Ludwig Richter Lebenserinnerungen eines deutschen Malers Lebenserinnerungen eines deutschen Malers nebst Tagebuchaufzeichnungen und Briefen Wilhelm von Kügelgen: Ludwig Richter, 1836 Kinderjahre Am 28. September 1803 erblickte ich das Licht dieser Erde, und zwar in der Friedrichstadt, einer Vorstadt Dresdens, welche die Hautevolêe zu ihrem Sitze nicht erkoren hatte. Auf der geraden und sehr breiten Friedrichstraße, welche bei der Kirche ins freie Feld endete, lag zwar das schöne Palais des Grafen Marcolini, in dessen Räumen sich einige Jahre später das welthistorische Ereignis abspielte, daß Kaiser Napoleon I. seinen Hut daselbst fallen ließ, welcher von Metternich nicht aufgehoben wurde, was dann seine große Bedeutung und noch größere Folgen hatte. Dies Palais nun ausgenommen – wir wohnten ihm schrägüber –, trugen die Häuser dieser ganzen Vorstadt mehr den Charakter einer kleinen Landstadt; auch wohnten viel arme Leute da. Meine Eltern wohnten in den ersten Jahren ihrer Verheiratung daselbst auf der Ostrastraße. Und mein späterer lieber Freund Ernst Oehme hat mir in Rom, wo wir uns kennenlernten, mehrmals erzählt, wie er mich als Wickelkind herumgetragen habe, denn er war etwa sechs Jahre älter als ich, und unsere Mütter befreundet. Mein Vater war Zeichner und Kupferstecher und ein Schüler Adrian Zinggs, von welchem ich auch meinen Vornamen Adrian bekommen habe, weil er mein Pate gewesen. Das Verhältnis Zinggs zu seinen Schülern war eigentümlicher Art und erinnert noch an die Meisterschulen des vorigen Jahrhunderts. Er nahm Knaben in seine Schülerwerkstatt auf, welche Lust und Fähigkeit zur Kunst zu erkennen gaben, schulte sie zu einer sichern Handfertigkeit in einer scharf bestimmten Manier des Zeichnens und Tuschens, und zeigten sie sich endlich darin tüchtig, so erhielten sie je nach ihrer Brauchbarkeit einen monatlichen Gehalt und arbeiteten für ihn. So hatte er einige der besten Schüler noch in seinem Solde, als dieselben sich bereits verheiratet hatten. Der vorzüglichste derselben war mein Vater, welcher nicht allein Kupferplatten für ihn stach, sondern auch die großen Sepiazeichnungen, welche Zingg alljährlich auf die Kunstausstellung gab, komponierte und bis auf das letzte Tüpfel selbständig ausführte, unter welche dann der alte Zingg ganz naiv seinen Namen setzte. Es war dies auch gar kein Geheimnis, und Zinggs akademische Kollegen bezeichneten die Blätter als Zinggs Ausstellungsarbeit, von Richter gezeichnet. Die Eltern nahmen bald eine Wohnung in der Stadt, auf der äußeren Rampischen Gasse, wo der Vater näher zu dem Atelier Zinggs hatte, welches auf der Moritzstraße war. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist der Besuch bei Großpapa Müller, der ein kleines Kaufmannslädchen auf der Schäferstraße besaß und ein Haus mit sehr großem Garten. Auf dem Wege zu den Großeltern waren wir bei einem Hause vorübergekommen, vor welchem ein schöner Rasenplatz mit vielen blauen Glocken- und weißen Sternblumen meine Aufmerksamkeit so gefesselt hatte, daß ich kaum von der Stelle zu bringen war Als ich aber bei den Großeltern angelangt und regaliert worden war und vor dem Hause herumtrippelte – ich war etwa drei Jahre alt –, fielen mir die wunderbaren Sternblumen wieder ein, und ich wackelte in gutem Vertrauen fort, durch mehrere einsame Gassen, und gelangte auch richtig zu dem Gehöfte mit dem schönen Rasenplatz, wo ich denn für Großpapa einen prächtigen Strauß pflückte und wieder fortmarschierte. Da ich aber nur vertrauensvoll meiner Nase nachging, diese aber vermutlich damals ein noch zu kleiner Wegweiser war, so brachte diese mich nach der entgegengesetzten Richtung auf weitem, weitem Weg in die Stadt. Ich war sehr verwundert, daß Großpapas Haus auch gar nicht kommen wollte, trotzdem es Abend wurde. Lebhaft erinnerlich ist mir's, wie ich kleines Wurm, den Blumenstrauß fest in der Hand, jämmerlich weinend, um Mitternacht auf dem im Mondschein ruhenden Altenmarkt stand, ein so winzig kleines Figürchen auf dem großen, öden Platze. – Da kam der Rettungsengel in Gestalt eines Ratswächters, den Dreimaster auf dem Kopfe und Säbel an der Seite, von dem im Schatten liegenden Rathause herüber, fragte mich und trug mich zu der in Todesängsten schwebenden Mutter; denn man hatte das verlaufene Kind bereits auf dem Rathause gemeldet, und mein wirklicher Schutzengel hatte mich glücklich davor hingeführt. Ich will aber jetzt auf die Großeltern zurückkommen, denn beide, sowohl die von väterlicher wie mütterlicher Seite, repräsentierten noch die alte Zeit, das vorige Jahrhundert, und zwar in seiner kleinbürgerlichen Gestalt. Mir haben sich die Bilder von ihnen und ihrer Umgebung bis ins kleinste lebendig erhalten; denn es waren charakteristisch ausgeprägte Typen bürgerlichen Kleinlebens, während die Dinge im elterlichen Hause viel mehr verblaßt sind, denn sie hatten das modern-nüchterne Gepräge der neuen Zeit und übten unendlich weniger poetischen Reiz auf mich aus! – Die Müller-Großeltern wurden oft besucht. Das kleine Kaufmannslädchen, durch welches man den Eingang in das noch kleinere und einzige Stübchen nehmen mußte, war ein höchst interessantes Heiligtum. Das Fenster außen garniert mit hölzernen, gelb und orange bemalten Kugeln, welche Zitronen und Apfelsinen vorstellten, die aber niemals in natura vorhanden waren und auch bei der armen Kundschaft keine Käufer gefunden haben würden; dann der große, blanke Messingmond, vor welchem abends die Lampe angezündet wurde, und der dann mit seinem wunderbar blendenden Glanz das Lädchen zu einem Feenpalast verwandelte; die vielen verschlossenen Kästen, der anziehende Sirupständer, dessen Inhalt so oft in den schönsten Spirallinien auf das untergehaltene Dreierbrot sich ergoß, die Büchsen mit bunten Zuckerplätzchen, Kalmus, Ingwerblättchen, Johannisbrot – und schließlich der Duft dieser Atmosphäre: welche ahnungsvolle Stätte voll Herrlichkeit! Endlich der Kaufherr selbst, mit baumwollener Zipfelmütze und kaffeebrauner Ladenschürze geschmückt, wie hastig und eifrig fuhr er in die Kästen, langte dem Barfüßler für ein Pfennig Pfeffer, ein Pfennig Ingwer, ein Pfennig neue Würze und drei Pfennig Baumöl freundlichst zu, der Barfüßler verschwand, und die Klingel an der Türe bimmelte unaufhörlich der ab- und zugehenden Kundschaft vor und nach! Die Großmama, eine ruhige, etwas stolze Frau, bewegte sich gemächlich aus dem Stübchen zur Küche und aus der Küche in die Stube; und selten war sie anderswo zu erblicken; ich kann mich aber nicht erinnern, daß sie mit mir oder überhaupt viel gesprochen, oder das Gesicht einmal in andere Falten gezogen hätte; deshalb interessierte sie mich auch nicht. Mehr aber der alte Stahl, ein Holländer und Landsmann der Großmama, die eine geborene van der Berg war. Dieser erhielt einige Tage in der Woche den Tisch bei Müllers, saß dann tagüber am Fenster, ließ die Daumen umeinanderkreisen, und ich stellte mich gern vor ihm hin und bewunderte seine Perücke mit dem ehrwürdigen großen Haarbeutel, und besonders die blitzenden Stahlknöpfe auf dem hechtgrauen Frack. Er war ein Zeuge der Pariser Revolution, hatte bei der Schweizergarde gedient, und als diese am 10. August 1792 in Versailles meistens bei Verteidigung des Königs umgebracht wurde, war Stahl einer der wenigen, welche glücklich entkamen. Er hatte sich mehrere Tage in einer Schleuse verkrochen und in Gesellschaft der Ratten zugebracht, bis er sich nachts zu einem Freund retten konnte. Das Entsetzlichste indes, was er erzählte, war mir die Mitteilung, daß man in seinem Vaterlande Käse sogar in die Suppe schütte, wobei ich freilich an unsere landläufigen spitzen Quarkkäse dachte, was mir Schauder einflößte. Ein Hauptvergnügen verschaffte mir der dicke Stoß Bilderbogen, welche im Laden zum Verkauf lagen und die ich alle mit Muße betrachten konnte. Außer der ganzen sächsischen Kavallerie und Infanterie war da auch »die verkehrte Welt« mit herrlichen Reimen darunter, das Gänsespiel, die Kaffeegesellschaft, Jahreszeiten und dergleichen, alle in derbem Holzschnitt und grell bunt bemalt. Der ehrbare Meister und Verleger dieser Kunstwerke war ein Friedrichstädter Mitbürger, Rüdiger, den ich auch mehrmals mit ehrfurchtsvoller Bewunderung die Schäferstraße hinabwandelnd gesehen habe. – Großer Dreimaster, zwei Haarwülste und Haarbeutel, apfelgrüner Frackrock, Schnallenschuhe und langes spanisches Rohr, schritt er ehrenfest daher! – Requiescas in pace, Freudenspender der Jugend, du Adam und Stammvater der Dresdener Holzschneider, ehrwürdiges Vorbild und Vorläufer! Endlich der von den Nebengebäuden eingeschlossene Hof mit dem daranstoßenden, sehr großen Garten, welch ein Schauplatz süßester Freuden! Da wurde mit der Jugend der Nachbarschaft ein Vogelschießen veranstaltet, am Johannistag um eine hohe Blumenpyramide von Rosen und weißen Lilien getanzt, oben die herrlich duftende Vorratskammer besucht, wo die süßen Zapfenbirnen und anderes frisches und trockenes Obst in Haufen lagen, unten der Schweinestall mit seinen Insassen rekognosziert, und welch ein Festtag, wenn das Tier geschlachtet wurde! Zwar durfte ich bei dieser Exekution nicht zugegen sein und hörte die durchdringenden Seufzer nur von ferne; aber dann sah ich das schöne Fleisch gar appetitlich zerlegen, das Wellfleisch kochen, und das kleine, einfenstrige Wohnstübchen war für den Metzgermeister zum Wurstmachen hergerichtet. Ein Geruch von süßem Fleisch, kräftigem Pfeffer und Majoran durchwürzte die Luft, und welche Wonne, zu sehen, wie die hellen langen Leberwürstlein samt den teils schlanken, teils untersetzten oder gar völlig korpulenten Blut- und Magenwürsten in dem Brodeln des großen Kessels auf- und untertauchten, endlich herausgefischt und probiert wurden. – Wie lebendig wurde es dann im Lädchen, die Klingel bimmelte ohne Aufhören, denn »Müllers hatten ein Schwein geschlachtet«, und so kamen die Kinder in Scharen mit Töpfchen und Krügen, und immer wiederholte sich die Bitte: »Schenken Sie mir ein bißchen Wurstbrühe«, oder »für zwei Pfennig Wurstbrühe, Herr Müller!« Der cholerische, sonst gute Herr Müller konnte sich der Scharen gar nicht mehr erwehren, die Klingel bimmelte völlig Sturm, mit immer größeren Schritten lief er hinter der Ladentafel scheltend und polternd einher und glich so wegen der Kürze des Raumes einem im Käfig herumtrabenden gereizten Tiger. Endlich stand die Zipfelmütze bolzgerade in die Höhe, und das Wetter brach los: »Ihr Racker, jetzt packt euch alle, nun kommt die Hetzpeitsche!« und im Nu stürzte und purzelte die ganze kleine Bande zur Ladentüre hinaus, wobei einige der Kleinsten noch mit ihren Töpfchen übereinanderfielen. Der gute alte Müller stand mit der drohenden Hetzpeitsche wie der Donnergott Jovis unter der offengebliebenen Tür, und als die Schar in die Ferne sich verlaufen hatte, schloß er diese dann eigenhändig! Dies kleine Müllerlädchen mit seiner Kundschaft, die in einem armen Stadtviertel eine recht bunt-charakteristische ist, hat gewiß auf mein künstlerisches Gestalten in späteren Jahren viel Einfluß gehabt; unbewußt tauchten diese Geister alle auf und standen mir Modell. Dies waren nun die Eindrücke aus der Menschenwelt. Der Garten bot nun anderes. Noch bis heute berührt mich der Anblick der Blumen – aber nur die allbekannten, welche ich in der Jugend sah, ganz eigentümlich und tief. In der Farbe und Gestalt, im Geruch und Geschmack' mancher Früchte oder Blumen liegt für mich eine Art Poesie, und ich habe die Früchte mindestens ebensogern nur gesehen als gegessen. Der Garten hatte Rosenbüsche in Unzahl. Wie oft guckte ich lange, lange in das kühle, von der Sonne durchleuchtete Rot eines solchen Rosenkelches, und der herausströmende Duft mitsamt der himmlischen Farbenglut zauberte mich in ein fernes, fernes Paradies, wo alles so rein, so schön und selig war! – Ich wußte freilich nichts von Dante; jetzt aber meine ich, er habe wohl auch in solche Rosenglut geschaut und kein besser irdisch Bild für seine Paradiesvision sich erdenken können, und in den Kelch setzt er die Reinste der Reinen! Es stand am Ende des Gartens ein uralter Birnbaum, zwischen dessen mächtigen Ästen ich mir einen Sitz zurechtgemacht hatte und da stundenlang in dem grünen Gezweig träumerisch verbrachte, um mich die zwitschernden Finken und Spatzen, mit welchen letzteren ich zur Zeit der Reife die Birnen teilte, die der alte Baum in Unzahl trug. Von diesem verborgenen Aufenthalt überblickte man den ganzen Garten, mit seinen Johannis- und Stachelbeersträuchern, den Reihen wild durcheinander wachsender Rosen, Feuerlilien, brennender Liebe, Lack und Levkoien, Hortensien und Eisenhut, Nelken und Fuchsschwanz – wer nennt alle ihre Namen! Dann zur Seite die Gemüsebeete, und über die Gartenmauer hinüber die gelben Kornfelder und die fernen Höhen von Roßtal und Plauen! Das war nun mein Bereich, wo ich mich einsam oder in Gesellschaft von Spielgenossen oder tätig beim Begießen der Gurken, des Kopfsalats, der Zwiebeln und Bohnen beschäftigte. Ob sich bei solch müßigem Treiben auf einem für das Kindesalter geeigneten reichen Schauplatze Phantasie und Gemüt nicht noch besser ausbilden sollte, als in den jetzt beliebten Kleinkindergärten, wo systematisch gespielt wird, stets mit »bildender« Belehrung und von »liebevoller Aufsicht« umgeben? Die Schule Es kam die Zeit, wo es angemessen erschien, die ersten Stufen des Weisheitstempels zu erklimmen; denn wer Birnbäume erklettert, muß auch über jene Stufen gelangen. Freilich hingen da nicht so süße Birnen in Fülle, wohl aber setzte es Nüsse zur Genüge! Ich wurde also in die katholische Schule geschickt, welche ganz nahe am Zwinger stand, und welchen Raum jetzt das Museum mit seinen Schätzen deckt. An dem Flecke, wo jetzt die himmlische Sixtina schwebt, schwitzte ich über ABC und noch mehr über Einmaleins. Ich kann nicht sagen, daß mich die Schule sehr erfreut hätte; sie stand auch für damalige Verhältnisse gewiß auf der untersten Stufe besagten Tempels, und ich kann mich nicht erinnern, etwas mehr als Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Freilich mochte das auch Schuld des unfähigen oder unlustigen Schülers sein, welcher von der dritten Wissenschaft, dem Rechnen, auch nicht das geringste profitierte; denn alle seine Errungenschaften auf diesem Gebiete waren die oben angedeuteten und wohlverdienten Kopfnüsse in Unzahl. Die Schiefertafeln, die schon so manchen armen Jungen zum »Malen« verführt hatten, übten auch auf mich ihren Reiz zu ungelegener Zeit, nämlich in der Rechenstunde, und in dem Moment, wo ich einen mächtigen Dampf gemacht und im blinden Eifer des Komponierens halblaut gegen meinen zusehenden Nachbar ausrief: »Aber jetzt muß die Kavallerie einhauen!«, schlug das Rohrstöckchen ganz unbarmherzig auf mich los. »Ja, einhauen soll sie, einhauen soll sie!« rief der hinter mir stehende Lehrer und übte recht tapfer in Wirklichkeit, was ich höchst unschuldig nur bildlich darstellen wollte. Die Tafel wurde, wie billig, konfisziert, und die große darauf konterfeite Bataille sollte dem Direktor, Pater Kunitz, als corpus delicti vorgelegt werden. Einstweilen wurde ich bei den Ohren genommen und an solchen bis zur Tür geführt, wo ich knien mußte, bis die Stunde aus war und die Reuezähren flossen. – Warum warst du auch so ganz blind in der infamen Bataille und ließest dich von deinem Eifer sogar zu hörbarem Ausrufe verleiten! – aber es ist so – blinder Eifer schadet nur! – Das einzige, worin ich in der Schule glänzte, war meine Schrift, daher Herr Stolze, der Schreiblehrer, mich auch nach Möglichkeit liebte und lobte und, wo er konnte, protegierte. Die großen, kunstvollen Vorschriften, welche ich gemacht hatte, mit großen »Zügen«, Schnörkeln und Mustern, hingen noch vor zehn Jahren unter Glas und Rahmen in der Klasse. Sobald ich indes die Schule verlassen hatte, gab ich mir alle Mühe, diese eingelernte schöne Schrift wieder loszuwerden; sie erschien mir höchst leblos und kalt. Eine individuelle Handschrift aber erfreut, sobald sie nur leserlich ist. Es war Gebrauch der Schule, jeden Vormittag nach ihrer Beendigung in geordnetem Zuge zur Kirche zu gehen (welche sehr nahebei war) und die heilige Messe zu hören. Da ich aber kein Gebetbuch besaß oder keines mitgenommen hatte, so betrachtete ich gewöhnlich während der ganzen Zeit das große Altarbild, die Himmelfahrt Christi von R. Mengs; daß aber Gott Vater so unbehilflich und unbequem von ihn umflatternden Engeln gehalten, getragen und gestützt wurde, erfuhr stets meine stille Mißbilligung, und ich versenkte mich desto lieber in den verklärten Ausdruck Christi und die Schönheit seiner ganzen himmlischen Erscheinung. Das Bild, jahrelang täglich gesehen, hat sich tief in die Seele gelegt. Der Knabe, welcher mir zunächst kniete, hatte einst die Genoveva von Schmid (Verfasser der Ostereier) mitgebracht, und wir lasen da die schöne Geschichte während der Messe. Da es aber gar zu rührend wurde und meine Tränen allzu reichlich auf das Buch tröpfelten, wovon dann das dünne Löschpapier ebenso erweicht wurde wie der Leser, und so dem Buche offenbar Schaden geschah, so mußten wir die Lektüre in der Kirche schließen, ehe die Geschichte zu Ende war. Auch war der Lehrer, der von ferne mein beträntes Gesicht bemerkt hatte, über meine ungewöhnliche Andacht aufmerksam geworden. Ob aber der warme Anteil an dem Schicksale eines frommen, verleumdeten Weibes und ihres armen Kindes, ihr heiliges unschuldiges Leben in der Wildnis und das Hervorleuchten göttlicher Führung am Schluß der Erzählung nicht erbauender gewirkt hat als die mir damals wenig verständlichen Gebete seichter Andachtsbücher, ist mir kaum zweifelhaft. Einen anderen Ausweg, die Langeweile in der Messe, deren Bedeutung ich nicht verstand, zu vertreiben, fand ich endlich darin, für die armen Seelen im Fegefeuer zu bitten; ich glaubte dadurch ganz unbemerkt etwas wesentlich Gutes wirken zu können mit meinen schwachen Kräften; ja es beglückte mich der Gedanke, daß die armen Seelen, denen ich durch meine Fürbitte Linderung ihrer Leiden gebracht, auf mich armen kleinen Jungen recht dankbar herabsehen würden, zumal wir uns gegenseitig unbekannt waren – Der Religionsunterricht war ebenso mangelhaft wie alles übrige; trockene Definitionen, die ich nicht verstand und mich auch nicht interessierten, Aufzählung der göttlichen Eigenschaften, der drei Haupttugenden, der sieben Todsünden, die Gebote der Kirche und dergleichen. Alles wurde dürr abgeleiert, nichts warm ans Herz gelegt und durch Gleichnisse und biblische Geschichten anschaulich gemacht, und so blieb das religiöse Bedürfnis, das vorhanden war, unbefriedigt und ungenährt. Der Weg zur Schule war ein ziemlich weiter, und so bestellten meine Eltern mir einen Mentor, namens Gabriel Holzmann, ein älterer und armer Junge aus der Nachbarschaft, welcher ebenfalls die katholische Schule besuchte und mich gegen eine kleine Vergütung abholen und zurückbringen mußte. Mit dem Engel Gabriel, welcher ja dem jungen Tobias auch zum Mentor bestellt war, hatte Holzmanns Gabriel indes keine Ähnlichkeit, weder äußerlich noch innerlich. Auf ein Paar schmutzigen Nankinghosen saß eine schäbige, apfel-grüne Jacke, und diese Jacke gipfelte in einen Spitzkopf, ein rotes, im Winter veilchenblaues Gesicht mit nur einem Auge, das andere schimmerte weißlich, wie eine mit Papier verklebte runde Fensterscheibe, ganz oben auf dem Dache strohgelbes, kurzborstiges Haar. Dieser stark kolorierte Jüngling Gabriel war aber ein harter Tyrann und hatte mich dadurch in seiner Gewalt, daß er, wenn ich seinen Willen zu tun mich weigerte, mit der Drohung hervorrückte, irgendwelches meiner Vergehen den Eltern mitzuteilen, und mir die darauffolgende Strafe sehr lebendig ausmalte. So gebot er mir an einem Palmsonntage, wo ich einige Zweige geweihter Maikätzchen (die pelzige Blüte der Weidenbüsche) aus der Kirche brachte, drei dergleichen Kätzchen zu verschlucken; wer das tue, bekomme das ganze Jahr kein Fieber und keine Halsschmerzen, und es sei Sünde, wenn man es unterlasse. Da ich dergleichen Übel noch nie gehabt hatte, so sah ich die Notwendigkeit nicht ein, diese pelzigen Dinger zu verschlucken. Es half aber kein Bitten, und unter vielen Tränen schluckte und würgte ich drei Stück hinunter. Bedenklicher aber war ein anderer Versuch, seine Herrschaft zu üben. Es gab damals in Dresden ein etwas konfuses Original, einen heruntergekommenen ehemaligen Buchhändler, namens Helmert, auch Diogenes genannt. Dieser betrieb sein antiquarisches Geschäft auf dem Neumarkt, an und auf dem großen Wassertrog, welcher vor der Salomonis-Apotheke stand. Ringsherum auf den nassen Stufen des großen Bassins sowie auf dort aufgestapelten Tonnen und Fässern lagen seine Scharteken und Landkarten ausgebreitet und verzettelt umher, und eine große Anzahl Kinder war um den Alten herum, blätterte in den Büchern und trieb Unfug mit ihm. Ein verschrumpftes Hutfragment ohne Krempe bedeckte sein struppiges graues Haupt, eine grobe Pferdedecke umgab ihn als Tunika, und darunter umhüllte ihn noch eine Art Kittel, mit einem Strick festgebunden; dies war sein ganzes Kostüm. Wäsche hatte er nicht. Meist jammerte er mit weinerlicher Stimme über die ihn umtobende Brut; manchen Liebling belohnte er auch, wenn er ihm einen kleinen Dienst geleistet, mit einem Buch oder einer halben Landkarte. Da mein Weg täglich bei seinem Trödel vorbeiführte und ich ein großer Bücherfreund war, so besah ich mir oft, was da herumlag, kaufte auch manchmal irgendein billiges Werkchen, wenn es nicht mehr als drei bis sechs Pfennige kostete. Einst stand ich mit Gabriel Holzmann auch daselbst und sah dem Toben und Treiben etwas von ferne zu, als dieser mir befahl, ein kleines Broschürchen, was ganz seitab im Nassen lag, ihm herüberzuholen. Ich mußte wohl die Ahnung haben, daß Holzmann auf diese Weise nicht sowohl kaufen als annektieren wollte, was man aber damals noch »mausen« nannte. Ich weigerte mich aber entschieden, einen solchen kühnen Griff zu tun, denn ich wußte ja, daß dergleichen unrecht sei. Seine Drohungen steigerten sich aber nach und nach zu einer für mich so entsetzlichen Höhe, daß ich endlich doch unter vielen Tränen das schmutzige, nasse Opus kaperte und ihm überbrachte. Aber diesmal ließ mir mein Gewissen keine Ruhe; ich gestand mein Vergehen der Mutter, die Mutter teilte es dem Vater mit, und der Vater gab dem Mentor andern Tages den Abschied, und von da an ging ich allein nach der Schule. Als ich in späteren Jahren von Rom zurückkam, sah ich besagten Holzmann, der bereits Gatte und Vater geworden war, als »Brezeljungen« an der Apotheke stehen, seinen großen Brezelkorb auf dem Rücken. Nach einiger Zeit führte ich aber meinen jüngeren Bruder Willibald denselben Schulweg, wartete auf ihn, bis seine Klasse aus war, und ging mit ihm Hand in Hand unserer Wohnung zu. Wir mochten komisch genug aussehen, besonders da wir ganz gleich gekleidet waren. Es war Winter, und außer den beiden gleichfarbigen Pelzmützen prangten wir mit gleichen Mänteln, die von Richter-Großvaters altem Mantel von braunem Kapuzinerkuttenstoff gemacht waren. Jeder trug ein Paar Fausthandschuhe an grünen Bändern befestigt; sie dienten jetzt zur Winterzeit nicht allein zum Wärmen der Hände, sondern hatten auch im Gesicht zu funktionieren. So strebten wir mit unserm Ränzel auf dem Rücken ehrbar nach Hause, wurden aber häufig in der Nähe des Prinzenpalais von einem Kometenschweif lutherischer Schulknaben in unserer Bahn gekreuzt und irritiert. Sie »stellten uns«; neckende, anzügliche Redensarten flogen herüber und hinüber, ähnlich den Aufforderungen, welche die Helden von Troja ihren Kämpfen vorangehen ließen, bis schließlich ein kleiner, kühner Ketzer uns mit weithallender Stimme »katholische Möpse« titulierte, worauf die Geduld zu Ende war und ein heftiges Handgemenge alle bunt durcheinander brachte. Schneeballen flogen, Lineale und Bücherbände arbeiteten wacker, und endlich wurden wir Katholischen aufs Haupt – vulgo auf die Pelzmütze – geschlagen und mußten, unter Wiederholung obigen Prädikats verfolgt vom ganzen Chor, den Rückzug antreten. Dies waren die ersten und heftigsten konfessionellen Streitigkeiten, die ich zu bestehen hatte. Eine zweite, weniger auf- als anregende Haltestation wurde auf der Schloßgasse gemacht vor Herrn Peter Röslers Kunstladen, an welchem ein buntgemalter sächsischer Dragoner und einige alte Kupferstiche das kunstliebende Publikum anlocken sollten. Wie still und öde war die breite Schloßgasse; nichts von all den glänzenden Schaustellungen zu sehen, die jetzt den Blicken sich aufdrängen. Aber das Wenige und an sich Geringe zog um so mehr den Blick auf sich und prägte sich tief ein, während jetzt das Viele und Vielerlei, zur stumpfen Gewohnheit geworden, kaum imstande ist, die zerstreuten und übersättigten Sinne auch nur für einen Augenblick flüchtig zu reizen. Kurz und gut, Peter Röslers rotrockiger Dragoner tat seine Wirkung. Endlich war dritte Haltestation am Eingange des alten, dunklen Pirnaischen Tores. Da klebte der Theaterzettel. Er wurde regelmäßig studiert, obwohl ich noch kein Theater gesehen hatte und ich weiß nicht was für eine Vorstellung davon haben mochte, auch keine Aussicht auf ein solches Vergnügen vorhanden war. War nun besonders eine große Zahl handelnder Personen darauf verzeichnet, so steigerte sich das Verlangen nach solchem Schauspiel mächtig, und die Phantasie versuchte aus dieser Personenliste, ihren Namen und Bezeichnungen ein Gewebe herrlicher Begebenheiten zusammenzukomponieren. In dieser Zeit war es auch, wo mein Vater öfter gegen Abend ein Paket mit Kupferstichen heimbrachte, welche er aus einer Auktion eines verstorbenen Kollegen billig erstanden hatte, und damit den Grund legte zu einer ganz hübschen Sammlung von Stichen und Radierungen, die mir noch späterhin eine unschätzbare Quelle der Freuden und künstlerischen Bildung wurde. Die Mutter schien diese Freude zwar weniger zu teilen; denn sie mochte in der Stille die kleinen dafür verausgabten Summen überschlagen, welche für die Hauswirtschaft nötiger angebracht gewesen wären; aber sie mußte sich doch über des Vaters überströmende Begeisterung freuen, der über die alten vergilbten Blätter in Wonne und Seligkeit fast zerfließen wollte und welcher in seinem ältesten Sprößling bereits eine sympathisierende Seele gefunden hatte. Das große und das kleine Gesicht waren über solch ein Blatt gebeugt, und bald sah ich die Radierung an, bald meinem Vater in die freudestrahlenden Augen, als wollte ich seine Begeisterung wie ein kleiner Schwamm aus seinem Anblick aufsaugen. Wie strömten da seine Worte, wie wußte er die Schönheiten dieser Kunstwerke hervorzuheben und mich darauf aufmerksam zu machen! – Welche Mitteilungslust und -drang war über den sonst schweigsamen Vater gekommen; die Kunst muß doch etwas ganz Großes und Gewaltiges sein, daß sie die Herzen so warm und lebendig machen kann, dachte ich dabei! Um diese Zeit wird es auch gewesen sein, wo ich öfter die Professoren Graff und Zingg gesehen habe. Es war dies in einem Bier- und Kaffeegarten des bayrischen Brauhauses, wo beide mit meinem Vater sich zuweilen einfanden. Der ernste, bedächtige Pate Zingg und der lebhaft sich bewegende, heitere Graff befanden sich da mit anderen etwas jüngeren Künstlern recht behaglich bei ihrem Glase Bier und einfachen Abendbrote. Beide waren alte Junggesellen. Mich interessierte aber der blinde Harfner, der in der Nähe unter den Linden saß und bald seine Balladen, bald neckische Volkslieder zum besten gab, mehr als die Gespräche der alten Herren, weshalb ich mich bei jedem Liede vor ihn hinpostierte, als wollte ich ihm die Worte aus dem Munde zählen. Die Kriegszeit An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1811, es dunkelte schon, sahen wir einzelne Gruppen Leute auf der Straße stehen und in einer Richtung nach dem Himmel schauen. »Sie werden den Kometen sehen«, sagte mein Vater, nahm mich bei der Hand und führte mich auch hinunter. Da sahen wir auch auf und sahen das Himmelszeichen. Ein großer Stern, einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend, stand über unseren Häuptern und schimmerte so unheimlich geisterhaft über den dunklen Häusern. Von den so fernen Wohnstätten des Friedens strebte er herab auf die unruhigen, bewegten Länder und Völker, und die Leute versahen sich nicht des Besten von den kommenden Tagen. Das Prophezeien von Krieg und Heereszügen mochte in jenen Tagen nicht schwer sein; denn seit Anfang des Jahrhunderts hatte ja der gefürchtete, dämonische Mann in Europa alles durcheinander gerüttelt, und Deutschland seufzte unter seiner despotischen Faust. – Ein armer, hektischer Schuhflicker, der im Hinterhause wohnte, trat auch zu der Menschengruppe und erklärte einigen alten Frauen, wie von diesem schrecklichen Krieg die Offenbarung Johannis ganz genau berichte, ja selbst den Namen des französischen Kaisers deutlich nenne, der uns all das Elend bringe. Auf Hebräisch heiße er Abbaaon, auf Griechisch Apolion – und die Franzosen nennen ihn Napolion. Er habe es gestern abend selbst gelesen. – Der Krieg gegen Rußland brach los. Am 16. Mai, dem Vorabend des Pfingstfestes, wurde der Kaiser Napoleon erwartet. Schon nachmittag ging ich mit meinem Vater aus, um das Eintreffen der Franzosen zu sehen. Wir postierten uns am Postplatz; denn sie wurden von Freiberg her erwartet. Die Straßen waren von Menschen erfüllt, die Bürgergarde hatte bis in die Stadt hinein Spalier gebildet. Endlich kamen Leute und riefen, auf den Höhen von Roßtal sei alles schwarz, da kämen sie herunter. (NB. Das alles muß in einem Ton erzählt werden, wie es ein Kind erzählt, das andere Eindrücke von den Dingen aufnimmt, als ein Altes. Märchensprache.) Nach einer Stunde endlich hörte man das Rasseln der Trommeln und die Feldmusik, und nun erschien mit Staub bedeckt die Vorhut, der ein Regiment um das andere folgte. Erst nachts elf Uhr kamen die prachtvollen Garden, die polnischen Ulanen, die Nobelgarde in Silber glänzend bei dem Schein der Kienkörbe und Fackeln, die längs der Straßen aufgestellt waren. Besonders wunderbar kam mir eine Schar Mamelucken vor. Der Kaiser war in einem Wagen mit seiner Gemahlin. Trompetenschmettern, Trommelrasseln, das Läuten aller Glocken und Kanonendonner dazwischen, Vivatrufen der Volksmenge – das alles mußte mich wohl in so später Stunde munter erhalten. Von dieser Zeit an gab es nun immer Neues zu sehen und zu erleben. Truppenzüge aller Art, Illuminationen und Feuerwerke, Tedeums und Monarcheneinzüge; es drängte ein Ereignis das andere, nur kannte ich deren Bedeutung nicht oder nur im allgemeinsten. Ich hatte meine Freude an den bunten Schauspielen. Die Schule konnte ich wegen der weiten Entfernung wenig und später gar nicht mehr besuchen und lag viel am Fenster, wo es immer etwas zu sehen gab. Wir bewohnten zu jener Zeit eine Etage im Goldenen Löwen, oben am Elbberge gelegen, und konnten somit die ganze Amalienstraße bis zum Pirnaischen Tore und rechts den Elbberg hinab bis nach Neustadt sehen. Die Promenaden existierten auch noch nicht, sondern statt dieser ein Stadtgraben, und drüben die Wälle der hohen Stadtmauer, mit Schanzen versehen und mit hohen Bäumen bewachsen. Dies war unser vis-à-vis. Anfang Mai, als die Stadt von Russen und Preußen besetzt war, kursierten Gerüchte von einer bei Lützen zum Nachteil der Alliierten ausgefallenen Schlacht. Am 8. Mai waren die Truppen abgezogen, es war leer und still auf den Straßen. Die lange Amalienstraße bis zum Pirnaer Tore, die wir vom Fenster aus übersehen konnten, lag ganz verödet vor uns. Die Häuser waren geschlossen. Da kamen noch in vollem Jagen einige Kosaken die Straße herab, und an dem Pferdeschweif des letzteren hielt sich ein russischer Landwehrmann, der mit dieser zwar schnellen, aber unbequemen Gelegenheit sein Fortkommen suchte. Sie waren in der Nähe unseres Hauses und verschwanden in die Ziegelgasse, um über die Blasewitzer Schiffsbrücke zu entkommen, als auch schon ein Vortrab französischer Husaren aus dem Innern der Stadt kam, dem bald das Regiment folgte. Einige Stunden später sahen wir die brennende Schiffsbrücke geschwommen kommen, welche die Russen hinter sich angezündet hatten. Einst wurde eine Abteilung Franzosen an der Elbe einquartiert; in Neustadt standen aber die Russen, welche auf die sich hinabschleichenden Franzosen schossen. Die Kugeln pfiffen scharf durch die Luft, und die Soldaten, welche sich an unser Haus quer über die Straße gestellt hatten, duckten sich lachend, wenn ein solcher Pfeifer zu hören war, und die Kugeln schlugen regelmäßig in eine hinter ihnen stehende Bretterwand, wobei dann höhnende Gebärden und lautes Gelächter den über der Elbe stehenden russischen Jägern antwortete. Einmal aber wurde einem Franzosen der Tschako vom Kopfe geschossen; der Mann lachte und hob ihn wieder auf, war aber doch etwas blaß geworden. – Der Vater trieb mich nun auch vom Fenster, gleichwohl guckte er selbst immer wieder vorsichtig hinab, wo ich denn allemal nachging und ebenfalls neugierig lauschte. Da aber endlich doch eine Kugel durch eine der oberen Fensterscheiben platzte und in die Wand fuhr, zogen sich Vater und Sohn vollständig zurück. Die Mutter war um diese Zeit mit dem jüngeren Bruder Willibald und einem Schwesterchen (Hildegard) in der am anderen Ende der Stadt gelegenen Friedrichstadt bei ihrem Vater, dessen Frau (die Stiefmutter) infolge einer Operation gestorben war. Der arme Müller-Großvater war in dieser schlimmen Zeit ganz allein und wußte sich gar nicht zu helfen; deshalb versah die Mutter das Haus, und der gute Vater, bei dem ich blieb, hoffte wohl so leichter durchzukommen; denn an Arbeiten war selten zu denken, auch gab es nichts für ihn zu tun, und es ist mir heute noch rätselhaft, wie er, arm, ohne Verdienst, ohne Hilfe von irgendeiner Seite in dieser schlimmen Zeit durchkommen konnte. Die Einquartierung hörte nun gar nicht mehr auf. Wir beide hatten nur eine Stube zu unserem Gebrauch, die andere, wie Kammer und das Vorhaus, lagen fast stets voll Soldaten; der Boden war mit Stroh bedeckt, worauf sie schliefen; Gewehre und Montierungsstücke, Kommißbrot und Patronen und was weiß ich lag alles bunt durcheinander. Eine Zeitlang hatten wir dreizehn Mann auf einmal in unserem beschränkten Raum; denn der gutherzige Vater hatte auch die Mannschaft noch zu sich genommen, welche zwei über uns wohnenden Witwen zukam. Diese hatten ihre Türen verschlossen und beschworen meinen Vater, die Männer bei sich aufzunehmen; sie könnten als einzelne Witfrauen doch unmöglich in einer Stube mit den Soldaten zubringen; sie versprachen, ihm zu helfen und beizustehen in der Verpflegung derselben, so gut sie es vermöchten. Und so geschah es. Bei all diesen Drangsalen der Zeit, dem gänzlich zerrütteten und zerrissenen Familienleben, der bitteren Geld- und Lebensmittelnot, sah es doch oft lustig genug in der Küche aus. Vater stand am Herd und rührte in einem riesengroßen Topfe, mit Reis- oder Kartoffelbrei gefüllt; die alten, freundlichen Weiblein spalteten Holz, stießen Pfeffer im Mörser, rieben harte Semmeln auf dem Reibeisen, wuschen die Teller, holten Wasser, lachten und schäkerten, während die Soldaten, ihre Gewehre auseinandergenommen, putzten, ölten, ihr Riemenzeug in Glanz brachten und außerdem durch Pantomime und gegenseitiges Kauderwelschen Gespräche führten (denn von uns verstand niemand Französisch, jene nicht Deutsch), die äußerst komisch anzusehen und zu hören waren. Einstmal wurden von der Schiffbrücke unten an der Elbe gewaltig große Viehherden die Gasse heraufgetrieben, welche von den Truppen aus der Gegend von Bautzen zusammengeraubt waren und zur Verpflegung des Heeres dienen sollten. Das Vieh drängte sich in dichten Massen den Elbberg herauf, und die Einquartierung stand in der Haustür und sah der Sache zu. Ein verschmitzter Franzose, er war seines Handwerks Metzger gewesen, bespricht sich schnell mit seinen Kameraden, sie locken ein paar schöne Kühe ins Haus, werfen den Torweg darauf zu und bringen die Braune und die Schwarze in den Hof des Hinterhauses. Ehe die Tiere sich durch Brüllen verraten können, wird ihnen durch einen Schlag vor den Kopf der Garaus gemacht, die Haut abgezogen und mit größter Behendigkeit und kunstgemäß das Fleisch zerschnitten und jedem Soldaten im Hause sein Teil geliefert. Während dieser sehr belebten Szene guckte aus jedem Fenster des Hinterhauses eine Haube oder Zipfelmütze, je nachdem Maskulinum oder Femininum da wohnte, und jedwedes freute sich des herrlichen Fleisches, welches in solchen Massen lange Zeit die Küchen nicht beglückt hatte und die ergötzlichsten Mahlzeiten in Aussicht stellte. Da wir nun dreizehn Mann hatten, worunter auch der lustige Metzger selbst war, so war unser Anteil natürlich ein sehr reichlicher. Ein ziemlich großes Waschfaß wurde benutzt, noch am späten Abend das viele Fleisch darin einzupökeln, was dann die uns alliierten Frauen eifrigst und trefflich besorgten. Ein Rest, der noch übrig war, wurde zum baldigen Kochen und Braten beiseite gelegt; auch kam ganz zuletzt ein gutmütiger Hesse, der ebenfalls bei uns in Quartier lag, und brachte ein großes Stück lappiges Fleisch, Haut und viel Knochen und beklagte sich, wie die Franzosen unter sich das gute Fleisch verteilt und ihm, dem Deutschen, – wie immer – den schlechten Rest zugeteilt hätten. Die anderen Frauen des Hauses hatten ihren Anteil ebenfalls aufs beste eingepökelt, und spät ging man nach dieser unverhofften Tätigkeit zwar müde, aber mit der lachenden Aussicht auf nahrhafte Tage, zu Bett. Aber der Verräter schläft nicht, sagt das Sprichwort, und so hatte auch irgendeine mißgünstige Person, die vielleicht zu kurz bedacht worden war, nichts eiliger zu tun als die Sache anzuzeigen. So geschah es, daß nach einem etwas längeren Schlaf als gewöhnlich und nach einem holden Traum vom »schönen Sonntagsbraten«, da alles so vergnügt noch so beim Kaffee saß und von den gestrigen Errungenschaften sprach, die erschreckende Meldung kam, die sämtlichen Hausbewohner haben allsogleich – bei Strafe – das Fleisch bei der Behörde abzuliefern. Es währte nicht lange, so sah man einen Trauerzug; mit wehmütiger Gebärde trugen die Weiber ihre Fäßlein mit dem Eingepökelten über die Straße nach dem Militärbureau, um es daselbst auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen und dafür einen gnädigen Verweis und schadenfrohes Gelächter in Empfang zu nehmen. Wir allein kamen gut dabei weg; denn Papa hatte als erfindungsreicher Odysseus und in Übereinstimmung unserer Mannschaft den Ausweg getroffen, den Rest des Fleisches samt der großen Haut- und Knochenmasse unseres guten Hessen abliefern zu lassen, während das gefüllte Waschfaß ruhig im Keller versteckt blieb und uns noch manche gute Mahlzeit lieferte. Ende August (1813) näherten sich die Alliierten mit einem Heere von 200 000 Mann der Stadt. Am 25. donnerten die Kanonen in der nächsten Umgebung. Des Nachts leuchteten die Wachtfeuer der Russen und Österreicher von den Anhöhen, und die Leute fürchteten einen Sturm auf die Stadt. Kanonen rollten durch die finsteren Straßen, es war ein unheimliches Treiben und Getöse in dieser schauerlichen Nacht, die allen Bewohnern den Schlaf verscheuchte. Keine Turmuhr durfte schlagen. Mit Angst und Spannung wartete man der Dinge, die da kommen sollten. Endlich brach der Morgen an, und bald erzählte man, Napoleon komme von Bautzen her an der Spitze der großen Armee. Nach Mittag kamen denn auch im Eilmarsch die Regimenter die breite Amalienstraße herab, und ich lief hinunter und postierte mich an ein Eckhaus, um alles in der Nähe zu sehen. Wie erschöpft sahen die armen Menschen aus, welche zehn Meilen ohne Rast marschiert waren! Bleich, hohläugig, ganz mit Staub überzogen – (die junge Garde), und viele riefen im Vorübereilen mit heiserer Stimme nach Wasser, das ihnen niemand reichen konnte, denn es ging unaufhaltsam rasch vorwärts, den Ziegel- und Pillnitzer Schlägen zu, vor welchen sie zu kämpfen hatten. Immer neues Trommelgerassel und Feldmusik verkündete neue Abteilungen. Plötzlich sah ich einen Trupp glänzender Generale und höherer Offiziere, und ihnen voran, ruhig vor sich hinsehend, wie ein Bild von Erz, den Kaiser, – ganz so, wie sein Bild stereotyp geworden ist: der kleine, dreieckige Hut, der graue Überrock, der Schimmel, den er ritt! Ich gaffte den Gewaltigen mit großen Augen an, und obwohl ich weiter nichts begriff, als daß er der Mann sei, um den sich alles dreht, wie um eine bewegende Sonne, so habe ich doch den Ausdruck dieses Gesichts nicht vergessen. Ein unbewegliches und unbewegtes Gesicht, ernst und fest in sich gesammelt, doch ohne Spannung. Sein Ich war die Welt, die Dinge um ihn nur Zahlen, mit denen er rechnete. Schon donnerten die Kanonen; denn man stürmte die Schanzen vor dem Ziegelschlage, und jetzt führte er Tausende von Ziffern ihnen entgegen. Ich lief nun schnell hinauf zum Vater, und dieser stieg mit mir und anderen Hausbewohnern auf den Dachboden, wo wir durch die kleinen Fenster die Gegend nach Blasewitz, den Großen Garten und Räcknitz übersehen konnten. Die Kanonade hatte schon begonnen, es entwickelten sich immer mehr die dunklen Linien der Infanterie, welche sich aufstellten. Endlich begann auch das Musketenfeuer, ein fortwährendes Knattern, unterbrochen von dem ferneren und näheren Donner des Geschützes. Lange Streifen Pulverdampfes stiegen über den Linien der Infanterie, dicke Wolkenmassen da auf, wo Batterien standen. – Der Kampf wurde heftiger und gewaltiger; es war zuletzt ein Knattern, Krachen und Tosen grauenhafter Art, ohne die geringste Unterbrechung. Das Dorf Strehlen, was vor uns lag, ging in Feuer auf. Es war von Russen besetzt, und die Granaten der Franzosen schossen es in Brand. Da aber einzelne Kanonenkugeln auch in die Nachbardächer hineinschlugen und Ziegel- und Sparrwerk splitternd umherflog, ja eine Granate in eine Stube des Hinterhauses einschlug und zurückprallend im Hofe zerplatzte, so eilte alles, was Beine hatte, in den Keller, wo man vor den Kugeln gesichert war. Da saß denn die ganze bunte Gesellschaft (der alte Magister Erbstein, Frau Naumann, die lustige, hübsche Bierschrötersfrau usw.) bei der höchst spärlichen Beleuchtung eines Küchenlämpchens im Kreise herum auf Fässern, Kisten und Klötzen, wie es sich eben machen wollte, besprachen ihre Not und trösteten sich gemeinsam. Es war eine kleine Rembrandtsche Szene! Dann und wann schlich sich einer der Hausväter kundschaftend hinauf. Die Straßen waren öd und leer, wie ausgestorben, aber ein dumpfes, fernes Donnern, vom näheren Krachen der Geschütze unterbrochen, rollte ununterbrochen um die geängstigte Stadt. In dem kühlen und düsteren Kellerraum wurde es für die Länge unerträglich. Innerlich waren alle in höchster Spannung und Erregung, äußerlich aber so ganz untätig, bis endlich die kleine, alte Witfrau ein verborgen gehaltenes Kleinod aus ihrem Keller herbeiholte, eine Flasche von ihr aufgesetztem Kirschschnaps. Dies brachte wieder Leben in den Kreis, die Vorstellungen, die fieberhaft ins Unbestimmte schweiften, wurden durch einen nahen, greif-, fühl- und schmeckbaren Gegenstand gefesselt, und der Papa, welcher stets einen guten Humor hatte, brachte wieder Leben in die Gesellschaft; ja sie wurden sogar heiter und fingen an, über das Wunderliche ihres Zustandes zu scherzen und zu lachen. Endlich gegen Abend wagten wir uns wieder hinauf in die Wohnung. Beim Dunkelwerden verstummte der Kampf mehr und mehr. Die Straßen füllten sich mit Truppen, man brachte Verwundete. Einen der bei uns einquartierten Franzosen, einen alten Artilleristen, sahen wir verwundet auf dem Protzkasten seines Geschützes liegend vorüberfahren; er winkte freundlich nach uns herauf. Es war nun ein Leben und Treiben in den dunklen Straßen, was mit der vorhergehenden Öde seltsam kontrastierte. Die Munitions- und Pulverkarren samt Geschütz rumpelten und rasselten wieder auf dem Straßenpflaster. Die Truppen lagen auf den Gassen und Plätzen und füllten die Häuser. Es waren ja 100 000 Mann, welche nun die Stadt schützten. Am andern Tage, der grau und trüb anbrach und endlich sich in strömenden Regen ergoß, begann der Kampf von neuem. Doch tobte er weniger in unserer Nähe, und nur aus den Dachluken konnten wir die Höhen von Räcknitz sehen, wo die Russen standen und Moreau an diesem Tage an der Seite Alexanders so tödlich verwundet wurde (Randvermerk Richters: Heer der Verbündeten 300 Kanonen. – Napoleon brachte 60 000 Mann herbei. Einige 300 00 Mann standen in Dresden, also über 100 000 Mann. – Das Schlachtfeld: 23 000 Tote und schwer Verwundete lagen zerstreut und in ganzen Haufen umher.) Am zweiten Tage nach der Schlacht ging ich mit dem Vater zum Ziegelschlage hinaus, das Schlachtfeld in unserer Nähe zu besehen. Schon am Schlage lagen mehrere Franzosen in einem Graben, und einer derselben fiel mir deshalb besonders auf, weil eine Kanonenkugel ihm den Schädel in zwei Hälften zerrissen hatte, deren eine noch am Körper, die andere daneben lag. Diese dünne zersprungene Schale, die mir wie ein Kürbis vorkam, machte mich ganz ängstlich für meinen eignen Kopf, der mir nun höchst zerbrechlich vorkam. Obwohl man schon tags zuvor beschäftigt gewesen war, die Verwundeten fortzuschaffen – man legte sie gewöhnlich auf mit Stroh bedeckte Leiterwagen – so lagen doch außer den Massen der Toten noch unzählige Verwundete und Sterbende herum. Wir gingen den Weg nach Blasewitz zu, der damals öd und sandig und unbebaut war. Auf einem Hügel, wo eine russische Batterie gestanden hatte, lagen ganze Haufen toter und zum Teil gräßlich verstümmelter Gestalten. Wir gingen nicht ganz in die Nähe, denn es schauderte uns, das Gewimmer zu hören. Es war gerade der Wagen da, auf welchen die Verwundeten gebracht wurden, und daß dies nicht sanft und mit Schonung geschah, läßt sich bei solchen Massen, welche fortzuschaffen waren, leicht denken. – Eine Erscheinung aber ist mir heute noch wie ein wilder Traum lebhaft im Gedächtnis, obwohl ich sie nicht zu erklären weiß. Einer der Verwundeten, ein russischer Artillerist, schrie so furchtbar und schnellte sich dabei von dem Boden soweit in die Höhe, daß ich, der ich unten am Hügel stand, zwischen ihm und dem Erdboden über eine Eile den Horizont sehen konnte. Wir hörten, es seien ihm beide Augen ausgeschossen, und dieses In-die-höhe-schnellen sei ein Krampf infolge des Schmerzes. – Wir wandten uns schaudernd ab und hörten bald darauf einen Schuß fallen! Die Leute hatten sich seiner erbarmt! Jetzt kamen wir an eine Sandgrube, in welcher ebenfalls eine Menge toter Russen lagen. Ein altes krummes Mütterchen hatte sich uns angeschlossen. Sie hatte ein so trauriges Gesicht, sah wie Not und Jammer aus und trug in einem Handkorbe einen großen Topf Wassersuppe nebst einem Näpfchen und altem Blechlöffel, um den verschmachtenden Menschen eine Erquickung zu bringen, gewiß die einzige, die ihr möglich war. Indem wir nun hinabsahen auf die Getöteten, schien es uns, als hätten wir ein leises Wimmern vernommen. Wir horchten auf. Und wieder war es zu hören. So stiegen wir zu einem hinab, der in einen weißen Soldatenmantel mit roten Aufschlägen eingewickelt dalag, und neben ihm eine Blutlache. Von ihm schienen uns die Schmerzenstöne gekommen zu sein. Der Vater schlug unten den Mantel etwas zurück, weil er da Blut im Sande sah, und siehe da, der Fuß war ihm ein Stück über dem Knöchel, wo die Halbstiefel endigten, abgeschossen, hing aber noch mit einer Faser am Bein. Er schlug etwas die Augen auf und brachte abermals einen leisen, zitternden Ton hervor, indem er auf den Mund deutete. Das Mütterchen war auch sogleich bereit, dem Verschmachteten, welcher nun schon den dritten Tag so gräßlich verstümmelt in kalter Nacht und im Sonnenbrand am Tage, ohne einen Tropfen Labung, ohne sich rühren zu dürfen, im Wundfieber dagelegen hatte, mit ihrer Wassersuppe zu erquicken, indem sie ihm etwas davon einflößte. Wir hingegen ratschlagten, wie wir ihn wohl in eine nicht allzuweit entfernte Scheune zu bringen vermöchten, wo viele Verwundete lagen und amputiert wurden; denn wir erkannten wohl, daß er hier in dieser Grube schwerlich entdeckt würde und dann verschmachten müßte. So fanden wir nach einigem Umschauen endlich eine Stubentüre, welche vielleicht zum Behuf eines Wachtfeuers aus einem Vorwerk (das Lämmchen) in die Nähe gekommen sein mochte. Eine schwere Sache war es aber nun, den Armen auf diese Türe zu bringen, da wir zu gleicher Zeit das an einer langen Flechse noch hängende Bein behutsam mit ihm selbst weiter heben mußten. Bei dieser Berührung wimmerte er denn kläglichst; doch gelang es unseren schwachen Kräften, ihn glücklich auf die Türe zu lagern und ihn langsam fortzutragen nach jener Scheune. In der Nähe derselben angelangt, mußten wir ihn niedersetzen; denn mehrere Männer riefen uns zu, daß jetzt kein Platz mehr darin sei; wir sollten warten. Ein Blick in das offene Scheunentor überzeugte uns nur zu gut von der Wahrheit des Gesagten. Es lag da gestopft voll. Doch schleppte man eben einige Gestorbene, nackt ausgezogen, heraus und warf sie auf einen hochgetürmten Haufen ebenfalls nackter, starrer Leichen, welche hinter dem zum Teil zerschossenen Torflügel lagen, meist verstümmelt durch schreckliche Wunden. Mit Grausen sahen wir, wie der Mensch mit Menschen verfuhr, ja verfahren mußte. Nun war ja wieder Platz gewonnen, und unser armer Russe wurde von den Gehilfen hineingetragen, wo die Chirurgen in voller Tätigkeit waren, während Geschrei und Stöhnen aus diesem Ort der Qual herausklang. Aufs tiefste erschüttert traten wir unseren Rückweg an nach Hause. Wenn ich später von Schlachten las, von großen, herrlichen Siegen, von dem Todesmut der Kämpfenden und ihrer großen Tapferkeit, so mußte ich immer mit innerem Entsetzen an das Ende denken, an das Schlachtfeld. * Das unglückliche Dresden, der Mittelpunkt von Napoleons Operationen, ward nun schwerer und schwerer heimgesucht. Der Kriegslärm dauerte ununterbrochen fort. Die Not der Einwohner stieg von Tag zu Tage, und es bleibt unbegreiflich, wie in solcher Lage der gemeine Mann, der auch in guter Zeit, wie man zu sagen pflegt, aus der Hand in den Mund lebt, jetzt, wo er meist ohne Verdienst war, bei unerhörter Teuerung und Mangel der Lebensmittel noch sein Leben fristete. Kanonendonner und brennende Dörfer, Truppenzüge und Einquartierung illustrierten diese Tage. Am 7. Oktober verließ Napoleon zum letzten Male die Stadt. Ihm folgte unser König nach Leipzig, und der Marschall St. Cyr blieb mit 30 000 Franzosen in der Stadt. Erneute Gefechte vermehrten die Zahl der Verwundeten in den Spitälern, in denen das Lazarettfieber wütete, so daß wenige lebend herauskamen. Wir hatten ein solches schrägüber in dem Winterbergschen Hause, wo täglich die Gestorbenen, ganz entkleidet, aus den Fenstern des ersten und zweiten Stockes herabgeworfen und große Leiterwagen bis obenherauf damit angefüllt wurden. Zum Entsetzen schrecklich sah eine solche Ladung aus, wo abgezehrte Arme, Beine, Köpfe und Körper herausstarrten, während die Fuhrleute auf diesem Knäuel herumtraten und mit aufgestreiften Hemdsärmeln hantierten, als hätten sie Holzscheite unter sich. In dieser Zeit starben täglich 200 in den Spitälern, und das Nervenfieber war epidemisch geworden und forderte auch in dem Bürgerstande täglich seine Opfer. Wir blieben indes trotz der gefährlichen Nähe des Lazaretts gesund. Zu den Kartoffeln, wenn wir solche hatten, wurde roher Meerrettich, dessen Schärfe mir die Tränen aus den Augen preßte, in Essig gegessen, welches der Vater für ein Präservativ gegen das Nervenfieber hielt. Viele kranke Soldaten wollten nicht mehr in die Lazarette, weil sie dann unrettbar sich verloren glaubten; sie zogen es vor, in einem Winkel der Straße oder auf der Treppe eines Hauses zu sterben. – So wurden wir einst am frühen Morgen durch einen Schuß in dem Hausflur aufgeschreckt. Ich lief hinunter. Da lag ein junger, bleicher Soldat, das Gewehr neben sich. Das Hemd brannte noch etwas am Halse, vom Pulver entzündet. Er war krank gewesen und sollte ins Lazarett schleichen, hatte es aber vorgezogen, in das Haus zu treten und da sein Leiden zu enden. Auf der Amalienstraße waren große Ställe von Brettern erbaut; die Pferde hatten aber die ganze Länge dieser Schuppen hinab die Bretter abgefressen, welche hinter den Krippen sich befanden, und über die gefallenen Pferde, die auf den Straßen lagen, fielen wiederum die Franzosen her und schnitten sich das Fleisch heraus, wo dessen noch befindlich war. Die Hungersnot nahm täglich mehr überhand, denn die Stadt war blockiert, nichts kam herein, und die Vorräte waren aufgezehrt. Die Bäcker hatten die Läden geschlossen, und wo einer noch am Morgen etwas gebacken hatte, da gab es ein Gedränge, das man seines Lebens nicht sicher war. So machte ich auch einmal am frühen Morgen einen Versuch, vor einem so belagerten Bäckerladen eine Groschensemmel zu akquirieren. Die gute Bäckersfrau hatte mich bemerkt und rief, man solle doch den Kleinen heranlassen, und so erhielt ich denn für meinen Groschen ein winzig kleines Semmelchen und bemühte mich, es fest unter den Mantel haltend, mich wieder zu entfernen. Als ich aber aus dem Gedränge mich herausgewunden hatte, fand sich nur noch eine fingerlange Hälfte dieses Semmelchens in meiner Hand; die obere Hälfte hatte mir irgendeiner im Gedränge abgebrochen, was denn ein sehr mageres Frühstück ergab. Jetzt saßen wir, der Vater und ich, abends oft bei einem Stückchen Kommißbrot, welches von einem Soldaten erhandelt war, oder bei einigen wenigen Kartoffeln, und der Vater fragte zuletzt wohl etwas bedenklich, ob ich denn satt sei? Ich antwortete kleinlaut: »Ja«, – es war auch nichts weiter in Küche und Keller, und ich schlich mit hungrigem Magen ins Bett! So verstrich der Monat Oktober düster und traurig; Bilder des Todes und Jammers aller Art erfüllten die Stadt. Hier warf man die Leichen aus den obersten Stockwerken; dort schlug man sich um Brot an den Bäckerläden; Butter, Holz, Salz waren gar nicht zu haben; da lagen verhungerte Pferde oder Hunde in den mit Stroh, Kehricht und allem Schmutz gefüllten Straßen, und ich sah es selbst, wie ein kranker Soldat auf allen vieren langsam den Elbberg heraufrutschte und aus einem Kehrichthaufen sich einige Krautstrünke herausklaubte und sie heißhungrig verzehrte Die Not war aufs höchste gestiegen; da endlich verbreitete sich das Gerücht, es seien Verhandlungen zu einer Kapitulation eingeleitet, und am 12. November zogen die Franzosen wirklich zum Freiberger Schlage hinaus, wo sie das Gewehr streckten. So war nun die Stunde gekommen, wo wir uns trotz der gänzlichen Erschöpfung aller Mittel von einer unerträglichen Last befreit fühlten und ein Hoffnungsschimmer besserer Tage wieder aufwachte. Brot wurde zunächst gekauft, und mehr als wir brauchten; denn mit der Befreiung der Stadt waren auch zur Stunde ganze Wagen mit Lebensmitteln aus der nächsten Umgebung eingetroffen. Man atmete wieder frei, man kam wieder zur Besinnung, und die häuslichen Verhältnisse ordneten sich allmählich wieder. Der alte Zingg und die Großeltern Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, hörte der Schulbesuch auf, und ich bekam nun ein Plätzchen neben des Vaters Arbeitstisch oder an dem zweiten Fenster angewiesen, wo ich mich im Zeichnen übte Ich war niemals gefragt worden, welchen Beruf ich wohl erwählen möchte, sondern es wurde als selbstverständlich angenommen, daß ich werden solle, was der Vater war, nämlich Zeichner und Kupferstecher. In der Stille hegte ich zwar die Vorstellung. daß »Malen« noch etwas viel Herrlicheres sei als Kupferstechen; vorderhand mußte ich mich aber mit letzterem begnügen. Der Vater hatte damals große Arbeiten für den Fürsten Czartoryski auszuführen; ja dieser Herr gab sich die größte Mühe, ihn nach Warschau zu ziehen, und offerierte ihm eine Professorstelle mit gutem Gehalt, welche Anerbietungen der Vater aber nicht anzunehmen wagte, da ihm bei seiner gänzlichen Unkenntnis der französischen Sprache und in beschränkten Verhältnissen ein solcher Umzug mit Frau und Kindern bedenklich schien. So arbeitete er denn an seinen mühsamen großen Kupferplatten fort, für welche er sich viel zu gering bezahlen ließ, und radierte zwischendurch, um den Lebensunterhalt damit zu decken, Blätter für die damaligen Volkskalender oder kleine Prospekte für Kunsthändler, welche koloriert wurden und damals Mode waren. Für diese kleineren Arbeiten wurde ich nun sehr bald in Bewegung gesetzt, indem ich nach anderen bunten Jahrmarktsbildern die Schlacht von Waterloo, den Wiener Kongreß oder große Feuersbrünste, Mordtaten und Erdbeben kopierte oder arrangierte. Später durfte ich sogar diese Sachen auf Kupfer radieren, und ich weiß noch genau, mit welch freudig stolzer Empfindung ich die Erlaubnis aufnahm, die Geschichte von Tells Apfelschuß auf die Kupferplatte umreißen zu dürfen, und mit welch selbstbewußten, frohen Blicken ich die glänzenden Striche am Feierabend betrachtete. Es waren Buchbinder, welche diese Kalender im Verlag hatten, und zum Jahrmarkt im Anfang des Herbstes kamen alljährlich diese Vögel gezogen, um ihre Bestellungen zu machen. Von meinem Arbeitstischchen aus ergötzte ich mich denn an diesen zum Teil wunderlichen Gestalten und ihren Konversationen mit dem Papa: denn jeder bemühte sich, mit diplomatischer Schlauheit auszuforschen, welche interessanten Gegenstände aus der Geschichte des letzten Jahres die anderen Herren Kollegen zum Kupfer sich erwählt hatten, denn jeder wollte das anziehendste, das pikanteste Bild bringen. Außer den Dresdner Verlegern stellten Pirna, Meißen, Freiberg und Stolpen ihre Kontingente, und der Stolpener war meine besondere Freude. Zu Fuß kam er von seinem Bergstädtlein hergewandert und legte, sowie er in die Stube trat, höflichst seinen Hut, den leinenen Quersack und den langen buchenen Wanderstab auf den Boden an der Tür und kam nun mit lebhafter Gebärde und treuherzig ehrlichen Worten auf den Vater los und vertraute ihm allmählich das Geheimnis seiner Bilderwahl, die denn gewöhnlich auf Gegenstände gefallen war, welche seine Konkurrenten auch schon bestellt hatten. Bei dieser unangenehmen Entdeckung runzelte sich die Stirn, denn die Augenbrauen hatten sich blitzschnell hoch über die funkelnden Äuglein erhoben, und den Finger an das rötliche Knöpfchen seiner Nase gelegt, nahm er eine höchst nachdenkliche Stellung ein, bis sein guter Genius ihn einen anderen schönen Gegenstand entdecken ließ oder der Vater mit einem solchen herausrückte. Noch angenehmer nahm sich das ehrenhafte Männlein aus, wenn er endlich die gewuchtige Katze zog und eine Abschlagszahlung von sechs oder acht Talern mit dem Pathos eines gewissenhaften, »prompten« Geschäftsmannes bar aufzählte. So habe ich denn damals an allen großen Weltbegebenheiten einen lebhaften Anteil genommen, indem ich sie auf Kupfer kratzte. Wir hatten bald nach dem Krieg eine Wohnung auf der Moritzstraße bezogen, wo uns der alte Zingg, der einige Häuser von uns wohnte, oft besuchte. Eines Tages saß ich eben fleißig vor einer Radierung von Berchem, welche ich mit der Feder kopiert hatte. Es war schon gegen Abend, und der schöne, rote Levkoi und die gelben Lackstöcke dufteten recht herrlich am Fenster, woran ich saß (ich habe immer gern unter Blumen gearbeitet), und während ich meine Arbeit nochmals betrachtete und hie und da mit einigen Strichen nachhalf, trat der Vater und Mutter mit Pate Zingg in lebhaftem Gespräch ein. Etwas verlegen suchte ich mein Kunstwerk samt dem Original heimlich in die Mappe zu praktizieren; denn die große Ehrfurcht, die ich vor meinem gepuderten Paten und Professor hatte, erlaubte mir nicht, mit meinen Kunstwerken ihm unter die Augen zu treten. Jedoch gerade das Geräusch des Papieres, welches ich verbergen wollte, machte ihn aufmerksam. Der alte Herr hatte sich in meiner Nähe auf einen Stuhl niedergelassen und eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere genommen, als er meinen Vater fragte: »Was macht der Bue da?« Der Vater winkte mir: »Zeig es mal dem Herrn Professor!« Ich wurde rot und brachte es ihm. Er betrachtete die Zeichnung lange, indem er mit dem Rücken der Hand, in welcher er eine Prise hielt, die Linien der Esel und Schafe und Menschen umschrieb und beifällige Töne dabei vernehmen ließ. Papa meinte ironisch: »Nicht wahr, man sollte denken, es sei von Berchem selber?« – »Ah, by Gott! aus dem Bue kann was werde«, sagte darauf der alte Herr ganz ernsthaft, und ich wurde nun noch röter als zuvor, nahm mein Blatt und packte es ein, ganz in der Stille, mit einem gehobenen, seelen frohen Herzen. Es gibt »geflügelte Worte«, die wie ein Blitz treffen und zünden, oder auch wie ein Samenkorn in die empfängliche Frühlingserde fallen und darin lebendig fortwirken, und von letzterer Art war mir das Prognostikon meines Herrn Paten; es befeuerte mich mächtig, und ich arbeitete unablässig weiter. Zingg wohnte in dem Meinholdschen Hause auf der Moritzstraße. In dem Hausflur nach dem düsteren Hofe heraus wohnte Frau Harnapp, seine Haushälterin. Ihr Sohn war auch Schüler von Zingg und zugleich dessen Faktotum und hatte viel Verkehr mit meinem Vater. Wenn meine Eltern des Abends dann und wann beim alten Zingg waren, ließen sie mich gewöhnlich unten im Gewahrsam der Hausfrau und deren beiden Töchter. Es war eine düstere, hohe und sehr winklige Stube, sauber, aber rumplig und verräuchert. In einem der Winkel war das Gemach horizontal geteilt und die obere Hälfte ein eingefügter Holzverschlag, zu welchem man auf einer Leiter hinaufstieg. Dies nannte man eine »Kuhkanzel« und war das Schlafgemach der Mädchen. Da saß ich nun oft des Abends mit Milchen, die ein paar Jahre älter war als ich, bei einem trüben Küchenlämpchen unter besagter Kuhkanzel, und da sie sehr bewandert war in allerhand Geschichten und Märchen, so gab sie deren zum besten. Ich hörte hier namentlich das Märlein vom Aschenbrödel mit besonderem Wohlgefallen von ihr vortragen, wobei ich immer ganz entzückt und verwundert bald das hübsche, rosige Gesicht, bald die gelben Haare betrachtete, die so reizend vom Lämpchen beleuchtet waren, und bald war das Märchenbild und die Erzählerin zu einer Person verschwommen. Hier aus diesem Rembrandtschen Helldunkel leuchteten mir zuerst die schönen, alten Geschichten entgegen: zwei rote Mädchenlippen und zwei gläubige Kinderaugen waren die lebendigen Verkünder einer Wunderwelt, die niemals alternd in ewiger Jugend grünt und duftet! Solch genügsame Armut, gläubige Einfalt und Herzensreine, wie hier sich vorfanden, sind wohl auch die Geburts- und Pflegstätte – das heilige Bethlehem – dieser uralten Dichtungen gewesen. Wer das Ohr auf diesen Waldboden niederlegt, der hört aus der Tiefe des Gemüts das Rauschen eines verborgenen Quells, den Herzschlag des deutschen Volkes. War ihr Vorrat von Märchen erschöpft oder sie hatte keine Lust zum Erzählen, so holte sie aus ihrer kleinen Kommode einige der alten Jahrmarktsbücher, »vom Kaiser Oktavianus« oder die »schöne Melusine«, und wir steckten dann die Köpfe zusammen und lasen zusammen aus einem dieser Bücher. Das war nun wieder wunderschön, und wir hätten gern wer weiß wie lange gelesen, wenn nicht die alte brave Frau Harnapp etwas ungehalten ermahnt hätte, doch lieber die Bibel, das Gesangbuch oder eine Arbeit zur Hand zu nehmen, anstatt an diesen albernen Rittergeschichten die Augen zu verderben und sich am Ende Raupen in den Kopf zu setzen. Frau Harnapp gehörte der böhmischen Gemeinde an und führte wie die meisten dieser von den mährischen Brüdern abstammenden Leute ein gutes, aber strenges Regiment. * Um diese Zeit war es auch, wo ich öfter als früher zu den Großeltern von väterlicher Seite kam, von denen ich bisher noch nicht gesprochen habe, und der Eindruck dieses armen, kleinen Hauswesens und seiner Insassen ist mir durch seine stark ausgeprägte Physiognomie und poetische Färbung recht lebendig geblieben. Es sind abermals Bilder im Rembrandtschen Dämmerlicht. Der alte Großvater Richter wohnte in einem engen, düstern Hofe eines Hauses hinter der Frauenkirche. Eine Treppe hoch war in diesem Hinterhause eine Judenschule, und zur Zeit der langen Nacht lauschte ich oft an der Tür und sah in dem erhellten Raume die Leute in ihren weißen Sterbekitteln sich neigen und beugen und, sonderbar klingende Laute ausstoßend, beten. Am Laubhüttenfeste war das enge Höfchen mit Tannenreisern und Laubwerk überdeckt, und das Volk Israel im bunten, reichen Festgewande saß schmausend und plaudernd darunter. Der ganze Hof duftete nach Majoran und andern Würzkräutern, nach Backwerk und Gebratenem. Beim Großvater bekam ich dann Matzen, das Brot der Wüste, was mir wunderbar schmeckte. Oben über der Judenschule saß im dunklen Stübchen hinter dem Ofen die freundliche blinde Großmutter, lauschend, ob nicht die Klingel an der Vorhaustür irgendeinen Eintretenden verkünde, der in ihre Einsamkeit etwas Leben brächte; denn sie war von Natur heiter und zur Mitteilung aufgelegt. Der Großvater stand in der Druckerstube an der Presse – er war Kupferdrucker –, und die Großmutter hörte den ganzen Tag nur das Klappern der Kupferplatten beim Einschwärzen derselben oder das Knarren der Presse und außerdem das rasende Geticke-Getacke der vielen Wanduhren, welche Großpapa aus Liebhaberei mit seinen zitternden Händen repariert hatte. Die größte derselben rief alle Stunden ihr lautes Guck-guck in das Geschwirre. War nun schlecht Wetter, so traf es sich zuweilen, daß mehrere lange Tage dahinschlichen, wo die gute Großmutter stumm in ihrem Winkel saß und vergeblich auf das Kommen irgendeines menschlichen Wesens harrte, mit welchem sie sprechen konnte. Die Besuche, welche hier aus und ein gingen, waren sehr wunderbare Gestalten und besser zu zeichnen, als zu beschreiben. Der Vorzüglichste, ihr Liebling, war der alte Schuhmann, wohlbestallter Noten-, Pauken- und Baßgeigenträger beim Herrn Stadtpfeifer, wenn dieser mit seinem Chore Gartenkonzerte in dem Linkeschen Bade gab, wo dann Schuhmann als Konzertbüchsenhalter am Eingange figurierte. Er ließ seine Verdienste um das rechte Instrumententragen nicht unbeleuchtet, denn: »Es heißt alles Pauken tragen, aber wie?« sagte er. Er war, wie schon gesagt, der Favorit der Großmutter, denn er wußte immer etwas Neues mitzuteilen und tat es sehr gern, denn er konnte sich keine dankbarere und aufmerksamere Zuhörerin wünschen. Diese beiden Alten so am Ofen sitzen zu sehen, freundlich schwatzend, wobei »Schuhmannchen« zuweilen aus einem Papiertütchen eine Prise nahm, war schon an und für sich ein allerliebstes Genrebild, und die Zippe im Vogelbauer schien derselben Meinung zu sein, was sie mit einigen ziepsenden Lauten zu erkennen gab. Dagegen hatte der Großvater in der alten Marianne eine Vertraute gefunden, die stets einen ganzen Kram von Neuigkeiten vor ihm auszupacken wußte. Die kirchlichen Sympathien und Antipathien der beiden Alten berührten sich ebenfalls ganz gleichmäßig, und so wurden die »Lutherschen« öfters scharf mitgenommen, was denn der blinden Großmutter Stiche ins Herz gab; denn sie hing im stillen immer noch der Lehre an, in welcher sie erzogen war. Beide Großeltern waren lutherisch gewesen; ja die Großmutter war die Tochter eines Schulmeisters zu Wachau, und einer ihrer Brüder Pastor in Döbrichau bei Wittenberg. Einige Jahre später nach ihrer Verheiratung hatte Großvater seine Kupferdruckerei in Dresden eingerichtet und war ihm durch einen katholischen Geistlichen die Aussicht geworden, die neuen Kassenbillets zum Druck zu bekommen, wodurch seinem Geschäft eine sehr bedeutende Förderung erwuchs. Er wurde katholisch und drang auch in seine Frau, überzutreten. Die Arme kämpfte mit aller Macht dagegen und weinte Tag und Nacht. Sie wußte sich nicht zu helfen und verzweifelte schier. Entweder – so mochte sie glauben – verliere sie die ewige Seligkeit oder sie lebe fortan, von Mann und Kindern als Ketzerin gehaßt, innerlich unglücklich und wie ausgestoßen ein unglückliches Leben und zerstöre dadurch das Glück der Ihrigen. Endlich faßte sie in ihres Herzens Jammer den Entschluß, an ihren Bruder, den Pfarrer, zu schreiben. Dieser riet ihr, obwohl mit schwerem Herzen, ihren Kindern das Opfer zu bringen und nach dem Willen ihres Mannes die Konfession zu wechseln. Sie sollte sich an ihren Gott und Heiland halten und ihm vertrauen, er sei in dieser wie in jener Kirche der nämliche. Sie tat den Schritt, dem ihr Herz widerstrebte, um des Friedens willen und ihrem Mann und Kindern zuliebe und blieb nach wie vor einfältig fromm. Später erblindete sie, und tiefe Nacht und Einsamkeit umhüllte sie noch dreißig Jahre. In der Zeit, von welcher ich jetzt erzähle, ohngefähr im zwanzigsten Jahre ihres Blindseins, lauschte sie nun oft in ihrem Winkel hinter dem Ofen gar sehnsüchtig, ob eines ihrer Kinder schicke und sie abholen lasse, und mein Vater hatte mir das Amt anvertraut, sie zu führen. Kam ich nun, so war das erste, mich zu befühlen, ob ich auch gewachsen sei, ob die Ärmel an dem Jäckchen oder die Hosen noch lang genug seien, oder ob ich wie die Schnecke aus meinem Gehäuse herausgekrochen sei. »O du Sternsöhnchen, wo willst du noch hinwachsen? Ich kann ja kaum an dir hinauflangen, die Ärmel gehen dir ja nicht mehr über die Knöchel! Jetzt aber führe mich schön an den Häusern hin, damit wir nicht unter die Kutschen kommen.« Und so führte ich die alte gute Großmutter zu unserer Wohnung, wo sie recht glücklich war, mit ihrem Karl, meinem Papa, sich unterhalten zu können, welcher indes an seinem Tische saß und arbeitete. Einst war die Großmutter auch bei uns, als dem Vater durch einen Kanzleidiener ein Schreiben mit Königlichem Amtssiegel überbracht wurde. Der Vater war überrascht, wir alle in erwartungsvoller Spannung. Er erbrach endlich das Siegel, sah lange und freudig und farbewechselnd in das Schreiben hinein, während wir um ihn standen und in seinem Gesichte zu lesen suchten. Endlich sagte er: »Ich bin zum Professor an der Kunstakademie ernannt mit zweihundert Taler Gehalt.« Welche Freude, welcher Jubel! Ich durfte das Schreiben auch lesen, und mein Schwindel über diese Ehre gipfelte sich aufs höchste, als ich las, daß er nicht nur so ein gewöhnlicher Professor, sondern ein »außerordentlicher« geworden war. Die blinde Großmutter aber hob segnend die Hände in die Höhe und rief: »O mein Sohn Karl, an dir hat Gott Großes getan! Der Herr segne dich immerdar und gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erden!« Und wir Kinder jubelten und sprangen, während die Eltern zur Verherrlichung des freudenreichen Tages einen Punsch brauen ließen. Am Abend erschien dann der Großvater, um später seine »Mutter« mit heimzuführen. Wenn er zuweilen auf wundersame Geschichten aus seiner Jugendzeit zu erzählen kam, so horchten wir hoch auf; denn das Geheimnisvolle und Unerklärte hat immer einen großen Reiz für die Jugend. Da war z. B. in einem Dorfe ein Wunderdoktor, vulgo Hexenmeister oder Quacksalber gewesen, Niklas, welcher die Gabe des Fernsehens besaß und wußte, was die Leute dachten. Großvater wurde einst von seiner Gutsherrschaft zu ihm gesandt, Rat zu holen wegen der Krankheit eines Kindes. Niklas' Wohnort lag mehrere Stunden entfernt. Eine halbe Stunde vom Orte, an einem Kreuzwege, mußte Großvater seinen Schuh festbinden, welcher aufgegangen war. Dabei sah er nochmals seine schriftliche Instruktion an und die zwei Taler, welche er dem Mann verabreichen sollte. »Auch schade für das Geld«, dachte Großvater, »der wird doch nicht helfen.« Wie er nun zu Niklas kommt, tritt ihm dieser, ihn scharf ansehend, entgegen und sagt: »Was dachte er denn von mir am Wilschdorfer Kreuzwege, wo er sich die Schuhe band? Geb' er seinen Zettel nur her. Ich werde ihm Kräuter mitgeben, und sage er der Herrschaft, das Kind wird in vierzehn Tagen gesund im Hofe herumlaufen.« Ein andermal wird Großvater nach Dresden geschickt. Es ist spät in der Nacht, als er in die Langebrücker Heide kommt, wo es nicht geheuer sein sollte. Etwas ermüdet von dem langen Wandern auf diesem sandigen Waldwege – damals war noch keine Chaussee – setzt er sich unter eine alte Eiche, die mitten auf dem breit ausgefahrenen Wege steht, und ruht aus. Es ist eine schwüle, dunkle Nacht. Nichts regt sich im Walde, alles still. – So sitzt er eine Zeitlang und berechnet, daß er gegen Morgen in Dresden sein kann. Da erwacht er aus seinen Gedanken und glaubt aus weiter Ferne ein Getöse und dazwischen ein Rufen, Johlen und Schreien zu hören, was sehr schnell sich nähert. Er sieht um sich – ein Bellen, Klatschen, Halloschreien und Brausen wie eines Sturmwindes zieht über den Wald, er sieht Gestalten, »wie Türken gekleidet«, sagte er, schreiend über den Weg rennen und im Walde verschwinden, und dann verzieht sich der Sturm, und alles ist wieder still und einsam wie vorher. »Das war der wilde Jäger.« – Er stand auf, eilte weiter, und bei Anbruch des Tages gelangte er wieder nach Langebrück, wo er am Abend eingekehrt war. Der wilde Jäger hatte ihm diesen Schabernack gespielt! – Solches erzählte Großvater mit ruhiger Zuversicht und nicht ohne Beimischung eines Lächelns über die jetzige kluge Welt, die dergleichen Dinge nicht glaubt, weil sie nichts davon erfahren hat. In früheren Zeiten, als seine Einnahmequellen ergiebiger waren, hatte er viel mit Adepten verkehrt und dem Goldmachen fleißig obgelegen. Sein bares Silber ging zwar dabei verloren, dafür kam er aber dem Geheimnis, Gold herzustellen, sehr nahe, wie er behauptete. Großmütterchen ärgerte sich zwar über »die verfluchten Teptusse« (Adepten), welche ihre schönen Taler in Rauch aufgehen ließen und weder den Stein der Weisen, noch die Universalmedizin, noch eitel Gold zuwege brachten; aber ihre Einwendungen waren ohnmächtig gegen den brennenden Wissens- oder beliebig anderen Durst dieser Weisen. Aus früheren Jahren erinnere ich mich besonders eines uralten Juden, namens Salomon, ein langer Mann mit schäbiger Flachsperücke, ein Gesicht darunter mit tausend tiefen Runzeln, ein altväterischer Rock, der in den Nähten und Vertiefungen der Falten verriet, daß er einst scharlachrot gewesen – wie man an alten Tempeln die Farbenreste auch nur in Einschnitten und Winkeln des Ornaments noch entdecken kann. – Kurz, ein Chodowieckisches Prachtexemplar! Mit diesem Alten, der übrigens ein frommer und grundehrlicher Mann war, verkehrte Großvater besonders gern; denn er war in »geheimer Weisheit« wohlerfahren. Die Großmutter lebte noch eine kleine Reihe von Jahren. Nach ihrem Tode zog Großvater zu uns und lebte auf seine stille Art fort. Er ging fast täglich zur Kirche, um die Messe zu hören, und nahm sonst wenig Anteil mehr an dem, was um ihn vorging. Doch war er stets heiter und liebte ein Späßchen zu machen. Er wurde achtundneunzig Jahre alt und würde vielleicht die Hundert erreicht haben, wenn sein Tod nicht durch eine äußerliche Veranlassung, einen Unfall, herbeigeführt worden wäre. Er war ausgegangen, und auf der Straße rannte ein fideler Schusterjunge an ihn mit solcher Gewalt, daß er umfiel und den Arm brach. Der Junge hatte sich im Laufen nach einem andern, ihn verfolgenden Burschen umgesehen, und so war das Unglück geschehen. Die Heilung des Bruches verzögerte sich, die Kräfte nahmen plötzlich ab, und so empfing er die Sterbesakramente und verschied sanft und ruhig. So hatte mein Vater seine Eltern redlich gepflegt und unterhalten. Ich war bei beider Tode nicht in Dresden. * Der freundschaftliche Verkehr mit dem alten Zingg dauerte fort, und der Vater mochte die stille Hoffnung hegen, daß er, als sein Liebling, im Testamente des vermögenden und alleinstehenden Mannes wohl bedacht sein würde. Wenigstens glaubten es andere, und Andeutungen Zinggs ließen etwas Derartiges vermuten. Zingg, der in hohem Alter war, wurde schnell körperlich und geistig schwach. Ein ihm bisher völlig fremder, älterer Mann, ein Beamter, suchte freundlich zudringlich sein Vertrauen zu gewinnen und wurde nun fast täglich bei ihm gesehen. Die Leipziger Ostermesse hatte begonnen, und Zingg entschloß sich, dieselbe nochmale trotz des Abratens seiner Freunde und Bekannten zu besuchen. Jener Beamte benutzte diesen Entschluß und die Schwäche Zinggs, ihn in der letzten Stunde vor der Abreise zur Unterschrift eines Testaments zu nötigen, das er aufgesetzt hatte und worin er sich selbst zum Universalerben gemacht hatte. Unruhig über diese Unterschrift reiste der Alte ab. Nach etwa acht Tagen ereignete sich nun folgender sonderbarer Vorfall: ich erwachte eines Nachts aus meinem gesunden Schlafe durch ein nahes Getöse. Der Mond erhellte trotz der herabgelassenen Rouleaus genugsam die Kammer, in welcher ich mit meinem Vater schlief. Ich rieb mir die schlaftrunkenen Augen aus und war erstaunt, meinen Vater ebenfalls sitzend im Bette und gespannt horchend zu finden. »Hast du den Lärm auch gehört?« fragte er mich. Und es ging in demselben Augenblicke dasselbe Getöse wieder los. Wir horchten genau. Es war ein heftiges Werfen, Poltern und manchmal schmetterndes Krachen, das aus dem kleinen Kabinett kam, welches an das nebenanliegende Atelier stieß und in welchem eine schöne Sammlung Gipse und die Kupferstichsammlung des Vaters sich befand. Es war gar nicht zu zweifeln, man hörte deutlich die größeren und kleineren Figuren herabstürzen und zerbrechen. Nachdem wir uns überzeugt, daß es keine Täuschung war, sprang Papa aus dem Bette, ergriff einen Säbel, eine Reliquie vom Schlachtfelde, welcher an der Wand hing, und marschierte so im Hemde, die Nachtmütze auf dem Kopfe, den Sarras in der Hand, nach der Tür. Ich aber wollte meinen Papa doch nicht allein in dieses schreckliche spukende Gipskabinett zur Ratten-, Diebes- oder Geisterschlacht ziehen lassen, oder ich fürchtete mich, allein zurückzubleiben; kurz, ich sprang mit einem kühnen Satze ebenfalls aus dem Bette, hielt mich an das Hemd des Vaters, bewaffnete mich mit einer Reißschiene, und wir öffneten vorsichtig die Ateliertür und, da sich hier nichts zeigte, auch die Tür zum Gipskabinett. Wir glaubten in eine grauenvolle Zerstörung sehen zu müssen und nichts von alledem. Es war mäuschenstill, wie es nach Mitternacht in einem stillen Hofe nur sein kann. Der Mond beschien mit Wohlgefallen den Leib der Mediceischen Venus, deren Torso an die Wand gelehnt stand: ein lebensgroßer Amor daneben streckte die Arme zum Himmel, wie er es seit Jahren getan, der Antonius stand neben Fischers Anatomie, den geschundenen Nachbar belächelnd; die Köpfe der Niobe und des Laokoon nebst diversen Armen, Beinen, Medaillons und Basreliefs – alles repräsentierte sich in alter Ordnung und ohne irgendeine Verletzung unseren Blicken. – Was nun? – Wir sahen in den Hof hinaus – still und dunkel wie immer; oben drüber sah der Vollmond herein, und das ganze Ilias lag im tiefsten Schlafe! – Zu kämpfen gab es daher nichts. Ich legte die Reißschiene wieder ins Atelier, Papa hängte seinen Sarras an die Wand, und wir zogen uns kopfschüttelnd über dies Abenteuer wieder in unsere Betten zurück. Die nächste Nacht verging ruhig. Aber am frühen Morgen, da wir noch im Bette lagen, kam Frau Harnapp mit der Mutter in unsere Schlafkammer und rief: »Ich muß Ihnen eine Nachricht bringen, die – Ich weiß es schon«, unterbrach sie Papa, »der alte Zingg ist gestorben!