Walter Scott Graf Robert von Paris Ein Roman in drei Büchern aus dem christlichen Konstantinopel. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Für ein Weltreich zur Hauptstadt kann sich – und darüber herrscht bei allen gebildeten Männern, die sich durch den Augenschein überzeugen konnten, nur eine Stimme – nur eine einzige Stadt auf Erden eignen: und das ist Konstantinopel, denn keine eignet sich auch in nur annähernd gleicher Weise hierzu wie diese durch Pracht und Reichtum, sichere Lage und weltgeschichtliche wie lokale Bedeutung gleich ausgezeichnete Stadt Konstantins des Großen. Aber diesem machtvollen Kaiser sollte die Erfahrung nicht erspart bleiben, daß das griechische Volk, wenn es auch noch immer das gebildetste der Welt war, doch den Zenith überschritten hatte, und daß er die genialen Männer nicht mehr unter ihm fand, um Werke neu schaffen zu lassen, die gleich jenen ihrer herrlichen Ahnen die Bewunderung der ganzen Welt gefunden hatten, sondern daß er sich, um seine neue Hauptstadt zu schmücken, darauf beschränken mußte, alte berühmte Städte ihrer Zier zu entkleiden. Herrschsucht einer- und Knechtssinn anderseits hatten sich in die Menschheit eingenistet und jenen edlen Geist vernichtet, der das freie Griechenland, das republikanische Rom erfüllte, und nur matte Erinnerungen, zu keiner Nacheiferung anspornend, waren von der einstigen Geistesherrlichkeit verblieben. Aber in einer, und zwar höchst wichtigen Hinsicht hatte Konstantinopel eine Wandlung zum Besseren zu verzeichnen: die Welt hatte sich frei gemacht von dem Drucke heidnischen Aberglaubens und war christlich geworden! Daß mit dem besseren Glauben der Mensch auch besseren Herzens wurde und daß er seine Leidenschaften zähmen lernte, steht außer Zweifel; aber nicht alle, die den neuen Glauben annahmen, taten es in Demut und Bußfertigkeit, sondern legten die Schrift aus nach ihrem vermessenen Sinne, zur Mehrung ihres weltlichen Vorteils, und benutzten religiösen Charakter und geistlichen Stand bloß als Mittel, zu irdischer Macht und Größe zu gelangen. Daher kam es denn, daß jene gewaltigste aller Umwälzungen, wie sie die Welt im vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung erlebte, wohl schnell zur Ernte ausreifte, die viele gute Samenkörner streute, aber doch nicht jene große, neue Aera brachte, die das Kind der mächtigen Lehren des Christentums hätte sein müssen. Konstantin hatte seine neue Stadt nicht mit neuem Glanze geschmückt, sondern hatte anderer Städte alten Glanz hierher verpflanzt, einem verschwenderischen Jünglinge vergleichbar, der einer alten Großmutter den Mädchenstaat stiehlt, um ihn einer eitlen Geliebten um den Hals zu hängen, der er doch gar nicht zu Gesicht steht. So zeigte das kaiserliche Konstantinopel bereits im Jahre seiner Gründung, 324 vor Christo, durch seine entlehnte Pracht die Merkmale jener Neigung zu schnellem Verfall, die der gesamten zivilisierten Welt der damaligen Zeit innewohnte; und es sollte auch nicht lange dauern, bis er hier zur vollendeten Tatsache wurde. Im Jahre 1080 nach, Christo bestieg Alexius Komnenos den Thron des byzantinischen Reiches, oder vielmehr, er wurde zum Herrn über Konstantinopel und dessen Gebiet oder Weichbild erhoben. Freilich, wohl konnten die wilden Skythen und Hunnen, wenn sie über die Reichsgrenzen drangen, des Kaisers Schlummer in Konstantinopel nicht stören; aber weit über Konstantinopel hinaus durfte er sich nicht wagen, wenn er sich nicht in Gefahr begeben und darin umkommen wollte; und um sich in ihrer Andacht nicht durch das Kriegsgeschrei der barbarischen Völker stören zu lassen, hatte sich die Kaiserin Pulcheria weit ab vom Stadttor eine Kirche erbauen lassen, und aus demselben Grunde stand unfern von da auch der kaiserliche Palast. Alexius Komnenos war ein Herrscher, dessen Ansehen weniger auf der Macht beruhte, über die er selbst noch verfügte, als auf der, über die seine Vorfahren verfügt hatten. Die Gewalt, die er noch über die zerstückten Provinzen seines Reiches besah, glich derjenigen, die ein im Verenden liegendes Pferd noch über seine, den Krähen und Geiern schon zum Raube verfallenen Glieder ausüben kann. In verschiedenen Gebieten seines Reiches standen allerhand Feinde auf, von Westen her die Franken und von Osten her die Türken, von Norden her die Kumanen und Skythen und von Süden her die Sarazenen, und für alle wäre das byzantinische Reich ein gar leckerer Bissen gewesen; und bei der Schlaffheit, die den Römer der damaligen Zeit zum untauglichsten aller Krieger im Gegensatz zu all diesen Feinden machte, von denen jeder seine besondere Art der Kriegführung hatte, war für den Kaiser die einzige Rettung, diese verschiedenen, feindlichen Kräfte gegeneinander auszuspielen, die Skythen auf die Türken zu hetzen, oder sie beide als Keil wider die kühnen und tapferen Franken zu benutzen, die damals durch Peter den Einsiedler und die Kreuzzüge zu verdoppelter Wut entflammt wurden. Man darf es demnach Alexius Komnenos kaum als Schlechtigkeit anrechnen, wenn er lieber, statt zu den Waffen, zu List und Verstellung griff; dahingegen muß es ihm als sündige Schwäche angerechnet werden, daß er den Prunk über alle Maßen liebte und an seinem Hofe die unsinnigsten Zeremonien, wodurch er das griechische Kaisertum in eine Linie mit demjenigen des Reiches der Mitte setzte, einzuführen bestrebt war. Aber insoweit müssen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er durch die oft unsauberen Mittel, deren er sich bediente, sich dem Reiche nützlicher zu machen wußte, als es manchem stolzeren Fürsten unter den gleichen Umständen möglich gewesen wäre. Mit seinem fränkischen Gegner Bohemund von Antiochia, einem der berühmtesten Kämpen seines Zeitalters, sich einzulassen, wäre ihm wahrscheinlich übel bekommen; nichtsdestoweniger hat er bei mehr denn einem Anlasse sein Leben mutig in die Wagschale geworfen und hat es oft verstanden, eine Niederlage durch kluges Verhalten in einen Sieg umzugestalten, den Diplomaten gegen den Feldherrn, aber auch umgekehrt, auszuspielen; denn er war nicht minder ein tüchtiger Feldherr, dem nicht so leicht die Vorteile einer guten Stellung entgingen oder streitig zu machen waren, wenngleich er auch nicht selten durch Unbeständigkeit oder Verräterei der barbarischen Völker – die Griechen nannten bekanntlich »Barbaren« alle Nichtgriechen – in Schaden gesetzt wurde. Alles in allem genommen, läßt sich von Alexius Komnenos sagen, daß er ein höchst humaner Regent gewesen wäre, hätten ihm die Verhältnisse, unter denen er lebte und regierte, nicht die Notwendigkeit auferlegt, sich zu einem gefürchteten Tyrannen zu machen, denn er war allen nur erdenklichen Komplotten, nicht bloß im Staate, sondern auch in der Familie, ausgesetzt; trotzdem muß ihm nachgerühmt werden, daß er noch bei weitem nicht der ärgste Kopfabschneider und Augenblender gewesen ist, der auf dem Throne des christlichen Byzanz gesessen hat. Daß er von dem Aberglauben, der sein Zeitalter beherrschte, nicht frei gewesen ist, mag nebenher bemerkt werden. Damit im Zusammenhange steht, daß er ein schrecklicher Heuchler war, von dem seine Gemahlin Irene, die ihn Wohl am besten gekannt haben dürfte, gesagt hat: er habe noch im Tode sich als der Komödiant erwiesen, der er sein Lebtag gewesen sei. Er nahm auch alles, was mit der Kirche im Zusammenhange stand, energisch wahr, übte gegen solche, die ein Kirchendogma bezweifelten oder falsch deuteten, nicht die geringste Nachsicht und hatte den festen Glauben, daß es ihm ebenso Pflicht sei, die Religion wider Ketzer, wie das Reich gegen die zahllosen Barbarenhorden zu schützen, die von allen Seiten sich Eingang in dasselbe zu schaffen suchten. Ein solches Mixtum compositum von Klugheit und Schwäche, von Schlechtigkeit und Würde, von klugem Maßhalten, und Mangel an persönlichem Mut war der Charakter jenes Alexius, der zu einer Zeit über das byzantinische Reich als Herrscher gesetzt worden war, wo Griechenlands Geschick und die Trümmer griechischer Kunst und griechischer Bildung in der Wagschale schwankten und von der Gewandtheit, mit welcher der Kaiser sich durch die verschiedenen Phasen seiner Regierung zu winden wußte, ihr Fortbestand abhängig war. Diese wenigen Angaben sollen in die Zeit einführen, zu welcher die nachstehende Erzählung spielt. Zweites Kapitel. Die Handlung beginnt in der Hauptstadt der östlichen Roma, von der im ersten Kapitel die Rede, und zwar in der Nähe des »goldenen Tores«, das in der starken, nach damaligen Begriffen uneinnehmbaren Mauer sich öffnet, mit der Konstantin der Große die Stadt umzingelte und die nach ihm Theodosius der Große erweiterte und verstärkte. Was ihm den stolzen Namen verschafft hat, war die Gestalt des Triumphbogens, in welcher es errichtet worden, die eherne Figur der Siegesgöttin, die sich auf ihm erhob, und der viele goldene Zierat, womit die Inschriften eingesetzt und umzogen waren. Die Inschriften rühmten den »ewigen Frieden«, den das Schwert des Theodosius der Welt und der Stadt durch seine ruhmvollen, wenn auch blutigen Heereszüge gebracht hatte, und neben ihnen verkündigten das auch die vier bis fünf Kriegsmaschinen, die neben der Siegesstatue das Tor krönten. Die Zeit, in welcher der Leser mit uns vor dieses goldene Tor tritt, ist ein frischer, aber nicht kühler Abend, der zum Verweilen im Freien einlud wie zur Betrachtung des romantischen Bauwerkes und der zahlreichen anderen Merkwürdigkeiten, die hier Kunst und Natur Fremden und Einheimischen darboten. Ein Fremder, dem Aussehen nach ein Kriegsmann, verweilte auch jetzt vor dem Tore, im Anschauen versunken, und sein unruhiges, lebendiges Auge sprach deutlich von dem großen Eindruck, den dieser neue, ihm zweifellos ungewohnte Anblick auf ihn hervorbrachte. Seiner hellen Hautfarbe nach zu schließen, war er in weiter Ferne von der griechischen Hauptstadt daheim; er war von schöner Figur und von kräftigem Bau: Vorzüge, für die man in Konstantinopel ein scharfes Auge hatte, denn bei den öffentlichen Spielen im Zirkus war man hier gewöhnt, die schönsten Menschen der Erde auftreten zu sehen, und hatte Gelegenheit genug zum Studium des menschlichen Körperbaues. Der Kriegsmann mochte zweiundzwanzig Jahre zählen. Was in seinem Gesicht hierzulande besonders auffiel, waren die tiefblauen Augen und das herrlich blonde Haar, das unter dem silberplattierten, mit einem züngelnden Drachen geschmückten Helme hervorquoll. Die Züge seines Gesichtes waren zart, aber nichts weniger als weichlich; die stolze Art, wie er die Wunder betrachtete, die sich vor seinen Blicken entfalteten, verkündete jenen regen Verstand, der zu durchdringen sucht, was ihm nicht auf den ersten Blick faßlich ist oder was er falsch aufgefaßt zu haben fürchtet. Gerade diese Art schien ihm bei den Leuten, die außer ihm vor dem Tore verweilten, Sympathieen zu erwecken; sie fühlten sich geneigt, ihm die Eigenschaft eines »Barbaren« nachzusehen, der aus irgend einem unbekannten, fernen Erdenwinkel den Fuß in die überzivilisierte Stadt gesetzt hatte oder setzen wollte, die sie ihre Heimat mit, wenn auch gerechtem, so doch in vieler Hinsicht übertriebenem Stolze nannten. Die Tracht, in welcher der junge Kriegsmann sich ihnen zeigte, ließ durch die seltsame Mischung von Pracht und Weichlichkeit auf Stand und Herkunft schließen. Schon der phantastische Helm mit dem züngelnden Drachen kennzeichnete ihn als einen Sohn des hohen Nordens, desgleichen der knappe Harnisch, der die breite Brust weniger deckte als schmückte, das Bärenfell, das ihm zwischen den Schultern über den Mücken herabhing, und an der linken Seite das blanke, krumme Schwert in der güldenen und elfenbeinernen Scheide, die gleich dem Harnisch auch mehr Zierart als Waffe zu sein schien, denn für die starke Faust des Hünen war es um vieles zu leicht und zu klein. Ein prall an die Hüften schließendes Kleid reichte nur bis zu den Knieen; bis zu den Waden waren die Beine nackt, und von den Waden nieder schlangen sich die Sandalenriemen, gehalten von goldenen Münzen als Spangen, mit dem Bildnis des herrschenden Kaisers darauf. Aber eine Waffe, die sich besser schickte für solchen jungen Hünen, denn nur ein Hüne, und kein schwächerer vermochte sie zu führen, war die doppeltgeschliffene Streitaxt mit dem eisenbeschlagenen Stiele aus Eichenholz, die hell wie ein Spiegel blitzte und die er so leicht in der Faust trug, als hätte sie das Gewicht einer Feder. Schon der Umstand, daß er Waffen führte, kennzeichnete ihn als Fremden; denn die Griechen trugen sie nicht zu Friedenszeiten, zum Unterschiede ihres Charakters als friedliche, zivilisierte Staatsbürger von mißachtetem Söldnervolk, und auch jetzt hörte man, wie sie einander scheu und verdrossen zuraunten, der junge Kriegsmann sei »auch einer von den Warägern«, unter welcher Bezeichnung die kaiserliche Leibwache zusammengefaßt wurde, die sich nur aus nordischen »Barbaren« rekrutierte. Die oströmischen Kaiser hatten seit vielen Jahren die Gewohnheit, sich eine solche Leibgarde zu halten, auf deren Stärke, Treue und Mut sie bauen durften, nicht bloß den zahlreichen äußeren, sondern auch den im geheimen wühlenden inneren Feinden gegenüber. Sie bezogen auch einen hohen Sold und standen bei den Griechen, die schon längst von Heldenhaftigkeit nichts mehr an sich hatten, in gefürchtetem Ansehen. Die Rüstung, die sie trugen, stand im Einklange mit derjenigen, die wir eben an dem kriegerischen Jünglinge beschrieben haben, und die sich als eine Nachäffung der von den Warägern in ihren heimischen Urwäldern getragenen auswies. In einer früheren Zeit des oströmischen Kaiserreiches hatte die Waräger-Leibgarde sich aus nordischen Seeräubern zusammengesetzt, die von ihrem unbezwinglichen Tatendurste in ihren Wikingerschiffen auf die unwegsamen Meere hinausgetrieben wurden und gegen alle Gefahr gefeit zu sein schienen. Später, als diese nordischen Völker sich von dem Seeräuberleben, das ihre Altvordern aus den Meerengen Helsingörs zu jenen von Sestos und Abydos führte, ab- und friedlicheren Berufen zuwandten, traten Angelsachsen an ihre Stelle, die sich in ihrem Herrentrotze dem normannischen Joche, unter das Wilhelm der Eroberer sie gezwungen, nicht beugen mochten, sondern lieber die heimische Scholle verließen. Ihre Sprache war mit derjenigen der Waräger verwandt, und obwohl sich ihr Volkstum nicht mit dem ihrigen völlig deckte, blieb ihnen doch in Ostrom der gleiche Name. Den Befehlshaber der Leibgarde zu ernennen, war ein Recht, das der Kaiser sich vorbehalten hatte; aber ihre Zugführer wählten, sie selbst aus ihrer Mitte; die Kreuzzüge, Pilgerfahrten und andere Anlässe brachten ihnen hin und wieder neuen Zuschub, und da ihnen ihre Privilegien nicht verkürzt, sondern eher gemehrt wurden, da sie nicht in die selbstherrlichen Gelüste der Prätorianer von Westrom verfielen, sondern ihren Kaisern die Treue hielten, vermochten sie sich in voller Kraft bis in die letzten Zeiten des griechischen Kaisertums zu halten. Was wir hier über die Waräger gesagt haben, erklärt die Anwesenheit eines solchen vor dem goldenen Tore Konstantinopels an jenem frischen Herbstabend vollkommen, und wir können nunmehr in unsere eigentliche Erzählung treten... Daß er von den städtischen Bürgern mit Neugier betrachtet wurde, braucht nicht zu befremden, denn es bestand zwischen der kaiserlichen Leibgarde und dem Bürgertum wenig Verkehr; der Bürger fürchtete sie, wie gesagt, als kaiserliche Polizei und neidete ihnen den hohen Sold, der doch nur aus ihrem »Fleisch geschnitten« wurde; sie hielten sich demzufolge, sofern nicht ein kaiserlicher Befehl es anders anordnete, fast immer im Bereich ihrer Kasernements auf... »Ein Waräger,« sagte einer von den gaffenden Bürgern zu seinem Nachbar, »und im Dienst? Was mag er vorhaben?« – »Ja,« sagte der, »wie soll ich's sagen können? Vielleicht soll er ausspionieren, welche Meinung in der Stadt über den Kaiser herrscht?« – »All ihr Götter!« rief der erste wieder, »wie könnt Ihr solches meinen, Nachbar Seidenwirker? Ihr vergeßt dabei ganz, daß die Waräger eine andere Sprache reden wie wir! Das wäre mir ein netter Spion!« – »Aber es sollen Leute drunter sein, die in allen Zungen reden; da werdet Ihr wohl zugeben müssen, daß es auch welche drunter geben kann, die zu beobachten verstehen und die Gabe besitzen, Beobachtetes zu hinterbringen.« – »Mag sein! Aber wär's nicht gescheiter, wir schlenderten nach Hause, statt uns in Gefahr zu setzen, mit einem von der kaiserlichen Leibgarde in Konflikt zu kommen? Wer kann's voraussehen, wie solche Begegnungen ausgehen?« Diese Worte fanden des andern Beifall, und so trotteten die beiden Bürger, untergefaßt, ihren in einem ferneren Viertel befindlichen Wohnungen zu. Die Sonne ging zu Rüste, und die Mauern und Bollwerke warfen längeren und dichteren Schatten. Der Waräger, sichtlich abgespannt durch die Bewegung in dem engen Kreise, der ihn seit Stunden in seinem Banne hielt, blickte unwirsch zur Sonne hin, die in voller Glut hinter einem Zypressenhaine unterging, und suchte sich dann auf einer Steinbank unter dem goldenen Tore ein Ruheplätzchen. Hier legte er seine Streitaxt dicht neben sich, schlug den Mantel um sich und sank nach kurzer Zeit in friedlichen Schlummer, so ungünstig Ort und Tracht auch hierzu waren. Sein Beistand blieb aber munter, so müde auch sein Leib war, und kein Jagdhund möchte einen leichteren Schlaf haben als unser Angelsachse vor Konstantinopels goldenem Tore. Hatte er vorhin schon den Stadtbürgern, die sich vor dem Tore ergingen, Anlaß zu Aeußerungen gegeben, so jetzt erst recht! Ein kleiner, munterer Mann, den die Papierrolle unter dem Arm und der Beutel mit Bleistiften in der Hand als Zeichner verrieten, Lysimachus mit Namen, kam mit einem, dem Waräger nicht unähnlichen, nur derberen Gesellen, Stephanos dem Ringer, in der Palästra wohlbekannt und gern gesehen, aus der Stadt durch das Tor geschlendert. »Warte, Kamerad!« rief Lysimachus, »von diesem jugendlichen Herkules muß ich mir eine Skizze fertigen!« – »Herkules?« erwiderte Stephanos, »ich dächte, der wäre ein Grieche gewesen, aber kein Barbar!« – Lysimachus beeilte sich, den Verdruß, den er ohne böse Absicht bei dem Kameraden geweckt hatte, wieder gut zu machen, denn Stephanos, mit dem Beinamen Kastor, war sein Gönner und sorgte durch das Ansehen, in welchem er als Fechter stand, dafür, daß Lysimachus bekannt wurde und Kundschaft bekam. – »Stärke und Schönheit, mein teurer Stephanos,« sagte er, »sind nicht Vorzüge eines einzigen Volkes: ich lasse sie gern gelten, wo ich sie antreffe, sei es beim nordischen Barbaren oder beim Liebling eines erleuchteten Volkes, der körperliche Vollendetheit mit schönen Naturgaben verbindet, wie sie uns kein Werk eines Phidias oder Praxiteles schöner zeigt.« – »Nun, daß der Waräger sich sehen lassen kann,« erwiderte einlenkend der andere, »lasse ich ja gelten; trotzdem der arme Teufel wohl sein ganzes Leben noch keinen Tropfen Oel auf seiner Haut gespürt haben mag.« – »Oho! was liegt denn neben ihm auf seinem Bärenfelle, ist's ein Prügel?« – »Laß uns gehen, Kamerad!« rief der andere, als er den Schläfer näher ins Auge gefaßt hatte. »Kennst Du des Warägers grimme Waffe nicht? Nicht mit Schwert und Lanze kämpft er, wie sie im Brauch sind als Waffen wider Menschen von Fleisch und Blut, sondern mit Streitaxt und Keule, als gälte es, Glieder von Stein und Sehnen von Eiche zu zermalmen. Meine welke Petersilienkrone verwette ich, daß er hier liegt mit dem Auftrage, ein Subjekt zu verhaften, das sich bei dem Kaiser mißliebig gemacht hat, wozu sonst trüge er die schreckliche Waffe? Komm, komm, Lysimachus! lassen wir den Bären schlafen!« Je länger und dichter die abendlichen Schatten wurden, desto spärlicher wurde die Zahl der vor dem Tore promenierenden Bürger. Zwei Weiber aus dem Volke kamen jetzt an der Bank vorbei, auf der der Waräger lag. »Maria, Du Heilige!« sagte eine von ihnen, »sollte man nicht meinen, er sei der Prinz aus Aegyptens hochzeitlicher Kammer, der in dem schonen Märchen des Morgenlandes von den Huldgöttinnen zum Tore von Damaskus geführt und dort in Schlummer gewiegt wird? Laß mich das arme Lämmchen wecken, dem der Nachtfrost sonst einen Schnupfen bringen möchte!« – »Schnupfen?« wiederholte die andere, die älter war und ein grämliches Gesicht hatte, »dem? so wenig wie das kalte Wasser des Cydnus dem wilden Schwane, wird diesem Lämmchen von Waräger der Nachtfrost schaden! Welche Frau, die auf sich hält, möchte solchem Barbaren ein Wort vergönnen? Kommt, kommt! ich will Euch einen Streich erzählen, den solcher Barbar von Waräger mir einst gespielt hat!« und sie zog die jüngere Begleiterin mit Gewalt hinter sich her, die ihren Worten wenig Gewicht beizulegen schien und sich noch ein paarmal nach dem schönen Schläfer umdrehte. Als die Sonne untergegangen und mit ihr ziemlich gleichzeitig auch die Dämmerung verschwunden war – denn Konstantinopel erfreut sich bereits nicht mehr jenes Vorzuges eines langsameren Ueberganges vom Tageslicht zum Nachtdunkel, den die gemäßigten Zonen besitzen – schlossen die Stadtwächter die beiden Flügel des Tores und ließen nur eine kleine Pforte offen für solche, die sich außerhalb verspätet hatten. Der auf der Steinbank im Schlafe liegende Waräger konnte natürlich von den Wächtern, die zu dem aus dem Griechenvolke rekrutierten Stadtheere gehörten, nicht ungesehen bleiben. »Bei Kastor und Pollux!« rief der Zenturio – denn die Griechen schwuren noch immer bei den alten Göttern, obwohl dieselben schon längst ins alte Eisen gewandert waren – »an diesem Tore ist kein Gold mehr zu gewinnen! Hol der Teufel seinen Namen! Aber Esel wären wir, wollten wir das Silber nicht nehmen, das uns in den Weg läuft!« – »Um so mehr, edler Harpax,« pflichtete einer der Soldaten bei, dessen geschorener Kopf und Haarbüschel den Muselmann verrieten, »als wir schon seit Monaten weder Gold noch Silber gesehen haben, weder aus der kaiserlichen Schatulle noch aus sonst welchem Beutel.« – »Gelt! ich will Eure Beutel füllen,« erwiderte Harpax, »und wären sie noch so leer. Hierher an die Pforte, Leute! Vergeßt nicht, daß wir der kaiserlichen Stadt zu Wächtern gesetzt sind, und haltet fest an der löblichen Gepflogenheit, der Stadtwache nichts zu verraten, was uns zu Nutzen und Vorteil ist oder werden kann, wie auch, das Gemeinwohl zu fördern und zu unterstützen ohne Hinterhältigkeit und Verrat!« – »Wozu die vielen Worte?« sagte der muselmännische Wächter, »ich dächte, wir hätten oft genug Farbe bekannt bei wichtigeren Anlässen! Wie war's, als der Juwelier zum Tore hereinzog? Wir hatten damals auch vom goldenen oder silbernen Zeitalter nicht viel zu verspüren, und käm' uns jetzt etwa ein Diamant ...« – »Pst!« machte Harpax, »ich danke es dem Zeus, daß er uns alle Religionen hierher gebracht hat, denn auf diese Weise dürfen wir doch hoffen, die einzig wahre darunter zu besitzen. Du brauchst mir, Ismael, wahrhaftig nicht zu beweisen, daß Du die Fähigkeit besäßest, neue Geheimnisse zu hüten, weil Du die Schwachheit besitzest, alte, auszuplaudern! Da, lug mal durch den Spalt nach der Steinbank und sag' mir, was Dein Auge erblickt im Schatten der Haupthalle!« – »Einen schlafenden Kerl,« versetzte Ismael, »und wenn mich das Mondlicht nicht trügt, so ist's einer von den Inselhunden, die des Kaisers Leibwache bilden!« – »Ist Dein Schlaukopf im stande,« fragte Harpax, »aus diesem Zufalle Vorteil für unsere Beutel zu schaffen?« – »Je nun, die heidnischen Hunde haben besseren Sold als wir Muhammedaner und Nazarener, ich denke mir, der Hund wird sich am Wein zu viel getan haben, so daß er die Stunde zur Heimkehr verschwitzt hat. Lassen wir ihn nicht, so setzt's einen schlimmen Denkzettel; will er aber passieren, so muß er bluten, tüchtig bluten!« – »Wenigstens,« riefen in gedämpftem Tone die andern Soldaten. – »Und weiter reicht Dein Witz nicht, Bursche?« fragte Harpax spöttisch; »ich aber meine, soll uns das fremde Biest entgehen, so muß es uns wenigstens sein Fell lassen. Seht ihr, wie Helm und Harnisch im Mondschein glitzern? Das ist die Silbergrube, die wir schürfen müssen, um unsere Beutel wieder einmal zu füllen,« – »Und wenn's ruchbar würde? Wenn's dem Kaiser zu Ohren käme?« sagte Sebastes von Mitylene, ein junger Grieche, der noch Neuling in der Stadtwache war; »wär's da nicht vorbei mit dem Profit?« – »Grünhorn!« rief Harpax, »und hätte der Kaiser Augen wie Argus, so könnte er nichts erfahren! Wir sind unser zwölf, deren Aussage pflichtgemäß übereinstimmen muß. Dort liegt ein Barbar auf einem Pfühl, den sich keiner sucht, der nicht tief in den Krug geguckt hat; was gilt solches Kerls Aussage, wenn er wirklich dazu kommen sollte, sie abzugeben? Hoffentlich fehlt's uns nicht an Courage« – hier sah er einen nach dem andern seines Kommandos an – »ihm abzustreiten, was er vorbringt? Wem wird man dann glauben, uns Stadtwächtern oder dem besoffenen Waräger?« – »Mir ist aber,« bemerkte Sebastes darauf, »als hätte ich in Mitylene allerhand von der Konstantinopeler Stadtwache gehört, was nicht dazu beitrüge, ihrem Eide mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen als einem Barbareneide?« – »Und wär's auch an dem,« versetzte der Zenturio, »so gäb's doch einen andern Weg noch, uns den Rücken zu decken.« – Der Grieche, um den Sinn der Worte zu erkennen, blickte Harpax fest und düster an, indem er mit der Hand nach seinem Dolche griff, und der Zenturio nickte ihm Beifall. – »Ich bin wohl noch Grünhorn,« sagte er, »hab' aber fünf Jahre als See- und drei als Straßenräuber hinter mir; aber noch kein Mal sah ich bei einem Manne Bedenken vor dem einzig wahren Mittel, das in solchem Falle seiner würdig ist.« Harpax, drückte dem Soldaten, seine Denkart billigend, die Hand und fragte, jedoch mit bebender Stimme: »Aber wie mit ihm fertig werden?« – »So oder so,« versetzte der Grieche; »dort liegen Bogen und Pfeile; versteht sich kein anderer drauf, so ...« – »Pfeil und Bogen sind unsere Waffen gewöhnlich nicht,« antwortete Harpax. – »Um so schlimmer für die Tore der Stadt und die, die dahinter wohnen,« rief der Grieche mit einem Lachen, das deutlich wie Hohn klang: »nun, ich schieße wie ein Skythe; nickt, und ein Pfeil soll ihm durch den Schädel, ein zweiter durch das Herz fahren!« – »Bravo, mein Grünhorn,« rief der Zenturio, die Stimme dämpfend, um den Waräger nicht zu wecken; »das war so bei den griechischen Räubern des Altertums, Skyron, Diomed, Prokrustes, und wie sie sonst geheißen haben mögen, die hochedlen Herren, deren Enkel und Jünger das griechische Inselland wohl so lange unsicher machen werden, bis Herkules und Theseus wieder auf Erden auftauchen werden; aber, mein tapferer Skythe! ich denke, wir machen's anders! Es könnte ja passieren, daß Du ihn, statt zu töten, bloß verwundest!« Mit dem gleich spöttischen Lachen, wie vorhin, meinte Sebastes, daß dies bei ihm nicht der Fall zu sein pflege, und der Zenturio, den der Spott arg verdroß, und der bei sich denken mochte, es könne gar leicht geschehen, daß ihm der kecke Bursche über den Kopf wüchse, und daß die Stadtwache zwei Zenturionen bekäme statt eines, reckte sich zu seiner vollen Höhe und rief: »Bist Du solcher Räuber gewesen, wie Du sagst, Mitylenier, so wirst Du wohl auch den Sikarier spielen können! Dort liegt Dein Ziel, betrunken oder im Schlafe: wir wissen's nicht. Aber ich denke mir, ob so, ob so, fertig wirst Du mit ihm ja werden!« – »Es wird aber nicht auf halbpart gehen, wenn ich ihn im Schlafe oder Suffe niedersteche!« meinte der Grieche; »möchtet Ihr's nicht lieber selbst besorgen?« – Der Zenturio, aber zeigte nach der Treppe, die von den Zinnen des Torbogens, hinunter nach der Halle führte, und rief: »Tu, was Dir befohlen worden!« Der Grieche verschwand auf der Treppe und tauchte alsbald, schleichend wie eine Katze, unten im Hofe auf. In seiner Hand blinkte der Dolch, nach hinten gehalten, um ihn dem Waräger zu verbergen. Im andern Augenblick beugte er sich über den Schlafenden, diejenige Stelle zwischen Harnisch und Körper zu ermitteln, wo der Dolch am sichersten träfe, da sprang der Waräger mit einem Satze in die Höhe, dem Griechen mit der Faust einen so wuchtigen Schlag versetzend, daß ihm kaum Kraft genug blieb, die Kameraden auf der Toreszinne um Beistand zu rufen. Im andern Augenblicke lag der Grieche unter dem schweren Fuße des Warägers, der die Streitaxt hob, ihm den Todesstreich zu versetzen. Die Stadtwächter machten Miene, ihrem Kameraden zu Hilfe zu eilen; aber der Zenturio rief: »Halt! Jedermann an seinen Posten! Dort kommt ein Hauptmann der Warägerwache, ich glaube, der Befehlshaber in Person! Wir wissen von nichts, versteht ihr? falls der Barbar den Griechen erschlagen hat, was ich vermute, denn der arme Kerl lebt nicht mehr – lebt er aber noch, so härtet eure Gesichter zu Kiesel! Wir sind unser zwölf und wissen nur, daß er hinuntergehen wollte, den Menschen zu wecken und zum Passieren des Tores aufzufordern.« Unten war inzwischen die hohe Gestalt eines schwerbewaffneten Kriegers mit funkelndem Helmschmuck aus dem Mondschein in den Schatten getreten. In jener fränkischen Sprache, deren die Waräger sich untereinander bedienten, rief der Offizier: »Ei, ei, Hereward! hast wohl eine Eule gefangen?« – »Ja, beim Sankt-Georg!« erwiderte der Soldat; »bei uns daheim möchte man ihn einen Habicht heißen.« – »Wer ist's?« fragte der Offizier. – »Vielleicht sagt er's Euch, wenn ich ihm die Kehle lupfe!« – »So gib ihn frei!« rief der Offizier. Kaum hatte der Waräger den Fuß von dem Griechen gehoben, so war dieser auch auf den Beinen und flink wie ein Hase, hinter dem Hunde her sind, um den Torweg herum, und der Waräger wohl hinter ihm drein, aber außerstande, es dem Griechen im Rennen gleichzutun, da ihn die schwere Rüstung behinderte. »Beim Herkules!« rief der Offizier und wollte sich ausschütten vor Lachen, »Hektor und Achilles auf der Jagd um Ilions Mauern; »aber mein Pelide wird den Sohn des Priamus schwerlich bezwingen. Holla, Hereward! schone Deine Lungen! ich denke, Du wirst Deinen Atem heute abend noch brauchen.« – »Wär' nicht die Rüstung, die beschwert, ohne zu nützen,« versetzte der Waräger mürrisch, indem er außer Atem zu dem Offizier trat, »so hätte ich den Kerl beim ersten Rennen an der Gurgel gehabt.« – »Schon gut! schon gut!« sprach der Offizier, der wirklich der Kommandant der Warägergarde und dessen Pflicht es war, immer um die Person des Kaisers zu sein: »aber laß uns zusehen, wie wir uns den Weg durchs Tor sichern: denn hat Dir, wie ich vermute, einer von dieser Stadtwache an den Kragen gewollt, so werden uns seine Kameraden gutwillig wohl kaum passieren lassen.« – »Dann sollten wir solchem Mangel an Disziplin abzuhelfen von Euer Edlen kommandiert werden!« – »Still doch, Simpel von Barbar! Ha! hab' ich Dir nicht oft genug gesagt, daß ich durch Klugheit und Nachgiebigkeit an diesem kaiserlichen Hofe mehr erreiche als durch offene Gewalt? Komm und folge mir!« befahl er dem Waräger, nachdem er sich bereits ein Stück vom Tore hinweg begeben hatte, um längs der Mauer irgendwo anders einen Durchschlupf zu finden; »Du bist treuer und wackerer, als man es selbst bei euch Warägern zu finden gewohnt ist, und so will ich Dir einiges von der Politik erzählen, die mich und mein Verhalten leitet.« – »Meine Meinung,« erwiderte der Waräger, »geht dahin, daß man sich um einer Sache willen, die sich mit der Faust erledigen läßt, den Kopf nicht warm machen soll.« – »Aus solchem Stoffe besteht halt euer Schädel, ihr Waräger,« entgegnete der Kommandant; »immerhin laß Dir sagen, wie ich mir das Rätsel dieses nächtlichen Abenteuers erkläre.« – »Ich will bestrebt sein, zu verstehen, was Eure Weisheit mir zu erklären geruhen wollen,« antwortete der Waräger. – »Ich meine,« begann der Kommandant, »wir haben bereits zusammen in einer Schlacht gestanden?« – Der Waräger hustete – bekanntlich kein Zeichen eines Lobspruches – und im Verlauf des Gespräches ließ sich auch erkennen, daß auf seiten des Warägers die größere Stärke lag, was übrigens von dem ihm vorgesetzten Kommandanten auch nicht eben unwillig anerkannt wurde. »Um also mit dem Thema Politik zu beginnen,« nahm der Kommandant das Wort, »so gilt als ihre eigentliche Basis – ich glaube, Du wirst das nicht bestreiten oder bekritteln wollen, mein junger Freund« – er lüftete hierbei den Helm, und der Soldat tat, wie wenn er es ebenso machte – »als ihre eigentliche Basis, sage ich, die kaiserliche Gunst: sie ist der Lebensbronnen des Kreises, worin wir atmen, die Sonne, die der Menschheit.« – »So etwas hat uns schon unser Tribun gesagt,« brummte der Waräger. – »Es ist Tribunenpflicht, euch zu instruieren,« entgegnete der Kommandant, »und hoffentlich versäumen es auch die Priester nicht, euch die Dienstpflicht gegen den Kaiser einzuschärfen.« – »Sie vergessen es nicht, obwohl wir selbst wissen, was wir zu tun und zu lassen haben.« – »Mir kommt's nicht bei, daran zu zweifeln; Du sollst nur begreifen lernen, Hereward, daß das Schicksal eines Günstlings bei Hofe dem Dasein der Eintagsfliege gleicht, die beim Morgenrot geboren wird und mit dem Abendrote stirbt. Glücklich derjenige, der mit der Person des Herrschers von dem ebenen Boden, auf dem der Thron sich erhebt, emporsteigt, im Glänze der kaiserlichen Glorie sich behauptet und mit dem letzten Strahle kaiserlichen Schimmers verschwindet und vergeht.« – »Ich glaube zu verstehen,« versetzte der Waräger; »was aber solches Schranzendasein anbetrifft, so, aber was kann's mich scheren?« – »Dich freilich nicht,« antwortete der Kommandant, »und preise Dich glücklich, daß Du an solchem Leben keine Freude hast. Ich hab's aber schon mit angesehen, daß Barbaren hoch im Kaiserreiche stiegen. Kein Wunder, daß sich alles bei Hofe beflissen zeigt, dem Kaiser zu zeigen, daß er nicht bloß die Pflichten des eigenen Amtes zu erfüllen weiß, sondern im Notfalle auch die eines andern mit zu übernehmen vermag.« – »Und daher kommt es denn wohl auch, daß alles bei Hofe beflissen ist, nicht sowohl sich gegenseitig zu stützen, sondern vielmehr auszukundschaften?« »Allerdings! und davon hatte ich noch in den letzten Tagen ein eklatantes Beispiel. Daß der Protospotharius, also der Obergeneral der kaiserlichen Truppen, wie Du weißt, mir nicht gewogen ist, weil ich Kommandant der Waräger-Leibgarde bin, braucht niemand zu verwundern; aber frech ist's von diesem Nikanor, unsere ganze Schar zu verunglimpfen durch die Behauptung, sie habe im Felde geplündert, ja was noch schlimmer ist, den für unsere geheiligte Majestät bestimmten Wein ausgetrunken. Wie Du Dir denken kannst, habe ich es mir angelegen sein lassen, in Gegenwart der Person unseres erhabenen Herrschers.« – »Ihm die Lüge in seinen frechen Schlund zurückzuschleudern!« fiel ihm der Waräger ins Wort, »indem Ihr ihn zum Kampfe fordertet, bei dem Euch der arme Teufel von Hereward sekundieren wird. Hätt' ich doch bloß meine Alltagsrüstung anstatt dieses glitzernden Plunders.« – »Pst! pst!« fiel ihm Achilles Tatius – dies war der Name des Kommandanten – ins Wort – »Du bist zu hitzig und beurteilst die Situation auch zu sehr nach Deinen subjektiven Ansichten! Selbstverständlich mäße ich mich an Deiner Seite mit fünf solcher Nikanors; aber das ist in diesem übergesegneten Kaiserreich nicht der Brauch, auch nicht der Wille seines zurzeit am Ruder befindlichen erhabenen Herrschers. Dich haben die Prahlereien der Franken angesteckt, mein Sohn!« – »Meine Sache ist's nicht, bei denen, so bei euch Franken, bei uns aber Normannen heißen, Anleihen zu machen,« versetzte Hereward mürrisch. – »Frage Dich doch selbst,« verwies ihn der Kommandant, ob in irgend einem gesitteten, ordentlich regierten Lande, geschweige im Reiche des erhabenen Kaisers Alexius Komnenos, das Duell denkbar sein kann. Nimm an, es wollten zwei vornehme Herren oder Offiziere, die sich bei Hofe, am Ende gar in Gegenwart Seiner geheiligten Majestät, in die Haare geraten wären, die Differenz nicht vor Gericht ausgleichen, sondern nach Weise der Franken, indem sie auf der ersten besten Wiese einen Kampfplatz abstecken ließen; während beide, ohne, wie man annehmen kann, genau zu wissen, wie es sich mit der »gerechten Sache«, über die sie aneinander geraten sind, in Wahrheit verhält, ins Blaue hinein darauf schwören, geschieht's, daß der Bessere von beiden, also Seiner Majestät Akoluthos oder Leibtrabant, zugleich Kommandant der Waräger – denn für den Tod ist nun einmal kein Kraut gewachsen – ins Gras beißen muß, der andere aber wohl und munter an den kaiserlichen Hof zurückkehrt, um sich dort weiter zu sonnen und zu atzen, statt daß er, wie es ihm sonst beschieden gewesen wäre, den Galgen zierte: das ist, wirst Du sagen, Waffenrecht, Hereward; ich aber nenne das verkehrte Welt!« – »Ich will nicht in Abrede stellen, Euer Edlen,« antwortete Hereward, »daß in Euren Worten viel kalter Verstand zu finden sei; aber ehe ich mich von jemand Lügner schimpfen lasse, ohne ihm das Wort mit dem Schwerte in seinen Schlund zurückzustoßen, eher könnt Ihr mir einreden, daß dieses Mondlicht schwarz sei wie ein Wolfsrachen! Wer mir eine Lüge an den Hals schmeißt, der verprügelt mich, und Prügel, nicht zurückgegeben, machen den Menschen zum Lasttiere, zum Sklaven.« – »Mein getreuer Kämpe,« sagte drauf der Kommandant, »der Römer setzt die gleiche Ehre drein, die Wahrheit zu reden, wie Ihr, den Vorwurf der Falschheit von euch zu weisen; ich konnte bloß zu meinem Leidwesen dem Nikanor keinen Vorwurf der Falschheit machen, weil es auf Wahrheit beruhte, was er gegen uns vorbrachte.« – »Wieso?« fragte der Angelsachse. – »Nun, Du besinnst Dich, daß wir Waräger auf dem Marsche nach Laodikaia einen Türkenhaufen in die Flucht schlugen. und einen kaiserlichen Bagagezug wieder einfingen? Ebenso besinnst Du Dich, wie ihr an diesem Tage euern Durst gelöscht habt?« – »Ihr meint, daß wir die Weinfässer, die wir dabei fanden, anzapften und leerten?« – »Du sagst es, Hereward!« – »Nun, ich weiß es noch wie heute,« rief Hereward lustig, »daß uns der Wein wie Oel die Kehlen hinunterrann!« – »Und Du Unglücklicher sahest nicht, daß die Fässer mit dem kaiserlichen Siegel verspundet waren?« – »Beim heiligen Georg von England, der eine Mandel George von Kappadozien aufwiegt! Daran hab' ich mit keinem Atemzuge gedacht! Aber Ihr habt doch selbst ganz gehörig mit davon gezecht!« – »Du bist im Irrtum, Hereward, denn was ich trank, war eine geringere, für den Mundschenk Seiner Majestät bestimmte Sorte, an der ich als Offizier vom Hofhalt meinen gerechten Anteil hatte. Von euch aber war es sündhaft, an fremdem, zudem geheiligtem Gute euch zu vergreifen!« »Meiner Sixen!« rief Hereward, »wenn man vor Durst vergeht, ist Trinken doch keine Sünde!« – »Tröste Dich, Freund! Denn Majestät erblickt in diesem vorwitzigen Trunke keinen Eingriff in seine geheiligten Vorrechte; er schalt sogar den Protospatharius ob seiner Anzeige.« – ,»Dafür möge Gott ihn segnen!« rief Hereward. – »Recht so! aber Du wirst es weiter billigen, daß ich nun zur Antwort auf seine häßliche Offensive dem Protospatharius die Räubereien vorhielt, die am goldenen Tore und an anderen Stadttoren von seinen Stadtwachen verübt worden, z. B. den Mord eines Juweliers, der erstochen und beraubt wurde, obgleich die Ware, die er herbrachte, dem Patriarchen gehörte.« »So? und wie nahm Alexi-- ich wollte sagen, unser erhabener Kaiser, die böse Kunde auf?« – »Der Kaiser ist ein Mann der feinen Politik,« entgegnete der Kommandant, »und wollte, ehe er gegen, die bösen Subjekte von Stadtwächtern vorginge, erst faktische Beweise in Händen haben; und Du solltest sie beibringen!« – »Wär' auch geschehen, hättet Ihr mich nicht von der Jagd zurückgerufen, die ich auf den Schnapphahn unternommen hatte, der Sehnsucht nach meinem glitzernden Harnisch hatte; es wird also wohlgetan sein, kaiserliche Majestät von diesem Vorfall Kenntnis zu geben?« – »Mit nichten, mein Kämpe,« entgegnete der Kommandant; »ich hätte den Wicht vielmehr, wenn er mir durch Dich in die Hände geraten wäre, auf der Stelle freigeben müssen; und anjetzt befehle ich Dir, dieses Abenteuer ganz aus Deinem Gedächtnisse zu streichen.« – »Das wäre nun freilich eine Politik, so wechselvoll, daß ich mir keinen Vers draus zu machen wüßte!« – »Glaub's Dir, mein Hereward; indessen laß Dir sagen, daß Nikanor vom Patriarchen bestimmt wurde, sich mit mir auszusöhnen, weil unser Einvernehmen wichtig sei für die Wohlfahrt des Staates. Und ein derartiges Patriarchenwort darf man weder als Christ noch als Soldat ignorieren. Auch kaiserliche Majestät halten dafür, daß es geraten sei, den Zwist auf solche Weise beizulegen.« – »Und der uns Warägern angetane Schimpf« – »Soll durch Abbitte und Buße abgewaschen werden, auch ein entsprechendes Geldgeschenk soll unter euch Träger der Streitaxt abgeführt werden. Die Verteilung, Hereward, wird in Deine Hände gelegt werden; gehst Du mit Klugheit zu Werke, so wirst Du Deine Axt mit Gold überziehen können!« – »Mir ist sie so am liebsten, wie sie ist!« entgegnete Hereward; »denn so trug sie der Vater in der Hastings-Schlacht! Auch soll mir Stahl, statt Goldes, Geld bleiben!« – »Handle nach Deinem Belieben, Hereward,« sagte Achilles Tatius; »bloß hast Du es dann Dir selbst zuzuschreiben, wenn Du ein armer Schlucker bleibst!« Kommandant und Waräger waren inzwischen zu einem kleinen Pförtchen in der Umfassungsmauer gelangt, durch welches sie in die Stadt hineinschlüpfen konnten. Hier blieb der Kommandant stehen, um wie ein frommer Pilger, der eine Kapelle von besonderer Heiligkeit zu betreten vorhat, sich ehrfurchtsvoll zu bekreuzen. Drittes Kapitel. Nach wenigen Schritten gelangten sie zu dem Vorbau eines mächtigen Palastes. Ehe aber Achilles Tatius den Fuß weitersetzte, erging er sich wieder in allerhand Zeremonien, die der unerfahrene Waräger, der erst vor kurzem in den Garnisonsdienst getreten war, steif und linkisch nachäffte, und die auf der Eigentümlichkeit der Griechen fußten, nicht bloß der Person ihres Kaisers, sondern auch allen Dingen, die mit ihm in Zusammenhang standen, eine bis ins kleinste geregelte Ehrfurcht zu bezeigen. Als er sich dieser in seinen Augen frommen Pflicht erledigt hatte, schlug Achilles Tatius dreimal wider die Tür in gemessener, aber vernehmlicher Weise, wobei er seinem Begleiter zuflüsterte: »Wir treten ein! Nun tu, bei Deinem Leben, was Du mich tun siehst!« Nun machte er, einen Satz rückwärts und blieb, mit vorgeneigtem Kopfe und die Hand vor die Augen haltend, wie wenn er eines plötzlichen Lichtstroms gewärtig sei, stehen und harrte der Antwort auf sein Klopfen. Nach einer Weile öffnete sich die Pforte, aber statt eines den Harrenden die Augen blendenden, Lichtstromes erschienen, mit hochgehaltenen Streitäxten, gleich als wollten sie die Eindringlinge ob solches freventlichen Eingriffes in ihre Ruhe auf der Stelle niederschmettern, vier Waräger. Der Kommandant sprach als Parole das Wort: »Akoluthos«, und die Waräger murmelten, die Waffen senkend, die Erwiderung der Parole: »Tatius und Akoluthos«. Wahrend Achilles den stattlichen Helmbusch als Zeichen seiner Würde emporhob daß jeglicher Waräger ihn sehen konnte, verhielt sich Hereward zur Verwunderung seines Vorgesetzten, der Szene gegenüber äußerst gleichmütig; aber einen andern Grund dafür zu finden als brutale Empfindungslosigkeit, war dem Schranzenverstande des Kommandanten nicht möglich. Die Wache trat zu Seiten des Tores ab, und Achilles trat mit seinem Begleiter auf das über den Stadtgraben führende Laufbrett. »Die Brücke der Gefahren ist's,« flüsterte Achilles, »über die Du den Fuß setzest; es geht die Rede, daß nicht jeder heil hinüber gelangt, sondern so mancher, der zu der geheiligten Person kaiserlicher Majestät in Beziehungen gestanden, als Leiche im Goldenen Horn, dem Hafen der Kaiserstadt, wohin der Graben sich ergießt, gefunden worden sei.« – »Ich hätte nicht für möglich gehalten,« erwiderte der Sohn der nordischen Inseln, »daß Alexius Komnenos ...« – »Still, Verwegener!« rief Achilles, »wer das Echo dieses Gewölbes weckt, verfällt immer schwerer Strafe; der Tod aber winkt dem, der solches tut durch verletzende Reden gegen die geheiligte Person kaiserlicher Majestät. Es ist ein Unglück für mich, daß ich einen Menschen in diese geheiligten Räume führen muß, der von attischem Salze nur so viel besitzt, wie nötig ist, den Leib vor Fäulnis zu bewahren. Was ist Dein Verdienst, Hereward, anders, als daß Du im heiligen Kriege des hohen Herrschers ein paar Ungläubigen das Licht ausgeblasen hast? Und nun widerfährt Dir die unermeßliche Ehre, nicht bloß Zutritt zu erhalten zu dem unverletzlichen Bereiche des Blachernä-Palastes mit seinem Echo, sondern – der Himmel steh' uns bei! – sogar zu kaiserlicher Majestät geheiligtem Ohre selbst!« »Es wird mir schwer, Hauptmann, den Schall meiner Rede zu dämpfen. Ich will darum lieber mich so lange still verhalten, bis Ihr mir ein Zeichen zum Reden gebt.« – »Recht so, Hereward!« erwiderte der Kommandant; »es gibt Leute hier, sogar welche, die im Purpur geboren, die mit dem Senkblei ihres feinen Urteils Deinen seichten Barbarenverstand erforschen wollen. Begegnest Du anmutigem Lächeln, so erwidere es nicht mit Gewieher, als befändest Du Dich in Gesellschaft von Tisch- oder Zechkameraden!« – Unwirsch erwiderte der Waräger: »Wollt Ihr mir nicht glauben, daß ich mich still verhalten werde, bis Ihr mir ein Zeichen gebt, so will ich lieber Kehrt und der Sache ein rasches Ende machen.