Walter Scott Das Herz von Midlothian oder Der Kerker von Edinburg. Zweiter Band Erstes Kapitel. David Deans war, wie im letzten Kapitel des ersten Bandes schon gesagt worden, von Frau Saddletree aufgenommen und in ihrer guten Stube gebettet worden. Auf die Ohnmacht, die ihn im Gerichtssaale beim Schlusse der Verhandlung befallen, war eine tiefe Schwäche gefolgt, und es hatte geraume Zeit bedurft, bis er das Bewußtsein wiedererlangte. Seine ältere Tochter saß stumm und starr an seinem Bett. Die Vorhänge waren zugezogen, die Fensterläden geschlossen, als Frau Saddletree, nachdem sie sich ihrer andern Gäste entledigt, bei ihnen eintrat. Sie war eine gutmütige Frau, aber keine Frau, die zarte Rücksichten kannte; so zog sie ohne weiteres die Läden in die Höhe, schob den Bettvorhang zurück und trat zu dem alten Manne, hieß ihn sich aufrichten und sich ermannen. Leid, das über den Menschen komme, müsse er eben tragen, sagte sie; da könne nichts helfen. Aber er konnte sich nicht aufrecht halten, seine Hand sank, als die Frau sie losließ, kraftlos auf das Bett, und die Stimme versagte ihm. »Ist's zu Ende?« fragte Jeanie die Frau, bleich wie der Tod, »besteht keine Hoffnung mehr?« – »So gut wie keine,« versetzte Frau Saddletree, »ich hab das Urteil noch mit angehört. Viel gehört wahrlich nicht dazu für diese Sippe in ihren schwarzen Kaftanen, einem armen, harmlosen Dinge das Leben abzusprechen. Viel hab ich nie auf sie gehalten, auf dieses Gevattervolk von meinem Manne, wie ich sie nenne; aber jetzt sind sie mir in den Tod zuwider. Das einzige, was noch einigermaßen Hand und Fuß hatte, war die Rede vom Herrn Kirk, dem ersten Geschworenen, der dem Gericht anempfahl, die königliche Gnade für das arme Ding nachzusuchen. Aber er hätte sich den Atem sparen können, denn er sprach doch zu tauben Ohren.« »Der König kann sie aber begnadigen?« fragte Jeanie lebhaft; »ich hörte, in Fällen wie dem ihrigen stünde ihm kein Begnadigungsrecht zu?« »Selbstverständlich kann er sie begnadigen, wenn er es will. Solcher Fälle, wo er's getan, könnte ich Dir manchen nennen, Jeanie. War's denn nicht eben erst der Fall mit dem Hauptmann, dem Porteous? Bloß darum handelt es sich, den Weg zu ihm zu finden!« »Porteous?« wiederholte Jeanie: »ach, es ist ja wahr! Woran ich am ehesten denken sollte, vergesse ich gerade. Liebe Frau Saddletree, ich muß Ihnen Adieu sagen. Muhme, möge es Ihnen in Not und Kummer niemals an einem Freunde fehlen!« »Kind, Du wirst doch Deinen armen Vater nicht verlassen wollen?« rief Frau Saddletree: »laß Dir doch so etwas nicht beikommen!« Jeanie wies nach dem Stockhause. »Ich werde drüben wohl mehr von nöten sein,« sagte sie, »und gehe ich nicht jetzt, später brächte ich es wohl kaum über das Herz. Um sein Leben ist mir nicht bange, Muhme, ich weiß ja, wie stark sein Herz ist, weiß es,« setzte sie hinzu, die Hand auf die Brust legend, »von meinem eigenen.« »Nun, Jeanie, wenn Du meinst, es sei besser so, dann tue es nur. Er mag ruhig hier bleiben, bis er sich erholt hat.« »Ja, Muhme! es wäre besser, er käme nicht nach Sankt-Leonard zurück. Lassen Sie ihn nicht fort, bis Sie von mir hören, Muhme, und nun, Adieu! Gott segne Sie! Gott segne Sie!« »Aber, Jeanie, Du kommst doch wieder? Drüben werden sie Dich ja nicht behalten?« »Ich muß gleich nach Sankt-Leonard hinaus und nach dem Rechten sehen, muß auch noch mit Freunden sprechen. Viel Zeit bleibt mir nicht. Gott segne Sie, Muhme! und sorgen Sie für den Vater! Bitte, bitte!« Sie war schon an der Tür, drehte aber noch einmal um und kniete vor dem Bette nieder. »Vater, gib mir Deinen Segen!« bat sie; »ohne Deinen Segen darf ich, kann ich nicht gehen. Sprich wenigstens: Gott segne Dich, Jeanie!« Mehr instinktiv, als mit Bewußtsein, lallte der Greis die Worte, »daß aller Segen der Verheißung und Vergeltung auf ihrem Haupte ruhen möge!« Jeanie stand auf. »Er hat meinen Weg gesegnet,« sagte sie; »und jetzt ist mir's ums Herz, als müßte mein Vorhaben gelingen.« Frau Saddletree blickte ihr kopfschüttelnd nach. »Wenn sie bloß nicht irre redet, das arme Ding! Die ganze Deanssche Familie hat was Wunderliches an sich; ich kann die Leute nicht recht leiden, die immer was Besseres sein wollen als andere, viel Gescheites kommt niemals dabei heraus. Aber freilich, wenn sie nach Sankt-Leonard hinüber will, um nach den Kühen zu sehen, dann hat sie recht; die Tiere kann man nicht verkommen lassen Griggie,« rief sie zur Tür hinaus, »komm her und sieh nach dem alten Manne, laß es ihm an nichts fehlen. Dummes Ding Du,« sagte sie, als das Mädchen sich auf der Schwelle zeigte, »wie hast Du Dich denn heut herausgeputzt? Ich dächte, was ihr Dirnen heut mit angesehen und angehört habt, müsse euch eine Warnung sein?« Lassen wir die gute Frau weiter gegen irdische Eitelkeit schelten und sehen wir uns nach der unglücklichen Effie um, die jetzt in schärferer Haft gehalten wird. Eine Stunde mochte sie in der Armensünder-Zelle geschmachtet haben, als sie durch Klirren von Schlössern und Knarren von Riegeln aus ihrer dumpfen Betäubung gerissen wurde und Ratcliffe hereintrat. »Ihre Schwester, Effie,« sagte er, »ist da und will mit Ihnen reden.« Mit der ihr eigenen Reizbarkeit, die durch das Unglück, das über sie gekommen war, noch verstärkt wurde, rief sie: »Ich kann, ich mag niemand sehen, sie am allerwenigsten!. Sagt ihr, sie möge für den alten Mann sorgen. Ich bin ihnen nichts mehr, so wenig wie sie mir sind.« »Sie sagt aber, sie müsse Sie sehen,« erwiderte Ratcliffe. Aber Jeanie war schon in der Zelle und schlang die Arme um die Schwester, ohne sich daran zu kehren, daß Effie sich ihr zu entwinden suchte. »Was nützt es, jetzt zu weinen, nachdem Du mich in den Tod gejagt hast? und doch konnte ein einziges Wort aus Deinem Munde mich retten! Du weißt es doch, daß ich nicht schuldig bin, wenigstens nicht an dem schrecklichen Verbrechen. Du weißt, daß ich lieber Leib und Seele hingegeben hätte, als Dir das kleinste Leid geschehen zu lassen.« »Du sollst den Tod nicht leiden,« rief Jeanie mit dem Feuer der Begeisterung, »sprich von mir, was Du willst, denk von mir, was Du willst, aber versprich mir, daß Du Dir kein Leid antun willst – versprich es mir, Effie, – denn ich zittere vor Deinem Temperament – versprich es mir, und Du sollst den schmachvollen Tod nicht leiden!« »Ich will solchen Tod nicht sterben, Jeanie; schwach mag mein Herz gewesen sein, aber Schande erträgt es nicht. Geh zum Vater, Schwester, und sorge für ihn! Meiner aber denke nicht weiter, denn ich habe die letzte irdische Speise zu mir genommen.« »Das eben ist es, Effie, was ich fürchte!« rief Jeanie. »Ach, reden Sie doch nicht so törichtes Zeug!« sagte Ratcliffe, »von solchen Sachen wissen die meisten nichts, wissen auch Sie nichts! So lange einem das Urteil noch in den Ohren klingt, will man immer lieber gleich sterben, statt die sechs Wochen ruhig noch auszuhalten. Aber die Hand legt doch keiner an sich! Ich hab dem grauen Männchen schon dreimal gegenüber gestanden und bin doch immer noch auf den Beinen. Hätte ich mir, als es mir zum ersten Male passierte, auch gleich das Tuch um den Hals gewürgt – die Lust dazu ist mir ja angekommen – wo wäre ich jetzt?« »Und wie sind Sie davongekommen?« fragte Jeanie, der die Schicksale dieses Menschen jetzt, weil die Schwester in gleicher Lage war, mit einem Male nahe gingen, so unausstehlich er ihr bisher gewesen war. »Wie ich davon gekommen?« wiederholte er lachend; »so lange ich diese Schlüssel in meinen Händen halte, soll keiner so aus dem Gefängnisse herauskommen wie ich!« »Meine Schwester soll bei hellem Tage den Fuß von hier setzen,« rief Jeanie; »ich will nach London, den König und die Königin um Gnade für sie bitten; sie haben Porteous begnadigt und können auch sie begnadigen. O, und wenn eine Schwester vor sie hin kniet und um der Schwester Leben bittet, dann werden sie ihr auch Gnade gewähren!« Effie lauschte mit verstörtem Blicke; Jeanie sprach mit solcher Zuversicht, so schwärmerisch, so hinreißend, daß ein Hoffnungsstrahl in ihrem Herzen zu dämmern anfing. Ebenso schnell aber schwand er wieder, und ihr Herz sank wieder in seine frühere Trostlosigkeit zurück .. »Ach, Jeanie!« rief sie, »London ist an tausend Meilen weit, liegt weit überm Meere, und ehe Du es erreicht hast, werde ich längst hinüber sein.« »Das trifft nicht zu, Schwester,« erwiderte Jeanie, »so weit ist London nicht, und man kann zu Lande hingelangen. Mir hat's Reuben Butler gesagt.« »Jeanie, Jeanie!« rief Effie klagend, »Du hast von Deinen Freunden immer was Ordentliches gelernt, aber ich ... ich ...« »Denke nicht an so etwas, Effie,« versetzte Jeanie, »laß das, bis wir die schwere Zeit hinter uns haben. Versprich mir, Schwester, auf meine Rückkehr zu warten. Sterbe ich nicht unterwegs, dann werde ich des Königs Antlitz sehen, und der König kann Gnade spenden. Und Sie, Herr,« wandte sie sich zu Ratcliffe, »seien Sie freundlich gegen sie! Sie hat im Leben noch nie empfunden, was es heißt, auf fremde Güte angewiesen zu sein.. Adieu, Effie! Adieu, Herr!. Kein Wort mehr, Schwester! Ich darf jetzt nicht weinen. Mir ist das Herz ohnehin voll zum Zerspringen.« Sie riß sich aus Effies Armen und verließ die Zelle. Ratcliffe ging hinter ihr her und winkte ihr in einen abgelegenen Raum. Bebend am ganzen Leibe, folgte sie ihm. »Ich meine es gut mit ihr und mit Ihnen,« sagte er; »denn das muß ich sagen, man muß wirklich Respekt vor Ihnen haben. So resolut und klar im Kopfe hab ich noch kein Weibsbild gefunden. Und ich glaube, weiß Gott! was Sie vorhaben, wird Ihnen gelingen. Aber so ohne weiteres können Sie nicht vor den König gelangen, Mädel, das denken Sie sich nicht! Probieren Sie es erst mit dem Herzog, mit Mac Callumore, der ist Schottland wohlgesinnt, und wenn sich die großen Herren in London, wie jeder in Schottland weiß, nicht viel aus ihm machen, sind sie doch auf der Hut vor ihm und nehmen sich in acht, es mit ihm zu verderben. Das gerade kann Ihnen zum Heile sein, Mädel! Wissen Sie niemand, der Ihnen an den Herzog ein paar Zeilen mitgeben könnte?« Jeanie fiel plötzlich etwas ein. »Sprechen Sie vom Herzog von Argyle?« – »Wer anders wäre Mac Callumore?« – »Derselbe, der, als mein Vater noch ein Jüngling war, unter so schweren Verfolgungen litt?« »Ich glaube, der jetzige Herzog ist der Sohn oder Enkel,« erwiderte Ratcliffe; »aber wohinaus wollen Sie damit?« »O, dem Himmel sei Dank für Ihre Worte!« rief Jeanie und faltete andächtig die Hände. »Ihr Leute habt immer den lieben Gott beim Wickel,« sagte Ratcliffe. »Aber noch eins, Mädel! Der Weg bis London ist weit und führt durch Strecken, wo es nicht geheuer ist, wo sich allerhand Volks herumtreibt. Aber einem, der einen Zettel vom Vater Kliff hat, wird keiner von ihnen zwischen hier und London etwas zu leide tun; denn alle wissen recht gut, daß ich ihnen noch immer zu Gutem oder Bösem helfen kann, wenn ich auch meinem Gewerbe Valet gesagt habe. Meinen Paß kennt zwischen hier und London jeder, der auf der Landstraße vagiert.« Er gab ihr ein beschmutztes Stück Papier, auf das er schnell ein paar Schriftzeichen gesetzt hatte, und rief, als sie scheu davor zurückwich: »Nehmen Sie nur, Kind! Beißen wird es Sie nicht! Hilft's vielleicht nicht, schaden kann's auf keinen Fall! Und kommen Sie mit irgend einem unterwegs in Händel, oder werden Sie aufgehalten in schlimmer Absicht, so zeigen Sie das Ding vor! Verstehen wird's jeder, denn es ist Diebslatein, und respektieren wird's auch jeder!« Noch einen Blick voller Seelenangst warf sie auf das schwarze, düstere Gebäude und einen Blick voll unsäglichen Schmerzes auf das gastliche Haus der guten Frau Saddletree, und dann ließ sie die Stadt hinter sich. Ohne Bekannten zu begegnen, – was ihr als wahre Wohltat erschien – gelangte sie zu den Leonards-Felsen. »Ich will alles vermeiden,« dachte sie, »was mich irre machen könnte; ist mir's doch ohnehin schwach genug zu Mute für das schwere Vorhaben; drum will ich auch so wenig sprechen wie möglich, und alles verrichten, was ich noch zu verrichten habe, so standhaft und resolut wie möglich.« Seit vielen Jahren war eine alte Taglöhnerin in Dienst bei ihrem Vater, und auf sie durfte Jeanie sich in allem verlassen; sie hauste in einer kleinen Hütte unfern vom Pachthof und kam sogleich, als Jeanie nach ihr schickte. Ihr sagte sie, sie müsse um der Schwester willen eine weite Reise machen, und übertrug ihr für die Zeit ihrer Abwesenheit die Sorge für Haus und Vieh, und, wenn er zurückgekehrt sein werde, auch für den Vater. »Es kann sein«, sagte sie der May Hettly – so hieß die greise Tagelöhnerin – »daß er schon morgen wieder da ist; er kann aber auch eine Zeitlang wegbleiben; ich weiß es nicht; aber halte nur alles in bester Ordnung, damit er keine Ursache habe, sich über etwas zu ärgern; Gram wird er ohnehin genug mit heimbringen, wenn er kommt.« Mitternacht wurde es, bis sie der Alten alles genau übergeben und alle Vorbereitungen getroffen hatte, die eine solche weite Reise notwendig machten. Die Alte legte ihrer jungen Herrin ans Herz, sich ein bißchen Schlaf zu gönnen. »Sie haben einen schweren Tag hinter sich, Jungfer Jeanie, und Ihr Vater pflegt immer zu sagen, Furcht und Sorge seien schlimme Kameraden in schlaflosen Nächten.« »Ja, ja, May Hettly, gar schlimme Kameraden,« antwortete Jeanie, »es will aber gelernt sein, sich mit ihnen abzufinden, und besser schon, man macht daheim damit den Anfang als draußen in der Fremde.« Ihr großes schottisches Umschlagetuch diente ihr als Mantel, wie auch als Kopftuch; ein Bündel enthielt alles notwendige Linnen; auch ihre Sonntagsschuhe und weißen Zwirnstrümpfe packte sie ein, um sie für etwaige bessere Gelegenheiten zur Hand zu haben; denn sie war willens, den Weg bis London barfuß zu machen, nach schottischer Frauensitte, wußte sie doch nicht, daß man in England Barfußgehen für das Zeichen der höchsten Armut ansieht .. Aus einem alten eichenen Behälter, in dem ihr Vater seine frommen Bücher, ein Paar Schriftstücke und die beglichenen Rechnungen verwahrte, suchte sie ein paar alte Briefe hervor, von denen sie sich für ihr Vorhaben einigen Nutzen versprach. Aber der wichtigste Punkt war noch zu erledigen: die Geldfrage. Hieran dachte sie erst, als sie mit allem andern fertig war. Ohne Geld die Reise anzutreten, war natürlich ausgeschlossen. Ihr Vater hatte von dem kleinen Gute Wohl sein Auskommen; aber zu Ersparnissen war er noch immer nicht gekommen, sondern seine Habe bestand, gleich den Erzvätern in der Bibel, in seinen Herden und ein Paar geringfügigen Beträgen, die er an Nachbarn oder Verwandte geliehen hatte, von denen aber jeder schon das mögliche getan, wenn er ihm die bescheidenen Zinsen am Jahresschlusse überbrachte. Bei ihnen vorzusprechen, selbst wenn sie des Vaters Einwilligung dazu hatte, wäre nur Zeitvergeudung gewesen. Aber mit dem Vater über ihr Vorhaben zu sprechen, erschien ihr schon insofern nicht geraten, als sie fürchten mußte, er würde ihrem ganzen Vorhaben widersprechen und sie nicht fortlassen wollen; auf solches Verbot durfte sie es aber unter keinen Umständen ankommen lassen, sofern sie nicht das Schicksal der Schwester besiegeln wollte. Wohl dachte sie an Frau Saddletree und machte sich Vorwürfe, daß sie nicht schon am Morgen diesen Punkt mit ihr ins reine gebracht hätte; aber auch von ihr versah sie sich, wenn auch keiner Ablehnung, so doch allerhand Widerreden und Gegenvorstellungen, die zum wenigsten wieder Zeitverlust brachten, wenn nicht die Gefahr, daß der Vater auf diese Weise ihr Vorhaben erführe. Sie dachte an Butler, aber er war ja noch ärmer als sie, und was hätte ihre seine Bereitwilligkeit helfen können, wenn es ihm an den Mitteln fehlte, sie in die Tat umzusetzen? Da faßte sie einen wunderlichen Entschluß, all diese Hindernisse aus der Welt zu schaffen. Zweites Kapitel. Ein paar Stunden seitwärts von Sankt-Leonard lag das Rittergut Dumbiedike mit seinem einst in der Gegend weit und breit gefürchteten Schlosse; denn der verstorbene Laird, von dessen Schnurren und Streichen im ersten Band die Rede gewesen, führte in seinen Mannsjahren eine gar derbe Klinge, trank und fluchte, fehlte bei keinem Hahnenkampfe und keiner Edeljagd und war ohne sein strammes Roß und seine Koppel bissiger Hunde nicht wohl zu denken. Aber sein Sohn war ein anderer, und durch ihn hatte das alte ritterliche Ansehen des Geschlechts nicht profitiert, denn er war ein ebenso sparsamer, bedächtiger und weltscheuer Mann, wie der Vater gierig und geizig, roh und aufdringlich gewesen war. Schluß Dumbiedike war kein architektonisches Meisterwerk, sondern konnte kaum für mehr als einen schlichten Landedelsitz gelten. In jedem seiner drei Stockwerke lag bloß ein einziges großes Gemach, das durch ein halbes Dutzend Fenster sein Licht erhielt, die aber alle zusammen mit ihrer spitzen Form und ihrem wuchtigen Rahmen nicht soviel Licht gaben wie heute ein einziges, richtig angelegtes Fenster. Durch einen halbrunden Turm gelangte man zu den oberen Stockwerken; das Dach war nicht mit Schiefer, sondern mit rohen, grauen Steinen gedeckt. Ein paar niedrige, verfallene Nebengebäude, durch eine verfallene Mauer mit ihnen verbunden, lagen um den Hof her, der ehedem gepflastert gewesen; jetzt sproßten Gras und Disteln munter aus den Ritzen zwischen den Fliesen. Ueber dem niedern Torwege, der in den Hof hinein führte, war etwas wie ein Wappen in den Stein gehauen, und über dem innern Eingange hing schon seit mehreren Jahren das moderne Wappenschild Lawrencs Dumbies von Dumbiedike, zum Zeichen, daß er bei seinen Vätern auf dem Kirchhofe von Newbattle in Frieden ruhe. Zu dieser Stätte, nicht der Armut, aber des langsamen Verfalls infolge von Trägheit und Stumpfsinn ihres dermaligen Besitzers lenkte Jeanie nachts die Schritte und trat schüchtern, fast beschämt, am frühen Morgen in den Innenhof. Einem schlichten Landkinde wie ihr, das außer der bescheidenen Hütte ihres Vaters kaum ein anderes Heim gesehen, mußte Schloß Dumbiedike als stattlicher Wohnsitz und der damit verbundene Land- und Feldbesitz, der sich um dasselbe herum erstreckte, als Zeichen großen Reichtums erscheinen; aber in ihr redliches, ehrliches, schlichtes Gemüt fand jetzt, als sie das Heim ihres alten, getreuen Verehrers mit eigenen Augen erblickte, kein Gedanke den Weg, der zu den Empfindungen im Widerspruch gestanden hätte, die dort bisher gewohnt hatten, und nicht einen Augenblick fühlte sie sich in Gefahr, dem Laird, Butler oder sich selbst auch nur das leiseste Unrecht anzutun. Da sie den Laird selbst zu sprechen wünschte, sah sie sich in den Wirtschaftsgebäuden nach jemand von der Dienerschaft um, der sie bei ihm melden könne. Aber alles war noch still auf dem Hofe. Sie klinkte eine Tür auf, die zu einem leeren Raume führte: dem einstigen Hundezwinger des alten Laird, der dem Anscheine nach jetzt als Waschküche benutzt wurde. Eine andere Tür, mit der sie es versuchte, zeigte den Raum ohne Dach, in welchem, nach ein paar vermoderten Stangen und an den Wänden herumhängenden Riemen und Federspielen zu schließen, die Falken des verstorbenen Lairds gehaust hatten. – Eine dritte Tür führte zum Steinkohlenschuppen, dessen reichliche Vorräte auf die Vorliebe des jetzigen Lairds für eine warme Stube schließen ließen. Nun kam sie an die Tür, die zu dem Stalle führte; ihren alten Bekannten, den eigensinnigen Klepper vom Hochlande, hatte sie draußen grasen gesehen, aber daß er hier seine Unterkunft hatte, bekundeten Sattel und Zaum, ihr ebensogut bekannt, die halb an der Mauer, halb auf die Streu hernieder hingen. In der andern Stallhälfte, durch einen Querbaum geschieden, stand eine Kuh, die, als sie Jeanies ansichtig wurde, ein lautes Gebrüll ausstieß. Jeanie, die ja daheim beim Vater die Kühe wartete, verstand sogleich, was das Tier wollte, trat zu seiner Krippe und schüttete ihm Futter auf. Wie alles in dem verlotterten Herrensitze, war auch der Kuhstall schlecht versorgt; in dem Augenblick aber, als sie dem Tiere Futter streute, kam die Magd hereingetrottet, die sich noch verschlafen die Augen rieb und, als sie eine fremde Person verrichten sah, was sie längst hätte verrichtet haben sollen, mit wildem Geheul, als sei ihr der Gottseibeiuns erschienen, auf den Hof hinaus rannte. »Der Kobold! Der Kobold!« schrie sie, wie besessen .. Nun ging in dem Schlosse seit alters die Sage, es gehe darin ein Hausgeist herum, das träge Gesinde zu schrecken. Aber um so geringere Lust die Magd haben mochte, von ihrer Trägheit zu lassen, um so lauter zeterte sie jetzt auf dem Hofe, daß ein anderes Wesen sich der Kuh erbarmt hatte, die sie bis in den Morgen hinein hatte hungern lassen, und ihr Geschrei verfehlte natürlich nicht, die andern faulen Schläfer des Herrensitzes munter zu machen. Jeanie, bemüht, keinerlei Unruhe zu stiften, war hinter dem Schreihalse her auf den Hof getreten und versuchte, ihm gut zuzureden; aber schon hatte sich die alte – wie böse Zungen sagten – Busenfreundin des verblichenen und die Hausverwalterin des dermaligen Lairds aus den Federn gemacht und gleichfalls auf den Hof hinunter begeben, eine ansehnliche, korpulente Person, die zwischen vierzig und fünfzig Jahren gewesen sein mochte, als der alte Laird das Zeitliche segnete, und nun an die siebzig heranreichte. Eifersüchtig über ihr Amt und Ansehen im Hause wachend, keineswegs jedoch in Unkenntnis darüber, daß ihre Macht nicht mehr auf so festen Füßen stand wie ehedem, hatte sie ihre Nichte zu sich genommen, eben die Magd, die jetzt mit ihrem Geschrei den Hof erfüllte. So eifrig aber Jeanet Balchristie – so hieß die wackre Dame – es auch darauf angelegt hatte, den jungen Laird in ihre Netze zu ziehen, so war der Laird doch nicht zu der Erkenntnis zu bringen gewesen, daß neben Jeanie Deans auch noch eine Jeanet Balchristie auf der Welt und obendrein in größerer Nähe von ihm existiere, hatte es aber auch nicht hindern können, daß sich Jeanet Balchristie über seine täglichen Ritte nach Sankt-Leonard hinüber ihre eigenen Gedanken machte und auf Jeanie Deans einen besonderen Groll hatte. Da sie nun heute zwei Stunden früher aus dem Schlafe gerissen wurde, als sonst, war sie begreiflicherweise auch in noch schlechterer Laune als sonst, und nicht bloß erbost auf die Nichte, die sie durch ihr Geschrei geweckt, sondern noch weit erboster auf Jeanie, die der Nichte Ursache zu dem Geschrei gegeben hatte. Aber da sie die Augen noch nicht recht aufmachen konnte, erkannte sie Jeanie nicht gleich, sondern fuhr sie grob an, wer sie sei und was sie so früh hier zu suchen habe? Jeanie antwortete: »Ich habe eine Bitte an den Laird, liebe Frau Balchristie,« aber sie sprach es sehr schüchtern, denn wie immer, wenn der Vater sie einmal zu ihr geschickt hatte, etwas zu bestellen, fürchtete sie sich vor ihrem zänkischen Wesen. »Liebe Frau Balchristie,« wiederholte die Alte fuchswild, »wer seid Ihr denn? Da könnte jede kommen!« – »Aber kennen Sie mich denn nicht, Frau Balchristie? Ich bin ja Jeanie Deans!« »Was? die Jeanie Deans?« rief die Alte, sich verwundert stellend, »wirklich? Jeanie Dämon müßtet Ihr eher heißen!« und sie trat dicht vor sie hin und maß sie mit boshafter Neugierde. »Habt ja mit Euerm Vater ein feines Stückchen verübt, solch armes, unschuldiges Würmchen umzubringen! Ein wahrer Segen, daß wir in Schottland noch Gesetze haben! Sonst käme Euer liederliches Stück von Schwester womöglich noch gar nicht mal an den Galgen, was doch jammerschade wäre! Und solch erbärmliches Gesindel rennt ehrlichen Leuten in aller Herrgottsfrühe das Haus ein? verlangt in aller Herrgottsfrühe zu anständigen Junggesellen geführt zu werden? Schert Euch! Hinaus! Vom Hofe!« Jeanie, entsetzt über diese gemeine Deutung ihres Besuchs, hatte schon den Rücken gewandt, um den Hof zu verlassen, während die grobe Frau noch lauter schrie, da ging ein Fenster auf, und der Kopf des Lairds, mit dem Tressenhute des Vaters, lugte heraus, um zu sehen, was seine sonst so verschlafene Hausverwalterin so früh in solche Wut versetzte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er Jeanies wohlbekannte Figur auf dem Rückzuge aus seinem Gute begriffen, verfolgt von der Haushälterin, die ihr, den Arm in die Hüfte gestemmt, zitternd vor Wut und die Faust ballend, die gröbsten Verwünschungen zuschrie. Er geriet außer sich vor Wut. »Satansweib!« schrie er zum Fenster hinunter, »wer gibt Dir das Recht, die Tochter eines redlichen Mannes auf meinem Grund und Boden so zu behandeln?« Frau Balchristie merkte sofort, daß mit dem Laird nicht zu spaßen sei, denn aus seiner Trägheit kam er nur in den ernstesten Fällen, und suchte sich, so gut sie konnte, zu entschuldigen, es wäre ihr ja bloß um seine Ruhe gegangen, und die Mamsell könnte doch wiederkommen, statt ihn so früh zu stören, u. s. w. Aber der Laird schrie: »Maul gehalten, alte Hexe! und der Teufel soll Dir ins Genick fahren, wenn ich recht gehört habe. Jeanie, Dirne, komm ins Wohnzimmer herein! Ich bin gleich unten. Kehr Dich nicht an den alten Satan!« »Na, so schlimm war's ja nicht gemeint,« sagte Jeanet darauf zu ihr, »ich konnt's doch nicht wissen, daß Sie sich mit dem Laird besprochen hatten. Warum sagen Sie mir das nicht gleich? Ich weiß doch, wie es im Leben zugeht. Na, so treten Sie, bitte, näher!« Jeanie wich vor ihr zurück. »Ich habe mich mit dem Laird nicht besprochen,« sagte sie, »ich habe nur weniges mit ihm zu reden, und es kann gerade so gut auf dem Hofe geschehen, wie in der Stube.« ' »Draußen auf dem Hofe?« versetzte die Alte; »aber so unhöflich werden wir doch nicht sein! Was macht denn der wackre Vater?« , Das Erscheinen des Lairds enthob Jeanie der Mühe, auf die heuchlerische Frage zu antworten. »Scher Dich und sieh nach dem Frühstück,« fuhr er die Alte an; »mach auch ein tüchtiges Feuer an! Komm, Jeanie, Dirne! Setz Dich ein bißchen!« »Nein, Laird, ich kann nicht in die Stube treten, ich habe noch einen weiten Weg heute vor, noch viele Meilen, wenn meine Füße mich tragen wollen.« »Noch viele Meilen zu Fuß? Da sei der Himmel vor!« rief der Laird, »Jeanie, Dirne, das geht nicht! Ich sage Dir, komm herein und setz Dich!« »Was ich zu sagen habe, kann auch hier geschehen, Laird, und die Frau Balchristie.« »Der Teufel soll sie holen, zu schleppen hat er schon an ihr!« erwiderte Dumbiedike, »Jeanie, Dirne, viel Worte sind meine Sache nicht; aber Herr in meinem Hause bin ich und in Zucht halte ich alles, wenn mir auch mein Klepper manchmal nicht pariert. Bloß ist's mir manchmal zuwider, bis mir schließlich 'mal die Galle überläuft.« »Ich komme, Laird,« sagte Jeanie, die Notwendigkeit, ihr Anliegen sogleich vorzubringen, erkennend, »um Ihnen zu sagen, daß ich eine Reise vorhabe, ohne Vorwissen des Vaters.« »Ohne Vaters Wissen, Jeanie?« fragte er; »ist das recht? Das mußt Du noch einmal überlegen, Jeanie! Es ist nicht recht,« sagte er nach einer Weile, und sein Gesicht zeigte eine sehr besorgte Miene. »Wenn ich nur erst da wäre, in London,« sagte Jeanie, in der Absicht, sich zu rechtfertigen, »da fände ich dann schon Mittel und Wege, die Königin um meiner Schwester Leben zu bitten.« »London?« rief der Laird, außer sich, »zur Königin? Der Schwester Leben? Die Dirne ist von Sinnen!« »Nein, Laird, von Sinnen bin ich nicht,« versetzte Jeanie; »aber nach London zu gehen, ist mein fester Entschluß, und sollte ich mich von einer Tür zur andern betteln. Was anderes aber wird mir nicht übrig bleiben, sofern Sie mir nicht etwas Geld für die Reise leihen. Es soll nicht viel sein; aber Sie wissen, mein Vater ist wohlhabend und wird nicht leiden, daß jemand, am wenigsten Sie, Laird, durch mich zu Schaden kommen.« Der Laird traute kaum seinen Ohren, als er diese Worte hörte. Er sah starr auf den Boden und fand kein Wort der Erwiderung. »Ich sehe, Laird, Sie wollen nicht,« sagte Jeanie, »nun, dann Adieu! Aber sehen Sie recht oft nach dem Vater! Er wird jetzt recht allein sein.« »Wo will sie hin, die alberne Dirne?« rief Dumbiedike, indem er sie bei der Hand nahm; »ich hab's ja schon immer sagen wollen; es ist mir aber immer in der Kehle stecken geblieben,« sagte er halb zu sich selber; dann führte er sie in das Haus und in ein altertümliches Zimmer, dessen Tür er hinter ihnen abschloß und verriegelte. Jeanie, blieb, verwundert über sein Verhalten, an der Tür stehen; der Laird ließ ihre Hand los und drückte auf eine Feder in dem Wandgetäfel, wodurch sich ein geheimer Schrank öffnete. Tief in die Wand eingelassen, stand hier ein großer eiserner Kasten, den der Laird aufschloß. Darin lagen verschiedene lederne Beutel, mit Gold und Silber bis zum Rande gefüllt. Bald Jeanie, bald seinen Schatz wohlgefällig betrachtend, sagte er: »Sieh, Jeanie, Dirne, das ist meine Bank; mit Wechseln und Papiergeld, wie andere Leute, habe ich nicht gern was zu tun. Das bringt den Menschen bloß ins Malheur!« Dann schlug er einen anderen Ton an und sprach bestimmt und fest: »Jeanie, Dirne, noch ehe die Sonne untergeht, will ich Dich zur Lady Dumbiedike machen, und dann kannst Du, wenn Du Lust hast, in meiner Karosse nach England fahren.« ' »Laird! Meines Vaters Herzeleid! Meiner Schwester Schande!« rief Jeanie; »nein! Es kann nicht sein! Es wäre zu herbe Kränkung für Sie!« »Das geht mich an, Jeanie, Dirne! Und wären Sie keine dumme Person, so würden Sie das mit keinem Worte berühren. Aber gerade um deswillen mag ich Sie nur noch lieber! Gescheit braucht bei Eheleuten bloß einer zu sein. Das reicht! Aber Ihnen ist heute das Herz schwer, Jeanie, Dirne. Drum wollen wir's heute lassen, bis Sie zurück sind. Nehmen Sie soviel Geld, wie Sie wollen. Mir kommt es ja auf den Tag nicht an.« Jeanie hatte die Empfindung, daß es einem so wunderlichen Liebhaber gegenüber notwendig sei, sich deutlich zu erklären; drum sagte sie: »Aber, Laird, ich habe einen andern Mann lieber als Sie und kann Sie deshalb nicht zum Manne nehmen.« »Einen andern Mann lieber als mich?« wiederholte der Laird, »wie kann das sein, Jeanie, Dirne? Du kennst mich doch schon so lange! Jeanie, Dirne! Das kann nicht sein.« »Laird,« versetzte das schlichte Mädchen, »den andern kenne ich länger.« »Länger? Jeanie, Dirne, das kann nicht sein! Du bist ja auf meinem Gute geboren! Aber, Jeanie, Du hast noch lange nicht alles gesehen, was ich besitze.« – Er zog ein paar Kästen in dem Wandschranke auf. »Da, sieh! Alles Gold, und hier blankes Silber. Da hast Du mein Kontobuch! Bare dreihundert Pfund Sterling! Und meiner Mutter Garderobe, und meiner Großmutter Garderobe, schwere Seidenkleider mit Spitzen wie Spinngewebe, und Ringe und Ohrbommeln dran. Es liegt alles im Sterbezimmer. Jeanie, Dirne! Geh mal hinauf und sieh Dir alles an!« Aber Jeanie blieb fest und unerschütterlich. »Laird! Es kann nun einmal nicht sein, ich hab dem andern das Wort gegeben, und das kann ich nicht brechen.« »Ihm das Wort gegeben?« wiederholte der Laird verdrießlich, »und wer ist's denn, Jeanie? Geh, Du hast mich bloß zum besten. Daß es so einen gibt, glaube ich einfach nicht. Du zierst Dich bloß! Sage es mir, wer es ist, und was er ist!« »Reuben Butler ist's, der Lehrer von Libberton,« antwortete Jeanie. »Butler? Reuben Butler?« wiederholte der Laird, außer sich in der Stube auf und ab schreitend; »der Hilfslehrer? der Sohn meines Instmanns? Na, wie Sie wollen, Jeanie! Dirnen sollen ihren Willen haben. Aber der Mensch hat ja keinen roten Heller im Sack und nichts auf dem Leibe als einen alten, abgetragenen Rock. Aber Dirnen wollen 'mal ihren Willen haben. Schön! Es hat weiter nichts auf sich!« Mit diesen Worten stieß er heftig einen Kasten nach dem andern wieder zu. »Guter Wille findet oft keinen Dank, Jeanie, Dirne! Und wohl kann einer ein Pferd zur Tränke führen; aber keine zwanzig können's zum Saufen zwingen, wenn's nicht saufen will. Aber mein Geld verschleudern, damit sich andre einen guten Tag machen, nein! nein! Das tue ich nicht.« Jeanies Stolz empörte sich ob dieser letzten Worte. »Ich habe Euer Gnaden um nichts gebeten, das solche Auslegung verdiente. Lebt wohl, Laird! Dem Vater haben Sie viel Freundschaft erwiesen, und ich will Ihrer immer in Freundschaft gedenken.« Sie stand auf und verließ das Gemach. Wohl rief er ihr nach: »Aber, Jeanie, Dirne! So bleib doch!« Jeanie aber, der Worte nicht achtend, ging raschen Schrittes über den Hof und begann ihre Wanderung, das Herz voll Scham und Verdruß darüber, daß ihr die kleine, voll Vertrauen erbetene Gunst wider Erwarten versagt wurde. Als sie sich auf der freien Landstraße sah, verlangsamten sich ihre Schritte. Bange Sorge, durch diese unvorhergesehene Täuschung wachgerufen, kam über sie. Sollte sie sich wirklich bis London betteln? Oder sollte sie umkehren und den Vater einweihen? Wieviel Zeit ging wieder verloren, wenn sie sich noch einmal nach Edinburg begab! Aber sie schritt langsam in der Richtung weiter, die sie eingeschlagen hattet und die die Richtung nach London war. Da klang plötzlich Hufschlag an ihr Ohr, und dann wurde ihr Name gerufen. Sich umsehend, erkannte sie, auf ungesatteltem Klepper, im Schlafrock, Pantoffeln und Tressenhut, wie er sie empfangen, den Laird von Dumbiedike! In dem Eifer, hinter ihr herzusetzen, hatte er sogar Rory Bean, den störrischen Klepper, auf den Weg gezwungen, den heute er reiten wollte! Und alles Bocken hatte dem Biest nichts geholfen, heute hatte es seinem Herrn parieren müssen. Jetzt hatte er Jeanie erreicht, und seine ersten Worte waren: »Jeanie, es heißt doch bei den Leuten, man müsse die Dirne nicht gleich beim Worte nehmen!« Jeanie blickte nicht auf und blieb nicht stehen, aber sie sagte: »Meinem Worte, Laird, können Sie trauen, denn ich kann niemandem was anders als die lautere Wahrheit sagen.« »Nun, dann sollten doch Sie wenigstens nicht gleich einen Mann beim Worte nehmen!« rief der Laird, »ohne Geld können Sie die Reise nicht machen, daran ist nicht zu denken. Hier haben Sie Geld,« und er gab ihr eine kleine Börse in die Hand, »gern gäb ich den Rory Bean noch drein, aber er ist ein so störrischer Racker, daß er bloß seinen Weg gehen will, ganz wie Sie, Jeanie, Dirne, ganz wie Sie!« »Aber, Laird, wenn Ihnen der Vater das Geld auch zurückerstatten wird auf Heller und Pfennig, so möchte ich doch nicht borgen von jemand, der vielleicht was anders dafür erwartet hat.« Dumbiedike seufzte tief. »Jeanie, Dirne, es sind fünfundzwanzig Guineen. Ihr Vater mag sie mir wiedergeben oder nicht: Sie selbst enthebe ich jeglicher Verbindlichkeit. Gehen Sie, wohin Sie wollen, tun Sie, was Sie wollen, heiraten Sie soviel Butlers Sie wollen! Und nun Adieu, Jeanie, Dirne! Adieu!« »Laird, der liebe Gott segne Sie mit vielen, vielen frohen Tagen!« sagte Jeanie, und ihr Herz war durch die seltsame Großmut dieses seltsamen Menschen tiefer ergriffen, als es dem armen Lehrer von Libberton vielleicht recht gewesen wäre. Er machte Kehrt, nachdem er noch einmal mit der Hand gewinkt hatte, und gab seinem Klepper die Sporen und nun muß ich freilich ihm hinterher sagen, daß ein Liebhaber, der im Schlafrock, Tressenhut und in Pantoffeln von einem störrischen Klepper im Galopp hinweggeführt wird, eine so possierliche Erscheinung abgibt, daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn selbst ein Mädchen wie Jeanie, trotz alles heißen Dankes in der Brust, die schwache Regung zu seinen gunsten erstickt und zu seiner alten Liebe zurückkehrt. »Ein guter, guter Mensch,« sagte sie, ihm nachblickend, »bloß schade, daß er solch störrischen Gaul reitet!« Drittes Kapitel. Nicht lange, nachdem sie Dumbiedike verlassen, kam sie auf eine kleine Höhe, die ihr den Blick auf Woodend und Beersheba eröffnete, mit all den Plätzen und Stätten, wo sie als Kind und Mädchen so manche frohe Stunde verlebt hatte, mit Butler und mit der unglücklichen Schwester, ihrer so innig geliebten Effie, und soviel Bitternis mischte sich jetzt in diese Erinnerungen, daß sie sich am liebsten auf den Rain gesetzt und ihren Tränen freien Lauf gelassen hätte. »Aber was möchten Tränen helfen,« sprach sie bei sich, »hab ich nicht viel mehr Ursache, dem lieben Gott herzinnig zu danken für die Gnade, die er mir dadurch erweist, daß er einem Manne, den alles für einen Geizhals hält, das Herz erweichte? Nein! Keinen Blick mehr auf Woodend, das arme liebe Nest, wo alles, alles, selbst der Rauch, der aus den Essen steigt, mich an den trüben Wechsel der Zeit gemahnt.« So setzte sie, ohne zu wanken, die einsame Wanderung in christlicher Ergebung fort, bis sie in die Nähe des kleinen Dorfes gelangte, in welchem der Mann ihres Herzens seines bescheidenen Amtes waltete. Es liegt am Abhang eines Hügels, ein Stück seitab von Edinburg, und zwischen blühenden Bäumen ragt die altertümliche kleine Kirche mit ihren spitzen Türmchen empor. Sie hatte sich vorgenommen, dort Einkehr zu halten, ehe sie ihre Wanderung fortsetzte, weil sie Butler für am besten geeignet hielt, dem Vater von ihrem Entschluß und von den Hoffnungen, die sie auf ihr Vorhaben setzte, Kunde zu geben. Vielleicht regte sich auch ein anderes Verlangen noch in ihrem Herzen: den Mann, ehe sie den Fuß aus Schottland setzte, noch einmal zu sehen, dem sie von Herzen zugetan war, und den sie vergeblich im Gerichtssaale gesucht hatte. Sie hatte halb und halb darauf gerechnet, daß er ihren Vater, seinen alten Freund und Wohltäter, an dem schweren Tage nicht ohne Trost und Beistand lassen werde, und wenn sie auch wußte, daß er noch immer nicht im Vollbesitz seiner Freiheit war, so hatte sie doch gemeint, es werde ihm nicht schwer fallen, sich für jenen Tag Erlaubnis zum Eintritt in den Gerichtssaal zu verschaffen. Sie war zu der quälenden Meinung gelangt, daß nur ernstliche Erkrankung den Freund von der Erfüllung dieser Pflicht habe zurückhalten können, und zitternd vor banger Sorge, erkundigte sie sich bei einer Frau, die mit dem Wassereimer auf dem Kopfe zum Bache schritt, nach der Wohnung des Lehrers. Ihre Sorge war nicht unbegründet gewesen: Butler, von Natur schwächlich, hatte die körperlichen Anstrengungen und seelischen Erschütterungen der letzten Tage nicht überstehen können, sondern lag an schwerem Fieber krank zu Bett. Das Bewußtsein, noch immer unter Verdacht der Teilnahme an dem Porteous-Krawall zu stehen, lastete sehr schwer auf ihm, am schmerzlichsten aber bedrückte ihn. das Verbot jeglichen Verkehrs mit David Deans und dessen Angehörigen. Das schreckliche Urteil hatte er noch am Abend des Verhandlungstages vernommen, und seitdem hatte er keinen Schlaf mehr gefunden. Die quälendsten Gedanken zermarterten ihm das Hirn; er fühlte, daß er denen, die ihm die liebsten auf Erden waren, im Lichte eines undankbaren und abtrünnigen Menschen erscheinen mußte; und wenn er auch nicht hatte hoffen dürfen, Effies Lage zu mildern, so hatte er doch vielleicht den greisen Vater vor der schweren Krankheit, in die derselbe nach der Verhandlung verfallen war, behüten können. Als er endlich gegen Morgen ein wenig Schlaf zu finden gehofft hatte, war ihm auch dieser Trost geraubt worden durch einen widerwärtigen Gast, der ihn besuchte, und der kein anderer war als Saddletree, der eingebildete Rechtsnarr. Nachdem er sich mit Plumdamas und anderen Getreuen und Nachbarn in der bekannten kleinen Butike über die vom Herzog in London gehaltene Rede, über das gegen Effie gefällte Urteil und die für ihre Begnadigung vorhandene geringe Wahrscheinlichkeit bis in die späte Nacht hinein unterhalten und zumeist herumgestritten hatte, wobei natürlich auch mancher Tropfen den Weg in die Kehle hinunter gefunden, war er am andern Morgen mit so wüstem Kopfe aufgewacht, daß er es für geraten erachtet hatte, auf dem kleinen Klepper, den er mit ein paar nähern Bekannten zusammen hielt, einen kleinen Ritt in die Umgebung von Edinburg zu machen, um seinem Geiste die nötige Spannkraft wiederzugeben. Wie immer das Praktische mit dem Nützlichen verbindend, hatte er die Nase des Kleppers nach Libberton zu gerichtet, wo er zwei Kinder eingeschult hatte und einen Besuch bei Butler machen konnte, mit dem er sich gern einmal unterhielt. Konnte noch etwas dem Wermut in Butlers Herzen Galle beimischen, so war es das Thema, das Saddletree für seine weitschweifige Diskussion wählte, nämlich die Wahrscheinlichkeit von Effies Hinrichtung. Jedes Wort aus dem Munde dieses Menschen drang ihm wie das Läuten der Armensünderglocke oder wie ein Eulenschrei in die Ohren. Jeanie blieb, als sie die laute Stimme des Schwadroneurs hörte, vor der Tür stehen, und so peinlich ihr die Verzögerung war, die hierdurch für sie entstand, wollte sie doch nicht früher in die Stube treten, als bis dieser überlästige Mensch gegangen sei. Da kam die Frau mit dem Wassereimer wieder, die sie um den Weg zum Schulhause gefragt, und machte, als Butlers Wirtin, Jeanies Zögern ein Ende durch die Frage: »Wollen Sie zum Herrn, Kind, oder zu mir?« »Ich möchte mit Herrn Butler reden, wenn er ein wenig Zeit hat,« antwortete Jeanie. »Dann kommen Sie doch herein!« sagte die Frau und machte die Tür auf, zu der sie herein rief: »Herr Butler, ein Mädchen ist da und möchte Sie sprechen.« Butler war nicht wenig erstaunt, Jeanie vor sich zu sehen, die sich nie weiter als eine halbe Stunde von Sankt-Leonard zu entfernen pflegte. Mit dem Rufe: »Himmel! Es ist wohl neues Unglück geschehen!« sprang er aus dem Lehnstuhle auf, den er heute zum ersten Male mit dem Bett hatte vertauschen dürfen. Jähe Röte der Ueberraschung verdrängte die bleiche Farbe, die infolge der Krankheit sein Gesicht bedeckte. »Nein, Herr Butler,« antwortete sie; »weiteres Unglück ist nicht über uns gekommen, außer dem, wovon Sie Kenntnis haben. Aber Sie selbst sehen recht schlecht aus!« »Nein, nein,« rief Butler eifrig, »mir ist wohl, ganz wohl, wenn ich für Sie oder den Vater was tun kann.« »Ganz richtig, Herr Butler, ganz richtig,« bemerkte Saddletree, »die Familie darf man jetzt nur noch nach dem Mädchen hier und dem alten Manne bemessen, denn Effie, das arme Ding, kann nicht mehr mitgerechnet werden. Aber, Jeanie, was führt Sie denn so früh nach Libberton hinaus? Sie wissen doch, daß Ihr Vater noch krank in Edinburg liegt?« »Ich habe was vom Vater an Herrn Butler auszurichten,« antwortete Jeanie verlegen, fühlte aber auf der Stelle das Beschämende ihrer Unwahrheit und verbesserte sich: »Das heißt, ich wollte mit Herrn Butler über etwas reden, das meinen Vater und die arme Effie angeht.« »Etwa eine Rechtssache?« fragte Saddletree; »da könnte ich Ihnen am Ende besser dienen.« »Nein, kaum eine Rechtssache,« erwiderte Jeanie, »ich wollte Herrn Butler bloß bitten, mir einen Brief aufzusetzen.« »Schön, schön,« sagte Saddletree, »und wenn Sie mir sagen wollen, wovon der Brief handeln soll, will ich ihn Herrn Butler in die Feder diktieren, wie es Croßmyloof mit seinem Schreiber Macht. Feder und Tinte, Herr Butler, in initialibus .« Jeanie sah den Freund flehentlich an, vor Verdruß und Ungeduld die Hände ringend. »Meinen Sie nicht, Herr Saddletree,« fragte Butler, »daß es Herrn Whackbairn kränken muß, wenn Sie dem Knabenunterrichte nicht beiwohnen?« »Freilich, freilich, Herr Butler, Sie haben recht!« rief Saddletree und sprang auf; »ich habe den Jungen doch versprochen, ihnen beim Herrn Whackbairn einen halben Feiertag auszuwirken, damit sie sich die Hinrichtung mitansehen. Dergleichen Schauspiel ist für Kinder von gewaltigem Nutzen, denn wer kann wissen, wohin sie einmal im Leben kommen? Ach, Jungfer Deanie, ich habe mit keinem Atem daran gedacht, daß Sie da seien. Aber Sie müssen sich ja doch einmal daran gewöhnen, von der Sache reden zu hören. Herr Butler, behalten Sie die Jungfer nur so lange hier, bis ich wieder da bin. Ich bleibe keine zehn Minuten.« Jeanie säumte nicht, die von dem widerwärtigen Menschen gegebene Frist auszunützen. »Reuben,« hub sie sogleich an, »ich will nach London wandern, um beim König und der Königin um Effies Leben zu bitten.« »Jeanie!« rief Butler, der vor Staunen in die Erde sinken wollte, »Sie sind wohl nicht bei Troste? Sie, und nach London wandern? Sie, und mit König und Königin sprechen?« »Warum nicht?« erwiderte sie mit der ihr eigenen schlichten Ruhe. »sind sie denn nicht Menschen wie wir? Und haben sie nicht auch Fleisch und Blut wie wir? Und wenn ihre Herzen von Stein wären, das Schicksal meiner armen Effie müßte sie erweichen!« »Aber die Pracht bei Hofe? Die vielen Menschen! Das Zeremoniell. Wie denken Sie, sich da Zutritt zu verschaffen?« »Das habe ich freilich auch schon gedacht, Reuben, aber es soll mir den Mut nicht rauben; trage ich doch das in mir, was mein Herz hoch halten wird, und ich bin fast sicher, daß ich stark genug sein werde, meiner Schwester das Leben zu retten.« »O, Jeanie,« sagte Butler, »das ist ein eitler Wahn. Es wird Ihnen nimmer gelingen, über all die Diener und Schranken hinweg den Weg zu den Majestäten zu finden, es sei denn, Sie fänden die Fürsprache irgend eines vornehmen Herrn, und selbst dann wird es noch große, sehr große Schwierigkeiten haben!« »Vielleicht könnte ich solchen Fürsprecher durch Sie gewinnen, Reuben?« »Durch mich, Jeanie? ach, Jeanie, Sie träumen!« »Durchaus nicht, Reuben! Haben Sie mir nicht einst gesagt, Ihr Großvater habe vorzeiten einem Vorfahren des berühmten Mac Callumore einen wichtigen Dienst geleistet?« »Das wohl,« sagte Butler, »und die Beweise vermöchte ich beizubringen. Ich will an den Herzog von Argyle schreiben. Er wird als guter, freundlicher Herr gepriesen und ist bekannt als ein tapfrer Soldat und aufrichtiger Freund Schottlands. Viel Hoffnung habe ich freilich auf das Gelingen meines Planes nicht, aber ich will doch kein Mittel unversucht lassen.« »Es muß jedes Mittel versucht werden, Reuben,« antwortete Jeanie, »aber mit dem Schreiben ist's nicht abgetan. Ein Brief kann nicht bitten, nicht zu Herzen sprechen. Ein Brief ist wie die Noten, die die vornehmen Damen auf ihr Spinett stecken, leblose, schwarze Punkte, denen erst Töne Leben und Seele leihen. Uns aber, Reuben, kann nur die lebendige Sprache des Mundes helfen, andernfalls gibt es für die arme Effie keine Hilfe!« »Jeanie, Sie haben recht,« sagte Butler, sich ermannend; »ich will festhalten an der Hoffnung, daß der Himmel treuen Herzen den rechten Weg gewiesen habe, das Leben dieses unglücklichen Mädchens zu retten. Aber, Jeanie, allein dürfen Sie diese weite, schwere Reise nicht unternehmen. Habe ich nicht heiligen Anteil an Ihnen? Darf ich dulden, daß meine Jeanie sich aufopfere? Unter so ernsten Verhältnissen müssen Sie mir das Recht des Gatten einräumen, Sie zu beschützen, Sie zu begleiten. Ja, Jeanie, dieses Recht fordere ich von Ihnen. Ich will die Reise mit Ihnen machen, will Ihnen beistehen in der Erfüllung Ihrer Pflicht gegen Ihre Angehörigen.« »Nein, Reuben, das kann nicht sein! Denn auch eine Begnadigung stellt Ruf und Ehre meiner Schwester nicht wieder her, kann mich nicht würdig machen, die Gattin eines ehrsamen, lieb und wert gehaltenen Predigers zu werden. Was würde seine Gemeinde von seinen Predigten halten, wenn von der Schwester seiner Frau bekannt wäre, daß sie solch schrecklichen Verbrechens angeklagt gewesen sei?« , »Aber, Jeanie, ich kann's nicht glauben und glaube es nicht, daß Effie solche Tat verübt hätte.« »O, Reuben, Gott segne Sie für diesen Glauben! aber die Schande wird sie nimmer los!« »Aber nicht auf Sie, Jeanie, fällt die Schande, selbst wenn sie gerechterweise auf ihr ruhte!« »Reuben, dergleichen trifft Kind und Kindeskind! O, wie sagte mein Vater: Der Glanz unseres Hauses ist erloschen; denn auch die Hütte des Armen hat ihren Glanz, wenn Gottesfurcht und Biedersinn darin wohnen, wenn er den guten Ruf sich erhalten hat. Doch ach! der Ruf ist von uns gewichen!« »Aber, Jeanie! Sie haben mir doch Ihr Wort gegeben! und Sie können doch nicht daran denken, solche Wanderung ohne den Schutz eines Mannes zu unternehmen!« »Reuben, Sie sind ein treuer, braver Mensch, und Sie würden mich, wie ich keinen Augenblick zweifle, zur Frau nehmen, trotz aller auf mir ruhenden Schmach! Aber Sie müssen doch selbst sagen, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, von solchen Dingen zu reden. Nein! nur wenn uns fröhlichere Tage winken, könnte von so etwas die Rede sein. Sie sprechen davon, Reuben,« fuhr sie nach kurzer Zeit fort, »mir ein Beschützer zu sein? wer aber wird Sie schützen? Wer wird für Sie sorgen? Kaum einen Augenblick stehen Sie, und zittern doch schon an allen Gliedern! Wie könnten Sie die Beschwernisse solch weiter Reise auf sich nehmen?« »O, ich bin nicht krank, Jeanie!« erklärte Butler; die Erschöpftheit aber, die ihn zwang, sich wieder in seinen Stuhl zu setzen, strafte ihn Lügen. »Sie sehen doch, mein teurer Freund, daß ich recht habe, und daß die Natur Sie zwingt, mich allein reisen zu lassen. Es ist ein neuer Kummer, der mich unterwegs bedrücken wird,« sagte sie, nahm die Hand, die er ihr matt reichte, und blickte ihm freundlich ins Angesicht, »aber Sie müssen Ihr Leben schonen um meinetwillen, denn kann ich Ihnen nicht als Frau gehören, so keinem andern Manne. Und nun, Reuben, geben Sie mir die Papiere für Mac Callumore und bitten Sie zu Gott, daß er mich schütze!« Er sah, daß ihr Entschluß felsenfest stand, und mußte seine Unfähigkeit, sie zu unterstützen, einräumen; so gab er ihr die Papiere, das einzige Andenken, das an seinen Großvater noch vorhanden war, an den mannhaften, schwärmerischen Bibel-Butler. Jeanie hatte inzwischen seine Taschenbibel genommen und gab sie ihm jetzt wieder. »Ich habe mit Ihrem Bleistift einen Spruch bezeichnet, der uns beiden zum Heile sein kann. Teilen Sie dem Vater alles, was ich Ihnen gesagt habe, mit; denn Ihrer Fürsorge vertraue ich ihn, und hoffentlich bekommen Sie bald Erlaubnis, ihn zu besuchen. Und, Reuben, wenn Sie mit ihm diskutieren, so lassen Sie seine Meinung gelten, um Jeanies willen! Vor allem brauchen Sie keine lateinischen Worte und Sätze, denn er mag sie nicht, er ist eben noch einer vom alten Schlage. Lassen Sie ihn nur reden, damit er sich das Herz frei mache, denn das wird ihm am ehesten Trost bringen. Und dann noch ein anderes, Reuben! Dem armen Kinde im Kerker sagen Sie – ach! ich brauche Ihr liebes Herz ja nicht erst dazu aufzufordern – ihm sagen Sie, doch nein! Von ihr darf ich nicht sprechen, denn nicht mit Tränen will ich von Ihnen Abschied nehmen. Das wäre ein schlimmes Vorzeichen, Reuben. Doch nun leben Sie wohl, Sie teurer Freund! Gott segne Sie! Adieu, adieu!« Fast schien es, als sei die Kraft, zu reden, zu denken, zu handeln, von ihm gewichen, als sie das Zimmer verlassen; in solchem hohen Maße hatte ihre jähe Erscheinung auf den erschöpften Mann gewirkt. Als unmittelbar darauf Saddletree eintrat und ihn mit Fragen überschüttete, gab er wohl Antwort, wußte aber kaum, was er gefragt worden. Endlich erinnerte sich der rechtsgewandte Herr, daß irgendwo eine Gerichtsverhandlung angesetzt sei, bei der er nicht fehlen dürfe. Butler, froh, ihn los zu sein, griff nach der Taschenbibel, das letzte Buch aufschlagend, worin Jeanie geblättert hatte. Zu seiner maßlosen Verwunderung fiel ein Papier heraus, das einige Goldstücke enthielt. Die mit Bleistift von ihr angestrichne Stelle war Vers 16 und 25 im 37. Psalm. »Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser denn das große Gut vieler Gottlosen.« »Ich bin jung gewesen und alt geworden, und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen oder seinen Samen nach Brot gehen.« Tief ergriffen von der liebevollen Zartheit, die eigne Großmut in das Gewand göttlicher Hilfe zu kleiden, drückte er die Lippen auf das Gold, mit größerer Inbrunst als je ein Geizhals. Ihr nachzueifern in gottergebenem Vertrauen, war jetzt das höchste Ziel seines Strebens, und für seine erste Aufgabe sah er es an, David Deans von dem Entschlusse seiner Tochter in Kenntnis zu setzen, und, um dem alten Manne die Aussöhnung damit zu erleichtern, wog er jedes Wort, jeden Gedanken sorgfältig ab. Durch einen Bauern aus dem Dorfe, der hin und wieder mit Deans zu tun hatte, ließ er den Brief nach Edinburg tragen und persönlich bei Deans abgeben. Welchen Eindruck er machte, werden wir in einem spätern Kapitel sehen. Viertes Kapitel. Heutzutage ist eine Reise von Edinburg nach London ein Kinderspiel. Zu der Zeit, anno 1737, da unsre Erzählung spielt, bestand nicht einmal ein geordneter Postwagendienst. denn der Verkehr zwischen den beiden Hauptstädten war so schwach, daß es vorgekommen ist, daß im wöchentlichen Post-Felleisen nur ein einziger Brief vorhanden war. Es gab für den Personenverkehr nur Postpferde; doch konnten nur reiche Leute sich diese teure und dabei doch strapaziöse Bequemlichkeit leisten; allein zu reisen, durfte man wegen der großen Unsicherheit gewisser Strecken nicht riskieren, sondern mußte wenigstens ein zweites Pferd und einen Begleiter oder Führer nehmen. Der Arme war auf das ihm von der Natur verliehene Bewegungsmittel angewiesen. Jeanie Deans war an körperliche Anstrengung von Kind auf gewöhnt und abgehärtet; mutigen Herzens wanderte sie unermüdlich vorwärts, zehn bis zwölf Marschstunden täglich, bis sie in Durham die südliche Grenze von Schottland erreichte. Bis hierher war sie unter Landsleuten gewesen, die an das schottische Umschlagetuch gewöhnt waren, und denen es nicht auffiel, daß sie barfuß ging. Je weiter sie aber nach England hinunter kam, desto öfter mußte sie spöttische Rufe und anzügliche Reden hören. Freilich fand sie es in ihrem schlichten Herzen unfreundlich und nicht löblich, eine auf der Wanderung begriffene Person aus fremdem Lande ihrer Tracht wegen zu höhnen; sie war aber klug und einsichtig genug, dasjenige, was dazu in ihrem Anzuge Ursache gab, zu ändern; sie legte ihr Plaid, das nach Schottensitte auch zugleich das Kopftuch vertrat, zusammen und in ihr Bündel und trug hinfort, wie englische Landdirnen bei der Feldarbeit, einen Strohhut, kam sich aber, wie sie späterhin oft erzählt hat, in den ersten Tagen darunter vor, als müsse sie sich zu Tode schämen, daß sie als ledige Person den in Schottland nur der verheirateten Frau zukommenden Hut trage. Auch unterwarf sie sich dem Brauche, von jetzt ab Schuhe und Strümpfe zu tragen, aber auch darüber hat sie oft erzählt, daß es lange gedauert habe, bis sie darin so gut habe gehen können wie barfuß und immer froh gewesen sei, wenn sie an der Seite der Landstraße einen Rain getroffen habe, auf dem sie sich die Füße ein wenig habe ausruhen können. Um durch ihre Sprache nicht aufzufallen, denn auch sie war häufig schon bewitzelt worden, gewöhnte sie sich, nur wenig zu sprechen, dankte für den Gruß eines Vorbeigehenden nur durch ein Kopfnicken und suchte sich fürsorglich Herbergen aus, die einen anständigen Eindruck machten und doch nicht viel besucht waren. Sie hatte bald herausgefunden, daß der gemeine Mann in England, wenn auch nicht so zuvorkommend und freundlich gegen einen Fremden wie in Schottland, doch nicht offenkundig gegen die Pflichten der Gastfreundschaft verstieß; für ein geringes erhielt sie immer willig Speise und Trank und ein Obdach, und mancher Wirt lehnte auch dieses ab mit den herzlichen Worten: »Ihr habt noch einen langen Weg vor Euch, Jungfer, und etwas aus dem Beutel einer einzelnen Frau zu nehmen, ist meine Sache nicht. Worauf wollt Ihr Euch unterwegs, wenn Ihr allein seid, anders verlassen als auf ihn?« Es kam hie und da auch vor, daß eine Wirtsfrau, von dem bescheidenen Wesen »der netten schottischen Dirne« freundlich berührt, ihr auf eine Strecke jemand zur Begleitung gab oder ihr einen Sitz in einem Gefährt besorgte, das den gleichen Weg fuhr; und ohne daß man ihr Winke für das nächste Nachtquartier gab, wurde sie nirgends weggelassen. In York, wo sie das Glück hatte, in der Gasthofswirtin eine Landsmännin anzutreffen, beschloß sie endlich, einen halben Tag zu rasten, sowohl um neue Kräfte zu sammeln, als um an ihren Vater und an Butler zu schreiben: eine Aufgabe, die für ihre des Schreibens wenig kundige Hand nicht leicht war und ihre Zeit brauchte. Der Brief an den Vater lautete: »Mein teuerster Vater! – Meine Wanderung, von der Ihnen wohl Herr Butler, seinem Versprechen gemäß, Kunde gegeben, wird mir durch den Gedanken um vieles schwerer und drückender, daß ich sie ohne Ihr Vorwissen unternahm. Ich weiß, daß es der Heiligen Schrift widerstreitet, die da sagt: Das Gelübde der Tochter soll sie nicht binden ohne Bewilligung des Vaters«, aber mein Herz war von dem Gedanken ergriffen, daß ich berufen und auserwählt sei, die Schwester aus ihrer höchsten Not zu erretten; sonst würde ich, was ich getan, nicht für die größten Reichtümer der Welt ohne Ihr Wissen und Ihren Willen getan haben. Teuerster Vater! Wenn Sie den Segen des Himmels auf meine Wanderung und Ihr Haus herabrufen wollen, so sagen Sie oder schreiben Sie unserer armen Gefangenen ein Wort des Trostes. Hat sie gesündigt, so hat sie auch schwer gebüßt und gelitten, und Sie wissen besser als ich, Vater, daß, wie uns vergeben werden soll, auch wir vergeben sollen. Nicht böse dürfen Sie mir sein darum, weil ich, was sich nicht ziemt für die Jugend, ein graues Haupt bestimmen will, nach meinen Worten zu tun; aber ich bin so weit entfernt von Ihnen, und mein Herz bangt sich so sehr nach allen daheim, und es geht mir so sehr zu Herzen, daß ich wohl leicht mehr gesagt haben kann, als sich ziemt. Möge des Himmels Segen auf Ihrem Haupte ruhen, teuerster Vater! wenn Sie Ihr Lager aufsuchen oder verlassen, dann gedenken Sie in Ihrem Gebete auch Ihrer ergebenen und Sie aufrichtig liebenden Tochter Jeanie.« In einer Nachschrift meldete sie noch, sie habe von einer braven Frau, der Witwe eines Viehmästers, von einem Mittel gegen Viehkrankheit gehört: »ein Nösel Bier, mit Seife und Hirschhorn gekocht,« das man dem Tier zu schlucken geben müsse, und das gut sei, bei der einjährigen Färse mit dem weißen Kopfe zu versuchen; »wenn es nichts hülfe, schaden könne es nichts.« Dann schrieb sie noch, in London gleich bei der Muhme, der Frau Glaß, einzukehren, deren Laden Zu finden ihr ja nicht schwer fallen werde .. An Reuben Butler schrieb sie so: »Geehrter Herr Butler! – In der Zuversicht, daß dies Blatt Sie bei besserer Gesundheit treffen werde, als ich Sie verließ, schreibe ich Ihnen, daß ich die große Stadt York glücklich erreicht habe und nicht müde vom Gehen, sondern im Gegenteil dadurch frisch und gestärkt bin. Ich habe gar vieles gesehen, wovon ich Ihnen noch zu erzählen hoffe, wie auch von der großen Kirche hier. Rund herum um die Stadt stehen Mühlen, die weder Räder noch Schleusen haben, sondern vom Winde in Gang gesetzt werden, was recht wunderlich anzuschauen ist. Ein Müller hat mich aufgefordert, mir seine Mühle anzusehen, aber ich bin nicht hinein gegangen, bin ich doch nicht dorthin gewandert, mit fremden Leuten Bekanntschaft anzuknüpfen. Ich halte mich auf der Heerstraße, antworte auf Grüße nur durch ein Nicken und spreche nur mit Frauen, die meines Glaubens sind, so viel mir auch daran liegt, ein Mittel ausfindig zu machen, das für Sie gut und heilsam wäre, denn man hört hier von mehr Heilmitteln sprechen, als man in ganz Schottland braucht, sich zu kurieren, und einige davon würden Ihnen sicher helfen. Lieber Herr Butler! Seien Sie fröhlichen Herzens, denn wir befinden uns alle in Dessen Händen, der besser ist als wir und besser weiß, was uns not tut, als wir. Daran, daß mir mein Unternehmen gelingen werde, zweifle ich nicht; ich will an Zweifel gar nicht denken; denn hätte ich nicht die volle Zuversicht in mein Beginnen, wie sollte ich dann das Herz dazu finden, mich in die Nähe so großer Herren mit meinem Flehen zu wenden? Wer aber sein Herz mit Mut wappnet und überzeugt ist, daß er nichts Unrechtes begeht, der findet auch durch den finstersten Tag endlich das Licht. An meine Bitten, den alten Vater und die arme Schwester zu trösten, erinnere ich nicht; denn ich weiß, schon christliche Barmherzigkeit allein wird Sie zu Beistand und Hilfe vermögen, und sie ist mehr wert als alle Bitten Ihrer ergebenen Dienerin Jeanie Deans. Auch dieser Brief hatte eine Nachschrift: »Wenn Sie meinen, mein teurer Reuben, es hätte sich für mich geziemt, Ihnen zärtlichere, liebevollere Worte zu schreiben, so denken Sie immerhin, sie seien geschrieben worden, weil ich Ihnen alles Gute und Liebe so recht von Herzen wünsche. Sie werden denken, daß ich recht verschwenderisch geworden sein müsse, denn ich trage jetzt Strümpfe und Schuhe. Aber hier ist es Brauch so, und barfuß gehen gilt für unanständig oder für ein Zeichen von höchster Armut: es hat eben jedes Land seine Sitten. Aber über nichts werden Sie wohl soviel lachen wie über meinen Strohhut, sieht mein rundes Gesicht darunter doch gerade so aus wie der Mittelchor in unserer Libberton-Kirche. Aber vor der Sonne schützt er vortrefflich und wehrt unanständigen Leuten, einen anzugaffen, wie wenn man eine wirrige Kuh wäre. Von London aus werde ich Ihnen wieder schreiben, wie es mir mit dem Herzog von Argyle geht. Senden Sie mir dorthin ein paar Zeilen, unter der Adresse von Frau Margarethe Glaß, Tabakshändlerin, Laden »zur Distel«, in London. Es wird mir das Herz um vieles erleichtern und meinen Mut um vieles heben, wenn ich höre, daß Sie sich wohl befinden. Meine vielen Fehler in der Schrift und auch meine schlechte Schrift entschuldigen Sie wohl gütigst, denn die Feder taugt nicht viel.