Johann Gottfried Seume Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute Des Lasters Weg ist anfangs zwar Ein breiter Weg durch Auen; Allein sein Fortgang wird Gefahr, Sein Ende Nacht und Grauen. Der Tugend Pfad ist anfangs steil, Läßt nichts als Mühe blicken; Doch weiter fort führt er zum Heil Und endlich zum Entzücken. Gellert . Das Pflichten- und Sittenbuch für Landleute ist erst nach Seume's Tode 1811 durch seinen Freund, den Prediger Schieck in Pomßen, welchem Seume das Manuscript vor seiner Reise nach Sicilien geschenkt hatte, veröffentlicht worden. Es erschien in Leipzig unter dem Titel: Ein Nachlaß moralisch-religiösen Inhalts von J. G. Seume. Ueber die Entstehung der Schrift berichtet der Herausgeber Folgendes: »Seume hatte sie einst, vor ungefähr zwölf Jahren, in Auftrag seines vieljährigen Freundes Göschen geschrieben, dem es damals an einem Buche für den Landmann zu fehlen schien, das die Fehler und Tugenden dieser Volksclasse in einem ihr durchaus verständlichen Tone schilderte und mit der Kraft schmuckloser Wahrheit warnend und ermunternd zu seinem Herzen spräche - ein Sittenbuch, das für Landleute das wäre, was ein bekanntes Handbuch der Moral für Bürger sein sollte. Seume , dem bei einem finstern Aeußern ein Herz voll Menschenliebe im Busen schlug, der den Landmann liebte, sich gern an ihn auf seinen kleinen Reisen anschloß, wenn er mit ihm desselben Weges ging - verstand sich zur Abfassung eines solchen Buchs. »War es nun, daß diese Aufgabe leichter schien, als sie ist, oder konnte sich sein Geist zu der in Anlage und Ausführung ganz einfachen Darstellung solcher Wahrheiten nicht herablassen, wie sie der Landmann bedarf, oder verführte ihn seine warme Phantasie, daß er dieser Darstellung hier und da ein zu dichterisches und farbenreiches Colorit gab, kurz, Herrn Göschen schien der Standpunkt etwas zu hoch genommen, und er wünschte einigen Stellen etwas mehr Faßlichkeit; andere Arbeiten der Art erschienen unterdeß im Publicum, und Seume's Entwurf blieb, weil er zum Abändern und Umarbeiten weder Lust noch Zeit hatte, ungedruckt liegen und kam hierauf als ein Denkmal der Freundschaft in meine Hände.« Lieben Freunde vom Lande! Ich glaubte, daß ein kleines Buch dieser Art Euch wol sehr nützlich sein könnte, und ich setzte mich hin und schrieb es. Es haben vielleicht nur wenige von den Männern, welche Bücher schreiben, mehr Gelegenheit gehabt, Euch und Eure Lage besser kennen zu lernen, als ich, und es ist gewiß Keiner, der mehr Euer herzlicher Freund ist und Euch inniger wohl will. Jeder gute Mensch wünscht das Glück aller seiner Mitbrüder und trägt dazu bei, so viel er kann, jeder nach seiner Weise. Ich kann sonst nichts Wesentliches für Euch thun, als mit Euch über den Menschen und seine Pflichten, die einzigen Stützen seiner Glückseligkeit, mit warmer Theilnahme zu sprechen. Man hat darüber schon viele Bücher geschrieben, die meistens alle gut und wahr sind; aber sie sind theils zu groß, theils zu gelehrt und also für Euch nicht immer so deutlich und faßlich, als sie sein könnten und sollten. Ich habe mich bemüht, mit wahrer Ueberzeugung in Eure Seelen zu sprechen. Ob es mir gelungen ist, darüber könnt und müßt Ihr nur selbst urtheilen, wenn Ihr aus meinem Vortrage den Nutzen schöpft, der meine Absicht war. Es wird gewiß meine größte Belohnung sein, wenn ich erfahre, daß recht Viele von Euch dadurch mehr Belehrung zum Leben, mehr Abscheu vor dem Bösen, mehr Befestigung im Guten, mehr Ermunterung, Trost und Beruhigung im Leiden, mehr wahren Frohsinn im Glück bekommen haben, und daß Mancher dadurch hier und da besser und glücklicher geworden ist. Von Gott Wir schauen hin auf die Flur, wo eben der Säemann die Körner in die Furchen geworfen hat; die Erde scheint todt, der Same scheint gestorben zu sein. Aber das Körnchen keimt und lebt auf, das schöne liebliche Blatt dringt hervor; das Blatt wächst und wird zum Stock; der Stock breitet sich aus und treibt Stengel; jeder Stengel schoßt empor zur Aehre. Die ganze weite Flur der Saat bewegt sich in Wogen und duftet Wohlgerüche. Das Körnchen, das gestorben schien, giebt sich selbst hundertfach ins Leben zurück. Es müssen sehr unglückliche Menschen sein, die keinen Gott glauben. Wir möchten über sie weinen. Dort fällt eine Eichel herab; der Wind bedeckt sie mit Erde. Der nächste Frühling bringt ihre Blättchen hervor; die Blättchen werden zur Pflanze, die Pflanze zum Bäumchen, das Bäumchen zum Stamm, der Stamm zum hohen majestätischen Baum, der sich Jahrhunderte emporthürmt und mit seiner Wurzel rundum die Tiefe faßt. Ein Volk von Vögeln lebt und nistet in seinen Aesten Jahrhunderte und singt dem Schöpfer Lob; und unten an seinem tausendjährigen Stamme, den kaum der Blitz zerschmettern kann, sitzen Menschen und freveln und wollen vernünfteln, ob und was Gott sei. Sie müssen sehr unglücklich sein. Wir möchten über sie weinen. Sie laben sich an der Blumen Geruch und zweifeln an dem Schöpfer der Blumen. Sie sehen in den Blitz und staunen in die Donnerwolke und verkennen Den, der den Donner sendet und den Blitz leitet. Sie hören die Stürme brausen und wollen Den nicht sehen, der sie im Zügel hält, daß sie nicht den Felsen herabstürzen, an dessen Fuß die Sünder sitzen. Sie müssen sehr unglücklich sein. Gott, unser Schöpfer, wir wollen niederfallen und anbeten vor dem Gedanken Deiner Herrlichkeit und Größe. Wir können Dich nicht begreifen, denn wir sind Staub und Asche, und Du hast die Morgensterne gemacht. Aus Deiner Hand sind die Sonnen wie Funken geronnen. Die Blinden am Geist sehen Dich nicht; die Tauben am Herzen hören Dich nicht. Du wogst die Welten und maßest ihnen ihre Laufbahn, die sie wandeln sollten. Das Meer ist vor Dir wie ein Tropfen; Du hast die Berge aus der Erde gehaucht, und von Deinem Hauche sinken sie zurück. Gott, unser Erhalter, wir wollen hingehen zu Deinen Altären und danken. Der Boden ist bestreut mit Deinen Gütern; Du krönest jedes Jahr mit neuem Wuchs. Wir werden gesättiget aus Deiner Hand und sind froh. Deine Fußstapfen triefen von Fett. Du öffnest den Schooß der Erde, daß sie uns giebt einen Vorrath nach dem andern. Millionen nähren sich täglich von Deinen Gaben und sammeln Reichthum. Gott, unser Vater, wir wollen uns werfen in Deine Arme mit kindlicher Liebe. Jeder Tag ist ein neuer Beweis Deiner Güte und Vaterhuld. Könnte auch eine Mutter ihres Säuglings vergessen, daß sie sich nicht erbarmte über den Sohn, den sie geboren hat, so willst Du doch unser nicht vergessen, Vater. Die Sonne gehet auf und unter, um uns Segen zu bereiten, die Jahrszeiten wechseln mit Deinen Geschenken, um uns zu erhalten und zu erfreuen. Dein Regen tränkt die Furchen, damit unser Fleiß gedeihe. Wohin wir sehen, ist Alles voll von Deiner Liebe und Sorgfalt für uns, Deine Kinder. Wie kann der Mensch, der ein Wurm ist, sich erkühnen, Dein Wesen ergründen zu wollen! Wie kann er so blind, so gefühllos sein, Deine wohlthätige Allgegenwart nicht zu sehen, nicht zu empfinden! Seine stolze Kunst kann keinen Halm hervorbringen, wie er zu seinen Füßen liegt; und er wagt es, über Gott zu richten. Wie will der Endliche den Unendlichen messen? Die Weisen werden Thoren, wenn sie in die Tiefen der Unendlichkeit dringen wollen. Ehrfurcht und Anbetung vor dem Ewigen, dessen Dasein in jedem Blatte redet, dessen Wohlthätigkeit aus jeder Pflanze spricht, dessen Herrlichkeit der kleinste Wurm im Staube verkündiget. Sterne gehen wie Lichtstaub aus seiner Hand und werden Welten; ewiges Licht ist sein Gewand, das kein sterbliches Auge durchschauen kann. Wir sollten es wagen, Gott kennen zu wollen, wie Gott ist! Wir können nicht unverwandt in unsere Sonne sehen, die ein Pünktchen ist in seinen Schöpfungen, deren Feuer vielleicht Eis ist gegen das Feuer der Sonnen um seinen Thron; deren Glanz Dämmerung ist gegen den Glanz des ewigen Lichts, in welchem er wohnet. Ein Blick um uns her und sodann in unser Herz ist der tiefste Beweis von Gott. Wer diesen nicht fühlt, für den spricht die Weisheit umsonst. Die Thoren sprechen in ihren Herzen: »Es ist kein Gott«; aber sie werden dafür gestraft durch ihr eigenes Herz, welches traurig und trostlos in der Welt umherirrt und sich an nichts mit Vertrauen wenden kann. Wer auf Gott nicht hoffen kann, wie will der auf irgend etwas in dieser Welt hoffen, wie will er von sich selbst etwas hoffen können? Gott, gieb, daß wir uns nie verirren; Laß in Betrug und falschen Wahn Nie unsre Herzen sich verwirren. Und zeig uns stets die rechte Bahn! Bei Dir nur, Vater, finden wir Beruhigung und Heil, bei Dir. Wenn Frevler von den frechen Rotten In ihres Stolzes Unverstand Der Ehre Deines Namens spotten, Weil Dich noch nie ihr Herz empfand, So sei uns Deines Namens Licht Erleuchtung, Trost und Zuversicht! Du hast uns aus dem Nichts gerufen, Mit jeder Wohlthat uns erfreut Und führst von Stufen uns zu Stufen In eine höh're Seligkeit. Bei Dir ist, wenn Vernichtung droht, Ein neues Leben in dem Tod. Von der Religion Die Religion ist die beste Führerin durch das Leben, die beste Leiterin in frohen Tagen, die beste Trösterin im Unglück. Unter der Religion verstehen wir diejenige Beschaffenheit des Verstandes und des Herzens, wo wir nach den wahren Gründen beständig geneigt sind, alle unsre Pflichten mit Vergnügen zu erfüllen. Diese wahren Gründe liegen in dem Glauben und dem beständigen Andenken an Gott, unsern Schöpfer und Vater, an seine unendliche Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit, seine unumschränkte Güte, seine ewige Ordnung durch die ganze Natur, seine väterlichen Absichten zu unserer Glückseligkeit. Der Grund aller Religion ist also allein feste, unerschütterliche Ueberzeugung von dem Dasein Gottes, von seiner Vorsehung, von dem hohen, Alles überwiegenden Werth der Tugend, von der Unsterblichkeit unsers Wesens und der Vergeltung nach dem Tode für unser Leben hier auf der Erde. Der Böse kann nichts Gutes erwarten, und den Guten wird das Böse nicht immer quälen. Alles hat seine gemessene Folge. Gott belohnt den Frommen und Rechtschaffenen; aber der Böse bestraft sich selbst, weil er das Glück der Tugend von sich wirft. Wenn es hier dem Verächter alles Guten zuweilen durch das ganze Leben sehr wohl geht und der Verehrer und Befolger der wahren Tugend beständig unglücklich zu sein scheint, so ist dieses ein starker Beweis mehr, daß dort nach diesem Leben erst eine ganz richtige Austheilung sein wird. Es ist nothwendig, daß der Boshafte, der Unterdrücker, der Grausame, der Ungerechte, der Verführer und Spötter der Unschuld und Tugend einst den Lohn seiner Thaten habe, denn Gott ist heilig und gerecht; es ist nothwendig, daß der Fromme, der Dulder, der Sanftmüthige, der Verkannte, der Unterdrückte, den hier die Bosheit peinigte, der Edle, der Christ im wahren Sinne, einst den sichern Genuß seiner Tugenden habe; denn Gott ist heilig und gerecht. Himmel nennen wir den seligen Zustand unserer Vollendung, wo wir mit höhern Kenntnissen geschmückt, mit größeren Kräften ausgerüstet, zu festerer Tugend bewährt, in Verbindung mit uns ähnlichen Frommen von Gott mehr schauen, ihn mehr preisen und glücklicher sein werden, als wir uns hier denken können. Es hat es kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, und es ist in keines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat Denen, die ihn lieben. Hölle nennen wir den Zustand der Qual, wo die Bösen in böser Gesellschaft zu ihrer desto größeren Marter die Folgen ihrer Thorheit und Verkehrtheit empfinden werden. Ihre Erkenntniß wird nur das Schreckliche ihrer Verdammniß vermehren, und ihre steigenden Kräfte werden nur zur Last ihrer unaussprechlichen Leiden beitragen, die sie sich hier durch Verachtung aller Warnungen der Vernunft und der göttlichen Lehre zugezogen haben. Wenn hier schon mancher Bösewicht nach dem Verbrechen mit Angst und Verzweiflung fürchterlich ringt, welche Qual muß dort einen Verdammten fassen, der ein ganzes Leben ruchlos verschwendet hat und keine Hoffnung einer Rettung siehet! Gott hat uns nur zu Menschen geschaffen. Wir sind oft noch schwach von Natur und manchen Gebrechen unterworfen. Auch der Beste, der Aufmerksamste, der Frömmste ist nicht frei von Irrthümern; wir fehlen Alle mannichfaltig. Gott wird uns unsere Fehler verzeihen; denn er ist gütig, er ist unser Vater; aber er wird unsere Verbrechen strafen; denn er ist heilig, er ist unser Richter. »Seid heilig, wie Euer Vater im Himmel heilig ist!« sagte Christus, der göttliche Lehrer der Religion. Aber nur Gott ist vollkommen heilig, wir können nur aus unendlicher Ferne uns eifrig bemühen, als sein Ebenbild ihm ähnlich zu werden. Gleich wird ihm kein Mensch und kein Engel; denn er allein ist unendlich. Wir wollen nicht Diejenigen verachten oder gar hassen, welche vielleicht über manche Punkte der Religion andere Begriffe haben oder von einer andern Kirche sind als wir. Sie sind Alle unsere Brüder und haben mit uns einen Vater und mit uns eine Hoffnung; denn wir sind Alle Kinder eines Stammes. Gott allein siehet ihr Herz, beurtheilet ihren Verstand und wird mit ihnen handeln nach seiner Güte. Wer den Herrn fürchtet und recht thut aus allerlei Volk, der ist ihm angenehm. Wer irret, verdient Mitleiden, und wo es möglich ist, Belehrung. Verachtung ist das Zeichen eines hoffärtigen, stolzen Herzens; und den Haß kann nur eine boshafte Seele in sich nähren. »Liebet Gott über Alles und liebet Euern Nächsten wie Euch selbst!« sagt der göttliche Stifter unserer heiligen Religion; in diesen beiden Geboten liegt das ganze Gesetz. Dieses Gesetz ist ja jetzt gewiß die Grundlage aller Religionsparteien um uns her; denn es ist das Gesetz Gottes, das er selbst jedem Vernünftigen und auch den Heiden ins Herz geschrieben hat. Wir wollen also Alle lieben wie unsere Brüder. Nur der Atheist oder der offenbare Gottesleugner kann keine Religion haben; denn ohne Gott ist keine Religion; aber wir wollen auch ihn lieben und ihn bedauern; er ist unser unglücklicher verirrter Bruder. Gott, den er nicht kennet, mag sich seiner erbarmen. Mach unser Herz zu Deinem Thron Und laß uns nichts den sel'gen Glauben, Womit Du uns beglückest, rauben, O göttliche Religion! Du zeigest uns den ebnen Pfad, Erhöhest dieser Erde Freuden, Verminderst dieser Erde Leiden Und reichst uns immer Trost und Rath. Du giebst, wenn nach dem Pilgerlauf Wir müde werden, Ruh' den Müden Und trägst dann wiederum in Frieden Den Geist zu seinem Schöpfer auf. Vom Gottesdienst Die wahre Religion besteht freilich nicht in äußerlichen Gebräuchen, sondern wohnt in der festen Ueberzeugung des Verstandes und in der tugendhaften Neigung des Herzens. Ein Mensch ohne Religion ist ein unglücklicher Mensch für sich selbst und gefährlich für Andere. Wir dürfen aber nicht gleich so lieblos urtheilen, wenn ein Mensch nicht durchaus wie wir denkt, er habe darum wirklich keine Religion. Sein Leben ist die beste Probe, ob er Religion hat oder nicht; denn der Glaube, der sich nicht durch Werke zeigt, ist todt und so gut als kein Glaube. Wenn aber das Wesen der Religion selbst gleich nicht in Gebräuchen bestehet, so wird doch der Mann, welcher wirklich Religion besitzt, diese äußern Gebräuche, welche immer mit ihr in Verbindung stehen, nie vernachlässigen. Wir nennen alle diese Gebräuche zusammen Gottesdienst, aber nur auf menschliche Weise, wie wir fast immer von Gott sprechen. Gott gewinnt durch unsern Dienst, durch unsere Verehrung nichts; er wird dadurch nicht größer, herrlicher und seliger, als er seiner ewigen, unendlichen Natur nach ist. Der Vortheil ist allein für uns. Wir erheben durch den Gedanken an ihn unsere Seele, wir stärken unsere Entschlüsse zum Guten, wir befestigen unsere Ueberzeugung in der Wahrheit, wir erhöhen unsern Muth zu allen Pflichten, unsere Standhaftigkeit zu unvermeidlichen Widerwärtigkeiten; wir gewinnen herzliches Vertrauen zu Gott als unserm Vater und unermüdeten Wohlthäter. Sind dieses nicht sehr wesentliche Vortheile, die wir alle auch mit aus der äußern Religionsübung erhalten können und erhalten sollen? Diese Gebräuche sind die Besuchung der öffentlichen Versammlungen, wo Andacht, Gebet, Dank und Unterricht in unsern Pflichten die große wichtige Absicht ist. Nicht Jeder, der die Kirchen mit der größten Regelmäßigkeit und mit ängstlichem Schein der Gewissenhaftigkeit besucht, ist deswegen auch ein guter Christ; das Christenthum erfordert mehr als Gebetsformeln, Gesangsweise und Pharisäerwesen; aber ein guter Christ wird doch diese löblichen Wege und Mittel zur Erbauung und der ferneren Belehrung nicht versäumen. Der Zweck ist wahre Tugend und Glückseligkeit; die Mittel dazu sind gründlicher Unterricht und fester Vorsatz, den Weg zu gehen, den wir als den richtigen erkennen. Die wohlthätigen Einrichtungen sind bei uns seit vielen Jahrhunderten so, daß Jeder über seine Pflichten sowie über Recht und Unrecht, über Tugend und Laster überhaupt öffentliche Unterweisung haben kann; und wer diese absichtlich und leichtsinnig vernachlässiget, zeigt sich als einen Verächter der Ordnung Gottes. Gott selbst hat diese Ordnung geboten, und die Obrigkeit hat und übt die Pflicht, zu unserm eigenen und dem allgemeinen Glücke darüber zu wachen. Wer über den öffentlichen Gottesdienst spottet, ist gewiß ein Bösewicht. Die Lehrer der Religion müssen für uns immer Männer von Würde sein. Sie haben ein heiliges Amt, und ihre Verantwortung vor Gott wird doppelt schwer sein, wenn sie das Amt der Tugendlehre nicht durch ihr Leben ehren, und nicht durch Unterricht und Beispiel das Gute bewirken, das sie bewirken sollen. Die Heiden feierten die Feste ihrer falschen Götter mit glühendem Eifer, und wir sollten nicht die unendliche Größe der wahren einzigen Gottheit an bestimmten Tagen dankbar andächtig bewundern? Wir sind Menschen, die jeden Tag neuen Schwachheiten ausgesetzt sind, und brauchen also beständig Wiederholung der Wahrheiten, die uns nöthige Bestärkung in den Pflichten, welche uns heilig sein müssen. Unser eigenes Glück erfordert dieses; wer könnte gleichgiltig gegen etwas sein, das sein und seiner Brüder Glück betrifft? Die Sonntagsfeier ist also auf alle Weise Pflicht für uns Alle. Der Tag ist ein Tag der Ruhe, ist ein Tag der Sammlung neuer Kräfte, ein Tag der Ueberlegung, der Betrachtung, der stillen Freude, wenn wir glücklich sind, des heilenden Trostes, wenn wir unglücklich sind. »Du sollst den Feiertag heiligen!« Aber unser Schöpfer kann nicht wollen, daß wir über den Entschlüssen zum Guten das Gute selbst, über der Ermunterung zu unsern Pflichten die Pflichten selbst vergessen sollen. Wir dürfen also wol das Wichtigere dem weniger Wichtigen vorziehen. Wer in die Kirche geht, wenn er seinen kranken Bruder pflegen und ihm Arznei reichen soll, thut nicht seine Pflicht. Wer den Abendsegen betet und mit seinem Nachbar grollt, wie kann der dem Schöpfer ein angenehmes Opfer bringen? Das Beten wäre Sünde, wenn man darüber seine Arbeit vergessen wollte; und der Mann wäre ein Thor oder ein gottloser Heuchler, der beten und nicht arbeiten wollte, wenn seine hungernde Familie um Brod schreiet. Dem Arbeitsamsten bleiben immer noch einige Minuten Zeit zur Andacht übrig; und die wenigen herzlichen Worte eines Mannes, der seine Pflichten erfüllet hat, sind gewiß vor Gott mehr als sonst lange Gebete. Der Faule, welcher betet, spottet. Das Gebet des Gottlosen, des Menschenhassers, des Unversöhnlichen, des Peinigers seiner Brüder ist Lästerung. Der Himmel erhört nur das Gebet des Tugendhaften; und tugendhaft ist nur, wer seine Pflicht thut. Werke der christlichen Liebe und der Noth sind an jedem Sonntage erlaubt, nicht allein erlaubt, sie sind geboten. Wer einem Freunde Trost und Hilfe bringen kann, darf mit gutem Gewissen die Betstunde versäumen; er betet durch ein gutes Werk, welches dem Himmel angenehm ist, und das wird dem Vollbringer Freude und Belohnung geben. Wer seine Ernte retten kann, darf sie ohne Bedenken unter der Kirchenzeit retten, er rettet seine Familie vom Mangel. Gott will es, und die Obrigkeit will es; denn er kann von der künftigen Ernte seinem dürftigen Bruder geben. Wer aber den Tag, welcher der heiligen Ruhe und der Betrachtung und Andacht bestimmt ist, mit gewöhnlichen ununterbrochenen Geschäften, mit bloßem sinnlichen üppigen Vergnügen verbringt und nicht den Versammlungen der christlichen Gemeine beiwohnt, wenn er wohl könnte, ist ein Leichtsinniger, vielleicht ein Verächter. Wenn man daselbst auch nicht immer etwas Neues hört, so muß es doch für unser Herz allezeit eine wahre Erquickung sein, mit unsern Brüdern vereint Gott, unserm Vater und Wohlthäter, zu danken, seine unendliche Macht, Güte und Weisheit, womit er uns täglich beglückt, zu preisen, unser Herz zu ihm zu erheben und ihm alle Angelegenheiten unserer Seele, unsers Herzens und unsers häuslichen Lebens kindlich zu empfehlen. Es ist zwar kein Beweis, daß der Mann, welcher beständig viel und ununterbrochen betet, ein guter frommer Mann ist, denn es giebt der Heuchler und Mundchristen viele; aber Derjenige ist gewiß kein guter Mann, welcher gar nicht betet. Er zeigt durch ein solches sorgloses, unbesonnenes Betragen, daß sein Verstand ohne wahre Erkenntniß und sein Herz ohne wahres Gefühl ist. Wie will Derjenige seine Pflicht gegen seinen Mitbruder erfüllen, der nicht Dankbarkeit gegen seinen Schöpfer und größten Wohlthäter empfindet? Wie will Der seinen Bruder lieben, welcher nicht zeigt, daß er seinen Vater liebt? Und kann Der seinen Vater lieben, der sich beständig von ihm entfernt, sich ihm nie zu nahen sucht, seine Wohlthaten mit Kälte und Murrsinn empfängt und verzehret? Nein, wir wollen keine christlichen Gebräuche, weder öffentlich noch zu Hause, vernachlässigen. Sie dienen alle dazu, uns mit Gott immer mehr zu beschäftigen, ihn und unsere Mitmenschen mehr lieben zu lernen und unsere Pflichten immer wichtiger und doch angenehmer und leichter zu machen, unsere wahren Freuden zu berichtigen, zu läutern und zu sichern und uns in unserm Unglück Beruhigung, Trost und ermunternde Stärkung zu verschaffen. Von den Pflichten gegen uns selbst überhaupt Gott hat uns Alle zur Glückseligkeit geschaffen; denn er ist der Allgütige. Diese Glückseligkeit können wir nur durch Gehorsam gegen ihn und wahre Tugend erreichen; denn er ist der Allweise und Heilige. Alle Mittel, diesen Zweck, unsere Glückseligkeit zu erreichen, sind uns Pflicht; denn der Zweck, den Gott, der Allerhöchste und unser Schöpfer und Vater und Wohlthäter, will, ist Gesetz. Und es ist kein höheres Gesetz als dieses; denn es ist kein höherer Gesetzgeber als Gott. Jedes Gesetz, das die Menschen elend und unglücklich machen wollte, wäre ein Widerspruch, wäre eine Lästerung gegen Gott und seine Weisheit und Güte, eine schreiende Ungerechtigkeit. Diese Erde soll für uns kein bloßes Jammerthal und unser Leben darauf nicht Elend sein. Die Menschen thun sehr übel, wenn sie es dazu machen; sie handeln wider den Willen Gottes und gegen ihr eigenes Glück. gegen ihre Vernunft. Die nothwendigen Übel in der Welt sind geringe gegen das unendliche Gute, das uns der Himmel täglich und von allen Seiten genießen läßt. Vollkommen können wir nicht sein, denn wir sind Menschen, also auch nicht vollkommen glückselig. Gott allein ist die Vollkommenheit und die höchste Seligkeit. Wir selbst sollen hier so vollkommen, so zufrieden und glücklich werden, als es unsere Natur erlaubt. Dort werden wir höher steigen, wenn wir hier auf unserer Stelle gut waren. Jeder Mensch ist zwar frei und könnte vielleicht sagen: »Wenn ich Andern nichts zu Leide thue, so kann ich mit mir selbst machen, was ich will; denn über mich bin ich Herr.« Er ist zwar Herr über sich selbst; aber diese Herrschaft darf er nicht gegen den Zweck und die Absicht seines Schöpfers, nicht gegen die Vernunft, er darf die Herrschaft über sich selbst nicht wider sich selbst brauchen. Denn das hieße: ich will nicht vernünftig, ich will kein Mensch sein, wozu ihn doch Gott geschaffen hat. Jeder Mensch hat also Pflichten gegen sich selber; er soll seine Natur so gut und vollkommen und sich selbst so glücklich zu machen suchen, als möglich ist. Das ist der Wille Gottes; das zeigt ihm seine eigene Vernunft. Aber Gott ist der Schöpfer und Vater nicht allein jedes einzelnen Menschen, einer besondern Menschenclasse, eines besondern Volks: er ist der Schöpfer und Erhalter von Allem, was ist. Er will also nach seiner Güte, daß Alles, was er geschaffen hat, auch in dem Zustande, zu welchem er es geschaffen hat, gut und glücklich sei. Wir sollen also nicht allein nur für uns glücklich sein, sondern Alle sollen glücklich, Alles soll glücklich sein, weil es Gott geschaffen hat; denn Gott schafft nichts umsonst und zwecklos. Das ist der Wille Gottes, und auch dieses zeigt uns unsere Vernunft. Daraus entstehen unsere Pflichten gegen Andere, wie wir unten im Folgenden sehen werden. Der allgütige, allweise Regierer der ganzen Welt hat es so eingerichtet, daß immer das Glück des Einen das Glück des Andern nach sich ziehet, daß sich bei dem Wohlbefinden des Einen auch der Andere mit wohl befindet und bei den Leiden des einen Theils der Gesellschaft auch die übrigen leiden. Wenn ein Land glücklich ist, so sind es alle Einwohner, und wenn es elend ist, so leiden alle. Nichts kann uns deutlicher zeigen als diese wohlthätige Einrichtung der Gottheit, wie sehr wir uns Alle als Brüder, als eine Familie unsers allgemeinen Vaters lieben, uns wohlwollen und gegenseitig unterstützen sollen. Wenn jeder Mensch, ohne Andere zu bevortheilen, so viel, als möglich ist, für seinen eigenen Vortheil Sorge trägt, sich selbst so gut, so froh, so glücklich als möglich zu machen sucht: so wird er es nicht allein für sich selbst, sondern auch Andere um und neben ihm werden es mit ihm. Seine Familie genießt mit ihm, Andere genießen mit ihm, durch Verwandtschaft, Freundschaft oder andere Verbindungen; die Uebrigen suchen ihm nachzueifern, und Alle um ihn her befinden sich besser. Der gütige Schöpfer hat die Natur des Menschen so eingerichtet, daß er sich nie gern allein freuet, daß er Freuden und Leiden gern mit seinen Nebenmenschen theilt; dadurch gewinnen Alle. Die Freuden werden größer, das Unglück wird kleiner. Ein Mensch, der die Pflichten gegen sich selbst nicht erfüllt, die ihm Gott, der ihn zum Menschen schuf und ihm Vernunft gab, auflegt, wie will der die Pflichten gegen Andere als Vater, als Gatte, als Hausherr, als Mitglied der Gemeine, als Freund, als Unterthan erfüllen? Zuvor müssen wir gute Menschen sein, ehe wir in irgend einer andern Lage etwas Anderes gut sein können. Und ein guter Mensch ist man nicht, wenn man nicht das ganz und vollkommen ist, wozu uns der Schöpfer unserer Natur nach bestimmt und gemacht hat. Ist es nicht ein großer Vorwurf für einen Menschen, wenn man mit Recht von ihm sagen muß: »Er ist ein thörichter, unvernünftiger Mensch«? das heißt, er beträgt sich gegen sich selbst nicht so, wie er als ein Mensch, der Verstand und Ueberlegung besitzt, sich betragen sollte. Wenn er Andere beleidiget und ihnen Unrecht und Schaden thut und sie elend macht, so ist er noch mehr als dieses; er ist böse und lasterhaft. Aber jenes ist oft der Anfang und Uebergang zu diesem. Von der Uebung unsers Verstandes Der Mensch ist auf dem ganzen Erdboden das einzige Geschöpf, das Vernunft hat; dadurch erhebt er sich und herrscht über alle übrige Creaturen nach der Einrichtung Gottes. Und wir sollten nicht dieses ausschließliche, unschätzbare Geschenk der Gottheit, unsere Vernunft, heilig halten, ausbilden und zu erhöhen suchen? Nur durch Vernunft erkennen wir Gott und seine Ordnung und seine Gesetze; nur durch Vernunft überzeugen wir uns von unsern Pflichten und ihrer Nothwendigkeit und Unverbrüchlichkeit; nur durch Vernunft sehen wir den Weg zu unserer wahren Glückseligkeit. Verstand und Vernunft hat noch überall den größten Werth, auch dann, wenn man oft keinen Gebrauch davon macht. Wenn man im gemeinen Leben sagt: »Er ist ein reicher Mann, ein vornehmer Mann, ein mächtiger Mann«, so sind wir dabei ziemlich gleichgiltig, oder wir fürchten uns, weil wir nicht wissen, was noch folgen wird. Wenn man aber sagt: »Er ist ein verständiger, vernünftiger Mann«, so haben wir gleich Achtung und Zutrauen; denn wir schließen mit Recht, ein vernünftiger Mann könne nicht schlimm sein. Nur Verstand und Vernunft macht den Menschen wahrhaftig zum Menschen; alles Andere ist Zufall und hat dagegen keinen großen Werth. Halten wir nicht mit Wahrheit Diejenigen für die Allerelendesten und Unglücklichsten, die ihre Vernunft verloren haben? »Und wenn ein Mensch in der Würde sitzt,« sagt der Sittenlehrer Sirach sehr nachdrücklich, »und hat keinen Verstand, so ist er wie ein Vieh.« Es ist desto trauriger, wenn ein Mann, der eine Würde hat, nicht verständig ist, da er es vorzüglich sein soll, da er mit für Andere denken und rathen und ihnen helfen soll. Sirach spricht also nicht umsonst so stark. Wir sollen demnach unsern Verstand, so viel wir können, zu bilden suchen, durch Unterricht, durch Nachdenken, durch Aufmerksamkeit auf Alles, durch Umgang, durch gute Bücher, wenn wir Gelegenheit haben. Wir sollen unserer Vernunft folgen in unsern Urtheilen; denn Gott hat jedem Menschen Vernunft gegeben, die er gebrauchen soll. Wir sollen die Vernunft Anderer anhören, sie prüfen, vergleichen und unsere darnach berichtigen, wenn wir noch nicht ganz gewiß waren, oder die unsrige befestigen, wenn wir Recht hatten. Die Vernunft dürfen wir überall brauchen; denn wir sollen überall Menschen, das heißt vernünftige Geschöpfe sein. Wenn unsere Vernunft noch Manches nicht begreifen und einsehen kann, so sollen wir uns dabei beruhigen; denn wir sind jetzt nur Menschen, die unmöglich Alles bis auf den letzten Grund erforschen können. Auch die Weisen wissen nicht Alles und zanken sich oft über Dinge, die uns sehr unnütz und sonderbar scheinen. So viel wir für unsern Stand und für unser Leben brauchen, können wir ohne Mühe fassen . Ueber unsere Vernunft ist Manches, und das ist nicht für uns; aber wider unsere Vernunft darf uns Niemand etwas aufbürden. Wer seinen Verstand nicht aufgehellet und gebildet hat, der ist zu keinem Geschäfte des Lebens vorzüglich geschickt und in Gefahr, sich beständig zu verirren. Er weiß nie recht bestimmt und gewiß, was seine Pflicht ist in diesem oder in jenem Falle, welches in diesem oder in jenem Falle die beste Weise zu handeln sei. Er thut entweder zu viel oder zu wenig, thut sich oder Andern Schaden. Er kann über keinen Vorfall, wo es oft wichtig und nöthig ist, schnell und richtig urtheilen und muß sich dann auf Andere verlassen, die es vielleicht ebenso wenig können, oder die wol gar die Absicht haben, ihn zu hintergehen. Wer seinen Verstand nicht gebildet hat und sich nicht eine Kenntniß der gewöhnlichen Dinge und Erscheinungen in der Welt erworben hat, der ist in Gefahr, eine Menge abergläubische Meinungen zu behalten oder anzunehmen, die entweder seine Ruhe stören, ihn ängstlich machen, von dem Wesentlichen der Religion und der Lebenspflichten abziehen oder gar ihm und seinem Nächsten durch seine Unwissenheit und Thorheit empfindlich schaden. Die leeren Einbildungen von Teufelswirkungen, Hexerei, Gespenstern, Kobolden und Zaubereien aller Art setzen den Leichtgläubigen in manche Furcht, über die der Vernünftige nur lächelt. Die Bosheit und List mancher Menschen bedient sich dann der Einfalt Anderer, um ihre schändlichen Absichten durch Betrug zu erreichen. Die Erscheinungen der Natur selbst setzen Manchen, der keine richtigen Begriffe und keine Belehrung darüber hat, in das größte Schrecken. Der wohlthätige Donner ist ihm ein furchtbares Strafgericht, der Blitz eine Zornflamme, da doch der allgütige Gott diese Erschütterungen der Luft und der Erde zur größten Wohlthat geordnet hat. Mit Verstand und Vernunft hat man überall die nöthige Gegenwart des Geistes und siehet sogleich die wahre Ursache, woher etwas entstehet, oder muthmaßet sie doch ziemlich richtig, und keine Furcht kann sich unserer bemächtigen. Ob wir gleich in uuserm Stande oder bei unserer Lebensweise weder gelehrt werden können noch sollen, so müssen wir uns doch die nöthigen Begriffe zu sammeln suchen, um über Alles, was um uns her und bei und unter uns vorgehet, ordentlich, genau und treffend zu urtheilen, weil davon sehr oft unser und unserer Nebenmenschen Glück abhängt. Gelehrsamkeit ist nicht immer Verstand; aber Verstand ist dem Menschen in jeder Lage unentbehrlich, und je mehr Einer hat und ihn braucht, desto besser wird es um ihn stehen und mit Allen, die mit ihm zu thun haben. Von der Ruhe der Seele So wie der Friede im Lande das unschätzbarste Glück für das ganze Land ist, so ist Friede und Ruhe in dem Gemüthe eines jeden einzelnen Menschen das größte Glück für ihn. Diesen Frieden, diese Ruhe sollen wir zu erlangen und zu erhalten suchen. Wir können dieses, wenn wir es sollen; denn wir sollen nichts, was wir nicht können. Dem Einen wird es freilich in seiner Lage schwerer als dem Andern; aber Keinem ist es unmöglich. Das beste Mittel dazu ist das allgemeine Mittel zur Glückseligkeit überhaupt: nämlich fester Glaube an Gott und Vorsehung, an Tugend und Unsterblichkeit, treuer Eifer in Erfüllung aller unserer Pflichten. Wie sollte Der nicht ruhig sein, welcher fest überzeugt ist, Gott ist mein Vater, der mein Glück will und veranstaltet und befördert, der alle Haare auf meinem Haupte gezählt hat, und ohne dessen Willen und weise Leitung mir nichts widerfahren kann! Voll Vertrauen spricht ein Solcher mit dem frommen Dichter: »Kein Sperling fällt, Herr, ohne Deinen Willen; Sollt' ich mein Herz nicht mit dem Troste stillen, Daß Deine Hand mein Leben hält?