Johann Gottfried Seume Verschiedene Kleinere Schriften   [Anmerkung d. Herausgebers:] Die verschiedenen bibliographischen Hilfs- und Nachschlagebücher erwähnen noch einer Schrift Seume's, die in allen bisherigen Ausgaben seiner Werke vermißt wird, unter dem Titel: » Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militär. Warschau 1793«. Leider ist es unsern angestrengtesten vielfachen Nachforschungen in den öffentlichen und Privatbibliotheken Deutschlands nicht gelungen, diese Schrift zu ermitteln, und auch in den großen Bibliotheken von Warschau und Petersburg war dieselbe nicht zu finden.   Aus Thucydides und Xenophon. [Anmerkung d. Herausgebers:] Von den beiden nachfolgenden Stücken ist die Rede des Patrokles (S. 31 f.) nach Seume's Tode in dem als dritter Theil des Spazierganges nach Syrakus bezeichneten (von letzterem selbst aber gar nichts enthaltenden!) Nachlaß band 1811 zum ersten Male durch den Druck veröffentlicht, die Belagerung von Platäa dagegen, obwol ebenfalls in diesem Nachlaß band enthalten, schon 1798 im zweiten Theil der Obolen von Seume selbst herausgegeben. Wenn es an sich schon auffällig ist, eine von dem Autor selbst zwölf Jahre vor seinem Tode veröffentlichte Arbeit in dessen Nachgelassene Schriften aufgenommen zu sehen, so überrascht es noch mehr, in diesem letzteren Abdrucke von 1811 vielen stilistischen Mängeln und Incorrectheiten des Ausdrucks zu begegnen, welche sich in Seume's eigner älterer Publication von 1798 nicht vorfinden. Ueber die von beiden zu wählende Lesart konnte zwar kein Zweifel obwalten, denn der durch Seume's Namen legitimirte Text erweist sich auf den ersten Blick als der bessere; gleichwol haben wir auch noch der Ursache dieses eigenthümlichen Umstandes nachgeforscht, und nachdem es uns geglückt ist, Seume's Original-Manuscript noch zu ermitteln, hat sich als Resultat ergeben, daß der Abdruck von 1811 nach diesem flüchtig geschriebenen ersten Manuscript erfolgt ist und daß Seume beim Abdruck desselben in den Obolen (1798) – sehr wahrscheinlich erst bei der Correctur des Drucksatzes – an seinem ursprünglichen Text verschiedentlich gefeilt und geändert hat. Daß Seume sein Manuskript so sorgsam auch nach dem Druck noch aufbewahrte, wurde auf diese Weise Veranlassung, daß ein Theil der Leser seiner Werke nicht den von ihm festgestellten definitiven Text, sondern gewissermaßen dessen Concept erhielt, da die neueren Ausgaben von Seume's Werken sämmtlich den falschen Text von 1811 abgedruckt haben. Die Belagerung, Eroberung und Zerstörung von Platäa Aus der Geschichte des peloponnesischen Kriegs von Thucydides Von der innern politischen Geschichte Griechenlands ist mir immer zur wahren Würdigung des griechischen Charakters in Rücksicht auf Völkerrecht und Humanität der peloponnesische Krieg als das wichtigste Stück vorgekommen; und aus dem Laufe dieses Krieges sind nach meiner Meinung in eben dieser Rücksicht die merkwürdigsten Punkte die Vorfälle bei Platäa und Syrakus. Die messenischen Kriege, welche der Nationalbildung und Humanität der Griechen überhaupt und der Spartaner insbesondere ebenso wenig Ehre machen, sind zu entfernt, zu wenig geschichtsmäßig und fallen noch zu sehr kaum in die Morgendämmerung der griechischen Cultur, als daß wir aus ihnen hierher gehörige Belege nehmen könnten. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, in der Peripherie meiner Kenntniß griechischer Literatur ist mir nichts Größeres vorgekommen als dieser Fall von Platäa. Ich habe also dieses Stück zur Bearbeitung und Darstellung gewählt, weil sich in demselben der ganze griechische Charakter ausdrückt, weil sich in demselben alles Schöne und Häßliche, alles Starke und Schwache, alles Liebenswürdige und Abscheuliche des griechischen Namens vereiniget findet. Die Anbeter der griechischen Humanität werden nach Erwägung solcher Vorfälle, die von den besten Schriftstellern der Nation selbst als gar nicht ungewöhnlich erzählt werden, dieselbe wenigstens nicht in ihren Völkerverhandlungen suchen und zufrieden sein, wenn sie in Aspasiens Zirkeln, in der Akademie oder höchstens in der Poikile unbestritten glänzt. Bei Uebersicht der Nationalgeschäfte der Alten möchte man weinen; so sehr man ihren Gemeingeist und Patriotismus bewundern muß, möchte man weinen über die Begriffe von Freiheit und Gerechtigkeit, welche die Norm ihres Verfahrens waren. Unter den Griechen hatte Sparta auf einem schlechten Grunde noch das beste Gebäude und Athen auf einem guten das schlechteste; und die beständige Furcht, worin beide vor ihren respectiven Heloten mit Recht standen, zeigt deutlich, wie wenig menschlich richtig auf die Dauer berechnet beider Politik war. Wo wahre Freiheit ist, muß sie allgemein sein; diesen Ausspruch thut die Vernunft, diesen Anspruch hat die Menschheit, und wir haben nicht nöthig hinzuzusetzen, daß dieser Anspruch unverjährbar ist; denn Alles, was Natur ist, und was die Vernunft will, ist es. Wehe der Humanität unsers Zeitalters, wenn die Neuern die Freiheit der Alten zu ihrem Prototyp nehmen wollten, wo nicht einmal die ersten Grundbegriffe des Naturrechts und Völkerrechts festgestellt waren! Man sage und predige von heiligen und profanen Rednerstühlen, so viel und erbaulich man will, ohne diese kann keine Gerechtigkeit, kann keine Freiheit, keine Humanität bestehen; der erste Wind der Leidenschaften und der Parteisucht wirft sie um. Man verzeihe mir diese Aeußerungen zur Einleitung; sie zeigen, daß ich mehr mit kosmischer Absicht arbeite als mit literarischem Beruf. Ich wende mich zu meinem Gegenstande. Die Katastrophe ist ungefähr zu Ende des fünften Jahres des peloponnesischen Krieges. Der erste Angriff einige Jahre vorher war den Thebanern nicht gelungen, und durch unerhörte Ungerechtigkeiten auf beiden Seiten war die Erbitterung aufs Höchste gestiegen. Ich halte mich wörtlich an des griechischen Geschichtschreibers Erzählung; und blos hier und da muß ich, da die Geschichte in zwei Büchern zerstreut liegt, Einiges zum Zusammenhange einschalten. Sprachkundige und Sachverständige mögen urtheilen, ob und inwiefern ich den Geist des Griechen gefaßt und die edle Form des Originals in unserer Sprache erhalten habe. Schon der Name Thucydides nennt die Schwierigkeiten, die bei der Arbeit sind, und die Platäischen Händel sind keine der leichtesten Stellen. Der griechische Text nach Duker ist meistens meine Norm, und man wird bei einer Vergleichung sehen, wo ich von Heilmann theils im Sinn, theils im Ausdruck abgewichen bin. Die Gründe zu finden und zu würdigen, überlasse ich mit Bescheidenheit den Kritikern. Vierzehn Jahre blieb der nach der Eroberung von Euböa geschlossene dreißigjährige Friede fest. Im funfzehnten Jahre aber, als im achtundvierzigsten Jahre des Priesterthums der Chrysis in Argos, als Aenesius in Sparta Ephorus und Pythodorus im zehnten Monate in Athen Archon war, im sechsten Monate nach der Schlacht bei Potidäa, rückten gleich mit Anfang des Frühlings unter Anführung der Böotarchen Pythangelus, des Phylides, und Diemporus, des Onetorides Sohn, ungefähr etwas über dreihundert bewaffnete Thebaner bei Nacht während des ersten Schlafs in Platäa ein, welches mit Athen im Bunde stand. Ihre Führer, welche ihnen auch die Thore öffneten, waren Platäer, nämlich Nauklides mit seiner Partei, die durch das Verderben ihrer Gegner sich Macht schaffen und die Stadt für die Thebaner gewinnen wollten. Dieses hatten sie durch Eurymachus, einen der angesehensten Thebaner, abgehandelt. Denn da die Thebaner den Krieg voraussahen, wollten sie noch im Frieden und vor dem förmlichen Ausbruche des Kriegs Platäa, mit welchem sie beständig Streitigkeiten hatten, vorher besetzen, weswegen sie auch desto leichter heimlich einzogen, indem keine Wachen ausgestellt waren. Nun faßten sie auf dem Markte Posten, ganz wider die Wünsche ihrer Einführer, welche wollten, daß man sogleich zu Werke schreiten und in die Häuser der Gegenpartei einbrechen sollte, und beschlossen, durch gütlichen Aufruf eines Herolds die Stadt zu einem freundschaftlichen Vertrage zu bewegen, indem sie hofften, auf diese Weise sie leicht in ihr Bündniß zu ziehen. Der Herold rief also aus, wer nach der Väter Sitte Bundesgenosse aller Böotier sein wollte, möchte mit den Waffen auf ihre Seite treten. Als die Platäer erfuhren, daß die Thebaner so plötzlich die Stadt besetzt hatten, und im Schrecken ihre Anzahl für weit größer hielten, da sie in der Nacht nicht sehen konnten, kamen sie zum Vertrage herbei, nahmen die Bedingungen an und waren ruhig, zumal da man gegen Niemand etwas unternahm. Während der Unterhandlung aber entdeckten sie, daß der Thebaner nur Wenige waren, und glaubten, in einem Angriffe leicht den Sieg zu erhalten. Denn das Volk von Platäa wollte auf keine Weise das Bündniß mit den Atheniensern Natürlich, daß das Volk überall lieber die Athenienser und die Vornehmern lieber die Lacedämonier zu Bundesgenossen oder auch wol zu Oberherren hatten. Die Verfassung der Erstern war oft bis zur Zügellosigkeit steigender Demokratismus, und die Spartaner führten überall einen ziemlich drückenden Aristokratismus ein. Isokrates, der übrigens feiler Sophist genug sein mag, spricht darüber in verschiedenen Reden zur Ehre seines Namens mit vieler Bündigkeit. aufgeben. Man beschloß also, die Sache zu versuchen. Man versammelte sich, durchbrach die gemeinschaftlichen Mauern der Häuser, damit der Feind nichts auf der Straße sähe; man stellte Wagen ohne Gespann in die Straßen, welche statt einer Mauer dienten, und brachte Alles in Ordnung, was der gegenwärtige Augenblick zu erfordern schien. Nachdem Alles so gut als möglich fertig war, warteten sie noch die Nacht nur bis an die Morgendämmerung und brachen dann aus den Häusern auf den Feind los, damit er nicht am Tage muthiger gegen sie auf gleichem Fuß fechten möchte, sondern, noch durch die Nacht geschreckt, ihnen den Vortheil ließe, den ihnen ihre Kenntniß des Orts geben mußte. Sie griffen also plötzlich an und kamen schnell zum Handgemenge. Als sich die Thebaner betrogen sahen, zogen sie sich dichter zusammen, um die Anfälle von allen Seiten zurückzutreiben. Zwei- oder dreimal warfen sie dieselben auch zurück; da aber die Platäer sodann mit großem Sturm hervordrangen und Weiber und Dienstleute mit vielem Geschrei und Lärm Steine und Ziegel von den Häusern warfen und zugleich die Nacht der Regen goß, geriethen sie in Schrecken, kehrten den Rücken und flohen durch Dunkelheit und Koth in der Stadt umher, die Meisten unbekannt mit den Auswegen zur Rettung, zumal da der Vorfall gegen den Neumond geschah und die schrittkundigen Bürger sie überall verfolgten, damit Keiner entrönne. So kamen die Meisten um. Einer der Platäer verschloß das Thor, durch welches die Feinde hereingekommen waren, und welches noch offen stand, indem er den Schaft seines Spießes Es muß eine eigene zusammengesetzte Maschinerie gewesen sein; denn sonst würde ein solcher Riegel den fliehenden Feind nicht lange gehindert haben, schnell das Thor zu öffnen. statt eines Riegels einwarf, so daß auch hier kein Ausgang war. Ueberall durch die Stadt verfolgt, stiegen Einige von ihnen auf die Mauer und stürzten sich auswärts hinab, kamen aber meistens um. Einige hieben heimlich mit einer Axt, die ihnen ein Weib gegeben hatte, an einem unbesetzten Thor den Riegel auf und entkamen auf diese Weise; doch nur Wenige, denn man merkte die Sache bald. Andere wurden hier und da in der Stadt niedergehauen. Der Haupttrupp aber, der sich dicht zusammengeschlossen hatte, warf sich in ein großes Gebäude an der Mauer, dessen Thor offen stand, und das sie für ein Stadtthor hielten, wo sie einen Ausgang zu finden hofften. Da die Platäer sie so eingeschlossen hatten, hielten sie Rath, ob sie durch Anzündung des Gebäudes den ganzen Haufen mit verbrennen, oder was sie sonst mit ihnen thun sollten. Endlich trafen diese Eingeschlossenen, und die sich sonst noch durch Umherirren in der Stadt gerettet hatten, einen Vergleich und übergaben sich mit ihren Waffen den Platäern. So ging es Denen in Platäa. Das nachrückende Corps Thebaner, welches, wenn der Vergleich ihren eingelassenen Kameraden nicht glücken sollte, mit Tagesanbruche vor der Stadt zu sein Befehl hatte, kam auf im Zuge erhaltene Nachricht schleunig zu Hilfe herbei. Platäa liegt von Theben siebzig Stadien, und der die Nacht eingefallene Regen hatte den Marsch sehr langsam gemacht. Denn der Asopus ging hoch und machte den Uebergang schwer, so daß sie wegen des mühsamen Marsches im Regen und des mißlichen Ueberganges über den Fluß zu spät eintrafen, als ihre Brüder schon umgekommen oder gefangen waren. Als die Thebaner den ganzen Vorfall erfuhren, machten sie ihren Anschlag auf die außer der Stadt befindlichen Platäer; denn viele Bürger mit ihren Familien und Hauswirthschaften waren auf dem Lande, da man während dem Frieden keine Gefahr befürchtete. Sie wollten also, was sie außerhalb treffen würden, zur Sicherheit für ihre in der Stadt etwa übrigen gefangenen Mitbrüder festhalten. Das war ihre Absicht. Da sie aber noch darüber zu Rathe gingen, schickten die Platäer, die so etwas vermutheten und für ihre Mitbürger außerhalb der Stadt besorgt waren, ihnen einen Herold mit der Botschaft: die Thebaner hätten unverantwortlich gehandelt, indem sie während dem Frieden einen solchen verrätherischen Versuch auf ihre Stadt gemacht, und sie möchten ihre draußen befindlichen Landsleute nicht beleidigen; thäten sie dieses, so würden sie alle von ihnen gefangenen Thebaner tödten; wenn sie aber das Gebiet der Stadt verließen, wollten sie ihnen die Männer wieder ausliefern. So sagen die Thebaner und behaupten, daß dieses beschworen worden sei. Die Platäer aber geben nicht zu, daß sie versprochen, die Gefangenen sogleich herauszugeben, sondern erst, wenn vorher ein Vergleich getroffen werden könnte; auch sagen sie, es sei kein Eid geschworen worden. Die Thebaner rückten also wieder aus dem Gebiet, ohne etwas zu beschädigen. Sobald aber die Platäer Alles, was noch auf dem Lande war, in die Stadt gebracht hatten, tödteten sie sogleich die Gefangenen. Derselben waren 180 und unter denselben Eurymachus, mit welchem die Verräther unterhandelt hatten. Hierauf schickten sie Boten nach Athen und ließen auch die Thebaner unter sicherm Geleite ihre Todten abholen; in der Stadt selbst machten sie ihre Einrichtung, wie die Lage der Sachen es zu fordern schien. Die Athenienser hatten den ganzen Vorfall in Platäa schon erfahren und sogleich alle Böotier, die sich in Attika befanden, greifen lassen und schickten den Platäern einen Herold mit der Botschaft, sie möchten den gefangnen Thebanern nicht ungebührlich begegnen, ehe auch sie selbst über die Sache berathschlagten. Denn ihr Tod war ihnen noch nicht gemeldet worden, da der erste Bote gleich bei dem Einrücken der Thebaner, und der andere, da sie eben geschlagen und gefangen waren, abgegangen war; weiter hatten sie noch keine fernere Nachricht. Sie schickten also ihren Boten, ohne den weitern Erfolg zu wissen, der die Männer schon getödtet fand. Gleich darauf zogen die Athenienser mit Truppen nach Platäa, versahen es mit Lebensmitteln, ließen eine Besatzung daselbst und führten Alle, die nicht zur Verteidigung helfen konnten, und alle Weiber und Kinder heraus. Dieses war die Veranlassung zum Kriege, der nun förmlich ausbrach. Die verschiedenen griechischen Staaten nahmen nach ihrem Interesse verschiedenen Antheil und schlossen sich entweder an die Athenienser oder die Spartaner an. Ich übergehe alle übrigen Vorfälle der Feldzüge, wo die Peloponnesier verschiedenemal in Attika einfielen und es verwüsteten, wo die Athenienser auf Rath und unter Anführung des Perikles sich vertheidigungsweise hielten und blos mit der Flotte einige Unternehmungen machten. In diese Periode fällt die große Pest zu Athen, welche mehr Schaden that als der ganze Krieg. Des griechischen Verfassers Beschreibung davon ist bekannt genug und gehört zu den stärksten Stücken der alten Geschichte. Ich übergehe Alles, was auf meinen Gegenstand keinen oder höchst entfernten Bezug hat. Vermuthlich haben auch die Thebaner von Zeit zu Zeit während dieser Periode Einfälle in das Platäische gethan, ohne weitern Erfolg als gegenseitige Neckereien, obgleich eigentlich Thucydides nichts davon sagt, sondern es einigemal nur aus dem Context errathen läßt. Er fährt im einundsiebzigsten Capitel des zweiten Buchs, als im dritten Jahre des Kriegs, über Platäa weiter fort. Den folgenden Sommer rückten die Verbündeten nicht in Attika ein, sondern zogen mit ihrem Heere gegen Platäa. Ihr Anführer war Archidamus, des Zeuxidamus Sohn, König der Lacedämonier, der, nachdem er sein Lager aufgeschlagen hatte, die Gegend umher zu verwüsten drohete. Ein gewöhnliches Verfahren der alten gepriesenen Heerführer, weswegen nur noch jetzt gegen alle humane Disciplin die Kosacken berüchtiget sind. Man sehe, was dagegen Raynal von seinen Indianern sagt, die wir für Barbaren halten. I. Band. Die Platäer schickten ihm aber sogleich Boten zu mit dem Auftrag: »Archidamus und Ihr Lacedämonier, Ihr handelt sehr ungerecht und weder Euer noch Eurer Väter würdig, daß Ihr das Gebiet der Platäer mit Krieg überzieht. Denn als der Lacedämonier Pausanias, des Kleombrotus Sohn, mit Hilfe Derer, die die Gefahr des bei uns gehaltenen Treffens theilen wollten, Griechenland von den Persern rettete und auf unserm Markte Jupiter dem Freiheitsbeschützer opferte, rief er alle Bundesgenossen zusammen und übergab den Platäern Stadt und Gebiet zur völligen unabhängigen Freiheit, so daß Niemand sie beleidigen und ihre Freiheit antasten sollte, sonst würden die gegenwärtigen Bundesgenossen sie mit aller Macht beschützen. Dieses gaben uns Euere Väter zur Belohnung unserer Tapferkeit und unsers entschlossenen Eifers in jenen Gefahren; und Ihr thut jetzt das Gegentheil. Ihr kommt mit den Thebanern, unsern bittersten Feinden, uns zu unterjochen. Wir beschwören Euch bei Euern und unsern Göttern, die alle Zeugen des damaligen Eides sind, das Gebiet der Platäer nicht zu beschädigen, noch den beschwornen Vertrag zu verletzen, sondern uns bei unserer Freiheit zu lassen, wie Pausanias uns zugestanden hat.« Auf diesen Vortrag der Platäer antwortete Archidamus: »Ihr Männer von Platäa sprecht gut; wenn Ihr nur handelt, wie Ihr redet. Lebt selbst frei nach Euern Gesetzen, wie Pausanias Euch zugesprochen hat, und helft auch die andern Theilnehmer jener Gefahren und jener Verträge in Freiheit setzen, wie jetzt unter dem Joche der Athenienser sind! Diese ganze Zurüstung und der ganze Krieg ist blos wegen ihrer und der Uebrigen Befreiung; und je thätiger Ihr selbst daran Antheil nehmt, desto getreuer seid Ihr den Verträgen. Wollt Ihr dieses nicht, so bleibt wenigstens ruhig, wie wir Euch schon den Vorschlag gethan haben, behaltet das Eurige und seid von keiner Partei; nehmt beide freundschaftlich auf und leistet keiner im Kriege Beistand! Damit wollen wir zufrieden sein.« So sprach Archidamus. Als die Gesandten der Platäer es gehört hatten, gingen sie in die Stadt, theilten dem Volke die Unterredung mit und brachten folgende Antwort zurück: Es wäre ihnen unmöglich, die Vorschläge ohne Einwilligung der Athenienser anzunehmen; denn ihre Kinder und Weiber befänden sich bei denselben. Auch wären sie überhaupt wegen der Stadt in Besorgniß, es möchten nach ihrem Abzug die Athenienser kommen und die ganze Sache hindern, oder die Thebaner, als in den Vertrag Eingeschlossene, indem beide freundschaftlich aufgenommen werden sollten, es wieder versuchen, sich der Stadt zu bemächtigen. Archidamus suchte sie hierüber zu beruhigen und sprach: »Uebergebt uns Lacedämomern Stadt und Häuser, bezeichnet die Grenzen des Gebiets, zählt Eure Bäume ab, und was sonst zu zählen möglich ist. Ihr selbst geht während des Kriegs, wohin Ihr wollt; wenn er vorbei ist, wollen wir Alles wieder zurückgeben. Unterdessen wollen wir das Land als anvertrautes Pfand behalten, es bauen und Euch, so viel Euch nöthig ist, als Pacht zahlen.« Die Gesandten gingen mit diesem Vorschlage wieder in die Stadt, hielten mit dem Volke Rath und antworteten sodann: Sie wollten den Antrag erst den Atheniensern mittheilen, und wenn sie dieselben dazu überreden könnten, ihn sodann eingehen; bis dahin baten sie um Waffenstillstand, und daß man das Land nicht verheeren möchte. Die Lacedämonier gewährten ihnen den Stillstand, bis man füglich die Antwort zurückbringen könnte, und thaten auf dem Lande keinen Schaden. Die Platäischen Gesandten, welche mit den Atheniensern Rath gehalten hatten, brachten ihren Mitbürgern in der Stadt Folgendes zurück: »Die Athenienser sagen, so lange wir Bundesgenossen sind, Ihr Platäer, haben sie uns kein Unrecht zufügen lassen; und auch jetzt werden sie uns nicht vernachlässigen und uns mit allen Kräften zu Hilfe eilen; sie bitten Euch also bei dem Eide, den unsere Väter beschworen haben, nichts gegen das geschlossene Bündniß vorzunehmen.« Auf diese Botschaft der Gesandten beschlossen die Platäer, die Athenienser nicht zu verrathen, und wenn es sein müßte, ihres Gebietes Verwüstung mit anzusehen und jeden andern möglichen Unfall geduldig zu ertragen, Niemand mehr zu den Feinden hinauszusenden, sondern ihnen die Antwort über die Mauer zuzurufen: »daß es ihnen unmöglich sei, die Forderungen der Lacedämonier einzugehen.« Auf diese Entschließung rief endlich der König Archidamus die Götter und Helden des Landes mit folgenden Worten feierlich zu Zeugen auf: »Ihr Götter alle, die Ihr dieses Gebiet der Platäer beschützt, und Ihr Helden seid unsere Zeugen, daß wir nicht anfangs mit Unrecht, da Diese zuerst den beschworenen Vertrag gebrochen, dieses Land überzogen, in welchem unsere Väter Euch wohlgefällig beteten und die Barbaren schlugen, und das ihr den Griechen zu einem glücklichen Kampfplatz gabt; auch jetzt soll unser Verfahren keine Ungerechtigkeit sein. Wir haben viele und billige Anträge gethan und nichts erhalten. Verleiht uns also, daß wir die Urheber der Ungerechtigkeit strafen und unsere gerechte Genugthuung an ihnen nehmen!« Nach diesem frommen Enthusiasmus machte er Anstalten, feindlich zu verfahren. Zuerst ließ er die Stadt mit abgehauenen Bäumen rund umpfählen, daß Niemand heraus konnte. Sodann führten sie an der Stadt einen Wall auf, weil sie so die schnellste Einnahme des Orts hofften, da ein so großes Heer arbeitete. Den Wall umflochten sie auf beiden Seiten statt einer Mauer mit Holzwerk, welches sie auf dem Cithäron hieben, damit die Erde nicht herabschießen könnte. Dabei führten sie Holz, Steine, Erde und Alles auf, um das Werk zur gehörigen Höhe zu bringen. Siebzig Tage und Nächte schanzten sie so ununterbrochen fort, in Ablösungen eingetheilt, so daß ein Theil fuhr, die andern aber aßen und schliefen. Die Lacedämonier, welche die Hilfstruppen der verschiedenen Städte anführten, waren Aufseher bei der Arbeit. Als die Platäer sahen, daß der Wall immer höher stieg, verfertigten sie ein hölzernes Gerüste und setzten es da, wo man den Wall aufführte, auf die Grundmauer und bauten darein mit Ziegeln, welche man von den nahen Häusern herbeischaffte. Das Holzwerk diente ihnen zur Bindung, daß der Bau bei größerer Höhe nicht zu schwach wurde. Zur Decke hatten sie Häute und Felle, damit sowol die Arbeiter als das Holzwerk vor brennenden Pfeilen in Sicherheit wären. Die Höhe der Mauer stieg also beträchtlich; aber auch nicht langsamer erhob sich der Wall von außen. Da ersannen die Platäer die List, daß sie die Mauer, wo der Wall daran stieß, durchbrachen und die Erde hineinführten. Sobald die Peloponnesier dieses merkten, warfen sie mit Schlamm gefüllte Binsenflechten vor die Oeffnungen, welche nicht wie die Erde hinweggeschafft werden könnten. Diesen Weg mußten also die Belagerten aufgeben. Sie gruben aber einen Minengang aus der Stadt heraus nach dem Walle und zogen auf diese Weise wieder die aufgeführte Materie zu sich. Dieses trieben sie ziemlich lange den Belagerern unbemerkt fort, welche durch das Auffahren gar nichts gewannen, indem ihnen der Wall von unten wieder weggefahren wurde und sich immer in den leeren Raum setzte. Aus Furcht aber, sie möchten auch auf diese Weise mit ihrer geringen Anzahl der Menge nicht widerstehen können, geriethen sie noch auf folgendes Mittel. Sie hörten nämlich auf, an dem großen Gebäude gegen den Wall zu arbeiten, und fingen an, von beiden Seiten desselben inwendig in der Stadt an der niedrigern Grundmauer eine andere mondförmige zu bauen, damit, wenn die Hauptmauer genommen würde, diese noch Widerstand thun könnte und der Feind einen neuen Wall aufführen müßte; so daß er bei seinem Einbruche doppelte Arbeit fände und ihrem Angriffe desto mehr ausgesetzt wäre. Nach Aufführung des Walles pflanzten die Peloponnesier auch zugleich ihre Maschinen auf, wovon eine von der Schanze nach dem hohen Gerüste mit solcher Gewalt und Erschütterung arbeitete, daß die Platäer in das größte Schrecken geriethen. Sonst waren hier und da an der Mauer noch andere angebracht, welche aber die Platäer mit Stricken umschlangen und zerbrachen und große Balken, an beiden Enden mit langen eisernen Ketten befestiget, über die Mauer an hervorstehenden Hebebäumen quer hinausließen und so, wenn die feindliche Maschine im Anstürzen war, den Balken an der Kette so schnell hinunterschossen, daß sie durch die Macht des Falles den Widderkopf der Sturmmaschine abschlugen. Ueber diese ganze Operation ist Folard über den Polyb und vorzüglich Ouischard in seinen »Mémoires militaires« nachzusehen, wo über diese Belagerung gesprochen wird. Da nun die Maschinen nichts halfen und man dem Wall eine Gegenmauer machte, sahen die Peloponnesier wohl ein, daß sie bei vorhandenen Schwierigkeiten die Stadt nicht einnehmen würden, und machten Anstalt, dieselbe förmlich einzuschließen. Vorher aber machten sie noch mit Feuer einen Versuch, ob sie bei starkem Winde die Stadt, welche nicht groß war, anzünden und verbrennen könnten; denn sie suchten alles Mögliche auf, um ohne großen Aufwand und ordentliche Belagerung sich derselben zu bemächtigen. Sie trugen also Reisbündel zusammen und warfen sie von dem Walle zuerst in den zwischen ihren Werken und der Mauer befindlichen Raum, und als dieser wegen Menge der Arbeiter bald angefüllt war, auch überall, wohin sie von der Höhe reichen konnten; sodann warfen sie Schwefel und Pech darein und zündeten die Masse an; und es erhob sich eine Flamme, wie man sie, von Menschenhänden gemacht, bis dahin noch nicht gesehen hatte. Denn auch in Bergwäldern entsteht zuweilen, wenn der Wind das Holz bewegt und reibt, ohne alles Zuthun Flamme und Brand. Dieses Feuer war aber so groß, daß die Platäer, welche den übrigen Gefahren glücklich widerstanden hatten, fast darin umgekommen wären; denn an viele Orte der Stadt konnte man sich deswegen gar nicht wagen. Und wenn, wie die Feinde hofften, ein starker Wind nach der Stadt dazugekommen wäre, so wäre keine Rettung gewesen. So sagt man aber, es sei eben ein Gewitter mit heftigen Regengüssen entstanden, habe die Flamme gelöscht und so diese Gefahr abgewendet. Als den Peloponnesiern auch dieses fehlschlug, ließen sie die Armee auseinandergehen und behielten nur einen Theil derselben vor der Stadt, um sie förmlich von allen Seiten einzuschließen, und gaben den Truppen jeder Stadt ihr gemessenes Stück Arbeit. Diese machten nun aus einem doppelten Graben innerhalb und außerhalb ihrer Werke Ziegel. Nachdem das Ganze mit Aufgang des Arctur's fertig war, ließen sie zur Hälfte der Mauer Besatzung, die andere Hälfte hatten die Böotier besetzt, und jedes Hilfscorps ging nach seiner Heimath. Die Platäer aber hatten schon vorher Kinder und Weiber und Alte und Alles, was unnütze und hinderlich sein konnte, nach Athen gebracht, und der Belagerten in der Stadt waren vierhundert nebst achtzig Atheniensern und hundertundzehn Weibern, welche die Speisen besorgten. Dieses war ihre ganze Anzahl, als die Belagerung anfing, und außerdem war Niemand, weder Freier noch Sclave in der Stadt. Auf diese Weise sperrte man Platäa. Ich übergehe hier wieder die übrigen Vorfälle des Kriegs und die verschiedenen Unternehmungen der Parteien gegen einander zu Wasser und zu Lande, die hierher keine Beziehung haben. Der Sieg des Phormio zur See gegen die Peloponnesier und die Landung der Letztern auf Salamis und ihre Vertreibung von der Insel durch die Athenienser waren wol darunter das Wichtigste. Gegenseitige Einfälle geschahen beständig. Ich hebe bei der Stelle wieder an, wo das Schicksal der Platäer und ihrer Stadt weiter erzählt wird. Der Grieche spricht im dritten Buche, im zwanzigsten und den folgenden Capiteln von der kühnen Unternehmung der Belagerten, sich durchzuschlagen, welche aber nur halb gelang. In dem nämlichen Winter beschlossen die noch immer belagerten Platäer und die mit ihnen eingeschlossenen Athenienser, da sie an Lebensmitteln den größten Mangel litten und sie von Athen noch keine Hoffnung des Entsatzes hatten, auch sonst keine andere Rettung sich zeigte, zuerst mit dem ganzen Corps einen Ausfall zu thun, die Mauer der Feinde zu ersteigen und sich wo möglich durchzuschlagen. Die Urheber des Unternehmens waren Theänet, der Wahrsager, Sohn des Timidas, und Eumolpidas, des Daïmachus Sohn, welcher auch der Anführer war. Nachher trat die Hälfte wegen der Größe der Gefahr zurück; aber ungefähr 220 Mann entschlossen sich freiwillig, den Ausfall zu wagen, und zwar auf folgende Weise. Sie machten sich Leitern von der Höhe der feindlichen Mauer, wozu sie das Maß nach den Schichten der Steine nahmen, wo sie nach ihrer Seite zu nicht bestrichen waren. Es zählten nämlich Viele zugleich die Schichten; und wenn auch Einige fehlten, so trafen doch Mehrere die richtige Zahl, zumal da sie oft zählten, nicht weit davon waren und die Mauer zu dieser Absicht deutlich genug sehen konnten. So nahmen sie das Maß zu den Leitern, indem sie die Dicke der Steine berechneten. Die Mauer der Peloponnesier war aber auf folgende Weise gebaut. Sie hatte zwei Ringmauern, eine gegen die Platäer einwärts und eine auswärts gegen einen Angriff der Athenienser. Diese beiden Ringmauern standen ungefähr sechzehn Fuß von einander, und in diesem Raum von sechzehn Fuß waren für die Besatzung Baracken gebaut, und zwar so zusammenhängend, daß das Ganze wie eine einzige dicke Mauer hinein und heraus mit Brustwehren aussahe. Bei jeder zehnten Brustwehr Die Brustwehren müssen also irgend ein Abtheilungszeichen gehabt haben; denn eine eigentliche Trennung läßt sich dort militärisch nicht wohl denken. stand ein hoher Thurm, einwärts und auswärts der Mauer gleich, so daß man nicht herum gehen konnte, sondern durchgehen mußte. Die Nächte, wenn das Wetter naß war, verließen also die Wachen die Brustwehren und hielten ihren Posten in den Thürmen, die nicht weit auseinanderstanden und bedeckt waren. So war die Mauer beschaffen, mit welcher man ringsum die Platäer eingeschlossen hielt. Als diese nun Alles zur Unternehmung in Bereitschaft gesetzt hatten, wählten sie eine stürmische, regnichte und ganz mondleere Nacht zur Ausführung. Die Urheber waren auch die Anführer des Streichs. Zuerst gingen sie durch den sie umgebenden Graben und näherten sich dann ganz stille, daß keine Wache sie merkte, der feindlichen Mauer, da man sie im Finstern nicht sehen und vor dem Sturm das etwanige Geräusch ihres Annäherns nicht hören konnte. Auch gingen sie weit von einander, damit das Zusammenschlagen der Waffen sie nicht etwa verriethe, und nur leicht bewaffnet, und zur Sicherheit im Gefecht und im kothigen Marsche nur am linken Fuße beschuhet. Die Ausleger martern sich, die Ursache zu finden, warum sie eben den Schuh am linken Fuße hatten. Eine sagt der Geschichtschreiber selbst, wegen des Marsches auf kothigem, schlüpfrigem Wege. Die andere giebt sich meines Erachtens sehr leicht aus der Sache. Die linke Seite ist die Schildseite; der linke Fuß muß im Gefecht feststehen und das ganze Gewicht halten; der rechte thut den Ausfall, der linke muß unterstützen. Auch wir dürfen jetzt im Fechten nach der Regel mit dem linken Fuß nicht von der Stelle kommen. Sie wollten leicht sein und kein Geräusch machen: den rechten Schuh konnten sie entbehren, den linken nicht. Die Veränderung des πρός τόν πηλύν in πρός τόν πόλεμον wäre also sehr passend, wenn sie nur nicht willkürlich wäre und Grund in Manuscripten hätte. Doch hat die Sache gar keine Schwierigkeit, wenn man bedenkt, daß sie mit einem Mittel mehrere Absichten erreichen wollten, nämlich Festigkeit im Schritt und im Gefecht, welches Letztere das Wichtigste war, und weswegen durchaus der linke Fuß beschuhet sein mußte, wenn man nicht links fechten wollte. Sie näherten sich also an der Courtine Ich weiß wohl, daß das griechische εταηΰργιον nicht ganz unsere Courtine ist, weiß aber nicht, welchen bessern Ausdruck man unter unsern Fortificationstermen nehmen könnte, wenn man nicht eine lange Umschreibung geben wollte, die nichts weniger als Thucydideisch wäre. zwischen den Thürmen den Brustwehren, von welchen sie wußten, daß sie leer waren, brachten die Leitern herbei und lehnten sie an. Sodann stiegen zwölf Leichtbewaffnete mit Dolchen und Brustharnischen hinauf, deren Anführer Ammeas, Sohn des Koroebus, war, welcher auch zuerst hinaufstieg. Ihm folgten die Uebrigen, Sechs nach jedem Thurm. Diesen folgten andere Leichtbewaffnete mit Lanzen, denen wieder Andere die Schilde nachtrugen, damit sie leichter steigen könnten, und um sie ihnen zu geben, wenn sie sich dem Feinde näherten. Als eine ziemliche Anzahl von ihnen oben war, ward sie die Wache von den Thürmen gewahr; denn einer der Platäer warf, als er sich anhalten wollte, einen Ziegel von der Brustwehr, welcher ein Geräusch machte, und sogleich erhob sich Lärm. Die Truppen eilten auf die Mauer; denn man wußte wegen der Dunkelheit der Nacht und wegen des Sturms nicht, wo die Gefahr war. Zugleich thaten die in der Stadt zurückgebliebenen Platäer von innen einen Angriff auf die entgegengesetzte Seite der Mauer, damit man die Unternehmung ihrer Kameraden desto weniger merken möchte. Es war also überall Lärm, aber Niemand wagte es, Andern zu Hilfe seinen Posten zu verlassen, und Niemand wußte im Schrecken, was der Lärm bedeuten sollte. Die Dreihundert, welche, wenn etwas vorfallen sollte, die Reserve hatten, rückten auf den Tumult vor die Mauer hinaus und steckten nach Theben zu Lärmfeuer zu Signalen an. Aber auch die Platäer steckten in der Stadt von der Mauer viele Lärmfeuer an, die sie vorher schon dazu in Bereitschaft hatten, damit die Feinde sich nicht in die Signale finden könnten und nicht zu Hilfe kämen und ihre Kameraden während dieser Ungewißheit Rettung und Sicherheit gewönnen. Unterdessen erstiegen die Platäer die Mauer, und so wie die Ersten oben waren, hieben sie von beiden Seiten die Wachen der Thürme nieder und faßten in den Durchgängen Posten, damit Niemand durch dieselben zu Hilfe kommen könnte, legten die Leitern von der Mauer an die Thürme und brachten Mehrere von ihrer Mannschaft hinauf, so daß sie nunmehr den angreifenden Feind von oben und unten zurücktrieben. Der größte Theil ihrer Kameraden legte nun zugleich eine Menge Leitern an, riß die Brustwehren nieder und ging zwischen den Thürmen über die Mauer. Die Hinübergebrachten stellten sich an den Rand des Grabens und trieben mit Pfeilen und Wurfspießen die Feinde ab, die sich von der Mauer ihrem Uebergange widersetzen wollten. Kaum waren Alle von den Thürmen und der Mauer bis auf den letzten Mann herab und an dem Graben angekommen, so erschienen die Dreihundert von der feindlichen Reserve mit Fackeln. Die Platäer am Rande des Grabens konnten sie aus der Finsterniß besser sehen und trafen sie also mit Pfeilen und Wurfspießen, wo sie Blöße gaben; sie selbst aber konnten im Dunkeln von den Fackelträgern nicht so gut gesehen werden, so daß sie Alle glücklich, obgleich mit vieler Mühe und Anstrengung, über den Graben kamen. Denn das Eis war noch nicht so stark gefroren, daß sie hätten darüber gehen können, und war noch schwach und wässerig, da nicht der Nordwind, sondern der Nordost wehete; auch hatte der mit diesem Wind gefallene Schnee das Wasser im Graben so hoch gemacht, daß sie kaum aus dem Wasser hervorragend übergingen. Aber eben nur durch die Größe des Sturmwetters war ihnen die Rettung möglich geworden. So wie die Platäer aus dem Graben heraus waren, marschirten sie geschlossen den Weg nach Theben zu und ließen die Kapelle des Androkrates zur Rechten, indem sie glaubten, man würde sie aus dem Wege, der zu den Feinden führte, am Wenigsten vermuthen. Sie sahen auch sogleich, daß ihnen die Peloponnesier nach dem Cithäron über Dryoskephalä auf dem Wege nach Athen mit Fackeln nachsetzten. Sechs oder sieben Stadien marschirten so die Platäer auf der Straße nach Theben fort, nahmen aber sodann den Weg über die Gebirge nach Erythrä und Hysiä, hielten sich im Gebirge fort und retteten sich auf diese Weise, Zweihundertundzwölf zusammen, nach Athen; denn Einige kehrten wieder in die Stadt um, ehe sie auf die Mauer kamen, und ein Bogenschütze wurde am äußern Graben gefangen. Die Peloponnesier kehrten vom Nachsetzen auf ihren Posten zurück. Die Platäer in der Stadt, welche von dem ganzen Ausgang nichts wußten und von ihren Zurückkehrenden hörten, daß kein Einziger davongekommen sei, schickten mit Tagesanbruch einen Herold, um wegen der Aufhebung ihrer Todten zu handeln. Als sie aber das Wahre der Sache erfuhren, waren sie ruhig. Auf diese Weise retteten sich die Platäer, welche den Ausfall gewagt hatten. Nachdem Thucydides die übrigen Begebenheiten der Zwischenzeit erzählt hat, kommt er im zweiundfunfzigsten Capitel des nämlichen Buchs zur endlichen Katastrophe, die er ausführlich beschreibt. Um die nämliche Zeit dieses Sommers ergaben sich auch die Platäer, welche wegen Mangel der Lebensmittel die Belagerung nicht länger aushalten konnten, den Peloponnesiern auf folgende Weise. Man griff ihre Werke an, und sie waren zu schwach, sie zu vertheidigen. Der Lacedämonische Feldherr, der ihre Schwäche kannte, wollte den Ort mit Sturm nicht nehmen; denn er hatte von Lacedämon dazu den Auftrag, damit, wenn man mit den Atheniensern Frieden schlösse und jede Partei die im Kriege eroberten Plätze herausgäbe, man Platäa nicht zurückgeben dürfte, weil es freiwillig übergegangen. Er schickte ihnen also einen Herold mit dem Auftrage, wenn sie freiwillig den Lacedämoniern die Stadt übergeben und sich ihrem Ausspruche unterwerfen wollten, so sollten die Schuldigen bestraft und gegen Urtel und Recht Niemand verurtheilt werden. So sprach der Herold. Sie aber übergaben die Stadt, da sie durchaus keine Kräfte mehr hatten. Einige Tage wurden nun die Platäer von den Peloponnesiern verpflegt, bis fünf Männer aus Lacedämon als Richter ankamen. Nach ihrer Ankunft wurde weiter keine Klage angebracht, sondern man rief nur die Gefangenen vor und fragte sie: ob sie den Lacedämoniern und den Bundesgenossen in dem gegenwärtigen Kriege irgend einen Vortheil verschafft hätten. Diese baten um Erlaubnis, sich weitläuftiger zu erklären, und gaben zween von ihren Kameraden, dem Astymachus, Sohne des Asopolaus, und dem Lakon, Sohne des Aeimnestus, einem Gastfreunde der Lacedämonier, dazu den Auftrag. Diese traten hervor und sprachen: »Wir haben Euch die Stadt auf Treu und Glauben übergeben, Ihr Lacedämonier, und von Euch kein solches, sondern ein billigeres Gericht erwartet. Wir wollten keine anderen Richter haben als Euch, die wir jetzt wirklich haben, in der Hoffnung, bei Euch am Meisten Gerechtigkeit zu finden. Jetzt fürchten wir, uns in Beidem geirrt zu haben; denn wahrscheinlich gilt es unser Leben, und Ihr scheint nicht sehr gewissenhaft zu sein, da Ihr uns keine Klagepunkte zur Beantwortung, sondern nur eine Frage vorlegt; und diese Frage ist so kurz, daß wir in der Beantwortung mit der Wahrheit sogleich verloren und mit der Unwahrheit sogleich überführt sind. Wir sind von allen Seiten in die Enge getrieben; aber besser ist es doch wol, noch vor der Gefahr zu sprechen. Denn man könnte vielleicht sagen, Leute in unserer verzweifelten Lage hätten sich doch durch einen Vortrag retten können. Aber schwerlich wird unsere Rede Eindruck machen. Denn wenn wir einander unbekannt wären, könnten wir Vortheil von Euch unbekannten Zeugnissen erwarten; wir sprechen aber zu Leuten, die von Allem unterrichtet sind. Wir fürchten auch nicht, daß Ihr es uns zum Verbrechen machen werdet, daß unsere Verdienste nicht so groß sind als die Eurigen, sondern wir fürchten nur, daß Ihr aus Gefälligkeit gegen Andere schon über uns Gericht gehalten und abgesprochen habt. »Doch wollen wir unser Recht gegen den Groll der Thebaner und unsere Verdienste um Euch und ganz Griechenland anführen und Euch zu unserm Vortheil zu gewinnen versuchen. Auf die kurze Frage: ob wir den Lacedämoniern und den Bundesgenossen in diesem Kriege einigen Vortheil verschafft haben, antworten wir: Wenn Ihr uns als Feinde fragt, so ist Euch kein Unrecht geschehen, da wir keine Wohlthaten von Euch genossen; wenn Ihr uns aber für Freunde haltet, so seid Ihr die Schuldigen, daß Ihr uns mit Krieg überzogt. Im Frieden aber und gegen die Perser sind wir immer rechtschaffene Männer gewesen; den erstern haben wir nicht zuerst gebrochen, und gegen die Letztern haben wir von allen Böotiern allein zur Befreiung Griechenlands mitgefochten. Denn wir waren als Landtruppen doch mit in dem Seegefecht bei Artemisium, und in dem Treffen hier auf unserm Gebiete waren wir bei Euch und Pausanias. Und wo zu der damaligen Zeit irgend eine Gefahr für die Griechen war, haben wir immer mit aller Macht daran Antheil genommen. Und Euch besonders, Ihr Lacedämonier, haben wir, als Sparta in der größten Gefahr war, da nach dem Erdbeben die sich empörenden Heloten sich nach Ithome zogen, den dritten Theil unserer Mannschaft zu Hilfe geschickt: das solltet Ihr billig nicht vergessen. »So waren wir ehemals bei den wichtigsten Vorfällen. Nachher wurden wir Feinde; aber die Schuld ist Euer. Als wir um Bündniß und Hilfe baten, da die Thebaner uns bedrängten, stießt Ihr uns von Euch und hießt uns zu den Atheniensern gehen, die uns näher wären als Ihr. Während dem Kriege haben wir Euch nichts Ungebührliches zugefügt und würden es nicht gethan haben. Wenn wir aber auf Euern Befehl nicht von den Atheniensern abfallen wollten, so war dieses nicht ungerecht. Denn sie unterstützten uns auch gegen die Thebaner, als Ihr Euch weigertet. Sie zu verrathen, wäre nicht brav gewesen, zumal da sie unsere Wohlthäter waren, wir um ihr Bündniß gebeten und ihr Bürgerrecht erhalten hatten; vielmehr mußten wir mit Eifer ihrer Anführung folgen. Wenn Ihr die Bundesgenossen führt, so ist es nicht die Schuld der Gehorchenden, wenn Unrecht geschieht, sondern der Anführer selbst, als der Urheber der Ungerechtigkeit. Die Thebaner haben uns oft und viel Unrecht zugefügt und sind zuletzt, wie Ihr wißt, Ursache von unserm jetzigen Unglück. Wir haben uns an ihnen, die unsere Stadt im Frieden und noch dazu an einem Festtage überfielen, nach überall giltigen Gesetzen gerächt, welche nicht allein erlauben, sondern befehlen, sich gegen den angreifenden Feind zu wehren: und nun sollen wir ihrentwegen so unbillig leiden? Wenn Ihr jetzt nach Euerm und ihrem feindlichen Vortheil einen Ausspruch thut, so wird man Euch nicht für Richter der Wahrheit, sondern für Diener des Eigennutzes halten. Wenn Euch Diese jetzt nützlich zu sein scheinen, so waren wir und die übrigen Griechen es Euch zur Zeit der größten Gefahr noch mehr. Jetzt greift Ihr für sie Andere als furchtbare Feinde an, und als die Barbaren ganz Griechenland mit Knechtschaft bedroheten, waren Diese auf ihrer Seite. Es ist billig, daß Ihr unserm jetzigen Fehler, wenn wir ja gefehlt haben, unsern damaligen Eifer entgegensetzt; Ihr werdet finden, daß dieser größer war als jener, und zwar größer war zu einer Zeit, wo die Griechen nicht gern ihren Muth der Macht des Xerxes entgegenstellten. Doch verdienten Diejenigen mehr Lob, die in der Gefahr, ohne bei dem Angriff auf ihre Rettung und Sicherheit zu denken, für Freiheit und Ehre die schönsten Thaten wagten. Ob wir gleich unter diese, und zwar zu dem ersten Range gehören, müssen wir doch jetzt eben deswegen den Untergang fürchten, daß wir uns mehr mit Gerechtigkeit zu den Atheniensern als aus Eigennutz zu Euch hielten. Von den nämlichen Dingen sollte man immer das Nämliche denken und nur das für Vortheil halten, was sich bei gegenwärtiger Ordnung der Geschäfte mit der Erkenntlichkeit für die Verdienste braver Bundesgenossen verträgt. »Erwägt auch, daß man Euch bis jetzt für das Muster der Rechtschaffenheit unter den Griechen hält! Wenn Ihr nun über uns ein ungebührliches, grausames Urtheil fället, denn das Gericht kann nicht unbekannt bleiben, da Ihr so angesehen seid und wir nicht verächtlich sind, so sehet zu, wie man es aufnehmen wird, wenn Ihr als die Stärkern über uns rechtschaffene Männer etwas Unwürdiges beschließt und in den gemeinschaftlichen Nationaltempeln von uns, den Wohlthätern Griechenlands, Euern Raub aufhängt! Es wird schrecklich zu hören sein: »Die Lacedämonier haben Platäa zerstört!« Eure Väter haben den Namen unserer Stadt zum Lohn für unsere Tapferkeit auf den Dreifuß zu Delphi gegraben, und Ihr habt sie für die Thebaner durchaus gänzlich aus der Gemeinschaft der Griechen vertilget. πανοικησίᾳ steht im Text und hat einen rührenden Nachdruck, den ein Anderer mit gleicher Kürze erreichen mag; denn eben in der Kürze liegt meistens der Nachdruck. »So daß kein Haus stehen bleibt, bis auf den Grund«, sagt Heilmann. So unglücklich ist unser Schicksal geworden: hätten die Perser gesiegt, so wären wir verloren gewesen, und jetzt verlieren wir bei Euch, unsern alten Freunden, gegen die Thebaner. Zwei Momente der Todesgefahr für uns: hätten wir die Stadt nicht übergeben, so wären wir verhungert; jetzt sollen wir zum Tode verurtheilt werden. Und wir, wir Platäer, die über alle Kräfte kühn und eifrig für die griechische Freiheit fochten, sind von allen Griechen die Einzigen, die ohne Hilfe und Erbarmung hinausgestoßen werden. Kein Bundesgenosse hilft uns, und wir fürchten, auch unsere einzige letzte Hoffnung zu Euch, Ihr Spartaner, ist fruchtlos. »Wir bitten Euch um der Götter willen, die Zeugen unsers Bundes und unsers Muthes für die Griechen waren, laßt Euch erweichen und ändert den Schluß, zu dem Euch vielleicht die Thebaner überredet haben, und fordert selbst von ihnen diese Gefälligkeit, Diejenigen nicht zu tödten, die Ihr selbst mit Gerechtigkeit nicht tödten könnt; zieht eine weise Erkenntlichkeit einer schändlichen vor, damit Ihr nicht Andern zu Gefallen den Vorwurf der Ehrlosigkeit auf Euch ladet! Ihr habt uns bald getödtet; aber schwer wird es sein, die Schande der That auszulöschen. Ihr rächt Euch nicht an Feinden, sondern bringet Freunde um, die gezwungen gegen Euch Krieg führten. Wenn Ihr uns also rettet, handelt Ihr heilig und gerecht, da wir mit ausgestreckten flehenden Händen uns Euch freiwillig ergaben, und Flehende zu tödten, verbietet das Gesetz jedem Griechen, und da wir beständig um Griechenland so viele Verdienste hatten. Seht hin auf die Gräber Euerer Väter, die hier von den Persern erschlagen und bei uns begraben wurden, und die wir jährlich durch Schmuck und jede gesetzliche Feierlichkeit ehren: wir bringen ihnen die Erstlinge von Allem, was unsere Erde giebt, als Freunde von freundlichem Boden, als Bundesbrüder unsern ehemaligen Kriegsgefährten. Ihr würdet das Gegentheil thun, wenn Ihr ungerecht gegen uns wäret. Ueberlegt nur: Pausanias begrub sie und glaubte sie in freundschaftlichen Boden und zu Freunden zu legen. Wenn Ihr uns umbringt und unser Gebiet den Thebanern übergebt, wollt Ihr Euere Väter und Verwandte in feindlicher Erde und bei ihren Mördern lassen und ihnen alle Ehrenbezeugungen rauben, deren sie jetzt genießen? Wollt Ihr den Boden, auf welchem die Griechen die Freiheit erfochten, unter Knechtschaft bringen? Wollt Ihr die Tempel zerstören, wo sie vor der siegreichen Schlacht zu den Göttern beteten? Wollt Ihr die alten väterlichen Opfer vernichten, die ihre Urheber und Stifter anordneten? »Vergeßt nicht so sehr Eueres Ruhms, Ihr Spartaner, sündiget nicht gegen die gemeinschaftlichen Gesetze der Griechen und Euerer Vorfahren und laßt wegen fremder Feindschaft uns, die Wohlthäter Griechenlands, die Euch nie beleidiget haben, nicht zu Grunde gehen! Habt Schonung, ändert Euere Meinung und nehmt uns mit gerührtem Mitleiden auf! Ueberlegt nicht allein das Schreckliche unserer Leiden, sondern auch wer wir Leidende sind, und wie ungewiß das Schicksal ist, das auch Unschuldige treffen kann. Wir flehen also in unserer Noth mit Gefühl unsers Werths zu den Göttern, denen wir mit Euch und allen Griechen auf gemeinschaftlichen Altären opfern, daß sie Euch Mitleid einflößen, und bitten Euch, den Bundeseid, den Euere Väter geschworen haben, nicht zu vergessen! Wir flehen Euch bei den Grabmälern Euerer Väter und bitten Euch bei ihren Gebeinen, uns nicht den Thebanern zu übergeben, uns nicht als unsere besten Freunde unsern bittersten Feinden zu überlassen. Erinnert Euch jenes Tages, wo wir mit ihnen die schönsten Thaten verrichteten; und wir schweben jetzt in der schrecklichsten Gefahr! Endlich, so schwer es uns in unsern Umständen wird, die Rede zu schließen, da sogleich darauf die Entscheidung von Tod und Leben folgt, endlich wiederholen wir zum Schlusse: wir haben die Stadt nicht den Thebanern übergeben, denn eher würden wir den abscheulichsten Tod des Hungers gestorben sein; zu Euch sind wir auf Treu und Glauben gekommen. Gerechtigkeit ist es, wenn wir Euch nicht erbitten können, daß Ihr uns wieder in den nämlichen Zustand setzt, wo wir den Ausgang unsers Schicksals abwarten können. Wir beschwören Euch, Lacedämonier, uns Platäer, die wir stets mit größtem Eifer für die Griechen fochten, nicht aus Euren Händen, denen wir uns mit Gnadeflehen anvertrauet haben, den Thebanern zu überliefern, sondern unsere Retter zu sein und nicht Diejenigen völlig zu verderben, welche das übrige Griechenland befreien halfen!« So sprachen die Platäer. Die Thebaner, welche fürchteten, die Lacedämonier möchten auf diese Rede etwas nachgeben, traten hervor und sagten, auch sie wollten reden, da man Jenen wider ihr Erwarten mehr als zur Beantwortung der Frage so lange zu sprechen erlaubt habe. Auf erhaltene Erlaubniß sprachen sie: »Wir würden nicht um Erlaubniß zu reden gebeten haben, wenn auch Diese kurz auf die Frage geantwortet hätten. Sie wenden sich mit Beschuldigungen gegen uns und suchen sich ganz außer dem Gebiet der Sache weitläufig zu vertheidigen, da sie doch Niemand anklagt, und ihre Thaten zu loben, die doch Niemand tadelt. Nun müssen wir auf die ersten antworten und die zweiten widerlegen, damit ihnen nicht unsere Nachlässigkeit und ihre Ruhmredigkeit helfe, sondern Ihr von beiden die Wahrheit hören und sodann darnach urtheilen möget. Der Anfang unserer Streitigkeiten ist folgender. Wir hatten von ganz Böotien nach Vertreibung des gemischten zusammengelaufenen Haufens Platäa und einige andere Orte zuletzt gegründet und in Besitz genommen; nun wollten diese unsere Oberbefehlshaberschaft nicht anerkennen und verletzten allein das alte väterliche Herkommen der Böotier. Als wir sie zwingen wollten, wendeten sie sich an die Athenienser und thaten uns in ihrer Verbindung viel Schaden; dafür sind sie nun wieder gezüchtiget worden. »Als die Barbaren Griechenland anfielen, sagen Diese, sie seien von allen Böotiern allein nicht auf ihre Seite getreten, weswegen sie sich vorzüglich brüsten und uns schmähen. Aber sie standen blos deswegen nicht auf persischer Seite, weil sie es mit den Atheniensern hielten; und als hernach auf gleiche Weise die Athenienser die übrigen Griechen unterdrückten, waren sie auch von allen Böotiern die Einzigen von der Atheniensischen Partei. Und überlegt, in welchen verschiedenen Lagen wir beide so gehandelt haben! Unsere Stadt war damals weder gesetzlich aristokratisch noch demokratisch, sondern, was den Gesetzen und einer vernünftigen Staatseinrichtung am Meisten zuwider ist und der Tyrannei am Nächsten kommt, einige wenige Männer hatten alle Macht an sich gerissen. Diese hielten, in der Hoffnung, ihr eigenes Ansehen desto sicherer zu haben, wenn die Perser siegten, das Volk mit Gewalt im Zaum und führten die Barbaren zu uns. Die Stadt handelte also dabei nicht mit Freiheit und gesetzlicher Willkür, und man sollte ihr nicht vorwerfen, was sie auf diese Weise widergesetzlich gefehlt hat. Als die Perser fort waren und die Gesetze wieder Kraft erhielten, da die Athenienser nebst den übrigen Griechen auch unser Gebiet zu unterjochen versuchten und wegen den Unruhen in unserer Stadt schon einen großen Theil weggenommen hatten, so überlegt auch, wie wir bei Koronea fochten, sie überwanden, Böotien befreieten und nun die übrigen Griechen eifrig mit befreien halfen, indem wir an Reiterei und zu den übrigen Kriegsbedürfnissen mehr stellen als irgend ein Bundesgenosse! So viel von unserer Parteilichkeit für die Perser. »Nun wollen wir zu zeigen suchen, daß Ihr den Griechen weit größere Beleidigungen zugefügt habt und daher die strengste Strafe verdient. Ihr sagt, um Euch gegen uns Gerechtigkeit zu schaffen, seid Ihr Bundesgenossen und Mitbürger der Athenienser geworden. Ihr solltet sie also nur gegen uns geführt haben und ihnen nicht gegen Andere gefolgt sein, da, wenn sie Euch mit Gewalt zu folgen zwingen wollten, Euch ja das Bündniß und die Freundschaft von der Perser Zeit her mit den Spartanern blieb, weswegen Ihr so hoch sprecht. Dieses hätte Euch gewiß hinlänglich gegen uns geschützt, und was die Hauptsache ist, Euch Sicherheit und Ruhe gegeben, reiflich Rath zu halten. Aber Ihr habt freiwillig und nicht gezwungen die Partei der Athenienser ergriffen. Ihr sagt, es wäre schändlich gewesen, Euere Wohlthäter zu verrathen; aber noch schändlicher war die Ungerechtigkeit, alle Griechen, mit denen Ihr zusammen geschworen habt, als allein die Athenienser zu verrathen. Diese wollen Griechenland unterjochen, jene es befreien. Die Athenienser haben diese Erkenntlichkeit um Euch nicht verdient, und Euch gereicht sie zur Schande. Ihr littet Unrecht, sagt Ihr, und nahmt Euere Zuflucht zu ihnen: nun steht Ihr ihnen in ihren Gewaltthätigkeiten bei. Es ist nicht so schändlich, gar nicht dankbar zu sein, als zwar gerechte Verpflichtungen zur ungerechten Beeinträchtigung Anderer zu bezahlen. »Ihr habt also deutlich gezeigt, daß Ihr damals nicht für die Freiheit Griechenlands, sondern blos deswegen allein nicht von der Partei der Perser waret, weil es auch die Athenienser nicht waren. Diesen wolltet Ihr folgen und allen Uebrigen trotzen; und nun fordert Ihr hier Belohnung dafür, daß Ihr blos Andern zu Gefallen Euch brav gehalten habt. Das ist sonderbar. Ihr habt Euch zu den Atheniensern geschlagen; nun fechtet mit ihnen und beruft Euch nicht auf das ehemals beschworne Bündniß, um Euch jetzt dadurch zu retten! Ihr habt es verlassen und bundbrüchig die Aegineten und andere Verbündete unterjochen helfen, die Ihr hättet schützen sollen; und dieses freiwillig, mit völliger bedachter Willkür, ohne daß Euch Jemand zwang, wie uns. Noch zuletzt, ehe Ihr belagert wurdet, nahmt Ihr den Antrag, ruhig zu bleiben und Keinem beizustehen, nicht an. Wer muß also allen Griechen billig verhaßter sein als Ihr, die Ihr mit einem Vorwand von Rechtschaffenheit und Bravheit ihren Untergang suchtet? Ihr habt jetzt gezeigt, daß Alles, was Ihr ehemals Braves gethan, nicht Euch angehöret, und Euer beständig wahrer Charakter hat sich jetzt trefflich geoffenbaret. Ihr folgtet den Atheniensern in ihren Ungerechtigkeiten. Dieses von unserer erzwungenen Parteilichkeit für die Perser und von Euerer freiwilligen Parteilichkeit für die Athenienser. »In Ansehung der letzten Euch zugefügten Beleidigung, daß wir im Frieden und am Monatsfeste in Euere Stadt gerückt sind, haben wir auch nicht mehr gefehlt als Ihr selbst. Wenn wir mit Gefecht und unter feindlicher Verheerung des Landes eingerückt wären, so wäre Euch Unrecht geschehen; wenn uns aber Euere reichsten und angesehensten Die Thebanischen Redner geben hier selbst zu verstehen, daß man die Spartanische Aristokratie habe einführen wollen; aber eben deswegen wollte, wie vorher im Texte stehet, das Volk die Bundesgenossenschaft der Athenienser nicht verlassen, weil es bei der attischen Demokratie seine Rechnung besser zu finden glaubte und dieses Unterfangen für ein Attentat in seine Rechte hielt. Bürger, um Euch der fremden Bundesgenossenschaft zu entziehen und zur alten väterlichen Verfassung aller Böotier zurückzubringen, uns freiwillig riefen, wo liegt da die Beleidigung? Die Führer, nicht die Folgenden fehlen; aber nach unserm Urtheil fehlten weder sie noch wir. Sie waren Bürger wie Ihr und hatten mehr zu wagen, öffneten uns ihre Thore und brachten uns in ihre Stadt als Freunde und nicht als Feinde, um die Schlechtgesinnten zu unterdrücken und den Bessern zu verschaffen, was ihnen gehörte. Sie wollten als Euere Lehrer und Wegweiser nicht der Stadt ihre Bürger rauben, sondern sie ihrer Verwandtschaft wiedergeben, Niemand Feinde machen, sondern durchaus Freundschaft und Friede stiften. »Ein Beweis, daß wir nicht Feinde waren: wir haben Niemand angetastet und ließen nur ausrufen: wer von Euch nach der alten Verfassung der Böotier leben wollte, möchte zu uns treten. Mit Freuden kamet Ihr, schloßt den Vergleich und waret anfänglich ruhig. Als Ihr nachher unsere geringe Anzahl merktet, handeltet Ihr mit uns ohne alle Billigkeit, wenn wir auch etwas ungewöhnlich ohne Wissen Eures gesammten Volks eingerückt waren, daß Ihr uns nicht erst ansagtet, auszuziehen, sondern sogleich mit Gewaltthätigkeiten anfinget und uns gegen den eben geschlossenen Vergleich überfielet. Die im Gefecht Gefallenen beklagen wir nicht so sehr; sie kamen doch einigermaßen nach Kriegssitte um; aber ist es nicht entsetzlich, daß Ihr die Gefangenen, die sich Euch mit emporgehobenen Händen flehend ergaben, und von denen Ihr uns nachher verspracht, ihnen kein Leid zuzufügen, widerrechtlich und unmenschlich tödten ließet? Drei Ungerechtigkeiten habt Ihr dabei in Kurzem begangen: Ihr habt den Vergleich gebrochen, habt die Männer getödtet und habt in dem Versprechen, ihnen kein Leid zuzufügen, gelogen, das Ihr uns gabt, wenn wir in Euerm Lande keinen Schaden thäten. Und doch beschuldiget Ihr uns und wollt für Euere Verbrechen von keiner Strafe wissen. Aber das wird nicht sein, wofern unsere Richter noch gerecht richten; und Ihr sollt für Alles büßen. »Für uns und für Euch, Ihr Lacedämonier, haben wir hierüber so weitläufig gesprochen, damit Ihr sehet, daß Ihr sie mit Gerechtigkeit verurtheilt, und daß wir noch eine gelinde, glimpfliche Strafe verlangen. Laßt Euch nicht durch die Vorstellung ihrer alten Rechtschaffenheit bewegen, wenn sie je solche zeigten; diese muß nur Unrechtleidenden zu Statten kommen, den Uebelthätern aber doppelte Strafen bereiten, weil sie ihren Charakter so schändlich verleugneten. Es müsse ihnen nicht ihr Wehklagen und Jammern helfen, wenn sie bei den Gräbern Euerer Väter flehen und ihre eigene traurige Verlassenheit beweinen. Auch wir erinnern Euch an unsere von ihnen umgebrachten Mitbürger, deren Schicksal so schrecklich war, deren Väter einige Euch Böotien gewannen und bei Koronea starben, andere aber kinderlos in ihren einsamen verlassenen Wohnungen mit mehr Gerechtigkeit zu Euch um Rache flehen. Wer sein Unglück nicht selbst verschuldet hat, verdient Mitleiden; wer sich aber wie Diese selbst ins Elend stürzt, ist billig ein Gegenstand der Schadenfreude. Sie sind durch sich selbst jetzt so verlassen. Sie haben die bessern Bundesgenossen freiwillig von sich gestoßen, haben gegen uns alle Gesetze verletzt, nicht durch Beleidigungen vorher von uns gereizt, sondern mehr aus Groll als Gerechtigkeitsgefühl, und ihre Strafe ist gewiß noch nicht ihren Verbrechen gleich. Sie leiden, was gerecht ist. Sie haben nicht im Gefecht um Gnade geflehet, sondern sich selbst freiwillig zum Gericht übergeben. Rächt also, Ihr Lacedämonier, die von ihnen verachteten Gesetze der Griechen und belohnt uns Unrechtleidende für unsern gezeigten Eifer und laßt uns nicht unser Recht durch ihre Rede verlieren! Zeigt den Griechen ein Beispiel, daß sie nicht mit Worten, sondern mit Thaten wetteifern sollen! Sind diese gut, so ist eine kurze Erzählung hinreichend; sind sie aber schlecht, so sind zierliche Reden nur Schleier der Schande. Wenn Ihr Bundeshäupter aber wie jetzt nach kurzer Untersuchung Alles entschlossen entscheidet, so wird Niemand mehr zu ungerechten Unternehmungen schöne Worte suchen.