« Sie siegelte beide Briefe sorgfältig und brachte sie selbst zur Post, wo sie sich eingehend erkundigte, wann sie nach Edinburg abgingen und dort einträfen. Hierauf folgte sie gern einer Einladung der freundlichen Wirtin zum Essen und erklärte sich auch bereit, ihren Aufenthalt bis zum andern Morgen auszudehnen. Die wackre Frau war, trotzdem sie schon jahrelang den Gasthof zu den sieben Sternen in York führte, noch immer von all den vielen wunderlichen Vorurteilen ihrer Heimat erfüllt und bewies Jeanie darum auch so große Herzlichkeit, weil sie, wie Jeanie, aus Midlothian stammte; sie hatte soviel Teilnahme an der weiten Wanderung, die das Mädchen vorhatte, und erwies ihr soviel Gutes und Liebes, daß Jeanie, bei aller Vorsicht ihres Naturells, sich das Herz faßte, ihr alles zu offenbaren, was sie zu diesem Wagnis, zu Fuß von Edinburg bis London zu gehen, bestimmt hatte. Frau Bickerton – so hieß die brave Frau – schlug über all diesen schrecklichen Dingen die Hände über dem Kopfe zusammen; als sie sich aber wieder gesammelt hatte, gab sie Jeanie noch vielen guten Rat, fragte auch, wie es um ihre Geldmittel bestellt sei, die freilich zufolge der Spende, die sie ihrem Freunde Butler in die Heilige Schrift gelegt, und der Ausgaben für den Strohhut bereits bis auf fünfzehn Guineen zusammengeschmolzen waren. Die Wirtin meinte, »wenn sie es sicher bis London brächte, möchte es wohl reichen,« und als Jeanie darauf sagte: »Sicher bis London?. O, außer dem Notwendigsten unterwegs will ich keinen Heller davon verausgaben, und es gewiß auch sicher aufbewahren.« »Das glaube ich schon, mein Kind,« erwiderte die Frau, »aber die Straßenräuber und Wegelagerer zwischen hier und London! Bis jetzt hat Sie der Weg durch Land geführt, das von Zivilisation und größeren Ansprüchen ans Leben wenig oder gar nichts weiß, das wird aber hier anders, denn wir haben der Leute leider gar viel, die das viele, was sie zur Lebensführung brauchen, durch ihrer Hände Arbeit nicht zu verdienen imstande sind. Da versuchen sie es nun auf unredliche Weise, und ich weiß wirklich nicht, wie Sie sich weiterhin durchschlagen werden. Ja, könnten Sie acht Tage warten, da fahren unsre Wagen herauf, und ich könnte Sie dem John Bradwell anvertrauen, der Sie bestimmt in den Schwan mit doppeltem Halse nach London bringen würde. Aber nehmen Sie meinen Rat wahr, liebes Kind, und nähen Sie sich ihr Gold in ihr Leibchen ein und behalten sie in der Tasche bloß ein paar Guineen und das bißchen Silbergeld; denn an der Grenze von Pertshire, wenige Tagereisen von hier, treibt sich eine wilde Bande umher, der nichts Gutes zuzutrauen ist. Und wenn Sie in London sind, dann dürfen Sie auch nicht herumstehen und gaffen und fragen, ob jemand den Laden zur Distel wisse. Das machen Sie ja nicht, denn da würden Sie schön ausgelacht werden, und man würde gleich merken, daß Sie eben erst aus der Provinz kommen, und alles versuchen, Sie irre zu führen und zu bestehlen. Hier haben Sie die Adresse von einem ehrlichen Manne, der wohl alle ehrsamen Schotten kennt, die sich in London aufhalten; der wird Ihnen sicher sagen, wo Sie Ihre Verwandte antreffen.« Jeanie bedankte sich bei der Frau aufs herzlichste; aber durch ihre Rede von Straßenräubern und Wegelagerern war sie so erschrocken und beunruhigt, daß sie nahe daran war zu weinen. Da aber fiel ihr ein, daß sie schon Ratcliffe vor ihnen gewarnt hatte, und sie zeigte der Wirtin den wunderlichen Paß, den ihr dieser gegeben. Frau Bickerton klingelte nicht – denn Klingeln kannte man damals noch nicht, sondern setzte eine kleine silberne Pfeife an den Mund, worauf eine Magd in die Stube trat. »Ruf mal den Aufwärter!« sagte Frau Bickerton. – Ein häßlicher Wicht mit verschmitzten Schielaugen und einem lahmen Beine zeigte sich auf der Schwelle. »Dick,« sagte die Wirtin zu ihm, »Du weißt ja auf der Landstraße Bescheid?« »Kennst Du vielleicht so ein Ding wie das hier?« fragte Frau Bickerton und zeigte ihm das von Ratcliffe bekritzelte schmutzige Papier. Der Aufwärter blinzelte, zog den Mund von einem Ohre bis zum andern, kratzte sich den Kopf und sagte: »Kennen? Hm, freilich, sofern es ihm keinen Schaden bringt.« »Ihm Schaden?« fragte die Wirtin, »keineswegs, Dick; aber Dir soll's ein Glas Branntwein bringen, wenn Du uns sagst, wie es sich darum verhält.« – »Nun, dann darf ich schon sagen, daß diesseits von Stafford jeder ordentliche Kerl auf der Heerstraße James Ratcliffes Paß kennt und ihn auch gelten lassen wird.« »Aber was ist das für ein Mensch, James Ratcliffe?« fragte die Wirtin, »ich höre den Namen doch zum ersten Male.« »Ja, was weiß ich?« antwortete der Aufwärter, »gemeinhin heißt er Väterchen Kliff und war in den letzten zwölf Monaten im Norden Hahn im Korbe, zusammen mit einem, den sie den schottischen Wilson nannten oder Andie Dandie; aber seit einiger Zeit ist er außer Landes, soviel ich weiß; sein Paß gilt aber trotzdem bei allen!« Frau Bickerton gab ihm das versprochene Glas Branntwein, das er mit einem Zuge leerte, und ließ ihn gehen. »Ich rate Ihnen, liebes Kind,« sagte sie zu Jeanie, »jedem groben Gesellen, den Sie treffen, das Stück Papier zu zeigen und es nicht aus den Händen zu lassen; es wird Ihnen sicher von Nutzen sein.« Ein bescheidenes, aber kräftiges Abendbrot beschloß den Tag. Frau Bickerton aß tüchtig und trank ein Paar Krüge kräftigen Bieres dazu, setzte ein gutes Glas Negus darauf und klagte vorm Zubettgehen Jeanie ihr Leid, daß sie seit Jahren schon von schwerer Gicht geplagt sei, ohne zu wissen, woher sie solche Krankheit habe, von der sie doch, so lange sie oben im Schottischen gewesen sei, nie etwas gespürt habe, und von der in ihrer ganzen Familie, bis zu ihren Urvätern hinauf, nie ein Wort geredet worden sei. Jeanie hielt sich nicht für berechtigt, gegen die freundliche Frau über die Gründe, die ihrer Meinung nach die Krankheit habe, sich auszusprechen, beschränkte sich aber, trotz allem Zureden, auf ein wenig Gemüse und ein Glas frischen klaren Quellwassers. Von Bezahlung wollte Frau Bickerton nichts hören, legte ihr nochmals ans Herz, mit dem Gelde recht vorsichtig zu sein, und sagte ihr, da sie so früh, wie Jeanie aufbrechen wollte, nicht auf den Beinen sein werde, aufs herzlichste Lebewohl. Fünftes Kapitel. Als unsre Wandrerin am andern Morgen in aller Frühe aus dem Gasthof trat, fand sie Dick schon vor der Tür, der also entweder gar nicht zu Bett gegangen sein konnte oder mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden sein mußte. »He, guten Morgen, Mamsellchen!« rief er ihr nach, »nimm Dich in acht vor den Gunersbury-Felsen; wenn auch Robin Hood schon ins Gras gebissen hat, so fehlt's doch im Bewer-Tale noch lange nicht an Raubvögeln aller Art!« Jeanie sah ihm, wie wenn sie auf nähere Aufklärung warte, ängstlich ins Gesicht, aber Dick wandte sich mit listigem Seitenblicke zu seinen dürren Pferden und trällerte, während er sie mit der Striegel bearbeitete: Der Robin war ein tapferer Schütz, Sein Pfeil schoß wie ein Feuerblitz, Und hieß Dich der Robin Rede stehn, Warum soll's Dir von uns aus besser geschehn? In dem Wesen des Burschen lag nichts, was sie zur Fortsetzung der Unterhaltung hätte reizen können, und so setzte sie ihren Weg munter fort. Ein mühseliger Marsch brachte sie bis Ferrybridge, dem besten Gasthofe, damals wie jetzt, auf der Straße nach London von Norden her. Der Brief der Frau Bickerton, im Verein mit ihrem freundlichen schlichten Wesen, gewann Jeanie das Herz auch dieser Wirtin, die ihr günstige Gelegenheit verschaffte, mit einem Rückpostpferde bis Tuxton zu reiten, so daß sie am zweiten Tage von ihrem Aufbruch von York die größte Strecke bezwang, die sie bisher hatte hinter sich bringen können. Aber diese ungewohnte Art zu reisen, hatte sie so angegriffen, daß sie erst weit später als sonst am andern Morgen imstande war, ihre Wanderung wieder aufzunehmen. Um 9 Uhr hatte sie die Ruinen des Newarker Schlosses hinter sich. Daß Jeanie kein Verlangen fühlte, sich in dem altertümlichen Bauwerk umzusehen, wird mir der Leser gern glauben, der meiner Charakterschilderung dieses eigentümlichen Mädchens gefolgt ist. Sie begab sich vielmehr nach dem ihr in Ferrybridge empfohlenen Gasthause, und während sie sich hier an einem Glase Milch erfrischte, trat die Magd, die sie bediente und mit aufmerksamen Blicken gemustert hatte, zu ihr und fragte sie, ob sie nicht aus Schottland sei und Deans heiße und unterwegs nach London in Gerichtsangelegenheiten sei? Bei aller Schlichtheit ihres Charakters gebrach es ihr doch nicht an der den Schotten auszeichnenden Eigenschaft, vorsichtig im Umgange mit Menschen zu sein, die er zum ersten Male sieht, und sie begehrte von dem Mädchen, ehe sie ihm Antwort gab, zu wissen, wie sie zu diesen Fragen komme? Darauf sagte das Mädchen, es seien am Morgen ein paar Weiber hier gewesen, auch auf Wanderung begriffen, die sich nach einem Mädchen mit Namen Jeanie Deans bei ihr erkundigt und sie ihr genau beschrieben hätten. Was sich der Mensch nicht erklären kann, hat immer etwas Beängstigendes für ihn, und so erging es auch Jeanie. Sie befragte sich umständlich nach den beiden Weibern, konnte aber von dem Mädchen nichts weiter in Erfahrung bringen, als daß die eine davon eine sehr alte, die andere noch eine junge Person gewesen sei, und daß beide Schottisch gesprochen hätten. Dadurch wurde Jeanie um nichts klüger; und von einem unerklärlichen Angstgefühl befallen, entschloß sie sich, bis zur nächsten Ortschaft Postpferde zu nehmen; da aber im Augenblick keine zur Stelle waren und der Knecht, der sie bringen sollte, lange auf sich warten ließ, besann sie sich eines andern, schämte sich ihrer Furchtsamkeit und setzte ihre Wanderung fort, zumal man ihr sagte, es sei bis kurz vor Grantham, dem nächsten Nachtquartier, das sie machen müsse, gerader Weg; dort aber käme sie an einem großen Berge, dem Gunersbury, vorbei. Darüber war Jeanie fast froh, denn Berge, sagte sie, hätte sie schon tagelang nicht mehr gesehen, und als sie den letzten blauen Gipfel aus dem Gesicht verloren, wäre es ihr zu mute gewesen, als ob der letzte Freund von ihr gewichen sei. »Na, Jungfer,« sagte der Wirt, der gerade hinzutrat, »wenn Sie auf Berge so versessen sind, dann nehmen Sie sich nur den Gunersbury in Ihrem Bündel mit; wir würden froh sein, wenn wir ihn los wären, denn er ist der Ruin für all unsre Postpferde. Viel Glück zur Weiterreise! Sie scheinen ja ein mutiges Ding zu sein, aber ein bißchen Mut werden Sie schon brauchen können.« »Hoffentlich treffe ich keine bösen Menschen dort?« fragte Jeanie. »Na, Gott geb's,« erwiderte der Wirt, »aber Mangel hat's dort nicht daran, das dürfen Sie mir schon glauben. Wie Vater Kliff noch da war, haben sie bessere Zucht gehalten, jetzt marodiert jeder auf eigne Rechnung, und seitdem ist's gar schlecht geworden hierzulande. Nun, Kind, nehmen Sie einen guten Schluck mit auf den Weg. Vor Mitternacht werden Sie kaum was anderes als einen Trunk Wasser finden.« Jeanie lehnte dankend ab und fragte, was sie schuldig sei? »Schuldig?« rief der Wirt und wollte sich ausschütten vor Lachen, »na, das wär noch schöner! Sie haben ja kaum was verzehrt, und wenn man im Sarazenenkopfe für eine schmucke Jungfer, die nicht 'mal eine christliche Sprache redet, nicht ein Stück Brot und einen Schluck Bier mehr übrig hätte, dann täte er gescheiter, auf der Stelle einzupacken! Also noch einmal und ein andres Mal, denn aller guten Dinge sind drei, auf Ihr Wohl, liebe Jungfer, und dann Gottes Segen auf den Weg!« Jeanie nahm von dem treuherzigen Gastwirte Abschied und setzte ihren einsamen Weg fort, hatte aber die öde Ebene, die sich am Fuße des Gunersbury dehnt und die, von Sumpf und Morast, dazwischen Gestrüpp und Buschwerk bedeckt, dort eine Art Bruch bildet, noch immer nicht hinter sich gebracht, als sich die Dämmerung einstellte. Von unsäglicher Angst vor Räubern und anderm schlimmen Gesindel befallen, beflügelte sie ihre Schritte, als sie Pferdetrab hinter sich vernahm. Unwillkürlich trat sie so weit auf die Seite, als der Sumpf neben der Straße ihr erlaubte; sie hoffte, ungesehen zu bleiben, aber als das Pferd näher kam, erkannte sie, daß ein paar Weiber drauf saßen, die eine auf einem Quersattel, die andere auf einem Reitkissen. »Ei, guten Abend, Jeanie Deans,« rief ihr die vorderste zu, indem sie das Pferd ein wenig anhielt; »was sagst Du denn zu dem stattlichen Berge, der mit der Spitze zum Monde reicht? Meinst wohl, das sei das Himmelstor? Hinauf willst Du ja, nicht wahr? Na, vielleicht kommen wir heute nacht noch hin! Wenn bloß die Mutter nicht so faul wäre!« Während die, die so gesprochen, sich mit halbem Leibe nach ihr herumdrehte, trieb die andere und, wie Jeanie jetzt sah, die ältere, sie zur Eile an. »Still doch,« rief sie ihr zu, »mondsüchtiger Balg! Was scherst Du Dich um Himmel oder Hölle?« »Freilich, Muttchen, was schert man sich drum! was um den Himmel, wenn man Dich hinter sich hat; was um die Holle, wohin man immer kommt zur rechten Zeit, fürs Feuer bereit, und zum ewigen Streit! Na, Hengstchen, trab, trab, trab! Renne, als seist du der Besenstiel, auf dem zwei Hexen galoppieren! Mit der Mütze am Fuß und dem Schuh auf der Hand, juchhe! Jag ich als Flamme durch Busch und Land, juchhe!« Der Pferdetrab und die zunehmende Distanz erstickten den weiteren Gesang, aber noch eine ganze Zeitlang schallten die wilden, abgerissenen Töne über die Einöde her zu ihren Ohren. Von tausend bangen Besorgnissen gequält, blieb sie wie betäubt zurück. Sich in fremdem Lande auf so seltsame Weise, von so seltsamem Wesen ohne weitere Erklärung bei ihrem Namen gerufen zu hören, kam ihr schier übernatürlich vor. Sie setzte aber ihren Weg fort, und ihr gutes Gewissen, wie ihr Vertrauen auf die gute Sache, der sie diente, hatten ihr bald die Ruhe wieder gegeben, als sie gleich nachher wieder in Schreck und Angst gesetzt werden sollte. Aus einem Gebüsch neben der Straße sprangen zwei Männer hervor und traten ihr drohend in den Weg. Der eine, ein gedrungener, kräftiger Mensch, in einem schmutzigen Mantel, wie ihn Fuhrleute tragen, schrie sie an: »Steht und ergebt Euch!« Der andere, eine große, hagere Figur, sagte: »Was weiß das Weib von unserm Komment? Sprich deutlich: Geld her, Dirne, oder das Leben!« »Ich habe wenig Geld, meine Herren,« antwortete die arme Jeanie, ihnen das wenige reichend, das sie von ihrer eigentlichen Barschaft geschieden und für solchen besonderen Fall bereit hielt! »doch wenn Sie es mir armen Frauensperson nehmen wollen, dann muß ich es schon geben.« »Das langt nicht, Dirne,« rief der andere wieder, »oder meinst Du, wir trügen unsre Haut zu Markte um solcher Lappalie willen? Jeden Silberling wollen wir haben von Dir, und wenn Du nicht alles, was Du bei Dir führst, gutwillig herausrückst, dann ziehen wir Dich aus bis aufs Hemde!« Sein Kamerad schien mit der Todesangst, die sich in Jeanies Gesicht malte, Mitleid zu haben. »Nein, Tom,« sagte er, »das ist eine von den frommen Puritaner-Dirnen, der man aufs Wort glauben darf. Ich will Dir was sagen, Du,« rief er, dicht an sie herantretend, »guck mal zum Himmel 'nauf und sag, Du hättest keinen Heller weiter, und wir lassen Dich frei laufen.« »Alles, was ich bei mir habe,« antwortete Jeanie, »kann ich Ihnen nicht geben, denn von meiner Wanderung hängt Tod und Leben eines Menschen ab. Wenn Sie mir aber soviel lassen wollen, um bei Brot und Wasser mich weiter zu schleppen, so will ich mich drein finden und Ihnen danken und für Sie beten.« »Dein Gebet soll der Teufel holen,« rief der erste wieder, »auf solche Münze pfeifen wir hier!« und er machte eine Bewegung, wie wenn er Jeanie packen wollte. In dieser äußersten Not fiel ihr Ratcliffes Zettel ein. »Haltet!« rief sie; »kennt ihr das?« »Von Vater Kliff,« sagte der Große, nachdem er den Paß angeguckt hatte, »wir müssen sie frei passieren lassen.« »Das wäre!« rief der andere, »Ratcliffe ist ein Abtrünniger geworden, ein Bluthund.« »Aber nützen kann er uns allemal noch,« sagte der andere. »Und was sollen wir machen?« fragte der andere; »haben wir nicht versprochen, die Dirne bis aufs Hemd auszuplündern und in ihr Bettelland zurück zu spedieren? Jetzt kommst Du damit, sie laufen Zu lassen?« »Das nicht,« erwiderte der andere, seinem Kameraden etwas ins Ohr flüsternd, worauf der sagte: »Na, dann tummle Dich und schwatz nicht länger, sonst werden wir gar noch hier erwischt.« »Du mußt mitkommen,« fuhr der erste jetzt Jeanie an. »Gott im Himmel!« rief das Mädchen, »wenn Ihr vom Weibe geboren seid, dann seid menschlich! Haltet mich nicht auf, sondern nehmt lieber alles, was ich habe.« »Wovor hat das Frauenzimmer Dampf?« fragte der andere wieder; »es soll ihr ja nichts passieren? wenn sie aber nicht parieren will, so schlage ich ihr den Schädel ein!« »Tom, Du bist ein rauher Grobian. Ich sage Dir, wenn Du sie anrührst, so schüttle ich Dich, daß Dir die Knochen knacken.. Schere Dich nicht weiter um ihn, Kind,« wandte er sich an Jeanie; »ich leide nicht, daß er Dich mit einem Finger anrührt, sobald Du ruhig mit uns mitkommst. Willst Du uns aber noch länger aufhalten, dann mag er sehen, wie er mit Dir zurecht kommt.« Jeanie, entsetzt durch diese Drohungen, erblickte in dem Anerbieten desjenigen von beiden, der ihr als der mildere erschien, ihren einzigen Schutz gegen die roheste Behandlung, der sich ein Weib ausgesetzt sehen kann. Sie folgte ihm nicht bloß, sondern hielt ihn fest am Arm, damit er sie nicht im Stiche lasse; jener aber, ein so verhärteter Bösewicht er sein mochte, schien durch solchen Beweis von Zutrauen gerührt zu werden und versicherte wiederholt, daß er nicht litte, daß ihr irgendwelches Leid geschehe. Eine halbe Stunde lang marschierten sie nun zu dritt, die Straße verlassend, auch das Gebüsch meidend, auf einem Seitenwege bis zu einer alten, einsam gelegenen Scheune, die aber, wie man an dem herausschimmernden Lichtstrahle sah, bewohnt war. Einer der beiden Räuber klopfte an das Tor. Ein Weib öffnete, und sie traten mit der unglücklichen Gefangenen ein. Ueber einem Steinkohlenfeuer bereitete eine andere Frau eine Mahlzeit. Sie sah auf, und Jeanie sah, daß es die Alte war, die am Abend an ihr vorbeigeritten war. »Warum bringt ihr den Balg hierher?« keifte sie; »warum habt ihr sie nicht ausgeplündert und die Straße zurückgejagt?« »Ruhig, Blutmutter!« sagte der Lange, »wir tun Euch gern zu Gefallen, was angeht; aber nicht mehr schlecht sind wir zwar, aber so schlecht doch nicht, wie Ihr uns gern macht. Eingefleischte Teufel sind wir doch eben noch nicht!« »Sie hat einen Paß vom Ratcliffe,« sagte der andere, »und Frank will's nicht leiden, daß man sie mißhandelt.« »Nein, ich leide es auch nicht,« antwortete Frank, »wenn aber die alte Blutmutter sie hier eine Zeitlang festhält und dann wieder nach Schottland schafft, so sehe ich weiter nichts Schlimmes dabei.« »Ich will Dir was sagen, Frank Lewitt,« keifte die Alte, »nennst Du mich noch einmal Blutmutter, dann tauch ich das Messer da« – und sie hielt drohend das Messer hoch, mit dem sie an dem Feuer hantiert hatte – »in Dein bestes Leibesblut!« »Hoho!« rief Frank lachend, »es muß im Norden jetzt faul stehen, daß unsre Blutmutter bei so schlechter Laune ist!« Kaum war das Wort aus seinem Munde, so flog, von dem wilden Weibe geschleudert, das Messer auf ihn zu. Sie hatte gut gezielt, das Messer flog dicht an seinem Ohr vorbei und blieb hinter ihm in der Lehmwand stecken; nur durch eine schnelle Bewegung des Kopfes war er dem tödlichen Wurfe ausgewichen. »Heda, Mutter!« schrie er, sie bei beiden Armgelenken packend, »es wird gut sein, Dir wieder zu zeigen, wer hier Herr ist.« Er stieß die Alte mit solcher Gewalt rückwärts, daß sie auf ein Strohbund sank. Jetzt gab er ihr zwar die Hände frei, hielt ihr aber den Finger drohend entgegen, in der Weise etwa, wie ein Wärter eine Irrsinnige in Respekt hält. Der Eindruck, den er beabsichtigte, blieb nicht aus, denn sie getraute sich nicht, aufzustehen, sondern rang nur ihre magern, runzligen Hände in ohnmächtiger Wut und schrie und heulte wie eine Besessene. »Mein Wort will ich halten, alter Teufel!« rief der Mann, den sie Frank Lewitt genannt hatte, »die Dirne soll nicht weiter nach London hin wandern; aber Ihr krümmt ihr kein Haar, das sage ich Euch.« Durch dieses Versprechen aus seinem Munde schien die Alte ruhiger zu werden, und während sich ihr Geheul zu einem schwachen Gebrumm wandelte, bekam die seltsame Gesellschaft Zuwachs durch eine neue Person, eine jüngere Frau, die mit einem Satz vom Scheunentore bis zwischen die um das Kohlenfeuer gescharte Gruppe sprang. »Oho, Frank Lewitt!« rief sie, »Du willst doch nicht unsre Mutter erschlagen? Oder der Sau, die Tom heut früh gebracht hat, die Ohren absäbeln? oder hast Du Dein Abendgebet rückwärts gelesen, um meinen alten guten Freund, den Papa Satan, herzurufen?« Gleichwie Jeanie schon vordem die Alte erkannt hatte, so erkannte sie jetzt an der seltsamen Rede der Hinzugekommenen die andere der beiden Frauen, die auf der Straße an ihr vorbeigeritten waren und die närrischen Verse gesungen hatte; und der Leser wird nicht ermangelt haben, in ihr die Zigeunerin zu erkennen, deren Bekanntschaft er im ersten Bande gelegentlich des Porteous-Krawalls gemacht hat. »Heda! Und wen habt Ihr denn da?« schrie sie, Tom beiseite schiebend, der aus einem zerbrochenen Geschirr Branntwein trank und auf die Alte schimpfte und die andere zu allen Teufeln wünschte – »ich glaub gar, die Tochter vom frommen David Deans aus Sankt-Leonard? Was will denn die bei nachtschlafender Zeit in unsrem Zigeunerstalle? Ist das ein Anblick für so heilige Augen? Wie tief sind doch die, so da selig in Gott sind, gesunken, meine Herren! Und die andere Schwester, die im Kerker von Edinburg? Mir tut sie ja leid, das muß ich sagen; und ich hab ihr nicht übelgewollt, sondern die Mutter, wenngleich ich auch Ursache genug dazu hätte.« Als sie fertig war, tanzte sie zu Jeanie hin, um sie sich genau zu begucken; Jeanie aber, so entsetzt sie über all das Ungeheuerliche war, das ihre Augen hier sahen, beobachtete doch alles aufs schärfste, fest gewillt, sich keine Gelegenheit zur Flucht und auch nichts, was sie über ihre Lage und die ihr drohenden Gefahren aufklären könnte, entgehen zu lassen. »Madge,« sagte der Lange, sich an die Tanzende wendend, »soviel Satansblut wie die Mutter, die Deine Großmutter sein könnte, hast Du nicht im Leibe; nimm das Mädel mit in Deine Kammer und laß selbst den Satan nicht hinein, und sollt er's gleich im Namen Gottes verlangen.« »Ja, Frank,« antwortete Madge, Jeanie am Arme fassend und hinter sich herziehend, »das tu ich, denn für ein paar anständige Dinger, wie uns beide, ziemt es sich nicht, mit Tom und andern von Deinem Kaliber in solcher nächtlichen Stunde Gemeinschaft zu halten. Also schönste gute Nacht, meine Herren, und noch mehr schöne gute Tage! Schlaft, bis euch der Henker weckt, bis Satan euch am Ohre neckt, da bleibt das Land doch ohne Plage.« Dem Impuls folgend, den ihre gestörte Phantasie ihr eingab, tanzte sie ehrbarlich zu ihrer Mutter hin, die, vom Schein des Kohlenfeuers getroffen, mit ihren greisen, von wilden Leidenschaften zerrissenen Zügen ganz so aussah wie Hekate am Höllenfeuer, ließ sich plötzlich auf ein Knie vor ihr nieder und flehte, Ton und Art eines kleinen Kindes annehmend: »Lieb Mütterchen, will Babeichen machen, will beten; komm, Mütterchen, segne mich und sprich, wie Du es früher getan – aber das ist schon lange her – Gott behüte Dein hübsches Gesichtlein!« »Soll Dir Satan die Haut davon ziehen und sich die Schuhe damit besohlen, Du Luder!« schrie die Alte und wollte der vor ihr Knieenden mit der Faust ins Gesicht einen Denkzettel zeichnen; aber diese, wahrscheinlich durch Erfahrung klug gemacht, wich dem Schlage klug und geschickt aus. Nun sprang die Hexe auf und griff nach einer Feuerzange, und wäre nicht Frank Lewitt neuerdings ihr in den Arm gefallen, so hätte sie ihre Absicht, der Tochter oder Jeanie das Gehirn einzuschlagen, sicher ausgeführt. »Madge!« rief er, »scher Dich Und nimm sie mit, die Muckerdirne! Verkriech Dich in Deine Höhle, sonst setzt's hier noch einen Teufelsspuk. Und Du, verdammtes Rabenaas!« herrschte er die Alte an; »nur einmal noch muckse Dich in meiner Gegenwart! und ich zerbreche Dir ein Paar von Deinen Satanskrallen!« Madge befolgte den Rat und schlüpfte, Jeanie hinter sich her zerrend, in einen im Hintergrunde der Scheune angebrachten Verschlag, worin ein paar Schütten Stroh lagen. Durch einen weiten Spalt in der Decke drang der Mond und beleuchtete einen Packsattel, ein Reitpolster und ein paar Felleisen, die Reisegerätschaften von ihr und ihrer Mutter. »Hast Du schon 'mal in Deinem Leben solch feines Schlafzimmerchen gesehen? Sieh nur, wie der Mond auf das frische Stroh blinkt. Ist sein süßer Strahl nicht kühl und labend? Im ganzen Narrenspital gibt's kein so schmuckes Kämmerchen, so stattlich auch das Haus von außen aussieht. Hast Du schon mal im Narrenhause gesteckt, Jeanie Deans?« Jeanie fühlte bei der Frage, wie ihr ein Schauer durch die Glieder rann. Mühsam stieß sie ein mattes Nein! hervor, um die kranke Person nicht zu reizen, denn in ihrer schrecklichen Lage gewährte ihr die Anwesenheit selbst solcher Wahnsinnigen einen gewissen Schutz. »Was Du sagst! Noch niemals im Tollhause? Na, es scheint fast, als schickten die dummen Michel vom hohen Rate von Edinburg bloß mich, und sonst niemand, hinein! Sie müssen's doch recht auf mich abgesehen haben! Aber weißt Du, Jeanie, verloren hast Du nichts dabei,« rief sie vertraulicher, »der Wärter ist ein bissiger Hund und macht einem den Ort zur Hölle, wenn man ihm nicht aufs Wort pariert. Ich hab ihm zwar oft genug ins Gesicht geschrieen, er sei der schlimmste Narr im ganzen Narren-Hause. Heidi! Was machen denn die da drin für Spektakel? Laß keiner sich's beikommen, den Fuß hier über die Schwelle zu setzen! So was schickt sich nicht, meine Herren! Ich setz mich mit dem Rücken vor die Tür, und mich da wegzubringen, soll keinem glücken!« »Madge! Madge! Madge Wildfire!« schrieen die Männer draußen, »wo hast Du den Gaul gelassen?« »Er ist beim Fressen, das arme Biest!« antwortete Madge. »Beim Fressen?« fragte der wildere der beiden, »was soll das heißen, Kanaille? sag, wo Du den Gaul hast, oder es ist um Dich geschehen!« »Er steckt in Gaffer Gabblenwoods Weizenfeld, und das ihr Kerle, kennt ihr doch, gelt?« versetzte sie, lachend. »Im Weizenfeld, verrücktes Balg?« schrie Tom im wildesten Grimm. – »Ja doch, mein feiner Galgenstrick! Lauf nur zum Dick! Was kann der Weizen dem Gaule schaden?« »Schwatz keinen Unsinn, Madge,« rief jetzt Frank, »dem Gaule ja nicht, aber uns kann's schaden, wenn morgen das Biest auf fremder Leute Grund und Boden angetroffen wird. Geh, Tom, und schaff's her! Aber laß keine Spuren hinter Dir! Hörst Du?« »Na, da haben wir's! Ich muß zuletzt immer den Packesel machen,« brummte Tom. »Marsch, Du Faultier! Hast nun lange genug die Glieder geruht!« rief der andre, worauf Tom ohne weitere Einwände aus der Scheune ging. Mittlerweile hatte sich Madge eine Stelle auf der Strohschütte zum Schlafen hergerichtet, saß aber noch immer, mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, so daß sie, da die Tür nach innen zu aufging, den Eingang durch das Gewicht ihrer Person versperrte. »List hilft durchs Leben, Jeanie, und Mausen auch,« schwatzte sie, »wenn's auch die Mutter nicht glauben mag. Wer käme wohl auf den Einfall, den Rücken als Riegel zu brauchen? Stärker sind ja die Riegel im Kerker von Edinburg freilich! Einen so tüchtigen Schmied wie in Edinburg scheint's wirklich nirgendswo mehr zu geben. Was für Stangen und Schlösser und Angeln und Riegel der schmieden kann! O, und die Zwangsjacken, die er macht, sind auch nicht schlecht! Teufel! schneiden einem die in die Knochen! Die Mutter hat 'mal einen prächtigen Zwangsgurt gehabt. Ach, wie gern hätt ich Kuchen drauf gebacken für meinen kleinen Balg! Die wären doch sicher schön knusprig geworden! Aber, Jeanie! sterben müssen wir ja doch alle 'mal! da hilft alles nichts.. Ihr Puritaner seid doch rechte Schafsköpfe! stellt euch den Himmel vor wie eine Hölle; bloß damit ihr die Erde nicht gar so ungern verlaßt! Aber das Narrenhaus, wovon ich eben gesprochen, Jeanie, das rat ich keinem, keinem, Jeanie! und ich will weder Gutes davon reden noch Böses! Aber Du kennst doch das feine Lied: Ich saß in dunkler Narrenzelle, Ums Handgelenk klirrte die Schelle, Ich war noch keine zwanzig alt, Da hat mir die Peitsche ums Ohr schon geknallt! Da mußt ich fein fasten und beten, Fein zupfen und stampfen und kneten, Da mußt ich sein beten und fasten, Fein sputen, fein schuften, fein hasten. rallala! Trallala! Jup heidi, jup heida! Jeanie, schade, daß ich heut ein bißchen heiser bin und nicht, wie sonst, fein singen kann! Aber komm, wir wollen jetzt schlafen!« Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken, und Jeanie, die sich auch nach einem Augenblick Ruhe sehnte, um über Flucht und Mittel dazu zu sinnen, vermied ängstlich jede Störung. Aber Madge hatte kaum einige Minuten genickt, so kam der unstete Geist wieder über sie. Den Kopf emporrichtend, schwatzte sie, aber leiser, bis zuletzt die Ermüdung der ungewohnten Reise zu Pferde sie übermannte und ihre Stimme zu einem bloßen Lallen machte. »Weiß gar nicht, was mich heut so müde macht! Schlaf doch auch sonst erst, wenn Mond vom Himmel lacht. Und nun tritt er gar voll ans Firmament mit seinem großen silbernen Wagen, ach! wie oft ich da lustig getanzt, das ist nicht zu sagen! Aber es kamen auch Tote gesprungen, haben gar wohl mitgesungen, zum Beispiel John Porteous und noch einer, den ich gar gut gekannt hab, ein kleiner, lieber Kerl ist's gewesen, aber die hab ich bloß, als ich lebte, gekannt, war nämlich 'mal tot schon, Du dummer Fant!« Und nun sang die Irre mit leiser Stimme, und doch gar wildem Klange: Fern überm Meer auf dem Kirchhofe ruht Mein bleichendes Gebein, Und was sich mit Dir jetzt unterhält, Ist bloß der Geist allein! »Aber, Jeanie!« faselte sie weiter, »es weiß eigentlich niemand, was tot ist und was lebt, wer im Feenland oder hienieden wandelt. Dann und wann glaub ich, mein Kind sei tot, sie haben's begraben, mit Wangen so rot, ach! wie oft hab ich's geschaukelt auf meinen Knien, seit sie es haben begraben! und hätt ich's je wieder können anziehn, wenn's gewesen wär tot mit Wangen so rot? Nein, Jeanie, nein! So was kann ja nicht sein!« Da war es plötzlich, als träte etwas aus ihren Tränen deutlicher hin vor sie; denn sie schrie auf einmal auf: »Ach! weh mir! weh!« Dann aber versank sie endlich, unter Flüstern und Schluchzen, in festen Schlaf, wie ihr tiefes Atemholen verriet, und Jeanie sah sich mit ihren trüben Betrachtungen allein. Sechstes Kapitel. Jeanie erkannte bald, so trübe auch das Licht war, das durch den Spalt in ihren Verschlag fiel, daß es von hier kein Entrinnen gab. Freilich war oben in der Wand eine Luke, aber sie war so schmal, daß es unmöglich war, sich hindurchzuzwängen, selbst wenn es ihr hätte gelingen können, bis dort hinauf zu klettern. Mißglückte die Flucht, so mußte sie sich schlechterer Behandlung gewärtigen, als sie schon hatte, und ehe sie also solches Wagnis unternahm, hielt sie es für klüger, eine günstigere Gelegenheit zu erspähen. In dieser Absicht näherte sie sich der Lehmwand, die den Verschlag von der großen Scheune schied; einen Spalt in derselben, den ihr Auge zufällig fand, suchte sie nun mit den Fingernägeln behutsam zu erweitern, um einen Blick auf die Alte und auf die Räuber zu gewinnen. Bei der halberloschenen Glut saßen sie in eifriger Unterhaltung, die schreckliche Alte und der wilde Mann. Der Anblick machte ihr das Blut gerinnen, denn ein Gesicht übertrumpfte das andere in seinem Ausdrucke verhärteter Bosheit und Tücke. Aber ihr Gottvertrauen hielt Jeanie aufrecht und bei klarem Verstande. Sie gedachte der Worte des heiligen Sängers: »Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.« Und so gewann sie, trotz der Qual ihrer Lage, Fassung genug, den größten Teil des für sie bedeutungsvollen Gesprächs der beiden grausen Menschen zu belauschen, so leise dasselbe geführt wurde und so sehr es durchsetzt war mit Rotwelschworten. »Du siehst, Weib,« sagte Frank, »daß ich Dein wahrhafter Freund bin. Daß Du mir damals die Feile zustecktest, die mir den Weg aus dem Loche in York zur Freiheit bahnte, vergeß ich Dir nicht; und Deinen Auftrag hab ich ausgeführt, ohne nach den Gründen zu fragen. Eine Liebe ist der andern wert. Madge, die immer wie ein Satan spektakelt, ist jetzt still, und Tom ist auf der Suche draußen nach dem Klepper. Den Augenblick, wo wir allein sind sollst Du wahrnehmen, mir reinen Wein darüber einzuschenken, wie es sich mit der Muckerdirne verhält, denn der Satan soll mir in den Brägen fahren, wenn ich leide, daß ihr was Uebles angetan werde, zumal sie vom Vater Kliff den Reisepaß bekommen hat.« »Frank,« versetzte die Alte, »Du bist ein braver Kerl, aber für ein Handwerk, wie wir es treiben, zu weichen Gemüts. Das wird Dich noch ins Verderben stürzen. Paß auf! Ich seh Dich noch rücklings vom Hollbourn-Berge purzeln, weil Dich irgend ein Wicht verpetzt hat, dem Du das Messer nicht rechtzeitig in die Gurgel stießest.« »Damit beschwatzt Du mich nicht, Alte!« versetzte er, »denn manchen netten Jungen, den ich gut kannte, haben sie schon beim Kragen genommen im ersten Sommer, den ich auf der Landstraße zubrachte, und bloß deshalb, weil er zu flink mit seinem Messer hantierte. Zudem könnte man ja, wenn man soviel auf dem Gewissen herumschleppte, sich keine zwei Jahre mehr in der Welt herumschleppen! Drum sage mir, wie das zusammenhängt, kurz und bündig, und was geschehen muß, um Dir auf anständige Manier zur Hand zu gehen!« »Na, Frank, sollst's wissen,« antwortete die Alte: »aber vorerst nimm einen Schluck von dem Kümmel da, es ist eine gute Holländer Sorte.« Mit diesen Worten langte sie aus ihrer Tasche eine bauchige Flasche und goß dem Räuber einen tüchtigen Schluck in die Kehle, der ihm trefflich mundete. »Frank, auf einem Bein steht keiner, und doppelte Schnur hält besser als einfache! Also trink noch einmal!« »Nein, nein!« wehrte er. »Will Dich ein Weib zu Schlimmem verleiten, dann ist's das erste, daß sie den Mann zum Trinken beschwatzt. Hol aber der Teufel allen Branntweinsmut! Was ich tue, will ich nüchtern tun. Dann wird's bloß um so besser.« Ohne weitere Versuche, ihn zu beruhigen, sagte nun die Alte: »Nun, das Mädchen, weißt Du, ist auf dem Wege nach London.« Von dem Ende des Satzes konnte Jeanie weiter nichts als das Wort Schwester hören. »Nun, das ist doch aller Ehren wert von dem Mädel,« meinte der Wegelagerer, so daß es Jeanie verstehen konnte, »ich möchte bloß wissen, was die Sache Dich angeht.« »Gerade genug, sollt ich meinen. Entgeht das Balg in Edinburg dem Galgen, dann heiratet sie doch der Robertson.« »Und was kann Dir dran liegen?« »Was mir dran liegt, Du Tropf?« versetzte die Alte, »viel, sage ich Dir, viel; und ehe ich das zugebe, eher erwürge ich sie mit meinen beiden Händen; Madges Recht soll Madges Recht bleiben!« »Madges Recht? .Tragen Dich Deine alten Augen nicht weiter? Meinst Du denn, der nähm ein albernes Stück, wie die Madge, zum Weibe? wenn es zutrifft, was Du von ihm gesagt, glaub ich's in aller Welt nicht, daß er es täte! Donner und Doria! Ein glorioser Einfall, ein Kalb wie die Madge, zur Frau zu nehmen!« »Was redst Du, Du Beutelschneider, Du ausgefeimter Spitzbub, Du Galgenvogel, Du Lumpenmatz! Und wenn er sie nicht nehmen sollte, muß dann der andern der gebratene Täuberich ins Maul fliegen? Um keines andern als seinetwillen bin ich zur Bettlerin, und Madge, mein Kind, reif fürs Narrenhaus geworden! Aber ich weiß was von ihm, das ihn an den Galgen bringt, und wenn er tausend Leben hätte! An den Galgen! Ja, an den Galgen!« – Bei den letzten Worten fletschte sie grimmig die Zähne und rollte wild die Augen. »Und warum bringst Du ihn nicht an den Galgen, ja, an den Galgen,« äffte Frank ihr höhnisch nach. »Darin läge doch Verstand, mehr Verstand, als Dein Mütchen zu kühlen an ein paar harmlosen Weibsbildern, die weder Dir noch Deiner Tochter was zuleide getan haben!« »Weder mir noch ihr was zuleide?« wiederholte wild die Alte; »so, und die Rache, die kaufst Du für nichts?« »Mag ihn der Teufel sich selber holen, wenn er Appetit nach ihm hat,« rief Frank, »aber hängen lasse ich mich, wenn mir die Brühe passen sollte, worin er ihn schmort.« »Rache!« zischte die Alte, »Rache ist der schönste Lohn, der leckerste Bissen, mit dem uns Satan traktiert! Ha, wie hart hab ich dafür gekämpft, gelitten und gesündigt, und die Rache muß ich kosten, sonst gäb's keine Gerechtigkeit, mehr auf der Erde, und weder im Himmel noch in der Hölle!« Frank hatte sich mittlerweile seine Pfeife angesteckt und hörte die Wutausbrüche der alten Hexe mit Seelenruhe an. Um Aergernis daran zu nehmen, dazu war er zu abgehärtet im Bösen, und die leidenschaftliche Kraft zu fassen, die sich darin zum Ausdrucke brachte, dazu war er zu gleichgültigen Charakters, wenn es ihm nicht vielleicht auch an Verstand dafür fehlte. »Aber, Mutter,« sagte er nach einer Weile, »dabei bleibe ich trotz alledem: wenn Du Dich durchaus rächen willst, dann läg doch der Kerl näher als die beiden Dirnen!« Mit der Gier eines dem Verdursten nahen Wesens sog sie den Atem hinter: dann rief sie: »Ich wollt, ich könnt's! Ich wollt, ich könnt's! Aber ich kann's nicht, nein! Ich kann's nicht!« Und warum kannst Du's nicht? He?« fragte Frank; »eine Lappalie war's, ihm wegen der Porteous-Geschichte zum Stricke zu helfen! Gott verdamm mich! Mehr Aufhebens könnten die in London auch nicht machen, wenn er die ganze englische Bank ausgeraubt hätte!« »Ich kann's nicht,« wiederholte die Alte; »an dieser welken Brust hab ich ihn genährt,« – und sie kreuzte die Hände über der Brust, wie wenn sie ein Kind dran hielte – »und wenngleich er sich als eine Natter erwiesen hat, als ein böses Subjekt, mir und den Meinigen zum Unglück, wenn er auch mich zur Gesellin des Satans gemacht hat, wenn's einen Satan gibt, so kann ich ihm doch nicht ans Leben, nein! ich kann's nicht! Ich kann's nicht! Gedacht dran hab ich,« sagte sie, wie von einem Schauder geschüttelt, »auch versucht hab ich's; aber es war das erste Kind, das ich an der Brust hatte, und was ein Weib fühlt für ein solches Wesen, davon hat kein Mann einen Begriff.« »Aber, Mutter, es heißt doch, gegen andre Kinder, die Dir in den Weg gerieten, hättst Du kein Mitleid gekannt? Ruhig, ruhig,« rief er hart, »hier bin ich Herr, und Auflehnung leide ich nicht!« Die grimme Hexe hatte wieder nach dem Messer gegriffen, das an ihrer Hüfte steckte, ließ es aber, die Hand öffnend, fallen und rief mit teuflischem Grinsen: »Machst wohl Witze, Junge? Wer wird Kinderchen anrühren? Madge, das arme Ding, hat Unglück gehabt mit dem einen, und das andre.« Was nun folgte, sprach sie so leise, daß Jeanie, so angstvoll sie auch lauschte, kein Wort verstehen konnte, als am Schlusse: »und so hat's, meines Wissens, Madge in ihrem Wahnsinn in den See geschmissen!« Madge, die, wie gemeinhin Geisteskranke, einen lückenhaften Schlummer hatte, fuhr auf und rief: »Das lügst Du, Mutter! In den See geschmissen hab ich's nicht.« »Still, Du Satansbalg!« keifte die Alte, »wirst die andre Dirne noch munter schreien! Wenn sie nicht gar schon gehorcht hat!« »Das wäre schlecht!« rief Frank Lewitt und stand auf, um der Alten zur Tür zu folgen, die nach dem Verschlage führte. »Steh auf, Balg,« schrie sie der Tochter zu, »oder ich renn' Dir das Messer durch die Türfüllung in Deinen Narrenbuckel!« Es schien, als wenn sie ihre Drohung wahr machen wollte, denn sie fuhr mit dem Messer in einen Spalt hinein, und im andern Augenblicke schrie Madge auf, wich von ihrem Platze, und die Tür ging auf. Die Alte hielt ein Talglicht in der einen, ein Messer in der andern Hand; der Räuber schritt ihr hinterher, ob in der Absicht, eine Gewalttätigkeit zu verhindern oder mit auszuführen, war zweifelhaft. Jeanies Retterin in diesem Augenblicke höchster Gefahr wurde ihre Geistesgegenwart; sie besaß Willensstärke genug, sich wie eine Schlafende zu stellen und, trotz ihres Schrecks, auch beim Atemholen den Anschein tiefster Ruhe zu wahren. Die grimme Alte fuhr ihr mit dem Licht vor den Augen hin und her, und die Furcht, die Jeanies Herz erfüllte, war so stark, daß sie meinte, die Gestalten der beiden feindlichen Personen durch die festgeschlossenen Lider zu erkennen; und doch wich die Kraft, sich nicht zu verraten, nicht von ihr. Der Räuber betrachtete sie eine ganze Weile mit scharfem Blicke. Dann stieß er die Alte zurück und ging ihr hinterher. In der Scheune sagte er, zu Jeanies nicht geringer Beruhigung: »Die Muckerdirne schläft ganz fest, als ob sie bei sich zu Hause im Bett läge, und nicht in solcher Höhle auf Stroh. Der Satan soll mich bei lebendigem Leibe holen, wenn ich begreife, was Dir's nützen soll. Immerhin will ich nach wie vor zu meinen Freunden halten und ihnen zu Gefallen sein, wo und wie ich kann; ich sehe ja, es ist ein schlechter Streich, aber es wird sich vielleicht machen lassen, daß ich sie bis zum Strande bringe und in Toms Boote drei bis vier Wochen halte, wenn Dir das recht ist? Aber daß ihr jemand was antut, Alte, das leide ich nicht, sei es wer es sei. Schlecht ist's ja, was Du vorhast, und grausam erst recht; und mir wär's schon lieber, Du und er, und Madge, wären mitsammen da, wo der Pfeffer wächst.« »Aber schwatz doch keinen Unsinn, Junge,« erwiderte die Alte, »Du bist ein Gauner und bleibst einer, und recht willst und mußt Du eben behalten, das weiß ich ja. Mir liegt nichts dran, ob sie eine Stunde früher oder später in den Himmel hinauf kutschiert, ich pfeife drauf, ob sie krepiert oder länger noch in Psalmen flötet. Bloß die Schwester! Die Schwester!« »Gut, Alte, und kein Wort mehr drüber! Tom kommt. Legen wir uns aufs Ohr und schlafen wir eine Stunde. Es wird uns gut tun.« Sie warfen sich auf die Streu, und von jetzt ab herrschte Ruhe in der Scheune. Jeanies Augen fand der Schlaf noch lange nicht. Als der Tag graute, hörte sie, wie die beiden Räuber ihr Lager verließen, nachdem sie noch eine Zeitlang mit dem alten Weibe getuschelt hatten. Das Bewußtsein, jetzt nur mit Personen des eignen Geschlechts zusammen zu sein, gab ihr eine gewisse Beruhigung, und sie widerstand dem Bedürfnis, zu schlafen, nicht länger. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie wieder erwachte. Noch immer war Madge Wildfire in dem Verschlage, sagte ihr aber gleich mit der ihr eigenen irren Lebhaftigkeit guten Morgen. »Du, weißt Du, Mädel, während Du im Lande der Träume wärest, sind hier schnurrige Dinge vorgegangen. Die Frone waren da; mein Muttchen haben sie weggeholt, wegen dem Weizenfelde, worin der Gaul gefressen hat. Sieh doch bloß, was für Hunde diese englischen Kerle sind, was für ein Wesen sie machen um ein paar Körner und ein paar Halme! gerade als ging's um Rebhühner und Hasen. Nein, Mädel, komm, wir wollen ihnen einen Streich spielen, wenn Du Lust dazu hast; wollen uns ein bißchen draußen im Freien umsehen. Hei! werden die einen Lärm anheben, wenn sie uns beide nicht mehr finden, aber um die Mittagszeit können wir wieder daheim sein, jedenfalls doch vor Einbruch der Nacht und einen Heidenspaß wird's setzen; komm, Mädel, komm! Oder willst Du erst frühstücken und Dich dann noch ein Weilchen aufs Stroh hauen, ist's mir auch recht! Brauchst Dich aber nicht vor mir zu fürchten, kannst ruhig mitgehn; ich tue Dir nichts an.« Jeanie beteuerte, keinen Appetit zu haben, weder auf Speise noch auf Trank; und sie hätte gegen den Vorschlag, die Scheune zu verlassen, auch dann noch keinen Einspruch erhoben, wenn Madge Wildfire nicht bloß eine gutmütige Irre gewesen wäre, sondern wirklich gerast hätte. In der Hoffnung, sich durch solche Verstellung keiner Sünde schuldig zu machen, redete sie ihr sogar zu, sich gar nicht lange in dem Verschlage mehr aufzuhalten, sondern hinaus in den grünen Wald zu schweifen. »Ich denke mir, Mädel,« sagte Madge, »daß es Dir nichts schaden wird, wenn Du der Sippe hier ein bißchen aus dem Gesichte kommst. Ich will ja nicht sagen, daß es böse Menschen seien, aber sie sind doch wunderlich, und seit wir in solcher Umgebung sind, Mutter und ich, kommt's mir immer vor, als seien wir gar nicht mehr gut daran.« Hastig griff Jeanie nach ihrem Bündel und lief hinter ihrer Kameradin her, in den Wald hinaus; aber so sorglich ihre Augen spähten, wenn sie freien Blick auf das Bruch gewann, von Menschen oder einer menschlichen Behausung war nichts zu sehen; hin und wieder war wohl der Boden bebaut, aber zumeist sah sie bloß Gestrüpp oder Sumpf. Schmeichlerisch, wie eine Wärterin zum Kinde spricht, das sie ihrem Willen gefügig machen will, fragte sie Madge, als sie erkannte, daß sie in dieser Wildnis keine Aussicht habe, ihren Weg wieder zu finden, ob es nicht besser sei, auf die Straße zu gehen? auf einem hübschen, breiten Wege lasse es sich doch besser ausschreiten als hier zwischen Dornen und Disteln. Madge aber blieb, als sie diese Frage hörte, jäh stehen und heftete auf Jeanie einen argwöhnischen Blick, als errate sie, was diese in Wirklichkeit wolle. »Aha, Mädel!« rief sie, »hast wohl Lust, mich aus meinen Wäldern zu locken? Willst wohl Deinen Kopf durch Deine Füße in Sicherheit bringen?« Einen Augenblick war Jeanie unschlüssig, ob sie der Andeutung nicht auf der Stelle folgen und ihr Heil in der Flucht suchen solle; aber sie wußte nicht, nach welcher Richtung sie sich wenden müßte, und war ihrer Sache auch insofern nicht sicher, als ihr die Wahnsinnige an Körperkraft doch vielleicht überlegen war. Darum leistete sie vorderhand noch Verzicht auf die Ausführung des Gedankens, der sie, je weiter der Tag vorrückte, desto hartnäckiger beschäftigte. Madge lief sehr schnell; und ihre Gedanken liefen ebenso schnell von einem Gegenstande zum andern, so daß sie bald wieder anfing, allerhand durcheinander zu schwatzen. »An so schönem Morgen ist's doch gar zu schön im Walde, ach! und viel schöner als in einer Stadt. Hier schreit kein Rudel zerlumpter Rangen hinter einem her, als ob man ein Wundertier war, bloß weil man anders angezogen ist als sonst alles in der Stadt und keine so bleiche, häßliche Fratze hat. Freilich, Jeanie! auf Kleid und Fratze soll man sich nie was zu gute tun, das sind bloß Fallstricke, sonst hab ich viel drauf gehalten, Jeanie, gar viel! Aber was ist dabei herausgekommen für die arme Madge?« »Weißt Du denn auch den Weg, Madge?« fragte Jeanie aus Furcht, sie werde sich noch tiefer in den Wald hinein und schließlich gar von der Heerstraße so weit verirren, daß es ihr nicht mehr möglich sein möchte, sie wieder aufzufinden. »Ich, und den Weg nicht kennen?« rief Madge, hell auflachend; »hab doch lange genug im Walde gehaust, daß ich Weg und Steg drin kennen muß! Freilich ist's gewesen vor dem Unglück, das über mich kam, und da könnt ich wohl manches vergessen haben; aber es gibt Dinge, die vergißt ein Mensch nie, und Madge vergißt ihren Wald im Leben nicht, das kann ich Dir sagen, Mädel!« Sie gerieten immer tiefer in das Dickicht hinein und kamen an eine Stelle, wo um einen kleinen Rasenhügel herum die Bäume eine Art Rundell bildeten. Da geriet Madge plötzlich ganz außer sich, schlug die Hände vor das Gesicht und fing an, mörderlich zu schreien; dann sank sie wie ein Klotz über den Hügel hin und blieb darauf liegen. Jeanies erster Gedanke war, den günstigen Moment für die Flucht wahrzunehmen; im andern Augenblick aber siegte ihre Menschenliebe über diesen selbstsüchtigen Drang; es erschien ihr gewissenlos, die arme Wahnsinnige ohne Beistand hier umkommen zu lassen, und mit einer, in ihrer Lage bewunderungswürdigen Aufopferung blieb sie und bemühte sich um das arme, verlorene Geschöpf, suchte es zu trösten und geistig und leiblich aufzurichten. Nach Aufwendung vieler Mühe gelang es ihr endlich, und da nahm sie mit Erstaunen wahr, daß sich die sonst so blühende Farbe von Madges Gesicht in Leichenblässe verwandelt hatte, und daß ihr Gesicht in Tränen schwamm. Jeanie fühlte sich tief durch diesen Anblick ergriffen, um so mehr als sie in dem wild umherschweifenden Gemüte der armen Irren eine gewisse Zuneigung durchschimmern sah, die von ihr Dankbarkeit forderte. »Laß mich allein! Laß mich allein!« rief Madge, als ihr Schmerz zu schwinden begann; »mir ist's wohl, wenn ich weinen kann. Tränen sind eine Seltenheit bei mir, sie kommen nur ein paarmal im Jahre; dann gehe ich zu diesem Rasenhügel, ihn damit zu netzen, weil vom Tränennaß die Blumen am schönsten gedeihen und das Gras das lieblichste Grün annimmt.« »Aber, Madge, was ist Dir nur?« sagte Jeanie; »warum weinst Du denn so bitterlich?« »Ach, Mädel,« klagte die Irre: »dazu hab ich wohl Grund, gar tiefen Grund! Mehr, mehr als mein armer Sinn tragen und aushalten kann. Warte bloß ein Weilchen noch, Mädel, dann will ich Dir alles, alles sagen, wie es gewesen. Denn, Jeanie, weißt Du, ich bin Dir gut, glaub's mir, Du hast so was Sanftes, und doch so was Festes an Dir, und alle Leute in Edinburg haben bloß Gutes von Dir gesprochen, und ich denke immer noch an den Trunk Milch, den Du mir damals gabst, als ich vierundzwanzig Stunden lang auf Arturs Sitz herumgestiegen war, um nach einem Schiffe zu sehen, das jemand von der Küste hinweg trug.« Jetzt erst besann sich Jeanie darauf, daß ihr einmal früh am Morgen ein irres, halbverhungertes Mädchen in den Weg gekommen war, dicht vor ihres Vaters Hütte, über das sie sich erst erschrocken, das sie aber dann, aus Mitleid, mit Speise und Trank gestärkt hatte; und dieser Zug von Barmherzigkeit sollte ihr jetzt zum Segen gereichen .. »Ja,« sagte Madge wieder, »ich will Dir alles sagen, alles, wie es zugegangen ist, denn Du bist eines frommen Mannes Tochter und kannst mir vielleicht den Weg zeigen, den ich wandeln muß; denn lange genug bin ich in den sengenden Wüsten des Aegypterlandes herumgeirrt und in den Wildnissen des Berges Sinai, und es hat mir nicht zur Freude gereicht, auch nicht zum Troste. Aber, Mädel, wenn meine Gedanken darauf geraten, dann überkommt mich die Scham und ich möchte die Lippen schließen für immer ..« Sie blickte in die Höhe und lächelte. »Sonderbar! Ich habe mit Dir in den paar Minuten mehr Gutes gesprochen, als ich's mit der Mutter in ebensoviel Jahren nicht zu Wege brächte! Manchmal möcht ich's, manchmal drängt's mich dazu; aber dann fährt der Satan über mich und fegt mir mit seinen schwarzen Fittichen über die Lippen, daß all meine guten Vorsätze zum Teufel gehen, und dann kommen mir wieder die sündigen Lieder ins Gedächtnis, und mein Sinn neigt sich zu Leere und Eitelkeit.« »Such Dich doch zusammenzunehmen, Madge,« mahnte Jeanie die Arme, »und klaren Sinnes zu werden, dann wird's Dir auch leichter ums Herz sein. Widerstehe nur dem Teufel tapfer, und er weicht von Dir! Mein frommer Vater sagt immer, es sei kein Teufel so arg wie unsre eignen unstäten bösen Gedanken.« »Mädel,« rief Madge, in die Höhe fahrend, »das ist wahr, nur allzu wahr, und drum will ich gleich einen Weg gehen, wohin mir kein Teufel folgen kann. Aber Du wirst ihn gern mit mir gehen, bloß muß ich mich an Deinem Arme festhalten, denn sonst könnte Apollyon mir über den Weg kommen und mich hindern, wie er's dem Pilger auf seiner Wallfahrt angetan hat.« Sie hing sich fest an Jeanies Arm, und bald kamen sie, zu Jeanies nicht geringer Freude, an einen gangbaren Pfad, mit dessen Krümmungen Madge wohlvertraut zu sein schien, denn sie schritt fest und zuversichtlich weiter. Jeanie versuchte, die Unglückliche bei ihren guten Regungen festzuhalten, aber ihr irrer Geist war schon wieder davon gewichen; glich er doch so ganz einem Haufen dürrer Blätter, die wohl eine Weile lang still auf einem Flecke liegen, aber vom leisesten Windhauche bewegt und verjagt werden. Jetzt war ihr Sinn ausschließlich bei der Pilgerfahrt, und mit großer Zungenfertigkeit schwatzte sie: »Hast Du sie schon gelesen, die Pilgerfahrt von Bunyan?. O, ein schönes Buch, Kind! ein schönes Buch! Du könntest die Maria draus sein, die Frau, und ich das Mädchen, die Magdalena. Du weißt ja, die Magdalena war schöner als die andere, und hätt ich meinen kleinen dürren Hund noch, so wäre auch Goodheart vertreten, denn der war grade so frech wie mein kleiner Kläffer. Die Frechheit hat ihm den Tod gebracht, denn eines Morgens fiel ihm ein, Max Alpin, den Korporal, in die Waden zu beißen, und dafür schleppten sie mich auf die Wache und dort erschlug mir der Korporal den Hund mit seinem Beile. Hol den alten Hochländer dafür der Teufel!« »Ach pfui, Madge! Du solltest solch böses Wort nicht über Deine Lippen bringen!« sagte Jeanie. »Aber so ist's doch hergegangen, Mädel!« sagte Madge, »der arme nette Shnog! Es tat mir so weh, als ich ihn krepiert im Rinnstein liegen sah. Aber vielleicht war's ganz gut für ihn, daß er so schnell krepierte, denn er hat sein Lebtag kaum was anders als Hunger und Durst gekannt und hätte vielleicht 'mal verhungern müssen, das arme niedliche Vieh! Im Grabe findet alles seine Ruhe, ob Hund, ob Kind!« »Dein Kind?« fragte Jeanie weich. »Ja doch, meins,« erwiderte sie verdrießlich; »warum sollt' ich nicht auch ein Kind haben wie andre? und warum nicht auch eines verlieren,« setzte sie heftig hinzu, »wie Dein niedliches Schwesterchen, die Lilie von Sankt-Leonard?« Diese Antwort erschreckte Jeanie, und sie gab sich alle Mühe, den Mißmut zu beseitigen, den sie durch ihre Frage, ohne es zu wollen, geweckt hatte. »Es tut mir recht leid um Dich, Madge.« »Leid tun?« wiederholte Madge, »was denn? Das Kind war zum Segen gewesen wär nicht die Mutter gewesen; aber die Mutter, die Mutter ist ein schlimmes Weib! Laß Dir sagen, da war ein alter Kerl im Lande, mit einem kleinen Hut auf dem Kopfe, und einem dicken Beutel voll Gold. O, ich hätt was drum gegeben, wenn Du den mal hättest watscheln sehen, ein Bein hierhin, ein Bein dorthin, als wenn sie nicht einem allein gehörten. Ich hab mich immer ausschütten wollen, wenn der schmucke Georg ihm nachäffte. Ach, Mädel, mir ist's, als hätt ich damals viel froher, wenn auch nicht soviel gelacht, als jetzt!« »Und wer war der schmucke Georg?« fragte Jeanie, ängstlich gespannt, denn daß im Leben dieser armen Irren Dinge vorgegangen, die mit dem Leben ihrer Schwester in so seltsamem Zusammenhange standen, hätte sie nun und nimmer vermutet. »O, das war ja Georg Robertson! der Edinburger Robertson! Aber sein rechter Name ist das auch nicht. Mädel! Was geht das Dich an?« rief sie, sich plötzlich besinnend; »warum fragst Du mich aus nach anderer Leute Namen? Oder soll ich Dir, wie Mutter immer sagt, das Messer schleifen zwischen Deinen Rippen?« – In ihrer Sprache und ihrer Gebärde kam ein solches Maß von Wildheit zum Ausdruck, daß Jeanie es für geraten hielt, ihr zu beteuern, sie habe bei der Frage nicht die geringste Absicht verfolgt, wodurch sich Madge beruhigen ließ. »Jeanie, merk Dir, nach anderer Leute Namen mußt Du mich nicht fragen! Dabei kommt nichts heraus, und das ist auch nicht artig. Bei der Mutter sind manchmal über ein Dutzend Menschen gewesen, und es hat doch keiner den andern nach seinem Namen gefragt. Das war auch immer Papa Kliffs Rede, so was zu tun sei die größte Unhöflichkeit auf der Welt, das täten die Herren vom Rat und Gericht schon genug, die kämen immer mit dergleichen blöden Fragen, ob man den oder jenen kenne, ob man wisse, wie er heiße, ob er überall so, heiße, und so weiter. Wenn man aber Namen nicht weiß, dann hört alles Gerede ganz von selbst auf.« »Wie verworfen muß die Schule sein,« dachte Jeanie bei sich, »in der dies arme Wesen erzogen worden! wo man sich durch solche Maßregeln vor der Verfolgung der Gerechtigkeit zu schützen suchen muß! Was möchte wohl der Vater oder Reuben Butler dazu sagen, wenn sie von mir hörten, daß es dergleichen Menschen unter Gottes Sonne gibt? O, wie verworfen, die Einfalt dieses armen unglücklichen Wesens derart zu mißbrauchen! Ach, wie glücklich werde ich sein, wenn ich erst wieder in meiner schlichten Heimat, bei meinen redlichen Landsleuten bin! Wie will ich den Herrn dafür loben und preisen, daß er mir meinen Platz angewiesen unter denen, die unter dem Schatten seiner Fittiche in der Furcht vor Ihm leben!« Ein wildes Gelächter riß sie aus diesem Sinnen. Es rührte von Madge her, der es eine über den Weg hüpfende Elster entlockte. »Sieh doch nur! Gerade so hüpfte mein alter Schatz, bloß fehlten ihm die Flügel, um den dürren Beinen nachzuhelfen. Geheiratet hätte ich ihn aber doch, weil mich die Mutter sonst totgeschlagen hätte. Da kam aber die Geschichte mit meinem armen Kinde, und die Mutter bekam es mit der Angst, sein Geschrei könnte den alten Kerl taub machen, und da hat sie es fortgeschleppt, damit es aus dem Wege sei, und unter den kleinen Hügel dort gebettet. Aber mir ist seitdem immer, als hätt sie auch mein bißchen Verstand mit drunter gebettet, denn ich bin von der Zeit an gar nicht mehr die gleiche. Und nun denke Dir, Jeanie, nachdem sich die Mutter mit dem alten lendenlahmen Kerl so am Leibe gerissen, schwenkt er ab und läßt mich sitzen; ich aber hab deshalb den Kopf nicht hängen lassen, Mädel, sondern ein fideles Leben seitdem geführt, und es gibt wohl kaum einen schmucken Herrn, der nicht, wenn er mich sieht, gleich vom Pferde spränge, weil ich ihm in der Nase stecke! Es hat auch manch einer gleich in die Tasche gegriffen und mir ein Paar Silberlinge zugeworfen bloß wegen meiner niedlichen Fratze.