« Und so war es. Eine Stafette war diesen Morgen von Leipzig gekommen mit der Nachricht, daß Zingg gestern nacht nach kurzem Unwohlsein plötzlich verschieden sei. Alle, welche Zingg gekannt hatten, waren aufs höchste überrascht, als nach Eröffnung des Testaments der Universalerbe bekannt wurde. Dies wurde aber später von weitläufigen Verwandten Zinggs, welche aus der Schweiz gekommen waren, angefochten. Schließlich kam es zu einem Vergleich, in welchem der Beamte nur den kleineren Teil der Erbschaft erhielt. Die schöne Kunstsammlung kam unter den Hammer, und der Vater erstand viele treffliche und wertvolle alte Stiche und Radierungen, teils Zinggscher Sepiazeichnungen, welche er nach Warschau verkaufte. Auf diese Weise wurden das kleine Legat von 300 Talern, was er geerbt, und die 150 Taler, welche mir als Paten ausgesetzt waren, zu Kunstsachen verwendet, und da ich diese Schätze teils zum Kopieren, teils betrachtend benutzte, so haben sie gewiß die reichlichsten Zinsen getragen. Ich habe diesen Sachen größte Anregung und Förderung fürs ganze Leben zu danken. Die Akademie – Graff – Schubert Der Vater hatte jetzt stets mehrere Privatschüler, welche täglich bei ihm zeichneten, weil sie sich ganz der Kunst widmeten. Ich nenne von diesen nur Kluge, Götzloff, Wagner. Ersterer wurde Kupferstecher und studierte später als sächsischer Pensionär bei Longhi in Mailand. Er gab in der Folge die künstlerische Laufbahn auf und nahm die einträgliche Stelle eines Privatsekretärs an bei einem vornehmen Herrn in Schlesien. Götzloff wurde ein geschickter Landschaftsmaler und starb in den sechziger Jahren in Neapel, woselbst er gelebt und eine geachtete Stellung und Vermögen sich erworben hatte. Eines Tages brachte der Vater einen jungen hübschen, schlanken Mann in unser Atelier, welcher in Tharandt auf der Forstakademie studierte und die Nähe Dresdens benutzen wollte, seine Lieblingsneigung, das Landschaftszeichnen, durch Unterrichtnehmen etwas zu kultivieren. – Wir Schüler gewannen ihn sehr bald recht lieb, denn er hatte etwas Frisches, Anregendes und war uns an geistiger Bildung überlegen, auch hielt ihn der Vater für ein großes Talent. Sein heiteres Wesen und elastische Lebendigkeit erinnerten daran, daß ein Tropfen französischen Blutes in seinen Adern floß, denn seine Mutter war eine Französin, sein Vater aber der durch seine Romane »Die reisenden Maler«, »Isidore« und »Willibalds Ansichten des Lebens« bekannte und sehr geschätzte Schriftsteller Wagner in Meiningen. Unser Wagner hatte einen Teil seiner Erziehung mit dem Erbprinzen seines Herzogs teilen dürfen, dem er als Spielgenosse beigesellt war, und jetzt, da sein Vater gestorben, ließ ihn der Herzog die Forstwissenschaft unter Cotta in Tharandt studieren. Die malerischen Umgebungen Tharandts hatten Wagner bald gelockt, seine frühere Liebhaberei des Zeichnens und Malens nach der Natur wieder aufzunehmen, und so zeigte er meinem Vater und uns einige seiner Versuche, die uns in hohem Grade anmutig und geistreich erschienen, obwohl – oder vielleicht auch weil sie gerade das Gegenteil von dem waren, was wir übten und einexerzierten. Wir waren in den Banden einer toten Manier – wie alle Zinggianer –, waren in einem Wust von Regeln und stereotypen Formen und Formeln dermaßen eingeschnürt, daß ein lebendiges Naturgefühl, die wahre, einfache Anschauung und Auffassung der Dinge sich gar nicht regen, wenigstens nicht zum Ausdruck kommen konnte. Wir plagten und mühten uns ab, die schablonenmäßigen Formen »der gezackten Eichenmanier« und »der gerundeten Lindenmanier«, wie Zingg sagte, so einzuüben, daß wir dergleichen mit Leichtigkeit zeichnen konnten. Außerdem suchte man eine Fertigkeit im Tuschen, besonders in Sepia, zu erlangen und leistete in dieser Technik auch Tüchtiges. Dagegen erblickten wir in Wagners Naturstudien die Naturformen, wie wir sie in der Wirklichkeit vor uns hatten und nicht nach einer Schablone übersetzt. Besonders entzückte mich eine dunkle Felsenschlucht, in welche ein dünner Wasserstrahl herabfällt und vorn durch das Gestein fließt, zwischen welchem prächtige weiße Waldblumen im hellsten Sonnenlichte stehen. Es war mit Wasserfarben gemalt und blieb lange mein Ideal, dem ich nachstrebte. Wagner war so glücklich gewesen, keinen manirierten Lehrer, wie sie damals alle waren – oder nur für die ersten Anfänge – gehabt zu haben, und so hielt er sich an die Natur und suchte das auf dem Papier zur Anschauung zu bringen, was in der Natur sein Auge sah und vor allem sein Herz erfreute. Denn nur wofür der innere Sinn empfänglich oder bereits erschlossen ist, das sieht auch das leibliche Auge. Ein bloß äußerliches Sehen würde nur mechanisch nachbilden. Denn jeder sieht eigentlich nur das, was ihn sympathisch berührt, was er liebt. So sah Wagner also mit eigenen Augen und nicht durch eine der vielen akademischen Brillen, welche der Lehrer mit bester Überzeugung glaubte seinem Schüler auf die Nase setzen zu müssen. – Der Eindruck dieser gewiß noch sehr mangelhaften, aber mit naivster Unbefangenheit und Liebe gemachten Studienblätter war für mich von großer Bedeutung; denn er wirkte in mir fast unbewußt, traumähnlich fort und war mir wie ein fernes Sternbild, nach dem man das Schifflein lenkt. Es war auffallend, daß mein Vater Wagner keine Vorlagen in Zinggs Manier gab, sondern ihn nach Waterloo, Everdingen und anderen in einer durchaus freien Weise zeichnen ließ. Mir wurde, indem ich diese Behandlungsweise beobachtete, damit immer mehr der Weg aufgeschlossen, der Natur näherzukommen. Wagner entschloß sich endlich, sich ganz der Kunst zu widmen, verließ die Forstakademie und zog nach der Stadt. Er arbeitete nun den Winter hindurch sehr fleißig und nahm später Unterricht im Ölmalen bei J. Faber. In diesem Winter kam auch ein Neffe der Großmutter, ein Kandidat der Theologie, namens Jung, oft zu uns; denn er wohnte in unserer Nähe, im sogenannten Salomonistor. Dies Tor führte nur in einen Hof, der vor den Kasematten lag, in welchen die Baugefangenen lagen. Es hatte eine ziemlich reiche Architektur, und über dem Eingange prangte in plastischer Arbeit das Urteil Salomonis. Mein Herr Vetter wohnte in diesem Gehöfte bei einem Beamten, und die armen Gefangenen erregten meine Aufmerksamkeit, wenn ich ihn besuchte. Sie hatten Jacken und Hosen halb hell, halb dunkel gefärbt, wie die Galeerensträflinge, sehr schwere Fußeisen mit einer Kette, einige der schwereren Verbrecher auch eiserne Hörner an einem Halseisen, welche hoch über den Kopf hinausragten und das Schlafen sehr erschweren mochten. Der berüchtigte böhmische Räuberhauptmann Karasek war erst vor wenig Jahren gestorben und hatte in diesen finstern Kasematten sein elendes Leben beschlossen. Er wurde des Nachts – so ging wenigstens die Sage – alle halben Stunden geweckt, zur Verschärfung der Strafe. Hinter diesen Gefängnissen war eine der Bastionen an der Stadtmauer, und auf ihr stand eine große eiserne Lärmkanone, die faule Grete genannt, wahrscheinlich weil sie selten ihren eisernen Mund auftat. Diese ganze Region hatte etwas die Phantasie Erregendes, à la Callot-Hoffmann, und mein hagerer, bleicher, hypochondrischer Vetter mit seinem trocken sarkastischen Wesen gehörte samt seiner mächtigen Bücherkiste in dem dürftig möblierten Stübchen recht eigentlich in diese Umgebung; denn er war eine echt Hoffmann-Callotsche Figur. – Er lieh mir von seinen Büchern, und mein Herz erzitterte, wenn er die große Holzkiste öffnete und irgend etwas Passendes für mich daraus hervorsuchte. Mein Verlangen nach Büchern war überaus groß; gleichwohl konnte ich es nirgends befriedigen; denn abgesehen davon, daß es der Vater sehr ungern sah, wenn ich ein Buch zur Hand nahm, hatte ich nirgends Gelegenheit, solche zu erlangen. Wie mir nun einstmals der Vetter Musäus' Volksmärchen gab, ging mir eine neue Welt auf: ich schwelgte darin, und besonders ist mir in der Erinnerung, wie mich die »Stumme Liebe« entzückte. Alle die Personen und Gegenden dieser Erzählung standen lebendig vor meinen Augen, und als ich zwanzig Jahre später diese Geschichte zu illustrieren hatte, war es mir, als zeichnete ich nur so hin, was ich früher einmal gesehen hatte und mir vollständig noch gegenwärtig war. Da wir jetzt eine neue Wohnung auf der großen Schießgasse bezogen hatten, in welcher mehr Raum war, so bekam ich auch ein sehr reizend gelegenes Stübchen für mich. Es ging das Fenster nach dem Stadtgraben hinaus. Drüben lagen aber die Häuser der Pirnaer Vorstadt mit ihren Gärten und die kleine Johanniskirche. Ich war nun sehr fleißig, fing auch an, mit dem Grabstichel nach Goltzius in Kupfer zu stechen, und war sehr glücklich, wenn mir den Tag hindurch eine Strichlage recht rein geschnitten gelungen war. Nur dauerten alle diese dem Studium gewidmeten Arbeiten nicht lange; denn immer wieder mußte ich dem Vater bei irgendeiner leidigen Brotarbeit helfen. Es waren dies gewöhnlich langweilige Prospektradierungen, die mir recht gründlich zuwider wurden. Selbst die Stunden auf der Akademie, welche ich damals besuchte, wurden darüber versäumt, und es blieben mir für mein eigentliches Studium nur die Abende frei, wo ich in der Art, wie ich es von Wagner gesehen hatte, nach Radierungen zeichnete. Da wurde nun beim Studierlämpchen kopiert, was mir gefiel: Ostade und Berchem, Ruisdael und Swanevelt, Boissieu und Lairesse, Dietrich und Chodowiecki, ja selbst nach Gips machte ich Versuche. Das Zeichnen auf der Akademie nach Originalen und später nach Gips wurde ebenfalls sehr mechanisch betrieben. Auge und Hand wurden indes geübt, obwohl ich eigentlich nicht wußte, worauf es denn eigentlich ankam. Man lernte eben einen Umriß machen und bemühte sich, eine schöne Schraffierung herauszubekommen. Daß es sich um den Gewinn einer gründlichsten Kenntnis des menschlichen Körpers und um ein feines Nachempfinden der Schönheit dieser Formen handle und deshalb um eine möglichst strenge, genaue Nachbildung zu tun sei, das wurde mir nicht und wohl den wenigsten klar. Es war mehr eine mechanische Kopistenarbeit, und die Antike wie das Modell wurden von dem Lehrer in konventionelle Formen gebracht, ziemlich ebenso, wie es Zingg mit den landschaftlichen Gegenständen machte. Jedoch regte sich in den oberen Klassen unter einigen der begabteren Schüler bereits ein anderer Geist, welcher der üblichen Lehrmethode ganz entgegengesetzt war. Doch kam ich mit diesen Bestrebungen in keine Berührung; denn da ich nur im Winter des Abends den Gipssaal besuchte, so blieben mir meine Mitschüler ziemlich fremd, namentlich aber die älteren, welche auch einen Verein unter sich gebildet hatten, in welchem die neue Richtung Proselyten machte. Ich erinnere mich nur, wie die Landschaftsmaler Heinrich (Heinrich war aus Wien gekommen, wo diese Richtung bereits Wurzel gefaßt hatte (durch Schaefer, Overbeck, Julius und Ludwig Schnorr, Olivier u. a.) – und malte mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit – oft mit wenig Wahl – nach der Natur. Er starb auf der Reise nach Italien in Innsbruck. ) und Oehme einst in den Gipssaal traten – der Professor war nicht mehr zugegen – und ihren Freunden einige in Tharandt gemachte Studien zeigten. Sie wurden mit Lob und Bewunderung betrachtet, und ich bekam einen gewaltigen Respekt vor diesen Herren, die sich bereits als selbständige Künstler gerierten, mit welchen unsereiner als Klassenschüler keinen Verkehr haben konnte. Ich entdeckte nur soviel, daß die Studien in einer noch strengeren Weise gemacht waren als Wagners Zeichnungen, und die Zweifel an der Güte der Zinggschen Methode wurden bei mir immer stärker, obwohl die Professoren vor dem »altdeutschen Unsinn« warnten. Es trat jetzt eines jener anfangs völlig unscheinbaren, in seinen Folgen entscheidenden Ereignisse ein, in welchem ich eine göttliche Führung erkennen muß; denn für mein ganzes späteres Leben und dessen künstlerische Entwickelung war es von entschiedener Bedeutung. Ich saß in des Vaters Arbeitszimmer und radierte für ihn an einer Kupferplatte, einem jener Prospekte, die mich so wenig erfreuten, weil ich dadurch von eigentlichen Studienarbeiten abgehalten wurde, als der Buchhändler Christoph Arnold mit dem Vater eintrat. Arnold hatte eigentlich eine andere Person im Hause besuchen wollen, war aber irrtümlich an unsere Tür gekommen, und da der Vater selbst geöffnet hatte und beide sich aus früherer Zeit kannten, so trat er ein, und sie unterhielten sich von ihren früheren Beziehungen zueinander. Ich bemerkte, wenn ich manchmal von meiner Arbeit aufsah, wie der alte Arnold mich beobachtete. Er fragte, ob ich der Sohn sei, was ich da mache usw. – Endlich fragte er den Vater, ob er wohl ein größeres Werk übernehmen würde, welches er zwar bereits begonnen habe, aber mit den Probeplatten nicht zufrieden sei und sie nicht benutzen werde. Es sollte eine größere Reihenfolge von Radierungen werden, malerische Ansichten von Dresden und seiner Umgebung. Auch müßten die Zeichnungen dazu nach der Natur aufgenommen werden, und da er sehe, daß ich dazu Geschick habe, so könne ich vielleicht dabei mitarbeiten und so die Sache besser gefördert werden. Dem Vater war dieser Auftrag willkommen, und so wurde denn alles bestens ins reine gebracht. Der ruhige, stattliche Mann gab mir beim Gehen freundlich die Hand, wobei ich mit stiller Verwunderung bemerkte, daß Tränen in seinen Augen standen. – Im Vorzimmer sprachen die beiden noch lange miteinander, und als der Vater wieder hereintrat, sehr erfreut über die langwährende und gut bezahlte Arbeit, teilte er mir noch mit, daß ihm Arnold tief gerührt und mit tränenden Augen gesagt habe, wie er durch meinen Anblick an seinen unlängst verstorbenen Sohn, dem ich sehr ähnlich sehe, auf das Lebhafteste erinnert worden sei, und er habe um Erlaubnis gebeten, daß ich einen bestimmten Abend allwöchentlich bei ihm und seiner Familie zubringen möchte. Ich wurde nun in dieser wohlhabenden, aber doch schlicht bürgerlichen Familie bald heimisch. Die gute Mama Arnold, eine alte, treuherzige Frau, und die nicht mehr junge Tochter Gottwertha behandelten mich wie Sohn und Bruder, und ich fühlte mich recht wohl bei ihnen. Zwei andere Gäste, welche ich regelmäßig an jenen Abenden vorfand, gehörten auch unter die Originale. Der eine, namens Fromm, ein alter, etwas podagraischer spanischer Sprachlehrer, war der behaglich redselige Gesellschafter; denn er langte hervor, wie ein guter Hausvater, aus seinem Gedächtnisschatze Altes und Neues; Altes aus seiner Jugendzeit und seinem Aufenthalte in Spanien, Neues, was in der Stadt sich Merkwürdiges zugetragen hatte. Der zweite Herr war ein Verwandter der Familie, ein Witwer und seines Zeichens ein Mechanikus. Er war die stumme Person im Stücke; denn ich kann mich kaum erinnern, ein Wort von ihm gehört zu haben. Auffallend waren mir besonders seine buschigen Augenbrauen, welche teilweise so lang waren, daß sie die Augen halb bedeckten, und dann seine kurzen, klumpigen Finger, an welchen lange, spitze Nägel saßen, die den Neid des größten Raubvogels hätten erwecken können. Aber trotz dieser eigentümlichen Adlerklauen spielte er das Piano so meisterhaft, daß es eine Wonne war, ihm zuzuhören, und sobald er gegessen hatte, ging er auch regelmäßig zum Flügel und spielte die besten Sachen, welche seinen gebildeten Musiksinn erkennen ließen. Das Angenehmste bei dem Arnoldschen Auftrag war mir, daß ich oft ausgesandt wurde, um gewisse Gegenden in der Nähe Dresdens aufzunehmen. Ja es wurden durch Arnold selbst zuweilen größere Ausflüge von mehreren Tagen veranstaltet, an denen er mit Frau und Tochter teilnahm und die uns allen das größte Vergnügen boten. Ich trug fleißig zusammen, was für unser Werk brauchbar schien, und Arnold war mit meinen Zeichnungen zufrieden. Dies angenehme Verhältnis währte mehrere Jahre, und ich würde recht befriedigt gewesen sein, wenn nicht diese Art von Arbeiten ganz gegen meine Neigung gewesen wäre. Nicht nur die Auffassung der Gegenden widerstrebte dem malerischen Gefühl – denn man suchte meistens weite Aussichten, die mehr Landkarten als in malerischen Formen abgeschlossenen Bildern ähnelten –, sondern noch widerhaariger war mir die Art der Ausführung, die immer noch die Zinggsche war. Die kleinen Staffagefiguren wurden fast immer meiner Erfindung überlassen, und ich machte sie gern. So radierte ich auch oft an den breiten Rändern der Kupferplatten allerhand Gruppen. Ereignisse aus dem Leben, oder auch komisch-symbolische Darstellungen mit Randglossen, die dem Vater auf verblümte Weise meinen Herzenskummer entdecken sollten, wie ich mich sehne, Maler zu werden, und befürchte, als elender Prospektradierer zu Grunde zu gehen. Denn da der Vater jede Platte zuletzt in die Hände bekam, teils sie zu retuschieren oder die Ferne zu punktieren und endlich das Ganze zu ätzen, so entdeckte er natürlich die malerischen Stoßseufzer, Herzensergießungen oder pikanten Anzüglichkeiten, die ihm indes, statt zu Herzen zu gehen, ganz gut gefielen, so daß er sie mitätzte, wo sie in den Probedrucken bestens zu sehen waren. Nun war einer der Hausfreunde des Papas der Landschaftsmaler Graff, ein Sohn des berühmten Porträtmalers. – Er besuchte uns fast alle Sonntage ein Stündchen, wo er sich mit dem Vater in Erinnerungen ihrer Schülerzeit erging; denn auch er war bei Zingg gebildet. Graff hatte indes nichts von seines Vaters Talent geerbt, doch war er sehr sorgfältig in Wahl der Farben, der Pinsel, des Maltuches und wußte ein solches vortrefflich auf den Rahmen zu spannen, und all sein Gerät sah höchst sauber, ja elegant aus, so daß einem sogleich der Appetit zum Malen ankommen mußte. Weniger anziehend war indes, was er auf diese Malleinwand brachte; es zeichnete sich durch eine überaus saubere Langweiligkeit aus, und ich weiß nicht, weshalb ich immer bei dem Anblick seiner Bilder an zwei glattgehobelte und zusammengeleimte Spindbretter denken mußte. Sein ganzes Atelier hing voll unzähliger Ansichten des Tetschener Schlosses, von allen zweiunddreißig Seiten der Windrose aufgenommen; über den langen, glatten Fassaden des Schlosses mit seinen gleichmäßigen Fensterreihen lächelte ein ewig blauer, womöglich wolkenloser Himmel. Da Graff von einem kleinen Vermögen leben konnte, auch nicht verheiratet, sondern ein stets glattgebügelter, eleganter Hagestolz war, so malte er auch nur, wenn ihm die Langeweile zu langweilig wurde, lebte im Sommer beim Grafen Thun in Tetschen in angenehmen geselligen Verhältnissen und ließ sich der Kunst wegen kein graues Haar wachsen. Graff erwähnte eines Tages, daß ein alter Maler, namens Pechwell, in großer Dürftigkeit verstorben sei und die Familie ihm mitgeteilt habe, daß sie die hinterlassenen Malutensilien zu verkaufen wünsche. Da der Vater meine Herzenswünsche hinsichtlich des Malens genugsam gehört hatte, so schlug er mir vor, diese Sachen anzusehen und, wenn sie billig zu haben wären, zu kaufen. Gevatter Graff (er war Pate meiner Schwester) erbot sich, mir einige Anleitung zum Gebrauch dieser Werkzeuge zu geben, und ich eilte wie mit Flügeln an den Sohlen in die sehr dürftige Wohnung des Verstorbenen, wo mir die Schätze vorgelegt wurden, auf welche ich das Glück meines Künstlerlebens aufzubauen gedachte. Es bestanden diese Kleinodien in einem alten, schmutzigen Holzkasten, in welchem mehrere eingetrocknete Farbenblasen lagen, einer zerbrochenen Spachtel, einer zersprungenen, aber wieder zusammengeflickten Palette und ungefähr einem Dutzend abgenutzter Borstpinsel, an welchen nur noch wenig Borstenreste zu erkennen waren. Da ich im Handel und Wandel nie ein bemerkenswertes Talent entwickelt habe, so schwebten mir bei diesen traurigen Rudera nur die schönen Bilder vor, die man mit dergleichen vielleicht hervorbringen könnte, und der Handel war schnell für wenige Groschen abgemacht, und ich trollte mich damit beladen wieder nach Hause. Da ergab sich nun, daß alle diese Errungenschaften nur die verblaßten Abbilder von Gegenständen waren, die in reineren Regionen – in Kunst- und Farbenhandlungen brauchbar zu erlangen sind, und so mußte denn alles, bis auf den alten Kasten und die geflickte Palette, welche einstweilen noch beibehalten wurden, neu angeschafft werden, und wiederholte sich somit die alte Geschichte des Sohnes, der seiner Mutter den Henkel schickte mit dem Ersuchen, einen neuen Rock daran zu nähen. Meister Graff instruierte mich nun zuerst, wie eine Luft fertig zu bringen sei. Sie fing allemal am Horizont mit einem ziemlichen Eigelb an, ging ins Rötliche und aus diesem ins Violette über, um zuletzt in einem ewig lächelnden Blau zu endigen. In dieser Weise wurden nun mannigfache Versuche gemacht; doch schien der Vater bald zu merken, daß damit nicht weiter zu kommen sei, und da er um diese Zeit hörte, daß Professor Schubert gesonnen sei, ein paar Schüler zu sich zu nehmen und zu bilden, so besprach er sich mit diesem, und ich wurde von ihm als Schüler angenommen. Schubert war ein behagliches, kleines, rundes Männchen, dem man große Güte und Wohlwollen sogleich abmerkte; dabei war er mit Kenntnissen aller Art reich beladen; er wußte alles und besser als andere. Einer seiner erfreulichsten Triumphe, die er oft erlebte, war, daß er z. B. in Rom, seinen Kunstschätzen und Merkwürdigkeiten besser zu Hause war und Bescheid wußte als viele, welche dort sich aufgehalten hatten; denn er selbst war nur in Dresden und Meißen gewesen, kannte aber die Welt genau. »Ja«, sagte er, »man braucht nicht in Rom gewesen zu sein, um seine Schätze zu kennen und von ihnen zu profitieren.« Kurz, was man aus Büchern lernen konnte, hatte er gelernt und stand seinem guten Gedächtnis immer zu Gebote. Gemalt hatte er in seinem Leben zwar nur ein einziges Bild, den Abschied Hektors von Andromache, was bis zu seinem Tode in seinem Visitenzimmer hing und Zeugnis gab, daß er auch praktisch üben konnte, was er in der Theorie wußte. Außerdem hatte er viel für Buchhändler gezeichnet, arbeitete aber jetzt nichts mehr, sondern korrigierte nur noch auf der Akademie im Aktsaal, wobei ihm als Eigentümlichkeit nachgesagt wurde, daß er den gezeichneten Akten der Schüler stets noch einige Linien in die Breite ansetzte, so daß dieselben bei wiederholter Korrektur endlich so dick und rund wurden wie er selbst. Ärgerlich war es den Schülern allerdings, wenn vielleicht ein anderer Professor an die Reihe des Korrigierens kam, der, weniger mit Leibesfülle begabt als Schubert, soviel von den gezeichneten Akten abschnitt, daß der Schubertsche Vollmond auf ein letztes Viertel reduziert wurde. Bei alledem aber hatten sie ihn gern; denn sie sahen, daß er es gut mit ihnen meinte und sich gern mit ihnen über allerlei unterhielt; und so geschah es, daß er, wenn er abends den Aktsaal verließ, um nach des Tages Mühen in seiner »Ressource« der Erholung zu pflegen – denn er war Witwer –, jedesmal eine kleine Schar ihm das Geleite gab. Er hüllte sich dann vorsichtig in seinen Pelz, setzte seine runde Pelzmütze auf, bewaffnete sich mit seinen Pelzhandschuhen, zündete sein Laternchen an, und nun leuchtete der kleine kugelrunde Professor den langen Schlingeln die Apareille hinunter, vorsichtig auf seinen Stab gestützt. Ich nannte die ehrsamen Kunstgenossen Schlingel, denn es waren in der Regel lustige Käuze, welche sich ein Vergnügen bereiteten, ihn besonders über Rom auszufragen und auf den Leim zu führen, weil er dann sein Licht, abgesehen von dem Laternchen, besonders hell leuchten ließ. So ging ich nun täglich – wenn ich nicht radieren mußte – zu meinem alten guten Schubert, für welchen ich seiner großen Gutherzigkeit wegen die größte Verehrung hegte, ins Hofbrauhaus, wo er in der zweiten Etage wohnte. Er wies mir einen Platz an in seinem besten Zimmer, und ich mußte nun abermals mit Baumschlagzeichnen meinen Kursus beginnen. Um seine Methode, Baumschlag zu zeichnen, recht anschaulich zu machen, nahm er einen Streifen Papier, brach dieses zusammen, daß es dann vielfache Zacken bildete, bog dieses dann rund herum, und so war der Baumschlag fertig, nur daß man solche Partien aus mehr oder weniger Zacken perspektivisch zusammensetzen mußte. Beim Ölmalen, was später vorgenommen wurde, mußte ich einen Pinsel – sie waren damals von struppigen Fischotterhaaren gemacht, die nie eine Spitze bildeten – dick voll Farbe nehmen und dieselbe mit der Breite des Pinsels so auf die Leinwand setzen, daß sich kleine Halbmonde bildeten, und dies gab ebenfalls einen schönen Baumschlag und vortreffliches Gras, welches freilich kein Schaf dafür angesehen hätte und somit in die Versuchung geraten wäre wie die Sperlinge des Apelles. Da auch das Studium der Tiere dem Landschafter notwendig ist, gab er mir sehr schön in Kreide ausgeführte Zeichnungen nach Pferdeknochen in natürlicher Größe zum Kopieren mit nach Hause, die mir viel Arbeit und Zeit kosteten, und bei welchen nur das von Übel war, daß ich nicht wußte, wo die Knochen hingehörten, und auch nie das ganze Pferdeskelett bekam, wodurch ich mich hätte orientieren können. Jeder dieser Knochen in Naturgröße war noch dazu von verschiedenen Ansichten vorhanden, und mir wurde immer bänger, bei dieser Gründlichkeit des Studiums dereinst ein Ende zu finden, wo dann endlich das eigene Schaffen angehen würde. Als ich im folgenden Sommer nach Schuberts Rat einige Bilder in Sepia kopieren mußte, zuerst einen Ruisdael, dann ein paar der großen Berchems, und ich schüchtern den Wunsch äußerte, dereinst einen unserer schönen Claudes kopieren zu dürfen, hustete er erst einigemal und räusperte sich, über die naive Frage erstaunt, und sagte: »Lieber Freund, der Claude? – Das sind lateinische Zeilen, da werden wir zuvor noch ein Dutzend andere Bilder kopieren müssen.« – Nun hatte ich über den bisherigen Kopien einen Sommer zugebracht; ich rechnete also in der Stille nach, wieviel Jahre ich noch brauche, um bis zum Claude zu kommen, und dann war ich immer noch nicht beim Malen, was ja auch mit Kopieren beginnen mußte, und die Frage trat abermals nahe: Wann, ja wann darf man anfangen, selbst aus eigenen Mitteln zu schaffen? Daß die Kunst lang, sehr lang, und das Leben nicht auslangend für sie sei, wurde mir sehr einleuchtend, und ich sah so manchen alten, verrosteten Maler auf der Galerie sitzen, die jahraus jahrein kopierten und darüber grau und krumm, alt und stumpf geworden waren! Wenn ich an diese beengenden Zustände zurückdenke, so begreife ich's wohl, wie schwer es war, sich aus den Banden solcher durch Autorität und Tradition sanktionierter Irrtümer herauszuwinden! Ein dunkles Gefühl im Innern verlangte das einfach Wahre, Naturgemäße; und wo ein solches mir begegnete, wurde es auch richtig von mir empfunden und in mir angeregt; aber die Not des Lebens, die Abgeschlossenheit in dem engen Kreise des Hauses und die Autoritäten, denen ich vertraute, hielten die klare Erkenntnis des Rechten zurück und damit auch den Mut, sich von alledem zu befreien. Fortsetzung, und was Weiteres bis zur Reise nach Frankreich geschah, bis 1819 Nachdem ich bei meinem Meister Schubert an das Ölmalen gekommen war und als Vorübung zwei kleine, hübsche Bilder nach Dietrich kopiert hatte, welche braun gemalt und mit Weiß gehöht waren, folgten zwei andere größere farbige Bilder nach demselben Meister. Schuberts Methode des Malens war eine sehr richtige und heilsame und der damals üblichen entgegengesetzt. Er hatte sie von Dietrich erlernt und dieser sie wiederum aus den Niederlanden, wo er sich ausgebildet hatte, mit heimgebracht. Sie bestand hauptsächlich darin, daß zur Untermalung nur wenige, stark deckende Farben gebraucht wurden. So durfte statt des Blau in Luft und Ferne nur Weiß und Beinschwarz, statt des Grün nur Neapelgelb oder lichter Ocker mit Beinschwarz angewendet werden, und alle übrigen Farben und Töne wurden aus verschiedenen Mischungen von Weiß, Neapelgelb, gebranntem und ungebranntem Ocker und Schwarz gemischt. Eine solche Untermalung sah sehr leicht und mattfarbig aus; desto leuchtender aber erschienen darauf die Farben der Übermalung. Indes ich mich so übte, war noch ein neuer Schüler dazugekommen, namens Pescheck, ein hübscher, lebenslustiger, junger Mann, dessen wohlhabende Eltern in einer Provinzstadt lebten und den Sohn anständig unterstützten. Da er ein paar Jahre älter war als ich und bei seinem geselligen Talente viel in Gesellschaften verkehrte, so kamen wir außer im Schubertschen Arbeitszimmer doch wenig zusammen. Einen bleibenden Eindruck machte es auf mich, als er einstmals erzählte, wie er in ein paar Jahren nach Italien wandern würde, das Zeichenbuch in der Tasche, die Gitarre auf dem Rücken; wie er von den Alpen bis zur Alma Roma die Mappe mit Studien zu füllen und einige glückliche Jahre in dem herrlichen Italien zu verleben gedenke. Sein Vater, welcher die Mittel besaß zur Realisierung dieses reizendsten Künstlertraumes, des Gipfels aller jugendlichen Wünsche, hatte es ihm bereits zugesagt. – Mit Bewunderung sah ich auf diesen liebenswürdigen Günstling des Glückes, und zugleich preßte es mir das Herz zusammen, wenn ich an meine Lage dachte, die solche Wünsche zu hegen auch nicht im entferntesten erlaubte. Freilich wurden die Hoffnungen Peschecks nicht erfüllt. Allzuviel gesellschaftliche Zerstreuungen, namentlich eifrige Teilnahme an einem Dilettantentheater, zerstreuten ihn allzusehr. Er kam in seinen Studien nicht vorwärts, das Vermögen der Eltern ging ebenfalls rückwärts. Dazu eine nicht glückliche Verheiratung brachte ihn so ganz herunter, daß er sich in einem verzweifelten Momente das Leben nahm. Es kam in dieser Zeit vieles zusammen, was mich oft recht traurig stimmte. Zunächst war es das Gefühl des Unzulänglichen meines Studiums, welches stets geteilt war zwischen den eigentlichen Studienarbeiten und dem Zeichnen und Radieren von Prospekten, die noch dazu in einer mir widerstrebenden, manirierten Weise ausgeführt werden mußten. Nie konnte ich meine Zeit auch nur zur Hälfte den Arbeiten widmen, von welchen allein eine Förderung zu erwarten war, und selbst bei diesen dämmerte die Erkenntnis auf, daß der Weg, den ich geführt wurde, nicht zu dem Ziele führen könne, welches mir als das richtige erschien. Denn es war jetzt ein junger Norweger nach Dresden gekommen, welcher unter den Studierenden große Sensation erregte. Es war Christian Dahl. Eine große norwegische Gebirgslandschaft von ihm auf der Kunstausstellung machte das ungeheuerste Aufsehen, und schwerlich kann man sich jetzt eine Vorstellung machen, welche Wirkung ein Werk von solch schlagender Naturwahrheit unter dem Troß der übrigen schattenhaften, leblosen, maniervollen Gemälde hervorbrachte. Nur Dahls Freund Friedrich machte davon eine Ausnahme mit seinen ganz originellen, poetisch gedachten und tief melancholischen Landschaftsbildern. Die älteren Professoren lächelten freilich über diese Ketzereien oder Narrheiten; von den jüngeren wurden sie bewundert und nach Kräften nachgeahmt. Der Frühlingsodem einer neuen Zeit fing an seine Wirkung zu äußern, das alte Zopftum war im Absterben, belächelte aber in olympischer Sicherheit den tollen Rausch der jungen Sprößlinge. Ich aber saß einsam, ratlos und doch voll des glühendsten Verlangens, das Beste zu erreichen. Ebenso trüb und ratlos sah es für mich nach einer anderen Seite hin aus. Daß es mir an allen Schulkenntnissen mangle, war mir wohl zum Bewußtsein gekommen; jedoch vorherrschend war das Verlangen nach einer höchsten Wahrheit in mir lebendig geworden. Ich suchte ein Feststehendes, auf das ich mich verlassen, dem ich mich anvertrauen könne, das die unwandelbare Grundlage meines Lebens und Strebens sein könne. Unbewußt oder unbenamt war es das religiöse Bedürfnis, was sich fühlbar machte, welches aber nirgends Nahrung fand; mochten sich die Wurzeln und Fasern alles sehnsüchtigen Verlangens auch noch so ängstlich ausstrecken, überall waren es nur Steine, an denen sich das Fäserlein anklammerte, und dies machte mich ruhelos und unsicher. – Wer sollte mich aus dieser Unsicherheit erlösen, wer den Quell des Lebens mir zeigen, welcher dies tiefste Verlangen nährte und befriedigte? Ich wußte niemand, niemand an den ich mich hätte wenden können mit diesem Begehren meiner einsamen Seele – ja ich würde mich geschämt haben, solches, wie mich dünkte, wunderliche Verlangen zu offenbaren. Wie ich schon früher glaube erwähnt zu haben, hatte der trockene Religionsunterricht in der Schule nur wenig verschwommene, allgemeine Begriffe von Gott, Tugend und Unsterblichkeit zurückgelassen, mit welchen der damalige Rationalismus sich begnügte; ein matter Auszug aus der biblischen Geschichte hatte mich wenig angezogen, eine Bibel hatte ich nie in Händen gehabt, auch in unserer Familie existierte eine solche nicht; außerdem kam ich in keine Kirche, und so fehlten trotz des Bedürfnisses – nicht allein nach der Erkenntnis der höchsten Dinge, sondern nach dem Besitz derselben – jede Anregung und Befriedigung von außen. Aber auch das wenige, was ich von Gott und göttlichen Dingen wußte und glaubte, war mir zweifelhaft geworden. Dies ging so zu: Unter des Vaters Bekannten war auch einer namens Hupf (ich gebe ihm hier einen anderen Namen) ein kleines, buckliges Männchen, dürr, immer unruhig bewegt, mit einem garstigen Affengesicht. Dieser war einstmals gekommen, einige Platten zu bestellen; denn er hatte einen kleinen Kunstverlag. Ich saß etwas abseits an einem Fenster und radierte an einer Kupferplatte, während jene sich über ihre Geschäfte, dann halblaut über anderes besprachen. Endlich machte mich ein grinsendes Gelächter des Männleins aufmerksam, und ich hörte einen lästerlichen, schmutzigen Witz über eine der evangelischen Erzählungen aussprechen, wobei er sich mit boshaftem Behagen die dürren Arme und Beine rieb und schabte und seiner Wonne kein Ende fand. Wie ein Blitz schlugen die Lästerworte mir in die Seele. Es war mir, als bräche der ganze Himmel zusammen und bedeckten nun seine Splitter und Scherben die schöne grüne Erde, und nun könne gar nichts mehr aufblühen und gedeihen. Ein Zweifeln an diesen heiligen Geschichten, ja sogar einen mit solcher Frechheit ausgesprochenen Spott hatte ich gar nicht für möglich gehalten. Ich sah, daß der Vater dem nicht entgegentrat, es schien mir also unter den älteren Leuten all das für Lug und Trug oder Faselei angesehen zu werden, was ich in der Schule als Wahrheit gehört und einfach aufgenommen hatte, und so waren die dürftigen Anfänge eines positiven Glaubens verlorengegangen, und ich mußte annehmen, daß die Wahrheit woanders liege, woanders zu finden sein müsse; aber wo und was sie sei, wer sollte mir das sagen? – Bis hierher hatte ich also vergebens nach einem Aufschluß, vergebens nach einer inneren Zurechtstellung gesucht, und meine Zurückgezogenheit, in der ich lebte, meine angeborene Scheu, das, was in mir vorging, das mir Liebste, höchste, gegen andere Menschen auszusprechen, gaben mir wenig Hoffnung, über diese Dinge klar zu werden. – An einem Buchladen sah ich einst ein Büchlein; »Grundriß praktischer Lebensphilosophie«, und obwohl ich die Groschen nicht im Überfluß besaß, kaufte ich es sogleich und glaubte nun einen sicheren Wegweiser ins Land der Wahrheit und Glückseligkeit gefunden zu haben. Es waren aber eine Reihe kleiner Aphorismen, die ich nicht verstand und mit denen ich nichts anzufangen wußte. So mußte ich denn in Geduld abwarten, wo mir einmal ein Licht aufgehen würde in meiner Dunkelheit. Glücklicherweise hatte ich keine Zeit, krankhaft einer Stimmung nachzuhängen; ich mußte tüchtig arbeiten, teils um dem guten Vater zu helfen, sein Brot zu verdienen, teils meine Studien, so viel es möglich war, fortzusetzen. Unter des Vaters Büchern fand ich damals einige Bände von Plutarchs »Lebensbeschreibung berühmter Griechen und Römer«, die ich eifrig las, und den alten, frommen Heiden verdanke ich viel. Ein anderes Buch, was ich sehr liebte, waren die Schriften S. Geßners. Sie regten das Gefühl für die Schönheit der Natur mächtig an, und daß diesem wahren Naturgefühl ein antikisierter Zopf angehängt war, störte mich damals nicht allzusehr. Dieser künstliche Zopf hing ihm ganz apart hinten, vorn war er der deutsche Schweizer, der feine Naturmaler. Ein altes Kalendergeschichtchen erzählt von einem armen Mütterchen, welche, da sie nicht lesen konnte, ihre Kirchenlieder nach dem Gehör mitsang, wie sie das bekannte Gellertsche »Unser Wissen und Verstand« sich mit »Unser bißchen Unverstand ist mit Finsternis umhüllet« übersetzt und angeeignet hatte und solches recht erbaulich und mit vollster Überzeugung mitzusingen pflegte. Vermutlich hatte ich damals ein ähnliches Gefühl von einer doppelt und dreifachen Umhüllung meines »bißchen Unverstands«; doch war es kein Wohlbefinden, weil aus dem armen Wurm ein paar Flügel, die Sehnsucht nach etwas Besserem, sich herausarbeiten wollten, welche den Druck der Puppenhülle wohl fühlbar machten, aber noch keine Kraft gewährten, sie zu sprengen. Ist aber nicht alles Leben des Geistes, wenn es überhaupt zum rechten Erwachen kommt, eine solche Entpuppungsarbeit, bis zur letzten Um- und Enthüllung, die wir im Glauben erwarten? Um nun meiner höchst mangelhaften Kultur noch einige Vervollkommnung und Politur beizubringen, wurden mir drei Mittel eingegeben. Das Rezept bestand aus Musik, Französisch und Tanz. Das erste war mir ganz recht, desto verhaßter die beiden anderen. Da das Anschaffen eines Klaviers zu kostspielig war, so wählte ich die Flöte und blies nach ein paar Monaten mit meinem Lehrer leichte Duos wacker darauf los. Zwar war mir dies Instrument nicht ganz nach Wunsch, doch tröstete ich mich damit, da es Friedrich dem Großen anständig gewesen sei, so könne ich mich auch damit begnügen. Die Freude dauerte indes nicht lange; ich bekam einen trocknen Husten, der Arzt verbot das Flöteblasen und verordnete Ziegenmilch, und so ging die Musik flöten, glücklicherweise auch der Husten. Das Französisch lernte ich – oder lernte ich eigentlich nicht – bei einem alten, lustigen Junggesellen, namens Brandstetter. Es war ein kurioses, pockennarbiges Gesicht mit einer schiefstehenden Nase darin, welche er, da er alle Minuten mit dem Kopfe zuckte und schüttelte, rechts und links befühlte, als wolle er sich überzeugen, daß sie noch nicht abgefallen oder vielleicht in noch schiefere Stellung geraten sei. Da ich diese Stunde von früh sieben bis acht Uhr nahm, so traf es sich gewöhnlich, daß ich ihn aus den Federn klingelte und um sein Morgenschläfchen brachte. Doch er ging resolut ins Zeug. Ich las eine Seite aus Numa Pompilius oder Guillaume Teil von Florian, dann wurde überhört, dekliniert und konjugiert, wobei sich aber seine anfängliche Munterkeit verlor und er sanft entschlief. Ich ließ ihn gern schlafen, denn das Französisch-Parlieren war nicht, was mein Herz begehrte. Vor acht Uhr ließ ich dann ein Buch vom Tische fallen, rückte stark den Stuhl oder hustete, worauf er erwachte, nach der Uhr sah, noch eine Lektion aufgab, und ich mich empfehlen konnte. Trotz dieser französischen Schlafstunden nannte ich ihn einen alten, munteren Kauz, oder vielmehr, weil er als lustiger Gesellschafter erst spät nach Mitternacht nach Hause kam, wurde meine französische Morgenstunde so schläfrig. Auch durch diese Politur bekam ich also nicht den rechten Glanz! Einen Vorteil hatte ich aber dadurch von ihm, daß er mir jedesmal eine Karte zu den dramatischen Aufführungen seiner Gesellschaft verehrte, deren Mitglieder auch der obengenannte Pescheck und mein späterer lieber Freund Oehme waren. Diesen letzteren in einer komischen Rolle zu sehen – damals beherrschte Kotzebue fast ausschließlich die Liebhabertheater – war für mich ein Hochgenuß. Und in der Tat war Oehme für die Komik ein Talent ersten Rangen. Oehme war damals noch Expedient bei einem Toreinnehmer, verkehrte aber schon in jener Zeit viel mit Künstlern und zeichnete und malte für sich, ohne Anleitung gehabt zu haben. Der Tanzunterricht, das dritte mir oktroyierte Kulturmittel, war mir anfänglich ganz besonders widerwärtig, zumal als ich hörte, daß in den späteren Übungen auch Damen dabei sein würden. Dies änderte sich indes nach einiger Zeit vollständig, und niemand konnte diese Abendstunden sehnlicher erwarten und sich in dieser kleinen Gesellschaft junger Leute glücklicher fühlen als ich. Der Tanzmeister war eine gar komische Figur. Eine kurze, runde Gestalt, etwas altmodisch gekleidet, das Haar ein wenig gepudert, Kniehosen, welche die brotverdienenden Beine in der ganzen Pracht ihres Berufes schauen ließen, so stand das rotstrahlende Gesicht mit zugekniffenen Augen und graziös lächelndem Munde vor uns, zirkelte mit seinen Beinen ein Menuett-Pas vor oder hob sich voll Anmut und Würde (obwohl heimlich etwas betrunken) auf die Spitzen seiner großen Schuhe, erhob dann beide kurzen Flügel – Arme wollte ich sagen – und machte mit der Geige in der Hand einen überraschend anmutigen Hops, der uns alle fast erschreckte, weil man glauben konnte, er wolle versuchen zu fliegen und würde nun sogleich auch anfangen zu krähen. Das nannte man einen Entrechat. Der gute Mann hatte in letzter Zeit etwas von seinem früheren Renommee verloren, weil man ihm nachsagte, daß er zuweilen zu tief ins Gläschen gucke; dies empfand die höchst ehrenhafte Familie, wie man merken konnte, sehr schmerzlich und lag wie eine schwere Last auf ihnen. Der Sohn war bereits als Beamter angestellt, die Mutter sah man nur bei besonderen Gelegenheiten am Büfett, und die Tochter Klärchen, ein schönes, sanftes und bescheidenen Mädchen, nähte und flickte aufs fleißigste, um den Ausfall in den Einnahmen des bei Leibesleben zuweilen seligen Papas zu decken. Sie kam selten und nur weil sie dann mußte, in den Saal, wenn sie eine fehlende Dame zu ersetzen hatte. Ich hatte sie gern und tanzte oft mit ihr, und wenn ich in späteren Jahren ein Gretchen, ein sittsames, einfaches Bürgerkind zeichnete, so war es Klärchen geworden. In diesem Kreise wurde ich auch mit Ludwig Gruner bekannt und befreundet, welcher damals noch an der Akademie studierte und bei Professor Schulze das Kupferstechen lernte. Da die Gesellschaft während ein paar Jahren ziemlich stabil dieselbe blieb, so trat bei wachsender Vertraulichkeit das Bedürfnis ein, auch im Sommer, wo seltener eine Tanzstunde uns vereinte, sich zu sehen. Es kam deshalb bald zu gemeinsamen Landpartien, die an irgendeinem freien Sonntage nach einer Mühle des damals noch ziemlich einsamen und romantischen Plauenschen Grundes verabredet wurden. Diese kleinen Wanderungen an einem schönen Sommertag wurden sehr anspruchslos durchgeführt und brachten alle noch traulicher zusammen. Man lagerte sich an den blumigen Abhängen unter Büschen und Bäumen, ergötzte sich mit Spielen, scherzte und lachte recht herzlich. Aus dem Tale herauf tönte nur das Klappern der Mühle und das Rauschen der Weißeritz, oder man hörte über sich den Flügelschlag einiger vorüberfliegender Tauben, welche sich dann unten auf das besonnte Mühlendach zu den anderen niederließen. Stellte sich endlich das irdische Verlangen nach Speise und Trank ein, so sorgte die Frau Müllerin für ein gutes Brot und Butter und Milch, und die jungen Götter und Göttinnen schmausten unter homerischem Gelächter Nektar und Ambrosia, umflattert und umpickt von Tauben, Hühnern und von dem radschlagenden, prächtigen Pfau! Daß sich bei solch idyllisch-olympischen Zuständen, wo junge Leute beiderlei Geschlechts ungezwungen verkehren, auch zärtliche Neigungen regen, kann wohl niemand wundernehmen. Wie der weiche Hauch der Sommerlüfte Gras und Blumen leise bewegt, so durchzog ein ahnungsvolles, freudiges Bewegen die jungen Herzen und erhöhte den Reiz der Gegenwart. Bei allen dergleichen Partien vermißte ich nur eine: Es war Auguste Freudenberg. Sie kam nur in die regelmäßigen Tanzstunden, kam auf keinen der kleinen Bälle, noch beteiligte sie sich bei den Spaziergängen. Ich konnte sie anfänglich nicht wohl leiden; denn sobald sie unter den anderen jungen Damen erschien, entstand ein Leben, Scherzen und Lachen unter ihnen, daß Tanz und Tänzer ganz zurücktreten mußten, was mich, den eifrigen Tänzer, nicht wenig verdroß. Sie hatte etwas Frisches, Heiteres und dabei sehr Anspruchsloses in ihrem Wesen. Gegen uns junge Herrlein war sie freundlich, wenn sie angeredet wurde, sonst aber sehr zugeknöpft. Es tanzte sich aber gut mit ihr, und sie war mit Lust dabei, und so bat ich oft und endlich immer öfter um den Tanz. Ich hörte, sie sei elternlos und als siebenjähriges Kind von einem verheirateten aber kinderlosen Verwandten ins Haus genommen und erzogen worden und werde sehr streng gehalten. Kurz, ehe wir es uns versahen, hatte sich eine innige Zuneigung gegenseitig ins Herz gesetzt, und ohne daß wir uns davon etwas hatten verlauten lassen, merkten wir es endlich doch selbst, und vor uns schon andere. Eine einsame Gasse zwischen zwei Gartenmauern – die jetzt verschwunden ist – führte zu einem kleinen Hause und Gärtchen, das ebenfalls verschwunden ist, und in diesem Hause am Dippoldiswalder Schlage – er ist auch nicht mehr vorhanden – lebte der Einnehmer Ephraim Böttger mit seiner braven Frau und meiner Auguste. – Und sie alle drei sind nun auch schon seit vielen Jahren verschwunden, und nur die Liebe ist geblieben und ein liebes, liebes Erinnern, und ebenso innig wie damals, nur ruhiger und geläutert. – An späten Herbstabenden lenkte ich meine Schritte nun oft zu jenem Schlage hinaus und wanderte durch die einsamen Felder nach den Räcknitzer Höhen hinauf, und wenn ich dann zurückkehrte, wieder an das kleine Gärtchen, an das kleine Haus kam, blickte ich an die erleuchteten Fenster und war glücklich, wenn ich ihren Schatten an den herabgelassenen Vorhängen gewahr wurde. Manchmal war es aber auch nur Ephraims Schatten, der mich weniger interessierte, und dann begab es sich wohl auch, daß mir das Glück hold war und an der langen Gartenmauer eine dunkle Gestalt schnellen Schrittes näher kam, und das war Auguste, und grüßend zogen wir aneinander vorüber. Späterhin wagte ich einige höfliche Erkundigungen anzubringen und einige flüchtige Worte mit ihr zu wechseln. Bei diesen einsamen, spätabendlichen Streifereien, wenn das nächtliche Gewölk tief und schwer herabhing, im Abend noch ein fahler Glanzstreifen am dunklen Horizont leuchtete, der Herbstwind über die kahlen Felder strich und nur der melancholische Laut eines Nachtvogels die Stille unterbrach, traten die Bilder meines gegenwärtigen Lebens und Treibens deutlicher vor meine Seele als am lauten Tage. Den größten Teil meiner Zeit nahm das Beschaffen meiner Existenzmittel in Anspruch, jene Prospektradierungen, die ich in einer meinem künstlerischen Gefühl widerstrebenden Art ausführen mußte; die Leitung meiner Studien selbst schien mir nicht die rechte, ohne doch die Mittel zu wissen, eine bessere zu erlangen, kurz, ich sah kein rechtes Ziel und Gedeihen in diesem noch so fleißigen Bemühen. Und noch anderes regte sich da wieder. Abermals die Frage nach Gott, nach dem Lebendigen, den ich verloren hatte. Auch hier schien mir Grund und Ziel des Lebens dunkel und verworren, ich war wie ein Schifflein, was steuer- und kompaßlos auf der Lebenswelle treibt, und hatte das Gefühl, daß dies nicht das Rechte, nicht der gesunde Zustand sein könne. Es war in meinem Herzen nur jener Altar stehen geblieben, der die Inschrift trug: »Dem unbekannten Gott!« Nur wollte mir kein Paulus kommen und mir berichten von diesem Unbekannten und den Weg zu ihm mir zeigen. Auf diesen nächtlichen Gängen baute ich mir auf meine Weise die wunderlichsten Systeme auf, phantastische, kindische Träume, meinem damaligen Verständnis oder auch dem »bißchen Unverstand« entsprechend, welches nur wahrhaftes Zeugnis gab von einem tiefen, aber unerfüllten geistigen Bedürfnis. Ach, wie oft sehnte ich mich da nach einem geistig reifen Freund, dem ich mich hätte anvertrauen können und dem ich ein Verständnis meiner tiefinnersten Bedürfnisse hätte zutrauen dürfen! Und so lenkte ich wieder meine Schritte zurück, dem Dippoldiswalder Schlage zu, sah nach dem Schatten am Fenster und nach einer Gestalt in der engen Gasse zwischen den beiden langen Gartenmauern. – Inzwischen trat wieder eines jener Ereignisse ein, welches außer aller Berechnung lag, von manchen Banden löste und meinen Horizont mehr lichtete. Der Landschaftsmaler Graff teilte dem Vater mit, daß sein Freund Hofrat Franz den Auftrag habe, einen jungen Künstler zu suchen, der einen russischen Fürsten auf einer Reise nach Frankreich, England und Italien begleiten solle und welcher geschickt sei, Reiseskizzen nach der Natur aufzunehmen. Es hätte sich zwar schon eine Anzahl junger Künstler dazu gemeldet; doch habe er (Graff) mich als besonders geeignet vorgeschlagen, und wenn ich es also wünsche, solle ich morgen früh zum Hofrat Franz gehen und mit ihm sprechen. Und so geschah es. Bald darauf wurde ich dem Fürsten Narischkin, Oberkammerherrn der Kaiserin von Rußland, vorgestellt. Die großen, ausgeführten Sepiazeichnungen, welche ich nach der Galerie gearbeitet hatte, gefielen ihm sehr, ebenso meine leichteren Zeichnungen, welche unmittelbar nach der Natur gemacht waren. So war die Sache bald abgemacht. Bei freier Station sollte ich einen Jahrgehalt von hundert Dukaten erhalten, und ich eilte überglücklich mit diesem Resultat nach Hause und teilte es den Eltern mit, die darüber ebensosehr erfreut waren. Ich mußte am nächsten Tage beim Fürsten speisen und lernte nun die Reisegesellschaft kennen. Sie bestand aus dem Gesellschaftskavalier Herrn v. Luzi, ein Genfer oder wenigstens dort erzogen, ein Mann von einigen dreißig Jahren, ruhige, mehr innerliche Natur, und angenehm im Umgang. Dann der Arzt Dr. Aliman aus Dorpat, ein heiterer, tüchtiger Mensch, der noch etwas von der Frische eines deutschen Studiosen an sich hatte. Dann der Sekretär, Herr v. Küchelbeker, ein langer, schmaler, unheimlicher junger Literat, mit unsicherem, schleppendem Gang, bohrenden Augen und wulstigen Lippen, dessen Beschäftigung, wie ich später sah, fast nur darin bestand, des Fürsten Briefe zu siegeln, wozu er aber stets viel Kuverts verbrauchte und sich die Finger mit dem Siegellack verbrannte; denn er stellte sich zu allem sehr unbeholfen an. Außer diesen Herren war nun eine Dienerschaft, bestehend aus dem Kurier (ein Elsässer), zwei russischen Kammerdienern und einem leibeigenen Diener, vorhanden. So sollte ich nun aus meinem einfachen, nur von Künstlerträumen und einer aufkeimenden Liebe bewegten Leben in einen so ganz andern Lebenskreis versetzt werden, dessen Anforderungen ich nicht einmal ahnen konnte, aber ebendeshalb mit Vertrauen zu ihm trat. Mich beherrschte nur das eine freudige Gefühl, daß ich nun die weite Welt und in ihr tausend Schönes sehen würde, und so packte ich mit Freuden meinen Koffer, und nachdem ich von den Eltern Abschied genommen, stellte ich mich in bestimmter später Abendstunde im Hotel ein, zur Reise gerüstet. Es war an einem der letzten Novemberabende. Schnee und Regen wirbelte durcheinander, und die Laternen spiegelten sich in der Schloßstraße auf dem nassen Pflaster. Der Fürst war noch nicht aus der Oper zurück, als ich gegen neun Uhr in das Hotel kam, wo Koffer und Kisten die Korridors bedeckten und auf die drei Reisewagen aufgepackt wurden. Die russischen Laute der mürrischen Diener, das Durcheinanderrennen derselben, von denen ich keine Auskunft erhalten konnte, keiner sich um mich kümmerte, war recht unbehaglich. Nach einer Stunde Wartens kam der Fürst und sein Gefolge. Er schritt an mir vorüber, ohne Notiz von mir zu nehmen, und nach kurzer Zeit ging alles hinab zu den Wagen. Auch ich folgte hinab und war endlich froh, als der Leibeigene Michal mich in den letzten Wagen verwies, eine halboffene Chaise, welche für mich in Dresden gekauft worden war; denn die zwei großen, mit vier Pferden bespannten Reisewagen waren besetzt. So ging es denn nahe gegen Mitternacht in die stockdunkle, kalte, nasse Nacht hinaus. Reise nach Frankreich Wir fuhren mit nur kurzen Unterbrechungen über Leipzig und Lützen bis Weimar, wo im »Erbprinzen« am Markte Wohnung bestellt worden war. Bei Lützen mußten die Wagen halten, und ich entwarf die erste Zeichnung, den Schwedenstein, wo Gustav Adolf gefallen war. Der Fürst verkehrte täglich mit dem großherzoglichen Hofe; v. Küchelbeker hatte Empfehlungsbriefe an Goethe und wurde eines Abends zu ihm gebeten, wo er eine Sammlung lettischer Lieder dem Dichterfürsten verehrte. (Siehe: »Jahres- und Tageshefte«.) Abends war uns eine Loge neben der des Großherzogs zur Verfügung gestellt, und ich sah z. B. die Jagemann und andere Persönlichkeiten auftreten, deren Namen ich in späteren Jahren oft zu lesen bekam. Der Großherzog machte dem Fürsten einen Gegenbesuch, wobei wir ihm vorgestellt wurden und ich ihm meine wenigen, flüchtigen Skizzen vorlegen mußte. Die gedrungene, kräftige Gestalt desselben, das Einfache, Ruhige, Kernige seiner Worte und Gebärden, und vor allem der bedeutende Kopf machten einen imponierenden Eindruck, obgleich die äußere Erscheinung einem intelligenten Landwirt ähnelte. Nach einigen Tagen wurde eine große Hasenjagd veranstaltet, und ich mußte in der kleinen Kalesche, worin Karl August und Narischkin saßen, mit hinausfahren. Es lag dicker Schnee auf den Feldern, und es begann ein sogenanntes Kesseltreiben, wo viele Hunderte von Hasen in eine muldenartige Vertiefung zusammengetrieben und geschossen wurden. Ich zeichnete flüchtig die Gruppe der Fürsten und der Leibschützen und Jäger, die sie umgaben, und führte dies Blatt später in Sepia aus. Nach Beendigung der Jagd wurde in einem Jagdhause ein Frühstück eingenommen. Es waren einige zwanzig oder dreißig Gäste, unter welchen gewiß interessante und später vielgenannte Persönlichkeiten. Mein Nachbar war ein Herr v. Einsiedel. – Wäre ich zehn oder zwanzig Jahre älter gewesen, so würde ich mehr gesehen, mehr gehört haben. Jetzt war mir sechzehnjährigem unwissenden Bürschlein die Bedeutung dieses Hofes und seiner Geister verborgen. Die Unterhaltung am Tische war sehr lebhaft, laut und bunt durcheinander. Der Fürst rief mir auf eine Erkundigung des Großherzogs zu, ob ich derselbe sei, welcher mit seinem Vater die siebenzig Ansichten der Umgegend von Dresden radiert habe, und es freute mich, es bestätigen zu können. Ich stieg dadurch um einige Grade in Narischkins Gunst, weil mein Name bereits einige Meilen über die Landesgrenze gesprungen war. * Notizen aus einem Tagebuch 1820 * 5. Dez. Nach einer langen Fahrt über Gotha, Eisenach, Vacha und Salmünster kamen wir bei Nacht nach Frankfurt a. M. Staatsrat v. Bethmann beim Fürsten. Wir sahen bei ersterem das schöne Werk Danneckers, seine Ariadne, das erste plastische Werk, was mich in Entzücken versetzte. Professor Gaethgen. * 7. Dez. Der Weg an der Bergstraße entlang mit alten Städtchen, von Burgen gekrönt, die sanften Berghänge, mit alten Nußbäumen und Weinbergen geschmückt, boten malerische Bilder, und ich mußte nur bedauern, daß ich solche reizende Strecken nicht in das Skizzenbuch fassen durfte. Das Neckartal öffnete seine herbstlich braunen Waldberge, und das alte, schöne Heidelberg mit dem Schlosse lag in der späten Abenddämmerung vor uns. Wir rasteten hier eine Nacht. Dr. Aliman, v. Küchelbeker und ich saßen noch bis nach Mitternacht mit einem Herrn v. Stackelberg zusammen, welcher hier studierte. Er erzählte viel von Sand und seiner Hinrichtung, welche die allgemeinste Teilnahme auch im Landvolke erregt hatte. Das Gespräch kam auf Politik, ein Gebiet, welches mir ganz fremd war, doch frappierte mich die unbesonnene Äußerung v. Küchelbekers, daß eine Verbindung des jüngeren Adels in Petersburg existiere, welcher er selbst angehöre, durch welche bei Eintritt gewisser Ereignisse auch das Leben des Kaisers bedroht sei. – Der Doktor verwies ihm sein unbesonnenes Schwatzen, ohne die Sache selbst zu bestreiten. * Am 8. Dezember früh bei Tagesanbruch verließen wir schon wieder Heidelberg. Das Gebirge senkte sich in einer blauschwarzen Silhouette zur Rheinebene hinab, und hinter demselben schimmerte ein weißer Lichtstreif, den Tag verkündend. Es erinnerte mich plötzlich an den landschaftlichen Hintergrund auf Correggios »Heilige Nacht« (ehe sie retuschiert wurde; jetzt ist der Lichtstreif grau übermalt). In der Nähe von Durlach, wo es bereits Tag geworden war, erfreuten mich die nach der Stadt ziehenden Gruppen von Bauern und fröhlichen Mädchen in ihrer kleidsamen Tracht, Körbe mit Frucht oder Milchgefäße zu Markte tragend. Die graziöse, leichte Haltung, welche dieses Tragen auf dem Kopfe bedingt, gibt den Gestalten eine Schönheit der Bewegung, welche auffallend vorteilhaft absticht gegen das Tragen auf dem Rücken, wie es bei uns gebräuchlich ist, wo die Leute plump und schwerfällig, Lasttieren gleich, einherschreiten. * 9. Dez. Das regelmäßig gebaute Karlsruhe entzückte meine Begleiter, die es ein »Klein-Petersburg« nannten. Im Theater sah ich einen indischen Taschenspieler und »Die vier Temperamente« von Ziegler. Bei Narischkin traf ich den Markgrafen Friedrich von Baden und den Sohn des Exkönigs von Schweden (Prinz Wasa?). Der Adjutant des ersteren, ein Herr v. Fritsch, eine offene, süddeutsche Natur, war großer Kunstfreund und fand Gefallen an meinen wenigen Arbeiten. Der Markgraf war ein milder, liebenswürdiger Herr. Auch er war ebenfalls sehr freundlich und mitteilsam zu mir. Er hatte bei dem Fürsten meine großen, ausgeführten Zeichnungen nach Berchem und Ruisdael gesehen, die ihn interessierten und welche auch wirklich gelungene Kopien waren und sich sehen lassen durften. Ich fühlte einen starken Gegensatz in der geistvollen Humanität des deutschen Fürsten und seines liebenswürdigen Begleiters gegen meine russische und deutsch-russische Umgebung. Abends schrieb ich noch an Vater und an Augusten, welches letztere mir beim Scheiden erlaubt worden war, und um Mitternacht reisten wir wieder ab. * 12. Dez. In Straßburg am frühen Morgen angekommen, eilte ich bald aus dem Hotel und suchte den Münster. Durch ein enges Gäßchen kommend, erblickte ich plötzlich zwischen den schwarzen Giebeln alter Häuser die Riesenpyramide des Münsterturmes, dessen obere Partie bei dem etwas nebligen Herbsttage im zartesten Luftton am grauen Himmel sich zeichnete und dadurch um so höher und wahrhaftig riesig erschien. Ich war ganz hingerissen von der Schönheit und Größe des Eindruckes. Es war das erste bedeutende Werk deutscher Baukunst, was ich sah. Ebenso ergreifend, ja mit Ehrfurcht erfüllend imponiert das Innere der Kirche. Die höchsten Taten des Geistes und der Kraft wirken auf das empfängliche Gemüt eines noch naiven Beschauers erweiternd, erhebend, ja eine neue, kaum geahnte Welt erschließend. So geschah es mir. Was deutsche Art und Kunst sei, war mir bis dahin vollständig verborgen; hier war ich von ihr umgeben, und in ihrer höchsten und eigensten Art. Ist es doch, als hätten die Baumeister dieser Dome eine Erinnerung der Schauer ihrer Wälder, in welchen sie ihr Heiliges verehrten, herübergetragen und in diese Steinschrift übertragen. Mehr als vom gotischen Münsterbau schien Narischkin von den berühmten Straßburger Gänseleber-Pasteten angezogen. Ein Fabrikant derselben wurde mehrmals besucht und große Ankäufe gemacht. Wir verließen Straßburg am 16. Dezember bei bedecktem Himmel. Auf den Bergen lag hier und da Schnee, alte Städte mit spitzen Türmen, auf den Höhen die Ruinen alter Burgen und zur Seite die Vogesen, gelangten wir über Schlettstadt abends nach Kolmar. Da für unsere drei Wagen zehn Pferde benötigt waren, wurde ein Kurier stets vorausgeschickt, um auf den Stationen die Pferde, oder in den Hotels Frühstück, Mittag. oder Abendessen zu bestellen, und so kamen wir ohne großen Verzug vorwärts. Am Morgen waren wir schon in den malerischen Schluchten und Tälern des Doubs und abends in Besançon, wo übernachtet wurde. Bauart und Volk nahmen, sobald wir das schöne Elsaß verlassen hatten, einen anderen Charakter an und ähnelten mehr dem, was ich von südlichen Gegenden aus Bildern kannte. In den kleineren Nestern versammelte sich stets eine große Masse müßiger Leute, Kinder und Bettler, während die Pferde gewechselt wurden, und ich benutzte diese kurzen Ruhepunkte, um manche dieser Callotschen Krüppel- und Bettlergestalten in mein Skizzenbuch zu bringen. In Lyon blieben wir zwei Tage, und hier nahm mich das Museum vorzugsweise in Anspruch. Die Malereien neuerer französischer Meister waren mir ja bisher ganz fremd gewesen, und vorzüglich war es ihre geschickte, pikante und lebendige Behandlungsweise, soweit ich dieselbe aus Radierungen in des Vaters Sammlung kannte, die mich ansprach. Nach Boissieus radierten Blättern hatte ich viel gezeichnet. Der Vater schätzte sie höchlich Hier in seiner Vaterstadt sah ich nun sowohl Handzeichnungen und sogar ein Ölbild von ihm. Ph. de Champaigne, Le Sueur, Le Brun, die Poussins, Mignard, Vouet, Boucher, Watteau waren Namen, die ich seit meiner frühesten Jugend mit Achtung hatte nennen hören, – der Vater hatte den Respekt vor diesen französischen Meistern von Zingg überkommen, und mir war etwas davon von beiden angeflogen. Die Insel St. Barbe, eine Lieue von Lyon an der Saône, besuchte ich ebenfalls in Erinnerung einiger Radierungen Boissieus, deren Motive daher genommen waren. Auch zeichnete ich daselbst mehreres, so wie die Reste des römischen Aquädukts bei St. Just in Fourvières. Prächtig war der Blick über die große Stadt mit ihren beiden Strömen, der weiten Landschaft mit dem schneeigen Alpengürtel. Bei hellem Wetter soll man den Montblanc sehen. Die mit Efeu dicht bewachsenen alten Pfeiler und Bogen des Aquädukts wirkten sehr malerisch. Es war um die Mittagszeit, die Sonne schien so warm in diese kleine, immergrüne Verwilderung, die vom Gesumm der Bienen belebt war, trotz des 23. Dezember!, daß ich mich recht glücklich bei meiner Arbeit fühlte. Die älteste Kirche Lyons, St. Just, liegt nahebei. Noch wußte ich nicht – und wenn ich's wußte, berührte es mich nicht tiefer –, daß ich hier einen Boden betreten hatte, welcher geweiht war durch das Blut der Tausende von Christen, die im Anfang des zweiten Jahrhunderts Blut und Leben hingaben um ihres Glaubens willen, und unter ihnen die jugendliche, schöne und doch so kühne, todesmutige Blandina. Ein Bild des Aquädukts von einem damals lebenden Maler, Grobon, hatte mich im Museum vor allem entzückt und mich veranlaßt, diesen Ort aufzusuchen. * Am 24. Dezember, dem lieben heiligen Christtage, reisten wir früh 6 Uhr von Lyon ab. Ich war diesen Tag mit den Gedanken viel daheim. Doch zerstreute die Fahrt längs der Rhone und ihren mit verfallenen Burgen gekrönten Felsenufern die heimwärts gekehrten Gedanken. So passierten wir das alte Vienne mit einer Kathedrale aus frühgotischer Zeit und mehreren römischen Überresten; so Valence und Montélimar, wo wir übernachteten. Wir waren nun in den Süden eingetreten, denn schon tags vorher sahen wir häufig den Ölbaum, dann Lorbeer, immergrüne Eiche, Zypresse und Pinie. Vor Orange wurde der im freien Felde liegende Triumphbogen des Marius betrachtet und in der schmutzigen Stadt ein römisches Amphitheater, welches aber ganz von Häusern und Spelunken um- und verbaut war, aufgesucht. Gegen Abend dämmerte uns Avignon aus der Ferne entgegen, welches zum Übernachten bestimmt war. Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Wieder mußte ich heimdenken! Ich war da mit Augusten so fröhlich auf einem Ball gewesen, heut wie anders! Viel Genuß und wenig herzliche Freude. Wir waren nun an die grauen Stadtmauern Avignons gekommen, fuhren an denselben hin – wobei wir die verfallene, römische Brücke sahen – und hielten endlich vor dem Hotel l'Europe. * 26. Dez. In Avignon zeichnete ich mehreres, z. B. die römische Brücke mit dem beschneiten Ventoux bei Vaucluse, einige Partien des zerstörten päpstlichen Palastes, welcher, mit seinen Türmen und Zinnen die Stadt überragend, auf steilem Felsen sich malerisch ausbreitet. Wir verweilten ein paar Tage in Avignon, weil der Fürst seinen Sohn, den General, von Paris kommend, hier erwarten wollte. Denselben Abend verbrachten wir gemeinsam am Kamin, dessen Flammen ganz behaglich wärmten, denn es war kalt und stürmisch draußen. Ein paar Italiener meldeten sich mit Gesang und Gitarre und suchten durch schwülstigen Singsang zu unterhalten. Darauf kam ein alter Savoyarde mit seinen beiden Töchtern, welche verschiedene Tänze mit und ohne klappernde Holzschuhe ausführten, während der zerlumpte Alte eine Leier, der kleine Junge das Tamburin dazu ertönen ließ. Wir fragten, ob sie sängen. – »Ja, die ältere Tochter.« – Sie setzte sich denn und sang ihre Volksweisen, während die jüngere Schwester, ein liebliches Gesichtchen, sich eng an die Schwester schmiegte, mit den Händen sie umfassend. Der Vater mit dem grauen, zottigen Haar und Bart, der hinter der hübschen Mädchengruppe stand, schnitt die komischsten Gesichter und Gebärden des Entzückens und Erstaunens über den, wie es ihm vorkam, himmlischen Gesang seiner Tochter. »O Messieurs, échoutez! quel sentiment! oh quel sentiment!« Der kleine Tamburinbube stand stocksteif mit dem gleichgültigsten Gesicht neben dem alten Enthusiasten, und so gab das eine ganz hübsche Gruppe, die ich später in meine Mappe brachte. Kaum war dieser Kunstgenuß überwunden, als ein anderer schlottriger Gesell erschien, mit einem Hackebrett und einem kleinen fünfjährigen Mädchen, ein wunderhübsches Kind, welches mit größter Lust tanzte, sprang und das Tamburin dazu rührte, und als der Fürst das Licht nahm, um ihr schelmisch lustiges Gesichtchen näher zu beleuchten, versteckte sie es schnell hinter das kleine Tamburin und blieb unbeweglich stehen; als aber der Fürst lachend sich wieder entfernte, sprang sie wie ein Gummibällchen auf, sang, tanzte und schüttelte ihr Lockenköpfchen samt der Schellentrommel in jubelnder Lustigkeit. In der Nacht kam der General an. Er war ein feiner, bleicher Mann, von sanftem, liebenswürdigem Ausdruck. Vater und Sohn bildeten einen starken Kontrast. Der alte Fürst schien der Repräsentant einer vergangenen Zeit; eine imposante Gestalt, lebendige und einnehmende Manieren, frivol und reich an Bonmots und witzigen Einfällen, durch welche er in seinen Kreisen einen Ruf erlangt hatte, konnte er doch einen Rest von Barbarentum nicht verbergen, welches gelegentlich hervorbrach, wenn er den französischen Firnisüberzug nicht bedurfte und seine eigenste Natur walten ließ. Dagegen wußte der Sohn, ein Kind der jüngeren Zeit, durch Humanität und feine Geistesbildung bald unsere Herzen zu gewinnen. * Am 29. Dezember verließen wir endlich Avignon. In Aix gab es wieder genugsam zu sehen. Kunstwerke und vielfache Reste aus der Römerzeit wurden aufgesucht und mit Interesse betrachtet. Am Silvestertag, wo wir Aix verließen, sollte nun der erste Teil der Reise abgeschlossen und in Marseille ein längerer Halt gemacht werden. Es war ein Tag, wie ihn um diese Zeit nur der Süden bieten kann. Vom wolkenlosen blauen Himmel strahlte die Sonne die lieblichste Wärme über die schöne Landschaft, deren Vegetation nun ganz das südliche Gepräge angenommen hatte; denn es wechselten Piniengruppen mit Zypressen, Oliven- und Mandelbäumen, und in der Nähe der Landhäuser standen auch Orangen in Kübeln, von Wein und Feigenbäumen umgeben. Der stattliche Wagenzug fuhr langsam eine Höhe hinauf, und mir schlug das Herz erwartungsvoll, denn hier mußten wir Marseille, aber vor allem das Meer erblicken. Schon erhoben sich duftige Berge; immer mehr und wieder neue stiegen langsam empor, und nun auf einmal lag das Meer vor mir! Ich war ganz Auge, völlig hingerissen von der Größe und Schönheit dieses Anblicks. Eine Unzahl weißer Segel glänzten wie ausgestreute Blütenflocken aus diesem wundervollen Blau; es waren Fischerboote oder auch größere Schiffe, welche den Hafen des alten Massilia verlassen hatten, welches sich vor uns ausbreitete und die weite Pianura mit ihren Landhäusern bedeckte. – Wonnetrunken fuhren wir nun von der Höhe hinab. Auch die Stadtbevölkerung schien in freudiger Bewegung und strömte in bunten Zügen aus den Toren, singend und lärmend; es war der letzte Tag des Jahres, wo die südliche Lebendigkeit nicht versäumen wollte, den Rest des süßen Bechers auszukosten. Im Hotel de Beauveaux, am Hafen gelegen, logierten wir uns ein. Ich bekam ein kleines, hübsches Zimmer im dritten Stock, wo ich den ganzen Hafen übersehen konnte, mit dem interessanten Leben und Treiben an und auf den Schiffen, für mich ein neuer, höchst fesselnder Anblick. Um Mitternacht stand ich noch am offenen Fenster, sah über den Mastenwald der unter mir liegenden Fahrzeuge hinweg und hörte das lustige Singen und Musizieren der Matrosen, welche noch in ihren Schenken am Hafen das Neue Jahr erwarten wollten. Dies Tollen da unten und der schweigende Sternenhimmel darüber erregte eine ernste Stimmung, die meine Gedanken in die Heimat trug. Der große Eindruck des Erlebten des heutigen Tages bewegte mich noch. Ich fühlte mein Glück, ein vor wenig Monden nie gehofftes. Aus meiner armen, engen Existenz so plötzlich in eine neue, fremde Welt versetzt und von Tag zu Tag mit bedeutenden Eindrücken fast überschüttet, mußte ich es nicht heute am Schluß des Jahres als ein glückliches Los preisen, das mir zugefallen war? – Und doch rang sich ein Seufzer aus tiefstem Herzen heraus – es fehlte eins – die Freiheit! * In Marseille sollte ein längerer Aufenthalt gemacht werden. Ich richtete mich deshalb in meinem hübschen Stübchen zur Arbeit ein, setzte einen Tisch ans Fenster mit allen Zeichen- und Tuschutensilien versehen, spannte englisches Papier auf und rüstete mich, nach Narischkins Wunsch die bisher gemachten Skizzen in Sepia auszuführen. Um anhaltender arbeiten zu können, ließ ich mich von der sehr langwährenden Mittagstafel dispensieren und aß etwas später auf meinem Zimmer. Gleich in den ersten Tagen ließ mich der Fürst zu sich rufen, und indem er mir eine goldene Repetieruhr überreichte, bat er mich, dieselbe als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit zu nehmen, er sei mit mir sehr zufrieden. Schon früher einmal bezeugte er mir seine Gunst; er umarmte mich vor einer großen Gesellschaft und erklärte, er habe mich lieb wie seinen eigenen Sohn; und so trieb mich nicht nur Dankgefühl, ihn durch meine sauber ausgeführten Sepiazeichnungen öfters zu erfreuen, sondern die Gewohnheit und Lust an der Arbeit drängten mich, die reichen Eindrücke welche die Reise bisher geboten, künstlerisch zur Erscheinung zu bringen. Es währte nicht lange, so sammelten sich alte und neue Gemälde im Vorsaal an, welche Künstler und Bilderhändler herbeibrachten. Ich erinnere mich zweier Poelenburgs, eines schönen »Johannes« (der Evangelist) von Mignard und sogar eines – wie mir wenigstens damals erschien – herrlichen Bildes von Rembrandt: »Joseph deutet seinen Genossen im Kerker die Träume.« Letzteres Bild sollte achttausend Franks kosten. Bei einem geschickten Landschaftsmaler, Fontanieu, machte der Fürst mehrere bedeutende Bestellungen, zwei Ansichten von Marseille und zwei andere von Neapel mit dem Vesuv. Fontanieu war ein Sechziger und hatte etwas Militärisches in seiner Haltung. Er war in seiner Jugend Offizier gewesen und hatte den amerikanischen Krieg mitgemacht. Als er zweiunddreißig Jahre alt war, wurde er noch Maler und hat manchen Sommer in der Gegend von Montpellier zugebracht, wo er besonders Waldstudien malte und zu diesem Zwecke wochenlang mit Weib und Kind in einem hohlen Baum sich häuslich eingerichtet hatte. Die Zeichnungen, welche ich inzwischen vollständig in Sepia ausgeführt hatte, gefielen ihm wohl, und Narischkin schien das Interesse, welches Fontanieu daran nahm, auch gut aufzunehmen, nur daß er mich bei jedem Blatte, welches ich ihm ablieferte, mit dem Refrain: »Es ist gut, aber nur mehr! mehr!« abfertigte. Der Fürst veranstaltete mehrmals kleine Ausflüge in die Umgegend. Ein Dejeuner wurde dem Lord Pembroke in einem Landhause gegeben, das am Meer lag und wohin die ganze Gesellschaft an einem heiteren Morgen eine Wasserfahrt machte. Ein andermal fuhren wir nach der in entgegengesetzter Richtung gelegenen Villa Bastide, wo dem Markgrafen von Baden zu Ehren ein glänzendes Diner veranstaltet war. Nach dem Essen, wo die Gesellschaft in den schönen, baumreichen Anlagen sich verteilte und die köstlichen Blicke, die man von den Höhen auf das nahe Meer hat, aufsuchte, benutzte ich, einige malerische Partien zu zeichnen. Eine majestätische Piniengruppe, hinter welcher eine Pyramide sich erhob, im Hintergrunde das blaue Meer, gab ein reizend abgerundetes Bild, das ich mit besonderer Freude aufs Papier brachte. Als ich mit meiner Mappe wieder zur Gesellschaft kam, die beim Kaffee saß, fragte der Fürst, was ich gemacht habe. Ich zeigte ihm meine Blätter, die er etwas brummig ansah, denn er war an diesem Tage sehr übler Laune, und brachte endlich auch das Blatt mit den Pinien und der Pyramide zum Vorschein, das, wie ich glaubte, ihn erfreuen würde. Doch welch ein Schrecken! Wie von einer Schlange gestochen, warf er das Blatt von sich und schrie im höchsten Zorn: »Fort! fort! nehmen Sie es weg, ich mag nichts sehen; gehen Sie fort!« und wandte sich heftig ab, während die Gesellschaft bestürzt aufsah und ich meine Mappe beiseite legte, ohne mir im geringsten den Grund dieses desparaten Ausbruchs seiner bösen Laune über meine unverfänglichen Zeichnungen erklären zu können. Ich fühlte mich tief verletzt und sprach gegen Aliman bei der Heimfahrt meinen Unmut aus. Er löste mir nun das Rätsel. Die Pyramide, ein fingiertes (oder vielleicht wirkliches?) Grabmal, war ihm nicht nur überhaupt ein widerwärtiger Anblick, weil er an den Tod nicht erinnert sein wollte, sondern da ich es für ihn, für seine Sammlung gezeichnet hatte, nahm er es für höchst ominös, für einen ganz entsetzlichen Zufall, dessen unschuldige Ursache ich gewesen war. Außerdem aber entdeckte mir Aliman, der Fürst sei ungeduldig, daß ich mit meinen ausgeführten Blättern nicht schneller vorwärtskomme, er wolle viel sehen und viel nach Hause bringen. Nun wäre es mir das Liebste gewesen, wenn ich während der Reise nur die Zeichnungen nach der Natur aufzunehmen gehabt, die Ausführung der Blätter aber daheim hätte vornehmen können, wobei mindestens eine vierfach größere Zahl von Skizzen und Studien gemacht werden konnte. Narischkin aber wollte, daß alle ausgeführten Blätter bis zu unserem Aufenthalt in Paris vollendet in seinen Händen sein sollten, damit er sie dort – wie es auch nachher geschah – prachtvoll einbinden und mit seinem Bildnis verziert als ein für die Kaiserin-Mutter bestimmtes Geschenk wohlverwahrt mitnehmen könnte. Um die Geschichte dieses Reisealbums hier gleich abzumachen, will ich erwähnen, daß ich ohne die große Anzahl Naturskizzen gegen dreißig oder mehr ausgeführte Sepiazeichnungen – sie bildeten aufgezogen einen starken Band – in Paris zusammengebracht hatte, welche Narischkin bei seiner Rückkunft der Kaiserin-Mutter überreicht hat. Aliman suchte mich über den widerwärtigen Auftritt zu beruhigen, riet mir, in meiner bisherigen Weise pflichtgetreu fortzuarbeiten und mich weder durch unverständiges Drängen, noch durch Narischkins üble Laune beirren zu lassen; übrigens die Reise, welche ohnedies sich nicht so lange ausdehnen würde, als anfänglich beabsichtigt war, nach Kräften zu nutzen. Die guten Tage waren aber für mich vorüber. Ich war vollständig in Ungnade gefallen und mußte das bei jeder Gelegenheit empfinden. Am tiefsten schmerzte es mich, als ich bemerkte, daß auch die anderen Herren in Gegenwart des Fürsten sich von mir abwendeten, als sei ich plötzlich eine unsichtbare Gestalt unter ihnen geworden. Ich kam mir manchmal wie ein abgeschiedener Geist unter den Lebenden vor, der keine Mittel besitzt, sich kundzutun, und dieses für mich peinliche Verhältnis steigerte sich später mehr und mehr und wurde fast unerträglich. Dr. Aliman blieb glücklicherweise sich stets gleich, offen und herzlich gegen mich. * Den 21. Januar reiste der Fürst mit dem Arzt und seinem Gesellschafter, Herrn v. Luzi, nach Monpeilier und Nimes. Der Sekretär und ich blieben hier. Wir machten kleine Exkursionen in die Umgegend, und ich zeichnete fleißig. * Am 13. Februar in der Frühe verließen wir Marseille. Der Weg ging durch ödes Felsengebirge, und nachmittags waren wir in Toulon, wo wir zwei Tage blieben. Mit Aliman machte ich des anderen Tages einen Ausflug nach dem felsigen Gebirge, von welchem Toulon umgeben ist. Ein schöner Blick über die Stadt und den Golf veranlaßten mich zu einer Zeichnung, während Aliman botanisiernd höher hinaufstieg. – Nach einer Stunde oder etwas länger war ich mit meiner Arbeit fertig, als Aliman mit einem Bündel Pflanzen wieder zurückkam. Er erzählte lachend, wie ihn eine Schar wilder, bissiger Schäferhunde zurückgetrieben habe. »Die Bestien standen alle um mich herum und bellten mich an, während ich ebenfalls kerzengerade vor ihnen stand und einen um den andern ansah. Endlich, um der Vorstellung ein Ende zu machen, nahm ich meinen Hut vor ihnen ab, und (man sieht doch gleich, was Franzosen sind) sie verließen mich sogleich, bis auf einen naseweisen, jungen Mann, der meine Stiefel beroch und zu knurren anfing. Dem sagte ich aber mit gebieterischer Stimme: ›Va-t' en!‹ und sogleich entfernte er sich schnell und ehrerbietig.« * Sehr genußreich war die Fahrt nach dem reizenden Hyères, wohin wir am 15. kamen, aber es leider nach sechs Stunden wieder verlassen mußten; denn der Fürst war so übler Laune, daß es nicht gut war, in seiner Nähe zu verweilen. Da nur zwei Wagen dahin gehen sollten, so mußte ich mich auf den Bock des fürstlichen Wagens setzen. Aliman und Küchelbeker aber sollten nach N. N. fahren und uns dort erwarten. Da aber alle gern Hyères sehen wollten, so setzte sich v. Küchelbeker auf den Bock des zweiten Wagens, und Aliman nahm ein Pferd und ritt uns zur Seite. Wir beide auf unseren diversen Böcken und der Doktor auf seinem Gaul waren sehr lustig gestimmt in der frischen Luft und herrlichen Gegend, und um so mehr, als ein flüchtiger Blick in das Innere des Wagens uns die düstere Stirn und hängende Unterlippe der Exzellenz sehen ließ, welche das schlechteste Wetter verkündigte, während wir dieser Atmosphäre durch unsere Sitze einigermaßen uns entzogen fühlten. Im Hotel d'Ambassadeurs angekommen, ging der General mit uns durch das Städtchen, und wir bestiegen den Schloßberg mit den Ruinen eines alten Sarazenenschlosses auf seinem Gipfel, von wo ein köstlicher Blick auf das Meer, die Insel und bis an die fernen Küsten von Toulon gewonnen wurde. Nachdem mich die Reisegefährten wieder verlassen hatten, suchte ich nach einem günstigen Punkt, um etwas von diesen Herrlichkeiten aufs Papier zu bringen. In einem Teil der Ruine hatte sich eine arme Familie angesiedelt. Ich klopfte mit dem eisernen Ring an die Pforte, und ein junges, hübsches Weib öffnete mir dieselbe, welche ich denn um die Erlaubnis bat, aus ihrem Gärtchen die schöne Aussicht zeichnen zu dürfen, und ich stieg in dem malerisch bewachsenen alten Gemäuer und in den kleinen Anpflanzungen herum Die Sonne schien so prächtig, und ich zeichnete im Schatten einer Gruppe dunkler Zypressen. Wie ein seliger Traum lag blau und duftig die Küste, das Meer im zitternden Glanze der Frühlingssonne vor mir ausgebreitet, und die Abhänge, blaue Veilchenteppiche, sandten im Verein mit dem Goldlack und roten Levkoien, welche an den Schloßmauern wucherten, ihre süßen Düfte. Es war so still hier oben! Ein himmlisches Paradies schien mir dies kleine, romantische Asyl armer Leute, von dem großartigsten Hintergrunde umgrenzt. Die Bienen summten um die Blumen, und ein kleines Mädchen unten im Gärtchen pflückte Zuckerschoten in ein Körbchen. Ach! dachte ich, wäre ich doch ein freier Wanderer und könnte mit meinem Bündel und Skizzenbuch dies schöne Stück Erde durchziehen und auch, wie die Bienen, die schönste Beute sammeln, ganz nur dem künstlerischen Gefühl und Bedürfnis folgend, statt Veduten zusammenzutragen und die Zeit mit Ausführung derselben zu verschwenden. Mit Widerwillen dachte ich daran, in mein unfreundliches Joch hinabzusteigen. Nachdem ich mehreres aufgezeichnet, besah ich mir noch die Wohnstätte der Familie. Das kleine Mädchen führte mich in eine große, gewölbte Halle, deren Öffnung mit dem üppigsten Buschwerk und blühendem Geranke umgeben war. Im Hintergrunde war eine Tür, welche noch in andere, dunkle Gemächer der Ruine führte, daneben das Lager des Weibes, zwischen zwei dicken, moosigen Baumstämmen, mit trocknem Laub gefüllt. Darüber hing ein kleines Kruzifix und ein Weihwasserkesselchen. Die Bewohnerin des Gewölbes hatte eben ihr Kindlein an der Brust. Der südliche Ton ihres Fleisches, wie es Palma oder Tizian malt, das dunkle Auge glückselig auf ihren Säugling gerichtet, das schwarze Haar in ein scharlachrotes Tuch gebunden, saß sie zwischen Körben mit Blumen und Salat. Im schönsten Licht, von oben beleuchtet, gab sie das köstlichste Bild in diesen zwar reinlichen, aber altersschwarzen Mauern. Der kleine Wurm hatte sich jetzt satt getrunken und lag recht in seinem kleinen Seelchen vergnügt der hübschen Mutter im Schoß; beide lachten sich einander an und koseten miteinander, und ich mußte endlich auch dazutreten und mit bewundern und betrachten. – Der Mann war unten im Städtchen, er hatte Gemüse ins Hotel gebracht für die fremden Herrschaften. Die Frau in aller Mutterseligkeit vergaß doch nicht, für ihren kleinen Haushalt zu spekulieren. Sie bat mich, ihr kleines Mädchen mit hinabzunehmen zum Fürsten, damit diese ihr Körbchen Zuckerschoten zum Geschenk überreichen dürfe. So kam ich, mit vier Zeichnungen, einem hübschen, kleinen Mädchen und frischen Schoten beladen, wieder ins Hotel, wo die Kleine freudestrahlend wieder entlassen wurde und mit festgeschlossenem Fäustchen ein Geldstück ins alte Sarazenenschloß hinauftrug! Noch waren wir bei Tische, als uns der Markgraf von Baden mit seinem Begleiter überraschte, und wir promenierten noch in einigen schönen Gärten, wo ich zuerst die Palmen im Freien sah und außerdem Tausende von Orangenpflanzungen, mit ihren goldenen Früchten reich belastet. Von neuem fühlte ich mich mit einer geheimen Sehnsucht zu den beiden deutschen Männern hingezogen, und als der Markgraf wie absichtlich mit mir allein einige lange Gartenwege einschlug und sich freundlich nach meinen Arbeiten, Verhältnissen und künftigen Studienplänen erkundigte, trafen mich diese Zeichen des Anteils für den jungen – nicht in seinem Elemente lebenden – Landsmann wie ein warmer Sonnenstrahl eine öde, winterliche Gegend. Wahrscheinlich hatte der Adjutant etwas von meiner nichts weniger als angenehmen Existenz mitgeteilt. Als wir nach dem Hotel zurückkamen, waren die Wagen angespannt, der Markgraf nahm Abschied, und mit Schmerzen verließen wir das schöne Hyères. Auf nächster Station fanden wir unsere Reisewagen wieder und konnten nun gemächlicher weiter fahren. Es dämmerte ein schöner Abend herauf. Um neun Uhr kamen wir nach einem Nestchen, ich glaube, es hieß Cornules, wo die Wagen des Gefolges aus Mangel an Pferden zurückbleiben mußten, während der Fürst mit dem General und zwei Dienern allein weiter fuhr. Da es sehr kühl wurde, gingen wir in eine Hütte, wo wir uns zu den guten, freundlichen Leutchen um den Kamin setzten. Die alte Großmutter, zunächst am Feuer sitzend und mit der hübschen, jungen Wirtsfrau vom Rocken spinnend, plauderte freundlich mit uns. Die jungen Leute lachten und scherzten und sangen zuweilen ein leichtes provenzalisches Liedchen; ich zeichnete schließlich die ganze Gruppe, worüber alle sehr zufrieden waren, und wobei die Mädchen sich unbemerkt eine möglichst vorteilhafte Stellung zu geben suchten. Eine alte, freundliche Dame, die Besitzerin einer schönen Villa, kam noch gegen Mitternacht dazu. Auch sie war sehr gesprächig und nötigte uns noch, bei dem herrlichsten Mondschein in ihre Villa zu kommen. Palmen und Orangen, blühende Rosenlauben und plätschernde Springbrunnen, selbst die lachenden Nymphen fehlten nicht (sie spaßten in Gestalt von Zofen der alten Dame mit einem häßlichen Affen herum, der in der Vorhalle der Villa sich aufhielt) – nichts fehlte zu den Dekorationen einer »mondbeglänzten Zaubernacht« der Romantik als ein Abenteuer, welches aber eher einem einzelnen als einer Gesellschaft begegnet. Der Glanz des herrlichsten Vollmondes war so hell, daß ich bei seinem Lichte noch unser malerisches Hüttchen mit dem Wassertrog unter Rebengeländen zeichnen konnte. – Es wurde endlich still um uns, denn die Leute verloren sich allmählich, selbst Aliman suchte sich im Reisewagen ein Plätzchen zum Schlafen, während Küchelbeker und ich an dem verglimmenden Kaminfeuer sitzen blieben, bis gegen drei Uhr die Postillione mit den Pferden zurückkamen, und wir nun unsere Reise weiter fortsetzen konnten. Gegen Mittag waren wir in Fréjus, und bald darauf zog sich die Straße im Zickzack empor und führte über das wilde Esterel-Gebirge. Auf dem höchsten Punkt, den die Straße erklimmt, lag unter hohen Bäumen ein einsames Stationshaus, wo wir unser spätes Mittagsmahl einnahmen. Der Fürst war hier schon am Vormittag gewesen. Von hier aus senkte sich die Straße allmählich, und am Abend hatten wir einen wundervollen Blick auf die fernen Seealpen, deren mächtige Schneespitzen im rosigsten Licht erglühten, während das Land schon in grauer Abenddämmerung zu unsern Füßen sich ausbreitete. Als später der Mond aufging, erreichten wir Cannes. Der Weg führte in der Nähe des Meeres hin, und das Rauschen seiner Brandung brachte mich in Schlaf, der nur an der französischen Grenze gestört wurde. Um Mitternacht hielten wir vor dem Hotel des Etrangers in Nizza. Nizza, Paris und Heimkehr In Nizza bezogen wir sehr bald eine Villa, welche im Tale des Paglione, unmittelbar an der Landstraße, ein halbes Stündchen vor der Stadt lag. Ich bewohnte ein reizendes Eckzimmer im zweiten Stockwerk, wo ich das ganze Tal mit seinen Olivenwäldern, Klöstern und schönen Bergen übersehen konnte. Das hätte nun ein köstliches Leben geben können, wären die Verhältnisse anderer Art gewesen. Ich will über diese ganze Periode, eine der bittersten im Leben, kurz hinweggehen; es war ein unwürdiger, leidvoller Zustand, dem ich nicht entfliehen konnte, in dem ich auszuhalten genötigt war, denn ich war ganz mittellos, ratlos und wußte keine Seele, die ehrlichen Anteil gezeigt hätte. »Gefangen und verlassen«, das war das Gefühl, das wie Blei auf mir lag, und es war kein Wunder, wenn mich bei solchen Zuständen auch noch ein unwiderstehliches Heimweh packte, nicht sowohl nach dem Heimatsboden, als nach den Herzen, die mich liebten; denn nur wo Liebe ist, da ist die Seele daheim. Es ist mir lebhaft in der Erinnerung, wie mich dort mehrmals beim Erwachen ein Entsetzen durchzuckte, als die aufgehende Sonne in mein Zimmer schien. Im Traume war ich woanders gewesen, und hier vergoldete sie eine entsetzliche Wirklichkeit. So saß ich denn in meinem Stübchen und tuschte die Blätter in Sepia aus, die ich unterwegs skizziert hatte. Aliman hatte einen Landsmann, einen deutschen Baron, in Kur genommen, was ihm ein Beutelchen mit Goldstücken einbrachte, die ihm später in Paris wohl zustatten kamen. Die anderen Genossen waren in der Stadt oder machten Ausflüge in die reizende Umgebung, an welchen ich nur selten teilnehmen konnte. So verlebten wir einen Monat auf der Villa bei Nizza. Interessant war mir das Begegnen eines Malers Petzold, eines Livländers, welcher sich dem Fürsten vorgestellt hatte. Er kam aus Rom, und ich forschte nach den dortigen Kunstzuständen, die mir gänzlich unbekannt waren. Da hörte ich denn – zwar etwas ungläubig – von dem gewaltigen Regen und Ringen nach einer neuen Kunstrichtung, deren Ziele mir fremd und unverständlich waren. Namen wurden genannt – Cornelius, Overbeck, Schnorr, Veit u. a., und als gewaltige geistige Größen bezeichnet, von welchen ich noch kein Wort gehört hatte. Da ich nach Naecke, dem Landsmann, fragte, dessen letzte Arbeiten, »Genoveva« und »Szene aus Faust«, auf mich einen bedeutenden Eindruck gemacht hatten, so hörte ich von Petzold dagegen, er werde von den Obengenannten bei weitem übertroffen und gehöre durchaus nicht zu den ersten Namen. Das waren mir alles ganz neue Dinge, wie etwa die Mitteilung eines Reisenden, der von einer mächtigen Insel im fernen Ozean erzählt. Was Petzold von eignen Arbeiten vorzeigen konnte, war nicht von Bedeutung; einige mit Bleistift scharf und genau gezeichnete Porträts, mit welchen er in unserem Kreise durchaus kein Glück machte, belächelte man ebenso wie seine Kunstansichten, welche als eine alberne Schwärmerei aufgefaßt wurden. Unser Aufenthalt sollte indes früher abgebrochen werden, als vorausgesehen war. Die Nachrichten vom Ausbruch der Carbonari-Unruhen mehrten sich; es hieß, man wolle den König von Sardinien zum Könige Italiens ausrufen. Die Aufregung in Nizza wurde bemerkbarer, Truppen zogen in einzelnen Abteilungen an unserem Landhause vorüber, weil es in Alessandria ebenfalls bedenklich drohte, und viele Fremde reisten ab. Auch bei uns wurde nun gepackt und die Wagen, welche im Hofe standen, von einem Trupp Militär bewacht. Diese Schutzmannschaft hatte sich die Langeweile der Nacht dadurch zu vertreiben gesucht, daß sie sich über eine Kiste feiner Weine und Liköre hermachten, welche bereits in den Wagen gebracht worden war. Sie hatten den Inhalt wahrscheinlich auf Narischkins Gesundheit geleert, und als am Morgen das Malheur entdeckt wurde, tobte der alte Korporal ganz außer Rand und Band über seine ungeratenen Söhne und fing an zu weinen. Am 14. März, es war ein grauer Tag, mit Regen drohend, langten endlich abends entscheidende Nachrichten an. In Alessandria habe das Militär revoltiert, verlange Konstitution, und der König, welcher bereits Turin verlassen, sei auf dem Wege hierher, um sich nach Frankreich zu flüchten. Auch in Nizza werde die Aufregung ärger, und man könnte stündlich einen Aufstand erwarten. Jetzt hatte Narischkin den Kopf verloren; er befahl, schnell aufzupacken und Pferde herbeizuschaffen. Er lief in höchster Aufregung, schnaubend und pustend, durch die Zimmer; es war mit ihm nicht mehr zu sprechen. Die Pferde kamen, er warf sich in den Wagen und fuhr bei dunkler Nacht und strömendem Regen ab. Der General, ich und zwei Diener waren allein zurückgeblieben in dem abgelegenen, einsamen Hause. Es sah alles recht wüst und zerstört aus; denn es waren Kleider, Koffer, Geräte aller Art zurückgeblieben und lagen zerstreut umher, und wir mußten lange hierbleiben, bis es uns möglich sein würde, Pferde zu erlangen. Es war eine unheimliche Nacht: stockdunkel, und der Regen fiel in Strömen herab. Kuriere jagten vorüber, und um Mitternacht kam abermals eine größere Abteilung Truppen, welche die Straße nach Alessandria zu marschierten. Beim Rauschen des Regens war ich trotz der Aufregung doch bald eingeschlafen und wurde früh halb sechs Uhr geweckt, um abzureisen. Ich war schnell fertig. Der General gab mir noch einen Brief an seinen Vater, da er selbst die Absicht hatte, nach Genua und weiter zu gehen. Und so verließ ich das schöne, für mich aber doch recht bitter gewordene Nizza bei Sturm und anhaltendem Regen und gelangte bald über die Grenze in das elende Nest St. Laurent, wo Narischkin bei einem Landmann sich einquartiert hatte. Ein Beamter der Douane hatte den Fürsten nebst Gefolge zu einem Frühstück eingeladen, welches nun vor der Weiterreise unter großem Zulauf der Kinder und eines Haufens Gesindel eingenommen wurde. Unter den Callotschen Gestalten, welche sich vor dem Hause herumtrieben, war auch ein brauner Bursche von etwa vierundzwanzig Jahren. Er hatte nichts auf dem Leibe als ein paar Fetzen, welche einst Hosen gewesen waren, jetzt aber wenig bedeckten. Ein Flickenkonglomerat stellte eine Jacke vor. So trieb sich dieser verwilderte Kerl herum und trieb allerlei Unfug. Einem kleinen Schuhputzer, welcher mit seinen Bürsten und Kasten auch vor dem Hause stand und gaffte, wo es nichts zu sehen gab, schlug dieser Strolch mit einem Prügel zu seinem Privatvergnügen so vor den Unterleib, daß das arme Kind furchtbar sich windend und schreiend niederstürzte und sich vor Schmerz nicht zu lassen wußte. Auf dies Zetergeschrei kam zwar anderes Gesindel herbei, sah aber dem Dinge ruhig zu. Nur eine ältere Frau sprang zornig auf den großen Lümmel los, entriß ihm den Prügel und bearbeitete damit so tapfer seinen Rücken, daß die quasi Jacke immer mehr ihrer gänzlichen Auflösung entgegenging; da aber der Bursche sich dem Weibe zu entwinden suchte, sie dagegen ihn an seiner Jacke festzuhalten bemüht war, stand sie plötzlich mit offenem Munde, den Prügel in der einen, den Jackenfetzen in der andern Hand, wie Potiphars Frau mit dem Mantel Josephs da, während der Geprügelte halbnackt entflohen war; die Jacke war »alle« geworden! Wir verließen nun St. Laurent und fuhren durch Olivenwälder an der Meeresküste hin und hatten bei Antibes noch einen schönen Rückblick auf die Gebirge und die herrliche Riviera. Bei Cannes zeigte uns der Postillon eine Meierei und einige Fischerhütten am Meere als die Stelle, wo Napoleon von Elba gelandet war. Als es Abend wurde, lag wieder das schöne Gebirge der Esterels mit seinen wilden Schluchten vor uns. Da wir die Nacht hindurch fahren wollten, hatte Narischkin eine Eskorte Gendarmerie zur Bedeckung über das Gebirge mitgenommen, welche dem kleinen Wagenzug vorausritten und einige ihn beschlossen, und so ging es hinauf und wieder hinab, bis wir sehr spät nach Fréjus kamen, endlich bei St. Lukas von der Hauptstraße ablenkten und den Weg nach Aix einschlugen, welches wir am Mittag erreichten. Der folgende Tag war trübe, kalt und stürmisch, als wir nach Avignon fuhren. Nachmittags wurde der Sturm, die Bise, die von den in Nebel gehüllten Savoyischen Alpen herblies, immer heftiger; es heulte und wimmerte wie Jammerstimmen über die steinicht öde Fläche, und die Postillione mußten mehrmals halten und die Pferde verschnaufen lassen. Ich saß allein in meinem Wagen, und meine Stimmung harmonierte zu der des Wetters, denn in Aix hatte es wieder einen heftigen Ärger gegeben mit des Fürsten wüster Laune; ich fühlte mich recht unglücklich. In Orange angelangt, wurde vom Postmeister dringend abgeraten, in der Nacht weiter zu fahren; die Wege seien unsicher und der Sturm so heftig, daß leicht ein Unfall passieren könne. – Es wurde demnach hier zu bleiben beschlossen und mir befohlen, vor der Abreise am anderen Morgen noch den Triumphbogen des Marius zu zeichnen, der unweit der Stadt an der Straße lag. Ich bat also v. Küchelbeker, mit welchem ich in einem Zimmer schlief, mich früh vier Uhr zu wecken, wenn er früher erwache als ich. – Behaglich war die Aufgabe nicht, bei diesem Wetter den Versuch eines Entwurfs des interessanten Bauwerkes zu machen. Doch meine Lust, eine neue Zeichnung nach der Natur zu gewinnen, war stets vorhanden, und ich scheute keine Mühseligkeit. Das Posthotel war in einem ehemaligen Kloster, ein schwarzes, schmutziges Gebäude mit langen Korridoren und großen, unheimlichen Zimmern. Unser Zimmer hatte trotz seiner Größe außer zwei mächtigen Himmelbetten nur noch einen Tisch und ein paar Rohrstühle, und als wir unseren Tee genossen hatten, legten wir uns schlafen, wo ich mir das Bett am Fenster gewählt hatte, um von der Morgendämmerung sogleich geweckt zu werden. Da hatte ich nun einen Traum, der mir deshalb merkwürdig war, weil Traum und Wirklichkeit sonderbar ineinander übergingen. Ich war in einem hohen, gotischen Dom, in welchem sich eine große Volksmenge befand, die einen von Kerzen und Kreuzen umgebenen Sarkophag umstanden! Ich dränge mich hindurch, um den aufgebahrten Toten zu sehen, und erblicke zu meinem Schrecken meinen guten langen Küchelbeker ausgestreckt und in weiße Tücher gewickelt im Sarge liegen. Wie ich ihn aus einiger Entfernung ängstlich betrachte, erhebt er sich plötzlich und will auf mich zukommen. Ich stürze jedoch, von panischem Schrecken ergriffen, zur Kirche hinaus, höre aber den Langen immer hinter mir herschlurfen, bis ich glücklich das Haus erreiche, in welchem ich eben war, stürze in mein Zimmer, in mein Bett – in welchem ich ja wirklich lag, und höre ihn endlich mit seiner hohlen Stimme meinen Namen rufen. – »Jetzt hat er mich, der Scheußliche!