« So sprachen die Thebaner. Die lacedämonischen Bevollmächtigten glaubten, daß die kurze Frage ihre Richtigkeit habe: ob sie in diesem Kriege ihnen einigen Vortheil verschafft hätten. Denn vorher hatten sie dieselben schon gebeten, vermöge des alten Vertrags mit Pausanias zu der Perser Zeit sich ruhig zu halten, und auch nachher vor der Belagerung war der Antrag, gegen beide freundschaftlich zu sein und Keinem zu helfen, verworfen worden. Sie glaubten also, die Platäer Ich überlasse es Sachverständigen, ob diese Erklärung dieser schweren Stelle möglich ist; mir scheint sie consequent zu sein. Das τή έαυτών σιχαία βουλήσει geht auf die Platäer, die, wie die Thebaner sagten, ganz freiwillig unerhörterweise aus dem Bunde getreten waren; das π αύτών auf die Spartaner und Verbündeten, welche sie dafür gezüchtiget. Wenn man lesen könnte: ύδ αύτών würde auch dieses auf die Platäer gehen können und der Sinn sein: sie haben sich ihr Elend selbst beizumessen, wie auch die Thebaner schon vorher sagten. Die Bedenklichkeit Heilmann's, daß βούλησις nur deliberatio de re sucipienda bedeute, fällt weg; denn in der Periode, von welcher die Lacedämonier sprechen, hielten die Platäer wirklich erst Rath, was sie thun sollten. haben selbst den Bund mit gehöriger Ueberlegung gebrochen und sich ihr Unglück zugezogen. Sie ließen daher Jeden besonders vortreten und fragten: ob sie in diesem Kriege den Lacedämoniern und den Bundesgenossen etwas genutzt hätten, und so wie er Nein antwortete, führte man ihn fort zum Tode, und es wurde kein Einziger ausgenommen. Auf diese Weise ließen sie nicht weniger als zweihundert Platäer und hundertundfünf mitbelagerte Athenienser umbringen. Die Weiber machten sie zu Sclavinnen. Die Stadt gaben die Thebaner auf ein Jahr den Flüchtlingen aus Megara und den Platäern, die von ihrer eigenen Partei noch übrig waren, zur Wohnung. Nachher schleiften sie dieselbe von Grund aus bis auf den Boden und baueten nicht weit von dem Tempel der Juno eine Herberge. So erzählt Thucydides, ein Zeitgenosse, ein Mann, der an der Geschichte seiner Zeit in seinem Vaterlande selbst einigen Antheil hatte, dem seine Verhältnisse Gelegenheit genug gaben, sich zu unterrichten, und der diese Gelegenheit so benutzte, daß er bis jetzt unter den pragmatischen Schriftstellern eine der ersten Stellen behauptet. Man sage nicht, er war Athenienser und hatte Ursache, das Betragen der Lacedämonier und Thebaner von der gehässigsten Seite zu schildern; seine Landsleute waren nach ihrer Gewohnheit nach der ihm aufgetragenen mißlungenen Unternehmung auf Amphipolis nicht sehr glimpflich mit ihm umgegangen. Er verlor sein Commando und zog sich ins Privatleben zurück, wo er als Wahrheitsforscher beobachtete und mit so viel Humanität, als er und sein Zeitalter haben konnte, die Geschichte schrieb. Es ist für die Kenntniß des Alterthums ein großer Verlust, daß wir seine eigene Fortsetzung nicht haben. Xenophon, so viel Anmuth und Verdienst seine Diction hat, folgt ihm doch nur, wie Ascan seinem Vater im Virgil, non passibus aequis . Nicht nur die Spartaner, Thebaner und Platäer handelten so grausam und unmenschlich; auch die Athenienser, die man gewöhnlich als Muster der griechischen Kalokagathie aufstellt, hatten die nämliche Norm. Die Melier ergaben sich den Atheniensern auf Willkür, erzählt unser Geschichtschreiber zu Ende des fünften Buchs ganz trocken, und diese hieben alle jungen Leute nieder, die ihnen in die Hände fielen. Die Weiber und Kinder aber verkauften sie zu Sclaven. Den Ort besetzten sie und schickten hernach eine Colonie hin. Die gefangenen Aegineten, sagt er an einer andern Stelle, verurtheilten die Athenienser in Betrachtung ihrer ehemaligen beständigen Feindseligkeiten zum Tode. Beispiele dieser Art sind in der griechischen Geschichte nicht selten; wir haben nicht nöthig, in die fabelhaften Zeiten der Heroen zurückzugehen, wo Achilles ein Dutzend Gefangene am Grabe seines Freundes Patroklus opferte; gleichzeitige Schriftsteller erzählen sie ohne alle Anmerkung als etwas Gewöhnliches. Es ist vielleicht Schonung oder Klugheit, daß Thucydides obige Beispiele seiner Mitbürger so kurz anführt. Gewiß lag Stoff zu eben dem Pathos darin, das er uns hier in dem Schicksale der Platäer zeigt; und hier hat vielleicht der Athenienser geschwiegen, soweit es der Geschichtschreiber durfte. Welches Ungeheuer von Kriegsrecht, die feindlichen Gefangenen kaltblütig niederzumetzeln, weil sie feindlich gesinnt waren! Daß Aufruhr und augenblickliche Volkswuth zuweilen so unsinnig handeln, ist zu begreifen und zu verzeihen; aber daß eine Nation, deren Bildung und Menschenliebe man erhebt, einen solchen Proceß anstellen, ein solches Urtheil fällen und dieses Urtheil dann kaltblütig ausführen lassen kann, ist nach unsern Begriffen von Cultur kaum denkbar. Wenn man auch diese Kriege der Griechen als lauter Bürgerkriege annehmen wollte, welches man doch nach der Verfassung der griechischen Staaten nicht kann, so ist es doch empörend, mit welcher Grausamkeit und Gefühllosigkeit man nach dem Treffen gerichtlich schlachtete. Die blutigsten Scenen unserer Zeit kommen nicht solchen Abscheulichkeiten gleich; denn wenn auch der Parteigeist würgt, so wird doch Niemand wagen, zu sagen: das hat die Nation gethan. Aber diese Monumente stehen ewig da in der Geschichte der feinsten Nation, zur Schande ihrer gepriesenen Humanität. Rede des Phliasiers Patrokles in Athen, als nach der Schlacht bei Leuktra die Thebaner die Spartaner hart bedrängten. Aus Xenophon's griechischer Geschichte. Niemand wird zweifeln, Ihr Männer von Athen, daß die Thebaner, sobald die Lacedämomer gänzlich bezwungen sind, zuerst gegen Euch ziehen werden; denn sie werden Euch sodann für das einzige Hinderniß ihrer Herrschaft über die Griechen halten. Wenn das nun ist, so müßt Ihr, glaube ich, den Lacedämoniern zu Hilfe eilen, als wolltet Ihr Euch selbst retten. Denn wenn die Thebaner, Euere Feinde und Nachbarn, den Oberbefehl über die Griechen bekommen, das muß Euch, dünkt mich, viel lästiger sein, als da Ihr die Gegner in der Entfernung hattet; und es ist leichter, Euch jetzt noch zu helfen, da Ihr noch Bundesgenossen habt, als wenn nach der Unterdrückung aller Uebrigen Ihr gezwungen seid, allein gegen die Thebaner zu fechten. Wenn aber Einige von Euch fürchten, die Lacedämonier möchten, wenn Ihr sie jetzt rettet, Euch wieder neue Händel machen, so bedenkt, daß man nicht die Macht Dessen fürchten darf, dem man Wohlthaten erzeigt, sondern Dessen, dem man Schaden zufügt; auch müßt Ihr erwägen, daß Einzelne und ganze Städte sich Schutz und Hilfe zu verschaffen suchen müssen, so lange sie noch Kräfte haben, damit sie, wenn diese Kräfte nicht mehr sind, Unterstützung ihres schwankenden Glücks finden. Euch hat jetzt ein Gott die Gelegenheit gegeben, wenn Ihr den Lacedämoniern auf ihre Bitten beistehet, sie auf immer zu sichern Freunden zu machen. Denn Ihr werdet nicht wenige Zeugen Euerer Wohlthat haben: es werden sie die ewig allwissenden Götter sehen; es werden Bundesgenossen und Feinde sehen, was geschieht, und alle Griechen und Barbaren. Alles dieses verdient Erwägung. Wenn sie undankbar wären, wer würde je noch mit Freundschaft an sie denken? Aber es ist eher zu erwarten, daß sie gegen Euch wackere Männer, als daß sie schlecht sein werden; denn wenn Jemand dem nachstrebte, was lobenswürdig ist, und die Schande floh, so waren sie es. Auch dieses überlegt! Wenn Griechenland je wieder Gefahr von den Barbaren drohen sollte, auf wen wollt Ihr Euch besser verlassen als auf die Lacedämonier? Wen wolltet Ihr lieber zu Kampfgefährten wählen als Diejenigen, die bei Thermopylä alle lieber fechtend sterben wollten, als lebend die Barbaren mit sich nach Griechenland bringen? Ist es nun nicht billig, daß wir und Ihr dafür, daß sie mit Euch so brave Männer waren, was sie wahrscheinlich wieder sein werden, ihnen auf alle Weise zu Hilfe eilen? Auch der anwesenden Bundesfreunde wegen sollt Ihr ihnen Euere Freundschaft zeigen; denn Ihr könnt versichert sein, daß Diejenigen, die ihnen in allen Unfällen treu blieben, sich schämen würden, Euch den Dank schuldig zu bleiben. Wenn wir Euch nur klein scheinen, die wir mit ihnen die Gefahr zu theilen entschlossen sind, so bedenkt, wir sind nicht mehr ohnmächtige Hilfsgenossen, sobald Euer Staat hinzukommt! Sonst, Ihr Männer von Athen, habe ich diese Stadt beneidet, wenn ich hörte, daß alle Unterdrückte und Nothleidende hierher flohen und hier Hilfe suchten und fanden; jetzt höre ich nicht allein, sondern bin gegenwärtig und sehe, daß die wackersten Männer, die Lacedämonier und ihre getreuesten Freunde mit ihnen zu Euch kommen und Euch um Hilfe bitten; sogar die Thebaner, die damals die Lacedämonier nicht überreden konnten, Euch in das Verderben der Sclaverei zu stoßen, glaube ich im Geiste Euch bitten zu sehen, Euere damaligen Retter nicht zu Grunde gehen zu lassen. Es wird als eine edle That von Eueren Vorfahren erzählt, daß sie einst die vor der Burg Theben's erschlagenen Argiver nicht unbegraben ließen; noch weit edler wird es von Euch sein, wenn Ihr die noch lebenden Spartaner nicht der Schmach preisgebt und umkommen lasset. Es war von ihnen schon schön, daß sie dem Hohn des Erystheus Trotz boten und die Nachkommen des Hercules retteten; wie viel schöner wird es nicht sein, nicht allein die Stammhalter, sondern den ganzen Staat zu retten! Am Herrlichsten aber, wenn Ihr, da die Lacedämonier Euch damals durch einen Beschluß ohne Gefahr dem Verderben entrissen, ihnen jetzt mit den Waffen und unter Gefahren zu Hilfe kommt. Da wir schon mit Stolz Euch aufmuntern, den wackern Männern beizustehen, wie erhebend muß Euer Gefühl nicht sein, die Ihr helfen könnt, wenn Ihr, da die Lacedämonier so oft Euere Feinde und Freunde waren, nicht daran denkt, wie viel sie Euch geschadet, sondern wie viel sie Euch Wohlthaten erwiesen haben, und ihnen nicht allein für Euch, sondern auch für ganz Griechenland dankbar werdet, gegen welches sie so brav gehandelt haben! Hierauf hielten die Athener Rath, wo sie vor Ungeduld kaum die Andersgesinnten anhörten, und beschlossen, mit ganzer Macht zu Hilfe zu eilen, und wählten Iphikrates zum Heerführer. Arma veterum cum nostris breviter comparata. Der vollständige Titel dieser zum ersten Mal in Seume's Werken erscheinenden Doctor-Dissertation desselben lautet: » Arma veterum cum nostris breviter comparata . Amplissimi ordinis philosophorum Lipsiensis auctoritate D. XXVIII. Mart. MDCCXCII. h. l. q. c. defendet Joh. Gottfr. Seume A. M. cum socio amico Carl Salomo Zachariae . Lipsiae Litteris Sommeriis«. Uebereinstimmend mit dem uns vorliegenden Original geben wir die griechischen Citate ohne Accentuirung.   Viro generosissimo, illustri, amplissimo, Joanni Jacobo Igelströmio, Baroni Livono, augustissimi Romanorum imperatoris clavigero ac protribuno, domino Ilceni etc. Fautori summopere colendo hoc qualecunque opusculum pie D. D. Auctor. Vir Generosissime, Ilustris, Amplissime, Fautor summa mihi pietate Venerande!   Non quo more solent mittere homines scriptores haec mea ad Te proficiscitur epistola; quamquam nec horum consuetudinem omnino improbandam censeo, qui in re tenui gratiae sibi conciliandae causa et patrocinii comparandi Viros Optimates solemni quacunque data occasione verbis honeste blandis alloquuntur. Hanc vero ad rem minime aptus sum ego; quod qui me satis norunt, et sciunt et saepius reprehendunt. Des prius Tibi me purgem, necesse est, quam verbum ad commendationem proferre licet. Fuerunt, qui me ingenio horridum, facie incomtum et obsoletum, moribus durum et male pertinacem accusare non dubitarent. Hos autem, cum partim sint viri, quorum judicia suspicio, haec de me sentire, valde doleo; et magis doleo, quod, quomondo malo mederi possim, non video. Honestum esse et intrepide probum prima mihi fuit semper ultimaque vitae regula; nec alium videri alium esse ullo modo sustineam, si vel maxime aqud plurimos mihi meisque rebus obfuturus videar. Satius mihi fuerit cum Catone mori, quam longos agere triumphos cum Juliis. Aliorium revereor sententias, iisque ad res acutius ponderandas impellor; sed solam sequor conscientiam. Laetor si civium adprobationem assequi mihi contigerit; sin minus, animus nil mali sibi conscius facile acquiescit. Fïlium Tuum, optimae spei juvenem, mihi aeque ac parentibus carissimum, non diligo tantum, sed amo merito vehementissime. Meo erga Illum amori meoque erga Te officio an satisfecerim, non ego judicare debeo: hoc verum audeo enuntiare, me Illo nil carius meaque pietate nil sanctius habuisse, dum illi moderator studiorum adessem, nec nunc habere, qui miro Eum animi affectu amplectar Ejusque felicitatem lubenter omnibus meis commodis, si qua mea sunt, anteponam. Sed verebar non sine causa, ne morum meorum difficultas, quam omnes fere ut nostrorum modorum hodiernorum minime sequacem incusare non desierant, Illi noceret, cum et Tibi Tuaeque conjugi, Foeminae primariae, me in eandem suspicionem venire persentiscerem. Abii invitus ab invito, non satis assuetus genio seculi, ut alii arguerunt et ipse confiteor; non satis docilis viarum, quibus nostri incedere solent. Satius duxi minus esse patientem quam male. Si quid fui in admonendo severior, in corrigendo durior, quod sentio dixi, adjeci rationes; amoris certe plena erant omnia. An vero nimia fuerit ista mea constantia et in quibusdam obstinatio, Ipse, quem regendum acceperam, judicet. Mihi vero Ejus amor inter vitae suavitates delectatio est praecipua. Quod peccatum est, mihi peccatum est; me vero in terris omnium respicio ultimum, ubi de re lucri agitur, primum, ubi de recto oritur quaestio. Nil nunc dubito, cum jam ex modestia liberius loqui possim, Tibi Hunc talem filium vel publice gratulari, qui omnibus aeque bonis viris et peritis commendatur a singulari studiorum amore et literarum tractatione assidua, quique ob praecipuam modestiam morumque comitatem et elegantiam adamatur omnibus. Decus familiae solamenque parentum sese promittit futurum, qui tantulo temporis spatio tantam jam hauserit doctrinae copiam ex fontibus limpidissimis; quod ut Tibi et matri feliciter eveniat et precor et spero. De hac mea scriptiuncula nil est quod dicam. Argumentum a Te non putavi alienum, qui in his rebus es versatissimus et Ipse militiae ordines atque honores tenuisti. Tu vero et verbis coram et literis absens non comiter solum et honorifice, sed amice etiam me cum compellaveris, animum mihi auxisti. Quem magis huic meo libello patronum et judicem quaeram, quam qui optime omnium, quos propius novisse mihi contigit, rem militarem didicit castrisque excoluit? Est quidem hoc meum tirocinium; sed est et velitatio non indigna ducum diligentia. An quid ausus sim perperam, Tu judicabis; et condonabis, si quid. Numen summum Te, Vir Illustris, conjugi, filio totique familiae longam adhuc annorum seriem tueatur et incolumem conservet; ex qua Tua Tuorumque felicitate nemo majori adficietur voluptate, quam ego, Nominis Tui Amplissimi pie mihi Venerandi Lipsiae Id. Mart. MDCCXCII.                               cultor obstrictus                                Joh. Gottfr. Seume.   Arma veterum cum nostris breviter comparata. 1. Nisi mihi, mea qualemcunque scientiam aliis tradituro, ex moribus et institutis majorum satis sapienter factis necessitas incumberet aliquid scribendi, haud facile, fateor, eo audaciae processissem, qui nunc in publicum prodirem, cum viris gravissimis atque doctissimis rem disceptando tractaturus ex literarum ambitu sumtam. Non sum enim is, cui insit ingenii vis et doctrinae copia; nec verborum habeo facultatem nec sermonis facundiam. De more mihi res agitur, ingenue confiteor; quare si quid lapsus fuerim, si quid dixerim non satis venuste, non satis pure, ignoscant rerum periti et edoceant. Ad argumentum accedamus. Cur hoc tale mihi sumserim in promptu est explicare; quia scilicet persuasum mihi habebam, nisi hoc mediocriter bene versarim, me alia omnia frustra tentaturum fuisse. Historiarum campi jam sat messorum habent, politicen nil curo; jura non egent cultoribus, ad philologiam penus non sufficit; in philosophia movi quidem multum, sed nihil promovi. Sat sapiam ad vitam, caetera nil moror; quia quantumvis moliar altioribus circumfundor tenebris. Castris ipse incideram, angustam ipse cum Flacco pauperiem pati consuefactus misere in litore Columbi, quem nec regum injustitia nec improbitas seculi potuit fraudare honoribus debitis. Saepius ante tentorium super armis commensales fuere Caesar perditor patriae et Thucydides, quem Pericles oderat pragmaticus. Non abstulit me veterum coeca veneratio; sed tenuit eorum ingenium, virtus, constantia. In multis ad nostra usque tempora antiqui nobis optima sunt exempla. De aliis alii dixerunt, de re militari quamvis etiam plures, non tamen tam numerosa est eorum cohors, quam aliorum scriptorum. Sunt qui de tactica arte multa multo cum ingenio et labore disputaverunt. Sunt qui veterum militiam prae nostra in omnibus probent; sunt qui rereum haudd satis gnari antiquos plane contemnant, nostra immodice laudantes. Sunt et miscelliones, quibus ego accedo. Plures acierum praecipne rationem explicare laborarunt eamque diligentiae et studiis virorum militarium commendant. Hos non reprehendo. Sed nemo pos Lipsium, quod sciam, de armis veterum atque de nostris ita disseruit, ut eorum invicem rationem proxilius ostendere conaretur. Omnes fere putant, immo certissime sibi persuasum habent, nostra arma in omnibus longe esse potiora, ex quibus non ego. Hanc igitur mihi hac occasione cepi dicendi materiam, ut adpareret, me militem olim gragarium non semper obdormivisse super sarcinas nec inter vilia repsisse, utque meorum laborum et aerumnarum apud amicos extaret aliquod leve quamvis monumentum. Gravissima est et studiis summorum virorum dignissima res; cui etsi minus humeri mei sufficiant, gloria tamen erit tentasse aliisque praebuisse doctioribus et peritioribus, quod persequi penitius possint. Itaque quod in capite dixi, comparationem, utcunque pro tenuitate doctrinae potero, armorum veterum, Romanorum praecipue cum nostris instituam. De Romanis praecipue dico; quia haec novimus omnem fere terrarum orbem devicisse, et paucis mutatis omnes terrae populi apud antiquos in bello clariores cum iis in armatura consentiunt. Breviter pro scopo nostro expono; qui uberius hac de re percipere volunt, ipsi libros militares adeant, quorum sat magna est copia. Veterum arma primo recensebo, deinde ad nostra veniam; his vero explicitis comparatio ad finem, quae summa operis est, adjicietur. 2. Vulgata illa armorum divisio est et ab omnibus jure recepta, quam et ego ut rei maxime consentaneam sequendam arbitror; in arma scilicet proprie sic dicta et tela. Tegmina sunt illa corporis contra ictus hostis irruentis, ad repellenda tela et vulnera evitanda, et Graecis ὁπλα vel σϰεπαι dicuntur; haec vero instrumenta omnia perniciosa ac mortifera, quibus adversarios petimus ac caesim punctimve quavis ratione destruere hostem conamur, et βελων vocabulo apud Graecos veniunt. Ex illis sunt omnia scutorum genera, cassides, loricae, ocreae; ex his gladii, hastarum diversae species, sagittae reliquorumque telorum apparatus innumerus, quem breviter, ut potero, suo loco attingam. Tormentorum expositionem machinarumque ad obsidiones et expugnationes oppidorum veteribus excogitatarum praetereo; quia non fert mei propositi ratio, nec spatium admittit huic dissertatiunculae destinatum, et ultra vires esset. 3. Merito scuta, quae hodie nulla sunt, apud omnes antiquitatis populos, qui bello claruerunt, primum obtinuerunt locum, quia in iis totius corporis praecipuum tutamen atque praesidium positum erat. Sinistris ea gestantes milites contra omnia telorum genera tecti et, quantum permittit rei natura, tuti sine crebris vulneribus usque ad hastarum et pilorum missionem ad hostes accedere poterant. Tum cominus res gerebatur; et in ipsa pugna stataria scutum maximam incolumitatis praebebat fiduciam. Graeci veteres magnis utebantur clypeis rotundis, corio bovino et insuper aere obductis, quos ἀσπιδας vel voce magis poëtica σαϰη vocabant variisque figuris caelare solebant, cujus rei innumera sunt exempla apud poëtas, apud Homerum praecipue. Multi etiam diligentiores fuerunt et exquisitiores in describendis suorum heroum clypeis; quos, quia neminem fugiunt, ut brevitati consulam, praetermitto. Iphicrates secundum auctores antiquos haec magna aënea pondera, nimis gravia et minus commoda ratus primus mutavit et minores dedit clypeos, quem deinde plerique Graeciae populi secuti sunt; Philopoemen praecipue, cui multum Graecorum militia debet, ejus rationem non solum imitatus est, sed etiam magis excoluit. Romanis etiam in usu fuerunt isti magni aënei clypei, quos Argolicos dixerunt; sed jam sub Romulo eos mutatos legimus post devictos Sabinos. Plutarchus enim de iis dicit: Θυρεοις τοις ἐϰεινων ἐχρησατο ὁ Ῥομυλος, ϰαι μετεβαλε τον ὁπλισμον ἑαυτου τε ϰαι των Ῥομαιων ᾽Αργολιϰας προτερον ἀσπιδας φορουντων; quamquam sunt, qui hanc armorum mutationem Servio Tullio vindicent. Nihil, ut puto, difficultatis est. Romulus incepit rem; Servius vero, qui alter Romae quasi conditor Quiritibus extitit, melius instituit, firmabit et legibus sanxit. Pro hastis longis hic quoque pila suis civibus dedit; sed haec sunt longiora. 4. De scuto Romanorum, quod Graecis a forma ϑυρεος dicitur, et quo usque ad tempora virtutis bellicae evanescentis usi sunt, paulo expressius dicendum. De iis Polybius, optimus scriptor: Ἐστι δε ἡ Ῥωμαιοις πανοπλια πρωτον μεν ϑυρεος, οὑ το μεν πλατος ἐστι της ϰυρτης ἐπιφανειας πενϑ᾽ ἡμιποδιων, το δε μηϰος ποδων τετταρων. Ὁ δε μειζων ἐτι ϰαι παλαιστιαιος, ἐϰ διπλου σανιδωματος ταυροϰολλῃ πεπηγως οϑονιῳ· μετα δε ταυτα μοσχειῳ δερματι περιειληπται την ἐϰτος ἐπιφανειαν. Satis clare ad formam sibi fingendam: deinde adjicit, ei fuisse in curvatura circa inferam superamque partem ferreum munimentum ad defendendos gladiorum ictus. Hoc vero a Camillo profectum et alii et clarissime Plutarchus docet, ubi de eo loquitur: Εἰδως δε της των βαρβαρων ἀλϰης την βιαιοτατην ἐν ταις μαχαιραις οὐσαν, ἁς βαρβαριϰως ϰαι συν οὐδεμιᾳ τεχνῃ ϰαταφεροντες ὠμους μαλιστα ϰαι ϰεφαλας διεϰοπτον, ἐχαλϰευσατο μεν τα ϰρανη τοις πλειστοις ὁλοσιδηρα ϰαι λεια ταις περιφερειαις, ὡς ἀπολισϑαινειν ἠ ϰαταγνυσϑαι τας μαχαιρας· τοις δε ϑυρεοις ϰυϰλῳ περιηρμοσε λεπιδα χαλϰην, του ξυλου ϰαϑ᾽ αὑτου τας πληγας μη στεγοντος. Αὐτος δε τους στρατιωτας ἐδιδαξε τοις ὑσσοις μαϰροις δια χειρος χρησϑαι, ϰαι τοις ξιφεσι των πολεμιων ὑπερβαλλοντας ἐϰδεχεσϑαι τας ϰαταφορας. Hic locus eximius et historiae militari plane aureus omnia Camilli in rem publicam merita luculentissime summam ad viri dignitatem exponit; et paulo postauctor noster hujus inventionis utilitatem et caedes Gallorum, contra quos intendebatur, gravissime describit. Firmissima scuti pars, in qua maximum robur et omnium reliquorum armorum telorumque usum superans positum esse existimabatur, erat ferreus umbo contra vehentiores lapidum ictus et hastarum vim. In hoc et firmando et ornando plurimum diligentiae et artis adhibuerunt veteres; unde apud poëtas maxime multae dictiones ab eo ductae occurrunt. Apud Romanos et ferro erat optime munitus et gibbo vel clavo quatuor digitos erecto, et aere splendido politus ad terrendos hostes, equitum praecipue turmas. Την γαρ λαμπροτητα συμβαλλεσϑαι μαλιστα προς ἐϰπληξιν των ὑπεναντιων, ait de Philopoemene Polybius. Quantam vim autem scutum a brachio valido illatum habuerit, illud Mallii, viri consularis exemplum doceat, qui com Galli Capitolium scandere coepissent, unum es iis ϑυρεῳ παταξας εἰς το προςωπον ὠσεν ὀπισω ϰατα της πετρας, ut Plutarchus narrat. Magnitudo igitur scutorum a Polybio, ut vidimus, exhibetur in latitudinem πενϑ᾽ ἡμιποδιων, in longitudinem vero ποδων τετταρων. Fuerunt etiam, et dicit, quae eam palma una excederent; hoc idem legimus apud Vegetium sequioria aetatis scriptorem. Triariorum, veteranorum et decurionum fuerunt haec majora scuta: legimus enim aupd Aelianum, majus et rotundum scutum triarios habuisse praeter hastam, quae iis erat peculiaris, cum caeteri legionarii pilis pugnarent. Aptum ideo erat scutum ad totum corpus tegendum, ita ut miles capite cassidem gestans et pedibus ocreis indutus intrepidus contra hostem progredi posset et propemodum tutus vulnerum. Quae vero in monumentis conspiciuntur scuta, in columnis Trajana et Antonina, quo ad caetera satis quidem respondent iis, quae veteres auctores observarunt, ad magnitudinem vero, ut mihi videtur, non accedunt; quippe quae vix pectora et ventrem contegant, omnemque faciem et maximam femorum partem nudam sinant. Quam rem, cum omnes veteres scriptores in magnitudine consentiant, ex artificum ingenio mihi explicare posse videor, qui minora et breviora finxerunt, ob id ipsum ne totum hominis corpus contegeretur, in cujus pulcritudine exprimenda ars maxime versabatur, nec moles militis nimis invenusta exhiberetur. Duas quodlibet habebat ansas, unam majorem ferream ad inferendum brachium usque ad ulnam et sine molestia gestandum, quae Graecis ὀχανον dicebatur; minorem alteram coriaceam, ut conjicimus ex auctoribus, ad commode dirigendum, Graecis πορπαϰα dictam, quam palma tenens miles quocunque libuisset, ut res postulabat, ad excipiendos ictus scutum facile movebat. Huic alteri non invenio nomen apud Latinos; unde Fortasse Julius Africanus unam tantummodo ansam scutis Romanorum tribuit. At cogitare non possum, quo tandem modo tam ponderosa moles una ansa gestari, commode moveri et dirigi potuerit; neque scuta in marmoribus cum unica conspiciuntur, sed binas omnia habent more Graecorum. Cares fuere, qui primi pro loris ansam ferream in suis scutis habuisse dicuntur; ut etiam galeis cristam addidisse feruntur ab Herodoto, qui studiosis rei militaris satis commendari non potest. Est enim in descriptione armorum, ubi de Xerxis exercitu narrat, diligentissimus, luculentissimus omnium et elegantissimus. Mihi vero fit verisimili, Cares, qui a multis laudantur ob belli gloriam, ferream ansam addidisse tantum clypeis ad meliorem commoditatem, cum jam antea uterentur loris. Caeterum et Romanos lora habuisse in suis scutis vel ex eo certissime patet, quod ea plerumque tergo gestare in itinere solebant. 5. De scutis reliquorum antiquitatis populorum non est quod pluribus disseram. De Aegyptiorum scutis permagnis et hastis longissimis Xenophon passim in operibis loquitur; Xenophon, cujus vel unius lectione Lucullum imperatorem factum esse narrat Cicero. De Hispanis Gallisque Livius habet, eos iisdem fere usos fuisse scutis, non vero iisdem gladiis. Gallorum enim fuisse longos, sine mucrone, magna lamina ad caedendum instructos; Hispanorum vero, punctim magis quam caesim ferire assuetorum, brevitate habiles et cum mucronibus. Germani ab antiquis passim reprehenduntur ob negligentiam scutorum, quae illis fuerint longa quidem satis, sed ad defendendum corpus non satis lata; et a Tacito non nisi vimine texta, nec ferro firmata nec corio obducta dicuntur. Parmae fuerunt velitum et equitum; priorum vero paulo majores et firmiores. De iis Polybius: Ἡ δε παρμη ϰαι δυναμιν ἐχει τῃ ϰατασϰευῃ ϰαι μεγεϑος ἀρϰουν ϰαι προς ἀσφαλειαν· περιφερης γαρ οὐσα τῳ σχηματι τριποδον ἐχει την διαμετρον. Haec fere similis fuit Graecorum peltae; quamquam eorum peltastae a velitibus Romanorum recedere et magis ad cetratos Hispanorum venire videntur. Hispanos vero, ex quo cum Romanis bella gerere coeperunt, arma Romanorum imitatos esse ex multis Julii Caesaris capitibus est verisimile, in quibus scutatorum apud Hispanos crebra fit mentio, id quod inde a temporibus belli Punici secundi et deinde sub Sertorio maxime factum esse crediderim. Quanto honore fuerint scutum et hasta, scutum ut armorum tutaminumque optimum, hasta, ut telorum acerrimum maximeque tremendum, plena est vetus historia exemplorum. Proverbiorum a propugnaculo clypei tractorum omnibus antiquitatis gentibus magna fuit copia; quod vel nostra volumina sacra saepius probant. Apud gentiles ad sacrificia etiam usurpabantur. Da sacris magnae deae Thucydides: Μετα γαρ ἀσπιδος ϰαι δορατος εἰωϑεσαν τας προπομπας ποιειν; quo loco pluribus narratur, Athenienses hac occasione in armis tyrannis nil suspectos sese in libertatem vindicasse. De Saliaribus Romanorum Plutarchus: Φοινιϰους μεν ἐδεδυμενοι χιτωνισϰους, μιτραις δε χαλϰαις ὑπεζωσμενοι πλατειαις ϰαι ϰρανη χαλϰα φορουντες ἐγχειριδιοις δε μιϰροις τα ὁπλα ϰρουοντες. Quae vero arma pulsare potuisset sacrum hoc collegium, nisi illa ancilia, quae custodiebant et hac pompa solemni per urbem ferebant? Scutum prodidisse apud omnes fuit summum dedecus. Suadebatur Atheniensibus τον ῥιψαντα ϑανατῳ ζημιουσϑαι; et misere hanc ob rem ludis scenicis lacerabatur Cleonymus a comico Aristophane. Fortiter pro patria mortuos super scuto referebant commilitones ex pugna: quod vero spectaculum augustius, quam civis pro cara conjuge carisque liberis proelio caesus super his ipsis armis, quibus immotus steterat viceratque moriens, propinquis restitutus? Triste visu, sed gloriosum! Quis non meminit illius Lacaenae mulieris praeceptum clypeo filium ornantis: aut cum hoc, aut in hoc redi? Clypeos pro cunis fuisse Laconibus Theocritus significat, qui de Hercule puero habet, eum positum fuisse χαλϰαν επ᾽ ἀσπιδα. Sed sufficiant haec de scutis. 6. Ad alia muniminum genera transeam necesse est, ne mihi justo modo rem tractandi spatium desit. Qui plenius perdiscere volunt, sciunt unde sit hauriendum. Sequatur thorax, Latinis lorica dictus, quo ad majorem securitatem, si telum scutum penetrasset, corpus induebatur. Lorica Latinis, ut putant, quia ex loro corio crudo plerumque conficiebatur antiquitus. Hunc apud Graecos jam inde a primis temporibus in magno honore fuisse, neminem fugit. De confectione loricarum apud Graecos et Romanos non multa mihi occurrerunt loca, praeter quae a poëtis utriusque linguae satis copiose hanc in rem prolata leguntur. In his accuratiorem esse nil profuerit, cum jam verbo cognoscatur, quae sit squamata lorica, quae hamata, quae posterior et catenata, Graecis ἀλυσιδωτος dicitur. Harum illa plebejorum et tenuiorum fuit, haec vero nobiliorum et lautiorum. De Graecis Pausanias dicit: Των ϑωραϰων δυο ἠν χαλϰα ποιηματα, το μεν στερνῳ ϰαι τοις ἀμφι τον γαστερα ἁρμοζον, το δε ὡς νωτου σϰεπην εἰναι; et in memorandis de Socrate, ut memini, Xenophon habet dialogum lepidissimum de loricarum fabricatione. Ob has partes binas puto apud veteres interdum loricas ipsas vocari duplices neque intelligendum esse, ac si duos unus thoraces indutus fuerit. Apud Graecos ferreae loricae ut justo graviores inde a tempore Iphicratis in desuetudinem abiisse videntur; cum pro iis lineas arte firmatas ut fere aeque duras et multo leviores legamus datas esse. Cataphracti apud equites manserunt. Haec vero in plerisque Romani imitati sunt, quorum hoc erat eximium atque cordatum, quod omnia quae quocunque in populo bona et utilia in foro et castris viderent, ea sibi extemplo vindicare non dedignarentur. De semithoraciis, quae Alexander Macedo ignavis militibus dederit, ut contra hostes quidem tecti pugnare possent sine magno metu vulnerum, terga vero vertentes nudi telis conficerentur, narrat Polyaenus; quam rem an Arrianus aliique scriptores fide digniores agnoscant, non satis memini. De Parthorum loricis exquisite expositum est apud Suidam in fragmento; et de Sarmatis, qui es unguibus equinis suos thoraces fabricare consueverant Pausanias curiose magis habet et ingeniose quam utiliter. Ex Arriano de loricis Guiscardus Icilius luculenter et perspicue patrio sermone: Les cuirasses étoient faites pour la pluspart d'un tissu de lames coupées en écailles, ou d'un fil de fer, dont les petits anneaux enlacés formoient une maille. 7. Ad capitis munimentum venio, quod apud diversos antiquitatis populos et materia et forma maxime fuit diversum; et facile, qui animum induxerit, majorem quam de scutis Caryophilus librum nec minus lepidum et jucundum componere possit. De cassidibus antiquissimis satis constat ex Homero aliisque poëtis. Alexandri cassidem sic describit Plutarchus: Το δε ϰρανον ἠν μεν σιδηρουν, ἐστιλβε ϑ᾽ ὡςπερ ἀργυρος ϰαϑαρος, ἐργον Θεοφιλου· συνηρμοστο δ᾽ αὐτῳ περιτραχηλιον ὁμοιως σιδηρουν λιϑοϰολλητον. Hoc peritrachelio a communi Graecarum cassidum forma recessit haec Alexandri, si quidem Julio Africano fides habenda est, qui dicit, maxillas Graecorum casside non tectas fuisse sed nudas, et in hoc Romanos esse potiores, qui laminas ab utraque parte cassidi jungant, et ita malas et collum defendant contra ictus lapidum, glandes fundarum et omnia tela a latere missa; quod Guiscardus ad hunc auctorem optime suo vernaculo expressit: Dans ces mêlées décisives les Romains blessoient les Grecs au cou, qu'ils avoient découvert, avant que ceux-ci pussent prendre l'attitude convenable pour se mettre en défense. Polybius, optimus alias ubique in re Romanorum militari dux, clare quidem hic, ut solet, non vero satis plene explicat. Postquam de caeteris eorum armis exposuit atque de ipsis ferreis cassidibus dixit, progreditur: Ἐπι δε πασιτουτοις προςεπιϰοσμουνται πτερινῳ στεφανῳ, ϰαι πτεροις φοινιϰοις ἠ μελασι ὀρϑοις τρισιν, ὡς πηχυαιοις το μεγεϑος· ὡν προςϑεντων ϰατα ϰορυφην ἁμα τοις ἀλλοις ὁπλοις, ὁ μεν ἀνηρ φαινται διπλασιος ἑαυτου ϰατα το μεγεϑος, ἡ δε ὀφις ϰαλη ϰαι ϰαταπληϰτιϰη ἐστι τοις ἐναντιοις. Recte quidem quoad rationem et usum cristarum. Hac ipsa de causa signiferorum galeae tectae fuerunt pellibus ursinis, ut scilicet terribiliores hostium oculis apparerent. At ex aliis Polybii locis patet, Romanorum colla casside satis tecta fuisse; quod in casside Alexandri praeter consuetudinem observatur a Plutarcho. Caesarum jam temporibus cassides ex aere in desuetudinem abiisse videntur; quod iis centuriones tantum et superiores ordines decoros fuisse et insigni crista conspicuos docet Vegetius, qui de hac imperatorum indulgentia et negligentia alte conqueritur. Ad alios etiam usus galeas esse adhibitas vel tironibus notum est; ut ad terram ad aggeres portandam, ad sortes jaciendas, ad aquam hauriendam. Qua de re de Alexandro locus est apud Polyaenum, quem ob animi viri magnitudinem et prudentiam consiliorum hic inseri non aegre ferent lectores: Ἀλεξανδρος την ἀνυδρον ὁδευων αὐτος δε ἐπονει ὑπο διψους ϰαι οἱ Μαϰεδονες. Οἱ ϰατασϰοποι της χωρας ἐν ϰοιλῃ πετρᾳ σμιϰρον ὑδατιον εὑροντες τουτο βαλοντες ἐπιϰρανος Ἀλεξανδρῳ ϰομιζουσιν. Ὁ δε τῃ στρατιᾳ δειξας, ὡς εὐϑυμειν χρη φανεντος ὑδατος, αὐτος μη πιων ἐξεχεε το ϰρανος παντων ὁροντων. Οἱ Μαϰεδονες ἀλαλαζοντες ἐϰελευον αὐτον ἡγεισϑαι, της ὁδου προς το διψος εὐρωστως ἀντεχοντες δια την του βασιλεος ἐγϰρατειαν. Hoc idem de Catone Uticensi narratur cum suis per deserta Libyae proficiscente, qui virtutibus fultus magni censoris solus fere stetit mole sua contra seculi irruentem pestem, et criminibus civium impar ipse mori maluit, quam patriam dignitatem mortuam videre. Quae de Gallorum Germanorumque galeis dixerunt Diodorus et Plutarchus, mitto. Aliorum antiquiorum populorum galeas earumque formas graphice, ut solet, depingit Herodotus, ubi diversas exercitus Persici nationes recenset, cujus loci lectionem summam non mode utilitatem viro militari sed maximam etiam jucunditatem allaturam puto. 8. Ocreae restant, de quibus pauculis verbis dicendum. Eas primo Graecorum fuisse notissimum est, apud quos inter antiquissima armorum genera numerantur; unde apud Homerum semper honorifice appellantur εὐϰνημιδες Ἀχαιοι. De auxiliis Graecis in exercitu Cyri junioris, quorum dux post mortem Clearchi ipse fuit Xenophon, in expeditione scriptum: Εἰχον δε παντες ϰρανη χαλϰα, ϰαι χιτωνας φοινιϰους ϰαι ϰνημιδας ϰαι τας ἀσπιδας ἐϰϰεϰαϑρμενας. Utroque crure Romanis tribuit ocreas Arrianus, Vegetius vero dextro tantum, quocum Polybius consentit in expositione armaturae Romanae. Hic etsi pedem non dicat, cui induatur, de ocrea tamen singulari numero loquitur. Dextrum crus Vegetius ea munitum dicit, quod prorumpere hoc solebant milites, cum pila mitterentur; sinistrum vero a scuto putabatur protegendum. Rara sunt ocrearum exempla in marmoribus, ut recentiores observant, ac paene nulla. Causam assequi non possum; nisi ex ingenio artificum sit explicandum, vel quod ex illis aureis reipublicae Romanae temporibus monumenta non habeamus, et sequiore aetate disciplina penitus interierit. In Caesare nullam earum invenio mentionem; sed hic harum minutiarum negligens fuit, qui Romanis scriberet et imperator. Ex Polybio aliisque satis constat, eas in usu fuisse. 9. Ad tela venio, expositis quae ad protegendum militem serviunt. Horum omnium primum est, quamquam non proprie telum dicendum, gladius. Graecis duos fuisse legimus: majorem ξιφος dictum, et minorem, quem μαχαιραν vocabant, quique magis ad formam pugionis accedebat et ad varios castrorum usus adhibebatur, ut ad carnes hostiarum in sacrificiis secandas, quod es Homero discimus. Non invenio quid hac in re mutatum fuerit apud Graecos post tempora antiquiora. Romanis etiam primis temporibus majores fuisse et longiores gladios, eo mihi fit verisimile, quod reperimus, eos usu edoctos Hispanicos sibi sumsisse firmiores et brevitate habiles cum mucronibus, ut punctim magis quam caesim ferirent, quamquam et ad caedendum erant utiles. Hi fuerunt peditum, praecipue legionariorum; equitum fuerunt longiores, ut fert natura, quamquam et ipsi magis ad pungendum quam ad caedendum usurpati, et semper apud auctores Graecos, qui de re Romana scripserunt, ξιφη vocati. De utrisque Polybius: Οἱ δε Ῥωμαιοι οὐϰ ἐϰ ϰαταφορας αλλ᾽ ἐϰ διαληψεως ὀρϑαις χρωμενοι ταις μαχαιραις, πραϰτιϰου περι αὐτας του ϰεντηματος ὑπαρχοντος, τυπτοντες εἰς τα στερνα ϰαι τα προςωπα διεφϑειραν τους πλειστους· et alio loco de gladiis equitum: ἐπειτα οἱ μεν εἰςαϰοντιζουσι τας λογχας, οἱ δε τους ὁμοσε χωρουντας τοις ἱππιϰοις ξιφεσι μαϰροτεροις οὐσι παιοντες πολλους ἐῤῥιπτουν ἡμιϑανεις. Quae Plutarchus de gravitate gladiorum Romanorum testatur, eos scilicet ὑπο βαρους ϰαι ϰαταφορας δια παντος ὁπλου χωρειν ἐπι τα σωματα, id vero nescio an probari possit, nisi de hostibus intelligatur fere more barbarorum et modo velitari armatis: praesertim cum dicat, eos caesim pugnasse, in quo maxima gladiorum vis et optimus usus non consistebat. Caeterum scutis et gladiis praecipue Romanos confisos esse, Polybius auctor est: plus tamen prudentiae et incolumitatis in scuto, plus virtutis, artis et animi gladio spectari vel sponte tirones intelligant. Unde illud Scipionis, cum militem videret cum scuto pulcre adornato ad perstringendum hominis indolem ingeniose dictum: nil mirum scilicet, qui plus praesidii in scuto quam in gladio fiduciam ponat. Tempore sequiori Romanos etiam pedites habuisse majores enses, spathas voce barbara dictos, aliosque minores, quos semispathas vocabant, narrat Vegetius, qui, utcunque a multis divinis laudibus extollatur, vel plane contemnatur ab aliis, mihi scriptor videtur pluribus in rebus admodum probabilis; nec ejus querelas inanes et philosophiam militiae praeposteram censuerim. De magnis Gallorum ensibus, e ferro haud satis duro factis lata cum lamina ad caedendum, jam dixi, et quomodo Camillus ictus eorum irritos reddiderit, ubi de scuto et galea exposui. Romanos tironibus in exercitiis scuti loco crates dedisse vimine tectas duplo quam communia scuta graviores Vegetius indicat; et gladii loco clavam, quibus ad palum quotidie exercitium faciebant; ut arma scilicet postea leviora iis non essent oneri. Hac in re recte homines nostri Romanos sequuntur, gravissima semper arma tironibus eam ipsam ob causam adsignantes. 10. Ad hastas accedo earumque diversas species. Hasta antiqua Graeca fuit omnium, quas novimus, maxime memorata, quae et apud Homerum et alios poëtas dignis laudibus celebratur. Macedonum sarissae antiquis aetatibus fuerant longissimae, sed hac ipsa de causa nimis inhabiles; quare et postea iis aliquid ademtum, ita ut melius regi et vibrari possent, et ad repellendos hostium equites maxime essent idoneae. Haec forma magis ad veterum hastarum formam redibat. Caeterum non invenio, eas ut pila Romanorum pro jaculis missas fuisse ad vulnerandum eminus, nisi ubi inutiles fore in pugna a milite credebantur, et ad gladios res redierat. Romanorum proprium telum et maxime tremendum erat pilum, quod regum extremo tempore introductum traditur, et postea crebris bellis magis excultum est. An, ut scuta, pila etiam a Sabinis acceperint Romani, mihi non liquet: certum est, eos mirum in modum his promovisse rem, cum hostes maxime ea formidarent. Telum fuit paulo plus quam sex pedes longum, cujus tertiam fere partem a cuspide occupabat ferrum incinatum, duabus laminis et ferreis clavis hastae infixum. Bina gestabant, majus unum, de quo diximus, et minus, quod quatuor pedum longitudinem non excedebat. Hoc e longiori mittebant distantia, illud postquam propius accesserant. De strage, hoc telo facta Florus, ut solet, graphice, vere tamen et cum aliis: nil terribilius fuit ipso vulnerum adspectu, quae non spiculis, neque sagittis neque graeculo ullo ferro, sed ingentibus pilis nec minoribus adacta gladiis ultra morem patebant. Qui gladii non minores non hic sunt longi, quales non fuisse scimus; sed firmi, lati, laniarii, terribiles, ut Polybius docet, quorum figuras, qui volet, videat in Montefalconio ex marmoribus descriptas. Pila fuerunt legionariorum, exceptis triariis, quibus Polybius hastas, Graecis fere similes tribuit. Post hastatorum nimirum arma exposita progreditur: Ὁ δε αὐτος τροπος της ϰαϑοπλησεως ἐστι ϰαι περιτους πριγϰιπας ϰαι τριαριους, πλην ἀντι των ὑσσων οἱ τριαριοι δορατα φορουσι. Plutarchus loco supra citato, quae hic Polybius δορατα, μαϰροτερους ὑσσους vocat. Cum his etiam Livius facit, qui de iis: Triarii sub vexillis considebant, sinistro crure porrecto, scuta innixa humeris, hastas surrecta cuspide in terram fixas, haud secus quam vallo septa inhorreret acies, tenebant. Et legimus passim apud auctores, apud Plutarchum praecipue, Romanorum tribunos triariorum hastas pro pilis dedisse principibus et hastatis, qui antiquissimis temporibus eas habuerant, ideoque hoc nomine dicti videntur. Idque factum est maxime contra longos Gallorum irrumpentium gladios, ut ex illo, quem supra recensui, loco vidimus. Apud Caesarem ejusque aetatis scriptores hastarum nulla mentio facta legitur. Pila Romanis facile suffecisse ad repellendum equitatum cum ex plurimis Caesaris capitibus pateat, tum etiam optime ex Arriano perspicitur, qui et modum explicat in mandatis, quae ante proelium contra Alanos militibus dedit. Guiscardi Icilii verbis uti liceat. Les hommes du premier rang présenteront leurs pilums à l'approche de l'ennemi. On aura soin d'avertir le soldat de tenir la pointe du fer à la hauteur du poitrail des chevaux. Ceux du second, du troisième et du quatrième rang seront dans l'attitude de les lancer. On leur enjoindra de bien ajouster leurs coups dans l'occasion à fin d'abattre homme et cheval. On ajoutera le neuvième rang d'archers. 11. Minora jacula fuerunt frameae equitum et veruta levis armaturae, minoribus legionariorum pilis fere aequalia, quorum quinque vel septem quisque habere debebat. De his Livius, aliique pluribus locis. Miles levis armaturae, ait Livius, tripedalem habeat parmam, et in dextra hastas, quibus eminus utitur. Gladio Hispanensi est cinctus: quod si pede collato pugnandum est, translatis in laevam hastis gladium stringit. Haud satis accurate, ut saepius solet; sed non possum ob brevitatem mihi praescriptam persequi. Hasta velitaris dicebatur, quia velitibus usitata, verutum et verriculum a forma. Iis vero et equitum frameas similes fuisse valde veri est simile, praeterquam quod hae non solum a cuspide sed et ab infera parte ferratae erant, ut fracta cuspide inverti ad pugnam possent. Jaculatorum qui strictiori sensu dicebantur tela eadem fuere ac reliquorum velitum, paulo modo leviora; quia septem semper quisque gestabat, ut narrat Livius. Non possum de hastis finire, quin de amentis paucula dicam. Quid vero fuerit amentum, nescito. Satis notum est apud auctores amenta vel lora solvere nil aliud esse, quam ad pugnam accingi: quomodo vero usus amentorum pilis majorem vim injicere potuerit, non cepi ex locis, quae mihi legisse contigit vel in auctoribus ipsis vel in libris recentioribus commentatorum. Quae huc usque sensi, taceo, quia veteribus libris omnia repugnare video. Ex hac vero amentorum idea quid majus, quid virorum ducum probatione dignius oriri possit, ingeniis militaribus ponderandum relinquo. Hasta sublata Graecis, ut et clypeus erectus saepe fuit signum proelii incipiendi, ut Thucydides refert: et quantum huic telo tribuerint Romani, ex consuetudine concludi potest, quod ab antiquissimis inde temporibus ante Tribunal Praetoris hasta fixa conspiciebatur, ad quam cives omnia gravissima sua negotia coram judice curabant; unde non paucae juris formulae. Praetereo reliqua hujus generis tela, falaricam Africanorum, mataram Hispanorum, aliaque, quorum vel mentio admodum rara apud antiquos legitur, et apud exteros tatum fuit usus, nec nisi infrequens apud Romanos. 12. Brevissime absolvam reliqua. Sagittarios a remotissimo tempore apud antiquos multum valuisse et funditores, neminem fugit, cum in his pugna e longinquo et velitatio maxime consisteret. In omnibus fere expeditionibus hujus generis milites ante aciem proeliorum initium fecisse vel utroque cornu exercituum positos esse constat; ut a latere defenderent, et impedirent si pars hostium circumvenire conaretur. Sagittarum formas mitto, quarum variae apud commentatores figuris expressae inveniuntur. Funditores lapides jacere solebant hunc in usum conquisitos vel glandes plumbeas. Inde legimus inter bellicos apparatus, quos Caesar ab amicis ex Sicilia in Africam transportandos flagitaverat, magnam fuisse plumbi vim ad fundendas glandes et plumbatas faciendas; quae fuerunt genus jaculorum levis armaturae a Stewectio latius explicatum. Fundae maximam laudem Baleares, arcus Cretenses obtinuerunt. In expugnationibus oppidorum hoc genus militiae potissimum pugnasse eminus de muris et turribus vix opus est commemorasse. Ex pluribus unum liceat exemplum afferre. Pompejus a Caesare paene inclusus cum Brundisio excedere constituisset, ut receptum fugae magis similem adversarios celaret, magnum sagittariorum funditorumque numerum in muris disposuit et noctu naves conscendit in Graeciam prima luce navigaturus; quod ipse Caesar in Commentariis de bello civili narrat. Qui locus, etsi quid philautiae datum fuerit, non potest a veritatis simplicitate quam exitus probavit, et orationis elegantia satis commendari. 13. Sat dictum sit pro re nostra de armis antiquorum, ad nostra venio. Hic vero quod dicam non multum habeo. Arma enim vel plane non amplius habemus; vel quae habemus nimis sunt nota ac trita, quam ut iis diutius immorari debeam. Si quid nunc restat apud barbaros, nihil id est conferendum cum illo Romanorum antiquo robore. In desuetudinem jam dudum abierunt clypei, galeae, loricae, ocreae. Parvula illa cassidia, a quorundam principum copiis adhuc gestata, vix digna sunt, quae memorentur. Quid juvat sine ferro coriolum contra tela? parum scilicet. Attamen ea ipsa potiora puto nostris pileis. Nil nobis nunc muniminis relictum est, nisi parva pectoralia nostrorum centurionum et ordinum ductorum nominare velimus, quae levia ut sunt, pluribus jam saluti fuerunt. Equites nostri retinent genus loricae, quod olim Alexander militibus dedisse dicitur, ut pectora hostibus objicere et fortiter pugnando occumbere mallent, quam nudi a tergo misere trucidari. Ferrum quadratum transversum, quod super capite adhuc nostri equites gestare consuerunt, quamquam nec quidquam cum casside conferrendum, indicio tamen servire potest, militem hac primaria corporis parte muniri debere. Nisi apud pedites nostros corium latius pyrothecarum, quod balthei torquisve in morem quodammodo pectus tegit, scuti aliquem usum habeat, nudi sunt et omnibus telis expositi. 14. Sed si arma rejecimus ut nimis ponderosa nostrasque vires excedentia, tela habemus omnium maxime letifera, quibuscum nullum fere antiquorum jaculum comparandum sit. Nostras dico bombardas, quae summa vi globulos plumbeos ad magnam locorum distantiam projiciunt, et quidquid oppositum fuerit cruenta strage prosternunt. Supervacaneum vero foret et laboriosum hic et originem et varias hujus instrumenti mutationes referre. Sufficiat dixisse, a majoribus tormentis igneis descensum esse ad minora tela nunc consueta nostrorum peditum. Pugio militaris, bajonnicum quem dicimus a loco, ubi primum innotuit, cacumini bombardae adfixus a prima inventione in majori semper honore esse coepit, quia et militi nil adfert molestiae at hastae usum et telorum igneorum vim una conjungit. De eo optimus nostri seculi magister, Fridericus Borussus, toga sagoque omnium praestantissimus, habet in carmine de arte militari: Je peindrai les effets de cette arme cruelle, Qu'inventa dans Bajonne une fureur nouvelle, Qui du fer et du feu réunissant l'effort Aux yeux épouvantés offre une double mort; et aliquot versibus post: Sur leur front menaçant brille la bajonette, L'ennemi consterné médite la retraite. Quam opinionem, hunc pugionem valide ac fortiter illatum nostrorum armorum esse acerrimum, omnes viri duces non probant modo sed sequuntur etiam secundo eventu. Gladium nil amplius curamus apud pedites, quibus post ista tela gladiorum nulla aut perrara relicta utilitas. Quid minuta copidia juvare possint, quae adhuc gestantur a pedestri milite multorum principum, nil video. Equitum nostrorum enses forma et habilitate potiores factos esse, condedam, maxime cum manubrii structura in iis multo melior inveniatur; an vero materia comparandi sint cum antiquorum gladiis nescio. Haec mihi dicta sint de armis telisque nostrorum. 15. Major mihi nunc oritur labor, cui an humeri sufficiant vereor. Comparationem promisi. Quid Lipsius hac de re dixerit, constat, qui in omnibus antiquos re militari nobis fuisse potiores audacter affirmat et pro viro scholastico satis militariter argumentis haud contemnendis defendere conatur. Valde vero ipse miratus sum, quo tandem modo usus pulveris pyrii per universam rem militarem tantopere invalescere potuerit, ut omnia arma, quibus corpus tegitur, sine cunctatione abjiceremus. Idem hic nobis scilicet accidit, si magna fas est parvis componere, quod in formis literatum. Ut enim, postquam boni illi monachi literarum figuras foede deformaverant, nos sapientiores facti scilicet ad vernaculum sermonem nobismet novos literarum ductus creavimus; sic post dissipatam in militia barbariem et paganorum caedes, invento pulvere illo mortifero, non rediimus ad antiquam simplicitatem, qua sese veteres tuebantur, sed terrore correpti panico obstupuimus, et paululum animum recipientes nova nobis instrumenta, novas machinas excogitavimus. Nullo vero modo hoc factum fuisset, nulla ratione haec nova lues ingruere coepisset, nisi disciplina omnis castrorum altis tenebris jacuisset sepulta. Cassis scilicet evanuerat, scuta vel erant abjecta, vel si qua adhuc erant, quadrarum mensalium modo pendebantex sinistris ignavorum virorum foeminarum. Quid miles sine clypeo et galea? Nil mirum, si seges illa nova ex inferis quasi erumpens nuda prosternere capita, detecta corpora perforare coepit. Non munimina priora quaerebantur; arripiebatur nova illa inventio, excolebatur, provehebatur. Horrore sonitus terrebat machinarum novitas, minorum telorum fragor; nec nisi similibus resisti posse pavidi putabant mortales. Comparabant novas artium methodos, sulphura congerebant, quibus interitum hostibus portarent. Nolo sententiis procedere; accuratius paulo, quantum valeo et brevitas fert, rem considerabo. 