Walter Scott Anna von Geierstein oder Das Nebelmädchen Roman aus den schweizerischen Bauernkriegen. Erster Band. Erstes Kapitel. Fast vier Jahrhunderte mögen seit den Geschehnissen, die in folgenden Kapiteln erzählt werden sollen, verflossen sein. Die Aktenstücke, in welchen sich die Grundzüge der Geschichte vorfanden und die ihr zugleich als Beweis der Wahrhaftigkeit dienen dürften, wurden lange Zeit in der prächtigen Bibliothek des Klosters zu St. Gallen aufbewahrt, gingen jedoch, gleich mehreren anderen Schätzen dieses Gebäudes, verloren, als das Kloster von den französischen Revolutionsarmeeen geplündert wurde. Die Begebenheiten fallen, zufolge geschichtlicher Daten, in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, jener wichtigen Periode, wo das Rittertum, das seinem baldigen Erlöschen, und zwar in etlichen Gegenden durch die Einrichtung freier Verfassungen, in anderen durch Feststellung monarchischer Gewalt, nahe war, vorm Untergang ein letztes Mal aufblühte. Die Bewunderung und Aufmerksamkeit der Mitwelt wurde zum ersten Male um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts auf die Schweiz gelenkt, als sich das Gerücht von schweren Gefechten verbreitete, in denen die deutsche Ritterschaft, bemüht, einen Aufstand ihrer in den Alpengegenden wohnenden Untertanen zu beschwichtigen, wiederholte und blutige Niederlagen hatte erleiden müssen, obgleich Ueberzahl, Manneszucht und der Vorteil vollkommener kriegerischer Rüstung auf ihrer Seite gewesen war. Mächtig erstaunte man, daß Reiterscharen, die den wesentlichsten Teil der damaligen Kriegsheere ausmachten, von Fußvolk vernichtet wurden, daß Männer, von oben bis unten in Stahl gehüllt, von Leuten überwältigt wurden, die höchst regellos nur mit Piken, Hellebarden und Keulen versehen waren; vor allem aber wollte es ein Wunder bedünken, daß Ritter und Herren von Bauern und Hirten in die Flucht gejagt worden waren. Obgleich nun die entscheidenden Siege, durch welche die Schweizerlande ihre Freiheit errangen, und der Geist der Entschlossenheit und Einsicht, mit der die Glieder der kleinen Verbindung sich gegen die Gewaltmaßregeln Österreichs behauptet hatten, weit durch alle Nachbarländer den Ruhm der Schweizer verbreiteten, obgleich diese Schweizer selbst recht wohl die Macht erkannten, die sie durch ihre wiederholten Siege errungen hatten, so verblieben sie dennoch bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts und später noch im hohen Grade bei der Weisheit, Mäßigung und Einfachheit ihrer uralten Sitten, und dies in solchem Maße, daß diejenigen, denen die Führung der Truppen des Freistaates zur Kriegszeit vertraut wurde, gewöhnlich den Hirtenstab wieder ergriffen, wenn sie das Schlachtschwert ablegten, und gleich den römischen Feldherren von der Höhe, auf die ihre eigene Fähigkeit und die Aufforderung ihrer LandsIeute sie gestellt hatte, in den gleichen Stand wie ihre Mitbürger zurückkehrten. So also beginnt um die Zeit des Herbstes im Jahre 1474 unsere Erzählung in den Waldkantonen des Schweizerlandes. Zwei Reisende, von denen der eine schon bedeutend über die Blütezeit hinaus war, der andere etwa zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt sein mochte, hatten die Nacht im Städtchen Luzern, dem Hauptorte des Ländchens gleichen Namens, zugebracht, das in einer lieblichen Gegend am Vierwaldstädtersee liegt. Ihrer Kleidung und ihrem Wesen nach schienen sie Kaufleute höherer Klasse zu sein, und indem sie zu Fuße reisten, weil die Beschaffenheit des Landes diese Art zu reisen als die bequemste anempfahl, folgte ihnen ein junger Bauernbursche, von der italienischen Alpenseite her gebürtig, mit einem Maultiere, das er bisweilen bestieg, öfter jedoch am Zügel führte. Die Reisenden hatten ein ungewöhnlich freundliches Ansehen und schienen sehr nahe miteinander verwandt zu sein. Wahrscheinlich waren sie Vater und Sohn; denn in der kleinen Herberge, wo sie am Abend vorher übernachtet hatten, war die Ehrfurcht und Hochachtung, die der jüngere dem älteren erwies, den Eingeborenen nicht entgangen, die, gleich andern in Einsamkeit lebenden Leuten, um so neugieriger waren, als es ihnen an Mitteln gebrach, sich Welt- und Menschenkenntnis zu verschaffen. Auch bemerkten sie, daß die Kaufleute, unter dem Vorwande, Eile zu haben, ihre Warenballen nicht öffnen wollten, auch keine Lust bezeigten, Handel mit den Luzernern zu treiben, indem sie behaupteten, daß sie keine Artikel führten, die sich für den dortigen Markt schickten. Indessen hatte der junge Bursche, der sie begleitete, verlauten lassen, die Reisenden kämen aus Venedig und hätten dort große Ankäufe von jenen Waren gemacht, wie sie aus Indien und Aegypten nach diesem berühmten Stapelort, dem gemeinschaftlichen Markt des Abendlandes, gebracht wurden und von dort nach allen Gegenden Europas weitergingen. Endlich hatten die Schweizermädchen seit kurzem die Entdeckung gemacht, wie Putzsachen und Edelsteine gar lieblich anzuschauen sind, und obgleich ihnen keine Hoffnung blühte, sich dergleichen Schmuck und Herrlichkeiten anzueignen, so waren sie doch sehr begierig, den reichen Vorrat unserer Wanderer zu betrachten und zu betasten, und waren nun nicht wenig ärgerlich, daß ihnen dies Vergnügen versagt war. Ferner war die Neugier der Landeseinwohner durch den Umstand rege gemacht, daß die beiden Wanderer in einer Sprache miteinander redeten, die zuverlässig weder Deutsch noch Italienisch, noch Französisch war, sondern von der ein alter Mann, der in der Schenke diente und einst Paris gesehen hatte, mutmaßte, daß sie die Sprache der Engländer wäre, eines Volkes, von dem man nichts weiter wußte, als daß es einen kühnen Insulanerstamm bildete, der viele Jahre hindurch Krieg mit Frankreich führte und von dem einst eine starke Truppe die Waldstätte überfiel und im Tale Rußwyl eine gewaltige Niederlage erlitt, deren sich eisgraue Männer in Luzern, auf welche die Sage von den Vorvätern übergegangen war, noch recht wohl erinnern wollten. In dem Burschen, der den Führer der Fremden abgab, erkannte man bald einen Jüngling aus dem Graubündnerlande, der, so gut seine Kenntnisse der Gebirgsgegend es ihm gestattete, sein Amt bei unsern Reisenden verwaltete. Er sagte, daß seine Gebieter die Absicht hätten, nach Basel zu gehen, daß sie jedoch zu wünschen schienen, auf Umwegen und wenig besuchten Straßen dorthin zu gelangen. Alle diese eben mitgeteilten Umstände erhöhten das allgemeine Verlangen, mehr von den Reisenden und deren Handelswaren zu erforschen. Dennoch ward kein Warenballen aufgeschnürt, und die Handelsmänner verließen am andern Morgen Luzern und setzten ihre beschwerliche Reise fort, indem sie durch fast wegloses Gelände zogen, um jede Begegnung mit räuberischen Rittern zu vermeiden, die nach Gefallen Krieg führten und mit aller Frechheit kleinlicher Tyrannei Zölle und Abgaben allen denen auferlegten, die auf eine Meile Wegesbreite sich ihren Besitzungen nahten. Nachdem die Reisenden Luzern verlassen hatten, wanderten sie vier Stunden lang glücklich weiter. Wie abschüssig und gefahrvoll der Weg auch sein mochte, so wurde er ihnen doch durch alle die herrlichen Naturbilder angenehm gemacht, an denen die Schweiz einen so verschwenderischen Reichtum hat: Felspässe, grünende Täler, breite Seen und rauschende Waldströme, alles überragt vom blendendweißen Hermelin der himmelhohen Gletscher. Unsere Handelsmänner betrachteten halb mit Schrecken, halb mit Staunen die erhabene Natur ringsum. Ihre Straße führte am Ufer des Sees hin, und zwar bisweilen eben hart am Wasser, bisweilen stieg sie bis zum Kamm des Gebirges an, und wand sich an dem Rand von Abgründen hin, die in das Wasser so steil und schroff hinabschauten, wie die Mauer eines Schlosses sich an dem Graben hinaufzieht, der ihr zur Schutzwehr dient. Ein anderes Mal schritten sie durch eine Gegend von milderem Charakter, erblickten liebliche, grünende Anhöhen und tief ruhende Täler, wo Weiden, urbare Felder und Ortschaften lagen, die aus hölzernen Hütten und einer kleinen Kirche mit abenteuerlichem Turme bestanden. »Arthur,« sagte der Aeltere der Wanderer, als beide, wie auf Verabredung, still standen, um eine der soeben beschriebenen Szenen zu betrachten: »Arthur, dieser Bach gleicht dem Leben eines guten und glücklichen Menschen.« »Und der Wassersturz,« entgegnete Arthur, »der sich von jener fernen Höhe herab ergießt und seinen Lauf durch einen Streifen weißen Schaumes bezeichnet, wem mag er gleichen?« »Dem Leben eines wackeren und unglücklichen Mannes,« versetzte der Vater, »So sei der Wassersturz das Bild meines Lebens,« sprach Arthur, »ein kühner Strom, den menschliche Gewalt nicht dämmen kann; mag dann sein Lauf ebenso kurz wie rühmlich sein!« »Das ist eines Jünglings Gedanke,« entgegnete der Vater, »doch weiß ich es gar wohl, er ist so tief in Deinem Herzen eingewurzelt, daß nichts als die rauhe Hand des Mißgeschickes ihn wird ausrotten können. Lerne, daß bis zur Mitte des zurückzulegenden Lebens die Menschen kaum wissen, wahres Glück von Mißgeschick zu unterscheiden, oder vielmehr, daß sie das als Gaben des Glückes begrüßen, was sie mit größerem Rechte als Kennzeichen ihres Unglückes wahrnehmen sollten. Schau hin zu jenem Berge, der auf seiner gerunzelten Stirn eine Krone von Wolken trägt, die sich im Sonnenschein bald erhebt, bald wieder senkt. Ein Kind mag diese Wolke für eine Krone des Ruhmes ansehen, ein Mann erkennt in ihr das Vorzeichen nahen Sturmes.« Arthur folgte der Richtung des Blickes seines Vaters nach der dunklen und beschatteten Höhe des Pilatusberges. »Ist denn der Nebel auf jenem wilden Berge so prophetischer Art?« fragte der Jüngling. »Lege diese Frage dem Antonio vor,« war des Vaters Antwort; »er wird Dir die Legende erzählen.« Der Bub bekreuzte sich andächtig und erzählte die Volkssage vom Tode des gottlosen Statthalters von Judäa: wie er sich, nachdem er jahrelang in den Schluchten des nach ihm benannten Berges zugebracht, endlich mehr aus Verzweiflung als Reue in den trüben tiefen See auf dem Gipfel des Berges gestürzt hätte. Ob nun das Wasser sich weigerte, das Henkeramt an dem Elenden zu vollziehen, oder ob er wirklich ertrunken sei und seitdem als Gespenst den Ort unheimlich machte, wo er seinen Selbstmord verübte: das wagte Antonio nicht zu entscheiden. Allein oft, erzählte der Bursche, sei eine Gestalt zu sehen, die aus dem trüben Gewässer aufzutauchen und die Gebärden eines Menschen zu machen schiene, der sich die Hände wüsche; und dann sammelten sich sofort dunkle Nebelwolken um das Bett des Höllensees (so heißt das Wasser von Alters her), hüllten den ganzen obern Teil des Berges in Dunkelheit und weissagten einen Orkan, der auch sicherlich jedesmal nach kurzer Frist erfolgte. Antonio bekreuzte sich nochmals, und seine Zuhörer, die beide zu gute Katholiken waren, als daß sie den geringsten Zweifel in die Wahrheit seiner Erzählung hätten setzen sollen, taten das gleiche. Man sah an den rauhen Wänden des Berges dicke Wolken von Nebel sich herabwälzen, die durch die gähnenden Spalten hinrollten und dem rauschenden Lavastrom glichen, der am Rücken eines Vulkanes zu Tage quillt. Die schroffen Ueberhänge jener Klüfte zeigten ihre spitzen und rauhen Ecken über dem Qualme, gleichsam als teilten sie den herabwallenden Nebelstrom, der zwischen ihnen hinwogte. Als schneidender Gegensatz zu diesem düstern und dräuenden Gebilde erglänzte der Rücken des Rigi in aller Pracht des herbstlichen Sonnenscheins, Während die Reisenden diesen überraschenden Kontrast beobachteten, der gleichsam einen herannahenden Kampf zwischen Licht und Finsternis verkündete, ermahnte ihr Führer sie in seinem aus italienischen und deutschen Brocken zusammengeworfenen Kauderwelsch zur Eile. Das Dorf, in das er sie führen wolle, sei noch weit entfernt, der Weg schlecht, und falls der Böse (wobei er mit dem Zeichen des Kreuzes auf den Pilatusberg wies), seine Finsternis auf das Tal herabsenken würde, sogar gefährlich. Die also angetriebenen Reisenden rückten entschlossen die Mütze in die Stirn, zogen die Schnalle des Gürtels fester, der ihr Gewand zusammenhielt, und setzten, in der Hand den mit einer Eisenpike versehenen Gebirgsstecken, ihre Wanderung mit unermüdetem Eifer und furchtlosem Herzen fort. »Ich möchte,« sagte der Aeltere nach einer Weile, »wir besäßen jene geheimnisvolle Nadel, von der die Seefahrer erzählen. Ihre Spitze soll sich ewig nach Norden wenden und sie in den Stand setzen, auf dem Wasser auch dann ihre Bahn zu halten, wenn weder ein Vorgebirge, noch eine Landzunge, weder Sonne, noch Mond, noch Steine, noch irgend ein Zeichen am Himmel und auf Erden ihnen sagt, wohin sie steuern sollen.« »Diese Nadel würde uns hier in den Bergen schwerlich von Nutzen sein,« antwortete der Jüngling, »denn wie wundersam sie auch ihre Spitze gegen den nördlichen Polarstern wenden möge, sobald sie, wie auf dem Meere, auf ebener Fläche ruht, so läßt es sich doch nicht denken, daß sie das auch hier tun würde, wo diese ungeheuren Berge sich gleich Mauern zwischen die Stahlspitze und das Gestirn lagern, nach welchem sie hinstrebt.« »Ich befürchte,« fuhr der Vater fort, »unser Führer, der von der Stunde an, wo er sein mütterliches Tal verließ, immer einfältiger geworden ist, wird uns auch nicht mehr viel nützen können. Kannst Du mir sagen, mein Bursch,« fügte er hinzu, indem er Antonio in schlechtem Italienisch anredete, »ob wir auf rechtem Wege sind?« »So es dem heiligen Antonius gefällt!« sprach der Führer, der offenbar viel zu bestürzt war, als daß er die Frage hätte geradezu beantworten können. »Und jenes halb mit Nebel überzogene Gewässer, das am Fuße dieses greulichen Abhanges durch den Dunst blickt, ist es noch ein Teil des Sees von Luzern, oder sind wir zu einem andern Gewässer gelangt, seit wir die letzte Höhe hinabstiegen?« Antonius konnte nichts Gewisses darüber angeben. »Hund von einem Italiener!« rief der jüngere Reisende, »Du verdienst, daß man Dir die Knochen zerschlägt, weil Du ein Amt übernahmst, das Du nicht ausführen kannst.« »Ruhig, Arthur,« sagte der Vater, »wenn Du den Jungen erschreckst, so rennt er von dannen, und wir verlieren auch den geringen Vorteil, den uns seine etwaige Kenntnis der Gegend noch gewähren könnte. Komm her zu mir, mein Bursch,« fuhr er dann in seinem kümmerlichen Italienisch fort, »erschrick nicht vor dem heftigen Jüngling, dem ich nicht gestatten werde, daß er Dich beleidige; aber nenne mir, so Du kannst, die Namen der Dörfer, durch welche wir auf unserer heutigen Wanderung ziehen.« Die sanfte Redeweise des älteren Reisenden machte dem Burschen neuen Mut. Er war nicht wenig über den barschen Ton und die dräuenden Ausdrücke des jüngeren Gefährten erschrocken. Nun sagte er, in seinem schwerfälligem Idiom einen Schwall von Namen her, in denen die deutschen Gaumenlaute sich seltsam mit den zarten Vokalklängen der italienischen mischten. Der Reisende vermochte jedoch aus seiner Antwort nicht klug zu werden, so daß er schließlich ungeduldig ausrief: »So führe uns im Namen der heiligen Mutter oder des heiligen Antonius, wenn Dir das lieber ist; wir verlieren, wie ich sehe, nur Zeit bei dem müßigen Versuche, uns einander verständlich zu machen.« So schritten sie denn abermals weiter, wie bisher, jedoch mit dem Unterschiede, daß der Führer, der das Maultier lenkte, jetzt voranging und die beiden ihm folgten, nachdem sie sonst sich den Weg durch Zuruf von dem hinter ihnen kommenden Jungen hatten zeigen lassen. Mittlerweile verdickten die Wolken sich mehr und mehr, und der Nebel, der anfangs dünner Dunst gewesen war, begann jetzt in Gestalt großer Regentropfen herabzufallen, die sich wie Tau an die Mäntel der Reisenden hängten. Fernher rasselnde und heulende Töne dröhnten von den Bergen herüber. Als sie so etwa drei oder vier Meilen weiter gegangen waren, die ihnen, so aufs Geratewohl zurückgelegt, noch länger vorkamen, gerieten sie endlich in einen Engpaß, der sich am Rande eines Abgrundes hinstreckte. Unten floß Wasser, jedoch war nicht zu erkennen, ob es ein Bach, ein Fluß oder ein See war. Bisher war der Pfad, so steil und rauh er war, doch immer deutlich sichtbar gewesen, hatte auch Spuren von Reitern und Fußgängern gezeigt. Jetzt aber, als Antonio mit dem Maultiere eine vorragende Höhe, um deren Gipfel herum der Weg eine scharfe Krümmung bildete, erreicht hatte, stand der Bursch plötzlich still, indem er sich mit dem ihm eigenen Ausruf an seinen Schutzheiligen wendete. Es wollte Arthur bedünken, als teilte das Maultier den Schrecken seines Führers; denn es sträubte sich, stemmte seine Vorderfüße gespreizt auf den Boden und schien durch diese Stellung den Entschluß anzudeuten, keinen Schritt weiter zu gehen. Arthur stand im nächsten Augenblick neben Antonio und dem Lasttiere auf der Platte eines Felsens, wo der Weg ganz aufzuhören schien und ein jäher Abgrund gähnte; doch ließ der Nebel die Tiefe der Schlucht, obwohl dieselbe über dreihundert Fuß betragen mochte, nicht unterscheiden, Bestürzung malte sich in den Zügen der Reisenden; sie starrten hinab in den Nebelschlund zu ihren Füßen und spähten vergebens nach irgend einer Fortsetzung des Pfades. Während sie unschlüssig dastanden, wollte der Vater eben vorschlagen, auf dem bisher zurückgelegten Wege wieder umzukehren, als ein lautes Geheul des Windes, wilder, als sie es bisher gehört hatten, in das Tal herunterbrauste. Alle drei sahen die Gefahr vor Augen, von dem schwindligen Punkt, auf dem sie standen, herabgeschleudert zu werden, und griffen nach Busch und Felsspitze, um sich daran festzuhalten, während sogar das arme Maultier sich vor dem mit unerwarteter Wucht heranbrechenden Windstoß zu sichern suchte. Der Wind zerriß dabei zwei bis drei Minuten lang den Nebelschleier, zeigte ihnen die Beschaffenheit des Ortes und löste das Rätsel des plötzlich abgebrochenen Weges. Arthurs schneller, scharfer Blick erkannte sogleich, daß der Pfad von der Felsenspaltung aus, auf der man jetzt stand, sich in gleicher Richtung aufwärts an einer Erdbank entlanggezogen hatte, die alsdann die obere Fläche einer steilen Felsenschicht gebildet haben mochte. Allein durch eine der Naturerschütterungen, die sich in jenen wilden Gegenden, wo die ewige Natur nach so furchtbarem Maßstabe verfährt, oft zu ereignen pflegen, hatte die Erdlage einen Riß bekommen oder war vom Felsen herabgestürzt und zusamt dem Fußpfade, den Büschen und Bäumen in dem Gießbach unten versunken; denn als einen solchen Gießbach, nicht aber als einen See oder als einen Arm des Sees, wie sie bis jetzt gemeint hatten, konnten sie nunmehr das Gewässer zu ihren Füßen erkennen. Die unmittelbare Ursache dieser Erscheinung mochte wohl eine in jenem Lande nicht selten vorkommende Erderschütterung gewesen sein. Die bei ihrem Falle umwühlte Erdbank war jetzt eine wilde Trümmermasse und zeigte etliche Bäume, die in horizontaler Lage wuchsen, oder andere, die mit ihrem Wipfel in den Abgrund gestürzt waren. Der schauerliche Felsabhang, der hinter ihnen sich erhob, bildete die Mauer eines fürchterlichen Abgrundes, der wie ein jüngst geschlagener Steinbruch aussah. Am fernen Ufer des Gewässers, weiter hinauf im Tale, konnte Arthur einen viereckigen Bau erkennen, der sich aus den mit Felsen durchsetzten Fichtenwäldern erhob, von beträchtlicher Höhe war und den Trümmern eines gotischen Turmes glich. Arthur zeigte dem Antonio dieses Gebäude und fragte ihn, ob es ihm bekannt wäre; denn er dachte, es müsse wegen der Besonderheit seiner örtlichen Lage ein Wahrzeichen sein und wer es einmal gesehen hätte, könnte es schwerlich vergessen. Der Bursche erkannte den Turm auch sogleich und rief freudig aus, das sei der Geierstein oder Geierfelsen. Den Namen trüge der Ort nach einer ungeheuren Felsenspitze, die sich in seiner Nähe fast in der Gestalt eines Kirchturmes erhöbe, und auf deren Krone der Lämmergeier (einer der größten unter den bekannten Raubvögeln) vor alters das Kind des ehemaligen Schloßherrn hinweggeführt hätte. Er erzählte nun auch, was der Ritter von Geierstein Unserer lieben Frau zu Einsiedeln gelobt hätte, wenn sie sein Kind rettete; und noch während er also sprach, hüllten Schloß, Felsen, Wald und Abgrund sich wieder in dichten Nebel. Kaum hatte er sein wundersames Märlein beendet, nach welchem das Kind dem Vater unversehrt zurückgegeben worden sei, da schrie er plötzlich: »Vorsicht! Der Sturm – der Sturm!« Dieser blies heran und gewährte, indem er den Nebel auseinander jagte, den Reisenden nochmals den Anblick des Grauens, das sie hier umringte. »Ha!« rief Antonio triumphierend aus, als der Windstoß nachließ, »der alte Pontius scheint nichts von Unserer lieben Frau zu Einsiedeln hören zu mögen; allein sie wird schon mit ihm fertig werden – Ave Maria!« – »Jener Turm,« sagte der jüngere Reisende, »scheint unbewohnt zu sein. Ich sehe keinen Rauch daraus aufsteigen.« – »Er ist seit manchem lieben Tag nicht bewohnt gewesen,« entgegnete der Führer. »Bei alledem wollte ich, wir wären drinnen. – Der ehrliche Arnold Biedermann, der Landammann im Kanton Unterwalden, wohnt in der Nähe, und ich versichere Euch, Fremdlinge werden sich, wo er zu befehlen hat, nach seinem Tisch und Keller zurücksehnen.« »Ich habe von ihm gehört,« sprach der ältere Reisende, den Antonio mit dem Namen Signore Philippson anzureden gelernt hatte, »er ist ein guter und gastfreier Mann, der das Ansehen, das er unter seinen Landsleuten genießt, in vollem Maße verdient.« »Ihr spracht Wahres von ihm, Signore,« entgegnete der Führer, »und ich wollte, wir könnten seine Wohnung erreichen, wo Ihr gastliche Aufnahme und gute Zurechtweisung zur nächsten Tagesreise mit Sicherheit erwarten könntet. Allein, wie wir zu dem Geierschlosse gelangen sollen, ohne Flügel wie ein Geier zu haben: die Frage ist schwer zu beantworten.« Zweites Kapitel. Nachdem die Wanderer den schauerlichen Schauplatz, soweit der stürmische Zustand der Atmosphäre es ihnen gestattete, überblickt hatten, bemerkte der jüngere Reisende: »Ich halte es für möglich, mein Vater, an den Zacken des Abgrundes vorwärts zu klimmen, bis ich die Wohnung zu Gesicht bekomme, von der der Bursche sprach. Gibts wirklich eine solche Wohnung, so muß doch ein Zugang zu ihr gefunden werden können; und vermag ich auch nicht den Weg dahin zu finden, so kann ich doch wenigstens denen, die in der Nähe des Geiernestes dort drüben wohnen, ein Zeichen geben und von ihnen freundliche Zurechtweisung erlangen,« – »Ich kann nicht zugeben, daß Du Dich solcher Gefahr preisgibst,« sagte der Vater. »Laß den Burschen weitergehen, so er kann und will. Er ist auf den Bergen groß geworden, und ich will ihm reichen Lohn geben.« – Allein dessen weigerte sich Antonio entschieden. »Ich bin wohl auf den Bergen groß geworden, allein ich bin kein Gemsenjäger,« sprach er, »ich habe keine Flügel, um mich einem Raben gleich, über Klippen zu schwingen. Gold wägt nicht das Leben auf.« – »Gott sei davor,« versetzte Signore Philippson, »daß ich Dich versuchen sollte, eines gegen das andere abzuwägen! So geh denn, mein Sohn, geh; ich folge Dir!« »Nicht so, mit Eurer Erlaubnis, teuerster Herr und Vater,« entgegnete der Jüngling, »es ist genügend, wenn einer hier das Leben wagt, und das meinige, das bei weitem unwürdigere, sollte nach allen Regeln der Vernunft wie der Natur zuerst aufs Spiel gesetzt werden. Nur laßt mich allein gehen! Wenn Ihr mitgingt, würde ich stets zurückblicken müssen, um zu sehen, wie Ihr Euch auf dem Standpunkte halten würdet. Und erwägt, mein teuerster Vater, was und wieviel verloren wäre, wenn Ihr abstürztet!« – »Du hast recht, mein Kind,« sagte der Vater. »Ich besitze noch etwas, das mich an dies Leben auch dann noch knüpft, wenn ich in Dir alles verlieren sollte, was mir teuer ist. Sei gesegnet und behütet, mein Sohn! Dein Fuß ist jung, Deine Hand ist stark. Sei tapfer, aber behutsam, – bedenke, daß ein Mann lebt, der, wenn er Dich missen müßte, nur noch durch eine strenge Pflicht an diese Erde gebunden ist. Ist diese vollführt, so wird er Dir folgen.« Der Jüngling machte sich bereit. Indem er den schweren Mantel abwarf, enthüllte er wohlgeformte Glieder, die mit einer fest an den Leib sitzenden grauen Tuchjacke bekleidet waren. Des Vaters Entschluß wankte, als der Sohn sich zu ihm wendete, um ihm Lebewohl zu sagten. Er widerrief die gegebene Erlaubnis und befahl ihm in gebieterischem Ton, innezuhalten. Doch ohne des Befehles zu achten, hatte Arthur bereits seine gefährliche Wanderung begonnen. Indem er von der Abplattung, auf der er stand, sich an den Aesten eines alten Eschenbaumes hinabließ, der aus einem Spalt des Felsens hervorragte, war der Jüngling, wiewohl mit unsäglicher Gefahr, imstande, eine schmale Steinlage, den äußersten Rand des Abhanges, zu betreten. Von hier aus hinabkriechend, hoffte er, soweit vorzudringen, daß man ihn von der von dem Führer erwähnten Wohnung aus würde sehen oder hören können. Seine Lage schien, als er dieses kühne Vorhaben auszuführen sich bemühte, so gefährlich, daß selbst der gemietete Begleiter bei dem Anblicke des Jünglings kaum Atem zu holen wagte. Das Felsband, auf dem sich Arthur bewegte, erschien immer schmäler, je weiter er sich entfernte, und wurde schließlich fast unkenntlich. Seinem Vater und dessen Begleiter erschien Arthur kaum noch als ein Mensch, sondern eher als ein Insekt, das an einer senkrechten Mauer hinkriecht. Man sieht es wohl sich weiter bewegen, kann aber nicht erkennen, auf welche Weise es sich an der Mauer festhält. Und bitterlich jammerte jetzt des Jünglings trostloser Vater, daß er nicht auf seinem Vorsatz beharrte und nicht lieber auf dem bisher zurückgelegten Wege wieder zur vorigen Nachtherberge umgekehrt sei. Mittlerweile fühlte der Jüngling sich mächtig zur Ausführung seines gefahrvollen Unternehmens gestählt. Er legte seiner Einbildungskraft, die sonst leicht rege zu werden pflegte, die strengsten Fesseln an und versagte es sich, selbst auf Augenblicke nur, irgend einer der entsetzlichen Einflüsterungen Gehör zu geben, durch die die Phantasie nur allzugerne eine wirkliche Gefahr noch vergrößert. Männlichen Sinnes war er bemüht, alles, was ihn umgab, nach dem Maße besonnener Vernunft zu messen, wodurch wahrer Mut am kräftigsten unterstützt wird. »Diese Felsenlage,« sprach er sich selbst beurteilend vor, »ist nur schmal, doch immer noch breit genug, mich zu tragen; diese Spalten im Felsen sind klein, aber ich kann doch immer noch mit den Händen hineinfassen und mich festhalten. Meine Sicherheit hängt also durchaus von mir ab. Wenn ich mich entschlossen und festen Schrittes bewege, auch mich gehörig festhalte, so sehe ich nicht ein, was es auf sich haben kann, daß ich mich so dicht über einem Abgrund befinde.« Indem er auf solche Weise den Umfang der Gefahr, die er lief, nach Grundsätzen der Vernunft und Wirklichkeit abmaß und sich eine gewisse Fertigkeit in Körperübungen zunutze machte, setzte der rüstige Jüngling seine staunenerregende Kletterei Schritt für Schritt fort und legte seinen Weg mit aller Vorsicht, Beharrlichkeit und Geistesgegenwart zurück, die allein ihn vor augenblicklichem Verderben bewahrten. Endlich gelangte er zu dem gefährlichsten Punkt. Der Fels hing um mehr als sechs Fuß gegen den Waldstrom über, den er in einer Tiefe von über hundert Klaftern wie unterirdischen Donner tosen hörte. Er untersuchte den Ort mit der größten Sorgfalt. Gras, Gesträuch und Baumstümpfe brachten ihn auf die Vermutung, daß dieses Felsstück das äußerste Ende des versunkenen Fußpfades sein müsse, und daß, wenn er nur den Winkel würde umgehen können, er die sichere Hoffnung hegen dürfe, die Fortsetzung des durch Naturereignisse so seltsam abgebrochenen Pfades zu erreichen. Allein der Felsenvorsprung ragte so weit vornüber, daß es ganz unmöglich schien, unter ihm hin oder um ihn herum zu klettern. Da er sich um mehrere Fuß hoch über dem Standpunkte erhob, den Arthur erreicht hatte, war es keine geringe Aufgabe, auf ihn hinaufzukommen. Dennoch wählte er dieses Mittel, denn nur so konnte er hoffen, dieses letzte Hindernis zu überwinden. Ein vorragender Baum bot ihm Gelegenheit, emporzusteigen und sich auf den Gipfel des Vorsprungs zu schwingen. Allein kaum hatte er dort Fuß gefaßt, kaum auf einen Augenblick sich Glück dazu gewünscht, daß er von hier aus, mitten in einem wilden Chaos von Fels und Wald, die düstern Ruinen des Geiersteins, aus denen Rauch aufstieg, und etwas wie eine menschliche Wohnung neben ihnen erblickte, als zu seinem Entsetzen die Klippe, auf der er stand, wankte, sich langsam vorwärts neigte und allmählich aus ihrem Lager zu sinken begann, Getrieben vom Instinkte der Selbsterhaltung, zog Arthur sich vorsichtig von dem sinkenden Stein auf den Raum zurück, an dem er heraufgeklettert war, und starrte nun, wie von Zauber gebannt, auf den Felsblock, der in jedem Augenblick hinabstürzen mußte. Der Stein schwankte zwei oder drei Sekunden lang, als wäre er unschlüssig, nach welcher Richtung er fallen sollte; und hätte er sich seitwärts gesenkt, so würde er unseren Abenteurer an seinem Zufluchtsorte zerschmettert – oder ihn mitsamt dem Baum jählings in den Strom geschleudert haben. Aber er stürzte nach vorn zu Tal, zerschlug und zersplitterte in seinem Falle Bäume und Gebüsche und was er sonst traf, und fiel endlich in den Gießbach mit einem Krach, als wenn hundert Kanonen sich auf einmal entlüden. Das Getöse widerhallte von Ufer zu Ufer, von Abgrund zu Abgrund, mit sich selbst verschlingendem Donner. Wer beschreibt die Angst, die sich unterdessen des bekümmerten Vaters bemächtigte, als er den schweren Felsen hinabstürzen sah, jedoch nicht wahrzunehmen vermochte, ob sein Sohn mit ihm versunken sei? Des Vaters erste Regung war, an den Rand des Abgrundes hinzustürzen, auf dem Arthur entlang gekrochen war; Antonio, der Schweizerbube, hielt ihn zurück, und der Reisende suchte mit der Wut eines grimmigen Bären, dem man die Jungen raubt, sich loszureißen. Da plötzlich erklang von der verhängnisvollen Klippe herüber, von der sich durch Arthurs kühnen Aufschwung die ungeheure Steinmasse losgerissen hatte, der gellende Ton eines der großen Hörner, die man von dem Stier oder Bullen des Schweizerlandes als Beute gewinnt – in uralter Zeit das einzige Musikinstrument dieser Bergbewohner, »Haltet, Herr, haltet!« rief der Graubündner; »von drüben her ist das Zeichen vom Geierstein herabgegeben. Es wird bald jemand uns zu Hilfe kommen, um uns einen sicheren Weg zu zeigen, auf dem wir Euern Sohn suchen können. – Und seht nur, da drüben über jenem Busche, der durch den Nebel schimmert – heiliger Antonius beschütze mich! – dort erblicke ich ein Weißes Tuch! Wie es flattert! und gerade über dem Punkte, wo der Felsklump niederstürzte!« – Der Vater strengte sich an, seine Blicke auf den bezeichneten Ort zu heften, allein seine Augen schwammen so in Tränen, daß sie nichts unterscheiden konnten. »Es ist alles umsonst,« sagte er, indem er sich die Tränen aus den Augen wischte. »Ich werde nur noch seine leblosen Gebeine sehen,« – »Ihr werdet ihn lebendig wiedersehen,« sprach der Graubündner, »Sankt-Antonius will es so; seht nur, das weiße Tüchlein hängt nicht locker an einem Ast – ich kann deutlich sehen, wie es an eine Stange gebunden ist und absichtlich hin und her geschwenkt wird. Euer Sohn gibt ein Zeichen, daß er frisch und wohlauf ist.« – »Und ist dem so,« sprach der Reisende, indem er die Hände zusammenschlug, »so seien gesegnet die Augen, die es sahen, und die Zunge, die es mir sagte! Wenn wir meinen Sohn finden, und am Leben finden, so soll dieser Tag auch für Dich ein Tag des Glückes sein.« – Endlich erkannte auch er, daß das Zeichen wirklich von einer Menschenhand gegeben wurde; und ebenso empfänglich für den Schimmer wiederauflebender Hoffnung, wie früher für die Einwirkung des verzweiflungsvollen Kummers, machte er abermals den Versuch, zu seinem Sohne hinzueilen, um diesem womöglich in Aufsuchung einer sichereren Herberge beizustehen. Allein die dringenden Bitten und wiederholten Zusicherungen seines Führers veranlaßten ihn, inne zu halten. – »Bleibt ruhig hier!« sagte dieser, »bis Hilfe kommt. An dem Schall glaube ich das Horn des Wächters vom Geierstein, des ehrlichen Arnold Biedermann, zu erkennen. Er hat Eures Sohnes Gefahr wahrgenommen und sorgt schon jetzt für unsere Sicherheit.« »Aber wenn jener Hörnerschall wirklich ein Zeichen war,« sprach der Reisende: »wie kommt es, daß mein Sohn nicht darauf antwortete?« – »Höchstwahrscheinlich hat er es auch getan,« versetzte der Graubündner, »wie sollten wir es aber gehört haben? Das Alphorn von Uri selbst ertönt bei diesem Geheul des Wassers und Sturmwindes nicht lauter, als die Rohrpfeife des Hirtenknaben; wie sollen wir da den Ruf eines Menschen vernehmen können?« – »Doch dünkt mich,« sagte Signore Philippson, »als höre ich etwas wie eine Menschenstimme; allein Arthurs Stimme ist es nicht.« – »Freilich nicht,« versetzte der Graubündner, »denn die Stimme ist eine weibliche. Die Dirnen sprechen zueinander von Klippe zu Klippe, durch Sturm und Wetter, läg' auch eine Halbstunde Weges zwischen ihnen.« »Nun, der Himmel sei gelobt, daß er uns Hilfe schickt!« sprach Signore Philippson; »ich hoffe, daß dieser fürchterliche Tag noch ein glückliches Ende nimmt!« Inzwischen befand der Sohn sich noch immer in höchst gefährlicher Lage. Der Anblick des dicht unter ihm in grausigem Sturze niederdonnernden und unter Staub- und Dunstwolken zersplitternden Felsblockes hatte ihm allen Mut und alle Kraft geraubt. Schwindel ergriff ihn, und die Glieder, die ihm bisher so trefflich gedient hatten, versagten ihm plötzlich den Dienst; seine Arme und Hände hingen jetzt, als wären sie nicht mehr die seinigen, in krampfhafter Umklammerung an den Aesten des Baumes und zitterten in so völliger Erschlaffung der Nerven, daß der Jüngling fürchten mußte, er würde sich nicht lange mehr halten können. Ein Umstand, der an sich selbst zwar unbedeutend war, erhöhte die Not, in die Arthur durch das Schwinden seiner Kräfte sich versetzt fühlte. Jegliches lebendige Geschöpf in der Nähe war durch den grausen Felssturz in Schrecken gesetzt worden. Scharen von Eulen, Fledermäusen und andern Nachtvögeln hatten sich in die Schluchten und Ritzen der umherliegenden Felsen geflüchtet. Unter diesen Vögeln, die der Aberglaube für Unglücksboten ansieht, befand sich auch ein Lämmergeier, ein Vogel, der an Größe und Raubgier den Adler übertrifft, und Arthur sah ein solches Tier jetzt zum erstenmal in solcher Nähe. Ihrem Instinkt gemäß, suchten diese Vögel, wenn sie sich genügend voll gefressen haben, eine unerklimmbare Berghöhe auf, wo sie still und bewegungslos sitzen bleiben, bis das Verdauungswerk vollendet ist und neue Freßlust sie wieder neu belebt. Gestört in solchem Zustande der Ruhe, hatte sich einer dieser entsetzlichen Vögel von dem Gemäuer erhoben, das nach ihm den Namen führt, war mit gespenstischem Geschrei und klatschenden Flügeln im Kreise herumgeflogen und hatte sich in einer Entfernung von wenigen Ellen von dem Baume, an welchem Arthur in gefahrvoller Stellung sich angeklammert hielt, auf der Spitze eines Felsenvorsprunges niedergelassen. Bemüht, sich zu ermannen und die Betäubung von sich zu schütteln, schlug Arthur die Augen auf, um vorsichtig umherzuschauen, und begegnete nun dem starren Blick des gefräßigen, schauerlichen Vogels, der durch seinen federentkleideten Kopf und Hals, seine schwarzgelb geränderten Augen und seine mehr liegende, als aufgerichtete Stellung sich von der edlen Haltung und dem regelmäßigeren Bau des Adlers ebenso unterschied, wie in der Reihe der Vierfüßler der Löwe erhaben ist über den tückischen, räuberischen, gräßlichen und dennoch feigherzigen Wolf. Wie durch einen Zauber gebannt, hefteten sich die Blicke des jungen Philippson auf diesen gräßlichen Vogel, und die Furcht vor eingebildeten wie wirklichen Gefahren lastete auf seiner durch die Trübseligkeit seiner Lage fast ganz entmutigten Seele, Warum starrte der Vogel ihn so ernst an? warum beugte er seine Mißgestalt so vornüber, als wäre er bereit, über ihn herzufallen? War dieser Raubvogel der Dämon des Ortes, dem er seinen Namen lieh? Und war er gekommen, sich daran zu ergötzen, daß ein Mensch, der zu diesem ungangbaren Geklüft kam, sich jetzt von Gefahren umringt und ohne alle Hoffnung sah, je daraus erlöst zu werden? Oder war er ein auf diesem Felsen horstender Geier, der in diesem kühnen Wanderer eine willkommene Beute begrüßte? Wartete er nur auf den Tod dieses Unglücklichen, um sein grauses Mahl zu beginnen, oder war es das furchtbare Los des Jünglings, den Schnabel und die Krallen des Vogels in seinem Fleische zu fühlen, bevor noch sein Herz aufgehört hätte zu schlagen? Dergleichen schreckliche Vorstellungen halfen mehr dazu, als alle Vernunftgründe es bewirken konnten, die Spannkraft des Jünglings neu zu beleben. Indem er sein Schnupftuch schwenkte, wobei er jedoch die größte Vorsicht in seinen Bewegungen machte, glückte es ihm den Geier aus seiner Nähe zu verscheuchen. Dieser erhob sich von seinem Ruheplatze, stieß ein Kreischen aus und segelte mit ausgespreizten Schwingen fort, um einen ruhigeren Ort zu suchen. Mit mehr Besonnenheit strebte nun der Jüngling, der von seinem Standpunkte aus einen Teil der Abplattung sehen konnte, die er verlassen hatte, seinem Vater von seinem Wohlbefinden dadurch Kunde zu erteilen, daß er so hoch wie möglich, das Fähnlein flattern ließ, durch welches er den Geier verjagt hatte. Gleich seinen beiden Reisegefährten vernahm auch er, doch aus geringerer Entfernung, den Schall des großen Alphorns, das ihm nahe Hilfe zu verheißen schien. Er antwortete durch lautes Rufen und Schwenken seiner Flagge, um den Beistand zu derjenigen Stelle zu locken, wo die Gefahr am dringensten war. Als frommer Katholik empfahl er im eifrigen Gebet sich Unserer lieben Frau von Einsiedeln und flehte sie unter Gelübden an, sie möchte ihn aus diesem fürchterlichen Zustande erlösen. »O gnädige Mutter!« rief er am Schlusse seines Gebetes aus: »Wenn ich verurteilt bin, mein Leben, gleich einem gejagten Fuchse in dieser Wildnis voll wankender Felskuppen zu enden, so gib mir mindestens meine ehemalige Geduld und meinen sonstigen Mut zurück und laß den, der wie ein Mann, wenn auch wie ein sündiger Mensch lebte, nicht gleich einem scheuen Hasen den Tod hier finden!« Hierauf spähte er umher, ob sich nicht ein Mittel böte, den festen Boden wiederzugewinnen. Allein er verspürte, daß ihm noch alle Nerven zuckten, und sein Herz schlug, als wollte es zerspringen. So sehr er sich anstrengte, so vermochte er doch nicht, seine starren und schwindelnden Blicke ringsum schweifen zu lassen; ihm war, als drehten sich seine Augen in ihren Höhlen, so daß die Landschaft um ihn her tanzte und das wirre Chaos von Wald und Felsengeklüft in solchem Wirbel sich wälzte, daß er um nicht vom Baum herabzuspringen und an dem wilden Tanze teilzunehmen, sich wieder und wieder vorhalten mußte, nur seine gänzliche Ermattung erzeuge dieses Gaukelspiel. – »Der Himmel beschütze mich!« seufzte der unglückliche Jüngling. »Meine Sinne verlassen mich!« Dies erschien ihm um so gewisser, als er jetzt gar eine weibliche Stimme zu vernehmen meinte, die in überaus hohem, doch lieblichem Tone aus geringer Entfernung ihm zuzurufen schien. Arthur öffnete noch einmal die Augen, erhob sein Haupt und blickte nach dem Orte, von wannen der rufende Ton kam. Und nun erschien ihm gar eine Gestalt, die ihn vollends in der Meinung bestärken mußte, daß seine Seele wirklich erkrankt sei und seine Sinne versagten. Auf der höchsten Spitze eines wie eine Pyramide geformten Felsens, der aus der Tiefe des Tales emporstieg, stand ein weibliches Wesen, jedoch so von Nebel umhüllt, daß nur die Umrisse sichtbar wurden. Die vom Abendhimmel sich abhebende Gestalt schien eher ein geisterhafter Schemen als der Körper eines sterblichen Mädchens zu sein; denn ihre Person zeigte sich ebenso verschwommen, wie die dünne Wolke, von der der Fels, auf welchem sie stand, umhüllt war. Der erste Gedanke, der sich dem Hilfebedürftigen aufdrängte, war, daß die heilige Jungfrau sein Gelübde erhört hätte und in eigener Person zu seiner Rettung herniedergeschwebt wäre; und schon wollte er sein Ave Maria herbeten, als die Stimme nochmals den seltsam schrillen Ton eines sogenannten Jodlers erschallen ließ. Während Arthur versuchte, diese unerwartete Erscheinung anzureden, entschwand sie von der Kuppe, auf der sie zuerst sichtbar geworden war, und zeigte sich sofort wieder auf der Klippe unmittelbar über dem Baum, auf welchem der Jüngling eine Zuflucht gefunden hatte. Ihre Erscheinung und Kleidung kennzeichneten sie als ein Kind dieser Berge, das mit den gefährlichsten Gebirgspässen vertraut war. Arthur sah ein junges, schönes Mädchen vor sich stehen, das ihn mit einer Mischung von Mitleid und Bewunderung betrachtete. – »Fremdling,« sprach endlich das Mädchen, »wer seid Ihr, von wannen kommt Ihr?« – »Fremdling bin ich, und mit Recht nennt Ihr mich so,« versetzte der Jüngling, indem er sich aufrichtete, so gut er es vermochte: »Ich reiste diesen Morgen von Luzern in Begleitung meines Vaters und eines Führers ab. Ich verließ beide ein kurzes Stück von hier. Möchtest Du so gut sein, liebliches Mädchen, ihnen mein Wohlbefinden kundzutun; denn ich weiß, daß mein Vater meinetwegen in Verzweiflung sein wird.« – »Herzlich gern,« sprach das Mädchen, »allein mich dünkt, mein Ohm oder einer meiner Vettern müsse sie schon gefunden und ihnen als treuer Führer gedient haben. Kann ich Euch nicht beistehen? Seid Ihr verwundet? Fühlt Ihr Euch verletzt? Wir wurden aufgeschreckt durch den Sturz des Felsstückes. Da drunten liegt's.« Indem das Schweizerdirnlein also redete, trat es ganz nahe an den Rand des Abgrundes und blickte gelassen in den Schlund hinab. – »Seid Ihr krank?« fragte das Mädchen, gleich darauf, als es Arthur erbleichen sah. – »Nein, liebes Mädchen, nur mein Kopf schwindelt, und mein Herz schlagt ängstlich, wenn ich Euch so nahe am Rande der Klippe stehen sehe.« – »Ist das alles?« entgegnete die Schweizerin. »Wisset, Fremdling, daß ich am Herd meines Oheims nicht sicherer stehen könnte, als ich an Abgründen stand, gegen welche dieser Schlund ein Kinderspiel ist.« – »Vor einer halben Stunde bin ich auch furchtlos hier entlang geklettert,« antwortete Arthur: »doch nun –« – »Seid darob nicht trostlos,« sprach das Mädchen begütigend, »denn ein vorübergehender Dunst mag wohl zuzeiten den Geist umnebeln und auch die Sehkraft des Tapfersten und Erfahrensten blenden. Ersteigt den Stamm des Baumes und betrachtet die Stelle genau. Leicht wird es Euch, sobald Ihr die Krone des Baumstammes erreicht habt, durch einen kühnen Schritt den festen Felsen zu erklimmen, wo ich stehe, und alsdann ist weder Gefahr noch Schwierigkeit für einen jungen Mann vorhanden, dessen Glieder gesund und dessen Mut rüstig ist.« »Meine Glieder sind freilich gesund,« erwiderte der Jüngling, »allein ich schäme mich darüber, wie sehr mein Mut gesunken ist. Doch will ich die Teilnahme, die Ihr für einen unglücklichen Wanderer zeigt, nicht dadurch verscherzen, daß ich länger den feigen Einflüsterungen eines Gefühles Gehör gebe, das bis zu diesem Tage meinem Busen ein Fremdling war.