschenstecken. Und nicht aufpassen. In der Veitsch drüben hat gar einmal einer frühmorgens, wie die Wallfahrer vom Wirtshaus fort sind, verschlafenerweis' statt der Fahnenstang' den Ofenbesen derwischt; daß die Leut' heut noch darüber lachen. Na, na, Maria, die Fahn' mußt morgen du zu dir nehmen. Die Zeller Muttergottes wird uns doppelt gnadenreich sein, wenn wir mit so einer braven, demütigen Fahnltragerin anrucken. Also, es bleibt dabei. Um fünf Uhr ist die Meß, nachher hebst dir dein Fahnstangel aus dem Bankhalter und wir marschieren in Gottesnamen ab.« Überredet hat er sie. Was kann ich denn machen? dachte die Almerin. Gegessen hab' ich jetzt im Pfarrhof und über Nacht bleib' ich im Pfarrhof; wenn er wahrhaftig will, daß ich's Fahnl trag', so wär's eine rechte Undankbarkeit, wollt' ich mich noch länger spreizen. Und sagt: »In Gottesnamen, Herr Pfarrer. Ich hab' den Futterkorb dertragen auf der Alm, ich werd' das Fahnl auch noch dertragen mögen.« Das war festgemacht. Dann stand schon die Haushälterin mit dem Kerzenleuchter da, daß sie das Dirndl in den Stadl hinausbringe aufs Stroh. Der Pfarrer gab der Almerin noch den Abendsegen: »Schlaf' dich aus, lass' dir was Gutes träumen und denk', wenn's wieder Nacht wird, sind wir in Mariazell.« Also führte sie die Haushälterin hinaus ins Wirtschaftsgebäude, über eine Leiter hinauf und wies ihr einen Haufen Stroh an. Ein etwas mürrisches »Gute Nacht!«, dann ging sie mit dem Kerzenlicht über den knarrenden Bretterboden hin und dachte: Was sich unser Herr Pfarrer doch immereinmal für Leut' aufgabelt! So ein bunkigs (rundliches) Weibmensch Fahnl tragen! Und morgen früh wird sie ihren Kaffee haben wollen. – Der Herr Pfarrer hatte auch noch einen Gedanken, bevor er am selbigen Abend einschlief. Schade, daß ich's vorigen Sonntag noch nicht hab' verkünden können, was wir dies Jahr für eine Fahnltragerin haben. Da hätten sich gleich alle Burschen von Wildalpen zur Prozession gemeldet. Die ärgsten Gedanken aber hatte unser Almdirndl auf dem Stroh. Als Kopfkissen hatte sie ihr Bündel gelegt und die Füße hatte sie ins Stroh gebohrt. Sonst war ihr warm. Aber immer mußte sie dran denken. Geradezu die Versuchung war da, ihr Wort nicht zu halten. Jetzt erst bedachte sie recht, was sie da zugesagt hatte. So ein einfältig Almdirndl, das immer nur beim Vieh gewesen, das alleweil am liebsten bei ihren Kühen und Kalben allein ist gewesen und nicht weiß, was sich schickt – das soll jetzt vor dem Leutschock her Fahnltragen! Und was sie für ein Gewand anhat! Hätt' man so was vorher gewußt, wollt' man den roten Sonntagskittel angelegt haben und die weißen Baumwollstrümpf'. Und wenn die Mannerleut' hinten drein gehen und heimlich ihr Gespött treiben! Und schon ums Kaiserg'schloß in der Radmer nicht! Sie tut's nicht. Das Fahndl soll tragen wer will, sie tut's nicht. Aber! was wird der Herr Pfarrer sagen, der ihr drum so gut zugeredet hat und dem sie zugesagt hat? – Da gibt's kein anderes Mittel als durchgehen. – Kein Aug' hat sie zugetan. Die Kirchenuhr schlägt zwölf und nach einer langen Weile eins. Du liebe Welt, wie stad (langsam) die Zeit vergeht, wenn der Mensch so da liegt und keinen Schlaf hat. Endlich schlägt es zwei Uhr. Noch drei Stunden und sie muß an die Fahnenstange. Jetzt geht der Mond auf und scheint wässerig durchs Dachfenster herein. Da hebt sie sich hastig, schüttelt das Stroh von dem Gewand, nimmt ihr Bündel auf, hängt sich's an den Rücken, steigt vorsichtig die Leiter herab. Und wie sie in der freien kühlen Nacht steht und vor ihr die Straße blaß und still dahin liegt, da läßt sie einen frischen Atemzug aufspringen und eilt wegshin – die Richtung gen Mariazell. Finsterer Wald, bisweilen blinkt ein Mondstrahl auf die Straße, dann wieder steht der Mond hinter hohen Felsen und in der Schlucht rauscht die Salza. Endlich wird der Himmel blasser über den Gebirgskämmen, kalter Wind fächelt in den Bäumen, helle Vogelstimmen werden laut – es kommt der Tag. Dort, wo die Straße durch eine stille ebene Au führt, bleibt die einsame Wanderin stehen und horcht. Ob man am Ende nicht schon die Wallfahrerprozession beten oder singen hört hinten drein? Oder ob der Herr Pfarrer nicht etwa gar wen nachschickt, um die Flüchtige einzuholen und mit Ernst zurückzuführen zu ihrer Pflicht. Dann eilt sie weiter, je heller der Tag, je schneller ihre Schritte. Nach Stunden kommt sie ins Dörfchen Weichselboden, das in einem stillen Wiesentale liegt zwischen aufsteigenden Felswänden. Sie hätte Hunger und Durst, wagt es aber nicht, im Wirtshause einzukehren aus Angst, die Prozession von Wildalpen könnte sie einholen. Ein Stück Brot und ein wenig Käse holt sie aus ihrem Bündel hervor, an der Quelle Wasser trinkt sie, und eilt weiter. Die Straße geht bergan und talab. Holzknechte und Steinschläger, Kohlenfuhrwerke, auch Roheisenwagen begegnen ihr in der Bergwildnis, und mancher Hirt treibt seine Herde daher und ruft ihr ein munteres Wort zum Gruße zu. Marand Josef, denkt sie, wenn mich alle diese Leut' gesehen hätten mit der Fahnlstang', zu Tod hätt' ich mich geschämt, in den Erdboden hinein, und ist er auch noch so steinhart. Hoher Mittag, da kommt sie ins Gußwerk, wo die großen Hochöfen stehen und Eisenhämmer und die weiße Kirche. In diese kehrt sie ein wenig ein, um sich andächtig vorzubereiten auf Mariazell, dem sie schon nahe ist. Dann spricht sie bei einer kleinen armen Hütte um einen Löffel Suppe zu; bei großen Häusern, denkt sie, kriegt man ja ohnehin nichts geschenkt. Rückt dann wieder ihr Bündel zurecht und wandert rasch – sich immer umsehend, ob ihr nicht etwa die Wildalper schon auf der Ferse seien – nach Mariazell hinein, wo sie ganz verschwitzt und erschöpft ankommt. In der großen Wallfahrtskirche bringt sie ihren Ankunftsgruß der lieben Frau und dann eilt sie wieder ins Freie, um nach der Wildalper Prozession auszuschauen. Diese kommt erst gegen Abend an. Das rote Fähnlein mit dem funkelnden Kreuz flattert über der kleinen Schar von Weibern, Greisen und einigen jungen Burschen, die während des lauten Singens ihre Augen vorwitzig nach allen Seiten ausflattern lassen. So viele und schöne Häuser, eine so prachtvolle Kirche und so allerhand Leute sieht man in Wildalpen freilich nicht. Ein weißköpfiger Alter, der den Hut hinten am Nacken hängen hat, trägt die Fahne, sicher und würdig trägt er sie und neigt sie dreimal vor dem Kirchentor. Hinter ihm geht der Pfarrer im Chorrock, und unserer Almerin, die sich hinter eine Mauer duckt, ist es, als schaue er finster drein und strampfe mit den Füßen wie einer, der auf jemand einen Zorn hat. Sie schleicht hinaus auf den Markt