16. Vegetius scilicet jam de negligentia suorum civium in re militari graviter conquerebatur; nec sine causa. Detectis pectoribus, ait, et capitibus contra Gothos milites nostri multitudine telorum saepe deleti sunt; nec post tot clades, quae usque ad tantarum urbium excidium pervenerunt, cuiquam curae fuit cataphractas vel galeas pedestribus reddere. Ita fit, ut non de pugna, sed de fuga cogitent, qui nudi in acie exponuntur ad vulnera. Illi qui laborem in portandis veteribus munimentis armorum ferre non possunt, vulnera sustinere coguntur et mortes; sic dum exercitium laboremque declinant cum maximo dedecore trucidantur, ut pecudes. Legionum nomen in exercitu permanet hodie, sed per negligentiam superiorum temporum robur infractum est, cum virtutis praemia occuparet ambitio et per gratiam promovereatur milites, qui promoveri consuerant per labores. Haec omnia indulgentia et negligentia imperatorum magis quotidie inveterascere coeperunt. Orabant milites Caesares, ut cataphractos et galeas deponere liceret, scutorum moles et pondus minuebatur; omnes fere, quibus res erat, equo stipendia merere cupiebant; et qui semper fuerat robur militiae exercitus pedestris coeperat parvi pendi. Breviter quidem sed eximie hac de re dixit Gibbonus Anglus in opere erudito de ruina Romani imperii. Tentabant imperatores optimi, Trajanus, Hadrianus, Severus aliique rei militaris veterem dignitatem restituere; sed redicerunt illico fracti jam luxurie cives et servitutis jugo adsueti, postquam vel fata vel improbitas seculi et nequitia illa solatia abstulerant. Confecit tyrannidis manus cruenta et superstitionis religionumque ingruens nox. Cum literis jacuit militia, nec a pagano distabat sagatus. Quis temperet a lacrimis spectans viles illa crucigerorum catervas, magnorum Catonum indignos nepotes! 17. Inventum hoc magnum pulveris pyrii novum peperit bellorum systema; an vero recte, inter viros militares lis est. Sunt qui putent, et inter eos scriptores haud contemnendi et usu castrorum exerciti, rationem tacticam praecipue ex antiquis denuo esse eruendam et in omnibus sequendam. Horum ego, etsi homo proletarius, sententiam amplecti non possum. At hoc, puto, magis ultra vires est, nec nisi de armis dicere nomen dedi. Nostra tormenta quovis modo potiora esse machinis veterum, nemo fere est, qui eat inficias, ne quidem Lipsius. Non dico de fragore et horrore sonitus, sunt haec spectra, quae non terrent impavidos: de vi loquor, de strage quam edunt. Quid tandem illi veteres sibi cogitaturi essent cum suis turribus, suis ballistis et catapultis, si nostra tormenta cernerent multa cum ruina muros frangere, ex magna locorum distantia quatere omnia, rapere, terere? terram tremefacere et coelum incendiis complere? si nostros cuniculos viderent erumpere immani cum terrae mole, saxa, rupes volvere, integras cum machinis cohortes in aërem sublimes agere, et misere mortuos, semineces, mutilatos praecipitare? Nulla unquam fuit vis antiquarum machinarum, quae cum nostris comparari queat. Non ad Massiliam, non ad Saguntum; non apud Plateam, ubi maxime omnium cognitum est, quid virtus et ingenium, quid fortitudo et audacia, quid eloquentia, quid crudelitas generis humani possit et immanitas. Is unus Thucydidis locus de expugnatione et excidio hujus urbis dignus est, ob quem oratio Graeca penitius addiscatur. Sed non meum est, de machinis exponere, praesertim cum nemo sit, qui dubitet, his nostris illas antiquorum longe superari. Ipse Lipsius, qui plurimum semper antiquis, Romanis imprimis tribuere consuevit, de iis scribit: Fatendum est, etsi nec veteribus defuere machinae ingeniosae, variae, quibus haec talia, oppugnationes scilicet oppidorum, patrabantur. Sed unum hoc inventum igneorum tormentorum disjicit ac difflat omnia valida veterum aut acuta. 18. Mittamus igitur haec, et de telis minoribus videamus. De his vero nunquam quaestio fuit. Excepto Lipsio, qui rem antiquorum agit, omnes fere uno consensu pro nostris pronunciant. Lipsio in omnibus consentire nequeo; nam et ipsam rationem tacticam veterum secutus prae nostra in omnibus eam commendat, quamvis neutram, ut alii arguerunt, satis intellexerat, et antiqua mirum in modum extollit. Nostri scilicet pedites apud eum nil nisi velites; haec vere; accedo. Robur exercitus in solis telis consistere nequit. Ipsi prius, quantum fieri potest, securisimus vulnerum, quam ad conficiendos hostes progrediamur. Sed vel illos antiquorum velites nostris quavis ratione superiores dicit Lipsius, hoc nullo modo dari potest. Quod si vel maxime certi simus de vi plumbearum illarum glandium, quae a funditoribus Balearibus docte et fortiter jaciebantur, de sagittis, quibus Cretenses scuta et loricas perforare dicebantur, multa alia sunt, in quibus tela nostra minora illorum velitationem facile superent. Sed et illa vis fuit rarior, nec nisi a lacerto nervoso ac valido adacta. Nec facile sibi quis persuaderi patiatur, plumbum funda missum ex rapiditate motus in aëre liquefactum esse, etsi cum poëtis ne bonus quidem Seneca noster affirmare dubitet. Contra pluviam, quod impedimentum objicit Lipsius, nostra inventione telis nostris igneis satis provisum est, quod illius temporibus nondum factum erat. Deinde, quod Roeschius observat, si funditores excipias, plura tela nobiscum commode portamus; pyrotheca nostra quam pharetra olim habilior. Sed quod maximum est, nec unquam ab aliis allatum invenio: nostri magis conserti in acie stare possunt; eadem celeritate vel etiam celerius tela mittunt. Non inveneris velites funditores vel sagittarios in acie stetisse, nisi in intervallis, quae merito improbamus. Fieri enim aliter non potuit; quia defuit spatium, quod sufficeret ad tendendum arcum et fundam rotandam. Vix unum funditorem locus capiat, quo hodie nostrorum peditum tres facile omnia pugnae munera exsequuntur. Mittimus horridum nostrorum sonitum, qui milites bene doctos et animosos terrore corripere non debet; et fumorum nubes, quae pro regione ventorum propugnantibus aeque ac adversariis magno incommodo esse possunt. 19. Sed si nostra tela quamcunque levem antiquorum armaturam superant, quid de armis? Quid acies illa horrida legionum et phalangum, quae murus tanquam aheneus firma stabat et intrepida? Quid propugnaculum scutorum, hastis et pilis cristatum? Hic vero satis mirari non possum, quomodo illa virtus, illud virorum robur ex genere hominum penitus aboleri potuerit. Si quis veterum nos nunc visurus sit nudos et sine armis ad necem ruentes, nescio utrum audaciam nostram omnia perpeti paratam an vesaniam generis humai magis obstupescat. Humerine nostri contabuerunt, nec amplius ad portanda scutorum pondera valent? Neutiquam; nam impium foret dicere. Lacertine nostri enerves facti sunt, nec amplius pares hastis vibrandis? Nullo modo; aeque gravia sunt nostra ipsa tela; de quibus ducum nostrorum facile princeps in carmine de arte bellica scribit, suarum terrarum juvenes primarios ad laborum exercitia exhortans: Passez sans en rougir par les derniers emplois, Durement exercés dans un travail pénible, Du fusil menaçant portez le poids terrible. Cassidum munimina adspernamur; et contundimur misere. Quid Vegetius resurgens diceret? Necesse est, apud eum legimus, ut dimicandi acriorem sumant audaciam, qui munito capite vel pectore non timent vulnera. Quid verius? Nos vero non prudentiae, non virtuti, non audaciae, non ipsis viribus res committimus nostras, fortunae vitam commendamus. Quid ratione indignius, ubi tutus possis procedere, fortunae facere periculum? 20. Quid veteribus fuerint cassides, quid scuta, omnibus notum. Haec acies nimirum dicebatur murus, quae pilata, praeter scuta cataphractis etiam et galeis fulgebat. In hac spes, in hac robur. Haec excipiebat proelium militibus levis armaturae pulsis, et tanquam murus ferreus stabat. Non laxabat ordines, nec nisi lento et fixo gradu cum signis hostem fugatum persequebatur; nam munus fuit equitum et velitum victos conficere. Et vincens et victa in tuto erat, nisi extremum infortunium, ultima clades ingrueret. An quid majus viroque homine dignius inveniri possit, dubito, quam talis virium ingeniique pro patria et juribus contentio. Si, ut poëta pater, egregius in quacunque re praeceptor, Φραξαντες δορυ δουρι, σαϰος σαϰει προϑελυμνῳ, Ἀσπις ἀρ᾽ ἀσπιδ᾽ ἐρειδε, ϰορυς ϰορυν, ἀνερα δ᾽ ἀνηρ, Implicuere inter se acies, legitque virum vir, pes pede premitur, arma teruntur armis; si tremunt in vertice cristae sanguineae, clypeique micantia fulgura mittunt; si ferro rumpitur via per hostes, qua globus virorum densissimus urget: num quid augustius tali certamine? Non potest miles firmis armis non plus confidere, quam incerto telo: ϰαι ἀνευ εὐψυχιας οὐδεμια τεχνη προς τους ϰινδυνους ἰσχυει· φοβος γαρ μνημην ἐϰπλησσει, ait Thucydides, et ἀρχη γαρ ὀντως του νιϰᾷν το ϑαῤῥειν Plutarchus; quamvis ad veritatem omnibus insitam et probatam nil egeamus multa aliorum auctoritate. Quid globuli minuti nostris telis igneis missi testudini clypeorum? Αἱ ἀσπιδες, inquit Xenophon, πολυ μαλλον των ϑωραϰων ϰαι των γεῤῥων ϰαι στεγουσι τα σωματα, ϰαι προς το ὠϑεισϑαι συνεργαζονται προς τοις ὠμοις οὐσαι. Συγϰλεισαντες οὐν τας ἀσπιδας ἐχωρουν ϰαι ὠδουν. Οἱ δε Περσαι οὐϰ ἐδυναντο ἀντεχειν, ἁτε ἐν ἀϰραις ταις χερσι τα γεῤῥα ἐχοντες, ἀλλα ποδα ἀνεχαζοντο παιοντες ϰαι παιομενοι. Clypei sunt sumendi Graeci, quos Persae aliique Asiae populi imitati sunt, et scuta magna Romanorum, totum corpus tegentia, quibus Annibal, summae prudentiae vir, suos milites armans terrorem hostibus incussit, et his magis et astutia, adversariorumque ducum inscitia superavit, quam suorum virtute. Sumendi sunt illi clypei ποδηνεϰεις, ανδρομηϰεις, quibus pauci Laconum manipuli barbarorum myriades immani cum strage apud Thermopylas repulerunt, priusquam insidiis circumventi multo cum terrore hostium saeve caedentes conciderentur; clypei regis Leonidae tegmini similes, de quo inter recentiores Cloverius Anglorum poëta non mediocris: An ample shield down from his shoulder to his ancle hung. 21. Quamquam satis notum est inter doctos homines et viros militares Graecorum synaspismus, cui respondebat Romanorum testudo, liceat tamen mihi ex Plutarcho locum referre, qui classicam auctoritatem merito apud eos obtinuit. Οἱ δε ϑυρεοφοροι, ait, συνεϰλεισαν εἰσω των ὁπλων τους ψιλους. αὐτοι δε ϰαϑεντες εἰς γονυ προὐβαλλοντο τους ϑυρεους, οἱ δε ὀπισϑεν ὑπερεχον αὑτων τα ὁπλα, ϰἀϰεινων ὁμοιως ἑτεροι· το δε σχημα παραπλησιον ἐρεψει γενομενον ὀψιν τε ϑεατριϰην παρεχει, ϰαι των προβληματων στεγαντον ἐστι προς τους ὀϊστους ἀπολισϑαινοντας. Ex hoc potissimum loco, ut mihi videtur, optime Guiscardus retulit. Le troisième ordre étoit celui, que les Grecs appelloient synaspisme. Les files s'y serroient si fortement, que l'homme n'occupant qu'un pied et demi dans son front ne pouvoit plus faire aucun mouvement à droite ou à gauche. La distance entre les rangs n'étoit point altérée, à fin que cette masse put se mouvoir. Les soldats du premier rang tenoient devant soi leurs boucliers, qui ayant deux pieds de largeur et se touchant les uns les autres, couvroient comme d'un mur tout le front de la phalange. Les soldats des rangs suivans tenoient leurs boucliers sur leurs têtes; c'étoit un toit. De cette manière la phalange se défendoit contre des ennemis, qui pouvoient de loin l'accabler de traits et de flèches. C'étoit le grand but de cette ordonnance, qui leur ôtoit l'usage des piques. Dans les siéges et les attaques des retranchemens on s'en servit pour approcher à couvert de traits. Ce fut dans cet esprit, que les Romains l'adoptèrent sous le nom de tortue. Melius dici non potuit. Quod si in castris expugnandis, urbibus capiendis et hostibus excipiendis, donec eminus res gerebatur, veteres hanc rationem summa cum utilitate secuti sunt, nonne et nos sequi possimus? Nostra tela vel omnino non, vel quod vix sentiatur sunt vehementiora antiquis; et quod potiora et praeferenda sunt, in ratione tactica positum est. 22. Or is faut être aveugle, Guiscardus Icilius dicit, pour ne pas reconnoître, que nos armes offensives sont infiniment plus dangereuses et plus meurtrières que celles des Romains. Hoc etsi conceditur, non sequitur rem solis telis geri debere et armis non opus esse. Sed quomodo sibi constet vir ingenii acutissimi nescio, qui alio loco habet. Il est vrai, que les anciens n'ont eu rien d'égal à notre artillerie. Mais ils étoient infiniment plus dangereux que nous pour l'attaque d'un camp retranché. Leurs boucliers joints menoient leurs soldats à couvert jusqu'au port du fossé. Les traits, excepté ceux qu'on lançoit avec des machines ne perçoient cette tortue, et l'assaillant qui parmi nous n'est repoussé que par l'effet de nos fusils venoit plutôt aux mains; et pergit alio loco: Quelques bonnes que soient, nos bajonettes dans plusieurs occasions, elles ne sauroient faire l'effet des longues piques des anciens pour repousser l'ennemi, qui a franchi le fossé. Et in notis ad Caesaris commentarios: Les anciens avoient trouvé le secret de procurer par l'armure et par l'exercice à l'infanterie, qui se battoit en ligne, une supériorité décidée sur les troupes légères, qui ne savoient que tirer. L'avantage étoit tel qu'on le compareroit à celui, que nos regimens bien disciplinés ont sur une troupe de paysans; comparationem nostris parum honorificam! on sait que le gros bouclier servoit au légionnaire à parer les traits, qui lui venoient en ligne droite, aussi que le casque et le corselet les autres. On a vu des soldats sortir du combat, le bouclier percé de plus de trente et de cinquante flèches. Narratur vero in commentariis Caesaris de bello civili, si libri recte se habent, Caesari relatum esse scutum Scaenae centurionis, qui magno in honore apud eum postea fuit, et in eo inventa esse CXXX foramina. L'usage fit, que ces armes pesantes ne gênoient point le soldat; il les regardoit comme ses membres, et il portoit encore ses équipages, ses provisions et les palisades du camp. Quis nescit illum de exercitatione militum Ciceronis eximium locum in Tusculanis, quem hic spectasse Icilius videtur. Primum ait, exercitus nostri unde nomen habeant vides; deinde qui labor, quantus agminis! Ferre plus dimidiati mensis cibaria, ferre si quid ad usum velint, ferre vallum. Nam scutum, gladium, galeam in onere nostri milites non plus numerant, quam humeros, lacertos, manus. Après ces remarques, finit Guiscardus, les exploits de ces cohortes de Caesar contre des gens nuds, qui n'avoient d'autres armes que de jet, ne causeront plus de surprise. 23. Ego vero nunquam hoc miratus sum; sed illud maxime haec munimina ut inutilia objecta esse. Ce seroit une chimère fort dangereuse, Icilius Guiscardus scribit, que d'abandonner nos armes à feu pour reprendre celles des Romains ou des Grecs. Neque in hoc repugno; quis tela omnia removere velit? Sed conjungantur utraque; nostra tela cum armis veterum. In hoc periculum non video, sed securitatem. Fuerunt, qui milites veterum levis armaturae resumendos suaderent; his jam responsum est in Nastii antiquitatibus militaribus. Den Leichtbewaffneten der Römer ist auch von vielen heutigen Schriftstellern die Ehre widerfahren, daß man ihren Dienst, den sie den Legionen leisteten, wieder einführen wollte. Wir glauben nicht, pergit Roeschius, ni fallor, vir magnae in antiquis eruditionis, daß wir Ursache haben, hierinne mit den Alten zu tauschen. Unsere Kanonenkugeln gehen vier- bis fünfmal so weit, die Kartätschen wenigstens zweimal so weit als die Schleudern und Pfeile der Alten. Dabei ist unser Geschütz nicht schwerer anzuschaffen, noch kostbarer zu unterhalten als die Leichtbewaffneten. Wir wollen das nicht in Rechnung bringen, daß die Elephanten für die Artilleristen nur ein Zeitvertreib wären, welche von den Leichtbewaffneten mit Mühe überwunden wurden. An recte horum militum munera comparaverit cum nostris tormentis, aliis judicandum relinquo. Cum Lipsio potius crediderim, nostros pedites omnes esse levis armaturae. De vi nostrorum tormentorum eorumque usu et servando et excolendo nemo fuit, qui dubitaret. Velites autem veterum ad nostros milites, qui et ipsi velites excultiores dicantur, habilitate et exercitatione, usu certe et commoditate non accedunt. Arma desunt graviora, quibus hos nostros velites defendamus ac protegamus. De arte tactica alii viderint, quibus majora complecti contigit. De armis telisque ego hoc modo sentio. Bombarda cum pugione bajonnico nostris recte sit ac maneat, sed capite omnes muniantur casside, et pedibus, si fieri potest, ocreis. Primum vero cujusque cohortis ordinem occupet hoplita scutatus, hastatus, galeatus, qui ceteros defendat. Si qui posteriores ordines habent, tela mittere ignea ex bombardis sese accingunt more consueto, primi ut etiam nunc solent in genu procumbant scuta tenentes, quae et ipsos totos, et posteriores usque ad pectora ab ictibus protegent. Capita tecta sunt casside. Missis telis scutati surgunt praesidio futuri et muro quasi post se tela reparantibus. Quid aciei hoc modo accinctae, vel progrediatur, vel se recipiat, impedimento esse possit non video. Omnino nova non profero, quamquam in recentioribus, quod sciam, nil hujusmodi reperiatur. De Chabria hoc vel simile quid notum est ex Nepotis narratione. De Sulpicio Romanorum dictatore Appianus eundem fere in modum. Ἐϰελευσε τους ἐπι του μετωπου τεταγ μενους ἐξαϰοντισαντας ὁμου ϰαϑισαι ταχιστα, μεχρι βαλλωσι οἱ δευτεροι ϰαι οἱ τριτοι ϰαι οἱ τεταρτοἰ· τους δ᾽ ἀφιεντας ἀει συνιζειν, ἱνα μη ϰατ᾽ αὐτων ἐνεχϑειη τα δορατα. De Clearcho, si recte memini, in expeditione Cyri Xenophon: Και τους μεν ὁπλιτας ἐϰελευσε αὐτου μειναι τας ἀσπιδας προς τα γονατα ϑεντας; et alia plura sunt apud veteres exempla. Quantam vero haec ratio utilitatem habitura sit in progrediendo, ubi omnia vel certe plurima hostium tela nunc globuli facile repellentur, quantam in expugnationibus oppidorum, ubi nunc milites nudi misere invicem ruuntur, conteruntur, trucidantur; quantam in omnibus, ubi veteres adhibuerunt, quis est, qui non videat? 24. Nemo objiciat tormentorum vim. Haec sustinenda et repellenda est vel aequali vel majori, si potest fieri, nostrarum machinarum. Tormentis opponantur tormenta; et omnibus modis caveatur, ne acies a latere hisce horrendis telis peti possit. Si vero vel maxime quis destitutus sit hoc bellorum apparatu nunc tam necessario, non perspicio, quam majorem calamitatem tormenta infligere queant armatis, quam seminudis, ut nunc incedimus. Machinae majores majoribus ad silentium cogendae sunt; a minoribus globulis clypeata acies omnes tuebitur. Audiamus vero Roeschium contra me dicentem: Unsere Flinte mit dem Bajonnett ersetzt uns die fünf Wurfpfeile und das große und kleine pilum der Römer reichlich. Recte; non autem scuta et cassides. Als Stoßwaffe ist sie dem letztern gleich, als Wurfwaffe trägt sie weiter; sie verstattet, eine größere Anzahl Schüsse mit ins Treffen zu nehmen, als die Römer hatten; und was die Wirkung anbelangt, so ging nach dem Versuche, den Robins deswegen angestellet, eine Flintenkugel auf eine Entfernung von zwanzig Schuh vier bis fünf und einen halben Zoll in einen Ulmenblock. Wie würde es um das Tragen der hölzernen Schilde ausgesehen haben, wenn sie hätten so dick sein müssen? des Geprassels, das die Kanonen und Kartätschen angerichtet hätten, nicht zu gedenken. Ad ultima jam respondi. Quod ad rem ipsam attinet, locorum distantia ea hic accepta est, quae maximam pulveris pyrii vim exseri patitur. Quae vero acies eminus tam brevi spatio pugnabit, quin illico ad manus venire contendat. Deinde eam pulveris mensuram eamque in completione diligentiam adhibuit vir doctus, quae vix a milite in proelio servari possit; ita ut numquam summa vis expectari debeat, nisi eadem pulveris mensura, pulvere aeque efficaci, eadem in complendo diligentia utatur miles, et vel eodem spatio distet ab adversario; haec vero omnia una vix sumi possunt. Porro scuta conglutinato facta erant lino, ut Polybius refert, et superinducta corio, quod non aeque facile ac lignum frangitur. Denique ex narrationibus tacticis Romanorum apparet, omnes primi ordinis milites decuriones fuisse, viros fortes, robustos, intrepidos, quorum scuta firmiorem habebant umbonem, et ferro melius erant munita. Quodsi vero minus haec scuta resistere possint, sumatur clypeus Argolicus, quem centuriones apud Romanos omnesque superiores ordines habuisse constat. Hoc vero non opus esse experientia evincit, si modo scuta lamina levi ferrea vel aenea obducantur. Com semithoracia nostrorum equitum ictus sustineant, quidni scutum bene munitum? 25. Omitto plura dicere de decore vestitus, de dignitate speciei, de gravitate vultus. Ex Polybio jam audivimus, ubi de galea explicabat, quam tremenda viri militis ora cassis faciat. Haud facile quis locum inveniat venustatis et amoris affectu suavi pulcriorem, aut dignitatis fortitudinisque sensu sublimiorem, quam Homeri illum, quo Hector heros conjugem consolatus filiumque puerum osculatus ad pugnam contendit, et patris et ducis exemplar amabile et venerandum exhibet. Hi soli versiculi palmam tulissent poëtae, etsi nil nobis carminum amplius ab eo esset reliquum. Quodsi nunc Mars tunica tectus adamantina filios videat dilectos, seminudos sine armis tela vibrantes, indignabundus, puto, avertat ora, ingenuos negans. Reddite militi cassidem, homini praestantiam, principes! Grothusius obsecrat, vir nostratibus et ingenii dotibus et doctrinae elegantia satis commendatus. Quid cassis valeat et hasta et clypeus, fuerunt monumento Thermopylae, fuerunt Marathonii campi, ubi non multi Graecorum manipuli innumeros barbarorum exercitus conciderunt, ubi libertas animosa diris lectionibus tyrannos edocuit, quid distet miles a mancipio, a mercenario civis. Nemo bonus miles erit, nisi quem amor patriae tenet; neminem amor patriae tenere potest magis, quam qui pro aris et focis, pro familia et bonis dimicaturus est. Secuti sunt quidem proletarii et libertinae conditionis homines duces Romanos in proelia; sed jam ceciderat res Romana, cum honos legionum vilescere coepisset. Venerant jam Marii, Sullae, Caji Julii et Octavii versipelles, qui dignitatem reipublicae perdiderant, postquam alii jam mores et leges everterant. Jam poëtae sententia doctrinam publicam perniciosissimam exprimere coeperat: O cives, cives, quaerenda pecunia prima. Optimus cogatur et lautissimus quisque legibus ad militiam; qui volet ex aliis, militet, et pro beneficio habeat. Ii certe fortissime pugnaturi putandi sunt, quorum plurimum interest rempublicam salvam esse. Haec placere Caesaribus non potuerunt; sed evertit stipendiarius effrenatus imperium, utile documentum omnibus qui rerum potiuntur, ut justitiam discant moniti. 26. Revertendum est. Si qui sunt, qui putent, quos non paucos fore censeo, genus humanum miserum in modum contabuisse, hi vero ne piaculum committant, caveant. Natura sibi constat, semper juvenis, genitrix, inexhausta. Quodsi genius seculi molli nos jugo premit, si luxuries frangere minatur, si voluptates tenent, labore sanemur, firmemur exercitatione, virtute erigamur. Educatio dura, dura disciplina, Spartanum prandium, saeva paupertas incomtos reducat Camillos; ad pristinam redeamus fortitudinem. Nil desperandum; sunt stamina rerum. Sumus qui fuimus ante multa secula, nisi nos ipsi deliciis servilibus corrumpi sinamus. Surgendum, ubi cecideris. Si vel ipse ego, tantulae staturae homuncio, cui nec robur nec molem natura dedit, scuti pondus gestare juberer, gravemque cassidem cum reliquis veteris armaturae partibus sumere, nullus cessarem, certus sum, qui studio, exercitatione et contentione virium Caesarianorum nulli cederem laude laborum et constantiae. Adversus omnia, habet Vegetius, profuit tirones solertes eligere; jus, ut ita dicam, armorum docere, disciplinam quotidiano exercitio roborare, quaecunque in acie et in proeliis evenire possunt, omnia campestri meditatione praenoscere; severe in desides vindicare; in omnibus militem ita formare, ut bellum sicut olim Laconibus, ei laborum requies videatur. Nemo facere metuit, quod se bene didicisse confidit. 27. Haec dicere mihi visum fuit, quae si viris veteris doctrinae peritis, veteris nostraeque militiae gnaris non omnino improbata fuerint, sat egisse mihi videbor. Ceterum non sum is, qui inconsiderate et temere aliquid mutandum censeam ex ingenio hominis capite censi, qui vix alius ipse quam paganus dicendus est. In aliis rebus, Vegetius refert ex Catone, si quid erratum est, potest corrigi. Proeliorum delicta emendationem non recipiunt; nam statim sequitur poena errorem. Exposui, quod sentio, quod ipse mihi hac in re varias post meditationes persuasi. Si aliis secus videtur, non aegre fero. Argumentis idoneis meliora edoceant; mihi saltem fas fuerit, in exercitatione scholastica hac occasione meam qualemcunque opinionem protulisse. Quos libros praeter veteres mihi consulere licuerit passim indicavi. Sunt vero, ut ingenue expressiusque nominem, ex recentioribus, veteres enim nemo est, qui nesciat, Valturius, Valtrinus, quorum uterque parum solaminis attulit; de scutis Caryophilus; Lipsius fere classicus, in congerenda materia diligentissimus, in ratione tactica exponenda non idem satis acutus; Guiscardus, cujus et doctrinam et elegantiam maximi merito facio; Nastius et Roeschius, viri doctissimi in antiquitatibus, quibus magnopere me obstrictum profiteor; alii pauci, quorum scripta ad rem ipsam non multum faciunt. Quid alii dixerint, nescio, cum vitae meae ratio et rei domesticae angustia non sinat multum temporis et impensae hisce studiis tribuere. Non vereor igitur plagii actionem; si tantulo in opere pretium fuerit strictius inquirere. Videbunt, qui callent, quid aliorum sit, quid meum, nil occultavi. Meminerint judices, quod initio dixi, de more mihi rem gestam esse, non pro gloriola. Si tempus, si vires, si negotia permittent, melius fortasse facturus sum hoc idem in posterum, quando veteres scriptores accuratius evolvere, versare, examinare, intelligere, historiarum seriem melius persequi, varia artis fata eruere et recentiorum opiniones perscrutari licuerit et comparare. Notulis textum hic interspergere nolui, quia rerum peritos parum juvant, ceteri nil curant. Sic accipe, candide lector, et vale!   Theses. Nil virtus, nisi quod prodest. Jusjurandum per se vim obligandi non habet. Nemo bonus miles, qui non idem bonus civis. Sublimitati poëticae non opus est verborum ornatu. Cum studiorum meorum pars non levis, non mediocris delectatio consistat, immo et vitae munia versentur in legendis Anglorum libris, poëtarum imprimis, a re alienum non duxi specimen versionis hic adjicere. Es ist dies der unten S. 181 ff. von uns mitgetheilte Anfang von Dr. Young's erster Nacht . – A.. d. H. Scio jam alios patrio sermone dedisse hos threnos; legere non obtigit. An feliciter ego periculum fecerim, utriusque linguae gnari judicent; aeque cogitent, quam difficilis sit res. Quodsi lubenter gratis hoc munusculum affero, frustra nollem. Ueber Bewaffnung.   »Perfer et obdura.«   Die gegenwärtige Schrift erschien zuerst 1804 in Leipzig. Hinter dem Titelblatt befindet sich folgende Dedication: »Seiner Majestät Alexander dem Ersten, Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen etc. etc. etc. aus wahrer Verehrung und Dankbarkeit gewidmet.«   Vor mehreren Jahren schrieb ich zu einem akademischen Behufe in einer kleinen lateinischen Abhandlung eine kurze Vergleichung der alten und neuen Waffen. Da diese Blätter ihrer Natur nach nicht weiter dazu geeignet waren, in das größere Publicum zu kommen, dürften sie schwerlich noch anderswo als in den Staubwinkeln einiger Antiquare zu finden sein; Es ist dies die vorangehende Abhandlung »Arma veterum cum nostris breviter comparata« . Sie fehlt in allen bisherigen Ausgaben der Werke Seume's, und wir haben es nur einem glücklichen Zufall zu danken, daß es uns gelungen ist, diese gänzlich verschollene Doctor-Dissertation noch zu ermitteln. Auffallend ist es, daß Seume oben nicht auch einer andern Schrift militärwissenschaftlichen Inhalts: Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militär , erwähnt, die nach den verschiedenen bibliographischen Hilfsbüchern unter seinem Namen 1793 in Warschau erschienen sein soll. Wir verweisen wegen derselben auf unsere Anmerkung S. 4 dieses Theils. – A. d. H. ob ich gleich glaube, daß sie einige Winke enthielten, deren Beherzigung in der Kriegskunst nicht ganz unwichtig sein möchte. Seit dieser Zeit habe ich über diesen Gegenstand ein Wenig mehr gesehen, gehört, gelesen und gedacht und halte es daher nicht für ganz unnützlich, meine Gedanken darüber dem militärischen Publicum zur nähern Würdigung mitzutheilen, ob nicht vielleicht doch etwas davon zu brauchen sei, ehe mir diese Sache ganz obsolet wird, da meine unterbrochene kriegerische Laufbahn nun wol auch geendigt sein dürfte. Ich setze auch in dieser kleinen Schrift Leser voraus, denen die Kriegsgeschichte und das Bewaffnungssystem der Alten nicht unbekannt sind, da ich hier unmöglich Alles schulgerecht ausführen kann, ohne sehr zu ermüden, und doch dadurch nicht viel pragmatischen Nutzen zu gewähren hoffen darf. Den antiquarischen Theil der Untersuchung werde ich daher so kurz fassen, als es die Deutlichkeit der Sache zuläßt, und will meine Leser darüber auf Montfaucon, Lipsius, Nast, Rösch und die übrigen gründlichen Schriftsteller in diesem Fache verweisen, dafür aber bei dem Punkte etwas länger verweilen, ob wir, durch die Erfindung und den Gebrauch des Schießpulvers veranlaßt, immer durchaus zweckmäßige Veränderungen in dem Kriegssystem vorgenommen haben, oder ob Zeitumstände und falsche Ansichten uns nicht vielleicht in mancher Rücksicht zu neuen Fehltritten verleiteten, anstatt uns auf den richtigern Weg des Alterthums zurückzuführen. Wenn es sich nun nach mechanischen und strengen mathematischen Beweisen fände, daß die Bewaffnung der Alten in manchen Stücken, auch noch bei dem völligsten Gebrauch des Schießpulvers, noch zweckmäßiger und wirksamer wäre als die unsrige, warum sollten wir uns vor dem Gedanken fürchten, zu ihr zurückzukehren, insofern es frommt, um die ganze Wirkung hervorzubringen, die unsere physischen und moralischen vereinigten Kräfte leisten können und hier durchaus leisten sollen? Der Dichter, der Philosoph und sogar der Physiker tragen kein Bedenken, in manchen Dingen von ihren schimmernden Hypothesen zu den großen Mustern der Alten zurückzukehren und sich auch an frühere Erfahrungen der Vorzeit zu halten; warum sollte es nicht auch der Kriegsanführer thun, wenn er sieht, daß hier oder hier diese oder jene Alten den Vorzug verdienten? Aber ich will nicht vorgreifen; Jeder urtheile, wenn der Vortrag zu Ende sein wird. Die Alten theilten, wie bekannt, ihre Waffen ein in Schutzwaffen und Angriffswaffen, und es wäre schwer, den Beweis zu führen, auf welche von beiden Arten sie mehr hielten. Zu den Schutzwaffen gehörten vorzüglich der Helm und der Schild; denn der Panzer und die Beinschienen gehören wol mehr zu den Waffenkleidern. Dichterisch und antiquarisch hat der Unbekannte Caryophilus den Schild gut genug behandelt, obgleich auch in dieser Rücksicht vielleicht noch Manches nachzutragen wäre; aber militärisch verdiente er wol eine noch gründlichere Untersuchung in seinen verschiedenen Veränderungen aus den verschiedenen Perioden der Kriegsgeschichte. Die Alten setzten in ihren Erzählungen bei ihren Zeitgenossen mit Recht als bekannt voraus, was wir nun aus vielen einzelnen oft dunkeln Stellen erst zusammenlesen müssen, und ihre eigentlichen sogenannten militärischen Schriftsteller sind bei Weitem nicht Diejenigen, ans denen man den meisten Unterricht darüber zu hoffen hat. Vegez und Frontin werden nicht viel Trost geben, wo uns Polybius und Cäsar verlassen, und Polyän hat das magerste Stoppelwerk aus der Geschichte zusammengetragen. Die Armee wäre zu beklagen, deren General erst aus ihm seine Kriegslisten lernen sollte. Ein großer Verlust für die Kriegsalterthümer ist, daß wir das »Paraskeuastikon« des Griechen Aeneas nicht mehr haben, der höchst wahrscheinlich zu Ende des peloponnesischen Kriegs lebte und schrieb. Seine Bemerkungen über Belagerung und Vertheidigung der festen Oerter lassen schließen, daß seine Abhandlung über die Waffen sehr praktisch gewesen sein müsse, und daß er das Lob verdient habe, das ihm der feine Bemerker Polybius an einigen Stellen giebt. Ich übergehe der Kürze wegen die große Menge der verschiedenen Arten von Schilden bei verschiedenen Nationen und den verschiedenen Arten Soldaten, die nach ihnen verschiedene Namen hatten, und verweile nur etwas länger bei den beiden Hauptarten, dem griechischen ehernen Schilde, der Aspide, und dem großen mit Leder überzogenen der Römer, der von seiner Gestalt bei den Griechen den Namen Thyreos hatte und von seiner Hauptmaterie im Lateinischen Scutum hieß. Mit diesen beiden Schildarten waren weder die persischen noch irgend ein anderer Schild der Morgenländer an Festigkeit und Brauchbarkeit zu vergleichen. Die Aegypter, welche in dem Kriege gegen Cyrus fochten, und die nach dem Xenophon ein furchtbares Truppencorps ausmachten, waren in dieser Rücksicht ziemlich altgriechisch bewaffnet, obwol Xenophon hier vielleicht nicht ganz als historisch strenge gelten kann. Die Aspide war der alte schwere, eherne, furchtbare, griechische Schild, den die Lateiner Clypeus nannten, und der von den Zeiten der Heroen herab bis nahe an den Untergang der griechischen Macht durch den römischen Koloß bei allen griechischen Völkerstämmen, vorzüglich in Europa, und auch von einigen andern Nichtgriechen geführt wurde. Homer, Hesiodus, die Tragiker und der römische Virgil erwähnen seiner immer mit Ehrfurcht und erschöpfen in dessen Beschreibung die Kräfte ihrer Phantasie. Materie und Gestalt waren zwar periodenweise etwas verschieden, aber immer zeichnete er sich durch seinen festen ehernen Beschlag und durch die große Fläche aus, mit welcher er den ganzen Körper vom Halswirbel bis unter die Kniee deckte. Die mannichfaltigen Verzierungen der äußerlichen Oberfläche sind aus den Dichtern bekannt. Daß die etwas hohle innere Seite sehr geräumig gewesen sein müsse, zeigt die Gewohnheit, daß man die Getödteten zur Ehrenbezeugung auf ihren Schilden aus der Schlacht trug; weswegen auch jene Spartanerin ihrem Sohne sagte, als sie ihm den Schild zum Feldzuge übergab: »Kehre mit diesem zurück oder auf demselben!« Denn nichts war größere Schande, als seinen Schild verloren zu haben. Aristophanes, der in skoptischen Ehrentiteln und Schimpfnamen unstreitig der Stärkste seiner Nation ist, nennt, so viel ich mich erinnere, nach den Euryprokten sogleich die Rhipsaspiden, die Schildwegwerfer, um feige, schlechte, weggeworfene Menschen anzuzeigen; und Horaz würde bei ihm mit seiner jovialischen Wendung, relicta non bene parmula, schwerlich so glimpflich durchgekommen sein. Philopömen, der berühmte Heerführer des achäischen Bundes, war bekanntlich der Erste, der den Schild etwas leichter machte, um seinen Kriegern mehr Leichtigkeit der Bewegung zu geben. Das scheint indeß sehr local gewesen zu sein und nicht durchaus Nachahmung gefunden zu haben; denn wir finden die ältern Schilde noch hier und da bei ernsthaften Gelegenheiten. Die zweite Hauptart des Schildes war das Scutum, vorzüglich den Römern eigen; denn wir lesen nicht, daß bei den Römern je die eherne griechische Aspide allgemein in Gebrauch gewesen sei. Es ist also unrichtig, wenn man zuweilen den Schild des Hercules von Hesiodus in Übersetzungen ein Scutum nennen hört; es war durchaus eine Aspide. Zwar werden auch bei ziemlich genauen alten Schriftstellern die Aspide und der Thyreos oder der Clypeus und das Scutum oft verwechselt; aber bei den Griechen muß man im Allgemeinen immer den ersten und bei den Römern immer den letzten annehmen. Das Scutum war noch größer als die Aspide, hieß von seiner Thürform Thyreos und war mit starkem, oft vielfachem Rindsleder überzogen; daher bei den Dichtern auch der Schild der Heroen zuweilen eine siebenfache Rindshaut genannt wird. Dieses konnte von der Aspide nicht gelten, welche durchaus von Erz war. Der silberne Schild zu Paris, der in der Rhone gefunden worden ist, und den man, ich weiß nicht mit welchem Grunde, für den Schild des Scipio hält, ist eine Aspide. Er kann vielleicht ebensowol dem Marius oder einem cimbrischen Heerführer gehört haben, da bekanntlich dort in der Gegend Marius ein cimbrisches Heer fast zu Grunde richtete. Auch bei den Römern scheint die Aspide mehr der Schild vornehmer Anführer gewesen zu sein, da sie sich durch größere Festigkeit und größern Werth auszeichnete, wenn sie, wie es dann der Fall war, von edlern Metallen gearbeitet wurde. Das Scutum war der Nationalschild der Römer und den Legionariern eigen. Es ist wol nicht anzunehmen, daß er ganz ohne ehernen Beschlag gewesen sei, vorzüglich an den Ecken und in der Mitte, da auch bei den Lateinern oft des eisernen Umbo Erwähnung geschieht. Auch die gemeine Aspide der Griechen hatte vielleicht zuweilen unter dem Metalle über einem hölzernen Gerippe ein Futter von Leder. Uebrigens waren die Schilde bei den verschiedenen Nationen von sehr verschiedener Materie und Gestalt, worüber bei den Geschichtschreibern und vorzüglich bei Herodotus viele Stellen vorkommen. Die Parma der Reiter war natürlich kleiner und leichter, weil sie auf dem Pferde das größere Scutum oder die schwerere Aspide weder führen konnten, noch zur Bedeckung nöthig hatten. In welchem Ansehen der Schild bei allen alten Nationen, vorzüglich des Morgenlandes stand, zeigen auch verschiedene sprichwörtliche Ausdrücke der heiligen Bücher. »Du bist mein Schild und Horn«, hieß es, weil bei vielen alten Nationen die Schilde wirklich von Horn verfertigt wurden. Von dieser Urmaterie der vorzüglichsten Schutzwaffe nennen vielleicht die Griechen überhaupt alle Waffen όпλα. welches ursprünglich Hufhorn bedeutet. Die Spartaner hatten nach dem übereinstimmigen Zeugniß Aller unstreitig von allen Alten die strengste und weiseste Kriegszucht; und in ihrer Geschichte kommen mehrere Beispiele vor, daß Krieger und sogar Feldherrn gestraft wurden, die in der Hitze und Uebereilung der Schlacht ohne Schild gefochten hatten, auch wenn sie den Sieg davontrugen. Die zweite Schutzwaffe war der Helm, von dem es vielleicht noch mehrere Arten giebt als von dem Schilde. Das allgemeine Wort Perikephaläa, Kopfdecke, von welchem Einige spaßhaft genug unsern Ausdruck Perücke herleiten, findet man seltener als Korys, das vermuthlich des nämlichen Ursprungs ist und das Nämliche bedeutet. Daß man in den ältesten Zeiten verschiedene Thierexuvien und vorzüglich Hundsfelle und Wolfshäute dazu nahm, zeigt das griechische Kynea und ähnliche Namen, die man zuweilen dem Helme nach dem Materiale gab, mit dem man ihn überzogen hatte. Selbst das lateinische Galea scheint diesen Ursprung zu verrathen und nichts als ein Katzenfell anzudeuten, obgleich nachher weiter keine Rücksicht auf die Ableitung genommen wurde. Der Lophos oder die Crifta war eine bloße militärische Zierde, die Erscheinung größer und furchtbarer zu machen. Γοργωτερους ἐποιει ἰδειν τοις πολεμιοις ὁ λοφος τους ὁπλιτας drücken sich die Griechen zuweilen sehr charakteristisch bildlich aus, oder ἡδε ὀψις ἠν καλη και καταπληκτικη τοις ἐναντιοις. Die nämliche Wirkung sollen ohne Zweifel wol unsere Federbüsche, Bärenmützen, Kaskenbogen mit Wolle oder Pferdehaar haben, obgleich vom diesen letztern vorzüglich die Absicht gilt, daß sie Säbelhiebe abhalten sollen. Die Galea der Römer entsprach der Kynea der Griechen und war meistens nur von Leder, vielleicht mit eisernen Backenschienen und eisernen Bogen, gehörte aber auch nur den Leichtbewaffneten – levis armaturae militibus – welche bei den Griechen mit einer eigenen militärischen Litotes Gymnoi, die Nackten, oder Psiloi, die Entblößten, genannt wurden, und die nur sehr selten mit in der Linie fochten. Was die eherne Korys der Griechen war, war bei den Römern die schwerere Cassis, ob sie gleich hier und da mit der leichtern Galea auch von den genauesten selbst militärischen Schriftstellern verwechselt wird, so wie das Scutum auch oft für den Clypeus gesetzt wurde. Der Helm, als das Hervorragendste, war gewöhnlich in der Ordnung das Erste, das der Krieger zum Anfall oder zur Vertheidigung ergriff, – ohne Waffenkleidung, das ist, ohne Thorax und Beinschienen, wenn es die Noth erforderte; – daher wird behelmen, κορυσσειν, bei den Griechen auch fast immer von einer schnellen muthigen Bewaffnung zum Kampfe gebraucht. Homer, dessen seiner Tact in Austheilung der schicklichsten Attribute bekannt ist, nennt Hektor, den Tapfersten und Edelmüthigsten der Trojaner, fast immer mit dem Ehrennamen Korythäolos, den Helmschwinger, oder Chalkokorysten, den Eisenbehelmten, und er scheint damit in ihm den Charakter des Muths und der Ordnung zugleich vor allen seinen Landsleuten zu bezeichnen. Denn es war auch später nachher bei den Griechen und Römern ein Zeichen verwegener sträflicher Tollkühnheit, wenn sich Jemand ohne Helm in das Gefecht wagte, welches die strenge Ordonnanz der beiden Nationen nicht selten gerügt hat. Nur selten zeigten sich Feldherren ohne Helm im Kampf, um durch den Anblick den Ihrigen sogleich bekannt zu sein und ihren Muth anzufeuern. Daß die alten Heerführer Schildträger hatten, lesen wir sowol bei den Griechen und Römern als auch in der mittlern Geschichte weit herab; und diese Gewohnheit läßt sich aus ihren Geschäften erklären, die oft sehr große Eile erforderten, in welcher sie das schwere Waffenstück gehindert hätte. Wir lesen im Polybius sogar, daß Scipio vor Karthago in Spanien drei Schildträger um sich hatte. Aber ich erinnere mich nicht, irgendwo gefunden zuhaben, daß sich Einer den Helm habe nachtragen lassen. Man muß also füglich annehmen, daß auch die ersten Anführer auf dem Marsche meistens ihre Helme hatten. Daher finden wir zuweilen in militärischen Reden, daß sich nicht selten Helden und Krieger rühmen, daß sie mit Muth und Ausdauer in den heißesten Gegenden, in der brennendsten Sonne viele Feldzüge den Helm getragen haben Es ist leicht zu begreifen, daß dieses eine der schwersten Anstrengungen der alten Kriegszucht sein mußte. Ein unter dem Helm grau gewordener Krieger ist also bis auf die neuesten Zeiten, wo der Helm ganz verschwand, immer ein Gegenstand der Ehrfurcht geblieben. Wir haben in unserer jetzigen Kriegsordonnanz durchaus kein so schönes Bild mehr, als der gemeine Mann war, der dem durstenden Feldherrn oder dem ermatteten Freunde einen Labetrunk aus der Quelle in seinem Helme brachte, und noch rührender war es, wenn ihn der Feldherr Jenem auf gleiche Weise selbst reichte. Noch will ich nur einige Waffenstücke erwähnen, die man aber vielleicht besser Waffenkleider nennt, nämlich den Harnisch oder das Bruststück und die Beinschienen. Es würde für meine Absicht zu weitläufig sein, hier gelehrte Untersuchungen anzustellen, da in Anordnung vorzüglich dieser Stücke vermuthlich zu verschiedenen Zeiten viel Phantasie und also viel Verschiedenheit herrschte. Am Reichsten ist Herodot in Beschreibung der persischen Armee und Homer in seinem Mustergesange. Daß die Bruststücke oder Thorakes von verschiedenen Stoffen, zum Beispiel von Eisenblech und Eisendraht, dichtgeschlagener Leinewand und andern Materien gewesen seien, lesen wir hier und da in den Akten; auch der lateinische Ausdruck Lorica zeigt an, daß er oft aus einem Flechtwerk bestanden haben müsse. Auf die Verfertigung und die Pracht der Beinschienen scheinen vorzüglich die alten Griechen große Sorgfalt gewendet zu haben, da sie Homer fast beständig die wohlbeschienten Achäer nennt. Ich gehe nun zu den Angriffswaffen, unter denen als eine Mittelwaffe für den Kampf in der Nähe und in der Ferne die Lanze wol den ersten Platz verdient. Unter diesem Geschlecht war vorzüglich bei den macedonischen Griechen die Sarisse und bei den Römern das furchtbare Pilum. Die griechische Sarisse hatte nach Angabe einiger Schriftsteller die ungeheure Länge von sechzehn griechischen Spannen. Wir finden zwar, daß nachher ihre Länge um einige Spannen abgenommen hatte, weil man sie wahrscheinlich zu unbequem zu führen fand; man mag aber die Berechnung annehmen, wie man will, so muß sie immer noch beträchtlich länger gewesen sein als unser jetziges sogenanntes Kurzgewehr. Polybius giebt an, daß die Sarisse des dritten Gliedes in der Phalanx noch weit vor die Front des ersten Gliedes hervorgeragt und also das Ganze im eigentlichen Verstande einen Lanzenwald gebildet habe. Das Homerische allgemeinere Dory, das man ziemlich unbestimmt auch in den übrigen Schriftstellern gebraucht findet, scheint der Sarisse ziemlich nahe zu kommen; und das poetische Enchos ist ohne Zweifel auch nichts Anders, da es in den meisten Fällen durch das Beiwort der Länge bezeichnet wird. Wie furchtbar selbst den Römern die Sarisse gewesen sei, bezeugen die Kriege gegen Pyrrhus und Perseus. Nur ihre Schilde schützten sie gegen das Eindringen der schrecklichen Phalanx, und mit ihren schweren Gladien (denn wir haben kein deutsches entsprechendes Wort für dieses lateinische) zerhieben sie endlich mit unerschütterlichem Muth und heroischer Anstrengung die Schäfte der Sarissen; und vorzüglich dadurch, daß sie die Macedonier zerstreut in die Seite nahmen, also durch eine dem Tirailliren ähnliche Methode, waren sie glücklich, wie besonders Plutarch in dem Leben des Paulus Aemilius erzählt. Das römische Pilum zeichnete sich durch seine Schwere und die schreckliche Wunde aus, die es gewöhnlich schlug. Alle römischen Schriftsteller, sowol die Herren von der Toga als Militäre von Profession, sprechen davon mit gehörigem Nachdruck. Es war nach ihrer Angabe nur ungefähr fünf Fuß lang, aber von einem furchtbaren Gewicht. Ich gestehe, daß ich mir aus allen Vergleichungen der Schriftsteller mit aller Aufmerksamkeit bis jetzt noch keine vollkommene Vorstellung davon machen kann, wenn ich nicht der Phantasie eine kleine Freiheit dabei gestatte. Die Griechen nannten es Hyssos, welches freilich wörtlich wol, etymologisch vielleicht von Hys, einen Eberfänger bedeutete und von der Jagd gebraucht wurde. Für diese Bestien muß man sich schon einen ziemlich schweren Spieß denken; aber er gewann hernach gewiß noch mehr an Gewicht, da er Schild und Bruststück durchbrechen sollte; und das griechische Wort muß im Polybius und Plutarch überall durch das Pilum übersetzt werden, ob es gleich unmilitärische Lateiner nicht immer genau beobachten. Mir ist wenigstens keine Stelle vorgekommen, wo es etwas Anders hätte bedeuten können. Die römischen militärischen Schriftsteller geben jedem Soldaten gewöhnlich zwei dergleichen schwere Spieße; aber über ihren Gebrauch giebt uns keine einzige Stelle, so viel mir bis jetzt bekannt ist, hinlängliches Licht. Denn wozu eigentlich der Riemen an dem Schaft des Pilums war, kann ich nicht deutlich finden. Meine beste Vorstellung davon ist, daß dieses Lorum an dem untern Ende des Schaftes befestigt sein mußte; der Spieß wurde sodann, mit dem Ende dieses Riemens in der Faust, ziemlich in der Mitte gefaßt, so daß er nach dem Wurf zur Wiederholung zurückgezogen werden konnte. Diese Maschinerie ist, wenn man die Uebung des jungen Soldaten vor dem hölzernen Bilde dazunimmt, sehr begreiflich, und die Wirkung im Gefecht muß allerdings furchtbar gewesen sein. Aber ich erinnere mich aus allen alten Geschichtschreibern und militärischen Schriftstellern keiner einzigen Stelle, wo diese Art, das Pilum zu brauchen, deutlich vorgestellt und beschrieben wäre; und doch kann ich keine andere bessere Vorstellung davon fassen. Bei dem Homer kommen einige Stellen vor, vorzüglich eine bei einem Gefecht des Diomedes, die nach dieser Vorstellung sehr leicht erklärt werden kann; es fehlt aber noch viel zur endlichen Deutlichkeit und Gewißheit, die man auch bei dem alten Dichter wol nicht suchen darf. Die militärischen Schriftsteller, Vegez und seine Collegen, geben ebenso wenig einen befriedigenden Aufschluß. Das den Lateinern eigene lora solvere, die Riemen lösen, für: sich zum Kampf fertig machen, bringt die Vorstellung nicht weiter. Auf Monumenten und Münzen ist, so viel ich davon gesehen habe, das Pilum in seinem Gebrauch im Gefecht nicht zu finden. Auf die Art, wie ich mir es denke und angegeben habe, war es allerdings die fürchterlichste Mittelwaffe, quo eminus et cominus in pugna stataria uterentur . Nach dieser Vorstellungsart müßte nun das Pilum gegen die macedonische Sarisse entschieden haben; aber die Historiker erzählen einstimmig, daß dieses der Gladius that. Wenn meine Vorstellung von dem Pilum auch nicht factisch aus der Geschichte hinlänglich erwiesen ist, so ist sie doch mechanisch richtig, und ich bin überzeugt, daß auf diese Weise mit gehöriger Uebung eine schreckliche Waffe geschaffen werden könnte. Die Schleuderdegen der heutigen italienischen Räuber sind ein kleines Bild davon. Die Wurfwaffen der Reiter waren kürzer und leichter und wurden veruta oder mit dem allgemeinen Namen jacula genannt. Man war auch schon zu jener Zeit überzeugt, daß die Stärke der Reiterei blos in ihrem furchtbaren Angriff mit dem Degen in der Faust bestehe. Die Hasta, als die vorzüglichste Waffe im Angriff, hatte auch noch die Ehre, das Symbol der höchsten Gerechtigkeitspflege zu sein, sowol im Felde als in der Stadt. Sie war im Lager vor dem Prätorium oder dem Feldherrnzelte aufgepflanzt und in der Stadt vor dem Tribunal des Prätors; und nur die Beile des Consuls gingen ihr an Ansehen vor. Daher kommt auch noch in der Gerichtssprache unser deutsches subhastiren , obgleich übrigens in der äußern Methode der Sache nicht die geringste Aehnlichkeit mehr geblieben ist. Die älteste Art des Schwerts bei den Griechen war gewiß die kleinere, die wir jetzt Dolche nennen. Die Griechen nannten sie später έγχειριδια, in den frühern Zeiten aber μαχαιρας, der größte Ehrenname, den man je irgend einer Art von Waffen geben könnte; denn augenscheinlich ist doch keine andere Etymologie dazu, als ἀπο του αἰρειν τας μαχας, quia finiebant proelia , sie waren die Streitentscheider. So wie die Kriegskunst stieg, war man auch nicht mehr mit diesem kleinen Handgewehr zufrieden, und es entstand das große wichtige ξιφος, der Ensis der Lateiner, das Heroenschwert; denn ξιφος kann nie durch Gladius übersetzt werden, der sich mehr der μαχαιρα oder dem Dolche näherte. Daß die Alten bis weit in die goldenen Zeiten der Cultur herab neben dem großen Schwerte auch noch diese kleinere Dolchart trugen, die sie dann nicht allein im Gefecht, sondern auch zu verschiedenen Behufen im Lager als Messer brauchten, zeigen viele Stellen, ungefähr wie jetzt im Kleinen unsere Jäger neben dem größern Hirschfänger noch ihre kleinern Weidmesser haben. Vorzüglich bei Opfern und Mahlzeiten hatte, nach dem Homer und andern Alten, dieser kleine Gefährte des großen Schwerts im Schneiden und Austheilen seine Geschäfte. Das Schwert war nach der Hasta die entscheidende Waffe im feststehenden Kampf, nicht allein in der Heroenzeit, sondern auch nachher herab durch das ganze Alterthum und die mittlere Zeit bis auf die neuere Veränderung des Kriegssystems, und ad gladios res pervenit ist ein Ausdruck, der immer ein hartnäckiges Gefecht anzeigte. Der Gladius war nur den Römern eigen, und die Griechen hatten kein ähnliches Instrument. Vielleicht nur die Kopis der Perser, die in Xenophon's militärischen Schriften öfters vorkommt, war ihm ziemlich nahe. Die Veränderung des Chabrias und des Philopömen brachte die griechischen Seitengewehre dem römischen Gladius etwas näher; aber ich erinnere mich in der ganzen griechischen Sprache keines Worts, das den eigentlichen Gladius der Römer ausdrückte. Das Heroenschwert, das ξιφος der Griechen, der Ensis der Lateiner, war den Legionern zu schwer zum großen geschlossenen Angriff, und die ξιφιδια und μαχαιραι waren zu klein und unzulänglich. Wenn Polybius die Gladien durch μαχαιρας übersetzt, so nahm er in der Verlegenheit nur das nächstverwandte Wort. Man wählte zwischen dem Heroenschwerte und der Dolchart eine Mittelgröße von gehörigem Gewicht, eine Waffe, welche ein Mann unter dem Schutze des Schildes mit muthiger Behendigkeit auf Stich und Hieb brauchen konnte. Auch die Neuern haben kein Instrument, das dem römischen Gladius gleich wäre. Nur einige russische Grenadierregimenter trugen auf Befehl des Fürsten Potemkin furchtbar wichtige Seitengewehre, die so ziemlich die Natur des römischen Gladius hatten, die sie aber, wie alle Seitengewehre, nicht zum Gefecht brauchten, sondern zum Faschinenbinden, zum Wegehauen und zu andern Kriegsbedürfnissen in und außer dem Lager. Nach den Erfordernissen der Zeit scheint auch der Gladius nach der verschiedenen Ordonnanz der Heerführer von verschiedener Gestalt gewesen zu sein. Wir lesen, daß die Römer ihre Gladien nach spanischer Weise mit einer Spitze versehen haben, da sie vorher vorn stumpf und nur zum Hieb brauchbar gewesen zu sein scheinen. Daher denn auch der wiederholte Befehl Cäsar's, der unter allen Feldherren des Alterthums vielleicht jeden kleinen Umstand am Besten zu benutzen wußte, ut non caesim sed punctim ferirent milites . Nicht allein mathematisch ist der Stich vorteilhafter als der Hieb, so wahr von einem Punkte zum andern die gerade Linie kürzer ist als jede andere; sondern auch noch die Art und Weise, wie Cäsar stechen hieß, ut ora hostium peterent, mußte den Feinden die furchtbarste Erscheinung sein, da man gewöhnlich gegen Gesicht und Auge die größte Sorgfalt und Zärtlichkeit hat. Nicht allein in seinen gallischen Kriegen, sondern auch vorzüglich in der Pharsalischen Schlacht, die ihm die Welt gewann, hat ihm kein Strategum so viel genutzt als dieses. Adversoque jubet ferro contundere vultus, sagt Lucan, indem er von eben diesem Befehl bei dieser Schlacht spricht. Wenn der Gladius gleich beträchtlich kleiner war als der Ensis, so war er doch wol wahrscheinlich nicht so klein, als wir ihn auf Monumenten und an Statuen finden. Denn wir dürfen annehmen, daß die Künstler zu ihren Werken alle Waffen etwas kleiner machten, als sie wirklich waren, um die Hauptgegenstände, nämlich ihre Figuren, zu heben. Vorzüglich gilt dieses auch wol von dem Schilde, der auf keinem Monumente so groß ist, als ihn nicht allein die Dichter, sondern auch die ernsthaftesten Geschichtschreiber factisch angeben. Es läßt sich leicht begreifen, daß ein Schild, der fast die ganze Figur decken könnte, gegen den Zweck der Kunst wäre und vielleicht auch neben dieser Figur etwas unästhetisch liegen oder stehen würde. Noch einige der ältesten Angriffswaffen darf ich nicht ganz übergehen, nämlich den Bogen und die Schleuder, die wir auch bei Griechen und Römern noch in der Periode finden, wo ihre Kriegskunst die größte Höhe erreicht hatte. Nur in der Heroenzeit konnte der Bogen eine Hauptwaffe sein, wo man noch mehr im wilden Handgemenge focht, und wo Muth, Stärke und Behendigkeit dem Einzelnen sogleich eine Auszeichnung im Heere erwerben mußten, die bei geordneter Taktik nicht so schnell folgen konnte. Wir sehen auch, daß der Bogen aus den entscheidenden Waffen verschwand, so wie Ordnung und Kunst gewann; und man brauchte sodann beide, die Bogenschützen und Schleuderer, nur zu Vorgefechten und Velitationen, ehe der ernsthaftere Angriff mit den statarischen Waffen begann. Alle Völker, die sich in wilden zerstreuten Gefechten auszeichneten, bedienten sich noch spät des Bogens, unter denen die Scythen und Parther die vorzüglichsten waren. Es ist allerdings furchtbar, wenn man im Plutarch ihre Angriffe auf die Römer unter Crassus liest; aber nur die Menge, die Freiheit des Kampfplatzes und persönliche hartnäckige zerstreute Kühnheit konnte endlich gegen die höhere römische Disciplin den Vortheil gewinnen. In jeder andern Art des Streits als in diesem wären die Parther verloren gewesen; das wußten sie selbst sehr wohl und vermieden weislich jedes nahe Gefecht, das die Römer so sehnlich wünschten. Daß übrigens die Kreter die besten Bogenschützen und die Balearen die besten Schleuderer waren, ist aus der Geschichte hinlänglich bekannt. Es wird sogar erzählt, daß die Bleikugeln, von dem Arm eines solchen Mannes geschleudert, in der Luft geschmolzen seien, so gewaltig sei die Wirkung der Schnelligkeit gewesen, wobei ich indessen mit einem Dichter zum andern sagen möchte: Credat Judaeus Apella . Die Bogen und Schleudern waren auch wol schon deswegen in geschlossenen Schlachten nicht zu gebrauchen, weil ihre Handhabung zu viel Raum erforderte. Das Tormentenwesen berühre ich noch kürzer, da es hier zu meiner Absicht nicht gehört und nur mit unserer Artillerie verglichen werden kann. Es sind auch in diesem Artikel mehr Schwierigkeiten zu lösen als vielleicht in irgend einem andern des alten Kriegswesens. Weder Lipsius noch Guischard haben sie hinlänglich erklärt, und es gehört jetzt vielleicht unter die unnützen Untersuchungen, da unsere Kanonen mit so leichter Mechanik so überlegen schreckliche Wirkungen hervorbringen. Schon eine flüchtige Vergleichung des Thucydides und des Cäsar zeigt, daß die Römer in ihrer Maschinerie viel von den Griechen hatten. Diese beiden Schriftsteller und Xenophon und Polybius sind unstreitig für den Krieger, der die Alten in militärischer Hinsicht studiren will, die wichtigsten und weit reichhaltiger als die sogenannten Scriptores rei militaris, der magere Vegez und seine Collegen. Ueber