« Das Mädchen blickte zaghaft und mit reger Teilnahme zu ihm herüber, als er sich vorsichtig erhob und den Baumstamm entlangrutschte, der fast in wagerrechter Lage aus dem Felsen hervorragte und sich unter der Last zu beugen schien. Bald stand der Jüngling aufrecht, und zwar von der Klippe, auf der das Mädchen sich befand, nur soweit entfernt, daß auf ebener Erde es nur eines tüchtigen Schrittes bedurft hätte, hinüberzukommcn. Allein statt eines solchen Schrittes auf ebenem Boden war hier ein Sprung über einen finsteren Abgrund nötig, in dessen Tiefe ein Waldstrom mit unbeschreiblichem Wüten brauste und aufkochte. Arthurs Kniee schlotterten, seine Füße wurden ihm bleischwer und schienen ihn nicht mehr tragen zu wollen. In höherem Grade als je erfuhr er jenen entnervenden Einfluß, den diejenigen nie vergessen können, die von ihm in ähnlicher Gefahr überwältigt wurden. Das Mädchen gewahrte des Jünglings innere Bewegung und sah deren wahrscheinliche Folgen vorher. Sie versuchte das einzige noch mögliche Mittel, sein Selbstvertrauen wieder herzustellen. Leichten Fußes sprang sie von dem Felsen auf den Baumstamm, auf dem sie sich mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Vogels wiegte, und kehrte dann schnell ebenso zur Klippe zurück. Dann streckte sie die Hand aus, indem sie sagte: »Mein Arm ist nur ein schwaches Geländer; doch schreitet nur mit Entschlossenheit vorwärts, so werdet Ihr Euch ebenso sicher fühlen, wie auf den Berner Verschanzungen.« Nun aber siegte in Arthur die Scham über die Furcht, so daß er den Beistand des Mädchens ausschlug, sich ein Herz faßte und glücklich den furchtbaren Sprung vollführte, der ihn auf eben die Klippe brachte, auf der sich seine gütige Helferin befand. Des Mädchens Hand zu ergreifen und sie zu rührendem Beweise seiner Dankbarkeit und Hochachtung an die Lippen zu drücken, war natürlich das erste, was der Jüngling tat; auch war es der Schweizerin nicht möglich, ihn daran zu hindern, ohne eine ihrem Gemüte fremdartige Sprödigkeit anzunehmen. Wer hätte auf einer Felsengruppe von kaum fünf Fuß Breite und drei Fuß Länge einen galanten Höflichkeitszwist anfangen mögen? Drittes Kapitel. »Jetzt, liebes Kind,« sagte Arthur, »muß ich hin zu meinem Vater. Das Leben, das ich Eurem Beistande verdanke, kann nicht eher Wert für mich haben, als bis es mir gestattet, zu seiner Rettung zu eilen.« Hier wurde er durch einen abermaligen Hörnerruf unterbrochen, der von dem Orte herzuschallen schien, an welchem der Jüngling den älteren Philippson und dessen Führer verlassen hatte. Arthur blickte nach der Gegend hin, allein die Abplattung war von dem Felsen aus, auf dem er jetzt mit der Schweizerin stand, nicht zu sehen. »Es würde mir ein leichtes sein, hinunterzusteigen,« sagte das Mädchen. »Allein ich bin überzeugt, daß sie unter sicherer Obhut sind; denn das Horn verkündigt, daß mein Ohm oder gar einer meiner jungen Vettern sie erreicht hat. Sie sind in diesem Augenblicke auf dem Wege nach dem Geierstein, nach welchem ich, so Ihr es erlaubt, Euch führen will. Wir würden nur Zeit verlieren, wenn wir Eure Freunde aufsuchen wollten; denn von dem Orte aus, wo Ihr sie verließet, werden sie den Geierstein eher als wir erreichen.« Arthur folgte dem Mädchen und konnte nun seine Retterin etwas genauer betrachten. Ein Oberkleid, daß weder so fest anschloß, daß es die Körperform im scharfen Umriß hervorhob, noch so locker saß, daß es beim Gehen und Klettern hinderlich werden konnte, deckte zum Teil einen fester anschließenden Rock von einer anderen Farbe, der bis über Waden herabhing, jedoch die Knöchel sehen ließ. Um den Leib war das Oberkleid von einer mit Goldfäden durchwirkten Schärpe aus farbiger Seide gehalten, während vorn an der Brust auf eines Zolles Breite die Form und blendende Weiße eine schlanken Halses zum Vorschein kam. Das Antlitz zeigte die Spuren der freien Luft und der Sonne, ohne dadurch an Schönheit einzubüßen. Ihr schönes langes Haar fiel in einem Reichtum von Locken zu beiden Seiten des Angesichts herab, dem blaue Augen, liebliche Züge und holde Schlichtheit des Ausdrucks einen Charakter der Milde und selbstvertrauenden Entschlossenheit verliehen. Ihr Wuchs war etwas über Mittelgröße, und ihre Formen, ohne im geringsten männlich zu erscheinen, hatten eher die herbe Art der Minerva als die stolze Schönheit der Juno oder die schmachtende Anmut der Venus. Die edle Stirn, die wohlgeformten und schlanken Glieder, der feste und doch leichte Schritt – vor allem der gänzliche Mangel jeder bewußten Darstellung körperlicher Schönheit sowie der offene und redliche Blick, der keine Spur von Neugierde verriet, aber auch deutlich erkennen ließ, daß sie selber nichts zu verhehlen hatte: dies alles waren Kennzeichen, daß Anna von Geierstein der Göttin der Weisheit und Keuschheit keineswegs unähnlich und unwürdig war. Der Weg, den der junge Engländer unter der Führung dieses liebenswürdigen Mädchens zurückzulegen hatte, war beschwerlich und rauh, doch im Vergleich mit den Abgründen, die Arthur jüngst überschritten hatte, fast ungefährlich. Der Pfad war in der Tat eine Fortsetzung des Weges, der durch den mehrmals erwähnten Erdsturz unterbrochen worden war. Auch erfuhr Arthur von dem Mädchen, daß der Weg, den sie jetzt gingen, durch eine neuangelegte Verbindung mit dem, den er und sein Vater bis hierher verfolgt hatten, zusammenhänge. Wenn sie sich zu rechter Zeit nach diesem neu gemachten Fußweg gewendet hätten, waren sie der Gefahr entgangen, die ihnen auf der Abplattung jenes Felsens Einhalt gebot. Der Pfad ging bergan, führte gleichlaufend mit dem Gießbach weiter und bog dann jäh herum, gerade auf das Schloß zu. Der uralte, ziemlich schmucklose Turm des Schlosses Geierstein erhob sich in schrecklicher Würde an dem steilen Rande des entgegengesetzten Waldstromufers. Der Gießbach fällt von dem Abhange des Geiersteins in einem etwa hundert Fuß hohen Katarakt steil herunter und braust dann, ehe er in die Ebene tritt, durch eine Felshöhlung, die er sich vielleicht vor Urzeiten gegraben hat. Hinabschauend auf dies ewig tosende Wasser, stand der alte Turm dem Rande des Abgrundes so nahe, daß die Quadersteine des Fundaments einen Teil des Gebirgsfelsens zu bilden, mit ihm verwachsen zu sein schienen. Nach einem zu jenen Zeiten in Europa herrschenden Gebrauche war dem Gebäude die Form eines massiven und vierkantigen Turmes gegeben, dessen verfallene Bedachung mit malerischen Seitentürmen von verschiedener Gestaltung und Größe besetzt war: etliche waren rund, andere winklich, etliche verfielen schon in Trümmer, andere hielten sich noch so leidlich. Ein gegittertes Falltor, das hinter etlichen zum Turme fühlenden Stufen herabfiel, hatte in früherer Zeit zu einer Brücke geleitet, die das Schloß mit jener Seite des Gießbaches in Verbindung setzte, auf der Arthur Philippson und seine schöne Führerin jetzt standen. Ein einzelner Schwibbogen oder vielmehr nur die Rippe eines solchen war noch stehen geblieben und überwölbte den tiefen Abgrund. Da zur Zeit, von welcher wir reden, das Schloß gänzlich verwüstet und entfestigt dalag, Tor, Zugbrücke und Vorwall dahin waren, so wurden sowohl der verfallene Torweg als der schmale Brückenbogen, der das Wasser überspannte, als Uebergang zwischen den beiden Stromufern von den Bewohnern der Nachbarschaft benützt, die sich mit der Zeit an die gefährliche Brücke gewöhnt hatten. Arthur Philippson hatte mittlerweile, gleich einem guten frisch angezogenen Bogen, die Spannkraft der Seele wieder erhalten, die ihm sonst eigen zu sein pflegte. Zwar folgte er nicht mit vollkommen hergestellter Fassung seiner Führerin, als sie leichthin über die schmale Brücke hüpfte, die aus rauhen Steinen geformt und durch das Spritzwasser des nahen Wassersturzes feucht und schlüpfrig geworden war. Auch legte er nicht ohne Bangigkeit diesen gefährlichen Pfad hoch über dem Wasserfall zurück, dessen dumpfes Geheul ihm gewaltig in die Ohren drang, wiewohl er Sorge trug, den Kopf nicht zu den Schrecknissen des Sturzes hinzuwenden, weil ihn sonst von neuem der Schwindel gepackt hätte. Arthur schämte sich, dort Feigheit blicken zu lassen, wo ein junges Mädchen soviel Beherztheit zeigte und folgte seiner leicht dahineilenden Führerin über die gähnende Tiefe hinweg und durch das verfallene Gattertor, das zu ebenfalls teilweise in Trümmer liegenden Treppenstufen leitete. Der Torweg führte zu einer Masse von Ruinen, über die Efeu und anderes Schlingkraut einen wilden Mantel gebreitet hatte, und sie gelangten durch das Haupttor des Schlosses an eine wildromantische Stelle. Auch von hier aus gesehen, erhob das Schloß sich bedeutend über seine Umgebung. Denn vor ihm dehnte sich eine steile Anhöhe aus, die wie ein Glacis neuerer Zeit zur Festigung des Gebäudes abgeböscht war. Sie war mit jungen Bäumen bedeckt, aus denen der Turm bizarr emporragte. War man über dieses vorhängende Dickicht hinaus, so bot sich abermals ein anderer Anblick. Ein mehr als hundert Morgen großer Landstrich schien aus den Felsen und Bergen hervorzuwachsen, die ebenso wild und unwegsam waren, wie die, in denen sich unsere Reisenden am Morgen verirrt hatten. Die Oberfläche dieses kleinen Grundstückes bot viele Mannigfaltigkeit dar; im allgemeinen zeigte sie eine sanfte Steigung nach Südwesten hin. – Das Augenmerk fiel hier vor allem auf ein geräumiges Haus, das aus mächtigen unsymmetrisch zusammengefügten Steinklumpen geformt war, während der Rauch, der aus dem Gebäude aufstieg, die Geräumigkeit der Nebenhäuser und der urbare Zustand der umherliegenden Gefilde zu erkennen gaben, daß dieses Haus, wenn auch kein Sitz des Glanzes, so doch der Bequemlichkeit und Wohlhabenheit sein müßte. Südwärts des Hauses lag ein Obstgarten, reich an fruchttragenden Bäumen. Gruppen von Walnuß- und Kastanienbäumen zeigten sich in stattlicher Fülle, und sogar eine drei bis vier Morgen große Weinpflanzung war vorhanden. Jetzt wird Wein in der Schweiz allgemein gebaut, allein in jener Vorzeit beschränkten sich ausschließlich nur wohlhabende Eigentümer darauf. Auch fette Weidetriften waren auf der erwähnten Bergfläche wahrzunehmen. Dorthin wurde eine schöne Gattung von Zuchtvieh, daß den Stolz und Reichtum der Schweizer Bergbewohner ausmacht, von den Alpmatten, wo es während der Sommerzeit geweidet hatte, herabgetrieben, damit es eher Schutz und Obdach fände, wenn die Herbststürme kämen. Durch dieses Bergparadies ging der Lauf eines Silberbaches, der bald sich dem Blicke der Sonne zeigte, welche um diese Zeit den Nebel zerteilte, bald an seinen sanft anschwellenden Ufern von hohen Bäumen überschattet war, oder sich unter Hagedornbüschen und Haselnußsträuchern verbarg. Dieses Gewässer vereinigte sich, gleich einem Jünglinge, der aus dem friedlichen, fröhlichen Bezirke des Knabenlebens in die wild bewegte Bahn des tätigen Lebens stürzt, mit dem ungestümen Gießbach, der, von den angrenzenden Felsen herabtosend, den Turm des alten Schlosses Geierstein erschütterte und dann heulend in die Tiefe sauste, in der unser jugendlicher Reisender fast den Tod gefunden hätte. Das, was hier eingehend beschrieben worden, beschäftigte den jungen Philippson nur wenige Minuten; denn an einem sanften Abhange, gegenüber der Meierei, wie man das Hauptgebäude auf jener Fläche wohl nennen durfte, erblickte er fünf oder sechs Personen, unter denen er seinen Vater erkannte, den wiederzusehen er vor kurzem alle Hoffnung aufgegeben hatte. Munteren Schrittes folgte er seiner Führerin, als diese ihn den steilen Abhang hinabführte, an welchem die Ruine des Turmes sich erhob, Sie näherten sich der Gruppe, die Arthur erblickt hatte. Sein Vater eilte ihm entgegen, begleitet von einem ziemlich betagten Manne von riesenhaftem Wuchse und einer so einfachen und majestätischen Haltung, daß man sogleich in ihm einen würdigen Landsmann Tells, Stauffachers und Winkelrieds erkannte. Aus natürlich einfacher Artigkeit, um Vater und Sohn bei diesem rührenden Wiedersehen allein zu lassen, gab der Landammann selbst, als er mit dem älteren Philippson vorschritt, seinen Begleitern, die alle junge Leute zu sein schienen, ein Zeichen zurückzubleiben. Sie taten es und erkundigten sich, wie es schien, bei dem Führer Antonio nach den Abenteuern der Fremden. Anna, die Führerin Arthurs, hatte nur noch Zeit, dem jungen Philippson zu sagen: »Jener Greis ist mein Ohm, Arnold Biedermann, und jene Jünglinge sind meine Vettern,« als Biedermann und Arthurs Vater auch schon dicht vor ihnen standen. Mit eben dem Zartgefühle, das er vorhin gezeigt hatte, gab der Landammann seiner Nichte einen Wink, ein wenig zu ihm zur Seite zu treten; jedoch während er sich von ihr über ihre Wanderung berichten ließ, beobachtete er Vater und Sohn, soweit sein natürliches Gefühl für Schicklichkeit es ihm erlaubte. Indessen benahmen die beiden bei ihrem Wiedersehen sich ganz anders, als der biedere Schweizer erwartet hatte. Wir haben den älteren Philippson bereits als einen Vater geschildert, der innig an seinem Sohne hing und bereit war, sich in den Tod zu stürzen, als er ihn verloren glaubte. Allein wie viele seiner Landsleute, verbarg der Engländer die starken, lebhaften Gefühle, die ihn bewegten, unter einem Anschein von Kälte und Zurückhaltung. Als er seinen Sohn erblickte, beflügelte er die Schritte, doch als sie einander gegenüberstanden, sprach er eher in einem Tone des Tadels und der Ermahnung als der zärtlichen Vaterliebe. – »Arthur, mögen Dir die Heiligen die Bekümmernis vergeben, die Du mir an diesem Tage verursacht hast!« – »Amen!« versetzte der Jüngling. »Ich bedarf der Verzeihung, so ich Euch bekümmert habe. Dennoch glaubt, daß ich in der besten Absicht handelte.« – »Gut ist's, Arthur, daß Deine eigensinnige Laune der besten Absicht entsprang, sonst wäre sie vielleicht Dein Tod gewesen.« – »Daß sie es nicht war,« antwortete der Sohn bescheiden und unterwürfig, »das verdanke ich diesem Mädchen« – und dabei zeigte er auf Anna, die wenige Schritte weit von ihm stand. – »Dem Mädchen soll mein Dank werden,« sagte der Vater, »sobald ich nur erst weiß, auf welche Weise ich ihr gebührend danken kann; allein hältst Du es für schicklich und geziemend, von einem Mädchen den Beistand anzunehmen, den Du als Mann vielmehr dem schwächeren Geschlecht erweisen solltest?« – Arthur senkte das Haupt, und hohe Röte trat auf seine Wangen; während Arnold Biedermann, der sich in des Jünglings Gefühle zu versetzen wußte, vorschritt und Teil an der Unterredung nahm. »Seid nicht niedergeschlagen, mein junger Gast,« sagte er, »daß Ihr Eure Rettung einem Menschen aus Unterwalden verdankt; denn unser ganzes Land verdankt seine Freiheit dieses Landes ebensosehr dem Mut und der Klugheit seiner Töchter wie seiner Söhne. Und Ihr, mein älterer Gast, der Ihr, wie ich meine, schon manches Jahr erlebtet und vielerlei Länder sahet, müßt oft schon mit angesehen haben, wie der Starke durch Hilfe des Schwachen, der Stolze durch den Beistand des Demütigen gerettet wurde.« »Mindestens,« versetzte der Engländer, »habe ich gelernt, nicht unnötigerweise über irgend einen Punkt mit einem Gastfreunde zu streiten, der mich so gütig aufnahm,« und nach einem Blicke auf seinen Sohn, aus dem die tiefste Rührung zu erglänzen schien, setzte er, während die Gesellschaft sich dem Hause zuwendete, eine Unterredung fort, die er mit seinem neuen Bekannten angeknüpft hatte, bevor Arthur und das Mädchen zu ihnen gekommen waren. Unterdessen fand Arthur Muße, die Gestalt und Züge seines schweizerischen Wirtes näher zu betrachten. Seine Kleidung wich im Schnitte nicht sehr von der oben beschriebenen Bekleidung des Mädchens ab. Sie bestand aus einem Oberkleide, das, ähnlich einem Hemd der neueren Zeit, über das Unterwams gezogen und nur an der Brust offen war. Allein das Untergewand des Mannes war bedeutend kürzer und hing nicht tiefer herab, als der »Kilt« oder Schurz der Hochlandsschotten; die Stiefel oder Gamaschen gingen bis über das Knie hinauf. Eine Mütze aus Marderfell, mit einem silbernen Schilde versehen, war das einzige Kleidungsstück, das einen Zierat aufwies. Der breite Gürtel war aus Büffelleder und wurde von einer Messingschnalle zusammengehalten. Die Gestalt des Mannes, der diese landesübliche, fast ganz aus der Wolle der Bergschafe und den auf der Jagd erbeuteten Tierfellen gefertigte Kleidung trug, würde Ehrfurcht eingeflößt haben, wo immer sie sich gezeigt hätte, und das besonders in jenen kriegerischen Tagen, wo man den Mann nach seinen Körperkräften maß. Arnold Biedermann hatte die breiten Schultern, die mächtige Muskulatur eines Herkules, dabei aber geistvolle Züge, eine offene Stirn und große blaue Augen. Es begleiteten ihn mehrere Söhne und Verwandte, Jünglinge, von denen er, zwischen ihnen hinschreitend, Ehrerbietung und Gehorsam als einen ihm gebührenden Tribut empfing; gleichwie eine Herde junger Spießer dem Königshirsch zu gehorchen pflegt. Als die Wanderer in Arnold Biedermanns Wohnung eintraten, sahen sie dort in einem geräumigen Gemach, das ein allgemeines Versammlungszimmer zu sein schien, den Tisch zu einem behaglichen, reichen Mahle gedeckt. An den Wänden hingen sinnbildliche Darstellungen von Ackerbau und Jagd. Der ältere Philippson betrachtete mit besonderem Interesse ein ledernes Koller, eine lange, schwere Hellebarde und ein großes Schwert – Gegenstände, die wie eine Trophäe aufgehängt waren. Daneben hing, jedoch staubbedeckt und ungeputzt, ein Helm mit Visier, wie ihn Ritter und geharnischte Männer zu tragen pflegen. Der goldene Reifen, der den Helm umschloß, deutete auf Geburt und Rang. Den Aufsatz bildete ein Geier von jener Art, die dem alten Schlosse den Namen gegeben hatten. Der englische Gast, der die Geschichte der schweizerischen Revolution gut kannte, hielt die Rüststücke denn auch mit Recht für Siegeszeichen aus dem früheren Kriege zwischen diesen Bergbewohnern und dem Lehnsherrn, dessen Joch sie abgeschüttelt hatten. Arnold Biedermann lud seine Gäste ein, an dem Tische Platz zu nehmen, und nun erschien die gesamte Bewohnerschaft dieses Anwesens und setzte sich nieder zu einer reichlichen Mahlzeit von Ziegenfleisch, Fischen, Milch, Käse und einem Gamsbraten, der das Hauptgericht bildete. Der Landammann selbst machte bei der Tafel den Wirt mit vieler Güte und Einfachheit und ermahnte die Fremden, nach Herzenslust zuzulangen. Ueber dem Essen knüpfte er eine Unterhaltung mit seinem älteren Gaste an, während die jungen Leute wie das Gesinde sich still verhielten. Ehe noch abgegessen worden war, ging hinter dem Flügelfenster der Speisehalle eine Gestalt vorbei, die bei alle denen, die ihrer ansichtig wurden, eine lebhafte Bewegung hervorzurufen schien. »Wer war es denn?« fragte der alte Biedermann diejenigen, die dem Fenster gegenübersaßen. – »Unser Vetter, Rudolph von Donnersberg,« antwortete einer der Söhne Arnolds. Den jüngeren Söhnen des Landammannes schien diese Antwort großes Vergnügen zu bereiten; während das Haupt der Familie nur in ernstem und ruhigem Tone sagte: »Unser Vetter ist willkommen – sagt ihm das, und laßt ihn hereinkommen!« – Zwei oder drei Jünglinge erhoben sich, als seien sie nicht miteinander einig, wer von ihnen diesem neuen Gaste die Ehrenbezeugung zu erweisen hätte. Der Ankömmling trat inzwischen herein: ein junger Mann von ungewöhnlicher Länge, wohlgebaut und rüstig, dicke, dunkelbraune Locken wallten ihm um das Angesicht und von noch dunklerem Braun war der Knebelbart. Die Kappe, die er trug, war im Verhältnis zu seinem starken Haupthaar zu klein, und statt das Haupt zu bedecken, hing sie nur auf einer Seite. Sein Kleid war von gleichem Schnitt und gleicher Beschaffenheit wie das Arnold Biedermanns, allein es war aus feinerem Stoff auf deutschem Webstuhl gefertigt und auf reiche und phantastische Art geschmückt. Ein Aermel seines Wamses war dunkelgrün und mit Schnüren und mit Silberstickerei verziert, während der übrige Teil des Kleidungsstückes scharlachrot war. Sein Degengehänge war mit Gold durchwirkt und trug einen Dolch mit silbernem Griffe. Er hatte Stiefel an, deren Spitzen so lang waren, daß sie nach der Mode des Mittelalters, sich schnabelförmig aufwärts bogen. Eine goldene Kette, an der eine Schaumünze aus gleichem Metall befestigt war, hing ihm um den Hals. Dieser rüstige Jüngling wurde augenblicklich von den Verwandten Biedermanns umringt. Die schweizerische Jugend schien in ihm ein Vorbild zu erblicken, nach dem man sich in Benehmen, Aeußerungen, Sitten und Kleidung zu richten hätte. Von zwei Personen jedoch wurde, wie es Arthur Philippson bedünken wollte, der junge Mann mit weniger Begeisterung empfangen. Arnold Biedermann selbst war mindestens nicht allzusehr über das Erscheinen des jungen Berners – denn Bern war Rudolfs Geburtsort – erfreut. Der junge Mann zog ein versiegeltes Päckchen aus dem Busen, das er mit besonderer Hochachtung dem Landammann überreichte. Er schien zu erwarten, daß Arnold, nachdem er das Siegel gelöst und den Inhalt überblickt, ihm etwas darüber sagen würde. Allein der Patriarch lud ihn bloß zum Sitzen ein und nötigte ihn, teil am Mahle zu nehmen; worauf Rudolf neben Anna von Geierstein einen Platz fand, der ihm von einem der Söhne Arnolds mit bereitwilliger Höflichkeit eingeräumt wurde. Ferner schien auch das Mädchen den jungen Gecken nur sehr kühl zu behandeln, so sehr er sich gegen sie auch der gesuchtesten Artigkeit befleißigte. Offenbar war es sein innigster Wunsch gewesen, an ihrer Seite zu sitzen, und über dem Bemühen, sich ihr angenehm zu machen, kam er nur wenig zum Essen. Während Arthur diese Betrachtung anstellte, ließ sich der Familienvater einen weingefüllten Becher geben, und nachdem er die beiden Fremden ersucht hatte, ihm aus einem ziemlich großen Becher von Ahornholze Bescheid zu tun, trank er dem Rudolf von Donnersberg zu, – »Jedoch Ihr, Vetter,« sprach er dabei, »seid an heißere Weine gewöhnt, als die halbreifen Trauben vom Geierstein zu liefern vermögen. – Solltet Ihr es Euch wohl denken können, Herr Handelsmann,« fuhr er, gegen Philippson gewendet fort, »daß es Bürger in Bern gibt, die sich ihren Wein aus Frankreich und Deutschland kommen lassen?« – »Mein Verwalter mißbilligt das,« versetzte Rudolf, »jedoch nicht jeder Ort hat Weinpflanzungen wie der Geierstein, der alles hervorbringt, was Herz und Augen wünschen mögen.« – Dies sagte er mit einem Blicke auf seine Nachbarin, die nicht geneigt schien, das Kompliment anzunehmen; während der Berner Gesandte fortfuhr: »Allein unsere bemittelten Bürger, die etliche überflüssige Krontaler haben, halten es nicht für Vergeudung, ihr Geld gegen einen Becher besseren Weines einzutauschen, als unsere Berge hervorbringen können. Wir werden mäßiger sein, wenn wir erst bei den Weinfässern Burgunds sind!« – »Wie versteht Ihr das, Vetter Rudolf?« fragte Arnold Biedermann. – »Mich dünkt, verehrter Herr und Vetter,« antwortete der Berner, »die Briefe müssen Euch gemeldet haben, daß unser Reichstag nahe daran ist, dem Lande Burgund den Krieg zu erklären.« – »So? Und Ihr kennt also den Inhalt dieser Depeschen?« fragte Arnold. »Da sieht man, wie die Zeiten in Bern sich geändert haben. Seit wann starben alle ergrauten Staatsmänner Helvetiens, daß unsere verbündeten Kantone unbärtige Knaben zu ihren Beratungen heranziehen?« Halb beschämt, halb um zu rechtfertigen, was er vorhin gesagt hatte, versetzte der junge Mann: »Der Magistrat zu Bern und der Reichstag des Schweizerlandes setzen die jungen Leute von ihren Absichten in Kenntnis, seitdem sie eingesehen haben, daß eben das junge Volk diese ihre Pläne auszuführen hat. Der Kopf, der zu denken hat, darf wohl auch dem Arm vertrauen, der das Schwert zu führen hat.« – »Doch nicht eher, als bis es aus der Scheide gezogen werden soll, junger Mann,« antwortete sehr ernsthaft der alte Biedermann. »Was für ein Ratgeber ist derjenige, der leichtfertig die Geheimnisse in Staatsangelegenheiten vor Weibern und Fremden ausplaudert? Geht, Rudolf; Ihr alle geht und prüft an männlichen Leibesübungen, wer unter Euch am besten imstande ist, dem Vaterlande zu dienen. Halt, junger Mann,« rief er Arthur zu, der mit aufgestanden war; »an Euch war das nicht gerichtet. Ihr seid es nicht gewöhnt, über die Berge zu reisen, und bedürft wohl der Ruhe.« »Nicht so, Herr, mit Erlaubnis,« sagte der ältere Reisende; »wir in England halten dafür, daß man sich von einer Erschöpfung am besten erholt, indem man zu einer anderen Körperanstrengung übergeht, so z.B. erfrischt sich bei uns, wer sich müde gelaufen hat, durch einen Ritt besser als im Daunenbett. Wenn Eure jungen Leute es also erlauben, so wird mein Sohn an ihren Uebungen teilnehmen.« – »Er wird rohe Spielgenossen in ihnen finden,« antwortete der Schweizer, »doch geschehe nach Eurem Gefallen!« Demzufolge gingen die Jünglinge in den offenen Raum vor dem Hause, Anna von Geierstein und etliche von der weiblichen Dienerschaft setzten sich auf eine Bank, um zu urteilen, welcher seine Sache am besten machen würde, und bald hörten die beiden Alten, die in der Halle sitzen blieben, Geschrei, Gelächter, und alle jene Zeichen von Beifall oder Spott, mit denen junges Volk dem männlichen Spiele folgt. Der Hausherr ergriff noch einmal die Weinflasche, deren Rest er in seinen Becher goß, nachdem er zuvor das Trinkgeschirr seines Gastes gefüllt hatte. »In einem Alter, werter Fremdling,« sprach er dann, »wo das Blut kühler wird und man nicht mehr so rasch von einem Gefühle zum andern springt, erweckt ein mäßig gefüllter Becher Weins lichte Gedanken und macht die Glieder geschmeidig. Dennoch wünschte ich fast, Noah hätte nimmer die Traube gepflanzt, seitdem ich in neuerer Zeit mit eigenen Augen gesehen habe, wie meine Landsleute den deutschen Wein hinabgießen, bis sie daliegen wie die Schweine.« – »Ich habe auch bemerkt, daß dieses Laster,« sagte der Engländer, »in Eurem Vaterlande mehr und mehr überhand nimmt, während es doch, wie ich hörte, vor einem Jahrhundert hier noch ganz unbekannt war.« – »Das war es,« entgegnete der Schweizer, »denn Wein wurde hier wenig gebaut und vom Auslande überhaupt nicht eingeführt, weil fürwahr niemand hier die Mittel besaß, Wein oder sonst etwas, was unsere Täler nicht selbst hervorbrachten, zu kaufen. Allein unsere Siege haben uns Reichtümer wie Ruhm erworben, und nach der Meinung mindestens eines Schweizers stünde es ohne beides besser um uns, wenn wir nicht mit Ruhm und Reichtum zugleich auch die Freiheit errungen hätten. Bei alledem ist es etwas wert, daß der Handel gelegentlich zu unsern abgelegenen Bergen Gäste führt, wie Ihr einer seid, würdiger Herr, an dessen Worten man einen Mann von Einsicht und Unterscheidungsvermögen erkennen kann; denn ich sehe wohl ein, daß wir Bergbewohner durch Männer, wie Ihr seid, mehr von der Welt um uns her erfahren, als wir aus uns selbst vermöchten. Ihr habt beschlossen, sagtet Ihr, nach Basel und von dort in das Lager des Herzogs von Burgund zu ziehen?« – »So ist's, werter Gastfreund,« sprach der Handelsmann, »das heißt, wenn ich unbehelligt reisen kann.« – »Wegen Eurer Sicherheit seid unbesorgt, sobald Ihr zwei oder drei Tage verweilen könnt; denn nach dieser Frist werde ich selbst die Reise und zwar unter einer Bedeckung unternehmen, die vor jeder Gefahr Schutz gewähren wird, Ihr sollt in mir einen zuverlässigen und treuen Geleitsmann finden, und ich werde von Euch viel über andere Länder erfahren, die besser kennen zu lernen für mich von Wichtigkeit ist. Soll es gelten?« – »Der Vorschlag ist zu sehr zu meinem Vorteil, als daß ich ihn ablehnen könnte,« sagte der Engländer; »darf ich indessen nach dem Zweck Eurer Reise fragen?« »Ich schmähte vorhin jenen Burschen,« antwortete Biedermann, »daß er über öffentliche Angelegenheiten ohne Ueberlegung und in Anwesenheit des gesamten Hausgesindes sprach; allein meine Sendung brauche ich vor einem achtenswerten Manne, wie Ihr, der alles bald durch das öffentliche Gerücht erfahren wird, nicht geheim zu halten. Ihr kennt ohne Zweifel den Haß, der zwischen Ludwig XI. von Frankreich und Karl von Burgund herrscht, den man den Beinamen des Kühnen gibt; und da Ihr, wie ich aus früherem Gespräch mit Euch entnahm, diese Länder besucht habt, so seid Ihr wahrscheinlich von den mancherlei Ursachen des Zwistes unterrichtet. Jetzt bietet Ludwig, dessen List und Schlauheit die Welt nicht zu durchschauen vermag, indem er große Summen an etliche der Räte unserer Nachbarn in Bern verteilt, indem er selbst in den Staatsschatz dieses Kantons Schätze fließen läßt, alles auf, um die Berner in einen Krieg mit dem Herzog zu verwickeln. Karl dagegen verfährt, wie er häufig zu tun pflegt, ganz so, wie Ludwig es wünscht. Unsere Nachbarn und Verbündeten, die Berner beschränken sich nicht wie wir in den Waldstätten auf Viehzucht und Ackerbau, sondern treiben bedeutenden Handel, den der Herzog von Burgund zu verschiedenen Malen durch Erpressungen und Gewalttaten seiner Offiziere in den Grenzstädten beeinträchtigte, was Euch ohne Zweifel auch bekannt ist. Es wird Euch daher nicht wunder nehmen, wenn, von einem Monarchen verhätschelt, vom andern verletzt, stolz auf frühere Siege und begierig nach ausgedehnter, Macht, Bern und die Städtekantone unseres Bundes, deren Repräsentanten vermöge ihres größeren Reichtums und ihrer besseren Erziehung in unserm Reichstag mehr zu sagen haben als wir in den Waldstätten, für den Krieg sind, der bis jetzt der Republik jederzeit Sieg, Wohlhabenheit und Erweiterung des Besitzes eingebracht hat. Doch wir sollten aus unseren ehemaligen Siegen eine bessere Lehre ziehen. Als wir für unsere Freiheit fochten, segnete der Herr unsere Waffen; allein, wird er das auch tun, wenn wir entweder für Landeserweiterung oder für französisches Gold streiten?« – »Eure Zweifel sind gerecht,« sagte der Kaufmann; »allein, angenommen, Ihr zöget das Schwert, um der Willkür Burgunds ein Ende zu machen?« – »Hört mich an, guter Freund,« antwortete der Schweizer, »es mag sein, daß wir in den Waldkantonen zu gering von den Handelsangelegenheiten denken, die die Berner Bürger so sehr beschäftigen. Bei alledem wollen wir unsere Nachbarn und Eidgenossen im gerechten Streite nicht verlassen; und es ist schon so ziemlich ausgemacht, daß eine Deputation an den Herzog von Burgund geschickt werden soll, um Milderung und Abhilfe zu erbitten. Auf Antrag des jetzt zu Bern versammelten allgemeinen Reichstags soll ich an dieser Gesandtschaft beteiligt sein. Daher also die Reise, auf der mir Eure Gesellschaft erwünscht wäre.« – »Es soll mir sehr lieb sein, in Eurer Gesellschaft zu reisen, würdiger Gastfreund,« sagte der Engländer, »allein da ich ein aufrichtiger Mann bin, so sage ich Euch, daß mich dünkt, Eure Gestalt und Haltung gleiche eher der eines Kriegsheroldes als der eines Friedensboten.« »Und ich möchte dagegen sagen,« versetzte der Schweizer, »daß Eure Redeweise und Eure Gesinnung, verehrter Gast, eher zum Schwerte als zum Meßstabe passe.« – »Ich wurde für das Schwert erzogen, werter Herr, ehe ich die Tuch-Elle in die Hand nahm,« entgegnete Philippson, »und es mag sein, daß ich noch jetzt mehr, als klug sein dürfte, zu meinem ehemaligen Beruf hinneige.« – »Ich dachte es mir,« sprach Arnold, »aber da fechtet Ihr wahrscheinlich unter dem Banner Eures Vaterlandes gegen einen auswärtigen, allgemeinen Feind; und in solchem Falle will ich einräumen, daß der Zweck des Krieges die notwendige Rücksicht auf das große Leid vergessen läßt, das Gottes Geschöpfe auf beiden Seiten einander im Kampfe zufügen. Allein der Krieg, in welchem ich mitkämpfte, hatte nicht diese glänzende Außenseite. Es war der unglückliche Zürcherkrieg, wo Schweizer ihre Piken gegen Landsleute richteten. Von solchen Erinnerungen sind Eure kriegerischen Rückblicke wahrscheinlich frei.« Der Kaufmann senkte das Haupt und drückte die Hand an seine Stirn gleich einem, dem quälende Erinnerungen plötzlich erweckt werden. »Ach,« sprach er, »ich verdiene es, die Bekümmernis zu fühlen, die Eure Worte mir einflößen. Welche Nation kann das Weh Englands nachempfinden, wenn sie nicht gleiches Weh erlitt – welches Auge kann solches Weh durchschauen, wenn es nicht sah, wie ein Land zerfleischt und blutend dem Streite zweier Parteien erlag, Schlachten in allen seinen Provinzen lieferte, seine Ebenen mit Leichen anfüllte und Schafotte im Blut schwimmen ließ! Selbst in Euren friedlichen Tälern, meine ich, müßt Ihr von den Bürgerkriegen in England gehört haben?« – »Ich erinnere mich dessen allerdings,« sagte der Schweizer. »Allein, diese Kämpfe sind beendigt?« – »Einstweilen, so scheint es,« entgegnete Philippson, Während er so sprach, wurde an die Tür geklopft. Der Hausherr rief: »Herein!« die Tür ging auf, und Anna von Geiersteins liebliche Gestalt erschien. Viertes Kapitel. Das schöne Mädchen nahte sich mit jenem halb zaghaften, halb sicheren Blicke, der einer jungen Hauswirtschafterin so lieblich steht, sobald sie zu gleicher Zeit verschämt und stolz ob der hausmütterlichen Pflichten ist, die sie erfüllen soll; und flüsterte ihrem Oheim etwas in das Ohr. »Und konnten die müßigen Buben nicht selbst ihre Botschaft überbringen – statt Dich zu schicken?« Dann streichelte er freundlich ihre Locken mit seiner vollen Hand und erwiderte: »Den Buttisholzer Bogen, meine Liebe? Sind doch die Jünglinge zuverlässig nicht stärker geworden, seit dem vorigen Jahre, und da konnte noch keiner von ihnen den Bogen spannen. Doch da hängt er, samt seinen drei Pfeilen, wer ist der weise Ritter, der zu einem Kampfspiele rief, in welchem er sicherlich überwunden werden wird?« – »Der Sohn dieses Herrn, mein Oheim,« sprach das Mädchen. »Er vermag es mit meinen Vettern im Rennen, Springen, Gerwerfen oder Steinschleudern nicht aufzunehmen und hat sie herausgefordert mit dem englischen Zielbogen um die Wette zu schießen.« – »Nun, einen englischen Bogen soll er haben!« rief Arnold, »Nimm ihn dem jungen Manne mit, liebe Nichte, mitsamt den drei Pfeilen, und sage ihm in meinem Namen, daß wer ihn spannt, mehr tut als Wilhelm Teil oder der berühmte Stauffacher.« Inzwischen hatte Anna unter den Waffen einen außerordentlich starken Bogen, der weit über sechs Fuß lang war, und drei Pfeile hervorgeholt, deren jeder über eine englische Elle maß; Philippson wünschte die Waffen zu besehen und untersuchte sie genau. »Aus zähem Eibenholze,« sprach er. »Ich muß das wissen, da ich zu meiner Zeit mit dergleichen umzugehen wußte. Was mich aber wunder nehmen muß, ist, an diesem Orte einen Bogen zu sehen, der von Matthias von Doncaster, einem Bogenfertiger, gemacht wurde, der vor wenigstens hundert Jahren lebte und wegen der Zähigkeit und Stärke der Waffen, die er lieferte, hochberühmt war.« – »Wie wollt Ihr so genau wissen, wer ihn gefertigt hat, werter Gast?« fragte der Schweizer. – »Das erkenne ich an dem Zeichen des alten Matthias,« antwortete der Engländer, »und an den Anfangsbuchstaben seines Namens, die in das Holz geschnitzt sind. Ich staune nicht wenig, solche Waffe, und in so gutem Zustande, hier anzutreffen.« »Der Bogen ist gehörig geölt und gut in Ordnung gehalten worden,« sagte der Landammann, »da er als Siegeszeichen eines merkwürdigen Tages aufbewahrt wird. In den Tagen meines Großvaters, war eine starke Schar räuberischer Soldaten, Menschen aus fast allen Ländern, hauptsächlich aber der Engländer, Normannen und Gascogner, in den Aargau und die angrenzenden Gegenden eingefallen. Sie wurden von einem berühmten Krieger namens Inegelram von Courcy geführt, der Ansprüche auf das Besitztum des Herzogs von Oesterreich zu besitzen vorgab und deshalb ohne weiteres nicht nur das österreichische Land, sondern auch das unserer Eidgenossen verheerte. Seine Truppen fügten uns viel Leid zu, und wir verloren gegen sie mehr als eine Schlacht. Doch bei Buttisholz trafen wir auf sie und brachten ihnen eine schwere Schlappe bei. Der riesige Hügel, der die Gebeine der Männer und ihrer Rosse deckt, wird noch heutigen Tages der englische Grabhügel genannt.« – Etliche Minuten lang schwieg Philippson; dann versetzte er: »So laßt sie in Frieden ruhen. Wenn Sie unrecht taten, so bezahlten sie es mit ihrem Leben, und das ist alles mögliche Lösegeld, das ein Sterblicher für seine Untaten zahlen kann. – Der Himmel nehme ihre Seelen in seinen Schutz!« – »Amen!« entgegnete der Landammann, »so wie die Seelen aller braven Leute! Mein Großvater wohnte jener Schlacht bei und hat sich dabei als tapferer Kriegsmann bewiesen. Dieser Bogen ist seitdem sorgfältig in unserer Familie aufbewahrt worden. Es ist eine Prophezeiung damit verbunden, allein ich halte es nicht der Mühe wert, ihrer Erwähnung zu tun.« Philippson wollte weiter forschen, allein er wurde durch einen draußen laut erschallenden Schrei des Erstaunens und der Ueberraschung unterbrochen. – »Ich muß hinaus,« sagte Biedermann, »und sehen, was diese wilden Burschen treiben. Es ist jetzt nicht in diesem Lande, wie ehedem, wo die Jugend nicht eher wagte, über etwas zu urteilen, als bis des Greises Stimme gehört worden war.« – Er ging zur Halle hinaus, und sein Gast folgte ihm. Die Gesellschaft, die den Spielen zugeschaut hatte, plauderte, schrie lachend auf und stritt durcheinander, während Arthur Philippson ein wenig abseits stand und mit anscheinender Gleichgiltigkeit sich auf den ungespannten Bogen lehnte. Alles war still, als der Landammann erschien. – »Was bedeutet dieses Lärmen?« fragte er und wendete sich an den ältesten seiner Söhne. »Rüdiger, hat der junge Fremde den Bogen gespannt?« »Er hat es getan, Vater,« sagte Rüdiger, »und hat auch das Ziel getroffen. »Drei solche Schüsse selbst hat Wilhelm Tell nimmermehr getan.« – »Es war Zufall – bloßer Zufall,« rief der junge Schweizer aus Bern. »Wie sollte ein junger Bursche dazu imstande sein, der bei allem anderen, was er mit uns versuchte, durchfiel.« – »Aber was ist denn geschehen?« sagte der Landammann und setzte schnell hinzu: »Ei, sprecht nicht alle zugleich! Anna von Geierstein, Du hast mehr Verstand und gute Erziehung als diese Burschen. Erzähle Du mir den Hergang des Spieles!« Das Mädchen schien über diese Aufforderung ein wenig betreten, antwortete jedoch mit ruhigem, gesenktem Blicke: »Das Ziel war wie gewöhnlich eine an einen Pfahl gebundene Taube. Alle jungen Männer, ausgenommen der Fremde, hatten mit der Armbrust und dem Zielbogen danach geschossen, jedoch ohne zu treffen. Als ich den Buttisholzer Bogen herausbrachte, bot ich ihn zuerst meinen Vettern. Keiner wollte ihn annehmen, indem jeder, verehrter Ohm, sagte, daß eine Aufgabe, die Ihr nicht lösen könnt, auch zu schwer für sie sein würde.« – »Wohlgesprochen,« antwortete Arnold Biedermann, »und der Fremde? spannte er den Bogen?« – »Er tat es, mein Oheim, doch zuvor schrieb er etwas auf ein Blatt Papier und legte es mir in die Hand.« – »Und dann schoß er und traf das Ziel?« fragte der überraschte Schweizer. – »Zuvor,« antwortete Anna, »setzte er den Pfahl um hundert Ellen weiter von dem Orte zurück, wo er zuerst gestanden.« – »Sonderbar,« fügte der Landammann, »das ist das Doppelte der gewöhnlichen Entfernung.« – »Dann zog er den Bogen an und schoß nacheinander mit unglaublicher Schnelligkeit die drei Pfeile, die er in seinen Gürtel gesteckt hatte. Der erste Pfeil drang in den Pfahl, der zweite zerschoß das Band der Taube, der dritte tötete das arme Tier, als es in die Lüfte flatterte.« – »Bei unserer heiligen Mutter zu Einsiedeln!« sagte der alte Mann, indem er verwundert aufblickte, »so Eure Augen dies wirklich sahen, so sahen sie ein Bogenschießen, wie es in den Waldstätten zuvor nimmer gesehen ward.« – »Ich sage Nein dazu, mein verehrter Herr und Vetter,« rief Rudolf von Donnersberg in unverhohlenem Verdruß; »es war bloßer Zufall, wenn nicht gar Augenverblendung oder Hexerei.« »Was sagst Du selbst dazu, Arthur,« fragte Philippson halb lächelnd, »trafst Du aus Zufall oder dank Deiner Geschicklichkeit?« – »Mein Vater,« sprach der Jüngling, »ich brauche Euch nicht zu sagen, daß ich nur tat, was jeder gewöhnliche englische Bogenschütze kann. Auch rede ich nicht, um jenem dummstolzen, unwissenden Jüngling zu antworten. Allein unserm würdigen Gastfreund und seinen Hausgenossen gebe ich Bescheid. Dieser junge Mann klagt mich an, ich hätte der Leute Augen verblendet oder das Ziel nur zufällig getroffen. Eine Täuschung ist unmöglich, denn Ihr seht dort den angeschossenen Pfahl, das zerschnittene Band und den getöteten Vogel; und wenn überdies das hübsche Mädchen dort den Zettel öffnen will, den ich ihr in die Hand legte, so wird sie darin lesen, daß ich noch vorm Bogenspannen genau bestimmte, in welcher Reihenfolge ich treffen wollte.« – »Zeige das Papier, liebe Nichte,« sagte ihr Oheim, »und ende den Zwist.« – »Mit Eurer Erlaubnis, nein, mein werter Gastfreund,« sprach Arthur, »es enthält nur etliche kleine Reime, die an des Mägdleins Augen gerichtet sind.« – »Und mit Eurer Erlaubnis, ja, mein junger Herr,« entgegnete der Landammann. »Was für meiner Nichte Augen sich schickt, das mag auch mein Ohr erreichen,« Er nahm das Papier aus der Hand seiner Nichte, die es errötend hingab. Die Buchstaben auf dem Zettel waren so schön geschrieben, daß der Landammann überrascht ausrief: »Kein Schreiber von St. Gallen hätte zierlicher schreiben können. – Sonderbar,« setzte er hinzu, »daß eine Hand, die so fest eine Bogensehne anzuziehen vermag, leicht genug ist, so niedliche Buchstaben zu malen!« Dann rief er aus: »Aha! Verse! Bei der heiligen Jungfrau, Verse! Was, haben wir Minnesänger hier, die sich als Handelsleute verkleideten?« Dann las er folgende Zeilen von dem Papier: »Treff ich den Pfahl dort sowie Band und Taube, Wort hielt ein Schütz aus England dann, das glaube! Ach, holdes Mädchen, zieltest Du nach mir, Ein Blick tät mehr als die drei Pfeile hier.« »Das sind Reime, mein werter Gast,« sprach der Landammann kopfschüttelnd, »schöne Worte, um hübschen Mädchen den Kopf zu verdrehen. Doch entschuldigt Euch deshalb nicht, es ist das so Sitte in Eurem Lande, und wir verstehen uns darauf, es als solche Modesitte zu behandeln.« – Und ohne weiter auf die Verse anzuspielen, deren Lesung den Dichter wie das Mädchen, dem sie galten, in nicht geringe Verlegenheit brachte, fügte Herr Arnold ernsthaft hinzu: »Ihr müßt eingestehen, Rudolf von Donnersberg, daß der Fremde auch wirklich die drei Punkte traf, die er sich zum Ziele setzte.« »Daß er sie traf, liegt am Tage,« antwortete der Angeredete; »Allein, daß er sie wacker traf, mag zu bezweifeln sein, sobald es Dinge wie Hexerei und Zauberei auf dieser Welt gibt.« – »Schämt Euch, schämt Euch, Rudolf, können Wahn und Neid, einen so wackeren Jüngling, wie Ihr seid, beeinflussen, einen Jüngling, von dem meine Söhne Mäßigung, Schonung, Aufrichtigkeit und männliche Tapferkeit lernen sollten?« – Der Berner errötete, als ihm dieser Vorwurf gemacht wurde, und gab keine Antwort. Aber während Arnold und der ältere Philippson hinwegschritten und die Jünglinge sich wieder ihren Spielen widmeten, trat er an Arthur heran und flüsterte ihm rasch zu: »Ihr Handelsleute verkauft Handschuhe – habt Ihr jemals einzelne verkauft, oder setzt Ihr sie nur paarweise ab?« – »Ich verkaufe Handschuhe nicht einzeln,« versetzte Arthur, der den Sinn der Frage sofort verstand und dem es sehr willkommen war, den Berner für die beleidigende Verdächtigung von vorhin zu strafen. »Doch bin ich jederzeit bereit, mein Herr, einen einzelnen Handschuh einzutauschen.