und kauft sieben kleine Kühe aus rotem Wachs und drei Kälbchen aus weißem. Diese trägt sie in die Kirche und an der Mariensäule, wo über einem Haufen ähnlicher Wachsgebilde viele Lichter brennen, legt sie ihre Opfer hin, und kniet davor nieder, und während die Wildalper weit hinten an dem Gnadenaltar ihren Preisgesang tun, gedenkt die junge Almerin ihrer Herde von der Brennalm und betet in Einfalt für die Kuh und jedes Kalb und jedes Schwein, daß die Himmelmutter, so wie den Sommer über, sie auch im Winter beschützen möge. In der Kirche, in den Winkeln und Seitenkapellen, in den Gewölben und Kuppeln dunkelt der Abend. Maria, die Hirtin, kniet unbeweglich vor dem Lichterherd und ist versunken in liebevolles Gedenken an ihre Tiere. Sonst hat sie bisher ja niemand begegnet, der so sehr ihrer Liebe bedurfte als die guten Rinder mit den treuen großen Augen. Das Gefühl war süß, und doch ist der Maid nicht ganz wohl zumute gewesen bei dieser Andacht. Wenn sie jetzt zum Beichtstuhl gehen soll, so wird sie auch sagen müssen, daß sie eine gar weltlich gesinnte, eitle, unverläßliche Person ist. Der Beichtstühle gibt es in allen Winkeln und in jedem sitzt einer drinnen. Sie sieht, wie ein paar Wildalperburschen in grünverbrämten Lodengewand an den Beichtstühlen hinschleichen und überlegen, in welchem der nachsichtigste Beichtvater sitzen könnte. 's ist ein Unterschied und mancher Knab' hat ein besonderes Bündel, das er daheim beim eigenen Pfarrer nicht gerne auspackt. Jahre alte Sachen sind drinnen, die man nur auf der Wallfahrt anbringen mag. In einer gar dunkeln Nische steht ein Beichtstuhl und den wählt unser Almdirndl. Und bekennt dem würdigen Greis, der drinnen sitzt, ihre Sünden. Besonders die von Wildalpen, wie sie dort vom Herrn Pfarrer so gütig in der Herberge aufgenommen worden sei, recht tüchtig gegessen habe, wie sie das Fahnltragen versprochen hätt', dann aber in der Nacht ganz leichtsinnig durchgegangen wäre. Und was sagte auf dieses Bekenntnis der Beichtvater? »Liebes Kind! Da du deine Sünde beichtest und bereuest, so will ich dich davon lossprechen und dir eine heilsame Buße aufgeben. Hast du das Wildalper Fahnl schon nicht ausgetragen, so wirst es heimtragen.« Und jetzt merkte sie's erst zu ihrem Schreck, ihr Beichtvater war kein anderer als der Herr Pfarrer von Wildalpen. – So ungeschickt! Just den zu erwischen! grollte sie zornig sich selber aus. Es muß mir rein aufgesetzt sein, daß ich Fahnltragen muß. Na meinetwegen, Buß' ist Buß', also her mit der Stang'! Dann am Mittag des nächsten Tages, als alle und jedes ihre frommen Obliegenheiten verrichtet hatten, sammelten die Wildalper sich in der Kirche, um in guter Ordnung auszuziehen, wie sie eingezogen waren. Da winkte der weißköpfige Alte die Maria aus der Bank, nahm ihr das ohnehin zusammengeschrumpfte Bündel ab und hing ihr einen Lederriemen um die Achsel, an dem unten eine Hülse war. Dann hob er aus einem Fahnenhalter vor dem Gnadenaltar das rote Fähnlein mit dem Bildnisse der heiligen Barbara, gab es dem Dirndel in die Hände, das untere Ende der Stange in die Hülse versenkend. So, jetzt war sie angeschirrt. Aber das war ja federleicht zu tragen und nahm sie sich vor, gewissenhaft und tapfer ihren Beruf zu erfüllen. Stramm voraus. Hintendrein die alten Weiber und Dirnen und Greise und Bursche – auch die zwei mit dem grünausgebrämten Lodengewand. Sie hörte flüstern und kichern. Das ist ihr jetzt schon alles eins, wenn sie sich ausgekudert haben, werden sie schon aufhören. Ihr schwarzes Hütl hatte sie sich fest in die Stirn gedrückt. Als Frauenzimmer kann sie es auch beim Beten und Singen aufbehalten und braucht es nicht an den Rücken zu hängen. Der Herr Pfarrer guckte mit stillem Wohlgefallen auf die tapfere Büßerin, und wenn Leute, die sie auf der Straße begegneten, stehenblieben und so dreinschauten, was die Wildalper für eine saubere Fahnenträgerin haben, war der Pfarrer nicht wenig stolz darauf und sagte das Wort: »Paßt auf, der Schock wird bald wachsen. Dieser Fahne folgen auch die Waldlotter!« Denn es hatten sich schon etliche Holzhauer und Pechschaber angeschlossen und sogar ein schmucker Jägerbursch ging eine Strecke mit der Prozession und surrte den Psalter, sein Auge andächtig auf die Fahnenstange gerichtet. In Weichselboden kehrten sie ein im Wirtshause und Maria lehnte die Fahne neben der Türe an die Wand, um die Schale Kaffee zu trinken, die sie vermöge ihres Amtes vorgesetzt bekam. Ein wenig schämte sie sich zwar darob, doch tauchte sie mutig ihre Semmel ein und genoß die wohlverdiente Sach', immer mit dem Auge wachsam. Plötzlich sprang sie auf, eilte zur Türe hinaus und erfaßte dort einen der grünverbrämten Lodenburschen am Kragen: »Oho Bübel! Derweil gehört das Fahnl noch mein!« Und entriß ihm das schon zusammengerollte Fähnlein, das er von der Stange gelöst hatte, in der Absicht, es ihr scherzeshalber zu entwenden. Er ließ sie nicht willig los und da im Augenblick die Ringenden sonst niemand sah, so suchte der lebfrische Bursch im Kampfe um die Fahne seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen und ihr Rundgesicht an seinen Mund zu bekommen. Aber das Almdirndl wehrte sich so heldenhaft, daß er weder Fahne noch Kuß eroberte, vielmehr unter Gelächter Herbeieilender mit Schand und Spott abziehen mußte. Der Pfarrer hatte zum Glück von diesem Angriffe nichts gewahrt, sonst hätte es wohl ein höllisches Wetter setzen mögen. Es dunkelte, es wurde finster und sie waren noch lange nicht daheim. Das Beten unterwegs hatten sie aufgegeben, stolperten und tappten nur langsam so dahin auf schlechtem Wege. Wer weißköpfige Alte hatte der Maria die Fahne abnehmen wollen, um sie einzuwickeln und die Stange bequemer über der Achsel tragen zu können. Aber das Dirndl gab sie nicht her, hoch aufrecht wie am Tage trug sie die Fahne in der Nacht, sie tat's ja nicht der Leute wegen und Gott hat auch in der Nacht helle Augen. Die Schar war merklich kleiner geworden und als endlich das Dörfchen Wildalpen erreicht wurde, löste sie sich schon halb verschlafen auf. Aber ehe das Dirndl noch die Fahne an den Alten abgeben konnte, war ein Augenblick, daß der grünausgebrämte Bursch' neben ihr stand und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Da schwang sie die Stange: »Soll ich dir eins geben?!« Am nächsten Morgen wanderte das Dirndl seiner Heimatgegend zu und es kümmerte sich niemand mehr um sie – ausgenommen der eine. Der junge Großbauer Steinschlachtinger ging eines Tages nach der Messe dem Pfarrer zu auf dem Kirchplatze und er möchte wissen, was es mit der Fahnlträgerin sei? Schief blinzelte der Pfarrer den Grünverbrämten an und sagte endlich: »Schau du! Gewundert hätt's mich, wenn du nicht gekommen wärst fragen. Hab's wohl wahrgenommen dazumal auf der Wallfahrt. Aber ich bin nicht so dumm, dir ihren Unterschlupf zu verraten.