« Die Erzählung hatte Jeanie einen trüben Blick in das Leben der armen Irren eröffnet. Ein reicher Freier hatte das Auge auf sie geworfen und war von der Mutter, ungeachtet seines Alters und seiner Gebrechlichkeit, der Tochter zugeführt worden, die sich aber von einem Wüstling hatte verführen lassen und ihm ein Kind gebar. Um die Schande zu verbergen und die Heirat nicht zu gefährden, die der Mutter im Sinne lag, hatte diese das Kind, den unschuldigen Zeugen der Schwäche ihrer Tochter, auf die Seite geschafft. Der Alte aber hatte doch davon erfahren und sich von der Tochter abgewandt, deren von Natur eitler, schwacher Sinn dadurch dermaßen gestört worden war, daß er in richtigen Wahnsinn ausartete. Siebentes Kapitel. Als sie den von Madge eingeschlagenen Pfad ein Stück weit gegangen waren, gewahrte Jeanie zu ihrer großen Freude Spuren, daß sie sich einer wirtlicheren Gegend nahten, und bald erblickte sie, zwischen Buschicht verborgen, Hütten, mit Strohdächern gedeckt, von denen blauer Rauch in kleinen Säulen aufstieg. Dorthin führte der Pfad, und um ihre Führerin nicht zu erzürnen oder ihren Sinn abzulenken, nahm sich Jeanie vor, so lange Schweigen zu wahren, als sie keine Neigung bezeigte, den Pfad zu verlassen. Madge schwatzte nun in einem fort, wie es ihre wirren Ideen ihr eingaben; und erzählte auf diese Weise von sich und anderen weit mehr, als wenn Jeanie versucht hätte, sie auszufragen. »Seltsam,« hob sie wieder an, »es kommen Augenblicke über mich, in denen ich von meinem Kinde ganz so reden kann, als ginge es mich nichts an, sondern eine andere, und dann wieder ist's mir zumute, als müßte mir das Herz darüber brechen. Hast Du schon ein Kind gehabt, Jeanie?« Jeanie schüttelte mit dem Kopfe. »Aber Deine Schwester hat eins gehabt, und was aus dem geworden, Mädel, das weiß ich, weiß ich genau.« »Im Namen der göttlichen Barmherzigkeit,« rief Jeanie, ganz aus der Rolle fallend, die sie bisher festgehalten, »Madge, sage mir, was aus dem armen Wesen geworden ist, und ..« Madge blieb stehen, blickte sie starr an und schlug dann eine helle Lache auf. »Heidi, Mädchen, hasche mich! und fang mich, wenn Du mich kriegst. Hahaha! Du läßt Dir auch alles vorschwatzen. Wie sollte ich was wissen von Deiner Schwester Kinde? Mädel sollen mit Kindern erst was zu tun haben, wenn sie die Haube tragen. Dann kommt die Gevatter- und Nachbarssippe zusammen und hält großen Fest- und Feiertag, als ob es was Wichtigeres in der Welt gar nicht gäbe. Bei den Leuten heißt's wohl immer, Jungfernkinder Glückskinder; aber das ist weder bei meinem Kinde wahr geworden noch beim Kinde Deiner Schwester. O, sind das traurige Geschichten! Ich muß mich wieder lustig singen, Mädel, mit den Liedern, die mir der schmucke Georg auf den Leib gesungen hat, wenn ich mit ihm nach Lockington zur Kirchweih fuhr, wo er in gar prächtigem Staate mit vielen andern Komödie spielte. Damals hätte er mich heiraten sollen, wie es auch sein Wille war; jetzt kann er lange herumsuchen, ehe er's wieder so gut trifft! Aber das hat mit meinem Liede nichts zu schaffen, also weg damit! Ich bin die Madge vom Dorfe, die Madge von der Stadt, Die den schmucksten der Buben zum Herzliebsten hat. Und prangt auch die Herrin in gülden Geschmeid, So bleibt doch die Madge Königin heut, Die Königin der Kirchweih, Die Königin vom Mai! Mit 'nem Herzen im Leibe, klar und hell, Und Augen wie Feuer so wild und grell! Das ist immer mein liebstes Lied, denn er hat's gedichtet und hat's gesungen, und ich hab's mit ihm gesungen, ach! wie oft! wie oft! und es mag wohl darum sein, daß mir die Leute den Namen Wildfire gegeben haben. Ja, Madge Wildfire! Madge Wildfire! Und warum sollte ich nicht hören drauf und antworten drauf? Verdanke ich ihn doch dem schmucken Georg!« »Aber am heiligen Sabbath, Madge, solltest Du doch nicht singen!« sagte Jeanie, denn bei aller Angst und Not nahm sie Aergernis an dem wüsten Betragen des Mädchens, und um so mehr, je näher sie dem kleinen Dorfe kamen. »Ach!, ist heut Sabbath?« rief Madge; »die Mutter führt ein Leben, daß man nicht weiß, was Tag ist, was Nacht, geschweige ob Sonn-, ob Wochentag! Zudem ist das auch bloß bei Euch oben in Schottland so, bei euch Muckern und Heiligen! Wir im lustigen England haben alle Tage Sonntag und singen und trällern, wenn uns der Schnabel danach steht.« Inzwischen waren sie dicht an das Dörfchen gekommen, dessen kleine, schmucke Häuser in Gruppen zwischen hohen Eichen und Ulmen, von Obstbäumen umfriedigt, standen, und nicht, wie es Jeanie von Schottland gewöhnt war, in Reih und Glied zu beiden Seiten der Straße. Die Obstbäume standen gerade in der Blüte und erhöhten die Schönheit des Bildes durch ihre herrliche Pracht. Mitten im Dörfchen erhob sich die kleine Kirche mit ihrem gotischen Türmchen, von dem eben die Glocke zum Gottesdienste rief. »Warten wir, bis alles Volk in der Kirche ist,« sagte Madge, »denn laß ich mich vorher sehen, dann rennen sie mir hinterher, und schreien und johlen, und dann kommt der Büttel und nimmt mich fest, als ob ich dran schuld wäre, und Dich ließe er auch nicht aus seinen Krallen! Besser wird's erst wieder werden für mich, wenn erst 'mal Herr Staunton heraustreten wird vor die Menschen und mich aufheben, die Arme, Verlorene, und bei der Hand nehmen und mir einen Granatapfel reichen wird mit einem Stück Honigkuchen und einem Fläschen Weingeist, meine Ohnmacht zu verjagen, ja, wenn er erst mal erscheinen wird, der wackre Herr Staunton, dann werden auch für die arme Madge die Zeiten wiederkommen, wo sie glücklich sein darf mit den Glücklichen!« Jeanie schickte sich gern in dieses Verlangen der Irren, denn ihr Kleid hatte durch die Nacht in der Scheune viel von seiner Sauberkeit verloren, und der höchst auffällige Anzug ihrer Kameradin ließ erwarten, daß die Leute, die heut ihren Sonntagsstaat hervorgesucht, Anstoß daran nehmen würden. Sie schickte sich um so lieber darein, als Wadge ihr noch gesagt hatte, daß es nicht das Dorf sei, wohin die Mutter gebracht worden, und daß auch die Räuber und Wegelagerer sich anderswohin begeben hätten. Jeanie konnte es nicht über sich gewinnen, ihre Kleidung in dem unordentlichen Stande zu lassen, den sie seit dem gestrigen Abend aufwies. Sich am Sonntag vor jemand so zu zeigen, war ihr ganz und gar nicht möglich, und sie trug sich doch mit dem Gedanken, in dem Dörfchen nach Hilfe und Beistand zu suchen. Sie setzte sich also an einer Eiche nieder, die an einem hier vorbeifließenden Bächlein stand, und begann, die glatte Fläche desselben als Spiegel benutzend, sich zu säubern und, zu putzen, so gut es die Umstände erlaubten; doch bald sollte sie erkennen, daß sie, so notwendig ihr die Arbeit erschien, sie besser ungetan gelassen hätte; denn ihre Gefährtin, in ihren irren Begriffen auf ihre körperlichen Vorzüge über die Maßen eitel, – zum Teil Wohl entschuldbar insofern, als dieselben ja die eigentliche Quelle ihres Unglücks waren – hatte kaum gesehen, daß Jeanie sich das Haar glatt strich, Rock und Schuhe vom Staube säuberte und Halstuch und Aermel in Ordnung brachte, als auch sie den Gedanken faßte, sich zu putzen, und aus einem Bündelchen, das sie, auch da schon Jeanie nachäffend, aus der Scheune mitgenommen, allerhand Lumpen und Flitterstaat hervorzog, um an den Männerhut, den sie trug, eine geknickte Pfauenfeder zu stecken, an den Saum ihres alten Reitkittels einen Kranz verblichener und zerdrückter Blumen zu heften, den ehedem eine vornehme Dame getragen haben mochte, die ihn aber ihrer Zofe geschenkt, nachdem sie ihn satt hatte, und der von der Zofe in irgend eine Trödlerbude gewandert sein mochte, aus der er, auf ehrliche oder andere Weise, zu Madge Wildfire gelangt war. Eine gelbseidene Schürze, ohne Zweifel gleichen oder ähnlichen Ursprungs, mit allerhand Flittern bestickt, hing sie sich wie ein Wehrgehenk, über die Schulter, und ein Paar schäbige Atlasschuhe mit Stöckelabsätzen mußten die groben Lederstiefel ersetzen, die sie bisher getragen. Von einer Weidengerte, die sie schon unterwegs abgeschnitten und mitgebracht, schälte sie fein säuberlich die Rinde ab und sagte zu ihrer Gefährtin, jetzt könnten sie sich beide vor allen Leuten sehen lassen und gingen angezogen, wie es sich für junge, anständige Dirnen an einem Sonntagmorgen schicke; und da nun, sagte sie, das Läuten aufgehört hätte, wollten sie nicht länger säumen, sondern sich ins Dorf begeben. Jeanie seufzte innerlich darüber, daß sie sich am Tage des Herrn mit solcher Gefährtin öffentlich zeigen sollte; aber Not kennt nun einmal kein Gebot, und Jeanie sah ein, daß sie sich ohne heftigen Streit von der Irren nicht werde losmachen können; da sich aber ihre Lage dann nur noch ärger gestalten muhte, als sie an sich schon war, meinte sie, es sei am klügsten, sich in die Umstände zu schicken, wie sie nun einmal lagen. Die arme Irre hingegen, im siebenten Himmel der Freude über ihren Putz und ihr strahlendes Aussehen, blähte sich förmlich vor Eitelkeit. Sie gelangten in das Dörfchen, ohne von jemand gesehen zu werden, ein altes Mütterchen ausgenommen, das sich, geblendet von Madges Flitterstaat, bis tief auf die Erde vor ihnen verneigte. Dadurch stieg Madges Stolz bis auf die höchste Stufe; sie drehte sich, zierte sich, wandte sich, tänzelte, trippelte, hüpfte und winkte Jeanie, sich wenigstens als Herzogin dünkend, mit huldreicher Handbewegung, ihr zu folgen. Um Madges lächerliches Getue nicht zu sehen, schlug Jeanie die Augen zu Boden und folgte ihr geduldig. Aber als sie sich jetzt vor der Kirche und Madge willens sah, den Fuß über die Schwelle derselben zu setzen, machte sie einen Schritt zur Seite, denn in solcher Gemeinschaft das Gotteshaus zu betreten, hielt sie für eine große Sünde. Mit festem Tone sprach sie: »Madge, laß uns hier warten, bis die Kirche aus ist. Willst Du hineingehen, so hindert Dich ja nichts; ich aber bleibe draußen.« Sie wollte sich auf einen Grabstein setzen, denn um die Kirche herum, wie auf Dörfern üblich, lag der Friedhof, da machte Madge, die ihr einige Schritte voraus war, plötzlich Kehrt, sprang auf sie zu, packte sie am Arme und rief: »Was? Du undankbares Geschöpf, willst Dich auf Vaters Grab setzen? Der Teufel soll Dich herunterbringen, wenn Du nicht gleich aufstehst und mit mir ins Mittler-Haus trittst, wie wir das Gotteshaus nennen. Marsch! steh auf, oder ich reiße Dir all Deine Lumpen vom Leibe!« Wort und Handlung waren eins, denn schon hatte sie mit einem einzigen Griffe dem erschreckten Mädchen den Strohhut vom Kopfe gerissen mit einer Handvoll Haar und auf einen Eibenbaum geschleudert, an dessen Zweigen er hängen blieb. Jeanie wollte um Hilfe schreien, aber sie faßte sich schnell, denn sie sagte sich, die Rasende könne ihr, ob auch die Kirche nahe war, früher ein Leid angetan haben, als Leute zu ihrer Hilfe herbeikämen, und so meinte sie, es sei minder gefährlich, ihr in die Kirche, wo sie schnellen Schutz finden werden, zu folgen, als draußen mit dem Unhold allein zu bleiben. In Madges unstetem Sinne hatten aber schon wieder andere Vorstellungen die Oberhand gewonnen, als sie Jeanies milde Versicherung, ihr folgen zu wollen, hörte. Sie nahm Jeanie wieder bei der einen und zeigte mit der andern Hand auf die Inschrift des Grabsteins, auf den sich Jeanie gesetzt hatte. »Da, lies,« sagte sie, und Jeanie, gehorchend, las: Dem Gedächtnis des Donald Murdockson, vom 26ten Königl. oder kameronischen Regiment, eines wahren Christen, tapfern Soldaten und treuen Dieners, errichtete diesen Denkstein in tiefer Trauer sein dankbarer Herr Robert Staunton. »Hast richtig gelesen, Jeanie, es sind Worte, die auf dem Steine stehen,« sagte Madge, deren Zorn verraucht und einer tiefen Schwermut gewichen war, und ruhigen, ja ernsten Schrittes, den man an ihr nicht gewöhnt war, der aber Jeanie von Herzen freute, begab sie sich, Jeanie noch immer an der Hand haltend, zur Kirchtür. Kaum hatten sie aber den Fuß in das altertümliche gotische Gotteshaus hinein gesetzt, als sich auch aller Augen auf sie lenkten, und stolz hierauf, verfiel Madge sogleich wieder in ihre eitlen Torheiten und schritt, Jeanie hinter sich her ziehend, in gezierter Haltung den Mittelgang hinauf, um sich allen Gliedern der kleinen Gemeinde zu zeigen. Jeanie hätte sich gern in einen Stuhl geflüchtet und Madge allein weiter gehen lassen; aber ohne sich gewaltsam zu widersetzen, wäre das nicht möglich gewesen; so mußte sie sich von dieser seltsamen Person durch das Gotteshaus weiter schleppen und von allen Kirchgängern angaffen oder mit strafenden Blicken verfolgen lassen. Endlich traf die Betörte ein verweisender Blick des Predigers und machte ihrer Unrast ein Ende. Schnell öffnete sie einen Kirchstuhl und trat hinein, Jeanie auch dorthin ziehend. Durch einen Puff in die Seite suchte sie ihr begreiflich zu machen, daß sie sich nach ihrem Tun richten solle. Aber die Sitte, den Kopf ein paar Minuten in die Hand zu stützen, zum äußern Zeichen des Gebetes, das man nach dem Eintritt in das Gotteshaus verrichtet, war Jeanie fremd; statt es zu tun, blickte sie angstvoll umher, was natürlich ihre Nachbarn, nach der Gesellschaft schließend, in her sie sich befand, als offenkundiges Zeichen von Irrsinn deuteten. Alles retirierte vor dem befremdlichen Paare; einem Greise gelang das nicht so schnell, wie den übrigen, und Madge stürzte sich wild auf ihn und riß ihm die Bibel aus der Hand, um mit wichtigem Getue die Stelle aufzuschlagen, der die heutige Predigt gewidmet war. Dem Prediger, einem ältlichen Herrn von würdigem Aussehen, war Jeanies Ruhe von Anfang nicht entgangen, und oft während des Gottesdienstes hatte er die Blicke nach dem Stuhle gerichtet, wo sie mit Madge sah, von der er Störung zu befürchten schien; und wenn auch Jeanies aufgelöstes Haar und die Angst, die sich auf ihrem Gesicht malte, ihr Aussehen sehr zu ihrem Nachteil beeinträchtigten, hatte er doch schnell erkannt, wie verschieden die Gemütsart der beiden Mädchen, die sicher, wie er meinte, irgend ein unglücklicher Zufall zusammengeführt, voneinander sei. Als er nun sah, wie Jeanie nach dem Schlusse der Predigt sich voll Bangen umsah und verschiedenen Leuten zu nähern suchte, um das Wort an sie zu richten, sich aber schüchtern, als diese ihr aus dem Wege gingen, wieder zurückzog, beschloß er als redlicher, wohlwollender, wahrhaft christlicher Seelsorger, genaue Erkundigung über den Fall, der ihm etwas Außergewöhnliches zu verraten schien, einzuziehen. Achtes Kapitel. Während Reverend Staunton – das war der Name des würdigen Dieners Gottes, – sich in der Sakristei seines Amtskleides entledigte, waren Jeanie und Madge neuerdings in Zwiespalt geraten. Madge hatte, als sie die Kirche verlassen mußten, zu Jeanie gesagt: »Nun müssen wir aber wieder nach der Scheune zurück, die Mutter wird schon ungeduldig sein und uns gewiß einen feinen Empfang bereiten.« Jeanie aber nahm eine Guinee aus der Tasche, gab sie ihr und antwortete: »Da nimm, Madge; ich bin Dir von Herzen dankbar; aber zurück mit Dir gehe ich nicht.« »Hab ich Dir zu Gefallen, Du undankbarer Balg, solch weiten Weg gemacht, um mich, wenn ich ohne Dich zurückkomme, von der Mutter totschlagen zu lassen? Ha! Ich will Dich doch gleich.« »Um Gottes willen, Mann!« rief Jeanie ängstlich einem Bauern zu, der dicht in ihrer Nähe stand, »helft mir! Sie ist von Sinnen,« »Na,« erwiderte der Bauer, »gehört hab ich wohl so was, daß es mit ihr nicht richtig sei, aber bei Dir scheint's nicht viel anders.« Immerhin drohte er Madge mit der Faust und sagte: »Du, laß die Finger von ihr, wenn Du es nicht mit mir zu tun kriegen willst.« Andre Kirchgänger sammelten sich um die Mädchen, und Jungen schrieen, es würde gleich zwischen zwei tollen Weibern eine Prügelei setzen, von denen eine die Madge Murdockson sei. Da zeigte sich aber auch schon der Tressenhut des Büttels, und seiner obrigkeitlichen Gewalt wich alles ehrfürchtiglich. Sein erstes Wort galt der Irren: »Was bringt Dich wieder hierher in unser Kirchspiel, Du garstiges Mensch? Bringst Wohl einen neuen Bastard mit? Oder hast Du Absicht, uns die Landläuferin da auf den Hals zu hängen, mit der es wohl nicht viel besser stehen mag als mit Dir? Als wenn wir nicht schon der Lasten genug zu tragen hätten! Marsch, lauf zu Deiner Mutter, der spitzbübischen Satansliese! Sie sitzt schon wieder im Loche drin in Barkstone. Scher Dich hinweg aus unserm Dorfe, oder ich geb Dir die Peitsche zu kosten,« Madge schwieg eine Weile. Aber sie hatte mit dem Büttel schon zu oft üble Erfahrung gemacht, um Lust zu Widersetzlichkeit zu spüren, und bequemte sich schließlich zu der Antwort: »Was sagt Ihr? Meine Mutter im Stockhause? Drüben in Barkstone? Ha, Du Balg! Daran bist bloß Du schuld! Aber ich will's Dir eintränken, Jungfer Jeanie Deans, so gewiß ich die Madge Wildfire bin, Madge Murdockson, wollte ich sagen.. Steh mir Gott bei! In diesem Gewirr und Gelärm vergesse ich sogar meinen Namen.« Mit diesen Worten raste sie weg, verfolgt von dem Geschrei der Buben, die ihr die Kleider zu zerreißen suchten und alles aufboten, die Unglückliche in die höchste Wut zu versetzen. So herzlich Jeanie wünschte, Magde den wichtigen Dienst zu vergelten, den sie ihr geleistet, so war sie doch auch von Herzen froh darüber, daß sie fort war. Sie wandte sich an den Büttel mit der Frage, ob es im Dorfe ein Haus gebe, wo sie für Geld ein rechtschaffenes Unterkommen finden könnte, und ob es ihr wohl verstattet sei, mit dem Herrn Prediger ein paar Worte zu sprechen. »Freilich, Hochwürden will mit Dir sprechen, Kind,« versetzte der Vertreter der Ortspolizei, »und ich will Dir bloß sagen, daß Du besser Dein Geld sparst, wenn Du dem Herrn Pfarrer nicht offen und ehrlich Rede und Antwort stehst; denn sonst dürftest Du auf Kosten des Kirchspiels Quartier bekommen.« »Wohin soll ich denn gehen?« fragte Jeanie, bestürzt. »Zuerst zu Hochwürden, damit Du über Dein Tun und Lassen Rechenschaft gibst und Ausweis, daß Du dem Kirchspiele nicht zur Last fällst.« ' »Zur Last fallen will ich niemand,« rief Jeanie, »ich habe, was zur Befriedigung meiner Bedürfnisse notwendig ist, und will weiter nichts als meine Reise mit Ruhe fortsetzen.« »Nun, das ist was anders, und wenn es wahr ist – Du siehst nur eben auch so verdreht aus wie die verrückte Person, die grade von hier weggelaufen – aber komm nur mit, unser Prediger ist ein sehr guter Mann.« »O, ich gehe sicher gern zu ihm, denn ich muß mit ihm sprechen,« sagte Jeanie, »nach der Art, wie er das Wort des Herrn verkündete, muß ich wohl glauben, daß er ein würdiger, gottesfürchtiger Mann ist.« Die Menge, in ihrer Hoffnung, einer Prügelei beizuwohnen getäuscht, hatte sich mittlerweile verlaufen, und Jeanie folgte mit der ihr eigenen Geduld dem langsamen, breitspurigen Büttel in die Pfarrei. Es war ein bequemes, großes Wohnhaus, denn die Pfründe war groß, wenn auch das Dörfchen klein war, worin sie lag, und die reiche Familie, die das Patronat besaß, hatte es seit Jahren so gehalten, daß sie in der Regel einen Sohn oder Neffen dem Dienste der Kirche weihte, um ihn in das einträgliche Amt zu setzen. Auf diese Weise war die Pfarrei von Willingham immer als eine Art Familienlehen von Willingham-Hall betrachtet worden, und da zwischen dem reichen Baronet, der dort residierte, und dem Pfarrer verwandtschaftlicher Verkehr gepflegt wurde, hatte die Familie Sorge getragen, das Pfarrhaus nicht nur bequem und wohnlich, sondern auch würdig und vornehm einzurichten. Hinter ihm hatte ein kleiner Fluß sein Bett, der durch seine mit Weiden und Pappeln gesäumten Ufer die Landschaft erheblich verschönte. Der Büttel war, seitdem ihm Jeanie gesagt, daß sie dem Kirchspiel nicht zur Last fallen wolle, mitteilsamer geworden und erzählte, daß das Flüßchen die meisten und schönsten Forellen in ganz Lincolnshire berge. Er geleitete Jeanie zu einer Seitentür, die zu dem ältern Teil des Gebäudes führte, worin zumeist die Dienerschaft wohnte. Ein Bedienter in scharlachner Livree, wie sie den Leuten eines vornehmen Geistlichen in England geziemt, erschien auf der Schwelle. Ihn fragte der Büttel, wie sich der junge Herr Staunton befinde? »Je nun, so, so!« lautete die Antwort; »aber Sie wollen zu Seiner Hochwürden, Herr Stubs?« »Allerdings, Tom;, und bitte, bestellen Sie Seiner Hochwürden, ich hätte die junge Person mitgebracht, die mit der tollen Madge Murdockson in der Kirche war. Mir käme es so vor, sagen Sie noch, bitte, als sei es ein recht bescheidenes, anständiges Ding, aber ausgefragt hätte ich sie noch nicht. Bloß soviel wüßte ich, daß sie eine Schottin sei und, meiner Meinung nach, besonders klug und weise nicht eben zu sein scheine.« Tom maß Jeanie mit einem jener Blicke von oben herab, zu denen sich Bediente großer Herren für berechtigt halten, und hieß dann den Büttel mit seiner Begleiterin warten, bis er seinem Herrn von ihrer Anwesenheit Kenntnis gegeben habe. Das Gemach, wohin er sie führte, war eine Art Vorzimmer, worin ein paar Landkarten und auch mehrere Kupferstiche von Männern hingen, die sich in der Grafschaft ausgezeichnet hatten. Tom lud den Büttel ein, sich von einem Schinkenrest, der auf dem Tische stand, zu nehmen, und goß ihm auch einen Krug Ale ein. Jeanie, aufgefordert, auch eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen, lehnte freundlich dankend ab; sie hatte zwar den ganzen Tag noch nichts gegessen, und eine Erquickung hätte ihr recht not getan, aber die Unruhe, die sie über die Unsicherheit ihrer Situation noch immer erfüllte, und ihre Schüchternheit fremden Leuten gegenüber machten es ihr unmöglich, etwas zu sich zu nehmen. So blieb sie seitab von den beiden Männern sitzen, die es sich munden ließen, denn auch Tom, der mit der Meldung zurückkam, daß der Herr Prediger in etwa einer halben Stunde klingeln werde, hieb gar tüchtig mit ein, wußte er doch, daß es erst Mittagessen nach dem Nachmittagsgottesdienst gäbe. Als die Klingel nach der bezeichneten Frist ertönte, stand Tom auf und hieß den Büttel und Jeanie ihm nach der Bibliothek folgen. Der Büttel schob flink noch ein tüchtiges Stück Schinken in den Mund und spülte es mit einem kräftigen Schluck hinunter. In einem kleinen Vorstübchen, an dessen Tür sich Tom verabschiedete, herrschte er, sich im Vollgefühl seiner Würde blähend, das Mädchen an, so lange zu warten, bis er Hochwürden gemeldet habe, daß sie da sei. Es war Jeanies Weise nicht, auf Gespräche zu lauschen. Hier aber konnte sie nicht umhin, mitanzuhören, was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, denn der Büttel war an der Tür stehen geblieben und Seine Hochwürden stand in unmittelbarer Nähe derselben; mithin mußte jedes Wort zu ihren Worten dringen. »So? Ihr habt also die Person mitgebracht, Stubs?« fragte der Prediger. »Ich hab Euch schon früher erwartet. Ihr wißt doch, daß ich kein Freund davon bin, über Leute lange in Ungewißheit zu bleiben.« »Freilich, freilich, Euer Ehrwürden. Aber das Mädchen hatte heute noch keinen Bissen genossen, und da hat Herr Tom ihr ein bißchen was vorgesetzt.« – »Recht so von ihm. Und was ist aus dem andern unglücklichen Wesen geworden?« – »Weil ich fürchtete, sie würde Euer Ehrwürden doch nur zum Aergernis dienen, habe ich sie laufen lassen. Sie wird wohl schon bei der Mutter sein,, die im Nachbar-Kirchspiel schlimm dran ist.« »Schlimm dran?« fragte der Pfarrer, »Ihr meint, im Stockhause?« – »Jawohl, Hochwürden, so ungefähr.« – »Armes Geschöpf, aller Besserung verschlossen,« rief der Prediger; »und welche Meinung habt Ihr von ihrer Gefährtin?« – »Hochwürden, dem Anschein nach eine reputierliche Person, sagt auch, sie habe Geld und werde dem Kirchspiel nicht zur Last fallen.« – »Nun, ja immer Eure erste Sorge! Aber hat sie den Verstand richtig beisammen? Kann sie für sich selbst sorgen?« »Darüber kann ich Gewisses nicht sagen, Hochwürden, die Klügste ist sie Wohl kaum, zum wenigsten hat Gaffer Gibs, der in ihrer Nähe in der Kirche gesessen, mitangesehen, daß die Madge zu allem, was der Gottesdienst von einem Christen fordert, sie hat erst nötigen und sogar zu Knuffen und Püffen hat greifen müssen, um sie aus ihrer Trägheit aufzurütteln. Ich hab gehört, daß sie Schottin sei, und von denen heißt's doch, sie wüßten sich bei aller Dummheit immer auszureden und durchzuhelfen. Sie ist auch anständig angezogen und hat nicht solchen Flitterkram an sich wie die andre.« »Nun, so sagt ihr, sie solle hereinkommen. Wartet aber unten!« Diese Unterhaltung hatte Jeanies Aufmerksamkeit so ganz in Anspruch genommen, daß sie erst, als sie zu Ende war, die Wahrnehmung machte, daß ein junger, bleich und krank aussehender Mensch von zwei Männern zur Glastür hereingetragen und auf ein Ruhebett gelegt worden war, um sich dort von der für ihn augenscheinlich zu großen Strapaze dieses Transports zu erholen. Unterdes war der Büttel aus dem Bibliothekszimmer gekommen und hatte Jeanie vor den Prediger geführt. Zitternd und zagend gehorchte sie, war es ihr doch zu Mute, als hinge von dem Eindrucke, den sie auf diesen Herrn Staunton machen würde, das Gelingen ihres ganzen Vorhabens ab. Herr Staunton aber sprach sie mildreich an, sagte, ihre Erscheinung in der Kirche sei freilich aufgefallen, zumal durch das höchst respektwidrige Verhalten ihrer Gefährtin, so daß die versammelte Gemeinde mit Recht Anstoß daran genommen habe, er möchte aber, ehe er sie zur Verantwortung zöge, denn er sei zugleich Friedensrichter im Kirchspiel, erst aus ihrem Munde hören, was sie zur Aufklärung des Vorfalls vorzubringen habe. »Euer Gnaden,« sagte sie – denn den Titel Hochwürden über die Lippen zu bringen, war ihr bei, ihrer strengen Richtung nicht möglich – »sind sehr gut und höflich.« »Wer sind Sie?« fragte der Geistliche strenger, »und was führt Sie in unsre Gegend, und in solche Gesellschaft? Landstreicher und Vagabunden dulden wir hier nicht.« »Ich bin keine Landstreicherin, Herr,« versetzte Jeanie, verletzt durch diese Voraussetzung, »sondern ein ehrliches schottisches Mädchen, auf der Wanderschaft nicht aus Zufall oder aus Neigung, sondern aus einem bestimmten Grunde; daß ich durch schlechte Gesellschaft eine ganze Nacht Aufenthalt gehabt habe, ist ein unglücklicher Zufall, an dem mich keine Schuld trifft. Das arme Geschöpf, das etwas verwirrt im Kopfe ist, hat mich am Morgen hierhergebracht.« »Schlechte Gesellschaft?« sagte der Prediger, »Sie sind ihr vielleicht nicht genug aus dem Wege gegangen?« »Ich bin streng genug erzogen worden, Herr,« antwortete Jeanie, »um böse Gesellschaft zu fliehen. Aber ich bin unter Diebe und Wegelagerer geraten, die mich mit Gewalt festgehalten haben.« »Also klagen Sie jemand an, Sie beraubt zu haben?« »Nein, Herr! Es ist mir nichts geraubt, auch kein ernstliches Leid zugefügt worden; aber die Menschen haben mich eingesperrt und nicht weggelassen, trotz allem Bitten.« »Eine merkwürdige Geschichte! und nicht sonderlich wahrscheinlich, Kind!« sagte der Prediger; »nach unsern Landesgesetzen müßten Sie, wenn die Klage anhängig würde, für ihre Durchführung einstehen.« Jeanie verstand den Sinn der Worte nicht, und nun setzte ihr der Prediger auseinander, daß das englische Gesetz demjenigen, welcher einen Verlust an seinem Eigentum oder seiner Ehre erlitten, noch die Sorge und die Kosten für die gerichtliche Verfolgung der Täter aufnötigt. Jeanie wiederholte, sie habe ein dringliches Geschäft in London, und wie die Dinge sich jetzt für sie gestaltet hätten, sei sie auf die Unterstützung irgend eines gütigen Herrn angewiesen, der ihr aus christlicher Barmherzigkeit bis zu einer Stadt weiter hälfe, wo sie Führer und Pferde erhalten könnte; aber um in einem englischen Gerichtshofe als Klägerin oder Zeugin aufzutreten, dazu müsse sie erst die väterliche Genehmigung einholen. Der Prediger blickte sie verwundert an. »Ist Ihr Vater ein Quäker?« fragte er. »Behüte Gott, Herr,« antwortete sie; »er ist weder Quäker, noch gehört er sonst einer Sekte an, hat sich vielmehr im ganzen Leben noch nicht mit solch argem Treiben befaßt.« »Wie heißt denn Ihr Vater?« fragte Herr Staunton verwundert. »David Deans, Herr. Er wohnt bei Edinburg am Sankt-Leonards-Felsen und ist Kuhpächter.« Aus dem Vorgemach klang ein tiefes Stöhnen herüber. Der Prediger fuhr zusammen. Dann stürzte er mit dem Rufe: »O Gott! Der unglückliche Jüngling!« hinaus, und wohl eine Stunde verging, ohne daß sich jemand im Bibliothekzimmer sehen ließ. Neuntes Kapitel. Allein mit sich, überlegte Jeanie, welchen Weg sie am klügsten einschlüge. Einerseits verzehrte sie die Ungeduld, ihre Wanderung fortzusetzen, anderseits hatte sie aus den wirren Reden der unglücklichen Madge, wie aus der in der Scheune erlauschten Unterredung zwischen Madges Mutter und dem Wegelagerer, den diese Frank Lewitt genannt, sattsam ersehen, daß ein rachsüchtiger Plan im Werk sei, sie an der Fortsetzung ihrer Wanderung zu hindern; wenn sie aber nicht auf den Beistand des Predigers rechnen durfte, an wen sollte sie sich wenden? Endlich ging die Tür auf und zu ihrer nicht geringen Freude sah sie eine Person ihres eignen Geschlechts eintreten, eine Frau in vorgerückten Jahren von mütterlichem Aussehen, in der sie die Hausverwalterin vermutete. Jeanie erklärte ihr mit wenig Worten ihre Situation und bat sie um Hilfe und Beistand. Aber mit einer Person sich ohne weiteres zu befassen, die auf die Pfarrei gebracht wurden, um amtlich vernommen zu werden, wollte sich mit der Würde der alten Dame nicht vereinbaren, und so antwortete sie höflich, aber zurückhaltend: Der junge Herr sei mit dem Pferde gestürzt, leide überhaupt an häufigen Ohnmachtsanfällen, und darum sei es leicht möglich, daß Hochwürden das Mädchen warten lassen müßten; aber Jeanie möchte sich deshalb nicht beunruhigen, denn was recht und in Ordnung sei, und was in seinen Kräften stünde, würde der Herr gern tun, sobald er irgend Zeit dazu gewönne. Zum Schlusse bot sie Jeanie ein Stübchen an, wo sie sich so lange aufhalten könne, bis Hochwürden sie rufen lasse. Jeanie nahm das Anerbieten dankbar an und bat die würdige Frau um einige Dinge, die ihr zur Säuberung und Ordnung ihres Anzuges von nöten waren. Die Hausverwalterin gab sie ihr gern, denn Reinlichkeit und Ordnungsliebe rechnete sie zu den ersten menschlichen Tugenden. Die Veränderung, die auf diese Weise mit Jeanie vorging, gewann ihr das Herz der alten Frau, denn aus der unsaubern, fast liederlich aussehenden Person, die im Geruch der Landstreicherei stand, war eine schmucke, adrette, bescheidene kleine Schottin geworden, die die ehrsame Frau Dalton – so stellte sich ihr die Hausverwalterin jetzt vor – gern bat, ihr Mittagbrot zu teilen; und durch das artige, zurückhaltende Wesen, das Jeanie bei Tische zeigte, wurde sie noch um vieles mehr zu ihren gunsten eingenommen. »Da, Kind, kannst Du ein bißchen lesen,« sagte Frau Dalton, als sie abgeräumt hatte, und legte die Hand auf eine große Bibel; »Du kannst's doch?« Verwundert über solche Frage, antwortete Jeanie: »O, der Vater hätte lieber alles entbehrt, als mich solches Unterrichts ermangeln zu lassen.« »Brau, recht brav von Deinem Vater! Nun, so nimm das Buch und lies mir draus vor, denn meine Augen sind trübe. Schlage nur auf, was Du willst. Die Bibel ist ja das einzige Buch, worin Du auf nichts Unrechtes stoßen kannst.« Zuerst wollte Jeanie die Parabel vom barmherzigen Samariter lesen, aber ihr Gewissen hielt ihr vor, es möchte so aussehen, als ob sie die heilige Schrift nicht zur Erbauung allein, sondern in der Absicht, anderer Gemüter für sich einzunehmen, lesen wolle; mit strenger Rücksicht auf reine Pflichterfüllung wählte sie darum einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaias, las mit so andächtiger Frömmigkeit, daß Frau Dalton sich höchst erbaut fand, und sagte, wenn alle schottischen Mädchen so wären wie sie, statt barfuß in die Stadt hinein zu kommen und sich auf allen Jahrmärkten herumzutreiben, dann möchte sich freilich für manche mehr als jetzt ein guter Dienst in England finden. Toms Eintritt unterbrach sie. »Der Herr wolle das Mädchen aus Schottland sehen,« meldete er. »Nun, so geh schnell, meine Liebe,« sagte Frau Dalton, »und erzähle ihm nur alles so wie mir. Ich habe ein Zeichen in das Buch gelegt und will in der Zeit eine Tasse Tee mit etwas Brot zurechtmachen, wie Du es in Deinem Schottland wohl noch nicht gegessen haben dürftest.« »Der Herr wartet,« mahnte Tom ungeduldig. »Schön, Sie Naseweis,« sagte Frau Dalton; »müssen Sie sich in alles mischen? Uebrigens habe ich Ihnen doch schon oft genug gesagt, Sie sollen von Herrn Staunton nicht anders als von Hochwürden reden! Es schickt sich nicht, ihn bloß als Herr zu titulieren.« Jeanie stand schon an der Tür, und der Diener schritt ihr voraus, vor sich hin brummend, es gäbe nun einmal mehr denn einen Herrn hier, und ließe man Frau Dalton allen Willen, noch eine Herrin dazu den Gang entlang bis zu einem Zimmer, das von außen so gut wie abgesperrt war dadurch, daß alle Läden geschlossen waren. Ein Bett stand darin, dessen Gardinen ebenfalls zugezogen waren. »So! Da ist das Mädchen,« sagte Tom. »Recht,« fügte eine Stimme vom Bette her, die aber nicht die des geistlichen Herrn war »und nun geh, Tom, und warte draußen, bis ich klingle.« Verwundert darüber, sich in einer Krankenstube zu sehen, sagte Jeanie: »Hier muß ein Irrtum vorwalten; der Diener sagte mir, der Herr Prediger.« »Seien Sie unbesorgt,« sagte die gleiche Stimme wieder, »von Irrtum ist keine Rede. Ich weiß von Ihren Angelegenheiten mehr als mein Vater und kann mit besserm Rate dienen als er, Tom, laß uns allem!« rief der Kranke, und Tom verschwand aus der Stube. »Zur Sache!« fuhr er fort, »es ist schon zuviel Zeit verloren gegangen. Oeffnen Sie den Laden ein wenig!« Sie gehorchte, und da er nun auch die Bettgardine zurückstreifte, fiel helles Licht auf sein bleiches, durch Kopfbinden halbverhülltes, erschöpftes Gesicht. »Sehen Sie mich an, Jeanie Deans,« sagte er; »besinnen Sie sich auf mich?« – »Nein,« erwiderte sie verwundert; »war ich doch nie zuvor in diesem Lande!« – »Aber ich könnte drüben in Schottland gewesen sein,« sagte er; »besinnen Sie sich! Ich möchte einen Namen nicht nennen, der Ihnen bitter verhaßt sein muß.« Eine schreckliche Erinnerung stieg blitzesgleich in Jeanies Geiste auf, die zusammen mit dem Klange seiner Stimme und mit den Worten, die er nun sprach, zur Gewißheit wurde. »Hören Sie mich ruhig an, Jeanie! und gedenken Sie der Muschatsteine!« Die Hände über der Brust faltend, von Todesangst geschüttelt, sank Jeanie auf einen Stuhl. »Ja,« rief er, »hier liege ich wie ein zertretener Wurm, und krümme mich vor Unrast und Ungeduld. Da liege ich, während ich in Edinburg sein und alles versuchen sollte, ein Leben, mir teurer als mein eigenes, aus Not und Pein zu retten! Wie steht's um Ihre Schwester? Zum Tode verurteilt! Ich hab's vernommen. Ha! Daß mein Pferd, das mich zu so vielen Sünden sicher führte, mit mir stürzen mußte auf dem einzigen gerechten Wege, den ich seit Jahren gegangen. Sagen Sie mir – o! ich darf nicht so wild sein, mein Körper hält's nicht mehr aus, und ich habe noch gar viel zu reden – geben Sie mir ein paar Tropfen aus dem Glas hier, zur Stärkung – Jeanie, sagen Sie mir, was Sie hierher führt, kurz und bündig – es ist schon zuviel Zeit vertrödelt worden – Sie zittern? Lassen Sie Tropfen Tropfen sein! Ich fühle mich wieder besser.. Was hat Sie hierher gefühlt, Jeanie? Sprechen Sie! sprechen Sie! Ich will Ihnen beistehen, und niemand kann es wie ich, sprechen Sie also! Und ohne Furcht! Wenn ich auch Ihrer Schwester schlimmster Feind gewesen; so will ich doch jederzeit mein Herzblut für sie vergießen.« »Ich fühle mich frei von Furcht, Herr,« antwortete Jeanie mit Ruhe, »denn ich baue auf Gott. Möge es Ihm gefallen, der Schwester die Freiheit zu geben, sei das Werkzeug auch, welches es wolle! Aber Ihren Rat, Herr, wenn er nicht mit der Lehre übereinstimmt, der ich anhänge, darf ich nicht annehmen.« »Hol der Teufel die Muckerei!« rief Georg Staunton, wie wir ihn jetzt nennen müssen; »Jeanie, mir hat die Natur ein wildes Temperament gegeben, und Ihre Worte machen mich rasend! Wie kann es Ihnen zum Nachteil sein, mir Kunde zu geben von der Lage Ihrer Schwester, und von den Hoffnungen, die sich ihr vielleicht noch bieten? Meinen Rat abzuweisen, haben Sie allemal noch Zeit, wenn er Ihnen verwerflich erscheint. Jetzt spreche ich ruhig mit Ihnen, obgleich das sonst meine Art nicht ist. Aber, Jeanie, Sie dürfen mich nicht zur Ungeduld treiben! Es würde mich außer stand setzen, für Effie etwas zu tun.« Nach einem kurzen Bedenken kam Jeanie zu der Einsicht, daß es ihr nicht gezieme, ihm die traurigen Folgen seines Verbrechens zu verheimlichen, auch nicht, seinen Rat zu verwerfen, der doch vielleicht einen Wink zur Hilfe enthielt. So gedrängt wie möglich erzählte sie ihm deshalb den Verlauf der Gerichtsverhandlung, das über Effie gefällte Urteil und die Gründe, die sie zu ihrer Wanderung bestimmt hatten. Er lauschte ihr mit äußerster Anstrengung, vermied alles, was Jeanie hätte stören können, aber das tiefe Leid, das ihm das Herz zerriß, verriet sich durch das Beben seiner Glieder, das krampfhafte Aufeinanderschlagen seiner Zähne. Als sie zu den Ereignissen kam, die ihre Wanderung hier unterbrochen, schienen diese Anzeichen von Reue zu verschwinden und einem maßlosen Staunen das Feld zu räumen. Er erkundigte sich genau über das Aussehen der beiden Wegelagerer, ließ sich das Gespräch wiederholen, das sie zwischen dem einen von ihnen und der alten Frau belauscht, und rief, als sie von dem Säugling sprach, dessen Amme sie gewesen: »Es ist leider wahr, die Quelle, die mir die ersts Lebensnahrung reichte, muß mir den verderblichen Hang zum Bösen eingeflößt haben, der meiner Familie bis dahin fremd war.« Jeanie berührte ihr Zusammensein mit Madge Wildfire nur flüchtig, weil es ihr nicht behagte, das zu wiederholen, was Madge vielleicht nur im Wahnsinn gesprochen, und war somit bald am Schlusse. Staunton saß ein paar Augenblicke in tiefem Sinnen. Dann sagte er, mit größerer Fassung als bisher: »Jeanie, Sie sind ein Mädchen, gefühlvoll und gut, und ich will Ihnen von meinem Leben erzählen, was ich bisher noch keinem Menschen erzählte. Es ist eine trübe Geschichte, ein Gewebe von Torheit, Schuld und Elend. Aber ich tue es, weil ich hoffe, mir dadurch Ihr Vertrauen zu gewinnen, weil ich von Ihnen erwarte, daß Sie in dieser schrecklichen Sache nach meinem Rat und Winke handeln werden.« »Alles will und werde ich gern tun, Herr,« antwortete sie, »was einer Schwester, Tochter und Christin geziemt. Aber von Ihren Geheimnissen sagen Sie mir nichts! denn auf Ihren Rat zu hören, geziemt mir so wenig, wie auf die Lehre, die zum Irrtum verleitet.« »Törin!« rief der Jüngling unwillig, »sehen Sie mich doch an! Habe ich etwa Pferdefuß oder Hörner und Klauen? Und wenn ich der Teufel nicht bin, was könnt ich damit bezwecken, die Einbildungen zu zerstören, mit denen Sie sich trösten oder betrügen? Hören Sie mich ruhig an, und Sie werden erkennen, daß mein Rat Ihnen kein Hindernis ist, bis zum siebenten Himmel zu gelangen, denn er wird Ihren Flug um kein hundertstel Quentchen erschweren.« Was er nun erzählte, las er zum Teil aus einem Hefte vor, vielleicht bestimmt, nach seinem Tode seinen Verwandten Aufschluß über sein Geschick zu geben. »Um mich kurz zu fassen,« begann er, »jenes greuliche Weib, die Grete Murdockson, war mit einem Diener meines Vaters verheiratet und meine Amme. Ihr Mann war tot, und sie wohnte in einer unserm Wohnhause nahe gelegenen Hütte. Sie hatte eine Tochter, die zu einem hübschen Mädchen heranwuchs, aber eitel und hoffärtig war. Die Mutter wollte sie zu einer Heirat mit einem alten, reichen Geizhals in der Nähe drängen; das Mädchen ließ sich mit mir ein und ich mit ihr. So abscheulich wie gegen Ihre Schwester gehandelt war's ja nicht, aber doch immer unrecht genug, denn schon ihre Torheit hätte ihr ein Schutz sein sollen. Bald darauf mußte ich außer Landes gehen, mein Vater bestand darauf; ich muß ihm die Gerechtigkeit lassen, daß ihn die Schuld nicht trifft, wenn ich zum Bösewicht wurde, daß er im Gegenteil alles getan, was mich zum Besten führen konnte. Als ich wiederkam, waren Mutter und Tochter aus dem Orte gejagt; meine Schuld war offenbar geworden, mein Vater stellte mich zur Rede, wir gerieten aneinander, und ich verließ das Vaterhaus, um mich einem wilden Abenteuerleben zu ergeben, entschlossen, nicht mehr wiederzukehren. Mein Hang war, glaube ich, besonderer Art, und hätten frühe Ausschweifungen ihn nicht entarten lassen, so wäre ich vielleicht zum Bessern zu lenken gewesen. Das tolle Treiben und die unbeschränkte Freiheit stand mir nicht so sehr zu Sinne, als der abenteuerliche Schwung, die Geistesgegenwart in Momenten der Gefahr und der Scharfsinn, der bei allen Unternehmungen aufgeboten werden mußte, in die ich mich mit meinen Kameraden einließ. Jeanie, haben Sie die Pfarrei sich angesehen? Ist's nicht eine freundliche, angenehme Stätte?« Jeanie, wenn auch von dem jähen Wechsel der Rede überrascht, antwortete bejahend. »Nun, Jeanie! Ich wünschte, sie wäre zehntausend Klafter unter der Erde, mit all ihren Aeckern und Zehnten und was sonst zu ihr gehört. Wäre sie nicht gewesen, und der Profit, den sie abwirft, und den meine Familie nie hat missen wollen, obwohl sie es recht gut gekonnt hätte, dann wäre ich Soldat geworden, hätte bloß die Hälfte von all dem Mut und der Gewandtheit aufzubieten brauchen, den ich unter Wilddieben und Schmugglern aufbieten mußte, und mir noch immer einen ehrenvollen Platz in der Welt gesichert. Mein abenteuerliches Leben führte mich nach Schottland, und hier schloß ich Bekanntschaft mit Wilson, einem merkwürdigen Menschen, der in jeder Lebenslage einen ruhigen, festen Sinn zeigte und mit ungewöhnlicher Leibeskraft und einer natürlichen Beredsamkeit begabt war, die ihm ein Uebergewicht über all seine Gefährten gab. Zu seinem und meinem Unglück wollte es das Schicksal, daß er, trotz der Verschiedenheit unserer Herkunft und Erziehung, einen faszinierenden Einfluß auf mich gewann, den ich nur der Ueberlegenheit seines ruhigen Charakters über meine maßlose Heftigkeit zuschreiben kann. Wohin er ging, mußte ich ihm folgen; sein Mut und seine List hielten mich in seinem Banne. Verstrickt unter seiner erstaunlichen Leitung in die verwegensten Abenteuer, machte ich die Bekanntschaft Ihrer Schwester auf einem Ball in der Vorstadt, den sie heimlich besuchte, und ihre Verführung bildete nur einen Akt in dem Drama von Schändlichkeiten, das ich nun, tiefer und tiefer sinkend, aufführte. Aber es war nicht das Werk eines abgefeimten Planes, der mir ihre Schwester zu Willen machte, nein! das dürfen Sie mir glauben, und der Entschluß, ihr allen Ersatz durch Heirat zu leisten, sobald ich mich aus meinen Sünden gerissen, stand bei mir fest. Ich hatte tolle Träume, malte mir aus, wie ich sie nach einer armseligen Hütte führen und von da plötzlich zu Rang und Reichtum führen wollte; und in diese Zeit fallen die Bemühungen eines Freundes, mich mit meinem Vater auszusöhnen. Der Augenblick war nahe, da erfuhr, Gott weiß wie, mein Vater, wie tief ich gesunken sei, schrieb mir, er hätte keinen Sohn mehr, sandte mir eine nicht unbedeutende Summe und riet mir, damit aus England zu verschwinden. Ich geriet in Verzweiflung, und um mich zu betäuben, ließ ich mich mit Wilson in ein Schmuggelgeschäft ein, das aber fehlschlug. »Beute lockte mich nicht; ich überließ sie willig den Gefährten und bestand nur darauf, daß man mich auf den gefährlichsten Posten stellte. Ich besinne mich noch recht gut, als sie mich mit gezücktem Säbel Wache stehen ließen, daß ich mit keinem Atem an die eigene Sicherheit dachte, sondern nur in dem Gefühle schwelgte, wie angenehm es in den Ohren der hochmütigen Familie Willingham klingen werde, wenn sie hörten, daß einer ihres Geschlechts, der wahrscheinliche Erbe all ihrer Ehren und Würden, unter den Händen des Henkers sterben solle deshalb, weil er ein Zollhaus an der schottischen Grenze ausgeraubt hätte! »Wir wurden, wie ich nicht anders erwartet, ergriffen, prozessiert und verurteilt. Aber je näher der Tod rückte, desto gräßlicher erschien er mir, und das Bewußtsein, Ihre Schwester hilflos zurückzulassen, rüttelte mich Zu dem Entschlusse auf, meine Rettung zu versuchen. In Edinburg hatte ich, wie ich zu erwähnen vergessen, die Grete Murduckson mit ihrer Tochter wiedergefunden. Sie war in ihrer Jugend Marketenderin gewesen und stand, unter dem Deckmantel eines kleinen Handels, mit allerhand Gaunervolk in Verbindung. Die erste Auseinandersetzung verlief höchst stürmisch, aber ich gab, was ich hatte, und so schien sie vergessen zu wollen, was ich ihrer Tochter angetan, deren Verstand, wie sie sagte, durch eine schwere Niederkunft gelitten habe. Daß dem so war, erkannte ich bald selbst, denn als ich ihr gegenüber trat, wußte sie nichts mehr von mir und von dem, was ich ihr angetan. Aber jeder Blick des unglücklichen Wesens, jedes Wort aus ihrem Munde, die unklaren Andeutungen auf Vorgänge, die so scharf in meinem Gedächtnis standen, waren ebensoviel Dolchstiche für mich, ich mußte es ertragen und habe es ertragen. Doch nun zu den Qualen, die mich im Gefängnisse folterten. »Nicht die geringste darunter war die nahende Niederkunft Ihrer Schwester; wie sehr sie fürchtete, daß ihre Schande Ihnen und dem Vater zu Ohren käme, wußte ich; oft sagte sie, lieber wolle sie tausendmal sterben, ehe sie das erlebte und doch mußte für ihr Wochenbett Fürsorge getroffen werden. »Daß die Grete Murdockson ein Teufel sei, wußte ich; ich glaubte aber, sie sei mir zugetan und würde mir um des Geldes willen, mit dem ich ihr gegenüber nicht geizte, treu bleiben. Sie übernahm es, für Effie zu sorgen, nachdem sie mir und Wilson Feilen ins Gefängnis zugeschanzt hatte. Effie sollte, bis ich entwichen und wieder im stande sei, Bestimmungen zu treffen, in ihrer Obhut bleiben. Ich setzte Effie hiervon in Kenntnis. Unser Fluchtversuch mißlang, durch Wilsons Eigensinn; aber die unerschrockene und selbstlose Art, wie er denselben wieder gut machte, hat in Schottland lange genug den Gesprächsstoff gebildet. Es war ein kühnes Unterfangen von ihm und er führte es mit der größten Bravour aus. Ich mag viele Fehler haben; aber Undankbarkeit und Feigheit gehören nicht dazu. Ich nahm mir vor, ihm seine Großmut zu lohnen, und hinter dieser Aufgabe mußte die Sorge um Ihre Schwester momentan zurücktreten. Doch vergaß ich über der Befreiung des Freundes die Geliebte nicht; die Spürhunde der Polizei waren scharf hinter mir her, so daß ich mich nicht in die Stadt hinein wagen durfte; es gelang mir, die Murdockson in einer Vorstadt zu sprechen, und nun erfuhr ich von ihr, daß Effie einem Knaben das Leben geschenkt habe. Ich gab ihr Geld über Geld mit der Bitte, es ihr an nichts mangeln zu lassen, und verwendete den ganzen Rest der mir vom Vater gesandten Summe dazu. Dann suchte ich Wilsons Kameraden in ihren Schlupfwinkeln auf und erklärte mich bereit, den zu seiner Befreiung geplanten Ueberfall der Stadtwache zu leiten. Er wäre uns auch gelungen, hätte nicht die Stadt-Obrigkeit, auf Anraten des schurkischen Hauptmanns Porteous, die Hinrichtung um eine halbe Stunde früher angesetzt, so daß wir zu spät kamen, denn wir hatten ausgemacht, uns erst zu sammeln, wenn Wilson zum Schafott geführt würde; wir hatten vermeiden wollen, Aufsehen zu wecken, was leicht möglich gewesen wäre, wenn wir den Markt früher besetzten. Aber noch immer gab ich nicht alles auf, sondern erstürmte das Schafott und schnitt Wilsons Leiche los, mit eigner Hand! Es war zu spät! Der beherzte Schmuggler hatte ausgelitten, und wir konnten ihm bloß ein ehrliches Begräbnis schaffen. Nun blieb uns nur die Rache.« »O Herr!« rief Jeanie ein, erschüttert von dem Gehörten, »und Sie gedachten des Bibelwortes nicht: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr?« – »Bibel?« fragte Georg Staunton höhnisch, »was soll sie mir? »Ich habe sie seit fünf Jahren nicht aufgeschlagen!« – »Heiliger Gott! Weh mir!« rief Jeanie, »und solche Rede aus dem Mund eines Predigersohnes?« »Daß Sie so reden, ist begreiflich« nahm er wieder das Wort; »aber lassen Sie mich meine Erzählung, so fluchwürdig sie ist, zu Ende bringen. Porteous, der Stadtgarden-Hauptmann, wurde durch die übertriebene Pflichterfüllung sowohl mir als der ganzen Edinburger Bevölkerung verhaßt, besonders dadurch, daß er auf den Pöbel schießen ließ und selbst schoß, als gar keine Notwendigkeit mehr dazu vorlag. Alles schwor ihm Rache, aber Vorsicht war von nöten; denn mir war es so vorgekommen, als ob mich einer von den Fronen erkannt hätte. Ich verhielt mich also in der Nähe der Stadt, setzte aber keinen Fuß hinein, bis es mich zuletzt nicht länger hielt, mich nach Effie und ihrem und meinem Knaben umzusehen. Die Wohnung fand ich, aber weder Effie noch das Kind – beide waren verschwunden, und die Murdockson sagte mir, sobald Effie gehört habe, Wilsons Befreiung sei fehlgeschlagen, und die Polizei sei scharf hinter mir her, sei sie in ein hitziges Fieber verfallen und, kaum genesen, bei der ersten Gelegenheit, die sich ihr bot, entflohen. Ich überschüttete sie mit Vorwürfen, drohte mit der Polizei; aber sie blieb kalt, meinte, ich hätte mehr auf dem Kerbholze als sie, und Rache, mit der ich nun drohte, hätte ich nach allem, was zwischen ihr und mir vorgefallen, mehr zu fürchten als sie. Ich raste hinweg und betraute einen Kameraden, sich nach Effie in Sankt-Leonard zu erkundigen. Nach einem fernen Schlupfwinkel – denn die Polizei verfolgte mich unablässig – brachte er mir die Nachricht, daß Porteous zum Tode verurteilt und Effie in den Kerker abgeführt worden sei. Noch einmal wagte ich mich in die Wohnung der Murdockson und sagte ihr ins Gesicht, sie hätte Effie tückisch in Elend und Jammer gebracht, bloß um sich auch noch des Geldes, das ich Effie dagelassen, zu bemächtigen. Jetzt aber hat mir Ihre Erzählung von der Verfolgung, der Sie ausgesetzt gewesen, das rechte Licht gebracht; jetzt weiß ich, daß Rachedurst das Motiv ist, das sie leitet. Herrgott! Warum hat sie nicht mich dem Schafott überliefert!« »Aber was sagte sie von Effie und ihrem Kinde, die Elende?« fragte Jeanie, trotz aller Schrecknisse der Erzählung noch immer gefaßt und besonnen genug, um diejenigen Punkte zu erfassen, die Licht in die unglückliche Lage der Schwester zu bringen vermöchten. »Sie weigerte alle Auskunft, meinte, ihres Wissens sei Effie mit ihrem Kind auf dem Arm bei Mondschein entwichen und habe das arme Ding vielleicht in die See geworfen.« – »Aber Sie halten es für nicht wahr?« rief Jeanie zitternd; »und warum nicht?« – »Weil ich diesmal die Tochter traf und von ihr herausbrachte, das Kind sei während Effies Krankheit weggeschafft oder ermordet worden. Aber all diese Auskünfte waren zu unsicher, als daß sich Weiteres hätte in Erfahrung bringen lassen. Bloß läßt mich der teuflische Charakter dieser alten Furie alles befürchten.« »Die letzte Kunde stimmt mit der Aussage meiner armen Schwester überein,« sagte Jeanie; »aber, Herr, ich bitte Sie, Ihre eigene Erzählung fortzusetzen,« »Daß Effie, so lange sie bei Verstand gewesen, keinem sterblichen Wesen ein Leid hat zufügen können, davon bin ich überzeugt,« erklärte Staunton, »was aber konnte ich tun, sie zu rechtfertigen? Nichts – und das brachte mich außer mir! Ich versuchte alles, sie zu retten, kroch demütig vor der alten Hexe, in deren Hand ja auch mein Leben lag, tat als ob ich ihr vertraute, aber ob sie mir auch Proben ihrer Treue gab, gelangte ich doch durch sie zu nichts Bestimmtem für Effies Rettung. Da brachte mich die Wut, die in ganz Edinburg über die dem Schufte Porteous bewilligte Galgenfrist herrschte, die ja immer nur das Vorspiel gänzlicher Begnadigung ist, auf den Einfall, mit dem Pöbel den Kerker von Edinburg zu stürmen, und so nicht bloß den Schuft der verdienten Strafe zu überantworten, sondern Ihre Schwester, Jeanie, den Klauen der Justiz zu entwinden. Als die Gärung den Höhepunkt erreicht, stürzte ich unter die rasende Menge, die mich zum Anführer wählte, und führte den Plan aus. Einem Vertrauten gab ich Auftrag, Effie, sobald die Meuterei das Gefängnis verließen, an einen sichern Ort zu geleiten, von wo ich mit ihr über See fliehen wollte. Aber alle Überredungskunst, die ich in der Eile des Augenblicks aufwandte, scheiterte an ihrem Starrsinn. Die Ehre sei verloren, sagte sie, und so habe auch das Leben für sie keinen Wert mehr.« »Es war recht von ihr gehandelt,« sagte Jeanie, »zu bleiben, und ich liebe sie darum nur mehr.« – »Was soll das heißen?« rief er. – »Es wäre müßig, Ihnen Gründe darzulegen, für die Sie doch nicht Verständnis finden würden, denn wer nach dem Blute seines Feindes dürstet, hat keinen Sinn für den innersten, heiligsten Bronnen des Lebens.« »So wurden meine Hoffnungen,« fuhr Staunton fort, »zum zweiten Male getäuscht. Mein nächster Versuch war, durch Ihre Hilfe dem wider Effie angehängten Prozesse einen günstigen Ausgang zu geben. Aber darüber brauche ich Ihnen nichts zu sagen, denn diese Vorgänge sind Ihnen ja so bekannt wie mir. Meinen Sie meinetwegen, es auch in mir mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben! Ich wußte nicht, wohin mich wenden, da alle meine Anstrengungen umsonst waren; und so floh ich aus Schottland, erreichte das Vaterhaus, mein elendes Aussehen erwärmte das Herz des Vaters, und er gewährte mir Verzeihung. Hier habe ich nun in Seelenangst, wie sie schlimmer kein dem Tode geweihter Verbrecher fühlen kann, den Verlauf des Prozesses gegen Effie abgewartet.« – »Ohne Schritte zu ihrem Heile zu tun?« fragte Jeanie. – »Ich hatte noch immer Hoffnung, es werde einen glücklichen Ausgang für sie nehmen,« antwortete er, »und erst vorgestern erreichte mich die Unglückskunde. Ich wußte, was mir allein noch zu tun blieb, und saß im Nu auf meinem besten Rosse, nach London zu jagen und von dem Staatssekretär der Justiz, Robert Walpole, Effies Leben zu erkaufen durch Auslieferung des berüchtigten Georg Robertson, des Spießgesellen von Andrew Wilson und Anführers des Edinburger Pöbels im Porteous-Aufruhr.« »Und Sie meinen, das hätte meiner Schwester das Leben gerettet?« fragte Jeanie. »So, wie ich die Sache eingefädelt hätte, ja!« antwortete er mit Festigkeit; »Rache ist ein Gift, das den Gaumen des Fürsten kitzelt wie den des Bauern. Was kann dem Staate liegen am Leben eines schlichten Landmädchens? Aber für das Haupt solch frecher Verschwörung gegen die Landesgesetze hätte man mir die Kronjuwelen nicht geweigert. Doch auch dieser Plan, der nicht mißlungen wäre, mußte scheitern, denn keine zehn Stunden von hier stürzte mein sonst so sichres Roß in eine Schlucht, wie von einer Kanonensalve niedergestreckt. Der Himmel ist gerecht und wollte mir den Mut nicht gönnen, freiwilligen Ersatz für Ihre Schwester zu stellen. Ich litt schweren Schaden an meinem Leibe und wurde in dem Zustande aufgefunden und zurückgebracht, in welchem Sie mich hier sehen.« Kaum hatte Georg Staunton geendigt, als die Tür aufging und Toms ängstliches Gesicht sich in ihrem Rahmen zeigte. »Seine Hochwürden sind auf dem Wege die Treppe herauf, um Ihnen einen Besuch zu machen, gnädiger Herr!« »Ums Himmels willen, Jeanie, verstecken Sie sich!« rief der junge Staunton, »dort im Ankleidezimmer!« – »Nein, Herr,« versetzte Jeanie, »ich bin nicht in böser Absicht hier und kann die Schande nicht auf mich laden, mich vor dem Herrn des Hauses zu verstecken.« – »Aber, Gott im Himmel, so bedenken Sie doch!« Doch ehe er ausgesprochen hatte, ging die Tür auf, und sein Vater trat herein. Zehntes Kapitel. Jeanie stand sogleich auf, um dem Prediger, dessen Verwunderung, sie in Gesellschaft seines Sohnes zu finden, schier keine Grenzen fand, einen artigen Knicks zu machen. »Ich sehe, daß ich Sie doch nicht recht beurteilt habe,« sagte er, sich an sie wendend, »und hätte es wohl dem jungen Manne überlassen sollen, Sie zu examinieren und Ihnen die erlittene Unbill weit zu machen, denn es scheint, die beiden Personen sind alte Bekannte.« »Daß ich hier bin,« antwortete Jeanie, »ist ganz wider meinen Willen; der Diener sagte, der Herr wollte mich sprechen, und hat mich hierher geführt.« »Na,« murmelte Tom vor sich hin, »auf die Weise muß ich's wieder ausbaden! Die Schwerenot über das Frauenzimmer! Muß sie auch gerade die Wahrheit reden! Jeder andere Bescheid hätte es doch auch getan!« »Georg!« wandte sich Herr Staunton an seinen Sohn, »wenn Du auch von Deinen Gewohnheiten noch immer nicht gelassen hast, so hättest Du doch Deinem Vater und Deinem Hause solch unangenehmen Auftritt ersparen können!« »Bei meinem Leben, meiner Ehre, Vater,« rief der Jüngling. »Wenn Sie in allen Hinsichten auch recht haben, mich zu tadeln, in dieser haben Sie unrecht! Bei meiner Ehre, unrecht!« »Bei Deiner Ehre!« wiederholte der Vater, sich geringschätzig von ihm weg und, zu Jeanie wendend. »Von Ihnen, junge Person, begehre und erwarte ich keine Erklärung; aber als Vater dieses jungen Menschen und Herr dieses Hauses befehle ich Ihnen, sich aus diesem Hause zu entfernen.« »Nein, Vater,« rief Georg, trotz aller Schmerzen, die ihn plagten, aufspringend, »Sie sind von Herzen gut und human, und meinetwegen sollen Sie nicht grausam und inhuman werden! Heißen Sie den Aufpasser dort gehen!«»sagte er, auf Tom zeigend, »und geben Sie mir ein paar von den stärkenden Tropfen; dann will ich Ihnen die Geschichte meiner Bekanntschaft mit dem Mädchen erzählen, die um meinetwillen ebenfalls nicht in schlimmen Verdacht geraten soll! Dazu habe ich ihrer Familie schon zu schweres Leid angetan, und hab's nur zu gut empfunden, wie tief der Verlust eines guten Namens schmerzt.« »Gehen Sie,« sagte der Prediger, zu Tom und schloß hinter ihm die Tür ab. Dann wandte er sich zu seinem Sohne: »Ich bin bereit, die neue Ehrlosigkeit von Dir zu hören.« Der junge Staunton wollte eben zu sprechen anfangen, als ihm Jeanie, in einem jener Momente besonnenen Mutes, der starke Seelen auszeichnet, das Wort vom Munde abschnitt, indem sie sich an Staunton den Vater wandte: »Mein Herr! Sie haben wohl das Recht, Ihren Sohn über sein Betragen zur Rede zu stellen; aber ich bin hier bloß Passantin und als solche Ihnen in keiner Weise verpflichtet, es sei denn für die Mahlzeit, die Sie mir freundlich reichen ließen; die wir in Schottland aber für jeden übrig haben, ob reich oder arm, und die ich gern bezahlt hätte, wenn ich nicht hätte fürchten müssen, mit solcher Zumutung zu beleidigen.« »Alles ganz gut und schön,« antwortete, nicht wenig erstaunt, der Geistliche, »aber wir wollen bei der Sache bleiben; es gefällt mir wenig, daß Sie sich herausnehmen, dem jungen Manne den Mund zu verbieten, als er willens war, sich seinem Vater zu offenbaren über ein Verhältnis, das nicht eben erfreulich zu sein scheint.« »Von seinen eignen Angelegenheiten mag er sprechen, was und soviel er will,« antwortete Jeanie; »aber von den Meinigen soll nichts bekannt werden ohne ihr Wissen und ihren Willen, und ich muß mir ausbitten, daß Sie Herrn Georg Ro – oder Staunton – wie sein Name nun heißen mag – nicht über die Meinigen ausfragen; denn sofern er auf den Namen eines Christen oder Edelmannes Anspruch erhebt, darf er solcher Aufforderung nicht nachkommen.« »Ich fühle, Vater,« sagte der Jüngling, »mit meinem Worte zu rasch gewesen zu sein, denn es steht mir wirklich kein Recht zu, über ihre Angehörigen etwas auszusagen, sofern sie mir die Erlaubnis dazu verweigert.« Wieder ließ der Prediger seinen Blick erstaunt vom einen zur andern gleiten. »Ich fürchte, was hier spielen mag, ist schlimmer als alles, was meine Ohren bis jetzt über Dich hörten, Georg! Ich bestehe aber gerade darum darauf, dies Geheimnis zu erfahren.