« Aber nur Derjenige kann ohne Furcht und mit stiller, tröstlicher Ruhe an Gott und seine Vatergüte denken, der ihrer als ein gutes Kind würdig ist. Nur Derjenige ist ihrer als ein gutes Kind würdig, der auf die Gebote Gottes, die er ihm durch die Vernunft und sein Wort giebt, mit kindlicher Ehrfurcht hört, sie zu verstehen sich bemüht und sie alle zu erfüllen sich eifrig bestrebt. Nur die Guten haben Frieden im Herzen. Die Bösen sollen keinen Frieden haben, weder hier noch dort; das ist ihre Strafe. Es ist die Natur der Bosheit und der Sünde, daß sie quält und foltert, auch wenn sie glücklich zu sein scheint. Das ist weise und gerechte Ordnung des Schöpfers, damit Jedermann sich vor der Bosheit hüte wie vor einer Schlange und ihr nicht zu nahe komme. Die Ruhe der Seele ist die Belohnung des Guten und wieder eine Quelle vieles Guten. So entspringt ein Gutes aus dem andern, so wie oft ein Böses aus dem andern entspringt. Der Ruhige im Geist genießt die Geschenke des Himmels mit doppelter Heiterkeit, und der Friede seiner Seele verbreitet sich über sein Gesicht und durch sein ganzes Wesen. Seine Mienen, seine Reden, sein Gang, alle seine Bewegungen zeigen, daß er glücklich ist, und daß er glücklich zu sein verdient. Sein Leben ist froher, seine Arbeit ist leichter und besser, und alle Menschen, selbst die Mißmüthigen und Unzufriedenen, schließen sich gern an ihn an. Wie sollte Der nicht innern Frieden haben, der alle seine Pflichten mit Vergnügen und Eifer erfüllt und überzeugt ist, daß der Himmel bei solchen Gesinnungen und solchen Bemühungen ihn nicht verlassen werde? Wenn ihn auch Leiden und Widerwärtigkeiten treffen, so denkt er, daß er ein Mensch ist, der ohne Leiden nicht leben wird; daß er vielleicht manche Unannehmlichkeiten durch Fehler und Vergehungen sich selbst zugezogen hat: und das macht ihn aufmerksam und vorsichtig auf die Zukunft. Keine Verbrechen beschweren sein Gewissen, und für seine Unvollkommenheiten, Fehler der Uebereilung und Schwachheiten hofft er Verzeihung von Gott, wie ein gutes Kind Verzeihung von seinem Vater hofft, das sich immer noch bessern will. Tugend und ein reines Herz sind der sicherste Grund zur Ruhe des Lebens. Es ist ein Spiegel seiner Seele, wenn der gute, fromme, vortreffliche Gellert sagt: »Besitz' ich nur Ein ruhiges Gewissen, So ist für mich, wenn Andre zagen müssen, Nichts Schreckliches in der Natur.« Wenn er auch dulden muß, so duldet er als Christ mit Gelassenheit und Standhaftigkeit. Wer seine Freuden und sein Glück liebt, der bewahre seine Tugend; denn mit der Tugend schwindet alle wahre Freude dahin. »Er muß etwas auf der Seele haben«, sagt das Sprichwort von einem Menschen, der unruhig, ängstlich, heimlich, verschlossen sich herumtreibt; und selten irrt das Sprichwort. Wie in der Welt der Krieg schneller und leichter ausbricht, als der Friede hergestellt wird, so geht in dem Menschen die Ruhe schneller verloren, als sie wiedergewonnen wird. Aber auch Erziehung und Gewohnheit wirken oft sehr viel, die beständige Ruhe und Gleichmüthigkeit behaupten zu helfen. Man giebt so Vieles der Natur und dem Temperamente Schuld, welches doch meistens theils unsere eigene oder wol auch die Schuld unserer Erzieher ist. Wer nicht von Jugend auf seine Begierden, seine Leidenschaften und besonders seine Heftigkeit und Hitze hat zähmen lernen, der ist hernach sein ganzes Leben in einer beständigen, oft sehr quälenden Bewegung. Manche Kleinigkeit setzt ihn außer sich und verderbt ihm Freude und Genuß auf viele Tage. Manche Unannehmlichkeit, die er mit etwas mehr Ueberlegung und Besinnung leicht hätte heben können, ängstiget ihn so, als ob es das ganze Glück seines Lebens beträfe. »Er hat ein unruhiges Temperament«, sagt man oft mit Recht; aber dieses Temperament ist oft nur Vernachlässigung der Erziehung und Folge des eigenen Leichtsinns. Es ist also auch in dieser Betrachtung heilige Pflicht für Eltern und Erzieher, das Gemüth junger Leute durch Sanftmuth, Klugheit, Beharrlichkeit und vor Allem durch eigenes gutes Beispiel vor allen heftigen Leidenschaften zu bewahren, die in der Folge der Ruhe des Lebens so gefährlich werden. Und Jeder, der schon selbst hinlängliche Besinnung hat und die Dinge in der Welt mit etwas Ernst betrachten und beurtheilen kann, muß an sich selbst arbeiten, sich eine beständige Gelassenheit und Ueberlegsamkeit zu erwerben, die ihm in so manchen bedenklichen Fällen des Lebens den größten Nutzen bringen und über sein ganzes Wesen eine stille Ruhe des Innern und heitere Zufriedenheit verbreiten. Von der Sorge für unsere Gesundheit und zeitliche Wohlfahrt Wir haben Seele und Körper, und beide sollen sich wohl befinden, Eins mit dem Andern und durch das Andere. Wenn die Seele leidet, leidet gewöhnlich der Körper mit, und die Seele empfindet ebenfalls die Schmerzen des Körpers. »Er ist an Leib und Seele gesund«, pflegt man von einem Menschen zu sagen, dem es durchaus recht wohl geht. Es ist also unsere Pflicht, für dieses Wohlbefinden zu sorgen und Alles zu verhüten, was dasselbe stören kann. Wir auf dem Lande sind in dieser Rücksicht weit glücklicher als die Städter. Der Himmel um uns ist freier, die Luft reiner und heiterer; Alles athmet mehr Leben und Gesundheit. Die Bewegung, eine nothwendige Bedingung zum Wohlbefinden, liegt nothwendig in unserer Lebensart. Daher sind auch im Allgemeinen die Landleute immer noch gesünder, munterer, stärker und fester als die Bewohner der Städte. Aber auch bei uns auf dem Lande ist man oft sorglos genug und schadet sich zuweilen durch Unbesonnenheit auf einmal mehr, als das eingesperrte Stadtleben gewöhnlich in vielen Jahren schaden kann. Wir glauben oft, unsere Gesundheit sei unverwüstbar, von Stahl und Eisen, wie man sich ausdrückt, und stürmen ohne Gedanken fort, bis ununterbrochene Unbesonnenheit oder irgend ein Zufall, den wir hätten vermeiden können, uns niederwirft. Dann sind wir desto schlimmer daran, da wir gewöhnlich die Hilfe eines geschickten Arztes nicht sogleich in der Nähe haben und die Verzögerung oft sehr gefährlich ist. Je unschätzbarer uns also in unserm Stande unsere Gesundheit ist, desto aufmerksamer sollten wir sie zu bewahren, zu stärken und zu befestigen suchen. Unsere Erziehung ist von Jugend auf freier und härter und macht uns also stärker und dauerhafter. Aber auch diese Stärke und diese Dauerhaftigkeit braucht Schonung und Aufmerksamkeit. Wir sind den übeln Folgen der Witterung nicht so sehr unterworfen als die Weichlinge der Städte; aber wir sind ihnen doch auch ausgesetzt. Unser Knochenbau ist zwar fester, aber er ist doch nicht unzerstörbar. Daß wir uns nicht durch Mangel der Bewegung und Arbeit schaden, dafür ist durch unsere Beschäftigung gesorgt. Aber Mancher schadet sich dagegen auf sein ganzes Leben durch übertriebene Anstrengung. Wie oft haben bei uns Personen, sowol Männer als Weiber, dadurch, daß sie auf einmal mehr arbeiten wollten, als ihre Kräfte erlaubten, ihre Gesundheit auf immer zerstört! Der menschliche Körper ist bei aller seiner Stärke doch so fein gebaut, daß nur inwendig eine Haut reißen, ein kleiner Knochen aus der Fuge treten, eine Ader springen darf, und das Ganze liegt da und kann nur mit vieler Mühe und unter großen Schmerzen oder vielleicht nie wieder in Thätigkeit gesetzt werden. Auch dürfen wir nicht glauben, daß die Witterung uns durchaus gar nicht schaden werde, und daß wir ohne Unterschied uns jeder Veränderung derselben ohne Gefahr aussetzen können. Ein fester, abgehärteter Körper trotzt ihr zwar länger, aber die gehörigen Vorsichtigkeitsregeln müssen doch die Gesündesten nicht unterlassen. Man muß nie zu schnell aus der Hitze in die Kälte, aus der Kälte in die Hitze, aus der Ruhe in die Bewegung, aus der Bewegung in die Ruhe kommen. Die Natur macht keinen Sprung; sie steigt hinauf und herab; zwischen Sommer und Winter liegen Frühling und Herbst. Die Kleidung darf weder zu leicht noch zu schwer, weder zu luftig noch erstickend warm sein. Allerlei Essen und Trinken ist unserm Magen zwar nicht so gefährlich als den Verzärtelten, aber es giebt doch manche Speisen, die durch ihre Natur einander so entgegen sind, daß sie auch dem Stärksten empfindliche Folgen verursachen. Jeder muß sie also kennen lernen, um nicht nach und nach durch Leichtsinn dieser Art seine gute Verdauung zu Grunde zu richten. Gesundheit ist ein Geschenk des Himmels, dessen Werth wie den Werth alles Uebrigen wir dann erst recht schätzen lernen, wenn wir in Gefahr sind, sie zu verlieren. »Ein Jeder prüfe, was seinem Leibe gesund ist!« sagt Paulus, der in seinen Briefen manche goldne Regel für Seele und Leib mittheilt, weil er selbst ein Mann war, der das menschliche Leben sehr wohl kannte. Gesundheit ist die Fähigkeit zu genießen, und wenn man dem Kranken alle Herrlichkeiten der Erde brächte, er würde nur doppelt elend sein, weil er nichts davon genießen könnte. Arbeit und Mäßigkeit ist allein die goldne Regel und das sicherste Mittel, an Leib und Seele gesund zu werden und es immer zu bleiben. Der Himmel hat Jedem den Trieb eingepflanzt, für sein Fortkommen zu sorgen. Die Sorge für seine Gesundheit ist der erste und wichtigste Schritt dazu. Dem Kranken hilft nicht seine Kunst und seine Wissenschaft, nicht sein Fleiß und seine Geschicklichkeit. Aber es ist sodann auch unsere Pflicht, so viel uns in unserer Lage möglich ist, etwas zu lernen, das uns in der Zukunft Nahrung und Unterhalt verschaffen kann. »Er hat in der Jugend nichts gelernt«, ist ein Vorwurf, den man oft gegen einen Menschen machen hört, und der, wenn er gegründet ist, sehr traurig und drückend sein muß. Jeder soll also irgend etwas Gemeinnütziges in seiner Jugend zu lernen suchen, irgend ein Handwerk, irgend eine Kunst, irgend eine Fertigkeit in einer Art von Arbeit, wodurch er sich und Andern zu nützen hoffen kann. »Ein Handwerk hat einen goldenen Boden«, pflegt man zu sagen und sagt recht. Denn die Hauptbedürfnisse in dem menschlichen Leben bleiben immer die nämlichen, und Handwerker, welche diese Bedürfnisse durch ihre Arbeit befriedigen, sind immer die unentbehrlichsten, die schätzbarsten und also die sichersten. Der Ackerbau, so einfach er scheint, erfordert eine Menge Dinge, deren aufmerksame Erlernung und zweckmäßige Uebung den Verstand und die Ueberlegung beschäftigen können. Alle diese Dinge, so geringe sie vielleicht einzeln sein mögen, sind uns in unserm Stande höchst wichtig. »Zwischen Pflügen und Pflügen ist ein Unterschied«, sagt das Sprichwort, und nicht Jeder ist ein guter, geschweige denn ein vollkommener Landwirth, der eine gerade Furche ziehen und eine Wiese mähen kann. So wie jeder Handwerker seine Geräthschaften ganz kennen, ihre Tüchtigkeit beurtheilen und sie alle zweckmäßig zu gebrauchen wissen muß, so muß auch jeder Landmann seine mannichfaltigen Werkzeuge zu beurtheilen und fertig zu gebrauchen verstehen. Der Ackerbau ist immer die sicherste, unfehlbarste Stütze des menschlichen Lebens, und wer ihn mit gehöriger Aufmerksamkeit und gehörigem Fleiß und gründlich treibt, wird am Wenigsten in Gefahr kommen, Mangel zu leiden. »Das ist mein Acker und Pflug!« pflegt der Gelehrte von seinen Büchern, der Kaufmann von seinem Handel, der Künstler von seiner Kunst und jeder ordentliche Mann von der Beschäftigung zu sagen, auf die er sich am Besten verlassen zu können glaubt; ein Beweis, daß Acker und Pflug, wenn sie gleich nicht immer reich machen, doch ihre Arbeiter am Wenigsten verlassen. Also vorzüglich durch Erlernung Alles dessen, was zum glücklichen Fortkommen in irgend einem Fache gehört, sei es Kunst oder Handwerk oder Ackerbau, sorgen wir am Wesentlichsten für unsere irdische Wohlfahrt. Alles Uebrige, Geld. Güter, Häuser, Hausgeräthe, können wir durch irgend einen Unglücksfall verlieren, aber unsere Einsichten, durch die wir uns wieder helfen können, bleiben; unsern Fleiß, unsere Standhaftigkeit, unsern Muth, uns gegen das Unglück zu stemmen, kann uns Niemand nehmen. Diese schätzenswerthen Eigenschaften werden im Gegentheil im Unglück oft noch stärker und nützlicher. »Wer ein ehrlicher Mann ist und das Seinige gelernt hat,« ist die gute schlichte Redensart, »kommt überall fort.« »Den Geschickten hält man werth, den Ungeschickten Niemand begehrt.« Wir können freilich nicht dafür stehen, daß es uns immer glücklich gehen werde. Aber eben deswegen sollen wir durch Fleiß, Gewöhnung und Erlernung alles Nützlichen, was wir je brauchen können, dafür sorgen, daß uns Unglücksfälle des Lebens, wenn sie eintreten, nicht niederschlagen. Von der Ordnung »Ordnung ist das halbe Leben«, heißt es; und wenn man das Glück des Ordentlichen und die traurige Lage manches Unordentlichen ansieht, so dürfte man wol sagen: »Ordnung ist das ganze Leben!« Das höchste Muster aller Ordnung und der herrlichsten Übereinstimmung ist Gott in seiner Weltregierung. Millionen Sterne gehen ihre gemessene Laufbahn; die Sonne geht auf und unter; der Mond wächset und nimmt ab, die Jahrszeiten kommen und gehen, und Alles nach den weisesten, festesten Regeln. Alles ist und bleibt und gedeihet, wie es soll; Alles ist zum Glück der Geschöpfe eingerichtet. Wenn ein Reich in allen seinen Theilen glücklich ist, wenn alle Stände, vom Throne bis zur geringsten Strohhütte ihre Pflicht thun und einander mit Eifer wechselseitig unterstützen, so sagen wir: »Es ist Ordnung im Lande!« Und wenn wir sagen: »Es ist keine Ordnung im Lande!« so ist das der schärfste Tadel, den wir über die Verwaltung der öffentlichen Geschäfte ergehen lassen. Ebenso ist es in der Stadt und in der Gemeine, und ebenso ist es in der einzelnen Haushaltung und mit jedem einzelnen Menschen. »Er ist ein ordentlicher Mann, sie ist eine ordentliche Frau!« ist ein allgemeines, vielbedeutendes Lob, wenn es von einem Menschen gesagt wird. Mit Ordnung wird jedes Geschäft leichter, jede Arbeit angenehmer, jede Beschwerlichkeit eher überstiegen, jede Unannehmlichkeit vermieden oder bald beigelegt. Selbst Gefahr und Unglück werden durch ununterbrochene Ordnung am Besten vorhergesehen und abgewandt. »Es ist nichts mit ihm anzufangen, er ist ein unordentlicher Mensch!« hört man von einem Menschen, den man wol zuweilen noch härter einen Taugenichts nennt. Hat irgend Jemand Ordnung nöthig, so ist es der Landmann, da sein ganzes Leben in einer Verkettung von Dingen besteht, die oft einzeln von keiner Wichtigkeit zu sein scheinen, die aber im Ganzen die Seele der Landwirthschaft und des ländlichen Wohlstandes ausmachen. Wenn man durch einen Ort reiset, fällt man nicht gleich von dem äußern Anschein ein ziemlich richtiges Urtheil: hier wohnen gute, oder hier wohnen schlechte Wirthe? Wo die Dächer löcherig, die Thore verfallen sind, wo das Vieh über alle Zäune und Mauern springt, wo in den Gärten die Bäume dünne und zerbrochen stehen, wo der Schmutz in allen Höfen bis an die Knie geht, wo das Vieh aussieht wie die theure Zeit in Aegypten, da kann man sicher schließen, daß es um die Haushaltungen und um die Gemeine schlecht bestellt ist. Wo aber rund um das Dorf die Baumpflanzungen blühen, wo die Gärten voll Obstbäume stehen, die Wege und Fußsteige gangbar und reinlich sind, wo die Thiere mit den Menschen sich wohl befinden, da darf man sicher auf gute Ordnung im Orte rechnen. Es ist ein Vergnügen, wenn man zuweilen vor einem Hofe vorbeigeht und sieht, wie Alles, vom Wohnhause bis zum Hühnerstalle so gut und nett und reinlich und bequem ist. »Hier wohnt ein sehr ordentlicher Wirth,« sagt der Fremde und betrachtet die Pflanzung und den Bau einigemal mit Zufriedenheit, ehe er weiter geht. Traurig und niederschlagend ist es hingegen, ganze wichtige Wirtschaften in dem kümmerlichsten Verfall zu sehen, wo man schon am durchlöcherten zerbrochenen Thorwege die wahre Beschaffenheit des Inwendigen befürchtet und ziemlich richtig muthmaßet. Freilich ist es nicht allemal der Fall, daß der Besitzer eines solchen Hauses durch seine Nachlässigkeit und Unordnung Schuld des traurigen Anblicks ist. Häusliche oder öffentliche Unglücksfälle können Ursache seines Unvermögens sein und ihn hindern, so viel wieder herzustellen und auszubessern, als nöthig wäre und er wol wünschet. Aber dieses ist doch der seltnere Fall. Es ist eine böse sündliche Vernachlässigung, nichts mehr thun zu wollen, als wir zur Noth für uns zu brauchen glauben. Wenn unsere Vorfahren ebenso gedacht hätten, wie würde es jetzt auf der Erde aussehen? Wenn sie keine guten Häuser gebaut, kein Holz, keine Bäume angepflanzt hätten, wie traurig würde es um uns und unsre Zeitgenossen stehen? Gott gab uns die Erde mit dem Befehl, sie zu bauen. Es ist also nicht allein Vernachlässigung unsers eigenen Glücks, es ist Verachtung des göttlichen Gebots, wenn wir es nicht thun oder nicht so gut thun, als wir können. Wir können von einer Gegend zu ihrem Lobe und zur Empfehlung ihrer Bewohner kaum etwas Besseres sagen, als: »Die Gegend ist herrlich bebaut; man findet keinen Fußbreit Landes unbenutzt; es ist Alles wie ein schöner Garten.« Und wir können kaum etwas Schlimmeres von einem Lande und von seinen Einwohnern sagen, als wenn man spricht: »Es ist Alles verfallen, wüste und leer, als ob gar keine Menschen dort wohnten.« Es ist uns so wohl, wir sind so glücklich, wenn wir unter einem Baume sitzen, seinen Schatten genießen oder von seinen Früchten zehren, und wenn dann die Alten sagen: »Diesen Baum hat mein Großvater gesetzt, er war der Lieblingsbaum meines Vaters; so lange und so viel hat er schon getragen, und so lange verspricht er noch zu leben und so viel noch zu tragen. Wir genießen schon seit Jahrhunderten das Glück, daß wir freie Leute sind. Keine Gewalt, keine Willkür kann uns aus dem rechtlichen Besitze unserer väterlichen Güter vertreiben. Gesetze und Gerechtigkeit schützen uns vor allen Eingriffen, und Niemand schränkt uns ungebührlich in unsern Eigentumsrechten ein. Unsere Kinder und Enkel sind gewisse Erben Alles dessen, was wir von unsern Vätern bekamen und durch unsern Fleiß erwerben. Sollten wir nicht für sie pflanzen und bauen, so viel wir können, damit sie uns einst ebenso danken, wie wir jetzt unsern Vorfahren?« Sollte nicht jeder gute menschenfreundliche Wirth bei der Pflanzung eines Baumes, wenn er auch vielleicht nicht mehr hoffen kann, seine Früchte zu essen, bei sich selbst mit innigem Vergnügen denken: »Meine Enkel und Urenkel werden einst hier sitzen und glücklich sein und mich segnen?« Das ist gut und edel gedacht und gehandelt; und solche Gedanken und Handlungen belohnen sich schon durch sich selbst. Der Gute findet Vergnügen im Gutesthun. Die Ordnung und ihr Vortheil zeigt sich überall im Kleinsten wie im Größten. Schon Kleidung und Betragen zeichnen den ordentlichen Menschen aus; Jeder hat sogleich ein gutes Zutrauen zu ihm, so wie man gegen einen Unordentlichen, den seine Unordnung auch meistens schon im äußern Aufzuge sichtbar macht, sogleich Mißtrauen hat, und mit Recht. Denn wer will einem Menschen fremde Sachen sicher anvertrauen, der seine eigenen nicht in Acht nimmt? Der Ordentliche hat alle seine Sachen an der rechten Stelle und alle in der Beschaffenheit, wie sie sein sollen. Reinlichkeit und Nettigkeit herrscht überall, wo es nur möglich ist. Zu jedem Gebrauch kann er jedes Werkzeug sogleich finden, jedes ist im Stande, so daß auf keine Weise ein Aufenthalt entsteht. Von dem Pfluge und dem Wagen, als den Hauptinstrumenten des Landmanns, bis zu der Dreschflegelkappe und dem kleinsten Nagel an der Tennewand ist Alles, wie es sein soll. Da geht Alles, wie und wenn es gehen soll. Die Aecker sind bestellt zur rechten Zeit; die Gräben sind gezogen, ehe der Regen einbricht; das Heu wird gemacht, ehe es das Wasser verderben kann; die Ernte ist vollendet, wenn der Pastor das Fest halten will, und der Schnee kommt nicht, ehe die Wintersaat besorgt ist. Der Dünger liegt nicht Monate lang auf dem Felde, ehe er eingepflügt wird, die Maulwurfshügel machen die Wiese nicht unsichtbar, und die Sense muß nicht erst aus der Stadt geholt werden, wenn die Nachbarn schon Heu einfahren. Es kann zwar einmal der Marder die Hühner im Stalle würgen, und die Sperlinge und Elstern können einmal die Käse aus dem Korbe verzehren; aber wenn es oft geschieht, so verdient der Hausherr, daß die Marder seine Hühner würgen und die Sperlinge und Elstern seine Käse verzehren. Nichts geht in der Welt über die Ordnung, und wie weit man in der Welt mit Wenigem und Ordnung kommen kann, zeigen hier und da Beispiele, welche aufmunternd sein sollten. Eine ziemlich arme Gemeine besetzte auf Anrathen und Vorstellung einiger vernünftigen Mitglieder etliche leere, sonst unbrauchbare Plätze an den Bergen mit Obstbäumen; in zehn Jahren verkauften sie schon das Obst jährlich für eine beträchtliche Summe und konnten in kurzer Zeit aus dem daraus gelösten Gelde nach Besorgung einiger andern geringern Nothwendigkeiten sich eine Spritze und ein Haus dazu bauen lassen und die übrigen Feuergeräthschaften in bessern Zustand setzen. Durch die Pflanzung wurden also sonst ungebrauchte Stellen benutzt, die Gegend schöner und anmuthiger gemacht und einem wesentlichen Bedürfniß abgeholfen, das, wenn es hätte sollen durch baaren Geldbeitrag besorgt werden, gewiß würde schwer geworden oder vielleicht noch lange aufgeschoben worden sein. So kann man durch Aufmerksamkeit und Ordnung Manches zu großem Vortheil benutzen. Von der Mäßigkeit und Sparsamkeit Diese beiden häuslichen Tugenden sind der Grundpfeiler der häuslichen Glückseligkeit. Den Meisten unter uns sind sie durchaus nöthig, wenn wir nicht bald zu Grunde gehen wollen, und selbst den Reichern an Gütern sind sie unentbehrlich. Sie folgen aus der Ordnung, oder sie sind vielmehr die Ordnung selbst im Genuß mit Vorsicht und Hinsicht auf die Zukunft. Der Mäßige hält ein im Genusse, um desto länger genießen zu können; der Sparsame geht haushälterisch um mit den Mitteln des Genusses, damit sie ihm nicht fehlen zur Zeit, wenn es am Nötigsten ist. Der Mäßige erreicht mehrere wohlthätige Zwecke durch seine Mäßigkeit. Er verlängert den Genuß und sichert ihn für die Zukunft, und ihm ist doppelt wohl bei dem Gegenwärtigen. Er ist froh, aber nicht ausgelassen; er genießt, aber er schwelgt nicht. Er nimmt zum Bedürfniß und zur Sättigung, aber nicht zur Völlerei; um Kräfte zu sammeln, nicht um sich zu mästen. Seine Seele herrscht über seinen Körper, und er läßt sie nicht in der Unthätigkeit des Körpers einschlummern. Mäßige Mahlzeiten geben frohe Tage und ruhige Nächte. Der gesättigte Mensch ist leicht und heiter und lebendig an Leib und Seele; der überfüllte ist träg und schleicht wie die Schlafsucht. Den Unmäßigen beschweret bald hier bald da eine Uebelkeit, und der Arzt und Apotheker haben zu arbeiten, um wieder gut zu machen, was er verdorben hat. »Keines Dinges zu viel«, ist ein goldenes Sprüchelchen überall. Mancher zerstört seine Gesundheit durch übermäßiges Arbeiten; aber Mehrere vielleicht zerstören sie durch Uebermaß in Speise und Trank. Beides ist sehr schlimm, aber das Letzte ist schändlich. Durch Ausschweifung entehrt der Mensch seine Vernunft, indem er sein Glück verwüstet. Er sinkt fast tiefer als die unvernünftigen Geschöpfe, welche selten über ihr Maß verzehren. Ein Landmann, der den Pflug regiert und den Wagen treibt und den ganzen Tag sich in der freien Luft bewegt, verlangt freilich billig mehr zu einer Mahlzeit als ein Stubensitzer, der selten vom Stuhle aufsteht. Der Landmann arbeitet mehr mit dem Körper, sein Körper muß also mehr Nahrung haben. Er ist stärker, eben deswegen verzehrt er mehr. Mäßigkeit ist eine Sache, die bei verschiedenen Personen Verschiedenes ist. Was für den Einen zuviel wäre, ist für den Andern noch zu wenig, und umgekehrt. Der sicherste Beweis, daß Jeder sein richtiges Maß beobachtet, ist, wenn er beständig gesund, leicht, munter und froh ist; wenn alle seine Arbeit fördert; wenn er nicht ungewöhnlich ermüdet; wenn er nach der guten Mahlzeit gut schläft, ohne viel und ängstlich zu träumen; wenn ihn sein Blut nicht peitscht; wenn er an Doctor und Barbier um Purganz und Aderlaß in zehn Jahren nicht denkt und die Apotheke den Leuten in der Stadt läßt. Uns gewöhnlichen Landleuten wird die Mäßigkeit weit leichter als den Reichen in der Stadt, die dann nicht einmal Gelegenheit haben, ihre Ueberfüllungen durch nöthige starke Bewegung einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen. Daher sind in der Stadt Schocke von Krankheiten, die wir in unserer glücklichen Unwissenheit gar nicht kennen. Den Reichen ist also bei ihrem Ueberfluß vorzüglich die Mäßigkeit zu empfehlen; den Armen empfiehlt sie oder gebietet sie sich mit ihrer Begleiterin, der Sparsamkeit, von selbst. Den Reichen ist sie höchst nützlich und nöthig; den Armen ist sie durchaus unentbehrlich. Sparsamkeit gehört durchaus zur Sorge für unser Glück, vorzüglich auf dem Lande. Wer bürgt uns, daß die künftige Ernte so reichlich sein werde wie die von diesem Jahr? Der Winter ist lang. Wenn das Obst alle frisch verzehrt oder verkauft und nichts getrocknet oder gebacken worden ist, so wird der Mangel dieser herrlichen gesunden Kost bald empfindlich gespürt. Werden die Bäume das künftige Jahr wieder so reichlich tragen? Vorrath im Keller und auf dem Boden ist die Pflicht des Hausvaters und der Hausmutter. So wie jeder vernünftige einzelne Mann auf sein Alter denkt, so denkt der Hausvater an die Zukunft für seine Kinder. Es ist Pflicht, den Kindern so viel als möglich das Erbe ihrer Vorfahren zu erhalten. Es ist etwas Ehrwürdiges, einen Hof von Vätern auf Söhne in einer langen Reihe Jahrhunderte herab beständig im Erbe und immer im Wohlstand zu sehen, ebenso ehrwürdig als die Besitzungen der Vornehmen von Ahnen zu Ahnen herab. Nur Häuslichkeit, Ordnung und Sparsamkeit kann dieses bewirken. Es ist höchst wehmüthig, wenn man von einem Manne sagt: »Er hat Haus und Hof verlassen müssen«, und höchst qualvoll muß es für ihn sein, wenn ihm sein eigenes Gefühl sagt, er selbst sei Schuld daran. Diese Sparsamkeit wird desto nothwendiger, je mehr man jetzt von allen Seiten die Bedürfnisse des Lebens vermehrt. Wir haben jetzt so in unsern Haushaltungen Dinge, die wir für unentbehrlich halten, von denen man vor hundert Jahren noch gar nichts wußte und sich ohne sie doch ebenso wohl oder besser befand. Der Tabak und der Kaffee verzehrt auch unter dem Landvolke große Summen, ohne daß er den geringsten Vortheil brächte. Verständige Aerzte behaupten und beweisen die Schädlichkeit von beiden, und doch nimmt der Gebrauch immer mehr überhand. Es ist ein großer Vortheil, wenn man alle oder doch seine meisten Nothwendigkeiten aus seiner eigenen Wirtschaft nehmen kann, welches mit diesen beiden überflüssigen und doch kostspieligen Bedürfnissen durchaus unmöglich ist. Jeder für sich und Alle für Alle sollten nach und nach diesem Unheil zu steuern suchen, das schon manchen Magen und manche Geldbörse verdorben hat. Wenn man Jemand, der es nicht gewohnt wäre, zur Strafe zwänge, Tabak zu rauchen oder zu schnupfen, so würde diese Strafe sehr grausam scheinen, so ekelhaft und widerlich ist diese berauschende, giftartige Pflanze der Natur. Jetzt hat die verderbliche Gewohnheit auch fast die Natur verkehrt; so viel Gewalt hat eine anfangs unsinnige Mode, wenn sie einmal durch Allgemeinheit das Lächerliche verloren hat. Von der Arbeitsamkeit Arbeit erhält das Leben; der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen. Wenn er nichts zu arbeiten hat, so sucht er sich wenigstens zum Ersatz Beschäftigungen und thut oft, da er nichts Gutes zu thun weiß, etwas Böses. Das ist der Fall oft mit den Reichen, die in der Ueppigkeit des Ueberflusses an wahre Arbeit nicht denken. Daher das alte Sprichwort: »Müssiggang der Laster Anfang.« Das erste wahre Geschenk, das also Eltern ihren Kindern machen können, sie mögen arm oder reich, geringe oder vornehm sein, ist, daß sie dieselben zur Arbeit gewöhnen. »Er will nicht arbeiten«, sagt man im gemeinen Leben von einem Menschen, der ganz unbrauchbar ist, und den man seine ganze Verachtung fühlen lassen will. Arbeit ist das erste Mittel, an Leib und Seele gesund zu sein. Arbeit würzt die Mahlzeit, und dem Arbeitsamen schmeckt schwarzes Brod und eine Wassersuppe besser und wird ihm wohlthätiger als dem faulen Schwelger fremde Weine und Wildpasteten. »Wie geht es, Nachbar?« fragt man. »Wir arbeiten brav«, ist die Antwort; »und da schmeckt das Essen, und da sind wir gesund.« Arbeit und Mäßigkeit und Frohsinn sind die besten Aerzte. Der letzte begleitet gewöhnlich die beiden ersten. Der gute Arbeiter, welcher mäßige Mahlzeiten hält, klagt selten über Magendrücken, Schwindel, Kopfschmerzen und Bauchgrimmen; der Doctor ist für ihn ein Mann, für den er in seinem Ausgabebuche höchst selten etwas anschreibt. Die Arbeit ist das einzige sichere Mittel zum Wohlstande. So wohlthätig hat es durchaus der Himmel geordnet, daß immer ein Segen aus dem andern stießet. Der Arbeitsame erhält seine Gesundheit und gewinnt Vorrath für künftige Vorfälle des Lebens. »So Jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen«, sagt der biblische Sittenlehrer. Die Wahrheit des Spruchs zeigt sich bald an dem Uebertreter der Ordnung. Wer nicht arbeitet, verdient nichts, hat bald nichts und kann also nichts verzehren. Mangel und Dürftigkeit folgen dem Faulen auf dem Fuße nach. Schon die Faulheit selbst ist eine Krankheit, und wer ihr nicht bei Zeiten zu steuern sucht, fällt aus einem Uebel in das andere. Der Faule ist langsam, träge, verdrossen, mürrisch und wird sodann furchtsam, blödsinnig, dumm. Selbst der Genuß des Lebens ist für ihn beschwerlich. »Er ist zu faul zum Essen«, sagt man, die faulste Faulheit auszudrücken, und sehr passend von einem solchen völlig unthätigen Geschöpf. Nur die größte Unbequemlichkeit und der schärfste Reiz des Hungers treibt ihn zur Schüssel; und er glaubt eine Arbeit gethan zu haben, wenn er den Magen zur gemächlichen Verdauung angefüllt hat. Träge Thiere sind zu nichts gut als zur Mast; aber die Mast des faulen Menschen ist der Gesellschaft eine doppelte Last, da er doch nun einmal Mensch ist. Die Faulen gehören zur Strafe der Erde, zu den Geschöpfen, von welchen man sagt, daß sie nur da sind, die Früchte des Landes zu verzehren. Nichts Verächtlichers kann man von einem Menschen sagen als dieses; es ist nur in der Natur des Ungeziefers, Alles zu verzehren und nichts zu erwerben. Die ganze Schöpfung ist thätig und regsam; Alles arbeitet auf der Erde; Alles hat den Trieb, die Sorgfalt für sich und seine Brut. Manche Thiere können dem Menschen Muster des Fleißes, der Arbeitsamkeit und der Sparsamkeit sein. Wie emsig im Grund sich die Ameise regt Und Körnchen bei Körnchen zum Vorrathe trägt! Sie schafft in dem Sommer, damit es ihr nicht Im Froste des Winters an Brode gebricht. Dort sammelt die Biene mit künstlichem Sinn Von Blume zu Blume den süßen Gewinn; Das wirthliche Völkchen fliegt ein und fliegt aus Und füllet mit Honig das zierliche Haus. Geh, siehe das kleine, das fleißige Thier, Du müssiger Fauler, und lerne von ihr; Geh, sammle wie Bienen, es eilet die Zeit, Bald sind mit Gestöber die Fluren beschneit! Durch Arbeit erwirbt man nicht allein, sondern man lernt auch Mäßigkeit und Ordnung. Wer es weiß, wie sauer Manches zu erwerben ist, der lernt den Werth desselben schätzen, der denkt nach, wie viel mit dem Erworbenen gethan werden kann, und rechnet aus und setzt sich vor, so viel als möglich damit zu thun. Wer arbeitet, thut nichts Böses; denn nur dasjenige ist Arbeit, wodurch etwas Gutes und Nützliches für uns und Andere bewirkt wird. Wenn der Boshafte, der Menschenfeind den Untergang und das Verderben eines Andern sucht, und man sagt, er arbeitet, Andere zu verderben, so ist dieses eine ehrlose, schändliche Absicht, und die Bemühung verdient nicht den guten Namen, daß es Arbeit genannt werde. So trachtet ein böser Geist, Unglück zu stiften. Arbeit ist eine dauernde Beschäftigung zu einem nützlichen und löblichen Zwecke. Und wenn wir für uns und unsere Haushaltung sorgen, ohne daß wir Andern schaden, wenn wir unserm Nächsten helfen, ohne daß wir uns und unsere Familie ganz vernachlässigen, so können wir in dem besten Sinne sagen, wir arbeiten; kein Zweck kann nützlicher und löblicher sein. Von der Klugheit und Bedachtsamkeit im Reden Zwischen Weisheit und Klugheit ist ein großer Unterschied. Der Weise ist immer klug, aber der Kluge ist nicht immer weise. Weisheit ist Tugend, verbunden mit Klugheit; Klugheit ist oft ohne Tugend. Wir sagen oft: »Er ist ein kluger Mann!« von einem Menschen, der nur seine Geschäfte mit vieler Feinheit macht und sich zuweilen über einen Betrug, den man ihm nicht beweisen kann, kein großes Gewissen macht. Das ist eine sehr boshafte Klugheit. Aber wir sollen doch auch klug sein; das heißt, wenn wir gut und tugendhaft sind, so sollen wir uns auch bemühen, so zu scheinen, daß man uns nicht für schlimm halte, daß wir durch Unachtsamkeit, Leichtsinn und Unbesonnenheit nicht uns selbst und vielleicht auch Andern schaden. Was hilft es manchmal einem Manne viel in der Welt, wenn er auch wirklich der ehrlichste Mann ist und doch Jedermann das Gegentheil von ihm glaubt und deswegen durchaus kein Zutrauen zu ihm hat? Ist nicht ein wirklich ehrliches Mädchen eben auch unglücklich, wenn man ihre Ehre und Tugend überall bezweifelt und ihr keine Sittsamkeit mehr zutraut? Der Schein thut viel in der Welt. Wir sollen also auch auf den guten Schein halten. Sehr schlimm ist es, wenn viele Menschen auf mehr nichts als auf den Schein halten. Diese nennt man mit Recht, wenn sie fromm scheinen wollen, Frömmler und Scheinheilige, und wenn sie für ehrliche Leute gelten wollen, Gleißner und Duckmäuser. Wir dürfen nur erst wirklich gut sein, so wird uns der Schein nicht schwer werden. Der Schein ist meistens nur wegen der Schlimmen, welche so gern immer Arges von ihrem Nächsten denken, weil sie selbst arg sind. Wir sollen also Klugheit mit der Tugend verbinden, aber nicht durch den Schein der Klugheit den völligen Mangel der Tugend verbergen. »Seid klug,« steht in der Schrift, »aber seid ohne Falsch!« Wir sollen also nicht allein nichts Böses thun, sondern wir sollen auch etwas Gleichgiltiges unterlassen, wenn es durch die Umstände uns in den Verdacht des Schlimmen bringen kann. Ich spreche nur vom Gleichgiltigen, das an sich selbst weder gut noch böse ist. Denn etwas wirklich Gutes dürfen wir auch des Verdachtes wegen nicht unterlassen. Zum Beispiel, es geht Jemand oft des Nachts einen gewissen Weg, wo man glaubt, daß er keine gute Absicht habe, so soll er ihn nicht gehen, wenn seine Absicht nicht wirklich sehr gut und wichtig, sondern vielleicht nur gleichgiltig ist; denn er muß den Verdacht vermeiden. Es kann ihm selbst und vielleicht auch Andern schaden. Das verwickelt oft in gefährliche Weitläuftigkeiten, und man kann zuweilen dabei den guten Namen verlieren, ohne wirklich etwas Böses gethan zu haben. Und nach einem guten Gewissen ist ein guter Name für jeden Ehrliebenden das größte Glück in der Welt. Wer oft mit schlechten Leuten zusammen ist, den wird man bald für ihren Gesellen halten, und wenn er auch wirklich mit ihnen weiter keine Gemeinschaft hat. »Sage mir, mit wem Du umgehst,« heißt das Sprichwort, »und ich will Dir sagen, wer Du bist.« Vor Gott ist es genug, reines Herzens zu sein; denn Gott siehet das Herz an. Aber die Welt kann nicht die Herzen prüfen und muß oft nur nach dem äußern Schein urtheilen. Wer also den Schein gar zu sehr vernachlässiget, handelt nicht klug, handelt auch nicht gut und weise. Denn da wir mit Menschen umgehen müssen, sollen wir wissentlich den Menschen auch nicht die entfernteste Gelegenheit geben, Böses von uns denken zu können. Ebenso große Behutsamkeit ist im Reden nöthig. »Die Zunge ist ein kleines Glied, aber sie richtet viel Unheil an.