« – Achilles aber mochte fühlen, daß er dem Waräger nicht allzu scharf zusetzen dürfe, und so gab er ihm auf seine derbe Rede eine auffällig milde Antwort; aber Hereward hatte, was Kraft und Heldenmut anlangt, selbst unter den Warägern seinesgleichen nicht, und diese Eigenschaften überwogen in den Augen auch dieses Kommandanten alle Vorzüge, die einem höfischer besaiteten Soldaten hätten zu eigen sein können. Ueber ein paar Höfe hinweg, die zu dem ausgedehnten Blachernä-Palaste gehörten, führte der hier wohlbekannte Kommandant den Waräger durch eine Seitenpforte in die eigentliche Wachtstube, wo sich Herewards Kameraden mit Brett- und Würfelspiel die Zeit vertrieben und durch einen kräftigen Trunk aus großen Krügen die Kräfte auffrischten. So gern' auch Hereward, der sich in der Gesellschaft seines Kommandanten nichts weniger als behaglich fühlte, sich zu ihnen gesetzt hätte, um über sein Abenteuer mit dem Griechen mit ihnen zu schwatzen und an der amüsanteren Beschäftigung, die ihnen vergönnt war, sich zu beteiligen, so saß ihm doch die militärische Disziplin zu fest im Blute, als daß er sich auch nur einen Moment mit etwas anderm als der Person seines Führers hätte befassen sollen. Der Weg führte noch durch eine Reihe von Gängen und Gemächern, in die der Kommandant den Fuß nicht anders setzte, als mit der gleichen Ehrfurcht, die ihn bislang erfüllt hatte. Hier aber erblickte der Waräger nicht mehr Kameraden, sondern jene fast durchwegs schwarzen Sklaven, die am griechischen Kaiserhofe, als Nachäffung eines bei orientalischen Despoten herrschenden Brauches, Eingang gefunden hatten und die bald als Wachen auf Gängen und an Türen postiert waren, bald auf Teppichen, allerhand Spiel treibend, herumlagen. Der Kommandant würdigte sie keines Wortes. Ein Blick seines Auges genügte, ihm überall den Weg frei zu machen. Endlich setzten sie den Fuß in eine geräumige Halle, deren Wände aus schwarzem Marmor bestanden. Mach allen Himmelsrichtungen führten von ihr aus Seitengänge; aber von den Oel- und Harzlampen, die sie erhellten, war sie mit einem so dichten Dunst erfüllt, daß sich ihre Gestalt oder Bauart nicht unterscheiden ließ. »Hier verweile,« flüsterte der Kommandant dem Waräger zu, »bis ich zurückkehre. Laß Dir aber nicht beikommen, den Fuß vom Platze zu setzen!« Hierauf verschwand er durch eines der seitlichen Portale, das sich vor ihm öffnete und hinter ihm schloß. Der Waräger vertrieb sich in dem ihm angewiesenen Raume die Zeit, so gut es ging, und schritt nach dem unteren Ende der Halle zu, wo der von den Lampen verbreitete Dunst weniger stark war als in der Mitte. Er erblickte dort eine kleine, niedrige Eisenpforte, mit einem griechischen Bronzekreuz darüber, und verschiedenerlei Zierat aus dem gleichen Metall in Form von Ketten und dergleichen. Die Tür stand halb offen, und Hereward, da ihm solche Befriedigung menschlicher Neugier nicht verboten worden, steckte den Kopf hindurch und sah hinein. An der Mauer einer schmalen Wendeltreppe, die zu den Tiefen der Hölle zu führen schien, hing ein trübes, rotes Licht, das aber kaum Anspruch auf diesen Namen erheben konnte, da es einem Funken ähnlicher war als einem Lichte. Dem Waräger, mochte auch der ihm geistig überlegene Grieche von seinem Denkvermögen nur eine sehr bescheidene Meinung hegen, wurde es auf der Stelle klar, daß solch finstere Treppe mit solch düster ornamentiertem Eingang nirgends anders hinführen könne, als zu den Kerkern des kaiserlichen Palastes, die sowohl ihrer Menge als ihrer Beschaffenheit nach nicht die geringste Merkwürdigkeit desselben bildeten. Als er die Ohren spitzte, meinte er sogar, Töne wie Seufzer und Stöhnen aus dem Abgrunde herauf dringen zu hören. »Oho!« meinte er bei sich, »Bekanntschaft mit solch unterirdischen Behausungen zu machen, dürfte ich schwerlich verdient haben. Hauptmann Achilles mag ja im Grunde nicht viel besser sein als ein Esel, aber für so untreu, mich unter solch blödem Vorwande in einen Kerker zu locken, möchte ich ihn nicht halten. Sollte es der Fall sein, so will ich ihm doch erst Bekanntschaft mit einer englischen Streitaxt verschaffen. Sehen wir uns vorderhand mal auch das obere Ende der Halle an. Vielleicht hat's eine freundlichere Bedeutung!« Hier schmückte ein kleiner Altar, an die in den heidnischen Göttertempeln erinnernd, das gleich große – oder vielmehr kleine – Portal, das hier in den anstoßenden Raum führte. Weihrauch wallte in leichten Kräuselwölkchen zu dem Plafond hinauf, sich von da durch die ganze Halle verbreitend und ein seltsames Sinnbild in seinen Qualm hüllend, dessen Zweck und Natur der Waräger nicht begreifen konnte: es stellte zwei menschliche Arme dar, die aus der Wand herauszureichen schienen; die Hände waren ausgespreizt, wie wenn sie den zum Altar tretenden Betern ein Geschenk verabreichen wollten. »Wären die Fauste geballt,« dachte Hereward bei sich, »so ließe sich das Ding wohl noch kapieren. Man könnte meinen, in einer dem Pankration geweihten Boxerhalle zu stecken! Da aber dies dumme Griechenpack die Hände nicht gebraucht, solange die Finger nicht geschlossen sind, so kann ich, beim heiligen Georg, den Sinn des Dinges da nicht fassen!« Da trat Achilles Tatius wieder in die Halle. »Folge mir, Hereward! Jetzt gilt's, das Schwerste zu überwinden! Nimm allen Mut zusammen, über den Du verfügst; denn Ehre und Name stehen für Dich auf dem Spiele.« – »Ich fürchte, weder für das eine noch für das andere,« erwiderte Hereward. – »Schrei nicht so!« verwarnte ihn sein Führer; »ich habe Dir doch oft genug gesagt, Du mögest den Schall Deiner Stimme dämpfen. Es wäre auch besser am Platze gewesen, Deine Streitaxt draußen zu lassen.« – »Mit Verlaub, Hauptmann,« erwiderte Hereward, »mein Werkzeug geb' ich nicht aus der Hand. Die Streitaxt ist ein Stück meiner selbst, und ich gehöre nun einmal zu den unbeholfenen Tolpatschen, die immer was in der Hand halten müssen, um nicht aus dem Texte zu kommen.« – »So behalte sie! Aber schwinge sie nicht, und schreie auch nicht wie auf einem Schlachtfelde, sondern denke, daß Du Dich an einem geheiligten Orte befindest, wo jeder Verstoß gegen die gute Sitte zur Lästerung wird!« Durch eine dritte Seitenpforte traten sie in den Vorsaal, und von ihm aus durch ein paar Flügeltüren in eines dem Anschein nach der vornehmsten Gemächer des Palastes, worin sich dem rauhen Waräger ein ebenso neuer wie überraschender Anblick bot. Auf einer schmalen Bank oder einer Art Sofa, – denn dem schönen Geschlecht war es hier durch die Etikette verboten, sich nach der Weise der Damen in Westrom mit dem Rücken anzulehnen – vor sich einen Tisch voll Büchern, Pflanzen, Kräutern und Zeichnungen, saß die geliebte Tochter des Kaisers Alexius, die Prinzessin Anna Komnena, bekannt als Geschichtsschreiberin der Regierung ihres Vaters, saß hier als die Königin eines literarischen Kreises, wie ihn eben nur eine im Purpur geborene Kaiserstochter um sich zu versammeln vermag. Unmittelbar neben ihr, auf einem dem ihrigen völlig gleichen Sitze, nur niedriger, aber ihr so nahe, daß sie keinen Blick von ihm verlieren konnte, hatte ihr schöner Gemahl Nikephoros Briennios seinen Platz, von dem die Rede ging, er ersterbe in Respekt vor der Gelehrsamkeit und Weisheit seiner Ehegemahlin, sei aber nicht ungehalten, wenn er auch mal einen Abend fern von dem Zirkel derselben zubringen könne; und die Begründung für diesen Argwohn wurde in der Meinung gesucht, daß die Prinzessin schwerlich etwas eingebüßt hätte, wenn sie minder gelehrt gewesen wäre. Zwei andere Ehrensitze waren für das Kaiserpaar bestimmt, das es liebte, den Studien der Tochter anzuwohnen. Dann weidete Kaiserin Irene sich an dem Anblicke einer so vollkommenen Tochter, während Kaiser Alexius mit Behagen der schwülstigen Sprache lauschte, in welcher sie seine Taten pries, oder den philosophischen Gesprächen, die sie mit dem Patriarchen Zosimus und andern gelahrten Herren der Kaiserstadt führte. Während das Kaiserpaar heute den Abend durch seine Anwesenheit verherrlichte, war der Sitz des Prinzessinnen-Gemahls heute leer, und in diesem Mangel an Aufmerksamkeit hatte vielleicht der finstere Zug seinen Grund, der sich auf der Stirn seiner schönen Gemahlin wahrnehmen ließ. Rechts und links von ihr knieten auf weißen Kissen zwei Hoffräulein, die man für lebendige Bücherpulte hätte ansehen können, denn sie hielten, ohne ein Glied zu rühren, die aufgerollten Pergamente, aus denen die Prinzessin fremde Weisheit schöpfte oder in die sie eigene Weisheit eintrug. Das eine dieser beiden Mädchen, Astarte mit Namen, war eine hervorragende Schönschreiberin, dabei so zahlreicher Sprachen und Alphabete mächtig, daß wenig fehlte, so wäre sie, als es dem Kaiser darum zu tun war, mit dem Khalifen, der weder lesen noch schreiben konnte, Frieden zu schließen, diesem zum Präsent gemacht worden. Die andere Dienerin oder – richtiger gesagt – Sklavin der Prinzessin war Violanta oder, wie sie gemeinhin genannt wurde, Musa, eine Virtuosin der Vokal- und Instrumentalmusik und tatsächlich an Robert Guiscard, den Herzog von Apulien und ewigen Ränkeschmied gegen Ostrom, um ihn dem kaiserlichen Hofe wohlwollend zu stimmen, gesandt, von diesem aber, da er bereits stocktaub und dem Methusalemsalter nahe war, mit dem Bemerken abgewiesen worden, er wisse beim besten Willen mit dem erst zehn Jahre alten Mädchen nichts Gescheites mehr anzufangen, und bitte statt solches ewig plärrenden und klimpernden Wesens um etwas Markigeres, oder besser noch, heller Klingendes, womit er den echten Normannen dokumentierte. Auf weiteren Sitzen saßen oder ruhten die anderen Personen, welche Zutritt zu dem Hofzirkel gefunden hatten, darunter der greise Patriarch Zosimus, etwa ein halbes Dutzend an Alter und Kleidung verschiedener Hofleute, die um eine Zimmerfontäne herum gruppiert waren, zum Teil standen, um sich in dem erfrischenden Staubregen abzukühlen, zum Teil unterwürfiger knieten; unter den letzteren ein fetter und nach Zynikerart in Lumpen gekleideter Greis, Michael Argelastes, sich dabei aber trotz seiner philosophischen Tracht und Richtung, die ihn anderes hätten lehren müssen, als der peinlichste Beobachter höfischen Zeremoniells erweisend. Aber niemand hielt sich darüber auf, denn an diesem überzeremoniösen Hofe war jedes satirische oder witzige Wort aufs strengste verpönt. Achilles Tatius trat mit höfischer Geschmeidigkeit in das Gemach, nicht ohne Stolz, einen Mann hier einzuführen, der als der schönste Krieger des kaiserlichen Heeres gelten durfte. Hereward aber stutzte beim Eintritt und zupfte, als er sich in solch edler Gesellschaft sah, an sich herum; sein Kommandant suchte ihn durch ein kaum merkliches Achselzucken zu entschuldigen, gab aber gleichzeitig Hereward einen Wink, den Helm vom Haupte zu nehmen und sich auf die Erde zu werfen; der breithüftige Angelsachse jedoch, dieser Winke nicht achtend, trat einfach vor den Kaiser hin und salutierte, das Knie beugend, an den Helm fassend, die Streitaxt schulternd; worauf er sich gleich einer Schildwache vor dem kaiserlichen Sessel aufpflanzte. Es verfloß einige Zeit, bis der Kaiser, der in einem Zustande von Halbschlummer oder doch Zerstreutheit durch die Lektüre seiner Tochter über eine Periode aus der Zeit seiner Kämpfe mit Robert Guiscard dem Apulier versetzt worden war, den Waräger bemerkte. Sein Blick glitt von ihm zu Achilles Tatius hinüber. »Ei, unser getreuer Akoluth?« rief er; »sprecht! was soll dieser Mann von der Leibgarde zur Nachtzeit allhier?« – Dies war für die versammelte Gesellschaft von Höflingen der richtige Augenblick, sein Gesicht zu studieren, um das Verhalten danach zu regeln. Aber ehe der Patriarch sich eine Meinung hatte bilden können, die wieder für die übrigen maßgebend gewesen wäre, hatte Achilles durch ein paar Worte Majestät in die Erinnerung gerufen, daß der Waräger zufolge kaiserlichen Sonderbefehles hier erschienen sei. – »Ganz recht! ganz recht!« antwortete gnädig der Kaiser, dessen Stirn sich sogleich aufheiterte, »die Staatsgeschäfte hatten uns den Fall aus dem Sinne gebracht.« Dann wandte er sich mit einem größern Anstrich von Herzlichkeit, als er den Höflingen gegenüber zeigte – denn Monarchen haben zu Leibgardisten immer mehr Zuneigung als zu jenen – zu Hereward, und fragte zum Erstaunen aller: »Ei, wackerer Waräger, wie geht's uns denn?« – Und Hereward erwiderte treuherzig und kräftig, in seiner sächsischen Mundart: »Waes hael, Kaisar mirrig und machtigh!« was so viel hieß wie: »Heil Dir, großer und mächtiger Kaiser! – Waren die anwesenden Höflinge darüber noch mehr in Staunen geraten, so wußten sie sich kaum zu fassen, als der Kaiser zu diesen Worten nicht allein lächelte, sondern in der Sprache seiner Leibwächter mit dem bekannten Gegengruße: »Drink hael!« antwortete. Ein Page brachte einen silbernen Becher mit Wein. Der Kaiser berührte ihn mit den Lippen, ohne indes davon zu kosten; dann ließ er ihn dem Waräger reichen und befahl ihm, zu trinken. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und leerte den Becher bis auf die Nagelprobe. Ein Lächeln durchflog den Kreis ob dieser Heldentat; der Kaiser aber fragte seinen Leibgardisten, ob er den Wein schon kenne. – »O ja,« erwiderte dieser, ohne die Farbe zu ändern, »hab' ich ihn doch bei Laodikaia gekostet!« Achilles Tatius verfärbte sich ob dieser Antwort des Warägers und bemühte sich umsonst, ihn durch Zeichen zum Schweigen zu bringen; der Waräger aber, dessen Aufmerksamkeit ganz seinem Kaiser gehörte, bemerkte nicht das mindeste, obgleich sich zuletzt auch Zosimus und Nikanor über die Winke des Akoluthen zu amüsieren anfingen. Die Unterhaltung zwischen Kaiser und Waräger nahm infolgedessen ihren Fortgang. »Ei, welcher Schluck hat Dir besser gemundet?« fragte Alexius, »der hier, oder der dort?« – »Hier, o Kaiser, ist die Gesellschaft schmucker und angenehmer als damals die der arabischen Bogner,« erwiderte Hereward, sich mit angeborener Höflichkeit verneigend, »aber es fehlt hier an der Würze, die dem Trunke dort Sonnenbrand und Schlachtenstaub und achtstündiger Kampf verliehen!« – »Auch dürfte wohl,« bemerkte der dicke Agelastes, »der Becher hier kleiner sein als der von Laodikaia war?« – »Fürwahr, das stimmt!« pflichtete der Leibwächter bei, »dort trank ich aus dem Helm!« – »Zeige uns die beiden Becher, Freund,« sagte Agelastes, den Scherz weitertreibend, »denn mir war's fast, als wolltest Du den jetzigen mit hinunterschlucken?« – »Nicht alles schlucke ich hinunter,« erwiderte der Waräger, »doch kommt's drauf an, was von einem Greise herrührt, und was von einem Jungen!»« Wieder durchflog ein Lächeln den höfischen Kreis, aber es galt nicht dem Waräger, dessen kurze Antwort ihn in Respekt gesetzt hatte, sondern dem Zyniker, der trotz seines Witzes dem andern unterlegen war. Obendrein nahm der Kaiser zu des Warägers Gunsten das Wort: »Nicht zu dem Zwecke bist Du gerufen worden, wackerer Sohn, eitlen Spöttern die Zielscheibe abzugeben!« – Der dicke Agelastes fuhr zurück wie ein betrippter Pudel, und nun mischte auch die Prinzessin, deren Gesicht schon eine Zeitlang Ungeduld gezeigt hatte, sich in das Gespräch. »Beliebt es meinem geliebtesten kaiserlichen Vater,« sprach sie, »den glücklichen Menschen, die Zutritt zu diesem Musenhaine gefunden, die Gründe zu nennen, die Euch veranlaßt haben, diesem Kriegsmanne heute abend einen Platz, weit über seinen Stand erhaben, hier anzuweisen? Erlaubt mir die Bemerkung, daß es sich für uns wohl nicht schicken mag, diese Zeit mit eitlen Späßen zu vertreiben, denn wie jeder Augenblick Eurer Muße, soll auch sie der Wohlfahrt des Reiches geweiht sein.« »Erlaubet auch mir, mein edler Gemahl, gleich unserer durch Weisheit ausgezeichneten Tochter,« sprach nun Kaiserin Irene, die gleich allen Müttern, die nicht selbst mit Gütern des Geistes gesegnet sind, für fremdes Talent kein Auge hatte, aber dasjenige ihres Lieblingskindes bei jeglichem Anlasse ausposaunte. »Euch vorzuhalten, daß in diesem den Studien Eurer Tochter geweihten Musensitze solch ein Kasernenton, wie er soeben hier laut wurde, um so weniger heute am Platze ist, als uns Euer Ruhm, o Gemahl, aus dem zarten Munde unseres Kindes verkündet wurde, verewigt in einer geschichtlichen Abhandlung, die erhalten bleiben wird bis ans Ende der Welt!« Dem Kaiser Alexius mochte es bei dieser kleinen Gardinenpredigt seiner erlauchten Gemahlin, die sich gern einmal gegen seine Oberherrlichkeit auflehnte, obwohl sie es sonst bei keinem Sterblichen litt, ein wenig schwül ums Herz geworben sein, denn er antwortete, nachdem er sich durch einen tiefen Seufzer einigermaßen Erleichterung geschaffen hatte, etwas kleinmütig: »Liebes Ehgemahl und sehr edle, purpurgeborene Tochter! Verzeiht die Erinnerung, daß Ihr gestern abend den Wunsch nach einer genauen Beschreibung der Schlacht von Laodikaia aussprachet, und daß zufolgedessen Wir Unsern getreuen Akoluthen beauftragten, denjenigen Waräger aus der seinem Kommando unterstellten Garde auszuwählen und herzuführen, der am befähigtsten sei, über dieses denkwürdige und blutige Ereignis genauen Bericht zu erstatten. Wir vermuteten nun, diesen Waräger vor Uns zu sehen.« Hier ergriff Achilles Tatius das Wort: »Mit Verlaub, Kaiserliche Hoheit! Die Blume der Waräger, der Barbar der Barbaren steht hier, seiner Abkunft und Bildung nach freilich nicht würdig dazu, aber ein Mann, so tapfer und treu, so ergeben und eifrig, daß ...« – »Laß genug sein, wackerer Akoluth,« sprach der Kaiser, »wenn ich nur weiß, daß er im Kampfe seinen Mann steht, so hat er uns allen nicht wenig voraus, denn wenn wir der Wahrheit treu bleiben wollen, so hat sich das nicht immer von meinem Kommandanten, und wohl auch von mir nicht, sagen lassen. Sprich also kurz, Achilles Tatius, was Du in dieser Hinsicht von Deinem Schützling zu sagen weißt, denn unser teures Ehgespons und purpurgeborene Tochter fangen, wie Du wohl selbst siehst, ungeduldig zu werden an.« »Hereward,« erklärte Tatius, »ist in der Schlacht ruhiger und gesammelter als mancher andere beim festlichen Reigen; er wiegt ohne Frage vier Eurer besten übrigen Diener, mit Ausnahme Eurer Waräger auf.« Der Kaiser, runzelte die Stirn. »Akoluth,« sprach er, »durch derartige Ruhmrednerei erhitzest Du die Phantasie dieser Fremdlinge, so daß sie Lust gewinnen, sich über das Gesetz hinwegzusetzen und Händel mit den anderen Söldnern meines Heeres zu suchen.« – »Kaiserliche Majestät gestatten mir hierauf zu erwidern, daß ich es zu keiner Zeit an Ermahnungen zur Festhaltung strammer Disziplin fehlen lasse meinem Warägerkorps gegenüber, und ich darf wohl annehmen, daß der hier anwesende Waräger Verstand und Wahrheitsliebe genug besitzt, mir das zu bezeugen.« Er lenkte den Blick auf Hereward, der durch ein kräftiges Nicken die Rede seines Hauptmanns bekräftigte, worauf dieser, wieder zuversichtlicher als vordem, fortfuhr: »Freilich hätte ich besser gesagt, unser Waräger nehme es mit einem halben Dutzend der schlimmsten und wehrhaftesten Feinde kaiserlicher Majestät auf.« – »Wohl, das klingt auch besser zu Ohren,« erwiderte der Kaiser, »und für Unsere geliebte Tochter, die all Unsere zum Wohle des Reiches vollführten Taten getreulich registriert, wollen Wir hierbei nicht unterlassen, zu bemerken, daß Uns daran liegt, erwähnt zu sehen, daß, wenn auch Unser Schwert in der Scheide nicht rostete, Unser Sinn doch nie nach Blutvergießen gestanden hat.« »Ich hoffe, das weder vergessen zu haben, noch je zu vergessen, mein edler Vater,« sagte Anna Komnena, wandte sich dann an die Zuhörer und nahm aus den Händen der Dienerin eine Pergamentrolle. Nachdem sie eine Weile darin gelesen, würdigte sie Hereward der folgenden Worte: »Tapferer Barbar! Wie Du aus dem Munde meines kaiserlichen Vaters bereits vernommen, weilst Du hier zu dem Zwecke, Bericht zu erstatten über den Verlauf der blutigen Schlacht bei Laodikaia. Du wirst aus meinem Munde vernehmen, was ich bereits auf grund der Mitteilungen, die mir mein kaiserlicher Vater einerseits, und seine Offiziere, der Befehlshaber der kaiserlichen Armee, Nikanor, und der Kommandant der Waräger, Achilles Tatius, anderseits darüber gemacht hat, niedergeschrieben habe. Da Du im Handgemenge mitgefochten hast, wirst Du Wichtiges zu erzählen wissen über den Verlauf der Ereignisse zur Zeit, als sich die Schlacht zugunsten der kaiserlichen Armee wandte, sowie über die Irrtümer und Mißgriffe, die auf unserer Seite begangen worden sind.« »Meine Gnädigste,« antwortete ihr der Waräger, »ich werde aufmerksam zuhören; aber es wird mir nie beikommen, Kritik an dem Schriftwerke einer purpurgeborenen Prinzessin oder an dem Verhalten der mir vorgesetzten Heerführer zu üben. Ich könnte höchstens hinsichtlich des unüberwindlichen Protospatharius sagen, daß ich ihn, meines Wissens im Einklänge mit der Pflicht eines Heerführers, nie anders als auf Speerwurfsweite von jedem gefahrdrohenden Platze gesehen habe.« Des Warägers kühne Rede blieb nicht ohne Eindruck auf die Anwesenden; der Kaiser sowohl wie Achilles Tatius waren sichtlich erfreut, so gut einer gefürchteten Schlappe entgangen zu sein; der Protospatharius tat sein möglichstes, seinen Groll zu verbergen; Agelastes flüsterte dem neben ihm sitzenden Patriarchen zu, daß es dieser nordischen Streitaxt weder an Wucht noch an Schärfe gebreche; der Patriarch aber winkte ihm, zu schweigen, und sagte; »Die Prinzessin will sprechen.« Viertes Kapitel. Des hohen Ranges und der hohen Geburt ungeachtet, zeigte die Prinzessin Anna Komnena sich augenscheinlich eifriger besorgt, mit ihrem Vortag den Beifall Herewards zu gewinnen, als den der Höflinge. Ihrem Blicke entging es nicht, daß der Waräger ein Mann von großer körperlicher Schönheit war, und erklärlicherweise regte sich bei ihr ein gewisser Wunsch, bei ihm Gefallen zu finden. War er auch als Barbar des hier herrschenden Zeremoniells überhoben, so ließ sich nicht verkennen, daß er über einen angeborenen Anstand verfügte, der ihm weit besser stand als jeder gekünstelte oder angedrillte. Zudem weckte sein soldatisches Temperament und seine stramme Haltung Sympathie und Interesse. Auch für den Waräger waren die Umstände nicht danach beschaffen, ihn unbedingt gleichgültig zu lassen. Anna Komnena war zwar keine jugendliche Dame mehr; wie weit sie aber über den Zeitpunkt hinaus war, wo sich die Schönheit der Frau dem Niedergänge zuwendet, war bis auf die vertraute Dienerschaft der Schlaf- und Wohngemächer für jedermann ein Geheimnis. Dem allgemeinen Aussehen nach zu schließen, mochte die Prinzessin ihr siebenundzwanzigstes Jahr vollendet haben. Wenn sie auch nach griechischem Begriffe keine Schönheit ersten Ranges war, so konnte sie recht wohl als solche für einen nordischen Barbaren noch gelten. Die Fälle, wo ein siegreicher Heerführer von der Witwe eines Herrschers zum Ehgemahl erkoren worden, waren in jenen Zeiten gewaltsamer Umwälzungen durchaus keine Seltenheit; Hereward indessen erblickte in Anna Komnena, wenn ihm auch die Aufmerksamkeit schmeichelte, die ihm von ihr geschenkt wurde, nur die Tochter seines Kaisers und aus freiem Willen erkorenen Oberherrn und das Ehgemahl eines edlen und gütigen Fürsten: Vernunft sowohl als Pflicht verboten ihm also, die Prinzessin in irgend welchem andern Lichte anzusehen. Endlich begann die Prinzessin, zuerst freilich mit etwas unsicherer Stimme, ihren Vortrag. Je weiter sie aber in das eigentliche Thema des Abends, die Schilderung der Schlacht von Lavdikaia, kam, desto kräftiger und lauter sprach sie. Den Waräger hatten die darin vorkommenden Auftritte schon wiederholt in sichtliche Erregung versetzt, denn er hatte der Schlacht vom Anfang bis zum Ende beigewohnt, und zwar in ziemlich hervorragender Rolle. Hin und wieder, wie zum Beispiel bei der Schilderung eines mitternächtlichen Kriegsrates vor der Schlacht, oder wenn seinem Kommandanten Achilles Tatius überschwengliche Lobsprüche gezollt wurden, huschte ein Lächeln über sein Gesicht; ja auch der Name des Kaisers, trotz der Ehrfurcht, mit der seiner erwähnt wurde, weckte den von der Tochter beabsichtigten Eindruck nicht bei ihm. Wäre diese nicht so vertieft in ihre Pergamentrolle gewesen, so hätte ihr die Wandlung in dem Verhalten des Kriegsmannes wohl schon auffallen müssen; die stramme Haltung, mit der er beim Beginn des Vortrages vor dem kaiserlichen Stuhle gestanden, war schon eine Weile verschwunden, auf seinem Gesicht verriet eine innere Bewegung, die immer stärker wurde, je näher die Prinzessin der Szene kam, die zur Entscheidung geführt hatte: als die Kaiserlichen, aus einem Passe dringend, die Araber nach schwerem Ringen in die Flucht geschlagen hatten. Da wechselte der Waräger die Farbe, seine Augen zeigten einen wilden Glanz, in seine Glieder kam Leben, und sein ganzes Wesen schien so bei der Sache, daß er vollständig vergaß, wo er sich befand, die schwere Streitaxt zu Boden fallen ließ, die Hände rang und aus tiefster Brust die Worte hervorstieß: »O mein Bruder!« Als die schwere Waffe auf den Boden schlug, wurde von mehreren anwesenden Personen der Versuch gemacht, eine Erklärung dafür zu geben: Achilles Tatius stotterte ein Paar Worte von der rauhen Art seiner Waräger, den Schmerz kundzutun, und setzte auseinander, daß der in dem Passe Erschlagene der jüngere Bruder des hier anwesenden Barbaren gewesen sei; die Prinzessin war, obwohl sie nichts äußerte, sichtlich ergriffen, vielleicht auch bloß erfreut darüber, durch ihre Schilderung einen so starken Eindruck bewirkt zu haben. Von den übrigen Anwesenden sprach jeder in seiner Weise Worte, die Trost spenden sollten, denn Unglück, das aus natürlicher Quelle stammt, weckt auch bei verschlossenen Gemütern Teilnahme. Aber die Stimme des Kaisers legte einem jeglichen Schweigen auf. »Tapferer Krieger,« sprach er, »ich muß mit Blindheit geschlagen gewesen sein, daß ich Dich nicht früher erkannte, denn es steht im Reichsregister verbucht, daß dem Waräger Edward fünfhundert Goldgulden gezahlt werden sollen als Schenkung, zu der sich der Staat verpflichtet hält gegen einen so hervorragenden Diener wie Dich: und die Zahlung soll Dir nicht länger vorenthalten bleiben.« Des Warägers Gesicht nahm wieder seinen früheren rauhen Ernst an. »Nicht mir steht der Anspruch zu auf solche Spende, denn ich heiße Hereward; den Namen Edward führen drei Kameraden von mir, von denen jeder seine Pflicht gegen Eurer Majestät Reich so getreu und gewissenhaft erfüllt hat wie ich.« – Achilles Tatius versuchte wieder alle möglichen Zeichen und Winke, seinen Soldaten vor solcher Torheit, wie sie die Zurückweisung einer kaiserlichen Spende sei, zu bewahren. Agelastes der Zyniker aber ergriff laut das Wort im gleichen Sinne. »Mein junger Freund,« sagte er, »nimm solche Gelegenheit, Dir einen neuen Namen beizulegen, getreulich wahr! Was kann Dir gelegen sein an einem Namen, den Dir ein Pfaffe bei der Taufe beigelegt hat, im Vergleich zum Namen Edward, durch den es dem Licht der Welt gefallen hat, Dich aus der Sippe der Barbaren herauszuheben? den Du hinfüro zu führen, mit Stolz zu führen ein Anrecht hast?« – »Hereward war meines Vaters Name,« erwiderte der Soldat, der seine volle Ruhe wiedergefunden hatte, »und so lange ich meines Vaters Andenken ehre, solange kann ich auch seines Namens mich nicht begeben. Zudem hieße das, mich auf Kosten eines Kameraden zu bereichern.« – »Still!« rief der Kaiser dazwischen, »ist Uns ein Irrtum unterlaufen, so verfügen Wir über Mittel und Vermögen genug, ihn gut zu machen. Hereward soll nicht zu kurz kommen, wenn einem andern, namens Edward, die registrierte Prämie zusteht.« – »Wollen das Weitere in dieser Angelegenheit Kaiserliche Hoheit ihrem Ehgemahl anheimstellen!« nahm Kaiserin Irene das Wort. – »Unser kaiserlicher Vater ist so eifrig bemüht, Liebe und Gunst zu erweisen,« erklärte Anna Komnena, »daß er selbst seinen nächsten Anverwandten nicht vergönnen mag, Großmut zu üben. Ich will indes, so weit es in meinen Kräften steht, dem tapferen Waräger Dankbarkeit erzeigen dadurch, daß ich seinen Namen in meiner Geschichte durch gewissenhafte Aufzählung seiner Taten der Nachwelt überliefere. Zum Zeichen, mein Braver,« setzte sie hinzu, indem sie einen kostbaren Ring vom Finger zog, »daß ich mein Versprechen auch halten werde, nimm hier dieses Kleinod!« – Mit einer tiefen Verbeugung, zugleich einer ihm in seiner Stellung zukommenden Miene von Beklommenheit nahm der Waräger das wertvolle Pfand aus der Hand der Prinzessin und drückte es respektvoll an die Lippen. »Du köstliches Kleinod!« rief er; »wohl wird es uns nicht lange vergönnt sein, zusammen zu bleiben; doch darfst Du versichert sein,« setzte er hinzu, einen Blick der Dankbarkeit auf die Prinzessin heftend, »daß nur der Tod dich mir entwinden wird!« – »Prinzessin-Tochter,« nahm Kaiserin Irene das Wort, »Du hast zur Genüge gezeigt, daß Du beim Manne tapferen Sinn zu ehren und zu preisen weißt; gleichviel, ob er sich findet beim Römer oder beim Barbaren, darum fahre fort in Deiner Schilderung!« Mit einer Miene, die eine leichte Verlegenheit verriet, folgte Anna Komnena der mütterlichen Aufforderung, war aber kaum über die ersten Sätze der Fortsetzung hinaus, als die Haupttür des Saales aufflog, geräuschlos zwar, doch mit beiden Flügeln zugleich. Hieran ließ sich ermessen, daß es kein Höfling war, der eintrat, sondern ein Mann hohen Ranges, denn nur einem in Purpur Geborenen oder mit solchem Engverwandten stand hier ein solches Vorrecht zu. Die meisten der im Studiersaale anwesenden Personen schienen zu wissen oder doch zu ahnen, wessen Eintritt zu erwarten stand; und wenn sie den Ehgemahl der Prinzessin-Tochter und gelahrten Geschichtsschreiberin, den in der schönsten Blüte der Männlichkeit stehenden Nikephoros Briennios, wohl dem Range, aber nicht dem Rechte und der Würde nach – denn die Politik seines kaiserlichen Schwiegervaters hatte mehrere Personen zwischen ihn und sich einzuschalten verstanden – die zweitmächtigste Person im oströmischen Reiche, erwartet hatten, so sollten sie sich nicht getäuscht haben. Fünftes Kapitel. Es war ein stattlicher Mann, der jetzt dem Sessel des Kaisers sich näherte, zum Zeichen der Huldigung das Knie tief beugend, und dann, von der Kaiserin steif und gezwungen begrüßt, zu dem leeren Sitze neben seiner Gemahlin, der Prinzessin Anna Komnena, sich verfügte. An seiner reichen, vornehmen Tracht und an den vielen Zeichen seiner Würde ließ sich der hohe Rang erkennen, der ihm gehörte. Er stammte aus dem vornehmsten, dem kaiserlichen durchaus ebenbürtigen Geschlechte des griechischen Kaisertums, und Alexius Komnenos war auch vorwiegend durch politische Rücksichten zu diesem Ehebunde seines Kindes bestimmt worden. Von einer Liebesheirat war hier nicht zu sprechen; denn Anna Komnena liebte es zu sehr, die gelehrte Dame zu spielen, um einem Manne, wie ihr Gemahl es war, volle Befriedigung zu schaffen, und es war bei Hofe ein offenes Geheimnis, daß Nikephoros Briennios nicht zu jenen Männern gehörte, die der Frau strenge Treue wahren. Allerdings vermied er ebenso streng jeglichen Eklat; anderseits war seine Familie zu mächtig und angesehen, als daß der Kaiser es zu einem solchen hätte kommen lassen mögen. Zudem stand Nikephoros Briennios in dem Rufe, ein gewandter Kriegs- und Staatsmann zu sein, zum wenigsten unterließ es sein Schwiegervater nie, bei allen wichtigeren Staatsgeschäften seinen Rat und Beistand einzuholen. Der Kaiser brach zuerst das peinliche Schweigen, das nach dem Eintritte seines Schwiegersohnes in dem Raume herrschte; denn seine Gemahlin bereitete ihm einen höchst kühlen Empfang, und die Frau Schwiegermutter gehörte nicht zu den liebenswürdigeren dieser Gattung von Damen. »Ihr kommt freilich ein wenig spät, lieber Sohn,« sprach Alexius, »aber Ihr werdet wohl nicht leiden wollen, daß Unsere Anna die Lektüre abbreche, die Uns bislang so sehr erbaut hat? Sie liest heute abend die Schilderung Unserer siegreichen Schlacht von Laodikaia!« – »Dem Cäsar,« ergriff die Kaiserin Irene das Wort, »scheinen die edleren Genüsse, die ihm in Unserem Kreise winken, noch immer nicht sonderlich zu behagen; er sucht und findet anderweit wohl Zerstreuung, die ihm besser mundet.« – »Meine Gnädige,« erwiderte Nikephoros, »möge mir gestatten, sie an das alte Wort » de gustibus etc .« zu erinnern; es dürfte, wie anderen Leuten, wohl auch mir zur Entschuldigung gereichen; daß Unser allergnädigster Herr Papa sich über Milch und Honig, die zu Seinem speziellen Genusse fließen, freut und daran labt, verdenkt ihm kein Vernünftiger.« Die Prinzessin nahm nun in dem gespreizten Tone schöner Frauen das Wort, die sich von ihrem Galan gekränkt, nichtsdestoweniger geneigt zu einer Aussöhnung fühlen. »Wenn mein Gemahl sich vielleicht in meinem Werke zu stiefmütterlich bedacht findet, so darf er nicht vergessen, daß es sein ausdrücklicher Wunsch war, mit jedem auf ihn besonders gemünzten Lobe zu kargen.« – »Meine liebwerte Gesponsin,« versetzte Nikephoros, »ich bin nicht hergekommen, mich an Deiner gelehrten Unterhaltung zu erbauen, sondern um mit unserem allergnädigsten Papa über dringende Staatsgeschäfte zu sprechen. Zu meinem Bedauern mache ich übrigens die Wahrnehmung, daß wir uns heute in recht gemischter Gesellschaft befinden.« Bei diesen Worten warf er auf den Waräger einen scheelen Seitenblick. »Ihr tut dem tapferen Waräger schweres Unrecht, Schwiegersohn,« nahm Kaiser Alexius das Wort, »wenn Ihr ihn so geringschätzig abfertigen wollt; denn er ist der Bruder jenes Warägers, der Uns durch seinen Heldenmut und Tod bei Laodikaia den Sieg verschaffte.« – »Bedaure lebhaft, mein kaiserlicher Gebieter und Papa,« erwiderte Briennios, »in einem so wichtigen Falle gestört zu haben; hoffentlich geht der Zukunft nichts von der ihr zugedachten Erleuchtung dadurch verloren! Ich habe bis jetzt gemeint, daß Schlachten unter dem Befehle Eurer Majestät und Eurer Feldhauptleute geschlagen, also auch gewonnen und verloren werden. Hoffentlich hat Unsere Frau Prinzessin in ihrer Schilderung nichts Wesentliches vergessen, oder hat der tapfere Waräger« – hier wandte er sich hochmütig nach der Seite hin, wo Hereward stand – »ihr mit etwas nachhelfen können?« – »Daß ich nicht wüßte,« erwiderte Hereward in seinem Herrentrotze – »es sei denn die Musik der Damenritter, die uns Kriegern bei der Rast am Bache in die Ohren drang und die freilich mit die süßeste war, die die Krieger hätten hören können!« – »Oho! wagst Du hier freche Spottrede? Aus meinen Augen! Und laß es Dir nicht wieder beikommen, Dich vor mir sehen zu lassen, außer auf direkten kaiserlichen Befehl! Pascholl!« und er erhob drohend den Arm. Der Waräger rührte sich nicht vom Platze, sondern blickte fragend auf Achilles Tatius als seinen Kommandanten; aber der Kaiser legte sich wieder ins Mittel. »Schwiegersohn,« sprach er mit hoher Würde, »Eure Rede kann Unsere Billigung nicht finden. Wenn zwischen Euch und Unsere Tochter sich Mißhelligkeiten schleichen, so erwächst Euch daraus noch kein Recht, Unseres kaiserlichen Ranges zu vergessen, indem Ihr einem Manne Pascholl zuruft, der auf Unseren Befehl sich hier befindet. Es entspräche nicht Unserem Belieben, wenn der Waräger Hereward oder Edward, oder wie sein Name sonst lautet, Uns jetzt verließe oder sich künftighin nach andern als Unsern oder seines Kommandanten Befehlen richten sollte. Indem Wir hiermit diese unliebsame Affäre aus der Welt geschafft zu haben meinen, fordern Wir Euch auf, Uns zu erklären, welcher Art die Staatsgeschäfte sind, die Euch hierher geführt haben. Schon wieder richtet Ihr Euren Blick auf den Waräger? Wir bitten Euch, um seinetwillen nicht zu warten; denn er besitzt Unser Vertrauen und nicht in geringerem Maße als jeglicher andere Rat oder Diener in Unserem Reiche.« – »Hören ist gehorchen!« antwortete, einlenkend, Briennios, denn er kannte seinen Schwiegervater zu genau, daß es ihm hätte entgehen sollen, in welchen Eifer sich derselbe hineinredete; »was ich zu melden habe, wird ohnedies bald in aller Munde im Reiche sein! Europa, kaiserliche Majestät, ist im Begriffe, sich über Asien zu stürzen!« – »Wohl eine Wiederholung jenes schwärmerischen Aufstandes zügelloser Barbaren, die unter dem schwärmerischen Vorwande, Syrien und die heiligen Stätten zu erobern, die Westgrenze unseres Reiches bedrohten?« fragte die Prinzessin ihren Ehgemahl. – »Nein, keine Wiederholung jenes Ansturms ungebildeter Massen,« erwiderte Nikephoros, »die von einem verrückten Einsiedler fanatisiert wurden und ihren Weg aus Deutschland nach Ungarn nahmen in der verrückten Hoffnung, es würden Wunder für sie geschehen wie damals, als Israel von einer Feuer- und Rauchsäule durch die Wüste geführt wurde. Aber es nährte sie kein Manna- und Wachtelregen, auch sprang kein Wasser aus den Felsen zu ihrer Erfrischung! Hunger und Durst machten sie vielmehr rasend, so daß sie zu plündern anfingen und es mit den Ungarn so wild trieben, daß diese sie haufenweise niederschlugen. Ganze Berge von Knochen sind heute noch Zeugen dieser Niedermetzelungen unheiliger Pilgerscharen.« »Damit erzählt Ihr Uns bloß bekannte Dinge,« bemerkte der Kaiser, »aber welch neues Unglück bedroht Uns? Sprecht offen! Gilt es der Zerstörung Unseres Reiches? der Austilgung seines Herrschers aus der Reihe der Erdenfürsten?« – »Von solcher Absicht ist die Rede nicht und kann die Rede nicht sein,« erwiderte Nikephoros, »obwohl diesmal alles, was Europa an weisen und würdigen, tapferen und edlen Streitern besitzt, unter dem heiligsten Gelübde verbündet ist zu dem gleichen Vorhaben, das damals jene unheiligen Horden beseelte.« Er überreichte dem Kaiser eine große Pergamentrolle. »Hier, allergnädigster Herr und Papa, findet Ihr das Verzeichnis der verschiedenen Heere, die im Anmarsche gegen unsere Grenzen sind. Den Vortrab führt der Graf von Vermandois, Bruder des Königs von Frankreich, mit der Blüte des französischen Adels, wie dem Paniere des heiligen Petrus, das dessen heiliger Nachfolger seinen Händen überantwortete. Er mahnt Dich, ihm einen seinem Range angemessenen Empfang zu bereiten.« – »Tönende Worte,« erwiderte der Kaiser, »aber der schlimmste Wind für Schiffe ist nicht allemal der, welcher laut heult. So ganz unbekannt sind Uns die Franzosen ja nicht; sie sind wohl tapfer, aber nicht minder leichtsinnig; und so lange, bis Uns Zeit und Gelegenheit andere Verteidigungsmittel in die Hände liefern, wollen wir ihrer Eitelkeit schmeicheln. Was steht weiter in Eurer Rolle, Schwiegersohn? Wohl das Verzeichnis der Begleiter des fränkischen Grafen?« – »Nein, kaiserlicher Herr!« antwortete Nikephoros, »soviel unabhängige Heerführer Euer Auge auf dieser Liste erblickt, soviel unabhängige europäische Heere ziehen auf verschiedenen Wegen dem Osten zu, mit der Absicht, Palästina den Händen der Ungläubigen zu entreißen.« – »Eine grausige Menge!« rief der Kaiser, einen Blick auf die Pergamentrolle werfend, »zum Glück dürfte gerade diese Ueberzahl die Möglichkeit langen Bestandes solcher Schwärmerei ausschließen. Sieh da! ein alter Bekannter! Herr Bohemund von Antiochien, Sohn des berühmten Robert von Apulien, der sich vom einfachen Ritter zum Herzog über Sizilien aufschwang und ganz Italien unter seine Botmäßigkeit brachte! Eine furchtbare Familie und ein Geschlecht von Geschick und Kraft! Doch Bohemund wird sich der Politik des Vaters nicht anbequemen, mag er auch noch so eifrig von Palästina und christlichen Interessen schwatzen! Läßt sich sein Interesse mit dem meinigen m Uebereinstimmung bringen, so wird er sich durch keine andere Rücksicht bestimmen lassen. Soweit ich seine Absichten und Pläne kenne, dürfte uns der Himmel in der Gestalt eines Feindes einen Freund senden. Wer steht nach ihm auf Eurer Liste, Schwiegersohn?« – »Gottfried, Herzog von Bouillon, wie ich höre, der weiseste und tapferste, auch edelste der auf dem Marsche gegen unsere Westgrenzen begriffenen Heeresmassen, in hohen Ehren bei der gesamten abendländischen Ritterschaft, weil er unentwegt Treue und Großmut in allen Handlungen wahrt. Sein gerechter Sinn, seine offene Hand und sein ehrliches Wort haben ihm auch das gemeine Volk gewonnen, und die Geistlichkeit sagt ihm den höchsten Glaubenseifer, die tiefste Ehrfurcht vor der Kirche nach. Mit Fug und Recht wird er als das eigentliche Haupt des Heereszuges angesehen.« »Recht zu beklagen, daß solch ein Fürst,« sprach der Kaiser, »sich von dem Fanatismus eines verrückten Einsiedlers, wie dieses Peters von Amiens, befallen läßt!« Eine Weile saß er überlegend da, dann fuhr er fort: »Es wäre wohl wert, zu erwägen, ob sich aus einem Teile der kleinasiatischen Länder, die jetzt von den Türken verwüstet werden, ein großes Reich bilden ließe? Die Moräste von Bouillon möchte es wohl aufwiegen, denn es gehörten ihm allerhand Vorzüge, als da sind: Boden, Klima, gewerbfleißige Bevölkerung und gesunde Luft. Allerdings müßte es von dem heiligen römischen Reiche ins Schlepptau genommen werden, würde aber unter dem Regiment eines Gottfried von Bouillon an der Spitze seiner siegreichen Franken ein Bollwerk abgeben können für Unsere gerechte und geheiligte Person. O, frommer Patriarch, würde solche Aussicht nicht jedem Kreuzfahrer den Appetit nach den steinigen Wüsten des gelobten Landes rauben?« – »Vornehmlich, wenn der Fürst, für den solch reiche Provinz in ein Lehen umgewandelt worden, zuvor zu dem allein wahren Glauben bekehrt worden, wie Kaiserliche Majestät doch sicher meinen!« – »Allerdings – ganz ohne Frage!« versetzte der Kaiser, aber mit recht gezwungenem Ernst, denn es fiel ihm ein, wie oft ihn politische Rücksichten genötigt hatten, nicht bloß lateinische Christen, sondern auch Manichäer und andere Häretiker, ja sogar Muhammedaner als Untertanen seines Reiches aufzunehmen, und daß derselbe Patriarch niemals eine Einrede dawider gemacht hatte. »Wir müssen also,« nahm Nikephoros wieder das Wort, »wider ein Volk in Waffen treten, dem der Kampf das eigentliche Lebenselement ist, das, wenn es nicht im Kriege steht, sich untereinander zum Zweikampf fordert, wie wir einen Freund zum Wagenrennen fordern.« »Genug, genug!« wehrte der Kaiser, »hat Gott den Franken Tapferkeit verliehen, die anderen Völkern fast übernatürlich erscheint, so hat er uns Griechen Weisheit im Rate verliehen: die Kunst also, statt durch Gewalt durch Klugheit zu siegen. Wir führen freilich nicht die Armbrust, die in den Händen der Franken eine furchtbare Waffe ist; dagegen sind wir im Besitze des griechischen Feuers, mit Recht so genannt, da nur griechische Hände es bereiten können und nur durch sie seine Blitze auf den bestürzten Feind geschleudert werden können.« Nachdem der Kaiser sich im Kreise umgeblickt hatte, sprach er, ohne sich durch die Blässe auf den Gesichtern seiner Räte beirren zu lassen, in zuversichtlichem Tone fort: »Die schlimme Zeitung, die Unser teurer Schwiegersohn, der Cäsar, Uns gebracht hat, meine würdigen und ernsten Räte, nötigt Uns, die Abendandacht, die wir den Musen schulden, abzukürzen, denn sie stimmt Uns nicht bloß zum Nachdenken, sondern legt Uns auch die Pflicht auf, über Mittel und Wege zu sinnen, wie Wir ihr günstige Seiten abgewinnen können. Darum wollen Wir Uns jetzt verabschieden. Auf Wiedersehen im Staatsrat, meine edlen und getreuen Räte!« Die Höflinge überboten einander in Wünschen, daß diese fleißigen Studien keine schlimmen Folgen für die Gesundheit haben möchten. Nikephoros reichte seiner schönen Gemahlin den Arm. »Mein Cäsar,« sagte die Dame, »in dem Berichte, den Du uns heute gebracht, hast Du Dich so eleganter Wendungen bedient, daß ich fast meinen möchte, die neun Göttinnen, denen dieser Tempel geweiht ist, haben Dir Sinn und Form eingegeben.« – »Der Genius meiner eigenen Muse,« erwiderte Nikephoros, »birgt alle die Eigenschaften in sich, die den heidnischen Gottheiten des Parnasses von den heidnischen Völkern des Altertums zuerteilt wurden.« – »Vortrefflich gesprochen,« erwiderte die gelehrte Frau; »wenn Du aber Dein Ehgemahl über Verdienst mit Lob beschwerst, so mußt Du schon die Liebenswürdigkeit hinzufügen, ihr Deinen Arm zur Stütze zu lassen.« Als sich die kaiserliche Familie entfernt hatte, ging die Versammlung auseinander, um jeder für sich andere Gesellschaft aufzusuchen, in der sie sich freier und ungezwungener bewegen konnten als in diesem den Musen geweihten Tempel. Sechstes Kapitel. Der Kommandant führte den Waräger wieder auf dem gleichen Wege, den sie hergekommen waren, aus dem Palaste ins Freie hinaus, und als der letztere die vielen Türme, Giebel und Mauern hinter sich wußte, fühlte er sich wie von einer Zentnerlast erleichtert und blickte mit wahrer Herzenswonne zu dem tiefblauen griechischen Himmel auf, dessen Sterne in ungewöhnlicher Helligkeit funkelten. Es war ihm zumute, als sei ihm nach langer Kerkerhaft die Freiheit wiedergegeben worden. Er mußte dem übervollen Herzen Luft machen und redete sogar, im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit, seinen Vorgesetzten an: »Tapferer Hauptmann, die Luft in den Mauern, die wir glücklich hinter uns haben, mag ja süß sein, wirkt aber erstickend; man meint mehr, in einer Totengruft sich zu befinden als in einer menschlichen Wohnung.« – »Freue Dich,« erwiderte Tatius, »wenn Wohlgerüche, die, statt Tod zu säen, Tote lebendig machen könnten, den stumpfen Sinn in Dir ersticken, statt aufzufrischen. Aber das muß Dir der Neid lassen, daß Du, als Barbar, der im beschränkten Kreise eines Wilden das Licht der Welt erblickt hat, heute eine Probe gut bestanden hast, der kein anderer aus meiner erlesenen Schar gewachsen gewesen wäre. Ich schließe hieraus, daß die Natur Dich zu Höherem bestimmt hat. Aber sprich: ist Dir nicht auch brühwarm der Lohn dafür zuteil geworden?« – »Ich will das nicht in Abrede stellen,« erwiderte der Waräger, »die Freude, davon, daß Normannen hierher unterwegs sind, vierundzwanzig Stunden früher als meine anderen Kameraden Kenntnis erhalten zu haben, ist für das bißchen Ungemach, aus Frauenmunde über Dinge einen Vortrag mit anzuhören, von denen sie keinen Dunst hat, und Männer, die auch nichts dabei zu tun gehabt, dazu katzbuckeln und scherwenzeln zu sehen, immerhin, wenn auch keine große, so doch eben eine Entschädigung.« – »Hereward! Hereward! mich will bedünken, der Verstand gehe mit Dir durch,« ereiferte sich der Kommandant, »ich glaube, es wäre gut, Dich einem erprobten Manne unterzustellen, der Dir die Zügel ein wenig stramm hält. Merke Dir, daß zu viel Kühnheit zu Tollkühnheit führt! Und wenn es Dich eitel machen sollte, daß Du einer im Purpur geborenen Prinzessin, die meine Augen kaum anders als hinterm Schleier zu sehen gewohnt sind, frei ins Auge hast blicken dürfen, dann bist Du, fürwahr! von Tollheit nicht fern!« – »Meinetwegen!« versetzte Hereward; »aber sagt mir doch, wozu mögen schöne Larven denn auf der Welt sein, wenn man sie nicht ansehen soll? Und wozu mag unser Herrgott den jungen Männern die Augen in den Kopf gesetzt haben, wenn nicht zum Sehen?« – »Immerhin möchte ich meinen, daß Du der Prinzessin eher keck als züchtig, in die Augen geblickt hättest!« – »Bester Hauptmann, oder, wenn Ihr es lieber hört, bester, Akoluth,« erwiderte der Angelsachse, »treibt einen Menschen, der gewohnt ist, zu reden, wie es ihm ums Herz ist, nicht aufs äußerste, wenn er weiter nichts will, als sich der Familie seines Kaisers dienstwillig erweisen. Kann ich es ändern, wenn die Kaisertochter und Cäsarsgemahlin so recht aussieht wie ein schmuckes, liebes Weibchen? Wenn ich auch keine hohe Meinung von ihrer schreibseligen Ader hege, so würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen, jeden, der sich über ihre Frauenschönheit abfällig äußern wollte, in die Schranken zu fordern. Ich will ohne weiteres zugeben, daß es noch schönere Damen gibt als die Prinzessin Anna Komnena; und zwar um so bereitwilliger lasse ich's gelten, als ich selbst schon eine Dame gesehen habe, die mir weit schöner als sie zu sein bedünkt. Somit können wir wohl, meiner Meinung nach, die Unterredung als abgeschlossen betrachten?