« »Ich habe schon erklärt, daß ich ohne Erlaubnis des Mädchens nicht sprechen darf,« sagte der Sohn. »Und ich verfüge über keine Geheimnisse,« sagte Jeanie, »sondern habe Sie nur noch zu bitten, Herr, als Prediger des Evangeliums und rechtschaffener Mann, mich nach dem nächsten Gasthause auf der Londoner Straße führen zu lassen.« »Für Ihre Sicherheit werde ich sorgen,« rief der Jüngling; »Sie sollen nicht notwendig haben, von anderen, was meine Pflicht ist, als Gunst zu erbitten.« »Wagst Du so in meiner Gegenwart zu sprechen?« rief der jetzt mit Recht erzürnte Vater. »Willst Du durch eine Mißheirat das Maß Deiner Vergehen füllen? Aber nimm Dich in acht, ich rate es Dir.« »Wenn Sie das im Hinblick auf mich befürchten, Herr,« sagte Jeanie, »so kann ich Ihnen nur sagen, daß ich für alles Land von einem Ende des Regenbogens zum andern Ihren Sohn nicht zum Manne nähme.« »In all diesen Dingen steckt etwas, was ich mir nicht erklären kann,« sagte der Prediger; »komm mit mir in das andere Zimmer, Mädchen!« »Höre mich erst an, Jeanie Deans,« rief der Sohn ihr zu; »nur ein Wort, ich baue auf Deinen Verstand. Entdecke meinem Vater soviel Du willst von diesen Dingen, durch mich soll er nicht mehr erfahren.« Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu, der sich aber zu gramvoller Sorge milderte, als er ihn, erschöpft von dem Vorgange, auf sein Lager zurücksinken sah. Er ging aus der Stube und Jeanie folgte ihm. Als sie über die Schwelle ging, erhob sich Georg Staunton und rief ihr mit feierlich ermahnendem Tone nach: »Bleib eingedenk!« »In Deiner Miene und Deinem Wesen,« sagte der Prediger, als er mit Jeanie allein war, »liegt etwas, das auf Verstand und Unbefangenheit und auch Unschuld schließen läßt, sofern ich nicht irre – Du müßtest denn auch die größte Heuchlerin sein, die mir je vor Augen gekommen. Ich will Dich nach keinem Geheimnis fragen, am wenigsten nach solchem, die meinen Sohn betreffen. Seine Aufführung hat mir schon zu viel Kummer bereitet, als daß ich je Trost oder Freude von ihm erwarten dürfte. Glaube mir aber, Deine Verbindungen mit ihm seien, wie sie wollen, je eher Du ihnen entsagst, desto besser.« »Ich verstehe Sie, Herr,« versetzte Jeanie! »da Sie selbst aber so freimütig über Ihren Sohn sprechen, muß ich Ihnen sagen, daß ich ihn heute erst zum zweitenmal in meinem Leben gesprochen; und was ich hier aus seinem Munde hörte, legt mir den Wunsch nahe, nie wieder Aehnliches zu hören.« »So ist es also Deine ernstliche Absicht, diese Gegend auf der Stelle zu verlassen und nach London zu gehen?« »Allerdings, Herr; denn ich kann in gewissem Sinne sagen, daß mir der Bluträcher nachjage; und wäre ich nur gegen Unheil auf dem Wege geschützt – –« »Ich habe über jene verdächtigen Menschen, die Du mir beschrieben, Erkundigungen einziehen lassen; sie sind nicht mehr in ihrem Schlupfwinkel angetroffen wurden; doch könnten sie in der Nachbarschaft lauern, und da Du persönliche Gründe hast, vor ihnen auf der Hut zu sein, will ich Dich der Fürsorge eines sichern Begleiters überantworten, der Dich nach Stamford bringen und Dir dort Gelegenheit verschaffen soll, mit der Landkutsche weiter zu kommen.« »Eine Kutsche schickt sich nicht für Leute meines Standes,« sagte Jeanie, denn sie wußte nichts von Postwagen, die damals nur in der unmittelbaren Nähe Londons gebräuchlich waren. Herr Staunton gab ihr einige Auskunft über diese bequemere, wohlfeilere und sichrere Art zu reisen; und sie gab ihrer Dankbarkeit hierfür so aufrichtigen und unbefangenen Ausdruck, daß er sich zu der Frage veranlaßt fühlte, ob es ihr auch nicht an Geld fehle? Sie sagte indes, sie habe noch so viel, als sie brauche, um bis London zu kommen; und wirklich war sie auch mit ihrer kleinen Barschaft sehr sparsam umgegangen. Herr Staunton befragte sie dann, nach welchem Stadtviertel von London sie zu gehen wünsche. »Zu meiner Muhme, der Frau Glas, die einen Rauch- und Schnupftabak-Laden »zum Dornbusch« in London hat,« antwortete Jeanie, nicht ohne einen Anflug von Selbstgefühl, denn sie meinte nicht anders, als daß dieser Bescheid dem Geistlichen imponieren müsse. »Und ist das Deine einzige Bekannte dort, mein armes Kind?« fragte dieser mitleidig. »Weißt Du wirklich keine bessere Adresse, als Du hier angibst?« »Ich will auch zum Herzog von Argyle,« sagte Jeanie; »wenn Sie indessen meinen, es sei besser, erst zu diesem zu gehen, so könnte ich ja einen von dessen Leuten bitten, mir meiner Muhme Laden zu zeigen.« »Hast Du Bekannte unter der Dienerschaft des Herzogs?« »Nein, Herr.« »Es scheint doch nicht ganz richtig mit ihr,« dachte der Geistliche, »sonst könnte sie sich wohl nicht einbilden, bei solchem Herrn ohne alle Fürsprache vorgelassen zu werden«. »Aber,« wandte er sich zu ihr, »wenn ich den Grund Deiner Reise nicht wissen darf, dann kann ich Dir doch auch nicht raten. Merke Dir aber, daß die Gasthofswirtin, bei der Du einkehren wirst, eine brave, anständige Frau ist; ich kenne sie, denn ich steige, hin und wieder bei ihr ab und will Dir ein Paar Worte an sie mitgeben.« Jeanie dankte ihm für diese Güte. »Mit dem Brief von Euer Gnaden,« fügte sie, »und dem von der braven Frau Bickerton von den sieben Sternen zu Durk kann's mir ja kaum in London fehlen.« »Und nun willst Du wohl so bald wie möglich fort?« »Wäre ich in einem Gasthof oder sonst einer schicklichen Raststelle abgestiegen, würde ich am Tage des Herrn meine Wanderung nicht fortsetzen. Da ich aber einen Weg der Barmherzigkeit vorhabe, wird es mir hoffentlich nicht als Sünde angerechnet werden, daß ich es tue.« »Wenn es Dir recht ist, kannst Du den Abend bei Frau Dalton bleiben; ich möchte bloß nicht haben, daß Du mit meinem Sohn noch einmal sprächest, der keinesfalls ein Mensch ist, auf dessen Rat Du etwas geben solltest, möge Deine Situation noch so schlimm sein.« »Euer Gnaden haben recht, und durch mich ist auch die Unterhaltung, in der Sie mich mit ihm trafen, nicht herbeigeführt worden. Ich wünsche dem jungen Herrn alles Gute, doch es wäre mir lieber, ich sähe ihn in meinem Leben nicht wieder.« Der Geistliche ließ Frau Dalton rufen und bat sie, für Jeanie aufs beste zu sorgen. Dann verabschiedete er sich ernst und würdevoll von ihr, indem er ihr nochmals Geleit für den anderen Morgen nach Stamford zusicherte. Die Hausverwalterin führte sie wieder zu ihrem Stübchen, der Abend sollte indes nicht vorübergehen, ohne daß sie nochmals von Georg Staunton belästigt wurde. Thomas drückte ihr nämlich einen Zettel in die Hand, der ihr den Wunsch oder vielmehr das dringende Verlangen des jungen Mannes meldete, ihm auf der Stelle eine nochmalige Unterredung zu gewähren; er habe dafür Sorge getragen, daß keine Störung zu erwarten sei. »Sage Deinem jungen Herrn,« erwiderte Jeanie laut, ohne sich durch die Winke und Zeichen das Lakaien irre machen zu lassen, »daß ich seinem ehrenwerten Vater fest versprochen habe, mich nicht mehr mit ihm zu befassen.« Thomas zog sich darauf kleinlaut zurück, zumal auch Frau Dalton die günstige Gelegenheit nicht vorüber gehen ließ, ihm einen derben Denkzettel zu erteilen. Nach einer ruhigen Nacht verließ Jeanie früh am andern Morgen die gastliche Pfarrei; auf einem Reitkissen saß sie hinter einem rüstigen, wohlbewaffneten Landmann auf einem tüchtig ausschreitenden Pferde. Eine Zeitlang ging es einen Feldweg entlang, der aber bald auf die Landstraße führte; bis dorthin war kein Wort zwischen ihnen gefallen. Nachher aber fragte sie der Bauer, ob sie nicht die Jeanie Deans sei, die Pächterstochter von Sanct Leonard. Verwundert bejahte sie die Frage. »So hab' ich hier was für Euch,« sagte der Mann und reichte ihr ein Zettelchen über die linke Schulter; »es kommt, glaub ich, von unserem jungen Herrn, dem ja bei uns in Willingham jeder gern zu Gefallen tut, aus Liebe oder aus Furcht, was er ihm von den Augen absehen kann – wird er ja doch einmal unser Herr, mögen auch die Leute von ihm reden, was sie wollen.« Jeanie erbrach das Siegel und las: »Sie wollen mich nicht sehen, wahrscheinlich weil Sie sich bangen; ich hätte Ihnen doch vielleicht manches nicht sagen sollen; aber meine Aufrichtigkeit zeigt Ihnen, daß ich, mag ich noch so schlecht sein, zum wenigsten kein Heuchler bin, Sie haben gesehen, daß ich meine eigene Ehre, die Ehre der Meinigen, ja mein Leben für Ihre Schwester zu opfern bereit bin, und Sie weigern sich doch zu kommen? Sie achten mich zu gering, halten mich nicht für wert, etwas für Sie zu tun. Nun, wollen Sie auch von mir nichts wissen, so ist doch das Opfer, das ich bringen will, einiger Beachtung wert; wer weiß, ob nicht die vergeltende Gerechtigkeit des Himmels mir den traurigen Ruhm versagt, das Opfer aus eigenem freien Willen zu bringen? Da Sie nun von mir nichts wissen wollen, müssen Sie eben selbst zusehen, wie Sie bei der Sache, die mich soviel beschäftigt, wie Sie zurecht kommen. So gehen Sie denn zum Herzog von Argyle, und sollten alle Ueberredungskünste nichts helfen, so sagen Sie ihm, es stünde in Ihrer Macht, den Mann der Obrigkeit zu überliefern, der den Edinburger Pöbel im Porteus-Aufstande angeführt hat. Wenn Sie ihm das sagen, so predigen Sie keinen tauben Ohren: das kann ich Ihnen versichern. Stellen Sie die Bedingungen, wie Sie wollen: Wo ich zu finden bin, wissen Sie; daß ich nicht fliehen werde, wie einst bei den Muschat-Steinen, um der Gefahr zu entrinnen, wissen Sie auch. Im Vaterhause werde ich bleiben – will mich gleich von dem Hasen zerreißen lassen, wo man mich aufjagt. Daß Sie als Lohn für die Auslieferung dieses Verbrechers das Leben Ihrer Schwester fordern können, fordern müssen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, aber daß Sie auch Amt und Einkommen für Butler fordern dürfen, will ich Ihnen noch sagen, denn man wird Ihnen alles gewähren, wenn Sie dem Henker einen Menschen überliefern, der zwar jung an Jahren, aber alt an Sünden ist und der kein anderes. Verlangen mehr hat, als nach den Stürmen eines wilden Lebens sein Haupt niederzulegen und zu schlafen,« Dieser wunderliche Brief war mit den Anfangsbuchstaben G. S. unterschrieben. Jeanie las ihn zweimal mit größter Aufmerksamkeit durch; dann aber zerriß sie ihn in lauter kleine Schnippelchen, die sie dem Winde als Beute ließ, um zu verhindern, daß ein so gefährliches Geheimnis in fremde Hände gerate. Dann ging sie mit sich zu Rate, ob sie im äußersten Falle das Recht habe, den Mann, von dem ihr das Schreiben zugegangen, für die Schwester zu opfern. Einerseits wollte es ihr als gerechte Wiedervergeltung bedünken, daß derjenige, der ihre Schwester ins Unglück gebracht, auch die Strafe dafür leide. Anderseits aber widerstrebte es ihrem strengen Sittlichkeitsgefühl, daß Effie als die Mitschuldige nicht bloß straffrei ausgehen, sondern ihr Leben behalten, weil Staunton es verlieren sollte. Zudem betrachtete sie die am Hauptmann Porteous verübte Rache als Schottin, mithin durchaus nicht als ungehörig oder gar als straffälligen Verstoß gegen Recht und Gesetz, sondern zitterte vielmehr bei dem Gedanken, durch eine Denunziation des Rädelsführers als Verräterin an ihrem Volke angesehen zu werden. Und doch wieder war es eine schreckliche Marter für ihr liebendes Herz, das Mittel zu Effies Rettung in der Hand zu haben und nicht brauchen zu dürfen. »O, daß Gott mich leiten und mir helfen möge!« rief Jeanie, »sofern es Sein Wille ist, mich solchen Prüfungen auszusetzen, unter denen meine Kraft schier zu erliegen droht.« Während Jeanie sich in diesen Betrachtungen erging, schien ihr Führer, ein braver, rechtlicher Mensch, dessen Empfindungsvermögen aber nicht über den Stand hinausging, dem er angehörte, des Schweigens müde und mitteilsamer zu werden; sein Horizont reichte nicht über Willingham hinaus, und so beschränkte er seine Unterhaltung auf die Familie, der Willingham gehörte. Auf diese Weise erfuhr indes Jeanie mancherlei Umstände, von denen sie bisher keine Kenntnis hatte, und deren Kenntnis auch für unsere Leser vorteilhaft sein wird, indem sie ihnen den bisherigen und auch den künftigen Verlauf unserer Erzählung leichter verständlich machen werden. Georg Stauntons Vater hatte in seinen jüngeren Jahren in dem britischen Heere gedient, war nach Westindien versetzt worden und hatte sich dort mit der Erbin eines reichen Pflanzers verheiratet. Aus dieser Ehe war ein einziges Kind hervorgegangen, eben der unglückliche junge Mann, der im Verlaufe unserer Erzählung schon allzu oft eine Rolle gespielt hat. Georg Staunton verlebte seine Kindheit im Elternhause, abgöttisch geliebt von seiner schwärmerischen Mutter und verhätschelt von der Dienerschaft, die ihm alles an den Augen abzusehen beflissen war. Sein Vater war ein würdiger und kluger Mann, der aber von seinem Dienste so stark in Anspruch genommen wurde, daß ihm wenig Zeit blieb, sich um seine Häuslichkeit und die Erziehung seines Sohnes zu kümmern. Wohl entging ihm nicht, daß seine Frau dem Knaben allen Willen ließ; es fiel ihm aber sehr schwer, sie darüber zur Rede zu stellen, weil sie einen krankhaften Eigensinn besaß und, auf ihre Schönheit pochend, vor häuslichen Szenen nicht zurückscheute, wenn es ihr darauf ankam, ihren Willen durchzusetzen; ihm ging nun für die wenigen Stunden, die er in seiner Häuslichkeit verbringen konnte, die Ruhe über alles, und so neigte er mehr dazu, fünf gerade sein zu lassen, als daß er sich energisch aufgerafft und seinen Willen zur Geltung gebracht hätte. Das hinderte ihn freilich nicht, dann und wann es doch mit einem Versuche zu wagen, Wandlung in die verkehrte Erziehung seines Kindes zu bringen; aber diese Versuche schadeten mehr, als sie besserten; denn er war dann in der Regel heftig und ungeduldig, und die Mutter, wenn sie sich dadurch gekränkt oder verletzt fühlte, besaß nicht Taktgefühl genug, dem Knaben gegenüber darüber zu schweigen, sondern ließ sich zuweilen vom Zorne verleiten, vor dem Kinde über den Vater zu schelten, so daß dieses sich früh daran gewöhnte, in dem Vater keinen liebenden Berater und Führer, sondern einen nörgelsüchtigen Pedanten zu erblicken, dessen Nähe er verabscheute, weil er sich bedrückt und behindert in derselben fühlte. Als er zehn Jahre alt war, starb die Mutter, und sein Vater kehrte mit gebrochenem Herzen nach England zurück. Um das Maß ihrer verkehrten Erziehung voll zu machen, hatte die Mutter dem verzogenen Knaben eine erhebliche Summe zur selbständigen Verwendung testamentarisch sicher gestellt, und dieser, kaum in England warm geworden, hatte es nicht fehlen lassen, die ihm dadurch geschaffene Unabhängigkeit nach Kräften auszunützen. Der Vater hatte ihn, um ihn auf bessere Wege zu führen, in ein Seminar gebracht; dort hatte jedoch, während seine Fähigkeiten alle Lehrer befriedigten, seine Zügellosigkeit in kurzer Zeit soviel Unheil angerichtet, daß dem Anstaltsdirektor nichts anderes übrig blieb, als ihn zu relegieren. Der Vater, seit dem Tode seiner Frau ohnehin zu Trübsinn geneigt, nahm sich die schlimmen Erfahrungen mit seinem Sohne so zu Herzen, daß er sich entschloß, in den geistlichen Stand überzutreten. Sein Bruder William setzte ihn in den Genuß der Pfründe Willingham, was für ihn auch insofern noch von nicht unerheblicher Wichtigkeit war, als er selbst von dem Vermögen seiner Frau wenig geerbt und als jüngerer Sohn der Familie keinerlei Anrecht auf ein väterliches Erbe hatte. Er nahm den Sohn zu sich nach Willingham, sah jedoch bald ein, daß dessen Ausschweifungen bereits ein Zusammenleben mit ihm unmöglich machten, und so entschloß er sich, den Sohn ins Ausland zu schicken. Von dort kam derselbe aber nicht gebessert, sondern noch schlechter zurück, und bald war er nun Stammgast in allen Spielhöllen und Lasterhöhlen; kaum einundzwanzig Jahre alt, hatte er das von der Mutter ererbte Vermögen verpraßt und noch Schulden über Schulden obendrein gemacht .. »Schade um den jungen Herrn! wirklich recht schade!« sagte der ehrliche Bauer, »denn eine offne Hand hat er immer, und wenn er was hat, dann darf es keinem Armen fehlen; er ist auch ein gar gescheiter Kopf, der aus allen Verlegenheiten sich herauszuhelfen weiß; aber es kann eben auch zu nichts Gutem führen, wenn Kinder in ihrer Jugend zuviel freien Willen haben. Das Fohlen schlägt nun einmal gern über die Stränge.« In Stamford schied der redselige Führer von unserer Heldin, der er einen Platz in der Landkutsche besorgte; aber obgleich dieselbe den vielsagenden Namen Eilpost führte und sechsspännig fuhr, so verging doch der ganze und der nächste halbe Tag, bis Jeanie in London eintraf. In dem Gasthofe, wo die Postkutsche hielt, fand Jeanie freundliche Aufnahme, denn Reverend Staunton schien dort sehr angesehen zu sein, und die Wirtin half ihr auch, die Adresse ihrer Muhme, der Frau Glas, aufzufinden, bei der sie den herzlichsten Willkomm fand. Elftes Kapitel. Wenige Namen verdienen eine so rühmliche Erwähnung in der Geschichte des damaligen Schottland, wie der des Herzogs von Argyle, der die seltensten Fähigkeiten als Staatsmann und Krieger in sich vereinigte, dabei aber völlig frei von jenen Gebrechen, wie Falschheit und Heuchelei oder Großmannssucht, war, die so leicht den Charakter derjenigen Menschen verdunkeln, die das Geschick auf eine hohe Stufe der Gesellschaft stellt. Sein Heimatland befand sich zu der Zeit, da unsere Erzählung spielt, in einer sehr unsicheren Lage; seine Einverleibung in das englische Königreich war noch nicht vollständig vollzogen, und der Groll, den frühere Jahre mit ihren steten Kriegen und Händeln in die Herzen der beiden Völker geimpft hatten, war noch lange nicht verraucht; dazu kam der bittere Haß, der die Gemüter zerriß und die Rassen trennte, und nur auf den geringsten Anlaß zum Ausbruch lauerte. Unter solchen Umständen hätte manch anderer Mann im Besitze des Ansehens und der Fähigkeiten des Herzogs von Argyle, statt seinen Sinn zu mäßigen, wie er, den Wirbelsturm, der im Lande tobte, dazu zu benutzen versucht, selbst zur höchsten Macht in seinem Vaterlande zu gelangen. Er aber schlug eine Bahn ein, die, wenn auch weniger glanzvoll, doch sicherer und ehrenvoller war. Durch seine kriegerischen Gaben hatte er dem Hause Hannover bei der Empörung im Jahre 1715 wesentliche Dienste geleistet, und den Einfluß, den er dadurch gewonnen, verwandte er dazu, die schweren Folgen der jahrhundertelangen Kämpfe und Unruhen zu lindern. Darum gehörte ihm auch die Liebe und Achtung aller Schotten in hohem Grade. Diese Gunst eines unzufriedenen, kriegslustigen Volks im Verein mit der dem Herzog eignen freien und oft stolzen Weise war wenig geeignet, ihn am Hofe beliebt zu machen; er genoß wohl Achtung, wurde, wo man ihn brauchte, berufen, galt aber nicht als Günstling. Sein Verhalten bei der Porteous-Affäre, sein lebhafter Widerstand gegen alle gewaltsamen Maßregeln, durch die man Edinburg demütigen wollte, hatte ihm sogar den besonderen Unwillen der Königin Karoline zugezogen, während ihm alle Edinburger dafür, daß es seinen Bemühungen schließlich doch gelungen war, die Strafe auf eine Geldbuße zu beschränken, die die Stadt an die Witwe des gemordeten Hauptmanns entrichten mußte, sich tief zu Dank verpflichtet fühlten. Der Herzog saß allein in seinem Bücherzimmer, als ihm gemeldet wurde, daß ihn ein Landmädchen aus Schottland zu sprechen verlange. »Ein Landmädchen? Aus Schottland?« rief er; »was mag denn das dumme Ding hierher geführt haben? Sicher doch, weil man ihr den Liebsten genommen und zum Matrosen gepreßt hat, oder weil ihre Angehörigen Geld in Südsee-Papieren verloren haben, oder sonst eine wichtige Angelegenheit dieser Art. Da muß dann immer der Mac Callumore herhalten! Volksgunst hat nämlich auch Unannehmlichkeit im Gefolge! Aber laß sie nur heraufkommen, unsere kleine Landsmännin, Archibald. Sie länger noch warten zu lassen, wäre ja unhöflich.« Ein Mädchen, über die erste Jugend hinaus, von nicht großer Figur, mit einem Gesicht, zwar nicht schön und sonnenverbrannt, doch mit einem wohltuenden Ausdrucke sittsamer Bescheidenheit, gekleidet in echt schottische Tracht, mit dem großen Umschlagetuch, das ihr halb den Kopf bedeckte, halb über die Schultern zurückfiel, wurde in das glänzende Zimmer des Herzogs geführt. Eine Fülle von schönem Haar, einfach und anmutig geordnet, zierte ihr rundes, freundliches Gesicht, dem das wichtige Anliegen, das sie zu einem so hohen Herrn führte, und die tiefe Ehrfurcht vor demselben, fern jedoch von sklavischer Unterwürfigkeit oder blöder Schüchternheit, einen eigentümlichen Ausdruck von Hoheit verliehen. Sie blieb auf der Schwelle stehen, machte einen tiefen Knicks und legte, wie bittend, ohne aber eine Silbe zu sprechen, die Hände über der Brust zusammen. Der Herzog trat auf sie zu, und während sein edler Anstand, sein reiches, mit Orden geschmücktes Gewand, sein scharfer, von hoher Intelligenz kündender Blick die Verwunderung des schlichten Naturkindes erregten, fühlte er selbst sich nicht minder von dessen bescheidenem Wesen angezogen. »Du willst mit mir sprechen, Kind?« fragte, durch den Gebrauch des »Du« bemüht, ihre beiderseitige Landsmannschaft hervorzuheben, der Herzog; »oder vielleicht mit der Herzogin?« »Euer Gnaden, Mylord, – Eure Herrlichkeit wollte ich sagen,« verbesserte sie sich. »Und welches Anliegen führt Dich zu mir?« fragte er in demselben milden Tone wie zuvor. Jeanie sah sich nach dem Lakaien um, der noch im Zimmer stand. Der Herzog bemerkte den Blick. »Verlaß uns, Archibald, und warte im Vorzimmer,« sagte er, worauf der Diener ging. »Und nun setze Dich nieder, Kind, komm zu Atem, und dann sage mir, was Dein Herz bedrückt. Aus Deiner Kleidung sehe ich, daß Du geradeswegs aus unserm lieben alten Schottland kommst. – Bist Du mit Deinem Umschlagetuch durch die Straßen gegangen?« »Nein, Herr,« sagte Jeanie, »eine gute Freundin hat mich in einer der Mietskutschen hergefahren, wie sie hier Mode sind. – Eine brave, anständige Frau,« fügte sie hinzu, denn je länger sie ihre Stimme hier hörte, desto größer wurde ihr Mut solchem vornehmen Herrn gegenüber; »Eure Herrlichkeit kennen Sie, Frau Glas, die den Laden zum Dornbusch hält!« »Ach, die liebe Frau Glas!« rief der Herzog, »wenn ich meinen schottischen Schnupftabak bei ihr hole, schwatzen wir immer ein Weilchen. Aber, Mädchen, was führt Dich denn zu mir? Zeit, Ebbe und Flut warten, wie Du weißt, auf niemand.« »Eure Herrlichkeit, bitte um Verzeihung, Mylord – Euer Gnaden wollte ich sagen,« – denn Frau Glas hatte ihr eingeschärft, den Herzog ja nicht anders anzureden – Jeanie hatte aber bislang, außer mit dem Laird Dumbiedike, noch mit keinem vornehmen Herrn gesprochen, – und so war es nicht eben verwunderlich, daß sie die »Herrlichkeit« mit der »Gnaden« durcheinander brachte. Der Herzog bemerkte ihre Verlegenheit und sagte in der ihm eigenen leutseligen Weise: »Es tut nichts, Kind; sprich nur gerade zu, und tu Deiner schottischen Zunge keinerlei Zwang an.« »Ach, vielen Dank, Herr; ich bin die Schwester einer armen, unglücklichen Gefangenen, Herr, die Schwester von Effie Deans, die in Edinburg zum Tode verurteilt worden ist.« »Ah!« sagte der Herzog, »davon habe ich, dächte ich, schon gehört. Das Mädchen ist des Kindesmordes angeklagt und auf Grund eines Parlamentsbeschlusses verurteilt. Ja, ja, es wurde kürzlich bei Tische davon gesprochen.« »Und ich bin vom Norden heruntergekommen, Herr, um ihr Begnadigung auszuwirken.« »O, Du armes Ding, da hast Du eine lange mühsame Reise umsonst gemacht. – Deiner Schwester ist das Urteil gesprochen, und da gibt's keine Hilfe mehr.« »Aber es ist mir gesagt worden, es gäbe ein Gesetz, nach welchem sie, wenn der König es will, begnadigt werden könne.« »Gewiß gibt es ein solches Gesetz, allein nirgendswo geschrieben als in des Königs Brust. Das Verbrechen, das Deiner Schwester zur Last gelegt wird, ist in Schottland häufig vorgekommen, und so hält man ein warnendes Beispiel für nötig. Zudem ist wegen der jüngsten Unruhen in unserer Hauptstadt die Regierung gegen unser ganzes Volk sehr eingenommen, und glaubt blutige Strenge anwenden zu müssen. Welchen anderen Grund, mein armes Kind, als schwesterliche Liebe kannst Du ins Feld dagegen führen?« »Nein, außer Gott und Eurer Durchlaucht niemand,« sagte Jeanie beherzt. »Ach,« sprach der Herzog, »da möchte ich fast sagen, daß es kaum noch andere gäbe, deren Einfluß bei Königin und Staatsministern geringer wäre. Es gehört zu den Annehmlichkeiten unseres Standes, mein Kind, ich meine zu denen der Leute in meiner Lage, daß man ihnen eine Gewalt zuschreibt, die sie nicht besitzen. Aber ich will Dich nicht mit Hoffnungen täuschen, die Du auf meinen Einfluß zu setzen scheinst. Ich kann Deiner Schwester Schicksal nicht ändern. Sie ist zum Tode verurteilt und muß den Tod erleiden.« »Wir müssen alle sterben, Herr, das ist unser allgemeines Los, um der Sünde unserer Väter willen. Allein es soll keiner des anderen Tod beschleunigen, und das wissen Euer Gnaden besser als ich.« »Mein Kind,« sagte der Herzog mild, »wir Menschen sind alle geneigt, das Gesetz zu tadeln, unter dem wir gerade leiden. Du scheinst mir aber für Deinen Stand recht wohl erzogen, wirst also wissen, daß es göttliches und menschliches Gesetz ist, daß, wer einen Mitmenschen ums Leben gebracht hat, zur Strafe dafür vom Leben zum Tode gebracht wird,« »Aber, Herr, Effie, – meine arme Schwester, Herr, – hat nicht gemordet, und wenn sie keine Mörderin ist, und das Gesetz sie dennoch vom Leben zum Tode bringt, wer ist dann Mörder?« »Ich bin kein Jurist,« sagte der Herzog, »lasse aber gern gelten, daß dem Gesetzesparagraphen, unter dem Deine Schwester leidet, ein sehr strenger Charakter innewohnt.« »Aber Sie sind mit Gesetzgeber, Mylord, haben also Macht über das Gesetz.« »Nicht als einzelner,« sagte der Herzog, »sondern nur, als Mitglied des gesetzgebenden Körpers dieses Landes, eine Stimme zusammen mit vielen. Das kann Dir jedoch nicht helfen, Kind; auch ist zur Zeit, wie ja nicht unbekannt, in London und bei Hofe mein Einfluß auf den Landesherrn nicht gerade weither, und auch nur eine geringfügige Gunst von ihm zu fordern, möchte ich mir ohne ganz besonderen Anlaß nicht beikommen lassen. Was und wer hat Dich veranlaßt, mit solchem Anliegen grade mir zu nahen?« . »Sie selbst, Mylord.« »Ich selbst?« sagte er; – »ich könnte mich nicht, besinnen, Kind, Dich jemals zuvor gesehen zu haben.« »Nein, Mylord! Allein jedermann im Lande weiß, daß der Herzog von Argyle Schottlands Freund ist, für Recht und Gesetz kämpft, und für Recht und Gesetz eintritt. Drum suchen alle, die sich im Unrecht wähnen, Zuflucht bei Ihnen, Mylord, und wenn Sie es ablehnen, für das Leben einer unschuldigen Landsmännin sich zu verwenden, was dürfen wir dann erhoffen von Fremden und Ausländern? Uebrigens hat mich wohl noch ein weiterer Grund darauf gebracht, Euer Gnaden mit solchem Anliegen zu nahen.« »Und was für ein Grund ist das?« »Mein Vater hat oft davon gesprochen, daß Euer Gnaden Vorfahren in den Zeiten, da unser Vaterland unter schwerer Verfolgung litt, ihr Leben auf dem Hochgericht gelassen haben. So Ihr Großvater, Mylord, und auch Ihr Urgroßvater. Auch mein Vater hat schwer gelitten für die gute Sache, wie in Peter Walkers des Krämers Buche zu lesen steht, was Euer Gnaden, die in Schottland so gut bekannt sind, recht wohl wissen werden. Und einer von den wenigen, die Anteil an mir nehmen, hat mir gesagt, ich solle zu Euer Gnaden gehen, denn sein Großvater habe Euer Gnaden gnädigem Großvater einen erheblichen Dienst geleistet, wie aus den Papieren, die er mir mitgegeben, zu ersehen sei.« Bei diesen Worten überreichte sie dem Großherzog das kleine Schriftenbündel, das Reuben Butler ihr gegeben hatte. Der Herzog löste die Schnur davon und las nicht ohne Staunen auf dem Umschlag: Musterrolle der Mannschaften, die unter dem Hauptmann Salathiel Bangtext gedient haben: Obadiah Muggleton, sündiger Rottenführer; Gips, Getreuer im Glauben; Thwack, gewandt in allem, was recht ist; fürwahr, alles Namen aus Cromwells bibelfesten Rotten! Was aber soll mir das bedeuten, Kind?« »Das andre Papier, Mylord, ist das richtige,« sagte Jeanie, leicht beschämt über den Irrtum. »O, sicher, das ist die Handschrift meines unglücklichen Großvaters! Und was schreibt er? – Allen, die dem Hause Argyle Wohlwollen,« las jetzt der Herzog, »bezeuge dies, daß Benjamin Butler von den Monkschen Dragonern mit Gottes gnädiger Hülfe mich aus den Händen von vier englischen Reitern errettet hat, die nahe daran waren, mir das Lebenslicht auszublasen. Da ich jetzt nicht im stande bin, ihm meine Dankbarkeit zu beweisen, gebe ich ihm das Zeugnis hier in der Hoffnung, daß es ihm in diesen unruhigen Zeiten noch einmal nützlich sein möchte, und beschwöre meine Freunde, Pächter, Verwandte und alle, die mir wohlwollen und imstande sind, etwas für mich zu tun, besagtem Benjamin Butler und seinen Nachkommen und Angehörigen in allen vor Gott gerechten Dingen beizustehen, und ihm allen mit Recht und Gesetz vereinbarlichen Schutz zu gewähren, zur Vergeltung dessen, was er an mir getan. Urkunddessen setze ich meine Namensschrift als Zeugnis hierher. Lorne. »Dies ist freilich ein Zeugnis, dem ich mich beuge, Kind! – Benjamin Butler war wohl Dein Großvater? Um seine Tochter zu sein, scheinst Du doch zu jung, Kind!« »Es war kein Verwandter von mir, Mylord, sondern der Großvater eines jungen Mannes aus der Nachbarschaft, der es gut, recht gut mit mir meint, Mylord.« Sie machte einen sittsamen Knicks, als sie dies sagte. »O, ich merke, ich merke, eine Herzenssache! Benjamin Butler war der Großvater eines Mannes, mit dem Du versprochen bist?« »Versprochen war, Mylord,« sagte Jeanie mit schmerzlichem Seufzer; »aber der unglückliche Fall mit meiner Schwester –« »Was?« fiel der Herzog ihr hastig ins Wort, »er hat Dich doch deshalb nicht sitzen lassen? Das will ich nicht hoffen, um seinetwillen nicht hoffen!« »Nein, Mylord: Er wäre sicher der letzte, der den Freund in Not verließe. Aber an mir war es, auf sein und nicht bloß mein Bestes zu denken. Er ist Geistlicher, Mylord, und mich zu heiraten, nachdem solche Schmach über mich und die Meinigen gekommen, hatte sich für einen Mann seines Standes wohl kaum geschickt.« »Du scheinst mir ein wunderliches Mädchen,« sagte der Herzog: denn Du denkst, wie mir vorkommt, an alle andern eher als an Dich selbst. Und Du bist wirklich zu Fuß von Edinburg hierher gewandert, um es mit diesem hoffnungslosen Anliegen für Deine Schwester zu versuchen?« »Nicht ganz, Mylord, zuweilen habe ich einen Platz auf einem Frachtwagen gefunden, von Ferrybridge ab hatte ich ein Pferd, und von dort bin ich in der Landkutsche –« »Laß gut sein,« fiel ihr der Herzog ins Wort. »Welche Umstände bestimmen Dich, Deine Schwester für unschuldig zu halten?« »Daß sie der Schuld nicht überführt worden, wie aus diesen Schriftstücken hervorgeht.« Jeanie übergab dem Herzog die protokollierten Zeugen-Aussagen, nebst der von ihrer Schwester gemachten Aussage, die sich Butler gleich nach ihrer Abreise durch Saddletree verschafft und nach London an Frau Glas geschickt hatte, wo Jeanie sie bei ihrem Eintreffen vorfand. »Setze Dich solange, bis ich diese Schriftstücke durchgesehen, auf den Stuhl, mein Kind,« sagte der Herzog. Jeanie gehorchte, mit höchster Angst nach jedem Wechsel seiner Miene spähend, solange er die Papiere durchging; hie und da unterstrich er eine Stelle, las manche Stelle ein paarmal, dann blickte er auf, im Begriff, etwas zu sagen, änderte jedoch seinen Vorsatz, als befürchte er, seine Meinung allzurasch zu äußern, las ein paar Stellen noch einmal, und zwar, wie Jeanie sah, diejenigen, die er als besonders wichtig unterstrichen hatte. Nachdem er noch einige Minuten in tiefem Sinnen gesessen, erhob er sich und sagte: »Mein Kind, es ist wirklich ein hartes, recht hartes Urteil, das über Deine Schwester gefällt worden ist.« »Gott segne Sie, Mylord, für dieses Wort!« sagte Jeanie. »Es scheint dem Geiste britischen Gesetzes zuwider,« fuhr er fort, »als wahr anzunehmen, was nicht erwiesen ist, oder ein Verbrechen mit dem Tode zu strafen, das trotz allem, was vom Staatsanwalt vorgebracht worden, vielleicht doch nicht begangen worden ist.« »Gott segne Sie für solche Worte, Mylord,« rief Jeanie abermals; sie war aufgestanden, mit verschlungenen Händen, bebenden Lippen und nassen Augen, gierig nach jedem Worte aus dem Munde des Herzogs haschend. »Aber, aber mein gutes Mädchen,« fuhr er fort, »was hilft Dir meine Ansicht, wenn sie nicht von denjenigen geteilt wird, in deren Händen Deiner Schwester Leben liegt? Indem bin ich, wie schon gesagt, kein Jurist und muß deshalb erst mit einigen unserer schottischen Rechtsgelehrten über den Fall sprechen.« »O, Mylord, was Euer Gnaden recht und billig erscheint, wird es auch ihnen sein.« »Wer weiß! Jeder knüpft sich den Gurt nach seiner Art, wie unser schottisches Sprichwort sagt, das Du ja kennen wirst. Aber Du sollst mir nicht vergebens Zutrauen geschenkt haben. Laß mir diese Schriftstücke da, Du wirst morgen oder übermorgen von mir hören. Halte Dich bereit, auf der Stelle zu mir zu kommen, wenn ich schicke. Daß Frau Glas Dich begleite, ist unnütz. Aber es wäre mir lieb, hörst Du, wenn Du in der gleichen Tracht kämest wie heute.« »Ich hätte einen Hut aufgesetzt, Mylord,« sagte Jeanie, »aber Euer Gnaden wissen ja, daß ihn ledige Frauen in Schottland nicht tragen, und ich dachte,« sie sah nach dem Zipfel ihres Tuches, »soviele Meilen weit von der schottischen Heimat möchte der schottische Schleier vielleicht Euer Gnaden Herz erwärmen.« »Darin hast Du nicht geirrt, Kind,« erwiderte der Herzog; »ich kenne den vollen Wert des jungfräulichen Haarschmucks; und Mac Callumores Herz muß erst im Tode erkaltet sein, wenn es der Anblick des schottischen Schleiers nicht mehr erwärmt. – Geh nun, Kind, und sorge, daß man Dich zu Hause finde, wenn ich schicke.« »O gewiß, Mylord,« antwortete sie; »es drängt mich ganz und gar nicht, in der Wildnis schwarzer Mauern umherzulaufen. – Sollten aber Euer Gnaden so gütig sein, meinetwegen mit einem Vornehmern als Sie selbst zu sprechen, – es ist vielleicht ungezogen von mir, das zu sagen, – dann bitte ich Euer Gnaden zu bedenken, daß doch wahrlich kein so großer Abstand herrschen kann, wie zwischen der armen Jeanie Deans aus St. Leonard und dem Herzog von Argyle, – ich meine, daß Sie also sich nicht gleich durch die erste harte Abweisung abschrecken lassen sollten.« »Nun, Kind, mir viel aus harten Antworten zu machen, ist nicht gerade meine Gewohnheit,« sagte der Herzog lachend; »immerhin gib Dich nicht allzugroßen Hoffnungen hin! Ich will ja mein Bestes tun, aber die Herzen der Könige sind in Gottes Hand.« Jeanie knickste noch einmal, dann ging sie und wurde vom Diener des Herzogs zu der Mietskutsche zurückgeführt, so artig und höflich, daß man annehmen darf, daß weniger ihre demütige Erscheinung als die lange Unterredung, die sein Herr dem Mädchen gewährte, den Grund dazu abgegeben. Zwölftes Kapitel. Von ihrer leut-, aber recht redseligen Freundin, der Frau Glas, wurde Jeanie nach jenem Teil der Vorstadt zurückgeleitet, wo der Dornbusch mit seiner goldnen Umschrift: Nemo me impune über einem Laden prangte, der damals bei allen Schotten hohen und niedern Ranges in recht hohem Ansehen stand. »Du hast ihn doch auch immer Eure Herrlichkeit tituliert?« fragte die wackre Matrone; »denn ich habe Dir ja gesagt, daß er nicht zu den geringeren Lords im Lande gehört, denen ich nicht für ein paar Heller Rapé auf Borg geben möchte, – sondern zu unserm höchsten Reichsadel – was müßte er von Deinen Londoner Freunden, was von mir denken, wenn Du von mir zu ihm kommst und ihn bloß Herr und Euer Gnaden tituliert hättest, da er doch ein Herzog ist.« »Es kam mir aber vor, als ob er sich nicht sonderlich viel daraus gemacht hätte,« erwiderte Jeanie; »er hat eben gleich gesehen, daß ich vom Lande bin.« ^ »Nun, Seine Herrlichkeit kennt mich sehr gut,« sagte die Frau, »drum mache ich mir darum keine große Sorge. Er wird kein einzigmal aus dem Laden gehen, wenn ich ihm seine Dose gefüllt habe, ohne daß er zu mir spricht: »Nun, wie geht's denn, meine liebe Frau Glas? – Was machen denn die Eurigen im Norden?« – oder auch – »Habt Ihr wieder was gehört aus unserem lieben alten Schottland?« – Und dann mache ich meinen verbindlichsten Knicks und antwortete: »Gnädigster Herr Herzog, so Gott will, befinden sich Eure Herrlichkeit gnädigste Frau Herzogin und Euer Durchlaucht gnädiges Fräulein Tochter bei gutem Wohlsein: und ich will hoffen, daß Eure Herrlichkeit noch immer mit dem Tabak zufrieden sind.« Und dann solltest Du mal sehen, Kind, wie die Leute im Laden die Augen verdrehen; und wenn Leute von uns dabei sind, Schotten meine ich, dann fliegen die Hüte vom Kopfe, und dann geht die Rede von Mund zu Mund: »Da seht den Prinzen von Schottland, Gottes Segen über ihn!« – Aber, Kind, Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, wie er sich mit Dir unterhalten, und was er Dir alles gesagt hat.« Der Frau dies alles so ausführlich mitzuteilen, lag aber gar nicht in Jeanies Absicht, denn, wie der Leser wohl bemerkt hat, war sie durch und durch Schottin und nicht bloß schlicht wie eine solche, sondern auch klug und vorsichtig wie eine solche. Sie antwortete also nur, der Herzog habe sie recht freundlich angehört und ihr seinen Beistand und seine Hilfe zugesagt, so daß sie wohl in den nächsten Tagen von ihm hören werde. Davon, daß sie sich bereit halten sollte, augenblicklich zu ihm zu kommen, wenn er es ihr sagen lasse, erwähnte sie kein Wort, auch nicht davon, daß er gesagt hatte, ihre Wirtin sei zu dem Gange nicht nötig. Es blieb also der braven Frau Glas nichts weiter übrig, als sich mit diesem allgemeinen Bericht abzufinden, nachdem all ihre Mühe, mehr aus Jeanie herauszubringen, vergeblich geblieben war. Am folgenden Tage lehnte Jeanie jede Aufforderung ab, aus dem Hause zu gehen, und wartete in dem engen kleinen Wohnstübchen hinter dem muffigen Laden, ob Nachricht kommen werde. Der starke Dunst, der dort herrschte, kam aus einem Schrank, worin unter allerhand Habseligkeiten ein paar Körbchen echten Havanna-Tabaks ständen. Aus Respekt vor der teuren Ware, vielleicht auch aus Furcht vor den Zollbeamten, vermied es Frau Glas, den Tabak offen im Laden stehen zu lassen, und ihr Stübchen erhielt dadurch einen Geruch, der vielleicht den Nasen der Kenner angenehm, Jeanie Deans aber nichts weniger als recht und zuträglich war. Nicht wenig wunderte sich Frau Glas über die Gleichgültigkeit Jeanies den Sehenswürdigkeiten Londons gegenüber, »Es ist doch ein ganz angenehmer Zeitvertreib, wenn man sich was Neues ansehen kann,« sagte sie zu ihr, »und nichts andres vertreibt einem doch trübe Gedanken so schnell!« Aber auch in dieser Hinsicht blieb Jeanie auf ihrem nüchternen, ruhigen Standpunkte. Der erste Tag nach der Unterredung mit dem Herzog verstrich in banger Erwartung. Minuten auf Minuten, Stunden auf Stunden verrannen. Der Abend kam, und die Wahrscheinlichkeit, noch heut von dem Herzog zu hören, entschwand; aber die Hoffnung, daß derselbe sein Versprechen halten werde, wich nicht von ihr, und bei jedem Geräusch im Laden schreckte sie zusammen, und ihr Herz fing laut zu pochen an. Aber sie wartete vergeblich. Der nächste Morgen begann auf die nämliche Weise. Aber kurz vor der Mittagszeit erschien ein wohlgekleideter Mann in dem Laben, der sich nach einem Mädchen aus Schottland erkundigte. »Habt Ihr eine Botschaft von Sr. Herrlichkeit dem Herzog an sie, Herr Archibald?« fragte Frau Glas, »ich bestelle es ihr im Augenblick.« »Ihre Muhme wird selbst herunterkommen müssen, Frau Glas,« sagte der Mann. »Jeanie, – Jeanie Deans!« schrie Frau Glas laut genug, daß alle, die zufällig in der Nähe waren, die wichtige Botschaft hören mußten, die kleine Stiege hinauf, die vom Laden aus in den oberen Stock führte, »Jeanie, Jeanie, hörst Du nicht, komm geschwind herunter! Hier ist der Kammerdiener Seiner Herrlichkeit, der Dich auf der Stelle sprechen will.« Jeanie flog die Treppe hinunter – und doch war ihr zu Mute, als ob ihr die Füße alle Augenblicke den Dienst versagen wollten. »Ich muß Sie um die Freundlichkeit bitten, mitzufahren,« sagte Archibald höflich. »Auf der Stelle, Herr, ich bin bereit,« erwiderte Jeanie. »Meine Muhme soll mitfahren, Herr Archibald?« Aber ich kann sie doch nicht allein fahren lassen! He, Jakob Raspler!« wandte sie sich an ihr Faktotum, »gib auf den Laden acht!« »Herr Archibald,« wandte sie sich darauf eifrig an den Gast und schob ihm einen Steintopf hin, »Sie nehmen doch gern ein Prischen von herzoglicher Sorte – nicht? Füllen Sie sich doch Ihre Dose damit; wir sind ja alte Bekannte; ich will mich nur schnell ein bißchen in Ordnung bringen.« Der Kammerdiener griff bescheiden zu, erklärte aber, daß er auf das Vergnügen einer Begleitung durch Frau Glas zu seinem Bedauern verzichten müsse, denn sein Auftrag bezöge sich bloß auf das junge Mädchen, »Sie wollen bloß das Mädchen mitnehmen, Herr Archibald? Aber das möchte sich doch kaum schicken; freilich, Seine Herrlichkeit verstehen so etwas besser, und Sie sind auch ein verläßlicher Mann, Herr Archibald. Einem jeden würde ich ja meine Muhme nicht anvertrauen. – Aber, Jeanie, mit Deinem Schleiertuch über dem Kopfe kannst Du doch nicht durch die Straßen gehen? Es sieht ja aus, als wolltest Du eine Herde vor Dir her treiben? – So warte doch, bis ich Dir meinen seidenen Mantel geholt habe. Die Jungen rennen Dir ja in den Straßen nach!« »Ich bin ja in der Kutsche hergekommen,« fiel Herr Archibald der diensteifrigen Matrone ins Wort, der Jeanie allein kaum entronnen wäre, »und darf dem Mädchen nicht soviel Zeit lassen, sich umzuziehen.« Mit diesen Worten führte er Jeanie, die ihm von Herzen dankbar war für die rücksichtslose Art, wie er alle Fragen und Angebote der Frau Glas ablehnte, rasch vor die Tür. In der Kutsche setzte sich Herr Archibald auf die Rückseite, Jeanie gegenüber. Eine halbe Stunde fuhren sie nun, ohne ein Wort zu wechseln. Es kam Jeanie vor, als habe sie schon eine weitere Strecke durchfahren, als auf dem ersten Wege zum Palais des Herzogs, und endlich konnte sie doch dem Drange, ihren schweigsamen Gefährten zu fragen, wohin ihre Fahrt gehe, nicht mehr widerstehen. »Mein Herr, der Herr Herzog, wird es Ihnen selbst sagen,« antwortete Herr Archibald mit all der feierlichen Höflichkeit, die von seinem ganzen Benehmen untrennbar zu sein schien. Fast in demselben Augenblick hielt der Wagen, der Kutscher stieg ab und öffnete den Schlag. Archibald stieg aus und half Jeanie beim Aussteigen. Sie sah, daß sie sich außerhalb der Stadt an einer Straßenkreuzung befand, und daß auf der andern Seite ein elegantes, aber doch einfaches Gefährt mit vier Pferden bespannt, ohne Wappen am Schlage hielt, und daß die Diener, die es führten, keine Livree trugen. »Du bist pünktlich gewesen, Jeanie, sehe ich,« redete der Herzog sie an, als Archibald die Wagentür öffnete. »Den übrigen Teil des Weges leiste ich Dir Gesellschaft. Archibald wird mit der Kutsche hier warten, bis wir zurückkommen.« Ehe Jeanie Antwort geben konnte, saß sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung, neben dem Herzog in einer leicht und sanft entlang rollenden Equipage, die von dem rüttelnden, schleichenden Fuhrwerk, das sie eben verlassen hatte, merklich verschieden war. »Mein liebes Kind,« nahm der Herzog das Wort, »ich habe mich inzwischen mit der Angelegenheit Deiner Schwester befaßt und bin zu der Meinung gekommen, daß das Urteil zu unrecht über sie verhängt worden ist. Diese Meinung teilen juristisch gebildete Leute, englischer, sowohl als schottischer Nationalität, mit denen ich über den Fall gesprochen habe. – Nein, mein Kind! Keinen Dank: Sondern höre erst weiter. – Ich habe Dir ja schon gesagt, daß meine eigene Ueberzeugung, wenn sie nicht andere teilen, von geringem Belang ist; deshalb habe ich für Dich Schritte getan, die ich, um etwas für mich selbst zu erlangen, gewiß nicht getan hätte, – nämlich um Audienz bei einer Dame nachgesucht, die auf den König einen bedeutenden Einfluß hat. Die Audienz ist mir bewilligt worden; ich wünsche jetzt nur, daß Du Deine Sache selbst führest – zu ängstigen brauchst Du Dich nicht, erzähle nur Deine Angelegenheit ganz ebenso einfach, wie Du sie mir erzählt hast.« »Ich bin Euer Herrlichkeit,« sagte Jeanie, die Weisung ihrer Muhme eingedenk, »von tiefstem Herzen dankbar, und wenn ich den Mut fand, über die arme Effie mit Eurer Herrlichkeit zu sprechen, so werde ich auch wohl den Mut finden, mit einer Frau darüber zu reden. Aber, Mylord, ich möchte doch wissen, wie ich sie titulieren soll, Ihre Durchlaucht oder Ihre Gnaden oder wie sonst, und ich will mir gewiß alle Mühe geben, es nicht zu vergessen; weiß ich doch, daß Frauen weit mehr auf Titel halten als Männer.« »Du brauchst nur gnädige Frau zu sagen. Rede nur das, was Deiner Meinung nach den besten Eindruck machen wird. – Richte von Zeit zu Zeit den Blick auf mich, und wenn ich die Hand so an meine Krawatte lege,« – er griff mit der Hand hin, »dann halte inne; denn ich tue es nur, wenn Du etwas sagst, das Mißfallen wecken könnte.« »Indessen, Mylord, wenn ich Ihnen nicht allzu lästig werden sollte, möchte es nicht besser sein, Sie sagten, was ich sprechen soll, und ich lernte es auswendig?« »Nein, Jeanie, das würde kaum von günstiger Wirkung sein; denn es möchte sich anhören wie eine abgelesene Predigt, von der wir Presbyterianer, wie Du ja weißt, nicht viel halten. Wir halten es mit dem freien Worte, und wollen es auch in Deinem Falle damit halten. Sage nur der gnädigen Frau alles ganz ebenso, wie Du es vorgestern mir sagtest; und gelingt es Dir, sie für Dich zu gewinnen, so stehe ich dafür ein, daß der König Dir Begnadigung für die Schwester gewährt.« Bei diesen Worten langte er ein gedrucktes Blatt aus der Tasche und fing an zu lesen. Jeanie nahm dies mit dem ihr innewohnenden feinen Gefühl als einen Wink, daß der Herzog nicht weiter gefragt sein wolle, und verhielt sich still. Schnell rollte der Wagen über üppige Wiesen, mit prächtigen alten Eichen geziert. Hier und da ward der glänzende Spiegel eines breiten, ruhigen Stromes sichtbar. Nachdem sie durch ein anmutiges Dorf gekommen, hielt der Wagen auf einer Anhöhe still. Hier stieg der Herzog aus und forderte Jeanie auf, ihm zu folgen. Eine Weile betrachteten sie von der Spitze des Hügels aus die Landschaft, die sich in wunderbarer Schönheit vor ihren Augen ausbreitete, mit dem Meere von grünen Wiesen, die von dichten Streifen Gebüschs durchschnitten wurden, von zahlreichen Herden bevölkert waren, und über die hinweg die Themse mit ihren von Buschicht bestandenen, von Landhäusern eingefaßten Ufern, einer herrlichen Königin gleich, ihr silbernes Band zog, Hunderte von Barken und Booten an ihrem Busen tragend, deren weiße Segel und lustig wehende Wimpel dem schönen Bilde frohes Leben verliehen. Dem Herzog von Argyle war dieser Anblick nichts Neues; einem Manne von Geist und Herz konnte er aber nie alt werden. Mit innigem Wohlgefallen weilte sein Blick auf der herrlichen Szenerie, und sein Sinn wanderte zurück zu den reichen Gütern, die er im Hochlande besaß, wo die Natur sich zu weit größerer Schönheit entfaltet. »Ein wundervoller Anblick!« rief er aus, vielleicht nicht ohne Neugier, wie seine Begleiterin sich darüber äußern werde, »was könnte ihm wohl in Schottland an üppiger Fruchtbarkeit an die Seite gestellt werden!« »Für Kühe,« antwortete Jeanie, »ist's eine herrliche Weide, und es lebt ja auch herrliches Zuchtvieh hier, aber ich muß doch sagen, daß ich ebenso gern die Felsen rings um Arturs Sitz sehe, mit der weiten See dahinter, wie hier die vielen grünen Bäume.« Lächelnd über diese dem Denkbereiche eines Naturkindes so ganz entsprechende Antwort, winkte der Herzog seinem Kutscher zu halten und führte nun seine junge Begleiterin auf einem wenig betretenen Pfade durch zahlreiche Irrgänge vor einen hohen, aus Steinen errichteten Wall, in dessen Mitte sich eine vergitterte kleine Pforte befand. Sie war verschlossen, wurde, als der Herzog pochte, geöffnet und hinter ihnen gleich wieder geschlossen; aber wer ihnen die Pforte öffnete, hatte Jeanie nicht sehen können, denn die Person war auf der Stelle wieder verschwunden, und alles war mit merkwürdiger Schnelligkeit verrichtet worden. Vor ihnen zog sich ein langer, schmaler Gang zwischen Baumreihen entlang, der aber mit dichtem Rasen bedeckt war, so daß sie wie auf einem Teppich wandelten; über ihnen schlossen sich die Wipfel hoher Ulmen zu einem schattigen Dache, und das Halbdunkel, das sie hier umgab, die Säulenreihe der kräftigen Stämme und die grüne Wölbung hoch über ihnen weckten den Eindruck eines jener engen und lauschigen Bogengänge, wie wir sie in den alten, gotischen Kirchen finden. Dreizehntes Kapitel. Jeanie war es doch beklommen ums Herz, als sie sich an diesem ihr so ganz unbekannten Orte so ganz allein sah mit einem Herrn von so hohem Range. Es hatte alles einen gar so wunderbar geheimnisvollen Anstrich, Wo befand sie sich eigentlich, und vor wen sollte sie jetzt treten? Es entging ihr nicht, daß der Herzog einfachere Kleidung trug, als sie ihn das erste Mal gesehen, und daß er keinerlei Ehrenzeichen angelegt hatte. Der Gedanke, daß sie vielleicht ihr Gesuch selbst an königlicher Stelle vortragen solle, war ihr schon einmal gekommen, und was sie jetzt sah, schien die Möglichkeit nicht auszuschließen. »Aber,« dachte sie bei sich, »wenn der Herzog sich vor seinem Könige zeigen wollte, so hätte, er doch sicher seinen glänzenden Ordensstern angesteckt. Und so, wie in einem königlichen Palast, sieht es hier doch auch nicht aus!« Jeanies Folgerungen waren so ungereimt nicht; aber sie wußte doch von den Sitten bei Hofe zu wenig, und noch weniger, daß es der Herzog liebte, sich in einen gewissen Gegensatz dazu zu setzen. Auch davon konnte sie ja nichts wissen, daß der Herzog bei dem königlichen Hofe seit einiger Zeit nicht mehr in Gunst stand. Die Königin Karoline hatte es sich jedoch nach und nach zum Grundsatze gemacht, ihre Anhänger äußerst vorsichtig zu behandeln, aus Furcht, sie könnten sich dereinst als Feinde entpuppen, und ihre dermaligen Gegner mit solcher Feinheit, als sei es nicht ausgeschlossen, daß sie sich ihrer Partei anschlössen. In Regierungsangelegenheiten war ihr Gewicht sehr bedeutend, denn der König, mehr Soldat als Staatsmann, ließ sich ganz von seiner klugen Gemahlin leiten, so sehr er sich auch der Öffentlichkeit gegenüber in das Licht zu setzen suchte, als handelte er nur nach eignem Willen, Die Königin besaß bei aller Liebenswürdigkeit einer nach den damaligen Begriffen vollkommenen Dame einen starken, männlichen Geist und einen scharf ausgeprägten Stolz; es war ihr nicht möglich, Ausdrücke ihres Unwillens zurückzuhalten, aber, wenn nachher die Klugheit über ihre Leidenschaft siegte, war sie ebenso schnell bereit, jede Uebereilung zurückzunehmen und wieder gut zu machen. Sie liebte den tatsächlichen Besitz der Macht mehr als den Schein einer solchen, und bei allem, was sie unternahm und vollführte, war sie stets besorgt, daß der König den Ruhm und Vorteil davon erntete, denn sie wußte recht gut, daß sie sich die eigene Würde erhielt, wenn sie die seinige hob. Ein hervorstechender Zug ihres Charakters war es, einen geheimen Briefwechsel mit denjenigen zu unterhalten, denen sie vor der Oeffentlichkeit scheinbar ihre Gunst entzog oder die aus irgend einer Ursache nicht auf gutem Fuße mit dem Hofe standen. Hierdurch hielt sie den Faden manches politischen Gewebes in ihrer Hand, und, und ohne selbst in irgend einer Sache tätig einzugreifen, konnte sie auf diese Weise oft verhüten, daß Unzufriedenheit in Haß, Widerstand in Empörung ausartete. Drohte solchem Briefwechsel irgend welche Gefahr, so wurde er als bloße gesellschaftliche Verpflichtung hingestellt, die mit Politik nicht das geringste zu schaffen hatte. Von diesem Standpunkte aus wird man es recht wohl begreiflich finden, daß sie, trotzdem dem Herzoge von Argyle wohl niemals ihre Gunst gehörte, doch niemals völlig mit ihm brechen mochte, sicherten ihm doch seine hohe Geburt, seine hervorragenden Talente, die Ehrfurcht, die er in seinem Vaterlande genoß, wie nicht zu allerletzt die bedeutenden Dienste, die er dem Hause Braunschweig im Jahre 1715 geleistet, eine gewisse Ausnahmestellung, die es nicht rätlich erscheinen ließ, ihn ganz beiseite zu lassen. Gleichwie er durch ein bloßes Wort vermocht hatte, den Aufruhr der hochländischen Häuptlinge zu unterdrücken, so litt es keinen Zweifel, daß er sie ebenso durch ein bloßes Wort zu alarmieren im stande sei. Nicht minder war es recht gut bekannt, daß ihm vom Hofe zu Saint-Germain wiederholt die schmeichelhaftesten Angebote gemacht worden waren; für den Charakter der Schottländer herrschte bei Hofe wie in ganz England, nur geringes Verständnis, aber die Königin hielt den Herzog von Argyle für einen Vulkan, der wohl eine Zeitlang ruht, aber wenn man es am wenigsten vermutet, wieder in Tätigkeit tritt und dann die wildeste Zerstörung anrichtet. Auf solchen Mann Einfluß zu behalten, erschien der Königin nicht bloß aus politischem, sondern aus allgemein menschlichem Interesse für notwendig, und sie bediente sich hierzu der Vermittlung einer Dame, mit der sie, als Gemahlin Georgs des Zweiten, eigentlich geringe Ursache gehabt hätte, Beziehungen zu pflegen. Es war ein Zug besonderer Charakterstärke, daß sie sich mit Lady Suffolk, der Maitresse ihres Gemahls, nicht entzweite, sondern ihr vielmehr in ihrem Hofstaate einen der ersten Plätze einräumte und sich auf diese Weise eine demütige, allezeit dienstbereite Vertraute schuf, die ihr niemals, wie eine gehaßte Nebenbuhlerin, wirklich gefährlich werden konnte. Obendrein blieb ihr die Gelegenheit in vollem Maße, ihrer »kleinen Howard,« wie sie sie nannte, mancherlei kleinliche Kränkungen zuzufügen, wenn sie einmal das Verlangen verspürte, sich an ihr zu rächen; anderseits war zwischen ihr und ihrem Gemahl schon manche Differenz durch diese Maitresse geschlichtet worden, und so war es gekommen, daß ihr bei Hofe, nicht bloß vom Könige, mit großem Wohlwollen begegnet wurde. Erachtete es die Königin für klug, mit dem Herzoge von Argyle nicht völlig zu brechen, so meinte dieser, es unter der Hand mit Lady Suffolk halten zu sollen, eben ihres Einflusses auf den König und die Königin halber; aber hin und wieder waren die Beziehungen zwischen diesen beiden »Hofgängern«, wenn auch nicht gelöst, so doch gespannt geworden, wie zuletzt wieder durch den Porteous-Krawall, von dessen Verteidigung die Lady, im Gegensatze zu dem Herzoge, nicht das geringste hören mochte. Sie wußte, daß sie hierin auf den Beifall der Königin durchaus rechnen durfte, denn diese erblickte in dem Krawall weniger einen Wutausbruch des Edinburger Pöbels als eine schmähliche Widersetzlichkeit allgemeiner Natur wider die von ihr speziell befürworteten Maßnahmen. Um das Folgende verständlicher zu machen, erschien es dem Verfasser für angezeigt, diese kurze Erörterung der am Hofe Georgs des Zweiten herrschenden Strömungen und wirksamen Personen hier einzuflechten. Der Herzog lenkte aus dem schmalen Buchenwege in einen ähnlichen ein, der jedoch breiter und länger war, und hier sah Jeanie zum ersten Male, seit sie den Garten betreten, menschliche Wesen. Es waren zwei Damen, von denen die eine ein paar Schritte hinter der andern einherschritt, doch nicht in so großem Abstande, daß Aeußerungen, die von der vorderen getan wurden, von der hinteren etwa nicht hätten gehört werden können. Während die Damen langsamen Schrittes näher kamen, fand Jeanie Muße, ihre Gesichtszüge zu studieren. Die vordere Dame war entschieden diejenige, der der Vorrang gebührte; sie hatte auffallend freundliche, oder vielmehr huldvolle Züge; doch zeigte ihr Gesicht leichte Pockennarben, die die allgemeine Schönheit desselben beeinträchtigen. Aber ihre Augen hatten einen so faszinierenden Blick, daß man leicht über diese Narben hinweg sah. Sie neigte wohl ein wenig zur Fülle, hatte aber dadurch den Liebreiz der Formen noch nicht verloren; und ihre Art, fest und sicher aufzutreten, ließ nicht aufkommen, daß sie zuweilen an einer jede Fußbewegung hemmenden Krankheit litt. Ihre Kleidung war mehr reich als jugendlich, und ihre Haltung ermangelte bei aller edlen Art nicht eines befehlshaberischen Zuges. Ihre Begleiterin war kleiner, hatte hellbraunes Haar und blaue Augen; ohne schön im eigentlichen Sinne zu sein, ermangelten ihre Züge, wenngleich eine gewisse Schwermut über ihnen lag, – bei dem Lose, das sie getroffen, begreiflich – nicht einer gewissen Anmut. Als sie etwa fünfzehn Schritte von den Damen entfernt waren, winkte der Herzog, Jeanie stehen zu bleiben, trat aber selbst näher und machte mit der ihm eigenen Anmut eine tiefe Verbeugung. Die Königin dankte mit feierlicher Würde. »Hoffentlich,« sagte sie mit huldvollem Lächeln, »fühlt sich der Herzog von Argyle, der sich zu unserem Bedauern jetzt so selten bei Hofe macht, recht wohl, den Wünschen gemäß, die seine Freunde diesseits und jenseits des Tweed für ihn fühlen?« Der Herzog erwiderte, er habe sich recht wohl befunden und sei nur durch wichtige Geschäfte und eine Reise nach Schottland abgehalten worden, bei Hofe zu erscheinen. Wenn Seine Herrlichkeit Zeit zu so geringfügigen Dingen fände, versetzte die Königin, würde sie stets willkommen sein; ihre Bereitwilligkeit, ihm den gestern gegen Lady Suffolk geäußerten Wunsch zu erfüllen, müsse ihm ja zeigen, daß mindestens ein Mitglied des königlichen Hauses seine früheren wichtigen Dienste um der jetzigen Vernachlässigung halber nicht vergessen habe. Die Königin sprach dies alles in einem Tone, der sich schelmisch anhörte, aber ziemlich deutlich verriet, daß sie eine völlige Aussöhnung erstrebte. Der Herzog antwortete, er würde sich für den unglücklichsten der Menschen halten, wenn die Königin ihn irgend welcher Pflichtvergessenheit für fähig halten könnte; zumal dann, wenn bei Hofe auf ihn irgendwie gerechnet würde. Er fühle sich durch die Huld seiner Königin unendlich beglückt und hoffe, ihr recht bald beweisen zu können, daß er sie durch Lady Suffolk um diese Gunst nur gebeten habe, weil er überzeugt sei, daß ihre Gewährung für Seine Majestät selbst von Belang sein werde. »Sie können sich Ihrer Königin gar nicht dienstwilliger zeigen, lieber Herr Herzog,« versetzte Karoline, »als wenn Sie mir Ihre Einsicht und Erfahrung in allen den Dienst beim Könige betreffenden Punkten zu nutze kommen lassen. Ihre Herrlichkeit wissen ja recht gut, daß ich in dem fraglichen Falle nur Vermittlerin sein kann Seiner königlichen Majestät gegenüber; nichtsdestoweniger will ich gern Sorge tragen, daß, wenn das Anliegen Eure Herrlichkeit persönlich angeht, es an Wirksamkeit durch meine Befürwortung nicht einbüßen soll.« »Es betrifft meine Person nicht, gnädigste Fürstin,« versetzte der Herzog, »sondern eine Angelegenheit, die Ihrer Majestät, als einem Freunde von Gnade und Gerechtigkeit, willkommen sein wird insofern, als sie beitragen wird, die leidigen Mißverständnisse, die zurzeit zwischen dem Hofe und seinen getreuen schottischen Untertanen herrschen, aus der Welt zu schaffen.« In dieser Antwort des Herzogs berührte zweierlei die Ohren der Königin nicht angenehm: zuerst wurde durch dieselbe der Wahn zerstört, der Herzog suche in der Absicht ihre persönliche Vermittlung, um seinen Frieden mit der Regierung zu machen; in zweiter Reihe war sie ärgerlich, daß der Herzog von den Schotten in dem Sinne sprach, daß es Pflicht sei für England, sie versöhnlich zu stimmen, statt sie zu bestrafen. Von diesem Eindrucke beherrscht, versetzte sie heftig: »Seine Majestät verdankt es Gott und dem Gesetze, daß er gutgesinnte Untertanen in England hat; seine Untertanen in Schottland hingegen verdankt er, meinem Dafürhalten nach, Gott und seinem Schwerte.