« »Gedanken sind zollfrei«, sagt man; das heißt, der Mensch darf über alle Dinge nach seiner Ueberzeugung, so wie er die Wahrheit zu erkennen glaubt, bei sich urtheilen; aber sein Urtheil und das Gedachte zu sagen und unbedachtsam ohne Unterschied darüber zu sprechen, kann große, oft sehr schädliche Folgen haben. Wir haben vielleicht selbst noch nicht die Sache recht eingesehen und setzen sodann durch unsere Voreiligkeit und Ungeschicktheit Andere in Verwirrung, aus der wir weder sie noch uns wieder herausbringen können. Wir glauben, etwas sei wahr, welches doch vielleicht nicht wahr oder nur halb wahr ist. Wir glauben, etwas sei recht, welches doch nur unter gewissen sehr wenigen Umständen recht ist. Wir sind vielleicht gar nicht im Stande, über alle Umstände zu urtheilen, und wagen es doch, über die Sache selbst zu sprechen, als ob wir sie so gewiß und fest entscheiden könnten, wie zweimal zwei vier ist. Dadurch hat Mancher große Verwirrung angerichtet und sich in große Gefahr gestürzt. »Bedenke doch, was Du sprichst!« ist ein so gewöhnlicher Zuruf, eine so gewöhnliche Regel, daß man sie täglich vielmal hört, die aber desto öfter vergessen und vernachlässiget wird, je öfter man sie hört. Ein unbesonnenes Wort hat Manchen ins größte Unglück gebracht. »Er kann seine Zunge nicht im Zaume halten«, ist ein Vorwurf, den man einem Menschen mit Recht macht, welcher sich durch seine Heftigkeit oder Unbesonnenheit verleiten läßt, Dinge zu sagen, die er nicht beweisen kann, oder die in seiner Lage doch ihm nur schaden, ohne sonst Jemandem zu nutzen. »Was Deines Amts nicht ist, da laß Deinen Vorwitz,« sagt der alte biblische Klugheitslehrer. Das erstreckt sich aber nicht so weit, daß wir zahm und furchtsam schweigen sollten, wo Recht und Ordnung will, daß wir sprechen. Ein Mann, der mit Muth, Standhaftigkeit, Klugheit und Mäßigung für sich und die Gemeine spricht, verdient den Dank und die Achtung aller seiner Mitbrüder, auch wenn er seinen guten, gerechten Zweck nicht erreichen und vielleicht für seine Offenherzigkeit leiden sollte. Gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit dürfen wir nicht allein, sondern wir sollen sprechen. Die höhere Obrigkeit wird und will uns schützen, es ist ihre Pflicht, sowie es unsere Pflicht ist, ihr zu gehorchen und uns mit Ehrerbietung gegen sie zu betragen. Aber Gerechtigkeit und Ordnung, Mäßigung und Klugheit müssen überall unsere Führerinnen sein. Unnütze Worte verderben die Sache. Wir beleidigen oft durch ein übereiltes Wort bitter und ziehen uns unnöthig Feindschaften zu, die wir mit vieler Mühe kaum wieder aussöhnen können. Ueberhaupt ist das Vielreden selten ein Zeichen der guten Rede. Wenig reden und viel denken ist allezeit besser als viel reden und wenig denken, wie das oft der Fall ist. Wo viel Worte sind, da geht es ohne Sünde nicht ab, da werden gewöhnlich manche Fehler gemacht. Daher ist ein Großsprecher nie in dem Ansehen, daß er viel Verstand und Muth habe. Auch in unsern häuslichen Angelegenheiten und in Gesellschaften ist die äußerste Behutsamkeit der Zunge nöthig, damit wir uns nicht schaden oder durch Uebereilung und Unachtsamkeit Böses stiften. »Ein Wort giebt das andere«, sagt man im Guten; aber ebenso oft giebt ein Wort das andere im Schlimmen. Aus einer Freiheit wird oft Ausgelassenheit, aus der Ausgelassenheit wilder Muthwille, aus diesem Bitterkeit, aus dieser Beleidigung, aus der Beleidigung heftiger Zorn und großes Unglück. Der Sittenlehrer der Schrift kann nicht oft genug wiederholen: »Bewahre Deine Zunge!« Auch wird oft durch Leichtsinn im Reden, wenn auch nicht sogleich Unheil daraus entstehet, doch viel Schaden gestiftet. Viele ärgern sich vielleicht über unsittliche und unanständige Ausdrücke, die ein Anderer im ungezogenen Muthwillen redet. Hier kann oft Unbesonnenheit so viel Böses anrichten als die Bosheit selbst. »Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!« steht im Testamente. Vorzüglich ist es unverantwortlich, wenn Viele so äußerst leichtsinnig sind, in dem Beisein von jungen unschuldigen Leuten oder Kindern ohne Scham und Gefühl für Sittsamkeit Unanständigkeiten zu sprechen. Das Unglück, das daraus entsteht, ist oft nicht zu zählen. Ein Zotenreißer ist ein verächtlicher Mensch, der jeder gesitteten Gesellschaft Schande macht. Wer sich aber nicht vor Kindern schämt, der ist die Unverschämtheit selbst. Auch die Heiden gaben dieses Gebot, man sollte Ehrfurcht vor den Kindern haben, das heißt, man solle in ihrer Gegenwart durchaus nichts thun und reden, was auf irgend eine Weise ihre jungen Seelen verderben könnte. Mancher sucht eine Ehre darin, daß eine Gesellschaft eben nicht gezogener Leute seinen schmutzigen Witz belacht; er sollte aber dabei bedenken, daß Vernünftige ihn verachten, und daß vielleicht selbst seine übeln Gesellen nur deswegen froh sind, daß sie selbst noch nicht so unverschämt sind, als er sich durch seine Ungezogenheiten zeigt. Von der Freude Freude, Gottes schöne Gabe, Schmücket rund umher die Flur; Von der Wiege bis zum Grabe Lächelt Freude der Natur. Zu des Schöpfers Heiligthume Macht die Freude Wald und Au'; Freude blüht in jeder Blume, Perlt in jedem Tropfen Thau. Freundlich sinkt die Sonne nieder, Freude strahlt ihr letzter Blick; Majestätisch kommt sie wieder, Bringt die Freude neu zurück. Freude hauchen warme Düfte Mit dem Frühling durch das Blut; Freude wehen kühle Lüfte In des Sommers hoher Gluth. Freude ruft nach dem Gewitter Alles durch das weite Feld; Freude scherzet um den Schnitter, Der die schwere Garbe hält. Freude wirbelt durch die Lauben Aller Vögel Luftgesang; Freude blicken Purpurtrauben An des Hügels Rebengang. Freude nickt mit vollen Aesten Uns der Obstbaum freundlich nach; Freude säuselt in den Westen, Murmelt in dem Kieselbach. Freude blitzet nach dem Sturme Selbst des Winters Angesicht, Wenn die Dohle von dem Thurme Traulich mit der Elster spricht. Freude jagt den Schwarm der Knaben Auf dem Teich im raschen Lauf, Und als Freunde ziehn die Raben Ernst zum Fest mit ab und auf. Freude treibt das muntre Mädchen, Wenn der Sand im Glase sinkt, Von der Nadel und dem Rädchen Zu der Freundin, die ihr winkt. Freude hallet von der Tenne, Wenn der Schnee im Hofe flockt Und die Wirthin Hahn und Henne Vor der Thür zum Futter lockt. Freudig hüpft der Wiegenknabe In dem Arm der Wärterin; Freudig sieht der Greis am Stabe Auf die kleinen Enkel hin. Freude macht den guten Alten, Wenn die Schwätzer seine Knie Ungestüm umschlungen halten, Selber wieder jung wie sie. Freude, Gottes schöne Gabe, Schmücket rund umher die Flur, Von der Wiege bis zum Grabe Lächelt Freude der Natur. Alles durch die ganze Natur zeigt uns, daß der Mensch zur Glückseligkeit, zur Freude geschaffen ist. Die Sinne fühlen es, die Vernunft ruft es in uns, und die Religion bestätiget es mit ihrem heiligen Ausspruch. Alles, was ist, soll glücklich sein, soll Freude haben, so viel es genießen kann. Gott ist unser Vater, der Vater will seinen Kindern nur Wohlthaten geben. Gott ist die Liebe; die Liebe theilt nur Freuden aus. Die reinsten, unschuldigsten, wohlthätigsten und dauerhaftesten Freuden sind die Freuden der Natur. Diese können wir auf dem Lande vorzüglich reichlich genießen. Jede Jahrszeit wechselt mit eigenen Geschenken, jede bietet ihren eigenen Genuß dar. Im Frühling ist die Erde ein Blumenteppich und die Luft ein Balsamhauch; Alles wacht und lebt und wirkt von Neuem. Wer sich da nicht freuen kann, muß sehr unglücklich sein. Der Sommer giebt mit dem Heu und Getreide allerlei herrliche erfrischende Früchte, und seine Arbeiten sind mit tausend Annehmlichkeiten durchwebt für Alle, die sie genießen können. Der Herbst ist ein Segensbringer an Obst und Wein, reichlicher oder sparsamer und oft in solchem Ueberfluß, daß wir aus Leichtsinn den Reichthum nicht mehr achten. Jeder Ort und jede Gegend giebt ihre eigenen Schätze, wenn der Fleiß der Menschen sie nur bauen und sammeln will. Die Hügel geben Trauben, die Thäler Obst und Erdfrüchte aller Art. Der Winter ist die Ruhe des Jahres, aber dennoch reich an Freuden für Jeden, der die übrigen Jahrszeiten that, was er thun sollte, und des Winters nicht vergaß. Der Winter belebt die ganze Natur von Neuem; er giebt Stärke und Kraft und Munterkeit und Thätigkeit zum kommenden Jahre. Wäre das Jahr ein beständiges Einerlei, so würden uns bald Ueberdruß und vielleicht Ekel im Genusse stören. Aber der gütige Vater der Natur hat in seinen Geschenken die wohlthätigste Abwechselung. Alles kommt und geht und kommt wieder in seiner Reihe, mit immer neuer Verschönerung durch die wohlthätige Wirkung des Himmels und unsern eigenen Fleiß. Zur Freude ruft uns also Alles, was wir hören, winkt uns Alles, was wir sehen. Der wäre höchst undankbar gegen den Himmel, der sein Herz der Freude verschließen wollte. So wie ein froher, glücklicher Vater nichts lieber sieht, als wenn seine ganze Familie um ihn her versammelt sich freuet, so blickt Gott gewiß mit dem größten Wohlgefallen auf alle seine Geschöpfe herab, wenn alle mit froher, dankbarer Seele das Glück genießen, zu welchem er sie geschaffen hat. Aber unsere Freude muß menschlich, muß vernünftig und mäßig sein. Wer nur die Sättigung und den Rausch der Sinne kennet und darin seinen ganzen Genuß setzet, ist noch nicht der hohen Vorzüge werth, die ihm der Himmel gegeben hat. Die Sinne dürfen die Freude mit genießen; denn der Himmel hat sie uns auch gegeben, indem er uns zu Menschen schuf; aber die vernünftige Seele muß beständig am Ruder sitzen, um Alles zu ordnen und zu sichern, damit die Sinnlichkeit nicht den Meister spiele und allen Genuß für Gegenwart und Zukunft verderbe, anstatt ihn zu erhöhen. Die Freude wird wol zuweilen laut, bricht wol in ihrem Strome des Frohsinns in Gesang aus. Niemand darf und wird das tadeln, wenn er auch nicht selbst immer mit einstimmen kann. Aber wenn die Lust zu ausgelassener Wildheit, der fröhliche Gesang zum widerlichen, übertosenden Lärm wird, so verschwindet das schöne Geschenk des Himmels, die Freude, und es tritt oft Verdruß an ihre Stelle. Wer in seinem Genusse Sittsamkeit, Mäßigkeit und vernünftige Besinnung vergißt, ist jeder ordentlichen Gesellschaft eine Schande, und man schämt sich seiner mit Recht und sucht ihn zu vermeiden, wenn man ihn nicht bessern kann. Ein muthwilliger Freudestörer ist nie ein guter Mensch, und Derjenige muß gewiß sehr unglücklich oder sehr böse sein, dem eine unschuldig frohe Gesellschaft nicht Theilnahme an ihrem Vergnügen einflößt. Wer frohen Sinn hat, suche diesen frohen Sinn zu erhalten. Mit Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit, Fleiß und Erfüllung aller seiner Pflichten ist man beständig zufrieden, und die Heiterkeit verläßt nie ganz. Jede Lebenszeit sowie jede Jahrszeit hat ihre eigenen Freuden. Das Kind, der Knabe, der Jüngling, der Mann, der Greis haben sie; und wohl dem Alten, der noch mit grauem Haupte Antheil an den Freuden der Jugend nehmen und sie durch ernste Zurechtweisung ordnen und befördern kann! Der wahren, reinen Natur darf sich Niemand schämen. Wer den Geschmack daran verloren hat, der ist schon fast für die Welt, für seine Freunde und für sich selbst verloren. Wenn man einen recht unglücklichen Mann nennen will, so sagt man wol: »Er hat alle Freude verloren.« Möchte unter unsern guten Bekannten kein einziger solcher sein, und wenn je einer ist, so wollen wir mit brüderlicher Theilnahme durch jedes Mittel ihn zu erheitern suchen. »Er lernt sich wieder freuen«, sprechen wir, wenn wir die sichere schöne Hoffnung der Genesung von einem Kranken geben wollen, er leide an der Seele oder am Körper. Der Himmel mag Denen verzeihen, welchen es ein Vergnügen ist, die Freuden der Menschen zu zerstören; wir wollen sie bedauern. Von der Traurigkeit und dem Leiden So viel Freude und Genuß uns auch der Himmel giebt und bereitet, so ist doch das Leben nicht ohne Leiden. Der Kelch des Lebens ist nie ohne Mischung von Bitterkeit; selbst der Glücklichste kostet das Loos der Menschlichkeit. Der Mensch ist ein unvollkommenes Geschöpf; Unvollkommenheit erzeugt Schwachheit, Schwachheit Fehler, Fehler bringen Beschwerlichkeiten, eine Beschwerlichkeit wird Ursache von andern, und endlich wird zuweilen das Leben, verschuldet oder unverschuldet, eine Kette von Ungemach, deren ersten Grund wir kaum finden können. Und wenn wir die Klugheit der Engel und ihre Tugend hätten, würden wir doch nicht ganz ohne Leiden sein; denn auch Engel sind nicht unendlich. Nur der Unerschaffene allein ist rein und von sich selbst und durch sich selbst ewig vollkommen und ewig nothwendig selig. Als Menschen müssen wir also Leiden erwarten, uns als Christen darauf vorbereiten mit Muth und Stärke und Geduld, sie annehmen mit Gelassenheit und tragen mit Standhaftigkeit. Haben wir sie verschuldet, so lernen wir daraus Weisheit und Vorsichtigkeit, um sie ins Künftige zu vermeiden; sind wir uns keiner Schuld bewußt, so unterwerfen wir uns mit Ruhe der allgemeinen Fügung des Himmels und glauben, daß wir als Menschen nicht ganz ohne Leiden sein können, und daß doch endlich Gottes Güte noch Alles zu unserm Besten führen werde. Obgleich dieses Leben kein Jammerthal ist noch sein soll, so kann es doch unserer endlichen Natur nach und als eine Vorbereitung auf einen künftigen weit vollkommenern Zustand nicht ohne manches Uebel sein. Aber alles Uebel wird sich zum Guten lösen, und es hängt von uns ab, dadurch nach der Absicht Gottes weiser und stärker und besser und hier schon vollkommener zu werden. Wir dürfen also nicht glauben, daß Unglücksfälle und ungewöhnliches Elend willkürliche grausame Strafen Gottes sind. Gott straft kein Geschöpf, um es elend zumachen; er ist kein Mensch mit Zorn und Leidenschaft. Wenn wir sagen: »Gott zürnt«, so ist das sehr menschlich gesprochen und heißt nur: Gott will die Menschen durch nothwendige natürliche Folgen ihrer Vergehungen und Laster wie ein Vater durch heilsame Züchtigung zur bessern Einsicht bringen, damit sie nicht ferner den Weg der Tugend verlassen und für sich und Andere in der Welt Unglück stiften. Manche Leiden sind schon so nothwendig mit der menschlichen Natur verbunden, daß wir sie als ein Loos unserer Sterblichkeit nehmen müssen. Eben deswegen sind wir hier nur Menschen, das heißt Geschöpfe, die eben diese Naturen, eben diese Fähigkeiten, eben diese Freuden und Leiden haben und haben sollen. Gottes Rathschluß ist der beste, und kein Sterblicher hat ihn ganz durchschaut. Wir mögen so aufmerksam über unsere Gesundheit wachen, als wir nur können, irgend ein Zufall kann uns eine mehr oder weniger gefährliche Krankheit zuziehen, die mit mehr oder weniger Schmerzen verbunden ist. »Es ist menschlich«, das ist allerdings ein gründlicher Trost. Wer ist so kühn und vermessen, eine Ausnahme von dem allgemeinen Loose nothwendig machen zu wollen? Unsere Väter sterben, wie ihre Väter gestorben sind, und wir selbst werden sterben wie unsere Väter. Der ist gefühllos, der dann dem Loose der Menschlichkeit keine Thräne der Rührung und Wehmuth zollen kann. Aber dieses Loos ist menschlich, und die Thräne ist es auch. Trauern dürfen wir, denn es liegt in der Natur. Der Himmel selbst führt Zufälle herbei, wo die Wehmuth unwillkürlich in unser Herz dringt und die Thräne unbemerkt in unser Auge tritt. Trauern führt zum Ernst, Ernst zum Nachdenken, Nachdenken zur Weisheit und Weisheit zur Glückseligkeit. Wir sollen aber nicht die Traurigkeit bei uns so herrschend werden lassen, daß wir dadurch unser Leben verseufzen, die Kräfte unserer Seele und unsers Körpers schwächen, unsere Pflichten vergessen und uns und unsere Familie und Freunde mit uns unglücklicher machen, als wir sonst wären. Wir sollen durch Unglück Muth sammeln, aber uns nicht niederschlagen lassen. Unglück bildet den Menschen oft zur Tugend, den das Glück fast verzogen hatte. Alles, was der Himmel uns schickt, sollen wir zu unserer Besserung und Befestigung im Guten nützen. Der Mensch, der sich in Glück und Unglück nicht mäßiget und sich nicht gleich bleibt, sieht das Leben und die Dinge des Lebens noch nicht mit rechten Augen an. Wir sollen nicht hart und unempfindlich sein; aber der Schmerz soll uns nicht völlig niederschlagen, daß wir nicht uns selbst und unsere Freunde und Alle, denen wir Pflichten schuldig sind, darüber vergessen. So wie die Freude größer wird durch Theilnahme, so wird der Schmerz kleiner. Es ist also Menschlichkeit und Christenpflicht, den leidenden, trauernden Bruder durch Freundschaft aufzurichten, seinen Kummer zu theilen und ihn zu zerstreuen, Alles aufzusuchen, was ihm seine Leiden erleichtern und vergessen machen kann, mit Rath und That ihm beizustehen, damit der Gram nicht in seiner Seele herrschend werde. »Tröstet Einer den Andern!« sagt Paulus, der tief aus dem Herzen des Menschen heraus und deswegen wieder tief in das Herz des Menschen spricht. Wer des Trauernden spottet, dessen Seele ist hart wie ein Kiesel und nicht werth, daß der Himmel ihm Freude gebe. Es giebt Unglücksfälle, wo sich Vernunft und männliche christliche Tugend bald faßt. Den Verlust des Vermögens vermindert der Gute durch innere Zufriedenheit, durch neu angestrengten Fleiß und Mäßigkeit. Ueber eine geringe Ernte tröstet die Hoffnung der künftigen. Gegen Bosheit und Verleumdung schützt ein gutes Gewissen und die Freundschaft der Rechtschaffenen, gegen Ungerechtigkeit die frohe Ueberzeugung, daß es besser sei, Unrecht zu dulden, als zu thun, und daß wir nicht so böse handeln würden. Aber es giebt Schläge des Schicksals im Leben, die das Herz tiefer verwunden, und desto tiefer verwunden, je besser und gefühlvoller es ist. Die gewöhnlichen traurigen Begebenheiten des Lebens, der Tod geliebter Eltern und Gatten, hoffnungsvoller, freudenversprechender Kinder, an denen jetzt schon die ganze Zärtlichkeit des Vaters und der Mutter hing, rühren die Seele auf lange Zeit mit unüberwindlicher Wehmuth, und jeder Gedanke, jede Erinnerung ist ein neues trauriges Gefühl. Untreue der Freunde, für deren Rechtschaffenheit wir fast mit unserer eigenen gebürgt hätten, und Betrug von Personen, die wir so innig liebten, so hoch schätzten, dieses Alles sind Erfahrungen, die das Herz der edelsten Menschen mit Traurigkeit und zuweilen mit vieler Bitterkeit füllen. Diese Erfahrungen sind auch der Probestein unserer Vernunft und unseres Glaubens an Tugend und Vorsehung. Es ist freilich höchst traurig und niederschlagend, wenn wir Menschen, die wir sehr lange Zeit und fest für gut und redlich hielten, auf einmal sehr schlimm finden; wenn wir sehen, daß Diejenigen, die wir für gerecht hielten, höchst ungerecht, die wir für leutselig hielten, höchst grausam, die wir wohlthätig glaubten, höchst eigennützig sind, und es ist schwer, nicht in den Glauben zu verfallen, alle Menschen seien nichts werth, da uns Diejenigen betrogen, die wir für die Besten hielten. Aber wir dürfen in unserm Schmerz, in unserm Unmuth nicht selbst ungerecht werden. Wie klein und eingeschränkt ist unsere Bekanntschaft! Es giebt der guten Menschen gewiß noch recht viele, und selbst unter den Schlimmen ist selten Einer so schlimm, als man von ihm glaubt. Wir wollen unsern Schmerz und unsere Unzufriedenheit also auch in dieser Rücksicht zu mäßigen suchen. Jeder mag seine Gesinnungen und seine Handlungen verantworten. Der Himmel kennt das Herz eines Jeden und wird ihm endlich geben, was er verdient. Wir wollen die Betrübniß und die Traurigkeit, so viel wir können, zu vermindern uns bemühen. Jeder Unglückliche soll bei uns Zuflucht, jeder Leidende bei uns Theilnahme, jeder Trostbedürftige aufmunternde Zusprache finden. Leiden sind nicht die Absicht des Himmels, aber oft heilsame Mittel, die Menschen so gut, so vollkommen und endlich so glücklich zu machen, als sie werden können. Keiner unserer Freunde soll in trüber, schwermüthiger Einsamkeit seinem Schmerze nachhängen; wir wollen ihn zu erheitern und ihn für die Freude empfänglich zu machen suchen. Und wo der Schmerz eines Unglücklichen unheilbar ist, so wollen wir eine Thräne des Mitleidens mit ihm weinen und ihm wenigstens so viel Trost und Linderung verschaffen, als er in seinem Zustande haben kann. Wer seinen Bruder leiden sieht Und, kalt bei seinem Leiden, Sich ihm zu helfen nicht bemüht, Verdienet keine Freuden; Wer nicht ein Mensch mit Menschen ist, Ist noch viel weniger ein Christ. Wir wollen nie vor Gram und Schmerz Des Nächsten uns verschließen Und, wo wir können, in sein Herz Trost, Muth und Labung gießen; Denn glücklich, glücklich ist der Mann, Der Kummervolle trösten kann. Wer in ein Haus, wo Trauern war, Die Freude wieder bringet, Den segnet dort der Sel'gen Schaar, Die schon am Throne singet, Wenn von des Leidenden Gesicht Nun nur des Dankes Thräne spricht. Vom Muthe In allen Lagen des Lebens ist Entschlossenheit und Muth oft nöthig, manchmal unentbehrlich und immer höchst nützlich. Muth ist eine ausgezeichnete Gabe des Mannes, die man bei ihm voraussetzt und verlangt. Ein Mann, der keinen Muth besitzt, gilt kaum für einen Mann, und selbst die Weiber können ihm ihre Geringschätzung kaum verbergen. Muth braucht nicht allein der Kriegsmann, der Reisende, der Handwerker in gefährlichen Arbeiten; jeder Mensch braucht Muth bei vielen Vorfällen des Lebens. Wir können die Gefahren nicht voraussehen, in welche wir gerathen werden. Nur Muth rettet in Gefahr, entfernt oder überwindet sie. Wo mehr Stärke ist, da setzt man auch mehr Muth voraus. Der Muth ist Vertrauen auf seine Kräfte, Seelenkräfte oder Kräfte des Körpers. Man fordert also von dem Manne mehr Muth als von dem Weibe, weil er der Stärkere ist, und wenn die Frau mehr Muth hat, so ist es ein Beweis, daß sie die Stärkere ist, wenigstens an Geist. Meistens thut Geistesstärke mehr als Körperkraft. Der Mann soll nicht allein seines Weibes, sondern seiner ganzen Familie Schutz und Vertheidiger sein; ohne Entschlossenheit und Muth wird er diese Pflicht sehr schlecht erfüllen. Den Muthlosen schlägt die kleinste Gefahr nieder, und er sieht oft die nächsten, leichtesten Mittel zur Rettung nicht. »Er hat den Muth verloren«, sagt man von einem Menschen, der sich gar nicht mehr dem Unglück entgegenstemmen kann, und der also alle Aussichten auf Glück durch eigene Kleinmüthigkeit aufgegeben hat. Ein solcher Mensch hat die Würde des Menschen verloren. Mensch sein heißt mit Vernunft und Kraft arbeiten und wirken und durch sein Wirken etwas Gutes zu erreichen hoffen und den Ausgang der wohlgemeinten Arbeit dem Lenker des Schicksals überlassen. Wer nicht mehr wirkt und arbeitet und hofft, ist fast zur Maschine geworden. Beklagenswerth sind die Menschen, die durch widrige Schicksale sogleich kleinmüthig werden, die sodann in Traurigkeit, Furcht und Unthätigkeit versinken, und es ist unsere Pflicht, die wir nicht so schwach sind, sie so viel als möglich durch unsere Standhaftigkeit mit aufrecht zu halten. Muth ist zwar ein Geschenk der Natur, und wem die Natur dasselbe versagt hat, der wird es sich nie in einem hohen Grade erwerben; aber wir können doch durch Vernunft und Uebung, durch Anstrengung und Abhärtung, durch Bekanntmachung mit Gefahren und glücklicher Ueberwindung derselben nach und nach uns eine Festigkeit verschaffen, die dem natürlichen Muthe oft nichts nachgiebt. »Noth bricht Eisen«, sagt man, und Gefahr giebt Muth. Es ist aber immer ein mißliches Unternehmen, sich durch wirklich große Gefahren erst Muth erwerben zu wollen, in welche wir schon Muth mitbringen sollen. Jeder Mensch hat natürlichen Muth; nur wird er bei Manchen in der Jugend genährt und ausgebildet und bei Manchen gedämpft und erstickt. In der Jugend muß dem Knaben Muth eingeflößt werden, der ihn als Mann einst zeigen soll. Wenn das Kind und der Knabe mit übertriebener Aengstlichkeit vor jedem raschen Schritte gewarnt werden, wenn die Mutter ihn nicht von der Hand und dem Gängelbande lassen will, wenn man ihn mit Ammenmärchen, Gespenstergeschichten und allen Albernheiten des Aberglaubens überall einzuschränken sucht und dadurch seine junge empfängliche Einbildungskraft auf sein ganzes Leben krank macht; wenn jeder Fall, jedes Stolpern, jeder wunde Finger und jede blutige Nase kläglich betrauert und mit furchtbaren Beispielen aller Art begleitet wird, so wächst die Furcht mit den Jahren, wie der Muth gewachsen wäre, und es ist dann zu spät, wenn man endlich dem Jüngling die mädchenhafte Bangigkeit durch Vernunftgründe benehmen will. Der Knabe soll Muth haben und ihn nähren und wachsen lassen. »Es ist ein muthiger Knabe«, sagt man mit Vergnügen von einem Kleinen, der in seinen Kinderspielen schon zeigt, daß er einst ein fester, ernster, entschlossener Mann sein werde. Die Natur wird schon selbst warnen, und zu rechter Zeit gegebene Vorstellungen und Zurechtweisungen werden die jugendliche Hitze schon mäßigen. Es ist immer besser, man hat einst den Zügel nöthig als den Sporn; man kann das Feuer eher dämpfen als anfachen, den Muthigen eher zurückhalten als den Furchtsamen vorwärts bringen. Daß die Weiber nicht den Muth der Männer haben, liegt in der Natur und es ist weise Absicht der Natur. Ihr Bau ist feiner und zarter; ihre Geschäfte sind mehr häuslich und wirthlich; sie sind nicht zu großen Unternehmungen bestimmt. Ein Weib kann des Muthes eher entbehren als ein Mann; er würde ihr oft nicht einmal zur Ehre gereichen. Wir wollen gewiß keine Frau loben, wenn wir von ihr sagen: »Sie ist ein wahrer Dragoner von einem Weibe.« Schüchternheit, Besorglichkeit und etwas Furchtsamkeit liegen in dem Wesen der Weiber, und der Himmel hat dieses sehr weise eingerichtet; denn diese Schwachheiten sind sehr genau mit den weiblichen Tugenden der Sittsamkeit, der Schamhaftigkeit und Sanftmuth verbunden. Aber wenn diese Furchtsamkeit in erschütternde Aengstlichkeit ausartet, so ist sie auch dem Weibe schädlich und selbst bei dem Weibe lächerlich, und das Weib muß sodann sich durch vernünftiges Nachdenken davon losmachen und etwas Entschlossenheit und Unerschrockenheit zu erhalten suchen. Dies ist nöthig, zumal bei uns auf dem Lande, wo die meisten Arbeiten immer etwas beschwerlich sind und es manche Gelegenheit giebt, wo auch Frauen durch ihre Kleinmüthigkeit und Bangigkeit zu ihren Pflichten ungeschickt werden. Muth ist zu allen Dingen gut, aber der Muth des Weibes bestehet mehr in stiller Ruhe und Gelassenheit und williger Folgsamkeit, wo die Nothwendigkeit irgend etwas Gefährliches herbeiführt, das überstanden werden muß. Der Mann soll durch seine stärkere Vernunft und durch seinen höheren Muth den Muth des Weibes unterstützen; und wenn die Frau in seinen Gründen und seiner festen Entschlossenheit Beruhigung findet, so ist das Alles, was man von ihr erwarten kann. Von der Zufriedenheit mit unserm Zustande Es ist eine allgemeine Bemerkung durch alle Stände der Welt, daß fast Niemand mit seinem eigenen Zustande durchaus ganz zufrieden ist. Wenn dieses blos eine regsame innerliche Unruhe ist, daß wir uns in unserer Lage noch besser befinden könnten und also besser sein sollten; wenn wir uns also bestreben, immer besser zu werden, um uns immer besser zu befinden: so verdient dieses keinen Tadel. Es ist dieser Wunsch und dieses Bestreben vielmehr ein Geschenk des Himmels und soll immer fortdauern, um uns zu beständiger Thätigkeit anzutreiben und zu weitern Fortschritten anzuspornen. Wenn aber daraus ein peinliches Mißvergnügen entstehet; wenn wir dadurch verdrossen zu unsern Pflichten werden; wenn wir das nicht froh genießen, was wir haben, weil wir ängstlich nach dem geizen, was wir nicht haben und auch vielleicht nicht erhalten können: so ist dieses eine thörichte Selbstplage, Vergiftung unserer besten Freuden und die Quelle vieles Unglücks für uns und Andere. Der Himmel hat das Ganze geordnet und Jedem seine Stelle angewiesen, auf welcher er stehet. Wer seine Lage in der Welt selbst gewählt hat, der hat seine Freiheit gebraucht und hat dadurch über sich selbst bestimmt. Ist es nun nicht Kurzsinn und Kleinmuth, Mißvergnügen darüber zu haben, was man doch mit freier Willkür sich selbst ausgesucht hat? Wer die eigene Wahl nicht hatte, muß glauben, der Himmel habe für ihn gewählt; und der Himmel sorgt für alle seine Kinder gut, wenn nur jedes die Mittel brauchen will, die ihm der Himmel zu seinem Glück in seiner Lage angewiesen hat. Wer mit seinem eigenen Willen unzufrieden ist, ist ein Thor; wer aber wider den Willen und die Weisheit des Himmels murret, ist ein Ruchloser. Vernunft, Tugend, Arbeit, Mäßigkeit, Vertrauen auf Gott, der unser Vater und allgemeiner Versorger ist, sind in jeder Lage Mittel, ein ruhiges und zufriedenes Herz zu bekommen und zu erhalten. Kein Stand in der Welt ist ganz ohne Unannehmlichkeiten; wir sind überall Menschen und haben überall mit Menschen zu thun. Es kann durchaus nicht Alles nach unserm Willen gehen. Das allgemeine Loos der Menschheit ist eine Mischung von Freuden und Leiden, Anmuth und Bitterkeit; wenn der Mensch verständig ist, so wird immer der Freuden und der Anmuth mehr sein als der Leiden und der Bitterkeit. Die meisten Unannehmlichkeiten in der Welt sind doch unser eigenes Werk. Wir sollen also darauf denken, sie zu entfernen, und nicht deswegen über das Schicksal murren. Es ist eine allgemeine Seelenkrankheit der Menschen, Andere für glücklicher zu halten als sich selbst. Schon dieser Gedanke zeigt von Schwachheit; und insofern ist man freilich nicht glücklich, weil man so schwach ist, zu glauben, daß man es nicht ist. Aber wer daraus Veranlassung und Ursache zum Trübsinn, zum mürrischen Wesen, zur herrschenden Unzufriedenheit nimmt, der verräth bei seiner Schwachheit noch Bösartigkeit. Wir sollten uns freuen, wenn Andere glücklicher wären, als wir selbst sind. Aber das ist doch meistens nicht der Fall. Das Glück eines Jeden liegt in seinem Gefühl, in seiner Ueberzeugung. Und dieses Gefühl, diese vermeintliche Ueberzeugung ist bei den meisten Menschen, die wir wegen ihres Glücks vielleicht beneiden, weit peinigender und quälender als bei uns selbst. Wir pflegen oft die Reichen und Vornehmen zu beneiden und haben wirklich gar nicht Ursache. Der Reichthum könnte zwar viel zur Vermehrung des irdischen Glücks beitragen, aber er trägt selten viel dazu bei. Mit ihm kommen Sorge, Furcht, Mißtrauen, oft Langeweile und Grillen, oft wol gar Hartherzigkeit und Geiz. Alle diese Thorheiten bringen keinem Menschen Gutes und machen dem Besitzer am Meisten das Leben schwer. Mancher, der Geld und Gut die Menge hat, weiß vor Angst nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll, verfällt aus einer Thorheit in die andere und verschwendet endlich Zeit und Geld ohne Sinn und hat dafür nichts als bittere Reue. Den Vornehmen quälen seine Geschäfte, seine Feinde, deren er immer mehr hat als ein Geringer, seine Plane, sein Ehrgeiz, und quälen ihn desto mehr, je empfindlicher er gegen Alles ist. Daher findet man nirgends mehr mißvergnügte und unzufriedene Leute aller Art als unter den Reichen und Vornehmen; denn es hat Niemand mehr Zeit und Gelegenheit, so viel Grillen zu sammeln, die Einbildung so zu beschäftigen, so viele unnütze Dinge anzufangen und mit so vielen Thorheiten sich zu beschäftigen. Es ist daher sehr gewöhnlich, daß man diese Reichen und Vornehmen eben in dem Mißmuth und dem Gefühl ihres erträumten Unglücks und ihrer selbstgeschaffenen Leiden sagen hört: »Es ist doch Niemand so glücklich als der Bauer und der Landmann!« Ihr Wunsch ist ebenso übereilt und unüberlegt, als wenn der Landmann sie beneidet. Die Thorheit ist auf beiden Seiten gleich groß. Jeder könnte und sollte sich in seiner Lage sehr wohl befinden, ohne eine gehässige Vergleichung anzustellen. Der Vernünftige steht an jeder Stelle gut, wo er sich selbst oder wo ihn die Vorsehung hingesetzt hat. Der Unzufriedene sucht die Zufriedenheit überall vergebens. Der Vernünftige hat nicht mehr Bedürfnisse, als er Mittel hat, sie zu befriedigen, und der Unverständige fände in dem Besitze aller Schätze der Welt nicht Mittel genug, allen seinen Thorheiten und Gelüsten Genüge zu thun. Wir Landleute haben in unserer Lebensart schon das beste Mittel gegen das Mißvergnügen. Arbeit und Anstrengung den ganzen Tag läßt keine Grillen aufsteigen, würzt eine einfache, mäßige Mahlzeit und bringt einen ordentlichen, gesunden Schlaf. In der Stadt ist es keine bloße Höflichkeit, wenn man sich beständig gegenseitig fragt, ob man wohl geschlafen habe, weil wirklich dort Viele aus mancherlei Ursachen oft sehr übel schlafen. Es ist daher den Städtern meistens eine wahre Wohlthat, uns auf dem Lande oder vielmehr nur das Land besuchen zu können, weil da die schöne, herrliche Natur ihnen doch einige Bewegung abnöthiget und sie also zwingt, sich etwas besser zu befinden. Der weiche Pfühl des Reichen ist oft mit mehr Angst und Kummer und Sorge bestreut als das harte Lager des Tagelöhners, der die Augen schon zum sanften Schlafe schließt, wenn er sich kaum hingestreckt hat. Gesetzt auch, unsere Lage hat manche Beschwerlichkeiten, wie es denn nicht anders möglich ist, so machen wir durch Mißmuth und Aergerniß nichts besser, aber wohl Vieles, ja fast Alles schlimmer. Unser Herz wird ganz verstimmt; es ist uns kein Genuß mehr Genuß; Verdrossenheit und Trägheit setzt sich in unserm ganzen Wesen fest; die Hoffnung fühlen wir nur mit ihrer ängstlichen Marter und nicht mit ihrer lindernden Stärkung, und wenn sie fehlschlägt, so ergreift uns verzweifelnde Kleinmütigkeit, aus der uns kaum alle Kraft der Vernunft und Religion herausheben kann. Mit Heiterkeit haben wir schon in dem Gegenwärtigen, sei es noch so klein und geringe, unendlich viel frohen Genuß für uns und die Unsrigen. Die Zukunft wird helle, weil unsere Seele ein heller Spiegel ist. Soll etwas irgendwo geändert und gebessert werden, so bessert man es immer nur mit Muth und frohem Sinn. Weisheit und Tugend ist in jeder Lage, in welche uns die Vorsehung setzt, der sicherste Weg, unser Glück und unsere Zufriedenheit zu finden. Daß in dem Umfange des Landlebens auch wirklich mehr wahrer Genuß und wahre Freude herrscht, beweiset bei aller unserer Einfalt des Lebens schon der erste Anblick des Volks. Es ist bei uns im Ganzen mehr Gesundheit, mehr Munterkeit, mehr Kraft, mehr Thätigkeit: warum sollte nicht auch mehr Zufriedenheit sein? Mürrisches Mißvergnügen ist Versündigung an unserer Vernunft und an dem Schöpfer, der uns diese Vernunft und so viele herrliche Geschenke gegeben hat, täglich bereitet und immerzu geben verheißet. Genieße, was Dir Gott beschieden, Entbehre froh, was Du nicht hast; Ein jeder Stand hat seinen Frieden, Ein jeder Stand hat seine Last. Von den Pflichten gegen Andere überhaupt In der Schöpfung Gottes ist überall Ordnung und Schönheit, überall deutliche Absicht, daß er nur das Glück aller seiner Geschöpfe will. Wer diese Ordnung störet, diese Schönheit entstellt, der ist der Verderber seines eigenen Wohls, der Beleidiger der Majestät Gottes. Wir fühlen Alle und beständig in uns das Bedürfniß und den Wunsch, daß es uns immer wohlgehe; wir wenden dazu jedes Mittel an, das uns unser Verstand zeigt. Wir verlangen, daß uns Niemand in der Erreichung unserer Absichten stören soll, und wir verlangen das mit Recht. Gott hat uns zu vernünftigen und glücklichen Geschöpfen geschaffen, und das wollen wir sein. Aber Gott hat auch alle übrigen Menschen, die uns in Allem ähnlich sind, zu vernünftigen und glücklichen Geschöpfen geschaffen, und sie wollen das auch sein. So wie sie uns also in der Erreichung unserer erlaubten Absichten nicht stören dürfen, so dürfen wir sie auch in der Erreichung der ihrigen nicht stören. Sie haben die nämlichen Bedürfnisse, die nämlichen Fähigkeiten, die nämlichen Gedanken; sie sind uns ganz gleich; sie sind Geschöpfe des nämlichen Gottes: sie haben das nämliche Recht. Jedermann fühlt die Verbindlichkeit der Pflichten, die ihn gegen Andere binden; aber Jedermann kann sie auch leicht sehen und begreifen, wenn er nur mit etwas Aufmerksamkeit nachdenken will. »Was Du nicht willst, daß Dir die Leute thun sollen, das sollst Du ihnen auch nicht thun!