« – »Ihr seid schlau, wie ich sehe,« sagte Rudolf; »blickt auf die Spieler, während ich rede, sonst argwöhnt man, was wir vorhaben. Wenn wir unsere Handschuhe austauschen, wie soll jeder den seinigen wieder einlösen?« – »Durch unsere guten Schwerter,« versetzte Arthur Philippson. – »In Rüstung, oder so, wie wir hier sind?« – »Ei, wie wir hier sind,« sagte Arthur. »Mir ist kein anderes Gewand gerecht als dieses Wams, so wie keine andere Waffe als mein Schwert. – Nennt Zeit und Ort!« – »Bei Sonnenaufgang im alten Schloßhof des Geiersteins,« erwiderte Rudolf, »hier ist mein Handschuh!« – »Und hier ist der meinige!« sagte Arthur. Fünftes Kapitel. Der Landammann von Unterwalden und der ältere Philippson gingen, als sie die jungen Leute bei ihren Scherzen und Spielen zurückgelassen hatten, gemeinsam weiter, indem sie sich hauptsächlich über die politischen Angelegenheiten Frankreichs Englands und Burgunds unterhielten, bis das Gespräch sich änderte, als sie in den alten Schloßhof des Geiersteins eintraten, in dessen Mitte sich der einsame, von andern Ruinen umringte Turm erhob. – »Das ist seinerzeit ein stolzer, fester Bau gewesen,« sagte Philippson, – »Es war ein stolzes, machtvolles Geschlecht, dem es gehört hat,« versetzte der Landammann. »Die Grafen von Geierstein haben eine Geschichte, die hinaufreicht bis in die Zeiten der alten Helvetier. Allein alle irdische Größe hat ein Ende, und freie Leute wandeln jetzt auf den Ruinen der Zwingburg ihres Lehnsherrn.« – »Ich gewahre,« sagte der Kaufmann, »auf einem Steine unter jenem Turmgesims, wie mich dünkt, das Wappen der Familie: einen Geier, der auf einem Felsen sitzt.« – »Es ist das alte Wahrzeichen des Hauses,« erwiderte Arnold Biedermann. »Ich bemerkte auch in Eurem Saale,« fuhr der Handelsmann fort, »einen Helm, der auf seinem Kamme eben dies Wahrzeichen trägt. Er ist wohl auch ein Andenken an einen Sieg der Schweizer Landleute über die Edlen von Geierstein?« – »Nein, lieber Herr. Als die Schweizer sich von der Sklaverei freimachten, wurde zwar manches stolze Schloß aus gerechter Rache des gereizten Volkes geplündert und zerstört, aber den Geierstein traf dieses Schicksal nicht. Das Blut der alten Besitzer dieser Türme fließt noch in den Adern dessen, der heute diese Ländereien besitzt. – »Wie habe ich das zu verstehen, Herr Landammann?« fragte Philippson. »Seid Ihr nicht selbst Besitzer dieser Gegend?« »Und wahrscheinlich denkt Ihr,« versetzte Arnold, »ich könne nicht von altadeligem Geschlecht abstammen, weil ich gleich andern Hirten lebe, weil ich ein selbstgesponnen und selbstgewebtes Gewand trage und den Pflug mit eigener Hand lenke? Es gibt in diesen Kantonen manchen Bauersmann von adeliger Abstammung, aber diese Edlen haben freiwillig auf ihre Rechte als Lehnsherren verzichtet,« »Allein,« erwiderte der Kaufmann, der noch nicht mit dem Gedanken vertraut werden konnte, daß sein schlichter Wirt ein Mann von vornehmer Geburt war, »Ihr tragt nicht den Namen Eurer Väter, werter Herr – jene waren, sagt Ihr, Grafen von Geierstein, und Ihr seid.« – »Arnold Biedermann, Euch zu dienen,« versetzte der Landammann, doch brauche ich nur den Helm dort aufzusetzen oder eine Falkenfeder auf meine Mütze zu stecken, so kann ich mich Arnold, Graf von Geierstein nennen. Schon mein Großvater Heinrich von Geierstein, machte gemeinsame Sache mit den verbündeten Bauern, um de Courey's räuberische Schar zu verjagen, wie ich Euch schon erzählte, und als der Krieg mit Oesterreich wieder anfing, focht mein Ahnherr im Gegensatz zu vielen Adeligen, die es mit Kaiser Leopold hielten, an der Spitze der verbündeten Schweizer und trug durch seine Geschicklichkeit und Tapferkeit zu dem entscheidenden Siege bei Sempach bei. Mein Vater dachte ebenso wie mein Großvater, schloß sich eng an den Kanton Unterwalden, wurde Mitglied der Eidgenossenschaft und tat sich so hervor, daß er zum Landammann der Gemeinde gewählt wurde. Er hatte zwei Söhne, mich und meinen jüngeren Bruder, Albert, und äußerte bei seinem Tode den Wunsch, daß einer seiner Söhne Graf von Geierstein bleiben, der andere als freier Insasse von Unterwalden leben und seinen Mitbürgern sich widmen sollte. Er bot mir, als seinem ältesten Sohne die weite Besitzung von Geierstein an, und schlug meinem jüngeren Bruder vor, schweizerischer Bauer und Bürger zu werden. Der aber erhob Einspruch. »Nein, Vater,« sprach er, »Geierstein ist ein Reichslehn, und nach dem Gesetz habe ich ein Anrecht, auf die Hälfte des Besitztums. Soll mein Bruder ein Graf von Geierstein sein, so bin ich nicht minder Graf Albert von Geierstein; und ich werde eher den Kaiser anrufen, als mir Rang und Stand nehmen lassen, sei es auch durch meinen Vater.« – »Geh,« sagte dieser voller Zorn, »stolzer Knabe, klage gegen Deinen Vater bei einem willkürlichen Fürsten. Geh, doch komm mir nicht wieder vor Augen und fürchte meinen ewigen Fluch!« Schon wollte Albert heftig antworten, da erklärte ich mich mit dem Wunsche meines Vaters einverstanden und bereit, Bauer und Bürger von Unterwalden zu werden. So ward denn Albert zum Erben des Schlosses und Ranges unter dem Titel Graf Albert von Geierstein erklärt, und ich wurde Besitzer dieser Felder und reichen Matten, aus deren Mitte mein Haus sich erhebt, und meine Nachbarn benannten mich Arnold Biedermann. Mein Bruder erhielt noch andere Besitzungen in Schwaben und Westfalen und kam nur selten auf sein väterliches Schloß, das er von einem Vogt verwalten ließ, der sich bei den Untergebenen des Grafen höchst verhaßt machte. Aber auch mein Bruder, wenn er bisweilen den Geierstein besuchte, wußte sich durchaus nicht beliebt zu machen. Er hörte nur auf seinen grausamen, eigennützigen Vogt, Ital Schreckenwald genannt, und selbst meine Vorstellungen waren in den Wind geredet. Mich sah er für einen rohen und beschränkten Bauer an, der das edle Blut seines Stammes durch gemeine Neigungen besudelte. Bei jeder Gelegenheit ließ er gegen seine Landsleute merken, wie tief er sie verachtete. Mit Vorliebe trug er auf der Mütze eine Pfauenfeder, obgleich er wußte, daß dies Abzeichen des Hauses Oesterreich im Schweizerlande tödlich gehaßt wurde und. daß mancher schon bloß deshalb erschlagen worden war, weil er dieses Abzeichen getragen. Inzwischen heiratete ich meine Berta, die jetzt eine Heilige im Himmel ist und mir sechs Söhne schenkte, von denen Ihr heute fünf an meinem Tische gesehen habt. Auch Albert nahm eine Frau – eine Adelige aus Westfalen, Er hatte nur eine Tochter: Anna von Geierstein, Dann brach der Krieg zwischen unseren Waldstätten und der Stadt Zürich aus, die sich zu Oesterreich schlagen wollte. Mein Bruder ergriff nicht nur die Waffen für des Kaisers Sache, sondern nahm auch in die Feste Geierstein eine Schar österreichischer Söldner auf, mit denen der gottlose Ital Schreckenwald die ganze Umgebung, mit Ausnahme meines kleinen väterlichen Erbes, verwüstete. Ich zog gegen diese Räuber und Strauchdiebe, und der Kampf wurde mit wechselndem Glücke geführt. Während meiner Abwesenheit brannte der Vogt von Geierstein mein Haus nieder und erschlug meinen jüngsten Sohn, der seinen väterlichen Herd verteidigte. Meine Aecker wurden verwüstet, meine Herden weggetrieben. Dafür, glückte es dann mir, mit Hilfe einer Schar Bauern aus Unterwalden, das Schloß Geierstein zu erstürmen. Die Burg wurde entfestigt.« »Und was sagte Euer Bruder dazu?« – »Er war sicherlich des Glaubens, ich hätte sein Schloß in der Absicht genommen, mich dadurch zu bereichern. Er schwur sogar, mich in offener Feldschlacht aufzusuchen und mit eigener Hand zu erschlagen. Wirklich fochten wir beide in der Schlacht bei Freienbach; aber mein Bruder war durch einen Pfeil verwundet worden und mußte weggetragen werden. Nachher nahm ich noch an den blutigen Gefechten auf dem Hirzelberge und bei der Sankt Jakobskapelle teil, nach denen Zürich zur Nachgiebigkeit genötigt und Oesterreich nochmals gezwungen war, Friede mit uns zu schließen. Nach diesem Kriege, der dreizehn Jahre währte, erließ der Reichstag ein Urteil lebenslänglicher Verbannung gegen meinen Bruder Albert und hätte auch seine Besitzungen konfisziert, nur daß man in Rücksicht auf die Dienste, die ich dem Lande geleistet hatte, davon absah. Als der Spruch dem Grafen von Geierstein mitgeteilt ward, gab er eine trotzige Antwort; jedoch nicht lange Zeit nachher zeigte uns ein Umstand, daß Albert doch noch an seinem Vaterlande hing und auch meiner unverändert gebliebenen Liebe zu ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ.« »Ich möchte meinen Kredit verwetten,« sagte der Handelsmann, »daß das, was nun folgt, Eure Nichte betrifft.« – »Ganz richtig,« versetzte der Landammann. »Wir hörten also, daß mein Bruder am Hofe des Kaisers in hohen Gnaden gestanden hätte, jedoch vor kurzem verdächtigt und in die Verbannung geschickt worden wäre. Kurze Zeit, nachdem uns diese Kunde geworden, und es sind, wie mich dünkt, jetzt etwa sieben Jahre her, kehrte ich von der Jagd am jenseitigen Flußufer zurück, war wie gewöhnlich über die schmale Brücke geschritten und ging durch den Hofraum, als eine Stimme in deutscher Sprache ausrief: »Ohm, habt Mitleid mit mir!« Als ich mich umschaute, gewahrte ich ein Dirnlein von zehn Jahren, das aus den Ruinen scheu hervortrat und mir zu Füßen sank. Bittend hob sie die Händlein zu mir auf. »Bin ich Dein Ohm, kleines Mädchen,« sagte ich, »wie kannst Du Furcht vor mir hegen?« – »Weil Ihr das Haupt der gottlosen und schändlichen Bauern seid, die ihre Freude daran finden, das Blut der Edlen zu vergießen,« versetzte die Dirne mit einem Mute, der mich überraschte. – »Wie heißt Du, mein kleines Mädchen?« fragte ich, »wer hat Deinen Verwandten so bei Dir angeschwärzt, und wer brachte Dich hierher?« – »Ital Schreckenwald,« sagte das Kind, das nur zur Hälfte meine Fragen verstehen mochte. – »Ital Schreckenwald!« denn schon der Name dieses Verhaßten brachte mich in Wut. Eine Stimme, die wie das dumpfe Echo aus einem Grabe erscholl, rief aus den Ruinen: »Ital Schreckenwald!« und der Schuft trat aus seinem Schlupfwinkel hervor und stand mir gegenüber. Ich hatte meinen Bergstecken in der Hand – schon wollte ich ihn niederschlagen – allein er war unbewaffnet, eine Bote meines Bruders, – ich durfte mich nicht an ihm vergreifen. Er begann in der ihm eigenen Verwegenheit: »Vasall des edlen, hochgeborenen Grafen von Geierstein, vernimm die Worte Deines Herrn und leiste ihnen Gehorsam! Zieh' die Mütze ab und horche; denn ist auch die Stimme mein, so sind es doch die Worte des edlen Grafen.« – »Gott und Menschen wissen,« versetzte ich, »ob ich meinem Bruder Hochachtung und Unterwürfigkeit schuldig bin; es ist viel, wenn ich aus Rücksicht gegen ihn seinem Botschafter nicht die Peitsche gebe. Fahre fort, und befreie mich möglichst bald von Deiner verhaßten Gegenwart.« – »Albert von Geierstein, Dein Herr und mein Herr,« fuhr Schreckenwald fort, »sendet seine Tochter, die Gräfin Anna, und vertraut sie Deiner Obhut, bis er soweit seine Zwecke erreicht haben wird, daß er sie von Dir zurückfordern mag. Er verlangt, daß Du zu ihrem Unterhalte die Renten und Erträgnisse der Ländereien von Geierstein verwendest, die Du ihm entrissen hast.« – »Wenn die Umstände, wie Du sagst, es meinem Bruder unmöglich machen,« antwortete ich, »seine Tochter bei sich zu behalten, so werde ich ihr ein Vater sein, und es soll ihr an nichts mangeln. Die Ländereien von Geierstein aber sind dem Staate verfallen, das Bergschloß ist zerstört worden, wie Du siehst, und daran trägt die größte Schuld Deine Schändlichkeit. Und somit hast Du Deine Botschaft – geh von hinnen, so Dir Dein Leben lieb ist; denn gefährlich ist's, höhnisch zum Vater zu reden, während Deine Hände mit dem Blute seines Sohnes gefärbt sind.« Der Elende entwich, als ich so sprach, und erlöste mich aus der schweren Versuchung, unter der ich rang, mit seinem Blute den Ort zu benetzen, wo er viele seiner Grausamkeiten und Verbrechen verübt hatte. Ich begleitete meine Nichte in mein Haus und überzeugte sie bald, daß ich ihr treuester Freund war. Gleich als wäre sie meine Tochter, machte ich sie vertraut mit der Lebensweise auf unseren Bergen. Jetzt gilt Anna von Geierstein mit Recht für die Krone des Bezirkes; dabei zweifle ich nicht, daß, wenn sie einen würdigen Mann zum Gatten wählen sollte, der Staat ihr ein reiches Heiratsgut aus ihres Vaters Besitzungen zufließen läßt, da es bei uns nicht Grundsatz ist, das Kind um der Fehler seiner Eltern willen zu strafen.« »Es wird natürlich Euer sehnliches Verlangen sein, mein würdiger Gastfreund,« entgegnete der Engländer, »Eurer Nichte eine Heirat zu sichern, wie ihre Geburt und Ansprüche, vor allem aber ihr Verdienst es erheischen.« – »Das ists eben, mein ehrlicher Gast,« sagte der Landammann, »was schon oft meine Gedanken beschäftigt hat. Allzunahe Verwandtschaft verbietet es mir, Anna einen meiner eigenen Söhne heiraten zu lassen. Jener Rudolf von Donnersberg ist tapfer und geachtet bei seinesgleichen, aber zu ehrgeizig und streberhaft, auch jähzornig, wenn auch von Herzen gut. Doch werde ich wohl, wenn auch auf etwas unangenehme Weise, von aller Sorge befreit werden, denn mein Bruder, der sie sieben Jahre lang anscheinend vergessen hatte, schrieb mir kürzlich, ich solle Anna zurückgeben. – Ihr könnt lesen, werter Herr, denn Euer Gewerbe verlangt das. Seht, hier ist die Rolle. Lest laut, ich bitte Euch!« Demzufolge las der Kaufmann: »Bruder – ich danke Euch für die Sorge, die Ihr für meine Tochter getragen habt, denn sie ist in Sicherheit gewesen, während sie ohne Euch in Gefahr hätte leben müssen. Ich bitte Euch jetzt, sie mir zurückzuliefern, und hoffe, sie wird gern bereit sein, die Gewohnheiten einer Schweizer Bäuerin gegen die Anmut eines hochgeborenen Fräuleins zu vertauschen. – Lebt wohl, ich danke Euch nochmals für Eure Sorgfalt, die ich Euch vergelten würde, so es in meiner Macht stände. Ich verbleibe Euer Bruder Geierstein.« – »Der Brief,« setzte der Engländer hinzu, »ist überschrieben: »An den Grafen Arnold von Geierstein, genannt Arnold Biedermann.« Eine Nachschrift bittet Euch, das Mädchen an den Hof des Herzogs von Burgund zu senden. – Dies, lieber Herr, scheint mir die Sprache eines stolzen Mannes zu sein, der zwischen Erinnerung an frühere Beleidigung und wiedererwachtem Pflichtgefühl schwankt. Wollt Ihr nun, das schöne, liebenswürdige Mädchen dem, wie es scheint, halsstarrigen Vater zurückgeben, ohne vorher zu fragen, was er mit ihr im Sinne hat, oder wie sie überhaupt bei ihm aufgehoben sein wird?« – Der Landammann versetzte hastig: »Das Band, das Vater und Kind verknüpft, ist das älteste und heiligste. Ich wollte das Mädchen nur nicht allein reisen lassen, sonst wäre meines Bruders Wunsch schon erfüllt. Da ich jetzt aber selbst an den Hof Karls ziehen muß, so habe ich beschlossen, Anna mitzunehmen. Da ich selbst einmal meinen Bruder sprechen will, den ich seit vielen Jahren nicht gesehen habe, so werde ich ja hören, was er mit seiner Tochter vorhat. Vielleicht kann ich ihn dazu bestimmen, daß er das Mädchen auch fernerhin bei mir läßt.« Indem sie also miteinander sprachen, erreichten sie den Rasen vor Arnold Biedermanns Wohnung wieder, wo die Jünglinge nach beendetem Wettstreit ein Tänzchen machten. Kaum jedoch erschien der Landammann mit seinem Gaste, so war Anna, die mit dem jungen Philippson getanzt hatte, die erste, die diese Gelegenheit ergriff, den Tanz abzubrechen und sich mit ihrem Verwandten wegen einer unter ihrer Aufsicht stehenden Wirtschaftsangelegenheit zu besprechen. Philippson gewahrte, daß sein Wirt achtsam auf die Frage seiner Nicht hörte und nach seiner gewohnten freimütigen Weise mit einem Kopfnicken sein Einverständnis zu erkennen gab. Nach dem Abendessen führte man die Gäste in ein Schlafgemach, wo Philippson und der junge Arthur ein und dasselbe Lager einzunehmen hatten, und bald darauf waren sämtliche Insassen des Hauses in tiefen Schlaf versunken Sechstes Kapitel. Der ältere von unseren beiden Reisenden schlief, wiewohl er ein starker, an Mühsal gewöhnter Mann war, fester und länger als gewöhnlich an dem Morgen, der jetzt zu dämmern begann. Aber seinem Sohne Arthur lag etwas auf dem Herzen, das seinem Schlummer frühzeitig ein Ende machte. Der Zweikampf mit dem kecken Schweizer, einem tüchtigen Abkömmling aus einem berühmten Kriegsstamme, war ein Geschäft, das nach den Begriffen der damaligen Zeit nicht auf die lange Bank geschoben werden durfte. Er verließ das Lager, das er mit dem Vater teilte, so behutsam wie möglich, um jenen nicht zu wecken, obgleich der Vater sich nicht weiter darüber gewundert hätte, daß sein Sohn so früh aufstand, denn das war er an ihm gewöhnt. Jedoch der alte Mann, den die Anstrengungen des gestrigen Tages ermüdet hatten, schlief fester als sonst, und Arthur, sein gutes Schwert am Gurt, schritt über den Rasen, der vor des Landammannes Wohnung lag. Die Sonne küßte eben die Spitze der Gewaltigsten unter den Bergen, während das Gras unter des Jünglings Füßen noch im Schatten lag. Allein Arthur blickte nicht auf. Nachdem er eilig die Felder und das Gehölz durchschritten, die des Landammanns Behausung von der alten Feste Geierstein trennten, trat er in den Burghof von der Seite ein, von wo aus das Schloß das ebene Land überblickte; und in demselben Augenblick zeigte sich auch schon sein fast riesenhafter Gegner, der im bleichen Morgenlicht noch länger und stärker erschien als am Abend vorher. Er schritt über die gefährliche Brücke, die über dem Waldstrom hing; denn er hatte einen andern Weg als der Engländer benutzt. Der junge Kämpe aus Bern trug über den Schultern eines jener ungeheuren doppelgriffigen Schwerter, deren Klinge fünf Fuß Länge maß, und die mit beiden Händen geschwungen wurden. Diese Schwerter waren bei den Schweizern fast allgemein gebräuchlich. Die Spitze schlug gegen seine Ferse, der Griff aber ragte noch ein gutes Stück über seinen Kopf hinaus. Ein zweites Schwert gleicher Gattung trug er in der Hand. – »Du bist pünktlich,« rief er Arthur Philippson mit einer Stimme zu, die das Gebrause des Wasserfalles übertönte. »Aber ich konnte mir's wohl denken, daß Du ohne doppelgriffiges Schwert kommen würdest. Hier ist das meines Vetters Ernst,« setzte er hinzu, indem er die Waffe, die er in der Hand trug, so auf den Boden hinwarf, daß das Heft dem jungen Engländer zugekehrt dalag. »Sieh zu,« fuhr er fort, »Fremdling, daß Du es nicht entweihest, denn mein Vetter würde Dir das nimmer verzeihen. Oder Du kannst auch das meinige bekommen, so es Dir lieber sein sollte.« Der Engländer blickte mit einiger Ueberraschung auf die ihm ganz fremde Waffe. »In allen Ländern,« sprach er, »wo man die Ehre kennt, ficht der Herausforderer mit der Waffe des Geforderten.« »Wer auf einem Schweizerberg kämpft, ficht mit einem Schweizer Flamberg,« antwortete Rudolf. »Denkst Du, unsere Hände verstehen sich auf die Handhabung von Federmessern?« – »Und die unsrigen verstehen sich nicht darauf, Riesenschwerter zu schwingen,« sagte Arthur. – »Reut Euch der Tausch mit dem Handschuh?« fragte der Schweizer, »wenn dem so ist, so fleht um Gnade, und Ihr könnt unversehrt heimkehren.« – »Nimmer, hochfahrender Mensch,« erwiderte der Engländer, »bitte ich Dich um Gnade. Ich dachte soeben nur an einen Kampf zwischen einem Hirten und einem Riesen, in welchem Gott demjenigen den Sieg verlieh, der noch schlechtere Waffen hatte, als mir an diesem Tage zugefallen sind. Ich will fechten, so wie ich hier stehe, mein eigenes gutes Schwert soll auch mir jetzt in meiner Not dienen, wie es seither getan.« »Es sei! doch schilt mich nicht, denn ich habe Dir gleiche Waffen angeboten,« sagte der Bergbewohner, »Und jetzt höre mich an. Dies ist ein Kampf um Leben und Tod – jener Wasserfall donnert den Schlachtgesang zu unserm Gefecht. – Ja, alter Brüller!« fuhr er fort, indem er sich umsah, »es ist lange her, daß Du kein Kampfgetöse vernahmst, – und Du, Fremdling sieh ihn Dir an, bevor wir beginnen; denn so Du fällst, übergebe ich Deinen Leichnam seinen Fluten.« »Und so Du fällst, stolzer Schweizer,« antwortete Arthur, »da Deine Anmaßung Dir wohl zum Verderben gereichen dürfte, so will ich Dich in der Kirche zu Einsiedeln bestatten lassen, wo der Priester eine Messe für Deine Seele lesen soll. Dein doppelgriffig Schwert soll über Deinem Grabe aufgehängt werden, und eine Schrift dem Wanderer berichten: Hier liegt ein junger Bär aus Bern, den Arthur, der Engländer, erschlug.« – »Im ganzen Schweizerlande, wieviel Felsen es auch hat,« entgegnete Rudolph spöttisch, »findet der Stein sich nicht, der solche Inschrift tragen wird. Schicke Dich an zum Kampfe!« Der Engländer warf einen ruhigen und erwägenden Blick rings auf den Kampfplatz – einen Burghof, der zum Teil frei lag, zum Teil mit größeren oder kleineren Trümmerhaufen bedeckt war. »Mich dünkt,« sprach er zu sich selbst, »ein Meister seiner Waffe, der in Florenz das Fechten gründlich gelernt hat, ein freies Herz, eine gute Klinge, eine feste Hand und eine gerechte Sache mögen es wohl aufnehmen mit zwei Fuß geschliffenen Stahles.« Rudolf hatte anfänglich geglaubt, sein Gegner wäre ein weibischer Gesell, der vor ihm weichen würde, sobald er seine fürchterliche Waffe entblößte und schwänge. Allein die feste, und wachsame Stellung, die der Jüngling eingenommen hatte, erinnerte den Schweizer an die Mangelhaftigkeit seines eigenen unhandlichen Kampfgeräts, und er nahm sich vor, jede Uebereilung zu vermeiden, durch die seinem anscheinend ebenso kühnen wie umsichtigen Feinde ein Vorteil erwachsen konnte. Er zog sein ungeheures Schwert aus der Scheide – eine Arbeit, die etwas Zeit erforderte und seinem Gegner einen furchtbaren Vorteil gewährt hätte, wenn Arthur als Mann von Ehrgefühl es nicht verschmäht hätte, einen noch nicht zum Kampf gerüsteten Gegner anzugreifen. Der Engländer blieb unbeweglich stehen, bis der Schweizer seinen breiten, in der Morgensonne blitzenden Flamberg drei oder viermal geschwungen hatte, als wollte er dessen Gewicht und seine Gewandtheit erproben. Dann stellte der Schweizer sich auf Schwerteslänge seinem Feinde gegenüber, ergriff die Waffe mit beiden Händen und trat auf ihn zu, indem er die Klinge gerade ausgestreckt hielt. Der Engländer dagegen hatte sein Schwert in einer Hand und hielt es quer vors Gesicht, so daß er zu gleicher Zeit zu Stich, Stoß und Abwehr bereit war. »Schlag zu, Engländer!« rief der Schweizer, nachdem sie etwa eine Minute lang einander gegenüber gestanden hatten. »Das längste Schwert sollte wohl den ersten Streich führen,« sagte Arthur; und die Worte waren kaum über seine Lippen, als die Klinge des Schweizers sich erhob und mit einer Schnelligkeit niedersauste, die bei ihrer Schwere und riesigen Größe ganz erstaunlich war. Die geschickteste Parade hätte nichts vermocht gegen die Wucht dieses Hiebes, mit dem der Berner Kämpe den kaum begonnenen Kampf auch gleich zu enden hoffte, aber der junge Philippson konnte sich auf sein richtiges Augenmaß und die Geschmeidigkeit seiner Glieder verlassen. Bevor die Klinge herabfuhr, brachte er sich durch einen schnellen Seitensprung in Sicherheit, und ehe noch der Schweizer sein Schwert wieder heben konnte, erhielt er schon eine freilich nur leichte Wunde am linken Arm. Wütend über den Fehlschlug und über die Wunde, erhob der Schweizer nochmals seinen Flamberg, und nun prasselte auf seinen Gegner ein Hagel von Hieben mit so erstaunlicher Gewalt und Schnelligkeit herab, daß der junge Engländer alle Geschicklichkeit aufbieten mußte, um diesen Schlägen zu entrinnen, von denen jeder einzelne hingereicht hätte, einen Felsblock zu spalten. Philippson sprang gewandt hin und her und wartete nur auf den Augenblick, bis sein ergrimmter Feind sich müde gearbeitet hätte oder sich in seiner Kampfeswut eine Blöße geben würde. Das letztere geschah auch bald, denn bei einem besonders wuchtigen Hieb strauchelte der Schweizer über einen großen Stein, der im langen Grase versteckt lag, und erhielt, ehe er wieder feststand, von seinem Gegner einen derben Stoß an den Kopf. Im Futter seiner Mütze steckte aber eine kleine Stahlkappe, so daß er unverwundet blieb und, aufspringend, den Kampf mit unverminderter Wut, jedoch, wie es dem jungen Engländer schien, mit kürzerem Atem und vorsichtiger geführten Streichen fortsetzte. So fochten sie mit gleichem Glücke, als eine ernste Stimme, die das Geklirr der Schwerter und das Brausen des Wasserfalles übertönte, in herrschendem Ton ausrief: »Bei Eurem Leben – haltet inne!« Die beiden Fechter senkten ihre Schwerter, und die Unterbrechung eines Kampfes, der sicherlich ein tödliches Ende genommen hätte, kam beiden nicht unerwünscht. Sie blickten zur Seite und der Landammann stand vor ihnen und zeigte seine breite, ausdrucksvolle, vom Zorne gerunzelte Stirne, »Was, Jungen!« rief er, »seid Ihr Gäste des Arnold Biedermann, und entehrt sein Haus durch Gewalttaten!« – »Arthur,« sprach der ältere Philippson, der gleichzeitig mit ihrem Gastfreunde herangeschritten war, »welche Raserei? Liegt Dir nichts Wichtigeres ob, als Zank und Kampf mit dem ersten, besten Prahlhans und Tollkopf?« – Die Jünglinge blickten einander an und stützten sich auf ihre Waffe, – »Rudolf Donnersberg,« sprach der Landammann, »gib mir Dein Schwert, mir gib es, dem Eigner dieses Bodens, dem Haupte dieser Familie und der obrigkeitlichen Person dieses Kantons,« – Und was noch mehr ist,« antwortete Rudolf unterwürfig: »Euch, der Ihr Arnold Biedermann seid, auf dessen Befehl jeder Bewohner dieser Berge sein Schwert entblößt oder in die Scheide steckt.« Mit diesen Worten übergab er seinen doppelgriffigen Flamberg dem Landammann. »Nun bei meinem Ehrenwort,« sagte Biedermann, »es ist dies dasselbe Schwert, mit dem Dein Vater Stephan so rühmlich bei Sempach, Schulter an Schulter mit dem berühmten Arnold von Winkelried, focht! Schmach über Dich, daß Du es gegen einen schutzlosen Fremdling zogst! Und Ihr, junger Herr, wollte der Schweizer, gegen Arthur gewendet, fortfahren, als dessen Vater in dem Augenblicke sagte: »Arthur, überliefere Dein Schwert dem Landammanne.« – »Es wird nicht nötig sein, Herr,« sagte der junge Engländer; »denn was mich betrifft, so halte ich unsern Streit für geschlichtet. Dieser wackere Edelmann berief mich hierher, um, wie ich glaube, meinen Mut zu erproben: ich muß von seiner Ritterlichkeit und Waffentüchtigkeit das beste Zeugnis ablegen; und da ich hoffe, er werde nichts Schmähendes über mein männliches Betragen zu äußern haben, so meine ich, daß unser Zwist lange genug gedauert hat,« – »Zu lange für mich,« rief Rudolf freimütig; »der grüne Ärmel meines Wamses, den ich mir aus Liebe zu den Waldkantonen in dieser Farbe anfertigen ließ, ist jetzt so dunkelrot gefärbt als hätten ihn Färber von Ypern oder Gent unter den Händen gehabt. Allein von Herzen vergebe ich dem braven Fremden, daß er mir eine Lehre erteilt hat, die ich nicht so bald vergessen werde. Hier ist meine Hand, wackerer Fremdling! Du hast mich ein Fechterkunststück gelehrt, und wenn wir unser Frühstück eingenommen haben, wollen wir, so Dir's recht ist, in den Wald gehen, wo ich Dich ein Jägerstückchen lehren will. Ist Dein Fuß nur zur Hälfte so gewandt wie Deine Hand, und ist Deinem Auge nur ein wenig von der Festigkeit Deines Herzens zuteil geworden, so sollst Du nicht viele Jäger finden, die es Dir zuvor täten,« »Diese beiden Burschen hätten ein böses Spiel gespielt,« sagte der ältere Philippson, »wenn Ihr, mein würdiger Gastfreund, nicht ihr Vorhaben durchkreuzt hättet. Doch darf ich fragen, wie Ihr noch zu rechter Zeit etwas davon erfuhrt?« – »Das danke ich der Fee meines Hauses,« antwortete Biedermann, »die der gute Engel meiner Familie zu sein scheint; ich meine, meine Nichte Anna, die bemerkt hatte, daß die beiden Wagehälse einen Handschuh austauschten, und die Worte »Geierstein« und »Tagesanbruch« von ihnen gehört hatte. Ja Herr, es ist eine eigene Sache um eines Weibes Scharfsinn.« – »Ich hätte wohl Lust,« sagte der Engländer, »in Eurer Gegenwart dem Mädchen, dem ich so sehr verpflichtet bin, meinen Dank abzustatten.« – »Dazu habt Ihr in diesem Augenblick die beste Gelegenheit,« sagte der Landammann und damit rief er durch die Baumgruppen des Mädchens Namen. Anna von Geierstein hatte auf einem Hügel in einiger Entfernung gestanden und sich hinter einem Reisighaufen verborgen. Sie erschrak, als sie den Ohm rufen hörte, doch gehorchte sie sogleich, und indem sie den beiden Jünglingen, die vorausgeschritten, aus dem Wege ging, gesellte sie sich, einen Pfad durch das Gehölz einschlagend, zu dem älteren Philippson und dem Landammann. – »Mein würdiger Gast und Freund wollte mit Dir reden, Anna,« sagte der Landammann, nachdem der Morgengruß gegeben und erwidert worden war. Das Schweizermägdlein errötete auf Stirn und Wangen, als Philippson sie mit folgenden Worten anredete: »Es begegnet uns Kaufleuten bisweilen, meine schöne, junge Freundin, daß wir für den Augenblick nicht die Mittel besitzen, unsere Schulden zu tilgen; allein mit Recht ist derjenige unter uns als der niedrigste der Menschen zu betrachten, der diese seine Schulden nicht anerkennt. Genehmigt deswegen den Dank eines Vaters, dessen Sohn Ihr erst gestern vom Tode gerettet habt. Heute morgen nun hat Eure Klugheit ihn abermals aus großer Gefahr befreit. Macht mir die Freude und nehmt diese Ohrringe an!« fügte er hinzu, indem er ein Schmuckkästchen hervorzog und öffnete. »Sie sind freilich nur von Perlen, allein sie wurden dennoch nicht für unwürdig gefunden, in den Ohren einer Gräfin –« »Und wären deswegen,« unterbrach ihn der Landammann, »nicht am Platze bei einer Schweizerdirne aus Unterwalden, denn das und nichts weiter ist meine Nichte Anna, so lange sie unter meinem Dach weilt. Doch schlagen Dirnen,« fügte er hinzu, indem er gutmütig lächelte und einen der Ohrringe dicht vor Annas Gesicht hielt, »dergleichen Schmuck nicht gern aus. Deshalb, Anna, überlasse ich es ganz Deiner eigenen Einsicht, ob Du das kostbare Geschenk unseres rechtschaffenen Gastes annehmen und tragen willst oder nicht.« – »Da Ihr es mir erlaubt, mein teuerer Ohm und Freund,« sagte das junge Mädchen errötend, »so will ich unserm Gast nicht den Kummer bereiten, abzulehnen, was er mir so freundlich anbietet; doch mit seinem und Eurem Gutbefinden, will ich diese prächtigen Ohrgehänge dem heiligen Schrein Unserer lieben Frau zu Einsiedeln weihen, um der Mutter Gottes dadurch unsern gemeinschaftlichen Dank für die Gnade auszudrücken, mit der sie uns bei den Schrecknissen des gestrigen Sturmes und bei dem Zwischenfall dieses Morgens hilfreich gewesen ist.« Siebentes Kapitel. Während die englischen Reisenden eine Woche auf Geierstein zubrachten, wurden im Schweizerlande Sitzungen oder Reichstage abgehalten. Bedrückt durch die Abgaben, die von dem Herzoge von Burgund ihrem Handel auferlegt und manchmal aufs grausamste eingetrieben wurden, verlangte man den Krieg, da man bisher stets siegreich gewesen war und Reichtum dabei geerntet hatte. Andererseits waren aber auch viele Gründe vorhanden, einen Krieg mit einem der begütertsten, hartnäckigsten und mächtigsten Fürsten zu vermeiden– denn ein solcher war Karl von Burgund sonder Frage. Jeder Tag brachte ans dem Binnenlande die erneute Kunde, daß Edward IV. von England, die Absicht hegte, seine Ansprüche auf die Provinzen Frankreichs, die seine Vorfahren so lange Zeit hindurch ihr eigen genannt hatten und deren Verlust ganz England als Schmach empfand, wieder geltend zu machen. Es schien, als ob dies das einzige wäre, was, nachdem er seine inneren Feinde bezwungen, noch zu seinem Ruhm fehlte. Die jüngste, zuverlässigste Kunde lautete, daß der König von England im Begriff wäre, in Person nach Frankreich hinüberzukommen – da er Calais bereits inne hatte, bot ein solcher Ueberfall keine Schwierigkeiten – und ein an Zahl und Kriegszucht so gewaltiges Heer mitzubringen, wie noch nie eines unter einem englischen Monarchen in Frankreich eingedrungen war. Alle Rüstungen seien bereits getroffen, und Edwards Antwort könnte täglich erwartet werden. – Ohne Zweifel würde es das klügste Verfahren von Karl von Burgund gewesen sein, wenn er im Bündnisse gegen seinen furchtbaren Nachbar, der sowohl sein Erbfeind als sein persönlicher Widersacher war, alle Ursachen zum Hader mit der schweizerischen Eidgenossenschaft, jenem armen, aber höchst kriegslustigen Volke, vermieden hätte, das bereits in wiederholten Siegen erkannt hatte, daß sein keckes Fußvolk die seither als Kern der europäischen Kampfheere betrachtete Ritterschaft nicht nur im Zaum zu halten, sondern sogar zu überwältigen imstande war. Aber Karl von Burgund, dem das Geschick den starrsinnigsten und schlauesten Monarchen seiner Zeit zum Feinde gegeben hatte, ließ sich in seinen Handlungen jederzeit von Leidenschaft und Laune bestimmen, ohne an eine bedächtige Erwägung der Umstände, in denen er sich befand, zu denken. Hochfahrend, stolz und übermütig, ohne deshalb jedoch der Ehre und Großmut zu ermangeln, verschmähte Karl ein Bündnis mit dem verachteten Jäger- und Hirtenvolk, und statt den Helvetischen Kantonen zu schmeicheln, wie sein listiger Gegner es tat, oder ihnen mindestens keine Ursache zum Hader zu geben, benützte er jede Gelegenheit, ihnen seine Geringschätzung zu zeigen, und machte kein Hehl aus seinem langgenährtem Verlangen, die wiederholten Siege wettzumachen, die sie über die Lehnsherren erfochten hatten, das Blut der Edlen an ihnen zu rächen und ihren Dünkel zu demütigen. Da der Herzog von Burgund im Elsaß Besitzungen hatte, war ihm mancherlei Gelegenheit geboten, seiner Erbitterung gegen die schweizerische Eidgenossenschaft Luft zu machen, – Das Städtchen und kleine Schloß La Ferette, das etwa sechs Stunden Weges von Basel liegt, diente zum Zwischenplatze des Handels von Bern und Solothurn, den beiden Hauptstädten der Eidgenossenschaft. Dorthin entsendete der Herzog seinen Statthalter oder Vogt, der zugleich Verwalter der Einkünfte war und dazu geschaffen schien, die Plage und Geißel der umwohnenden Freisassen zu sein.– Archibald von Hagenbach, ein deutscher Adliger, dessen Besitztum in Schwaben lag, galt allgemein für einen der wildesten und ruchlosesten Raubritter. Diese Wegelagerer übten, weil sie ihre Burgen vom heiligen römischen Reiche zu Lehen trugen, auf ihrem oft kaum eine Geviertmeile großen Gebiete völlige Gewaltherrschaft aus, erhoben Zölle und Wegegelder von Durchziehenden und verhafteten, verhörten und verurteilten diejenigen, die, wie sie behaupteten, sich auf ihrem winzigen Grund und Boden vergangen hatten, befehdeten sich untereinander, zogen auch gegen die freien Städte des Reiches und plünderten ohne Erbarmen die fahrenden Handelsleute, – Archibald Hagenbach, als einer der ärgsten Verfechter des Faustrechts, hatte wegen zahlreicher Unbilden flüchten müssen und war beim Herzog von Burgund in Dienst getreten, der ihn auch willig aufnahm, da der Ritter ein Mann von hoher Herkunft und großer Tapferkeit war; ja, Karl nahm ihn um so lieber auf, als er in einem Manne von Hagenbachs Wildheit, Raubsucht und hochfahrendem Wesen den gewissenlosen Vollstrecker der königlichen Willkür gefunden zu haben glaubte. Die Kaufleute von Bern und Solothurn führten nun heftige Beschwerde über Hagenbachs Bedrückung. Er erhöhte nach Belieben die Zölle, und wer sie nicht anstandslos entrichtete, wurde eingekerkert. Die deutschen Handel treibenden Städte klagten bei dem Herzoge gegen dieses feindselige Verfahren des Vogts von La Ferette und baten den durchlauchtigen Herrn, ihn des Amtes zu entsetzen; allein der Herzog behandelte ihre Vorstellungen mit Verachtung. Die Schweizer gingen mit ihren Beschwerden noch weiter und behaupteten, Hagenbach habe das Völkerrecht verletzt. Doch auch sie fanden kein Gehör. Der Reichstag der Eidgenossenschaft beschloß endlich eine feierliche Gesandtschaft, deren wir zu wiederholten Malen Erwähnung taten, abzuschicken. Etliche dieser Deputierten stimmten mit dem besonnenen und einsichtsvollen Arnold Biedermann in der Hoffnung überein, daß der Herzog sich einer so feierlich getroffenen Maßregel nicht verschließen werde; andere aus der Gesandtschaft, die minder friedliche Absichten hegten, waren entschlossen, durch dreistere Vorstellung den Weg zum Kriege zu bahnen. Arnold Biedermann war ein energischer Verfechter des Friedens, solange friedliches Verhalten sich mit der Unabhängigkeit des Landes und der Ehre der Eidgenossenschaft vertrug; der jüngere Philippson entdeckte jedoch bald, daß der Landammann in der Familie der einzige war, der so gemäßigte Gesinnungen hegte. Seine Söhne, durch die heftige Beredsamkeit und den überwiegenden Einfluß Rudolfs von Donnersberg bestimmt, der wegen persönlicher Tapferkeit und dank der Verdienste seiner Ahnen unter den Jünglingen der Eidgenossenschaft in hohem Ansehen stand, waren alle für den Krieg. Sobald bei den Beratschlagungen der Vogt von La Ferette genannt ward, hieß er gewöhnlich nur der Grenzkettenhund von Burgund oder der Elsasser Bullenbeißer; und man erklärte offen heraus, daß, wenn Archibald nicht von der schweizerischen Grenze entfernt würde, seine Feste ihm keinen Schutz gegen den Ingrimm der bedrückten Einwohner von Solothurn, besonders aber derer von Bern, gewähren dürfte. Diese allgemeine Stimmung der Schweizer für den Krieg war dem älteren Philippson durch seinen Sohn hinterbracht worden, und er war sich nun nicht schlüssig, ob er nicht lieber mit Arthur allein reisen solle, statt mit diesen kecken Gebirgssöhnen, deren zügelloses Benehmen ihn leicht in große Unannehmlichkeiten bringen konnte, wodurch aller Zweck seiner Reise vereitelt worden wäre; da jedoch Arnold Biedermann bei seiner Familie und seinen Landsleuten in hohen Ehren stand, so meinte der englische Kaufmann, daß im ganzen der Einfluß Arnolds imstande sein würde, seine Begleiter so lange im Zaume zu halten, bis die große Frage, ob Krieg, ob Frieden, entschieden wäre, und vor allen Dingen so lange, bis sie die Aufgabe ihrer Reise erfüllt und eine Audienz beim Herzog von Burgund erlangt hätten. Dann wollte er sich von ihnen trennen, um fürderhin nicht mehr für Handlungen gewissermaßen mit verantwortlich zu sein. Nach zehn Tagen langte die Gesandtschaft, die beauftragt war, beim Herzog über die Bedrückungen Archibalds von Hagenbach Beschwerde zu führen, endlich auf Geierstein an, von wo aus die Reise angetreten werden sollte. Es waren ihrer drei, außer dem jungen Berner und dem Landammann von Unterwalden. Einer war, wie Arnold, ein Grundeigentümer aus den Waldstätten, der wie ein einfacher Alphirt gekleidet war, aber durch die Schönheit und die Form seines langen silberfarbenen Bartes auffiel. Nicolaus Bonstetten hieß er. Melchior Sturmthal, Bannerträger von Bern, ein Mann mittleren Alters und ein Krieger von ausgezeichnetem Mute, und Adam Zimmermann, ein Abgeordneter von Solothurn, der bedeutend älter war, vervollständigten die Zahl der Gesandten. Die Abgeordneten reisten zu Fuß, ihre Stecken in der Hand, Pilgrimen gleich, die nach einem Wallfahrtsort zogen. Zwei Maultiere, mit etwas Gepäck beladen, wurden von etlichen jungen Burschen, den Söhnen oder Vettern der Mitreisenden, geführt. Leute, die in so wichtiger Angelegenheit reisten, konnten zu jener Zeit, und bei dem gänzlich ungeregelten Zustand des Landes jenseits ihrer Grenze, keinesfalls ohne Bedeckung bleiben. Es gab damals noch Wölfe in den Bergen, und auf den Ebenen trieben sich Rotten von Kriegsknechten, die diesem oder jenem Banner entlaufen waren, und ganze Banditenhaufen herum, die die Grenzen von Elsaß und den deutschen Ländern unsicher machten. Deshalb war die Gesandtschaft von ungefähr zwölf auserlesenen Jünglingen aus den verschiedenen Schweizerkantonen begleitet, und Arnolds drei älteste Söhne, Rüdiger, Ernst und Sigismund, waren unter der Zahl; doch beobachteten sie keine kriegerische Ordnung, sondern bildeten etliche Streifpartien von fünf oder sechs Mann und durchspürten so die Feldwege, Wälder und Engpässe, durch die der Weg der Abgeordneten führte. Bei der langsamen Gangart der Alten hatten sie Zeit, Wölfe und Bären zu erlegen oder gelegentlich ein Gemstier auf den Klippen zu jagen. Ein besonderer Ruf aus einem großen Stierhorn war das verabredete Zeichen, auf das sich alle bei etwaiger Gefahr an einem und demselben Punkte zusammenzufinden hatten. – Rudolf von Donnersberg, obschon um vieles jünger als mancher der mit im Zuge befindlichen Jünglinge, hatte den Oberbefehl über diese Leibwache der Gesandten erhalten. Natürlich zog Arthur Philippson die Gesellschaft und die Jägerei der jungen Gesellen der ernsten Unterhaltung und dem langsamen Weiterschreiten der Väter aus der Gebirgsrepublik vor. Allein, es war für ihn eine starke Versuchung vorhanden, sich auch öfters bei dem hinterherziehenden Gepäck aufzuhalten; denn im Nachtrab der Gesandtschaft befand sich, zusammen mit einem andern Schweizermädchen, Anna von Geierstein. Die beiden Mädchen ritten auf Eseln, die kaum mit dem Trabe der Maultiere Schritt halten konnten. Arthur Philippson hätte daher die Dienste, die Anna ihm erwiesen, einigermaßen wieder wettmachen können, indem er dem Mädchen durch rege Unterhaltung die langwierige Reise verkürzte. Aber er durfte es nicht wagen, eine Höflichkeit zu erzeigen, die die Landessitte zu verbieten schien; denn weder einer der Vettern noch Rudolf von Donnersberg kümmerten sich um das Mädchen, Die Bekanntschaft mit Anna von Geierstein vertraulicher zu gestalten, wollte Arthur jedoch schon deshalb vermeiden, um weder seinem Vater zu mißfallen, noch den Unwillen des alten Biedermann zu erregen. Somit beschränkte sich Arthur darauf, wenn Halt gemacht wurde, dem Mädchen einige Aufmerksamkeiten zu erweisen, die zu Rüge und Tadel keinen Anlaß geben konnten. Mittlerweile hatte der ältere Philippson andere, ernstere Gegenstände in Erwägung zu ziehen. Er war, wie der Leser schon ersehen haben muß, ein Mann, der die Welt kannte und bereits eine ganz andere Rolle darin gespielt hatte, als die war, in der er jetzt auftrat. Beim Anblick von Beschäftigungen, die auch er früher betrieben, wurden längst entschwundene Gefühle in ihm wach und rege. Das Bellen der Hunde, das von den rauhen Höhen und aus den düstern Wäldern widerhallte, die jungen tapferen Jäger, die, wenn sie ihr Wild aufspürten, sich zwischen himmelhohen Klippen und tiefen Abgründen zeigten, wo kaum noch Raum für den Fuß zu sein schien, die Hörnerklänge und das Halali, lockten ihn immer wieder, teil an dem verwegenen, jedoch herzerfrischenden Sport zu nehmen. Doch er unterdrückte dieses Gelüst und erforschte mit lebhaftem Interesse Sitten und Meinungen seiner Reisegefährten. Sie schienen allesamt einen Anflug von eben jener offenherzigen und reinen Einfachheit zu besitzen, durch die Arnold Biedermann sich auszeichnete, obgleich die andern nicht so ernst, im Denken geübt und einsichtig waren, wie der Landammann. In Gegenwart des älteren Philippson sprach man freimütig über die Anmaßungen des Herzogs von Burgund, erörterte die Mittel, die dem Schweizerlande zu Gebote standen, seine Unabhängigkeit zu behaupten, und beteuerte die feste Entschlossenheit, auch der äußersten Gewalt, die die Welt gegen sie aufbringen könnte, lieber Trotz zu bieten, als sich der geringsten Schmach zu beugen. Nach drei Tagen kam die Gesellschaft in die Nähe Basels, damals eine der größten Städte an der Südwestgrenze Deutschlands. Hier wollten sie für die kommende Nacht Quartier nehmen, durften sie dort doch auch einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein. Freilich war damals die Stadt nicht Mitglied der schweizerischen Eidgenossenschaft, der sie erst im Jahre 1501 beitrat; allein sie war eine freie kaiserliche Stadt und stand in regem Verkehr mit Bern, Solothurn und andern Städten des Schweizerlandes. Die Gesandtschaft sollte ja einen Frieden zum Abschluß bringen, der der Stadt Basel ebenso willkommen sein mußte wie den Schweizern, und so erwarteten unsere Reisenden zu Basel eine freundliche Aufnahme. Das folgende Kapitel wird zeigen, inwieweit diese Erwartungen in Erfüllung gingen. Achtes Kapitel. Die englischen Reisenden, der Bergwildnis überdrüssig, blickten jetzt mit Freuden auf ein Land hinab, das freilich noch uneben und hügelig, aber doch schon mit Kornfeldern und Weingärten geschmückt war. Der Rhein, dieser breite, große Fluß, zog sich wie ein grauer ungeheurer Streifen durch die Landschaft und teilte die an seinen Ufern liegende Stadt Basel in zwei Teile. Sie befanden sich noch eine halbe Stunde Weges von dem Eingange zur Stadt Basel, als ihnen eine Magistratsperson und zwei Bürger entgegenkamen, die auf Maultieren ritten und, nach der Ausrüstung der Tiere zu schließen, reiche vornehme Herren sein mußten. Sie begrüßten den Landammann von Unterwalden und dessen Gefährten auf ehrfurchtsvolle Weise. Allein die Zuversicht, gastlich empfangen zu werden, erlitt eine herbe Enttäuschung. Denn der Sprecher der Baseler Abgeordneten erwähnte zwar, daß die Stadt Basel mit den Städten der schweizerischen Eidgenossenschaft durch Freundschaft und allerlei Vorteile verbunden sei, schloß aber mit den Worten, daß aus gewissen schwerwiegenden Gründen, die zu geeigneter Zeit genügend erläutert werden sollten, die freie Stadt Basel an diesem Abend die hochgeehrten Gesandten, die auf Befehl des helvetischen Reichstages ins Hoflager des Herzogs von Burgund zögen, nicht in ihre Mauern aufnehmen könnte. Mit lebhaftem Interesse beobachtete Philippson, welche Wirkung diese unerwartete Eröffnung auf die Mitglieder der Gesandtschaft machte. Rudolf von Donnersberg schien minder überrascht zu sein als seine Gefährten, und während er stillschwieg, schien er erforschen zu wollen, wie sie über diesen Empfang dächten, und vorläufig keine Lust zu haben, seine Meinung kundzugeben. Schon öfters hatte der scharfsichtige Handelsmann wahrgenommen, daß dieser kecke, wilde Jüngling, sobald sein Vorhaben es erheischte, imstande war, der natürlichen Heftigkeit seiner Gemütsart Fesseln anzulegen. Was die andern betraf, so bewölkte sich die Stirn des Bannerträgers; das Angesicht des Insassen vom Solothurn erglühte gleich dem Monde, wenn er in Nordwesten aufgeht; der silberbärtige Deputierte von Schwyz blickte sehnsuchtsvoll auf Arnold Biedermann, und der Landammann schien tiefer bewegt, als es bei einem Manne von seinem Gleichmut gewöhnlich der Fall zu sein pflegte. Endlich sprach er zu dem Abgeordneten aus Basel mit vor Erregung leicht zitternder Stimme: »Dies ist eine sonderbare Botschaft an die Abgeordneten des Schweizerbundes, die in freundlicher Sendung ankommen. Dabei haben wir die Bürger Basels jederzeit als gute Freunde behandelt. Ein Obdach und die übliche Bewirtung weigert kein Staat den Bürgern eines befreundeten Staates.