« Aber sie sah den Irrtum, den sie damit begangen, sogleich ein, als sie die Röte bemerkte, die das Gesicht des Herzogs färbte, und die dieser, trotz aller hofmännischen Gewandtheit, nicht zu verbergen vermochte; sie setzte darum, ohne die geringste Wandlung im Wesen oder im Klang ihrer Stimme zu zeigen, ganz, wie wenn ihre Bemerkung noch nicht zu Ende sei, hinzu: »Und den Schwertern solcher tapferen und ehrlichen Schotten, die dem Hause Braunschweig freundliche Gesinnung entgegenbringen, und zu ihnen gehört ja in erster Reihe unser getreuer Herzog von Argyle.« »Mein Schwert, gnädigste Fürstin,« antwortete dieser, »ist, wie das meiner Väter und Vorväter, immer auf Befehl meines rechtmäßigen Königs und im Interesse meines Vaterlandes gezogen worden. Daß es nicht möglich sei, die wahren Interessen und Gerechtsame beider zu trennen, ist meine feste Ueberzeugung, Die Angelegenheit aber, in welcher ich im gegenwärtigen Augenblick Ihre Majestät behellige, ist mehr privaten Charakters und betrifft nur eine einzelne, nicht weiter bekannte Persönlichkeit.« »So bringen Sie die Sache endlich zum Vortrag, Herr Herzog!« rief die Königin; »wovon ist die Rede? Ich möchte nicht, daß sich am Ende noch Mißverhältnisse zwischen uns drängten.« »Allergnädigste Königin,« erklärte der Herzog, »ich habe mich zum Anwalt eines unglücklichen jungen Mädchens aus Schottland gemacht, das wegen eines Verbrechens, an dem sie aller Wahrscheinlichkeit keine Schuld trifft, den Tod erleiden soll, und nahe mich Ihrer königlichen Majestät mit der untertänigen Bitte, Gnade für das arme Geschöpf bei Seiner königlichen Majestät auszuwirken.« Jetzt war es an der Königin, die Farbe zu wechseln; ihre Stirn, ihre Wangen, ihr Nacken und Busen wurden mit tiefer Glut überzogen. Im ersten Moment schien sie ihrer Stimme nicht recht zu trauen; darum schwieg sie, wie um sich nicht vom Zorne hinreißen zu lassen; dann aber versetzte sie mit Hoheit und Strenge: »Mylord! Es sei ferne von mir, Sie nach den Gründen zu befragen, die Sie zu solchem Ansuchen bestimmen, das die Umstände zu einem wirklich äußerst ungewöhnlichen stempeln. Der Weg zum Kabinett des Königs steht Ihrer Herrlichkeit frei; Sie können als Pair und Geheimer Rat eine Audienz von Seiner Majestät begehren, mir also diese Mühe wie die ganze Erörterung des Falles ersparen. Sie dürfen mir glauben, daß ich von jeglicher Begnadigung, soweit sie Leute aus Schottland angeht, endgültig Abstand nehmen will, denn die letzten Vorkommnisse haben mich schmerzlich berührt.« Der Herzog, auf diesen Ausbruch des Unwillens gefaßt, ließ sich dadurch nicht abschrecken, machte zwar keinen Versuch zu einer Gegenrede, blieb aber in der festen, ehrerbietigen Stellung, die er die ganze Zeit über bewahrt hatte. Um ihm keinen Vorteil über sich zu geben, bezwang die Königin ihren Zorn; und in demselben milden Tone, mit dem sie die Unterredung begonnen, fügte sie hinzu: »Sie müssen mir schon gewisse Vorrechte meines Geschlechtes lassen, Mylord, und nicht zu hart von mir denken, wenn mich die Erinnerung an den Schimpf, den Schottlands Hauptstadt unserer königlichen Gewalt angetan, ein wenig unwillig macht.« »Es ist freilich eine Sache, die sich nicht so leicht vergessen läßt,« erwiderte der Herzog. »Wie ich selbst hierüber denke, ist Ihrer Majestät längst unterbreitet worden, und ich muß mich recht undeutlich ausgedrückt haben, wenn aus meinen Worten nicht der höchste Abscheu vor diesem seltsamen Morde hervorging. Ich war vielleicht so unglücklich, anderer Meinung zu sein als die Ratgeber Seiner Majestät, darüber: inwieweit Gerechtigkeit oder Staatsklugheit es gestatte, den Unschuldigen für den Schuldigen zu strafen. Doch Ihre Majestät werden mir hoffentlich erlauben, da zu schweigen, wo meine Ansichten nicht den Vorzug genießen, mit den Meinungen derer, die weitsehender sind als ich, übereinzustimmen.« »Wir wollen ein Thema nicht verfolgen, über das unsere Meinungen auseinandergehen müssen,« versetzte die Königin; »ein Wort kann ich jedoch im Vertrauen sagen,« fügte sie etwas leiser hinzu: – »Sie wissen, unsere gute Suffolk ist ein wenig taub, – wenn der Herzog von Argyle die Beziehungen zu seinem König und seiner Königin erneuern will, so wird er Wohl nicht viele Themata finden, über die ihre Meinungen auseinandergehen.« Der Herzog verneigte sich tief ob dieser schmeichelhaften Aeußerung: »Lassen Sie mir die Hoffnung, allergnädigste Frau,« sagte er, »daß mich nicht das Unglück getroffen, jetzt ein solches Thema gefunden zu haben.« »Ich muß Euer Herrlichkeit erst, bevor ich Ablaß gewähre, die Pflicht, zu beichten, auferlegen. Woher rührt der besondere Anteil, den Sie an diesem Mädchen nehmen? Es scheint nicht,« – (und sie musterte Jeanie mit dem forschenden Auge der Kennerin.) – »als sei sie sonderlich geeignet, im Herzen meiner Freundin, der Herzogin, Eifersucht zu wecken.« »Ihre Majestät,« erwiderte der Herzog, gleichfalls lächelnd, »werden hier hoffentlich meinen Geschmack für mich als Bürgen gelten lassen.« »Dann ist sie wohl,« rief die Königin, »eine Muhme im dreißigsten Gliede aus den endlosen schottischen Geschlechtsregistern?« »Nein, allergnädigste Frau,« sagte der Herzog, »doch würde es manchem meiner näheren Verwandten nichts schaden, wenn er die Hälfte ihres Wertes, ihrer Redlichkeit und Liebe besäße.« »So ist sie wohl aus Inverary oder Argyleshire hierher gekommen?« »Sie ist in nördlicher Richtung nie weiter gekommen, als bis Edinburg, meine allergnädigste Königin.« »Nun, so bin ich mit meinen Vermutungen zu Ende, und Eure Herrlichkeit müssen sich schon mit der Sache ihrer Beschützerin selbst befassen.« In jener kurzen, klaren und bestimmten Weise, die nur das gesellschaftliche Leben der höheren Stände verleiht, setzte nun der Herzog jenes seltsame Gesetz auseinander, auf Grund dessen Effie Deans verurteilt worden war, und entwickelte ein ergreifendes Bild von Jeanies Schwesterliebe, die zu jedem Opfer willig sei, sofern es nicht Wahrheit und Gewissen verletze. Königin Karoline hörte seinen Worten aufmerksam zu; sie liebte es, zu diskutieren, und hatte bald in der Darstellung des Herzogs den Punkt herausgefunden, den sie mit Aussicht auf Erfolg gegen das von ihm vorgebrachte Gesuch geltend machen konnte, »Dies Gesetz erscheint auch mir übermäßig streng, Mylord,« sagte sie. »Doch muß ich bemerken, daß sehr triftige Gründe Veranlassung gegeben haben, es als Landesgesetz zu erlassen. Das Mädchen ist auf Grund desselben verurteilt worden, – weil die Voraussetzungen für den tatsächlichen Schuldbeweis in ihrem Falle sämtlich zutreffen. Was Sie, Mylord, geltend machen, um den Beweis ihrer Unschuld zu erbringen, reicht vielleicht hin, das Gesetz aufzuheben, kann aber nicht, solange das Gesetz besteht, zu gunsten von bereits Verurteilten in Anwendung gebracht werden.« Der Herzog merkte die Gefahr; er durfte durch Fortsetzung dieser Erörterung die Königin nicht auf den Standpunkt drängen, der sie schließlich, um sich nicht in das Licht der Inkonsequenz zu setzen, zur Preisgabe der Verurteilten nötigte. »Wenn Ihre Majestät,« sagte er, »die Gnade haben wollten, meine arme Landsmännin selbst zu hören, so fände sie vielleicht in Dero eignem Herzen einen Fürsprech, der die Einwände Ihres Verstandes wirksamer zu bekämpfen vermöchte als ich.« Es hatte den Anschein, als ob die Königin sich damit einverstanden erklärte; worauf der Herzog Jeanie winkte, von dem Platze vorzutreten, wo sie bis jetzt in Aengsten gestanden, bemüht, auf Gesichtern zu lesen, die sich doch durch lange Gewöhnung viel zu scharf in der Gewalt hatten, um sich auch nur die leiseste innere Bewegung anmerken zu lassen. Die Herrscherin lächelte über die respektvolle Scheu, mit der das stille, kleine Schottenmädchen sich näherte, lächelte mehr noch, als der erste Laut ihrer nordischen Mundart über Jeanies Lippen kam. Jeanies Stimme hatte einen weichen süßen Klang, und ihre Bitte, »die allergnädigste Frau wolle ihr Herz doch zum Mitleid wenden gegen ein unglückliches, irre geführtes Mädchen,« wurde so ergreifend vorgebracht, daß das Fremde, Ungewohnte, das zuerst auf die Königin einen unangenehmen, wunderlichen Eindruck machte, bald mit tiefem Ernst auf sie wirkte. »Steh auf,« sprach sie, nicht ohne Huld, »und erkläre mir die rohen Sitten Deines Volkes, bei welchem Kindesmord ein so häufiges Vorkommnis ist, daß die Regierung sich zum Erlaß so strenger Gesetze genötigt sieht?« »Mit Verlaub, gnädige Frau« gab Jeanie zur Antwort, »auch in andern Ländern als Schottland leben wohl Mütter, die hart sind gegen ihr eigen Fleisch und Blut.« Für den Zwist zwischen dem König Georg und seinem Sohne, dem Thronfolger, der um diese Zeit gerade den Höhepunkt erreichte, wurde im ganzen Lande die Königin verantwortlich gemacht. Tiefe Röte stieg, als sie die Worte aus dem Munde des Landmädchens vernahm, auf ihr Gesicht, und ein scharfer Blick aus ihren Augen traf zuerst Jeanie, dann den Herzog. Er wie sie hielten ihn ruhig aus; Jeanie, weil sie sich einer irgendwie verletzenden Rede nicht bewußt war, der Herzog, weil er seine Empfindungen scharf im Zügel zu halten gewohnt war. In seinem Herzen aber dachte er: »Durch diese unglückselige Antwort hat sich mein armer Schützling, ohne es zu ahnen, um die letzte Hoffnung gebracht!« In diesem entscheidenden Augenblicke aber trat, von einer guten Regung geleitet, Lady Suffolk ein... »Du solltest der gnädigen Frau doch die Ursachen sagen, Kind,« redete sie Jeanie an, »die dieses schwere Verbrechen in Deinem Volke so häufig machen.« »Manche sagen, es käme vom Kirchensitzen, sie meinen damit den – den Sündenschemel, mit Euer Gnaden Verlaub,« sagte Jeanie, die Augen zu Boden schlagend, und die Stimme senkend, mit tiefem Knickse. »Was sagst Du da,« fragte Lady Suffolk, die diesen kirchlichen Brauch vielleicht nicht kannte, und die Antwort des Mädchens vielleicht nicht richtig verstanden hatte. »Wir nennen's auch Büßerstuhl, gnädige Frau, worin diejenigen in der Kirche sitzen müssen, die sich einen leichtfertigen Wandel zuschulden kommen lassen oder das sechste Gebot nicht achten.« Sie wandte hier die Augen auf den Herzog und sah ihn mit der Hand nach dem Kinn greifen; ohne zu wissen, was sie Unrechtes vorgebracht, erhöhte sie nun die Wirkung ihrer Worte dadurch, daß sie plötzlich stockte. Gleich einem Hilfskorps, das sich zwischen den Feind und den geschlagenen Freund geworfen, und unvermutet von dem letztern selbst unter Feuer genommen wird, retirierte die Lady. »In dem Mädchen steckt wahrhaftig der Teufel,« dachte der Herzog, »sie gibt die tödlichen Salven schier nach beiden Seiten!« Auf den Herzog fiel kein geringer Anteil an der schiefen Lage, in die beide Damen durch das Mädchen vom Lande gesetzt worden, das von dem, was es angerichtet, keine Ahnung hatte; denn er hatte sie doch hierher geführt; er mochte sich ungefähr vorkommen wie jener Junker, der seinen Wachtelhund in ein vornehmes Gesellschaftszimmer mitbringt und nun mit ansehen muß, welchen Schaden die unzeitigen Sprünge desselben anrichten. Jeanies letzter, unfreiwilliger Ausfall hob jedoch die Schlappe, die sie durch den ersten erlitten, auf; denn Ihre Majestät war doch noch Weib genug, um einen Seitenhieb gegen »Ihre gute Suffolk« nicht ungern in Kauf zu nehmen. Mit einem Lächeln, das ihrer Freude über diesen Triumph ohne jegliches Zutun von ihrer Seite nicht undeutlichen Ausdruck gab, sagte die Königin: »Die Schotten sind ja recht strenge Sittenrichter.« Dann brach sie das Thema jäh ab und fragte Jeanie, wie sie die Reise von Schottland nach England gemacht habe. »Meistens zu Fuß,« war die Antwort. »Was? die ganze Riesenstrecke zu Fuß? – wie weit kannst Du denn in einem Tag gehen?« »Fünfundzwanzig Meilen ungefähr.« Natürlich sind »englische« darunter zu verstehen, die nur knapp zu dreiviertel Stunden gerechnet werden. »Ich hielt mich für eine tüchtige Fußgängerin,« sagte die Königin zu dem Herzog von Argyle, »aber gegen dies Mädchen komme ich nicht auf.« »Möge Euer Gnaden Trauer im Herzen niemals gegen körperliche Müdigkeit unempfindlich machen,« sagte Jeanie. »Das war 'mal eine bessere Rede,« dachte der Herzog. »Ich habe die Strecke nicht ganz zu Fuß gemacht, sondern bin ein Stück in einem Frachtwagen gefahren, von Ferrybridge aus sogar geritten,« sagte Jeanie, ihre Erzählung kurz abbrechend, denn sie sah wieder die Hand des Herzogs am Kinne. »Trotzdem muß Dich die Reise doch sehr angegriffen haben,« sagte die Königin, »und obendrein wirst Du Dir, wie ich stark fürchte, all diese Beschwerden umsonst gemacht haben; denn wollte auch der König Deine Schwester begnadigen, so würden Deine Edinburger Landsleute sie doch wahrscheinlich wider ihm zum Trotze hängen.« »Nun wird sie sicher den letzten Trumpf gegen sich ausspielen,« dachte der Herzog; allein er irrte. Die Klippen, auf die Jeanie in dieser gefährlichen Unterredung geraten war, lagen ihr unbekannt in der Tiefe, die Sandbank aber, wohin sie jetzt geriet, ragte über das Wasser hervor, und an ihr steuerte sie vorbei. Stadt und Land, sagte sie, würden sich freuen, wollten sich Majestät eines armen verlassenen Geschöpfes in Gnaden erbarmen. »Seine Majestät hat in dieser Hinsicht jüngst andere Erfahrungen gemacht,« antwortete die Königin; – »Mylord möchte wohl eher raten, den Edinburger Pöbel darüber abstimmen zu lassen, wer gehängt, und wer pardonniert werden soll?« »Nein, gnädigste Frau; aber raten möchte ich Seiner Majestät, sich von Seinem und dem Gefühl Seiner königlichen Gemahlin in solchem Falle leiten zu lassen. Dann wird die Strafe nur die wirkliche Schuld treffen.« »Ihre kluge Rede, Mylord, gibt mir nicht die Ueberzeugung, daß es geraten und angemessen sei, Ihrer – ich darf wohl nicht sagen aufrührerischen? – doch mindestens unlenksamen Hauptstadt so schnell eine solche Gunst zu erzeigen. Hat sich nicht das ganze Volk verschworen, die wilden Mörder des unglücklichen Stadthauptmannes zu schirmen? Wie ließe es sich sonst erklären, daß auch kein einziger von den vielen Schuldigen festgenommen werden konnte? Es haben doch sicher auch Freunde von Dir an dem schändlichen Verbrechen Anteil gehabt?« »Nein, gnädige Frau,« erwiderte Jeanie hocherfreut, daß die Frage ihr so gestellt wurde, daß sie mit gutem Gewissen mit Nein darauf antworten konnte. »Du würdest Dir aber wohl ein Gewissen daraus machen, es auszuplaudern, wenn Du über ein solches Geheimnis verfügtest.« »Ich würde Gott bitten, mir den Weg zur Pflicht zu zeigen,« erwiderte Jeanie. »Und doch den einschlagen, den Deine Neigungen Dich führen,« sagte die Königin. »Gnädigste Frau, ich wäre, dem Hauptmann Porteous oder einem andern Unglücklichen das Leben zu retten, bis ans Ende der Welt gegangen, allein mit Recht darf ich wohl bezweifeln, inwiefern mir die Rolle zufiel, seine Bluträcherin zu sein, was den weltlichen Gerichten, wenn er gerächt werden soll, mehr zustände. Er ist tot, und die ihn töteten, müssen für ihr Tun die Verantwortung tragen. Aber meine Schwester, – meine arme Schwester Effie – lebt noch, obgleich ihre Tage und Stunden gezählt sind! Sie lebt noch, und ein Wort aus dem Munde des Königs könnte sie einem alten Manne wiedergeben, dessen Herz des Kummers übervoll ist, der nie in seinem Morgen- und Abendgebet unterlassen hat, Segen auf den Thron Seiner Majestät herabzuflehen. – O, gnädige Frau, wenn Sie jemals erfahren haben, was es heißt, Kummer im Herzen für ein armes sündiges Geschöpf zu tragen, dessen Gemüt auf den Tod erschüttert ist, dann erbarmen Sie sich unseres Jammers! Bewahren Sie ein ehrliches Haus vor Schmach und ein unglückliches, kaum achtzehnjähriges Mädchen vor einem frühzeitigen schrecklichen Tode. Ach, nicht wenn wir nach süßem Schlummer fröhlich erwachen, sind wir fremden Leides eingedenk. Naht uns aber seelische Trübsal oder leibliches Weh, –was Euer Gnaden nicht an sich erfahren möge, – naht uns die Todesstunde, die den Hohen so wenig verschont als den Niedern, und die Ihnen, Euer Gnaden, spät nahen möge, – dann, o dann, gnädige Frau, denken wir nicht an das, was wir für uns selbst, sondern an das, was wir für andere getan, mit der rechten Freude. Und auch Ihnen, gnädigste Frau, wird der Gedanke, sich für das Leben einer armen Unglücklichen verwendet zu haben, in jener Stunde, sie komme, wann sie wolle, süßer sein, als ein Wort aus Ihrem Munde, das die ganze Porteous-Rotte an den Galgen gebracht hätte.« Eine Tränenflut rann über Jeanies Wange, ihr Antlitz glühte, und ihre Lippe bebte vor Erregung, als sie mit diesem gleich schlichten wie ergreifenden Pathos für die unglückliche Schwester das Wort führte. Zum Herzog von Argyle gewandt, sagte die Königin: »Das ist doch 'mal echte Beredsamkeit!« Jeanie gewandt, aber sagte sie: »Kind, ich selbst kann Deiner Schwester den Pardon nicht gewähren, – verlaß Dich aber auf meine eifrige Verwendung bei Seiner Majestät.« Dann reichte sie ihr ein kleines gesticktes Etui. »Da nimm!« sagte sie, »aber öffne es jetzt nicht. In einem anderen Augenblicke, wenn Du mehr Herrin Deiner Zeit und Deiner Gedanken bist, wirst Du etwas darin finden, das Dich erinnern soll an diese Zwiesprach mit Deiner Königin,« Diese Worte brachten Jeanie endlich die bestimmte Kunde, daß sie die Königin vor sich hatte; sich auf die Kniee niederwerfend, wollte sie ihrer Dankbarkeit gebührenden Ausdruck geben; der Herzog aber, der wie auf Kohlen stand, aus Furcht, Jeanie möchte, was sie erreicht, wieder gefährden, griff sich mit der Hand ans Kinn. »Wir haben einander wohl nichts mehr zu sagen, Mylord,« sagte die Königin, »der Zweck Ihres Hierseins dürfte, wie ich meine, zu Ihrer Zufriedenheit erfüllt sein. Ich hoffe, Eure Herrlichkeit öfter wiederzusehen, sei es hier oder in Saint-James. Bitte, Lady Suffolk – wir müssen Seine Herrlichkeit nun verabschieden.« Nach gegenseitiger Verbeugung schieden sie. Die beiden Damen verschwanden hinter einem Laubdickicht. Der Herzog half Jeanie von der Erde auf. Dann geleitete er sie auf demselben Wege zurück, den er sie hergeführt. Gleich einer Schlafwandlerin schritt sie neben ihm einher. Vierzehntes Kapitel Der Herzog gelangte mit Jeanie zu der kleinen Pforte, durch die sie in den Richmonder Park Einlaß gefunden hatten; der nämliche Pförtner öffnete, und bald befanden sie sich wieder außerhalb des königlichen Parkes. Gesprochen worden war zwischen ihnen kein Wort, seit sie von der Königin sich verabschiedet hatten. Den Wagen fanden sie an derselben Stelle, wo sie ihn verlassen hatten, und rasch rollte er mit ihnen wieder zur Stadt zurück. »Ich glaube, Jeanie,« fing der Herzog die Unterhaltung an, als sie auf offener Landstraße fuhren, »man darf Dir zu dem Erfolge Deiner Audienz gratulieren.« – »Und war das wirklich die Königin?« fragte Jeanie; »ich dachte es mir, weil Euer Gnaden den Hut in der Hand hielten.« – »Nun, freilich war's die Königin Karoline,« versetzte der Herzog; »möchtest Du nicht nachsehen, was in dem Täschchen steckt?« – »Vielleicht der Gnadenbrief?« fragte Jeanie, von froher Hoffnung erfüllt. – »Nein, das wohl nicht,« antwortete der Herzog; »dergleichen Papiere pflegen die hohen Herrschaften nicht bei sich zu tragen. Auch hat Dir die Königin ja gesagt, daß nicht ihr, sondern dem Könige das Begnadigungsrecht zustehe.« – »Ach ja, mir ist der Kopf schon ganz wirr. Aber Euer Gnaden meinen, es sei mit Sicherheit auf Effies Begnadigung zu rechnen?« – »Nun, Könige und störrische Pferde lassen sich schwer taxieren,« versetzte der Herzog; »aber seine Gemahlin weiß mit ihm umzugehen, und so möchte ich Zweifel in Deine Angelegenheit nicht mehr setzen.« – »O, Gott sei Dank!« rief Jeanie; »möge es der Königin nie an Zufriedenheit mangeln, die sie jetzt so reich in mein Herz gesät. Und auch über Sie, Mylord, Gottes Segen! denn ohne Ihre gnädige Hilfe wäre es mir doch nie beschert gewesen, vor das Antlitz der Königin zu gelangen.« Der Herzog, der vielleicht sehen wollte, wie lange die dankbare Regung bei Jeanie über die Neugierde siegen würde, ließ sie geraume Zeit bei diesem Gedanken; aber wenn er sie nicht selbst noch einmal an das Geschenk der Königin erinnert hätte, so wäre es vielleicht gar nicht nachgesehen worden, denn Jeanie besaß von dem Erbteil ihres Geschlechts einen sehr bescheidenen Anteil. Als sie es endlich auf des Herzogs Mahnen öffnete, stellte sich heraus, daß es die zierlichsten Nähwerkzeuge enthielt und in einem Seitentäschchen eine Banknote von fünfzig Pfund. Als der Herzog Jeanie über den Wert dieser Note aufklärte, denn sie hatte eine solche in ihrem Leben noch nicht gesehen, meinte sie, die Königin wieder in den Besitz derselben setzen zu müssen, und übergab sie zu diesem Zwecke dem Herzoge. Dieser aber erwiderte, daß die Königin recht wohl wisse, daß die Note in dem Täschchen gesteckt habe; aber auch, daß sie viel Ausgaben auf einer solchen weiten Reise gehabt haben müsse; und zur Deckung derselben solle sie das Geld nur benutzen.« – »Ach, Euer Gnaden, es wäre doch aber schon an dem Täschchen mit dem schönen Inhalt und dem aufgestickten Namenszug Ihrer Majestät mehr denn genug gewesen, immerhin,« überlegte sie, »kann ich auf diese Weise dem Laird sein Geld zurückerstatten, ohne daß es dem Vater zur Last fällt. Und Laird Dumbiedike wird sicher nicht ungehalten darüber sein.« »Was sagst Du da, mein Kind? Lord Dumbiedike? Doch nicht der, der in der Nähe von Dalkeith ein Gut besitzt? Der immer in schwarzer Perücke mit Tressenhut geht?« – »Jawohl, Euer Gnaden! Der ist's,« versetzte Jeanie kurz, denn sie sah keinen Grund, bei dem Laird länger zu verweilen. – »Jesus! Mein alter Freund Dumbiedike! Lustig und guter Dinge hab ich ihn wohl dreimal im Leben gesehen, aber eine Wandlung seiner Stimme bloß ein einziges Mal erlebt. Ist er verwandt mit Dir, Jeanie?« – »Nein, Euer Gnaden.« – »Also wohl Dein Verehrer?« – Jeanie stotterte mühsam, daß es so sei. – »Na, wenn der Laird kommt, dann ist doch dem armen Butler das letzte Brot gebacken?« – »O nein, Mylord!« versetzte Jeanie viel schneller als vordem, jedoch mit weit tieferem Erröten. »Nun, Mädchen, mir scheint, man darf Dir die Besorgung Deiner Angelegenheiten getrost allein überlassen,« sagte der Herzog, »und ich will mich nicht weiter danach erkundigen. Was den Gnadenbrief anbelangt, so will ich ihn Dir, sobald er in meinen Händen ist, durch einen expressen Boten nach Schottland nachsenden. Inzwischen darfst Du Deine Freunde getrost von dem glücklichen Resultat Deiner Reise mit einem Brief unterrichten.« »Meinen Euer Gnaden,« fragte Jeanie, »daß das besser sei, als wenn ich mit meinem Bündel unterm Arme wieder heimginge?« – »Ganz gewiß, Kind, für ein Mädchen ist es entschieden besser, denn die Unsicherheit auf unsern Straßen ist seit Deinem Hiersein noch nicht geschwunden; übrigens kannst Du mit meinem Kammerdiener und einem Mädchen meiner Frau die Reise machen; sie sollen in der Kalesche nach Inverary hinunter fahren, also über Glasgow hinaus; in der Kalesche wird für Dich Platz genug sein, und von Glasgow mag Dich Archibald nach Edinburg hinüber bringen. Unterwegs kannst Du vielleicht unser Mädchen, dem die Milchkammer übergeben werden soll, in der Käsemacherei unterrichten. Ich meine überzeugt sein zu dürfen, daß Du mit den Milcheimern ebenso reinlich bist wie mit Deinen Kleidern.« »Sind Euer Gnaden ein Freund von Käse?« fragte Jeanie, über deren Gesicht ein Strahl freudigen Selbstbewußtseins glitt. – »Ob ich ein Freund von Käse bin?« widerholte der Herzog, der in seiner Leutseligkeit ahnte, was folgen werde; »ist nicht Haferkuchen und Käse ein Kaisermahl? Wie sollte es keines sein für einen Hochländer?« – »Ich frage bloß,« meinte Jeanie bescheiden, aber voll Zuversicht und heller Freude, »weil man unsern Käse für ebensogut hält wie den Dunloper, und wenn wir uns erlauben dürften, Euer Gnaden einen Laib davon, vielleicht von zehn bis zwanzig Pfund, zu schicken, so möchte mich das nicht wenig stolz machen. Sollten Sie aber, als Hochländer, lieber Ziegenkäse essen, so müßte ich freilich sagen, daß ich mich auf dessen Bereitung weniger gut verstehe. Ich würde aber mit meiner Muhme aus Lammermoor reden.« »Nicht doch, nicht doch,« antwortete der Herzog, »Dunloper ist ja gerade meine Lieblingsspeise; also schick mir nur von der Sorte, die diesem gleichkommt. Bereite ihn aber auch selbst, Jeanie; ich kann mir schon denken, daß Du damit wirst Ehre einlegen wollen, bin ich doch Kenner und Liebhaber von Käse.« »O, er soll Euer Gnaden schon schmecken!« antwortete Jeanie mit stolzer Zuversicht, »und an Mühe will ich es auch nicht fehlen lassen. Aber wenn er Ihnen nicht munden sollte, dürfen Sie auch mit dem Tadel nicht hinterm Berge halten, Euer Gnaden. Das mache ich mir aus.« Der Herzog versprach es ihr und ermahnte nun Jeanie noch, ihrerseits mit Archibald gut auszukommen, von dem sie gewiß alle Rücksicht zu gewärtigen hätte, vorausgesetzt, daß sie ihn nicht mit allzu viel Fragen behelligte; worauf Jeanie meinte, sie kenne ihn ja nun schon ein paar Tage und wisse ganz gut, wie man sich ihm gegenüber verhalten müsse. Der Herzog sagte ihr noch, sie möge sich mit allem, was sie zur Reise nötig erachte, für Mitte der neuen Woche bereit halten; dann forderte er sie zum Einsteigen auf und befahl dem Kutscher, vor dem Laden zum Dornbusch zu halten. Hier wartete Frau Glas schon wie auf Kohlen und bestürmte Jeanie mit hunderterlei Fragen: ob sie Seine Herrlichkeit gesehen und Seiner Herrlichkeit hohe Gemahlin, Seiner Herrlichkeit Kinder, die kleinen Prinzen? Ob sie den König oder die Königin, oder den Prinzen von Wales gesehen habe? oder sonst jemand aus dem königlichen Hause? Ob sie den Pardon für die Schwester ausgewirkt habe? Oder nur eine Strafmilderung? Wie weit sie habe fahren müssen? Wo sie abgestiegen sei? In welchem Schlosse oder welchem Landsitze? Was man sie gefragt, was man mit ihr gesprochen, was sie geantwortet habe, usw. usw. Ware nicht Herr Archibald ihr wieder zu Hilfe gekommen, so hätte sie sich kaum vor dieser Sturmflut von Fragen zu retten gewußt. Er sagte ihr, Seine Durchlaucht habe ihm ganz besonders aufgetragen, sie möge das Mädchen mit Fragen nicht behelligen, da er selbst in Kürze bei ihr vorzusprechen und sich mit ihr über den Fall im allgemeinen und im besonderen zu unterhalten gedenke. Vielleicht brauche er auch in mancherlei Punkten, über die sich das Mädchen nicht so auslassen könne, ihren guten Rat. Bis dahin lasse er geneigtest um Diskretion ersuchen. »Seine Herrlichkeit sind außerordentlich gnädig,« antwortete Frau Glas, die überzuckerte Pille, so gut es anging, schluckend; »Dero Gnaden wissen ja auch, daß ich bis zu einem gewissen Grade für die Aufführung meiner Nichte die Verantwortung trage. Zweifellos sind Dero Gnaden aber der beste Richter, in welchen Dingen Sie sich mehr auf meine Muhme als auf mich zu verlassen haben.« »Seine Herrlichkeit,« antwortete Herr Archibald mit echt schottischer Würde, »sind hierüber allerdings nicht im Zweifel, und Sie dürfen dies wohl am besten mit daraus entnehmen, daß mich Dieselben noch beauftragt haben, Ihnen die Versicherung zu geben, daß alles so ginge, wie es Ihr gutes Herz nur eben wünschen könne.« »Seine Herrlichkeit sind außerordentlich gütig,« erwiderte Frau Glas, »und ich halte mich durchaus zu Dero Befehl. Aber, Herr Archibald, Sie sind doch schon ein tüchtiges Stück heut unterwegs; zu einem Gläschen echten Rosa Solis sagen Sie wohl nicht Nein?« – »Ich muß Ihnen leider danken, meine liebe Frau Glas,« erwiderte Herr Archibald, »aber Seine Herrlichkeit haben mir ausdrücklich befohlen, sogleich zurückzukommen.« Mit diesen Worten verließ er, nach einer kurzen, höflichen Verbeugung, den Laden. Frau Glas wandte sich gleich an ihre Muhme. »Ei, Jeanie,« sagte sie, »daß Deine Sache so gut steht, ist ja eine wahre Freude, wenn es schließlich bei der Vielvermögendheit des Herrn Herzogs auch kaum anders zu erwarten stand. Seine Herrlichkeit hat geruht, mir sagen zu lassen, daß Sie sich selbst zu mir bemühen würden, um über alles mit mir zu sprechen; darum will ich es unterlassen, Dich weiter auszufragen, denn Seine Herrlichkeit pflegen in allem, was Sie tun und sagen, sehr bedächtig und überlegt zu sein. Aber wenn ich auch Dich nicht frage, so könntest Du mir doch sagen, was Dein Herz jetzt noch bedrückt.« Jeanie, die ihrer Tante einerseits nicht zu nahe treten mochte, anderseits recht wohl erkannte, daß es nicht geraten sei, eine so redselige Frau über solche, doch immer in gewissem Sinne private Unterredung mit der Königin aufzuklären, erwiderte, der Herzog habe sich im wesentlichen darauf beschränkt, sich über die schlimme Situation der Schwester zu erkundigen, und dann seine Meinung dahin geäußert, daß er Mittel und Wege, sie in erheblichem Grade zu bessern, gefunden zu haben denke; er habe aber auch ihr gesagt, daß er mit Frau Glas, da er sie ja zu seinen intimeren Bekannten rechne, sich persönlich darüber unterhalten und aussprechen wolle. Wenn das der Ladeninhaberin zum Dornbusch nun auch schmeichelte, so konnte sie sich doch nur schwer dabei beruhigen, und trotzdem sie Jeanie die Versicherung gegeben, sie nicht weiter zu behelligen, versuchte sie es doch immer und immer wieder, sie auszufragen, bald über den Herzog, bald über König und Königin, bald über den Ort, wo sie mit dem Herzog eigentlich gewesen sei, ob in Windsor, oder in Richmond, oder wo anders; aber gerade die letzte Frage gab Jeanie die schicklichste Gelegenheit, sie abzufertigen, indem sie betonte, daß sie das ja doch gar nicht wissen könnte, da sie kaum eine einzige Straße Londons, außer der, wo sich der Laden der Tante befände, dem Namen nach kennte. Sie habe auch bloß eine einzige Dame gesehen und auch nur aus dem Munde des Herzogs erfahren, daß dieselbe Karoline heiße. »O,« rief da Frau Glas, »das wird niemand anders gewesen sein als die älteste Tochter Seiner Herrlichkeit, Mrs. Karoline Campbell. Nun, der Herzog wird's mir ja sagen, sobald er kommt. Jetzt laß uns aber hinaufgehen und essen. Der Tisch ist schon lange gedeckt, und Du wirst hungrig sein. Ich habe schon ein paar Bissen gegessen. Drum paßt im Augenblick unser schottisches Sprichwort auf uns: Zwischen einem, der satt, und einem, der hungrig ist, wird's nie was Rechtes mit einer Zwiesprach.« Fünfzehntes Kapitel Jeanie brachte am nämlichen Tage noch drei Briefe zur Post, einen an Georg Staunton, Hochwohlgeboren auf Willingham bei Grantham, Pfarrhof – wie ihr der Bauer gesagt, der sie zu Pferde bis nach Stamford gebracht – der zweite Brief war an ihren Vater, der dritte an Reuben Butler gerichtet. Es war ein schweres Stück Arbeit für sie gewesen, denn sie war im Schreiben wenig bewandert, und weit lieber hätte sie dreimal so viel Dunloper Käse gemacht. Der erste Brief enthält nur die kurze Nachricht von der Begnadigung der Schwester, die Aufforderung, allen weiteren Umgang mit ihr zu unterlassen, wie auch aller frühere besser unterblieben wäre, und die Bitte an die Vorsehung, ihn vom Pfade der Sünde zu führen. Unterzeichnet war er mit »Sie wissen wer.« . Der zweite Brief, an den Vater, war sehr lang. Er lautete: Teuerster, wahrhaft verehrter Herr Vater! – Es ist meine Kindespflicht, Ihnen mitzuteilen, daß es dem gnädigen Gotte gefallen hat, die arme Schwester aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen durch die gnädige Verwendung Ihrer Majestät der Königin bei Ihrem königlichen Gemahl, dem Landesherrn. Ich habe der Königin Auge in Auge gegenüber gestanden. Aber es ist alles recht gut gegangen. Sie ist auch nicht anders wie wir andern Frauen; bloß daß sie ein sehr fürnehmes Wesen hat und einen mit ihren blauen Falkenaugen wie mit einem Messer durchbohrt. Nächst Gott aber verdanken wir dies alles dem Herrn Herzog von Argyle, der ein echter Schotte ist und gar nicht so stolz wie andere, mit denen Sie hin und wieder zu tun gehabt. Er will uns ein paar Devonshire-Kühe schenken, denn er ist in allem, was Viehzucht angeht, sehr beschlagen, und ich habe ihm einen Laib von unserm Dunloper Käse versprochen. Den will er haben, aber Ziegenkäse nicht... Er ist wirklich gar nicht hochmütig, sondern würde den Käse von uns geringen Leuten ganz gern entgegennehmen, weil er sagt, daß uns das Herz dann um einiges erleichtert sein werde von der großen Schuld der Dankbarkeit, in der wir ihm gegenüber stehen. »Da es nun dem lieben Gott gefallen hat, unsrer armen Effie die königliche Gnade auszuwirken, so laßt es ihr auch an Eurer väterlichen nicht mangeln, auf daß sie wieder ein Gefäß der Gnade werden und Eurem grauen Haare zum Troste gereichen könne. Sagt auch dem Laird, daß ihm das Geld, das er mir freundlich geliehen, pünktlich zurückerstattet werden wird, da wir unvermutet gute Freunde gefunden hätten. Was mir das Herz des Herrn Herzogs zugeführt hat, teuerster Vater, ist ein Dienst, den ein Vorfahre von Reuben Butler in den alten unruhigen Zeiten einem Vorfahren des Herzogs erwiesen hat. Herr Butler wird Ihnen darüber erzählen können. Und die Frau Glas, die ist zu mir gewesen wie eine zweite Mutter. Sie hat hier ein hübsches Haus und ihr Laden geht sehr gut, denn sie hält ein Dienstmädchen, einen Verkäufer und einen Austräger. Sie wird Ihnen zwei Pfund feinen Schnupftabak hinaussenden, und weil sie mir gar viel Gutes getan, müssen auch wir daran denken, ihr ein Geschenk zu machen. Den Gnadenbrief will der Herr Herzog durch einen expressen Boten an Sie senden. Ich selbst reise mit einigen seiner Leute bis Glasgow, und von dort werde ich bald wieder in der lieben Heimat sein. Gott beschütze Sie, teuerster Vater. Dies ist das innige Gebet Ihrer gehorsamen Tochter Jeanie Deans. Der Brief an Butler lautete: Es wird Ihnen wohl nicht unlieb sein, geehrter Herr Butler, zu erfahren, daß der Zweck meiner Reise glücklich erreicht worden ist, und daß der Herzog von Argyle, nachdem er den Brief seines Großvaters an den Ihrigen gelesen, Ihren Namen in ein dickes ledernes Buch eingeschrieben hat, so daß es wohl so aussieht, als sei er willens, Sie mit einer Pfarrei zu bedenken. Fehlen wird's ihm an solchen wohl nicht. Und die gnädige Königin, die ich gesprochen, hat mir eigenhändig eine Näh-Schatulle zum Präsent gemacht. Sie trug keine Krone, hatte auch kein Szepter in der Hand, denn das beides gehört nur zum Feststaate, wie bei uns die Kinder ihren Sonntagsstaat haben. Aber sie war gütig, die Königin, und hat mir auch ein Wertpapier übergeben, das ganze fünfzig Pfund Sterling wert ist und mit dem ich mir meine Reisekosten bezahlt machen soll. So werden mithin Sie, geehrter Herr Butler, da wir nun einmal Nachbarskinder sind, wohl nichts dawider haben, wenn ich Ihnen schreibe, daß Sie sich nichts versagen sollen, was zur Erhaltung Ihrer Gesundheit von Nöten ist, denn es hat zwischen uns nichts zu sagen, wer das Geld hat, sofern es der andere benötigt. Denken Sie aber nicht, daß ich das schreibe, um Sie dadurch an etwas zu erinnern, was Sie lieber aus Ihrem Gedächtnis streichen sollten, falls Ihnen eine Kirche oder Schule übertragen würde. Mir wäre eine Schule freilich lieber, insofern als dabei Eid und Patronat in Wegfall kämen, woran mein Vater immer Anstoß nimmt. Anders wäre es mit der Pfarre zu Skreegme, auf die Sie sich ehedem Hoffnung machten; die wäre Vatern wohl eher recht, wenigstens habe ich immer von ihm gehört, daß in diesem rauhen Kirchspiel der Weg zum Heile leichter und schneller zu finden sei als im Edinburger Canongate. Wenn ich bloß wüßte, was Sie für Bücher haben möchten, Herr Butler, ich kaufte Ihnen gar zu gern welche; denn hier haben die Leute ganze Häuser damit vollgestopft; viele werden auch in den Straßen feil gehalten und billig verschleißt, wahrscheinlich, weil sie bei schlechter Witterung im Freien doch leicht Schaden leiden. Dieses London ist eine gar zu große Stadt, und ich habe soviel davon gesehen, daß mir förmlich der Kopf schwindlig wird. Es ist nun schon beinahe elf Uhr in der Nacht, und Sie wissen ja, Herr Butler, daß ich mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Aber ich werde in bester Gesellschaft die Rückfahrt machen, und mit Bekannten zu reisen, ist mir wirklich recht lieb, denn auf der Herreise habe ich doch mancherlei Verdruß auszustehen gehabt. Was meine Muhme hier ist, die Frau Glas, so geht es ihr wohl recht gut, aber in ihrer ganzen Wohnung riecht es nach Tabak, und so stark, daß ich manchmal meine, ich müßte ersticken. Aber das ist gewiß leicht zu ertragen, wenn ich bedenke, welches große Glück meinem Vater und uns zu teil geworden dadurch, daß Effie von dem schrecklichen Tode befreit ist, und das wird auch Sie gewiß recht erfreuen, sind Sie uns doch so lange schon ein alter lieber Freund und Gönner. Und so verbleibe ich denn, werter Herr Butler, Ihre aufrichtige Freundin und wünsche Ihnen zeitlich und ewig alles, was Ihr Herz begehrt.. Jeanie Deans.« Nach solch ungewohnter Arbeit legte Jeanie sich recht müde zu Bette, konnte aber doch keinen ruhigen Schlaf finden, denn die Freude über die glückliche Wendung in dem Schicksale ihrer Schwester schwellte ihr das Herz so, daß sie gar häufig aufwachte, um dem gütigen Schöpfer immer und immer wieder für seine große Gnade zu danken. Zwei Tage lang mußte Frau Glas warten, bis der angekündigte hohe Besuch sich bei ihr einfand, und wenig fehlte, so wäre sie vor Unruhe schier vergangen; aber als endlich der ersehnte Staatswagen mit vier Lakaien in Dunkelbraun und Gelb vor ihrem Laden vorfuhr und der Herzog in seinem mit Stern und Ordensband verzierten Staatskleide ausstieg, da konnte es in ganz London keinen Menschen gehen, der stolzer gewesen wäre als Frau Glas. Der Herzog erkundigte sich nach seiner kleinen Landsmännin, mochte sie aber nicht noch einmal sehen, wohl, um nicht das Gerede von einem Verhältnis oder dergleichen aufkommen zu lassen. Er sagte der Frau, daß der König, zufolge der Fürsprache seiner Gemahlin, dem unglücklichen Mädchen Gnade bewilligt habe, und daß der Gnadenbrief bereits nach Edinburg unterwegs sei; daß aber der Kronanwalt sich gegen eine unbedingte Straflosigkeit erklärt habe, weil in dem kurzen Zeiträume von sieben Jahren das Verbrechen des Kindesmordes siebenmal vorgekommen sei, und daß deshalb die Bedingung an die Begnadigung geknüpft worden sei, daß Effie Deans auf vierzehn Jahre den Boden Schottlands zu meiden habe. »Was soll denn das arme Ding in der Fremde anfangen?« rief die Frau Glas; »da legt es ja der Kronanwalt direkt drauf an, daß sie in ihre alten Sünden zurückverfällt. Er sollte doch gerade befürworten, daß sie unter die Aufsicht der Ihrigen gestellt werde.« – »Das sind Fragen, liebe Frau,« erwiderte der Herzog, »die uns erst später zu befassen brauchen. Warum sollte sie nicht in London ihr Brot finden? Warum sollte sich ihr nicht Gelegenheit bieten, eine Heirat in Amerika zu machen? Dort braucht von dem, was hier vorgefallen, ja niemand was zu erfahren.« – »Ja, Eure Herrlichkeit,« erwiderte Frau Glas, »es ginge freilich an mit einer Heirat, und da fällt mir ein, daß mein alter Geschäftsfreund in Virginien, von dem ich nun schon vierzig Jahre meinen Laden equipieren lasse, mir schon seit zehn und mehr Jahren mit der Bitte in den Ohren liegt, ihm eine tüchtige Frau zu beschaffen. Er ist ein angehender Sechziger und in sehr guten Verhältnissen. Das wäre eine gar gute Partie, und von Not wäre da für Ihre Schutzbefohlene nicht im geringsten die Rede. Da wäre alles Unglück und aller Jammer der armen Person auf einmal wieder gut gemacht.« Der Herzog äußerte auf diesen Vorschlag nichts, sondern erzählte nur noch, welche Anordnungen er für Jeanie Deans' Heimreise getroffen habe; dann ließ er sich seine Dose füllen, bestellte Grüße an seine kleine Landsmännin und verließ Frau Glas als die glücklichste aller Ladeninhaberinnen von London. Der huldvolle Besuch des Herzogs war für Jeanie insofern indirekt von Vorteil, als ihre Tante, stolz auf die ihr widerfahrene Ehre, alles aufbot, ihr den Aufenthalt in London während der drei Wochen, die sie noch bei ihr zubrachte, so abwechselungsreich wie möglich zu machen. Hätte aber dieser vornehmste Edelmann Schottlands nicht so großen Anteil an Jeanie genommen, so wäre Frau Glas, die mit den Jahren doch zuviel vom großstädtischen Wesen angenommen hatte, um mit der heimischen Tracht, der heimischen Sprache und dem doch immerhin ein wenig ungeleckten Wesen ihrer Muhme sich durchaus einwandsfrei abfinden zu können, wohl kaum so freundlich gegen sie gewesen. Mitnehmen wollte sie sie freilich überallhin; aber außer einer Frau Dabby, die ein sehr gut gehendes Kolunialwarengeschäft hatte, und mit der später Jeanie oftmals die Königin in Parallele stellte, doch zum Nachteil der letzteren, denn Frau Dabby, sagte sie, sei nicht allein viel nobler einhergegangen, sondern gut und gern noch einmal so dick und stark, machte sie keine Besuche bei Bekannten ihrer Tante. Sie hätte sich vielleicht nicht in solchem Maße von allen Leuten ferngehalten, sich auch manches mehr noch in der großen Stadt angesehen, hätte nicht die der Begnadigung angehängte Bedingung der vierzehnjährigen Landesverweisung ihr Herz in arge Bekümmernis gesetzt. Ein Glück, daß in dieser Hinsicht die Antwort von ihrem Vater, die ziemlich mit wendender Post eintraf, sie beruhigte. Er sprach zu allen Schritten, die sie unternommen, seinen vollen Beifall aus, pries ihr Verhalten als Werk einer unmittelbaren göttlichen Eingebung, sie selbst aber als ein vom Himmel erkorenes Werkzeug, um eine Familie vor drohendem Untergange zu bewahren. Die Landesverweisung Effies betrachtete er als eine Aufforderung an ihn, »Haran zu verlassen, wie einst Abraham der Erzvater auch das Geschlecht seines Vaters und das Haus seiner Mutter, und Asche und Staub aller verlassen mußte, die vor ihm eingegangen zur ewigen Ruhe, wie aller, die noch ihm dorthin folgen sollten.. aber mein Herz wird mir leichter werden,« so schrieb er zum Schlusse, »wenn ich dies tue, da ich mir den Verfall der ernsten und wahren Religion in diesem Lande ins Gedächtnis rufe, und wenn ich die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite der nationalen Irrtümer überschaue; und so werde ich bestärkt in meiner Absicht, diesen Wohnort zu verlassen, da ich höre, daß in Northumberland Pachtungen zu niedrigem Preise zu haben sind, wo da viele kostbare Seelen wohnen, die zu unserm reinen, wenn auch duldenden Bekenntnisse gehören... Auch läßt sich dasjenige Vieh, was mir mitzunehmen als ratsam erscheint, leicht dorthin treiben, während wir das andere, so gut es eben gehen wird, hier verkaufen wollen. Vom Land kann ich nicht anders sagen, als daß er sich in diesen Tagen schweren Herzeleids als ein braver Freund erwiesen hat. Das Geld, das er für Effies Sache ausgelegt hat, habe ich ihm wiedererstattet; denn der Herr Novit hat, wie der Laird es nicht anders erwartet hat, nichts davon wieder herausgegeben; es hat sich eben auch wieder bewahrheitet, was der gemeine Mann zu sagen pflegt, daß die Gerichte nun einmal am liebsten alles schlucken. Die Gnade, die Dir die Königin erwiesen, kann ich nicht anders als durch Gebet wettzumachen suchen, und beten will ich für ihr zeitliches und ewiges Wohl, wie auch für den Bestand der Herrschaft ihres Hauses auf dem Throne dieser beiden Reiche. Ueber den Herzog von Argyle mehr oder anderes zu sagen, als was Du selbst schreibst, geht nicht wohl an; er ist ein echter und wahrhafter Edelmann, dem dafür, daß er die Sache des Armen und Verlassenen so bereitwillig führt, der himmlische und irdische Lohn nicht vorenthalten bleiben wird. »Ich habe auch unser armes, mißleitetes Kind gesehen. Morgen wird sie, nachdem sie sich verbürgt hat, Schottland auf die Zeit von vierzehn Jahren zu meiden, aus der Haft entlassen werden. Aber noch liegt ihr Sinn in den Banden des Argen. Noch hat sie Sehnsucht, statt zerknirscht das bessere Wasser der Wüste zu trinken, die Fleischtöpfe Aegyptens wieder zu schauen. Ich werde Deine Heimkehr mit wahrer Freude begrüßen, denn Du bist, nächst dem ewigen Gotte, in diesen schweren Drangsalen meine einzige Stütze, mein einziger Trost.« Zum Schlusse meinte er noch, daß er die Art, wie sie ihre Heimkehr bewirken wolle, nur billigen könne, und fügte noch allerhand Bemerkungen bei, mit deren Erörterung wir uns hier nicht zu befassen brauchen, da sie für den Verlauf unserer Erzählung belanglos sind. Als Nachschrift hatte er aber eine Zeile geschrieben, die von Jeanie wieder und wieder gelesen wurde: »Reuben Butler war mir in diesen schweren Wochen ein getreuer und lieber Sohn.« Diese Worte galten Jeanie als gutes Vorzeichen, da sie jeglicher Bemerkung über Butlers weltliches Wissen oder die ketzerische Gesinnung seines Großvaters entbehrten, die der Vater sonst immer anzubringen liebte. Hoffnung von Liebesvolk gleicht nun einmal der Bohne im Ammenmärchen: hat sie erst einmal Wurzel geschlagen, so wächst sie schnell und baut schon in wenigen Stunden ein Schloß auf hohem Gipfel, bis zu guter Letzt die Erfahrung mit ihrem Richtschwert sowohl die Pflanze als das luftige Gebäude hinwegmäht. Jeanies Phantasie entschwebte alsbald in die Gefilde Northumberlands, in eine Meierei mit reichem Viehbestand, neben der ein Kirchlein sich erhob, das rechtgläubigen Christen als Sammelstätte diente, wo Reuben Butler goldene Worte des Evangeliums predigte. Und diese Bilder wurden ihr bald so lieb und wert, daß sie sich von ganzem Herzen freute, als der Herzog von Argyle ihr sagen ließ, sie möchte sich binnen zwei Tagen bereit halten, da er Herrn Archibald schicken werde, sie abzuholen. Sechzehntes Kapitel. Gerade drei Wochen war Jeanie in London, als Herr Archibald, der Kammerdiener des Herzogs, in einer Equipage vor dem Laden der Frau Glas vorfuhr. Nach herzlicher Verabschiedung von der Tante stieg sie ein, und alsbald trieb der Kutscher die Pferde an, nachdem Herr Archibald den Platz ihr gegenüber eingenommen hatte. Jeanie war nicht wenig überrascht, als sie, vor dem herzoglichen Palais angelangt, vernahm, daß der Herzog sie noch einmal zu sehen wünsche; aber weit größer noch wurde ihre Ueberraschung, als sie den Fuß in ein herrlich eingerichtetes Prunkzimmer setzte, in welchem der Herzog mit seiner Gemahlin und seinen Kindern versammelt war. »Da, meine Liebe,« sagte der Herzog, Jeanie an der Hand nehmend und zu seiner Gemahlin führend, »ist meine kleine Landsmännin.« Die Herzogin reichte ihr huldvoll die Hand und sagte ihr mit wenigen, aber herzlichen Worten, daß sie einen Charakter, der so fest und zäh an der für recht erkannten Sache halte, anderseits soviel aufopfernde Liebe berge, aus vollem Herzen hochschätze, und schloß ihre Anrede mit der Versicherung, »daß sie wohl noch von ihr hören werde, wenn sie den Fuß in die Heimat setzen werde«, worauf die kleinen Prinzessinnen eine nach der andern hinzusetzten: »Und von mir auch! von mir auch!« – Die älteste von ihnen aber trat auf Jeanie zu und reichte ihr die Hand. »Ja, Jeanie, Du wirst noch von uns allen dort hören, denn Du gereichst der lieben, lieben Heimat zu großer Ehre!« Jeanie, von so vielem Lobe höchlich überrascht, – wußte sie doch nicht, daß der Herzog sich Nachricht über den Verlauf des gegen ihre Schwester geführten Prozesses verschafft und auf diese Weise auch Auskunft über ihr Verhalten während desselben bekommen hatte, – errötete tief und stammelte: »Vielen, vielen Dank!« – »Aber, meine liebe Landsmännin,« nahm nun der Herzog das Wort, »ohne einen Abschiedstrunk darfst Du doch nicht reisen!« Mit diesen Worten nahm er von dem Tische, auf dem Wein und Kuchen standen, ein Glas und brachte den Spruch aus: »Auf aller treuen Herzen Wohl, die unser Schottland lieben!« Aber Jeanie lehnte es ab, ihr Glas zu leeren, indem sie sagte, sie habe noch nie in ihrem Leben einen Schluck Wein genossen.« »Warum denn nicht, Jeanie?« fragte der Herzog; »der Wein erfreut ja doch des Menschen Herz!« »Mein Vater, gnädiger Herr,« antwortete Jeanie, »ist wie Jonadab, der Sohn Rehabs, der seinen Kindern gebot, keinen Wein über die Lippen zu bringen.« »Ich hätte Deinen Vater für verständiger gehalten,« antwortete der Herzog, »es müßte denn sein, daß er dem Branntwein hold ist. Aber, Jeanie, essen mußt Du doch wenigstens, denn einen Teil seines heiligen Rechts mußt Du meinem Hause schon lassen.« Mit diesen Worten nötigte er sie, ein Stück Kuchen zu nehmen; und litt nicht, daß sie einen Bissen davon weglegte. »Was Du jetzt nicht essen kannst oder magst,« sagte er, »das tu in Deine Reisetasche. Ehe Du die Turmspitze von Saint-Giles zu Gesicht bekommst, wirst Du längst damit aufgeräumt haben. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich könnte sie auch so bald sehen wie Du. Nun, zum wenigsten grüße mir alle meine lieben Freunde droben in Schottland, und Dir selbst, Kind, wünsche ich eine recht, recht glückliche Reise dorthin!« Darauf überantwortete er sie Archibalds Fürsorge, und in kurzen Tagereisen, um die Fohlen nicht zu übernehmen, die der Herzog bei dieser Gelegenheit mit nach dem Norden sandte, gelangten sie bis in die Gegend von Carlisle. Unfern der alten Stadt erblickte sie auf einem kleinen Hügel, in geringem Abstande von der Heerstraße, einen Haufen Volks und hörte von Leuten, die auf dem Wege dorthin an ihnen vorbeieilten, daß eine schlimme Hexe aus Schottland gehenkt werden solle, die die Gegend schon lange durch ihre Diebereien unsicher gemacht habe, und die mit dem Strick noch viel zu gnädig wegkäme, da sie mit ebensolchem Rechte den Scheiterhaufen verdient habe. ›Die Magd, der die Milchkammer in Inverary übergeben werden sollte, rief, als sie die Kunde vernommen: »Ach, liebster Herr Archibald, ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen; lassen Sie uns doch hinüberfahren!« Herr Archibald aber, der sich als Schotte keinen Genuß von der Hinrichtung einer Landsmännin, wenn sie auch Hexe und Diebin war, versprach, zudem auch Einsicht und Zartgefühl genug besaß, um Jeanie nicht einen Anblick zu bieten, der ihr das schreckliche Los, dem die Schwester um Haaresbreite verfallen wäre, vor Augen führte, – Herr Archibald antwortete, daß er unmöglich halten lassen dürfe, da er zu ganz bestimmter Zeit, gewisser Aufträge des Herrn Herzogs halber, in Carlisle sein müsse. Er hieß deshalb die Postillone weiter fahren. Die Augen der neugierigen Jungfer, Dolly Dutton mit Namen, wichen aber nicht von der kleinen Höhe, die den Schauplatz des grausen Ereignisses bildete. Trotz der Entfernung ließen sich die Hauptgestalten ziemlich genau unterscheiden, und mit einem Male kündete ein lauter Schrei aus ihrem Munde den Vollzug der schrecklichen Prozedur an. Jeanies Blicke nahmen unwillkürlich die gleiche Richtung. Aber als sie den Leib der Verbrecherin an dem Galgen in die Höhe schnellen sah, als sie sich vorstellte, welchem schrecklichen Schicksale ihre arme Schwester hatte verfallen sollen, da mußte sie sich abwenden, denn sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Ihre Gefährtin bestürmte sie mit Fragen und Versicherungen ihrer Teilnahme, mit Angeboten von Beistand und Hilfe, rief, der Wagen solle halten, ein Arzt solle geholt, Tropfen oder Hirschhornsalz sollte herbeigeschafft werden; Archibald aber, der die Ruhe auch jetzt nicht verlor, befahl den Postillonen, flotter zu fahren, damit man bald aus dem Sehbereiche der Hinrichtungsstätte gelange. Dann erst ließ er, durch die Leichenblässe, die Jeanies Gesicht verfärbte, bestimmt, halten und stieg aus, um eine Arzenei zu holen, leichter erhältlich und wirksamer als alle von Dolly Dutton vorgeschlagenen Mittel, einen Trunk frischen Wassers nämlich. Inzwischen trollten all die Menschen, die der grausen Prozedur beigewohnt hatten, an dem Wagen vorbei ihren Heimstätten zu, und aus ihren Reden entnahm Jeanie, daß die Verbrecherin als verstockte Sünderin, ohne alle Spur von Gottesfurcht, in den Tod gegangen sei. Als eben ein Troß von Buben und Dirnen sich vom Richtplatze heranwälzte, schreiend und johlend, kam Archibald mit dem endlich gefundenen Quellwasser zurück. Da sah Jeanie, daß in der Mitte der Schar eine lange, wunderlich herausstaffierte Person weiblichen Geschlechts, bald hüpfend, bald tanzend, sich vorwärts bewegte. Eine schreckliche Erinnerung trat vor ihre Seele, als sie das unglückliche Wesen erblickte. Aber auch dieses erkannte sie, und mit jäher Gewalt die Menge auseinander schiebend, rannte sie zu der Kutsche, klammerte sich an den Wagenschlag und schrie, zwischen Weinen und Lachen: »Jeanie, Jeanie Deans, weißt Du auch, eben haben sie die Mutter gehängt!« Dann begann sie auf einmal zu jammern und zu schreien: »O, sag's ihnen, daß mir erlaubt wird, sie loszuschneiden! Sag's ihnen, bitte! sag's ihnen! Sie ist doch meine Mutter, wenn sie gleich schlimmer war als der leibhaftige Teufel. Ansehen wird's ihr so wenig jemand, daß sie schon am Galgen gehangen wie der Maggie Dickson, die auch rechtzeitig abgeschnitten wurde und dann noch lange mit Salz gehandelt hat, der man's auch, bloß an der etwas heisern Stimme und an dem etwas schiefen Hals anmerkte, daß was nicht ganz in Ordnung mehr bei ihr war, die aber sonst niemand von den andern Salzweibern unterscheiden konnte.« Herr Archibald, außer stande, die Wahnsinnige von dem Wagenschlage zu entfernen, und belästigt durch die sie umdrängende Menge, sah sich vergeblich nach einem Fron oder Büttel um; da sich keiner sehen ließ, wollte er versuchen, den Wagen schnell in Gang zu setzen, wurde aber durch einige Schreier in der Menge, die die Pferde auszuspannen drohten, daran verhindert. Unterdes schrie Madge Wildfire wieder: »So laßt mich doch die Mutter losschneiden! Bitte, bitte! Es kostet ja bloß einen armseligen Strick, und was ist ein Strick gegenüber einem Menschenleben!« Da wurde aber Herrn Archibald unvermutete Hilfe durch einen neuen Menschentrupp, der sich in der Hauptsache aus Viehhändlern zusammenzusetzen schien, denen vor kurzem durch eine Seuche viel Vieh krepiert war: ein unglücklicher Zufall, den sie den Künsten der eben gerichteten Hexe zuschrieben. Mit Gewalt rissen sie die Madge Wildfire vom Kutschenschlage los und schrieen sie an: »Was kommt Dir denn bei, Du Hexe, die Leute auf königlicher Heerstraße zu überfallen? Hast Du nicht schon Unheil genug angerichtet mit Deinen Hexen- und Zauberkünsten?« »O Jeanie, Jeanie, Jeanie Deans!« schrie die Wahnsinnige aus dem Menschentroß heraus, »rette meine Mutter, und ich will Dich wieder ins Mittlerhaus führen, und will Dich alle Lieder lehren, die ich kenne, und will Dir sagen, was die Mutter gemacht hat mit dem ...« Aber das wilde Gejohle der Menge verschlang die Schlußworte ihrer Bitte oder ihrer Verheißung. »Herr Archibald,« rief Jeanie, »um der himmlischen Barmherzigkeit willen, retten Sie die Arme aus den Händen dieser Rasenden!« Archibald, der inzwischen wieder seinen Platz Jeanie gegenüber im Wagen eingenommen hatte, beugte sich zum Fenster hinaus und rief den Leuten zu: »Sie ist närrisch, aber unschuldig an dem Schaden, der Euch Leute betroffen hat, tut ihr nichts zu leide, sondern bringt sie aufs Amt!« »Was kümmert Dich einer Hexe Tochter?« rief einer aus der Menge; »scher Dich, steck Deine Nase nicht in fremde Sachen!« – Ein andrer schrie: »Der Kerl ist ein Schotte! Hört ihr's nicht an der Sprache? Er soll sich bloß mucksen oder gar aus seinem Rumpelkasten herauskommen, so kann's ihm passieren, daß er seine Knochen und Rippen in seinem Plaid nach Hause schleppen muß!« Daß sich unter solchen Umständen für die Arme nichts tun ließ, war einleuchtend, und Herr Archibald suchte wenigstens so schnell wie möglich nach Carlisle zu gelangen, um dort polizeiliche Hilfe zu requirieren. Rohes Geschrei, der Vorbote grausamer Handlungen von wilden Volkshaufen, klang, untermischt mit schrillen Angstrufen des beklagenswerten Opfers, den Personen im Wagen noch lange nach. In Carlisle wurde auf Archibalds dringendes Ersuchen sogleich ein Büttel mit ein paar Fronen vor die Stadt hinaus geschickt; nach etwa anderthalb Stunden kehrten sie mit der Meldung zurück, daß sie den Pöbel in heller Wut gefunden hätten, daß er die Irre, nach der Sitte jener Gegend, Hexen zu strafen, in einen Schlammtümpel getaucht und daß es unsägliche Mühe gemacht hätte, ihnen sein Opfer zu entreißen, das sich aber schon in einem Zustande gänzlicher Bewußtlosigkeit befunden hätte. Im Krankenhause sei es aber mit dem armen Geschöpfe schnell wieder besser geworden, so daß man wohl bald auf völlige Genesung rechnen dürfe. Das letztere war jedoch eine starke Beschönigung, denn daß Madge Wildfire in ihrem ohnehin sehr angegriffenen Zustande die ihr zugefügte grausame Behandlung überstehen werde, glaubte wohl niemand, aber Archibald wollte Jeanies Zustand durch die unverblümte Wahrheit nicht noch mehr verschlechtern. Archibald entschied sich dafür, den Rest des Tages und die Nacht in Carlisle zu verbringen; Jeanie war dies um so lieber, als sie sich schon mit dem Gedanken befreundet hatte, sich nach dem Befinden von Madge Wildfire zu erkundigen. Sie wurde hierzu durch zweierlei Gründe bewogen, erstens durch die Sorge um die Unglückliche, zweitens weil sie versuchen wollte, etwas über das kleine Wesen zu erfahren, das ihrer Schwester solch namenloses Herzeleid bereitete. Und Madge Wildfire war doch jetzt die einzige, durch die einiges Licht über diesen dunklen Punkt vielleicht noch gewonnen werden konnte. Archibald gegenüber äußerte sie nichts über den letzteren Grund, sondern nur, daß sie sich als Christin verpflichtet fühle, einen Mitmenschen im Elend nicht allein zu lassen, und so ließ sich Archibald bestimmen, sich zunächst nach dem Befinden der Unglücklichen zu erkundigen; er kam jedoch mit dem Bescheide aus dem Krankenhause zurück, daß der Arzt streng verboten hätte, jemand zu der Kranken zu lassen. Am nächsten Morgen jedoch, als Jeanie selbst hinging, wurde sie vorgelassen. Der Arzt sagte ihr, Madge sei gegen Abend ruhiger geworden, worauf der Geistliche versucht habe, ihren Sinn dem Glauben zuzuwenden. Es habe auch so ausgesehen, als wenn sie mit ihm gebetet habe; kaum aber sei er fort gewesen, so habe sich der böse Geist wieder über sie gesenkt. Seiner Meinung nach habe sich ihr Zustand im Laufe der Nacht so verschlimmert, daß er ihr schwerlich mehr als zwei Stunden Leben noch versprechen zu dürfen meine. Sie lag in einem großen Krankenraume, worin zehn Betten standen, die aber, bis auf das ihrige, unbesetzt waren. Sie sang, als Jeanie mit dem Arzt und der Pflegerin eintrat. Aber ihre Stimme klang nicht mehr so überlaut wie ehedem im Walde, sondern war durch die Erschöpfung, die sie noch immer nicht verlassen hatte, und durch die ausgestandenen Schrecknisse sehr geschwächt. Ihr Sinn war noch immer verstört; die Lieder, die sie sang, hörten sich an wie Wiegenlieder, mit denen Mütter ihre Kleinen in Schlaf lullen. Wann der Glaubenskampf vollendet, Wann das Hochzeitskleid gewebt, Wann der Glaub' die Zweifel endet, Hoffnung sehnend aufwärts strebt... Wann die Liebe, hier gefangen, Nach dem Höhern fühlt ein Bangen, Dann wirf ab die Sündenhülle! Auf, o Christ, zur Segensfülle! Jeanie trat, als das Lied verklungen war, an ihr Bett heran; aber selbst als sie sie bei ihrem Namen rief, regte sich kein Zeichen von Erinnerung bei der Kranken; es sah vielmehr ganz so aus, als sei sie über die Störung unwillig, die ihr der Besuch bereitete, denn sie rief verdrießlich: »Schwester, ich will nach der Wand zu liegen: mir ist alles zuwider, was ich auf dieser jammervollen Welt noch sehe.