« »Meiner Seel', Herr Pfarrer, die möcht' ich heiraten!« »Das glaub' ich dir, Franzl. Aber ich fürcht', einen solchen Lotter nimmt sie nicht.« »Mich ziemt, wenn ich die hätt', so wollt' ich brav werden.« »Das ist eine Red',« antwortete der Pfarrer. Aber als dieser nachher bei einem Amtsbruderbesuch in Gams der Maria begegnete, die im schlechten Kitterl mit dem Spaten auf der Achsel ins Erdapfelgraben ging und er bei ihr gleich das Kuppeln versuchte für den jungen Burschen, antwortete sie scharf: »Er hat gesagt, wenn er mich hätt', nachher wollt' er brav werden? Ich laß ihm sagen: Wenn er erst brav wird, nachher kann er mich haben.« Drauf ein wenig ungleich der Pfarrer: »Aber 's ist ein blutarmer Bursch', muß ich sagen. Steinerschlagen tut er und geht's halt ein bissel kümmerlich her in seiner Hütten.« »Das macht mir nix, das Kümmerliche bin ich eh gewohnt. Wenn er brav wird, so mag ich ihn.« »Jesseles, Madl!« rief der Pfarrer aus und faßte sie an beiden Händen, als ob er auf der Straße mit ihr eins tanzen wollte, »du machst ja dein Glück! Ein reicher Bauer ist er. Der größt' in meiner Pfarr'! Und brav ist er so weit auch – wenn man die verliebten Übermütigkeiten ausnimmt. Und die gewöhnen sich im Ehestand bald ab. Also ich darf ihm sagen, daß er kommen mag? Schon am nächsten Sonntag, wenn ihr wollt, schmeiß' ich euch von der Kanzel herab.« Mit großen Augen, fast erschrocken, schaute sie auf, was ihr da widerfahren soll mit dem Burschen, von dem sie seit der Wallfahrt immer hat träumen müssen. »Siehst du,« rief der Pfarrer, »siehst du, Dirndl, den Mann schickt dir die Zeller Mutter fürs Fahnltragen!« Ums Dirndl Jetzt bist frei,« sagte der Altgeselle Simon. »Jetzt bin ich frei,« sagte der Junggeselle Lucian, der vor etlichen Tagen noch Lehrling war beim Tischlermeister zu Grabenbach. »Was wirst jetzt machen?« fragte der Altgeselle. »Ich werde mir einen Gesellenhut kaufen,« antwortete der Lucian. »Und sonst nichts?« »Und eine Tabakspfeife.« »Geh', Luci, da wärst nicht gescheit. Rauch' Zigarren, brauchst für die Pfeife kein Geld auszugeben, und ist fürnehmer. Jetzt bist Tischlergeselle, jetzt mußt dir ein Ansehen geben. Mußt auch einen Aufputz haben.« »Was soll ich denn für einen Aufputz haben? Bin ja kein Weibsbild!« »Jetzt will ich dir was sagen, Lucian: Das Weibsbild putzt sich mit Blümelein und Bandeln auf, und das Mannsbild – mit dem Weibsbild. Verstehst mich. Ein Mädel mußt du dir zulegen.« »Das habe ich mir auch schon gedacht,« meinte der Lucian, »wenn das Ding halt nicht gar so viel Geld tät' kosten!« »Geld kostet es schon!« gab der Altgeselle bei, »mußt dir nur eine aussuchen, die ihr Geld wert ist«.« »Ich versteh' halt nichts bei der Sach'!« »So, du verstehst nichts dabei und willst ein Tischlergeselle sein?« begehrte der Simon auf. »Guck' einmal. Da mußt du dir erstens eine nehmen, die dir gefällt.« »So gescheit bin ich gleichwohl.« »Und eine, die dich mag.« »Das wären zwei,« sagte der Junggeselle. »Wieso denn? Das muß, in einer beisammen sein.« »Bei mir nicht,« bekannte der Lucian, »bei mir geht's nach dem Sprichwort: Die ich krieg', mag ich nicht, und die ich mag, krieg' ich nicht.« »Du, Luci!« sagte der Altgeselle, »mir scheint, du hast in dieser Sach' schon als Lehrjung' vorgearbeitet. Da hätte ich dich aber schon einmal beim Schopf nehmen sollen. So ein nichtiger Lehrbub' da und liebeln! Ist das eine Aufführung? So ein Umflanieren mit Weibsleuten! Das ist sündhaft, hörst du?! Der Lehrjung' muß sittsam sein, und wenn ich noch einmal so was wahrnehm' an dir, so jag' ich dich weg! hast mich verstanden, Luci?! – Ja so, ja so, du bist freigesprochen, du bist Geselle. Das ist so viel gach gekommen; vorgestern noch der Schopfbub' und heut' schon meinesgleichen – heißt das, noch nicht, ich bin Altgeselle, und als solcher kann ich dir den Rat geben, daß du dir um ein Dirndl schaust. So allein leben für einen herlebigen Burschen, das taugt nicht. Aber auf das mußt aufpassen, daß du nicht eine erwischest, die alleweil vom Heiraten spricht. Du, wenn man so eine hat, das ist dir ein Elend, sag' ich dir! Da ist gar keine Unterhaltlichkeit dabei; wo du mit ihr gehst und stehst, was du mit ihr redest und anhebst, sie nur immerfort: heiraten! Nicht einmal ein Bussel kannst ihr aufs Göscherl drucken, so wirft sie den Kopf zurück und: Heiraten, heiraten! Geh', laß mich aus mit so einem Weibsbild!« So belehrte der ehrsame Altgeselle den neugebackenen Junggesellen. Dieser aber schaute drein und endlich sagte er: »Ja, jetzt hab' ich alleweil gemeint, die Weibsleute wären zum Heiraten da!« Tat der Altgeselle einen lauten Lacher. Nichts als das, aber das war genug. »Jetzt weiß ich nicht, wie ich dran bin,« versetzte der Lucian kleinlaut. »Hast du dir unsere Frau Meisterin schon einmal angeschaut?« fragte der Simon. »Oh je!« machte der Junggeselle. »Und du weißt nicht, wie du dran bist! Nachher, mein lieber Lucian, nachher hast Leim in deinem Schädel.« Ja, die Meisterin anzuschauen, wie sie aussah, was sie sagte und tat, und wie sie sich zu ihrem Eheherrn verhielt – das war freilich lehrreich. »Lehrling,« sagte der Altgeselle, »Lehrling wollt' ich in diesem Hause allzeit sein, aber Meister nicht. Ein Meister ist dahier ein Wenigster! verstehst? Und weißt, von was der Name Eheherr kommt? Das kommt von: eheher, eher war er Herr, ehe er in die Ehe ist gegangen. – Ja, mein lieber Lucian, das sind Sachen!« »Wenn ich nicht ans Heiraten zu denken brauche,« meinte der Lucian, »für den Tanzboden, da wird mir bald eine recht sein.« »Nur gescheit sein!« mahnte der Altgeselle. »Du bist jetzt ein freier Vogel – aber denke auf die Leimspindeln! Nur gescheit sein!