« – »Die Weigerung geschieht auch nicht mit dem Willen der Stadt Basel, würdiger Landammann,« erwiderte die Magistratsperson, »Nicht bloß Ihr und Eure würdige Genossen, sondern auch Eure Geleitsmänner und selbst Eure Lasttiere sollten in aller Gastfreundschaft aufgenommen werden, die die Baseler Bürger zu erweisen vermöchten – allein wir handeln unter Zwang,« – »Und von wem wird der ausgeübt?« fragte der Bannerträger, schon außer sich vor Zorn, »Hat der Kaiser Sigismund so wenig vom Beispiele seiner Vorfahren gelernt–?« – »Der Kaiser,« versetzte der Sprecher von Basel, indem er den Bannerträger unterbrach, »ist ein wohlgesinnter, friedlicher Herr, wie er es stets war; allein – es sind unlängst burgundische Kriegsknechte eingerückt, und unserer Stadt ist Botschaft geworden vom Grafen Archibald von Hagenbach–« – »Genug gesagt,« fiel ihm der Landammann ins Wort. »Ich begreife, Basel liegt der Feste La Ferette zu nahe, als daß es Basels Bürgern gestattet wäre, nach eigenem Ermessen zu handeln, Brüder, wir sehen Eure Verlegenheit, – wir bemitleiden Euch und verzeihen Euch Euer ungastliches Verhalten.« »Ei, so hört mich doch zu Ende, werter Herr Landammann,« antwortete die Magistratsperson, »hier in der Nachbarschaft liegt eine alte Jagdfeste der Grafen von Falkenstein, Grafslust genannt. Wohl ist sie verwittert, aber sie ist doch ein besseres Quartier als der freie Himmel. Auch könntet Ihr Euch darin zur Not verteidigen, obwohl Gott verhüten wolle, daß jemand Euch angreife. Und Ihr dort, meine werten Freunde, hört! so Ihr in dem alten Gebäude einige Erfrischungen als Wein, Bier und dergleichen findet, so bedient Euch ihrer ohne Bedenken: denn sie sind für Euch bestimmt.« – »Ich weigere mich nicht,« sagte der Landammann, »ein sicheres Obdach anzunehmen, denn wiewohl es nur aus kleinlicher Bosheit geschieht, daß man uns die Tore Basels verschließt, so hegt man vielleicht doch die Absicht, gewalttätig gegen uns vorzugehen. Für Eure Lebensmittel danken wir; allein mit meiner Zustimmung werden wir uns nicht auf Kosten solcher Freunde sättigen, die sich schämen, uns anders als verstohlenerweise anzuerkennen.« »Noch eins, mein würdiger Herr,« sagte der Baseler Beamte; »Ihr habt ein Mädchen in Eurem Zuge, die, wie ich vermute, Eure Tochter ist. Der Ort, zu dem Ihr zieht, eignet sich nicht zur Wohnung für Frauen, wie gut wir ihn auch nach unsern besten Kräften einrichteten. Laßt daher Eure Tochter lieber mit uns nach Basel ziehen, wo meine Frau ihr eine Mutter sein wird bis zum nächsten Morgen, an dem ich sie sicher in Euer Lager geleiten werde. Wir versprachen unsere Tore vor den Männern der Eidgenossenschaft verschlossen zu halten, von den Weibern war dabei keine Rede.« – »Ihr seid gar feine Klügler, Ihr Männer von Basel,« antwortete der Landammann, »doch wisset, daß von der Zeit her, wo die Schweizer gegen Julius Cäsar zogen bis zu der gegenwärtigen Stunde, die Weiber des Schweizerlandes im Drange der Gefahr jederzeit im Lager ihrer Väter, Brüder und Ehegatten weilten und keine andere Sicherheit suchten, als der Mut ihrer Angehörigen ihnen verbürgte. Wir haben der Männer genug, um unsere Weiber zu beschirmen, und meine Nichte soll bei uns bleiben und das Geschick mit uns teilen, das der Himmel über uns verhängt hat.« – »So gehabt Euch denn wohl, würdiger Freund,« sagte die Magistratsperson, »es tut mir weh, also von Euch scheiden zu müssen, doch das Mißgeschick will es nicht anders. Der Wiesenweg dort drüber wird Euch zu der alten Burgfeste führen, wo der Himmel Euch eine ruhige Nacht bescheren möge. Es soll nämlich in diesen Ruinen nicht ganz geheuer sein.« – »Wenn wir durch Wesen gestört werden, die uns gleichen,« sprach Arnold Biedermann, »so haben wir gute Waffen und tüchtige Arme; sollten wir, wie Eure Rede andeutet, von Wesen anderer Natur heimgesucht werden, so haben wir, meine ich, ein gutes Gewissen und Vertrauen auf Gott, – Gute Freunde, meine Brüder in dieser Gesandtschaft, habe ich bisher auch in Eurem Sinne gesprochen?« – Die andern Abgeordneten erklärten sich mit allem einverstanden, was ihr Gefährte gesagt hatte, und die Bürger von Basel verabschiedeten sich aufs höflichste. »Feige Hunde!« rief Rudolf von Donnersberg, »möge der Metzger aus Burgund mit seinen Erpressungen ihnen das Fell über die Ohren ziehen!« – »Es wäre das allerbeste, wenn wir die Stadt erstürmten und sie mit gewaffneter Faust zwängen, uns Obdach zu gewähren!« rief Ernst, einer der Söhne Biedermanns. »Hörte ich,« versetzte der Vater, »die Sprache eines meiner Söhne oder war es die eines groben Lanzenknechtes, der nur Wohlgefallen hat an Gemetzel und Gewalttat? Wohin ist es mit der Bescheidenheit der schweizerischen Jünglinge gekommen, die gewohnt waren, zu warten, bis die Vater des Kantons sie zum Kampfe riefen? Verlasse unsern Zug morgen früh mit Tagesanbruch und kehre heim nach Geierstein! Wer nicht imstande ist angesichts seiner Landsleute und seines eigenen Vaters die Zunge zu hüten, ist noch nicht reif, in fremde Länder zu reisen!« Der junge Schweizer, offenbar tief erschüttert, beugte ein Knie und küßte die rechte Hand seines Vaters, während Arnold ohne das leiseste Zeichen von Verdruß ihm seinen Segen gab; und so trat Ernst ohne Widerrede zum Nachtrabe des Zuges. Die Gesandtschaft wanderte nun den angewiesenen Pfad entlang, an dessen Ende sich die gewaltigen Trümmer von Grafslust erhoben. Als die Wanderer näher kamen, begann es schon dunkel zu werden, und sie konnten bemerken, daß drei oder vier Fenster erleuchtet waren, wahrend die übrige Vorderseite des Gebäudes sich in Nacht hüllte. Am Orte angelangt, sahen sie, daß ein breiter, tiefer Graben ihn rings umgab, in dessen Oberfläche sich die Lichter spiegelten. Neuntes Kapitel. Es währte nicht lange, so entdeckten unsere Reisenden den Brückenkopf oder das Vorwerk, auf welchem die Zugbrücke, wenn sie herabgelassen war, ehedem geruht hatte. Die Brücke selbst war längst verfallen. Ein leidlicher Uebergang aus Tannenbäumen und Brettern, der wahrscheinlich erst vor kurzem gemacht worden war, bildete den Zugang zum Haupttor, und von ihm aus ging es zu einem Saale, der anscheinend zum Obdach für sie eingerichtet worden war, so gut die Umstände es gestatteten. Ein großes Feuer aus wohlgetrocknetem Holze brannte lichterloh im Kamin. Am Ende des Gemaches war ein Holzvorrat aufgestapelt, der groß genug war, das Feuer zu unterhalten, auch wenn die Reisenden eine Woche lang dort geblieben wären. In der Mitte des Saales standen zwei oder drei lange, schon gedeckte Tische, und, als man sich genauer umsah, fand man in einem Winkel mehrere große Packkörbe, die kalte Speisen im mundrechten Zustand enthielten. Der ehrliche Solothurner blinzelte, als er sah, wie die jungen Leute das Abendessen aus den Körben packten und die Tafel damit belasteten. »Nun,« sprach er, »diese armen Männer von Basel haben ihre Ehre gerettet, denn wenn sie's uns am Willkommen gebrechen ließen, so haben sie doch für eine reiche Mahlzeit gesorgt.« »Ach, Freund,« sprach Arnold Biedermann, »das beste Mahl ist nichts wert, wenn der Wirt es unter seiner Würde hält, mitzuspeisen. Doch nach seinen bedenklichen Worten scheint es geraten zu sein, über Nacht sorgsam Wache zu halten, ja ich schlage vor, daß etliche unserer jungen Gesellen von Zeit zu Zeit die alten Ruinen umgehen. Der Platz ist fest und wehrfähig, und auch dafür sind wir unsern Quartiermeistern Dank schuldig. An Eure Pflicht denn, Ihr Burschen! untersucht die Ruine sorgfältig, – sie birgt vielleicht noch mehr als uns.« Alle billigten diesen Vorschlag, Die jungen Männer griffen nach Fackeln, von denen ein großer Vorrat zu ihrem Gebrauche dalag, und unternahmen eine strenge Durchforschung der Ruine. Der größte Teil der Feste war noch viel verfallener und verödeter als der, den die Baseler Bürger zur Bequemlichkeit unserer Gesandtschaft hergerichtet hatten. An etlichen Stellen fehlte die Bedachung, und einige Gemächer lagen voller Schutt, Der Lichtschimmer, das Blinken der Waffen, der Schall der Menschenstimmen und Fußtritte scheuchten aus düstern Schlupfwinkeln Eulen, Fledermäuse und andere garstige Nachttiere. Die Späher stellten fest, daß der tiefe Graben ihren Zufluchtsort rings umgab und sie folglich gegen jeglichen Angriff von außen gesichert waren; denn den Haupteingang konnte man leicht verrammeln und mit Schildwachen besetzen. Auch überzeugten sie sich davon, daß wohl ein einzelner sich hier verborgen hätte halten können, keinesfalls aber eine der ihren an Zahl gleiche Schar. Sodann bezogen sechs Jünglinge unter Rudolf von Donnersberg Wache vor dem Gebäude. Beim ersten Hahnenschrei sollten sechs andere sie ablösen. Im Innern der Feste wurden ähnliche Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ein alle zwei Stunden abzulösender Posten sollte am Haupttor und zwei andere an der entgegengesetzten inneren Seite des Gebäudes stehen, obgleich der Graben Sicherheit genug zu gewähren schien. Hierauf wurden aus einer Menge Heu und Stroh, das man in der weitläufigen Feste aufgeschichtet hatte, die Lagerstätten hergerichtet – ganz behagliche Betten für Leute, die im Kriege oder auf der Jagd oft mit weit schlechterem Nachtlager sich begnügt hatten. Die Aufmerksamkeit der Baseler war sogar soweit gegangen, daß sie für Anna von Geierstein ein bequemes Obdach in einem Gemach hergerichtet hatten, das ehedem wahrscheinlich die Speisekammer der Feste gewesen war. Man betrat es vom Saal aus, und außerdem hatte es eine Tür, die in die Ruinen führte. Diese Tür war vor kurzem erst in aller Eile, doch mit großer Sorgfalt aus Quadern und Trümmergestein hergestellt worden. Die Steine waren freilich nicht mit Mörtel verbunden, doch durch ihr Eigengewicht so festgelegt, daß ein Versuch, sie einzurennen, nicht nur die in der Kammer, sondern auch die im Saale sofort hätte aufwecken müssen. In diesem kleinen Gemache standen zwei Feldbetten, und auf dem Herde glühte ein großes Feuer, Wärme und Behaglichkeit verbreitend. »Wir sollten unsere Baseler Freunde bemitleiden, nicht aber Unwillen gegen sie hegen,« sprach Biedermann, als er dies sah, »Sie haben für uns getan, was sie bei ihrer Angst um die eigene Haut irgend konnten. Das ist keine Kleinigkeit, meine Herren, denn keine Leidenschaft ist so unaussprechlich selbstsüchtig wie die Furcht. – Anna, mein Kind, Du bist müde. Geh in die für Dich eingerichtete Kammer und Liesl soll Dir von diesen Speisen nachbringen, was für Dich zum Abendbrot am zuträglichsten ist.« – Indem er so sprach, führte er seine Nichte in das Nebengemach, wo er mit einer Art von Wohlgefallen umherblickte und dem Mädchen eine gute Nacht wünschte; doch eine Wolke auf Annas Stirn schien zu weissagen, daß ihres Oheims Wünsche nicht erfüllt werden würden. Von dem Augenblicke an, wo sie das Schweizerland verlassen, hatte sie traurig dreingeschaut; ihr ganzes Wesen verriet geheime Angst oder versteckten Kummer. Dies entging ihrem Ohm nicht, doch schrieb er es ihrem Schmerz zu, sich von ihm trennen zu müssen und den stillen Aufenthaltsort zu verlassen, an welchem sie so manches Jahr ihrer Jugend zugebracht hatte. Allein Anna von Geierstein hatte kaum das Gemach betreten, als sie heftig zu zittern begann; alle Farbe schwand aus ihren Wangen, sie sank auf eines der Feldbetten mit allen Anzeichen tiefinnerster Unruhe. »Wollte Gott, wir wären jetzt in Geierstein!« rief sie in schmerzlichem Tone. – »Wir werden dort sein, sobald wir unser Geschäft ausgerichtet haben,« sagte der ehrliche Landammann, »doch lege Dich jetzt auf Dein Ruhebett, Anna, –iß ein wenig und trinke ein Paar Tropfen Wein, so wirst Du morgen so fröhlich wie an einem Schweizerfeiertage erwachen, wenn die Schalmei das Morgenglöckchen klingen läßt.« Anna wünschte ihrem Oheim gute Nacht. Arnold Biedermann küßte seine Nichte und kehrte in den Saal zurück, wo seine Amtsgenossen mit Ungeduld seine Ankunft erwarteten, um sich zu Tisch zu setzen. Es war Arthurs Absicht, sich zu den Jünglingen zu gesellen, denen die Pflicht oblag, im Innern des Gebäudes oder um die Jagdfeste her Wache zu stehen. Er hatte sich in diesem Sinne mit Sigismund, dem dritten Sohne des Landammannes, besprochen. Nun wollte er nur rasch noch einen Blick von Anna von Geierstein erhaschen und bemerkte auf des Mädchens Antlitz einen so tiefen, feierlichen Ausdruck, daß er darüber alles andere vergaß und sich mit vieler Besorgnis fragte, weshalb wohl das Mädchen plötzlich so traurig gestimmt sei. Die liebliche, offene Stirn, die Augen, die reine, ihrer selbst sich bewußte Unschuld ausdrückten, die Lippen, die stets bereit zu sein schienen, nur in Güte und voll Vertrauen so reden, wie das Herz es ihnen eingab, hatten sich in diesem Augenblick in Charakter und Ausdruck völlig verändert. Ermüdung hätte wohl die Rosen von des Mädchens Wangen verscheuchen, ihr Auge trüben und ihre Stirn bewölken können; aber der Blick tiefer Bekümmernis, mit dem sie dann und wann zu Boden sah und bald darauf wieder starr und erschrocken sich umschaute, mußte seine Ursache in Gemütsbewegungen ganz anderer Art haben. Der junge Philippson heftete voll innigen Mitleids und unverhohlener Zärtlichkeit den Blick auf Anna von Geierstein, und die geräuschvolle Umgebung schien um ihn her zu verschwinden. Ihm war, als weile in der einsamen Feste kein Wesen, als nur er und das Mädchen, um das er sich härmte. Vergebens aber fragte er sich nach den Gründen ihrer Bestürzung und Trauer. Während er sie so betrachtete, erhob Anna die Blicke in einer jener Anwandlungen tiefinnerster Unruhe, und während sie den Saal furchtsam überschaute, als erwarte sie mitten unter ihren wohlbekannten Reisegefährten irgend eine fremde, unwillkommene Erscheinung zu gewahren, fiel ihr Auge auf den starren, ängstlich fragenden Blick Arthur Philippsons. Eine tiefe Röte überzog ihre Wangen, und auch Arthur errötete, denn beide hatten das Gefühl, sich verraten und wider Willen etwas bekannt zu haben, was sie lieber voreinander geheim gehalten hätten. Der junge Mann zog sich sogleich zurück, und im selben Augenblick schlug die männliche Stimme des von Donnersberg an sein Ohr. »Wie, Kamerad, hat unsere Tagereise Dich so sehr ermüdet, daß Du stehenden Fußes einschläfst?« rief Rudolf. – »Der Himmel verhüte das, Hauptmann,« sagte der Engländer, indem er aus seinen Träumereien auffuhr und den andern mit dem Titel anredete, den die Jünglinge ihm einmütig beigelegt hatten: »Der Himmel verhüte, daß ich schlafe, so sich nur das Geringste zeigt, das auf Gefahr deuten könne!« – »Wo gedenkst Du beim Hahnenruf zu sein?« fragte der Schweizer. – »Wohin die Pflicht mich ruft oder Eure Erfahrung mich sendet, edler Hauptmann,« versetzte Arthur. »Allein mit Eurer Erlaubnis übernehme ich bis Mitternacht oder bis zum Morgenrot gern Sigismunds Posten auf der Brücke. Ihr wißt, er hat sich auf der Gemsjagd den Fuß verstaucht, der ihn noch jetzt schmerzt, völlige Ruhe ist für ihn das beste Heilmittel.« – »Er, möge Bedenken tragen, der Ruhe zu pflegen,« flüsterte der von Donnersberg. »Der alte Landammann ist nicht der Mann, der kleine Unfälle als Entschuldigung gelten läßt. Leute, die unter seiner Botmäßigkeit stehen, müssen so wenig Hirn wie ein Bullochs und so starke Glieder wie ein Bär haben und gegen alle Schwächen der Menschheit so unempfindlich sein wie Blei oder Eisen,« – Arthur erwiderte in gleichem Tone: »Ich bin eine Zeitlang des Landammanns Gast gewesen, habe aber von einer solchen Strenge nichts bemerkt,« – »Ihr seid ein Fremder,« sagte der Schweizer, »und der alte Mann ist zu gastfrei, als daß er Euch den geringsten Zwang auferlegen sollte. Auch nehmt Ihr als Freiwilliger an unseren Jagden und Kriegspflichten teil, und wenn ich Euch bat, beim ersten Hahnenruf mit mir auszuziehen, so geschah es nur in der Voraussetzung, daß Ihr selbst damit einverstanden seid,« – »Ich stelle mich für jetzt unter Euren Befehl,« sagte Philippson. »Ich werde mich beim Hahnenruf auf der Brücke ablösen lassen und dann mit Freuden meinen Posten gegen einen wichtigeren vertauschen.« – »Tut Ihr damit nicht mehr, als Eure Kräfte vermögen?« fragte Rudolf. – »Ich tue nichts mehr, als was Ihr tut,« entgegnete Arthur. »Nahmt doch auch Ihr Euch vor, bis zum Morgen zu wachen.« – »Wahr,« versetzte der von Donnersberg, »aber ich bin ein Schweizer.« – »Und ich,« antwortete Philippson rasch, »bin ein Engländer.« »Ich meinte das nicht in dem Sinne, in welchem Ihr es nehmt,« sagte Rudolf lachend; »ich meinte nur, daß mich die Sache näher angeht als Euch, denn als Fremdling seid Ihr nicht weiter beteiligt an den Dingen, die uns jetzt beschäftigen.–« »Allerdings bin ich hier ein Fremdling,« entgegnete Arthur, »doch habe ich Eure Gastfreundschaft genossen, und daher steht mir's zu, solange ich bei Euch weile, Eure Mühen und Gefahren zu teilen.« – »Sei es denn so,« sagte Rudolf von Donnersberg, »Ich werde meine erste Runde um die Zeit vollendet haben, wo die Schildwachen innerhalb der Feste abgelöst werden sollen, und bereit sein, die zweite Runde in Eurer Gesellschaft zu machen,« – »Ich bin's zufrieden,« sprach der Engländer. »Und jetzt will ich auf meinen Posten, denn Sigismund wird denken, ich käme meiner Zusage nicht nach,« Sie eilten zusammen an das Tor, wo Sigismund herzlich gern Waffe und Dienst dem jüngeren Philippson überließ, indem er die Meinung bestätigte, die dann und wann von ihm gehegt wurde – nämlich, daß er der schläfrigste und mutloseste der Söhne Geiersteins wäre. – Rudolf konnte sein Mißbehagen nicht unterdrücken, – »Was würde der Landammann sagen,« fragte er, »wenn er Dich sähe, wie Du gelassen Posten und Partisane einem Fremden überläßt?« – »Er würde sagen, daß ich wohl daran tat,« antwortete der Jüngling sonder alle Scheu, »denn er erinnert uns fortwährend daran, dem Fremden in allen Stücken zu Willen zu sein: und der Engländer übernimmt ganz aus freiem Willen die Wache. Hört also Eure Dienstpflicht! Ihr habt jeden aufzuhalten, der herein will. Zeigen sich Fremde, so habt Ihr Lärm zu machen. Doch dürft Ihr diejenigen von den Unsrigen, die Euch bekannt sind, ohne Anruf und Lärm hinauslassen,« – »Hol' Dich der Henker, Du träger Gesell!« rief Rudolf, »Du bist der einzige Schlummerkopf Deiner Sippschaft!« – »So bin ich der einzige Kluge von ihnen allen,« versetzte Sigismund, »Wenn es weise ist, zu essen, wenn uns hungert, so kann es keine Torheit sein, sich schlafen zu legen, wenn man müde ist,« Mit diesen Worten und nach Herzenslust gähnend, hinkte die abgelöste Schildwache davon. »Und doch steckt Kraft in diesen schlotternden Gebeinen und Mut in dem trägen, schlummernden Geiste,« sagte Rudolf zu dem Engländer. »Aber es wird Zeit, daß ich, der ich die andern tadle, mein eigen Werk nicht versäume. Hierher, Ihr Wachtkameraden, hierher!« – Der Berner pfiff bei diesen Worten, und sechs junge Männer, die er sich zur Begleitung auf seinem Rundgang ausgewählt hatte, kamen heraus. Zwei von ihnen führten jeder einen großen Kettenhund oder Bullenbeißer, die, sonst nur zur Jagd gebraucht, doch auch geeignet waren, einen Hinterhalt aufzuspüren. Den einen Hund führte ein Bursche, der etwa zwanzig Schritte weit vor der Wache herging, an einer Leine; der zweite Hund gehörte Rudolf von Donnersberg und gehorchte diesem aufs Wort. Drei seiner Gefährten schritten dicht neben Rudolf her, und die beiden anderen, von denen einer das Horn eines Bergstieres als Jägerhorn trug, folgten ihm. Diese kleine Truppe schritt über die Brücke und ging dem Waldrande zu, der unfern der Jagdfeste lag, und wo sich gar wohl ein Feind hätte verstecken können. Der Mond war jetzt aufgegangen, sodaß Arthur von der Erhöhung herab, auf der er als Posten stand, die leise dahinschreitende Wachrunde im hellen Silberlicht verfolgen konnte, bis sie sich im Dunkel des Waldes verlor. Als er sie nicht mehr sehen konnte, kehrten seine Gedanken sogleich zu Anna von Geierstein und zu dem seltsamen Ausdruck der Besorgnis zurück, der an diesem Abend ihr schönes Angesicht verfinstert hatte. Wieder sah er sie erröten, und er zitterte fast vor dem Gedanken, diesem Erröten die günstige Bedeutung zu geben, mit der ein selbstzufriedener junger Liebhaber sich ohne Bedenken geschmeichelt hätte. Kein Aufsteigen noch Niedersinken des Tagesgestirns war jemals den Augen des Jünglings so lieblich erschienen, als jenes Erröten ihm jetzt in der Erinnerung vorschwebte; auch vermochte kein begeisterter Schwärmer, kein poetischer Träumer je so mancherlei erdichtete Formen im Zuge und Fluge der Wolken wahrzunehmen, als Arthur aus den mancherlei Andeutungen von Teilnahme, die über das schöne Angesicht des Schweizermädchens hingeschwebt waren, wundersame Andeutungen von sich herzuleiten wußte. Bei alledem fuhr durch seine Träumereien plötzlich der Gedanke, daß es ihn wenig bekümmern könnte, was denn wohl die Ursache von Annas Umwandlung sein mochte. Vor nicht langer Zeit hatte er das Mädchen zum ersten Male gesehen – bald mußte er wieder von ihr scheiden. Sie konnte für ihn nichts weiter sein als eine Erinnerung an einen schönen Traum, und er konnte in ihrem Andenken für nichts anderes gelten, als für einen Fremdling aus fernem Lande, der eine Zeitlang im Hause ihres Onkels weilte, den jedoch wiederzusehen, sie niemals erwarten konnte. Als sich diese Vorstellung in die Bilderreihe seiner romantischen Träume drängte, die ihm die Seele bewegten, war es, als wenn man einem tapferen Renner die Sporen in die Flanken gedrückt hätte. In dem Torweg, wo der junge Kriegsmann Wache hielt, wurde es ihm plötzlich zu enge. Er stürzte vor über die Bretterbrücke und betrat hastig einen Teil des Brückenkopfes, auf welchem das andere Ende des Brückenlagers ruhte, – Hier maß er mit langen und schnellen Schritten den engen Raum, auf den die Pflicht des Schildwachhaltens ihn beschränkte, als hätte er ein Gelübde getan, auf dem kleinsten, ihm zugemessenen Platze die möglichst größte Anstrengung zu vollführen. Dieses heftige Auf- und Abgehen beschwichtigte in der Tat sein stürmisches Gemüt, brachte ihn zu sich selbst zurück und erinnerte ihn an die zahlreichen Gründe, die es ihm untersagten, sich in Anna von Geierstein zu verlieben, so bezaubernd das Mädchen auch war. »Gewiß,« dachte er indem er seinen Schritt mäßigte und seine Partisane schulterte, »gewiß ist mir Vernunft genug geworden, meinen Stand und meine Pflichten im Auge zu behalten, meines Vaters gedenken, dem ich alles in allem bin, und mir vorzustellen, was für eine Schmach mir daraus erwachsen müßte, wenn ich die Zuneigung eines offenherzigen, zutrauensvollen Mädchens gewönne, das ich niemals glücklich machen könnte, auch wenn ich ihrer Liebe meine Lebensbahn opferte. Nein,« sprach er zu sich selbst, »sie wird mich bald vergessen, und ich will darauf bedacht sein, an sie nur zu denken wie an einen lieblichen Traum, der für einen Augenblick die Nacht voll Mühseligkeiten und Gefahren erhellte, in der mein Dasein, wie es scheint, verfließen soll.« Bei diesen Worten stand er still, und wie er sich an seine Waffe lehnte, trat unwillkürlich eine Träne in seine Augen und stahl sich seine Wange hinab. Doch er bekämpfte diese Regung der Wehmut und rief sich seine Dienstpflicht als Schildwache ins Gedächtnis zurück, die er im Drange seiner Erinnerungen fast vergessen hatte. Allein, wie groß war sein Erstaunen, als er nun hinausblickte in die mondbeleuchtete Landschaft und über die Brücke her, nach dem Walde hin, die Gestalt Annas von Geierstein schreiten sah! Zehntes Kapitel. Die Gestalt Annas von Geierstein schwebte an ihrem Geliebten – an ihrem Bewunderer, wie wir ihn mindestens nennen müssen – rasch wie ein Hauch vorüber, dabei aber klar und unverkennbar. Im selben Augenblick, als der junge Engländer sich seiner Kleinmut entriß und seiner Pflicht als Schildwache gedachte, kam die Gestalt von der Brücke herüber, kreuzte Arthurs Weg, ohne ihm einen Blick zu gönnen, und ging mit raschem, doch festem Schritte dem Waldrande zu. Obwohl Arthurs Weisung lautete, niemand anzurufen, der das Schloß verließ, sondern nur diejenigen anzuhalten, die sich der Feste näherten, so wäre es doch natürlich gewesen, sollte es auch nur aus Höflichkeit geschehen sein, wenn er das Mädchen angesprochen hätte, als es ihm über den Weg strich. Allein sie tauchte so plötzlich auf, daß ihm für den Augenblick Sprache und Bewegung genommen war. Nicht minder natürlich wäre es gewesen, wenn Anna von Geierstein, ob auch nur flüchtig, Notiz von dem jungen Manne genommen hätte, der eine Zeitlang mit ihr unter einunddemselben Dache gewohnt hatte; doch gab sie nicht durch die geringste Gebärde zu verstehen, daß sie ihn erkenne. Ja, sie vermied sogar, ihn anzusehen, als sie vor ihm vorbeischritt, ihr Blick war dem Walde zugewendet, dem sie schnellen, festen Schrittes zueilte; und noch bevor Arthur wußte, was er tun sollte, hatten die Baumstämme sie schon seinen Blicken entzogen. Seine erste Empfindung war Verdruß über sich selbst, daß er sie so unbefragt hatte hineilen lassen. Vielleicht war sie zu so ungewöhnlicher Stunde an einen ungewöhnlichen Ort berufen worden, und er hätte ihr dabei behilflich sein, ihr wenigstens einen Rat erteilen können. Mit diesem Gedanken eilte er der Stelle zu, wo er den Saum ihres Gewandes hatte verschwinden sehen, rief nach ihr und bat sie, zurückzukehren und ihn nur wenige Minuten lang anzuhören. Doch er erhielt keine Antwort, und als er sich im finstern Walde sah, erinnerte er sich, daß er seinen Posten verlassen und seine Reisegefährten, die seiner Wachsamkeit trauten, der Gefahr eines Ueberfalls ausgesetzt hätte. Deshalb eilte er zurück zu dem Tore der Feste. Vergebens fragte er sich, in welcher Absicht das sittsame junge Mädchen, deren Benehmen zwar so offen war, die sich jedoch stets so zart und zurückhaltend benommen hatte, um Mitternacht gleich einer umherirrenden Romanheldin, und das in einem ihr fremden Lande, und in verdächtiger Nachbarschaft, so das Weite suchen konnte. Doch als schauderte er vor einer Gotteslästerung zurück, verwarf er jegliche Deutung, bei der ein Tadel auf Anna von Geierstein hätte fallen können. Nein, dieses Mädchen war unfähig, etwas zu tun, wovor ein Freund hätte erröten können. Allein, wenn Arthur die schreckhafte Stimmung, in der er sie eben noch gesehen, mit der absonderlichen Tatsache zusammenhielt, daß sie allein, schutzlos und zu solcher Stunde die Feste verließ, so mußte er notwendigerweise daraus die Folgerung ziehen, daß irgend eine geheime, höchstwahrscheinlich unglückselige Ursache sie dazu bewogen hätte. »Ich will ihre Rückkehr abwarten,« sagte er zu sich selbst, »und, bietet sich die Gelegenheit, ihr versichern, daß es wenigstens ein treues Herz in ihrer Nähe gibt, das aus Ehrgefühl und Dankbarkeit verpflichtet ist, jeden Tropfen seines Blutes hinzugeben, um sie vor Ungemach zu schützen. Dies ist keine törichte Romangrille, wofür der gesunde Menschenverstand mir mit Recht Vorwürfe zu machen hätte; es ist nur das, was zu tun meine Pflicht ist, sofern ich nicht für immer auf den Namen eines ehrlichen, unbescholtenen Mannes verzichten wollte.« Doch kaum hatte der Jüngling diesen Entschluß gefaßt, als seine Gedanken abermals eine andere Richtung nahmen. Er bedachte, Anna von Geierstein könne vielleicht die nahe Stadt Basel besuchen wollen, wohin sie Tags vorher eingeladen worden war und wo ihr Ohm Befreundete hatte. Freilich war es für einen solchen Gang eine unpassende Zeit, aber Arthur wußte recht wohl, daß die Schweizermädchen weder einen einsamen Weg noch eine späte Stunde scheuten, und daß in ihren eigenen Bergen Anna bei Mondlicht, um eine kranke Freundin zu besuchen oder sonst welche Wohltat zu verrichten, noch viel weiter gegangen wäre, als die Entfernung zwischen dieser Jagdfeste und der Stadt Basel betrug. Sich unter solchen Umständen aufzudrängen, wäre unbescheiden gewesen; und da sie an ihm vorübergegangen war, ohne im mindesten auf seine Anwesenheit zu achten, so lag es am Tage, daß sie nicht beabsichtigte, ihn freiwillig in das Geheimnis zu ziehen. In solchem Falle war es daher die Pflicht eines Ehrenmannes, sie so heimkehren zu lassen, wie sie hinweggeeilt war, nämlich unangeredet und ungefragt, und es ihr selbst zu überlassen, ob sie mit ihm reden wolle oder nicht. Ein anderer, dem Jahrhunderte, in dem er lebte, ganz entsprechender Gedanke fuhr durch seine Seele. Jene Gestalt, die so vollkommen dem Mädchen Anna von Geierstein glich, konnte ein Blendwerk oder eine jener phantastischen Erscheinungen sein, von denen so mancherlei Geschichten in allen Ländern umliefen, und an denen, wie Arthur wohl wußte, die Schweiz und Deutschland Ueberfluß hatten. Die inneren unerklärlichen Gefühle, die ihn hinderten, das Mädchen anzureden, was sonst ganz natürlich gewesen wäre, sind leicht aus der Voraussetzung zu erklären, daß sein körperliches Wesen vor der Begegnung mit einem Wesen anderer Natur und Beschaffenheit zusammenschauerte. Auch hatte jener Baseler Bevollmächtigte ja davon gesprochen, daß in den Ruinen der Feste Geister umgingen. Allein das Beispiel seines Vaters, eines Mannes von großer Unerschrockenheit und höchst aufgeklärtem Verstande, hatte ihn gelehrt, nichts blindlings aus übernatürlichen Einwirkungen erklären zu wollen, was auf gewöhnlichem Wege zu enthüllen wäre, und deswegen befreite er sich ohne Schwierigkeit von dem Gefühle abergläubischer Furcht, das ihn für einen Augenblick anwandelte. Zuletzt beschloß er, alle beunruhigenden Mutmaßungen aufzugeben und, wenn nicht mit Geduld, doch mit Festigkeit, die Rückkehr der schönen Erscheinung abzuwarten. Beharrlich in diesem Vorsatze, schritt er, Wache haltend, auf und ab, die Blicke auf den Punkt des Waldes geheftet, wo er die geliebte Gestalt hatte verschwinden sehen, wobei er für den Augenblick vergaß, daß er noch zu anderem Zwecke Posten stand, als um die Rückkehr der Erscheinung zu erwarten. Doch aus diesem gespannten Warten schreckte ihn bald ein ferner Ton auf, der wie Waffengeklirr klang und aus dem Walde kam. Plötzlich seiner Pflicht wieder eingedenk, stellte Arthur sich auf die Notbrücke, wo er sich am besten zur Wehr setzen konnte, und spähte und lauschte aufmerksam nach der Gegend hin, von wo Gefahr im Verzug sein konnte. Das Geklirr kam näher, Fußtritte ließen sich vernehmen, Speere und Helme wurden am grünen Waldrande sichtbar und blinkten im Mondlicht. Die stattliche Gestalt Rudolfs von Donnersberg, der an der Spitze schritt, war bald zu erkennen und verkündete unserer Schildwache, daß es nur die Runde war, die heimkehrte. Als sie in das Schloß einzogen, erhielten sie Befehl, ihre Kameraden zu wecken, mit denen Rudolf die Runde aufs neue zu machen gedachte, und Arthur Philippson ablösen zu lassen, dessen Wachdienst auf der Brücke zu Ende war. »Und nun, Kamerad,« sagte Rudolf zu dem Engländer, »haben Nachtluft und langes Wachehalten Dich schläfrig gemacht, oder hast Du noch Lust, die Runde mitzumachen?« –In Wahrheit wäre Arthur am liebsten auf dem Platz an der Brücke geblieben, um Anna von Geiersteins Rückkehr von ihrer geheimnisvollen Wanderung zu beobachten. Jedoch konnte er dazu nicht wohl einen Vorwand finden, und es sagte ihm nicht zu, den hochfahrenden Rudolf auch den leisesten Verdacht fassen zu lassen, daß er an Ausdauer oder an Kraft hinter irgendeinem der Bergbewohner, deren Genoß er für jetzt war, zurückstände. Deshalb zauderte er auch nicht einen einzigen Augenblick, sondern indem er die geliehene Partisane an Sigismund zurückgab, der gähnend und schlaftrunken einherkam, erklärte er dem von Donnersberg, daß er nach wie vor entschlossen sei, die Runde mit ihm zu machen. Unverzüglich stießen die übrigen, an denen die Reihe war, zu ihnen, darunter auch Rüdiger, der älteste Sohn des Landammannes von Unterwalden; und als sie nun, geführt vom Berner Kämpen, an den Saum des Waldes gelangt waren, befahl Rudolf dreien von ihnen, mit Rüdiger Biedermann eine besondere Patrouille zu bilden. »Du machst,« sagte der Berner, »Deinen Rundgang nach links hinüber, und ich will mich rechts halten. Auf dem ersten freien Platz treffen wir dann wieder zusammen.« Rüdiger zog mit seinem Häuflein links weg, und Rudolf, der einen von dem bei ihm gebliebenen Mannen voraussandte und einen zweiten als Nachtrab hinterhergehen ließ, befahl dem dritten, ihm und Arthur Philippson zu folgen, der auf diese Weise das Mitteltreffen der Wachtrunde bilden half. Als der dritte Befehl erhalten hatte, soweit hinter den beiden Freunden zurückzubleiben, daß sie sich ungestört miteinander besprechen konnten, redete Rudolf den Engländer mit jener Vertraulichkeit an, die aus ihrer jüngst geschlossenen Freundschaft erwachsen war. »Und jetzt, König Arthur,« sprach er, »wie denkt Eure Majestät von England über unsere Schweizer Jugend? Könnte sie wohl beim Lanzenstechen oder Turnier einen Preis gewinnen?« – »Was Lanzenstechen oder Turnier anbelangt,« versetzte Arthur, der seine Gedanken sammelte, um antworten zu können, »so vermag ich darüber nicht zu urteilen, da ich Euch noch nie mit eingelegter Lanze auf einem Gaul gesehen habe. Allein, wo es auf starke Gliedmaßen und hohen Mut ankommt, da möchte ich Euch Schweizerkämpen wohl den Rittern jeglichen Landes gleichstellen.« – Der Engländer weilte mit seinen Gedanken noch immer bei Anna von Geierstein, wie sie in der stillen Stunde seiner Nachtwache an ihm vorübergeglitten war. Er hatte wenig Neigung, sich in ein Gespräch einzulassen, das ihn aus seiner Träumerei reißen konnte, und gab daher nur einsilbig Antwort, so daß die Unterhaltung bald verstummte. Mittlerweile überlegte Arthur, ob er seinem Gefährten mitteilen sollte, was sein Inneres so sehr beschäftigte, und zwar in der Hoffnung, daß der Verwandte Anna von Geiersteins, der zugleich ein Freund ihres Hauses war, imstande sein möchte, ihm Aufklärung zu geben. Allein tief in seinem Innern fühlte er eine unüberwindliche Abneigung, mit dem Schweizer über eine Angelegenheit zu reden, die Anna betraf. Daß Rudolf sich um das Mädchen bewarb, daran konnte er nicht zweifeln, und wenn auch Arthur darauf verzichten mußte, des Mädchens Liebe zu gewinnen, so konnte er doch auch nicht den Gedanken ertragen, daß ein Nebenbuhler Glück bei ihr haben könne. Vielleicht war es dieser geheimen Reizbarkeit zuzuschreiben, daß Arthur, trotz all seiner Mühe, dieses Gefühl zu verbergen und zu unterdrücken, dennoch einen geheimen Widerwillen gegen Rudolf von Donnersberg fühlte. Freilich begegnete er der Offenheit des Berners mit gleicher Freimütigkeit; doch fühlte er sich dann und wann versucht, den überlegenen, gönnerhaften Ton, den Rudolf anzuschlagen beliebte energisch zurückzuweisen. Der Verlauf ihres Zweikampfes gab dem Schweizer jedenfalls keinen Grund zu solcher Ueberhebung, und ebensowenig fühlte Arthur sich zu der Schar der Schweizer Jünglinge gehörig, die Rudolf einstimmig zu ihrem Befehlshaber ernannt hatten. Ohne Zweifel war die Wurzel dieses verhaltenen Widerwillens gegen den von Donnersberg nichts anderes als das Gefühl, einen Nebenbuhler vor sich zu haben, wenngleich Arthur sich selbst dies nicht einzugestehen wagte. So schritten sie eine Zeitlang schweigend weiter. Endlich, nachdem sie fast eine halbe Stunde Weges durch Feld und Wald gegangen waren, wobei sie die Ruinen von Grafenlust umschritten, stand der alte Hund, der von dem vordersten Wachthabenden an der Leine geführt ward, still und ließ ein lautes Geheul vernehmen. – »Hollah, Wolf,« rief Rudolf fortschreitend: »Was gibt's, alter Bursche? Kannst Du nicht mehr Freund von Feind unterscheiden? Komm hierher! Heißa! such besser!« – Der Hund hub die Schnauze, schnüffelte umher, als verstände er, was sein Herr ihm gesagt hatte, und schüttelte dann Kopf und Schweif, als antwortete er dem Rufe. – »Nun, da hast du's,« sprach Donnersberg, indem er dem Tiere den zottigen Rücken klopfte, »bessere Gedanken kommen hinterdrein; du siehst, daß es gut Freund war.« – Der Hund wedelte nochmals und ging dann ruhig weiter, Rudolf nahm seinen früheren Platz wieder ein, und sein Gefährte sprach zu ihm: »Wir werden, wie ich vermute, gleich auf Rüdiger und sein Häuflein stoßen, und der Hund hört Fußtritte, obwohl wir keine vernehmen.« – »Es kann kaum Rüdiger sein,« versetzte der Berner, »sein Weg um die Feste herum ist weiter als der unserige. Doch nähert sich jemand – Wolf ist wieder unruhig. Aufgepaßt nach allen Seiten hin!« Als Rudolf seinen Begleitern diesen Befehl gab, wachsam zu sein, erreichten sie eine lichte Stelle, an welcher in bedeutender Entfernung voneinander etliche Fichten von riesigem Wuchse umherstanden, deren Stämme schwärzer und düsterer als gewöhnlich erschienen, während ihre breiten Gipfel und starren Aeste sich in das helle, weiße Mondlicht reckten. »Hier werden wir mindestens,« sagte der Schweizer, »den Vorteil haben, deutlich zu sehen, wer in der Nähe ist. Allein mich dünkt,« setzte er hinzu, nachdem er etwa eine Minute lang umhergeblickt hatte, »es ist nur ein Wolf oder ein Reh gewesen, das uns über den Weg lief, und die Witterung macht den Hund ungeduldig – Halt an! Steh! – Ja, ja, so wird's gewesen sein; der Hund geht weiter.« – Das Tier lief wirklich weiter, doch nicht ohne eine gewisse Unsicherheit, ja Aengstlichkeit. Dem Anschein nach beruhigte es sich aber und trabte wieder ruhig weiter. »Das ist seltsam!« rief Arthur Philippson; »mir ist, als hätte ich eine Gestalt hart an jenem Dickicht dort drüben gesehen, wo, soviel ich unterscheiden kann, wenige Dornbüsche und Haselstauden die Stämme von vier oder fünf großen Bäumen umringen,« – »Seit fünf Minuten haftete mein Blick auf eben jenem Dickicht,« sprach Rudolf, »allein ich sah nichts.« – »Ei,« versetzte der junge Engländer, »aber ich sah irgend etwas dort, während Ihr Euch mit dem Hunde beschäftigtet. Und mit Eurer Erlaubnis will ich hingehen und das Dickicht durchsuchen,« – »Ständet Ihr unter meinem Befehl,« sagte der von Donnersberg, »so würde ich Euch die Weisung geben, an Eurem Platz zu bleiben. Denn gäbe es Feinde hier, so wäre es wohl nötig, daß wir uns beisammen hielten. Allein Ihr seid ein Freiwilliger bei unserer Runde, und mögt deshalb nach Gefallen handeln.« – »Ich danke Euch,« antwortete Arthur und war mit einem Sprunge auf und davon. Er fühlte allerdings in diesem Augenblicke, daß er für sein Teil nicht besonnen, auch wohl als Kriegsmann nicht umsichtig handelte; und daß er in diesem Augenblick dem Hauptmann des Häufleins Gehorsam hätte leisten müssen. Anderseits aber schien, was er, obwohl in der Ferne und undeutlich, erblickt hatte, Aehnlichkeit mit der verschwindenden Gestalt Annas von Geierstein zu haben, wie er sie vor etwa zwei Stunden in den Wald schlüpfen sah, und seine unbezwingbare Neugierde, ob es das Mädchen wirklich wäre, überwog alle anderen Gedanken. Bevor Rudolf ausgesprochen hatte, war Arthur schon auf halbem Wege nach dem Dickicht. Es war, wie er schon von weitem gesehen, von geringer Ausdehnung, so daß sich niemand dort hätte verbergen können, er hätte sich denn wirklich zwischen das zwerghohe Buschwerk und Unterholz niederducken müssen. Auch irgend etwas Weißes, was menschliche Gestalt und Form hätte, wäre, wie er meinte, zwischen den braunroten Stämmen und dem schwärzlichen Gebüsch, das vor ihm lag, sofort zu sehen gewesen. In diese Wahrnehmungen drängten sich andere Gedanken. Wenn es Anna von Geierstein war, die er zum zweitenmale gesehen hatte, so mußte sie den helleren Weg verlassen haben, wahrscheinlich um nicht erkannt zu werden; und welches Recht hatte er, die Runde auf sie aufmerksam zu machen? Er hatte, so dünkte ihn, bemerkt, daß im allgemeinen das Mädchen die Aufmerksamkeiten Rudolf von Donnersberg eher abweisend, als entgegenkommend aufnahm. Was also konnte ihn berechtigen, ihren geheimen Gängen nachzuspüren, die freilich zu ungewohnter Zeit, an ungewohntem Orte stattfanden, die sie aber wohl eben deswegen vor dem Manne geheim halten wollte, der ihr unangenehm war. Ja, war es nicht möglich, daß Rudolf, wenn er hinter ein Geheimnis käme, das er vor allen anderen zu verbergen trachtete, zu bevorzugterer Stellung ihr gegenüber gelangte? – Unter diesen Gedanken hielt Arthur andauernd die Blicke auf das Dickicht gerichtet, von dem er jetzt etwa dreißig Ellen entfernt war und obgleich er es mit der größten Genauigkeit untersuchte, redete ihm doch eine eindringliche Stimme zu, es sei am klügsten getan, wenn er zu seinen Genossen zurückkehrte und dem von Donnersberg berichtete, seine Augen hätten ihn betrogen. Allein während er unentschlossen stand und erwog, ob er vorwärts gehen oder sich zurückwenden sollte, kam, was er gesehen hatte, abermals und jetzt ganz am Rande des Dickichts zum Vorschein und, wie das erste Mal in Gestalt und Kleidung genau dem Mädchen Anna von Geierstein ähnlich, gerade auf ihn zu! – An solchem Platz, zu solcher Stunde, so plötzlich auftauchend, mußte sie dem jungen Manne wirklich als ein Blendwerk oder ein Gespenst erscheinen. Die Gestalt schritt auf Speereslänge an ihm vorüber, ohne im mindesten ein Zeichen zu geben, daß sie ihn erkenne; und indem sie sich von Rudolf und dessen Begleitern nach rechts hin wendete, war sie abermals im Waldbruche und in den Gebüschen verschwunden. Und wieder stand der Jüngling da, versunken in den unauflöslichen Zweifel, erwachte auch nicht eher aus seiner Erstarrung, als bis die Stimme des Berners ihm ins Ohr schallte: »Nun, was ist Dir denn, König Arthur, schläfst Du, oder bist Du verwundet?