diesen Punkt geben aber die Belagerungen von Platäa und Syrakus bei den Griechen im peloponnesischen Kriege und von Sagunt und Numantia bei den Römern gewiß die besten Aufschlüsse. Ich übergehe alle Arten der Waffen bei den verschiedenen Nationen des Mittelalters, da es doch wol mathematisch entschieden ist, daß sie, mit den unsrigen oder mit den alten aus der schönen Zeit verglichen, wenig brauchbar waren. Kolben und Aexte mit allen ihren Unterarten konnten nur gegen eine ganz verfallene Disciplin wirken, wo Unwissenheit und Ungeschicklichkeit fast die alten rohen Heroenzeiten zurückgeführt hatten. Die Erfindung des Schießpulvers hat bekanntlich dem ganzen Kriegssystem eine neue Wendung gegeben und nach und nach Alles oder doch das Meiste auf das Feuer zurückgebracht. Die Eintheilung in Schutzwaffen und Angriffswaffen ist dadurch bei uns völlig weggefallen. Schutzwaffen sind in unserm System nicht mehr zu finden, und es ist hier vorzüglich meine Absicht, in der Kürze zu untersuchen, mit welchem Vortheil diese Veränderung geschehen sei. Schilde haben wir gar nicht mehr, und unsere verschiedenen Arten von Kasken sind nur noch eine schwache Idee von Helmen. Unsere Degen und Säbel sind bekannt genug und möchten als Surrogate des Gladius immer gelten, wenn nur bei unsern jetzigen Einrichtungen diese Art von Waffen nicht gänzlich unbrauchbar wäre. Die Lanze hat sich erst seit dem spanischen Successionskriege völlig aus dem Waffensysteme verloren. Die einzige allerdings sehr furchtbare Waffe, aber auch die einzige, ist für unsern Soldaten das Gewehr, vorzugsweise so genannt, weil, mit demselben verglichen, in unserm System vielleicht sonst nichts mehr diesen Namen verdient. Weder Griechen noch Lateiner noch irgend eine andere alte Nation hatten unter ihren Wurfwaffen eine einzige von so schrecklicher Wirkung. Ob aber dieses Gewehr vorzugsweise nun auch die einzige Waffe zu sein und zu bleiben verdient, ist eine andere Frage. Man hat seit einigen Jahrhunderten Alles gethan, diesem sehr zusammengesetzten Instrument nach und nach das entscheidende Uebergewicht zu geben, das es nun ohne Widerspruch behauptet. Daß man das Schießpulver eher zur großen Maschinerie brauchte, und daß also unser einfacheres Geschütz eher das verwickelte Tormentenwesen der Alten durchaus verdrängen mußte, war ganz natürlich. Auch finden wir wirklich ein ganzes Jahrhundert eher die Artillerie als kleinere Feuergewehre. Die Erscheinung dieses Feuers mit so furchtbarer Wirkung, da es dem Himmel geraubt zu sein schien, mußte allerdings ein panisches Schrecken unter Völkern verbreiten, die von dem chemischen Proceß dieser neuen Erfindung entweder gar nicht oder nur sehr wenig unterrichtet waren. Die Wirkung ist noch bis jetzt stark genug, da man die Verfertigung doch überall kennt und der Kosack und asiatische Hordenbewohner sich oft sein Pulver zur Jagd und zum Kriege selbst bereitet. Lange Zeit begnügte man sich mit den einfachsten Feuerröhren ohne weitere Vorkehrung, bis Erfahrung, Kunst und genaue Berechnung die Wirkung immer mehr zu verstärken wußten. Daß man anfangs lange keine Maschinerie hatte, das Pulver sehr schnell und ohne Gefahr zu entzünden, verzögerte das Allgemeinwerden der Feuergewehre in den Händen der Infanterie, nachdem das alte Tormentenwesen schon längst verdrängt war; aber beständig war schon ein Trupp mit Donnerbüchsen den Feinden, die nichts Aehnliches entgegensetzen konnten, sehr furchtbar. Die Art der Ladung, da man, wie jetzt noch die meisten Jäger, das Pulver und das Blei getheilt aus Flaschen und Hörnern nach einander sehr langsam behandelte und sodann den Schuß mit der Lunte löste, die man nicht ohne alle Gefahr sicher bergen konnte, mußte das Feuern nothwendig sehr weitläufig und unbehilflich machen. Auch konnten wirklich, wie die Erfahrung lehrt, vor der Erfindung der Schlösser und Patronen die Schießgewehre keinen allgemeinen Gebrauch gewinnen. Das Schloß gab dem Feuergewehr vermöge der dadurch bewirkten Schnelligkeit und Bequemlichkeit das Uebergewicht, und das darauf gepflanzte Bajonnett befestigte seine Herrschaft im Kriegssystem. Seit dieser Zeit hat man von allen Seiten mit allgemeinem Wetteifer dahin gearbeitet, diese Waffe zu der Vollkommenheit zu bringen, daß sie bei der größten Wirkung so geschwind als möglich behandelt werden könne, und das größte Verdienst des Soldaten bestand nun nächst den schnellen und richtigen Evolutionen und Veränderungen des Marsches vorzüglich in der verhältnißmäßigen Uebung und Fertigkeit, dieses einzige Instrument gegen den Feind zu gebrauchen. Es ist bekannt, wie viel man unter Friedrich dem Zweiten dafür gethan hat. Die hölzernen Ladstöcke waren schon lange vorher aus Mangel an Haltbarkeit gegen eiserne vertauscht worden. Es wurde nun diesen eisernen die cylindrische Form gegeben, damit man nicht mehr nöthig hätte, sie erst bei dem Gebrauch umzukehren, sondern die Ladung mit der größten Geschwindigkeit in lauter geraden Linien beendigen könnte. Doch kann der Ladstock eigentlich immer noch kein reiner Cylinder sein, sondern muß an dem obersten Ende, wo er zum Ausschnellen gefaßt wird, noch eine ziemliche Verdickung haben, weil er sonst unmöglich ohne übermäßige Kraftanstrengung mit hinlänglicher Stärke und Geschwindigkeit herausgeworfen werden könnte, zumal da es leicht, vorzüglich bei neuen Schäften, kommen kann, daß er durch irgend ein mechanisches Hinderniß nicht sogleich gehörig locker und gelöst sitzt. Doch fordert man billig mit Strenge von jedem geübten Soldaten, daß er bei seinem eigenen eingearbeiteten Gewehr kein solches Hinderniß eintreten lasse. Das Gewicht des Gewehrs gewann durch die Verdickung des Ladstocks beträchtlich. Man suchte daher aus mechanischen Grundsätzen durch die möglichst gerade Linie, die man ihm gab, es leichter und gemächlicher zum Tragen zu machen. Sodann suchte man durch die trichterförmige Einrichtung der Zündlöcher es möglich zu machen, das Aufschütten des Pulvers auf die Pfanne zu ersparen. Dadurch wurde in der That sehr viel gewonnen. Nach dem Schuß konnte der fertig abgerichtete Mann mit einem einzigen Griff den Hahn in die Ruhe setzen, die Pfanne schließen und das Gewehr zur neuen Ladung herumwerfen und nun ohne alle Hindernisse weiter arbeiten. Man hat viel für und gegen diese Einrichtung gesprochen und geschrieben. Man hat vorzüglich dagegen eingewendet, daß man dadurch in Verhältniß mehr an Kraft verliere, als man an Zeit gewinne. Daran muß ich aber zweifeln, ohne eben eine sehr genaue Berechnung angestellt zu haben; denn ich bin überzeugt, daß hier in dem Moment des eilenden Angriffs der Gewinn der Zeit mehr ist als die Erhaltung der Kraft der Pulverwirkung. Wenn man in einer gewissen Entfernung ohne weitere Annäherung das Gefecht blos durch Füsiliren ausmachen wollte, so würden allerdings die Gegner der neuen Einrichtung völlig Recht haben. Aber es ist, denke ich, doch nun wol mathematisch ziemlich festgesetzt, daß man besser so schnell als möglich zur endlichen Entscheidung durch Handangriff eilt und, so zu sagen, nur im Vorbeigehen die Vortheile mit benutzt, welche die Feuerwaffen in der Ferne geben können. In dem letzten furchtbar entscheidenden Augenblicke des Faustangriffs, wo die Kraftäußerung wieder in ihre strengen Rechte tritt, haben die Wurfwaffen nichts mehr zu thun. Man wirft der Einrichtung ferner vor, daß sich das größere Zündloch dennoch leicht verschleime und sodann das Auslaufen des Pulvers und die Entzündung des Schusses hindere. Daran ist meistens die schlechte Beschaffenheit des Pulvers Schuld, die außerdem dem Schusse sehr schadet, und die man also nach dem Beispiel der südlichen Nationen Europa's verbessern muß. Die Methode des Aufschüttens bleibt, wenn es nöthig ist, immer noch frei. Die Anklage ist aber übertrieben. Ich selbst habe aus einem solchen Gewehr funfzehnmal ohne beträchtliche Unterbrechung und ohne jede fernere Vorkehrung gefeuert, und es hat kein einziger Schuß versagt. Eine größere Anzahl ununterbrochener Schüsse sind gewiß nicht nöthig, oder die ganze Disposition des Angriffs müßte sonderbar eingerichtet sein. Ueberdies ist ein Pfannenräumer von starken Borsten, irgendwo befestigt, auf alle Fälle ein Instrument, das in Geschwindigkeit seinen großen Nutzen haben kann. Das wissen die Engländer, wo ich es bei einigen Regimentern ziemlich allgemein gesehen habe, sehr gut, ob unter ihnen damals gleich noch nicht die konischen Zündlöcher eingeführt waren und es, so viel ich weiß, jetzt noch nicht sind. Wer den Menschen kennt und seinen Ideengang und seine Affecten berechnet, wird leicht begreifen, die thätige Wirkung des Schusses abgerechnet, welche Bestürzung bei dem Feinde allein schon dadurch angerichtet wird, daß die Gegenpartei im Feuern beständig den Vorsprung hat. Das panische Schrecken des Donners ergreift und schlägt den Muth nieder, ohne daß der Blitz tödtet. Es ist also, psychologisch und pathologisch genommen, auch ohne Rücksicht auf wahrscheinlich größere Wirkung, schon ein wesentlicher Unterschied, ob ein Trupp viermal oder siebenmal in einer Minute feuert; und in dieser Hinsicht liegt wirklich etwas Wahres in dem Sprichwort des gemeinen Mannes bei der preußischen Armee: »Wenn's man pollert!« Der tödtlichste Theil unsers Gewehrs in seinem ernsten Gebrauch ist unstreitig das Bajonnett. Die Anwendung dieser so alten und einfachen Stoßwaffe auf diese Weise scheint so leicht und so natürlich zu sein, daß man sich fast wundern muß, wie man das Feuergewehr so lange ohne diese Vollendung brauchte, ohne auf den so nahe liegenden Gedanken zu kommen, eine Feuerpike daraus zu schaffen. Noch mehr Befremdung und Verwunderung verdient es, daß die Türken und fast alle Morgenländer trotz dem überwiegenden in die Augen springenden Vortheil bis jetzt dieses Instrument noch nicht aufgenommen haben. Die Annahme desselben könnte schnell eine den Europäern schreckliche Veränderung im Kriegssystem hervorbringen, und es ist leicht zu fürchten, daß irgend ein innerer Stoß auf einmal bewirkt, was Bonneval und Andere wiederholt umsonst versucht haben. Dieser einzige Umstand würde den Türken Taktik geben, die ohne denselben schwerlich merklich vorwärts kommen wird. Die einzelne Waffe selbst, der ursprüngliche Dolch, gewinnt durch diesen Gebrauch eine so sonderbare Erscheinung, daß die Alten sie gewiß kaum wiedererkennen und wirklich keinen Namen dafür haben würden. Daß die neuern Lateiner ihn mit Castrucci Bonamici Castrucci Buonamici in seinem sehr gut geschriebenen Buche De rebus ad Velitras gestis nennt das Bajonnett beständig pugio militaris . Aber er hat dergleichen Nothbehelfe noch mehr, vorzüglich wo er die militärischen Stellen unserer heutigen Ordonnanz mit einem alten Namen ausdrücken will. So ist Tribunus und Subtribunus ganz etwas Anderes als unser Oberster und Oberstlieutenant. Am Richtigsten wird noch Centurio und Succenturio durch Hauptmann und Stabshauptmann gegeben. In den übrigen kleinern und größern Stellen findet schwerlich eine ganz richtige Vergleichung statt. Auch Reichardt in seiner Uebersetzung des siebenjährigen Kriegs hat diese Verlegenheit vorzüglich empfunden. pugio militaris nennen, ist nur ein sehr dürftiger Nothbehelf und zeigt bei Weitem nicht seine ganz veränderte Gestalt an. Die Machära und das Enchiridion der Alten waren ebensowol pugiones militares, verhielten sich aber in ihrem Gebrauch zu unserm Bajonnett fast nur wie eine kretische Schleuderkugel zu unserm Sechspfünder. Es war vielleicht, nachdem das Feuergewehr einmal da war, die leichteste und einfachste, aber auch die schrecklichste Erfindung in der neuern Kriegskunst und verdrängte daher sogleich jede andere Stoßwaffe, die sich bis zu der Zeit noch hier und da erhalten hatte. Die Franzosen, deren Beiträge in der Kunst zu morden so reich sind, haben nichts Tödtlicheres gegeben als den Gebrauch dieses einfachen Instruments. Nun wetteifern die Nationen mit einander in der zweckmäßigsten Einrichtung und dem angeblichen besten Verhältniß desselben zum Gewehr. Mir scheint es ausgemacht zu sein, daß die längsten und leichtesten Bajonnette die besten sind, so viel nämlich die nothwendige Solidität Leichtigkeit erlaubt. Daß man die Bajonnette ungewöhnlich stark und sogar plump macht und gehörige Proportion zum Gewehr vorschützt, hat mir nie recht einleuchten wollen. Wenn das Gewehr in sich selbst hinlänglich proportionirt ist, so verändert der Zusatz des Bajonnetts, vorausgesetzt, er geht nicht ins Ausschweifende, wenig oder nichts. Denn bei jeder Veränderung faßt der Mann leicht durch Uebung den neuen Schwerpunkt, den er in der ganzen Arbeit durchaus halten muß. Je kürzer und schwerfälliger das Bajonnett ist, desto weniger entspricht es seinem Zweck, und je länger und leichter, bei gehöriger Festigkeit, desto besser erfüllt es ihn. Nach diesem Kriterion sind die deutschen Bajonnette unter allen vielleicht die schlechtesten; die besten sind die schottischen und die schwedischen. Die Russen, welche sich auf ihre Bajonnette und den Gebrauch derselben nicht wenig einbilden und wirklich auch damit ungewöhnlich geschickt und brav sind, verdanken ihre gute Meinung von sich selbst in diesem Punkte vielleicht auch etwas ihrer Unerfahrenheit. Sie haben das ganze vorige Jahrhundert fast immer nur mit den Türken geschlagen, die bis jetzt noch wenig oder keine Bajonnette haben, und da mußte freilich diesem Feinde das ihrige entsetzlich furchtbar sein. Mit den Schweden und den Preußen ist es nur sehr selten zur Spitze gekommen; schon die Erscheinung der Bajonnette bei einem entschlossenen und geschickten Feinde hemmte die übertriebene Kühnheit und machte Bedachtsamkeit nöthiger. Der letzte polnische Feldzug und der französische Krieg hat deutlich bewiesen, daß die Russen etwas zu früh und etwas zu viel auf die Ueberlegenheit ihrer Bajonnette trotzten. Friedrich der Zweite hatte also in seinem bekannten Urtheil nicht ganz Unrecht, wenn er, ohne der russischen Nationaltapferkeit und selbst ohne ihrer damaligen Taktik sehr zu nahe zu treten, sagte: La guerre des Russes contre les Tures est la guerre des borgnes contre les aveugles. Daher die sonderbaren Erscheinungen der ganz ungleichen Gefechte in den Kriegen dieser Nationen. Wie die Türken, als ein sonst so ernsthaftes und verständiges Volk, den Vortheil der neuen Veränderungen in der Kriegskunst, welche seit einem Jahrhundert die Franken gemacht haben, und vorzüglich das Uebergewicht des Bajonnetts, nach so vielen Niederlagen von den Russen nicht einsehen und nachahmen, ist kaum zu begreifen. Blos dadurch ist der Sieg für ihre Feinde trotz aller türkischen Tapferkeit fast immer mathematisch entschieden. Nach dieser Vorausschickung will ich es nun wagen, eine kurze Vergleichung zwischen den Alten und Neuern in Rücksicht auf Waffen und Kriegskunst anzustellen. Man scheint durchaus so sehr der festen Meinung zu sein, daß die Neuern ohne alle Ausnahme, vorzüglich durch die Erfindung des Pulvers und die Anordnung der großen und kleinen Feuerwaffen, den Vorzug vor den Alten verdienen, daß es vielleicht von mir militärischem Schulkrämer eine Anmaßlichkeit scheinen wird, einige Zweifel dagegen vorzutragen. Aber meine Gedanken halten seit langer Zeit fest in meiner Seele, und ich kann nach vielen Ueberlegungen und Untersuchungen nicht glauben, daß unsere Überlegenheit hierin wirklich durchaus so gewiß entschieden sei. In den Wurfwaffen aus der Ferne haben wir freilich alle alte Nationen ohne Ausnahme durch den Gebrauch des Pulvers übertroffen, und es kann wol schwerlich Jemand wieder einfallen, den scythischen oder kretischen Bogen und die balearische Schleuder oder die Arcuballisten des Mittelalters der Wirkung unserer Feuergewehre entgegenzusetzen. Aber daß man deswegen auch zugleich Schild und Speer und Helm und alle Schutzwaffen ohne Ausnahme wegwarf und die Wirkung des kleinen Feuers ausschließlich für so allgewaltig hielt, daß man ihm nun nur mit nackter Tollkühnheit entgegengehn müsse, dies wird mir nur aus der damals fast ganz verfallenen Kriegskunst begreiflich. Die Pflicht des Feldherrn ist es, der Tapferkeit des Heeres durch Wissenschaft und Strategie zu Hilfe zu kommen, so wie es der Charakter eines braven Soldaten ist, trotz allen Schwierigkeiten durch Muth und Anstrengung den Mangel an Kunstbildung zu ersetzen. Diesen Charakter hatten die Krieger des Mittelalters in hohem Grade. Sie selbst suchten mehr Gefahren, und ihre Heerführer achteten weniger die Sicherheit. Sie verachteten den Tod, aber der anhaltenden Mühseligkeiten des Lebens im Felde waren sie nicht mehr gewöhnt. Die großen festen körperdeckenden Schilde waren bei ihnen zu Turniertartschen herabgeschwunden, und der Helm, unter dessen eherner Last ehemals selbst die Feldherren in der glühenden Zone geschwitzt hatten, war ein schöner Kopfputz geworden. Die Lanze und das Schwert allein entschieden schon längst in den Treffen gegen halb nackte Feinde, die noch nachlässiger bewaffnet waren. In dieser Periode erschien die furchtbare Erfindung. Alles gerieth in panisches Schrecken und griff in der Angst ohne weiteres Sinnen zu den nämlichen Waffen, mit denen man grimmig wüthen sah. Man hatte nicht die Einsicht und nicht die Kraft, vielleicht nicht einmal den Gedanken, mit langer Anstrengung zu dem Genius der alten festen schweren Schutzwaffen zurückzukehren, um dem neuen Dämon zu begegnen. Die Schilde verschwanden, weil Niemand mit ausharrender Kraft sie zu ihrer alten Würde zurückzuführen wagte. Anstatt die alte furchtbare Stärke des Heers – robur exercitus, το ὁπλιτιϰον – wieder zu schaffen, bog sich Alles vor dem neuen Feuer, und Jedermann glaubte, man könne das Feuer nur durch das Feuer besiegen. Alle Wissenschaften lagen damals im Staube; man hatte aber immer noch mehr Muth als Kraft, mehr Raschheit als Besinnung, mehr Kühnheit als Anstrengung. Die neue Erfindung gewann überall mehr Fuß; man suchte sie von allen Seiten zu benutzen, ohne ihr entgegen zu arbeiten. Wäre sie zu Cäsar's Zeiten oder in den persischen Kriegen unter Miltiades und Aristides gemacht worden, sie hätte wahrscheinlich das Kriegssystem sehr modificirt, aber nicht umgeschaffen. Unstreitig that auch etwas das große, schwere, mächtigwirkende, obgleich langsame Handfeuergewehr, das man unmittelbar nach der Erfindung fast allgemein brauchte, und das man jetzt nur noch hier und da unnütz in alten Rüstkammern findet. Die Ordnung war gelöst, die Taktik lag mit den übrigen Wissenschaften tief in Papieren, die für das Jahrhundert ohne Vorbereitung unbrauchbar waren. Die Umgestaltung war schnell ohne weitere Besinnung geschehen, und Niemand zweifelte, daß sie nothwendig, daß sie das einzige Gegenmittel gewesen sei. Mir wird es erlaubt sein, daran zu zweifeln; meine Gründe sind folgende. Ich nehme das Kriegssystem der Alten, wie es in der schönen Zeit der Kunst war, nicht wie wir es bei der eintretenden ersten Erscheinung des Schießpulvers finden. Von diesem letzten Zustande habe ich so eben ganz kurz gesprochen. Wenn wir von den alten Waffen und von dem alten Kriegssystem sprechen, so ist es vorzüglich bei den Griechen von dem Ende der Heroenzeit herab bis zu dem achäischen Bunde, und bei den Römern von den punischen Kriegen bis höchstens auf die Zeiten Justinian's. Belisar ist vielleicht der letzte Feldherr der griechischen und römischen Kunst. Die Bewaffnung ist hier für die Griechen aus dem Homer, Herodotus und hernach noch mehr aus dem Thucydides und Xenophon und überhaupt aus den guten Schriftstellern der goldenen Zeit der Nation zu sehen. Die spätern geben wenig Licht, und auch der gute Plutarch, der für Politik, Lebensphilosophie und Moral oft ein wahrer Schatz ist, gewährt im eigentlichen Kriegsfache weniger Befriedigung. Für die Römer sind Polybius und sein Uebersetzer und Abschreiber Livius und Cäsar's Tagebücher die ergiebigsten Quellen. Der Unterschied zwischen den griechischen und römischen Waffen ist, wie schon aus dem oben Gesagten erhellet, nicht sehr wesentlich, und in der großen Zeitentfernung können wir bei der geringen Abweichung der verschiedenen Stücke in unserer Betrachtung ohne großen Irrthum sie füglich zusammennehmen. Der kleine Unterschied und die verschiedenen Vorzüge Beider zeigten sich vorzüglich in den Kriegen gegen Pyrrhus und Perseus. Ich mag nun den Hopliten der Griechen oder den gravis armaturae militem der Römer nehmen, er sei Princeps, Hastatus oder Trianus: der Unterschied unter allen war weiter nicht wesentlich. Die Aspide und noch mehr das Scutum hatten wenigstens vier Fuß und deckten die ganze Hauptmasse des Körpers. Der Kopf, der zum Umherschauen Freiheit haben mußte und sich nicht immer hinter dem Schilde verbergen konnte, war durch den ehernen Helm geschirmt. Wenn die Schilde und Helme in dem dreizehnten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung noch die nämliche Größe und Festigkeit gehabt hätten, die sie im sechsten Jahrhunderte nach Rom's Erbauung hatten, und man noch die Geschicklichkeit und Sündhaftigkeit besessen hätte, sich ihrer in Verbindung mit den Angriffswaffen zu bedienen, so würde höchst wahrscheinlich das neu erfundene Feuergewehr wenig Wirkung hervorgebracht und wenig Veränderung veranlaßt haben. Ich bin davon nach reiflicher Ueberlegung fast mathematisch so fest überzeugt, daß es unter meine Glaubensartikel gehört, eine ächte römische Legion und eine ächte griechische Phalanx würde eine gleiche Anzahl Soldaten unserer jetzigen Regimenter niederrennen, als ob es Belites wären. Unsere kleinen Kugeln würden durch die großen, schweren, mit Eisen beschlagenen festen Schilde wahrscheinlich selten ganz durchgedrungen sein oder wenigstens hinter denselben nur unbeträchtlichen Schaden gethan haben. Ich nehme Mauvillon's Berechnung über die Wirkung des Schießpulvers als richtig, aber auch zugleich als das Höchste an, was diese Composition leistet. Nur sehr selten ist der Mann in der Distanz der größten Wirkung; aber auch dann würde die Kugel, die durch ein ehernes Schildbeschläge und die Unterlage gedrungen wäre, dem Körper selbst wahrscheinlich noch seltener eine tödtliche Wunde schlagen. Nur die Füße würden der Gefahr der Verwundung vorzüglich ausgesetzt gewesen sein; und diese nehmen auch schon ohne alle Vorkehrung so wenig Raum ein, daß häufige Verletzungen derselben im Allgemeinen bei einem schnellen Angriff nicht sehr wahrscheinlich wären. Den Alles beschirmenden Schild am linken Arm und die furchtbare lange Lanze, so oder so geformet, in der nervigen Rechten, welche Linie unserer besten Truppen würde dem Einbrechen einer so schrecklich stürmenden Waffenlast widerstehen können? In einem hartnäckigen langwierigen Pfeilgefechte, worunter ich unser ganzes jetziges kleines Feuergewehr zähle, würden freilich die schweren statarischen Waffen am Ende unterliegen müssen, und es würde auch der besten Armee nicht anders gehen als dem Crassus bei Karrä. Aber welcher vorsichtige Heerführer wird sich in die furchtbare Lage setzen, sich bei seinem wahren Uebergewichte so ohne alle Hilfe zu Grunde richten zu lassen? Crassus ließ sich durch die Vorspiegelungen eines treulosen Fremdlings unbesonnen in unbekannte weite Sandgegenden locken, wo die Parther, deren Anzahl schon so überlegen war, sehr weislich alle Vortheile benutzten, ohne daß die Römer sich durch die ihrigen retten konnten. Crassus, nicht die Römer, litt die Niederlage. Wenn ich von der Überlegenheit der alten statarischen Waffen spreche, verstehe ich durchaus nur den Moment des letzten ernsthaften entscheidenden Angriffs mit der Faust, von welchem Jeder bekennen wird, daß ohne ihn unter braven Kriegern die Sache noch nicht völlig entschieden ist. Unser Schießen ist doch weiter nichts als Belitation und Psilomachie oder, mit dem letzten Faustangriff verglichen, nur Scharmützel. Blos der Faustangriff giebt den gewissen Sieg oder zeigt die Unmöglichkeit desselben. Na tschto tam mnogo strehljat? Na stükach nadobno prinimjat. Wozu so viel Schießen? Man muß aufs Bajonnett nehmen, sagt der russische Grenadier und hat in seiner Seele ohne Zweifel ein richtiges Resultat militärischer Erfahrungen. Schild und Helm hat man schon längst als ganz untauglich weggeworfen, vermutlich weil man die Mühe und Kraftanstrengung scheute, sie wieder zu ihrer alten ehrwürdigen Solidität zu erheben; aber die Lanzen hat man hier und da noch lange nachher gebraucht und bis in den spanischen Successionskrieg sogar eigene Kriegsleute gehabt, die wie die alten Hastaten von dieser Waffe den Namen führten. Die Pike, welche durchaus nichts Anders als die alte Lanze ist, behauptete auch noch in der Eröffnung des letzten polnischen Feldzugs, der sich mit dem Untergang der politischen Existenz der Nation endigte, ein Gewicht, das in Erstaunen setzte. Kosciusko, der anfangs nicht gleich Gewehre genug hatte oder seine Leute wenigstens nicht schnell genug in dem Gebrauch derselben hinlänglich üben konnte, hatte einige tausend Bauern mit Piken bewaffnet, und diese griffen in dem ersten Gefecht bei Krakau einige russische Grenadierbataillone mit solchem Nachdruck an, daß sie dieselben in kurzer Zeit gänzlich warfen. Es war den sieggewohnten Russen eine seltene furchtbare Erscheinung, daß ein beträchtliches Corps aufs Haupt geschlagen wurde und alle seine Kanonen verlor, und das von einem Feinde, den man so geringe geachtet hatte, und dessen Existenz man kaum gestehen wollte. Die Feldzüge des ganzen vorigen Jahrhunderts hatten nur einige ähnliche Beispiele. Les paysans armés de piques , schrieb der General Tormasow, welcher russischer Anführer bei dem unglücklichen Gefecht war, an den Chef der Armee in einem Privatbriefe, les paysans s´avancèrent avec une contenance tout à fait incroyable, et nos grenadiers jettèrent les armes et commencèrent à fuir comme des misérables . Und das waren Leute, die vorher bei mehrern Gelegenheiten sehr brav gewesen waren und es nachher wieder gewesen sind. Mit der Sense, die Kosciusko statt der Pike auf den Schaft pflanzen ließ, ging es nicht so glücklich; und es ließe sich leicht mathematisch beweisen, daß die Pike vor diesem Instrumente den Vorzug verdient, das mit dem Bogen geführt werden muß, so wie die gerade Linie der kürzeste Weg von einem Ort zum andern ist, und also dem Stiche vor dem Hiebe der Vorzug gebührt. Die Pike hat deswegen keinen allgemeinen Gebrauch wieder gewinnen können, weil man nicht zugleich hinlängliche Schutzwaffen mit ihr verband, damit nicht in die Ferne reichte und unbedeckt durch den Feuerhagel mit großer Gefahr den Faustangriff wagen mußte. Auch waren die neuen Lanzenträger überhaupt zu wenig mit dem Kriege bekannt, und zu dieser Waffe gehören mehr Veteranen. Das eingeführte Feuergewehr behielt also auch hier wieder sein Uebergewicht. Ehe ich es nun wage, eine Idee vorzutragen und etwas auseinanderzusetzen, die zwar vielleicht nicht neu ist, von deren Richtigkeit ich aber sehr fest überzeugt bin, muß ich noch Einiges von dem wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Angriffsarten sagen, dem furchtbaren Faustangriff mit den schweren statarischen Waffen – σπλοις άγχεμαχοις – und der Wurfentscheidung, wie nun fast alle unsere Gefechte sind, und welche die Griechen nur leichte Akrobolismen und Grosphomachien nannten. Die Schlachten der alten Griechen und Römer waren in der Regel alle von der ersten ernsthaften Art des Angriffs, und es wird nur selten, als ein Beispiel, wie wenig der Feind Achtung verdiene, angeführt, daß schon die Belites die Sache entschieden haben. In den medischen Kriegen, in den punischen Kriegen der Römer, in den Kriegen gegen Pyrrhus und Philippus und Perseus und Mithridates und in den bürgerlichen Kriegen der Römer selbst hören wir von nichts als von jenen furchtbaren Faustangriffen. Polybius beschreibt im siebzehnten Buche seiner Geschichte die Ueberlegenheit der macedonischen Phalanx und der Sarisse über die römische Legion und das Pilum und zeigt sodann die Ursachen, warum dessenungeachtet die Römer über die Griechen den Sieg davongetragen haben. Aus dem Ganzen erhellet, daß die Macedonier in den Ebenen den Vortheil der Waffen, die Römer aber durchaus den Vortheil der Taktik hatten. Ihre Gladien und Pilen durchbrachen meistens ziemlich einzeln die Phalanx der Griechen in der Flanke; und war diese einmal durchbrochen, so konnte es die schwere Aspide und die ungeheure Sarisse mit dem Scutum und Gladius an Beweglichkeit nicht mehr aufnehmen. Auch in Gallien und Spanien fanden die Römer bei den sogenannten Barbaren meistens Bewaffnungen, die auf den Faustangriff berechnet waren. Wie furchtbar noch spät die Cimbrer den römischen Legionen in der schönsten Periode ihrer Kraft zur Zeit des Marius waren, ist hinlänglich bekannt; und die behoseten Völker wußten sich in nicht geringe Achtung zu setzen. Nur die Spanier scheinen vor und unter dem Sertorius den Römern durch leichte schnelle Velitationen vielen Schaden gethan zu haben. Der einzige sehr berühmte Feldzug, wo man blos aus der Ferne focht, und wo die Römer eine der schrecklichsten Niederlagen erlitten, die ihre Geschichte hält, ist die Unternehmung des Crassus gegen die Parther. Dieser ist vielleicht ein Vorbild der ganzen neueren Kriegskunst. Man sucht, wie die Parther, die Handentscheidung zu vermeiden und den Feind so viel als möglich mit Wurfwaffen aus der Ferne zu Grunde zu harceliren. Die Natur des Kriegs kann auch bei uns nach der jetzigen Einrichtung unserer Waffen keine andere sein, zumal da das Tormentenwesen in unserer heutigen Geschützkunst eine ganz andere, und zwar weit furchtbarere Wendung genommen hat. Denn die blinden Verehrer der Alten mögen noch so viel von den übertriebenen Wirkungen der Widder und Ballisten und Katapulten der Griechen und Römer erzählen, so wirkt doch wol ein einziger Kartätschenschuß aus einem unserer Sechspfünder mehr als mehrere solche Maschinen in einigen Minuten. Von der fürchterlichen Maschinerie des Archimed gegen die Römer vor Syrakus haben wir nur eine sehr mangelhafte, unbefriedigende Beschreibung. Mit dem angenommenen Uebergewicht des kleinen Feuergewehrs wurde das ganze neuere Kriegssystem auf das Tirailliren zurückgeführt, und die Franzosen sind in den vergangenen Feldzügen nicht die Ersten, die sich dieser Methode mit Vortheil zu bedienen wußten; sie verwebten sie nur mit vieler Feinheit in das System. Die ganze Taktik vor Karl dem Fünften lief mehr oder weniger darauf hinaus, und man hat hinlänglich fast mathematisch gezeigt, daß sie bei einiger Überlegenheit der Anzahl und mit Vorsicht in der Wahl des Kampfplatzes durchaus die vortheilhafteste ist. Auch bei gleicher und vielleicht sogar bei geringerer Anzahl ließe sich in manchen Fällen ihr Nutzen noch erweisen. Sie fordert indessen nicht weniger Berechnung und militärische Geschicklichkeit als das geschlossene Gefecht. Denn es gehört ein hoher Grad von Fertigkeit dazu, sich mit dem größten Vortheil schnell zu zerstreuen und, wenn es nöthig ist, ebenso schnell sich zum Angriff in der Linie zu vereinigen und alle erforderlichen Wendungen und Veränderungen der Taktik mit Eile und Bestimmtheit auszuführen. Daß man auf diese Weise, wenn man nur noch Stärke genug übrig hat, sich einigermaßen den Wendungen des Feindes entgegenzusetzen, den Vortheil gewinne, ist mathematisch entschieden. Alle Kugeln, welche auf den geschlossenen Feind geschossen werden, haben die Wahrscheinlichkeit zu treffen, weil sie sich concentriren und ihre Wirkung in dem kleinen Raume nicht leicht verfehlen können; und alle Kugeln, welche von den Geschlossenen heraus in die Weite unter die Tirailleurs geschossen werden, haben mehr die Wahrscheinlichkeit zu fehlen, weil sie sich zerstreuen, der Feind nur dünne steht und in einen großen Raum sich ausdehnt. Die Schwärmer arbeiten von außen einwärts convergirend concentrisch, die Geschlossenen von innen auswärts divergirend excentrisch: die mechanische Folge ist klar. Aber der größte Vortheil dieser Verfahrungsweise ist, daß man gewöhnlich dadurch den Feind von mehrern Seiten in Bestürzung und Verwirrung setzt und den Hauptangriff verbirgt und auf den Punkt leitet, wohin man ihn haben will, und wo man ihn am Besten durchsetzen kann. Aber immer gehört dazu einige Überlegenheit, der Anzahl oder der Stellung, und sehr geübtes Kriegsvolk. Nun kommt der entscheidende Moment des Hauptangriffs. Hier stehen wir allerdings gegen die Alten mit einem bewundernswürdigen Muth und einer Verwegenheit da, welche bei ihnen vielleicht für unbesonnene Tollkühnheit gehalten worden wäre. Wir stellen unsere bloße Brust und unsern unbedeckten Schädel unbedingt dem Zufall hin, ohne Schutz und ohne Wehre, und lassen jede Kugel, welche faßt, ruhig unsere Knochen zerschlagen. Und hier habe ich mich nun oft gewundert, daß man bis jetzt noch nirgends wieder daran gedacht hat, durch eine Mischung von Altem und Neuem die Hauptstärke des Heers zu bilden, das, zu Schutz und Trutz gleich bereit, den furchtbarsten Angriff aushalten und ausführen könnte. Es muß allerdings zugegeben werden, daß die tiefere Schlachtordnung, wie zum Beispiel die macedonische Phalanx war, gegen die größere Front im Nachtheil ist; und so wie die Kriegskunst stieg und auf einfachere Grundsätze zurückgeführt wurde, vermehrte sich die Front und verminderte sich die Tiefe. Das ist aus der Geschichte bekannt. Schon die Griechen hatten den Anfang gemacht, und die Römer gingen darin immer weiter; und Julius Cäsar gewann seine meisten Vortheile in Gallien und in den bürgerlichen Kriegen dadurch, daß er mit ausgedehnter Front den Feind schnell und entschlossen und mit Nachdruck umflügelte oder sonst umging. Eine größere Ausdehnung, als wir nun gemacht haben, ist nicht wohl möglich, wenn die Front nicht alle Stärke und Wirkung zum Angriff und Widerstand verlieren soll. Deswegen braucht man zwei Glieder nur bei leichten Gefechten, und bei jedem ernsthaften Vorfall, wo es auf Nachdruck in Aushalten und Wirkung ankommt, braucht man überall noch drei Glieder. Man würde unstreitig, wie ehedem geschah, noch viere brauchen, wenn man mehr als drei Mann zugleich in ungehemmte Thätigkeit bringen könnte. Man ersetzt also durch mehrere Linien oder sogenannte Treffen und Reservecorps, was der Stärke einer einzigen Linie fehlt. Ich darf als ausgemacht aus der alten und neuen Kriegsgeschichte annehmen, daß nur allein der Faustangriff die endliche Entscheidung der Sache gebe, und daß dazu nur die Manschen Waffen die wirksamsten sind. Polybius sagt von den Griechen des achäischen Bundes, daß sie dieser Meinung gewesen und deswegen sich immer nur der statarischen Waffen bedient haben. Das Nämliche sagt er bei Zama von den Römern. Vielleicht verdient in der ganzen Weltgeschichte keine Katastrophe eine solche Aufmerksamkeit wie diese Schlacht. In der Rede vor derselben an den Römer Scipio erscheint Hannibal größer als der Sieger am Trasimen und bei Cannä. Dort erzwingt er Bewunderung; hier fühlt man freiwillig Ehrfurcht. Oft habe ich mir die Folgen für die Menschheit geträumt, die ein Friede bei Zama wahrscheinlich würde gehabt haben. Die Römer hätten Europa beherrscht, die Griechen Asien bis Aegypten, die Karthager Afrika. Die Cultur stand auf einer hohen Stufe; die Vernunft hätte mit dem schönen Gefolge ihrer Tugenden nach und nach ihre Rechte behauptet; Gerechtigkeit und Freiheit hätte gesiegt. Die Eifersucht, in billigen Grenzen, hätte die herrschenden Nationen gegenseitig in Furcht gehalten. Die Römer hätten die Wohlthat der Aufklärung nordwärts getragen, die Griechen nach Osten, die Karthager nach Süden; in Kurzem würden keine Barbaren mehr gewesen sein, und am Senegal wäre ein neues Tyrus entstanden. Die Despotie hätte ihr Medusenhaupt nicht emporgehoben, und die fromme Hirnwuth hätte nicht den Menschenverstand mit Schande gebrandmarkt. Noch nie ist in der Geschichte ein so großer Zeitpunkt wieder erschienen und erscheint vielleicht in Jahrtausenden nicht wieder. Scipio war zu groß als Römer und nicht groß genug als Mensch, um die Vorschläge des Karthagers in diesem Lichte zu sehen. Ob, was ich so oft träumte, auch wirklich nothwendig erfolgt wäre, ist eine andere Frage. Unsere Seele hält sich an Wahrscheinlichleiten. Es ist also meine ernstliche Meinung, daß wir trotz unserm Feuergewehr den alten ächten, ehrwürdigen Schild mit seiner ganzen Begleitung, Helm und Bruststück und Lanze, wieder aufsuchen. Ich will mich näher erklären. Man brauche den Vortheil, den uns die Feuerwaffen in leichten Gefechten und in der Ferne geben, und nehme die statarischen Waffen zur Faustentscheidung. Es ist eben nicht mein Vorschlag, daß man die Phalanx oder die Legion in ihrer alten Gestalt wieder einführe. Die mathematische Berechnung möchte zeigen, daß die ausgedehnte Front, wie sie die Römer zu Julius Cäsar's Zeiten und schon früher annahmen, besser war und durch verschiedene Veränderungen und Vereinigungen unserm System immer näher kam. Folard hat weit mehr Colonnen gesehen, als im Polybius stehen, wie ihm schon Guischard sehr gründlich gezeigt hat. Aber es ließe sich aus unserm kleinen Feuergewehr und der alten ächten triarischen Bewaffnung ein robur exercitus bilden, dessen Angriff sehr furchtbar sein müßte, und das bei seiner ersten Erscheinung gegen alle unsere Linien entschieden das Uebergewicht hätte. Was Friedrich der Zweite in seiner Epistel von den drei Gliedern sagt, hat für das Feuergewehr allein seine unumstößliche Richtigkeit. Aber andere Waffen fordern andern Gebrauch. Man bilde also vier Glieder, die zwei vordersten mit alten und die zwei letzten mit neuen Waffen. Ich nehme die alten aus der goldenen Zeit der griechischen und römischen Geschichte, wie wir sie im Polybius und Cäsar finden, und die neuen, wie sie das beste preußische Regiment hat, auf allen Fall mit schottischen oder schwedischen oder auch nur russischen Bajonnetten. Der Schild, die Aspide oder der Thyreos, der Helm, von diesem durchaus nur die Cassis – denn jede andere Art würde dem Zweck nur sehr wenig entsprechen – und die Lanze, länger als das römische Pilum und kürzer als die macedonische Sarisse, vielleicht von der Länge unserer Kurzgewehre. Die Kniestücke könnte man bei guten Stiefeln füglich entbehren, da, wenn sie von einigem Gewicht wären, sie die Beweglichkeit beträchtlich hindern würden. Diese zwei vordersten Glieder, auf diese Weise ziemlich altclassisch bewaffnet, würden eine eherne Mauer bilden, durch welche nur selten eine kleine Kugel dringen würde, und hinter welcher also die ganze Schlachtordnung ziemlich sicher wäre. Wenn man einem guten Feuergewehr seine völlige Ladung giebt, so dringt die Kugel nach gemachten Erfahrungen im Kernschuß einige Zoll tief in einen eichenen oder buchenen Klotz. Man nehme an, daß ein Schild, vierthalb bis vier Fuß lang und dritthalb Fuß breit, ein leichtes bretternes Gerippe habe, daß er sodann mit doppeltem Leder überzogen und darüber mit Eisenblech beschlagen sei, so wird zwar eine scharfe Kugel vielleicht durchdringen, aber hinter demselben dem Mann gewiß keinen gefährlichen Schaden mehr zufügen. Schwächere Kugeln prallen ohne allen Schaden ab oder bleiben wenigstens in der Masse selbst sitzen. Es ist wol keinem Zweifel mehr unterworfen, daß jeder gute Anführer seine Leute so bald als möglich ins Gefecht und in dem Gefecht so bald als möglich zur Faustentscheiduug bringen müsse, wenn auch die Leute wirklich gut sind, nachdem er vorher Alles so genau als möglich berechnet hat. Cäsar tadelte als Sieger diese Saumseligkeit an Pompejus in der Pharsalischen Schlacht und macht dabei die allgemeine Bemerkung, daß man das natürliche Feuer der Leute so viel als möglich vorwärts benutzen, aber nie zurückhalten müsse. Est quaedam animi incitatio atque alacritas naturaliter innata omnibus, quae studio pugnandi accenditur: hanc non reprimere set augere imperatores debent. Caesar. Das verstand in neuern Zeiten Niemand psychologisch besser als Suworow, etwas zu sehr auf Kosten der strengern guten Disciplin. Durch diese Vereinigung gewänne man nicht allein den Schutz vor den feindlichen Kugeln aus der Ferne, sondern man verlöre auch nichts an dem eigenen kleinen Feuergewehr, welches ich mit Recht zu den blos velitarischen Waffen gezählt habe. Die beiden vordersten schwerbewaffneten Glieder mit Schild und Helm und Lanze würden, wie jetzt auch unser erstes Glied thut, und wie schon die Griechen in der schönen Periode der Kunst thaten, auf die Kniee niederfallen und so mit ihren Schilden sich und ihre Hinterleute gehörig decken und diesen Platz machen, über sie und ihre Schilde mit ihrem Feuergewehr hin zu arbeiten. Dadurch würde die Wirkung des Feuers über die statarischen Waffen hinweg die gewöhnliche sein, und sobald der Schuß geschehen wäre, erhöbe sich auch die ganze Linie der Schildträger wieder, um ihre Hinterleute in der neuen Ladung ihres Feuergewehres desto sicherer zu decken. So wie es nun endlich zum eigentlichen Faustangriff käme, würden sie ganz allein entscheiden; denn ich sehe nicht ein, warum auch bei uns nicht Stärke und Muth und Geschicklichkeit, wie ehemals, wieder allein bestimmen sollten. Was wir jetzt vielleicht für poetischen Schmuck halten, war wirklich nichts als wörtlich die Wahrheit und würde es wieder sein. Άσπις άρ άσπιδε, χορυς χορυςν, άνερα δ' άνηρ Oder wie der Lateiner spricht: Concurrunt, haeret pede pes, densusque viro vir, und Densi cuneis se quisque coactis adglomerant. Homer und Maro trugen ohne Zweifel diese Züge aus den Erfahrungen ihrer Zeit auf die Helden ihrer Gedichte zurück. Lucan's einfache Worte, stetis omne coactum circa pila nefas , werden dadurch zugleich ein furchtbar-schönes Gemälde der Geschichte und des Kriegs und des sterbenden Patriotismus. So schwülstig und überladen sonst dieses Dichters Erzählung ist, so viel Kürze und Nachdruck liegt in diesem einzigen Zuge. Und überhaupt seine ganze Darstellung der Pharsalischen Schlachtordnung verdient Aufmerksamkeit und Würdigung, obgleich einige kleine Unrichtigkeiten darin sind, die dem unterrichteten Militär nicht entgehen werden. Sie ist im Ganzen nach den Kommentaren Cäsar's gearbeitet, dessen überlegenen Geist der Dichter, trotz seinen heftigen Invectiven, doch anerkennen muß. Pompeji densis acies stipada catervis Junxerat in seriem nexis umbonibus arma, Vixque habitura locum dextras ae tela movendi Constiterat, gladiosque suos compressa timebat; Praecipiti cursu vesanum Caesaris agmen In densos agitur cuneos, perque arma per hostes Quaerit iter, qua torta gravis lorica catenas Opponit, tutoque latet sub tegmine pectus. Lucan . Der Schild, als die Hauptwaffe, würde bei der Annahme dieses Systems, das aus dem unsrigen und dem alten leicht gemischt wäre, noch vorzüglich auch diesen großen Vortheil gewähren, daß man mit ihm und durch seine Veränderung rechts oder links die Flanke in jeder Wendung besser decken könnte. Jedermann weiß, wie sehr, besonders bei unserer Blöße und der großen Wirkung unserer Feuerwaffen, bei einem Angriff von der Seite zu fürchten ist. Er war zwar den Alten auch gefährlich, aber bei Weitem nicht in dem Grade wie uns. Durch den Schild würde hier Alles wieder auf den alten Fuß kommen. Kraft und Muth und Geschicklichkeit würden entscheiden, und der panische Schrecken kann nie ein ganzes Heer ergreifen und niederdrücken, so lange es noch sein Schicksal von seiner Tapferkeit und seiner Anstrengung abhängig weiß und sich noch nicht in den Händen des blinden Glücks denkt. Bei dem Rückzug wird sodann der Schild, ebenso wie er es bei den Alten war, noch wohlthätiger, indem er den eindringenden Feind so unschädlich als möglich macht, wenn man vorzüglich dabei, so oft die Gelegenheit es erlaubt, auch das Feuergewehr der zwei übrigen Glieder ebenso wie bei dem Vorrücken geschickt und besonnen und unerschrocken braucht. Auf diese Weise muß der Rückzug weit weniger gefährlich werden, und es ist leicht begreiflich, wie die Griechen unter Xenophon aus dem tiefen Asien hervor einen so langen Weg mitten unter Feinden bis in ihr Vaterland aushielten, ohne von der Uebermacht aufgerieben zu werden. Bei unserm jetzigen System würde eine solche Unternehmung an die Unmöglichkeit grenzen. Auch noch diesen Vortheil würden die Schilde geben, daß man hinter ihnen Alles etwas besser vor dem Feinde verbergen könnte, was man eben in dem Moment vor ihm geheim halten will. Mit gesenktem Gewehr kann man hinter einer Fronte von Schilden alle mögliche Veränderungen machen, ohne daß man in einiger Entfernung auf der Ebene etwas davon gewahr werden könnte, welches hinter einem Treffen bloßer Männer nicht so leicht geschehen kann. Auch könnte man den Schild zur bessern Fußung unten vielleicht mit einer etwas scharfen Spitze versehen und die σισηρα χογχος oder den ferreus umbo ebenfalls mit einer scharfen Kegelspitze erhöhen, damit das Eindringen desselben desto gefährlicher und der Widerstand gegen denselben desto schwerer würde. Polybius sagt von diesem Schildbuckel – σιδηρα χογχος, ή τας όλοσχερεις άποστεγει πληγας λιδων χαι σαρισσων, χαι χαδ' 'ολον βιαιων βελων. Diese Absicht würde auch bei uns noch nicht ganz wegfallen, da dieser Theil des Schildes die edelsten Theile des Körpers bedeckt, so daß also hier der größern Gewalt der Kugel eine größere Stärke des Widerstandes entgegengesetzt würde. Ueberdies scheint diese Vorkehrung bei den Alten auch noch eine andere Ursache gehabt zu haben, die ich weder bei dem Polybius noch bei irgend einem andern Schriftsteller angeführt finde; nämlich da der Schild vermittelst des Porpax am linken Arme hing, so scheint dieser ferreus umbo durch seine Schwere das Centrum gemacht und also zum bessern Gleichgewicht beigetragen zu haben, zumal da auch an dieser Stelle nach der ganzen Maschinerie der Waffe die größte Gewalt sowol im Tragen als im Schlagen auszuhalten war. Die größte Wohlthat aber des Schildes, und wo er unstreitig in seiner höchsten Würde erscheint, ist die Beschützung und Rettung einzelner wackerer Männer, die ohne ihn ein Raub des Todes oder des Feindes wären oder nur mit Aufopferung mehrerer anderer ebenso wackerer Männer gerettet würden. Υπερασπιςειν χαι σωξειν τινας των πολιτον χαι συμμαχων sagt, däucht mich, Polybius; und man kann vielleicht nichts Größeres zur Ehre des Schildes sagen. Die Beispiele dieser Art in der Geschichte sind überall sehr zahlreich, und ich will hier nur das einzige sehr bekannte des braven ehrwürdigen Sokrates anführen, der bei Potidäa seinen jungen Freund aus der Schlacht trug. Wir vergessen, daß er Alcibiades rettete und vielleicht die Pest des Vaterlandes zurückbrachte; es ist genug, er rettete einen Bürger, und es war schon damals unter Menschenkennern ausgemacht, dieser junge Mann werde, sei es im Guten oder im Bösen, nichts Mittelmäßiges werden. So wie das Leben dieses liebenswürdigen Alten eines der merkwürdigsten und lehrreichsten ist, so ist vielleicht dieses einer der schönsten Momente dieses Lebens. Daß die Lanze durch ihre Länge und Leichtigkeit und Beweglichkeit im Faustgefecht den Vorzug vor unserm Bajonnett haben würde, ist wol kaum zu bezweifeln, da es selbst in der neuern Kriegsgeschichte noch Beispiele des Uebergewichts dieser Waffe giebt, wenn es zum Handgemenge kam. Bei den alten Dichtern stand dieselbe in so großem Ansehen, daß sie oft vorzugsweise einen Krieger nur αίχμητης nennen; Shakespeare hat also in dieser Rücksicht einen der schönsten Namen, der Lanzenschwinger . Man denke sich die Stellung: die Linke schützt, die Rechte schlägt; und schon deswegen wird die Bewegung an Schnelligkeit gewinnen, weil nicht beide Arme mit dem ganzen Körper zugleich nach einem Punkte hinarbeiten dürfen, sondern blos die Rechte den Stoß führt und wiederholt. Mich däucht, keine unserer jetzigen Schlachtordnungen würde einer so bewaffneten eindringenden Last widerstehen können, wenn sie ihren Vortheil mit Entschlossenheit, Geschicklichkeit und Behendigkeit zu gebrauchen verstände. Die Behandlung der Lanze mit dem Amentum würde, so wie jetzt die Sachen stehen, gar nicht nöthig sein; wenn sie aber nöthig würde, so könnte diese Uebung, wodurch man die Waffe einigermaßen zur fern-treffenden machte und sie durch Zurückziehung beständig doch auch zur nahen statarischen brauchte, ihr noch eine neue Furchtbarkeit geben. Ich spreche überall durchaus nur von dem Faustangriff, den ich allein für entscheidend halte, und der so schnell als möglich herbeigeführt und so schnell als möglich geendigt werden muß. Vielleicht wendet man hier ein, was schon manche Verfechter des Pulversystems mit anscheinender Humanität vorgebracht haben, daß ein solcher Kampf wieder weit blutiger sein und unendlich mehr Menschen kosten würde. Diese Einwendung ist Sophisterei. Im Kriege will man Entscheidung; Entscheidung wird bewirkt durch unwidersprechliches Uebergewicht eines Theils, das Uebergewicht durch Vernichtung der größten Menge oder gänzliche Entkräftung. So lange der Feind Kräfte fühlt und Verstärkung hoffen kann, ist er nicht besiegt. Der Mann stirbt muthiger und besser und würdiger in dem Gefühl und der freien Anstrengung seiner Kraft, als wenn er das Opfer eines blind fallenden Glücks ist. Es ist mehr Humanität, wenn ein einziger blutiger Tag entscheidet, als wenn Jahre in Druck und Elend hingezogen werden. Wer in dem Moment der großen Krise am Besten und Sichersten morden kann, ist der beste Menschenfreund; er führt den Zweck des Kriegs, den Frieden, am Thätigsten herbei. Diese Krise ist die traurige Collision der Menschennatur, wo vorher jede gütliche Rechtspflege mit ihren Aussprüchen unkräftig war. Wehe dem Mann, der diese Momente zur Plage der Menschheit aus irgend einer glänzenden oder schmutzigen Leidenschaft verlängert! Er verdient, daß kein Rechtlicher ihn achtet, daß ihm sein Pfühl keine Ruhe giebt, daß ihm Dolchspitzen aus der Mauer drohen, daß er in jedem Menschenantlitz einen Henker sieht, daß der Genius des Geschlechts alle Harpyien an seiner Seele nagen läßt. Die Menschheit verstummt in dem Moment der Entscheidung, oder der Krieg wäre ein Widerspruch mit seiner Natur; wo sie länger verstummt, als es durchaus nothwendig ist, sind die Krieger feige Niederträchtige oder wilde Cannibalen. Wir müssen uns dem Glück so viel als möglich zu entziehen suchen; das will unsere Vernunft, das ist das Resultat der besten Psychologie. Nur durch Gebrauch und Anstrengung der Kraft gewinnt der Muth seine Festigkeit und ein Gleichgewicht, das weder Sieg noch Tod aus dem Angel hebt. Man macht der Versuche so viele, die alle auf viel schwankendern Hypothesen beruhen als diese Forderung; warum sollten wir nicht auch hier, in einem der wichtigsten Vorfälle des Lebens, einmal unsere ganze Kraft sammeln, wäre es auch nur, um zu sehen, wie weit wir die Alten zurückgelassen haben oder hier hinter ihnen zurückstehen? Man wende nicht ein, daß das Menschengeschlecht an seiner Kraft so herabgeschwunden sei, daß unser Schädel den Helm, unser Arm den Schild nicht mehr tragen könne und unsere Rechte die schwere Lanze nicht mehr zu schwingen vermöge. Eine solche Behauptung wäre Frevel und Blasphemie gegen die plastische Natur. Wir sind gewiß noch die Nämlichen, sobald wir nur wollen. Was würde ein alter Liburner Bootsmann von unsern übermenschlichen Kräften denken, wenn er ein englisches Linienschiff der ersten Größe sähe? Der Schild wird unser Gewehr nicht sehr viel überwiegen, das doch ein Mann tagelang in der ungemächlichsten Lage tragen muß. Uebung und Anhaltsamkeit vermehrt die Kräfte unglaublich. Ich bin fest überzeugt, ein römischer Tiro würde es anfangs ebenso schwer finden, unser Gewehr zu tragen und zu handhaben, als unsere Rekruten, den römischen Schild zu führen. Beide müssen es lernen. Die alten Waffen hatten vor Allem auch schon den Vortheil, daß ihr Gebrauch die Kräfte des Körpers mehr ins Gleichgewicht setzte. Der Soldat zog sie an wie seine Kleider, sagt Cicero; und Derjenige, von dem man dieses nicht sagen konnte, gehörte gewiß noch zu den Tironen. Arma induere ist nicht allein bei den Dichtern, sondern auch hier und da bei den Geschichtschreibern der feierliche Ausdruck und scheint vorzüglich das Wohlthätige der Schutzwaffen anzuzeigen. Cicero fordert von dem Krieger, daß er seine Waffen mit der nämlichen Festigkeit und Leichtigkeit brauche, als ob sie Glieder seines Körpers wären; und ob er gleich selbst eben kein sehr ausgezeichneter General war, so wußte er doch von der Sache wie fast von allen Dingen sehr richtig und gut zu sprechen. Wie sollte er auch nicht eine giltige Stimme über einen Punkt haben, der jedem jungen Römer wie das Alphabet bekannt sein mußte? Unser Gewehr hängt mit seinem ganzen Gewicht und seinem ganzen Gebrauch fast allein nur dem linken Arme zur Last und schwächt daher auch vorzüglich nur die linke Seite. Es ist vielleicht als ein Zeichen dieser Schwäche bei unsern Armeen schon eine alte Bemerkung, daß der Mann fast immer nach dem Gewehre hängt, welches sich auch im Gange zeigt. Aber eine ebenso gemeine Erscheinung ist es auch, daß von dieser übertriebenen örtlichen Anstrengung alte Soldaten vorzüglich im linken Arme die Gicht bekommen. Der übrige Körper und besonders der rechte Arm hat verhältnißmäßig nicht genug zu arbeiten. Uebrigens hat vielleicht die ganze alte Bewaffnung in allen ihren Wendungen keinen so schwierigen Moment, als wenn bei der unsrigen ein Soldat nur eine Minute im Anschlage liegen soll. Die Sache läßt sich sehr leicht mechanisch berechnen, und ich habe Leute von ungewöhnlicher Kraft gekannt, denen diese Anstrengung sehr viel kostete. Es giebt bei uns nur selten Officiere, die das Mechanische der Waffenübungen aus eigener hinlänglicher Erfahrung kennten und das Wesentliche und Notwendige von der überflüssigen kleinlichen Schulmeisterei gehörig unterschieden; es ist also nicht selten, daß eine ganze Compagnie bei verdrießlichen Rekrutendemonstrationen, die man an den Corporal weisen sollte, bis zum Angstschweiß jämmerlich mit Tempos geplagt wird, die nur erst durch Schnelligkeit leicht und nützlich werden. Zu diesen Tempos gehört nun wol das Anschlagen nicht ganz, da man doch einen Augenblick Zeit nöthig hat, um dem Schusse einigermaßen die nöthige Richtung zu geben, daß die bezweckte Wirkung wahrscheinlich werde. Aber wenn man es zu sehr dehnt und auspredigt, werden die Muskeln des linken Arms zu einer furchtbaren Ermattung angestrengt; und ich weiß mehrere Beispiele, daß das Bajonnett auch Leuten zu Boden sank, die keine Schwächlinge waren. Nichts umsonst! ist im Kriegshandwerke mehr als in irgend einem andern ein nothwendiger Grundsatz, und wer das Gegentheil glaubt und thut, gehört auch hier zu den kleinlichen Autoschediasten. Nun wird man mit der Frage kommen: »Gesetzt, wir sichern uns auch mit riesenmäßiger Anstrengung gegen die Wirkung des kleinen Feuers; womit schützen wir uns gegen die Artillerie?« Artillerie gehört gar nicht mehr zu dieser Abtheilung des Kriegs; Kanonen sind ein ganz anderes Feld. Unser Geschütz ist an die Stelle des alten Tormentenwesens getreten; und hier sind wir durch Hilfe der neuen Physik den Alten ohne Zweifel furchtbar überlegen. Gegen Artillerie ist nur mit Artillerie zu fechten, wenn man sie beschwichtigen und nicht mit einem gewagten Fauststreich sich ihrer bemächtigen will. Gegen Kanonen brauche man Kanonen und gegen Kartätschen Kartätschen. Ein Kartätschenschuß ist unstreitig die entsetzlichste Erfindung, die von der menschlichen Natur zu ihrer eigenen Zerstörung gemacht worden ist. Die Erfindung ist freilich so leicht und so natürlich, daß von der Kugel zur Kartätsche kein anderer Uebergang ist als von der Einheit zur Mehrheit; und mich wundert, daß man nach dem Beispiel der Jäger die Kartätschen bis jetzt noch nicht auf das kleine Gewehr angewendet hat, um die Wirkung desselben zu vergrößern. Es ist der nämliche Grund, und die nämlichen Mittel, freilich nicht ganz so mörderisch, liegen am Tage. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Humanität das Hinderniß gewesen sei. Ein Dutzend Wolfshagel über eine Paßkugel würden eine stattliche Gewehrkartätsche machen und die Wirkung des Schusses außerordentlich vervielfältigen. Man will ja nicht, daß die Kugel tödte; sie soll nur ihren Mann verwunden, ihn zum weitern Gefecht untüchtig machen und ihn aus der Linie bringen; und in dieser Rücksicht würde vielleicht durch Anordnung einer solchen Methode die Humanität noch gewinnen. Der Wunden würden mehr, aber der tödtlichen weniger. Ich habe gehört, daß die französischen Jäger im vorigen Kriege bei einigen Gelegenheiten den Anfang dazu gemacht und ihre Kugeln zur Ladung geviertheilt haben. Aber wozu so viel Mühe, da man es kürzer haben kann, und da überdies jede andere Form den Gewehrlauf mehr angreift und verderbt als große oder kleine Kugeln? Barbarei wäre es, wenn man dadurch die Wunden nur schmerzlicher und langwieriger machen wollte; denn merklich gefährlicher werden sie nicht. Gegen Kanonen kann man also in die Länge nur mit Kanonen schlagen. Das ändert aber in der Sache nichts und hebt den Vortheil der Schußwaffen gegen das kleine Feuergewehr nicht auf. Ich darf auch hier sogar behaupten, daß ein Kartätschenschuß einer beschildeten Front nicht so viel schaden wird als einer andern mit bloßer Brust. Eine scharfe Kartätschenkugel wird allerdings durch den Schild schlagen und den Mann darunter schwer beschädigen oder gar tödten; aber hätte sie wol weniger gethan, wenn dieser Widerstand nicht da gewesen wäre? Die schwächere wird aber zurückprallen und ohne Wirkung sein, die ohne diesen Schutz manchen gesunden Knochen hätte zerschlagen können. Die Unordnung, die ein Kartätschenschuß unter den Schilden anrichten kann, ist nicht größer, als sie auch unter unbedeckter Mannschaft sein würde. Eine kleine Kugel in ihrer Kraft giebt einem Manne unter dem Helme, wenn dieser nur einigermaßen fest ist, einem betäubenden, vielleicht gefährlichen Schlag; aber sie würde in der nämlichen Richtung Jeden ohne Helm getödtet haben. Wenn ein Kartätschenschuß den bloßen Kopf trifft, ist wol jedem Wundarzt die Arbeit erspart; aber wenn ihn der Helm schützt, kann der Mann gegen einen schwächeren Schuß vielleicht mit einer Quetschung durchkommen. Die Beispiele sind nicht ganz selten, daß Officiere durch ihre Ringkragen gerettet worden sind, von welchen die Kugel zurückfuhr. Dieses Diminutivschildchen ist höchst wahrscheinlich noch ein Ueberrest des alten Thorax, daher man es auch mit richtiger Analogie im neuern Latein nur pectorale nennt. Der General Dombrowski wurde im vorigen Kriege in Italien, ich glaube bei Trebia, durch Schiller's dreißigjährigen Krieg geschützt, den er in der Tasche des Oberrocks trug, und der General Igelström in Warschau durch den Stern auf der Brust, der aus Silberplatten bestand. Beide Vorfälle weiß ich aus dem Munde der Männer selbst und habe vom Ersteren in Rom das Exemplar des Buchs selbst gesehen, das die Kugel zwar ziemlich tief, aber doch nicht ganz durchgeschlagen hatte. Wenn solche Kleinigkeiten Rettung geben können, warum sollte man nicht auf Mittel denken, sich wesentlich zu schützen? Muth ohne Gedanken auf Sicherheit ist nicht von der wahren Art und ziemt höchstens nur dem gemeinen Krieger, der die Sorge für seine Sicherheit in die Hände des Anführers niedergelegt hat und pflichtmäßig unbedingt dessen Befehl vollzieht. Wenn Schild und Helm ihre Beschwerde haben, so lohnen sie auch reichlich dafür. Man setzt sich dadurch keiner größern Gefahr aus; aber man wendet viele Gefahren ab. Jeder Angriff wird dadurch erleichtert und jeder Rückzug weniger gefährlich gemacht; davon bin ich so fest überzeugt, daß ich mit der Bewaffnung, wie ich sie mir classisch denke, jeder noch so gut bewaffneten und noch so fertig geübten Linie des neueren Systems von nicht zu großer Überlegenheit ruhig entgegengehen würde. Der Synaspismus der Alten ist bekannt und mußte bei Angriffen und Vertheidigungen den Feinden eine furchtbare bewegliche eherne Mauer sein; und vorausgesetzt, daß wir das Nämliche mit Geschicklichkeit, Kraft und Nachdruck ausführten, müßte das Nämliche gegen Reiterei und Batterien und selbst wol bei Ersteigung der Festungen, wo bekanntlich der Schuß sehr wenig entscheidet, die nämliche unwiderstehliche Wirkung hervorbringen. Nichts würde diesen Synaspismus brechen können als Kanonenkugeln und der Kernschuß der Kartätschen; aber diese sind ohne ihn von noch weit schrecklicherer Wirkung. Die Lateiner nannten diese Zusammenschildung, deren Wirkung außerordentlich gewesen sein muß, mit einem sehr originellen Ausdruck Testudo, eine Schildkröte, und, si parva licet componere magnis , nichts konnte passender sein. Wie dieses Thier unter seinem natürlichen Schutze so lange gegen seine Feinde geschirmt ist, bis eine stärkere Gewalt seine Schale zertrümmert, so konnten unter dieser Anordnung die Krieger mit der ganzen Masse ihrer Kraft sicher auf einen Punkt wirken, bis eine größere Kraft diese Schildmauer brach, welches nicht so leicht war und jetzt, die Artillerie abgerechnet, noch schwerer sein würde als ehemals. Die gleichen Vortheile der Kanonen mitgenommen, halte ich also Schild und Helm und Lanze für das robur exercitus , bei dem die Alten billig so kühn und unerschrocken waren, und denke, daß unser kleines Feuergewehr nur zu den Velitationen gehört; daß es zwar die Schleuderer und Bogenschützen sehr übertrifft, aber gegen die Waffen der Hopliten in Männerhänden wenig vermag; man müßte denn auf den Faustangriff Verzicht thun und nur aus der Ferne fechten wollen. Aber diese Gefechte sind eben nichts als Velitationen und entscheiden nichts. Dieses wären also die Waffen des Fußvolks. Ob die Reiter durch den Gebrauch der alten Waffen der Reiterei gewinnen würden, oder ob der Vortheil dem Aufwand von Kosten und Kräften hinlänglich entsprechen dürfte, darüber wage ich keine Stimme, zumal da ich überhaupt, nach einem ziemlich aufmerksamen Studium in der Kriegsgeschichte, nicht sehr geneigt bin, der Reiterei im Kriege vielen Vortheil zuzugestehen. Wenigstens kann ich mich nicht überzeugen, daß das außerordentlich starke Verhältniß der Reiterei zum Fußvolke, welches man gewöhnlich auf den dritten Theil ansetzt, am Vorteilhaftesten berechnet sei. Von den ältesten Zeiten bis zu den neuesten herab hat man den Waffen des Fußvolks die Gerechtigkeit der Meinung widerfahren lassen, daß sie den Krieg entschieden. Ueberall; von Cyrus an bis auf Friedrich den Zweiten, warf die Reiterei nur die Reiterei, und nirgends hat man Beispiele, daß die beste Reiterei gegen eine gewöhnlich gute Infanterie durchgedrungen wäre, wenn diese nicht vorher von der Artillerie so eingebrescht war, daß sie sich nicht mehr stellen konnte und also außerdem schon über halb verloren war. Wo die Infanterie gegen die Reiterei verlor, war sie also entweder schon vorher von Kartätschen zu Grunde gerichtet, oder sie hatte keine guten Anführer, oder sie taugte selbst nichts und konnte oder wollte ihre Schuldigkeit nicht thun. Ueberall finden wir bei dem Cäsar und Polybius, wo in Geschwindigkeit nur mit Reiterei ein Streich ausgeführt werden sollte und nicht konnte, die Klage, wir hatten keine Infanterie. Die gegenseitige Klage über Mangel an Reiterei fand nur selten statt und hieß dann nirgend etwas Anders, als: wir konnten den Vortheil, den wir gewonnen hatten, nicht so gut und schnell genug benutzen, weil die Reiterei nämlich sich geschwinder bewegt. Man kann vielleicht bemerken, und ich bin nicht der Erste, der dieses thut, daß von der Periode an, wo der Gebrauch der Reiterei im Kriege das Uebergewicht über den Gebrauch des Fußvolks erhielt, bei jeder Nation die Kriegszucht bald in Verfall gerieth, und nie waren diejenigen Nationen entschieden furchtbar im Kriege, deren Stärke vorzüglich die Reiterei ausmachte. Die Zeit der späteren Griechen und Römer und unsere Ritterzeit war durchaus nicht die Zeit der ernsten Kriegszucht und der berechneten Taktik, so wenig als der liberalen Philosophie. Wir finden zwar, daß die Athenienser auf Antrieb ihrer Demagogen zur Zeit des peloponnesischen Kriegs es zu einem Glaubensartikel ihrer Politik machten, mehr Reiterei zu haben, und auch Xenophon suchte sich auf seinem Rückzuge mehr Reiter zu verschaffen; aber bei ihnen waren die Reiter bei Weitem nicht in dem großen Verhältniß der Zahl und zu einem andern Behufe, zu dem eigentlichen Zwecke, zu dem sie ihrer Natur nach zu passen scheinen: zu schnellen Velitationen, zur Säuberung der Gegend von kleinen Schwärmen der Feinde, zur geschwinden Besetzung wichtiger leerer oder schwach verteidigter Stellen, bis man sie ernster vertheidigen konnte, und um die Nachlese des Siegs zu halten. Wo die Reiterei die Reiterei schlug, war damit noch nie etwas Entscheidendes für die Schlacht gethan; und die Alten und Neuen erwähnen es immer nur als einen Umstand, der gute Hoffnung gab, weil es dem ganzen Heere, der eigentlichen Stärke des Streits, Muth machte und den Feind etwas in Furcht setzte. Es ist selbst nach dem Geständiß enthusiastischer, sehr guter, muthiger Reiter entschieden gewiß, daß die Reiterei gegen gut eingearbeitete und fest entschlossene Infanterie nie etwas Wesentliches unternehmen wird, und wo es in der neuen Kriegsgeschichte das Gegentheil zu sein scheint, war das Fußvolk, wie oben erwähnt wurde, entweder schon von der Artillerie zusammengeschossen, oder es war nichts werth. Mir scheint es hinlänglich erwiesen zu sein, wenn man einige kleine Vortheile nach dem schon erfochtenen Siege aufgiebt und abrechnet, daß die Reiterei von wenigem Nutzen sei, wenigstens nicht die Dienste leiste, die eine wohl eingerichtete Infanterie mit der Hälfte der Kosten doppelt gewährt. Das Ueberflügeln der Reiterei kann nichts Fürchterliches haben, wenn die Flügel mit hinlänglichen Batterien gehörig besetzt sind, die von entschlossenen muthigen Bataillonen vertheidiget werden. Die geworfene Reiterei macht nur desto größere Unordnung und sammelt und formirt sich in der Nähe des Feuers unter dem panischen Schrecken der Thiere bei Weitem nicht wieder so geschwind als das Fußvolk, ob sie sich gleich sodann schneller bewegen kann. Der Nutzen der Reiterei besteht also vorzüglich in schnellen Recognoscirungen, im Reinhalten der Gegend von kleinen Streifzügen, in Unternehmung solcher Züge selbst und in Präoccupirung schicklicher Posten, bis man sie durch Infanterie und Artillerie hinlänglich besetzen kann. Das sind die Reiter überall gewesen, wo Taktik und Disciplin auf einem etwas höheren Standpunkt waren, und nur der Verfall der Kriegswissenschaft konnte sie im Mittelalter auf die erste Stelle der Armeen bringen. Das Feuergewehr hat sie noch mehr in Nachtheil gesetzt, da die Thiere nur mit vieler Mühe in dem Grade zum Angriff gewöhnt werden können, daß sie sich bei der mörderischen Wirkung desselben und dem panischen Schrecken davor mit Richtigkeit und Ruhe behandeln lassen. Ehemals schwieg der Donner, und gegen den Lärm der Schlacht war das Roß noch bald hinan zu zwingen, und so konnte der Gladius zuweilen immer noch den Schaft der Lanze des Schildsoldaten entzwei hauen und den Vortheil weiter verfolgen. Jetzt ist es ein Wunder, das an die Fabel grenzt, wenn man erzählt, daß ein Türke mit seinem Damascenersäbel den Gewehrlauf eines russischen Grenadiers von einander gehauen habe. Die Fälle sind gewiß äußerst selten und machten dann nur den Gewehrlauf zum fernern Feuergebrauch untüchtig, raubten aber nicht dem Manne den Gebrauch seines Bajonnetts, auf welches hier das Meiste ankommt. Die einzige Methode, wodurch die Reiterei auch zur ernsthaften Entscheidung fähig gemacht wird, ist, wenn sie mit sogenannter reitender Artillerie von hinlänglicher Stärke und Fertigkeit versehen wird; ein Gedanke, dessen Wichtigkeit man jetzt überall zu fassen und zu verfolgen scheint. Ob man nun die Reiter zu ihrem jetzigen Behuf so bloß ohne Schutzwaffen hinstellen und handeln lassen solle, mag ich nicht entscheiden. Mir scheint es, daß die alten Kataphrakten, wenn man sie nicht allzu schwer machte und aus eben diesem Grunde mit einem gut eingerichteten Helm versähe, immer noch von sehr großem Nutzen sein würden. Auch hört man, daß man hier und da den gehörig modificirten Gebrauch derselben wieder hervorsucht. Unser Küraß ist zwar nicht ganz der Thorax der Alten, aber für unsern Reiter doch wol das beste Surrogat desselben, wenn man ihm nicht die Parma zurückgeben will, die ihm vielleicht wenig helfen dürfte, da seine ganze Wirkung mehr auf Schnelligkeit und der Gewalt des Angriffs beruht, und da der Mann fast mehr für sein Thier als für sich selbst besorgt zu sein Ursache hat. Warum man aber der Reiterei, die man gegen Infanterie brauchen will, nicht die lange Lanze läßt und sie nicht in dem Gebrauche derselben anhaltsam übt, kann ich nicht begreifen, da es doch leicht einzusehen ist, welchen nicht gewöhnlichen Vortheil eine so entscheidende Waffe, gut geführt, bei Angriffen geben muß. Zur Vertheidigung mit derselben dürfte es vielleicht seltener der Fall sein, doch fehlt es nicht an Beispielen, daß sich Kosacken und Ulanen bei einzelnen kleinen Gefechten einen großen Vortheil damit zu verschaffen wußten. Wenn es auf irgend eine Weise möglich ist, mit Reiterei entscheidend gegen Infanterie zu wirken, so muß es mit der Pike, verbunden mit reitender Artillerie, geschehen; doch habe ich noch nirgends gehört, daß je etwas Nachdrückliches auf diese Weise schon damit versucht und ausgerichtet worden sei. Man hat zwar einigemal einige Kosackenpolks abgerichtet, mit der Pike in geschlossener Linie zu reiten und den Angriff zu machen; aber man ist bis jetzt nicht sonderlich glücklich gewesen. Mann und Roß scheint bei dieser gemischten Nation einen so großen angebornen Respect vor dem Schusse zu haben, daß man mit einer einzigen Kartätsche zuweilen einem ganzen Regimente die Richtung rückwärts giebt. Auch die preußischen und polnischen Ulanen haben bis jetzt gegen die Infanterie mit der Pike noch nichts versucht. Was damit zu versuchen wäre, überlasse ich entschlossenen und geschickten Reitern zu erwägen. Wenn es mit dieser Waffe nicht geht, Pistolen und Säbel werden der guten Infanterie nie gefährlich werden; und die Thiere werden schwerlich jemals dahin gebracht werden, mit dem Choc durch eine festhaltende Feuerlinie mit Bajonetten zu brechen. Ob dem Cavalleristen nicht auf alle Fälle auch ein guter Stoßdegen vortheilhafter wäre als die Schneidewaffe, bedürfte einer genauen Untersuchung. Beides zu vereinigen, hat man mit Recht hier und da der schweren Cavallerie noch spitzige Seitengewehre gelassen; aber bei Weitem der größte Theil hat Seitengewehre in Säbelgestalt, die zum Stoß sehr wenig geschickt zu sein scheinen, und doch verhält sich beständig der Stoß zum Hiebe wie die gerade Linie zur krummen. Freilich gehört zum Stoß, in Vertheidigung und Angriff, mehr Geschicklichkeit und Uebung, aber es ist auch darin mehr Wirkung und Sicherheit, wie die Erfahrung durch mehrere Beispiele lehrt. Noch im siebenjährigen Kriege gaben davon ein Beispiel bei der alliirten Armee die sogenannten Bückeburger Eisenmänner, eine Art von Kataphrakten, die den Franzosen anfangs so furchtbar waren, daß man fast kein Commando gegen sie vorwärts bringen konnte, bis der französische General seinen Dragonern gegen dieselben lange Stoßdegen gab, mit denen sie ihnen französisch sehr geschickt durch die Schienen die Rippen trafen. Von dieser Stunde an waren sie nicht gefährlicher als die Uebrigen. Daß unserer Infanterie kein Degen und überhaupt kein Seitengewehr mehr nütze, seitdem man das Gewehr mit dem Bajonnett bewaffnet hat, ist eine ziemlich ausgemachte und anerkannte Sache. Wenn der Mann sein Bajonnett verloren hat, ist er selbst verloren; und es wird ihn wol schwerlich irgend eine andere Handwaffe retten, die dem Säbel ähnlich wäre. Das hat man so allgemein gefühlt, daß man in den meisten Armeen dem Musketier dieses überflüssige Instrument abgenommen hat. Zwar setzt sich noch überall der alte eingewurzelte Ehrgeiz gegen die Abgabe; aber warum soll der Soldat ein unnützes lästiges Instrument tragen, das ihm durchaus von gar keinem wesentlichen Vortheil sein kann? Die Engländer, die Franzosen, die Russen und die Oestreicher haben es nach guter Berechnung abgelegt, und ich zweifle nicht, daß die Uebrigen nach und nach allmählich auch folgen werden. Den Grenadieren läßt man das Seitengewehr zu gewissen Behufen billig noch; aber dann muß man es anders modificiren, als man es gewöhnlich findet. Es muß dem Gladius der Römer näher gebracht werden. Weil sein Gebrauch meistens nur in Faschinenhauen und ähnlichen Verrichtungen bestehen kann, muß es Masse und Gewicht haben. Nur bei wenigen Truppen ist es zweckmäßig dazu eingerichtet. Bei den Russen hatten es einige Grenadierregimenter von dem Fürsten Potemkin erhalten, der überhaupt in dem Wesen des Dienstes mehrere sehr wohl berechnete Einrichtungen getroffen zu haben scheint, die ihm seine Feinde und Neider nicht gern zugestehen wollten. Im Gefecht sind sie durchaus von keinem Gebrauch, und so fürchterlich sie aussehen, ist es doch noch keinem Grenadier eingefallen, an sie zu denken, wo er sein Bajonnett haben konnte. Aber bei Feldbefestigungen zu Faschinenbinden und bei Verhauen können sie in den Händen der Menge von großem Nutzen sein. Für den Mann mit dem Feuergewehr ist also, wenn er sein Bajonnett verloren hat, wol das einzige Heil eine besonnene Flucht; aber den Schildträgern würde man, auch auf den Fall des Verlusts der Lanze, zum Gefecht solche gladienähnliche Instrumente immer mit Vortheil lassen, da ihr Schild ihnen den Gebrauch derselben bei mißlichen Lagen sehr erleichtern würde. Wenigstens ist mehr Wahrscheinlichkeit des Nutzens da als bei Leuten ohne alle Bedeckung gegen die längern Stoßwaffen. Es sei mir nun noch erlaubt, auch Einiges über militärische Kleidung hinzuzufügen, da dieser Gegenstand gewiß einer ernsteren Ueberlegung würdig ist, als es anfangs scheinen möchte. Von den Alten haben wir über militärische Kleidung nicht so viel Nachrichten, als es vielleicht der Antiquar wünscht; denn für die neuen praktischen Maßregeln dürfte, vorzüglich in unserm Klima, wol wenig davon brauchbar sein. Daß die Römer ihr kürzeres Kriegskleid hatten, das sie Sagum nannten, ist so bekannt, daß sich jeder Schüler sprichwörtlich daran erinnert. Die römische Nationalfarbe war wie an der Toga des Friedens also auch hier weiß, oder vielleicht ohne Walke weißgrau, die den Schmutz am Wenigsten sehen ließ. Es versteht sich, daß auch die Abzeichnung der Prätexta nach den verschiedenen höhern Militärgraden wie im Civil stattgefunden haben wird, und das purpurne Paludamentum war ausschließlich dem Feldherrn eigen. Von den Spartanern lesen wir, daß sie im Felde die rothe Farbe trugen, um das Blut, das nothwendig fließen mußte, weniger in die Augen fallen zu lassen; eine psychologische Maßregel, die dem Muth der Nation keinen Eintrag thut, sondern ihr vielleicht mehr Ehre macht, da sie durch dieselbe sogleich an die Blutfarbe gewöhnt wurde. Mich däucht, daß dieses ein Grund ist, der bestimmen kann, diesem alten unerschrockenen kriegerischen Völkchen in diesem Punkte nachzuahmen. Die alten Römer und Griechen trugen in ihrer schönen Zeit keine Beinkleider. Das ist so bekannt, daß die Dichter die Barbaren nur gentes braccatas, behosete Völker, nannten; und in diesem Sinne wären freilich die Sanscülotten ganz ächte Republikaner. Ich nehme gern an, daß unsere heutige europäische Kleidung auch den Bedürfnissen des Kriegs am Angemessensten ist; wenn sie nur so modificirt wird, daß sie dem Endzweck des Feldzugs gehörig entspricht. Daß sie so ästhetisch sei oder es je werden könne, wie die der Alten es war, läßt sich wol nicht behaupten. Eine Kleidung, die keinen reichen Faltenwurf erlaubt, kann nie sehr ästhetisch schön werden. Von der militärischen Kleidung wird vorzüglich gefordert, daß sie den Körper gehörig warm halte und bequem sei, daß sie sich leicht und schnell anlegen lasse, und daß sie den Mann in keiner seiner militärischen Functionen hindere. Welche von unsern militärischen Kleidungen diesen Forderungen am Meisten entspräche, oder wie das Fehlende am Zweckmäßigsten ersetzt werden könnte, wäre allerdings eine Untersuchung, deren sich auch ein König nicht schämen dürfte; wenn man nur immer auf das wahre Bedürfniß und den richtigen Endzweck sähe und nicht vorzüglich hier die Oekonomie bis zur kleinlichen Kärglichkeit triebe. Es ist vielleicht nicht zu tadeln, wenn man, wie es jetzt in dem Preußischen geschehen soll, das Kamisol zu ersparen sucht und nur die Flügel an den Rock näht; aber desto gewissenloser ist es, wenn dieses Kleidungsstück so schlecht und knapp und ärmlich geliefert wird, daß es kaum die Blöße deckt und vorzüglich den Unterleib leiden läßt, aus welcher Vernachlässigung ganze Cohorten Krankheiten und besonders die fürchterlichen Koliken und Ruhren herkommen, die oft bei den Armeen mit der Wetterveränderung zur Herbstzeit eintreten. Daß in mehreren Armeen die Bekleidung den Hauptleuten überlassen ist, hat noch die üble Folge, daß sie selten strenge nach den Gesetzen besorgt wird. Der Vortheil theilt sich, und die Theilnehmer halten desto mehr zusammen, und es ist in Verwaltung der militärischen Justiz bei gewissen Gelegenheiten noch so wenig Menschlichkeit und Ehrgefühl, daß die Rechtschaffenheit die Zähne knirschen möchte. Jeder gemeine Soldat, der sich bestimmt Gerechtigkeit verschaffen will, muß entschlossen sein, seinen Kopf für seine und seiner Kameraden Sache in die Schanze zu schlagen, und hat immer noch nicht viel Hoffnung wahrer Hilfe. Es giebt mehrere Beispiele, daß Klagen bei Höheren mit Grausamkeit zurückgewiesen worden sind, und daß man der vermessenen Kühnheit, Gerechtigkeit zu fordern, mit der Bütteldespotie der Stockschläge Einhalt that. Die Obern sollten zur Rettung ihrer eigenen Ehre dergleichen Verbrechen an der Menschheit jederzeit strenge untersuchen und ahnden und es nicht der Willkür Derer überlassen, die hier in ihrer eigenen Sache Richter sind; welches bei allen Völkern, keine Barbaren ausgenommen, für eine Rechtsinconsequenz gehalten wird. Diese Malversation geschieht vorzüglich mit Hemden und Schuhen, zwei Kleidungsstücken, die dem Manne so wichtig sind, und von deren Güte oder Untauglichkeit so viel von seinem Wohlbefinden abhängt. Als ich noch bei der Armee bekannt war, habe ich darüber leider Erfahrungen gemacht, die nicht selten mein Gefühl empörten. Oft ist einem Manne das jämmerlich kurze Hemde aus den Beinkleidern gefahren, indem er sich bei irgend einem Tempo oder zu irgend einem Behuf bücken mußte; und wehe Dem, der es gewagt hätte, eine Beschwerde vor die Behörde, vielleicht gar vor der Front, zu bringen, wo doch durchaus rechtlich das Forum des Soldaten ist! Der wäre geradezu ein Meuter und Majestätsverbrecher, den sodann die Chicane zur ewigen Qual verdammt. Die Behörde giebt still einen gelinden Verweis, und der Richter übt in der eigenen Sache willkürliche Barbarei. Es soll mich freuen, wenn man jetzt ähnliche Klagen zu führen nicht mehr Ursache hat. Von allen Vorkehrungen zur militärischen Kleidung ist mir die russische unter dem Fürsten Potemkin als die beste und zweckmäßigste vorgekommen, weil sie alle Forderungen am Besten erfüllte. Es ist bekannt, daß der Fürst nicht willkürlich allein seinen Einfällen folgte, sondern Officiere um Rath fragte, die mit den Einrichtungen aller guten Heere bekannt waren, und daß also von Allem das Nützlichste und Zweckmäßigste ausgesucht wurde. Das Meiste und Ausgezeichnetste scheint er, mit einigen kleinen Veränderungen, von den Engländern und vorzüglich von den Bergschotten genommen zu haben. Der Mann trug nach der Potemkin'schen Ordonnanz auf dem Kopf eine Kaske, deren höchste Zweckmäßigkeit ich nicht untersuchen will, die aber gewiß die beste war, die man in neuern Zeiten irgendwo gebraucht hat. Der hohe eiserne Bogen, mit Pferdehaar oder Wolle umwunden, sicherte ziemlich gegen jeden Säbelhieb, und das Stirnblech that ziemlich jeder Kugel Widerstand, die nicht zu scharf war; daß also diese Kaske als Kopfbedeckung und Schutzwaffe zugleich angesehen werden konnte. Ueber dem Kamisol war eine kurze, aber völlige warme Leibbedeckung, Kurtka genannt, die den ganzen obern Körper von allen Seiten reichlich umhüllte und nichts Ueberflüssiges gab. Die Beinkleider bestanden in Schariwary oder langen, den ungarischen ähnlichen Hosen und Halbstiefeln. Diese Schariwary schlossen sehr schicklich gemessen unten über den Halbstiefeln den Fuß gehörig fest ein, damit ihn auf dem Marsche weder Staub noch eingefallene Steinchen beschweren möchten; und selbst der Regen konnte nur mit Schwierigkeit und nur erst, wenn er längere Zeit anhielt, eindringen. Es ist für die Fußbekleidung immer eine Hauptsache daß der Fuß von allen Seiten fest verwahrt sei und vorzüglich nicht von den beständig einfallenden kleinen Steinen leide, welches die englischen Fußgänger, auch außer dem Militär, wohl erwogen zu haben scheinen. Auch die gewöhnlichen Kamaschen erfüllen ziemlich diese Absicht, wenn nur ihr Anlegen nicht zu viel Zeit erforderte, da doch Zeitersparniß bei dem militärischen Anzug eine Hauptsache ist. Das Haar war ordentlich, nicht gar zu kurz abgeschnitten und reinlich gekämmt, so daß ich nie eine ernstere, kriegerischere, männlichere Erscheinung gesehen habe als ein damaliges russisches Grenadierbataillon, das zum Schlagen fertig unter den Waffen stand. Es ist in der That keine unästhetischere und zugleich zweckwidrigere Erscheinung, als wenn ein Krieger ein schönes Haupthaar sclavisch in einen steifen Zopf gezwungen und in Seitenlocken verwirrt, verkleistert, gebacken und eingemehlt trägt. Bei der Reiterei mag der dicke Zopf mit einer eingelegten Eisenstange vielleicht noch zuweilen einen Säbelhieb abwehren; aber bei der Infanterie ist durchaus kein Zweck dieser Zeit-, Talg- und Mehlverderbung zu finden, die überdies der Reinlichkeit eben nicht sehr behilflich ist. Es ist nichts Seltenes, daß ein Soldat über eine halbe Stunde an seinem Zopfe wickelt und über seinen Locken drechselt und stufenweise dann von dem Corporal bis zum Hauptmann oder wol gar von einem Kleinmeistermajor die herbsten Verweise oder vielleicht thätliche Züchtigung erhält, daß er– keine Haarkräuslertalente hat. Es scheint, als ob man die Würde und den Ernst eines Kriegers durch dergleichen Quisquilien mit Gewalt zur Kleinlichkeit eines Jungfernknechts herabsetzen wollte. Wenn man nun weder Kasket noch Mütze haben will, – unsere Grenadiermütze ist ein solches mißgebornes Kasket, die wol kaum die Absicht erfüllt, das Ansehen des Mannes kriegerischer zu machen, so ist doch immer ein runder Hut jeder dreieckigen Ausgabe vorzuziehen. Abgerechnet, daß er besser gegen Sonne und Regen schützt, da man gegen die Witterung den Soldaten vielleicht absichtlich nicht zu viel schützen will, giebt er ein schönes, ästhetisches, leicht bewegliches Ansehen. Aber was das Vorzüglichste ist, er ist durchaus im Tragen und Handhaben des Gewehres nicht hinderlich, welches bei den großen dreieckigen Hüten kaum vermieden werden kann, wenn man sie auch noch so gezwungen auf das rechte Ohr pflanzt. Wenn auch der Mann durch Haken und Schnur und Maschinerie seinen Hut noch mehr befestiget, so wird er doch nicht selten dadurch beschwert, wenn er das Gewehr auf der Schulter so tragen soll, daß es ihm bequem und seinem Nachbar oder Hintermann nicht hinderlich ist. Es versteht sich, daß der Rand des runden Hutes nicht so groß sein darf, daß daraus her nämliche Vorwurf entsteht, den man dem dreieckigen macht. Der vorige König von Preußen scheint das Nachtheilige der dreieckigen Hüte empfunden zu haben, da er die beiden Seiten so sehr verkürzen ließ und dafür hinten und vorn einen Aufschlag machte, der die Unbequemlichkeit in der Waffenübung aufhob. Dawider war allerdings durchaus nichts zu sagen; warum er aber nicht lieber gleich die runde Form nahm, anstatt eine so widrige Gestalt zu schaffen, begreife ich nicht wohl. Am Richtigsten und zugleich am Geschmackvollsten scheinen die Spanier die Hüte berechnet und genommen zu haben, da sie den runden Rand nur auf einer Seite, nämlich auf der Gewehrseite aufheften lassen. Dadurch erhält er eine der schönsten Gestalten, die nur in Gellert's Hutmetamorphose vorkommen können. Diese aufgestutzte Seite mit einer Feder versehen, wie es bei ihnen gewöhnlich ist, giebt dem Kopfputz eine kriegerisch leichte Zierlichkeit, die dem ehemaligen Feuer der Nation und ihrer alten Galanterie ganz entspricht und in der Waffenübung durchaus nicht hindert. Wenn man es also auch nicht wagt, zu den alten schweren Schutzwaffen, deren Vorzug doch ziemlich mathematisch klar ist, zurückzugehen, sollte man doch unsere neuern Waffen selbst und die Kleidung noch besser nach der Mechanik und vorzüglich nach der Mechanik des menschlichen Körpers einrichten, um dadurch den größten möglichen Vortheil zu erlangen. Ohne meine Gedanken anmaßlich hartnäckig zu behaupten, habe ich sie Kennern und Männern von Einsicht mit der nämlichen Offenherzigkeit zur Würdigung vorgelegt, mit welcher ich über andere nicht minder wichtige Gegenstände zu reden gewohnt bin. Jeder giebt seinen Scherf und sucht nach seinen wahren oder vermeinten Kräften zur Verbesserung dieses oder jenes Faches beizutragen. Wenn etwas nicht geschieht, ist es deswegen kein Beweis, daß es nicht geschehen könnte und sollte. Mancherlei Verhältnisse, Verflechtungen und Absichten und Collisionen erklären, warum nicht immer das Beste gewählt wird. Praefatio ad fasciculum observationum et conjecturarum in locos Plutarchi difficiliores. Veritatem sequi et colere, justitiam tueri, omnibus aeque bene velle ac facere, nil extimescere.   Diese merkwürdige freimüthige Vorrede zu einer ungedruckt gebliebenen gänzlich verloren gegangenen philologischen Arbeit Seume's durch den Druck verbreitet zu sehen, war bis in seine letzten Lebensjahre Seume's lebhafter Wunsch, dessen Verwirklichung ihm jedoch ungeachtet aller Bemühungen nicht vergönnt war; kein Buchhändler konnte dieselbe drucken lassen, weil kein Censor die Erlaubniß dazu gab. Erst lange nach Seume's Tode ist sie vollständig veröffentlicht worden und findet sich zuerst 1826 in dessen Werken. Wir geben von derselben auch eine correcte deutsche Uebersetzung.   Jam dudum est, es quo et loqui Latine et scribere desii: sed quoniam moris est, ut, qui cum doctis viris aliquid communicare velint, Latine id faciant, tentandum, an ex longa desuetudine si quid unquam Romani in me fuit, id possit reviviscere. Homini, qui multum terra jactatus et alto, qui a literis quinque jam lustra remotus nunc tandem postliminio rediit, condonandum puto, si paulo in rebus austerior, durior in verbis, in dictione obsoletior, homini, cui praeter veritatem et justitiam, et publice et privatim, alia norma nulla. Si ad agendum honeste civi esset tempus et locus, nunquam ad mere legendum et scribentum accessissem: sed is est jam seculi nostri genius, immo cacodaemon, ut viro probo et veritatis amico praeter literas solatii relinquatur nil: literae vix, nisi quis sit pro divino veritatis numine audax et in omnia ultima paratus. Patria – horresco verba – patria jam nulla est, exterus nos habet penitus, misit sub jugum, sub furcam. Rhenus jam noster non est, non Moenus, non Visurgis ... ubi nostri patres cum Arminio Romanos ... anceps Danubius, Albis anceps, jam Catti sunt nulli, periere Cherusci, Bructerus non est. Nullum jam est patriae castellum, oppidum nullum, quod exteri summa cum suberbia non tenuerint, non teneant. Nostri ubique strati, caesi, fugati, ludibrio habiti, seu sub vexilis perigrinorum, quae barbara apud nos est gloria, vere servientes: ubique populi nostri strages, publica vituperia, vulnera, dedecora. Germani in visceribus Germanorum caeco cum furore grassantur, odiis sese mutuo acerrimis insectantur, dilaniant, ut omnes aeque prae stupiditate exteris fiant ludibrio. Cives trucidantur sine judicio. Fruges nostrae a milite consumuntur peregrino, vinolento, violento, sanguinolento, agricolae aeque ac oppidani male habentur, ubique pauperies. Victorum protervitas effrenata usque ad feritatem immanem, virgines ingenuae raptae, violatae et foeda morte, foedius quam bruta possunt, infectae, stercore sepultae et fimo, ut horrendorum criminum tegeretur atrocitas atque infamia: puellae vi publica, ex via, interdiu, palam, in claustra vigiliarum ad cupidinem militum tractae, non exierunt. Fuit humanitas ille furor et lenitas Tillii, Parthenopes eversoris infaustissimi, si ad nostra tempora conferas. Unde haec omnia? Quorsum evadent? Vappa jam sumus et saburra inter populos: nil potest jam dici Germano nomine vilius, abjectius, servilius. Quaenam est causa et origo horum tantorum innumerorum malorum, quae patriam communem premunt, pessundant, evertunt? Jamjam medela non est: eo lapsi sumus miseriarum, stultitiae, delirii! Haec est illa scilicet praerogativarum, exemtionum, privilegiorum tabes, contagio, pestis, pernicies. Quisque sibi, patriae nemo. Ut quisque obolo plus valet, privilegia captat, ut caeteros vexet, deprimat, pro stipite habeat et fungo. Una est justitia, una libertas, jus aequum omnibus: apud nos more plus quam barbaro justitiae vocantur et libertates omnis libertatis et justitiae et rationis publicae eversio atque interitus. Haec est illa lues; hinc illae lacrimae! Ubique apud nos adfectationes despoticae, regna, dominationes, dynstiae, comites, barones, barbara nomina ut res; imperium legitimum civile et militare nullibi; nullibi civitas! Civitatis nomen crimen est, civis opprobrium. Ut quisque rationem justam et popularem libere loquitur, ad vesanos detruditur in ergastula. Tota juris publici nostri congeries semibarbarorum consulta, qui armis rem gerunt, non sana ratione: leges plurimae, multorum camelorum onera, iniquitatis documenta manifestissimae, ut quae plerumque omni sano fundamento destituantur et mucrone scribantur, non liberali justitia. Ex barbarie emergere non potuimus; ideo, ut in servitutem incideremus, necesse fuit. Populus sit unus, unum imperium, una potestas publica, una auctoritas atque majestas pariae! Ex illo jam inde tempore patria nostra perire coepit, ex quo principes nostri ac proceres ex numero civium sese eximere conati sunt: exitium certum fuit, ubi perfecerant. Ubi unitas interiit, unio difficilis ac paene desperata. Discordia jamjam res maximae dilapsae sunt; id quod columen decusque olim populi nostri, veritatis cum constantia et intrepiditate amantissimus Lutherus suo jam tempore vidit et querelas movitinanes. Nunc jam habemus principum catervas et nobilium agmina, quibus nunc in orbe nil potest esse ignobilius: patria cecidit. Principes nostri jam sunt praetoriani atque satellites exterorum, et quod apud eos est ignominiosius, novorum hominum, quos ante haec quinque lustra prae stolida superbia ne mensa, ne verbo quidem dignati fuissent. Factum est, quia illis justitia antiqua et aequitas nil erant, nil erat populus. Omnia reditus, vectigalia, fastus, superbia, potentia impotens: bonum rei, reipublicae omnium ultimum. In palatiis et praetoriis clausi obsidebantur ab aulicis, hominibus nauci saepe ac sycophantis: interea ab omni parte contumeliose negligebatur misera plebecula, exagitabatur, vapulabat. Nulla publica virtus, ubi res publica nulla! Ubi populus mere in patrimonium redit et hereditatem, actum est libertate, de justitia, de omni sana ratione politica; vesania regnat, servitus adest. Dignitas quidem imperatoria, ut molimina dissidorum periculosa vitentur, potest hereditate transmitii; populus nusquam, nusquam sumi pro re. Dominium in res est, nunquam peronarum dominus. Est in humana natura illud divini numinis lumen atque jubar, ut qui libertatem tollere audeat, piaculi crimine et sacrilegio summi sceleris omni teneatur generi hominum. Centies hoc palladium evertas impie, centies splendidius majore cum gloria resurget. Qui de libertate Germanica hariolati sunt, quid sibi voluerint, haud noverunt. Libertas est civium in civitata, et honorum et onerum in summum reipublicae bonum exaequatio. Apud nos nil non iniquum. Fuit illa nostra laudata libertas principum saepe in omnes sine lege saevita, nobilium in plebejos et rusticanos protervitas atque procacitas, privilegorium commercium turpe, exitiosissimum, populi ad sentinam depressio. Quis enim quaesirit apud nos in viro virtutem, constantinam. doctrinam, merita? Domos, prosapias, patres, opes suspiciebant, apud quos rerum erat potestas. Non viri quaerebantur muneribus publicis sapientes, fortes, ad officia praestanda idonei; sed munera saepissime filioles patriciorum pusionibus. Imberbes nobiles omnem saepe plebem, gravissimos viros prae se fastidiose contemnunt, quia scilicet illis virtute et sapienta non admodum opus est ad rempublicam ex hereditate capessendam, quam nunc jam in dies magis magisque insipiendia atque ignavia pessundare visi sunt. Sat fuit patre satum esse nobili, matre certe, ut qui lapis super lapide sedebat, caeteros depelleret, pro sevitiis haberet et macipiis. Ubi ad sustentandam communem patriam tributa pendere necesse erat, ut quisque erat potentior atque nobilior, immunitatem clamitabat et exemtionem, quo rerum ordine nil potuit excogitari pestilentius, nil flagitiosius. Consiliorum publicorum summa apud nos est: nos volumus, ut vos detis ac faciatis, nos, qui sumus nati ad fruges consumendas; nos – poma natamus. Ea demum est sana et firma et sibi constans administrationis publicae ratio, ubi, ut quisque possidet in civitate, ita et onera fert sine invidia aeque semper cum omnibus. Impia est et vesana illa possessionum distributio, in fundos liberos immunes scilicet, et tributis subjectos. Quod communi oneri subjectum non est, in re publica non est: inconsulta omnis exemtio et imprudens et perniciosa. Ut maximum populi robur existat in maximis periculis, maximae quaeque scilicet possesiones liberantur; qua liberatione nil potest inveniri injustius, nil exitiosius. Haec perversa vocabularum interpretatio omnem ex jure publico sensum communem sustulit et nequitiam pro aequitate invexit. Ubi aequitas ex lege sublata, de jure non amplius quaerendum; vi et ferro res agitur, et omnia praecipitantur in ruinam. Bonum ordinem saepe vocant, quo ad salutem et securitatem nil pejus; et quietem et pacem, quae sunt ad mortem patientia atque desidia. Periculosam malo libertatem, ille dixit civis eximius, quam quietam servitutem. Ex Romanis et Graecis patriae et libertatis amor et virtutis studium et gloria peti possunt ac debent; juris notiones ac primae regulae non aeque. Ubi servus ex lege nascitur vel fit, antiquae justitiae nil est. Paucorum virtus alta ad tanta fastigia rem vexit: jus hominis primitivum apud illos vix notum. Ipse divinus ille Plato pessime rempublicam instituere voluit, qui servos, plus quam tres populi partes, ad labores cogeret, nil aliud illis permittens, nescio quo jure, qua fretus regula. Quos si quis Spartacus animosus atque intrepidus ex ergastulo ducit, id jure facit optimo et nugas evertit academicas. Nemo cogi potest, ut pro alio opus faciat, nisi voluerit. Servus natura nemo, nec lege fieri potest, etsi sexcenties Aristoteles, Macedonum parasitus, tyrannidis praeceptor, ore dixisset rotundo, qui hac doctrina Aeschistotelis nomen potius commeruit. Nemo mere et absolute plus alio potest; et omnis juris fons in prima aequalitate et antiqua aequitate consistit, id quod omnis historia et omnium linguarum consensus docere videtur. Systema igitur juris primitivi ex antiquis erui non potest, exemplis illustrari optime. Virtutis apud illos fuit plus quam apud nos est eruditionis, sed merito majore in pretio prior. Absit, ut unquam ad illorum revertamur gurgites vastos; sed fortia eorum habeamus pectora! Hostes nostri nullo modo incusandi: honeste nobiscum egerunt; honestius paulo, quam nostri cum illis erant acturi. Regna scilicet dudum inter sese diviserant peregrina, nil curantes jus et aequum inter populos, impotentiam suae naturae sequentes. Jam talio rediit majore com exitio. Libertas vicit et ratio melior, quae et ipsa jamjam in pejus ruere minatur. Exteri sunt domini in patria ubique: nostrum nemo ne hiscere, ne mussitare quidem audet. Sit fas, sit nefas, omnia miscentur; Germani amplius nil est; nostri nominis origo nobis vituperio. Ejiciuntur nostri praefecti sen coguntur, ut castra sequantur victorum. Ob tyrannidem domini jam servi facti sunt et inanem cum nimbo gloriolam captant ex ipsa patriae miseria. Ubique rex, dynasta, barbare princeps cum satellite, jam ipse satelles, immunitas, exemtio, privilegium; civis et civitas nusquam. Ubi onera publica ferenda, ditissimus ac nobilissimus quisque, provilegiis munitus insulsissimis, refragatur fortiter. Haec est illa scilicet nobilitas, ob quam factum est, ut nostra ja nobilitata sit ignominia. Apud illos nobilium greges toga sagoque omnis fuit dignitas, ob quam indignissime miseris modis periimus funditus. Qui non erat nobilis, erat servitium; ideo factum est, ut nobilibus nostris jam nil sit servilius. Ruat patria, dummodo nostra privilegia salva sint; serviamus servitutem abjectissimam, dummodo sint, qui nobis serviant turpius! Terra jam humilitatem et servilem nostram adulationem non capit; coelum ipsum petimus stultitia. Quid populus valeat cum duce strenuo legitimo, hostes jam satis docuerunt; quid duces eorumque stolida ambitio sine populo, nostro casu illustratum. Roboris nil erat, quia non unio, non publica justitia, quia opulentissimus quisque inutile pondus in patria, quia sapiens consensus nusquam. Ultimus ac vilissimus quisque ad arma cogebatur, quae salutem communem tueri debebant; civium nil erat. Miles gregarius, quo nil sanctius in re publica, quia in eo robur ac tutamen patriae, indignis modis habebatur ubique. Non vitibus sed baculis, non baculis sed fustibus a balbutientibus nobilium adolescentulis ad stipendia trahebantur misera. Hic erat campus, ubi vesana patriciurum stoliditas in perniciem patriae grassaretur. Legis auxilium miseris nullum; fistigatio continua, ubi indoles paulo liberalior. In fatis erat: labora ut plores, plora ut vapules; exitiosa iniquitas, quae fructus tulit omnibus debitos: cinis et umbra sumus. Quaecunque apud nos evenerunt, facta sunt principum et potentiorum cum privilegiis. Nostras nos miserias non hostibus, sed nostris magistrabitus debemus majoribus. Illi scilicet non magistratus, sed mercatores provinciarum, vectigalium exatores iniqui ac tributorum, omnis aequitatis eversores. Nunc habent, quod a multis seculis sibi parare non desierunt: cum servis serviunt, quia cum liberis libere vitam degere non voluerunt. Sub legibus patriae aequis esse recusarunt; nunc ferunt, quae ab exteris scribuntur. Dicto sunt audientes peregrinis, patriam traxerunt in exitium et ruinam, quia aequitatem in civitate cum imperio legitimo oderant. Hostes, dico, non incusandi: redditerunt facta grandia pro minis inanibus, pro mala voluntate vindictam gravissimam. Callide nos deceperunt, ut hostem licet, vicerunt in acie fortiter, prudenter depresserunt, ne quid virium resurgat, astute curaverunt. Inimicitia gravis, amicitia gravior, Romana scilicet foedera: quorum sunt amici, eorum sunt et domini. Haec omnia praevidenda erant, sed non praevisa. Proceres nostri inter sese certamen habuerunt non justitiae sed fastus, non virtutis sed superbiae, non boni consilii sed impotentiae. Vina, venationes, veneres, immo scorta in deliciis; in his aemulatio maxuma. Non duces fuerunt, non judices, sed arbitri elegantiarum et lautitiarum exquisitissimi. Ubique apud eos aulici morum pravitate conspicui, milites gloriosi, immo soldurii gnathonici, deliciis diffluentes, a quorum protervitate et ferocia vix quisquam tutus, qui contra sedulos inoclas et qietos agricolas audacissimi, contra hostium arma ignavissimi, immo, ubi mucrone res agebatur, fugacissimi. Bella nostra jam nil nisi magna dedecora; vix unus et alter, qui se vere virum praestiterit. Praefecti generosissimi et legati illustrissimi, qui noster est servilis loquendi usus, munitissima et omnibus rebus instructissima castella tradiderunt hostibus, nullo periculo facto, ita ut ipsi gregarii ob rei infamiam obstupescerent. Post Fridericum Borussum pauci admodum, qui ex nomine Germanico in annales publicos honorifice referantur. Nulla fuit aetas, quae pulcriora tulerit verba: natio sumus rhetorum, mimorum, musicorum, philosophorum; sed cauponum, puto, et ardelionum, qui clamant, cursitant – nihil agunt. Fides cum privata publica evanescit; amici ditantur amicorum spoliis; ubique fraus morumque pravitas. Est fama malum in terris; evanuit antiqua honoris sanctitas. De coelo detraxit philosophiam ille Socrates, civis optimus; nostri sapientiam de terra in coelum remigrare cogunt superstitionibus. Omnis deletur religio religionibus. Nos reses sumus, et vix numerus. Ideo jam ingruit ex septentrione dura cum servitute barbaries; ex meridie dominium quidem paulo mitius, sed servitus non minus periculosa, ignominiosa magis. Quis contradicere audeat? Nos sumus opprobrium; nil nisi praeda sumus. Spes vana, ubi nulla sana ratio, ubi omnes omnem aeque justitiam liberalem et virtutem aniliter extimescunt misere. Sapere non sumus ausi; nunc jam vix juvare potest, etsi audeamus. Privilegiis res maximae corruerunt, nullae stabilitae. Periere privilegiis Persae, periere Graeci, post Graecos Romani; omnes hac insania usque ad mortem laborarunt. Pleonexia et pleonectemata, quocunque voces vocabulo, ubique exitiosa: immunitas libertatis labes, crimen flagitiosissimum, civitatis carcinoma. Aristi et optimates in contemtum omnis sensus communis, pessime adpellantur, omnis rationis melioris eversores. Intercidit omnis antiqui juris fons atque origo; eruditione obruimur atque barbarie. Inter nos qui docti vocantur et literati, omni honestiorum laudum amore vacui, quisquilias tractant et futilitates, de nugis et rebus inanibus pugnantes, quae ad nostra nil faciunt. Hostis omnia habet, distrahit, miscet et, quod est nostri dedecoris cacumen, nil potuit mutare in pejus. Omnia nunc apud nos peregrina; qidquid patrium est, vilipenditur, ridetur, illuditur. Omnia Napoleontos plena, a columna Gadana usque ad Tanaim; omnia unius solius torquentur numine. Gyaris est dignus, immo sacrilegus duplici plectendus morte, qui contra pingue hebesque nostrum ingenium et exterorum versutias verbo hiscere audet. Patrius sermo, gravis virorum priscorum oratio, jam proxime erit vere vernaculus, non nisi vernis in usu scilicet, cum, qui optimi haberi volunt et pessimi habentur, ex longo jam inde tempore et patriam linguam et exterorum mala cum barbarie balbutiant. Militant ut loquuntur, loquuntur ut sapiunt: pessime. Post secula, immo seculum, Alsatia erimus et Lotharingia, et Curonia et Livonia cum Sarmatis, qui, cujates sint et quibus annumerentur, miseri jam omnes nesciunt. Perfecit hoc apud illos nobilium vesania; brevi apud nos perficiet. Nos non ab hostibus, sed a nostratibus nos pessundati, apud quos rerum erat potestas; misere periimus nostra imprudentia, desidia, ignavia, quorum omnium fons praecipuus et origa privilegium et injustitia. Μονον το ίδον διχαιν, sapienter dictum est ab antiquo; χαι νομος λεγεται άπο τον τα ίαπ νεμειν; et sola illa aurea isonomia et isotimia civitates fundare et stabilire et firmare et servare possunt. Qui vir melior est, semper est meliore conditione et sibi et patriae, ut fert natura hominum; sed qui privilegia clamitat et proteremata nunquam non deterior, nunquam non pestilentior. Quae medela esse potuerit, obvium est: libertas, virtus, justitia, aequitas universa, quarum omnium vix nomina apud nos habuimus. Nunc jam Hannibal non ante portas, sed in capitolio. Dixi, lector, et salvavi animum, si animam non possum. Ad Plutarchum pauca. Meae omnes qualescunque animadversiones locos spectant, qui, quantum sico, ab interpretibus nondum sunt satis explicati. Quae mihi in legendo occurrerunt, notavi, scripsi; et sic tibi habe! Quocunque vis modo, mihi est curta supellex. Editio fuit novissima Hutteniana, notitia literaria, ut mihi quidem videtur, satis copiosa. Magni non facio, quae proferre sum ausus: non enim sum is, qui pro ratione vitae peractae inter viros doctos gloriam sectari debeam. Si paucula placent, satis habeo. Hujusce fere modi nutulae aqud me sunt in schedulis in oratores et poëtas Graecos fere omnes, sed minus numerosae et minoris momenti, quam quae hic publici juris feci. Inter mortuos cum Thucydide et Tacito et Plutarcho apud Marathonem et Salamina jam honestissimus est vivendi modus, ubi dignitati et majestati patriae amplius nil possit navari. Attamen Είς οίωνος άριστος άμυνεσδαι περι πατρης. Scripsi Cal. Jan. MDCCCVIII.   Uebersetzungen Vorwort zu einem Bändchen Bemerkungen und Conjecturen zu schwereren Stellen des Plutarch .   Der Wahrheit treu sein und sie verehren, die Gerechtigkeit bewahren, gegen Alle ebenso wohl gesinnt sein als handeln, vor Niemand sich fürchten.   