« Das ist am Tage nach der Freisprechung des Lucian gesprochen worden. Am Sonntage drauf ging der Junggeselle in die Kirche. Da hatte er schon den Gesellenhut auf und die Zigarre im Munde stecken. Jetzt will er sich nur noch mit einem Weibsbild aufputzen. Der Lucian ist ein flinkes, hübsches Bürschl, und seine Frau Meisterin hatte ihn für sein sittsames Verhalten, für seine Anstelligkeit und fleißige Arbeit am Tage der Freisprechung mit etlichen Silberzwanzigern ausgestattet – was nur ein Beweis sein kann, daß ihr der Altknecht mit seinen boshaften Bemerkungen unrecht tut. Ein ordentlicher Kirchweg hat viele Seitensteige; so auch hier. Von jedem Dörfl, von jedem Hofe, von jeder Hütte führt einer heran und auf allen gingen die fein herausgepußten, sittsamen Weibsleute daher. Sie – man spricht nur von den jungen – hatten schwarze Hüte auf und rote Kittel an und hatten am Busen gern ein Sträußchen stecken von Nelken, Rosmarin und Herzenstrost und waren recht vorwitzig mit ihren schwarzen oder blauen Äuglein, oder sie senkten ihren Blick gar züchtiglich zu Boden – um zu sehen, wie die neue Schürze passe und wie die Sammetschuhspitzen bei jedem Schritt neugierig aus dem Saum des Kleides hervorgucken, was es denn eigentlich heute mit den Mannsbildern wäre, mit den schlechten Mannsbildern, vor denen sich ein jung' Dirndl nicht genug in acht nehmen könne. Und solche Mannsbilder waren gar nicht weit, ganz junge, saubere Burschen darunter. So etwan der Tischler Lucian dort! Ja, der Tischler Lucian. Die Zigarre taugte nichts, die warf er in das Brombeergestrüpp. Jetzt möcht' er's doch mit einem Dirndl versuchen. – Wie man nur mit einer anhebt? Es ist nicht so, wie der Altgeselle meint, er – der Lucian – hat sich noch spottwenig mit den Weibsleuten zu schaffen gemacht und sich auch nie viel darum gekümmert, wie es in dieser Sache andere machen. Eine wußte er freilich, eine ganz besondere – na, an die ist gar nicht zu denken. Also halt eine andere. Vielleicht dieselbe, die dort vom Granitzbachhäusel heraufsteigt. Sie ist just nicht allzu sauber und hat kein Geld, 's ist kein G'riß um sie. Blutjung ist sie gleichwohl. Die wird's tun, die packen wir an. So simulierte der Junggeselle, trat gegen das Dirndl hin und sagte: »Laß dir Zeit, Granitzdirn, ich möcht' einen Kirchweggespan haben.« »Gefreut mich,« gab sie zur Antwort, »der Weg ist breit genug für zwei.« »Das mein' ich auch,« sagte der Lucian, »und jetzt will ich dich gleich fragen, wie du, heißen tust.« »Gundl, wenn's dir recht ist.« »Freilich! Gundl sagst? Gundl ist ein sauberer Nam', Gundl. So schön rund ist er, kugelrund: freilich, so kommt er mir vor, dein Nam'. Und jetzt möcht' ich wissen, Gundl, ob du mich zum Schatz haben willst?« »Ja!« sagte sie, »warum denn nicht, wenn ich noch keinen hätt'? Aber ich hab' schon einen.« »Das ist schade,« sprach der Bursche, »ich hab' mich schon gefreut auf dich. Schau du, jetzt fällt's mir ein, ich muß auf wen warten, der nachkommt. Laß, dir Zeit auf deinem Weg, Granitzdirn.« Sie ging voran, er blieb stehen und wartete auf ein anderes Dirndl, das des Weges kam. Das war noch schöner als die Gundl und lachte den Burschen schon von weitem an. »Geh', Sandel, geh' her, ich wart' schon auf dich!« rief er ihr zu. »So?« sagte die Angesprochene, »das ist gescheit. Allein dahergehen, das ist eh so viel langweilig.« »Ich sag's auch. Gib mir die Hand, Sandel.« »Da hast sie. Au weh, wer wird denn gleich so fest zusamm'drucken? Das tut ja weh!« »Das macht dein Ring da,« bedeutete der Bursche. »Willst mir's nicht sagen, wer dir das Ringel an den Finger hat gesteckt?« »Wenn du's wissen willst: das hab' ich mir selber angesteckt.« »So einen Ring möcht' ich,« sagte der Lucian, »ich geb' dir meinen dafür.« »Na, Bürschel, den geb' ich nicht her.« »Von wem hast ihn denn?« »Wenn du's wissen willst; von meiner Mutter selig.« »Ist sie schon gestorben, deine Mutter?« »Ja freilich.« »Ist dein Vater auch schon gestorben?« »Der ist auch schon gestorben.« »Und Geschwister?« »Sind auch gestorben.« »Geh'!« sagte der Bursche und wußte nicht recht, was er sagen sollte. »Alle gestorben. Das ist aber g'spaßig. Da mußt du dir einen Liebhaber beilegen.« »Warum denn nicht? Wenn einer kommt!« »Einer ist da.« »Und mehr brauch' ich nicht.« »So gehst heut' mit mir ins Wirtshaus, Sandel?« »Ins Wirtshaus geh' ich schon mit.« »Ich zahl' dir einen Glühwein.« »Das hebt ja gar fürnehm an,« sagte sie. »Was eine rechte Liebschaft ist, da gehört ein Glühwein dazu, sagt unser Altgesell. Und was bin ich jetzt doch so froh, daß ich einen Schatz hab'.« »Mir ist's auch nicht zuwider,« gestand das Mädchen. »Aber eins muß ich dir noch sagen, Sandel,« sprach der Lucian, »es wird dir ja nichts machen, nur daß man's früher ausmacht, und keine unnötige Streiterei herauskommt. Heiraten tu' ich dich nicht.« Wie sie gleichen Schrittes nebeneinander hergegangen waren, so blieb sie jetzt stehen, schaute den Burschen an und sagte schier traumhaft: »Heiraten willst du mich nicht? Und das getraust du mir ins Gesicht zu sagen?« »Weil ich die Unaufrichtigkeit nicht leiden mag.« »Das ist recht brav von dir,« sagte sie, »ich will auch so redlich sein wie du und will dir sagen: Mir ist's nicht ums Liebeln, dazu wärst mir du viel zu lahmleidig. Aber zum Mann nehm' ich den ersten, den ich krieg', ich will heiraten.« »Nachher hätten wir ja ausgeredet,« meinte Lucian, »und es ist allemal gut, wenn zwei so leicht miteinander reden.« »Brauchst mir jetzt keinen Gespan mehr abzugeben, wenn's dir etwan sauer ankommt. Leicht magst zurückbleiben und auf eine andere warten. Die Straßen ist lang, einmal wird schon eine daherkommen, mit der du dich leicht vergleichen wirst. Behüt' dich Gott!« Ja, da blieb er zurück, da mußte er wohl zurückbleiben. Aber das nahm er sich vor; er wollte keine mehr anreden. Die Weibsleute sind halt doch nicht allemal so, wie die Männer glauben. Als er am frühen Nachmittage vom Kirchgang nach Hause kam, sagte der Altknecht: »Na, Luci, bist frühzeitig heim, für das, daß du heut' das erstemal als Junggeselle in die Kirche bist gegangen.« Der Lucian vertraute ihm, die Zigarren hätten ihn nicht gefreut und von den Weibsbildern hätt' er keine 'kriegt. »Keine 'kriegt?! Nicht einmal ins Wirtshaus mit?« »Das schon. Ins Wirtshaus wäre sie gern mitgegangen. Weil ich aber gesagt hab', daß ich sie nicht heiraten will –« »Das hast ihr vor dem Wirtshaus gesagt?« rief der Altgeselle. »Luci, du hast Sägespän' im Schädel. Hörst! Verstehst: der warme Wein muß erst her. Hat sie den Glühwein im Blut, nachher kannst ihr sagen, was du willst. Aber vorher nicht, du Dodl, du!« »Ich lass' das ganze G'spiel sein,« brummte der Junggeselle verdrossen. »Da hast du recht,« sagte der Altgeselle und wandte sich geringschätzig ab. »Beim Tabakrauchen und Weiberleutgernhaben wird einem das erstemal immer übel. Wenn man sich davon schon wollt' abschrecken lassen! Du bist mir ein Tischlergesell', du!