« ich schlage die Augen auf, und über mir gebeugt steht wirklich das weiße Gespenst, von einem matten Mondlicht beleuchtet, und ruft mich bei Namen. – »Was wollen Sie« – frage ich bestürzt! – Keine Antwort! Wir starren uns gegenseitig an, bis er nochmals meinen Namen ruft, ich nochmals vergeblich frage, und die lange gebückte Gestalt kopfschüttelnd in den nächtlichen Hintergrund des Gemaches in seinem Bette verschwindet. Ich wußte mir die Sache nicht sogleich zu erklären, sah nach dem Fenster, ob der Tag graue, allein es war noch Nacht, der Wind sang immer noch sein Jammerlied und trieb das Nachtgewölk über den Mond, und die Wetterfahne auf dem gegenüberliegenden Hause drehte sich knarrend bald rechts, bald links dazu, bis ich endlich wieder einschlief. Um vier Uhr erwachte ich nach Wunsch und eilte im halben Dunkel ins Freie. Das etwas ungeschlachte römische Altertum sah ich bald vor mir liegen und ich zeichnete es, so gut es eben gehen wollte, mit erstarrten Fingern und nüchternem Magen. Als die Wagen aus der Stadt kamen, war ich fertig damit, stieg in meinen Kasten, wo der gute Michal mir etwas kaltes Frühstück mitgebracht hatte, und jagte den anderen nach. – Küchelbeker hatte mich wecken wollen, da er glaubte, es könne schon Morgen sein, und meine Stimme war ihm unvernehmlich gewesen, weil er beim Erwachen jedesmal schwerhörig wurde. Auch heute brauste der Nordwind sein eintönig Lied und machte die Fahrt beschwerlich, weshalb wir am Abend, wo er immer am heftigsten sich erhob, in einem kleinen Orte über Nacht blieben. Es waren hier nur wenige Zimmer zu haben, weshalb ich mein Bett in dem Gemach, in welchem der Fürst sein Feldbett aufschlagen ließ, angewiesen bekam. Neben demselben wurde von Michal ein Tischchen mit einer gestickten, weißen Decke überzogen, ein Triptychon mit den dunklen, byzantinischen Gestalten der Mutter Gottes und ein paar Heiliger auf Goldgrund aufgestellt und mehrere niedere Wachskerzen davor angezündet. Narischkin bekreuzte sich wiederholt sehr eilig, ließ sich ein kleineres Bild zum Küssen reichen, und damit war dieser Hofdienst abgetan, und der Fetisch hatte nun die Verpflichtung, ihn für diese Nacht zu schützen. Dieser Eindruck drängte sich mir unwillkürlich auf; denn ich sah ja täglich, wie äußeres Bezeugen und die innere Gesinnung im grellsten Widerspruch standen, und nur darüber war ich im Zweifel, ob Aberglaube ein letzter schlechter Rest von verlorener Gottesfurcht sei, oder ein trüber Anfang und Anknüpfungspunkt für etwas Höheres! – Ich schlief wenig in der Nacht, weil mich die brennenden Kerzen, die in einiger Entfernung gerade vor mir standen, blendeten, auch war der Fürst unruhig, und der arme Michal, welcher auf dem harten Boden am Fuß des Bettes lag und wie eine Ratze schlief, wurde wiederholt mit einigen kräftigen Fußtritten geweckt, um bald dies, bald das darzureichen. Bei fortwährend schlechtem Wetter kamen wir über Chalons sur Marne und Auxerre endlich nach Paris, wo wir in der Nähe des Vendôme-Platzes, Rue de la Paix, ein Hotel bezogen. Hier begann nun ein durchaus anderes Leben. Narischkin speiste täglich bei seiner Tochter, der verwitweten Fürstin Suwaroff, einer heiteren und sehr schönen Dame, während alle Herren des Gefolges dispensiert waren und Diätengelder bekamen, um zu speisen, wo sie Lust hatten. Ich hatte noch ein paar Zeichnungen zu vollenden, wo dann die ganze kleine Sammlung geschlossen und dem Buchbinder übergeben wurde, der ein Meisterstück seines Gewerbes in dem Einbande lieferte. Daß ich die Kunstsammlungen im Louvre und Luxembourg so oft wie möglich besuchte, war natürlich, und ebenso, daß mein Urteil noch ein sehr unreifes war. Am meisten imponierten mir die Bilder der neueren französischen Schule: »Die Horatier«, »Raub der Sabinerinnen« und andere Darstellungen Davids aus der römischen Geschichte durch ihre lebendige Auffassung und theatralisches Pathos. Wie die Kunstmuseen zog mich das Theater an. Gleichwohl konnte ich dasselbe weniger besuchen, da mir das Geld dazu fehlte, wie ich später erzählen will. Doch sah ich den berühmten Talma in einem Trauerspiel des Racine, dessen pathetische Deklamationen zwar große Wirkung im Publikum hervorbrachten, mir aber wie greuliche Unnatur erschienen und unausstehlich waren. Potier dagegen, der hypochondrische Komiker, ergötzte mich höchlich; besonders erinnere ich mich mit Vergnügen einer kleinen Parodie des »Werther«, dessen Nachwirkungen noch spukten. Diesen stellte er als einen schlaffen, sentimentalen Menschen dar, welcher wie ein gähnendes Trauerspiel unter seinen Freunden herumwandelte, diese selbst verstimmte und endlich langweilt, bis es ihnen gelingt, durch Herbeiziehen der Katastrophe mit einem Knalleffekt die Sache zu Ende zu bringen. Werther nimmt in einem komisch-langweiligen Monolog Abschied von der Welt und knallt sich endlich eine rote Brühe – damit hatten seine Freunde die Pistole gefüllt auf seine schöne, gelbe Weste, Busenstreifen und Nasenspitze. Mit offenem Mund und klassischem Schafsgesicht steht er da, zu einem neuen Leben erwachend usw. Nicolai hatte bekanntlich seinerzeit einen solchen Schluß für den Roman vorgeschlagen und sogar bearbeitet; mit richtigem Takt brauchte der französische Verfasser das vorgeschlagene Motiv zu seiner Posse, – eine Verhöhnung zur Versöhnung! Wie ich schon erwähnt habe, waren meine Arbeiten zum Abschluß gekommen, und ich hatte Zeit und Muße, mich der Betrachtung der Herrlichkeiten zu überlassen, welche diese Weltstadt dem Fremdling in verlockendster Gestalt vor Augen bringt. Wie Rinaldo in den Zaubergärten der Armida, oder besser noch, wie Hans im Schlaraffenlande wanderte ich herum, manchmal wie betäubt von dem bunten Glanz des Lebens, der mich auf den Boulevards und den Hauptstraßen umstrahlte. Doch alle diese Verlockungen, denen so mancher unterliegt, der besser oder klüger war als ich, verschwendeten ihre Macht an mir vergeblich; ich war gefeit durch einen Begleiter, der mich auch späterhin die längste Strecke meines Lebens nicht ganz verlassen hat, den ich zwar nicht erwählt, ja sogar mich seiner gern entledigt hätte, welcher hier aber Engeldienste vertrat. – Das war die Armut! Das verhielt sich folgendermaßen: Narischkin hatte mir am Anfang der Reise einen kleinen Vorschuß zahlen lassen, von welchem ich nur wenig noch übrig hatte. Hier in Paris sollten wir uns selbst beköstigen und dafür Diäten erhalten. Dies war nun ganz schön, nur erhielt ich keine Diäten, oder nur dann und wann mit Mühe einige Taler. Der Fürst selbst war fast nie anzutreffen, oder er ließ sich nicht sprechen, der neue Sekretär und Kassierer, ein Herr Ducourville, zuckte die Achseln, wenn ich Geld verlangte, und klagte über leere Kasse; kurz, es kam dahin, daß ich manchmal nicht wußte, wo ich mein Mittagessen herbekommen sollte. Herr v. Küchelbeker wurde in Paris entlassen, weil er in einer öffentlichen Vorlesung über russische Literatur politische Ansichten ausgesprochen hatte, die den Fürsten zu kompromittieren schienen. Dr. Aliman hatte Bekanntschaften gefunden und half sich mit der Summe hindurch, welche er in Nizza verdient hatte, und Herr v Luzi war der einzige, der mir manchmal aushelfen konnte. In dieser Not hatte ich endlich nach Hause geschrieben, und der gute Vater schickte mir – was ihm gewiß schwer wurde – zehn Dukaten zur Aushilfe. Leider aber kam der Brief nicht in meine Hände und war auch durch Herrn Ducourville in dem Posterestante-Bureau nicht aufzufinden. Nach Monaten bekam ich ihn nach Dresden zurückgeschickt. So lebte ich denn sehr frugal, und um etwas Geld fürs Theater zu haben, nahm ich mein Diner in einer der vielen kleinen Kneipen, welche damals die Höhen des Montmartre krönten, in einem halben Fläschchen Wein, Brot und ein paar Eiern bestehend. Abends, wenn es finster war, versorgte ich mich meistens mit Brot und Früchten bei einer Obsthändlerin, womit für des Leibes Nahrung und Notdurft für ein Billiges gesorgt war und einige Franks übrig blieben für Theater oder andere kleine Ausgaben. Ich weiß nicht mehr, wie ich die Bekanntschaft eines Landsmannes machte, eines Dresdener Malers, den ich in einem kleinen Dachstübchen aufsuchte. Es war ein talentvoller Mann, namens Beyer, der sich aber höchst abenteuerlich und kümmerlich durchzuschlagen hatte und auch später schwerlich auf einen grünen Zweig gekommen ist. Durch diesen Beyer lernte ich auch den Kupferstecher Plieninger kennen, einen Württemberger, welcher meist in Aquatinte arbeitete und damals mit den »Tageszeiten« nach Claude beschäftigt war. Es sind dies die vier berühmten Bilder, welche sich einst in der Kasseler Galerie befanden und von dort nach Petersburg gekommen sind. Bei Gelegenheit der Taufe des Herzogs von Bordeaux, Heinrich V., sah ich auch den König Ludwig XVIII. auf einen Augenblick, als er eben in den Wagen stieg; eigentlich nur seinen Revers, eine dicke rote Wange, gepudertes Haar mit einem Zöpfchen, einen mächtigen breiten Rücken, und was darunter war, sein Regierungssitz, so umfangreich, daß er von den beiden kleinen Frackschößen nicht zu bedecken war. Wenn ich später in der Geschichte von ihm las, trat er mir jedesmal in dieser fatalen partie honteuse in die Erinnerung! Das Tauffest wurde glänzend gefeiert, und ich trieb mich besonders auf den Champs Elysées herum, wo es sehr ergötzliche Volksszenen gab; denn es waren auf dem ganzen langen Wege bis zum Arc de l'étoile Tribünen erbaut, aus welchen Röhren roten Wein ergossen, und das Gesindel in Krügen, Töpfen, Mützen und alten Hüten den edlen Trank auffing, sich darum drängte, balgte, beim Trinken im Gedränge damit völlig übergoß, oder auf dem mit Wein getränkten Boden ausglitschte und die mühselig durchgebrachte Errungenschaft wieder vergoß – kurz, es gab hier bei der französischen Lebhaftigkeit und Lustigkeit die wunderlichsten Szenen. Schade war es freilich um den Wein, von dem mindestens zwei Drittel verlorenging. In der Mitte des Weges hatten sich andere Volksmassen aufgepflanzt, welche die Würste auffingen, die in hohen Bogen wie Bomben herausgeschleudert wurden und verursachten, daß da ganze Knäuel von Menschen am Boden lagen und einer dem andern die Beute zu entreißen suchte, so daß auch hier mehr verwüstet als gewonnen wurde. Schön war das nun eben nicht anzusehen, aber es machte dem Volke großen Spaß, und diese tolle Lustigkeit ergötzte schließlich auch die Zuschauer. Auf den großen Wiesenplätzen, zur Seite des Weges waren Tanzplätze, Karussells und sehr hohe Masten, oben mit seidenen Tüchern behangen, aufgestellt. An einem derselben hing noch am späten Abend auf der obersten Spitze der Hauptpreis, eine goldene Uhr. Ein Bäckergeselle hing ebenfalls schon seit einer halben Stunde in der halben Höhe des Mastes, der, oben mit Seife bestrichen, immer schlüpfriger wurde und das Hinaufkommen erschwerte. Der Bursche hatte Ausdauer und wußte sich schließlich zu helfen, indem er das Hemd mit der einen freien Hand sich über den Kopf auszog und damit die Seife abwischte. So gelang es ihm auch, das letzte, schwierigste Stück noch hinaufzurutschen, wobei ihm aber das Malheur passierte, daß die locker gewordene Hose sich abstreifte, und den Zehntausenden des versammelten Publikums, welche dem beharrlichen, kühnen Bäckergesellen mit Spannung nachsahen, einen Anblick darbot, welcher, ohne sie zu beleidigen, mit einem so kolossalen, schallenden Gelächter begrüßt wurde, wie ich es später in meinem ganzen Leben nicht wieder gehört habe. Aber er griff nach der Uhr und fuhr wie ein Pfeil mit derselben herab. Ausdauer behält den Preis, und das war die Moral von der lustigen Geschichte! Mit meinen Genossen hatte ich im Mai einige Ausflüge gemacht. So sahen wir Fontaineblau. Im Schlosse wurde uns das Zimmer gezeigt, wo Napoleon I. seine Abdankung unterzeichnet, die letzte Nacht zugebracht hatte. Alles – auch das ungemachte Bett war, wie er es vor fünf Jahren verlassen hatte. Ein anderer Ausflug brachte uns nach St. Cloud und Versailles. Der prachtvolle Baumwuchs im Parke des ersten Schlosses ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. So kam denn die Zeit der Abreise heran. Es war allerdings die Rede gewesen, einige Wochen nach London zu gehen. Jedoch mochten die großen Kosten zuletzt davon abgeschreckt haben, besonders da Narischkin – wie man erzählte – große Summen im Spiel verloren hatte. Mit v. Küchelbeker traf ich noch einigemal zusammen. Er und ein junger, reicher Pole – ein widerlicher Wüstling – hatten sich ein Pferd und kleinen Wagen nebst einer wüsten Dirne angeschafft, mit welcher sie – ein liederliches Kleeblatt – Paris verließen. Ich traf sie in Deutschland noch einmal an und will gleich das Finale Küchelbekers hinzufügen. Ich las später in den Zeitungen, wie sich Küchelbeker 18. . bei der Verschwörung gegen Kaiser Nikolaus beteiligt hatte, von Petersburg entflohen war und bei einem Freund in Warschau Versteck gefunden hatte. Als er aber hier aufgespürt worden war, nahm er Gift und entging damit dem zeitlichen Gerichte. Der Fürst reiste nun ab und nahm seinen Weg nach Brüssel, während Herr v. Luzi, welcher durch den gewandten, schlauen Ducourville entbehrlich geworden war, mit mir – dem jetzt ebenfalls entbehrlichen Maler – über Nancy und Straßburg nach Bruchsal geschickt wurde, wo wir Narischkin zu erwarten hatten. Wir fuhren an einem schönen Junimorgen die Abhänge der Vogesen bei Savern hinab in die reiche, blühende Rheinebene. Wie jubelte ich im Herzen, als wir Land und Leute so deutschen Gepräges wieder erblickten! Aus der grünen Ebene erhob sich weit sichtbar die hohe Pyramide des Münsterturmes; wir passierten den stolzen Rhein und warteten endlich in Bruchsal einige Tage auf des Fürsten Ankunft. Endlich kam er, aber nicht wohlgelaunt. Er hatte in Brüssel abermals eine sehr große Summe im Spiel verloren, und so ging es ohne großen Aufenthalt, etwas ökonomisch und ziemlich still, der Heimat, der lieben Heimat entgegen. Am 23. Juni nachts kamen wir in Leipzig an und übernachteten im Hotel de Pologne. Anderen Tages, nach dem Mittagessen, wurden die Reisewagen vorgefahren, und ich sollte mich hier trennen, da Narischkin über Berlin reiste. Da ich noch den größten Teil meines Gehaltes zu fordern hatte, so war mir jetzt bei der eingetretenen Geldkalamität etwas bange, und Aliman hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Doch endete sich alles gut; der Fürst rief mich auf sein Zimmer, wo hundert blanke Dukaten auf dem Tisch aufgezählt waren. Er übergab sie mir als mein Guthaben, sagte mir noch einige freundliche Worte und ging hinab nach dem Wagen. Auch von den anderen Reisegefährten wurde schnell Abschied genommen, und sie rollten die Straße hinab. Da stand ich denn wieder in meinem Zimmer und mußte tief Atem schöpfen: ich war frei! ich war wieder frei! Ein bleischwerer Druck, der bisher auf dem Herzen gelegen hatte, er war verschwunden; dazu hatte ich einen Beutel voll Gold, wie ich so viel beisammen nie gesehen, viel weniger besessen hatte. Ach, wie glücklich ich war! Ich lief in meinem Stübchen eine Zeitlang hin und her und sagte mir nur immer vor: Ich bin frei, wieder frei! welch ein Glück! Sogleich eilte ich zu einem Lohnkutscher und nahm einen Platz für den anderen Morgen in seinem Wagen; denn damals machte man die Reise von Leipzig nach Dresden stets in diesen Lohnkutschen, weil die Postwagen schlechter waren und ebensolange Zeit brauchten. Es war der 24. Juni, das liebe Johannisfest, und damals herrschte noch die fröhliche Sitte, daß die Kinder um Blumenpyramiden tanzten (denn es ist ja die Rosenzeit) und die Vorübergehenden mit bunten Bändern an den Armen festhielten, wo man sich mit einer kleinen Gabe lösen mußte. Der Pfennig oder Kupferdreier wurde in ein Schüsselchen gesammelt und mit dem gesammelten Schatz ein schönes Abendbrot angeschafft. Einen grünen Salat mit Eiern oder wohl gar Erdbeeren und Eiersemmeln. Der Philister hat sich aber über die fröhlichen Kindergesichter nur geärgert, und so wurde das alte, hübsche Fest später polizeilich verboten. Als ich nachmittags ins Rosental spazierte, fand ich überall die lustigen, um die Blumen tanzenden Kindergruppen vor den Häusern, und ich, im Gefühle meines großen Glückes, beschenkte die Anbinder zu ihrem freudigsten Erstaunen mit Silbermünze, was denn jedesmal in der kleinen Schar ein allgemeines Jubelgeschrei hervorrief. Nach einer Fahrt von ein und einem halben Tage sah ich die lieben Eltern und Geschwister wieder. Meinen guten Papa beschenkte ich mit der goldenen Repetieruhr, welche ich vom Fürsten in seiner gnadenreichen Zeit erhalten hatte. Papa freute sich so sehr über die schöne Uhr, während ich für solche Sachen nicht das geringste Interesse hatte. Gegen Abend aber trieb es mich sehnsüchtig nach dem kleinen Einnehmerhäuschen am Dippoldiswalder Schlage. Vetter Ephraim und seine seelensgute, heitere Frau empfingen mich so erfreut und herzlich, daß mir unendlich wohl dabei wurde. Mit meiner Auguste aber durfte ich ins Gärtchen gehen, wo wir lange noch in der Laube saßen, von wo man über die Kornfelder hinweg nach den nahen Räcknitzer Höhen sehen konnte. Da gab es gegenseitig viel, viel zu erzählen, und es ist wohl mehr als wahrscheinlich, daß wir uns auch geküßt haben. Sieben Monate hatte ich in einem Kreise zugebracht, wo jeder für sich allein besorgt war, keines sich für das andere interessierte, und in so liebeleerer Atmosphäre war ein Wehe über mich gekommen, das mich manchmal ganz verzweifelt machte. – Nun aber schlugen wieder warme Herzen um mich, denen gegenüber ich mich geben konnte, wie ich war, und die mich lieb hatten, wie ich sie. Studienzeit 1820-1823 So war ich denn wieder in der lieben Heimat und in die alten Verhältnisse bald wieder eingelebt; nur daß ich mehr Selbständigkeit erlangt hatte und über meine Zeit freier verfügen konnte. Für mein freundliches Arbeitsstübchen konnte ich jetzt dem guten Vater einen kleinen Mietsbeitrag geben, wie der Mutter ein Billiges für die Kost; denn wir waren vier Geschwister, welche mittags allesamt mit einem guten Appetit gesegnet um den Tisch saßen; außer mir Bruder Willibald, der jüngere Julius und Schwester Hildegard als Nesthäkchen. Es erging ihnen, wie es mir ergangen war; es war nämlich niemals die Rede davon, was dieser oder jener werden wollte; zu welchem Berufe sie etwa Lust und Neigung hätten; auch kam keines von ihnen auf dergleichen ausschweifende Gedanken, selbst Schwester Hildegard nicht, sondern ein jedes griff seinerzeit zu Papier und Bleistift, suchte sich ein Plätzchen womöglich am Fenster und zeichnete drauf los nach irgendeinem beliebigen Originale, wie dieselben in des Papas Mappen vorhanden waren. Selten konnte der angestrengt fleißige Vater sich um uns kümmern, selten nur eine Korrektur vornehmen. Es wurde aber im ganzen Revier gezeichnet, getuscht, gemalt, auch geseufzt und darauf mit Gummielastikum tüchtig ausgerieben wie in der besten Akademie. Es mußte sich eben alles wie von selbst machen, und es machte sich auch. Bei mir war es allerdings jetzt ein anderes. Ich konnte ja selbständig etwas leisten, radierte Prospekte für Papa Arnold, dessen Familie ich öfter des Abends besuchte, und verdiente durch diese Arbeiten meinen Lebensunterhalt. Die andere Hälfte meiner Zeit war den Studien gewidmet, welche mir vorderhand nichts einbrachten. So malte ich außer ein paar kleinen Ölbildchen auch ein etwas größeres eigner Komposition, ein Motiv von Nizza, zur idealen Landschaft umgestempelt, als Staffage ein wandernder Sänger bei einer Hirtenfamilie. Es spukte nächst Claude etwas Geßner in dem Bilde; denn ich verehrte letzteren hoch, und noch jetzt erfreuen mich die beiden Quartbände seiner Idyllen, die ziemlich seltene Prachtausgabe mit den schönen Radierungen. Ich bedauerte zwar schon damals, daß in seinen so echt deutsch empfundenen Landschaften die totgeborenen Daphnes und Chloes, Menalkes und Phyllis herumliefen, in einer Natur, in welcher sie durchaus nicht heimisch waren. Aber eben diese landschaftlichen Schilderungen brachten in Wort und Bild so viel fein empfundene und reizend dargestellte Züge, die geheimen Schönheiten der Natur hatten sich ihm auf Weg und Steg so freigebig erschlossen, wie es mir bei einem älteren Maler kaum vorgekommen war. Nichts war darin Manier, nichts Nachahmung als seine leidigen Menschen, welche allerdings aus dem Gipssaal stammten, wohingegen er in dem Landschaftlichen immer ein Selbsterlebtes, Selbstempfundenes wiedergab. Man halte diese Blätter nur einmal neben das, was seine Zeitgenossen geschaffen haben, selbst solche, die er studierte, wie z. B. Dietricy oder Zingg, Aberli, Felix Meyer, Weirotter, Klengel, Schütz u. a., so wird man seine hervorragende Stellung nach dieser Seite mehr würdigen, als es bisher geschehen ist. Seine radierten Sachen (und namentlich die genannten Blätter zur großen Ausgabe der Idyllen) verhalten sich zu den obengenannten wie Natur zur Manier, wie Poesie zur Phrase. Die landschaftliche Naturauffassung Salomon Geßners und die schlichte, innerlichst wahre Darstellung der Menschen seiner Zeit, wie sie Daniel Chodowiecki uns vorführt, sind doch mit sehr wenig Ausnahmen das einzige, was man noch von den Kunstschöpfungen jener Periode genießen kann, und ihr Talent brachte deshalb Lebendiges hervor, weil sie die Dinge, die sie schilderten, innerlich erlebt und mit leiblichen Augen gesehen hatten, während andere konventionellen Kunstregeln folgten. Ich weiß wohl, es gibt höhere Kunstgebiete, viel höhere, als welches die Genannten eingenommen haben; allein solche können nur dann mit Erfolg erstiegen werden, wenn die Zeit dazu angetan ist. Nur im Strome einer großbewegten Zeit, in welcher ein Sehnen, Drängen und Ringen entsteht nach den höchsten Gütern des Daseins, nur in einer solchen können Geister sich entwickeln, welche die Kraft haben, die höchsten Ideen zu gestalten und den göttlichen Gestalten Fleisch und Blut zu verleihen. Das Wort muß Fleisch werden! Außer diesem Bilde führte ich noch zwei große Landschaften in Sepia aus, das Paglionetal bei Nizza und eine Aussicht über Toulon und seinen Meerbusen, beide Arbeiten noch in einer weichen, verschwommenen Manier. Ich las damals im Matthisson, und dessen Sentimentalität scheint etwas angesteckt zu haben. Den größten Teil meiner Zeit nahm aber meine Beteiligung an dem zweiten Teil von »Dresdens Umgebungen« in Anspruch, an welchen ich das Landschaftliche und meistens auch die kleinen Staffagen machte, während dem Vater die Architektur und das Ätzen der Platten überlassen war. Diese Tätigkeit erhielt mich auch fortwährend in Verband mit Papa Arnold, welcher, ohne jemals Worte darüber zu machen, seine volle väterliche Zuneigung mir zugewendet hatte und sich an meinem Streben und Vorwärtskommen im stillen erfreute. Wie schon früher brachte ich wenigstens einen Abend in der Woche bei ihnen zu. Da saß nun Papa Arnold etwas abseits vom Tisch, damit ihn die Lampe nicht blende, und sah die Handlungsbücher durch, welche ein Lehrling nebst den Schlüsseln um sieben Uhr heraufgebracht hatte, horchte dazwischen auf das Gespräch am Tisch, indem er es von Zeit zu Zeit mit einem Brocken gutmütiger Ironie oder einer belehrenden Bemerkung spickte, und verzehrte hier im Lehnstuhl sein einfaches Abendbrot, ein kleines Schüsselchen mit gekochten Pflaumen oder einer Hafergrützsuppe. Wir anderen dagegen pflegten des Leibes bei den Fleischtöpfen Ägyptens, womit Mama Arnold den großen, runden Tisch so überreich besetzt hatte, als gelte es eine Armee zu speisen, während es doch nur fünf oder sechs Personen waren. Nach Tische brachte die freundliche Gottwerthchen Neuigkeiten aus der Handlung, besonders waren es die damals sehr beliebten Taschenbücher und Musenalmanachs mit den Rambergschen Kupfern, welche stets willkommen geheißen wurden und uns höchst erfreuten. Der alte Herr Fromm ließ seine Anekdoten und Neuigkeiten schnurren wie vor Jahren, und nur der geliebte dicke Mops, welcher sich auf das Fußbänkchen gelegt hatte, gab zuweilen durch ein sanftes Schnarchen zu erkennen, daß er den Gesprächen seine Teilnahme nicht zu widmen gedenke. – Die weiten Räume des alten Hauses, das hohe Wohnzimmer mit dem Erker nach dem alten Markt hinaus, ganz einfach, aber solid möbliert, die anspruchslose aber behäbige Einfachheit und Treuherzigkeit ihrer Bewohner mit ihrem nicht kritisierenden, aber genießenden Anteil an allem, was von Literatur oder Kunst ihnen nahe kam, gab mir recht das Bild schönen altbürgerlichen Lebens. Noch anziehender als diese Abende bei Arnolds waren mir die Stunden, die ich nach der Tagesarbeit in dem kleinen Einnehmerhäuschen am Dippoldiswalder Schlage zubringen durfte. Vetter Ephraim wurde mir bald gewogen, und noch mehr besaß ich das Herz seiner trefflichen Frau, die ich nicht nur liebte, sondern auch oftmals bewundern mußte, wenn ich sah, mit welchem gleichmäßig heiteren Mute und verständigen Verhalten sie die Launen und das despotische Gebaren ihres Eheherrn zu behandeln verstand. Denn obwohl er anderen gegenüber den Mann von feinster Manier heraussteckte – er war ja Kammerdiener des Hofmarschalls Grafen Lohse gewesen und hatte ihm glücklich alles »abgeguckt« in Gang und Miene, bis auf die graziöse Art, eine Prise aus der Silberdose zu nehmen-, so ließ er doch sans gêne den alten Adam walten gegen die Hausgenossen. Nicht die leiseste Miene, noch weniger ein Wort der Einwendung gegen seine Befehle durften gewagt werden, ohne seinen heftigsten Unwillen herbeizuziehen. Unter der Pflege dieser teils harten, teils liebevollen Zucht war Auguste herangewachsen, denn die gute Muhme war ihr die liebevollste Mutter, Vertraute und Freundin; unter ihrer tüchtigen Leitung lernte sie gründlich das Hauswesen führen, lernte das stille Schaffen und unermüdliche Tätigsein im Hause, während der Vetter ihr praktische Lektionen gab nach dem Spruch: »Seid gehorsam nicht allein den gütigen und linden Herren, sondern auch den wunderlichen«, und es liegt gewiß etwas den Charakter Stählendes darin, wenn ein starkes Herz sich selbst zu bezwingen gelernt hat. Vorderhand sah ich freilich nicht mehr, als daß mir einesteils Manier und Affektation, andererseits gesunde Natur entgegentrat, wie mir dergleichen mein Daniel Chodowiecki in seiner bekannten Suite künstlerisch oftmals vorgeführt hatte! Augustens anspruchsloses, ruhiges Wesen, das sich doch überall resolut und heiter in praktischer Tat erwies, wurde mir immer lieber, und die Stunden in ihrer Nähe zugebracht machten mich unaussprechlich glücklich. Zur Sommerzeit in den Abendstunden war ich dann mit Gustchen meistens in dem kleinen Blumengarten, der hinter dem Hause lag und mit einer Laube abschloß, an welcher ein Altan, etwas erhöht, einen Blick ins Freie bot. Es zog sich damals nur ein sehr einsamer Fußweg an den Gärten hin, welche die Stadt an dieser Seite begrenzten und von welchen unmittelbar sich weite Kornfelder bis zu den Höhen von Plauen und Räcknitz hinaufzogen. Die Einsamkeit dieses Fußpfades wurde nur zuweilen von einem seufzenden oder verlassenen Liebhaber oder einem glücklichen Liebespaar oder einem menschenscheuen Hypochonder – und am öftesten von der stattlichen Gestalt des rüstig einherschreitenden Oberhofpredigers v. Ammon belebt. Wenn ich jetzt in jene Gegend komme und die Stelle suche, wo ich so glückliche Stunden zugebracht habe, so finde ich alles bis zur Unkenntlichkeit verschwunden. Prachtgebäude, schöne Villen mit Gärten, lange Straßen überdecken die Fluren, wo die Felder sich breiteten, und das Zischen, Brausen und Pfeifen der Lokomotiven vom Bahnhofe sowie das Rollen ab- und zufahrender Wagen, das Strömen bunter Menschenmassen haben schon längst den Frieden vertrieben, der sich so freundlich hier gelagert hatte. Hier also auf der Bank am Garteneckchen saßen wir so manche liebe Stunde, Gustchen mit einer Arbeit beschäftigt, ich plaudernd oder etwas vorlesend. Sie erzählte, wie ihre Eltern, die ein Landgut in der Niederlausitz gepachtet hatten, große Not in den schweren Kriegsjahren erlitten und dann beide schnell hintereinander gestorben waren. Sie wurde als vierjähriges Kind nach Dresden gebracht, wo der Vetter und die Muhme, da sie kinderlos waren, die kleine Waise an Kindes Statt annahmen und gewissenhaft für ihre Erziehung sorgten. Ich dagegen brachte wohl zuweilen etwas von meinen Reiseerlebnissen in Frankreich vor, erzählte ihr, wie schon mehrere meiner Studiengenossen nach Italien gezogen seien, andere ihnen bald folgen wollten, wie für mich aber keine Möglichkeit vorhanden sei, dies Land der Künstlersehnsucht je zu sehen. Ach, und wie groß war die Sehnsucht danach! Gerade weil, ich nicht die mindeste Aussicht hatte, den Gedanken an die Möglichkeit nicht einmal hegen durfte, gerade dadurch wurde der Stachel nur schärfer. Ich las Stolbergs – der Elise von der Recke vielbändige Reise nach Italien und fand zuletzt in Friedländers und des von den jüngeren Künstlern besonders geliebten Kephalides Reisebuche nur neue Nahrung meines Kummers. So glich ich dem Hungernden, welcher den Bratengeruch, der das Haus durchduftet, mit Wollust einschlürft, welcher aber nicht für ihn, sondern für andere bestimmt ist. Gustchen beklagte, daß die Märchenzeit vorüber sei, wo man sich doch mit der Hoffnung tragen konnte, einer guten Fee oder reichen Zwergen zu begegnen, die mit leichter Mühe ein übriges tun konnten. Es schien, als solle mir dasselbe Schicksal erblühen, welches des guten Vaters Geschick war und sein eifrigstes Streben zur Erschöpfung gebracht hatte: ein vergebliches Abmühen an Arbeiten, welche zu unkünstlerisch waren, um die Kräfte zu entwickeln, zu beschränkt, um nur die vorhandene Kraft völlig zu verwenden. – Indes: die Jugend hat einen guten Magen und verdaut vieles, wenn sie, nicht zum Reflektieren geneigt, den guten Mut und die Sorglosigkeit wieder obenauf bringt! Ich radierte meine Prospekte und stahl so viel Zeit als möglich dieser handwerksmäßigen Tätigkeit ab, um wenigstens nebenbei zum Studieren nach der Natur und zum Malen zu kommen. Die Kunstausstellung im Sommer 1822 brachte einige kleinere Gemälde aus Rom, welche einigen Aufschluß gaben über die neue Richtung, welche die junge Generation eingeschlagen hatte. Für mich waren von besonderem Interesse ein Bildchen aus der Campagna – di Roma von Götzloff und Bilder von Klein und Catel. Der Unterschied dieser Produktionen gegen Klengel, Klaß, die Fabers war überraschend; ein Verschmähen der bisher geltenden Kunstrezepte und Regeln, aber um so strengeres und höchst liebevolles Anschließen an die Natur, geadelt durch ein gewisses Stilgefühl, was sie den ältesten Meistern abgelernt hatten. Eine große bewunderungswürdig ausgeführte Landschaft von Rhoden, im Besitz des Herrn v. Quandt, erregte großes Aufsehen. Der alte Veteran Klengel, welcher, durch Gicht gelähmt, die Ausstellung nicht besuchen konnte, ließ sich durch seinen Schüler das vielbesprochene Bild beschreiben, und als dieser ihm von den prachtvollen Gruppen immergrüner Eichen und Pinien erzählte, von den Büschen blühenden Oleanders und den mit Goldfrüchten beladenen Orangen, da rief der Alte erschrocken: »Jetzt hören Sie auf, ich brauche nichts weiter zu hören!« – Ein solches Eingehen in die charakteristischen Einzelheiten der Pflanzenwelt war ihm ein Greuel, da sein »Baumschlag« für den ganzen Abend ausreichen mußte. Oehme hatte auf derselben Ausstellung ein Gemälde, in Friedrichs Art gedacht und gemacht. Ein nebliger Wintermorgen. Aus einer gotischen Halle sah man auf einen beschneiten Klosterhof, während ein Zug Mönche einen Sarg nach der erleuchteten Pforte einer alten Kirche trug. Eine zweite Landschaft, eine Partie aus Maxen, hatte er für Major Serre gemalt. Maxen war ja lange Jahre ein Sammelort interessanter Persönlichkeiten und künstlerischer Kräfte, und Oehme mit der Familie Serre wohl bekannt und durch seine liebenswürdigen geselligen Talente ein sehr gern gesehener Gast. Ersteres Bild, der Klosterhof, erregte die Aufmerksamkeit des Kronprinzen Friedrich August, welcher es zu kaufen wünschte. Oehme hatte aber die Absicht, es dem Prinzen zu verehren, weil es sein erstes Bild sei, was er gemalt habe, und mit welchem er eine neue Laufbahn eröffnen wollte. Der Kronprinz nahm den talentvollen »ersten Versuch« freundlich an und bestimmte dem Künstler ein Reisegeld nach Italien auf mehrere Jahre, ihm so die Mittel bietend zu seiner weiteren Ausbildung. Der Glückliche packte seinen Koffer und zog nach Rom! Es war unter den jungen Malern, die allabendlich in einem gemeinsamen Vereinslokal lustig und strebsam verkehrten, ein Regen erwacht, eine Sehnsucht nach dem goldenen Süden, wie nie zuvor. Alle wollten das neue Licht an seiner Quelle schauen, es war, als strömte ein wundersames Pulsieren aus der so fernen Alma Roma in alle jungen Herzen, und von einer Sehnsucht, einem begeisterten Zug wurden sie ergriffen wie die Wandervögel, wenn der Frühling kommt. Von Dresden waren bereits die Mecklenburger Schumacher und Schrödter, der Hamburger Flor, der Meininger Wagner und Draeger (aus Trier) abgereist. Oehme und der Landschaftsmaler Heinrich folgten; auch Lindau und Berthold aus Dresden hatten dem allgemeinen Zuge nicht widerstehen können und hatten, letztere beiden mit wenig Talern in der Tasche – man sagte zwanzig bis dreißig –, den weiten Weg per pedes apostolorum zurückgelegt. Meist bei gutherzigen Bauersleuten nach angestrengtester Wanderung einkehrend, mit Brot, Früchten und Milch sich nährend, hatten sie das Ziel erreicht. Berthold büßte freilich die übergroßen Strapazen bei Einsiedlerkost mit dem Leben, denn der Ärmste starb bald darauf – zwar am Ziel seiner Wünsche – an der Abzehrung und liegt an der Pyramide des Cestius begraben. Ich kannte nur wenige dieser jungen Künstler und stand außerhalb ihres heiter belebten Kreises. Der Vater, ein Feind alles Extravaganten, wollte weder von der neuen Richtung und noch weniger von diesen Persönlichkeiten wissen, welche in altdeutschen Röcken, Sammetbaretts, langen Haaren und Halskrausen, mit schweren Ziegenhainern und Fechthandschuhen in und an den Händen sehr auffallende Erscheinungen waren und deren phantastisches Auftreten dem ehrsamen Bürger ein Lächeln abnötigte, wenn sie nicht gar als Greuel und Scheuel von ihm betrachtet wurden. Ich selbst hatte nur zu lebhaft das Gefühl, daß ich noch gar nichts könne, daß ich nichts sei, als ein Prospektenschmied, welcher in einer ziemlich geschmacklosen Manier für den Bedarf des Buchhandels arbeite und prädestiniert sei, dabei zeit seines Lebens zu bleiben. Hätte nicht ein Etwas in mir sich geregt, eine Ahnung von dem, was wahre Kunst sei, und eine stille Hoffnung, auf irgendwelchen Wunderwegen zu ihr zu gelangen, hätte ich mich in meinen bisherigen Leistungen als an meinem Platze gefühlt, ich würde mich nicht gescheut haben, mit jenen Verkehr zu suchen. Jetzt aber stand ich schüchtern und beschämt zur Seite. Niemand von ihnen kannte mich, ich nur wenige und auch ohne näheren Verkehr. In einer Kunsthandlung sah ich einst ein Heft radierter Landschaften von Ch. Erhardt, welche eben herausgekommen waren. Diese Blätter gefielen mir überaus, und ich kaufte sogleich, was ich davon vorfand. Seine Art war mir verständlicher als Waterloo, Both und Swanevelt. Alles und jedes wußte er mit feinster Charakteristik hinzustellen, aus jedem Striche leuchtete ein liebevolles Verständnis der Natur, ein treues Nachempfinden jeder Schönheit und Eigentümlichkeit bei reizend lebendiger Behandlung. So wollte ich auch die Natur studieren, und ich nahm die Blätter in meine Mappe und wanderte sogleich damit nach Loschwitz. Der einsame, kleine Ziegengrund mit seinen Abhängen und den schönen Buchengruppen gab nun herrliche Motive und Studien, wobei die Erhardtschen Blätter betrachtet und ähnliche Gegenstände mit der Natur verglichen wurden. So hatte ich in diesem kleinen Kunstbesitz gewissermaßen einen Lehrmeister gefunden, welcher mir von großem Nutzen war, mich recht wesentlich förderte. Der Winter von 1822 zu 1823 kam und ging vorüber unter Vollendung des zweiten Bandes der Ansichten von Dresden und seiner Umgebung, welchem noch fünf größere Kupferplatten von der Bastei bei Rathen folgten, welche im Frühjahr fertig wurden. Dem kleinen Einnehmerhäuschen lenkten sich so oft wie möglich und schicklich am liebsten meine Schritte zu; das geordnete, saubere Stilleben des Hauses, in dem das heitere, treuherzige Gustchen waltete und alles so schmuck erhielt, war und blieb mein heimliches Paradies. Manchen schönen Maiabend brachten wir wieder im Gärtchen zu, wo bereits unzählige Rosenknospen aus dem Blättergrün hervorschimmerten, weiß und rot, und wo wir zusammen unsere Pläne für den Sommer besprachen, als urplötzlich – keine schöne Fee, sondern der gütige Papa Arnold eine totale Veränderung der ganzen Szene hervorrief. Die Arbeiten für ihn waren beendigt, die Aufnahme derselben im Publikum eine überaus günstige und deshalb lohnende für den Verleger. So kam denn eines Vormittags der gute Papa Arnold zu uns, besprach mit dem Vater noch einige nachträgliche Korrekturen an dem Werke, erzählte von dessen glücklichen Erfolgen und fügte dann endlich freundlich bei, nun müsse auch für mich etwas getan werden Ich müsse Gelegenheit bekommen, mich weiter auszubilden, und da er wisse, wie mein Sehnen auf Rom stehe, so möge ich recht bald mein Bündel schnüren und ihm die Sorge für das Reisegeld überlassen. – Ich horchte hoch auf, wurde bleich und rot und drückte ihm, im ganzen Gesichte vor Freude strahlend, beide Hände – wie glückselig! –, während mir die Tränen über die Backen liefen. Worte hatte ich nicht oder ich stotterte nur ein Weniges hervor; aber wie glücklich er mich machte, sah er mir an und bedurfte gewiß keines anderen Ausdrucks. »Ja – wissen Sie was, lieber Freund«, fing er wieder an, »wir machen das so: ich gebe Ihnen vorderhand vierhundert Taler jährlich, und zwar in vierteljährlichen Raten, und das wollen wir einstweilen auf drei Jahre festsetzen; so können Sie in Ruhe studieren, und das Weitere wird sich finden.« Das sagte er alles so schlicht und herzenswarm, wie es immer seine Art so war; und wenn ich heute, nachdem ein halbes Jahrhundert seit jener Stunde verflossen ist; daran zurückdenke, so bewegt sich mein Herz von innigstern Dank erfüllt, von Dank gegen ihn, der auf so edle Weise meiner gehemmten Kraft Luft schaffte, sich frei zu gestalten, und von Dank gegen Gott, der ihn mir geschickt hatte als meinen Helfer. Ich war mit einem Schlage frei von dem Druck ägyptischer Dienstbarkeit, die hoffnungslos auf meinem Leben lastete und den eingeborenen Trieb nicht nur hemmte, sondern mit der Zeit zu vernichten drohte, und mit einem Zuge war der Vorhang weggeschoben, und der selige Blick sah das gelobte Land vor sich liegen, das Land einer bisher hoffnungslosen Sehnsucht, wohin der Weg nun gebahnt war. Nun durfte ich hoffen, einst auch anderen gegenüber es dahin zu bringen, das im Grunde der Seele ruhende stolze Wort auszusprechen: »Anch' io sono pittore!« Vater Arnold verließ mich freundlich und innerlich erfreut: er hatte ja einen jungen Mann unausdenklich glücklich gemacht, und ich, ich war wie betäubt und wußte lange nicht den Wechsel zu fassen. Welche Freude gab es nun in der ganzen Familie über dies mein Glück, und wenn mir die Psalmen damals bekannt gewesen wären, so hätte ich wohl den besten Ausdruck für meinen Zustand in dem 126. finden können. Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, So werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens Und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen: Der Herr hat Großes an uns getan; Des sind wir fröhlich! Nach Rom! Von meiner lieben Auguste hatte ich tags zuvor Abschied genommen. Sie weinte heiße Tränen über die bevorstehende langjährige Trennung, während in meinem Herzen ein fortwährendes Jubilieren vorherrschend war. Die Aussicht, nach Rom zu kommen, ließ eine tiefergehende Rührung wohl nicht aufkommen. Ich ging also am andern Tage nachmittags zur Post. Der Vater und Ephraim Böttger begleiteten mich dahin; der Koffer wurde auf das große gelbe Ungeheuer – was die damaligen Postkutschen waren – aufgepackt, und der Kondukteur fragte, ob er nicht auch mein altes, schäbiges Ränzchen mit dazulegen solle, damit ich im Wagen nicht davon belästigt werde. Ich übergab es ihm ebenfalls, ohne daß es im Postschein als aufgegebenes Gepäck verzeichnet war. Und nun ein kurzes, bewegtes Lebewohl, und fort ging es. Es war nach Mitternacht, als der große Kasten in Zwickau ankam und die Passagiere aussteigen mußten. Schlaftrunken gehe ich in die Poststube, während die Pferde umgespannt wurden, was ziemlich lange währte. Endlich geht es wieder in die Nacht hinaus, und ich schlafe, bis der Morgen zu grauen beginnt, wo ich bemerke, daß nicht nur die Pferde, sondern auch der Wagen gewechselt worden war. Von Hof aus, wo wir am Vormittag anlangten, sollte nun die Wanderschaft zu Fuße angetreten werden, worauf ich mich sehr freute! Aber dieser Freude schob sich gleich beim Beginn der Römerfahrt unerwartet ein Riegel vor; dem fortwährenden inneren Jubel ward ein Dämpfer aufgesetzt. Vor dem Posthause in Hof wurde mein Köfferchen abgepackt; aber es fand sich das Ränzchen nicht, in welchem meine notwendigsten Utensilien, Skizzenbücher, Farben und außerdem die Hälfte meines Reisegeldes sich befanden. Welcher Schrecken! – Eingeschrieben im Postschein war es nicht, die Post brauchte nichts zu ersetzen. Was machen? Ein Postbeamter fragte, welcher Kondukteur mir das Ränzchen abgenommen und den Wagen bis Zwickau gebracht habe. »Das war der lange Kaiser«, sagt ein Postillion. »Ja, wenn's der war«, sagt ein anderer, »hernach erklärt sich's. Vor vierzehn Tagen fehlte einer Kammerjungfer die Schachtel mit Silberzeug, die er och in Verwahrsam genommen hatte. Bei dem is es nich richtig!« Ich war wie vom Donner gerührt über den so unglücklichen Anfang meiner Reise und machte mir Vorwürfe, daß ich nicht besser auf mein Eigentum geachtet habe. Endlich fiel mir ein, daß Böttger, welcher auf dem Dresdener Postamte wohl bekannt war, es gesehen habe, wie der lange Kondukteur das Ränzchen mir in Verwahrung genommen hatte. Ich schrieb ihm sogleich mein gehabtes Unglück und bat ihn, Nachforschung zu halten und mir dann nach Hof Nachricht zu geben. So mußte ich nun mehrere Tage in dem langweiligen Städtlein liegen bleiben und vorerst auf Antwort warten. Es war in meinem Innern nach so hochsteigender Flut urplötzlich eine große Ebbe eingetreten. Ich fühlte mich auf einmal recht allein und verlassen, allen denkbaren Unbilden als ein sehr Unerfahrener preisgegeben, und so auf einmal ernüchtert, trat der Schmerz der Trennung von allen, die ich liebte, welcher bisher vom innern Freudenjubel übertönt worden war, mächtig hervor. Ich strich in der Gegend umher. Die öden Höhen um Hof boten nichts Malerisches; sie sahen mich recht melancholisch an und waren nicht geeignet, mich zu zerstreuen oder meine innere Trauer zu verscheuchen. So hatte ich mich denn auf einen Hügel gesetzt und sah in die eintönige Landschaft hinaus. Ich hatte ein Bändchen Plutarch in der Tasche und wollte mein Herz stärken an einem edlen Stoiker, der mich immer so besonders angezogen hatte. Er konnte mich jetzt aber durchaus nicht mehr fesseln. »Warum soll ich denn meinen Schmerz verbeißen, wenn er einmal da ist?« fragte ich mich; »eine stoische Ruhe wäre jetzt Affektion, wäre eine Lüge; ich habe auch gar keinen Grund zur Ruhe, wohl aber Grund zum Schmerz«; und so schob ich meinen Philosophen in die Rocktasche, überließ mich meiner Trauer, und die Tränen tropften ins Gras, auf welches ich mich gestreckt hatte. Ich kehrte mit erleichtertem Herzen ins Städtlein zurück und harrte des Briefes, der endlich auch ankam und mir meldete, daß man bisher zwar noch nichts aufgefunden, daß ich aber in Nürnberg nochmals auf der Post nachfragen möchte. Und so zog ich denn von Hof fort und marschierte gen Nürnberg. Mein erster Gang war dort in das Postamt. Ein Schaffner führte mich in die Gepäckkammer, und siehe, mein Herz jubelte, das verlorene Schaf, mein schäbiges, altes Schulränzel, lag da unter anderem Gepäck am Boden, dick vollgestopft, wie ich es aufgegeben hatte; und obwohl es nur zugeschnallt war, so fand sich alles richtig darin, vor allem meine so nötigen fünfzig Taler. Ich erinnere mich nicht mehr, welchen Eindruck das herrliche alte Nürnberg auf mich damals machte, auch habe ich mich nicht lange dort aufgehalten. Den Maler und Radierer A. Klein besuchte ich noch, welcher auf der Feste am ersten Eingangstor in einem sehr altertümlichen Hause wohnte, und der sehr bescheidene, freundliche Mann zeigte mir all seine schönen Sachen. Besonderen Eindruck machte mir die Wohnung selbst; sie sah recht dürerisch aus, und aus den breiten Fenstern hatte man den herrlichsten Blick in das weite Land. Mit einem Lohnkutscher fuhr ich nach München Von den Anhöhen bei Freising erblickte ich schon in weiter Ferne die ganze Kette der Alpen, die am Horizont so sehnsüchtig blau auftauchten, daß deren Anblick mich völlig elektrisierte. München sah damals noch sehr unscheinbar und altfränkisch aus, es hielt mich nur einen halben Tag. Am anderen Morgen nahm ich mein Ränzel auf die Schultern und wanderte im Eilschritt über die öden Flächen den lieben Alpen entgegen, deren Berge allmählich näher und näher traten. Ein Student und desperater Fußgänger hatte sich unterwegs mir angeschlossen, und so kamen wir, als es schon abendlich wurde, nach Tegernsee, ein Weg von zwölf guten Stunden. Obwohl schon sehr ermüdet, wollte ich noch Schliersee erreichen, welches nur eine Stunde entfernt sein sollte. Der etwas beschwerliche Bergweg erschöpfte aber meine Kräfte, und es war dunkle Nacht, als ich mich an dem Tische im Wirtshause ausruhen und ein Abendessen bestellen konnte; denn ich hatte den ganzen Tag noch nichts als Bier und Brot genossen! – Endlich wurde Suppe und Braten aufgestellt; aber ich war fast bewußtlos vor Ermüdung und konnte keinen Bissen anrühren; ja die Beine waren steif und angeschwollen, so daß mich die Kellnerin auf mein Stübchen und ins Bett bringen mußte, wo ich auch sogleich einschlief. – Die Morgensonne endlich weckte mich aus meinem Totenschlafe. Ich wollte nun aufspringen, aber siehe da, es war mir nicht möglich, die Beine zu bewegen, und mit Schrecken entdeckte ich, daß die Muskeln, musc. sartorius, als ein hochrotes Band sich auf den Schenkeln abzeichneten, also sehr entzündet waren. So mußte ich denn abermals liegen bleiben, wo die Bergfreude angehen sollte. Draußen glänzte die Sonne und sangen die Vögel, und ich lag wie angeschraubt im Bette! Die freundliche Kellnerin brachte mir nun Blätter vom Fliederstrauch, die ich auflegte und welche die Entzündung auch sehr milderten, so daß ich am späten Abend in Hausschuhen und auf einen Stock gestützt bis zum See humpelte; denn es war Johannistag, und ein mächtiger Holzstoß am Ufer angezündet worden, der prächtig in den See und die nächtlichen Gebirge hinausleuchtete. Überall von den Almen glänzten ebenfalls Johannisfeuer herunter, und hier am Ufer hatte sich jung und alt versammelt; die Jungen sprangen hie und da durch die Flammen, sangen und jodelten lustig herum. Die folgende Nacht hatte sich nun die Entzündung ganz gelegt und die Fliederblätter mich wieder auf die Beine gebracht, welche ich allsogleich auch brauchte und nach dem Wendelstein steuerte. Als ich die Sennhütte erreicht hatte, hob sich die kahle Felspyramide vor mir in die Höhe, und ein ganz schmaler Pfad führte an die mächtige Wand hinauf. An zwei Stellen mußte man sogar einen Sprung über die greuliche Tiefe wagen bis zu dem gegenüberstehenden Felsabsatz, doch klomm ich bis zur Spitze, wo ein kalter Wind mich heftig anblies. Ich legte mich eine Weile in das kleine Holzkapellchen, was da oben stand, und verschnaufte. Der Wind schien heftiger zu werden; ich trat nun heraus, mich umzuschauen, und sah, daß das Wetter sich zu ändern begann. Über einem Teile der zackigen Häupter dieser unzählbaren Bergriesen, welche blau vor und unter mir lagen, türmten sich schwere Wolkenmassen, umzogen sehr schnell die Gipfel und senkten sich allmählich immer tiefer herab. Der Wind sauste heftiger, und da ich gehört hatte, der Felsenweg sei nicht ohne Gefahr, wenn bei schnell einbrechenden Wettern der Berg sich in dichtes Gewölk einhüllte, so eilte ich, so schnell es gehen wollte, den schlimmen Pfad wieder hinab. Schon dröhnte der Donner in den Bergen, der Sturm erhob sich, und noch lag die Alpe sehr tief und klein unter mir, während die dunklen Wolken bereits die Spitze des Wendelsteines umhüllt hatten und sich an den grauen Wänden tiefer und tiefer herabsenkten. Jetzt krachten Donnerschläge ganz nahe, die Blitze leuchteten in das eigentümliche Helldunkel der grausig schönen Berglandschaft hinein, und große Tropfen begannen zu fallen. Glücklicherweise hatte ich den Fuß der Wand erreicht, und in Sprüngen rannte ich die Hügel hinab nach einer der Sennhütten. Noch ein Dutzend Schritte davon, brach die Sündflut los, man sah nichts mehr als gerade herabströmendes Wasser, und dies vom Blitzlicht grell durchglänzt, und das mächtige Rauschen von schmetternden Donnerschlägen übertönt. – Atemlos stürze ich in die Hütte und werfe mich auf einige Heu- und Laubbündel an die Erde. Ein altes Weib, das auf dem Herde saß, machte Gebärden des Erstaunens und zeigte hinaus und nach oben; denn sprechen konnte man nicht wegen des Tobens der Elemente, die ich in solcher Entfesselung noch nie gesehen hatte. Der Regen trommelte und rasselte auf das Schindeldach, und bald strömte er an vielen Stellen hindurch, und ich mußte mein Lager deshalb mehrmals verändern. Die Alte setzte an die gefährdeten Stellen Schüsseln und Gelten, um die Überschwemmung im Innern abzuhalten, und kehrte dann auf ihren Herdsitz zurück, wo sie wieder ihren Rosenkranz nahm und betete. Doch ärger und ärger wurde das Toben. Da nahm sie eine Schachtel vom Gesims, holte ein paar kurze schwarze Wachslichtchen heraus, zündete diese an, nahm trockene Kräuter und warf diese, Sprüche murmelnd, in das Herdfeuer, wo alsbald ein dicker Dampf den ganzen Raum erfüllte. Von mir hatte sie noch keine Notiz genommen. Es war eine wunderliche Szene! – Endlich dröhnte der Donner ferner, der Regen strömte nicht mehr mit der vorigen Heftigkeit, ich kam auch wieder nach dem heftigen Sturmlauf zu Atem, und es wurde möglich, mit der Alten zu reden. Nach Verlauf einer Stunde war denn auch für meinen ausgehungerten Magen ein wunderschöner Eierschmarren gebacken, und tüchtig ermüdet, wie ich war, suchte ich bald mein Lager auf dem Heuboden, einen großen Laubsack, auf welchem ich den köstlichsten Schlaf genoß. Als ich am anderen Morgen die Alm verließ und eine wilde Felsschlucht hinabstieg, sah ich erst, wie toll das gestrige Unwetter gehaust hatte. Ganze Reihen von Tannen und Fichten waren samt der Erdschicht, auf welcher sie eingewurzelt waren, von den steilen Felswänden herabgestürzt und lagen drei- und vierfach übereinander geschichtet am Fuße derselben. Es war eine mühsame Kletterei, um durch diese Zerstörung hindurchzukommen. Mittags war ich indes in Rosenheim, und anderen Tags kam ich an das vorläufige Ziel meiner Wünsche, nach Salzburg (3. Juli). * (Salzburg, vom 3 Juli bis 5. August) Hier wollte ich nun einen längeren Aufenthalt nehmen und sah mich deshalb nach einer Privatwohnung um, die mein gutes Glück mich auch bald am Markte finden ließ. Die Besitzerin des Hauses war Witwe. Therese, Elise und Marie hießen ihre heiteren, gutherzigen Töchter, und Thurnwieser der Bewohner des ersten Stockes, Priester und Professor der orientalischen Sprachen am Gymnasium. Der Mittagstisch führte uns alle zusammen und meistens auch der Abend. Alle miteinander waren die heitersten, herzlichsten Menschen, wie ich sie gar nicht besser hätte finden können, dabei das ganze Hauswesen so sauber, gemütlich, einfach, bürgerlich, die Kost vortrefflich und für mich sehr billig, denn ich zahlte für alles wöchentlich nicht viel über einen Dukaten. Ich war gleich in den ersten Tagen hier wie zu Hause. Die Töchter wetteiferten, mir jeden Wunsch an den Augen abzusehen, und der gute Professor war überglücklich, einen Maler gefunden zu haben, der sein lange gehegtes Verlangen befriedigen konnte, einige seiner geliebten Berge genau zu konterfeien. Denn Thurnwieser war der eifrigste Liebhaber seiner schönen Salzburger und Tiroler Berge und ihre Vermessung, Besteigung und geognostische Untersuchung seine liebste Beschäftigung. Wenn er von dem Großglockner sprach, nahm seine Stimme einen Ton der Ehrfurcht an, wie Newton, wenn er den Namen Gottes nannte. Sonntags las er in Leopoldskron die Messe, und dann durchstöberten wir die Säle und Zimmer des öden Schlosses nach Gemälden, die in der eingeschlossenen Luft halb vermodert an den Wänden hingen. Außer großen Rosa di Tivolis fand ich eine schöne Landschaft von J. Both. Oft begleitete er mich auf meinen Ausflügen, und ich konnte ihn dann mit der genauen Zeichnung eines seiner Lieblinge belohnen. Da mich in der ersten Woche das schönste Wetter begünstigte, so benutzte ich die Tage sehr fleißig. Von früh vier bis abends sieben oder acht Uhr zeichnete oder malte ich. Am öftesten saß ich arbeitend auf dem schönen Mönchsberge mit seiner alten Feste und den schattigen Lindengruppen, mit dem Ausblick auf den Kranz der schönsten Gebirge, welche in weitem Bogen die Salzach umziehen. Die Abendstunden waren hier oben besonders köstlich: wenn der Geisberg, das ferne Tannengebirge, die Pyramide des Watzmann im rosigsten Glanze vor mir lagen, die blühenden Linden ihre süßen Düfte hauchten und ein Abendlied von den ungarischen Reitern geblasen aus der Stadt herauftönte. Dann schloß ich wohl meine Mappe und las den lieben Brief zum wievielsten Male, den ich in Salzburg von Gustchen bekommen hatte, und meine Seele war zu Hause bei den Meinigen und bei ihr! Ende des Monats unternahm ich noch einen mehrtägigen Ausflug nach Berchtesgaden. Als ich abends im Wirtshaus saß und das Fremdenbuch mir vorgelegt wurde, las ich mit besonderer Bewegung: »P. Cornelius (Direktor der Münchener Kunstakademie) am 18. Juli eine Nacht hier gewesen.« Ich hatte ja noch gar nichts von Cornelius gesehen, wohl aber von jüngeren Genossen gehört, er sei der gewaltige Chorführer, der Bahnbrecher einer neuen, großen Kunstrichtung. Nun wäre es bald geschehen, daß ich dem großen Chorführer begegnet wäre; einige Tage lagen zwischen dem gemeinsamen Aufenthalt. Wie doch ein bloßer Name wecken kann! Ich bekam große Sehnsucht nach Rom. Am anderen Morgen war es trübe und regnete, was mich aber nicht abhielt, in der Ramsau einige großartige Gebirgsmassen aus einem Feldkapellchen am Wege zu zeichnen. Das Nebelgeriesel ließ die Umrisse des Gebirges nur um so einfacher und größer hervortreten. Auf dem Hirschbühel erkundigte sich etwas barsch der Zolleinnehmer, als er meinen Paß ansah, ob Dresden in den kaiserlich österreichischen oder bayerischen Staaten liege. Außer diesen beiden Staaten schien ihm alles terra incognita. In Lofer übernachtete ich, und der Paß mußte abermals dem Herrn Pfleger vorgelegt werden. Hier fand ich aber Interesse für meine Vaterstadt vor. Der Herr erkundigte sich nach seinen Jugendfreunden Theodor Hell und Karl Maria v. Weber, wo ich denn – besonders von ersterem, genügende Auskunft geben konnte. Auch seine Gattin erschien und nahm teil an unserem Gespräch, und ich erfuhr, daß sie unter dem Namen Friedericka Susa in der Abendzeitung schreibe und also auch mit Papa Arnold im Verkehr stehe, dessen Lieblingskind ja die Vespertina war. Beiläufig: die Vignette der von Hell und Kind herausgegebenen Abendzeitung stellte ein Kind dar, welches Öl auf eine griechische Lampe goß, und so war der Witz gang und gäbe: »Kind muß das Öl zur Lampe geben, damit sie hell brenne.« Nach fünftägiger Wanderung bei ziemlich schlechtem Wetter kam ich nach Salzburg zu meinen gemütlichen Wirtsleuten zurück, mit neu erwachter Sehnsucht nach Rom und dem heftigen Verlangen, meine Kräfte an einer größeren Arbeit zu erproben; auch hatte sich der Wunsch nach einem trauten Reisegefährten recht fühlbar gemacht, den ich schon vorher oft empfunden hatte. Ich hatte mich während meines Aufenthaltes in Salzburg oft umgetan, ob ich nicht einen nach Italien wandernden Kunstgenossen fände, und deshalb auch in den Gasthöfen nachgeforscht; doch vergeblich. In solche Gedanken und Wünsche versunken saß ich in meinem Stübchen, als es an die Tür pochte. Auf mein »Herein!« trat ein Mann ein, der bereits in den Fünfzigen sein mochte, eine gedrungene, breite Gestalt, sehr sauber in seiner Kleidung und mit einem Gesicht, auf welchem Tüchtigkeit und ehrenhaftes Wesen mit Fraktur geschrieben stand. Er erzählte: er komme von Triest und wolle nach Holland zu Weib und Kind. Er sei Steuermann auf einem holländischen Fahrzeuge; sie hätten Schiffbruch gelitten; und er legte zur Bestätigung des Gesagten mehrere Zeugnisse von den betreffenden Behörden vor. Der Mann hatte für mich etwas Anziehendes in seiner festen, ruhigen und bescheidenen Weise, und so gab ich ihm ein paar Zwanzigkreuzer, welches in Betracht meiner schwachen Kasse viel genannt werden konnte. Er dankte, nahm seine Papiere wieder zusammen, sah mich mit einem dankbaren Blick an, als möchte er mir auch etwas Liebes erzeigen, und sagte: »Ich habe einen langen Weg vor mir, aber ich habe einen guten Reisegefährten!« »O, das ist ja ein Glück!« erwiderte ich lebhaft, im Gefühl, daß ich einen solchen schmerzlich entbehre. »Wer ist es denn?« »Es ist der liebe Herrgott selber; und hier« – er zog ein kleines Neues Testament aus der Brusttasche –« hier habe ich seine Worte, und wenn ich mit ihm rede, so antwortet er mir daraus. So wandere ich getrost, lieber junger Herr!« Nochmals dankte er und ging. Mich aber hatte die Rede wie ein Pfeil getroffen, und ein Stachel davon blieb auch lange in meinem Herzen sitzen. Ich hatte an Gott nicht gedacht, für mich war er eine ferne, unbestimmte Macht, und dieser arme Mann sprach sah darein, als kenne er ihn recht wohl, als stehe er im lebendigsten Verkehr mit ihm, woraus ihm ein so getroster Mut, eine so freudige Zuversicht erwuchs. Sein kleiner Schatz, das Büchlein, war mir völlig fremd; ich hatte ja nie eine Bibel gelesen. Diese kleine Begebenheit ward bald durch neue Eindrücke vergessen, obgleich nicht verloren; denn später tauchte die Erinnerung daran wieder auf, und ich erkannte in ihr den Anfang einer Reihe tieferer Lebenserfahrungen, welche bedeutend auf die Entwicklung meines inneren Lebens einwirkten. Am 5. August war das Ränzel gepackt und schwerer als früher. Der liebe Professor und die Mädchen begleiteten mich bis Hof, wo nach einem Trunk Ungarwein im Wirtshaus ein herzlicher Abschied genommen wurde, jene nach Salzburg zurückfuhren, während ich meinen Wanderstab weitersetzte und noch bis St. Gilgen marschierte. Eine schwarze Wetterwolke war herauf gezogen und hüllte die Gegend in Nacht, während der St. Wolfgangsee im grellen Schein der Abendsonne glänzte. Es war eine prachtvolle Beleuchtung, die aber bald in Gewitternacht verschwand. Der Sturm erhob sich und brauste in den Wäldern, Nebelwolken senkten sich an den Gebirgen herab, Blitz und Donner folgten sich rasch aufeinander, und mit Mühe erreichte ich noch das Wirtshaus, als die Regengüsse losbrachen Weiter ging ich dann nach Ischl, über den schönen Traunsee nach Gmunden, bis zum Traunfall bei Lambach, überall zeichnend, was mir Schönes entgegentrat. Als ich an den felsigen Abhängen des Traunfalls saß und bis gegen Abend mit einer Zeichnung der aus tosenden Wassermassen aufragenden Felskuppen beschäftigt war, erblickte ich plötzlich ein junges Weib neben mir, deren Nahen ich bei dem Wasserdonner in diesem Hexenkessel nicht sofort bemerkt hatte und welche ihre schwarzen Augen schon länger auf mich gerichtet haben mochte. Es war ein schönes, bräunliches Gesicht, von kleinen Ringellocken umrahmt, welche aus dem roten Kopftuch hervorquollen. »Du malst wohl den wilden Fall?« redete sie mich jetzt an, und nach einer Weile kauerte sie sich zu mir nieder und fuhr fort: »Wenn du mir deine Hand zeigen wolltest, so kann ich dir wohl dein Geschick daraus ablesen.« »Nun«, dachte ich, »die Szenerie ist passend dazu«, und reichte ihr die Fläche der Hand. Sie rückte ganz nahe, damit ich sie vor dem Brausen des Falles besser verstehen könne, und erzählte nun von einem weiten, sehr weiten Weg, der vor mir liege; auch würde ich wohlbehalten dorthin kommen, wo mir viel »Glück und Ehre blühe«, und wo ich viel gute Freunde finden würde. – Ich fragte sie nun, wie es bei mir daheim aussehe? – »Die Deinen sind wohlauf, aber« – und ein kurzer Blick aus ihren schwarzen, verschmitzten Augen traf mich dabei – »aber es sitzt ein Mädchen auch daheim, die hat dich sehr lieb und ist dir treu; aber es gehen da viel Strichel durcheinander, es wird manch Widerwärtiges geben, und sie hat's bös. Ja« – dehnte sie noch langsam und bedenklich – »es wird noch recht lange dauern und Feindschaft dazwischentreten, aber du führst sie zuletzt doch noch heim!« Sie sagte noch vieles, was ich zum Teil wegen des Getöses des Wassers nicht verstehen konnte, teils vergessen habe. Da ich aber oben am Felspfad einen der Zigeuner sah, welcher herabzusteigen sich anschickte, so machte ich mein Buch zu, nahm mein Ränzel auf und gab der Frau ein Geldstück, für welches sie eine heilige Messe in Lambach lesen lassen wollte, damit alles Gute für mich in Erfüllung gehe – Ich aber bedachte, daß ein kleiner Stoß mich mit Leichtigkeit von der schmalen Klippe hinab in die tollen Wasserwirbel bringen und in dieser Einsamkeit verschwinden machen könne, und stieg mit dem Weibe wieder hinauf. Jenseits des Falles lag ein Wirtshaus, wo ich übernachtete. Ich sah noch spät abends die Zigeuner mit Pferden und Karren am Flusse gelagert um ein Feuer sitzen, essend, plaudernd, rauchend, während der Mond sein bleiches Licht über die Gegend breitete und ein ferner fortwährender Donner des Traunfalles die stille Nacht durchtönte. Von hier aus ging ich am nächsten Morgen wieder nach Gmunden zurück, durchstrich das Land mehrere Tage kreuz und quer, und ich erinnere mich nur, daß ich auf wilden Gebirgspfaden endlich bei Golling herauskam und dort wieder längere Zeit fleißig zeichnete, namentlich in den sogenannten »Öfen«, kolossale zusammengestürzte Felsmassen, durch welche sich die Salzach drängt, teils an den prächtigen Wasserfällen. Über den Paß Lueg wanderte ich durch das schöne Pinzgau zum Zeller See nach Lend und Gastein, dann an den Krimmelfall, in die wilde Gerlos, und blieb einige Tage in dem höchstgelegenen Gebirgsdorfe Tirols, in Dux. Der Abend war schön; so ging ich das stille, baumlose Tal entlang, blumige Matten zur Seite, vor mir im zartesten Rosenlichte die Schneeriesen des Hallstein, Schnitter und Rüff mit ihren leuchtenden Spitzen, mit den schroffen Wänden, weitgestreckten Schneefeldern und Gletschern, aus welchen lautlos ein mächtiger Wasserfall herabstiebte. Kein Vogel zwitscherte, kein Laub rauschte, keine Luft regte sich; es hatte die Natur hier ein Gesicht groß und schön, aber voll melancholischer Einsamkeit, fast schauerlich! – Es war so schön und einzig großartig, daß ich mich setzen mußte, von diesem Anblick ganz hingenommen, und nur die würzige, kräftige Luft einsog, aber nicht imstande war, etwas zu zeichnen. Einen fast unheimlichen Eindruck machte es mir, daß der mächtige Wasserfall, welcher aus der Eismasse heraus über eine hohe Wand sich herabwälzte, obgleich er sich bewegte, doch so totenstill war. Er mochte ferner sein, als es den Schein hatte. Man muß allein sein, wie ich es war, um solche Szenen tief zu empfinden. Es lag nächtliche Dämmerung über dem Tale, und die Eispyramiden leuchteten rotglühend in dieses tiefe Schweigen, als ich nach dem kleinen Wirtshaus des Dörfchens zurückkehrte. Am anderen Morgen regnete es, und ich durfte es nicht wagen, über die hohen Berge nach dem Zillertal zu wandern. So blieb ich auf meinem Stübchen, zeichnete und schrieb in mein Tagebuch. Die schöne Schwester der Wirtin, eine Krimhildengestalt, kam mit ihrem Nähzeug herauf und leistete Gesellschaft, wie es so Sitte ist. Wir plauderten viel, und sie sang mir alle ihre Duxer Lieder und Schnacken vor, die sie wußte. Als ich unten in der Wirtsstube mein Mittagsbrot verzehrte, kamen vier Männer, ein langer, älterer mit drei jüngeren Gesellen, mit etwas duseligen Gesichtern, welche an einem anderen Tische ebenfalls ihren Imbiß verzehren wollten. Sie hatten von dem Mädchen erfahren, daß ein fremder Maler da sei, und da sie nun dasselbe Handwerk betrieben, so sahen sie ziemlich scheel und mißtrauisch nach mir herüber, bis der lange Dürre endlich losbrach und erklärte, daß er die Kirche zu malen in Akkord genommen habe, daß kein Fremder deshalb herzukommen brauche; auch bedürfe er keines Gehilfen; er habe schon seine Gesellen. Meine Bemühungen, ihnen den komischen Irrtum zu benehmen, schienen indes wenig zu fruchten, bis der Herr Kooporator, welcher inzwischen eingetreten war ihnen die Sache mit besserem Erfolge auseinandersetzte und mich sogar nach dem Essen zu einer Besichtigung ihres kleinen Kirchleins und seiner Kunstwerke einlud. Dies geschah denn auch, und ich betrachtete mit Erbauung die großen Tulipanen und ziegelroten Rosen nebst anderem unbekannten Gewächs und Schnörkeln, mit welchen die Maler die Decke des armen Kirchleins geschmückt hatten. Und so war der Friede hergestellt. * Die Wanderung führte mich nun durch das Zillertal. Es war ein trüber Tag; bald am Morgen stellte sich ein melancholisches Regenwetter ein, welches ohne Unterbrechung den ganzen Tag anhielt. Ich zog, bis auf die Haut durchnäßt, die einsame Straße dahin. Die Berge in Wolken eingewickelt, der Weg ein Morast, die Landschaft ein eintöniges Grau, der Magen leer, so war es kein Wunder, daß ich schon nachmittags vier Uhr recht ermüdet und verstimmt nach einer Herberge mich umsah. Ein Dörfchen links vom Wege und darin ein breiter Giebel und rauchender Schornstein lockten mich hinüber. Es war richtig das Wirtshaus, in dem nur eine stille Wirtin saß, niemand sonst zu sehen war. Es wurde mir langweilig in meinem Stübchen, zum Essen war es noch zu früh, denn ich aß immer nur einmal des Tages, nicht aus Unlust des Magens, sondern meines schwindsüchtigen Geldbeutels wegen; so fragte ich die Wirtin, ob sie nicht etwas zum Lesen habe, um die Zeit mit etwas Geistesnahrung auszufüllen, bis der schöne Moment zum Soupieren – was zugleich Dinieren war – kommen würde. Das gute Weib brachte mir bald in der Schürze ein halb Dutzend Bücher, die ich sogleich durchstöberte, aber mich sehr enttäuscht fühlte; denn es waren Gebets- und Erbauungsbücher, nach denen mich durchaus nicht gelüstet hatte. Ich dachte endlich: Not lehrt beten, und griff aus Langerweile nach dem äußerlich anständigsten unter diesen alten Schmökern und las: »Beicht- und Kommunionbuch von Japsis, Dresden in der Arnold'schen Buchhandlung«. Das letztere war mir interessant. Ein Gruß aus der lieben Vaterstadt, ja aus dem Hause des trefflichen Mannes, durch dessen Güte ich jetzt hier sitzen konnte! – Ich blätterte weiter und fand: Abschiedsreden Jesu aus dem Evangelium Johannis. Ich war überrascht, erstaunt, daß man so lange Reden und Aussprüche Christi besitze, denn ich hatte ja noch nie eine Bibel in den Händen gehabt. Die Reden großer Griechen und Römer im Plutarch, den ich aus einer alten Übersetzung kannte, hatte ich so oft mit Begeisterung und Ehrfurcht gelesen, und hier war mehr! »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennet ihr ihn und habt ihn gesehen.« Und weiter hieß es: »Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote. Und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich; den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfahen (warum kann ihn die Welt nicht empfangen? Dies war mir rätselhaft. – ,Der tiefste Konflikt der Weltgeschichte ist der Kampf des Glaubens mit dem Unglauben' sagt Goethe); denn sie sieht ihn nicht und kennet ihn nicht. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.« – »Ich will euch nicht Waisen lassen; ich komme zu euch. Es ist noch um ein Kleines, so wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen; denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An demselben Tage werdet ihr erkennen, daß Ich in meinem Vater bin, und ihr in mir, und Ich in euch.« Wunderbare Worte! Ein Klang wie aus einer höheren Welt, der mich groß und seltsam berührte, dessen Sinn ich aber doch nicht verstehen konnte, so klar und einfach die Worte lauteten. Ich wurde in eine seltsame, unruhige Bewegung versetzt, es war, wie in Uhlands »verlorener Kirche«, der geheimnisvolle Glockenton im Walde – er gab ein leises Echo in meinem Innern; ich wußte aber nicht, woher er kam und was er wolle! Das gute, treuherzige Gesicht meines alten Steuermannes in Salzburg, mit seinem kleinen Büchlein in der Hand, es tauchte wieder auf und sprach von einem treuen Reisegefährten in die Heimat – Worte, die eine Saite tief im Innersten berührten –, ich aber verstand sie nicht. So trat auch dieser Eindruck wieder in den Hintergrund und schien vergessen. Es gibt Lebenseindrücke oft unscheinbarer Art, die im Gemüt einen geeigneten Boden finden, weil sie einem inneren Bedürfnis entgegenkommen, welche dann lange Zeit unbeachtet zu ruhen scheinen, aber dennoch uns unbewußt im Innern fortarbeiten, um ihren Nahrungsstoff in Fleisch und Blut abzusetzen und einem künftigen Eindruck nach dieser Seite hin mehr und mehr den Boden zu bereiten. * Anderen Tags, am 24. August, kam ich aus diesen wilden Regionen bei schönstem Wetter in das fruchtbare Inntal herab. Ich war abends in Innsbruck, wo ich Briefe und Geld von Arnold und den Meinigen zu finden hoffte; aber nichts vorfand. Es vergingen hier acht Tage, ehe das Erwartete eintraf. Im Gasthof traf ich am Mittagstisch einen Mann, welcher sich beklagte, daß ihm so große Schwierigkeiten gemacht würden, sich hier als Buchhändler zu etablieren; er warte schon seit Monaten auf Bescheid. Im Nachbarhause, wo er wohnte und wohin er mich zum Besuch aufgefordert hatte, fand ich nun eine Menge Bücher aufgestapelt, die zum Teil für mich von großem Interesse waren. Schlegel: »Über christliche Kunst«, sowie Tiecks und Wackenroders Kunstschriften fand ich hier in Wiener Nachdrucken, und der Mann war so freundlich, sie mir zum Durchlesen anzubieten. Da ich genug Zeit dazu hatte, nahm ich das Anerbieten mit Freuden an. Und in der Tat hatte mein guter Genius es überaus glücklich gefügt, daß er gerade in dieser unfreiwilligen Reisepause mir den freundlichen Buchhändler mit seinem unbenutzten Schatze neuerer Literatur zuführte. Denn da mir von Kunstschriften bisher nur der alte Hagedorn, d'Argenville, Mengs und vorzüglich Sulzer zugänglich gewesen waren, von welchen ja keiner mir eine Brücke zum Verständnis der jetzigen Bewegung erbauen konnte, so wurde mir vorläufig durch Schlegels Buch ein völlig neuer Ausblick eröffnet. Bisher schien mir die neuere Richtung vorzüglich in der Rückkehr aus dem Manierismus zur Natur zu bestehen; ich sah nun, daß noch ein drittes dazu kam: der Geist der Poesie nämlich, der aus der bloß materiellen Natur dem empfänglichen Sinne des Künstlers entgegentritt und das Gewöhnliche zum Bedeutenden in Form und Gedanken hinaufhebt. – Der Weg zu dieser Erkenntnis soll nun durch das Studium der alten – bisher unbeachteten, großen Meister geöffnet, gleichsam zur Quelle zurückgekehrt werden, um wieder in reine Bahnen zu gelangen. Dies und Ähnliches war der Eindruck, den jene Schriften mir ungefähr hervorbrachten, und ich brannte vor Begierde, eine lebendige Anschauung von diesen Dingen zu gewinnen durch Betrachtung alter und neuer Kunstwerke dieser Art. Hier am Tore des Südens bekam ich gleichsam den Schlüssel in die Hände gedrückt, der mir den Schatz erschließen sollte. Ich lag vier bis fünf Tage über diesen Büchern, daß mir endlich der Kopf brannte, und sehnte mich heftig nach Rom; denn ich fühlte hindurch, mit Worten sei hier nichts getan, ich müsse selbst Hand anlegen, die Kräfte erproben und sehen, wie weit ich damit komme. Die Briefe kamen endlich an, von Papa Arnold, vom Vater und ein kleiner, lieber Brief von Augusten. So konnte ich denn wieder mein Ränzel schnüren, nachdem ich noch von dem freundlichen Buchhändler einen Homer gekauft und in den Koffer gesteckt hatte, und am 5. September morgens verließ ich Innsbruck. * Frisch und wohlgemut fühlte ich mich nach den genossenen Rasttagen und marschierte dem Brenner zu. Durch die frische Morgenluft, die rasche Bewegung, den Entschluß: nun ohne Kreuz- und Querzüge den geraden Weg nach dem ersehnten Italien – nach Rom zu wandern, innerlich geistig angeregt, schritt ich rasch, voll Jugendlust, Kraft und Mut des Weges. Es war ein Nebelmorgen, die Wolken zerrannen, blauer Himmel und Sonnenschein lachten die schöne Gegend an, und ich freute mich der verschiedenen Passagiere auf der Straße. Zuerst kam ein Bauer, der mir freundlich einen abkürzenden Fußweg zeigte; Handwerksburschen hinkten schwer bepackt und still grüßend vorüber. Ein paar vornehme Kavaliere mit ihren Dienern hinterdrein überritten mich armen Fußgänger beinahe, obwohl ich wegen des Abgrundes zur Seite nicht ausweichen konnte, und die Reitgerte fuhr mir übers Gesicht, was der Gnädige nicht merkte. Vetturinis, mit Reisenden gefüllt und mit Koffern beladen, wurden eingeholt und überholt. Ein Kapuziner, bleiches Gesicht, roter Bart, einen langen Stab in der einen, einen Korb in der anderen Hand, zog ernst grüßend seines Weges. Mittags endlich im Wirtshaus lärmten und tollten Soldaten, und die frischen, lustigen Gesichter der Kellnerinnen hatten nur für diese lustigen Vögel Augen und Ohren. Eines alten Bettlers muß ich auch noch gedenken, der von weitem schon mit abgezogenem Hut auf mich zukam, und während ich nach ein paar Kreuzern in der Tasche suchte, endlich erbarmend ausrief: »O Gott, der Herr ist aber wohl ein Handwerksbursch und hat selber nit viel. Nein, b'hüts Gott, da mag ich nix!« Alle diese Staffagen vergnügten mich sehr, und zwischendurch erdachte ich mir Bilder, die zu malen wären, wovon ich nur eins hier anführen will, was ich in meinem Tagebuchhefte finde und welches als Probe gelten könnte, daß die eingesogene Romantik schon ihre Wirkung spüren ließ. »Bild: Das Innere einer Einsiedelei. Morgens. Der Alte ist eben verschieden und liegt in einem dämmernden Winkel der Klause, ruhig, bleich, Lippen und Hände geschlossen. Aber er liegt etwas abseits, denn er ist nicht die Hauptperson. In der Mitte ein Korb voll Früchte, welche er gestern noch sammelte. Am kleinen Fenster sitzen traurig die Waldvögel, welche er zu sich gewöhnt und gefüttert hatte. Die wilde Taube, Hänfling und Finken und sogar der scheue Stieglitz sitzen da und stimmen ihre Trauerlieder an, wie der Chor in der Tragödie. Eine Traube schwellt im grünen Laub am Fenster. Sie wird ungepflückt verdorren, wenn sie nicht die Spatzen holen. Die Blumen im bemalten Geschirr hängen die Köpfchen; denn sie sind nicht begossen worden.« Solches und anderes närrische Zeug malte ich mir in Gedanken aus und kam dabei, rüstig ausschreitend, über den Brenner. Am anderen Tag stieg ich vollends die Südseite hinab und zeichnete mehreres ins Skizzenbuch. Eine alte, morsche Betsäule stand am Wege. Darüber ragten, im Morgenrot erglühend, die Spitzen und Hörner majestätischer Berge in die noch dunklen Täler. Die Morgenglocken läuteten in der Tiefe. Hier oben war es noch still und einsam und die Luft wehte kalt. Ein Stück weiter hinab trat abermals eine schöne Berglandschaft hervor mit einer alten, noch bewohnten Burg im Mittelgrund, welche ich ins Skizzenbuch zeichnete. Genau von demselben Flecke aus hatte sie Fohr nach der Natur gezeichnet und aquarelliert, wie ich später in Rom ersah. Passavant war im Besitz dieser Zeichnung, und jetzt ist sie in meiner Sammlung. * 7. September. Diesen Tag kam ich nur bis Brixen und am nächsten bis Kolimann. Hübsches Kneipchen an der Straße. Unter einer Veranda verzehrte ich mein Abendbrot mit Wein und las Augustens Brief zu wiederholten Malen. – Nachts am Fenster stand ich noch lange, die prächtigen Bergformen betrachtend, die im Mondschein vor mir lagen. Alles war so ruhig, nur die Etsch brauste fern, und die Grillen sangen. Schon bei Bozen trat mir der veränderte Charakter der Berglinien bedeutsam entgegen. Die phantastischen, grandiosen Spitzen waren verschwunden, es lagerte sich alles beruhigter, in feinen, höchst mannigfaltig geschwungenen Umrissen. Statt des überwältigend Erhabenen trat großartige Schönheit und Anmut an die Stelle. Ein Unterschied, wie zwischen der Kraft der deutschen Sprache und der dolcezza des italienischen Lautes, wie zwischen dem deutschen Dombau und den Tempelbauten von Paestum. Wie das Land, so das Gewächs! – Das Wandern unter der südlichen Sonne wurde mir jetzt oft recht beschwerlich. Ich mußte aber die in Innsbruck erhaltenen hundert Taler möglichst zusammenhalten, um damit drei Monate auszulangen. Ich hatte mir fest vorgenommen, diese Summe, welche mein väterlicher Freund und Wohltäter mir regelmäßig jedes Vierteljahr schickte, nie zu überschreiten, und von meinem lieben Vater, der mit großen Sorgen zu kämpfen hatte, wollte ich durchaus keine Nachhilfe haben; er hätte es sich selbst abdarben oder Schulden machen müssen. Deshalb suchte ich mich nach der Decke zu strecken, die jetzt immer kürzer wurde, weil die Wirtshäuser nicht so billig wie in Tirol waren. Dazu kam noch, daß ich allein reiste, die Sprache – ich kam nun in die italienische Sprachregion – nicht verstand und für die Reise nur Kunst- und Merkwürdigkeitsnotizen aus Stolbergs, der Elise von der Recke und des Kephalides Reisen nach Italien abgeschrieben hatte. Deshalb fühlte ich mich von hier aus sehr ratlos und verlassen, und das Wandern verlor von seinem Reiz. Wie gern hätte ich mich einem Vetturino anvertraut; aber dies wenige, was es mehr gekostet hätte, würde doch ein Defizit für meinen dreimonatlichen Haushalt herbeigeführt haben. Bei Trient machte ich meinen ersten Sprachversuch, der sehr niederschlagend für mich ausfiel. Ich hatte einen Monat vor meiner Abreise in Dresden einige italienische Sprachstunden genommen, war dabei nicht weit gekommen – da ich ohnedies wenig Neigung und Geschick für Sprachstudien hatte, und dies wenige war auch wieder etwas in Vergessenheit gekommen. Jetzt fing ich nun an, Hals über Kopf ein Heft Gespräche und Vokabeln auswendig zu lernen, was unterwegs im Gehen ausgeführt wurde. Ich beschloß nun, meine kleine gewonnene Kenntnis zu probieren, und redete einen Bauern an, der mir eben entgegenkam. Mit der größten Freundlichkeit und Beredsamkeit antwortete mir der gute Mann so viel und gestikulierte mit den Händen auf das lebhafteste dazu, daß ich, der nicht das geringste verstanden hatte, sehr froh war, als er aufhörte und mit einem »la ringrazio!« mich verabschieden konnte. Wie ein üppiger Garten breitete sich das Tal aus zwischen Trient und Roveredo, und die Pflanzenwelt hatte einen südlichen Charakter angenommen. Aus den bleichen Ölbäumen hob sich die schwarzgrüne Zypresse, und der Wein, in Lauben gezogen und überreich mit dunklen Trauben beladen, bedeckte das Tal bis zur Etsch. Zur Rechten fallen die Abhänge des Monte Baldo steil herab, und endlich – in der Nähe der Klause – hatten sich die mächtigen Bergrücken soweit gesenkt, daß ich das Ende dieser seit Wochen durchwanderten Bergwelt erwarten durfte. Und so war es denn auch; die lombardische Ebene öffnete mir samt meiner Mitpilgerin, der Adige (Etsch), ihre Arme, und die stolzen Alpenriesen entließen uns gnädig. Die Landstraße ward hier sehr lebendig, denn die Gegend wurde angebauter, bevölkerter, und die Nähe Veronas kündete sich in der Ferne an. Reizende Bilder traten hier entgegen. An den Ulmen und Maulbeerbäumen zur Seite des Weges hatte sich der Weinstock hinaufgerankt und zog seine mit schweren Trauben behangenen Girlanden von Baum zu Baum, und unter den Lauben der sich weithinstreckenden Weingärten sah man fröhliche Gesichter mit dem Sammeln der Trauben beschäftigt, während hübsche Burschen ihre Ochsengespanne führten, welche auf zweirädrigen Karren große Bottiche mit Trauben beladen zur Kelter fuhren. Ein Singen, Scherzen, Lachen ringsum. Dazu durchzog der Geruch des Mostes den ganzen Weg. Es waren Volksbilder, ganz von dem Anhauch südlicher Schönheit übergossen, Bilder, wie sie späterhin Robert malte. Gegen Abend erreichte ich Verona. Hier beschloß ich einige Rasttage zu halten, da die Hitze und der Staub der Landstraße auf dieser langen Wegstrecke mich doch etwas ermüdet hatten. Schließlich mußte ich länger warten, als mir lieb war, weil mein Koffer von Innsbruck noch nicht angekommen war. Ich durchstrich die Stadt nach allen Richtungen. Die altertümlichen Gebäude, die Grabmäler der Scaliger, der Markt mit dem lauten Volkstreiben und die daselbst aufgehäuften köstlichen Früchte ergötzten mich höchlich, und ich bedauerte nur, daß ich das alles so allein genießen mußte, ohne mich gegen irgendwen aussprechen zu können. Der Dom, besonders das uralte Portal mit seinen beiden Wächtern, dem Roland und Olivier, machte einen fast ungeheuerlichen Eindruck. Doch von all diesen schönen Dingen berührte mich am tiefsten und nachhaltigsten ein altes Bild, das ich in der Kirche St. Giorgio auffand. Es stellte eine Madonna mit dem Kinde dar, zur Seite St. Zeno und St. Justinus, und vor ihr drei musizierende Engel. So schön und herzbeweglich glaubte ich noch kaum etwas gesehen zu haben. Es war von Girolamo dai Libri, ein alter lombardischer Meister, von dem ich bis dahin nichts gehört und auch später nichts als dies Bild gesehen habe. Hier ging mir zuerst eine Ahnung auf, welche Tiefe des Gemütslebens und aus diesem entsprossene himmlische Schönheit in den Meistern vorraffaelischer Periode enthalten sei. Schlegels Buch von christlicher Kunst hatte jedenfalls in mir vorgearbeitet, und der innere Sinn wie das Auge erschlossen sich um so empfänglicher, als nun ein so anmutiges Werk dieser Art mir entgegentrat. Libri war, wie ich in späteren Jahren in »Lanzi, Geschichte der Malerei in Italien« fand, in ganz Italien berühmt durch seine Miniaturbilder, womit er Bücher schmückte, und dies Altarbild nennt Lanzi einen Edelstein unter den Bildern dieser Kirche. Es trägt die Jahreszahl 1529. In bezug auf eine Sage, Libri habe zu St. Lionardo einen Lorbeerbaum so natürlich gemalt, daß die Vögel oft zum Fenster hereingeflogen seien, um sich auf seinen Zweigen auszuruhen, macht v. Quandt eine Bemerkung, die mich um so mehr erfreute, weil ich daraus sah, daß dieser feine Kenner einen ähnlich tiefen Eindruck von diesem Bilde empfangen hatte wie ich selbst, der so ganz zufällig, von seinem guten Genius geführt, diese Perle auffand. Quandt sagt: »Mag man an dem Geschichtchen vom Lorbeerbaum auch zweifeln, so verliert Libri dadurch nicht, er bleibt einer der größten Meister aller Zeiten und Länder; denn das Gemüt zu erheben, ist doch wohl mehr, als ein Tier zu täuschen, und Girolamo dal Libri vermag jenes in hohem Grade. Auch ist Libri einer von den wenigen Künstlern, die so rein von fremden Einflüssen blieben, daß ihre Werke nicht an eine bestimmte Zeit, in der sie oder ein Volk [leben], für das sie hervorgebracht wurden, erinnern, sondern das Gesamtgefühl der Menschen ansprechen. Man kann Libris Stil durchaus weder altertümlich noch neumodisch nennen, sondern muß ihn als zeitlos und doch das jeder Zeit Gehörende, also Ewige, in uns zur Anschauung bringend, wahrhaft bewundern. Bei Erinnerung an dieses Gemälde fühle ich die Rührung wieder, die ich bei dessen Anblick fühlte, und kann sie nicht verbergen.« Die Art dieses Meisters, zu sehen und zu empfinden (sein Stil – und der Stil ist ja der Mensch –), wirkte tief und bleibend, berührte mich sympathisch; ja dieser alte, liebe Maler und Illustrator (er wie sein Vater waren besonders berühmt durch ihre Miniaturbilder in Meß- und Choralbüchern, davon ihr Beiname dai Libri) ist so eigentlich mein Schutzpatron gewesen und hat mir zuerst die Pforten für das innere Heiligtum der Kunst erschlossen. * Mein Koffer war endlich angekommen und weiter befördert; so konnte ich am 20. September Verona verlassen. Gern hätte ich mich einem Vetturin überlassen; aber die Burschen, mit welchen ich verhandelte, forderten zuviel und wollten von ihrer Forderung nicht nachlassen, da sie sahen, daß ich allein war und der Sprache unkundig, also nach ihrer Meinung genötigt sei, auf alles einzugehen. Außerdem hätte ich noch mehrere Tage auf die Abreise verschieben müssen, da die Kutscher noch keine Passagiere hatten. So zog ich es vor, abermals zu Fuß weiter zu wandern trotz der Vorstellung von Räubern, welche die Straßen, namentlich in den Apenninen, unsicher machen sollten. Über Mantua und Bologna erreichte ich nach einigen Tagen die Apenninenkette, von welcher ich mir landschaftliche Schönheit versprach, aber sehr enttäuscht wurde. Die Straße zog sich auf hohen, öden Bergrücken dahin; es war einsam und unheimlich hier oben, denn selten sah man einen Menschen, seltener einige Gebäude. Am späten Abend erreichte ich einen sehr hohen Punkt des Gebirges, von wo ich zurückblickend die lange Kette der Alpen fern am Horizont nochmals aufdämmern sah und meine letzten Grüße in die liebe Heimat senden konnte. Wann werde ich euch wiedersehen, und wie wird es dann mit mir stehen; werde ich erlangt haben, nach dem ich so innig strebte! Der letzte Tagmarsch bis Florenz wurde mir recht schwer, und ich kam, von Hitze, Staub und der Langweiligkeit des einsamen Wanderns recht erschöpft, an das Tor, wo der Paß vorgezeigt werden mußte. Der Torschreiber fand sich nicht in den deutsch geschriebenen Paß, und nachdem er denselben nach allen Seiten gedreht und betrachtet und den Kopf bedenklich geschüttelt hatte, ließ er endlich seinen Redestrom auf mich los. Ich konnte dem nichts entgegensetzen, weil ich kein Wort davon verstand. Zum Glück wegelagerte ein Cicerone in der Nähe, welcher etwas Französisch sprach und jetzt zwischen uns den Vermittler und Dolmetsch machen und die Wißbegierde des Torschreibers befriedigen konnte. Bei diesem Retter in der Not erkundigte ich mich nun nach einer guten und billigen Locanda, wobei ich es um meines schwachen Geldbeutels willen auf letztere Eigenschaft besonders abgesehen hatte. Er nannte mir eine solche, bat mich, die Straße hinaufzugehen, er werde gleich selbst nachkommen und mir die Herberge zeigen, da er selbst in deren Nähe wohne. Der Mann hatte ein widerlich zudringliches Wesen, grinsend freundliches Gesicht und sah außerdem höchst schmierig aus. Er hatte heute vergeblich am Tore auf noble forestieri gelauert und nahm deshalb schließlich mit dem armen pittore tedesco vorlieb, sich mit dem Sprichwort tröstend: In der Not frißt der Teufel Fliegen. So lenkten wir denn aus der Hauptstraße in einige kleine schmutzige Gäßchen und landeten zuletzt vor einer Locanda e Osteria in einem engen Hofe. Mein Virgil sagte mir noch schnell, ich würde hier brave Leute finden. Er wohne mit seiner Tochter, »una bella ragazza«, gegenüber; auch habe vor kurzem ein pittore francese hier lange gewohnt und mit seiner Tochter des Abends Gitarre gespielt und gesungen, und sie seien überaus vergnügt gewesen. Er empfahl sieh auf Wiedersehen und schlüpfte in seine Haustür, während ich, plötzlich bedenklich geworden, in meine schwarze Spelunke eintrat. Ein entsetzliches Loch! »Lasciate ogni speranza voi ch entrate«, war auch hier ohne Buchstaben zu lesen, und durchaus keine Aussicht auf eine stärkende Kost und leibliche Pflege nach bescheidenstem Maßstabe. Meinen Löwenhunger mußte ich mit einer Foglietta essigsauren Weines, einem Brötchen und einer traurigen Frittata zu stillen suchen. Ich war zu erschöpft, um mich nach einer anderen Herberge umzusehen, und legte mich angekleidet auf mein elendes Lager. Daß meine ganze Barschaft nur noch aus einigen dreißig Scudi bestand und ich damit noch nach Rom reisen und zwei volle Monate leben sollte, beunruhigte mich sehr, und meine Lage machte mir recht traurige Gedanken, über welche aber die Ermüdung dennoch bald siegte; denn die Augen fielen mir zu, und ich schlief wie tot die ganze Nacht. »Der Herr gibt's den Seinen schlafend«, hieß es auch hier; denn es löste ein gütiges Geschick während eines bleiernen Schlafes meine Bedrängnis. Ich erwachte plötzlich. Es war Morgen, und mir deuchte, ich wäre bei meinem Namen gerufen worden Indem ich mir noch die Stirn reibe und mich besinne, ob ich geträumt habe oder ob es wirklich möglich wäre, ertönt von neuem der Ruf meines Namens, und ich springe auf und ans Fenster. Da stehen zwei mir gänzlich unbekannte Männer, ein junger und ein älterer, jedenfalls deutsche Gesichter – wie froh war ich solche zu erblicken –, und schauen mich höchst verblüfft an. »Entschuldigen Sie, daß wir Sie so früh aus dem Schlafe gestört haben, aber wir glaubten einen Herrn Richter hier zu finden.« »Ja, so heiße ich.« »Einen Maler aus Dresden.« »Ganz recht, ein Maler bin ich und aus Dresden ebenfalls.« Abermals sahen sie mich frappiert an. »Aber jedenfalls sind Sie der nicht, den wir zu finden glaubten«, sagte der Jüngere, »denn ich kenne den persönlich.