« »Deine Dame, Du Simpel!« rief Achilles, »ist sicher das Kind eines nordischen Bauern, der neben jenem Bauerngute hauste, in welchem jener Esel geworfen wurde, der vor Dummheit und Uebermut aufs Eis tanzen ging?« – »Hauptmann,« versetzte der Waräger, »redet, wie es Euch beliebt! Für uns beide bleibt's doch einmal das beste, die Unterhaltung fallen zu lassen. Haltet Ihr mein Urteil nicht viel wert, so ich das Eurige um nichts werter; und eine Person, die Ihr noch mit keinem Auge gesehen habt, verkleinern zu wollen, kann Eurem Sinne, wenn derselbe wirklich verständig ist, wohl nicht beikommen. Tätet Ihr es aber, wenn Ihr sie gesehen, so dürfte ich Eure Worte, wenngleich Ihr mein Vorgesetzter seid, so geduldig kaum hinnehmen!« Es war nicht die Weise des Akoluthen, die hitzigen Gemüter der ihm unterstellten Waräger aufs äußerste zu bringen oder sich ihnen gegenüber mehr herauszunehmen, als sie vertragen konnten; zudem war Hereward einer von jenen Warägern, die es unbedingt ehrlich mit ihren Vorgesetzten meinten, ohne jeden Vorbehalt oder Hintergedanken: und so meinte der Kommandant, am besten zu tun, wenn er klein beigab und gutwillig eingestand, daß es ihm durchaus fern gelegen habe, den Empfindungen des jungen Kriegers irgendwie nahe zu treten. Das war auch wirklich der beste Weg, den aufgestiegenen Groll zu ersticken, und Achilles Tatius, dem daran gelegen war, noch über eine andere Sache mit Hereward zu sprechen, begann nach einer längeren Pause, als sie sich den Kasernen genähert hatten, in einem weit vertraulicheren Tone als bisher: »Mein Freund, ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß Dir von den Personen, die Du in der geheiligten Gegenwart des Kaisers und seiner Familie gesehen, keine entgangen ist? Daß Du Dich vielmehr auch jenes Mannes von unhöfischem Aeußeren erinnerst, der sich den ganzen Abend über, wie es immer seine Gewohnheit, in der kaiserlichen Gegenwart nicht niedersetzte?« »Ihr meint den Greis mit der großen Glatze und dem langen, weißen Barte, der bis zu dem Tuche niederwallt, mit dem er statt der seidenen Schärpe der andern Hofleute seine Lenden gürtet?« – »Du verstehst zu schildern, Waräger,« antwortete Achilles: »ist Dir noch mehr an dem dicken Herrn aufgefallen?« – »Daß sein Anzug wohl aus grobem Stoffe, aber reinlich war, und daß es mir vorkam, als wolle der Mann wohl zeigen, daß er arm sei und höfische Tracht verachte, gleichwohl aber Ordnung und Sauberkeit liebe.« – »Bileam hat sich, fürwahr! nicht ärger verwundern können, als sein Esel sich zu ihm wandte und redete, als ich mich wundere über die scharfe Beobachtungsgabe, die Dir zu eigen ist, Freund Hereward! Ich merke, man muß sich vor Deinen Augen nicht minder hüten als vor Deiner Axt!« – »Nichts für ungut, Kommandant: aber wir Engländer haben sowohl Augen als Hände, gestatten aber unserer Zunge, nur dann zu reden, wenn es sich mit unserer Pflicht vertragt. Ich habe auf die Reden, die der Greis führte, nur wenig geachtet; immerhin hat er auf mich den Eindruck gemacht, wie wenn er ein wenig zu Hanswurstiaden neigte, freilich im Widerspruch zu seinem Gesicht, so daß man meinen könnte, es verstecke sich dahinter irgend welche tiefere Absicht.« »Du redest wahr, Hereward!« rief Achilles, »Agelastes ist ein Rätsel, wie auf Erden wohl nur selten wieder eines gefunden worden; er ist im Besitz der Weisheit der Alten und dabei durchtrieben wie Brutus, der ja bekanntlich auch sein großes Talent hinter der Maske eines Spaßmachers zu verbergen liebte. Er begehrt weder ein Amt, noch trachtet er nach einer Auszeichnung, sondern erscheint nur am kaiserlichen Hofe, wenn er geladen wird. Aber ohne daß er es sich sauer werden ließe, gewinnt er Einfluß auf die Menschen und Gewalt über sich; er soll sogar Umgang pflegen mit anderen Wesen, denen unsere Ahnen Opfer darbrachten, aber so wahr ich Achilles Tatius und Kommandant der Warägergarde bin, den Weg, auf dem er so leicht und hoch zu dem Gipfel steigt, den wir andern Hofleute nur mühsam erklettern, muß ich kennen lernen, und es müßte schlimm zugehen, wenn er die Leiter nicht mit mir teilte oder ich sie ihm nicht unter den Füßen wegziehen sollte. Zum Beistand hierbei, Hereward, habe ich Dich ersehen,« – »Sehr verbunden, Euer Edlen,« antwortete der Waräger, aber bei weitem nicht mit der Begeisterung, deren sich Achilles versehen hatte, »was meine Pflicht und, Schuldigkeit ist, will ich gern tun und Euch in allem zu Diensten sein, was sich mit dem Dienste Gottes und des Kaisers verträgt. Bloß merkt Euch, daß ich als Mann, der seinen Diensteid geleistet hat, nichts tun werde, was wider den Kaiser ist, und als gläubiger, wenn auch unwissender Christ stets die Satzungen der heiligen Kirche zur Richtschnur meines Handelns nehmen werde.« – »Simpel!« rief Achilles, »als einer der höchsten Würdenträger dieses Kaiserreiches werde ich wohl gerade Neigung hegen, wider Kaiser und Kirche zu handeln?« – »Fürwahr! das sollte auch niemand mehr in Betrübnis setzen als mich! Immerhin müssen wir gerade darum, weil wir in solchem Labyrinthe wandeln, Sorge tragen, daß wir uns nicht verirren, sondern immer auf dem geraden Wege verweilen. Es wird hier in so mancherlei Weise gesprochen, daß sich recht oft der rechte Sinn der Rede nicht erkennen läßt. Bei uns zu Lande hingegen ist's üblich, so unverblümt zu reden, daß es dem ärgsten Wortklauber schwer fallen möchte, zweierlei Sinn aus einer Rede heraus zu spintisieren.« Der Akoluth blieb stehen und reichte dem Waräger die Hand – eine besondere Auszeichnung, die wohl kaum einem andern seiner Untergebenen erwiesen worden war. »Gut für heute,« sagte er, »wir wollen morgen weiter darüber reden. Finde Dich nach Sonnenuntergang in meiner Wohnung ein. Bis dahin sollst Du freier Herr Deiner Zeit sein. Amüsiere Dich oder ruhe Dich aus! Willst Du meinem Rate folgen, so laß das erste und tu das andere, denn morgen dürften wir wohl wie heute lange Nacht machen müssen!« Sie trennten sich vor den Kasernements: der Kommandant verfügte sich in die ihm als Wohnung dienende Reihe von glänzenden Gemächern, der Waräger in einer der bescheiden eingerichteten Mannschaftszellen. Siebentes Kapitel. Zeitig am andern Vormittag versammelte sich der Staatsrat; die große Anzahl hoher Kronbeamten mit wuchtigen Titeln war ebenso darauf berechnet, die Schwäche des Reiches zu bemänteln, wie die stattliche Menge von Offizieren, um über den geringen Mannschaftsstand des Heeres zu täuschen. Es war demnach ein gar langer Schweif von betreßten und uniformierten Herren, die in die große Haupthalle des Blachernä-Palastes eintraten, aber die zeremoniellen Vorschriften an diesem despotischesten aller Höfe waren so ausgeklügelt und verzopft, daß in jedem Gemache, wohin der Zug gelangte, einige davon zurückblieben, weil ihnen ihr Rang den weiteren Zutritt wehrte. Bis zum eigentlichen Audienzsaale waren der Gemächer gerade ein Dutzend zu passieren, und so waren schließlich gerade noch fünf Personen übrig geblieben, die bis zu dem innersten und heiligsten Gemache der kaiserlichen Würde, das mit allem Prunke des Zeitalters ausgestattet war, vordringen durften. Kaiser Alexius saß auf einem herrlichen Throne, der mit Edelsteinen und Gold überladen und zu beiden Seiten, wahrscheinlich zur Nachahmung salomonischer Pracht, mit einem ruhenden goldenen Löwen dekoriert war. Ueberschattet wurde der Thron von den goldenen Zweigen eines Baumes, dessen goldener Stamm seine Rückseite bildete; auf den Aesten und Zweigen, wie unter dem Laube, glitzerten allerhand künstliche Vögel und Insekten in der schillerndsten Farbenpracht, und die mannigfachsten Früchte, sämtlich aus Juwelen und Edelsteinen zierlich gebildet, hingen von den Aesten und Zweigen hernieder. Dieses geheiligte Gemach zu betreten, war das ausschließliche Recht der fünf höchsten Kronbeamten, wenn der kaiserliche Rat versammelt wurde, nämlich des Majordomus, dessen Rang und Amt etwa demjenigen eines Ministerpräsidenten im modernen Staatswesen entsprechen dürfte; dem Logothet oder Reichskanzler; dem Protospatharius oder Oberbefehlshaber des Reichsheeres; dem Akoluth oder Kommandanten der kaiserlichen Warägergarde, und dem Patriarchen als Oberhaupt aller kirchlichen Behörden im Reiche. Die Portale, die zu diesem geheiligten Raume des Palastes fühlten, wurden durch sechs nubische Sklaven gehütet, deren schwarze, verschrumpfte Gesichter in widrigem und grellem Gegensatze zu ihrer weißen Tracht mit dem glitzernden Harnisch darüber standen. Damit sie nicht die Taten der despotischen Herrscher, ausplaudern könnten, deren blinde Werkzeuge sie waren, wurden sie der Fähigkeit der Sprache durch Ausreißen der Zunge beraubt, nach dem bei asiatischen Despoten in Uebung befindlichen Brauche. Ein weiterer, aus Asien entlehnter Brauch bestand darin, daß vermittelst einer künstlichen Vorrichtung die beiden Thronlöwen den Eintritt jedes Fremden in das Staatsgemach durch lautes Gebrüll verkündeten, daß ein Windstoß durch das goldene Laub der Bäume fuhr, daß die goldenen Vögel von Ast zu Ast hüpften, an den goldenen Früchten pickten und ihr mechanisches Gezwitscher hören ließen. Das Ganze war weiter nichts als kindische Spielerei und hatte doch schon manchen der beim Reiche akkreditierten Botschafter und der an den kaiserlichen Hof gesandten Boten in Schrecken gesetzt; und kein kaiserlicher Rat durfte sich dem Throne nahen, selbst wenn es zum halbhundertsten Male geschah, ohne über das Löwengebrüll zu erschrecken und das Vogelgezwitscher zu bewundern. Heute indessen wurde den fünf obersten Staatsbeamten der kindische Brauch erlassen, was als ein bedeutsames Zeichen der Dringlichkeit der bevorstehenden Sitzung aufgefaßt werden mußte. Die Rede, mit welcher der Kaiser sie eröffnete, setzte mit einer an das Löwengebrüll gemahnenden Stärke ein, ging aber in süßlichen, dem Vogelgezwitscher ähnlichen Tönen aus. Sie wandte sich zuerst drohend gegen die zahllosen Heerscharen der Franken, die unter dem Vorwande, Palästina den Ungläubigen zu entreißen, sich der schmählichen Verletzung kaiserlichen Reichsgebietes schuldig gemacht hätten, und bedrohte die Eindringlinge mit schweren Züchtigungen; er verweilte indes nicht eben lange bei diesen, von den anwesenden Militärs mit Beifall begrüßten Ausführungen, sondern legte nach einigen schicklichen Uebergangsworten dar, daß man freilich in den Franken keine barbarischen Horden, sondern Christenheere zu erblicken hätte, deren Ziele doch vielleicht, wenn auch auf Irrtümern fußend, eine nachsichtige Beachtung bedängen. Zudem kämen sie nicht bloß in großen Scharen, sondern in großen Heeren, und hätten von ihrer Tapferkeit die rühmlichsten Beweise gegeben, wie namentlich in der großen Schlacht bei Durazzo. Sie seien mithin Gegner, die nach allen Seiten hin ernst aufzufassen seien, könnten aber, menschliche Weisheit und göttliche Fügung vorausgesetzt, leicht zu vorteilhaften Werkzeugen für das allerheiligste Reich umgewandelt werden. Sein Plan ginge deshalb dahin, zu der Tapferkeit, die das Herz eines Kaisers immer entflammen müsse, Klugheit, Humanität und Großmut zu gesellen, und um sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob er hiermit das Richtige gewählt habe, richte er zunächst an den Majordomus die Frage, auf welche Streitkräfte westlich vom Bosporus gezählt werden dürfe. . »Unzählig wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meere ist die Streitmacht, die Kaiserlicher Majestät zu Gebote steht!« lautete die Antwort. – »Eine vortreffliche Rede, Majordomus,« erwiderte der Kaiser, »falls Reichsfremde an diesem Staatsrate teilnähmen; da wir aber in geheimer Sitzung beraten, so wollen wir alle Umschweife vermeiden. Ich muß wissen, was ich unter dem Ausdrucke unzählig, den Du brauchest, zu verstehen habe.« Diese Worte belehrten den Majordomus, daß heute mit dem Kaiser nicht zu spaßen sein werde, und so überdachte er sich eine Weile, bevor er seine Antwort, wie folgt, formulierte: »Kaiserliche Majestät wissen am besten von uns allen hier, wie schwer es ist, auf diese Frage verläßliche Auskunft zu geben. Ungerechnet die auf Urlaub befindlichen Mannschaften, wird sich die Stärke des zwischen der Hauptstadt und der Westgrenze des Reiches in Etappen verteilten Heeres auf etwa fünfundzwanzig- bis höchstens dreißigtausend Mann veranschlagen lassen.« Der Kaiser schlug sich mit der Hand vor die Stirn, zum Zeichen des Verdrusses, den er fühlte. Die Räte, bestürzt hierüber, ergingen sich daraufhin in Auseinandersetzungen, die sie weit lieber für eine andere Zeit und einen anderen Ort aufgespart hätten. »Im letztverwichenen Jahre,« ergriff der Logothet das Wort, »ist aus dem Schatze Kaiserlicher Hoheit, wie mir Dieselben vertraut haben, soviel Gold entnommen worden, daß reichlich die doppelte Zahl von Bewaffneten, die der Majordomus angibt, unterhalten werden könnten.« – Mit Eifer äußerte hierauf der Majordomus, daß Kaiserliche Majestät zu den Linientruppen noch die Besatzungstruppen rechnen müsse, die von dem Vorredner dem Anschein nach nicht in Betracht gezogen würden. – »Ruhe, ihr Herren!« nahm der Kaiser wieder das Wort, »Unsere Heeresmacht ist allerdings um vieles geringer, als Wir dachten. Indessen wäre es sicher verkehrt, durch Zwist die Not der Zeit zu verschlimmern. Unsere Truppen sollen zwischen Unserer Hauptstadt und der Westgrenze des Reiches in Tälern und Pässen, auf Höhen und andern schwierigen Punkten derart verteilt werden, daß man ihre geringe Stärke höher einschätzt. Unterdes werden Wir mit den Kreuzfahrern, wie sich die fremden Heerscharen nennen, in Unterhandlung über die Durchzugsbedingungen treten und erwarten, hieraus Vorteile für das Reich zu gewinnen. So gedenken Wir ihnen den Durchzug nur in Abteilungen bis zu fünfzigtausend Mann und den Anmarsch zu Unserer Hauptstadt nur immer einer solchen Abteilung zu gestatten, so daß die Sicherheit derselben nicht bedroht werden wird. Wir sind willens, wenn sich die durchziehenden Heerscharen friedlich betragen und ordentlich führen, für ihren Unterhalt zu sorgen. Etwaige Marodeure werden durch die kräftigen Bauern Unseres Landes ohne direkten Befehl von Uns – denn Wir wünschen nicht, in offene Fehde mit den Feinden zu treten – zur Räson gebracht werden. Des weiteren versehen Wir Uns von seiten der in Unserem Reichsgebiete befindlichen Skythen, Araber, Syrer und anderer Söldner aller Beihilfe gegen etwaige Versuche der Eindringlinge zur Schädigung Unserer Untertanen; es soll Uns auch durchaus nicht befremden, da Wir nicht gewillt sind, Unser Land um der fremden Menschen willen in Armut zu stürzen, wenn unter die Mehllieferungen hin und wieder ein Sack voll Kreide oder Kalk geschmuggelt wird. Ein Frankenmagen kann bekanntlich Erstaunliches vertragen. Auch sollen die Führer, die aus Unseren Bürgern und Bauern von den Fremden genommen werden, nicht immer die besten und kürzesten Wege weisen, und zwar im eigensten Interesse der Fremden, weil es denselben anders ja schwer fallen möchte, sich an die Widerwärtigkeiten von Land und Klima zu gewöhnen. Wir selbst wollen Uns unterdes bemüht zeigen, – und Gleiches empfehlen Wir allen Unseren Räten und Beamten – dem Hochmut der fremden Heerführer, die sich nicht geringer als ein Kaiser dünken, nicht zu nahe zu treten, anderseits aber keine Gelegenheit verabsäumen, ihnen schickliche Begriffe von Unseres Reiches Macht und Stärke zu geben. Wo es angebracht erscheint und wo Vorteile dadurch winken, soll mit der Verteilung von Geld nicht gegeizt werden, sei es an Hoch-, sei es an Niedriggestellte. Solcherweise bezweifeln Wir nicht, daß es gelingen werde, über diese auf einander eifersüchtigen und aus aller Herren Ländern zusammengelaufenen Franken so viel Macht zu gewinnen, daß es ihnen vorteilhafter erscheinen wird, Uns als ihren Oberherrn zu erkennen, statt sich aus ihren eigenen Kreisen einen solchen zu erküren; denn der Tatsache, daß jeglicher Ort Palästinas von Dan bis Berseba ursprünglich ein Teil Unseres heiligen römischen Reiches sei, und daß jeglicher Christ, der dort auf Eroberung ausgeht, solches nicht anders tun könne denn als Uns untertan und angewiesen auf die Uns schuldige Lehnspflicht, wird sich im großen und ganzen keiner dieser Kreuzfahrer verschließen können.« Die fünf hohen Räte neigten das Haupt und riefen: »Lang lebe der Kaiser!« worauf Alexius ihnen nochmals einschärfte, die von ihm gegebenen Direktiven streng einzuhalten, und mit den Worten schloß: »Den Befehl über die Schar der Unsterblichen, die in der Hauptstadt verbleibt und zu der sich Unsere Warägergarde zu gesellen hat, übernehmen Wir selbst, um an ihrer Spitze die Ankunft dieser Kreuzfahrer zu erwarten. Wir werden, solange es angeht, jedem Kampfe aus dem Wege gehen und nur im schlimmsten Falle Uns auf einen solchen einlassen, indessen immer bereit bleiben, Uns demjenigen zu fügen, was der allmächtige Herr der Schöpfung über Uns verhängen wird.« Hierauf ging der Staatsrat auseinander. Die verschiedenen Kronbeamten begaben sich nach ihren verschiedenen Abteilungen oder Aemtern, und nun konnte man den Charakter des Griechenvolkes in seiner vollen Eigentümlichkeit kennen lernen, denn ihre laute, großsprecherische Art, Geschäfte zu verrichten, konnte – worauf es dem Kaiser in erster Reihe ankam, nicht verfehlen, von der Größe und dem Reichtum des oströmischen Reiches eine günstige Meinung zu erwecken; daß sie nebenbei – auch entsprechend ihrem Charakter – nicht unterließen, bei allem, was mit Geld im Zusammenhange stand, tüchtig in die eigene Tasche zu arbeiten, wollen wir jedoch hier ebensowenig verschweigen. Die Nachricht von dem Herannahen des gewaltigen Völkerheeres und seiner Absicht, nach Palästina zu ziehen, verbreitete sich nun mit wachsender Eile in der Hauptstadt. Wie immer bei solchen Anlässen, mischte sich Wahrheit und Dichtung. Manche wollten wissen, Zweck des fränkischen Zuges sei die Eroberung Arabiens und die Zerstörung des Prophetengrabes; andere behaupteten, daß für die Franken, doch Konstantinopel das nächstliegende Plünderungsobjekt sei; noch andere behaupteten, der griechische Patriarch solle gezwungen werden, sich der päpstlichen Oberhoheit zu unterwerfen, die Form des lateinischen Kreuzes anzunehmen und das Kirchenschisma fallen zu lassen. Für die Warägergarde sorgte Hereward noch für eine besondere Freude durch die Nachricht, daß ein normannisches Heer unter dem Sohne des berühmten Wilhelm des Eroberers, Herzog Roberts, im Anrücken sei, und, wie sich nicht anders erwarten ließe, mit besonders feindlicher Absicht gegen die Waräger, die sie sogar bis hierher zu verfolgen trachteten, getrieben von dem unausrottbaren Hasse wider alles, was angelsächsisch ist und von angelsächsischem Blute stammt. Alle Waräger verschwuren sich nun, das Blutbad von Hastings, wo ihr König Harald dem Normannen Wilhelm unterlag, mit der Schärfe ihrer Streitäxte an den normannischen Teilnehmern des Kreuzzuges zu rächen, und sie setzten Hereward vom frühen Morgen bis zur späten Nacht mit Fragen und Vermutungen so zu, daß er es bald bereute, sie mit dieser Neuigkeit versorgt zu haben. Gegen Mittag kam dann aus dem Munde des Kommandanten Achilles Tatius die weitere Kunde, daß die Waräger zusammen mit den Scharen der Unsterblichen unter den Wällen der Stadt ein Lager zu beziehen hätten, um zur Verteidigung derselben sofort bereit zu sein. Das lenkte die Waräger auf andere Dinge, denn sie erwarteten nun alsbald den Ausbruch von ernsten Feindseligkeiten und wußten sich vor Jubel darüber nicht zu fassen. Hereward aber, von dem Wunsche nach Einsamkeit erfüllt, begab sich, ohne sich von jemand aufgehalten zu sehen, aber von vielen Blicken verfolgt, weil überall die Meinung bestand, daß er weit mehr noch über die großen Tagesneuigkeiten wissen müsse, seit er Zutritt zu dem Kaiser in dessen Privatgemächern gehabt habe – aus den lichteren Baumreihen in die dunkleren, von den schmäleren zu den breiteren Terrassen; aber die Empfindung, doch nicht allein zu sein, wollte nicht von ihm weichen. Es währte auch nicht lange, so sah er einen schwarzen Sklaven hinter sich her schleichen; zwar verlor er ihn auf Minuten aus dem Gesichte, aber immer tauchte er in gewissem Abstande wieder hinter ihm auf. Endlich wurde es dem Waräger unangenehm, sich so verfolgt zu sehen: er drehte sich rasch um, trat dem Neger an einem einsamen Orte gegenüber und fragte ihn, was ihm einfiele, hinter ihm her zu schleichen, und ob er es auf jemands Befehl oder aus eigenem Willen tue? Der Neger erwiderte in einem dem Waräger kaum verständlichen Kauderwelsch, daß er Befehl habe, zu beobachten, wohin der Waräger sich begebe. – »Von wem Befehl?« rief der Waräger. – »Von meinem Herrn und von dem Euren,« sagte der Neger. – »Ungläubiger Hund!« rief der Waräger, »hätten etwa wir schon zusammen Kameradschaft gehalten? Wen also wagst Du meinen und Deinen Herrn zu nennen?« – »Einen, welcher Herr über die Welt ist, da er seinen Leidenschaften Zügel anzulegen weiß,« erwiderte der Neger. »Laß Dir nicht beikommen, mich mit dergleichen Weisheitsbrocken abzuspeisen,« rief der Waräger, »es könnte Dir sonst klar werden, daß mir die Fähigkeit zum Schaden anderer abgeht, meine Leidenschaften zu beherrschen. Also: was willst Du von mir? und weshalb schleichst Du mir nach?« – »Ich habe es doch schon einmal gesagt: auf Befehl meines Herrn!« – »Wer ist Dein Herr?« – »Das muß er Dir selbst sagen; denn darüber, wie auch über die Absicht, die er mit Dir verfolgt, hat der arme Sklave kein Recht, zu schwatzen.« – »Er hat Dir aber die Zunge zum Schwatzen gelassen!« rief der Waräger, indem er drohend die Axt hob; »sperr' Dich nicht länger, oder ich lehr' Dich auf andere Weise, mir zu sagen, was Du Dich zu sagen weigerst!« – »Schlagt Ihr den armen Sklaven nieder, so entzieht Ihr Euch auch die Möglichkeit, von seinem Herrn zu hören, was er von Euch will; denn wie sollt Ihr dann erfahren, wer der Herr ist? Noch ein paar Schritte, und Ihr werdet dem gegenüberstehen, der mich schickt; wozu wollt Ihr Eure Ehre besudeln, indem Ihr einen Wehrlosen erschlagt?« – »So geh' weiter voran! aber glaube mir, daß ich mich mit Worten nicht narren lasse! Zeig' mir den frechen Wicht, der sich herausnimmt, mir Spione an die Fersen zu heften!« Mit einem Scheelblick, der trefflich zu dem Gesicht voll Bosheit und Tücke paßte, ging der Neger weiter, während der Waräger argwöhnisch folgte; unterwegs sah sich der Neger wiederholt um, und mit so scharfem, durchbohrendem Blicke, daß Hereward wiederholt meinte, es möge klüger für ihn sein, nicht weiter zu folgen; und je näher sie dem Ziele kamen, desto öfter kam dem Waräger diese Meinung. Der Weg ging von der Terrasse nach dem Meeresufer zu, an eine Stelle, die mehr im Hintergrunde des Goldenen Hornes lag und mit Getrümmer augenscheinlich sehr hohen Alters bedeckt war. Während die Pflanzenwelt sonst überall üppig wucherte, standen hier nur einige spärliche Zypressen. Was von den Trümmern noch zu unterscheiden war, ließ einen von dem griechischen stark abweichenden Stil erkennen, aber zu bestimmen, was für ein Stil es sei, war nicht möglich, dazu war selbst der Portikus, als den man den einen Haufen hätte ansprechen können, nicht mehr erhalten genug; bloß die auf den Kolossalstatuen befindlichen Zeichen, die aber auch fast nicht mehr zu erkennen waren, standen bei den Bewohnern Konstantinopels in dem Ansehen ägyptischer Hieroglyphen, und hieraus hatte sich die Sage gebildet, daß die Trümmer von einem uralten Kybele-Tempel herrührten, der zu einer Zeit gebaut worden sei, als Konstantinopel noch den Namen Byzanz geführt habe, daß also vor Jahrhunderten, wie in allen Kybele-Tempeln, auch hier die schändlichsten Genüsse ihren Kultus gehabt hätten. Als das Christentum zur Staatsreligion durch Konstantin den Großen erhoben worden, sei der Tempel niedergerissen und zerstört, die Stätte, wo er gestanden, als unheilig erklärt und verflucht worden. Dem Waräger war der üble Ruf dieser Oertlichkeit nicht fremd, und als der Neger sich anschickte, in das alte Getrümmer zu dringen, blieb Hereward stehen und erklärte, keinen Fuß weiter setzen zu wollen, ehe ihm nicht gesagt worden sei, wer und was ihn hier erwarte. Der Neger aber, ohne mit einem Worte zu erwidern, trat beiseite, wie wenn er dem Waräger Platz machen wollte, und am Ende eines halbversteckten, kaum sichtbaren Pfades, vor einer halbverfallenen Nische, erblickte er, auf einer Grasnarbe sich sonnend, – den Philosophen Agelastes. Achtes Kapitel. Als er Herewards ansichtig wurde, sprang der wohlbeleibte Greis rascher, als es sich von ihm hätte vermuten lassen, vom Boden auf. »Willkommen, o tapferer Waräger,« rief er ihm entgegen, »gleichviel, welche Ursache Dich hierher geführt haben mag!« – »Mich hat ein Neger hergeführt,« erwiderte Hereward, »der mir vorredete, es sei Euer Begehr, mich zu sehen. Wohl habe ich gemerkt, daß der schwarze Musje etwas vom Spötter an sich hat. Sollte er mich belogen haben, so bleibt mir nur übrig, mich in schicklicher Weise bei Euch zu entschuldigen, daß ich Euch in Eurer Einsamkeit gestört habe, und mir zu überlegen, ob ich dem verlogenen Burschen die Schläge, die er dann verdiente, schenken werde oder nicht.« – »Mein Neger Diogenes hat, wie Ihr bemerkt habt, seine Schrullen; aber er hat auch andere Eigenschaften, die ihn Leuten von anderer Farbe und mit schöneren Zügen ebenbürtig machen.« – »Was aber könnte Eure Weisheit mit mir zu reden haben?« – »Als Beobachter der Natur,« erwiderte der Philosoph, »werden mir Dinge, die bloß eine künstliche Außenseite haben, leicht überdrüssig, so daß ich mich zuweilen nach echter Natur sehne.« – »In mir seht Ihr aber schwerlich viel Natur,« versetzte Hereward, »denn bei uns Soldaten ist doch alles Drill! Lager, Hauptmann, Rüstung bilden bei uns den Geist und die Glieder, gleichwie den Seekrebs die Schale. Seht Euch einen von uns an, und Ihr seht alle!« – »Daran sei mir doch Zweifel erlaubt,« erwiderte Agelastes, »denn ich bin der Meinung, daß in Waltheoffs Sohne mit Namen Hereward ein außerordentlicher Mensch steckt, obwohl er in seiner Bescheidenheit seinen Wert selbst nicht kennt.« »Waltheoffs Sohn?« rief der Waräger betroffen; »Ihr kennt den Namen meines Vaters?« – »Sei nicht darüber verwundert!« antwortete der Philosoph; »viel Mühe hat's mich nicht gekostet. Hoffentlich kostet es mich nicht größere Mühe, Dich von der Aufrichtigkeit meiner Freundschaft zu überzeugen.« – »Daß ein Mann von Eurem Range und Eurer Weisheit es der Mühe für wert hält, sich unter der Warägergarde nach dem Vatersnamen eines ihrer Unteroffiziere zu erkundigen,« sagte Hereward, »ist für die Garde unstreitig höchst schmeichelhaft. Mein Kommandant, der Akoluth, dürfte sich solche Mühe kaum machen mögen.« – »Meines Wissens habt Ihr einen sehr hohen Herrn kennen gelernt,« versetzte Agelastes, »der nicht minder die Eigenschaft besitzt, sich um die Namen seiner Jagdhunde mehr zu bekümmern als um die seiner Soldaten; ja, dem es wohl am liebsten wäre, er könnte sie wie diese durch einen Pfiff an seine Seite rufen.« – »Solche Reden möchte ich mir verbeten haben,« sagte der Waräger. – »Es lag nicht in meiner Absicht,« bemerkte hierauf der Philosoph, »Dich zu kränken, noch weniger, Dir die gute Meinung, die Du von jener Person gewonnen, zu schmälern. Immerhin befremdet es mich, bei jemand, der solche vortrefflichen Eigenschaften hat wie Du, solche Meinung zu finden.« – »Lassen wir dieses Thema,« sagte der Waräger, »so wunderlich es mir vorkommt, solche Reden aus dem Munde eines Mannes von Eurer Art zu hören, so möchte ich doch darauf erwidern, daß sowohl Schmeichel- wie Scheltworte bei mir verloren sind.« – »Gerade um dieser Charakterfestigkeit wegen bitte ich um Eure Freundschaft, bitte darum wie ein Bettler, und Ihr weigert sie mir wie ein Grobian.« – »Verzeiht, wenn jetzt ich Zweifel hege,« versetzte Hereward; »ich wüßte zum wenigsten nicht, von wem Ihr über meine Eigenschaften Kenntnis erhalten haben solltet, und zusammengetroffen sind wir doch meines Wissens erst einmal in unserem Leben, und daß ich Euch nichts bei dieser Gelegenheit über mich gesagt habe, dürftet selbst Ihr nicht abstreiten wollen.« – »Ihr seid im Irrtum, Sohn,« sagte Agelastes, »wenn Ihr mich für einen Mann haltet, der sich wegen Lappalien mit Euch befaßt. Sieh, wenn ich das zertrümmerte Anubis-Bild berühre, vermag ich den Geist, der hier lange orakelte, erscheinen zu lassen, vermag ich dem Steine da sein altes Leben wiederzugeben. Uns Eingeweihten gibt eben, wenn wir auf diese zertrümmerten Gewölbe stampfen, das Echo Antwort. Drum sollt Ihr Euch aber nicht der Meinung hingeben, daß ich mich um Eure Freundschaft bewerbe bloß in der Absicht, auf diese Weise zu Auskünften über Euch oder andere zu gelangen.« – »Merkwürdige Worte,« versetzte der Angelsachse; »doch sollen, wie mir mein Großvater Kenelm sagte, die gleißnerischen Worte der heidnischen Philosophie dem Christentum von größerem Schaden sein als die Drohungen heidnischer Tyrannen.« – »Euer Großvater Kenelm ist durch einen edlen Mönch vom Wodansglauben zum Christenglauben bekehrt und in der Kapelle des heiligen Augustinus beigesetzt worden.« – »So kanntet Ihr ihn?« – »Ja. Ob von Angesicht zu Angesicht oder in geistiger Hinsicht, tut ja nichts zur Sache.« – »Nun, er ist tot, aber eben darum sind mir seine Worte um so heiliger. Er hat mich vor Irrlehren falscher Propheten schon gewarnt, als ich noch nicht recht in den Sinn seiner Worte einzudringen fähig war.« – »Dein Großvater, Hereward, war ein braver Mensch, aber beschränkt wie wohl alle Priester; und wie sie, hätte auch er am liebsten die Betrachtung der überirdischen Welt auf unser sittliches Betragen in dieser und auf unsere Seligkeit in jener Welt beschränkt gesehen. Nichtsdestoweniger besitzt der Mensch, sofern es ihm nicht an Mut und Weisheit gebricht, die Freiheit, Umgang zu pflegen mit höheren Wesen, die über die dem Menschen gezogenen Schranken, wie die Rede heißt, lächeln und Hindernisse, die dem Laien als unüberwindlich erscheinen, durch ihre übersinnliche Kraft bezwingen.« »Das sind doch aber läppische Dinge, die der Mann belächelt,« sagte Hereward. – »Nicht doch,« versetzte Agelastes, »es liegt jedem Menschen der Wunsch im Grunde seines Herzens, Umgang zu pflegen mit mächtigeren Wesen, die über uns sind und uns nur übernatürlich erscheinen; ich brauche ja, zum Beweise dafür, daß ich die Wahrheit spreche, bloß an Dein eigenes Herz zu appellieren! Beschäftigen sich Deine Gedanken nicht eben jetzt mit einem Wesen, das, wenn nicht längst gestorben, so doch längst von Dir getrennt wurde? Bestürmen Dich nicht, wenn Du ihren Namen vernimmst, Empfindungen, die Du in Deiner kindlichen Einfalt längst begraben wähntest? Du erschrickst und bist betroffen? Nun, sofern Dir daran liegt, will ich Dir sagen, wie es um diese Bertha steht, deren Andenken Du noch immer in Deinem Busen trägst, trotz aller Mühsale Deines Standes.« Mit einem gewissen Zittern in der Stimme erwiderte der Waräger, der erst ein paar Minuten lang betroffen den Philosophen angestaunt hatte: »Wer bist Du, Mann, und was willst Du von mir oder mit mir? Auf welchem Wege hast Du Dinge zu Deiner Kenntnis gebracht, die für mich so viel, für andere so wenig wert sind? Nur eines kann ich sagen, daß Du, ob zufällig oder nicht, einen Namen ausgesprochen hast, der mir ins tiefste Herz geschrieben steht, aber ich bin Christ und bin Waräger, und es wird nie geschehen, daß ich Gott oder meinem Kaiser die Treue breche. Du hast gegen letzteren in Deine Rede ein paar sarkastische Worte eingeflochten; das allein erlegt mir die Pflicht auf, hinfort Deinen Umgang zu meiden, sei es im Glück, sei es im Unglück. Ich habe dem Kaiser meinen Diensteid geleistet, und wenn ich auch der Mann nicht bin, ihm nach Höflingsweise kleinliche Ehrfurchtsbeweise zu geben, so soll er doch nie in Verlegenheit kommen, wenn er sich auf Hilfe durch meine Streitaxt angewiesen sieht.« – »Das wird niemand zweifelhaft sein,« versetzte der andere, »aber meines Wissens stehst Du unter dem unmittelbaren Befehle Seiner Ehren des Akoluthen?« – »Der Dienstordnung nach ist er mein Vorgesetzter, hat sich gegen mich immer als ein freundlicher Herr erwiesen und mir oft Erleichterungen zuteil werden lassen, wo ich vielleicht kein Recht gehabt hätte, sie zu erwarten, geschweige zu fordern. Aber er ist Diener meines Fürsten so gut wie ich, und da wir beide einander schließlich durch ein einziges Wort fördern oder schädigen können, ist der Unterschied zwischen uns beiden schließlich so erheblich nicht!« – »Du sprichst mit großer Zuversicht von Deiner Kraft, und das gefällt mir an Dir wahrlich nicht zum wenigsten; gewiß! da Du ihn an Kriegskunst wie auch an Tapferkeit in Schatten stellst, so hast Du auch ein Recht, Dich mit ihm zu messen!« – »Ihr wollt mir da ein Lob zollen, das ich aber nicht gelten lassen kann,« antwortete der Waräger, »der Kaiser wählt seine Offiziere nach Verdienst, das heißt, soweit sie ihm Verdienst zu besitzen scheinen. Nach diesem Maßstabe würde ich ohne Zweifel zurückstehen müssen. Aber, wie schon einmal gesagt, ich habe meinem Kaiser den Diensteid geleistet und lehne jede weitere Auseinandersetzung mit Euch über dieses Thema ab.« – »Komischer Kauz!« sagte Agelastes, »vermögen Dich denn wirklich bloß Dinge zu bewegen, die Dir fremd sind?« – »Ich habe über das, was Du zu mir gesprochen, nachgedacht und muß wohl sagen, daß Du das Mittel gefunden hast, mein Herz in Aufruhr zu setzen; aber das reicht nicht hin bei einem Manne wie mir, auch meine Grundsätze zu erschüttern. Warum soll ich mit Dir über Dinge sprechen, die für Dich nicht wichtig sein können? Man sagt, daß Zauberer und Beschwörer sich zu ihrem schlimmen Werke des Namens unseres Allerhöchsten bedienen, es braucht also nicht zu verwundern, wenn auch der Name des allerreinsten Wesens unter seiner Sonne einmal dazu herhalten soll. Magst Du sonst welchen Zweck mit Deiner Rede verfolgen, sie wird in mein Herz keinen Eingang finden, denn es ist danach beschaffen, nicht bloß den Verführungen der Menschen, sondern auch denen des Teufels zu trotzen.« Mit diesen Worten drehte der Waräger sich um und verließ die Trümmerstätte, ohne ein weiteres Zeichen der Verabschiedung als ein leichtes Neigen des Kopfes. Der Philosoph war nicht lange allein, denn er wurde in seinem Sinnen durch den plötzlichen Eintritt des Kommandanten der Warägergarde gestört. Bevor derselbe jedoch das Wort nahm, musterte er eine Weile das Gesicht des andern. Als er sich über den Ausdruck desselben klar zu sein schien, fragte er: »Nun, weiser Agelastes, hast Du noch immer Vertrauen zu der von uns jüngst besprochenen Angelegenheit?« – »Gewiß,« erwiderte Agelastes ernst und bestimmt. – »Den Proselyten, dessen Beistand uns denjenigen von tausend feiger Sklaven aufwöge, hast Du aber nicht gewonnen?« – »Nein, es ist mir nicht geglückt!« antwortete der Philosoph. – »Und das zu sagen, schämst Du Dich nicht?« fragte der andere, »Als weisester der jetzt lebenden Weisen Griechenlands? als Mann, der immer behauptet, die der menschlichen Kraft gesetzten Schranken durch Worte, Zeichen, Namen, Amulette und Zaubersegen beseitigen zu können? Schmach über Dich, daß Du von dem Charakter, den Du Dir beilegst, so schlechte Probe ablegst!« – »Wenn sich nicht bestreiten läßt, Achilles Tatius, daß ich beim ersten Anlauf noch nichts gewonnen habe, so läßt sich doch auch anderseits noch nicht sagen, daß ich schon alles verloren hätte! Und wenn wir miteinander noch auf dem Standpunkte de facto von gestern stehen, so steht doch fest, daß ich ihm einen Köder hingehalten habe, der ihm nicht aus den Gedanken kommen wird. Dafür will ich sorgen! Vorderhand wollen wir den sonderbaren Schwärmer nicht aus den Augen, wohl aber aus der Diskussion lassen. Hingegen sage Du mir, wie es um die Reichsangelegenheiten steht. Ist das Heer der Kreuzfahrer noch immer im Anmarsche gegen unsere Stadt? Hofft Alexius nach wie vor, sie durch diplomatische Kniffe zu schwächen, da er sie mit seinen Soldaten nicht zu schlagen vermag?« – »Vor wenigen Stunden ist nähere Kunde darüber eingelaufen,« versetzte der andere, »und zwar durch Bohemund von Antiochien, der mit etwa einem halben Dutzend Reiter verkleidet den Weg zu uns gefunden hat. Es war ein keckes Stück von ihm, da er doch wahrlich oft genug mit Alexius in schlimmer Fehde lag. Aber der Kaiser merkte sofort, daß es dem Antiochier darauf ankam, zu ermitteln, welcher Lohn ihm winke, wenn er sich als Vermittler zwischen dem Kaiser und Gottfried von Bouillon oder auch anderen Heerführern, auf den Weg ihnen entgegen mache.« – »Der Kaiser täte wohl daran, dem Grafen hierzu die Hand zu bieten,« sagte Agelastes. – Achilles fuhr fort: »Bohemund stellte sich, als führte ihn ein bloßer Zufall an den kaiserlichen Hof. Er ist mit einer Gnade und so glanzvoller Höflichkeit aufgenommen worden, wie noch kein Franke vor ihm. Von den alten Fehden fiel zwischen beiden Fürsten kein Wort, auch von der Eroberung Antiochiens nicht, trotzdem der Kaiser sicherlich den Verlust noch immer nicht verschmerzt hat. Die Hoffnung, in diesem schlimmen Augenblicke einen Bundesgenossen in ihm zu gewinnen, erstickte jegliche Regung von Groll in dem kaiserlichen Herzen.« – »Und was sagte Graf Bohemund?« – »Nicht eben viel,« erwiderte Achilles, »bis ihm schließlich, wie mir der Palastsklave Narses berichtet hat, eine bedeutende Summe in Gold behändigt wurde. Der Kaiser versprach ihm einen bedeutenden Länderzuwachs, wenn er sich ihm jetzt als Freund und Genosse erwiese, ja der Kaiser ging so weit, ihm jenes geheime Prunkgemach zu zeigen, worin die kostbarsten Seiden, Juwelen und Gold- und Silberbarren aufgespeichert liegen, und ihm all diese Schätze zu versprechen als Preis für seine Bundesgenossenschaft. Der gierige Franke forderte die sofortige Ueberführung derselben in sein Zelt, und der Kaiser kam auch diesem Ansinnen nach, denn er sieht sich in der schlimmen Zwangslage, den Grafen, dessen Tapferkeit und Ehrgeiz seiner Habsucht gleichwertig ist, nicht aus dem Garne zu lassen.« »Graf Bohemund wird also so lange auf des Kaisers Seite stehen,« sagte Agelastes, »bis ihm von der andern Seite mehr und Besseres geboten werden wird. Alexius wird sich nicht wenig darauf zugute tun, den angesehenen Fürsten für sich zu gewinnen, wird wohl auch hoffen, mit seiner Hilfe die meisten der Kreuzfahrer zu einem Vasalleneide zu bestimmen, zu dem sich freilich, wenn nicht um dieses Kreuzzuges willen, nicht der geringste Baron unter ihnen verstehen würde, und wenn ihm eine ganze Provinz dafür winken sollte. . Nun, warten wir also noch ein paar Tage, denn dann muß sich ja wohl oder übel entscheiden, was wir zu tun haben, während jedes frühere Vorgehen uns unbedingt verderblich werden müsste.« – »Also treffen wir uns heute abend nicht?« – »Nein,« antwortete der Weise, »es sei denn, wir würden wieder zu der albernen Faxe von geschichtlicher Vorlesung geladen, mit der uns ein albernes Frauenzimmer und verhätscheltes Töchterchen so oft schon gelangweilt hat.« Der Kommandant der Waräger verabschiedete sich von dem Philosophen, und jeder verließ die Trümmerstätte auf einem anderen Wege, denn sie mochten fürchten, zusammen bemerkt zu werden. Kurz darauf erhielt Hereward den Bescheid, sich an diesem Abend nicht bei seinem Kommandanten einzufinden. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Seit dem Einmarsche des Kreuzfahrerheeres in das Gebiet des oströmischen Reiches waren unter ständigen Differenzen und Ausgleichen etwa vier Wochen ins Land gegangen. Der kaiserlichen Politik gemäß wurden die Führer und Fürstlichkeiten mit Gunst und Ehren überladen, hingegen kleinere Scharen, die zur Hauptstadt vorzudringen suchten, von Truppen des Kaisers, die sich als Türken oder Skythen ausgaben, niedergemacht. Ebenso oft geschah es, daß, während die Fürsten und Führer mit allerhand Leckerbissen gefüttert und mit Wein aufs reichlichste bewirtet wurden, über das gemeine Volk durch verfälschtes Mehl, verdorbenes Fleisch und schlechtes Wasser Krankheiten gebracht wurden, so daß der Tod reiche Ernte unter ihm hielt und viele von dem heiligen Lande, um deswillen sie Haus und Hof, Vaterland und auskömmliches Leben verlassen hatten, nicht einen Stein zu sehen bekamen. Selbstverständlich blieb dieses feindselige Verhalten auf seiten der Kreuzfahrer nicht unbemerkt, und nicht wenige von ihnen beschuldigten die Griechen offen der Hinterlist und des Verrates. Der Kaiser aber wußte die mächtigeren der Anführer immer und wieder zur Güte zu bestimmen, indem er die Vorfälle von Erkrankung auf die Verschiedenheit des Klimas und den freilich auch oft genug vorhandenen Hang zur Völlerei schob. Hätten die Kreuzfahrer nicht eine überschwengliche Meinung von den Reichtümern des oströmischen Kaiserreiches besessen, so würden sie sich kaum all dieses Ungemach haben bieten lassen, und wiederholt drohte es zu einem Konflikt zwischen ihren und den oströmischen Mannen zu kommen, als ein unverhofftes Ereignis die Position des Kaisers stärken sollte. Graf von Vermandois, der mit der Flotte des Kreuzfahrerheeres von Italien ausgefahren war, wurde von einem heftigen Sturme überfallen und an die griechische Küste in so schiffbrüchigem Zustande getrieben, daß er sich mit all seiner Mannschaft, soweit sie nicht untergegangen war, dem Statthalter des Kaisers auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Nicht als stolzer Fürst, wie er seine Ankunft zuvor mit hochtrabenden Worten angekündigt hatte, sondern als Gefangener nahm nun Hugo von Vermandois den Weg an den Hof nach Konstantinopel. Aber jetzt bewies der Kaiser das höchste diplomatische Geschick, indem er den Grafen sowohl als seine Mannschaft nicht allein sofort in Freiheit setzte, sondern sie sogar überreich mit Geschenken bedachte. Hierdurch gewann er sich in dem einflußreichen Grafen von Vermandois einen dankbaren Freund, der die Meinung derjenigen Kreuzfahrer stützte, welche, wie Gottfried von Bouillon, Raimund von Toulouse und andere einsichtigere, es im Interesse nicht bloß des Unternehmens, das sie hierher führte, sondern der gesamten Christenheit für geboten hielten, es mit dem griechischen Reiche, das mit gewissem Recht als die christliche Vormauer gegen Asien galt, nicht zu ernstlichen Konflikten kommen zu lassen. Ja, der Graf wußte die Mehrzahl der Kreuzfahrer sogar zu jenem in der Geschichte der Kreuzzüge berühmten Entschlüsse zu bestimmen, dem griechischen Kaiser als dem alten Oberherrn Palästinas, vor der Fortsetzung des Eroberungszuges in seiner Hauptstadt feierlich zu huldigen. Was Alexius nur durch hohe Bestechungen zu erreichen vermeint hatte, wurde ihm auf diese Weise gewissermaßen auf dem Präsentierteller entgegengetragen, und begreiflicherweise war er über diesen unvermuteten Gewinn in der freudigsten Stimmung, und wenn er auch kaum damit rechnen durfte, das große, arg zusammengewürfelte Heer, das unter so vielen, von einander völlig unabhängigen Führern stand, unter einen Hut zu bringen, so meinte er doch, ohne alles Säumnis dieses Zugeständnis wahrnehmen und sich in den Besitz der Oberherrlichkeit über das Kreuzheer setzen zu sollen. Zu diesem Zwecke wurde mit allem Pomp, dessen Reich und Hauptstadt fähig waren, eine großartige Festlichkeit veranstaltet, auf einer der Propontis gegenüber gelegenen hohen Terrasse ein herrlicher Thron aufgeschlagen, dabei aber, gemäß der am griechischen Hofe herrschenden Etikette, die jedem Sterblichen verbot, in Gegenwart des Kaisers zu sitzen, vermieden, irgend welche anderen Sitze anzubringen. Als die Feier vor sich gehen sollte, postierten sich rings um den kaiserlichen Thron die Großwürdenträger in ihren Staatskleidern, auf das strengste nach ihrem Range geordnet, vom Cäsar, dem kaiserlichen Schwiegersohne, herunter bis zum Patriarchen und zu dem, aber wie immer in seiner Zynikertracht erschienenen Philosophen Agelastes. Hinter diesem glänzenden Hofstaate schlossen sich die Abteilungen der Warägergarde in einer düsteren Bogenlinie zusammen, zufolge eines von ihnen einstimmig eingereichten Antrages, nicht im höfischen Silberharnisch, sondern in ihrer wuchtigen Rüstung aus Eisen und Stahl, um, wie sie ihren Antrag motiviert hatten, in den Augen von Kriegern auch als solche, nicht aber als Zierpuppen, zu gelten. Hinter der Warägergarde hatte die Schar der Unsterblichen Aufstellung genommen, eine Bezeichnung, die aus Persien ihren Weg nach Ostrom gefunden hatte – durchwegs große, stramme Gestalten, in glänzender Uniform, die recht wohl imstande gewesen wären, den Kreuzfahrern Respekt abzugewinnen, wenn sie nicht durch ihr ewiges Schwatzen ihre Disziplinlosigkeit offen an den Tag gelegt hätten. Hinter ihnen schwärmten die leichten Reiterabteilungen, aus denen sich das griechische Streitheer vorwiegend zusammensetzte, und deren Hauptleute, erhaltener Instruktion gemäß, unaufhörlich die Plätze wechselten, um auf diese Weise den Kreuzfahrern die Möglichkeit zu nehmen, sich ein genaues Bild von ihrer Stärke zu machen. Aber trotz des Staubes, den sie dadurch aufwirbelten, waren die flammenden Fahnen und Standarten doch deutlich zu erkennen, mit denen sie in reicher Menge prunkten, und die, wie mancher von den Kreuzrittern trotz alles Bemühens, ihnen »Sand in die Augen zu streuen«, offen meinte, für reichlich noch zweimal soviel Mannschaft ausgereicht haben würden. In weiter Ferne, rechts der Propontis, hatte sich ein mächtiger Reiterhaufe des Kreuzfahrerheeres postiert; denn der Eifer, dem Beispiele ihrer Fürsten und Führer zu folgen, war von Tag zu Tage gewachsen, so daß es schließlich jeder Kreuzritter, wenn er auch nur eine Burg besaß und knapp über ein halbes Dutzend Lanzen verfügte, für eine Herabwürdigung seiner Ritterschaft erachtet hätte, wäre er bei der Aufforderung, dem Kaiser von Ostrom zu huldigen, übergangen worden. Für die Abwicklung der Zeremonie war die folgende Ordnung vereinbart worden: die Kreuzritter sollten von links her dem kaiserlichen Throne nahen und, einzeln an demselben vorbeischreitend, dem Herrscher die Huldigung auf die möglichst kurze Weise leisten. Die obersten Führer, Gottfried von Bouillon, fein Bruder Balduin Bohemund von Antiochia und einige andere Erlesene des Heeres sollten nach Leistung des Huldigungseides absitzen und sich zu seiten des Thrones postieren, um durch ihr Ansehen jede Zügellosigkeit auf seiten der Kreuzfahrer im Keime zu ersticken; sie konnten es indes nicht hindern, daß sich auch andere, minder vornehme Kreuzritter, um ihre Neugier zu stillen, oder weil sie sich ebenso viel im Rechte dünkten wie die Hauptführer, gleichfalls in der Nähe des kaiserlichen Thrones aufstellten. Die größere Zahl der Ritter aber, nach geleisteteter Huldigung, ritt dem Hafendamme zu, wo Galeeren und Schiffe in zahlloser Menge bereit lagen, sie über die Meerenge nach Asien hinüber zu schiffen, dem von ihnen so heiß ersehnten Ziele, das aber den meisten von ihnen zur Grabstätte werden sollte. Die Feierlichkeit hatte sich in Ruhe vollzogen bis zum Vorbeiritt Bohemunds von Antiochien. Da vollzog sich ein Auftritt, der bezeichnend war für die abweichende Denkungsart der auf so außerordentliche Weise zusammengeführten Völkerschaften. Mehrere Kolonnen französischer Ritter hatten sich prozessionsweise an dem kaiserlichen Throne vorbeibewegt, sich zum Zeichen der Huldigung auf ein Knie niederlassend und zum Gelöbnis der Vasallentreue die Hände in diejenigen des Kaisers Alexius legend. Nun kam die Reihe an die normannischen Ritter und Edlen, und ihren Zug eröffnete der angesehenste von ihrem Stamme, Bohemund, der Sohn Guiscards von Apulien. Der Kaiser war aufs äußerste besorgt, sich das Wohlwollen dieses mächtigen und gefürchteten Mannes, der als Fürst über Antiochia seinem Reiche am nächsten saß, nicht zu verscherzen, und beschloß, ihm eine besondere Ehre dadurch vor allen versammelten Höflingen, eigenen und fremden Truppen zu erweisen, daß er ihm ein paar Schritte entgegen ging, und zwar nach der Seeseite zu, wo gleich den übrigen auch die antiochenischen Boote zur Abfahrt bereit lagen. Die Strecke war nicht groß, die der Kaiser zurückzulegen hatte, um Bohemund entgegen zu gehen; immerhin groß genug, ihn einer Kränkung auszusetzen, die von seinen Garden und Untertanen als eine absichtliche Herabsetzung auf das schmerzlichste empfunden wurde. Die Reihe der Huldigung war hinter Bohemund an einen fränkischen Grafen gekommen, der an der Spitze von zehn Reitern im Galopp herangesprengt kam und jäh vor dem leeren Throne absitzen ließ. Es war eine der kräftigsten Gestalten im ganzen Kreuzritterheere, dieser fränkische Graf; sein Gesicht hatte strenge, aber männlich schöne Züge und war von einem dichten, schwarzen Lockenwall umschlossen. Er trug nicht die für das Zeremoniell vorgeschriebene ritterliche Rüstung, sondern nur das gemslederne Unterkleid; aber er kehrte sich so wenig an diesen Verstoß, wie er sich darum kümmerte, daß der Thron vom Kaiser auf einen Moment verlassen worden war um Bohemunds willen. Vielleicht wurmte ihn auch die besondere Ehrung, die gerade diesem Fürsten, im Gegensatze zu dem kaiserlichen Verhalten allen anderen Fürsten gegenüber, erwiesen wurde. Kurz, er wartete keine Minute auf die Rückkehr des Kaisers, gönnte ihm auch nicht die Zeit zur Zurückkunft, sondern warf seinem Pagen die Zügel seines ungeheuren Streitrosses zu und stieg, ohne sich nur nach dem Kaiser mit einem Blicke umzusehen, auf dessen leeren Thron, flegelte sich auf die goldenen Polster und rief sogar den mächtigen Wolfshund zu sich heran, der hinter ihm her im Zuge zu laufen pflegte, ja ließ ihn sich auf die kostbaren Teppiche strecken, die den kaiserlichen Schemel deckten. Der Kaiser sah mit maßlosem Staunen, als er sich umdrehte, den frechen Thronräuber, den seine Waräger, hätte ihnen nicht Achilles Tatius, unsicher, welches Verhalten dem Kaiser genehm wäre, rasch Einhalt getan, längst für sein Verbrechen mit dem Tode gestraft hätten. Jetzt rief der tolle Patron, wenn auch in einer Mundart, die außer Franzosen von niemand verstanden wurde: »Was für ein grober Wicht ist's denn eigentlich, der wie ein Klotz hier saß, während die Blüte christlicher Ritterschaft unbedeckten Hauptes, obendrein in Anwesenheit dieser landesflüchtigen Waräger, vor ihm stehen mußte?