« Der Lucian ließ sich das nun aber nicht weiter anfechten. – »So werd' ich halt erst rauchen und liebhaben, bis es mir schmeckt,« das war sein vernünftiger Gedanke. Damit waren diese Begebenheiten abgeschlossen. – Jetzt gingen sachte zwei Jahre vorbei, und als sie vorbei waren, sah es anders aus. Der Altgeselle war ganz und gar verzagt worden, so sehr hatten ihm die Weibsleute von allen Seiten mit allerlei Beweggründen zugesetzt, bis er floh. Denn heiraten wollte er keine. So zog er aus dem Lande – wie man wissen will – in den freien Bundesstaat der Schweiz, wo das Asylrecht herrscht. Der alte Tischlermeister hinwiederum hatte ein Beispiel geliefert, wie man sich vor den Weibern am nachhaltigsten in Sicherheit bringt: er starb. Die trauernde Witwe wollte den Lucian zum Werkführer erheben, allein dieser zog es vor, auf eigene Faust ein Tischlergeschäft zu eröffnen. Denn während der zwei Jahre war ihm allerhand in den Sinn gekommen. Die Bethl, des Weizenwart Bethl, war nun ganz und schön aufgeblüht. Das war dieselbe, von der er schon vor zwei Jahren gesungen: »Und die ich mag, krieg' ich nicht.« Der Weizenwart war nämlich ein angesehener Bauer und die Bethl hielt nicht viel zu den Mannsleuten. Jetzt dachte sich aber der Lucian: Warum soll ein fleißiger und – wie die Leute sagen – tüchtiger Tischlermeister die Tochter des angesehenen Bauern nicht haben können? Und warum soll die schöne und kluge Bethl einen jungen und, gottlob, rechtschaffen gesunden Mann nicht nehmen wollen? Zum Manne nehmen! Ja, bei der Bethl, da ist's was anderes. Und warum soll der junge Tischlermeister nicht heiraten? – Schau die alte Meisterin an! würde der Simon gewarnt haben, aber dem hätte der Lucian mit Recht die kurze Antwort gegeben: Die Alte und die Junge, das ist kein Vergleich. – Was will er tun? Wenn die nächste Kirchweih kommt, so will er die Bethl auf dem Kirchplatz anreden, will sie einladen auf einen Schluck Wein ins Wirtshaus, und beim Glühwein, und wenn die Musikanten spielen, und wie gerade alles am lustigsten ist, will er sie fragen. Lustig sein, lustig sein, das haben die Weibsleute ja so viel gern, und ist erst der Glühwein im Blut, so läßt sich mit ihnen reden. So war's ausgedacht. Es hätte sich erwiesen, daß es unklug ausgedacht war, wenn nicht der Zufall, der bisweilen ein besserer Weiberkenner ist, als der feinste Tischler, vermittelnd dazwischen getreten wäre. Es muß nicht gerade auf der Kirchweih sein, meinte der Zufall, und Glühwein wäre bei der Bethl schon gar ein verfehltes Mittel. Am Tage vor der Kirchweih hatte der junge Tischlermeister eine dringende Arbeit bekommen. Tut nichts, sie läßt sich bis zum Feierabend leicht fertig bringen. So steht er nun in der Werkstatt und hobelt ein Brett. Er ist guter Dinge dabei, läßt den Hobel flink auf und nieder gleiten, pfeift ein lustig Liedel dazu und denkt: Morgen ist Kirchweih! Ner Herbst schaut mit roten Wangen zum Fenster herein; an den weißstämmigen Birken hängen wie Dukatlein die goldenen Blätter, und ein Mensch, wie der junge, arbeitslustige und lebensfreudige Lucian, hat das ganze Jahr hindurch Frühling – und morgen ist Kirchweih. Nun das Brett auf der einen Seite gehobelt ist, wird's gewendet. Da tritt plötzlich was zur Tür herein. Ein Mädel ist's – rotwangig, gelbhaarig, blauäugig, und daß sie weiße Zähnln hat, sieht man, weil sie jetzt lacht. Ja. freilich, sie lacht ein klein wenig. »Du steigst daher?« fragt gottlos ruhig der Lucian, »was tragt denn dich zu mir?« So ein dummes Fragen da! Er ärgerte sich über das alberne Wort, aber jetzt, und just bei der fällt ihm nichts Gescheites ein. Heißt das, einfallen schon, aber wenn sie ihn abtrumpft, wie ihn andere abgetrumpft haben! Nein, er will lieber warten, bis der Glühwein mitspricht. Aber einleiten wird er's doch heut schon sollen. »Heut' willst was von mir, Dirndl?« sagte er und ließ seinen Hobel ruhen. »Das ist gewiß,« antwortete sie, »sonst wär' ich nicht gekommen. Mein Vater läßt dich schön bitten, daß du uns ein Kreuz machen tätest.« »Ein Kreuz? Wer ist denn wieder gestorben?« »Das nicht, gestorben nicht,« lachte sie, und ein Totenkreuz nicht – nein, deshalb schon gar nicht. Ein Sterzschüsselkreuz täten wir brauchen. Wir essen zum Sterz so viel gerne saure Milch dazu. Du auch?« »Aber schon höllisch gern, Bethl.« »So wirst es wissen, daß man ein hölzernes Kreuz hat, was eins auf die Milchschüssel legt, damit man auf das Kreuz die Sterzschüssel stellen kann, und daß jeder mit dem Löffel wie er will in die Milch und in den Sterz fahren kann.« »In die Milch und in den Sterz fahren kann,« wiederholte der Lucian, »ei ja, freilich weiß ich das.« »Und wirst es uns machen, das Kreuz?« »Machen will ich's,« sagte er und stellte das Brett in die Quere, daß er auch die Ränder glätten konnte. »Willst nicht ein Eichtel niedersitzen, Dirndl?« »Meinst, ich wollt' warten aufs Kreuz?« »Wenn du auch just das nicht willst, aber ich möchte plaudern mit dir.« »So?« sagte die Bethl und schaute auf seine Arbeit. »Das Brett da, was ist denn das für ein Holz?« »Das ist ein Tannenholz,« antwortete der Lucian, »was ist's, Bethl, trinkst du den warmen Wein gern?« »Wie kommst denn du jetzt auf den warmen Wein? Der sauren Milch wegen brauchen wir das Kreuz.« »Ja richtig, der Milch wegen,« sagte der Bursche und dachte bei sich: 's geht nicht. Jetzt will ich aber dach einmal g'rad drauf losbohren. Und jagte: »Was meinst denn, Bethl, möchtest du nicht fort von heim?« »Uh Gott und Herr!« lachte sie, »möchte wissen wohin!« »Zu mir her!« »Kunnt'st mich brauchen?« war ihre schalkhafte Frage. Der Lucian maß das Brett mit dem Zollstab und schnitt mit rauschender Säge ein Stück davon ab. »Du wärst mir schon recht,« sagte er, aber sie hörte im Geräusche das Wort nicht. Sie schaute auf das Brett und fragte: »Wie lang' muß es denn sein?« »Fünf Schuh und drei Zoll,« antwortete er. – »Und meinst, wir möchten uns nicht miteinander vertragen?« »Oh du, ich bin bös, mein Lieber!« rief sie lachend, setzte aber ernsthafter bei: »Nein, kränken wollt' ich einen nicht, wenn –« »Wenn?« »Wenn ich mir ihn einmal ausgesucht hätt'.« »Und wolltest dir nicht etwa einen Tischler aussuchen?« Sie schwieg erschrocken. »Wolltest du ihn gern haben, Bethl?« Sie schwieg. Er blickte auch nicht auf, sondern schnitt jetzt ein kleineres Brettchen mit sechs Ecken zurecht. »Was meinst dazu?« fragte er wieder, aber immer ohne sie anzublicken. Bethl wischte mit der Schürzenecke die Lehne des Stuhles ab, die aber gar nicht staubig war. »Was meinst dazu?« »Und –« lispelte sie nun mit hochroten Wangen, »tät's dem Tischler sein Ernst sein?« »Nach Spaß geht's mir jetzt nicht,« sagte er und arbeitete. Sie sah ihm ein Weilchen still zu und tat dann, um ihre Befangenheit zu verbergen, die Frage: »Ein Winkelkastel, gelt, ein Winkelkastel wird das?« »Versteht sich, ich wollt' schon gut sein auf dich,« sagte er. »Ich kunnt dir Wohl zu leicht sein,« gab sie zu bedenken, »ich bin halt nur eine Bauerndirn auf dem Berg oben.