« Ich bat die Herren, sich in meine Höhle herauf zu bemühen, um den Wirrwarr klar zu bringen. Hier erzählte dann der Ältere, ein feines, intelligentes Gesicht, wie sie eben am frühen Morgen einen abreisenden Freund ans Tor gebracht und daselbst vom Torschreiber erfahren hätten, daß gestern abend ein Landsmann und Kunstgenosse Richter aus Dresden hier angekommen sei und da und da wohne. Ihr Freund, den sie nun suchen, sei der Historienmaler August Richter, von welchem sie erfahren hätten, er werde in diesem Herbst von München, wo er studiere, eine Reise nach Rom machen. Ich war glückselig, Landsleute, ja Kunstgenossen durch dies Ohngefähr gefunden zu haben; es war mir, wie es einem Stummen sein mag, der plötzlich die Sprache wiederbekommt; ein Stein war vom Herzen, ein Knebel aus dem Munde genommen. Der ältere dieser lieben Genossen war der Historienmaler Rehbenitz aus Kiel, ein trefflicher Mensch, ein Freund Schnorrs und Overbecks. Zum Kaufmann bestimmt und ausgebildet, hatte er sich erst spät der Kunst widmen können. Der jüngere Maler war Hennig aus Leipzig, ein Freund August Richters. Er hielt sich gegenwärtig in Florenz auf, um bei Metzger das Restaurieren von Gemälden zu erlernen. Ich erzählte Rehbenitz, wie ich gestern abend in diese schlimme Herberge gekommen sei, und er schlug mir vor, mit ihnen zu gehen, wo ich sogleich ein freundliches Zimmer bei Metzger beziehen könne, welches diesen Morgen durch die Abreise ihres Freundes frei geworden war. »Eine freundliche Wohnung in einer fremden Stadt trägt viel dazu bei, diese in gutem Licht erscheinen zu lassen, und umgekehrt«, meinte Rehbenitz. Ich zahlte meine kleine Zeche und mietete auf eine Woche das vorgeschlagene, sehr reinliche und billige Zimmer bei Metzger, dicht bei S. Maria Novella, und hatte daselbst, mit lieben Landsleuten verkehrend, einen höchst angenehmen Aufenthalt, der mich bald alle überstandene Not meiner einsamen Reise vergessen ließ. Der in der Kunstgeschichte wohlbewanderte Rehbenitz begleitete mich oft in Kirchen und Sammlungen und erschloß mir das Verständnis der Altflorentiner Schule mehr und mehr. An mir einen ebenso empfänglichen wie der Hilfe bedürftigen Schüler gefunden zu haben, schien dem trefflichen Manne die größte Freude zu machen, und ich wurde zugleich auf die angenehmste Weise in die Anschauungen der in Rom lebenden deutschen Künstler vorbereitet und eingeweiht. Bisher waren mir die alten Florentiner Meister selbst dem Namen nach fremd gewesen; wie war ich deshalb erstaunt, in ihren Werken die reichste Fülle großer, künstlerischer Gedanken und in schlichter Form eine Wahrheit und Stärke des Ausdrucks, stilvolle Größe, Phantasie und Schönheit zu finden, wie ich es gar nicht geahnt hatte! Von Taddeo Gaddi machte mir eine Grablegung Christi einen besonders tiefen Eindruck; aber am verständlichsten, weil mir sympathisch, erschienen mir Signorellis prächtige Fresken in der Kapelle Riccardi und der heitere Benozzo Gozzoli, der die alten heiligen Geschichten durch die lebenswahrsten Motive und Szenerien so liebenswürdig in seine Gegenwart hereinzuziehen verstand, ähnlich wie es Eyck, Dürer und Rembrandt zu ihrer Zeit und in ihren Landen getan. Aber einen muß ich noch nennen, der so rein, so selig die tiefste Seele bewegte, dessen Bilder Blumen gleichen, voll Duft und Glorienschein, die ein seliger Geist aus den Himmelsauen auf unsere arme Erde verpflanzt hat, um die Sehnsucht wach zu erhalten nach einer ewigen Heimat; wer kennt ihn nicht, den Beato Angelico da Fiesole? – Die Fresken, mit welchen er seine Zelle und die Korridore des berühmten Klosters S. Marco geschmückt hatte, wurden gar andächtig betrachtet und studiert und sein Geburtsort, das Bergstädtlein Fiesole, besucht. * Nach den Uffizien ging ich womöglich täglich; auch schloß ich mich eines Tages einer Gesellschaft an, welche die Kunstschätze des von der großherzoglichen Familie bewohnten Palastes Pitti sich zeigen ließ. In einem der fürstlichen Gemächer erblickte ich im Vorübergehen auf einem Tischchen liegend meine Radierungen: »Dresden und Umgegend«. Überrascht blieb ich stehen, sah die wohlbekannten Bilder der lieben Vaterstadt und begann, ganz von meiner Freude hingenommen, darin zu blättern. Es waren ja meine eigenen Arbeiten, und sie sahen mich hier in der Fremde, in diesem fürstlichen Hause, so ganz eigen an, erinnerten mich an mein kleines Stübchen in Dresden, wo ich noch vor wenig Monden oftmals so traurig dabei gesessen, so hoffnungslos für meine künstlerische Weiterbildung, so gebannt an Arbeiten, die mich nicht fördern konnten, die nur gemacht werden mußten, um den Lebensbedarf zu erringen. Da riß mich urplötzlich eine barsche Stimme, die des Herrn Hausmeisters, aus meinen Träumen, und eine nicht allzu höfliche Zurechtweisung, die mir das Anrühren dieser Sachen untersagte, versetzte mich sehr schnell wieder in die prosaische Wirklichkeit, welcher ich indes ebenso schnell durch den Anblick einer großen, prächtigen Landschaft von Rubens und endlich gar durch Raffaels Madonna del Granduca entrückt wurde. Das übliche Trinkgeld an den Hausmeister brachte den versöhnenden Schluß in dieses Auf- und Absteigen der Gefühle. So waren acht glückliche Tage vergangen, und die Eindrücke, welche alle diese Herrlichkeit der Kunst zurückgelassen hatte, waren ein Same, der zwar auf einen wenig vorbereiteten, aber nicht unempfänglichen Boden gefallen war. Florenz gab mir einen Segen mit auf den Weg nach Rom, den keine andere Stadt der Welt mir besser hätte geben können. So verließ ich denn das schöne Firenze, dessen Lage und Umgebung, Bau- und Bildwerke eine ganz eigenartige Physiognomie tragen, welche ihm von einer reichen und kräftigen Vergangenheit aufgeprägt wurde, daß man es nie wieder vergißt. Ich hatte mich hier einem Vetturin übergeben, der mich in einigen Tagen über Siena, den Trasimenischen See entlang, Rom entgegen führte. Wir kamen zur letzten Station vor Rom, La Storta. Die bis zum Meere reichende Campagna breitete sich vor den sehnsüchtigen Blicken aus. Links traten in langer Reihe die schön geformten Sabinerberge hervor, und in der Mitte der weiten Hügelebene entdeckte das Auge die Kuppel von St. Peter, den Bau, welcher im Herzen des deutschen Vaterlandes vor dreihundert Jahren den Anlaß zur großen Kirchentrennung gab. Wie manches deutsche Künstlerherz hat hier beim ersten Erblicken dieses kleinen Punktes, welcher die Lage Roms bezeichnet, höher geschlagen, dem Ziel seiner langgehegten Wünsche. Ecco Roma! ecco San Pietro! rief der Vetturin uns zu, und nun ging es bald in rascherem Trabe durch die einsame Gegend weiter. Hier und da erhob sich ein Turm oder ein antikes Gemäuer, an welchen Hirten mit ihren Schaf- und Ziegenherden sich gelagert hatten, fast die einzige Staffage auf diesem weltgeschichtlichen Boden. Je mehr wir uns Rom näherten, um so unruhiger, spannender wurde die Erwartung. Die Augen waren überall, und mir war, als hätte ich vieles schon im Traume gesehen, wahrscheinlich aber nur auf Bildern, Zeichnungen und Radierungen, die nun alle zur lebensvollsten Gegenwart, zur schönsten Wirklichkeit wurden. Jetzt erglänzte die Tiber; die Ponte Molle und eine Osteria am Wege glaubte ich nach J. Both einmal kopiert zu haben; die lange Strecke bis zur Porta del Popolo brachte ich den Kopf nicht mehr in den Wagen, mir schien alles so bekannt, und endlich hielt der Wagen unter dem Tore, wo die Pässe abgenommen wurden. Auf dem Platze und unter den Leuten am Tore schien eine besondere Erregung bemerkbar; auch fing man an, von den Kirchtürmen zu bimmeln und zu läuten, bis zuletzt der volle Chorus der sämtlichen Glocken Roms ein eigentümliches, wirres Gesumme hervorbrachte, welches wie eine Wolke über der Stadt schwebte und welches schließlich von der Engelsburg mit dem Donner der Kanonen begleitet wurde. Der Torschreiber gab uns eiligst die Passierscheine, und es stand auf dem meinigen, daß »il Signor Landschaft« am 28. September einpassiert sei. Es war noch dazu mein Geburtstag, an welchem ich meinen Einzug in Rom hielt, und daß ich so feierlich empfangen wurde mit Kanonendonner und Glockengeläute, daran war eigentlich Leo XII. schuld, welcher eben von den Kardinälen auf dem Quirinal zum Papst erwählt worden war und solches Ereignis nun der St. Petersstadt verkündete. Rom Als der Vetturin am deutschen Gasthof anhielt, war die Nacht bereits angebrochen, denn die Untersuchung auf der Dogana hatte viel Zeit gekostet, und so war nach dem Abendessen keine Zeit mehr auszugehen. Welch glückseliges Erwachen brachte nun der Morgen! Ich mußte mich einige Augenblicke besinnen, ob ich wirklich wach sei oder vielleicht nur träume, ich wäre in Rom. Aber es war kein Traum, und so sprang ich mit einem Satze aus dem Bette und lief zum Fenster, um mir den augenscheinlichsten Beweis dieser Tatsache zu verschaffen. Es war noch ziemlich früh. Die Via Condotti lag noch still und menschenleer im kühlen Morgenschauen; aber am Ausgang derselben leuchtete bereits im goldenen Glanz der Sonne der Pincio mit der Kirche Trinità de' Monti über der spanischen Treppe. Ich kleidete mich rasch an, und das Herz pochte gewaltig in ahnungsvoller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Was werde ich hier sehen und erleben? Werden die Rätselfragen an Kunst und Leben für mich eine Lösung finden? – Mein Leben – so hoffte ich – sollte hier Gepräge und Richtung bekommen, und wie wird diese ausfallen? – Und endlich: Wen werde ich von Kunstgenossen, von bekannten und noch unbekannten antreffen? Tausend Empfindungen und Fragen bewegten das Gemüt, und vor allem war ich in gespannter Erwartung, was zunächst Kunst und Natur mich würden schauen lassen, und gleich dem andächtigen Pilgersmann betrat ich den Boden der heiligen Stadt mit dem glückseligen Gefühle, am Ziele jahrelang gehegter Wünsche angelangt zu sein. Ich eilte hinab. Kaum ein paar Schritte gegangen, gewahrte ich zur Linken das vielgenannte Café Greco, das ich sogleich als erster Morgengast betrat, um meinen Frühstückskaffee einzunehmen und dann meine Wanderung auf gut Glück zu beginnen. Es dauerte nicht lange, als ein zweiter Gast eintrat, ein schlanker, elastisch einherschreitender junger Mann. Kaum hatten wir uns erblickt, so lagen wir uns in den Armen. Es war die erste bekannte Seele, die ich hier antreffen sollte, der liebe Wagner aus Meiningen – Er war ausnahmsweise früh ins Café Greco gekommen, weil er einen Brief aus der Heimat erwartet hatte und diesen auch richtig vorfand. Bekanntlich wurden damals, wie vielleicht noch heute, alle Briefe an die deutschen Künstler hier abgegeben, wo das Päckchen am Büfett zwischen einigen Zuckerbüchsen eingeklemmt zu jedermanns Einsicht seine offene Lagerstätte hatte, selbst Briefe mit Wechseln. Da die meisten Künstler nach Tische ihren Kaffee hier tranken, wurden sie stets von ihnen durchgesehen und denen, für welche sich Briefe vorfanden, davon Nachricht gegeben. Ich habe während meines dreijährigen Aufenthaltes in Rom nie gehört, daß Mißbrauch mit diesem offenen Brieflager gemacht worden wäre. So saß ich denn seelenvergnügt mit dem so schnell gefundenen Freunde beim Kaffee und erfuhr zugleich, daß bei seiner Wirtin ein Zimmer noch frei sei, wo ich, wenn ich es beziehen wollte, Stubennachbar mit ihm sein würde. Was konnte mir lieber sein als das! Wir stiegen also alsbald miteinander die spanische Treppe hinauf und gingen nach der Via Porta Pinciana, einem der höchst gelegenen Punkte des Monte Pincio, in Wagners Wohnung. Sie war im Palazzo Guarnieri, der Villa gegenüber. Die Bewohnerin des dritten Stockes war eine alte, freundliche Witwe, Mariuccia geheißen, bei welcher außer Wagner noch der Hamburger Maler Flor und ein Stralsunder Landschaftsmaler namens Freyburg wohnten. Philipp Veit, welcher bereits verheiratet war, wohnte über uns im vierten Stock. ( Randvermerk Richters: Wird wohl umgekehrt (gewesen) sein, ich im vierten, Veit im dritten Stock) Das Zimmer, welches ich für mich mietete, war geräumig, hell und billig. Es kostete monatlich drei Scudi. In einigen Stühlen, einem Tisch, einem großen Bett und der römischen dreiarmigen Messinglampe bestand das ganze Mobiliar. Vorhänge waren nicht gebräuchlich, der Fußboden von rotbraunen Fliesen, aber so defekt und locker, wie Tür und Fenster, durch welche die gesunde Luft jederzeit freien Eingang fand, auch wenn sie zu ihrem Einlaß nicht besonders geöffnet waren. Desto lieblicher war die Aussicht auf ein Gartenplätzchen der Villa Malta mit einer Weinlaube und einigen Orangen- und Limonenbüschen, aus denen die goldenen Früchte leuchteten, und über welches in weiter Ferne der Vatikan mit der mächtigen Peterskuppel sich erhob. So ließ ich nun meinen Koffer aus dem Gasthofe holen, und ehe es Mittag läutete, war ich in meiner kleinen Wirtschaft eingerichtet und alles fix und fertig. Nach langer, einsamer Wanderung fühlte ich mich äußerst behaglich, in kürzester Frist ein bescheidenes Daheim und noch dazu einen liebenswürdigen Freund zum Nachbar gefunden zu haben. Der Mittagstisch im »Lepre« und noch mehr die obskure und höchst ursprüngliche Osteria di Tritone, welche am Abend besucht wurde, machte mich bald mit der jüngeren Generation der Genossen bekannt. Es war hier, wie beim ersten Pfingstfeste, ein Gemisch aller möglichen deutschen Dialekte; man hörte da die Bayern und Schwaben, die Österreicher und Rheinländer, die Norddeutschen, Dänen und Livländer in ihren Zungen reden, und die Landsleute, zahlreich vertreten, glänzten in einigen Prachtexemplaren im pikantesten Sächsisch. In den ersten Tagen durchstrich ich nun in Wagners Begleitung die interessantesten Teile der Stadt, um mich einigermaßen zu orientieren. Den Korso entlang über das Kapitol wurde zuerst das Campo Vaccino aufgesucht, welches damals für den Altertümler und Touristen etwas weniger, für den Maler und Poeten aber einen um so größeren Eindruck hervorbrachte; denn die Ausgrabungen dieser großartigen Trümmerwelt waren noch spärlich und das ganze Terrain noch in einem urwüchsigen Zustande. Eine andere Richtung führte über die Ponte Sant'Angelo mit der nach dem St. Peter und dem Vatikan. Die Überfülle all dieser Herrlichkeiten, welche fast betäubend auf Sinn und Gemüt wirkten, machte den Vorschlag Wagners, bei dem wundervollen Herbstwetter einige Tage in der Campagna zu zeichnen, recht annehmbar. So griffen wir eines schönen Morgens nach unseren Skizzenbüchern und Feldstühlen und gingen nach dem Torre del Quinto hinaus, welcher damals noch nicht zusammengebrochen war, sondern von seinem malerischen Felsen schlank und hoch in die weite Landschaft schaute. Welche wunderbare Stille hier! Schauend und nachzeichnend empfand ich so recht in tiefster Seele die unsägliche Schönheit dieser weiten, einsamen Gefilde, über welchen ein Hauch des tiefsten Friedens schwebt. Die Tiber zog in großen Windungen, von keinem Schiff oder Boot belastet, ihren Wasserspiegel durch die unbebauten Matten, und in zart bewegten Linien hoben und senkten sich rotbraune, sonnverbrannte Hügelketten bis an den Fuß der steilen Sabinerberge, welche in einer Entfernung von sechs und zehn Stunden den Horizont begrenzten. Hie und da stand ein Turm aus dem Mittelalter, ein antikes Grabmal oder andere uralte Trümmer oder eine aufsteigende Rauchsäule in weiter Ferne deutete auf Hirtenfamilien, welche, im Herbst und Winter vom Sabinergebirge herabgekommen, diese schöne Wüste durchzogen und in irgendeiner der vielen Höhlen an den felsigen Abhängen ihre Wohnungen aufgeschlagen hatten. Daß auf diesen weiten Gefilden eine mehr als zweitausendjährige Geschichte sich abgespielt hat, daß Geschlechter, Völker, Städte hier blühten und wieder verschwanden und nun nach langen, wechselvollen Kämpfen alles wieder in die Arme der Mutter Natur zurückgesunken, schlummernd, träumend vor uns liegt, gibt dieser Landschaft ihr historisches Gepräge. Über all ihre hohe Formenschönheit ist der Hauch einer sanften Melancholie ausgegossen und somit das schönste Material für künstlerische Gestaltung dargeboten. Rom ist auch darin vielleicht einzig, daß, sobald man aus seinen Toren tritt, innerhalb welcher ein so großartiges Kulturleben alter und neuer Zeit uns umwogt, außerhalb derselben wir fast unmittelbar in die Einsamkeit einer Wüste, ja in eine Art Urzustand zurückversetzt werden. Den ganzen Tag saß ich nun, auf das eifrigste bemüht, mit möglichster Genauigkeit den Gang dieser schönen Berg- und Hügellinien wiederzugeben, was indes nur wenig gelingen wollte. Denn mein nordisches Auge erkannte noch nicht genug den zarten und doch so charakteristischen Schwung und Zug dieser Umrisse; auch war ich früher nie darauf hingewiesen worden. Fleißig zeichneten wir so den ganzen Tag, bis der Abend und der Hunger uns an den Rückweg mahnten. In den folgenden Tagen wurde ich nun mit einigen Landsleuten näher bekannt, unter welchen ich Oehme zuerst nennen muß, weil wir uns beide sehr bald zueinander hingezogen fühlten und eine Freundschaft sich anknüpfte, die das Leben hindurch treu ausgedauert hat. Er war eine feine, poetische Natur, schlicht und herzlich, und bei aller ruhigen Behaglichkeit seines Wesens voll des köstlichsten Humors und Mutterwitzes. Mancherlei Berührungspunkte hatte es bisher unter uns gegeben, ohne daß wir uns näher gekommen waren. Als vierjähriges Kind hatte er mich, wie er oft scherzend erwähnte, gewartet; denn unsere Mütter waren Hausgenossen und unter sich befreundet gewesen, und er, noch im Kinderkäppchen, hatte verlangt, mich, das Wickelkind, auf den Schoß zu nehmen, wie er es von Mama gesehen hatte. Dann kamen wir auseinander, und später bewunderte ich sein großes Talent für das Komische auf der Bühne und seine ersten ausgestellten Versuche in der Malerei. Hier in Rom entdeckten wir bald, daß ein anderes liebes Geheimnis uns verband; denn er hatte eine Emma, wie ich eine Auguste in der Heimat und im Herzen, beide kannten sich, beide wurden von Pflegeeltern erzogen, welche ebenfalls einander nicht unbekannt waren, und so konnte es nicht fehlen, daß wir uns ebenfalls vertraulich nahe fühlten. Oehme hatte ein Bild von Grotta Ferrata angefangen, dessen saubere Aufzeichnung auf die Leinwand mich lockte und reizte, möglichst bald meine Kräfte zu erproben. Indem ich nun zu solcher Absicht meine Skizzenbücher durchsah, entstand in mir ein Bild der jüngst durchwanderten Alpennatur, gewissermaßen ein Zusammenfassen ihrer bedeutendsten Eindrücke, und ich bemühte mich, dies innere Bild äußerlich in einer Skizze zu fixieren. Rasch wurde nun das nötige Material beschafft, Pinsel und Farben gekauft, und in wenig Tagen saß ich glückselig im Schaffensdrange vor meiner aufgespannten Leinwand. Bisher hatte ich ja überhaupt nur ein paar mangelhafte Versuche im Ölmalen gemacht; die neuere Technik, wie ich sie bei Freund Wagner geübt sah, war mir noch ganz fremd, und so war es naheliegend, daß mich zuweilen der Gedanke beängstigte, ich könne mit dem Wagnis, mich an ein so großes Bild gemacht zu haben, ein schmachvolles Fiasko erleiden. Der Gedanke war mir ein entsetzlicher; allein die Lust, die Begeisterung für den Gegenstand und die Freude, einmal eine eigene Idee zur Ausführung zu bringen, überwog doch bei weitem die Befürchtungen; so komponierte und malte ich darauf los und fühlte mich glücklich wie der Fisch, den eine wohltätige Hand in sein Element, in das strömende Wasser, gesetzt hat. Wagner malte ebenfalls an einem größeren Bilde: Terracina mit dem Monte Circello. Es war mir sehr angenehm, ihn immer unmittelbar in meiner Nähe zu haben und seinen Rat benutzen zu können. Wir arbeiteten beide sehr fleißig den Tag über und besuchten in den Abendstunden die sogenannte Accademia, wo nach Akten gezeichnet wurde Der treffliche Passavant hatte mit einigen Freunden diesen Verein eingerichtet, ein geeignetes Lokal gemietet, für Modell und Beleuchtung gesorgt, und jeder Teilnehmende zahlte einige Scudi, mit welchen die Ausgaben gedeckt wurden. Es war eine Lust, diese mannigfaltigen und immer schönen Gestalten nachzeichnen zu können, und denselben Unterschied, welcher mich bei dem Eintritt in Italien in den landschaftlichen Naturformen entzückte (Gebirgs- und Terrainbildung), sah ich jetzt auch an der menschlichen Gestalt; eine Schönheit der Verhältnisse und feinste Ausbildung der einzelnen Teile, wie ich sie in der Heimat nur selten gefunden hatte. Aber ein ebenso großer Unterschied ergab sich auch in der Art, wie hier das Modellzeichnen behandelt wurde. Daheim wurde eine solche Figur immer in eine gewisse manierierte Schablone gebracht; es fehlte der Respekt vor der Natur und ihren konsequenten Bildungen; man setzte dafür ein allgemeines, ich möchte sagen: eine abstrakte Menschengestalt, an deren wirkliche Existenz man nicht zu glauben genötigt war. Es war eben ein Mensch und ein recht manierierter Mensch dazu, aber nicht der Hans oder Ambrosio, der Peter oder Cecco, der dem Zeichner gesessen hatte. Hier zeichnete man mit der größten Sorgfalt, mit unendlichem Fleiß und Strenge in der Auffassung der Individualität, so daß diese Zeichnungen oft kleine Kunstwerke wurden, an denen jeder seine Freude haben konnte; denn es war eben ein Stück schöner Natur! Nachdem man sich hier noch ein paar Stunden wacker angestrengt und damit das Tagewerk geschlossen war, eilte man einer Trattoria oder Osteria zu. Unsere allabendliche Osteria hieß il Tritone, ohnweit der Piazza Barberini, wo ein Triton im Bassin das Wasser aus dem Horne bläst. Da man in einer solchen Schenke nur Wein und Brot, aber keine Speisen haben kann, so wurde unterwegs vom Pizzicarole schnell etwas Schinken, Wurst oder Käse mitgenommen oder an einer Straßenecke bei einem Kastanienröster die Taschen mit den heißen Kastanien gefüllt, was denn mit dem vortrefflichen Velletriwein ein bescheidenes Abendessen gab. Hier wurden nun mit Scherz und gutem Humor die Tagesereignisse in der Künstlergemeinde, die Arbeiten und sonstigen Vorkommnisse besprochen und die im Schwange gehenden Kunstansichten ausgesprochen und pro und contra durchgefochten, wie das in solchen geschlossenen Kreisen hergebracht ist. Mir, dem Novizen, in den neugewonnenen Kunstanschauungen noch wenig Eingeweihten, war dies besonders nützlich und anregend. Der Staub akademischer Antikensäle, wie der Kram blasser Kunstregeln und Maximen, wie ich sie von Kindesbeinen an eingesogen und mit Mühe geübt hatte, war hier abgetan und über Bord geworfen Daheim lagerte noch frostige Winterkälte auf den absterbenden Kunstgefilden, und nur einzelne Zeichen waren es, die mich an einen kommenden Frühling mahnen konnten. Auf meiner Wanderschaft nach Rom hatten sich Stimmen und Zeichen gemehrt: Schlegels und Wackenroders Schriften in Innsbruck, Girolamo dai Libri in Verona, endlich die köstlichen alten Florentiner! Hier in Rom, das sah ich, war der herrlichste Frühling angebrochen und im vollen Zuge! In der ganzen Künstlerschar deutscher Zunge, die hier sich zusammengefunden hatte, wogte und waltete ein Strom der Begeisterung, der nach einem gemeinsamen Ziele hindrängte, und dem keiner sich entziehen wollte noch konnte; an diesem »neuen Leben«, diesem Frühlingswehen, nahm ein jeder teil nach dem Maßstab seiner Kräfte; es blühte eben das edelste wie das schwächste Kraut! Die früher verschmähten, ja fast verschollenen großen Maler der vorraffaelischen Zeit waren jetzt erkannt, bewundert und fleißig studiert, und in ihrem großen stilvollen, strengen Sinn suchte man die Natur zu erfassen, ja, es war recht eigentlich, nachdem der Zopf überwunden, eine Rückkehr zur Naturwahrheit (nicht ihre Wirklichkeit), eine Wiedergeburt aus dem Geiste der ältesten großen Kunst. Wie in Straßburg Goethe der erste war, dem zu guter Stunde die jugendlichen Augen aufgetan wurden, den Geist Erwins von Steinbach in seinem Riesenwerke zu erkennen, während seine Zeit ohne Verständnis daran vorüberging, ja es als »barbarisch« bezeichnet hatte, also erging es auch mit den großen deutschen Malerwerken, vom Kölner Dombilde bis zu Dürers köstlichen Schöpfungen, die man als »gotisch« belächelte und höchstens die mühsame Arbeit bewundert hatte, bis Friedrich Schlegel in seinem Buche über »christliche Kunst« auch diesen Geist erschloß, den tiefinnigen und sinnigen, den deutschen und christlichen, welcher in diesen Bildern lebt. Und gut deutsch und ehrlich fromm wollten alle diejenigen jungen Künstler auch sein, in denen ein edlerer Geist lebte. Vaterland und Glaube, irdische und himmlische Heimat waren die beiden Pole, inmitten derer sich das gesunde Leben bewegte; in dem einen wurzelte das Gemüt, nach dem anderen strebte der Geist. Unter dieser jungen Schar gab es nun freilich manche, die im Äußerlichen hängen blieben, andere, welche diese Anschauungen in ein solches Extrem trieben, daß der Torheit Tür und Tor geöffnet war. So sahen z. B. manche in Raffael schon den Abfall von der wahren Kunst und ließen nur seine Jugendwerke gelten; auch hörte man öfter den Grundsatz aufstellen, es müssen die verschiedenen Fächer in der Malerei aufhören und nur eine, die Historienmalerei, alles in sich aufnehmen, Landschaft, Genre, Porträt, wie Blumen- und Fruchtmalerei usw. Man kann sieh denken, wie schmollend einige Alte, welche noch aus Asmus Carstens' Zeit stammten und ganz in Antike aufgegangen waren, dieses Treiben und Übertreiben ansahen. Die alten, biederen Heiden mußten das Nazarenerwesen hassen in seinen Spitzen und verachten in seinen törichten Extravaganzen, zumal sie Christentum von Pfaffentum nicht zu unterscheiden vermochten, sondern es für ein und dasselbe zu halten schienen. Zuweilen besuchte ich – und meist mit Wagner – eine der älteren Künstlergrößen, so den alten Reinhardt, den ich ja aus seinen schönen Radierungen längst kannte und bewundert hatte. Daß er mit der neuen Kunstrichtung nicht sympathisierte, wußten wir; doch nahm er uns freundlich auf und zeigte namentlich in früherer Zeit gemachte Ölstudien aus dem Park Chigi, die meisterhaft gemacht waren. Das sehr große Arbeitszimmer stand voll Tischen, und diese waren mit Mappen, Rollen, Studien, Bildern und Gipsen belastet, und über andere Blätter, welche auf dem Boden lagen, mußte man hinwegsteigen. Am meisten imponierte mir seine Erscheinung selbst. Eine große, etwas hagere aber kräftige Gestalt mit den ernsten, männlichen Zügen, sah man ihm den gegen Wind und Wetter abgehärteten Jäger und Landschaftsmaler an. Die Züge geistreich und edel, in seinem Benehmen ruhig und sicher, habe ich den Mann noch mehr bewundert oder mich seiner erfreut, als der Bilder, die nicht mit dem beliebten spitzen Bleistift gemacht waren, sondern breit, derb, obwohl mit etwas Manier. In demselben Hause mit ihm wohnte ein anderes altes Haupt, der, aus der Sturm- und Drangperiode kommend, die neue Richtung in sich aufgenommen und auf eigene Weise verarbeitet hatte. Das war der alte, liebe Meister Koch. Da standen im Vorsaal seine fertigen Bilder, eine große, schöne Komposition von Tivoli, der herrliche Schmadribach und einige andere. An der Wand hing eine Untermalung der fünf klugen Jungfrauen von Cornelius, das einzige Bild, das ich bisher von ihm gesehen hatte. Diese Bilder sah ich während der drei Winter, die ich in Rom zubrachte, auf derselben Stelle stehen, es fanden sich keine Käufer dafür, während z. B. die leichter verständlichen Veduten Catels auf Abnehmer nicht zu warten brauchten, was denn des »Alten« satirische Laune gewaltig aufstachelte und dann in sehr pikanter Weise über Vedutenmalerei, kunstliebende Forestieri und Lohnbediente deklamiert wurde. Unter diesen Bildern fesselte mich besonders das herrliche Alpenbild, der Schmadribach, durch großartige poetische Auffassung. Wie der mächtige Gießbach aus von Wolken umgürteten Schneebergen herabstürzt, aus dem dunklen Tannenwalde hervorschäumt, und wie besonders im Vorgrunde die tobende Eile der wilden Wellen, die sich über Stämme und Steine wälzen, ausgedrückt war, das entzückte mich über die Maßen! Das Hirtenbüblein mit seinem Alphorn, das so ruhig, fast wie verloren, in dieser großen Natur mit seinen paar Geißen dasteht und dem Sturm und Brausen des Baches zusieht, ist so recht köstlich hineingedacht. Die »Tännle« hatte ihm der geniale, leider etwas verwilderte Hieronymus Heß aus Basel gemalt und mit Hirsch und Reh, mit Füchslein und wilden Tauben bevölkert. In dem geräumigen, ganz einfach ausgestatteten Atelier saß Meister Koch vor seiner Staffelei und malte an einer Landschaft, deren Motiv aus Olevano genommen war. Er schaute nur ein paar Minuten bei der Begrüßung nach uns auf und richtete alsbald die Frage an mich, ob ich durch Tirol gekommen sei, und ließ sich davon erzählen. Er malte eben an einer Figurengruppe: Olevaneser, die sich im Grünen mit Tanz, Gesang und Wein erlustigen. »Es muß hier luschtig zugehe! Jawohl, luschtig, wie bei der Hochzeit des Camacho! Das will ich auch einmal male – ein stupender Gegenstand!« und nun fing er an, das Bild, welches in seiner Phantasie sich aufbaute, zu beschreiben: die heitere Landschaft, die tanzenden Nymphen und Schäfer, der reiche Camacho mit seiner schönen Braut, und endlich die Köche, welche in großen Kesseln am Feuer die Speisen herrichten, umgeben von einer Fülle von Wildbret und Geflügel, Früchten und Weinschläuchen, und den schmausenden Sancho mit seinem ernsten zuschauenden Herrn. Der Alte wurde ganz lebendig bei dieser Vorstellung und paffte dabei – immer fortmalend – in sein erloschenes Pfeifchen, aus welchem sich jedesmal eine kleine Ascheneruption erhob, die zum Teil mit vermalt wurde. In seiner begeisterten Beschreibung war er schon einigemal durch einen rücksichtslosen Floh gestört worden, der in einem seiner Strümpfe sein Wesen trieb. Plötzlich erwischte er ihn, brachte ihn auf ein neben ihm liegendes Tamburin und machte ein höchst lustiges Gesicht bei dem musikalischen Knalleffekt, den der Knick hervorbrachte, mit welchem er den kleinen Räuber exekutierte. – Schon vorher hatte ich über den Zweck des Tamburins gesonnen, da ich mir nicht denken konnte, daß der Alte etwa in einer Arbeitspause zu seinem Vergnügen auf dieser Schellentrommel pauken sollte, obwohl auch dies nicht als völlig unverträglich mit seinem Wesen schien; denn er war voll wunderlicher Schrullen und Schnurrpfeifereien. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich ihn jemals anders, als vor seiner Staffelei sitzend, angetroffen hätte, so oft ich ihn auch später besuchte; denn er war sehr fleißig und die Arbeit seine Lust. Sobald es Abend wurde und er genötigt war, Pinsel und Palette wegzulegen, putzte er beides erst sauber, rieb sich noch einige Farben fein und setzte die Palette für den anderen Morgen in besten Stand. Durch Besuche ließ er sich niemals im Arbeiten stören, sondern malte ohne Unterbrechung fort. Nachdem er mich einst gegen Abend besucht und mein angefangenes Bild gesehen hatte, nahm er großen Anteil an mir und meiner Arbeit, und ein herzlicher Verkehr entspann sich zwischen uns von da an, wodurch ich sehr gefördert wurde. Bei der Komposition meines Alpenbildes (der Watzmann) hatte ich mich mehr durch interessante Einzelheiten, als durch klare, schön gegliederte Anordnung bestimmen lassen (wodurch sich Kochs Bilder so vorteilhaft auszeichneten), und er gab mir deshalb den Rat, meine Bilder künftighin nicht in voller Größe auf ihrer Leinwand zu entwerfen, sondern dieselben auf ein Quartblatt zu zeichnen, wodurch ich genötigt sein würde, vom einzelnen abzusehen und auf gute Verteilung und schöne Linienführung zu achten; denn das Ganze muß eher da sein als die Teile, es ist das Erste und Ursprüngliche, und das einzelne muß sich erst daraus entwickeln. Das ist naturgemäß, und so schafft das Genie, auch ohne das Gesetz zu kennen. * Zu den älteren Landschaftsmalern gehörte auch der tüchtige Herr von Rhoden aus Kassel. Ein Bild, die Cascade von Tivoli, beschäftigte ihn schon seit anderthalb Jahren und war noch nicht weit vorgerückt, denn er malte überaus langsam und sorgfältig. Auffallend war mir der Unterschied, welcher sich in seiner Persönlichkeit und seiner Arbeit kundgab. Der kleine, robuste, in Sprache und Gebärde so höchst lebendige Mann war wenig produktiv, träg und langsam bei der Arbeit. Seine Malerei, bestimmt in der Zeichnung, sonnig und klar in der Farbe, hatte etwas Trockenes, Glattes, fast Philiströses, welches sich mit seinem feurigen, gutmütig polternden Wesen nicht recht in Einklang bringen ließ. Fast scheint es, daß da, wo inneren Erregtsein fortwährend nach außen hin verpufft, es zu einer Ansammlung im Innern nicht kommen kann und die geistige Produktivität geschwächt wird Wohl jeder Künstler hat schon das Gefühl gehabt, daß er über eine Idee, die noch nicht reif war, eine Komposition, die äußerlich noch nicht festgestellt ist, sich nicht ungestraft lang und breit aussprechen darf. Viel Redens darüber kühlt die Empfindung und mindert die Kraft des plastischen Hervorbringens; ja schließlich verliert man leicht die Lust, sich weiter damit zu beschäftigen. Rhoden gehörte zu den Nimrods der Campagna, wodurch ebenfalls viel Zeit verlorenging. Die meisten dieser Jäger verloren die Lust zur Arbeit oft für lange Zeit. Man kann sich aber vorstellen, daß dieses tagelange Herumstreifen in der einsamen Campagna einen großen, ja poetischen Reiz haben mochte; die Bewegung in der milden Luft, die kleinen Jagdabenteuer, das Knallen auf eine unschuldige Lerche, Wachtel oder Schnepfe, das mochte dem Hocken vor der Staffelei und mühsamen Pinseln wohl öfters vorzuziehen sein. Rhoden hatte eine Römerin zur Frau und war katholisch geworden. Er war von allen als Künstler und Mensch geachtet und geliebt. Ein anderer liebenswürdiger Maler war Reinhold, aus Gera gebürtig; er hat wenig Bilder gemalt, aber ganz vortreffliche Naturstudien gezeichnet und in Öl gemalt. Ich besuchte ihn oft, um diese Sachen zu sehen und daraus zu lernen. Reinhold war mit Klein und Erhard in Rom nahe befreundet gewesen und bewohnte dasselbe Zimmer, in welchem sich der arme unglückliche Erhardt erschossen hatte. Erhardt litt an Melancholie, welche sich oft bis zum Unerträglichen steigerte, und verzagte in solcher Stimmung gänzlich an seinem Talente. Ich glaube auch, daß sich die italienische Natur für seine künstlerische Eigentümlichkeit nicht eignete. Noch drei andere Landschaftsmaler aus diesem Kreise lebten in Rom: der alte, liebe Faber aus Hamburg und der Aquarellmaler Welker, Kleins Reisegefährte, endlich der Schlesier Grospietsch, welcher sechs den Sammlern bekannte Blätter nach Kochs Naturzeichnungen und mehreres eigener Komposition radiert hat. Noch muß ich hier zweier Künstler gedenken, deren Arbeiten mich aufs tiefste berührten. Es waren der Heidelberger Karl Fohr und Horny aus Weimar. Beide waren im Beginn ihrer Laufbahn gestorben, Fohr ertrank 1818 in der Tiber, und Horny starb in Rom im darauffolgenden Jahre. Ihr Andenken lebte noch warm in den Genossen, und die Naturstudien wie Kompositionen, welche sich noch im Besitz ihrer Freunde vorfanden, versetzten mich in einen Rausch der Begeisterung, und insbesondere war das bei Fohr der Fall. Man darf aber auch nur sein schönes, von Amsler gestochenes Bildnis betrachten und in diese tiefen, seelenvollen Augen sehen, um das poesievolle Künstlerherz zu erkennen. Frühere, noch in Deutschland gemachte Naturstudien zeigen eine so feine, liebevolle Beobachtung der Natur und manierlose, naive Darstellung, daß, als diese Eigenschaften mit einem großen Stilgefühl sich verbanden, die reizvollsten Sachen entstehen mußten. Welker besaß von ihm ein Skizzenbuch, welches ihn wahrscheinlich ins Albanergebirge begleitet hatte und das eine Menge der lebendigsten Volksgruppen, bald gelagert im Walde oder wandernd mit dem Esel, Ziegen oder Schweinen, dargestellt enthielt. Eine große Tuschzeichnung Fohrs sah ich bei Passavant: ein Sonntag in Tirol. Die Burgleute kommen durch den Buchenwald zur alten Kapelle herab, um die Messe zu hören. Weiter Blick in das großartige Gebirgstal. – Das alte Schlößchen Hirschborn am Neckar, mit dem Falken in der blühenden Heide ganz im Vorgrund; eine wundervolle Zeichnung voll poetischen Naturlebens wie ein altes Volkslied. Eine Tirolerlandschaft, mit der Feder und aquarelliert. Vorn schreitet ein Bursch mit seinem Mädchen (prächtige Gestalten) mit einem Buben, welcher auf der Flöte bläst, einem Dorfe zu. Es ist unmittelbar nach der Natur gezeichnet und doch so groß und schön zum völligen Bilde gestaltet und abgerundet. – Einige überaus schön gemachte Waldlandschaften, eine deutsche und eine von Ariccia. Ein Studienblatt war mir besonders interessant: eine mit verschiedenartigem Buschwerk bewachsene Felswand, an deren Fuß in der Tiefe ein Bach sich zwischen Gestein hindurchdrängt und dadurch ganz eigentümliche Ringe und Strudel zieht, was mit besonderem Fleiße charakterisiert ist. Es war mir jedesmal, als höre man da unten zwischen Fels und Büschen das unheimliche Gurgeln, Rauschen und Plätschern solchen Wassers herauftönen, Klänge und Töne, welche oftmals dem einsam Wandernden wie schwatzende Menschenstimmen klingen. Ihn hatten jedenfalls diese wunderlichen Wasserwirbel zur genauen Nachbildung angezogen im Gedanken an das Nibelungenlied, mit dem er sich so vorzugsweise beschäftigte. Seine letzte Zeichnung stellte vor: wie Hagen die Wassernixen befragt. Er machte dieselbe für Frau von Humboldt. Ermüdet von der Arbeit, geht er nach der Tiber, sich zu baden, und sie zogen ihn da wirklich hinab, die unheimlichen Wassergeister, den Zweiundzwanzigjährigen. Nach meinem Gefühle hätte er der Landschaftsmalerei eine neue, höchste Richtung geben können: die Elemente dazu waren vollständig vorhanden. Anders als Fohr war Horny. Höchst originell, eine großartige, strenge, ja herbe Auffassung und Behandlung liebend, studierte er meist in den sterilen Bergen von Olevano und Civitella. * Neben meiner Wohn- und Arbeitsstube war ein kleiner Saal, welcher von Flor auf Anregen der jüngeren Kunstgemeinde alle vierzehn Tage zu einer abendlichen Zusammenkunft eingerichtet wurde, zu einer »Allegria«, wie Frau Mariuccia sagte. Eine lange Tafel in der Mitte und auf derselben ein Fäßchen guten Velletriweins, zwei dreiflammige römische Lampen und ein Dutzend Stühle waren die ganze Ausrüstung zum Empfang von einigen zwanzig Personen. Ein jeder brachte sich seinen bescheidenen Abendimbiß in Weinblätter eingewickelt mit und zapfte sich nach Bedürfnis seinen Trank aus der Tonne. Thorwaldsen, Veit, Koch und Rhoden besuchten öfter diesen Verein und freuten sich mit den Fröhlichen. Thorwaldsen, seine Zigarre rauchend, sprach wenig, war aber mit lebendigstem Anteil bei den Gesprächen und Scherzen und befand sich höchst behaglich. Koch las einigemal aus des Paters Abraham a Santa Clara »Judas, der verfluchte Erzschelm« höchst humoristische Partien vor und erregte allgemeines Ergötzen damit. Besonders gut klang sein Vortrag des Nibelungenliedes in der Ursprache, was ihm durch seinen Tiroler Dialekt erleichtert wurde. Das Erhabene, Gewaltige, Große war sein Element, deshalb Sophokles, Aischylos oder das Buch Hiob seine Lieblinge, die ihn erfaßten und zur Begeisterung fortrissen. Goethe zog ihn weniger. Mit Hermann und Dorothea war er durchaus nicht zufrieden; der Hermann sei ein Philister, tue ja nix. Ein episches Gedicht müsse »Heroe« handeln lassen usw. An solchen Abenden überglänzte Oehmes Talent für komische Darstellung alles andere bei weitem, und wenn er seinen sentimentalen Handwerksburschen, den Bruder Breslauer, die in Dresden erlebten Abenteuer erzählen ließ, oder den Neujahrswunsch eines stotternden, etwas einfältigen Jungen hersagte, oder anderes dieser Art zum besten gab, dann erscholl ein homerisches Gelächter, Thorwaldsen schütterte minutenlang vor recht herzlichem Lachen, und Koch meinte: »Warum wird der Oehme nicht Schauspieler? Er würde der größte Komiker!« Seine Bilder liebte Koch nicht besonders; das Zarte. Duftige derselben, manchmal ans Sentimentale Streifende, war nicht nach Kochs Geschmack. Es lag bei Oehme das Komische nicht sowohl in dem Charakteristischen und Witzigen dessen, was er sprach, sondern daß er fast ohne alle Hilfsmittel eine Persönlichkeit so vollständig in Haltung, Miene, Bewegung und Sprache darzustellen vermochte und dadurch ein kleines Kunstwerk hervorzauberte, welches zu heiterster Laune, ja zum lauten Jubel fortriß. So waren diese Abende eine köstliche Erfrischung nach den Arbeitstagen, welche ich fleißig vor meiner Staffelei zugebracht und mich oft recht schwer an meinem Watzmann abgemüht hatte. Das Verzagen trat öfter nahe genug; aber die Anregungen, welche Geselligkeit, Kunst und Natur auf Tritt und Schritt darboten, gaben dem Leben einen Schwung und förderten einen so heiteren Mut, daß ich mich durch keine Schwierigkeit abschrecken ließ. Die winterliche Jahreszeit neigte sich zu Ende, und mit Wagner hatte ich schon einen Plan für den Sommeraufenthalt entworfen. Das Albanergebirge lag uns zunächst im Sinn, und wir lenkten unsere Schritte, wenn wir unsere Abendpromenade machten, gewöhnlich nach dem Lateran, wo das herrliche Gebirge mit seinen im Abendgolde glänzenden Städtchen, Flecken und Klöstern ausgebreitet vor uns lag und unsere Sehnsucht immer neu erregte. Aber vorher mußte das Bild vollendet dastehen, das bisher außer Freund Wagner (und im Anfang Koch) noch niemand gesehen hatte; und als dann endlich die letzten Pinselstriche daran gemacht und mit befriedigtem Gefühl der Name darauf gesetzt war, stellte ich es in meinem Zimmer aus. Koch war einer der ersten, der es mit lebendigem Anteil betrachtete und seine Freude darüber äußerte. Begegneten ihm jetzt Bekannte auf der Straße, so wurden sie von ihm angehalten und, indem er mit seinem dicken Stock auf den Boden stampfte, befragt: »Habe Sie das Bild von Richter gesehe? Gehe Sie hin, das müsse Sie sich anschaue, 's ist ein braves Bild!«, und so kam einer um den andern, und namentlich die Landsleute fanden sich überrascht durch Art und Weise der Darstellung; denn sie kannten mich bisher nur als einen Vedutenradierer aus der verpönten Schule Zinggs. Auch in andere Kreise mußte ein günstiges Urteil über die Arbeit gedrungen sein; denn es besuchten mich auch Bunsen mit Familie, Plattner und Baron von Reden, der Hannoversche Gesandte, welche geistvollen Männer stets ein lebhaftes Interesse den neuen Kunstbestrebungen zugewendet hatten. Von ganz besonderem Werte war mir aber der Besuch Schnorrs, welcher von jetzt an freundlich und endlich auch freundschaftlich mir, seinem jungen Landsmann (ich war an Jahren der Jüngste unter den deutschen Künstlern in Rom, das Nesthäkchen der ganzen Gemeinde), entgegenkam. Ich fühlte mich gehoben und glücklich durch sein Lob und seine mir geschenkte Zuneigung; denn zu ihm sahen wir ja alle mit Verehrung hinauf als zu einem der Ersten und Besten. Wenn mir bisher Kochs Einfluß von Bedeutung gewesen war, so trat nun auch der Schnorrs dazu, dessen Persönlichkeit und Geistesrichtung mich noch inniger berührten, weil ich mich dieser nach meiner innersten Natur verwandter fühlte. Kochs Kunstart suchte mehr das Große, Gewaltige in pathetischen Formen auszudrücken, und obgleich ich dies gar wohl nachempfinden, ja davon entzückt werden konnte, so erwuchs solches doch weniger auf meinem eigenen Grund und Boden, wogegen die Schönheit, Anmut, die blühende Phantasie, der ganze Zauber der Romantik, der damals in Schnorrs Schöpfungen waltete, gerade das Element war, in welchem auch meine Vorstellungen sich mit Lust bewegten. So wurde ich angezogen von allem, was der eigenen Natur entsprach, und zog ebenso aus allem, was mich berührte, das Gleichartige oder sympathisch Verwandte, so weit das Maß der Kräfte mir gegeben war; deshalb konnte ich meinen eigenen Weg getreu verfolgen, ohne durch eigene oder fremde Theorien abgelenkt zu werden. Indes mußte der begonnene freundschaftliche Verkehr bald unterbrochen werden, weil sich die Zeit genähert hatte, wo ich mit anderen aufs Land gehen und Studien machen wollte. Das Herz schlug mir vor Wonne, wenn ich daran dachte, und als mein Bild eingepackt und dem Spediteur zur Absendung nach Dresden übergeben war, bestellte Wagner für Oehme und mich einen Wagen, und wir drei fuhren, mit unserem Zeichen- und Malgerät wohl ausgerüstet, voller Jubel zum Tore hinaus. Im Albanergebirge Es war ein Maimorgen im hellsten Silberglanze, als wir die Via Appia entlang dahinfuhren, Ruinen und Grabtrümmer zur Seite und die langgestreckten Reihen antiker Aquädukte, die bis zum Fuße der Gebirge reichten, welche in duftiger Bläue den süd- und westlichen Horizont umsäumten. Mit begierigen Blicken sog ich gleichsam alles auf, was links und rechts am Wege lag; denn im Winter in fleißiger Arbeit verbracht und mit Eindrücken der Kunst überreich gespeist, verlangte mein Landschafterherz dringend nach einer Umschau in römischer Natur. Bald waren wir am Ziele, in Albano, angelangt. Die Freunde waren hier schon bekannt, und so hielten wir am Markte vor einer von Künstlern gewöhnlich bewohnten Locanda, in welcher wir uns häuslich einrichteten. Das Albanergebirge trägt überall den Charakter anmutsvoller Schönheit, recht im Gegensatz zu dem grandiosen, ernsten und sterilen Sabinergebirge. Von den lieblichen Höhen, mit dem üppigsten Baumwuchs geschmückt, schweift der Blick über das weite Meer und die Campagna, über das fünf Stunden entfernte Rom hin zum einsamen Soracte, und auf allen Punkten schwebt der Duft uralter, klassischer Sagen. Dort im Süden das Vorgebirge der Circe (monte circello) trägt uns in homerisches Land, näher der Küste, wo Äneas landete, nördlicher des Romulus Siebenhügelstadt und das uralte Albalonga, von dem unser Städtchen den Namen trägt, mit seinem sonderbaren Grabmal, angeblich der Horatier und Curiatier; endlich das nahe Nemi, dessen See noch heute der Spiegel der Diana heißt, zu deren Heiligtum Orestes die Bildsäule der Göttin aus Taurien brachte. Alle diese und so viele andere alte Geschichten, von welchen ich etwas gelesen, gehört oder in Bildern dargestellt gesehen hatte, sie traten hier aus dem traumartigen Dunkel in das goldene Sonnenlicht einer überaus schönen Wirklichkeit. Ich zeichnete viel in den sogenannten Galerien, den wundervollsten schattigen Waldwegen, welche oberhalb Albano nach Castel Gandolfo führen. Die uralten Lizinen (immergrüne Eichen) sind die malerischsten Bäume, die hier und im Park Chigi besonders schön zu finden sind. Der blaue Albaner See in der Tiefe, von steilen Abhängen umschlossen, über welche der Monte Cavo (2900 Fuß) sich erhebt, und auf halber Höhe das Kloster Pallazuola gehen ein herrliches Bild. Auf dem Wege nach Ariccia liegt ein Eremitenhäuschen am Walde, darunter ein Brunnen. Auch hier saß ich zeichnend mehrere Tage lang unter den schattigen Bäumen, und die vorüberziehenden Leute in ihren bunten Trachten amüsierten mich köstlich. Man hätte ganze Skizzenbücher anfüllen können mit den reizendsten Gruppen und Figuren. Die Frauen und Mädchen mit den scharlachroten, knapp anliegenden Jäckchen, oft mit Goldborten geziert, mit den viereckig gelegten weißen Kopftüchern, die Männer mit ihren spitzen Hüten, hemdärmelig, buntseidener Leibbinde, die Mönche, die Kinder, die Weinkärrner mit den wunderlichen Karren mit Velletriwein beladen, zu Fuß, zu Esel, oft singend und Tamburin schlagend, immer eine Staffage hübscher als die andere. Das Brünnlein wurde von Menschen und Vieh in Anspruch genommen und gab immer neue, reizende Figurengruppen. Am Ende dieses von Ulmen und Buchen beschatteten Weges liegt auf der Höhe Ariccia, und man hat fortwährend rechts zwischen den dunklen Baumstämmen den Blick auf das ferne Meer mit den kleinen Ponzainseln. Ohnweit der Stelle, wo ich Posto gefaßt hatte, lag auch Tag für Tag ein Bettler. Ein grobes, weißes Bettlaken, in welches er sich gehüllt hatte, fesselte schon von weitem die Blicke der Vorübergehenden durch die ungewöhnliche Drapierung; außerdem aber erhob er seine heiseren Klagetöne, sobald er jemand kommen hörte, auf eine so herz- und ohrenzerreißende Weise, daß er damit so manchen Bajocco aus den Taschen der Vorübergehenden lockte. »Misericordial o buoni cristiani, misericordia! io mojo di fame!« Diesen Klagegesang hatte ich nun vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit anzuhören und ermangelte deshalb nicht, den Bettler durch eine Gabe vorläufig vor dem Hungertode zu schützen. Kam nun ein guter Bekannter des Weges daher, der blieb wohl ein Weilchen bei ihm stehen, und es wurde dann behaglich geplaudert und gescherzt, nach dessen Weggang aber das Klagelied und das Verhungern mit frischen Kräften wieder fortgesetzt. Wenn es dann Abend wurde, um Ave Maria, schloß er das Geschäft, das heißt er zählte die Einnahme des Tages und band sie in einem Zipfel des Bettuches in einen Knoten zusammen, womit er sehr befriedigt heimzog. Jedenfalls stärkte er sich in der Osteria zum Verhungern für den nächsten Tag. »Und so saß er-« nicht eine Leiche – sondern ein fideler wohlkonditionierter Bettler, und nicht nur »andern Morgens«, sondern noch Monate und Jahre auf demselben lieben, schattigen Waldplätzchen und betrieb sein Geschäft mit ungeschwächten Kräften. Gleich nach der ersten Woche unseres Aufenthaltes in Albano kamen noch andere Freunde aus Rom, welche ebenfalls in unserer Locanda wohnten. Freund Götzloff zunächst, dann die Brüder Rist aus Stuttgart; der ältere war Kupferstecher und starb im nächsten Jahre in Rom, der andere Landschaftsmaler. Dann der Landsmann Boerner, ein liebenswürdiger und feingebildeter Mann, welcher aber während seines römischen Aufenthaltes fast gänzlich am Arbeiten sich verhindert sah, weil er fortwährend von nervösem Gesichtsschmerz und Schlaflosigkeit geplagt wurde. Da Boerner auch späterhin durch seine Kränklichkeit in der künstlerischen Ausbildung zurückblieb, fing er in Leipzig mit sehr geringen Mitteln ein Kunstgeschäft an, welches er zu hohem Flor brachte. Seine warme Kunstliebe und das feine Verständnis derselben verschafften ihm bald eine ausgezeichnete Kundschaft. So stand er unter anderem mit Goethe in fortwährender Verbindung und versorgte ihn mit Mappen von Kupferstichen und Radierungen zur Ansicht und Unterhaltung. Ebenso war der Oberpostdirektor Nagler sein Kunde. Das Kunstgeschäft besteht noch tüchtig fort, geleitet von dem Sohne. Doch ich habe hier vorgegriffen und will nur noch unter den hinzugekommenen Freunden und Genossen den höchst talentvollen Ernst Fries nennen aus Heidelberg. Er galt für den schönsten jungen Mann unter den deutschen Künstlern, eine imposante Gestalt, frisch und heiteren Wesens, in allen körperlichen Übungen gewandt, ein guter Fechter, Schwimmer und Reiter. Ich badete einst mit ihm im Albaner See, bei welcher Gelegenheit er mit mir Brüderschaft machte, das Weihgetränk war freilich nur das Seewasser aus hohler Hand getrunken. Er schwamm weit in den See hinein und rief mir endlich zu, er wolle quer über den ganzen See schwimmen, wenn ich so lange warten wolle, bis er zurückkomme, um die Kleider in Sicht zu behalten. Es war Mittag, und die Sonne warf ihre glühenden Strahlen senkrecht in diesen Trichter des einsamen Sees. Fries führte sein Schwimmstückchen hin und zurück auch glücklich aus, klagte aber beim Ankleiden schon über das heftigste Brennen auf dem Rücken und hatte schließlich viele Tage die grausamsten Schmerzen auszustehen, weil die ganze Rückenhaut stückweise sich loslöste und er keine Nacht auf dem Rücken liegend schlafen konnte. Fries war mit seinem Landsmann Fohr und näher noch mit Rottmann befreundet gewesen und hatte viel von des letzteren Art und Auffassung angenommen, während für mich die Romantik Fohrs eine ungleich größere Anziehung ausübte. Von Albano wandte sich Fries nach Florenz und studierte in der Gegend von Massa, Carrara und an der Küste bei Spezia. Dort hatte er den Engländer Wallis kennengelernt, von dessen Farbenbehandlung und Technik er vieles annahm und davon begeistert war. Bei aller Schönheit der Umgebung Albanos wurde es mir doch schwer, charakteristische Landschaftsbilder, glückliche Motive, die sich weiter ausbilden lassen, aufzufinden, obwohl sie in Hülle und Fülle vorhanden waren, und es blieb meistens bei Studien und Einzelheiten. Der Sinn für bedeutende Auffassung, für ein abgeschlossenes Ganzes war noch zu wenig in mir ausgebildet. So sehr ich diesen Mangel fühlte, wußte ich ihm doch nicht abzuhelfen. Indessen zeichnete und malte ich mit den anderen nach bestem Vermögen fort, und am Abend, wenn wir in die Herberge zurückgekehrt waren, sah sich ein jeder seine im Schweiß des Angesichts eroberten Studien an und kratzte sich wohl bedenklich hinter den Ohren, wenn er sich gestehen mußte, daß die Erinnerung an das in der Natur Gesehene das Beste dazu bringen mußte. Nach dem Abendessen genossen wir noch den Feierabend entweder vor dem Städtchen promenierend, oder wir saßen vor der Haustür und sahen dem Treiben der Leute zu, welche bei der Abendkühle aus ihren Häusern hervorgekommen waren, Boccia oder Morra spielten und sich auf ihre Weise amüsierten. Am Brunnen gab es viel des Plauderns und Scherzen und helles Lachen der Mädchen und Frauen. Ihre anmutig schönen Bewegungen beim Aufheben der Conca (das schöngeformte, kupferne Wassergefäß) auf den Kopf, das stattliche Einherschreiten mit dieser Last, welches ebensoviel Vorsicht wie elastisch gleichmäßigen Gang erfordert, ergötzte uns Maler. Kam nun ein hübscher Bursch oder ein spaßiger Alter dazu, so wurde der Schwarm doppelt lebendig, und gellendes Gelächter übertönte bald den Singsang des heimkehrenden Eseltreibers wie den Chor der Nachtigallen in den Gärten und Büschen, bis endlich das ganze Konzert in dem entsetzlich sentimentalen Geschrei eines Esels seinen Abschluß erreichte. Die hübschen Bilder sind unzählbar, die sich einem an allen Ecken und Enden aufdrängen! * Eines Morgens zeichnete ich mit Wagner unten am See. Unsere Zeichnungen sahen freilich trocken aus, aber die Szene selbst sehe ich noch in ihrer ganzen, zaubervollen Schönheit vor mir. Einer prächtigen Esche, welche ihre laubigen Äste bis tief herab zum Wasserspiegel neigte, hatte sich ein Feigenbaum zugesellt; gleich einem Geschwisterpaar, zwar verschieden in ihrem Charakter, aber wie aus einer Wurzel entsprossen. Sein schlangenartig gewundenes Gezweig zeichnete sich sehr schön auf dem Schattendunkel der Esche, und von den Nachbarbüschen zogen sich lange Girlanden wilden Weines, welche den Feigenbaum umrankten. Von der anderen Seite dagegen umflocht bis in den Wipfel ein Busch Waldrosen mit seinen tausend aufgeblühten Blumen seine liebe Esche, die ihr schönes Laub im sanften Morgenwinde hin und her bewegte, umduftet von den vielen Rosen und der köstlichen Weinblüte, und die Vögel sangen und zwitscherten ihr Liedchen daraus hervor. Silbern glänzte der See durch die grünen Zweige. Der gegenüberliegende steile Berghang lag noch im Morgenschatten, und man konnte sich Nymphen und scherzende Liebesgötter dazu denken, wie sie Tizian in seinen Landschaften malte. Als ich in späteren Jahren öfters Gelegenheit hatte, Glucks wundervolle Musik zu dem Zaubergarten der Armida zu hören, stieg dies unbeschreiblich schöne Landschaftsbild gewöhnlich in der Erinnerung auf. Um dem Parke Chigi näher zu sein, übersiedelten wir nach Ariccia, wo wir einige Wochen blieben. Der Sage nach soll der Park ein Rest des alten Dianenhains sein, und die Besitzer ließen dies prächtige Stück Natur völlig unberührt von aller Kultur. Die mächtigsten Baumgruppen, Eichen und Lizinen krönten die steilen Hügel und gaben herrliche Studien für den Maler! Die Pfade, mit über Mannshöhe aufgeschossenem Gestrüpp bedeckt, waren fast undurchdringlich geworden, auch schon der vielen Insekten, Schlangen und sonstigen Gewürms wegen. Bäume, welche morsch zusammengebrochen waren, blieben liegen und vermoderten in dieser Wildnis; Schlingpflanzen wucherten üppig an den Stämmen hinauf und überdeckten die umgestürzten, welche am Boden faulten; kurz: es glich irgendeinem Märchen- und Zauberwald, wie ihn die lebhafteste Phantasie nicht besser vormalen konnte. Das blaue Meer schaute aus der Ferne in dies Waldgeheimnis hinein! Nach einem Aufenthalt von mehreren Wochen kehrten wir wieder nach Rom zurück, sahen die Festlichkeiten am Tage Peter und Paul und rüsteten uns zu einem zweiten Ausflug nach Tivoli und dem Sabinergebirge. Im Sabinergebirge Nach so langem Herumstreifen in freier Natur, in Wald und Bergen war es wohltuend, in Rom eine kurze Pause zu machen, um sich an den großen Kunstwerken im Vatikan und in den Galerien Borghese und Doria wieder zu sammeln und zu stärken. Nachdem mancherlei Geschäfte abgetan, Papier, Farben und Stifte komplettiert waren, wanderten wir unserer fünf, Oehme, Wagner, Götzloff, Rist und ich, und zwar zu Fuß, nach Tivoli. Der Weg durch die Campagna war sehr heiß, und wir langten gegen Mittag an den Weingärten und dem Olivenwalde an, wo der Weg nach dem Städtchen sich hinaufzieht. In den engen Gäßchen, welche zu unserem Albergo, der Sybille, führten, waren wir bald von einem Gefolge von Bettlern aller Art begleitet. Kinder und Greise, Krüppel und Gesunde, Bettler von Metier und Dilettierende, welche zum Zeitvertreib und aus Langeweile mitliefen, jammernd oder lustige Witze reißend, sie alle umschwirrten uns wie die Fliegen; ja ein altes Weib streckte ihre dürre Hand aus einem Fenster des dritten Stockes mit der Bitte »un bajocco, signori!« So langten wir in stattlichem Gefolge samt unserem Esel, welcher das Gepäck trug, vor der Sybille an. Der Wirt wies uns mehrere kleine Zimmer an, und ein billiger Akkord für Kost und Wohnung war bald abgeschlossen. Vor der Haustür saß auf der Steinbank ein achtzigjähriger deutscher Maler, ein Hannoveraner, der uns stumpf und grämlich ansah. Er war ein Freund des früheren Wirts gewesen und von diesem testamentarisch auf den Sohn vererbt worden zu lebenslänglicher Pflege für eine sehr geringe Pension, welche er aus seiner Heimat bezog. Er wußte von Asmus Carstens und anderen Zeitgenossen zu erzählen, hatte auch Kniep gekannt, den Landschaftsmaler, welcher Goethe nach Sizilien begleitet hatte. Freund Götzloff hatte diesen alten Kniep in Neapel angetroffen und war von ihm gefragt worden, ob er (als Sachse) vielleicht einen gewissen Goethe kenne und ob dieser noch in Weimar lebe. So isoliert, abgestumpft und abgestorben dem Vaterlande lebte das alte Männchen in der Fremde. Eine ähnliche Ruine war der alte Frei, so hieß der Sibyllenalte, ohne jede Beziehung zu dem geistigen Leben und Bewegen in der Kunst dieser Zeit unter seinen Landsleuten. Er war deshalb meist stumm und sah grämlich drein, und nur auf Befragen hörte man ein Stück Kunstgeschichte vom Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts. Die Fenster unserer Zimmer gingen auf den Hof hinaus, in welchem an steil abfallender Felswand der bekannte Tempel der Sibylle (oder Vesta) stand. Aus der Tiefe des grün umbuschten Felsenkessels tönte das Gebraus des Anio herauf, welcher, nachdem er in prachtvoller Kaskade sich in die Neptunsgrotte herabgestürzt hatte, zwischen Felsen gedrängt dumpf grollend und brausend seinen Weg aus dem Tale suchte. Hier oben war für mich und Freund Oehme unser Lieblingsplätzchen. Wenn wir des Tages Last und Hitze getragen und unser einfaches pranzo verzehrt hatten, lagerten wir uns gern in den späteren Abendstunden zwischen den Säulen des kleinen, reizenden Tempels und schwatzten über Kunst – mit dem redlichsten Bemühen, uns darüber klarer zu werden –, und das Ende vom Liede war gewöhnlich ein Gedenken der Liebsten in der Heimat, ein Stoff, der nie an Reiz verlieren konnte! Das herzige Freundesgespräch, die süße Abendstille, von dem dumpfen Brausen aus dem Tale nur mehr hervorgehoben, fesselte uns an diesen köstlichen Ort, nachdem längst schon die Dämmerung über Berg und Tal sich gesenkt und die Nacht mit ihren flimmernden Sternbildern heraufgezogen war, die uns so freundlich erglänzten wie jenen in der Heimat. * Sobald ich mich einigermaßen in der nächsten Umgebung Tivolis orientiert hatte, ging es an ein fleißiges Arbeiten von früh bis abends, und zwar mit einer Lust und Freude, die gar keine Ermüdung aufkommen ließ; denn die Fülle der verschiedenartigsten und schönsten Motive reizte immer von neuem zur Tätigkeit, und was nicht als ausgeführte« Studienblatt in die Mappe kam, fand wenigstens als flüchtiger Entwurf sein Plätzchen im Skizzenbuche. Ich werde nie die schönen Morgen vergessen, wo ich im Schatten uralter Olivenbäume zeichnend, von Vogelgezwitscher und dem Zirpen der Tausende von Zikaden umtönt, in dieser holden Einsamkeit so recht das Glück meiner Lage empfand. Drüben auf der anderen Seite des Tales rauschten und stäubten die Cascatellen hernieder, silberglänzend in der Morgensonne, oben lagen die grauen Mauern der Villa des Mäcen, und über den schattigen Olivenwäldern schimmerte in zartem Blau das liebliche Albanergebirge in dies friedliche Landschaftsbild herein. Hübsche, schwarzäugige Mädchen stiegen langsam den Talweg herauf, den Kopf belastet mit Körben voll süßer Feigen oder früher Trauben, uve zitelle, welche schon im Monat August reif sind, und für einige Bajocchi hatte ich eine Fülle dieser Früchte. Die Mädchen ruhten bei mir aus, guckten neugierig meinem Zeichnen zu und fanden zu ihrer Zufriedenheit alles richtig darauf, »o quanto bello!« Ein kleines Geräusch machte, daß ich aufsah. Mit nicht geringem Erstaunen erblickte ich drei kleine Haustüren in freundschaftlichem Gespräch den Berg miteinander hinabwandeln, und zwar ordentlich auf zwei Menschenfüßen. Es kam mir aber sogleich ins Gedächtnis, daß ich bereits eine komische Beschreibung von den riesengroßen Malkästen einiger französischem Maler gehört hatte, welche seit mehreren Tagen sich in der Sibylle einquartiert hatten. Und so war es. Denn bald darauf gingen auch die Inhaber der Kasten vorüber, welche letztere den Jungen auf den Rücken geschnallt waren und von welchen sie völlig bis auf die Füße – die allein unten hervorragten – bedeckt waren. »Die Gegensätze berühren sich!« Dies war hier nur räumlich der Fall, denn die Zimmer der Franzosen stießen unmittelbar an die unsrigen, und, obwohl sie mindestens ebenso liebenswürdige und solide Leute waren, als wir zu sein uns schmeichelten, so kamen wir doch durchaus in keinen Verkehr miteinander. Im Gegenteil mieden wir uns mit einer Art von Scheu; denn jede Partei mochte die andere für mezzo matti halten; die Gegensätze waren damals zu stark. – Die französischen Maler mit ihren Riesenkästen brauchten zu ihren Studien ungeheure Quantitäten von Farbe, welche mit großen Borstpinseln halb fingersdick aufgepatzt wurde. Stets malten sie aus einer gewissen Entfernung, um nur einen Totaleffekt – oder wie wir sagten – einen Knalleffekt zu erreichen. Sie verbrauchten natürlich sehr viel Maltuch und Malpapier, denn es wurde fast nur gemalt, selten gezeichnet. Dagegen wir: da wurde – gerade umgekehrt – mehr gezeichnet als gemalt. Der Bleistift konnte nicht hart, nicht spitz genug sein, um die Umrisse bis ins feinste Detail fest, bestimmt zu umziehen. Gebückt saß ein jeder vor seinem Malkasten, der nicht größer war als ein kleiner Papierbogen, und suchte mit fast minutiösem Fleiß auszuführen, was er vor sich sah. Wir verliebten uns in jeden Grashalm, in jeden zierlichen Zweig und wollten keinen ansprechenden Zug uns entgehen lassen. Luft- und Lichteffekte wurden eher gemieden als gesucht; kurz, ein jeder war bemüht, den Gegenstand möglichst objektiv, treu wie im Spiegel, wiederzugeben. Wie wenig das aber dennoch gelingen wollte, erfuhr ich gerade hier in Tivoli recht auffallend. Wir saßen einst unserer vier auf einem schmalen Felsvorsprung eng nebeneinander, der großen Kaskade des Anio gegenüber. Jeder befleißigte sich der möglichsten Treue in der Wiedergabe des Gegenstandes, und deshalb war ich nicht wenig überrascht, als ich, am Schluß der Arbeit aufgestanden, die vier vor mir liegenden Bilder überblicken konnte und sie so abweichend voneinander fand. In der Stimmung, in Farbe, im Charakter der Kontur war bei jedem etwas anderes hineingekommen, eine leise Umwandlung zu spüren. Ich merkte, daß unsere vier Augenpaare wohl das gleiche gesehen, aber das Gesehene in eines jeden Inneren je nach seiner Individualität sich umgestaltet hatte. Am stärksten trat es bei einem Melancholikus hervor. Bei ihm waren die bewegten Umrisse der Busch- und Felsmassen ruhiger, geradliniger, die heitere Farbe der goldig bräunlichen Felsen bleicher, trüber geworden; dagegen machte sich ein nächtliches Violett in den Schatten sehr geltend, welche in der Natur doch so klar und farbig erschienen. Kurz, des Menschen Art offenbarte sich ganz entschieden in seiner Malerei, und so war es bei einem jeden. Ich will dabei nicht verhehlen, daß mir das eigene Opus zwar unsicher, tastend, suchend, nachfühlend – aber gegen die drei anderen am objektivsten, treuesten erschien. Nun war diese Erfahrung: daß ein jeder die Natur anders sieht oder vielmehr anders reproduziert, durchaus nichts Neues; aber ich hatte es noch nie so tief empfunden, so augenscheinlich gesehen: daß die Kunst nur der beseelte Widerschein der Natur aus dem Spiegel der Seele sei und daß deshalb eine gesunde und reine Entwickelung der Sinnes- und Denkweise, die Ausgestaltung des inneren Menschen, auch in Beziehung auf die Kunst von größter Bedeutung ist. (Goethe ruft den jungen Künstlern zu: »Denkt gut, so werdet ihr etwas Rechtes schaffen!«) * Nachdem nun noch manches Studienblatt gesammelt wurde, bald in dem wasserbrausenden Felsenkessel der Sibyllengrotte, in der köstlichen Villa d'Este mit ihren uralten Zypressen oder in dem einsamen Tale, wo die Claudischen Aquädukte stehen, oder interessante Häusergruppen in der Stadt selbst, so wurde von Wagner und mir der Entschluß gefaßt, den ganzen Monat September in Olevano zuzubringen, welches seit Kochs Zeiten der Lieblingsaufenthalt der deutschen Maler geworden war. In der letzten Woche unseres Aufenthalts hatten wir noch die Freude, Philipp Veit und von Rhoden in die Sibylle einkehren zu sehen. Der drückenden Hitze Roms entflohen, suchten sie in dem wasserreichen Tibur sich zu erfrischen und strichen, die Flinte auf dem Rücken, in den Bergen herum, um gelegentlich einen Hasen oder ein paar Vögel zu schießen. Die Abende, welche uns gewöhnlich zusammenführten, wurden lebhafter und anregender durch Gespräche über Kunst und Literatur; denn Veit trieb damals mit Eifer das Spanische und hatte sich in Cervantes und besonders in Calderon vertieft. Der sehr lebhafte, kräftige Rhoden dagegen tischte oft recht wunderliche und schaurige Jagdgeschichten auf, die, wenn auch nicht immer glaublich, doch sehr erheiternd wirkten. Einst traf ich ihn um die Vesperzeit in dem Gemäuer des Sibyllentempelchens, ganz versunken und verloren in einen alten Pergamentband. Es waren die Schriften der heiligen Theresia, die er mit in seiner Jagdtasche bei sich trug und deren Geist und Tiefsinn er mir sogleich mit feurigen Worten anpries. Mir aber waren diese Regionen ganz fremd, und ich wußte deshalb nicht viel darauf zu erwidern; nur war ich überrascht, den nichts weniger als asketisch aussehenden Mann, diese kräftige, ja derbe Persönlichkeit, gerade nach dieser sublimen Richtung hin begeistert zu finden. Es waren ein paar Regentage eingetreten. Als der Regen am zweiten Morgen, ohne Aussicht auf baldige Änderung zu bieten, noch so langweilig herabgoß, als am Tage vorher, machte einer scherzweise den Vorschlag, am Nachmittag eine kleine Kunstausstellung zu veranstalten, und ein jeder müsse dazu am Vormittag eine Komposition entwerfen. Gesagt getan! Es brachte jeder etwas zustande, und der unbehaglich sich anlassende Tag verging in heiterer Beschäftigung. Einige hatten Motive aus Albano etwas ausgebildet, Oehme aber den Eingang in eine gotische Dorfkirche mit einem Teil des Kirchhofs kräftig mit der Feder entworfen. Ich hatte ohne weiteres Besinnen einen Zug sächsischer Landleute mit ihren Kindern gemacht, welche auf einem Pfade durch hohes Korn einer fernen Dorfkirche zuwanderten, ein Sonntagsmorgen im Vaterlande. Diese Art Gegenstände war damals nicht an der Tagesordnung, und in Rom erst recht nicht. Das Blatt machte deshalb unter den anderen einige Wirkung. (Gegenstand und Auffassung waren damals etwas Neues, weshalb Oehme es sich ausbat und mir dagegen seine Zeichnung gab.) In späteren Jahren ist mir dieser Umstand wieder eingefallen, weil es der erste recht eigentlich improvisierte Gegenstand in einer Richtung war, die nach vielen Jahren wieder auftauchte, als ich meine Zeichnungen für den Holzschnitt machte. Es ist mir deshalb merkwürdig, weil ich mich recht wohl erinnere, wie ich das Blatt ohne Überlegen, gleichsam scherzweise, meinen damaligen Bestrebungen und Theorien entgegen, hinwarf. Es war mir eine liebe Heimatserinnerung und stieg unabsichtlich aus einer Tiefe des Unbewußten herauf, in welcher es auch wieder schlafen ging, bis es in der Hälfte meines Lebens wieder mit Erfolg auferstand. Anfang September verließen wir endlich das schöne Tivoli. Weil die Hitze immer noch groß war, zogen wir eine Nachtwanderung vor und brachen schon eine Stunde nach Mitternacht auf. Einer hatte sich einen Esel genommen und ritt, wir andern gingen, und ein zweiter somaro trug unser Gepäck. Aus den stillen Gäßchen Tivolis herausgetreten, nahm uns der Olivenwald in seinen Frieden wieder auf. Der Weg ging den Berg hinab, und unten brannte noch ein Lämpchen vor einem einsamen Marienbild und beleuchtete freundlich den Weg mit den uralten Olivenbäumen. Der Anblick hatte etwas Rührendes in dieser Abgeschiedenheit, im tiefsten Schweigen der Nacht, das nur vom Gezirpe einer Grille leise unterbrochen wurde. Wir gingen immer an dem Abhang der Gebirge hin und trafen weder ein Haus an noch einen Menschen. Die Nacht war sehr schwarz, denn der Himmel war bedeckt, und da wir auch schweigend unseres Weges zogen, wurde die Stille nur ein paarmal durch das Kreischen und wunderliche Geschrei der Reiher und Rohrdommeln unterbrochen, welche in dem dunklen Buschwerk eines Baches hausten und, durch unser Vorüberziehen aufgescheucht, untereinander in Streit gerieten. Die beiden Eseltreiber, welche mit ihren Tieren ein gut Stück voraus waren, stimmten auch zuweilen ein improvisiertes Ritornell an, was der zweite dann in bekannter einförmiger Weise – mit dem langgezogenen Ton am Schluß – erwiderte. Endlich graute der Tag hinter den dunkeln Gebirgen hervor, und am Morgen erreichten wir endlich Palestrina, wo wir nur einen Tag uns aufhielten, herumstiegen und etwas zeichneten. Anderen Tages kamen wir nach Gabii und Genazzano, wo zur Rechten das reizend geformte Volskergebirge hervortrat und links der schluchtenreiche Monte Serone, eine Hauptheimat der Briganten, aus der Campagna aufstieg. Durch Feigen-, Wein- und Ölpflanzungen stiegen wir nach Olevano hinauf, dessen Felspyramide, oben mit der Ruine einer Burg gekrönt, vor uns auftauchte. Oberhalb Olevano in der Casa Baidi, woselbst wir Einkehr nahmen, fanden wir zu unserer Freude den lieben Reinhold, welcher schon seit mehreren Wochen hier wohnte und vortreffliche Studien zeichnete, die ihm großen Ruf verschafften. Es war noch gar nicht lange her, daß diese Gebirgsgegend gewissermaßen entdeckt wurde, denn früher getraute sich kein Reisender bis hierher vorzudringen. Koch war einer der ersten, der, durch die Großartigkeit des Charakters und den Reichtum der Motive angezogen, längere Zeit hier verweilte und Studien zu seinen stilvollen Landschaftsbildern sammelte. Die Serpentara, von welcher ich soviel hatte sprechen hören, ist freilich ein Stück Erde wie für den Maler besonders hergerichtet. Eine halbe Stunde von Olevano erhebt sich ein mit Eichen bewachsener Hügel, und zwischen seinen Klippen und zerstreuten Steinklötzen winden sich malerisch wilde Pfade auf und wieder herab. Ginster, Wacholder oder wilde Rosen wachsen hie und da aus dem öden Gestein. Solche Terrainbildung, verbunden mit den malerisch sich gruppierenden Bäumen, gibt nun freilich höchst abwechselnde, formenreiche Vorgründe. Von überwältigender Schönheit aber ist die nähere und fernste Umgebung! Zur Rechten, im Abend, das Gebirge der Äquer mit den kühnen Felsennestern Monte Compatri und Rocca di Cavi. Weiterhin der schöne Monte Artemisio mit dem fernen Meere; im Süden das Volskergebirge und gegen Morgen der mächtige Serone. Kehrt man sich um und schaut zwischen den Stämmen und Wipfeln der Eichen hin nach Norden, da steigt der ganz kahle und schroffe Felsrücken empor, auf dessen höchster Spitze das armselige Civitella liegt. Es machte mir diese bleiche Steinmasse immer einen geheimnisvollen, unheimlichen Eindruck, eine versteinte Sphinx! Man denke sich nun, wie durch verschiedene Beleuchtung und atmosphärische Zustände hier Effekte entstehen mußten, die Herz und Sinn aufjubeln oder auch ganz verstummen machten. Reinhold saß hier oben fast jeden Nachmittag, ohne sich von der Stelle zu rühren, bis spät zum Abend. Seine Zeichnungen waren in Bogengröße, sauber in Bleistift ausgeführt, oft mit geeigneter Staffage versehen, der Standpunkt stets vortrefflich gewählt, so daß man ein wohl abgeschlossenes Ganzes vor sich hatte, und die Ausführung meisterhaft sicher, mit großem Verständnis der Formen. Er selbst war so schlicht, ruhig und von anspruchsloser Art, daß Wagner und ich uns recht wohl im Umgange mit ihm fühlten und gemütliche Abende verlebten. Das Wetter wurde herbstlicher, und öfter zogen schwere Regenwolken über die Gebirge, das hohe Rocca di Cavi oder Civitella verhüllend, und der Sturm zauste und schüttelte die Eichen auf der Serpentara, wo dann arme Kinder die abgebrochenen Äste sammelten oder irgendeine Minicuccia oder Teresa ihre negri – die schwarzen Schweine – zur Eichelkost führte. So kam denn auch über uns das Verlangen, den Sommerfeldzug zu beschließen und in die Winterquartiere nach Rom zu rücken. Wir nahmen Abschied von Reinhold, der noch ein paar Tage bleiben wollte, um eine Zeichnung fertig zu machen, und hatten keine Ahnung, daß der liebe Freund im nächsten Jahre um diese Zeit am Fuße der Pyramide des Cestius ruhen würde. Rom 1824, Oktober bis Silvester So war ich denn wieder im geliebten Rom, saß in meinem alten Stübchen vor der Staffelei und musterte die gesammelten Arbeiten. Farbenstudien waren wenige darunter. Die Zeichnungen waren selten auf Wirkung berechnet; dagegen zeigten sie jene Genauigkeit – besonders in den Umrissen – und Sauberkeit in der Ausführung, wie sie bei den deutschen Künstlern damals gebräuchlich war. Befriedigt fühlte ich mich nun keineswegs durch diese Sachen, denn sie waren meistens sehr fragmentarisch. Wenn ich sie im Geiste mit den Studien Reinholds verglich, der so trefflich die Standpunkte zu wählen verstanden hatte, wo sich das Motiv mit Ferne, Vor- und Mittelgrund zu einem Ganzen zusammenschloß, so mußte ich meine Mangel schmerzlich genug empfinden. Unter den vorliegenden Blättern schien mir eine Partie mit dem Rocca di Mezzo aus dem Sabinergebirge geeignet, weiter ausgesponnen zu werden. Doch soviel ich auch versuchte, durch äußeres Zusammenstellen ein Ganzes zu schaffen, so hatte ich doch keine lebendige Vorstellung, keine Idee, die mich eigentlich begeistert hätte. Alles blieb tot und äußerlich, und ich quälte mich schon mehrere Wochen damit ab, ohne etwas damit zu erreichen. Unmutig legte ich endlich die Entwürfe beiseite, besuchte die Ateliers der Genossen oder den Vatikan und andere Sammlungen und vergaß eine Zeitlang meine Komposition. Eines Tages hatte ich mit großem Interesse in Grimms deutschen Sagen gelesen. Da nun die Dämmerung eintrat und ich das Buch weglegte und an die etwas blinden Scheiben des Fensters trat, stand auf einmal – ohne daß ich im geringsten an meine Komposition gedacht hatte – dieselbe fix und fertig, wie lebendig in Form und Farbe vor mir, daß ich ganz entzückt darüber schnell noch zur Kohle griff und trotz des einbrechenden Dunkels die ganze Anordnung auf den Karton brachte. Es war mir das so auffallend, weil ich mich diesen ganzen Tag und länger nicht im entferntesten mit dem Bilde beschäftigt hatte und auch Grimms Buch nichts nach dieser Seite hin Anregendes enthielt. Die Idee mußte ganz unbemerkt, gleichsam in der Stille, in mir gereift sein und trat nun, indem sie sich ablöste, wie die Frucht vom Baume, aus ihrem Dunkel in das helle Tageslicht des Bewußtseins. Es dauerte aber noch mehrere Wochen, ehe ich mit dem Karton zustande kam; denn bei der genaueren Ausarbeitung, zu welcher ich Naturstudien brauchte, brachten mich diese oft von meiner ersten Idee ab oder entsprachen dieser nicht genügend. Ich klagte dies einmal gegen Veit, und welche Mühe mir das mache. »Ei, das glaub' ich wohl«, erwiderte er lachend, »denn darin besteht ja die ganze Kunst, daß Natur und Idee sich gleichmäßig durchdringen.« Ich merkte mir das Wort und mühte mich weiter. Es trat jetzt öfter eine gedrückte Stimmung hervor, welche mich auch veranlaßte, die Abende – anstatt in der Osteria – in meinem Stübchen allein zuzubringen. Hatte der erste in Rom verlebte Winter durch die Masse neuer Eindrücke mich nach außen gezogen und in Spannung erhalten, so schien der zweite vorzugsweise zur Betrachtung und in das eigene Innere führen zu wollen. Die Erkenntnis der größten Werke alter und neuer Kunst war in mir gewachsen, und für die herrlichen Meister, welche unter uns lebten und schafften, ihre Geistesbildung und edle Sitte fühlte ich eine begeisterte Verehrung. Wenn ich nun aber auf mein Können oder vielmehr Nichtkönnen und auf meine große Unklarheit in Kunst und Leben blickte, dann empfand ich es tief, wie unvorbereitet ich nach Rom gekommen war und welch große Lücken, auszufüllen blieben. Ein Gebiet des Geisteslebens war es besonders, welches ich verödet und ungepflegt in mir gewahr wurde. Es war das religiöse – welches doch von Rechts wegen die Grundlage aller übrigen Vermögen sein muß, wenn sie sich gesund und einheitlich entfalten sollen. Ich weiß nicht, woher es kam, daß jetzt öfter in stillen Stunden eine Sehnsucht erwachte, etwas Festes zu gewinnen, auf das ich Verlaß haben könne in allen Lagen des Lebens; eine sichere Hand zu wissen, die den rechten Weg mir zeigen möchte aus dem, was mich beirrte oder mir zweifelhaft war. Ich hatte das Gefühl eines einsamen Schiffers auf dem Meere, der ohne Kompaß und Steuer von Wind und Wellen getrieben wird. Am Himmel Nacht und keine leitenden Sterne! Alle diese jetzt öfter auftauchenden Stimmungen waren eigentlich nichts anderes als die Frage nach Gott, die sich in meinem Innern mehr und mehr hervordrängte; nach einem lebendigen Gott, dessen ich nicht bloß durch einen abstrakten Begriff, sondern auf andere, unmittelbare Weise gewiß würde. Wirkten vielleicht in der Tiefe der Seele die Worte des alten Steuermannes in Salzburg noch fort von dem »treuen Reisegefährten und seinem Worte«, oder war es die Erinnerung an jenen Regennachmittag in dem Wirtshaus in Pinzgau, wo ich ganz allein sitzend, durchnäßt und müde, zum ersten Male die Abschiedsreden Jesu aus dem Johannisevangelium las? – Worte haben oftmals ein wunderbar zähes Leben; sie scheinen zu schlafen, aber regen und bewegen sich wie keimende Samenkörner, sobald die ersten Frühlingslüfte darüber wehen. Solchen oder ähnlichen Gedanken nachhängend, stand ich eines Nachmittags am offenen Fenster, als ein liebliches, feines Kinderstimmchen meinen Namen rief: »Sir Luigi!« Ich sah auf und erblicke Veits Schwägerin auf dem Balkon, welche die kleine, schelmisch lachende Dorothea auf dem Arme trug. Das Kind hatte mich seit dem Frühjahr nicht mehr am Fenster gesehen und freute sich nun, den alten Hausgenossen wieder zu erblicken, wie sich Kinder freuen, wenn die Hausschwalbe im Frühjahr wieder aus dem alten Neste guckt So freundlich aus meinen trüben Gedanken aufgescheucht, benutzte ich sogleich den Nachmittag zu einem Besuch bei Veit. Wie nahe lag es doch, hier bei diesem Manne, für den ich eine so innige Verehrung fühlte, dessen Persönlichkeit durch hohe Geistesbildung, tief christlichen Sinn und herzlich schlichtes Wesen so ausgezeichnet war, den treuen Berater für die Fragen zu finden, die mich im Inneren so schwer beunruhigten. Allein der einfältige Parzival fragte nicht, als er dem Grat so nahe war! – – Und vielleicht war es so besser, denn jene Fragen sollten bald auf anderem Wege eine Lösung finden. In Veits einfachem Arbeitszimmer sah ich nun zunächst einige seiner Arbeiten. Ein trefflich gemaltes Ecce homo! Das bleiche Antlitz Christi mit der Dornenkrone, groß und edel, von ergreifendstem Ausdruck! – Dann ein anderes, ganz kleines Bildchen, welches mir durch die Neuheit des Gedankens gefiel. Die schlichte Gestalt des Herrn steht vor der Tür einer einsam gelegenen Hütte und klopft an die Pforte. Es war nach einer Stelle in der Offenb. Joh. 3, 20: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Türe auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten.« Das Bild hatte durch seine Einfachheit etwas tief Rührendes. Rist, der Bruder des Landschaftsmalers, hatte es gestochen, wobei es aber im Ausdruck sehr verloren hatte Ferner brachte Veit noch ein kleines Landschäftchen hervor. Eine Campagnagegend mit einem Jäger, am Torre del Quinto, welches ihn veranlaßte, sich über Landschaftsmalerei auszusprechen. Er meinte: die Landschafter brächten zuviel und vielerlei in ihre Bilder Diese würden oft bedeutend wirksamer sein, wenn sie einfacher wären. Unter dem Eindruck seiner eigenen Arbeiten konnte ich mir sehr wohl denken, wie er das meinte, und die Niederländer haben das eigentlich auch so gehalten. Bei den großen Prachtszenen der Natur (z. B. Taormina mit dem Ätna, oder Alpengegenden) bleibt der Künstler weit hinter dem Natureindruck zurück; wogegen er bei einfachen Motiven (z. B. ein Landsee, in dem sich die Wolken spiegeln, eine Waldgegend usw.) seine eigene Gemütsstimmung hineintragen und dadurch den Gegenstand gewissermaßen über die Natur hinausheben kann, indem er ihr seine eigene Seele einhaucht. Die Landschaftsmalerei scheint, wie die Musik, vorzugsweise subjektiver Natur zu sein. Veit besaß in zwei großen Bänden die Holzschnitte und die Kupferstiche Albrecht Dürers, von denen mir bisher nur einige der ersteren bekanntgeworden waren. Diesen seinen Kunstschatz brachte er auch noch herbei, und den Eindruck, welchen diese köstlichen Blätter, die ich hier zum ersten Male beisammen sah, auf mich machten, werde ich nicht vergessen, und meine Freude und Entzücken wurden erhöht durch die bedeutenden und erschließenden Worte Meister Veits, den ich dabei zur Seite hatte. Eine ganze Welt tat sich da auf mit ihren ernsten und heitern Gegensätzen, mit ihren tausendfachen Gestalten, und bis auf den kleinsten und geringsten Gegenstand war alles mit einer Vollendung dargestellt, daß es leibhaftig vor einem zu stehen schien wie das Leben selbst. Freilich vermißte man oft bei dem deutschen Meister die Schönheit und Anmut der Formen, welche den Südländern angeboren ist; dagegen ist bei ihm Reichtum der Phantasie, tiefe Erfassung des Natur- wie Menschenlebens, ernster, männlicher Stil in solcher Fülle vorhanden, daß das wiederholte Betrachten seiner herrlichen Werke eine herzstärkende Frische niemals verliert, vielmehr die Macht seines Geistes uns nur immer bedeutender erscheint. Drei Blätter waren es insbesondere, welche mir tief in die Seele gingen, bei deren Betrachten mir vor Staunen fast der Atem stockte. Wer es weiß, was es heißt, solche Gedanken so leibhaftig zu gestalten, der erstaunt über eine solche Kraft, die dem Menschen gegeben ist. Ein Geist lebt in diesen Blättern, wie er aus Shakespeares größten Dichtungen uns anweht; tiefsinnige Rätsel, an denen man herumratet und zugleich erschrickt, daß sie so wirklich, so greifbar vor einem stehen! Ich meine die drei Blätter, welche unter dem Namen der Melancholie, des Ritters mit Tod und Teufel und des Hieronymus »im Gehäus« bekannt, von Dürer in gleicher Größe gestochen und von ihm gewiß in einem inneren Zusammenhang gedacht sind. Mir erschien in der Melancholie der Ausdruck des Schmerzes, daß alle Mittel und Werkzeuge nicht ausreichen, das Geheimnis des Lebens und der Natur zu erschließen. Im Ritter der Christ, der in seiner Ritterschaft treu und beharrlich sich nicht vom Wege abbringen läßt, weder durch Tod noch Teufel, und im Hieronymus das zum Frieden gekommene Gemüt, welches in höherer geistiger Tätigkeit sein Glück gefunden. Welcher Künstler hat wohl das deutsche Leben und Wesen in so volkstümlicher Art wiedergegeben als Dürer! Das Leben der Maria, die Passion u. a. hat er ebensowohl in ein markiges Deutsch übersetzt, wie Luther die Bibel. Ein großer Anteil an dem Ruhm, den Dürer bei seinen Zeitgenossen fand, gründet sich jedenfalls auf die überraschenden Fortschritte, welche die Technik des Kupferstechens durch ihn erhalten hat. Denn vergleicht man seine Arbeiten auf diesem Gebiete mit dem Besten, was vor und neben ihm geschaffen wurde, so entdeckt man mit Erstaunen, daß er es zu einer Höhe der Vollendung und Virtuosität in Führung des Stichels brachte, die noch jetzt die größte Bewunderung der Kenner erregt. In meinem vierzehnten Jahre, als ich zum Kupferstecher mich ausbilden sollte, machte ich einige Grabstichelversuche nach Goltzius; ich weiß deshalb aus Erfahrung, welche Mühe und Geduld erforderlich ist, um mit diesem schwer zu führenden Instrument in das spröde Material nur eine Reihe gleichlaufender Striche langsam einzugraben, und welche Meisterschaft dazu gehört, dies mit Sicherheit und Freiheit ausführen zu können. Wie nun ein mit so reger Phantasie begabter Künstler, wie Meister Albrecht, dabei zugleich eine so heroische Ausdauer besitzen und so bis ins kleinste vollendete Werke mit seiner durchgeisteten Technik schaffen konnte, ist kaum begreiflich. * Diese und ähnliche künstlerische Anregungen schienen indes auf meine eigenen Produktionen keinen sichtbaren Einfluß zu haben; aber es war ein erhobener Schatz, welcher nach einer Reihe von Jahren, als die äußere Gelegenheit dazu aufforderte, seine Früchte brachte. Jetzt gingen meine Bestrebungen nach einer Richtung, welche man mit dem unbestimmten Ausdruck »historische Landschaft« bezeichnete. Mein Bild vom Rocca di Mezzo war in diesem Sinne komponiert, und jedenfalls war es besser, einheitlicher, als der im vorigen Winter gemalte Watzmann, und das Vedutenhafte darin, wie ich glaube, gänzlich überwunden. Eine besondere Anregung nach dieser Seite empfing ich, als ich eines Tages mit Wagner und noch einigen Landschaftsmalern die Galerie Camuccini besuchte, die ich noch nicht kannte. Die Sammlung war nicht groß, enthielt aber Meisterwerke ersten Ranges. Da stand ich plötzlich vor einem großen Bilde, einer Landschaft Tizians. Auf einem grünen Wiesenplan am Saume eines prachtvollen Waldes haben sich Götter und Göttinnen, Nymphen und Faunen zu einem lustigen Zechgelage niedergelassen. Über dem üppigen Gebüsch eines Hügels erhebt sich ein stattlicher Fels, mit einer Burg gekrönt. Durch die dunklen Stämme der Bäume im Vordergrund leuchtet das blaue Meer und der goldstreifige Abendhimmel. – Ich war ganz hingerissen bei dem Anblick dieses köstlichen Gemäldes, der großartigsten Landschaft, die ich je gesehen habe; wenigstens hat nie eine andere einen solchen Eindruck auf mich hervorgebracht wie diese. Meine Freunde stellten sich aus Schelmerei kühler, als sie waren, und ich merkte das nicht im Rausche meiner Entzückung. Mit krittelnden Bemerkungen, der Fels sei zu braun, der Baumschlag zu flüchtig, so dürfe man heutzutage nicht malen, machten sie mich ganz toll und ärgerlich, und ich nannte sie schließlich trockene Philisterseelen. Auf diesem Höhepunkt meines Enthusiasmus brachen sie in ein helles Gelächter aus, und Freund Wagner umhalste mich und fragte, ob ich denn gar nicht merke, daß sie meine Exaltation etwas abkühlen wollten. Freilich sei es ein wunderschönes Bild. Ich war aber doch in meiner Freude recht fatal gestört worden, deshalb ging ich den folgenden Sonntag, als die Galerie wieder geöffnet war, allein hin und füllte mich ungestört mit der göttlichen Schönheit dieses Bildes Später ist die Sammlung nach England verkauft worden. In dem Werke von d'Agincourt (Histoire de l'art) befindet sieh ein Umriß nach diesem Gemälde. Die Oktoberfreuden zu genießen, war auch ich mit Koch, Wagner, dem Bildhauer Lotsch, v. Hempel, Thiele und Oehme nach dem Monte Testaccio gegangen. Unter den alten Ulmen, welche den Hügel umgeben, und vor den geöffneten Kellern hatten sich bereits fröhliche Volksgruppen eingefunden, die sich an dem trefflichen Weine labten, der hier verschenkt wird. Koch tobte beim Anblick eines neuen, etwas eleganten Vorbaues an einem der Keller und stampfte im Zorn mit seinem Stock, der mehr einer Keule ähnlich sah, über solche ungebührliche Modernisierung. Denn alles, was die alten, naturwüchsigen Zustände Roms im geringsten antastete, war ihm ein Greuel. In dieser Beziehung dachte er wie Winckelmann und wie alle, die nicht unbedingt der Nützlichkeitstheorie huldigen: »Ich kenne für mich nur zwei schreckliche Dinge: wenn man die Campagna anbauen und Rom zu einer polizierten Stadt machen wollte – und würde in solchem Fall Rom verlassen. – Nur wenn in Rom eine so göttliche Anarchie und um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten Platz, deren einer mehr wert ist als dieses ganze Geschlecht.