« – Da dröhnte eine tiefe Stimme zur Antwort über den Platz, die gleichsam aus der Erde herauszudringen schien, solch übermenschliche Stärke war ihr zu eigen: »Sofern, es den Normannen gelüstet, mit den Warägern anzubinden, mögen sie sich Mann gegen Mann mit ihnen in den Schranken treffen. Solcher Prahlhanserei wider den Kaiser von Ostrom, der nicht anders als mittels der Streitäxte seiner Leibgarde ihnen antworten wird, bedarf es dazu wahrlich nicht!« Selbst der fränkische Ritter war über diese Zurückweisung seines anmaßenden Verhaltens betroffen; und sicher wäre es dem Kommandanten der Warägergarde nicht länger gelungen, dieselbe in Rand und Band zu halten – da machte Bohemund von Antiochien, um den Kaiser zu entlasten, eilig kehrt, nahm den Ritter beim Arme und nötigte ihn, halb mit Gewalt, halb durch gute Worte, den kaiserlichen Sitz zu räumen. Der Kaiser war im ersten Augenblicke so außer sich vor Entrüstung, daß er seine Soldaten zu den Waffen rufen wollte, denn er hielt durch diesen Angriff auf sein Ansehen und seine Würde seine ganze Politik dem Kreuzfahrerheere gegenüber für gefährdet, wenn nicht gar über den Haufen gerannt. Als er aber sah, daß auf seiten der Kreuzfahrer alles ruhig blieb, nachdem der fränkische Ritter von Bohemund vom Throne heruntergeführt worden, und daß nichts auf einen tatsächlichen Angriff militärischer Natur hindeutete, änderte er ebenso schnell seinen Entschluß dahin, das Ganze für einen der von den Franken gern geübten groben Späße anzusehen, und verfügte sich gemessenen Schrittes neben seinen Thron, ohne jedoch, um dem fränkischen Ritter nicht Anlaß zur Wiederholung seiner Frechheit zu geben, sogleich auf demselben Platz zu nehmen. »Wer ist der kühne Vasall?« fragte er den ihm zunächst stehenden Grafen Balduin, »der es für angemessen erachtet, seinen Rang solcherweise zu dokumentieren, während er doch in einem Aufzuge erscheint, daß er kaum würdig gewesen wäre, vor meinen Thron zu treten?« – »Kaiserliche Majestät,« antwortete der Graf von Flandern, »es ist einer der tapfersten Ritter im Kreuzheere, trotzdem es der Tapferen darin mehr gibt als Sand am Meere. Ich halte dafür, daß er nicht länger zögern wird, Euch über seinen Rang und Namen selbst zu unterrichten.« Alexius lenkte den Blick auf den Ritter, dessen breites, wohlgeformtes Gesicht frei war von jeglichem Anfluge von Schwärmerei, die auf vorsätzliche Beleidigung hätte schließen lassen, und verschloß sich nicht länger der milderen Auffassung, daß es mit dem ganzen Auftritt, der aller griechischen Sitte so direkt ins Gesicht schlug, auf keinen direkten Schimpf wider ihn und das Kaisertum abgesehen gewesen sei. »Wir wissen nicht,« sprach er zufolgedessen den Fremdling, mit Fassung sowohl als hoher Würde, an, »mit welchem, ob berühmten oder nur bekannten Namen Wir Euch anzusprechen haben, vermuten aber auf Grund der Aeußerungen aus Graf Balduins Munde, daß Wir in Euch einen der tapfersten von jenen tapferen Rittern begrüßen dürfen, die ausgezogen sind, Palästina von dem auf ihm lastenden Joche zu befreien und es unter das Zepter seines Oberherrn zurückzuführen,« – »Meinen Namen,« erwiderte der Ritter, ohne dem Kaiser die durch das Zeremoniell gebotenen Ehren zu erweisen, »kann Euch, sofern Euch daran liegt, ihn zu erfahren, jeder aus diesem Kreuzfahrerheere nennen; es soll nicht immer gut sein, die Namen voreilig auszuposaunen, da auf solche Weise schon mancher Kampf in Ehren vermieden und mancher Tapfere verhindert worden, Denkzettel an solche auszuteilen, die gerechten Anspruch darauf gehabt hätten.« – »Immerhin möchte ich wissen,« versetzte der Kaiser, »ob Euch in dieser übergroßen Menge von Rittern und Reisigen das Recht zusteht, Anspruch auf fürstliche oder königliche Ehren zu erheben?« – »Wie ist das gemeint?« fragte mit finsterer Miene der Franke. – »Still, Herr Graf,« mischte sich Bohemund, der noch neben dem Kaiser verweilte, in die Unterhaltung, »es dürfte wohl im ganzen Heere kein Zweifel darüber walten, daß es für jeden Ritter Gesetz sein muß, dem Kaiser höfliche Rede und Antwort zu stehen. Wen die Faust zum Streit juckt, der wird Heiden genug finden, sich das Jucken zu vertreiben. Der Kaiser begehrt Euren Stand und Namen zu wissen, und Ihr habt meines Wissens nicht die mindeste Ursache, die Antwort darauf zu weigern.« – »Ob das zu wissen für den Fürsten oder Kaiser, wie Ihr ihn nennt, von Wert oder Belang ist, kann ich nicht ermessen,« erwiderte der Franke, »aber was von mir zu wissen nichts schadet, ist das Folgende: In einer der ungeheuren Waldungen, die mein Geburtsland Frankreich bedecken, steht eine Kapelle, die aussieht, als sei sie vorzeitig baufällig geworden. Ueber dem Altar hängt ein uraltes Bild, das weit und breit im Lande bekannt ist als Unsere liebe Frau von den zerbrochenen Lanzen. Kein Ritter, der auf einer der an der Kapelle vorbeifahrenden Heerstraßen seines Weges kommt, unterläßt es, bevor er seine Andacht verrichtet, dreimal in sein Horn zu stoßen, daß alle Eschen und Eichen im Walde erzittern, und keiner erhebt sich von seiner Andacht, ohne einen andern Ritter bereit zum Kampf zu finden, sobald er das Schwert zu Ehren der Heiligen Frau zu führen Verlangen spürt. Monatelang habe ich an dieser geweihten Stätte das Turnier gehalten, und kein Ritter hat Ursache gehabt, Klage über mein ritterliches Verhalten zu führen, einige ausgenommen, die das Unglück hatten, dabei die Erde zu küssen und den Hals zu brechen.« »Ich begreife, daß ein Ritter von solchen Gaben und Fähigkeiten, wie Ihr sie zu besitzen das Glück habt,« versetzte der Kaiser, »seinesgleichen selbst unter seinen Landsleuten so leicht nicht findet, geschweige unter Männern, die der Meinung sind, daß es kindischer Verschleuderung eines Geschenkes der Vorsehung gleichbedeutend sei, das Leben in einem müßigen Streite aufs Spiel zu setzen.« – »Meinungen,« erwiderte der Franke verächtlich, »sind selbst im byzantinischen Reiche zollfrei; immerhin müßt Ihr mir die Bemerkung hiergegen erlauben, daß es uns schmähliches Unrecht antun heißt, wenn man meint, es fehle uns bei unseren Kämpfen an Verdruß und Aerger, und es mache uns nicht größere Freude, den Hirsch oder Bären zu jagen.« – »Im Kampf wider die Türken rate ich Euch trotz alledem, immer hübsch in der Nähe Eurer Fahne zu bleiben, wo die besten Heiden kämpfen, also auch die besten Ritter zur Abwehr zur Stelle sein müssen.« – »Mir soll jeder Türke recht sein,« versetzte der Franke, »der nicht höflicher ist als ein Christ, und hoffentlich stoße ich auf sie in der Front sowohl als bei der Fahne, damit ich Ihnen als Feinden der heiligen Jungfrau, aller Heiligen und meiner selbst gehörig zu Leibe rücken kann! Einstweilen habe ich nichts dawider, wenn Ihr Euch wieder dorthin setzt, wo Ihr Euch auch meiner Huldigung zu gewärtigen scheint; indes würdet Ihr mich zu nicht geringem Danke verpflichten durch tunlichste Abkürzung dieser, wie mich bedünkt, recht läppischen Zeremonie.« Der Kaiser nahm schnell auf seinem Throne Platz und die beiden kräftigen Fäuste des Franken zum Zeichen seiner Huldigung; dann geleitete Graf Balduin den Ritter zu den Schiffen, um, sobald er ihn auf dem Wege an Bord sah, zu dem Kaiser zurückzukehren. .»Wer ist dieser seltsamste aller Ritter Eures großen Heeres?« fragte der Kaiser. – »Robert, Graf von Paris,« antwortete Balduin, »er gilt für einen der tapfersten Kämpfer, die Frankreichs Erde trägt.« – Der Kaiser verweilte noch einige Zeit im Sinnen über den Vorgang, der sich soeben abgespielt hatte; dann winkte er seinem Zeremonienmeister, die Feier abzubrechen; vielleicht beschlich ihn Furcht vor einer Wiederholung der Szene; die Kreuzritter waren nicht verdrießlich, wieder zu den Palästen zurückzukehren, wo sie der Fortsetzung des durch die Huldigung unterbrochenen Gastmahles sich gewärtig halten durften. Die Trompeten gaben das Signal zum Rückzuge. Wider alle Erwartung ereignete sich aber ein neuer Vorfall, mit dem kaum jemand gerechnet haben mochte: als der »Held des Tages«, Graf Robert von Paris, die Trompeten hörte, gab er die Absicht, an Bord zu gehen, auf und ließ sich auch von Rittern, wie Bohemund und Gottfried, nicht davon abbringen; über die drohende Ungnade des Kaisers, mit der man ihn zu allerletzt noch zu schrecken versuchte, lachte er und »scherte sich,« wie er sagte, »den Teufel drum, ob er ihm durch seine Nähe auf ein paar Tage den Appetit verderben werde oder nicht«. Gottfried von Bouillon, der mit dem Grafen von Toulouse zusammen hinter ihm herschritt, sagte: »Auch einer, der keine fünfhundert Mann mit sich führt, aber für fünftausend reden möchte. Ich möchte darauf schwören, daß er keinen einzigen seiner Mannen kennt, noch weniger sich um ihre Bedürfnisse kümmert. Läuft er nicht einher, wie ein von der Lust zu Unfug erfüllter Schuljunge, der sich vom Schulzwange frei fühlt?« – »Dabei ist's aber ein Eisenfresser, der lieber den ganzen Kreuzzug aufs Spiel setzen, als die Gelegenheit verlieren möchte, sich mit einem Gegner in den Schranken zu messen, sofern es die Ehre Unserer lieben Frau mit den zerbrochenen Lanzen angeht. Wer ist denn der kleine, zierliche Ritter, der ihm zur Seite schreitet?« – »Vermutlich die berühmte Dame, die sein Herz durch ihren Mut in den Schranken zu erringen wußte, die Pilgergestalt ihr zur Seite in dem langen Kleide mag wohl ihre Nichte oder Dienerin sein.« – »Seit Gaita, Robert Guiscards Weib, mit ihrem Gemahl im Kampfe, beim Tanz oder Festmahl sich hervorgetan, im Wetteifer mit ihrem Gemahl, sahen wir noch nie ein gleiches Beispiel wieder.« – »Das aber ist die Weise dieses Ehepaares, sehr edler Ritter,« sprach ein anderer Kreuzritter, der zu ihnen getreten war, »der Himmel sei dem armen Ehemanne gnädig, der unter solche Fuchtel kommt!« – »Ich schlage vor, daß wir dem Paare folgen, damit wir sehen, wo es in der Hauptstadt sein Quartier aufschlägt.« Zweites Kapitel. Brenhilda, die Gemahlin Roberts von Paris, war eine jener urkräftigen und willensstarken Frauen, die ihre Männer, was zu den Zeiten der Kreuzzüge keine Seltenheit war, nicht bloß auf ihren Heereszügen begleiteten, sondern auch in den Schlachten mitkämpften. Sie hatte von Kind auf von weiblichen Beschäftigungen nichts wissen mögen, und jeder Ritter, der sich um ihre Hand bewarb, wurde mit dem Bescheide abgewiesen, daß sie nur demjenigen ihre Hand reichen werde, der sie im Turniere zu bezwingen vermöchte. Ihr Vater lebte schon lange nicht mehr, und ihre Mutter stand vollständig unter ihrer Herrschaft. Auf ihrer Burg Aspramonte waren schon zahlreiche Ritter erschienen, die den Kampf im Turniere um ihren Besitz gewagt hatten; aber keinem war es gelungen, die von der hohen Dame gestellte Bedingung zu erfüllen; einer nach dem andern war von ihr in den Sand gestreckt worden, denn keiner hatte sich ihr gegenüber getraut, seine volle Stärke einzusetzen, sondern vielmehr in der Meinung, daß es sich mit seiner Ritterehre nicht vertrage, eine Dame aus dem Sattel zu werfen, es vorgezogen, statt den entscheidenden Lanzenstoß zu führen, seitwärts auszubiegen und ihr die Ehre des Sieges zu lassen. Anders aber wurde es, als Graf Robert von Paris auf der Burg Aspramonte erschien. Sobald er von den Dingen, die sich hier ereignet hatten, unterrichtet worden, kündigte er sich als Ritter an, der den Kampf wagen wolle, aber nur unter der Bedingung, daß es ihm vergönnt sein müsse, im Falle er Sieger bleibe, auf den Kampfpreis zu verzichten. Dadurch fühlte Schön-Brenhilde sich aufs höchste gekränkt, nahm aber die Herausforderung des Grafen an und ritt in die Schranken mit dem festen Vorsatze, sich für diese offenbare Geringschätzung an dem Grafen von Paris zu rächen. Ob sich nun aber durch dessen kränkenden Vorbehalt ihr Nervenapparat nicht in der alten Ruhe mehr befand oder ob es ihr doch eben nicht anders erging, als es den meisten Angehörigen ihres Geschlechtes zu ergehen pflegt: daß nämlich ihr Herz sich gerade demjenigen zuwandte, der sich am wenigsten darum riß oder zu reißen schien, kurz und gut, Graf Robert unterlag ihr nicht, er warf im Gegenteil sie; als er nun aber, nachdem er die Eitelkeit und den Uebermut Brenhildens bestraft hatte, die Burg Aspramonte verlassen wollte, legte sich Brenhildens Mutter ins Mittel und wußte dadurch, daß sie dem Grafen für die Lektion von Herzen dankte, die er ihrer Tochter erteilt hatte, ihn zum längeren Bleiben zu bestimmen. Sonderlich schwer fiel es der alten Dame nicht, denn sie kam einem Herzenswunsche entgegen, dem er nur aus Herrentrotz keine Rechnung tragen mochte. Er gehörte nicht bloß zu den berühmtesten Rittern von Nordfrankreich, sondern führte auch seine Abstammung unmittelbar auf König Karl den Großen zurück. So verweilte der Graf etwa vierzehn Tage auf der Burg Aspramonte, und in der Woche darauf befand er sich mit Dame Brenhilde als ihr Verlobter Bräutigam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges auf der Reise nach der Kapelle zu Unserer lieben Frau von den gebrochenen Lanzen, um sich daselbst kirchlich einsegnen und trauen zu lassen. Dort lagerten, gemäß dem in dieser Kapelle traditionellen Marienkult, ein paar Ritter, der Gegner harrend, mit denen sie, zu Ehren Unserer lieben Frau, in die Schranken treten wollten, und fühlten sich, als sie das nahende Brautpaar erblickten, lebhaft enttäuscht, weil sie nun fürchteten, noch länger warten zu müssen. Ihr Verdruß wandelte sich aber in große Freude, als ihnen von dem ritterlichen Brautpaare das Erbieten, mit ihnen in die Schranken zu reiten, gestellt wurde. Graf Robert sowohl als Dame Brenhilde betrachteten es als eine günstige Fügung des Schicksals, ihren Ehestand auf eine solche Weise zu eröffnen, denn sie entsprach ja doch völlig ihren Anschauungen und Grundsätzen. Der eine der beiden Ritter, die mit ihnen in die Schranken einritten, wurde mit zerschlagenem Arm, der andere mit verrenktem Schlüsselbein aus der Arena getragen; denn wie immer trug Graf Robert den Sieg davon, desgleichen Dame Brenhilde, die auch keinem andern Gegner als ihrem Gemahl im Turnier unterlegen war. Die Vermählung änderte in der Lebensweise des Grafen Robert nicht das geringste. Seine Gemahlin war von der gleichen Ruhmbegierde erfüllt wie er, und so entschlossen sie sich, zusammen das Kreuz zu nehmen. Brenhilde stand damals in ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahre und war die schönste Amazone, die man sich vorstellen konnte: ihre Gestalt wies das vollkommenste Ebenmaß auf, ihr edel geformtes Gesicht war zwar durch ihren langen Aufenthalt unter freiem Himmel infolge der vielen Kriegs- und Turnierzüge, die sie mit ihrem Gemahl machte, leicht gebräunt, hatte aber dadurch wohl mehr gewonnen, als verloren. Sobald Kaiser Alexius Befehl zur Rückkehr nach der Hauptstadt gegeben hatte, berief er seinen Akoluthen Achilles Tatius an seine Seite. Nach einer kurzen, in leisem Tone geführten Unterhaltung verließ derselbe das Gefolge des Kaisers und ließ auf der Heerstraße halten. Graf Robert hatte sich mit seinen Rossen und seinem Gefolge, ausgenommen einen alten Knecht und eine Dienerin, zu Schiff begeben, weil ihm das Gewühl auf der Straße unausstehlich ward, und ließ sich zu einer Landungsstelle hinfahren, von wo aus er eine Straße gewinnen konnte, die zwar einen großen Umweg machte, dafür aber weit leichter zu passieren war, weil sie so gut wie menschenleer war. Als sie einige Zeit auf ihr entlang geritten waren, stießen sie auf einen hochbejahrten Greis, der nicht bloß groß von Gestalt, sondern auch wohlbeleibt war und in seiner Hand eine Papyrusrolle trug. Er schien in tiefes Sinnen versunken und sah aus, wie jemand, der es unternommen hat, geistige Spreu aus geistigem Weizen zu sichten. Es war kein anderer als Agelastes, der das reitende Paar, sobald er seiner ansichtig wurde, freundlich fragte, ob es etwa den Weg verfehlt habe, ob er ihm als Führer dienen oder ihm sonst welche Gefälligkeit erweisen könne, – »Weiser Vater,« erwiderte Graf Robert, »wir kommen aus fremden Landen und gehören dem Kreuzfahrerheere an, das auf dem Zuge nach den heiligen Landen ist, um es aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Graf Robert von Paris und seine Gemahlin Brenhilde sind indessen nicht gewohnt, durch ein Land zu ziehen, ohne dafür zu sorgen, daß es von ihrem Ruhme widerhallt; ihr Sehnen geht danach, ein rühmliches Leben zu führen, und müßten sie es auch um den Preis ihres irdischen Daseins erkaufen!« »O, da seid Ihr vielleicht gar auf der Suche nach einem Manne, wie ich es bin? Trage ich doch eine Aegis bei mir zum Schutze gegen das, was ich ohne sie fürchten müßte: aber Greisenalter mit all seinen Schwächen verdient eben auch Berücksichtigung und Entschuldigung. Ihr werdet mich glücklich machen, wolltet Ihr mich in die Lage setzen, Euch zu dienen in der Weise, wie ich es jedem wackeren Ritter gegenüber für meine Pflicht erachte.« »Ich dürste, wie schon gesagt, weiser Alter, nach Ruhm und, um ihn zu gewinnen, nach dem einzigen Mittel, das dazu hilft, nach Abenteuern. Hätte mein großer Ahne Karl die kargen Saale-Ufer nie verlassen, so wäre er jetzt ohne Frage ganz ebenso unbekannt, wie der erste beste Winzer, der in seinem Lande die Erde geschaufelt hat. Aber er vollführte Großes in der Welt, so daß sein Name nie sterben wird.« – »Junger Mann,« antwortete Agelastes, »ich meine wohl, der Mann zu sein, der Euch in dieser Hinsicht wird dienen können; ich habe mich so angelegentlich mit der Natur befaßt, daß sich eine andere Welt meinen Blicken erschlossen hat, eine Welt, die außerhalb der Natur liegt. Was ich von merkwürdigen Schätzen in meinem langen Leben gesammelt habe, eignet sich nicht für jedermann und soll auch keinem zugute kommen, der sich über den Alltagsschlendrian nicht erhoben hat. Mir hat das Leben soviel gebracht, wie sich kein Dichter Eures romantischen Lebens, und hätte er die ausgesuchteste Phantasie, auszuklügeln vermöchte.« »Nun, so dürfte uns ja ein günstiges Geschick zusammengeführt haben,« erwiderte der französische Graf, »wenigstens will ich mit meiner Gemahlin gern so lange verziehen, bis Ihr uns einiges von den Abenteuern erzählt habt, die Ihr in Eurem Leben gehabt oder kennen gelernt habt. Es ist ja doch fahrender Ritter Sache, danach auf der Suche zu sein!« Mit diesen Worten setzte er sich neben dem Greise nieder, und Brenhilde folgte mit einer Ehrerbietigkeit seinem Beispiele, die fast etwas Possierliches hatte. »Liebes Ehgemahl! wir sind unter ein kleinliches Geschlecht geraten, das vor seinem Kaiser in der allerunterwürfigsten Weise auf allen Vieren kriecht, trotzdem er, wenn man die Dinge in richtigem Lichte betrachtete, kaum mehr noch ist als ein Scheinherrscher. Es könnte einem wirklich leid darum tun, daß man das Kreuz genommen hat – möge mir unser Herrgott solchen sündigen Gedanken verzeihen! – und daß wir in eben dem Augenblicke, wo wir eben noch meinten, verzweifeln zu sollen, das Glück haben, einem jener wackeren Männer zu begegnen, die sich bei so vielen unserer Vorfahren als Führer bewährt haben, darf wohl mit dem bisherigen Geschick aussöhnen. Wir wollen den Mann sich ruhig besinnen lassen, Brenhilde! es wird unser Schade ganz sicher nicht sein.« Nach einigen Augenblicken beiderseitigen Schweigens hub der Greis zu erzählen an, wie folgt: »Das Abenteuer, mit welchem ich beginne, hat sich in unserm berühmten Archipelagus zugetragen, ziemlich weit von hier, nach den Begriffen, die bei uns von Entfernungen bestehen, auf dem trotz seinem Reichtum an Naturschätzen nur spärlich bewohnten Eilande Zulichium, das, im Grunde genommen, wenn es scheinbar auch aus einer Masse von aneinander gehäuften Bergen besteht, doch nur ein einziger Riesenberg ist, auf dessen höchstem Gipfel, mit Moos dicht überwachsen, die Ruinen eines uralten Schlosses sich erheben. Hier liegt die letzte Herrin seit langem in einem Zauberschlafe. Sie zu befreien, tat ein auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem befindlicher Ritter ein strenges Gelübde. Zwei von den ältesten Inselbewohnern ließen sich bereit finden, ihn bis auf Bogenschußweite zu dem Haupttore der alten Burg zu begleiten, waren aber zu weiterer Begleitung nicht zu bewegen. Der kühne Franke drang also mutterseelenallein weiter vor. Zu seinem gewaltigen Erstaunen entpuppten sich die Trümmer, als er an das Haupttor mit seinem Schwertknaufe klopfte, als eine der herrlichsten und auch größten Burgen, die das sterbliche Auge des Ritters je im Leben erblickt hatte. Die ehernen Tore flogen, wie von selbst, weit auf, und um die alten Türme erklang es wie von Geisterstimmen, dem Befreier, der sich jetzt nahte, zum Willkommensgruße. Was sich dem Ritter, vom alten Burghofe ab, an altertümlicher Pracht nunmehr zeigte, überstieg seine Begriffe so vollständig, daß er eine geraume Zeit brauchte, sich zu sammeln. Auf den Wällen standen in morgenländischen Rüstungen zahlreiche Wächter umher, aber sämtlich stumm und starr, und der klirrenden Tritte des fränkischen Ritters nicht achtend. Aber obgleich sie jeder Lebensäußerung unfähig waren, waren sie dem Leben doch nicht abgestorben, sondern lebten! Die Sage ging von ihnen, daß sie in solchem Zustande nun schon über vierhundert Jahre sich befänden, und daß, wie eine Jahreszeit sie verlieh, die andere sie übernahm und der ihr folgenden weitergab. Ein Magier und Jünger Zoroasters war einst an den fürstlichen Hof der Schloßherrin gekommen und von ihr mit der höchsten Aufmerksamkeit aufgenommen worden, die sie einem fremden Manne erweisen durfte. Dadurch hatte der Magier sich verleiten lassen, das reife Alter, in welchem er bereits stand, zu vergessen und jugendliche Träume zu hegen, Doch war er bei all seiner Weisheit außerstande, dem gewöhnlichen Laufe der Natur zu trotzen, und wenn er mit der jungen Fürstin auf einem der zahlreichen Abendfeste, die auf der Burg gefeiert wurden, zum Tanze antrat, konnte er nicht hindern, daß die jüngere Welt sich darüber lustig machte, daß seine Beine doch nicht mehr gleichen Schritt halten wollten mit seiner Phantasie. Die Fürstin wurde durch den ewigen Spott, der ihr zu Ohren kam, mit der Zeit zur Nachahmung gereizt, und es kam bald eine Zeit, wo sie es den bejahrten Verehrer merken ließ, daß sie ihn eigentlich bloß zum Narren hielt. Das Schlimmste auf Erden aber ist Haß, der aus verschmähter oder verhöhnter Liebe erwächst. Weder durch ein Wort noch einen Blick ließ der Magier sich merken, wie schmerzlich er die bittere Täuschung empfand, und wie schwer es ihm wurde, sich an die Möglichkeit einer solchen zu gewöhnen; mit der Zeit lagerte sich aber ein Zug so tiefer Schwermut auf seine Stirn, daß sich die junge Fürstin einer gewissen Beklommenheit nicht mehr erwehren konnte: sie hatte die Empfindung, wie wenn ein schweres Gewitter im Anzuge sei. Nach einem fröhlichen Feste, das eine große Zahl fremder Ritter auf die stolze Burg geführt hatte, trat die Fürstin, die von Herzen gutmütig, nur ein wenig leichten Sinnes war und sich nicht recht in den Ernst des Lebens zu finden verstand, zu dem Magier und suchte ihn für mancherlei Vernachlässigung während des Festes dadurch zu entschädigen, daß sie ihm freundlich eine recht gute Nacht wünschte. »Eine freundliche Rede, mein liebes Kind,« erwiderte darauf der Magier, »aber für wen von den vielen, die heute in Deiner Burg versammelt waren, wird auf die gute Nacht auch ein guter Morgen folgen?« Die Rede war von vielen gehört worden und wurde von noch mehr der Anwesenden lebhaft kommentiert; denn über die Sinnesart des Magiers bestand kaum bei einem einzigen der Anwesenden Zweifel, und nicht wenige Gäste brachen noch in der Festnacht vom Schlosse nach ihrer Heimat auf. Durch sie allein kam Kunde von dem Schicksal, das Burg und Burgherrin und alle bei ihr zurückgebliebenen Gäste, wie alle Dienerschaft und Knappenschaft noch in der Festesnacht heimsuchte. Alles, was in der Burg lebte, wurde von einem todesähnlichen Schlafe befallen, der nicht mehr von ihnen wich. Der Magier war am andern Morgen verschwunden, und man erzählte sich auf dem Eiland, er sei mit den Worten von demselben im Kahne abgestoßen, daß so lange Tod über allem Lebenden auf Eiland und Schluß gebreitet bleiben solle, bis ein Ritter nahen würde, der den Mut besäße, den Fuß in die verzauberte Stätte zu setzen. Das geschah nach Verlauf von vielen Jahren. Artavan von Hautlieu hieß der Kühne, der den Versuch wagte, den Bann von Eiland und Burg und allem darin schlummernden Leben zu lösen. Zwei Wächter waren die ersten, die sein Auge erblickte. Mit gezücktem Schwerte standen sie am Eingänge zu dem Tore, das zum Frauenhause, der Kemenate, führte. Artavan ließ sich aber durch sie nicht schrecken, sondern näherte sich dem Portale, das sich, gleich dem Burgtore, selbsttätig vor ihm öffnete. Durch eine Art Wachtstube, die von Knappen wimmelte, ohne daß Artavan unterscheiden konnte, ob sie lebten oder nicht, gelangte er in ein Gemach, in welchem schöne Sklavinnen umhersaßen oder umher lagen. Aber Artavan lieh sich durch diesen Anblick nicht betören, sondern drang unentwegt weiter vor durch eine kleine, elfenbeinerne Pforte, die ihn zu dem Schlafzimmer der Fürstin selbst führte. Von mattem Dämmerlicht übergossen, ruhte die liebliche Gestalt der durch ihre Schönheit weit und breit im Lände gefeierten Fürstin von Zulichium auf einem schlohweißen Lager.« »Frommer Vater,« mischte hier Dame Brenhilde sich ein, »von der Schilderung eines schlafenden Frauenzimmers können wir wohl Abstand nehmen; ich meine, sie möchte sich ebenso wenig für meine Ohren wie für Euren Mund schicken,« »Ich bin Eurem Befehle gern gehorsam,« erwiderte der Philosoph, »wenngleich ich sagen muß, daß ich den schönsten Teil meiner Erzählung zum Opfer bringe, der immer mit dem größten Beifall aufgenommen wurde.« »Ich sollte doch meinen,« bemerkte Graf Robert, »es käme auf ein paar Worte mehr oder weniger nicht so sehr an als auf die Wahrung des Zusammenhanges.« – »Wie Du willst,« sagte Brenhilde, »aber mir scheint sich die Erzählung doch zu sehr in die Länge zu ziehen, um interessant zu bleiben,« – »Und mir scheint, Brenhilde, als wenn Du zum ersten Male eine weibliche Schwäche durchblicken ließest?« – »Und mir, lieber Robert,« antwortete die Gattin, »als wenn ich meinen Ehgemahl auf einer gewissen Unbeständigkeit seines ehelichen Empfindens ertappte!« »O, ihr Götter!« rief da Agelastes, »kann es wohl je einen Zwist gegeben haben ohne einen tatsächlichen Grund? Wie kann Eure Gemahlin Eifersucht fühlen gegen eine Person, die sie vermutlich niemals sehen, geschweige kennen lernen wird? Denn daß die Fürstin von Zulichium je wieder in die Gegenwart treten sollte, ist meiner Auffassung nach vollständig ausgeschlossen; der Vorhang, der ihr Grab deckt, wird nie wieder zerrissen werden!« »Erzählt weiter, Vater,« rief Robert, »und wenn Artavan von Hautlieu die Fürstin nicht befreien konnte, so gelobe ich bei Unserer lieben Frau von den gebrochenen Lanzen...« – »Ich denke, mein Gemahl,« schalt hier Brenhilde ein, »daß Du mit dem Gelübde, das heilige Grab gewinnen zu helfen, vorerst übergenug auf Dich genommen hättest?« – »Schön, schön, liebes Ehgemahl,« versetzte Graf Robert, offenbar nicht frei von Verdruß über diesen Einspruch; »in ein Abenteuer, das der Verpflichtung gegen das heilige Grab zuwiderliefe oder vorginge, werde ich mich selbstverständlich nicht einlassen.« Der Philosoph entnahm aus diesem kleinen Wortwechsel zwischen dem Ritter und seiner Gemahlin, daß es doch vielleicht schwieriger sein möchte, den Sinn des Grafen zu lenken, als er angenommen hatte, wenigstens so lange, wie sich seine Gattin bei ihm befände; er stimmte deshalb den Ton seiner Rede ein wenig herab und vermied es hinfort, Dinge einzuflechten, die das Ohr der Dame nicht hören mochte. »Ritter Artavan von Hautlieu,« fuhr er in seiner Erzählung fort, »stand nun vor dem Lager ,der lieblichen Jungfrau, unschlüssig, wie er sich weiter verhalten solle. Da kam ihm der Gedanke, daß ein Kuß am Ende das rechte Mittel sein möge, den Zauber zu lösen,« Ueber die Wangen der schönen Dame Brenhilde huschte ein flüchtiges Rot, aber sie gab den Empfindungen, die sie erfüllten, keinen Ausdruck. Agelastes fuhr daraufhin fort: »Aber nie mag wohl solche harmlose Handlung eine grausigere Wirkung hervorgebracht haben als auf jener verzauberten Burg! Aus dem lieblichen Abendrot, das den Himmel gefärbt hatte, wurde ein häßliches Schmutzgrün, und erstickender Schwefeldunst erfüllte das Zimmer. Die reichen Behänge und Gardinen, die kostbaren Gold- und Silbergeräte wandelten sich zu Stein, die Mauern überzogen sich mit garstigem Moder, und die schönen Lippen, die der Ritter eben noch geküßt hatte, wandelten sich zu den Lefzen eines scheußlichen Drachens, der aus dem lieblichen Körper des fürstlichen Fräuleins entstanden war. Es war das Mißgeschick des Ritters Artavan, daß er es bei einem Kusse hatte bewenden lassen: hätte er die süßen Lippen dreimal hintereinander geküßt, so wäre der Zauber gebrochen gewesen; aber die Gelegenheit war vorüber, und die Folgen dieser Unterlassungssünde mußten getragen werden: von dem fürstlichen Fräulein, indem es weiter in dem Zauber befangen blieb, und von dem Ritter, indem er auf den Besitz der schonen Huldin verzichten mußte. Der scheußliche Drache, in den sich der Leib des Freifräuleins verwandelt hatte, sauste ein paarmal in dem Gemache umher und entflog dann durch ein Seitenfenster ins Freie, während laute Wehklagen ob der, getäuschten Hoffnung die ganze Burg erfüllten.« Agelastes endigte hier seine Erzählung, setzte jedoch aus eigenem Wissen noch kurz hinzu, daß im Morgenlande noch immer die Meinung herrsche, die schöne Fürstentochter läge verzaubert im Schlosse des Eilandes Zulichium. Es habe wohl manch anderer Ritter noch den Versuch gewagt, den Bann zu lösen; es sei aber bislang noch keinem geglückt. »Aber,« bemerkte er noch, »ich weiß den Weg, der nach Zulichium führt, und Ihr braucht bloß ein Wort zu sagen, so könnt Ihr Euch morgen auf dem Wege dorthin befinden,« Gräfin Brenhilde vernahm die letzten Worte mit großer Angst; da sie jedoch wußte, daß ihr Gemahl sich am ehesten bewogen fühlen möchte, das gefahrvolle Unternehmen zu wagen, sobald sie dagegen eiferte, überließ sie ihm, das weitere Verhalten allein zu bestimmen. Nicht lange, so erfaßte er ihre Hand und sagte: »Brenhilde, Deinem Gemahl sind Ruhm und Ehre die höchsten Lebensgüter. Freilich hast Du für mich getan, was keine andere Frau unseres Standes hätte tun mögen; darum muß ich Dir schon eine Stimme zugestehen bei dem Entschlüsse, vor dem ich stehe. Laß jedoch bei diesem Greise nicht die Meinung aufkommen, Dein Herz sei aus dem gleichen Stoffe gebildet, wie das der anderen Weiber!« Wohl versuchte Brenhilde, die Haltung einer Heldin anzunehmen, aber sie unterlag doch ihren Empfindungen und fiel dem geliebten Gemahl unter Tränen um den Hals. Graf Robert war im ersten Augenblicke enttäuscht darüber, daß seine Voraussehung sich in so geringem Maße bestätigte, fühlte sich aber schließlich ergriffen durch diesen Ausbruch von Zärtlichkeit und ließ den Blick voll stolzer Bewunderung auf seinem Ehgemahl haften. . »Meine Holde,« sprach er, »so laß den Greis an meiner Statt wissen, daß aus dem Abenteuer nichts werden könne, da Du mich daran verhindertest. Ich will es so um Deinet- und nicht um meinetwillen.« Aber es wurde ihr nicht leicht, dem Gemahl zu willfahren, nach diesem Beispiele dafür, daß die Natur allewig ihre Rechte behauptet, und wenn sie jetzt auch die Arme von dem Halse des geliebten Mannes löste, so behielt sie doch noch immer seine Hand in der ihrigen und hielt den Blick in inniger Liebe auf ihm geheftet. »Meine schöne Frau,« nahm da Agelastes, bestrebt, ihr die Situation zu erleichtern, wieder das Wort, »was Ihr mir sagen wollt, ist weit entfernt von allem Bösen. Schlimmer als bisher befindet sich jene verzauberte Fürstin jetzt auch nicht, und daß der Ritter, der sie erlösen wird, nicht mehr fern ist, unterliegt wohl kaum einem Zweifel –« Schwermütig lächelnd, fiel ihm Dame Brenhilde ins Wort: »Es ist mir schmerzlich genug, das unglückliche Fürstenkind einer so mächtigen Hilfe zu berauben, wie mein Gemahl für sie gewesen wäre; aber so sehr ich die Kleinlichkeit meiner Eifersucht zugebe, und so gern ich meinen Gemahl bei solchem Unternehmen unterstützen würde,« – hier heftete sie einen unruhigen Blick auf den Grafen – »Nicht doch, Brenhilde,« erwiderte Graf Robert, »das ginge doch in keinem Falle an!« – »Und ich allein könnte das Abenteuer nicht wagen?« fragte Brenhilde, die keine Ursache hatte, die Reize der Fürstentochter zu fürchten, und sich, kräftig genug dünkte, einen Kampf wider den Drachen zu bestehen. »Edle Frau,« versetzte Agelastes, »das verzauberte Fürstenkind ist nur durch Liebeskuß zu erlösen, nicht aber durch Freundschaftskuß.« – Die Gräfin erwiderte mit stolzem Lächeln« »Das sollte doch wohl Grund genug für eine Dame sein, die Erlaubnis zu solchem Wagnis zu weigern.« – »Nun denn;« nahm Graf Robert das Wort, »so empfanget für die heitere Stunde, die Ihr uns bereitet, wackerer Greis, einen kleinen Lohn. Es ist bedauerlich, daß sich Euer Vorschlag nicht in Ausführung setzen läßt; aber ich muß mich der von meiner Gemahlin gefällten Entscheidung fügen, nachdem ich sie ihr anheimgestellt habe. Nehmt mir nicht übel, daß ich nur weniges biete; wir fränkischen Ritter sind leider keine Krösusse.« Da zog Brenhilde einen kostbaren Ring vom Finger. »Erlaubt, frommer Vater, daß ich der Gabe meines Gemahls dieses Kleinod hinzufüge. – »Ich will es nehmen,« erwiderte der Philosoph, »doch unter einer Bedingung: an dem schönsten Wege, der zur Stadt führt, in einem kleinen Kiosk, meinem Tempel der Freundschaft, wie ich ihn mit Vorliebe nenne, treffe ich heute abend ein paar Personen, die zu den angesehensten Männern des oströmischen Reiches gehören. Ich möchte das gräfliche Paar um die Ehre bitten, heute abend dort unter meinen Gästen zu erscheinen.« – »Ich halte es für eine Pflicht, den frommen Vater dafür zu entschädigen, daß ich mich seinem ersten Vorschlage abhold verhalten muß, und wäre dafür, mein Gemahl, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.« – »Es wird spät werden,« meinte Graf Robert, »aber ...« – Agelastes fiel ihm ins Wort: »Ich kann Euer Aber am schicklichsten ergänzen durch den Beisatz, daß es nur ein kurzes Stück Weg dorthin ist, daß aber, wenn die edle Gräfin lieber den Weg zu Pferde zurücklegen will.« – »Ich brauche kein Pferd,« erwiderte Brenhilde, »es reist wohl selten ein Ritter mit so geringem Gepäck wie mein Gemahl.« Agelastes ging durch ein Gehölz voran, und das gräfliche Paar folgte ihm. Drittes Kapitel. Graf Robert und seine Gattin Brenhilde wurden von dem Greise am Ufer der Propontis entlang geführt. Fortwährend wechselten die lieblichsten Bilder vor ihren Augen. An einer Stelle fühlte der Pfad, den sie entlang schritten, durch ein Felsentor auf eine Art von Arena unter freiem Himmel. Auf der von Felsen umschlossenen sandigen Fläche tummelten sich Scharen von heidnischen Skythen, häßliche Leute mit kurzen, zwerghaften Leibern und unverhältnismäßig langen und starken Armen und Beinen. Ihr Gesicht ging mehr in die Breite als in die Länge; Zwischen den seitwärts sitzenden Schweinsaugen saß eine Nase mit so weiten Nüstern, daß man tatsächlich meinen konnte, diesen Menschen bis in das Gehirn hinauf sehen zu können. Sie übten sich gerade im Speerwurf, und mancher von ihnen wurde dabei in den Sand gestreckt und wohl auch verletzt. Als das gräfliche Paar an ihnen vorbei ritt, richteten sich von allen Seiten her lüsterne Blicke auf die schöne Dame, die sich erregt zu ihrem Gemahl wandte: »Wohl kenne ich keine Furcht; wenn es aber zutrifft, was ich oft gehört habe, daß Abscheu Furcht erwecken kann, dann könnten mich diese Scheusale schrecken.« »Heda, Ritter!« rief einer der Ungläubigen, »ist's Euch etwa unbekannt, daß jede Frau, die den Fuß in einen skythischen Atmeidan oder, wenn Ihr's griechisch hören wollt, Hippodrom setzt, den darin aufhältlichen Skythen mit ihrem Leibe verfällt?« »Schuft von einem Heiden!« rief Graf Robert, »welcher Rede erfrechst Du Dich gegen einen Pair von Frankreich?« Agelastes gemahnte die Skythen in der anmaßenden Sprache eines byzantinischen Höflings, daß der Kaiser über jedes Vergehen gegen die abendländische Ritterschaft schwere Strafen verhängt habe. »Behaltet Eure Weisheit für Euch!« rief der Skythe, trotzig zwei wuchtige, mit Adlerfedern geschmückte Wurfspieße in der Luft schwingend: »wir wissen schon, wie der Kaiser über das Gesindel von Rittern denkt, Freund ist er ihnen bloß, solange er sie vor Augen hat. Wir sind nun einmal nicht Söldner, die dem Kaisers anders dienen können, als er's offen befiehlt oder im geheimen wünscht!« »Toxartis!« warnte der Philosoph, »Du lügst!« »Schweig' Du!« rief der Skythe, »oder ich vergreife mich au Dir altem Schwätzer, so wenig sich das mit meiner Kriegerehre vertrüge!« Im selben Augenblick packte der Skythe den Schleier der Dame, um ihn ihr vom Gesicht zu reißen; Brenhilde jedoch, ihrem kriegerischen Temperament getreu, streckte den Heiden durch einen Hieb mit ihrem Schwerte zu Boden. Sein Feldgeschrei: »Rette, Du Sohn Karls!« erdröhnen lassend, sprengte Graf Robert mit hoch geschwungener Streitaxt in den heidnischen Haufen hinein und jagte ihn wie Spreu auseinander. »Erbärmliches Gesindel!« rief er, als er von der Verfolgung wieder zu dem Philosophen trat! »wenn wir uns bloß mit solchen Feinden hier zu schlagen haben, so wird der Zug nicht allzulange dauern.« »Eilen wir nach unserem Kiosk,« riet der Philosoph, »es könnte der Fall sein, die Skythen fänden Verstärkung und kämen zurück, sich an Euch zu rächen.« »In einem christlichen Lande, wie es Ostrom doch sein will,« versetzte Graf Robert, »sollte solches Räubervolk ausgetilgt werden, aber nicht mit Verstärkung rechnen dürfen! Komme ich von dem Zuge gegen Palästina heil zurück, werde ich es mir angelegen sein lassen, reinen Tisch hierzulande zu machen.« Agelastes zog es aber vor, auf dem kürzesten Wege seinen Kiosk zu erreichen. Auf ein von ihm gegebenes Zeichen öffnete sich sogleich die kleine Pforte, die zu dem romantischen Plätzchen führte, und in derselben zeigte sich sein schwarzer Diener Diogenes. Es entging dem Philosophen nicht, daß das gräfliche Paar sich vor dem Neger, den wohl noch keines von ihnen so nahe gesehen hatte, weniger erschreckte, als entsetzte; aber so gern er sich den ihm hieraus winkenden Vorteil gewahrt hätte, so blieb ihm keime Zeit dazu; denn aus der Ferne drang es wie Musik zu ihren Ohren, das Rauschen des Wasserfalles übertönend, der dicht bei dem Kiosk aus einem Felsen hervorbrauste. »Mir scheint, die erwarteten Gäste nahen bereits meiner bescheidenen Behausung; erlaubt mir nur einen Augenblick, ihnen entgegen zu gehen; mit der Mahlzeit werden wir nun schon warten müssen, bis sie zur Stelle sind, was aber wohl bald der Fall sein wird.« »O, uns eilt's nicht damit,« erwiderte Graf Robert, »wir können gut warten; lieber wäre es uns noch, Ihr hättet nichts dawider, wenn wir still für uns einen Bissen Brot und einen Trunk Wasser zu uns nähmen und auf den Platz an Eurer Tafel verzichteten.« »Das mögen die Heiligen verhüten!« rief der Philosoph; »nie haben würdigere Gäste an meiner Tafel gesessen! Das Wort würde ich aufrecht erhalten, selbst wenn Kaiser Alexius in diesem Augenblicke auf der Schwelle meiner Tür stände!« Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so schmetterte eine Trompete, das Rauschen des Wasserfalles und die Musik, die seit kurzem erklang, übertönend. »Fürchtet Ihr Gefahr, frommer Vater?« rief Graf Robert; »Ihr zittert ja? Zweifelt Ihr denn an unserem Schutze?« »Nicht im geringsten,« versetzte Agelastes; »Ihr würdet mir selbst in der schlimmsten Gefahr noch erscheinen wie ein schützender Hort; aber dieses Trompetensignal weckt nicht Furcht, sondern Ehrfurcht! Es kündet mir das Nahen kaiserlicher Gäste. Aber, edle Freunde, seid ohne Bangen! Denn die uns nahen, lassen gern ihre Gunst auf ehrsame Leute ausstrahlen. Wundert Euch indessen nicht, daß ich mit der Stirn zum pflichtschuldigen Willkomm den Boden berühren muß.« Er war schon an der Pforte; Graf und Gräfin folgten ihm, aber es harrte ihrer schon ein neuer Auftritt. Viertes Kapitel. Agelastes hatte knapp noch Zeit, sich vor einem gewaltigen Tiere auf den Boden zu werfen, das damals in der Welt noch fremd war, jetzt aber unter dem Namen Elefant als allgemein bekannt gelten darf. Es trug auf dem Rücken eine große, reich geschmückte Sänfte, in welcher die Gemahlin des Kaisers, Irene, mit ihrer Tochter, dem gelehrten Blaustrumpfe Anna Komnena, saß. Geführt wurde das stattliche Gefolge, das sich aus einem berittenen Trupp in glänzenden Rüstungen zusammensetzte, von dem kaiserlichen Schwiegersohne Nikephoros Briennios. Als die Fürstinnen auf der Terrasse aus ihrer Sänfte herniederstiegen, warfen sich die Offiziere zu Boden und richteten sich erst wieder in die Höhe, als die Fürstinnen vor der kleinen Pforte standen. Kaiserin Irene war bereits über die Jugendzeit weit hinaus, zeichnete sich aber noch immer durch eine echt majestätische Haltung aus, während ihre Tochter in der vollen Blüte der Weiblichkeit stand. Im Hintergrunde, umringt von einem richtigen Wall von Speeren, stand der durch Größe und Pracht ausgezeichnete Hoftrompeter, auf hohem Felsen, von wo aus er seinen Leuten durch Zeichen verständlich machte, daß sie sich hier der weiteren kaiserlichen Befehle gewärtig zu halten hätten. Brenhildens Schönheit zog alsbald die Aufmerksamkeit der Kaiserin und der Prinzessin auf sich. Agelastes fühlte, daß es seine Pflicht sei, die Gäste miteinander bekannt zu machen. »Darf ich sprechen und leben?« fragte er; »die Fremdlinge, die Eure kaiserlichen Herrschaften bei mir antreffen, gehören zu den unzähligen Tausenden, die um Palästinas willen das Kreuz genommen haben; sie sind zugleich auch von dem Verlangen beseelt, dem Kaiser Alexius bei der Verjagung aller Heiden aus dem Gebiete seines Reiches zu helfen und an Stelle dieser Barbaren dem Kaiser als Vasallen zu dienen.