Es ist schon lange her, daß ich aufgehört habe, Lateinisch zu sprechen und zu schreiben; aber da es die Sitte mit sich bringt, daß, wer der gelehrten Welt etwas mittheilen will, dies lateinisch thut, so muß ich versuchen, ob, was ich etwa einstmals von Römischem besessen habe, nach meiner langen Entwöhnung davon wieder zum Leben aufwachen kann. Einem Manne, der zu Lande und zu Wasser weit umhergetrieben und, ein Vierteljahrhundert hindurch von wissenschaftlicher Thätigkeit entfernt, jetzt endlich einmal zu ihr zurückgekehrt ist, darf man, glaube ich, zu Gute halten, wenn er in sachlichen Dingen etwas herbe, in Worten hart und in der Schreibweise veraltet ist, einem Manne zumal, für den es im öffentlichen und im Privatleben keine andre Richtschnur giebt als Wahrheit und Gerechtigkeit. Wenn es für einen Bürger Zeit und Raum zu ehrenvollem Handeln gäbe, so hätte ich mich niemals allein auf Lectüre und schriftstellerische Thätigkeit eingelassen; aber das ist schon der Geist oder vielmehr der böse Dämon unsers Jahrhunderts, daß für den rechtschaffenen und wahrheitsvollen Mann kein Trost außer den Wissenschaften übrig bleibt, und selbst diese kaum, wenn nicht Jemand für die göttliche Macht der Wahrheit kühn und auf alles Aeußerste gefaßt ist. Ein Vaterland – mich schaudert, es zu sagen – ein Vaterland haben wir nicht mehr; der Fremde hat uns gänzlich in seiner Gewalt, hat uns unterjocht, zu Sclaven gemacht. Der Rhein, der Main sind nicht mehr unser, nicht die Weser, wo einst unsere Vorfahren mit Arminius die Römer vernichteten; unsicher sind Donau und Elbe; Hessen giebt es nicht mehr, zu Grunde gegangen sind die Cherusker, der Brukterer existirt nicht mehr. Schon giebt es keine Feste und keine Stadt des Vaterlandes, welche die Feinde nicht mit dem äußersten Uebermuthe in Besitz behalten hätten und noch behielten. Ueberall sind die Unsrigen zu Boden geworfen, niedergemacht, in die Flucht geschlagen, verhöhnt, oder sie dienen – ein Ruhm, der der Barbaren würdig ist – im eigentlichen Sinne als Sclaven unter den Fahnen der Fremden; überall sehen wir Niederlagen unsers Volkes, tadelhaftes Verhalten der Staaten, Schädigung und Schmach. Mit blinder Wuth schwelgen Deutsche im Blute ihrer Landsleute, verfolgen und verzehren sich wechselseitig in dem glühendsten Hasse, so daß alle in gleicher Weise in Folge ihrer Sinnlosigkeit dem Fremden zum Spotte werden. Bürger werden ohne Urteilsspruch niedergesäbelt. Unsre Feldfrüchte verzehrt der fremde, gewaltthätige, wein- und blutdürstige Soldat; Bauer und Bürger erfahren gleich schlechte Behandlung, überall herrscht Armuth. Die zügellose Schamlosigkeit der Sieger geht bis zu unmenschlicher Grausamkeit. Keusche Jungfrauen sind geraubt, geschändet und durch einen schmählichen Tod, einen schmählicheren, als ihn unvernünftige Thiere geben können, besudelt, nachher in Mist und Unrath begraben worden, damit das Gräßliche und Ruchlose schauderhafter Verbrechen verborgen bliebe; Mädchen, mit offener Gewalt von der Straße am hellen Tage vor Aller Augen zur Wollust der Soldaten in die Wachlokale geschleppt, kamen nicht wieder zum Vorschein. Schonung und Milde war, mit unsrer Zeit verglichen, die Wuth Tilly's, des so unheilbringenden Zerstörers von Magdeburg. Woher kommt das Alles? Was wird daraus werden? Schon sind wir der verdorbene Wein und Ballast unter den Völkern; schon kann man nichts Wertloseres, Verächtlicheres, Sclavischeres aussprechen als den deutschen Namen. Welches ist denn aber die Ursache und der Ursprung dieser so großen und unzähligen Uebel, die unser gemeinsames Vaterland bedrängen, zu Grunde richten und schließlich vernichten? Eine Heilung giebt es schon nicht mehr; so weit sind wir in Elend, Sinnlosigkeit, ja Wahnsinn versunken. Ja, diese Fäulniß, Seuche, Pestilenz und Vernichtung ist eine Folge der Prärogative, der Ausnahmezustände und der Privilegien. Jeder für sich, Keiner für das Vaterland. Je mehr Vermögen Jemand besitzt, um so mehr strebt er nach Privilegien, damit er die Uebrigen quälen, unterdrücken, wie Klötze und Dummköpfe behandeln kann. Es giebt nur eine Gerechtigkeit, eine Freiheit, nämlich gleiches Recht für Alle; bei uns nennt man in mehr als barbarischer Weise Gerechtigkeiten und Freiheiten Alles, was Vernichtung und Untergang der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Gemeinwesens ist. – Das ist unser Elend, daher unsre Thränen. Ueberall giebt es bei uns despotische Ansprüche, Königreiche, Herrschaften, Dynastien, Grafen, Barone: Namen, barbarisch wie ihre Bedeutung; einen gesetzlichen bürgerlichen und militärischen Oberbefehl giebt es nirgends, nirgends eine Bürgerschaft. Der Name Bürgerschaft ist ein Verbrechen, der Name Bürger eine Schande. Wer von einem gerechten, das Volk zufriedenstellenden Verfahren spricht, wird zu den Rasenden in die Arbeitshäuser gejagt. Die ganze Anhäufung unseres öffentlichen Rechtes besteht aus Bestimmungen von Halbbarbaren, die ihre Aufgabe mit Waffengewalt, aber nicht mit gesunder Vernunft ausführen; die meisten Gesetze, an denen viele Kameele zu tragen hätten, sind Beweise der offenbarsten Härte, da sie meistentheils jeder gesunden Grundlage entbehren und mit dem Schwerte, aber nicht mit wohlwollender Gerechtigkeit verfaßt werden. Aus der Barbarei haben wir uns nicht emporheben können; daher war es nothwendig, daß wir in Knechtschaft versinken mußten. Eins sei das Volk, eins die Oberherrschaft, eins die Staatsgewalt, eins die Autorität und die Majestät des Vaterlandes! Schon von der Zeit an begann unser Vaterland dem Untergange entgegenzugehen, als unsre Fürsten und Adeligen es wagten, sich aus der Zahl der Bürger auszuscheiden; der Untergang war sicher, als sie es ausgeführt hatten. Sobald die Einheit verloren gegangen war, mußte die Einigung schwer und fast hoffnungslos sein. Durch Zwietracht aber sind schon die größten Staaten zerfallen. Das erkannte der Mann, der einst die Stütze und der Ruhm unsers Volkes war, der der Wahrheit standhaft und unerschüttert anhängende Luther, schon zu seiner Zeit und stimmte fruchtlose Klagen an. Jetzt haben wir Haufen von Fürsten und Schaaren von Edelleuten, während es auf der Welt nichts Unedleres als diese geben kann; das Vaterland ist dahin. Unsre Fürsten sind Leibwächter und Trabanten von Fremden, und was bei ihnen die Schande noch erhöht, von Emporkömmlingen, die sie vor fünfundzwanzig Jahren nicht an ihre Tafel gezogen, ja nicht eines Wortes gewürdigt hätten. Es ist so gekommen, weil ihnen die alte Gerechtigkeit und Billigkeit und das Volk überhaupt für nichts galt. Bei Allem handelt es sich nur um Einkünfte, Zölle, Pracht, Hochmuth, ohnmächtige Schaustellung von Macht; das Wohl des Staates ist das Letzte von Allem. Eingeschlossen in ihren Palästen und Schlössern, wurden sie von Hofleuten, die oftmals nichtsnutzige und intrigante Menschen waren, umlagert; inzwischen wurde das elende Volk vernachlässigt, geplagt und geschlagen. Tugenden für das Gemeinwesen giebt es nicht, wo es kein Gemeinwesen giebt. Wo das Volk rein zum persönlichen Eigenthum und Gegenstande der Erbschaft wird, ist Freiheit, Gerechtigkeit und jede gesunde und rationelle Politik verloren: der Wahnwitz herrscht, die Knechtschaft ist da. Zwar kann die Kaiserwürde, damit man gefährliche Anlässe zu Spaltungen vermeidet, durch Erbschaft übertragen, nirgends aber darf das Volk, nirgends als Sache angesehen werden. Der Begriff Eigenthum erstreckt sich nur auf Dingliches; niemals giebt es einen Eigenthümer von Personen. In der menschlichen Natur liegt jener Strahl und Glanz göttlicher Macht, daß Jeder, der die Freiheit aufzuheben wagt, vor dem ganzen Menschengeschlechte als der Schuld einer bösen That und dem Sacrileg des größten Verbrechens verfallen erscheint. Aber mag man dies Palladium auch hundertmal mit ruchloser Hand zerstören, hundertmal wird es mit größerem Glanze sich wieder erheben. Diejenigen, welche über die deutsche Freiheit phantasirt haben, wußten nicht, was sie wollten. Die Freiheit ist die Gleichheit der Bürger im Staate, die Gleichberechtigung für Ehrenstellen und zu Lasten zum höchsten Besten des Gemeinwesens. Bei uns ist nichts gleich. Jene unsere gepriesene Freiheit bestand nur in häufiger ungesetzlicher Grausamkeit der Fürsten gegen Alle, in dem Uebermuth und der Anmaßung des Adels gegen Bürger und Bauern, in einem schändlichen, im höchsten Maße verderblichen Handel mit Privilegien und in der allertiefsten Erniedrigung des Volkes. Denn wer hätte bei uns nach Tüchtigkeit, Standhaftigkeit und Verdiensten eines Mannes gefragt? Auf das Haus, die Familie, die Eltern und den Einfluß sahen Diejenigen, welche das Heft in den Händen hatten. Für die Staatsämter suchte man nicht verständige, tüchtige, den Geschäften gewachsene Männer, sondern jene wurden am Häufigsten den unreifen Söhnen der Vornehmen übertragen. Bartlose Jünglinge mißachten oft übermüthigerweise im Vergleich mit sich das ganze Volk und die würdigsten Männer; denn sie selbst bedürfen freilich nicht in hohem Grade der Manneskraft und der Weisheit, um ein Amt des Staates auf dem Wege der Erbschaft anzutreten, des Staates, von dem man gesehen hat, daß sie ihn von Tag zu Tag mehr und mehr durch ihre Thorheit und Untüchtigkeit zu Grunde richten. Es genügte, einen adeligen Vater oder wenigstens eine solche Mutter zu haben, damit Derjenige, der wie ein Stein auf dem andern saß, die Uebrigen wegscheuchte, sie als Knechte und Sclaven betrachtete. Sobald die Nothwendigkeit eintrat, zur Erhaltung des gemeinsamen Vaterlandes Steuern zu entrichten, schrie ein Jeder, je mächtiger und vornehmer er war, um so mehr nach Steuerfreiheit und Exemtion – die verderblichste und schändlichste Ordnung der Dinge, die man sich denken kann. Die Leitung der Staatsverhältnisse ist in unserer Hand. Wir wollen, daß Ihr gebt und arbeitet, wir, die wir dazu geboren sind, die Früchte zu verzehren – wir, das feine Obst, schwimmen oben. Das erst ist eine gesunde, beständige und gleichmäßige Methode der Staatsverwaltung, wenn Jeder je nach seinem Besitze im Staate, ohne sich zu beschweren, ebenso wie alle Anderen die Lasten trägt. Ruchlos und unsinnig ist jene Eintheilung der Besitzthümer in freie, unbesteuerte Grundstücke und solche, die Abgaben unterworfen sind. Was der gemeinsamen Belastung nicht unterworfen ist, gehört nicht in den Staat; jede Befreiung ist unüberlegt, unklug und verderblich. Dazu, daß bei den größten Gefahren das Volk in seiner größten Stärke hervortrete, entlastet man wol gerade die größten Besitzungen! Nichts ist ungerechter, nichts verderblicher als diese Entlastung. Diese verkehrte Auffassung der Begriffe hat allen gesunden Menschenverstand aus dem öffentlichen Rechte herausgebracht und Schändlichkeit statt der Gleichheit eingeführt. Sobald aber die Gleichheit aus dem Gesetze herausgebracht ist, braucht man nach dem Rechte selbst nicht weiter zu fragen; mit brutaler Gewalt wird jede Sache behandelt, Alles wird zu Grunde gerichtet. »Gute Ordnung« nennt man oft dasjenige, was für das Wohl und die Sicherheit der Bürger am Schlimmsten ist, »Ruhe und Frieden« die Geduld und Schlaffheit bis zum Tode. Eine gefährliche Freiheit, sagte daher jener ausgezeichnete Bürger, will ich lieber als eine ruhige Knechtschaft. Von den Römern und den Griechen kann und soll man sich ihre Vaterlands- und Freiheitsliebe, ihr Streben nach männlicher Tüchtigkeit und die hohe Anerkennung derselben aneignen, aber nicht in gleicher Weise ihre ersten Rechtsbegriffe und -Grundsätze. Wenn Jemand dem Gesetze nach Sclave durch seine Geburt ist oder später wird, dann hat die antike Gerechtigkeit ein Ende. Die außerordentlichen Vorzüge Einzelner haben das Alterthum zu einer solchen Herrlichkeit gebracht; aber ein ursprüngliches Menschenrecht war ihnen kaum bekannt. Selbst jener göttliche Plato wollte seinen Staat auf das Allerschlechteste einrichten, da er die Sclaven, die mehr als drei Viertel des Volkes ausmachten, zur Arbeit zwang, ohne ihnen etwas Anderes zu gestatten; ich weiß nicht, auf welches Recht, auf welche Bestimmung er dabei seine Hoffnung setzte. Wenn irgend ein furchtloser Spartacus diese aus der Werkstatt führt, so thut er es mit vollem Rechte und macht den Thorheiten der Akademie damit ein Ende. Niemand darf gezwungen werden, für einen Andern wider seinen Willen eine Arbeit zu thun. Sclave ist von Natur Niemand und darf es auch nicht durch ein Gesetz werden, hätte es Aristoteles, der Schmarotzer der macedonischen Könige, der Lehrer der Tyrannenherrschaft, der wegen dieser Lehre vielmehr den Namen Aeschistoteles verdient, selbst tausendmal in vollem Wortlaute ausgesprochen. Niemand hat, an und für sich und absolut betrachtet, eine größere Macht als ein Anderer, und die Quelle alles Rechtes besteht in der ursprünglichen Gleichheit und alter Gleichberechtigung, wie dies die ganze Geschichte und die Uebereinstimmung aller Sprachen zu beweisen scheint. Ein System des Naturrechts kann also aus den Alten auf keine Weise gewonnen werden, wohl aber läßt es sich durch Beispiele aus ihnen aufs Vortrefflichste erläutern. Sie besaßen mehr männliche Tüchtigkeit, als wir an gelehrter Bildung; aber mit Recht mißt man jener höheren Werth bei. Fern bleibe uns, jemals zu den tiefen Abgründen ihrer Verirrungen zurückzukehren, aber mögen wir immer ihren muthigen Sinn haben! Unsre Feinde sind auf keine Weise anzuklagen; sie sind anständig mit uns umgegangen, sogar etwas anständiger, als die Unserigen mit ihnen umgehen würden. Die fremden Länder hatten sie natürlich unter sich getheilt, ohne sich um Recht und Billigkeit zu kümmern, und indem sie der Zügellosigkeit ihrer Natur folgten. Jetzt trat das Vergeltungsrecht ein, und zwar mit größerem Verderben. Die Freiheit und die bessere Ueberlegung siegte, welche indeß jetzt schon wieder sich zur andern Seite zu neigen scheint. Die Fremden sind überall im Vaterlande Herr; von uns wagt Niemand auch nur den Mund aufzuthun oder zu mucksen. Mag es Recht oder Unrecht sein, Alles wird vermischt. Deutsches (Germanisches) giebt es nicht mehr; der Ursprung unseres Namens gereicht uns zum Vorwurf. Unsre Verwaltung wird vertrieben oder gezwungen, auf Seiten der Sieger zu treten. Wegen der Tyrannenherrschaft sind die Herren schon Sclaven geworden und suchen sich einen eitlen Glorienschein selbst aus dem Elende des Vaterlandes zu gewinnen. Ueberall giebt es einen König, einen Gewalthaber, der in barbarischer Weise Herrscher mit seinem Trabanten und wieder selbst Trabant ist, Steuerfreiheit, Exemtion, Privilegien. Sobald öffentliche Lasten zu tragen sind, setzen gerade die Reichsten und Vornehmsten, durch die unsinnigsten Privilegien geschützt, heftigen Widerstand entgegen. Das ist nun jener berühmte Adel, durch den es geschehen ist, daß unsre Schande schon berühmt geworden ist. Jene Schaar von Adeligen war im Friedens- wie im Kriegsgewande im Besitze von allem Ansehen, wodurch wir denn auf das Unwürdigste in elender Weise zu Grunde gegangen sind. Wer nicht adelig war, galt als Sclave; daher ist es gekommen, daß wir schon nichts Sclavischeres als unsern Adel haben. Mag das Vaterland zu Grunde gehen, wenn nur unsre Privilegien gesichert sind; mögen wir immer Sclavendienste in schimpflichster Sclaverei thun, wenn es nur Menschen giebt, die in noch niederträchtigerer Weise unsre Sclaven sind. Schon faßt die Erde unsre Erniedrigung und servile Schmeichelei nicht mehr; wir machen uns in unsrer Verblendung sogar an den Himmel. Was das Volk mit einem tüchtigen und kräftigen Feldherrn vermag, haben schon unsre Feinde ausreichend bewiesen; was dagegen Feldherrn und ihr thörichter Ehrgeiz ohne das Volk, das ist durch unsern Untergang veranschaulicht worden. Es war keine Kraft da, weil es keine Einigung, keine öffentliche Gerechtigkeit gab, weil gerade die Reichsten eine unnütze Last im Vaterlande waren, weil nirgends eine verständige Uebereinstimmung stattfand. Gerade die Letzten und Geringsten wurden zu den Truppen getrieben, welche das gemeinsame Wohl sichern sollten; Bürger gab es dort nicht. Der gemeine Soldat, das Allerwichtigste im Staate, weil in ihm die Kraft und der Schutz des Vaterlandes liegt, wurde überall in unwürdiger Weise behandelt. Nicht mit Weinreben, sondern mit Stöcken, nicht mit Stöcken, sondern mit Knüppeln wurden sie von den unreifen Söhnen des Adels zu dem elenden Dienste getrieben. Das war das Feld, wo die sinnlose Thorheit der Vornehmen zum Verderben des Vaterlandes wüthen durfte. Eine Hilfe des Gesetzes gab es für die Unglücklichen nicht, dagegen fortgesetzte Stockschläge, wo sich eine etwas freiere Denkart zeigte. So stand es im Buche des Schicksals: »Mühe Dich ab, damit Du klagst; klage, damit Du geschlagen wirst!« – eine verderbliche Härte, welche Allen die gebührenden Früchte gebracht hat: wir sind Staub und Asche. Was auch bei uns eingetreten ist, es sind Thaten der Fürsten und der Mächtigen mit ihren Privilegien. Unser Elend verdanken wir nicht den Feinden, sondern unsern höheren Beamten; denn jene waren freilich nicht Beamte, sondern Käufer der Provinzen, ungerechte Eintreiber von Zöllen und Abgaben, Zerstörer alles Rechtes. Jetzt haben sie das, was sie nicht aufgehört haben, sich seit Jahrhunderten zu bereiten: sie sind Sclaven mit andern Sclaven, weil sie nicht mit Freien frei haben leben wollen. Unter billigen Gesetzen des Vaterlandes zu stehen, haben sie verschmäht; jetzt ertragen sie solche, die von Fremden dictirt werden. Den Fremden sind sie gehorsam, das Vaterland haben sie ins Verderben und in Ruin gebracht, weil sie Gleichheit im Staate neben einer gesetzlichen Obergewalt haßten. Die Feinde, sage ich, sind nicht anzuklagen. Sie haben große Thaten vollführt gegenüber leeren Drohungen, die strengste Rache gegenüber feindlicher Gesinnung. Schlau haben sie uns getäuscht, wie es gegen Feinde erlaubt ist, tapfer uns in offenem Kampfe besiegt, klug unterdrückt und listig dafür gesorgt, daß sich keine Kräfte neu erheben können. Bedenklich ist ihre Feindschaft, bedenklicher ihre Freundschaft; es sind Bündnisse nach Römerart: wessen Freunde sie sind, dessen Herren sind sie auch. Alles dies hätte man voraussehen können, man sah es aber nicht voraus. Unser Adel dagegen hat unter sich gewetteifert, nicht in Gerechtigkeit, sondern in Stolz, nicht in Mannestugend, sondern in Hochmuth, nicht in guten Rathschlägen, sondern in Zügellosigkeit. Gelage, Jagden, Liebschaften, ja sogar liederliche Weiber waren ihre Lieblingsdinge; darin herrschte der regste Wetteifer. Sie waren nicht Heerführer, nicht Richter, sondern die feinsten Kenner der Galanterie und eines üppigen Lebens. Ueberall fanden sich bei ihnen Hofleute, die durch die Schlechtigkeit ihres Charakters bekannt waren, ruhmredige Officiere, ja sogar schmarotzende in Schwelgerei versunkene Busenfreunde, vor deren Unverschämtheit und Frechheit kaum Jemand sicher war, die gegen fleißige Bürger und ruhige Landleute sehr kühn, vor den Waffen des Feindes aber sehr feige, und wenn die Sache mit dem Schwerte geführt wurde, sehr flüchtig waren. Schon sind unsre Kriege nichts als große Schandmale; kaum giebt es Einen und den Andern, der sich in Wahrheit als Mann gezeigt hätte. Excellenzen von Commandanten und erlauchte Heerführer, wie unsre servile Ausdrucksweise ist, haben die stärksten und mit allem Kriegsmaterial reichlichst versehenen Festungen den Feinden übergeben, ohne einen Versuch zur Vertheidigung zu machen, so daß selbst gemeine Soldaten wegen der Infamie der Handlung außer sich waren. Seit Friedrich (II.) von Preußen giebt es nur wenige Männer des deutschen Volkes, die mit Ehren in das Buch der Geschichte eingetragen werden können. Aber es giebt kein Zeitalter, das schönere Reden hervorgebracht hätte. Wir sind ein Volk von Schönrednern, Schauspielern, Musikern und Philosophen, aber dabei, meine ich, von Händlern und Müssiggängern, die viel Lärm machen und hin und her laufen, jedoch nichts thun. Ehrlichkeit verschwindet im öffentlichen wie im privaten Leben; Freunde bereichern sich durch Raub von ihrem Freunde: überall herrscht Betrug und Sittenverderbniß. Der gute Ruf ist auf Erden ein Uebel; die alte Unverletzbarkeit der Ehre ist verschwunden. Vom Himmel hat jener Sokrates, der beste Bürger, die Philosophie (auf die Erde) gezogen; unsre Landsleute zwingen durch ihren Aberglauben die Weisheit, von der Erde in den Himmel zurückzukehren. Die ganze Religion wird durch religiöse Verirrungen vernichtet. Wir liegen brach und kommen kaum noch in Betracht. So dringt denn aus dem Norden schon eine harte Barbarei in Verbindung mit Sclaverei herein; vom Süden eine zwar etwas mildere Herrschaft, aber eine nicht weniger gefährliche und noch schmachvollere Knechtschaft. Wer möchte zu widersprechen wagen? Wir sind der Gegenstand der Schmach; wir sind nichts als Beute. Hoffnung ist eitel, wo kein gesunder Menschenverstand ist, wo Alle jede freisinnige Gerechtigkeit wie alte Weiber in elender Weise fürchten. Wir haben es nicht gewagt, verständig zu sein; jetzt kann es kaum helfen, wenn wir es auch wagen. Durch Privilegien sind die größten Staaten zerfallen, keiner aber gefestigt worden. Durch Privilegien gingen die Perser, gingen die Griechen zu Grunde, alle haben sich an diesem Wahnsinn bis zum Tode gequält. Vortheile und Bevorzugungen vor Andern sind überall verderblich, mit welchem Namen man sie auch nennen mag. Ἄριστοι und Optimates nennt man Jene unter Verachtung alles gesunden Menschenverstandes am Allerunrichtigsten, da sie die Vernichter jeder bessern Einsicht sind. Quelle und Ursprung jedes alten Rechtes ist uns verloren. Wir werden von Gelehrsamkeit erdrückt wie von Barbarei. Die sogenannten Gelehrten und wissenschaftlich Gebildeten unter uns beschäftigen sich, von jedem Streben nach ehrenvollerem Ruhme entfernt, mit Quisquilien und unnützen Dingen, indem sie über Unwesentliches und Geringfügiges streiten, was für unsre Verhältnisse keine Bedeutung hat. Der Feind besitzt, trennt und verwirrt Alles und hat doch, was der Gipfel unsrer Schande ist, nichts schlechter machen können, als es ist. Alles ist jetzt bei uns nach Art der Fremden; was irgend vaterländisch ist, wird gering geschätzt, verlacht und verspottet. Alles ist voll von Napoleon, von den Säulen des Hercules bis zum Don; von seiner Macht allein wird Alles gewaltsam regiert. Der Verbannung nach Gyari werth, ja als Tempelschänder eines zwiefachen Todes schuldig gilt Derjenige, der dagegen, daß wir langsam und stumpf an Geist, die Fremden aber höchst gewandt sind, auch nur ein Wort zu äußern wagt. Unsre Muttersprache, die würdige Sprechweise unsrer Vorfahren, wird sehr bald im eigentlichsten Sinne eine Sclavensprache sein, da sie ja nur von Sclaven gesprochen wird, während Diejenigen, welche für die Besten gehalten werden wollen und für die Schlechtesten gehalten werden, schon seit langer Zeit sowol die Sprache ihrer Väter als die der Fremden mit schnöder Barbarei radebrechen. Sie thun ihren Kriegsdienst so, wie sie sprechen; sie sprechen, wie ihr Geschmack ist, nämlich sehr schlecht. Nach Jahrhunderten, ja sogar schon nach einem Jahrhundert werden wir Elsässer, Lothringer, Kurländer und Livländer gemeinsam mit den Polen sein, die in ihrem Elend schon alle nicht wissen, was für Landsleute sie sind, und zu welchem Volke man sie rechnet. Bei diesen hat dies der Wahnsinn des Adels bereits erreicht, bei uns wird er es in kurzer Zeit thun. Nicht von unsern Feinden, sondern von denjenigen unsrer Landsleute sind wir zu Grunde gerichtet, welche die Leitung der Dinge in den Händen hatten; elend untergegangen sind wir durch Unklugheit, Schlaffheit und Feigheit; die wesentliche Ursache aber und der Ursprung von Alledem liegt im Privilegium und in der Ungerechtigkeit. »Μονον το ἰσον το διϰαιον.« (Nur Gleichheit ist Gerechtigkeit), ist weise von Einem der Alten gesagt worden, und ebenso daß νομος (Gesetz) davon seinen Namen hat, daß es das Gleiche giebt (νεμει); und nur jene goldene Gleichheit der Rechte und der Ansprüche kann Staaten gründen, befestigen, schützen und erhalten. Wenn ein Mann besser ist, so bleibt er stets von besserer Beschaffenheit, sowol für sich selbst als für das Vaterland, wie es die Natur der Menschheit mit sich bringt; aber wer nach Privilegien und Bevorzugungen schreit, der ist stets schlechter, stets verderblicher. Was hätte eine Heilung gewähren können, liegt auf der Hand: Freiheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, allgemeine Gleichheit: Alles Dinge, von denen wir kaum die Begriffe bei uns gehabt haben. Jetzt ist Hannibal schon nicht nur vor den Thoren, sondern bereits auf dem Capitol. Ich habe gesprochen, lieber Leser, und wenn auch nicht mein Leben, so doch meine Gesinnung gerettet. Auf Plutarch bezüglich nur Weniges. Meine sämmtlichen Anmerkungen, wie sie sein mögen, beziehen sich auf Stellen, die meines Wissens von den Auslegern noch nicht ausreichend erklärt sind. Was mir beim Lesen aufgefallen ist, habe ich angemerkt und aufgeschrieben, und so nimm es hin! Auf welche Weise Du es auffassen magst, ich habe nur beschränktes Hausgeräthe. Benutzt habe ich die neueste Ausgabe von Hutten, die, wie es mir scheint, an literarischem Material recht reich ist. Was ich gewagt habe mitzutheilen, schätze ich nicht hoch; denn ich bin nicht der Mann, daß ich nach Maßgabe meines verflossenen Lebens dem Ruhme unter Gelehrten nachjagen sollte. Kurze Noten, ungefähr von dieser Art, habe ich fast für alle griechischen Redner und Dichter zu Papier gebracht, aber sie sind weniger zahlreich und von geringerer Bedeutung als diejenigen, welche ich hier veröffentliche. Unter den Todten mit Thucydides, Tacitus und Plutarch bei Marathon und Salamis zu leben, ist schließlich noch die ehrenhafteste Art des Lebens, wenn man der Würde und der Majestät des Vaterlandes keine Thätigkeit weiter zuwenden darf. Und doch: » Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten.« Geschrieben am 1. Januar 1808.   Anmerkungen des Uebersetzers Zur Rechtfertigung der Übersetzung des zum Theil mangelhaften lateinischen Textes mögen die nachstehenden Anmerkungen zu demselben dienen: S. 115. Z. 5. multum terra jactatus et alto – nach Virg. Aen. , I. 3. Z. 17. sub furcam – mit Anspielung auf die »furculae Caudinae« . S. 116. Z. 6. Parthenopes – Parthenope, sonst der Name einer Korinthischen Colonie in der Nähe von Cumä, hier für »Magdeburg« gebraucht. Z. 13. exemtionum – exemtio wird von Seume in sehr weiter Bedeutung gebraucht; er denkt dabei bald an eximirten Gerichtsstand, bald an Befreiung von Abgaben oder an andre Privilegien. Z. 16. pro stipite habeat et fungo – »Klotz« und »Pilz«, zur Bezeichnung der Dummheit. Die Ausdrücke sind aus Plautus und Terenz zusammengestellt. Z. 20. hinc illae lacrimae – aus der »Andria« des Terenz. Z. 25. ergastula – »Arbeitshäuser für Sclaven«; »Tollhäuser«, wie S. gewiß sagen wollte, gab es im Alterthum nicht. S. 117. Z. 6. rei – dem Sinne nach störend, ist das Wort wol nur durch ein Versehen in den Text gekommen. Z. 19. Centies hoc palladium –mit Erinnerung an Hor. Carm., IV. 4. 65 f. S. 117. Z. 37. lapis super lapide sedebat – nach dem griechischen Ausdruck, daß Jemand auf den steinernen Sitzen des Theaters wie ein Stein gefühllos dasitzen wird: »λίϑος ἐπὶ λίϑῳ ϰαϑεδεῖται«. S. 118. Z. 3. sumus nati ad fruges consumendas – Man vgl. Hor. Epist ., I. 2. 27: »Nos numerus sumus et fruges consumere nati« –d. h. Wir sind untergeordnete Wesen, zu nichts Bedeutendem bestimmt; so daß eigentlich Seume's Benutzung dieser Stelle recht unglücklich gewählt ist. Z. 3. poma natamus – Unsre Uebersetzung kann sich nur durch den Zusammenhang rechtfertigen. Z. 26. fastigia – die früheren Drucke vestigia , ohne Sinn. Z. 31. nugas .. academicas – mit Hindeutung darauf, daß Plato in der »Akademie« lehrte und seine Schüler später »Akademiker« genannt wurden. Z. 34 u. 35. ore .. rotundo – Ausdruck des Horaz ( Ars poët., V. 323) von der »Schönheit« der Darstellung, während Seume mehr den Begriff der Unumwundenheit und Deutlichkeit vor Augen zu haben scheint. Z. 35. Aeschistotelis – als Gegensatz zu Aristoteles , nicht übersetzbar. S. 119. Z. 1. gurgites vastos – Vgl. oben die Anm. zu S. 118, Z. 3: »poma natamus« . Z. 25. qui nobis serviant turpius – Die auch mögliche Uebersetzung, »welche noch schimpflicher Sclaven sind als wir«, paßt weniger in den Sinn. Z. 26. coelum .. stultitia – Reminiscenz oder Citat aus Hor. Carm.,I . 3. 38. Z. 28. legitimo – Da Napoleon gemeint ist, so hat das Wort hier, wie auch sonst bisweilen, die Bedeutung »richtig«, »tüchtig«. Z. 36. vitibus – »Weinreben«, beliebtes Strafinstrument der römischen Centurionen; man denke an den Beinamen eines solchen »Cedo alteram« . Z. 41. labora ut plores – mit Hindeutung auf das bekannte »ora et labora« . S. 120. Z. 5. mercatores – Käufer, wie Cic. De senect., Cap. 4 . Z. 17. Romana scilicet foedera – d. h. Bündnisse, bei denen die Römer Alles zu sagen haben. Z. 26. soldurii gnathonici – Die Herbeiziehung der gallischen Soldurier, die einer ganz andern Lebensrichtung angehören, erscheint hier sehr gesucht. Z. 32. Praefecti generossimi – Allerdings zeigt der Ausdruck »Excellenz«, der in der Uebersetzung gewählt ist, keine Servilität; denn er erhöht nur den Einzelnen, ohne die Uebrigen zu degradiren, indessen liegt auch in generosus , kein solcher Sinn, da es entweder »edel« von Geburt oder von Gesinnung bezeichnet. S. 121. Z. 1. fama malum – Reminiscenz an Virgil's Aeneis, IV. 179. Z. 2. de coelo .. Socrates – Vgl. Cicero Tusc., V. 4 »philosophiam devocavit e coelo et in urbibus collocavit« . Damit ist aber gemeint, daß er, die Naturphilosophie seiner Vorgänger verlassend, zur Ethik überging, so daß also Seume's Benutzung dieser Stelle nicht passend ist. Z. 5. Nos reses sumus – die Stelle ist corrumpirt; wir übersetzen resides ; auch hat man vorgeschlagen, res zu lesen. Z. 11. aniliter extimescunt misere – vermuthlich auch corrumpirt. Z. 14. maximae – Die früheren Drucke maxime . Z. 17. voces – Man würde vocas erwarten. Z. 29. Gadana – sonst immer Gaditana . Z. 30. Gyaris – Gyari (ä) Insel unter den Cycladcn, hatte eine Strafanstalt für Sclaven. Z. 34. pessimi – der Originaldruck pessime . S. 122. Z. 4. Μονον – die früheren Texte Μονος oder Νομος. Z. 5. ab antiquo – »von einem der Alten«, nicht »von Alters her«. Z. 14. animam salvavi – Ausdruck der Vulgata 1. Mos. 17, 19. Z. 19. curta supellex – nach Pers. Sat., 4, 52. Seume meint, daß er wenig wissenschaftliches Material habe. Z. 19. Hutteniana – die früheren Drucke Hutteriana, während der Herausgeber J. G.  Hutten hieß. Z. 30. Εἱς οἰωνος – Vgl. Hom. Ilias., XII. 248.   Vermischte kleinere Aufsätze Vorrede zu Robert Percival's Beschreibung des Vorgebirgs der guten Hoffnung Aus dem Englischen frei übersetzt. Leipzig 1805. Der Verleger gab mir dieses Buch zum Uebersetzen, und ich machte es, so gut ich konnte. Es wäre unstreitig besser geworden, wenn ich mehr Naturhistoriker und Geograph gewesen wäre. Ich habe mich so viel als möglich treu an den Urtext gehalten und nur zuweilen einige Pleonasmen weggelassen. Zwar fühle ich wohl, daß die Sprache noch nicht gehörig geglättet ist; sie ist aber auch bei dem Engländer ziemlich kostbar und stattlich und ein Mittelding zwischen dem guten natürlichen Vortrag und dem vornehm gezwungenen Stil der Diplomatik. Der Wiederholungen sind nicht wenige; aber ihre Weglassung war ohne große Veränderung selten möglich. Wie viel wir durch dieses Werk in der Kenntniß eines wichtigen Strichs der Erde weiter kommen, mögen Kenner entscheiden. Die Absicht des Buchs leuchtet in die Augen; sie ist patriotisch englisch, dazu hat der Verfasser die Feinde seiner Nation so schlecht gemacht, als sich nur mit Ehre und einigem Schein von Wahrheit thun ließ. Ich glaube wohl, daß er ziemlich Recht haben mag; aber dadurch wird die Sache für seine Landsleute nichts besser; denn wo sie den Meister spielten und noch spielen, geht es im Ganzen mit ebenso wenig Mäßigung und Humanität her, als wo die Franzosen herrschen. Die Franzosen wissen doch allen ihren blutigen Erpressungen unter allen Malversationen noch einen Anstrich von Wohlwollen zu geben, wodurch sich freilich nicht leicht ein Sehender blenden läßt. Unser Mann sagt ohne Scheu geradezu: »Wenn wir das Vorgebirge haben, beherrschen wir den Handel Indiens, folglich den Handel der Welt, folglich –« die Folgen sind alle klar. Das ist ächt britisch; Britannia rule the waves, und durch die Wogen mache den Erdball zinsbar! Freilich kann ein Brite nicht wünschen, daß das Cap in den Händen der Franzosen bleibe, und die daraus gezogenen Inferenzen sind wol ganz richtig; aber ob irgend eine andere Nation zu wünschen Ursache habe, daß es in den Händen der Engländer sei, ist eine andere Frage. Mich däucht, die Folgen von dieser Seite sind ebenso klar und noch größer. Der jetzige politische Horizont kommt mir vor wie die Tage vor der Schlacht bei Zama. Siegt Frankreich, so haben wir wahrscheinlich eine Römerei, vielleicht etwas sanfter und glimpflicher nach dem Geist der Zeiten, im Uebrigen aber ganz ähnlich. Frankreich hat sich seinen Cäsarn auf Willkür übergeben, weil es der Freiheit und öffentlichen Gerechtigkeit nicht fähig ist. Wenn England dem Streiche nicht erliegt, ist dadurch nichts gewonnen als Dauer des Kampfes, zu dem die Andern die Kräfte liefern. Percival hat allerdings Recht, wenn er sagt, daß ziemlich alle Nachbarn Frankreichs Zinsleute sind; aber es ist nicht das Verdienst der englischen Mäßigung, wenn ihre Nachbarn nicht englische Tributäre werden. Ihre Navigationsacten sind von eben dem Stempel wie die französischen Conscriptionen und freiwilligen Anleihen, die man mit Bajonnetten ansagt. Siege, welche Partei man wolle, so haben wir Anderen nicht viel Erbauliches dabei zu erwarten, wir sind immer in Gefahr, ächt biblisch von der Ruthe zum Scorpion zu kommen. Die Energie der Engländer ist nicht zu verkennen, so wenig als ihr Freiheitssinn zu Hause; daß sie sich aber durch Gerechtigkeit, Humanität und reines Wohlwollen als Nation in fremden Welttheilen auszeichnen sollten, wird ihm nicht so leicht Jemand glauben, der nur etwas in der Geschichte geblättert hat. Einzelnen Charaktern der Großmuth wird dadurch nicht widersprochen. Das System der Nationen ist Sclaverei, feiner oder gröber; und alle Spitzköpfe arbeiten mit ihren Werkzeugen, den Plattköpfen, dahin, den alten Fuß so schlafsüchtig weiter fortzuführen. Rechtliche Leute sehen vor der Hand die Unmöglichkeit der Vernunft und suchen sich zu beruhigen, wie die Welt durch ein minimum sanae rationis regiert wird. Desto größer ist vielleicht die Weisheit der Einzelnen, wenigstens ihre Klugheit. Daß ohne England Anarchie in der übrigen Welt sein würde, ist von dem Verfasser allerdings sehr patriotisch gesprochen, aber der Beweis will den Andern nicht so recht einleuchten. Daß die Engländer als Nation eine ehrenvollere Rolle in den Conjuncturen der letzten Zeit gespielt haben als wir Anderen, ist nicht zu leugnen; aber die Ursachen wären auch leicht aufzufinden, ohne daß eben ihr Verdienst beträchtlich dadurch gewönne. Wir sind noch lange nicht dahin, wo wir die Vernunft in das öffentliche Recht tragen dürften; Meinungen beherrschen immer noch die Welt, immer eine verkehrter als die andere. Obgleich das Meiste, was der Verfasser über den Charakter der Holländer und ihre Regierung sagt, eine Grundlage der Wahrheit hat, so geht er doch wol etwas zu strenge mit ihnen um. Die alte Kraft findet man freilich nicht mehr, aber durch Fleiß, Arbeitsamkeit und Bonhomie sind sie noch immer ausgezeichnet; dieses wird in dem Buche selbst hier und da zugestanden. Daß ihre Machthaber im Rohre saßen und also nach dem Sprichwort für sich schnitten, ist unter allen Nationen so etwas Alltägliches, daß es kaum Erwähnung verdient. Das Sclavenwesen mag im Innern am Cap freilich stark genug sein, aber ich erinnere mich nie, irgendwo gehört zu haben, daß sich die Engländer durch Mildheit gegen die ihrigen auszeichnen. Es ist aber keine Ehre für das Christenthum, daß seine Anhänger diesen Schandfleck der menschlichen Vernunft, die Sclaverei, auf alle Weise tiefer einzubrennen und zu verewigen suchen. Wo der Begriff Sclave noch im Recht gilt, darf man durchaus nicht behaupten, daß man nur die erste Stufe reiner menschlicher Bildung erstiegen habe. Es thut mir leid, wenn dieses Urtheil den alten classischen Nationen nicht günstig ist; aber es ist, däucht mich, philanthropisch ausgemacht, daß uns der Himmel vor griechischer und römischer Freiheit bewahren müsse, wenn für das allgemeine Heil der Menschheit Hoffnung sein soll. Nach den Angaben des Verfassers bin ich sehr geneigt, ziemlich vortheilhaft von den Malayen zu denken, weil ich ihren Handlungen psychologisch bessere Gründe unterlegen darf. Sie haben ein tiefes Gefühl natürlicher Befugnisse, aber ohne Läuterung der Vernunft. Wer zu mir sagt: »Du bist mein Sclave«, das heißt, ich gebrauche Dich unbedingt als Werkzeug zu meinen Zwecken, der giebt mir für den schicklichsten Moment rechtlich den Dolch in die Hand. Freiheit ist durchaus nichts als Gerechtigkeit und diese nichts als gleiche Befugnisse mit gleichen Pflichten im Staate; und so lange man sich ein Haar breit von dieser Bahn entfernt, mag man Constitutionen bauen, so viel man will, sie werden blitzende Meteore sein, aber nicht halten. – Nur die Natur mit ihren Gesetzen ist beständig. Die Sophismen dagegen, die man mit der Geschichte zu beweisen sucht, sind bekannt. Man appellirt an die Leidenschaft der Menschen; eben dieser sollte man auf alle Weise zuwider arbeiten, und man thut ihr auf alle Weise Vorschub. Man rede also doch nur von Ordnung und Gesetz, aber nicht von Gerechtigkeit! Sehr gern glaube ich, daß die Engländer sogleich mehr Industrie und Energie in die Capnation gebracht haben und bringen würden, und daß die Verwaltung der Holländer selbstsüchtig langsam hinbrütend war; aber ich sehe nicht ein, wie man einer feinen policirten Nation in unsern Tagen ein Verdienst daraus machen kann, daß sie den Ueberwundenen ihr Privatrecht und ihre Religion läßt. Das Gegentheil wäre Barbarei und, wenn es in dem Moment der Eroberung geschähe, noch dazu stumpfer Blödsinn. So weit sollte endlich doch wol der Menschenverstand gekommen sein, daß von Religion in Völkerverhältnissen nur insofern die Rede sein kann, als besondere Meinungen Einfluß auf den wahren Staat und die öffentliche Sittlichkeit haben können. So lange noch Religionskriege möglich sind, hat der Despotismus und die Gaunerei wenigstens auf einer Seite gewiß noch gewonnenes Spiel. Ein Gott, für den man fechten muß, ist das erbärmlichste der Wesen. Uebrigens ist dieses Werk für jeden unbefangenen Beobachter von nicht geringer Wichtigkeit; wenn er nur sichtet, was der Nationalgeist aufgestellt hat, und was der reine Mensch äußert. Die Hauptzüge in dem Charakter der Capländer findet man natürlich schon im Mutterlande; nur scheint der Verfasser etwas mit Hogarthischer Feder gezeichnet zu haben. Es versteht sich, daß der Engländer überall von englischen Meilen spricht, und ein englisches Gallon hält ungefähr vier Maß. Daß der Verfasser nicht bekannter mit dem Hemmschuh war, kommt mir sonderbar vor, da es doch eine Maschine ist, die man fast in ganz Europa braucht. So viel habe ich über das Buch selbst in der Vorrede sagen wollen, da ich den Text nicht gern durch Noten unterbreche. Percival verdient übrigens, auch wo er irrt und den Contrast patriotisch übertreibt, als ein Mann von ernsthaftem wohlwollenden Charakter unsere Achtung. Nur überlasse ich nach diesen redlichen Aeußerungen jedem Unbefangenen, ob es wahrscheinlich ist, daß aus mir englische Guineen sprechen. Der Pariser Journalist hat unter dieser Rubrik mich zusammen mit mehrern Andern, deren Einige allerdings eine solche Beize verdienen, mit seiner Laverna begossen. Mein Buch, »Der Spaziergang nach Syrakus«, enthält nach meiner Ueberzeugung nur Wahrheit; und wenn ich darin über Wien und Rom, Neapel und Paris schrieb, so geschahe das ohne alle weitere Absicht, als weil ich eben dort war und sahe, was ich sahe, und darüber dachte, wie ich dachte, und weil ein rechtlicher unbefangener Mann mit Anstand darüber seine Meinung freimüthig zu äußern befugt ist. Wenigstens will ich mir dieses Recht nicht nehmen lassen, so lange ich das Wesentliche meiner Persönlichkeit fühle. Wenn Millionen vor einem einzigen Manne zittern und anbeten, so will ich weder das Eine noch das Andere; und wenn mich auch ein Schauerchen der Menschlichkeit überfiele, so soll es doch weder in Ueberzeugung noch Handlung etwas ändern. Ich werde nie so verwegen sein, mir irgend einen Einfluß auf öffentliche Dinge anzumaßen, aber auch nie so kleinmüthig, meine Begriffe von Freiheit und Gerechtigkeit durch despotische Willkür bestimmen zu lassen. Schweigen kann ich sehr wohl, das wissen Alle, denen ich nahe bin; aber wenn ich rede, rede ich nur, wie ich denke. Was ich damals dort in dieser Rücksicht gesagt habe, hat sich fast ohne Ausnahme bestätigt. Das Gewebe ist so stark und fest und doch so fein und vernünftig scheinend heilig gezogen, daß Hoffnung da ist, es werden es Jahrhunderte nicht auflösen oder zerhauen, wenn es so gut gehalten wird, als es angelegt ist. Kein französischer Staatsrath wird mir darüber seine Meinung aufdrängen, die ich ihm gern lasse, und bei der ich sodann die meinige über ihn habe. Bonaparte ist, wenn man will, durch die Nation gerechtfertigt; das beweist zwar in der Sache nichts, aber es ist genug für ihn und die Nation. Er opfert seinem Schöpfer und Erhalter, dem Bajonnett; das und der Glaube macht ihn selig; eine sehr alte Methode, die sich noch lange bewähren wird. Ich bin immer noch der Meinung, er habe das göttliche Geschenk des höhern Schicksals, bis jetzt der Einzige des ganzen Menschengeschlechts zu werden, von sich geworfen. Er ist vielleicht mehr als sein Emblem Karl, aber nicht, was der Genius der Menschheit von ihm forderte. Ein großer Geist hebt sein Zeitalter zu sich hinauf, ein kleiner steigt zu ihm herab. Und wenn er selbst ein halbes Jahrhundert die segnende Aegide der großen Nation würde, mein Glaube bliebe fest: er hat Samen gesäet, dessen Keim das Gute vernichten wird; der Weizen ist mit dem Unkraut ausgerauft. Wenn der Journalist in Paris überall feile Seelen sieht, so hat das nun wol seinen zureichenden Grund. Man kauft sich seine Scribenten nicht allein in London oder Paris; aber was moralisch käuflich ist, ist immer schlecht, desto schlechter, je glänzender. Die Wahrheit sieht man weder durch Wein noch durch Bier und noch weniger durch ein römisches Breve. – Die Inconsequenz sollte indessen doch keinem Pariser Halbminister entwischt sein, daß der Söldling britischer Guineen das Medium des Bierglases nöthig habe. Ich schäme mich meiner ehrlichen Armuth und des Nationalgetränkes gar nicht, das an dem deutschen Unfug ebenso wenig Schuld ist als hoffentlich der Burgunder an dem französischen. Armuth bürgt immer eher für Ehre als Reichthum; und nicht überall ist Ehre, wo Ruhm ist. Der letztere scheint wieder der Abgott der Franzosen zu werden, dabei ist die erste nicht immer ganz sicher. Ich bitte den Leser um Verzeihung für diese Abschweifung; aber in einem politischen Buche läßt sich wol eine kleine Regung gegen politische Mißhandlung entschuldigen. Ich glaube übrigens nicht, daß der Journalist seiner Sache einen Dienst gethan hat, wenigstens nicht mit seinem Tone. Dem Herrn Grafen G. A. O. von Igelström zu seinem sechzehnten Geburtstage   Παντων των ϰτηματων βελτιστον φιλος ἀγαϑος.   Liebster Freund! Es ist schon jetzt mein Stolz und wird es, hoffe ich, künftig immer noch mehr sein, daß ich Sie mit diesem Namen nennen darf; und so wie Sie mich kennen, werden Sie glauben, daß Jemand einigen Werth darauf zu legen Ursache hat, wenn ich ihm denselben in dem ganzen Sinne des Wortes von meiner Seite zugestehe. Man pflegt gewöhnlich an feierlichen Tagen, wie Ihnen der heutige ist, einander mit Versen zu bewirthen; da ich aber der leidigen Producte dieser Art schon sattsam gedrechselt habe, will ich versuchen, zu Ihnen ein herzliches Wörtchen in schlichter Prose zu sprechen. Von den Verhältnissen, in denen ich ehemals mit Ihnen stand, bleibt mir noch die nämliche Stimmung meines Herzens, das mich damals doppelt fest und heilig an meine Pflichten band; ein Herz, das gewiß gut, brav und redlich ist, und dessen mehr als gewöhnlich freundschaftliche Theilnehmung mich vielleicht mehrmals aus der Mittelstraße der kalten Ueberlegung zog. Meine engeren rechtlichen Pflichten sind längst gelöset; aber wehe dem Menschen, der weiter keine Verbindlichkeiten kennt als diejenigen, die ihm von den Gesetzen und Contracten aufgelegt werden! Ich setze jetzt alle Verbindlichkeiten beiseite, die ich Ihrem würdigen Vater, Ihrem vortrefflichen Onkel und noch manchem rechtschaffenen Manne aus Ihrer Familie schuldig bin; sie erzeugen meinen individuellen Dank, aber sie können meinen Gefühlen gegen Sie nichts zusetzen und nichts abnehmen. Meine Seele wird und muß immer ohne gröbern Eigennutz sein, so sehr ich auch übrigens überzeugt bin, daß Egoismus, man nehme, modificire und verfeinere ihn nach Belieben, wie man wolle, der Grund unserer Moralität ist. Wir wollen aber lieber in der gewöhnlichen Welt bleiben, als in dem Nebel der Metaphysik herumgreifen. Wir wissen mit dem schlichten Menschensinn gewiß genug, um in den meisten Fällen des menschlichen Lebens bestimmt gut zu handeln; und zum Edlen und Großen wird uns das Gefühl der Philanthropie erheben, das durch kalte tiefe Speculationen oft mehr abgestumpft als geschärft wird. Sie treten jetzt wahrscheinlich bald auf den großen Schauplatz der Welt, und Ihre Geburt, Ihr Alter, die Wahl Ihres Standes, Ihre ganzen Verhältnisse werden Sie mehr als Andere in den Wirbel ihrer Geschäfte ziehen. Seien Sie nicht zu kühn, aber zittern Sie nicht! In beiden Extremen laufen Sie desto eher der Gefahr in die Arme. Beide sind schlechte Kriegsmänner, Derjenige, der seinen Feind zu viel, und Derjenige, der ihn zu wenig fürchtet; und die Feinde, die im Felde mit Stahlwaffen Ihnen entgegenrücken, sind Zwerge gegen diejenigen, die unter tausend lachenden Gestalten überall Sie umringen. Verzeihen Sie, Lieber, der Ergießung eines freundschaftlichen Herzens! Sie wissen, ich bin kein galliger Misanthrope, und Niemand hat einen höhern Genuß an glücklichen, fröhlichen Gesichtern als ich, aber meiner Liebe für Sie ist bange, wenn ich mir alle Klippen denke, an denen Ihre Jugend scheitern könnte. Ich kenne Sie, und eben weil ich Sie kenne, fürchte ich. Es werden Gefahren um Sie her schwärmen, welche wie Bienen Honig zu tragen scheinen, aber ihr Stachel ist giftiger als Bienenstachel. Hier lockt die Wollust, je feiner, desto gefährlicher, dort ködert der Ehrgeiz; hier vergiftet die Schmähsucht, dort das schmeichelnde Lob; hier reizen Beleidigungen, dort mischt der Zorn über dem Becher der Freude die Zwietracht. Freund, hören Sie mich! ich sage Ihnen nichts Neues. Sie haben Alles gewiß schon oft besser gehört und gelesen; aber wenn das ernste Wort eines Freundes, an einem feierlichen Tage gesprochen, aus dem Herzen zu dem Herzen nicht mehr Eingang findet, nicht mehr Nachdruck hat als alle Weisheit der Alten und Neuen, so habe ich mich in dem Menschen überhaupt, so habe ich mich in Ihnen traurig geirrt. Sie sind gut, aber Sie sind leidenschaftlich. Treten Sie nicht in die Welt mit dem enthusiastischen Gedanken, nothwendig Ihr Glück machen zu müssen. Sie haben gewiß diesen Ausdruck längst philosophisch gewürdiget. Der vernünftige Mann hat sein Glück schon gemacht, und sein Antipode wird es nie erreichen. Alles unter dem Monde ist ungewiß und unbeständig. Setzen Sie nie in etwas außer Sich Ihre ganze Glückseligkeit; Sie stellen ein Gebäude auf Rohrstäbe, Sie verlieren Ihre Kraft, Ihre Selbstständigkeit gegen die Schläge des Schicksals, und nichts ist jämmerlicher als ein Mann, der unter der Last seiner Leiden wimmert. Hoffen Sie nichts mit Angst, und Sie werden nichts fürchten. Leben Sie brav und hartnäckig rechtschaffen; Ihr Wort sei Ihnen fester und unverbrüchlicher als Eidschwüre. Prüfen Sie Alles mit eigenen Gründen und lassen Sich nicht das Autosepha des Ansehens niederwiegen; aber dringen Sie nie Ihre Meinung Andern zum Maßstabe ihrer Handlungen auf, so wenig als Sie Anderer Urtheil zur Richtschnur der Ihrigen machen. Selbstüberzeugung sei Ihnen das Heiligste, dadurch erhalten Sie Ihre Selbstschätzung; und wer diese verloren hat, hat den unersetzlichsten Verlust erlitten. Suchen Sie nie die Gunst der Großen, und Sie werden sie gewinnen durch Ihr Talent und durch Ihre Rechtschaffenheit; wenn nicht dadurch, so ist sie des Suchens nicht werth. Bücken Sie Sich nie tiefer, als sich ein Mann bückt, der vernünftig über seine Verhältnisse denkt, der den Werth seines Kopfs und seines Herzens fühlt; aber urtheilen Sie nie von diesem Werth zu gespannt, und Sie werden nie Gefahr laufen, anmaßlich und eingebildet zu sein. Suchen Sie wenig Bekanntschaften und seien behutsam, wenn man die Ihrige sucht. Freundschaft ist eine Pflanze, die nicht in jedem Herzen gedeihet. Handeln Sie mit Höflichkeit mißtrauisch und prüfen stark den Charakter, ehe Sie aufnehmen oder Sich anketten. Nur die Tugendhaften sind Freunde, die Uebrigen nur Schwärmkameraden und Spießgesellen. Sprechen Sie ohne Winkelzüge, offen wie ein freier Mann, aber immer mit Würde und Feinheit. Wenn Sie auch mit dem Geringsten reden, denken Sie Sich, als ob der strengste Richter Ihre Worte aufschriebe und beurtheilte, und Sie gewinnen einen Ton, den Sie sonst fast nie zu ändern brauchen. Wägen Sie jeden Ausdruck; denn oft hängt Leben und Tod an einem kleinen Wörtchen. Die Wahrheit sei Ihnen stets unverletzt und heilig, und nie entfahre Ihnen auch nur im Scherz die geringste Unwahrheit. Wiederholungen machen Gewohnheit, Gewohnheit führt zum Leichtsinn, dieser zur Unbesonnenheit, Unbesonnenheit stürzt in Gefahr. Schonen Sie des Charakters Anderer, auch wenn er nicht zu schonen wäre, wo Sie nichts Gutes wirken, und wo Sie nicht Ihre Pflicht zwingt. Wir kennen meistens nicht die Verhältnisse, die Verflechtungen, die Bewegungsgründe, welche die Handelnden bestimmten. Nur der Allwissende kann competent über Moralität urtheilen. Seien Sie immer strenger gegen Sich selbst als gegen alle Uebrige; es ist heilsam und weise, und das Gegentheil ist Schwachheit. Seien Sie aufmerksam auf Tadel und Lob. Dieses kann Ihnen oft mehr schaden als jener. Prüfen Sie Beides und fragen genau, von wem es kam. So lange Sie über jedes Lob blind Sich kitzeln, ist es ein sicheres Zeichen, daß Sie es nicht verdienen; und den Tadel verdienen Sie, so lange Sie darüber empfindlich werden. Untersuchen Sie Beides und nehmen es nicht ausgedehnter, als es gegeben wird. Beweisen Sie nie mit Beispielen; Beispiele sind Beweise für Leute, die nicht denken können oder absichtlich nicht denken wollen. Sie erregen und erheben unsere Gefühle und sind ebenso oft verderblich als nützlich. In Ungewißheit und Unentschlossenheit giebt es Beruhigung, wenn man sieht, daß ein allgemein anerkannt braver Mann in ähnlichen Fällen ebenso gehandelt hat; aber Bürgschaft für Recht kann es nicht leisten. Lieben Sie Friede und Ruhe; nur der Wildling findet Vergnügen an Hader und Streit. Die Wahrheit gewinnt niemals durch Hitze, und Hitze verleitet, zumal bei Ihrem künftigen Handwerk, sehr oft zu blutigen Händeln. Weder Furchtsamkeit noch Tollkühnheit, sondern Grundsätze müssen das Betragen bestimmen. Es ist ein größerer Ehrenpunkt, Händel mit Klugheit und Würde vermieden, als sie mit Heftigkeit ausgefochten zu haben. Es wird Ihnen nicht an Gelegenheit fehlen, Ihren Muth und Ihre Standhaftigkeit zu zeigen, wo Sie Ihre Pflicht verbindet, und dann nur verdient man Beifall, Lob und Bewunderung. Es ist edler, kleine Beleidigungen zu verachten, als große dafür zurückzugeben, besser, den Zwist durch einen Händedruck als einen Lungenstoß zu schlichten. Denken und handeln Sie bei jedem ähnlichen Vorfalle kalt und ruhig, als Philosoph, und fast nie wird der Fall eintreten können, wo Sie im Extrem Ihre Argumente mit der Degenspitze oder der Pistolenkugel führen müßten. Ihr Stand, wenn Sie in demselben fortfahren, fordert in diesem Punkte doppelte Behutsamkeit. Die Vernunft hat das Vorurtheil der alten Barbarei noch nicht auswurzeln können. Griechen und Römer, die doch wahrlich nicht Memmen waren, haben kein einziges Beispiel vom Zweikampf; die Spitze der Phalangen und Legionen im Treffen war der Probestein ihrer Tapferkeit, wohin auch der einzige Tribun, welcher gefordert wurde, seinen Gegner vor das Angesicht der Armee beschied. Ich weiß, Sie haben bestimmte richtige Grundsätze über diesen Artikel; aber wachen Sie jeden Augenblick ernsthaft über Sich, denn Ihr Blut kocht, und schaffen Sich nicht zu der Thorheit noch den quälenden Gedanken, daß Sie der unglückliche, unbesonnene Veranlasser des Zwistes waren. Der junge Mann, der nicht sein eigener Führer zu sein im Stande ist, unterliegt schon halb der Gefahr. Wenn ihn sein Charakter und seine Grundsätze nicht bewachen, so wacht umsonst das Argusauge des besten Mentors. Die Gesetze, die Sie Sich selbst vorschreiben, müssen ebenso strenge sein, als ein Anderer sie Ihnen vernünftig vorschreiben kann. Sie treten nun in die Jahre, in welchen unser Geschlecht oft durch seine Thorheit die Beute des weiblichen wird. Ich bin überzeugt, daß Sie schon richtig genug über einen so wichtigen Gegenstand zu urtheilen fähig sind. Das Geschlecht kann weder der Gegenstand Ihrer Verachtung noch Ihrer heißen Verehrung sein; der Uebergang von einem Extrem zum andern ist hierinne sehr gewöhnlich. Höflichkeit und Artigkeit fordert die Feinheit des Betragens, und eine gleichgiltige unbefangene Aufmerksamkeit ist die beste Sicherheit gegen die Gefahren der Sinnlichkeit. Sie wissen, was Sie Sich, was Sie Ihrem Charakter und Ihrer Familie schuldig sind. Um künftig Mann in dem edelsten Sinne des Wortes zu sein, erniedrigen Sie Sich nie zum Weibersclaven; Verführer und Verführter sind gleich verächtlich. Ehren Sie die Religion und Alles, was auf dieselbe Bezug hat. Wohl Dem, der in ihr seine Beruhigung findet! Sollten Sie Zweifel oder andere Ueberzeugung in mehrern ihrer Punkte haben, so behelligen Sie nie Andere mit Ihren zudringlichen Belehrungen und hüten Sich ernstlich, je den Schwachsinn zu beunruhigen! Es ist grausam und menschenfeindlich, den wohlthätigen Glauben zu stören, auch wenn er Irrthum wäre. Zeigen Sie Ihre Religion durch Tugend und überlassen es den Herren der Katheder, über das System zu urteilen. Sprechen Sie lieber zu wenig als zu viel und halten Consequenz in Reden wie in Handlungen. Legen Sie Gewicht in jedes Wort, und Sie wirken mit Kürze mehr als mit langen diffusen Perioden. Fliehen Sie den Kram der Gelehrsamkeit und sprechen Vernunft mit ihrer verborgenen Hilfe. Schulpedanterei und Bücherstand ist in der Welt, was ein Marmorbild ohne Politur in der Werkstatt des Künstlers ist. Suchen Sie Ihre Kenntnisse zu erhalten und zu erweitern, ohne damit zu Markte zu ziehen. Schützen Sie Sich vor geschmacklosen oder gefährlichen Gesellschaften mit einem gewählten Buche. Langeweile ist nur die Qual der Schwachköpfe. Scheuen Sie nie Gefahr; aber suchen Sie sie nicht. Ohne Catonische Strenge halten Sie Sich immer ernsthaft, und Sie vermeiden manche Gelegenheit zu Unannehmlichkeiten. Haschen Sie nie nach Witz, wenn ihn nicht der Gegenstand bietet, und hüten Sich, durch stachlige Persönlichkeiten irgend Jemand zu beleidigen, welches manchen Groll erzeugt. Opfern Sie nie die Wahrheit einem schönen Einfalle auf und legen auf ein richtiges Urtheil mehr Werth als auf die zierlichsten Spielwerke der Laune. Halten Sie die festeste Ordnung in allen Ihren Geschäften. Begegnen Sie immer Ihren Untergebenen und Bedienten mit Güte und Freundlichkeit, selten oder nie mit Vertraulichkeit und Freundschaft. Thun Sie Alles mit möglichster Kürze und Bestimmtheit. Merken Sie auf Alles, was Ihnen Ihre Obern sagen, mit der größten Genauigkeit. Aufmerksamkeit und Gegenwart des Geistes ist die Seele aller Geschäfte, vorzüglich bei Ihrem Stande, wo die Minuten am Theuersten sind, und wo von der guten oder schlechten Ausführung eines Befehls Wohl und Weh von Tausenden abhängt. Ueberall kann man ohne Gefahr bessern; aber bei dem Krieger folgt meistens die fürchterlichste Strafe sogleich auf den Fehler, den der Feind schon benutzt, sobald er begangen ist. Hüten Sie Sich vor Borgen und Leihen; durch Beides verwirren Sie Ihre Geschäfte und gerathen oft selbst mit Freunden in Verdrießlichkeiten. Verzeihen Sie, Lieber, ich habe geprediget, als ob ich den Sirach und Salomo zu diesem Behuf gelesen hätte. Meine Apologie ist mein Herz. Ich liebe Sie so sehr ohne alle Rücksicht, daß ich gern das schwerste Opfer bringen würde, wenn ich Ihnen einige Fehler, die Ihnen in jedem Ihrer künftigen Verhältnisse schädlich werden können, wegnehmen könnte. Halten Sie es nicht für Hofmeisterton; ich habe dazu längst die Neigung und das Recht verloren und dadurch halb unwillig hierinne meine Ruhe gesichert; aber wenn die Stimme eines Freundes bei Ihnen etwas vermag, eines Mannes, der kein Interesse hat, Ihnen das geringste Unangenehme zu sagen, eines Mannes, der selbst bisher schon unter so mancher Zone als ein Ball des Schicksals herumgeworfen worden ist, wenn Sie den Eintritt in die Welt nicht für unwichtig halten, so gehen Sie nicht mit Ihrer gewöhnlichen Leichtigkeit über Worte hin, in die ich Seele gelegt zu haben glaubte. Ich spreche nicht, um Ihnen neue Wahrheiten zu sagen, sondern nur um Ihnen eine feierliche Erinnerung an alte zu Herzen zu führen. Mustern Sie nicht die Composition; ich bin nicht Stilist und konnte es noch weniger in der Eile sein; fühlen Sie das Geschenk der Freundschaft. Ich kann Ihnen nichts vorbringen, was Ihnen nicht Ihr guter Verstand ebenso gut selbst sagte; aber wird Ihr Kopf nicht zuweilen Ihren Leidenschaften unterthan, nicht der Sclav Ihres Herzens werden? Ich beruhige meine Furcht in Ihren vortrefflichen Grundsätzen und hoffe und wünsche, daß Sie noch dann erst recht glücklich sein mögen, wenn man auf einem großen oder kleinen Kirchhofe mit meinen Knochen gegen die Leichensteine wirft. Leben Sie wohl und lieben und schätzen mich, so wie Sie finden, daß ich es verdiene, und seien Sie versichert, daß ich trotz den tiefsten Gefühlen meines Herzens gegen Sie das Nämliche thun muß. Die Hoffnung täuscht mich gewiß nicht, daß mein Herz gegen das Ihrige sich nie wird umstimmen dürfen. Ueber Oeser Aus Wieland's Neuem Teutschen Merkur, 1799. II. Seite 152–159. – A. d. H. Grimma , den 26. Mai. Was ich Ihnen jetzt an Nachrichten von unserm guten Oeser schicken kann, ist sehr wenig, aber doch vielleicht hinlänglich, um das Publicum recht aufmerksam auf einen der ersten Männer seiner Art zu machen, da seine Kinder und seine Freunde mit Sammlung der Materialien zu einer ausführlichern Beschreibung seines Lebens beschäftiget sind. Ein Mann, der mehr als achtzig Jahre in den verwickeltsten Verhältnissen des Lebens seinen Weg zur allgemeinen Hochachtung bei der Nation blos durch sein Talent und seinen persönlichen braven Charakter gemacht hat, verdient, zumal da er einen der originellsten Stempel trug, gewiß die Theilnahme eines Jeden, der Gefühl für schöne Humanität hat. Oeser wurde 1717, den 17. Febr. Abends um 7 Uhr, zu Presburg geboren, daher er oft im Scherz zu sagen pflegte, er sei in vier bösen Ziffern auf die Welt gekommen. Man wollte ihn zum Conditor machen, konnte ihm aber durchaus an diesem süßen Geschäfte keinen Geschmack beibringen. Sein erster Lehrer in der Kunst hieß Kammauf, der ihn recht herzlich mit Copiren nach Kupferstichen plagte, den Jungen mit Ohrfeigen zur Ordnung wies, wenn er seinen eigenen Kopf versuchen wollte, und ihn dadurch sofort von sich jagte; daher Oeser sich immer noch mit Laune an des Alten Pedanterei und an seine Jugendstreiche bei ihm erinnerte. In Wien, wo er eigentlich seine Bildung in der Kunst erhielt, lebte er bei einem alten gutmüthigen Onkel, mit dem der junge, feurige, talentvolle Vetter Alles machen konnte, was er wollte. Dort erwarb er sich durch seine Arbeit nicht allein die Achtung und Freundschaft der damaligen Künstler von Rang, vorzüglich des Directors van Scupen und des Herrn Meytanz, sondern auch die Gunst und Gewogenheit vieler Großen. Der Jüngling, der bei dem größten Feuer in allen seinen Unternehmungen viel liebenswürdige Bescheidenheit besaß, war ganz überrascht, als sein Brandopfer Abraham's in der Akademie den ersten Preis erhielt. Er hatte nach dem Geist der Zeit damals manche Anfechtung von der Proselytenmacherei der frommen Damen und ihrer Beichtväter; er blieb aber fest bei seinem Protestantism und wies oft die Bekehrungslustigen mit Witz und Lakonismen zurück, wenn er zum ewigen unnützen Streit aus Gründen nicht mehr aufgelegt war. Die Krönung seines Brandopfers, eines Stücks, das für alle christliche Religionsparteien gleiches Interesse haben mußte, war höchst wahrscheinlich die Veranlassung, daß ihn dieser Gegenstand seiner Jugend durch sein ganzes Leben mit Interesse beschäftigte. Aus einem ganz verschiedenen Grunde war Lot's Familie immer das Spiel seiner Ideen und seiner Versuche, wie weit etwas Edles aus einer solchen Aufgabe gemacht werden könnte. Sein feuriges schnell aufloderndes Temperament brachte ihn in manche Unannehmlichkeiten, aus denen ihn seine Geschicklichkeit in allen körperlichen Uebungen und seine Geistesgegenwart wieder zog. Ueberall, wo er anfing, war er über dem Mittelmäßigen. Er spielte vortrefflich Billard, focht meisterhaft, und zwar links, ritt fertig und mit Anstand, war der beste Schütze mit jedem Gewehr und pflegte oft mit der Pistolenkugel die Schwalbe oder Lerche im Fluge zu schießen. Einer seiner vertrautesten Freunde in Wien war Rafael Donner, von dem er bis an sein Ende mit wahrhaft zärtlicher Rührung sprach, vorzüglich wenn er das Bildniß seines ehemaligen Freundes betrachtete oder es Andern wie einen Heiligen in der Hauskapelle vorzeigte. Der glänzende Hof der Auguste, die Kunstsammlungen und mehrere seiner Landsleute, die sich dort aufhielten, lockten ihn zu Ende des Jahres 1739 nach Dresden; und seitdem ist Sachsen sein zweites Vaterland geworden, wo er in seinen ihn stets bindenden Verhältnissen nur mit Sehnsucht an Italien dachte, wohin sonst immer seine Seele eine unaussprechliche Sehnsucht empfunden hatte. In Dresden wurden Winckelmann und Hagedorn seine Freunde, und der Erste hat vielleicht das Meiste, was er nachher in Beziehung auf die Kunst als Kunst leistete, Oesern zu danken. Oeser machte sein Auge für das Schöne und Fehlerhafte empfindlich; er lehrte ihn sehen, wie sein Ausdruck war. Die ganze Beschreibung von Rafael's Madonna ist Oesern von dem Munde nachgeschrieben. Im Jahre 1744 erhielt er einen Ruf nach Petersburg, den er annahm. Alles war schon zur Abreise fertig, das Geld ausgezahlt und der Wagen gekauft; aber der Tod der Kaiserin Anna vereitelte das ganze Unternehmen. In Dresden lernte er in dieser Periode seine nachmalige Gattin, die Demoiselle Hoburg, kennen, die den wohlthätigsten Einfluß auf sein ganzes künftiges Leben gehabt hat, und deren vortreffliche Eigenschaften der Greis oft mit dankbarer Rührung nannte. Wirthschaftlichkeit, eine Tugend, die nicht immer das Genie begleitet, war auch Oeser's Begleiterin nicht: er arbeitete selten eher wieder um Geld, als bis er den letzten Ducaten angegriffen hatte. So oft er konnte, hing er seinen eigenen genialischen Ideen nach. Im siebenjährigen Kriege hielt er sich meistens zu Dahlen auf, bei dem gelehrten Grafen von Bünau, dessen Zimmer er nun malte, wie er schon lange versprochen hatte. Zu Ende des Krieges zog er nach Leipzig, wo er schon vorher auf seinen Excursionen viele schätzbare Bekanntschaften gemacht hatte. Als der Kurfürst Christian nach dem Kriege zur Beförderung der Kunst die Akademie errichtete und Oesern freigestellt wurde, ob er in Leipzig oder in Dresden sein wollte, entschied er sich für Leipzig und wurde da zum Director der Zeichnerschule ernannt. Seine Zeit in Dresden und die ersten Jahre in Leipzig hielt er für die schönste Periode, sowol in seinem Leben als in seiner Kunst. »Sachsen hat mich verdorben«, pflegte er oft zu sagen, wenn er sagen wollte, daß er oft den Forderungen des neuern Geschmacks hier und da gefällig nachgeben mußte und darüber die schöne Antike etwas vernachlässigte. Seine alten Freunde waren der nämlichen Meinung, und Hr.  