« Nach und nach wurde es lebendiger auf dem Platze. Wagen kamen angefahren, gefüllt und überfüllt mit buntgeputzten Mädchen und Frauen und ihren Männern oder Liebhabern. In einem Wagen saßen vier wunderhübsche Mädchen, Trasteverinnen, ganz gleich gekleidet: weißer Rock, rosafarbenes Samtjäckchen und blaue Schuhe mit großen, silbernen Schnallen; auf dem Kopfe den schwarzen Filzhut, mit Federn und Blumenkränzen geschmückt. Die Fröhlichkeit wurde lauter. Das helle Lachen der Mädchen, das Zurufen, Singen und Deklamieren der Männer, das Klimpern einer Mandoline mit dem Pauken und Rasseln des Tamburins, welche den Saltarello begleiteten, alles machte die Allegria vollständig. Es ist ein wohltuendes Gefühl, daß bei all solcher Volkslust, trotz Wein und Tanz, trotz des ungezwungensten Verkehrs der Geschlechter untereinander nicht das mindeste, was einer Rohheit ähnlich sieht, zu bemerken ist. Gemeinheit wie Ziererei liegen gleich fern. Wir saßen an einem der Keller, vertieften uns in Gespräche wie in den angenehmsten Frauscatiner Wein und schauten dem fröhlichen Treiben zu. Ich stieg auf den Hügel, wo ein einfaches Holzkreuz steht, sah zwischen die dunklen Wipfel der Ulmen über das bunte Gewimmel, das sich seines Daseins freute. Auf dem Wiesenplan weidete ein Junge einige Schafe; weiter an der alten Stadtmauer ragte neben der Porta S. Paolo bedeutsam die Pyramide des Cestius mit dem kleinen protestantischen Kirchhof, und aus weitester Ferne grüßten aus der klaren Herbstluft die schönen Sabinerberge herüber. Es ist mir in späteren Jahren oftmals dieses eigentümlich schöne Landschaftsbild ins Gedächtnis gekommen, und ich bedauerte, keine Zeichnung von dieser Örtlichkeit gemacht zu haben. * Noch eines heiteren Ereignisses muß ich hier gedenken, weil es die Entstehung des bekannten Cervarafestes veranlaßte, welches bis heute seine Wiederholung gefunden und in Gebrauch geblieben ist. Der Maler Flor hatte Anfang Sommers Rom verlassen, um nach seiner Vaterstadt Hamburg zurückzukehren. Dieser sehr beliebten Persönlichkeit fühlte man sich besonders dankbar verpflichtet; denn er war ja stets bereit gewesen, die Künstlerschar zu heiteren Versammlungen und kleinen Festen zusammenzubringen, die sich durch seine und anderer gesellige Talente sodann höchst erfreulich gestalteten. Natürlich war der geliebte Genosse mit einem solennen Abschiedsschmaus entlassen worden, und mit Rührung hatte man ihn scheiden sehen. Zu aller Erstaunen hieß es plötzlich: Flor ist wieder da! Ein Schrecken vor dem Winter in seiner Vaterstadt und noch mehr ein Heimweh nach dem geliebten Rom war ihm ins Herz gefahren, als er im Herbst bis an den Fuß der Alpen gelangt war, und kurz entschlossen wandte er sein Antlitz stracks nach Süden und pilgerte wieder mit Sack und Pack der ewigen Stadt zu, umgekehrt wie der edle Tannhäuser, welcher Rom trostlos verließ, um wieder in seinen Venusberg zu fahren. Flors Wiederkehr wurde wie ein Lauffeuer im Café Greco, Lepre und Chiavica bekannt und sogleich der lustige Beschluß gefaßt, es dürfe ihn keiner als Flur anerkennen, jeder müsse sich ihm gegenüber fremd stellen. Und so wurde es auch auf das spaßhafteste durchgeführt, wobei der Bildhauer Braun, ein Erzschalk, die Hauptrolle spielte. Da Flor erfreut auf ihn zueilte und ihn vertraulich begrüßte, wurde er höflichst um Nennung seines Namens ersucht, da man sich durchaus nicht erinnern könnte, seine Bekanntschaft schon früher gemacht zu haben. Allerdings sehe er einem gewissen Flor ähnlich, einem sehr liebenswürdigen, aber höchst veränderlichen Menschen, der jahrelang hier gelebt, stets mit seiner Abreise gedroht, aber immer wieder eines andern sich besonnen und dageblieben sei. In diesem Sommer sei er aber wirklich abgereist und genießt jetzt jedenfalls Ehre und Freude in Fülle in seiner Vaterstadt. Auch hätten seine römischen Freunde ihm ein brillantes Abschiedsfest gegeben, an welches er gewiß mit vieler Rührung zurückdenken werde. Mit solchen und ähnlichen Reden wurde er von jedem empfangen, an den er sich wendete, und da es ihm auf keine Weise gelingen konnte, den Leuten eine andere Überzeugung beizubringen, so lief er endlich in komischer Verzweiflung lachend, tobend und schimpfend zur Tür hinaus. Aber wo er hinkam und wem er begegnete, es blieb immer dasselbe: er solle der echte und rechte nicht sein, und so lief er herum, wie Schlemihl, der seinen Schatten verloren hatte. Nach etlichen Tagen vergeblichen Bemühens kam man endlich mit ihm überein, einen Zug nach der Cervara zu veranstalten, ihn dort feierlichst wieder aufzunehmen, als den alten und echten Flor anzuerkennen und damit den Scherz zu einem Abschluß zu bringen. Die Cervara, ein antiker Steinbruch in der Campagna, liegt etwas über zwei Stunden von der Stadt entfernt, und dahin bewegte sich an einem schönen Sonntagsmorgen eine sehr zahlreiche Gesellschaft von Künstlern und Gelehrten, von vier mit Wein und Proviant beladenen Eselein und ihren Treibern gefolgt. Schon im vorigen Jahre war ich mit einigen Freunden hier gewesen und kannte das interessante Terrain. Auf einem von felsigen Hügeln umgeben, lagerte man sich zunächst zum Frühstück. Unzählige Grotten, prächtig von Efeu und Buschwerk überwachsen, wurden durchstöbert; einige derselben waren von Leuten bewohnt, denen man allein nicht gern begegnet wäre. Die Gesellschaft zerstreute sich jetzt in den Hügeln, einige, um zu zeichnen, Freund Pettrich, um womöglich ein paar Lerchen zu einem Mittagsbraten zu schießen, wieder andere wälzten Steine zu Sitzen in einen weiten Ring, in dessen Mitte auf einen größeren Block das Weinfaß gelegt wurde. Der »lange« Freund, Freund und Faktotum Thorwaldsens, und der treffliche Bissen rissen Efeu und wilden Wein zu Kränzen von den Felsen, wobei ich von einem Skorpion gestochen wurde, welche zu hunderten in den feuchten Felsenritzen saßen. Der Stich dieser kleinen Bestie ist in dieser Jahreszeit nicht schlimmer als ein Wespenstich und bewirkte nur eine starke Beule in der Hand. Braun, Stirnbrand, Hermann hatten indessen ein gewaltiges Feuer angezündet und beschäftigten sich mit dem Zurüsten des Mittagessens. Mit Freund Thiele hatte ich mich auf eine der Höhen gelagert. Hier waren wir dem Getümmel entrückt. Fern von der Stadt her trug die Luft ein summendes Getön unzähliger Glocken und Glöcklein, wodurch wir feierlich an den Sonntag erinnert wurden. Der einsame Soracte grüßte aus Norden, der Heimatsgegend. Es war so still, so lieblich heiter hier oben. Ich zeichnete nur das kleine Felsental, in dessen Mitte ein mächtiger Felsen isoliert wie ein Altar sich erhob und der blaue Gennaro und die schneebedeckte Lionessa in den zartesten Farben darein glänzte, während Thiele, mir zur Seite im Grase gelagert, in seiner lebendigen und geistvollen Weise Charaktere aus »Wilhelm Meister« schilderte, welchen er genau studiert hatte. Thiele war eine feine Natur und ein lieber, reiner Mensch, an welchen ich mich gern anschloß. – Doch aus diesen Stimmungen und idealen Regionen wurden wir auf unserer olympischen Höhe bald durch den Opferduft gebratenen Fleisches und dito Würstchen geweckt, welcher vom Festplatz heraufdrang und unseren Nasen lieblich deuchte. Wir kamen just in das lauteste Jubilieren hinein; denn eben war man beschäftigt, einen feierlichen Aufzug zu ordnen, den Flor zu Esel und im antiken Senatorenkostüm anzuführen hatte. Von dem isolierten Felsenklotz hielt er eine komische Anrede, worin er um erneute Aufnahme bat und gut Regiment versprach. Braun überreichte ihm, mit scherzhafter Rede gewürzt, die Schlüssel Roms und das Schwert der Gerechtigkeit, einen großen Hausschlüssel und ein ehrbares Brotmesser. Darauf wurde er heftig embrassiert, und die Gesellschaft begab sich, nach Speise und Trank herzlich verlangend, zum schönstens geschmückten Steinring, lagerte sich auf dem Rasen um das Weinfaß, und ein jeder schmauste, was er sich mitgebracht oder besorgt hatte. Jubelnd verfloß die Zeit im Fluge. Die Sänger – und es waren vortreffliche darunter – sangen ihre schönsten Lieder; Persönlichkeiten, die sich bisher ferner gestanden hatten, schlossen sich näher aneinander, Brüderschaften wurden getrunken, hie und da auch solche, die nur der Wein zuwege gebracht hatte, und die lustigsten Szenen drängten sich, Scherze und Witze sprudelten immer lebhafter und steigerten die Lust, bis der Abend nahte und die Rückkehr angetreten werden mußte. Ein paar sehr stille Gemüter, welche den ganzen Tag von dem Weinfasse nicht hinweggekommen waren, mußten als »Blessierte« auf die Esel gesetzt werden, von welchen sie auf dem langen Heimweg unzähligemal herabfielen, ehe sie, in ihrer Behausung angelangt, mit mehr Sicherheit dem Gotte Morpheus in die Arme sinken konnten. Flor war nun wieder der alte, echte Flor, gab nach Verlauf einer Woche ein wunderhübsches ländliches Fest auf dem Monte Mario und eröffnete wieder seine herkömmlichen Soireen, welche alle vierzehn Tage abgehalten wurden. Ich aber verließ um diese Zeit meine Wohnung bei Frau Mariuccia und bezog ein sehr freundlich gelegenes Zimmer mit Atelier auf der Vin Isidoro. * Da ich mein Bild nun untermalt hatte und eine kurze Pause eintreten mußte, bis die Farben getrocknet waren, zeichnete ich wieder manches nach der Natur in den nächsten Umgebungen der Stadt. So bei Aqua Acetosa den Tempel der Minerva Medici, die Ponte Nomentana und anderes; auch verkehrte ich viel mit Koch, Rhoden, Oehme und Reinhold. Koch malte jetzt an einer Wiederholung seiner sogenannten griechischen Landschaft mit dem Regenbogen, deren erste Ausführung ich schon in München gesehen hatte. Auch eine Schweizerlandschaft, die Scheidegg, hatte er in Arbeit und benutzte dazu die sehr unbedeutende Aquarelle eines jungen Schweizers, da er selbst niemals in der Schweiz gewesen war und überhaupt keine andern Studien dazu hatte. Er baute das Ganze nach seiner Art auf, und ich malte ihm, weil er es wünschte, ein Stück des Vorgrundes. »Ich kann die Pflänzle nit male, hab' eine verdammt plumpe Pfote, und hier muß was Leichtes, Zierliches hin.« Also malte ich die Pflänzle. – Während ich damit beschäftigt war, erzählte er mir seine Jugendgeschichte, wie er daheim die Geißen gehütet, hoch oben im Gebirge, und wie er mit Kohle, die er von seinem Hirtenfeuerchen genommen, große Geschichten und Landschaften an die glatten Felswände gezeichnet habe, und besonders aus der Offenbarung Johannis. – Der Sinn für das Große, Gewaltige, ja Phantastische hat schon im Hirtenbüble gesteckt. Es war rührend, wie er weiter erzählte, daß er sich immer gar schwer habe durcharbeiten müssen, von früh an und später. »Ja«, meinte er, »ich wäre recht glücklich, wenn ich nur mehr Verdienst (mehr Einkommen) hätte.« – Und allerdings verkaufte er höchst selten zu jener Zeit ein Bild, und ich konnte nicht begreifen, wie er seine Familie und Haushaltung – so höchst einfach diese war – bestreiten konnte. Er hatte aber eine völlig anspruchslose, brave und wirtschaftliche Frau, und so war er trotz mancher Sorge immer bei guter Laune und frischem Mut und unglaublich fleißig vom Morgen bis zum Abend und lebte ganz seiner Kunst. Der liebe Alte lieh mir seine beiden Studienbücher aus Olevano mit nach Hause, wo ich sie recht gründlich betrachten konnte. Mit Rhoden ging ich öfter gegen Abend spazieren. Er war zu jener Zeit zuweilen recht trübe gestimmt; seine Arbeiten erfreuten ihn nicht mehr, und er hatte alle Lust dazu verloren. Vielleicht drückte ihn manchmal das Übergewicht Kochs, welcher bei den Künstlern durch seine Genialität in größerem Ansehen stand und von ihnen aufgesucht wurde, während v. Rhoden schon aus dem Grunde einen geringeren Anteil erweckte, weil man in seinem Atelier seit beinahe zwei Jahren ein und dasselbe Bild auf der Staffelei fand, denn er arbeitete sehr langsam. In der Künstlerbibliothek, welcher Passavant vorstand, fand ich Stillings Jugend- und Wanderjahre. Ich nahm das Buch mit nach Hause und wurde von demselben in hohem Grade gefesselt. Gerade hier in Rom mußte dies Stück echt deutschen Volkslebens, so schlicht und herzenswarm erzählt, eine frappante Wirkung machen; mindestens war es bei mir der Fall. Heimatsbilder: Menschen, Gegenden und Zustände waren hier mit einer Treue und Wahrheit vor die Augen gemalt, daß jenes leise Heimweh, welches mich so oft noch in stillen Stunden beschlich, neue Nahrung erhielt. Noch mehr aber berührte der fromme Sinn des Buches eine wunde Stelle meines Herzens, deren Heilung mir immer dringender ein ernstes Bedürfnis wurde. Ich war zu der Erzählung gekommen, wo Stilling, eine Stelle suchend, die Vetterstraße pilgert und von einem Herrn Pastor bei dieser Gelegenheit ein paar vortreffliche Lebensregeln mit auf den Weg bekommt. Bei der nächsten Einkehr aber wird er berichtet: »Lieber Vetter, all unser Moralisieren ist nicht einen Pfifferling wert, und ich will euch eine größere Wahrheit sagen: Wenn der Mensch nicht dahin kommt, daß er Gott mit einer starken Leidenschaft liebt, so hilft ihm alles Moralisieren nichts, und er kommt nicht weiter.« – Diese etwas eigentümliche, aber populäre Ausdrucksweise frappierte mich aufs stärkste und traf ins Herz; denn ich erkannte daraus, daß der Gottesglauben nicht ein totes Fürwahrhalten, sondern ein lebensvoll wirkenden Verhältnis sei, und daß aus einem solchen die sittlichen Folgen wie von sich selbst ganz natürlich entstehen müßten! – Diese Worte lagen mir während all der folgenden Tage immer im Sinne und ließen mich nicht wieder los. Aber – so fragte ich mich, kann der Mensch sich die Liebe geben? – wie soll ich zu solcher Liebe kommen? Die Weihnachtszeit nahte, wo die Gedanken mehr als vorher nach der Heimat lenken und ein Heimwehgefühl das Herz dessen beschleicht, der allein in der Fremde lebt. Er weiß, daß daheim die Eltern, Geschwister, die Geliebte seiner unter dem Christbaum inniger gedenken und ihn vermissen werden. Am Christtag ging ich ins Café Greco, wo die Post einen großen Stoß Briefe abgelagert hatte, aber für mich war keiner darunter; freilich war der Postenlauf damals ungeregelter; ein Brief aus Deutschland war acht bis zwölf Tage unterwegs, und geschrieben wurde mir ohnedies selten. Auguste konnte ihre Briefe mir nur durch den Vater zukommen lassen, und dieser war kein Freund vom Briefschreiben; so blieben erstere oft lange liegen. Betrübt über meine getäuschte Erwartung ging ich zu Oehme, welcher gleiche Gefühle mit mir zu teilen hatte. Er hatte ein paar recht hübsche Kompositionen, getuschte Zeichnungen, gemacht. Die erste stellte den Orgelchor einer alten Kirche am Weihnachtsabend vor. Der Kantor mit seinen Knaben singen, von zwei Kandelabern beleuchtet, in die dunkle Kirche hinab. Auf den düstern Emporen sieht man betendes Volk, und das Mondlicht streift durch das gotische Fenster. Die andere Zeichnung zeigte ein altes Schloß mit hohen Renaissancegiebeln, das aus entlaubten alten Eichen hervorschaute und eine Reihe festlich erleuchteter Fenster zeigte. Vorn ein Wasser, darein der Mond sich spiegelte. Seine Phantasie hatte ihn also ebenfalls in die Heimat getragen. Sein angefangenes größeres Gemälde, die Aussicht von Camaldoli, war zart und schön in der Färbung; aber das Vedutenhafte dominierte. Koch fand es sentimental, wollte überhaupt von dergleichen empfindsamen Stimmungsbildern nichts wissen; denn er war seinem ganzen Wesen nach mehr eine antik-klassische als romantische Natur. So hatte ich den Christtag einsam zugebracht, denn die Trattorien mußten um sieben Uhr schon geschlossen werden. – Am ersten Feiertag hatte ich den ganzen Tag fleißig gemalt und saß bei anbrechender Dämmerung noch vor dem Bilde, obwohl ich Pinsel und Palette längst weggelegt hatte, und war mit den Gedanken in der Heimat, nach der ich mit Wagner zum Frühjahr wieder zurückkehren wollte. Ich schürte die Glut des Focone, denn draußen wehte eine kalte Tramontana, und das Gebirge lag voll Schnee. So in der Zukunft schwärmend und die Vergangenheit der letzten Jahre bedenkend, durchströmte mich plötzlich eine seltsame, aber recht glückliche, friedensvolle Empfindung. Es war, als wenn ein Engel durchs Stübchen gegangen und einen Hauch seiner Seligkeit darin zurückgelassen hätte. Mir kam plötzlich mein Leben wie in einem großen, freundlichen Zug vor Augen, und ich glaubte die unsichtbare Hand zu erkennen, die mich bisher so freundlich geleitet, die mich über all mein Erwarten mit Gütern erfüllt hatte, die mir eine Verheißung für die Zukunft waren. Zum ersten Male, vielleicht seit Jahren, konnte ich dankbar und innig freudig die Hände falten im Gebet, konnte beten so recht wahrhaft aus innerstem Antrieb, wie ich es vorher nie gekonnt. Am andern Tag erfuhr ich, daß Oehme plötzlich heftig erkrankt sei, und da seine Wirtsleute sich nicht um ihn kümmerten – wie es in solchen Fällen die alte, gute Frau Mariuccia getan hatte –, so ging ich täglich mehrmals zu ihm. Hier traf ich auch den Landschaftsmaler Thomas und den Kupferstecher Hoff aus Frankfurt und Ludwig v. Maydell. Mit letzterem war ich bisher in keine nähere Beziehung gekommen, obwohl mich etwas Eigentümliches und das Tüchtige in seiner Persönlichkeit stets angezogen hatte. Ich wußte nur von ihm, daß er aus Dorpat sei, als Ingenieur-Offizier im russischen Heere gedient und den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht habe, und daß er erst seit zwei Jahren seiner alten Neigung habe folgen und sich gänzlich der Kunst widmen können. Mit eisernem Fleiß verfolgte er seine Studien, weil er Zeit und Geldmittel wohl zusammenhalten mußte; man sah ihn deshalb sehr selten bei den abendlichen Zusammenkünften und fast nur des Mittags bei Tische. Bis spät in die Nacht hinein arbeitete er unermüdlich, was nur eine so feste Gesundheit, wie die seinige war, ohne Nachteil auf die Dauer aushalten konnte. Eine vielseitige Bildung, reiche Lebenserfahrung, bedeutendes Talent, verbunden mit ebenso schlichtem, als festem männlichem Wesen, machten ihn allgemein beliebt, obwohl er nur mit sehr wenigen in einen näheren Verkehr trat, z. B. dem späteren Baurat und Professor Stier in Berlin. Seine äußere Erscheinung hatte etwas halb Studentischen, halb Militärisches; eine kräftige Gestalt, geistvolles Gesicht und die blauen, scharfgeschnittenen Augen wie das straffe, blonde Haar deuteten auf seine nordische Abkunft; denn die Familie stammte ursprünglich aus Schweden. Maydell hatte bei Oehme bereits eine Nacht gewacht, und wir verabredeten uns, damit zu wechseln. Am Silvesterabend, welchen die Künstler durch ein festliches Beisammensein zu feiern beschlossen, kam die Reihe des Nachtwachens wieder an mich. Wir trafen uns aber vorher bei unserm Patienten, welcher indes heute bedeutend besser befunden wurde und deshalb die Nachtwache entschieden ablehnte, da es nicht mehr nötig sei. Ich aber wollte wenigstens bis zehn Uhr bei ihm bleiben, worauf Maydell mir vorschlug, im Fall ich das Fest nicht besuchen wolle, das Neujahr in ihrer Gesellschaft abzuwarten, denn sie würden beisammen bleiben; einen guten Tee wolle er brauen und beschrieb mir das Haus, in dem er wohnte. Als ich nun sah, daß Oehme gegen zehn Uhr ruhig eingeschlafen war, verließ ich seine Wohnung und suchte in dem bezeichneten Gäßchen Maydells Wohnung. Bald stand ich vor einem schmalen, baufälligen Hause, dem einzigen, wo oben an den Fenstern ein Lieht zu sehen war; denn im ganzen Gäßchen war es still und dunkel und schienen seine Bewohner in tiefem Schlafe zu liegen. Im Hause selbst herrschte die undurchdringlichste Finsternis, und nur vorsichtig mit Händen und Füßen fühlend, kam ich die drei Treppen hinauf, wo aber keine Türe zu finden war, trotz allen Herumtappens. Ich mußte annehmen, daß ich irre gegangen sei, und meinen beschwerlichen Rückzug wieder antreten. Nun stand ich wieder auf dem einsamen Gäßchen und überlegte, was zu machen sei. Mein Rufen und Händeklatschen war ohne Erfolg, es wurde oben nicht gehört, und noch einmal in diese Finsternis hineinzutauchen, noch einmal den hals- und beinbrecherischen Gang zu wagen, empfand ich keine Neigung. Ich lenkte endlich die Schritte nach der nächsten Straße, wo das Festino gehalten wurde, und hörte bald von dorther fröhlichen Gesang und Jubilieren und erblickte die erleuchteten Fenster des Festsaales. Wieder blieb ich stehen und sah nochmals zurück. – Die beiden Fenster unter dem Dache winkten so bescheiden und traulich von ihrer Höhe, als wollten sie mich an mein gegebenes Wort erinnern. So stand ich, wenn auch nicht ein Herkules, doch jedenfalls an einem Scheidewege: links die laute Lust der fröhlichen Genossen, leicht erreichbar, rechts die drei ernsteren, aber, wie es schien, unerreichbaren Freunde! Es war ein geheimer Zug, der mich immer wieder zu den drei lieben Menschen wies, die meinem Herzen in den letzten Tagen so nahe gekommen waren und jetzt da oben saßen und vermutlich mich erwarteten. Ich wagte also den bedenklichen Versuch zum zweiten Male, und diesmal war ich glücklicher! Durch den dunklen Tartarus kam ich wirklich hinauf »zum Wiedersehen der Sterne«. Ich hatte das erstemal einen Winkel verfehlt, von welchem aus man auf eine alte Holzgalerie gelangte, welche an der Rückseite des Hauses hinlief und von dieser aus zu Maydells Tür führte. Durch das Küchenfenster sah ich, wie er eben den versprochenen Tee bereitete, und lachend über meine Irrfahrt, führte er mich erfreut in die Stube. Bald saßen wir vier bei traulichen Gesprächen um den Tisch, rauchten unsern Olandino zum Tee und disputierten über einige neuere Kompositionen Maydells, welche er uns vorgelegt hatte. Es waren geistreiche Zeichnungen, neu und originell in der Erfindung, meist Gegenstände romantischer Natur, kräftig in Tusche und mit der Feder ausgeführt. Auch mehrere biblische Gegenstände waren dabei, die ebenso eigentümlich erfaßt und in einem ernsten, großen Stil gehalten waren. Nach dieser Kunstschau veranlaßten wir Maydell, uns aus »Meyers Blätter für höhere Wahrheit«, welche er aus der Künstlerbibliothek geholt hatte, einen kleinen Aufsatz über den achten Psalm vorzulesen. Es war darin die Vermutung ausgesprochen, daß dieser Psalm wohl ein Nachtgesang sein möge, den David, der Hirtenknabe, beim Anblick des Sternenhimmels gedichtet habe, wenn er bei seiner Herde war: Wenn ich schaue den Himmel, deiner Finger Werk, Den Mond und die Sterne, die du bereitet – Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, Und das Menschenkind, daß du dich sein annimmst? Ich habe keine Erinnerung von dem, was an jenem Abend gesprochen wurde; es war auch nichts einzelnes, was mich besonders tiefer berührt hätte; aber den Eindruck gewann ich und wurde von ihm überwältigt: daß diese Freunde in ihrem Glauben an Gott und an Christum, den Heiland der Welt, den Mittelpunkt ihres Lebens gefunden hatten und alle Dinge von diesem Zentrum aus erfaßten und beurteilten. Ihr Glaube hatte seinen festen Grund im Worte Gottes, im Evangelio von Christo – der meinige, welcher mehr selbstgemachte Meinung und Ansicht war, schwebte in der Luft und war den wechselnden Gefühlen und Stimmungen unterworfen. Still, aber im Innersten bewegt, hörte ich den Reden der Freunde zu und war mir an jenem Abend der Umwandlung nicht bewußt, die in mir vorging. Aber alle die kleinen, unscheinbaren Ereignisse der letzten Wochen und Tage hatten den Keim hervorgelockt, der so lange Zeit mit schwerer Erde bedeckt im Winterschlaf gelegen hatte; einem Sonnenstrahl mußten alle Knospen sich erschließen. Und Gott sei Dank, es geschah jetzt, obwohl ich erst am andern Tage mir dessen recht bewußt wurde. »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden sie sein wie die Träumenden!« so war es mir auch. Und als nun das beginnende Geläute der Mitternacht den Schluß des alten und den Beginn eines neuen Jahres verkündete, und Thomas uns aufforderte, diesen Übergang mit dem alten, schönen Choral »Nun danket alle Gott« zu feiern (dem einzigen, welchen wir auch ziemlich auswendig wußten), so konnte ich recht freudigen Herzens mit einstimmen. Oehmes Krankheit war der äußere Anlaß gewesen, welcher uns zusammengeführt hatte; eine gemeinsame Geistesrichtung, die aus dem tiefsten Bedürfnis des Herzens kam, war in dieser Stunde hervorgetreten und hat uns für das ganze Leben treu verbunden bis ans Ende dieses Erdenlebens; denn sie ruhen nun alle, und nur ich, der jüngste von ihnen, bin der Überlebende und segne noch heute diesen für mich so bedeutsamen Silvesterabend. Rom 1825 In jedem Menschenleben treten Perioden ein, von wo aus sich, wie die Knotenpunkte an einem Pflanzenstengel, neue Entwicklungen erschließen, welche entweder die äußeren Verhältnisse und Schicksale oder die innere Geistesrichtung für lange Zeit, vielleicht für das ganze Leben bestimmen. Eine solche Wendung meines Lebens trat z. B. ein, als der teure Arnold durch einen Irrtum zu meinem Vater geführt wurde, seine Neigung mir schenkte und mich schließlich zu weiterer künstlerischer Ausbildung nach Rom schickte, wodurch ich aus Verkümmerung gerettet wurde. Ebenso hatten für mich die letzten Stunden des Jahres einem schon längere Zeit empfundenen Trieb zu seiner Entfaltung verholfen, ohne daß ich mir dessen im Moment bewußt gewesen wäre. Der erste Sonnenstrahl, den der Neujahrsmorgen in mein Kämmerchen schickte, und das helle Glöckchen von San Isidoro, dessen Kirchlein über die Gärten in mein Fenster schaute, weckten mich aus einem tiefen Schlaf. Ich erwachte plötzlich mit dem Gefühl eines so unaussprechlichen Glückes, welches mir geworden, erfüllt mit Frieden und Freude, daß ich mich wie neugeboren fühlte und die ganze Welt an mein Herz hätte drücken mögen! Wie ein Blitz durchdrang mich das Bewußtsein: »Ich habe Gott, ich habe meinen Heiland gefunden! Nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl!« So bedeutsam, wie das Neujahr 1825, hatte mich vorher noch keins begrüßt; denn diesmal hatte es seinen Zuruf »das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!« vollständig wahr gemacht. Hatte ich es früher in den besten Momenten doch nur bis zur Ahnung eines höchsten Wesens bringen können und in Stunden der Begeisterung zu dem gehobenen Gefühle: »Überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen!«, so geschah es jetzt, daß – nicht nur fern über den Sternen sondern nahe im eigenen Herzen und Gewissen die Stimme des Vaters zu mir gesprochen hatte: »Ich bin der Herr, dein Gott, wandle vor mir und sei fromm!« und die Stimme eines Menschensohnes: »Wer mich siehet, der siehet den Vater; komm und folge mir nach!« Wie anders als jene Ahnung war nun die zuversichtliche Gewißheit des Glaubens, die sich nicht nur in einzelnen Momenten kundgibt, sondern als ein lebendiger Born, aus und in das ewige Leben quellend, die Seele gesund erhält und alle Morgen neu ist. Doch empfinde ich hier lebhafter als je, wie unvermögend Worte sind, Tatsachen des innern Lebens zur Anschauung zu bringen. Sie sollen wohl auch nichts anderes, als Zeugnis ablegen, wo und wie man den Schatz gefunden hat. Was hatte denn aber diese glückliche Umwandlung bewirkt; wie war ich so plötzlich zu diesem Glauben gekommen? – Kaum wüßte ich es zu sagen; denn das Nachtgespräch mit den neuen Freunden hatte mir durchaus nichts andemonstriert, denn »glauben geschieht ja so wenig durch Gründe, wie schmecken und sehen«, sagt Hamann; aber den vollen Eindruck hatte ich empfangen, daß diese Freunde gefunden, was ich halb unbewußt so lange gesucht hatte, und daß sie einfach ihres Glaubens lebten. Eine Reihe an sich unscheinbarer Lebenseindrücke, welche in den letzten Monaten sich häuften, hatten den Boden empfänglicher gemacht, und das Samenkorn war zur rechten Zeit hineingefallen. »Und als die Zeit erfüllet war« (nicht früher und nicht später) heißt es auch im Leben des ärmsten Menschenkindes. Gegen Mittag ging ich zu Oehme, den ich bedeutend besser und bereits außer dem Bette fand. Ich erzählte ihm meine etwas abenteuerliche Nachtfahrt und wie ich zu Maydells Wohnung gelangt war, die drei lieben Freunde beisammen getroffen, und was ich bei ihnen gefunden hatte. Wir hatten aber verabredet, jeden Sonnabend in gleicher Weise zusammenzukommen, und Oehme freute sich, daß seine Gesundheit es ihm erlauben werde, an nächsten Samstag dabei sein zu können. Denn auch bei ihm war seit geraumer Zeit ein religiöses Bedürfnis rege geworden, und hatte er in diesem größere Klarheit und Bestimmtheit zu gewinnen ein herzliches Verlangen. Diese Abende waren denn auch bald in Gang gebracht und wurden uns so lieb, daß wir uns die ganze Woche darauf freuten und keiner sich jemals davon abhalten ließ. Heiteres und ernstes Gespräch über Kunst und Literatur und vorzugsweise über Gegenstände des christlichen Glaubens fesselten uns so, daß wir nie vor Mitternacht uns trennen konnten. Als Oehme nach einiger Zeit wieder ausgeben konnte, wanderte ich mit ihm des Nachmittags zur Villa Massimi. Wir waren lange nicht dort gewesen und wußten, daß Schnorr dort wieder an seinen Ariostobildern malte. Für uns jüngere Maler war es stets eine Hauptfreude, von Zeit zu Zeit nach der Casa Bartholdy oder nach den (damals noch unvollendeten) Malereien der Villa Massimi zu wallfahrten, in ersterer die Geschichte Josephs von Cornelius, Veit und Overbeck, in der andern die Bilder zu den drei großen Dichtern Italiens, von Veit, Overbeck und Schnorr zu bewundern. Es waren diese beiden Stätten gleichsam die Frühlingsgärten der neuen deutschen Kunst, in welchen sie ihre ersten, duftigsten Blüten entfaltet hatte. Wir trafen Schnorr noch auf dem Gerüst, fleißig bei seiner Arbeit beschäftigt. Er malte eben in einem der Zwickelbilder an der Decke den Krieger (in der Erstürmung von Biserta), welcher sich auf die Mauerzinne schwingt. Es ging ihm mit einer Sicherheit von der Hand, daß es eine Freude war, zuzusehen. So erzählte er, wie er das vorhergehende figurenreiche Bild in zehn Tagen gemalt habe, und diese Leichtigkeit des Schaffens erhielt ihn frisch und fröhlich und wurde von allen Künstlern bewundert. Dies letzte Bild – es war noch etwas dunkel, weil es noch nicht völlig aufgetrocknet war – gefiel mir ganz besonders durch die Lebendigkeit der Komposition. Es stellte den Rinaido dar, welcher, am Abend mit seinen Reitern über das Blachfeld stürmend, die geschlagenen Heiden vor sich hertreibt. Der mit Wolkenstreifen zart bedeckte Abendhimmel, von welchem sich die herrlichen, ritterlichen Gestalten dunkel abheben, ist mir jetzt (nach fünfzig Jahren) in frischer Erinnerung. Vielleicht empfand man in jener Periode der Romantik die Schönheit dieser Bilder lebendiger als jetzt, wo die Richtung der Zeit und des Geschmacks eine so ganz andere geworden ist. Wir brauchten uns in diesen Geist nicht erst zu »versetzen«, wir saßen nicht nur, wir leibten und lebten darin und konnten uns Herrlicheres gar nicht denken! Schnorr war hier so recht in seinem Elemente; keiner hätte den Ariost mit dieser überquellenden Phantasie so wiederzugeben vermocht als er. Die hohe Anmut in den weiblichen Gestalten, den Heldinnen des Gedichts, der Bradamante, Isabella, Marfisa und Flordelise, war die Bewunderung aller, die sie sahen. Da Schnorr mit seinem heutigen Pensum bald fertig war und er uns bat, so lange noch zu verweilen, um dann mit ihm nach Hause zu gehen und einen neuen Karton anzusehen, an welchem er beschäftigt war, so hatten wir Zeit, auch die andern beiden Säle mit Muße zu betrachten. Im Dantezimmer war erst die Decke fertig, das Paradies, von Veit gemalt. In der Tat eine Reihe himmlischer Gestalten! Besonders ergreifend war mir der Ausdruck im Gesicht der Beatrice, die vor Dante schwebende schöne Gestalt. Es lag darin ein Etwas, welches vielleicht die Musik, aber keine Menschenworte auszudrücken vermögen, und ich erinnerte mich stets dieses aufleuchtenden himmlischen Blickes, wenn ich die Stelle las: Öffne die Augen und sieh mich, wie ich bin; Du hast geschaut Dinge, daß du mächtig geworden bist, mein Lächeln zu ertragen! (a sostener lo riso mio.) Dante, Par. 23. G. Im Tassozimmer war mein Lieblingsbild, die Taufe Clorindens. Am Rande eines Waldes liegt ausgestreckt am Boden die sterbende Clorinde; der Helm ist abgenommen, und das lange, blonde Haar umfließt das schöne, todbleiche Gesicht. Tankred kniet vor ihr in ernster Haltung, die geliebte Feindin aus seinem Helme mit dem Taufwasser netzend. Die schwarze Rüstung des Ritters gegen den goldenen Abendhimmel macht eine eigentümliche, feierliche Wirkung; die Gruppe ist so einfach, rührend hingestellt, die Landschaft und Färbung des Ganzen hat etwas so Feierliches, daß ich mich ganz besonders davon angezogen fühlte. Als nun der Taufe heil'ge Sprüch' erklangen, Sah sie von Lust verwandelt himmelwärts, Wie neu belebt, als spräche sie zufrieden: Der Himmel öffnet sich, ich geh' in Frieden. Das schöne Blaß im weißen Angesichte Gleicht Veilchen, unter Lilien ausgestreut; Und wie ihr Blick hängt an des Himmels Lichte, Blickt er auf sie herab voll Huld und Leid. Zum Pfand, daß sie auf jeden Groll verzichte, Hebt sie die nackte, kalte Hand und beut Sie statt der Wort' ihm dar – so geht zum Hafen Der Ruh' die Huldin ein und scheint zu schlafen. Tasso. Während unserer Rundschau war Schnorr mit seinem stürmenden Kriegsmann fertig geworden, legte Pinsel und Palette beiseite, und wir gingen, über hiesige Kunstgegenstände und insbesondere über unsere Bestrebungen sprechend, den weiten Weg bis zum Kapitol, wo Schnorr im Palazzo Caffarelli wohnte, welcher der preußischen Gesandtschaft gehörte. Er hatte in dem oberen Stockwerk ein etwas niedriges, aber sehr großes Zimmer von Bunsen eingeräumt bekommen, mit der herrlichsten Aussicht, die Rom bieten konnte. Denn man übersah das ganze Campo Vaccino mit Kolosseum bis zum Lateran und darüber noch die blaue Kette der Sabinerberge. Bei unsern Gesprächen unterwegs gab Schnorr Veranlassung, daß wir die Verabredung trafen, alle vierzehn Tage mit Zuziehung von Wagner zusammenzukommen und eine beliebige kleine Komposition mitzubringen, welche dann jedem Anlaß zum Aussprechen seiner Gedanken geben solle. Könne er auch selbst wegen seiner drängenden Arbeiten keine neue Zeichnungen mitbringen, so werde er doch von eigenen früheren Arbeiten manches vorzeigen können, was uns noch unbekannt sei. Natürlich gingen wir freudigen Herzens auf diesen Vorschlag ein und hatten damit einen zweiten Verein gewonnen, zur Förderung unserer künstlerischen Interessen, während der erste mehr auf das geistige Leben und christlichen Sinn zu wirken bestimmt war. Jetzt führte uns Schnorr vor einen Karton, seine neueste Arbeit, welche er zwischen den Malereien in der Massimi vorgenommen hatte: Die Heimkehr der Nausikaa. Die freundliche Königstochter, von ihrem Wagen die Maultiere lenkend, kommt mit ihren Jungfrauen vom Brunnen, wo sie die Wäsche hatten, und der dort aufgefundene Mann – Odysseus, folgt ihnen bescheiden. Der Weg führt durch ein junges Wäldchen nach der Königsburg. Die Situation ist so anmutig naiv, so heiter, friedlich und erregt durch den ehrerbietig folgenden Fremdling eine Art spannendes Interesse, daß wir höchlich erfreut und erbaut die schöne Arbeit betrachteten und Schnorrs großes Talent hier auf einem ganz neuen Gebiete bewundern mußten. Es war ihm damals vom Kronprinzen von Bayern in Aussicht gestellt worden, in dem neuerbauten Residenzschloß in München einige Säle mit Bildern aus der Odyssee zu schmücken, und dazu war diese Komposition der erste Versuch. Daß dieser Plan nicht zur Ausführung gekommen ist – es wurden ihm freilich dafür die Nibelungen aufgetragen –, habe ich oft bedauert, denn gerade für die Odyssee hatte Schnorr eine ganz vorzügliche Begabung. Das anmutige und phantasiereiche Gebiet der Poesie war doch sein Bereich, ja eigenste Natur. Und welchen Anlaß zu den köstlichsten Landschaftsbildern würde gerade dieser Stoff ihm dargeboten haben, wozu er ja ein Talent besaß wie kein zweiter deutscher Maler und welches bedeutend zu verwenden ihm niemals ein Anlaß geboten wurde Noch besahen wir uns ein unvollendetes Ölgemälde von Horny: ein Kastanienwald, in den die Abendsonne hineinscheint, mit Landleuten, welche aus der dunklen Waldestiefe heraufsteigen, und mehrere vortreffliche Studienbilder von Fohr und Horny, welche in die eigentümliche Schaffensweise dieser zu früh verstorbenen Künstler einen interessanten Einblick gewährten. Wir hatten einen Nachmittag mit den reichen Eindrücken der in der Gegenwart blühenden deutschen Kunst verlebt, und es ist gar nicht zu sagen, in welcher Fülle in dieser und anderer Art Bedeutendes und Großes fast täglich uns nahe trat, von welchem vollen Strom das Lebensschifflein getragen wurde! Nun fehlte es bei mir zwar nicht an Empfänglichkeit des Aufnehmens; die Förderung durch all diesen Reichtum würde aber wohl eine größere gewesen sein, hätte ich eine bessere Vorbildung und damit ein tieferes Verständnis gehabt. In derselben Zeit hatte sich noch eine dritte Verbindung gebildet, und zwar durch die Bekanntschaft Richard Rothes, welcher damals Prediger an der preußischen Gesandtschaftskapelle war. Als ich eines Sonntags mit Schnorr und Maydell aus der Kapelle kam, trafen wir am Kapitol mit Rothe zusammen, und ich wurde durch die beiden Freunde mit ihm bekannt gemacht. Wir hatten eben eine seiner mächtig wirkenden Predigten gehört, und die Herzen waren noch warm davon; es freute mich deshalb sehr, dem so begabten und liebenswerten Mann näher zu kommen. Dies geschah noch mehr durch sein freundliches Anerbieten, daß, wenn es für mich Interesse habe, an seinen kirchenhistorischen Vorträgen teilzunehmen, welche er jeden Dienstagabend in seiner Wohnung halte, ich ihm willkommen sein würde. Da Schnorr und die anderen Freunde dieselben ebenfalls besuchten, so war mir das um so willkommener, weil damit unser kleiner Kreis immer neue Vereinigungspunkte fand und sieh inniger zusammenschloß. Welch ein Glück ist es doch, welcher Segen ruht auf einer Verbindung mit so herzlieben Freunden in dieser frischen Jugendzeit, wenn sie gemeinsam nach den idealsten Zielen streben! In einer Umgebung, welche die reichsten, bedeutendsten Anregungen bietet, und durch nichts beengt, genügsam und deshalb um so sorgenfreier, durchleben sie einige Jahre goldener Freiheit, und die Erinnerung daran durchduftet wie ein Blumengeruch das ganze Leben und trägt Poesie in die Prosa oder Schwüle, welche spätere Jahre unvermeidlich mit sich bringen und bringen müssen, wenn der Mensch sich tüchtig entwickeln soll! Natürlich versäumte ich nicht, am nächsten Dienstag mit Oehme an diesen Vorträgen teilzunehmen, und so bildeten wir für diesen und den folgenden Winter den Stamm der kleinen, oft wechselnden Zuhörerschaft. Die Geschichte der Kirche des ersten und zweiten Jahrhunderts und ihrer hervorragenden Persönlichkeiten war ja ein sehr interessanter Stoff, und wenn der Vortrag auch manchmal für uns Maler zu wenig Fleisch und Bein hatte und wir zuweilen mit abstrakten Dingen – wie z. B. Darlegung gnostischer Lehrsysteme – regaliert wurden, so entschädigte uns dafür die freie Unterhaltung nachher um so mehr, welche die ihm näher Befreundeten (und dazu wurde ich sehr bald auch gezählt) um den Teetisch versammelte. Hier waltete auch die jugendliche, freundliche Frau, und ich hatte zum ersten Male seit langer Zeit den Eindruck einer einfachen deutschen Häuslichkeit, welche mich – des vielen Wirtshauslebens mit den immer sich wiederholenden Kunstdisputen müde – recht wohltuend berührte. Rothe war damals ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt. Schlicht und anspruchslos in seiner Erscheinung, atmete sein ganzes Wesen eine Liebe und Demut, eine Wahrhaftigkeit und Treue, die von ihrem lautem Ursprung damit zeugten, daß sie so fern von jedem äußeren Schein, so frei von aller Manier waren; und erkannten wir die Tiefe und den Gehalt seines reichen Geistes in seinen Predigten, so gewann er die Herzen je länger je mehr durch sein einfaches, herzliches Wesen. Kurz: alles in ihm war die Frucht seines mit Gott in Christo verborgenen Lebens. Eine Stelle aus einem seiner Briefe aus dieser römischen Periode war mir recht bezeichnend für sein eigenstes Wesen. Er schreibt: »Er (Christus) gehört einem immer mehr zum unentbehrlichen Hausbedarf; es wird einem so zumute, als ob das Leben mit ihm und in ihm eine ganz natürliche Sache wäre; das Bewußtsein, mit einem solchen Leben etwas Absonderliches vor anderen Leuten zu haben, tritt immer mehr zurück; und je mehr eben hierdurch Christus in uns eine Gestalt gewinnt, desto mehr verliert unser Tun und Lassen, unser äußeres und inneres Leben alle eigentliche Form und Manier, nähert sich der Wahrheit überhaupt, die man, wie den Geist, wie das Licht, nicht sehen, nicht fassen, nicht greifen kann, die keine Form hat und die sich doch überall, wo sie ist, ihrer Kraft nach bezeugt, desto mehr wird unser ganzes inneres und äußeres Leben in Christo einem Trank reinen, frischen Quellwassers ähnlich, das keinen Geschmack und keine Farbe hat, aber erquickende und belebende Kraft. Dies ist ohngefähr der Gang, den der Herr hier in Rom mit mir genommen hat.« So weit auch der Weg von meiner Wohnung zum Kapitol war, so versäumte ich jetzt selten, des Sonntags eine Predigt von ihm zu hören. Auch diese waren fern von aller rhetorischen Kunst, keine Spur von Phrase oder poetischen Blumen oder von Gefühlserregung. Die Gedankenkette senkte sich tief auf den Grund des göttlichen Wortes und förderte den reichen Schatz zutage, auf dessen lebendige Aneignung und Verwendung er hinwies. Die milde Herzenswärme, die über das Ganze sich breitete, und der tiefe Inhalt hielten gefesselt, wenn die Predigten öfter auch länger dauerten, als ihm selbst lieb war. Denn manchmal währten sie bis zur Mittagsstunde, wo dann der Magen, als ein Teil des »natürlichen Menschen«, seine heidnische Stimmung wie Fausts Pudel durch lautes Knurren zu erkennen gab. Die höchst einfache Gesandtschaftskapelle in einem Parterrelokal des Palazzo Caffarelli war früher, wie ihr Urbild in Bethlehem, ein Stall gewesen. Vier weiße Wände, ein Altartisch mit Kruzifix und zwei Leuchtern, einige Reihen Stühle samt der kleinen Hausorgel in einer Ecke bildeten das prosaische Interieur. Ein Sängerchor, größtenteils aus Künstlern bestehend, hatte sich um die Orgel gruppiert, wo Schnorr quasi als Kantor an der Spitze, Hoff, v. Hempel, Koopmann mit ihren trefflichen Stimmen ihm zur Seite standen. Eine auffallende Figur war der – übrigens sehr tüchtige – Orgelspieler, namens Freudenberg. Lang und mager, mit einem höchst humoristischen Gesicht, zeichnete er sich durch seinen zeisiggrünen, langschößigen Frack, etwas zu kurz geratenen Nankinghosen und ein Paar Schuhe aus, welche einen Wettlauf nach Syrakus mit den Seumeschen Rappen gar siegreich würden bestanden haben. Diese Gestalt war mir lebhaft im Gedächtnis geblieben, ohne daß ich etwas Weiteres über ihn gewußt hätte; deshalb war es für mich eine angenehme Überraschung, als ich vor einigen Jahren die höchst ergötzliche Selbstbiographie dieses originellen, humoristischen Mannes und tüchtigen Organisten, welche nach seinem Tode herausgekommen war, zu lesen bekam. (Freudenberg starb als Oberorganist an der Hauptkirche zu St. Elisabeth in Breslau 1869.) Die protestantische Gemeinde in Rom war eine stets wechselnde, denn außer den Familien des preußischen, hannoverschen und holländischen Gesandten waren es Gelehrte, Künstler und einige den Winter in Rom verweilende deutsche Familien, welche des Sonntags sich hier einfanden. Die einfache, ja nüchterne Lokalität machte einen starken Kontrast gegen die Pracht der römischen Kirchen und ihre pomphaften Gottesdienste. Die altehrwürdige Kirche Ara Coeli in der Nachbarschaft, welche auf den Fundamenten des kapitolinischen Jupitertempels steht, stand in dieser Beziehung wohl in einem ähnlichen Verhältnisse zur kleinen Protestantengemeinde, wie vor achtzehnhundert Jahren der Tempel zu den versteckten oder nur geduldeten Lokalen der ersten kleinen Christengemeinde. Es macht doch oft einen recht betrübenden Eindruck, wenn man allenthalben innerhalb der Christenheit soviel Zwiespalt und Trennung erblickt in ihren höchsten, teuersten Überzeugungen. Aber kommt es denn nicht daher, daß sie ihren gemeinsamen Glauben, der eine Kraft Gottes zur Seligkeit ist und dessen Wahrhaftigkeit sich in der Beweisung des Geistes und der Kraft dokumentieren soll, der begrifflichen Formulierung desselben nachsetzen? Und ist denn nicht gerade dieses –die Formulierung in Begriffen – das Menschliche an der Sache? Das Göttliche aber ist ja die Kraft, die uns selig macht. Aber Gott sei Dank, zu allen Zeiten und unter allen Völkern hat es solche gegeben, die sich in Einigkeit des Geistes verbunden gefühlt haben an ihrem Oberhaupt Jesus Christus, solche, welche den goldenen Spruch St. Augustins sich zur Regel machten: »Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe!«, und diese sind es, welche die zu allen Zeiten gleiche »unsichtbare Kirche« bildeten, welche die wirklich katholische, d. i. die allgemeine, die eine und wahre Kirche Christi ist, diejenige, von welcher das apostolische Glaubensbekenntnis redet: Eine heilige, allgemeine Kirche und Gemeinschaft der Heiligen, hier und dort oben!« Sonderbar kann es wohl erscheinen, daß ich als Katholik so unbefangen und ausschließlich den protestantischen Gottesdienst und religiösen Gesellschaften mich anschloß, ohne das leiseste Bedenken dagegen zu spüren. Allein wenn ich mich erinnere, daß ich zwar protestantisch getauft, aber nach damaligem Landesgesetz in der Religion des Vaters, also katholisch, wie die Schwester nach der Mutter protestantisch, erzogen wurde und später in vollständigstem Indifferentismus dahinlebte, so wird dies weniger befremden. Nicht die Frage nach der Kirche war es, was mich seit langem bedrängt hatte, sondern die Frage nach einer festen, göttlichen Wahrheit, ja nach dem lebendigen Gott selbst. Da ich dies nun bei meinen protestantischen Freunden gefunden hatte, trachtete ich danach, mit ihnen gemeinsam weiter zu pflegen, was das Glück meines Lebens geworden war. Zuweilen besuchte ich die glänzenden Gesellschaftsabende des preußischen Gesandten Bunsen, in welchen bedeutende Persönlichkeiten, Deutsche, Engländer und Franzosen, die sich gerade in dieser Zeit in Rom aufhielten, angetroffen wurden. Ich erinnere mich z. B. des aus den Freiheitskriegen berühmten Generals v. Dörnberg mit Frau und sehr schöner Tochter, welche letztere von den Künstlern als das Ideal einer deutschen Jungfrau im Gegensatz zu den schönen Römerinnen gepriesen und bewundert wurde, des feinen Kunstkenners Legationsrat Kestner (der Sohn von Lotte – Werther), des Dichters Kopisch, der Familie Parthey, des Hofmalers Hensel (der Bruder der durch schöne geistliche Lieder bekannten Luise Hensel), Kapellmeister Reißiger u. a. – Manchmal hörte ich da schöne altitalienische Gesangstücke vortragen, die Baini, der Kapellmeister der Sixtinischen Kapelle, Bunsen mitgeteilt hatte. Beide verkehrten viel, miteinander, denn Bunsen war damals eifrig mit liturgischen Arbeiten beschäftigt. * Ich wende mich jetzt zu unseren Kompositionsabenden, bei denen Schnorr den Vorsitz führte oder unseren Zensor machte. Sie waren Veranlassung, daß manche hübsche Zeichnung entstand; denn ein jeder tat sein Bestes, um von Meister Schnorr ein Lob einzuernten. Dies war nun freilich nicht allzuschwer; denn es lag nicht in Schnorrs Art, eine scharfe Kritik zu üben, im Gegenteil suchte er jeder dieser Arbeiten die gute Seite abzugewinnen und nur sehr schonend vorgekommene Schwächen oder Fehler anzudeuten, wodurch er den Schüchternen ermutigte, aber minder dem Geförderten nutzte. Handelte es sich dagegen um ein Kunstprinzip, dann trat er mit großer Bestimmtheit hervor. So hatte Oehme eine vorherrschende Neigung zu sogenannten Stimmungsbildern. Seine Vesper auf dem Orgelchor, welche er zu Weihnachten gemacht hatte, und anderes trugen diesen Charakter. Oehme war ein Nachtfalter, welcher am liebsten in Dämmerung und Nacht herumflatterte. Von einer solchen Richtung wollte Schnorr durchaus nichts wissen: Die Sprache der Natur, wie sie der Maler zu erfassen habe, liege in ihren Formen, in den Gestaltungen der Bäume und Gebirge, der Wolken und Gewässer, in dem Aufbau und harmonischen Zusammenklang der Linien usw, nicht aber im Unbestimmten, in Nacht und Nebel. Man muß sich erinnern, daß namentlich die Dresdner jüngeren Maler von den originellen Landschaften Friedrichs sich mächtig angezogen fühlten und in ähnlicher oder doch verwandter Weise ihm zu folgen suchten. Auch Oehme gehörte zu diesen, und ich selbst suchte eine kurze Zeit mir einzureden, daß in diesen symbolisierenden Naturbildern das Höchste für die Landschaftsmalerei errungen sei: wo z. B. ein Kreuz mit einer Dornenkrone auf einer Felsenspitze im Walde steht und ein Lichtstrahl gerade hinter der Dornenkrone durch den Nebel bricht, was denn ohngefähr den Spruch: »Durch Kreuz zum Licht« illustrieren würde. Mehrere Versuche in dieser Art, welche ich machte, mißlangen aber so vollständig, daß ich – obwohl mit einiger Verzweiflung – immer wieder auf den bisher eingeschlagenen Weg zurückkehrte. Und das war ein Glück für mich; denn jene dämmernde, mysteriöse Richtung war mir nur durch Reflexion angeflogen und meiner innersten Natur nicht entsprungen; denn ich hatte meine Lust an der klaren Form, an Sonnenschein und bunter Tageshelle. Oehme fügte sich nun in Rom, so gut er konnte, der herrschenden Ansicht und malte einige heitere italienische Landschaften, mit welchen er aber nur wenig über die Vedute hinauskam. Seine schönsten Bilder waren späterhin stets Stimmungsbilder ganz eigentümlicher, hochpoetischer Art. Man könnte ihn den Lenau unter den Malern nennen. So siegte bei ihm zuletzt ebenfalls die tiefangelegte Künstlernatur über die theoretische Ansicht, und seine Begabung hat er stets im edelsten Sinne verwendet. Weit wirksamer und erfolgreicher als unsere Kunstdispute waren die Eindrücke, welche Schnorrs Werke hinterließen. So brachte er eines Abends in zwei Bänden seine Landschaftszeichnungen mit, welche denn mit dem größten Interesse betrachtet, ja bewundert wurden. Am meisten Vorteil zog ich selbst davon, denn da die kleine Versammlung bei mir abgehalten wurde, so vertraute Schnorr mir diesen Schatz auf längere Zeit an, und so manche liebe Stunde saß ich nun über diesen Blättern im genußreichsten Betrachten, verfolgte jede Linie mit den Augen, sah, wie das verschiedene Laubwerk gemacht war, studierte überhaupt das Machwerk derselben, weil dieses mir so besonders wohlgefiel, und suchte mir vieles davon anzueignen. Diese schönen Landschaften waren mit den anmutigsten Figuren geschmückt, die er bald dem Volksleben, bald der Mythe oder dem italienischen Mittelalter entnommen und dem Charakter der Landschaft angepaßt hatte. Sie gehören gewiß zu den lieblichsten und eigentümlichsten Schöpfungen Schnorrs. Fern von aller konventionellen Form, allem künstlichen Pathos, atmen sie den ganzen Zauber, die liebliche Unschuld der Natur, wie sich diese in einem kunstgebildeten Geiste spiegelt. Eben weil sein Sinn durch ein hohes Stilgefühl ausgebildet war, in welchem ja die ewigen Gesetze des Schönen und Wahren enthalten sind, deshalb durfte er sich auf die freieste Weise einer Nachbildung der Natur überlassen, in ihre feinsten und charakteristischen Einzelheiten eingehen, welche diesen Landschaftsbildern einen so großen Reiz von Naturwahrheit und idealer Kunstschönheit verleihen. Schnorr zeichnete diese Blätter zuerst mit Bleistift sehr sorgfältig nach der Natur, umzog sie dann zu Hause mit der Feder – setzte dann die Figuren hinein und tuschte die meisten leicht und gewandt mit Sepia, wodurch das Ganze in Haltung kam. Diese Zeichnungen waren damals in zwei Foliobänden aufgezogen, wie er denn in allen seinen Sachen die größte Ordnung und Sauberkeit beobachtete. So ließ er niemals – wie es oft von anderen und auch von mir geschah – Studienblätter und Zeichnungen halb vollendet liegen, sondern vollendete solche Blätter, sobald er Zeit dazu fand, beschnitt sie sauber und zog sie womöglich auf. Diese Ordnungsliebe und gute Pflege seiner Sachen, die manchmal an das Pedantische zu grenzen schien, versetzten den Beschauer beim Betrachten solcher Blätter in eine behagliche Stimmung, und man mußte schon um des äußeren Eindrucks willen Respekt vor Dingen haben, welche so sorgfältig gepflegt wurden. Diese Zeichnungen sind später, da sie Schnorr nicht vereinzeln wollte, in die Sammlung meines Freundes Ed. Cichorius gekommen. Dr. Jordan hat eine Anzahl derselben vorher in Photographie herausgegeben. An einem andern Abend brachte Schnorr seine sämtlichen Zeichnungen und Studien zu den Ariostbildern in der Villa Massimi mit, welche uns in einen wahren Freudenrausch versetzten. Schnorr machte da mit uns Bruderschaft, und damit es an der üblichen Libation nicht fehle, gingen wir schließlich noch in eine dämmernde Osteria, wo wir in heiterster Laune noch spät beisammen waren. * Schon früher erwähnte ich, daß ich mit Wagner gemeinsam die Rückreise nach Deutschland antreten wollte, und es rückte diese Zeit das Frühjahr – näher heran. Inzwischen hatte sich aber in und außer mir so manches geändert. Ich fühlte, daß, was ich in letzter Zeit gewonnen oder begonnen hatte, nur hier seine weitere Entwicklung finden könne, und ein vorschnelles Abbrechen den ganzen geistigen Erwerb gefährden müsse. Mannigfaltige folgenreiche Beziehungen hatten sich angeknüpft, und durch ein tieferes Eindringen, ein besseres Verstehen römischer Natur wurde mein Streben für ideale oder sogenannte historische Landschaftsmalerei immer mehr gefördert und ins Klare gebracht. Freilich, wenn ich in der Abenddämmerung noch im Atelier saß und träumte, tauchten die traulichsten Bilder aus der Heimat auf, dunkle Wälder und rauschende Wasser, arme Hütten mit Strohdach, aus denen der blaue Rauch sich an dunklen Nadelholzbergen hinzieht und dergleichen. – Deutsche Natur erschien mir immer als ein einfaches, tiefinniges Bürgerkind, wie Gretchen (im Faust), – die italienische Natur wie eine Jungfrau aus königlichem Geschlechte, eine Iphigenia. Die Bewunderung für den Adel der Königstochter war in mir höher und höher gestiegen, aber meine Liebe war das schlichte Bürgerkind. Glücklicherweise entschied ich mich aber diesmal nicht für die Stimme der Sehnsucht, sondern folgte andern Erwägungen, die zum Dableiben rieten. Außerdem drängte auch Freund Schnorr in mich, alles, was möglich, aufzubieten, um den Aufenthalt verlängern zu können. »Das hier Gepflanzte müsse tiefer wurzeln, wachsen und erstarken.« Hauptsächlich kam es jetzt darauf an, daß mir Arnold noch länger die Mittel gewährte. die zu einem längeren Aufenthalt nötig waren. In diesem Sinne hatte ich ihm geschrieben und wartete mit größter Spannung seiner Entscheidung. Es trat jetzt unerwartet einiges dazu, wodurch meine Absicht erleichtert schien Schnorr brachte eines Tages seinen Landsmann Dr. Hänel aus Leipzig in mein Atelier, um ihm mein Bild zu zeigen, welches in der Ausführung bereits weit vorgerückt war. Es gefiel beiden, und da wir nachher zusammen einen Spaziergang in die Villa Borghese machten, merkte ich wohl, daß Schnorr es ihm zum Ankauf für die Sammlung seines Schwagers, des Barons v. Sternburg, empfohlen hatte. Und so war es auch. Nach einigen Wochen kam die Zustimmung von diesem, die Bestellung wurde festgemacht, und das Bild kam später in die Sammlung (jetzt im Leipziger Museum) – Es war überhaupt das erste Gemälde, welches ich verkaufte; denn die im vorigen Winter gemalte Landschaft (Der Watzmann) hatte ich selbstverständlich meinem väterlichen Freund Arnold überlassen. Zu derselben Zeit überraschte mich ein Schreiben des Grafen Vitzthum von Eckstädt, unter dessen Leitung die Kunstakademie stand, daß mir zunächst für dieses Jahr eine Pension von hundert Talern angewiesen sei, und zwar infolge der Ausstellung meines Bildes. Intermezzo. Reise nach Nettuno Der Karneval war vorüber; der Moccoli-Abend mit seinem bacchischen Lustgebrause hatte den Beschluß gemacht und den lustigen Tagen die Krone aufgesetzt, als wir fünf Verbündeten in der Trattoria beim Abendbrote saßen, wo ich zufällig das Gespräch auf die schönen sagenhaften Geschichten des alten Roms brachte; denn ich hatte eben die ersten Bücher im Livius gelesen. Da kam uns plötzlich der Einfall, ob wir nicht jetzt, ehe uns der Sommer auseinanderbrächte, eine gemeinsame Wanderung an den Küstenstrich des alten Latium unternehmen sollten; eine Reise von drei oder vier Tagen, die ohnedies nur in der kältern Jahreszeit ausführbar sei, weil im Sommer diese Gegend durch die aria cattiva, Mückenschwärme, und zahlloses Ungeziefer jeder Art unzugänglich ist. Gedacht, getan. Noch denselben Abend wurden einige Lebensmittel eingekauft; ich glaube, es waren ein paar Brote, Salami und ein in Blase gefüllter runder Büffelkäse, Rum und dergleichen. Ein Tornister enthielt die nötigste Wäsche für alle fünf und sollte abwechselnd getragen werden, während die Lebensmittel, deren Last täglich geringer werden mußte, auf jeden verteilt wurden. So ausgerüstet, zogen wir an einem kalten und windigen Februarmorgen zur Porta San Paolo hinaus, jeder mit einem Päcklein belastet und einem Stab mit Eisenspitze in der Hand. Ich mußte an die sieben Schwaben denken! Besonders komisch erschien mir Freund Oehme; denn ihm, der so heftig gegen den Ankauf des Büffelkäses opponiert hatte, war das Tragen desselben durchs Los zugefallen, und so schritt er mit etwas verdrießlicher Miene einher, während der runde Büffelkäse wie ein tückischer Kobold, an einen Bindfaden gebunden, ihm auf dem Rücken hockte und bei jedem Schritt eine hüpfende Bewegung machte. Obwohl wir es keineswegs auf Abenteuer abgesehen hatten, mußte uns bald eines entgegentreten, welches dem berühmten Seehasen gewiß würdig zur Seite stand. In der Nähe von Ostia führt die Straße auf einem gemauerten Damm mitten durch einen großen Sumpf, dessen trübes Gewässer und Schlamm mit Weidengestrüpp zum Teil bedeckt war. Hier und da stand oder lag ein Büffel im Gebüsch, scheußliche Bestien, das schwarze, zottige Haar mit getrocknetem und nassem Schlamm überzogen und aus den rotglühenden, tückischen Augen uns anstierend. Ihre riesige Stärke ist bekannt, ebenso wußten wir, wie es vorkommt, daß sie bei übler Laune oder gereizt, ganz besonders im Frühjahr wie jetzt, die liebenswürdige Manier haben, ihren Feind in schnellem Anlauf niederzurennen und mit ihren dicken Beinen tot zu stampfen, wie dieser Fall einem armen Hirtenjungen in der letzten Woche hier begegnet war. Jetzt sahen wir in einiger Entfernung sechs dieser schwarzen, schmutzigen Gesellen die ganze Breite des Dammweges einnehmen, die Köpfe nach uns gestreckt, wie uns erwartend. Wir blieben einige Augenblicke überlegend stehen, und Maydell, unser Allgäuer, riet, mit vorgehaltenen Stöcken in der Breite des Weges auf sie schnell loszumarschieren. Mit raschem, derbem Schritt, wobei die Brot- und Wurstbündel samt dem Büffelkäse auf den Rücken tanzten, wurde dies Manöver pünktlich ausgeführt. In einer Entfernung von fünfzehn oder zwanzig Schritt sprangen die zwei äußersten Ungetüme in den Sumpf, und im Nu folgten die andern. Der Sieg war unser, und der Mut war infolgedessen im Steigen; deshalb marschierten wir im gleichen Tempo noch ein groß Stück weiter, bis wir den bedenklichen Schauplatz im Rücken hatten. In Ostia machten wir Mittag, das heißt: wir tranken in der elenden Schenke ein Glas matten, sauren Weines, aßen hartes Brot dazu und schnitten – um damit das Mahl zu würzen – den berüchtigten Büffelkäse an. Es war eine zähe, lederartige Masse von widerwärtigem Geschmack, und so übten wir auch hier die Tugend der Enthaltsamkeit in einem hohen Grade. Nur Maydell, der den kühnen Gedanken gehabt hatte, den Käse zu kaufen, fand ihn »gar nicht übel«. Nachdem wir nachmittags einiges ins Skizzenbuch gebracht hatten, wanderten wir eine lange Strecke an antiken Mauerresten hin und kamen gegen Sonnenuntergang in die Nähe des Leuchtturms bei Fiumiccino. Es war ein kalter Abend und sehr stürmisch. Das schwarzblaue, bewegte Meer warf seine Wellen donnernd an den Strand; kaum konnten wir uns im heftigen Winde auf den müden Beinen erhalten, und so wandten wir uns zu der größten der Fischerhütten, welche in einiger Entfernung vom Leuchtturm den öden Strand bedeckten. Es waren diese Hütten sehr ursprünglicher Art: ein Balkengerüst, von oben bis unten mit einem dicken Mantel von Schilf und dunklem Gestrüpp bedeckt, nur einen Eingang, aber weder Fenster noch Schornstein! Im Innern, wo es rauchig und finster aussah, fanden wir eine Gruppe Marinari und einige Weiber um das Herdfeuer versammelt, über welchem der große Fischkessel hing. Das Nachtlager ward bewilligt, und der Raum zur Rechten uns als Wohn- und Schlafstätte angewiesen. Ein Tisch nebst einigen Sesseln fanden sich auch, und ein altes Boot, in welchem Netze und Segeltuch aufbewahrt wurden und welches unser gemeinsames Lager für die Nacht vorstellte, machte zugleich eine Art Wall oder Scheidewand gegen den übrigen größeren Raum. Ein paar Fischer brachten eben den Ertrag ihres letzten Fischzuges herein, und wir erhandelten von ihnen einen mächtig großen Cefalo, einen der in Rom beliebtesten Fische, welchen uns die Wirtin bereiten sollte. Dies war nun die erfreulichste Aussicht auf ein ergiebiges Abendessen, dessen wir nach einem so strapaziösen Fasttage gar wohl bedurften und verdient hatten! Es währte lange, ehe die Siederei fertig war, und unser Hunger war groß! Endlich kam die Schüssel mit fünf ziemlich schmalen Schnitten des großen Fisches, und wir fragten verwundert, ob dies der ganze Fisch sein solle. – »A si, signori, si si si, e tutto lo cefalo!« – Maydell, der Zungenfertigste im Italienischen, bestritt dies bestimmt, und es entstand nun ein Heidenlärm, denn alle mengten sich sogleich leidenschaftlich hinein, und um den Beweis zu liefern, daß hier an einer bestimmten Stelle ein Manko vorliege, wurde von Maydell das corpus delicti in seiner ursprünglichen Form aufs neue hergestellt, und die Stücke in ihrer Ordnung zusammengesetzt. Welch Wunder! Der lange Cefalo war ein kurzes, dickes, rundes Monstrum geworden, ein Kerl, über den man lachen mußte; Kopf und Schwanz; der Leib fehlte; das größte, beste Mittelstück war unsichtbar geworden. – Der Lärm war verstummt. Alle schauten höchst verwundert drein, zogen die Augenbrauen bis in die halbe Stirn und die Schultern bis zu den Ohren, spreizten Arme und Finger weit auseinander, wie erstarrt vor Schreck über diese wunderbare, undurchdringliche, geheimnisvolle Erscheinung, und man hörte nur ein kurzes »ah – ha – non lo capisco!« Sie sahen aus, wie Spitzbuben aussehen, wenn sie die liebe Einfalt und Unschuld darstellen wollen. – Es war nun einmal so und wurde nicht anders; so verzehrten wir unsern kurz gewordenen Fisch, und der Magen wurde abermals nicht überladen. Es war ja das anno santo und von Leo XII. die Fastenzeit in ganz besonderer Strenge zu halten geboten worden. Spät suchten wir die Ruhe in unserm Boote. Das Lager auf den Netzen und den groben, geteerten Segeln, Tüchern und Decken erinnerte etwas an Pönitenz, war also für diese Fastenzeit ganz passend; trotzdem schliefen wir bei dem Donnern des brandenden Meeres und dem Windsgeheul bald ein. Am andern Morgen überschritten wir die Isola sacra, die von den beiden Tiberarmen gebildet wird, ehe sich dieselben in das Meer ergießen. Es war bitter kalt und die Wasserstellen mit einer dünnen Eisrinde bedeckt. Hier weideten nun große, zum Teil wilde (ungezähmte) Büffelherden, die uns indes unbehelligt ließen. Als die Sonne höher stieg, wurde es angenehm warm und wir gingen dicht den Meeresstrand entlang (Randvermerk Richters: St. Ippolito, Kirchlein an der Tiber bei Fiumiccino (St. Ippolito war Erster Bischof von Ostia, ein Apostelschüler). – Monica: Mutter des heil. Augustinus. Schönes Gespräch desselben, das letzte, mit der Mutter in Ostia, über ewiges Leben. Siehe Augustins Bekenntnisse. ) Es war ein wunderschönes Wandern im Wogengeräusch des schönen, blauen Meeres, angeweht von der frischen Seeluft, der Boden eine gleiche, feuchte Sandfläche, oft überspült von den letzten Ausläufern der Wellen, welche eine Menge bunter Muscheln und Schneckenhäuschen uns unter die Füße rollten. – Längs der ganzen Küste ziehen sich große Waldungen von Korkeichen hin, sehr wild und knorrig verwachsen. Wir trafen später im Walde viel antikes Mauerwerk, Säulenstummel, ja einen großen, gepflasterten Platz. So gelangten wir, als es dunkel wurde, nach Pratica (das alte Lavinium), wo wir in einer elenden Kneipe übernachten mußten. Unsere Vorräte waren heute ziemlich aufgezehrt worden, da wir außer Paterno weder ein Haus noch Menschen angetroffen hatten, und auch hier gab es, zumal in dieser Fastenzeit, kaum das Notdürftigste: schlechten Wein, Brot und Stockfisch in Öl gebraten, ein schon durch seinen Geruch uns widerwärtiges Gericht. Nur Maydells kriegerisch abgehärteter Magen ließ sich »ohne Furcht und ohne Grauen« den Baccala wacker schmecken. Der einzige Gast außer uns war ein Kerl, auf dessen einäugigem, grundhäßlichem Gesichte der Mörder und Verräter mit groben Zügen gezeichnet war. Da wir ihn mit unserm sauren Weine freigebig traktierten, erschloß er höchst unbefangen und redselig sein Herz gegen uns und erzählte von dem lustigen, bewegten, ruhmvollen Räuberleben, welches er in früheren Tagen als Mitglied einer bekannten Bande geführt hatte. Seine Abenteuer, Einbrüche, Totschläge, blutigen Kämpfe mit den Gendarmen waren ihm höchst ergötzliche Erinnerungen, welche er mit einem grinsenden, grausam kalten Gesicht sehr anschaulich zum besten gab. Als endlich die Regierung den sich freiwillig stellenden Räubern Verzeihung, ja eine kleine lebenslängliche Pension versprochen hatte, machte er davon Gebrauch, verriet die Schlupfwinkel der Genossen den Gendarmen, was ihm eine besondere Belohnung einbrachte, und wurde dann als Gefängniswärter in Pratica angestellt, welches Amt er jetzt bekleidete. Eine Überraschung stand uns noch bevor, als uns die dicke Wirtin in unser Schlafgemach führte, wo nur ein einziges Bett stand, und uns versicherte, daß wir fünf darin recht gut Platz hätten. Wir fragten erstaunt und lachend, wie das zu machen sei. »O«, sagte sie ganz ruhig und leuchtete in das durchaus nicht blendend weiße Bett hinein, »drei Signori legen sich von oben nach unten und zwei unten hin und mit den Beinen nach oben; dann geht's ganz gut! An ein Sofa und anderes Bettgerät war hier nicht zu denken; so kamen denn zwei Glückliche in das Bett, und drei weniger Beglückte mußten sich auf den harten Boden legen, den Tornister und einige andere herbeigeschaffte Utensilien unter den Kopf und den eigenen Rock zur Decke. Ich gestehe, daß mir bei so hartem Fasten und noch härterem Nachtlager – denn das Los hatte mich ebenfalls auf den kalten Steinboden verwiesen – die Begeisterung für das alte Latium etwas abhanden gekommen war. Hoff tröstete mit der Geschichte eines alten preußischen Husaren, welcher auch weder Bett noch Decke zum Nachtlager gefunden hatte. »Ik weiß mir in solchem Falle janz jut zu helfen, ik lege mir auf den Rücken und decke mir mit dem Bauche zu!« Am andern Morgen kamen wir nach Ardea. Dies kleine armselige Nest liegt recht malerisch auf einem niedrigen, mit schönem Gebüsch bewachsenen Felsenhügel; eine echt Poussinsche Landschaft. Es wurde ins Skizzenbuch gebracht und dann nach einer Kaffeeschenke gesucht; aber eine solche war hier ein unbekannter Luxus. Die Geschichte von der keuschen Lucretia, die sich an diesen Ort anknüpft, hatte ich als Junge für irgendeinen Kalendermann auf Kupfer radiert und war mir immer gar rührend gewesen. Nun saß ich vor diesem Ardea mit Papier und Bleistift, um es »abzureißen«, wie 500 Jahre v. Chr. Tarquinius mit seiner Kriegsmacht davor lag, um es niederzureißen. Von hier aus ritt Collatinus, vielleicht von dunkeln Ahnungen getrieben, nach Rom zu seiner Frau, der schönen Lucretia, und fand sie als Leiche. Der Sohn des Tarquin hatte sie gewaltsam entehrt, und um diese Schmach nicht zu tragen, hatte sie sich den Tod gegeben. Als ich in späteren Jahren durch das Engadin kam, erinnerten die beiden Flecken Lavin und Ardez, mit romanischer Bevölkerung, an eine alte Sage, nach welcher ein König Raetus römische Kolonisten vor den Galliern hierher flüchtete i. J. 587 v. Chr., welche in Erinnerung an ihre Heimat Lavinium und Ardea ihren neuen Wohnorten dieselben Namen beilegten. Als der Tag sich neigte, sahen wir wieder das Meer und kamen nach Porto d' Anzo, der alten Hauptstadt der Volsker (Antium), in welcher der aus Rom verbannte Coriolanus zuletzt seinen Tod fand. Uns war es besonders dadurch merkwürdig, daß der Apoll von Belvedere und der Borghesische Fechter hier aufgefunden wurden. Hier fanden wir in einer Locanda leidliches Unterkommen, obwohl die strenge Fastenzeit uns wieder mit Baccala regalierte. Das nahe Nettuno ließen wir unbesucht. Die eigentümliche, reiche Tracht seiner Frauen, gewöhnlich scharlachrot und reich mit Gold gestickt, kannten wir vom Blumenfeste in Genzano her, wo sie sehr hervortraten. Ein paar Stunden davon liegt ein Turm am Meere (bei Astura), wo Frangipani den armen Conradin, den letzten Hohenstaufen, nach der Schlacht von Tagliachozzo an Karl von Anjou auslieferte – traurigen Andenkens! Drei Tage hatten wir nun diesen verödeten Landstrich durchzogen. Die landschaftlichen Schönheiten waren zu gering, um uns für die harten Entbehrungen zu entschädigen, welche die Armut der Bewohner und die gebotene, von uns aber unfreiwillig gehaltene Fastenzeit auferlegten, und so war es natürlich, daß wir uns nach Rom, in unser Daheim, zurücksehnten, wohin wir denn am folgenden Morgen aufbrachen. Dieser ganze durchwanderte Küstenstrich gleicht einem alten Pergamentblatt aus der Weltchronik; der Text ist verwischt und mit Moder überzogen; aber Worte und Namen aus dem fabelvollen Altertum bis in die glänzende römische Kaiserzeit, von der Zerstörung Trojas, Ascanius, dem Sohne des Aeneas, den ersten sagenhaften Königen Roms bis zu Claudius und Nero, die zu Antium geboren, und von der Gründung des ersten christlichen Bistums in Ostia durch die Apostel bis zu den mittelalterlichen mächtigen Päpsten, wieviele in der Geschichte der Menschheit bedeutsame Namen tauchen hier in der Erinnerung auf. Der Tagesmarsch von Porto d'Anzo bis Rom war ein starker, wurde aber durch einen schneidend scharfen Nordwind, der uns gerade entgegenbrauste und das Vorwärtskommen hemmte, doppelt beschwerlich. Wir durchschnitten eine ganz öde Fläche; nirgends war ein Haus zu sehen, keiner lebenden Seele begegneten wir, und der Wind tobte so heftig, daß wir zuletzt, weit voneinander getrennt, ein jeder sich, so gut er konnte, gegen ihn zu stemmen suchte. So kamen wir ermattet und gewaltigen Hunger spürend um Mittag bis zur Osteria, welche am Fuß des Albanergebirges an der römischen Straße liegt. Hier gab es denn wieder einen trinkbaren Wein und endlich eine große Schüssel mit einem wahren Gebirge von Makkaroni. Wir mußten laut lachen über dieses massenhafte Gericht; aber das Herz im Leibe lachte auch! – Überraschend schnell verkleinerte sich der Berg unter der Arbeit unserer fünf Gabeln und verschwand endlich ganz und gar bis auf den letzten Makkaronifaden. Nachdem wir noch eine gute Stunde geruht hatten, machten wir uns wieder auf den Weg. Der heftige Wind aber hatte sich inzwischen zum brausenden Sturm gesteigert, und wir mußten uns die Hüte auf dem Kopf festbinden und sie dennoch mit den Händen halten, so gewaltsam raste Herr Boreas. Ein Reiter holte uns bald ein, der sich kaum des Sturmes wegen auf seinem Braunen erhalten konnte; es war Catel, der Landschafter, der uns zurief: wir seien zu Fuß besser daran als er, der zugleich gegen Sturmwind und Kälte zu kämpfen habe, während uns wenigstens wärmer durch das Gehen würde. – So stemmten wir uns denn mit Mühe gegen des Wetters Unbill und kamen ganz vereinzelt vor die Porta San Giovanni, wo wir uns sammelten und zu Worte kommen konnten. Es war Nacht geworden, ehe wir an unsere Wohnungen gelangten, und ich fühlte mich sehr angegriffen, und Brustschmerzen, die ich schon in den letzten Monaten empfunden, stellten sich in erhöhtem Grade ein (Randvermerk Richters: Schluß muß etwas anders werden) Von Rom nach Paestum In den ersten Tagen des Mai wanderten wir unserer fünf zur Porta S. Giovanni hinaus dem Albanergebirge zu. Es war außer mir, v. Maydell, Hoff und Schilbach noch ein kleiner, heiterer Däne dazu gekommen, ein Landschaftsmaler namens Harder. Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß mir von dieser Reise, welche bis Ende Juni währte, nur die ersten und die letzten Tage derselben frisch in der Erinnerung geblieben sind, während das große Mittelstück – wie bei dem Cefalo in Fiumiccino – ziemlich abhanden gekommen ist. So gebe ich denn diese Bruchstücke, wie sie in den Maschen meines Gedächtnisses ein halbes Jahrhundert sich erhalten haben. Um Mittag waren wir in Ariccia und rasteten daselbst ein paar Stündchen; denn es fesselte uns hier ein eigentümliches Volksfest, welches auf der Piazza vor dem Schlosse der Chigi abgehalten wurde. Das humoristische Fest mußte in früherer Zeit auch anderwärts, z. B. in den Niederlanden in Brauch gewesen sein; denn ich erinnerte mich, dasselbe von Wouwerman in einem Kupferstich von Morgereau dargestellt gesehen zu haben. Zwischen zwei hohen Pfählen war ein großer, mit Wasser gefüllter Bottich aufgestellt, an dessen Boden zwischen einer hölzerner Klammer ein Ring eingefügt war, welcher mit einer Lanze im Darunterhinwegreiten herausgestoßen werden mußte. Die ängstlichen oder vorsichtigen Reiter stießen nun gewöhnlich in die Luft, oder sie stachen den Ring glücklich heraus. Wessen Lanze aber unglücklicherweise an die Klammer traf, über den kippte im Nu der große, mit Wasser gefüllte Bottich und überschüttete ihn mit einem so kolossalen Sturzbach, daß ihm einige Sekunden lang Hören und Sehen vergehen mußte. Und solches Malheur passierte einem alten, dürren Kerl, welcher schon vorher unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, als er in Reih und Glied mit den andern Rittern zu Esel dastand und die grimmigsten Blicke auf die lächelnden Zuschauer herabschoß. Einen möglichen Unfall befürchtend, hatte er sich den gelben Überzug seines wachstuchenen Ombrello wie eine Halskrause umgeknüpft, und als nun die Reihe an ihn kam, eilte er mit eingelegter Lanze wie Ritter Don Quichote seinem Unstern entgegen; denn der Stoß traf die verhängnisvolle Klammer, der Bottich schlug um, und die Sintflut ergoß sich über Mensch und Vieh, Ritter und Esel. – Letzterer blieb höchst überrascht unter der Traufe wie angenagelt stehen, und alles Strampeln und Stoßen mit Lanze und mit den Beinen brachten ihn nicht eher von der Stelle, als bis er die letzten Tropfen aus seinen langen Ohren geschwenkt hatte, worauf er plötzlich in einem höchst fidelen Trab den ganzen Platz umkreiste und sich sodann mit stoischer Gelassenheit wieder zu den andern Reitern stellte. Ein allgemeines Gelächter erfüllte den ganzen Platz, aus allen Fenstern lachte es von jung und alt im Chor. Auch beim zweiten Rennen verfolgte den Alten dasselbe Pech; abermals erntete er nur schallendes Gelächter und schadenfrohen Jubel, je grimmiger er sich gebärdete. Er sah aus, als wolle er sich selbst in Stücke zerreißen, wenn er es nur fertigzubringen gewußt hätte. Wir aber warteten das Ende des Spaßes nicht länger ab, sondern zogen unseres Weges fürbaß zum Tore hinaus, wo uns alsbald der maigrüne Wald aufnahm. An der Kapelle S. Rocco und dem schönen Brunnen unter den Buchen vorüber, zur Rechten an dem Anblick des fernen Meeres uns labend, kamen wir über Genzano bei Sonnenuntergang in Velletri an. Zunächst wurde nun hier mit einem Kutscher verhandelt, welcher uns während der Nacht durch die Pontinischen Sümpfe bringen sollte. Nachdem wir uns durch ein gutes Abendessen in einer Trattoria gestärkt hatten, setzten wir uns auf eine Bank vor dem Hause, welches am Markte lag, und erwarteten den Wagen. Da wurde uns noch eine recht anmutige Szene zuteil. Es war die schöne Stunde zwischen Untergang der Sonne und dem Einbruch der Nacht; eine milde Dämmerung lag über den Häusern des Städtchens, und auch die fernen Volskerberge hatten sich schon in den blauen Abendschatten gehüllt; da tönte das Ave Maria-Glöckchen einer benachbarten Kirche, »dem Tag nachweinend, der dahinschwand«, als ein lieblicher Gesang vernehmbar wurde und ein langer Zug von Mädchen, alle in weißen Kleidern und langen, wallenden Schleiern, aus der Kirche traten. Eine jede trug eine brennende Kerze in der Hand, und vier von ihnen eine mit Seidenstoffen und Blumen geschmückte Madonna mit dem Kinde auf den Schultern. Geistliche und Volk folgten der Prozession. Es war die Zeit der Maiandachten zur Mutter des Herrn. Die schönen Gestalten der Jungfrauen und die eigentümliche Beleuchtung in der Abenddämmerung fesselten lange unsere Blicke. Als nun die Nacht eingebrochen war, der Mond über dem Volskergebirge heraufkam, fuhren wir erst noch lange den Berg hinab, bis wir an die schnurgerade Straße kamen, welche die Sümpfe durchschneidet und nach Terracina führt. Es war unter uns ausgemacht worden, während der Nachtfahrt nicht zu schlafen, weil dies in den Sümpfen das Fieber bringen könne; deshalb wurde denn möglichst lebhafte Konversation unterhalten. Um Mitternacht wurde in Tres Tavernae halt gemacht. Ein paar elende Häuser, vor welchen ein großes Feuer brannte, wahrscheinlich um die Fieberluft und die Mücken zu vertreiben, bildeten den ganzen Ort. Die Leute schlichen fieberbleich und matt um das Feuer. Bis hierher kamen vor achtzehnhundert Jahren römische Christen dem Apostel Paulus entgegen, als er gefangen nach Rom geführt wurde. »Da es nun die Brüder (in Rom) gehört hatten; kamen sie uns von dort entgegen bis Forum Appii und Tres Tavernae. Als Paulus dies sah, dankte er Gott und schöpfte Mut.« Apostelgesch. 28, 15. In der Frühe gelangten wir nach Terracina, wo wir den gewaltsam unterdrückten Schlaf ein wenig nachholten und dann den Tag über herumstiegen und zeichneten. Es schien mir, als wenn der eigentliche Süden hier erst recht beginne; alles hatte einen anderen Charakter, namentlich war die Färbung der Landschaft eine viel lebendigere, glänzend und reicher in der Verschiedenheit und ihren Abstufungen. Anderen Tages ging es denn zu Fuße weiter nach Gaeta und über Capua nach Neapel. * In Molo di Gaeta übernachtet. Nach dem Abendbrot im zauberhaften Mondschein vor den Ort geschlendert und ein Puppenspiel besucht, welches in einer Scheune etabliert war. Natürlich mehr, um das kleine Häuflein Zuschauer – Mütter mit ihren Kindern, schöne Mädchen und rotmützige Marinari – zu betrachten, als der Puppen wegen. – Entrée einen Dreier »Wer seid ihr?« wird Hanswurst nebst Frau gefragt. »Jo son il figlio di mio padre, questa e la figlia della sua madre« – Große Heiterkeit über diesen famosen Witz im ganzen großen und kleinen Publikum. – Während dieser viertelstündigen Vorstellung fortwährend gräßliches Bombardement der Gassenjungen gegen das morsche Scheunentor mit großen Steinen. Am Schluß der Vorstellung wurde der Torweg geöffnet, und wir traten aus der Zwiebel- und Tabakatmosphäre in die prachtvolle Mondnacht hinaus. Der Mond glänzte zitternd auf dem nahen Meere. Wir traten jetzt in einen mächtig großen Orangengarten, gingen in den dunklen Baumgängen auf und ab und atmeten mit Wonne den köstlichsten Duft, welcher aus den tausend weißen Silberblüten entströmte, während zugleich die reife Goldfrucht aus der Blätternacht leuchtete. * Kleiner Ort vor Capua, drittes Nachtlager. – Eine kleine Abteilung österreichisches Militär lag hier im Quartier, die sich, als sie deutsche Worte vernahmen, an uns herandrängten. In der Locanda der noch sehr junge Unterleutnant und der alte, graubärtige Feldwebel. – Sind nicht gut auf das neapolitanische Militär zu sprechen. »Es ist kein Ehr, mit diesen Truppen zu fechten; die Lausbuben laufen ja alle davon, noch ehe sie angegriffen werden«, schnauzte der Graubart. Den Kommandanten der wohlgeschützten und starken Festung Gaeta drohten die revoltierenden Seinigen zum Fenster hinabzustürzen, weil er nicht bei der ersten Aufforderung zur Übergabe unterzeichnen, sondern sich Bedenkzeit ausbitten wollte. »Sie haben kein Ehr! Da stehen sie in der Gassen und auf der Landstraß herum und spielen mit Kugeln ihr Botscherle; sie rufen mir auch zu, mit ihnen zu spielen, aber i denk, das ist kei Schicksal (es schickt sich nicht) für einen Mann, der einem Monarchen dient«; und damit strich er stolz seinen Schnauzbart. * In Neapel schloß sich nun eine neue Zauberwelt auf, recht eigentlich ein Paradies für den Landschaftsmaler. Doch ist es mir immer wunderlich erschienen, daß alle diese Schönheit keinen tieferen Eindruck auf mich machte, ja daß ich zuletzt im stillen mich nach dem großartigen Ernst, nach der verhältnismäßigen Ruhe und Einsamkeit römischer Natur und römischen Lebens zurücksehnte. Schon am Ende des Winters hatte ich mich in Rom oft unwohl gefühlt, und meine jetzige geringere Empfänglichkeit für die in Überfülle zuströmenden Eindrücke mochte wohl ihren Grund in einem krankhaften körperlichen Zustand haben, welcher mich auch späterhin den ganzen Sommer niederdrückte. Wir wohnten in Sancta Lucia. – Abends gewöhnlich auf dem Molo. Das bunteste Volksleben und der Schauplatz einzig in der Welt; das dunkelblaue Meer, Schiffe und Farben, der Vesuv in ganz rosigem Lichte, mit seiner Rauchsäule, und die kühnen Umrisse der Insel Capri und die lieblichen von Ischia aus der bewegten Flut emporsteigend. – Das Museum von Pompeji und Herculanum. – Die Schenke am Strande, in der Weinlaube, unter den Palmen. Guter Wein und frische Austern, herrliche Nacht! – Ausflug nach Puzzeoli, Bajae und dem Avernischen See mit der Sybillengrotte. – Pompeji. – Besteigung des Vesuv in Gesellschaft von Götzloff und ein paar Schweizer Malern. Beim Eremiten wurde übernachtet. Der Sonnenuntergang von hier aus war prachtvoll. Brot, Zwiebeln und saueren Wein, anderes gab es nicht. Wir waren aber lustig dabei, und alle möglichen Studentenlieder wurden gesungen, und der alte Kuttenmann freute sich und trällerte die Melodien mit. Nach zwei Uhr morgens mit brennendem Reisig durch die schwarzen Lavaspalten geleuchtet, einige zu Esel, andere zu Fuß, bis an den Beginn des Aschenkegels. Beschwerliches Erklimmen in drei Viertelstunden. Die Schuhsohlen waren verkohlt, die Stöcke zog man nach einigen Sekunden rauchend aus der Asche. Vor Sonnenaufgang waren wir oben. Im Krater dampfte es aus vielen Spalten. In dieselben hinabzusteigen, war bei dermaliger Beschaffenheit desselben unmöglich. Der Schwefeldampf und die Kälte trieben uns, als die Sonne den ganzen Meerbusen beleuchtete, schnell wieder hinab. * Fahrt in der Barke nach Amalfi. Hier wurden einige genauere Zeichnungen gemacht. – Nach drei Tagen wieder zu Schiff nach Salerno gefahren. Schönes Felsengestade. Alte, malerische Warttürme auf Klippen und Vorsprüngen am Meere. Mittelalterliche Bauten. Eboli. Wir hatten eben auf einem Hügel vor dem Städtchen unsere Schirme und Feldstühle aufgepflanzt, um noch am Abend die schöne Gebirgskette zu zeichnen, als ein altes Weib keifend und schimpfend eiligst den Hügel heraufstieg, die Stühle und Schirme umwarf und drohend ausrief: sie werde es nimmer dulden, daß man hier Zauberei und Teufelskünste treibe; hier seien gute Christenmenschen, und wir sollten uns hinwenden, wo wir hergekommen wären usw. Es sammelte sich viel Volks unter diesem Geschrei, Weiber und Kinder, und letztere griffen nach Steinen. Glücklicherweise kamen auch einige Männer und ein geistlicher Herr, dem wir unser Vorhaben erklären und mit unseren Skizzenbüchern uns legitimieren konnten, welche auch sogleich den tobenden Haufen beschwichtigten. Mit lebhaftestem Anteil betrachteten diese nun alles, was wir bisher gemacht hatten, und gaben uns freundlich Bericht über ein gutes Wirtshaus im Orte, von welchem aus wir andern Tages Paestum aufsuchen wollten. Paestum. Von einem Kranz schöner Berge umgeben, westlich der Blick frei auf das Meer, erheben sich die drei großen, noch erhaltenen Tempel von Paestum, unter welchen der größte dem Neptun geheiligt war. In diesem einsamen, von Busch und Wald und Meer umschlossenen, wüsten Terrain – es war nur von einer Hirtenfamilie mit ihrer Ziegenherde bewohnt – machten diese hehren Zeugnisse griechischen Schönheitssinnes einen ergreifenden Eindruck. Ich hatte ein schattiges Plätzchen aufgesucht – denn die Sonne brannte heiß – und versuchte die Landschaft aufs Papier zu bringen, fühlte aber bald das Unzulängliche meines Bemühens und gab es auf. So hochpoetisch und großartig der Eindruck dieser Landschaft ist, so wird er doch stets in einer genauen, prospektartigen Wiedergabe nur eine höchst dürftige Vorstellung hervorbringen; und alle Bilder, welche ich bisher davon sah, haben mir das bestätigt. Für solche Erscheinungen muß gewissermaßen ein idealer Standpunkt aufgesucht werden, welcher viele wirkliche in sich schließt, und durch deren geistige Zusammenschmelzung der Totaleindruck wieder hervorgebracht werden kann. Ein hübscher Junge hatte sich auf einige große Quadersteine malerisch gelagert und betrachtete mich unverwandt mit seinen großen, schwarzen Augen wie eine Erscheinung aus einer Welt, von welcher er keine Vorstellung hatte. Mit solchen ratenden, fremden und fragenden Augen sehen uns zuweilen edlere Haustiere an, und das hat mir immer etwas recht Rührendes gehabt. Der Bursche, vierzehn- oder fünfzehnjährig, nur mit einem Lumpen um die Lenden und einem Lammfell über den Rücken bedeckt, ohne Hemd, war ein so schönes, edelgeformtes Menschengewächs, wie wir es etwa in griechischen Bronzen bewundern würden, und die Farbe seines Körpers erinnerte ebenfalls an denselben Stoff. Ich zeichnete ein wenig den Jungen und staunte den großen, zweitausend jährigen Neptunstempel an, welcher in der Schönheit seiner Verhältnisse und Feinheit der Gliederung mit dem fünfzehnjährigen Kalabreserhirten zu wetteifern schien, der eine die Blüte primitivster Natur, der andere einer hohen Kultur, und beide paßten doch vortrefflich zusammen! Aber wären uns auch die alten Bewohner der verschwundenen Stadt in ihren Staats- oder Werktagskleidern wieder erschienen, sie würden ja auch mit ihren Tempeln harmoniert haben; nur wir modernen Kulturmenschen tragen das Zeugnis eines barbarischen Geschmackes auf unserem Leibe herum, und ein alter Grieche müßte über unsere Schneidererscheinung laut auflachen, wie wir über eine Karikatur lachen! * Daß der Geist des Menschen die Steine reden lassen kann, das wurde mir hier zum ersten Male recht klar, indem ich den Unterschied der griechischen Tempelform mit der eines Christendomes verglich. (Das Folgende bis zum Schlusse des nächsten Absatzes ist von einer fremden, offenbar weiblichen Hand geschrieben, zweifellos nach Richters Diktat.) Die Horizontallinie gibt den Tempeln den Ausdruck des sichern, irdischen Genügens; denn die Säule ist hier nur Träger des Frieses, auf welchem das Dach ruht. In der Gotik wird der Stein lebendig, pflanzenartig, die schlanke, emporstrebende Säule mit den Spitzbogen der Ausdruck des Erhebens über das Irdische und Endliche, das Suchen und sich Aufschwingen zum Ewigen. Diese Auffassung ist nun ja allbekannt; aber im Angesicht dieser herrlichen Bauwerke und in der Erinnerung an den Eindruck, welchen mir der Straßburger Münster gemacht hatte, war mir die Sache damals neu; wenigstens hatte ich nie einen so lebendigen Eindruck davon empfunden. Das Gleichnis ward hier Erlebnis. Paestum war nun der äußerste Punkt meiner Wanderschaft; denn nach Sizilien zu gehen, hatte ich aufgegeben, weil die heiße Jahreszeit bereits zu weit vorgerückt war, dazu auch ein Reisegefährte fehlte; denn allein dahin zu gehen, empfand ich durchaus keine Neigung. Wir kehrten also hier zurück, segelten von Salerno wieder nach Amalfi und Sorrent, wo wir ein paar wunderschöne Tage verlebten, und nachdem die Inseln Capri und Ischia und Puzzeoli besucht waren, traten wir von Neapel die Rückreise an. Maydell, welcher ungern auf dem nämlichen Weg, den wir gekommen waren, wieder zurückkehren wollte, schlug eine andere, interessante, aber etwas mühsame Route vor über S. Gerinano und Sora durch die Gebirge nach Rom. Dieser Weg war damals allerdings ein »unbekanntes Land« und für die Forestieri unzugänglich. Mich reizte indes die Neuheit des Weges durch die wilden Abbruzzen gar sehr, und ich stimmte deshalb mit Maydell. Jedoch waren die entgegengehaltenen Bedenken von Gewicht. Die Sonnenglut war jetzt in der zweiten hälfte des Juni für eine Fußwanderung eine allzugroße Strapaze; Vetturinis gingen dahin nicht, und für eigenes Gefährt reichte der Geldbeutel nicht aus; daher gab es keine Wahl in diesem Punkte. Ein größeres Bedenken hingegen erregten die schlimmen Berichte, welche fast täglich über die gefürchtete Bande des Gasparone (auch Fra Diavolo genannt) einliefen, welche jetzt, in jene Berge gedrängt, die ärgsten Untaten verübte. Auch von andern Bekannten wurden wir gewarnt, und es überließen sich deshalb Hoff, Schilbach und Harder dem Vetturin, welcher die Freunde wieder über Terracina in zwei Tagen nach Rom zurückbrachte. Wir beide aber hatten unsere Barschaft den Freunden mit nach Rom gegeben und nur so viel oder so wenig davon zurückbehalten, als wir in einer Woche brauchen mochten, damit unser Verlust nicht zu schmerzlich werde, im Fall wir von den Briganten ausgeraubt würden. Zwar konnte unsere Erscheinung – des waren wir sicher – ihnen keine Beutelust erwecken, und in hundert Schritt Entfernung mußten sie in uns die deutschen Maler erkennen, denn mit reisenden Engländern waren wir nicht zu verwechseln. Unsere Kleidung vom Strohhut bis zu den Schuhen herab war nach der sechswöchentlichen Irrfahrt in einem Zustande, wie er gewöhnlich zu sein pflegt, wenn es der einzige Anzug ist. So rückten wir denn aus und machten zunächst einen kleinen Abstecher nach Caserta, dem königlichen Lustschlosse mit schönem Park. Die Kunstwerke fesselten uns nicht; doch war mir interessant, Arbeiten von Hackert hier in Menge zu sehen. Aus Goethe hatte ich doch eine gewisse Verehrung für diesen Namen mitgebracht, welche aber sehr herabgestimmt wurde. Die große Hitze auf der schattenlosen Straße machte das Wandern sehr beschwerlich, und bald bekam ich große Wasserblasen an den Fußsohlen, so daß ich herzlich froh war, als wir am Abend nach dieser via dolorosa S. Germano erreichten. Wir hatten uns eben auf unserem Zimmer in der Locanda ein wenig ausgestreckt, denn wir waren sehr erschöpft, als ein älteres Weib in der malerischen, altertümlichen Tracht der Gebirgsfrauen, mit dem Kupfergefäß und Linnentüchern versehen, eintrat, sich vor mir niederkniete, meine Füße in dem lauen Wasser wusch und trocknete, und dann, ebenso still, dieselbe Fußwaschung bei Maydell vollzog. Es war das erstemal, daß uns diese alte Sitte vorkam. In diesem (damals) abgelegenen Orte hatte sich solch uralter Brauch noch erhalten können; wie denn dergleichen patriarchalische Züge uns in diesen von moderner Kultur noch gänzlich unberührten Gegenden noch mehrmals vorkamen. Anderen Tages stiegen wir nach Monte Cassino hinauf, dem im fünften Jahrhundert vom heiligen Benedikt gegründeten Kloster. In dem großen, schönen Saale der Bibliothek prächtige Aussicht in das wilde Gebirge. Der Bibliothekar, ein alter Priester mit schneeweißem Haar und schwarzem Gewande, ein feines und geistvolles Gesicht, zeigte uns sehr freundlich die ältesten Pergamente aus der Goten- oder Langobardenzeit – wunderliche Schriftzüge und roh gezeichnete und gemalte Initialen, meist in Drachen und arabeskenartig verzogenem Schnörkeln und Blätterwerk bestehend. Als wir denselben Tag noch nach Sora gingen, begegneten uns zahlreiche Gruppen Landleute, die zu irgendeinem Markte oder Feste wanderten. Neugierig wurden wir von ihnen umringt und die altherkömmlichen Fragen: »Woher des Landes, und wohin wollt ihr?