« – »Keins von beiden,« sagte Philippson, sich sammelnd, »nur sehr überrascht.« – »Und weswegen überrascht, mein königlicher Herr?« – »Laßt die Torheit!« rief Arthur etwas finster; »und so Ihr ein Mann seid, so gebt Antwort. Traft Ihr nicht auf sie? Saht Ihr sie nicht?« – »Treffen? Sehen? Sie? Wen denn?« sprach Rudolf. »Ich sah niemand. Und ich könnte darauf schwören, daß Ihr auch niemanden sähet, denn ich hatte Euch beständig im Auge. Und wenn Ihr etwas sähet, warum schlugt Ihr nicht Alarm?« – »Weil es nur ein Weib war!« antwortete Arthur in mattem Tone. – »Nur ein Weib!« wiederholte Rudolf mit dem Ausdruck der Verachtung, »Bei meinem Ehrenwort, König Arthur, wenn ich nicht Mannesmut an Euch wahrgenommen hätte, so wäre ich nicht übel geneigt zu glauben, daß Ihr selbst nur eines Weibes Mut besäßet. Seltsam, daß ein Schattenbild bei Nacht oder ein Abgrund bei Tage einen so wackeren Mut zu erschüttern vermag, wie Du ihn oft zeigtest.« – »Und wie ich ihn jederzeit zeigen werde,« unterbrach ihn der Engländer, wieder ganz gefaßt, »sobald die Gelegenheit es heischt. Allein, ich schwöre Euch, daß, wenn ich jetzt erschrocken bin, es nicht bloß irdische Furcht war, die meine Seele auf einen Augenblick ergriff.« – »Laßt uns unsern Gang fortsetzen,« sagte Rudolf, »wir dürfen die Sicherheit unserer Freunde nicht gefährden. Diese Erscheinung, von der Du redest, mag wohl nur ein Fallstrick sein, um uns in der Ausübung unserer Pflicht zu stören.« Sie schritten fort beim Schimmer des Mondlichts. Nach einer minutenlangen Ueberlegung hatte der junge Philippson seine völlige Besinnung wieder, und mit ihr gelangte er zu dem peinlichen Bewußtsein, daß er eine lächerliche, unwürdige Rolle gespielt hätte. Rasch vergegenwärtigte er sich die Beziehungen, in denen er zu Donnersberg, zum Landammann und dessen Nichte, sowie zum übrigen Teil der Familie, stand; und entgegen der Meinung, die er noch kurze Zeit zuvor gehegt hatte, erkannte er in tiefster Seele, daß es seine Schuldigkeit wäre, dem Führer, dem er sich selbst unterordnete, von der Erscheinung zu berichten, die er zweimal während einundderselben Nachtwache erblickt hatte. Es konnten Familienumstände, Leistung eines Gelübdes oder ein ähnlicher Grund obwalten, wodurch das Benehmen des jungen Mädchens ihren Verwandten erklärbar wäre. Zudem war er für den Augenblick ein Mann von der Wache, und dergleichen Geheimnisse konnten Unheil in sich tragen oder herbeiführen: in jedem Falle also waren seine Gefährten berechtigt, Kunde von dem zu erhalten, was er gesehen hatte. Während des Engländers Betrachtungen diese Wendung nahmen, redete sein Hauptmann oder Wachgenoß nach kurzem Schweigen ihn folgendermaßen an: »Mich dünkt, mein lieber Herr Kamerad, als Euer Anführer habe ich ein Recht, von Euch Bericht über das zu erwarten, was Ihr soeben gesehen habt. Es muß etwas Wichtiges gewesen sein, sonst hätte es eine so starke Seele, wie die Eurige, nicht dermaßen aufregen können. Wenn es aber nach Eurem Dafürhalten mit der allgemeinen Sicherheit verträglich ist, erst dann, wenn wir wieder in der Feste sind, und zwar in geheimer Zwiesprache mit dem Landammann, Bericht abzustatten, so braucht Ihr mir dies nur zu sagen. Ich lasse Euch dann gern sogleich zur Feste zurückkehren,« Diese Anrede erreichte, was einer ungestümen Forderung fehlgeschlagen wäre. Der Ton bescheidener Bitte traf genau mit den Betrachtungen des Engländers zusammen. »Ich sehe ein,« sprach er, »daß ich Euch mitteilen muß, was ich heute nacht gesehen habe; als ich es das erste Mal erblickte, hing es nicht so genau mit meiner Pflicht zusammen; jetzt aber, wo ich die nämliche Erscheinung zum zweiten Male erblickte, habe ich mich dadurch so überrascht gefühlt, daß ich kaum Worte finden kann, es auszudrücken.« – »Da ich nicht zu erraten vermag, was Ihr gesehen habt,« versetzte der Berner, »so muß ich Euch bitten, daß Ihr Euch erklärt, wir lösen nur schlecht uns gegebene Rätsel, wir dickköpfigen Schweizer.« – »Doch ist es nur ein Rätsel, was ich Euch vorzulegen habe, Rudolf von Donnersberg,« antwortete der Engländer, »und ein Rätsel, das ich ebensowenig zu lösen vermag,« Dann fuhr er, jedoch nicht ohne Zögerung, fort: »Während Ihr die erste Runde machtet, schritt eine weibliche Gestalt aus dem Schlosse, ohne ein Wort zu sagen, an meinem Posten vorüber, und verschwand im Schatten des Waldes,« – »So!« rief Rudolf von Donnersberg und erwiderte weiter nichts. – Arthur fuhr fort: »Vor etwa fünf Minuten ging diese weibliche Gestalt zum zweiten Male an mir vorüber, indem sie aus dem Dickicht, wo jene Fichten stehen, hervortrat, und dann wieder, ohne einen Laut von sich zu geben, verschwand. Erfahret ferner, daß jene Erscheinung an Gestalt, Angesicht, Bewegung und Kleidung Eurer Verwandten, Anna von Geierstein, glich.« »Seltsam genug,« sagte Rudolf im Ton des Unglaubens. »Mich dünkt, ich darf Eure Rede nicht bestreiten, denn daran zweifeln, hieße Euch beleidigen. Doch laßt mich Euch sagen, daß ich so gut Augen habe wie Ihr, und daß ich kaum glaube, sie auch nur eine Minute von Euch gelassen zu haben. Nicht fünfzig Ellen weit waren wir von dem Platze, wo ich Euch erstarrt stehen sah. Wie also sollten wir nicht ebenfalls gesehen haben, was Ihr sahet oder doch gesehen zu haben wähnt?« – »Darauf vermag ich nicht zu antworten,« versetzte Arthur. »Vielleicht haftete in dem flüchtigen Augenblicke, in welchem ich die Gestalt sah, Euer Auge nicht auf mir – vielleicht, wie es mit gespenstischen Erscheinungen bisweilen der Fall sein soll, war sie nur einem von uns sichtbar.« – »So meint Ihr, die Erscheinung, die Ihr sähet, sei ein Hirngespinst oder ein Geist gewesen?« fragte der Berner. – »Kann ich das sagen?« war des Engländers Gegenfrage. »Die Kirche gibt es zu, daß dergleichen Dinge stattfinden, und gewiß ist es natürlicher, jene Erscheinung für eine Täuschung zu halten, als anzunehmen, daß Anna von Geierstein, eine sittige und wohlerzogene Dirne, die Wälder um diese wilde Stunde durchzieht, wo Sicherheit und Ehrbarkeit ihr so streng gebieten, in ihrer Kammer zu bleiben.« – »Es liegt viel in dem, was Ihr sagt,« sprach Rudolf, »und doch sind Geschichten im Umlauf, wiewohl man sie nicht gern nacherzählt, daß Anna von Geierstein in gewissen Punkten nicht wie andere Mädchen sei.« – »Ha!« rief Arthur, »so jung, so schön, und schon im Bündnisse mit dem Verderber der Menschen? Es ist unmöglich.« – »Das sagte ich nicht,« versetzte der Berner, »auch. habe ich jetzt nicht Muße, Euch meine Ansicht deutlich zu erklären. Bei unserer Rückkehr nach Grafenlust werde ich Gelegenheit haben, Euch mehr zu erzählen. Doch ließ ich Euch hauptsächlich die Runde mitmachen, um Euch bei etlichen Freunden einzuführen, deren Bekanntschaft Euch lieb sein wird, und die Euch kennen zu lernen wünschen; und in dieser Gegend gedenke ich sie zu treffen.« Indem er dies sagte, wendete er sich um einen Felsenvorsprung, und ein unerwarteter Auftritt stellte sich den Blicken des jungen Engländers dar. – In einer Art von Schlucht, die von dem Felsenvorsprung verdeckt war, brannte ein großes Holzfeuer, und um dasselbe her saßen, lehnten oder lagen zwölf bis fünfzehn Schweizerjungen, in ihrer Landestracht, an der Stickereien und Verbrämungen im Lichte des flackernden Feuers blitzten. Derselbe Schimmer wurde von silbernen Bechern zurückgeworfen, die nebst den Flaschen, aus denen sie gefüllt wurden, von Hand zu Hand gingen. Auch konnte Arthur die Reste eines Banketts wahrnehmen, dem man erst kürzlich schuldige Ehre erwiesen hatte. Die Zecher fuhren freudig auf, als sie den von Donnersberg und dessen Gefährten erblickten, und begrüßten herzlich und lebhaft ihren Hauptmann, wobei sie jedoch alles Lärmen vermieden. Der Eifer deutete an, daß Rudolf höchst willkommen war, – die Vorsicht, daß er im geheimen kam und mit Rücksicht darauf empfangen werden müßte. Auf die allgemeine Begrüßung antwortete Rudolf: »Ich danke Euch, meine wackeren Kameraden. – Ist Rüdiger schon zu Euch gestoßen?« – »Du siehst, nein!« sagte einer aus der Schar; »wäre er gekommen, so hätten wir ihn bis zu Deiner Ankunft, Hauptmann, zurückgehalten,« – »Er hat gezögert auf seiner Runde,« sprach der Berner. »Auch wir wurden aufgehalten, doch sind wir eher hier als er. Ich bringe Euch, Kameraden, den braven Engländer mit, den ich Euch als wünschenswerten Genossen unseres kühnen Planes empfahl.« – »Er ist uns willkommen, höchst willkommen,« sagte ein junger Mann, dem die reichverbrämte himmelblaue Kleidung einen Anstrich von Ueberlegenheit über die anderen verlieh; »höchst willkommen, wenn er ein Herz und eine Hand zu unserm edlen Vorhaben mitbringt.« – »Für beides stehe ich ein,« sagte Rudolf. »Laßt also den Becher kreisen auf glücklichen Ausgang unseres rühmlichen Unternehmens und auf die Wohlfahrt unseres neuen Gefährten!« Während die Lagernden die Becher mit einem Weine füllten, der jeden andern, den Arthur in diesem Lande getrunken hatte, an Güte übertraf, hielt er es für klüglich, ehe er Zusage gäbe, sich über den geheimen Zweck der Gesellschaft zu befragen, die so großes Verlangen zu tragen schien, ihn unter sich aufzunehmen. – »Solltest Du ihn hierhergebracht haben,« fügte daraufhin der Blaugekleidete zu Rudolf, »ohne zuvor Dich darüber mit ihm auseinanderzusetzen?« – »Sei deswegen unbesorgt, Lorenz,« versetzte der Berner. »Ich kenne meinen Mann. Sei es Euch denn kund, mein guter Freund,« fuhr er, zu dem Engländer gewendet, fort, »daß meine Genossen und ich entschlossen sind, die Freiheit des schweizerischen Handels zu erklären und im Notfall bis zum Tode allen gesetzlosen und bedrückenden Forderungen unserer Nachbarn Widerstand zu leisten.« – »So ich recht vernahm,« sagte Arthur Philippson, »so zieht die gegenwärtige Gesandtschaft zum Herzog von Burgund, um Vorstellungen über diesen Gegenstand zu machen.« – »Hör mich an,« erwiderte Rudolf. »Die Sache wird zu einer blutigen Entscheidung kommen, noch ehe wir des Herzogs von Burgund erhabenes und gnädiges Angesicht erblicken. Daß auf seinen Einfluß hin uns Basel verschlossen blieb, heißt uns den schlimmsten Empfang erwarten, sobald wir seine Staaten betreten. Wir haben sogar Ursache, zu glauben, daß sein Haß sich schon hier gegen uns wenden wird. Wenn man uns auch bei Nacht nicht angriff, müssen wir am Tage desto mehr auf unserer Hut sein. Zu diesem Zweck hat eine Schar der tapfersten Jünglinge von Basel, entrüstet über die Feigheit ihrer Obrigkeit, sich entschlossen, zu uns zu stoßen, um die Schmach zu tilgen, die ihre Vaterstadt mit ihrer feigherzigen Ungastlichkeit auf sich lud,« – »Und das soll geschehen, bevor die Sonne, die in zwei Stunden aufgehen wird, wieder am Abendhimmel niedersinkt,« sagte der blaue Kämpe; und ernsten Blickes stimmten die Umringenden in seine Rede ein. »Werte Männer,« sprach Arthur, als eine Pause eingetreten war, »laßt mich Euch zu bedenken geben, daß die Gesandtschaft, die Ihr geleitet, von friedlicher Art ist, und daß daher die Geleitsmänner dieser Gesandtschaft alles vermeiden müssen, was den Zwiespalt vergrößern könnte, den zu schlichten sie sich aufgemacht hat. Ihr könnt nicht voraussetzen, in des Herzogs Landen übel aufgenommen zu werden, da die Rechte der Gesandten in allen geregelten Staaten in Ehren gehalten werden.« – »Dennoch dürfte man uns übel anlassen,« versetzte der Berner, »und zwar gerade Euret- und Eures Vaters wegen.«– »Ich verstehe Euch nicht,« antwortete Philippson. – »Ist Euer Vater nicht ein Handelsmann,« entgegnete Donnersberg, »und führt er nicht Waren von hohem Werte mit sich?« – »So ist es allerdings,« sagte Arthur, »allein was soll das?« – »Ei,« antwortete Rudolf, »daß wir aufpassen müssen, daß der Grenzhund des Burgunders nicht über Euch herfalle und sich zum Erben Eurer Seiden, Sammete und Juwelen erkläre!« »Werte Herren,« äußerte sich Arthur nach einem Momente des Ueberlegens, »jene Waren sind meines Vaters Eigentum und an ihm, nicht an mir ist es, auszusprechen, wieviel er davon als Durchgangszoll hergeben will, um jedem Hader aus dem Wege zu gehen. Ich kann nur sagen, er hat wichtige Geschäfte am Hofe des Herzogs von Burgund und wünscht, dieses Land bald und im Frieden mit aller Welt zu erreichen. Daher wird er, um Euch nicht in Streit mit Archibald Hagenbach und der Besatzung von La Ferette zu bringen, lieber alles hergeben, was er bei sich führt. Deshalb, meine Herren, muß ich Euch um Frist bitten, um meinen Vater über diesen Punkt zu Rate zu ziehen, und versichere Euch zu gleicher Zeit, wenn es sein Wille ist, dem Burgunder die Zahlung jener Gefälle zu verweigern, so sollt ihr an mir einen Mann finden, der fest entschlossen ist, bis auf den letzten Tropfen seines Blutes zu fechten,« – »Gut, König Arthur,« sagte Rudolf. »Du bist ein pflichtgeübter Beobachter des vierten Gebotes, und Du wirst lange leben auf Erden. Wenn Dein Vater nichts dagegen hat, von Archibald von Hagenbach, dessen Schere, wie er finden wird, trefflich schneidet, seine Wolle scheren zu lassen, so würde es unnötig und unhöflich von uns sein, uns ins Mittel zu schlagen. Unterdessen habt Ihr aber auch vernommen, daß, wenn es Hagenbach auch gelüsten sollte, Euch ans Leben zu gehen, eine tüchtige und zahlreiche Mannschaft bereit ist, Euch Beistand zu leisten.« – »Unter diesen Bedingungen,« sagte der Engländer, »will ich mit diesen Herren von Basel, oder aus welchem anderen Lande sie immer gekommen sein mögen, Bekanntschaft schließen, und ihnen in einem brüderlichen Becher fröhlich Bescheid tun!« – »Heil und Gedeihen den vereinigten Kantonen und deren Freunden!« antwortete der Blaue. »Und Tod und Verderben allen übrigen! Die Geschichte soll nacherzählen, daß die jetzt lebenden Schweizer die Freiheit zu bewahren wissen, die ihre Altvordern errangen. Setzt Eure Runde fort, ehrlicher Rudolf. Die Mannschaft wird auf jedes Zeichen, das der Hauptmann gibt, sich einstellen. – Alles bleibt beim alten, so Ihr nicht neue Befehle für uns habt.« »Hör nur, Lorenz,« sagte Rudolf zu dem Blauen, und Arthur konnte hören, daß er leise zu ihm sprach. »Trage, Sorge, Freund, daß der Rheinwein nicht vergeudet werde. Laß hierin dem Rüdiger den Willen nicht. Er ist ein Weinschlemmer geworden, seit er mit uns ist. Wir müssen zu dem, was uns morgen obliegt, Herz und Hand auf dem rechten Fleck haben.« Darauf schritten Rudolf und sein Fähnlein wieder fürbaß, doch sie waren kaum aus dem Gesichtskreis ihrer zurückgebliebenen Genossen, als der Vorderste ein Lärmzeichen gab. Arthurs Herz wollte sich auf seine Lippen drängen. »Es ist Anna von Geierstein!« sprach es in seinem Innern. – »Die Hunde sind still,« sagte der Berner. »Es müssen unsere Wachtgefährten sein.« – Sie erkannten auch sofort Rüdiger mit seinen Begleitern, die beim Anblick ihrer Genossen Halt machten und die gewöhnlichen Zeichen abgaben und empfingen. Arthur konnte vernehmen, wie Rudolf seinen Freund Rüdiger ermahnte, nicht mehr zu dem oben beschriebenen Versammlungsort zu gehen. »Es führt nur zu einer Schmauserei,« sagte er, »und der Morgen muß uns kalt und entschlossen finden.« – »Kalt wie ein Eisklumpen, edler Hauptmann,« antwortete der Sohn des Landammanns, »und fest wie ein Felsen.« Rudolf riet ihm nochmals Mäßigkeit an, und der junge Biedermann gelobte Gehorsam. Die beiden Häuflein schritten mit freundlicher, jedoch schweigender Begrüßung aneinander vorüber; und bald lag ein bedeutender Raum zwischen ihnen. Die Gegend, um die herum sie jetzt ihre Wachtrunde führte, war nach der Jagdfeste zu offener als diejenige, auf welche das Haupttor der Burg hinausführte. Die Waldwege waren breiter, die Bäume standen vereinzelter auf Wiesengrund, und keine Dickichte, Brüche und ähnliche Hinterhalte ließen sich wahrnehmen, so daß das Auge im hellen Mondlichte die Gegend wohl überschauen konnte. »Mich dünkt,« sagte Arthur, »Ihr hättet Arnold Biedermann und den andern mitteilen sollen, daß Ihr einen Angriff in der Gegend von La Ferette befürchtet und Beistand von etlichen Bewohnern Basels zu hoffen habt,« – »Ei, wahrhaftig,« antwortete Donnersberg, »der Landammann würde dann einen Boten an den Herzog von Burgund schicken und freies Geleit erbitten. Dann aber wäre es mit aller Hoffnung auf Krieg vorbei.« – »Wahr,« erwiderte Arthur, »aber der Landamman würde dadurch seinen Hauptzweck und das eigentliche Ziel seiner Sendung, nämlich den Abschluß des Friedens erreichen.« – »Frieden? Frieden?« fragte der Berner hastig. »Wären es meine persönlichen Wünsche nur, so genügte meine Achtung vor Biedermann und seiner Vaterlandsliebe, daß ich auf sein Gebot mein Schwert in die Scheide stecken würde, auch wenn mein Todfeind mir gegenüber stände. Allein, mein ganzer Kanton, und mit ihm auch Solothurn, ist zum Kriege entschlossen. Durch Krieg, durch edlen Krieg entrannen unsere Väter ihrer Knechtschaft – durch Krieg, durch glücklichen und glorreichen Krieg gelangte ein Volk, das man kaum so viel geachtet hatte, wie die Ochsen, die es trieb, mit einemmale zu Freiheit und Bedeutung und wurde geachtet, weil man es fürchten mußte, so wie es vordem gering geschätzt wurde, weil es keinen Widerstand leistete.« »Das mag alles wahr sein,« sagte der junge Engländer, »allein nach meiner Meinung ist der Zweck Eurer Sendung von Eurem Reichstag festgesetzt worden. Man hat beschlossen, Euch und andere als Friedensboten abzuordnen, Ihr aber blaset heimlich die glimmende Kohle des Krieges an und stellt Euch zum Kampfe, oder sucht doch nach Gelegenheit dazu, während die mit Euch ziehenden Alten morgen in der Erwartung einer friedlichen Reise ihren Stab weiter setzen wollen.« – »Und ist's nicht wohlgetan, daß ich so gerüstet stehe?« fragte Rudolf. »Werden wir auf burgundischem Boden friedlich aufgenommen, so ist meine Vorsicht unnütz, doch kann sie keinesfalls schaden. Ergibt es sich anders, so werde ich Mittel in Händen haben, ein großes Mißgeschick von meinen Gefährten, von meinem Vetter Arnold Biedermann, von meiner Base Anna, von Eurem Vater, von Euch selbst, kurz von uns allen, die wir fröhlich mitsammen reisen, abzuwenden.« – »Ich bin Euch sehr zu Dank verpflichtet für diese Zusicherung,« sagte der Engländer. – »Und Ihr selbst, mein Freund,« fuhr Rudolf fort, »laßt Euch dies gesagt sein: Zu einer Brautfahrt geht man nicht in Rüstung, in einem seidenen Wams nicht zum Treffen.« – »Ich will mich kleiden, als sollte ich dem Schlimmsten begegnen,« sprach Arthur, »und ein Panzerhemd von gutgeglühtem Stahl anlegen, das mich vor Speer und Pfeil schützt. Für Euren gütigen Rat habt Dank!« Der Berner, der die Engländer nach den Handelsleuten seines eigenen Landes einschätzte, war überzeugt, sie würden, sobald sie sich stark genug zum Widerstande wüßten, gleich vor der nächsten Stadt den hohen Zoll verweigern, den man ihnen sicherlich abverlangen würde. Dies aber hätte ohne weiteres zu Feindseligkeiten führen müssen, und daher traf Rudolf auf alle Fälle Vorsichtsmaßregeln. Arthur Philippson konnte Donnersbergs Anstalten weder verstehen noch billigen, indem Rudolf, selbst ein Mitglied einer friedlichen Gesandtschaft, von dem Vorsatze beseelt zu sein schien, die erste Gelegenheit zur Entzündung der Kriegsflammen wahrzunehmen. Mit diesen verschiedenen Erwägungen beschäftigt, schritten die Jünglinge eine Zeitlang schweigend nebeneinander hin, bis Rudolf wieder das Wort nahm: »Ist Eure Neugier, betreffs der Erscheinung Annas von Geierstein beruhigt?« – »Bei weitem nicht,« erwiderte Philippson, »ich wollte Euch nur nicht mit Fragen darüber beschwerlich fallen, weil Ihr mit den Pflichten Eurer Wachtrunde beschäftigt seid,« – »Die sind jetzt erledigt,« sprach der Berner, »denn rings umher ist kein Busch, worin ein burgundischer Schuft sich versteckt halten könnte, und wir brauchen nur dann und wann einen Blick umherzuwerfen, um uns gegen Ueberfall zu sichern. So mögt Ihr denn eine Geschichte hören, die Euch gewiß interessieren wird. Ueber Annas Vorfahren väterlicher Seite wißt Ihr Bescheid. Sie wohnten in den alten Mauern der Geiersteiner Feste am Wasserfalle, bedrückten ihre Untersassen und minder mächtigen Nachbarn, plünderten die Reisenden, ließen dann Seelenmessen für die verstorbenen Familienmitglieder lesen, beschenkten die Pfaffen und taten Gelübde und unternahmen Pilgerzüge, um für die frech und gewissenlos verübten Missetaten, Buße zu tun.« – »Das war, wie ich hörte,« versetzte der junge Engländer, »die Geschichte derer von Geierstein, bis Arnold oder dessen unmittelbare Vorfahren die Lanze mit dem Hirtenstab vertauschten.« »Allein man erzählt,« fuhr der Berner fort, »daß die machtbegabten, reich begüterten Freiherrn von Arnheim in Schwaben, deren einziger weibliche Nachkomme das Eheweib Alberts und die Mutter des jungen Mädchens war, das die Schweizer schlechtweg Anna, die Deutschen aber Gräfin Anna von Geierstein nennen, ein adlig Geschlecht von ganz anderer Art war. Sie erblickten ihre Lebensaufgabe nicht nur darin zu sündigen und Buße zu tun, sie plünderten nicht bloß harmlose Bauern, mästeten keine dickwanstigen Pfaffen und erbauten keine Festen mit Verließen und Folterkammern. Nein! Die Freiherrn von Arnheim waren von dem Streben erfüllt, die Grenzen menschlichen Wissens zu erweitern. Sie gestalteten ihr Schloß zu einer Art von Hochschule um, worin sich mehr alte Schriften befanden, als die Mönche in der Bücherei zu St. Gallen jemals aufgeschichtet haben. Doch nicht allein in Büchern vertieften sie sich. Verschlossen in ihren geheimen Werkstätten, gelangten sie zu den geheimsten Kenntnissen der Alchimie, die sich dann vom Vater auf den Sohn weiter erbten. Der Ruf ihres hohen Wissens und ihrer Reichtümer ward oft vor die Stufen des Kaiserthrones getragen; und in den vielfältigen Zwistigkeiten, die die deutschen Herrscher mit den Päpsten hatten, sollen sie, wie es heißt, nicht nur durch Ratschläge der Freiherrn von Arnheim angefeuert, sondern auch durch deren Schätze unterstützt worden sein. Infolge dieser staatswissenschaftlichen Wirksamkeit und des damit verbundenen geheimnisvollen Studiums, dem das Geschlecht der Arnheime so lange Zeit nachging, geschah es vielleicht, daß man allgemein sie in Verdacht hielt, als würden sie in ihren übermenschlichen Forschungen durch den Einfluß höherer Wesen unterstützt. Die Pfaffen säumten natürlich nicht, dieses Gerücht im Lande zu verbreiten. Sie stellten die Arnheimer als höllische Hexenmeister hin und hetzten andere Grafen und Freiherren wider sie auf. So kam es, daß sie viel gehaßt waren. Jedoch wie wenig hadersüchtig die Arnheimer auch waren, so zeigten sie sich doch keineswegs unkriegerisch oder abgeneigt, ihre Verteidigung ins Werk zu setzen. Ja, etliche dieses gehaßten Geschlechtes waren vielmehr als tapfere Ritter und wackere Degen ausgezeichnet. Das erfuhren diejenigen, von denen die Arnheimer befehdet wurden, und zogen sich zurück. Die Angriffe, die zur Ausführung gelangten, wurden siegreich abgeschlagen. Das gab nun wiederum zu dem Gerücht Anlaß, die von Arnheim, die jeder gegen sie beabsichtigten Gewalttat gleich auf die Spur kämen und gegen jeden Angriff gefeit wären, wendeten zu ihrem Schutze übernatürliche Mittel an, die mehr zu bewirken vermöchten als menschliche Kraft. Daraufhin blieben sie fortan unangefochten. Dieses Arnheim'sche Geschlecht erlosch mit Herrmann von Arnheim, dem Großvater der Anna von Geierstein mütterlicher Seite, Er hinterließ eine einzige Tochter, Sybilla von Arnheim, als Erbin eines großen Teiles seiner Güter. Trotzdem ihr Haus im Rufe der Zauberei stand, fanden sich unter den angesehensten Rittern und Herren im Reiche zahlreiche Bewerber bei Sybillas gesetzlichem Vormund, dem Kaiser, ein und baten um die Hand der reichen Erbin. Bei alledem erhielt Albert von Geierstein, wiewohl er ein Verbannter war, den Vorzug. Er war tapfer und hübsch, was ihn bei Sybillen empfahl, und der Kaiser, der sich damals in dem eitlen Gedanken wiegte, sein Ansehen in den Schweizergebirgen wieder herzustellen, wollte sich großmütig gegen Albert zeigen. Anna war das einzige Kind dieser Ehe, und Ihr könnt aus ihrer Abkunft entnehmen, daß Umstände, die sie betreffen, sich nicht so leicht beurteilen und erklären oder nach gewöhnlichen Vernunftsschlüssen entscheiden lassen, wie es bei alltäglichen Menschen der Fall ist.« »Bei meinem Ehrenwort, Herr Rudolf von Donnersberg,« sagte Arthur, der sorgfältig bemüht war, seine Empfindungen zu beherrschen, »ich entnehme aus Eurer Erzählung nichts, und verstehe von derselben nichts weiter, als daß es in Deutschland wie in anderen Ländern Narren gegeben hat, für die Gelahrtheit und Wissenschaft gleichbedeutend war mit Hexerei und Zauberwerk, und daß infolgedessen Ihr geneigt seid, ein junges Mädchen, das jederzeit von allen Leuten ihrer Umgebung geehrt und geliebt wurde, als Anhängerin der schwarzen Kunst hinzustellen. Dies wundert mich um so mehr, da Ihr ein naher Verwandter des Mädchens seid und, wenn ich nicht irre, Euch mit der Hoffnung tragt, vielleicht durch ein noch innigeres Band mit Ihr verknüpft zu werden. In allen christlichen Landen ist die Beschuldigung der Hexerei die schwerste Anklage, die gegen einen Christen, gleichviel ob Mann oder Weib, vorgebracht werden kann,« – »Ich bin weit entfernt davon,« sagte Rudolf, »diese Beschuldigung gegen Anna von Geierstein zu erheben. Bei meinem guten Schwerte! Wer eine solche Anklage gegen sie ausspräche, täte besser daran, sich sein Grab graben zu lassen und für das Heil seiner Seele zu sorgen; denn er müßte mit mir auf Leben und Tod die Klinge kreuzen. Hier handelt es sich nur um die Frage, ob nicht elfenartige oder gespenstische Wesen etwa die Macht haben, Annas Gestalt anzunehmen und sich dann da zu zeigen, wo das Mädchen selber nicht gegenwärtig ist, indem Anna von einem Geschlecht stammt, das mit der Geisterwelt innigsten Verkehr gepflogen hat. Da ich aufrichtig wünsche, mir Eure Achtung zu bewahren, so bin ich nicht abgeneigt, Euch noch Näheres über Annas Geschlecht mitzuteilen, wodurch sich zugleich meine eben gemachte Aeußerung bestätigen dürfte. Allein, Ihr werdet begreifen, daß solche Umstände von der geheimsten Art sind, und daß ich deswegen auf das tiefste Schweigen von Eurer Seite rechnen muß.« – »Ich werde schweigen, Herr,« versetzte der junge Engländer, der noch immer mit unterdrückter Leidenschaft kämpfte, »schweigen über alles, was den Charakter eines Mädchens betrifft, dem ich so viele Ehrfurcht schuldig bin.« »Sei dem so,« sprach Rudolf, »um Eurer guten Meinung willen, die ich hochschätze, und zu deutlicherer Erklärung dessen, was ich nur leichthin andeutete, will ich Euch etwas mitteilen, was ich sonst lieber unerzählt ließe.« »Sprecht! – ich höre!« antwortete der Engländer, dessen Gemüt geteilt war zwischen dem Verlangen, alles nur mögliche zu erfahren, was Anna von Geierstein betraf, zwischen dem Widerwillen, ihren Namen so anmaßend von Donnersberg aussprechen zu hören, und zwischen dem Wiederaufleben seines ursprünglichen Mißfallens an dem riesigen Schweizer, dessen jederzeit derbes Benehmen jetzt durch Ueberlegenheit und Anmaßung, sich noch schärfer hervorhob. Dennoch horchte er der schauerlichen Erzählung des Berners, und der Anteil, den er bald an derselben nahm, überwältigte in ihm jede andere Empfindung. Elftes Kapitel. »Ich erzählte Euch,« sprach Rudolf, »daß die Arnheimer Freiherren, bei ihrer Vorliebe für geheime Wissenschaften, gleich andern deutschen Adeligen, Freunde des Krieges und der Jagd waren. Herrmann von Arnheim, der Großvater Annas von mütterlicher Seite, war stolz darauf, ein glänzendes Gestüt, besonders aber das edelste Roß in ganz Deutschland zu besitzen. Es war schwarz wie Ebenholz und hatte nicht ein einziges weißes Haar vom Kopf bis zu den Füßen. Deshalb und auch wegen der Wildheit des Tieres nannte sein Herr es Apollyon; ein Umstand, der im geheimen als Beweis der bösen Gerüchte angesehen wurde, die von dem Geschlechte der Arnheime im Umlauf waren, indem Apollyon, wie man sagt, der Name des bösen Feindes wäre. Nun begab es sich, daß an einem Novembertage der Freiherr im Forste jagte und erst mit Einbruch der Nacht die heimische Burg erreichen konnte. Er hatte keine Gäste bei sich, denn das Schloß Arnheim nahm nur solche Leute auf, von denen die Burgbewohner Vermehrung ihres Wissens hofften. Der Freiherr saß allein in seiner Halle, die mit Fackeln erleuchtet war. In der einen Hand hielt er ein Buch voll Chiffreschrift, die keinem, außer ihm selber, verständlich war. Die andere Hand stützte sich auf einen Marmortisch, auf dem eine Flasche mit Tokayerwein stand. Ein Edelknabe wartete ehrfurchtsvoll im Hintergrunde des breiten, düstern Gemaches auf seines Herrn Befehle. Kein Geräusch war zu hören, als das Sausen des Nachtwindes, der schaurig in den rostigen Panzerhemden klirrte und die zerfetzten Paniere bewegte, mit denen die Halle ausgeschmückt war. Da ließ sich plötzlich der Fußtritt eines Wesens hören, wie es hastig und scheu die Treppenstufen heraufkam. Die Tür der Halle wurde heftig aufgerissen, und in panischem Schrecken stolperte Kaspar, der Stallmeister, fast bis zu den Füßen des Tisches hin, an welchem sein Gebieter saß, und lallte: »Edler Herr, edler Herr, der Teufel ist im Stalle!« »Was will der Narr?« rief der Freiherr, indem er ärgerlich und erstaunt über die ungewöhnliche Störung sich erhob. – »Laßt Euren ganzen Unwillen gegen mich aus, so ich nicht die Wahrheit rede,« sagte Kaspar; »Apollyon,« – hier stockte er. – »Sprich's aus, Du furchtsamer Narr,« sagte der Freiherr. »Ist mein Pferd krank? ist es verletzt?« – »Der Teufel,« lallte der Stallmeister, »ist in Apollyons Stall.« – »Narr!« rief der Edelmann, indem er seine Fackel von der Wand riß, »was kann Dir das Gehirn auf so rasende Weise verrückt haben?« Mit diesen Worten schritt er über den Burghof, um die stattliche Reihe von Ställen zu untersuchen, die den ganzen Teil des Viereckes an der einen Seite einnahmen. Er trat ein, wo zu beiden Seiten der weiten Halle fünfzig herrliche Rosse in Reihen standen. Neben jeder Stallung hingen Waffen eines Ritters und das Lederkoller, das unter der Rüstung getragen wurde. Begleitet von etlichen Dienern, die voller Erstaunen über den ungewöhnlichen Lärm herbeigerannt waren, eilte der Freiherr zwischen seinen Rossen hin. Als er sich dem Stalle seines Leibpferdes näherte, der der letzte in der rechtsliegenden Reihe war, neigte das ehrliche Tier weder den Kopf noch schüttelte es die Mähne, stampfte auch nicht mit den Füßen, und gab überhaupt kein Freudenzeichen bei Annäherung seines Herrn; es stöhnte nur schwach, als ob es Beistand erflehte. Herr Herrmann hielt die Fackel hoch und entdeckte nun allerdings, daß eine lange düstere Gestalt in dem Saale stand, die Hand auf des Rosses Schulter gelegt. – »Wer bist Du?« fragte der Baron, »und was willst Du hier?« – »Ich suche Zuflucht und Gastfreundschaft,« versetzte der Fremde, »und beschwöre Dich, mir solche zu gewähren, bei der Schulter Deines Rosses und der Scheide Deines Schwertes, und mögen Dir beide nie den Dienst versagen, wenn Du ihrer auf das dringendste bedarfst.« – »Du bist also ein Bruder des heiligen Feuers,« sprach der Freiherr von Arnheim, »und ich mag Dir die Zuflucht, die Du bei mir nach der Formel der persischen Magier begehrst, nicht versagen. Gegen wen und auf wie lange erheischest Du meinen Schutz?« – »Gegen diejenigen,« versetzte der Fremde, »die daher kommen werden, um mich zu suchen, bevor noch der Morgenhahn krähen wird, und auf ein volles Jahr und einen Tag, von diesem Augenblick an gezählt.« »Ich mag es Dir,« sagte der Freiherr, »gemäß meinem Eide und meiner Ehre, nicht abschlagen. Für Jahr und Tag will ich Bürge sein für Dich, und Du sollst Dach und Kammer, Wein und Speise mit mir teilen. Dann aber mußt Du auch dem Gesetz Zoroasters gehorchen, welches nicht nur sagt: Der stärkere soll den schwächeren Bruder in Schutz nehmen, sondern auch befiehlt: Der Weisere soll den belehren, der mindere Kenntnisse besitzt. Ich bin der Stärkere, und Du sollst sicher unter meiner Obhut weilen; Du aber bist der Weisere und mußt mich einweihen in die geheimeren Mysterien.« – »Du spottest Deines Knechtes,« sprach der fremde Besucher, »so aber Danischmende etwas weiß, was Herrmann von Nutzen sein könnte, so soll es Dir mitgeteilt werden.« – »So komm denn hervor aus Deinem Zufluchtsorte,« sagte der Freiherr von Arnheim. »Ich schwöre Dir bei dem heiligen Feuer, das ohne irdische Nahrung brennt, und bei der Brüderschaft, die zwischen uns obwaltet, und bei der Schulter meines Rosses und der Scheide meines guten Schwertes, ich will Dir Bürge sein auf ein Jahr und einen Tag, insofern meine Macht sich soweit erstreckt.« Demzufolge trat der Fremde vor; und als die Leute seine seltsame Erscheinung erblickten, wunderten sie sich nicht, daß Kaspar aufs heftigste erschrocken war, als er eine solche Gestalt im Stalle fand, die auf rätselhafte Weise hineingekommen sein mußte. Als der Fremde die erleuchtete Halle erreichte, in welche der Freiherr ihn führte, erkannte man in ihm einen hochgewachsenen Mann von würdevollem Aussehen. Seine Tracht war asiatisch, bestand aus einem langen schwarzen Kaftan, wie die Armenier ihn tragen, und einer hohen viereckigen Mütze, die mit astrachanscher Lammswolle überzogen war. Jeder Teil seiner Kleidung war schwarz, so daß der lange weiße Bart, der ihm über die Brust hinabfloß, wirksam davon abstach. Sein Gewand wurde von einem schwarzseidenen netzartigen Gürtel zusammengehalten, in welchem statt eines Dolches oder Seitengewehrs ein silbernes Kästchen steckte, ein Schreibzeug und eine Pergamentrolle enthaltend. Die einzige Ausschmückung seines Gewandes bestand in einem großen Rubin von ungewöhnlichem Glanze, der, vom Licht getroffen, in edlem Feuer erglühte. Als man ihm eine Erfrischung anbot, versetzte der Fremde: »Ich will weder Brot essen, noch meine Lippen mit Wasser benetzen, bevor der Rächer nicht an Deiner Schwelle vorübergegangen sein wird.« Der Freiherr befahl, die Lampen zu versorgen und frische Fackeln anzuzünden, und blieb dann, nachdem er seine Hausleute zur Ruhe gesendet hatte, mit dem Fremden, seinem Schützlinge, in der Halle. Um die düstere Stunde der Mitternacht wurden die Tore der Feste Arnheim wie von einem Wirbelwind erschüttert, und eine Stimme, wie die eines Heroldes, ward vernommen, die den ihr verfallenen Gefangenen Danischmende, den Sohn Alis, verlangte. Der Turmwächter hörte dann, wie ein unteres Fenster in der Halle aufgestoßen wurde, und konnte deutlich die Stimme seines Burgherrn vernehmen, der die Person anredete, welche die Auslieferung begehrte. Allein die Nacht war so dunkel, daß er die Sprechenden nicht sehen konnte, und die Reden, die sie wechselten, waren ihm gänzlich fremd, oder doch so stark mit ausländischen Wörtern vermengt, daß er nicht eine Silbe von dem, was sie sagten, zu verstehen imstande war. Kaum waren fünf Minuten verflossen, so erhob der draußen Befindliche nochmals die Stimme und rief in deutscher Sprache: »Auf ein Jahr und einen Tag verzichte ich auf mein Recht – allein nach Ablauf dieser Frist werde ich kommen, um es einzufordern, und dann keinen längeren Widerstand finden!« Von dieser Zeit an war Danischmende, der Perser, ein beständiger Gast auf der Feste Arnheim. Seine Belustigungen oder Studien schienen sich auf die Bücherei der Feste und auf das Laboratorium zu beschränken, wo der Freiherr bisweilen stundenlang mit ihm arbeitete. Streng hielt Danischmende die Andachtsübungen seines Glaubens inne, indem er bei dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne auf sein Angesicht fiel und eine im schönsten Ebenmaße gefertigte silberne Lampe anzündete, die auf einem Fußgestell ruhte, in dessen Sockel Hieroglyphen gemeißelt waren. Mit welcher Flüssigkeit er dieser Lampe Flamme nährte, war allen, vielleicht nur nicht dem Freiherrn, unbekannt; allein, die Flamme brannte stetiger, reiner und glänzender, als man irgend eine je gesehen hatte. Er sprach fast nie mit jemand außer dem Freiherrn; da er aber Geld hatte und freigebig war, so begegnete ihm das gesamte Hausgesinde zwar mit Ehrfurcht, doch ohne Furcht oder Widerwillen, Dem Winter folgte der Frühling, der Sommer brachte seine Blumen, das Spätjahr seine Früchte, als ein Edelknecht, der den Gebietern bisweilen in die geheime Werkstätte folgen mußte, um ihnen erforderlichen Falles einige Handreichung zu tun, den Perser zu dem Freiherrn sagen hörte: »Du wirst wohl tun, mein Sohn, auf meine Worte zu merken; denn meine Lehren an Dich gehen zu Ende, und keine Macht auf Erden vermag mein Schicksal länger hinauszuschieben. Ich will die Aufgabe, Dich in Deinen Studien zum Ziel zu führen, meiner Tochter übertragen, die zu dem Ende hierher kommen soll. Allein bedenke, daß, wenn die Erhaltung Deines Stammes Dir lieb ist, Du nichts anderes in ihr erblicken darfst als eine Mitarbeiterin bei Deinen Forschungen; denn so Du über die Schönheit des Mädchens die Lehrerin vergißt, so wirst Du als der letzte männliche Sprosse Deines Geschlechts begraben werden, und ferneres Unheil wird, glaube mir, sich daraus ergeben; denn solch Bündnis nimmt nimmer einen glücklichen Ausgang, wovon ich selbst ein lebendiges Beispiel bin – doch still! wir werden beobachtet!« Als der Tag nun herankam, wo des Persers Schicksal sich vollziehen sollte, befürchtete das Hausgesinde, eine Katastrophe würde über alle hereinbrechen. Doch nichts geschah, und lange vor der Zauberstunde der Mitternacht, endete Danischmende seinen Besuch in der Feste von Arnheim, indem er in der Tracht eines gewöhnlichen Reisenden durch das Burgtor davon ritt. Man hörte und sah nie wieder etwas von ihm. Der Freiherr war den ganzen Tag über traurig gestimmt. Ganz gegen seine Gewohnheit blieb er in der großen Halle, besuchte weder die Bücherei noch die geheime Werkstätte, wo er nicht länger der Gesellschaft seines von ihm geschiedenen Lehrmeisters sich erfreuen konnte. Bei dem Aufdämmern des folgenden Morgens rief der Freiherr seinen Edelknecht und ließ sich, während er sich sonst fast nachlässig zu kleiden pflegte, prächtige Gewänder reichen. Da er noch in der Blüte des Lebens stand und von edler Gestalt war, so hatte er Ursache, mit seinem Erscheinen zufrieden zu sein. Nachdem er seinen Anzug geordnet hatte, wartete er, bis die Sonne über dem Horizont heraufgestiegen war, und ging dann in Begleitung des Pagen zu der geheimen Werkstätte, gleich einem Menschen, der drinnen etwas Seltsames zu schauen erwartete. Er ermannte sich zum Entschlusse, drehte das Schloß auf, öffnete die Tür und trat hinein. Der Edelknecht folgte seinem Gebieter auf dem Fuße und erstaunte bis zum Entsetzen über das, was er erblickte. Die silberne Ampel war erloschen, oder doch von dem Fußgestell weggenommen, und an der Stelle derselben stand eine überaus schöne weibliche Gestalt in einem persischen Gewande von nelkenroter Farbe. Doch trug sie keinen Turban oder sonst welche Kopfbedeckung, außer daß um ihr dunkelbraunes Haar sich ein blaues Band wand, das von einer goldenen Schnalle mit einem prächtigen Opal zusammengehalten wurde. Die Gestalt des jungen, weiblichen Wesens war von vollendeter Schönheit, die weiten, nach morgenländischer Mode an den Knöcheln zusammengeschnürten Beinkleider ließen den schönsten, kleinsten Fuß sehen, während Arme und Hände im vollkommenen Ebenmaße zwischen den Falten des Gewandes sichtbar waren. Das Angesicht der kleinen Dame war von lebhaftem Ausdruck und bekundete Geist und Verstand; das dunkle, feurige Auge strahlte unter schön gewölbten Brauen. Das Frühlicht der aufgehenden Sonne, das durch eine dem Fußgestell gegenüber liegende Fensteröffnung fiel, erhöhte die liebliche Erscheinung dieser schönen Gestalt, die so bewegungslos blieb, als wäre sie aus Marmelstein gehauen. Daß sie den Freiherrn hatte eintreten sehen, verriet sie nur durch ein etwas schnelleres Atmen und hohes Erröten, das von einem sanften Lächeln begleitet wurde. – Der Freiherr hatte wohl erwartet, etwas Seltsames, nicht aber etwas so hinreißend Schönes zu sehen, und er stand eine Weile außer Atem und regungslos da. Mit einemmale jedoch schien er sich zu erinnern, daß es seine Pflicht sei, die schöne Fremde auf seiner Feste zu begrüßen und sie aus ihrer gefährlichen Stellung zu erlösen. Er trat zu diesem Zweck vor, indem er Begrüßungsworte auf der Zunge trug und seine Arme ausstreckte, um das junge Mädchen von dem fast 6 Fuß hohen Gestell herabzuheben; allein die leichte, behende Fremde nahm bloß die Stütze seiner Hand an und schwebte so leise und wohlbehalten auf den Fußboden herab, wie ein Gespinst aus Sommerfäden. Auch empfand der Freiherr bloß durch einen kräftigen Händedruck, daß er es mit einem Wesen von Fleisch und Blut zu tun hätte. – »Ich bin gekommen, wie Ihr es geboten habt,« sprach sie, indem sie umherblickte. »Ihr müßt eine pünktliche und fleißige Lehrerin erwarten, so wie ich hoffe, daß Ihr einen aufmerksamen Zögling abgeben werdet.