« das ist ein alter, goldener, ewig wahrer Ausspruch, den die Weisen und Sittenlehrer aller Zeiten und aller Völker auf mancherlei Weise, aber immer mit dem nämlichen Sinn ausgedrückt haben. Er enthält den ganzen Grund unserer Pflichten gegen Andere, wie wir sie uns nur denken können. Gott will, es soll Alles Ordnung und Wohlstand sein; Beides kann nicht bestehen, wenn Jeder den Andern in seiner Ordnung und in seinem Wohlstande beeinträchtigen wollte. Gott ist die unendliche Vollkommenheit und allerhöchste, reine Ordnung; wir sollen ihm so viel, als in unsern Kräften stehet, nacheifern; denn wir sind nach seinem Bilde geschaffen, er hat uns Vernunft und Liebe und Mitempfindung gegen alle unsere Mitgeschöpfe gegeben. Kein Stern hemmt den andern in seiner Laufbahn; Millionen große Weltkörper gehen neben und zwischen einander mit der schönsten Eintracht und bilden Jahrtausende und Jahrtausende das große, herrliche, glänzende, uns unbegreifliche Weltgebäude. So soll es auch auf der Erde gehen, wie im Großen, so im Kleinen, und so kann es gehen. Das Ganze ist gleichsam ein schönes, wohlgeordnetes Gebäude, wo jeder Theil in seiner Art gut und schön ist, aber es nicht blos für sich allein ist, sondern auch die übrigen zweckmäßig mit unterstützet und sie wenigstens auf keine Weise hindert. Alles ist mit Weisheit und Kunst in einander gefügt; Alles ist zu einer allgemeinen Absicht abgemessen; Alles thut seinen Dienst, nichts ist überflüssig oder unnütz. So soll es unter den Menschen sein, und so könnte es sein, wenn Jeder in seiner Lage alle seine Pflichten treu erfüllen wollte. Wer die Verbindlichkeit seiner Pflichten leugnen wollte, der gäbe durch diesen ruchlosen Unsinn auch allen Uebrigen die Freiheit, sich gleichfalls von den ihrigen loszumachen. Und was entstände daraus? Alle Ordnung verschwände, alle Bande zerrissen, alle Sicherheit wäre verloren; Gewalttätigkeit, Verwüstung und Gräuel würden herrschen, wie wir zuweilen in Ländern sehen, wo die Gesetze auf eins Zeit gar keine Kraft haben. Unsere Pflichten entspringen aus der ewigen Einrichtung der Natur und unseres Wesens; sie sind die einzigen Stützen unserer Sicherheit und unserer irdischen Wohlfahrt. Wer sich von seinen Pflichten lossagen wollte, sagte sich von seiner Vernunft los, fagte sich los von allen Ansprüchen auf die Rechte, welche er als Mensch hat. Die Pflichten sind für Alle, binden Alle; aber sie sichern auch Alle, schützen Alle. Die Pflichten, die uns gegen Andere obliegen, liegen auch Andern ob gegen uns. Sie sind Menschen wie wir. Wir können in der Hauptsache auf die nämliche Weise und durch die nämlichen Mittel glücklich werden, durch gegenseitige Tugenden. Pflichten sind keine Lasten; denn ohne sie wären wir elend. Es giebt vielleicht Fälle, wo sie Beschwerden zu sein scheinen; aber meistens liegt die Beschwerde nur in unserer Kurzsichtigkeit. Eine kleine Mühe, mit welcher wir uns vor unendlichen, unabsehbaren Uebeln in Sicherheit setzen, ist eine sehr wohlthätige Mühe. Unsere Vernunft gebietet alle Pflichten, und die Religion heiliget sie. Wir wollen also als vernünftige Geschöpfe alle unsere Pflichten und Alles, was denselben zuwider ist, kennen lernen, um nie etwas nur in Gedanken zu unternehmen, was das Glück unserer Mitbrüder stören könnte und dadurch nothwendig unser eigenes in Gefahr setzen müßte. Von der Gerechtigkeit Die erste, größte, vorzüglichste Haupttugend, welche alle übrigen in sich begreift, ist die Gerechtigkeit. Ein Mann, der nicht gerecht ist, kann keine der andern Tugenden nur in einigem Grade besitzen. Die ganze Pflichtenlehre könnte man in die beiden Gebote fassen: »Sei gerecht gegen Dich selbst und gegen Andere!« Wer gerecht ist, ist es gegen Alle, gegen Andere wie gegen sich selbst. Es ist Niemand gegen sich selbst gerecht, der es nicht gegen Andere ist. Die Wage der Gerechtigkeit ist durchaus richtig, unbestechlich gleich. Laß Jedem das Seine, nimm ihm nichts auf keine Weise, weder durch Dieberei noch durch gewöhnlichen Betrug, noch durch List, noch mit dem Schein des Rechts! Die große allgemeine Wichtigkeit dieser Pflicht erhellet aus der einmüthigen Übereinstimmung aller Nationen des Erdbodens, der alten und der neuen, der rohen und der gesitteten. Die Verwaltung und Aufsicht über öffentliche Gerechtigkeit machte bei allen den ersten Artikel ihrer bürgerlichen Einrichtungen aus. Alle übrigen Pflichten überließ man mehr der Weisheit und Klugheit der Familienväter und der Gewissenhaftigkeit eines jeden Einzelnen; die Gerechtigkeit, ohne welche durchaus gar keine Gesellschaft bestehen kann, war überall eine Sache des gemeinen Wesens. Alle Gebote in der Gesetzgebung Moses', nachdem er das Grundgesetz der Religion, die Verehrung des einzigen wahren Gottes befohlen hatte, handeln von der Gerechtigkeit. Vom vierten bis zum zehnten Gebote sind alle lauter nähere Bestimmungen dieses großen heiligen Gebots. Der weise Führer des Volks glaubte, wer die Pflichten gegen Andere nach diesen Vorschriften erfüllte, werde die Pflichten gegen sich selbst nicht unterlassen, und berührte sie nicht in seinen Tafeln. Gerechtigkeit ist der ewig feste Grund jeder Verbindung. Jeder Staat bestellte Richter und Obrigkeiten unter allerlei Namen und Würden, das Recht zu erhalten, ohne welches der Staat bald selbst verloren ist. Wenn man ein recht unglückliches Land nennen will, dessen Fall und gänzliche Zerrüttung man befürchtet, so sagt man: »Es ist keine Gerechtigkeit mehr im Lande; es herrscht Ränkesucht und Unterdrückung; das Recht ist feil und wird den Meistbietenden verkauft.« Wo dieses ist, da sieht es sehr schlimm aus; jeder Fremde schlägt ein Kreuz und geht mit Furcht und Abscheu vorüber und beklaget die Unglücklichen, welche dort wohnen müssen. Wenn wir von Jemand sagen: »Er ist ein gerechter Mann«, so hat wenigstens Niemand etwas von ihm zu befürchten, wenn man gleich noch nicht viel von ihm zu hoffen hat; aber wenn wir hören, Jemand sei ein ungerechter Mann, so fürchten wir uns billig, ihm zu nahe zu kommen. Ein ungerechter Mann ist der Inbegriff aller Laster und Verbrechen, deren die menschliche Natur zu ihrer Schande fähig ist. Ein Ungerechter ist hart, ist grausam, unbarmherzig, gewissenlos, lügnerisch, raubsüchtig, ist Alles, wozu ihn so eben sein Vortheil verführt, und wenn er das Alles nicht zugleich ist, so kommt es blos daher, weil es wider seinen Vortheil wäre. Dem Ungerechten ist nichts heilig; wo er Gewalt hat, spottet er hohnlachend der Gesetze, spottet alles theilnehmenden Menschengefühls, höhnt die Tugend mit frechem Witze und ist das Schrecken Aller, die um ihn her und neben und unter ihm sind. Hat er nicht Gewalt, wird er durch Höhere im Zaum gehalten, so sind keine Ränke zu schlangenartig, keine Betrügereien zu niederträchtig, keine Schmeicheleien zu weggeworfen, keine Verdrehungen zu hämisch, die er nicht ersönne und brauchte. Den Verstand braucht er als eine Schlinge, den Unbefangenen und Einfältigen zu bestricken, Tugend zur Gleißnerei, sich das Ansehen eines sehr rechtlichen Mannes zu geben. Daher kommt eine große Anzahl von feinen, tückischen, versteckten Bösewichtern, die alle Augenblicke die Worte Recht und Rechtschaffenheit auf der Zunge haben und bei jeder Gelegenheit, wo sie sicher können, auf die schmutzigste Weise nach dem kleinsten Vortheil haschen. Daher kommt eine große Anzahl von Zungendreschern und Rechtsverdrehern, die jedes Schlupfloch ausgattern, wo sie den Gesetzen entwischen und die unbesorgte Sicherheit übervortheilen können. Ein ungerechter Mann ist ein sehr böser Mann. Wenn Staaten ungerecht gegen einander sind, so entstehen Kriege, welche die Geißel der Länder sind; wenn einzelne Bürger gegen einander ungerecht sind, so entstehen blutsaugende Processe, die für die Familien oft noch verderblicher sind als die Kriege für die Länder. In den Kriegen würgt man auf einmal, und der Kranke stirbt gleichsam am Schlagfluß: in den Rechtshändeln martert man nach und nach und langsam, und der Kranke stirbt an der Schwindsucht. Wer Processe in eine Familie oder in eine Gemeine bringt, ist ein ebenso ruchloser Unglücksstifter, als wer Krieg und Blutvergießen in einem Reiche verursacht. Doch dürfen wir nicht vor jeder rechtlichen Streitigkeit sogleich erschrecken, es giebt manchmal Fälle, wo wir unser Recht gegen die Angriffe Anderer vertheidigen müssen, wenn wir nicht ungerecht gegen uns selbst und die Unsrigen handeln und die Bosheit noch kühner und verwegener machen wollen. Dafür sind Obrigkeiten, dafür sind Gerichte, daß sie die Gerechtsamen Aller mit gleich unparteiischer Wage untersuchen und bestimmen und schützen sollen. Es ist ihre Pflicht, Gerechtigkeit zu verwalten, und die Vernachlässigung derselben zieht ihnen schwere Verantwortung und oft große Gefahr zu. Sein Recht kann und darf und soll man fordern, das will das Gesetz; es ist ein Vorzug eines jeden Menschen, daß ihm sein Recht werden muß. Aber wir müssen auch selbst richtig einsehen und begreifen lernen, was unser Recht ist, damit wir nicht durch Anmaßungen die Rechte der Andern antasten. Die Obrigkeit thut uns sodann mit Recht durch einen strengen Ausspruch wehe, und uns geschieht nicht Unrecht, weil wir unbesonnener- oder boshafterweise die Befugnisse unsers Nächsten schmälern wollten. Bei der Obrigkeit soll kein Ansehen der Person gelten, wie bei Gott kein Ansehen der Person gilt, und wir sind verbunden, uns ruhig ihren Aussprüchen zu unterwerfen, die sie nach den Gesetzen thut. Jedermann, der von guter Natur ist, hat zwar ein angeborenes, tiefes Gerechtigkeitsgefühl, das ihn in jedem Falle nach allgemeinen Regeln ziemlich richtig leiten wird, wer aber Besitzer und Eigenthümer in einem Lande und einer Gemeine ist, der soll doch nach der Klugheit sich mit den Einrichtungen und Gesetzen des Landes bekanntmachen, die in manchen Fällen nach verschiedenen Lagen und Absichten immer verschieden sein können, damit er nicht vielleicht durch Unwissenheit und Vernachlässigung ein Recht verliere oder sich das Recht eines Andern anmaße und zu seinem Schaden belehrt werde. Dann läuft er außer dem Schaden vielleicht noch Gefahr, für einen ungerechten Menschen gehalten zu werden, welches er doch nicht ist. Jeder Landmann sollte also die Hauptgesetze seines Vaterlandes, die ihn zunächst angehen, kennen lernen, zum Beispiel die Gesetze von den Testamenten, von Kauf und Verkauf, von der Erbfolge, von den Verjährungen, die gewöhnlichen Strafgesetze über Verbrechen und andere, welche im gemeinen Leben sehr oft vorkommen, damit ihn nicht gewinnsüchtige Praktikanten zu seinem empfindlichen Verlust in die Lehre nehmen und ihm für sehr vieles und gutes Geld sehr wenigen und schlechten Unterricht geben. Wer in dem täglichen Leben immer mit Behutsamkeit, immer mit Billigkeit gegen alle seine Bekannten zu Werke geht, wer Alle ohne Ausnahme auf die nämliche Weise behandelt, wie er von ihnen in gleichen Fällen behandelt zu sein wünscht, der wird selten in die Verlegenheit kommen, rechtliche Hilfe suchen zu müssen, und noch seltener, daß sie gegen ihn gesucht werde. Aber es ist nicht genug, daß man allenfalls so gerecht sei, daß man gesetzlich nicht belangt, gezwungen und gestraft werden kann. Der wahrhaft gerechte Mann ist gewissenhaft gerecht durchaus, im Kleinen wie im Großen, vom Thaler bis zum Heller, gegen den Vornehmsten im Lande und gegen den Geringsten in der Gemeine, nicht allein da, wo man Klage haben könnte, sondern auch da, wo keine Klage wäre, nicht allein da, wo die Gesetze bestimmt und ernstlich sprechen, sondern auch da, wo sie schweigen, weil die Gesetzgeber nicht allwissend waren, alle unendlich kleine Fälle vorherzusehen und zu bestimmen. Gerechtigkeit ist ihm eine Sache des Herzens und des Gewissens, sie ist ihm die erste aller Pflichten, ohne die wir den Menschen als Menschen kaum denken können; aber er trennt sie weder in seinen Gedanken noch in seinem Leben von den übrigen Tugenden. Er ist gerecht, nicht weil es der Richter will, sondern weil er selbst diese große Pflicht einsieht und fühlt, weil Ungerechtigkeit ein Widerspruch gegen seine Vernunft, ein qualvolles Gefühl für sein Herz wäre. Er würde auch ohne Richter gerecht sein, weil er sich selbst bei jeder Gesinnung und Handlung Richter ist. Der Gedanke: »Was würdest Du in dem ähnlichen Falle erwarten?« verläßt ihn nie; er denkt ihn entweder hell, oder die Empfindung ist dunkel in seiner Seele und ebenso wirksam. Dieser Gedanke leitet ihn nicht allein zur Gerechtigkeit, sondern auch noch weiter zur Güte und Wohlthätigkeit. Er ist gerecht gegen den Fürsten; er weiß, der Fürst braucht die Abgaben zu den Bedürfnissendes Landes, wovon Jeder vom Ersten bis zum Letzten die Wohlthaten genießt, und wozu also Jeder beitragen muß; er ist gerecht gegen Vorgesetzte, gegen Nachbarn, gegen Freunde und Feinde, gegen Hausgenossen und Gesinde, gegen Alle; dafür erwartet und fordert er Gerechtigkeit von Allen. Alle Pflichten sind gegenseitig; es ist kein Recht ohne Pflicht; es ist keine Pflicht ohne Rechte. Habe ich Pflichten, so habe ich Rechte; und wäre ein Mensch so unglücklich, gar keine Rechte zu haben, so hätte er auch keine Pflichten mehr. Aber, dem Himmel sei Dank! wir haben Alle unsere sichern, großen und heiligen Rechte: das Recht der Freiheit, des Besitzes, des Schutzes, der allgemeinen Vorsorge; wir haben also auch die Pflichten der Ordnung, des Gehorsams, des Beitrags zu den allgemeinen Bedürfnissen. Wenn alle Menschen gerecht wären, so lebten alle in Sicherheit; das Mißtrauen und die ängstliche, besorgliche Furcht verschwände; man liehe ohne Pfänder und Handschriften und bezahlte ohne Klage und Gerichtsspruch. Ein gelegter Stein wäre so gut als eine hohe feste Mauer, ein Wort so sicher als eine gerichtliche Urkunde. Die Obrigkeit hätte nur das Amt, die Ordnung niederzuschreiben und nicht alle Augenblicke Zwiste zu schlichten, und eine Menge Menschen könnten etwas Besseres und Gemeinnützigeres thun, als sich von der Thorheit und dem Zank der Uebrigen zu nähren. Aber wir dürfen wol nicht hoffen, daß alle Menschen gerecht und gut werden. Wir sprechen immer mit warmem Lobe von den alten Zeiten unserer Vorfahren, wo, wie wir glauben, Redlichkeit und Treue allgemeiner herrschten, wo man sagte: »Ein Wort ein Mann!« und wo man nicht so viel schrieb und mehr that. Gesetzt auch, diese alten Zeiten waren nicht so gut, als wir uns vorstellen, und die unsrigen sind nicht so schlimm, als Viele klagen, so geben wir doch in diesen Klagen selbst schon die Mittel an, wie es besser sein könnte. Wir dürften nämlich Alle und Jede nur beständig redlich, bieder, rechtschaffen und brav sein, so würde manche Plage, manche Unruhe verschwinden und sich in Glück und Segen verwandeln. Von der Güte Der Mann, welcher nur strenge gerecht ist, ist uns zwar aus keine Weise gefährlich, aber es fehlt ihm doch noch viel zu einem vollkommenen Menschenfreund. Er schadet uns zwar auf keine Weise, aber er wird uns auch wenig thätig helfen, wenn er nichts als blos gerecht ist. Er sündiget nicht wider Gesetz und Gewissen, aber er ist doch vielleicht kalt und unempfindlich gegen alles feinere Gefühl, welches Menschen an Menschen wie Brüder an Brüder bindet. Er soll mehr sein als gerecht; er soll auch gütig sein, wo er kann, und so viel er kann. »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!« befiehlt die Religion des göttlichen Lehrers Jesu. Man kann nicht sagen, daß ein Mann seinen Nächsten liebt, der weiter nichts als gerecht ist; er haßt ihn blos nicht. Aber wer ihn wirklich liebt, der ist gütig gegen ihn und freundschaftlich und hilfreich; nimmt sich brüderlich seiner an, sucht ihm Vortheil, Erleichterung und Vergnügen zu verschaffen, wo er kann, und freut sich herzlich, wenn es Jedermann um ihn her wohlgeht und er dazu recht viel beitragen kann. Es ist ein sehr kleines Lob, wenn man von einem Menschen sagt: »Er thut Niemand etwas zu Leide«. Das soll er nicht, er wäre sehr böse, wenn er das thäte; dafür sind Gesetze und Obrigkeit. Aber er soll nicht nur nicht böse, er soll auch gut sein; er soll Jedermann recht wohlwollen und dieses Wohlwollen bei jeder Gelegenheit beweisen. Ohne öffentliche Ordnung, ohne Gerechtigkeit können die Menschen gar nicht leben, kann ihre Gesellschaft durchaus nicht bestehen; ohne Güte und gegenseitiges Wohlwollen können sie nicht glücklich zusammenleben. Gerechtigkeit ist der Boden, und Liebe und Freundschaft ist das Gebäude darauf. Stellet Euch einen Menschen vor, der zwar Jedem bezahlt, was er schuldig ist, der Niemanden um einen Heller betrügt, aber auch keinen Schritt weiter geht. Bei jeder Gelegenheit, wo er aufgefordert wird, zu irgend einer wohlthätigen Anstalt etwas beizutragen, sagt er: »Was geht das mich an? ich bin nichts schuldig; ein Jeder mag sehen, wie er für sich durchkommt; ich habe für mich zu sorgen.« Jede kleine Gefälligkeit, um die ihn der Nachbar bittet, und die dieser ihm immer wieder zu erzeigen bereit ist, schlägt er trotzig ab. Er dankt mürrisch kaum, wenn man ihm guten Morgen wünscht, läßt das Vieh ganz ruhig im Getreide fressen, das er auf seinem Wege mit zehn Schritten und einem Zuruf herausjagen könnte, und geht keinen Tact schneller, wenn er hört, sein Nachbar sei ins Wasser gefallen. Möchtet Ihr wol mit einem solchen Manne gern leben oder nur neben ihm wohnen? Freilich ist er noch besser als ein Dieb, ein Zanksüchtiger, ein Händelmacher, ein Verleumder, er thut Niemandem etwas zu Leide; aber er ist doch immer schon schlimm genug, er thut auch Niemandem etwas Gutes. Nehmet dagegen einen Mann, der Alle, mit denen er zu thun hat, mit Freundlichkeit behandelt, sich mit seinem Nachbar herzlich freut, wenn dieser froh ist, sich mit ihm betrübt und ihn tröstet, wenn ihn ein Unglück trifft, der überall, wo er kann, ihm Gefälligkeiten erzeigt, ihm immer beisteht mit Rath und That, der über den Vortheil seines Nachbars mit wacht, wie er wünscht, daß dieser auch über den seinigen mit wachen möchte, bei dem Alle Hilfe finden, so weit seine Kräfte reichen und die Vorsorge für seine Familie es erlaubt: muß es nicht ein wahres gelobtes Land sein, neben und zwischen solchen Nachbarn zu wohnen, die einander auf alle Weise das Leben erleichtern und angenehm machen? So will es Gott, der uns als Menschen zusammen hier auf die Erde gesetzt hat; so will es unsere Vernunft, die dieses einsieht; so will es jedes gute Herz, das die wohltätigen Gefühle der wahren, reinen Natur empfindet; so will es die Religion, die Christus, der große Lehrer und das große Vorbild der Menschenliebe, gelehrt hat. Auch sind diese Gesinnungen und dieses Betragen durchaus unser eigener Vortheil. Es gehört nicht viel Nachdenken dazu, um einzusehen, daß Menschen, welche alle brüderlich gesinnt, freundschaftlich, wohlwollend, thätig zu ihrem gegenseitigen Glück bemüht beisammen leben, sich unendlich besser befinden, daß sie jeden frohen Tag angenehmer genießen und jede Unannehmlichkeit leichter ertragen und sie eher vermeiden als Menschen, welche kalt und sorglos, mürrisch und störrig, mißtrauisch und argwöhnisch zusammen sind, wo Jeder den Andern als seinen Glücksstörer ansieht, der ihm seinen Genuß und seine Freuden verkümmert oder wenigstens zum Besten seines Nächsten keinen Fuß vor den andern setzt. Alle Völker stimmen darin überein, das gute, freundschaftliche Herz und die wohlthätigen Bemühungen eines edlen Menschenfreundes höher zu achten als alle zufälligen Güter des äußerlichen Glücks. Niemand hält es je für ein Lob, wenn man sagt: der Reiche, der Mächtige, der Vornehme; aber Alle ehren und lieben sogleich den Mann, den die Geschichte seiner Zeit den Guten, den Edlen, den Milden, den Wohlthätigen nennt. Die Reichen und Mächtigen haben blos dieses vor den Andern voraus, daß sie das Letzte leichter sein können als die Uebrigen. Desto schlimmer für sie, wenn sie es nicht sind. Sie thun das Gute nicht, das sie thun könnten und sollten, und entbehren vieles Glück, das sie dadurch genießen könnten. Es ist eins der vorzüglichsten Gebote der christlichen Lehre: »Liebet einander! haltet Euch für Kinder eines Vaters, für Brüder einer Familie! Jeder freue sich über das Wohl seines Bruders wie über sein eigenes und helfe ihm in seiner Noth, als wollte er sich selbst helfen.« Das ist auch wirklich der Fall; Jeder gewinnt selbst durch Liebe gegen seinen Nächsten. Liebe erzeugt Gegenliebe. Wer als thätiger Teilnehmer sich das Glück seines Freundes, seines Bekannten zu Herzen gehen läßt und dafür sorgt und dazu mit arbeitet, gegen den wird und muß sein Freund und sein Bekannter wieder brüderlich denken, empfinden und handeln, wenn er nicht alles Menschengefühl verloren hat. Jeder achtet und liebt einen solchen Mann; Jeder verläßt sich auf ihn wie auf seinen besten Freund, wie auf seinen Bruder und Vater, und er hat durchaus das Lob in der Gemeine und der ganzen Gegend, er sei das Muster für die Uebrigen. Vorzüglich äußert sich diese Wohlthätigkeit, diese wirksame Bruderliebe, wie sie das Christenthum so sehr empfiehlt, gegen Arme und Dürftige. Es ist nicht blos die Pflicht des Reichern und Wohlhabenden, mitzutheilen und wohlzuthun: auch Derjenige, welchem der Himmel nur ein gemächliches Auskommen gegeben hat, soll es nicht vergessen. Die Reichen können mehr geben; aber sie können schwerlich so herzlich, so innig geben als Mitbrüder, die von ihrem kleinen Vorrathe darreichen, was sie entbehren können. Der Reiche giebt nur; der Arme theilt mit. Eine spärliche Mahlzeit, ein Trunk und ein warmes Nachtlager in einem freundlichen Hause ist oft dem Empfänger weit mehr werth als ein großes Stück Geld aus der Hand eines Vornehmen, welcher gleichgiltig von seinem Ueberfluß nimmt und ohne Theilnahme weggiebt. Nicht die Größe der Gabe bestimmt den Werth derselben, sondern das Herz des Gebers, seine Gesinnungen, seine Theilnahme, sein guter Wille und sein warmer Eifer für das Wohl aller Menschen. »Viele Reiche legten viel ein«, steht dort im Evangelio; »aber das Scherflein der Wittwe war mehr als alle ihre Opfer.« Wir sollen nicht hartherzig erst strenge untersuchen, durch welche Fehler und Vernachlässigungen der Arme in Armuth gerathen ist; sein Zustand und seine Reue werden ihn vielleicht schon überdies bitter quälen. Es ist die Sache der Obrigkeit, dieses zu rügen; wo wir lindern können, sollen wir es mit Mitleid und Schonung thun, und eine gute Ermahnung, die wir etwa geben, nicht durch Vorwürfe und Unbarmherzigkeit unwirksam machen. Personen, die sich unserer Wohlthätigkeit durch ihr wiederholtes schlechtes Betragen, durch unverbesserliche Laster und unüberwindliche Faulheit ganz unwürdig machen, sind leicht zu kennen und auszuzeichnen. Jedes Land und jeder Ort sorgt zwar dafür, daß er seine Armen verpflege; aber wer kann alles Unglück verhüten? alle Unbesonnenen bedachtsam und alle Schlimmen gut machen? Wer nach dem Beispiel Jesu die Dürftigen in Menge speisen kann, dessen Herz ist sehr zu bedauern, wenn es ihm dieses Vergnügen nicht oft macht. Jeder schafft nach seinem Vermögen so viel Gutes, als möglich ist; aber wer nach seinen Kräften einem der Aermsten auch nur ein Stück von seinem Brode und einen Trunk zur Labung reicht, der sammelt schon großen Lohn bei Gott. »Wahrlich, ich sage Euch«, spricht der göttliche Lehrer, »was Ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir gethan; ich selbst bin durstig gewesen, und Ihr habt mich getränket.« Kann man diese heilige Pflicht der Menschheit dem Menschen näher und rührender ans Herz legen, als es Christus thut? Kann man ein schöneres, würdigeres Beispiel in Erfüllung dieser Pflicht sich denken, als er selbst gegeben hat? Sein ganzes Leben war Wohlthat für die Menschheit, und seine Lehre ist es noch jetzt. Sie ist die Lehre der Wahrheit und Tugend, der reinen Gottesverehrung, des Trostes und der Bruderliebe. Er opferte sein Leben auf, um den Menschen wohlzuthun, um sie dem Irrthum zu entreißen und sie zur bessern Erkenntniß Gottes zu bringen: und wir, die wir seinen Namen führen, seine Lehre bekennen, seine Nachfolger sein sollen und wollen, sollten gegen diese Menschen, die Gott alle so hoch geschätzt hat, gegen unsere Brüder, kalt und gleichgiltig sein? Wir Menschen sind ja alle Brüder, Sind alle eines Hauses Glieder Und sollten uns nicht brüderlich, Wie uns der Vater vorgeschrieben, Als seine guten Kinder lieben? Er liebt ja Alle väterlich. Wer Brüder haßt, ist Friedensstörer In Gottes Reich und ist Empörer, Der frevelnd seinen Schöpfer höhnt; Gott stößt ihn aus von seinen Kindern, Und er hat seinen Lohn bei Sündern, Wo Schmerz nur ächzt und Angst nur stöhnt. Wer aber hier mit reiner Güte Sich eifrig um ihr Heil bemühte Und immer Freund und Bruder war, Den nennt einst Gott, wenn alle Frommen Dort zum Altare jauchzend kommen, Mit Namen laut vor dem Altar. Vom Gehorsam gegen die Gesetze und die Obrigkeit Wenn Alle gut und gerecht wären, so hätten wir freilich in der Welt nur wenige Gesetze nöthig. Der Gerechte und Gute trägt sein Gesetz in seinem Herzen und übt es überall, wo er handelt. Aber so lange die Menschen Menschen sind, so lange wird Jeder seine Begierden und Leidenschaften, seine eigenen Gedanken und seine eigene Weise haben. Selbst die Guten sind dem Irrthum und manchen Schwachheiten unterworfen. Der Vortheil der Menschen scheint sich alle Augenblicke zu durchkreuzen und zuwiderstreiten. Einer will so, der Andere will so; Jeder glaubt, er habe Recht; und Niemand hat kalte Ueberlegung genug, um einzusehen, wer wirklich Recht hat. Oder wenn auch Jemand unwidersprechlich bewiese, Dieser oder Jener habe Recht, so unterwürfe sich doch Niemand ihm und seinem Ausspruche. Die Völker haben also seit undenklichen Zeiten Vorkehrungen getroffen, allen Unordnungen vorzubeugen. Sie haben sich Fürsten oder Könige oder Vorsteher oder Obrigkeiten unter irgend einem Namen gewählt. Sie nahmen dazu die Besten und Weisesten und Angesehensten, und diese werden, nachdem die Einrichtung ist, von Neuem bestimmt oder bleiben festgesetzt erblich, damit keine neuen blutigen Streitigkeiten bei der neuen Wahl entstehen, wie oft der Fall war. Diese Fürsten und Könige und Obrigkeiten, welchen Namen sie auch haben mögen, haben die heilige Pflicht übernommen, für das Wohl des Volks zu wachen, die Gesetze unverbrüchlich zu halten, für Gerechtigkeit und öffentliche Sicherheit zu sorgen und Alles zu entfernen, was dem ganzen Staate schaden oder einzelnen Gliedern an ihren Rechten und Befugnissen Eintrag thun könnte. Wenn dieses nun Pflicht der Obrigkeit ist, von dem niedrigsten Aufseher bis zum höchsten Oberhaupte, so ist es im Gegentheil Pflicht eines jeden Unterthanen, sich in diese Ordnung zu fügen, dem gesetzlichen Ansehen der obrigkeitlichen Personen Gehorsam zu leisten, die festgesetzten Beiträge zur Unterhaltung des Staats und zur Bestreitung aller seiner Bedürfnisse an Steuern und Abgaben gewissenhaft zu entrichten, alle gerechte Verordnungen der Obrigkeit aus allen Kräften zu unterstützen und nichts zu thun und zu unternehmen, was das Ansehen der Gesetze mindern, die Ruhe und Eintracht des Ganzen stören und irgend ein einzelnes Glied in seinen Rechten kränken könnte. Ein Jeder verlangt und fordert dieses mit gutem Grunde für sich selbst, also muß er mit eben diesem Grunde ebendasselbe auch Andern zugestehen. »Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat!« sagt der Apostel. Ehrt die Gesetze des Landes und haltet sie heilig; denn sie sichern Euch Euer Wohl. Christus selbst zahlte als ein irdischer Unterthan willig, was er als solcher schuldig war, wovon die heiligen Bücher einige Beispiele aufgezeichnet haben. Bei den alten Römern, die sich durch Größe und Muth, Ordnung und Vaterlandsliebe vor allen übrigen Nationen auszeichneten, war das Lob, ein guter Bürger zu sein und der Obrigkeit zu gehorchen, immer das größte, und unter allen Völkern, die nur einigermaßen Ordnung und Gerechtigkeit unter sich hatten, war es die erste Pflicht, die Gesetze zu ehren und der Obrigkeit gehorsam zusein. Sogar die rohen und wilden Nationen unterwerfen sich willig den Richtern, die durch ihre Weisheit, Tapferkeit und Gerechtigkeitsliebe die alten väterlichen Gewohnheiten als Gesetze bewachen. Man sieht die Wichtigkeit dieser ersten Pflicht eines Menschen in der Gesellschaft erst dann recht lebhaft ein, wenn irgend ein großes Unglück in einem Reiche die Bande der Eintracht zerreißt, das Ansehen der Gesetze stürzt und Unordnung, Meuterei, Gewalttätigkeit und jeden Gräuel der Verwüstung mit sich bringt. Davon geben die Bücher der Geschichte aus alten und neuen Zeiten viel traurige Beispiele. Der grausamste, blutigste Krieg ist ein kleines Uebel gegen ein solches Ungeheuer von Aufruhr Aller gegen Alle. Es ist dann nicht mehr Sicherheit der Person und der Güter. Parteien wüthen gegen Parteien, eine siegt über die andere, und aus Furcht und allgemeinem Mißtrauen mordet immer eine ärger als die andere. Tod und Blutgericht ist etwas Gewöhnliches; es schützt nicht Unschuld, nicht Klugheit. Viele Jahre vergehen in Angst und Schrecken, ehe sich aus den Trümmern der alten Ordnung wieder eine leidliche neue erhebt, und Jahrhunderte werden erfordert, ehe dieses Neue wieder ganz fest stehet. Wehe den Menschen, die durch ihre Grausamkeit und Tyrannei, durch ihre Unterdrückung und Habsucht oder durch ihre Tollkühnheit und Verwegenheit eine solche Zeit des Blutvergießens über ihr Vaterland bringen! An solchen fürchterlichen Beispielen können Obrigkeiten und Unterthanen lernen, welche entsetzliche Folgen es hat, wenn beide ihre Pflichten vernachlässigen. Kein Verbrechen straft sich selbst grausamer als die Ungerechtigkeit von einer oder der andern Seite. Eine Ungerechtigkeit erzeugt immer eine andere und größere, diese eine neue noch unerhörtere, bis sich in der Angst der Verwirrung, der Erbitterung und des Hasses die Menschheit verliert und die Gerechtigkeit nicht wiederfindet. Wie glücklich sind wir, daß bei uns Gerechtigkeit und Friede herrschen; daß wir unter der Regierung eines guten, väterlichen Fürsten alle Wohlthaten einer heilsamen Ordnung genießen, wo Jeder sein Recht mit Freiheit bis zur höchsten Person des Landesvaters vertheidigen und behaupten darf; wo man auch gegen den Irrenden gelind ist und selbst gegen Verbrecher nicht grausam! Niemand darf es wagen, uns widergesetzlich anzutasten; ein höheres Gericht schafft uns Gerechtigkeit, wenn es ein niederes wagen wollte, uns zu bedrücken. Allen Ränken und aller Eigengewalt wird gesteuert, und bei uns kann Jeder, der selbst gerecht und gut ist, ruhig an seinem Weinstocke und unter seinem Obstbaume sitzen. Die Wunden, welche viele Städte und Gemeinen aus alten Kriegen und Landplagen hatten, sind nun geheilt, und überall spürt man die Früchte und den Segen einer dreißigjährigen weise geleiteten und nur selten und kurz unterbrochenen Ruhe. Möge unser Vaterland durch gute Gesetze, einen guten Fürsten, gute Obrigkeiten und gute Bürger und Einwohner ferner noch lange Allen allgemeine Wohlfahrt gewähren und den Fremden ein Vergnügen, ein Beispiel und Muster guter und glücklicher Menschen sein! Von der Erziehung Einer der wichtigsten Punkte für das Vaterland, für Städte und Gemeinden und für alle Familien insbesondere ist unstreitig die Erziehung der Jugend. Die Natur hat allen lebendigen Geschöpfen eine unbegrenzte Zärtlichkeit gegen ihre Jungen eingepflanzt. Im vierfüßigen Thiergeschlechte und unter den Vögeln finden wir täglich Beispiele von der Angst und Besorgniß, mit welcher die Mütter ihre kleine Brut vor Mangel und Unfall zu schützen, vor Gefahr und Gewalt zu vertheidigen suchen. Die Henne hebt sträubend ihr Gefieder, die Gans hebt drohend ihren Hals in die Höhe, wenn man ihren Kindern zu nahekommt; Alles fühlt und athmet die Liebe der Natur. Kein Geschöpf verläßt seine Jungen eher, als bis sie sich selbst schützen und ernähren können. Der Adler giebt seinen Söhnen Unterricht im Fliegen und im Raube, der Löwe in der Jagd. Alles arbeitet nach dem großen Endzwecke des Schöpfers. Der Mensch, der seine Kinder nicht liebt, nicht für sie sorgt und arbeitet, sie nicht zu guten und glücklichen Geschöpfen erziehen will, verdient nicht, daß ihm der Himmel die Freuden der Familie giebt, und wird oft genug in der Folge durch das Unglück derselben und sein eigenes für seines Herzens Härtigkeit gestraft. Die edleren großen Geschöpfe des Erdbodens brauchen mehr Zeit und Mühe, um zu ihrer Vollkommenheit zu gelangen, als die kleineren und geringeren, der Adler mehr als der Sperling, das Roß mehr als das Schaf. Der Mensch ist das edelste und erhabenste unter allen, der vernünftige Beherrscher aller übrigen; er braucht die längste Zeit, die mehrste Mühe, den größten Fleiß, die unermüdetste Aufmerksamkeit zu seiner Bildung an Leib und Seele. Deswegen ist die Verbindung zwischen Mann und Weib gewöhnlich immerdauernd und unzertrennlich, damit die Kinder zu völligen Menschen erzogen werden, damit ihr Körper sich sorgsam ausbilde und stärke und ihr Geist zu allen Kenntnissen, Fertigkeiten