« »Wir danken Euch gern, weiser Agelastes,« erwiderte die Kaiserin, »für die Freundschaft, die ihr Fremden erweist, die sich ehrerbietig dem kaiserlichen Throne nahen, und werden Uns um so lieber mit ihnen befassen, als es Unser Wunsch ist, daß Unsere von Apollo mit einem so schönen Erzählungstalent gesegnete Tochter Bekanntschaft mache mit einer jener Amazonen des westlichen Europas, von denen Wir schon so oft gehört haben und doch immer noch so wenig wissen.« »Meine Dame,« nahm Graf Robert das Wort, »was dieser Greis hier über unsere Anwesenheit im kaiserlichen Lande ausgesagt hat, kann unseren Beifall nicht finden; wir sind dem Kaiser Alexius weder lehnspflichtig, noch hat uns irgend welche andere Absicht hierher geführt, als das Heilige Land aus den Klauen der Sarazenen zu erlösen. Aber wir erkennen die Gewalt und Hoheit des Kaisers bloß aus dem Grunde an, weil es uns unchristlich erscheint, als Christen mit einem christlichen Herrscher Konflikt zu suchen. Aus keinem andern Grunde ist von den Führern und Feldhauptleuten des christlichen Heeres beschlossen worden, die Huldigungskomödie zu spielen.« Die Kaiserin geriet ob dieser Worte, die mehrfach wider den am griechischen Kaiserhofe üblichen Speichelleckerton verstießen, wiederholt in heftige Erregung; sie war jedoch von ihrem Gemahl instruiert worden, sich mit den Kreuzfahrerrittern in keinerlei Dispute einzulassen, da jeder, der nicht äußerst zungengewandt sei, unbedingt dabei den kürzeren ziehen müsse; und so begnügte sie sich, wie wenn sie die Worte überhaupt nicht verstanden hätte, mit einer höfischen Verbeugung. Unterdessen hatte der Cäsar Nikephoros die Gräfin Brenhilde mit einer fast auffälligen Aufmerksamkeit beobachtet, die sich aber um ihn so gut wie gar nicht kümmerte, sondern das ihr seltsame Tier betrachtete, auf welchem die Kaiserin mit ihrer Tochter in den Kiosk eingeritten war. Um ins Gespräch mit ihr zu kommen, trat er jetzt zu ihr heran und sagte: »Wie es scheint, schöne Gräfin, ist Euch das Tier, dem wir den Namen Elefant gegeben haben, noch nicht zu Gesicht gekommen? Wie sollte es denn auch der Fall sein, da Ihr ja doch zum ersten Male in Eurem Leben den Fuß in die Stadt setzet, die den stolzen Namen einer Königin der Welt führt?« – »Entschuldigt, Cäsar,« erwiderte Brenhilde, »aber der gelehrte Herr hier wäre wohl besser in der Lage, uns über dies eigentümliche Geschöpf der Tierwelt zu unterrichten.« »Das dürfte freilich zutreffen,« bemerkte die Prinzessin, herantretend, mit seinem Lächeln; denn sie meinte gleich allen Anwesenden nicht anders, als es sei der fremden Gräfin schon bekannt, daß der Philosoph wegen seiner ungeschlachten Figur am kaiserlichen Hofe den Spitznamen »Elefant« führte. – Dieser erlaubte sich die demütige Bemerkung: »Sicher ist, daß er die Gelehrigkeit des Tieres, ebenso gut kennt, wie sein feines Gefühl und seine Treue.« – »Wahr gesprochen, weiser Agelastes,« antwortete die Prinzessin; »es sei ferne von uns, ein Tier zu schmähen, das sich auf den Boden kniet, damit wir es besteigen. Doch kommt, fremde Dame! Und auch Ihr, fremder Graf! Ihr sollt in Eurem Lande sagen können, sofern es Euch vom Schicksal vergönnt wird, dorthin zurückzukehren, daß Ihr die kaiserliche Familie von Ostrom ebenso essen und trinken sahet wie andere Sterbliche,« – »Ich möchte die freundliche Einladung nicht gern abschlagen,« sagte Brenhilde, »aber es wird bereits dunkel, und wir müssen nach der Stadt zurück,« – »Unsere kaiserliche Bedeckung wird Euch schützen,« sagte die Prinzessin. – »Schützen?« fragte mit geringschätzigem Blicke Brenhilde, »wozu brauche ich Schutz? Mein Gemahl ist mir hinlänglicher Schutz; aber nicht einmal ihn brauche ich; denn Brenhilde von Aspramonte weiß sich selbst recht gut zu schützen.« »Meine Tochter,« mischte hier Agelastes sich in das Gespräch, »Ihr verkennt die Gesinnung der Prinzessin, die nichts anderes im Sinne hat, als durch Euch Kenntnis der merkwürdigsten Sitten Eures Frankenlandes zu erlangen. Zum Danke hierfür wird sie Euch Zutritt verschaffen zu der kaiserlichen Menagerie, in der Ihr die seltsamsten Geschöpfe der Erde sehen werdet von jenem Vierbeiner an, der die Wipfel von vierzig Fuß hohen Bäumen abfrißt, trotzdem seine Hinterbeine kaum die halbe Höhe haben, bis zu jener Riesenechse hinunter, die eine Länge von dreißig Fuß erreicht, in einen undurchdringlichen Schuppenpelz gekleidet ist und ihren Raub unter menschlichem Jammergeheul verzehrt, um hierdurch andere leckere Opfer in ihre Netze zu ziehen,« »Genug! genug!« rief Brenhilde lebhaft, »frommer Vater, was Ihr da sprecht, weckt mein Interesse in ganz besonderem Maße, und ich werde meinen Gemahl bitten, mich dorthin zu führen! Robert, wir gehen doch dorthin?« – »Auch jenes andere gewaltige Tier werdet Ihr dort sehen, schöne Frau,« nahm Agelastes wieder das Wort, »das ein spitzes Horn auf der Nase trägt und eine so dicke Haut hat, daß es noch nie ein Ritter hat verwunden können.« – »Robert,« rief die Gräfin wieder, »nicht wahr, wir gehen doch hin?« – »Ja doch,« erwiderte der Graf, »sei es auch nur, diesen Kindern des Morgenlandes zu zeigen, was ein fränkischer Ritter mit seinem Schwert zu vollbringen vermag!« Dabei rasselte er so wild mit seinem »Tranchefer«, daß sich alle entsetzten und die Kaiserin in den Kiosk hinein flüchtete. Die Prinzessin hingegen nahm mit dem edelsten Anstand den Arm des Grafen Robert. »Die Kaiserin-Mutter zeigt uns den Weg nach der Behausung des gelehrten Agelastes; ich muß Euch nun schon ein bißchen griechischen Ton beibringen.« Als Graf Robert sich nach seiner Gemahlin umsah, setzte sie scherzend hinzu: »Macht Euch Eurer Gemahlin wegen ja keine Sorge; denn meinem Manne bereitet es immer ganz besondere Freude, Gästen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Es ist zwar sonst nicht an diesem Hofe Sitte, in Gegenwart von Fremden sich zur Tafel zu setzen. Aber unsere Frau Mutter hat bereits entschieden, daß Ihr uns und wir Euch gegenüber, von allen Zeremonien Abstand nehmen sollen; und daraus entnehme ich, daß mein kaiserlicher Vater, wenn er diese Abweichung vom Zeremoniell nicht schon im voraus gebilligt hat, sie nachträglich billigen wird. Eine sehr große Gnade bleibt es jedoch auf alle Falle.« Kaiserin Irene hatte sich schon an der Spitze der Tafel niedergesetzt und nahm nicht ohne Verwunderung wahr, daß ihre Tochter den Grafen und ihr Schwiegersohn die Gräfin von Paris zur Tafel führten und zu ihrer Rechten und Linken plazierten; aber sie hatte von ihrem Gemahl Befehl erhalten, den fremden Rittern gegenüber Nachsicht walten zu lassen, und nahm demzufolge von allen zeremoniellen Rücksichten Abstand. Während der Cäsar nach griechischer Sitte sich zur Tafel hinstreckte, blieb der Graf sitzen mit der unter Lachen abgegebenen Erklärung, »daß er nur im Kampfe auf ein Lager gestreckt werden könne, und auch erst dann, wenn er nicht mehr imstande sei, sich wieder aufzurichten oder aufzuspringen.« Im übrigen nahm die Tafel den üblichen, streng förmlichen Verlauf. Agelastes hatte für die Befriedigung auch der ausgesuchtesten Genüsse in ausgiebigstem Maße gesorgt: es gab nicht bloß eine ungeheure Menge von leckeren Speisen, sondern auch viele Sorten köstlicher Weine; aber Graf Robert begnügte sich mit der ersten besten Speise, die in seiner Nähe stand, und mit dem ersten besten Weine, ohne wie sein Gastgeber und die übrigen Griechen erst sorgfältig zu untersuchen, ob auch der Wein zu der Speise sich schicke, die sie gerade zum Munde führten. Noch weit mäßiger als er war seine Gemahlin, die Wein überhaupt verschmähte, und erst auf vieles Zureden des Cäsars sich dazu verstand, das Quellwasser, mit dem sie ihren Durst löschte, mit etwas Wein zu mischen. Dagegen aßen die beiden griechischen Damen, wenn auch nicht gerade viel, so doch von allen Speisen, und ließen besonders keine der zahllosen Leckereien ungekostet; aber schließlich war auch ihr Appetit gestillt, und die Aufmerksamkeit der Prinzessin wandte sich nun in höherem Maße ihrem »Herrn« zu. Es berührte sie unangenehm, daß derselbe im Gegensatz zu ihr sich so nüchtern zeigte, und sie fragte ihn, ob er denn wirklich allen Musen abhold sei? – »Schöne Dame,« erwiderte der Franke, »ob Ihr es übel nehmt oder nicht, mir bleibt darauf nur die Antwort übrig, daß ich als rechter Christ all den Schnickschnack von Musen und Göttern anspeie!« – »Ihr gebt meiner harmlosen Frage eine recht garstige Deutung,« erwiderte die Prinzessin, »was haben die Musen zu tun mit Göttern, und was gar mit dem zweiten Gebot? Wenn Ihr so grimmig sein wollt, so wird es geraten für uns sein, jedes Wort auf die Goldwage zu legen.« Graf Robert lachte. »Es lag durchaus nicht in meiner Absicht, Euch zu kränken; auch wäre es unrecht, Eure Rede anders als harmlos aufzufassen. Zudem hege ich für Euch eine sehr hohe Achtung, seit ich von Eurem rühmlichen Vorhaben gehört habe, die Taten Eures Vaters der Nachwelt durch schriftliche Aufzeichnungen zu erhalten. Aber ich sehe, daß mein Weib Miene zu machen scheint, von der Tafel aufzustehen? Sie will nach der Stadt, und es geht unmöglich an, daß ich sie allein ziehen lasse.« »Davon wird natürlich keine Rede sein,« sagte die Prinzessin, »denn wir werden uns alle zusammen nach Konstantinopel begeben. Hat doch Agelastes schon dafür gesorgt, daß Ihr die Menagerie in Augenschein nehmt, die mein kaiserlicher Vater in seinem Palaste hält. Auf keinen Fall dürft Ihr meinen, daß mein Ehgemahl das Eure gekränkt haben könnte; wenn Ihr ihn kennen werdet, so werdet Ihr bald merken, daß er zu jenen Menschen gehört, die nicht anders artig sein können, als daß sie sich in das gegenteilige Licht setzen.« Die Gräfin lehnte aber jede Aufforderung, sich wieder zu setzen, so entschieden ab, daß sowohl Agelastes, als seine kaiserlichen Gäste sich dazu verstehen mußten, gleichfalls aufzustehen, sie hätten die Gräfin denn entweder allein gehen lassen, oder den Versuch gewaltsamer Zurückhaltung machen müssen, der ihnen wohl aber sehr böse bekommen wäre: so wurde denn, trotzdem sich unter den Offizieren und Soldaten lautes Murren gegen einen so frühen Aufbruch erhob, die Tafel aufgehoben, der Cäsar stieg wieder auf den Elefanten, die Kaiserin setzte sich mit der Prinzessin wieder in die Sänfte, und Agelastes suchte sich einen lammfrommen Zelter aus, von dessen Rücken aus er bequem seine philosophischen Vorträge halten konnte. Vornehmlich richtete er dieselben an die Gräfin Brenhilde, an deren Seite er auch ritt. Als der fürstliche Zug wieder das goldene Tor passierte, wo der ehrliche Zenturio seine Wache unter die Waffen treten ließ, lag die gewaltige Stadt schon im nächtlichen Dunkel vor ihnen, das nur von den die Häuser der Bürger erhellenden Lichtern unterbrochen wurde. »Wir müssen nun aber ernstlich an den Aufbruch denken,« sagte der Graf zu der Prinzessin, als die Gesellschaft vor dem Tore des Blachernä-Palastes hielt, »sonst laufen wir Gefahr, unsere Herberge von gestern nicht mehr offen zu finden.« – »Ich möchte Euch auffordern,« nahm die Kaiserin das Wort, »ein Quartier zu nehmen, das sich für Euern Rang besser schickt als eine Stadtherberge, und Ihr sollt dort keinen geringeren Wirt haben als die Person, mit der Ihr Euch bei Tafel vorwiegend unterhieltet.« Graf Robert schlug mit Freuden ein. Wenn es ihm auch nie in den Sinn gekommen war, der von ihm mit allen Fasern des Herzens geliebten Brenhilde eine andere Dame vorzuziehen, und er auch jetzt an solche Möglichkeit mit keinem Atem dachte, so schmeichelte es seiner Eitelkeit doch nicht wenig, daß ihm eine Dame von so hohem Range und so großer Schönheit eine derartige Aufmerksamkeit erwies. Es überkam ihn jedoch jetzt eine ganz andere Stimmung, als wie sie ihn am Morgen beherrscht hatte: es wäre ihm jetzt nicht mehr beigekommen, den Kaiser in Gegenwart so vieler Ritter und seines zahlreichen Gefolges derart zu kränken, wie er es getan hatte; und entschlossen, diese Unbill nach Kräften gut zu machen, nahm er die Einladung der Kaiserin um so leichteren Herzens an, als er bei der herrschenden Dunkelheit den verdrießlichen Zug nicht bemerkte, der Brenhildens Stirn verdüsterte. Das gräfliche Paar war eben in jenes Labyrinth von Gängen getreten, durch welches sich tags vorher Hereward mühsam zurechtgefunden hatte, als ein Kämmerer und eine Kammerfrau sich ihnen knieend nahten mit anderer Kleidung und dem Bedeuten, sich für die Audienz bei dem kaiserlichen Herrscher umzuziehen. Brenhilde warf einen schnellen Blick auf ihre mit Blut befleckten Sachen und Waffen und fühlte sich trotz ihrer Eigenschaft als Amazone tief beschämt. Mit der Rüstung und den Waffen des Ritters sah es nicht viel besser aus. »Ruft meine Dienerin Agathe,« befahl die Gräfin; »denn sie allein besitzt die zu solchem Dienste notwendige Kenntnis und Tüchtigkeit.« Die griechische Kammerfrau dankte Gott, daß ihr keine Toilette zugemutet wurde, bei der sie mit Schmiedehammer und Kneifzange hätte zu Werke gehen müssen. – Graf Robert seinerseits verlangte nach seinem Waffenschmied Marzian, der ihm »die silberne Rüstung mit den blauen Ringlein bringen solle, die er dem Grafen von Toulouse im letzten Turnier, das er auf fränkischem Boden ausgefochten, abgewonnen habe«. – Ein reichgalonierter Höfling, dessen Kostüm einige Abzeichen des Waffenschmiedehandwerkes aufwies, fragte, ob er dem Herrn Grafen die Rüstung in Ordnung bringen solle, da er sich doch einiger Uebung als rechte Hand des Kaisers bei diesem Geschäft rühmen dürfe? – Graf Robert fragte: »Und wieviel Nieten hast Du beim letzten Male geschlagen?« indem er ihn bei der Hand packte, die so weich und zart war, als hätte sie nie etwas anderes als Schönheitswasser gesehen: »und mit dem Spielzeug da?« rief der Graf lachend, indem er das silberne Hämmerchen mit elfenbeinernem Stiel aus dem milchweißen Schürzfell aus Ziegenleder hervorriß, welches der Höfling zur Schau trug. Der Höfling aber sprang entsetzt zurück mit dem Rufe: »Der Kerl zermalmt einem ja die Hand wie in einem Schraubstock!« Während sich die Kaiserin mit ihrer Tochter gleichfalls zurückzog, um Toilette zu machen, wurde Agelastes, der Philosoph, zum Kaiser gerufen, der das prächtigste seiner Gewänder angelegt hatte, denn am Hofe von Byzanz war, wie am Hofe von Peking, der Wechsel von Staatskleid und Uniform eine der vornehmlichsten Tagesbeschäftigungen. »Weiser Agelastes,« redete der Kaiser den greisen Philosophen an, »Du hast die Aufgabe, die ich Dir stellte, vorzüglich gelöst! Wir sprechen Dir Unsere Zufriedenheit aus. Ohne Deine List wäre es kaum geglückt, diesen ungeleckten Bären oder Bullen und seine nicht minder ungeleckte Betze oder Kuh von der Herde zu trennen. Gelingt es Uns, sie Unserem Interesse gefügig zu machen, so wird sich Unser Einfluß auf das Kreuzheer, das in dem Grafen Robert den Tapfersten der Tapferen erkennt, nicht unerheblich steigern.« »Mein schwacher Verstand hätte solchen klugen Plan nicht ersinnen, geschweige ausführen können,« erwiderte Agelastes, »Eure kaiserliche Hoheit haben in dergleichen Geschäft tatsächlich nicht ihresgleichen.« »Die beiden Leutchen,« versetzte der Kaiser, »haben die Wahl zwischen Freund und Geisel; als Freund werden sie sich Unsere Güte sichern, als Geisel Uns in die Notwendigkeit setzen, sie Unsere Strenge fühlen zu lassen. Ihre Landsleute werden früher im Kampfe mit den Türken liegen, als sie das Verschwinden ihres Tapfersten der Tapferen merken, und wenn sie es merken, werden sie nicht mehr in der Lage sein, ihn Uns abzutrotzen.« – »Darf ich sprechen und leben?« fragte der Philosoph, »ich halte dafür, daß es durch Klugheit und Milde gelingen dürfte, das gräfliche Paar zu Freunden des kaiserlichen Hofes zu machen.« – »Ich verstehe Dich,« versetzte der Kaiser, »und es soll nichts unterlassen werden, was Unsern Hof in den Augen dieser Wildlinge in Respekt zu setzen vermag; ich will mich ihnen noch heute abend in all meiner kaiserlichen Pracht zeigen; die Löwen Salomons sollen brüllen, der güldne Baum soll seine Wunder entfalten. Doch, Agelastes, was beschäftigt Dich? Ich sehe Dir an, daß Du mir etwas sagen willst?« Nachdem der Höfling die Stirn dreimal wider den Saum des kaiserlichen Gewandes gedrückt hatte und nach Worten zu ringen schien, um seine abweichende Meinung zum Ausdruck zu bringen, sprach er: »Nach meiner Ansicht möchten die Herrlichkeiten dieses Reiches in diesen europäischen Barbaren lediglich das Verlangen wecken, das Volk, das sich im glücklichen Besitze derselben befindet, mit Krieg zu überziehen; ist doch Gewinnsucht die einzige Triebfeder, die das Tun und Lassen dieser edlen Ritterschaft leitet. Das sattsame Beispiel liefert uns doch Bohemund von Antiochien! Indessen gibt es doch auch wieder bessere Subjekte unter diesen Franken. Zu ihnen gehört wohl auch dieser Graf Robert! Ich erzählte ihm die Sage von der Fürstin von Zulichium; aber Graf Robert achtete kaum meiner Worte; erst als die Rede von dem Drachen war, der dabei bekämpft werden müsse, um den Zauber zu lösen, taute er auf.« – »Gut denn,« erwiderte der Kaiser, »Wir wollen es noch mit anderen Märchenerzählern versuchen, die das Lügen noch besser heraushaben als Du!« »Wie bei allen Dingen, ist auch hier Vorsicht geboten,« bemerkte demütig der Philosoph; »das Blaue vom Himmel zu lügen, ist keine sonderliche Kunst, so wenig, wie es eine ist, beim Schießen das Ziel zu verfehlen! Um den fränkischen Grafen nach unserm Willen zu lenken, muß man ihn genau kennen; und nicht minder auch seine Herzallerliebste, und ich kann nur sagen, daß sehr wenig fehlte, so hätte mich dieses Mannweib um einer kränkenden Bemerkung willen in meine eigene Wasserschlucht gestürzt.« »Das soll Uns eine Warnung sein, sie zu beleidigen.« – »Darf ich sprechen und leben?« bemerkte Agelastes, »so hätte der Cäsar wohlgetan, sich zu der gleichen Meinung zu bekennen.« – »Das muß der Cäsar mit seinem Ehgespons abmachen,« erwiderte der Kaiser, »ich habe es ihr ja schon immer gesagt, daß sie ihm mit Unserer Geschichte zu viel zusetzt. Es muß ja selbst einem Heiligen die Geduld reißen, wenn Abend für Abend das gleiche Thema geschmiedet wird. Indessen vergiß diese Worte aus meinem Munde! Erinnere Dich ihrer wenigstens nicht in Gegenwart meiner kaiserlichen Gemahlin und Tochter!« »Die Gräfin ist eben ein gefährliches Frauenzimmer,« sagte Agelastes, »und damit täte Nikephoros gut, zu rechnen. Den Skythen Toxartis hat sie heute mittag ohne jede andere Waffe als ihre Faust zu Boden gestreckt.« – »Den Toxartis? sprichst Du die Wahrheit?« rief der Kaiser; »nun, auch einer jener frechen Strolche, die für den Tod schon lange reif waren. Aber bring' den Vorfall zu Papier, Agelastes, damit wir im Notfall diese Tat als einen Ueberfall des Grafen von Paris dem Kreuzheere gegenüber verwerten können,« – »Gegen Euer Vorhaben, diesem Franken die salomonischen Löwen und den Wunderbaum zu zeigen, läßt sich im Grunde weiter nichts einwenden, als was ich dagegen bereits eingewendet habe: indessen mochte es gut sein, ihm nicht viele Wachen vor die Augen zu rücken; dieses fränkische Ritterpack kommt mir vor wie ein Rudel feuriger Pferde; sind sie ruhig, lassen sie sich an einem Seidenfaden lenken; werden sie argwöhnisch und wild, lassen sie sich durch den stärksten Stahlzaum nicht meistern! Und wild könntet Ihr den fränkischen Grafen leicht machen, wenn Ihr ihm viel Wachmannschaft vor die Augen rücktet.« – »Ich will es an keiner Vorsicht fehlen lassen,« versetzte der Kaiser; »so läute denn nun die silberne Glocke, Agelastes, zum Zeichen, daß die Diener mich ankleiden sollen.« – »Ein Wort noch, kaiserliche Hoheit, solange wir noch allein sind,« sagte Agelastes, sich bis zum Erdboden verneigend, »wollen mir kaiserliche Majestät die Leitung Ihrer Menagerie anvertrauen?« – »Nimm hier dies Siegel,« sprach der Kaiser, »es macht Dich zum Herrn über Unsere Menagerie-Tiergruben. Nun aber rede einmal offen und ehrlich, Agelastes, denn Dein verstecktes Gesuch hat Uns verwundert. Wie willst Du diese Wildlinge unter Deine Fuchtel bringen?« – Agelastes erwiderte mit tiefer Verbeugung: »Durch nichts weiter als die Macht der Falschheit!« – »Darin erscheinst Du mir als Meister, solange ich Dich kenne,« versetzte der Kaiser; »und auf welche Schwäche ihres Charakters willst Du Deine Geschosse richten?« – »Auf ihre Ruhmsucht!« erwiderte, rückwärts aus dem kaiserlichen Gemache schreitend, der Philosoph. An seiner Statt betraten die Diener mit dem Prachtgewande des Herrschers das Gemach. Fünftes Kapitel. Jeder von beiden machte nun, als er mit sich allein war, seine Selbstbetrachtungen. Der Kaiser verwünschte im stillen diesen Nachläufer einer philosophischen Schule des Altertums, der es mit seiner Schlauheit fertig gebracht hatte, ihn zur Heuchelei zu zwingen. »Als Hofnarr,« sprach er leise vor sich hin, »hat er den Anfang gemacht, Herr aller Geheimnisse Unsres Hofes zu werden, dann hat er sich zum Fabrikanten aller möglichen Intrigen und Ränke aufgeschwungen, bis er sich zuletzt mit meinem Schwiegersohne gegen mich zusammentat und meine Leibwache in sein Garn lockte. Es ist wirklich schon so weit gekommen, daß ich mich nur so lange vor ihm sicher fühlen kann, wie er mich für ein Schaf im Kaiserpelze hält, aber wenn ich diesen Kreuzzug erst einmal vom Halse habe, soll er mitsamt seiner Clique, Schwiegersohn, Akoluth usw., alsbald erfahren, daß ich die schafige Rolle bloß gespielt habe, um ihn aufs Eis zu führen, nicht aber, um mich von ihm am Narrenseile führen zu lassen.« Agelastes dagegen sprach vor sich hin: »Dem Pfiffikus auf dem Kaiserthrone trauen? Das sollte mir gerade beikommen! Nein! nein! er trägt ein bißchen zu kraß auf, als daß man nicht Verdacht schöpfen sollte. Hat er doch schon bei mehr als einer Gelegenheit den seinen Komnenenverstand gezeigt! Jetzt soll er sich einbilden, daß seine imitierten Löwen auf solch einen kühnen Hünen, wie diesen Grafen Robert, Eindruck machen werden? Papperlappapp! er spielt auch diese Komödie bloß, um mich zu äffen! Ich hab's ihm ja angesehen, daß er im stillen bei sich dachte: Mein Agelastes, Dein Kaiser kennt Dich zu gut, um Dir zu trauen! Immerhin, Alexius, die Verschwörung nimmt ihre Entwicklung, und wenn ich mich jetzt zurückziehen wollte, so hieße das nichts anders, als mich selbst in den Löwenrachen liefern, und dazu habe ich denn doch keine Lust! Erst will ich noch zusehen, ob sich dieser Franke in mein Gewebe ziehen, und ob sich mit seinem Beistände Kaiser Alexius zwingen läßt, den Rest seiner Tage in einem Kloster oder einer noch beengteren Zufluchtsstätte zu beschließen. Bringst Du das fertig, Agelastes, dann wirst Du ein Recht darauf haben, Deine Philosophenrolle mit einer Herrscherrolle zu vertauschen; dann wirst Du als ein zweiter Marcus Antonius der Welt den Nachweis führen, daß man zu ihrem Regiment weder ein Tyrann noch ein Sybarit zu sein braucht. Also ans Werk, mein Agelast! handle und wache! So will's die Zeit, und so erheischt's der Ruhm.« Unterdes sorgten beide für ihren äußeren Menschen in der ihrem Stande angemessenen Weise: der Kaiser, indem er sich von seinem Trabanten in sein herrlichstes aller Prachtgewänder, der Philosoph, indem er sich von seinem schwarzen Leibdiener in einen weißen Burnus stecken ließ, der, so sauber er war, doch für einen byzantinischen Thronkandidaten ganz und gar nicht paßte. Graf und Gräfin legten ihre schmucksten Rüstungen an: der Leib des Grafen wurde von einem Kettenpanzer vollständig bedeckt, von dessen blau angelaufenem Stahl das reichlich eingelegte Silber grell abstach; von dem unbedeckt gelassenen Kopfe wallten die Lockenmähnen nieder; an den Füßen glitzerten silberne Sporen, vom Nacken hernieder hing der dreieckige, mit vielen Lilien bemalte Schild, – die so lange Zeit hindurch Europas Schrecken waren – und an der Seite hing sein gewaltiges Schwert. Seine Körpergröße paßte ganz zu diesem Kleide, auch das männliche, schöne Gesicht mit dem starken Ausdruck von Zuversicht in die eigene Kraft stand in vorzüglichem Einklang damit. Sein Ehgemahl trug ein kaum minder kriegerisches Gewand: der obere Teil desselben setzte sich aus mehreren tunikaartigen Röcken zusammen, die prall am Körper saßen, aber fußfrei und obendrein aufgeschürzt waren, um nicht bloß dem Fuße, sondern auch dem geschienten Beine Bewegungsfreiheit zu schaffen. Vom Gürtel bis zu den Waden reichte eine reiche, höchst geschmackvolle Stickerei; das Lockenhaupt mit dem männlichen, aber nichtsdestoweniger lieblichen Gesicht wurde von einem Stahlhelm überdeckt, und über die ganze Rüstung hing ein dunkelgrüner Samtüberwurf hernieder, der mit breiten Tressen besetzt war, unten in eine Schleppe, nach oben in eine Kapuze auslief, die den Helm verhüllte, kurz: ein Gewand, so malerisch und doch so energisch, daß es manchem späteren Jahrhunderte noch zur schönsten Zierde hätte gereichen können. Als die Gräfin aus dem Ankleideraume trat, konnte Graf Robert sich nicht wehren, sie an seine Brust zu ziehen; war er doch noch immer in höherem Maße ihr Liebhaber als ihr Gemahl! Und Gräfin Brenhilde gab ihm gern den Kuß zurück, den er ihr auf die schönen Lippen drückte. Nichtsdestoweniger schalt sie ihn einen Toren und wies ihn auf die Aufgabe mit kühlen Worten hin, die ihnen bevorstand. Es währte nicht mehr lange, so erklang ein schwaches Klopfen an der Tür, die zu den kaiserlichen Gemächern führte zum Zeichen für Agelastes, die fremden Gäste hereinzuführen. Ein dumpfes Löwengebrüll verriet den Beginn der Zeremonie. Von den schwarzen Wachen waren auf den Rat des Philosophen hin nur wenige aufgestellt worden, sie trugen aber sämtlich das reiche, weiße Staatskleid mit den güldenen Ketten, als Abzeichen ihres Standes; in der Rechten hielten sie das blanke Schwert, in der Linken eine brennende Kerze, mit der sie dem gräflichen Paare durch die Gänge, die sie zu passieren hatten, leuchteten. Die Tür, die zu dem »Allerheiligsten« des byzantinischen Kaiserschlosses führte, war niedriger als alle andern, die der Graf bislang hier gesehen hatte; ein fanatischer Höfling hatte diese Einrichtung noch in letzter Stunde getroffen, um den fränkischen Grafen zu zwingen, in gebückter Haltung vor dem Kaiser zu erscheinen. Aber als sich die beiden Flügel auftaten und Graf Robert im Hintergrunde des Audienzgemaches den Kaiser in seinem strahlenden Ornate sitzen sah, stellte er sogleich die Frage, aus welchem Grunde er durch ein so niedriges Portal geführt würde. Agelastes deutete, um die Antwort zu umgehen, auf den Kaiser; der an dem Portale postierte Sklave aber riß den Mund weit auf zum Zeichen, daß er keine Zunge mehr habe. »Heilige Jungfrau!« rief die Gräfin entsetzt, »was mag der arme Mensch verbrochen haben, daß ihn eine so furchtbare Strafe treffen mußte?« – »Vielleicht ist die Stunde der Vergeltung für solche Missetat nahe,« erwiderte dumpf Graf Robert, während Agelastes schon zum Zeichen seiner Huldigung vor dem kaiserlichen Throne auf den Knieen lag. Graf Robert aber, empört über solchen Versuch, ihn zu einer demütigen Handlung zu zwingen, machte Kehrt und schob sich mit dem Rücken voran in das Gemach hinein, sich erst wieder umdrehend, als er sich kerzengerade in die Höhe gerichtet hatte und die Gräfin sich an seiner Seite befand, die sich auf eine minder rücksichtslose Weise dem kaiserlichen Throne näherte. Auf den Gesichtern der anwesenden Höflinge malte sich Verlegenheit, auf dem Antlitz des Kaisers Bestürzung, auf demjenigen des mit anwesenden Bohemund von Antiochien aber Schadenfreude. Indessen gab Kaiser Alexius ohne Säumen das Zeichen zum Beginne der Zeremonie: alsbald erhoben die salomonischen Löwen, ihre Mähnen schüttelnd und mit ihren Schweifen wedelnd, ihr Gebrüll, setzten aber hierdurch den fränkischen Grafen in solchen Grimm, daß er, ohne sich zu fragen, ob er wirkliche Geschöpfe oder ein mechanisches Kunstwerk vor sich habe, auf den ihm zunächst befindlichen Löwen zuschritt und ihm mit seiner stählernen Faust einen Schlag wider den Kopf gab, daß er in Stücke zersprang und Walzen, Federn und anderes Gerät über den Teppich hin flogen. Sobald er inne wurde, daß sich sein Zorn nicht auf ein lebendiges Wesen, sondern eine mechanische Spielerei entladen hatte, fühlte er sich nicht wenig beschämt, trat vor den kaiserlichen Thron und sprach, sich tiefer verneigend, als er es sonst wohl getan hatte, zu Alexius: »Verzeiht mir, Kaiser von Ostrom, daß ich Euch dieses vergoldete Ding zerschlagen habe; der Zauber- und Wunderwerke sind aber hierzulande so viele, daß kein Ritter im stande ist, das Echte vom Falschen, das Wahre vom Erlogen zu scheiden,« – Kaiser Alexius, den seine sprichwörtliche Geistesgegenwart in diesem Momente im Stiche zu lassen drohte, murmelte etwas von einem kostbaren Schatze, dessen Besitz an die kaiserliche Familie von dem alttestamentlichen Könige der Juden übergegangen sei; Graf Robert in seiner Derbheit meinte hingegen, es zieme sich auch für den weisesten Herrscher nicht, seine Untertanen durch dergleichen Hokuspokus in Schrecken oder auch nur sich bei ihnen in Respekt zu setzen. »Und wenn ich mich durch meinen Grimm zu einer voreiligen Handlung hinreißen ließ, so büße ich sie kaum am wenigsten von uns beiden, denn ich habe mir an dem hölzernen Lowenschädel meinen kostbaren Stahlhandschuh zerschlagen!« Nach einigem Hin- und Herreden über das häßliche Vorkommnis schlug der Kaiser vor, sich in den Speisesaal zu begeben. Vom Truchseß wurden die gräflichen Gäste durch eine endlose Reihe von Gemächern geführt, deren Ausstattung mit allerhand Prachtstücken ihnen einen schicklichen Begriff von der Macht und dem Reichtum des Geschlechtes der Komnenen geben sollte, und da hierzu eine geraume Zeit vonnöten war, blieb dem Kaiser die nötige Zeit, dem höfischen Zeremoniell, das ihm verbot, sich zweimal am Tage einem fremden Gaste in dem gleichen Ornate zu zeigen, gemäß und der eigenen Neigung entsprechend, sich umzukleiden. Um die Zwischenzeit weise zu nützen, ließ er Agelastes zu sich rufen. »Durch wessen Versehen ist der verschmitzte Bohemund von Antiochien, der halbe Italiener und halbe Asiate, bei dem heutigen Empfange in den Palast gerufen worden?« herrschte er den Philosophen an.– »Soweit ich unterrichtet bin, hat – sofern ich sprechen darf und leben – Truchseß Michael Cantacuzene in dem Glauben, seine Anwesenheit werde gewünscht, den Fürsten geladen: er kehrt aber schon heute abend in das Kriegslager zurück.« – »Um die Herren Kreuzfahrer davon zu unterrichten, daß ihr Tapferster der Tapferen sich in Unserem Schlosse befindet?« fragte höhnisch der Kaiser; »damit Uns recht bald die Kriegserklärung überbracht werde, falls Wir Graf und Gräfin nicht auf der Stelle freilassen?« – »Sofern das Eurer Hoheit Meinung ist, möchte es allerdings geratener sein, die beiden Leute gleich mit dem italienischen Normannen oder normannischen Italiener, wie Ihr wollt, ins Kreuzfahrerlager zurückzuschicken,« erwiderte Agelastes. – »So?« versetzte Alexius, »Wir sollen Uns also jeglicher Frucht aus dem klug ersonnenen Unternehmen gleich im vorhinein begeben? Sollen alles Geld, das wir schon darauf gewandt haben, zum Fenster hinausgeworfen haben? Sollen allen Verdruß und alle Besorgnis umsonst gelitten haben? Nein, Agelastes! unterrichte vielmehr die Kreuzfahrer, daß Wir von der Fortsetzung der Huldigungszeremonie Abstand nehmen wollen, daß sie statt dessen sich von morgen in aller Frühe zur Einschiffung nach der jenseitigen Küste bereit halten mögen; Unserm Admiral aber lassen Wir befehlen, bei seinem Kopfe dafür Sorge zu tragen, daß sich zur Mittagszeit kein einziger Kreuzfahrer mehr auf dieser Seite des Bosporus befindet. Ihr, Agelastes, aber sorgt, daß zu ihrem Empfange auf dem anderen Ufer ein fürstliches Mahl bereit stehe. Haben Wir sie vom Halse, dann wollen Wir der weiteren Gefahr die Stirn zu bieten suchen, sei es, daß wir den Fürsten Bohemund für Uns gewinnen; sei es, daß Wir dem Kreuzfahrerheere offen gegenüber treten, wenn erst ihre Streitmacht zersplittert ist, oder doch ihr Feldhauptmann mit den anderen wichtigeren Anführern sich auf dem andern Ufer befindet. Und nun zur Tafel!« Inzwischen waren die kaiserlichen Gäste in dem Speisesaale angekommen, dessen Ausstattung ganz die gleiche Pracht aufwies wie alle übrigen Räume, durch die sie geführt worden waren. Auf der Tafel von gewaltiger Länge stand ein fürstliches Mahl, auf den köstlichsten Gedecken und in den köstlichsten Schüsseln; doch seltsam berührte es das fränkische Ehepaar, daß die letzteren auf Schemeln standen, damit sie den beim Essen nach der am Hofe herrschenden Sitte sitzenden Damen und liegenden Herren gleicherweise zur Hand seien. Um die Tafel herum standen Negersklaven in reicher Tracht, um den Dienst bei Tafel zu verrichten; der Truchseß wies den Gästen ihre Plätze mit seinem güldenen Stabe an und bedeutete ihnen, bis auf ein neues Zeichen mit seinem Stabe vor den ihnen angewiesenen Plätzen stehen zu bleiben. Das obere Ende der Tafel war durch einen seidenen Vorhang verhängt, auf den der Truchseß mit sklavischer Unterwürfigkeit den Blick geheftet hielt, bis ein leichtes Wehen verriet, daß sich der Kaiser hinter ihm befinde. Darauf schwang er seinen Stab, der Vorhang teilte sich, und der kaiserliche Thron, um etwa acht Fuß höher als die Tafel, wurde sichtbar. Der Kaiser saß in einem neuen, das frühere an Pracht noch weit überbietenden Ornate vor einem neben den Thron gesetzten kleinen Sondertische; hinter ihm stand seine Gemahlin, seine Tochter und der Cäsar und Schwiegersohn, gewärtig seiner Erlaubnis, sich zu den Gästen der kaiserlichen Tafel zu gesellen. Der Kaiser berührte keine Schüssel, die für die Gäste bestimmt war, und umgekehrt nahm keine Schüssel, aus der der Kaiser sich bedient hatte, den Weg zu seinen Gästen; von den Weinen hingegen ließ der Kaiser wiederholt denjenigen Gästen, denen er besondere Ehre antun wollte – und das waren fast nur die fränkischen Ritter – hin und wieder ein Glas reichen. Graf Robert ließ keinen Blick von dem Fürsten von Antiochien, der auf dem Wege zum Speisezimmer Gelegenheit gefunden hatte, ihm zuzuraunen, er möge sich bei der kaiserlichen Tafel genau so verhalten wie er, und Sorge tragen, daß sich auch seine Gemahlin hiernach richte, Graf Bohemund, wie schon bemerkt, einer der verschlagensten Fürsten jener Zeit, genoß von keiner Speise, trank auch keinen Schluck Wein, sogar von jenem nicht, der vom Kaiser zur Tafel geschickt wurde. Ein Glas Wasser, das er sich selbst eingoß, und ein Stück Brot, das er aufs Geratewohl aus einem Körbchen, wie ihrer viele auf der Tafel umherstanden, nahm, bildeten seine einzige Nahrung. Er entschuldigte dieses nüchterne Verhalten mit dem heiligen Adventsfeste, das ihm Fasten auferlege. »Daß Ihr, Herr Bohemund, Uns gerade heute nicht Bescheid tun mögt,« sagte der Kaiser, der in dem Verhalten des Antiochiers weniger Frömmigkeit als Argwohn erblickte, »da Ihr Uns doch die Ehre erwiesen, als Fürst von Antiochien in die Eigenschaft eines Vasallen Unseres Thrones zu treten, berührt Uns, wie Wir nicht verhehlen wollen, höchst unangenehm.« – »Antiochien,« erwiderte Bohemund, »ist nicht erobert, und bei allen Verträgen, die wir eingehen, macht das Gewissen seinen Vorbehalt.« – »Nun, so laden Wir denn,« hub der Kaiser wieder an, »wenngleich es der an Unserem Hofe herrschenden Sitte widerspricht, Unsere Kinder zu einem gemeinsamen Trunke ein, desgleichen Unsere Gäste und anwesenden Kronbeamten.. Wir befehlen Unserem Truchseß, die Becher zu füllen, welche die Namen der neun Musen führen, bis zum Rande, und mit dem Weine, der für Unsere kaiserlichen Lippen bestimmt ist.« Die Becher, durchweg aus lauterem Golde, wurden gefüllt. Der Kaiser wandte sich zu dem Grafen Robert: »Ihr wenigstens, edler Graf,« sprach er, »werdet Euch Wohl nicht bedenken, Eurem kaiserlichen Wirte Bescheid zu tun? und Eure edle Gemahlin Wohl auch nicht?« – »Die Sünde, heute abend Wein zu trinken, will ich auf mich nehmen,« erwiderte der Graf, »sie wird die Last meiner Sünden wohl nicht zu sehr mehren; ich will auf keinen Fall, daß Ihr meinen sollt, ich hätte Bedenken anderer Art.« – »Und Ihr, Fürst Bohemund?« – »Ich möchte meinen, es sei dem Grafen besser gewesen, sich nach meinem Beispiele zu richten. Doch wie es ihm beliebt! Mich befriedigt schon das Aroma dieses köstlichen Weines.« Mit diesen Worten schüttete er den Inhalt seines Bechers auf die Dielen, bewunderte aber die kostbare Gravierung des Bechers und schien sich an dem köstlichen Aroma zu laben. »Die Becher weisen sämtlich eine schönere Arbeit auf, als der berühmte Becher Nestors, von dem uns Homer eine Schilderung hinterlassen hat,« sagte der Kaiser, »und da Euch, Herr Bohemund, die Arbeit so großen Gefallen abgewinnt, biete ich Euch, wie jedem meiner Gäste den Becher, der ihm vorgesetzt worden, mag er daraus getrunken haben oder nicht, zum Andenken an das heutige Festmahl als Geschenk.« »Wenn ich solches Präsent, mächtiger Kaiser, nicht weigere,« erwiderte Bohemund, »so will ich Euch eben nur zeigen, daß uns einzig und allein die Frömmigkeit hindert, Euch beim Trinken Bescheid zu tun, daß wir darum aber nichts weniger als im Unfrieden auseinander gehen.« Er, verbeugte sich tief vor dem Kaiser, und dieser dankte ihm mit einem Lächeln, das einen recht herben Anflug zeigte. »Ich aber,« nahm nun der Graf von Paris das Wort, »möchte mir genügen lassen an dem Trunke, den ich aus diesem Becher genommen, und Eure Tafel nicht solches köstlichen Geschirres berauben. Es sei ferne von mir, aus Eurer edlen Gastfreundschaft noch materiellen Nutzen zu ziehen.« – »Ganz, wie Ihr wollt, edler Graf, aber auch ganz, wie Fürst Bohemund es will. Aber hört, die Abendglocke läutet, und wir müssen nun doch wohl der Ruhe gedenken, die uns die Kräfte zum morgigen Tagewerk schaffen soll.« Die Gesellschaft brach auf; Fürst Bohemund nicht, ohne der Musen zu gedenken, die ihm zum Präsent gemacht worden, wiewohl er sonst von ihnen kein sonderlicher Verehrer war. Was der Kaiser gewollt hatte: zwischen Bohemund und Graf Robert ein gespanntes Verhältnis zu schaffen, war ihm geglückt; denn Bohemund konnte sich nicht verhehlen, daß Graf Robert von seiner Habsucht eine schlechte Meinung gewonnen, und Graf Robert, daß der kühl berechnende Bohemund in ihm einen unüberlegten Draufgänger erblicken müsse. Sechstes Kapitel. Graf Robert und Dame Brenhilde erhielten ihr Quartier im Blachernä-Palaste in zwei aneinander stoßenden Zimmern angewiesen, die aber durch Absperren der zwischen ihnen befindlichen Tür für die Nacht außer Verbindung gesetzt wurden. Das Ehepaar verwunderte sich zwar darüber, daß dies geschah; indessen meinten sie das sonderbare Verhalten entschuldigen zu sollen mit dem in diese Nacht fallenden heiligen Adventsfeste. Daß einem von ihnen Böses drohen oder gar widerfahren könne, davor fürchteten sie sich nicht. Marzian verrichtete bei dem Grafen, Agathe bei der Gräfin ihren Nachtdienst und begaben sich dann nach den ihnen unter ihresgleichen angewiesenen Lagerstätten. Mochte es nun von dem Weingenuß herrühren – Graf Robert hatte zwar nur ein einziges Mal, aber doch einen recht tüchtigen Schluck davon genommen – oder von der Unruhe des verwichenen Tages kommen, – kurz, er erwachte zu einer Zeit, da es noch stockfinster in dem Raume war, während ihm doch zumute war, als müsse der Tag längst angebrochen sein. Er guckte sich um, konnte aber zunächst weiter nichts sehen als ein Paar glühende Punkte an der entgegengesetzten Wand, die ihm aber ganz so vorkamen wie ein Paar Augen einer wilden Bestie, die ihre Beute anglotzt. Er sprang vom Bette, in der Absicht, nach seiner Waffe zu greifen, aber im selben Augenblicke kam von der Wand ein dumpfes Gebrüll herüber, begleitet von einem Kettengerassel, wie wenn die Bestie zum Sprunge angesetzt hätte, aber durch Ketten, daran verhindert würde. Das Gebrüll setzte nun nicht wieder aus, und es war so fürchterlich, daß es im ganzen Palaste gehört werden mußte. Die Bestie mußte dem Grafen unbedingt auch schon näher gekommen sein, denn es war ihm hin und wieder ganz so, als ob ihn ein heißer Atem ins Gesicht träfe. Wohl war der Graf einer der tapfersten Männer seines kriegerischen Zeitalters, aber doch auch ein Mensch, und darum braucht es ihm nicht zur Unehre angerechnet zu werden, daß sein Herz im eisten Augenblicke nicht frei von Unruhe, wenn auch nicht Bangen, war. Aber er war fest entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Unangenehm war ihm vor allen Dingen, daß es ihm beschert sein sollte, unter den Klauen einer Bestie zu verenden. Dann fiel ihm ein, das Ganze könne vielleicht bloß ein Trick des Philosophen oder auch des Kaisers sein, seinen Mut auf die Probe zu stellen, und dieser Gedanke brachte ihm eine gewisse Beunruhigung. Aber das Gefühl, daß ihm der Tod nahe, konnte er nicht bezwingen; es kam immer und immer wieder, trotzdem er sich mit dem Gesichte nach der Wand zukehrte, da fiel ihm sein Weib ein: ob sie schliefe? Aber wie sollte das möglich sein bei dem gräßlichen Gebrüll der Bestie? Ihre beiden Zimmer stießen aneinander. Er rief sie, um sie zu warnen, aber seine Stimme hatte nur matten Klang; denn die Furcht, seiner Ehgemahlin könnte noch Schlimmeres bevorstehen als ihm, beschlich ihn mit einem Male, ohne daß er eine Erklärung dafür finden konnte, woher ihm nun auch solch schwarzer Gedanke noch käme. »Brenhilde!« rief er wieder, »wir sind in schlimmer Gefahr, erwache und sprich zu mir! Erwache, aber erhebe Dich nicht von Deinem Lager!« Keine Antwort! »Was geht denn mit mir vor?« sprach er da bei sich selbst; »weshalb rufe ich nach Brenhilden, als wäre ich ein Kind, das Sehnsucht fühlt nach seiner Amme? Fürchte ich mich schon vor einer Katze, die sich in meine Stube verlaufen hat? Ha, schäme Dich, Graf von Paris! Mein Wappen soll man mir zerschlagen, die Sporen soll man mir von den Füßen hauen, wenn ich länger verweile wie ein feiger Wicht. Heda!« rief er mit Donnerstimme, »was bist Du für ein Wesen? gib Antwort!« und wieder ertönte jenes dumpfe Geknurr, das ihm zu künden schien, es gebe hienieden für ihn keine Hoffnung mehr. Da klang ihm eine dumpfe Stimme in die Ohren, wie aus einem tiefen Grabe herauf: »Tor Du! wie kannst Du auf Antwort rechnen aus dem lebendigen Grabe, in das Du gestoßen worden?« – »Ich bin ein christlicher Ritter,« erwiderte der Graf, »der gestern noch an der Spitze von fünfhundert tapferen Mannen stand, und liege jetzt hier in einem finsteren Loche, das mich nicht einmal den Winkel sehen läßt, worin der Tiger liegt, der mich zu zerfleischen droht!« – »Du bist ein Exempel mehr für die Wandelbarkeit des Glückes,« antwortete die Stimme, »wirst aber noch bei weitem nicht das letzte sein! Ich leide hier schon über drei Jahre, und war doch jener mächtige Ursel, der sich neben Alexius Komnenos um die Krone des Reiches Ostrom bewarb. Aber ich wurde verraten von denen, die sich mir verbündet hatten, wurde des kostbarsten Gutes beraubt, das der Mensch besitzt, des Augenlichtes, und in dieses finstere Gewölbe gestoßen, wo ich nur wilde Bestien zu Gefährten habe, deren freudiges Gebrüll über unglückliche Opfer, die ihrer Wut preisgegeben worden, mich oft schon aus meinem nächtlichen Schlummer aufgerüttelt hat.« Da wurde der Raum wie durch einen jähen Zauber von einem dunkelroten Lichtschein erhellt. Die Sache ging jedoch durchaus natürlich zu: dem Grafen war eingefallen, daß er ein Feuerzeug bei sich trug, und hatte es angesteckt, um damit die Bettvorhänge in Brand zu setzen. Von dem grellen Schein erschreckt, sprang der Tiger soweit zurück, wie ihm die Kette Terrain freigab; Graf Robert aber packte den schweren Holzschemel, der neben seinem Bette stand, und schleuderte ihn mit furchtbarer Gewalt dem Tiger gegen den Schädel. Als er sah, daß die Bestie betäubt auf die Erde schlug, sprang er zu ihr hin und erstach sie mit dem Dolche, den seine Verfolger ihm gelassen hatten; nun erst ward er gewahr, daß er sich überhaupt nicht mehr in jenem Zimmer befand, wo man ihm sein Nachtquartier angewiesen hatte; rasch löschte er das Feuer wieder und untersuchte beim Lichtschein seines Feuerzeuges den Raum und die Tür, zu der er hereingekommen zu sein wähnte. Von einer Verbindung mit dem Zimmer, das seiner Gemahlin angewiesen worden war, ließ sich nirgends etwas wahrnehmen: es wurde ihm mit einem Male klar, daß sie bloß deshalb in den beiden voneinander getrennten Zimmern untergebracht worden waren, damit man sie desto leichter überfallen und bezwingen konnte. Grauen befiel ihn, als er des Schicksals gedachte, das seinem Ehgemahl drohen mochte oder vielleicht schon über dasselbe gekommen war. Jetzt gedachte er der Warnungen, die ihm Bohemund erteilte; jetzt wußte er, daß in dem Weine, den er getrunken hatte, irgend ein Betäubungsmittel enthalten gewesen sein mußte. Wer konnte wissen, wie lange er unter der Einwirkung desselben gestanden hatte? Da erklang wieder, doch von einer ändern Seite her, jene unheimliche Grabesstimme: »Fremdling, wo weilst Du? Bist Du noch am Leben oder hat Dich der Tiger zerrissen? Sprich! denn ich kann nicht sehen!« »Ich lebe noch,« versetzte der Graf, »und das Ungetüm liegt krepiert am Erdboden. Auch die Tür hab' ich gefunden; sie liegt auf der Seite, woher Deine Stimme zu mir dringt; aber ich kann sie nicht öffnen.« »Ich will Dich lehren, wie es sich mit ihr verhält,« antwortete die Stimme; »hebe sie so hoch, wie Du kannst, und die Riegel werden sich von selbst zur Seite schieben. Sodann stoße mit aller Macht dagegen, und sie wird weichen. O, könnte ich Dich doch sehen! Es muß ja eine Freude sein für menschliche Augen, solch tapferen und kühnen Mann zu sehen!« Graf Robert legte seine Rüstung an, von der er außer seinem getreuen Schwerte Tranchefer kein Stück vermißte, und versuchte dann, nach der ihm von dem Gefangenen gegebenen Weisung, die Tür zu öffnen. Es gelang ihm aber erst, nachdem er all seine Kraft aufgeboten hatte. Die Riegel liefen, sobald sie aus ihren Haken gelöst waren, und ohne daß es eines Schlüssels bedurfte, tat sich eine kleine Pforte auf. Wieder ertönte die Stimme: »Ich höre Dich, Fremdling! Du stehst jetzt in meinem Kerker. Drei Jahre lang habe ich daran gearbeitet, die Rinnen in den Stein zu graben, worin die eisernen Riegel laufen. Mehr denn zwanzig Riegel gilt es wegzuschaffen, ehe ich freie Luft atmen kann. Wie soll mir Kraft bleiben, solches Werk zu vollbringen? Aber es gewährt mir, glaube mir, eine ungeheure Freude, daß es mir vergönnt gewesen, auf diese Weise zu Deiner Erlösung beizutragen; denn sollte uns auch die weitere Befreiung nicht gelingen, so werden wir einander doch trösten können, solange der schlimme Tyrann uns das Leben vergönnt.