« an uns gerichtet. »Wir wollen nach Rom, und unsere Heimat ist weit von hier, noch weit über Venezia hinaus.« Venedig grenzte ihnen an Thule, und sie waren fast ungläubig, daß da auch Christenmenschen wohnen sollten. »Dio mio«, sagten die Weiber kopfschüttelnd, »und so weit habt ihr guten Kinder, um nach Rom zu kommen. Ja, nach der Ernte, da gehen wir auch dahin; es ist ja das anno santo«, fügten sie hinzu. »Wenn ihr an S. Peters Grabe betet, so gedenkt auch unser. Gott sei mit euch, gute Kinder, und glückliche Reise!« Abends kamen wir nach Sora. Wir saßen eben bei unserm capretto arrosto und der Weinflasche mit vielen andern einheimischen Gästen, welche die Stube füllten, als plötzlich ein junger Hirt ganz atemlos hereinstürzte und mit lautem Geschrei und erregtesten Gebärden verkündete, wie soeben Gasparone mit seiner Bande in ihren Meierhof eingebrochen sei und den Padrone Giuseppe und ein Mädchen mit so und so viel Schafen und Ziegen geraubt und in die Berge geschleppt habe. Alsbald sprang alles von den Sitzen, und es entstand ein Lärmen und ein Schreien durcheinander, wie man es nur von den leidenschaftlichen Italienern hören kann. Ein großer Teil der Gäste begleitete nun den Hirten zum Governatore, um die Sache anzuzeigen, während wir sehr ermüdet unser Lager suchten. Maydell machte nun freilich ein bedenkliches Gesicht, denn wir mußten nächsten Tages eine lange, öde Bergschlucht passieren, wenn wir die Hauptabsicht unserer Reise – den Lago di Fucino am Monte Velino zu besuchen – nicht aufgeben wollten. Gleichwohl wußten wir nun, daß wir der Höhle des Löwen nahe waren und morgen seinen Distrikt zu durchwandern hatten. Ich fühlte mich indes glücklich, daß ich einstweilen meine ganz wunden Füße auf dem Bett ausruhen konnte, und fürchtete für den andern Tag mehr die sicher sich einstellenden Schmerzen der Füße als den Fra Diavolo und seine Gesellen, deren Erscheinen noch ungewiß war. Nachdem wir am folgenden Morgen noch einiges in unsere Skizzenbücher gebracht hatten, schlugen wir den Pfad ein, welcher uns bis zum Abend nach Avezzano bringen sollte. Das enge Tal, von hohen Bergen eingeschlossen, felsig und mit struppigem Gebüsch bewachsen, von dem steinigen Bett eines ausgetrockneten Baches durchzogen, war sehr beschwerlich und langweilig zu durchwandern, zumal mir jeder Schritt, den ich machte, solche Schmerzen verursachte, daß ich die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu seufzen; auch lag die Sonne mit glühender Hitze über der Bergschlucht, und kein Lüftchen rührte sich. Gegen Mittag gelangten wir an eine Mühle, welche schweigend in dem Gestein lag, denn es war kein Tropfen Wasser im Bache, und wir, verdurstet und ermattet, traten ins Haus. Maydell öffnete eine Tür und fuhr stutzend zurück. Ich sah in ein rauchiges Gemach, welches, von einem kleinen Fensterchen schwach erleuchtet, fünf bewaffnete Kerls am Boden liegend gewahren ließ, welche, in dem bekannten Kostüm der Briganten, überrascht bei unserem Anblick nach ihren Dolchen und Pistolen griffen, die sie in dem Gürtel trugen, während die schwerfälligen Büchsen in ihren Armen ruhten. Die beiderseitige Überraschung dauerte indes nur ein paar Sekunden. Der Müller, welcher am Herde stand, rief uns zu, nur ohne Furcht einzutreten, »es seien brave Leute«. In der Tat war es ein Posten der Landmiliz oder Sbirren, welche, zur Verfolgung oder Beobachtung der Räuber aufgeboten, sich hier gelagert hatten. Während wir uns nun an dem sauern Wein und Brot und Käse zu stärken versuchten, erzählten die Leute ihre Abenteuer und kleinen Scharmützel, die sie mit den Briganten bestanden hatten. Eigentlich konnten sie in diesem Terrain nichts anderes tun, als den Talweg ein wenig beobachten, und mußten froh sein, wenn die Räuber sie unbehelligt ließen. Wir trafen auf dem weitern Weg kein Haus mehr an, und gegen Abend, als es schattiger im Tale wurde, sahen wir nur ein kleines Mädchen bei ihren negri, wie sie ihre schwarzen, glatten Schweine nennen. Nun gelangten wir aber auch bald über eine Höhe in eine offene, schöne Gegend, und als wir später einen kahlen Hügel erstiegen hatten, lag der große See, von den herrlichsten Gebirgen umgeben, vor uns. Eine Ortschaft – es war Avezzano – war in der Entfernung einer kleinen Stunde sichtbar, das ersehnte Ziel unserer heutigen Wanderung. Wir lagerten uns ermüdet auf dem Rasen, genossen die wohltuende Kühle des Abends nach dem heißen Tage, erfreuten uns beim Anblick der schönen Landschaft und warfen endlich auch einen Blick nach der dunklen Talöffnung, deren Mühen und Gefahren wir nun glücklich entronnen waren. Nirgends, so weit das Auge reichte, sahen wir einen Menschen; aber zu unserer Verwunderung erschien jetzt ein langer Zug Reiter, welche aus jenem Tale langsam heranzogen. Der Anführer des Zuges hielt bei uns, fragte nach unserem Woher und Wohin, betrachtete genau die Pässe und wünschte dann höflichst »buon viaggio!« Uns aber ging ein Licht auf, wie es gekommen war, daß wir unangefochten unseren Tagemarsch vollbringen konnten. Die Karabinieri, welche hinter uns hergezogen waren, ohne daß wir darum wußten, hatten die Stelle unserer Schutzgeister übernommen. Die Räuber, welche sicherlich von dieser Rekognoszierung unterrichtet waren, hatten indes ruhig auf ihren Felsenhöhen gesessen und uns und den Reitern ebenfalls »buon viaggio« zugerufen. Als wir nach Avezzano kamen, standen die Leute in Gruppen auf dem Platz umher, plaudernd und rauchend, um nach des Tages Last und Mühen in der Kühlung sich zu erholen. Die beiden Wanderer waren natürlich sogleich ein Gegenstand, der ihre Neugier erregte, und da wir nach einer Locanda uns erkundigten, wurden wir bald von ihnen umringt. Guter Rat war indes teuer, denn es gab im Orte kein solches Institut. Die Kaffeeschenke, ein kleines Lädchen in der Nähe, war die einzige öffentliche Wirtschaft, konnte aber keine Fremden herbergen. Indem wir nun so berieten, – wir hatten schon nach dem Ortspfarrer oder nach einem Kloster gefragt – kam ein Herr aus einem hübschen Hause über den Markt auf uns zu, und sobald er unser Anliegen erfahren, wandte er sich zu uns und bat, in sein Haus einzutreten; es würde ihm und den Seinigen ein Vergnügen sein, wenn wir bei ihm vorlieb nehmen wollten. Die gutmütigen Leute freuten sich, daß ihr, wie es schien, in hoher Achtung stehender Don Baldasare Hilfe geschafft hatte, und wir gingen in sein Haus. Auch hier berührte uns die einfache, herzliche und patriarchalische Sitte recht wohltuend. Wir wurden in die geräumige Küche geführt, wo die ganze Familie, die alte Mutter, die freundliche Frau und ihre erwachsenen Töchter um den niederen Herd sich versammelt hatten und uns freundlich willkommen hießen. Bald drehte sich der Braten am Spieße über der lodernden Flamme und ein stattliches Abendessen wurde bereitet, während Maydell mit Don Baldasare in den lebhaftesten Gesprächen sich erging und namentlich über Zustände, Sitten und Gebräuche seiner nordischen Heimat viel erzählen mußte. Eine alte Wirtschafterin führte jetzt die jüngeren Kinder herein, zwei hübsche Knaben und ein kleines Mädchen, welche zu Bett gebracht werden sollten. Nachdem die Mutter sie geküßt, kniete eins nach dem andern vor dem Vater nieder, welcher ihnen mit einem Segensspruch die Hände aufs Haupt legte und mit Kuß und »felice notte« sie entließ. Die einfache Herzlichkeit, fromme Sitte und angeborene Anmut des Benehmens in diesem Hause machten einen um so lebhafteren Eindruck auf mich, als ich im letzten Winter die Odyssee gelesen hatte, deren Schilderungen mir auf unserer Wanderung vielfach durch eigene Erlebnisse auf das anschaulichste entgegen traten. »Und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns!« Überaus ermüdet nach dem heutigen langen, heißen und für mich äußerst schmerzhaften Marsche, auf welchem wir fast nichts zu essen gefunden hatten, mußte ich doch bis gegen Mitternacht aushalten, ehe der Hunger gestillt werden konnte. Nur Maydell schien immer von Stahl und Eisen und hatte eine ganz unverwüstliche Ausdauer bei allen Strapazen. Doch waren wir beide herzlich froh, als wir die müden Glieder auf das gastliche Lager ausstrecken konnten. Am anderen Morgen, nachdem wir noch vom Balkon herab eine Prozession – es war ein Feiertag – hatten ansehen müssen, verabschiedeten wir uns von der lieben, gastfreien Familie und lenkten unsere Schritte wieder den Bergen zu. Auf den Höhen derselben erschien recht malerisch das in der deutschen Geschichte bedeutsame Tagliacozzo, das mit seinem alten, spitzen Kirchturm wie ein Alpendörfchen in den Hügeln gebettet vor uns lag. Hinter ihm erhob sich mächtig der Monte Velino, dessen schneeige Spitzen diesen Morgen mit Wolken umzogen waren, und ein prächtiger Blick öffnete sich von dieser Höhe über den See und in die fernen Abruzzen. Wir gedachten der Schlacht und Gefangenschaft des letzten Hohenstaufen, dessen Hinrichtungsplatz an der kleinen Kirche del Carmine wir noch vor kurzem in Neapel aufgesucht hatten. Höher hinauf erreichten wir ein etwas verrufenes Gebirgsplateau, ganz einsame Heide, nur mit zerstreuten Felsbrocken und Dorngestrüpp bedeckt. Wir kamen nach Mittag nach dem armseligen Cervara, welches wie ein Schwalbennest an den hier schroff abstürzenden Gebirgswänden hängt, welche in das grüne Tal des Anio sich absenken. Wir fanden nur zwei alte, braune Weiber im ganzen Orte; denn alle anderen Bewohner waren mit den Ziegenherden in den Bergen, vielleicht auch bei Gasparone, oder hatten sich auswärts zur Ernte verdungen, und so mußte unser hungriger Magen sich mit einem Krüglein lauen und saueren Weines und einem Stück harten Käse abspeisen lassen, die einzige Erquickung seit dem Morgen. Nach längerer Rast stiegen wir dann in das Tal hinab, wo wir auf die Landstraße gelangten, die von Tivoli nach Subiaco führt. Hier, in unserer schon bekannten Osteria, pflegten wir des Leibes aufs beste und blieben die Nacht. Nachdem wir am anderen Morgen noch das alte Kloster San Benedetto besucht, wandten wir uns westlich in die grünen Waldwege, welche so reizend malerisch bergauf, bergab nach Civitella führen. Ein armes, kleines Kloster, von wenigen Kapuzinern bewohnt, liegt in stiller Waldeinsamkeit; es war San Francesco. Eine Viertelstunde weiter steigt nun in den phantastisch schönsten Umrissen die mächtige Felsenrippe empor, an deren ganz kahlen Abhängen der steile Weg in einer halben Stunde nach Civitella hinauf führt. Es liegt auf der höchsten Spitze dieser ganz isolierten Felsenmasse, welche alle ihre Nachbarberge überragt. Auf der entgegengesetzten Seite senken sieh diese Felsenrippen noch über eine Stunde weit nach Olevano hinab. Wie ein Adlernest thront dies arme Dorf oder Städtlein da oben und beherrscht die ganze Gegend ringsum. Diesen Steinweg in der sengenden Mittagshitze hinaufzusteigen, kostete manchen Schweißtropfen, denn der Pfad ist nackter, harter Fels, und die gänzlich baum- und strauchlosen Wände des hellen Kalksteins strömen eine Hitze zurück wie erhitzte Öfen. Wir waren deshalb froh, als wir den Torbogen erreicht hatten, und traten sogleich in die schattige Tür des ersten Hauses, welches zugleich, wie wir nachher sahen, das beste und vornehmste im Orte war. Ein hübsches, robustes Weib, welches uns entgegen kam, fragten wir nach einer Osteria, allein es war hier keine zu haben; doch erbot sie sich freundlich, etwas Speise und Trank herbeizuschaffen, und bat einzutreten. Ein geräumiges Zimmer, ein paar große, alte Landkarten an der Wand verrieten etwas mehr Kultur, als wir hier oben erwartet hatten, und der Besitzer des Hauses, Don Vincenzo, ein Mann in mittleren Jahren, mit schlaffen Gesichtszügen, saß in einem großen Lehnstuhl und war damit beschäftigt, die Daumen umeinander sich drehen zu lassen. Alsbald ließ er diese stille Daumenjagd und hieß uns willkommen. Jetzt kam auch der ältere Bruder Carlo mit seinem Töchterchen herbei, welcher zwar erblindet, aber dabei lebhaften Geistes war. Da wir heute nur noch bis Olevano wollten, so blieben wir, die größte Hitze vorüberlassend, bis nachmittags hier in den kühlen Räumen bei Speise und Trank und in lebhafter Unterhaltung mit den beiden Brüdern. Das Gespräch kam bald auf die Casa Baldi unten in Olevano, wo im Sommer schon seit mehreren Jahren die pittori tedeschi wohnten und die Baldis ein gut Stück Geld dabei verdienten. Auf unsere Anfrage, ob man vielleicht auch bei ihnen für einige Tage ein Unterkommen finden könne, ergriff der spekulative Vincenzo sogleich diese Gelegenheit, seine Finanzen zu verbessern, indem er ein paar Zimmer, welche oben ganz unbenutzt waren, zu diesem Zweck zur Verfügung stellen konnte. Wir besprachen diese Angelegenheit näher und nahmen vorläufig für den nächsten Monat Besitz von diesen Zimmern. Hier in diesem fast unzugänglichen, ganz originellen Nest eine Zeitlang zu bleiben, ganz ungestört miteinander zu leben und zu arbeiten, war uns ein reizender Gedanke, und nachdem wir über die Kost und die Kosten einig geworden waren, versprachen wir, in acht bis vierzehn Tagen von Rom aus wieder hierher zu kommen. Nach dieser Abmachung zogen wir wieder fröhlich unseren Weg zum andern Tore hinaus. Aus der Torpforte getreten, öffnet sich ein Ausblick, der das Herz des Malers aufjauchzen macht. Am fernsten Horizont schimmert selbst ein duftig blauer Streifen des Meeres zwischen den Albaner- und Volskerbergen hervor, und der ganze Weg bis Olevano hinunter bot ein schönes Landschaftsbild um das andere. Außer Olevano hatten wir noch ein Nachtlager zu machen und trafen, wie es verabredet war, am Morgen des 24. Juni zum Blumenfeste in Genzano ein. Das Städtchen war schon in lebhafter Bewegung, und in den Gassen wie in den Osterien zeigten sich die verschiedenartigsten und schönsten Trachten. Die Leute aus den benachbarten Orten, aus Albano und Velletri, Ariccia und Nemi sowie die von der Meeresküste kommenden, aus Nettuno und Porto d'Anzo, und die Römer und Forestieri hatten sich zu dem freundlichen und heiteren Kirchenfeste eingefunden oder kamen noch in ganzen Zügen von der Ulmenallee herbei. Von ebendaher kommend erblickten wir jetzt Rothe mit seiner jungen Frau und die Freunde und Reisegefährten, auch Aubel aus Kassel und einige andere unserer Bekannten. Als sie uns gewahr wurden, gab es großen Jubel, denn man war nicht ohne Sorge um uns gewesen, als die Landsleute in Rom gehört hatten, daß wir beide unseren Weg allein durch die Abruzzen genommen hatten, von wo fast täglich die erschreckendsten Gerüchte von den Beraubungen und Grausamkeiten Gasparones einliefen. Es war mir bald aufgefallen, daß die Freunde bei meinem Erblicken mich etwas überrascht oder auch besorglich ansahen und Rothe mit besonderer Teilnahme sich erkundigte, ob ich mich auf der Reise immer wohl gefühlt habe. Mir wurde die Ursache klar, sobald ich in der Trattoria mein Gesicht in einem Spiegel erblickte – ein Möbel, welches mir seit vielen Tagen nicht unter die Augen gekommen war; es war so bleich wie Wachs, so krankhaft und angegriffen aussehend, daß ich selbst davor zurückschreckte. Doch der Eindruck ging bald vorüber; das Bewußtsein, nun wieder unter den lieben Freunden und Genossen zu sein, erregte ein so heimatliches Gefühl der Sicherheit und des Behagens, daß anderes nicht aufkommen konnte. Das liebliche Volks- und Kirchenfest nahm die Aufmerksamkeit bald wieder in Anspruch, durch die heiteren, belebten Volksgruppen, die mit Blumen und Teppichen geschmückten Häuser und endlich durch das eigentümliche Prachtstück des Festes – die mit dem herrlichsten Blumenteppich bedeckte Straße. Denn dieselbe ist breit und stark aufsteigend, und der ganze mittlere Weg ist mit Arabesken, Wappen und Emblemen aller Art überdeckt, welche durch die prächtigsten Farben großer Blumenmassen mosaikartig hergestellt sind. Nachdem die Prozession über alle die schönen Blumenbilder unter den üblichen Böllerschüssen und Glockengeläute gezogen und sie teilweise in Unordnung gebracht hatte, und wir die reizende Umgebung Genzanos, den Nemisee und die weite Aussicht nach dem Meere und dem Monte Cirzello genossen, fuhren wir insgesamt nach Rom zurück Civitella Wie der Fischer am Lande sein Netz durchsucht, nachdem er einen Zug getan, die großen Fische von den kleinen sondert, so sieht der Landschafter nach einer Wanderung seine Bücher und Mappen durch und sortiert das Wertlose von dem Besseren. Ich fand, daß ich mit wenig Ausnahmen nur ganz Flüchtiges mitgebracht hatte, was kaum mehr als eine leise Erinnerung bedeuten konnte. Überraschen konnte mich dies bei der Kürze der Reisezeit nicht besonders; mehr aber fiel es mir auf, daß der Zauber dieses irdischen Paradieses keinen tieferen Eindruck auf mich gemacht hatte. Der Grund dieser Erscheinung war wohl in dem Beginn einer Krankheit zu suchen, die, von mir bisher nur wenig beachtet, die Stimmung drückte, den Reiz der äußeren Eindrücke abstumpfte und mich unempfänglicher für die Schönheit gemacht hatte, welche mich umgab. Schon im Winter war ich von Brustschmerzen und einem anhaltenden Husten geplagt worden, und mein Aussehen wurde immer krankhafter. Dennoch wagte ich nicht, einen römischen Arzt zu befragen, weil sie bei uns Deutschen kein besonderes Vertrauen genossen. So ließ ich denn die Sache gehen und hoffte, der ruhige Aufenthalt in Civitella werde alles wieder in Ordnung bringen. Es mochte wohl Ende Juli sein, als ich mit Maydell in unserem hochgelegenen Felsenstädtchen angelangt und wir uns bei dem phlegmatischen Don Vincenzo häuslich eingerichtet hatten. Hier lebten wir in beinahe völliger Abgeschiedenheit bis in den Herbst hinein, also volle drei Monate, arbeiteten und sammelten Studien, ohne jemals durch Besuche Bekannter oder Fremder darin gestört zu werden; denn höchst selten verstieg sich ein Maler bis zum Städtchen, man wußte, daß es darin nichts Bemerkenswertes zu sehen gab, und die Aussicht in den östlichen Teil des Sabinergebirges, welche durch die steilen Felsenmassen von Civitella verdeckt wurde, gewann man eine halbe Stunde unterhalb des Ortes und ersparte sich damit die Mühe eines immerhin noch beschwerlichen Steigens. Wir beide aber waren die ersten Fremden, überhaupt die Entdecker und Begründer eines Asyls zum Unterkommen hier oben, welches später von Künstlern und Reisenden vielfach benutzt wurde. Der kleine Ort mit seinem Kirchlein bedeckt den schmalen Felsenrücken, welcher sich nördlich senkrecht und auf den andern Seiten mehr oder weniger steil absenkt, bis sich das öde Kalkgestein in die grünen Waldgründe verliert. Die Armut der Bewohner schaut aus jeder Haustür und jeder leeren Fensteröffnung heraus. Arm, sehr arm waren die Leute, aber nicht verkommen; ihre Bedürfnisse waren gering, und sie wußten sich nach der Decke zu strecken. Dabei zeigten sie sich gutmütig und überaus heiter. Sogleich beim Eintritt ins Städtchen, als wir von Olevano herauskamen, waren wir Zeugen einer Volksbelustigung, welche uns den Beweis gab, mit wieviel Humor und wenig Kosten sie dergleichen ins Werk zu setzen wußten. Es hatten sich fünf oder sechs Burschen in der Straße aufgestellt, welche ansteigend sich nach dem oberen Tore zieht und deren Grund und Boden der nackte, ganz unebene, zum Teil mit natürlichen Stufen und Absätzen versehene Fels war, auf den das ganze Nest gebaut ist. . . Der letzte Winter in Rom Mitte Oktober hatten wir unser romantisches Patmos wieder verlassen und waren nach Rom zurückgekehrt. Maydell nahm eine Wohnung nahe am Campo Vaccino, ich auf dem Monte Pincio in der Via Felice. Das stille Wechselgespräch, welches ich zeichnend und malend mit der großartigsten Natur gepflegt, konnte ich nun wieder betrachtend vor den großen Kunstschöpfungen Roms fortsetzen, und ich schwelgte eine Zeitlang in diesem ersehnten Genusse. Nachdem ich aber in den Sammlungen wie in den Werkstätten der deutschen Genossen mich gehörig umgesehen hatte, ging ich an die Ausführung eines Entwurfes, des »Tales von Amalfi«, welcher mich schon in Civitella beschäftigt hatte. Der Tizian bei Camuccini lag mir dabei wohl im Sinn, um so mehr, als das Naturmotiv einige Ähnlichkeit mit demselben darbot. Obgleich nun meine »nazarenische Richtung« der kühnen, üppigen Malweise des großen Venezianers nicht entsprach, ja derselben einigermaßen entgegengesetzt war, so verarbeitete ich doch frischweg den Stoff auf meine Art, und um so unbefangener, als mir dieser Gegensatz nicht klar bewußt wurde Als ich mit der Komposition im reinen war und die Konturen eben auf die Leinwand aufgezeichnet hatte, besuchte mich Schnorr und sprach sich mit lebhaftem Anteil über die Konzeption des Ganzen aus. Ich bat ihn, die Figuren ganz besonders aufs Korn zu nehmen und zu korrigieren. Da er mir nun vor kurzem bei Gelegenheit eine Zeichnung seiner Hand versprochen hatte, so machte er mir den Vorschlag: ich soll ihm eine Pause meiner Figuren geben, er werde diese durchzeichnen und mir eine korrigierte Zeichnung davon ausführen. In acht Tagen brachte er mir eine getuschte Federzeichnung mit meinen Figuren, aber so köstlich ausgeführt, korrekt gezeichnet und mit einer Anmut in jeder Linie übergossen, daß ich überglücklich mich fühlte im Besitze eines solchen Schatzes. Nach seiner genauen und gewissenhaften Art hatte sie links die Unterschrift: »Erfunden von L. Richter, gezeichnet von J. Schnorr«. – Rechts in der Ecke steht: »Dem lieben Ludwig Richter zum Andenken von seinem Freunde Julius Schnorr.« Ich konnte mich nicht satt daran sehen, und jedesmal wenn ich nach Hause kam, war es das erste, nach der Zeichnung zu greifen, um sie auf das genaueste zu betrachten und womöglich der reizenden Behandlungsweise etwas abzulernen. Ich bekam viel Besuche von solchen, welche die Zeichnung sehen wollten, und Ernst Fries (aus Heidelberg) rief bewundernd: eine Gestalt wie das junge schreitende Weib, mit dem Korb auf dem Kopfe, habe Raffael nicht schöner machen können! (Heute, nach fünfzig Jahren, an dem Tage, wo nach langer Wirksamkeit an der Akademie mein Gesuch, in den Ruhestand treten zu dürfen, auf die ehrenvollste und günstigste Art erfüllt worden ist, heute liegt das schöne Andenken des heimgegangenen Freundes noch vor mir, und indem ich es zwar mit schwachen Augen, aber warmem Herzen betrachte, steigen die paradiesischen in Rom durchlebten Jahre frisch, lebendig wieder in mir auf, und jeder Strich auf dem Blatte bringt mir die ganze liebe Zeit so nahe, als könnte ich sie leiblich mit den Händen fassen und für Augenblicke festhalten; die goldene Zeit des reinsten Strebens, der hingebendsten Begeisterung für die höchsten Ideale) (Dieser Absatz der Handschrift ist mit Bleistift durchstrichen; die Streichung rührt aber offenbar nicht von Richter selbst her.) Der freundschaftliche Liebesdienst, den mir Schnorr erwiesen hatte, war für mich sehr folgenreich, und deshalb mußte ich dabei besonders verweilen; denn als das Bild später auf der Dresdener Kunstausstellung zu sehen war, wurde die Staffage als ganz besonders schön und anmutig befunden und gerühmt; ja ein Professor an der Akademie hatte seine Schüler zu einem genauen Betrachten dieses Bildes aufgefordert, »weil die Figuren darauf so schön seien, wie sie mancher Historienmaler nicht machen könne!« Wenn nun auch meine Bekannten wußten, welchen Anteil an dem Gelingen der Figurengruppen Schnorrs Zeichnung hatte, denn es war von mir kein Geheimnis daraus gemacht worden, auch war es sehr gewöhnlich, daß Landschaftsmaler bei bedeutender Staffage sich von einem befreundeten Historienmaler raten und helfen ließen, so konnte dies doch einem größeren Kreise des Publikums nicht bekannt sein, und um nun späterhin in diesem Punkte nicht allzusehr zurückzubleiben, war ich genötigt, meine ganze Sorgfalt auf ein noch eingehenderes Studium der menschlichen Gestalt zu richten. Schon in meinem nächstfolgenden Bilde (welches in Dresden ausgeführt wurde) gelang mir die Figurengruppe abermals gar wohl, und so ging es Schritt vor Schritt weiter, bis die Figuren endlich in den Zeichnungen für Holzschnitt zur Hauptsache wurden, die Landschaft aber bescheiden in den Hintergrund zurücktrat. Doch ich kehre zu meinem Tale von Amalfi zurück, dessen Untermalung ich mit großem Eifer betrieb. Auch meine Landschaft trug den charakteristischen Zug an sich, welcher fast allen Bildern eigen ist, welche in jener Zeit von deutschen Künstlern in Rom gemalt wurden. Eine gewisse feierliche Steifheit und Härte in den Umrissen, Magerkeit in den Formen, dünner Farbenauftrag usw., von solchen Eigenschaften war mehr oder weniger in den Bildern damals zu finden. Die große Vorliebe, ja begeisterte Verehrung, welche man für die Werke der ältesten Florentiner, der deutschen und niederländischen Meister trug, hatte das Auge an diese Eigenheiten nicht allein gewöhnt, sondern man fand sie für den Stil, welchen man erstrebte, geradezu notwendig, unentbehrlich. Gereiftere Talente, wie z. B Schnorr u. and., waren von dieser Manier schon frei geworden, während andere, wie etwa Koch, aus der antikisierenden Zeit Carstens', Wächters, Schicks, in die romantische Periode hineingewachsen, von diesen Äußerlichkeiten weniger bestimmt wurden. Eines Nachmittags trat Meister Koch ins Atelier, um mich, wie er das öfters tat, zu einem Spaziergange vors Tor aufzurufen. Ich saß eben noch arbeitend vor dem Bilde, die Komposition hatte er schon früher gesehen, und diese, wie das ganze Motiv, waren sehr nach seinem Sinn. Jetzt aber fing er an, meine Arbeit an allen Ecken und Enden zu tadeln; es sei alles zu ängstlich, kleinlich, der große Zug, welcher im Entwurf gewesen, sei wieder verloren gegangen usw. Ich reichte ihm Pinsel und Palette und bat ihn, mir anzudeuten, wo es fehle. Er griff nun zu einem der größeren Borstpinsel, wischte einen hellen Ton von Weiß, gebranntem Ocker und Beinschwarz und deckte damit alle Partien breit und massig, welche ihm als zu mager und dürftig für die Wirkung erschienen, und nach einer Viertelstunde sah die saubere Untermalung fleckig wie eine übertünchte Mauer aus. Der liebe Alte hatte mit solchem Feuereifer gearbeitet und, da ihm dabei die Pfeife ausgegangen, soviel von der herausfahrenden Tabaksasche mit hineingemalt, daß es ein wahrer Graus war, das Bild anzusehen. Die weißlichen, aber weisheitsvollen Flecken und Kleckse hatten nun freilich meine sorgsame Malerei zerstört, und ich dankte etwas kleinlaut für seine gewaltsamen Andeutungen, aber recht hatte Meister Koch unbestritten. Am Abend wusch ich indes diese gar zu störenden Flecke sorgfältig wieder weg und korrigierte anderen Tages alles nach seinen Ratschlägen. Der Schüler erfreut sich immer über das Gelingen des Einzelnen und legt einen zu großen Wert darauf, während der Meister das Einzelne nur soviel gelten läßt, als es in bezug zum Ganzen an seiner Stelle gelten darf oder gelten muß. – Auch bei Beurteilung anderer Dinge wird die Maxime gelten: Wohl dem, der den Sinn und Geist des Ganzen erfaßt hat, der wird für das Einzelne die rechte Art und die rechte Stelle, wo es hingehört, leicht zu finden wissen. Es war mir während meines römischen Aufenthalts mehr und mehr klar geworden, daß die ideale, sogenannte historische Landschaft diejenige Richtung sei, auf welche ich aus innerster Neigung hinsteuerte. Was mich am meisten in meinen Arbeiten aufhielt, war der Mangel einer tüchtigen Technik, welche nur in einer guten Schule gewonnen wird; allein diesen Mangel teilte ich mit den meisten anderen, und es ist bekannt, daß dies die schwache Seite selbst der großen Meister dieser Periode war und meistens auch geblieben ist. Eine Ausnahme davon machte unter den Landschaftern vielleicht der talentvolle Ernst Fries. Er war mit Fohr in Heidelberg eng befreundet gewesen und hatte in München mit dem damals noch jungen Rottmann viel verkehrt und namentlich durch letzteren den Sinn für Kolorit und malerische Technik mehr entwickelt, als ich und die anderen in Rom lebenden Landschaftsmaler. Im letzten Sommer war Fries nach Carrara, Massa und Spezia gegangen, hatte dort schöne Studien und außerdem die Bekanntschaft des Engländers Wallis gemacht, welcher sich insbesondere koloristischen Studien ergeben hatte und Forschungen über die Malweise der älteren Venezianer anstellte. Nach Rom zurückgekehrt, untermalte Fries sogleich in dieser neuen Technik eine Landschaft, den Meerbusen von Spezia darstellend, welche mit großem Interesse betrachtet wurde. In zwei Monaten war das schöne Bild fertig, und um dies gleich hier beizufügen, es wurde im April mit dem meinigen zugleich ausgestellt, wo denn die Künstler mit ihren Urteilen in zwei Parteien sich trennten. Die Historienmaler und strengeren Stilisten zogen das meinige vor, wegen der idealeren und stilvollen Richtung, während die anderen das Bild von Fries wegen der gewandten Technik und der feinen malerischen Tonwirkung erhoben Überhaupt schien man mehr und mehr gewisse Einseitigkeiten zu fühlen, die aus der großen Vorliebe und dem Studium der ältesten Schulen entstanden waren, und man faßte jetzt das eigentlich »Malerische« mehr ins Auge. Der liebenswürdige Anton Draeger aus Trier, das Muster eines »Anempfinders«, hatte sich bisher mit seinem Gefühl in die Arbeiten der alten Florentiner Meister, insbesondere des Fra Angelico da Fiesole versenkt. Seit ein paar Jahren arbeitete er an einem kleinen Bilde (Jakob und Rebekka), welches er ganz in der Art seiner oben genannten Lieblinge mit innigster Hingebung durchführte, und die Muster, welche ihm dabei vorschwebten, waren nicht zu verkennen. Doch schon während der Beendigung dieses Bildes gewann allmählich Tizian die Oberhand in seinem feinfühligen und empfänglichen Herzen, und seine nächste Arbeit, die bekannter gewordene schöne Lautenspielerin, war ganz in der Art der Venezianer gemalt. Hier muß ich gleich noch eines Dritten gedenken, welcher mit ungewöhnlicher technischer Gewandtheit das koloristische, das malerische Prinzip verfolgte. Es war der aus Stuttgart angekommene Gegenbaur. Eine Nymphe, Venus, oder eigentlich ein schönes Modell, welches er zur Übung in seinem Atelier al fresco auf die Wand gemalt hatte, erregte Bewunderung durch die Kraft der Färbung, Abrundung und durch große Leichtigkeit des Machwerkes; dagegen konnte man mit Auffassung und Stil sich weniger einverstanden erklären. So machten sich bereits in diesem Winter die leisen Anfänge einer anderen Strömung bemerkbar, welche eine gewisse Einseitigkeit durchbrach, mit der man bisher vorzugsweise die Zeichnung, den Umriß, streng zu erfassen strebte, dagegen das Studium der Farbe, Stimmung und kräftigere Modellierung der Formen vernachlässigt hatte. In dem folgenden Jahre schloß sich bekanntlich auch der talentvolle Erwin Speckter (durch Draeger angeregt) diesen koloristischen Bestrebungen an. So sehr nun eine solche Erweiterung des Gesichtskreises für das Schöne auf allen Gebieten der Malerei zu loben, ja notwendig war, so trug es doch – wie alles Irdische – auch einen verderblichen Keim in sich. Wenn die Idee in schöner, lebensvoller Gestaltung sich darstellt – wenn das Wort Fleisch wird –, dann ist der Höhepunkt, die Periode der Klassizität erreicht. Allmählich aber entweicht der geistige Gehalt mehr und mehr, und es bleibt zuletzt das tote Fleisch allein übrig. Dies ist der Verlauf aller kunstgeschichtlichen Entwicklungen. Julius Mosen spricht etwas Verwandtes bei Gelegenheit einer Betrachtung der Dresdener Galerie aus: »Je mehr die Seele aus der Kunst entweicht, desto glänzender wird ihre äußere Erscheinung, desto größer die Wirkung auf das seelenlose Auge, nur durch die Eleganz der Form«. Als im Anfang der vierziger Jahre die Düsseldorfer Schule mit ihrer glänzenden Technik auftrat und darin die Münchener in Schatten gestellt wurde, sagte Schnorr zu mir: »Wir« – nämlich Cornelius, Overbeck usw. – »hatten damals vollauf zu tun, nicht allein die Prinzipien, die Grundanschauungen der alten großen Meister (des fünfzehnten Jahrhunderts) zu erforschen und festzustellen, sondern wir mußten nach denselben auch selbst schaffen und arbeiten lernen. Da die alten Grundlagen verloren gegangen waren, kehrten wir zu den Quellen zurück, in deren Verlaufe so Großes, so Vollkommenes entstanden war. Es war uns unmöglich, alles auf einmal zu leisten, und wir glaubten, die Weiterführung, namentlich die Ausbildung der Technik in demselben Geiste den Nachkommen überlassen zu können.« Über das Zurückgreifen zu den ältesten Meistern, Giotto und Eyck und ihren Zeitgenossen ist mir die Äußerung des berühmten Canova zu Baptist Bertram, dem Freunde Boiserées, merkwürdig erschienen, als er dessen Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde, damals noch in Heidelberg, betrachtet hatte. Er meinte, hier bei dieser ältesten Kunst müßten die Maler wieder den Faden anknüpfen, wenn sie wieder auf lebensvollere Bahnen kommen wollten; wer von Raffael ausgehe, könne nicht weiter, nur hinabsteigen. (S. Boisserée, Leben und Briefe.) Doch ich bin durch diese Brocken, welche an einem unsichtbaren Faden hängen, von meiner einfachen Geschichte abgekommen und wollte im allgemeinen nur aussprechen, daß ich in diesem dritten Winter meines römischen Aufenthalts die Sinnesart unter der Masse der Künstler nicht mehr so einheitlich einem Ziele zustrebend fand. Noch im Spätherbst dieses Jahres waren einige Künstler in Rom eingetroffen, die mir lieb und wert wurden und mit welchen mich in der Folge eine lebenslange innige Freundschaft verband. Zuerst kamen die Historienmaler Peschel und Zimmermann aus Dresden, denen es endlich geglückt war, das langersehnte Ziel ihrer Wünsche, Rom, zu erreichen, indem der erstere eine kleine Erbschaft dazu verwendete, der andere der Beihilfe eines wohlhabenden Gönners sich zu erfreuen hatte. Peschel schloß sich sogleich an den sinnigen und schon von früher befreundeten Anton Draeger an, und gewiß konnte er keinen besseren Mentor für Rom sich wünschen. Draeger führte Peschel zu den bedeutendsten und ihm wertesten Kunstwerken, und während er selbst diese mit stiller Andacht betrachtete und dann mit ein paar Worten auf dies oder jenes eigentümlich Schöne des Gedankens oder der Form deutete, so war man mehr erwärmt und im Verständnis gefördert, als durch das breiteste Kunstgeschwätz so mancher anderer. Die altitalienischen Meister liebte er damals vorzüglich und meinte: bei ihnen habe er gefunden, was er in den Bildern am meisten gesucht habe: Seele. – Ebenso machte er Peschel aufmerksam auf alles Malerische und Eigentümliche des Volkslebens, wie es sich in den Straßen darstellt. »Mit jedem Schritt und Tritt, den ich aus dem Hause tue«, sagte er, »finde ich Anlaß zu den schönsten Studien, interessantesten Motiven. Vom Pincio bis hinüber zum Vatikan bin ich sicher, mehr als eine Madonna mit dem Kinde anzutreffen, lebende Bilder, wie sie Raffael nicht schöner malen könnte.« So war Peschel, welcher den hingebendsten Sinn entgegenbrachte, sehr bald in diese künstlerischen Geheimnisse Roms eingeweiht, während bei manchen anderen eine längere Zeit erforderlich ist, ehe das Auge für diese Dinge sich erschließt. Fühlte doch ich mich selbst in diesem dritten Winter, den ich in Rom verlebte, heimischer darin und mehr eingebürgert; ja es stieg sogar oftmals ein lebhafter Wunsch in mir auf, für immer hier bleiben zu können, was ich jetzt um so eher tun konnte, als ich die Möglichkeit sah, mich durch meine Arbeit erhalten zu können. Dazu kam noch, daß die Aussicht auf Dresdener Zustände mir sehr frostig, aschgrau und zopfig erschien, während ich hier, von dem vollen Lebensstrom getragen, sowohl an den Früchten einer großen Vergangenheit mich erlaben, als den reichen Frühling, den die Gegenwart bot, mitleben konnte. Das Gefühl, was den Dürer vor dreihundert Jahren in Italien überkam, als er an die Heimkehr dachte, mag wohl seitdem in so manchen Künstlerherzen sich wiederholt geregt haben: »Ach, wie wird mich nach dieser Sonne daheim so frieren! Hier bin ich frei, daheim ein Schmarotzer.« Trotz alledem aber übte ein anderer Magnet, den die Vaterstadt herbergte, eine so starke Anziehungskraft auf mein Herz, daß der Gedanke .des »Dahleibens« keine Wurzel fassen konnte. Und gewiß darf ich mein Geschick preisen, daß ich in Rom nicht blieb und daselbst nicht einbürgerte; denn warteten meiner daheim auch schwere Zeiten, hatte ich auch des Hemmenden und Niederdrückenden vorher viel zu erleiden, zuletzt öffneten sich Wege, die mich auf ein Gebiet brachten, von dessen Vorhandensein ich damals noch gar keine Ahnung haben konnte und auf welches doch der ganze Entwicklungsgang meines Lebens mich vorbereitet und hingedrängt hatte, in welchem ich meine bescheidene Aufgabe erfüllen konnte. Bald nach Peschels und Zimmermanns Ankunft erschien noch ein dritter Landsmann, Wilhelm v. Kügelgen. Er brachte mir Briefe von Eltern und Geschwistern, und da er in meiner Nähe eine Wohnung genommen, so ging ich oft nach der Arbeit ein Stündchen zu ihm, wo ich um dieselbe Zeit – es war das Dämmerstündchen – gewöhnlich auch Peschel und Zimmermann antraf. Kügelgen war eine höchst liebenswerte Persönlichkeit; seine treuen Augen, aus denen Wahrhaftigkeit und Herzensgüte blickten, sein anziehendes, stets mit humoristischen Brocken gewürztes Gespräch gewann ihm die Herzen. Unsere Unterhaltungen wurden bald sehr lebhaft; denn da Kügelgen der pietätvollste Anhänger der Schule seines Vaters war und unsere Begeisterung für die neue Richtung nicht teilen konnte, so gab es die eifrigsten Kontroversen. Er wurde von den Kunstwerken des Vatikans und einigen anderen Sammlungen bedeutend ergriffen, fühlte sich aber abgestoßen von dem ihm unsympathischen italienischen Leben und von der landschaftlichen Umgebung Roms. Ein stilles Wald- und Heidedörfchen seiner Heimat sprach lebendiger zu seinem Gemüte als alle italische Schönheit. Vielleicht mochte diese Unempfänglichkeit durch die Stimmung vermehrt werden, welche das Vorgefühl einer Krankheit war, welche bald darauf ausbrechen sollte. Die Gelbsucht färbte sein sonst so blühendes Gesicht wie eine Zitrone und machte ihn stumpf und müde. Es war, als wolle das Land, »wo die Zitronen blühen«, mit grausamen Spott und Grimm sich an ihm rächen; denn sein ohnedies kurz bemessener Aufenthalt wurde durch diese Krankheit noch bedeutend abgekürzt, denn es vergingen viele Wochen, wo er auf sein Zimmer gebannt war. Der Verkehr mit diesen drei trefflichen und strebsamen Künstlern ist mir deshalb besonders wichtig geworden, weil daraus später – in der Heimat – ein Freundschaftsverhältnis sich entwickelte, welches in guten wie schweren Tagen mich beglückt hat, weil diese Freundschaft einen Grund hatte in den tiefsten und heiligsten Überzeugungen des Herzens. Maydell aber blieb doch mein alter ego; wir waren einander Bedürfnis geworden; wir tauschten aus, was neu in uns aufgestiegen war, was uns angeregt, berührt hatte. Maydell hatte eine abgelegene Wohnung gewählt, teils um unnützen Besuchen zu entgehen, teils um billiger zu wohnen; denn das Kapital, welches er für seine Ausbildung zum Künstler zu verwenden hatte, suchte er durch den sparsamsten Haushalt und energischen Fleiß zu verdoppeln, indem er es für eine längere Zeit ausreichend machte. Sein Wille und eisenfeste Gesundheit waren allein imstande, dies, wie er es tat, durchzuführen. Außer seinem in Civitella angefangenen Bilde: »Wie Magdalena den Herrn am Grabe wiedersieht«, ein »Noli me tangere«, hatte er sich jetzt an eine Reihenfolge von Kompositionen zur Apokalypse gewagt, welche sein ganzes Interesse auf das lebhafteste in Anspruch nahmen. Mit gutem Verständnis und in einer großen Weise hatte er sich die Teile dieses dunklen Buches geordnet und zurechtgelegt, in welchem durch großartige Symbole die Kämpfe des göttlichen Reiches und dessen endlicher Sieg über die Mächte der Finsternis geschildert werden. * So oft ich jetzt zu Maydell kam, fand ich ihn an seinem Arbeitstisch unter Büchern, Papieren und allerhand Gerät sitzend, an seinen Zeichnungen arbeiten. Das alte, verrauchte Gemach mit dem hohen Fenster, durch welches gleichwohl nur wenig Licht fiel, denn es ging in eins der engen, rußigen Winkelgäßchen, welche auf das Forum münden – es erinnerte mich an jene Rembrandtschen Radierungen, welche einen einsamen Gelehrten am Fenster zeigen, welcher, von mystischem Halbdunkel umgeben, in seine Folianten con amore versunken ist. Daß der Freund in dieser von Fremden eher gemiedenen als gesuchten Gegend völlig ungestört arbeiten, in stiller Sammlung das reine Glück des Schaffens genießen mochte, konnte ich aus seinen Augen lesen und seinem ganzen Wesen abmerken; er sah aus, als habe er eben in einer Welt des Friedens verkehrt. Einige Verse, welche er in jener Zeit niederschrieb und die ich hier mitteile, spiegeln vielleicht am besten die Stimmung, welche ihn beseelen mochte und welche aus dem Stoff seiner Arbeit entsprossen war: Jerusalem, du Himmelstadt, Nach dir steht all' mein Sehnen; Nach dir seufz' ich so früh als spat, Nach dir die Augen tränen. Ohn' Unterlaß seufz' ich nach dir, Ach, zeig' dich endlich, endlich mir, Zu deiner Ruh' mich lade! Von fern hab' ich mich aufgemacht, Als ich dein' Ruhm vernommen; Hab' alles Ding für Schaden acht't, Um nur zu dir zu kommen. Bis um die Mitternacht ich geh, Stracks mit dem Hahnenschrei aufsteh, Mag unterwegs nicht rasten. Wo Kreuze hoch am Wege stehn, Trübsal die Pfade enget, Dort muß der Weg nach Zion gehn, Dahin mich Heimweh dränget. Und schrei und seufz' ich auch vor Leid, Doch tausch ich nicht um Erdenfreud': Solch Freud' mag mir nicht frommen. Wann werd' ich deine Zinnen sehn Und stehn an deinen Toren: Davor die Engel glänzend gehen Die Helden auserkoren? Dann nach dem langen Pilgerlauf, Nimm du mich Müden gnädig auf; Will dir ja freudig dienen! (Oder: Ach nimm nach langem Pilgerlauf In deine Himmelsstadt mich auf, Mit Freuden dir zu dienen.) Die kirchengeschichtlichen Vorträge von Richard Rothe wurden auch in diesem Winter fortgesetzt und niemals versäumt. Ich lernte da zwei junge Männer kennen, die mir besonders lieb wurden. Der eine war von Geburt ein Jude, welcher in Petersburg durch Bekanntschaft mit Goßner zum Christentum übertrat. Selten habe ich Menschen gesehen, auf deren Gesicht der innere Friede des Herzens und die ehrlichste, aufrichtigste Liebe so leuchtend geschrieben stand, wie bei diesem prächtigen Menschen. Die Erinnerung an dieses treuherzige Gesicht ist mir oft ein Segen gewesen! Er hieß Simon und war Hauslehrer bei den Kindern des preußischen Gesandten Bunsen. Der andere war ein Süddeutscher, ein geschickter Architekturmaler namens Schilbach aus Darmstadt. Er kam auch in unseren, durch den Abgang von Thomas, Hoff und Oehme klein gewordenen Kreis, den wir im Winter von jenem mir besonders merkwürdig gewordenen Silvesterabend fortführten. Die Gesellschaft bestand gewöhnlich aus v. Maydell, Faber (dem Hamburger Landschaftsmaler), Schilbach und mir, und meist auch Schnorr und Rothe. Die lebhafte und anregende Unterhaltung drehte sich um Kunst, Literatur und religiöse Dinge. Aus der Künstlerbibliothek hatte ich Stolbergs Religionsgeschichte mir geholt. Die schöne Darstellung, belehrend und erbauend in reichem Maße, gab mir ein tieferes Verständnis der göttlichen Offenbarung im alten Bunde. Das Werk hatte damals eine große Verbreitung bei Katholiken wie Protestanten gefunden und eine segensreiche Wirkung gehabt. Kügelgen las mit Peschel dies Buch, und es war für diesen die erste Anregung zu tieferer religiöser Erkenntnis. Hätte ich damals das bändereiche Werk weiter lesen können als bis zum zweiten Bande und wäre damit bis zur Gründung und Ausgestaltung der christlichen Kirche gekommen, so dürfte mir das eigentümliche Verhältnis klarer zum Bewußtsein gekommen sein, welches mich, den Katholiken (in dem Hauptsitz der katholischen Kirche), an die kleine protestantische Gemeinde auf dem Kapitol gefesselt hatte. Seit vielen Jahren allen kirchlichen und religiösen Einwirkungen fern geblieben und gänzlich indifferent und unwissend auf diesem obersten und ersten Lebensgebiete, hatte sich allmählich in immer ernsterem Drange die Frage nach Gott in mir geltend gemacht. Ich fand ganz unerwartet die Freunde im Besitz dessen, was ich zuletzt so sehnlichst gesucht hatte: im Besitz eines wahrhaften Glaubens an den lebendigen Gott. Wenn ich das mit Worten bezeichnen soll, was mir so plötzlich zuteil wurde und was Geheimnis des innersten Seelenlebens ist, so würde ich es in den biblischen Ausdruck zusammenfassen müssen: Die Gnade Gottes in der Person Jesu Christi, der Welt Heiland, war nun auch mein Heiland und Erlöser geworden. Das Wachsen in der Erkenntnis und die Pflege dieses neuen Lebens war fortan – nächst der Kunst – mein lebendigstes Bestreben. Von Konfession und Kirchentum war unter uns fast niemals die Rede, nicht Form und Uniform war's, was uns am Herzen lag, sondern die Sache selbst (der Glaube in Beweis des Geistes und der Kraft) – So war es ja selbstverständlich, daß ich mich auch ferner zu denen hielt, von welchen mir dies neue Leben, dieser Umschwung aller Anschauungen gekommen war; und hatte mein Besuch der protestantischen Kapelle auf dem Kapitol einigen katholischen Landsleuten – wie ich später erfahren mußte – großes Ärgernis gegeben, so hatte ich damals keine Ahnung davon. Ich dachte weder an Protestantismus noch Katholizismus, sondern fühlte in Wirklichkeit das Glück, Christo anzugehören und sein Wort zu haben. Wenn ich jetzt zuweilen in später Abendstunde noch im Atelier saß, stieg wohl das Bild meines alten, holländischen Bootsmannes in mir auf, und ich hörte seine treuherzige Stimme: »Lieber junger Herr, ich habe einen sehr sicheren Führer in die Heimat, das ist der liebe Gott! und einen treuen Reisegefährten, den Herrn Christus; mit dem darf ich sprechen, und er redet dann auch mit mir.« – Darauf hob er das kleine, schwarz gebundene Büchlein in die Höhe, welches ich damals nicht kannte, und sein breites, ehrliches Gesicht strahlte vor Freude! * In der Landschaftsmalerei waren es zwei Richtungen, welche zu jener Zeit in Rom vertreten waren: die sogenannte historische Landschaft und die Vedute. Die erstere fand ihre bedeutendsten Vertreter in Koch und Schnorr, die zweite in Catel. Ich hatte mich der idealen Landschaft zugewendet; sie war mein Ziel geworden. Hatte ich doch schon in den früheren Jahren nur mit innerem Widerstreben an den radierten Prospekten gearbeitet; sobald ich aber freie Hand hatte, griff ich jedesmal nach einer eigenen Erfindung, in welcher ich irgendeine Stimmung oder Situation zu verkörpern strebte. Wie mangelhaft alle diese Versuche ausfielen, empfand ich selbst am besten, und mit Betrübnis blickte ich jetzt auf das in jeder Beziehung Unzulängliche meiner Vorbildung. Nun aber hatte ich durch den mehrjährigen Umgang mit so vielen ausgezeichneten Künstlern, die Rom damals vereinigte, in dieser Hinsicht viel gewonnen. Besonders mußte der freundschaftliche Verkehr mit Schnorr und Koch mir förderlich werden, da ich durch Jahre hindurch nicht nur ihre Kunstmaximen kennenlernte, sondern auch deren praktische Anwendung bei ihren Schöpfungen vom Beginn bis zur letzten Vollendung derselben verfolgen konnte. Ihr fein ausgebildetes Stilgefühl öffnete mir eine Region in der Kunst, von welcher ich, ehe ich nach Rom kam, kaum etwas gehört hatte und wodurch doch erst die höchste Schönheit klassischer Kunstwerke verstanden werden kann. Die landschaftlichen Zeichnungen Schnorrs waren es ganz besonders, die mir Aufschluß gaben und zum Wegweiser dienten, wie ein edler Stil mit charakteristischer Naturwahrheit zu verbinden sei; oder mit anderen Worten: wie der Künstler mit fein ausgebildetem Schönheitssinn die Natur zu erfassen und dabei das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu scheiden habe. Alle diese schönen Dinge nun waren der Ertrag der in Rom durchlebten drei glücklichen Jahre, so viel und so wenig ich davon aufnehmen konnte bei dem oft schmerzlich empfundenen Mangel intellektueller und technischer Vorbildung, aber im Besitz eines aufnahmewilligen und suchenden Herzens. * Meine Abreise hatte ich auf den ersten April festgestellt und benutzte die Zeit bis dahin, um in der Umgebung Roms die liebgewordenen Stellen zu besuchen und mit schwerem Herzen einen stillen Abschied von ihnen zu nehmen. Ich zeichnete mir dabei noch so manche Erinnerungsblätter, besonders im Tale der Egeria, wo ich ein paar herrliche, stille Morgen zubrachte. Die alte Grotte mit ihrem Quell, der dunkle Hain auf dem Hügel und die in sehnsüchtigem blau schimmernden schönen Gebirge bei Palestrina und Tivoli, – welche Erinnerungen so unbeschreiblich glücklicher Wochen und Monde, die ich dort mit Freunden verlebt hatte, tauchten aus den vergangenen Jahren in mir auf! Und es war ein Abschiednehmen auf Nimmerwiedersehen, das alle Saiten des Herzens durchzitterte! Auch von Aqua Acetosa und von der Villa Mattei wurde noch manches fleißige Blatt heimgebracht. Mit Stölzel und Kopisch (dem Dichter und Übersetzer des Dante) besuchte ich zum letzten Male den Vatikan und brachte mit ihnen einen schönen Nachmittag auf dem Monte Mario zu, wo bei einer Fogliette Wein, unter den Zypressen gelagert, der herrlichste Überblick der Stadt bis zu dem Meer und den Gebirgen uns noch einmal in Entzücken versetzte. Als ich bei Bunsen meinen Abschiedsbesuch machte, traf ich daselbst den Kapellmeister Neukomm, den Vertrauten Talleyrands, welcher eben aus Brasilien gekommen war; ein stattlicher Mann mit feinem und klugem Gesicht. Die teueren Rothes, in deren Hause ich so viel Liebes und Gutes empfangen hatte, fügten dem noch einen neuen Beweis liebevoller Vorsorge hinzu, indem sie mir einen kleinen, schwarzen Reisegefährten mitgaben, ein Hündlein, das mich sehr treuherzig ansah. Es suchte sich dadurch mir zu empfehlen, daß es mit dem Schwänzchen wackelte und mit einiger Unterstützung der lieben Geber sich auf die Hinterpfoten setzte und dabei süßsauer lächelnd die Zunge herausstreckte. Maydell und Rothes waren zu diesem Einfall gekommen, weil sie wußten, daß ich meine Heimreise abermals per pedes apostolorum machen wollte, und damit ich nicht wieder durch Gewaltmärsche meine Gesundheit schädigen möchte, gaben sie mir das Hündlein mit, das sich hinlegen würde, wenn des Laufens genug gewesen sei. Mein Gesundheitszustand hatte sich in den letzten beiden Monaten sichtlich gebessert, und je näher das Frühjahr rückte und mit ihm die Hoffnung auf die Möglichkeit der Abreise eintrat, um so gehobener fühlte ich mich. Bei alledem war mir in der Folge der kleine, vierbeinige Römer – Piccinino war sein Name – ein treuer Begleiter und guter Mahner, wenn es Zeit sei, den Tagesmarsch einzustellen. Der herkömmliche Abschiedsschmaus wurde auf Papa Giulio abgehalten und nun die letzte Nacht in Rom zugebracht. Welch eigentümliches Wogen und Wechseln der Empfindungen in der Seele! Wie in einer bewölkten Mondnacht Licht und Dunkel schnell wechseln und traumartig ineinander übergehen, so war's in der Seele; bald waltete der Schmerz vor, die ewige Stadt zu verlassen, bald erfüllte mich freudige Hoffnung, alle die wiederzusehen, die mir in der Heimat das Teuerste waren. Am Morgen des 1. April griff ich denn wieder zum Wanderstab, nahm das Ränzel auf den Rücken und ging mit Maydell der Porta del Popolo zu, wo noch eine Anzahl lieber Genossen meiner warteten und bis zur Osteria an Ponte Molle das Geleite gaben. Hier wurde, wie herkömmlich, der Abschiedstrunk genommen, und wie jene nach der Stadt zurückkehrten, ging ich mit Maydell, Piccinino voraustrabend, auf dem flaminischen Wege nordwärts. Wir marschierten lange still nebeneinander fort. Das Herz war bewegt. Das Gefühl, so viel des Großen, Würdigen, des Schönen und Geliebten zu verlassen und wohl für immer, machten mich verstummen. Ich weiß nicht, ob die Campagna, die wir nun durchzogen, auch ihrer vergangenen Zeiten dachte, denn sie war so still; nur Lerchensang in der Höhe und das ferne Blöken einer Schafherde unterbrach diese Stille und machte sie noch bemerkbarer. Der mit Wolken bedeckte Himmel zog bald eine dunkle Masse zusammen, und große fallende Tropfen verkündeten einen tüchtigen Regenguß, welcher auch schon über die dunkel gewordenen Gefilde daherrauschte. Ein antikes Gemäuer ohnweit der Straße schien uns Schutz anzubieten; wir krochen hinein und erblickten wie zum Abschied noch ein allerliebstes Bild römischer Zustände. In dem dunkeln Raum des alten Grabes – denn ein solches war es –, welches nur von der niederen Öffnung des Einganges sein Licht empfing, hatte sich eine Hirtenfamilie eingenistet. Der Mann schickte den großen Hund hinaus, um die Herde zusammen zu halten; das junge Weib hatte den Säugling an der Brust, und ein anderes Kind saß am Boden und spielte mit einem Zicklein und den zwei Hühnern, ihren Hausgenossen. Nun kamen wir zwei Fremdlinge auch noch in den Raum, und das Haus war gefüllt. Wir benutzten diese erste Rast zum Frühstück oder vielmehr Mittagessen und holten unseren Vorrat von Brot und geräucherter Zunge aus der Tasche. Die Korbflasche mit Wein ließen wir herumgehen und teilten mit den Insassen das Pranzo. Piccinino saß am Eingang und sah verdrießlich in den niederrauschenden Regen! Die Leute waren infolge unserer materiellen Mitteilungen gesprächig geworden, und so verbrachten wir zuletzt ein ganz gemütliches Stündchen in dieser antiken Ruhestätte eines vornehmen Römers. Der Regen hatte aufgehört, einzelne Sonnenblicke streiften über die Campagna, und der Geruch der Frühlingsblumen – es blühten viel Reseda und wilde Narzissen – erquickte Leib und Seele, als wir unseren Weg fortsetzten. Gegen Abend erreichten wir ein kleines Örtchen, wo wir über Nacht blieben. Am anderen Morgen waren wir früh auf. Die Straße zog sich eine Anhöhe hinauf. Rechts, ganz nahe, erhob sich der klassische Soracte. Das Kloster San Oreste glänzte auf seinem Gipfel in der Morgensonne, und aus dem Tale erhob ein Chor von Nachtigallen und anderer Singvögel ihr Morgenlied. Bis hierher hatte mir Maydell das Geleite gegeben. Er wollte jetzt nach Rom zurückkehren, denn er gedachte dort noch ein Jahr zu bleiben, und mir blieb die schöne Hoffnung, ihn in Jahresfrist in Dresden, wo er durchreisen mußte, wiederzusehen. Er gab mir beim Abschied ein kleines Büchelchen, in welches er auf dreißig Seiten je zwei Schriftstellen, welche sich ergänzten oder erklärten, geschrieben hatte. Auf das feinste mit der Rabenfeder geschrieben, sollte es mir für die Reise eine tägliche Anregung geben, und in den Nachtstunden des Winters hatte er diese Liebesarbeit ausgeführt. Auch von Richard Rothe war einiges geschrieben; unter anderem auch eine seiner Lieblingsstellen aus dem ersten Korintherbrief: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise; dann aber werde ich es erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.« 13. Kap., V. 12, 13. Unser Abschied war kurz, aber mit Tränen in den Augen. Ich sah ihm noch lange nach, als er den Hügel hinabging, der liebe Freund, der mir ein großer Segen gewesen ist in meinem Leben. Es war ein ganz einziges Verhältnis zwischen uns. Wie manchmal ein älterer Bruder eine besondere Liebe und Zärtlichkeit für den um vieles jüngeren Bruder hat, dem er Bruder, Lehrer, Vorbild ist – ähnlich war es unter uns. Nun aber wandte ich mich und ging allein meine Straße, aber dem Vaterlande, der Heimat zu! Heimreise von Rom nach Dresden Am Tage vor meiner Abreise von Rom hatte ich folgende Stelle in mein Tagebuch eingeschrieben: »Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knecht getan hast; denn ich hatte nicht mehr, denn diesen Stab, als ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden.« 1. Moses 32, 10. Es war das Gebet Jakobs, da er wieder heimzog in sein Vaterland und zu seiner Freundschaft, und drückt die Stimmung aus, die mich auch noch in den ersten Reisetagen begleitete; denn ich dachte daran, wie reich gesegnet für meine künstlerische Ausbildung und für mein inneres Leben ich jetzt heimzog im Vergleich zu der Armut und Unsicherheit, die mich bedrückte, als ich vor drei Jahren diese Straßen nach Rom zog. Bei dem herrlichsten Frühlingswetter wanderte ich nun durch die schöne Berggegend des Apennin, wo jetzt alles im frischen Grün prangte, blühte und duftete. Über Narni, Terni und Foligno kam ich nach Assisi, wo mich die alten Malereien des Giotto, Buffalmaco u. a. in der Klosterkirche lange fesselten. Die kleine Kirche degli Angeli, in welcher Overbeck das Rosenwunder des heiligen Franziskus al fresco gemalt hatte, fand ich durch ein Erdbeben zerstört. Das Bild war unversehrt erhalten geblieben und wurde deshalb von dem Volke doppelt wert gehalten. In Perugia blieb ich einen Tag im Hause Zanetti, woselbst viele deutsche Künstler die heiße Zeit des Sommers zuzubringen pflegten; denn die hochgelegene Stadt hat eine gesunde Lage. Hier traf ich Rehbenitz und die Brüder Eberhard. Rehbenitz war der erste deutsche Maler gewesen, dem ich in Italien begegnet war. Er hatte mich damals in Florenz in das Verständnis der alten, vorraffaelischen Meister eingeführt, was mir in der Folge von großem Nutzen war; denn man versteht die Höhepunkte der klassischen Kunst erst dann in rechter Weise, wenn man die Vorstufen ihrer Entwickelung erkannt und geschaut hat. Jetzt, gleichsam bei meinem Austritt aus Italien, sah ich ihn nun ganz unverhofft wieder und empfing von ihm den Reisesegen. Denn als ich gegen Abend an der westlichen Seite der Stadt, wo man einen schönen Blick in die umliegenden Berge und Täler hat, einen Spaziergang mit ihm gemacht und wir am Tore Abschied nahmen, faßte er meine dargebotene Rechte mit beiden Händen, sah mir ruhig und herzlich in die Augen und sagte: »Wo Sie auch hinkommen mögen, Ihnen wird es immer gut gehen.« Die Worte rührten mich innig und senkten sich wie eine gute Prophezeiung ins Herz. Ich habe ihrer oft gedacht, wenn der Himmel trübe wurde, und aus ihnen neuen Mut geschöpft. Eine originelle und mir sehr liebe Erscheinung waren für mich die Brüder Eberhard, Franz und Konrad. Konrad, der als Künstler bedeutendste, war damals sechsundfünfzig Jahre alt, Bruder Franz aber siebenundfünfzig. Beide unverheiratet, lebten und arbeiteten sie in innigster Eintracht miteinander. Gingen sie so langsamen Schrittes auf der Straße, so glaubte man ein Bild aus alter Zeit zu sehen. In den stark markierten, ernsten, treuherzigen Gesichtern hatte sich tiefe Religiosität mit dem Typus ihrer schwäbischen Heimat stark ausgeprägt. Sie waren aus dem Allgäu gebürtig, wo sie schon als Knaben in ihrer Kunst geübt wurden; denn Vater und Großvater betrieben dieselbe in dort landesüblicher Weise, indem sie Kirchen- und Hausaltäre, Kruzifixe, Heiligenbilder und sogenannte Bildstöckel, wie sie an Wegen stehen, in altherkömmlicher Art ausführten. Ein glücklicher Zufall verschaffte Konrad eine Unterstützung, welche ihm möglich machte, in seinem achtundzwanzigsten Jahre nach München zu gehen. Hier wurde der damalige Kronprinz Ludwig von Bayern auf ihn aufmerksam, und im Jahre 1806 sandte ihn derselbe nach Rom. Wie sehr ihn in Florenz die Werke Ghibertis, Donatellos, Luca della Robbias usw. entzückten, wie sehr er sich mit diesen und den alten Florentiner Malern gemüts- und geistesverwandt fühlte, kann man sich leicht denken; und wenn er auch in Rom das Studium der Antike mit Eifer betrieb und mehrere Werke in diesem Sinne ausführte, so blieb es doch immer seine Vorliebe, die seinem Gemüte näher stehenden christlichen Stoffe zu behandeln, wobei ihm seine lieben alten Florentiner Muster des Stils waren. Es ist mir immer bemerkenswert erschienen, daß in einer Zeit, wo die meisten Maler an den Werken der älteren Florentiner Meister vorübergingen oder sie noch wenig beachteten, wo der geistvolle Carstens wie alle seine Genossen in Rom fast ausschließlich nur in der Antike lebten und solche Stoffe als die einzig künstlerischen bezeichneten, Eberhard ganz allein, dem Zuge seines Herzens folgend, in einer ganz entgegengesetzten Richtung unbeirrt fortarbeitete. Erst als nach einigen Jahren Overbeck, Cornelius und Veit nach Rom kamen, welche in Eberhard einen Geistesverwandten und Vorläufer fanden, brach sich die neue, vom christlichen Geiste durchdrungene Richtung Bahn und zog bald alles mit sich fort. Die Eberhards waren jetzt von dem Magistrate nach Perugia berufen worden, um ein Meisterwerk Giovanni Pisanos herzustellen, nämlich den mit vielen Figuren reich geschmückten schönen Brunnen, welcher sehr beschädigt war. Niemand war wohl passender dazu als Eberhard, allein wie ich später hörte, zerschlug sich dieser Auftrag, und sie kehrten nach München zurück. Bruder Franz, mit welchem ich den Abend zusammenblieb, zeigte mir ein paar von ihm in Alabaster geschnittene, wunderliebliche Madonnen mit dem Christkinde. Wenn man so dies knorrige Gesicht vor sich hatte, konnte man kaum denken, wie ein solches so viel zarte, seelenvollste Schönheit in sich zu tragen und zu gestalten vermöge. Der protestantische Rehbenitz, wie die beiden katholischen Brüder, waren mir eine überaus liebe Begegnung und stehen in meinem Herzen in der Galerie der Hausheiligen, d. i. solcher Menschen, welche ich auf meinem Lebenswege angetroffen, die in Einfalt und Lauterkeit nach dem trachteten, was droben ist, und den Schein nicht achteten, weil sie von den Kräften einer zukünftigen Welt geschmeckt hatten. Anderen Tags ergriff ich wieder den Wanderstab und zog nach Florenz. Wieder wohnte ich hier acht Tage bei Metzger, dem Maler und Bilderrestaurator. Ich hatte die Freude, Kügelgen hier noch anzutreffen und einige Tage in den Uffizien und in den alten herrlichen Kirchen und Klöstern Santa Croce, Annunziata, Maria Novella mit ihm herumzustreifen und zu bewundern. Mit wie anderen Augen sah ich jetzt diese Werke der Meister des vierzehnten Jahrhunderts an, als bei meinem ersten Aufenthalt! Ich schwelgte in diesem Frühling, in dieser Blütenzeit christlicher Kunst. Die Klosterzellen von San Marco mit den entzückenden Malereien des Angelico da Fiesole zogen mich ganz besonders an. Von seinen Bildern sagte man mit Recht: ein jedes sei ein Gebet. Die tiefen Eindrücke, welche ich hier empfing, wurden noch vermehrt und gesteigert, als ich von hier nach Pisa kam. Die Stadt war öde, still die Gassen und menschenleer; auf dem Platze vor dem Dom und Baptisterium, diesen fast märchenhaften Wunderbauten, weideten ein paar Schafe und labten sich an dem Grase, welches zwischen den Steinen emporwuchs. Da trat ich nun in das Campo Santo und war überrascht von der Fülle der Gestalten und Situationen, welche von den langen Wänden herableuchten und in kindlicher Sprache die wunderbarsten Geschichten erzählen. Die heiteren Bilder des Benozzo Gozzoli aus dem Leben der Patriarchen, der einfach große Simon Memmi und vorzüglich das tiefsinnige und ganz eigentümliche Bild Orcagnas, der Triumph des Todes, prägten sich auf das ganze Leben in mir ein und haben nachgewirkt. Die Marmorberge von Massa und Carrara hatten mich schon auf den Höhen bei Florenz angelockt; als ich aber jetzt dahin kam, trat ein solches Regenwetter ein, daß ich vom nächsten Felsen kaum eine Spur hatte; erst später, als ich von Sarzana aus einen Weg über das Gebirge nach Parma nahm, hatte ich einen herrlichen Anblick auf die schon fern liegenden Carrareserberge, hinter welchen sich das Meer zeigte. Ich übernachtete auf diesem sehr sterilen Bergplateau in einem elenden Dorfe. Während der Nacht hatte abermals strömender Regen den Weg sehr übel zugerichtet, und als eine Stunde vor Parma die Straße an der Seite eines Berges steil hinabführte, war es kaum zum Fortkommen. In der Mitte des Weges ein knietiefer Morast, zu beiden Seiten aber der Boden so aufgeweicht und schlüpfrig, daß ich, mit der linken Hand eine Barriere erfassend, welche an dem Abhang hinlief, und mit der rechten auf den Stock mich stemmend, die Steile vorsichtig hinabzukommen suchte. Da kam plötzlich ein Reitpferd, aber ohne Reiter, in munterem Trabe die Straße herauf; aber nirgend war ein Mensch zu erblicken. Um das Pferd aufzuhalten oder zum Umkehren zu bringen, trat ich, soweit es möglich war, nach der Mitte des Weges und suchte dies nun durch helles Rufen und heftiges Schwingen des Stockes zu bewirken. Das Roß scheute auch vor meinen Fechterstreichen zurück, setzte aber seitwärts über den Straßengraben und blieb schließlich auf der Höhe in einer fetten Wiese stehen, wo es ganz friedlich graste. Ich überließ es seinem Schicksale in dieser angenehmen Beschäftigung und kehrte zu meiner Barriere zurück. Als der Weg jetzt um eine Felsenecke bog, hörte ich zu meiner nicht geringen Überraschung die süßen Laute der Muttersprache in meiner Nähe ertönen, gleichsam die erste Begrüßung aus dem Vaterlande. »Da müssen doch tausend Himmeldonnerwetter hineinschlagen, der Racker ist fort, und ich kann nun – Heda!« rief ein Mann, welcher, einen Mantelsack in der Rechten, mit der Linken sich an den herabhängen Zweigen festzuhalten suchte, weil er in dem lehmigen Boden bei jedem Schritt auszuglitschen und zu fallen in Gefahr kam: »Heda! Voi! non avete vedute un cavallo?« – »Jawohl, oben auf der Höhe werden Sie es finden.« – »Warum in T.-Namen haben Sie es nicht aufgehalten!« brüllte er mit wütender Gebärde herüber und ergoß sich in einen Strom von Verwünschungen, Grobheiten und Flüchen, deren Reichtum zu bewundern gewesen wäre, wenn ich mich über den ganz ungebärdigen Kerl nicht geärgert hätte. Zugleich aber ließ es die komische Situation zu einem Äußersten nicht kommen; denn der tiefe Morast, welcher zwischen uns lag, erlaubte keine gegenseitige Annäherung. »Sie konnten tosammen nich kommen, dat Water war veel to teuf«, heißt es im Volksliede von Hero und Leander. Es blieb also nichts übrig, als daß Herr Grobianus mit seinem Mantelsack die Höhe unter fortwährendem Ausglitschen zu erreichen strebte, während ich, die Hand an der Barrieie, ebenso glitschig hinabzukommen trachtete. * In Parma wollte ich einen früheren Schüler meines Vaters, Heroin Kluge, besuchen, welcher unter Toschis Leitung zum Kupfersteher sich ausbilden wollte. Er war mit einer guten Pension von der Dresdener Akademie einige Jahre hierher geschickt worden, hat später auch ein paar Blätter (nach Törmer) für den Kunstverein gestochen, nahm aber zuletzt die Stelle eines Privatsekretärs an und ließ seine Kunst liegen. Ich traf Kluge nicht an. Die Deckengemälde im Dom konnte ich nicht ruhig betrachten, da gerade Hochamt war. Übrigens reizte mich von den großen Malern der Italiener Correggio am wenigsten. Das Auge hatte sich an die strengen Umrisse der älteren Italiener so gewöhnt und war für die malerischen Wirkungen so wenig empfänglich, daß Correggio damals wenig von uns beachtet wurde. In der Dresdener Galerie kann man ihn am besten kennenlernen. Ich bedauere immer, daß er anstatt der Altarbilder nicht vorzugsweise oder auch ausschließlich mythologische Gegenstände gemalt hat; es müßten, zumal bei reicheren Kompositionen, ganz wunderbare Werke entstanden sein, wie kein anderer nur Ähnliches hätte schaffen können. Der Dom war mit Menschen erfüllt, und der Organist spielte zur Messe das »Jägervergnügen«, wie man den Jägerchor aus dem Freischütz nannte. Zur Wandlung endlich gab der brave Mann den »Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide« zum besten, und zwar auf dem Flötenregister. Für mein künstlerisches Gewissen war die Wirkung so rührend, daß es mich aus dem Tempel trieb. Und ich nahm wieder den Wanderstab und zog gen Mailand. Hier ging ich mit meinem auszehrungskranken Geldbeutel in das damals renommierteste Hotel Reichmann. Eigentlich hätte mich der Wirtsname abschrecken sollen, aber der Mann war wie der Name ein Deutscher, und das entschied; denn je näher ich den Alpen kam, um so kräftiger zog das Wort: Vaterland!! Ich muß hier erzählen, daß ich in Rom einem Landsmann zwanzig Scudi geliehen hatte, welche er, da er sie bei meiner Abreise nicht wiederzahlen konnte, mir nach Mailand zu senden versprach. Nun schrieb mir aber derselbe, daß er immer noch nichts zahlen könne und in der größten Not stecke. Dadurch war ich nun sehr in die Enge gekommen; denn ich sollte erst in Bern eine Anweisung von Arnold für die drei nächsten Monate erhalten. Hier fand ich nun in dem Atelier Longhis meinen Freund Ludwig Gruner, und wir waren des Abends die wenigen Tage, welche ich in Mailand blieb, stets beisammen. Als er die Knappheit meiner Kasse bemerkte, bot er mir sogleich ein kleines Darlehen von einigen Napoleons an und rettete mich damit aus einer großen Verlegenheit; denn mein Geld hätte unmöglich bis zum Eintreffen des Wechsels ausreichen können. Natürlich sah ich das Abendmahl Leonardos; aber mehr Eindruck machten einige der Kunstschätze in der Brera auf mich, namentlich das Sposalizio und einige Bilder von Luini. An dem Comer- und Luganersee wurde manches gezeichnet, und als ich an dem Ufer des Lago maggiore nach einem Schiffer suchte, der mich nach den Borromäischen Inseln bringen sollte, wurde ich plötzlich von einem alten Manne angeredet, der für seinen Vater bettelte. Ich stutzte, weil der Bettler durchaus kein Jüngling, sondern wie er sagte, fünfundsiebzig Jahre alt war. Er führte mich einige Schritte vorwärts an den Strand, wo der Vater in einem Kahn saß. Er war hundertunddrei Jahr alt. Die Mittagssonne brannte auf seinen kahlen Schädel, und gebeugt, wie empfindungslos, saß die alte Menschengestalt da, gleich einem abgestorbenen Baumstumpf; ein das tiefste Mitleid erregender Anblick! Als ich anderen Tage auf der Simplonstraße die Grenzhöhe erreicht hatte, jubelte ich laut auf; denn es war vaterländischer Boden, den ich nun betrat, trotz aller politischen Ab- und Einschnitte. In Brieg, wo ich übernachtete, hörte ich wieder den Jägerchor aus dem »Freischütz«. Webers Oper machte ihren Lauf über Europa. Um auf Bern zu kommen, wollte ich den nächsten Weg über die Gemmi einschlagen. Dieser abenteuerliche Felsensteig hatte für mich dadurch noch eine besondere Anziehung bekommen, weil ich früher Zacharias Werners schauerliche Tragödie »Der 24. Februar« gesehen und gelesen hatte. Es war in einem Liebhabertheater in Dresden, und Freund Oehme gab recht ergreifend den heimkehrenden Sohn. So verließ ich denn das Rhonetal und stieg zur Rechten die Höhen hinauf. Ich hatte mich unterwegs mit Zeichnen aufgehalten und kam abends in der Nähe von Leuk an ein Dörfchen, wo ich in einer kleinen Hütte einkehrte, wo zwar ein Schoppen saurer Wein, aber nichts anderes zu haben war. Aber die Bewohner interessierten mich, besonders als sie um die Schüssel Milch, die mit einem Stück harten Schwarzbrotes ihre Abendmahlzeit ausmachte, andächtig betend standen. Es waren ein würdig aussehender Alter mit wenig weißem Haar, ein ebenso altes Mütterchen und ein etwa zwölfjähriger stämmiger Junge, ihr Enkel. Das Gesicht des Alten hatte einen so eigenen Ausdruck, daß ich ihn nie vergessen konnte: als belächele er in stolzer Ruhe seine Armut, die ihm aber weder Sorge noch Kummer machte. Die lange, hagere Gestalt steckte in einem groben Leinwandkittel, der ursprünglich schwarz gewesen war. Das Mütterchen dagegen sah freundlich, liebevoll und dabei so höchst sauber aus – wie das ganze Stübchen und seine Geräte, und bediente geräuschlos ein jedes. Es war, als hätte ich den alten Eberhard Stilling samt Frau und Enkel vor mir. Der Junge, welcher einen stärkeren Appetit hatte als die beiden Alten, holte sich noch ein großes Stück Brot aus der Tischlade und mühte sich vergebens, es mit dem Messer zu schneiden. Er holte still ein Beil, und so brachte er es glücklich in Brocken auseinander; die Milch mußte diese schließlich erweichen, und das Lächeln des Alten war bei dieser Prozedur noch hübscher anzusehen. Mein Nachtlager war in einem sogenannten Heustadel, welcher auf der Matte der Hütte gegenüber gelegen war. Er stand auf vier Pfählen, und man war genötigt, auf einer kurzen Leiter in die Türe zu steigen, denn unter dem Stadel plätscherte der kleine Bach raschen Laufes den Hügel hinab. Tüchtig ermüdet lag ich so in meinem »Pfahlbau«, im warmen, duftigen Heu und freute mich noch ein paar Minuten lang des sonderbaren, ja poetischen Lagers; denn das Bächlein unter mir rauschte sein eintöniges Schlummerliedchen, und ein paar fehlende Schindeln im Dache ließen zwei blinkende Sternchen auf mich herabsehen. Unter mir die Zeit unablässig vorüberrauschend, so dachte ich –, über mir die ewigen Wohnungen! Beim ersten Morgenrot weckte mich die eindringende Kälte. Meine Zeche von einigen Kreuzern hatte der Alte schon gestern abend in Empfang genommen; so stieg ich wohlgemut meine Leiter wieder herab und wanderte immer über grüne Matten den großen Felsenwänden zu, welche vor mir lagen. Unerklärlich aber war es mir, wo der Weg hinauf und hinüber führen solle, da beim Näherkommen keine Schlucht, kein Einschnitt in das Gebirg sich zeigte, bis ich zuletzt zu meinem größten Erstaunen die Linien eines Pfades an der senkrechten, himmelhohen Wand selbst entdeckte und mir sagte: das ist die berühmte Gemmiwand. Seitdem ich meine Himmelsleiter am Heustadel verlassen, hatte ich noch nichts genossen. Leuk, dessen Kirchturmspitze rechts hervorragte, lag zu entfernt; ich scheute den großen Umweg und begann frischweg das Steigen auf dem schmalen Felsenpfad, in der Hoffnung, droben Sennhütten zu finden, wo ich mich würde stärken können. Die Sache kam aber anders. – Nachdem ich länger als anderthalb Stunden im Zickzack an der kolossalen Wand steil aufgestiegen war, immer den greulichen Abgrund knapp zur Seite, erreichte ich die Höhe. Ich machte große Augen, als ich statt der grünen Matten und Sennhütten große Schneeflächen vor mir erblickte, umgeben von schwarzen Felsenmassen und mit Eis und Schnee bedeckten Hörnern und Spitzen. Vom langen Steigen ganz erhitzt, suchte ich Schutz hinter einem hausgroßen Steinblock; denn es strich ein schneidend kalter Wind über die Plaine und der Himmel hatte sich mit dunklen Wolken umzogen. Hier war nun freilich weder Weg noch Steg zu sehen, sondern nur der halb zugefrorene, in seinem weißen Bette schlummernde schwarze Daubensee. Indem ich noch so ratlos die Fläche übersehe und um eine Ecke des großen Blockes biege, erblicke ich einen Mann, welcher sich die Gamaschen anlegt, mit seinem Jungen, ebenfalls zum Übergang über das Schneefeld seine dicken Schuhe fester bindend. Die beiden stutzten über mein plötzliches Erscheinen, und der Mann fragte: ob ich ganz allein komme, und als ich bejahte, meinte er, ich solle nur mit ihnen kommen; sie gingen auch hinüber, nämlich: aus dem Wallis in das Berngebiet. Ich dankte Gott im stillen über den Führer, welchen er mir geschickt hatte, und ich folgte nun buchstäblich den Fußstapfen der beiden im Schnee. Als wir eine schneefreie Felsenplatte in der Hälfte des Weges erreicht hatten, wurde Rast gemacht, und als sie sahen, daß ich nichts Eßbares bei mir hatte, teilten sie ein Stück Brot mit mir, und ein paar Schlucke aus ihrer Branntweinflasche waren mein erstes Frühstück, obwohl es Mittag sein mochte. Endlich hatten wir am anderen Ende des Überganges das einsame, graue Wirtshaus erreicht, das mir durch Zacharias Werners Schauerdrama bekannt war. Ich kehrte hier ein, und meine gutherzigen Führer verließen mich hier. Das Hinabsteigen auf den steilen Waldpfaden in das Kanderstegertal strengte noch mehr an, als das Herauf an der Gemmiwand. Trotz ziemlicher Müdigkeit zeichnete ich noch eine schöne Gebirgsansicht, als schon die hohen Berggipfel abendlich sich vergoldeten. Erst in Kandersteg, wo ich übernachtete, konnte ich nach den Anstrengungen des Tages mich auch leiblich wieder stärken. * Wandernd und zeichnend kam ich endlich mit meinem kleinen, schwarzen Römer – Piccinino – nach Bern. Mein Geld war bis auf wenige Lire alle geworden, und leider fand ich den gehofften Brief mit Wechsel nicht vor, was mir den Aufenthalt recht ungemütlich machte; denn da es mir zuletzt ganz an Geld fehlte, konnte ich nicht einmal kleine Ausflüge in die Umgegend unternehmen, sondern mußte in der Stadt hocken bleiben, bis endlich nach acht Tagen das ersehnte Geldschiff anlangte. Noch denselben Nachmittag lief ich bis Thun, wo ich einige Tage verweilte und fleißig zeichnete. Das gezwungene Ausruhen in Bern war mir indes recht wohltätig gewesen, denn ich hatte mich von den Zerstreuungen der Reise wieder sammeln und die reichen Eindrücke innerlich verarbeiten können. Noch tiefergehend geschah das hier in dem freundlichen Thun. Als ich hier nach dem Abendessen noch das enge Gäßchen hinabschlenderte, welches nach dem See führt, blieb ich vor einem Fenster stehen, an welchem aufgeschlagene Bücher zum Verkauf standen. Es war bei einem Buchbinder. Ich las: »Arnds wahres Christentum. Erstes Buch in besonderem Abdruck.« – Ich erinnerte mich, daß es von meinen römischen Freunden als eine vortreffliche alte Schrift gerühmt wurde, und da es nur ein paar Groschen kostete, wollte ich es kaufen. Der Buchbinder war ein kleiner, alter Mann mit einem Gesicht, auf welches Arbeit und Mühsal Furchen eingegraben hatten. Er sah mich wie forschend an, indem er mir das Buch reichte, und fragte etwas schüchtern: ob ich Liebhaber von derlei Schriften sei? Da ich es bejahte und in ein Gespräch mit ihm kam, so erkannten wir bald, daß der Glaube an Christus uns beiderseits Herzenssache sei. Der alte Mann, welcher erst so schüchtern und wortkarg gewesen war, taute allmählich auf und erzählte nun, wie er vor zwanzig Jahren in einem Ort der Brüdergemeinde gearbeitet habe und dort zu dieser Erkenntnis gekommen und ihr mit Gottes Hilfe treu geblieben sei. Innerlich mochten wir uns verstehen, äußerlich aber weniger; denn sein »Schwizerdütsch« und mein Hochdeutsch gingen sehr weit auseinander. Er habe hier niemand, klagte er, mit dem er sich über das, was ihm das Höchste und Teuerste sei im Leben und im Sterben, aussprechen könne, und fühle sich darum recht vereinsamt. Deshalb aber sei seine Freude so groß, und er preise Gott dafür, daß er erfahren habe, in weiter Ferne und unter jungen Männern gäbe es immer noch solche, die Gott suchten, ob sie ihn fühlen und finden möchten, und die ihn in Christo gefunden hätten. Die Zeugen seiner inneren Bewegung, große Tränentropfen, rollten über die Falten seines Gesichts, und sein Weib stand schier verwundert über den begeisterten Redestrom ihres sonst so schweigsamen Alten und faltete andächtig ihre Hände. Mir war das kleine Begegnis wie ein stiller Fingerzeig nach oben, ein leises und doch zu Herzen gehendes »Sursum corda!