Schnorr, einer seiner würdigsten und dankbarsten Schüler, sagte mir, er habe nur vor Kurzem ein paar Kutschenschilder in Dresden aus dieser Zeit von ihm gesehen, wo er voll Enthusiasmus vor den Figuren hätte niederknien mögen, so herrlich sei Zeichnung und Gruppirung, so schmelzend und glühend Colorit, so schön genialisch das Ganze. Seine Hauptwerke sind zu bekannt, und der Raum ist hier zu klein, um auch nur kurz davon zu sprechen. Seinen Christuskopf in Oel, den er nur einige Tage vor seinem Tode vollendete, haben Sie gesehen. Er hat noch die ganze Gluth seines Meisters. Die schlafenden Nymphen der Diane waren sein letztes Spiel, welches er zeichnete, als ihm Schnorr einige Stellen aus Don Karlos vorlas; auch diese haben Sie unter seinen Familienreliquien gesehen. Sie verrathen noch nicht die zitternde Hand eines Zweiundachtzigers. Er starb den achtzehnten März dieses Jahres und behielt seine jovialische, ächt philosophische Stimmung bis an den letzten Augenblick. Das ehemalige Feuer seiner oft stürmischen Jugend hatte sich in eine liebenswürdige herzliche Heiterkeit gemildert, die ihn bei seinem wahrhaft rechtschaffenen offenen Charakter zu einem der interessantesten Männer machte. Der Mensch ist hier vielleicht noch merkwürdiger als der Künstler. Sein langes Leben ist voll origineller Züge aller Art, und seine Freunde hatten immer etwas Genialisches, Lakonisches, Kaustisches oder Barockes von dem alten Oeser zu erzählen. Weiße, Kreuchauff und Schnorr sind, nebst seiner Familie, wol Diejenigen, die das Merkwürdigste von ihm während seines Aufenthalts in Leipzig wissen. Schade, daß kein Jugendfreund uns die Geschichte seiner ersten 25 Jahre, die gewiß in jeder Rücksicht wichtig sein muß, geben kann; aber in den Achtzigen sind gewöhnlich nicht Viele mehr übrig, die unsere Geschichte in den Zwanzigen wüßten, zumal in einem so verwickelten Lebensfaden, wie Oeser's war. Ich kann mich nicht enthalten, Ihnen eine kleine Anekdote von ihm, da er noch in Wien war, zu erzählen. Es wurde damals sehr viel von dem Wurme gesprochen, der den Schiffen unter dem Wasser so außerordentlichen Schaden that, und man war begierig, ihn bald näher kennen zu lernen. Der junge Oeser setzt sich hin und erfindet mit der ihm eigenen Laune einen ganz eigenen Wurm, giebt ihm an einer Extremität eine Art von Säge wie dem Sägefisch und an der andern eine Art von Bohrer und weiß dieses einheimische Product seines Gehirns als einen fremden Ankömmling geheimnißvoll einem Neugierigen in die Hände zu spielen. Wenige Tage nachher kommt ein Curiositätenkrämer, bringt ihm mit einer wichtigen Miene den neuen Schiffswurm zum Copiren, bittet um Verschwiegenheit, und so kann Oeser seinen eigenen Wurm nicht oft genug abzeichnen, bis endlich der wahre Wurm mit einer weitläuftigern Beschreibung selbst aus der Fremde nach Wien kommt und den untergeschobenen zum großen Gelächter des Publicums seines Credits entsetzt. Er sagte über alle Gegenstände und besonders über Politik seine Meinung überaus offenherzig und nicht selten mit gewaltsamer Heftigkeit. Eine Philippike dieser Art mochte er dem General Seidlitz gehalten haben, als er zu Ende des Krieges einst voll Zorn, Aerger und Angst Abends spät nach Hause kam, Hut und Stock wegwarf und sagte: »Wenn nun Seidlitz nicht ein ehrlicher Mann und mein Freund ist, so kostet's mich den Kopf!« Seine Familie brachte natürlich die Nacht in banger Erwartung hin, da der Vater weiter kein Wort sagte, und beruhigte sich erst, als den andern Morgen der General mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit kam, von Kunst und Kunstwerken sprach und heiter und froh mit ihm auf die Promenade ging. Veit Hans Schnorr Aus Wieland's Zeitschrift: Der Neue Teutsche Merkur, 1800. II. S. 154–163. – A. d. H. Unter unsern vaterländischen Künstlern, die durch die hartnäckigsten Schwierigkeiten widerstrebender Verhältnisse sich durchzuarbeiten wußten, verdient unstreitig Schnorr in Leipzig genannt zu werden. Da die Geschichte seiner Jugend Manchem vielleicht Vortheil und Vielen einiges Vergnügen bringen dürfte, will ich Ihnen, so viel ich gewiß von ihm weiß, hier, wenn Sie wollen, auch für Andere, mittheilen. Veit Hans Schnorr wurde im Jahr 1764 zu Schneeberg im sächsischen Erzgebirge geboren, wo sein Vater Rechtsgelehrter war. Die Familie war zahlreich, unser Maler der achte Sohn. Noch jetzt spricht er mit eigenem Enthusiasmus von den Freuden jener schönen Jahre. Der Kleine zeigte in der Kindheit schon eine große Neigung zu allerlei Künsteleien und schnitzte und malte und baute unaufhörlich. Er fertigte schon in seinem zwölften Jahre zu Jedermanns Beifall die Husaren und Türken auf der Scheibe der dasigen Schützen. Die Familie, die zu Anfange des Jahrhunderts reich gewesen war und beträchtliche Geschäfte getrieben hatte, bedurfte nach vielem Verlust an Vermögen und Individuen am Ende desselben der größten Wirthlichkeit. Der junge Schnorr verkaufte also schon damals seine Werke, als Kutschen, Kirschkerne mit feiner Drechslerarbeit, Bildchen auf Kämmen und Spielmarken und andere schöne Raritäten und schaffte sich für das gesammelte Geld eine Uhr, die er jetzt noch besitzt und billig sehr werth hält. Die meiste Zeit brachte der Knabe einsam in einer Dachstube zu, wo er sein eigenes Kunstwesen trieb; oder er kletterte über die Gartenmauer, um seinen Weg zu dem benachbarten Uhrmacher, Tischler oder Drechsler zu nehmen, die ihn Alle gern sahen, da der Junge drollig genug war und wenigstens so gut mit arbeitete als ein abgerichteter Lehrbursche. So putzte er manche Uhr, die einem ehrlichen Spießbürger die letzte Lebensstunde pickte, dem er dann auch bei dem Tischler die Nägel in den Sarg schlagen half. Seine Lage spornte seine Industrie an, sich Alles selbst zu verfertigen, wenn er etwas nach seiner Phantasie haben wollte, und so holte er aus dem Walde die Stangen, schlug die Pfähle, flocht von Laubwerk die Hütte, legte den Herd an und strickte die Netze selbst, wenn er im Herbste Lerchen fangen wollte. Dieser rastlosen Uebung hat er die vortreffliche Gesundheit zu danken, die ihm jetzt in seinen Verhältnissen so wichtig und wohlthätig ist. Seine Eltern fingen nach und nach an, um ihn besorgt zu werden, da sich der junge Mensch, wie es schien, zu nichts bestimmen wollte. Denn die Schule war nicht seine Liebschaft, und ein alter Veteran von Feldwebel mit einer halben Nase, der ihm militärisch das Latein einbläute, war nicht der Mann, den Musen einen freiwilligen Rekruten anzuwerben. Der Vater nahm ihn also einmal auf einer Geschäftsreise mit sich nach Leipzig, um seinen Gesichtskreis zu erweitern und ihn anzuspornen, sich nöthige Vorkenntnisse zu einem wissenschaftlichen Leben zu sammeln; denn die Malerei hielt er für ein sehr gleichgiltiges, brodloses Ding. Es glückte, und der Junge fing nun an, in einer andern Richtung gewaltig fleißig zu sein. Er studirte sein Latein in seiner Dachstube mit ebenso viel Begierde, als er vorher Kutschen gebaut und Quincaillerien gekünstelt hatte, so daß er nach drei Jahren, ungefähr in seinem neunzehnten, auf die Universität nach Leipzig ziehen konnte. Unter den vielen Kupferstichen, die er in Schneeberg mit der Rabenfeder nachgezeichnet, war besonders einer von Geyser nach Oeser, der ihm zum Erstaunen seines kleinen Publicums geglückt war. Dieses Werk, das ihm in seiner Vaterstadt nicht wenig Credit gebracht hatte, zeigte er kurz nach seiner Ankunft in Leipzig wirklich Oesern . Oeser bewunderte zu des jungen Virtuosen unsäglicher Demüthigung weiter nichts als den erstaunlichen Fleiß. Trotz der wenigen Aufmunterung besuchte er indessen doch die Akademie, wo Oeser lehrte, und zeigte von seiner Arbeit dann und wann etwas dem guten Vater Weiße, der sein Anverwandter ist; und Weißens bekannte Humanität und persönliche Theilnahme versagte dem jungen Vetter nicht wohlgeleiteten Beifall und zweckmäßige Bemerkungen. Er ward nun Oesern näher bekannt, und auch Dieser zeigte nach und nach mehr Zufriedenheit mit seiner Arbeit. So verlebte er einige Jahre, gab Unterricht in der Kalligraphie und erleichterte mit den 50 oder 60 Thlrn., die er dadurch gewann, seinen Eltern seine Unterhaltung. Weiße, der geübte Menschenkenner, bemerkte bald, daß Schnorr wol kein sonderlicher Actenmann werden würde, und rieth ihm im Ernst, seiner Neigung zu folgen und die Kunst zu studiren. Kopf und Herz voll Rafaele und Titiane eilte der glühende Jüngling sogleich zu Oesern und trug ihm die Sache vor. »Ei, was Tausend!« sagte der Alte, den er eben allein traf, »was ist das? Das geht nicht sogleich; das ist nichts. Ja, Weiße ist ein herzensguter Mann,« fuhr er etwas mißlaunig fort; »er meint es gut; aber, aber die Schwierigkeiten! es wird nicht gehen! und –« brach verdrießlich ab. Von diesem Empfange an der Schwelle des Tempels abgeschreckt, nahm Schnorr lange Zeit keinen Pinsel wieder in die Hand. Sein Ideal von Kunst und Künstler war in seiner Seele schon so groß und blendend, daß er an solche Höhen kaum einen Gedanken mehr wagte. Mit verdoppeltem Eifer trieb er nun, freilich unter Seufzen und Stöhnen, sein Jus, disputirte, ließ sich examiniren, ward Notar und schien sich nun an den Teich zu legen, den auch in Sachsen der Engel immer seltener bewegt. Sein Vater wies ihn in Ansehung seiner künftigen Bestimmung auf seine eigene Ueberlegung, da er nun kein Knabe mehr sei. Er las also ganze Stöße Acten mit vielem Widerwillen, und die Juristerei ward ihm täglich mehr verleidet. Defensionen aus dem Criminalrechte hatten allein für ihn noch einiges Interesse. Die Liebe zur Kunst erwachte mit neuer Kraft, und es begann ein quälender Kampf in seiner Seele. Von Zeit zu Zeit zeigte er Oesern seine Dilettantenarbeiten und gewann immer mehr dessen Zufriedenheit. Bei der Copie eines englischen Kupferstiches sagte ihm der Alte sogar: »Nun, Sie haben hier etwas gescheiter gemacht als der Engländer.« Jeden Tag ward Oeser freundlicher und freundschaftlicher. Er gab ihm dann und wann Zeichnungen und sagte ihm seine Meinung über die Arbeit. Jetzt starb der Vater, und dieses gab dem Schicksal des jungen Mannes die endliche Richtung. Er widmete sich nun entschlossen der Kunst, und Alles schien ziemlich gut vorwärts zu gehen, als ihn eine Liebschaft aus dem angetretenen artistischen Gleise trieb. Er hatte, welches bei einem jungen enthusiastischen Künstler wol sehr begreiflich und verzeihlich ist, schon längst einige Vertraulichkeit mit einem jungen artigen Mädchen gehabt. Die Liebschaft war, more consueto, nach einigen Tracasserien und Trennungen und Versöhnungen weit genug vorwärts gediehen und – nöthigte unsern Mann, mit der neuen Eheconsortin etwas weit vom Vaterlande zu ziehen. So leicht auch sein Muth war, ging er doch mit schwerem Herzen durch Polen nach Königsberg, wo ihn der Rath eines Universitätsfreundes, den das Glück dorthin verpflanzt hatte, zuerst unterstützte. Sein Bißchen Kunst und seine Ehrlichkeit schafften ihm daselbst bald die Theilnahme vieler guten Menschen, unter denen die verehrungswürdige Familie von Holstein-Beck und der nun heimgegangene Geheime Kriegsrath Hippel sich besonders auszeichneten. Es ging ihm wohl; aber als Künstler war er verlassen, und es schmerzte ihn, die schöne theure Zeit so ganz mit gewöhnlichem Broderwerb zubringen zu müssen. Schon war er entschlossen, mit einem Herrn von Boscamp nach Petersburg zu gehen, als er den Vorschlag zu einer Lehrerstelle bei der Magdeburger Handlungsschule erhielt und, um seinem Vaterlande wieder näher zu sein, annahm. Die Stelle konnte ihm nach seiner Neigung nicht sehr gefallen; er gab sie also nach Verlauf des contrahirten Jahres wieder auf und ging mit Weib und Kindern nach Leipzig zurück, um nun endlich mit allen Kräften unter Oeser's Anleitung die Kunst zu studiren. Bekennen Sie, daß allerdings ein Enthusiasmus wie der seinige dazu gehört, als ein Lehrling sich zurückzuwagen und neben dem Studiren noch eine schnell anwachsende Familie ernähren zu wollen. Daß seine Kräfte seinem Muthe gleich kamen, hat die Folge gezeigt. Selbst Weiße war betroffen über seine Zurückkunft und meinte, daß er doch wol seinem Enthusiasmus etwas zu viel zumuthe. Aber es ging; man nahm Theil an ihm, und Oesern ward er täglich lieber. Einige brave Leute, die Glauben an Menschenwerth hatten, unterstützten ihn thätig. Er fing mit Miniaturen an und ward desto unzufriedener mit seinen Arbeiten, je zufriedener Andere mit denselben wurden. Weiße, in nähern und fernern Kreisen der väterliche Rathgeber und Unterstützer jedes aufkeimenden Talents, das sich ihm nähert, verschaffte ihm manche Bekanntschaft, die ihm für Studium und Haushaltung zugleich nützlich ward. Von der Zeit seiner Zurückkunft aus Magdeburg darf man seine Künstlerbahn und seine Erscheinung im Publicum rechnen. Seine Arbeiten fingen schon früh an, sich vor vielen durch Anmuth und Grazie auszuzeichnen. Nur in dem ausdrucksvollen männlichen Charakter blieb Manches zu wünschen übrig, das ich als Laie in der Kunst nicht zu bestimmen wage. Aber seit einigen Jahren hat er doch offenbar auch hierin einen festern Tact gewonnen, wie seine neuern Arbeiten zeigen. Nichts geht über seinen Enthusiasmus für seine Kunst und die Freude, wenn ihm irgend etwas gelungen ist. Er nimmt Bemerkungen jeder Art und von Jedem an, läßt sich keine Mühe zur Abänderung und Berichtigung verdrießen, und man läßt ihm schon die Gerechtigkeit widerfahren, daß seine Gruppirungen meistens richtig gedacht und mit Geschmack ausgeführt sind. Sehr spät wagte er es, und nur erst vor einigen Jahren, etwas nach Dresden. zur Ausstellung zu schicken, wo seine Blätter immer sehr vortheilhaft bemerkt worden sind. So zufrieden er oft mit seinen Arbeiten in dem Moment der Vollendung ist, so nimmt doch meistens die Zufriedenheit ab, wenn er sie nach einiger Zeit wieder vornimmt; kein zweideutiges Merkmal, daß er selbst immer weiter vorwärts geht. Selbstgefällig blickt er freilich wol zuweilen fremde Arbeiten an und sagt: »So gut würde ich es wol auch noch gemacht haben!« aber das Anch' io sono ist ihm noch vor keinem großen Meisterwerke eingefallen; denn er äußert gewöhnlich seine Einfälle sehr offenherzig. Er gesteht vielmehr, daß er sehr oft mit Angst vor den Mustern seiner Kunst stehe. Daß es eine große Unternehmung war, nach Oesern einen Vorhang für das Theater in Leipzig zu malen, fühlte Niemand mehr als er; aber trotz dem Tadel, den vielleicht die Kritik daran findet, haben doch sachkundige Männer mit Zufriedenheit geäußert, er habe viel geleistet und mehr, als man erwarten durfte, da der Künstler mit manchen Hindernissen zu kämpfen gehabt habe. Im Colorit ging er schon lange Zeit auf Oeser's eigenen Rath von Oesern ab, den die Kritiker mit unter die Nebulisten zählen. Schnorr sagt: »Wenn ich auch noch nicht das gute Colorit habe, so bin ich doch auf dem Wege, es zu bekommen.« Gewiß, es ist nicht der Erwerb von einigen Jahren, zumal wenn der Künstler unter solchen Schwierigkeiten arbeitet wie er. In Oel hat er noch wenig gemalt; es ist aber sein Entschluß und der Rath seiner Freunde, dieses zu seiner Hauptsache zu machen. Er hat mit Recht bisher Zeichnung und Akademie als unnachläßliche Vorbereitungen angesehen. Das Schlimmste ist, daß er selten arbeiten kann, was er will, sondern arbeiten muß, was Andere wollen. Die Kupfer nach ihm haben allemal viel Grazie, und es fehlt ihnen nicht an Ausdruck; auch Klopstock und Wieland waren mit seinen Zeichnungen zufrieden, da er den Dichter mit reinem Gemüth auffaßt und wiedergiebt. Vielleicht wird er einst unser Füger , wenn ihn die Umstände nicht niederdrücken! Auch in der Plastik sind seine Versuche glücklich ausgefallen, und die Büste des Geheimen Kriegsrath Müller bei Rost zeigt mit großer Aehnlichkeit viel eigenen Charakter. Er arbeitet mit vieler Emsigkeit in seinen Mußestunden schon lange an einer Anatomie, die ihn fast bei jedem Muskel auf die Antike zurückbringt. Er hat eine Hausfrau (eine Tochter des bekannten Philologen, des Rector Irmisch in Plauen) mit sechs Kleinen, und zwar in Leipzig zu ernähren, und doch ist ihm kein Opfer für seine Kunst zu klein. »Wir können Kartoffeln essen,« spricht er, »aber ich muß etwas Schönes sehen und haben, das giebt mir Nahrung, die ich brauche, und ist auch ein Capital für meine Familie.« ] Seine Kunstliebe zieht ihn oft in die schönen Gefilde Latiens, aber seine Vaterpflicht hält ihn zu Hause. »Wenn mir nur der Kurfürst auf zehn Jahre eine kleine Pension geben wollte,« sagte er mir neulich, »damit ich meine Jungen etwas gemächlicher und besser erziehen könnte; ich wollte sie dann gern wieder abgeben, denn für mich brauche ich nichts.« Seine Freunde wissen, daß dies Wahrheit ist, und viele Fremde werden einstimmen, baß er die thätige Theilnahme seines Vaterlandes verdient, dem er so viel verspricht, und das er wirklich patriotisch liebt. Unbekümmert und uneingeweiht in den kleinen Künsten des Lebens, ist er von ungewöhnlicher Gutmüthigkeit, und ich selbst habe ihn in Collisionen gesehen, wo er als ein sehr rechtschaffener uneigennütziger Mann selbst gegen das Einflüstern der Klugheit in seiner Lage mit Aufopferung schön gehandelt hat, ohne nur zu ahnen, daß man auch anders handeln könne. Ueber Schauspieler und ihre Kunst Aus dem Morgenblatt für gebildete Stände , 1807. Nr. 186, 5. August. – A. d. H. Mich däucht, ich habe versprochen, Ihnen einige Bemerkungen und Erinnerungen über Schauspieler und ihre Kunst zu schicken. Sie dürfen also nichts sehr Geordnetes und Umfassendes erwarten, sondern müssen mit rhapsodischen Stücken und eklektischen Aeußerungen zufrieden sein, die meistens Forderungen von mir an die Künstler enthalten. Ob die Kritiker sie unterschreiben und die Schauspieler sie selbst zugestehen, weiß ich freilich nicht, ich komme aber nach wiederholter Ueberlegung immer wieder mit den nämlichen Forderungen in das Haus und habe das Recht, ihre Befriedigung zu erwarten und diese Erwartung öffentlich auszudrücken. Ich verlange von dem Schauspieler und der Schauspielerin eine richtige grammatisch reine Sprache, ohne beleidigende Solöcismen und fehlerhafte Gänge und Formen. Dieser Forderung thun die wenigsten Genüge. Ich weiß wohl, daß die meisten Dikasterienleute und Professoren auf Universitäten und zuweilen auch Schriftsteller und sogar gute Dichter sich um die Richtigkeit der Sprache wenig bekümmern. Desto schlimmer für sie und den guten Geschmack. Aber Theater sind Institute öffentlicher Bildung zu jeder nicht unmoralischen Tendenz; und hier sollte das Vehikel der Sprache eine feste, bestimmte, leichte Nationalform haben, wider welche kein Provinciale von der Ostsee bis in die Alpen etwas einzuwenden hat. Der Mangel an Nationalität in politischer Rücksicht ist hier in eben dem Grade der Aesthetik der Sprache ungünstig, da jeder Winkel der deutschen Lande, denn Deutschland kann man nicht füglich sagen, seine eigenen oft unlogischen Gänge und widrige Formen hat. Doch sind die meisten Fehler so liquid, daß man sie nur nennen darf, um die Zustimmung aller Gebildeten zu haben, daß es Sprachfehler sind. Es würde zu weitläufig sein, wenn ich mich in Beispiele einlassen wollte. Am Meisten fällt dieses auf in Conversationsstücken, wo die Natur des Vortrags dem Schauspieler mehr Freiheit läßt und seinem Gedächtniß weniger Gewalt anthut. Wer seinen Adelung nicht mit Fleiß studirt hat, sollte nicht an die Bühne denken, oder wenn er daran denkt, sollten sogleich Adelung's Bücher über die Sprache seine Handbücher werden. Bis uns eine bessere Chiliade eine Nationalakademie als Norm der Sprache schenkt, müssen wir uns an das halten, was einzelne Männer mit Zustimmung der übrigen Culturfreunde dafür gethan haben. Die Reinheit wird durch Fleiß und Aufmerksamkeit gewonnen; aber der Dialekt verwischt sich nur nach und nach durch Umgang mit verschiedenen Provincialen, so daß endlich eine reine Sprache auch in einer reinen Aussprache mit einem angenehmen Tone hervorgeht. Vor der Sprache hätte ich vielleicht sogleich die persönliche Erscheinung des Schauspielers in Anspruch nehmen sollen. Was die Natur nicht gegeben hat, kann man gewöhnlich nicht verlangen. Aber hier soll Niemand erscheinen mit einer Person, die der Erscheinung, welche er geben soll, widerspricht. Wer schiefe Beine, einen prominenten Bauch oder eine Mohrenphysiognomie hat, kann eben deswegen einen griechischen Helden und einen idealisch schönen Geliebten vorzustellen nicht übernehmen, und wenn die Natur seine Seele aus lauter Harmonie gemacht hätte. Physische Hindernisse können zwar zuweilen überwunden werden, aber dadurch wird kein Ideal geschaffen. Die Figur jedes Schauspielers ist für irgend eine Rolle die beste, aber man muß unserer Sinnlichkeit keine übersinnliche Anstrengung zumuthen; man muß uns keine Recha von vierzig Jahren und keinen Funfziger als Hamlet geben, zumal wenn das übrige Personal in grellem Verhältnisse steht. Eine solche Vertheilung sieht aus, als ob man durchaus die Absicht hätte, Meisterstücke zu zerstümpern. Dieser Widerspruch der Erscheinungen wird noch beleidigender durch die Nachlässigkeit im Schminken. Meistens sind unsere Theatergesichter gemalt, als ob sie unter den Händen eines Kutschenanstreichers oder Stubenfärbers gewesen wären. Man wirft auf die Backenknochen einen Klecks Mennig, unbekümmert, es symmetrisch zu chromatisiren, zu verwaschen und zu vertuschen, so daß die Wangenhöhen glühen wie eine Schmiede und das übrige Antlitz wie im Grabe an der Verwesung zu liegen scheint. Wer auf dem Brett erscheinen will, soll und muß sich ordentlich nach der Perspective färben. Leicht mag das freilich nicht sein und Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit und Erfahrung fordern. Aber die Ehre, die er dafür als Künstler billig genießt, ist auch nicht gering. Ich erinnere mich, ehemals ein englisches Buch gelesen zu haben, The art of painting for players, worin eine Menge guter praktischer Bemerkungen stand, und das billig, so oder verbessert, zum Gebrauch der Mitglieder in jeder Theaterbibliothek sein sollte. Der Schauspieler darf der Mode des Tags nicht folgen, insofern diese Mode die Costümirung unmöglich macht. Etwas sehr Anstößiges sind in dieser Rücksicht jetzt die modischen Backenbärte. Jeder Andere mag seinen Bart ganz oder halb oder gar nicht scheren und ihn stutzen, schneiden und wichsen und frisiren lassen, wie es ihm beliebt; dagegen hat ihm rechtlich Niemand etwas zu sagen, er bedient sich des Befugnisses seiner Freiheit. Aber das Gesicht des Schauspielers gehört auf der Bühne nicht ihm selbst; er hat es dem Publicum zur Richtigkeit seiner Rolle vermiethet, und seine Erscheinung ist durch das Costüme gegeben. Ein sichelförmiger Backenbart steht dem Dragonerofficier irgend einer Armee gut genug und kann, wo er auch nicht getragen wird, als charaktermäßige Nüance wol genommen werden. Wenn dieser sichelförmige Backenbart aber im Gesichte eines griechischen Helden, eines römischen Senators, eines glattgeschornen Morgenländers erscheint, oder wenn ein Galaminister, wie man sie ehemals hatte und nun wieder fordert, damit eintritt, so ist das für jeden Zuschauer von Sinn und Tact so beleidigend, als ob man die Senatoren des Camillus mit dem Zubehör des Galanteriedegens chapeaubas aufführen wollte. Den jungen Künstlern, die zugleich gern in ihrer eigenen Individualität die Herzensbändiger machen, fällt es allerdings schwer, sich von diesem Naturgeschenk loszusagen, da die Weiberchen und Mädchen trotz aller Kritik den Schnitt und die Fülle des Bartes, von andern Soliditäten begleitet, allerliebst und göttlich finden. Denn bei diesen Richterinnen ist viel Göttlichkeit ohne vernünftigen Grund. Es ist dieses nichts Neues, da die Franzosen diesen herabwogenden Haarbusch schon lange vor der Revolution Favoriten nannten; und es ist nichts gegen ihn zu sagen, als daß er nicht sein soll, wo er nicht sein soll. Es wäre nicht übel, wenn unsere Kunstrichter auch Verstöße dieser Art, deren sich theils die Schauspieler, theils die Directionen schuldig machen, öfter und bestimmter rügen wollten. Sie machen zwar keinesweges das Wesen der Kunst, aber es sind doch auch keine gleichgiltigen Dinge für Gebildete, und die Directionen müssen alle Zuschauer im Hause als gebildet annehmen, wenn sie sich als wahre Künstler vor der Aesthetik rechtfertigen wollen. Vom Auffassen und Wiedergeben des Charakters, von Darstellung und Vortrage, von Mimik und Haltung, vom Pathos und dessen Mäßigung, überhaupt von dem höheren Studium sage ich nichts und überlasse es der höheren Kritik. Nur möchte ich beide, Künstler und Kritiker, bitten, nicht zu sehr in die Natur zu versinken und nicht zu sehr aus derselben herauszuschreiten. Durch das Erste erscheint das gemein Schlechte und durch das Zweite das ungemein Schwülstige; das Erste kriecht, das Zweite flattert, ohne zu fliegen. Schlimm ist es freilich und tödtend für den Schauspieler, wenn schon der Dichter in einem dieser Extreme ist und er ihm nachkriechen und nachflattern muß. Dann ist er zu entschuldigen, wenn er aus böotischen Grazien keine Sokratischen und aus einem Thersit keinen Achilles machen kann. Wenn der Schauspieler den Enthusiasmus der Wahrheit, das lebendige Gefühl der Größe, den Tact der Schicklichkeit mit einem gehörigen Grade allgemeiner liberaler Bildung und Erfahrung in seiner Seele hat, wird er selten eine Rolle so verfehlen, daß der strengere Richter sein Gesicht mit Mißfallen und Widerwillen wegzuwenden genöthigt wird. Der Geist ist vom Dichter gegeben, und die Seele muß sehr geistlos sein, in welcher der Funken nicht fängt. Die Frage kommt mir immer sehr sonderbar vor: »Wie hat der Schauspieler diese Rolle genommen?« mit der Behauptung, dieselbe Rolle könne auf verschiedene Weise gleich gut oder fast gleich gut genommen werden. Die Rolle ist gegeben durch das ganze Stück und alle psychologischen und ästhetischen Nüancen, oder der Verfasser hat unbestimmt und mangelhaft gezeichnet. Es giebt also nur eine einzige Art, eine Rolle zu nehmen, welche die wahre ist. Aber ich gerathe in Erörterungen, die ich jetzt wol schwerlich würde endigen können. Seien Sie mit diesem kleinen freundschaftlichen Symbolon zufrieden. Einige Worte über einen verdienten Schulmann, den verstorbenen Rector Mücke in Grimma. Aus der Zeitung für die elegante Welt , 1804, Nr. 16 (7. Febr.). – A. d. H. Es ist in einem öffentlichen Blatte mein Zeugniß über diesen Mann angeführt worden, und zwar zu seinem Vortheil gegen einen Andern, der nicht zu seinem Vortheil geschrieben hatte. Ich kenne weder den Verfasser noch dessen Buch, weiß also nicht, was er wider Mücke vorgebracht hat. Zwar bin ich kein unbedingter Verehrer des alten Weidsprüchelchens: »Von Todten und Abwesenden nur Gutes!« Wahrheit und ihre Würdigung gehen über Alles. Ich habe von Mücke nur einige Worte, so viel ich mich erinnere, in einem Gedicht über Oeser gesagt, bin es also ihm und seinen Freunden und mir selbst schuldig, noch etwas über ihn beizubringen, das mein Urtheil unterstützt. Ich rechne es mir zu keiner Schande, daß in meinen Gedichten keine Dichtung ist, und daß das Meiste rein in Gedanken oder Gefühlen aus der Seele hervorgeht. Wenn es mir nicht aus irgend einem Grunde Bedürfniß ist, etwas zu sagen, so sage ich nichts, und sage allezeit nur, was ich denke oder empfinde. Mir waren damals in einer sehr kurzen Zeit drei Freunde gestorben, die alle drei vom Publicum geschätzt waren, und deren Charakter mir ehrwürdig war, Oeser, Hedwig und Mücke . Mir liegt jetzt nur ob, meine Gesinnungen über den Letzten zu vertheidigen, von dem ich in moralischer Hinsicht kühn das ἐσχατοι πρωτοι Die Letzten (werden) die Ersten (sein). sprechen darf, ohne die Andern herabzuwürdigen. Mücke war einige Jahre in Grimma mein vertrauter Umgang, und ich bin nicht Enthusiast genug, wegen einiger guten Eigenschaften wesentliche Fehler zu übersehen, würde es also nicht für meine Pflicht halten, sein Vertheidiger zu sein, wenn es nicht meine reinste, übrigens ganz absichtlose Ueberzeugung wäre. Mücke als Schulmann kann ich nicht hinlänglich würdigen, da ich ihn als Lehrer nie gekannt habe. Aber so viele ich von seinen Schülern gesehen habe, und darunter sind mehrere sehr verständige, gebildete, rechtliche Männer, so haben alle mit wahrhaft kindlicher Liebe und Dankbarkeit von ihm gesprochen. Sein Stil war etwas hart, aber er enthielt Sachen. Er schrieb nicht zierlich, aber er schrieb gut. Mein Freund (Prof.) Carus in Leipzig hat mir noch neulich bekannt, daß er zu pädagogischem, psychologischem Behufe manches sehr Nützliche in den Programmen des alten Mücke gefunden habe, und viele seiner guten Schüler haben unaufgefordert gerühmt, daß sie immer bereichert aus seinem Unterricht gekommen seien. Ob Mücke in seiner Methode ein sehr glücklicher Pädagog gewesen, wage ich nicht zu behaupten; aber alle Zeugnisse sind für ihn als Lehrer, und wenn nicht Alle gleichen Vortheil von seinen Vorträgen zogen, so mögen wol mehrere Ursachen gewesen sein, die man nicht ihm aufbürden muß. Ich bin nicht der Meinung, daß alle Einrichtungen der sächsischen Fürstenschulen ohne Ausnahme pädagogisch zweckmäßig seien, aber wer die Verhältnisse kennt, wird dem Rector nicht beimessen, was Fehler des Instituts ist. Mücke war zu gewissenhaft rechtlich, um Aenderungen zu wagen, für deren Erfolg er doch nicht sicher stehen konnte, und für die er auf alle Fälle verantwortlich gewesen wäre. Er hatte nicht den gefährlichen Feuereifer eines Reformators, aber er hatte die liebenswürdige Beharrlichkeit eines verständigen, thätigen Arbeiters. Ich selbst bin mehrere Male Zeuge gewesen, mit welcher freundlichen, väterlichen Güte er die jungen Leute behandelt, und mit welcher schönen Aengstlichkeit er für ihr Physisches und Moralisches besorgt war. Er war fromm und kirchlich orthodox; aber er war gegen Jeden liberal und human, der nicht mit ihm dachte. Er hatte in Göttingen und Leipzig die Rechtswissenschaften gründlich getrieben und war also in den römischen Alterthümern sicherer und fester, als es die Meisten zu sein pflegen. Alle seine Schüler, die sich der Rechtsgelehrsamkeit widmeten, danken ihm eine sehr zweckmäßige Vorbereitung. Die Hauptzüge seines Charakters waren Liebe, Duldung und Wohlthätigkeit , und selten ist ein besserer praktischer Christ gewesen als er. Die Alumnen seiner Schule sind nicht immer Söhne wohlhabender Eltern; die Natur des Instituts bringt das mit sich. Wahrhafte Männer, die nicht schmeicheln, haben mich versichert, daß Mücke oft den Zettel der Handwerker bezahlte und von dem Vater nichts zurückforderte, weil er wußte, es würde dem armen Manne noch schwerer fallen als ihm selbst. Manchem armen Knaben soll er Beinkleider geschafft, seinen letzten Speciesthaler dafür hingegeben haben, ohne ihn in Rechnung zu bringen. Von dem ernsthaften finstern Gesicht und unter den großen, dunkeln, buschigen Augenbraunen hervor sprach eine besonnene Güte, die Hartherzige rühren konnte. So habe ich Mücke die drei letzten Jahre gekannt, ihn oft gesehen und ihn sich immer gleich, als den musterhaft guten Mann gefunden. Der Himmel erhalte mir immer einen solchen Freund, wie er war, so werde ich mich nicht für arm halten. Hoffentlich soll diese Ueberzeugung Niemand antasten; erschüttern soll sie wenigstens Niemand. Daß seine Schüler seinen Werth fühlten, zeigt folgender Vorfall, den ich an Ort und Stelle gehört habe, und der fast so gut als actenmäßig ist. Trauliche Gutmüthigkeit und Wohlthun zeichneten ihn vorzüglich aus. Den ersten Jahrtag seines Todes wollen alle junge Leute einstimmig, recht in dem Geiste ihres geliebten Lehrers, feiern und beschließen, den Mittag bei einer Trauermusik zu fasten und das Essen den Stadtarmen zu geben. Achtzig Arme hätten einen Festtag gehabt. Wir wollen den Zug zur Ehre unserer Jugend nicht vergessen. Sie baten um Erlaubniß; der Rector wies sie an den Inspector, und dieser verweigerte die Ausführung des schönen Entschlusses mit der elenden Ausrede: die jungen Leute könnten ihre Mahlzeit nicht veräußern, da sie – Wohlthat des Kurfürsten wäre. Was würde der gute, wackere, liebreiche Fürst einem solchen Manne sagen, wenn er ihn hörte? Die Schüler mußten essen . Das heißt doch wol den guten Geist ausrotten. Ausflucht nach Weimar Der nachfolgende Brief Seume's an Tiedge, seine letzte öffentlich bekannt gewordene Arbeit, wurde bald nach dem Tode Seume's in dem Taschenbuch Minerva für das Jahr 1811 (S. 73-94) veröffentlicht. Die dazu gehörigen beiden Gedichte sind schon in Th. V. (S. 185-187) mitgetheilt, daher ihr nochmaliger Abdruck hier unterbleibt.   Leipzig, den 16. Mai 1810. Endlich, lieber Tiedge, habe ich nach einigen Jahren, die ich kränkelnd hinlungerte, wieder eine Art von Ausflucht gewagt; aber welcher Abstand! Sonst machte ich einen Spaziergang nach Syrakus, jetzt mache ich eine Reise nach Weimar; und das Letzte ist dennoch ein größeres Wagstück als das Erstere, so ändern sich die Zeiten. Das Wetter war den Tag vor meiner Abreise vortrefflich, so herrlich, wie nur der Mai sein kann, und Jedermann wünschte mir Glück; aber ich bin der Nasenstüber vom Schicksal schon so gewohnt, daß ich sein Lächeln nicht sehr achte. Ich darf den Kopf nur zum Fenster hinausstecken, so regnet es gewiß, und ich glaube fast, der Himmel fällt einmal eine Viertelstunde vorher ein, ehe ich hineinkommen soll. Sonst schnallte ich meinen Tornister und ging, jetzt mußte ich erst zwei vierfüßige Thiere und ein zweibeiniges in Bewegung setzen, ehe ich armes Menschlein gehörig fortgeschroten werden konnte. Gohlis, Raschwitz und Störmenthal waren bis jetzt das Nonplusultra meiner Fahrten gewesen, und es war mir doch, als ob meine Brust sich freier und froher dehnte, als ich links vom Heerwege ab auf die Anhöhen der Dörfer hinaus kam. Ich hatte mir vorgenommen, in meinem Geburtsörtchen Poserne bei meiner Schwester Mittag zu halten. Links in der Tiefe lag im tiefen Nebel, ehe ich in die Gegend von Lützen kam, das Schloß Knauthain, wo ich oft vor manchem Aristarchus als Knabe im Schulexamen stand und mir zuerst praktisch die ersten Keime meiner nachherigen Gleichmüthigkeit erwarb, weil ich schon damals begriff, nicht Alles sei Gold, was gelbrothen Glanz hat, und nicht Alles Weisheit, was ihr Schild trägt. Ich ging in Gedanken den Inhalt meines ersten Schulbeutels durch und freute mich, daß ich noch so vieles Brauchbare darin fand, weit mehr, als die hochwohlweisen Universitätskörper wol glauben. Mein Blick hielt durch den Nebel an der alten Kirche fest, die von den frommen Bischöfen von Merseburg mit manchen Heiligthümern beglückseligt ist; ich setzte mich in Gedanken einige Minuten in dem heiligen Haine des großen nordischen Kanut, der der Gegend umher den Namen gegeben zu haben scheint, wie noch aus einigen Dörfern erhellt. Sodann blieb meine Seele auf den alten Dorfkirchhof geheftet, wo wir seit langen, langen Jahren meinen Vater begraben; ich glaube, es sind sechsunddreißig, denn ich war damals ein zwölfjähriger Knabe. Mein Blick hing im Geiste an den dichten Schwarzdornen, die über das Fleckchen fast undurchdringlich hergewachsen waren, wie ich in der letzten Periode meiner rüstigen Beweglichkeit noch gesehen hatte. Der Schauer der Natur faßte mich; das Rückenmark fing an, in dem Nacken zu glühen, und die Wimper fing an, feucht zu werden. Ich warf mich in den Winkel des Wagens, zog den Mantel der Windseite zu und überließ mich ohne Widerstand der Fortwirkung dessen, was in mir erregt worden war. Einige Tropfen mochten wol dem Auge entglüht sein, augenscheinlich auch mit ein Document meiner jetzigen Schwäche im Nervensystem – denn ich glaube nicht, daß ich überzeugungsweise in meinem Alter ein Empfindler werde –, als ich von außen den Regen ziemlich stark an die Kutsche schlagen hörte. Diese Tropfen des Himmels trockneten sonderbar genug, ich überlasse Ihrer Weisheit den psychologischen Grund, die meinigen in dem Auge. Es war kalt und trocken gewesen, die Landleute beteten laut um Regen, die Früchte standen meistens klein und spärlich. Die Milde des Himmels mochte mein Mitgefühl auf eine andere Weise in Beschlag genommen haben, das ist wol das Ganze. Das Individuum ging im Allgemeinen augenblicklich verloren und fand sich bald verändert und gebessert wieder. Es ward zwar nicht heiter, es blieb kalt und regnete wol über eine Stunde fort, aber meine Seele bekam bei dem ersten Hinausblick doch einen ganz andern Spiegel. (Folgt hier das Gedicht: »Es hatten die Raben geächzet« etc. etc. Th. V. S. 185.) Es möchte das Ansehen haben, als ob man die Sänger des Maies, nicht die Nachtigallen, die noch lieblich genug schlagen, sondern die eigentlichen Maipoeten, unter die ich leider auch gehöre, diesmal etwas auf die Finger schlagen müßte, wenn sie laut werden; denn der Himmel hat uns bisher so sehr mit Nordwind, Ostwind, und was zwischen diesen beiden bläst, heimgesucht, daß ich in dem Zwerchfelle wenigstens zwanzig Centner Blei zu tragen glaube. Das ist, mit Erlaubniß des Himmels, nicht ganz billig gegen uns arme Siechlinge und Sterbelinge verfahren, und wenn es noch länger so fortgeht, laufe ich noch Gefahr, in einem solchen Paroxysm von Bauchgicht den letzten dummen Streich zu machen. Jeder Wagenstoß drohte mir die Symphysis zu sprengen, unter den entsetzlichsten Schmerzen. Das Bedürfniß nöthigte mich oft hinaus, und der Sturm schickte mich immer etwas fieberhafter wieder hinein in den Kasten. Dabei ward die Luft bald wieder so zehrend und trocknend für Lunge und Leber, daß mein Vetturino, der sich meiner brüderlich annahm, mir aus jedem Brunnen den ledernen Reisebecher zur Labung füllen mußte, denn von dem Gebrausel von Styx, Kocyt und Phlegethon, das sie Bier zu nennen beliebten, konnte ich keinen Tropfen genießen, und Wein, vom alten Vater Johann und seiner Tochter Constantia bis zum Potsdamer Herlingsgewächs, wäre mir Gift gewesen. Trotz der unfreundlichen Luft von außen und den Quälgeistern von innen schlugen mich nach und nach die Nachtigallen in den Büschen doch in eine ganz leidliche Stimmung, als ich mich meiner Wiegengegend näherte, wo mich jeder Gegenstand an irgend einen Knabenstreich erinnerte. Ich verließ den Ort in meinem siebenten Jahre, aber in den drei ersten Jahren der frühesten Erinnerung lag für mich eine schöne Welt beschlossen; so glühend sind die Farben der ersten kindischen Gemälde in der Seele. Als ich das letzte Mal hier war, vor ungefähr dritthalb Jahren, begruben wir meine Mutter; seitdem ist mein Leben nur Kampf mit der Krankheit gewesen, und das Gerücht hat mich hier und da schon über den Acheron geschickt. Unwillkürlich verwickelte mein Gefühl das Bild meiner Mutter in jeden Gedanken, den ich hier dachte, Gewohnheit und beständiges Hiersein hatte nichts verwischt, und es ward mir schwer, sie als hingegangen zu denken. Jeder Stuhl erinnerte mich an ihr freundliches Antlitz, und ein Blick nach dem nahen Kirchhofe machte mir das Auge heißer. Ich eilte in den Garten, der Empfindung zu wehren, und besahe die jungen Pflanzungen der Kinder meiner Schwester, die höchst erfreut waren über das Lob ihres Fleißes und ihrer Ordnung; und einige Nachtigallen auf blühenden Apfelbäumen feierten wetteifernd vielleicht die schönsten Stunden ihres Lebens. Es ist etwas Eigenes um den Zauber der Kindheit. Ehemals war mir Alles so groß, so weit, so herrlich, so feierlich; jetzt ist es mir so klein, so enge, aber doch so heimisch, so traulich, daß ich mit aller meiner Welt von Petersburg bis Syrakus hier wol wieder Knabe werden könnte. (Folgt hier das Gedicht: »Dort steht noch im Dorf in der Mitte« etc. Th. V. S. 185 ff.) Meine Schwester begleitete mich mit ihren Kindern in dem Wagen weit weit hinaus in die Flur, wo sie Fenchel stecken und Möhren graben wollten. Die Magd mußte Spaten und Gabeln nachtragen. Alles geschah mit Fleiß und Freude. Mein kleiner Neffe, ein Bube von neun Jahren, konnte sich nicht zufrieden geben, weil keine Schmerlen für mich da gewesen waren. Man hatte die letzten, die man nicht länger halten konnte, nur vor einigen Tagen verzehrt, weil man an meiner Ankunft zu zweifeln anfing; ich mußte also mit Gewalt versprechen, rückwärts wieder zu kommen, wo ich mein Lieblingsgericht finden sollte. Es entfuhr mir im Scherz, daß ich sagte: »Höre Du, Vetter Fritz, Du denkst wol eine reiche Erbschaft zu thun, wenn ich sterbe; da irrst Du Dich gewaltig. Ich verzehre Alles richtig und werde kaum meine Schulden bezahlen können.« – »Ei was,« versetzte der Knabe schnell mit glühenden Augen, »leben Sie nur und werden gesund und befinden Sich wohl; wir haben genug und brauchen und wollen nichts mehr und werden arbeiten lernen.« Es that mir sehr wohl, in der Familie noch so viel gute Gesinnung und gute Zucht zu finden. »Das ist noch vom Großvater und von der Großmutter,« dachte ich; »gebe der Himmel, daß es abwärts so fort geht!« Ich verließ meine väterliche Flur sehr zufrieden und wohl und blieb Beides, so lange der Wagen nicht warf. Bei Plotha kam ich aus dem Labyrinth von Dörfern wieder heraus auf den Heerweg. Die Besitzung gehört einem meiner Leipziger Freunde, dem Herrn G. Winkler, der zuweilen seine Puppe daraus macht, die er nach der Lage des Orts niedlich genug ausgeputzt hat. Während die Pferde vesperten, wandelte ich einsam in den Gärten herum und dachte, wie herrlich es sein müßte, wenn Dieser und Jener und Diese und Jene eben jetzt mit hier wären; aber der leidige Mercur hält mit seinem Stecken und Stabe seine Geweiheten die schöne Zeit fest auf dem ledernen Sessel. Da sehen Sie sogleich die liebe Erbsünde wieder! Kaum kann der Siechling die Nachtmütze wieder zum Fenster hinausstecken, so fängt er stracks wieder an, nach vielen Genüssen zu geizen. Nun rollte ich zum Nachtquartier nach Naumburg in den Hecht zum Herrn Eichhof, ordnete meine Mahlzeit und schlich zum Besuche zum Domprediger Krause, der bald eine apostolische Wanderung nach Königsberg machen wird. Der Mann wird mit Recht im Vaterlande geschätzt und geliebt und wünscht von Seiten zeitlichen Vortheils keine Verbesserung seines Zustandes; aber evangelische Gründe und die Wirkung einer größern Summe des Guten haben ihn vermocht, den ehrenvollen Antrag nicht abzulehnen. Möge er bald dem Vaterlande und sich selbst ebenso erfreulich zurückkehren wie unser Landsmann Krug! Im Hechte hatte man meine Ordonnanz wegen der Wassersuppe so pünktlich befolgt, daß ich während der ganzen langen, langen Zeit meiner Krankheit kein so unschuldiges Kochsal in Erfahrung gebracht hatte, so wenig Butter und so winzige Körnchen Salzes hatte man in der Nachbarschaft von Kösen dazu genommen. Mit dem Spargel und dem Fische hatte ich dafür desto mehr Ursache, als Diätetiker und Schmecker zugleich zufrieden zu sein, weil man dabei nicht ebenso genau nach meinem Recepte verfahren war. Ist das nicht ein Jammer, daß Unsereiner, ein Kerl, der sonst Kraut und Rüben roh verzehrte, als wär' es Studentenfutter, jetzt in seinen alten Tagen mit so schlechtem Anstande und Erfolge den Küchenphilosophen machen muß? Den folgenden Morgen kutschirte ich über die Saale, den schweren Berg hinauf über das Schlachtfeld nach Weimar. So gut ich die Gegend kenne, und ich kenne sie ziemlich gut, ob ich gleich nicht ihre völlige Nomenclatur weiß, hatten die Preußen den ganzen Vortheil der Stellung in den Händen oder konnten ihn in einigen Stunden sogleich haben. Wehe ihnen, daß sie diese Stunden unbenutzt verstreichen ließen! Es gehörten viele und große Sünder dazu, an einem einzigen Tage das Glück und die Ehre der Nation so gewissenlos zu vergeuden. Es ist kaum begreiflich, wie vereinzelt und verwirrt ein sonst so achtungswürdiges Ganze hier zu Werke ging. Wer den Verlust der Schlacht voraussagen wollte, mußte auch wissen, daß man eben so und nicht besser und zweckmäßiger handeln würde. Es ist überall erster Hauptgrundsatz im Kriege, so viel als möglich in dem Moment der Entscheidung alle Hände und Köpfe in gemessene Thätigkeit zu bringen; hier scheinen die Deutschen gerade das Gegentheil gethan zu haben. Der Erfolg rechtfertigte auch die Grundsätze der Kunst. Nicht die Ueberlegenheit der französischen Waffen hat gesiegt, sondern die Schwäche des deutschen Geistes ist geschlagen worden. Daß man Kösen hatte besetzen lassen, war freilich wol kein Meisterstreich, indessen war dadurch noch nichts Letales geschehen. Wären die Franzosen bei Hassenhausen zurückgeworfen worden, wie sie konnten und mußten, und hätte man ihnen oben bei Jena die Ersteigung der Saalgebirge verwehrt, wie man sollte und konnte, so würde man sich links schon zum Rückzug entschlossen haben, und der Verlust des Magazins bei Naumburg, freilich schon beträchtlich genug, wäre das Ganze gewesen. Schwerlich wäre man in die Ebenen von Sachsen vorgerückt, wenn man eine entschlossene starke Armee hinter sich hatte, und Verweilen im Saalthale und den engen Gebirgspässen hätte sehr gefährlich werden können. Um uns zu rechtfertigen, müssen wir das Schicksal anklagen; ich will aber nicht sagen, was ich von dieser Anklage halte. Als ich in Weimar mein Reisebündel im Gasthofe zum Erbprinzen gehörig geborgen und für meinen Leichnam auf den Abend und die Nacht Alles gehörig besorgt hatte, wandelte ich über den Markt hin, die Esplanade hinauf, vor Thaliens Tempel vorbei, zu Vater Wieland. Die Hauptabsicht meiner Reise war, wie Sie wissen, den alten Herrn zu sehen, der sich immer so patriarchalisch freundlich meiner angenommen hat, und den ich mit jedem neuen Wiedersehen höher schätze und lieber gewinne. Seine Siebenundsiebzig sind nur insofern zwei böse Sieben, als sie wahrscheinlich nicht länger halten als andere Zahlen und dann nicht wiederkommen; übrigens ist er heiter und munter, sprüht nicht selten von Witz, wie man ihn nur in der schönsten Zeit erwarten konnte, scherzt lebhaft wie ein Zwanziger, nur züchtiger und feiner, und die Grazien scheinen noch alle ihre Gaben neu und frisch über das Antlitz ihres Lieblings ausgegossen zu haben. Ich war gesonnen, außer einigen meiner Freunde dort Niemand zu sehen; doch konnte ich nicht umhin, der Prinzessin Karoline das Versprechen zu halten, das sie mich ehemals hatte thun lassen, sie zu sehen, so oft ich nach Weimar käme, ohne mich um irgend eine Art von Toilette zu bekümmern. Die letzte Erlaubniß war damals nothwendig, da ich als Fußgänger lauter Streifpartien mit meinen Reiseperquisiten in der Tasche machte. Jetzt erlaubt mir meine Gesundheit durchaus nicht, mich gehörig zu kleiden. Die Großfürstin Maria hatte indeß die Güte, mich sehen zu wollen, und meinte, ich sollte kommen, wenn auch der Großpapa der Cyniker, barocken Andenkens, gegen mich ein Antinous wäre. Mein Gott, sehr gern, dachte und sagte ich; nur konnte ich nicht Form und Anstand so beleidigen, etwas zu wünschen, was von meiner Seite nicht schicklich gewesen wäre. Ich sahe die Großfürstin zum ersten Male, Wieland war mein Begleiter, und ich vergaß Einiges zu sagen, was ich ihr wohl hätte sagen können und sollen; z. E. wie viel Herzliches mir ihre Mutter, die Kaiserin, an sie aufgetragen, als ich in Petersburg war; wie ich am Tage der Schlacht von Jena in dem Posthause zu Düben auf meiner Rückkehr von einer Herbstpromenade in meiner Sorglosigkeit über eine Stunde dort saß, ohne zu wissen, daß sie oben im Hause war, ob ich gleich die großen Wagen im Hofe sahe. Schon nachdem sie längst fort und ich über die Mulde war, machte mir der Gelbrock darüber den Rapport. So geht mir's; ich bin immer mit gewissen Herren gar mächtig weise, wenn sie vom Rathhause kommen. Die Großfürstin war die Güte und Anmuth selbst. Es ist eine wohlthätige Erscheinung, solche Frauen in einem Fürstenhause zu finden, wie die beiden jungen Damen sind. Ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht Herzensfreundinnen in dem besten Bürgersinne wären. Noch muß ich Ihnen bekennen, man hält mich fälschlich für einen Fürstenfeind; ich habe sogleich mehr Achtung vor dem Guten und Schönen und Wahren, wenn ich es an Fürstenkindern finde, weil ich sehr wohl weiß, wie schwer die Verworfenheit der Menschen es ihnen macht, ächt gut und vernünftig zu werden und zu bleiben. Daß mir die Fürsten und ihre Machtvollkommenheit nicht das Heiligste, Höchste im Leben sind, wird mir ebensowol erlaubt sein, als daß ich nicht an die Unfehlbarkeit des seligen Papstes glaube. Es ist keine eigene Fürstenkrankheit, die Wahrheit nicht vertragen zu können; die übrigen Menschenkinder sind ebenso sehr und vielleicht noch mehr damit behaftet und blicken furchtbar ungeberdig, wenn man nur Miene macht, an ihrer Allweisheit zu zweifeln. Daß man mit Wahrheitsagen kein Glück macht, ist freilich in der Regel, beim Kaiser von China so gut wie bei dem letzten Dorfschulzen von Meißen; das scheint nun aber einmal in der armen menschlichen Natur zu liegen und auch seinen psychologischen Grund zu haben, der nicht gar zu schlimm ist. Die Erörterung wäre hier viel zu weitläufig. Meine eigene Empfindung stieg in Weimar bis zur Wehmuth, wenn ich das Vorige mit dem Jetzigen verglich. Herder und Schiller waren schlafen gegangen, beides Männer, deren Achtung und Freundschaft ich genossen hatte; seit meinem letzten Besuche war auch die vortreffliche wahrhaft fürstliche Frau Amalie nicht mehr, war auch unser Fernow gestorben. Solche Sokratische Zirkel sind wol selten gefeiert worden, werde ich wol nie wieder feiern wie bei der Herzogin Mutter, wo Anmuth und Würde, Heiterkeit und Ernst, Witz und Laune, Sitte und Anstand, Kenntniß ohne Schulstaub und Scherz ohne bittern Stachel in der kleinen Gesellschaft herrschten. Wer das Glück gehabt hat, daran Antheil zu nehmen, spricht davon als den schönsten Stunden seines Lebens; zu den schönsten des meinigen gehören sie gewiß. Noch führte mich Freund Bertuch zur Frau von S..., einer Dame, der ich für die thätige Theilnahme an dem Schicksal unseres Freundes Fernow in der letzten hilflosen Zeit seines Lebens danken mußte. Fernow war ein Mann, dessen wahre Verdienste nur sehr spät gewürdiget wurden, und der die Früchte der gewonnenen Achtung selbst nicht lange genießen konnte. Seine ganze Jugend war ein Kampf mit den Umständen, in dem Vaterlande und in Italien; nur einige Jahre dauerte sein schönes Leben unter dem Schutze seiner Gönnerin, der Herzogin Mutter, der Freundschaft des Musageten Goethe und der reinen Achtung aller Bessern, die ihn kannten. Er brachte bekanntlich seinen Tod schon mit von den Alpen. Seine Freundin und Wohlthäterin will uns eine Skizze seines Lebens und Charakters aus der Zeichnung seiner vertrauteren Freunde, Kügelgen's, Reinhart's, Böttiger's und Anderer, geben. Ich selbst bin so sorglos gewesen, seine Briefe zu verlieren, deren ich wenigstens ein halbes Dutzend von Rom und Weimar aus hatte, die nicht ganz unwichtig waren; denn er hatte nicht die Gewohnheit, viel über nichts zu schreiben. Hier sahe ich noch zum Abschied auf einige Minuten Falk, den ich in seinem Wohlaussehen kaum erkannte, so wie er aus dem knight of the woful countenance seinen alten Syrakuser nicht herausfand. Ich achte den Satyr sehr hoch, der in einer so furchtbaren Krise einen so braven Charakter standhaft durchträgt, und es macht dem Herzog wahre Ehre, daß er den Werth eines solchen Mannes auch öffentlich anerkennt und schätzt. Falk weiß, daß ich ihm nie mit einem Worte geschmeichelt, daß ich ihm vielleicht nie eine Silbe Angenehmes gesagt, weder zu Hause noch auf dem Markte; aber es thut mir wohl, wenn man einen wackeren Charakter nach meinem Sinne so wacker durchträgt wie Falk und Iffland; eine Erscheinung, die jetzt leider nicht sehr oft vorkommt. Nun fuhr ich ebenso wieder nach Hause. Diese Reise sollte zugleich auch eine Probe sein, ob und wie ich das Fahren würde vertragen können. Ich finde, es geht noch leidlich genug; und Sie sind gar nicht sicher, daß ich Sie nicht ehestens in Ihrem Tempe zu Töplitz überfalle. In Poserne aß ich, um Alle zufriedenzustellen, die herrlichen Schmerlen, die mir mein Neffe gefangen und meine Schwester selbst köstlich zubereitet hatte, auf dem Edelhofe, wo sie selbst die gnädige Tante des Hauses nach allen Prädicamenten lobte. Zum Nachtische wurden alle Reminiscenzen der Jugend genossen; kein verächtliches Gericht, wenn sie gut und gut gehalten sind. Bald wird die Zeit kommen, wo wir alten, ehrlichen Kauze ganz davon leben müssen. Wohl uns, daß wir eine reichliche Conditorei in diesem Artikel angelegt haben! Freilich werden wir die Sache nicht so raffinirt betrieben haben wie einer meiner Bekannten, der in seinen bessern Tagen zu der Secte der Libertiner gehört zu haben scheint, die schon in der Apostelgeschichte vorkommt, der eine schöne Pfirsche, die er nicht genoß, blos deswegen mit so großem Vergnügen betrachtete, weil sie ihm in Miniatur die beste Reminiscenz einer vortrefflichen Kallipyge gab. – Trahit sua quemque voluptas. Wir haben uns hoffentlich andern Vorrath gesammelt. Sie können mich, laut unserm Vertrage, nur als griechischen Lector bei dem Prälaten in Osseg ansagen, doch nur auf vierzehn Tage, auf länger mache ich mich nicht verbindlich. Da will ich denn einige Theokritische Idyllen oder eine Aristophanische Schnurre erklären, mit der Bedingung, daß ich neun Zuhörer bekomme, die mich verstehen; denn bis zur Doppelzahl will ich meine Forderung nicht treiben. Kaum hat Numa Pompilius so sehnlich verlangt nach seiner geliebten Nymphe im heiligen Hain, als mich verlangt nach der heilenden Egeria, deren Wunderkraft gerühmt wird von Skandinavien bis über die Syrten hinab. Da nun die Aesculape die Wasser von Töplitz als Vorbereitung zur Weihe verordnen, folge ich desto eher, da dies mir wenigstens auf einige Tage den Genuß einiger meiner Lieben verschafft, unter denen Sie gewiß nicht der Letzte sind. Grüßen Sie mit Herzlichkeit unsere vortreffliche Freundin! Es wird Ihnen gewiß nicht einfallen, dieses für eine Reisebeschreibung zu nehmen; es soll nur ein kleines Document sein, daß Ihr Freund noch nicht ganz todt ist und in der That noch zuweilen eine Art von regsamer Lebenskraft in sich verspüret, die sich vielleicht wieder festsetzen und ihn aufrichten kann. Gott erhalte Sie Alle! Ueber Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militär Diese 1793 in Warschau erschienene Schrift fehlt in allen bisherigen Ausgaben der Werke Seume's. Unser Bemühen, ein Exemplar derselben aufzufinden, ist lange Zeit ein vergebenes gewesen, obgleich wir sowol in deutschen als russischen Bibliotheken deshalb Nachforschung hielten. Um so mehr gereicht es uns zur Genugthuung, daß wir noch vor dem Druck der Schlußbogen unserer Ausgabe in den Besitz der Schrift gelangt sind und es uns so noch möglich geworden ist, die in mannichfacher Beziehung interessante Arbeit Seume's seinen Verehrern mittheilen zu können. Der vollständige Titel des Originals lautet: »Ueber Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militär von J. G. Seume. Warschau, gedruckt bey P. Dufour, Königl. Hofrath und Hof-Buchdrucker«; dasselbe ist 80 Seiten stark, von welchen die Seiten 67 bis 80 das Gedicht »Ueber Glückseligkeit und Ehre« (Bd. V. S. 198 ff.) enthalten. – A. d. H.   Sr. Excellenz dem Russisch-Kaiserlichen General en Chef, General-Gouverneur und Ritter Freiherrn von Igelström unterthänig gewidmet vom Verfasser.   Verehrungswürdiger Chef, Gnädiger Herr! Die Ehre, welche ich habe, unter Ew. Excellenz Befehlen meine militärische Laufbahn zu beginnen, entschuldigt, wie ich hoffe, meine Kühnheit, daß ich diesen wenigen Bogen Ihren Namen vorzusetzen wage. Ich habe überdies sowol Ew. Excellenz Selbst als einigen andern würdigen Männern Ihrer Familie so wesentliche Verbindlichkeiten, daß ich diesen übrigens geringen Versuch doch als ein kleines öffentliches Denkmal meiner Erkenntlichkeit vorzulegen wünsche. Niemand kann über meinen gewählten Gegenstand mehr kompetenter Richter sein als ein Mann, der sein Leben größtentheils unter den Waffen zugebracht hat und dessen militärischen Credit die große Monarchin durch Ihr Zutrauen festsetzt, das von der Einstimmung und dem Beifalle aller Sachkundigen des ganzen Nordens gerechtfertigt wird. Mir würde es die schmeichelhafteste Belohnung sein, wenn einige meiner Gedanken über einen dem Militär nicht unwichtigen Punkt einigermaßen die Billigung meines Generals erhielten, welches für ihre Richtigkeit und Gründlichkeit hinlängliche Bürgschaft wäre. Mit dem tiefsten Gefühl des Danks und der Ehrfurcht bin ich Gnädiger Herr, Ew. Excellenz Warschau 1793. unterthäniger Diener Seume.   Tu ne cede malis, sed contra audentior ito. Virg.   