« Graf Robert blickte sich in dem neuen Räume, wohin er gelangt war, schaudernd um. In solcher Totengruft hatte ein menschliches Wesen drei Jahre lang gelebt? Kaum zwölf Fuß im Quadrat maß der grausige Kerker, und außer einem hölzernen Schragen, einem hölzernen Schemel und einem winzigen Tische war nichts darin enthalten, was einem Menschen das Leben hätte bequem machen können. Über dem Schragen standen in einen großen Mauerstein die schrecklichen Worte gemeißelt: »Hier wurde Zedekiah Ursel an den Iden des März eingesperrt und wurde hier begraben am ...« Eine leere Stelle dahinter war zur Aufnahme des Todestages bestimmt. Den Lebendigbegrabenen zu erkennen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit für jeden gewesen, der ihn einst gekannt hatte; er sah entsetzlich verwildert aus, sein Bart war ihm bis auf den Bauch hinunter gewachsen und sein Kopfhaar hatte sich zu einem scheußlichen Weichselzopfe verwandelt... Dem Grafen drohte das Blut zu erstarren. »Hast Du diese Rinnen, in die die Riegel laufen, aus diesem Steine gehauen?« – »Mußte ich mir nicht Arbeit suchen, um bei Verstand zu bleiben?« versetzte der Unglückliche; »freilich ist's ein schweres Stück Arbeit gewesen und hat über drei Jahre gedauert. Drei Jahre lang habe ich Stein gegen Stein gerieben. Woher ich weiß, daß drei Jahre darüber verstrichen sind? Eine ferne Glocke hat mir mit ihren Schlägen die fliehenden Stunden zugezählt: und als endlich die Tür aus ihren Fugen wich, da sah ich, daß ich mir den Weg bloß zu einem anderen, noch festeren Kerker gebahnt hatte. Und doch hat die mühevolle Arbeit nun ihren Segen gebracht! Denn ohne sie hätten wir ja niemals den Weg zu einander gefunden!« »Denke an Besseres!« erwiderte Graf Robert, »sinne auf Freiheit und Rache! Wie kann es der Himmel zulassen, daß solch schmählicher Verrat ein gutes Ende fände? Er müßte ja noch ungerechter sein, als Pfaffenmund zu künden vermöchte. Aber auf welche Weise wird Dir die Nahrung in Dein Kerkerloch gebracht?« – »Ein Wärter bringt mir einen Tag um den andern Brot und Wasser; er scheint kein Griechisch zu verstehen, denn er hat mir weder je geantwortet, noch je mich angesprochen. Ihr werdet gut tun, Euch auf kurze Zeit in den andern Kerker zu begeben, denn es möchte nicht gut sein, wenn uns der Mann, der bald kommen muß, erkennen würde.« – »Meinetwegen,« versetzte der Graf, »Wenn ich auch nicht einzusehen vermag, wie der Kerl in meinen Kerker gelangen könnte, ohne den Eurigen zu passieren. Soviel aber sage ich Euch: er soll noch eine Nuß zu knacken bekommen, ehe er sein heutiges Tagewerk vollendet.« Hierauf rückte er die Tür wieder an ihren Platz, nachdem er in sein Kerkerloch zurückgekrochen war; von Ursels mühevollem Werk war nicht das mindeste mehr zu sehen. Siebentes Kapitel. Graf Robert, war noch nicht lange wieder in seinem Kerker, so sah er aus einer Falltür in der Decke einen Lichtschimmer fallen, und fast gleichzeitig erklang in angelsächsischer Mundart der, Ruf: »Flink, Sylvan! flink!« Darauf antwortete jemand in einer andern, dem Grafen, aber ganz unverständlichen Mundart, die durch eine Art Gekicher in einemfort unterbrochen wurde: dazwischen rief wieder die andere Stimme: »Was? Du willst nicht? Marsch! hier ist die Leiter! und nun flink! flink!« Da schwang sich mit einem einzigen Satze ein Wesen von etwa sieben Fuß Länge aus der Falltür auf die Kerkerdielen nieder, das in der Linken eine Fackel, in der Rechten eine Art Strickleiter hielt, die sich bei dem Sprunge mit abgewickelt hatte, ohne zu reißen, aber begreiflicherweise einem so riesigen Geschöpfe nicht als Handhabe oder Stütze hatte dienen können. Die Fackel, die dasselbe hielt, verlöschte infolge des starken Luftdruckes, der durch das Niederschießen des mächtigen Körpers entstand, und als das seltsame Wesen mit der Hand nach der Fackel fuhr, um sich zu überzeugen, ob sie noch brenne oder nicht, verbrannte es sich die Finger, fuchtelte mit dem Arme wild hin und her und stimmte ein lautes Geheul an. »Achtung, Sylvan!« rief die angelsächsische Stimme wieder, »tanze nicht unten herum wie ein Narr, sondern gib dem Blinden sein Essen!« – Das Wesen – es als Mensch zu bezeichnen, wäre zu weit gegangen – blickte zu der Falltür hinauf, von welcher die Stimme hernieder klang, fletschte auf eine schreckliche Art die Zähne und ballte grimmig die Faust. Dann knotete es ein Bündel auf, das es am Arme getragen hatte, suchte in seinen Taschen nach einem Schlüsselbunde, fand ihn aber nicht dort, sondern neben dem Brote in dem Bündel. Dann zwängte es die Fackel hinter einen vorspringenden Stein und fachte sie durch seinen Atem zu neuem Brande an, guckte behutsam nach der Tür, die zu dem Kerker des Greises führte, steckte den Schlüssel in das Schlüsselloch und öffnete die Tür. Auf dem schmalen Korridor trat es zu einer Art Pumpe, deren Schwengel es ein paarmal auf und ab bewegte, bis ein Eimer voll Wasser gelaufen war, den es in Ursels Zelle trug. Ein paar Augenblicke später kam es mit dem, was der Gefangene von dem Wasser und dem Brote des gestrigen Tages übrig gelassen, wieder. In das Brot biß es, schnitt aber eine schreckliche Fratze und schleuderte es gegen die Wand. Graf Robert, bei sich im ersten Entsetzen hinter sein Bett geflüchtet hatte, ließ keinen Blick von dem seltsamen Geschöpfe, das er geneigt war, für den Teufel in eigener Person oder für einen seiner Kerle zu halten. Die angelsächsische Stimme hatte sich aber weniger als die eines beschwörenden Zauberers angehört, mehr als die eines Tierbändigers. »Pfui!« dachte er bei sich, »was wird's denn schließlich anders sein als ein Waldmensch oder ein Affe? Und solch ein Geschöpf sollte mich verhindern können, den Weg zum Lichte und zur Freiheit wiederzugewinnen? Ich will es lieber so drehen, daß mir der Kerl als Führer zur Oberwelt dient.« Mit einem Male gewahrte das seltsame Geschöpf den erschlagenen Tiger; es betastete ihn lange und schnitt ein betrübtes Gesicht, wie wenn es ihm leid täte, daß die Bestie nicht mehr am Leben sei; dann mochte es ihm wohl einfallen, daß ihn jemand umgebracht hätte; es langte wieder den Schlüssel aus dem Bündel und war so blitzschnell an der Tür und in Ursels Zelle verschwunden, daß Graf Robert, als er das gewahrte, es nicht mehr einholen konnte. Im nächsten Augenblick aber erschien es wieder in Roberts Kerker; es mochte sich eines andern besonnen haben, denn es fing an, jeden Winkel der Zelle zu durchsuchen, schlich geräuschlos, mit langen Schritten, an den Wänden hin, an denen sich sein Schatten wie ein anderes gespenstisches Wesen entlang bewegte. Immer näher kam der Waldmensch, – denn ein solcher war dieses Wesen-- dem Bette, hinter welchem Graf Robert noch immer kauerte. Mit einem Male trafen sich beider Blicke; aber der Waldmensch schien fast noch mehr erschrocken über den Anblick, der sich ihm so unvermutet bot, als Graf Robert; denn er schrie gräßlich auf und machte einen Sprung von mindestens fünfzehn Schritten rückwärts. Aber schon im nächsten Augenblicke bewegte er sich wieder mit vorgehaltener Fackel, um den Grafen deutlich zu sehen, auf den Schragen zu. Da packte Graf Robert einen Pfosten des Schragens, riß ihn mit einem Ruck von dem Gestell los und drohte damit dem Waldmenschen wie mit einem Knüttel. Das mochte wohl ein Ding sein, mit dem der Waldmensch öfter Bekanntschaft gemacht hatte; denn er erhob ein grimmiges Geschnatter, fuchtelte mit seiner Fackel umher und wich ängstlich wieder zurück. Graf Robert aber meinte, den Vorteil, der ihm hierdurch erwuchs, nicht ungenützt vorbeigehen zu lassen, sondern sprang hinter dem Bett hervor und vorsetzte dem Waldmenschen einen so kräftigen Schlag mit dem Bettpfosten, daß er wie tot niederstürzte. In der Absicht, ihm mit dem Dolche den Rest zu geben, setzte ihm Graf Robert das Knie auf die Brust; der Orang-Utang aber, noch bei weitem nicht tot, war im Nu auf den Beinen und hätte sicher den Ritter unter sich gebracht, wenn er nicht gleichzeitig nach dem glitzernden Dolche desselben gegriffen hätte. Robert aber riß ihm die scharfe Klinge durch die Hand, so daß der Affe, winselnd wie ein Mensch, zurücksank. Ein so wetterharter Kriegsmann Graf Robert auch war, so war er doch, fern dem Kampfe, von milder Sinnesweise, vornehmlich gegen niedere Geschöpfe. So kam ihm plötzlich der Gedanke, daß es doch unrecht von ihm sei, diesem Wesen das Leben zu nehmen, das womöglich gar irgend ein verzauberter Fürst oder Ritter sei; und angenommen, es sei bloß ein Tier, so ermangele es vielleicht des Dankbarkeitsgefühles nicht. Denn Beispiele für das Vorhandensein dieser Empfindung in der Tierseele waren ihm öfter zu Ohren gekommen, abgesehen von dem bekanntesten mit Androklus und dem Löwen. Dieser Regung folgend, richtete er sich in die Höhe und ließ den Affen gleichfalls aufstehen; und siehe! er schien für die ihm erzeigte Gnade Verständnis zu haben, denn er fing an zu murmeln, was sich ganz anhörte, wie wenn er seinen Dank stammeln wollte. Graf Robert zwängte die der Hand des Affen entfallene Fackel wieder hinter den Wandvorsprung, riß ein Stück von seinem Leinenhemde ab und verband dem Tiere die verletzte Hand damit, machte ihm aber in strengem Tone begreiflich, daß er ihm bei der geringsten Widersetzlichkeit den Dolch, dessen Schärfe ihm bereits bekannt sei, durch den Leib rennen werde. Der Affe fiel auf die Kniee und küßte dem Grafen die Füße; er schien jedes Wort, jede Bewegung desselben verstanden zu haben und schien ihm Treue und Gehorsam geloben zu wollen. Plötzlich erklang wieder von oben her die angelsächsische Stimme, die der Graf schon ein paarmal gehört, hatte: »Sylvan! Sylvan! wo bleibst Du? Komm herauf, oder ich will Dich Mores lehren!« Der Affe rückte ängstlich näher zu dem Grafen heran, der sich wieder auf den Bettrand gesetzt hatte, und fing schmerzlich zu winseln an. Der Graf, ohne daran zu denken, daß der Affe ihn kaum verstehen könne, sprach ihm Mut zu. Da wurde wieder von oben gerufen: »Sylvan! Sylvan! wo steckst Du? Was hast Du denn für Gesellschaft da unten? Ist's ein Teufel oder ein Geist der Gemordeten? Schwatzest Du etwa mit dem alten, blinden Rebellen? Komm herauf, Schlingel, oder Du bekommst die Peitsche!« Der Orang-Utang fing an zu zittern; sicher kannte er das Wort Peitsche genau, denn er stand auf in der Absicht, zu der Leiter hinzuschleichen, die sich jetzt zu der Falltür hinuntersenkte; als er aber sah, daß ihm der Graf mit der Faust drohte und den Dolch zückte, besann er sich flugs eines andern und kam wieder zu dem Grafen geschlichen, die Fäuste ballend wie ein Mensch, der sich fest zu etwas entschlossen hat, und sich hinter ihm versteckend. Dem Manne oben ging die Geduld aus; mit einer um den Hals gehängten Blendlaterne und einem Schlüsselbunde in der Hand, kam er die Leiter herunter; dabei kaum hatte er den Fuß von der letzten Sprosse gesetzt, so umschlangen ihn zwei kräftige Arme. »Du bist des Todes!« schrie ihm der Graf zu, »wenn Du Dich rührst.« – »Verrat, Verrat!« schrie der Mann, »holla! Hilfe, Hereward! Hilfe! Waräger, oder welchen Namen Du sonst führst! Hilfe! Hilfe!« Aber schon hatte der Graf, der nicht gesonnen war, seinen Vorteil fahren zu lassen, ihn bei der Kehle gepackt und hinderte ihn am weiteren Schreien. Die beiden ringenden Männer schlugen auf den Boden nieder, der Mann, der auf der Strickleiter in den Kerker geklettert war, kam unter den Grafen zu liegen, und dem Gebote der Selbsterhaltung folgend, stieß dieser ihm den Dolch in den Hals. Da kam ein dritter mit rasselndem Harnisch die Leiter heruntergestiegen: Hereward, der Waräger, und kaum erblickte er im Schein der erlöschenden Fackel, die noch immer zwischen den Wandvorsprung gezwängt stand, die beiden am Boden übereinander liegenden Männer, als er sich über den zu oberst liegenden Grafen stürzte und ihm den Kopf gegen den Boden drückte. Graf Robert war einer der stärksten Männer seines Zeitalters, aber auch der Waräger suchte in der Leibesstärke seinesgleichen; zudem hatte er den Vorteil der Offensive vor dem andern voraus. »Ergib Dich, auf Gnade oder Ungnade, oder ich steche Dich nieder wie einen Hund!« rief Hereward. – »Kein französischer Graf ergibt sich einem verlaufenen Knechte!« erwiderte Robert von Paris, der seinen Gegner an der Stimme erkannt hatte, und befreite sich mit einem plötzlichen Ruck aus der Faust des Warägers. Dieser aber, nicht gewillt, seinen Vorteil aufzugeben, zückte den Dolch in der Absicht, dem Gegner den Rest zu geben, da erscholl ein wildes Geschnatter in dem Kerkerloche, der Waräger fühlte sich von einem haarigen Arme umschlungen und zurückgerissen, und Graf Robert gewann Zeit, aufzuspringen, Ohne zu wissen, gegen wen er die Drohung richtete, schrie der Waräger: »Die Hände weg, Schuft, oder Du bist des Todes!« Aber ebenso schnell, wie sich der Arm um ihn gelegt hatte, ließ er auch wieder los, und von Angst befallen vor der Uebermacht des Menschen, floh der Orang-Utang die Leiter hinauf, und überließ es den beiden Männern, ihren Zwist allein auszufechten. Sie waren beide groß und stark und mutig; sie trugen beide den schützenden Harnisch und hatten beide keine andere Waffe als den Dolch. Ueber ihnen, an dem Falltürloche, mit der flammenden Fackel in der Faust, stand der Orang-Utang und blickte mit angstverzerrter Fratze auf sie hernieder. Da nahm der Waräger das Wort, dem Gegner fest ins Auge blickend: »Eine Frage, bevor wir den Kampf beginnen: Ihr seid der kühne Franke, der in der verwichenen Nacht hier bei dem angeketteten Tiger eingesperrt wurde?« – »Der bin ich,« erwiderte Graf Robert. – »Und wo habt Ihr den Tiger?« – »Dort liegt er,« erwiderte Robert, in einen Winkel zeigend; »der frißt keinen Menschen mehr!« Hereward richtete den Blick in die Ecke und fragte erstaunt: »Und das habt Ihr vollbracht?« – »Ja,« antwortete Graf Robert, ohne mit einer Miene zu zucken. – »Und meinen Nachtgesellen erschlugt Ihr auch?« – »Erschlagen wohl nicht, aber einen argen Denkzettel dürfte er weghaben,« versetzte Graf Robert. – »Gewährt mir so lange Waffenstillstand, bis ich seine Wunde untersucht habe.« – »Es sei!« Der Waräger beugte sich zu dem Kameraden nieder, der seiner Uniform nach zur Schar der Unsterblichen gehörte; er lag im Todeskampfe, konnte aber noch lallen: »Kommst Du endlich, Waräger?« Er versuchte, sich aufzurichten, sank aber wieder zurück. »Nur Deiner Feigheit habe ich meinen Tod zuzuschreiben. Laß mich, und antworte mir nicht! Der Franke hat mir den Dolch über dem Schlüsselbein in den Leib gejagt. Dasselbe hatte ich Dir zugedacht, nur wollte ich noch einige Zeit verstreichen lassen, bis die Affäre am goldenen Tor mehr in Vergessenheit geraten wäre. Ein Stich über dem Schlüsselbein, kräftig geführt, ist allemal tödlich. Das weiß ich aus meiner Praxis zu gut, als daß ich für mein Leben noch einen Batzen geben möchte. Sebastes von Mitylene hat seinen Köcher kaum erst halb geleert, und sieht seinen Bogen doch schon zersplittert!« Der Grieche sank Hereward in die Arme und verschied. Der Waräger legte die Leiche auf den Estrich mit den Worten: »Eine recht heikle Geschichte! Ihr seid wohl meinem Volke feind, aber sonst ein wackerer Mann, soll ich Euch nun erschlagen, weil Ihr einen Schuft erschlagen habt? Ich meine, hier sei weder der Platz, noch Licht genug, daß Kämpen, die es ehrlich meinen, einen Streit ausfechten könnten. Lassen wir ihn deshalb ruhen! Meinetwegen, bis Ihr den Blachernä-Palast hinter Euch habt und wieder bei Euren Freunden und Euren Mannen seid. Kann Euch ein armer Waräger hierzu helfen, so findet Ihr mich bereit dazu. Doch setze ich voraus, daß Ihr ihm später ehrlichen Kampf nicht versagen werdet?« – »Freund oder Feind! willst Du mir geloben, auch meinem Weibe zu helfen?« – »Auch sie ist im Kerker?« – »Auch sie! und wenn Du nicht bloß mir, sondern auch ihr beistehen willst, gelobe ich, Dir ohne Rücksicht auf Deine Herkunft oder Deinen Stand, sei es zum Kampfe, sei es zum Freundschaftsbunde, meine Rechte zu bieten. Bei der Seele meines Ahnherrn Karls des Großen und beim Altare meiner Schutzheiligen, Unserer Frau zu den gebrochenen Lanzen.« »Ich bin als Landesflüchtiger um so mehr verpflichtet, mich der Sache eines tapferen Ritters anzunehmen, wenn sie außer ihm auch sein Weib anbetrifft.« – »Dir hat das Schicksal zwar edle Geburt verweigert; dafür hat Dir Gott ein Herz verliehen, wie es sich nicht bei jedem Ritter findet. Ich habe Dir noch Weiteres zu sagen. In diesen Kerkern schmachtet wohl drei Jahre schon ein Greis, der nur von Brot und Wasser lebt. Er ist blind. Diesem unglücklichen Manne zu helfen, halte ich mich gleichfalls verpflichtet.« »Bei Sankt-Dunstan!« rief der Waräger, »ich sollte meinen, Eure eigene Sache stände schlecht genug, und doch wollt Ihr sie mit der Sache jedes Unglücklichen verknüpfen, den Euch das Schicksal in den Weg führt?« – »Menschliches Elend zu erleichtern, verschönt das Ritterleben. Wackerer Sachse! zögere nicht, sondern erkläre Dich bereit, mir auch hierin zu Willen zu sein. In Deinem Gesichte liegt Klugheit und Aufrichtigkeit. Gelingt es uns, mein geliebtes Weib zu befreien, so werden wir eine große Hilfe haben, um anderen beizustehen.« »Es sei!« erklärte der Waräger, »suchen wir die Gräfin auf! Und erachten wir uns dann stark genug, auch dem blinden Greise beizustehen, soll meinerseits weder Feigheit noch Hartherzigkeit diesen Versuch hindern.« Achtes Kapitel. Um die Mittagszeit des nämlichen Tages hatte Agelastes eine Unterredung mit Achilles Tatius in dem verfallenen ägyptischen Tempel, wo er sich früher mit Hereward, dem Waräger, getroffen hatte. »Jetzt, da wir vor den Gefahren stehen, die sich auf Deinem Wege zur Größe Dir entgegenstellen mußten,« begann Agelastes, ruhig und gleichmütig wie immer, »willst Du es dem törichten Knaben gleichtun, der ängstlich auf und davon läuft, nachdem er die Schleuse vom Wehre gezogen?« »Du tust mir unrecht, Agelastes,« erwiderte der Akoluth, vergleiche mich eher dem Seemanne, der, zur Fahrt entschlossen, besorgt zurück nach dem Ufer blickt, das er vielleicht nimmer wiedersieht.« »Mag sein! Indessen scheint's mir Mannesplicht, die Rechnung im voraus zu machen, nicht aber hinterher! Der Enkel Algurichs, des Hunnen, hätte erst wägen sollen, bevor er wagte, die Hand nach der Krone seines Herrschers auszustrecken.« »Still!« flüsterte Tatius; »Du weißt, noch ist das ein Geheimnis zwischen Dir und mir. Wo wären wir, wenn der Cäsar davon erführe?« »Wahrscheinlich verdorrten unsere Leiber am Galgen,« versetzte Agelastes, »während unsere Seelen im Aether schweifen würden, auf der Suche nach weiteren Geheimnissen, vielleicht solchen, die sicherer wären als die, denen wir hier nachspüren konnten.« – »Die Möglichkeit solches Schicksales dürfte uns zur Vorsicht mahnen,« erwiderte der Akoluth, die Stimme dämpfend; »denn steinerne Wände haben Ohren!« – »Nun denn, Du vorsichtigster aller Thronkandidaten,« sagte Agelastes, »so laß Dir sagen, daß Nikephoros in dem Wahne lebt, die Thronfolge sei ihm sicher, sofern es zur Wahl nach Alexius' Abscheiden kommen sollte. Er verläßt sich in dieser Sache völlig auf Dich und mich, denn eine tolle Passion, die ihn befallen hat, verrückt ihm das bißchen Verstand, über das er verfügt, vollständig. Wißt Ihr auch, wem diese Passion gilt? Dem Weibe des Franken Robert, oder vielmehr jenem Zwitter von Weib und Mann, das mit diesem Eisenfresser von christlichem Ritter ins Feld rückt!« – »Aber was kann aus solcher Narretei anders hervorgehen als zerschlagene Knochen?« fragte Tatius. – »Er pocht auf seine schöne Gestalt, die ihm bei mancher griechischen Dame das Terrain gesichert hat!« sagte Agelastes. »Vielleicht betrügt ihn diese Zuversicht ebenso, wie die auf seinen Anspruch als Cäsar auf die Thronfolge.« »Vielleicht!« wiederholte der andere. »Vorläufig habe ich ihm ein Stelldichein mit seiner Brabamante in Aussicht gestellt,« bemerkte der Philosoph lächelnd, »hoffentlich gelingt es ihr, seine verliebte Seele von dem schönen Leibe zu trennen!« »Hoffentlich hast Du nicht unterlassen, Dir dafür diejenigen Vollmachten von ihm ausstellen zu lassen, zu deren Ausstellung er die Befugnis hat?« – »Solche Gelegenheit konnte sich bloß ein Dümmerer als ich entgehen lassen,« sagte Agelastes, »freilich muß ich mir sagen, daß ich wider Altar und Charakter handle; immerhin schäme ich mich nicht, solche Narretei zu fördern, weil sie dazu führen dürfte, aus einem ehrenwerten Akoluthen einen tüchtigen Kaiser zu machen, Aber wie weit bist Du mit der Warägergarde?« »Nicht so weit, wie ich sein möchte,« versetzte Tatius, »immerhin darf ich ein Dutzend zu meinen unbedingten Anhängern zählen. Ist der Cäsar beseitigt, so wird kaum einer von ihnen mir die Heerfolge verweigern.« – »Und der Zenturio, den Alexius zu jenem Leseabend bestimmte?« – »Schade! bei ihm habe ich nichts ausgerichtet; und doch würden ihm alle Kameraden sich anschließen, denn er ist außerordentlich beliebt in der Garde. Zurzeit ist er dem tollen Grafen als Wächter beigeordnet; vielleicht wird er dann vom Kaiser den Kreuzfahrern ausgeliefert. Das bringt uns aber alles von dem Hauptthema ab: Wie verhalten wir uns gegenüber dem Kaiser?« »Darüber werden wir doch immer erst den Cäsar aushorchen müssen, ohne Rücksicht auf die tolle Passion, die ihn beherrscht,« erwiderte Agelastes, »wenngleich meine Ansicht dahin geht, daß Alexius heute den Thron zum letzten Male besteigen dürfte.« – »Laß es mich, sollte Deine Voraussetzung zutreffen, recht bald wissen, damit ich mich der Schar der Unsterblichen versichere und die Waräger, auf die ich mich verlassen kann, auf diejenigen Posten verteile, die mir als die gefährdetsten erscheinen.« – »Verlaß Dich darauf!« sagte Agelastes, »aber noch eine Frage: was soll mit der Gemahlin des Cäsars werden?« – »Schaffe sie irgend wohin, wo ich von ihrem langweiligen Geschreibsel nichts mehr höre,« erwiderte der Akoluth; »könnte sie davon lassen, so möchte ich mich schon eher mit ihr befassen, und ihr den Ausweis dafür bringen, welcher Unterschied obwaltet zwischen einem rechten Kaiser und diesem Schemen von Briennios, der so viel Wesens von sich macht, ohne daß er imstande ist, ein Weib zu beglücken.« Hierauf ging der Akoluth, stolzer als je vorher, und der Philosoph blickte ihm boshaft nach. »Auch einer von jenen Gecken,« brummte er vor sich hin, »die aus Verblendung die Fackel nicht sehen, die sie verzehren muß. Der, und den Cäsar, diesen pfiffigen Selbstling, umstricken? Nein! nein! Anna Komnena, wenn sie zur Witwe werden soll, darf keinem solchen Halbbarbaren Untertan werden! Das wäre ja schade um solchen Schatz von Witz und Genie! Ihr gebührt ein Gemahl von echtgriechischer Abkunft und einer Bildung, die der ihrigen die Wage hält. Das erst wird dem Throne von Byzanz den wahren Glanz verleihen!« Er ging stolz ein paarmal in dem Raume auf und nieder. »Doch wenn Anna Komnena Kaiserin werden soll, so muß notwendigerweise die Beseitigung des Kaisers Alexius, ihres Vaters, vorausgehen. Wäre das schlimm? Hm, ich sollte meinen, kein Kaiser hätte sich, um ans Ruder zu kommen, davor gescheut, seinen Vorfahren zu beseitigen! Sollte also ich es tun? Laßt sich nicht Blut vergießen, ohne daß man sich die Hand dabei befleckt?« – Er trat zur Tür und rief Diogenes, um ihn zu fragen, ob die fränkische Dame weggebracht worden sei? – Der Sklave nickte stumm. – »Und wie benahm sie sich dabei?« – »Ganz ruhig, als sie hörte, Ihr hättet es so angeordnet. Erst war sie gar nicht einverstanden damit, daß sie von ihrem Gemahl getrennt werden solle, und hat, wie verlautet, ein paar von den Sklaven niedergeschlagen, die sie wegbringen sollten. Mich aber erkannte sie sogleich wieder und als ich ihr sagte, Ihr bötet ihr für die nächste Zeit schickliche Unterkunft, erklärte sie sich auf der Stelle bereit, mitzugehen. Ich habe sie, Eurem Befehle gemäß, in dem der Kythere geweihten Gartenhause untergebracht.« »Sehr nett von Dir, mein Diogenes!« erwiderte der Philosoph, »Du gleichest den Genien, die einem morgenländischen Talisman dienen; ich winke Dir, und mein Wunsch ist erfüllt.« Als der Neger nach einem tiefen Bücklinge durch die Tür verschwunden war, sprach Agelastes vor sich hin: »Vergiß aber nicht, Sklave, daß es gefährlich ist, zu viel zu wissen! Und mir scheint, das fängt nachgerade an, zwischen mir und Dir zu gelten!« Da wurde dreimal gegen eines der Bilder geklopft, die so beschaffen waren, daß sie das Echo zurückgaben. »Ein Verschworener, der so spät noch kommt?« sprach er weiter, »wer mag das sein?« Er berührte das Bild der Isis mit seinem Stabe; es drehte sich, und vor ihn hin trat der Cäsar Nikephoros Briennios, Agelastes empfing ihn mit ernster Würde. »Ihr kommt, wie ich hoffe, in der Absicht, mir zu sagen, daß Ihr Euch die Sache mit der fränkischen Dame anders überlegt habt, nicht wahr?« fragte Agelastes. – »Nicht im mindesten, Philosophus,« versetzte der Cäsar, »meinst Du, ich hätte mir das Ding soviel Mühe kosten lassen, um jetzt auf einmal abzuschwenken? Die Huld der Venus ist der Lohn für die Plage, die der Mars über uns verhängt; ich wäre mit dem Kriegsgotte recht bald fertig, wenn mir nicht um Venus zu tun wäre.« – »Gegen die ungewisse Gunst eines Weibes setzt Eure Hoheit ein Kaiserreich? Und Euer Leben? Auch dasjenige aller Mitverschworenen? Dabei hat dieses Weib, das halb Teufel ist, halb Mensch, entschieden das Zeug in sich, unsern Plan zu gefährden! Zeigt sie sich Euch willig, so wird sie Euch nicht von sich lassen wollen; hält sie es hingegen, wie fast alle meinen, die sie kennen, nach wie vor mit ihrem Ehemanne, so habt Ihr alle Ursache, Euch vor einer neuerlichen Zumutung in acht zu nehmen, nachdem sie Eure erste so derb abgewiesen.« »Du predigst tauben Ohren, alter Brummbär!« rief lachend Nikephoros, »magst Du noch so gelehrt sein, eine Wissenschaft geht Dir doch ab, und das ist diejenige vom schönen Geschlecht! Was soll ich mit Dir darüber reden? Meinst Du, ich hätte Lust dazu? Oeffne mir die Pforte, die mich aus diesen Trümmern nach dem ersehnten Liebeshaine führt!« »Euer Wille geschehe!« versetzte, mit einem erzwungenen Seufzer, Agelastes. – »Diogenes, herbei!« rief der Cäsar, »sobald Du gerufen wirst, ist Unheil ja niemals fern. Oeffne die Pforte! möge Unheil, wenn es kommt, mich treffen!« Diogenes blickte auf seinen Herrn, der ihm winkte, den Befehl des Cäsars zu erfüllen. Darauf schritt Diogenes zu einer Stelle der verfallenen Mauer, um sorgfältig das Gebüsch, das sie versteckte, zu beseitigen. Eine kleine Pforte zeigte sich alsbald, verdeckt durch Quadersteine, die der Sklave heraushob, aber Stück für Stück neben der Pforte aufschichtete, wie wenn er sie später wieder zubauen wollte. »Bleib, bis ich zurückkehre, hier stehen und laß niemand mir folgen!« befahl Nikephoros dem Neger und nahm ihm die Laterne aus der Hand, die er hatte anzünden müssen, um das Schlüsselloch der Pforte zu finden. »Ich will Euch nicht in den Garten der Kythere folgen,« sagte Agelastes, »denn ich würde dort ein zu bejahrter Galan sein; Ihr habt ja den Weg schon öfter gemacht und dürftet ihn also kennen.« – »Sehr brav von Dir, mein Agelast,« erwiderte der Philosoph, »daß Du Dein Alter vergissest, um jüngeren Freunden das Feld zu ebnen!« Neuntes Kapitel. Wir müssen nun in den Kerker des Blachernä-Palastes zurückkehren, wo der Zufall zwei Männer einander näher geführt hatte, deren Charakter viele übereinstimmende Züge aufwies. Immerhin war die Situation für Hereward äußerst gewagt, denn so wenig er, wie jeder Sachse, von den hohlen Zeremonien hielt, die das eigentliche Wesen am Hofe von Byzanz ausmachten, so groß war doch noch immer die Meinung von der Macht und dem Ansehen des Reiches, dessen Herrscher er sich verpflichtet hatte; und wenn er sich ferner auch klar darüber war, daß der Akoluth, sein nächster Vorgesetzter, ein Feigling, vielleicht sogar ein Schurke war, so ließ sich doch nicht hinweg disputieren, daß er immer der Kanal war und blieb, durch den sich die kaiserliche Gnade über die Warägergarde, also auch über Hereward, ergoß, und daß er sich immer als ein Vorgesetzter von humaner Denkweise gezeigt hatte. Zudem stand Hereward in einem näheren Verhältnisse zu ihm, indem er bei allen wichtigeren Aktionen von ihm als Gesellschafter und Begleiter erwählt wurde. Wenn sich nun Hereward dem Grafen Robert gegenüber bereit erklärt hatte, ihm zur Flucht aus seinem Kerker zu helfen, wie auch zur Befreiung seiner Gemahlin beizustehen, so nahm er sich doch vor, hierbei nicht weiter zu gehen, als sich mit der Rücksicht auf seine dem Kaiser angelobte Pflicht und sein Verhalten gegen den Akoluthen vertrug. Wohl geleitete er den Grafen aus dem Kerker, denn er meinte, daß solche Haft sich mit der einem Ritter schuldigen Rücksicht nicht vereinbaren ließe, und daß der Kaiser in dieser Hinsicht übel beraten worden sein müsse. Sobald er aber mit ihm ins Freie hinaustrat, stellte er ihm ohne weiteres die Frage, ob ihm der Philosoph Agelastes bekannt sei. Als der Graf verneinend antwortete, sagte Hereward: »Herr Ritter, Ihr schlagt Euch selbst! wie könnt Ihr sagen der Mann sei Euch nicht bekannt, wenn Ihr doch gestern erst bei ihm zur Tafel wart?« »Ach! den Gelehrten meint Ihr?« rief der Ritter, »was sollte ich über ihn geheim zu halten haben? Er ist ein schlauer Patron, halb Herold, halb Sänger!« – »Sagt lieber, halb Kuppler, aber ganz Schuft!« versetzte der Waräger, »er frönt den Lastern anderer, indem er sich hinter die Maske der Gutmütigkeit verkriecht, und bringt seinen gütigen Herrscher am Ende noch um Reich und Leben, während er die tiefste Unterwürfigkeit heuchelt; es dürfte wirklich an der Zeit sein, der Hinterlist dieses Mannes Schranken zu setzen, denn wer mit ihm hält, gerät unter allen Umständen in Unglück und Verderben!« »Das wißt Ihr und laßt dem Menschen doch freie Hand?« rief Graf Robert. – »Ich weiß noch nicht, wie ich ihm beikommen soll,« erwiderte der Waräger, »aber ich denke, die Zeit kann nicht mehr ferne sein, wo der Kaiser über das Tun dieses Mannes aufgeklärt werden muß, und dann mag der Philosoph sich in acht nehmen, wenn er von dem Barbaren nicht gefressen werden will.« »Aber was geht denn mich der Mensch mit seinen Verschwörungsgelüsten an?« fragte Graf Robert. – »Viel, sehr viel,« versetzte Hereward, »denn die Hauptfigur bei all diesen Ränken spielt der Cäsar, trotzdem er eigentlich von allem am meisten zum Kaiser halten müßte. Aber Alexius hat einen Mitregenten ernannt, der im Range höher steht als der Cäsar, und seitdem ist dieser mißvergnügt und schmollt mit seinem Schwiegervater. Seit wann er sich mit dem Philosophen eingelassen hat, vermag ich freilich nicht zu sagen; aber so viel weiß ich, daß ihm dieser seit Monaten bei allen schlimmen Abenteuern Vorschub leistet, ihn auch wohl ausgiebig mit seinem großen Vermögen unterstützt.« »Aber ich sehe noch immer nicht, was dies alles mich angeht?« rief ungeduldig Graf Robert. – »Viel, sehr viel, sage ich Euch abermals,« versetzte Hereward; »sagtet Ihr mir nicht, auch Eure Gemahlin sei in Haft befindlich?« – »Ja! aber, beim Tod der tausend Märtyrer! wie sollen diese schändlichen Ränke die edle Gräfin von Paris berühren?« – »Nehmt's mir nicht übel, Ritter! aber Ihr seid so recht ein Edelmann, wie ihn der Hof von Byzanz gebrauchen kann: voll felsenfesten Vertrauens auf sich selbst und blind gegen alle hinterlistigen Treibereien!« »Ich kann noch immer nicht absehen, worauf Du hinaus willst,« rief der Graf; »aber eins laß Dir gesagt sein, Waräger: bring den Namen Brenhilda nicht zusammen mit Schurkerei! Es möchte Dir schlecht bekommen. Wohin führst Du mich?« – »In die Kytherischen Gärten des Agelastes,« antwortete der Waräger; »wir sind zwar nicht mehr weit davon; aber er hat's doch wesentlich näher dorthin; ich vermute, daß, Ihr dort Eure Gemahlin finden werdet, und daß der Cäsar kaum noch fern sein dürfte!« – »Elender! Du erfrechst Dich – ?« – »Ich dächte, Ihr solltet, statt solchen Ton anzuschlagen, dem Zufalle danken, daß er mich an Eure Seite geführt hat!« Graf Robert fühlte die Wahrheit dieser Worte, und obgleich er vor Begierde brannte, seinen Zorn an dem ersten besten zu kühlen, folgte er Hereward zu der Pforte, die zu den Gärten des Philosophen führte. Es war die einzige in einer hohen Mauer, und Hereward, der sich die Zeichen gemerkt hatte, die Achilles und Agelastes gaben, um Zutritt zu bekommen, war eben willens, dieselben zu wiederholen, als ihm ein plötzlicher Einfall kam. »Ha! wenn der Schuft von Diogenes an der Pforte wäre? Zeit, uns zu verraten, dürfen wir ihm nicht gönnen, sondern müssen ihn umbringen, ehe er den Garten wiedergewinnen kann. Verdient hat der Halunke den Tod schon hundertfältig!« »Dies Amt nimm Du auf Dich,« sagte der Graf: »ich kann meine Finger nicht mit dem Blute eines schwarzen Sklaven besudeln.« – »Aber, falls er mit vielen über mich herfällt, werdet Ihr doch nicht umhin können, mir beizustehen.« – »Wenn ich mit Ehren dabei bestehen kann, so werde ich Dich, auf Ritterwort! nicht im Stiche lassen: und sofern es sich nicht um einen bloßen Überfall, sondern ein richtiges Gefecht handelt, so werde ich es auch tun können, ohne gegen die Ehre zu verstoßen.« – »Nun, so will ich das Zeichen geben, und wir werden ja sehen, welcher Teufel vor uns erscheint.« Auf sein Zeichen tat sich die Pforte auf, und eine zwerghafte Negerin mit weißem Haar, das von ihrer dunklen Haut grell abstach, trat auf die Schwelle. Auf ihrem häßlichen Gesicht stand deutlich Bosheit und Schadenfreude zu lesen. »Ist Agelastes ...« wollte der Waräger fragen: die Negerin ließ ihn aber nicht ausreden, sondern zeigte auf eine schattige Allee. Waräger und Ritter schlugen diese Richtung ein, und die Sklavin murmelte ihm hinterher, er möge sich vorsehen, denn er dürfte als Eingeweihter nicht vergessen, daß er lieber allein als in Begleitung hier gesehen sei. »Wir müssen alle Vorsicht walten lassen,« flüsterte Hereward dem Grafen zu, »denn sicher hält sich das Wild, hinter dem wir her sind, hier auf. Ihr seid erregt; drum laßt mich lieber vorausgehen. Streifet jedes falsche Ehrgefühl von Euch, wenn Ihr gewahren solltet, daß die Liebenden eins geworden sind, und zeigt Euch nicht, sondern versteckt Euch unter einem Strauche oder einem Baume; denn Agelastes dürfte umherschleichen, um das Pärchen vor einer Überrumpelung zu schützen.« – »Bei den tausend Märtyrern! das kann nicht sein!« rief der heißblütige Franke: »mir wäre der Tod lieber als solches Leben im Argwohn!« Aber er sah ein, daß es jetzt galt, der Not sich zu fügen, und er ließ dem Waräger den Vortritt. Bald sah er, daß dieser sich auf einen Pavillon zu bewegte, der unfern von dem Flecke, wo sie sich getrennt hatten, stand. Bald sah er weiter, daß Hereward an einer fast ganz überwachsenen Tür erst horchte und dann zu einem Spalt hinein zu sehen versuchte. Es hielt ihn nicht länger, denn er meinte, in dem Gesichte des Warägers eine gespannte Aufmerksamkeit zu erblicken, und so schlich er sich durch das Laub zu dem Waräger hin, aber so leise, daß dieser seine Anwesenheit erst merkte, als er den Druck einer Hand auf der Schulter fühlte. Hereward, dessen Gesicht vor Aufregung glühte, überließ dem Grafen seinen Platz, der nun durch einen Spalt das Innere eines der Kythere, der Liebesgöttin der Griechen, geweihten Tempel vor sich hatte, mit all den lasziven Statuen und Bildern, wie sie zu jener Zeit an der Tagesordnung waren. Es dauerte nicht lange, so sah er seine Gemahlin, in Begleitung ihrer Dienerin Agathe, auf der entgegengesetzten Seite durch ein Portal treten und auf einem Ruhebette Platz nehmen, während die Dienerin sich im Hintergrunde verhielt. Plötzlich erschienen von der anderen Seite her Nikephoros und Agelastes, Agelastes in seinem härenen Zynikergewande, Nikephoros aber in seinem schönsten Prachtgewande und strahlend von Juwelen und kostbarem anderen Schmucke. »Heil Euch, edle Dame,« rief der Cäsar, indem er sich vor Brenhilde auf ein Knie niederließ, »ich komme, um Verzeihung zu bitten, daß ich Euch hier ein wenig wider Euren Willen zurückgehalten habe.« – »So? Ihr nennt das ein wenig?« fragte Brenhilde, »ich meine, Ihr müßtet sagen, durchaus wider meinen Willen, denn ich kenne keinen anderen Willen, als zu meinem Gemahl, dem Grafen von Paris, zu gelangen,« »Edle Gräfin,« nahm Agelastes das Wort, »Ihr habt ein Land verlassen, wo Mann und Weib nur nach der Stärke geschätzt werden, die ihnen innewohnt, Mitmenschen unglücklich zu machen, und befindet Euch nun in einem Lande, das die Mehrung der menschlichen Glückseligkeit als den höchsten Lebensgrundsatz erkennt. Sollte das nicht Euren Sinn zu wandeln vermögen?« – »Ehrwürdiger Philosoph,« antwortete die Gräfin, »wie könnt Ihr meinen, mich anderen Sinnes zu machen als er mir von Kindheit an innewohnt? Bei uns im Abendlande herrscht die Sitte, daß Mann und Weib sich nicht anders paaren wie Löwe und Löwin, das heißt, das Weib ergibt sich nur demjenigen Manne, von dessen Kraft und Stärke es überzeugende Beweise gewonnen hat. Selbst ein Mädchen geringen Standes möchte es als Entehrung ansehen, wenn es einem Manne an den Hals geworfen würde, der von seiner Wehrhaftigkeit noch keinen Beweis abgelegt hat.« »Edle Dame,« nahm hier der Cäsar das Wort, »ich meine, um solchen Gewinnes halber wäre kein Abenteuer zu kühn! Wo wäre der Mann, der sein Schwert wieder in die Scheide stecken wollte, bevor er den Sieg errungen hätte? der ohne das stolze Bewußtsein, wenn ihm nicht der Sieg geworden, von der Walstatt ginge: was ich nicht gewonnen, hätte ich doch gewinnen sollen, denn verdient hatt' ich es!« »Ihr seht, meine Dame,« nahm Agelastes wieder das Wort, um den Eindruck von den Worten des Cäsars durch eine passende Bemerkung zu verstärken, »daß in griechischen Herzen das Ritterfeuer nicht minder hell brennt wie in abendländischen.« »Ich vermag solchen Worten nicht eher zu glauben, als bis Ihr mir einen griechischen Ritter zeigt, der nicht ohne Zittern die Helmzierde meines Gemahls betrachten kann.« »Das dürfte, meine ich, nicht weiter schwer halten,« sagte der Cäsar, »denn mir ist mehr denn einmal gesagt worden, daß ich besseren Männern im Kampfe stehen könnte als dem, dem so unverdientermaßen das Glück in den Schoß gefallen ist, die Hand einer Brenhilda zu gewinnen.« »Bei den tausend Märtyrern!« flüsterte Graf Robert dem Waräger tiefbewegt zu, »soll ich dergleichen Reden von einem Wichte anhören, der schon Reißaus nimmt, wenn ich mit dem Schwerte rassele? Auch Brenhilde läßt dem Gecken größere Freiheit, als recht und in Ordnung ist. Ich will hinein und diesem Hans Dampf zusetzen, daß er dran denken soll!« – »Solange Ihr neben mir steht,« versetzte der Waräger, »wollt Ihr, mit Verlaub, Euch in Geduld fassen; sind wir auseinander, so mögt Ihr Eurem Ritterteufel frönen, soviel Ihr wollt.« »Dir fehlt's nicht bloß an menschlichem Gefühl,« erwiderte der Graf, ihn mit einem verächtlichen Blick messend, »sondern an allem Sinn für Ehre und Schande. Ich soll mir nicht bloß verunglimpfende Worte anhören, sondern auch ruhig zusehen, wie man meinem Weibe nachstellt?« – »Still!« flüsterte der Waräger, »sie sprechen wieder zusammen; ich sollte meinen, Ihr müßtet sehen, daß Euer Gemahl, trotzdem sie von aller Welt verlassen zu sein scheint, fest gewillt ist, Euch die Treue zu wahren?« – »Ich danke Dir, Freund,« erwiderte der Graf, »herzlich für die Worte und bitte Dir das Unrecht ab, das ich Dir eben angetan habe.« – »Was hättet Ihr mir abzubitten?« fragte der Waräger; »was nicht ernst gemeint ist, fasse ich nicht als eine Kränkung auf.« Nikephoros durchschritt das Gemach und fragte plötzlich Agelastes, ob er auch fremde Stimmen gehört habe? – »Ihr müßt Euch irren, Hoheit,« versetzte der Philosoph, »wie sollte das möglich sein? Aber ich will mich draußen umsehen!« Der Waräger riß den Franken unter einen Strauch von Immergrün, der so dicht war, daß sie von niemand gesehen werden konnten. Agelastes schritt langsam an dem Pavillon hin, scharfe Umschau haltend, konnte aber nichts entdecken, denn die beiden Männer verhielten sich mäuschenstill. Als er wieder in dem Pavillon verschwunden war, flüsterte der Graf: »Von solcher Lust, einem den Schädel einzuschlagen, wie in diesem Augenblicke ich, wird wohl noch kein Mensch besessen gewesen sein.« – »Ich hab's Euch angesehen,« sagte der Waräger, »aber verhaltet Euch bloß jetzt noch still! nachher könnt Ihr ja meinethalben tun und lassen, was Ihr wollt!« Bevor die beiden Männer aus ihrem Versteck wieder an die Wand getreten waren, hatten die im Pavillon befindlichen beiden Personen ihre Unterhaltung weitergeführt. »Ihr werdet mich nun und nimmer zu dem Glauben bewegen, daß Ihr nicht wüßtet, was aus meinem Gemahl geworden. Wer hätte sonst von seinem Verschwinden einen Vorteil zu erwarten gehabt?« – »Ihr seid im Irrtum, schöne Frau,« erwiderte der Cäsar, »bin ich etwa der Kaiser? Hat Euer Gemahl mich beleidigt oder den Kaiser? Und meint Ihr, ein Herrscher wie Alexius könnte und wollte solche Beleidigungen, wie sie Graf Robert ihm öffentlich zugefügt hat, ungeahndet lassen? War es ihm durch Gewalt verwehrt, so hat er es eben durch List versucht, sich der Person des Mannes, der ihn so beschimpfte, zu versichern. Hättet Ihr mich nicht durch die Macht Eurer persönlichen Reize in Fesseln geschlagen, so stünde ich der ganzen Sache völlig fremd; und ohne die Beihilfe des weisen Agelastes wäre es mir obendrein nicht einmal möglich gewesen, auch nur Euch aus dem Rachen des Verderbens zu reißen. Immerhin liegt für Euch zunächst noch immer kein Grund zur Trauer vor; denn weder Ihr noch ich, noch sonst jemand ist über das Schicksal des Grafen Robert unterrichtet. Klug wäre es ja von Euch, wenn Ihr Euch nach einem neuen Beschützer beizeiten umsehen wolltet!« Auf Brenhildens Gesicht kam ein maßloser Zorn zum Ausdruck; eine Weile lang schien sie keines Wortes fähig; dann aber rief sie: »Du bist ... Du bist ein ... doch nein! ich will Dich nicht nennen bei dem Namen, der Dir zukommt! die Welt wird ihn ohnedies dereinst mit Abscheu nennen, aber höre, was ich Dir jetzt künde: Robert von Paris ist entweder nicht mehr am Leben oder schmachtet in irgend einem Kerker des abscheulichen Blachernä-Palastes, wohin er nie hätte den Fuß setzen sollen. Er kann sich Dir nicht zum Kampfe stellen, den Schimpf zu rächen, den Du mir durch Deine Worte angetan hast. Aber hier stehe ich, Brenhilde, die Erbin von Aspramonte, das dem Grafen von Paris angetraute Eheweib, das von keinem Manne je in den Schranken des Turniers besiegt wurde außer von ihm, dem tapfersten der tapferen Männer, die eine Ritterrüstung tragen. Sie wird statt seiner mit Dir in die Schranken treten; sie wird den Kampf mit Dir aufnehmen, und Du wirst, denn Du kannst, nichts hiergegen einzuwenden haben!« »Höre ich recht?« rief betroffen der Cäsar,»Ihr hättet solches im Ernst vor?« – »Ja!« rief die Gräfin mit festem Tone. – »Gegen mich wollt Ihr im Turniere kämpfen?« – »Gegen Euch! Gegen das ganze Reich von Ostrom, sobald behauptet wird, Graf Robert würde von Rechts wegen in Gefangenschaft gehalten!« – »Und die Bedingungen sollen Euch gegenüber die gleichen sein, wie ihm? Der Besiegte hat sich dem Sieger zu überantworten zu Gutem wie zu Bösem?« – »Zu Gutem wie zu Bösem!« versetzte Brenhilde, »nur eine Bedingung soll hinzutreten: unterliegt Ihr, dann soll mein Ehgemahl freigegeben werden, dann soll ihm gestattet sein, mit allen Ehren aus dem Blachernä-Palaste zu ziehen.« – »Diese Bedingung soll gelten, erwiderte der Cäsar, »freilich mit dem Vorbehalte, daß mir auch die Macht zusteht, sie zu erfüllen.« Hier wurde die Unterhaltung der beiden Personen durch einen dumpfen Schlag, wie von einer Pauke, unterbrochen. Zehntes Kapitel. »Er hat die Forderung angenommen?« fragte Graf Robert, indem er kopfschüttelnd den Waräger ansah, »er vermutet freilich nicht, welche Gewandtheit und Stärke ein Weib in der edlen Fechtkunst sich aneignen kann!« – »Und ich möchte sagen, es bedünkt mir, als ob Eure edle Gemahlin ein zu großes Selbstvertrauen besäße, denn der Cäsar ist ganz gewiß nicht bloß ein schöner, sondern auch ein sehr starker Mann, der die Waffen wohl zu führen weiß, und sich zudem weniger an die Gesetze der Ehre für gebunden erachtet als irgend welcher Ritter des Abendlandes. Seiner Meinung nach gibt es allerhand Vorteile für sich zu nützen, die jeder Ritter von Eurem Schlage verschmähen würde. Indessen will ich jetzt nicht weiter darüber sprechen; denn es erscheint mir für gebotener, Euch in Sicherheit zu bringen; ist doch der Paukenschlag, den wir eben hörten, ein Zeichen, daß sich andere Verschworene nahen. Gehen wir zu einer andern Pforte hinaus, als wir hereingekommen sind. Ich an Eurer Statt besänne mich keinen Augenblick, zu dem so ziemlich einzig sicheren Auskunftsmittel zu greifen, das Euch in Eurer Lage bleibt.« – »Und das wäre?« – »Flucht über die Meerenge und sofortige Rücksprache mit dem Grafen von Bouillon,« erwiderte der Waräger, »gibt er Euch eine entsprechende Anzahl von Rittern mit, die Euch in die Lage setzen, die Freigabe Eurer in solch niederträchtiger Gefangenschaft gehaltenen Gemahlin unter Androhung eines unverzüglichen Angriffes auf Stadt und Burg zu fordern, so dürftet Ihr sichere Aussicht haben, Eure Gemahlin vor den immerhin bedenklichen Folgen eines solchen Zweikampfes zu bewahren.« »Und Du meinst, Gottfried von Bouillon ließe sich bestimmen, mitten in seinem Zuge gegen das Heilige Land um solcher privaten Angelegenheit willen, die ihm vielleicht gar als Bagatelle erscheint, inne zu halten? Oder glaubst Du, die Gräfin möchte sich bestimmen lassen, durch Rücktritt von einer Forderung zum Kampfe, ihre Ehre zu beflecken? Das sei ferne!« – »Und Ihr wollt Euch drein finden,« fragte der Waräger, »daß Eures Weibes Schicksal am Faden solch eines ungleichen Kampfes hängt? Ich muß Euch sagen, daß es mir an Scharfsinn gebricht, dafür ein Verständnis zu finden.« – »Anders als durch ein Unglück oder Verrat kann Brenhilde nicht fallen; daraufhin warte ich den Zweikampf ruhigen Herzens ab; und sollte mein Gemahl wirklich unterliegen, so würde ich in die Schranken treten und den Cäsar für dasjenige erklären, was er ist: für einen ehrlosen Wicht, unter Anrufung aller Edlen zu Zeugen... und die letzte Entscheidung Gott dem Allmächtigen anheimgeben!« »Das wäre ja alles recht gut und schön,« erwiderte kopfschüttelnd der Waräger, »fände solcher Zweikampf statt angesichts Eurer Landsleute! Die Griechen dürften jedoch hinter dem Verhalten ihres Cäsars kaum etwas anderes erblicken als eine statthafte Hinterlist zur Befriedigung eines niemand zu verdenkenden sinnlichen Verlangens!