« Noch ein paarmal besuchte ich meinen alten Hofer, so hieß der Buchbinder, fuhr dann eines schönen Morgens über den See und brachte einige Wochen bei dem herrlichsten Wetter im Berner Oberlande zu. So prachtvoll und großartig die Natur hier war, und obgleich ich so manches aufs Papier brachte, so wußte ich sie doch nicht recht künstlerisch zu erfassen und kam über das Prospektartige nicht hinaus. Im Haslitale erfuhr ich, daß es einen Weg über den Susten gäbe, wo man auf die Gotthardstraße gelange. Ich beschloß, diesen Weg einzuschlagen, und blieb in einem Bauernhause über Nacht, welches dicht am Abhang des Berges lag, welcher das Tal – ich glaube das Gadmental – hier schloß. Ich erkundigte mich, ob eine Sennhütte oben anzutreffen sei, welches versichert wurde, und so erstieg ich am frühen Morgen den Berg und gedachte mein Frühstück in der Sennhütte zu nehmen. Nach einem langen Steigen hatte ich die Alpe erreicht, und die Sennhütte stand auch richtig ohnweit des Fußpfades, den ich heraufgekommen war; aber der ganze Bergkessel, welchen die Alpe umschloß, lag noch in seinem weißen Winterkleide vor mir, und die Sennhütte war verschlossen, noch gar nicht bezogen. Hier war nun guter Rat teuer. Ich stand etwas verblüfft, denn der nächstliegende Gedanke war an meinen Magen, der noch nichts bekommen, die lange anstrengende Bergbesteigung gemacht hatte und sich in der Erwartung eines Frühstücks in der Alphütte grausam getäuscht sah! Zugleich meldete sich beim Anblick der Gegend das zweite Bedenken: Wohin soll ich mich hier ohne Führer wenden? Eine schneebedeckte und hügelige Plaine, rings von Bergspitzen umgeben, und nirgends die Spur eines Fußtrittes im Schnee, keine Stangen, welche die Richtung in solchen Höhen zuweilen bezeichnen. Es war in der Tat eine schlechte Situation, und ich hatte Zeit genug, mich über meinen törichten Leichtsinn zu ärgern und auszuschelten; aber weder der Magen wurde damit besänftigt noch ein Weg gezeigt. Ich betrachtete ringsumher die beschneiten Felsenkämme und Spitzen und bemerkte – wie mir schien – in der Entfernung einiger Stunden eine Einsattelung in den Höhen, in welcher, wie ich vermuten durfte, der Pfad über das Joch gehen konnte. Umkehren wollte ich einmal nicht, und so fügte ich zu der früheren Torheit, ohne mir dessen jetzt bewußt zu sein, die zweite und ging stracks vorwärts auf die feste, unbetretene Schneedecke in der Richtung nach dem glänzend weißen Schneesattel. Nach den vorhergegangenen warmen Tagen war indes die obere Kruste des Schnees nicht mehr fest, und mit jedem Schritt brach ich zolltief ein, wodurch das Gehen sehr beschwerlich wurde. Da kam mir der unheimliche Gedanke: Wie, wenn der zusammengewehte Schnee eine Tiefe, eine Kluft bedeckte, in welche ich hinabsänke, wo kein Mensch da ist, der mich retten, mir beistehen könnte, und kaum gedacht, brach ich durch und fuhr bis an die Knie hinab, warf mich aber auch in demselben Moment mit ausgebreiteten Armen lang hin, wo durch die nun verteilte Körperlast die Schneedecke mich trug und ich tiefer nicht hinabsinken konnte. Welcher gute Geist mir diesen Gedanken in diesem Augenblick eingab, weiß ich nicht, ist mir aber immer wundersam vorgekommen, da ich in anderen Fällen großer Geistesgegenwart mich nicht rühmen konnte. Vorsichtig raffte ich mich in die Höhe und ging nun sehr ängstlich weiter. Als ich nach längerem Wandern stehend ausruhte und die immer noch entfernte, glänzend von der Sonne beleuchtete Sattelhöhe betrachtete, deren silberweiße Kontura sich scharf und rein an dem tiefblauen Himmel abzeichnete, schien es mir, als sähe ich oben am Rande derselben ein winzig kleines, schwarzes Pünktchen Ich sah starr darauf hin, und es schien mir, als bliebe dasselbe nicht auf einer Stelle, und nach einer Minute hatte ich mich völlig überzeugt, der Punkt sei weiter herabgerückt. Freudig jubelte ich auf; es mußte ein Mensch sein, und dann war meine genommene Richtung die rechte gewesen, und ich konnte jetzt getrost weiter schreiten. Der liebe Punkt war endlich herabgekommen, verschwand mehrmals wieder auf längere Zeit hinter den Schneehügeln in der Plaine, und nach etwa einer kleinen Stunde trat mir das Menschenkind grüßend entgegen. Ich fragte nach dem weiteren Weg, und bald war der Mann hinter mir verschwunden. Auch ich kam nun über die Jochhöhe, unterhalb welcher der Schnee sehr bald aufhörte und ein Pfad in einer Bergrinne, die allmählich breiter und tiefer wurde, hinabführte. Aber die Kalamitäten dieses Tages waren noch nicht zu Ende. Eine Herde schöner Kühe weidete hier oben auf einem grünen Rasenfleck, der rechts und links von Felsen, oberhalb aber vom Schnee umschlossen war, weshalb jene ohne Hirten waren. Schon von weitem hörte ich das dumpfe Grollen eines riesigen Bullen, der in der Mitte seiner Getreuen stand und seinem Mißbehagen über den sich Nähernden Ausdruck gab. Wie fernes Donnern klang die Stimme des Tieres, und mein kleiner Römer Piccinino hielt sich ängstlich nahe an meine Schritte. Hier aber überfiel mich selbst große Furcht, denn ich war verloren, wenn das grimmige Untier, was mich immer mit den Augen verfolgte, durch eine Bewegung der Herde veranlaßt, auf mich losgegangen wäre. Ausweichen oder entfliehen war nicht möglich, und so schritt ich mit bebendem Herzen zwischen den Felsen und den äußerst stehenden Kühen in gleichem Schritt vorwärts. Gott sei Dank! ich kam vorbei und hörte das tückische Grollen bald hinter mir. Pittsch (so hatte ich Piccinino verdeutscht) galoppierte bald wieder voraus und bezeugte seine wiedergefundene Courage durch lautes Bellen. Es war spät nachmittags, als ich ein Dorf mit Wirtshaus erreichte und mit Speise und Trank mich wieder erquicken konnte. Wahrscheinlich war es das Dorf Wasen, an der Gotthardstraße. Anderen Tages kam ich über Altdorf und Flüelen an den Vierwaldstätter See. Das Rütli, die Tellskapelle wurden mit Andacht betrachtet und in Brunnen ans Land gestiegen. Den folgenden Tag ging es an den Lowerzer See, über die Trümmer von Goldau nach dem Rigi. Am Morgen weckte mich vor drei Uhr der Lärm der Hausglocke und des Alphorns, und die Fremden sammelten sich bald darauf auf dem Schaugerüst. Mit verschlafenen Gesichtern, wunderlich vermummt gegen die Kühle des Morgens, erwartete man den Aufgang der Sonne. Ich ging etwas abwärts, wo ich allein war, und dachte an Claudius' Vers: »Einfältiger Naturgenuß, ohn' Alfanz drum und dran« – und ging erst auf das Gerüst, als die Leute sich wieder verzogen hatten und im Kulm-Hotel beim Kaffee saßen. Ein Fremder, von der anderen Seite kommend, stellte sich neben mich, und wir waren beide in den Anblick der weiten Ferne versunken, ohne daß einer den anderen angesehen hätte. Welche Freude, als wir beide uns jetzt wendeten und ich in Kügelgens freundliche Augen sah! – Das war uns ein neuer Sonnenaufgang; und als wir denn bald darauf beim warmen Kaffee saßen und erzählten, wurde gemeinsame Wanderung bis Stuttgart verabredet, wo Kügelgen nach dem Rhein und Bremen, ich rechts ab nach Nürnberg mich wenden mußte. Das gab nun während einiger Wochen das schönste, innigste Zusammenleben, und unser Freundschaftsbund bekam jetzt die rechte Festigkeit für das ganze Leben. Wir gingen zunächst über Luzern nach Zürich. Als wir in letzter Stadt um Mittag ankamen und in einen Gasthof traten, trat mir mein fahrender Sänger und Durchbrenner von Mailand fröhlich entgegen und erzählte in Kürze, welche »höchst romantische« Wanderung er über die Gebirge gemacht und, ohne von den Grenzjägern belästigt zu werden (er hatte keinen Paß bei sich gehabt), in die Schweiz gekommen sei. Er war eben im Begriff, mit einer sehr heiteren Gesellschaft Herren und junger Damen eine Spazierfahrt zu machen, und befand sich wie der Sperling im Hirsefelde in bester Laune. Wir kamen über Tuttlingen durch einen Teil des Schwarzwaldes, und als die Julihitze allzu glühend brannte, quartierten wir uns in einem einsamen Dörfchen ein, was mitten im Walde lag, und brachten den Tag in der kühlen Dämmerung uralter Buchen zu, in freundschaftlichem Gespräch, lesend und zeichnend. Es waren mir unvergeßlich schöne, anregende Tage! Meinen Weg hatte ich einzig deshalb über Stuttgart genommen, weil sich hier die Sammlung altdeutscher Bilder befand, welche Sulpice Boisserée und Bertram zusammengebracht. Der freundliche Herr Bertram führte uns selbst und zeigte seine Schätze, die mir eine Zauberwelt eröffneten. Das war nun wirklich deutsche Art und Kunst, wie sie aus Geist und Gemüt des Volkes gewachsen war, unbeirrt und noch nicht beeinflußt von Theorien, Gelehrtheit und fremden Weisen. Eine gewisse Verwandtschaft mit den alten Italienern mochte wohl auch zu finden sein, namentlich in der gemeinsamen tiefchristlichen Auffassung der Gegenstände, bei den Italienern in mehr idealer Form, bei den Deutschen dagegen in realistischem Sinne, ebenso bei letzteren ein Hereinziehen der landschaftlichen Natur und vorzugsweise eine Verklärung und wunderbare Macht durch die Farbe. Hat sich bei ersteren der Schönheitssinn früher entwickelt, so werden sie doch hier weit übertroffen durch die Macht der Farbe, welche alles zu verklären scheint, und durch das bedeutsame Hereinziehen der landschaftlichen Natur, die gewissermaßen mitwirkend eintritt. Der Italiener hat überhaupt weniger Sinn für die (äußere) Natur; sie hat für ihn keine Sprache oder er für diese Sprache weniger Sinn. Und doch ist die Natur, welche ihn umgibt, so schön, und sie wird nicht wenig dazu beigetragen haben, bei ihm den Schönheitssinn so früh zu wecken und zur Entwicklung zu bringen. Aber er wendet sich lieber sogleich zum vollkommensten Gebilde der Schöpfung, um dessentwillen alles Vorhergegangene da ist. Es ist immer auffallend, daß in der Zeit, wo Eyck und Memling mit so innigem Verständnis und liebevollster Ausführung ihre heimische Umgebung malten und ihre biblischen Geschichten und Heiligen hineinversetzten – daß in jener Zeit nur selten etwas Ähnliches und nie in solcher Schönheit und Vollendung bei den italienischen Malern anzutreffen ist. Die späterhin ausgebildete Landschaftsmalerei ist ohnehin nur von Deutschen ausgebildet worden; ich denke an die Zeit des Paul Bril, des lothringischen Claude, Swanevelt, Ruisdael, Everdingen usw. Aber ich kehre zu der Boisserée-Sammlung zurück. Ganz besonders entzückte mich Memlings »Freuden der Maria«: ich konnte mich nicht satt sehen an dieser eigentümlichen Komposition, eine heitere Wallfahrt mit all ihren wundersamen und rührenden Begebenheiten. Von dem Memlingschen Christuskopf hatte ich so viel gehört und noch mehr überschwengliche Herzensergüsse gelesen, daß ich sehr enttäuscht wurde, als ich das Bild sah. Mir erschien das Gesicht unschön, fast plump und bäurisch, obwohl es ganz wunderbar ausgeführt war. Als ich in den fünfziger Jahren auf einer Reise durch Belgien die Malereien Eycks und seiner Nachfolger besonders in Gent und Brügge zu sehen Gelegenheit hatte, fiel mir besonders bei den wohlerhaltensten derselben ein Unterschied in der Technik auf, welcher zwischen diesen und einigen der bei Boisserée befindlichen Bildern besteht. Manche der hiesigen Gemälde, namentlich die »Freuden der Maria«, haben durch die Restauration, durch Übergehung vieler Gewänder mit Lasurfarben, etwas Glattes, Lackiertes bekommen und dadurch von der feinen Lebendigkeit der Behandlung verloren. Einen anderen Tag besuchte ich Danneckers Atelier; die große Christusfigur und besonders die kolossale Büste Schillers sind bekannte Meisterwerke. Lebendiger in der Erinnerung ist mir ein Besuch bei Eberhard von Wächter geblieben. Ich wußte, daß Wächter zu jener Gruppe Künstler gehört hatte, welche, in Rom freundschaftlich vereint, die deutsche Kunst in lebensvollere Bahnen geführt hatten. Carstens, Koch, Schick und Wächter, auf der Antike und Raffael fußend, waren die Vorgänger von vier anderen, welche, von dem romantischen Zuge der Zeit ergriffen, von christlich-nationalen Anschauungen ausgingen: Cornelius, Overbeck, Veit und Schnorr. Dadurch, daß diese letzteren den Ausgang ihrer Kunst von Eyck und Giotto nahmen, konnte ein Neues und Selbständiges auf allen Gebieten sich entwickeln, während die Antike und Raffael, als die Spitzen einer höchsten Kunstvollendung, in sich abgeschlossen sind und eine weitere Entwicklung nicht wohl zulassen. Auf der Spitze einer Pyramide läßt sich diese nicht wohl weiter führen. Als Canova die Sammlung der Bilder bei Boisserée sah, bemerkte er so geistreich als treffend: Jeder Schritt, von Raffaels Kunst aus weiter getan, stürze diese Nachfolger hinab; auf dem Grunde Eycks aber sei ein unendliches Gebäude zu bauen. Da ich mit dem teueren Meister Koch seit drei Jahren oft und viel verkehrt hatte, konnte ich jetzt seinem alten Freund und Mitstreiter die beste und ausführlichste Auskunft über sein Leben und Arbeiten gehen. Wächters Persönlichkeit machte mir einen sehr wohltuenden Eindruck. Die von den Jahren etwas gebeugte, nicht große Gestalt, der freundliche, sinnige Ausdruck seines rötlichen Gesichtes mit den kleinen weißen Locken, welche aus dem Samtkäppchen hervorquollen, seine ganze Erscheinung zeigte einen Mann von zarter Empfindung, der mehr nach innen lebend in edler Einfachheit sich darstellte. Er führte mich in sein Arbeitszimmer und zeigte mir seinen »Hiob und seine Freunde«. Das einfach Große, Stilvolle der Komposition machte einen Eindruck, wie er dem Ernst des Gegenstandes angemessen war; es gefiel mir sehr, trotz der auch für jene Zeit etwas mangelhaften Technik. Er sah mich, als ich das Gemälde betrachtete, unverwandt etwas schüchtern und wie fragend an, und ich konnte mich in sein Empfinden versetzen. Wer eben aus Rom kommt, Casa Bartholdy und Massimi gesehen hat – wie wird dem mein Bild erscheinen? – Das waren sicherlich seine Gedanken, und ich hätte sie an seiner Stelle auch gehabt. Doch mußte er aus meinen Mienen etwas Befriedigendes gelesen haben, was meine Worte nachher bestätigt hatten; denn er zeigte nun noch mehrere der Mythologie entnommene Bilder, und ich mußte ihm viel von Rom, d. h. von den dortigen Künstlern erzählen. Kügelgen eilte von hier nach dem Rhein und Bremen, wo er sich – wie ich später hörte – mit Julie Krummacher verlobte; ich aber zog über Schwäbisch Hall auf den einsamen Straßen weiter. Die Gegend war öde, die Landschaft leer, der Himmel mit dunkelm Gewölk bedeckt; ich wurde des langen Wanderns endlich müde, besonders da ich jetzt wieder allein war. Der Abend war heute zeitiger eingebrochen; ich war froh, als ich auf den jenseitigen Anhöhen eines kleinen Flusses eine Stadt erblickte, deren viele Türme und Türmchen ihr ein bedeutendes und altertümliches Ansehen gaben. Ich fragte: es war Rothenburg an der Tauber. Jetzt besann ich mich, daß ich diesen Namen in Musäus' Volksmärchen gelesen hatte, und zwar in der Schatzgräbergeschichte, wo die Schäfergilde ihr herkömmliches Fest in Rothenburg feiert. Die Geschichte hatte mir immer ganz besonders gefallen, und jetzt war ich ganz unverhofft in ihr romantisches Gebiet gekommen. Der Abend dämmerte bereits, als ich in die engen, holprigen Straßen trat. Die Häuser mit den hohen, spitzen Giebeln, die Stockwerke immer das darunterliegende überragend, altertümliche Schilder und Innungszeichen, gotische Kapellen und Kirchen, aber selten ein paar Menschen in den Gassen, alles so still in dieser Dämmerstunde! – Ich glaubte, plötzlich ins Mittelalter versetzt zu sein, besonders als ich in die Herberge trat. Eine kleine gotische Türe, zwei Stufen abwärts in die Hausflur zu steigen. Die Gaststube ein niedriger Raum, kleine Fenster mit runden Scheiben. An den Tischen saßen einige Männer in Kleidern, die auch aus Großvaters Zeiten zu sein schienen, bei ihrem Biere in hohen Zinnkrügen, wie ich sie nur aus Albrecht Dürer kannte. Ich saß hier bei meinem Abendessen hinter dem grünen, alten Kachelofen und lauschte dem Gespräch der Männer wie Peter Bloch in der Erzählung; aber von einem verborgenen Schatz wurde nichts berichtet. Als ich zwanzig Jahre später den Musäus zu illustrieren hatte, tauchte die Erinnerung an das alte Rothenburg an der Tauber lebendig wieder auf. Und zehn Jahre darauf rief mir einst v. Ramberg in München zu: »Ich habe vorigen Monat auf einer Wanderung in Oberbayern mit Freund N. N eine Stadt entdeckt, wo wir uns immer zuriefen: Das sieht hier aus, als wenn es Ludwig Richter komponiert hätte; da sollten Sie einmal hin«; es war Rothenburg an der Tauber – Doch hatte ich damals nicht das geringste dort gezeichnet, sondern war am frühen Morgen weiter gewandert. In Ansbach, wohin ich anderen Tages kam, war das Gespräch über Kaspar Hauser und sein trauriges Ende noch überall lebendig. In einem Buchladen sah ich Schuberts »Altes und Neues«, dessen zweiter Band soeben herausgekommen war, und kaufte es sogleich; denn ich hatte den ersten Band in Rom gelesen und war davon tief ergriffen worden, wie es denn zu jener Zeit in großen Kreisen eine bedeutende Wirkung hervorbrachte. Dergleichen Wirkungen begreift man nur, wenn man den Zustand der unter dem Rationalismus verkümmerten Volkskirche bedenkt, welcher auf den protestantischen Kanzeln sein Wesen trieb. Er war so recht das Christentum des Philisters. Am folgenden Abend kam ich nach Nürnberg, und hier war nun der Kreis meiner Fußwanderung abgeschlossen, denn von hier aus wollte ich mit der Post nach Dresden fahren. Ich ging ins »Blaue Glöckli«, wo die Maler gewöhnlich ihre Herberge nahmen, und bewohnte die ganze erste Etage, welche freilich nur zwei Fenster breit war und ein Zimmer enthielt. Zu meiner Freude hörte ich vom Wirt, daß ein Maler das dritte Stockwerk bewohne: es war Hieronymus Heß, der Schweizer, ein Freund des alten Koch, der die Waldpartie in seinen »Schmadribach« gemalt hatte. Auch die beiden Landschaftsbücher, in welche Koch seine Studien von Olevano und Civitella gezeichnet hatte, enthielten eine Reihe ganz vortrefflicher, höchst humoristisch aufgefaßter und in Aquarell ausgeführter Baseler Persönlichkeiten von Heß. Natürlich war es mir daher höchst interessant, diesen oft besprochenen alten Gesellen hier so unverhofft anzutreffen. Am anderen Morgen besuchte er mich in meiner Beletage, im tiefsten Negligé, ohne Rock und Weste, die Hemdärmel aufgestreift, mit ungekämmtem Haar, worin noch Bettfedern und Strohhalme hängen geblieben waren, und holte aus mir heraus, was ich von den römischen Bekannten mitzuteilen wußte. Der wirklich in hohem Grade begabte Mensch war eines jener »fahrenden Genies«, welche sich aus einer gewissen Sturm- und Drangperiode nicht herausfinden können noch wollen und deshalb trotz großen Talentes zu keiner rechten Entfaltung und Verwendung desselben gelangen. Hier in Nürnberg zeichnete er meist für Buchhändler und machte alles, was von ihm begehrt wurde, leider aber nichts, wozu sein Talent sich eignete und wodurch er sich hätte bemerkbar machen und Ruf erlangen können. Seine Art zu zeichnen hatte viel von seinem großen Landsmann Holbein; denn Heß war auch ein Baseler. Sie war sicher, fast jede Linie von Verständnis zeugend; die Auffassung hatte etwas einfach Großes, Stilvolles, mit feinster Beobachtung der charakteristischen Züge seines Gegenstandes. Die Aquarelle sind gewöhnlich tief in der Farbe und erinnern auch in dieser Beziehung an Holbein. Ich glaube indes, sein Element war eigentlich das Komische und der Humor. Bekannt ist seine Aquarelle, welche Thorwaldsen besaß und welche unter dem Namen »Die Judenpredigt« bekannt ist. Die originelle Szene ist folgende: Es war in Rom Gebrauch, daß alljährlich in einer Kirche, welche dem Eingang des Ghetto gegenüber liegt, eine Predigt abgehalten wurde, welcher beizuwohnen die Juden verpflichtet waren. Die wunderbaren Gesichter in allen möglichen Schattierungen, entweder stumme Verachtung oder affektierte Gleichgültigkeit zur Schau tragend, indes andere sich winden und pressen, um ihre innere Entrüstung, ja ihren Grimm nicht laut werden zu lassen, ist ebenso originell als tragikomisch in der Wirkung dargestellt. * In Nürnberg war nun meine lange Fußwanderung zum Abschluß gekommen. Von hier fuhr ich mit der Post nach der lieben Vaterstadt zurück. Ich schließe dieses Heft mit dem Briefe v. Maydells, den ich in Nürnberg zu meiner innigsten Freude vorgefunden hatte. * Roma, den 27. Juli 1826. Mein lieber alter Hadrian! Gelobt sei Jesus Christus, der Sich selbst zum Anfang und Ende all unseres Denkens und Tuns setzen möge, wie Er das A und O der Schöpfung ist. Hat Er doch gesagt, daß Er bei uns sein wolle bis an das Ende der Tage, so liegt es an uns, daß wir Ihm nicht auftun und eingehen lassen, denn Er steht und klopft an, ob eine Seele Ihm auftue, daß Er Abendmahl mit ihr halten möge, und sie mit Ihm. Aber wir lassen so viel andere Dinge eingehen, die, wenn wir ihnen auch nur Einzugsrecht gestatten wollen, doch Besitz und festen Fuß fassen und sich so breit machen, daß der Herr, der immer noch in demütiger Knechtsgestalt umhergeht, vor dem bunten Gedränge nicht hinzu kann. Darüber muß ich so klagen als wie Du, mein liebster Junge, ob ich gleich nicht wie Du durch soviel Neues aus mir herausgeführt werde und bei der einfachen Tagesordnung mehr auf mich achtgeben könnte. Aber es sind wohl nicht die Außendinge, die uns zerstreuen, wenigstens nicht in dem Maße, als wir ihnen gern zuschreiben möchten; die eitlen Gedanken und Phantasien des Herzens, die nimmer rasten und deren Lust im Fleisch ist, mögen wohl der eigentliche Verführer sein, die uns ableiten, wir mögen in vier Wänden eingeschlossen sein oder auf Feldern und Bergen umherstreichen. Da hilft denn nur beten und beten und beten. Weißt Du wohl, daß ich mir einen Vorwurf mache, daß wir den letzten Abend, den wir zusammen waren in Regnano, das gemeinschaftliche Nachtgebet versäumt haben? Mir fiel es, als ich den anderen Tag allein zurückging, ein und kam mir wie ein schlimmes Zeichen für Dich vor, als würde die Reisezerstreuung Dich zum öfteren davon abhalten. Man soll wohl gerade, wenn man am wenigsten dazu aufgelegt ist, am eifrigsten beten, und ich habe das in mehreren Fällen, wo ich wie Lutherus durchriß, bewährt gefunden. Aber Du hast ja darin soviel Erfahrung wie ich, es liegt auch nicht an der Erkenntnis, sondern an dem Tun danach, und das bleibt allewege Stückwerk, bis es einmal ganz in Stücken gehen und das Vollkommene anfangen wird. Wie gern sagte ich Dir nach Deinem Wunsch allerlei Trost und Stärkung, und da bitte ich denn den lieben Herrn, daß Er in meine schwachen Worte soviel von seiner Kraft legen möge, als Dir Not ist, kann doch keiner den andern trösten, ohne den Tröster, den Geist, der uns die Versicherung gibt, daß wir Gottes Kinder sind und einen Zugang haben zu Ihm, d. h. Jesum Christum, den Erstgebornen aus vielen Brüdern. O du Glanz der Herrlichkeit, Licht vom Licht aus Gott geboren, mach uns allesamt bereit, öffne unser Herz und Ohren, daß der Geist hier von der Erde ganz zu dir gezogen werde. Wir sind noch Streiter Christi, mein Bruder, und tragen den Feind immer mit uns, der uns die Siegesfreude, solange wir noch auf dem Kampfplatz sind, nicht läßt, zumal wenn wir versäumen, das Konstantinszeichen I H S auf unser Panier zu setzen, mit dem wir am Ende doch, sei's auch unter beständigem Falle und Aufstehen, zur Siegespforte eingehen. O der Herr ist treu; der es verheißen hat, öffnet uns in der höchsten Not wie der Hagar die Augen, daß wir den Brunnen sehen, der doch so nahe liegt. Wie hast Du doch so schön den alten Hofer in Thun gefunden oder bist zu ihm geführt worden, was nicht geschehen wäre, wenn Du, wie Deine Absicht war und ich erwartete, mir aus Mailand geschrieben hättest, woran Dich vielleicht etwas unbedeutend Scheinendes verhinderte. Uns allen hat die Geschichte hier rechte Freude gemacht, einmal für Dich und dann für das Reich Gottes, das überall seine Körnlein Salz ausgestreut hat, den großen Strom, zu dem alle Menschen gehören, zu salzen. Sollte ich nach Thun kommen, so besuche ich ihn gewiß. Ich breche ab, weil ich heute den Vatikan einmal wieder besuchen will, und die Zeit schon da ist. Auf den Abend weiter. – Ich habe den weiten Weg in der Hitze umsonst gemacht; denn während des Sommers soll der Vatikan nur Donnerstags öffentlich sein. Auf dem Heimwege trat ich in mehrere Kirchen ein und endlich auch in die Chiesa nuova, wo es sich eben zu einer Nachmittagspredigt schickte, zu der ich mich denn auch in ein Winkelchen setzte. Sonderbar genug ging der Predigt ohngefähr ein halbstündiges Vorlesen eines Abrisses aus dem Leben eines beato Angelo des Ordens vorher, und buchstäblich ein Abriß oder Abbruch; denn sowie der Sand verlaufen war, brach der Vorleser mitten im Satze ab und ging. Die Predigt selbst war fromm und gut gemeint und zielte dahin zu beweisen, daß die Erde ein Tränental, valle delle lagrime sei. Der alte, lange, hagere Mann hatte ganz hohle Augen, die er oft aufschlug, und in seinem Wesen war etwas, das wie Heimweh aussah und wohl mehr als seine Worte wirken mochte. Auch äußerte er manches, dessen Konsequenzen zum höchsten Licht geführt hätten, die er aber nicht verfolgte, vielleicht weil sie ihm selbst nicht klar waren. Es ist doch eigen, wie das einfache und kündiggroße Geheimnis, die Grundparole des Reiches Gottes, doch immer noch so unbekannt ist oder falsch verstanden wird, nämlich die Vergebung der Sünde aus purer Gnade. Der Stolz und Hochmut des Menschen stößt sich eben immer daran, auch wenn er die demütigste Gestalt annimmt. Rothe sagte letzt, die Menschen könnten es gar nicht glauben, daß Gott sich zu ihnen herabgelassen habe, und wollen immer vor allen Dingen zu Ihm herauf erhoben sein. O laß uns des Gottes freuen, der so niedrig geworden ist, daß wir uns nur nahen können in dem Maße wir uns der Menschenwürde, des Strebens nach Vollkommenheit pp. entschlagen und nur Seinen Gehorsam suchen, und wahrlich, wir brauchten nicht viel Mühe dazu, wenn wir uns die Nichtigkeit all dieser Bestrebungen nicht so mühsam verdeckten. Bringen wir es wohl je zu irgend mehr, als zu ruckweise guten Vorsätzen und allenfalls zu einer äußeren, konsequenten Befolgung derselben, die aber, wenn wir sie recht besehen wollen, auf ganz anderen Füßen, als jene Vorsätze sind, ruhen? Du hast wohl recht, wenn Du Deinen öden Zustand als eine Schule des Geistes ansiehst, davon Du lernen kannst, wie Du ohne Ihn nichts bist und also auch nicht imstande, Ihm aus eigener Macht entgegen zu gehen oder anderswo Reichtum zu suchen. Das Gefühl der eigenen Armut (Erkenntnis derselben reicht nicht hin) ist der sichere Vorbote des Herrn, und ich bin überzeugt, daß Er Dich nicht unbesucht gelassen haben wird. Doch gilt, wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, stille sein und harren, wovon wir ja schon öfter gesprochen. Es waren doch damals gute Zeiten, als wir beieinander waren und miteinander sprechen konnten, und es kann Dich, lieber Junge, nicht mehr danach verlangen als mich selber, und unser Bergschloß will ich wohl lange nicht vergessen. Jetzt laufe ich herum wie ein Duett, dem die zweite Stimme fehlt, und ich habe auch gar keine Lust, mir irgendeine andere zu suchen, wo vielleicht einige Töne harmonieren, aber bis auf den Grund hält keine bei weitem aus, und ich weiß auch nicht, wie das mit einem anderen als mit Dir gehen sollte. Es ist wirklich kurios, wie wir zwei ineinander hineinpaßten, gerade in unserer Verschiedenheit, wo wir uns gegenseitig ergänzten, und ich meine, daß der liebe Gott aus uns beiden einen ganz exzellenten Kerl gemacht haben könnte. Es ist aber recht gut, daß Er's nicht getan; denn gerade das Gefühl des Ergänztwerdens ist so gar angenehm, wie das Löschen des Durstes. Daß ich Dich noch in Dresden sehe, ist mir eine Hauptfreude, aber wie wird es nachher werden. Vielleicht machst Du einmal eine Reise nach Schweden und nimmst mich unterwegs mit. Es wäre doch gar hübsch, wenn wir, wie wir den Lago di Fucino und den Wasserfall von Isola di Sora sahen, so auch den Mälar- und Wenersee und den Trollhättafall miteinander bereisten. Es wäre gar zu schön und hätte für unseren künftigen Verkehr auch den Vorteil, daß Du in meinem Hauswesen und meinen Umgebungen bekannt würdest, wie ich jetzt das Deinige in Dresden kennenlernen werde. Es wird Dir unter meinen Leuten gefallen, das bin ich überzeugt, und Du sollst sehen, daß es unter der Eisrinde des Nordpols doch ein blühendes Leben gibt, mit reichen Früchten für das Herz. Es blüht des Christen inwendiges Leben und ist unter allen Zonen gleich. – Den 28. Gott zum Gruß, lieber Hadrian, und einen so freundlichen hellen Morgen, als der eben über die Granatbäume zu meinem Fenster hereinstreicht. Wo magst Du doch wohl jetzt sein; auf Bergen oder in Tälern in dem heimischen Grund? Wie es auch um Dich sei, in Dir sei der Friede, den uns der Herr gelassen hat. Mich ruft der Morgen so lustig heraus, mir wird das Stübchen zu enge, ich zöge gar zu gern mit Dir durch Feld und Wald, das sollte wohl ein hübsches Leben sein. Daß Dir Deutschland so gefällt, ist mir sehr recht, und ich meine, es soll mir auch gefallen, und sogar in der kalten Heimat, nach der ich mich recht sehne. Es wäre wirklich eine Krone auf unser Zusammenleben gewesen, wenn wir auch diese Reise miteinander hätten machen können, und vielleicht begleitest Du mich über Berlin und Magdeburg nach Hamburg und Lübeck, da Du Norddeutschland noch gar nicht kennst; es wäre eine Ostiareise ins Große. Das Reisen steckt mir jetzt sehr im Kopfe, umgekehrt wie Dir, der Du Dich nach Ruhe sehnst; wären wir beisammen, so würde sich wohl beides geben. Ich nehme vor allen Dingen jetzt besonders von den Erscheinungen der Jahreszeit nacheinander Abschied, und mir wird weh und wehmütig dabei, und die Wehmut behalte ich wohl mein Lebelang. Wen sollte nicht die schöne Frakturschrift freuen, mit der der Herr in diesen Ländern das Buch der Natur geziert hat, die einen mit so mächtigen dunklen und doch so hellen Ahnungen erfüllt? Verwandte Zeichen und Töne treten und klingen dem Menschen überall entgegen; aber er vernimmt sie nur undeutlich, und das Bewußtsein, herausgetreten zu sein aus der heiligen Stelle, wo alles das zu einer Harmonie und zu einer verständlichen Schrift zusammenfließt, und die Sehnsucht danach ist es, was diese Wehmut in uns gießt und gleich dem Gewissen eine starke Stimme ist. So fühlen wir denn, daß wir hier nicht zu Hause sind, sondern gleich den Erzvätern eine bessere Heimat suchen, und sollten wir eigentlich unsere kleinen Reisen als vorbildlich der Lebensreise ansehen, und es fände sich da mancher nützliche Vergleich. Aber des schweren Fleisches wegen muß der Geist, der sich am liebsten nicht ausruhte, doch aus mancherlei Rücksicht eine Ruhestatt suchen, und dawider dürfen wir nicht tun; denn wir sind nicht umsonst so zusammengesetzt, und nur wenn einem jeglichen Teil sein Recht geschieht, kann des Menschen Leben recht rund und tüchtig werden. Es ist wohl sehr richtig, wie unser alter Rothe neulich sagte, und gehört ganz hierher, wie Du bald sehen wirst: daß die ganze Welt die eigentliche Kirche Gottes sei, die Anstalt, durch welche Er die Menschen zum Himmelreich bildet, und wir sehen deutlich, wie die Begebenheiten in der Weltgeschichte, die Fortschritte in profaner Erkenntnis, die Ausbildung des Menschengeistes durch Kunst und Wissenschaft, wenn sie auch in der Nähe dem beschränkten Blick ganz den Wegen Gottes zuwider zu sein scheinen, doch immer zu hellem Licht im göttlichen Wort führen, und die Menschen empfänglicher für die Tiefen desselben machen. Ja es wäre deutlich nachzuweisen, daß solche Erscheinungen von ausgebreiteterer und dauernderer Wirkung gewesen sind, als das Licht einzelner Erweckungen, mit denen der Herr hie und da einzelne Seelen heimsuchte, die als etwas für sich Abgeschlossenes und Vollendetes wenig Einfluß auf den großen Strom hatten, der, ohne sich an diese festgeankerten Felsen halten zu können, weil er sie noch nicht verstand, an ihnen vorüberrauschte und sie bald vergaß. Der Herr führt seine Menschen durch die gewaltigen Wogen der Zeit einem sicheren Ziele entgegen, dem wir uns als Weltbürger nicht vermessen entziehen dürfen oder sein Schäumen verachten, wenn wir auch im Herzen die Ruhestatt von des Lebens Arbeit gefunden haben. Dies ist der Schade, den die Separatisten der Welt getan haben, daß sie sie zum Widerstande reizten und dadurch vom Ziele, das sie im ruhigen Fluß eher erreicht hätte, abhielten. Wer die Welt reizt, macht sie widerspenstiger, als sie von Natur gewesen wäre; darum soll, um beide Gleichnisse miteinander zu vereinigen, man sich in den Glanz und Fluß der Welt ergeben und dort seine Ruhestatt nehmen, der Welt und der Menschen selbst wegen, während das von Gott gelehrte Herz, dem Zuge sich entwindend, unverwandt dem Felsen Gottes zustrebt und an ihn sich klammert. Auch hier zeigt sich die Allgegenwart Gottes in Zeit und Ewigkeit. Du siehst, wieviel heller die Gegenstände von diesem Standpunkt sich zeigen, wie er uns verwehrte, die großen Wege Gottes in der Geschichte nach unserer schwachen Erkenntnis zu beurteilen, und uns lehrt, die großen Taten der Menschen, ihre Kunst und Wissenschaft erst recht zu würdigen und sie zu bewundern wie den Leviathan und Behemot, an denen der Herr seine Macht gepriesen haben will. Man braucht nun nicht mehr alles zu verdammen, an dem unser schwaches Auge das Siegel Gottes nicht erkennt, und es als eine Rebellion gegen ihn anzusehen; im Gegenteil ist es ein Gehorsam, wenn es auch nicht aus Gehorsam kommt; die Taten sind alle Gottes, aber die Gesinnung ist des Menschen. Damit ist ein großer gesetzlicher Zwang gelöst und ein Schritt der vollkommenen Freiheit entgegen getan, die uns erlaubt, alle Dinge zu gebrauchen, allein daß es in Gott geschehe. Das Feld wird unendlich weit, und ein Beispiel, wieviel sich alles darauf tun läßt, habe ich letzt an Heßens Bild, dem Parnaß, gesehen. Es ist ganz herrlich und so frisch und herzstärkend und zeigt recht, wie ein heiliger Geist selbst durch profane Gegenstände weht, wenn man sie nur recht darstellt. Er hat sich der Sache ganz rein und unbefangen hingegeben und reine, unschuldige Wesen geschaffen, die einem das Herz auftun und denen man folgen kann, ohne zu fürchten, abgeführt zu werden. Dabei ist das Bild so schön und gediegen zusammenkomponiert, die neun Schwestern treiben nicht, wie auf dem Mengsschen Bilde und sonst gewöhnlich, jede ihr Handwerk für sich, daß das Wesen fast einem Tollhaus gleicht, sondern horchen aufmerksam dem Hochgesang ihres Führers, von dem jede zu lernen scheint und um den sie sich ungesucht und doch nach innerer Verwandtschaft gar schön gruppieren. Der Gipfel des waldigen Parnaß mit Lorbeer, Zypresse, immergrüner Eiche, Goldäpfeln ist prächtig gemacht, und auf beiden Seiten sieht man das Gestade und das weite Meer; auch ist es köstlich gemalt, und einzelne Stellen, die ganz fertig sind, können gar nicht besser gemacht werden. Das Bild hat mir sehr große Freude gemacht; das Verführerische liegt eben wieder nicht in den Dingen, sondern in unserem eitlen, unreinen Herzen, das sie mißbraucht und entheiligt, und je tiefer wir durch unseren Herrn in Gott wurzeln, desto mehr wird der Spruch, daß dem Reinen alles rein ist, an uns wahr, aber auch nur dann können wir uns auf ihn berufen. Ich erkenne ja mehr und mehr, welch eine hohe Schule die Welt ist, wieviel man in ihr lernen kann und welche mannigfache, lehrreiche Aufgaben sie gibt, die man alle beim Abschließen von ihr verliert und unmöglich so die Ausbildung erlangen kann, zu der wir angewiesen sind; wogegen wir aber unserem ärgsten Feind, den wir immer mit uns tragen, gerade rechte Muße und Freiheit geben und ihn mit Stolz groß füttern, bis er uns zum Strick wird. Was ist nun das Resultat von allem? Getrost auf die Versöhnung Christi den Wegen Gottes mit uns ohne Klügeln folgen als Pilgrime, die ohne Führer der rechten Straße nicht kundig sind, und unsere Hoffnung auf eine bessere Heimat richten, wo das vollkommen erscheinen wird, davon wir jetzt nur Stückwerk sehen. »Er aber unser Herr Jesus Christus, und Gott unser Vater, der Uns hat geliebt, und gegeben einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung, durch Gnade, der ermahne unsere Herzen und stärke uns in allerlei Lehre und guten Werken.« 2. Thess. 2, 16, 17. Sieh, Brüderchen, wenn wir beisammen wären, was ließe sich darüber nicht noch viel reden, es wäre, ein rechtes Gespräch im Freien, daß man seine Gedanken an Berge und Ströme und Wälder und Städte anknüpfen könnte und sich und die Dinge zugleich besser verstehen; schriftlich nimmt sich's schlecht aus, und Du mußt Dich eben mit mir gewöhnen, zwischen den Zeilen zu lesen, weil mir oft beim flüchtigen Schreiben die Hauptspitze des Gedankens daneben fällt, wo Du sie dann suchen mußt. Bei Dir hat es aber keine Not, Du wirst mich schon verstehen und wohl sehen, daß es keine neuen Ansichten sind, sondern die alten nur auf einen höheren Standpunkt genommen, daß die nächsten Gegenstände die ferneren nicht mehr so decken. Wir gern hätte ich jetzt gleich Deine Antwort darauf. Vergiß sie wenigstens nicht! – Neuigkeiten von hier wirst Du wohl keine besondere erwarten, da Deine Abreise selbst noch unter die Neuigkeiten gehört; doch sind so allerhand Kleinigkeiten, als daß meine Tour mit Rothes nach Olevano pp. bis auf den Herbst verschoben ist, daß die Mittwochabendstunden den Sommer über ausgesetzt sind, was mir recht leid tut, und wozu wir uns erst nach mancherlei Beratung entschlossen; sonderbar war es, daß gerade an dem Abend, wo die Aussetzung angesagt wurde, die Kirche so voll war, wie vielleicht nur im Anfange; doch waren es alle Handwerker, die gewöhnlich nicht Stich halten. Braun macht nun ernstliche Anstalten zur Abreise und hat schon seine Sachen fortgeschickt; aber was sagst Du dazu, daß auch Fabers fest entschlossen sind, im nächsten Frühjahr abzuziehen und nach Hamburg zu gehen? Es ist wirklicher Ernst, und ich meine, sie haben recht, wenn sie nicht ihr Leben lang bleiben wollen, daß sie das nahe Alter nicht abwarten, wo das Wiedereinwohnen um so schwerer wird. Da sie über Dresden wollen, so siehst Du sie noch. Anfangs hatte die Frau sich ausgedacht, daß der Alte mit mir gehen sollte; aber das lehnte ich gerade ab, so lieb er mir auch sonst ist. Nach einem guten Gefährten auf der Fußreise sieht er mir nicht aus, und wenn ich einmal nicht mit Dir gehen kann, so will ich frei und ungebunden sein. Wer sonst noch so auf dem Sprung zur Abreise steht, weißt Du ohnehin. Angekommen sind ein gut Teil fremde Gesichter, aber noch niemand für uns; doch ist bemerkenswert, daß Launitz nebst seinem Neffen seit mehreren Sonntagen fleißig die Kirche besucht und letzt sogar mit kommunizierte; ich bin neugierig, ob da irgendein Same aufgeht, verhalte mich jetzt aber noch ganz ruhig, weil ich nichts durch unberufenes Hereintappen verderben mag. Einen sehr interessanten Besuch hatten wir hier, leider nur kurze Zeit; doch erwarten wir ihn jetzt auf einige Tage von Neapel zurück, nämlich den Erlanger Professor Schubert, den Verfasser von »Altes und Neues« und anderer Bücher, von dem wir öfters gesprochen. Er reist mit seiner Frau und ein paar Studenten, seinen Schülern, mal eine echt christliche Reisegesellschaft, die uns manchen Trost und Erbauung gebracht haben. Leider ist so ein berühmter Mann von allen Seiten gleich so belagert, daß unsereines wenig an ihn kömmt, obgleich dieser so einfach und kindlich ist und der Christ den Gelehrten so verschlungen hat, daß man keine Scheu vor ihm selbst haben kann. Seine Begleiter hatten wir mehr unter uns, auch einmal am Sonnabend abend. Es muß doch unter der deutschen Jugend ein eigenes Leben sein, besonders in Erlangen, nach der Erzählung der jungen Leute, wo die christlich Gesinnten bei weitem die Mehrzahl ausmachen. Wenn Du diesen Brief in Nürnberg erhältst, so kannst Du Dir etwa das Ding ansehen, da Du ja, wenn Du nach Streitberg und ins Muggendorfer Tal willst, ohnehin durch Erlangen mußt. Nun sind aber meine hiesigen Nachrichten zu Ende und der Mittag nahe, wo der Brief auf die Post muß. So will ich Dir nur über inliegendes Wechselchen die gehörige Notiz geben. Baumgarten kann eben immer noch nicht zahlen, so gern er wollte, und da ich nun mir wohl denken kann, daß Dich das, besonders wenn Du darauf gerechnet hattest, was ich nicht wußte, in große Verlegenheit setzen mag, so schicke ich Dir hier aus meiner Tasche einen Wechsel auf 44 Augsburger Gulden, an Wert 5 Louisdor oder 22 Scudi, den ich nicht auf Gold stellen wollte, da das hier sehr teuer ist und Du wohl daran verloren hättest. Kann Baumgarten hier zahlen, so ziehe ich es mir von Deinem Gelde ab, wo nicht, so bekomme ich es von Dir in Dresden, und Du kannst mir auch von einem Teil die bewußten Farben kaufen. In Verlegenheit kann mich diese Auslage nicht setzen; denn sollte auch mein übriges verliehenes Geld nicht richtig eingehen, so wird doch Schnorr, der, als er von meinem Vorhaben hörte, sogleich teil daran nehmen wollte, mir wenigstens dann aushelfen. Mehr zu schicken, hielt ich für überflüssig, erst, weil Du es nicht verlangt hast, und weil man dann leicht zu überflüssigen Ausgaben verleitet wird, die einen dann beim Wiederzahlen drücken. Melde mir doch sogleich den Empfang des Wechsels, damit ich Valentino davon benachrichtigen kann. Nun, o lebe denn recht wohl, Du lieber, treuer Bruder, es grüßen Dich alle unsere Brüder, Rothes, Schnorr, Faber, Schilbach, Simon und sonst die Freunde, vor allem aber mit dem Segen des Herrn Dein L. von Maydell. Bitte appliziere Piccinino einen Kuß für seinen geistreichen Brief, über den wir sehr gelacht haben, bis auf Fabers Mops, der sich beleidigt fühlt. Dresden 1827 Das Herz pochte stärker, als der schwerfällige Postwagen vor dem alten Posthause auf der Landhausstraße hielt. Ich eilte sogleich in die nahe Große Schießgasse, sprang die drei Treppen hinauf und klingelte an der Türe mit dem kleinen Schilde: »Carl August Richter. Professor.« Auf ging die Tür; der Vater stand vor mir. Wie stark hat sich der Moment eingeprägt! Ich sehe das gesund gerötete Gesicht noch vor mir. Etwas überrascht schaute er mich mit seinen blauen, von buschigen Augenbrauen überwölbten Augen freundlich an und mit seinem eigentümlichen, trocken humoristischen, gutmütigen Tone sagte er nur: »Sieh, da! Sieh da! der Ludwig, der Römer! nu schön willkommen!« – Wie kam mir alles so sonderbar vor; als sei ein alter Traum wieder lebendig geworden. Der Vater trug eine alte Mütze von grünem Saffianleder. Der alte blaue Oberrock mit den Spuren von Scheidewasser, welches oft darauf gespritzt war, war von einem rotbaumwollenen Tuch um die Hüften zusammengehalten. Manchmal vertrat die Stelle dieses Gürtels auch nur ein Bindfaden; denn der Rock hatte die Knöpfe verloren, und niemals durfte die Mutter solche ergänzen. Das Warum? war unerforschlich! – Eine Sonderbarkeit war es auch, daß er niemals ein Schermesser über seinen Bart gehen ließ, sondern diesen – Bärte trug man damals ja nicht – wöchentlich mit einer kleinen, spitzen Schere sich abzuschneiden pflegte – zu zwicken, wie er es nannte. So stand nun der gute, sonderbare Papa vor mir, in dem hellen Vorzimmer, welches zugleich seine Gemäldesammlung enthielt; denn Bild an Bild bedeckte die Wände. Da hing ein großes Gemälde in der Mitte: »Die Zeit enthüllt die Wahrheit«, eine frostige Allegorie von Casanova, zwei gute Reitergefechte von Theodor Maas, Kopien nach der Galerie und Porträts (Bodmer, Zelter u. a.) von Gränicher, einem sehr begabten, aber in großer Dürftigkeit früh verstorbenen Dresdener Künstler. Dann ein großes Bild von Konrad Geßner, dem Sohne des Idyllenzeichners: »Reiter, die bei Nacht durch einen Wald einem großen Feuer entgegenreiten«; ferner Kopien von mir nach Dietricy und Wijnants, auch eine eigene Komposition. In diesem Vorzimmer standen auch zwei mit weißer Ölfarbe angestrichene niedere Schränke, welche seine ziemlich bedeutende Kupferstichsammlung enthielten Eine Tür rechts führte nun in die vorderen Wohnzimmer, während eine solche zur Linken in des Vaters Arbeitszimmer führte, welches einen Flügel des Hinterhauses bildete. Die Stube war recht gemütlich, ja sie hatte sogar einen noblen Anstrich, was der Vater überhaupt in seinen Einrichtungen liebte. So hatte er hier eine wirklich höchst geschmackvolle und kostbare Tapete angebracht, welche aus dem Nachlaß des alten und berühmten Anton Graff stammte. Dieser hatte sich nämlich eine Leinwandtapete selbst gemacht, welche er als Hintergrund für seine Porträts höchst vorteilhaft fand. Sie war mit Ölfarbe auf die grundierte grobe Leinwand aufgetragen, hatte einen tiefen, frischgrünen Ton, auf welchen mit freier Hand eine Art großes Damastmuster in einer etwas dunklen, saftig grünen Farbe gemalt war. Es war der Ton, den Holbein oft als Grund seiner Bildnisse brauchte und auf welchem das Gesicht so leuchtend sich abhebt. – Alles in diesem Zimmer nahm sich dadurch vorteilhaft aus; es war einfach und gediegen. Um gleich in der Schilderung der Lokalitäten fortzufahren, will ich noch erwähnen, daß zwischen den beiden Flügeln des Hinterhauses in diesem Stockwerke eine Plattform oder Terrasse hinlief, auf welcher der Vater einen reichen Blumengarten etabliert hatte, und gegen Abend war er da immer beschäftigt, zu pflanzen, anzubinden oder welke Blumen und Zweige abzuschneiden und alles zu begießen. Das war nun sein blühendes, duftendes, buntes Elysium, seine Freude. Man sah von hier oben in die grünen Nachbargärten und auf die neu angelegten Promenadenwege. Die Mutter saß hier nähend oder strickend, und die jüngeren Geschwister waren beschäftigt, das Wasser zum Gießen der Blumen herbeizutragen. So hatte sich das Leben im elterlichen Hause in meiner dreijährigen Abwesenheit wenig geändert. Die Mutter mit Schwester Hildegard walteten in den vorderen Zimmern, welche nach der Straße hinaus lagen, und letztere übte sich hier fleißig im Blumenmalen und entwickelte ein schönes Talent dafür. Hofmaler Tettelbach, ein ausgezeichneter Künstler in diesem Fache, erteilte ihr Unterricht und freute sich ihrer Fortschritte. Der Vater kam, außer bei Tische, selten in diese Region; denn trotz der angeborenen Herzensgüte von Vater und Mutter trübten doch lang andauernde Mißverständnisse und dadurch herbeigeführte Verstimmung die Tage, die sie glücklicher verleben konnten. Wir Kinder hatten unter diesen Verhältnissen gar sehr gelitten und drückende Zeiten durchleben müssen. Bruder Willibald fand ich nicht mehr im Hause; er war seit einem Jahre in Krakau bei dem reichen Grafen Potocky, wo er eine sehr angenehme und vorteilhafte Stellung als Zeichenlehrer angenommen hatte und die Familie auf ihren großen Reisen später begleitete. So bereiste er mit ihnen Bessarabien, war in London und Paris längere Zeit. – Bruder Julius, der jüngste, ein frischer und vielseitig begabter Knabe, war noch zu Hause. Auch er zeichnete, radierte, malte, fast gänzlich sich selbst überlassen, und in allem zeigte sich eine wunderbare Geschicklichkeit leichten Aneignens und ebenso leichten und sicheren Produzierens. Ein schöner Zug des Vaters war, wie ich schon früher erzählt habe, die große, zärtliche Liebe zu seiner Mutter. Diese meine gute Großmutter, welche länger als zwanzig Jahre in Blindheit still und ergehen zugebracht hatte, war nun gestorben, und so wurde sogleich dem zur Arbeit nicht mehr fähigen Großvater eines der vorderen geräumigen Zimmer eingeräumt und er von Vater und Mutter mit großer Liebe gepflegt. Der Großvater war ein großer, stattlicher Mann und jetzt, wo er sein neunzigsten Jahr überschritten hatte, noch immer ziemlich rüstig. Die drei Treppen stieg er ohne Beschwerden täglich wenigstens einmal hinab und hinauf, machte seine kleinen Einkäufe von Schnupftabak oder sonstigen Nebenbedürfnissen und besuchte eine stille Bierstube in dem engen, dunklen Friesengäßchen, wo er ein Glas einfaches Bier trank und um diese Nachmittagstunde einen einzigen ebenso alten Gast fand, mit dem er von alten Zeiten plaudern konnte. Daß er einst auf dem Heimwege aus dieser stillen Sozietät, von einem Jungen gestoßen, fiel, das Bein brach und infolgedessen in seinem neunundneunzigsten Jahre starb, glaube ich bereits früher schon berichtet zu haben. Er ging regelmäßig am Sonntag der heiligen Messe beizuwohnen, las täglich sein Morgen- und Abendgebet und unterhielt sich auch gern, wenn sich die Gelegenheit bot, über religiöse Dinge. Leider fand er in dieser Beziehung keinen Anklang im Hause, was ihn denn endlich verschlossen machte. Denn wenn Mutter und Schwester auch einigemal im Jahr zur Kirche gingen, so geschah das beim Vater nur einmal, und zwar am Silvesterabend, und Äußerungen eines religiösen Bewußtseins oder Strebens waren sonst nirgends zu erblicken. Beim Großvater hoffte ich jetzt ein Verständnis zu finden für das, was mich innerlich belebte, fand mich aber bald getäuscht: er glaubte an die Kirche und um der Kirche willen, und mein Glaube beruhte auf dem lebendigen Christus und seinem Evangelium. Er nannte dies aber »Herrenhutisch« und suchte seine Ruhe in der Form, die ihm genügte. Ich habe oben erzählt, wie der Vater es liebte, sich mit einem gewissen künstlerischen Apparat recht stattlich zu umgeben und zu schmücken, während er in sonderbarer Weise sich selbst äußerlich vernachlässigte. Seine künstlerische Tätigkeit bestand jetzt nur noch in kleinen Kupferstichen für Bücher, und vorzüglich in den zur Zeit beliebten Prospektradierungen. Sein lebendiges Naturgefühl, die Erfindungskraft und die außerordentliche Virtuosität bei ausgeführten Tuschzeichnungen fanden keinen Anlaß zur Betätigung, und so erloschen nach und nach diese Begabungen, welche ohnehin durch die manierierte Schule Zinggs nicht zu ihrem vollen Ausdruck gelangen konnten. Man war zur Natur zurückgekehrt, und die Manieristen waren überwunden. Der Vater fühlte das gar wohl; aber er war zu alt, um in die neuen Anschauungen sich einzuleben, und mußte sich resigniert auf das kleine Arbeitsfeld zurückziehen, was ihm allein noch übrig geblieben war. So fand er zuletzt seine liebste Erholung, wenn er mit ein paar alten Bekannten bei einem Schoppen Wein ein paarmal in der Woche zusammentraf und in heiteren Gesprächen die Zeit verlebte. * Bald nach meiner Ankunft in Dresden hatte ich eine kleine, hübsche Wohnung an der Bürgerwiese bezogen, wo ich auch in der Nähe Augustens war. Daß ich von den Eltern sogleich zu ihr geeilt war, versteht sich von selbst. Ich schweige von der glückseligen Stunde unseres Wiedersehens nach so langer Trennung, von den liebsten Stunden des Tages, die ich bei ihr zubringen durfte in dem Blumengärtchen hinter dem kleinen Hause, oder mit ihr durch die Felder nach den Höhen von Räcknitz gehend, von wo man die Stadt und das ganze freundliche Elbtal übersieht und wo uns gewöhnlich die stattliche Gestalt mit dem milden Gesicht v. Ammons begegnete (des Oberhofpredigers), welcher diese stilleren Wege besonders liebte. Bald konnte ich sie auch mit Oehme und dessen Braut zusammenbringen, deren Bekanntschaft sie erneuerte und mit ihr nun befreundet wurde. Als drittes Paar in diesem Bunde erschien endlich noch Peschel, welcher einige Wochen nach mir von Italien zurückkehrte und seine Verlobte uns zuführte. Da dieses Doppelkleeblatt in ähnlichen Verhältnissen, gleichen Interessen und Strebungen sich fand, so war nichts natürlicher, als daß der innigste freundschaftlichste Verkehr daraus entsprang, welcher die heitere Blüte jener Tage war. In einen anderweiten Kreis wurde ich durch Peschel eingeführt. Im Gasthof »Zum blauen Stern« auf der Meißener Gasse wohnte ein junger Mann, namens Berthold, welcher von Kindheit an hinkend und kränklich, jetzt fast niemals sein kleines Dachstübchen verließ und deshalb von seinen Freunden gewöhnlich in den ersten Abendstunden besucht wurde, teils aus Anteil, um ihm seine Einsamkeit zu erleichtern, teils aber seines anregenden und interessanten Umganges wegen. Denn die Motive unseres Handelns sind ja oft gemischter Art. Er hatte das Gymnasium, später die Akademie und den Aktsaal besucht, mußte aber dann wegen zunehmender Kränklichkeit, weil er selten mehr ausgehen konnte, seine weiteren Studien aufgeben und arbeitete nun für sich an kleinen Kompositionen, die er aber niemand zeigte. Seine Muse war ein schüchternes, fast menschenscheues Wesen, sie besuchte ihn nur in stillen, einsamen Stunden, und sobald die Klingel an der Vorhaustür ihre dürftige Stimme erklingen ließ, hörte man im Stübchen ein Geräusch, und beim Eintritt war das Reißbrett nebst Zubehör verschwunden, mit offenem Blick reichte er herzlich die Hand entgegen, und niemand konnte ihm abmerken, wie innig er sich soeben noch bemüht hatte, den Eingebungen jener Freundin Form und Gestaltung zu geben. Seine Mutter, eine feine, sanfte Frau, leitete die Wirtschaft im Hotel, und wenn sie auf einige Minuten heraufkam, nach ihrem Ferdinand zu sehen, so mußte man sich an dem liebevollen Verhältnis, welches zwischen Mutter und Sohn bestand, erfreuen. Im Dachstübchen »Zum blauen Stern« fand man also in der fünften Nachmittagsstunde immer einige Freunde und Bekannte. In früheren Jahren bestand diese Gruppe aus Koopmann, Kügelgen, Ad. Zimmermann, Götzloff und Peschel, jetzt hatte diese sich zumeist aus letzterem, Oehme, Hantzsch, Architekt W. Herrmann und mir gebildet. Hier wurde nun alles, was auf den Kunstgebieten auftauchte, mit Lebhaftigkeit durchgesprochen; diejenigen, welche Rom gesehen hatten, schwelgten in der Erinnerung jener Tage und berichteten über Erlebtes und Geschautes, und Berthold verstand vortrefflich, aus jedem etwas Gutes hervorzulocken und in verwickelte Streitfragen Ordnung und Klarheit zu bringen. So verdankten wir diesen im Dachstübchen bei Berthold zugebrachten Stunden vielseitige Förderung, sie waren uns allen ein wesentliches Bedürfnis geworden. Auch in religiöser Beziehung fand im allgemeinen Übereinstimmung statt und bildete den Grundton unserer Harmonie. Eines originellen älteren Mannes muß ich hier noch gedenken, welcher, mit uns allen vertraut, von Zeit zu Zeit erschien und großer Kunstfreund war, zwar durchaus weder sammelnder noch kaufender und ebensowenig kritischer und gelehrter, aber eifrig produktiver. Er hieß Reichel, auch Reichöl genannt, war seines Zeichens Apotheker, hatte es aber vorgezogen, diesen Beruf aufzugeben und eine Leihbibliothek in Neustadt zu etablieren, welche er im Sommer von einem Verwandten besorgen ließ und dadurch Zeit gewann, seiner Lieblingsneigung zu folgen und nach der Natur Landschaft zu zeichnen. Fast alltäglich sah man ihn, einen alten Buchdeckel mit ordinären Papierstücken versehen und mit Bindfaden zugeschnürt, nach dem Wald laufen. Vom Linkeschen Bade aus ging er den Prießnitzbach hinauf, von dem dichten Kiefernwald beschattet, bis zu dem Wasserfall, welcher sich über Granitmassen herabstürzt. Dieses einsame Territorium war sein Lieblingsaufenthalt, und unermüdlich zeichnete er nicht ohne ein gewisses Naturgefühl auch die uninteressantesten Partien – ihm war aber dort alles interessant – und fühlte sich dabei überaus glücklich. Daß seine matten Bleistiftzeichnungen weder genau noch besonders sauber und ganz ohne Wirkung waren, darüber hat er sich gewiß niemals gegrämt; er war vollkommen glücklich und fühlte sich höchst behaglich bei dieser Beschäftigung ohne Anstrengung. Er verfiel durch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse auf den Gedanken, neue Lebensmittel zu entdecken. Als er Gras und Kräuter mancherlei Art durchprobiert hatte, kam er auf das Tierreich und erkor sich die Regenwürmer zu einem Versuch, zumal er hier die Chinesen bereits zum Vorbild hatte. In einem Teig von Mehl und Butter gehüllt, soll dieses Gericht »nicht ganz übel« geschmeckt haben. Weniger glücklich jedoch war er mit der Bereitung der gewöhnlichen Gartenschnecke. Hier ereilte ihn die Nemesis, und die grausamen naturwissenschaftlichen Experimente zum Besten der hungernden Menschheit wurden bestraft; »denn diese Tiere«, erzählte er langsam und komisch schmunzelnd, »gaben eine so staunenswerte Masse sehleimiger Fäden von sich, als sie gesotten wurden, daß die Küche und alle Töpfe, Tiegel und Teller damit behangen wurden. Meine gute Frau kam leider dazu und erschrak heftig. Ich wurde aber nun zur Küche gewaltsam hinausgeschoben und der fernere Eintritt mir untersagt«, fügte er mit vergnügtem Gesicht hinzu. * Eine andere komische Erinnerung von jener Tafelrunde will ich hier berichten, welche aber, wie die vorstehende, besser in »Dr. Katzenbergers Badereise« als hieher gepaßt hätte. Ein junger, talentvoller Architekt erschien auch zuweilen in unserem Kreise, welcher äußerst kurzsichtig und dazu sehr zerstreut war. Eines Tages war dieser mit einem uns bekannten Gelehrten, einem heiteren und witzigen Mann, in die kleine Gesellschaft gekommen. Eine Anzahl Kölnischer Tonpfeifen, welche hinter dem Ofen standen und mit der Namensciffre eines jeden Rauchers bezeichnet waren, befanden sich in bestem Gange; das Gespräch war lebhaft, denn es behandelte ein damals immer sich wiederholendes und niemals zur befriedigten Lösung kommendes Thema, nämlich: über den Begriff des Stils in der Kunst. Denn da der Künstler weniger in Begriffen als in Vorstellungen zu denken pflegt, so wollte uns eine den Inhalt vollständig deckende Fassung des Stilbegriffs nie gelingen, obwohl ein jeder von uns ein Bild von der Sache hatte. Nun war der Architekt eifrigst bemüht, dem Gelehrten, einem Laien auf dem Kunstgebiete, die Sache auseinanderzusetzen, verwickelte sich aber dabei immer mehr, und indem er, sich unterbrechend, jenen mehrmal befragte: »Verstehen Sie auch, wie ich es meine?« versetzte jener sehr heiter: »Ich glaube; fahren Sie nur fort, es ist mir noch nicht ganz dunkel genug.« Wir lachten, und ärgerlich klopfte unser Architekt seine Pfeife aus, und zwar in den Hut seines Nachbars, welcher zufällig am Boden stand und den er für den Spucknapf hielt. Er hatte ihn auch dazu gebraucht, wie jetzt zur Tabaksasche. Leider verbreitete sich jetzt ein brandiger Geruch, glimmender Tabak hatte das Hutfutter gesengt, und der Irrtum des Zerstreuten kam an den Tag. Ein anderes Mal schaukelte unser immer zerstreuter und unachtsamer Baukünstler sich auf seinem Stuhl, indem er sich auf den Hinterbeinen desselben rück- und vorwärts bewegte. Berthold warnte, nicht rücklings überzuschlagen. »Ei bewahre«, erwiderte er sehr sorglos, und in demselben Moment sah man sein Haupt samt der Tonpfeife sich rückwärts senken, während die Beine in die Höhe kamen, das kleine Tischchen vor Bertholds Sofa samt der Lampe und einigen Gläsern in die Höhe gehoben wurde, und mit Krach und Geklirr alles in Finsternis versank. »Hab ich's doch gedacht«, hörte man eine Stimme aus dem Dunkel; großes Gelächter machte das Finale. (Doch fort von diesen Allotrias.) * Den bedeutendsten Einfluß auf Kunst und Künstler übte zu jener Zeit in Dresden der Baron von Quandt. Seit einigen Jahren hatte er Leipzig mit Dresden vertauscht, und sein angenehm gelegenes Haus mit der vorzüglichen Gemäldesammlung neuerer deutscher und mehrerer alter Meister bildete öfter den Sammelplatz von Künstlern und Kunstfreunden. In Rom, wo er mit seiner Gemahlin den Winter 1810 zubrachte, verfolgte er mit Begeisterung den Entwicklungsgang der deutschen Kunst, und er freute sich namentlich des sich glänzend entfaltenden Talentes seines jungen Landsmannes Julius Schnorr, mit welchem eine innige Freundschaft ihn verband. Zu allen Zeiten haben Männer, welche, durch Vermögen begünstigt, eine unabhängige Stellung einnahmen und mit lebhaftem Geist, Verständnis und warmer Überzeugung eine bestimmte Richtung verfolgten, wohltätig fördernd auf die verwandten Elemente eingewirkt, indem sie für das Zerstreute einen Sammelpunkt bildeten, von welchem aus das Leben sich erhöhte und weitere Kreise angezogen wurden. So war es hier bei Quandt. Seine reiche Kupferstichsammlung – es war besonders die Schule Marc Antons, Schongauer und Dürer in kostbaren und seltenen Drucken vertreten – gab so manchen schönen Winterabend Genuß und anregende Unterhaltung. Naecke, Oehme, Peschel und ich kamen mit einigen Kunstfreunden fast regelmäßig zusammen Uns drei Letztgenannten gab es einen gewissen Halt, eine Hoffnung auf die Zukunft, daß wir in Quandt einen Vertreter jener Richtung fanden, welche uns beseelte, aber von den älteren Künstlern in Dresden nicht wohl angesehen, von vielen geradezu als Verirrung bezeichnet wurde, auch im Publikum noch wenig Anklang fand. Bei Oehme hatte Quandt eine größere Landschaft bestellt, von mir wünschte er zwei italienische Landschaften in mittlerer Größe, und ich wählte Civitella und Ariccia, charakteristische Motive aus dem Sabiner- und Albanergebirge. Zunächst machte ich mich aber an den Entwurf eines großen Bildes aus dem Lauterbrunner Tale und nahm dabei zur Staffage einen Auszug der Hirten und Herde auf die Alm. Quandt ermutigte mich zur Ausführung, um es zur Ausstellung nach Berlin schicken zu können, wo man an der Akademie einen Landschafter suchte, weil Helmsdorf, welchen man dafür erkoren, nicht angenommen hatte, sondern einem Rufe nach Straßburg gefolgt war. Ich will hier sogleich hinzufügen, daß dies Bild in Berlin nicht gefiel, also eine Berufung auch nicht stattfinden konnte. Im Jahre 1827 kamen mehrere Freunde aus Rom zurück, die ihren Weg über Dresden nahmen. Ich nenne nur Schnorr, Maydell, Karl Schumacher. Durch Schnorr wurde ich mit dessen Schwager Blochmann näher bekannt, einem Schüler und Freunde Pestalozzis und jetzt Begründer des weit und breit berühmten Erziehungs-Instituts in Dresden. Maydell wohnte acht Tage bei mir, und das waren mir glückliche Tage; denn ich hing an dem herrlichen Menschen mit einer Begeisterung, wie sie nur durch die innigste Übereinstimmung des Edelsten und Besten, was in uns lebt, erzeugt werden kann. Er lernte auch meine Auguste kennen; denn da meine Wohnung in ihrer Nähe war, so besorgte sie uns das Mittagessen herüber und überwachte auch sonst meinen kleinen Haushalt samt der alten Haushälterin. Ihr einfach natürliches Wesen, das Resolute, Verständige, Tüchtige in allem, was sie vornahm, Muster und musterhaft geschult im Hauswesen und Küche, und endlich ohne viel Worte und Gebärde von Herzen demütig und gottesfürchtig, so war sie, ein Bürgermädchen jener Zeit, und Maydell hatte sie sehr gern, und in späteren Jahren unterließ er nie, in seinen Briefen nach Frau Gustel sich zu erkundigen. Es versteht sich, daß gar manchmal die gemeinsam verlebten letzten Jahre in gewissen Kapiteln durchsprochen wurden: das Zusammentreffen am Silvesterabend, die Wanderung durch die Abruzzen, der originelle Aufenthalt in Civitella, die Ostiafahrt, alles dies und anderes tauchte in der Erinnerung wieder auf. Maydell, der nun in seine Vaterstadt Dorpat zurückkehren wollte, ging einer sehr zweifelhaften Zukunft entgegen; denn es ist nicht leicht, von allem Kunstleben weit entfernt, ohne äußere Anregung, sein Ziel zu verfolgen und sich frisch zu erhalten. Doch er vertraute der Leitung seines Gottes mit Ruhe und völliger Zuversicht; er wußte, wie er auch geführt werde, so sei es das Gute und Beste für ihn; seine Aufgabe sei es nur, diesen Willen seines Herrn zu erkennen und in solcher Erkenntnis das Rechte zu tun. So schieden wir nun abermals mit wehmütigem Herzen, aber doch auch innerlich gestärkt und getröstet. Auch meine Aussichten waren nichts weniger als ermutigend; denn die schönen Verheißungen meines väterlichen Freundes Arnold waren leider zu Wasser geworden. Denn als ich einstmals zu ihm kam, fand ich ihn vor seinem Schreibtisch sitzend, gebeugt, den Kopf auf die Hand gestützt, und vor ihm zwei erbrochene Briefe. Mit bewegter Stimme sagte er endlich: »Lieber Freund, ich habe Ihnen ein Versprechen gegeben, welches ich nicht mehr halten kann. Ich bin ein ruinierter Mann!« Die Stimme versagte ihm, die Tränen traten ihm in die Augen, und zitternd fuhr er dann weiter fort: »Hier liegen zwei Briefe von Geschäftsfreunden, welche mir melden, daß der elende Macklot in Stuttgart meine neuen Prachtausgaben von Schillings, van der Veldes und Tromlitz' Schriften, deren letzter Band noch nicht einmal ausgegeben ist, nachgedruckt und für einen Spottpreis angekündigt hat. Nun liegen diese großen Auflagen wie Blei bei mir. Das große Kapital, das ich hineingesteckt habe, ist verloren, und ich weiß nicht, ob ich nicht in den nächsten Tagen die Handlung schließen muß.« Im Mittelalter lauerten die Wegelagerer und Buschklepper den vorüberziehenden Kaufleuten freilich auch auf und beraubten sie; allein sie konnten sich gegen die Spitzbuben bewaffnen und im schlimmsten Fall Lösegeld für ihre Waren geben; allein der im Gesetz erlaubte Nachdruck gestattete den Raub fremden Eigentums, und wurde derselbe von einem deutschen Bundesstaat verboten, so befanden sieh die Nachdrucker im Nachbarstaate wie die Sperlinge im Hanffelde desto besser. So war derselbe bei uns in Sachsen nicht gestattet, wohl aber in Württemberg und brachte dem Lande »ein schönes Geld« ein, ein Geld, welches zwar nicht ungesetzlich, aber gewiß unrechtmäßig und unehrlich erworben war. Durch Arnolds Mitteilung war für mich freilich eine schöne Seifenblase zerplatzt; doch war ich eigentlich weniger davon überrascht, als man hätte denken können. Allein mir war die Aussicht auf ein Jahrgehalt von achthundert Talern mit der Bestimmung, Bilder nach eigener Wahl und eigener Erfindung dafür zu malen, ein allzu schimärisches Glück, um so recht daran glauben zu können. Arnold war übrigens von der Hiobspost so überrascht worden, und ich war gerade zu diesem Moment gekommen. Der Schlag war hart für ihn, doch nicht in dem Grade, wie es so oft der erste Augenblick erscheinen läßt. Für mich ergab sich aber die Notwendigkeit, in der früher geübten Weise, nur womöglich etwas künstlerischer in der Wahl, An- und Aussichten für ihn zu radieren, wodurch für einige Jahre meine bescheidene Existenz gesichert war. Man muß bedenken, daß in dieser Zeit die Kunstvereine noch nirgends existierten, daß die Zahl der Gemäldesammler, Kunstfreunde, eine sehr geringe war, und an eine Anstellung an der Akademie war nicht zu denken, zumal der einzige Lehrer für das Landschaftzeichnen mein Vater war. Bei alledem fühlte ich mich glücklich; denn ich war durch Quandts Bestellung und die Arbeiten für Arnold für zwei, drei Jahre gedeckt und ohne Sorgen und konnte nach der Arbeit zu meiner lieben Braut eilen und mit ihr zuweilen in den nahen Großen Garten gehen, wo ich dann Freund Oehme fand, der inzwischen seine Emma als Gattin heimgeführt hatte. Unter den alten schönen Linden in der damals einfachen Hochschen Wirtschaft fanden sich überhaupt oft die römischen Bekannten und Freunde ein. Der brave, etwas pedantische Kupferstecher Stölzel, Peschel und Hantzsch, Schumacher (nachmals Hofmaler in Schwerin), Oehme und Frau, ich mit Braut haben da manchen schönen Sommerabend gar gemütlich und lustig zugebracht. Im Winter kam Gustchen oft zu den Eltern, oder ich war bei ihr, wo ich ganz besonders bei der heiteren und gutherzigen Frau Böttger und der alten Jungfer Köhler sehr wohl gelitten war. Letztere, siebenzigjährig, eine arme Verwandte Böttgers, lebte schon seit Jahren im Hause. Nun ergab sich ein Übelstand dadurch, daß mein Papa und »Vetter Böttger« einander nicht besonders liebten. Der Vater war ein gutmütiger, natürlicher, jovialer Mann, der Herr Vetter Akziseinnehmer war spitz, geschraubt und eitel, und wenn er übler Laune war, konnte er sehr unangenehm werden, und so entstand bald ein so gespanntes, ja feindseliges Verhältnis zwischen beiden, daß es auch für uns junge Leutlein recht drückend wurde. »Des langen Haders müde, da macht' ich endlich Friede«, und zwar dadurch, daß ich dem Freund Oehme nachfolgte und Aufgebot und Trauung bestellte, mit der Eltern und Böttgers Zustimmung, ja Wunsch. Es fügte sich, daß über der dritten Etage, welche meine Eltern bewohnten, eine kleinere Wohnung frei wurde, welche gutes Licht, hübsche weite Aussicht und passende Räume hatte. Diese mietete ich, und bald war sie einfach, aber recht traulich und freundlich eingerichtet. So fuhr ich an einem Sonntag in der Frühe, es war der 4. November (1827) mit Gustchen durch die noch ganz dunklen Gassen zur Kreuzkirche. Es war der Frühgottesdienst zu Ende, der Gesang des letzten Verses und das verhallende Orgelspiel hatten unsere bewegten Herzen noch feierlicher gestimmt. So gaben wir uns die Hände in Gottes Namen und empfingen den Segen der Kirche. Und Gustchen ward mir ein Segen und das treueste Glück meines Lebens während der siebenundzwanzig Jahre, welche Gott sie mir geschenkt hat! * Der Hochzeitstag ging bei großer Einfachheit heiter und in schöner Stimmung vorüber, und wir beide trugen eine Seligkeit im Herzen, die uns still machte, weil es keine Worte dafür gab, und die sich mehr in Mienen, mit Ton der Stimme und in dem herzlichen, langen Händedruck zu erkennen gab. Mittags waren wir bei Böttgers zu Tisch, am Abend bei meinen Eltern, wo ein Punsch gebraut wurde; denn es war heute der erste Schnee gefallen und ein solcher Trank am Platze. Die einzigen Hochzeitsgäste waren Oehme mit seiner Frau. Er war mit beiden Eltern wohlbekannt; denn bei Böttger hatte er in früheren Jahren als Assistent bei der Akzise ihm beigestanden, während er meine Eltern später in seinen Künstlerjahren kennengelernt hatte. Sein höchst anmutiges Wesen, der sprudelnde, feine Witz und gutmütige Humor versetzte alles in die angenehmste Stimmung. So hieß es denn nun, nachdem ich sieben Jahre um meine Rahel gedient – und geseufzt hatte: Ende gut, alles gut! * Von Flitterwochen oder Hochzeitsreise war natürlich keine Rede, kein Gedanke daran. Aber wir führten ein paar Monate ein überaus glückliches Stilleben. Ich arbeitete an dem für Quandt bestimmten Bild: »Der Abend und die Heimkehr der Landleute nach Civitella«. Das Mädchen, welches die Felsenstufen aufsteigt und nach dem Beschauer heraussieht, war Gustchen, die ich dazu nach der Natur zeichnete. Oberbaurat Schinkel in Berlin, welcher späterhin das Gemälde irgendwo besprach (siehe Jahn), nennt diese Figur den Mittelpunkt des Bildes, um welchen alles übrige sich gruppiere. Dies war zwar unwillkürlich und unbewußt so geworden, hatte aber doch einen recht natürlichen und guten Grund. Die Studie zu dieser Figur besitze ich noch als liebes Andenken aus jenen traulichen Tagen. In dieser Zeit besuchte mich Baron von Rumohr mit seinem Freunde, dem Grafen Baudissin. Ersterer, als geistvoller Kunstforscher durch seine »Italienischen Forschungen« unter uns Künstlern hochgeachtet, äußerte sich beifällig über das Bild, tadelte aber (und mit Recht), daß ich in den Schattenpartien (z. B. den Felsen) alles mit eben der Bestimmtheit ausführe, wie an den Lichtseiten, wodurch aber die malerische Wirkung geschwächt werde; auch sei es unrichtig nach der optischen Wirkung; denn im Schatten verschwinden für unser Auge mehr oder weniger die Einzelheiten in Form und Farbe, und so gewähren diese ruhigen Schattenmassen für das Auge den ruhigen Eindruck und heben zugleich die Lichtpartien durch diesen Gegensatz kräftiger hervor. Ich fühlte wohl, daß Rumohr auf seine Weise recht habe; doch konnte ich noch nicht zu einer anschaulichen Vorstellung von dem gelangen, was ihm vorschwebte, und so mußte ich vorläufig bei meiner Weise bleiben. Die Absicht auf malerische Wirkung, auf starke Modellierung lag überhaupt nicht im Sinn dieser Richtung; immer herrschte die Zeichnung vor. Noch eine zweite Bemerkung Rumohrs war mir beachtenswert. Er sah meine italienischen Naturstudien durch und fand darunter ein Blatt, welches eine Partie oberhalb Albano mit der Aussicht aufs Meer darstellte. Es war, wie alle diese Zeichnungen, mit hartem, spitzem Bleistift höchst genau und sorgfältig gemacht. Weil aber der Vorgrund eine flache, abschüssige Straße war, welche keine bedeutende, an dieser Stelle erwünschte Form darbot, so hatte ich aus dem Gefühl, es müßten hier bewegtere Linien hinkommen, einige flüchtige und unbestimmte Angaben in diesem Sinne gemacht. Rumohr wandte sich lächelnd zu Baudissin und sagte: »Dies ist die erste Landschaftszeichnung aus dieser römischen Periode, auf welcher ein freier Flügelschlag versucht ist. Die jüngeren Künstler zeichnen alle mit einer Präzision und Sauberkeit, daß sie gar nicht wagen, eine zufällig unschöne und ungünstige Stelle durch Angabe einer besseren künstlerischen Intention zu ersetzen, aus Furcht, ihre saubere Arbeit zu schädigen. Man betrachte nur die Studien und Entwürfe der alten Meister; sie kopierten nicht allein die Natur, sie ließen dabei auch die Eingebung ihres Ingeniums walten.« Er bat mich um die Zeichnung, und ich fand sie späterhin unter seinem Nachlaß, jedoch im Katalog unter dem Namen Erhardt (des bekannten Radierers) angeführt. Bei einem Besuch, den ich nach einigen Tagen bei Rumohr machte, stellte er mir »seinen Schüler« Nerly vor, einen hübschen, jungen Mann, von dem ich außerordentlich schöne Federzeichnungen sah. Sie stellten meist holsteinische Gegenden vor, reich staffiert mit Viehgruppen. »Den habe ich geschult«, sagte der Baron mit einigem Selbstbewußtsein, »und er hat dabei manche Ohrfeige bekommen.« Nerly wurde rot und verließ das Zimmer. Der Meister schien nach sehr alter Methode seinen Schüler gezogen zu haben; doch war nicht zu verkennen, sie hatte gut angeschlagen. Er meinte ferner: er lasse Nerly stets hirschlederne Handschuhe tragen, welche die Hand weich und geschmeidig erhielten. – Schließlich verehrte er mir eine seiner eigenen Zeichnungen, welche meist aus bloßen Schraffierungen bestanden, aus denen sich eine Art Landschaft gebildet hatte. – Eine Zeichnung Nerlys wäre mir lieber gewesen. * Da meine Aussichten bei den dermaligen dürftigen Kunstzuständen wenig ermutigend waren und einigermaßen dem Traumgesicht des ägyptischen Königs von den sieben mageren Kühen glichen, so lenkte sich meine Aufmerksamkeit schon damals auf Gegenstände, welche eine lohnende Tätigkeit versprachen. Zwar blieben es vorläufig nur Ideen, welche ich mir notierte, aber ich führe es an, weil es wie Vorahnungen oder sich regende Keime waren, die nach einem Dezennium und später immer mehr zur Entwicklung kommen sollten. So beschäftigte mich z. B. der Gedanke lebhaft, in Radierungen ein Werk zu sammeln und nach und nach herauszugeben, etwa unter dem Titel: »Drei deutsche Ströme«. Ich dachte dabei an Rhein, Donau und Elbe, eine Art Merian redivivus. Doch sollte alles künstlerisch gefaßt, besonders malerische, historisch merkwürdige Gegenden und Gegenstände hervorgehoben werden, vor allem aber das Volksleben in seiner Eigenartigkeit, in Kostüm, Sitten und Gebräuchen zur vollen Geltung gebracht und mit dem Landschaftlichen verbunden werden. Der ganze künstlerische Gedanke ging aus einem patriotischen Gefühl hervor, wie es sich in Gedichten Arndts und Max von Schenkendorfs ausspricht, wenn sie die alte Herrlichkeit deutscher Städte, des Landes Schönheit und des Volkes Leben und Lust, Zucht und Sitte besingen. Zu bedauern war es – wenigstens von meiner Seite –, daß das »romantische Deutschland« schon im Gange war und seinen ganzen alltäglichen Zuschnitt empfangen hatte, als ich von Georg Wigand zur Beteiligung daran aufgefordert wurde. Die Mittel zur Ausführung meiner Idee wären da wohl vorhanden gewesen, und der gute Wille und eine ähnliche Vorstellung mochten auch Wigand vorgeschwebt haben; allein er war zu jener Zeit noch völlig ohne Kunstverständnis, drückte sich auch selbst darüber scherzend sehr stark aus, aber es war eben nichts mehr daran zu ändern! Eine andere Notiz machte ich mir, nachdem ich »Des Vetters Eckfenster« von Callot-Hoffmann gelesen hatte. Wie ein alter Vetter, welcher nicht ausgehen konnte, aus seinem Eckfenster am Markte allerlei Beobachtungen anstellt über die auf dem Platze täglich sich zeigenden und wiederkehrenden Gestalten, sich erlustigt, interessante Szenen erlebt und wunderliche Persönlichkeiten erblickt und sich an ihnen ergötzt – so, glaubte ich, könne ich auch eine ähnliche Sammlung solcher »Bilder aus dem täglichen Leben« in meinem Skizzenbuch zusammenbringen und vielleicht in Radierung herausgeben. Als in späteren Jahren der Holzschnitt wieder aufgefunden und geübt wurde, realisierten sich auch diese Gedanken in verschiedener Weise. So tapezierte ich mir vorläufig den Hintergrund der nächsten Jahre mit Plänen, indem ich in petto einen Vorrat von möglichen Arbeiten mit mir herumtrug. Ungleich mißlicher waren die lieben Freunde Peschel und Hantzsch gestellt. Ersterer arbeitete an einem kleinen Ölbilde: »Rebekka und Elieser am Brunnen«, welches noch sehr das Studium der alten Florentiner erkennen ließ. Hantzsch dagegen hatte den wilden Jäger nach Bürgers Ballade in Arbeit, ein Gegenstand, der nicht für ihn paßte und trotz allen Mühens nicht gelingen wollte. Nach diesem verunglückten Versuch in der Romantik griff er wie zufällig nach einem Stoff, der ihm näher lag, eine recht anmutige Szene aus dem Dorfleben. Er fuhr in dieser Richtung fort, und seine Bilder wurden ungemein populär und fanden allgemein Beifall. Jetzt aber, wie erwähnt, erprobten beide Freunde die Kräfte an der Erstlingsarbeit, aber um diese ausführen zu können, blieb ihnen nichts übrig, als durch Zeichenunterricht und durch Dosenmalen ihren Unterhalt zu erwerben, und bei alledem war zuletzt der Verkauf ihrer Bilder nicht wahrscheinlich. Beide wohnten und arbeiteten in ein und derselben Stube; beide liebten zwei Schwestern, und es ging noch manches Jahr vorüber, ehe sie an das Ziel ihrer Wünsche kommen konnten. * In Meißen war der alte Hofmaler Arnhold gestorben, ein ausgezeichneter Blumenmaler und Lehrer an der dortigen Zeichenschule, welche eine Filiale der Dresdener Kunstakademie war. Die drei Lehrer an derselben, Schaufuß, der eben verstorbene Arnhold und Scheinert waren zugleich Porzellanmaler an der berühmten Fabrik. Aus diesem Grunde hatte ich keine Notiz von der Besetzung der erledigten Stelle genommen, um welche sich viele Maler beworben hatten. Ich war deshalb nicht wenig überrascht, als ich am Fastnachtsdienstag ein Schreiben vom Generaldirektor der Akademie, dem Grafen Vitzthum, erhielt, in welchem mir die erledigte Stelle zugesprochen wurde, im Fall ich auf dieselbe reflektieren und darum mit einem Gesuche einkommen wolle. Gustchen hatte für diesen Abend die Eltern und Geschwister heraufgebeten und rüstete, wie es am Fastnachtsabend Gebrauch ist, an einem bescheidenen Schmause, der in einem Glase Punsch und einer Schüssel Plinsen, einem hier beliebten Gebäck von Heidemehl und Speck, bestand und des Papas Nektar und Ambrosia war. Da tischte ich denn auch noch Vitzthums Schreiben auf, und es entstand großer Jubel, daß mir so bald eine Anstellung entgegenleuchtete. War es auch ein Sternlein sechster Größe, so war es doch ein Fixstern, der mir zweihundert Taler jährlichen Gehalt fixierte. Hatte ich doch schon in Rom daran gedacht, ob es nicht ratsam und leicht ausführbar sein würde, in der alten, herrlich gelegenen Stadt Meißen meinen Wohnsitz dereinst aufzuschlagen, und hatte ich nicht eines Tages auf der Heimreise eine poetische Fantasia in mein Tagebuch geschrieben, welche dasselbe Thema behandelte? Jetzt rief es nun so urplötzlich: Komm! und ich zauderte nicht mit der Antwort. Gleich am anderen Morgen schrieb ich das Gesuch, und in wenig Tagen hatte ich das Berufungsreskript zur Stelle, schwarz auf weiß in den Händen. Durch welche wunderliche Fügung wurde mir aber diese Anstellung zuteil, welche mir die akademische Laufbahn eröffnete, da ich doch von der ganzen Sache nichts gewußt hatte und deshalb auch nichts dazu tun konnte? Dies war also zugegangen. Nicht weniger als sechzehn Bewerber um diese Stelle hatten sich aus Meißen und Dresden gemeldet, unter welchen einer als der geeignetste und talentvollste gewählt wurde. Eine Mappe mit gemalten und gezeichneten Studien nach Gips und nach dem Leben hatte er zum Beweise seines Könnens an die Generaldirektion eingesandt, und Vitzthum war im Begriff, das Anstellungsreskript ausfertigen zu lassen, als in letzter Stunde zufällig Professor Rösler zu ihm kommt und bei dieser Gelegenheit vom Grafen die Mappe vorgelegt erhält. Rösler betrachtet ein paar Blätter, und als er das dritte in die Hand nimmt, sagt er: »Das hier ist aber nicht von R. (dem erwählten Bewerber), sondern von meinem Schüler Baumbach.« Der Graf stutzt, meint aber, das sei wohl nicht möglich, bis Professor Rösler versichert, Baumbach habe diese Modellstudie vor kurzem in seinem Atelier und unter seiner Leitung gemalt, er kenne sie deshalb ganz genau. Darauf wird die Mappe weiter durchblättert, und es findet sich noch eine Anzahl Studien, welche nicht von R, sondern von genanntem Baumbach herrührten. Der Graf, höchst aufgebracht über diese »freche Täuschung«, schickte dem Künstler sogleich seine Mappe zurück und schrieb jetzt an mich. Jener R. aber, ein etwas wunderlicher, jedoch ganz braver Mensch, hatte in einem unbegreiflichem und im vorliegenden Falle sträflichen Leichtsinn die fremden Blätter nur dazu gelegt, um die Masse der Vorlagen unnützerweise zu vermehren, denn seine eigenen Arbeiten waren völlig ebensogut wie jene. Schon in vierzehn Tagen sollte ich mein Amt antreten, und so leid es mir war, meine kaum begründete und so angenehme Häuslichkeit zu verlassen, so freute ich mich doch zugleich auf das alte, romantische Meißen, welches ich mir schon in meinen Träumereien zum künftigen Wohnsitz erkoren hatte. Zur bestimmten Zeit fuhr ich mit Hartmann, dem Direktor der Dresdener Akademie, nach Meißen, die Schüler wurden mir und ich den Kollegen Schaufuß und Scheinert, dem Malervorsteher Kersting und ein paar der obersten Fabrikbeamten vorgestellt. Einem der letzteren, einem Mann von großer Leibesgestalt und etwas überschwenglicher Erhabenheit in Miene und Gebärden, empfahl mich Hartmann mit freundlichen Worten, worauf jener sehr herablassend erwiderte: »Jeister finden sich«, – und keine weitere Notiz von mir nahm; und so haben sich unsere Jeister niemals gefunden. Ich hatte keine Ahnung davon, daß zwischen einem Oberfaktor der königlichen Porzellanfabrik und einem »Zeichenmeister« eine unübersteigliche Kluft sich befand. Meißen 1828-1835 (Geschrieben in Loschwitz, Mai 1878) Fünf Stunden von Dresden liegt in dem fruchtbaren Elbtale das alte, malerische Meißen. Zur linken Seite des Flusses zieht sich ein steil abfallender, grün umbuschter Höhenzug bis zur Stadt Meißen, auf dessen Höhen, anderthalb Stunden vorher, die sehr alte Burg Scharfenberg, näher das freundliche Schloß Siebeneichen thronen; zur Rechten aber ist die Elbe von den weinreichen Spaarbergen eingerahmt. Wenn man nun damals auf der Poststraße um eine Ecke des Spaargebirges bog, wurde man gar anmutig von dem Anblick Meißens überrascht, welches in halbstündiger Entfernung sich höchst malerisch erhob. Die Albrechtsburg mit dem herrlichen Dom, der Bischofsturm an der Ecke des Berges, der St. Afraberg mit der Klosterkirche und der Fürstenschule senken sich zur Stadt und in das Triebischtal hinab, und das ganze schöne Bild spiegelt sich samt der Brücke in der Elbe. Die moderne Kultur hat allerdings manche grelle, häßlich störende Dissonanzen in dies harmonische Gebilde hineingetragen, welche für das Künstlerauge eine Wirkung hervorbringen wie der gellende Ton einer Dampfpfeife zu einem Mozartschen Hymnus. Mein Weg nach der Zeichenschule war ein Kunstgenuß von Anfang bis zum Ende. Von der alten Afrakirche durch das Tor des Burglehnhauses nach der Schloßbrücke, welche den Afraberg mit dem Schloßberg verband und vom Kaiser Heinrich I., dem Städtegründer, erbaut sein soll, war der Weg schon reich an höchst malerischen Einzelheiten, und die Aussicht von derselben in das Meißetal, und andererseits über die unten liegende Stadt, die Elbe, die Spaarberge, und in weiterer Ferne das ganze reiche Elbtal bis über Dresden und die Berge des Hochlandes und Böhmens war überaus schön, und man verweilte immer gern zwischen den hohen Brustwehren dieses Überganges, wo zur Linken im Vorgrund die Kapitelgebäude und der Bischofsturm das Bild abschlossen. Jetzt kam man zu dem zweiten alten Tore und trat auf den Domplatz mit der im reinsten gotischen Stil ausgeführten Kirche und der Albrechtsburg, letztere eine der wenigen noch erhaltenen gotischen Palastbauten. Der kunstreiche Turm mit der Wendeltreppe, ein Meisterwerk altdeutscher Kunst, führte mich im zweiten Stockwerk in die herrlichen Räume der Kunstschule, deren jugendliche Insassen sich wie ein Sperlingsnest am Hochaltar ausnahmen. An den mächtig großen Fenstern standen für den alten Schaufuß und für mich zwei Arbeitstische; denn nach der Korrektur konnten wir daselbst arbeiten und uns zwischendurch wohl auch an der schönen Aussicht auf die in der Tiefe liegende Elbe und den Proschwitzer Felsen, samt der alten Kirche von Zscheile ergötzen, bei welcher manche Bennosagen ins Gedächtnis kamen. In einem zweiten ebensogroßen Saale mit einem kunstvollen Spitzbogengewölbe hatten Scheinert und einige der vorzüglichsten Porzellanmaler der Fabrik ihre Plätze am Fenster, und alle bisherigen Lehrer an der Zeichenschule waren zugleich künstlerisch für die Fabrik beschäftigt. Scheinert war ein gemütlicher und höchst gefälliger Kollege und ein ganz vorzüglicher Glasmaler, und viele Kirchen Sachsens haben Arbeiten von ihm aufzuweisen, die entweder nach den Kartons neuerer Künstler oder nach A Dürer und sonstigen Meistern der altdeutschen Schule kopiert wurden. Er wohnte in einem Bauernhause in Niederfähre, arbeitete oft, wenn die Arbeit drängte, ohne Unterbrechung vom frühen Morgen bis lange nach Mitternacht. Ja, er ließ seine Frau zu solcher Zeit kein Mittagessen bereiten, damit sie ihm ungehindert vorlesen könnte, und dann begnügte er sich mit Kaffee und Kuchen. Sie war eine heitere und sehr hübsche junge Frau, die sich aber bald die Schwindsucht an den Hals gelesen hatte und starb. Auch seine zweite Frau, eine sanfte, zarte Natur, starb nach Jahresfrist an derselben Krankheit, bis endlich die dritte, eine stattliche Erscheinung, gesund, verständig und dabei liebenswürdig in ihrem Benehmen, das Regiment im Hause führte, dem zerfahrenen Wesen ein Ende machte und eine behagliche, wohlgeordnete Häuslichkeit herstellte. Diese Frau war so begabt, daß sie später ihrem Manne bei seinen Glasmalereien half, zuletzt sogar ganz hübsche Glasbilder nach den Boissertéeschen Bildern malte, da sie doch früher keinen Zeichenunterricht gehabt hatte. Mit Schaufuß, damals schon hoch betagt, hatte ich keinen näheren Verkehr. Er kopierte unzähligemal die Sixtinische Madonna und noch öfter die beiden Engelskinder zu Füßen derselben. In Sepia getuscht, auf Porzellan gemalt, war es ihm ein stehender – oder vielmehr stets abgehender Artikel, und er bemerkte beim Kopieren mit Selbstgefühl und in Anerkennung des Fortschrittes unserer Zeit, »wie Raffael auch Fehler gemacht habe«, die er natürlich verbesserte. Er war in seinem Lehen nie weiter, als ein paarmal nach Dresden gekommen, und sein Erdenwandel glich der langsamen Bewegung eines Perpendikels; denn täglich kam und ging er von Hause auf den Afraberg zum Schloß und vom Schloß nach Hause, und nachmittags gab es dasselbe Manöver. Wenn er seine gedruckten Gehaltsquittungen zu unterschreiben hatte, zog er mit großer Aufmerksamkeit zwei Linien für die großen und kleinen Buchstaben seines Namens und mußte sich überhaupt zu diesem wichtigen Akt, wie er es nannte: »präparieren«. Ich stand einst bei solchem Unterschreiben an seinem Tisch, was ihn aber zu stören schien, denn er schrieb Gottlob Schaf – und als er ein zweites Formular nahm: Gottlob Saufuß, worauf er sehr ärgerlich mir sagte: er könne nicht schreiben, wenn jemand dabeistehe. Ich ging also beiseite, und so gelang das dritte Blatt zu seiner eigenen Zufriedenheit. Eine allgemein geachtete Familie war die des Malervorstehers Kersting, in welcher Einfachheit der Sitte und ein teilnehmendes geistiges Leben in schönem Verein anzutreffen war. Er, ein biederer Mecklenburger, welcher den Befreiungskrieg im Bannerkorps mitgemacht hatte, trug immer noch den patriotisch-religiösen Zug jener großen, herrlichen Zeit an sich, einer Zeit, die so geistig und sittlich erhebend auf die damalige Jugend gewirkt hatte. Kersting war ein höchst lebendiger, oft etwas exaltierter Mann, im Gegensatze zu seiner ruhigen, klar verständigen Frau; doch gab diese Mischung ihrer Ehe einen guten Klang. Den beiden wackeren Söhnen begegnete ich später in Dresden wieder, wo der eine, ein talentvoller Schüler Schnorrs, frühe gestorben ist; der zweite, eine liebenswürdige Natur, studierte Chemie und nahm eine Stellung in Dorpat an, von wo er mich mit seiner Frau mehrmals besuchte. Da ich nicht sogleich eine passende Wohnung hatte finden können, so mußte Frau Gustel noch einige Wochen in Dresden allein zurückbleiben, während ich unten in der Stadt ein gewaltig großes Eckzimmer bezog, welches mit seinen weiß getünchten Wänden, ein paar Stühlen und einem uralten, mächtigen Familientisch in der Mitte der Stube einen recht öden Eindruck machte. Es war ein ungemütlicher Aufenthalt, und des Abends vermochte mein bescheidenes Studierlämpchen weder den dunklen Raum zu erleuchten, noch der alte, dicke Kachelofen ihn zu erwärmen. Es war an dem Tage, als in Nürnberg das große Dürerfest gefeiert wurde (6. April 1828), wo auch in Dresden zum ersten Male sich eine Anzahl Künstler und Kunstfreunde zu einem Festmahle vereinigt hatten, an dem auch meine Freunde begeistert teilnahmen, als ich von meiner Korrektur in der Zeichenschule kam und den Abend auf meinem Zimmer bleiben wollte. Mein Herz fühlte sich heute doppelt nach Dresden gezogen, und ich war gerade in diesen Tagen hier an die Kunstschule gefesselt und hatte nicht fort gekonnt! Da bringt mir noch gegen Abend der Postbote ein Paket. Wie glücklich! es war Albrecht Dürers »Leben der Maria«, welches ich aus der Ernst Arnoldschen Kunsthandlung erhielt. Ich hatte es für dreizehn Taler inklusive des seltenen Titelblattes vor einiger Zeit gekauft und bekam es also gerade jetzt zur rechten Stunde. Nicht ohne langes Bedenken und Zögern hatte ich mich zum Ankauf entschlossen; denn die Summe war für meine Verhältnisse eine bedeutende. Aber sie hat reiche Zinsen getragen. Bei Philipp Veit in Rom hatte ich diese reizenden Holzschnitte des Großmeisters deutscher Kunst zum ersten Male gesehen; heute feierte ich am stillen Abend ganz einsam beim Studierlämpchen sein dreihundertjähriges Gedächtnis, indem ich die ewig jungen, unverwelklichen Blüten seines Geistes mit Wonnegefühl betrachtete und mich in sie hineinlebte. Blatt für Blatt verfolgte ich jeden Zug, und nur zuweilen flog dabei ein Schatten von Wehmut über die Bilder, wenn ich der festfeiernden Freunde gedachte und meiner Auguste, die ich mir zur Seite wünschte, damit sie sich über die Dürers und wahrscheinlich noch mehr über meine Freude erfreuen könne. Vor allen anderen Werken Dürers hat gerade dieses zu aller Zeit eine produktiv anregende Wirkung auf mich gehabt. – Das in Dresden abgehaltene Fest hatte indes auch eine bedeutende Folge. Einige Tage vor demselben hatte Peschel bei Quandt den Gedanken angeregt, ob nicht bei dieser günstigen Gelegenheit die Begründung eines Kunstvereins in Vorschlag gebracht werden könnte, welche Anregung v. Quandt mit Lebendigkeit ergriff und sie dem Hofrat Böttiger, welcher die Festrede zu halten hatte, mitteilte. Die Sache gelang, und es fanden sich sogleich eine große Anzahl Unterzeichner, und so war dies der Geburtstag des sächsischen Kunstvereins. Über die Kunstvereine und ihre Wirkungen auf die moderne Kunstentwickelung ist viel für und gegen gestritten worden. Ich bin nie für sie begeistert gewesen; aber das muß ich zu ihren Gunsten sagen, daß diejenigen, welche die Kunstzustände kannten, wie sie in Deutschland bis in die zwanziger Jahre fast durchgängig waren, genötigt sein werden, ein Loblied auf diese Vereine anzustimmen. Sie haben in weiten Kreisen ein Publikum herangebildet, welches für Kunst in ihren verschiedensten Richtungen lebendigen Anteil, vielfach ein feines Verständnis entgegenbringt, während ein solches früher gar nicht vorhanden war. Wieviele Talente sind jämmerlich zugrunde gegangen aus Mangel an jeglichem Auftrag. Ich nenne hier in Dresden Gränicher, Wehle, Schiffner. Andere, die sich einigermaßen durcharbeiteten, kamen doch nicht zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte, und in Dresden konnte ein Maler, ohne eine Anstellung an der Akademie zu haben, nicht wohl existieren, wenn er nicht eigene Mittel besaß. Wie anders ist dies jetzt, und in Städten, wo dergleichen Vereine in guten Händen waren, ist Kunstverständnis und Kunstliebe ganz bedeutend gefördert worden. Man denke z. B. an Frankfurt und Leipzig. Außerdem aber würde zu jenem Zeitpunkt eine andere Art der Erweckung und Verbreitung des Kunstsinns nicht wohl möglich gewesen sein; sie war den modernen Verhältnissen angemessen, und deshalb verbreiteten die Kunstvereine sich in Kürze über ganz Deutschland. Daß diese Vereine mehr dem Bedürfnis der Künstler nach Käufern ihrer Arbeiten, als dem Verlangen des Publikums nach Bildern entsprungen sind, mag zum Teil wahr sein allein Kunstsinn entwickelt sich an Kunstwerken und womöglich an solchen aus der lebendigen Gegenwart; also mußte immer die Förderung der Künstler durch Abnahme ihrer Arbeiten das Erste sein, um einer kunstlahmen, nach dieser Kulturseite hin erstorbenen Zeit aufzuhelfen. * Die sieben Jahre, welche ich bis zur Aufhebung der Zeichenschule in Meißen zugebracht habe, gestalteten sich in eigentümlicher Art. Der Stoßseufzer Dürers: »O wie wird mich nach dieser Sonne frieren; hier ein Herr, daheim ein Schmarotzer!