« Die Wärterin legte sie, wie sie es haben wollte, aber kaum hatte sie die Wand vor Augen, so stimmte sie ein anderes Lied an, das sie wohl zur Erntezeit gesungen oder gehört haben mochte... Das Werk ist aus – die Müh' getragen, Der muntre Schnitter atmet neu. Es schwankt dahin der volle Wagen, Zur Lust und Freude sind wir frei. Die Nacht bricht an... es sinkt die Sonne, Wenn mit dem Tag die Mühe weicht, Vorm Winter flieht des Herbstes Wonne, Wenn sich der erste Frühreif zeigt. Der nahende Tod verlieh der von Natur schönen Stimme ein süßes, schmachtendes Weh, so daß selbst Archibald sich einem tiefen Mitgefühl nicht verschließen konnte, trotzdem sein Sinn, wie bei einem Lakeien wohl begreiflich, fast nur auf das Weltliche gerichtet war. Ueber Jeanies Wangen rannen heiße Tränen, und auch Jungfer Dutton, der es im Gasthofe keine Ruhe gelassen hatte, schluchzte laut; die Kranke wurde schwächer und schwächer, ihr Atem kurz und schwer; zuweilen schien ihr die Stimme versagen zu wollen; allein der Sinn für Melodie, der dem armen Wesen angeboren zu sein schien, gewann über die leibliche Schwäche immer wieder den Sieg, so daß sie, sobald die Schmerzen eine Weile aussetzten, gleich wieder zu singen anfing; und aus den Liedern, die sie dann sang, klang immer etwas heraus, das auf ihre augenblickliche Lage Beziehungen zu haben schien. Was sie zum Beispiel jetzt sang, ein Bruchstück aus einem alten Volksliede, nannte sogar den Namen des herzoglichen Lakaien... Kalt ist mein Bett, Lord Archibald, Mein schwerer Schlaf so trüb', Doch morgen ist auch trüb und kalt Dein Lager, falsches Lieb! Ihr Dirnen, die ihr mich geliebt, Beweint mein Schicksal nicht! Er, der den Tod mir heute gibt, Tritt morgen vors Gericht. Darauf änderte sie abermals die Weise; die Melodie wurde wilder, regelloser; der Klang der Stimme wieder lebhafter. Aber die Umstehenden konnten nur Bruchstücke von dem ergreifenden Texte verstehen: In den düstern Hain, Als der Morgen graut, Tritt sie ein. Und im Hain wird's laut... Sag mir, Vögelein, Wann wird Hochzeit sein? Wann geben Edelleut' Dir das Geleit? Wer macht das Brautbett sein, Sag' es mir, Vögelein, Dorten der Greis am Stab Gräbt Dir das frühe Grab. Glühwurm auf Gruft und Stein Soll Dir die Leuchte sein; Grüß Dich, Du stolze Braut, Krächzet das Käuzchen laut. Mit dem letzten Verse schwand ihre Stimme; sie sank in einen Schlummer, aus dem sie, wie die Schwester sagte, entweder gar nicht wieder oder zum letzten Todeskampfe erwachen würde... Diese Vorhersage erfüllte sich; die Arme verschied, ohne noch einmal zu einem Liede anzusetzen; aber die Reisenden warteten den letzten Augenblick nicht ab; denn Jeanie hatte eingesehen, daß sie von Madge Wildfire irgend welche Aufklärung über ihrer Schwester Unglück nicht erlangen konnte. Siebzehntes Kapitel. Im Laufe des andern Vormittags fuhren sie durch die Grafschaften Dumfries und Lennark und erreichten die kleine Stadt Rutherglen, die etwa vier Meilen vor Glasgow lag; hier fanden sie einen Brief vom Herzog von Argyle, den dessen Edinburger Geschäftsträger für Herrn Archibald im Gasthofe hatte hinterlegen lassen. Dieser aber erwähnte seiner erst, als sie wieder unterwegs waren; der Herzog wünschte, sagte er, daß Jeanie noch ein paar Stationen über Glasgow hinaus in Archibalds Gesellschaft bliebe, zumal sie eine kurze Strecke weiter nördlich einen seiner Beamten treffen würde, der mit seiner Frau aus den Hochlanden nach Edinburg reise, und dem sie sich dann bis in die Heimat anschließen könnte. In Glasgow, setzte er hinzu, herrschten jetzt Unruhen, die sich bis in die Umgegend hinaus erstreckten und es für ein einzelnes Mädchen nicht rätlich erscheinen ließen, zu reisen, Jeanie wollte im ersten Augenblick von solcher Aenderung der getroffenen Dispositionen nichts hören, da die Ihrigen nun schon so lange auf sie warteten und gewiß große Sehnsucht nach ihr hätten; lieber, sagte sie, wolle sie in Glasgow einen Wagen nehmen, der sie bis an den Sankt-Leonards-Felsen brächte, den wiederzusehen sie wirklich kaum noch erwarten könnte. Darauf wechselte Herr Archibald mit Jungfer Dutton, der erkorenen Verwalterin der herzoglichen Milchkammer, einen so eigentümlichen Blick, daß Jeanie erschreckt rief: »Herr Archibald... Jungfer Dutton! Hat sich etwa in Sankt-Leonard etwas zugetragen, das mir verheimlicht werden soll? Um Gottes Barmherzigkeit willen sagen Sie es mir! Lassen Sie mich nicht in solcher tödlichen Ungewißheit!« – »Daß ich nicht wüßte, Fräulein Deans,« erwiderte Herr Archibald, – »Und ich,« bemerkte Jungfer Dutton, »ich weiß erst recht nichts,« aber es schien doch, wie wenn sie etwas wüßte, denn Herr Archibald mußte, um ihr den Mund zu schließen, einen recht strengen Blick auf sie richten. So konnte sich Jeanie nicht verhehlen, daß ihr tatsächlich irgend etwas verheimlicht würde, und um ihre Unruhe zu bekämpfen, blieb Herrn Archibald nichts weiter übrig, als er den letzten Trumpf, den er noch in petto hielt, auszuspielen, und der in einem Billett bestand, das er jetzt Jeanie überreichte... Er zeigte die Schrift des Herzogs und enthielt die Worte: »Liebes Fräulein Deans... Du wirst mir einen recht großen Gefallen tun, wenn Du Dich auf eine Tagereise hinter Glasgow noch in Archibalds Gesellschaft hältst, ohne weiter nach dem Grunde zu fragen... Du verpflichtest mich hierdurch zu einigem Danke... Dein Dir wohlgeneigter Argyle.« Gegen eine solche Weisung eines so hohen Herrn, dem sie so außerordentlich viel zu verdanken hatte, durfte Jeanie weitere Einwände nicht erheben; sie fügte sich also darein, in Archibalds Gesellschaft über Glasgow hinaus, am linken Clyde-Ufer entlang, weiter zu fahren. Der Weg führte durch allerhand reizende Landschaft, bis der Fluß sich zum schiffbaren Strome und zuletzt zu dem breiten Seearme dehnte, »von dessen Klippen sich der Wasserrabe, das schwarze, triefende Gefieder vom Hauch des Windes leicht entfaltet, schwebend zu den Fluten neigt.« »Nach welcher Seite zu liegt Inverary?« fragte Jeanie, den Blick auf das dämmrige Nebelmeer der Hochlandsberge richtend. »Das dort ist wohl das herzogliche Schloß?« – »Das dort? Aber, Fräulein! Sehen Sie denn schlecht? Das ist doch unsere alte Burg Dumbarton, Europens gewaltigste Festung, mögen sie alle Burgen zusammennehmen! Hier war, zu den Zeiten, da Schottland mit England im Kriege lag, Sir Wallace Gouverneur, und jetzt, ist's Seine Herrlichkeit unser Herzog. Wird es ja doch nie einem andern als dem ersten Manne im Reiche anvertraut!« – »Und wohnt Seine Herrlichkeit jetzt auf dem kühnen Horste?« fragte Jeanie, den Blick zu der jähen Höhe hinauf richtend. – »O nein, sein Verweser gebietet dort; er wohnt aber auch nicht oben auf der Höhe, sondern in dem weißen Hause dort am Fuße des Felsens.. Seine Herrlichkeit haben Ihre Wohnung überhaupt nicht in Dumbarton.« »Nu, das läßt sich wohl denken,« rief Jungfer Dutton, die über das, was sie seit Dumfries von Schottland gesehen, nicht weniger als erbaut war, »denn wenn er dort hinauf eine Sennerin stecken wollte, so könnte er wohl lange suchen! Ich wenigstens möchte Bekannte und Freunde nicht verlassen haben, um auf solch kahlem Felsen meine Kühe eingehen zu sehen oder wie ein Eichkätzchen im Käfig dort oben herumzuzappeln.« Herr Archibald, innerlich lächelnd, daß der Unmut der Jungfer erst zu Tage trat, als sie ihm ganz in die Hände geliefert war, antwortete gelassen, er habe die Felsen nicht gemacht und wisse auch kein Mittel, sie fortzuschaffen; was indessen ihre Wohnung anbetreffe, so würde sie solche bald in einem herzoglichen Schlosse angewiesen bekommen, und zwar auf Roseneath, einer prächtigen Insel, wo ein Schiff ihrer warten werde, sie hinüber nach Inverary zu bringen, und wo Fräulein Jeanie die Gesellschaft treffen werde, mit der sie die Reise bis Edinburg machen solle. »Eine Insel?« fragte Jeanie, die zwar eine weite wunderliche Reise gemacht hatte, aber dabei doch nie den Fuß vom festen Lande gesetzt hatte, »so werden wir wohl in eins von den schmalen Booten steigen müssen, wie ich sie manchmal vom Leonardsfelsen aus im Meere gesehen habe?« »Dagegen protestiere ich, Herr Archibald,« rief Jungfer Dutton, »ich bin nicht verpflichtet worden, den Fuß vom Lande zu setzen. Sagen Sie also dem Kutscher, daß er mich auf dem Landwege bis zum Hause des Herzogs bringt.« – »Sie brauchen sich nicht im geringsten zu ängstigen,« versetzte Archibald; »ich bringe Sie schon in der festen Jolle des Herzogs sicher und wohlbehalten hinüber,« – »Ich fürchte mich aber,« rief die Jungfer, »und gehe nicht davon ab, daß ich zu Lande hingebracht werde, und sollte es gleich ein Umweg von zehn Meilen sein, den Sie machen müßten.« »Lieb Jüngferchen,« versetzte Archibald neckisch, »da wird wohl alles nichts helfen können, denn wenn Roseneath eine Insel ist, so bleibt's eben eine, und zu Lande hinüber führt da kein Weg.« – »Dann sehe ich noch immer nicht ein,« rief die Jungfer, vor Zorn schier außer sich, »wie ich dazu komme, auf einer Wasserfahrt mein junges Leben aufs Spiel zu setzen.« – »Na, Jüngferchen,« versetzte Archibald, dem langsam die Geduld zu reißen drohte, »das kann ich auch nicht einsehen; aber daß Sie zu Lande nicht auf die Insel kommen können, darein werden Sie sich schon finden müssen.« Darauf gab er den Postillonen einen Wink. Die Kutsche bog in einen schmalen Weg ein, der zu einem seitwärts der großen Straße liegenden kleinen Fischerdorfe führte; dort lag eine Schaluppe vor Anker, die einen erheblich freundlicheren Anblick gewährte als die düstern Schiffe, die rechts und links von ihr das Wasser bedeckten. Sie war mit einer Fahne geschmückt, die über einem Eberkopfe die herzogliche Krone zeigte, und mit Matrosen und Hochländern bemannt. Der Wagen hielt. Die Postillone spannten die Pferde aus. Herr Archibald überwachte mit gewichtiger Miene den Transport des Reisegepäcks an Bord der Schaluppe hinüber. »Liegt die Karoline schon lange hier?« fragte er einen der Matrosen. – »Wir sind vor fünf Tagen von Liverpool in See gegangen und liegen unten in Greenock.« – »Dann werden Pferde und Wagen nach Greenock gebracht,« befahl Archibald, »und warten dort, bis Befehl kommt, sie nach Inverary einzuschiffen.« Dann wandte er sich an die beiden Fräulein, die er hierher gefahren hatte. »Wir dürfen die Flut nicht vorbeilassen, Fräulein Deans und Jungfer Dutton,« sagte er, »drum bitt' ich, einzusteigen.« »Fräulein Deans,« erklärte Jungfer Dutton, »meinetwegen steigen Sie ein oder nicht; ich bleibe jedenfalls lieber die ganze Nacht hier sitzen, statt mich in solche Eierkiste zu wagen. Sie da, Mann!« rief sie einem Hochländer zu, der eben einen Koffer auf die Schulter nahm, »das ist mein Koffer, ebenso die Schachtel, der Mantelsack und die sieben Pakete mit dem Pappkasten, das bleibt alles hier, lassen Sie sich nicht beikommen, das in die Eierkiste zu schaffen!« Der Hochländer gaffte erst die Jungfer, dann Herrn Archibald an, und als er auf dessen Gesicht nichts erblickte, was sich als Verbot, in der Absicht fortzufahren, deuten ließ, brachte er alles, was die Jungfer für sich reklamiert hatte, im Handumdrehen an Bord der Schaluppe, ohne sich an deren Geschrei und Versuche, ihn daran zu hindern, im geringsten zu kehren. Sobald das Gepäck untergebracht war, brachte Archibald Jeanie an Bord hinüber, die zwar nicht frei von Furcht war, sich aber willig den Anordnungen des erfahrenen Dieners fügte. Anders Jungfer Dutton, die außer sich vor Wut in einem fort nach ihrem Gepäck schrie, das sie wieder ans Land forderte, weil sie unter keinen Umständen sich zu der Wasserfahrt bereit erklären würde. Herr Archibald gab sich nicht lange Mühe, sie eines Bessern zu belehren, sondern rief den Hochländern ein paar Worte auf gälisch zu, worauf diese die Jungfer so plötzlich und so geschickt ergriffen, daß sie, der Länge nach auf ihren Schultern gelagert, pfeilschnell zur Bucht hinunter und an Bord der Schaluppe kam, ohne alles weitere Leid, als daß ihre Kleider ein paar Falten mehr zeigten, als sie vom Sitzen im Wagen bekommen hatten. Die Jungfer war dermaßen entsetzt über die ihr angetane Behandlung, daß sie erst wieder zu sich kam durch den Ruck, den es gab, als die Schaluppe vom Lande abgestoßen wurde. Dann aber fing sie an zu keifen: »Sie abscheulicher schottischer Grobian!« – womit sie niemand anders als Herrn Archibald meinte – »wie können Sie sich erfrechen, eine anständige Person auf so schimpfliche Weise zu behandeln?« – »Meine sehr werte Jungfer,« antwortete Herr Archibald mit seiner unerschütterlichen Ruhe, »Zeit und Flut warten auf niemand, und damit Sie wissen, wie Sie sich hinfort zu verhalten haben, so lassen Sie sich hiermit gesagt sein, daß Sie sich jetzt auf dem Grund und Boden des Herzogs von Argyle befinden, daß die Hochländer, die Sie hier sehen, seine Untertanen sind, und daß keiner von ihnen sich auch nur eine Sekunde besinnen würde, Sie kopfüber ins Meer zu stürzen, sobald es Seiner Herrlichkeit gefallen sollte, ihnen solchen Befehl zu erteilen.« »Um Jesu Christi willen,« rief die Jungfer, »wie hab' ich so rücksichtslos gegen mich selbst sein können, mich mit solchem Bären einzulassen!« – »Das hätten Sie freilich sich ein bißchen früher überlegen sollen,« erwiderte Archibald, kurz angebunden. »Sie werden es wohl aber, denke ich mir, bald herausfühlen, daß man sich auch im Hochlande ganz gut zurechtfinden kann. Sollen doch an ein Dutzend Dirnen zu Inverary unter Ihr Regiment kommen, und wenn Ihnen eine nicht parieren will, so können auch Sie sie dreist ins Meer schmeißen lassen, denn des Herzogs Beamten und Leute haben fast ebensoviel Gewalt über die ihnen Untergebenen wie der Herzog selbst.« »Sie bringen mich aber,« erwiderte die Jungfer, hierdurch einigermaßen besänftigt, »in eine recht prekäre Lage, und wenn ich sehe, daß ich mich drein schicken muß, so möchte ich doch wenigstens fragen, ob das Boot auch ganz gewiß nicht untergehen wird?« – »Darüber können Sie sich völlig beruhigen, meine liebe Jungfer,« erwiderte Herr Archibald, indem er sich eine Prise genehmigte, »der Clyde kennt uns, wie wir ihn, und daß auf dem Clyde 'mal was einem von unsern Leuten passiert sei, dafür läßt sich wohl, so lange wir einander kennen – und das soll geraume Zeit her sein – kein Beispiel anführen... Wären die Unruhen nicht in Glasgow gerade jetzt ausgebrochen, so wären wir vom andern Ufer hinübergefahren; aber unter solchen Umständen durch die Stadt den Weg zu nehmen, wäre für die Leute des Herzogs nicht schicklich gewesen.« »Haben Sie denn gar keine Furcht, Fräulein Deans?« fragte die künftige Meierei-Verweserin unsere Heldin, die sich dicht neben den am Steuer sitzenden Kammerdiener des Herzogs gesetzt hatte und auch nicht ganz ruhigen Gemüts war, »fürchten Sie sich wirklich nicht vor diesen rohen Gesellen, die gar nicht 'mal Strümpfe an den Beinen tragen? auch nicht vor dieser Eierkiste, die immer auf und nieder geht wie ein Schaumlöffel in einer Milchsatte?« – »O, Furcht wohl nicht gerade, Fräulein,« versetzte Jeanie, »Hochländer habe ich schon gesehen, wenn auch nie in so dichter Nähe wie heute... Und was das tiefe Wasser anbetrifft, so wissen wir Menschen doch, daß die Vorsehung über uns nicht bloß auf dem festen Lande wacht, sondern auch auf dem Wasser,« – »Es ist eben gar schön,« sagte darauf die Jungfer, »wenn man lesen und schreiben gelernt hat, denn man hat dann immer die schönsten Worte bei der Hand, um sich in schlimmen Situationen zu trösten.« Archibald war von Herzen froh, daß sein rücksichtsloses Vorgehen keine ungünstigere Wirkung auf die Jungfer hervorgebracht hatte, und bemühte sich nun, auch weiterhin Herr der Situation zu bleiben, indem er der Jungfer klar zu machen suchte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sei, sie ihrem Willen gemäß drüben am Strande allein zurückzulassen; und es gelang ihm auch, eine vollständige » entente cordiale « während der Ueberfahrt herzustellen, die auch nicht gestört wurde, als man endlich zu Roseneath ans Land stieg. Achtzehntes Kapitel. Die Inseln in dem vom Clyde gebildeten Meerbusen sind von hoher, aber sehr verschiedenartiger Schönheit. Das felsige Arran, eigentlich ein Eiland, ist reich an romantischen Ausblicken; Bute ist ein liebliches Wald-Idyll, und die Cumerays gleichen grünen Wiesenflächen, zwischen denen das Meer sich Bahnen bricht, seinen Busen zu runden. Weiter aufwärts im Bereiche desselben, seinem westlichen Ufer nahe, liegt Roseneath, größer als Arran, und doch fast auch nur ein Eiland, umspült vom Lochgare, der sich hier zusammen mit anderen Wasserläufen des Hochlands in den Clydebusen ergießt. Die Lage der Inseln schützt sie fast sämtlich sowohl vor den eisigen Frühlingswinden Schottlands als vor den gewaltigen Stürmen des Atlantischen Ozeans. Drum gedeihen die Hängebirke und Trauerweide, wie manch andere früh knospenden Bäume auf dieser stillen, einsamen Inselflur zu einer den östlichen Gegenden Schottlands unbekannten Fülle und Schöne. Die Grafen und Herzöge von Argyle hegten seit Jahrhunderten für die malerisch-schöne Insel eine besondere Vorliebe und hatten sich ein Schloß dort bauen lassen, das durch viele Zubauten mit der Zeit wesentlich vergrößert und verschönert worden war. Diesem lieblichen Eiland näherte sich jetzt die kleine Reisegesellschaft. Auf dem mit niedrigen, aber dicht belaubten Eichen und Haselstrauchen bestandenen Landungsplatze sahen sie schon von weitem eine Menschengruppe, die dem Anschein nach auf sie wartete. Jeanie aber gab wenig acht auf sie, und es wirkte darum ähnlich einem schweren Blitzschlage auf sie, als die Hochländer, die sie ans Land trugen, sie aus den Armen ließen, um sie den Armen ihres Vaters zu überantworten. Es schien ihr so wunderbar, einem seligen Traume so ganz ähnlich, daß sie es im ersten Augenblick nicht für wirklich wahr zu halten vermochte. Sie entwand sich den sie fest umschlingenden Armen des Vaters, hielt, um sich zu überzeugen, daß es wirklich keine Täuschung sei, den Vater auf Armeslänge von sich, betrachtete ihn von Kopf zu Füßen, – und doch, es war nicht anders – es war wirklich David Deans, wirklich er selbst, ihr leiblicher Vater in seinem besten hellblauen Sonntagsüberrock mit großen Metallknöpfen, und eben demgleichen Gehrock – wirklich David Deans in seinen Gamaschen von grauem Tuch und seiner breiten blauen Mütze, – die sich jetzt, als er die Augen in stummer Dankbarkeit gen Himmel hob, zurückschob und die silbergrauen Locken, die offne tiefgefurchte Stirn, die hellen blauen Augen zeigte, die, noch ungetrübt von den Jahren, noch klar und licht unter den buschigen, grauen Wimpern blitzten, – ja, es waren wirklich die Züge von David Deans, deren gewohnte Strenge jetzt in einen Ausdruck hehrer Freude, hehrer Liebe, hehrer Dankbarkeit verschmolzen. »Jeanie, Jeanie, mein bestes, liebstes, herzigstes Kind, der Gott Israels sei Dein Vater, denn ich – ich bin Deiner nicht würdig! Du hast uns die Ehre unseres Hauses wiedergegeben. Aller Segen der Verheißung und Vergeltung sei mit Dir, mein Kind! Allein Gott hat Dich bereits gesegnet durch das Gute, zu dessen Werkzeug er Dich erkoren!« So wenig David Deans zur Weichmütigkeit neigte, so konnte er doch den Tränen nicht wehren, ihm die Augen zu füllen. Mit großem Feingefühl hatte Archibald alle fremden Leute vom Platze entfernt, so daß Vater und Tochter allein mit sich waren und nur den Wald und die untergehende Sonne zu Zeugen der tiefen Empfindungen hatten, die jetzt in ihren Herzen rangen. »Und Effie? – Und Effie, teuerster Vater?« war die Frage, mit welcher Jeanie wiederholt die Ausbrüche ihrer Freude und ihres Dankes unterbrach. – »Du sollst es hören,« sagte David Deans hastig, von neuem den Himmel preisend, daß er Jeanie gnädiglich behütet und sie heil und gesund aus dem Lande der ihm verhaßten ketzerischen Lehre zurückgeführt hatte. – »Und Effie?« fragte die liebende Schwester wieder und wieder. »Und – und« (gern hätte sie Butler genannt, aber sie hielt noch mit der Frage zurück) »und Saddletrees, – und der Laird, – und alle andern lieben Bekannte und Freunde?« – »Alle gesund, gottlob, alle gesund!« – »Und – und Herr Butler;« fragte sie stockend, »er war nicht recht auf dem Posten, als ich fortging.« – »Er ist wieder hergestellt und ganz wohl.« – »Gott sei Dank! – aber ach, teurer Vater, Effie? – Effie?« – »Effie,« wiederholte er, – »Du wirst sie nie wiedersehen, mein Kind,« antwortete Deans mit feierlichem Ton; »Du bist das einzige Blatt, das dem alten Baume geblieben, – Heil und Segen Dir!« – »Sie ist tot! – Sie haben sie umgebracht! – Der Brief ist zu spät gekommen!« rief Jeanie, bange die Hände ringend. – »Nein, Jeanie,« antwortete Deans mit demselben feierlichen Ernst wie zuvor. »Effie lebt, im Fleisch und frei von irdischem Zwange. O, daß sie ebenso lebendig wäre im Glauben und ebenso ledig der Stricke des Satans.« »Der Herr sei uns gnädig!« rief Jeanie; »das unglückliche Kind kann doch nicht Euch Vater, verlassen haben, um jenes Bösewichtes willen.« »Und doch redest Du die Wahrheit, die lautere Wahrheit,« sagte Deans; »Effie hat ihren Vater verlassen, der um sie weinte und für sie betete. Effie hat ihre Schwester verlassen, die für sie litt, die wie eine Mutter an ihr handelte. Effie hat die Gebeine Ihrer Mutter, hat Heimat und Vaterland verlassen, um jenem Belialssohne zu folgen. Bei Nacht und Nebel,« rief er, traurig und doch mit wildem Zorn, »ist sie davongegangen.« Dann schwieg er. – »Und mit diesem Manne? – Mit diesem schrecklichen Manne?« rief Jeanie, noch immer die Hände ringend. »Uns alle, Vater, Schwester, Freunde, hat sie verlassen, um mit ihm zu gehen? O, Effie, Effie, wer hätte das geglaubt, nach solcher Errettung!« – »Sie ist von uns gegangen, Kind, weil sie nicht zu uns gehörte,« sagte der Vater. »Sie ist eine verdorrte Rebe, die keine Frucht der Gnaden bringen kann, ein Sühnopfer, hinausgestoßen in die Wüstenei der Welt, unsere Missetat zu sühnen. Der Friede der Welt möge ihr zuteil werden, und, wenn ihr wieder die Gnade wird, danach zu verlangen, auch der bessere Friede. Gehört sie zu den Erwählten, so wird auch ihre Stunde kommen. Der Herr kennt seine Zeit. – Sie war das Kind meines Gebets. Möge sie nicht ganz zum Auswurf werden! Aber niemals, Jeanie, niemals werde ihr Name wieder unter uns genannt! Sie ist, um mit dem geduldigen Hiob zu sprechen, an uns vorbei geglitten, wie ein versiegender Bach, der aus seinem Bette schwindet, wenn der heiße Sommer kommt. Sie gehe dahin und sei vergessen!« Grabesstille folgte auf diese traurigen Worte. Gern hätte Jeanie den Vater nach den näheren Umständen von Effies Flucht gefragt, aber der Vater hatte seinen Willen zu fest, zu entschieden ausgesprochen, und so wagte sie nicht, des Zusammentreffens mit George Staunton mit auch nur einem Worte zu erwähnen; denn was sie im Pfarrhause zu Willingham über das unglückselige Geschick der Schwester vernommen, war nicht danach beschaffen, den Kummer des Vaters zu mildern. Sie nahm sich vor, zu warten, bis sie mit Reuben Butler darüber gesprochen. Aber wann würde sie ihn wiedersehen? Der Zweifel, der in ihrem Gemüte herrschte, verdichtete sich um so mehr, als ihr Vater, wie wenn er jedem weitern Gespräch über sein jüngeres Kind aus dem Wege gehen wollte, nach dem gegenüberliegenden Ufer wies und die Frage stellte: ob Dumbartonshire nicht ein ganz angenehmer Wohnplatz sei? und gleich darauf hinzusetzte, daß er gesonnen sei, seine Tage hier zu beschließen, da Seine Durchlaucht, der Herzog von Argyle, ihn als einen in der Landwirtschaft wohlerfahrenen Mann zum Aufseher einer großen Meierei berufen hätte. Jeanie war über diese Mitteilung bestürzt; wohl gab sie zu, daß Land und Weide nichts zu wünschen übrig ließen, daß das Gras, obgleich so lange Trockenheit geherrscht, frisch und saftig aussehe; allein es sei gar so weit von der Heimat, und sie würde gewiß recht oft an die schönen Weiden voll Maßlieb und gelber Kuhblümchen zwischen den St. Leonards-Felsen denken. »Sprich nicht von dort, Jeanie,« sagte ihr Vater, »ich will den Namen nie mehr hören. Aber Deine Lieblingskühe habe ich alle mit hergenommen. Die scheckige und die braune, auch die weißgefleckte, der Du den Namen – welchen, brauche ich Dir nicht zu sagen und will ich nicht sagen – gabst; die hätte ich gern verkauft, aber – aber es ließ sich nicht machen – und so hab' ich sie auch mitgenommen, wenn es mir auch oft das Herz schwer machen wird, sie zu sehen.« Je mehr aber Jeanie über Dumbartonshire vom Vater hörte, desto mehr fand sie Ursache, die Fürsorge des Herzogs zu bewundern. Die an Effies Begnadigung geknüpfte Bedingung langjähriger Landesverweisung hatte ihm die Vermutung nahe gelegt, daß auch David Deans, um sich nicht von seiner Tochter zu trennen, daran denken werde, seinen Wohnort zu verändern. Durch Jeanies Erzählung hatte er eine günstige Meinung von ihrem Vater bekommen und ihm unter günstigen Bedingungen die Aufseherstelle seiner Meierei zu Dumbarton angetragen, wo er in Ruhe und Verborgenheit unter herzoglichem Schutze die Tochter bei sich behalten konnte. Effies Flucht hatte in dem Greise den Wunsch, die ihm so verhaßt gewordenen St.-Leonards-Berge zu verlassen, noch mehr gefestigt; gern hatte er das Anerbieten angenommen, gern war er auch auf den weiteren Vorschlag des Herzogs eingegangen, Jeanie damit eine Ueberraschung zu bereiten. Daraufhin hätte der Herzog, wie Deans meinte, seinen Sekretär Archibald von Edinburg aus schreiben lassen, mit Jeanie Deans nach Roseneath zu fahren. Unter Mitteilungen dieser und anderer Art schritten Vater und Tochter dem Hause zu, das zwischen hohen Bäumen hervorlugte. Als sie nur ein paar Schritte davon entfernt waren, sagte der Vater, indem er seinem ernsten Gesicht mit jenem starren Lächeln, das den einzigen Grad von Frohsinn kennzeichnete, zu dem er sich aufzuschwingen vermochte, einen noch ernsteren Ausdruck gab: es wären zwei fremde Herren dort: der Laird von Knocktarlitie, ein Edelmann der Hochlande, ein Herr, rasch zum Zorn bereit, wie alle in den Bergen, habgierig und darum wenig besorgt um sein Seelenheil, sonst aber umgänglich und gastfrei, mit dem man eben, da ihm die Jurisdiktion über Argyle zustehe, in gutem Vernehmen bleiben müsse. Der andere sei ein Pfarrer, dem durch herzogliche Gnade dieses Kirchspiel als Pfründe erteilt worden sei. Ueber ihn, setzte er hinzu, brauche er wohl nicht viel zu sagen, zumal sie ihn wohl schon gesehen haben dürfte, – und wieder trat das seltsam starre Lächeln auf sein Gesichts, jenes einzige Zeichen von Frohsinn, dessen seine Miene fähig war. – O ja, ihn hatte sie schon gesehen, denn es war niemand sonst als Reuben Butler – Reuben Butler, wie er leibte und lebte! – Neunzehntes Kapitel. Im Herzen von David Deans hatte sich aber auch andres geändert, so das Vorurteil gegen den armen Hilfslehrer Butler, das ehedem wohl nicht zum wenigsten auf dessen Neigung für seine Tochter beruhte. Butlers innige Teilnahme aber an dem Unglücke, das seine Familie betroffen, die Liebe und Aufmerksamkeit, die er ihm während Jeanies Abwesenheit erzeigte, die Anhänglichkeit an ihn selbst, die er hieraus folgern zu müssen meinte, dies alles hatte ihn bereits milder gestimmt; aber noch ein anderes Ereignis, das sich um dieselbe Zeit zutrug, sollte diese feierliche Stimmung noch erhöhen. Sobald sich der greise Vater über die Flucht seines jüngsten Kindes einigermaßen beruhigt hatte, ließ er es seine erste Sorge sein, dem Laird von Dumbiedike das Geld zurückzugeben, das ihm dieser zu den Gerichtskosten und zu Jeanies Reise vorgestreckt hatte. Land, Klepper, Tressenhut und Tabakspfeife hatten sich lange, lange nicht mehr in St. Leonard sehen lassen; Deans mußte sich also selbst nach dem Schlosse Dumbiedike begeben. Dort fand er alles in seltsamem Aufruhr. Arbeiter über Arbeiter tummelten sich in den Räumen des alten Schlosses, rissen Tapeten ab und klebten Tapeten auf, hämmerten, weißten, malten, lackierten, scheuerten, wuschen, kurz, diese langjährige Stätte träger Verschlafenheit war gar nicht wiederzuerkennen. Der Laird selbst schien einigermaßen betroffen, oder beklommen, und wenn auch die Art, wie er den greisen Deans begrüßte, nicht unfreundlich war, so fehlte ihr doch jene Herzlichkeit, mit der er sonst David Deans zu begrüßen pflegte. Auch im Aeußern des Lairds hatte sich manches verändert: der alte Hut war gewendet, die Tressen waren aufgefrischt worden, auch tanzte er nicht wie ehedem, auf dem Haupte des Lairds nach vorn und hinten, sondern saß fest, nämlich quer über das eine Auge gedrückt, was dem Aussehen des Lairds insofern nicht unvorteilhaft war, als es ihm einen gewissen Anstrich von Pfiffigkeit lieh. David Deans nannte dem Laird den Zweck seines Besuches und zählte das Geld auf den Tisch. Dumbiedike zählte es gewissenhaft nach und unterbrach Deans, der von Judas Rettung aus der Gefangenschaft sprach, mehrmals mit der Bemerkung, das eine oder andere Goldstück käme ihm zu leicht vor. Als er sich aber hierüber beruhigt, das Geld eingestrichen und die Quittung ausgestellt hatte, fragte er Deans – aber hin und wieder stärker stockend, als man sonst an ihm gewohnt war, ob Jeanie nicht geschrieben habe? – »Wegen des Geldes, meinen Sie?« sagte David; »natürlich hat sie geschrieben.« – »Und von mir nichts geschrieben?« fragte der Laird zum andern Male. – »Nur ein paar fromme, christliche Wünsche, – was hätte sie auch sonst schreiben sollen?« sagte Deans, der nun darauf rechnete, daß der Laird sich endlich ihm gegenüber aussprechen werde, was er mit seinen langjährigen Besuchen bezweckt, was ihn an Jeanie so gefesselt habe, daß er stundenlang hatte dasitzen und keinen Blick von ihr wenden können. Es kam auch wirklich zu einer Aussprache, aber einer ganz andern, als Deans gewünscht oder erwartet hätte. – »Nun, auch gut! muß sie doch selbst am besten wissen, was für sie gut und von Nutzen ist. Die Madame Blachristie samt ihrer Muhme habe ich vor die Tür gesetzt. Diese beiden Kreaturen haben mich bestohlen wie Raben. Morgen früh werde ich getraut und am Sonntag halte ich Kirchgang.« David Deans mochte es, als er solche Worte aus dem Munde des Lairds vernahm, freilich wohl ein bißchen seltsam zu Mute sein; aber um es in Miene und Verhalten auch nur durchblicken zu lassen, dazu war er zu stolzen, eisernen Sinnes.. »Soll Ihnen alles nach Wunsch gehen, Laird!« sagte er; »der Herr, dessen Hand es spendet, verleihe es Ihnen in reichem Maße, Laird! Die Ehe ist ein Stand in Ehren.« – »Ich heirate auch in eine ehrsame Familie, Deans! Des Lairds von Lickgelf jüngste Tochter wird meine Frau; sie haben ihren Kirchstuhl dicht neben dem meinen, und das hat mich auf den Gedanken gebracht, um sie zu werben.« In wunderlichen Betrachtungen über die Vergänglichkeit menschlicher Dinge und Gesinnungen schlug Deans den Heimweg nach St. Leonards ein. Seine Hoffnung, Jeanie werde doch noch als Herrin in Dumbledike einziehen, hatte wohl tiefer in seinem Herzen gesessen, als ihm selbst bewußt gewesen war. Seiner Meinung nach hatte es Jeanie wenigstens in der Hand gehabt, es zu werden; nun aber war es auf immer aus mit dieser Hoffnung. Deans kehrte nicht gerade in bester Laune heim. Es verdroß ihn, daß Jeanie dem Laird keine Aufmunterung gegeben; es verdroß ihn, daß der Laird sich so lange besonnen hatte;, es verdroß ihn, daß er sich jetzt darüber ärgerte. Zu Hause fand er eine Aufforderung des Herzogs, sich nach Edinburg zu seinem Bevollmächtigten zu begeben, der Auftrag habe, sich mit ihm über Vorschläge, seinen Domizilwechsel betreffend, zu besprechen. Er hörte dort, nachdem alles, was ihn selbst anging, erledigt worden, daß es Seiner Herrlichkeit gefallen habe, die Pfarrstelle des dortigen Kirchspiels einem jungen Geistlichen, namens Reuben Butler, zu übergeben.– »Doch nicht dem Libbertoner Hilfslehrer?« rief Deans, – »Demselben. Seine Herrlichkeit haben viel Gutes über ihn gehört, haben auch einige Verpflichtungen gegen ihn. Seine Herrlichkeit sind gesonnen, den Pfarrer sehr gut zu stellen.« »Verpflichtungen! Seine Herrlichkeit gegen Reuben Butler?« rief Deans in höchster Verwunderung, denn er hatte sich längst daran gewöhnt, den armen Hilfslehrer von Libberton, dem alles im Leben fehlschlug, als einen jener Stiefsöhne des Glücks zu betrachten, die es bis ins hohe Alter hinauf zu nichts bringen. – Nun ist der Mensch aber dann immer am leichtesten geneigt, gut von Bekannten zu denken, wenn andere ihre Meinung über sie zum Bessern kehren. David Deans fühlte sich von der Wandlung in Butlers Schicksal höchst angenehm überrascht; er fand jetzt des Lobes über ihn nicht genug, und das um so mehr, als er sich selbst einen nicht geringen Teil davon zu gute rechnete; hatte ja niemand als er der Großmutter des jungen Menschen, die doch nur eine schlichte Frau war, den Rat, ihn für den geistlichen Stand zu bestimmen, gegeben – hatte doch er schon, als der junge Mensch die Schule mit gutem Zeugnis verließ, prophezeit, daß er ein reiner Pfeiler im Tempel des Herrn sein werde. David Deans setzte sich gern in Ansehen; er ließ also Butler zu sich bitten, um ihm als erster die wichtige Botschaft zu künden; er begleitete sie mit allerhand guter Lehre und ließ es auch an Warnungen nicht fehlen. Reuben aber wußte bereits, was Deans ihm mitteilen wollte; allein in der übergroßen Freude seines Herzens kam er auf den Gedanken, dem Greise die Freude zu lassen, daß er der erste habe sein können, der ihm die Nachricht brachte. Deans trat ihm mit all der Gravität entgegen, die ihm seine Berufung zu einem Aufseher der herzoglichen Domänen von Dumbartonshire verlieh, und gab ihm eine ausführliche Schilderung der ihm dadurch erwachsenden Vorteile und Benefizien. Reuben gab seinem Bedauern Ausdruck, daß er auf solche Weise sich von seinem alten treuen Freunde trennen müsse, der ihm sonst mit Rat und Tat zur Seite gestanden... »Das wird sich nun aber kaum ändern lassen, mein lieber Sohn,« meinte Deans, auf dessen Gesicht wieder das starre Lächeln trat, das den höchsten Gipfel seines Frohsinns kennzeichnete – »Sie wissen es doch ganz gewiß nicht, was? Sie werden es wohl andern überlassen mögen, wie zum Beispiel dem Herzog und mir, hier Rat zu schaffen. O, Freunde auf der Welt, mein lieber Butler, wiegen gar oft mehr als Geld!« – Während Deans, dessen Frömmigkeit sich nicht immer mit der Vernunft in dem richtigen Einklange hielt, der es aber liebte, sie bei jeglichem Anlasse ebenso aufrichtig wie eifrig an den Tag zu legen, den Blick gen Himmel wandte, malte Reuben sich im Herzen die Freude aus, die der alte Mann darüber fühlen mußte, seinem Schützlinge eine so bedeutungsvolle Mitteilung zu machen – und da er dem Greise mit keinem Worte erwiderte, fuhr dieser fort: »Ei, Reuben, was möchtet Ihr wohl sagen zu einer Pfarre, einer wirklichen, einträglichen Pfarre? würde Euch eine solche geboten, dann nähmet Ihr sie doch? Aber unter welchen Bedingungen? – Das heißt, ich frage nur so!« Butler antwortete, daß ihm das freilich ein sehr großes Glück bedeuten werde, daß er es aber in allererster Reihe für notwendig erachte, mit sich zu Rate zu gehen, ob er sich auch für das Amt, und ob das Amt sich für ihn eignen werde. – »Ganz recht, mein Sohn, ganz recht!« versetzte Deans, »Euer Gewissen muß eins mit Eurem Sinne sein! Wer kann andere unterrichten wollen, der die heilige Schrift nicht im Herzen trägt? Wer darf die Hand nach irdischem Gute heben, der nicht zuvor sich die geistige Speise erworben?« – Butler antwortete, daß er sich auch jetzt, wie im früheren Leben, gern nach dem Rate des erfahreneren Freundes richten werde, – worauf Deans hocherfreut antwortete: »Recht gut gesprochen, mein lieber Reuben! recht gut! und angenommen, Ihr wäret nun in solchem Falle, so würde ich meinerseits es für meine heilige Pflicht erachten, Euch alle Uebel der Zeit, in der wir leben, klar zu legen« – und nun war er in seinem Elemente, und Reuben mußte sich darein schicken, vieles anzuhören über die Geschichte der englischen Kirche, über Männer, die für sie gewirkt, über Lehren, die von ihnen stammten, – wenn er auch oft die Meinung des Greises nicht völlig teilte. Aber auch hier kam die Zeit, da Deans mit seinen religiösen Betrachtungen ein Ende fand und hinüber lenkte zu weltlicheren Dingen, zumal ihn Reuben durch seine Bescheidenheit und sein liebevolles Eingehen auf all seine Gedanken und Meinungen so für sich eingenommen hatte, daß er sich – was vielleicht seit seiner zweiten Hochzeit nicht wieder vorgekommen war, – dazu entschloß, zwei Flaschen alten kräftigen Doppelbieres aus dem Keller heraufzuholen und seinem jungen Freunde vorzusetzen. Bei dem Abendbrote, das sich daran fügte, brachte er die Rede auf seine Tochter Jeanie, auf die Tugenden derselben, auf ihre Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit, Biederkeit, auf ihre praktische Gesinnung – und nun konnte es nicht fehlen, daß auch Reuben sich in den lobendsten Worten über dieses Muster von einer Tochter und Schwester, wie er sie nannte, erging. – Und da er nun durch den Vater selbst die Kunde bekam, daß ihm durch die herzogliche Pfarre alle Sorge für sein zukünftiges Leben genommen sei, so konnte es weiter nicht fehlen, daß zwischen den beiden Männern ein Wort das andere gab, und daß sie schließlich auseinandergingen in der Zuversicht, daß Vater Deans nichts dawider haben werde, wenn der neue Pfarrer um die Hand von Jeanie anhalte. Hieran schloß sich nun das weitere Abkommen, Jeanie bis Roseneath, dem herzoglichen Jagdschlosse, entgegenzufahren. So hatten sie sich endlich gefunden, Jeanie und Reuben, die in so schlichter, treuer, verständiger Weise die vielen Jahre hindurch aneinander festgehalten; und in der gleichen schlichten, verständigen Weise spielte sich auch jetzt die Szene des Wiedersehens ab. Vater Deans ließ es sich nicht nehmen, als er sie nun freudigen Herzens zusammengab, eine lange Betrachtung seines Lebens und seines Glaubens vorauszuschicken; und es währte geraume Zeit, bis er soweit war, ihnen auseinanderzusetzen, daß der Ehestand nicht bloß ein Wehestand, sondern ein Ehrenstand sei, und daß es an beiden Ehegatten sei, denselben so zu führen, daß ein jeglicher daran seine Lust und seine Freude habe. – Mit den Worten, sie möchten nun allein miteinander besprechen, was sie noch zu sprechen hätten, verließ er sie hierauf. Nachdem sie nun in einsamer Zwiesprache den tiefen Empfindungen, die ihr Herz erfüllten, Ausdruck gegeben, von ihren Hoffnungen und Aussichten gesprochen hatten, und sich gelobt hatten, wie im bisherigen auch im neuen Leben treu miteinander zu halten, führte Jeanie das Gespräch auf das minder frohe Thema der Flucht ihrer Schwester. Sie vernahm von Reuben, daß Effie nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis noch drei Tage in St.-Leonard bei dem Vater geblieben, dann aber nächtlicherweile verschwunden sei. Nach vieler Mühe sei es ihm gelungen, ihre Spur bis zu einer kleinen, zwischen Dalkeith und Edinburg versteckten Seebucht aufzufinden, wo nur Fischerboote und Schmugglerschiffe zu landen pflegten, und wo in letzter Zeit ein solches Fahrzeug öfter gesehen worden und einmal spät in der Nacht an das Ufer herangekommen sei, um eine weibliche Gestalt zu einem größeren Schiffe hinüberzuführen, das unmittelbar nachher in See gegangen sei, ohne das mindeste von Fracht ans Land zu schaffen. Daß diese Schleichhändler Genossen des berüchtigten Robertson seien, und daß das Schiff nur zu dem Zwecke die Bucht aufgesucht habe, seine Geliebte zu entführen, darüber hegte Butler nicht den mindesten Zweifel. – Butler hatte bald darauf einen Brief, E. D. unterzeichnet, dem aber jede Bezeichnung von Ort und Zeit fehlten, erhalten. Wahrscheinlich war er von Effie an Bord geschrieben worden, während sie seekrank war, denn es war kein Muster von einem korrekten Briefe, sondern enthielt allerhand Schreib- und Stilfehler und war stellenweise recht verworren und unklar. Es war aber, wie in allem, was dieses unglückselige Mädchen sprach oder tat, auch in diesem Briefe zu loben so wohl als zu tadeln. Sie könne es, schrieb sie, nicht ertragen, daß ihr Vater und ihre Schwester um ihretwillen die Heimat verließen und ihre Schmach mit auf sich nähmen, denn da sie allein die Schuld trüge, so träfe auch sie allein die Strafe. Sodann wäre es doch hinfort nicht mehr möglich, einander in Zukunft ein Trost zu sein, denn jedes Wort, jeder Blick des Vaters erinnere sie an ihre Sünde und zerreiße ihr das Herz; in den drei Tagen, die sie in dem väterlichen Heim verlebte, sei sie fast um den Verstand gekommen. Der Vater meine es ja gut mit ihr, wie mit allen Menschen, allein er wisse nicht, welche Marter es für sie sei, wenn er ihr ihre Sünde vorhalte. Wäre die Schwester zu Hause gewesen, hätte sich alles vielleicht besser gestaltet; denn Jeanie gleiche den Engeln im Himmel, die wohl um Sünden weinen, die Sünden aber um der Sünde willen nicht verdammen. Indes stünde es auch Jeanie gegenüber bei ihr fest, daß sie einander nicht mehr wiedersehen könnten, wenngleich ihr dieser Gedanke schmerzlicher sei, als alles, was bereits über sie gekommen. Auf ihren Knieen wolle sie für Jeanie beten, Tag und Nacht, nicht bloß dafür, was sie an ihr getan, sondern mehr noch dafür, was sie um ihretwillen zu tun sich geweigert habe; denn wie furchtbar müßte es ihr jetzt sein, wenn dieses lautere Gemüt, um sie zu retten, die Schuld eines Meineides auf sich genommen. Sie bäte den Vater, Jeanie alles zu geben, auch was von ihrem mütterlichen Erbe auf sie komme. Sie hätte sich aller Rechte daran schriftlich begeben und das betreffende Schriftstück befinde sich in Herrn Novits Händen. An irdischem Gut werde sie wohl, soweit sich vorläufig ermessen lasse, keinen Mangel mehr leiden. Dagegen hoffe sie, daß sie dadurch beitrüge, für die Schwester eine gute Aussteuer zu schaffen. In einer Nachschrift wünschte sie Herrn Butler alles Gute, und dankte ihm für alle ihr bewiesene Freundschaft. Was sie selbst anging, so wisse sie recht gut, daß sie einem traurigen Schicksal entgegengehe, aber sie habe es sich selbst zugezogen und verlange darum nicht, bedauert oder beklagt zu werden; aber zu ihrer Lieben Beruhigung wolle sie noch erwähnen, daß sie nicht auf schlimmen Wegen wandle, daß die, so schuld an ihrem Unglück seien, auch beflissen seien, es nach Kräften wieder gut zu machen, und daß es ihr in gewisser Hinsicht über Verdienst gut gehe. Indessen richte sie an die Ihrigen die Bitte, sich mit dieser Versicherung zu begnügen und nicht nach ihr zu forschen. David Deans sowohl als Reuben Butler hatten aus diesem Briefe wenig Tröstliches entnommen. Was ließ sich von Effies Verhältnis zu einem Menschen wie Robertson anders erwarten, als daß sie Genossin an seinen künftigen Verbrechen sein und schließlich ihnen zum Opfer fallen werde? Jeanie dagegen, die über Georg Stauntons gesellschaftliche Stellung und Vermögensverhältnisse auf ihrer Wanderung durch den Zufall Aufklärung gewonnen, sah ihrer Schwester Lage in einem weniger herben Lichte an. Seine innige Teilnahme an ihr, und die Eile, mit der sie sich ihrer angenommen, sobald sie der Haft ledig war, gaben ihr die Zuversicht, daß Staunton und Effie bereits getraut seien. Auch war es kaum wahrscheinlich, daß Staunton seinen früheren ruchlosen Lebenswandel fortsetzte, denn das schwer auf ihm lastende Geheimnis, die Hauptschuld an dem Morde des Edinburger Stadthauptmannes zu tragen, sowie, daß der reiche Erbe von Willingham ein und derselbe sei mit dem zum Tode verurteilten Georg Robertson, konnte er nur zu bergen hoffen, wenn er ein durchaus anderer Mensch wurde. Jeanie glaubte, er würde mit Effie England auf Jahre verlassen und nicht eher wiederkehren, bis Gras über den Porteous-Krawall gewachsen sei. Nichtsdestoweniger hielt sie es nicht für geraten, ihren Vater und ihren Bräutigam des Trostes teilhaftig zu machen, der ihr Herz belebte; denn es bedünkte sie, daß es unbedingt notwendig sei, darüber, daß Georg Staunton und Georg Robertson ein und dieselbe Person seien, das strengste Geheimnis zu wahren. Jeanie las den Brief der Schwester wieder und wieder; all die Gedanken, die in ihrem Herzen über das Schicksal derselben schlummerten, erwachten von neuem, und der tiefe Schmerz, den sie um die Schwester fühlte, löste sich langsam in einer bittern Tränenflut; Butler suchte sie zu trösten und ihren Tränen Einhalt zu tun. Aber erst der Eintritt ihres Vaters in Begleitung von Duncan Knockdunder vermochte sie ruhiger zu stimmen. Dieser war für Roseneath und Umgebung ein Mann von großer Wichtigkeit. Auf hohem, über den See hängenden Felsen gebaut, stand die stolze Knockdunder-Burg, von der man noch heute Ruinen sieht, und Duncan schwur Stein und Bein, daß dieselbe vorzeiten eine Königsburg gewesen sei, trotzdem sie zu den kleinsten Burgen im Lande gehörte, denn ihr innerer Raum bildete ungefähr ein Viereck von sechzehn Fuß, das in gar keinem Verhältnis zu den zehn Fuß dicken Außenmauern stand. Immerhin bot sie den Vorfahren Duncans den Vorteil, daß mit ihrem Besitze der Titel eines Landeshauptmannes verbunden war, und daß sie allein der Oberherrschaft des Hauses Argyle unterstanden und eine erbliche Gerichtsbarkeit, wenn auch nur in einem beschränkten Gebiete besaßen. Der damalige Vertreter des alten Geschlechtes war ein untersetzter Mann von etwa fünfzig Jahren, der es sich zum besonderen Gaudium machte, die hochländische mit der im Süden gebräuchlichen Tracht zu vermischen und zu der schwarzen Knotenperücke mit kühn aufgestutztem Tressenhut mit Vorliebe den Schottenmantel mit rundem, kurzem Unterkleide trug. Sein Benehmen war derb und geradezu, seine aufgestülpte Kupfernase verriet seine Neigung zu Zorn und Branntwein. Dieser vornehme Burgherr trat jetzt auf Reuben und Jeanie zu und redete sie an, wie folgt: »Ich nehme mir die Freiheit, Herr Deans, Ihre Tochter zu begrüßen, und mein Amt verleiht mir das Recht, jedes Mädchen, das nach Roseneath kommt, mit einem Kusse zu bewillkommen.« – Den sinnigen Worten die minnige Tat folgen lassend, nahm er den Tabakpriem aus dem Munde, begrüßte Jeanie mit einem derben Schmatz und hieß sie im herzoglichen Gebiet von Argyle willkommen. Hierauf setzte er Reuben Butler in Kenntnis, daß seine feierliche Amtseinführung schon an dem nächsten Tage vollzogen und daß der Branntwein nicht dabei gespart werden solle, denn hierzulande Pflege man bei dergleichen Gelegenheiten nicht trocken zu sitzen.. »Der Laird« – wollte Deans anfangen. Aber dieser unterbrach ihn: »Bitte, der Hauptmann; die Leute wissen ja sonst nicht, wen Ihr meint, Wenn Ihr Herrschaften den ihnen zustehenden Titel verweigert.« – »Der Hauptmann also,« fuhr David fort, »versichert, daß das ganze Kirchspiel einmütig für Euch gestimmt habe. Reuben – Ihr seid also wirklich berufen, hier Eures Amtes zu walten.« Duncan meinte aber, da die Hälfte Sächsisch, die Hälfte Gälisch rede, und keiner gewußt habe, was der andere geredet, so sei das beste von allem der Ruf: »Lang lebe Mac Callumore und Knockdunder!« gewesen; indes brauche sich Herr Butler darum nicht weiter zu kümmern, da nur er und der Herzog hier zu befehlen hätten, und diese Rede bekräftigte er mit einem derben Fluche gegen alle, die sich dagegen widerspenstig verhalten sollten. Zwanzigstes Kapitel. Am andern Tage, der für die Einführung Butlers in sein Seelsorgeramt festgesetzt war, befand sich die Bewohnerschaft früh auf den Beinen. Duncan, ein ebenso wackerer Esser als Streiter vorm Herrn, hatte für ein stattliches Frühstück gesorgt. Es gab allerhand Speisen aus Milch, dazu kaltes Fleisch in Mengen, geschmorte Quabben, geröstete Eier, ein mächtiges Faß Butter, Heringe in Unmenge, gebraten, gesotten, frisch und gesalzen, dazu Tee und Kaffee, wer solches Getränk liebte. Der Wirt betonte, indem er auf einen kleinen Kutter, der der Windseite gegenüber an der Insel herumkreuzte, mit den Fingern zeigte, beides koste kaum mehr als den Lohn für das Ausladen – womit er eine entschuldbare Anspielung auf den hierzulande betriebenen Schleichhandel machte. »Ist der Schmuggel hier frei?« fragte Butler. – »Ich meinesteils halte ihn für die Volkssitten schädlich.« – »Der Herzog hat keine Befehle dagegen gegeben,« erwiderte dieser Hüter des Rechts,»der seine von Selbstsucht diktierte Milde hierdurch für völlig begründet ansah. Butler wußte als Mann von Verstand, daß Ermahnungen Gutes nur dann bewirken, wenn sie zu rechter Zeit gegeben werden, und ließ den Gegenstand deshalb fallen, – Als das Frühstück eingenommen war, machte Knockdunder Deans und Butler den Vorschlag, im Boote zu ihren zukünftigen Wohnsitzen hinüberzufahren, – Es war ein wunderschöner Tag und die gewaltigen Berge warfen auf den Spiegel des Meerbusens, der ruhig wie ein Binnensee sich vor ihnen dehnte, ihre tiefen Schatten. Sogar Jungfer Dutton fühlte jetzt keinerlei Bange mehr; zumal ihr Herr Archibald gesagt hatte, daß es nach dem Gottesdienst noch einen solennen Schmaus geben werde, wovon sie eine besondere Liebhaberin war. In einem geräumigen Boote, das Duncan als seine »sechsspännige Equipage« bezeichnete, wurde es doch von sechs handfesten Ruderern bedient, daß es wie ein Pfeil durch die Fluten schoß, fuhren sie in der Richtung auf das Türmchen der alten Kirche von Knocktarlitie zu. Die Bewohnerschaft strömte dem Hauptmanne entgegen, ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen; manche davon waren Männer nach David Deans' Herzen, eifrige Bekenner des reinen Glaubens, denen der Vater des jetzt regierenden Herzogs hier eine Zuflucht gewährt hatte, weil sie durch die Teilnahme an der mißlungenen Unternehmung seines unglücklichen Vaters Anno 1686 um ihr Hab und Gut gekommen waren. Aber auch Pfarrkinder wilderen Gemütes kamen: Leute aus dem Gebirge, die Gälisch sprachen, Waffen und die echte Hochlandstracht trugen. Der Herzog wußte aber so gute Ordnung in seinem Gebiete zu halten, daß Gälen und Sachsen in bestem Einvernehmen lebten. Zuerst wurde das Pfarrhaus besucht; es war alt, aber in gutem Stande; im Hintergrunde stand ein kleiner Erlenwald, vorn dehnte sich ein hübscher Garten, begrenzt von dem Flüßchen, das, von den Fenstern aus sichtbar, zwischen Bäumen und Gesträuchen sich hinwand. Innen war die Wohnung mit neuem sauberen Hausgerät ausgestattet, das der Herzog auf seinem eigenen Schiff hierher hatte bringen lassen. Mit einer Empfindung ruhiger, heiterer Freude betrachtete Butler dies abgeschiedene Tal, wo er seine künftigen Tage in Amt und Würden verleben sollte, und mancher Blick innigen Einverständnisses wurde zwischen ihm und Jeanie gewechselt, deren gütiges Antlitz heute wie verklärt erschien, als sie mit sittsam-bescheidener Freude das neue Heim betrachtete, in welchem sie bald als Gebieterin herrschen sollte. Vom Pfarrhause lenkte die Gesellschaft die Schritte nach dem Orte, wo künftighin ihr Vater sein Domizil haben sollte. Zur gemeinsamen Zufriedenheit wurde bemerkt, daß die Meierei kaum einen Büchsenschuß weit vom Pfarrhause entfernt lag. Ein gemächliches Wohnhaus, gut eingerichtete Wirtschaftsgebäude, und ein großer Obst- und Gemüsegarten liehen ihm vor der Hütte zu Woodend oder dem Häuschen zu St.-Leonard erhebliche Vorzüge. Die Aussicht war malerisch; zu Füßen erstreckte sich das Tal mit dem niederen Pfarrhause, dahinter der Meerbusen mit seiner idyllischen Inselflur; noch weiter hinten türmten sich die majestätischen Bergriesen. Aber mehr noch als von all diesen Naturschönheiten wurde Jeanie ergriffen, als sie die treue alte Mary Hettly in der weißen Haube, dem braunen Sonntagsrock und der blauen Schürze auf der Schwelle, zu ihrem Empfange bereit stehen sah. Die gute treue Seele war nicht minder selig über das glückliche Wiedersehen und hielt mit der Versicherung, sie habe für den Vater und das Vieh nach Kräften gesorgt, nicht hinter dem Berge. Nachdem Jeanie Stall und Milchgebäude besichtigt, und der guten Alten ihre Zufriedenheit mit all den Einrichtungen, die sie getroffen, ausgesprochen, wurde das Hausinnere besichtigt. In Jeanies Schlafzimmer stand ein Koffer, dessen Aufschrift ihn als ihr Eigentum auswies und der Jungfer Duttons Neugierde rege machte, weil sie in der Schrift diejenige der ersten Kammerfrau der Herzogin erkannte. May Hettly übergab Jeanie in einem versiegelten Kuvert, das gleichfalls an sie adressiert war, den Schlüssel dazu. Auf dem Kuvert standen obendrein die Worte: »Andenken für Jeanie Deans von den ihr wohlgesinnten Freundinnen Herzogin von Argyle und ihren Töchtern.« In dem Koffer, der nun hastig geöffnet wurde, lagen schöne, Jeanies neuem Stande angemessene Kleidungsstücke. Stück für Stück wurde herausgenommen, ausgebreitet, gelobt und bewundert; die alte May meinte, keine Königin könne besser ausstaffiert sein. Andere Empfindungen hielten angesichts dieses Reichtums Einzug in das Herz der Jungfer, die über die Milchkammer gesetzt worden war. Anfangs äußerte sich ihr Neid nur durch ein paar inhaltlose Tadelsworte; als aber auf dem Boden des Koffers ein weißes Seidenkleid erschien, mit dem Wunsch, Jeanie solle es am Tage ihres Namenwechsels tragen, da konnte Jungfer Dutton nicht länger an sich halten, sondern raunte Archibald ins Ohr, daß es doch gar nicht so übel sei, als Schottin auf die Welt zu kommen; denn von dem halben Dutzend Schwestern, die sie hätte, hätten wohl alle ein Kind kriegen und gehängt werden können, ohne daß es einem Menschen auch nur eingefallen wäre, ein Nastüchlein zu schenken. »Oder, ohne daß es Euch eingefallen wäre, Jungfer, einen Finger für sie zu rühren,« entgegnete Archibald trocken. »Aber,« setzte er sogleich hinzu, »wie kommt es denn, daß wir noch kein Geläut hören!« »Der Tausend, Herr Archibald,« versetzte Hauptmann Duncan von Knockdunder, »Sie wollen doch nicht läuten lassen, bevor ich zum Kirchgange fertig bin? Den Glöckner möchte ich sehen, der sich solches herausnähme! Den Glockenstrang ließe ich ihn schlucken! Könnt Ihr's aber nicht erwarten, ihr Gebimmel zu hören, so brauche ich mich bloß auf der Höhe sehen zu lassen, dann, geht's auf der Stelle damit los!« Und richtig! Kaum tauchte, gleich Hesperus, der Hut mit den goldenen Tressen über dem tauigen Hügel empor, so fing »das Gebimmel«, wie der Hauptmann gesagt – und eine andere Bezeichnung verdiente es wahrlich nicht – an und hörte nicht eher auf, als bis die kleine Gesellschaft im Gotteshause verschwunden war. Hier gab manches dem alten Deans Ursache zum Verdruß, zum Beispiel die Predigt, die ihm viel zu kurz war, trotzdem sie fünf Viertelstunden gedauert hatte. Es half dem Prediger ihm gegenüber auch nicht, daß er sich damit entschuldigte, der Herr Hauptmann habe zu gähnen angefangen. Das schlimmste aber war, als der Herr Hauptmann, sobald sich die Gemeinde niedergesetzt hatte, in dem Lederbeutel, der ihm vorn am Schurze hing, nach seinem Tabaksbeutel zu suchen anfing und, als er ihn nicht fand, einem seiner Leute ungezwungen zuschrie, ins Dorf zu rennen und ihm eine Rolle Pastorknaster zu holen – was aber dem Mann dadurch erspart wurde, daß sich ein halbes Dutzend Hände dem Hauptmann zureckten, jede mit einem Tabaksbeutel, von dem er sich den besten aussuchte, um sich die Pfeife zu stopfen, die er alsbald in Brand setzte und vergnüglich rauchte. David Deans, den solches gottlose Benehmen schrecklich in Harnisch brachte, murrte, stöhnte, seufzte erst eine Weile; dann wandte er sich an einen der Kirchenältesten, dessen große Perücke ihm das meiste Vertrauen erweckte, und raunte ihm zu: »Sind wir denn unter Wilden und Heiden: für die möchte sich's nicht einmal schicken, im Gotteshaus« Pfeife zu rauchen, geschweige für einen Edelmann, der doch damit den Eindruck weckt, als sei ihm Kirche und Schenke eins,« Isaak Meiklehose – so hieß der Aelteste – aber schüttelte den Kopf und erwiderte: »Wozu noch lange reden? Der Herr Hauptmann sind nun 'mal wunderlich – er hat die Gewalt im Lande, und ohne seinen Schutz kämen uns die Räuber vom Hochlande stündlich auf den Hals. Wenn ihm was zu Kopfe schießt, muß man ihm halt den Willen lassen – denn wer die Macht hat, hat's Recht, das wißt Ihr doch?« – »Mag sein, Nachbar,« versetzte Deans, aber Reuben Butler wird ihm schon beibringen, daß er die Pfeife anderswo rauchen muß als im Gotteshause!« – »Darf ein Tor dem Weisen raten,« versetzte Meiklehose, »dann soll er sich's zweimal überlegen, ehe er sich mit Duncan Knockdunder in einen Streit einläßt; denn bis jetzt hat jeder mit ihm den kürzern gezogen.« Auf diese Weise wurde Reuben Butler zum Seelsorger von Knocktarlitie eingesetzt. Einundzwanzigstes Kapitel An dem reichen Mahl, das der Herzog von Argyle hatte herrichten lassen, nahmen außer den ehrwürdigen Herren von der Geistlichkeit, die der feierlichen Einweisung Butlers in sein Amt beigewohnt hatten, viel andere angesehene Leute des Kirchspiels teil, und es wurde gar wacker gezecht und auf des Herzogs Gesundheit getrunken, in die zum erstenmal in seinem Leben auch David Deans laut mit einstimmte, wie auch auf des ehrwürdigen Pfarrers von Knocktarlitie und seiner künftigen Gattin Gesundheit; bei welchem Anlaß aber David Deans sich zum ersten Scherz verstieg, den die Welt je von ihm gehört, der ihm aber recht schwer und sauer wurde, denn er verzog das Gesicht gewaltig, und stotterte gewaltig, bis es ihm gelang, den Scherz in Worte zu kleiden: »Da Reuben kaum noch mit seiner geistlichen Braut vermählt worden, sei es hart, ihm noch am gleichen Tage mit einer weltlichen zu drohen,« so rief er unter einem unbändigen Lachen, das er aber, als schäme er sich der maßlosen Lebhaftigkeit, sogleich verstummen ließ. – Jeanie, Jungfer Dolly Dutton und die anderen Frauen zogen sich in die Meierei zurück, wo sich später auch Reuben Butler und Herr Archibald einfanden. Deans und Butler sollten noch in derselben Nacht in ihre neuen Wohnungen einziehen, Jeanie mit Jungfer Dutton aber noch auf einige Tage nach Roseneath zurückkehren. Das Boot lag bereit, aber Knockdunder ließ noch auf sich warten, trotzdem es schon zu dämmern begann. Da kam Herr Archibald mit dem Bescheide, der Hauptmann habe sich so fest getrunken, daß er in dieser Nacht wohl nicht von der Insel wegkommen werde und, wenn es noch der Fall sein sollte, für Damen kaum einen schicklichen Begleiter abgeben dürfe; er schlüge deshalb vor, in der Barke ohne ihn die Ueberfahrt zu machen; womit sich Jeanie im Vertrauen auf seine bewährte Eigenschaft als Führer gleich einverstanden erklärte, während Jungfer Dutton wieder Einwände machte, daß es doch besser sei, zu warten, bis sie das große Boot benutzen könnten. Aber schließlich gelang es ihm, auch die Bedenken der Jungfer zu zerstreuen, und so machten sie sich unter dem Geleit von Butler auf den Weg zum Strande. Es verging aber noch einige Zeit, bis die Schiffer, sich von dem Dienerschafts-Gelage trennen konnten und bis die beiden Frauen sich eingeschifft hatten. So stand der Mond schon über den Bergen und beleuchtete mit seinem bleichen zitternden Scheine die herrliche Szenerie. Aber die Nacht war so sanft und ruhig, daß Butler, als er seiner Braut am Ufer Lebewohl sagte, nichts für ihre Sicherheit, und, was noch seltsamer war, daß auch Jungfer Dutton nichts für die eigene zu fürchten fand. Die Luft war mild und ruhig und streifte mit leisem Hauche die kühle Flut, Berge, Felsen, Buchten zogen in lieblichem Wechsel an ihnen vorüber und entsprühten den Wellen bei jedem Ruderschlag glitzernde Funken, ein Schauspiel, so neu und bezaubernd, daß Jeanie wie auch Jungfer Dutton die Blicke nicht davon wenden konnten. – Der Landungsplatz lag im Hintergrunde einer kleinen Bucht, in nicht erheblichem Abstande vom Hause; aber das Boot konnte infolge der Ebbe nicht bis zu den Steinen gelangen, die die Landungsbrücke ersetzten; Jeanie, rasch und beherzt, sprang behend vom Bootsrande zu den Steinen hinüber; Jungfer Dutton aber wollte von solch einem Wagestück nichts wissen, so daß Archibald ihr diesmal den Gefallen tat, das Boot zu einem andern Landungsplatze zu steuern, wo es sich bequemer aussteigen ließ. Jeanie blieb nun allein am Ufer zurück, denn sie hatte Archibald gutmütig gebeten, sich der ängstlichen Jungfer zu widmen, das Haus sei ja nahe, und da das Mondlicht ihr die weißen, hinter dem Wäldchen hervorragenden Schornsteine zeige, könne sie den Weg ja unmöglich verfehlen. Es war eine so wunderschöne Nacht, daß Jeanie, statt gleich zum Jagdschlosse zu eilen, am Ufer stehen blieb, und dem Boote nachblickte, wie es, wieder in die silberne Flut tauchend, zu der kleinen Bucht hinaussteuerte, während die dunklen Gestalten ihrer Gefährten allmählich im Nebel verschwanden und der schwermütige Sang herüberklang, bis das Boot endlich um das Vorgebirge bog und ihren Blicken gänzlich entschwand, – Auch jetzt noch verharrte Jeanie an der Stelle und in derselben Stellung, den Blick auf die See hinausgerichtet. Der wunderbare Wechsel, der binnen wenigen Wochen sich in ihrer Lage vollzogen – Verzweiflung zu Ehre, Freude und froher Aussicht in die Zukunft wandelnd – glitt an ihrem geistigen Auge vorüber und führte helle Tränen in ihr leibliches Auge. Doch nicht der Freude allein flossen sie in diesen einsamen Augenblicken, sie hatten noch eine andere Quelle! Irdisches Glück ist nie vollkommen, und edle Gemüter fühlen das Leid ihrer Lieben immer dann am tiefsten, wenn sie selbst sich in glücklicher Lage wissen. So gedachte auch Jeanie jetzt mit herbem Schmerze des Schicksals der unglücklichen Schwester, an die sich so viel teure Hoffnungen geknüpft hatten, die, soviele Jahre hindurch des Vaters verzärteltes Schoßkind, jetzt landflüchtig und, was noch schlimmer war, dem Willen eines leidenschaftlichen, ruchlosen Menschen Untertan sein mußte, – Während sie diesen trüben Gedanken nachhing, war es ihr, als husche aus dem dichten Buschwerk zu ihrer Rechten eine dunkle schattenhafte Gestalt hervor. Jeanie fuhr erschreckt zusammen und alles, was ihr von Geistern und Gespenstern, die zu solcher Zeit und Stunde an solch stillem abgelegenen Ort gesehen worden, bekannt war, drängte sich in ihrer Phantasie zusammen. Die Gestalt kam ihr näher – sie zeigte weibliche Konturen – und plötzlich erklang eine sanfte, süße Stimme: »Jeanie, Jeanie!