« »Und ich bin ein Tischler im Tal herunten,« antwortete der Lucian, während er mit einem kleinen Bohrer einige Löcher in den Rand des Brettes schnitt. Nach einer Weile fragte die Beth! wieder: »Na werden jetzt Nägel eingeschlagen?« »Da werden jetzt Nägel eingeschlagen,« antwortete der Bursche. »Und im Tal ist's schön eben. Wir wollten recht verträglich miteinander sein –« »Aber nein!« rief jetzt das Mädchen und sprang vom Sessel auf, »was ich doch ein närrisches Ding bin! Da versitz' ich mich, und daheim warten die Ferkeln auf mich. Weil ich die Ferkeln füttern tu'.« »So, die Ferkeln tust füttern?« »Ja, das tu' ich. – Jessas und Josef, was du da für einen spaßigen Trog zusammenmachst!« »Ja,« sagte er und fügte die Bretter ineinander. »Wolltest nicht noch ein wenig bei mir dableiben? Schau, weil wir schon im Plaudern sind, sollst nicht fortgehen, ehevor wir's richtig gemacht haben. Ledig bleiben mag ich nicht und auf dich hab' ich schon lang' gedacht.. Kann ich mich verlassen?« Sie schwieg. »Hast aber einen anderen im Sinn, so tu' mir's offenherzig sagen.« Sie schüttelte das Köpfchen: »Einen anderen hätt' ich dieweilen freilich noch nicht.« »So sag' mir ja. So sag' mir frisch ja.« »Das Jasagen,« meinte nun die Bethl, »das wollt' ich gerade noch zuweg' bringen. Aber was nachher dran hängt –« »Die Hochzeit hängt dran und viel lustig' Sach'.« »Und ans Auseinanderscheiden denkst nicht?« fragte sie. »Geh', wer wird denn an so was denken! Nur der Tod scheidet.« »Nur der Tod, nur der Tod!« rief das Mädchen lebhaft. »Aber der Tod ist mir schon genug und mehr als genug. Bin ich allein, so macht er mir gar nichts. Aber hab' ich einen Mann, so – deucht mich – kunnt' ich ihn so viel lieb haben, daß ich den Tod tät' fürchten, wie das höllische Feuer! daß ich keine Stund' kunnt lustig sein, weil ich wüßt': so kann's nicht dauern, wie es auch jetzt freudig ist! freudig ist auf der Welt! Es kommt ein Tag, der uns auseinanderreißt. Den Tag wirst erleben. – Nein, Lucian, wer kunnt sich das denken und nicht närrisch werden auf der Stell'!« Jetzt ließ der Tischler das Werkzeug fallen. – Das ist eine! Das ist eine goldene! Ist's nicht aber doch zu unrechter Zeit, daß er jetzt mit ihr spricht? – Er starrte auf das weiße Tannenbrett. »Bethl,« sagte er dann, »den Knappenpaul, den hast du gekannt.« »Den Paul, freilich kenn' ich ihn.« »Der ist ein kreuzlustiger Bursch' gewesen, hat geblüht wie das helle Leben, hat schon seit manchem Jahr ein Dirndl lieb gehabt.« »So?« sagte sie. »Aber mit dem Heiraten hat er zugewartet, ist ihr wohl nachgeschlichen und hat nichts denken können, als alleweil nur an das Dirndl. Ist sie ihm begegnet, so ist er ihr ausgewichen, hat gemeint, es wär' alleweil noch Zeit dazu. Gestern im Bergwerk hat ihn ein Stein erschlagen.« »Das ist aber zum Erschrecken!« sprach sie. »Jetzt ist er ausgelöscht,« sagte Lucian; »nein, Bethl, so lang' wart ich nicht. Drum, jetzt, so sag's!« Er stellte sich kerzengrade vor das Mädchen hin: »Schau mich an! Bin ich dir recht? Wie ich auswendig bin, das siehst. Und inwendig – inwendig bin ich brennheiß in dich verliebt und mag mein Lebtag keine als wie dich allein! Kannst jetzt nein sagen? Sag's, wenn du kannst!« Ihre Zunge ist schwer, wie neun Pfund Blei. Ihre Hände und Füße zittern, sie muß sich an den Türpfosten halten und starrt drein. Der Lucian schafft an seiner Arbeit weiter, fügt die Bretter ineinander, treibt die Nägel ein. Vor dem hohlen Schall schrickt das Mädchen aus und ruft: »Jessus Maria, das ist ja eine Totentruhen!« »Ja freilich!« sagt der Lucian, »das ist das neue Haus für den Knappenpaul – der zu lang' gewartet hat. Zergrimm' dich nicht, Dirndl, schau mich an und sag': Ja.« »Aber die greulich' Totentruhen da!« haucht sie, »Daß du gar so traurige Arbeit hast, Tischler!« »Wie's Gott gibt. Heute eine Truhen, morgen ein Sterzschüsselkreuz, übermorgen eine Wiegen. Wie's Gott gibt.« Mit nassen Augen, mit zuckenden Lippen, so stand sie da. – Von den Lippen gesogen hat er ihr das Ja, dann floh sie mit hochwogender Brust davon – ihre Füßchen haben den Boden kaum berührt. Der Lucian stand da neben dem Sarge und war erstaunt, daß es jetzt auf einmal geschehen war, was er so lange gedacht, geplant hatte. – Der Altgeselle Simon hat doch Unsinn geschwätzt. Der Glühwein ist nicht nötig. Wer sich nur nicht zu frühzeitig verzettelt! Wer in starker und junger Mannhaftigkeit zu warten weiß, bis das Glück reif ist! Wie singt jetzt der Tischler Lucian? Der singt: »Die ich mag, krieg' ich!« Am Tage der Sonne Der Wildeisboden ist eine der höchsten Erhebungen unserer Alpen. Er ist eine meilenweite Landschaft für sich mit Berg und Tal. Während sonst in den Tälern und auf den Ebenen aperer Boden ist und der Schnee nur an den Bergen hängt, ist es dort umgekehrt, die Felsgipfel erheben sich nackt und kahl, in den Talungen und Muldungen liegt Schnee, ewiger Schnee, toter Schnee – Gletscher. Wer einmal auf einem jener braunen, zerklüfteten Felsgipfel gestanden, der hat es für sein ganzes Leben. Er hat eine Welt gesehen, in der nichts ist als Stein und Eis, so weit das Auge reicht. Ferne Gebirge, die ebenfalls Gletscher tragen, schließen sich scheinbar an die Wüste der Wildeisböden (man gebraucht den Namen auch in der Mehrzahl); die tiefen Täler, die dazwischen liegen, nimmt das Auge nicht wahr. Nach allen Weltgegenden furchen sich die Täler aus von diesen Wildeisböden und ihre grauen Gletscherwässer fließen in alle Meere. In eines dieser Täler müssen wir hinabsteigen. Ich werde den Leser anseilen, um ihn zu erinnern an die Beschwerden und Gefahren dieses viele Stunden langen Abstieges, bei dem im letzten Jahrzehnte mehr als ein Hochtourist das Leben eingebüßt hat. Das tiefe Engtal zieht gegen Westen hin, weit draußen eine scharfe Scharte lassend, aus der die sonnigen Vorgelände blau hereinschimmern. Zur Linken dieses Tales zieht sich vom oberen Wildeisboden das Fels- und Eisgebirge hin, dessen zerklüftete Nordwände fast senkrecht bis zur Talsohle niederstürzen. Zur Rechten, ebenfalls vom Wildeisbodenstock abdachend, steht ein Bergwall von kahlen Kuppen, Felsriffen und Almen, auf denen Sonnenschein liegt, während die Nordwände des Gebirges nur hoch an den Vorsprüngen und Türmen beleuchtet sind, tiefer herab im ewigen Schatten dämmern. Der Bach, der in vielen Runsen und Fällen vom Wildeisboden niederstürzt, braust in weißen Schäumen durch das enge meilenlange Tal hinaus, er ist mehr eine Kette von Wasserfällen als ein Bach, Holzblöcke, die am Fuße der Böden in dieses Wasser fallen, kommen ganz zerschlagen erst nach zwei Tagen draußen an, wo das Gebirge sich sachte in Hügelgelände verliert. Dort, wo aus Gletscherbereichen das Wasser niederstürzt