« – »Ein Volk, das solche Anschauungen billigt, muß ja untergehen,« rief Graf Robert, »denn es wird schließlich ruhig zusehen, wie seine Weiber und Töchter von feindlichen Barbaren vergewaltigt werden,« – »Ihr habt, wie ich sehe,« versetzte der Waräger, »Euren Entschluß gefaßt, und ich kann nicht umhin, zuzugeben, daß er Eurem tapferen Sinne Ehre macht. Auch mein Sehnen ist es schon lange, statt dieses kläglichen Söldnerdienstes das Leben für eine redliche Sache einzusetzen. Zudem will mich bedünken, als könnte ich auf diesem Wege am besten und sichersten Rechte und Leben meines Kaisers wahren; denn es kann ihm doch nur damit gedient sein, wenn er, ohne selbst etwas dazu zu tun, von solchem undankbaren, unruhigen Schwiegersohne befreit wird. Gut denn, edler Graf, ich unterwerfe mich im gegenwärtigen Falle Eurer Meinung, mit dem Vorbehalte jedoch, daß es mir freistehen soll, Eure Flucht, die ich nach wie vor fördern werde, im Blachernä-Palaste zur Anzeige zu bringen. Die Klugheit schreibt solches Verhalten unbedingt vor. Sodann wollt Ihr mir sagen, wo Ihr Euch zu verbergen vorhabt, denn daß sehr scharfe Nachforschungen nach Eurem Verbleib angestellt werden, müßt Ihr als zweifellos ansehen.« »Hierin muß ich mich ganz auf Deinen Rat verlassen,« antwortete der Graf; »Du weißt ja doch, daß ich weder in Konstantinopel noch im Blachernä-Palaste Bescheid weiß.« – »So möchte ich dafür halten,« erwiderte der Waräger, »daß Ihr Euch fürs erste am sichersten befinden dürftet in der Warägerkaserne, in meiner allerdings höchst bescheidenen Wachtstube. Da, nehmt meinen Mantel um und folgt mir! Wir werden den Garten bald hinter uns haben, und außerhalb desselben wird jedermann geneigt sein, Euch mit mir zusammen für eine Patrouille zu halten, die zu irgend welchem Zwecke unterwegs ist. Daß sich kein Grieche lange damit befaßt, uns Warägern hinterher zu blicken, wird uns von recht großem Vorteil sein.« Bald hatten sie das Gartentür wieder passiert und eilten auf Nebenwegen, Hereward voran, der Stadt zu und auf dem kürzesten Wege durch deren Straßen nach der Kaserne. Dort mahnte die Schildwache zur Eile, da alles schon beim Essen sei. Hereward, froh, daß sein Begleiter ohne Umstände passieren durfte, führte den Grafen in die kleine Zelle, die sonst von seinem Burschen bewohnt wurde, erklärte, ihn auf kurze Zeit hier allein lassen zu müssen, und verließ ihn, nachdem er die Tür hinter sich, aus Vorsicht, wie er sagte, daß kein Unberufener den Grafen störe, abgeschlossen hatte. Den Grafen mit seinen Betrachtungen allein lassend, ohne sich daran zu kehren, ob sich dieselben dem Argwohn zuneigen möchten oder nicht, eilte Hereward, so schnell ihn die Füße tragen wollten, zu den Gärten des Philosophen zurück. Am Tore empfing ihn dieselbe alte Negerin, die ihn vordem eingelassen hatte. Auf seine Frage nach Achilles Tatius erklärte sie: »Seltsam, daß Ihr ihn nicht heute morgen gesehen haben solltet, da Ihr doch hier wart! Der Akoluth ist kurz nach Euch gekommen und hat auch gleich nach Euch gefragt. Ihr hättet doch warten können, bis er da war.« – »Was geht's Dich an, Alte, wie ich mich verhalte? Rechenschaft darüber werde ich schon meinem Vorgesetzten geben, aber nicht Dir!« Einen Seitenpfad entlangschreitend, gelangte er zu jenem Pavillon, an dessen Wand er das Gespräch zwischen dem Cäsar und Graf Roberts Gemahlin belauscht hatte. Unfern davon stand ein schlichtes Gartenhaus, das dem Philosophen zur Wohnung diente. Hier machte er sich durch ein Zeichen bemerklich, und Achilles Tatius trat alsbald auf die Schwelle. »Nun, was bringt mir mein Getreuer,« fragte er freundlich, »zu solch ungewohnter Tageszeit? Etwas Wichtiges muß es wohl sein, das Dich veranlaßt, mich in der Mittagsstunde zu stören?« – »Euer Edlen geruhten mir die Morgenrunde im Blachernä-Palaste zu übergeben, und zwar in der Kerkerabteilung, wo der Verräter Ursel und gestern auch der tolle Frankengraf eingesperrt wurde.« – »Jawohl,« erwiderte der Akoluth, »weiter?« – »Der Graf ist ausgebrochen, nachdem er den Waldmenschen Sylvan, der ihm in den Weg geriet, als er Ursel Brot und Wasser zutrug, niedergeschlagen und dem Tiger, der in seiner Zelle angekettet lag, den Schädel mit einem Holzschemel zertrümmert hat.« – »Warum hast Du nicht sofort Lärm geschlagen und alles zur Verfolgung aufgeboten?« – »Ich wußte nicht, ob das geraten sei ohne Euren bestimmten Befehl,« versetzte der Waräger, »denn ich befürchtete, daß zu viel Lärm am Ende gegen Euch selbst hätte Verdacht wachrufen können.« – »Deine Vorsicht verdient alles Lob,« erwiderte Achilles Tatius im Flüstertone, »immerhin geht es nicht an, daß die Flucht des Gefangenen verheimlicht werde; sonst könnten wir noch weit eher in solchen Verdacht kommen, wie Du schon befürchtet hast, wohin kann der Flüchtling sich gewandt haben? Sicher doch über den Bosporus, um seine Landsleute gegen uns zu hetzen!« »Das steht allerdings zu fürchten,« erwiderte der Waräger, »denn falls der Graf sich von jemand hat raten lassen, der mit den hier herrschenden Verhältnissen vertraut ist, so kann ihm kein anderer Rat gegeben worden sein.« – »Die Rückkehr wird ihm aber nicht gelingen,« erwiderte der Akoluth, »denn der Kaiser hat befohlen, daß am jenseitigen Ufer kein Schiff oder Boot halten oder anlegen, und jedes, das Kreuzfahrer hinübergebracht hat, auf der Stelle unbefrachtet zurückkehren solle.« – »Es wäre mithin bloß zweierlei möglich,« sagte der Waräger, »entweder, der Graf ist über den Bosporus entwichen und entbehrt dort der Möglichkeit, wieder zurückzukehren, oder er hält sich noch in Konstantinopel auf, außer stande, jemand zu finden, der sich seiner annähme und seine Sache verträte, aber in beiden Fällen möchte es mir richtiger erscheinen, den Palast nicht zu beunruhigen; es liegt mir jedoch ferne, Eurer besseren Weisheit vorgreifen zu wollen; ferner dürfte auch der weise Agelastes ein geschickterer Ratgeber sein als ich.« Der Akoluth schüttelte lebhaft mit dem Kopfe. »Nein, nein!« rief er, »wir sind ja ganz gut befreundet, der Philosoph und ich; aber so weit geht unsere Freundschaft bei weitem nicht, daß ich mich beeilen möchte, dem Kaiser den Kopf vor die Füße zu legen, damit er dem Philosophen erhalten bleibe. Darum ist's mir lieber, es wird von dem unseligen Ereignis vorderhand überhaupt nicht gesprochen. Hingegen sollst Du von mir Vollmacht bekommen, den Grafen zu fahnden, sei es lebendig oder tot, und sobald es Dir gelungen, mir Bericht darüber zu erstatten, zu jeder Tageszeit, aber nur in meinem Palaste. Geh' behutsam wider ihn vor, denn vielleicht gelingt es mir, ihn zum Danke zu verpflichten dadurch, daß ich mittels der Aexte meiner Waräger sein Eheweib aus den ihr drohenden Gefahren befreie. Wer könnte etwas dawider haben?« – »Wohl niemand, da es doch einer höchst gerechten Sache gälte.« Der Akoluth stutzte. »Wie meinst Du diese Worte?« fragte er; »aber ich weiß ja, daß Du bei all Deinem Tun Dich an den recht- und gesetzmäßigen Befehl Deines Vorgesetzten hältst; mithin muß es auch Pflicht für mich sein, auf Deine Bedenken Rücksicht zu nehmen. Aber,« setzte er nach einiger Ueberlegung hinzu, »es möchte gut sein, Du verweiltest nicht länger hier, sondern machtest Dich gleich auf den Weg nach der Kaserne. Agelastes braucht Dich nicht zu sehen, so wenig, wie er schon jetzt etwas zu wissen braucht. Sobald ich in der Kaserne bin, sollst Du die Vollmacht haben; einstweilen handle ohne sie schon so, als wenn Du sie in Händen hättest!« Der Waräger machte sich ohne Säumen auf den Rückweg, in Zwiespalt mit sich darüber, daß er, wenn nicht unmittelbar gelogen, so doch die Wahrheit in bedenklichem Grade bemäntelt oder verschwiegen hatte, und daß es ihm trotzdem geglückt sei, mehr von seinem Vorgesetzten zu erreichen, als er jemals für möglich gehalten hätte; aber er nahm sich vor, dem Teufel der Lüge nicht weiter zu folgen. Er wurde unvermutet aus diesen Gedanken gerissen durch den Anblick eines Geschöpfes, das nicht bloß größer war als ein Mensch, sondern auch erhebliche Abweichungen in seinem Körperbau von einem solchen aufwies und bis auf das Gesicht von einem Haarpelz von tiefroter Farbe bedeckt war... Um die eine seiner Tatzen oder Hände trug das Geschöpf ein Tuch gewickelt, was auf eine gefährliche Verletzung schließen ließ. Sein Gesichtsausdruck war verzagt und widerwärtig. Im ersten Augenblicke dachte Hereward – so vertieft war er in seine Gedanken – den Teufel in Person vor sich zu haben; als er aber den ersten Schreck überwunden hatte, erkannte er ohne weiteres Sylvan, den Waldmenschen. »Oho!« rief er, »Hast Dich wohl expreß hierher retiriert, um Dir den Wanst mit leckerem Obst zu füllen? Laß Dich bloß nicht erwischen, alter Freund!« – Der Orang-Utang stimmte ein widerliches Geschnatter an, – »Ich verstehe schon,« sagte Hereward wieder, »willst mir nichts vorschwatzen? He?... Na, schon gut! Mehr traue ich Dir schließlich als meinen zweibeinigen Kameraden vom Stamme Mensch, die einander aller Minuten über die Ohren oder eins über den Schädel hauen!« In der andern Minute war der Affe verschwunden. Gleich darauf aber drang Angstgeschrei zu Herewards Ohren – aus Weibesmunde – und Hereward, der eigenen, gefährlichen Lage im Nu vergessend, machte kehrt und rannte in der Richtung, aus welcher die Hilferufe erklangen. Elftes Kapitel. Ein Weib, das von dem Orang-Utang verfolgt wurde, stürzte ihm auf einem der Waldpfade entgegen, die in den hinteren Teil des Gartens führten. Sobald das Tier Hereward mit der Streitaxt in der Faust erblickte, machte es kehrt und verschwand im Dickicht... Hereward gewann also Zeit, das Weib zu betrachten. Ihr Gesicht war infolge des erlittenen Schreckens leichenblaß, verriet aber außerordentliche Schönheit; ihre Kleidung war bunt, mit Vorherrschen der gelben Farbe; der Leib war in eine eng anschließende Tunika gehüllt; darüber fiel ein mantelartiges Oberkleid aus feinstem Tuche, dessen Kapuze infolge des raschen Laufes vom Kopfe geglitten war, einen Teil des schönen, in einfache Flechten gelegten Haares bloßlegend. Hereward war so verdutzt ob dieser seltsamen Erscheinung, daß er kein Wort über die Lippen zu bringen vermochte, zumal sie ihn wie ein längst entschwundenes Bild aus früher Jugendzeit anmutete. Die Tracht, in der er sie sah, war weder griechisch noch italienisch oder fränkisch. Es lebten in Konstantinopel wohl mehrere sächsische Frauen, die mit den Warägern der Heimat den Rücken gekehrt hatten, und die, weil ihnen Stand und Charakter ihrer Männer eine gewisse Achtung sicherten, darauf hielten, sich in ihrer heimischen Tracht zu zeigen; aber diese Frauen waren Hereward sämtlich von Angesicht zu Angesicht bekannt. Indessen war zu Sinnen und Träumen jetzt keine Zeit; denn die Situation des Weibes war kaum minder gefahrvoll wie seine eigene. Auf alle Fälle war es geraten, das Weib an einen Platz, fern von dem begangeneren Teile des Gartens, zu bringen: es fiel ihm eine künstliche Höhle ein, die ihm gelegentlich eines früheren Besuches hier bekannt geworden war. Dorthin trug er die schöne Bürde und legte sie am Fuße einer Quelle nieder, die in der Höhle entsprang. Fast unwillkürlich bemühte er sich, das Mädchen zum Bewußtsein zurückzubringen, das ihm auf dem Wege hierher abhanden gekommen war. Es gelang schneller, als der Waräger erwartet hatte, und mit einem wirren Blicke sich umsehend, flüsterte das Mädchen: »O heilige Jungfrau! habe ich den Kelch noch immer nicht bis auf die Neige geleert? Sprich, Mann! bist Du ein Gebilde der Phantasie, oder bist Du wirklich Hereward? Ist das schreckliche Ungetüm noch immer da, oder hab' ich bloß von ihm geträumt?« »Bertha,« antwortete Hereward, der durch den Klang dieser Stimme wieder zu sich selbst gebracht wurde, »liebe Bertha! Du lebst, um zu hören, daß es wirklich Hereward ist, den Du vor Dir siehst! Das häßliche Geschöpf hat Dich freilich verfolgt, aber es ist nicht bösartig und läßt sich mit einer Reitgerte in Räson halten. Bertha! Bertha! kennst Du mich jetzt erst?« – »Ich war zuerst im Zweifel, Hereward,« erwiderte sie, »bis mir diese Narbe vom Zahne des Ebers Gewißheit gab.« – »Sage mir, Bertha!« rief der Waräger, »daß Du auch wirklich jene Bertha bist, die Hereward Treue gelobte: und kannst Du es mit wahrem Gewissen, dann wäre es sündhaft, zu denken, die Heiligen hätten uns in diesem fernen Lande wieder zusammengeführt, um uns neuerdings zu trennen.« – »Hereward! Hereward! in der Heimat und Fremde, unter Qualen und Freuden, bei Mangel und Ueberfluß, habe ich nimmer des Gelübdes vergessen, das ich Dir am Steine Odins geleistet.« – »Höre mich, Bertha,« versetzte, ihre Hand erfassend, Hereward, »wir waren fast noch Kinder, als wir dort saßen, und es war sündig, solches Gelübde zu leisten vor einem toten Bilde, das einen blutigen Zauberer aus dem grauen Altertume darstellte. Aber wir wollen die Sünde gut machen, indem wir unser Gelübde vor dem ersten christlichen Altare erneuern, dem wir begegnen.« Werfen wir, während das Paar sich in die Zeit der Jugend zurückträumt, einen Blick in ihre Heimat. Zu der Zeit, als die angelsächsischen Edlen unter dem Joche der normannischen Eroberer als Geächtete in den Gefilden von Devonshire oder in den Wäldern von Hampshire hausten, gehörten Waltheoff, Herewards, und Engelied, Berthas Vater, zu den gefürchtetsten ihrer Sippe, als die kühnsten jener letzten Mannen, die unter dem Fürsten Ederich die Unabhängigkeit des sächsischen Volkes aufrechtzuerhalten versuchten. In ihrer Einteilung in Sippen oder Stämme den alten Germanen ähnlich, hingen sie auch an dem alten Un- oder Aberglauben derselben fest, obwohl sie ihn längst abgeschworen hatten. Nach dem zu Zeiten Odins eingeführten Brauche hatten Hereward und Bertha sich verlobt: indem sie sich über den Stein hinweg, den sie Odin geweiht hielten, die Hand zum ewigen Bunde reichten. Jahrelang hatten sie – denn es war bei dem angelsächsischen Volke Sitte, sich schon am Ausgange des Kindesalters zu versprechen, – in ungetrübtem Glück ihre Jugend genossen: da sollte aber eine Zeit kommen, wo sie auch das Unglück kennen lernten. Hereward zählte die Wochen, die ihn nur noch von seiner Braut getrennt halten sollten, da schmiedete Wilhelm der Rote den teuflischen Plan, die unruhigen angelsächsischen Edlen, die durch ihren Haß gegen alles Fremde die Ruhe im Reiche so oft störten und die sich an kein Waldgesetz zu kehren willens waren, gänzlich auszurotten. Er rief seine Normannen zusammen und bot all diejenigen Sachsen zur Heerfolge auf, die sich seinem Zepter unterworfen hatten. So zog er mit gewaltiger Uebermacht gegen die zusammengeschmolzenen Scharen König Ederichs. Waltheoff und Engelred, die als die vorgeschobensten der alten Sachsenstamme den ersten Ansturm auszuhalten hatten, erachteten es für das zweckmäßigste, die Weiber und Kinder und Greise in dem Kloster des heiligen Augustin unterzubringen, dessen Prior Kenelm blutsverwandt mit ihnen war. Die beiden Häuptlinge fielen in dem erbitterten Kampfe, und wenig fehlte, so hätte auch Hereward mit seinem einzigen Bruder ihr Schicksal geteilt; aber ihre Leiber wurden von einigen treuen Knappen, die sich nach der Schlacht auf das schon von den Raben in Beschlag genommene Schlachtfeld wagten, aufgehoben, weil noch nicht alles Leben aus ihnen gewichen war, und getreulich gepflegt. Als Hereward wieder so weit genesen war, daß er sein Lager verlassen konnte, war es sein Erstes, sich nach dem Schicksal der Seinigen zu erkundigen: es waren schreckliche Nachrichten, die seiner warteten: der Vater erschlagen, die Mutter und die Braut in Gefangenschaft geschleppt, der Vater der Braut gleichfalls erschlagen, die Mutter derselben gleichfalls in Gefangenschaft; die alten Knappen, die ihn gerettet, schwebten in ständiger Gefahr, entdeckt und mit schwerer Strafe heimgesucht zu werden, weil es von dem normannischen Könige streng verboten worden war, sich eines der aufrührerischen Sachsenfürsten oder ihrer Nachkommen anzunehmen. Da war ein alter Pilger im Sachsenlande aufgetaucht, der Herewards Vater gut gekannt zu haben vorgab; aber er war weder ein Angelsachse von Geburt, noch hatte er je dort jemand gekannt, sondern er war ein Waräger, ein Werber des Kaisers von Ostrom, der mit Geld reichlich versehen war und über ein großes Maß von Gewandtheit und Klugheit gebot. Er überredete Hereward, in die Schar der Waräger zu treten und die Heimat gegen Konstantinopel zu vertauschen. Mit Hereward verpflichtete sich auch sein Bruder zu dem neuen Dienst, und außer den Brüdern noch eine ganze Reihe von Angelsachsen, denen der Aufenthalt in dem von Fremden geknechteten Vaterlande zum Ueberdruß geworden war. Die Geschichte seiner Braut Bertha läßt sich kürzer fassen. Als das Kloster zum heiligen Augustin von den Normannen geplündert wurde, hatte sich ein alter Normanne Bertha als Beute erkoren, um sie der von ihm über alles geliebten Tochter als Dienerin beizugesellen. Des Ritters Gemahlin war um vieles jünger als er, und so erklärt es sich, daß sie das Zepter auf dem Hofe desselben führte. Daraus aber, daß ihnen eine Tochter geboren wurde, die der Liebling der Eltern wurde, erklärt sich weiter, daß auf der alten Burg Aspramonte zuletzt der Ritter gar nichts mehr bedeutete, sondern Mutter und Tochter sich in die Herrschaft dort teilten. Brenhilde – so hieß die Tochter – war von Jugend auf allen Ritterkünsten hold, und der Ritter konnte sich noch so viel Mühe geben, ihren Charakter zu mildern, es half ihm nichts: er mußte immer mehr erkennen, daß an seiner Tochter so recht im Sinne des Wortes ein Junge verdorben war... Um nun Bertha, die aus dem angelsächsischen Lande nach dem Schlosse gebrachte Sklavin, zu einer würdigen Dienerin seiner Tochter zu machen, ließ sie der alte Ritter in allerhand nützlichen Dingen unterrichten, und so eignete sich Bertha bald in der Musik wie in den damals bekannten Handarbeiten gute Kenntnisse an. Aber Brenhildes Hang zu ritterlichen Uebungen wurde dadurch nicht gemildert: sie blieb dieselbe, die sie von Jugend auf war. Als der Ritter von Aspramonte später das Zeitliche gesegnet hatte, war, wie wir schon erzählten, der Graf von Paris auf die Burg gekommen und hatte, nachdem verschiedene vor ihm mit lahmen Gliedern abgezogen waren, Brenhilde als Gattin heimgeführt, nachdem er sie im Turniere bezwungen hatte; Bertha hatte auf seinen Wunsch darein gewilligt, fortan den Namen Agathe im Dienste seiner Gemahlin zu führen; und dem ritterlichen Sinne des jungen Paares hatte es durchaus entsprochen, sich dem Heere der Kreuzfahrer anzuschließen, und so war es gekommen, daß sich dieselben in Konstantinopel befanden... und daß im Anschlusse hieran, nach so viel wunderbaren Schicksalen, sich Hereward und Bertha dort wieder zusammenfanden... »O, Bertha! wie glücklich preise ich mich, Dich wiedergefunden zu haben! und ach! wie fluche ich dem Schicksale, das uns die Notwendigkeit einer Trennung so schnell wieder auferlegt!« – »O, Hereward! sprich nicht so! Was sollte für Ursache dazu vorliegen?« – »Es geht nicht anders, Bertha!« erwiderte Hereward, indem er liebkosend über ihre Hand strich, »wir müssen uns abermals trennen; doch nur auf kurze, kurze Zeit!« – »Ach, Hereward! so willst Du mir also nicht helfen, meine arme, unglückliche Herrin zu befreien?« – »Deine Herrin?« wiederholte Hereward, »wie kannst Du einem Wesen, gleich Dir, solch häßliche Bezeichnung geben?« – »Aber, Hereward, sie ist doch meine Herrin!« erwiderte das Mädchen; »sie ist's durch viele Bande, die nimmer gelöst werden können, solange noch Dankbarkeit im menschlichen Herzen wohnt.« – »Und in welcher Gefahr befindet sie sich?« fragte Hereward. – »Ihre Ehre und ihr Leben sind zugleich gefährdet,« sagte Bertha, »sie will sich dem Cäsar im Zweikampfe stellen: einem so bösen Menschen, der doch Mittel über Mittel aufbieten wird, meine arme Herrin zu Falle zu bringen.« – »Aber glaube doch das nicht!« erwiderte Hereward, »Deine Dame hat der Zweikämpfe so viel bestanden, daß sie wohl den Cäsar, nicht aber der Cäsar sie zu Falle bringen wird!« »Ach! ach!« klagte Bertha; »ich kannte einst den Sohn des Waltheoff als tapfer, hilfreich, kühn und edelmütig, und jetzt finde ich ihn wieder als einen bedächtigen, kalten, selbstischen Soldaten.« »O, nicht so hastig, Mädchen!« rief der Waräger, »warte mit Deinem Urteile, bis Du den Mann wieder kennen wirst! Die Gräfin von Paris laß ruhig in die Schranken reiten; erschallt die Trompete zum dritten Male, soll eine andere ihr antworten, die ihres Gemahls, der an ihrer Statt den Kampf ausfechten wird; und sollte er daran verhindert sein, dann ... nun, dann werde ich die Liebe ihr vergelten, die sie Dir erwiesen, und den Kampf ausfechten.« »O, dann bist Du wieder der echte Sohn Waltheoffs!« rief das Mädchen begeistert, »o, laß mich fort, daß ich die Herrin tröste! Hat Gott den Ausgang eines Kampfes jemals gelenkt, dann wird er es hier tun! Aber Du ließest aus Deinen Reden erkennen, daß der Graf noch hier weilt? Sag' mir, wo! Sein Ehgemahl wird mich mit Fragen bestürmen!« – »So sage ihr, daß er sich bei Freunden befindet, und daß sie sich hieran genügen lassen müsse! Nun aber, Du Langentbehrte, Langersehnte! leb wohl!« Aber er konnte nicht weiter sprechen, denn Bertha lag in seinen Armen und erstickte seine Worte mit Küssen. Und nun schieden sie: Bertha, um zu der Herrin zurückzukehren, die sie in Angst und Sorgen wußte; Hereward, um durch das Gartentor den Weg zur Warägerkaserne zurückzunehmen. An dem Glückwunsch, den ihm die Negerin an der Pforte ausbrachte, ward er gewahr, daß sie seine Zusammenkunft mit Bertha belauscht hatte; aber er drückte ihr ein Goldstück in die Hand: das wirksamste Mittel, ein menschliches Wesen, vornehmlich eins vom weiblichen Geschlecht, zum Schweigen zu bringen. Hier wurde er von dem Grafen, den es nach den vielen Strapazen arg nach Speise und Trank gelüstete, ziemlich ungnädig begrüßt; aber der Waräger kehrte sich nicht an diese üble Laune, sondern sorgte für die nötigen Herzstärkungen; und als sie beide ihren Appetit gestillt hatten, der Waräger freilich mit weit größeren Portionen – zum Abscheu des Grafen – als dieser sie je zu sich genommen hatte, brachte der Graf die Rede auf die unglückliche Brenhilde. »Nachrichten bringe ich,« erwiderte der Waräger, »muß es aber Euch überlassen, zu prüfen, ob sie guter oder schlimmer Art sind.« – »Laß mich alles wissen!« – »Nun, die Gräfin hat sich bereit erklärt, unter den schärfsten Bedingungen den Zweikampf mit dem Cäsar zu bestehen; unterliegt sie, so gehört sie ihm mit Leib und Seele!« – Das wolle der Himmel verhüten!« rief der Graf; »wollte Gott solchem Verrate zum Triumphe verhelfen, müßte man ja zweifeln, daß es einen Gott gäbe!« – »Es wird sich indessen als nötig erweisen,« fuhr der Waräger fort, »daß wir beide am Turniertage uns gewappnet halten, und daß, wenn die Trompeten zum Beginne schmettern, wir beide mit in die Schranken reiten. Sieg oder Niederlage hängen vom Schicksale ab; aber schändliche Hinterlist beim Kampfe zu vereiteln, daran soll uns niemand hindern!« »Unter dieser Bedingung will ich mich nicht weigern, mit in die Schranken zu reiten; aber,« rief der Graf mit edlem Stolze, »nicht die schwerste Gefahr meiner Dame, solange sie in Ehren über sie kommt, soll mich bestimmen, dem Kampfe Einhalt zu tun! Nun noch eins, Waräger! Du darfst sie nicht wissen lassen, daß ihr Ehgemahl zugegen ist! Ich werde Dir nicht erst zu sagen brauchen, daß es gar oft die Nähe eines geliebten Wesens ist, was uns den Blick und den Arm lähmt!« »Wir werden sehen,« versetzte der Waräger, »wie sich alles machen läßt;' wenn's angeht, will ich alles nach Eurem Wunsche halten; aber das muß ich sagen, eine Affäre, verwickelt und verheddert wie die Eure, ist mir mein Lebtag noch nicht passiert!« Drittes Buch. Erstes Kapitel. Hereward war, seit dem im ersten Buche beschriebenen ersten Erscheinen bei Hofe, wiederholt dorthin beschieden worden, sowohl von der Prinzessin Anna Komnena, die sich bei ihm Auskunft über die Sitten in seiner Heimat geben ließ, als auch vom Kaiser Alexius, der es, wie manche andere Monarchen auch, liebte, sich bei Hofleuten untergeordneten Standes über Vorgänge in ihren engeren Kreisen, wie unter der Bevölkerung zu erkundigen. Der Ring, den ihm die Prinzessin bei seinem ersten Hofgange behändigt hatte, hatte ihm schon wiederholt als Legitimation gedient, und er war allmählich so intim bei den Palastsklaven geworden, daß er ohne weiteres, wenn er sich meldete, Zutritt erhielt und in ein von dem Musensaale, wo wir ihn zum ersten Male sahen, nicht weit entferntes, kleineres Gemach geführt wurde. Dort pflegte die kaiserliche Familie in vornehm-bürgerlicher Weise, frei von Hofzwang, intim unter sich zu verkehren. Nur eins war dem Waräger gleich das erste Mal aufgefallen, daß sämtliche vier Wände dieses Gemaches mit gepolsterten Matratzen überkleidet waren, die jeden Schall in sich aufsogen. »Ah, unser wackerer Waräger,« sprach die Kaiserin, als Hereward von einem Sklaven in das Gemach geführt wurde. – »Ich habe ihn rufen lassen, damit er mich noch einmal über die Männer in Stahl unterrichte, von denen ich in meinem nächsten Kapitel zu handeln gedenke.« – »Ich auch, meine geliebte, übergelahrte Tochter,« nahm der Kaiser das Wort, »aber aus einem Grunde, der wohl angetan sein dürfte, Dich in schmerzliche Aufregung zu setzen, wie wohl auch Deine Mutter, die Kaiserin.« – »Wenn dieser tapfere und rechtliche Mann Nachricht bringt,« versetzte die Kaiserin resolut, »die unser Wohlergehen angeht, so möchte es gut sein, uns nicht lange darauf warten zu lassen.« »Das ist auch nicht meine Absicht,« antwortete der Kaiser, »so gern ich es auch vermieden hätte, Euch das Herz damit zu beschweren, zumal dasjenige meiner edlen Tochter, die dadurch genötigt wird, ihre Meinung über jemand zu ändern, den sie bisher nur als brav und uns wohlgesinnt zu halten gewohnt war.« – »O, edler Vater,« rief die Prinzessin aus, »was sind das für Anfänge!« – »Fasse Mut, meine Tochter,« erwiderte der Kaiser, »Du hast als Purpurgeborene die Pflicht, Deinem Vater angetane Unbill zu rächen, sollst aber nicht darüber jammern und wehklagen. Vernimm also: der Cäsar, vergessend, daß er Dein Lager geteilt hat, bereitet mir den schweren Kummer, sich mit einer Rotte von Verschwörern zusammenzutun, die kein anderes Ziel verfolgt, als mich vom Throne zu stoßen!« – »Was?« schrie die Kaiserin auf, »das könnte Nikephoros tun?« Und die unglückliche Prinzessin stürzte zu dem Vater hin und klagte: »O, edler Vater, daß der Mann, den ich meinen Gemahl nenne, solch falschen Herzens wäre, ist ja nicht möglich! Nein! nein! Du wirst falsch berichtet sein!« – »Ich wünschte, ich brauchte Dir nicht zu widersprechen,« versetzte der Kaiser, »aber unsere Leibwache ist verführt worden, desgleichen ihr Kommandant, der undankbare Achilles Tatius, und der Philosoph Agelastes; sie sollen ihre Hand dazu bieten, mich dem unglücklichen Reiche in dem Augenblicke zu rauben, in welchem es auf das allerdringendste der Fürsorge eines Mannes bedarf, der vielleicht allein klug genug ist, es aus den Wirren zu befreien, die sich täglich, ja stündlich häufen.« – »Mir kommt's so vor,« bemerkte die Kaiserin, »als wenn mein Gemahl sich zu lange besänne, Mittel gegen solche Gefahr zu ergreifen.« – »Und ich möchte sagen,« sprach die Prinzessin, »daß mein kaiserlicher Vater zu schnell gewesen sei, Dinge zu glauben, die noch durch keine Untersuchung festgestellt sind! Das Zeugnis eines Warägers, und sei er noch so tapfer und ehrlich, kann doch gegen die Ehre eines Cäsar, gegen die bewährte Treue eines Achilles Tatius und gegen die Tugend und Weisheit des größten Philosophen im Reiche...« – »Meine Tochter,« unterbrach sie der Kaiser, »schießt wohl über das Ziel hinaus, wenn sie meint, ihrem Vater stünde in Dingen, die ihn zumeist angehen, ein Urteil nicht zu; Du darfst mir schon glauben, Kind, daß ich jeden von den dreien genau kenne und recht gut weiß, wie weit ich mich auf sie verlassen kann. Hatte ich sie nicht alle im Sacke? Aber seit die Säcke leer geworden sind, ziehen sie es vor, wie die Schmetterlinge, wenn das naßkalte Wetter kommt, davonzuflattern, und es mir zu überlassen, ob ich mir zutraue, wider den Sturm zu bestehen, oder die Segel beizeiten zu streichen. Du meinst, es fehle noch an einer Untersuchung? Nun, wenn die Winke, die mir dieser ehrliche Mann hier gibt, mit meinen eigenen Wahrnehmungen sich decken, so werde ich nicht erst abzuwarten brauchen, was eine langwierige Untersuchung zutage fördert! Ich werde den Waräger zum Haupte der Waräger machen an Stelle des verräterischen Tatius, und was weiter noch geschehen wird, möge mir überlassen bleiben.« »Möge mir Eure kaiserliche Hoheit,« sprach Hereward, der bis jetzt geschwiegen hatte, »die Erwiderung vergönnen, daß sich mit meinem Gewissen solcher Weg zur Höhe nicht vertragen mochte. Zudem habe ich eine mir seit der Jugend liebwerte Person jüngst wiedergefunden nach langer, langer Trennung, und dieser Umstand legt mir den Wunsch nahe, mich in das Land König Wilhelms von Schottland zu begeben. Ich werde mithin Eure kaiserliche Hoheit in absehbarer Zeit bitten müssen, mir meinen Abschied zu geben.« – »Ich soll mich von dem treuesten meiner Diener trennen gerade dann, wenn ich auf seine Hilfe am meisten angewiesen sein dürfte?« rief der Kaiser mit Nachdruck. – »Bei aller Dankbarkeit für Eure Güte,« erwiderte der Waräger, »muß ich doch geltend machen, daß mir das Schicksal von Männern, die mir nichts Böses, sondern nur Gutes erwiesen haben, um so weniger gleichgültig sein kann, als doch gerade meine Mitteilungen mitbestimmend für dasselbe gewesen sein dürften. Zudem läßt sich doch nicht verhehlen, daß in dem Reiche kaiserlicher Majestät nicht selten Männer, denen heute die allerhöchste Gnade winkte, morgen mit ihrem Fleische Krähen und Dohlen zum Futter dienen, und um solcher Aussicht willen möchte ich meine Knochen nicht an dieses Gestade getragen haben.« – »Wir wollen über alles, was Du mir hier sagst, sprach der Kaiser, »mit Weisheit und Ruhe beschließen; vorerst lies hier nach, was über die Uns bekannt gewordene Verschwörung von Uns aufgezeichnet worden ist, und gib das Pergament, wenn Du es gelesen, meiner Tochter, die an die Gefahr erst glauben will, wenn die Dolche der Verschworenen mich durchbohren.« Nachdem Hereward gelesen und durch ein Nicken sich mit dem Inhalte einverstanden erklärt hatte, überreichte er das Pergament zunächst der Kaiserin Irene, die es mit den von bitterem Unwillen erfüllten Worten: »Da, lies! kannst Dir viel zugute tun auf die Dankbarkeit und Liebe solches Menschen!« ihrer Tochter gab. Diese las zuerst mit gleichgültiger Miene, bald aber mit wachsender Neugier, bis sie zuletzt ihre Wut nicht mehr bändigen konnte. »Ha! über den doppelzüngigen Verräter! Kein Wort mehr aus meinem Munde, den Wicht vor verdienter Strafe zu schützen! Eine Fürstentochter aus dem Blute der Komnenen wagt er der Haushälterin des geringsten Quiriten gleich zu achten?« Ihr sonst so gütiges Gesicht war jetzt schrecklich entstellt, und aus ihren Augen schossen die Thränen in Strömen. Hereward betrachtete sie mit einer Empfindung, halb Mitleid, halb Furcht und Abscheu. Der Kaiser aber sagte bei sich: »Vortrefflich! sie schnaubt nach Rache, und wir werden ihr eher einen Zaum anlegen müssen, als daß wir sie anzuspornen brauchten!« – Dann sprach er laut: »Höret jetzt, was ich bei mir beschlossen habe. Ihr drei sollt allein vernehmen, wie ich das Schiff meines Staates durch diese Untiefen zu steuern gedenke. Die Erwägung der Mittel, deren sie sich bedienen, wird uns lehren, wie wir ihnen zu begegnen haben. Leider sind einige der Waräger durch den verräterischen Akoluthen auf Abwege geleitet worden; aber der größere Teil von ihnen wird sich um unsere Person scharen. Manche von ihnen wähnen, der alte Verräter Ursel sei tot; das hat insofern gar nichts auf sich, als schon sein bloßer Name hinreichen würde, seine alten Anhänger zusammenzuscharen; ihnen in dieser Hinsicht gefällig zu sein, fehlte es mir nicht an Mitteln, aber ich will mich darüber zunächst nicht auslassen. Auch von den Unsterblichen sind einige zum Abfalle reif; sie sollen zu den Warägern stoßen, die zum Angriffe gegen Unsere Person ersehen sind. Unser Getreuer hier soll nun Vollmacht erhalten, die Meuterer mit den Uns treu gebliebenen Mannen aufzuheben und in Unsere Gewalt zu liefern.« »Und was soll aus dem Zweikampfe werden, kaiserlicher Herr?« fragte der Waräger. – »Du müßtest kein Waräger sein, wenn die Frage hätte unterbleiben sollen,« erwiderte mit huldvollem Lächeln der Kaiser, »nun, Wir wollen dafür Sorge tragen, daß der Cäsar nicht darum herumkommt, so absonderlich ein solcher Kampf auch sein wird. Aber die Verschwörung wird ausbrechen, sei es damit so oder so, und da sie Uns vorbereitet trifft, wird sie im Blute derer, die sie angezettelt haben, erstickt werden.« Zweites Kapitel. Während der Kaiser sich in sein Schlafgemach zurückzog, um den ganzen Abend sich bei den Damen nicht mehr sehen zu lassen, schritt der Waräger in einem Gemütszustande, der es ihm außerordentlich schwer machte, die ihm so plötzlich auferlegte Bürde einer so vielseitigen Aufgabe zu tragen, durch die vom Monde erhellten Straßen der griechischen Hauptstadt. Da drang das Geschmetter von Trompeten an sein Ohr. Solche Musik zu solcher Stunde mußte eine ganz besondere Bedeutung haben, denn ohne eine wichtige Ursache wäre die Ruhe zur Nachtzeit ganz gewiß nicht gestört worden. Aber welcher Art konnte diese Ursache sein? Hatten etwa die Kreuzfahrer, die in ihren Handlungen ja unberechenbar waren, auf ihrem Zuge nach Palästina Kehrt gemacht und waren im Anmarsche gegen Konstantinopel begriffen? Unwahrscheinlich war dies nicht, zumal die Kreuzfahrer allerlei Ursache zur Klage wider die treulosen und hinterlistigen Griechen gefunden hatten, und recht wohl daran denken konnten, sich hierfür zu rächen. Aber im andern Augenblicke mußte Hereward sich sagen, daß der Ton, den er vernahm, sich nicht anhörte wie die langgezogenen Kriegssignale der Franken und Normannen; zudem bemerkte er auch, daß sich die Bewohner nicht sonderlich beunruhigt zu fühlen schienen, denn auf der Straße herrschte nach wie vor die größte Ruhe; nur hin und wieder lugte ein Kopf zu einem Fenster auf die Straße heraus, der aber, als er des Warägers in Rüstung ansichtig wurde, schnell wieder zurückfuhr und sich in Sicherheit brachte. Nach ein paar Schritten weiter sah er einen der Bewohner auf die Straße hinaustreten; aber auch dieser bezeigte wenig Lust, dort zu verweilen, sondern war schon wieder fast in der Tür verschwunden, als Hereward ihn stellte und die Frage an ihn richtete, ob er wisse, was der ungewohnte Lärm zur Nachtzeit wohl zu bedeuten habe. Mit dem Bescheide, daß er keine Auskunft darüber geben könne, verwies der Bürger ihn an seinen Nachbar, der kein anderer war als der Ringer Stephanos, der im Verlaß auf seine Körperstärke, und da er hinter sich den Schreiber Lysimachus wußte, keck auf Hereward zutrat und dessen von neuem gestellte Frage mit der Antwort abfertigte, »das müsse doch der Waräger am besten wissen, denn seines Wissens seien es keine anderen als Waräger-Trompeten, die Konstantinopel und seine ehrlichen Schläfer in ihrer Ruhe störten.« »Halunke!« herrschte der Waräger ihm zu, mit einer Stimme, daß der Ringer in sein Haus zurückpurzelte und sich dabei in die zu Ehren eines von ihm jüngst erfochtenen Sieges vor der Tür aufgehängte Guirlande verheddert – »Halunke! riefe mich das Signal nicht zu Kaserne, so wollte ich Dir zeigen, was Deiner Frechheit gebührt!« Als er über die Schwelle des Kasernentores trat, erklang das dröhnende Signal von neuem. »Engelbrecht,« fragte er die am Tore postierte Schildwache, »,was geht denn vor?«– »Merkwürdig!« antwortete der Gefragte, »es wird zu einem Zweikampf aufgerufen! Wie es scheint, haben die tollen Kreuzritter die hinterhältigen Griechen angesteckt mit ihrer Kampfwut.« – Hereward trat auf eine Gruppe seiner Kameraden zu, die sich eben zusammenscharten, um zu einer anderen Gruppe zu stoßen, die von Achilles Tatius in Person geführt wurde. Kaum hatte dieser den Waräger bemerkt, so gab er ihm zu verstehen, daß er ihn nach Abwickelung der im Gange befindlichen Handlung zu sprechen wünsche. Wieder dröhnten die Trompeten, und dann trat ein Herold vor und verkündete, »daß der durchlauchtigste Kaiser Alexius Komnenos darein gewilligt habe, daß sein erlauchter Schwiegersohn, der Cäsar Rikephoros Briennios, es übernommen habe, sich im Kampfe wider jenen Grafen von Paris zu stellen, der die Verwegenheit gehabt habe, die geheiligte Majestät des Kaisers öffentlich zu beschimpfen und in deren Gegenwart die Zierde des Thrones, den salomonischen Löwen, zu zertrümmern. Damit in Europa niemand sage, die Griechen stünden hinter den christlichen Völkern in der Uebung der Waffen zurück, habe der Kaiser einen dreimaligen Gang zu bestimmen geruht: mit gespitzten Speeren und geschliffenen Schwertern.« Als Achilles Tatius daraufhin seine Mannen hatte wieder abtreten lassen, fragte er Hereward, ob er inzwischen vielleicht von dem Grafen Robert Kunde bekommen habe. Der Waräger verneinte, worauf Achilles fragte: »Glaubst Du, daß er die Proklamation mit angehört hat?« – »Seine Pflicht wäre es wenigstens gewesen,« erwiderte der Waräger, »denn ich wüßte nicht, daß jemand das Recht hätte, statt seiner sein Erscheinen in den Schranken zu versprechen.« – »Ei, Du klügster aller Waräger,« rief der Akoluth, »merkst Du den Witz des Cäsars nicht? Der Narr besteht auf seiner Ehre, die es ihm verbiete, sich mit einem Weibe zu schlagen; und so hat er an Stelle der Gräfin den Grafen als Gegner genannt. Erscheint nun der Graf nicht, so fordert der Cäsar als Sieger – denn als solcher gilt er ja dann – die Auslieferung der Gräfin als seine Gefangene! Das wird natürlich einen allgemeinen Aufstand hervorrufen, und unsere Sache wird es nun sein, den Kampf so zu organisieren, daß möglichst alle Verschworenen hineinbezogen werden. Ich übergebe dabei Dir die Aufgabe, den Kaiser so zu umzingeln, daß sich ihm keiner von der ihm treu gebliebenen Mannschaft nähern kann. Dann mag der Cäsar kämpfen mit dem Grafen oder der Gräfin: wir wollen den Aufstand dazu benützen, daß an Stelle des Geschlechtes der Konmenen dasjenige der Tatier auf den Thron von Ostrom steige! Und nun, mein getreuer Hereward, vergiß nicht das Losungswort für heute und morgen: Ursel, der einstige Mitbewerber um den Kaiserthron, der von Alexius nicht durch Tapferkeit und Weisheit, sondern nur durch gemeine Hinterlist beseitigt wurde, und der meines Wissens in den Kerkern des Blachernä-Palastes umgekommen ist, übt noch immer eine große Zauberkraft auf das Volk von Ostrom aus.« »Ihr habt den Kaiser heute gesehen?« fragte der Waräger. – »Selbstverständlich,« erwiderte der Akoluth; »hätte ich die Trompeten auf eigenen Antrieb hin schmettern lassen, so hätte mir Kopf wohl am längsten zwischen den Schultern gesessen. Nun aber wird der Kaiser sich der Anwesenheit beim Zweikampfe nicht entziehen können, sondern mit seiner Gewohnheit, die Öffentlichkeit zu meiden, brechen müssen; und so wird er, wenn Du nur so handelst, wie ich es Dir vorschreibe, sich unserer Gewalt schwerlich entziehen können. Mag er dann die Strafe ernten für alle die Gewalttaten, die er verübt hat!« Als Hereward nach dieser Unterredung in die Wachtstube trat, eilte ihm Graf Robert entgegen und rief, ohne Besorgnis, sich zu verraten, mit freudiger Stimme: »Hereward! hast Du vernommen, daß mich diese griechische Antilope zu drei Gängen mit spitzen Lanzen und scharfen Schwertern fordert? Was mich dabei wundert, ist lediglich, daß er es nicht für gescheiter hält, meine Dame zu fordern! Vielleicht meint er, die Kreuzritter möchten solchen Zweikampf nicht dulden? Nun, wie es ihm beliebt! Ich bin der Meinung, es heiße ihm schon Ehre genug antun, wenn ich mich bloß mit meinem Schwerte ihm gegenüberstelle und auf jegliche Rüstung in dem Kampfe verzichte!« – »Laßt mich bessere Vorsorge treffen, denn Ihr kennt die Griechen nicht, edler Graf!« erwiderte Hereward; »verübelt es mir darum nicht, wenn ich nicht eher mich von Euch beurlaube, als Ihr mir Euern Siegelring anvertraut habt!« – »Ich bin überzeugt, daß Du ihn nicht forderst, um Mißbrauch damit zu treiben; immerhin möchte ich wissen, zu welchem Zwecke Du ihn gerade heute forderst?« – »Binnen heute und sechs Tagen sollt Ihr es wissen!« – Mit diesen Worten verließ Hereward, im Besitze des Ringes, den Grafen. Drittes Kapitel. Szene: das Lager der Kreuzfahrer angesichts von Skutari, Byzanz gegenüber, auf der klein-asiatischen Seite. Zeit: ein schöner Morgen, kurz nach Tagesanbruch. Aus einem kleinen Boote steigt ein grauer, ehrlicher Soldat mit einer schmucken Dirne. Weithin ist der Platz mit Zelten bedeckt; Fähnlein und Banner wehen in Unzahl, durch ihre Wahl- und Wappensprüche kündend, daß hier die Blüte der abendländischen Ritterschaft versammelt ist. Kaum nahen sich die beiden Wanderer einem der Lagertore, als ihnen ein mutwilliger Troß entgegenstürmt. Sie umzingeln das wunderliche Paar und fragen wirr durcheinander, was es im Lager suche. »Zum Oberfeldhauptmanne möchte ich,« antwortet Bertha, denn sie und keine andere war es, die im Auftrage Herewards, ihres Geliebten, den Weg hierher gemacht hatte zu dem Zwecke, die Hilfe Gottfrieds von Bouillon für den edlen Grafen Robert von Paris in Anspruch zu nehmen wider den Kaiser Alexius, der ihn im Kerker des Blachernä-Palastes gefangen hielt. »Was wollt Ihr bei ihm?« fragte der Vorlauteste der lauten Schar. – »Ich hab' einen Auftrag bei ihm auszurichten,« er. widerte Bertha. – »Aber, schönes Kind,« rief der Page, ein munterer Jüngling, dessen Gesicht die Röte starken Weingenusses zeigte, »wär' Euch nicht mit einem Geringeren besser gedient? Der Herzog Bouillon ist schon hoch bei Jahren, und wenn er mal ein Paar Zechinen übrig hat, so weiß er sie zu was Besserem zu verwenden.« – »Ich habe einen guten Ausweis, mich seinem Zelte zu nahen,« fügte Bertha, »und meine, er möcht 's Euch nicht gut anschreiben, wenn Ihr mich verhindertet, meinen Auftrag zu erfüllen.« – »Ernst von Apulien,« rief ein anderer von der lustigen Rotte, »streich' die Segel! Dein Witz geht der Dirne gegenüber in die Brüche!« »Polydor, Du bist ein Narr!« versetzte der mit Ernst von Apulien angeredete Jüngling: »der Begleiter der Dirne trägt die Rüstung der Waräger. Vielleicht ist an der Sache mehr, als Dein und mein Witz ergründen können. Der Politik des Kaisers Alexius sähe es nicht unähnlich, auf solchem Wege Botschaft an den Herzog zu senden. Ich meine, wir tun am gescheitesten, sie zu seinem Zelte hinzuführen!« »Von Herzen gern,« versetzte der andere; »aber ehe ich mich auf Narreteien einlasse, wie Du sie gern im Kopfe hast, möchte ich doch erst wissen, wie die Dirne heißt, die sich herausnimmt, den Fuß in unser Lager zu setzen, um edle Fürsten und fromme Pilger daran zu mahnen, daß auch für sie einst lustige Stunden geschlagen haben.« Bertha neigte sich zum Ohre Ernsts von Apulien und raunte ihm ein Paar Worte ins Ohr, worauf dieser den Kameraden mit den Worten alle, weiteren Scherze austrieb: »Sei ohne Furcht, Mädchen; ich werde Dich beschützen!« und an den Zelten und Hütten vorüber führte der junge Page das Paar zu dem Zelte des berühmten Feldhauptmannes des Kreuzfahrer-Heeres. Dort saßen etwa fünfzehn der vornehmsten Fürsten und Führer beisammen; aber Bertha trat, bescheiden und züchtig zwar, doch entschlossen, sich in der Erfüllung ihrer Pflicht nicht beirren zu lassen, ein. Gottfried von Bouillon war ein großer, kräftiger Mann, mit einem männlich-schönen, von Rabenlocken umwallten Gesicht, zwischen denen sich schon Silberfäden zu zeigen anfingen. Unweit von ihm saß Tankred, der edelste der christlichen Ritter, mit Hugo von Vermandois, der fast immer nur »der große Graf« genannt wurde. Dann Raymund, der mächtige Fürst der Provence, und Bohemund, der selbstische Fürst von Antiochien, wie andere fürstliche Herren mehr, sämtlich in der schweren Rüstung der Kreuzritter. Bertha war im ersten Augenblick angesichts dieser vielen und mächtigen Herren ein wenig beklommenen Herzens, faßte sich aber kecklich ein Herz und trat auf Gottfried von Bouillon zu. . »Edler Herzog von Bouillon und Graf von Lothringen, Oberfeldhauptmann des heiligen Kreuzzuges, ich begrüße Euch nebst all den tapferen Herren, die hier in Eurem Zelte versammelt sind, demütiglich, als Tochter Engelreds, ehemaligen Freisassen in Hampshire, und jetzt Haupt der freien Angelsachsen, die von dem berühmten Ederich geführt wurden. Mich sendet Graf Robert von Paris –« Bertha überreichte dem Ritter den Siegelring des Grafen, den ihr Hereward gegeben hatte; er wanderte von Hand zu Hand, und jeder erkannte das Wappenfeld mit den vielen Lanzensplittern darin als dasjenige des Grafen. »Meldet uns also den Auftrag, mit dem Euch Graf Robert sendet, damit wir ermessen können, was unsererseits zu geschehen hat.« Bertha erzählte die Ereignisse der letzten Tage und forderte zum Schlusse den Herzog, auf, dem Grafen Robert zu seinem Zweikampfe mit dem Cäsar, als Kontrolle, daß dabei von dem Gegner die Ehrlichkeit gewahrt bleibe, eine Abteilung von fünfzig Lanzen zurückzusenden. Sogleich begann unter den Kreuzrittern eine lebhafte Debatte: es wurde erinnert an das feierliche Gelübde, das von dem gesamten Heere abgelegt worden, auf dem Zuge nach Palästina nicht umzukehren, und die in der Versammlung anwesenden Prälaten traten mit Eifer gegen jede Verletzung desselben auf. Die jungen Ritter aber lehnten sich wider die erbärmliche Behandlung auf, die ihrem Kameraden, »dem Tapfersten der Tapferen«, von diesem hinterlistigen Griechenkaiser zuteil geworden sei, und forderten, rücksichtsloses Vorgehen gegen denselben. Zudem lockte sie das hierzulande seltene Schauspiel eines ritterlichen Zweikampfes. Gottfried von Bouillon saß in Nachdenken vertieft; er schien in großer Verlegenheit, denn jetzt mit den Griechen zu brechen, nachdem er so viel getan und geopfert hatte, um den Frieden mit ihnen zu erhalten, erschien ihm im höchsten Grade unklug und gefahrvoll; auf der andern Seite fühlte er sich durch seine ritterliche Pflicht gebunden, das einem so angesehenen und vor allem beim ganzen Heere überaus beliebten Kreuzfahrer, wie dem Grafen Robert von Paris, angetane Unrecht zu ahnden. In dieser Bedrängnis kam ihm Tankred zu Hilfe. »Erlaubt, mir, Herzog,« sprach er, »ich war erst Ritter, ehe ich Kreuzfahrer wurde; mithin geht mein Rittergelübde dem von mir als Kreuzfahrer abgelegten vor. Verstoße ich damit wider das letztere, so will ich Buße tun; aber keinesfalls werde ich unterlassen, eine Rittersfrau, die nach meinem Beistand ruft, in den Händen von Schurken zu lassen, denn eine andere Bezeichnung für dieses verräterische Griechengesindel kann ich nicht finden.