« O, was war das? Konnte es die Stimme der Schwester sein? Weilte sie noch unter den Lebenden, oder waren des Grabes Siegel gesprengt? – Aber es blieb ihr nicht Zeit, sich diese Fragen zu stellen, geschweige zu beantworten, denn schon hing Effie an ihrem Halse, hielt sie in ihren Armen, drückte sie an ihre Brust und bedeckte sie mit Küssen. »Wie ein Geist, Jeanie, bin ich hier umhergewandelt, Dich zu sehen,« sagte sie, »und, daß Du mich für einen Geist hältst, Jeanie, wundert mich nicht – nein, Jeanie, nicht! Wollte ich ja nur einmal noch Dich vorübergehen sehen, nur einmal noch den Ton Deiner Stimme hören, aber Dich noch einmal zu sprechen im Leben, Jeanie, das war mehr, als ich verdiente, war mehr als ich hoffen durfte, durch Beten zu erlangen.« – »O, Effie! Wie kommst Du hierher? Allein? zu solcher Stunde? hierher an das wilde Seeufer? Bist Du es auch wirklich Effie, wirklich und leibhaftig?« – Da brach wieder Effies alter Mutwille hervor, denn statt der Schwester Antwort auf die Frage zu geben, kniff sie sie, gleich einer neckenden Fee so leicht, leise in den Arm. Und wieder umarmten sich die Schwestern und lachten bald, bald weinten sie. »Aber Du mußt doch mit ins Haus kommen, Effie,« sagte Jeanie, »mußt mir dort alles, alles beichten. Es sind brave Menschen dort, Menschen, die Dich um meinetwillen freundlich willkommen heißen,« – »Nein, nein, Jeanie,« antwortete Effie traurig, »Du vergißt, was ich bin, – vergißt, daß ich verbannt, daß ich landflüchtig bin – daß ich schmählichem Tode nur entgangen bin, weil Du die beste, mutigste, tapferste Schwester bist, die jemals unter Gottes Sonne gelebt hat. Nein, nein, Jeanie! mich einem Deiner vornehmen Freunde zu nähern, das kannst Du nicht von mir erwarten, auch nicht, wenn keine Gefahr für mich damit verknüpft wäre.« – »Es ist keine Gefahr, – es soll keine Gefahr sein,« sagte Jeanie eifrig. »O, Effie, sei nicht eigensinnig, laß Dich nur diesmal leiten! Wir können ja so glücklich sein! Komm zu uns, Effie, komme zu denen zurück, die es am besten mit Dir meinen! Eine alte Hecke gibt immer besseren Schutz als ein neugepflanzter Wald.« – »Ich habe alles Glück, dessen ich wert bin, gefunden; jetzt, da ich Dich gesehen!« antwortete Effie, – »und ob Gefahr für mich dabei sein mag oder nicht, nachsagen soll mir niemand, daß ich hierhergekommen sei, fast, unmittelbar vom Galgen weg, – wie es Vaters Rede war –, um meiner Schwester Schande und ihren vornehmen Bekannten Verdruß zu machen.« »Ich habe keine vornehmen Bekannten hier,« versetzte Jeanie – »keine anderen Bekannten, die nicht auch Deine wären – Reuben Butler und unsern Vater. – Ach, unglückseliges Mädchen! sei nicht so hartnäckig! Kehre zurück zu Deinem Glücke! Komm wieder zu uns, die es am besten auf der Welt mit Dir meinen!« »Du sprichst vergebliche Worte, Jeanie, – was geschehen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen! Ich bin verheiratet und muß meinem Manne folgen in Glück und Unglück.« – »Effie, verheiratet!« rief Jeanie. »Unglückliches Mädchen! Verheiratet an jenen Furchtbaren!« – »Still, still,« sagte Effie, ihr die Hand auf den Mund legend, indem sie mit der andern nach dem Dickicht hindeutete: »Er ist dort!« Sie sagte dies in einem Tone, der deutlich erkennen ließ, ihr Mann habe ihr Furcht und Liebe in gleichem Maße eingeflößt. Da trat ein Mann aus dem Gehölz, es war der junge Staunton! Selbst bei dem undeutlichen Lichte des Mondes konnte Jeanie sehen, daß er vornehm gekleidet war und ganz so aussah, wie ein Mann von Rang und Stand. »Effie,« sagte er, »unsere Zeit ist fast vorüber, – das Boot wird wieder in der Bucht sein, und wir dürfen nicht länger verweilen, – Deine Schwester, hoffe ich, wird mir erlauben, ihr guten Tag zu sagen?« Jeanie aber wich zurück, als er sie brüderlich umarmen wollte. »Nun, wie sie will,« sagte er, »viel gelegen ist nicht daran; verharren Sie auch in Abneigung gegen mich, so lassen Sie es mich wenigstens nicht fühlen, und dafür, daß Sie mein Geheimnis bewahren, wo ein Wort – das ich an Ihrer Stelle längst gesprochen hätte – mir das Leben kosten würde: dafür lassen Sie mich Ihnen danken – von Herzen danken. Es heißt immer: ein Geheimnis, das Dich den Hals kosten kann, hüte selbst vor dem Weibe Deines Herzens – mein Weib und ihre Schwester wissen beide um das Geheimnis, das auf mir lastet, und mein Schlaf wird darum nicht gestört.« – »Sind Sie wirklich mit meiner Schwester verheiratet?« fragte Jeanie, voll Angst und Zweifel; denn der nachlässig stolze Ton seiner Rede ließ sie das Schlimmste befürchten. – »Ich bin mit ihr verheiratet, recht- und gesetzmäßig; und unter meinem wahren Namen,« antwortete Staunton mit tiefem Ernst. – »Und Ihr Vater? Ihre Verwandten?« – »Mein Vater und meine Verwandten müssen sich aussöhnen mit dem Geschehnis, als mit einer Tatsache, die sich nicht mehr rückgängig machen läßt,« erwiderte Staunton. »Indessen beabsichtige ich, um einerseits gefahrvolle Beziehungen zu lösen, anderseits meinen Verwandten Zeit zur Beruhigung zu lassen, mit der Bekanntgabe meiner Heirat noch zu warten und ein paar Jahre außer Landes zu gehen. Sie werden in dieser Zeit nichts von uns hören, wenn Sie überhaupt je wieder von uns hören. Daß es für mich gefahrvoll ist, schriftlichen Verkehr zu unterhalten, müssen Sie einsehen; denn jeder würde ja doch in Effies Gatten den – den, nun, wie soll ich sagen? – nun, den Mörder des Edinburger Stadthauptmanns vermuten.« »O, über den verhärteten, leichtsinnigen Wicht!« dachte Jeanie; »und einem solchen Manne hat sie ihr Glück vertraut? – Effie, Effie, Du hast in den Wind gesät und mußt nun Sturm ernten.« – »Denke nicht schlecht von ihm,« sagte Effie leise, indem sie von ihrem Manne hinweg zu der Schwester trat und sie ein Stück zur Seite führte; »nicht allzu schlecht! Er handelt gut an mir, Jeanie, so gut, wie ich es verdiene. Und er will die argen Wege nicht mehr wandeln. – Drum gräme Dich nicht um Deine Effie; denn es geht ihr besser, weit besser, als sie es verdient. – Aber Du, Du! kannst Du je so glücklich werden, wie Du es verdienst? – Niemals, niemals, Jeanie, denn bis Du in den Himmel eingehst, wo alle, alle so lieb, und gut und brav sind, wie Du. – Jeanie, wenn ich lebend bleibe, wenn es mir wohlgeht, dann sollst Du von mir hören; wo nicht, dann vergiß, daß je ein Geschöpf gelebt hat, Dich zu kränken! – Lebe wohl! – O, lebe wohl!« – Sie entriß sich den Armen ihrer Schwester und eilte zu ihrem Gatten, und augenblicklich waren beide im Gehölz verschwunden. Jeanie war es zu Mute, als erwache sie aus einem Traum. Aber der Ruderschlag, den sie jetzt vernahm, und das kleine Boot, das sie zu jenem Schmugglerschiffe steuern sah, dessen weiter vorn gedacht wurde, und das am Eingang zur Bucht lag, lösten ihre Zweifel und bezeugten ihr, daß sie den Vorgang wirklich erlebt. – Ob er ihr mehr zur Freude war oder mehr zum Schmerz, wer vermöchte es zu sagen? Aber eins war ihr lieb: sie wußte, daß Effie recht- und gesetzmäßig verheiratet war, und daß ihr Mann den Pfad des Lasters nicht mehr wandle, – und das gewährte ihr Trost! Archibald, beunruhigt durch ihr langes Ausbleiben, kam ihr auf halben Wege zu dem Jagdhause entgegen – die Aufregung des Tages war Entschuldigung genug für sie, sich sogleich zur Ruhe zu begeben, und um ihre Gemütsbewegung verborgen zu halten, mußte sie zu dieser Entschuldigung greifen. Ein unangenehmer Auftritt anderer Art, der sich bald nachher ereignete, blieb ihr auf diese Weise erspart. Knockdunders Boot rannte nämlich gegen ein anderes und kippte, was freilich insofern nicht eben verwunderlich war, als alle Insassen, vom Hauptmann bis zum Floßknecht, sternhagelbetrunken waren. Zum Glück kamen alle mit einem nassen Bade davon, denn die Schiffer des Bootes, mit dem sie zusammenstießen, boten alles zu ihrer Rettung auf. Hauptmann Knockdunder fluchte am andern Morgen wie ein Rohrspatz; da aber das Boot, wie auch das Schmugglerschiff die Bucht bereits verlassen hatten, blieb ihm nichts weiter übrig, als den Verdruß in sich hineinzuschlucken; er wollte es sich indes nicht ausreden lassen, daß es die Schmuggler darauf abgesehen gehabt hätten, ihm damit eins auszuwischen, und verschwor sich, »es diesem Mondscheingesindel tüchtig heimzuzahlen, falls sie es sich noch einmal einfallen ließen, sich in sein Gehege zu verlaufen.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Es kam der Tag, da Reuben Butler seine häusliche Einrichtung im Pfarrhause vollendete, und der Tag, an welchem das Aufgebot zwischen ihm und Jeanie Deans verkündet wurde; dann jener andere Tag, an welchem Reuben Butler seine Braut vor den Altar führte. Und wieder gab es einen schönen, frohen Tag, das war der Hochzeitstag im neuen Heim des greisen Vater Deans, aber die Freude an ihm war mehr innerlicher als äußerer Art, denn von entweihendem Pfeifer- und Spielvolk oder sündigem Tanze wollte Deans unter keinen Umständen etwas wissen, so sehr auch Hauptmann Knockdunder darüber wetterte. »Hätte er eine Ahnung davon gehabt, daß es bei solcher Hochzeit so quäkerhaft simpel und albern zuginge,« rief er, als er wieder heimging, »da hätten mich zehn Pferde nicht nach Auchingower« – so hieß der Wohnort des Brautvaters – »gebracht«. Seitdem gab es zwischen den beiden alten Herren allerhand »Gestichel«, wie Deans sagte, dem erst ein Ende gemacht wurde durch einen Besuch, den der Herzog von Argyle dem jungen Ehepaare in seiner Pfarrei machte. Hierbei erwies er sowohl diesem, wie Deans, soviel Huld und Gnade, daß es Knockdunder für geraten erachtete, freundlichere Saiten gegen Deans aufzuziehen und zuzugeben, »daß die neuen Pfarrersleute biedere Leute, wenn auch vielleicht ein bißchen zu schroff in ihren Anschauungen seien, und daß man dem neuen Meierei-Aufseher manches von seinen verzopften Grundsätzen seinem Alter zu gut rechnen müsse und nicht darüber vergessen dürfe, daß er mit dem Rindvieh und den Schafen besser als jeder andere umzugehen wüßte.« Frau Butler bewahrte sich im Ehestande die gleichen tüchtigen Eigenschaften – Gemütsruhe, klaren Blick und gesunden Verstand, häuslichen Fleiß und Wirtschaftlichkeit – die sie schon als ledige Person ausgezeichnet hatten; und wenn sie auch nicht Anspruch darauf erhob, es ihrem Manne an theologischer Gelehrtheit gleichzutun, so konnte sich doch kaum ein zweiter Pfarrer in Schottland eines so traulichen, sauberen Heims, einer so gemütlichen Pfarrstube, eines so schmackhaften Essens und solcher Ordnung in Wäsche und Kleidung rühmen wie Reuben Butler. Verfiel Butler in seine schulmeisterliche Schwäche, Bücherweisheit auszukramen, so hörte sie ihm geduldig zu, zeigte aber gemeinhin ein richtigeres und schärferes Urteil, wenn sich die Unterhaltung um praktische Dinge drehte; in der sogenannten feinen Gesellschaft fehlte es ihr wohl hin und wieder, wenn auch nicht am rechten Takte, so doch an sogenannter »Bildung«; solchen »Mangel« ersetzte sie jedoch reichlich durch jene echte Herzensbildung, die auf gesundem Verstand und richtigem Empfinden basiert, und die, vereint mit einer wahrhaft fröhlichen Lebhaftigkeit und einem Zuge von Schalkhaftigkeit, sie jedem, der in Beziehungen zu ihr gelangte, zu einer lieben und werten Gesellschafterin machte. An sich war sie immer die Sauberkeit selbst; wie nirgendswo in ihrem Haushalt, war auch an ihr selbst nie ein Stäubchen oder Fältchen zu sehen, so daß der derbe Hauptmann Knockdunder einmal sich Stein und Bein verschwor, er könne sich nicht anders denken, als daß Nixen und Feen mit ihr im Bunde sein müßten, daß Haus und alles um sie her und an ihr selber so schmuck und rein zu halten, ohne daß mal zu sehen wäre, wie und wann das alles gemacht würde!« – Worauf sie aber dann schlicht und treuherzig meinte, »es ließe sich gar viel am Tage tun, wenn man nur, alles zur rechten Zeit, und ohne Aufschub, täte.« Drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, schenkte sie ihrem Reuben in den ersten fünf Jahren: es waren kräftige, gesunde Kinderchen mit schönem blonden Haar und muntern blauen Augen. Die beiden Jungen bekamen, zur großen Freude des frommen Großvaters, die Namen David und Reuben; das Mädchen, auf ausdrückliches Begehren der Mutter, den Namen Euphemia, doch wurde sie nicht – das mußte Jeanie ihrem Vater und ihrem Manne einräumen, die sich mit dem Namen nicht recht hatten einverstanden erklären wollen, – Effie – wie die gewöhnliche Abkürzungsform des Namens in Schottland lautet – sondern Femie gerufen. In diesem friedlichen, genügsamen Lebensgenusse wurde das Gemüt der wackern Hausfrau nur durch zwei Dinge getrübt, »ohne welche,« wie sie sagte, »ihr Leben allzu froh und glücklich verlaufen wäre«.. das waren einerseits die häufigen Dispute zwischen ihrem Vater und ihrem Manne über kirchliche Dinge, bei denen sie oft als Vermittlerin eingreifen mußte , . Dem Vater sagte sie dann in der Regel: »Ich will ja nicht bestreiten, Vater, daß Du recht hast; aber Du mußt heut mit uns zu Mittag essen; die Kinder haben gar zu große Sehnsucht nach dem Großpapa, und wenn Ihr nicht wieder einmal disputiert habt, Du und Reuben, meine ich, dann können wir gar nicht recht schlafen, Reuben und ich.« – »Disputieren, Jeanie?« erwiderte Deans, »da sei Gott vor! Wie kannst Du meinen, daß ich Disput suchen sollte mit Dir oder jemand, den Du lieb hast?« Damit fuhr er in seinen Sonntagsrock und kam zur Essenszeit ins Pfarrhaus hinüber. Ihrem Manne gegenüber führte sie das hohe Alter des Vaters, die geringe wissenschaftliche Bildung, die starken Vorurteile, in denen er aufgewachsen, und den schweren Kummer, den er erlitten, als Gründe an, die ihn zur Nachgiebigkeit bestimmen müßten, aber es bedurfte ihrer bei ihm kaum, denn er hatte vor den Grundsätzen des Greises, so starr sie auch waren, eine zu große Achtung, und hielt sich demselben für die ihm, wie der im Grabe ruhenden Mutter und Großmutter erwiesenen Freundschaftsdienste zu viel zu großem Danke verpflichtet, als daß er nicht schon selbst sich nachgiebig hatte zeigen sollen. Schwerer aber als dieser erste, bedrückte sie der zweite Punkt: daß in den ganzen fünf Jahren, die nun seit jener letzten rätselhaften Begegnung auf der Insel Noseneath verflossen waren, von ihrer Schwester Effie nicht die geringste Nachricht an sie gelangt war. Der Gedanke, Effie möchte wohl nicht mehr am Leben oder in Jammer und Elend versunken sein, da sie ihr Wort, von sich hören zu lassen, wenn sie am Leben bleiben und wenn es ihr gut gehen sollte, nicht eingelöst hatte, ließ sich kaum abweisen, und Jeanie, die die vielen Jahre schwesterlichen Zusammenlebens nicht vergessen hatte und nicht vergessen konnte, verbrachte manche, manche kummervolle Stunde um ihrer Effie Schicksal, Aber der Schleier, der dasselbe deckte, sollte im sechsten Jahre ihres Ehelebens gelüftet werden, denn eines Tages kam Hauptmann Knockdunder auf die Pfarre mit einem Briefe, der eben mit dem Postboote angekommen und ihm zur Besorgung gegeben worden sei. Er zeigte den Stempel York; aber in ihrer ersten Meinung, er komme von der guten Frau Bickerton vom Gasthof zu den sieben Steinen, mit der sie, wie auch mit der Frau Glas in London, aus Dankbarkeit gegen das ihr erwiesene Gute, im Schriftwechsel geblieben war, wurde sie bald irre, denn die zierlichen Schriftzüge wichen gar zu sehr ab von den ungelenken der beiden alten Frauen. Da aber Jeanie gerade mit dem Essen zu tun hatte, schob sie den Brief einstweilen hinter ihr Busentuch und deckte für die beiden Männer, die sich zu einer Brettspielpartie setzten, den Abendbrottisch. Als sie indessen ihren Hausfraupflichten genügt hatte, erinnerte sie sich des Briefes wieder und brach ihn auf; doch hatte sie kaum einen Blick hineingeworfen, als sie die Stube verließ,, um sich in ihre Schlafkammer zurückzuziehen, wo sie sich ungestört wußte und ausschließlich mit dem für sie bedeutungsvollen Inhalte befassen konnte. Dreiundzwanzigstes Kapitel Der Brief war mit einem bloßen E unterzeichnet, und die Schrift wies eine solche Eleganz, Stil und Ausdruck eine solche Gewähltheit auf, daß Jeanie wohl im Zweifel hätte sein können, von wem er käme; aber sie wußte es auf den ersten Blick, daß er von Effie kam. »Herzliebe Schwester!« schrieb sie. »Es mag gefährlich für mich sein, Dir zu schreiben, aber ich schreibe Dir, auf alle Gefahr hin, um Dir endlich ein Lebenszeichen zu geben, um Dir endlich zu sagen, daß ich mich auch in weltlicher Lage eines weit besseren Geschicks erfreuen darf, als ich verdiene, als ich je habe erwarten dürfen. Sind Reichtum, Rang und Ehren Faktoren, das Glück einer Frau Zu begründen, so bin ich glücklich, denn ich besitze dies alles; Du aber, Jeanie, die den Anschauungen der Welt nach in einer soviel tieferen Klasse lebt als ich, Du bist doch weit, weit glücklicher als ich. Wäre ich nicht imstande gewesen, hin und wieder Nachrichten über Dein Befinden zu bekommen, hätte ich nicht gewußt, daß es Dir gut geht, so wäre, glaube mir, mir das Herz schon lange gebrochen. O, wie innig hat es mich gefreut, daß drei Kinderchen Dein Glück vermehren; wir, Jeanie, wir sind solches Segens nicht würdig! Zwei Kinder sind uns schnell hintereinander entrissen worden, und nun sind wir kinderlos! Doch, wie Gott will! Aber hätten wir ein Kind, so möchte es ihn wohl von den finsteren Gedanken ableiten, die ihn sich selbst ein Schrecken sein lassen. Aber, Jeanie, sorge Dich nicht um mich deshalb; denn gegen mich ist er nach wie vor der beste Mann, und mein Schicksal hat sich wirklich weit, weit besser für mich gestaltet, als ich verdient hätte. Du wunderst Dich gewiß über meine bessere Schrift und Ausdrucksweise? Nun, als wir im Auslande lebten, hat mir mein Mann die besten Lehrer gehalten, und ich, bin eine fleißigere Schülerin gewesen, als Du mir wohl zutraust; aber weil ihn meine Fortschritte im Lernen erfreuten, habe ich mir keine Mühe verdrießen lassen. O, glaube mir, Jeanie, er ist gut, sehr gut, wenn ihn auch viel, vieles, besonders aus der Vergangenheit, bedrückt und bekümmert. Wenn, ich mich in die Vergangenheit versenke, dann blinkt mir immer ein heller Strahl entgegen, die Großmut meiner Schwester, die mich nicht vergaß, als mich jedermann vergessen hatte, die mir Hilfe und Beistand leistete, als mich alles verließ. Gott segne Dich nach wie vor dafür, Schwester! »Als mein Mann in sein väterliches Erbe trat, führte er mich in seine Familie als«die Tochter eines vornehmen schottischen Edelmannes ein, der zur Zeit der Unabhängigkeitskämpfe aus dem Lande verwiesen worden sei und mich in einem Kloster habe erziehen lassen. Lange genug, um solche Rolle wahrscheinlich zu machen, habe ich ja in solcher Klausur verlebt. Treffe ich aber einmal mit einem Schotten zusammen und werde ich über die Familien gefragt, die an jenen Unruhen mitbeteiligt waren, dann beschleicht mich immer ein schreckliches Gefühl von Angst, daß ich mich verraten könnte, besonders wenn ich sehe, wie sein Auge sich dann auf mich richtet. Bis jetzt haben ja Courtoisie und Bonhommie mich vor allzu dringlichen Fragen bewahrt; aber sollte ich hierdurch Schmach über ihn bringen, so sagt mir mein Gefühl, daß er mich hassen würde, daß er mich, so innig er mich auch liebt, verstoßen, wenn nicht töten würde, denn er ist auf die Ehre seines Hauses jetzt ebenso eifersüchtig, wie sie ihm einst gleichgültig war. »Ich bin schon vier Monate lang m England und habe Dir schon oft schreiben wollen; fürchtete mich aber vor der Gefahr, daß ein Brief aufgefangen werden könnte, und unterließ es noch immer. Jetzt aber muß ich es auf diese Gefahr ankommen lassen. Vorige Woche lernte ich nämlich den Herzog v. A. kennen; er wurde mir vorgestellt und machte mir in meiner Loge seine Aufwartung. Eine Szene in dem Theaterstücke brachte ihm Dich in Erinnerung. Und denke Dir! er erzählte nun allen, die mit in der Loge waren, das Heldenstück Deiner schwesterlichen Aufopferung! Hätte er geahnt, daß er in mir jene Elende vor sich hatte, über die er nicht mit den zartesten Reden herzog, wer weiß, was dann noch gekommen wäre! Welche Qualen ich dabei litt, kann ich Dir nicht beschreiben. Eine Zeitlang habe ich sie ertragen; dann aber überstieg es meine Kräfte, und eine Ohnmacht umfing mich. Sie wurde der in dem Räume herrschenden Hitze beigemessen,, von manchen auch meiner großen Teilnahme an dem Schicksale des unglücklichen Mädchens. Und ich, ich vollendete Heuchlerin ließ beides gelten . , O! ein Glück, daß »Er« nicht dabei war! Aber die Begebenheit blieb nicht ohne Folgen. Ich sehe Deinen Freund jetzt öfter, und niemals unterläßt er es, von E. D., J. D., von R. B. und D. D. zu reden, die so glücklich gewesen seien, mein Interesse in so hohem Maße zu fesseln. Und das alles wird mir gesagt in jenem gräßlichen Tone zeremonieller Seichtheit, in dem sich die »Hautvolée«, über die tragischsten Vorkommnisse zu unterhalten pflegt. In der ersten Unterhaltung mit dem Herzoge kamen die Dinge Schlag auf Schlag, und jetzt, jetzt martern mich Nadelstiche langsam zu Tode. »Der H. v. A. gedenkt im nächsten Monat Schottland zu besuchen, weil er dort jagen will. Wie er sagt, nimmt er im Pfarrhause von R. B. regelmäßig die Mahlzeiten ein. Sei also auf Deiner Hut, Jeanie, falls er die Rede auf mich bringen sollte, und laß Dir nicht etwa was merken! Wiederum ruht E.'s Leben in Deiner Hand, Du getreue Schwester! Wieder sollst Du sie beschützen, damit ihr das fremde Gefieder nicht ausgerupft werde! damit sie nicht entlarvt, nicht gebrandmarkt werde von eben dem, der sie auf die erste Stufe zu dem glitzernden Gipfel hinaufführte, auf dem sie jetzt steht... Was ich Dir beifüge, Jeanie, lehne nicht ab; ich nehme es von meinem Nadelgelde, und ich will es Dir hinfort zweimal im Jahre senden... Ist's Dir recht, so kann ich es, ohne mir wehe zu tun, verdoppeln. Bei Dir kann das Geld wohl nützliche Zinsen bringen... bei mir nie! Schreib mir recht bald, Jeanie! Sonst schwebe ich in der schrecklichsten Angst, daß diese Zeilen in unrechte Hände gefallen sein könnten... Adressiere die Antwort nur an L. S. und lege sie ohne eine begleitende Zeile in einen Umschlag, den Du an Seine Hochwürden George Whiterose, Pfarrer zu York, richtest. Er befindet sich in der Meinung, ich stände mit einem jakobitischen Verwandten vom Hochadel in Schriftwechsel. Wüßte er, daß er den Brief nicht für Euphemia Seton aus dem hohen Hause von Winton besorgt, sondern für E. D., eines presbyterianischen Viehpächters jüngste Tochter: wie würde das dem geistlichen Herrn in die Glieder fahren! Ich glaube, die Röte der Entrüstung wiche wochenlang nicht von seiner echt jakobitischen Wange! O, Schwester! Du siehst, ich kann noch immer einmal lustig sein; aber, Kind! Gott schütze Dich vor solcher Lustigkeit! – Der Vater – Dein Vater, Jeanie, wollte ich schreiben, – möchte es vergleichen mit dem Prasseln dürren Dorngestrüpps, aber die Dornen verbrennen dabei nicht mit, sondern bewahren ihre Spitzen. Lebe wohl, Jeanie! Zeige den Brief niemand, auch Deinem Manne nicht! Ich achte ihn gewiß hoch; aber er ist ein Mann von strengen Grundsätzen, und meine Situation verträgt keine Strenge... Mit treuer schwesterliche Liebe Deine E.« Es war gar manches, was in dem langen Briefe Frau Butlers Staunen sowohl als Schmerz wachrufen konnte. Was ihr aber tatsächlich in dem Briefe mißfiel, war die Selbstsucht, die aus manchen Sätzen sprach, und die sie zu dem Schlusse brachte, daß Effie vielleicht auch jetzt nichts von sich hätte hören lassen, wenn es ihr nicht darum zu tun wäre, dem Herzog von Argyle ihre niedrige Herkunft zu verheimlichen. »An sich,« sagte Jeanie traurig, »hat ja doch Effie immer mehr als an andere gedacht!« Dann war es die Geldsumme, die Effie beigelegt hatte. »Fünfzig Pfund! Sieht es nicht aus, als wollte sie mich damit beschwichtigen oder gar bestechen? Wir haben doch, was wir brauchen, und daß ich ihr für alle Schätze Londons kein Leid antun möchte, dessen kann sie sich doch versichert halten. Aber mit meinem Manne muß ich darüber reden. Was sie von diesem redlichen Herzen zu befürchten hätte, wüßte ich nicht; bloß den lärmigen Hauptmann will ich zuvor aus dem Hause lassen«. Sie ging zur Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen und drehte sich um.. »Ich weiß wahrhaftig nicht, wie mir zu Mute ist,« sagte sie, »so töricht, mich darüber zu ärgern, daß Effie eine vornehme Dame, ich aber bloß eine Pfarrersfrau geworden, bin ich doch wahrlich nicht, und doch verdrießt es mich, während ich doch vielmehr dem lieben Gott dankbar sein sollte, daß er sie aus Not und Schande erlöst hat!« Es gelang ihr aber, die Empfindung von Unmut zu bekämpfen, die in ihr aufgestiegen war, und sie begab sich in das kleine Wohnzimmer zurück, wo ihr Mann und Knockdunder eben ihr Spiel beendigten. Der letztere bestätigte, was der Brief ihr gemeldet hatte, daß die Ankunft Seiner Herrlichkeit in den nächsten Tagen zu erwarten sei. »Es wird eine gute Jagd setzen, denn an Wildbret mangelt es, Gott sei Dank! in Auchingower noch immer nicht, und soweit ich unterrichtet bin, gedenkt der Herr, wie es immer seine Gewohnheit war, im Pfarrhause zu speisen.« – »Ich denke, das Recht dazu möchte ihm wohl niemand bestreiten wollen,« versetzte Frau Butler. – »Freilich, freilich, Frau Pfarrerin! Aber ich meine, Ihrem Vater sagten Sie doch vielleicht lieber, daß er sein Vieh in Ordnung hielte und auf ein paar Tage seinen presbyterianischen Kram an den Nagel hinge; denn kein Wort darf man gegen die Biester fallen lassen, ohne daß er einem mit einem Worte aus der Bibel Antwort gibt und unter Männern, wenn nicht gerade einer davon ein Pfaffe ist, schmeckt einem so etwas doch ein bißchen herb und sauer.« ' In der andern Woche traf, wie Effie geschrieben, der Herzog auf Roseneath ein und meldete sich in der Pfarrei als Gast an; schon bei dem ersten Mittagessen, das er dort einnahm, brachte er gleich die Rede auf Lady Staunton von Willingham in Lincolnshire und erzählte von dem Aufsehen, das ihr Witz und ihre Schönheit in London wachriefen. Jeanie hatte sich doch anders besonnen, als Hauptmann Knockdunder in seiner »sechsspännigen Equipage« wieder abgefahren war. Sie hatte sich gesagt, daß es ein gar zu schreckliches Geheimnis sei, das sie ihrem Manne offenbaren müsse, wenn sie ihn von dem durch den Hauptmann ihr überbrachten Briefe Kenntnis geben wolle. Wie konnte sie wissen, ob er es mit seinem geistlichen Berufe für vereinbar halte, dasselbe in seinem Heizen zu verschließen? Daß Effie mit jenem schrecklichen Robertson entflohen sei, mußte er ja ohnehin annehmen, aber davon, daß dieser Robertson identisch sei mit Georg Staunton, der eine solche Stellung jetzt in der englischen Gesellschaft einnahm, davon wußte er nichts, und das ahnte er auch gewiß nicht! Darum hielt sie es für richtiger, dem Manne gegenüber reinen Mund zu halten: das Geld wollte sie erst zurückschicken, entschied sich aber später ebenfalls anders, indem sie sich vornahm, es auf die Erziehung der Kinder zu verwenden. Die Worte des Herzogs trafen sie also in mancher Hinsicht nicht unvorbereitet; in anderer Hinsicht aber überraschten sie dieselben. Nie hätte sie für möglich gehalten, daß Effie in ihrer Bildung es so weit bringen werde, daß sie die Aufmerksamkeit der Londoner Gesellschaft, wie der Herzog sagte, damit wachrief; war es ihr doch nicht bekannt, daß man in den höheren Ständen über die Menschen ebenso gern herzieht, wie in den unteren Klassen. Der Herzog bemerkte vielleicht einen Zug von Ungläubigkeit in dem Gesichte der Frau Pfarrerin, denn er setzte jetzt hinzu: »O, wie ich Ihnen sage; sie war im vergangenen Winter die gefeiertste Schönheit, der leuchtende Stern! Keine Dame, die beim Geburtsfeste Seiner Majestät zur Cour erschien, konnte mit ihr wetteifern!« »Wie zur Cour? Wie bei Hofe?« und Jeanie dachte der Audienz, die sie selbst bei der Königin gehabt, und all die seltsamen Umstände, unter denen sie sich vollzogen hatte, zogen noch einmal an ihrem Geiste vorüber. »Ich spreche nur darum Ihnen gegenüber von dieser Dame,« bemerkte der Herzog, »weil mich der Klang ihrer Stimme und der Schnitt ihres Gesichts in so eigentümlicher Weise an Sie erinnerte, Frau Butler; aber wenn Sie so bleich aussehen wie heute, dann verliert sich dieser Zug von Ähnlichkeit. Sie haben sich gewiß zu sehr angestrengt um meinetwillen, Frau Butler. Ich muß Sie deshalb schon bitten, mir mit einem Gläschen Wein Bescheid zu tun.« – Während sie der Aufforderung des Herzogs nachkam, meinte Reuben, es sei für eine schlichte Predigersfrau doch eine gar nicht so unverfängliche Schmeichelei, durch herzogliche Durchlaucht mit einer Schönheit bei Hofe verglichen zu werden. – »Ei, ei! Herr Pfarrer, Sie werden doch nicht etwa eifersüchtig? Damit kämen Sie aber ein bißchen zu spät; denn ich gehöre ja schon geraume Zeit zu den Verehrern Ihrer lieben Frau. Aber im Ernste, zwischen den beiden Damen besteht Aehnlichkeit, und zwar eine jener unerklärlichen Ähnlichkeiten, die man in Gesichtern findet, die, sich doch eigentlich nicht ähnlich sehen.« – Jeanie mochte fühlen, daß es einen ungünstigen Eindruck auf den Herzog machen müßte, wenn sie sich aller Aeußerung zu der Frage enthielte, und meinte, die Aehnlichkeit könne vielleicht mehr in dem Anklange des hochländischen Idioms liegen als im Aussehen oder doch den Eindruck desselben wesentlich beeinflussen. – »Sie dürften mit dieser Meinung den eigentlichen Kernpunkt getroffen haben,« erwiderte der Herzog, »die Dame, ist tatsächlich Schottin und spricht auch das Englische mit schottischem Accent, ja hin und wieder passiert es ihr, daß ihr eine echt provinzielle Wendung entschlüpft, was sich aber immer wie lauter Poesie anhört. – »Ich hätte gemeint,« warf Reuben Butler dazwischen, »daß die vornehme Welt eine Redeweise, die sich nicht frei von provinziellen Wendungen zu halten weiß, für vulgär ansieht?« – »Nicht im geringsten, lieber Herr Pfarrer, nicht im geringsten,« antwortete der Herzog, »denn Sie dürfen nicht etwa meinen, die Dame spräche jenes grobe schottische Platt, das man in den Edinburger Vorstädten hört... Meines Wissens hat die Dame überhaupt nur wenig in Schottland gelebt, sondern ist in einem ausländischen Kloster erzogen worden. Sie spricht das reine, vornehme Schottisch, das zu meiner Jugendzeit am Hofe gesprochen wurde, aber jetzt leider so außer Gebrauch gekommen ist, daß es einen wie fremdartig anmutet, wenn man es noch einmal hört.« So große Beklommenheit Jeanie fühlte, konnte sie sich doch nicht genug wundern, wie sich auch ein so feiner Kenner der gesellschaftlichen Verhältnisse wie der Herzog von Argyle von einer vorgefaßten Meinung so vollständig beherrschen lassen konnte. Der Herzog aber fuhr fort: »Die Dame entstammt dem vom Unglück schwerverfolgten Geschlechte der Wintons. Infolge ihrer im Auslande vollendeten Erziehung ist sie jedoch mit ihrem Stammbaume nicht recht vertraut, und begrüßte es recht dankbar, als ich ihr sagte, daß sie ein Seton von Windygout sei. Vergleiche hierüber den Roman »Der Abt« von Walter Scott. Ich hätte Ihnen gewünscht, die Röte zu sehen, die infolge dieser Belehrung ihre Wangen färbte. Ich wurde an die Rose erinnert, die verborgen und ungepflückt im keuschen Schatten eines Klostergartens blüht.« » Ut flos in septis secretus nascitur hortis ,« konnte der an klassischen Sentenzen reiche Pfarrer sich nicht erwehren, aus Catull zu zitieren, während die Frau Pfarrerin es kaum für möglich halten konnte, daß sich alle die Reden und Worte auf ihre einst so unglückliche Schwester beziehen sollten. Sie meinte jedoch, die Gelegenheit, die sich ihr so unerwartet bot, über Effies Verhältnisse einiges Nähere zu erfahren, wahrnehmen zu sollen, wenn auch nur, um sich über die bangen Sorgen hinwegzutäuschen, in die sie durch die Aeußerungen des Herzogs versetzt wurde; darum wagte sie einige Fragen nach dem Gemahl der Dame, die Seine Herrlichkeit in so hohem Maße interessierte. »Es ist ein sehr vermögender Herr, und ein Herr aus sehr altem vornehmen Geschlecht,« erklärte der Herzog, »auch ein Herr natürlich, der über ein sehr feines und vornehmes Benehmen gebietet. Es läßt sich indessen von ihm nicht sagen, daß er in der Gesellschaft die gleiche Beliebtheit besäße wie seine Gemahlin. Manche meinen wohl, daß er ein sehr angenehmer Gesellschafter sei; ich habe ihn als solchen jedoch noch nie kennen gelernt; auf mich hat er immer nur den Eindruck eines finstern, verschlossenen Mannes gemacht. Er soll eine stürmische Jugend hinter sich haben, ist auch nicht im Besitz einer sonderlich festen Gesundheit; immerhin gilt er noch immer als ein stattlicher und auch schöner Herr, der übrigens,« sagte er, zu dem Pfarrer sich wendend, »mit Ihrem Oberkirchenrat in sehr freundlichen Beziehungen steht.« – »Dann hätte er sich ja des Umganges eines unserer würdigsten Herren vom schottischen Adel zu erfreuen,« bemerkte Reuben Butler. »Verehrt er seine Gattin auch, wie es die Gesellschaft, Ihren Worten nach, Durchlaucht, tut?« fragte Jeanie schüchtern. – »Sir George? Nun, man sagt, er liebe sie abgöttisch,« erwiderte der Herzog. »Indessen habe ich wohl schon, wenn er das Auge auf sie richtet, ein leichtes Erbeben ihrer Züge bemerkt, und das erachte ich für kein sonderlich gutes Zeichen. Ich kann mich aber wirklich gar nicht beruhigen über die eigentümliche Aehnlichkeit, die zwischen Ihnen, Frau Pfarrerin, und Lady Staunton vorwaltet, im Blick sowohl als in der Stimme. Man könnte wirklich schwören darauf, sie müßten Schwestern sein.« Jetzt war es Jeanie nicht mehr möglich, die Unruhe, die sie quälte, in sich zu verschließen. Der Herzog, bestürzt über die Wirkung seiner Worte, war gutmütig genug, dies auf Rechnung der Erregung zu setzen, in die sie durch seine Unvorsichtigkeit, sie an ihre unglückliche Schwester zu erinnern, geraten war, und wechselte, durch ein Taktgefühl verhindert, sich zu entschuldigen, was das Uebel nicht gebessert, sondern nur verschlimmert hätte, das Thema, indem er einige Differenzen zwischen dem Geistlichen und Hauptmann von Knockdunder erörterte, dem er seinerseits nicht abstreiten wollte, daß er sich nach bestem Wissen und Können befleißige, ihn schicklich zu vertreten, während er ihn anderseits von einer gehörigen Portion Eigensinn und Heftigkeit nicht freizusprechen vermochte. Reuben Butler erwiderte, daß sich weder gegen das eine, noch gegen das andere etwas sagen ließe, nur sei es zu wünschen, daß sich der Hauptmann im Weingenuß Mäßigung auferlegen, wenigstens in solcher Stimmung nicht allzu derb über die Stränge schlagen möchte; und nun lenkte die Unterhaltung der beiden Herren auf Kirchspielangelegenheiten hinüber, mit denen wir den freundlichen Leser nicht zu behelligen brauchen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Schwestern blieben nun, unter Beobachtung der äußersten Vorsicht, in schriftlichem Verkehr, wie es Effie in ihrem Schreiben gesagt hatte. Lady Staunton klagte jedesmal, daß ihr Gemahl mehr und mehr in Hypochondrie verfalle, und daß sie vor allem sich über ihre Kinderlosigkeit nicht hinwegsetzen könne. Ihr Mann könne sich mit seinem nächsten Leibeserben gar nicht gut stehen, da er denselben im Verdacht habe, unter der übrigen Verwandtschaft gegen ihn zu agitieren, und hätte sich wiederholt verschworen, lieber ganz Willingham einer wohltätigen Stiftung zu vermachen, als ihm einen Stein davon zukommen zu lassen. »Hätte mein Mann Kinder,« schrieb sie, »oder wäre nur jenes arme Wesen am Leben geblieben, um dessentwillen ich soviel und schwer gelitten, dann hätte er doch etwas, was ihn ans Leben fesselte, was ihm das Dasein lieb und wert machte. Aber der Himmel versagt uns solchen Segen, und es muß wohl sein, daß es uns seiner nicht für wert befindet.« Aus den hohen, weiten Hallen des Willinghamer Schlosses drangen die fruchtlosen Klagen hinüber in das stille, gemütvolle Pfarrhaus zu Knocktarlitie, und Jahre um Jahre flossen darüber hin. Von allen tief, am tiefsten aber von Reuben Butler und seiner Frau bedauert, starb anno 1743 John, Herzog von Argyle und Greenwich. Standen sie auch seinem Bruder und Erben, dem Herzog Archibald, nicht so nahe wie ihm, so trat doch in ihr Verhältnis keinerlei Aenderung, sondern der Schutz, den ihnen Sir John gewährt, blieb auch unter Sir Archibald bestehen. Er tat ihnen aber auch nötiger denn je, da nach dem unglücklich verlaufenen Putsche des Prätendenten Charles Stuart und seiner Niederlage bei Culloden in den beiden Jahren nach dem Tode Sir Johns Ruhe und Frieden in den an die Hochlande grenzenden Distrikten noch geraume Zeit gestört blieben. In den Felsenklüften von Perth, Stirling und Dumbarton rottete sich allerhand Gesindel zusammen, das die romantischen Bergtäler und das Unterland zum Schauplatze seiner Räubereien und Plünderungen machte. Die Hauptgeißel von Knocktarlitie war der unter dem Namen Donacha Dhuna Dunaigh oder schwarzer Duncan bekannte Räuber, dessen bereits flüchtig in dieser Erzählung gedacht worden. Von Haus aus Kesselflicker, gab er während des in Schottland wütenden Bürgerkrieges sein wenig lohnendes Gewerbe auf und wurde Hauptmann einer Räuberbande. Er war ein kräftiger Mann, kühn und verschlagen und im Hochlande mit jedem Passe, jeder Kluft und Schlucht vertraut. Daß Duncan von Knockdunder seinem Namensvetter, sobald er es ernstlich gewollt hätte, das Handwerk hätte legen können, davon war jedermann überzeugt, gab es doch im Kirchspiel junger, kräftiger Burschen genug, die dem Herzog in den Krieg gefolgt waren und sich ausgezeichnet geschlagen hatten. Man meinte aber, es müsse Donacha irgendwie geglückt sein, sich der Gunst Knockdunders zu versichern, und besonders bestärkt wurde man in dieser Meinung durch den Umstand, daß David Deans' Viehherden von seiten des Räubers verschont blieben, wahrend dem Pfarrer alle Kühe weggetrieben wurden. Bei einem neuerlichen Ueberfall entschloß sich Reuben, sein friedliches Amt zu verleugnen und an der Spitze einiger Nachbarn den Räubern ihre Beute wieder abzujagen. Natürlich ließ es sich der greise David Deans nicht nehmen, trotz seines hohen Alters seinen Schwiegersohn auf diesem Zuge zu begleiten, und auf seinem hochländischen Klepper, mit dem breiten Schwert an der Seite, glich er ganz David, dem Sohne Jesses, als er wider die Amalekiter zog. Donacha Dhuna Dunaigh wurde durch Reuben und David Deans, wenn auch nicht festgenommen, so doch dermaßen eingeschüchtert, daß er sich geraume Zeit nicht mehr ins Kirchspiel wagte, sondern seine Raubzüge nach entfernteren Distrikten verlegte. Aber vor seinem Namen herrschte noch Furcht und Schrecken bis über das Jahr 1751 hinaus; in diesem Jahre aber wurde, wenn ihn die Scheu vor dem zweiten David zurückgehalten hatte, dieser Zwang durch das Schicksal von ihm genommen, indem in diesem Jahre der ehrwürdige Patriarch zu seinen Vätern versammelt wurde. Reich an Jahren und Ehren, ging David Deans zum Himmel ein. Sein Geburtsjahr kannte niemand; da er sich aber mancher Vorgänge erinnerte, die mit der Zeit nach der Schlacht an der Brücke von Bothwell zusammenfallen, ist der Schluß erlaubt, daß er über neunzig Jahre alt geworden. Dankbar für den ihm durch die Vorsehung während seines Wandels durch dieses Tränen- und Sündental gespendeten Segen, entschlief er in den Armen seiner geliebten Tochter Jeanie, für deren ferneres Wohl er ergreifende Gebete zum Himmel sandte. Lange hörte man ihn dann noch murren über den Verfall der Zeiten und ähnliche Dinge; aber wie die greise May Hettly meinte, schien er nicht mehr recht bei sich und führte solche Reden nur, weil sie ihm zur Gewohnheit geworden waren; sein Ende war ganz das eines frommen Christen, der im Frieden mit seinem Gott, seinem Gewissen und seinen Brüdern selig im Herrn entschläft. Für Jeanie war es, wenn auch kein unerwarteter, so doch ein recht schwerer Schlag, hatte sie doch seiner Pflege einen großen Teil ihrer Zeit gewidmet und war es ihr doch, als der Greis nicht mehr unter den Lebenden weilte, ganz zu mute, als sei ihre Aufgabe hienieden zu einem nicht unwesentlichen Teile erfüllt. Er hinterließ ein bares Vermögen von 1500 Pfund Sterling, das nicht wenig zur Erhöhung des Wohlstandes der kleinen Pfarrersfamilie beitrug; über die vorteilhafteste Art, dieses Vermögen anzulegen, stellte Reuben die verschiedensten Erwägungen an, fand aber nichts Besseres, als das kleine, knapp zwei Stunden vom Pfarrhause gelegene Gut Craigsture zu kaufen; nur sagte er, daß sein jetziger Eigentümer zweitausend Pfund dafür verlange und schwerlich darein willigen werde, tausend Pfund als Hypothek darauf stehen zu lassen. »Das Geld von anderer Seite zu leihen,« schloß er, »will mir nicht gefallen, denn jedem Gläubiger kann es einfallen, es plötzlich zurückzufordern, oder es könnte Dich, liebe Frau, wenn mich ein schneller Tod ereilen sollte, in ernstliche Verlegenheit setzen.« »Wir könnten aber, wenn wir mehr Geld hätten,« fragte Jeanie, »das schöne Weideland, auf dem das Gras schon so früh ergrünt, kaufen?« – »Freilich könnten wir das,« erwiderte Reuben, »und Hauptmann Knockdunder, dessen Neffe freilich Verkäufer ist, rät auch dazu; aber ...« – »Nun, Reuben,« antwortete Jeanie, »wie Du einst nach einem Spruch in der Bibel schautest und das Geld, das Dir not tat, fandest, so schlage auch heute wieder jenen Spruch auf.« – Er drückte ihr lächelnd die Hand und sagte: »Ach, Jeanie, Wunder können auch die besten Menschen in dieser Zeit nur einmal verrichten.« »Nun, so laß uns doch 'mal sehen,« lautete Jeanies schlichte Antwort, worauf sie in das Kämmerlein trat, worin sie den Honig, das Eingemachte, den Zucker und die kleine Hausapotheke aufbewahrte. Dort zog sie hinter einem dreifachen Bollwerk von Töpfen, Krügen und Flaschen einen zerbrochenen irdenen Topf vor, der mit einem Stück Leder zugebunden war und allerhand beschriebenes Papier, achtlos übereinander geschoben, enthielt. Dazwischen lag die alte Bibel ihres Vaters, die er ihr in früheren Jahren, als ihn die zunehmende Augenschwäche zum Kauf einer mit größeren Typen gedruckten nötigte, geschenkt hatte. Die Bibel brachte sie ihrem Manne. Reuben sah sie betroffen an, da er sich nicht erklären konnte, in welchem Zusammenhange das heilige Buch mit der Geldfrage, die sie beschäftigte, stehen sollte. Jeanie aber sagte ihm, er möchte es doch aufschlagen, und als Reuben ihrer Aufforderung folgte, sah er mit Erstaunen, daß aus den Blättern, die er wandte, verschiedene Fünfzigpfund-Noten auf die Erde flatterten. »Ich hatte mir vorgenommen, lieber Mann,« sagte Jeanie, lächelnd über das verdutzte Gesicht ihres Mannes, »Dich erst auf meinem Sterbelager oder in einem Falle der äußersten Not von der Existenz dieses kleinen Schatzes zu unterrichten; wozu soll er aber hier in solchem Scherben nutzlos modern, wenn er uns zum Erwerb solch nutzbringenden Grundbesitzes dienen kann?« »Aber, Jeanie, wie kommst Du zu solchem Vermögen?« rief er, die Scheine zählend, »es sind wahrhaftig mehr als zweitausend Pfund!«–»Und wären es zehntausend, Reuben,« antwortete Jeanie, »so laß Dir mit dem Bescheide genügen, daß es redliches Eigentum ist. Frage mich nicht, wie es in meinen Besitz gekommen ist, Reuben; das Geheimnis seiner Herkunft gehört nicht mir allein, sonst wüßtest Du schon lange darum.«–»Aber darauf gib mir Antwort, Jeanie: Ist es wirklich Dein rechtliches und unbestrittenes Eigentum? Eigentum, über das Dir volles Verfügungsrecht zusteht, auf dessen Besitz niemand außer Dir ein Anspruch zusteht?« »Es war mein Eigentum, gehört aber, nachdem ich meinem Rechte gemäß darüber verfügt habe, von jetzt ab Dir, Reuben; Du bist nun auch ein Bibel-Butler, wie Dein Großvater, den mein Vater, Gott hab ihn selig! nie im Leben hat leiden mögen. Bloß einen Wunsch möchte ich äußern, daß nämlich, nach unserm Heimgange, unsre Femie mehr davon bekäme als die beiden Jungen.«–»So soll es auch gehalten werden, liebe Frau,« versetzte Reuben; »aber nun sage mir bloß, wie kommst Du darauf, Deinen Schatz gerade in der Bibel zu verstecken?«–»Hm, das mag einer von meinen, wie Du sie immer nennst, altmodischen Angewohnheiten sein,« antwortete Jeanie; »aber so ganz unrecht mag ich doch wohl nicht gehabt haben, wenn ich der Meinung war, Donacha Dhu hätte, wenn er 'mal bei uns eingebrochen wäre, wohl zu allerletzt in der Heiligen Schrift nach Geld gesucht!« – Reuben sah sie lächelnd an; sie aber fuhr fort: »Von jetzt ab werde ich aber, falls Dir wieder Geld zufließen sollte, es immer gleich Dir in die Hände geben; bewahre Du es dann auf, wo es Dir am sichersten zu sein scheint.« – »Und ich soll nicht fragen, woher das Geld rührt?« – »Nein, Reuben, das versprich mir! Denn würdest Du mich aufs Gewissen fragen, so würde ich es Dir sagen, Du würdest mich aber zu einer Handlung bestimmen, die ich für ein Unrecht an dem Geber halten müßte.« – »Und das Geld verpflichtet Dich zu nichts?« – »Nein, Reuben, zu nichts; es braucht nicht zurückerstattet zu werden.« Er überzählte das Geld noch einmal, und als er sich nochmals überzeugt hatte, daß ihn weder Traum noch Täuschung äffe, rief er: »Nun, das muß ich sagen, noch nie hat Gott einem Manne ein Weib beschert wie mir! Denn ihr folgt in allem der himmlische Segen!« Schnell verbreitete sich in der Gegend die Nachricht, daß Pfarrer Butler das Gut Craigsture gekauft habe. Manche gratulierten ihm dazu; andere beklagten, daß das Gut nicht länger in dem Besitze der Familie bliebe, die es jahrhundertelang bewirtschaftete. Die Pfarrer des Kirchspiels aber benutzten den Umstand, daß Reuben Butler, wegen der Ueberschreibung des Besitztitels, nach Edinburg reisen mußte, ihn zu der alljährlich im Mai stattfindenden Synodal-Versammlung als ihren Vertreter zu entsenden. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Kurze Zeit nach der für Reuben Butler so großen Ueberraschung durch Jeanies Reichtum sollte die launische Göttin Fortuna sich auch gegen Jeanie selbst hold erweisen. Reuben hatte in der Voraussicht, daß sich seine Geldgeschäfte nicht so schnell erledigen würden, daß er bis Ende Mai wieder zurück sein könnte, schon zu Ende Februar Knocktarlitie verlassen. Als Jeanie nun ein paar Tage darauf im Oberstock ihres Hauses nach dem Rechten sah, hörte sie unten zwischen den Kindern Streit, der bald so laut wurde, daß sie sich hinunter begab, ihn zu schlichten. Femie, die nun bald zehn Jahre alt war, klagte die beiden Brüderchen an, daß sie ihr ein Buch hätten fortnehmen wollen, wogegen David der ältere geltend machte, das Buch passe sich für Femie noch nicht, und Reuben der jüngere altklug beifügte: »es stünde was darin von einem bösen Weibe.« »Und wo hast Du das Buch her, Femie?« fragte die Mutter; »an Vaters Büchern darfst Du Dich doch nicht vergreifen, wenn er nicht da ist?« –Aber Femie ihrerseits beteuerte, einen Bogen Papier in den Händen zerknüllend, es sei ja gar keins von Vaters Büchern, sondern nur Papier, das May Hettly von dem großen Käse abgenommen habe, der von Inveravy herübergeschickt worden; zwischen Jungfer Dolly Dutton, die inzwischen zu einer Frau Mac Corkindale aufgerückt war, und ihrer einstigen Reisegefährtin Jeanie hatte sich nämlich ein freundschaftliches Verkehrs-Verhältnis herausgebildet, das durch Austausch kleiner Aufmerksamkeiten warm gehalten wurde. Jeanie nahm ihrem Töchterchen den zerknüllten Bogen aus der Hand, um sich über seinen Inhalt zu vergewissern, schreckte aber förmlich zusammen, als sie beim ersten Blicke las: »Die merkwürdige Beichte der Margarethe Max Craw oder Murdockson, die sie am Tage ihrer Hinrichtung Anno 1737 auf dem Harabeeberge bei Carlisle vor allem Volke hielt.« Es war eines von den Zeitungsblättern, die Archibald, wie seinerzeit erwähnt, bei einem Krämer aufgekauft, und die Dolly Dutton aus Sparsamkeit zur Ausfütterung ihres Reisekoffers verwendet, jetzt aber zufälligerweise zum Einpacken des Käselaibes benutzt hatte. Schon dieser Titel reichte hin, Jeanies Aufmerksamkeit zu fesseln; der Inhalt selbst aber erschien ihr so wichtig, daß sie die Kinder sich selbst überließ und die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer eilte, um dort ohne Störung lesen zu können. – In der Druckschrift stand, Margarethe Murdockson sei wegen Raubes und Mordes vor zwei Jahren, begangen in Gemeinschaft mit dem berüchtigten Frank Levit und Thomas Tuck, gewöhnlich Tyburn Thoms genannt, zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet worden. Dann folgte eine kurze Beschreibung ihres sündigen Lebenslaufes, auf Grund der von ihr vor Gericht gemachten Aussagen, aus welchen Jeanie vor allem interessierte, daß sie ein Jahr vor ihrem Tode in der Vorstadt von Edinburg gewohnt habe, daß ihr dort ein Mädchen zur Pflege übergeben worden sei, das einem Kinde männlichen Geschlechts das Leben gegeben habe. Dieses Kind sei von ihrer Tochter, die seit dem Verlust ihres eigenen Kindes nicht mehr recht bei Verstande gewesen, gleich nach der Geburt fortgetragen worden, in dem Wahne, es sei ihr Kind, dessen frühen Tod sie sich nie habe einreden lassen wollend – Eine Zeitlang habe sie nun geglaubt, ihre Tochter habe das fremde Kind in einer Anwandlung von Wahnsinn umgebracht; sie, habe diese Vermutung auch dem Vater des Knaben gegenüber geäußert. Später aber habe sie in Erfahrung gebracht, daß eine Zigeunerin ihrer Tochter das Kind abgenommen habe. Endlich also hielt Jeanie den unbestreitbaren Beweis für ihrer Schwester Unschuld an dem Morde ihres Kindes in der Hand! Hatten auch weder sie noch ihr Mann und ihr Vater Effie solcher Grausamkeit jemals für fähig gehalten, so hatte doch ein dunkler Schleier über dem Falle gelegen; und wer konnte wissen, ob nicht doch in einem Augenblick von geistiger Umnachtung das Schreckliche geschehen sei? – Es bedünkte sie nach einiger Ueberlegung für das richtigste, die Beichte dieses Weibes auf der Stelle ihrer Schwester zuzustellen, damit sich diese mit ihrem Manne über die Schritte, die hiernach zu unternehmen seien, beriete. Ungeduldig sah sie nun einer Antwort auf diese Benachrichtigung entgegen. Es verging aber längere Zeit, ohne daß eine solche eintraf, und sie begann schon zu befürchten, daß dies wichtige Zeugnis für Effies Unschuld in unrechte Hände gefallen sei. Da sah sie sich, als sie sich schon mit dem Gedanken trug, ihrem Manne über den Fall nach Edinburg zu schreiben, durch einen neuen Vorfall hiervon zurückgehalten. Sie ging am Morgen mit den Kindern am Ufer des Meerbusens spazieren, als der kleine David des Hauptmanns »Kutsche mit Sechsen« in der Ferne erspähte, die, wie er sagte, gerade auf sie zukäme, mit Frauen darin. Bald erkannte auch sie zwei weibliche Gestalten neben dem am Steuer befindlichen Hauptmanne. Um der Höflichkeit zu genügen, begab sie sich nach dem Landungsplatze, wo der Hauptmann inzwischen schon angelegt hatte und sich eben anschickte, den beiden fremden Damen beim Aussteigen zu helfen, von denen sich die größere, ältere auf die Schulter der andern lehnte, die augenscheinlich ihre Kammerfrau war. – »Frau Butler,« begann der Hauptmann wichtigtuerisch, »ich habe die Ehre, Ihnen hier Lady – Lady – ei, ich hab' Ihrer Gnaden Namen vergessen.« »Es hat nichts auf sich,« sagte die fremde Dame, »Frau Butler wird wohl nicht in Ungewißheit sein? Sie haben Ihr doch den Brief Seiner Herrlichkeit gestern abend übergeben, Herr?« fragte sie, nicht frei von Verdruß, als sie Jeanies Verlegenheit bemerkte. – »Nein, Euer Gnaden, ich bitte um Entschuldigung; aber es war gerade kein Boot zur Hand, und so dachte ich, es würde Zeit haben bis heute, weil ja Frau Butler immer zu Hause ist. Hier ist der Brief von Seiner Herrlichkeit.« »Geben Sie ihn her,« sagte die fremde Dame, »da Sie es gestern nicht für notwendig hielten, ihn zu besorgen, will ich es selbst tun.« Aufmerksam und mit ganz eigenartigen Gesinnungen betrachtete Jeanie diese Dame, die so streng und stolz mit einem Manne wie Knockdunder sprach, der dieser sonst so störrische, ja grobe Vertreter herzoglicher Jurisdiktion jetzt förmlich demütig den Brief überreichte. Sie war von etwas über Mittelgröße, neigte ein wenig zur Fülle, wies aber trotzdem ein schönes Ebenmaß auf; ihr Wesen war frei und vornehm und schien auf edle Abkunft und ständigen Umgang mit den besten Kreisen der Gesellschaft zu deuten. Sie trug ein Reisekleid, einen Biberhut und einen Schleier von Brüsseler Spitzen. Zwei Lakaien in reicher Livree stiegen mit ihr aus der Barke, blieben aber in einigem Abstande hinter ihr, Reisekoffer und Mantelsack in den Händen haltend. »Da Sie den Brief nicht erhalten haben, der mir als Einführung bei Ihnen dienen sollte, Frau Pfarrerin – Sie sind doch Frau Butler, nicht wahr? – so will ich ihn nun erst abgeben, nachdem ich gesehen, daß Sie mir auch ohne ihn den Willkomm nicht versagen.« – »Ihnen den Willkomm zu verweigern, wird sich Frau Butler, gnädigste Frau, wohl nicht einfallen lassen,« sagte Hauptmann Knockdunder; »Frau Butler,« setzte er hinzu, »dies ist Lady – Lady – diese vermaledeiten südlichen Namen wollen mir nicht in den Kopf; aber die gnädige Frau ist eine geborene Schottin, ich glaube aus dem Hause.« »Der Herzog von Argyle ist mit meiner Familie gut bekannt, Herr,« fiel ihm die Dame, mit einem Tone, der ihm Schweigen gebot, ins Wort. Jeanie kam sich vor, als durchlebte sie einen jener seltsamen Träume, die uns durch ihre täuschende Aehnlichkeit mit der Wirklichkeit schlimme Qual bereiten. Im Ton und im Wesen der fremden Dame lag etwas, das sie an ihre Schwester Effie erinnerte; und als dieselbe jetzt den Schleier lüftete, kamen Züge zum Vorschein, an die sich unsägliche Erinnerungen knüpften. Die Dame war wenigstens dreißig Jahre alt, konnte aber in der vornehmen Toilette gut und gern für einundzwanzig gehalten werden. Ihr Auftreten aber war so sicher und fest, und sie hielt sich so voll in der Gewalt, daß Jeanie, so oft sie eine neue Aehnlichkeit mit ihrer unglücklichen Schwester herausfühlte, eben so oft an ihren Mutmaßungen irre wurde. In maßloser Verwirrung, und ohne ein Wort zu sprechen, geleitete sie die Dame zum Pfarrhause, die der schönen Gegend, wie jemand, der mit Natur und Kunst gleich vertraut ist, volle Bewunderung schenkte. Endlich lenkten die Kinder ihre Aufmerksamkeit ab. »Zwei hübsche Knaben, wohl die Ihrigen, Frau Pfarrerin?« sagte sie. – Jeanie bejahte. Die Fremde seufzte, und seufzte wieder, als ihr die Namen der Knaben genannt wurden. – »Komm doch her, Femie,« sagte Jeanie, jetzt auch die Tochter vorstellend. – »Wie heißt sie eigentlich, Frau Pfarrerin?« – »Euphemia, gnädige Frau.« – »Ich dachte, die gewöhnliche Abkürzung sei Effie?« sagte die Dame in einem Tone, der Jeanie das Herz zerriß; denn in diesem einzigen Worte lag mehr von ihrer Schwester, mehr von alten, längstvergangenen Zeiten als in allen Erinnerungen, die Wesen und Züge der Dame bereits in ihr geweckt hatten. Im Pfarrhause angekommen, drückte die Dame ihr den Brief in die Hand und bat um etwas Milch. Frau Butler hieß die alte May Milch besorgen und eilte mit dem Briefe auf ihr Zimmer. Es waren zwei Schreiben in dem Umschlage. Das eine war vom Herzog von Argyle, der Frau Butler ersuchte, einer Freundin seines verstorbenen Bruders, Lady Staunton von Willingham, die eine Zeitlang in Roseneath zur Molkenkur verweilen wolle, während ihr Gemahl eine kleine Geschäftsreise in Schottland mache, freundliche Aufnahme zu gewähren. Das andere war von Lady Staunton selbst, die der Schwester schrieb, ihr Mann habe sich infolge ihrer Mitteilung vorgenommen, selbst nach Carlisle zu gehen und dort weitere Erkundigungen über die Murduckson einzuziehen. Seine Bemühungen seien nicht ganz erfolglos gewesen, sie habe ihn aber erst durch viele Bitten und das Gelöbnis strenger Verschwiegenheit zu der Erlaubnis, ein paar Wochen bei ihrer Schwester zuzubringen, bestimmen können. Jeanie eilte, als sie den Brief gelesen, die Treppe hinunter, halb von Furcht befangen, sich zu verraten, halb von dem heißen Verlangen erfüllt, der Schwester um den Hals zu fallen. Effie stand auf, als Jeanie eintrat, und sah sie liebevoll und doch warnend an – nahm auch, um aller Gefahr vorzubeugen, gleich das Wort, auf den Hauptmann zeigend, der sich inzwischen eingefunden hatte. – »Liebe Frau Butler, ich habe dem Herrn Hauptmann Knockdunder eben gesagt, daß ich lieber hier bleiben möchte als in Roseneath; da, wo die Ziegen weiden, sollen ja die Molken am kräftigsten wirken.« – »Ich habe der gnädigen Frau aber gesagt,« bemerkte Duncan, »daß sie drüben besser wohnen werde, und daß die Tiere herübergeholt werden könnten; es sei doch schicklicher, die Ziegen warten der gnädigen Frau auf, als umgekehrt.« – »Meinetwegen bemühen Sie die Ziegen nicht,« sagte Lady Staunton; »zumal ich überzeugt bin, hier bessere Milch zu bekommen.