« Nach Ankunft dieses seltsamen, lieblichen Wesens auf der Feste zu Arnheim fanden im Innern des Hauses mancherlei Umgestaltungen statt. Eine Dame von hohem Range und geringem Vermögen, die ehrsame Witwe eines mit dem Freiherrn verwandten Reichsgrafen, erhielt eine Einladung, die auch von ihr angenommen wurde, dem Hauswesen ihres Verwandten vorzustehen und durch ihre Gegenwart jeglichem Gerede vorzubeugen, zu dem die Anwesenheit der jungen, allgemein Hermione genannten Perserin hätte Anlaß geben können. Die Gräfin Waldstätten ging in ihrer Gefälligkeit so weit, daß sie fast stets in der geheimen Werkstätte, wie in der Bücherei zugegen war, wenn der Freiherr von Arnheim von der jungen und liebenswürdigen Meisterin, die auf so sonderbare Weise an die Stelle des Magiers getreten war, Unterricht empfing oder mit ihrer Hilfe Forschungen anstellte. Darf man dem Berichte der Gräfin trauen, so waren diese Forschungen von höchst absonderlicher Natur. Doch erklärte sie mit Bestimmtheit, daß der Freiherr und Hermione dabei niemals gottmißfällige Künste trieben oder die Grenzen des natürlichen Wissens überschritten. Infolge dieses Zeugnisses verstummten die finstern Nachreden, mit denen man das seltsame Erscheinen der fremden Schönen verfolgt hatte, zumal auch Hermiones liebenswürdiges Benehmen unwillkürlich das Wohlwollen eines jeden in Anspruch nahm, der sich ihr näherte. Bald trafen Meisterin und Schüler nicht nur in der Bücherei oder der Werkstätte zusammen; sondern Garten und Hain wurden zur Belustigung, zu Jagd und Angelsport aufgesucht, auch die Abendstunden durch Tänze verkürzt, was alles darauf hindeutete, daß das Forschen nach Weisheit für eine Zeitlang dem Haschen nach Vergnügen Platz machen mußte. Der Freiherr von Arnheim und sein schöner Gast redeten aber in einer Sprache, die ganz von allen andern abwich, und konnten daher selbst mitten im Getümmel der Fröhlichkeit, das sie umgab, sich geheim unterhalten. Niemand war daher überrascht, nach wenigen Wochen der Lust die Kunde zu vernehmen, daß die schöne Perserin sich mit dem Freiherrn von Arnheim vermählen werde. Die Sitten dieses reizenden Mädchens waren so einnehmend, ihre Unterhaltung so beseelt, ihr Witz so sprühend und doch mit so vieler Gutherzigkeit und Bescheidenheit verbunden, daß, ungeachtet ihres unbekannten Ursprunges, sie um ihr großes Glück weniger beneidet wurde, als in so absonderlichem Falle wohl hätte erwartet werden mögen. Vor allem wurden die Herzen aller, die in ihre Nähe kamen, durch des Mädchens Edelmut gerührt und gewonnen. Ihr Reichtum schien unermeßlich zu sein, denn sie verteilte viele Juwelen unter ihre hübschen Freundinnen. Diese trefflichen Eigenschaften, vor allem ihre Freigebigkeit, verbunden mit großer Einfachheit in Gedanken und Gemütsart, dazu ihr gänzlicher Mangel an Großsprecherei machten sie, trotz ihrer geheimnisvollen Wissenschaft, zum Liebling aller. Bei den fröhlichen Tänzen war sie an Leichtigkeit und Beweglichkeit so unerreichbar, daß sie darin einem ätherischen Wesen glich. Ohne Anstrengung an sich wahrnehmen zu lassen, konnte sie dem Vergnügen sich hingeben, bis sie auch die ausdauerndsten Mittänzer ermüdet hatte. Von ebenso übernatürlicher Schnelligkeit zeigte sie sich, wenn sie im Parke mit ihren Gefährtinnen Verstecken oder ähnliche Bewegungsspiele trieb. Sie erschien unter ihren Gespielinnen und verschwand vor deren Augen mit einem an das Unbegreifliche grenzenden Grade von Beweglichkeit; und Hecken, Geländer oder ähnliche Umzäunungen wurden von ihr auf eine Art und Weise überschritten, die dem wachsamsten Blick unerkenntlich blieb, denn hatte man sie eben an der einen Seite des Zaunes wahrgenommen, so stand sie im nächsten Momente schon wieder dicht neben dem Zuschauer. In solchen Augenblicken, wo ihre Augen funkensprühend erglänzten, ihre Wangen sich röteten und ihre ganze Gestalt wundersam belebt erschien, behauptete man, daß die Opalschnalle in ihren Haarflechten, jener Schmuck, den sie nimmer ablegte, einen kleinen Strahl oder ein Flammenzünglein blicken ließ, welches jederzeit geschah, wenn Hermione sich schnell bewegte. Auf gleiche Weise glaubte man, daß, wenn im Halbdunkel der Halle die Unterredung Hermionens ungewöhnlich lebhaft war, der Edelstein heller glänzte und sogar einen flimmernden Schein ausstrahlte, der von ihm selbst auszugehen, nicht aber wie sonst, das Feuer von Edelsteinen, durch das Zurückwerfen irgend eines äußeren Lichtes zu entstehen schien. – Nach Verlauf von zwölf Monaten beschenkte die liebenswürdige Freiin von Arnheim ihren Gatten mit einer Tochter, die nach des Freiherrn Mutter Sybilla getauft werden sollte. Da das Kind vollkommen gesund war, ward die kirchliche Handlung so lange verschoben, bis die Mutter völlig von ihrer Niederkunft genesen sein würde, und viele Gäste wurden eingeladen, der Feierlichkeit beizuwohnen. Unter diesen befand sich auch eine alte Dame, die dafür bekannt war, daß sie in der menschlichen Gestalt die Rolle einer bösen Fee spielte, wie deren in den Liedern der Minnesänger erwähnt wird. Diese Dame war die Freifrau von Steinfeldt, berüchtigt in der ganzen Nachbarschaft durch ihre unersättliche Neugier und ihren unüberwindlichen Hochmut. Sie war noch nicht viele Tage auf der Burg gewesen, als sie sich bei einer Dienerin über alles unterrichtete, was von der Sonderbarkeiten der Freiin von Arnheim gehört, gesagt oder vermutet wurde. Am Morgen des Tages, der zu der Taufhandlung bestimmt worden war, als eben die ganze Gesellschaft in der Halle die Ankunft der Freiin erwartete, um sie in die Kapelle zu geleiten, entstand nun zwischen der Freifrau von Steinfeldt und der Gräfin Waldstätten ein heftiger Streit über den Vorrang beider. Dies wurde dem Freiherrn von Arnheim hinterbracht, der zugunsten der Gräfin entschied. Die Edle von Steinfeldt befahl hierauf ihrem Stallmeister, sich bereit zu halten, und ließ ihre Dienerschaft aufsitzen. »Ich verlasse diesen Ort,« sagte sie, »den ein guter Christ nimmer hätte betreten sollen; ich verlasse ein Haus, dessen Gebieter ein Zauberer, dessen Gebieterin ein Dämon ist, und dessen Wirtschafterin sich um kargen Lohn hergab, die Kupplerin zwischen einem Hexenmeister und dem eingefleischten Satan zu sein.« – Damit fuhr sie ab, Zorn auf dem Angesichte und Hohn im Herzen. Der Freiherr von Arnheim trat nun vor und fragte die Ritter und Edlen umher, ob einer oder der andere unter ihnen wäre, der mit seinem Schwerte die schändlichen Lügen vertreten wollte, die gegen ihn, seine Gattin und Verwandte, ausgestoßen worden waren. – Allgemein lautete die Antwort, man denke nicht daran, die Reden der Freifrau von Steinfeldt zu verfechten, und alle äußerten den Glauben, daß die Edle nur im Geiste der Verleumdung und Falschheit gesprochen hätte. »So laßt die Lüge auf den Boden fallen, die kein Mann des Mutes vertreten will,« sagte der Freiherr von Arnheim, »und alle, die gegenwärtig sind, sollen noch an diesem Morgen sich überzeugen, ob die Freiin Hermione nicht an den Gebräuchen der christlichen Kirche teilnimmt.« – Die Gräfin Waldstätten gab ihm, während er das sprach, ängstliche Zeichen und flüsterte ihm zu: »Seid nicht so vorschnell! Es ist etwas Geheimnisvolles in jenem Opal-Talisman; seid klug und laßt die Sache so hingehen.« In diesem Augenblick trat die Freiin von Arnheim in die Halle, noch bleich von ihrer Niederkunft, was ihr Antlitz nur noch schöner erscheinen ließ. Nachdem sie die versammelten Anwesenden aufs anmutigste begrüßt hatte, fragte sie, warum die Frau von Steinfeldt nicht anwesend wäre. In demselben Augenblicke gab ihr Gemahl der Gesellschaft ein Zeichen, sich zur Kapelle zu begeben, und bot der Freiin seinen Arm, um dem Zuge voranzuschreiten. Die Kapelle wäre fast von der glänzenden Gesellschaft überfüllt worden, und aller Augen hafteten auf Wirt und Wirtin, als diesen unmittelbar vier junge Fräulein folgten, die den Täufling in einer leichten und schönen Sänfte trugen. Als sie über die Schwelle schritten, tauchte der Freiherr seinen Finger in den Weihkessel und, um die Verleumdung der boshaften Edlen von Steinfeldt zunichte zu machen, spritzte er mit einer Miene neckender Vertraulichkeit, die in Rücksicht auf Zeit und Ort wohl keineswegs am Platze war, etliche Tropfen der an seinem Finger übriggebliebenen Flüssigkeit auf die Stirn Hermionens. Der Opal, auf den einer der Tropfen gefallen war, sprühte einen glänzenden Funken gleich einer Sternschnuppe und wurde im Augenblicke nachher licht- und farblos wie ein gemeiner Kiesel, während die anmutige Freifrau mit einem tiefen Seufzer des Kummers auf den Boden der Kapelle niedersank. Alles umringte sie in Bestürzung. Die unglückliche Hermione wurde aufgehoben und in ihr Gemach getragen; allein schon während dieser kurzen Zeit veränderten ihr Antlitz und ihr Puls sich dergestalt, daß die sie Umgebenden nur eine Sterbende in ihr erblickten. Kaum war sie in ihrem Gemache angelangt, so begehrte sie, mit ihrem Gemahl allein gelassen zu werden. Er blieb eine Stunde in dem Gemache, und als er es verließ, verschloß und verriegelte er den Eingang. Dann ging er in die Kapelle, wo er eine Stunde lang vor dem Hochaltar lag. Mittlerweile hatten die meisten der Gäste voll Bestürzung das Schloß verlassen, obwohl etliche aus Neugierde oder Höflichkeit zurückblieben. Endlich langte ärztlicher Beistand an, und die Gräfin Waldstätten bat den Freiherrn um den Schlüssel zu dem verschlossenen Gemach der Freiin. Arnheim gab ihn ihr, fügte aber finsteren Blickes hinzu, daß alle Hilfe vergeblich sein würde, und daß er wünschte, alle Fremden möchten die Feste verlassen. Wenige von diesen hatten Lust zu bleiben, als, nachdem man das Gemach betreten, in welchem die Freifrau vor zwei Stunden erst zur Ruhe gebracht worden war, keine Spur von ihr zu finden war, außer daß eine Handvoll grauer Asche, wie von verbranntem Papiere auf dem Bette lag, auf das man die Erkrankte niedergelegt hatte. Dessenungeachtet fand ein feierliches Leichenbegängnis mit allen andern kirchlichen Gebräuchen statt; und drei Jahre später, genau an demselben Tage, wurde der Freiherr selbst in der Gruft seiner Ahnen bestattet und ihm als dem letzten männlichen Sprossen seines Hauses, Schwert, Schild und Helm auf den Sarg gelegt.« Hier hielt der Schweizer inne; denn die Wachrunde näherte sich der Brücke des Jagdschlosses Grafenlust. Zwölftes Kapitel. »Und Anna von Geierstein?« fragte Arthur Philippson nach kurzem Schweigen. – »Ihre Mutter,« antwortete der Schweizer, »war Sybille von Arnheim, eben jenes Kind, bei dessen Taufe die Mutter starb, verschwand, oder wie Ihr es sonst nennen wollt. Die Herrschaft Arnheim, die nur an männliche Erben übergehen durfte, fiel an den Kaiser zurück. Seit dem Tode ihres letzten Herrn ist die Feste nie wieder bewohnt gewesen und, wie ich hörte, inzwischen zur Ruine geworden,« »Ergab sich denn auch etwas Uebernatürliches,« fragte der Engländer, »mit der jungen Freiin Sybille, die nachher dem Bruder des Landammannes angetraut wurde?« – »Es heißt, die Kinderwärterinnen hätten um Mitternacht Frau Hermionen, die letzte Freiin von Arnheim, neben der Wiege des Säuglings weinend sitzen sehen, und was dergleichen Geschichten mehr sind. Allein hier folge ich minder zuverlässigen Berichten, als die sind, aus denen meine Erzählung stammt,« – »Und auf wessen Zeugnis habt Ihr Euch bei dieser Erzählung verlassen?« »Damit will ich dienen,« antwortete der Schweizer, »Wisset, daß Gottlieb von Donnersberg, eben jener Lieblingspage des letzten Arnheimers, der Bruder meines Vaters war. Nach seines Herrn Tode zog er sich nach seinem Geburtsort Bern zurück. Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er den größten Teil dieser düstern, geheimnisvollen Geschichte. Solltet Ihr jemals die Stadt Bern besuchen, so werdet Ihr den ehrlichen alten Mann kennen lernen,« – »Ihr meint also,« fragte Arthur, »daß die Erscheinung, die ich in dieser Nacht gesehen habe, mit der geheimnisvollen Ehe des Großvaters der Anna von Geierstein zusammenhänge?« – »Ei,« versetzte Rudolf, »denkt doch nicht, daß ich eine so seltsame Sache auszudeuten vermöchte. Ich beging wohl die Ungerechtigkeit, Eure Aussage betreffs der Erscheinung, die Ihr diese Nacht gesehen habt, zu bezweifeln, aber ich darf eben doch daran erinnern, daß in des jungen Mädchens Geblüt ein Teil ist, von dem man meint, daß er nicht von Adam, sondern auf mehr oder minder geradem Wege von einem jener Elementargeister abstamme, von denen man so in neuerer wie altersgrauer Zeit erzählte. Doch kann ich mich irren, wir werden sehen, wie Anna sich diesen Morgen zeigt, und ob sich auf ihrem Antlitz die Blässe und Erschöpfung wahrnehmen lassen, die von durchwachter Nacht zeugen. Ist dies nicht der Fall, so dürfen wir jedenfalls annehmen, daß entweder Eure Augen Euch seltsam betrogen haben oder sich in der Tat eine gespenstische Erscheinung gezeigt hat, die nicht von dieser Welt war.« Hierauf erwiderte der Engländer nichts. In demselben Augenblicke wurden sie von dem Wachtposten auf der Notbrücke angerufen. – »Warum fragst Du zweimal nach dem Losungswort, Sigismund?« fragte Rudolf. »Ich bin durch einen Spuk auf meinem Posten erschreckt worden,« antwortete der Bursche. »Hört an, Hauptmann, wie's war! Ich fand es etwas langweilig, hinauf in den breiten Mond zu gucken, drum zog ich mir die Kappe über die Ohren, denn ich versichere Euch, der Wind blies scharf; dann pflanzte ich mich fest auf meine Füße, eines der Beine ein wenig vorgestemmt, stützte meine beiden Hände auf meine Partisane, die ich aufrecht vor mich hinstemmte, um mich darauf zu lehnen, und schloß die Augen.« – »Schlossest die Augen, Sigismund, und das auf Deinem Posten?« rief Donnersberg. – »Seid außer Sorge deshalb,« antwortete Sigismund. Ich hielt dafür die Ohren offen. Da kam etwas auf die Brücke geschlichen, so leis und verstohlen wie eine Maus. Ich starrte hinaus in dem Augenblick, wo es mir gegenüberstand – und als ich so hinstarrte, was meint Ihr, wen ich sah? Anna von Geierstein!« »Es ist unmöglich,« sagte der Berner. – »Das hätte ich auch sagen mögen,« bemerkte Sigismund; »denn ehe Anna in ihr Gemach ging, habe ich hineingeguckt, und es ist alles so schön drin hergerichtet, daß eine Königin oder Prinzessin dort hätte schlafen können. Warum sollte daher die Dirne auch ihre gemütliche Kammer, die ringsumher von ihren guten Freunden bewacht wird, verlassen haben, um in den Wald zu wandern? Und doch! sie kam vom Walde her. Ich sah sie, als sie das Ende der Brücke erreicht hatte, und wollte schon nach ihr schlagen, indem ich meinte, es sei der Gottseibeiuns in des Mädchens Gestalt. Allein ich erinnerte mich, daß meine Hellebarde kein Birkenreis ist, um Knaben und Mädchen damit zu züchtigen.« »Hast Du die Gestalt oder den Spuk, wie Du es nanntest, angeredet?« fragte der Berner. – »Das ließ ich fein bleiben, Hauptmann. Auch blieb mir keine Zeit dazu, denn der Spuk flog an mir vorüber wie eine Schneeflocke vor dem Wirbelwind. Ich schritt der Gestalt in die Feste nach, rief sie bei Annas Namen, da wachten die Schläfer auf, die Mannschaft griff zu den Waffen, und es gab eine Verwirrung, als ob Archibald von Hagenbach mit Schwert und Lanze unter uns gekommen wäre. Und wer sollte aus Annas Gemach ebenso bestürzt und ebenso schlaftrunken, wie wir alle, anders herausgekommen sein, als Anneli selbst? und da sie behauptete, sie hätte ihre Kammer während der Nacht durchaus nicht verlassen, so fielen alle über mich her. Da aber sagte ich ihr meine Meinung; »Fräulein Anna,« sprach ich, »alle Welt weiß, von wem Ihr stammt, und wenn Ihr noch einmal vor mir Eure Doppelgängerei treibt, so setzt Euch eine Eisenkappe aufs Köpfchen, denn ich werde Euch Länge und Gewicht einer Schweizer Partisane zu fühlen geben.« Dennoch schrien alle: »Schäm Dich!« und mein Vater trieb mich wieder hinaus, als wäre ich der Kettenhund gewesen und hätte mich von der Wacht auf dem Hofe herein an den Feuerherd geschlichen. Doch nun, Hauptmann, schickt einen heraus, der mich ablöse. So es morgen etwas zu tun gibt – und ich glaube, es wird was geben – so sind ein Mundvoll Speise und eine Minute Schlaf ein köstlich Vorbereitungsmittel, und ich stehe hier schon zwei tödlich lange Stunden Wache.« – Dabei gähnte der junge Recke ganz gewaltig, als wollte er die Gründe seines Gesuches rechtfertigen. – »Du sollst augenblicklich abgelöst werden, Sigismund,« antwortete Donnersberg, »damit Du schlafen kannst, ohne von Träumen gestört zu werden. Vorwärts, Ihr Männer!« rief er den andern zu, die unterdessen herangekommen waren, »begebt Euch zur Ruhe! Arthur von England und ich werden dem Landammann und dem Bannerherrn Bericht von unserer Wachtrunde erstatten.« Die Runde zog nun in die Jagdfeste ein und gesellte sich bald zu ihrem schlummernden Genossen. Rudolf Donnersberg ergriff Arthurs Arm und flüsterte ihm ins Ohr, während sie dem Saale zuschritten: »Das sind seltsame Ereignisse! Was meint Ihr, wie berichten wir darüber der Gesandtschaft?« – »Das muß ich Euch anheimstellen,« versetzte Arthur, »Ihr seid unser Wachthauptmann. Ich habe meine Pflicht getan, indem ich Euch erzählte, was ich sah – oder doch zu sehen glaubte – an Euch ist es, zu entscheiden, inwieweit man es dem Landammanne mitteilen kann.« – »Ich werde erst mit Anna selbst reden,« sprach der Berner hastig, »Ihr schweigt jedenfalls über das alles, nicht wahr? und auch darüber, was Ihr in Betreff unserer Hilfsmänner aus Bern gesehen und gehört habt?« fragte Rudolf. »Was dies betrifft,« antwortete Arthur, »so werde ich meinen Vater nur darauf aufmerksam machen, daß das Gepäck in La Ferette untersucht und vielleicht gar konfisziert werden könne.« – »Das ist unnütz,« sprach Rudolf »denn ich hafte mit Haupt und Hand für die Sicherheit seiner Habe.« – »Ich danke Euch in seinem Namen,« entgegnete Arthur, »allein wir sind friedliche Reisende, die ein Handgemenge zu vermeiden wünschen, auch wenn wir vollauf sicher sein könnten, siegreich daraus hervorzugehen,« – »Das sind die Gesinnungen eines Handelsmannes, nicht aber die eines Kriegers,« sagte Rudolf in kaltem, schneidendem Tone; »doch ist das Eure Sache, Handelt nach Gutdünken, doch vergeßt nicht, daß Ihr ohne uns in La Ferette nicht nur Hab und Gut, sondern auch das Leben verlieren könntet!« Indem er so sprach, traten sie in das Gemach ihrer Reisegefährten. Die Genossen ihrer Wachtrunde hatten sich bereits, am untern Ende des Gemaches neben ihre Kameraden zum Schlafe gelegt. Der Landammann und der Bannerträger von Bern hörten Donnersbergs Bericht an. Der Berner wickelte sich sodann in seinen Mantel, streckte sich auf die Streu und lag nach wenigen Minuten in festem Schlafe. Arthur blieb etwas länger wach, um einen ernsten Blick auf die Kammertür Annas von Geierstein zu werfen und über die wundersamen Ereignisse dieser Nacht nachzusinnen. Allein diese bildeten ein verworrenes Geheimnis, zu dem er den Schlüssel nicht finden konnte. Er erinnerte sich sodann, daß er sofort Rücksprache mit seinem Vater halten müsse, und legte sich zu diesem Zwecke neben seinem Vater nieder, dessen bequemere Lagerstätte ein wenig abseits hergerichtet worden war. Philippson schlief fest, erwachte jedoch, als sein Sohn ihn berührte und ihm in englischer Sprache ins Ohr flüsterte, daß er ihm wichtige Nachrichten im geheimen mitzuteilen hätte. »Ich erfuhr,« sagte Arthur, »als ich die Wachtrunde mitmachte, daß der Vogt zu La Ferette höchst wahrscheinlich Eure Waren und Euer Gepäck anhalten werde, um dafür den Zoll zu begehren, den der Herzog von Burgund einzutreiben befiehlt. Auch erfuhr ich, daß die schweizerischen Jünglinge, die uns begleiten, entschlossen sind, dieser Gewalttat Widerstand zu leisten. Sie glauben stark genug dazu zu sein.« – »Beim heiligen Georg, das darf nicht geschehen,« sagte der ältere Philippson. »Wenn wir dem Herzog einen Vorwand zur Fehde geben, die Biedermann möglichst zu vermeiden strebt, so würden wir dem wackeren Alten nur schlecht vergelten, was er uns Gutes getan hat. Jegliche Erpressung, wie ungerecht sie auch sein möge, will ich freudig zahlen. Nur meine Papiere kann ich mir nicht nehmen lassen – das würde mir den Hals brechen. Ich fürchtete gleich, daß es so kommen würde, und deshalb zog ich ungern mit der Schar des Landammannes, Wir müssen uns jetzt von ihnen trennen. Der raubsüchtige Vogt wird zuverlässig nicht Hand an die Abgeordneten legen, die unter dem Schutze des Völkerrechts an den Hof seines Gebieters ziehen. Sind wir aber noch bei ihnen, so wird's zum Streite kommen, da es diese Jünglinge so sehr danach gelüstet. Das soll nicht sein, also ziehen wir allein weiter oder bleiben zurück, bis sie vorweg sein werden. Ist jener von Hagenbach nicht der unklügste Mensch, so werde ich schon ein Mittel finden, ihn, soweit es uns allein betrifft, zu beschwichtigen. Unterdessen muß ich den Landammann wecken,« setzte er hinzu, »und ihn von meinem Entschlusse in Kenntnis setzen.« In einer Minute stand Philippson neben Arnold Biedermann. »Werter Freund und Wirt,« sprach er, »wir haben für gewiß gehört, daß unser armseliger Warenvorrat bei unserm Durchzug durch La Ferette einer Verzollung oder Wegnahme ausgesetzt sein wird, und herzlich gern möchte ich jeglichen Anlaß zum Hader so Euretwegen wie meinetwegen vermeiden.« – »Ihr zweifelt doch nicht, daß wir Euch beschützen können und werden?« fragte der Landammann. »Ich wünsche nichts so sehr wie den Frieden; doch selbst der Herzog von Burgund darf und soll, soweit meine Macht es hindern kann, meinem Gaste kein Leid zufügen.« – »Somit könnten wir Anlaß zum Hader geben, mein werter Gastfreund,« versetzte Philippson, »und deshalb will ich zeitiger, als ich es wünschte, von Euch Abschied nehmen. Erwägt, mein rechtschaffener und würdiger Wirt, daß Ihr ein Gesandter seid, der Frieden sucht, und daß ich ein Handelsmann bin, der nach Gewinn auszieht. Krieg oder Gezänk, woraus Krieg entstehen könnte, ist Eurem Vorhaben so verderblich wie dem meinigen. Ich gestehe Euch freimütig, daß ich bereit und imstande bin, ein bedeutendes Lösegeld zu zahlen, und sobald Ihr voraus gereist seid, werde ich über die Summe verhandeln. Archibald von Hagenbach wird doch lieber mit mir etwas glimpflicher umgehen, als seine Beute dadurch gänzlich zu verlieren, daß er mich nötigt, wieder umzukehren und einen andern Weg einzuschlagen.« – »Ihr redet verständig, Herr Engländer,« sagte der Landammann, »und ich danke Euch dafür, daß Ihr mir meine Pflicht ins Gedächtnis rieft. Bei alledem dürft Ihr keiner Gefahr ausgesetzt sein. Das Volk zu Basel ist leider zu furchtsam, um Euch in Schutz zu nehmen; das Kriegsvolk würde auf den ersten Wink des Vogts Euch ergreifen, und ebensowenig mögt Ihr in der Hölle, als von diesem Hagenbach Gerechtigkeit und Milde erwarten,« – »Es gibt Beschwörungen,« sagte Philippson, »die, wie es heißt, selbst die Hölle erzittern machen, und ich habe Mittel in Händen, selbst diesen von Hagenbach zu sänftigen, sobald ich nur eine geheime Unterredung mit ihm erlangen kann,« – »So das der Fall ist,« sagte der Landammann, »und Ihr Euch notwendigerweise von uns trennen müßt, wofür ihr, ich leugne es nicht, verständige und triftige Gründe beigebracht habt: warum solltet Ihr Grafenlust nicht zwei Stunden vor uns statt nach uns verlassen? Die Straße wird sicherer sein, wenn wir hinterher ziehen, und wahrscheinlich werdet Ihr, wenn Ihr früher reist, den Vogt noch nüchtern und in der Verfassung finden, Eure Gründe anzuhören. Jedoch wenn er sein Frühbrot mit Rheinwein niedergeschwemmt hat, den er jeden Morgen trinkt, bevor er die Messe hört, so vergißt er selbst seinen Geiz über seiner Tollheit. – Ich beabsichtigte in der ersten Stunde nach Tagesanbruch weiterzuziehen und werde dies nun bis zur zweiten Stunde verschieben. Ihr, Herr Philippson, werdet inzwischen La Ferette erreichen, wo Ihr, wie ich hoffe, Eure Angelegenheiten alsdann mit dem Hagenbacher zu Eurer Zufriedenheit werdet abgemacht haben, um wieder zu uns zu stoßen, wenn wir durch Burgund ziehen.« – »Wenn unsere gegenseitigen Zwecke unser gemeinsames Reisen gestatten, würdiger Landammann,« sagte der Handelsmann, »so werde ich mich höchst glücklich schätzen, weiterhin Euer Gefährte zu sein, – Und jetzt genießt der Ruhe wieder, der ich Euch entzogen habe,« – »Gott segne Euch, verständiger und treuherziger Mann,« sprach der Landammann, indem er sich erhob und den Engländer umarmte. »Sollten wir niemals wieder Zusammenkommen, so werde ich doch stets des Kaufmannes gedenken, der sich jedes Gedankens an Gewinn entschlug, um nur auf dem Pfade der Klugheit und des Rechttuns zu bleiben. Leb' auch Du wohl, tapferer junger Mann,« sprach er zu Arthur gewendet, »Du hast unter uns gelernt, auf einem helvetischen Felsrand festen Fußes zu stehen; allein niemand kann Dich so gut wie Dein Vater belehren, den richtigen Weg zwischen den Morästen und Abgründen des menschlichen Lebens zu wandeln.« Dreizehntes Kapitel. Kaum färbte das Morgenrot den Horizont, so war Arthur Philippson schon auf den Beinen, um alles zur Abreise herzurichten. Es war keine schwierige Aufgabe für ihn, die sauber geschnürten Ballen, die seines Vaters Waren enthielten, von den plumpen Bündeln zu trennen, in denen das Gepäck der Schweizer steckte. Als alles fertig war, weckte der junge Engländer seinen Vater und zog sich dann zurück, während der Vater, seiner täglichen Gewohnheit nach, das Gebet des heiligen Julian, des Schutzpatrons der Reisenden, hersagte und sich hierauf zur Reise ankleidete. Man wird sich nicht wundern, daß indes der jüngere Philippson, das Herz voll von dem, was sich in der verflossenen Nacht ereignet hatte, die Blicke auf die Tür des Schlafzimmers heftete, wo das wundersame Mädchen weilte. Die Frage, ob er das Mädchen selbst gesehen oder einen Geist, der ihre Gestalt angenommen, ließ ihm keine Ruhe. »Ich werde sie niemals wiedersehen,« dachte er bei sich, »das ist wohl mehr als gewiß; und niemals werden sich mir die Geheimnisse enthüllen, von denen sie umgeben ist. Doch daß ich etwas ausgeplaudert habe, wodurch sie diesem derben Burschen, dem Rudolf von Donnersberg, in die Hände gegeben ist, das werde ich zeit meines Lebens bereuen.« – So stand er, bis sein Vater ihn rief. Indem sie mit Vorsicht durch die Gruppen von Schlafenden, welche umherlagen, hinschritten, wendete der ältere Philippson, als sie die Tür des Saales erreicht hatten, sich noch einmal um und murmelte ein unfreiwilliges Lebewohls indem er auf das Strohlager blickte, auf welchem die hohe Gestalt des Landammannes und der Silberbart seines beständigen Begleiters von den ersten Strahlen der Morgensonne erhellt wurden. Ebenso rief, doch nur für sich selbst, Arthur der liebreizenden, tapferen, doch auch geheimnisvollen Anna ein Lebewohl zu. Bald befanden sie sich vor dem äußeren Tore; und der Sohn nahm den Zaum des Maultieres in die Hand und führte es gemächlichen Schrittes dem Ziele ihrer heutigen Wanderung zu, indem der Vater neben ihm herschritt. Indem wir die beiden Reisenden ihres Weges nach La Ferette ziehen lassen, versetzen wir uns an das östliche Tor jener auf einem Hügel gelegenen Grenzburg, von der aus man einen Ueberblick nach allen Seiten, vornehmlich aber nach Basel hin, hat. La Ferette gehört eigentlich nicht zu den Besitzungen des Herzogs von Burgund, war ihm aber als Unterpfand für eine bedeutende Geldsumme übergeben worden, die Karl vom Kaiser Sigismund von Oesterreich zu fordern hatte. Da La Ferette nun infolge seiner Lage der günstigste Platz war, den Handel zu überwachen und die Schweizer zu schikanieren, die der Herzog haßte und verachtete, so dachte er nicht daran, die Feste wieder abzutreten. Die Lage von La Ferette war zwar an sich fest, doch waren die Bollwerke, von denen es umgeben war, keineswegs darauf eingerichtet, eine förmliche Belagerung lange auszuhalten. Die Morgenstrahlen hatten seit länger als einer Stunde die Spitze des Kirchturms von La Ferette beschienen, als ein langer, dürrer, ältlicher Mann, in ein Frühgewand gehüllt, das von einem breiten Gürtel mit einem Schwert an der linken, einem Dolch an der rechten Seite, zusammengehalten wurde, sich dem äußeren Wartturme des östlichen Tores näherte. An seinem Barett steckte eine Feder, die in ganz Deutschland das äußere Merkmal adeliger Abkunft und ein hoch in Ehren gehaltenes Abzeichen aller derer war, die das Recht hatten, es zu tragen. Die kleine Schar Landsknechte, die in der letzten Nacht hier Posten gestanden hatte, griff bei seiner Ankunft zu den Waffen, und stellte sich auf wie eine Wache, die mit, gebührenden Ehrenbezeigungen einen bedeutenden Befehlshaber empfängt. Archibald von Hagenbachs Angesicht, denn der Kommende war der Vogt selbst, drückte Verdrießlichkeit und Mißmut aus. Sein Kopf schwindelte ihm, sein Puls schlug fieberhaft, seine Wange war bleich – Beweise, daß er die vorige Nacht, seiner Gewohnheit nach, zwischen Weinkrügen und Maßkannen zugebracht hatte. Nach der Eile, in der die Landsknechte antraten, und nach ihrem ehrfürchtigen Schweigen zu schließen, waren sie gewohnt, bei solchen Gelegenheiten seine üble Laune zu verspüren. Er warf nunmehr einen lauernden, unzufriedenen Blick auf sie, als suchte er einen Gegenstand, an dem er seinen Grimm auslassen könnte und fragte dann »nach dem schleichenden Hunde Kilian.« Sofort erschien Kilian, ein derber, ungeschlachter Knappe, ein Bayer von Geburt und seinem Range nach der Leibknappe des Vogts. »Was Neues von den Schweizern, Kilian?« fragte Archibald von Hagenbach, »Ihrer rüstigen Gewohnheit nach sollten sie schon zwei Stunden auf dem Wege hierher sein. Hätten die Bauernklötze sich's einfallen lassen, es den Edelleuten nachzutun und bis zum Hahnenschrei bei den Humpen zu sitzen?« – »Mein Six, es mag wohl so sein,« antwortete Kilian; »die Baseler Bürger tischen ihnen sattsam auf zum Schmaus. Sie nahmen sie zwar nicht in die Stadt auf, allein durch einen zuverlässigen Kundschafter erfuhr ich, daß sie ihnen eine Herberge in Grafenlust herrichteten, und Braten und Gebäck dorthin brachten, der Krüge mit Rheinwein, der Fässer mit Bier, der Branntweinkannen gar nicht zu gedenken.« »Dafür sollen die Baseler Rede stehen, Kilian,« sagte der Vogt, »Meinen sie, ich soll mich ihretwegen immer zwischen den Herzog und dessen Laune stellen? Was hast Du weiter von dem Nachtlager der Schweizer zu berichten? Ich sollte meinen, ein alter Reitersmann wie Du hätte bei der Mahlzeit, die sie, wie Du erzähltest, hielten, ihnen die Flügel ein wenig gestutzt.« – »Ebensogut hätte ich einen ergrimmten Igel mit bloßen Fingern zerquetschen können,« sagte Kilian, »ich kundschaftete selbst um Grafenlust herum – da gab es Schildwachen auf den Burgmauern, einen Posten auf der Brücke, und überdies eine Wachtrunde von Schweizerbuben, die wacker auslugte. So war da nichts zu machen, sonst, da mir Euer alter Groll bekannt ist, hätte ich ihnen eins versetzt, ohne daß sie hätten wissen sollen, woher es kam.« – »Gut, um so besser wollen wir über sie herfallen,« sprach der Hagenbacher, »sonder Zweifel kommen sie in reichem Prunke mit all ihrem Schmuck, mit den Silberketten ihrer Weibsen, mit ihren eigenen Schaumünzen, mit Ringen aus Blei und Kupfer! Ha! die niederträchtigen Bauern, die nicht wert sind, daß ein Mann von edlem Geblüt sie von ihrem Plunder erleichtert.« – »Sie führen bessere Ware als Plunder bei sich, so meine darüber eingezogene Kundschaft mich nicht völlig tauscht,« erwiderte Kilian; »es reisen nämlich englische Kaufleute unter ihrem Schutz.« »Englische Kaufleute!« rief der Hagenbacher, indem seine Augen vor Freude funkelten; »englische Kaufleute Kilian! ist's ein langer Zug von Maultieren?« – »Ei, edler Herr, ein Zug ist's nicht – nur zwei Männer, wie ich erfuhr, mit kaum so vielem Gepäcke, als ein Maultier trägt; doch dieses wenige soll von unendlichem Werte sein; Seide und Sammet, Spitzen, Pelzwerk, Perlen und Diamanten, wohlriechende Spezereien aus dem Morgenland und Goldarbeiten aus Venedig.« – »Entzücken und Paradies! Sprich kein Wort mehr!« rief der habsüchtige Ritter von Hagenbach, »all das ist unser, Kilian! Traun, das sind eben die Männer, von denen wir zu zweienmalen in einer Woche des verwichenen Mondes träumten. Ha! zwei Männer von mittlerer Gestalt – ja, wohl noch etwas kleiner – mit sanftem, rundem Gesicht, deren Magen gespickt ist, wie der Bauch eines Rebhuhnes, und deren Geldsäcklein gespickt sind wie ihr Magen. – He, was sagst Du zu meinem Traum, Kilian?« – »Es hätten Euch darin auch noch zwanzig derbe junge Recken erscheinen sollen, die Streitaxt und Partisane gut zu führen wissen.« – »Desto besser, Bursch, desto besser!« rief der Vogt, indem er sich die Hände rieb. »So plündern wir englische Marktkrämer und sperren zugleich Schweizer Mondstiere ins Joch! Holla! Schönfeldt!« Ein Rottmeister trat vor. – »Wie viele Mannschaft hat heut die Wache?« – »Etwa sechzig,« war Schönfeldts Antwort. – »Laßt sie alle unter die Partisane treten; hört Ihr? Doch blast keine Trompete, sondern ruft einzeln jeden herbei, daß er so still wie möglich sich aufstelle, und das hier am Osttore. Sagt den Schuften, daß Beute zu machen sei – und daß sie ihren Anteil haben sollen. – Ich sage Dir, Kilian,« fuhr der entzückte Vogt fort, indem er sich wieder seitwärts zu seinem Helfershelfer wandte, »das kommt sehr erwünscht. Herzog Karl will den Schweizern eine Schmach antun; es soll aber nicht so aussehen, als geschehe es auf seinen Befehl, auch soll es kein Verstoß gegen eine friedfertige Gesandtschaft genannt werden können. Wer ihm diesen Dienst erweist und der Sache den Anstrich zu geben versteht, als sei nur ein Irrtum geschehen, der verdient sich des Herzogs Dank.« – »Ich meine,« antwortete Kilian, »wir dürfen uns nicht allzusehr auf Herzog Karl verlassen. Bedenkt, es ist eine friedliche Gesandtschaft – und die Kaufleute sind Engländer. Beginnt Karl Krieg mit Ludwig, wie das Gerücht verlautbart, so hat er nichts mehr zu wünschen, als daß die Schweizer fein still sitzen und England ihm beistehe, England, dessen König mit großer Heeresmacht über das Meer herzieht. Nun könnt's Euch begegnen, Herr Hagenbacher, daß Euretwegen heute morgen noch die Kantone sich gegen den Herzog rüsten und der befreundete Engländer dem Burgunder zum Feinde wird.« – »Ich sorge drob nicht,« sagte der Vogt, »übrigens habe ich dabei keinen Fußbreit Erde zu verlieren.« »Aber ein Leben habt Ihr doch zu verlieren?« sagte der Knappe. – »Nun ja, ein Leben!« versetzte der Ritter! »ein lumpig Recht, hier herum zu kriechen, ein Recht, das ich alltäglich bereit sein mußte, aufzuopfern – bald für Krontaler, bald für Kreuzer – und meinst Du nun, ich sollte damit hinter dem Berge halten, wo es Edelstoffe, Perlen aus dem Morgenlande, Goldarbeiten aus Venetia gilt? Nichts da, Kilian, diese Engländer müssen ihre Ballen hier lassen, damit Archibald von Hagenbach milderen Wein trinken kann als den dünnen Moseler. Auch tut's nicht minder Not, daß Kilian einen besseren Koller bekomme und ein Dukatenbeutlein ihm am Gürtel klingle.« – »Meiner Six!« rief Kilian, »dieses Euer letztes Wort nimmt mir alle Bedenken, und ich gebe alle Widerrede auf, zumal es mir übel ansteht, mit Euch, edler Herr, zu streiten.« – »Ans Werk denn!« sprach der Vogt. Doch da erklangen, von einer dumpfen Stimme hinter ihnen gesprochen, die nachdrücklichen Worte aus der heiligen Schrift: »Ich habe den Gottlosen blühen sehen in seiner Macht, gleich einem Lorbeerbaume; allein ich kehrte wieder, und er war nicht mehr; ja, und als ich ihn suchte, war er nicht mehr zu finden.« – Ritter Archibald von Hagenbach wandte sich finster um und begegnete den dunklen, Böses weissagenden Blicken des Pfarrherrn zu St. Paul, der in seiner Amtskleidung dastand. – »Wir haben Geschäfte, Pater,« sprach der Vogt, »und wollen Euer Gewäsch ein andermal hören.« – »Ich komme auf Euren Ruf, Herr Vogt,« sagte der Priester, »denn nimmer würde ich mich da eingedrängt haben, wo mein Gewäsch, wie Ihr es nennt, nichts fruchtet.« – »Ja, ich flehe um Euern Segen, ehrwürdiger Pater,« sagte der Hagenbacher. »Es ist wahr, ich ließ Euch rufen, um Eure gütige Verwendung bei Unserer lieben Frau und dem heiligen Paulus in etlichen Angelegenheiten zu erbitten, die sich diesen Morgen ereignen dürften und bei denen ich mein Schäfchen scheren will.« »Herr Archibald,« antwortete der Priester gelassen, »begehrt Ihr etwa von einem Priester, daß er Gebete für den glücklichen Ausgang Eurer Plünderungen und Räubereien gen Himmel sende?« – »Ich verstehe Euch, Pater,« versetzte der raubgierige Vogt, »und gelobe daher feierlich, daß ich bei glücklichem Ausgang des Abenteuers der Kirche St. Paul ein Altartuch und ein Silberbecken stiften will, je nachdem, wie die Beute ausfällt. Unsere heilige Jungfrau soll eine Perlenschnur für die Feiertage haben, und Dir, Priester, sollen zwanzig und etliche schwere englische Goldstücke für die Mühewaltung zufallen, daß Du den Vermittler machst zwischen uns und den guten Heiligen, mit denen in eigener unheiliger Person zu unterhandeln, wir uns allerdings viel zu unwürdig erachten. Und jetzt, Herr Pfarrer verstehen wir uns, denn ich habe wenig Zeit zu verlieren, ich weiß, Ihr denkt hart von mir, allein Ihr seht, der Teufel ist nicht so arg, wie er beschrieben wird,« »Wir verstehen einander?« versetzte der Priester von St. Paul, indem er des Vogts Worte fragend wiederholte. »Ach, mit nichten, und ich fürchte, es werde nimmer geschehen. Hast Du Dein Lebtag nicht reden hören von Berchthold, dem heiligen Eremiten, und welche Worte er sprach zu der feindseligen Königin Agnes, die mit so grausamer Strenge den Mord ihres Vaters, des Kaisers Albrecht rächte? – Wisse, daß Agnes, die Tochter des ermordeten Albrecht, nachdem sie Ströme von Blut vergossen hatte, um des Vaters blutigen Tod zu rächen, zuletzt die reiche Abtei Königsfeld stiftete und in Person eine Wallfahrt zu der Zelle des Eremiten machte und ihn bat, er möchte ihrer Abtei die Ehre erzeigen, seine Wohnung darin zu nehmen. Jedoch wie lautete seine Antwort? Höre sie und zittere! »Hebe Dich weg, ruchloses Weib,« sprach der heilige Mann; »Gott will nicht durch Blutschuld verehrt sein und verwirft die Gaben, die durch Gewalttat und Räuberei erworben wurden. Der Allmächtige liebt Gnade, Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit, und nur von denen, die diese üben, will er angebetet sein!« Und somit, Archibald von Hagenbach, bist Du einmal, zweimal, dreimal gewarnt worden. Wandle, wie es einem Manne geziemt, über den der Spruch gesprochen wurde und der die Vollstreckung des Urteils zu erwarten hat!« – Nachdem der Priester von St. Paul mit dräuender Stimme und zürnender Gebärde diese Worte gesprochen hatte, ging er seines Weges, Hagenbach rief nach einem Becher Wein, um seinen Groll hinunterzuspülen; und als er eben ausgetrunken; erklang das Horn des Turmes und kündete an, daß Fremde sich dem Tore näherten. Vierzehntes Kapitel. »Das war nur ein schwach geblasener Ruf,« sagte der Hagenbacher, indem er auf die Wälle stieg, von wo aus er wahrnehmen konnte, was außerhalb des Tores vorging. »Wer nahet sich, Kilian?« – »Zwei Männer mit einem Maultiere, so es Euch beliebt, edler Ritter; und wie ich meine, sind es Handelsleute. Der Aeltere ist wohlgebaut, schwarzbräunlich und mag fünfundfünfzig Jahre zählen. Der Jüngere zählt wohl zweiundzwanzig, ist länger als der andere und ein hübscher junger Geselle mit rundem Kinn und lichtbraunem Backenbart.« – »Laßt sie herein,« sprach der Vogt, indem er sich wendete, um zur Straße hinabzusteigen, »und bringt sie in die Folterkammer des Zollhauses.« Indem er so sprach, begab er sich selbst an den eben genannten Ort – ein Gemach innerhalb des großen Turmes, der das Osttor schützte; dort befanden sich die Streckleiter und andere Torturwerkzeuge, die der grausame, raubgierige Vogt bei solchen Gefangenen anzuwenden pflegte, von denen er entweder Beute oder geheime Kunde erpressen wollte. Er trat in das Gemach, das matt erhellt war und ein hohes gotisches Dach hatte, von dem Stricke und Schlingen herabhingen. Ein schwacher Lichtstrahl, der durch eine der zahllosen, engen Spalten oder Schießlöcher in den Mauern drang, fiel gerade auf die Gestalt und das Angesicht eines schwarzbraunen Mannes, der in einem dunklen Winkel dieses unheilvollen Gemaches saß. Seine Gesichtszüge waren nicht nur regelmäßig, sondern sogar hübsch, trugen jedoch ein besonders ernstes, finsteres Gepräge, Er trug einen scharlachroten Mantel; sein Haupt war von zottigen, schwarzen Locken umgeben, die zum Teil schon ins Graue spielten. Er war emsig beschäftigt, ein breites, doppelgriffiges Schwert zu wetzen, das von besonderer Form und bedeutend kürzer war als die ähnliche Gattung von Waffen, deren die Schweizer sich bedienten. Er war so vertieft in diese Arbeit, daß er erst auffuhr, als die schwere Türe in ihren Angeln kreischte. Das Schwert entglitt seiner Faust und fiel mit lange nachhaltendem Geklirr auf die Steinfliesen. »Ha, Scharfrichter,« sagte der Ritter, als er in die Folterkammer trat, »bist Du bereit, Dein Amt zu vollziehen?« – »Uebel würde es Eurem Knechte bekommen, edler Herr, so Ihr ihn müßig fändet?« antwortete der Mann in rauhem, dumpfem Tone. – »Die Gefangenen sind zur Hand, Franziskus,« versetzte der Vogt, »doch es sind Schufte, für die ein tüchtiger Strick genügt, Dein Schwert trinkt nur edles Blut.« – »Desto schlimmer für den Franziskus Steinherz,« sprach der Scharlachmantel; »ich hoffte, daß Ihr, Herr Ritter, der Ihr stets ein gütiger Gebieter wäret, mich heute adeln würdet.« – »Adeln?« versetzte der Vogt. – »Du bist toll, – ich Dich adeln?« »Und warum nicht, Herr Archibald von Hagenbach?« fragte der Blutmensch. »Mich dünkt, der Name Franziskus Steinherz vom Blutacker paßt gar wohl zum Adelstande, da er ehrlich und rechtlich so gut wie ein anderer erlangt wurde. Ei, starrt mich doch nicht so an! So einer meines Gewerkes sein grimmig Amt an neun Männern edlen Stammes mit einundderselben Waffe vollführt und jeden der neun mit einem einzigen Hiebe niederstreckte, hat er da nicht ein Recht, frei zu sein von Steuern und Gefällen und eine Adelsurkunde zu erhalten?« – »So spricht das Gesetz wohl,« sagte der Vogt, »doch ist's nicht Ernst gemeint, auch hat noch nie jemand dieses Recht gefordert.« – »Um so rühmlicher der,« sagte der Henker, »der da zuerst die Ehren begehrt, die einem scharfen Schwert und einem richtigen Hiebe gebühren! Ich, Franziskus Steinherz, will der erste Edle meines Gewerbes sein, so ich noch einen Ritter des Reiches werde hingefördert haben.« – »Du bist stets in meinen Diensten gewesen? Bist Du's nicht?« fragte der Hagenbacher. »Unter welch anderm Herrn,« versetzte der Scharfrichter, »hätte ich so fortwährender Uebung mich erfreuen können? Ich habe Euern Spruch an verdammten Sündern erfüllt, seit ich eine Geißel schwingen, die Folterbank regieren, und diese treue Waffe führen konnte, und wer mag sagen, ich tat je einen Fehlhieb oder hätte einen Nachhieb tun müssen?« »Du bist ein Gesell von besonderer Geschicklichkeit, ich leugne es nicht,« sagte der Hagenbacher. »Allein es kann nicht sein; fürwahr es kann nicht sein, daß ich soviel edles Blut hätte vergießen lassen.« – »Ich will Euch die Hingelieferten nach Stand und Namen aufzählen, edler Ritter,« fügte Franziskus, indem er eine Pergamentrolle hervorzog und unter nötigen Zusätzen herlas: »da war der Graf Willibald von Elverhoch – war mein Versuchsstück, ein süßer Junge, der wohl wie ein Christ starb.« – »Ich erinnere mich, er liebelte um meine Braut herum,« sagte Archibald. – »Herr Meinhard von der Stockenburg –« – »Er trieb mir mein Vieh weg,« warf der Ritter ein. – »Herr Ludwig von Riesenfeld –« fuhr der Rotmantel fort. – »Er wollte mein Weib verführen,« sprach der ehrenwerte Archibald. – »Die drei Jungherren von Lämmerburg, deren Vater Ihr an einunddemselben Tage kinderlos machtet –« »Weil er mich länderlos machte,« rief der Vogt, »damit war die Rechnung ausgeglichen. Du brauchst nicht weiter zu lesen,« fuhr er fort, »ich erkenne Dein Register an, obwohl es mit Buchstaben geschrieben ward, die allzusehr ins Rote spielen. Ich hätte diese drei Jungherren nur für eine Hinrichtung angerechnet.