« »Ich möchte nichtsdestoweniger meinen Vetter Tankred bitten,« nahm hier Bohemund das Wort, »seiner Heftigkeit Halt zu gebieten. Wollen die hier versammelten Fürsten und Herren, wie es ja bereits hin und wieder geschehen, auf meinen Rat hören, so glaube ich, ein Mittel gefunden zu haben, das uns ermöglicht, einerseits dem Grafen Robert beizustehen, der sich leider wider meine durchaus selbstlosen Winke von seinem Temperament hat hinreißen lassen, den Griechen gegenüber die notwendige Vorsicht außer acht zu setzen, und anderseits uns davor bewahrt, wider unser Kreuzfahrergelübde zu handeln. Mit fünfzig Lanzen, auf jede fünfzig Mann Begleitung gerechnet, erkläre ich mich bereit, den Grafen Robert aus der Pfanne zu hauen und nebst seiner Gemahlin zu uns über den Bosporus herüber zu holen.« »Du läßt nur den wichtigen Punkt außer Erwähnung, wie wir es vermeiden können, wider unser Gelübde zu verstoßen,« bemerkte Herzog Gottfried. – »Ich meine,« erwiderte Bohemund, »es sei in solchem Falle Pflicht eines jeden von uns, das Gelübde zu umgehen. Und daß dies so schwer sei, kann ich nicht finden. Sind wir denn so unbeholfene Reiter, oder sind unsere Rosse so widerhaarig, daß wir den Weg bis nach dem Landungsplatze nicht rückwärts reiten könnten? So können wir doch auch die Schiffe wieder besteigen, sollte ich denken? und in Europa angelangt, bindet uns das Gelübde nicht mehr, da es nur für Palästina lautet.« Lauter Beifall lohnte dem verschmitzten Sohne des Grafen Guiscard, und Herzog Gottfried rief: »Dergleichen Ausflüchte, wie sie der Bruder Bohemund hier ausklügelt, sind allerdings von Kasuisten mehrfach als statthaft erklärt worden; ich fürchte nur, daß die hier im Rate anwesenden geistlichen Herren sich nicht einverstanden erklären werden.« – Aber Peter der Einsiedler, der ein sehr großes Ansehen besaß, erklärte, die strenge Ausführung des Gelübdes sei schon um deswillen zu verwerfen, weil sie das Heer zu schwächen drohe; da ein so guter Ausweg gefunden sei, solle man keinesfalls auf dem buchstäblichen Sinne des Gelübdes bestehen. Er bot sich zum Schlüsse an, selbst auf seinem Esel rückwärts bis Skutari zu reiten, würde aber vom Herzog Gottfried schnell davon abgebracht, denn dieser fürchtete dadurch bei den Heiden bloß ins Lächerliche zu verfallen; ebenso meinte er, nicht auf das Erbieten des Fürsten Bohemund eingehen zu sollen, weil er die Selbstsucht desselben zu sehr fürchtete; um ihn aber nicht vor den Kopf zu stoßen, erklärte er, auf seine Landes- und Völkerkenntnis bei dem syrischen Feldzuge nicht verzichten zu können. Dagegen ernannte er Tankred zum Führer des Zuges nach Konstantinopel zum Zwecke der Befreiung des Grafen Robert und seiner Gemahlin. Bertha gab er eine Nachricht hierüber, an den Grafen mit, in der er ihm zugleich einen ernsten Tadel aussprach wegen seines aller Vorsicht entratenden Verhaltens gegen den griechischen Kaiser und dessen Trabanten;, dann entließ er das kühne Mädchen mit einem Lobe über ihre bei der heiklen Angelegenheit an den Tag gelegte Umsicht und bewiesene Treue. »Wer sind die beiden Männer, die dort auf Euch warten?« fragte er sie beim Gehen. – »Der eine ist der Schiffsführer, der mich über den Bosporus gebracht hat; der andere ist ein alter, treuer Waräger, der mich hergeführt hat.« – »Ich halte es für geratener, die beiden Männer kehren nicht wieder mit Dir zurück, da sie leicht mehr gesehen haben können, als für uns gut ist,« erklärte Herzog Gottfried und befahl einigen Knappen, sie in ihre Mitte zu nehmen, gab jedoch dem Mädchen die Versicherung mit auf den. Weg, daß sie nur solange zurückgehalten werden sollten, bis Tankred, dessen Obhut er Bertha anempfahl, mit dem Grafen und dessen Gemahlin zurückgekehrt sei. Tankreds Schar von fünfzig Lanzen mit der ihnen beigegebenen Begleitung von je zehn Mann, zusammen fünfhundert Mann, war alsbald zum Aufbruche bereit und rückte nach einigen kurzen Manövern, ihre Pferde in Gang zu bringen, eine Kolonne von vier Gliedern bildend, auf die von Bohemund gefundene Weise, das Gelübde zu umgehen, nach dem Landungsplatze ab. Erst wußten die Bewohner von Skutari nicht, was sie denken sollten, als sie die Leute rückwärts reiten sahen, endlich aber durchschauten sie die Sache und erhoben ein großes Geschrei. Das bestimmte die meisten Ritter, ihre Pferde Kehrt machen zu lassen und in die Stadt wie sonst einzureiten, da sie fürchten mußten, daß sich die Bewohner beeilen würden, die Schiffe in Sicherheit zu bringen, um sie so an der Überfahrt zu verhindern. Diese ging trotzdem nicht leicht von statten, denn die Besatzung von Skutari drohte sich den Kreuzrittern ernstlich zu widersetzen, so daß sich Herzog Gottfried von Bouillon genötigt sah, ihnen ein berittenes Kommando zum Beistande zu schicken. Es gelang nun zwar dem größten Teile von Tankreds Mannen, sich einzuschiffen; aber da die Schiffer den Zorn des Kaisers fürchteten, hatten sie sich sämtlich geflüchtet, so daß sich die Kreuzritter genötigt sahen, selbst zu den Rudern zu greifen. Dadurch wurde natürlich die Überfahrt erheblich verzögert, denn die Ritter waren nicht bloß solcher Arbeit ungewohnt, sondern auch mit den Wind- und Strömungsverhältnissen nicht vertraut. Der Abend kam heran, bevor sie das andere Ufer erreichten. Viertes Kapitel. Alles Volk war in Konstantinopel auf den Beinen am Morgen des anderen Tages, denn zwischen dem Cäsar Nikephoros und dem Grafen Robert von Paris sollte der vom Kaiser verkündigte Zweikampf ausgefochten werden. Für Byzanz war dies ein außerordentliches Schauspiel. An dem westlich von der Stadt gelegenen Ufer waren die Schranken errichtet worden. Von da erblickte man die Stadtmauern mit ihren vierundzwanzig Toren: neunzehn Wasser- und fünf Landtore, ein großartiges Bild, dessen Anblick man teilweise noch heute genießen kann. Wie heute, erhob sich auch damals schon die Stadt in ihrem Umfange von neunzehn englischen Meilen hinter einem Ringe der herrlichsten Zypressen; aber die Zinnen und Obelisken sind zumeist verschwunden; dagegen deuten die vielen Minarets, die jetzt dem Islam dienen, auf den Reichtum an Christentempeln, den die Stadt damals aufzuweisen hatte. Die Schranken, die eine Länge von sechzig und eine Breite von vierzig Schritten hatten, waren zur Bequemlichkeit der Zuschauer von allen Seiten mit übereinander liegenden Sitzreihen umgeben: in der Mitte dieser Sitze und dem Mittelpunkte der Schranken gegenüber stand ein Podium, bestimmt für den Kaiser und geschieden von den Sitzreihen durch hölzerne Pfähle, die für etwaigen Fall von Gefahr leicht zur Verteidigung eingerichtet werden konnten. Sobald der Tag zu grauen anfing, zogen die Bürger in Scharen zur Stadt hinaus, um sich die Schranken anzusehen, die schon in der Nacht von einer stattlichen Abteilung der Schar der Unsterblichen besetzt worden waren. Neben dem großen Tore, durch das man von außen zu dem kaiserlichen Throne gelangte, befand sich ein zweiter Eingang, durch den eine zweite Schar, ihrem Körperbau, wie ihrer Tracht und Streitaxt nach zu schließen, von der Waräger-Garde, sich Zugang verschaffte, um den Platz um den Thron herum zu besetzen. Ueber diesen Ereignissen kam der Vormittag, und Achilles Tatius, der den Kaiser an diesem wichtigen Tage nicht aus den Augen lassen wollte, eilte nach dem Palaste.. »Kaiser Und Herr!« rief er, voll Hast in das Gemach desselben stürzend; »ich bin zu meinem Leidwesen der Bote schlimmer Kunde. Eine große Schar von Kreuzfahrern ist von Skutari her, im Widerspruch mit dem Eurer Hoheit geleisteten Gelübde über die Meerenge gesetzt. Das Lemnoser Geschwader hat versucht, sie aufzuhalten, gemäß dem im kaiserlichen Kriegsrate für solchen Fall vorgefaßten Beschlusse. Es ist ihm zwar gelungen, ein paar der feindlichen Schiffe mittels des griechischen Feuers zu vernichten: aber den Lateinern unter dem Befehle des verwegenen Tankred ist es geglückt, das Admiralsschiff unserer Flotte in Brand zu stecken, und wie die Rede geht, so ist Phraortes, der unglückliche Admiral, mit der Mehrzahl seiner Mannschaft dabei umgekommen.« »Und warum meldest Du mir solche Hiobspost erst, wenn nichts mehr dagegen zu tun ist?« fragte, den Akoluth scharf fixierend, der Kaiser. »Mit Verlaub, Hoheit,« erwiderte der Verschworene, »ich dachte, Euch einen Plan zu unterbreiten, der das kleine Mißgeschick wieder gut machen könnte.« – Schön,« sagte der Kaiser trocken, »und, was für ein Plan ist das?« – »Ich würde raten, ungesäumt Eure Waräger gegen die wider ihr Gelübde unter Tankreds Befehl zurückgekehrten Kreuzfahrer ins Feld rücken zu lassen; sie dürften mit den fünfhundert Franken schneller aufgeräumt haben, als der Bauer die Mäuse und Ratten auf seinem Felde los wird.« – »Und was beginne ich in dieser Zeit, wenn sich meine Angelsachsen draußen schlagen?« Dem Akoluthen wollte der trockene Ton des Kaisers nicht recht behagen. »Kaiserliche Hoheit könnten sich doch an die Spitze Ihrer Unsterblichen Schar stellen,« versetzte er, »und dann wäre doch der Sieg über die Franken von vorn herein entschieden,« – »Aber ich dächte, Akoluth,« sagte der Kaiser, »Du hättest Uns wiederholt versichert, daß die Unsterblichen noch immer an dem alten Rebellen Ursel hängen? Wie reimst Du es nun zusammen, daß Wir Uns zu ihnen begeben sollen, während sich Unsere Waräger, lauf die doch der bessere Verlaß sein dürfte, sich mit den Franken herumschlagen?« Der Akoluth war sichtlich betroffen, denn es ging aus dem Verhalten des Kaisers klar hervor, daß er den Plan des andern durchschaute; um den Choc zu parieren, erwiderte er, daß er in der Eile weniger an die Sicherheit seines Herrn gedacht habe als an die Pflicht, alle Gefahr für seine Person zu übernehmen. – »Sehr anerkennenswert,« versetzte der Kaiser, »daß Du meinen Wünschen derart zuvorkommen willst; aber Deinen Rat zu befolgen, ist für mich leider ausgeschlossen. Freilich wäre es mir lieb gewesen, die Franken wären wieder über die Meerenge zurückgetrieben worden; aber da sie nun einmal wieder da sind, halten Wir es für geratener, sie mit Geld und Beute, statt mit Untertanenblut abzufertigen. Zudem will es Uns nicht recht plausibel erscheinen, daß sie in verräterischer Absicht gekommen seien; Wir meinen weit eher, annehmen zu dürfen, daß sie die Neugierde nach dem Schauspiele eines Zweikampfes hergetrieben hat; und darum befehle ich Dir und Unserm Protospotharius, euch bei dem Fürsten Tankred zu erkundigen, welche Absicht ihn wieder in Unser Reich zurückgeführt habe und wieso er mit Unserem Admiral Phraortes in Händel geraten sei! Können die Kreuzfahrer Uns mit einer vernünftigen Entschuldigung aufwarten, so wollen Wir sie gern gelten lassen, denn wenn Wir Uns in einen Krieg hätten einlassen wollen, so wäre es doch wahrlich nicht nötig gewesen, so schwere Opfer für die Erhaltung des Friedens zu bringen. Wir glauben, daß die Kreuzfahrer nichts anderes als der in Aussicht stehende Zweikampf wieder über die Meerenge gelockt hat!« In diesem Augenblicke wurde der Protospatharius gemeldet. In einer funkelnden Rüstung, die aber ein leichenblasses Gesicht freiließ, das zu dem kriegerischen Federschmuck« in ziemlich schroffem Gegensätze stand, trat er ein; auch er war über den Auftrag, mit dem Akoluthen den grimmen Fürsten Tankred aufzusuchen, nicht sonderlich erbaut; denn während der Akoluth in der Beiordnung des Protospatharius weder ein Zeichen kaiserlichen Vertrauens, noch eine Bürgschaft für die eigene Sicherheit erblicken konnte, hatte der Protospatharius die Empfindung, als solle er dem Akoluthen lediglich als Folie dienen; und da er demselben nichts weniger als freundlich gesinnt war, lag ihm an solcher Rolle absolut nichts; aber er mußte sich gleich dem andern sagen, daß im Blachernä-Palaste an Widersetzlichkeit nicht gedacht werden konnte, denn die kaiserlichen Sklaven machten kein Federlesens mit einem Menschen, den der Kaiser als mißliebig bezeichnete und ihnen zur weiteren Behandlung überantwortete. Sie fanden sich mithin beide darein, sich wie zwei störrische Jagdhunde zusammenkoppeln zu lassen und auf das Signal der Warägertrompete sich an die Spitze der im Kasernenhofe zurückgebliebenen kaiserlichen Leibgarde zu stellen. Das war eine Verfügung, die das Gewissen des Achilles Tatius ernstlich bedrückte; er merkte recht wohl heraus, daß sich hinter diesem Vorwande eines ehrenhaften Auftrages nichts weiter verbarg als ein kluges Mittel, ihn von jeder Verbindung mit Briennios und Hereward fern zu halten, auf deren Mitwirkung er natürlich rechnete, da er nicht wußte, daß Alexius seinen Schwiegersohn im Blachernä-Palaste als Gefangenen zurückhielt. Unterwegs nach den Schranken bemerkte der Protospatharius zu dem Akoluthen in gleichgültigem Tone, daß der Kaiser persönlich anwesend sein, also auch alle Befehle persönlich erteilen werde, so daß für sie beide kaum mehr als eine Zuschauerrolle übrig bleiben dürfe... »Ich beklage das bloß insofern, als ich daraus ersehe,« erwiderte Achilles, »daß der Kaiser uns gegenüber Vorsichtsmaßregeln am Platze hält. Indessen... ich füge mich natürlich seinem Willen.« – »Etwas anderes wird auch schwerlich übrig bleiben, denn welche Strafen auf Verweigerung des Gehorsams in Aussicht stünden, wissen wir ja.« – »Und wenn wir's nicht wüßten,« sagte der Akoluth, »so würde es uns die Zusammensetzung der Leibgarde, die heute nur aus Warägern und Palastsklaven besteht, recht wohl vor Augen führen.« Der andere Offizier erwiderte hierauf nichts; der Akoluth aber, als er sah, daß die Wache bei den Schranken eine Stärke von annähernd dreitausend Mann besaß, hätte vieles darum gegeben, wenn er den Verschworenen durch den Cäsar oder durch Agelastes einen Wink hätte zukommen lassen können, mit den Maßnahmen zur Empörung noch zu verziehen, da der Kaiser all diesen verschiedenen Anzeichen nach Argwohn gefaßt hatte. Aber er sah weder den einen noch den andern der beiden Mitverschworenen, und als er nun gar sah, daß nicht bloß der Protospatharius, sondern auch die Palastdiener ihn nicht mehr aus den Augen ließen, wohin er sich auch wenden möchte, fing ihm die Situation allmählich an, recht schwül zu werden. Er fühlte sich von Feinden umgeben, fühlte, daß ihn die eigene Furcht verraten könnte, argwöhnte, daß Agelastes oder der Cäsar den Angeber gespielt hätte, und fing alsbald zu erwägen an, ob es nicht das geratenste sein möchte, sich dem Kaiser zu Füßen zu werfen und ein reumütiges Bekenntnis abzulegen. Fünftes Kapitel. Während Achilles Tatius in solchem Zwiespalt mit sich der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensehen mußte, ohne das geringste dabei tun zu können, wurde im Blachernä-Palaste, in dem Musensaale, den der Leser aus den Vorlesungen der Prinzessin Anna Komnena kennt, ein kaiserlicher Familienrat abgehalten, bei welchem außer dem Kaiser, seiner Gemahlin und Tochter, nur der Patriarch zugegen war. »Rede wir kein Wort von Gnade, Irene,« sprach der Kaiser, »was habe ich gewonnen dadurch, daß ich meinem Nebenbuhler Ursel seinerzeit das Leben ließ, daß ich ihn jetzt in Freiheit gesetzt habe, daß ich ihn durch meinen Leibarzt behandeln lasse? Statt sich lenksam und erkenntlich zu zeigen, verhält er sich ablehnend gegen jedes Ansinnen, sich mit mir vollständig auszusöhnen. Darum will ich nichts hören, daß ein solcher Bube sich dankbar dafür erzeigen werde, wenn ich ihm Gnade zuteil werden ließe. Zudem müßten mich ja doch alle meine Untertanen auslachen, wollte ich einen Menschen mit Rücksicht behandeln, der mit so großem Eifer an meinem Verderben gearbeitet hat. Du selber, meine Tochter, wärest sicher die erste, die mir solche Nachsicht verübeln müßte.« »Demnach ist es Euer kaiserlicher Wille,« nahm der Patriarch das Wort, »Euern unglücklichen Schwiegersohn, der doch nur durch die beiden anderen Verschwörer, Agelastes und Achilles Tatius, ins Verderben gelockt worden ist, dem Scharfrichter zu überantworten?« »Ja, mein fester Wille,« versetzte der Kaiser, »und nicht zum Scheine bloß, wie seinerzeit bei dem andern Verräter Ursel, soll das Urteil vollzogen werden, sondern noch heute wird der Verbrecher von der Acherontreppe durch die große Richthalle geschleift werden, und ich schwöre bei dem Richtplatze, der sich an ihrem oberen Ende befindet –« »Schwöre nicht, Alexius!« sprach der Patriarch, »im Namen des Himmels, der durch mein unwürdiges Ich zu Dir redet, verbiete ich Dir, alle Hoffnung auf einen Wandel Deines Entschlusses Deinem Schwiegersöhne gegenüber abzuschneiden, und lege Dir die Pflicht auf, Dir ein Gnadentor offen zu lassen. Gedenke an Konstantins Reue!« »Was meint Ihr mit dieser Mahnung, Hochwürden?« fragte die Kaiserin. »Auf solche Reliquie aus der heidnischen Zeit Unseres Reiches zurückzukommen, ist wohl mehr denn müßig,« sagte Alexius, »und für den Mund eines christlichen Patriarchen kaum geeignet.« »Was für einen Vorfall aus der Zeit Konstantins betreffen Eure Worte?« riefen die beiden Frauen, wie aus einem Munde, denn beide schöpften Hoffnung, etwas zu hören, was dem Schicksale des Cäsars günstig werden könnte. »Es ist freilich eine gar alte Geschichte,« erwiderte der Patriarch, »und man hat sie wohl gar in die heidnische Zeit zurückverlegt; aber es ist nicht in Abrede zu stellen, daß sie in den Annalen unsere Kirche verzeichnet steht als Gelübde eines griechischen Kaisers. Aber insofern hat Alexius recht, die Sache in die heidnische Zeit zu verweisen, als sie weniger in denjenigen Lebensabschnitt des großen Kaisers Konstantin gehört, der nach der Christianisierung des Reiches fällt, als vielmehr in dem vorausgehenden, in der Zeit seiner Kämpfe gegen seinen heidnischen Schwager Licinius, wurzelt. Es ist ja bekannt, daß dem durch so viele große Taten ausgezeichneten Herrscher kein Glück in seiner Familie beschert war, und daß sein Sohn Crispus, den Gott mit vortrefflichen Gaben gesegnet hatte, sich ähnlich, wie jetzt Briennios, in eine Verschwörung gegen seinen kaiserlichen Vater eingelassen hatte oder haben sollte. Er wurde eines Tages, zur Mitternachtszeit, aus seinem Bette geholt und vor seinen Vater geführt, um sich gegen diese Anschuldigung zu verteidigen, war aber zu stolz, auch nur das geringste Wort zu seiner Rechtfertigung zu sprechen. Diejenigen, welche den unglücklichen Jüngling beim Vater angeschwärzt hatten, darunter seine Stiefmutter Fausta, sollen seine Weigerung, den Vater um Gnade zu bitten, benutzt haben, den Zorn desselben noch mehr zu entflammen, und so wurde Crispus zum Tode durch das Schwert verurteilt. Aber kaum hatte der Henker seines schrecklichen Amtes gewaltet, so erkannte der Kaiser, daß sein Sohn unschuldig gewesen, und daß er sich zu einer übereilten Handlung, hatte hinreißen lassen. Da er gerade mit dem Baue des Blachernä-Palastes beschäftigt war ließ er über der Tür, die zu der Gerichtshalle führt, einen marmornen Altar errichten, der das Bild des armen Crispus zeigt mit der Inschrift ›Meinem zu Unrecht verurteilten und hingerichteten Sohne!‹. Er tat ferner das Gelübde für sich und seine Nachkommen, daß kein Mitglied der kaiserlichen Familie mehr vor Gericht geführt werden sollte, ohne daß ihm vor dem Bilde des unglücklichen Crispus Zeit gelassen würde, sich von der ihm beigemessen Schuld zu reinigen. Darum wiederholte ich, daß Ihr dem unglücklichen Manne Eurer Tochter so lange den Weg zur Gnade offen halten solltet, bis Ihr Euch durch, seine Vernehmung in letzter Stunde von seiner wirklichen Schuld überzeugt habt.« Von her Acherontreppe erklang in diesem Augenblicke Trauermusik herüber. »Der Cäsar ist schon auf seinem letzten Wege,« erklärte der Kaiser, »soll ich ihn anhören, ehe er zum Richtplatze durch die Halle schreitet, so wird es gut sein sich zu beeilen.« Die beiden Frauen baten den Kaiser, sich den Worten des Patriarchen zu fügen, und beschworen ihn bei ihrer ewigen Dankbarkeit, dem Verurteilten ein letztes Wort zur Entsündigung zu vergönnen. Der Kaiser ließ sich erweichen und erklärte: »Nun gut, sehen will ich ihn wenigstens noch einmal; aber so verschieden wie die Schuld des Cäsars von der des Crispus ist, so verschieden muß auch ihr Schicksal sich gestalten. Du, Patriarch, sollst zugegen sein, dem Verräter in seiner letzten Stunde beizustehen. Ihr Weiber aber werdet besser tun, in die Kirche zu gehen und für seine Seele zu beten, statt ihm die letzten Augenblicke durch Klagen und Jammern zu erschweren.« »Alexius,« erwiderte seine Gemahlin, »es ist nicht unser Wille, in solcher blutdürstigen Stimmung Dich allein zu lassen. Wie sollte ich es verantworten können vor dem ewigen Richterstuhle, daß ich Dich eine Tat vollbringen ließe, die Dich einem Nero ähnlicher machen müßte als einem Konstantin?« Von der Acherontreppe herüber erschallten die düsteren Bußpsalmen, die nach dem Ritus der griechischen Kirche bei der Vollstreckung von Hinrichtungen gesungen werden. Der Kaisers betrat die Gerichtshalle, ohne sich um seine Frauen weiter zu bekümmern, die ihm jedoch zusammen mit dem Patriarchen folgten. Wie aus den Eingeweiden der Erde herauf stiegen etwa zwei Dutzend stumme Sklaven, deren weiße Turbane in häßlichem Kontraste zu ihren welken Gesichtern und matten Augen standen, zu der Halle hinauf; jeder von ihnen hielt in der einen Hand einen Säbel, in der andern eine brennende Fackel. Hinter ihnen, zwischen zwei Mönchen in schwarzen Talaren, die ihm Gebete vorstammelten, ging der Cäsar in einer Tracht, die zu dem traurigen Gange, den er vorhatte, so recht paßte: in einer weißen Tunika, die ihm Arme und Beine unbedeckt ließ und lose vom Nacken herunterfiel. Ein nubischer Sklave, ein großer, starker Kerl, sichtlich die Hauptperson im ganzen Zuge, auf der Schulter ein schweres Richtbeil tragend, folgte dem Delinquenten Schritt für Schritt, gleich einem Dämon, der hinter einem Zauberer herschreitet. Vier Priester, abwechselnd einen Psalm anstimmend, und Sklaven, mit Köchern, Bogen und Lanzen bewaffnet, um jeden Versuch zur Flucht zu hindern, schlossen den Zug. Der Zug kam an der Stelle vorbei, wo sich der Kaiser aufgestellt hatte. Ein Blick auf die beiden, neben ihm stehenden Frauen saget ihm, daß er gut tun würde, das Wort zu ergreifen, sofern er verhindern wollte, daß ihm diese wieder mit Bitten die Ohren füllten. Mit fester, klangvoller Stimme hub er an: »Nikephoros Briennios, das gerechte Urteil ist über Dich gesprochen worden als Verschwörer gegen das Leben Deines rechtmäßigen Herrn, der Dir immer ein zärtlicher und fürsorglicher Vater gewesen ist. Der Kopf soll Dir vom Rumpfe geschlagen werden. Wenn Du mich jetzt hier siehst an dem Altare der Zuflucht, gestiftet von dem großen Kaiser Konstantin zur Erinnerung an seinen eigenen Sohn Crispus, der sich in ähnlicher Weise an seinem Vater verging wie Du an mir, so geschieht es lediglich zu dem Zwecke, Dir eine letzte Gelegenheit zur Reinigung von der Dir anhaftenden Sünde zu geben. Höre denn, Nikephoros! Du hast volle Freiheit zu reden! Blicke hinter Dich, das Beil ist geschliffen. Blicke vor Dich, der Richtblock steht bereit. Weißt Du noch etwas zu sagen, das Dich entlasten kann, so sage es. Ist dies nicht der Fall, dann preise Dein Urteil als ein gerechtes und mildes, und geh' mutig in den Tod!« Nikephoros sank vor dem Kaiser auf die Kniee und rief: »Erhabener Herrscher! ich bin von bösen Menschen verführt worden und bin unterlegen. Für meine Torheit und Undankbarkeit habe ich keine Worte der Entschuldigung, sondern bin bereit, meinen Fehltritt mit dem Tode zu sühnen.« Hinter dem Kaiser erklang ein schwerer Seufzer, dem alsbald der Ruf aus dem Munde der Kaiserin folgte: »Alexius! Deine Tochter stirbt!« Anna Komnena lag ist den Armen der Mutter. Alexius eilte der ohnmächtigen Prinzessin zu Hilfe, und auch der dem Tode verfallene Cäsar suchte sich seiner Gemahlin zu nahen. Der Kaiser, der von Natur nicht grausam war, und dem der Schmerz seines Kindes sehr nahe ging, fühltet sich geneigt, das Verbrechen des Cäsars milder zu beurteilen, und trat zu dem Patriarchen, der mit gefalteten Händen zu dem Bilde des Crispus emporsah. »Der unsterbliche Konstantin,«,sprach er, »hat seine Nachkommen wohl weniger unter die Gewalt eines Gelübdes in der Voraussicht gestellt, daß sich Entlastungsmaterial noch im letzten Augenblicke für die Delinquenten finden könnte, als um eine Gelegenheit zur Begnadigung derselben zu schaffen, die ja nur von dem Herrscher des Reiches erfolgen kann. Da freut es mich nun, daß ich weniger von der harten Eiche, als von der schmiegsamen Weide stamme, so daß es mir nicht schwer wird, die Rücksicht auf mein eigenes Leben und meinen Zorn über den gegen mich gerichteten verräterischen Anschlag leichter zu nehmen als das Herzeleid, das hierdurch über meine Tochter und mein Ehgemahl gebracht worden sind. So will ich denn heute Gnade für Recht ergehen lassen, Nikephoros Briennios, und Dir Deinen Rang als Cäsar in Unserem Reiche zurückgeben; durch den Großlogotheten soll Dir der Gnadenbrief, mit Unserem goldenen Siegel versehen, zugestellt werden. Einen Tag lang, bis Wir alle Anstalten zur Dämpfung der von Dir begünstigten Unruhen getroffen haben, bleibst Du noch in Gefangenschaft unter Aufsicht des würdigen Patriarchen, der für Dich verantwortlich sein soll. Ihr aber, meine Gemahlin und meine Tochter, begebt euch nach euren Gemächern, wo ihr, den Himmel bitten sollt, daß er Uns keine Ursache gebe, zu bereuen, daß ich heute der ehelichen Liebe und väterlichen Güte die Gerichtspflege und Politik hintansetze.« Nikephoros, im ersten Augenblicke außerstande, sich zu fassen, stammelte endlich die Bitte, den Kaiser ins Feld begleiten zu dürfen, um ihn mit seinem Leibe gegen jeden verräterischen Anschlag auf sein Leben zu decken; aber der Kaiser winkte ihm abwehrend. »Es sei mir ferne, in dem Augenblicke, da ich Dir das Leben geschenkt habe, an Deiner Ergebenheit zu zweifeln; aber da Du noch immer als das Haupt der Verschworenen giltst, erachte ich es für angemessener, die Maßnahmen gegen dieselben in andere Hände zu legen. Geh mit dem Patriarchen, wie ich Dir gesagt habe, und vergilt mir meine Gnade durch ein offenes Geständnis! Verschweige keinen Namen derjenigen, die in die Verschwörung verwickelt waren. Ich begebe mich jetzt hinaus zu den Schranken, um die andern beiden Verräter aufzusuchen.« Sechstes Kapitel. Laut schmetterte die Warägertrompete, und die im Palast zum Dienste kommandierte Leibgarde marschierte, mit dem Kaiser in glänzender Rüstung in der Mitte, in langem Zuge durch die Straßen der Hauptstadt. Wenn die Verschworenen sich noch mit Hoffnungen trugen, so beruhten dieselben vornehmlich auf der Schar der Unsterblichen, die, zur eigentlichen Verteidigung der Stadt bestimmt, mehr mit den Bürgern derselben in Beziehung standen, und von den Parteigängern Ursels, ihres ehemaligen Kommandanten, bearbeitet worden waren. Dem Plane der Verschworenen gemäß sollten sich die unzufriedensten Elemente frühzeitig desjenigen Teiles der Schranken bemächtigen, der bei einem Angriffe auf den Kaiser den raschesten Erfolg versprach. Aber die Waräger waren ihnen zuvorgekommen, und die Verschworenen sahen sich, als sie ihrerseits anrückten, vergeblich nach den Führern um. Aber weder der Cäsar noch Agelastes wurden sichtbar, und als nun der Kaiser mit seiner Palastgarde in Sicht kam, konnte sich niemand darüber im Irrtum befinden, daß Achilles Tatius, der an der Seite des Protospatharius ritt, sich nicht sowohl an der Spitze der Palastgarde, als im engeren Gefolge des Kaisers, unter dem Späherauge desselben, befand. Der Kaiser ritt mit seiner glänzenden Schar den Kreuzfahrern entgegen, die zwischen der Stadt und den Schranken auf einem niedrigen Hügel Aufstellung genommen hatten. In mäßiger Entfernung machte der Zug Halt, und der Protospatharius ritt mit dem Akoluthen in Begleitung eines Warägerkommandos allein weiter, um mit dem Fürsten Tankred im Auftrage des Kaisers zu verhandeln. »Alexius, selbstherrlicher Kaiser über Griechenland, und von Byzanz,« hub der Protospatharius an, »verlangt von dem Fürsten von Otranto Auskunft, aus welchem Grunde derselbe wider Eid und Gewissen die Fahrt über die Meerenge zurückgemacht hat. Nichtsdestoweniger gibt er dem Fürsten die Versicherung, daß er nichts sehnlicher wünscht, als eine Antwort auf seine Frage zu erhalten, die nicht im Widerspruche steht zu dem mit dem Herzog Gottfried von Bouillon geschlossenen Abkommen; denn es liegt dem Kaiser auch jetzt noch viel daran, keinen Mißklang in das bisher so ruhige Verhältnis zwischen ihm und dem Kreuzfahrerheere zu bringen.« Die Antwort auf diese entgegenkommende Ansprache fiel dem Fürsten nicht schwer. »Was uns veranlaßt hat, den Fuß wieder auf diese Seite der Meerenge zu setzen, ist nichts anderes als der Zweikampf, der zwischen dem Cäsar dieses Reiches und einem der edelsten unserer Ritter ausgefochten werden soll. Hieraus erwächst für den Feldhauptmann die Pflicht, für die Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung während des Kampfes Sorge zu tragen. Daß von keiner anderen Absicht die Rede sein kann, erhellt schon allein daraus, daß der Herzog von Bouillon nur fünfzig Lanzen mit dem zugehörigen Gefolge über die Meerenge gesandt hat. Wir stellen uns und unsere Mannen dem Kaiser von Griechenland zu Befehl mit dem Bedingnis, daß uns Gelegenheit gegeben werde, den Verlauf des Kampfes als Zeugen zu überwachen.« Der Kaiser vernahm diesen Bescheid aus dem Munde seiner beiden Offiziere mit besonderer Freude und ernannte auf der Stelle den Fürsten Tankred und den Protospatharius zu Turniermarschällen. Gleichzeitig erging an die bereits in den Schranken versammelten Zuschauer die Aufforderung, eine gewisse Anzahl von Sitzen für das Gefolge des Fürsten Tankred freizumachen. Aus dieser Anordnung meinte Achilles Tatius erkennen zu sollen, daß Kaiser Alexius bemüht sei, die Kreuzfahrer als eine Art von Keil zwischen die Schar der Unsterblichen, und die mitverschworenen Stadtbürger zu schieben, um sich ihrer im gegebenen Falle als schützendes Bollwerk zu bedienen. Das brachte ihn von neuem zu dem Entschlusse, an diesem Tage keinerlei Versuche zur Erschütterung des kaiserlichen Thrones zu unternehmen. Nichtsdestoweniger mußte er befürchten, daß sich ein so verschmitzter Tyrann wie Alexius nicht mit der bloßen Entdeckung einer Verschwörung genug sein lassen würde; aber an Flucht zu denken war ebenso ausgeschlossen wie an Widerstand; denn der geringste Argwohn, daß er sich mit Gedanken hieran trüge, konnte die sofortige Verhaftung zur Folge haben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bangen Herzens die Entwickelung dieses Dramas, bei dem es sich um sein Leben handelte, wenn auch die Rollen von anderen gespielt wurden, abzuwarten. Nicht besser erging es den übrigen Verschworenen, die sich umsonst nach dem Cäsar und nach Agelastes umsahen, und aus der Lage, in welcher sie den Akoluthen erblickten, weit mehr Ursache zu Bestürzung als zu Ermutigung finden mußten. Bloß die Elemente der untersten Bevölkerungsklasse, die sich hier vor Verfolgung sicherer als anderswo wußten, erhoben ihre Stimmen zu einem anschwellenden Gemurmel. Da gab der Kaiser der Leibgarde einen Wink, und von neuem schmetterten die Trompeten über den Platz. Ein Herold trat aus dem kaiserlichen Gefolge, den Willen des Herrschers zu künden. Er begann in strengem Tone, dem Volke vorzuhalten, daß es leider zuweilen seiner Pflichten gegen den Staat vergesse, und daß es als ein Glück zu erachten sei, wenn Gott dann selbst den Thron der Fürsten in seinen Schutz nehme, und die Strafe über die Schuldigen verhänge. »Das solle,« fuhr er fort, »Griechenland auch jetzt wieder erkennen, denn der Bösewicht Agelastes, der es verstanden habe, sich durch den Anschein einer tiefen Gelehrsamkeit die kaiserliche Gunst zu verschaffen, hinter der Maske der Weisheit aber die Lehren des Ketzerglaubens und die Laster des Lüstlings gepflegt habe, und der, auf Anhänger fußend, die er im Hofstaate, ja sogar unter den engeren Verwandten des Kaisers zu werben gewußt habe, einen Plan zu dessen Ermordung geschmiedet, das Volk aufgereizt und allerhand falsche Gerüchte ausgesprengt habe, – dieser Bösewicht sei dem Strafgericht Gottes verfallen, indem er, wie durch Zeugnis mehrerer Frauen erhärtet worden, sein Leben einem von ihm selbst beschworenen bösen Geiste habe lassen müssen. Aber auch solch eines Schuldigen Tod müsse dem Kaiser schmerzlich sein, wenn er eine Strafe erwarten lasse, die über diese Welt hinausreiche. Nur ein Gutes habe dieses schreckliche Ende des Haupträdelsführers, daß es den Kaiser der Notwendigkeit überhebe, fernere Strafen zu verhängen, denn der Himmel scheine ja selbst die Strafe auf diesen Bösewicht zu beschränken. Der Kaiser lasse demnach alle, die sich schuldig fühlen, auffordern, ruhig nach Hause zu gehen mit der Ueberzeugung, daß sie keine Strafe treffen solle; sie möchten aber der Worte der Schrift eingedenk sein, die sie auffordern, Buße zu tun und nicht weiter zu sündigen, um sich nicht in die Gefahr zu stürzen, daß Schlimmeres über sie komme.« Als der Herold schwieg, erhob sich lautes Jubelgeschrei. Die Unzufriedenen mußten sich gestehen, daß sie von der Gnade des Kaisers abhängig seien, da es in seiner Macht stand, sowohl die Waräger über sie herfallen zu lassen, als auch die Mannen des Fürsten Tankred zu Feindseligkeiten gegen sie zu bestimmen. Wie es bei Pöbelmassen immer zu geschehen pflegt, überbot nun einer den andern; dem Kaiser für seine Güte und dem Himmel für die gnädige Errettung zu danken. Auf einen abermaligen Wink des Kaisers dröhnte von neuem die Trompete über den Platz, und von neuem trat der Herold vor, aber diesmal, um den Beginn des Zweikampfes zu verkünden. »Robert, Graf von Paris,« rief der Herold aus, »seid Ihr persönlich hier erschienen oder durch einen ritterlichen Stellvertreter willens, auf die Forderung Seiner kaiserlichen Hoheit des Cäsars Nikephoros Briennios zu antworten?« Das Erstaunen des Kaisers, der alles so eingerichtet zu haben meinte, daß sich keiner von den beiden Gegnern melden sollte, und deshalb schon Käfige mit wilden Tieren hatte herfahren lassen, um das Volk durch ein anderes Schauspiel zu ergötzen, war maßlos, als er jetzt den Grafen Robert von Paris in voller Rüstung in die Schranken reiten sah; weit größer aber noch war die Unruhe und Beschämung, als sich dem fränkischen Ritter kein Gegner stellte. Zum zweiten Male war schon der Ruf des Herolds nach dem Cäsar, der den Grafen Robert von Paris zum Kampfe gefordert; aber weder dieser noch ein Stellvertreter erschien in den Schranken. Beim dritten Rufe wäre dem Kaiser kaum etwas anderes übrig geblieben, als selbst in die Arena zu treten, da sprang ein Mann, gerüstet wie ein Waräger, in die Schranken und erklärte sich bereit, den Kampf für den Cäsar Nikephoros aufzunehmen. Alexius, höchst erfreut über diesen unerwarteten Beistand, erteilte dem kühnen Kämpen gern seine Einwilligung; aber Fürst Tankred erhob den Einspruch, daß die Schranken eines Turniers lediglich Rittern und Edlen offen stünden, mithin könne er zu solcher Außerachtsetzung der Gesetze der Ritterschaft nicht stillschweigen. Der Waräger aber rief, der Graf von Paris solle ihm ins Angesicht schauen und dann erklären, ob er durch einen Kampf mit ihm nicht ein längst gegebenes Versprechen einlöse. Graf Robert trat hierauf zu dem Manne in Warägerrüstung und erklärte, daß ihn die Verschiedenheit im Range nicht abhielte, mit dem tapferen Krieger in den Kampf zu treten, da er sich tatsächlich durch ein feierliches Wort zu solchem Kampfe verpflichtet habe, ja er sei bereit, sowohl zu Fuße, als auch mit der eigentlichen Waffe der Waräger, der Streitaxt, zu kämpfen. Darauf verneigte sich der Waräger, zum Zeichen des Dankes für solch männliches Benehmen. Dann faßte er seine Streitaxt und stellte sich kampfbereit. Der Graf ließ sich die Streitaxt eines nahe den Schranken stehenden Warägers geben und trat Hereward entgegen. Ohne weitere Umstände nahm der Kampf seinen Anfang. Auf beiden Seiten fielen nun die Schläge mit immer größerer Stärke, und in immer kürzeren Pausen, und bald floß auch bei beiden Gegnern Blut. Die Griechen schauten dem ungewohnten Bilde mit Spannung zu; kaum zu atmen wagten sie, und bei jedem Streiche, der fiel, erwarteten sie, einen der Gegner stürzen zu sehen. Lange stand der Kampf unter gleichen Chancen, denn die beiden Gegner waren einander an Stärke und Gewandtheit gleich. Da schien der Zufall die Entscheidung herbeiführen zu sollen. Graf Robert schlug dem Gegner eine Finte und traf den Waräger in der Seite, so daß derselbe taumelte. Schon hob der Graf die Axt zum zweiten Schlage, da erklang eine Frauenstimme aus den Reihen der Zuschauer: »Vergiß nicht, Graf Robert von Paris, daß Du Dein Leben nächst dem Himmel mir verdankst!« Mit den Worten: »Ich erkenne meine Schuld!« senkte der Graf die Axt und trat ein paar Schritte von seinem Gegner hinweg, so daß dieser sich von dem erlittenen Schlage aufzuraffen vermochte. Aber auch er senkte nun die Axt und wartete gespannt der weiteren Entwicklung der Dinge. »Gott dem Allmächtigen und der englischen Maid Bertha danke ich es,« sprach der Graf, »daß ich mich nicht mit der Blutschuld des Undankes befleckte!« Dann wandte er sich zu dem Fürsten Tankred: »Ihr Herren,« sprach er, »habt den Kampf beobachtet und könnt auf Ehre bezeugen, daß er auf beiden Seiten mit Ehren geführt worden ist. Ich hoffe, daß meinen wackeren Gegner die Lust, sich in weiterem Kampfe mit mir zu messen, verlassen hat, während mich ein so tiefer Dank gegen ihn erfüllt, daß ich jede Fortsetzung dieses Kampfes, sofern mich nicht die Pflicht der Selbsterhaltung zwingt, ihn weiter zu führen, als sündigen Verstoß wider die guten Rittersitten erkläre!« Der Kaiser, der solchen Abschluß nicht erwartet hatte, senkte mit Freude seinen Heroldstab zum Zeichen, daß der Kampf zu Ende sei, und wenn auch Tankred befremdet darüber war, daß ein simpler Waräger einem der berühmtesten Ritter des Zeitalters so lange widerstanden hatte, konnte er doch nicht umhin, einzuräumen, das allen Geboten der Ritterpflicht bei dem Kampfe ehrlich Rechnung getragen worden sei. Hereward, der jetzt zur wichtigsten Person geworden war, ohne sich dessen im entferntesten vermutet zu haben, stand im Mittelpunkte der Schranken, mit gerötetem Gesicht, einer Folge nicht allein von dem aufregenden Kampfe, sondern wohl auch von der schlichten Gemütern eigentümlichen Scheu, die Blicke einer großen Menge auf sich gerichtet zu sehen. Von Dank erfüllt, wandte der Kaiser sich zu ihm und sprach: »Tapferer Kriegsmann, sage Deinem Kaiser, wie er sich dankbar dafür erweisen soll, daß Du ihm nicht bloß das Leben, sondern – was noch höher zu bewerten ist – auch die Ehre gerettet hast durch Dein mannhaftes Eintreten für ihn und für den Cäsar. Und wenn Du die Hälfte meines Reiches fordertest, so würde ich sie Dir nicht weigern.« »Kaiserliche Hoheit,« erwiderte der Waräger, »Ihr schätzet meine Dienste zu hoch, denn in erster Reihe gehörte Euer Dank dem Grafen Robert von Paris dafür, daß er sich herabgelassen hat, mit einem Mann wie mir, der ihm an Rang doch so tief untergeordnet ist, den Kampf in den Schranken zu bestehen und den Sieg, der ihm durch einen zweiten Schlag sicher war, nicht zu verfolgen. Es wäre unrecht von mir, wollte ich verschweigen, daß meine Kraft, als der Graf die Streitaxt senkte, zu Ende war.« »Es ziemt dem Ritter wohl Bescheidenheit,« nahm hier der Graf das Wort, »aber nicht, sich selbst gering zu schätzen; denn ich schwöre vor allem hier versammelten Volke, daß der Kampf noch unentschieden war, als ich die Streitaxt senkte. Weigere also den Lohn nicht, den Dir Dein kaiserlicher Herr bietet, ohne Furcht, daß jemand sagen könnte, Du habest solches nicht verdient!« »Es sei ferne von mir, Euer Edlen,« erwiderte Hereward, »Euch widersprechen oder die Großmut meines kaiserlichen Herrn gering schätzen zu wollen; und doch möchte ich nicht von ihm, sondern von Euch dasjenige Geschenk erbitten, das mir, wenn ich eins fordern darf, das liebste wäre, was ich fordern möchte!« »Ich weiß, mein Freund,« versetzte der Graf, »was Deine Worte bedeuten. Bertha, so schwer auch meine Gattin sie vermissen wird, soll die Deine sein!« »Noch eins,« erwiderte Hereward, »ich bin willens, um meinen Abschied aus der Warägergarde einzukommen und Euer Edlen um die Vergünstigung zu bitten, unter Eurem Banner mit nach Palästina zu marschieren. Vielleicht ist es mir dann erlaubt, in die Heimat zurückzukehren, wo ich doch am liebsten leben möchte von allen Ländern der Welt.« »Wenn es in meiner Macht steht,« versetzte der Graf, »Dir eine Gelegenheit zur Auszeichnung zu verschaffen, so darfst Du Dich überzeugt halten, daß es mit Freuden geschehen wird. Auch will ich beim Könige von England alles tun, was in meinen Kräften steht, Dir die Rückkehr nach Deinem Vaterlande zu ermöglichen.« Der Kaiser gab das Zeichen zum Aufbruch, und in Scharen brachen die Zuschauer nach der Stadt auf. Da ertönte plötzlich von allen Seiten wildes Geschrei, und viele standen still, um zu sehen, was vorging. Der Waldmensch Sylvan war in den Schranken! In der Nacht war er aus dem Garten des Agelastes, wo ihn Hereward zuletzt gesehen, entwischt, über die Stadtmauer geklettert und nach den Schranken retiriert, wo er sich in einem dunklen Winkel unter den Sitzen der Zuschauer versteckt hatte. Von dort war er durch den Lärm aufgescheucht worden, flüchtete aber, von seinem scharfen Instinkt geleitet, zu dem ihm vertrauten Hereward, um sich vor den Kriegsleuten in Sicherheit zu bringen, hielt ihn am Waffenrock fest und machte ihm mit allerlei Geschnatter verständlich, daß er Hilfe von ihm erwarte. Dem Kaiser war der Vorfall nicht entgangen; er knüpfte mit den Worten an ihn an: »Mein treuer Hereward! Du bist die Zuflucht nicht bloß hilfsbedürftiger Menschen, sondern auch der Tiere, und Sylvan soll sich nicht umsonst an Dich gewendet haben. Das Tier soll nach dem Blachernä-Palaste zurückgebracht werden. Sorge dafür, und ist dieser Fall erledigt, dann sollst Du mit Deiner Bertha an Unserem Hofe erscheinen, um mit meinem Ehgemahl und meiner Tochter sowie anderen Gästen zur Nacht zu speisen. Solange Du noch bei uns weilst, wollen Wir mit Ehrenbezeigungen nicht geizen. Und nun ein Paar Worte zu Dir, Achilles Tatius,« damit wandte er sich an, seinen Akoluthen – »tritt zu mir und halte Dich der gleichen Gunst auch ferner teilhaftig, die Du bisher von mir erfahren hast. Wohl hat sich Anklage wider Dich zu meinen Ohren geschlichen; aber es soll ferne von mir sein, Dich dessen fähig zu halten, was Dir böse Zungen nachreden. Aber« – und hier hob er drohend die Hand – »sei auf der Hut vor Rückfällen! Du würdest mich in einem zweiten Falle nicht wieder so gnädig finden!« Der Akoluth verneigte sich bis zur Erde, hielt es aber für klüger, keinerlei Erwiderung zu tun, sondern seine Missetat mit diesen kaiserlichen Worten für abgetan zu betrachten. Nun setzte sich der Zug von neuem in Bewegung, ohne noch einmal aufgehalten zu werden; der Waldmensch wurde von ein paar Warägern in die Mitte genommen und wieder in den Palast geführt, wo er seit jeher seine Behausung hatte. Die geladenen Gäste füllten alsbald die kaiserlichen Gemächer, und hie helle Fröhlichkeit, die bei der Abendtafel herrschte, ließ in keiner Weise ahnen, welch einen Tag voll schwerer Gefahren die kaiserliche Familie hinter sich gebracht hatte. Befremden weckte es allerdings, daß Brenhilde, die Gemahlin des Grafen Robert, nicht anwesend war; aber Bertha hatte dem Grafen schon am Vormittag mitgeteilt, daß sich Brenhilda von den Vorgängen der letzten Tage so angegriffen fühle, daß sie außerstande sei, ihr Zimmer zu verlassen. Der Graf hingegen tat sein möglichstes, aus dem Gedächtnisse des Kaisers jede trübe Erinnerung, zu verbannen, trotzdem es ihm recht wohl bekannt war, daß Fürst Tankred nicht allein das Haus, in welchem sich seine Gemahlin befand, sondern auch den Blachernä-Palast umzingelt hielt, damit weder ihren heldenmütigen Anführern noch auch dem Grafen Robert irgend etwas Uebles widerfahren könne. Zum Schlusse unserer romantischen Erzählung sei nur noch des Schicksals gedacht, das die Hauptpersonen derselben betraf: Kaiser Alexius überlebte die letzten Ereignisse dieser Episode nicht lange, sondern starb an den Folgen eines heftigen, gichtischen Leidens. Seine Gemahlin Irene überlebte ihn eine Reihe von Jahren; am längsten aber von der kaiserlichen Familie lebte Anna Komnena, die mit ihrem Gemahl Nikephoros noch eine ungetrübte Ehe führte. Vielleicht war dabei von einigem Belang der Umstand, daß sie mit dem Hinscheiden ihres Vaters den Griffel aus der Hand legte und sich mehr ihren häuslichen Aufgaben als der schöngeistigen Beschäftigung widmete, die so lange ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte. Graf Robert von Paris tat sich während des Kreuzzuges so außerordentlich hervor, daß er nach dem Tode des Kaisers Alexius sogar zum Verweser des oströmischen Reiches erwählt wurde; aber in der Schlacht bei Dorylaion wurde er so gefährlich verwundet, daß er an den letzten Kämpfen der Kreuzfahrer nicht mehr teilnehmen konnte; dagegen war der heldenmütigen Brenhilda, seiner Gemahlin, die Freude, beschieden, die Mauern Jerusalems zu ersteigen und dem Gelübde, das sie mit ihrem Gemahl abgelegt hatte, Genüge zu tun. Ueber Venedig kehrte sie mit ihrem Gemahl, dessen Wunden im Orient nicht heilten, nach dem schöneren Frankreich zurück, während Hereward, der Waräger, mit seiner getreuen Bertha, wie es der Graf ihm verheißen hatte, in seine nordische Heimat zurückkehren durfte. Dort brachte er es noch zu hohen Ehren, denn König Wilhelm der Rote lernte seine hohen Gaben alsbald schätzen und verwandte ihn wiederholt zu Missionen an den französischen Hof. Die glücklichen Verhandlungen, die er dort führte, trugen ihm ein stattliches Lehen in der Nähe von New-Forest, seiner engeren Heimat, ein, und dort haben, wie verlautet, seine Nachkommen über manchen Wechsel der Zeiten hinaus gelebt, der manch größerem Geschlecht verderblich hatte werden sollen. Ende.