und Vorzügen erhoben werde, welche die große, wesentliche, eigene Würde des Menschen ausmachen. Wie schwer vergehen sich also nicht Eltern gegen Gottes Ordnung, gegen das Vaterland, gegen alle ihre Mitmenschen, und wie sehr handeln sie gegen ihr eigenes Glück, wenn sie die Erziehung ihrer Kinder unverantwortlich vernachlässigen! Die öffentlichen Einrichtungen sind bei uns jetzt überall so, daß die Erziehung von Seiten des Unterrichts in der Religion und in der Sittenlehre erleichtert wird. Es sind überall Schulen und darin angestellte Lehrer, deren Pflicht es ist, auch die Kinder der Aermsten in den nöthigen Begriffen von Gott und Tugend und ihren Pflichten zu unterweisen. Bei allen gesitteten Völkern war die Sorge für die Jugend, ihre Unterweisung und Uebung zu ihrer künftigen Bestimmung eine Hauptsache, und manche Gesetzgeber, die von der Wichtigkeit derselben sehr tief überzeugt waren, machten sie zu einem vorzüglichen Augenmerk ihrer Verordnungen. Aber die öffentliche Erziehung in der Schule ist bei Weitem nicht hinreichend, aus den jungen Geschöpfen wirklich das zu machen, was aus ihnen werden soll. Der beste Erziehungsort ist immer das väterliche Haus, der beste Lehrer der ernstliche Vater mit seiner herzlichen Leitung und seinem beständig guten Beispiele. Das Erste in der Erziehung ist unstreitig die Sorge für den Körper, daß das kleine Geschöpf mit Sorgfalt in Acht genommen werde; daß für seine Gesundheit, für jedes seiner Glieder wie für das Ganze gewacht werde. Gebrechlichkeit ist überall ein trauriges Loos, aber doppelt traurig ist es unter den Landleuten, deren ganze Beschäftigung vorzüglich Körperkraft und körperliches Wohlsein erfordert. Welche wehmüthige Empfindung muß es nicht für Eltern sein, ihre Kinder schon in der ersten Jugend, wo der Mensch eben recht schön aufblühen sollte, als Schwächlinge herumschleichen zu sehen und sich bewußt zu sein, daß sie selbst dieselben verwahrloset haben, vielleicht am Gängelbande oder in den Windeln, vielleicht schon vor der Geburt durch Unbesonnenheit und Leichtsinn! Von solchen Kindern kann man im eigentlichsten Verstande sagen, daß sie die Sünden ihrer Väter tragen. Eine gesunde Seele in einem gesunden Leibe ist das erste, größte Glück der Erde. Der Leib ist das Haus, die Seele der Einwohner; es ist vernünftig und nothwendig, daß man das Gebäude gut aufführe und in gutem Zustande zu erhalten suche, wenn sich der Besitzer desselben darin wohl befinden soll. Welche Vortheile haben wir in diesem Punkte nicht vor den Städtern! Bei uns scheint die Gesundheit ihre Behausung aufgeschlagen zu haben; wir dürfen sie nur nicht vertreiben. Wie oft sieht ein halbkranker Stadtmann neidisch und seufzend auf unsere harte, frische, braunbäckige, rasche Dorfjugend hin, wenn er an seine Knaben zu Hause denkt, die nicht gesünder sind und sein können, als der Vater selbst ist! Manche kommen, um bei uns Gesundheit zu kaufen, und wir sollten dieses unschätzbare Gut nicht zuerst für uns und unsere Kinder selbst zu sichern suchen? Nach der Sorgfalt für den Körper tritt mit den Jahren, wo die Seele anfängt, sich thätig zu zeigen, der Unterricht in den wesentlichen Kenntnissen des Menschen ein. Unsere Kinder brauchen nicht Gelehrte zu werden, so wenig als wir es sind; denn sie haben keine andere Bestimmung als wir. Es wird ihnen aber doch sehr wohl thun, wenn sie zuweilen etwas mehr lernen als ihre Väter. Was wir jetzt selbst gern wissen möchten, das sollen wir jetzt füglich unsre Söhne lernen lassen, wenn wir können und Gelegenheit haben. Man soll in der Jugend Alles lernen, was man Nützliches lernen kann, nur nicht das Unwichtige dem Wichtigen und das blos Angenehme dem Nöthigen und Unentbehrlichen vorziehen. Lesen und Schreiben und Rechnen hat Jedermann nöthig, wenn er auch nicht nöthig hat, ein Schönschreiber und Rechenmeister zu sein. Der Unterricht in der Religion und unsern Pflichten ist das Wichtigste, ohne welches der Mensch kaum ein Mensch genannt zu werden verdient. Wenn wir einige Kenntnisse von der Geschichte und Erdbeschreibung uns erwerben können, so giebt uns das manche Belehrung über nicht unwichtige Dinge, wo wir sonst im Finstern tappen. Wer Lust und Fähigkeit und Gelegenheit hat, irgend ein musikalisches Instrument spielen zu lernen, der kann sich und Andern in Zukunft damit manches Vergnügen machen. Für Alles dieses sollen Väter, nachdem ihre Lage und ihre Mittel es erlauben, Sorge tragen, um sich und ihren Kindern so viel Erwerbungsmittel und so viel Genuß als möglich zu verschaffen. Mancher Vater, der in seiner Jugend nicht viel lernen konnte, lernt noch mit seinem kleinen Sohne weiter, und es bringt ihm Nutzen und Vergnügen, und er braucht sich dessen gar nicht zu schämen. Es ist niemals zu spät, etwas Gutes, Nützliches und Angenehmes zu lernen. Jede Lebensart erfordert ihre eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten; wir müssen also dafür sorgen, daß unsere Kinder in nichts unwissend bleiben, was ihnen zu ihrer künftigen Bestimmung nöthig ist. Es gehört allerdings bei uns zu den nöthigen Dingen, zu wissen, wie ein Wagen und ein Pflug gebauet wird, wie er zusammengesetzt und auseinandergenommen wird, damit man nicht inskünftige mit jeder Kleinigkeit, die man selbst besorgen könnte, zu eigenen Handwerkern zu laufen nöthig habe. Der ist wol kein sonderlich guter und geschickter Wirth, der dem Sattler jeden Riem zu nähen und dem Zimmermann jeden Axtstiel zu machen bringt. Ein junger Bursche auf einem Hofe, der nicht mit Pferden und Wagen, und ein Mädchen, das nicht mit dem Rad, der Nadel und dem Küchengeschirr umzugehen weiß, sind auf alle Fälle in der Erziehung sehr vernachlässiget. Oft will man in Jahren mit der Erziehung erst anfangen, wenn man schon vollendet haben sollte. Die Jugend ist die goldene Zeit zur Erlernung jedes Dinges; mit den Jahren wird Alles schwerer und Manches fast unmöglich. Das Wichtigste in jeder Erziehung und also auch in der Erziehung unserer Jugend ist die Bildung zur Rechtschaffenheit und Tugend, zur Sittsamkeit, Sanftmuth und jeder guten Eigenschaft, die dem Besitzer Nutzen und Wertschätzung und der Gesellschaft Vortheil und Vergnügen bringt. Dieses geschieht am Besten in dem Hause der Eltern, durch ernste, weise Lehren, herzliche Weisung, wiederholte vernünftige eindringliche Vorstellung und am Meisten durch selbsteigenes gutes, untadelhaftes Beispiel. Kinder bilden sich meistens nach ihren Eltern. Der Mensch ahmt so gern nach, und wem sollte er eher nachahmen als Denjenigen, um welche er täglich ist, von denen er abhängt, die er achten und lieben soll, und in deren Fußstapfen er von der ersten Kindheit an unmerklich tritt? Daher so viel bekannte Sprichwörter: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme«; »Wie die Alten sungen, zwitschern auch die Jungen«, und mehrere andere. Wenn also Eltern das Glück ihrer Kinder und ihr eigenes wünschen, wenn ihnen ihre Zufriedenheit und Ruhe im Alter lieb ist, so mögen sie mit aller Aufmerksamkeit von den zartesten Jahren an darauf sehen, daß sie ihre Kinder vor jeder Unart hüten und sie jede Tugend, so viel in ihren Kräften stehet, heilig halten lehren. Eine Tugend erzeugt die andere, und alle bringen Glück mit sich; aber auch ein Fehler ist Veranlassung zu einem andern, und alle führen in Unglück und oft endlich gar ins Verderben. Leichtsinn erzeugt Unart, Unart Fehler, Fehler Vergehungen, Vergehungen Laster, Laster Verbrechen; und die Folge von diesen ist immer Elend, wenn wir auch der furchtbaren Strafe entgehen. Wenn es nicht möglich sein sollte, mit Gelindigkeit und Güte den Endzweck zu erreichen, so sind Eltern bei ihrer Liebe gegen ihre Kinder, bei den Hoffnungen, die sie von ihnen haben, verbunden, Strenge und Schärfe zur Zucht zu brauchen. Wer sein Kind lieb hat, der züchtiget es, der erzieht es mit Aufmerksamkeit und Strenge. Besser, es weint jetzt zu seinem Glücke einige Minuten, als daß die Eltern im Alter mit ihm und über dasselbe unaufhörlich umsonst wehklagen. Es ist eine verkehrte Zärtlichkeit, seinen Kindern niemals wehe thun zu wollen, in der Zeit, wo sie auf ihr ganzes Leben vorbereitet werden sollen, so wie es eine vernunftlose tyrannische Härte ist, ohne Schonung und Ueberlegung jedes Wort immer mit der Zuchtruthe zu begleiten. Die Liebe selbst kann Eltern wol zwingen, strenge und unerbittlich zu werden, aber sie kann nie zu eigensinniger Härte, zum Murrsinn und zu zuchtmeisterlicher Furchtbarkeit werden. Ueberlegung und Kenntniß des Herzens müssen den Eltern die sicherste Leitung in der Behandlung ihrer Kinder sein. Die Früchte einer guten Erziehung ernten sie in ihrem Alter, wo ihnen sodann ihre Kinder Ruhe und Freude gewähren, ihre Liebe mit reiner Hochachtung und kindlicher Gegenliebe bezahlen und die besten Stützen der eintretenden Jahre der Schwachheit am Rande des Grabes sind. Seht einen guten Vater, der sein ganzes Leben alle seine Pflichten erfüllt hat, an einem festlichen Tage in der Mitte seiner Kinder und Enkel! Alle drängen sich um ihn her und wetteifern, wer ihm die wärmste, zärtlichste Theilnahme bezeigen kann, alle bemühen sich, ihn sein Alter vergessen zu lassen und das frohe Gefühl seiner Jugend zurückzurufen. Er ist jetzt glücklicher als ehemals, da er als ein rüstiger Jüngling von allen seinen Bekannten beneidet wurde. Ist etwas schöner und rührender als die gute freundliche Großmutter in dem Kreise ihrer kleinen Enkelinnen? Wie emsig sie sich noch bestrebt, den kleinen Mädchen Unterricht zu geben, wie sie ihn ehemals den Müttern, ihren Töchtern, gab! Es ist ein gerechtes Gefühl der Selbstzufriedenheit, wenn so ein Alter mit Würde spricht: »Es hat niemals Jemand aus meiner Familie einen schlechten Streich gemacht«, und wenn Söhne und Enkel sich fest an ihn drängen mit der wahren, feurigen Versicherung: »Vater, es soll und wird auch Niemand von uns jemals etwas Schlechtes thun.« Das ist mehr, als wenn manche Vornehme in ihrer Familie so oder so viele Generale und Minister mit Ordensbändern zählten. Wie traurig und verlassen ist aber das Alter eines Mannes, der keine Freude an seinen Kindern erlebt, der vielleicht jetzt wieder dafür leidet, daß er ehemals seinen Eltern auch gar keine Freude machte! Wie niederdrückend und qualvoll muß es einem Vater sein, von dessen Söhnen jeder Redliche nur mit Achselzucken spricht! und wenn er dann fühlt, es sei sein eigenes Werk oder wenigstens die Folge seiner Unaufmerksamkeit, daß sie so und nicht besser geworden sind! Es ist kein bittrerer Schmerz in der Natur als der Gram, den uns Kinder verursachen. Möge Niemand von unsern Freunden dieses Herzeleid erleben! und wir wollen dieses Unglück selbst unserm Feinde nicht wünschen. Im Alter können wir uns erst recht lebhaft überzeugen, wie viel auf die Erziehung in der Jugend ankommt. Nur wenn die Menschen durchaus besser werden, können wir mit Grund bessere Zeiten hoffen; und sollen die Menschen besser werden, so muß mit der Jugend der Anfang geschehen. Wer einen eigenen schönen Obstgarten ziehen will, fängt mit der Baumschule an, alte Stämme lassen sich schwer biegen und fast ebenso schwer pfropfen. Von der Dankbarkeit »Undank ist das größte Laster«, sagt das Sprichwort, und das Sprichwort redet die Wahrheit tief aus der menschlichen Natur. Der Undankbare muß ein hartes, empfindungsloses, ganz verwahrlostes Herz haben, oder vielmehr er muß kein Herz haben; denn ein solches Herz verdient nicht mehr, ein Herz genannt zu werden. Das Laster des Undanks ist desto größer, da warme Empfindungen für Güte und Wohlthaten bei jedem Menschen vorausgesetzt werden müssen, der nur Vernunft hat und sein eigenes Glück fühlt und wünscht. Es ist desto größer, da die bürgerlichen Gesetze es nicht durch alle Verhältnisse und Lagen des menschlichen Lebens verfolgen und also nicht bestrafen können. Aber der Abscheu aller Redlichgesinnten verfolgt einen Undankbaren. Ein Undankbarer ist leicht fähig, von einer Stufe des Lasters herab zur andern bis zu dem schrecklichsten Verbrechen zu sinken. Leichtsinn und Unempfindsamkeit sind der Grund der Undankbarkeit. Wer erzeigte Wohlthaten nicht erkennt, wie will der im Stande sein, einst aus Mitempfindung für das Schicksal seiner Brüder selbst Wohlthaten zu erweisen? Dankgefühl ist das Erste, was der gute Mensch in der Freude seines Glücks äußert. Unser Dank muß zuerst zu Gott, unserm Schöpfer, Vater, Erhalter, Versorger und unendlichen Wohlthäter emporsteigen. Alles unser Gebet muß Dank sein; denn unser ganzes Leben ist Genuß seiner Liebe und Güte. Die ganze lebendige Schöpfung und selbst die leblose ist ein lautes Chor zu seinem Lobe, und der Mensch, das herrlichste Geschöpf, das mit Vernunft empfindet, denkt und handelt, sollte nicht mit in dem Chore sein? Der kleinste Halm Ist seiner Weisheit Spiegel, Und Luft und Meer und Wald und Thal und Hügel Sind Gottes Loblied und sein Psalm. Jede Empfindung der Freude durch die Natur ist ein Dank, den die Creaturen unbewußt ihrem Schöpfer stammeln, und wir, die wir wissen und erkennen, sollten nicht heiß empfinden und laut und deutlich sprechen zu seinem Preise? Die Lerche erhebt ihr Lied in dem Saatfelde und steigt hoch mit demselben in die Lüfte bis an die Wolken, und der Mensch, für den der Himmel die Saaten segnet, wollte zurückbleiben und nicht sein Lob durch die Wolken und alle Himmel singen? Dankbarkeit gegen Gott, unsern allgemeinen Wohlthäter, ist der Grund unserer Erkenntlichkeit gegen alle unsere übrigen Wohlthäter auf Erden. Wer nie mit glühender Andacht seinem himmlischen Vater für alle seine tausend Segnungen dankte, wie will der seinem Bruder danken, der im Namen dieses großen Wohlthäters ihm blos hier und da eine hilfreiche Hand gab? Aber Worte und geschmückte Reden sind kein sicherer Beweis der wahren Dankbarkeit, sind noch kein giltiger Bürge, daß der Sprechende von dem wahren, ächten Gefühl derselben durchdrungen ist. Mancher macht viel Wortgepränge, und seine Seele ist leer von Empfindungen, und mancher Bescheidene spricht wenig oder nichts; aber wenn gleich sein Mund verstummet, ist doch sein Herz ein lautes Gebet. Vorzüglich sind wir sodann Dank schuldig unsern Eltern, unsern Lehrern, unsern nähern Wohlthätern, der guten Obrigkeit und Allen, die auf irgend eine Weise thätigen Antheil an unserm Schicksal nehmen. Wer den Eltern nicht vergilt durch Liebe und Achtung alle ihre ehemalige Sorgfalt, alle ihre Treue, mit welcher sie ihn erzogen, der verdient auch von seinen Kindern einst keinen Dank für Alles, was er für sie thut. Gute Lehrer und gute Obrigkeiten sind nach guten Eltern die größte Wohlthat des Himmels. Wer ihre Mühe und ihre Sorgfalt nicht mit Dankbarkeit und Willfährigkeit erwidert, der verdient nicht das Glück, das sie ihm verschaffen könnten, und das er durch seinen Leichtsinn und seine Halsstarrigkeit verliert. Jede freundschaftliche Theilnahme, jeder gute Rath, jede nützliche Zurechtweisung verdient unsere Erkenntlichkeit. Der dankbare Mensch ist im Grunde gewiß ein guter Mensch, und wenn er auch viele Fehler hätte, und der Undankbare ist gewiß kein guter, und wenn er auch gleißnerisch mit mancher gut scheinenden Eigenschaft prangte. Nichts ist rührender, als eine ganze Gemeine feierlich mit Dank vor Gott zu sehen, als eine Versammlung, die einem väterlichen Wohlthäter ihre kindliche Liebe dankbar bezeigt, als einen Kreis guter Kinder, die sich mit Herzlichkeit um einen Vater drängen, welcher eine zahlreiche Familie zur Tugend und zum Glücke liebreich auferzog. Selbst die Thiere fühlen den Trieb der Dankbarkeit, und die Geschichte erzählt davon Beispiele, die in Erstaunen setzen. Der Hund wacht bei dem Lager des Herrn, der ihn füttert; das Pferd duldet nur seinen Wohlthäter nahe an sich. Sollte sich der Mensch beschämen lassen von Geschöpfen ohne Vernunft, welche nur von einem unwillkürlichen Triebe gezwungen werden? Man kann sicher unter dem Dache eines Mannes ruhen, welcher dankbar war; aber gegen den Undankbaren herrscht billig ein allgemeines Mißtrauen. Wer Menschen nicht liebt, die ihm Wohlthaten erzeigen, wie will der Menschen lieben, die ihm ganz fremd sind? Der Undank ist ein schwarzes Laster; Nichts ist dem Redlichen verhaßter, Nichts schändet mehr des Menschen Werth, Als wenn ein Mensch für alle Gaben, Womit ihn Gott und Menschen laben, Nicht dankbar auch den Geber ehrt. Die ohne Sinn die Wohlthat nehmen Und sich des Herzens Rührung schämen, Verdienten diese Wohlthat nicht. Nie soll der Vorwurf uns entehren, Daß je wir solche Menschen wären; Erkenntlichkeit ist heil'ge Pflicht. Von der Friedfertigkeit Friede und Eintracht überall ist eine der ersten Grundlagen zur wahren dauerhaften Glückseligkeit, Friede im Staate und in der Gemeine, in dem Hause und in der Seele; wer diesen Frieden muthwillig stört, ist durchaus kein guter Mensch. Hier ist die Rede mehr von der ruhigen, gefälligen, sanftmüthigen Stimmung im Umgange mit Menschen, von der friedlichen Geselligkeit des Lebens, welche durchaus so angenehm und willkommen ist, und deren Mangel sogleich alle Freude verscheuchen kann. »Selig sind die Friedfertigen!« sagt selbst der große Sittenlehrer Jesus in einer seiner wichtigsten Reden. »Wer Frieden bringt, soll Frieden haben.« »Friede ernährt, Unfriede zerstört, im Hause wie im Reiche.« »Er ist ein recht friedlicher Mann; man hat nie gehört, daß er mit irgend Jemand eine Zänkerei gehabt habe!« spricht man zum Lobe eines Mannes, mit dem man gern umgehet, und dessen Gesellschaft man Andern als gut und nützlich und angenehm empfehlen will. »Er sucht immer zum Besten, zum Frieden zu reden«, spricht man, wenn Jemand thätig menschenfreundlichen Antheil an den Geschäften seiner Mitbürger nimmt und alle Zwistigkeiten, aus denen Feindschaft und Unglück entstehen könnte, mit Klugheit beizulegen sucht. Jedermann schätzt und ehrt und liebt einen solchen friedlichen Vermittler, der überall durch seine Mäßigung, seinen Ernst und seine vernünftigen Vorstellungen alle Feindschaften unvermerklich auszusöhnen weiß, Haß und Groll aus dem Herzen auswurzelt, Verträglichkeit und Liebe einpflanzt und als ein wahrer, unermüdeter Wohlthäter im Stillen Gutes stiftet. Mit Segenswünschen erinnern sich seiner noch lange nachher Diejenigen, denen er ein Friedensstifter war, und sagen bei der Erwähnung des Vorfalls: »Wenn Dieser nicht gewesen wäre, so hätte uns wol unsere Hartnäckigkeit und Thorheit in großes Unheil gebracht.« Der Friedliebende giebt nach, so viel er kann und darf; er ist aber darum nicht furchtsam. Eben weil er Recht hat, hat er Muth und Mäßigung. Seine Vernunft leitet ihn und nicht seine Leidenschaft. Wo er sprechen muß, wo er aus Pflicht nicht nachgeben darf, da spricht er, da handelt er immer mit fester Bestimmung, mit Ueberlegung, ohne Bitterkeit und Beleidigung. Alles, was Hader anzünden könnte, vermeidet er. Jeden Schritt, jedes Wort, jede Miene, jede Geberde hält er in Obacht, damit er Keinem, der vielleicht sehr empfindlich ist, zu nahe trete. Er selbst legt Alles zum Besten aus und benimmt sich immer so, daß Niemand das, was er thut und sagt, schlimm auslegen kann. Er übersteht Beleidigungen mit Ruhe, wenn er sie auch empfindet. Er denkt, es ist besser, vergeben können, als um Verzeihung bitten müssen. Er bittet aber auch willig um Verzeihung, wo er in der Sache selbst oder in der Art und Weise gefehlt hat. Wenn Jemand etwas Schlimmes von ihm sagt, so untersucht er, ob man vielleicht wenigstens etwas Recht hat. Ist dieses der Fall, so nimmt er sich's zur Warnung und sucht sich in diesem Punkte zu bessern. Die Feinde sagen in ihrer Bitterkeit oft heilsamere Wahrheiten als die Freunde, welche nicht gern unangenehm werden und beleidigen wollen. Ist das Gesagte nicht wahr, so ist Derjenige, der es sagte, ein Irrgeführter, ein Thor oder ein Bösewicht. Im ersten Falle verdient er Mitleid und Belehrung, im zweiten wird er durch Verachtung gestraft. Durch stille, friedliche Mäßigung wird immer mehr und eher wieder gut gemacht als durch Hitze, Lärm und Sturm. Die erste besänftiget, wenn sie mit Liebe und Güte verbunden ist, das Zweite vermehrt die Erbitterung, bläst das Feuer höher an, giebt zu neuen Fehlern Anlaß, reizt noch mehr die Galle und legt oft den Grund zu endlosen Feindschaften. Weise Nachgiebigkeit wirkt mehr als harte, unzeitige Unbiegsamkeit. Der Sturmwind zerbricht und zersplittert die Eiche, aber der Halm und das geschmeidige Rohr ist sicher vor seiner Wuth. Diese äußere Friedfertigkeit, die ein so großes Glück ist für den Besitzer und Alle, die mit ihm umgehen, ist eine Frucht der innern Seelenruhe, der schönen Eintracht, die in seinem Herzen wohnt. So wahr ist es durchaus, daß wahrhaft gute Menschen auch immer gut und nützlich für die Gesellschaft sind. Wer Ruhe in sich selbst hat, wird von außen keinen Zank suchen; aber oft sucht man durch äußerlichen Lärm die innerliche Angst zu entfernen und zu unterdrücken. In der heiligen Schrift wird die Einigkeit der Brüder mit unter die schönsten Dinge gezählt, und wir sind ja Alle Brüder, Brüder in der Familie, Brüder in der Gemeine, Brüder im Vaterlande, Brüder in der Religion, Alle Brüder als Menschen auf der Erde. Habt Geduld Einer mit dem Andern; ein Jeder hat seine Fehler! Wer die wenigsten hat, ist am Billigsten, weil er weiß, wie leicht es doch ist, in Fehler zu verfallen, und wie schwer es ist, alte, angewöhnte Fehler abzulegen. »Ihr vertragt gern die Narren, dieweil Ihr klug seid!« sagte der große Menschenkenner Paulus. An diesen Spruch sollte man oft denken, ihn aber nicht oft sagen. Denn man macht Thoren durch Vorwürfe nicht weise. Der Eule thun die Augen weh, wenn sie das Licht sieht; so wird der Unverständige wild und unbändig, wenn man ihm ohne Schonung seine Narrheit malt. Der Friedfertige hat also Geduld; aber er verbirgt es so viel als möglich, daß er Geduld haben muß. Er sucht zu belehren mit Theilnahme, zu bessern mit Liebe, zu erinnern mit Sanftmuth, zu ermahnen mit Schonung. Wenn es ihm gelingt, so ist er froh in dem Bewußtsein, etwas Gutes und Nützliches unternommen und ausgeführt zu haben. Gelingt es ihm nicht, so zieht er sich freilich nicht ohne Unmuth, aber doch ruhig an seinen eigenen Herd zurück, wo nach dem Segen der Schrift Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Er hat seine Schuldigkeit gethan, wenn er auch zuweilen die kränkende Erfahrung macht und mit Verdruß sieht, was der Vers sagt: Vergebens bleicht man einen Mohren, Vergebens straft man einen Thoren; Sie bleiben Beide, was sie sind. Von der Bereitwilligkeit, für unser Vaterland zu streiten Wenn in der Gemeine alle Mitglieder gut und gerecht wären, so hätten wir keinen Zank und keine Processe; wenn in der großen Welt alle Völker und Könige gut und gerecht wären, so hätten wir keine Kriege. Kriege sind die blutigen Processe der Völker, da sie auf der Welt keinen Richter über sich haben. Gott wird zwar einst richten, aber hier giebt er sein Urtheil nur durch unsere Vernunft. Wo man nun Vernunft nicht hört, da ist keine Hoffnung zur gütlichen Gerechtigkeit und Ausgleichung. Man klagt oft mit vieler Bitterkeit über die Kriegssucht der Könige und hat nicht Unrecht. Die Geschichte stellt viele Fürsten auf, die mit dem Blute ihrer Unterthanen umgingen, als wäre es Regenwasser, und mit ihrem Brode, als wären es Kieselsteine. Diese nennt die Geschichte der Wahrheit Unmenschen und Tyrannen, wenn sie auch die Schmeichelei Große, Eroberer und Helden nannte. Aber auch die Nationen, welche keine Könige hatten, die sogenannten Freistaaten der alten und neuen Geschichte, machten es nicht allein nicht besser, sondern oft noch viel schlimmer. Die Händel sind da häufiger, weil die Köpfe unruhiger sind. Die Art des Krieges ist gewöhnlich viel grausamer, weil die Gemüther erbitterter sind, und es ist in diesen Freistaaten oft viel weniger Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit, sondern nur desto mehr Unruhe und Ausgelassenheit. Kriege werden wol nicht aufhören, so lange die Menschen Menschen sind. Wenn sie nur nicht mehr so häufig, nicht mehr so oft wegen Kleinigkeiten entstehen, die der Wohlfahrt der Länder ganz gleichgiltig sind; wenn sie nur nicht mehr so verheerend und unmenschlich geführt werden, so ist zum Wohl der Menschheit schon viel gewonnen. Jeder Staat muß sich also auf alle Fälle in Vertheidigung setzen; denn die Ungerechtigkeit ist leider in der Welt so groß, daß Einer auf die Freundschaftsversicherungen des Andern nicht sehr trauen darf. Dies war so von Nimrod's Zeiten an und wird wol schwerlich ganz gebessert werden. Etwas Anderes ist nicht immer etwas Besseres. Das Vaterland braucht Vertheidiger; wer soll es vertheidigen als die Kinder des Vaterlandes, als Bürger und Einwohner? So wie Jedermann Sicherheit und Ruhe wünscht und verlangt, so ist er verbunden, erforderlichen Falls für diese Sicherheit und Ruhe auch selbst mit beizutragen, zu arbeiten, zu streiten, sein Leben zu wagen, sein Leben für das Leben des Ganzen und für alle seine Brüder nicht zu achten. Denn Alle haben die nämliche Pflicht für ihn, und er hat sie für Alle. Nicht Besitzung und Güter und Reichthümer machen von dieser Pflicht los, sondern verbinden desto mehr und fester dazu. Je mehr Einer in dem Vaterlande und von dem Vaterlande genießt, desto mehr ist er ihm schuldig. Je mehr Einer in dem Vaterlande hat, was ihm werth ist, desto mehr ist ihm das Vaterland selbst werth. Wer also blos mit Geld die Pflicht, das Vaterland zu vertheidigen, abzukaufen sucht, handelt auf keine Weise gut gegen das Vaterland. Die Obrigkeiten, welche auf diese Weise Handel zu treiben sich unterstehen, handeln noch schlechter. Die Bürger und Kinder des Vaterlandes sollen die Waffen tragen zu seiner Verteidigung; es ist ein sehr ehrenvoller Beruf, für das Vaterland jede Gefahr zu wagen. Man soll das Heil des Landes nicht in die Hände von gänzlichen Miethlingen geben, denen Glück oder Unglück des Landes gleichgiltig ist, die bei dem ersten nichts gewinnen und bei dem zweiten nichts verlieren. Jeder muß etwas haben, wofür er streitet; es muß auch seine eigene Sache sein, für die er mit Leib und Leben schlägt. Dann hat er erst wirklich Muth und Entschlossenheit und Ehrgefühl. Er weiß, seine Eltern, seine Brüder, seine Schwestern, seine Freunde und Anverwandten werden sein Verhalten erfahren und sich über seine Bravheit und gute Aufführung freuen. Er weiß, seine Schande würde sie mit Herzeleid kränken. Der Arme, der nichts besitzt, findet überall wieder ein Vaterland, in welchem er ebenso viel hat als in dem jetzigen. Aber der Mann, welcher weiß, er ist seines Vaters Erbe zu einem guten Hofe, zu fruchtbaren Aeckern und Wiesen und Gärten, wie sollte der nicht mit ganzer Seele die Sache des Vaterlandes verfechten? Die öffentliche Sache ist auch seine eigene. Je glücklicher also Einer in dem Vaterlande ist, desto heiliger ist die Pflicht, das Vaterland beschützen zu helfen und die Wohlthaten zu erwiedern, die er von dem Vaterlande genießt. Auch ist es jederzeit bei allen Völkern, die einige Bildung hatten, ein großes, ja das größte Lob gewesen, wenn Jemand mit Muth und Unerschrockenheit für sein Vaterland kämpfte, wenn er unverdrossen alle Mühseligkeiten in dem Dienst desselben erduldete, keine Gefahren und keine Aufopferungen scheute und seinen Mitbrüdern in der ehrenvollen Stunde des Kampfes ein ruhmwürdiges Beispiel gab. Eine Wunde daselbst erhalten, ist überall ein Ehrenzeichen; und der Tod im Streit für Vaterland und Freiheit wird immer vorzugsweise der Tod der Ehre genannt. Wir wollen den Himmel bitten, daß unser Vaterland nie in so große Gefahr kommen möge. Aber wenn der Fall einträte, so wollen wir Alle als Männer, als brave Männer, als gute Söhne des Vaterlandes standhaft und muthig unsere Pflicht erfüllen. Nicht Wildheit und Rohheit, sondern Unerschrockenheit und Ordnung und Muth sollen unsere Krieger auszeichnen, und Jeder müsse für sich dazu beitragen, diese Ehre zu behaupten. Wir selbst sind Landleute und wissen, wie wohl eine gute Begegnung thut: es müsse also nie eine gegründete Klage über unser Betragen, sei es wo es wolle, erhoben werden. Menschlichkeit geziemt dem Krieger vorzüglich, mehr als irgend einem andern Stande, da in dem Stande des Kriegers Menschlichkeit so werth und so theuer ist. Nur der Mann, der gegen uns Waffen trägt, ist thätig unser Feind, und nur so lange er Waffen trägt. Gegen alle Uebrigen sollen wir freundschaftlich sein und die Plagen des Krieges, so viel wir können, erleichtern. Selbst unser Feind hat Anspruch, hat ein gegründetes Recht auf Schonung und Milde, sobald er nicht mehr die Waffen gegen uns hebt. Es ist eine Schande, einen Gefangenen zu mißhandeln, fast mehr, als es Schande ist, dem bewehrten, eindringenden Feinde den Rücken zu kehren, wenn man noch widerstehen kann. Ein alter Krieger verdient stets unsere Achtung, und desto mehr Achtung, je weniger er oft Belohnung findet. Es ist etwas sehr Wehmüthiges, wenn ein alter Mann in dem Lande, für welches er seine Kräfte aufgeopfert, für welches er seinen Körper mit Narben bezeichnet trägt, in seinen schwachen Jahren kümmerlich sein Brod suchen muß. Wenn der Staat nicht alle seine entkräfteten Kriegsleute ernähren kann, so wollen wir, deren Pflichten sie vielleicht mit erfüllt haben, ihnen ihr Loos doch zu erleichtern suchen. Wer nicht sein Vaterland vertheidigen wollte, verdiente nicht, ein Vaterland zu haben; und billig wird Denjenigen vorzüglich Achtung bewiesen, welche für dasselbe und für die Sicherheit aller ihrer Mitbürger schon mit Muth ihr Leben gewagt haben. Gott, unser Schutz, gieb Frieden unsern Zeiten         Und Glück und Heil zu jedem Stand;         Doch ruft die Pflicht, so laß uns muthig streiten         Für unser gutes Vaterland,         Und selbst im Kampf sei mit uns jederzeit         Gerechtigkeit und Menschlichkeit! Von Fehlern und Lastern überhaupt So wie die Tugend, und nur die Tugend allein, den Menschen wahrhaft glücklich macht, so kann nur das Laster ganz allein den Menschen wahrhaft elend machen. Die Weisen mögen es nennen Laster, die Richter mögen es nennen Unrecht, die biblischen Sittenlehrer mögen es nennen Sünde: es ist Alles Eins. Sein verderbliches Wesen ist, daß es Unordnung stiftet, jeden Frieden stört und die Menschen zu nichtswürdigen, verworfenen Creaturen macht, alles mögliche Glück untergräbt, die Lasterhaften mit innerlicher Pein quält und sie und Alle um sie her endlich vielleicht ohne Rettung elend macht. »Die Sünde ist das Unrecht und der Leute Verderben,« sagt die Schrift. »Thorheit und Laster sind die Geißeln der Menschheit,« sagen die weisen Männer aller Völker. »Ungerechtigkeit und Bosheit schaffen alles Unheil auf dem Erdboden,« sagt der rechtschaffene Verwalter der Gesetze: und Alle sagen die Wahrheit, und die nämliche Wahrheit. Bei den Guten ist der Himmel, und bei den Bösen ist die Hölle. Wenn es also unbezweifelt fest und wahr ist, daß Gutes am Ende nur Gutes und Böses endlich Böses wirken muß, so sollen wir billig beständig mit der größten Aufmerksamkeit über uns wachen, damit nicht Fehler, üble Gewohnheiten, Unbesonnenheiten und endlich Laster in unserer Seele Wurzel fassen, ohne daß wir daran denken. Obgleich Fehler, Vergehungen und Laster wider unsere Vernunft und also auch wider unsere Natur sind, so ist es doch so leicht, durch Unbesonnenheit und Mangel der Ueberlegung in manchen Fehler zu gerathen, ohne daß wir es uns bewußt sind, was wir thun. Endlich ist unvermerkt eine schlimme Fertigkeit daraus entstanden, von der wir uns nur mit vieler Anstrengung wieder losmachen können. Nenne man dieses Erbsünde oder Schwachheit oder Unvollkommenheit, sie ist das Loos jedes endlichen Wesens, und wir sollen mit aller Kraft dagegen kämpfen. Wenn wir sie auch nie ganz austilgen können, weil wir immer endliche Wesen bleiben, so werden wir sie durch Uebung, Aufmerksamkeit und Fertigkeit im Guten doch immer mehr und mehr unterdrücken und sie uns und Andern immer unschädlicher machen. Wenn wir uns im Guten üben, so gewinnen wir nach und nach immer mehr Liebe zu demselben und mehr Fertigkeit darin; eine gute Eigenschaft hilft der andern, eine Tugend bietet der andern die Hand. Vielleicht kostet uns der Anfang Anstrengung und Ueberwindung; aber bald wird sie leicht, dann angenehm, dann wohlthätige Neigung und endlich Notwendigkeit unserer Denkart und Handelsweise und unsers Wesens selbst. So auch mit dem Bösen. Anfangs hat der Mensch bei den ersten Versuchungen vielleicht Furcht und Widerwillen, sodann wird er gleichgültig, sodann leichtsinnig und unbesonnen, und endlich ist das Schlimme zur Gewohnheit geworden, in welcher ein Gedankenloser immer weiter geht, bis er am Rande des Verderbens durch den Anblick der entsetzlichsten Gefahr aufgeschreckt wird. Sobald wir uns fest und unwidersprechlich überzeugen, daß das Gute oder die Tugend endlich unsere Glückseligkeit, daß das Böse oder das Laster endlich unser Elend bewirkt, wie könnten wir dann noch eine Minute zweifelhaft sein, welchen Entschluß wir auf unser ganzes Leben fassen und festhalten wollen? Meistens straft sich das Laster sogleich selbst, und der Uebertreter trägt sogleich seinen Lohn mit sich; aber wo auch Versteckung und Heuchelei die sichtbaren Folgen desselben weiter hinaus entfernen, da kommen sie doch endlich desto schrecklicher. Und wie verächtlich und erniedrigend ist es nicht schon, seine Zuflucht zur Verstellung und Heuchelei nehmen zu müssen und sich in seiner wahren Gestalt nicht zeigen zu dürfen! Endlich wird dem Scheinheiligen und Scheinredlichen die Larve zu desto größerer Schande abgezogen, und er steht nackend und bloß da in seiner ganzen Häßlichkeit. Die Klugheit der Bösen wird bald nur zu desto größerer Thorheit; denn nur die Weisheit der Tugend und Redlichkeit, der Wahrheit und Rechtschaffenheit, der Gerechtigkeit und Menschenliebe hält immer fest und bringt ihren Verehrern immer Sicherheit. Wir haben bisher von einigen der vorzüglichsten Tugenden gesprochen, deren Ausübung zu dem Glück der einzelnen Menschen und der Gesellschaften höchst nöthig oder durchaus unentbehrlich ist. Wir wollen nun auch über einige der gewöhnlichen Fehler und Laster reden, welche das Glück der Menschen zerstören und so manches Unheil auf der Erde anrichten. So wie jene Vorstellung der Tugend uns zur Tugend ermuntern sollte, so muß uns der Anblick dieser Laster von dem Laster zurückschrecken. Es war zwar bei der Betrachtung jeder Tugend sehr leicht, auch das entgegengesetzte Laster kennen zu lernen, um es zu hassen und verabscheuen zu können, da aber diese Laster in einer oder der andern Gestalt überall noch großen Schaden in der Welt anrichten, so wird es nicht überflüssig sein, von einigen derselben noch etwas mehr zu sagen, damit wir an der Ausrottung derselben desto mehr und thätiger und glücklicher arbeiten mögen. Von der Gottlosigkeit Gottlos nennt man wol im gemeinen Leben jedes Laster, weil durch jedes der Mensch gewissermaßen Gott lästert, Gottes und seiner Ordnung und seiner ganzen Einrichtung spottet oder zu erkennen giebt, daß er nicht wahrhaft an ihn glaubt. Aber Gottlosigkeit im engern Verstande ist entweder der gänzliche Mangel des Glaubens an Gott oder unerhörte Unbesonnenheit in Allem, was sich auf Gott, Vorsehung, Religion, Tugend und wahre Würde des Menschen bezieht. Wer ohne Gott ist, ist gottlos, so wie Derjenige sinnlos ist, der ohne Sinn ist und handelt. Wer Gottes Allmacht und Weisheit und Güte leugnet, wer seinen Mitmenschen den Trost der Religion, die Hoffnung der Ewigkeit und die Vergeltung der Thaten rauben will, ist gottlos. Wer über Dinge, die jedem guten Menschen heilig sind, über Wahrheit und Tugend spottet, ist gottlos. Wie schrecklich und entsetzlich muß der Zustand eines Menschen sein, dem Gott, Vorsehung, Religion, Tugend, Hoffnung der Unsterblichkeit nichts ist, und wie noch schrecklicher, wie noch entsetzlicher muß der Zustand eines Menschen sein, der Härte, Verderbtheit des Herzens und Bosheit genug hat, auch seinen Mitbrüdern diesen seligen Trost rauben zu wollen! Aber nicht allein das gänzliche Leugnen oder die vermessene Zweifelsucht an der göttlichen Wahrheit der Religion ist gottlos, sondern auch und noch mehr der leichtsinnige, unbesonnene, frevelhafte Mißbrauch dieser göttlichen Lehren. »Du sollst den Namen des Herrn Deines Gottes nicht mißbrauchen«, ist eines der ersten Gebote der weisen Gesetzgebung von Sinai. Wir schämen uns schon, den Namen unserer Lehrer, unserer Obrigkeiten, unserer Fürsten ohne Ehrfurcht und mit Geringschätzung zu nennen, und wir sollten nicht voll heiliger Ehrfurcht sein, wenn wir den Namen des Gottes der Welten nennen, vor dem die Erden Sandkörner und die Sonnen Lichtfunken sind, und der Könige und Bettler in gleicher Wage nach ihrem wirklichen Werth wägt? Das Fluchen ist entweder Bosheit oder Unsinn, verräth entweder Finsterniß des Verstandes oder Verkehrtheit des Herzens, oft auch Beides zugleich. Ein Mann, der immer die Wahrheit zu reden gewohnt ist, wie jeder vernünftige Mensch soll, hat nicht nöthig, das, was er spricht, feierlich zu betheuern. Man glaubt seinem Worte, und wenn man diesem nicht glaubt und nicht glauben kann, so glaubt man ebenso wenig seinen Schwüren. Flüche und Schwüre zeigen überall einen sehr frevelhaften, rohen, ungebildeten Menschen und sind für ein vernünftiges Wesen, das die Majestät des Schöpfers und seine eigene Würde fühlt, sehr erniedrigend. Ist es nicht unsinnig, dem Himmel durch seine Ruchlosigkeit und Verwegenheit Trotz bieten zu wollen? Gott ist kein Mensch, daß er zürne; aber ein Mensch, der so frevelnd denken und reden kann, zeigt schon selbst eine Gemüthsstimmung, die ihn der wahren Glückseligkeit unfähig macht. Wie will der Mensch glücklich sein, der bei jeder Gelegenheit den Zorn des Himmels auf sich herabruft und böse Geister zu seinem Verderben auffordert? Nicht der Zorn des Himmels, den er herabruft, nicht die bösen Geister, welche er auffordert, bringen ihm Verderben, sondern seine eigene Bosheit, seines Herzens Verstocktheit und seines Geistes Finsterniß. Der Himmel straft immer die Lasterhaften durch ihre eigenen Laster. Der Gottlose wird endlich fürchterlich durch allen Mangel des Trostes, durch die Pein der Seelenangst und zuweilen durch Verzweiflung am Rande des Lebens gestraft. Dem Gottseligen und Tugendhaften ist die Stunde des Todes eine Botschaft der Ruhe und des Friedens; dem Gottlosen und Lasterhaften ist sie eine Folter ohne Linderung, eine unaussprechliche Qual ohne Hoffnung. Selbst die Vernunft hat dann Schiffbruch gelitten und ist unfähig, die letzten Strahlen des Lichts zu sehen, den letzten Weg zur Rettung und Ruhe zu finden. Es giebt fürchterliche Beispiele dieser Art, die jeden noch der Besinnung fähigen Menschen bei Zeiten abschrecken sollten, der den Weg der Sünder angetreten hat und sich schon dorthin setzet, wo die Spötter sitzen. Jedes Laster kann ein trauriges Ende nehmen; aber das Ende der Gotteslästerer und Religionsspötter ist das gräßlichste, es mag sie noch die Pein des Gewissens ergreifen, oder sie mögen dahinfahren in ihres Herzens Härtigkeit. Manchmal wird der Grund zu diesem schrecklichen Zustande durch jugendlichen Leichtsinn und Mangel eines vernünftigen Unterrichts gelegt. Wie wichtig, wie heilig muß also Eltern und Erziehern die Pflicht sein, über das junge Herz und den aufkeimenden Verstand ihrer Kinder und Pfleglinge zu wachen, damit sie sich nicht in diese Irrwege voll tödtlicher Gefahren verlieren! Wie wichtig, wie heilig ist die Pflicht eines jeden Menschen, alle seine Empfindungen und alle seine Gedanken durch Vernunft und Religion prüfen und leiten zu lernen! Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Wer nicht Gott, seinen Schöpfer und Wohlthäter, ehret, wer die heilige, ewige Wahrheit seiner Religion nicht lebendig fühlt, nicht in derselben seine ganze Glückseligkeit sucht und findet, der wird nie ganz und sicher weise und zufrieden. Möchte Niemand von uns Ursache haben, vor sich selbst zu zittern, wenn er in seinen Busen greift, wenn er die geheimsten Gedanken und Empfindungen seiner Seele untersucht; möchte Jeder sich an den Trost der Tugend und der Gottseligkeit halten, so lange es Zeit ist! Wer Gott nicht fürchtet, nicht liebet als seinen Vater, der fürchtet ihn endlich mit Entsetzen als seinen Richter. Gott, unser Trost, laß uns von dem Gedanken An Dich, an Dich nie, nie ein Haarbreit wanken; Laß unser Ohr nie hören Spott der Spötter, Gott, unser Retter! Laß unser Herz stets Deine Wege wallen, Und lehr uns thun nach Deinem Wohlgefallen, Daß hier durchaus im Glück nichts, nichts im Leide Von Dir uns scheide! Vom Aberglauben Der Gottlosigkeit und dem Unglauben ist entgegengesetzt die fromme Schwärmerei und der Aberglaube. Der Unglaube will sich von nichts überzeugen und spottet über Alles; der Aberglaube glaubt zu viel und findet in seiner Schwäche des Verstandes überall Gegenstände der Furcht und Verehrung. Der Unglaube ist stolz und verwegen; der Aberglaube ist niedrig und kriechend. Die Gestalt des Aberglaubens ist zwar nicht so schrecklich und furchtbar, aber desto trauriger und niederschlagender. Es ist nicht selten der Fall, daß der Mensch von einem zum andern übergeht: der Abergläubige wird ein Ungläubiger, und so im Gegentheil. Der Ruchlose und Ungläubige hat über Gott und Vorsehung gespottet, hat über Wahrheit und Tugend Hohn gelacht, hat die Lehren von Seligkeit und Verdammniß wie Märchen behandelt und in seiner kühnen, stolzen Unbesonnenheit Jeden für einen Schwachkopf gehalten, dem ein Begriff dieser Art heilig war. Auf einmal wird seiner Seele bange; er sinkt oder stürzt herab von seiner Höhe, und wo er vorher nichts sahe, sieht er nun lauter Schreckgestalten und Gespenster. Der Mensch, der ehemals keinen Gott fürchtete, fürchtet nun die thörichte Prophezeiung eines alten Weibes. Der Unglaube ist Verwegenheit des Verstandes in kühner Zweifelsucht; der Aberglaube ist Mangel des Verstandes in blinder Annahme voll Träumereien ohne alle vernünftige Gründe. Der Unglaube verwirft mit ruchloser Verwegenheit das Heiligste, worin die Vernunft des Menschen Licht und sein Herz Beruhigung findet; der Aberglaube sieht mit Blödsinn überall Dinge, die er mit der Religion verbindet, ohne daß sie in einiger nahen Verbindung mit ihr ständen. Es ist vielleicht schwer zu entscheiden, ob Unglaube oder Aberglaube mehr Schaden stifte und den vernünftigen Menschen mehr zur Schande gereiche. Der Abergläubige ist beständig ein sehr jämmerlicher Mensch. Seine Begriffe sind eingeschränkt und thöricht; seine Handlungen sind also furchtsam, unbestimmt und ohne Werth. Er unternimmt etwas, nicht weil es Pflicht, nicht weil es gut ist, sondern weil seine Großmutter ohne Gründe es so oder so befohlen hat; er unterläßt etwas, nicht weil es schlecht, gewissenlos und pflichtwidrig ist, sondern weil irgend eine eingebildete Vorbedeutung ihn davon abhält, und so unterläßt er oft etwas sehr Gutes und thut etwas sehr Schlimmes. Alle Raben und Kauze und Eulen sind ihm Unglücksbringer und Leichenvögel. Jeder Kreuzweg ist für ihn voll Gespenster, und jede Mitternachtstunde eine Geisterwandlung. Er fürchtet sich mehr vor einem quergelegten Besenstiel als vor Sünde und Hölle und hat mehr Achtung vor der Wahrsagung einer alten Sibylle als vor allen zehn Geboten. Ein Hase oder eine Elster setzen ihn in Angst, und etwas ebenso Gleichgiltiges erlöset ihn wieder daraus. Der Abergläubige sieht in jedem Irrlicht einen bösen Geist, in jedem Stückchen leuchtenden, faulen Holz einen Drachen, hört in jeder Unke eine Wehklage und hält jede schwarze Katze für eine Hexe. Nichts ist lächerlicher, aber nichts ist oft auch trauriger als Menschen mit so verkehrtem, schwachem Verstande, welche von den gewöhnlichsten Erscheinungen der Natur in Furcht und Schrecken gesetzt werden. Solchen Leuten ist Alles voll Ahnungen, und sobald die Sonne untergeht, tritt die Zeit der Angst und Bangigkeit ein. Solche schwache Menschen sehen in ihrer kranken Einbildungskraft Engel und Teufel herumwandeln, und es ist kein Winkel, kein Hohlweg, kein alter Weidenbaum, den sie nicht mit einem Geiste besetzten. Sie sehen sogleich Krieg und Blutvergießen und Hunger und Pest in einem Nordlichte und ängstigen sich über einen Schatten im Mondschein. Das Herzdrücken von schwerem Blute und den zu reichlichen Mahlzeiten halten sie für den Alp, der in sonderbaren Gestalten die Besessenen quält. Sie halten in ihrer Seelenkrankheit alle Diejenigen für leichtsinnig und ruchlos, die ihre frommen, schwärmerischen Thorheiten nicht mit glauben, und fürchten, man wolle ihnen ihren Glauben nehmen, wenn man ihnen nur etwas mehr Erleuchtung und Menschenverstand geben will. Dieser Aberglaube aller Art, dessen Umfang so groß ist, als die verkehrten Vorstellungen der Menschen mannichfaltig und verschieden sind, herrscht zwar jetzt nicht mehr so auffallend albern und lächerlich als ehemals in den noch ganz finstern Zeiten. Aber doch giebt es noch hier und da eine Menge Personen beiderlei Geschlechts, besonders auf dem Lande, die bald über diesen, bald über jenen Punkt ihre eigenen abergläubischen Meinungen haben. Viele bringen dergleichen Vorurtheile mit aus der Kinderkappe, wo man sie in ihrer ersten Jugend damit zu unterhalten oder auch zu schrecken suchte. Manche Eltern bedienen sich aus Unüberlegtheit des Mittels, fürchterliche Geschichten des Aberglaubens zu erzählen, um ihre Kleinen in Ruhe zu erhalten, ohne selbst im Geringsten daran zu glauben. Aber sie bedenken nicht, was sie thun, daß sie die junge feurige Einbildungskraft der Kinder mit solchen Ungereimtheiten anfüllen, die sie dann nur sehr schwer oder auch wol nie ganz mit Vernunft wieder herausbringen können. Gewöhnlich wird in der Jugend der Grund zu jeder Tugend oder zu jedem Laster gelegt; vorzüglich setzt sich da der Aberglaube und die lächerliche ängstliche Leichtgläubigkeit an vernunftlose Vorurtheile fest. Selten werden die Menschen ganz wieder von allen diesen verkehrten Vorstellungen geheilt, und selten kehren sie ganz ruhig zu geläuterten, vernünftigen Begriffen zurück. So wie auf den Unglauben oft Aberglaube folgt, so folgt nicht selten auf den Aberglauben auch der Unglaube, wenn der Mensch endlich das Lächerliche und Abgeschmackte seiner alten Meinungen einsieht und nun in der Unbesonnenheit und der neuen Verwegenheit Alles für Falschheit und Betrug hält. So irrt der Mensch sehr oft sehr gefährlich, indem er zu viel oder zu wenig glaubt, zu viel oder zu wenig redet, zu viel oder zu wenig thut. Gegen den Aberglauben ist kein sichereres Mittel als entschlossener Gebrauch unserer Vernunft, unbefangene Ueberlegung, freimüthige Untersuchung eines jeden Dinges. Diejenigen, welche den Aberglauben befördern und unterhalten helfen, sei es Aberglaube in der Religion oder im gemeinen Leben, um dadurch die Menschen zu täuschen und ihren eigenen Vortheil daraus zu ziehen, sind immer schlechte, verächtliche, schändliche Betrüger; sie mögen sein, von welcher Art Menschen sie wollen. Und alle Diejenigen, welche helle, wahre, reine, richtige Begriffe verbreiten helfen, sind wahre Freunde und Wohlthäter der Menschen; denn daraus muß endlich immer etwas Gutes und Nützliches entstehen. Von der Lieblosigkeit Es ist nichts gewöhnlicher in der Welt als Klagen. Jeder klagt über irgend etwas und glaubt in seinem Herzen sehr vielen Grund dazu zu haben. Und diese Klagen treffen meistens entweder die Menschen überhaupt oder irgend einen Menschen insbesondere. Jeder beklagt sich über den Andern mit Recht oder mit Unrecht und oft in den bittersten Ausdrücken. Diese Gewohnheit und Geneigtheit zu klagen entsteht freilich oft aus erlittenem oder gesehenem Unrecht und hat ihren Grund; aber oft entsteht sie doch auch aus gänzlichem Mangel an christlicher Liebe und Geduld und Nachsicht mit menschlichen Schwachheiten. Jeder ist Mensch und hat gewiß seine Fehler und Schwachheiten und darf hoffen, daß man diese für nicht mehr als für Fehler und Schwachheiten halten wird. Die Besten sind immer am Geneigtesten, zu verzeihen und Gutes zu denken. Diejenigen, die wegen ihrer eigenen Fehler die Verzeihung am Nöthigsten haben, sind oft die Härtesten in Beurtheilung Anderer. Wir nennen dieses Lieblosigkeit, weil es Mangel an Menschenliebe zeigt, von seinem Nächsten immer das Schlimmste zu denken, die schlimmste Auslegung von seinen Reden zu machen und überall die schlimmste Seite von seinen Handlungen aufzusuchen. Wie klein und geringschätzig muß Der von dem Menschen denken, welcher ihm gar keine aufrichtigen, redlichen Gesinnungen, gar keine edlen, uneigennützigen Handlungen zutraut? Er ist selbst ein Mensch; wer soll also von ihm etwas Gutes glauben, wenn er von Andern nichts Gutes glaubt? Hat er dieses Mißtrauen aus seinem eigenen Herzen, aus seiner eigenen Seele genommen, so müssen beide von keinem großen Werthe sein. Ist er durch Erfahrung zu einem so allgemeinen Argwohn verleitet worden, so ist er zwar zu bedauern, aber er ist doch immer ungerecht und hart und lieblos. Wenn ihn Einige beleidiget haben, mit welchem Recht kann er daraus schließen, daß Alle seine Feinde sind? Wenn Einige böse waren, mit welchem Recht kann er darum glauben, daß Alle nichts taugen? Und wenn ein Mann lange gelebt und viel erfahren hat, so ist seine Bekanntschaft immer noch sehr klein gegen die Menge Menschen, die er nicht kennt, und selbst in seiner Bekanntschaft kennt er vielleicht die Wenigsten ganz. Der Grund der Lieblosigkeit ist also immer entweder Mißmuth, Schwachheit und Blödsinn oder Schadenfreude und eigene Bosheit. »Ihr sollt Alles zum Besten kehren!« lautet das Gebot der Schrift, und die Schrift gebietet immer nur das Gute, Löbliche und Nützliche. Wer Alles zum Schlimmsten kehret, ist schon sehr schlimm oder in Gefahr, es zu werden. Wenn die Menschen auch gleich ziemlich eigennützig sind, wenn sie auch gleich immer vorzüglich auf ihren Vortheil denken, wenn sie auch gleich in ihrer Lage manchmal nicht ganz löbliche und gemeinnützige Neigungen haben und sie nähren, so sind sie doch darum auch nicht sogleich böse. Der Himmel erlaubt es, er will es, daß Jeder für sich sorgen soll; dadurch wird viel gearbeitet, und der Zusammenhang ist in der Welt unter allen Menschen so, daß Einer nie für sich allein arbeiten kann, sondern auch durch seinen Fleiß das Wohl der Andern selbst wider seinen Willen mit befördern muß. Es ist freilich nicht edel, merklich eigennützig zu sein; aber wenn die Menschen dabei nur nicht ungerecht sind, so dürfen wir ihnen dieses schon nachsehen. Wir können nie den Grund und die Ursache von den Handlungen der Menschen ganz genau einsehen, und da wir dieses nicht können, wie ist es möglich, ganz richtig und unwidersprechlich zu urtheilen, ob die Handlungen wirklich so schlecht sind, als sie zu sein scheinen? So lange wir nicht ganz gewiß sind, daß ein Mensch durchaus schlecht gehandelt habe, sollen wir immer glauben, es sei möglich, daß er noch gut, wenigstens nur leichtsinnig, wenigstens nicht aus Bosheit gehandelt habe. Durch schlimme Auslegung machen wir nichts besser und richten nur Hader und Groll an. Durch Sanftmuth, Geduld und liebevolle Zurechtweisung wird der Irrende und Leichtsinnige wieder zur Tugend gewonnen, aber durch Bitterkeit und unbarmherzige Mißdeutung wird der Unbesonnene oft vollends zum Bösewicht gemacht. Wer das große Gebot der christlichen Liebe einsieht, fühlt und übt, wird nie in solche Lieblosigkeit verfallen können. Dadurch wird nicht befohlen, daß wir gegen das offenbare Laster nachgiebig oder gar ohne Einschränkung gütig sein sollen. Gegen dieses ist vernünftige Strenge nöthig, um den Menschen das Lästerliche des Lasters ganz fühlen zu lassen. Wer zu einem überwiesenen Diebe »guter Freund« und zum Trunkenbolde »lieber Bruder« sagen wollte, würde ihnen schwerlich das Häßliche ihrer Vergehungen so begreiflich machen, als wenn er sich gegen Beide mit dem Ernst beträgt, den sie verdienen. Wir sollen nur nicht gleich Bosheit suchen, wo vielleicht nur Leichtsinn ist, nicht Laster und Verbrechen argwohnen, wo vielleicht nur eine Unbesonnenheit war; wir sollen Alles zum Besten kehren. Wir sollen die Fehler des Nächsten nicht ausschreien, sondern sie vielmehr zudecken, damit er ihre nachtheiligen Folgen nicht zu empfindlich spüre, und ihn selbst sollen wir durch Vernunft und Güte von diesen Fehlern zurückzuziehen suchen. Die Geduld und Nachsicht, die wir mit Andern haben, werden alle Andere wieder mit uns haben; denn Niemand ist fehlerlos. Alsdann werden wir Alle wie Brüder, wie gute Kinder einer einzigen großen Familie leben, das Gute doppelt genießen und das Schlimme leicht ertragen. Von der Zanksucht Der Friedfertigkeit, welche eine der schönsten menschlichen und christlichen Tugenden ist, wird die Zanksucht, eines der schlimmsten Laster, entgegengesetzt. Es giebt Leute, von denen man wol sagt, daß sie ohne Zank und Streit nicht leben können. Es ist eine unselige Gewohnheit, sich und Andern Unruhe und Verdruß und Aergerniß machen zu müssen. Freilich meinen es dergleichen Leute nicht allemal böse und sind selbst nicht allemal schlimm; aber es läßt sich doch nur sehr schlimm mit ihnen leben. Zorn und Hitze und Eigensinn sind gewöhnlich der Grund eines solchen Betragens. Die Personen selbst, welche diesem Fehler unterworfen sind, werden ebenso unglücklich dadurch, daß alle Diejenigen leiden müssen, welche mit ihnen umgehen. Wenn wir hohe Glückseligkeit nennen wollen, so sagen wir nur Frieden und nennen die höchste Glückseligkeit in jenem Leben den ewigen Frieden; das Entgegengesetzte des Friedens, Krieg, Hader, Zank und Streit, ist also auch das Entgegengesetzte der Glückseligkeit, ist also immer großes Elend. Wer an Hader und Streit Vergnügen findet, ist auf dem Wege der Verdorbenheit und Bosheit schon weit gekommen. Aber die Zanksüchtigen finden eigentlich wol kein Vergnügen am Zanke, sondern sie sind nur eines so mürrischen, unleidlichen und unverträglichen Wesens, daß die geringste Kleinigkeit, die, wie man sagt, nicht nach ihrem Kopfe geht, ihre Galle reizt und sie in Aergerniß und Bitterkeit oft sehr laut und qualvoll überströmen läßt. »Er ist ein böser Mann«, sagt man wol von einem solchen Manne, nicht als ob er durchaus boshaft wäre, sondern nur weil er in diesem Hauptpunkte des menschlichen Lebens nicht gut ist, und weil es sich in seiner Gesellschaft nur sehr schlimm leben läßt. Die Gesellschaft eines solchen Menschen flieht man mit Recht; er richtet nur Verwirrung und Unheil an. Wohin er kommt, ist sogleich Krieg, er störet jede Freude und verscheucht jedes Vergnügen. »Du mußt ihm nicht zu nahe kommen, er ist ein Händelmacher!« warnt Jeder vor ihm. »Sie hat eine böse, schneidende Zunge; jedes Wort, das sie sagt, giebt eine Wunde«, spricht man von einem zänkischen Weibe. Wenn vorher die freundschaftliche Fröhlichkeit herrschte, so wird Alles sogleich stumm, wo sie erscheinen, weil Jedermann fürchtet, ihnen durch irgend einen unbewachten Ausdruck Gelegenheit zum Streit zu geben. Der Zanksüchtige findet in jedem Worte Veranlassung zur Mißdeutung; jede Miene ist ihm verdächtig, und sogar das Stillschweigen Anderer kann er nicht vertragen, weil er das Schweigen für Tadel und den Schweigenden für seinen Gegner hält. Wer von Jugend auf durch seine eigenen oder seiner Erzieher Fehler und Vernachlässigung diese unselige Gewohnheit bei sich hat einwurzeln lassen, dem wird es sehr schwer, sich davon loszumachen, aber desto eifriger muß er bemüht sein, damit es ihm endlich doch gelinge, dieses böse Laster abzulegen. In der Jugend muß jede Tugend aufkeimen; im erwachsenen Alter kostet es überall zehnmal größere Mühe, einen mit aufgewachsenen Fehler auszurotten. Die Lehre und Religion Jesu zeichnet sich hier besonders aus, sie ist vorzugsweise eine Religion des Friedens und der Sanftmuth, weil diese Tugenden vorzüglich die Glückseligkeit der Menschen in allen ihren Lagen begründen und befördern, so wie die entgegengesetzten Fehler und Laster es untergraben und zerstören. Der Zänker empfindet täglich selbst die unangenehmen Folgen seiner unglücklichen Leidenschaft. er sieht, man liebt ihn nicht, und wird dadurch noch bitterer; er sieht, man flieht ihn, und wird dadurch noch mürrischer. Er geräth endlich in Zank mit sich selbst, und wie sollte er mit Andern in Frieden leben können? Möchte Keiner unter uns, keiner unserer Freunde und nähern Bekannten so unglücklich sein, auf diese traurige Weise seine eigene und seiner Brüder Ruhe und Zufriedenheit zu stören! Von der Spielsucht Das Spiel ist das Verderben manches Mannes und durch ihn mancher Familie, die auf ihn zu den schönsten Hoffnungen berechtiget war. Spiel an und für sich selbst ist zwar etwas Gleichgiltiges; und wenn es den Geist erheitert und den Körper stärket, kann es sogar seinen Nutzen haben. Aber das gilt schwerlich von unsern gewöhnlichen Spielen, am Allerwenigsten von dem Kartenspiel. Wenn es Leidenschaft wird, wie es oft der Fall und immer große Gefahr dazu ist, so ist es die verderblichste aller Leidenschaften. Uebungsspiele für Körper und Seele ausgenommen, ist für alle übrigen gar kein vernünftiger Grund vorhanden. Wer verlieren wollte, wäre ein Thor. Wer gewinnen will, handelt nicht ganz ehrlich und rechtschaffen, wenigstens nicht edelmüthig, sein Gegner mag sein Freund oder Feind. Wer zum Zeitvertreibe spielen will, zeigt, daß er sehr viel Zeit übrig hat, die er sich vertreiben zu müssen glaubt. Unsere Lebenszeit ist aber so kurz und so eilend, wir haben während derselben so viele große und wichtige Dinge zu thun: und wir könnten uns diese Zeit noch vertreiben wollen? Uebungsspiele sind gut und zweckmäßig und nützlich für Knaben und Jünglinge; sie erheitern die Seele und bilden den Körper. Der Mann darf daran immer noch Antheil nehmen, wenn es ihm noch Vergnügen macht und er der Jugend durch seine Gegenwart und durch seinen Ernst nützen kann. Aber dem Manne ziemt kein Spiel als das Spiel, welches Erholung gewährt. Bei welchem unserer Spiele kann wol wahre Erholung der Zweck sein? Und wenn sie es anfangs wirklich ist, so ist doch große Gefahr, daß bald Nebenabsichten eintreten und endlich zur Hauptsache werden. Keine Gewohnheit setzt sich leichter fest und ist sodann hartnäckiger als die Gewohnheit des Spiels. Jetzt spielt man zur Erholung, dann aus Gewohnheit, dann aus Neigung, dann aus Bedürfniß; es kommt Leidenschaft und Gewinnsucht hinzu, und am Ende wird der Mensch das traurigste Opfer eines Lasters, das anfangs blos Leichtsinn und Unbesonnenheit gewesen war. Wenn die Reichen Thoren genug sind, ihr Vermögen und ihre Zeit, weil sie von beiden zu viel haben, so unbegreiflich zu verschwenden, so werden sie oft auch bitter genug dafür bestraft. Wenn aber wir Landleute, die wir in unserer Lage jeden Groschen haushälterisch zu Rathe zu nehmen Ursache haben, so sinnlos handeln, so wird das, was sonst nur ein Fehler gewesen wäre, ein Verbrechen. Giebt es nicht zuweilen auch auf dem Lande Väter, die in dem Wirthshause ganze Tage an die Karte geheftet sitzen, ihre Geschäfte und Arbeiten und alle ihre Pflichten und ihre ganze Familie darüber vergessen und gewissenlos Zeit und Geld verschleudern? Das Weib eines solchen Mannes sitzt vielleicht trostlos zu Hause und weint, die Kinder fragen die Mutter, warum sie weinet, und ihre Gutmüthigkeit kann den Vater in der Traurigkeit ihres Schmerzes doch nicht bei seinen Kindern verklagen, um das Uebel nicht noch unheilbarer zu machen. Unverantwortlich ist es, diejenigen Mittel, womit er sich und seine Familie erhalten sollte und vielleicht Andern noch wohlthun könnte, nichtswürdig im Spiele wegzuwerfen; aber grausam und unmenschlich ist es, durch dieses schreckliche Laster diejenigen Personen, denen er Nahrung und Unterhalt schuldig ist, in Mangel und Armuth und Elend zu stürzen. Und wie oft ist dieses nicht der Fall! Schulden sollen bezahlt, das Haus soll versorgt werden, und der Hausvater wirft seinen Verdienst oder gar nach und nach sein väterliches Vermögen auf einen Kartenteller. Angst und Elend folgt dem Verluste. Und gesetzt, er gewinnt, so bringt er vielleicht Andere in die nämliche Lage, in welche er selbst hätte gerathen können. Ein Anderer klagt dann vielleicht mit Bitterkeit über ihn, wie er bei dem Verluste über den Andern würde geklagt haben. »Er ist ein Spieler«, ist schon eines der schlimmsten Zeugnisse, das man einem Manne geben kann, der eine Familie zu versorgen hat und Ordnung und Genauigkeit in seinen Geschäften haben soll. Wie Mancher fing mit dem Spiele an, schritt dann aus Noth zu Untreue und Betrug, ward Dieb und Verräther des anvertrauten Gutes, verlor Ehre und jede Aussicht auf Glück des Lebens und zog seine ganze unschuldige Familie mit sich in seine Schande und in sein Verderben. Unglaublich wäre es, wenn wir nicht manche Beispiele hätten, daß Menschen so ganz sinnlos und ohne alle vernünftige Ueberlegung handeln können, ihre Zeit und ihr Geld zu verwüsten, während ihre Kinder halb nackt gehen und kaum Brod zu essen haben. Mit welchem Gefühl muß ein solcher Mann nach einem verschwendeten Abend und nach erlittenem, schwerem Verluste, müde und mürrisch, halb bewußtlos in sein Haus zurückgehen! und mit welcher Empfindung Diejenigen ansehen, deren Stütze und Ernährer er sein sollte, und denen er nun Unglücksstifter und Verderber ist! Wie Mancher scheint heute den völligen, ernstlichen Vorsatz gefaßt zu haben, nie wieder zu spielen, und morgen vergißt er über eine Kartenfigur jede vernünftige Ueberlegung und eilt dem neuen Unglück zu, das ihn endlich an den Rand des Verderbens führt. Möchte ein Jeder von uns dieses unselige Laster in seinem Keim ersticken, damit es nicht emporwachse, wo es dann nur mit großem Kampfe ausgerottet werden kann! Vom Trunke Mit dem Spiele ist ein gleich verhaßtes Laster der Trunk, und beide gehen oft zusammen und machen verbunden desto unglücklicher, je mehr die Trunkenheit dem Menschen seine helle Besinnung raubt und ihn dann den Gefahren des Spiels noch mehr bloßstellt. Der Trunk ist eine Leidenschaft, die dem Menschen alle seine Würde nimmt, ihn zur Zeit ihrer Herrschaft fast bis unter das Vieh herabsetzt und nach und nach alle edeln Fähigkeiten, alle tugendhaften und gemeinnützigen Entschlüsse und Gewohnheiten erstickt. Es mag vielleicht wahr sein, daß der Gebrauch geistiger Getränke und besonders des bei uns leider so sehr herrschenden Branntweins in manchen Fällen dann und wann bei gewissem Wetter Stärkung und Arznei ist, aber es ist auch ebenso wahr und von den angesehensten Aerzten bewiesen, daß er in den meisten Fällen ein schädliches Gift wird. Der Wein ist in unsern Gegenden für uns Landleute eben wegen seiner Seltenheit so schädlich nicht und also nicht so sehr zu fürchten; aber in den Weinländern richtet er durch den übermäßigen Genuß ebenso viel Unheil an als an andern Orten gebrannte Getränke. Der Wein soll das Herz des Menschen erfreuen; aber viele Menschen ersäufen Kopf und Herz in seinem gefährlichen Zauber. Jedes Getränke, welches merklich berauscht, ist der Gesundheit schädlich, und vernünftige Menschen müssen sich davor hüten. Der Trunk ist anfangs ebenso verführerisch, als er nachher, wenn die Gewohnheit höher steigt oder vielmehr tiefer sinkt, häßlich und abscheulich ist. Erst wird der Trinker lustig, dann ausgelassen, sodann berauscht, sodann betrunken und endlich gar besoffen. Man darf nur einen Menschen in einem solchen traurigen Zustande erblicken, um die ganze Häßlichkeit dieses Lasters sogleich zu fühlen. Die Füße wanken, der Kopf taumelt, die Zunge stammelt, kein Glied hält fest, und der Mensch hat nicht allein keine Seelenkräfte mehr, sondern auch nicht einmal das Leben eines Thieres. Ein besoffener Mensch ist nicht einmal mehr dem Thiere gleich; er ist weit unter das Thier herabgesunken. Kein Thier überschreitet das natürliche Maß seines Futters, und der Mensch, der Vernunft hat, handelt oft so unvernünftig, daß er Seele und Leib durch das Uebermaß des Genusses erstickt. Während der Trunkenheit ist der Mensch zu allen übrigen Lastern fähig; denn er hat keine Besinnung, er hat keine Vernunft und keinen Willen mehr. Er ist sodann ganz nur das, was der Zufall aus ihm macht, oder wozu ihn Andere brauchen wollen. Ist es nicht höchst erniedrigend für einen Menschen, wenn man von ihm sagt: »Man muß es ihm nicht zurechnen, er hat es im Trunke gethan?« Das heißt so viel: man kann es ihm nicht zurechnen, denn der Mensch war damals kein Mensch; denn dem vernünftigen Menschen kann, darf und muß man beständig zurechnen, was er redet und thut; dafür ist er eben Mensch, hat Vernunft und kennt die Verbindlichkeit zur Pflicht. Die alten Spartaner, eine Nation, die sonst strenge auf Tugend und gute Sitten hielt, erlaubten nur dann und wann ihren Knechten und Sclaven, sich zu betrinken, damit ihre Freien und Kinder durch solche häßliche Beispiele von dem Laster selbst abgeschreckt würden. Dieses zeigt von ihrem Haß gegen das Laster; aber das Mittel ist mehr grausam und tyrannisch als menschenfreundlich, da man dem Einen erlaubt, lasterhaft zu sein, damit die Andern dadurch gewarnt werden. Wenn ein betrunkener Mann ein häßliches Bild ist, so ist ein betrunkenes Weib die ekelhafteste, abscheulichste Erscheinung. Die vorzüglichsten Tugenden des Weibes sind Sittsamkeit und Schamhaftigkeit, und was kann wol denselben mehr entgegengesetzt sein als die Wildheit, Ausgelassenheit und Unverschämtheit des Trunks, wo jedes seine Gefühl des Anstandes verschwindet und alle Eingezogenheit und Züchtigkeit aufhöret? Ein betrunkener Mann ist leider oft mit Recht ein Spott der Knaben; aber ein betrunkenes Weib ist das schlechteste, weggeworfenste Geschöpf unter allen vernünftigen und fast auch unter allen unvernünftigen Geschöpfen. Wenn man überhaupt das Laster immer nur in der Nähe zu sehen braucht, um es niedrig und nichtswürdig zu finden, so ist der Anblick dieses Lasters schon so abschreckend und abscheulich, daß man sich wundern muß, daß es noch so häufig angetroffen wird. Möchte nur Jeder von uns die erste Gelegenheit fliehen, wo er nach und nach in eine so schändliche Gewohnheit fallen kann, und Jeder, über den sie schon vielleicht einige Herrschaft gewonnen hat, mit allen Kräften arbeiten, sich derselben zu entziehen! Vom Neide und vom Haß Es giebt Laster, welche man nur gewöhnlich vorzugsweise recht schwarze Laster zu nennen pflegt, weil sie eine wahre Brandmarke des Menschen sind, der ihnen unterworfen ist, und von diesen sind die schwärzesten der Neid und der Haß. Von allen übrigen Lastern war in ihrem Anfange irgend ein Grund und eine Ursache vorhanden, die nicht so böse oder wol gar gut war und nur mit der Zeit durch Verirrung schändlich wurde; aber von dem Neide und dem Hasse ist durchaus kein guter oder nur gleichgiltiger Grund aufzufinden: ihre tiefste Ursache ist Bosheit des Herzens. Keine Laster zeigen mehr von der Verdorbenheit der Seele als diese; keine Laster peinigen mehr Diejenigen, die sie an sich haben, und die ganze Gesellschaft, welche mit Lasterhaften dieser Art umgehen muß. Haß ist so erzböse, daß man nach ihm gewöhnlich alles Böse häßlich nennt. Der Haß ist die fürchterlichste, unmenschlichste Erscheinung in einer menschlichen Seele, die peinlichste Empfindung für den Besitzer selbst und von der schrecklichsten Wirkung für die Person, welche gehaßt wird. Nichts verdient Haß in der Welt als die reine, vollkommene Bosheit, und wie können wir, die wir nicht allwissend sind, die wir nur sehr wenig von den Herzen der Andern und von ihren Bewegungsgründen zu erfahren im Stande sind, wie können wir wissen, ob und wo der Mensch völlig böse denkt und handelt? Haß und Neid können durchaus in keiner guten Seele wohnen. Daher sucht auch unsere heilige Religion, die göttliche Lehre Christi, mit allen Kräften diesen bösartigen Lastern entgegenzuarbeiten, so sehr, daß ihr Hauptgebot in dem Gegensatze derselben, in Liebe und Wohlwollen, besteht. In diesem Artikel zeigt sich die göttliche Erhabenheit derselben über alle anderen Sittenlehrer, die jemals in der Welt gehört wurden; sie will allgemeine, wirksame, wohlthätige Menschenliebe einführen und befestigen und allen Haß und alle Bosheit ausrotten. In den heiligen Büchern spricht der Stifter nicht allein: »Liebet Euern Nächsten wie Euch selbst!« sondern er spricht auch: »Liebet Euere Feinde, thut wohl Denen, die Euch hassen und beleidigen und verfolgen, auf daß Ihr würdige Kinder Eueres himmlischen Vaters seid!