in den Engkessel des hinteren Tales, wächst auf den schmalen Matten, zwischen Bach, Gewände und Felsblöcken kurzes, kümmerliches Gras und unter Knieholz steht dort und da ein von Sturm zerrissener Fichtenstamm. An einer etwas erhöhten Stelle nahe den schwindelnd aufragenden Sollerwänden steht eine Gruppe von solchen Bäumen, unter deren Schutz eine Holzhütte sich duckt. Seit die Welt steht, ist in diesem Bergwinkel kein Vogelgesang und kein Grillengezirpe vernommen worden; selbst wenn solche Tierlein hier hausten, erstürbe ihr Sang in dem Brausen der Wasser. Seit die Welt steht, ist kein Sonnenstrahl gefallen in diesen Engkessel am Fuße der Sollerwände. Der Sonne Widerschein, der von den gegenüberstehenden Almkuppen herabkommt, legt ein mattes, trauriges Licht auf die beständige Dämmer in der Tiefe. Von der Hütte gegen den Bach hin erstreckt sich eine Böschung aus Schutt und Stein. Wenn man auf derselben etwa hundertfünfzig Schritte lang dahinklettert, so kommt man zu einer flachen Felsplatte, die wie ein Tisch auf anderen Steinen ruht. Sie ist immer feucht von dem Nebelstaub, der aus dem schäumenden Wasser der Tiefe heraufsteigt. Der Englessel heißt die Not. Aber von dem Felstische aus kann man einmal im Jahre Wunder sehen. Am 22., 23. und 24. Juni zur Abendstunde erscheint hier die Sonne. Wenn man von diesem Punkte aus talabwärts gegen Nordwesten schaut, so sieht man ganz unten, wo die lichte Himmelsscharte hereinblinkt, als letzten Vorsprung der Bergkette eine scharfe Felswand stehen. Ihr fast senkrechter Absturz, der 1500 Meter hoch sein soll, bildet eine schnurgerade Linie vom Himmel bis in die tiefste Talniederung, mit dem gegenüberstehenden Waldberghang die lichte Himmelsscharte einrahmend. Dieser Felsvorsprung hat zwei Namen: er heißt Donnerstein und auch Sonnwender. Wenn im Engkessel, die Not genannt, an den Wänden ein Gemsjäger steht, ober auf den gegenüberliegenden Almen ein Hirte, und es erhebt sich in den Wildeisböden ein Gewitter, so hört er bei jedem Blitz zwei Donnerschläge. Den einen zuerst über dem Gletscher und den andern eine Weile später vom Donnerstein herein. Drei Vaterunser, sagen die Hirten, soll man bequem beten können, bis nach dem ersten Schlag der zweite hereinkommt. Dieses Widerhalles wegen heißt jene Felswand der Donnerstein. Der Sonnwender ist sie geheißen, weil an den genannten Junitagen abends um halb acht Uhr hinter dem Profil der Wand die Sonne hervorkommt und einige Minuten in die Not hereinleuchtet, ehe sie in der Scharte untergeht. Die Hütte unter den Schirmfichten erreicht sie auch zu dieser Zeit nicht. Wenn also jene Tage kommen, gehen die wenigen Hüttenbewohner längs des Schuttwalles hinaus bis zum steinernen Tisch und warten, bis hinter dem Donneistein die liebe Sonne hervortaucht. Und wenn sie kommt, schauen die Leute schweigend auf sie hin, so lange, bis sie in der untersten Schartenecke verschwunden ist. Am ersten Abend der drei Tage taucht von der Sonne nur die Hälfte hervor, dann sinkt sie hinten hinab; am zweiten Tage löst sie sich in ihrer ganzen Runde aus der Felswand hervor, leuchtet in mildem, rötlichem Abendschein und sinkt in den Trichter hinab. Am dritten Tage lodert nur wieder die halbe Scheibe hervor, ehe sie untergeht. Ist sie dahin, dann gehen die Leute wieder der einsamen Hütte zu, um neuerdings ein Jahr auf den Besuch der Sonne zu warten. Am vierten Tage – so sagt man – würde die Sonne nicht mehr sichtbar und nur ein strahlender Glanz gehe aus vom Donnerstein, vor Sonnenuntergang. In der Hütte wohnte zur Zeit dieser kleinen Geschichte der alte Hirte Bastian mit seinem Weibe, seiner Tochter, ihrem Manne und ihrem Knäblein. Es waren Hirten ohne Herde. Zur Sommerzeit, wenn aus den Dörfern der unteren Gegenden die Rinder, Pferde und Schafe auf die Almen gefühlt wurden, übernahm es die Familie des Bastian, über die Tiere zu wachen, daß sie sich nicht verliefen und daß sie den gefährlichen Absturzstellen ferne blieben. Wenn bei schlechtem Wetter die Herden sich versammelten unter Schirmtannen, wie sie da und dort stehen, ging von den Bastianleuten eines hinauf, zählte sie ab und teilte unter ihnen Salz oder Mehl aus; war eines der Tiere krank oder fehlte eines, dann mußte nach dem Eigentümer eine Botschaft geschickt werden. Trotz der Hunderte von Stücken mußten die Hirten jedes einzelne Rind oder Pferd unterscheiden und wissen, wem es zugehört. An den Schafen waren nur die Rudel zu merken, die sich je nach der Zusammengehörigkeit von Haus aus sonderten und sich nie miteinander vermengten. Bei diesem Hüterdienst, der im Hoch- und Nachsommer etwa acht oder zehn Wochen lang währte, bis die ersten Schneestürme niederwirbelten von den Böden, verdiente sich die Familie so viel, um den Winter über leben zu können. Um sich einen Notpfennig zu erhausen, arbeitete der Schwiegersohn Killi manchmal im Holzschlag. Dieses Hirtenamt war seit alten Zeiten an die Leute des Bastian geknüpft, die man auch die Unterwander hieß, weil sie unter der großen Sollerwand ihre Hütte hatten. Bastians Vater hatte drüben am sonnseitigen Hang die Hütte gebaut. Da war eines Maientags der Föhn gekommen und hatte hoch oben am Kar die Schneelawine gelöst. Sie kam niedergefahren, ihr Luftdruck fegte die Hütte weg und schleuderte die Trümmer mehrere hundert Klafter weit über das Tal, über das Wasser bis an die Felswand der Schattseite. Die Einwohner waren an demselben Tage draußen im fernen Kirchdorf bei der Fronleichnamsprozession gewesen. Als sie ins Hochtal kamen und kein Heim mehr fanden, da taten die drei armen Menschen ganz verschiedene Dinge. Das Weib weinte, der Sohn fluchte und der Vater betete ein Dankgebet, daß sie durch das »allerheiligste Altarssakrament« gerettet worden seien. Die Nacht über schliefen sie in einer Felsnische, am nächsten Tage begannen sie aus den Trümmern eine neue Hütte zu bauen unter der Wand bei den Schirmbäumen. Seitdem stand das Haus der Hirtenfamilie in dem ewigen Schatten. Zwar das Weib und die Kinder des Bastian hatten Sonne genug, wenn sie auf den Almen umherfliegen bei den schellenden Herden. Der alte Bastian jedoch hatte schon seit Jahr und Tag keinen Sonnenstrahl mehr gesehen. Er war einst, als er die von den Wildeisböden niedergehende Gletscherzunge zu überschreiten hatte, durch den Schneesteg gebrochen und in eine Eisspalte gefallen. Dort unten stak er neun Stunden lang, ehe er gefunden und gerettet werden konnte. Nach monatelanger Krankheit genas er, aber die Füße blieben lahm und tot. Der Bastian war ein Krüppel, der durch das Fensterlein in ohnmächtigem Wehe hinaufblickte zu den sonnigen Kuppen. Er hatte nie vorher empfunden, daß die Sonne so einzig nicht zu entraten ist. Nun konnte er mit dem alten Attingshausen klagen: »Wenn die liebe Sonne zu mir nicht kommt, ich kann ihr nicht mehr folgen auf den Bergen!