« – »Da hättet Ihr mir um so größeres Unrecht getan,« antwortete Franziskus, »denn sie erforderten drei tüchtige Hiebe dieses guten Schwertes.« »Sei es so, und Gott mit ihren armen Seelen!« sprach der Hagenbacher. »Dennoch muß Dein Ehrgeiz sich noch ein Weilchen schlafen legen, Scharfrichter; denn das Pack, das heute hierher kam, ist nur gut für Verließ und Halsstrick, vielleicht nur für Reckleiter oder Steigriemen; es ist keine Ehre bei ihnen zu gewinnen.« – Franziskus nahm sein der Scheide enthobenes Schwert vom Boden auf, reinigte es ehrfurchtsvoll vom Staube und zog sich zurück in einen Winkel des Gemaches, wo er sich, gelehnt auf den Griff der verderblichen Waffe, hinstellte. Fast in demselben Augenblick trat Kilian an der Spitze von fünf oder sechs Landsknechten ein, welche den älteren und jüngeren Philippson, deren Arme mit Stricken gebunden waren, zwischen sich führten. »Naht Euch meinem Stuhle,« sprach der Vogt und nahm hochfahrend an einem Tische Platz, auf welchem sich Schreibgerät befand. »Wer sind diese Männer, Kilian, und weshalb sind sie gebunden?« »Gefall es Euch, edler Ritter, mich anzuhören,« sagte Kilian mit einer Ehrfurcht in den Gebärden, die durchaus von dem an Vertraulichkeit grenzenden Tone abwich, in welchem er vorhin mit seinem Gebieter verkehrt hatte – »wie hielten es für geraten, daß diese beiden Fremdlinge nicht bewaffnet vor Euch erscheinen, und als wir am Tore von ihnen verlangten, uns ihre Wehr zu überliefern, wie es bei Grenzbesatzungen üblich ist, ließ dieser junge Gesell sich einfallen, Widerstand leisten zu wollen. Doch gestehe ich's zu, daß er auf Befehl seines Vaters sein Schwert übergab.« – »Das ist Lüge!« rief der jüngere Philippson; jedoch sein Vater gab ihm einen Wink, still zu sein. – »Edler Ritter,« sagte der ältere Philippson, »wir sind Fremdlinge und unbekannt mit den Regeln dieser Wartburg. Ihr werdet uns entschuldigen, da wir uns hart angegriffen sahen, ohne daß wir gewußt hätten, von wem solches geschah. Mein Sohn, der jung und unbedachtsam ist, zog sein Schwert, doch hielt er inne auf meinen Befehl, ohne einen Streich damit geführt zu haben. Was mich selbst anbelangt, so bin ich ein Handelsmann und gewohnt, mich den Zöllen des Landes zu unterwerfen, in welchem ich meinem Gewerbe nachgehe. Ich befinde mich in dem Besitztum des Herzogs von Burgund und weiß, daß dessen Verordnungen und Abgaben höchst billig und gerecht sein müssen. Der Herzog ist ein getreuer Bundesgenosse Englands, drum fürchte ich nichts unter seinem Banner.« »Hm! hm!« versetzte der Hagenbacher, den die Gelassenheit des Engländers ein wenig aus der Fassung brachte und dem vielleicht einfiel, daß der Herzog Karl von Burgund stets für einen gerechten, wenngleich strengen Fürsten gelten wollte. »Schöne Worte sind gut, machen aber selten schlimme Handlungen gut. Ihr habt das Schwert zum Aufruhr gezogen und Euch den Kriegsknechten des Herzogs widersetzt, als diese den Befehlen gehorchten, wie es ihnen als Wachhabenden geziemte.« – »Fürwahr, Herr,« antwortete Philippson, »das ist eine widernatürliche Auslegung einer ganz natürlichen Handlung. Doch mit einem Worte: so Ihr die Absicht hegt, streng sein zu wollen, so ist der Versuch, das Schwert in einer Grenzfeste zu ziehen, doch nur durch eine Geldstrafe zu büßen, und diese müssen wir demnach zahlen, wenn Ihr es verlangt.« – »Ein dummes Schaf, das freiwillig die Wolle hergibt,« flüsterte Kilian dem Scharfrichter zu. – »Die Wolle wird schwerlich als Lösegeld für seine Gurgel hinreichend sein, Herr Leibknapp,« antwortete Franziskus Steinherz, »denn seht nur, mir träumte in verwichener Nacht, daß unser Herr mich in den Adelstand erhob, und dieser Mann wird noch heute die Scheide meines guten Schwertes fühlen.« – »Du Narr,« sprach der Knappe. »Dies ist kein Edler, sondern ein schlichter englischer Bürgersmann.« – »Du täuschest Dich,« sagte der Scharfrichter, »und hast noch nimmer einen Mann gesehen, wenn es ans Sterben geht.« – »Hab ich nicht fünf Schlachtfelder gesehen?« versetzte Kilian. – »Dort erprobt sich nicht der Mut,« sprach der Scharlachmantel. »Alle Welt ficht, wenn's Mann gegen Mann geht. Der aber ist brav und edel, der einem Schafott und dem Henker, dessen gutes Schwert ihm die Seelenstärke hinwegmähen soll, so in das Angesicht blickt, als schaute er ein gleichgültig Ding; und solch ein Mann ist dieser dort. Gewiß ahnt er, was ihm bevorsteht, und weil er sich dabei so gelassen zeigt, so gibt er sich als Edelmann von Geblüt kund, oder ich selber will nie zum Adelstand erhoben sein.« – »Unser Herr scheint sich mit ihm verständigt zu haben, wie mich dünkt,« versetzte Kilian, »er blickt so lächelnd auf ihn.« – »Ist das der Fall, so schenkt mir nimmermehr Glauben,« sagte der Scharlachmantel, »es ist eine Glut in Herrn Archibalds Auge, die so gewiß auf Blut deutet, wie der Hundsstern Pestilenz weissagt.« Während die Helfershelfer Archibalds dergestalt geheime Zwiesprache fühlten, hatte ihr Gebieter die Gefangenen in eine Reihe verwickelter Fragen verflochten, und zwar in Betreff ihrer Geschäfte im Schweizerlande, ihrer Verbindung mit dem Landammann und der Ursache ihrer Reise nach Burgund, auf welches der Vater Philippson unumwundene und deutliche Antworten gab, ausgenommen auf die letzte Frage. – Er ginge, sagte er, nach Burgund wegen eines Handels – seine Waren ständen zur Verfügung des Vogts, der sie alle oder einen Teil derselben anhalten möchte, falls er solches bei seinem Gebieter verantworten könnte. Jedoch sein Geschäft mit dem Herzog wäre von geheimer Art, indem es gewisse besondere Handelsgegenstände beträfe, welche sowohl andere Personen als ihn selbst angingen. Dem Herzog allein, erklärte er, könnte er die Sache mitteilen, und er stellte dem Vogte ausdrücklich vor, daß, so er seiner Person oder der seines Sohnes irgend ein Uebel täte, des Herzogs strenges Mißfallen die unausbleibliche Folge davon sein würde. Der Hagenbacher geriet durch den festen Ton seines Gefangenen in Verlegenheit und sprach mehr als einmal dem Humpen zu, der in besonders schwierigen Fällen sein nimmerfehlendes Orakel zu sein pflegte. Bereitwillig hatte Philippson dem Vogt ein Verzeichnis oder eine Faktura seiner Waren überliefert, welches so einladender Natur war, daß Herr Archibald dasselbe gleichsam verschlang. Nachdem er eine Zeitlang in tiefem Nachsinnen zugebracht hatte, erhob er das Haupt und sprach: »Ihr müßt wissen, Herr Handelsmann, es ist des Herzogs Wille, daß keine Schweizer Handelsware durch seine Besitzungen gelangen soll. Weil Ihr aber nach Eurer eigenen Aussage eine Zeitlang in der Schweiz verweiltet, auch eine Schar Männer zu Begleitern hattet, die sich eine helvetische Gesandtschaft nennen, bin ich vollauf berechtigt, zu glauben, daß diese wertvollen Gegenstände eher das Eigentum der Schweizer, als das eines einzelnen, so armselig wie Ihr einherschreitenden Mannes sind. Wenn ich Euch eine Geldstrafe als Buße auferlege, so sind dreihundert Goldstücke keine übertriebene Sühne für solche Ränke. Zahlt diese, und Ihr könnt mit Euren Waren weiter wandern, vorausgesetzt, daß Ihr sie nicht nach Burgund hin bringt.« – »Aber eben nach Burgund und an des Herzogs Hoflager geht ausdrücklich mein Weg,« sprach der Engländer. »Gelange ich nicht dahin, so ist mein Tagewerk zugrunde gerichtet und das Mißfallen des Herzogs denjenigen gewiß, die solches verursachten. Dazu gebe ich Euch zu bedenken, edler Herr, daß Euer gnädiger Fürst und Herzog bereits um meine Reise weiß und streng nachforschen wird, wo und durch wen ich aufgehalten wurde.« Der Vogt schwieg abermals, indem er nachsann, wie er am besten seine Raubgier befriedigen könnte, ohne seine eigene Sicherheit zu gefährden. Nach etlichen Minuten des Schweigens redete er seinen Gefangenen wieder an: »Du redest sehr bestimmt, mein guter Freund, allein meine Befehle, Waren, die aus der Schweiz kommen, anzuhalten, sind nicht minder deutlich. Wie nun, wenn ich Dein Maultier mit seinem Gepäck konfisziere?« – »Lasset mir nur mein bares Geld,« antwortete der Engländer, »ohne das ich sonst nicht wohl an das Hoflager des Herzogs gelangen kann, und ich will auf meine Waren nicht mehr hinblicken, als der Hirsch nach den Geweihhörnern schaut, die er im verwichenen Jahre abwarf.« Der Vogt zu La Ferette blickte abermals voller Zweifel auf und schüttelte den Kopf. – »Männern, die sich in einer Lage befinden wie Du, ist nicht zu trauen. Die Waren, die für des Herzogs eigene Hand bestimmt sind – worin bestehen sie?« – »Sie sind versiegelt,« sprach der Engländer. – »Trägst Du sie bei Dir?« fragte der Vogt, »Bedenke wohl, was Du antwortest – blick umher und sieh die Marterwerkzeuge, die einen Stummen zum Sprechen bringen könnten, und erwäge, daß ich Macht habe, sie anwenden zu lassen!« –»Und ich habe den Mut, sie zu ertragen,« antwortete Philippson mit derselben unerschütterlichen Kälte, die er während der ganzen Verhandlung bewahrt hatte. »Auch bedenke,« sprach der Hagenbacher, »daß ich Deine Person ebenso genau wie Deine Felleisen und Beutel durchsuchen lassen kann.« – »Ich vergesse nicht, daß ich gänzlich in Deiner Gewalt bin, und damit ich Dir keinen Vorwand lasse, Zwangsmittel gegen einen friedfertigen Reisenden anzuwenden, so will ich Dir bekennen,« sagte Philippsun, »daß ich das Päckchen für den Herzog im Busen unter meinem Wams trage,« – »Hol es hervor!« herrschte der Vogt ihn an. – »Das erlaubt mir weder die Ehre noch die Fessel. Durch beides sind mir die Hände gebunden,« entgegnete Philippson. »Zieh es aus dem Wamse hervor, Kilian!« sprach Archibald, »laß uns den Kram sehen, von dem er schwatzt.« – »Könnte Widerstand hier frommen,« entgegnete der kecke Handelsmann, »Ihr solltet mir eher das Herz aus der Brust reißen. Doch bitte ich alle, die anwesend sind, wahrzunehmen, daß die Siegel alle ganz und unverletzt sind, bis zu dem Augenblicke, wo man mir das Päckchen gewaltsam abnimmt.« Indem er dies sagte, blickte er umher auf die Landsknechte, an die Hagenbach gar nicht mehr zu denken schien. – »Wie, Hund!« rief Herr Archibald, indem er seinem Grimm freien Lauf ließ, »willst Du Meuterei unter meinen Reisigen erregen? Kilian, laß die Knechte draußen harren.« –Indem er dies sagte, steckte er flugs unter sein eigenes Gewand das kleine, jedoch eigentümlich zusammengebundene Päckchen, das Kilian dem Engländer unter dem Wamse weggenommen hatte. Die Reisigen zogen ab, jedoch zögernd, indem sie rückwärts schauten, gleich Kindern, die man von einem Schauspiele entfernt, ehe es noch zu Ende ist. »So, Bursch!« begann jetzt der Hagenbacher wieder. »Nun sind wir unter uns. Willst Du nun ebenen Bodens mit mir gehen und gerade heraus sagen, was in diesem Päckchen ist, und von wannen es kommt?« – »Könnte Eure gesamte Turmwache in diesem Gemache versammelt werden, ich vermöchte doch nur zu antworten, wie vorhin. Den Inhalt kenne ich nicht – und die Person, von der ich gesendet ward, werde ich nimmer nennen.« – »So wird vielleicht Euer Sohn gefälliger sein,« sagte der Vogt. – »Er kann Euch nicht sagen, was er selbst nicht weiß,« sagte der Handelsmann. »Vielleicht verleiht die Streckleiter Euch beiden Sprache, und wir wollen sie zunächst an dem jungen Burschen versuchen, Kilian. Wir haben Männer gesehen, die ihre eigenen alten Sehnen mit Standhaftigkeit dem Marterwerkzeuge preisgegeben hätten, aber doch zusammenschauderten, als sie die ausgerenkten Gelenke ihrer Kinder erblickten,« – »Ihr mögt den Versuch machen,« sagte Arthur, »und der Himmel wird mir Kraft zur Ausdauer geben.« – »Und mir Mut zum Anschauen!« sprach der Vater. Währenddessen kehrte und wendete der Vogt das Päckchen in der Hand herum und erforschte neugierig jede Falte desselben, doch hinderte ihn das Siegel daran, die Beschaffenheit des Schatzes zu erkennen, der zuverlässig darin enthalten war. Endlich rief er die Reisigen wieder herein, übergab ihnen die beiden Gefangenen und befahl, sie getrennt von einander zu halten und besonders auf den Vater ein wachsames Auge zu haben. »Ich nehme Euch alle hier zu Zeugen,« rief der ältere Philippson, indem er die drohenden Gebärden des Hagenbachers verachtete, »daß der Vogt mir ein Päckchen genommen hat, das an seinen allergnädigsten Herrn und Fürsten, den Herzog von Burgund, gerichtet ist.« – Der Vogt von La Ferette schäumte vor Wut. – »Und sollt ich's nicht zu mir nehmen?« rief er mit einer vor Grimm tonlosen Stimme. »Kann nicht irgend eine höllische Bündlerei gegen das Leben unseres allergnädigsten Herrn mittels Giftes und dergleichen in diesem verdächtigen Päckchen verborgen stecken, dessen Ueberbringer höchst verdächtig ist? Und sollen wir, die wir, wie ich wohl sagen darf, den Eingang zu den Staaten des Herzogs hüten, etwas hineinlassen, das imstande sein könnte, Europa des Stolzes seiner Ritterschaft, Burgund seines Fürsten und Flandern seines Vater zu berauben? – Nein, hinweg mit diesen Uebeltätern, Ihr Knechte! hinab mit ihnen in die tiefsten Verliehe!« So raste Herr Archibald Hagenbach mit erhobener Stimme und flammendem Angesicht, indem er sich der blinden Leidenschaft des Zornes hingab, bis die Schritte der Kriegsknechte und das Geklirr ihrer Waffen nicht mehr hörbar waren. Als er nun allein war mit Kilian und dem Rotmantel, der fortwährend im Hintergrunde stand, ward er bleicher, als es ihm sonst zu geschehen pflegte, seine Stirn zog sich in angstvolle Furchen, und mit leiser Stimme wendete er sich an seinen Knappen. – »Kilian, wir stehen auf schlüpfrigem Brette, und neben uns brauset ein Sturm. Was ist zu tun?« »Ei, vorwärts, mit entschlossenem, jedoch klugem Schritte,« antwortete der listige Kilian. »Es ist widerwärtig, daß alle diese Burschen das Päcklein gesehen haben und von dem stahlnervigen Hausierer zu Zeugen aufgerufen worden sind. Wie die Dinge stehen, wird es in jedem Fall heißen, Ihr hättet die Siegel aufgebrochen; denn wenn Ihr das Ding auch unversehrt, wie es von Anbeginn war, zurückgebt, so wird man doch argwöhnen, Ihr hättet die Siegel schlau wieder darauf getan. Laßt uns also sehen, was das Päcklein enthält, bevor wir beschließen, was mit demselben anzufangen sei. Die Sachen darin müssen von seltsamem Werte sein, da der schurkische Handelsmann alle anderen Waren hingeben wollte, nur um dieses kostbare Päcklein zu behalten.« – Der Hagenbacher sagte nichts weiter, sondern zerschnitt die Fäden des Päckchens, das er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte, und indem er die Umwickelung abnahm, kam ein kleines Kästchen aus Sandelholz zum Vorschein. – »Der Inhalt,« sprach er, »kann kaum viel mehr wert sein, da er in so kleinem Behältnisse ruht.« – Indem er dies sagte, drückte er an eine Feder, und das aufspringende Kästchen zeigte einen Halsschmuck von Diamanten, die sich durch Glanz und Größe auszeichneten und, wie es schien, von außerordentlichem Werte waren. – Die Augen des geizigen Vogts und seines nicht minder raubsüchtigen Knechtes wurden von dem ungewöhnlichen Glanze so geblendet, daß beide eine Zeitlang nichts als Freude und Ueberraschung ausdrücken konnten. »Potztausend,« sagte Kilian, »der starrköpfige alte Gesell hatte guten Grund zu seiner Keckheit. Meine eigenen Gelenke hätten etliche Angriffe abgehalten, bevor ich solches Gefunkel, wie dies da, herausgegeben haben würde. – Und jetzt, Herr Archibald, wie gedenkt Ihr, diese Beute zwischen dem Herzog und dessen Vogt zu teilen?« – »Traun, wir wollen annehmen, Kilian, die Besatzung sei erstürmt worden, und in einem Sturme nimmt, wie Du weißt, der erste Finder alles – versteht sich mit geziemender Rücksicht auf seine Begleiter.« »Deren ich einer bin, zum Exempel,« rief eine Stimme aus dem fernen Winkel des Gemaches. – »Still, wir werden behorcht!« sprach der Vogt auffahrend, indem er die Hand an den Dolch legte. – »Nur von einem treuen Begleiter,« sagte der Scharfrichter, indem er langsam hervorschlich. – »Schurke, was belauerst Du mich hier?« sprach Archibald von Hagenbach. »Beunruhigt Euch darob nicht, Herr Ritter,« sagte Kilian. »Der ehrliche Steinherz hat keine Zunge zum Reden, kein Ohr zum Hören, als nur zu Eurem Gefallen. In der Tat müssen wir ihn zu Rate ziehen, denn jene beiden Männer müssen bald aus der Welt geschafft werden.« »Freilich,« sprach der Ritter; »tote Leute haben weder Zähne noch Zunge, sie beißen nicht und erzählen keine Geschichten. Du wirst die beiden abtun, Scharfrichter.« – »Ich will's, Herr, unter der Bedingung, daß, wenn sie im Verließ abgetan werden müssen, die Hinrichtung mir angerechnet werde, als hätte ich in echtem und gerechtem Amte den Streich an hellem Tage mit dieser meiner guten Klinge geführt.« Hagenbach starrte den Rotmantel an, als verstände er nicht, was dieser meinte; worauf Kilian erklärte, daß der Scharfrichter infolge des freimütigen, furchtlosen Benehmens, welches der ältere Gefangene zeigte, des festen Glaubens lebe, derselbe sei ein Mann von edler Geburt. – »Er mag recht haben!« sprach Archibald, »denn hier findet sich ein Streiflein Pergament, worauf der Ueberbringer dieses Halsgeschmeides dem Herzoge empfohlen, auch dieser gebeten wird, den Boten in alledem Glauben zu schenken, was derselbe ihm im Namen derer sagen wird, die ihn sendeten.« – »Von wem ist das Brieflein unterzeichnet?« sprach Kilian. –»Es steht kein Name auf dem Blatte, man muß vermuten, daß der Herzog denselben aus den Steinen oder vielleicht aus der Handschrift erkennt.« – »An keinem von beiden wird er sobald Gelegenheit haben, seinen Scharfsinn zu üben,« sprach Kilian. – »Doch wolltet Ihr nicht lieber die Hinrichtung dieser beiden Männer so lange verschieben, bis dieselben erst über die Schweizer Gefangenen ausgesagt haben, die dann sofort in unserer Gewalt sein werden?« – »Es geschehe, wie Du sagst,« antwortete Hagenbach, indem er mit der Hand abwehrte, als legte er irgend ein unangenehmes Ding beiseite. »Doch laß mich nichts eher wieder davon hören, als bis alles abgetan ist.« Die finsteren Satelliten gelobten Gehorsam, und der Blutrat ging auseinander. Mit einer, groben Verbrechern nicht ungewöhnlichen Seelenschwäche schauderte Hagenbach vor dem Gedanken an seine eigene Niederträchtigkeit und Grausamkeit zurück und war bemüht, das Gefühl der Schande von sich zu bannen, indem er die unmittelbare Ausführung seiner Untat auf seine ihm untergebenen Helfershelfer wälzte. Fünfzehntes Kapitel. Der Kerker, in welchem der jüngere Philippson sich befand, war eines jener düsteren Verließe, die Schmach über die Unmenschlichkeit unserer Vorfahren herabrufen. Sie scheinen keinen Unterschied zwischen Schuld und Unschuld gemacht zu haben, da die Folgen einer bloßen Anklage in jenen Tagen weit schwerer waren, als es in unseren Tagen die wirkliche Gefangenschaft für ein erwiesenes und strafbares Verbrechen ist. Die Zelle Arthur Philippsons war sehr lang, doch dunkel und enge, sie war in den festen Felsen gehauen, der das Fundament des Wartturms bildete. Eine kleine Lampe war dem Gefangenen gewährt worden; allein seine Arme waren noch immer gebunden; und als er einen Trunk Wasser begehrte, antwortete einer der grimmigen Schergen, von denen er in den Kerker geführt wurde, die paar Stunden, die er noch zu leben hätte, könnte er wohl dursten. Bei dem matten Schimmer des Lämpchens fand er den Weg zu einer Bank oder einem plumpen, in den Fels gehauenen Sitz; und da seine Augen allmählich an die Dunkelheit sich gewöhnten, fand er eine schaurige Spalte im Boden seines Gefängnisses, die einer Falltür glich, allem Anscheine nach die Mündung eines Schlundes, den die Natur unter leichter Nachhilfe menschlicher Kunst hier gebildet hatte. »Hier also ist mein Totenbett,« sprach er, »und jener Abgrund vielleicht das Grab, das meinem Leichnam entgegengähnt. Ja, ich habe erzählen hören, wie man Gefangene lebendigen Leibes in solche scheußliche Kluft hinabstürzte, so daß sie unten, wo ihr Wimmern ungehört verklang, mit zerschelltem Leibe, jämmerlich ums Leben kommen mußten.« Er beugte das Ohr zu der entsetzlichen Spalte und hörte in grauser Tiefe das Geheul eines brausenden und, wie es schien, unterirdischen Stromes. Die lichtlosen Wogen schienen nach ihrem Opfer herauf zu brüllen. Der Tod ist jedem Alter furchtbar; doch in der Blüte der Jugend, wo alle Empfindungen für die Freuden des Lebens rege sind und nach Befriedigung sich sehnen, gewaltsam von der Tafel hinweggerissen zu werden, an der der Mensch sich soeben niedergesetzt hat, ist ganz besonders entsetzlich; selbst wenn es auf gewöhnlichem Wege der Natur geschieht. Allein gleich dem jüngeren Philippson am Rande eines unterirdischen Abgrundes zu sitzen und im gräßlichen Zweifel über die Art und Weise des über ihn verhängten Todes zu grübeln, war ein Zustand, der auch den Mut des Kühnsten hätte erschüttern mögen, und der unglückliche Gefangene war gänzlich unfähig, die Tränen zurückzuhalten, die stromweise aus seinen Augen flossen und die er mit gebundenen Händen nicht abzutrocknen vermochte. Wir haben bereits dargetan, daß Arthur ein wackerer junger Mann war, der in allen Gefahren sich beherzt, bedacht, tatkräftig und ausdauernd zeigte. In dieser Lage aber, in so hilfloser Ungewißheit, in der die Einbildungskraft ihm alle möglichen Schrecken vormalte, ohne ihm einen einzigen Weg zur Rettung zu zeigen, brach seine Kraft zusammen. Bei alledem waren die Gefühle bei Arthur Philippson nicht selbstsüchtiger Natur. Sie richteten sich auf seinen Vater, dessen biederer, edler Charakter Ehrfurcht erweckte, dessen endlose väterliche Sorgfalt und Zuneigung Liebe und Dankbarkeit verdienten. Und auch dieser rechtschaffene Vater war in den Händen gewissenloser Schurken, die entschlossen waren, ihren Raub unter heimlichen Morde zu verbergen! Arthur gedachte an die schwindelnd hohe Felsspitze des Geiersteins und an den grimmen Raubvogel, der ihn angestarrt hatte, seiner Beute gewiß. Hier war kein Engel, der durch den Nebel gedrungen wäre und ihn auf den Pfad der Sicherheit geführt hätte, hier in dieser unterirdischen Kluft herrschte ewiges Düster, bis zu dem Augenblicke, wo der Gefangene das Messer des Mörders im Schimmer der Lampe blitzen sähe. Diese Ermattung seiner Seele dauerte solange, bis das Fühlen und Denken des unglücklichen Gefangenen zur Raserei ausartete. Er fuhr auf und rang so gewaltsam mit seinen Banden, um sich von ihnen zu befreien, daß man hätte glauben wollen, sie wären von ihm abgefallen wie von den Armen des mächtigen Nazareners. Allein die Stricke waren zu fest angezogen, und nach fast übermenschlichem, wiederholt vergeblichem Kampfe, bei welchem die Stricke ihm das Fleisch zerschnitten, verlor der Gefangene das Gleichgewicht und fiel gewaltsam zu Boden, indem ihn der Schauergedanke durchrieselte, daß er rücklings in den unterirdischen Schlund hinabstürzte. Glücklich entging er der Gefahr, jedoch nur mit so genauer Not, daß sein Kopf gegen die niedrige, zertrümmerte Umfriedigung stieß, von welcher die Mündung des entsetzlichen Schlundes zum Teil umgeben war. Hier lag er sinn- und regungslos und befand sich, da bei seinem Fallen die Lampe erloschen war, in völliger Finsternis. Ein knallendes Getöse brachte ihn wieder zur Besinnung. – »Sie kommen, sie kommen, die Mörder! O, Mutter der Gnade! o, allerbarmender Himmel, vergib mir meine Schuld!« – Er blickte auf und sah mit verglasten Augen, daß eine schwarze Gestalt sich ihm näherte, die ein Messer in der einen, eine Fackel in der andern Hand hielt. Wohl hätte man meinen mögen, der Hereinschreitende wäre derjenige, der das letzte Werk an dem unglücklichen Gefangenen tun sollte. Doch er kam nicht allein. Seine Fackel beleuchtete das weiße Gewand eines weiblichen Wesens, und im matten Lichtscheine erkannte Arthur eine Gestalt und Gesichtszüge, deren er nimmer vergessen konnte, obwohl er sie jetzt unter Umständen vor sich sah, wo er sie zu schauen am wenigsten erwarten konnte. »Kann es möglich sein?« murmelte er erstaunt, »hat sie wirklich die Macht eines Elementargeistes? Hat sie diesen finsteren Dämon heraufbeschworen, daß er sich mit ihr vereine, mich zu befreien?« Es schien, als wäre seine Mutmaßung Wirklichkeit; denn die schwarze Gestalt, die die Fackel Anna von Geierstein, oder doch der, der Anna völlig ähnlichen Erscheinung reichte, beugte sich über den Gefangenen und zerschnitt die Stricke, die ihm die Arme gebunden hielten. Arthurs erster Versuch, sich vom Boden zu erheben, mißlang, und zum zweitenmal war es die Hand Annas von Geierstein, die ihm half aufzustehen und ihn unterstützte, wie sie es damals getan hatte, als der Waldstrom zu beider Füßen donnerte. Ihre Berührung brachte eine Wirkung bei dem Jünglinge hervor, wie der leichte Beistand mädchenhafter Körperstärke es niemals vermocht hätte. Mut ward seinem Herzen, Regsamkeit seinen erstarrten und zerschundenen Gliedmaßen wiedergegeben; so gewaltig vermag die menschliche Seele, wenn sie in ihren Empfindungen gesteigert wird, ihren Einfluß auf die Schwächen des menschlichen Lebens geltend zu machen. Allein die Worte erstarben in des Jünglings Munde, als die geheimnisvolle weibliche Gestalt ihren Finger auf ihre Lippen legte, ihm ein Zeichen gab zu schweigen und ihm zu gleicher Zeit winkte, ihr zu folgen. Er gehorchte in schweigendem Erstaunen. Sie schritten durch den Eingang des dunklen Kerkers und durch etliche kurze, sich kreuzende Gänge, die an einigen Stellen in den Fels gehauen, an andern aus Quadersteinen angelegt worden waren und wahrscheinlich zu ähnlichen Verließen leiteten. Bei dem Gedanken, sein Vater sei in einen solchen Kerker gesperrt, blieb der junge Philippson stehen, als er an dem Fuß einer schmalen Wendeltreppe angelangt war, die dem Anscheine nach aus dieser Region des Gebäudes führte. »Kommt,« sagte er, »teuerste Anna, führt mich, daß ich meinen Vater befreie. Ich darf ihn nicht verlassen.« – Die Gestalt schüttelte ungeduldig das Haupt und winkte dem Jüngling abermals. – »Wenn Eure Macht sich nicht so weit erstreckt, meines Vaters Leben zu retten, so will ich bleiben, ihn retten oder sterben! Anna, teuerste Anna«! – Sie antwortete nicht, allein ihr Begleiter entgegnete mit einer dumpfen Stimme, die seinem düstern Aeußern völlig entsprach: »Junger Mann, redet mit denen, denen es gestattet ist, Euch Antwort zu geben; oder besser noch, schweigt und hört auf meine Weisungen, die einzig und allein Euch dahin führen können, Eurem Vater Freiheit und Sicherheit zu verschaffen.« Sie stiegen die Treppe hinan, indem Anna von Geierstein voranging, während Arthur ihr auf dem Fuße folgte. Er hatte nicht viel Zeit, über ihre Anwesenheit oder ihr Wesen zu grübeln, indem das Mädchen mit leichteren Tritten die Treppe hinanschwebte, als er ihr zu folgen vermochte, so daß er sie nicht mehr erblickte, als er die oberste Stufe erreichte. Ob sie aber in die Luft entschwebte oder in einem der Seitengänge verschwunden war, diese Frage zu beantworten, blieb ihm auch nicht ein Augenblick Zeit übrig. »Dies ist Euer Weg,« sagte sein finsterer Führer, indem er das Licht auslöschte, Philippsons Arm ergriff und ihm durch eine lange, dunkle Galerie voranschritt. Den Jüngling wandelte allerdings eine vorübergehende Furcht an; denn er gedachte der unheimlichen Blicke seines Führers und daß dieser mit einem Dolche bewaffnet war, den er ihm plötzlich hätte ins Herz stoßen können. Doch konnte er auch wiederum nicht glauben, daß er von jemand, den er mit Anna von Geierstein hatte kommen sehen, Verräterei zu fürchten hätte; und entschlossen überließ er sich seinem Führer, der mit leisen Schritten vorwärts ging und ihn, flüsternd ermahnte, ein gleiches zu tun. »Hier,« sprach er endlich, »endet unsere Wanderung.« – Bei diesen Worten öffnete er eine Türe, und sie traten in ein düsteres gotisches Gemach, das mit großen eichenen Wandschränken ausgestattet war, in denen sich dem Anscheine nach Bücher und Handschriften befanden. Als Arthur umherblickte, geblendet von dem plötzlich ihm entgegenstrahlenden Tageslicht, war die Tür nicht mehr zu sehen, durch die sie eingetreten waren. Dies überraschte ihn jedoch nicht sehr, da er wahrnahm, daß die Tür die Gestalt der umherstehenden Schränke haben mochte und also, nachdem sie geschlossen, von diesen nicht mehr zu unterscheiden war. Jetzt konnte er auch seinen Befreier genau betrachten, der, beim Lichte des Tages besehen, die Gestalt und Kleidung eines Geistlichen zeigte, ohne das mindeste von jenem übernatürlichen Schauer einzuflößen, den er im Dämmerlichte und in der schreckensvollen Umgebung des Kerkers dem Jüngling verursacht hatte. Freier atmete der junge Philippson, gleich einem Menschen, der aus scheußlichem Traume erwachte; und die gespenstischen Eigenschaften, die seine Einbildungskraft Anna von Geierstein zugeschrieben hatte, begannen zu schwinden, so daß er imstande war, seinen Befreier also anzureden: »Damit ich, frommer Vater, meinen Dank darbringen möge, so laßt mich von Euch erfahren, wo Anna von Geierstein –« – »Redet von dem, was zu Euch und dem Eurigen gehört,« antwortete der Priester so rasch wie vorhin. »Habt Ihr so schnell Eures Vaters Gefahr vergessen?« – »Beim Himmel, nein!« erwiderte der Jüngling, »sagt mir nur, was ich tun soll, um ihn zu befreien, und Ihr sollt sehen, wie ein Sohn für seinen Vater zu fechten vermag!« – »So ist's recht, denn so ist's nötig,« sprach der Priester. »Lege dies Gewand an und folge mir.« – Das dargereichte Gewand war das eines Novizen. – »Ziehe die Kappe über Dein Gesicht,« sagte der Geistliche, »und antworte keinem, wer Dir auch begegne. Ich werde sagen, Du hättest ein Gelübde getan. Möge der Himmel dem unwürdigen Tyrannen vergeben, der uns zu einer so unheiligen Verstellung zwingt! Folge mir auf dem Fuße und gib acht, daß Du kein Wort redest.« Das Kleid war rasch angelegt, der Pfarrherr von St. Paul, denn das war der Geistliche, schritt weiter, und Arthur folgte ihm, wobei er, so gut er es vermochte, den bescheidenen Gang und das demütige Benehmen eines Klosternovizen nachahmte. Als sie die Bücherei oder das Studiergemach verlassen hatten und eine kurze Treppe hinabgestiegen waren, befand sich Arthur Philippson auf einer Straße von La Ferette. Er konnte dem Drang zurückzublicken nicht widerstehen, hatte jedoch nur soviel Zeit zu sehen, daß das Haus, das er verlassen, ein sehr kleines Gebäude im gotischen Geschmack war, an dessen einer Seite sich die St. Pauls-Kirche erhob, an dessen anderer Seite aber das finstere, schwarze Torgebäude oder der Eingangsturm stieß. »Folge mir, Melchior,« sagte mit dumpfer Stimme der Priester. Seine blitzenden Augen waren dabei auf den vermeintlichen Novizen gerichtet, und ein Blick derselben erinnerte unsern Arthur augenblicklich daran, sich seinem Stande gemäß zu benehmen. – Sie schritten weiter, ohne daß jemand auf sie achtete, außer daß man den Pfarrherrn schweigend und ehrfurchtsvoll, bisweilen auch wohl murmelnd grüßte, bis, als sie fast die Mitte des Oertchens erreicht hatten, der Führer plötzlich von der geraden Straße ablenkte und, nordwärts sich einem kurzen Gäßchen zuwendend, eine Stufenreihe erreichte, die, wie es in befestigten Städten häufig der Fall ist, zu einem Wege hinter den mit einem Türmchen besetzten Brustwehren führte. Auf den Wällen befanden sich Schildwachen; allein die Posten waren, wie es schien, keine Kriegsknechte, sondern Bürger, die einen Spieß oder ein Schwert in der Hand trugen. Der erste Wachhabende, an dem sie vorübergingen, flüsterte dem Geistlichen zu: »Geht alles gut?« – »Es geht,« erwiderte der Pfarrer von St. Paul. – » Benedicite! « – » Deo gratias! « antwortete der bewaffnete Bürger und schritt wieder auf und ab. Die übrigen Schildwachen schienen es zu vermeiden, die Vorübergehenden anzublicken, denn sie zogen sich zurück, als diese ihnen näher kamen, oder gingen an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen. Endlich leitete ihr Gang sie zu einem alten Turme, der das Haupt hoch über den Wall erhob, in einer entlegenen Ecke fühlte eine kleine Tür auf die Brustwehr hinaus. In einer gut bewachten Festung steht an solch einem Ausgang stets eine Schildwache; hier war jedoch keine wahrzunehmen. »Jetzt habt acht!« sprach der Pfarrer, »denn Eures Vaters Leben und, wie es wohl der Fall sein mag, noch manches anderen Menschen Leben hängt von Eurer Aufmerksamkeit und nicht minder von Eurer Hurtigkeit ab. – Könnt Ihr laufen? – Könnt Ihr springen?« – »Ich fühle keine Ermüdung mehr, ehrwürdiger Vater, seit Ihr mich befreit habt,« antwortete Arthur, »und der schwarzbraune Hirsch, den ich oftmals jagte, soll's mir nicht im Rennen zuvor tun.« – »Sieh Dir diesen Turm an,« fuhr der schwarze Priester von St. Paul fort: »eine Treppe führt darin zu einer kleinen Ausfallpforte. Ich bringe Dich in den Turm. Die Pforte ist von innen nicht verschlossen. Durch sie gelangst Du in den fast ganz trocknen Graben. Bist Du über den Graben hinweg, so befindest Du Dich im Bezirk der Außenwerke. Du wirst Schildwachen erblicken – sie aber werden Dich nicht sehen – rede nicht mit ihnen, sondern suche Deinen Weg über die Spitzpfähle, so gut Du's eben vermagst. Ich denke, Du wirst über einen unbesetzten Wall klettern können.« – »Ich habe schon einen Wall erstiegen, der besetzt war,« sagte Arthur. »Was liegt mir ferner ob? All dies ist leicht.« – »Du wirst vor Dir ein Dickicht sehen, eile dorthin, so schnell Du kannst. Bist Du dort, so wende Dich ostwärts, allein sieh Dich bei Deinem Laufe nach dieser Richtung vor, daß Du nicht von den burgundischen Freisassen gesehen wirst, die auf jenem Teile des Walles Wache stehen. Ein Hagel von Pfeilen ereilt Dich sonst, eine Schar Reiter setzt Dir nach, und ihre Augen sind gleich denen des Aars, der aus der Ferne seine Beute erspäht. Jenseits des Dickichtes wirst Du einen Fußpfad oder vielmehr einen Schafsteig finden, auf dem Du die Heerstraße erreichst, die von La Ferette nach Basel führt. Eile Dich, daß Du die Schweizer triffst, die heranziehen. Sage Ihnen, daß Deines Vaters Stunden gezählt sind, und daß sie sich sputen müssen, wenn sie ihn retten wollen, sage auch dem Rudolf von Donnersberg im geheimen, daß der schwarze Priester von St. Paul am nördlichen Ausfallpförtcheu seiner harrt, um ihn den Segen zu erteilen. Verstehst Du mich?« – »Vollkommen!« antwortete der Jüngling. Der Pfarrer von St. Paul stieß nun das niedrige Tor des Turmes auf, und Arthur war schon bereit, die Treppe, die vor ihm lag, hinabzueilen, – »Halt, noch einen Augenblick,« sagte der Geistliche, »leg das Novizenkleid ab, das Dir nur beschwerlich sein kann.« – Im Nu warf er es von sich und wollte hinabeilen. »Noch einen Augenblick!« fuhr der schwarze Priester fort. »Dieses Gewand könnte zum Verräter werden – halt also, und hilf mir mein Oberkleid ausziehen.« Innerlich glühend vor Ungeduld, sah Arthur dennoch ein, daß er seinem Führer gehorchen müsse; und als er ihm das lange, weite Obergewand hatte ablegen helfen, sah er den Greis in einem Rock von schwarzer Serge, wie Geistliche ihn zu tragen pflegen, vor sich stehen; doch war der Pfarrherr nicht mit einem seinem Stande zukommenden Gürtel bekleidet, sondern trug ein ganz ungeistliches Gehänge, in welchem ein kurzes doppelschneidiges Schwert steckte, das sich zum Hiebe wie zum Stiche eignete. – »Jetzt gib mir das Novizenkleid,« sagte der ehrwürdige Pater, »und über dasselbe ziehe ich sodann meinen Priesterrock. Da ich für den Augenblick etliche Kennzeichen eines Laien an mir trage, so ist es rätlich, sie mit einem gedoppelten geistlichen Gewand zu verdecken.« – Bei diesen Worten lächelte er grinsend, und sein Lächeln war weit erschreckender und abstoßender als die ernsten Runzeln auf seiner Stirn, die besser zu seinen Gesichtszügen paßten, »Und nun,« fragte er dann, »welcher Narr säumt, wenn Leben und Tod von seiner Eile abhängen?« Der junge Bote wartete keinen zweiten Wink ab, sondern sprang die Treppe hinunter, als hätte sie nur eine einzige Stufe gehabt, fand die Pforte, wie der Priester ihm gesagt hatte, nur verriegelt, hatte sie im Handumdrehen geöffnet und schritt weiter zu dem sumpfigen Graben. Ohne erst zu untersuchen, ob er tief oder flach wäre, ja, fast ohne des Schlammes zu achten, bahnte sich der junge Engländer einen Weg und erreichte die entgegengesetzte Seite, ohne die Aufmerksamkeit zweier wackeren Bürger von La Ferette zu erregen, die diesen Punkt zu bewachen hatten. Als Arthur sah, daß er, wie der Priester es ihm vorher gesagt hatte, nichts von der Wachsamkeit dieser Posten zu befürchten hätte, sprang er an den Palisaden hinauf, in der Hoffnung, den Rand oben zu fassen und mit einem kühnen Satz sich hinüber zu schwingen. Doch dabei überschätzte er seine Kräfte, oder diese waren durch die jüngst erlittene Kerkerhaft geschwächt worden. Er fiel rücklings auf den Boden, und als er sich wieder aufrichtete, gewahrte er in der Nähe einen in Gelb und Blau, die Leibfarben des Hagenbachers, gekleideten Kriegsknecht, der auf ihn losgerannt kam und den trägen und unaufmerksamen Schildwachen zurief: »Paßt auf! paßt auf, Ihr faulen Schweine! Haltet den Hund auf, oder Ihr seid beide des Todes!« Der Bürger, der zunächst war, zog sein Schwert, schwang es und näherte sich mit sehr gemäßigter Eile unserm Flüchtling. Der zweite war jedoch weit unglücklicher, denn in seiner Eile, seiner Pflicht nachzukommen, rannte er, als sei es ganz unabsichtlich, dem Kriegsknechte gerade in den Weg. Letzterer, der aus Leibeskräften lief, erlitt von dem Bürgersmann einen so heftigen Stoß, daß beide zu Boden fielen. Da aber der Bürger ein derber, wohlbeleibter Mann war, so blieb er da liegen, wo er hingefallen war, während der Krieger über den Rand des Grabens hinrollte und im Schlamm und Sumpf versank. Die Bürger schritten bedächtig heran, um dem unwillkommenen Soldaten Beistand zu leisten, während Arthur, angespornt durch das Bewußtsein, daß Gefahr im Verzuge sei, mit mehr Geschicklichkeit und Kraft als vorhin über die Palisaden hinwegsetzte und auf dem ihm bezeichneten Wege mit größter Eile und Umsicht den Schutz der naheliegenden Gebüsche suchte. Er erreichte sie, ohne irgend welchen Lärm von den Wällen her zu vernehmen. Doch wußte er recht wohl, daß seine Lage höchst mißlich war, indem seine Flucht mindestens einem Menschen in der Stadt kund war, und zwar einem, der nicht ermangeln würde, Lärm zu machen, sobald er nur aus dem Sumpfe heraus sein würde. Diese Besorgnis lieh seinen Beinen noch größere Schnelligkeit, und er befand sich bald in dem lichteren Teile des Gebüsches, von wo aus er, wie der schwarze Priester es ihm beschrieben hatte, den östlichen Wartturm mit den anliegenden Brustwehren – »gedrängt besetzt mit Feinden und mit Waffen«– erblickte. Es erforderte von seiten des Flüchtlings große Geschicklichkeit sich so in Deckung zu halten, daß er von denen nicht erblickt werden konnte, die er so deutlich sah. Es gelang ihm aber, aus ihrem Gesichtskreise unbemerkt hinauszukommen, und indem er vorsichtig dem Schafsteige nachging, den der Priester ihm bezeichnet hatte, erreichte er nach kurzer Frist die offene, stark besuchte Landstraße, aus der sein Vater und er sich am Morgen dieses Tages der Stadt genähert hatten, und hatte das Glück, bald darauf den Vortrab der Schweizer Gesandtschaft zu treffen. Nicht lange währte es, so war er der Schar nahe, die aus etwa zehn Mann bestand, Rudolf von Donnersberg an der Spitze. Die mit Schlamm bedeckte, hin und wieder mit Blut befleckte Gestalt Philippsons (denn sein Fall im Kerker hatte ihm eine leichte Wunde zugezogen) erregte Verwunderung bei allen, die ihn umringten, um seine Kunde zu vernehmen. Rudolf allein schien unbewegt zu sein. Gleich dem Angesichte der alten Bildsäulen von Herkules, zeigte sich das Antlitz des plumpen Berners breit und derb, mit einer Miene von Gleichgültigkeit und fast starrer Erstorbenheit, die sich nur in Augenblicken der wildesten Aufwallung änderten. Ohne Gemütsbewegung hörte er die Erzählung des atemlosen Philippson an, wie dessen Vater sich im Kerker befände und zum Tode verurteilt wäre. – »Und was sonst habt Ihr erwartet?« fragte der Berner frostig. »Wart Ihr nicht gewarnt? Es wäre leicht gewesen, das Unheil vorher zu sehen; allein es möchte unmöglich sein, es nun abzuwenden.« – »Ich gestehe, ich gestehe,« sagte Arthur händeringend, »daß Ihr weise wart und daß wir töricht waren. Doch gedenkt nicht unserer Torheit in diesem Augenblick unserer Bedrängnis! Seid der tapfere und hochherzige Kämpe, den Eure Kantone in Euch verehren! schenkt uns Euren Beistand zu diesem tödlichen Streite!« – »Aber wie und auf welche Weise?« fragte Rudolf, noch immer zögernd. »Wir haben die Baseler entlassen, die uns willig Beistand geleistet hätten; solche Gewalt hat Euer pflichtgemäßes Beispiel über uns. Wir zählen jetzt kaum zwanzig Mann – wie könnt Ihr von uns begehren, eine feste Stadt anzugreifen, die durch Wälle geschirmt wird und eine Besatzung zählt, welche sechsmal stärker ist als wir?« – »Ihr habt Freunde innerhalb der Brustwehren,« sagte Arthur. »Der schwarze Priester sendet Euch – Euch, Rudolf von Donnersberg – die Botschaft, daß er Eurer harrt am nördlichen Ausfallpförtchen, um Euch den Segen zu erteilen.« »Ei, freilich,« sagte Rudolf, indem er tat, als ob er sich dem Versuche Arthurs, im geheimen mit ihm zu reden, entzöge, und so laut sprach, daß alle Umstehenden ihn hören konnten, »freilich wird am nördlichen Ausfalltor ein Priester mich beichten lassen und der Sünde ledig sprechen, ehe eben dort der Henker mir die Gurgel abschneidet. Wenn sie dort einen englischen Krämer abschlachten, der ihnen nichts getan hat, was werden sie mit den Bären von Bern anfangen, dessen Klauen und Tatzen Archibald von Hagenbach stets gefühlt hat.« Bei diesen Worten schlug der junge Philippson die Hände zusammen, und hob sie auf gegen den Himmel, gleich einem, den alle Hoffnung außer der verläßt, die nach unmittelbarer Hilfe von oben schreit. Tränen schossen in seine Augen, und die Fäuste ballend und die Zähne zusammenbeißend, kehrte er plötzlich den Schweizern den Rücken. – »Was soll diese Heftigkeit?« fragte Rudolf. »Wohin wollt Ihr jetzt?« – »Meinen Vater erlösen oder mit ihm sterben,« sagte Arthur und wollte wie wahnsinnig nach La Ferette zurückrennen, als eine derbe, jedoch wohlmeinende Faust ihn zurückhielt. »Warte ein wenig, bis ich mein Knieband festgebunden habe,« sagte Sigismund Biedermann, »dann gehe ich mit Dir, König Arthur.« – »Du? Hoho!« rief Rudolf; »Du? und das ohne Befehl?« – »Schaut nur, Vetter Rudolf,« sprach der Jüngling, der mit großer Gelassenheit fortfuhr, sein Knieband zu befestigen. »Ihr schwatzt uns immer vor, daß wir Schweizer freie Leute sind; und welchen Nutzen hat denn ein Mensch von seiner Freiheit, so er nicht tun kann, was ihm beliebt? Ihr seid mein Hauptmann, solange es mir gefällt, aber nicht länger. Den jungen Burschen hier habe ich lieb, denn er schalt mich immer einen Narren oder Strohkopf, wenn meine Gedanken vielleicht langsamer kamen als die Gedanken anderer Leute. Und auch seinen Vater habe ich lieb – der alte Mann gab mir dies Band hier und dies Jägerhorn. Der biedere Alte befindet sich jetzt in des Hagenbachers Klauen! Du sollst ihn frei machen, Arthur, so zwei Männer das vermögen. Du sollst mich fechten sehen, so lange eine Stahlplatte und ein Eichenschaft zusammenhalten.« Aufrichtige und eindringliche Worte sind niemals bei unverderbten, hochherzigen Gemütern verloren. Mehrere der umherstehenden Jünglinge zollten der Rede Sigismunds laut Beifall und erklärten, man müsse alles tun, den älteren Philippson zu befreien. »Still, ihr naseweisen Herren!