« Wenn wir also selbst unsere Feinde und Verfolger noch als Menschen achten und lieben sollen, wie schrecklich ist es, Diejenigen zu hassen, von denen wir nicht einmal gewiß wissen, ob sie unsere Feinde sind; wie abscheulich, selbst Diejenigen zu hassen, von denen es sogar wahrscheinlich ist, daß sie unsere Freunde sind! So Jemand spricht: »Ich liebe Gott«,         Und haßt doch seine Brüder,         Der treibt mit Gottes Wahrheit Spott         Und reißt sie ganz darnieder;         Gott ist die Lieb' und will, daß ich         Den Nächsten liebe gleich wie mich. Es ist freilich schwer, gegen Diejenigen noch gut und freundschaftlich gesinnt zu bleiben, von denen wir überzeugt sind, daß sie uns auf alle Weise übelwollen, auf alle Weise zu schaden suchen, auf alle Weise an unserm Unglück arbeiten; aber es ist auch dieses die höchste, größte Pflicht des Menschen, deren Erfüllung ihm eine Würde giebt, die ihn über alles Irdische erhebt. »Du sollst Deinem Bruder verzeihen des Tages siebenmal; nein, nicht blos siebenmal, sondern siebenmal siebenmal«; das heißt, es soll kein Groll, kein Haß sich in Deiner Seele festsetzen, sondern in Deinem Gemüthe sollen immer Friedfertigkeit und Sanftmuth herrschen; Du sollst immer und ohne Ausnahme leutselig, freundschaftlich und gütig gegen Deinen Nächsten handeln, wenn er Dich auch noch so sehr und noch so oft beleidiget hätte. Vielleicht sammelst Du dadurch doch endlich feurige Kohlen auf sein Haupt, rührst ihn zur Besserung, zur Menschlichkeit, zur christlichen Bruderliebe und machst ihn zu Deinem wahren beständigen Freunde. Der Haß entsteht oft aus dem Neide, der Neid aus dem Geize, und so sagt die biblische Lehre auch hier mit Recht: »Der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels«; denn welches Uebel und Unglück entspringt nicht aus dem Hasse und dem Neide? Die Tugend wird nicht allein erstickt, sondern alle Laster werden dadurch fortgepflanzt und genährt. Neid und Mißgunst sind so schwarze Flecken in einem Menschen, daß wir uns schämen, sie noch menschlich zu nennen. »Er ist neidisch wie ein Hund«, sagt man, um das Niederträchtige und ganz Hassenswürdige dieses Lasters auszudrücken. Es ist unsinnig und unvernünftig, sich peinlich darüber zu quälen, daß Andere mehr Güter des Glücks und mehr Vorzüge des Geistes und Körpers besitzen als wir. Der Scheelsüchtige, der mit mißvergnügtem, gierigem Auge nach dem Glück der Andern blickt, verliert eben darüber den Genuß, den er von seinem eigenen haben könnte, und giebt Allen, die ihn kennen und betrachten, das häßliche Bild einer schlechten Seele. Von dem Neide muß aber unterschieden werden der edle Eifer, es Andern gleich oder zuvor zu thun, auf eine löbliche Weise sich die nämlichen Vorzüge des Geistes und des Körpers oder die nämlichen Güter des Glücks zu erwerben. Dieser Eifer ist eine sehr empfehlenswerthe Eigenschaft und der Sporn zu manchem guten Entschlusse, der Antrieb zur Beharrlichkeit und Standhaftigkeit in Ausführung desselben. Nacheiferung und Wetteifer ziemen den Besten und haben manches Gemeinnützige bewirkt. Wenn diese Nacheiferung aber in Aengstlichkeit, bange Sorge und peinliche Rücksicht auf Andere ausartet, so kann vielleicht Scheelsucht und Neid am Ende daraus entstehen. Mit beständiger Aufmerksamkeit sollen wir also über alle unsere Triebe, auch über die besten, strenge wachen, damit sie nicht durch Unachtsamkeit in üble Eigenschaften übergehen, damit die Sparsamkeit nicht Geiz, die Vorsichtigkeit nicht Mißtrauen, die Klugheit nicht künstliche Verstellung, die Nacheiferung nicht Neid werde. Das Uebermaß jeder guten Eigenschaft tritt in eine schlimme über, und die guten dienen sodann wegen des äußern Scheins den schlimmen oft zum Deckmantel. So will der Tollkühne für muthig, der Harte und Grausame für gerecht, der Ausgelassene für frohgesinnt, der Verschwender für großmüthig und freigebig gehalten werden, und so weiter. Haß und Groll wollen Eifer für Tugend und Gerechtigkeit scheinen, und jedes Laster versteckt sich unter den Namen einer Tugend, die in der äußerlichen Erscheinung nur etwas Aehnliches hat. Von der Unkeuschheit Es ist eine fast allgemeine Klage, daß Sittsamkeit und stille; eingezogene Lebensart, Unschuld und Unbefangenheit immer mehr und mehr abnehmen. Diese Klage mag nun jetzt mehr oder weniger als sonst gegründet sein, so zeigt sie doch, wie allgemein man das Laster zu verabscheuen Ursache hat, welches aus der Vernachlässigung und Verachtung jener liebenswürdigen Tugenden entstehet. Die Zügellosigkeit der Sitten und die Unkeuschheit beider Geschlechter ist allerdings ein Uebel, das in der menschlichen Gesellschaft unbeschreiblichen Schaden anrichtet. Die Unkeuschheit mag sich noch so sehr unter die feinen Namen der Mode verstecken, sie richtet mit ihrem Wesen immer viel Unheil an. Sie verderbt Seele und Körper, macht zur emsigen, strengen Erfüllung aller übrigen Pflichten lässig und unthätig, sie tödtet den Geist aller wahren Freude und bringt oft endlich die Verführten an den Rand des Verderbens, wo sie keine hilfreiche Hand mehr retten kann, und wo sie oft die Verzweiflung ergreift. Von allen Seiten betrachtet, ist die unordentliche Wollust und Ausschweifung der Geschlechter eine Quelle unendlicher Leiden, und für einige Augenblicke unbesonnener Luft bezahlt man oft mit einem ganzen Leben voll Angst und Vorwürfe, voll Reue und Gewissensbisse. Wenn die Seele einmal dem unglücklichen Hange nachgegeben hat, so wird es ihr schwer, sich wieder loszuwinden, und die Bilder der Verführung drängen sich beständig mit neuem Reize wieder ein. Ist es nicht niedrig und unwürdig, die unsterbliche Seele zur schwachen, ohnmächtigen Sclavin eines irdischen, grobsinnlichen Triebes zu machen? Und ist es nicht höchst weggeworfen, durch diese Sclaverei so den schönen Körper, den uns die Natur gegeben hat, bis zur Zerrüttung zu mißbrauchen und endlich vielleicht jämmerlich zu zerstören? Aber wenn auch dieses traurige, schreckliche Ende nicht allemal erfolgt, welches Glück der Erde wird nicht dadurch zertrümmert! Wie Manche vernichten sich selbst alle Aussicht auf häusliche Zufriedenheit und allen Segen, den ihnen eine eheliche Verbindung versprechen könnte! Wie Mancher vergiftet das Glück und die Ruhe einer würdigen Familie und bringt Jammer dahin, wo vorher schuldlose Freude herrschte! Wie manche junge, liebenswürdige Person wird dadurch das Opfer der Lockung und Verführung und vertrauert sodann ihr freudenloses Leben in untröstlicher Einsamkeit! Die Wollust der groben Sinnlichkeit tödtet die reine Liebe, welche den Menschen edler, besser und glückseliger macht. Selbst die reine, edle Leidenschaft ist oft gefährlich; aber die verächtliche Ausartung derselben, die grobe Ausschweifung, ist immer Verderben für Viele. Mit Aufmerksamkeit und Ernst sollen also Hausväter und Hausmütter über Sittsamkeit wachen und klug und weise Alles zu entfernen suchen, was Leichtsinn über einen so wichtigen, den Menschen so heiligen Gegenstand verbreiten kann. Unwissenheit in Lastern ist große Weisheit; bei keinem Laster, das unter den Menschen angetroffen wird, ist diese Wahrheit so einleuchtend als bei diesem. Ueber keinen Punkt im menschlichen Leben sollte länger unbefangene Unwissenheit und Unerfahrenheit und bei nothwendig eintretender Kenntniß mehr Ernst und Gefühl der Menschenwürde herrschen. Das Wohl der Einzelnen und der ganzen menschlichen Gesellschaft beruht darauf. Es ist eine unselige Wissenschaft, wenn unsere jungen Leute hierin vielleicht zehn Jahre früher wissen als ehemals; und es gehört zur Veredlung der menschlichen Natur und ihres Glücks, die Zeit der Erfahrung nicht zu früh kommen zu lassen. Väter müssen sodann väterliche Rathgeber sein, damit diese Erfahrung nicht zu theuer, nicht vielleicht auf Kosten der Wohlfahrt des ganzen Lebens erhalten werde, »Ehrfurcht den Kindern!« sagt ein altes weises Gesetz der Heiden; und wir dürfen uns nicht schämen, ihnen nachzuahmen, wo sie wirklich weise waren. Ehrfurcht den Kindern also vorzüglich in dieser Rücksicht, daß kein leichtsinniges Wort ihre jungen Herzen, kein üppiges Bild ihre jungen Seelen verderbe! Nichts muß in dem Menschen mit mehr Vorsichtigkeit bemerkt, mit mehr Zärtlichkeit behandelt und geleitet werden als der erwachende Trieb des Geschlechts, wenn er seiner wohlthätigen Wirkung nicht verfehlen und nicht anstatt des Glücks, das er bewirken kann, großes Unheil stiften soll. Wenn überall die Betrachtung von Beispielen und Menschen, die sich durch Unbesonnenheit und Laster unglücklich gemacht haben, nützlich ist, so ist sie es gewiß vorzüglich hier. Wenn dieses Laster auch unter uns nicht so fürchterlich wüthet als vielleicht in großen Städten, so wird doch auch hier und da viel Ruhe dadurch gestört und viel Elend gestiftet. Welche entsetzliche Folgen hat es auch zuweilen auf dem Lande! Die Erfahrung hat schon oft schreckliche Beispiele gezeigt und zeigt sie leider noch immer. Eine junge Person, die wahrscheinlich ein sehr glückliches Leben hätte hoffen können, verfällt in Sittenlosigkeit und Unzucht, in Mangel und Schande, von Unordnung zu Unordnung in Schamlosigkeit, Betrug und Dieberei: Angst und Verzweiflung ersticken sodann in einer unseligen Minute Menschengefühl und Besinnung: sie wird Mörderin ihres eigenen Kindes und endet mit unsäglicher Qual der Seele ihr Leben durch das Gesetz auf dem Rabensteine. Welche Folter muß dann in dem Herzen eines Mannes sein, der auf irgend eine Weise zu dem Schicksale einer solchen Unglücklichen mit beigetragen hat! Wenn auch das Ende nicht immer so ganz entsetzlich und schrecklich ist, so ist doch das Elend nicht zu berechnen, das durch die Herrschaft dieses Lasters unter den Menschen entstehet. Vieles wird gesehen, und Manches nagt geheim, aber desto tiefer und qualvoller an der Ruhe der Verführten. Wie Mancher büßt für Augenblicke Mit seines Lebens ganzem Glücke Und wischte die Erinnrung gern Mit blut'gen Thränen aus dem Leben! Umsonst, der Reue Bilder schweben Im Abendroth und um den Morgenstern. Mit Seelenangst und ohne Schlummer Ringt trostlos oft mit tiefem Kummer Ein Opfer um verlorne Ruh' Und schließt nach wenig trüben Tagen Mit schweren halbgebrochnen Klagen Ihr Auge nur zum Schlaf im Grabe zu. Vom Stehlen Es ist ganz gewiß, daß Gerechtigkeit die Grundlage zum Glücke jeder Gesellschaft ist. Die Gerechtigkeit will, daß Jeder das Seinige habe und behalte und benutze, wie es ihm gut dünkt; und wer auf irgend eine Weise das Eigenthum des Andern anzutasten sucht, will die festeste Stütze des Wohlseins der ganzen Gesellschaft niederreißen. Geiz und Begierlichkeit ist oft die Wurzel aller übrigen Fehler, Laster und Verbrechen, die in dieser Rücksicht die Sicherheit und Ruhe der Menschen stören. Geiz erzeugt Habsucht und Mißgunst. Mißgunst führt zum Betruge. Wer einmal den Anfang auf dem Wege des Bösen gemacht hat, geht vom Betruge bald fort zum Stehlen. Der Dieb wird leicht ein Räuber, der Räuber ein Mörder. Wenn er es anfangs auch wirklich nicht gewollt hat, so zieht ihn immer eine Verlegenheit und eine Unbesonnenheit in die andere. »Ein Dieb kommt nicht nur, daß er stehle,« steht in der Schrift, »sondern auch, daß er würge und umbringe.« So geht der Mensch oft von einem kleinen Fehler zu einem großen, von dem Leichtsinne zum Laster, von dem Laster zum Verbrechen fort. In der Jugend, ehe die Kinder nachdenken und überlegen können, wurzelt oft schon die unglückselige Neigung und wächst zu einer fürchterlichen Stärke, wenn Eltern nicht mit äußerster Wachsamkeit und Strenge sie auszurotten suchen. Freilich muß der Vater selbst ehrlich sein, wenn er den Sohn ehrlich erziehen will; und die Lehren würden hier wie überall nichts fruchten, wenn der Knabe im Beispiele des Vaters das Gegentheil von seinen Worten und Ermahnungen sähe. Das Exempel der Eltern ist durchaus die wirksamste Lehre; und vorzüglich hier. Mit aller Behutsamkeit, mit der unermüdetsten Aufmerksamkeit müssen also Väter über einen so großen, so wichtigen Punkt wachen. Wie Mancher hat sein Leben durch den Strick am Hochgerichte geendigt, zu dessen Verbrechen der erste Grund in der Jugend durch Vernachlässigung der frühen strengen Bestrafung gelegt wurde. Der Knabe, welcher jetzt einen Garten plündert, kann einst ein Haus erbrechen; der jetzt eine kleine Münze stiehlt, einst einen Geldsack rauben. Der Mensch wächst stufenweise im Laster wie in der Tugend, nachdem er sich in dem einen oder in der andern übt. Wenn ihn in der Jugend strenge Lehre und die Ruthe nicht ziehet, arbeitet vielleicht einst das Zuchthaus umsonst an seiner Besserung, und er läuft unaufhaltsam seinem Verderben entgegen, ist der Wegwurf und die Schande aller seiner Verwandten und die Pest der ganzen Gegend. Es ist traurig, daß vorzüglich dieses Laster der Dieberei noch so sehr in der Welt herrscht, da doch die Abscheulichkeit desselben so deutlich einleuchtet und es so ganz aller menschlichen Ordnung zuwider ist. Es ist nichts schändlicher und niederträchtiger, als wenn man von Jemand sagt: »Er ist ein Dieb!« Und doch sind der Diebe in allen Gestalten noch so viele! Man nennt das eine goldene Zeit, wo man nicht nöthig hatte, Riegel und Schlösser vor sein Eigenthum zu legen, wo Mauern und Zäune nur gegen unvernünftige Thiere waren: wie soll man aber die Zeit nennen, wo kein Schloß stark genug, keine Mauer hoch und fest genug gegen die Menschen sein kann? Jeder sollte nicht allein selbst ehrlich und rechtschaffen sein, sondern auch dafür sorgen helfen, daß es alle seine Nachbarn und Bekannte seien. Es bringt einer ganzen Gesellschaft keine Ehre, wenn ein Mitglied aus derselben so ganz schlecht, so ganz weggeworfen ist. Der Geist der Ehrlichkeit und Redlichkeit und Rechtschaffenheit muß immer mehr und mehr athmen und Kraft gewinnen, daß jede Lüge, jeder Betrug im Keime erstickt werde und man von den groben Vergehungen und Lastern nicht mehr höre. Nicht die Schande, sondern das Laster muß man fürchten und fliehen und ausrotten, das Laster, welches die Schande nach sich zieht. Der Dieb ist ein Dieb und ein Bösewicht, wenn er auch nicht entdeckt wird; so wie jeder Lasterhafte lasterhaft ist, wenn auch die Welt nichts davon erfährt. Alle Gesinnungen und Grundsätze sollen wir zu vertilgen suchen, die uns gegen Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit gleichgültig machen könnten. Der Finder ist nicht eher rechtmäßiger Besitzer des Gefundenen, als bis er wiederholt ohne Erfolg alle Mittel angewendet hat, den wahren Eigentümer ausfindig zu machen. Nur durch seinen Fleiß findet der Mensch auf eine ehrenvolle Weise. Man pflegt wol leichtsinnig genug zu sagen: »Ehrlich sein bringt wenig ein!« Wenn dieses wahr wäre, so wäre unsere Zeit eine sehr böse Zeit; das heißt, die Menschen wären durchaus sehr schlecht. Aber es ist nicht wahr: am Ende währt ehrlich doch am Längsten; und ehrlich sein bringt immer ein. Die Menschen sind nie so schlecht, daß sie nicht Redlichkeit und Rechtschaffenheit zu schätzen wüßten, auch wenn sie selbst keine besitzen. Auch die Lasterhaftesten haben vor den Tugendhaften eine Achtung, deren sie sich nicht erwehren können. Was durch Untreue und Betrug oder gar durch Dieberei und Raub gewonnen wird, ist nie Gewinn, sondern immer Verlust. Unrecht Gut gedeihet nicht; wie gewonnen, so zerronnen. Es kommt selten auf die Erben und brennt oft auf der Seele. Kein Betrüger kann zuversichtlich dem ehrlichen Mann ins Auge sehen; und kein Dieb kann ganz sicher und ruhig eine vergnügte Mahlzeit essen. Es soll so sein, die Gottlosen sollen keine Ruhe haben; denn Ruhe und innerliche Zufriedenheit der Seele ist nur und soll nur das Loos der Gerechten und Tugendhaften sein. Eine der gewöhnlichsten Ursachen dieser schändlichen Gewohnheit ist auch die Faulheit. Wer von Jugend auf dem Müssiggang gefröhnet hat, wem Arbeit und Geschäfte Last und Plage sind, der kann sehr leicht in Versuchung kommen, ohne diese Mühe sich von der Arbeit der Andern nähren zu wollen. Der Lohn des Faulen muß Mangel sein. Diesem Mangel will er abhelfen, ohne seine Faulheit aufzugeben: er greift also gedankenlos zu, wo er nur einige Sicherheit zu sehen glaubt. So wird der Taugenichts ein Bösewicht, der Bösewicht ein Verbrecher; und wenn der Verbrecher auch der Strafe des bürgerlichen Gerichts entgeht, so ist er doch nur desto mehr ein Verbrecher. Gott, welcher Herzen und Nieren prüfet und alles Verborgene stehet, wird endlich fürchterlich recht richten, wird ihm geben sein Theil hier oder dort. Von der Verstellung Die folgenden übeln Eigenschaften, nämlich Verstellung, Schmeichelei, Stolz und Grobheit, sind zwar unmittelbar von keiner so schrecklichen Wirkung als die bisher erwähnten Laster, sind aber doch immer die Zeichen kleiner und furchtsamer Seelen oder anmaßlicher und übermüthiger Menschen und auf alle Weise sowol Folge als Ursache mancher Vergehungen. Der Mensch, welcher sich nicht zeigen darf, wie er ist, ist schwerlich, wie er sein soll, ist schwerlich gut; die Tugend und Wahrheit und Rechtschaffenheit brauchen nie das Licht zu scheuen. Verstellung zeigt immer entweder Bosheit oder wenigstens Schwachheit und übertriebene Aengstlichkeit an. Was man durch Verstellung gewinnt, gewinnt man nie auf eine ehrenvolle Weise und fast immer mit Unrecht. Jede Verstellung ist Ansang zum Betrug, und es wird dem Versteckten und dem Heuchler nicht schwer, bald grober Betrüger zu werden. Beispiele, daß es geschehen ist, sind nicht selten. Wenn auch die Klugheit zuweilen erfordert, nicht unsere ganze Gesinnung sehen zu lassen, so ist es doch auf keine Weise ehrlich und gut, das Gegentheil von unsern wahren Gesinnungen zu zeigen. Nur dann will die Klugheit, daß wir in der Aeußerung unserer eigentlichen Meinung vorsichtig sein sollen, wenn wir gewiß wissen oder höchst wahrscheinlich vermuthen können, daß Andere sie zu unserm oder Anderer Nachtheil gewissenlos mißbrauchen werden. Sonst ist Offenheit, Unbefangenheit und Wahrhaftigkeit überall das Zeichen eines guten, redlichen Gemüths. »Es ist nichts Falsches in ihm,« sagt man dann zum Ruhme eines solchen Menschen, und: »Er ist ein versteckter, heimtückischer Mensch,« spricht man von einem Manne, der niemals seine wahre Meinung herausgiebt. Meistentheils geschieht es deswegen, weil man Ursache hat, sich zu fürchten. Mancher Mann will sich nicht in sein Haus sehen lassen, weil nur Unordnung oder noch etwas Schlimmeres darin herrscht. So will der Verstellte sich nicht ins Herz sehen lassen, weil man nichts Gutes darin entdecken würde. Es ist immer ein großes Lob, wenn man von Jemand sagt: »Er kann sich gar nicht verstellen,« auch wenn er eine kurze Verstellung zu einer löblichen Absicht brauchen wollte. Man will Jemand mit einer Freude überraschen, kann sich aber kaum halten, ihm die Freude sogleich mitzutheilen. Derjenige freut sich unstreitig am Lebhaftesten mit, der seine Empfindungen am Ersten verräth. Manchen Menschen ist es zur Gewohnheit geworden, immer etwas Anders zu scheinen, als sie sind; und eben deswegen weiß man endlich nicht, was sie wirklich sind. Nur so viel kann man aus Allem zusammen abnehmen, daß sie nicht ganz gut sein können. Denn wer immer nöthig hat, etwas Anders vorzugeben, als wirklich ist, der muß mit sich selbst zufrieden zu sein gar nicht Ursache haben. Wenn aber Jemand durch seine Verstecktheit Andere in Unglück bringen oder nur von ihrer Gutmüthigkeit auf eine künstliche Weise Vortheil ziehen will, so ist ein solcher Mensch nicht besser als ein seiner Betrüger. Wer eine Larve wägt, muß sich seines Gesichts schämen oder damit nicht sicher sein. Der Mann von Tugend und Rechtschaffenheit zeigt sich getrost, wie er ist. Von der Schmeichelei Verstellung und Schmeichelei sind so nahe mit einander verwandt, entspringen so oft eine aus der andern, daß man selten eine ohne die andere antrifft. Schmeichelei ist fast nie ohne Verstellungskunst, weil es in ihrem Wesen liegt, daß sie niemals ganz die Wahrheit sagen kann. Schmeichelei ist, wenn man Jemandem erdichtete oder übertriebene Vorzüge beilegt, ihn geflissentlich angenehm davon unterhält, in der Absicht, daraus seinen Vortheil zu ziehen. Die Schmeichelei sei grob oder fein, der ehrliche Mann ist niemals ihr Freund. Wenn wir dem Reichen ganz deutlich schmeicheln wegen seiner Geldkasten, dem Vornehmen mit seiner Geburt, dem Gelehrten mit seiner Gelehrsamkeit, so ist die Schmeichelei ziemlich grob, und es gehört ein dicker Eigendünkel dazu, an dergleichen Schmeicheleien Gefallen zu haben. Aber man schmeichelt auch wol mit vieler Feinheit allen Diesen wegen ihres Verstandes, ihrer Güte, ihrer Großmuth, um sich von ihnen zu nähren. Diejenigen, welche sich durch Schmeichelei blenden und betrügen lassen, sind schwache, eitle Leute, und Diejenigen, welche sich der Schmeichelei bedienen, um ihre eigennützigen Absichten zu erreichen, sind Kriecher oder listige Spitzköpfe. Solche Menschen suchen die schwache Seite Anderer ausfindig zu machen, ihre Leidenschaften und herrschenden Neigungen auszuspüren, um sodann ihre Maßregeln darnach zu nehmen. Man sollte glauben, daß die Schmeichelei immer nur in Städten und in der großen Welt zu Hause wäre; aber das Dorf hat ebensowol seine Geschöpfe dieser Art wie die Hauptstadt. Sie sehen auf dem Lande nur etwas anders aus, sind aber des nämlichen Wesens. Jeder ehrliebende Mensch schämt sich, nur den Schein eines Schmeichlers zu haben und von der blinden Thorheit Anderer Vortheil zu ziehen. Schon die Ausdrücke, welche wir gewöhnlich von solchen Menschen brauchen, zeigen die Verachtung an, welche wir gegen sie fühlen. »Er ist ein Kriecher, ein Achselträger, ein Schmarotzer, ein Speichellecker,« heißt es von solchen Menschen, die auf diese Weise leben. Kann etwas verächtlicher sein als diese Namen, die sie mit Recht bekommen? Niemand wird sie um den Gewinn beneiden, den sie auf eine so niedrige Art erhaschen, oder wer sie darum beneidet, der zeigt schon selbst eine so niedrige Seele und ist in Gefahr, bald ihr Geselle zu werden. »Er hat sich sein Gut erheuchelt und erschmeichelt,« sagt man wol von einem Menschen, der als ein solcher Kriecher zu dem Seinigen gekommen ist, und wir geben dadurch zu erkennen, daß ein solches Erwerbungsmittel durchaus die Verachtung eines Rechtschaffenen verdient. Der Schmeichler findet Alles schön und gut an dem Manne, dem er schmeicheln will, und von dem er Vortheil hofft. Jede Tugend, welche derselbe besitzt, wird von ihm hervorgezogen und ungewöhnlich erhoben und gelobt, jeder Fehler und sogar jedes Laster, das er an sich hat, geschickt in eine gute Eigenschaft verwandelt. Bei dem Schmeichler heißt der Eitle ehrliebend, der Stolze ansehnlich und ernsthaft und stattlich, der Schwelger und Wüstling fröhlich und heiter, der Geizige wirthlich und sparsam, der Harte und Grausame gerecht. Alles bekommt in dem Munde des Schmeichlers eine schöne Seite, die er künstlich aufzufinden und vorzustellen weiß. Der Schmeichler ist immer der Meinung seines Gönners, oder er widerspricht ihm nur, um ihm sodann durch seinen Beifall desto mehr Ehre zu verschaffen. Mit listiger Geschmeidigkeit weiß er überall sich nothwendig zu machen, erträgt die unwürdigste Begegnung mit Geduld, nur um seine Absichten zu erreichen. Freilich kann ein solches Geschöpf bei uns auf dem Lande durch seine Niederträchtigkeit nicht so viel erwerben als in den Häusern der Großen und Reichen; aber die Beispiele sind doch auch bei uns so selten nicht, daß ein Mann sein Vermögen aus Schwachheit und übertriebener Gutmüthigkeit an abgefeimte Schmarotzer verschwendet. Mit der Schmeichelei muß aber nicht verwechselt werden die löbliche Eigenschaft der freundlichen Dienstfertigkeit. Gefälligkeit und gutwillige Beflissenheit, Andern angenehm zu werden, ihnen zu dienen, uns ihre gute Meinung und Zuneigung zu erwerben auf eine Weise, die nicht mit Pflicht, Anstand und Ehrbarkeit streitet, Bereitwilligkeit und Beförderung ihrer unschuldigen, billigen Wünsche: das Alles sind Dinge, die dem rechtschaffenen Mann ziemen und ihm sogar obliegen, wenn er sie leisten kann, ohne der Wahrheit zu schaden, ohne seine Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit zu beleidigen, und ohne seine übrigen wichtigern Pflichten zu versäumen. Mancher wird also als ein Schmeichler angeklagt, der vielleicht blos höflich und gefällig ist, und wird von Andern beneidet, welche nicht selbst diese Gabe besitzen oder nicht die Gelegenheit haben, sich die nämlichen Vortheile zu erwerben. Der Gefällige, der Dienstfertige, der Freundliche ist Alles, was er ist, aus Pflicht und reiner Neigung, ohne absichtliche Erwartung irgend eines Vortheils; und er sucht nie deswegen an Jemand das Gute zu vergrößern oder das Schlimme gut zu heißen. Dem Schmeichler ist es gleich, auf welche Weise er seine Absicht erreicht, und seine Absicht ist nicht löblich. Ihm ist es nicht um Wahrheit zu thun und als ehrlicher Mann zu handeln, sondern nur, um auf alle Fälle angenehm zu werden und zu bleiben und dadurch bei jeder Gelegenheit seinen Eigennutz zu befördern. Vom Stolze und der Grobheit Den vorigen entgegengesetzte Fehler sind Stolz und Grobheit. Stolz ist, wenn der Mensch glaubt, er allein habe für sich einen vorzüglichen Werth vor allen Andern, sei sich selbst genug und brauche in der Welt gar keines andern Menschen gute Meinung und Hilft. Es giebt einen edlen Stolz, wenn ein Mensch fühlt, daß er wirklich etwas werth ist, und sich also nicht wegwerfen, ein guter Mensch durchaus bleiben will. Dieser edle Stolz verdient Lob und Beifall und wird hier nicht gemeint. Es wäre zu wünschen, daß alle Menschen einen solchen edlen Stolz hätten, so würden sie nichts Schlechtes und Niederträchtiges thun; er ist ein lebhaftes Gefühl der Menschenwürde und der Pflicht. Aber der fehlerhafte Stolz ist eine Verachtung der Andern neben sich; wenn man glaubt, man habe viele Vorzüge allein und in einem sehr hohen Grade, und wenn man noch dazu den Werth dieser Vorzüge zu hoch anschlägt. Dieser Stolz gehet bald über in Lächerlichkeit; er wird bald Eigendünkel, Hochmuth, Prahlerei, Hoffart. Er äußert sich auf verschiedene Weise nach der verschiedenen Gemüthsart und nach den verschiedenen Lagen der Menschen. Jede Lebensart hat ihren eigenen Stolz, vor welchem man sich hüten muß. Der Reiche ist oft stolz auf sein Geld und wird dadurch hart und grausam, um Andern seine Vorzüge fühlen zu lassen: dieses ist Unmenschlichkeit. Oder er zeigt sich in Pracht und Prunk, Glanz und leerem Tand, Verschwendung und Blendwerk aller Art: dieses ist Lächerlichkeit und Thorheit. Wer auf Kenntnisse und Kunst einen übertriebenen Werth legt und dieses durch ein anmaßliches Betragen zeigt, wird leicht aufgeblasen. Einbildung auf Schönheit, Wohlgestaltheit, Leibesstärke oder andere körperliche Vortheile äußert sich immer entweder lächerlich oder unangenehm und widerlich. Es giebt sogar einen sehr fehlerhaften Stolz darauf, daß man tugendhaft zu sein glaubt. Die wahre Tugend hat gewiß nicht diesen Stolz. Sie ist voll Bescheidenheit und Demuth; sie weiß, daß Vermessenheit und Kühnheit oft den Fall befördert, und bauet ihre Sicherheit auf ihre innere wahre Kraft und auf Vorsichtigkeit. Der fehlerhafte Stolz aller Art steht allgemein bei den Menschen in einer so Übeln Meinung, daß sie ihn immer nur mit Narrheit zusammensetzen. »Er ist ein stolzer Narr,« sagt man, um anzuzeigen, daß der Stolz immer aus thörichten Vorstellungen entsteht und zu thörichten Dingen verleitet. Der feinere Stolz weiß sich zu verbergen und sich oft sogar das Ansehen der Menschenfreundlichkeit und Leutseligkeit zu geben; aber der gröbere Stolz führt fast immer Grobheit und Ungeschliffenheit bei sich. Der Grobstolze zeigt überall auf eine beleidigende Weise seine Überlegenheit in dem Punkte, auf welchen er stolz ist. Der Reiche, welcher groben Stolz besitzt, wirft Jedem geradezu seine Armuth vor und läßt ihn sehen, was er mit seinem Gelde Alles machen kann, und rechnet es Andern zur Gnade an, wenn sie dann und wann von ihm einigen Genuß haben. Der Starke, welcher groben Stolz besitzt, thut groß und prahlet wie ein Goliath, als ob er mit seiner Faust Alles zusammendrücken und zusammenschlagen könnte, bis irgend einmal ein Anderer ihm zeigt, daß Geschicklichkeit und Gegenwart des Geistes sich immer mit körperlicher Stärke messen können und ihr oft überlegen sind. So treibt der Hund, ein kleines Thier, die größten Stiere zusammen und hält die Heerde in Ordnung. Aber auch ohne Stolz, ohne allen Uebermuth und ohne böse Meinung sind manche Menschen so ungefällig, so zurückschreckend, so grämlich und mürrisch, daß ihr ganzes Leben nichts als eine Grobheit ist. Manche von ihnen fürchten sich, man möchte sie für Schmeichler halten, wenn sie höflich wären; um dieses zu vermeiden, sagen sie Jedermann, was sie zu sagen haben, auf eine Weise, die jedem wohlgesitteten Menschen unangenehm sein muß. Diese verwechseln Offenherzigkeit, Geradheit und biederes Wesen mit Grobheit und Trotz; und um den Vorwurf der Kriecherei und Schmeichelei zu vermeiden, fallen sie in die entgegengesetzten Fehler. Höflichkeit und zuvorkommende Dienstfertigkeit ist nicht allein eine sehr löbliche Eigenschaft, sondern auch eines Jeden Pflicht, sie gehört mit zur allgemeinen christlichen Bruderliebe. »Kommt Einer dem Andern zuvor!« sagt der Apostel. Jeder sollte vorzüglich auch hier denken: »Was Du nicht willst, daß Dir geschieht, das thu auch einem Andern nicht!« Jeder will gewiß freundlich, gefällig und leutselig behandelt sein; so soll er auch jeden Andern bei jeder Gelegenheit freundlich, gefällig und leutselig behandeln. »Gutes Wort findet gute Statt,« sagt man, und wer wollte etwas auf eine rohe, unsittliche, beleidigende Weise thun oder sagen, was er mit Anstand, Güte und Artigkeit verrichten kann? Man legt die Grobheit wol zuweilen vorzüglich unserm Stande zur Last. Wenn auch die Beschuldigung nicht mehr Grund hat als gegen manche andre Stände, so ist es doch eine Warnung, daß wir uns vorzüglich vor diesem Fehler hüten, da er einer der nachtheiligsten und unangenehmsten ist. Freilich können wir Landleute keine so artigen Manieren und zierlichen Wendungen haben wie Gelehrte und Vornehme aus der Stadt und vom Hofe; das würde uns ebenso übel kleiden als ihr Haarbeutel; aber wir können doch durchaus eine gewisse natürliche Höflichkeit und gutmüthige Gefälligkeit beobachten, welche jedem rechtschaffenen Manne ziemt, und welche schon in dem gesunden Menschenverstande liegt. Dahin gehört ein freundschaftlicher Gruß und eine ebenso freundschaftliche Erwiderung desselben; die Vermeidung harter Ausdrücke überall, wo man kann, und der Gebrauch sanfter, theilnehmender und freundschaftlicher Redensarten, die jedem guten Herzen eigen sind. Wer gute Gedanken und Gesinnungen gegen seinen Nachbar hat, wird leicht gute Worte finden, ihm diese guten Gedanken und Gesinnungen gelegenheitlich mitzutheilen. »Er ist ein höflicher Mensch,« sagt man zum allgemeinen Lobe von Jemand; und man hat immer schon einige Ursache zu glauben, daß ein solcher auch ein guter Mensch sein werde. »Er ist ein grober Geselle, grob wie ein Klotz,« sagt man zum allgemeinen Tadel von Jemand, gegen dessen Gesellschaft und nähere Bekanntschaft man jeden Gutgesitteten warnt. Zuweilen wird ein solcher grober Mensch eben durch zuvorkommende Höflichkeit beschämt und gebessert und gutgesellig gemacht; aber zuweilen wird er kaum noch durch Verachtung überzeugt, wie verächtlich sein Betragen ist. Auch diesen Fehler der Rohheit, Ungesittetheit und Grobheit muß man vorzüglich unterdrücken oder vielmehr nicht entstehen lassen. Es ist sehr schwer, die Gewohnheit der Jugend zu bessern. Indessen wird dieser Fehler doch vielleicht noch am Leichtesten gehoben, da er nicht so sehr die innere Gesinnung des Menschen, sondern mehr nur sein äußeres Betragen betrifft. Gespräch über Tugend und Laster Pastor Friedmann. Adam Ehrlich. Pastor . Guten Morgen, lieber Ehrlich! Wie geht's? Ehrlich . Guten Morgen, Herr Pastor! Sehen Sie dort das schöne Wetter auf den Bergen, wie soll es da nicht gut gehen? Wer an einem solchen Morgen nicht einen guten Morgen hat, der muß sehr unglücklich sein oder gar kein Herz haben und böse sein; und dann ist er noch unglücklicher. Pastor . Brav gedacht und gesprochen, guter Ehrlich! Das ist so ein Tag, wo man sich recht seines Daseins freuen und ohne alle andere Ursache zur Freude schon froh sein kann. Ehrlich . Das wissen oder vielmehr das fühlen wol dort meine Buben, die sich vor lauter Jubilo in dem schönen Sonnenschein den Hügel auf und ab wälzen. Pastor . Es ist das größte Lob, das Geschöpfe ihrem Schöpfer bringen, wenn sie in Unschuld und Tugend sich freuen und froh sind. Ehrlich . Herr Pastor, das habe ich auch immer gedacht, daß unser Herr Gott Freude haben will; darum hat er Alles so herrlich und schön gemacht. Pastor . Die Leute thun gar nicht gut, wenn sie anders von Gott denken. Er ist der allgemeine Vater, der alle seine Kinder liebt und ihnen alles Gute giebt. Die Tugend, welche er uns gebietet, ist blos das einzige sichere Mittel, beständig froh und vergnügt zu sein. Ehrlich . Wie es mich freut, Herr Pastor, daß ich diese Sprache höre! Es ist immer die Sprache meines Herzens gewesen. Mir hat es oft in der Seele wehe gethan, wenn man uns Gott nur immer als ganz zornig und strafend und die Tugend nur als strenge und traurig vorstellte. Pastor . Die Menschen, welche so denken und reden, müssen die Ursache dazu in sich selbst haben. Nur den Bösen und Lasterhaften kann die Gottheit zürnen, und sie züchtiget auch diese nur, um zu bessern. Blos Diejenigen, die kein Vergnügen an der Tugend haben, können sie finster und traurig malen. Was kann heiterer und froher sein als der Weg zum wahren Glücke? und dieses ist die Tugend. Sie ist die Fertigkeit in allen unsern Pflichten. Die Erfüllung der Pflichten ist aber das einzige Mittel, froh und zufrieden zu werden und immer zu bleiben. Pflichten sind für die Guten kein Zwang, keine Ketten, sondern eigene lebhafte Ueberzeugung, daß es so gut und wohlgethan ist. Die Pflicht liegt in dem Wesen der Guten. Nur der Böse sagt, daß Pflichten Zwang und Ketten sind. Sie sind es aber blos für ihn; und er giebt eben dadurch zu erkennen, daß er nicht gut ist. Ehrlich . Unsereiner kann das so nicht recht deutlich ausdrücken; aber ich fühle doch, daß das Alles wahr ist. Da habe ich eben, wie ich so hier meinen Pfirsichbaum beschneide, Ihre letzte Predigt in Gedanken gehabt, welche auch darüber handelte. Man spricht da so viel über die Sache und sucht sie so gelehrt und so schwer zu machen, und am Ende ist sie doch so leicht, daß sie sogleich der gesunde Menschenverstand einsehen und begreifen kann. Wir müssen Ihnen sehr danken, Herr Pastor, daß Sie mit uns gemeinen Leuten immer so recht gemein und herzlich sprechen. Das macht hell und rührt. Es mag indeß doch wol so leicht nicht sein; denn sonst würde es ja öfter geschehen. Pastor . Es freuet mich unendlich, wenn ich den rechten Weg einschlage. Ich habe Ihn, lieber Ehrlich, immer für einen guten Kopf in der Gemeine gehalten, der auch ein gutes Herz hat, und Sein Beifall ist mir vorzüglich lieb. Wer selbst bei seiner Arbeit so gute Gedanken hat, der wird gewiß auch diese Arbeit gut machen. Ehrlich . Ich denke eben, seine Arbeit gut machen, ist das Wichtigste im menschlichen Leben. Wenn wir das Unsrige gut gemacht haben, der Himmel wird es an dem Seinigen nicht fehlen lassen. Pastor . Sieht