« – Nein, sie kam nicht zu ihm, die liebe Sonne. Als nach seinem Unglückstage der erste Sonnwendtag war und die Bewohner der Hütte den einjährigen Enkelknaben hinaustrugen zum steinernen Tisch, um dem Kinde die Sonne zu zeigen, lag der Sebast noch auf dem Krankenbette. In dem darauf folgenden Jahre hätte der Alte sich wohl auf einem Steinkarren hinausschieben lassen über den Schuttwall, aber es war trüber, regnender Himmel, und wieder war die Sonne verspielt für ein ganzes Jahr. Nun aber kam die dritte Sonnenwende. Die Sonne spannte ihren höchsten Bogen in den Himmel auf, aber den Zenit erreichte sie nicht und über die Zinnen der Sollerwände kam sie nicht. Jenseits stieg der Schein herab über Alm und Wald, aber ins Tal kam er nicht. Gegen Abend begannen dort die Schatten, wie aus der Unterwelt steigend, den Berghang hinaufzukriechen, höher und höher die bunten Farben der Wälder und Matten löschend, bis endlich auch die höchsten lichten Gipfel zu dunkeln Wuchten geworben waren. Die Not mit ihren Felsblöcken und ihren verwitterten Baumgruppen und ihrer Menschenhütte versank in dunkle Nacht. Am 22. Juni war der alte Sebast schon frühmorgens rege und blickte aus, wie der Himmel sei. Soviel von ihm niedersah, er war blau und die Almkuppen leuchteten rein, wie grünliches Gold. Es ist der Tag der Sonne. Noch fünfzehn Stunden und er wird die Sonne sehen! Zur Mittagszeit hatten sich über die Zacken der Wildeisböden ein paar milchweiße Wolkentürme heraufgebaut. Am Nachmittag zerfransten sie sich und verschwanden. Der Alte kratzte mit dem Schermesser seine Bartstoppeln weg und zog sein Sonntagsgewand an nach langer Zeit. Er merkte, es war ihm recht weit und luftig geworden. Auch sein Weib kleidete sich besser und die Tochter richtete ihr Knäblein festlich her, wusch ihm mit feuchtem Lappen das blasse Gesichtl und strählte ihm das flachsfalbe Haar. So richteten sie sich her zum Empfang der Sonne. Der Bastian saß schon auf seinem Sandkarren und blickte ununterbrochen hinaus in die lichte Scharte. Ja, sie war licht, aber blaßlicht und mit einer Dunstschicht überzogen, die sich rasch verdichtete. Als sie hinausfuhren über den Schuttwall, standen in der Scharte bleigraue Wolken, aus denen es blitzte. Es war halb acht, und es wurde acht Uhr und hinter dem Donnerstein kam keine Sonne hervor. Betrübt kehrten sie in der Dämmerung zur Hütte zurück – hoffend auf den nächsten Tag. Am nächsten Tage regnete es vom Morgen bis zum Abend und die Nebel hingen so tief nieder, daß nicht einmal die Scharte zu sehen war am Donnerstein. Am dritten Tage regnete es nicht, aber der Himmel war umzogen und auf den Nergen hingen Nebel. Der Knabe hüpfte den ganzen Tag um die Hütte herum und jauchzte, er werde die Sonne sehen, die liebe schöne Sonne! »Du wirst sie freilich sehen, Kind,« sagte der Großvater zu ihm, »du bist jung. Aber ich werde wohl ohne Sonnenuntergang schlafen gehen müssen.« Am Nachmittage heiterte es sich auf, am Abende leuchtete die Scharte im hellen, wolkenlosen Himmelslichte. Der Tochtermann war nicht zu Hause, war im Gebirge bei den Herden. Das Weib und die Tochter spannten sich an den Karren, in dem der Bastian kauerte; der dreijährige Knabe schob hinten nach und so zogen sie in feierlicher Andacht den rauhen Wall hinaus bis zum steinernen Tisch. Dort standen sie und blickten auf die Scharte hin, die zwischen den beiden Berglinien immer heller und heller wurde. Der Bastian blieb im Karren und legte die Hände gefaltet auf den Tisch, sie zitterten ein wenig. Neben ihm hockte sein auch schon mühseliges Weib. Die junge Mutter hatte den Knaben auf den Schoß genommen und gesagt: »Jetzt mußt du schön still sein, Kind. Es kommt die liebe Sonne.« Aber das hörte man nicht, denn es donnerten die Wasser in der Schlucht. Die vier Menschen blickten schweigend. Hinter dem Absturz des Donnersteins begann es blendend hell zu blinken. Dann quoll aus der Wand eine glühenden Lohe, ein feuriges Halbrund, immer größer und weiter sich dehnend, bis die ganze funkelnde Sonnenscheibe in der Scharte stand und ihr rosiges Licht hereinlegte durch das tiefe Engtal. – Ein paar Minuten stand sie so da in stiller Majestät, dann plattete sich der untere Rand und die Sonne versank allmählich ins Dunkle. Als sie verschwunden war, rief der Knabe: »Ist das die liebe Sonne gewesen?« Die Frauen jubelten jetzt. Die Gnade war größer gewesen, als sie erwartet hatten. Die ganze Sonne hatten sie gesehen, während sie als am dritten Tage nur einen Teil von ihr erwartet. Es ändert sich nicht der Lauf der Gestirne, aber es irren die Menschen. »Und wie geschwind alles wieder vorüber ist!« sagte die alte Frau; sie zog ihren Loden um die Achseln zusammen, denn es strich die frostige Abendluft. »Ihr solltet doch beten, solange die Sonne da ist,« sprach der Greis, er mußte es schreien und hielt immer seine Hände gefaltet auf den Tisch gelegt. »Gott der Herr führe uns all' zur ewigen Freud' und Seligkeit, Amen.« So betete die Frau, »und nun, Altei, wollen wir wieder in die Stube fahren.« »So wartet doch, bis die Sonne unten ist!« rief er laut. »Sie ist ja schon lange unten, Vater, und es wird dunkel.« Da schrie der Alte, die Sonne sei noch da, er sehe sie! Er sehe sie groß und tanzend vor seinen Augen stehen! Dann tastete er nach der Hand seines Weibes und tastete mit den Händen in die leere Luft und rief: »Was ist denn das? – Was ist denn das? Jetzt sind zwei Sonnen da! Jetzt sind drei Sonnen da! Sie tanzen in allen Farben. Was ist denn das?« Die Frauen brachten ihn in die Hütte. Den Bastian umtanzten die Sonnen noch stundenlang. Und als der Morgen tagte und auf den gegenüberstehenden Kuppen wieder der goldige Schein lag – sah der Alte nichts mehr. Er war erblindet. Nach einer Weile kamen Leute zusammen und schauten den armen Mann an, der hilflos im Winkel der dunkeln Stube lauerte. Sie sagten, der schwache Augennerv sei von der grellen Sonne getötet worden, in die er anhaltend geblickt hatte. Der Bastian saß da und sagte nichts als »In Gottesnamen!« Er hat sein Gesicht keinem Fenster und keiner besonnten Beigkuppe und keiner Herdglut und keiner Kienspanfackel mehr zugewendet; ein unendliches Meer von Dunkelheit umgab den hinsiechenden Greis. Aber in dieser Dunkelheit begannen wieder zu kreisen, bald blasser, bald Heller, die feurigen Sonnenräder. Der alte Hirte merkte es kaum, wie seine Seele auf solchem Sonnenwagen sachte entführt wurde empor zum ewigen Licht.