« Sie ersuchte ihn kurz und bündig, ihr Gepäck von Roseneath herüberschaffen zu lassen, und das mußte ihm, wenn es auch ihm nicht zu gefallen schien, daß er wie ein Lakai behandelt wurde, als Zeichen gelten, daß man seine Entfernung wünsche. Ein paar Worte über englische Arroganz brummend und mit dem Bescheide an die Pfarrersfrau, daß er ihr das Wildbret mitschicken werde, das er selbst für die hohen Gäste geschossen habe, empfahl er sich. – Die Schwestern überließen sich nun ganz der Wonne des Wiedersehens; jede bekundete ihre Freude auf die ihrem Wesen eigentümliche Weise: Jeanie, von Erstaunen und Verwunderung überwältigt, still und in sich gekehrt; Effie bald weinend, bald lachend, bald schluchzend, bald schreiend, bald in die Hände schlagend, der ihr angeborenen Munterkeit, die sie sonst in zeremoniellen Schranken halten mußte, freien Lauf lassend. – Jeanie konnte, je länger sie die Schwester betrachtete, desto weniger ihrer Verwunderung Herrin werden über den Unterschied zwischen jenem hilflosen, in Not und Verzweiflung versunkenen Mädchen, das auf dem Strohlager im Kerker einem schimpflichen Tode entgegensah, und dieser schönen vornehmen Dame, die alle gesellschaftlichen Formen beherrschte und über eine so hohe Bildung verfügte. Als sie den Schleier abgelegt hatte, kamen Jeanie die Züge ihres Gesichtes viel vertrauter vor als ihr Wesen, Blick und Benehmen. Sie gab ihrem Staunen darüber, daß Effie als Lady Staunton sich so zu beherrschen, daß sie in allen Situationen ihre Rolle zu behaupten wisse, unverhohlenen Ausdruck. »Ich begreife, daß Du Dich darüber wunderst, liebe Jeanie,« sagte sie; »bist Du doch, von der Wiege an, die Wahrheit selbst gewesen! Mir gegenüber darfst Du jedoch nicht vergessen, daß ich schon fünfzehn Jahre lang Verstellung und Lüge kultivieren, in meiner Rolle also nachgerade zu Hause sein muß.« Jeanie wurde, als sich der erste Tumult ihrer Empfindungen einigermaßen gelegt hatte, bald inne, daß das Verhalten ihrer Schwester im vollen Widerspruch zu der Niedergeschlagenheit stand, die aus ihren Briefen sprach. Der Anblick von ihres Vaters Grabe, der schlichte Grabstein, der von seiner Gottesfurcht und Rechtschaffenheit sprach, ergriff sie freilich tief und drängte ihr Tränen in die Augen; aber anderen Eindrücken gab sie sich eben so leicht hin, amüsierte sich köstlich in der Milcherei, die in früherer Zeit so lange ihr Bereich gewesen, und hätte sich um Haaresbreite der alten May gegenüber verraten als sie sich hinreißen ließ, über das wichtige Geheimnis der Bereitung von Dunlop-Käse in ausführlicher Weise zu sprechen. Alles dies gewann ihr aber nur solange Interesse ab, als es neu war, und nur zu bald merkte Jeanie, daß die glänzende Außenseite, hinter der sie ihr Herzeleid verbarg, ihr so wenig wahren Trost gewährte, wie dem Krieger die bunte Uniform, die seine Todeswunde verdeckt. – Nur aus einer Quelle schöpfte Lady Staunton wahre Freude: aus der herrlichen Gottesnatur; wenn sie den Fuß ins Freie setzte, hörte sie auf, die Rolle der feinen Dame zu spielen; und mit ihren beiden Neffen als Führern unternahm sie lange, ermüdende Wanderungen durch das nahe Gebirge, zu den Seen und Wasserfällen, durch Täler und Schluchten, so daß es bald keinen irgend wie hervorragenden Punkt mehr gab, den sie nicht in Augenschein genommen hätte. Auf einer dieser Wanderungen führte David Butler sie zu einem Wasserfalle, höher und gewaltiger als alle, die sie bis jetzt gesehen. Ein beschwerlicher Weg von etwa dreiviertel Stunden Länge, auf dem sich die herrlichsten Durchblicke boten, bald auf den Meerbusen und seine Eilande, bald auf ferne Seen oder drohende Felsen und Abgründe, führte dorthin. In einem einzigen Strahle von mächtiger Höhe an einem schwarzen Bergrücken hernieder, dessen dunkle Farbe wunderbar gegen den weißen Schaum des Gischtes abstach, schoß die Wasserflut; in zwanzig Fuß Tiefe sprang ein zweiter Felsen vor, den Blick des Beschauers hindernd, bis zum Boden des Falles zu dringen; rund um den Vorsprung herum wälzte sich und goß sich das Wasser in weißem Gischt die Kluft hinunter. Lady Staunton fragte den kleinen David, ob man nicht den Abgrund sehen könnte, in den sich das Wasser ergösse. David sagte, es gäbe wohl einen Fleck, einen Vorsprung am äußersten Ende des unteren Felsens, wo der ganze Wassersturz sichtbar sei, aber der Weg dahin sei steil und gefährlich und man könne leicht ausgleiten. Lady Staunton wollte aber ihre Neugierde durchaus befriedigen, und so führte sie der Knabe über Stock und Stein; bald mußten sie mehr klettern als gehen, und endlich gelangten sie, wie Seevögel sich an die Felsen klammernd, zur anderen Seite hinüber, von wo sie den vollen Anblick des grandiosen Falles hatten, der heulend und donnernd aus einer Hohe von annähernd hundert Fuß in einen schwarzen, dem Schlund eines Vulkans ähnlichen Kessel stürzte. Das Getöse, das Sprühen des Gischtes, das allen Gegenständen rings ein schwankes Ansehen gab, so daß der mächtige Fels, auf dessen Kuppe sie standen, gleichsam zu zittern schien, alles dies zusammengenommen übte auf Lady Stauntons Phantasie eine so gewaltige Wirkung, daß es ihr war, als müsse sie fallen; und hätte David sie nicht gehalten, so wäre sie tatsächlich in die Tiefe gestürzt. David besaß zwar Kraft und Mut, war aber doch erst ein Junge von vierzehn Jahren, dessen Hilfe ihr wenig Vertrauen einflößte, und in richtiger Erkenntnis der großen Gefahr ihrer Lage schrie sie laut auf vor Angst, wenn sie auch kaum Hoffnung hatte, Hilfe dadurch zu gewinnen. Zu ihrem Erstaunen antwortete aber ein scharfer, heller Pfiff aus der Höhe, und aus einer Felsenkluft über ihnen blickte ein dunkles Menschengesicht, mit schwärzlich-grauem struppigen Haar, das über Stirn und Wange hing und sich mit Kinn- und Backenbart von gleicher Farbe mischte, auf sie herab. »Der Teufel ist's!« rief David, kaum noch im stände, die Dame zu stützen, »Nein, nein,« sagte sie, vor übernatürlichen Dingen weniger in Furcht als vor natürlichen, »es ist ein Mensch wie wir. Um Gottes willen, Freund, steht, uns bei!« Das Gesicht starrte sie an, der Mund gab aber keine Antwort. Im andern Augenblick erschien ein anderes Gesicht daneben: das eines jungen Burschen, ebenfalls schwarzbraun und rußig, mit schwarzem, borstigen Haar, das in dichten, wirren Locken um den Kopf wallte, ihm ein wildes, grimmiges Ansehen gebend. Lady Staunton, sich fester an den Felsen klammernd, wiederholte ihre Bitten, die aber von der brausenden Wasserflut dem Anschein nach verschlungen wurden, denn auch sie sah wohl, daß die Lippen des Jünglings sich bewegten, aber kein Laut gelangte bis an ihr Ohr; ihre Gebärden hatten jedoch den Sinn ihrer Worte verdolmetscht; der Bursche verschwand, ließ aber gleich darauf eine Leiter aus Weidengeflecht zu ihnen hinunter, dem Knaben winkend, sie festzuhalten. Verzweiflung macht Mut; die Lady zögerte nicht, das schwanke Werkzeug zur Rettung zu benutzen; der wilde Bursche, der ihr auf so seltsame Weise zu Hilfe gekommen, stand ihr auch weiter bei, so daß sie glücklich den Gipfel wieder erreichte. Doch wagte sie erst wieder zu atmen, als sie auch ihren Neffen oben sah, der ihr gewandt und behend folgte, obgleich jetzt niemand mehr die Leiter unten hielt. Schaudernd betrachtete sie nun den Ort, wo sie sich befanden, und die Menschen, die dort hausten. Sie standen auf einer Art von Felsaltan, der, von allen Seiten mit schroffen Klüften und Schluchten umschlossen, keinen Weg weder hinauf noch hinunter zeigte. Ein mächtiger Felsblock, der zwischen zwei Kuppeln eingeklemmt lag, daß er ein schräges Dach über der hinteren Felsplatte bildete, auf der sie standen, hinderte jeden Blick, von außen hierher, und von hier nach außen. Ein paar Haufen dürren Laubes boten unter diesem rauhen Obdach den Bewohnern dieses Geierhorstes – denn einen anderen Namen verdiente die Stätte nicht – ein karges Lager. Zwei von ihnen sah Lady Staunton jetzt hier. Der eine, eben der, der ihr zu so rechter Zeit zu Hilfe gekommen, ein langer junger Bursche, aussehend wie ein Wilder, stand vor ihr, in einem zerrissenen Schottenmantel, mit kurzem Unterkleid, barfuß, barhäuptig – aber mit einem Haarbusch so dicht, daß er wohl einen künstlichen Helm ersetzen und einen Schwerthieb abhalten konnte, – darunter wölbte sich eine stolze Stirn und blitzte ein kühnes Augenpaar – und die Haltung, in der er dastand, war frei und edel. Er schenkte David Butler kaum einen Blick, stierte aber mit maßloser Verwunderung auf die Dame, die wohl das schönste Wesen sein mochte, das er bis jetzt gesehen. Der Alte, dessen wildes Gesicht zuerst über den Felsen geguckt hatte, lag noch immer auf den Boden der Felsplatte gestreckt, mit träger Gleichgültigkeit, die im schroffen Widerspruch zu dem wilden Ausdruck seines rauhen Gesichtes stand, das er ihnen zukehrte. Es schien ein Mann von ungewöhnlicher Größe zu sein, und sein Anzug, nur wenig besser als der seines jungen Gefährten, bestand aus einem weiten Oberrock, wie er im Unterlande, und Unterkleidern, wie sie im Hochlande getragen wurden. Die ganze Umgebung zeigte ein Bild seltsamer, unheimlicher Rauheit: unter dem Schirmdach des überhängenden Felsblockes brannte ein Steinkohlenfeuer, auf dem ein Brennkolben dampfte, dessen Glut den Gischt des Wasserfalles rötlich überhauchte; Blasebalg, Hämmer und Zangen, ein beweglicher Amboß und anderes Schmiedewerkzeug lagen oder standen daneben; an der Felsmauer lehnten drei Flinten, ein paar Säcke und Tonnen, auch ein Dolch, zwei Schwerter und eine Streitaxt. Nachdem der junge Wilde die Dame lange genug angestiert hatte, schleppte er einen irdenen Krug und einen großen Hornbecher heraus. Von dem Getränk, das eben erst aus dem Brennkolben gekommen schien, goß er aus dem Kruge in den Becher und bot den letztern erst der Dame, dann dem Knaben. Aber beide dankten, worauf er den Becher selbst in einem Zuge leerte. Dann verschwand er in einen Winkel der Höhle, kam mit einer andern Leiter wieder, die er an den quer überhängenden Felsblock lehnte, und winkte, während er die Leiter hielt, der Dame, hinaufzusteigen. Sie gelangte auf diesem schwanken Werkzeuge zu einer breiten Felskuppe, nahe dem Rande des Schlundes, in den sich der gewaltige Wasserstrom mit Schaumstreifen, die an die Mähnen eines wilden Renners erinnerten, hinunter ergoß. Allein die niedriger liegende Felsenfläche, die sie eben getragen hatte, lag ihren Blicken vollständig verborgen. David wurde der Aufstieg nicht so leicht gemacht der wilde Bursche mit dem wilden Haarbusch schüttelte, sei es aus Schadenfreude oder aus Schabernack, die Leiter, an der Angst sich weidend, die den Knaben und die Dame erfüllten, kräftig hin und her – was erklärlicherweise zur Folge hatte, daß sie einander mit nichts weniger als freundlichen Blicken maßen, als beide endlich oben waren. Der junge Zigeuner, oder was er sein mochte, half der Dame fürsorglich zu einer zweiten gefährlichen Höhe hinauf, wohin auch David folgte, bis sie endlich, den Klüften und Abgründen entronnen, auf dem Gipfel eines nicht übermäßig steilen Berges standen, dessen Hänge dicht mit Heidekraut bedeckt waren. Der Kamin aber, den sie eben überwunden hatten, war so schmal und eng, daß nur am äußersten Bergrande eine Spur davon sichtbar war; auch der Wasserfall war nicht mehr sichtbar, aber sein dumpfes Brausen traf noch immer das Ohr. Eben den dräuenden Felsen und Bergströmen entronnen, fand Lady Staunton hier neuen Grund zu Angst und Bangen. Die beiden Knaben, die ihr als Führer gedient, standen sich zornsprühend gegenüber. David, wenn auch jünger und kleiner als der wilde Bursche, war kühn und mutig und scheute vor niemand zurück. »Du bist der Pfarrersjunge von Knocktarlitie,« sagte der Zigeuner; »kommst Du mir hier oben noch einmal ins Gehege, so schmeiße ich Dich in den Schlund wie einen Ball.« – »Oho, Bursche, Du bist tatsächlich so kurz wie Du lang bist,« versetzte David unerschrocken und maß des Gegners Höhe mit zornigen Blicken; »gehörst doch sicher zur Bande des schwarzen Donacha? Kommt ihr uns unten noch einmal ins Gehege, so schießen wir euch nieder wie wilde Böcke.« – »Sag nur Deinem Vater,« sagte der andere wieder, »daß er die Bäume zum letztenmal hat grün werden sehen. Uns verlangt's nach Rache für den Schaden, den er uns angetan hat.« – »Hoffentlich geht noch mancher Sommer drüber ins Land,« sagte David, »daß wir euch noch öfter 'mal was zu Schaden tun können!« ' , Um dem Zwist ein Ende zu machen, trat Lady Staunton mit der Börse in der Hand dazwischen, nahm eine Guinee heraus und bot sie dem Zigeunerjungen. »Das weiße Geld, das weiße Geld,« rief der junge Wilde, der vermutlich mit dem Werte des Goldes unbekannt war, als er das Silbergeld durch das Netz der Börse schimmern sah. – Lady Staunton schüttete ihm alles Silbergeld, das in der Börse war, in die Hand; gierig langte er danach und machte etwas wie eine Verneigung zum Zeichen des Dankes und Abschieds. »Lassen Sie uns eilen, Lady,« sagte David, »denn seit der Kerl Ihre Börse gesehen, wird uns die Bande, zu der er gehört, nicht lange Ruhe lassen.« So schnell sie konnten, rannten sie den Abhang hinunter, aber schon nach wenigen Schritten hörten sie lautes Geschrei hinter sich. Ein Blick rückwärts zeigte ihnen die beiden Zigeuner im wilden Rennen hinter ihnen her, den älteren mit einer Flinte auf der Schulter. Zum Glücke zeigte sich im selben Augenblick ein herzoglicher Jäger auf der Berghöhe. Als die Räuber ihn sahen, machten sie Halt, und Lady Staunton winkte ihn heran und bat ihn um sein Geleit nach dem Pfarrhause, das sie aber erst in später Stunde erreichten. Sechsundzwanzigstes Kapitel. In Edinburg, wohin uns der Verlauf unserer Erzählung nunmehr zurückführt, wurde die große Synode abgehalten, deren wir bereits erwähnten. Es ist Landesbrauch im alten Königreich Schottland, einen Vertreter des Königs aus dem alten Hochadel des Landes hierzu zu wählen, der bei den Verhandlungen den Vorsitz führt. Alle in der Hauptstadt anwesenden Personen von Rang und Würden pflegen diesen Vertreter des Königs zu den Sitzungen zu begleiten und ihm auch sonst durch ihre Gegenwart zu erhöhtem Glanze zu verhelfen. Der Edelmann, dem diesmal dieses Stellvertreter-Amt zufiel, gehörte zu Georg Stauntons intimeren Bekannten. Zum erstenmale seit der unglücklichen Nacht, wo der Stadthauptmann am Galgen verblutete, nahm Georg Staunton den Weg wieder durch die High-Street von Edinburg, und zwar an der Seite des Vertreters königlich britischer Majestät, in prächtiger Staatstracht, mit Orden und allen äußerlichen Zeichen von Rang und Reichtum. Er war noch immer ein Mann von hervorragender Schönheit, wenn auch Kränklichkeit ihre Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen hatte. Aber wer erkannte wohl in diesem vornehmen Manne den Anführer jenes groben Pöbelhaufens wieder, der in Madge Wildfires Lumpen den Genossen seiner Laster auf so furchtbare Weise rächte? Und selbst wenn einer, der ihn damals kannte, die knappe Spanne Zeit überlebt hätte, die Uebeltätern vom Schicksal zugemessen zu werden pflegt, so hätte er ihn ganz sicher in dem hohen Herrn nicht wiedererkannt, der jetzt ganz Edinburg durch seine Vornehmheit blendete. Ueberdies war die Affaire jetzt so gut wie vergessen, so daß Georg Staunton keine Entdeckung mehr zu fürchten hatte. Und doch – mit welchen Gefühlen betrat er den Schauplatz jener verwegenen Tat, wenngleich es nur ein Fall von höchster Bedeutung war, der ihn bewogen hatte, sich an dieser Stätte so schmerzvoller Erinnerungen wieder zu zeigen. Auf Jeanies an die Schwester gerichteten Brief hin hatte Staunton sich nach Carlisle verfügt, um dort den Geistlichen Archidiakonus Fleming aufzusuchen, der der alten Murdockson vor ihrem gewaltsamen Tode die Beichte abgenommen. Er hatte den würdigen Greis noch am Leben getroffen und demselben offenbart, daß er der Vater des Kindes sei, das einst von der wahnsinnigen Madge geraubt worden. Der Geistliche, sich in die wilde Zeit zurückversetzend, die ihn auch mit anderen Missetätern in so betrübsame Gemeinschaft geführt, rief sich allmählich ins Gedächtnis, daß die Murdockson vor ihrem Tode an Georg Staunton nach Willingham einen Brief gerichtet, den er von dem dortigen Pfarrer Ehrwürden Staunton aber zurückerhalten habe, mit dem Bescheide, dort sei kein solcher Staunton bekannt. – Der Brief, der ihm nun von dem Archidiakonus ausgehändigt wurde, gab von der Zigeunerin Annaple Bailzou, die das Kind an sich genommen, ein genaues Signalement und allerhand weitere Auskunft: unter anderm, daß die alte Sünderin dieses Geständnis weniger aus Reue ablegte, als in der Hoffnung, von Georg Staunton oder seinem Vater Schutz für ihre Tochter Madge zu erlangen, die sie völlig hilflos zurücklassen mußte. Der Archidiakonus berichtete weiter,»daß die alte Murdockson bis an ihr Ende in Verstocktheit verharrte, ihre Tochter aber während der Mutter Hinrichtung entsprungen, von dem Pöbel ergriffen und zu Tode mißhandelt worden, und am andern Tage im Arbeitshaus gestorben sei, am Vormittag aber noch Besuch von mehreren weiblichen Personen bekommen habe, die dem Anscheine nach mit ihr bekannt gewesen seien, wenn sie auch gesagt hätten, sie nur unterwegs auf einer Reise getroffen zu haben. Was nun auch Staunton fühlen mochte, als er diese traurige Mitteilung, besonders von dem schrecklichen Tode jenes unglücklichen Mädchens, vernahm, das er ins Verderben gestürzt, so blieb ihm doch noch Willensfestigkeit genug, den Blick ausschließlich auf den Zweck seiner Herkunft, die Wiederauffindung seines Sohnes, zu richten. Da es die Klugheit verbot, über seine Geburt und die Schicksale seiner Eltern die Wahrheit zu sagen, stand freilich zu erwarten, daß es mancherlei Schwierigkeit bereiten werde, seine Legitimität durchzusetzen. Aber Lord Staunton hoffte hierzu Mittel und Wege zu finden; und gewöhnt, seinen Willen in allem, was er vornahm, durchzusetzen, verschob er alles Weitere, bis es ihm gelungen, den Sohn wiederzufinden; aber von diesem Vorhaben sollte ihn nichts abbringen, auch nicht die Gefahr, eine neue Kette von Unglück durchleben zu müssen, gleich denen oder größer als die, die ihm den Sohn geraubt hatten. – Allein wo war der Jüngling, dem Gut und Habe dieses alten Geschlechtes anheim fallen sollte? Welche niedrige Hütte war ihm Herberge? Verdiente er sich sein häusliches Brot im Tagelohn, oder trieb er sich vagabondierend im Lande herum? oder führte er etwa gar ein Diebs- oder Räuberleben? Alles Fragen und Forschen Stauntons blieb fruchtlos; es sollte ihm keinerlei Licht über den Verschollenen werden. Von anderer Seite erfuhr er, daß Annaple Bailzou sich mit Betteln und Wahrsagen das Leben gefristet habe, aber seit mehr denn zehn Jahren in der Gegend nicht mehr gesehen worden und wahrscheinlich wohl nach einem fernen Distrikt Schottlands gezogen sei, wohin sie zuständig sei. Staunton nahm sich vor, ihr dorthin zu folgen; da aber sein Aufenthalt in Edinburg mit der Synode zusammenfiel, und der Königsstellvertreter, wie erwähnt, zudem ein intimer Bekannter von ihm war, ließ sich seine Beteiligung an den mit der Synode zusammenhängenden Feierlichkeiten, so gern er dieselbe auch vermieden hätte, nicht umgehen. Bei Tafel lernte nun Lord Staunton einen würdigen Geistlichen kennen, der ihm als Reuben Butler vorgestellt wurde. Seinen Schwager in sein Geheimnis einzuweihen, dazu hätte sich Staunton nie entschlossen, und mit Befriedigung hatte er von seiner Frau gehört, daß ihre Schwester, die Redlichkeit und Zuverlässigkeit selbst, sogar ihrem Manne gegenüber kein Wort habe verlauten lassen. Infolgedessen war es ihm nicht unangenehm, daß sich jetzt eine Gelegenheit bot, einen so nahen Verwandten kennen zu lernen, ohne von ihm gekannt zu sein, zudem ihm, was er sah und hörte, die günstigste Meinung von Butler gab; dem die allgemeine Achtung gehörte, sowohl von seiten der Geistlichkeit als auch der weltlichen Mitglieder der Synode; hatte er sich doch in den bisherigen Sitzungen durch Verstand, Kenntnis und Freimut ausgezeichnet, und war er doch auch als einsichtiger und wohlbeschlagener Kanzelredner geschätzt. So war es wohl erklärlich, daß Georg Staunton, der anfangs nichts davon hatte wissen wollen, daß sich die Schwester seiner Frau mit einem Manne von so geringer Stellung verheiratete, jetzt um vieles besser darüber dachte, ja sogar fand, daß im Falle der Auffindung seines Sohnes es mit der bescheidenen Finanzlage der Familie seiner Frau doch recht verträglich sei, daß Lady Stauntons Schwester die Ehe mit einem Geistlichen eingegangen sei, dessen hohes Ansehen seine verhältnismäßig kleine Pfründe reichlich wett mache. Nach Aufhebung der Tafel ersuchte der Lord den Pfarrer, ihm nach seiner Wohnung am Grasmarkt das Geleit zu geben und den Kaffee bei ihm zu trinken. Butler dankte für die große Ehre und bat nur, im Vorübergehen bei Bekannten, wo er abgestiegen sei, vorsprechen zu dürfen, um dort zu sagen, daß man nicht mit dem Tee auf ihn warten solle. Sie gingen durch die High-Street, traten unter die Buden am Rathause und kamen zu dem Gefängnis, wo die Almosenbüchse für die im Kerker schmachtenden Gefangenen aufgestellt war. Staunton trat hinzu, und am andern Tage wurde in der Büchse eine Banknote von zwanzig Pfund gefunden. Butler stand unterdes in tiefen Gedanken, die Augen auf die Kerkerpforte gerichtet. »Es scheint ein recht festes Tor zu sein,« bemerkte Staunton, als er wieder zu dem Pfarrer trat, bloß um etwas zu sagen. – »Freilich,« erwiderte Butler, sich zum Weitergehen anschickend, »vor Jahren war es einmal zu meinem Unglücke, daß sie nicht fest genug war.« – Sein Blick streifte zufällig seinen Begleiter, der ihm auffallend bleich aussah, aber auf die Frage, ob ihm etwas zugestoßen sei, antwortete, er habe sich verleiten lassen, etwas Eis zu nehmen, trotzdem er wisse, daß er es nicht vertragen könne. Diensteifrig führte Butler den Lord in das Haus seines Bekannten, bei dem er abgestiegen, der aber kein anderer war, als Herr Bartel Saddletree; ehe Staunton sich noch recht klar wurde, wohin ihn Butler führe, befand er sich in jenem Hause, wo seine Gemahlin einst als Ladenmamssell gedient hatte. Da wich die Blässe, die aus Furcht vor Entdeckung sein Antlitz entfärbte, jäher Schamröte. Die brave Frau Saddletree eilte geschäftig herbei, den reichen, mit Herrn Butler bekannten Baronet in ihrem bescheidenen Hause willkommen zu heißen, nachdem sie eine ältliche Dame, die tiefschwarz ging, gebeten hatte, sich nicht stören zu lassen. Diese hatte aufstehen wollen, um den vornehmeren Gästen den Platz nicht zu rauben. Als aber Frau Saddletree vom Pfarrer hörte, dem Lord sei nicht recht wohl, eilte sie, ohne sich um die Dame in Schwarz weiter zu kümmern, nach der Küche, eine kleine Erfrischung zu holen; und ihre Abwesenheit hatte die Dame benutzen wollen, sich zu entfernen, war aber im Eifer über die Schwelle gestolpert; der Lord, der gerade in der Nähe stand, hatte sich beeilt, ihr aufzuhelfen, und geleitete sie jetzt bis zur Haustür. »Die alte Frau Porteous,« sagte Frau Saddletree, als sie mit einem Fläschchen in der Hand zurückkam, »ist schon gar nicht mehr recht bei sich; dabei ist sie doch noch gar nicht so alt; aber das gräßliche Schicksal ihres Mannes ist ihr gar tief zu Herzen gegangen. – Ja, Herr Butler, Ihnen hat die Affäre ja auch gerade genug Kummer bereitet. Aber, Mylord, Sie sollten, doch noch ein Paar Tropfen nehmen,« – sie reichte Staunton nochmals von der stärkenden Arznei, »ist's mir doch fast, als hätte sich Ihr Aussehen gegen vorhin noch verschlimmert.« – Der Gedanke, daß ihn der Zufall dazu geführt, die Frau zu stützen, die durch seine Schuld zur Witwe geworden, hatte ihm tatsächlich alle Farbe aus dem Gesicht getrieben. »Die Porteous-Affäre,« nahm da der alte Saddletree das Wort, den jetzt Gicht an seinen Lehnstuhl fesselte, »ist ja verjährt und verschollen.« – »Ich dächte doch noch nicht, Nachbar,« meinte Plumdamas, »Mord verjährt nach unserem Recht, meines Wissens, in zwanzig Jahren; wir stehen jetzt Anno einundfünfzig, und Porteous wurde Anno siebenunddreißig durch den Pöbel vom Leben zum Tode gebracht.« – »Sie werden doch mir nicht Recht und Gesetz eintrichtern wollen, Nachbar? Ich sage Ihnen, und wenn jetzt die ganze Porteous-Rotte dastünde, wo jetzt der fremde Herr steht, so könnte ihr kein königlicher Anwalt mehr an den Kragen.« – »Aber so laß doch bloß einmal Deine Rechthaberei,« fiel ihm seine Frau ins Wort, »Mylord kann nicht einmal in Ruhe seine Tasse Tee trinken.« – Staunton aber hatte genug von der Unterhaltung; er winkte Butler, daß er gehen wolle, und Butler sagte Frau Saddletree ein paar entschuldigende Worte, um sich mit dem Lord nach dessen Wohnung zu verfügen. Hier fanden sie einen neuen Gast, der auf die Rückkehr des Lords wartete. Es war kein anderer als Ratcliffe, der es mittlerweile bis zum Posten eines Oberaufsehers gebracht, und den man Staunton als einen Mann genannt hatte, von dem er vielleicht die beste Auskunft über die Zigeunerin Bailzou bekommen könnte. Das war für Staunton eine neue, nur noch bösere Unterhaltung! Stand er doch jetzt seinem alten Bekannten, James Ratcliffe, gegenüber, dessen Züge ihm sogleich in die Erinnerung traten. Der gewaltige Abstand aber, der zwischen Georg Robertson und Sir Georg Staunton lag, täuschte auch Ratcliffes Scharfblick, so daß er sich tief vor dem Lord und dem Pfarrer verneigte, welch letzteren er demütig um Entschuldigung bat, daß er sich ihm als Bekannter aus früherer Zeit vorzustellen erlaubte. »Ich weiß, Sie haben einst meiner Frau einen nicht geringen Dienst geleistet,« sagte Butler, »und meine Frau sandte Ihnen eine kleine Erkenntlichkeit. Hoffentlich ist's Ihnen richtig zugegangen und auch zurecht gekommen.« – »Ei, das wollt ich meinen, Hochwürden,« versetzte Ratcliffe, indem er pfiffig dabei nickte; »aber Sie haben sich recht zu Ihrem Vorteil verändert, Hochwürden, in den vielen Jahren, seit ich Sie nicht mehr gesehen habe.« – »Ja, ja, so sehr, muß ich sagen, daß ich mich wundere, von Ihnen noch erkannt zu werden.« – »Oho, Hochwürden. Ich vergesse kein Gesicht, das ich einmal im Leben gesehen habe.« – Lord Staunton stand wie auf der Folter, alle Gedächtnisschärfe aus tiefstem Herzen verwünschend. »Und doch,« fuhr Ratcliffe fort, »irrt sich auch das schärfste Gedächtnis dann und wann; und wenn ich's mir herausnehmen darf, von der Leber weg zu sprechen, so sehe ich hier in der Stube noch ein anderes Gesicht, das mir vorkommt, als hätt ich's schon einmal im Leben gesehen – bei einem guten, recht guten, aber längst verschollenen Bekannten; und wüßte ich nicht, wen ich in dem hohen Herrn vor mir habe, so könnt ich mich fast versucht fühlen.« – »Es würde für mich nicht eben schmeichelhaft sein,« versetzte der Baronet, erregt durch die Gefahr, in der er sich sah, mit strenger Stimme, »wenn sich Ihre seltsamen Komplimente auf mich beziehen sollten.« – »Durchaus nicht, Mylord,« versetzte Ratcliffe, sich tief verbeugend, »ich komme lediglich, um Euer Gnaden Befehle zu vernehmen, nicht aber um Euer Gnaden Ohr durch ein paar demütige Bemerkungen zu verletzen.« – »Man hat mir gesagt, Sie seien in Polizeisachen nicht unbewandert. Ich bin auch ein wenig darin zu Hause – und um Ihnen klingenden Beweis dafür zu geben, so zahle ich Ihnen zehn Guineen als Aufgeld, die ich aber um das fünffache erhöhe, wenn ich durch Sie über ein gewisses Frauenzimmer Aufschluß erhalte, dessen Signalement Sie hier in diesem Papier finden. Schriftliche Antwort lassen Sie mir durch meinen Edinburger Geschäftsträger zugehen. Hier sein Name und seine Wohnung!« Damit wandte er Ratcliffe den Rücken, der sich abermals tief verbeugte und dann ging. – »Es hat den hochnäsigen Wicht verdrossen,« meinte Ratcliffe bei sich, »daß ich die Aehnlichkeit herausgefunden habe. Aber wenn Georg Robertsons Vater nicht weit von seiner Mutter gelebt hätte – der Teufel sollte mich holen, wenn ich dann wüßte, was ich denken sollte, und möchte er sich noch sehr aufs hohe Roß mir gegenüber setzen!« Lord Staunton, jetzt mit Butler allein, ließ Tee und Kaffee bringen und erkundigte sich nach einigem Zögern, ob er kürzlich Nachricht von den Seinigen bekommen habe. Butler, über die Frage einigermaßen erstaunt, sagte, »es sei einige Zeit her, seit er Nachricht bekommen, seine Frau schreibe nicht gern.« – »So bin ich denn leider derjenige, aus dessen Munde Sie zuerst hören, daß die Ruhe Ihres Hauses während Ihres Fernseins getrübt worden ist. Meine Frau, die der Herzog von Argyle eingeladen hat, in Roseneath die Molkenkur durchzumachen, hat es vorgezogen, sich in Ihrem Hause einzuquartieren; sie schreibt zwar, um gleich bei den Ziegen zu sein, ich vermute aber, weil ihr die Gesellschaft Ihrer Frau lieber sein wird als die des alten Knasterbarts Knockdunder,« – Butler sagte, daß ihn dies doch nur freuen könne. Der Lord dankte ihm für diese Gastfreiheit und fragte, wann er nach Hause zu reisen gedenke. – »In ein paar Tagen,« sagte Butler; denn nachdem er seine Geschäfte sämtlich erledigt habe, treibe es ihn wieder nach seinen Penaten; da er aber eine beträchtliche Geldsumme mitnehme, wolle er, um nicht allein zu reisen, mit ein paar Amtsbrüdern zusammen reisen. – »Mein Geleit dürfte Ihnen bessere Sicherheit sein,« antwortete Staunton; »ich denke morgen abzureisen, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich mir anschlössen; auf alle Fälle übernehme ich es, Sie ungefährdet in Ihre Heimat zu geleiten.« – Butler nahm das Anerbieten dankbar an; Staunton schickte einen Bedienten nach dem Pfarrhause voraus, ihre Ankunft dort zu melden, und bald verbreitete sich die Nachricht durch das ganze Kirchspiel, der Herr Pfarrer komme mit einem vornehmen Herrn aus England und bringe auch den Kaufschilling für Craigsture mit. Lord Staunton hatte sich zu diesem schnellen Entschluß, so schnell nach Knocktarlitie zu reisen, durch die letzten Begebenheiten bestimmen lassen; er sah jetzt ein, wie verwegen es von ihm gewesen, sich auf den Schauplatz seines früheren Sündenlebens zu begeben, und Ratcliffes Klugheit war ihm viel zu sehr bekannt, als daß er sich zum zweitenmale in seine Nähe hätte wagen mögen. Unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit hielt er sich am zweiten Synodaltage zu Hause und verabschiedete sich am dritten schriftlich von seinem Freunde, dem königlichen Abgeordneten. Seinem Agenten gab er Auftrag, alle über die Annaple Bailzou einlaufenden Nachrichten durch einen Eilboten nach Knocktarlitie nachzuschicken. . Die Reise dorthin gestaltete sich für Lord Staunton über Erwarten angenehm. Als ihm Edinburg aus dem Gesicht kam, wurde es ihm leichter ums Herz; und Butlers ruhige und schlichte Unterhaltung war so recht dazu angetan, ihm die trüben Betrachtungen aus dem Sinne zu bringen. Ja sie führte ihn, um ihn immer um sich zu haben, auf den Gedanken, ihm die reiche Pfründe von Willingham zuzuwenden; durfte er doch auch rechnen, daß sich seine Frau dann mehr als bisher mit dem Leben auf dem Lande befreunden werde. Er fragte Butler, ob ihm eine Pfarre mit zwölfhundert Pfund jährlicher Einkünfte genehm läge, wenn die Bedingung daran geknüpft würde, zur englischen Kirche überzutreten. Butler erwiderte, »in den Lehren der Kirche, von deren Wahrheit er überzeugt, und in denen er erzogen sei, zu seinem Gott eingehen zu wollen.« Staunton fragte ihn nun, was ihm seine gegenwärtige Pfarre einbringe? – »Im Durchschnitte hundert Pfund jährlich, den Ertrag von den Aeckern und Wiesen nicht gerechnet.« – »Und dagegen schlagen Sie eine Pfründe aus, die Ihnen das zwölffache sichert?« – »Meine kleine Pfarre hat mir bislang das Leben gedeckt – durch die mir vom Schwiegervater zugefallene Erbschaft und einige Ersparnisse meiner Frau mehren sich die Einkünfte um reichlich das doppelte, und ich weiß wirklich noch nicht, wie wir das Hinzugekommene verwerten sollen. Nun sollte ich, da ich weder den Wunsch noch Anlaß habe, dreihundert Pfund jährlich mehr aufzuwenden, den Besitz einer vierfachen Summe erstreben, wenn ich höhere Rücksichten dagegen opfern soll?« – »Das ist echte Lebensweisheit,« erwiderte Staunton. »Ich habe wohl gehört, daß sie bei Menschen noch zu finden sei, bislang aber umsonst danach gesucht.« – Staunton fühlte sich von der Reise angegriffen und entschloß sich deshalb zu einem Rasttag in einer kleinen Ortschaft zwischen Edinburg und Glasgow. In Dumbarton wurde ein Boot gemietet, das sie den Loch Care hinauf nach dem Pfarrhause bringen sollte. Zwei Lakaien sollten die Wasserfahrt mitmachen, die übrigen bei dem Wagen bleiben. Kurz vor der Abfahrt trat der Eilbote aus Edinburg von Lord Stauntons Geschäftsführer ein, mit verschiedenen Schriftstücken, deren Inhalt Lord Staunton lebhaft zu erregen schien. Staunton schrieb sogleich nach Edinburg zurück und gab dem Boten ein reichliches Trinkgeld, legte ihm aber die Verpflichtung auf, die Rückreise ohne allen Aufenthalt zu bewirken. Da die Fahrt stromabwärts ging, hatten die Ruderer schwere Arbeit. Unterwegs erkundigte sich Lord Staunton mit auffälligem Eifer nach den im Hochlande noch aufhältlichen Räubern; Butler gab ihm, soweit er konnte, Auskunft, und ließ dabei den Namen Donacha fallen. Sogleich erkundigte sich Staunton nach diesem Banditen wie den zu ihm haltenden Kameraden. Butler wußte auch nur, daß Donacha selten mehr als drei bis vier Leute um sich habe und nicht die Ambition besitze, als Haupt einer eigentlichen Räuberbande zu gelten; er persönlich spüre kein Verlangen, die flüchtige Bekanntschaft, die er mit ihm gemacht, irgendwie zu erneuern...« »Und doch möchte ich den Mann einmal sehen,« erklärte Staunton. – »Solche Begegnung, Sir Georg, ist eine sehr gefährliche Sache; Sie müßten ihn denn gerade dann sehen, wenn ihn die Strafe trifft; das sind aber traurige Augenblicke, nach denen es einen besser nicht verlangt.« – »Wen träfe, wenn jedem nach Verdienst gemessen würde, keine Strafe, Herr Pfarrer? Nun ich spreche in Rätseln – will mich aber deutlicher erklären, sobald ich mit meiner Frau über den Fall gesprochen... Setzt die Ruder ein, Bursche,« rief er, »am Himmel droht Sturm.« Schwere Wolkenmassen hingen am westlichen Himmel, von der untergehenden Sonne mit tiefem Rot gefärbt, die Luft war schwer wie Blei, und bange Stille herrschte in der ganzen Natur, den Ausbruch eines Ungewitters verkündend. Bald fielen große, schwere Tropfen, aber es kam zu keinem richtigen Regen, trotzdem eine drückende Hitze, in Schottland ganz ungewöhnlich um Ende Mai herum, herrschte. Die Fahrt wurde immer beschwerlicher. Wilde Böen jagten über die Wasserfläche und machten alle Arbeit der Ruder vergeblich. Noch ein schmales Vorgebirge galt es zu umschiffen, um zu einem Landungsplatz, der Mündung eines kleinen Flusses, zu gelangen. Aber der schwere Sturm machte es ihnen außerordentlich schwer, vorwärts zu kommen. »Könnten wir nicht diesseits vom Gebirge landen und Schutz finden?« fragte Staunton. – Butler kannte keinen Landungsplatz in der Nähe, von wo aus man an den steilen Felsen, die das Ufer umgaben, empor gelangen konnte. – »Wir müssen eine Zuflucht finden,« rief Staunton, »der Sturm wird immer stärker.« – »Je nun,« sagte einer von den Bootsleuten, »so bleibt uns bloß die Zigeunerbucht; aber dem Herrn Pfarrer darf man nichts davon sagen wegen des Schmuggels; auch weiß ich nicht, ob ich das Boot dorthin steuern kann; die Bucht wimmelt von Untiefen und versunkenen Felsblöcken.« »Versuch's,« befahl Staunton, »eine halbe Guinee, wenn wir die Bucht gewinnen.« Der alte Fährmann griff nach dem Steuer; »sind wir erst mal drin,« sagte er, »werden wir bald den steilen Pfad finden zu den Bergen hinauf – und das Pfarrhaus erreicht haben.« – »Vor fünfzehn Jahren, als Andrew Wilson mit seinem Kutter die Buchten befuhr,« sagte der Mann, »wußte ich freilich hier bessern Bescheid. Er hatte damals einen jungen Engländer bei sich, einen gar wilden Patron mit Namen.« – »Wenn Du soviel plapperst,« fiel ihm Lord Staunton ärgerlich ins Wort, »rennt der Kutter auf den Wetzstein! Halt das Segel scharf auf die weiße Kuppe dort!« »Mord und Brand,« rief der Alte und starrte ihn an wie den leibhaftigen Gottseibeiuns. »Euer Gnaden wissen in der Bucht so gut Bescheid wie ich. Euer Gnaden müssen die Nase schon früher am Wetzstein gehabt haben.« , Sie kamen der kleinen, durch Klippen geschützten, hinter Felsen verborgenen Bucht langsam näher, die nur von Leuten benutzt werden konnte, die genau mit der Schiffahrt in diesen Gewässern vertraut waren. Ein altes gebrechliches Boot lag dort, hinter Gebüsch und vorspringenden Felsen versteckt. Butler sagte, als er dasselbe erblickte, zu dem Lord, wie schwer es ihm würde, die Leute in der Gegend von der Gesetzwidrigkeit des Schleichhandels zu überzeugen, obgleich sie seine schädlichen Folgen täglich vor Augen hätten. Staunton meinte, der Schmuggel übe auf jugendliche Gemüter eine gewisse Romantik, und im reiferen Alter käme wohl auch hier die Besserung? . »Dies trifft nicht immer zu,« versetzte Butler, »besonders bei denen nicht, die sich zu Blutvergießen haben hinreißen lassen; freilich kommt jeder dabei früher oder später zu einem schlimmen Ende. Lehrt uns doch schon die heilige Schrift, daß die Hand der Vergeltung den Gewalttätigen ereilt, und daß wer nach Blut dürstet, nicht die Hälfte seiner Tage erlebt. Aber wollen Sie sich nicht meines Armes bedienen, auf das Ufer zu steigen?« Lord Staunton tat wirklich Beistand not, denn die Worte des schlichten Pfarrers, die seine früheren Gesinnungen so herbe straften, gingen ihm so nahe, daß er sich einem Schwindel nahe fühlte. Nur dumpfer Donner dröhnte noch, als sie den Fuß ans Land setzten. – »Das ist ein böses Omen, Herr Butler,« sagte Staunton. – » Intonuit laevum . Und das bedeutet Gutes,« versetzte Butler lächelnd. – Den Bootsleuten wurde befohlen, das Boot mit dem Gepäck um das Vorgebirge herum nach dem gewöhnlichen Landungsplatze zu steuern; die beiden Herren hingegen von einem Lakaien begleitet, suchten sich auf wild verworrenem Pfade durch dichtes Gebüsch den Weg zum Pfarrhaus zu bahnen, wo man in banger Sorge auf sie seit dem verflossenen Tage wartete. Auch der Abend des dritten Tages nahte, und noch immer kamen sie nicht, die beiden Gatten! Lady Staunton fürchtete, Unmut halte den ihrigen fern, da er sich vor der Begegnung mit ihrer Schwester, der seine unglückliche und schmachvolle Lebensgeschichte bekannt war, scheue; wußte sie doch nur zu gut, welchen Zwang er sich in Gegenwart anderer auferlegen mußte, um seine Ruhe zu wahren! Sie bat Jeanie wiederholt, sich zu stellen, als ob sie ihn nicht wiedererkenne, ihn ganz wie einen Fremden zu behandeln; und Jeanie versprach es ihr neuerdings, sich ganz nach ihrem Willen zu richten. Auch Jeanie wurde unruhig, wenn sie sich die Verlegenheit ausmalte, in die eine solche Zusammenkunft beide Teile setzen mußte; aber ihr Gewissen war rein, und so sah sie trotz allem der Heimkunft ihres geliebten Mannes nach so langer Abwesenheit mit inniger Sehnsucht entgegen. In dieser Stimmung traf Hauptmann Knockdunder an der Spitze seines halben Dutzends rüstiger Bursche in Hochlandstracht die beiden Damen. – Er verneigte sich vor ihnen und bat Jeanie um Branntwein und andern Proviant, da er schon seit frühem Morgen über Heide und Moor getrabt sei, doch ohne jemand zu treffen. Er bekräftigte seine Worte mit einem derben Fluch, um dann mit ritterlicher Miene, zu Lady Staunton gewendet, fortzufahren: »Es ist mir wenigstens ein Trost, nachdem ich die schwere Arbeit hinter mir habe, daß sie geschehen ist, einer schönen Frau, oder dem Manne einer schönen Frau, zu dienen, was ja auf eins herauskommt; denn wer dem Manne dient, dienet seinem Weibe, wie Frau Butler gar wohl weiß.« – »Ich weiß nicht, Hauptmann,« sagte Lady Staunton, »da diese Schmeichelei mir zu gelten scheint, was Sir Georg oder ich mit Ihren heutigen Wanderungen zu schaffen haben.« – »Gott verdamm mich! das ist hart, meine Gnädige! Als ob es nicht auf besonderen Auftrag des Herrn Agenten Seiner Gnaden zu Edinburg und beigefügten gerichtlichen Verhaftsbefehl geschehen wäre, daß ich Donacha aufsuche, um ihn vor mich und Sir Georg zu stellen, damit er seine gerechte Strafe erleide; den Tod am Galgen nämlich, sowohl weil er Ihre Gnaden so in Angst gejagt hat, als auch wegen anderer Dinge von geringerer Wichtigkeit.« – »Weil er mich in Angst gejagt? Ich habe doch meinem Gemahl keine Silbe von dem Zusammentreffen mit Donacha am Wasserfall geschrieben.« – »Dann muß er es auf andere Weise erfahren haben, denn wie käme er sonst dazu, diesen Schuft sehen zu wollen? mich über Stock und Bein zu hetzen, als könnte mir ein besonderer Gewinn draus erwachsen, wenn ich ihn treffe? Wenn nur mich nicht vorher ein Schuß durchs Gehirn trifft!« – »Verfolgen Sie den Räuber wirklich auf Wunsch meines Gemahls?« fragte die Lady. – »Nun, Gottes Donner! mir war's allein mein Leben nicht eingefallen, ihm das bißchen Ruhe, das ihm von den Englischen noch gelassen wird, zu rauben, so lange er herzogliches Eigentum in gebührlicher Achtung hält. Beliebt's aber, einem Freunde des Herzogs, ihn unter Schloß und Riegel zu wissen, dann muß ich ihn eben hinter Schloß und Riegel bringen. Darum bin ich nun seit Tagesanbruch auf den Beinen mit dem halben Dutzend junger, kräftiger Burschen in Hochlandstracht.« – »Es wundert mich, Herr Hauptmann,« bemerkte Jeanie, »daß Sie den Parlamentsbefehl gegen Hochlandstracht außer acht lassen.– »Gottes Donner!« rief der Hauptmann »wir haben das Gesetz erst ein paar Jahre, und bis es uns in Fleisch und Blut gedrungen, vergeht wenigstens die zehnfache Zahl. Wie sollen denn meine Bursche mit den vermaledeiten Hosen über den Beinen die Berge hinaufkommen? Na, ich weiß doch, wo Donacha seinen Schlupfwinkel hat, bin auch dagewesen, wo er noch gestern gehaust hat, hab das dürre Laub gesehen, auf dem er mit seinen Kameraden gelegen, hab die Asche gerochen, die von ihrem Feuer übrig ist. Aber er muß Unrat wittern, der Donacha, denn ob ich auch alle Schluchten und Höhlen im Gebirg visiert habe, so ist mir doch kein Zipfel seines Rockes zu Gesicht gekommen.« – »Er wird den Loch hinunter bis Cowal gefahren sein,« sagten David und Reuben, die früh am Morgen nach Nüssen im Walde gewesen waren und ein Boot nach der Zigeunerbucht hin hatten steuern sehen, einem ihnen wohbekannten Orte, wenn auch ihrem Vater, der von Abenteuern nichts wissen mochte, nichts davon bekannt war. – »Nun wahrhaftig,« rief Duncan, »dann will ich schnell austrinken und wieder weiter. Vielleicht sind sie gar im Gehölz? Euer Gnaden wollen meinen schnellen Abschied entschuldigen! ich bin gleich wieder zurück, entweder mit dem lebendigen Donacha oder mit seinem Kopfe, was ebensogut ist.« Unter vielen Verbeugungen verließ Duncan das Pfarrhaus, um mit seinen Mannen das Gehölz zwischen dem kleinen Gebirgstal und der Zigeunerbucht abzusuchen. David, den der Hauptmann wegen seines Mutes gut leiden mochte, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, ihn auf diesem Zuge zu begleiten. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Duncan war mit seinen Gefährten noch nicht weit in die Zigeuner-Bucht vorgedrungen, als sie schnell hintereinander Schüsse fallen hörten. »Da hör einer, wie die Schufte wieder unter den Rehen aufräumen!« rief er, »nun, Bursche, drauf und dran!« Schwertergeklirr drang zu ihren Ohren und beflügelte ihre Schritte, und nicht lange mehr, so hatten sie die Stelle erreicht, wo Reuben Butler und Stauntons Diener im Handgemenge mit vier Räubern waren. Am Boden hingestreckt, das Schwert noch in der Rechten, lag Georg Staunton da. Kühn wie ein Löwe, riß Duncan das Pistol aus dem Gürtel und feuerte es auf den Anführer der Räuberschar ab. Dann schwang er das Schwert, und mit dem Ruf an seine Mannen: »Claymore! Claymore!« rannte er es dem schon verwundeten Anführer, der kein anderer als Donacha Dunean selbst war, durch den Leib. Schnell waren nun auch die anderen Räuber überwältigt, einen jungen Burschen ausgenommen, der für seine Jahre einen unerhörten Widerstand leistete, aber endlich mit Aufwand großer Mühe bezwungen wurde. Sobald Butler freie Hand hatte, eilte er zu dem am Boden liegenden Sir Staunton, aus dessen Körper jedoch schon alles Leben gewichen war. »Ein schweres Unglück,« sagte Duncan Knockdunder; »es wird wohl am klügsten sein, wenn ich mich auf den Weg mache und es der edlen Dame selbst melde.« David, es war heute das erste Pulver, das Du gerochen; aber, Junge, Prachtjunge!« rief er, »Du hast Dich trefflich gehalten. Da, nimm mein Schwert und schlage zum Lohne dafür dem Donacha den Kopf vom Rumpfe! Der gnädigen Dame wird es auch wohl lieber sein, wenn sie die Leiche unversehrt sieht. Hoffentlich verweigert sie mir die Anerkennung nicht, daß ich edelmännisches Blut schnell, und wie es sich gehört, zu rächen weiß.« So sprach ein Mann, der in den Sitten und Bräuchen des Hochlandes ergraut und nicht gewöhnt war, in dem Ausgange solches Scharmützels eine Merkwürdigkeit oder einen erschütternden Vorgang zu erblicken. Die wesentlich andere Wirkung zu schildern, die das gräßliche Unglück auf Lady Staunton hervorbrachte, als sie den Gemahl, den sie frisch und gesund wiederzusehen gehofft, als blutüberströmte Leiche in das Pfarrhaus tragen sah, wollen wir nicht versuchen. Sie vergaß alles Herzeleid, das er ihr zugefügt, und sah in ihm nur den Geliebten der Jugend; möchte er sich an der Welt auch noch so schwer versündigt haben, in ihren Augen besaß er nur die kleinen Fehler und Gebrechen, die reizbaren, übernervösen Gemütern leicht zu eigen werden, wenn Erziehung versäumt, sie rechtzeitig zu ernsten Grundsätzen zu führen. In ihrem maßlosen Schmerze überließ sie sich ganz der wilden Heftigkeit ihres Temperaments, und Jeanie mußte ihre ganze Liebe aufbieten, um ihr den Mund zu verschließen, denn wenig fehlte, so hätte sie das Geheimnis verraten, auf dessen Geheimhaltung jetzt doch soviel ankam. Erst als sich ihr Schmerz einigermaßen ausgetobt hatte, ließ Jeanie die Schwester allein und begab sich zu ihrem Manne, um mit ihm über das weitere Verhalten zu beraten; sie meinte, die Verhältnisse erheischten es, daß Reuben der Amtswaltung des Hauptmanns zuvorkomme und im Namen der Lady Staunton auf alle Schriftstücke und Papiere ihres verstorbenen Gemahls Beschlag lege. Reuben Butler war wie vom Donner gerührt, als er jetzt aus Jeanies Munde den eigentlichen Zusammenhang erfuhr, daß Lady Staunton Effie, daß Effies verstorbener Gemahl identisch sei mit Georg Robertson. Aber in dieser Krisis trat Jeanies Seelenstärke, ihr klarer Blick, und ihre unermüdliche Tätigkeit in das glänzendste Licht; während Knockdunder sich nicht eine Sekunde an der zur Erfrischung notwendigen Zeit kürzen mochte, dann eine umständliche Zeugenvernehmung vornahm und zwar in der gälischen sowohl als in der englischen Sprache, sorgte sie dafür, daß der Leichnam ihres verewigten Schwagers gewaschen, umgekleidet und aufgebahrt wurde. Das Kruzifix und der Rosenkranz, die sich über dem härenen Büßerhemde an seinem Leibe befanden, lieferten Zeugnis dafür, daß er sich, im drückenden Bewußtsein der auf ihm lastenden Schuld, zu jener Religion bekannt hatte, welche lehrt, daß durch leibliche Kasteiung die Sünden des Geistes zu sühnen seien. In dem Bündel von Briefen und Schriftstücken, das ein Eilbote für Sir Staunton gebracht hatte, fand Reuben Butler weitere höchst befremdliche Nachrichten, so daß er Gott innig dankte, ihn von dem Schritte, zu dem ihm seine Frau geraten, nicht abgehalten zu haben. Ratcliffe nämlich, der Fühlung mit allen Verbrechern im Lande besaß, hatte, angespornt durch die ihm verheißene Belohnung, schnell eine Spur von dem abhanden gekommenen Kinde des unglücklichen Elternpaares gefunden: jenes Weib, dem die am Galgen gestorbene Megg Murdockson das Kind überantwortet hatte, hatte es bis zu seinem achten Lebensjahre mit sich im Lande herumgeschleppt und, wenn nicht zu Schlimmerem, sicher zum Betteln angehalten. Als sie darauf wieder in das Edinburger Zuchthaus wandern mußte, hatte sie das Kind an Donacha Dhuna Dunaigh verkauft, der damals noch als Kesselflicker im Lande umherzog. Ein hartgesottener Bösewicht wie er, stand natürlich jenem schrecklichen Handel nicht fremd, der damals zwischen England und Amerika getrieben wurde. Um Leute zur Arbeit auf den Pflanzungen zu bekommen, schreckte man damals nicht zurück, auch Weiße, und zwar vornehmlich Kinder beiderlei Geschlechts, dorthin zu verschachern. Bis hierher führte Ratcliffes Spur; er war nicht im Zweifel, daß Sir Staunton weitere Nachricht durch Donacha-Dhuna erlangen könne. Aus diesem Grunde hatte der schon öfter im Verlaufe dieser Erzählung genannte Rechtsanwalt ein Schreiben an Sir Staunton und gleichzeitig an den Hauptmann Knockdunder einen Haftbefehl gegen Donacha-Dunca durch Eilboten gesandt. Was nun Reuben Butler weiter erfuhr, als er sich zu Knockdunder begab, um an der noch im Gange befindlichen Zeugenvernehmung teil, wie von dem bereits aufgenommenen Protokoll Kenntnis zu nehmen, war folgendes: Donacha hatte tatsächlich den unglücklichen Knaben, dem Effie bei der Megg Murdockson das Leben geschenkt, gekauft, in der Absicht, ihn mit erklecklichem Profit an eines jener amerikanischen Scheusale von Menschenhändlern zu verkaufen. Es hatte sich aber nicht sogleich eine hierzu günstige Gelegenheit geboten, und da er inzwischen an dem Knaben gewisse Charakterzüge merkte, die nach seinem Sinne waren, kam er auf den Einfall, ihn bei sich zu behalten. Er wurde, wie Donacha mit besonderer Freude feststellte, das richtige Satanskind: prügelte er ihn, so jammerte er nicht wie andere Kinder und bettelte auch nicht wie andere Kinder, sondern fluchte und drohte, sich dafür bitter zu rächen; in allen Schlichen und Ränken war er früh zu Hause, und die nichtsnutzigsten Lieder und Zoten waren ihm geläufig. Vom elften Jahre gehörte er der Bande Donachas unter dem Spitznamen »Pfeiferhans« als regelrechtes Mitglied an und nahm regen Teil an ihren Beutezügen. Den letzten derselben hatten die von seinem wirklichen Vater angestellten Nachforschungen nach seinem Verbleib veranlaßt. Donacha war schon eine Zeitlang durch die strengen Maßregeln, die gegen alles rechtlose Gesindel in den Grenzdistrikten verhängt worden, zu äußerster Vorsicht gemahnt worden, und hatte sich, da sich die Verhältnisse nach dieser Richtung immer mehr verschärften, vorgenommen, überhaupt aus dem Lande zu flüchten und die alten Freunde und Bekannten unter den Schleich- und Sklavenhändlern Amerikas aufzusuchen. Aber einen letzten Streich wollte er zuvor noch ausführen. Er hatte Kenntnis davon bekommen, daß im Pfarrhause zu Knocktarlitie ein reicher Engländer eintreffen sollte; was ihm sein Zögling von dem Golde erzählt, das er in der Börse der Lady gesehen, war ihm auch nicht aus dem Sinne gekommen, und was der Pfarrer auf dem Kerbholze bei ihm hatte, auch nicht; obendrein ging die Rede, daß derselbe aus Edinburg viel Geld mitbringe, und aus all diesen Gründen war Donacha bestimmt worden, in dem Walde bei der Zigeunerbucht, wo man ihn, der Nähe halber, am wenigsten vermuten dürfte, die Nacht abzuwarten und von dort in die Pfarrei einzubrechen, nach verübter Untat sogleich in See zu stechen und die Beute mit nach Amerika hinüberzunehmen. Dieser verwegene Plan wäre ihm wahrscheinlich gelungen, wäre sein Versteck nicht zufällig durch Sir Georg und Reuben Butler auf ihrem Wege nach dem Pfarrhause entdeckt worden. Donacha, der die Reisenden als sichere Opfer betrachtete, war ohne Bedenken über sie hergefallen, aber in dem Kampfe infolge des tapfern Widerstandes, den Sir Georg leistete, schnell unterlegen; leider aber war Sir Georg, und allem Vermuten nach durch die Hand des eignen Sohnes, den er so lange gesucht, und den er auf solch unglückselige Weise wiederfinden sollte, dabei um sein noch verhältnismäßig junges Leben gekommen. Während Butler, von dem schrecklichen Ereignisse wie zu Eis erstarrt, dastand, wetterte Knockdunder, sein Entsetzen noch verstärkend, wie ein Rasender gegen die gefangenen Räuber. »Die Glockenstränge laß ich aus dem Turme holen,« schrie er, »und knüpfe das Diebespack an Ort und Stelle auf, damit im Lande wieder Respekt vor Recht und Gesetz einzieht.« – Butler hielt ihm vor, daß die Gefangenen, da in Schottland alle erbliche Jurisdiktion abgeschafft sei, nach Glasgow oder Inverary transportiert werden müßten, da sie nur dort gerichtet werden könnten. Aber Duncan wollte hiervon nichts hören; Rebellen gegenüber seien Ausnahmegesetze am Platze und im Brauche, und vor allem in Argyle gelte nach wie vor herzogliches Recht; er lasse sich unter keinen Umstanden davon abbringen, die drei Kerle vor dem Fenster von Lady Stauntons Schlafzimmer aufzuknüpfen, damit die hohe Dame sähe, daß er, Duncan von Knockdunder, noch nicht verlernt habe, wie in Schottland Blutrache geübt werde. Endlich aber gelang es Reuben Butler doch, ihm solchen Verstoß gegen das jetzt im Lande herrschende Gesetz soweit auszureden, daß er sich einverstanden erklärte, die beiden Männer nach Glasgow bringen zu lassen; den Pfeiferhans aber wollte er »am Galgen pfeifen lassen«, damit es im Lande nicht heiße, ein Freund des Herzogs sei im Distrikte des Herzogs ungerächt ermordet worden. Die Nacht hatte sich niedergesenkt, und alles im Hause war still und ruhig, als Jeanie, um das ihrem Neffen drohende Schicksal, wenn sie ihn der Besserung fähig erkennen sollte, abzuwenden oder wenigstens zu verzögern, die Kammer, in die ihn Knockdunder gesperrt hatte, mit einem Hauptschlüssel öffnete und vor den auf dem Estrich liegenden Zigeunerburschen trat. In seinem sonnverbrannten, durch Schmutz und Ruß verunstalteten, von rauhem schwarzen Haar halb verdeckten Gesicht suchte sie vergeblich nach einer Spur von Aehnlichkeit mit seinen durch Schönheit ausgezeichneten Eltern. Und doch, wie konnte sie einem so jungen, elenden Wesen ihr Mitleid versagen: war sein Elend ja viel größer, als er selbst es ahnte oder ahnen konnte, da der Mord, den er, wenn nicht aller Wahrscheinlichkeit selbst begangen, doch mit verschuldet hatte, ein Vatermord war! Sie setzte Speise und Trank neben ihn, richtete ihn auf, lockerte die Bande, die ihm die Hände fesselten, damit er essen könne. Er streckte die Hände nach der Speise aus, – Hände, an denen Vaterblut noch klebte, – und verschlang gierig und schweigend Speise und Trank. »Wie lautete Dein erster Name?« fragte sie, um das Gespräch mit ihm zu beginnen. – »Pfeiferhans!« – »Und Dein Taufname?« – »Ich habe, so viel ich weiß, kein Taufbecken gesehen. Ich heiße Pfeiferhans und nicht anders.« – »Armer unglücklicher Mensch,« rief Jeanie; »was tätest Du, wenn Du von hier flüchten, wenn Du dem Tode, der Dir morgen droht, entrinnen könntest?« – »Zu Rob Roy oder More Cameron schlüge ich mich durch, und rächte Donachas Tod an all und jedem!« – »Unglückseliger,« rief Jeanie, »weißt Du auch, was aus Dir wird, wenn Du stirbst?« – »Dann friert's mich nicht mehr!« versetzte der Jüngling verstockt. »Ihn in solcher Beschaffenheit hinrichten zu lassen,« sprach Jeanie bei sich, »bedeutet Leib und Seele zugleich vernichten – aber entfliehen lassen darf ich ihn auch nicht. Gott! was soll ich beginnen? und doch ist er meiner Schwester Sohn, mein Neffe, von unserm Fleisch und Blut! und Hände und Füße sind ihm so fest geschnürt, daß sie ihm schier ins Fleisch schneiden.« »Pfeifer, schmerzen Dich die Stricke?« fragte sie. – »Sehr,« klagte er. – »Wenn ich sie Dir löse, tätest Du mir was zuleide?« – »Nein, hast Du doch mir und den Meinen auch nichts zuleide getan.« – »Vielleicht ist doch noch ein Funke von Gutem in seinem Gemüte,« dachte Jeanie, »ich will versuchen, was Milde über ihn vermag.« Sie löste seine Bande, und er sprang auf, blickte mit wilder Miene um sich und klatschte in die Hände, wie außer sich vor Freude, daß er frei war. Er sah so wild aus, daß Jeanie vor dem, was sie getan, zitterte. – »Laß mich hinaus,« rief der junge Wilde. – »Nicht eher, als bis Du mir versprichst.« – »So sollst Du schnell froh sein, wenn wir beide draußen sind!« rief er, nahm das brennende Licht und warf es in den Flachs, daß im Nu die Flammen hoch schlugen. Jeanie schrie und rannte aus der Kammer. Der Zigeunerbursch sprang an ihr vorbei, riß ein Fenster auf, war mit einem Satze unten, im Garten, mit einem zweiten über den Zaun hinüber, durch den Wald und hatte im Nu das Seeufer erreicht. Es gelang, den Brand zu löschen; aber da Jeanie über ihr Geheimnis nichts verlauten ließ, ahnte auch niemand, daß sie es gewesen, die dem Zigeuner zur Flucht verholfen hatte. Was aus ihm geworden, erfuhren sie erst Wochen nachher; sein Leben verlief so wild, wie er es begonnen hatte. Das Schiff, auf dem sich Donacha einschiffen wollte, nahm den Pfeiferhans mit; sein habsüchtiger Kapitän aber, ergrimmt über den Verlust der reichen Beute, die Donacha an Bord zu bringen versprochen hatte, hielt sich am Pfeiferhans schadlos, indem er ihn an einen virginischen Pflanzer als Sklaven verkaufte. Reuben Butler schickte, als ihn diese Kunde erreichte, eine Geldsumme nach Westindien, die ihn loskaufen sollte; allein die Hilfe kam zu spät; Pfeiferhans war ausgebrochen und, nachdem er seinen grausamen Herrn ums Leben gebracht, zu einem Indianerstamm geflohen. Dort ist er umgekommen, wahrscheinlich gewaltsam – gehört hat niemand mehr etwas von ihm. Reuben und Jeanie hielten es nicht für geraten, Effie von dem schrecklichen Schicksal ihres Sohnes Kenntnis zu geben. Ueber ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes war sie im Pfarrhause geblieben. Zuerst hatte sie wahren Kummer gefühlt; in den letzten Monaten hatte sich mehr Verdruß und üble Laune über die Einförmigkeit ihres friedlichen Landlebens ihrer bemächtigt. Effie neigte nun einmal von frühester Jugend, im Unterschied von ihrer Schwester, zu Unterhaltung und Zerstreuung. Als sie Knocktarlitie den Rücken wandte, fand sie sich auf das freigebige bei ihrer Schwester für alles, was sie an ihr getan, ab; aber als der erste Trennungsschmerz vorüber war, erschien Effies Abreise nicht bloß ihr, sondern auch Jeanie und deren Manne als eine Wohltat. In die stille Glückseligkeit von Knocktarlitie drang mit der Zeit die Nachricht, daß die reiche, schöne Lady Staunton ihren Rang in der vornehmen Welt wieder eingenommen habe; aber sie vergaß der treuen Schwester nicht, denn durch sie erhielt David eine Offiziersstelle im britischen Heere, und da der soldatische Geist Bibel-Butlers in ihm wieder aufgelebt zu sein schien, machte er rasch Karriere. Sein Bruder Reuben widmete sich der Rechtswissenschaft, ebenfalls mit großem Erfolge. Euphemia Butler, ihrer Tante an Schönheit gleich und durch dieselbe aufs reichste ausgestattet, vermählte sich mit einem hochländischen Laird und wurde mit Hochzeitsgeschenken so reich bedacht, daß man sie weit und breit in Dumbarton und Argyleshire um ihr Glück neidete. Noch etwa zehn Jahre glänzte Lady Staunton in der vornehmen Welt als ein bewunderter Stern; aber wie so viele dort unter einer glänzenden Außenseite ein blutendes Herz verbergen, so fand auch Effie nie das wahre Glück. Höchst ehrenvolle Heiratsanträge schlug sie aus und zog sich endlich, nicht mehr im stande, ihre Herzenswunde zu verbergen, auf den Kontinent und in das Kloster zurück, in welchem sie ihre Bildung erhalten. Den Schleier nahm sie nicht, lebte aber hinfort abgeschieden von der Welt und in strenger Ausübung des katholischen Glaubens, zu welchem sie, zu Jeanies und Reubens tiefem Leidwesen, übergetreten war. Glücklich in ihrer Liebe, geehrt von allen, die sie kannten, am glücklichsten aber über das Glück ihrer Kinder, lebten die ehrsamen Pfarrersleute von Knocktarlitie viele Jahre noch nach Effies Heimgange, und als auch sie dem Leben ihren Tribut zahlten, blieb ihnen die Liebe aller, die sie kannten, auch über das Grab hinaus treu. Ende.