Er, lieber Ehrlich, das ist gerade das ganze Wesen der Tugend für den Menschen; und es gehört, wie Er sagte, in jeder Lage nur gesunde Ueberlegung dazu, um sie sogleich zu finden, und guter Wille, um. sie sogleich zu üben. Es giebt nur eine Tugend, wohlwollende, vernünftige Ordnung; und was wir Tagenden nennen, sind nur verschiedene Anwendungen auf die verschiedenen Lagen und Umstände in dem Leben des Menschen. Was daraus entstehet, ist unser Glück, wenn wir es auch nicht immer sogleich einsehen und empfinden können. Nur Böses bringt wieder Böses hervor, und selbst hier weiß der Himmel, der die Boshaften durch ihre eigene Bosheit züchtiget, ihre bösen Absichten endlich zu einem guten Ausgang zu leiten. Ehrlich . Das ist wahr; aber es giebt doch oft Unglücksfälle, welche die besten Menschen treffen, die sie gewiß nicht verschuldet haben. Pastor . Oft hätten auch diese Unglücksfälle durch Aufmerksamkeit und Vorsichtigkeit vermieden werden können und sind also natürliche Folgen. Aber wenn wir, wie es zuweilen der Fall ist, auch durchaus Grund und Ursache nicht finden können, dürfen wir dann wider die Weisheit der Vorsehung des Höchsten murren? Seine Gedanken sind unendlich, und wie wenig wissen wir? Wenn wir nur aufmerken wollen, werden wir finden, daß er mit herrlicher Absicht Alles zum Besten leitet, was wir sehen. Wird er nicht auch das zum Besten leiten, was wir nicht sehen? Ehrlich . Diese Gedanken oder so ähnliche, wenn ich sie denke und fühle, geben mir oft recht viel Beruhigung und Trost. Durch ein anscheinliches Unglück entsteht manchmal recht viel Glück. Wir hätten wol nie unsere Nachbarn auf dem andern Dorfe für die guten Leute gehalten, die sie wirklich sind, wenn wir vor einigen Jahren hier in der Flur nicht Hagelschaden gehabt hätten und sie uns also nicht brüderlich zu Brod und Saat unterstützt hätten. Pastor . Sieht Er, es ist nicht Alles sogleich wirklich Unglück, was wie Unglück aussieht. Und selbst das wahre Unglück soll die Menschen ziehen zur Weisheit und Vorsicht und zu jeder Tugend. Ehrlich . Wenn man es so recht überlegt, so ist es doch unbegreiflich, wie noch so viele Menschen böse sein können. Es liegt doch am Tage, daß sie dadurch nicht allein Andern, sondern auch sich selbst das größte Unglück stiften. Daher pflegt man wol mit Recht von Bösewichtern und Verbrechern zu sagen, der Himmel habe sie mit Blindheit geschlagen, wenn sie von der Obrigkeit auf ihrer Bosheit entdeckt, ergriffen und gestraft werden. Pastor . Es ist die innere Angst, das Gefühl ihrer Verbrechen, welches macht, daß die Bösewichte über ihren Uebelthaten meistens Klugheit und sogar Besinnung verlieren. Der Himmel straft allezeit die Bösen durch sich selbst, so wie er die Guten durch sich selbst belohnet. Ehrlich . Wenn die bösen Menschen aber alle recht listig und klug wären, so müßte das eine wahre Hölle sein, mit ihnen zu leben. Pastor . Das ist es auch. Es giebt zuweilen solche fürchterliche Heuchler, die eine lange Zeit die Maske der Rechtschaffenheit tragen. Solche Leute nennt man aber auch schon im gemeinen Leben wahre Teufel. Zum Glück der Menschheit liegt es schon in der Natur, daß sich Laster und Bosheit nur sehr schwer eine ziemliche Zeit verbergen lassen, so wie auch, das Gute selten lange verborgen bleibt. Doch wird das Gute nur weniger bemerkt, da man von einem jeden Menschen mit Recht annehmen und fordern kann, daß er gut sei. Das Gute ist also in der Ordnung, aber durch das Böse wird sogleich die Ordnung gestört. Die Ordnung fällt weniger auf, eben weil sie Ordnung ist, als Unordnung, welche sogleich unangenehm und schädlich wirkt. Ehrlich. Es dünkt mich fast so, als wenn ich mehrere Meilen eine Reise mache. Ich gehe gerade fort, ohne daß ich eben sehr bemerke, daß ich gehe, und sonst bemerkt es auch Niemand. Wenn ich aber empfindlich den Fuß an einen Stein oder an einen Baumstumpf anstoße, daß ich nicht recht mehr fort kann, so fühle ich wol mit Schmerzen, daß ich hinke, und Andere bemerken es ebenso leicht. Pastor. Das Gleichniß ist ganz richtig. So bemerkt man das Böse immer leichter und eher als das Gute, eben weil es sogleich die gute Ordnung stört. Wenn Jemand gewöhnlich gut ist, so hat er davon kein großes Verdienst; denn es ist in der Natur so, seine Pflicht will es, und sein Wohlbefinden hängt davon ab. Wenn aber Jemand schlecht ist, so verdient er sogleich den schärfsten Tadel und die strengste Ahndung; denn er handelt zugleich auf eine auffallende Weise zum Nachtheil Anderer und gegen seinen eigenen wahren Vortheil. Ehrlich. Wenn das nur die Leute immer einsähen oder nur immer recht bedächten; denn um zu sehen ist es wol nicht schwer. Pastor. Es gehört in der That nicht viel Scharfsinn dazu, die Wohlthätigkeit der Tugend zu sehen, wenn man seine Pflichten erfüllt. Die Erfahrung zeigt ja Jedem täglich an sich selbst und an Andern Beispiele genug. Der Gerechte genießt Zutrauen von Jedermann; Jedermann glaubt sein Vermögen in dessen Händen so sicher als in seinen eigenen. Der Menschenfreund wird geliebt; den Wohlthätigen ehrt man mit Dank. Der Mäßige ist gesund und heiter; der Fleißige und Arbeitsame gewinnt auf eine ehrenvolle Weise Segen; der Zufriedene ist vergnügt, auch wenn er im Schweiß seines Angesichts hartes Brod ißt; der Friedliche und Freundliche ist überall, wo er erscheint, ein willkommener Gast. Der wahre Christ ist ein wahrhaft guter Mensch, hat hier jeden Genuß des Lebens und eine recht ruhige, frohe Aussicht in die Zukunft. Eben dieses ist der Vorzug der christlichen Religion, daß sie uns zu jeder Tugend unterrichtet, ermuntert, stärket und zu einem künftigen Leben zweckmäßig vorbereitet. Ihr Joch ist sanft, und ihre Last ist leicht. Ehrlich. Das sagt Jesus selbst, der wol seine Lehre am Besten muß gekannt haben; und es muß also Wahrheit sein. Pastor. Der göttliche Lehrer zeigt überall die Tugend so schön und liebenswürdig und stellt sie in seinem eigenen Beispiele so nachahmungswürdig dar und giebt ihr so große Verheißungen zum Lohn, daß nur ein Thor sich von ihr wenden kann. Und er schildert überall das Laster so häßlich und verabscheuungswürdig und zeigt, daß die Folge desselben lauter Elend sei, daß nur ein Unsinniger noch dem Laster anhängen kann. Ehrlich . Freilich sind die Menschen nun wol lauter Thoren, indem sie dieses thun. Pastor . Jedes Laster führt fast immer auf der Stelle seine eigene Strafe bei sich. Der Harte und Ungerechte wird gehaßt, verwünscht und geflohen. Der Unmäßige untergräbt seine Gesundheit und macht sich selbst mürrisch und traurig; der Faule hat Mangel statt Vorrath. Der Unzufriedene darbet voll Mißmuth bei großem Gute; den Geizigen quält die Angst bei Reichthum, den er nicht genießen kann; der Zänkische und Stolze bereitet sich und Andern Verdruß, wohin er kommt. Ehrlich . Das ist Alles wahr, Alles. Und die Ruhe, welche man hat, wenn man Recht thut, und die Unruhe, wenn man etwas gethan hat, das nicht recht war! Ich kann kaum begreifen, wie es Leuten zu Muthe sein muß, welche ohne Unterlaß Böses thun. Pastor . Meistens schläft ihr Gewissen, und es erwacht erst spät zu ihrer Pein. Wenn aber das Gewissen wacht und doch ruhig ist; wenn es zwar spricht, aber doch zufrieden ist: dann ist der Mensch glücklich. Und dieses Glück, das ihn über alles Irdische erhebt, kann ihm nur die Ueberzeugung erfüllter Pflichten, kann ihm nur die Tugend geben. Ehrlich . Darum rührt mich immer der Vers so sehr, den Sie zuweilen von der Tugend in Ihren Predigten anführen, und der, wie man mir sagt, von dem guten Gellert ist: »Durch sie steigst Du zum göttlichen Geschlechte, Und ohne sie sind Könige nur Knechte!« Und wenn der Mann, der uns so viele schöne Lieder geschenkt hat, in seinem Leben weiter nichts geschrieben hätte als diese zwei Zeilen, so sollten wir ihn schon als unsern Wohltäter und Vater ehren. Pastor . Es freut mich herzlich, Lieber, daß Er den Werth des Guten so tief fühlt. Bleibe Er stets bei diesen Empfindungen und Gedanken; halte Er sie heilig; lasse Er sie immer die Führer Seines Lebens sein! Sie werden Ihm Rath und Ruhe und Trost und immer Zufriedenheit gewähren. Ehrlich . Das hoffe ich zu Gott und danke Ihnen: denn Sie haben durch Ihre freundschaftliche Theilnahme, durch Ihren Unterricht und Ihre Zuspräche diese Gesinnungen tiefer gegründet, als sie sonst sein würden. Pastor. Das ist meine Pflicht, Lieber; dafür bin ich in der Gemeine, und ich bin glücklich, wenn mir die Erfüllung dieser Pflicht gelingt. Er kann sich nicht mehr freuen, lieber Ehrlich, wenn Er Seinen Garten in Ordnung, Seine Beete gedeihen und Sein Obst gerathen steht, als ich mich freue, wenn ich hier und da sehe, daß ich in der Gemeine etwas Gutes stifte. Ehrlich. Das thun Sie, das thun Sie; und wir lieben Sie Alle dafür wie unsern Vater. Und wenn ja noch Einer in der Gemeine sein sollte, der es noch nicht erkennt, der ist gewiß noch nicht gut. Aber ich hoffe, es wird Keiner sein. Pastor. Ich bin zufrieden, ich bin sehr zufrieden. Guten Tag, Lieber, guten Tag! (Schüttelt ihm die Hand und geht fort.) Ehrlich (sieht ihm nach) . Der ist ein guter Mann; wenn sie doch Alle so wären! Da fürchten wir uns nicht, wenn er kommt, sondern freuen uns. Nun geht er und spricht gewiß ebenso traulich und nützlich von etwas Anderm mit einem Andern. Er soll auch einige der besten haben; wenn sie nur recht gut gerathen. (Er fährt fort, an seinem Pfirsichbaum zu schneiden.) Gespräch über das Landleben Herr Fröhlich. Nachbar Erdmann. Fröhlich. Gott grüß' Euch, Nachbar Erdmann! Wie geht's hier zu Lande? Erdmann. Wenn es in der Stadt so wohl geht und überall so wohl geht wie hier, so geht's überall gut. Fröhlich. Das freut mich. Ihr seid also wol hier recht vergnügte Leute? Erdmann. Ei, nun wol nicht Alle, aber doch meistens und doch wol etwas mehr als in der Stadt. Fröhlich. So, so; das glaube ich fast. Erdmann. Wenigstens sehen bei uns die Leute nicht so langbäckig und hohläugig und griesgrämlich aus als wol in der Stadt. Fröhlich. Das macht, Ihr habt hier auf dem Lande bessere, gesundere Lust als wir dort in der Stadt. Erdmann. Freilich haben wir gesundere Luft als Sie dort in der Stadt; aber wir haben auch wol noch mehr, das gesunder ist als bei Ihnen in der Stadt. Fröhlich. Zum Exempel, zum Exempel! Erdmann. Zum Exempel unsere Arbeit. Fröhlich. Ich dächte, wir ließen es in der Stadt auch nicht an Arbeit fehlen. Erdmann. Arbeit und Arbeit ist eben ein Unterschied. Da sitzen sie krumm und sehr gebückt und gehen den ganzen Tag traurig. Der Eine schreibt, damit Andere lachen oder weinen; der Andere rechnet, daß ihm die Augen blinzeln; der Dritte zählt Geld, daß er die Finger nicht regen kann; der Vierte stickt in Gold und Seide, daß ihm die Arme weh thun und der Bauch zusammenklebt. Fröhlich. Landsmann, kennt Ihr die Stadt so gut? Erdmann. Ich bin viel darin herumgelaufen. Sehen Sie, was wir hier thun, ist wahre Arbeit; in der Stadt ist Alles nur eine halbe schlechte Bewegung. »Nur in der Arbeit frisch und ordentlich bei Tisch, bleibt man gesund als wie ein Fisch!« sagte mein seliger Vater. Fröhlich. Euer Vater war wol ein guter Mann und ein braver Doctor? Erdmann. Herr, das war er. Ich hoffe so zu leben, wie er gelebt hat, dann geht es wohl, und ich werde immer Ehre haben. Fröhlich. Das glaub' ich, lieber Erdmann, das glaub' ich. Aber Ihr laßt es Euch wol auch recht sauer werden? Erdmann. Ich bin ja gesund und stark und froh und munter; wie kann mir's da sehr sauer werden? Ich stehe mit oder etwas vor der Sonne auf. Herr, so ein Aufstehen haben Sie in der Stadt gar nicht, wo Sie nur ein Schnittchen Sonne, Mond und Sterne haben. Dann gehe ich rasch zur Arbeit; da klingt das Morgenlied, und da schmeckt das Morgenbrod. Das ist Arznei, wenn ich so auf dem Hügel stehe und in Gottes schöne Natur froh hineinsehe, wenn noch die Nachtigall im Busche und schon die Lerche an der Wolke singt. Sie, Herr Fröhlich, müssen ja immer erst zu uns herauskommen, wenn Sie Ihres Namens und Ihres Lebens recht froh werden wollen. Fröhlich. Das ist wahr, Erdmann, das ist wahr. Es ist, als ob ich gleich ein neuer Mensch wäre, sobald ich bei Euch hier bin. Erdmann. Da sehen Sie! Nun wird gearbeitet, geackert, geeggt, gehauen, gegraben, gezäunt, Eins nach dem Andern, und immer wieder von vorn. Uns bekömmt die Arbeit herrlich und Ihnen das Zusehen und Herumwandeln. Fröhlich. Aber sind denn Alle hier auf dem Lande so vergnügt und zufrieden? Erdmann. Das nun wol nicht. Aber das ist ihre Schuld, wenn sie das nicht sind. Sie könnten und sollten es sein. Das machen die Stadtkrankheiten und Grillen, die sie mit herausbringen, wenn sie zu Markte gehen. Aber überhaupt sind wir hier doch froher als dort in den Mauern; das zeigen schon alle Gesichter. Fröhlich. Das ist wahr; das macht aber eben die gute, freie, frische Luft. Erdmann. Nun ja, Herr; gönnen Sie uns doch unsere gute, freie, frische Luft! Fröhlich. Sehr gern, Nachbar Erdmann; ich will sie mit Euch genießen und mich mit Euch freuen. Erdmann. Das wird uns sehr lieb sein. Sie thun uns keinen Abbruch, unser Herr Gott hat davon einen unerschöpflichen Vorrath. Herr, Sie können nicht glauben, was das für eine Arznei, für eine Labung ist, so die Sonne aufgehen und untergehen zu sehen! Dort lagert sich die Morgenröthe auf den Bergen; die Felsenspitzen und Tannenwipfel glühen schon in ihrem goldenen Strahl; dann steigt die herrliche, majestätische Sonne durch sie herauf, schießt ihre Feuerströme dicht und immer dichter über die Hügel hinab in die Thäler und gießt sich dann in einem Meere von Flammen über die Gegend her. »Groß ist der Herr und mächtig, und groß ist, was er macht!« singen wir dann in der Aufwallung hoher Andacht. So kann man in der Stadt nicht singen. Fröhlich. Guter Mann! Erdmann. Und wenn sie dort auf der andern Seite neben dem Birkenwald hinab zur Ruhe geht; wenn der große Teich wie geschmolzenes Gold stammt; wenn ihre letzten Blicke über das Saatfeld hinzittern und sinken und steigen und sich endlich in den hohen, breiten Aesten der alten Eiche verlieren; wenn dann der ganze Abend in feierlicher Stille dort liegt und die Röthe nach und nach wegschmilzt und nur noch leichte, kleine, weiße Wölkchen wie Silberflocken am Himmel sich kräuseln; und wenn dann der heimtreibende Schäfer »Wie groß ist des Allmächt'gen Güte!« hell und rein und herzerhebend von dem Hügel herab singt; wenn dann die Nachtigallen und Amseln aus dem Wäldchen dazu schlagen, als ob sie mit dächten und fühlten: Herr, Ihre Musik in der Stadt mag sehr schön sein, aber so, so ist sie nicht wie diese Musik. Sie müssen ja erst Ihre Musik zu uns heraus in den Wald tragen, wenn sie ganz Musik sein soll. Solche Concertsäle können Sie nicht bauen, wie wir alle Abende mit Abwechselung haben. Fröhlich. Fast möcht' ich Euch beneiden. Erdmann. Das thun Sie nicht; Sie können das Alles auch selbst haben und genießen, ohne uns zu beneiden. Wir wollen Sie um Ihre Vorzüge in der Stadt auch nicht beneiden, sondern sie mit Ihnen theilen, so viel wir können. Fröhlich. Lieber Erdmann, Ihr sollt mein Arzt sein; ich will zu Euch in die Schule gehen. Erdmann. Meine Kunst ist sehr kurz und einfach. Alles genießen und doch Genuß sparen! Fröhlich. Aber das Landleben mag doch wol auch seine Beschwerlichkeiten und Unannehmlichkeiten haben. Erdmann. Welches menschliche Leben hat sie nicht! Fröhlich. Zum Beispiel, wenn es schlimmes Wetter ist, und die Arbeit muß doch verrichtet werden. Erdmann. Da ist es dann freilich nicht so schön, als wenn es schön ist. Aber denken Sie doch nicht, daß es so traurig ist, als Sie Sich es vorstellen. Dazu gehört Gewohnheit von Jugend auf, Unverdrossenheit, Muth und feste Gesundheit. Wir werden naß und wieder trocken, ohne uns vor Erkältung und Schnupfen zu fürchten. Der Regen schlägt uns ins Gesicht, und wir lachen; und halten Sie es für nichts, wenn man so den lieben Tag sein Werk gearbeitet hat und den Abend recht müde und naß nach Hause kommt, daß man dann auf der Ofenbank einen trockenen Kittel anzieht und sich hinstreckt und von dem Wetter ausruht? Es ist wol nichts Süßeres und Erquickenderes als Ruhe nach Arbeit! Wissen Sie, was Ruhe ist? Haben Sie jemals die Ruhe ganz genossen? Diese süße Erquickung der Ruhe haben die Reichen nie oder nur selten, weil sie sich dieselbe nie oder nur selten durch Arbeit erwerben. Fröhlich. Auch das ist wahr, Erdmann. Erdmann. Herr, ich bin froh auf dem Lande mit aller Arbeit. Meine Kartoffeln schmecken mir so gut und wol besser als dem Junker der Hirschbraten. In der Stadt, in der Stadt möchte ich nicht wieder vierzehn Tage leben. Fröhlich. Ihr lebtet also schon in der Stadt? Erdmann. Freilich; aber ich bin froh, daß ich dem Rauche entlaufen bin. Man hat da den ganzen Tag nur drei Viertelstunden Sonne, die ganze Nacht dann ebenso wenig Mondlicht, und vom ganzen Himmel sieht man nur sechs Sterne. Abendroth und Morgenroth sind Dinge, die man nur aus Büchern und Erzählungen kennt. Fröhlich. Ihr macht es auch etwas schlimm. Erdmann. Ich mache nichts anders, als es ist. Und dann ein Donnerwetter; haben Sie je in der Stadt ein schönes Donnerwetter gesehen? Und doch ist in unsers Herrn Gottes Natur nichts Größeres und Prächtigeres als ein Gewitter. Ein Mensch, der bei dem Anschauen und Anhören eines Gewitters nicht ein ehrfurchtvolles Vergnügen, eine ängstliche, heilige Freude hat, der muß ein sehr verkehrtes Herz haben oder krank sein. Uns dann betrachten Sie unsere Ernten, von Heu und Korn und Gerste! Bei uns ist das schöne Wetter schöner als bei Ihnen, und bei Ihnen ist das schlimme Wetter schlimmer als bei uns. Da man doch einmal ohne Gottes Natur nicht leben kann, so kommen die Stadtleute zu uns heraus und nehmen in der Eile so viel davon mit als möglich, und aus löblichem Geiz malen und conterfeien sie oder lassen malen und conterfeien das Beste, was ihnen vorzüglich gefällt. Aber ihre gemalte Morgenröthe ist dann gegen die Morgenröthe dort auf den Bergen auch gerade wie ein Irrwisch gegen die aufgehende Sonne, und der Baum auf der Tafel gegen den Baum im Walde oder im Garten wie der erste März gegen den sechzehnten Mai. Fröhlich. Ihr laßt der Stadt sehr wenig Vorzüge, mein Lieber. Erdmann. Ei, die Städte sind wol ganz gut für Leute, die daran Geschmack haben und nicht wissen, was sie mit Zeit und Geld machen sollen. Aber das Land ist besser für Jedermann. Das kann man schon daraus beweisen: unser Herr Gott hat das Land gemacht mit Wäldern und Feldern und Saat und Kräutern, damit die Menschen glücklich leben sollen; und die Menschen haben die Städte gebauet, um ihre Macht und ihren Reichthum zusammenzubringen. Nun werden Sie doch nicht sagen wollen, das das, was die Menschen machen, besser sei als das, was unser Herr Gott gemacht hat? Fröhlich. Der Beweis ist gut genug. Erdmann. Und der Pfarrer, der ein gelehrter, kluger und guter Mann ist, sagt, alles Böse sei in den Städten ausgeheckt worden, und weiß davon sehr viel zu erzählen. Doch das mag wol daher kommen, weil dort so viele und so viel massige Menschen beisammen sind, die vor Angst alle nicht wissen, was sie anfangen sollen. Ich will damit nur so viel sagen, Herr Fröhlich, daß das Landleben für Gesundheit, Wohlbefinden, Vergnügen und Zufriedenheit dem Leben in der Stadt weit vorzuziehen sei. Fröhlich. Aber der Winter, Erdmann, der Winter! Erdmann. Der Winter ist herrlich, wenn es ein guter Winter ist; und der schlimme ist eben nicht schlimmer bei uns als bei Ihnen dort zwischen den großen Mauern. Wer nichts zu thun hat oder nichts thun will, dem wird die Zeit lang, der hat jämmerliche Langeweile; aber der Arbeiter weiß davon nichts. Da wird gedroschen, geworfelt, gefegt, aufgehoben, gezimmert am Geräthe, da wird Schnee geschaufelt, da werden Bäume geputzt, wenn es Zeit ist; auf der Tenne singt man, vor dem Thor ist man lustig. Den Abend spinnen, nähen oder stricken die Weiber, und wir schnitzen Rechen oder Tennegabeln, erzählen vom Krieg und Frieden oder lesen in dem großen Historienbuche vom Prinzen Eugen und vom General Tilly, oder wir braten Kartoffeln, lesen Erbsen und spielen mit den Kindern. Glauben Sie, Herr, wer nicht zuweilen mit den Kindern spielen kann, der ist noch nicht wieder geworden wie die Kinder; der wird also schwerlich ins Himmelreich kommen, wie in der Bibel steht. Sie sollten meine Jungen sehen, wie sie mir vor dem Thor entgegenschießen, wenn ich des Abends von der Arbeit zurückkomme! Herr, da blitzt Freude vom Gesicht! Wenn sie mir froh entgegenschwärmen Und laut und hoch vor Jubel lärmen, Da tauscht' ich mit dem Fürsten nicht. Fröhlich. Guter, glücklicher Mann! Erdmann. Das bin ich, Herr; Beides bin ich, und ich wünsche das allen Menschen. Ich hoffe, meine Kinder sollen das einst auch sein, und ich werde es dann als ein alter Graukopf noch mehr sein, wenn ich es sehe und mich darüber freue. Fröhlich . Ich muß Euch öfter besuchen, wenn Ihr müssige Stunden habt. Erdmann . Das thun Sie! Des Tages sind bei uns nun wol der müssigen Stunden sehr wenig. Aber kommen Sie des Abends, so lange Sie hier sind, so oft Sie wollen! Sie werden uns nicht stören und uns Allen willkommen sein. Da können Sie mit Kartoffeln braten und in dem großen Historienbuche lesen. Vor allen Dingen aber gehen Sie nur recht oft in den Feldern herum, das stärkt Leib und Seele; wenn Sie auch dann und wann etwas naß werden, das thut doch wohl, wenn man sich nur in Acht nimmt und in Bewegung bleibt. Ich versichere Sie, das thut recht wohl. Fröhlich . Ich werde Euerm Rathe folgen. Ich habe auch schon selbst Lust dazu, weil ich spüre, daß nichts besser ist. Erdmann . Das thun Sie! Gott segne mir das Land! Und da doch nun auch Städte sein müssen, so soll es auch den Städten wohl gehen! Aber glauben Sie mir, wo das Land nicht gedeihet, da gehen auch die Städte bald zu Grunde. Im ersten Druck des Pflicht - und Sittenbuchs folgten hiernach drei bis dahin nicht veröffentlichte Gedichte Seume's: »Morgenlied«, »Abendlied«, »Beim Gewitter«, welche in unserer Ausgabe ihre Stelle unter den gesammelten Gedichten (Th. 5 der Werke, S. 238, 239, 190) erhalten haben. - A. d. H. Betrachtung über Tod und Zukunft Es ist kein Zweifel, Gott hat uns Alle zur Glückseligkeit bestimmt; denn die ewige Güte kann nur das Heil aller ihrer Geschöpfe wollen. Wir sollen glücklich sein in diesem irdischen Leben. Aber wir leben nicht lange. »Unser Leben währt siebenzig Jahr, wenn's hoch kommt, achtzig«, und die meisten Menschen sterben wol vor dieser Zeit. Der Tod ist allen Menschen gemein, dem Könige wie dem Bettler. Heute blühet Mancher in voller Jugendkraft, und morgen hat ihn vielleicht ein Zufall auf die Bahre gelegt. Hört unser Glück dann auf? Hören wir selbst auf? Wie unglücklich wäre Derjenige, der dieses glauben könnte! Jetzt hat der Tod blos eine traurige Gestalt, weil wir uns trennen müssen von Vielem, was uns hier billig lieb und werth ist; aber dann würde er schrecklich, würde er entsetzlich sein! Welcher unselige Gedanke: Zerstörung, Vernichtung ohne Hoffnung in Ewigkeit! Nur der Unbesonnene kann ihn mit Gleichgiltigkeit denken, und nur der grenzenlos Elende oder der Bösewicht kann ihn wünschen. Aber nein, so unglücklich und trostlos soll der Tugendhafte und Fromme nicht sein, daß er aufhören sollte zu sein, daß er nicht seinen großen Lohn in einem andern Leben, für alle seine Mühseligkeiten und Leiden, für alle seine Geduld und Standhaftigkeit im Guten einst erhalten sollte; und so glücklich soll der Bösewicht, der Spötter, der Ruchlose nicht werden, daß er vernichtet würde, daß er nicht für alle seine Bubenstücke, Unterdrückungen, Grausamkeiten und Schandthaten bekommen sollte, was sie werth sind. Wir werden leben, Alle leben, um zu haben, was wir verdienen; denn Gott ist nur Weisheit und Güte und Gerechtigkeit. Wer wollte den ewigen Schöpfer lästern und sagen, er habe Geschöpfe gemacht, um sie auf dem halben Wege ihres Daseins ohne Absicht wieder zu zerstören? Das wäre ein Widerspruch, und Widersprüche sind nicht in Gott Die Zwecke der Gottheit sind, daß Alles so vollkommen und so glücklich werden soll, als es seiner Natur nach werden kann. Der Mensch wird hier nicht so vollkommen, so gut, so weise und so glücklich, als er wünscht, als er in sich Trieb und Muth und Kräfte fühlt. Sollte der Unendliche, die unerschöpfliche Quelle der Seligkeit, sein Schöpfer und Vater, ihm diesen Wunsch versagen, diese Kräfte umsonst gegeben haben? Unser Geist dürstet nach Weisheit, nach Wirkung und Fortdauer; unser ganzes Wesen zittert zurück vor dem Gedanken, daß es ewige Nacht werden solle. Würde Gott dem Geiste Durst gegeben haben, der nicht gelöscht werden sollte? Würde Gott den Gedanken, die Aussicht der Ewigkeit der Seele vorgehalten haben, um sie durch den Anblick der Vernichtung nur desto entsetzlicher zu quälen? Niemand denke dieses von der ewigen Liebe! Wir können Gott denken, der ewig ist; wir dauern also fort mit ihm, der uns diesen Gedanken gegeben hat und nicht nehmen wird. Alle Völker der Erde, wilde und gesittete, rohe und gebildete, unwissende und erleuchtete, haben ohne Ausnahme alle den Begriff und die Hoffnung der Fortdauer nach dem Tode, dunkler oder deutlicher, Ungewisser oder fester. Keiner einzigen Nation mangelt es gänzlich an allen Bildern und Vorstellungen eines künftigen Lebens, so verschieden und thöricht auch zuweilen dieselben sind. Was allgemein, ohne Ausnahme allgemein in der Seele des Menschen ist, muß einen Grund der Wahrheit haben. Wir werden fortdauern; wir werden leben. Unsere Weisheit wird sich vermehren, unsere Kräfte werden steigen, unsere Glückseligkeit wird wachsen und sich befestigen in Ewigkeit. Dort wird Gott endlich ganz ordnen, was recht ist, und Jeden dahin setzen, wozu er sich hier geschickt gemacht hat. Jeder hatte freien Willen und Vernunft, diesen Willen zu lenken; Jeder wird also dort sein, wie er sich hier bereitete. Der Gute empfängt für sein Gutes Heil, der Böse für seine Bosheit Züchtigung; Jener wird getröstet, Dieser gepeiniget; Beide, wie sie verdienten und selbst wählten. Man zweifle nicht über die Möglichkeit, grüble nicht über die Art und Weise! Was ist dem Höchsten unmöglich, der die Welten mit einem Hauche aus dem Nichts rief! Die Natur hat schon hier manche Beispiele, die Vorbilder und Ermunterung zur schönsten Hoffnung sein können. Die Blume stirbt den Herbst und geht den Frühling mit neuem Schmucke verschönert aus dem Schoße der Erde hervor. Das Samenkorn scheint todt und erwacht bald zum Leben und bringet vielfache Früchte. Die Raupe wickelt sich in ihr Gespinnst, scheint im Staube verloren zu sein und kommt als ein bunter Sommervogel wieder ans Licht, der seine glänzenden Farben in der Sonne spiegelt. Alles stirbt und lebt auf. Der Tod ist nur Uebergang aus einer Art des Lebens in eine andere. So auch mit uns. Wir werden sterben, das heißt, wir werden hinübergehen zu dem Leben jenseit des Grabes, wo Gott geben wird Jedem nach seinen Gesinnungen und Handlungen. Wie ruhig und getrost darf also der Tugendhafte dem Tode entgegensehen! wie heiter und zufrieden in das Grab hinabblicken, das für ihn eine Thür in eine bessere Welt ist! Der Leib kehrt zurück in den Staub, aus dem er genommen ist; aber die unsterbliche Seele steigt auf zu dem Ursprung ihres Wesens, zu Gott, ihrem Schöpfer, dem Vater und Geber aller Seligkeit. Wenn diese Hoffnung der Böse nicht hat, so ist das seine eigene Schuld: warum ist er böse? Nur die Guten haben Frieden im Herzen. Für die Bösen ist die Botschaft des Todes eine Forderung vor den Richter, welcher Herzen und Nieren prüfet, welcher recht richtet und unbestechlich belohnt und bestraft. Dann ergreift sie freilich Zittern und Beben, und sie möchten lieber nicht mehr sein, als unter Angst und Qual ihrer entsetzlichen Zukunft entgegensehen. Das Ende des Guten ist ruhiges Hinschlummern; der Tod des Ruchlosen ist Folter und Verzweiflung. Und wenn auch das Gewissen hier nicht einmal erwacht, so wird es dort mit Schrecken erwachen, wenn die Stimme Gottes spricht: »Gieb Rechnung von Deinem Leben!« Geht hin zu den Gräbern, Ihr Menschen, und untersucht dort Euer Innerstes! Denkt, bald, vielleicht sehr bald wird auch über Euern Hügeln Moos wachsen, und wenn Euere Seele ruhig bleibt bei den Gedanken des Todes, des Gerichts und der Ewigkeit, so steht es wohl; aber wenn es Euch bange wird ums Herz, wenn Angst sich Euer bemächtiget, so verachtet nicht die Stimme in Euch: sie ist eine Warnerin noch zur rechten Zeit; sie kann Euch noch zu Ruhe und Freude führen. Ein Todtenschädel ist ein rührender Prediger für Diejenigen, die ihn hören wollen. Am Grabe bleibt Alles zurück: Jugend, Schönheit, Stärke, Ansehen, Rang, Gold, Vermögen; nur seine Werke folgen dem Menschen nach. Am Grabe wird selbst die Welt gerecht und lobt nur, was Lob verdient. Jenseit des Grabes fängt ein neues Dasein an; wohl Dem, der froh hinüberblicken kann! Alles in uns und um uns wünscht und harret, daß es so sein wird; die Vernunft giebt Hoffnung, und die Religion giebt Gewißheit. »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt,« spricht mit inniger, freudiger Ruhe der Christ, der in das Grab hinabsieht. Man frage nicht: wo werden alle die unendlichen Millionen Geschöpfe sein, die gelebt haben und leben und leben werden? Sind nicht alle Himmel des Herrn? Streckt er nicht seine Hand ins Unermeßliche? Kann nicht jeder Stern ein Wohnplatz sein? Und wir zählen ihrer tausende und tausende und sind kaum am Rande, und jeder ist vielleicht tausendmal größer als unsere Erde! Wer schränkt den Allmächtigen ein; wer will den Allweisen Ordnung lehren? »In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen«, sagt der göttliche Lehrer. Wie wird Gott belohnen? »Es hat's kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret, es ist in keines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat Denen, die ihn lieben.« Es wird Entzückung sein, mit erhöheten Kräften unter den vollendeten Geistern, unter Engeln und Cherubim die großen Werke Gottes zu schauen, mehr dann mit einem Blicke zu fassen, als wir hier unser ganzes Leben entdecken konnten; den Herrn mit reinen, himmlischen Harmonien zu loben, gegen welche unsere irdischen Lobgesänge Stammeln waren. Die Guten werden sich freuen mit den Guten, und der Herr wird mit ihnen sein; Kummer und Klagen werden verstummen, und nur die Lieber des Dankes werden gehört werden. Die Frommen werden Gott schauen. Wer kann wissen, welche Beschäftigung der Schöpfer den Seligen in der Ewigkeit anweiset? Aber ihre Arbeit wird Lust und Vergnügen, ihre Thaten werden Lob Gottes und ihr ganzes Leben Glückseligkeit und Ruhe sein. Die Bösen werden leiden mit den Bösen und durch die Bösen. Wenn die Tugendhaften schon unter sich den Himmel haben, müssen es die Bösen sich unter einander nicht zur Hölle machen? Einer beneidet den Andern, haßt den Andern, quält den Andern, peiniget ihn, sucht sein Verderben: Alle hassen Alle, und Jeder ist dem Andern ein Teufel. Muß es da nicht Hölle sein? Und wenn der Schöpfer zu ihrer Züchtigung noch einen Ort bestimmt, der leer an Freuden und Genuß, leer an Trost und Hoffnung ist, wo Gott selbst nicht mehr gegenwärtig zu sein scheint, wo nur boshafte und schadenfrohe Geister einander zur Folter sind: ist es da nicht wirklich Hölle? Es kommt nicht auf den Namen, es kommt auf die Sache an. Es wird also wirklich Himmel und Hölle sein; die Vorstellungen davon müssen nur vernünftig sein, wie sie es sein können und sein sollen. Die Spötter, welche spotten, zeigen den Leichtsinn und die Bosheit ihres Herzens und die Schwäche ihres Verstandes. Wir wollen also nicht erschrecken vor dem Gedanken des Todes. Er ist keine Vernichtung; er ist der Bote des Friedens in das Reich des Friedens. Wir wollen nicht ängstlich trauern über den Abschied von den Geliebten; sie folgen uns nach, und wir sehen sie dort verklärt wieder, wenn sie unser und ihrer eigenen Bestimmung nicht unwürdig waren. Alles Uebrige ist irdisch und vergeht und ist unserer Thränen nicht werth. Wer mit seiner Seele noch unauflöslich fest an dem Irdischen hänget, ist noch nicht gut, noch nicht das, was er sein kann und sein soll. Dieses Leben ist nur Vorbereitung zum künftigen wahren, beständigen Leben; die Vorbereitung ist zwar wichtig, aber sie ist nicht die Sache selbst. »Nach einer Prüfung kurzer Tage erwartet uns die Ewigkeit. Dort, dort verwandelt sich die Klage in göttliche Zufriedenheit. Hier übt die Tugend ihren Fleiß, und jene Welt reicht ihr den Preis.« Wir leben Alle, um zu sterben; und nur Derjenige hat wohl gelebt, welcher wirklich wohl stirbt. Wer wollte sich eine ewige Fortdauer in dieser Welt wünschen, welche Schwachheit und Unvollkommenheit, Leichtsinn, Thorheit und Bosheit gegen Gottes Absicht oft zur Wohnung des Kummers und Elends macht, hier, wo die Tugend öfters leidet, das Laster öfters glücklich ist; wo man die Glücklichen beneidet und der Bekümmerten vergißt; wer wollte in diesem Sitz der Angst, der Schmerzen und der Ungerechtigkeit ohne Ende zu leben wünschen! Nein, unser Geist soll hinüberfliegen in das wahre Vaterland, in das Land der Freiheit und der Tugend, der Weisheit und der Glückseligkeit. Diese Aussicht soll uns leiten im Glück und uns schon hier den Genuß dieses Lebens erhöhen; diese Aussicht soll uns warnen, wenn wir in Gefahr sind, zu straucheln an den Klippen der Leidenschaften; diese Aussicht soll uns trösten, wenn wir hier auf der Erde unter Kummer und Angst kämpfen. Selig, wer mit Ruhe dorthin blicket, Wo die Tugend ihren Kranz erhält, Wo vor Gottes Herrlichkeit entzücket Der Verklärte dankend niederfällt; Selig, wessen Herz sich freudig hebet. Wenn sein Auge sich gen Himmel lenkt, Welcher kindlich hofft, nicht knechtisch bebet, Wenn er an den Weltenrichter denkt! Aus dem Grabe schaut er auf zum Throne Seines Vaters, der ihn stets geliebt. Der den Duldern dort zum großen Lohne Frieden, Heil und ew'ges Leben giebt. Lächelnd siehet er den Boten kommen, Der ihn tröstet, wenn er Andern droht; Ihm wird mehr gegeben, als genommen, Und des Lebens Anfang ist der Tod. »Leben werd' ich, selig sein dort oben«, Spricht er still und faltet seine Hand. »Wo den Herrn die Morgensterne loben, Dort ist meiner Seele Vaterland. Was ist diese Welt mit ihren Schätzen Gegen jenes Glück, das Gott verspricht! Himmlisch wird der Himmel uns ergetzen; Hier begreift es unser Geist noch nicht. »Träume find die Thränen, die ich weinte; Hier am Sarge giebt der Glaube Muth. Reicht mir herzlich Eure Hände, Freunde; Tröstet Euch und bleibet fromm und gut! Eure Namen sind dort eingeschrieben; Lebt, daß sie im Buch des Lebens stehn! Weinet nicht so traurig, meine Lieben; Gute Nacht, bis wir uns wiedersehn!«