Es ist zu allen Zeiten nur der Wunsch und die Grille gutmüthiger Halbphilosophen gewesen, daß man in der Welt ohne Könige und Priester, ohne Aerzte und Soldaten leben könne; aber so lange Menschen Menschen sind, so lange die ewigen Widersprüche in ihren Neigungen, ihren metaphysischen, politischen und religiösen Meinungen nicht gehoben sind, welche ihrer schwachen Menschennatur so tief eingeerbt zu sein scheinen, so lange ist dem Schwerhinkenden immer ein Stab nöthig, damit er nicht in die erste Grube taumele oder sich blutig in die erste Dornhecke stürze. Manches habe ich in und außer der Schule über Staatenbildungen, Staatenverhältnisse, Staatsrecht und Staatsklugheit gelesen und selbst gedacht, wenigstens zu denken geglaubt, und, wie vielleicht die Eitelkeit der Menschen überall immer besser sehen will als ihre Vorgänger, noch keinen Maßstab gefunden, der einer eingebildeten Vollkommenheit entspräche und den großen Forderungen ganz Gnüge leistete, die eine so große Menschenmasse, welche Staaten bildet, billig machen kann. Weder Aristoteles noch Plato, weder Hobbes noch Grotius noch Hume; denn Macchiavell's Geist ist zum Glück von allen, selbst bösen Fürsten, öffentlich confiscirt, weil ihr eigenes Interesse doch einen guten Schein verlangt; am Allerwenigsten die jetzigen Schwindlinge an der Seine, so gut es Einige und so schurkisch es Andere unter ihnen meinen mögen, können uns eine Form darbieten, in welche wir glücklich einen neuen Staat zu gießen hoffen dürften. Hume, der kühne Zweifler, der gewiß keinem Priester und keinem Fürsten frohnte, dessen Namen so mancher witzige Krittler der Philosophie als Autorität anführt, sagt irgendwo mit dem tiefsten Gefühl der Menschlichkeit: Die beste Regierungsform ist immer die eingeführte, wenn eine neue Umschaffung die Nation dem Untergange nahe bringt, welches fast stets der Fall ist, wie die traurige Geschichte unsers Geschlechts beweiset. Ohne diese philosophische Speculation zu verfolgen, und ohne mich in eine Untersuchung über den Grad des Werths und den Rang der verschiedenen Verdienste in Staatsverhältnissen einzulassen, will ich sogleich meinem Zwecke näher rücken. Jeder meiner Leser ist unstreitig schon mit Abbt's vortrefflichem Buche »Vom Verdienste« bekannt, und ich verweise dahin alle Diejenigen, die diesen Punkt weitläuftger philosophisch gewürdiget haben wollen. Daß der Kriegsstand von dem niedrigsten Individuum bis zum Chef die Achtung und die Aufmerksamkeit jedes Weltbürgers in dem ausgezeichnetesten Grade verdiene, lehrt die Geschichte mit blutigen Exempeln. Mag der Afterphilosoph grübeln und der Afterfromme wünschen: wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind, mit allem ihren Guten und ihrem Schlimmen, und das Erträgliche daraus sei unser Loos. Freilich lehrt uns die Vernunft, daß mit der Bildung eines Staats die Waffen nichts zu schaffen haben sollten; denn sie sind nur Werkzeuge der Erhaltung und Vertheidigung, und nicht der Schöpfung; aber da nun der Mensch kein Seraph ist, und selbst Seraphe hatten nach dem heiligen Mythus ihre Gefechte, so mag der Grund zum Gebäude gelegt sein, wie er wolle, wir müssen es vor Sturmwinden und Orkanen schützen, damit es nicht über uns zusammenschlage und uns zerschmettere. So manche bittere Klage ist schon über die stehenden Armeen geführt worden, manche mit ziemlichem Recht, manche mit Ungrund, wie der Graf Herzberg in mehrern Stellen seiner Schriften deutlich gezeigt hat. Der Soldat ist nothwendig nach allen politischen Einrichtungen der Staaten, nothwendig nach der menschlichen Natur. Wahr, er ist ein Uebel, aber ein kleines, um ein großes, ungeheueres zu entfernen und zurückzutreiben, und ein kleineres Uebel, das ein größeres Gute wirkt, ist in der Vergleichung selbsten gut. Von welcher Sache, von welcher noch so heiligen Wahrheit in der Welt hat nicht die Bosheit und die Kabale, die Pfafferei oder der Spottgeist einen verkehrten Gebrauch gemacht? Die Geschichte lehrt es in unzähligen Beispielen. Aber hat der Mann, der für Ruhe und Sicherheit, für Gesetz und Ordnung, für Herd und Vaterland sich jeder Gefahr bloßstellt; der im Winter vor Kälte zittert und im Sommer vor Gluth schwitzt und brennt; welcher wacht, wenn seine Brüder schlafen, der unter der Waffenlast schwer athmet, wenn sie ruhen; der dem Tode starr ins Auge sieht; der ihn in tausend Gestalten erblickt, in Feuerschlünden und auf der Schwertschärfe, auf der Gewehrspitze und im Pesthauche: hat ein Mann, der mit tiefem Menschengefühl Alles dieses muthig und unerschrocken sieht und thut – denn Vergnügen kann ihm bei seinem traurigen Handwerke nur das Gefühl seiner Pflicht geben, oder er müßte eine Hyänenseele haben – hat ein solcher Mann nicht relativen großen Werth für die Gesellschaft? Der Beifall und die Ehrenbezeugungen aller Zeitalter, aller Nationen und ihrer Vernünftigen haben ihm schon seinen Theil des schönen Gewinnstes festgesetzt und den ehrwürdigen Krieger für die gute Sache von dem Enthusiasten der Eroberungssucht und dem Menschenwürger unterschieden. Niemand wird bei Würdigung der Ansprüche auf Ehre Alexander und Alcibiades, Cäsar und Hermann, Soliman und Kastriot, Cromwell und Gustav Adolph zusammen in eine Wagschale legen; so sehr trennt die Gerechtigkeit der Geschichte den leidenschaftlichen Ruhmsüchtigen, den oft seine Neigung zum Bösewicht macht, von dem Beschützer der alten geheiligten Rechte der Menschheit und des Vertrags. Es ist meine Absicht nicht, philosophische Untersuchungen in dem großen Felde dieser Gegend zu wagen; es würde dieses über meine jetzigen Kräfte sein. Ich habe mir blos vorgenommen, wie der Titel dieses Werkchens sagt, einige Bemerkungen über die Bestimmung junger Leute zum Militär zu machen. Es ist mir noch nichts über diesen Gegenstand zu Gesichte gekommen; indessen ist es leicht möglich, daß bei meiner so wenig ausgebreiteten Lectüre mir Manches entgangen ist, welches mich vielleicht meiner Mühe hätte überheben können; was ich aber nicht kenne, ist für mich so gut, als nicht existent. Man wird daher bei dem kleinen Versuche meine gute Absicht nicht mißkennen, dasjenige, was mir in dieser Materie richtig und wichtig zu sein schien, vorzüglich meinen Kameraden mitzutheilen. Vielleicht können auch Väter und Lehrer in ihren Beurtheilungen einigen Nutzen daraus schöpfen; und ich halte mich dadurch reichlich belohnt, und mein Unternehmen scheint also, gesetzt auch, daß ich persönliche Nebenabsichten dabei hätte, dem Publico hinlänglich gerechtfertigt zu sein. Huart's Buch »Von der Prüfung der Köpfe« ist bekannt genug durch die Uebersetzung unsers scharfsinnigen Lessing's und sein Werth hinlänglich bestimmt. Es enthält unter dem Chaos physischer und metaphysischer Hypothesen manche gute richtige Bemerkung zur Bearbeitung und Bildung der Fähigkeiten junger Leute zu den verschiedenen Fächern ihrer Bestimmungen. Es ist aber Alles theils zu allgemein, theils das Nähere nach seiner Art zu sehr in ganz eigene Hypothesen gespannt und zu sehr in ganz eigene Formen geschmiedet, als daß wir jetzt für unser Jahrhundert großen Nutzen daraus ziehen könnten. Garve in seiner Untersuchung der Fähigkeiten ist blos abstrakt philosophisch, und scheint sich blos auf speculative Wissenschaften und schöne Künste einzuschränken, die wenigstens auf diesen Theil des praktischen Lebens nicht den nächsten Bezug haben. Was man hin und wieder in Kriegsbüchern findet, ist, so viel ich davon weiß, meistens aphoristisch. Ich will also, ohne Rücksicht zu nehmen, daß je etwas über diese Sache gedacht und geschrieben sei, einige meiner Gedanken und Bemerkungen so kurz und gut als möglich im Zusammenhange vorzustellen mich bemühen. Erstlich werde ich Einiges von dem Physischen sagen und sodann von dem Moralischen oder den Geisteseigenschaften eines jungen Kriegers sprechen. Es ist eine allgemein richtig anerkannte Bemerkung der alten und neuen philosophischen Pädagogen, daß man die Erziehung der Kinder schon vor der Geburt, ja schon vor der Empfängniß anfangen müsse, weil die Constitution und jede moralische und physische Veränderung der Eltern Einfluß auf das künftige Menschenwesen nothwendig hat. Xenophon hat über diesen Punkt in seinem Aufsatze über die lacedämonische Republik und die Gesetze Lykurg's einige sehr scharfsinnige lehrreiche Anmerkungen. Was kann ein Embryo für Stamina empfangen, den die Eltern schon durch ihre eigene Schwachheit zum künftigen Siechlinge verdammen? Das Physische geht mit dem Moralischen meistens so sehr in einem Schritte, daß der Kosmopolit weinen möchte, wenn er das Menschengeschlecht durch die Seuche von tausend selbst erzeugten Krankheiten bis zu Pygmäen und Sterbelingen herabschwinden sieht. Der künftige Krieger muß einen starken, nervigten, dauerhaften, symmetrischen und geschickten Körper haben. Schwerlich wird er ihn von einem Vater erhalten, der seine Jugendkräfte in den Armen der Weichlichkeit und der Modevergnügungen verschwelgt hat. Stark, nervigt und dauerhaft muß der Körper des Soldaten sein, um mit dem Gewicht seiner Waffen leicht zu arbeiten, um der Last der Beschwerden nicht zu unterliegen, um Hitze und Kälte und alle Mühseligkeiten des Feldes ohne Nachtheil ertragen zu können; symmetrisch und geschickt, um alle ihm nöthigen Wendungen, Biegungen und gymnastischen Uebungen fertig und schnell zu machen und sich seine Waffen, wie die Römer sagten, gleichsam zu neuen Gliedern machen zu können. Ein Schwächling wird höchst selten ein guter Krieger werden, gesetzt auch, daß ihm sein Posten bei der Armee manche der härtesten, schwersten Arbeiten erspart. Doch zuweilen ist auch noch nicht alle Hoffnung verloren, aus einem schwachen Knaben einen gesunden, starken und festen Mann zu machen. Manches physische Hinderniß kann die gute Ausbildung der Körpertheile bei jungen Geschöpfen hemmen, aber manches dieser Hindernisse kann durch Gegenwirkung gehoben werden. Aerzte und Pädagogen werden hier Fälle genug mit ihren Gegenmitteln anführen können. Das gewöhnlichste, heilsamste Mittel, zärtliche Körper abzuhärten, ist nach und nach richtig geordnete strenge Diät und gemessene Bewegung. Der schwächliche Knabe von acht Jahren kann immer noch zu einem wackern Jünglinge wachsen: er kann seine Knochen stählen, seine Sehnen spannen, sein Fleisch fest und konsistent machen; aber wenn ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren, wo er in die Fronte treten soll, noch ein Siechling ist, so wagt er selbst das noch übrige Glück seines Lebens, und der Dienst riskirt an ihm einen Mann zu bekommen, der nicht allein selbst dazu nicht geschickt ist, sondern auch seine Kameraden durch seine schlaffe Lebensart leicht anstecken und verderben kann. Der Officier welcher nicht unter allen Beschwerlichkeiten, in der Ausdauer aller Strapazen des Dienstes, auf Märschen und im Schlachtfelde, in Hitze und Kälte, unter Hunger und Durst mit seinen Soldaten aushalten oder ihnen gar zum Muster dienen kann, wird nur halb so viel mit ihnen auszurichten im Stande sein als ein anderer, dessen Kräfte ihm Alles dieses erlauben. Dieser gewinnt durch die Gemeinschaft aller Beschwerlichkeiten und Gefahren ihre Liebe, ihr Zutrauen und ihre Anhänglichkeit, macht ihre Kräfte stark und läßt sie den drückendsten Mangel nicht fühlen; jener benimmt ihnen durch den Ausdruck seiner eigenen Schwachheit auch ihren Muth und vergrößert alle Gefahren. Der Mensch fühlt aus einer ihm unerklärbaren allgemeinen Sympathie sich immer einigermaßen analog mit dem Gegenstande, der vor oder neben ihm ist, wird groß und stark mit dem Großen und Starken und sinkt und wankt mit dem Schwachen und Ohnmächtigen; wenigstens ist dieses merklich der Fall der gemeinen Seelen. Wenn die Kräfte des Körpers sinken, sinkt meistens auch der Muth und die Hoffnung, weil allezeit bei dem Gefühl des Mangels der Kraft auch die Wahrscheinlichkeit sich vermindert, dem Feinde ein Gleiches bieten zu können. Daher finden wir, daß bei gleichen Vortheilen der Taktik, Waffenfertigkeit, der Position und der übrigen Umstände immer der ungleich Stärkere den Schwächern schlug; denn die Taktik ist weiter nichts als die Kunst, durch Hilfe der Mechanik den Kräften der Truppen eine so vortheilhafte Richtung und Wirkung zu geben, als sie ohne dieselbe nicht haben würden, und dadurch gleichsam sie zu vermehren. Miltiades mit seinen dreißigtausend Griechen bei Marathon war wirklich stärker als die vielen Myriaden Perser, welche er schlug und mit Schande zurück über den Hellespont nach Hause schickte. Seine Soldaten waren des Gewichts ihrer Waffen gewohnt und spielten mit ihren ehernen Schilden wie mit Wurfscheiben und mit ihren schweren Lanzen wie mit Thyrsusstäben. Ihr Arm war stark und groß ihr Muth, und der Krieg war ihnen Erholung; so strenge waren ihre Uebungen im Frieden. Die Römer waren allen Nationen an Körperkraft ebenso sehr überlegen, als sie sie an Muth und Enthusiasm für das Vaterland übertrafen, und sie standen in ihrer kolossalischen Größe fest gegen den Erdball, bis die Weichlichkeit ihre Sehnen erschlaffte, Epikur die Stoa einnahm, Disciplin und Strenge aus den Armeen verschwand und das Schicksal das blutige Unrecht, mit dem sie die Völker gedrückt hatten, über ihre Köpfe zurückführte. Die Gothen, Normänner und Araber durchzogen die in Schwelgerei und Aberglauben hingesunkenen Provinzen und gaben den Römern ein blutiges Vorspiel ihrer herannahenden gänzlichen politischen Vernichtung. Theodorich siegte in dem südlichen Europa ebensowol durch die Härte und Festigkeit seiner Krieger als durch die Klugheit seiner Unternehmungen, so wie Timur und Ghenkis den größten Theil Asiens, die reichsten gesegnetsten Provinzen des Erdbodens unterjochten. Eine der vornehmsten und bei dem gemeinen Krieger gewiß die erste Eigenschaft des Soldaten ist, daß er auch körperlich Mann sei; und wie kann er das, wenn schon sein Vater ihm die Erbsünde der Schwachheit in der Zeugung mitgetheilt, oder er als ein seidener Zögling der Weichlichkeit in seinen Knabenjahren seine künftige Consistenz durch Quintessenzen der Apotheke oder der Confectbude zernichtet hat und seine Hand kaum zitternd die Feder führt, anstatt das Schwert zu ziehen. Die Geschichte der Völker und ihrer Revolutionen zeigt dieses, daß von dem Heerführer bis zum Troßbuben ein Schwächling im Kriege nirgends an seiner rechten Stelle stehe. Man sage ja nicht, daß unser jetziges Kriegssystem sehr viel geändert habe, und daß Muth und körperliche Festigkeit bei unserer unseligen Taktik nichts mehr entscheide. Die neuere Kriegsgeschichte hat Beispiele in Menge, es zu widerlegen. Ein Bataillon schwacher Halbsiechen wird trotz den Bajonnetten von jedem guten feindlichen Pulk Reiterei geworfen werden; kraftvolle, muthige, wohlgeübte entschlossene Leute jagen ihn mit blutigem Verlust zurück. Der Arm der Entnervten ist bei dem sechsten Schusse losgespannt, aber die Sehnen der abgehärteten Veteranen halten fest und werfen ununterbrochen Feuerhagel wie aus der Hölle in die Glieder der Feinde. Aber ich suche eine Sache zu verfechten, an welcher vermuthlich Niemand zweifelt. Nicht immer ist die größte Körpermasse auch das Maß der größten Stärke, Haltbarkeit und Dauer. Es ist vielmehr eine sehr richtige Bemerkung, daß übergroße schwerbeladene Maschinen, wie Horaz vom römischen Reiche sagt, meistens durch ihre eigene Last fallen. Man trifft Festigkeit der Knochen und Spannkraft der Sehnen fast immer mehr bei glücklichen Mittelstaturen als bei den patagonischen Figuren an, und die gigantischen Gallier, wie man sie dem Cäsar beschrieb, waren deswegen nicht die Krieger, die gegen die Legionen der Römer aushalten konnten. Es braucht fast keiner Erinnerung, daß Officier und Soldaten von auffallenden körperlichen Fehlern frei sein müssen, da die Natur der Sache selbst es auch dem Kurzsichtigsten zeigt und die Uebereinstimmung aller Nationen bei ihren militärischen Werbungen dieses als das erste Requisit festgesetzt hat. Vegez, der trotz allen Beschuldigungen, die ihm gemacht werden, doch wol nicht bloßer Compilator war, hat darüber in seinem Werkchen manche sehr wahre Bemerkung für die Reform der damals schon herabgesunkenen römischen Kriegszucht. Ein Schwerhörender versteht das Commandowort nicht, und es fallen hundert Ereignisse auch außer der Fronte vor, wo das Schicksal einer ganzen Menge davon abhängt, daß ein Befehl schnell und richtig verstanden und ebenso ausgeführt werde; ein halbvernommener und übelverstandener Befehl kann aber durchaus nicht gut ausgeführt werden. Ein sehr respectabler preußischer Officier, der selbst bei der Schlacht gewesen ist, hat mir versichert, der große Verlust der Preußen in der Attake der russischen Batterien bei Zorndorf sei vorzüglich daher gekommen, weil der General, der den Angriff commandirte, ein sonst einsichtsvoller, würdiger Befehlshaber, wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht die Position selbst sehen konnte, sondern auf Rapport seiner Adjutanten, die vielleicht nicht richtig gesehen oder nicht bestimmt genug rapportirt hatten, auf den bedingten Befehl des Königs sogleich der Reiterei Ordre zum Anrücken gab. Die Folge davon war, daß eine Menge der bravsten Soldaten und wackersten Officiere von den russischen Kartätschen niedergeschmettert wurden, ohne einen Säbelstreich thun zu können, und daß ein Regiment, welches ganz vollzählig an Mannschaft und Officieren ausgerückt war, von einem Stabskapitän wieder aus dem Feuer geführt wurde. Es ist nicht der schöne Mann, der den guten Soldaten macht: der Soldat auf der Parade ist von dem Soldaten im Felde, auf dem Marsche und in der Schlacht unendlich verschieden. Aber doch ist immer sehr leicht zu hoffen, daß ein junger, schöner Mann voll blühender Gesundheit auch ein guter dauerhafter Soldat sein werde. Derjenige ist es, der den Ehrennamen eines Kriegers vorzugsweise verdient, dessen Knochen durch Arbeit gestählt sind, dessen Haut durch Frost und Hitze, Regen und Sturm die Milchfarbe der Liebesritter verloren, dessen Muth durch Gefahren immer größer geworden, der wenig hofft und nichts fürchtet als den Flecken, den Pflicht und Ehre durch sein Uebelverhalten bekommen könnten. Ich schließe das Physische und gehe zu dem Moralischen über oder zu den Gaben der Seele und des Geistes, die man an einem jungen Krieger zu erwarten berechtiget ist. Oft kämpft der Muth und die Geistesstärke mit allen physischen Hindernissen, und ein Mann von schwächlicher Gesundheit hebt sich unter seinen körperlichen Mängeln zum Helden empor; und oft ist ein Subject der herrlichsten schönsten Physik ungeachtet ein Feigling und in Rücksicht des Kriegs und der Verteidigung des Vaterlandes für Freunde und Vaterland verloren; ein Beweis, daß der Körper allein nicht den Soldaten macht, und daß der Kriegsmann ohne dazu gestimmte Seele ein Instrument ohne Saiten ist. Ich habe oft sagen gehört: Ein Genie steht überall an seinem rechten Orte; welches eine Unwahrheit ist, so groß, als sie nur je das oberflächliche Urtheil eines Anspruchmachers sagen kann, wenn ich anders den Begriff des Wortes Genie recht gefaßt und ihn von dem gewöhnlichen guten Kopfe richtig getrennt habe. Genie ist ein göttlicher Funke in der Seele eines Menschen, in irgend einem Fache mit unerhörtem Glück zu arbeiten. Es giebt also der Arten des Genies so viele, als es Fächer des menschlichen Erkenntnißvermögens und des menschlichen Wirkungskreises gießt, und Alexander der Kupferschmied kann in seinem Metier, in der Erfindung und Darstellung seiner Formen ebenso sehr ein Genie gewesen sein als Alexander der Macedonier in seinem Fache bei dem Uebergange über den Fluß Granikus und Milton in seinem »Verlornen Paradiese«. Nicht jeder gute fertige Kopf ist gleich ein Genie; und man theilt diesen Titel sehr verschwenderisch aus, wenn man einen Mann, der durch Fleiß, Application und Nachahmungsgeist es zu einem beträchtlichen Grade in einer Kunst gebracht hat, sogleich als ein Genie adelt. Wir haben der Genies in den verschiedenen Fächern sehr wenige und noch weniger der Universalköpfe; daher der Cäsarn ebenso wenige als der Homere. Wenn also ein junger Mann ein Kriegsgenie ist, so ist von ihm gar nicht mehr die Rede. Das Genie ist eine Lieblingsgabe des Himmels, die er in Jahrhunderten nur sehr sparsam austheilt; es durchspäht in seiner Sphäre sogleich alle Labyrinthe der Sache, zertrümmert Regeln und wird selbst der Maßstab neuer Grundsätze, zerbricht die alten Fesseln und öffnet seiner weitumfassenden Kraft ganz neue Schranken. Man mache die Anwendung auf alle Arten der Genies von Newton dem Weltenentdecker bis zum Pariser Modeschneider, dessen erfinderischer Kopf ein neues Modell von Frack erschafft und damit das südliche westliche und nördliche Europa beschenkt, und man wird die Richtigkeit der Bemerkung nirgends vermissen. Auch haben schon längst neuere Philosophen und Aesthetiker diese Sache gehöriger näherer Bestimmung gewürdiget. Wenn man in irgend einem Fache helle und treffliche Köpfe braucht, so ist es gewiß im Militär. Ein Dummkopf ist zu nichts gut, am Allerwenigsten zum Soldaten, wenn man ihn nicht als die allerletzte geringste Maschine in dem großen Triebwerke des Kriegs auf ewig brauchen will; und auch da ist ein Pinsel immer ein erbärmlicher Kerl, was auch manche politische Salbader darwider sagen mögen. Man muß sorgfältig Unwissenheit und Dummheit von einander unterscheiden. Freilich wird ein gemeiner Flintenträger mit Pufendorf's oder Leibnizens Wissenschaften und Begriffen nicht wohl an seiner Stelle stehen; indessen sehe ich nicht ein, welchen Nachtheil ihm und der Disciplin Pufendorf's und Leibnizens Geist bringen würde. Wer Gelegenheit gehabt hat, in Lagern, auf Märschen, auf Wachten, ja sogar bei Gefechten und im Treffen auch den gemeinen Mann der Armeen zu beobachten, der wird sicher bemerkt haben, welche Laune und Jovialität, welcher ächte, natürliche Witz und welche beißende Satire zuweilen unter der Gesellschaft durch die Glieder läuft, wenn auch das Gefühl ihrer Sittsamkeit nicht immer die Norm des Katechismus hält, die Wendungen nicht immer so fein gedrechselt und die Sentenzen nicht attisch gewürzt sind. Wenn also ein Vater seinen Sohn, gegen dessen Kopf und Herz die Natur stiefmütterlich gehandelt hat, zum Krieger, zum Vertheidiger seines Vaterlandes bestimmt, so verdammt er ihn entweder, ewig in den Subalternstellen herumzukriechen, oder setzt, wenn sein Interesse ihn trotz seines Stumpfsinns hervorzuziehen im Stande ist, das Vaterland in die größte Gefahr, indem er die wichtigsten Geschäfte in die Hände eines Mannes liefert, der weder Begriffe noch Selbstständigkeit genug hat, um seine Pflichten zu sehen und zu erfüllen. In allen übrigen Fächern des menschlichen Lebens, sagt der alte Cato bei dem Vegez über diesen Punkt, kann man die Fehler wieder gut machen, aber im Treffen folgt die Strafe augenblicklich unvermeidlich auf das Versehen, und ein solches Versehen gilt oft das Leben von Tausenden, das Schicksal der Schlacht, das Wohl des Vaterlandes. Man sage ja nicht, daß außer dem Heerführer bei großen Vorfällen alle Uebrigen Maschinen sind. Die dieses behaupten, können unmöglich einen richtigen Begriff von den taktischen Ausführungen haben; ihr ganzes System müßte denn grober Materialismus sein. Freilich braucht der Subaltern nicht immer, soll nicht immer den Plan des Ganzen übersehen; aber wer könnte ihn in seinem Gesichtskreise so sehr zur Drahtpuppe herabwürdigen, daß er sich von der Ordonnanz blind herumgängeln ließe, ohne sich um die Position, auch nicht einmal seines Corps, um ein Jota zu bekümmern, und von dem Zusammenhange so viel richtig zu vermuthen, als ihm die Kenntniß des Bodens und die Hauptlage der Parteien Anlaß geben können. Und es ist ja nicht immer große Schlacht. Der kleine Krieg hat tausend Vorfälle, wo auch der Subaltern, wo selbst der gemeine Mann auf seinem Posten eine Aufmerksamkeit und einen Scharfblick nöthig hat, der nicht das Loos der Stiefkinder der Natur geworden ist. Wenn ein junger Mensch sich selbst zum Soldaten bestimmt, so ist immer Zehn gegen Eins zu wetten, daß er auch mit der Neigung die gehörigen Anlagen dazu von der Natur erhalten habe. Es gilt diese Vermuthung von der Bestimmung zu allen Metiers, vorausgesetzt, daß junge Leute vorher nur einige Kenntniß von dem Stande haben, den sie zu wählen gesonnen sind. Wenn aber Eltern ihre Söhne dem Militär zu widmen Willens sind, so müssen sie, das Körperliche gehörig erwogen, mit der größten Sorgfalt ihre Talente und Neigungen auszuspähen suchen, damit sie dieselben nicht in eine Laufbahn bringen, die künftig das Unglück ihres Lebens macht und wodurch sie dem Vaterlande höchstens nur mittelmäßige, verdrossene, lasse Vertheidiger geben. Man gebe Achtung, welche Studien und Wissenschaften dem jungen Kopfe vorzüglich behagen, in welchen er die meiste Nahrung, das meiste Vergnügen findet. Der Schmetterlingssammler, dem es noch bei dem Abendbrode bitter wurmt, daß ihm den Nachmittag ein schönes Pfauenauge durchgegangen ist, verspricht wol sehr wenig für die Kriegsschule. Wenn der Knabe lieber die Geschichtchen aus meiner Mutter, der Gans, als die Erzählung von Prinz Eugen's Heldenthaten hört, so hat ihn die Natur vermuthlich zum frommen christgläubigen Mönch, aber nicht zum Krieger gestempelt. Wenn er den Aristoteles dem Thucydides vorziehet, wenn er lieber Fleury's »Kirchengeschichte« als Voltaire's »Henriade«; lieber Bodmer's »Noachide« als Klopstock's »Hermann« liest, so mag er ein recht guter systematischer Amtsgelehrter in der Knotenperücke oder im Kragen vor den Gerichtsschranken werden, aber Soldat wird er schwerlich. Selbst Mathematik ist nicht immer eine sichere Gewährung für die Neigung und die Gaben eines jungen Menschen zum Militär. Mancher trockene Kopf demonstrirt sich an dem Pythagoreischen Lehrsatz wüste und berechnet Sinus, Tangenten und Parabeln, ohne es sich nur ein einziges Mal einfallen zu lassen, Anwendung davon auf ein Feldstück oder einen Bombenwurf zu machen. Wenn aber dem jungen Manne aus der Geschichte solche Stücke die meiste Beschäftigung geben, wo der Kriegsgeist irgend eines großen Mannes fast unüberwindliche Hindernisse übersteigt, wo die menschliche Natur in der größten Spannung der Kräfte des Körpers und der Seele mit dem Verhängnisse ringt; wenn ihm Leonidas mit seinen Spartanern bei Thermopylä mehr werth ist als alle sieben Weisen Griechenlands und alle philosophischen Secten; wenn seine Stirne glühet bei der Erzählung einer großen ruhmwürdigen That und er nach Wirkung dürstet: so hat die Natur ihm den Keim eingepflanzt, aus dem künftig der patriotische Krieger gezogen werden kann. Wenn er aus der Größenlehre das alltäglich Wahre übersieht und wie ein Falk an den Sätzen hängen bleibt, die Beziehung auf Taktik und Operation haben, wenn er dieselben enthusiastisch aus der trockenen Reihe der übrigen herausreißt und sie in seiner Phantasie zur Anwendung überträgt, so verspricht er die Absichten seines Vaters zu erfüllen, der in ihm dem Vaterlande einen wackeren Vertheidiger stellen will. Ein junger Kriegskopf wird sich vorzüglich mit Allem sehr gern beschäftigen, was seiner Seele Schwung, seinem Herzen Feuer, Enthusiasmus und Muth geben kann. In der Gemäldesammlung hat ein Scipio und Hannibal für ihn mehr Interesse als alle Magdalenenköpfe, ein schroffes Felsenstück mehr Anziehendes als die schönsten zauberischen Gegenden der Hirtenthäler. Er sieht lieber Shakespeare's »Macbeth«, und das blutige furchtbare Ende eines verirrten Ehrgeizigen als Moliere's launige beißende Stücke. Er lieset lieber die Reden der Feldherrn an ihre Soldaten vor der Schlacht und ihren schrecklichen Ausgang als Geßner's Idyllen und läßt sich immer lieber die Streitfrage der Pulvererfindung als der Buchdruckerkunst vortragen. Es ist keinesweges geradezu ein Zeichen eines künftigen Klosterkopfs oder eines bestaubten Pedanten, wenn der junge Mann in der alten Literatur und in Erlernung alter Sprachen Vergnügen findet, wenn ihn das Studium der Philosophie, der Musik oder der Dichtkunst beschäftiget. Friedrich der Zweite, den hoffentlich Niemand der Schulpedanterei beschuldigen wird, bedauerte es noch in seinem Alter, daß er nicht das Meisterwerk des Tacitus in der Grundsprache lesen konnte, da alle Übersetzungen von dem Genie dieses Schriftstellers und seiner kraftvollen Kürze so wenig liefern. Wenn aber ein junger Mensch aus den Alten nur müßige Varianten und Grammatik herausklaubet, wenn er den großen vortrefflichen Sinn ihrer Werke nicht stehet und fühlt, den Kern fallen läßt und an der Schale nagt, so scheint ihn fast die Natur zum Schulwurm und nur wenig zum Weltbürger gemacht zu haben. Der junge Soldat, den sein Schicksal zu einem Marlborough oder Turenne ziehen soll, wird von allen abstrakten Dingen nur so viel Theorie geflissentlich suchen, als ihm zur Praxe in seiner Sphäre nöthig ist, und das Uebrige blos als Unterhaltung in den Mußestunden ansehen und um in keinem Dinge gänzlich Idiot zu sein. Der Soldat darf deswegen immer Philosoph, Dichter, Musiker sein, ebenso wie alle diese Köpfe Soldaten sein können. Friedrich war Alles. Wenn Horaz, der Odensänger, und der Secretär Karl's des Zwölften Memmen waren, so ist es nicht notwendige Folge, daß dieses auch alle ihre Collegen sein müssen. Sokrates war, wie bekannt, der bravste Krieger, der bei dem Rückzuge selbst seinem Schüler Alcibiades durch seinen Muth und seine Geistesgegenwart das Leben rettete; und wenn alle Athenienser bei Potidäa so wacker als der philosophische Glatzkopf gefochten hätten, so würde vermutlich das Treffen mehr zu ihrem Vortheil ausgefallen sein. Die Alten geben ihm das gerechteste Lob, ein Zeichen, daß Philosophie und Waffen nicht Antipoden sind. Cartes war ein braver Officier, ehe er ein großer Weltweiser wurde. Kleist, der Dichter, ist bekannt, und Kleist, den Krieger, nennt noch mancher alte Kamerad mit einem Ausbruch herzlicher, bitterer Wehmuth. Alle Unparteiischen halten Lager und Feldzüge für die beste pragmatische Bildung junger Leute zu jedem Fache. Mehrere alte Nationen, und besonders die Römer, nahmen in ihren Gesetzen darauf Rücksicht und machten es allen Candidaten zu Civilbedienungen zur Bedingung, daß sie in der Armee gewesen sein mußten; und unter den Neuern sind die Russen die ersten, die diesem weisen Beispiele folgen. Was Musik über Menschenseelen vermag, ist dem rauhesten Soldaten ebensowol bekannt als dem feinsten Psychologen, ob jener gleich nicht es so zierlich in ästhetischen Sätzen auflösen kann als dieser. Der Soldat kann also in allen diesen Fächern mit großem Vortheil für sein Hauptfach erfahren sein; wenn er es sich aber zum ersten Ehrenpunkt macht, in einem oder gar in mehrern ausgezeichneter Virtuos zu werden, so ist er wenigstens nicht mehr mit ganzer Seele der Soldat, der er ohne diese Grille gewesen sein würde. Besonders bei der Wahl der Lectüre zeigt sich der künftige Mann. Wer den Varro dem Polybius vorzieht, wird als ein braver würdiger Mann auf seinem väterlichen Lande seinen Kohl bauen können, aber schwerlich künftig eine große Rolle in einem Kriegsspiele übernehmen. Wenn der Knabe, der mit dem Meßzeug seine Kameraden durch Felder und Wälder begleiten soll, an dem Bache sitzen bleibt, Kräuter sammelt, sie zergliedert und darüber Untersuchungen anstellt, so mag er vielleicht wol ein recht liebenswürdiger Hans Jacob Rousseau werden oder als Botanikus mit Cook um die Welt segeln, aber schwerlich wird er sich mit Cook brav und entschlossen schlagen. Wenn der Junge seine Geographie lieber in einer guten Karte als nach dem Compendium lernt, wenn er Lagen und Entfernungen mißt und sie in Märsche eintheilt, wenn er die Brücken der Flüsse und die Durchgänge der Bergketten sucht, wenn er bei den Producten mehr nach Korn und Stahl und Eisen als nach Gold und Seide fragt, wenn er neugieriger ist, von Gewehrfabriken und großen Tuchmanufacturen als von Nachmachung indischer Stoffe zu hören: so berechtigt er seinen Vater, der ihn zur Armee schicken will, zu Erwartungen; wenn er aber Schritt vor Schritt dem Büsching folgt, die Merkwürdigkeiten und Seltenheiten der Länder und Oerter an den Nägeln zählt, Errichtungen von Akademien, Theatern und Handelsinstituten studirt, den Geburtsort jedes Weines und das Grabmal jedes großen Mönchs weiß, den höchsten Thurm und die größte Glocke nennt: so mag er Antiquar, Prälat, Kaufmann oder auch Polizeimeister werden, der Kriegsdienst scheint nach eben angeführten Symptomen an ihm wol nicht viel zu verlieren. Noch will ich über die Neigungen und das Benehmen junger Leute im Häuslichen und Gesellschaftlichen einige Bemerkungen beifügen, von denen ich glaube, daß sie in der Frage, ob sie zum Militär geschickt seien, etwas bestimmen können. Ein sehr gutes, vielversprechendes Zeichen ist für die Erwartung eines Vaters, der seinen Sohn dem Militär zu widmen gesonnen ist, wenn der junge Mensch immer friedlich, ernsthaft, ruhig und stille sich beträgt. Niemand wird darinne Widerspruch finden, wenn ich behaupte, daß kein Mensch den Frieden mehr lieben müsse als der Krieger. Ich verstehe hier nicht, daß er träumerisch und kopfhängerisch wie die Frömmelei und der Stumpfsinn daherschleiche, daß ihm Alles, was ihn umgiebt, ganz gleichgiltig sei, und daß er ohne alle Empfindung und Theilnahme auf die Gegenstände um sich kaum herumblicke: ich verstehe die feste Selbstbeständigkeit, daß ihn nichts aus den Schranken der Vernunft und Mäßigung herauszutreiben im Stande sei, daß er sich immer darinne selbst gleich bleibe. Der Zweck des Krieges ist Friede, und wehe Dem, dem der Zweck des Friedens Krieg ist! Es ist eine unselige Leidenschaft für ein Wölkchen Nebel von Ehre, Menschen opfern zu wollen, und Händel anzufachen, um sie mit Blute wieder zu schlichten; denn eine andere Schlichtung kennt der Soldat als Soldat nicht. Ernst ohne Pedanterei macht ihn bei Jedermann, bei Obern und Kameraden beliebt und setzt seine übrigen guten Eigenschaften in ein helleres vorteilhafteres Licht; deckt vielleicht zu seinem großen Nutzen manchen kleinen Fehler zu, den er ins Künftige durch wiederholte Bemühungen erst ablegen wird. Ernsthaftigkeit ist dem Kriegsmanne, was Beredsamkeit dem Volkslehrer ist. Schon auf seiner Stirne liest man, wie man sich gegen ihn zu benehmen hat und über welche Gegenstände und in welchem Tone man mit ihm sprechen müsse. Ruhe läßt ihn Alles reifer und genauer überlegen als leidenschaftliche Heftigkeit, und die künftige ruhige Aufmerksamkeit des Mannes zeigt sich schon in dem Knaben in den kleinsten Schattirungen seines kleinen Wirkungskreises. Der Knabe, der in der größten Hitze jede kleine Streitfrage mit scholastischer Impertinenz bis zum letzten Jota ausficht, wird vielleicht mit ersprießlicher Züchtigung ein guter spekulativer Philosoph oder ein fertiger Sachwalter werden, aber zum künftigen Soldaten fehlt ihm noch etwas Wesentliches. Schon im gewöhnlichen menschlichen Leben zieht Derjenige, der eine Sache kalt und unbefangen mit nichts als Wahrheitsliebe untersucht, immer das sicherste Loos, und der bescheidene Forscher setzt seine Spur selbst gegen den erbittertsten Widersacher fast immer mit Glück durch: wie sollte nicht Ruhe in den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens und der bürgerlichen Gesellschaft, von denen oft das Wohl oder das Wehe ganzer Staaten abhängt, die besten Mittel finden, der Gefahr, wenn sie zu übersteigen ist, die Stirne zu bieten, oder ihr mit Ehre zu entgehn, wenn sie alle physischen und moralischen Kräfte unsers Widerstandes überwiegt! Ich glaube oft schon selbst die Bemerkung gemacht zu haben, daß bei der Uebung oder der Ausführung kleiner Manöver allezeit diejenigen Officiere am Besten fuhren, die ohne Hitze mit strengem Ernst ihre Arbeiten verrichteten, sich ganz gleich blieben bei jedem verdrießlichen mißlungenen Versuche, ihre Leute nicht ihre üble Laune entgelten ließen, Fehler als Fehler gesetzmäßig strenge und nicht als Verbrechen bestraften, nicht Dutzende oder Schocke Teufel lächerlich zu Hilfe nahmen und mit Unsinn Flüche herdonnerten, über die der Soldat sich nur deswegen in die Brust warf, um das Lachen zu verbeißen. Ein Wort vom Fluchen. Ueber das Fluchen scheinen selbst gute große Officiere uneinig zu sein. Einige glauben in der That, daß dem gemeinen Manne durch dergleichen Popanze Schrecken eingejagt werden müsse, um nicht zu oft seine Zuflucht zu thätigen Züchtigungen nehmen zu dürfen. Ohne mich eben an den Katechismus und die Gesetzbücher Moses zu halten, darf ich behaupten, daß die meisten dieser Ausdrücke entweder ganz ohne Sinn oder voll häßlichen Sinnes sind, und wie man Beides zum Mittel der Disciplin machen müsse, kann ich nicht begreifen; man müßte denn völlig der Meinung sein, daß Dummheit, Aberglaube und panisches Schrecken vor aller Ordonnanz die drei Haupttriebfedern zur Bravheit für den gemeinen Mann sein müßten; ein Irrthum, der sich einst fürchterlich lösen könnte, und leider schon oft gelöst hat, wie die Völkergeschichte durch mehrere Beispiele lehret. Wenn der Soldat gehörige Begriffe von seinem Dienst, seiner Pflicht und ihrer Verbindlichkeit hat und einsieht, wie nothwendig und festgewebt der Gehorsam jedes Einzelnen und also auch der seinige zur Festhaltung des Ganzen oder wenigstens zu seiner eigenen Sicherheit sei, so wird er sich nicht einfallen lassen, etwas zu wagen, was seine Kameraden und folglich auch ihn in Gefahr bringen könnte. Und wenn sich sein Verdruß oder seine Leidenschaften verirren sollten, so wird ihn doch kalte Strenge mit der eisernen Zucht gewiß eher zur Besinnung führen als nichtssagende Verwünschungen, welche das Gehirn nur noch mehr benebeln. Ich habe manche brave Officiere gekannt, die unter ihren Leuten das Muster der Disciplin und Ordnung aufstellten, die in den Kriegsübungen Alles mit der pünktlichsten Genauigkeit nahmen, die fürchterlich strenge gegen jeden Dienstfehler waren, die man aber fürchtete, ehrte und liebte, weil sie gerecht waren, und aus deren Munde ich nie einen Fluch gehört habe. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, wo man das Autosepha für den Officier aus dem Katechismus oder aus den Büchern Moses' holen kann; aber an ihre Vernunft und ihre Philosophie darf man doch appelliren, und hier werden sie das Lächerliche, Unsittliche und Unsinnige der Flüche gar nicht verkennen. Mancher junge Wildling hält es durchaus für militärisch nothwendig, einen reichhaltigen Vorrath ausgesuchter Kernflüche zu besitzen und gehörig vor der kleinen Fronte oder in Gesellschaft auszuspenden, damit Niemand die Aechtheit seiner Degenquaste in Zweifel ziehe. Ich rechne ferner zu den guten Symptomen für die Kriegsbahn bei jungen Leuten einen edlen Stolz. Stolz ist Gefühl seines Werths und ist immer Tugend und lobenswerth; und da, wo er aufhört es zu sein und aus seiner Grenze tritt, wo man seinen Werth lächerlich überschätzt, verdient er nicht mehr diesen ehrenvollen Namen und wird aufgeblasene Selbstsucht, Einbildung, Hochmuth und Eigendünkel, welche zuweilen bis zur Geckerei steigen. Ich überlasse es den Weltweisen, diese Begriffe zu berichtigen, und sage meine Meinung, ohne damit unduldsam und zudringlich gegen Andere zu sein. Die Sache verdient wohl eine nähere Würdigung, und noch Keiner von Allen, die ich kenne, scheint hier ganz genau unterschieden zu haben, obgleich die Peripherie meiner philosophischen Belesenheit eben nicht groß ist und es folglich doch wol geschehen sein könnte. Nach dieser Bestimmung des Begriffes finde ich, daß Stolz bei dem Knaben, gesetzt auch, daß er dann und wann etwas an Dünkel und Eitelkeit grenzen sollte, viel verspricht, weil ihn die Philosophie, die künftige Vermehrung der Kenntnisse, die Ausbildung der Talente und die Einsicht, wie wenig der größte Polyhistor doch immer noch weiß, leicht in seine gehörigen Schranken zurückführen werden. Der Kopf, der in sich nichts fühlt, wird nicht stolz sein. Man mißbraucht den Ausdruck sehr oft und setzt Stolz, wo blos Einbildung, Phantasterei oder ähnliche schon erwähnte Ausdrücke stehen sollten. Der Knabe also, der dann erst wegen des Fehlers um Verzeihung bittet, wenn er ihn einsieht, sich nicht gleich von dem Machtworte des Hofmeisters niederschlagen läßt, der sodann immer noch mit einer gewissen edlen Freimüthigkeit ohne kriechende Niedrigkeit verspricht, künftig aufmerksamer und consequenter zu sein, ist Derjenige, von dem der Kriegsdienst gerechte Hoffnung haben darf. Der Knabe, der lieber eine Brodrinde im Winkel verzehret als sich zu einer wohlriechenden Wildpastete zu Gaste bettelt, der lieber mit dem Hute oder der Hand aus dem Bache schöpft als sich um ein Glas köstliches Getränke necken läßt, der unter keiner Strafe murret und über keine Belohnung jauchzt, dem schon jetzt seine Pflicht seine Pflicht gilt, und der sich um Alles links und rechts nur so viel zu bekümmern scheint, als in seinen Kram taugt, der keinen Schritt weicht, als bis ihn physische Gewalt oder Vernunftgründe aus seiner Haltung zwingen: ein solcher Knabe wird einst als Soldat mit der letzten Hartnäckigkeit seinen Posten behaupten und, wenn die Uebermacht ihn niederdrückt, den Feinden ein blutiges Monument seines militärischen Glaubens hinterlassen. Wenn der Junge schmeichlerisch an dem Arm des Hofmeisters hängt und nach oft wiederholten Weigerungen ihn noch immer um eine kleine Freiheit bittet, wenn er der Ruthe zu entgehen die Hände faltet und eine pädagogische Litanei singt, wenn er, um einen Fehler gut zu machen, einen neuen begeht oder ihn unter einem Winkelzuge, der der Lüge so ähnlich sieht, zu decken sucht: so mag er sich in die Schreibestube setzen, oder mit Bengel und Sebaldus Nothanker die Apokalypse studiren, in dem Handwerke der Waffen wird er durch eigene Selbstständigkeit nie etwas Bedeutendes leisten. Auch eine gewisse stoische Härte und Selbstverleugnung, meistens im Gefolge dieses edlen Stolzes, sind die besten Vorbedeutungen für junge Leute, die sich dem Kriege bestimmen wollen. Sie werden nicht so stockstoisch sein, daß sie sich systematisch mit einigen Fablern der Alten einbilden sollten, Schmerz sei nicht Schmerz und Freude nicht Freude. Auch war dieses gewiß nie der Geist der ächten Stoa, so viel auch hin und wieder der redselige Cicero darüber geschrieben hat, der doch unter allen seinen Zeitgenossen der feigste Weichling war und einen großen Theil seines Lebens durchwinselte, bis er noch endlich in einem stoischen Raptus den Kopf zur Sänfte herausstreckte und sich von dem Tribun des Antonius ziemlich gelassen den Halswirbel trennen ließ. Von dem Capitol konnte er gegen den Catilina herabdonnern, da alle Stimmen und alle Hände Rom's zu seiner Verteidigung sich hoben und den Consul gegen den Angriff einer kleinen Rotte sicherten; aber in Cilicien hielt er die Zerstreuung einer Räuberbande, von der er selbst keinem entschlossenen Mörder starr ins Auge gesehen hatte, für eine Heldenthat, wegen welcher ihm der Senat den Triumph zuerkennen sollte. Die Lacedämonier waren unter den Alten Diejenigen, die sich in der Erziehung ihrer Söhne vorzüglich in dieser Rücksicht als die bravsten Krieger auszeichneten. Xenophon ist in seinem Aufsatz über ihre Republik und sonst gelegenheitlich voll von Beispielen der stoischen Härte und Standhaftigkeit der spartanischen Knaben, die sich lieber zergeißeln und zerfleischen ließen, als daß sie nur den geringsten Laut eines kleinmüthigen Schmerzes von sich gegeben hätten. Wenn der Knabe im Sommer keuchend die Geißblattlaube und im Winter zitternd den Ofen und den Kamin sucht, wenn der Nordwind ihn in das nächste Zimmer jagt und ein herannahendes Hagelwetter seinen Puls doppelt schnell durch die Adern treibt, so hat der Krieg von ihm sehr wenig Hoffnung. Wenn er aber unbekümmert, ob seine Haut milchweiß oder schwarzbraun werde, in der Sonnenhitze der Hundstage sich herumtummelt; wenn er im großen Horne halbnackt dem Eise zufliegt, ob ihm gleich die Muhme die Kleider versteckt; wenn er nach einem Falle trotzig das Blut von der Nase wischt und seinen Wettlauf weiter fortsetzt; wenn er, ohne Sorgen über des Feldschers Verband und der zärtlichen Schwester Wehklagen, seinen Weg fortschlendert: so verspricht er in sich dem Mars einen würdigen Zögling. Eine Weidmannsnacht im kalten Winter läßt ihn nicht wimmern, und ein Strohlager oder eine Diele macht ihn nicht den Verlust seines Flaumenbettes bejammern. Er hat nicht erst nöthig, sich die großen Männer der alten und neuen Geschichte vorzustellen, um ihnen nachzutreten: er findet in sich selbst Stimmung und Kraft genug, und ihr Beispiel ist ihm blos Bestärkung seines richtigen Ehrgefühls. Sodann rechne ich zu den guten Zeichen eine gewisse Gleichgültigkeit gegen Tisch und Küche. Wen der Hofmeister oder Papa mit dem Mangel einer Mahlzeit strafen kann, wer dabei noch etwas mehr als gekränktes Ehrgefühl leidet, der ist nicht für das Feld. Ein harte gefundene Brodrinde ist dem Knaben, den die Natur für den Krieg geschaffen hat, schon Ersatz für die Menge niedlicher Schüsseln, die der geschmackvolle Koch auf den väterlichen Tisch liefert, und Zwiebelröhren, Gartenrettige und Kohlrüben entschädigen ihn hinlänglich für eine Fleischpastete. Nicht als ob ihm nicht ein gutes Gericht lieber wäre als ein schlechtes und Haberlaib und Grützwurst schmackhafter als Kernbrod mit westphälischem Schinken: er wird aber doch bei jenen nicht hungern, so wenig als er bei der Schüssel von dreiunddreißig Quintessenzen schwelgen wird. Apitius wird nie ein Cäsar, wenn auch Cäsar zuweilen auf eine halbe Stunde Apitius sein dürfte. Einfache, schlechte, nahrhafte, feste Kost ist dem künftigen Soldaten immer die liebste, die sein gesunder Magen herrlich verarbeitet, bei der er sich immer leicht, wohl und munter findet, von keinen Uebelkeiten weiß und wie ein Hurone umherläuft, die seinen Knochen Mark und seinen Sehnen Spannkraft giebt, und die er sich in allen Verhältnissen selbst leicht zu verschaffen hoffen kann. Wehe dem Muttersöhnchen im Felde, das schon zu Hause über jedes Gericht mit Superfeinheit des Gaumens krittelt, das schon von ferne mit der Nase beurtelt, daß die Suppe oder der Reisbrei nicht mit ganz frischer Butter geschmelzt ist, und dem ein nicht nach seiner Methode gebackenes Brod oder zubereitetes Gericht sogleich Magendrücken und Uebelkeiten verursacht! Wie wird dem im Lager und auf Märschen laues, schlechtes Wasser behagen, der mit eklem Gaumen den Wertheimer und Johannisberger prüft und genau bestimmt, daß man ihm nicht von dem rechten Jahre gegeben habe? Der Krieg ist zwar immer eine gute Schule der Geduld, Zufriedenheit und Gnügsamkeit in jeder Rücksicht; aber wie sehr leidet der Dienst, wenn er in seine Zucht ganz rohe antipodische Schüler bekommt, bei denen die Weichlichkeit der Jugend alle Keime zu diesen Tugenden erstickt hat! Vortrefflich ist es, wenn Väter bei ihren Söhnen, überhaupt und vorzüglich bei denen, die sie dem Felde widmen wollen, alle Anlagen zu dieser Einfachheit und Schlichtheit der Lebensart finden; und ihre Pflicht erfordert es, sie darinnen durch Gründe und Beispiel immer mehr zu stärken und weiter zu bringen. Nicht der Soldat allein, sondern auch jeder Andere in bürgerlichen und häuslichen Verhältnissen wird die Wohlthätigkeit dieser Gewohnheit fühlen können; denn wer kann jedem die richtige Stunde und die Güte seiner Mahlzeit verassecuriren? Keine ist unter allen Leidenschaften kleiner und jämmerlicher, als der Sclav seines Gaumens und seines Bauchs zu sein. Am Meisten verrathen den Knaben seine Spiele und seine Vergnügungen. Wenn Väter und Pädagogen, die ihren Kindern und Zöglingen richtige moralische Begriffe und Grundsätze eingepflanzt haben, nur auf diese Äußerung ihrer Neigungen, so versteckt sie auch zuweilen sein mögen, aufmerksam Achtung haben, so werden sie meistentheils den sichersten Schluß für die Bestimmung ihres künftigen Standes ziehen können und ihnen absichtlich geflissentlich nachhelfen, oder wenn individuelle Lage die Wahl unmöglich macht, ihnen frühzeitig entgegenarbeiten können. Ich verstehe unter diesen Spielen und Vergnügungen nicht die leeren Beschäftigungen der kleinen, noch halblallenden Kinder, bei denen jeder Gedanke noch in der Krise liegt, und die meistens sehr wenig mehr als bloßen Geschäftstrieb der jungen Menschenseele anzeigen, weil sich die Gedankenrichtung fast mit jedem Jahre der Kindheit durch die Verhältnisse nach der Einwirkung äußerer Gegenstände verändert; ich meine vielmehr ihre Lieblingsbeschäftigungen, ihre angenehmsten Erholungen in derjenigen Periode der Jugend, wo sie selbst schon anfangen, über Gelesenes, Gehörtes, Vorgetragenes und überhaupt über alle Gegenstände, die unter ihren Gesichtskreis fallen, Bemerkungen und Anwendungen zu machen. Wenn dann der junge Mensch mit dem Herrn Magister Kibbuz eine akademische Procession rothbemäntelter Professoren und bezepterter Pedellen lieber sieht als ein Regiment im Marsch oder eine Wachtparade, wenn er lieber die Luftpumpe als ein Gewehr anatomirt, wenn ihm ein zärtliches Violinenstück mehr Vergnügen macht als eine Feldmusik, wenn er lieber in den Concertsaal als auf den Exercierplatz geht, wenn er lieber in der Großmutter Bilderbuche blättert als mit seinen Kameraden Schlachten spielt: so mag er zu vielen andern Fächern Luft und herrliche Gaben besitzen, für das Militär scheint er mir verhältnißmäßig nicht viel zu versprechen. Auch rechne ich noch zu den vortheilhaften Merkmalen in einem jungen Menschen für das Militär eine ununterbrochene Ordnung in seinen wesentlichen Geschäften und eine hartnäckige Pünktlichkeit in seinem Worte. Ich nenne dieses später, weil jeder Andere diesen Artikel ebenso nöthig und also mit dem Soldaten gemein hat; aber diesem ist er vorzüglich wichtig, je wichtiger, wohlthätiger oder gefährlicher für den Staat jederzeit seine Geschäfte sind. Ich verstehe durch Ordnung nicht jene kleinliche Aengstlichkeit, jenen widrigen Eigensinn, die gleichgiltigsten Dinge pedantisch an eine gewisse Gedankenschnur anzureihen, in dem Zimmer kein Blättchen Papier mehr rechts als links liegen zu lassen, keinen Strich in den netten niedlichen Schriftzügen zu ändern und keine neue Halsbinde auf einen alten Strumpf, bei Strafe des häuslichen Anathema, zu legen. Von dergleichen Leutchen sagt das Sprichwort mit Recht, daß sie Mücken seigen und Kameele verschlucken. Die Kleidung des Soldaten sei nett und reinlich, aber nicht geschnürt und geputzt. Die Sorge der Toilette überlasse er den Herren der Antichambre und den Mädchenjägern von Handwerk. Denn ein Mädchen, das man durch Anzug und Aufzug fangen kann, ist die Netze nicht werth, die man ihr legt. Es ist nicht Ordnung, wenn ein junger Mann eine halbe Stunde seine Schuhschnalle besieht, ob sie nicht eine Viertellinie zu schief gelegt sei; nicht Ordnung, wenn er mit dem Spiegel in der Hand den Haarvogt zwei Stunden über dem Meisterstück der Frisur geduldig brennen, kräuseln und drechseln läßt und sodann jedes Härchen mit Pariser Aesthetik mustert; nicht Ordnung, wenn er nach den Regeln der Trigonometrie eine halbe Stunde alle Falten der Halskrause abmißt und den Bedienten dreißigmal Dummkopf und Esel schilt, der nicht das Talent besitzt, die sinnreiche Phantasie des jungen Herrn auszuführen. Es ist Ordnung, wenn er alles Wesentliche zu bestimmter Zeit, mit bestimmter Pünktlichkeit, mit gehöriger Kürze besorgt, wenn er nichts auf morgen schuldig bleibt, was heute abgemacht werden sollte, wenn er keine Lücken in Geschäften läßt, die in den Verhältnissen des jungen Menschen ihm durchaus wichtig sind und noch wichtiger werden, da sie in Zukunft seinen Charakter bilden und ihm eine höchst wohlthätige oder höchst schädliche Richtung zu geben im Stande sind. Seine Worte müssen ihm heiliger sein als Eidschwüre am Hochaltare; und er wird lieber die größten Aufopferungen machen, lieber Alles wagen, als sein gegebenes Wort brechen, und dadurch seinen ganzen Charakter in dem Urtheile jedes Rechtschaffenen in ein höchst zweideutiges Licht setzen. Es ist bis jetzt immer noch ein besonderer Ehrenpunkt des Militärs, daß man das Wort eines Soldaten für unverbrüchlicher und einen Charakter für freier, offener, fester und männlicher – die feine Welt nennt es roher – hält als der meisten Uebrigen, die sich in den Labyrinthen der Höfe, den Winkeln der Schule und der Cabale der Rechtsschliche herumtreiben. Wo ist auch wol Vertrauen und Zuversicht auf gegebenes Wort nöthiger als bei dem Handwerke der Waffen, wo jeder Fehler fürchterliche Folgen haben kann und nicht allein den Kopf des Leichtsinnigen, sondern zugleich das Leben von tausend Andern in Gefahr des Verderbens stürzt. Wenn also ein junger Mensch mit der strengsten festesten Ordnung alle seine Geschäfte behandelt, mit seinem Versprechen nicht leicht ist, aber sodann hartnäckig dasselbe hält, so glaube ich, daß auch dieses ein sehr gutes, vorteilhaftes Zeichen sei, daß der Kriegsstand, wenn er sich demselben bestimmen will, etwas von ihm erwarten dürfe. Ich schließe diese kleine Schrift mit der Hoffnung, einige für Pädagogik nicht unwichtige Bemerkungen mitgetheilt zu haben. Nicht immer stehen bei jungen Leuten Neigung und Fähigkeit zu einer Sache in einem Verhältnisse; denn es ist, wie schon manche Psychologen richtig bemerkt haben, dieses sonderbare Bestreben in der Einrichtung unserer menschlichen Natur, daß wir immer am Meisten nach demjenigen jagen, was am Weitesten von uns entfernt ist, und dessen Erreichung uns außerordentliche Schwierigkeiten und Anstrengung kostet. Vielleicht liegt auch oft dabei eine stolze Anmaßung zu großen allgemeinen Kräften in uns zum Grunde. So will oft mit Gewalt der Mathematiker Dichter, der Künstler Polyhistor, der Redner Metaphysiker sein; und alle finden sich nicht selten höchlich beleidiget, wenn man ihnen das Compliment nicht nach ihrer Einbildung und Lieblingsgrille zuschneidet und es ihnen nicht in dem Fache bringt, in welchem sie glänzen – wollen. Zehn gegen Eins aber genommen wird man finden, daß Neigung und wenigstens einiger Grad von Tüchtigkeit zusammen gehen. Es ist also die Pflicht der Eltern und Führer, jungen Leuten das Fach, zu dem sie in ihnen Fähigkeiten und Neigung bemerken, mit Geschicklichkeit angenehm zu machen und es ihnen nicht durch Pedanterei jeder Art zu verleiden; denn sehr oft ist es blos die Schuld der Erzieher, wenn ihre Zöglinge zu dem Fache, in welchem sie etwas Großes leisten würden, sehr bald alle Lust verlieren und sich vielleicht ganz zufällig an eine Wissenschaft wagen, in der sie selten sich über das Gewöhnliche und Mittelmäßige erheben. Nichts ist häufiger, als daß man von einem jungen Menschen, der ein Wildling ist, dessen Leidenschaften unaufhaltsam wie ein Waldstrom daherbrausen und Alles, was widerstehen will, vor sich niederreihen, das erbauliche Prognostiken stellt: Er wird gewiß ein rechter Erzsoldat werden! Ich glaube allerdings, die beste Desperationscur für einen solchen Geist ist der Kriegsdienst, um entweder sich zu bessern oder – den Hals zu brechen; aber daß er mit jener Gemüthsverfassung als Soldat an seinem rechten Posten stehe, wird gewiß Niemand behaupten, der nur einigermaßen das Kriegswesen kennt oder nur vernünftig darüber nachzudenken fähig ist. Wenn der Unbändige diesen Stand wählt, so hat er eben die rechte Schule getroffen. Mancher dieser Herren ist zwar in dieser Rücksicht dem Dienste sehr viel Dank schuldig, weil er ihn noch zum vernünftigen, ernsthaften Manne gebildet oder gezüchtiget hat; aber ich zweifle, daß der Dienst ihm viel zu verdanken habe, und daß man dem Militär zu einem solchen Subject Glück wünschen dürfe. Der Knabe also, welcher von Gesundheit glüht, dessen Nerven sich in Hitze und Kälte stählen, der selten den Spiegel zu seinem Rathgeber macht, sich weder um Milchhaut noch Sommerstecken bekümmert, dem schlechte Kost Lieblingsspeise ist, der nicht unter der Ruthe wimmert oder um sein Vesperbrod jammert, dessen Herz bei einem großen Gedanken und noch mehr bei einer großen und schönen Handlung sich zum Enthusiasmus hebt, der mehr handelt als spricht, dessen Wort wie ein Felsen steht, der Menschenliebe übt, ohne sie zu predigen, der keine Gefahr sucht, aber ihr starr ins Auge sieht, wenn sie erscheint, der sich immer gleich bleibt, dem der Anblick des Todes keine Gesichtsmuskel verändert, und der ohne Rücksicht durchaus hartnäckig, brav und rechtschaffen ist: dieser Knabe ist der geliebte Zögling für Feld und Lager. Von der Bildung zum Militär zu reden ist nicht meine Absicht und ein zu großes weitläufiges Feld, als daß ich mit Glück schon jetzt etwas darinne wagen sollte. Der Herr General Nicolai hat in seinem Buche über Bildung junger Officiere vortreffliche Anleitung gegeben, welche Kenntnisse und Wissenschaften einem jungen Kriegsmanne in seinem ehrenvollen Laufe den Weg bahnen, obgleich Mancher seine Forderung etwas übertrieben finden dürfte. Der General aber will auch keine Alltagsofficiere in seiner Bildung aufstellen, sondern junge Männer, die durch ihren Kopf und ihr Herz dem Dienste Ehre machen.