« sagte Rudolf, indem er mit einer Miene von Ueberlegenheit umherblickte; »und Ihr König Arthur, geht zu dem Landammanne, der hinter uns drein zieht; Ihr wißt, er ist unser Oberbefehlshaber, ist nicht minder Eures Vaters Freund, und was immer er beschließen möge zu Gunsten Eures Vaters, das soll von uns allen auf das bereitwilligste ins Werk gesetzt werden.« Seine Gefährten schienen in diesen Ratschlag einzustimmen, und der junge Philippson sah ein, daß ihm nichts anderes übrig bliebe, als sich drein zu fügen. Freilich mutmaßte er noch immer, daß der Berner, der mit den Schweizer wie mit den Baseler Jünglingen in heimlichen Verabredungen stand, was auch aus den Worten des Priesters von St. Paul hervorging, ihm in diesen Bedrängnissen beizustehen die Macht hätte; dennoch vertraute er weit mehr auf die einfache Redlichkeit und schlichte Treue des Landammannes, zu dem er hineilte, ihm seinen traurigen Bericht abzustatten und ihn um Beistand zu bitten. Von der Höhe eines Rasens, den er in wenigen Minuten, nachdem er von Rudolf und dem Vortrabe geschieden war, erreichte, erblickte er den ehrwürdigen Arnold Biedermann und dessen Gefährten, von wenigen Jünglingen geleitet. Hinter ihnen kamen etliche Maultiere mit dem Gepäcke und die beiden bekannten Tiere, die bei dem früheren Teil ihrer Wanderung Anna von Geierstein und deren Begleiterin trugen. Auf jedem derselben saß eine weibliche Gestalt, und so gut Arthurs scharfes Auge es zu erkennen vermochte, hatte die erste derselben Annas Kleider an, vom grauen Staubschleier bis zu der Reiherfeder, die sie, seit sie auf deutschem Boden war, gemäß der Landessitte und als Abzeichen ihres Standes angesteckt hatte. Wie hatte er sich nun wieder das rätselhafte Erscheinen genau derselben Gestalt vor kaum einer halben Stunde im unterirdischen Kerker von La Ferette zu erklären? Doch bevor er Zeit hatte, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, war er dem Landammann und dessen Schar schon nahe. Hier erregte sein Erscheinen wie sein Zustand das nämliche Erstaunen, wie vorhin bei dem Vortrabe. Auf die wiederholten Fragen des Landammannes gab er kurzen Bericht über seine eigene Einkerkerung und über seine Flucht, ohne dabei mit einem einzigen Worte der weiblichen Erscheinung zu gedenken, die dem Pfarrherrn in seinem menschenfreundlichen Werke Beistand geleistet hatte. Auch über einen zweiten Punkt schwieg Arthur. Er sah keine Notwendigkeit, dem Landammann die Botschaft mitzuteilen, die der Priester ihm ausschließlich für Rudolfs Ohr mitgeteilt hatte. Ob Gutes oder Schlimmes daraus hervorgehen möchte, er hielt es für eine heilige Pflicht, das Schweigen nicht zu brechen, das ihm von einem Manne auferlegt war, von dem er soeben den wichtigsten Beistand erhalten hatte. Der Landammann erstarrte einen Augenblick vor Kummer und Verwunderung. »Laßt uns fürbaß eilen,« sagte er dann zu dem Bannerträger von Bern und den anderen Abgeordneten. »Laßt uns unsere Vermittelung anbieten, zwischen dem Tyrannen von Hagenbach und unserm Freund, dessen Leben gefährdet ist. Er muß es hören, denn ich weiß, daß sein Herzog Verlangen trägt, diesen Philippson an seinem Hofe zu sehen. Der alte Mann gab mir darüber so manchen Wink. Da wir im Besitze eines solches Geheimnisses sind, so wird Archibald von Hagenbach unserer Rache nicht trotzen dürfen.« Sechzehntes Kapitel. Der Vogt von La Ferette stand an der Brustwehr des östlichen Eingangsturmes und schaute hinaus auf die Straße, die nach Basel führte, als zuerst der Vortrab der Schweizer Gesandtschaft, dann deren Mitte und Nachtrab heranzogen. In demselben Augenblick machte der Vortrab Halt, die Mitte schloß sich ihm an, zusamt den Frauen, dem Gepäck und den Lasttieren, so daß sich alle zu einer Gruppe vereinigten. Dann schritt ein Bote vorweg und blies in eines der gewaltigen Hörner, die der Auerstier liefert, welcher so häufig im Kanton Uri ist, daß es heißt, dieses Tier habe dem Kanton diesen Namen gegeben. »Sie verlangen Einlaß,« sagte der Leibknapp. – »Sie sollen ihn haben,« antwortete der Vogt. »Traun! wie sie wieder hinauskommen, ist eine andere Frage.« – »Bedenkt Euch einen Augenblick, Herr,« fuhr Kilian fort, »erwägt, diese Schweizer sind Teufel im Gefechte und haben überdies keine Beute zu liefern, um den Sieg zu bezahlen – nichts als elende Ketten von gutem Kupfer oder höchstens von verfälschtem Silber. Ihr habt das Mark gesogen – verderbt Euch die Zähne nicht durch den Versuch, die Knochen zu zermalmen.« – »Du bist ein Narr,« antwortete der Hagenbacher: »und wohl ein feiger Hund obendrein. Die Ankunft von ein paar Dutzend Schweizer Partisanen läßt Dich die Hörner einziehen wie eine Schnecke, wenn der Finger eines Kindes sie berührt! – Bedenk, Du furchtsame Seele, wenn die Schweizer Abgeordneten, wie sie sich anmaßend nennen, frei durchgelassen werden, so hinterbringen sie dem Herzog Kunde von Handelsleuten, die an seinen Hof ziehen wollten und mit kostbaren, wahrscheinlich für seine Hoheit bestimmten Waren versehen waren. Indem hat Karl alsdann die Gegenwart der Gesandten zu erdulden, die ihm verächtlich und zuwider sind, und erfährt von ihnen, daß der Vogt zu La Ferette diejenigen durchließ, die dem Herzog ein Greuel sind, während er diejenigen, die Karl gern gesehen hätte, aufhielt; denn welcher Fürst würde nicht huldreich solchen Schmuck willkommen heißen, wie der ist, den wir jenen herumstreifenden Krämern abgenommen haben?« – »Ich sehe nicht ein, wie der Angriff auf diese Abgeordneten die Plünderung rechtfertigen soll, die Ihr an den Engländern begangen habt, edler Ritter,« sagte Kilian. – »Weil Du ein blindes Mondkalb bist,« antwortete der Vogt. »Hört Burgund von einem Angriff zwischen meiner Besatzung und den Schurken vom Gebirge, die Karl haßt und verhöhnt, so wird man darüber die beiden Krämer vergessen, und annehmen, sie seien im Handgemenge umgekommen. Sollte Nachfrage geschehen, so kann ein Ritt von einer Stunde mich mit meinen Vertrauten in die kaiserlichen Lande bringen, wo ich, obwohl der Kaiser ein vernunftloser Narr ist, mit der reichen Beute, die ich diesen Eilandsbewohnern abnahm, mich eines guten Empfanges versichert halten kann.« »Ich stehe zu Euch, Herr Ritter, bis auf den letzten Mann,« entgegnete der Knappe, »und Ihr sollt mit eigenen Augen schauen, daß ich kein Feigling bin.« – »Niemals hielt ich Dich für einen solchen, wenn es zu Faustschlägen kam,« sagte der Hagenbacher, »aber wo es Klugheit gilt, bist Du scheu und unentschlossen. Reiche mir meine Rüstung, Kilian, und schnalle sie mir sorgfältig an; denn die Schweizer Piken und Schwerter sind keine Wespenstacheln.« – »Mögt Ihr sie mit Ehren und Nutzen tragen, edler Herr,« sagte Kilian; und gemäß seinem Amte schnallte er seinem Gebieter die vollständige Rüstung eines Reichsritters an. Dann verbeugte er sich und zog ab. Das Urihorn der Schweizer hatte zu wiederholten Malen seinen hohlen Ton, gleich als wäre es ärgerlich ob des fast halbstündigen Zögerns, hören lassen, ohne Antwort vom Wartturm zu La Ferette zu erhalten, und jeder Ruf drückte mit seinem weithin schallenden Echo die steigende Ungeduld derer aus, die mit der Stadt zu reden begehrten. Endlich erhob sich das Fallgitter, die Zugbrücke fiel, und Kilian, in der Knappenrüstung wie zum Kampf bereit, ritt im Schritt heran. »Was für kühne Männer seid Ihr, Ihr Herren,« sprach Kilian, »die Ihr in Waffen vor der Feste von La Ferette erscheint, welche nach Recht und Herrschaft dem dreifach edlen Herzoge von Burgund und Lothringen gehört und in seiner Sache von dem lobesamen Grafen Archibald, Herrn zu Hagenbach, besetzt gehalten wird?« »Erwägt, Knappe,« sagte der Landammann, »denn für einen solchen halte ich Euch wegen der Feder auf Eurem Barette, daß wir hier nicht in feindseliger Absicht erscheinen. Wir tragen nur Waffen, um uns auf gefährlicher Reise zu schützen.« – »Was ist denn Euer Stand und Eure Absicht?« sagte Kilian, der gelernt hatte, in Abwesenheit seines Herrn den barschen und groben Ton des Vogts selbst anzuschlagen. – »Wir sind,« antwortete der Landammann mit ruhiger und sich gleich bleibender Stimme, ohne sich merken zu lassen, daß ihn das unhöfliche Benehmen des Knappen verdroß, »Abgeordnete der freien und vereinigten Kantone des Schweizerlandes und der guten Stadt Solothurn, und bevollmächtigt, zu Seiner Erlaucht, dem Herzoge von Burgund, zu ziehen, um mit ihm einen sichern und standfesten Frieden unter solchen Bedingungen abzuschließen, wie sie der gegenseitigen Ehre und dem gemeinschaftlichen Nutzen beider Länder entsprechen.« »Zeigt mir Eure Beglaubigungsbriefe,« sagte der Leibknapp. – »Wollt vergeben, Herr Knapp,« erwiderte der Landammann, »es wird Zeit genug sein, dieselben vorzulegen, wenn wir vor Eurem Herrn, dem Vogte, stehen.« – »Das heißt soviel, als Ihr wollt sie nicht zeigen. Wohl, meine Herren, so mögt Ihr denn diesen Rat von Kilian von Kersberg hinnehmen: besser ist's bisweilen, sich auf den Heimweg zu begeben, als fürbaß zu schreiten. Mit meinem Herrn und seinen Leuten ist nicht so gut Kirschen essen wie mit den Krämern zu Basel, denen Ihr Euern Käse verkauft. Kehrt heim, ehrliche Leute, kehrt heim! auf dem Rückweg sollt Ihr nicht behelligt werden!« »Wir danken Dir für Deinen Rat,« sagte der Landammann, indem er den Bannerträger von Bern unterbrach, der eine ärgerliche Antwort auf der Zunge hatte, »indem wir ihn für gutgemeint halten; ist es nicht so, so ist ein unhöflicher Scherz gleich wie ein überladener Schießmörser, der auf den zurückwirkt, der ihn abfeuert. Unser Weg liegt vor uns und führt durch La Ferette, und vorwärts gedenken wir zu gehen, komme, was wolle!« – »So geht vorwärts, in des Teufels Namen!« rief der Knappe, der im stillen gehofft hatte, die Wanderer zur Umkehr zu bestimmen. Die Schweizer zogen in die Stadt ein, und aufgehalten durch die Wagenburg, die der Vogt etwa zwanzig Ellen fern von dem Tore quer durch die Straße hatte ziehen lassen, stellten sie sich in kriegerischer Ordnung auf, indem sie ihre kleine Schar in drei Reihen formierten, so daß die beiden Frauenzimmer und die Gesandtschaftsväter in der Mitte waren. Während die Schweizer hier warteten, erschien durch eine Seitentür des Turmes unter dem Bogen, durch welchen sie in die Stadt gezogen waren, ein Ritter in vollständiger Rüstung. Sein Visier war aufgezogen, und er schritt an der von den Schweizern gebildeten Linie mit düsterer und grimmer Gebärde entlang. »Wer seid Ihr,« sprach er, »die Ihr in Waffen so weit zu einer burgundischen Besatzung vordringt?« – »Mit Eurer Erlaubnis, Herr Ritter,« sagte der Landammann, »wir sind Männer, die mit friedlicher Botschaft kommen, obwohl wir Waffen zur Gegenwehr tragen. Abgeordnete sind wir von den Städten Bern und Solothurn, den Kantonen Schwyz, Uri und Unterwalden, und haben Wichtiges mit dem erlauchten Herzoge von Burgund und Lothringen zu verhandeln.« – »Was Städte, was Kantone!« sagte der Vogt zu La Ferette. »Ich habe keine solchen Namen unter den freien Städten Deutschlands je gehört – Bern? Ei doch, seit wann ward Bern eine freie Stadt?« – »Seit dem einundzwanzigsten Tage des Junimondes,« sprach Arnold Biedermann, »und im Jahr der Gnade eintausendeinhundertneununddreißig, an welchem die Schlacht bei Lauffen geschlagen ward.« »Hinweg, eitler, alter Knabe,« sagte der Ritter, »denkst Du, solch unnützer Selbstruhm könnte Dir hier nützen? Freilich haben wir gehört, wie etliche aufrührerische Dörfer und Volksgemeinden auf und zwischen den Alpen sich dem Kaiser widersetzten und durch die Vorteile von Felsbollwerken, von Hinterhalten und Schlupfwinkeln es dahin brachten, verschiedene Ritter und Edle zu ermorden, die vom österreicher Herzog gegen sie ausgesendet worden waren. Doch vermeinten wir nie, solche jämmerlichen Bauern könnten die Frechheit haben, sich freie Staaten zu nennen und mit einem mächtigen Fürsten, wie Karl von Burgund ist, unterhandeln zu wollen. Was? wollt Ihr hier eine freche Miene der Freiheit und Unabhängigkeit aufsetzen? Ich will Euch mit meinem eisenbeschlagenen Ritterstiefel zertreten,« – »Wir sind keine Männer, die sich zertreten lassen,« sagte Arnold Biedermann ruhig, »Herr Ritter, legt für eine Weile diese hochfahrende Sprache beiseite, denn sie führt nur zu Hader, und hört auf die Worte des Friedens. Gebt unsern Gefährten, den englischen Handelsmann Philippson los, an welchen Ihr heute früh widersetzlich Hand angelegt, laßt ihn eine beträchtliche Summe als Lösegeld zahlen, und wir, die wir vor des Herzogs erlauchtes Antlitz ziehen, wollen ihm günstigen Bericht von seinem Vogt zu La Ferette erstatten.« – »Ihr wollt so großmütig sein? Wollt Ihr?« sagte Archibald in hohnlachendem Tone. »Und welches Unterpfand wird mir von Euch, daß Ihr so gütig an mir tun werdet, wie Ihr sagt?« – »Das Wort eines Mannes, der nie seine Zusage brach,« antwortete der unerschütterliche Landammann. »Grober Kerl,« versetzte der Ritter, »willst Du Dein Lumpenwort bieten zwischen dem Herzoge von Burgund und Archibald von Hagenbach? Wisse, daß Ihr nimmer gegen Burgund zieht; es sei denn, Ihr zöget dahin mit Ketten an Euren Händen, und Halftern um Eure Hälse – Hussahoh! Burgund zur Rettung!« Augenblicklich, wie er dies sagte, zeigten sich burgundische Kriegsknechte, hinter und rings um den engen Raum, in welchem die Schweizer sich aufgestellt hatten. Die Brustwehren der Stadt waren mit bewährten Männern besetzt, Bewaffnete erschienen an der Tür jedes Hauses, während andere an den Fenstern sich mit Donnerbüchsen, Zielbogen und Armbrüsten blicken ließen. Die Kriegsknechte, welche die Wagenburg besetzt hielten, erhoben sich ebenfalls und schienen die Schweizer am Weiterschreiten hindern zu wollen. Die kleine Schar in solcher Enge, solcher Uebermacht gegenüber, zeigte weder Bestürzung noch Mutlosigkeit, sondern blieb fest auf ihrem Platze, und die Feinde erkannten wohl, daß es keine leichte Arbeit wäre und viel Blut kosten würde, diese Handvoll entschlossener Männer selbst mit fünfmal überlegener Mannschaft zu bezwingen. Dieser Gedanke mochte auch Herrn Archibald davon abhalten, den Befehl zum Angriff zu geben, als plötzlich sich von fern das Geschrei: »Verräterei! Verräterei!« vernehmen ließ. Ein Soldat stürzte, mit Schlamm bedeckt, auf den Vogt zu und erzählte atemlos, er hätte versucht, einen Gefangenen festzunehmen, der kurz vorher die Flucht ergriffen haben müßte, und sei dabei von den Bürgern auf dem Stadtwalle angefallen und fast ertränkt worden. Er fügte hinzu, daß die Bürger eben jetzt den Feind in die Stadt hineinließen. »Kilian,« sprach der Ritter, »nimm eine Rotte von zwanzig Mann, eile ans nördliche Ausgangspförtchen und haue nieder, was Du an Waffen antriffst, ob Bürger oder Fremde. Mich laß hier, um mit diesen Bauern wohl oder übel fertig zu werden!« Allein ehe noch Kilian dem Befehl seines Herrn Folge leisten konnte, erklang dicht hinter ihnen das Jubelgeschrei: »Basel! Basel! Freiheit! Freiheit! Der Tag ist unser!« – Und heran rückten die Baseler Jünglinge, die Rudolf noch rechtzeitig hatte zurückrufen können, heran kamen manche Schweizer, denen nach solch einem Stück Arbeit gelüstete, und heran kamen die bewehrten Einwohner von La Ferette, die, empört über die Tyrannei des Hagenbachers, die Waffen ergriffen und die Baseler zu dem Ausgangspförtchen hereingelassen hatten, durch welches der jüngere Philippson vorher entflohen war. Die Besatzung, die schon beim Anblicke der zur Gegenwehr entschlossenen Schweizer den Mut zu verlieren begonnen hatte, geriet bei diesem neuen, unerwarteten Aufstande völlig in Verwirrung. Die meisten der Kriegsknechte wollten lieber fliehen und sprangen einfach von den Brustwehren herab. Kilian und andere, zu stolz, um zu fliehen, oder sich zu ergeben, kämpften mit der Wut der Verzweiflung und blieben tot auf dem Platze. Inmitten dieser Verwirrung stand die Schar des Landammanns unbeweglich; denn er gestattete keinem, Anteil an dem Kampfe zu nehmen, solange sich nicht ein Feind an ihnen vergriffen hätte. »Steht still alle,« erscholl die tiefe Stimme Arnold Biedermanns, längs seinen Reihen, – »Wo ist Rudolf? – Wahrt Euer Leben, doch nehmt es keinem! – Was? Wohin, Arthur Philippson? Auf dem Platz geblieben, sagt' ich!« – »Ich kann nicht müßig hier stehen,« sprach Arthur, der eben aus den Reihen trat. »Ich muß meinen Vater im Kerker suchen; man könnte ihn inzwischen erschlagen!« – »Bei Unserer heiligen Mutter von Einsiedeln, Du sprichst wahr!« antwortete der Landammann. »Ich werde Dir suchen helfen, Arthur, – das Gefecht scheint fast zu Ende. He, Herr Bannermann, würdiger Adam Zimmermann und Ihr, mein werter Freund, Nikolaus Bonstetten, laßt Eure Mannschaft sich still verhalten. – Habt nichts zu schaffen mit diesem Aufruhr, sondern überlaßt es den Männern von Basel, ihre Taten selber zu verantworten! Ich bin in wenigen Minuten zurück.« Indem er dies sagte, eilte er Arthur Philippson nach, der, durch sein gutes Gedächtnis geleitet, ihn an die Kerkertreppe führte. Hier trafen sie einen schielenden Gesellen, in dem sie an einem Bund verrosteter Schlüssel den Kerkermeister erkannten. – »Zeige mir den Kerker des englischen Kaufmannes,« sagte Arthur Philippson, »oder Du stirbst von meiner Hand.« – »Wen von beiden wünscht Ihr zu sehen?« fragte der Kerkermeister, »den alten oder den jungen?« – »Den alten,« sprach Arthur, »sein Sohn ist Dir entschlüpft,« – »So geht nur hinein, Ihr Herren,« sagte der Mann mit den Schlüsseln, indem er den Riegel einer schweren Eisentür öffnete. Oben am Ende des Gemaches lag der Mann, den sie suchten und sofort aufhoben und herzlich umarmten. – »Mein teurer Vater!« – »Mein werter Gast!« riefen zu gleicher Zeit sein Sohn und sein Freund. »Wie steht es um Euch?« – »Wohl,« antwortete der ältere Philippson, »so Ihr, mein Freund und mein Sohn, wie ich aus Euren Waffen und Eurem Aussehen schließe, als Sieger und in Freiheit kommt; übel, so Ihr kommt, meine Haft zu teilen.« »Seid ohne Sorge,« sagte der Landammann, »wir sind in Gefahr gewesen, wurden aber wundersam aus ihr befreit. Die schlechte Luft hier hat Euch betäubt; lehnt Euch an mich, mein edler Gast, und laßt mich Euch in ein besseres Quartier führen.« – Hier ward er von einem Dröhnen unterbrochen, das ganz anders erklang als das ferne Getöse des Volksaufruhrs, das durch die Straßen hallte. »Bei St. Peter und seinem Schlüssel!« sagte Arthur, der sofort wußte, was geschehen war. »Der Kerkermeister hat die Tür des Gefängnisses zugeworfen. Wir sind eingesperrt. – Halloh, Hund von einem Kerkerknecht! Schurke! Tu auf, es kostet sonst Dein Leben!« – »Er ist wahrscheinlich zu weit entfernt, um Deine Drohungen zu hören,« sagte der ältere Philippson, »und Dein Schreien hilft Dir nichts. Allein, wenn Ihr gewiß seid, daß die Schweizer im Besitz der Stadt sind, so werden Eure Begleiter Euch bald auffinden. Ihr, Arnold Biedermann, seid ein zu wichtiger Mann, als daß man Euch nicht vermissen sollte.« – »Das hoffe ich,« sagte der Landammann, »doch sieh zu, Arthur, mein wackerer Bursch, ob sich der Riegel nicht zurückschieben läßt.« Arthur, der sorglich das Schloß untersucht hatte, erwiderte verneinend und fügte hinzu, daß sie wohl oder übel sich in Geduld fassen und ruhig auf Befreiung warten müßten, da sie selber nichts dazu beitragen könnten. Sie brauchten jedoch nicht lange zu warten, so sprang der Riegel zurück, und die Tür wurde von einer Person geöffnet, die sofort wieder die Treppe hinaneilte, bevor die in Freiheit Gesetzten ihren Befreier auch nur mit einem einzigen Blicke hätten sehen können. – Sie stiegen die steile Treppe hinan und gelangten an den Ausgang des Wachthausturmes, wo ein seltsames Schauspiel ihrer harrte. Die Schweizer Abgeordneten und ihre Mannen standen noch still und unbeweglich an eben der Stelle, wo Hagenbach sie hatte wollen angreifen lassen. Etliche wenige Kriegsknechte des Vogts, die sich vor den empörten, jetzt in großer Zahl die Straßen füllenden Bürgern fürchteten, standen mit gesenkten Blicken hinter den Bergbewohnern, wo sie sich am sichersten glaubten. Allein, dies war nicht alles. Die Karren, die eben noch dazu gedient hatten, die Straße zu sperren, waren jetzt anders zusammengeschoben und mit Brettern belegt, so daß in Eile daraus ein Schafott gebildet worden war. Auf diesem befand sich ein Sessel, in welchem ein langer Mann mit entblößtem Haupte, Nacken und Schultern, doch noch in glänzender Rüstung, saß. Sein Antlitz war bleich, wie das eines Toten, jedoch der junge Philippson erkannte in dem Manne sogleich den hartherzigen Vogt, den Ritter Archibald von Hagenbach. Er schien auf dem Stuhle festgebunden zu sein. Zu seiner Rechten dicht neben ihm stand der Pfarrherr von Sankt Paul, das Brevier in der Hand, während ihm zur Linken, etwas hinter dem Gefangenen, eine hohe Gestalt in rotem Mantel sich mit beiden Händen auf ein entblößtes Schwert lehnte. In dem Augenblicke, als Arnold Biedermann aus dem Turme heraustrat, und ehe der Landammann noch die Lippen öffnen konnte zu der Frage, was dieser Anblick bedeutete, zog der Priester sich zurück, der Nachrichter schritt vor, das Schwert wurde geschwungen, der Streich geführt, und das Haupt des Missetäters rollte hin auf das Schafott. Allgemeiner Beifall und Händeklatschen wurden hörbar, wie es wohl vor einer Schaubühne zu geschehen pflegt, wenn beliebten Darstellern Lob gezollt wird. Während Blutströme aus den Adern des enthaupteten Rumpfes flossen und von den Sägespänen verschluckt wurden, mit denen das Schafott bestreut worden war, verneigte der Nachrichter sich mit Anstand nach allen vier Ecken des Gerüstes hin gegen die Beifall spendende Menge. »Edle Ritter, Herren aus freigeborenem Blute und werte Bürger,« sprach er, »die Ihr dieser hohen Gerichtsvollstreckung beigewohnt habt, ich bitte Euch, mir zu bezeugen, daß diese Hinrichtung nach aller Form des Urteils auf einen einzigen Streich und ohne allen Fehl- oder Doppelhieb ausgeführt wurde.« – Der Beifall wiederholte sich. – »Lange lebe unser Scharfrichter Steinherz, und möge er noch an manchem sein Amt vollführen.« »Edle Freunde,« sagte der Nachrichter mit tiefster Untertänigkeit, »ich habe jetzt noch ein Wort zu sagen, und zwar ein kühnes. – Gott verleihe seine Gnade der Seele des guten und edlen Ritters, des Herrn Archibald von Hagenbach. Er war der Schutz meiner Jugend und mein Führer auf der Bahn der Ehren. Acht Schritte zu Freiheit und Adelsrecht hatte ich durch die Köpfe freigeborener Edlen und Ritter getan, die auf sein Geheiß durch mich fielen, und der neunte Schritt, durch den ich an mein Ziel gelange, geschah durch sein eigen Haupt, und ich will zu dankbarem Andenken dessen diese Börse mit Gold, die er mir erst vor einer Stunde schenkte, zu Seelenmessen für ihn spenden. Ihr edlen Herren und Freunde und jetzt Meinesgleichen! La Ferette hat einen Edelmann verloren und einen anderen dafür gewonnen. Unsere heilige Mutter sei gnädig dem hingeschiedenen Ritter, Herrn Archibald von Hagenbach, und segne und beglücke das Tun des Stefan Steinherz vom Blutacker, der nun ein Mann vom Adel geworden ist.« Mit diesen Worten nahm er die Feder ab von dem Helme des Gerichteten, der blutbefleckt neben dem Leichname auf dem Gerüste lag, und empfing, als er sie auf seine Amtsmütze steckte, die Huldigung der Menge in lautem Hurrahgeschrei, das teils im Ernst, teils im Scherze erklang, wie das bei dergleichen Gelegenheiten der Fall zu sein pflegt. Endlich fand Arnold Biedermann Worte. Das Uebermaß seines Erstaunens schien ihn der Sprache beraubt zu haben; auch hatte die Hinrichtung zu schnell ihr Ende erreicht, als daß der Landammann sich hätte ins Mittel legen können, »Wer hat es gewagt, diese Greueltat anzuordnen?« fragte er voller Unwillen. »Und mit welchem Rechte hat sie stattgefunden?« Ein reich in Blau gekleideter Edler erwiderte auf die Frage: »Die freien Bürger von Basel haben nach ihrem Ermessen so gehandelt, wie die Väter der schweizerischen Freiheit ihnen das Beispiel gaben; und der Tyrann Archibald von Hagenbach ist mit demselben Recht gefallen, nach welchem der Tyrann Geßler fiel. Wir duldeten ihn, bis sein Becher zum Rande gefüllt war; länger dulden wir nicht!« – »Ich spreche nicht, daß er den Tod nicht verdiente,« entgegnete der Landammann, »allein um Eurer selbst und der Eurigen willen, hättet Ihr seiner schonen sollen, bis der Herzog seinen Willen kundgetan.« – »Was redet Ihr uns vom Herzog?« antwortete Lorenz Neipberg, der nämliche Blaue, den Arthur bei der Zusammenkunft der Baseler Bürger in Rudolfs Gesellschaft gesehen hatte. »Wir sind keine burgundischen Untertanen! Der Kaiser ist unser alleiniger rechtmäßiger Herr und hatte nicht das Recht, die Stadt und Feste La Ferette, die ein Grundeigentum Basels ist, zum Nachteil unserer freien Stadt zu verpfänden. Zieht indessen Eures Weges, Herr Landammann von Unterwalden! So unser Tun Euch mißfällt, schwört es ab vor dem Herrschersitze Karls von Burgund, allein, indessen Ihr solches tut, verschwört auch zu gleicher Zeit das Andenken an Wilhelm Tell und Stauffacher, an Walter Fürst und Arnold von Melchthal, an die Väter der helvetischen Freiheit.« »Ihr sprecht die Wahrheit,« sagte der Landammann, »allein Ihr tut es zu übelgewohnter und unglücklicher Stunde. Geduld würde Euern Uebeln abgeholfen haben, die keiner tiefer fühlt und bereitwilliger aus der Welt geschafft hätte, als ich, Ihr habt, unkluger Jüngling, die Bescheidenheit Eures Alters und die Unterwürfigkeit, die Ihr Euren Altvordern schuldig seid, hintangesetzt. Wilhelm Teil und seine Genossen waren bejahrte und erfahrene Männer, Ehegatten und Hausväter, die ein Recht besaßen, im Rate gehört zu werden, und die ersten zur Tat zu sein! Genug, ich überlasse es den Vätern und Vorgesetzten Eurer Stadt, Euer Tun zu billigen oder zu verwerfen. – Ihr aber, meine Freunde – Ihr, Bannerherr von Bern – Du, Rudolf – vor allem aber Du, Nikolaus von Bonstetten, mein Kamerad und Freund, warum nahmt Ihr jenen elenden Mann nicht in Schutz?« – »So wahr ich vom Brot lebe,« antwortete Nikolaus Bonstetten, »ich gedachte Euren Verfügungen bis auf den kleinsten Punkt nachzukommen; und das dergestalt, daß ich einmal den Gedanken hegte, loszubrechen und den Mann zu beschützen, allein Rudolf von Donnersberg erinnerte mich, daß Euer letzter Befehl lautete, mich still auf dem Platze zu verhalten und die Männer von Basel ihr Tun selbst vertreten zu lassen. Fürwahr, sprach ich da zu mir selbst, mein Gevatter Arnold weiß besser, als irgend einer von uns, was uns zu tun gebührt.« »Ach, Rudolf, Rudolf!« rief der Landammann, indem er mit Mißfallen auf ihn blickte, »schämtest Du Dich nicht, einen Greis zu betrügen?« »Zu sagen, daß ich ihn betrog, ist eine schwere Anklage,« sprach der Berner mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung; »jedoch von Euch, Landammann, nehme ich alles hin. Ich will nur sagen, daß ich als Mitglied dieser Gesandtschaft mich dem Ganzen unterordnen mußte und nicht selbständig handeln durfte, besonders wo derjenige nicht gegenwärtig war, der Weisheit genug besitzt, uns alle zu lenken und zu leiten.« – »Deine Worte sind allezeit schön, Rudolf,« erwiderte Arnold Biedermann, »und ich hoffe, Du meinst es auch so. Doch Streit beiseite und gebt mir Euren Rat, meine Freunde. Zu diesem Zwecke wollen wir dahin gehen, wo es sich am besten schickt, also zuerst in die Kirche, um für unsere Errettung vom Meuchelmorde zu danken und dann Rat zu halten, was zunächst zu tun sei.« Der Landammann eröffnete den Weg zur St. Pauluskirche, während seine Gefährten und Genossen ihm folgten. Rudolf, der als Jüngerer die Alten voranschreiten ließ, bekam dadurch Gelegenheit, den ältesten Sohn des Landammannes, Rüdiger, zu sich zu winken, und ihm ins Ohr zu flüstern, er möchte zusehen, daß man sich der beiden englischen Kaufleute entledigen könne. »Hinweg, mit Ihnen, mein lieber Rüdiger,« sprach er, »und womöglich auf freundliche Weise! Dein Vater ist wie vernarrt in diese beiden englischen Marktkrämer und wird auf keinen andern Rat hören, und Du weißt, lieber Rüdiger, so wie ich, Männer, wie diese sind untauglich, freigeborenen Schweizern Vorschriften zu machen. Schaff die Siebensachen, die man ihnen geraubt – oder so viel davon noch vorhanden ist, so schnell herbei, als Du kannst, und schicke sie in des Himmels Namen auf. die Reise!« Rüdiger nickte bejahend und ging. Der einsichtsvolle Handelsmann wünschte ebenso dringend, wie die jungen Schweizer, diesem Schauplatze der Verwirrung zu entrinnen, und wartete nur noch darauf, das Kästchen zurückzuerhalten, das der Hagenbacher ihm abgenommen hatte. Rüdiger Biedermann stellte Nachforschungen an, die um so mehr Aussicht auf Erfolg hatten, da die schlichten Schweizer schwerlich den wahren Wert jener Edelsteine zu schätzen wußten. Sofort wurde der Leichnam des Vogts untersucht, allein man fand weder bei ihm, noch bei denen, die vor und während der Hinrichtung in seiner Nähe geweilt oder zu seinen Lebzeiten des Vogts Vertrauen genossen hatten, die geringste Spur von dem kostbaren Päckchen. Der junge Arthur Philippson hätte herzlich gern ein paar Augenblicke benützt, um Anna von Geierstein Lebewohl zu sagen. Allein der graue Schleier war nicht mehr unter den Reihen der Schweizer zu sehen, und ziemlich gewiß war anzunehmen, daß bei der Verwirrung, die der Hinrichtung folgte, und bei dem Fortzug der kleinen Schar das Mädchen sich in eines der naheliegenden Häuser zurückgezogen hatte, während die schweizerischen Krieger, durch die Gegenwart ihrer Hauptleute nicht mehr gehindert, sich zerstreut hatten, teils um nach den den Engländern geraubten Waren zu suchen, teils sich mit den jubelnden siegreichen Baseler und den Bürgern von La Ferette zu vereinigen. Allgemein ging das Geschrei, daß Ferette, ein Ort, der so lange Zeit als Hemmschuh der Schweizer Eidgenossenschaft und als Schranke des helvetischen Handels gegolten hatte, fortan von ihnen zum Schutze gegen die Eingriffe und Erpressungen des Herzogs von Burgund und dessen Beamten gehalten werden sollte, und der ganze Ort gab sich einem wilden, jedoch fröhlichen Jubel hin. Inmitten all dieser Verwirrung war es für Arthur unmöglich, seinen Vater zu verlassen, auch wenn sich Gelegenheit geboten hätte, einen Augenblick nur sich selbst zu genügen. Traurig, gedankenvoll und sorgenbeladen mitten unter all den Fröhlichen, blieb er bei dem Vater, den zu lieben und zu ehren er so gewichtige Ursache hatte. Er half ihm, das Maultier mit den Waren in Sicherheit zu bringen, die sie durch die ehrlichen Schweizer nach Hagenbachs Tode wiedererhalten hatten. Dieser Auftritt hatte kaum zehn oder fünfzehn Minuten gedauert, als Rudolf von Donnersberg sich dem älteren Philppson näherte und im Tone der größten Höflichkeit ihn einlud, sich an der Beratung der Gesandtschaft zu beteiligen, die in einer so unerwarteten schwierigen Lage keine Schritte tun wolle, ohne die Meinung des erfahrenen Handelsmannes anzuhören. Der ältere Philippson machte sich sogleich mit Donnersberg auf den Weg; der junge Kämpe nahm ihn vertraulich beim Arm und flüsterte ihm unterwegs ins Ohr: »Ich denke, ein Mann von Eurer Einsicht wird uns kaum raten, uns der Laune des Herzogs von Burgund preiszugeben, nachdem dieser durch die Wegnahme seiner Feste und die Hinrichtung seines Vogts eine schwere Beleidigung von uns erfahren hat.« – »Ich werde nach besten Kräften meinen Rat erteilen,« antwortete Philippson, »sobald ich genau über die Umstände unterrichtet bin, unter denen man ihn von mir verlangt.« In einer kleinen, an die Kirche grenzenden, dem heiligen Magnus gewidmeten Kapelle waren die vier Abgeordneten zu geheimer Beratung versammelt. Auch der Pfarrer von St. Paul war gegenwärtig. Als Philippson eintrat, schwiegen alle für einen Augenblick, bis der Landammann ihn folgendermaßen anredete: »Herr Philippson, wir schätzen Euch als einen Mann, der weit gereist, wohl vertraut mit den Sitten fremder Länder und bekannt mit den Verhältnissen des Herzogs von Burgund ist; weshalb Ihr wohl befähigt seid, uns in einer Sache von großer Wichtigkeit zu raten. Ihr wißt, mit welcher Sehnsucht nach Frieden wir unsere Sendung übernahmen, wißt auch, was sich heute ereignet hat, und daß dies wahrscheinlich dem Herzoge in schwärzestem Lichte vorgestellt wird; würdet Ihr in solchem Falle uns raten, nach diesem Vorfall vor den Herzog zu treten, oder taten wir besser, heimzukehren und zum Krieg mit Burgund uns zu rüsten?« »Welche Meinungen hegt Ihr selbst über diesen Gegenstand?« fragte der vorsichtige Engländer.– »Unsere Meinungen sind geteilt,« antwortete der Berner Bannermann, »Ich habe das Banner dreißig Jahre lang gegen die Feinde getragen und will es lieber gegen die Lanzen der Ritter Lothringens und des Hennegaus tragen, als mich der rohen Aufnahme aussetzen, die wir am Throne des Burgunders zu erwarten haben.« – »Wir stecken unsere Köpfe selbst in des Löwen Rachen, so wir hinziehen,« sagte Zimmermann von Solothurn; »darum bin ich für die Rückkehr.« – »Ich möchte das nicht anraten,« sagte Rudolf von Donnersberg, »wenn es mein Leben allein beträfe; der Landammann von Unterwalden ist der Vater der vereinigten Kantone, und es würde Vatermord sein, so ich dafür stimmte, sein Leben in Gefahr zu bringen. So rate ich denn auch, umzukehren, damit die Eidgenossenschaft sich zum Kampfe anschicke.« – »Meine Meinung ist anderer Art,« sagte Arnold Biedermann, »auch würde ich es keinem vergeben, der, ob aus wirklichem oder erheucheltem Freundschaftsgefühle, mein geringes Leben mit der Wohlfahrt der Kantone auf die Wagschale legte. Gehen wir vorwärts, so wagen wir unsere Köpfe – sei dem so! Allein kehren wir zurück, so verwickeln wir unser Vaterland in Krieg mit einer der ausgezeichnetsten Mächte Europas, Würdige Mitgenossen! Ihr seid tapfer im Gefechte – zeigt Euch jetzt so kühn wie tapfer und zaudert nicht jeglicher persönlichen Gefahr, die unser warten möchte, entgegenzugehen, sobald wir dadurch unserm Lande den Frieden erhalten können. – »Ich denke und stimme wie mein Nachbar, Arnold Biedermann,« sagte der lakonische Abgeordnete von Schwyz. – »Ihr hört, wie geteilt unsere Meinungen sind,« sagte der Landammann zu Philippson. »Sagt uns jetzt die Eurige.« »Zuvor möchte ich fragen,« sprach der Engländer, »inwiefern Ihr an der Erstürmung einer vom Herzog besetzten Stadt und an der Hinrichtung des Vogts Anteil nahmt?« – »So wahr mich der Himmel schützt,« versetzte der Landammann, »ich wußte nichts von der Erstürmung bis zu dem Augenblicke, wo sie stattfand.« – »Und was die Hinrichtung Hagenbachs betrifft,« sagte der schwarze Priester, »so schwör ich Euch bei meinem heiligen Amte, sie wurde unter der Leitung eines gültigen Gerichtshofes vollführt, dessen Spruch selbst Karl von Burgund anerkennen muß und dessen Beschluß die Schweizer Abgeordneten weder fördern noch hindern konnten.« »Wenn das der Fall ist und Ihr wirklich keinen Anteil an den Vorgängen hattet,« äußerte Philippson, »die der Herzog freilich höchst übel aufnehmen wird, so möchte ich Euch allerdings raten, Eure Reise fortzusetzen, indem ich gewiß bin, daß Ihr bei jenem Fürsten gerechtes und unparteiisches Gehör und, wie zu hoffen steht, günstige Antwort erhalten werdet. Ich kenne den Herzog Karl von Burgund, ja ich darf wohl sagen, daß ich ihn genau kenne. Wenn Ihr im Verlauf der Untersuchung imstande seid, Euch von allen Anschuldigungen zu reinigen, so wird seine Gerechtigkeitsliebe zu Euren Gunsten entscheiden. Doch muß Eure Sache dem Herzog gehörig dargelegt werden, und zwar von einem Munde, der besser mit der Sprache der Königshöfe vertraut ist als der Eurige; und solch eine freundliche Fürsprache möchte ich wohl für Euch tun, wäre ich nicht des wertvollen Päckchens beraubt worden, das ich bei mir trug, um es dem Herzoge zu überreichen, und das zugleich als Zeugnis meiner Sendung an ihn galt.« »Dieses wichtige Kästchen soll auf das strengste gesucht und Euch sorgfältig zurückerstattet werden,« sagte der Landammann. »Was uns Schweizer betrifft, so kennt keiner den Wert seines Inhaltes; und, wenn es sich in den Händen eines der Unsrigen befinden sollte, so wird er es als Spielwerk, worauf er keinen Wert legt, gern zurückgeben.« Als er so sprach, wurde heftig an die Tür geklopft. Rudolf der ihr zunächst stand, bemerkte mit einem Lächeln, das er jedoch gleich unterdrückte, da es den Landammann hätte beleidigen können: »Es ist Sigismund, der gute Junge – soll ich ihn zu unserer Beratung einlassen?« – »Was soll der einfältige Bursch?« fragte Arnold mit bekümmertem Lächeln. – »Doch laßt mich ihm öffnen,« nahm Philippson das Wort: »er fordert bringend Einlaß und bringt vielleicht Nachrichten. Ich habe wahrgenommen, Herr Landammann, daß dieser junge Mann, wiewohl langsam von Gedanken und Ausdruck, doch streng in seinen Grundsätzen und bisweilen glücklich im Auffassen ist.« Somit ließ er Sigismund herein, und dieser trat voll Selbstvertrauen näher und hatte vollauf Recht dazu, indem er dem älteren Philippson das Diamant-Halsgeschmeide samt dem dazu gehörigen Kästchen überreichte, »Dies hübsche Ding gehört Euch,« sprach er, »ich vernahm von Eurem Sohne Arthur, daß Ihr erfreut sein werdet, es zurückzuerhalten.« – »Ich danke Dir auf das herzlichste,« antwortete der Handelsmann. »Der Schmuck ist allerdings mein; das heißt das Kästchen war unter meine Obhut gegeben und ist mir um so mehr wert, da es mir als Pfand und Ausweis zur Ausführung eines wichtigen Auftrages dient. – Wie bist Du denn, mein junger Freund,« sprach er zu Sigismund, »so glücklich gewesen, das wiederzufinden, was wir vergebens so emsig suchten? Laß mich Dir nochmals herzlich danken, und halte mich nicht für neugierig, wenn ich frage, wie das Kästchen in Deine Hände kam.« – »Nun,« sagte Sigismund, »die Geschichte ist bald erzählt. Ich hatte mich dem Schafotte so nahe gestellt, wie ich nur konnte, indem ich noch nie eine Hinrichtung gesehen hatte. Da gewahrte ich denn, wie der Scharfrichter, der, wie ich meine, sein Amt gar geschickt verwaltete, in dem Augenblicke, wo er das Tuch über den Leichnam Hagenbachs breitete, etwas unter des toten Mannes Harnisch hervorzog und es hastig in seinen eigenen Busen steckte. Als nun das Gerücht ging, es werde ein wertvoller Gegenstand vermißt, eilte ich dem Kerl nach, um ihn in Untersuchung zu nehmen. Ich fand, daß er zum Messelesen hundert Krontaler auf den Hochaltar der Sankt Paulskirche niedergelegt hatte, und verfolgte seine Spur bis in die Schenke des Fleckens, wo etliche widerwärtige Gesichter ihm als einem Freisassen und Edelmanne jubelnd zutranken. So trat ich mit meiner Partisane mitten unter sie und begehrte von seiner Herrlichkeit entweder das herauszugeben, was er dort sich genommen hatte, oder die Schwere meiner Waffe zu erproben. Seine Gnaden, der Herr Hängemann, zauderte und wollte allerlei Einrede versuchen. Ich aber war etwas kurz angebunden, und so hielt er es dann für das beste, mir das Päckchen einzuhändigen. Das ist die ganze Geschichte.« »Du bist ein braver Bursch,« sagte Philippson, »und bei einem stets richtigen Gefühle kann der Kopf selten unrecht haben. Eile, mein guter Junge, und gib meinem Sohne Arthur dies inhaltsschwere Kästchen.« – Mit stillem Frohlocken, Beifall erhalten zu haben, der ihm so selten ward, verließ Sigismund die Kapelle. Einen Augenblick herrschte Stille; denn der Landammann freute sich im geheimen von Herzen über das einsichtsvolle Verhalten des sonst so tölpelhaften Sigismund, dessen Geistesarmut ihn stets mit Besorgnis erfüllt hatte. Als er wieder zu Worten gelangen konnte, sprach er mit seiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit und männlichen Festigkeit zu Philippson. »Herr Philippson, ich frage Euch jetzt, ob, nachdem Ihr in so glücklicher und unerwarteter Weise wieder in den Besitz dessen gelangtet; was, wie Ihr sagtet, Euch beim Herzoge von Burgund als Kreditiv dienen soll, Ihr noch geneigt seid, Fürsprache unseretwegen bei dem Burgunder zu tun, wie Ihr uns vorhin angeboten habt?« – »Landammann,« versetzte Philippson, »Ihr sagt es, und ich glaube es, daß Ihr von der Erstürmung von La Ferette nichts wußtet. Auch sagt Ihr, daß Hagenbach durch einen Rechtsspruch ums Leben kam, den Ihr weder fördern noch hindern konntet. – Laßt eine Vernehmungsschrift aufsetzen, die über diese Punkte Licht gibt und dieselben soviel wie möglich beweist. Vertraut sie mir, versiegelt so Ihr wollt, und wenn das alles so geschehen, so gebe ich Euch mein Wort als – als – ehrlicher Mann und echtgeborener Engländer, daß der Herzog von Burgund Euch nimmer eine Schmach wird antun, noch antun lassen. Auch hoffe ich, diesem Fürsten ein Freundschaftsbündnis zwischen Burgund und den vereinigten Kantonen sehr ans Herz zu legen. Doch ist es möglich, daß mir dieser letzte Punkt mißlingt, jedenfalls aber bürge ich Euch dafür, daß Ihr unbehelligt den herzoglichen Hof erreichen und ungehindert heimkehren werdet, widrigenfalls mein Leben und das meines einzigen und geliebten Sohnes das Lösegeld sein möge, womit ich mein allzuhoch gesteigertes Vertrauen zu des Herzogs Gerechtigkeit und Ehrfurcht büßen werde.« Die Abgeordneten schwiegen und blickten auf den Landammann; nur Rudolf von Donnersberg nahm das Wort: »Sollten wir denn unser Leben und, was noch teurer ist, das Leben unseres vielgeehrten Genossen, des Herrn Arnold von Biedermann, dem schlichten Worte eines fremden Handelsmanns vertrauen? Wir alle kennen die Gemütsart des Herzogs, und wie rachsüchtig und unversöhnlich er sich stets gegen unser Land bewies. Mich will bedünken, dieser englische Kaufmann sollte seine eigene Beziehung zu dem burgundischen Hofe deutlicher kund geben, wenn er von uns erwartet, daß wir ihm unbedingtes Vertrauen schenken sollen.« – »Das zu tun, Herr Rudolf von Donnersberg,« versetzte Philippson, »gebricht es mir an Freiheit. Ich dringe nicht in Eure Geheimnisse, sie mögen einem einzelnen oder mehreren unter Euch angehören. Meine Geheimnisse sind mir heilig. Erwog ich bloß meine eigene Sicherheit, so wäre es höchst weise getan, mich hier von Euch zu trennen. Allein unsere Botschaft ist Friede: Eure plötzliche Rückkehr nach dem, was in La Ferette vorfiel, würde unvermeidlichen Krieg zur Folge haben. Mich dünkt, ich kann Euch freies und sicheres Gehör bei dem Herzoge versprechen, und ich bin bereit, eines christlichen Friedens willen jeglicher sich mir deshalb entgegenstellenden persönlichen Gefahr Trotz zu bieten.« »Nichts mehr, würdiger Philippson,« sprach der Landammann. »Ihr seid die Redlichkeit in Person, und der ist zu beklagen, der das nicht auf Eurer männlichen Stirn lesen kann! Wir ziehen fürbaß, bereit, unsere Wohlfahrt lieber der Hand eines despotischen Fürsten zu überantworten, als die Botschaft unausgerichtet zu lassen, die unser Vaterland uns auftrug. Der ist nur zur Hälfte ein braver Mann, der sein Leben bloß auf dem Schlachtfelde wagt. Es gibt noch andere Gefahren, denen zu begegnen ein ehrenwertes Amt ist, und da das Wohl des Schweizerlandes verlangt, daß wir solchen Gefahren entgegengehen sollen, so wird keiner von uns zögern, diesen Schritt zu wagen.« Die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft stimmten ein, und die Versammlung brach auf, um ihre Weiterreise nach Burgund vorzubereiten. Ende.