« er kam mir oft recht nachdrücklich zum Verständnis. So sehr Stadt und Umgegend durch ihre Romantik mich anheimelten, um so fremder und getrübter waren mir die Gesellschaftsverhältnisse, wie sie zum Teil durch meine Stellung herbeigeführt wurden; denn da in jener Zeit ein bezopfter Dämon, Kastengeist genannt, das Zepter führte, und der Wert eines Mannes allein in seinem Titel oder Vermögen bestand, so fühlte ich mich, der weder das eine noch das andere besaß, in meiner Sphäre sehr vereinsamt, ja niedergedrückt. Zu all diesem trat der Umstand hinzu, daß ich wieder anfing zu kränkeln, und nach Verlauf des ersten Jahres trat eine Krankheit nach der andern auf und zehrte an meinen Kräften. Mein Arzt, ein als sonderbares Original bekannter Mann aus alter Schule, meinte, ich vertrüge die hiesige Luft nicht, und erklärte mich später für brustkrank, bis ich nach mehreren Jahren, durch Papa Arnold veranlaßt, mich seinem homöopathischen Arzt, Hofrat Schwarze, anvertraute, welcher jedenfalls eine richtigere Behandlung einschlug, ohne daß ich jedoch, solange ich in Meißen war, aus diesem kranken Zustande gänzlich herauskam. Auffallend war es mir, daß ich, sobald ich auf einige Tage nach Dresden ging und mit meinen Freunden verkehrte, mich augenblicklich frischer und wohler fühlte und bei meiner späteren Übersiedelung nach Dresden auch jene Krankheitserscheinungen sogleich aufhörten! Eine dritte Plage, die hier auf mir lastete, war die sehr spärliche Einnahme. Die Tätigkeit an der Zeichenschule nahm zwei Tage wöchentlich in Anspruch, und wie ich schon erwähnt habe, bezog ich dafür ein Gehalt von zweihundert Talern; was ich nun an den vier übrigbleibenden Tagen durch meine Arbeiten verdiente, erreichte nach einigen Jahren erst das Doppelte des Gehaltes. Es waren die sieben mageren Jahre des Pharao. Ohne die Liebe, ohne den unverwüstlich heiteren, mutigen Sinn meiner Frau, ihre große Sparsamkeit und ihr praktisches Verständnis in der Haushaltung würde ich in diesen beengenden Verhältnissen verkommen sein. Ich erinnere mich, daß meine Kasse einst so leer geworden war, daß ich ängstlich auf das Eintreffen des monatlichen Gehaltes wartete und Furcht hatte, der Briefträger könne inzwischen einen Brief bringen, welcher mehr Porto kosten könne, als ich besaß. Zum Glück erhielt ich aber, bevor diese Kalamität eintrat, das ersehnte Gehalt. Ich entdeckte einstmals zu meiner großen Bestürzung, als ich in meinem Schreibpult das Schubfach aufzog, in welchem die Kasse lag oder liegen sollte, daß in demselben nur noch einige kleine Münze vorhanden war. Da ich zunächst keine Einnahme zu erwarten hatte, rieb ich sorgenvoll die Stirn, wodurch aber der Zustand nicht anders wurde. Mechanisch ziehe ich ein unteres langes Schubfach heraus, in welchem Papier und Zeichnungen lagen. Aber welche Überraschung! eine lange Reihe Silbertaler glänzte mir entgegen. Es waren nicht weniger als vierzig Taler, die ich vor längerer Zeit für ein kleines Bildchen bekommen, einstweilen hierher gelegt und nicht wieder an dieselben gedacht hatte. Ich rufe sehr erfreut Gustel herbei, zeige ihr meinen Fund, und wir freuen uns nun beide, wobei sie mich am Ohre zupft, mich wacker auslacht und mir zuletzt einen Kuß gibt. Solche Szenen gehören zu »Künstlers Erdenwallen«. * Das beste Mittel, mich zeitweilig aus diesen beengenden Zuständen zu befreien und frischere Strömungen durch die Seele zu leiten, war für mich zu jener Zeit ein Besuch der Freunde in Dresden. In Bertholds Dachstübchen traf ich immer einige der treuen Genossen aus der römischen Zeit zusammen: Peschel, Adolf Zimmermann, Oehme, auch Hantzsch und den Architekten Herrmann, später auch Kügelgen. Da wurde das Herz wieder warm im vertraulichsten Austausch über Altes und Neues, was irgendwie mit unseren Bestrebungen in Beziehung stand. Es versteht sich, daß ich mich auch in den Ateliers umsah und mit Anteil das Vorrücken und Vollenden ihrer Arbeiten verfolgte; auch währte es nicht lange, so waren wir (Berthold, Peschel und ich) zu einer gemeinsamen kleinen Arbeit verbunden. Wir hatten den Direktor des v. Fletcherschen Seminars, Zahn, kennengelernt, und da er eben seine Bearbeitung der biblischen Geschichten zum Schulgebrauch herausgeben wollte und für diesen Zweck gern Bilder gehabt hätte, wenn sich solche ohne großen Kostenaufwand herstellen ließen, so waren wir sogleich bereit – da wir es als eine gemeinsame Kompositionsübung betrachteten –, auf die Sache einzugehen. Die kleinen Blätter wurden später von Williard lithographiert; mir aber machte diese Arbeit ein ganz besonderes Vergnügen, weil ich, der Landschafter, zum ersten Male mit den beiden Historienmalern zu gemeinsamer Arbeit zusammentreten, mit ihnen wetteifern konnte. Wir schickten einander die Blättchen zu und kritisierten sie gegenseitig, was mir sehr belehrend war. Um dieselbe Zeit hatte C. G. Boerner in Leipzig, den ich ja von Rom her kannte, ein Kunstgeschäft gegründet und entschloß sich sogar, einen eigenen Verlag anzulegen. So zeichnete ich für ihn zunächst sechs Landschaften aus Salzburg, radierte dieselben in Kupfer und ließ ihnen zwei Jahre darauf die sechs italienischen Landschaften folgen. Auch mit Peschel und Berthold knüpfte Boerner an und erwarb von ersterem eine Folge von Federzeichnungen zum Buche Tobias. Offenbar war Peschel bei dem öfteren Betrachten der Holzschnitte Dürers in der Quandtschen Sammlung auf den Gedanken gekommen, in ähnlicher Weise etwas zu komponieren und in Holzschnittmanier auszuführen. Da aber zu jener Zeit die künstlerische Verwendung und Technik des Holzschnittes fast verlorengegangen war, so ließ Boerner diese Tobiasbilder durch den obengenannten Williard auf Stein zeichnen, und zwar ebenfalls mit der Feder. Bei Berthold war ganz im geheimen eine Reihenfolge von Zeichnungen entstanden, die mit Hilfe Peschels und nach vielem Protestieren von seiten Bertholds aus ihrem Versteck an das Tageslicht gezogen wurden. Es war sein »Sonntag«, welchen er später in sieben Blättern radiert hat. Wir waren beide überrascht von der anmutigen Erfindung und von dem Reichtum hübscher Motive darin, welche von der originalen Phantasie unseres Freundes Zeugnis gaben. Freilich war die Zeichnung unzulänglich und mit einer gewissen Manier behaftet; dessenungeachtet übernahm die Herausgabe ebenfalls der gemeinschaftliche Freund, Boerner sen. Er hatte übrigens alle diese Sachen um einen so geringen Preis erworben, daß er im schlimmsten Fall nichts dabei riskieren konnte; denn uns war es mehr darum zu tun, mit unseren Arbeiten an die Öffentlichkeit zu treten und dadurch bekannt zu werden, als einen andern Gewinn dabei zu haben. * Da ich einmal von meinen und der Freunde Arbeiten berichtet habe, welche in die Meißner Zeit fallen, will ich sogleich noch jene hinzufügen, welche mir aus jener Periode in Erinnerung geblieben sind. Zunächst war es eine Gebirgslandschaft von Rocca Canterano, sodann ein Morgen mit dem Blick auf das Volskergebirge, welches Blatt ich auch für den sächsischen Kunstverein radiert habe; ferner: Der Waldweg bei Ariccia, ein Gewittersturm am Serone, ein Abend bei Civitella, im Hintergrund den Monte Serone, der Brunnen bei Grotta Ferrata und zwei Wiederholungen desselben. Ein Bild von der Serpentara malte ich für Oberbaurat Schinkel in Berlin und eine Abendlandschaft am Tannengebirge im Salzburgischen für Boerner. Zu allem diesem kamen noch manche kleinere Landschaften (Ponte Salaro, Tempel der Minerva Medica, das Meißner Schloß) und eine Anzahl Zeichnungen und Aquarelle. Auf letztere war ich dadurch gekommen – denn ich hatte mich früher darin nicht geübt –, daß es mir in den Sinn kam, die unbeschäftigte Zeit nach der Korrektur der Schüler, welche ich gewöhnlich lesend oder mit den Kollegen plaudernd zubrachte, nützlicher zu verwenden; denn Schaufuß und Scheinert saßen hier täglich an ihren Arbeitstischen und malten Porzellan, während mein Tisch unbenutzt blieb. Als nun Demiani, ein Leipziger Kunstfreund und Besitzer einer bedeutenden Sammlung von Aquarellzeichnungen, eine solche auch von mir zu besitzen wünschte, komponierte ich einen Erntezug [in der Campagna] und führte ihn hier in der Zeichenschule aus. Es war dies die erste ausgeführte Aquarelle, die ich gemacht habe. Dieser folgte eine zweite, welche sich in der Sammlung des Königs Friedrich August befindet: die Serpentara mit Civitella. Diese Behandlungsweise machte mir große Freude; denn da meine Phantasie nicht arm war, die Bilder sich im Gegenteil immer neu aufdrängten und wie von selbst gestalteten, so war es eine Lust, sie in verhältnismäßig kurzer Zeit wie eine reife Frucht vom Baume meines Lebens abfallen zu sehen und die Scheuern damit zu füllen. Die Radierungen nach meinen und Lindaus Gemälden für den Kunstverein sind hier noch zu erwähnen. Während einiger Jahre lieferte ich auch die Zeichnungen zu dem »historischen Bildersaal« von Textor, welcher in Wochen- oder Monatsheften erschien. Ich betrachtete diese Arbeit, welche in höchst geschmackvoller Weise ausgeführt wurde, als Exerzitien für mich, als Übung im Figurenzeichnen. Gewöhnlich brachte ich so ein Blatt in einem Nachmittage fertig und erfreute mich eines Honorars von zwei Talern. Zweier Ölgemälde will ich hier noch besonders gedenken. Ich hatte eine Komposition in der Art des Claude Lorrain ausgeführt, wozu der Lago d'Averno und das Cap Misene das Motiv gegeben hatten. Das Bild schickte ich zur Ausstellung dem Kunstverein zu und erhielt bald darauf von Quandt, welcher Vorstand desselben war, einen Brief, welcher Zeugnis geben kann, mit welchem Anteil und feinem Verständnis von ihm diese Angelegenheiten geleitet wurden. Er schrieb (im Mai 1831): »Verehrter Herr und Freund! Bevor ich meinen Sommeraufenthalt in Dittersbach antrete, habe ich das Komitee des Kunstvereins versammelt und diesem Ihre Landschaft vorgelegt. Es wurde fast einstimmig bemerkt, daß dieses Bild von Ihren früheren Arbeiten in der Behandlung und dem Kolorit sehr abweiche. Die Behandlung ist leichter, selbst gewandter, könnte man sagen, zeigt mehr Meisterschaft, und das Kolorit hat etwas Einschmeichelndes; erlauben Sie mir aber auch, mit freundschaftlicher Offenheit zu bemerken, daß es mir und anderen schien, als wenn jene natürliche, ungesuchte Schönheit, Wahrheit, Unschuld, welche Ihre Bilder sonst immer auszeichnen, diesem fehlen. Es verrät sich die Absicht, zu gefallen und Wirkung zu machen, oder doch wenigstens das an sich recht löbliche Bestreben, andere Meister, z. B. Claude Lorram, welchen Sie vielleicht im Sinne gehabt haben, zu erreichen. Dies gibt aber gleichsam die Natur aus zweiter Hand. Denn der die Natur liebt, erkennt darin seine Geliebte nicht so ganz wieder, sondern erblickt nur ein angenehmes Gemälde. Vergeben Sie, daß ich Ihnen dies so unberufen und offen schreibe, was ich mir darum erlaube, weil Sie ja wissen, wie sehr ich Sie schätze, wie oft ich mich über Ihre Landschaften erfreut habe, und also meine Gesinnungen nicht verkennen werden. Es tut mir leid, Ihnen melden zu müssen, daß der Kunstverein Ihr Gemälde nicht gekauft hat. Sie selbst haben uns schon an viel Besseres gewöhnt. Ich gestehe, daß der Kunstverein Bilder gekauft hat von jungen Leuten, welche bei weitem nicht so gut waren wie Ihr Gemälde; allein von jenen hoffen wir noch viel, und Sie haben schon viel geleistet und uns also zu höheren Forderungen berechtigt usw.« Der Nichtankauf des Bildes war freilich hart für mich; allein der freundschaftliche Rat, dem eigenen, ursprünglichen Gefühl zu folgen und mich nicht in die Anschauungsweise eines anderen künstlich »zu versetzen«, nicht durch gefärbte Brille zu sehen, war ein Wink zur rechten Zeit. Ein zweites Bild, welches ich einige Jahre später mit großer Sorgfalt ausgeführt hatte, wurde ebenfalls vom Kunstverein, dem ich es angeboten hatte, zurückgewiesen, d. h. nicht angekauft. Es stellte einen felsigen Abhang vor, mit Busch und Wald umgeben. Ein alter Ziegenhirt sitzt an dem Stumpf eines Kastanienbaumes, ein junges Mädchen liegt im Grase bei den Ziegen, und im Hintergrund erheben sich die von der Abendsonne geröteten Gipfel der Mammellen (der Rocca di Mezzo). Ich war sehr krank, als ich daran malte; denn ein schleichendes Fieber, welches seit langen Wochen mich abzehrte, hatte mich so elend gemacht, daß ich allen Lebensmut verlor. Dennoch setzte ich alle meine Kraft daran, das mir möglichst Beste zu erreichen. Es ist schwer zu sagen, wie erschütternd mich die Nachricht traf, daß mein Bild die Zustimmung des Komitees nicht erhalten hatte. Ich war mir bewußt, mit dem Aufbieten aller Kräfte mein Bestes getan zu haben, und dieses – wie ich glaubte – mir erreichbar Höchste genügte nicht! Ich war in der Tat todmüde, durch die Krankheit erschöpft und nun ganz hoffnungslos. – Solche Zustände traten nun oft genug zu alle den übrigen Sorgen, welche das Leben in unzähligen Formen und Verhältnissen mit sich zu bringen pflegt. Wie glücklich ist der Künstler, so dachte ich oft, welcher durch einiges Vermögen sich und der Seinen Existenz gesichert weiß und seine Kunst in voller Freiheit auszuüben vermag, unabhängig von der Geschmacksrichtung eines vielköpfigen Publikums oder eines zufällig zusammengewürfelten Komitees! Ja es schien mir in Ermangelung eines Besseren ein idealer Zustand zu sein, wie Hans Sachs, der ehrbare Nürnberger Schuhmachermeister, an sechs Tagen sich mit dem Handwerk tüchtig zu beschäftigen, um damit Feiertage und Mußestunden zu gewinnen, welche er voll und rein seiner geliebten Muse widmen konnte. »Hans Sachsens poetische Sendung« von Goethe war damals mein Lieblingsgedicht; es war der Ausdruck meiner Ideale, Wünsche und einigermaßen der eigenen Zustände, nur daß die »Liebe« nicht mehr in der Laube saß und ein Kränzlein wand, sondern an der Wiege. Denn, um solches gleich hier zu erwähnen – es war mir Mitte August 1828 ein Mägdlein geschenkt worden, welches in der Taufe den Namen Maria bekam. Ich denke noch daran, wie rührend es mir war, als ich mit gefalteten Händen am Fenster stand und über die Stadt blickte, wie die Zinkenisten auf den Altan der Stadtkirche heraustraten, um nach alter Weise einen Choral vom Turm zu blasen, und wie in demselben Moment, als ich die ersten Laute des kleinen Ankömmlings aus der Kammer vernahm, in vollen Tönen der schöne, mir besonders lieb gewordene Choral erklang: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen.« Die Wohnung wurde nun zu klein, und glücklicherweise fand sich ganz in der Nähe bald eine größere. Sie war in dem sogenannten Burglehnhause, eigentlich einem Komplex von drei oder vier aus verschiedenen Zeiten stammenden Gebäuden. Das älteste, in der Mitte liegend, hatte eine hübsche, rundbogige Haustür mit zwei Sitzsteinen und einem schön gemeißelten Wappen darüber. Ein vorspringendes Tor hing mit diesem Hause zusammen, in welchem der Hausbesitzer wohnte und durch welches der Weg nach dem Schlosse führte. Neben diesem alten Hause, unmittelbar an Kaiser Heinrich I. altem Brückenbogen, welcher St. Afra mit der Albrechtsburg und dem Dom verbindet, lag das etwas später erbaute Haus, dessen zweite Etage ich jezt bezogen hatte. Die westliche Seite desselben ging freilich bis in die Lommatzscher Gasse hinab, und von da aus war es die achte oder neunte Etage; jedoch war es hier umgekehrt, wie sonst üblich ist: Die untersten Stockwerke waren die schlechtesten und wenigst bewohnten, während die beiden oberen die Bel-Etagen waren. Eine andere Seltsamkeit dieses alten Genistes war auch, daß es zu jener Zeit eigene Gerichtsbarkeit hatte und z. B. ein armes Weib, welches in »der Tiefe« wohnte und eines Kindermordes beschuldigt und überwiesen wurde, im Zimmer des Hauswirtes (über dem Tordurchgange) von den Gerichten nicht nur verhört, sondern auch die ausgegrabene Leiche von den Ärzten hier seziert und untersucht wurde. Auch hatte der Besitzer die angenehme Verpflichtung, jedem in diesem Hause Geborenen im Falle der Verarmung lebenslang freie Wohnung im Hause zu geben, denn es war seine Heimat. Was mich aber hier besonders angezogen hatte und gefesselt hielt, war die Aussicht, welche das fünffenstrige, geräumige Eckzimmer darbot. Sie war entzückend schön durch ihre hohe Lage und durch die reichste romantische Umgebung. Auch meine Arbeitsstube, welche höher lag als die übrigen Zimmer und abgesondert und traulich war, erfreute mich höchlich. In diesem Hause wurden zwei meiner Kinder geboren. Zuerst der Sohn Heinrich, welcher zum Andenken an seinen Urgroßvater und in Betracht seiner Geburtsstätte unmittelbar an dem alten Kaiserbau diesen Namen erhielt, und später meine zweite Tochter Aimée, deren Patin die treffliche Mutter meines Freundes v. Kügelgen war. Viele frohe und auch schwere, tief einschneidende Zeiten durchlebte ich in diesem Hause, die ich hier übergehen will. Der goldene Faden aber, welcher sich durch dies bald in hellen, bald in dunklen Farben erscheinende Lebensbild zog, war das lebendige Vertrauen auf Gott und das Gefühl eines ungetrübten häuslichen Glückes, welches mir in so reichem Maße beschieden war. So flossen Jahre in ungestörter Tätigkeit dahin. Unser Umgang war sehr beschränkt und bestand fast nur aus Besuchen, welche wir von Zeit zu Zeit von den lieben Freunden oder Verwandten aus Dresden empfingen. Zuweilen wurden schöne Sommernachmittage mit den Kindern auf einem nahe gelegenen Dorfe bei bekannten Bauersleuten zugebracht, oder ich wanderte mit dem Kollegen Scheinert nach irgendeiner hübsch gelegenen kleinen Weinschenke auf den Höhen der Spaarberge oder nach den Proschwitzer Bergen an der Elbe, welche durch ihren guten Wein bekannt waren. Einsamer war die Winterszeit, wo die Besuche von Dresden höchst selten wurden oder während der schlimmsten dieser Monate ganz aufhörten. Aber ich erinnere mich doch mit Vergnügen der langen Abende, wo wir fröhlich mit den Kindern um den warmen Ofen saßen und zehnmal gehörte Geschichten von neuem erzählt oder ganz neue erfunden werden mußten. Der vortreffliche Festkalender vom Grafen Pocci und Guido Görres lieferte Stoff zum Sehen und Hören. Ebenso erfreulich war das Erscheinen von Speckters Fabelbuch, welches in seiner ersten Gestalt, wo die Bilder von Speckter selbst auf Stein radiert waren, von höherem künstlerischen Wert war. Aber Pocci interessierte mich doch bei weitem am meisten und wirkte höchst anregend auf mich. Hatte ich doch für Marie und Heinrich zwei Hefte gemacht, in welche ich am Abend, sobald die Lampe auf den Tisch gestellt wurde, etwas hineinzeichnete, wenn sie brav gewesen waren. Binnen wenigen Minuten entstand unter ihren begierigen Blicken ein Bild zu einer Geschichte, einem Märchen, welches sie eben gehört hatten, oder sie figurierten selbst in eigener Person, vielleicht auch Papa und Mama, ja selbst die komische Christel in dem Bildchen, welches mit derben Strichen ein Haus- oder Straßenereignis desselben Tages schilderte. Ein Heim à la Fibel oder sonstige erklärende Unterschrift vollendete das Opus. Mein Publikum war das dankbarste, es jauchzte oft zwischen meinen auf dem Papier laufenden Bleistift hinein, wenn sie merkten, welche Gestalt sich entwickeln würde oder welchen Bezug die Zeichnung wiederzugeben suchte. Auch die Reime drangen in mein Völkchen und auch zu denen, die mit ihnen verkehrten, und sie schwirrten noch lange bei jeder Gelegenheit durch das Haus. Schade, daß die Hefte allmählich lose Blätter wurden und sich endlich verflatterten! Wer hätte aber denken können, daß solches »kindische Spiel« der Keim und Vorbote einer ebenso folgen – als freudenreichen Arbeit wurde, die in späteren Jahren mich beschäftigte? Ich meine die Hefte »Fürs Haus«. So wurde auch der drei- oder vierjährige fröhliche Besitzer des einen Heftes der spätere Verleger der ernster gemeinten Arbeit. Zur Vervollständigung des kleinen Familienkreises muß ich noch hinzufügen, daß derselbe durch eine liebe Hausgenossin, eine Predigerswitwe mit ihren beiden liebenswürdigen Töchtern, auf das angenehmste belebt wurde. Die Mutter, aus guter Familie, war eine vortreffliche Frau, welche nach dem frühen Tode ihres Mannes die drei Kinder – der Sohn war auf der Fürstenschule – mit einem spärlichen Einkommen und ihrer Hände Arbeit erhalten und gut erzogen hatte. Gewöhnlich kam sie mit den Töchtern des Abends zu uns herauf, und bald war alles an dem runden Tisch beschäftigt und guter Dinge. Besonders war die älteste der Töchter eine aufblühende Schönheit, und wo diese im Verein mit Herzensgüte und kindlichem Frohsinn waltet, wie es hier der Fall war, da gibt es ein gutes Dabeisein. Meiner Frau war dieser trauliche, zwanglose Verkehr besonders angenehm und in vielen Dingen von gegenseitigem Vorteil. Als ich späterhin den Landprediger von Wakefield las und zeichnete, kamen mir diese Abende und Tage oft ins Gedächtnis, besonders aber die beiden schönen Töchter. Um die Mitte meiner Meißner Lehrjahre trat ein häusliches Ereignis ein, welches auf meine weitere künstlerische Entwickelung von entscheidender Bedeutung war und welches ich hier ausführlicher erzählen will. Bisher hatte ich ausschließlich italienische Landschaften gemalt. Mein Herz war in Rom, in seiner Campagna, in dem mir so lieben Sabiner- und Albanergebirge. Das Heimweh – ich kann es nicht anders nennen – nach dieser ideal schönen und großartigen Natur steigerte sich fast zum Krankhaften, und dies vielleicht um so mehr, als ich bei meinen beschränkten Verhältnissen gar keine Aussicht hatte, jemals diese in meiner Idee verklärten Gebiete wieder zu betreten. Die Natur in meiner nächsten Umgebung erschien mir dagegen arm und formlos, und ich wußte nichts aus ihr zu machen. Nun hatte ich durch meinen Freund, den Maler Bähr (Karl Bähr, später Professor an der Akademie) in Dresden den Auftrag zugewiesen bekommen, eine größere italienische Landschaft für einen Kunstfreund in Reval zu malen. Ich nahm zum Motiv eine Gegend an der Tiber bei Aqua Acetosa und führte das Bild binnen einigen Monaten aus. Bähr, welcher Ende August mit dem Architekten Herrmann nach Rom gehen wollte und mich gern zum Reisegefährten gehabt hätte, hatte mir zur Ermöglichung seines und auch meines innigsten Wunsches die genannte Bestellung verschafft, und ich fand nach genauester Berechnung der Reisekosten, daß die für das Gemälde erhaltene Summe hinreichen würde. ihn wenigstens bis nach Oberitalien zu begleiten, wo ich am Gardasee Studien zu machen gedachte. Unverhofft war mir dieser Glücksstern aufgegangen, und ich war nur in Sorge, es könne während der zwei Monate, wo wir die Reise antreten wollten, noch irgend ein Hemmnis darein kommen. Und ein solches trat auch wirklich ein. Ende Juni erkrankte Auguste; sie, die weder vorher noch nachher eine Krankheit durchzumachen hatte, wurde jetzt an ein langes und schmerzliches Krankenlager gefesselt. Es hatte sich ein Abszeß an der linken Hüfte gebildet, welcher nach innen aufgehend ihr unrettbar den Tod bringen mußte, weshalb der Arzt sich bemühte, das Übel nach außen hin zu leiten. Alle seine Bemühungen schienen jedoch vergeblich, es blieb der Zustand immer der gleiche, und ich sah, daß meine arme Frau immer schwächer wurde. Meine Sorge war groß, und die Furcht vor einem schlimmen Ausgange wurde nicht nur durch die bedenklichen Gesichter der beiden geschickten Ärzte vermehrt, welche sie in Behandlung hatten, sondern auch durch eine Nachricht, welche mir aus Dresden zukam, wonach Rietschels (erste) Frau, die an derselben Krankheit darniederlag, durch Aufgehen des Abszesses nach innen eben gestorben sei. Bähr und Herrmann waren bereits abgereist, da sie sahen, wie ich schon längst die Hoffnung aufgegeben hatte, mit ihnen gehen zu können. Als ich eines Nachmittags aus der Zeichenschule kam, fand ich meine arme Kranke mit geschlossenen Augen bewußt – und gänzlich bewegungslos. So blieb sie während der ganzen Nacht, und die Ärzte erklärten, es scheine eine Krisis eingetreten zu sein, und geboten die größte Stille. Die Kinder wurden deshalb zu unserer Pastorswitwe gebracht, und ich hörte, wie die Leute sich zuflüsterten: »Es wird wohl heute mit ihr zu Ende gehen.« Ich kam wieder aus der Zeichenschule und fand sie noch immer in demselben Zustande. Seit länger als vierundzwanzig Stunden lag sie wie tot, ohne nur die leiseste Bewegung gemacht zu haben. Ich setzte mich an ihr Bett. In der Wohnung war alles so totenstill, und meine Seele wollte fast verzagen; ich konnte nur still zu Gott seufzen und beten. Die Abendsonne warf noch einen Scheideblick in die kleine Kammer, und vielleicht in einer Art von Gedankenverbindung lenkte ich meine Augen auf die ihrigen, wie fragend: ob dieselben für immer geschlossen sein sollten – und siehe, in diesem Moment zuckten ihre Wimpern, die Augen öffneten sich langsam, und indem sie mich freundlich ansah, sagte sie nach einem tiefen Atemzuge: »O, jetzt ist mir wieder wohl!« Ich zitterte vor freudiger Überraschung und Erstaunen, und der leise eingetretene Arzt, nachdem er mit inniger Teilnahme gehört, gesehen und untersucht hatte, wandte sich zu mir und sagte: »Danken Sie Gott! es hat sich zum Besten entschieden, sie ist gerettet und die Genesung wird nun schnell erfolgen.« Und so war es auch; von Tag zu Tag wurde sie jetzt wohler, und in acht Tagen war sie wieder im Wohnzimmer unter den Kindern. Ja, wohl dankte ich Gott von ganzem Herzen, der ein so schweres Geschick von mir abgewendet und mir meine liebe, teure Auguste wieder neu geschenkt hatte. * Es war indes September geworden, als meine Frau außer aller Gefahr war, und nun redete sie mir zu, die schöne Witterung wenigstens zu einer kleinen Erholungsreise zu benutzen, da an eine größere nicht mehr zu denken war. Von dem zurückgelegten Reisegelde war nur ein kleiner Teil übrig geblieben, das andere hatte die lange Krankheit verzehrt Ich entschloß mich also, durch das Elbtal nach dem böhmischen Mittelgebirge bei Teplitz zu gehen, wohin ich seit meiner italienischen Reise nicht wieder gekommen war. Ich war überrascht von der Schönheit der Gegenden, und als ich an einem wunderschönen Morgen bei Sebusein über die Elbe fuhr und die Umgebung mich an italienische Gegenden erinnerte, tauchte zum ersten Male der Gedanke in mir auf: Warum willst du denn in weiter Ferne suchen, was du in deiner Nähe haben kannst? Lerne nur diese Schönheit in ihrer Eigenartigkeit erfassen, sie wird rühren, wird gefallen, wie sie dir selbst gefällt. Da fielen mir die Goetheschen Strophen ein: Aug', mein Aug', was sinkst du nieder? Goldne Träume, kehrt ihr wieder? – Weg, du Traum, so Gold du bist; hier auch Lieb' und Leben ist! Bald griff ich zur Mappe und zum Skizzenbuch, und ein Motiv nach dem andern stellte sich mir dar und wurde zu Papier gebracht. Von Sebusein bis Kamaik ist eine Fülle der schönsten und großartigsten Landschaftsbilder ausgeschüttet. Nach Aussig zurückgekehrt, zeichnete ich mehreres am Schreckenstein. Als ich nach Sonnenuntergang noch am Ufer der Elbe stand, dem Treiben der Schiffsleute zusehend, fiel mir besonders der alte Fuhrmann auf, welcher die Überfahrt zu besorgen hatte. Das Boot, mit Menschen und Tieren beladen, durchschnitt den ruhigen Strom, in welchem sich der goldene Abendhimmel spiegelte. So kam unter andern auch einmal der mit Leuten bunt angefühlte Kahn herüber, in welchem ein alter Harfner saß, welcher statt des Überfahrtskreuzers während der Fahrt etwas auf der Harfe zum Besten gab. Aus diesen und anderen Eindrücken entstand nachher das Bild »Die Überfahrt am Schreckenstein«, der erste Versuch, in welchem ich die Figuren zur Hauptsache machte. Freilich fielen sie sehr mangelhaft in der Zeichnung aus, besonders da ich nur zu ein paar Figuren eine flüchtige Skizze nach der Natur machte. Doch gefiel das Bild auf der Ausstellung, und v Quandt kaufte es sogleich für seine Sammlung. Nach zehn oder zwölf Tagen kehrte ich mit einer kleinen Anzahl Studien und noch bedeutenderen fruchtbaren Eindrücken in das alte Burglehnhaus nach Meißen zurück. Von dieser Zeit an wandte sich mein Streben wieder ganz der heimischen Natur zu. Alle die tiefgehenden Eindrücke aus der Jugendzeit lebten damit wieder auf und erneuten sich an den nämlichen oder verwandten Gegenständen, und immer freudiger durchdrang mich dieses neue Leben. Wenn ich in den letzten Jahren meine Begeisterung nur an meinen italienischen Naturstudien und der immer blasser werdenden Erinnerung an dieselben entzünden konnte, so empfand ich jetzt das Glück, täglich frisch aus der Quelle schöpfen zu können. Jetzt wurde mir alles, was mich umgab, auch das Geringste, die alltäglichste Gegenwart interessanter, weil Gegenstand malerischer Beobachtung. Konnte ich jetzt nicht alles brauchen? War nicht Feld und Busch, Haus und Hütte, Menschen wie Tiere, jedes Pflänzchen und jeder Zaun und alles mein, was sich am Himmel bewegte und was die Erde trägt? – Ich arbeitete und sammelte jetzt mit neuer Lust an vaterländischen Stoffen. Zunächst entstand ein Gemälde, wozu ich das Motiv im Triebischtal (bei Meißen) gefunden hatte: »Herbstlicher Wald mit Staffage« (jetzt in Altenburg); sodann »Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein« und die bereits erwähnte »Überfahrt« Die bis zum Krankhaften gesteigerte Sehnsucht nach Italien war von hier an gebrochen oder störte mich doch nicht mehr, offene Augen für das Schöne zu haben das in meiner Nähe lag und woran ich täglich studieren konnte. Die Krankheit meiner Frau war also die nächste Ursache zu diesem Wendepunkte gewesen, und was mir ein großes Übel schien, war ein rechter Segen geworden. * Es mag wohl im Anfang der dreißiger Jahre gewesen sein, als Freund Kügelgen mich bat, ihn in Hermsdorf (bei Königsbrück) auf einige Tage zu besuchen. Er hatte den Auftrag, ein großes Altarbild für eine Kirche in Livland zu malen, und da er in Dresden kein Atelier fand, welches die erforderliche Höhe hatte, die zur Aufstellung einer solchen Leinwand nötig ist, so hatte ihm sein Freund v. Heinitz, der Besitzer von Hermsdorf, einen Saal im Schlosse zu diesem Zweck überlassen. Ich besuchte ihn dort und machte bei dieser Gelegenheit u. a. auch die Bekanntschaft des Pastor Roller in Lausa. Roller war, besonders in den kirchlich gesinnten protestantischen Kreisen, weit und breit bekannt. Manchen ein Rätsel, anderen ein wunderlicher Heiliger, dessen Sonderbarkeiten man belachte, wurde er nur von denen nach seinem wahren Werte und seiner Bedeutung erkannt, die ihm näher standen und Sinn und Verständnis für dergleichen Erscheinungen besaßen. War es doch mit Roller, wie auf einem anderen Gebiet mit meinem lieben Meister Joseph Koch, dessen Skurrilitäten in aller Munde waren, dessen Bedeutung und Großartigkeit wenige recht zu würdigen wußten. Kügelgen hat in seinen bekannten »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« seinem alten Freunde Roller ein köstliches Denkmal gesetzt und ihn mit der Feder noch besser gezeichnet als mit dem Pinsel. Ich will hier nur meine kurze Begegnung mit ihm berichten. Zuerst sah ich ihn bei einer Abendgesellschaft auf dem Schlosse, wo gerade das gräflich Dohnasche Ehepaar zum Besuch eingetroffen war. Rollers gedrungene Gestalt, die würdevollen Züge seines Gesichts, mit den braunen, geistvollen Augen, das bedächtige Tempo seines Sprechens schien oft in Widerspruch mit den Bizarrerien im gewöhnlichen Leben und gaben denselben einen noch komischeren Ausdruck; dagegen trat im Amte der volle Ernst und Würde seines eigensten Wesens hervor, während im freundschaftlichen Gespräch wieder die kindlichste Naivität und schalkhafter Humor sein Gesicht durchleuchteten. An jenem Abend fiel mir nur auf, daß er im lebhaften Gespräch mit der Gräfin, als sie ihn aufforderte, sich zu ihr zu setzen, sogleich »am Schemel ihrer Füße« Platz nahm, d. h. auf den platten Boden sich setzte und die Konversation scherzend von da weiter führte, ohne daß solches in der Gesellschaft als etwas Außergewöhnliches angesehen wurde; denn sie kannten alle die Marotten ihres Pastors. Anderen Tages besuchte ich ihn mit Heinitz und Kügelgen in seinem kleinen, fast ärmlichen Pfarrhause. Meine beiden Begleiter hielten sich nicht lange auf wegen eines Geschäftsganges, den sie zu machen hatten und nach welchem sie mich wieder abholen wollten. Roller breitete nun einen Schafpelz in der Nähe des alten Kachelofens aus und meinte: so nebeneinander am Boden sitzend, sei man gleich freier und traulicher, – und bald waren wir bei der vorjährigen Kunstausstellung. – Ich wußte schon durch Kügelgen, daß Roller dieselbe jedesmal mit seinen Dorfkindern besuchte. Mit einer Elite Lausaer Knaben und Mädchen zog er durch den Wald nach der zwei Stunden entfernten Residenz und betrachtete mit ihnen aufmerksam Bild für Bild. Ich war verwundert, daß er auch das meinige, »Das Tal von Amalfi«, gar wohl betrachtet und noch im Gedächtnis hatte. Obwohl nun Roller ein großer Bilderfreund, aber nichts weniger als ein sogenannter Kenner war, sondern seine eigentümlichen, oft sehr originellen Ansichten hatte, so interessierte es mich doch, dieselben über mein Bild zu hören, und um so mehr, als ich merkte, daß er mit der Auffassung desselben nicht recht einverstanden schien. Roller fand etwas »Gemachtes, Schöntuerisches«, namentlich in den Figuren. Wenn er malen könne, meinte er, würde er suchen, die Natur ungeschminkt, in ihrer unschuldvollen Schönheit hinzustellen, ohne etwas dazu zu tun, usw.; und nun beschrieb er eine Landschaft mit ihrer Staffage – allerdings eine deutsche, die er ja allein kannte – in so treffenden Zügen, daß in mir plötzlich ein lebendiges Bild davon aufstieg (ähnlich etwa einem Eyck oder Memling), durch welches der Unterschied einer ideal oder real aufgefaßten Natur anschaulich klar wurde. Ich hatte das Gefühl, daß eine auf Linienschönheit allein oder vorwiegend gegründete Auffassung zur Manier führen müsse, wenn nicht zugleich eine völlig naive Naturbetrachtung hinzutrete und dadurch das Äußere Ausdruck des Inneren werde. Müsset im Naturbetrachten Immer eins wie alles achten: Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen, das ist außen. So ergreifet ohne Säumnis Heilig öffentlich Geheimnis. (Goethe) Es war sonderbar, daß der Vergleich beider Bilder: meines Amalfitales, welches ich mir vergegenwärtigte; und des von Roller geweckten Phantasiebildes, einen so nachhaltigen Eindruck in mir hervorbrachte, daß seine Nachwirkung späterhin nicht ohne Einfluß auf meine Arbeiten blieb. Die Unterhaltung auf unserem Parterre wandte sich nun auf einen Gegenstand, den Roller theoretisch wie praktisch meisterhaft zu behandeln wußte: »Die Kindererziehung!« – denn er hatte gehört, daß ich zwei Kinder daheim hatte, ohngefähr im Alter von zwei und fünf Jahren. Das Erziehen der Kinder sei leicht, sagte er, wenn man nur beizeiten den rechten Grund lege, d. h. sie zu pünktlichem Gehorsam und Wahrheitsliebe anhalte, durchaus kein lügenhaftes Wesen oder Täuscherei aufkommen lasse. Der andere Punkt, auf den es ankomme, sei die Gewöhnung an Ordnung und Reinlichkeit. Sei diese Sinnesart wohl gepflegt worden, so werde sich dieselbe bei der späteren Entwickelung nun auf die höheren Gegenstände übertragen; es werde das Kind z. B. auch dem Worte Gottes gehorsam sein wollen, und ein kleines Mädchen, welches ihr Schürzchen rein und weiß zu erhalten gewöhnt ist und keinen Schmutzflecken duldet, wird später auch ihre Seele rein zu erhalten trachten usw. Indem er diese Dinge klar und einfach weiter ausführte, trat Kügelgen wieder ein, und wir erhoben uns von unserem Diwan, dem pastoralen Schafpelz, auf welchem mir die Stunde nur zu schnell verflossen war. Unter Austausch innerer wie äußerer Erlebnisse durchstrich ich mit dem lieben Freund die Gegend, besonders auch den baumreichen, schönen Park, welcher von der stillen Röder durchflossen wird, und verließ am Morgen des dritten Tages neu gestärkt diesen Kreis vortrefflicher Menschen. Als ich an die bescheidene Pfarre von Lausa kam, fiel mir das Histörchen ein, welches mir kurz zuvor Kügelgen von Roller erzählte. Letzterer war nämlich vor wenigen Wochen zu einer Pastorenkonferenz nach Flöha (bei Freiberg) eingeladen gewesen. Als er in die Versammlung eintritt, stellt sich ihm sogleich der Ortspfarrer mit den Worten vor: »Ich bin der Pastor von Flöha.« – »Und ich bin der Pastor von Lausa«, sagte Roller, »schade, daß der Pfarrer von Wanzleben nicht hier ist, er würde der passende Dritte im Bunde sein!« – Der Alte war sehr heiter, und da das Wetter inzwischen unfreundlicher geworden war und ein dünner Regen herunternebelte, so mußte »der Ökonom«, wie er seinen Bruder Jonathan nannte, weil er die Feldwirtschaft besorgte, den alten Schimmel aus dem Stall holen, vor den kleinen Planwagen spannen und mich eine Stunde weit bis auf die Landstraße bringen. Jonathan war älter als der Pastor und war früher Schneider gewesen. Ich sehe noch das gutmütige, etwas spitze Schneidergesicht, wie er, sein Pfeifchen im Munde, in die graue Regenluft hinausblinzelt und mir von Hafer und Gerste, von Hühnern und Gänsen erzählt, bis wir die große Straße erreichen, von wo ich noch eine gute Stunde bis Dresden zu wandern hatte. * Hier sah und hörte ich bei den Freunden Oehme, Peschel, Hantzach und Berthold immer etwas Schönes oder Interessantes und kehrte dann gegen Abend, wie eine Biene mit allerlei Blütenstaub beladen, nach Meißen zurück in das alte, wundersame Burglehnhaus zu Weib und Kindern. Solche kleine Episoden mußten mich dann auf lange Zeit entschädigen für die Entbehrung eines anregenden, belebenden Umgangs, den ich je länger, je mehr vermißte. Zuweilen machte ich mit einigen Schülern kleine Ausflüge nach dem böhmischen Mittelgebirge. Das sehr malerische Bergstädtchen Graupen mit dem Wallfahrtsort Mariaschein, das damals sehr stille Aussig, Sebusein und mein abgelegenes, aber höchst romantisches Kamaik waren die Lieblingsorte, wo wir gern länger weilten und Studien sammelten. Pulian, der ein geschickter Landschafts- und Architekturmaler wurde und in den sechziger Jahren in Düsseldorf verstarb, sowie der talentvolle Haach (starb früh in Rom) waren meine ersten Schüler in Meißen. Diese malerischen Fußwanderungen mit mehreren Schülern wurden auch späterhin in Dresden fortgesetzt; denn sie erwiesen sich ebenso erfrischend wie fruchtbringend. Eine leidlich gute Studie nach der Natur zu machen, ist verhältnismäßig leicht zu erlernen, wenn es nämlich Einzelheiten betrifft, wie z B einen charakteristischen Baum, eine gut beleuchtete Felsenmasse, eine Hütte und dergleichen schwieriger dagegen ist es, ein Bild oder ein Motiv zu einem solchen richtig zu sehen und zu erfassen, nämlich eine reicher gegliederte Landschaft rechts und links, oben und unten an der rechten Stelle abzugrenzen; denn dazu gehört Phantasie und ein kunstgeübtes Auge Hier konnte ich den Schülern der Natur gegenüber sehr behilflich sein. Oft, wenn ich eine solche mehr bildlich abgeschlossene Partie erblickte und darauf aufmerksam machte, wußten sie es auf ihrem Papier nicht zurecht zu bringen, weil sie bald zu viel oder zu wenig von der Umgebung auf ihre Zeichnung brachten. Sie sahen das Bild nicht richtig heraus; der Sinn für einen in sich abgeschlossenen Aufbau des Ganzen war noch zu wenig entwickelt. Späterhin habe ich oft geraten, ein Blatt starkes Papier mit einem kleinen Ausschnitt in der Mappe bei sich zu führen, dieses Bildformat näher oder ferner vor die Augen zu halten und die zu zeichnende Partie damit einzuschließen, wodurch sie leicht bemerken konnten: wie die Landschaft am besten einzurahmen war. * Doch ich kehre von meiner schulmeisterlichen Abschweifung zurück und gedenke noch einiger kürzeren oder längeren Besuche von Freunden und Personen, die mir besonders wert waren. Sie wirkten immer wie ein sanfter Regen, der über das durstige Land zieht. So kam 1831 der edle, liebe J. D. Passavant zu mir. Er kehrte von einer Kunstreise nach Berlin über Dresden nach Frankfurt zurück, und wie war ich erfreut, ihn wieder zu sehen! Es tauchten bei seinem Anblick alle die schönen Tage in Rom wieder auf und bewegten die Seele. Passavant hatte zu dieser Zeit den für ihn so schmerzlichen Entschluß gefaßt, der Malerei zu entsagen, und sich der Kunstforschung zugewendet. Sein nachher so berühmt gewordenes Werk über Raffael hatte er schon in Arbeit und zu diesem Zwecke in Dresden im Museum und in der Kupferstichsammlung Studien gemacht. Bis zum späten Abend saßen wir beisammen im vertrauten Gespräch über Kunst und religiöse Gegenstände, welches beides ja den tiefsten Inhalt unseres Lebens und Strebens ausmachte. Vor wenig Tagen fand ich in Dr. Cornills »Leben Passavants« ein paar Zeilen, die mich überraschten und innig gerührt haben. Er erzählt, wie die Dresdener Freunde Passavant in zwei Wagen das Geleite bis Meißen gaben, worauf es heißt: »Hier verbrachte er einen ihm unvergeßlichen Abend mit Richter und seiner Frau, der ihm nochmals die ganze Poesie des deutschen Hauses vorführte, ehe er das Vaterland wieder verließ.« Passavant trat von Frankfurt seine Reise nach England an. * Ein anderer mir interessanter Besuch war der des alten Krummacher aus Bremen, Kügelgens Schwiegervater, welcher mir durch seine »Parabeln«, »Festbüchlein« und »Paragraphen zur heiligen Geschichte« bekannt geworden war. Er kam mit seiner Familie aus Hermsdorf, und ich führte ihn in den schönen Dom, die Porzellanfabrik in der Albrechtsburg und zu allem sonstigen Sehenswerten Meißens. Die stattliche Erscheinung des geistvollen Mannes mit dem milden Gesichtsausdruck, wie seine anziehenden Bemerkungen ließen noch lange ihren erquickenden Eindruck zurück. R. Rothe besuchte mich mit seinem Vater, dem Typus eines altpreußischen Beamten, als dieser den von Rom gekommenen Sohn von Breslau auf dem Weg nach Wittenberg bis Meißen begleitete. Rothe war an das theologische Seminar in Wittenberg berufen, von wo er nach einer gesegneten Wirksamkeit als Professor an die Heidelberger Universität kam. Seine »Zukunft der Kirche«, besonders aber die »Ethik« waren für die protestantische Theologie epochemachend. Selbst der berühmte Kardinal Wiseman nennt ihn einen der tiefsinnigsten und gelehrtesten protestantischen Theologen. Mir war es eine innige Freude, den teuren »römischen« Freund wiederzusehen; denn für mich waren diese »Römer« alle mit einer Lichtatmosphäre umgeben, – das Gefühl der so glücklich mit ihnen in Rom verlebten Tage! Deshalb war es auch jedesmal ein hoher Festtag, wenn – gewöhnlich bald vor oder nach Weihnachten – meine lieben Dresdener »Römer« Peschel und Oehme zum Besuch kamen. Sie langten denn Samstag abends mit dem großen Botenwagen an. Unten in der Stadt wurden sie am Halteplatz, wo die Passagiere ausstiegen, von mir und Gustel erwartet, und hatte sich erst der Knäuel der bemäntelten und bepackten Insassen dieser Arche Noah entwickelt und die Freundesgesichter waren beim Schein der Laterne herausgefunden, so stiegen wir im Triumph die Schloßstufen hinan nach unserem alten Burglehnhause, wo die Kinder die wohlbekannten Onkels empfingen. Wie glücklich saßen wir am anderen Morgen um den Kaffeetisch am warmen Ofen, während draußen vor den Fenstern die Schneeflocken wirbeln und sich über die Schloßbrücke in die Stadt hinunter jagten. Zuerst wurde die übliche kurze Morgenandacht gehalten, welche dem Tage die Richtung und dem Herzen das Gefühl der Zusammengehörigkeit vor und in dem Höchsten gab. Beim Frühstück gab es nun viel zu erzählen, was gegenseitig von Interesse war; und wer kennt nicht das wohltuende Gefühl, nach monatelangem Entbehren alles freundschaftlichen Aussprechens endlich einmal das Herz erleichtern zu können. Jetzt brachte der schiefbeinige Merkurius, der Stalljunge des Botenfuhrmanns, einen Brief, welcher, am Abend angekommen, morgens erst ausgetragen wurde. Der Brief war von Berthold, welcher wegen Kränklichkeit sein Stübchen nie mehr verließ und wenigstens schriftlich in unserer Mitte sein wollte: »denn mein Brief trifft Euch gewiß mit der Tonpfeife beim Kaffee sitzend«; außerdem wollte er die Gelegenheit benutzen, an Peschel und Oehme zu schreiben, um ihnen zu sagen, wie lieb er sie habe; denn da sie sonst immer bei ihm wären, könne er ihnen das doch nicht so gerade ins Gesicht sagen, usw. Darauf ging es natürlich auch in mein kleines Atelier; die Arbeiten wurden eingehend besprochen, die schönen Stiche des Campo Santo in Pisa (von Lasinio), welche ich von Boerner gegen Handzeichnungen von mir eingetauscht hatte, mit Begeisterung betrachtet, wobei alle köstlichen Erinnerungen aus der römischen Zeit wieder auftauchten und des Erzählens kein Ende wurde. Der Mittag brachte dann einen stupenden »gallinaccio« auf den Tisch, ein kulinarisches Meisterstück von Frau Gustel, und der rote Meißner mußte den Velletri ersetzen. Um vier Uhr nachmittags wurden die Freunde dann wieder in den mit Menschen und Gepäck vollgestopften Botenwagen, welcher ein Abkömmling der berühmten »gelben Leipziger Postkutsche« zu sein schien, einrangiert, und wehmütig sahen wir ihnen nach! – Ich und meine Frau empfanden nach solchen Besuchen recht lebhaft, wie wenig wir hier in Meißen Wurzeln geschlagen hatten, wie wir doch erst in dem nahen Dresden uns »zu Hause« fühlen würden. * Für mich wurde das Verlangen, in eine mehr künstlerische Umgebung zu kommen und in fortwährender Berührung mit den allgemeinen Bestrebungen zu bleiben, immer stärker. Ich fühlte mich hier isoliert und herabgestimmt; gleichwohl sah ich keine Möglichkeit, die Lage zu ändern. Es tauchte zwar in der letzten Zeit das Gerücht auf, man gehe damit um, die Zeichenschule oder vielmehr deren Verwaltung durch die Akademie aufzuheben; allein auch wenn sich diese Aussicht realisieren sollte, so gab mir das keine Perspektive einer Beförderung, da die einzige Stelle für einen Landschafter an der Dresdener Akademie mein Vater inne hatte, der noch frisch und tätig seinem Amte vorstand. So schien es immer beim alten bleiben zu müssen, und die wiederholten, oft schweren Erkrankungen, die ich durchzumachen hatte, waren nur geeignet, die hoffnungslosen Stimmungen zu vermehren. Im Sommer 1835 sollte ich noch die große Freude haben, meinen teuren Maydell wieder bei mir zu sehen. Er wohnte eine Woche bei uns, und das Burglehnhaus samt meiner ganzen bescheidenen Häuslichkeit, meine Arbeiten, Frau Gustel und die Kinder, und die ganze romantische Umgebung, alles war so ganz nach seinem Herzen, daß er mich darob glücklich preisen mußte! Freilich, wenn ich bedachte, in welcher Abgeschiedenheit von künstlerischem Verkehr der Freund in Dorpat lebte, so mußten meine Klagen verstummen. Kunstbedürfnisse wie Künstler fanden sich in seiner nordischen Heimat nur sparsam vor. Die Porträtmalerei war nicht seine Neigung, ebensowenig der Zeichenunterricht für Dilettanten, die einzigen Tätigkeiten, die in solchen Verhältnissen gewöhnlich übrig bleiben. Traten aber wirklich künstlerische Aufgaben an sie heran, sie mochten noch so verschiedenartig und die dazu erforderliche Technik eine ihm bisher fremde, ungeübte sein – er übernahm sie mit Freuden und überwand die dadurch erwachsenen Schwierigkeiten mit einer bewundernswerten Fügsamkeit. So hatte er außer einem großen Altarbild in Reval und einem kleinen für eine Dorfkirche zwei Apostelfiguren in Ton modelliert, einen im gotischen Stil geschnitzten Altar und Kanzel samt Taufstein nach seinen Entwürfen ausführen lassen. Ja er fertigte sogar eine Marmorbüste für die Universität Dorpat, das Bildnis eines ihrer hervorragenden Gelehrten. Für die livische Ritterschaft malte er die Adelsmatrikel mit der Darstellung eines Turniers in Deckfarben, ja er arbeitete einen silbernen Bücherdeckel in getriebener Arbeit aus. Das Hohe Lied Salomonis illustrierte er in vielen Blättern mit Miniaturen, welches Werk die Kaiserin von Rußland erwarb. Außerdem radierte er verschiedene seiner Kompositionen auf Kupfer, z. B. ein geistreich erfundenes Blau mit Arabesken: die Kirche Christi, mit dem Text; »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.« Ferner ein Blatt mit den drei Gleichnissen vom verlorenen Sohn, zur Rechten und Linken: das verlorene Schaf und der verlorene Groschen, über dem Ganzen in der Bogeneinfassung ein Engelchor mit der Inschrift: »Also wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.« Dergleichen sinnreiche Zusammenstellungen hatte er noch eine große Anzahl komponiert; leider wurden sie nicht in Kupfer ausgeführt. Noch später schrieb er eine Geschichte des livländischen Adels nach den Chroniken und gab dies Werk in Heften mit vielen Radierungen heraus, ebenso eine Reihenfolge dergleichen zu Fouqués Undine. Zwei kleine, von ihm selbst lithographierte Bildchen enthalten höchst charakteristische und mit Humor erfaßte Tiergestalten zu Kryloffs Fabeln. Obgleich vor Grandville und Kaulbach gemacht, stehen sie ihnen ebenbürtig zur Seite. Zu all diesen verschiedenartigsten Arbeiten kam noch dazu, daß er auch den Holzschnitt, welcher in England, Frankreich und zuletzt auch in Deutschland sich mehr und mehr ausbildete, ins Auge faßte und anfing zu kultivieren. Zu diesem Zweck hatte er einen jungen, anstelligen Burschen in der Technik desselben einzuüben gesucht und ließ ihn seine auf Holz ausgeführten Zeichnungen schneiden. In Berlin hatte sich Maydell deshalb mehrere Wochen aufgehalten, um bei Unzelmann und anderen mehr Einsicht über das neue technische Verfahren in dieser Kunst zu gewinnen. Bei seiner reichen Phantasie, seiner nach den verschiedensten Richtungen hin produktiven Kraft konnte er allerdings den wechselnden Anforderungen genügen, die an ihn herantraten, allein sie brachten auch den Nachteil, daß seine reichen Kräfte sich zersplitterten, und hinderten ihn, in allen diesen schönen Dingen die gewünschte Meisterschaft zu erlangen; es mußte an ihnen etwas Dilettantisches hängen bleiben. Allein er tat, was unter den gegebenen Verhältnissen möglich war, und tat es stets in einer ernsten, würdigen Weise. Schwerlich hätte ein anderer an seiner Stelle mehr leisten können und keiner in einem reineren Sinne. Er äußerte einst: Gott habe ihn immer wieder auf ein Schülerbänkchen gesetzt, wenn er in einer Klasse es auf den Punkt gebracht hätte, zu den ersten zu kommen. Nach Verlauf dieser reich gesegneten Woche begleitete ich Maydell noch einige Tage nach Dresden, wo die Schätze der Gemäldegalerie reichen Stoff darboten, unsere künstlerischen Ansichten und Meinungen auszutauschen. An den Abenden waren wir dann mit den Freunden und Bekannten beisammen, zu welchen sich in letzter Zeit noch der alte liebenswürdige Staatsrat Aderkas aus Dorpat und Baron Yxküll, ein Landsmann Maydells, gesellt hatten. Bald nach Maydells Abreise erneuerte sich das Gerücht von einer bevorstehenden Aufhebung der Zeichenschule, und mit Furcht und Hoffnung sah ich der Bestätigung desselben entgegen. Denn obwohl ich es schmerzlich empfand, daß ich in meiner isolierten und herabgedrückten Stellung auf die Dauer nicht gedeihen, das künstlerische Streben zu keiner freien Entwicklung gelangen konnte, so glaubte ich doch nicht, eine Stellung eigenmächtig aufgeben zu dürfen, die mir durch Gottes Fügung ohne mein Dazutun in die Hände gegeben war. Jetzt nun zeigte sich unerwartet eine mögliche Lösung dieses Verhältnisses und steigerte mein Verlangen danach auf das höchste. Ich fühlte, es sei Zeit, in ein anderes Fahrwasser zu kommen, wo ein vollerer Luftstrom sich in die Segel legen könne. Späterhin erkannte ich freilich wohl, daß diese Abgezogenheit von allem Zerstreuenden auch ihr Gutes gehabt hatte; denn jene Lebenseindrücke, welche ich in Rom empfangen, konnten, fremden Einflüssen wenig ausgesetzt, tiefere Wurzeln schlagen und sich selbständiger entwickeln. Ich dachte (oder phantasierte vielmehr) und schrieb nieder, was mir über Kunst und Glauben in den Sinn kam, um mir selbst dadurch mehr Klarheit zu verschaffen. Bücher standen mir wenig zu Gebote, und bezüglich der Kunst waren immer noch Schlegels »Über christliche Kunst« und Rumohrs Einleitung in seine »Italienischen Forschungen«, einige Aufsätze von Goethe samt ein paar kleinen Büchlein von Kestner und Passavant mein Hausschatz und Evangelium. Auch späterhin habe ich verhältnismäßig wenig über Kunst gelesen, und erst, als ich im Schaffen nachlassen mußte, erfreute ich mich an so manchem Trefflichen, was inzwischen Kunstgeschichtsschreiber zutage gefördert hatten. Mehr als in Kunstschriften studierte ich in den Werken der Künstler und suchte da Förderung und »Erbauung« im eigentlichen Sinne des Wortes. Dasselbe war der Fall beim Lesen der großen Dichter. Was über sie geschrieben worden war, kannte ich wenig oder gar nicht, aber durch ihre Werke fühlte ich mich beflügelt, auf ihre Höhen emporgehoben, im Anschauen und Nachempfinden des Schönen und Guten, was ich bei ihnen fand, aufs innigste beglückt und zur Begeisterung fortgerissen. Ein Sprichwort lautet: »Sag mir, mit wem du umgehst, so will ich dir sagen, wer du bist.« Dies kann man wohl im allgemeinen auch auf Bücher und besonders in Beziehung auf seine Lieblingsschriftsteller anwenden, und so will ich hier sogleich zur Charakterisierung meiner Sinnesweise in religiösen Dingen diejenigen Bücher nennen, mit denen ich mich sympathisch verbunden fühlte und die mir wie liebe Herzensfreunde stets zur Seite lagen. Das erste war selbstverständlich die Heilige Schrift, die ich in der schönen Friedrich von Meyerschen Ausgabe von meiner Frau als Weihnachtsgeschenk erhalten hatte und welche durch Einleitung und kurze Noten einem genaueren Verständnis zu Hilfe kam. Außer dieser aber waren Thomas von Kempen, Claudius und G. H. v. Schubert meine Freunde, Lehrer und Führer. Von den ersteren sagt ja der große Leibniz: »Die Nachfolge Jesu Christi ist eines der vortrefflichsten Werke, die je sind geschrieben worden. Selig, wer nach dem Inhalt dieses Buches lebt und sich nicht damit begnügt, das Buch nur zu bewundern.« Berthold hatte die Übersetzung mit den einleitenden Aufsätzen und reichen Anmerkungen des J. M. Sauer zufällig in die Hände bekommen, und entzückt von derselben schrieb er mir davon und riet, dieselbe anzuschaffen. Als eine kleine Probe dieser Einleitung schrieb er die Stelle ab: »Der einst der horchenden Lydia das Herz aufgeschlossen, daß sie verstehen konnte, was sie hörte, der schließe auch uns das Herz auf, daß wir verstehen, was wir lesen, und in uns selbst erfahren, was uns der Buchstabe außer uns von Wahrheit, Reinheit und Friede erzählet. Denn das ist es, was wir eigentlich suchen und was wir nur durch Christum finden können: Wahrheit, Reinheit, Friede. Wahrheit durch Ihn, denn Er ist das Wort Gottes; Reinheit durch Ihn, denn Er ist das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt; Friede durch Ihn, denn Er ist das Heil der Welt, Er sendet Friede und Freude im Heiligen Geiste!« Dieser »Sailersche Kempis« ist mir immer der klare, treue Freund und Ratgeber gewesen, welcher nach manchen Zerstreuungen des Tages mich innerlich wieder sammelte, und wenn ich müde und matt wurde, mich aufrichtete und mit einem Becher Wassers erfrischte, was aus jenem Brunnen kam, der in das ewige Leben fließt, woher es auch stammt. Ein anderer Hausfreund, dessen Wert mir mit der Zeit nur gestiegen, ist der schlichte, treuherzige und humoristische Claudius, voll Ernst und tiefen Sinnes, so recht das Bild eines deutschen Mannes und Christen. Verse hat er zwar nicht viel gemacht, und die wenigen sind nicht alle gleichen Wertes. Wer aber das mir besonders liebe Abendlied (»Der Mond ist aufgegangen«), »Die Sternseherin Liese«, »Das Hochzeitlied«, »Christine« und noch manches andere schaffen konnte, ist gewiß ein wahrer Dichter! Der dritte dieser Hausfreunde war der liebenswürdige G. H. v. Schubert, mit dem ich späterhin persönlich öfter verkehrte. Sein »Altes und Neues aus dem Gebiet der inneren Seelenkunde«, besonders der erste Teil desselben, übte eine tiefe Wirkung in den weitesten Kreisen. Gerade bei dieser kühlen Temperatur des herrschenden Rationalismus war es kein Wunder, daß die Sprache des Herzens, des Lebens und der eigenen Erfahrung wie ein warmer Frühlingsregen, welcher über das Land zieht, unzählige Lebenskeime weckte und fruchtbar machte. Schubert hat durch seine Schriften wie durch persönlichen, ausgebreiteten Verkehr unendlich segensreich gewirkt. Sein reiches Wissen, die Milde und Weitherzigkeit, verbunden mit der Heiterkeit seines Gemütes, zogen auch solche an, die nicht ganz seines Sinnes waren. Überhaupt hatten sich die konfessionellen Gegensätze noch gar nicht so zugespitzt, wie es bald darauf der Fall wurde; vielmehr lebte man in einer Strömung, wo alle innerlich lebendigen Christen, Katholiken wie Protestanten, sich über den aufgerichteten Zaun hinüber freundschaftlich die Hände reichten, und zwar nicht sowohl aus kühler Toleranz, sondern aus dem Gefühl des innigen Einsseins mit dem einen, dem Heiland und Erlöser aller. Man brauchte in dieser Beziehung oft das Bild oder Gleichnis eines Heeres, dessen Truppen, obwohl einer Fahne folgend, doch verschiedene Uniformen tragen. So gab es für mich allein den Begriff der unsichtbaren Kirche, nach dem Liede: Die Seelen all, die Er erneut, Sind, was wir heil'ge Kirche nennen, während für mich die äußere Kirche wenig Interesse hatte. Zur österlichen Zeit ging ich nach Dresden zum Empfang des heiligen Abendmahls, und in Meißen hörte ich zuweilen eine Predigt im Dom oder St. Afra, bei welcher ich aber selten die Erbauung fand, die ich suchte. * So kam der Herbst heran und brachte das von mir sehnlichst herbeigewünschte Reskript der Regierung, wonach die Zeichenschule aufgehoben und am 24. Dezember zu schließen sei. Somit war ich bis auf weiteres mit einem sogenannten Wartegeld von hundertundvierzig Talern des Dienstes enthoben. Trotz mancher Sorgen und fortdauernder Kränklichkeit fühlte ich mich jetzt glücklich in der Hoffnung, recht bald vom Druck einer wie Blei auf mir lastenden Atmosphäre befreit, in ein befreundetes, frischeres Element zu kommen. So zog ich denn im Frühjahr 1836 – sobald die ersten Lerchen schwirrten – mit Weib und Kindern und allen Habseligkeiten wieder in die Vaterstadt Dresden ein, zur großen Freude meiner Freunde. Auffallend war, daß mich von da an alle die Krankheiten, die mich alljährlich heimsuchten, für lange Jahre verließen und eine sehr regsame, tätige Periode eintrat. Die letzten Jahre, die ich in Meißen zubrachte, hatten mich körperlich so herabgebracht, daß ich an ein frühes Ende glauben mußte. Dresden 1836 – 1847 Auf Oehmes und seiner Frau Vorschlag bezogen wir zu gleicher Zeit ein neues, vor dem Löbtauer Schlage gelegenes Haus. Wir nahmen die erste, sie die zweite Etage. Die Frauen, welche ebenso freundschaftlich zueinander standen wie wir Männer, waren voller Freuden über dieses von dem Stadtlärmen entfernte, halb ländliche Zusammenleben. Selbst unter den Kindern fand nach Alter, Zahl und Geschlecht ein gleiches Verhältnis statt, da zu meinen schon genannten drei Kindern noch ein viertes, eine kleine Helene, sich eingestellt hatte, bei welcher die mit uns befreundete und verehrte Mutter Kügelgens die Patenstelle übernommen hatte. Unter solchen auch räumlich nahen Verhältnissen zwischen Oehme und mir wurde der gegenseitige Anteil und künstlerische Austausch bei unseren Arbeiten nur gesteigert. Kam einer bei seinem Bilde an eine zweifelhafte Stelle, sogleich wurde der Nachbar herbeigerufen und die Sache beraten und womöglich ins klare gebracht. Im Sommer spazierten wir, das Skizzenbuch in der Tasche, nach dem ganz nahen Plauenschen Grunde, der zu jener Zeit sehr malerisch und reizvoll war, oder wir stiegen auf seine Höhen, und immer trug man eine kleine Beute im Buche nach Hause. Bei der Art zu arbeiten fiel mir eine große Verschiedenheit auf. Mochte ich mich an manchen Sachen auch noch so sehr den Tag über abgemüht haben, so war mir die Arbeit aus dem Sinn, sobald ich sie beiseite gestellt und Feierabend gemacht hatte. Andere Dinge nahmen mich dann ebenso voll oder leicht in Anspruch, wie es vorher mit voller Hingabe an dieselbe die Arbeit getan hatte. Ganz anders war es bei Oehme. Bei ihm hing alles von der Stimmung ab; denn wenn er an irgendeine Stelle in seinem Bilde gekommen war, die ihm nicht klar herausgekommen war, so beunruhigte ihn dies fortwährend und ließ ihn nicht los, so daß er dann, wenn er auch längst Pinsel und Palette zur Seite gelegt hatte, doch immer zerstreut, geistig abwesend blieb, so daß er zum großen Leidwesen seiner Frau aß und nicht wußte was, hörte und nicht wußte, was zu ihm gesprochen wurde. Ja in solchen kritischen Momenten ließ es ihn auch bei Nacht nicht ruhen; er stand aus dem Bette auf, zündete die Lampe an und wanderte in sein Atelier, wo er dann die verzweifelt schlimme Stelle ansah, zu Pinsel und Farben griff und gewöhnlich so lange malte, bis er glaubte, das Richtige getroffen zu haben, oder bis er es – und dies war meistens der Fall – so gründlich verdorben und versalbt hatte, daß er die ganze Stelle wegwischte, und die Seele nun Ruhe hatte. Bei Oehme ging alles aus der Stimmung, bei mir aus einer inneren Anschauung hervor. Um diese Zeit arbeitete ich an einem größeren Bilde, welches Baron v. Schweizer bei mir gesehen und für sich bestellt hatte. Das Motiv hatte ich in Mariaschein in Böhmen gefunden und in einer kleinen Bleistiftskizze entworfen. Von alten Linden umgeben, lag ein Brunnen und ein Heiligenbild dabei. Von diesem schattigen Platze aus sah man in die von der Mittagssonne beleuchteten Kornfelder hinaus. Es lag nahe, diese Landschaft mit einer kleinen Schafherde und ihren Hütern zu beleben und eine Schar Wallfahrer trinkend und ruhend um den Brunnentrog zu versammeln. Der Blick aus der schattigen Kühle in die Mittagshitze hinaus machte eine malerische Wirkung und die ganze Situation der Staffage einen poetischen Eindruck. Das Gemälde kam später auf die Kunstausstellung und gefiel. Dies war eine der wenigen Bestellungen, die mir überhaupt geworden sind; meistens mußten ich wie Oehme unsere Hoffnung nach wie vor auf den Kunstverein setzen, und schlug diese fehl, d. h. wurde das Bild nicht gekauft, so war das eine große Kalamität für das Hauswesen, und eine lange Zeit mußte vergehen, ehe wieder alles ins Gleiche gebracht war. Es hatte etwas Tragikkomisches, wenn wir beiden Hausväter zu gleicher Zeit unsere vollendeten Bilder ausgestellt hatten und einige Wochen in gespanntester Erwartung einer Entscheidung entgegensahen. Es waren widerwärtige, ja zuweilen qualvolle Tage, welche einer jeden Arbeit als pikantes Finale nachfolgen mußten. Das in idealer Begeisterung begonnene und ausgebildete Werk mußte diese via dolorosa passieren, um in die rauhe Wirklichkeit zu gelangen, welches nun einmal ihre Bestimmung war. War der Tag endlich herbeigekommen, wo das Komitee des Kunstvereins über die Ankäufe der Bilder zu entscheiden hatte, und die Nachricht von dem Ergebnis der Abstimmung bis zu uns gekommen, dann fiel entweder ein schwerer Sorgenstein vom Herzen, oder es legte sich ein solcher doppelt schwer darauf. Da ich aber nun einmal mit meinen Arbeiten auf den Markt des Kunstvereins verwiesen war, so war es immerhin ein Glück für mich, daß ich von jetzt an die Bilder auch jedesmal an denselben verkaufte. Daß aber der Verkauf derselben von einer wechselnden, zufälligen Majorität abhing, und das Bild ebenso zufällig – durch das Los – seinen Besitzer erhielt, der es vielleicht sich gar nicht gewünscht hatte und nur den relativen Geldwert desselben ästimierte, dies alles wirkte nicht anregend und erhebend. Ja der Verein nahm oft den Charakter einer Unterstützungsanstalt an, und ich sah darin ein unrichtiges, ungesundes Verhältnis. Als ich daher späterhin, zuerst durch G. Wigand, bestimmte Aufträge erhielt, zur Ausführung wenn auch nur kleiner Kompositionen, welche er wünschte und brauchte, sie mit freudigem Interesse empfing, dankte und bezahlte, so erschien mir in solchem Verkehr ein natürliches, gesundes Verhältnis zu liegen. Der lebhafte Begehr der Arbeit, Zufriedenheit und Freude mit und an derselben, Dank und Lohn von der einen Seite: liebevolles Eingehen und Sichversenken in die Aufgabe, Geschick und Gewandtheit in der Ausführung derselben meinerseits – dies, ich gestehe es, versetzte mich sogleich in ein viel frischeres Element, ich atmete freier auf und fühlte mich nicht mehr abhängig von Gunst und Laune des Zufalls. Aber ich bin der Zeit etwas vorausgeeilt und kehre zu den ersten Jahren zurück, da ich mit Oehme vor dem Löbtauer Schlage wohnte. * Die Aufhebung der Meißner Zeichenschule war nur der Vorbote einer noch weitergehenden Umgestaltung der Akademie gewesen. Der Minister von Lindenau, welcher nach v. Einsiedels Abgang an die Spitze des Ministeriums gekommen war, erkannte bald, daß die Kunstakademie zuviel veraltete Elemente enthalte, welche den neueren Anschauungen hemmend entgegentraten, und dadurch ein Erlahmen ihrer Wirksamkeit herbeigeführt werden mußte. Der Minister, welcher mit Herrn v. Quandt befreundet war und in dessen an der Elbe schön gelegenem Hause wohnte, konnte sich mit diesem ausführlich über die obwaltenden Verhältnisse besprechen, welche v. Quandt auf das genaueste kannte . . . Akademie. Als ich den Unterricht im Landschaftszeichnen übernommen hatte, war es mein erstes, bei den vorgefundenen Schülern den unglaublich manierierten Zopf der sogenannten – Zinggschen Verunstaltung aller Naturformen auszumerzen. Dies war keine leichte Sache, und vor allem mußte ich die Vorlagen, welche zum Kopieren vorhanden waren, ganz beseitigen und anderes Material herbeizuschaffen suchen. Da aber brauchbare Studien neuerer guter Landschafter nicht leicht zu erlangen und zu teuer waren, so mußte ich mich mit dem Ankauf der lithographischen Hefte von Wagenbauer und einigem anderen dieser Art begnügen und gab das meiste von meinen eigenen Studien einstweilen zur Benutzung. So verging das akademische Wintersemester unter fleißigem Kopieren. Als aber jetzt der Sommer nahte, draußen alles in Laub und Blüte stand, da kam ich zu dem Entschluß, einen Versuch zu wagen, die Schüler unmittelbar nach der Natur zeichnen zu lassen, was bis dahin an der Akademie nicht gebräuchlich gewesen war. Es konnte dies um so leichter ausgeführt werden, als im Sommerhalbjahr die Zahl der Schüler nicht acht bis zwölf überstieg, weil da meist nur solche am Unterrichte teilnahmen, die sich ganz dem Landschaftsfache widmeten. Es zeigte sich diese Einrichtung auch so erfolgreich und anregend, daß sie bis heute (1881) in Anwendung geblieben ist. Die Abwechslung zwischen Kopieren und Zeichnen nach der Natur brachte mehr Frische und Lebendigkeit unter die Schüler. Wenn die Schüler beim Zeichnen im Freien in der Wahl der Gegenstände und deren Behandlung zu größerer Selbständigkeit genötigt waren und hierbei ihrer Mängel sich mehr bewußt wurden, so entstand daraus der Vorteil, daß sie an folgenden Wintersemester mit größerem Verständnis und lebendigerem Interesse ihre Originale nachzeichneten. Ich komme jetzt abermals an eines jener kleinen Ereignisse, dessen Folgen bedeutsam waren und meinem ganzen ferneren Leben eine Wendung gaben, die ich mit den Worten bezeichnen und diesem Kapitel meiner Erinnerungen als Überschrift voranstellen könnte: »Wie ich zum Holzschnitt oder wie dieser zu mir kam«; und abermals war der gute Papa Arnold dabei im Spiele, und wieder war es ein Irrtum, welcher zu einem Wendepunkte meines Lebens und Schaffens führte. Eines Tages kam Arnold mit einem ungewöhnlich griesgrämigen Gesicht zu mir und stellte mich zur Rede, daß ich einem Leipziger Verleger Georg Wigand meine Zustimmung zum Kopieren einiger Prospekte der sächsischen Schweiz seines Verlages gegeben haben müsse. Mir war weder der betreffende Verleger noch das fragliche Opus bekannt, ich begriff aber wohl, wie der durch Nachdruck schon früher vielfach und schwer geschädigte Papa Arnold durch Eingriffe in seine Rechte in Verbitterung kommen mußte. Leicht konnte ich ihm mein Unbeteiligtsein an dieser Sache dartun, und wir schieden in alter Freundschaft. Da er nun Wigand mit einer Klage bedrohte, kam dieser nach Dresden, und die beiden Männer verglichen sich. Bei dieser Gelegenheit besuchte mich Wigand, der, damals noch ganz unbekannt mit Kunst und Künstlern, von meiner Existenz in Dresden zuerst durch Arnold erfahren hatte. Er erzählte mir, daß es sich in dem Streite mit diesem um Benutzung einiger Blätter »Ansichten der sächsischen Schweiz« für sein im Entstehen begriffenes Kupferwerk »Das malerisch romantische Deutschland« handle; er habe die von mir radierten Blätter nach London gesandt und dort für den Stahlstich in eine wirkungsvollere Manier übersetzen lassen und sie teuer bezahlen müssen. Schließlich fragte er mich, ob ich einige der noch fehlenden Ansichten zur Sektion der »sächsischen Schweiz« für ihn neu nach der Natur zeichnen und ausführen wolle. Nun hatte ich mich schon in Rom mit der Idee beschäftigt, künftig einmal ein Werk »Die drei deutschen Ströme, Rhein, Donau, Elbe« zu zeichnen und zu radieren, in welchem nicht nur die malerischen, sondern auch die historisch merkwürdigen Gegenden, Städte, Burgen, Klöster usw. in Verbindung mit den Volkstrachten, Festen und Gebräuchen zu einem poetischen Gesamtbilde verarbeitet werden sollten. Ich entwickelte Wigand im Laufe des Gesprächs diese altgehegte Lieblingsidee, und mit Begeisterung rief er aus, das sei es, was ihm, aber ganz unklar, vorgeschwebt habe, und er bat mich, einige Abteilungen des Werkes zu übernehmen. Wir einigten uns über die Sektionen: »Harz«, »Franken«, »Riesengebirge«, und auf diese Weise kam ich zuerst in geschäftliche Verbindung mit Georg Wigand, und die zum »malerischen und romantischen Deutschland« übernommenen Zeichnungen wurden die Brücke zu meinen späteren Kompositionen für den Holzschnitt. Die Reisen in jene malerischen Gegenden Deutschlands wurden größtenteils zu Fuße zurückgelegt und lieferten fürs Skizzenbuch und die Erinnerung eine reiche Ausbeute von Bildern und Erlebnissen aus dem deutschen Volksleben, die mir für mein späteres Schaffen vielfach zugute kamen. Ich war damals ein sehr rüstiger Fußgänger und marschierte z. B. auf der Wanderung durch Franken, das ich mehrmals kreuz und quer, von Nürnberg bis zur Rhön durchzog, gegen hundert Postmeilen innerhalb zwei Wochen. Bald nach Erscheinen des malerisch romantischen Deutschlands unternahm Wigand eine deutsche Ausgabe des »Vicar of Wakefield« von Goldsmith mit Holzschnittillustrationen, deren Komposition er mir übertrug. Ich hatte damals noch wenig Kenntnis von der Technik des Holzschnittes und erinnerte mich nur, daß Professor Steinla mich einst veranlassen wollte, für ihn eine kleine Aufzeichnung auf Holz zu machen, und mir das Prinzip des Holzschnittes im Gegensatz zum Stich folgendermaßen zu erklären versuchte: Druckt man eine Holzplatte ab, so entsteht eine schwarze Fläche; die abgedruckte, polierte Kupferplatte hingegen läßt das Papier weiß. Während beim Stich das Dunkel ins Licht graviert wird, müssen beim Holzschnitt die Lichter aus der Tiefe geschnitten werden. Der Künstler hat also die durch die Platte gegebene Schwärze vorzugsweise zu benutzen und beim Aufzeichnen aus der Tiefe ins Licht zu arbeiten. Außerdem war mir bekannt, daß die neuere Technik sich von der alten wesentlich unterschied. Zu Dürers Zeiten wurden die Zeichnungen auf Birnbaumtafeln von Langholz übertragen und mit Messern ausgeschnitten, während jetzt auf Buchsbaumplatten von Kernholz gezeichnet wird, das sich leicht mit Sticheln bearbeiten läßt. Das Schneiden mit dem Messer konnte bei weitem nicht so zarte und durcheinanderlaufende Strichlagen hervorbringen als die jetzige Stichelarbeit; die Alten mußten deshalb ihre Aufzeichnungen einfach und in derben Strichen halten, und Kreuzschraffierungen wandten sie wegen Schwierigkeit der Ausführung äußerst selten an. Obwohl ich nun die Einfachheit der alten Zeichnungsweise möglichst beibehielt, erlaubte ich mir doch größere Freiheiten in Verwendung der Strichlagen und suchte hauptsächlich große Licht- und Schattenmassen zu gewinnen; zu weitgehende Ausführung der Modellierung durch Mitteltöne aber vermied ich, weil sie dem Holzschnitt leicht etwas Trübes geben; überhaupt war es mein Bestreben, den Charakter des Holzschnittes, seinen durch das Material bedingten Stil zu bewahren und weder zur Nachahmung der Alten noch zum Wetteifern mit dem Kupferstich zu ge- oder mißbrauchen. Wenn späterhin in Besprechungen meiner Holzschnittbilder hervorgehoben wurde, daß sie etwas wie Sonnenschein an sich trügen, so verdanke ich dieses Lob nicht ganz allein meiner Komposition, sondern dem oben angedeuteten Verfahren; denn kräftige Tiefen gegen große Lichtmassen hingestellt, bringen immer eine gewisse sonnige Wirkung hervor. Ich ging überhaupt nicht auf malerische Toneffekte aus, sondern auf Reichtum der Motive, klare Anordnung und Schönheit der Linienführung. Der Holzschnitt, der wie die Glasmalerei jahrhundertelang unter die in Vergessenheit geratenen Kunstfertigkeiten gehörte, hatte seine Wiederbelebung in London gefunden, wo er gegen Ende vorigen Jahrhunderts durch den Kupferstecher Berwick für künstlerische Zwecke zuerst wieder in Anwendung gebracht wurde. Von da an hatte sich eine Holzschneideschule in England herangebildet, die durch den Buchhandel reiche Beschäftigung fand. Georg Wigand war auf sie aufmerksam geworden und hatte einige tüchtige Holzschneider veranlaßt, nach Leipzig zu kommen, von denen ich nur Nichols, Benworth, Allanson nennen will. Ich ging nun mit Freuden an die Kompositionen zum »Landprediger von Wakefield« und zeichnete sie selbst aufs Holz. Beim Fortgang der Arbeit stellten sich aber auch ungeahnte Leiden ein; denn der Anblick mancher der sonst sauber gearbeiteten Holzschnitte trieb mir einen gelinden Angstschweiß auf die Stirne, wenn der Ausdruck, namentlich der Köpfe, die ich oft drei- bis viermal verändert hatte, um den rechten zu finden, so umgewandelt war, daß sie mich höchst fremdartig ansahen. Mir war charakteristischer Ausdruck Herzenssache, während die Engländer ihren Stolz in höchste Eleganz der Stichlagen und Tonwirkungen setzten. Anziehender als diese Erstlingsarbeit für den Holzschnitt zum Landprediger, waren mir dem Stoffe nach die nächstfolgenden zu den deutschen Volksbüchern, die mich auf das mir zusagende Gebiet der Romantik führten und mir schon durch Maydell bekannt und lieb geworden waren. Da ich meines Zeichens doch Landschafter war, beängstigte mich bei diesen Illustrationsarbeiten das unheimliche Gefühl, auf ein quasi unbefugtes Revier geraten zu sein, und ich fürchtete, daß diese unter der Hand gemachten Nebenarbeiten in künstlerischen Kreisen kaum beachtet, von der Kritik aber übel behandelt werden könnten. Ich war daher um so angenehmer überrascht, als ich bald nach Erscheinen des Landpredigers eine freundliche Besprechung in der »Zeitung für die elegante Welt« von Sternberg fand, welche die poetische Auffassung mancher dieser Bilder mit großer Wärme hervorhob. Ähnliche Zeichen anerkennender und aufmunternder Beachtung fanden auch die Bilder zu den Volksbüchern. So äußerte sich Professor Julius Hübner, er sei überrascht und erfreut gewesen, als er unter meinen Bildern zur Melusine die Szene »Melusine im Bade« ganz übereinstimmend in der Auffassung mit seiner Komposition desselben Motivs gefunden habe. Desgleichen erzählte mir ein Tübinger Student, der berühmte Ästhetiker Vischer habe in einer seiner Vorlesungen sehr anerkennend auf die jüngst ohne Namen erschienenen Bilder zu den Volksbüchern hingewiesen und sie warm empfohlen. Noch während ich an dem Landprediger arbeitete, war ich von Hübner zur Mitarbeit an dem ihm übertragenen Vorhang zum neuen Theater aufgefordert worden. Er hatte schon in Düsseldorf eine Szene aus Tiecks Prolog zum Oktavian komponiert. Diese Zeichnung benutzte er jetzt zu seinem Vorhangsentwurf als Hauptbild, umgab es mit reichen Blumenfestons und dramatischen Emblemen und schloß es nach unten mit einem Fries ab, der die bedeutsamsten Gestalten tragischer und komischer Dramendichtung, verbunden durch eine Arabeske, vorführte. Das Hauptbild malte er selbst. Oehme hatte den landschaftlichen Hintergrund übernommen, mir war die tragische Hälfte des Frieses, v. Oer und Metz die komische zugedacht worden. Ich sträubte mich anfangs gegen den Auftrag, weil ich Figuren in so großem Maßstabe noch nie versucht hatte. Hübner aber ließ mich nicht los, und so komponierte und malte ich denn in dem Fries Gruppen und Einzelfiguren: Hamlet, Lear, Romeo und Julia, Justina, der wundertätige Magus, der standhafte Prinz, Götz, Faust, Egmont, Wallenstein, Jungfrau von Orleans und Tell, und fand in dem gemeinsamen Arbeiten viel Vergnügen. Der Theatervorhang erfreute sich nachmals einer großen Beliebtheit beim Dresdener Publikum, das sich an der reichen Komposition und Fülle der bekannten Dichtungsgestalten allabendlich ergötzte. Es bildete sich sonderbarerweise die Sage unter den Theaterbesuchern, die Hauptfigur des Mittelbildes, die Romanze, sei das Porträt der gefeierten Sängerin Schröder-Devrient. Nach Beendigung der Vorhangsarbeit kam mir von Wigand ein neuer, meiner Natur sehr zusagender Auftrag. Eine Sammlung von »Studenten-, Jäger- und Volksliedern« sollte mit Bildern und Melodien in billigen Ausgaben unter das Volk gebracht werden. Obwohl der Raum für die Bilder ein sehr beschränkter war, so boten doch die Stoffe der Phantasie einen weiten Tummelplatz für allerlei Gestaltungen und Capriccios. Die Zeichnungen flogen mir aus der Hand, und es gab ein lustiges Schaffen. Ich muß hier noch einer vorausgegangenen Arbeit gedenken, nämlich meiner künstlerischen Beteiligung au dem illustrierten Musäus, welcher 1842 in G. Wigands Verlag erschien. Mein alter, lieber Vetter, Magister Jung im Salomonistor, dessen ich schon zu Anfang dieser Blätter gedacht habe, stieg mit seiner Bücherkiste wie ein Traum aus der Jugendzeit herauf und langte mir die drei Bändchen seiner Musäusausgabe zu. Wie hatte ich doch vor Jahren, an langen Sommerabenden am offenen Fenster sitzend, beim Schwirren der Schwalben über den Stadtgraben in diesem Märchenschatze geschwelgt! Die damals aufgestiegenen Bilder meldeten sich wieder, und ich durfte sie jetzt nur mit dem Bleistift aufs Papier bringen. So sehr ich mich nun auch in solchem Schaffen glücklich fühlte, so überfiel mich doch bei dem Gedanken an die hochberühmten Namen meiner Mitarbeiter am »Musäus«, Jordan und Schrödter, eine große Bangigkeit. Hatte ich doch von jeher eine Scheu gehabt, mit meinem Namen auf den großen Markt der Öffentlichkeit zu treten. Bei denjenigen meiner bisherigen Illustrationsarbeiten, die meinen Namen auf dem Titel nannten, hatte mich vor dem Erscheinen jedesmal eine Art Kanonenfieber befallen, wie es manche Schauspieler, selbst bedeutende und routinierte, vor jedem Auftreten verspüren sollen. Mir hatte schon in jüngsten Jahren ein stilles Inkognitoschaffen vorgeschwebt, bei welchem ich aus glücklicher Verborgenheit heraus beobachten könnte, wie meine Bilder die Leute in freudige Bewegung versetzten. Um schaffen zu können, mußten mir Außenwelt und Publikum ganz entschwunden sein, und der vorliegende Stoff mußte sich meiner so bemächtigt haben, daß ich ganz in ihm und seiner Bilderwelt lebte. Dieses gänzliche Versenken und Einleben in die vor mir liegende Geschichte steigerte sich zur innigsten Freude und Produktionslust. Oft, während ich noch an einer Szene komponierte, stiegen schon drei neue in meiner Phantasie auf, und ich bedauerte, wenn der Abend kam und der Bleistift weggelegt werden mußte; denn ich hätte am liebsten die ganze Nacht fortarbeiten mögen. Dieser Überreiz der Phantasie trug etwas Krankhaftes an sich; es folgten Perioden der Abspannung, und ein nervöser Zustand bildete sich aus, welcher mir nachts den Schlaf raubte und die Tage oft schwer machte. Der Wechsel zwischen Aufgeregtheit und Abspannung dauerte auch während der Arbeiten zu »Bechsteins Märchen« fort. Bei der Ergiebigkeit meiner Phantasie bedauerte ich es, wenn der Kostenanschlag des Verlegers nicht zuließ, die Bilderzahl auf das Maß der mir vorschwebenden Kompositionen zu bringen, und ich verpuffte, nur um meinem Schaffensdrang zu genügen, manchen Einfall in kleinen Vignetten und Initialen, welcher eine weitere Ausbildung verdient und zugelassen hätte. Infolge der Berufung Bendemanns, Hübners und später Ehrhardts hatten sich auch andere Künstler aus Düsseldorf nach Dresden gewandt, Bürkner, Th. v. Oer, Plüddemann und der auch als Dichter bekannte Robert Reinick; auch Rethel nahm zur Winterszeit seinen Aufenthalt in Dresden, wo er die Kartons zeichnete, welche er im Sommer im Aachener Krönungssaal al fresco malte. Einen lieben Herzensfreund gewann ich durch Übersiedelung Thaeters von Weimar nach Dresden. Wir fanden uns in künstlerischen und religiösen Anschauungen innigst verwandt, und da wir nahe beisammen wohnten, gab es auch unter den Frauen und Kindern ein heiteres, trauliches Zusammenleben, und so erwuchs zwischen Thaeter und mir eine Freundschaft, die über dieses Leben hinausreicht. Thaeters Redlichkeit, Treue und Herzenswärme sprachen schon deutlich aus seinem festen, ehrlichen Gesicht. Wer das Herausarbeiten einer tüchtigen Menschen- und Künstlernatur aus bitterster Armut und Not zu einem edlen Leben und Wirken sich recht lebendig zur Anschauung bringen will, der lese Thaeters Jugendgeschichte, von ihm selbst niedergeschrieben und in »Westermanns Monatsheften« in einem Aufsatze von H. Riegel mitgeteilt. Thaeters intimster Jugendfreund war der aus ähnlichen Verhältnissen hervorgegangene Ernst Rietschel. Die meisten der Vorgenannten trafen sich allabendlich in einem Kaffeehause, in welchem auch Peschel, Oehme, Otto Wagner und ich uns einzufinden pflegten. Aus diesem zufälligen Zusammenfinden bildete sich ein Gesellschaftskreis, der in einem gemieteten Lokale regelmäßig einmal wöchentlich sich vereinigte und gegen zwanzig Jahre lang in jedem Winter sich erneuerte. In den ersten Jahren seines Bestehens war monatlich ein Komponierabend festgesetzt worden, wo jeder Teilnehmer eine Komposition mitbringen mußte, an welcher von allen die vielseitigste Kritik geübt wurde. Diesen Abenden verdanken die bei Wigand erschienene »Ammenuhr« und das »ABC-Buch Dresdener Künstler« mit Text von Reinick ihre Entstehung. Durch Los wurde der zu illustrierende Stoff einem jeden zugeteilt, von der »Ammenuhr« die Verse, vom »ABC-Buch« die Buchstaben des Alphabets. Da Bendemann in dieser Zeit mit den Fresken im königlichen Schlosse beauftragt war, so brachte er seine Entwürfe dazu in unseren Kreis, während die anderen Kompositionen zu beabsichtigten Bildern vorlegten, die auf diese Weise schon vor ihrer Ausführung das Läuterungsfeuer einer scharfen Zensur passieren mußten. Diese geselligen Abende gaben ein heiteres, vielseitiges, anregendes und fruchtbringendes Zusammenleben. Durch die Berufung Bendemanns nach Düsseldorf, Thachters nach München und durch den Tod Rietschels, Reinicks, Otto Wagners und Plüddemanns löste sieh der viele Jahre bestandene Verein von selbst auf. Eine andere Gesellschaft hatte sich zu jener Zeit zusammengefunden, die sogenannte Montagsgesellschaft, an welcher sich literarische und künstlerische Kräfte beteiligten: Auerbach, Gutzkow, Klaus Groth u. a. Mit Berthold Auerbach kam ich in einen näheren Verkehr; denn wir fanden in unseren, dem Volksleben entnommenen Stoffen künstlerische Anknüpfung. Abermals bin ich der Zeit vorausgeeilt und kehre zur Erzählung häuslicher Erlebnisse zurück. Von 1840 an wohnte ich vor dem Falkenschlage in einem reizend gelegenen Gartenhause. Im Juni leuchtete der Garten in üppigster Rosenfülle. Von den stillen Lauben schweifte der Blick ungehemmt über die gleich am Gartenhag beginnenden Kornfelder und Kirschbaumalleen bis hinauf zu den Anhöhen des Plauensehen Grundes. Jetzt lärmen die schrillen Pfeifen der Lokomotive und das Gerumpel der Lastkarren durch Bahngeleise und Straßen, welche aus jenen stillen Kornfeldern in die neue, dampfselige Zeit hineingewachsen sind. Unsere Hausgenossen waren so ruhig und friedlich wie die damalige Zeit. Über uns hauste der mit seiner Flöte in den Ruhestand gegangene Kammermusikus Fürstenau, berühmt als Virtuos seines idyllischen Instruments und geschätzt und geliebt als alter treuer Freund Carl Maria v. Webers. Im unteren Stock wohnte der Direktor der neu begründeten polytechnischen Schule, Professor Dr. Seebeck mit Frau und Schwägerin; zwischen dieser und meiner Frau entstand bald ein herzliches Freundschaftsverhältnis. Sie war eine Fräulein Oppermann und wurde nachmals die Gattin meines lieben Freundes Ernst Rietschel. In dem blühenden Garten dieses Landhauses wandelte einige Jahre nach unserem Einzuge die bleiche Gestalt unserer guten Marie, die sich durch Erkältung ein unheilbares Brustleiden zugezogen hatte. Welche Gegensätze berühren, ja durchdringen sich zuweilen im Leben! In dieser Zeit eines vollen, reichen Schaffens durchzog gleichwohl eine tiefe, stille Trauer unsere Herzen. Der Arzt hatte mir und meiner Frau mitgeteilt, daß eine Rettung unserer lieben Marie nicht zu hoffen sei. Noch jetzt steht das Bild mir lebhaft vor der Seele, wie ich in der Laube sitzend die schlanke bleiche Gestalt langsam auf- und abgehen sehe und ihr Blick zuweilen wie fragend auf mir ruht, »ob Vater wohl weiß, daß ich bald sterben werde?«, während die Lippe schwieg. Zu ihren Füßen aber wiegte sich ein lachender Tulpenflor, und an der grünen Gartenwand leuchteten die roten und weißen Rosen in Fülle. Es währte nicht lange, so konnte sie ihr Stübchen nicht mehr verlassen. Ich fand sie einmal am offenen Fenster, die warme Luft des Sommerabends und den süßen Duft der Rosen atmend, welcher aus dem Garten zu ihr emporstieg. Sie war in Gedanken versunken, und zum erstenmal löste sich das bisher unausgesprochene Geheimnis ihres nahen Todes. Es hatte ja uns allen so bange und schwer auf dem Herzen gelegen. Marie schüttelte ihr Herz vor mir aus; schüchtern und sorglos zu mir aufblickend fragte sie, ob sie auch mit Zuversicht der Vergebung all ihrer Fehler und Versündigungen sich getrösten dürfe. Ich erinnerte sie an das alte Agnus Dei Lied: »All Sünd hast Du getragen, sonst müßten wir verzagen! Erbarm Dich unser, o Jesu!« Das Wort des Herrn: »Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe«, und was wir sonst Ähnliches miteinander innig und ruhig besprachen, erfüllte ihre Seele mit der seligsten Freude. Entzückt ihre Arme ausbreitend rief sie: »O Gott! wie freue ich mich, wie glücklich bin ich! Ich werde bald meinen Heiland sehen.« Ihre Augen leuchteten dabei in einem wunderbaren Glanze, der nicht mehr von dieser Welt schien. Mit Erstaunen und Bewunderung betrachtete ich sie, denn es erinnerte mich diese Erscheinung an ihre Kindheit, wenn sie, etwa zweijährig, von mir auf den Knien geschaukelt wurde, wobei sie dann zuweilen in ein solches Jubilieren ausbrach und ihre Augen so ungewöhnlich aufleuchteten, daß Freund Peschel darüber stets in künstlerische Ekstase geriet. Jetzt aber fiel mir die Stelle im Dante ein: »Öffne die Augen und sieh mich, wie ich bin! Du hast geschaut Dinge, daß Du mächtig geworden bist, mein Lächeln zu ertragen.« Wir hatten eine Wohnung auf der Pillnitzer Straße bezogen, und hier kam, im April 1847, das Ende ihres jungen Lebens heran; sie war achtzehn Jahre alt. Die letzte Nacht brach herein, und Marie hatte noch einen schweren Kampf, den letzten, zu bestehen. Eine sich immer steigernde Unruhe bemächtigte sich ihrer, sie wollte fort, in ein anderes Bett, in ein anderes Zimmer gebracht sein; sie bat, sie flehte uns darum an. Die Seele, die sich von ihrer Hülle lösen wollte, schien mit diesem Leibe des Todes im heißesten Kampfe; sie warf sich hin und her und rief so rührend und flehentlich: »Helft mir, ach helft mir!«, und wir beide, Vater und Mutter, saßen dabei und konnten ihr doch nicht helfen. O wie lang und schwer wurden diese Stunden! »O helft mir!« so tönte es immer wieder und unter Tränen blieb uns nichts anderes, als dasselbe Wort hundertmal im stillen nach oben zu senden: »O Herr, hilf Du, der Du allein hellen kannst, nimm ihre geängstete Seele zu Dir!« Es mochte nach Mitternacht sein, da rief sie abermals in höchster Not: »O liebe Eltern, ich halte es nicht mehr aus, o helft mir doch!« Da trat, von einem Gedanken ergriffen, die Mutter an ihr Bett, zog eines der Pfühle unter dem Kopfe hinweg, und Mariens Haupt sank tiefer auf das Kissen, während sie vorher mehr in halb sitzender Stellung war. Sogleich legte sich das stürmische Atmen, die Brust hob sich ruhiger, sie wurde still und lag wie eine ruhig Schlafende. Lautlos saßen wir dabei, und ich heftete meine Augen auf das ruhige Pulsieren im Halse. Bald gingen nur noch vereinzelte Pulsschläge – sie wurden immer langsamer – noch einer – und keiner folgte mehr – sie war entschlafen! Still knieten wir an das Bett und begleiteten die erlöste Seele unter Tränen mit unseren Gebeten in das Jenseits. Nachträge zur Biographie Zu S. 13 Einer der tiefsten Eindrücke religiöser Art, welche ich in den Kinderjahren empfing, kam mir in einem Kasperle-Theater. Ich war glücklicher Besitzer eines Kupferdreiers, wofür ich mir Kirschen kaufen sollte. Nun hörte ich aber von einem größeren Knaben – vielleicht war es mein Mentor Holzmann, der in seinen alten Tagen »Brezeljung« wurde –, daß bei »Hofapothekers«, so hieß ein altes Haus auf der Pillnitzer Straße – in der Puppenkomödie der Doktor Faust aufgeführt wurde. Da es auf der Galerie daselbst nur drei Pfennige Entrée kostete, so wanderte ich mit meinem Dreier und Holzmann stracks dahin. Das Stück war die alte bekannte Puppenkomödie. Da kam nun eine Szene, wo der Herr Doktor verschiedene böse Geister zitiert und einen nach dem andern über seine Fähigkeiten und Kräfte examiniert. Zuletzt erscheint zappelnd und schlotternd ein kleines Teufelchen mit dem hübschen Namen Vitzliputzli. Er wird von Faust gefragt, ob er wohl zuweilen ein Verlangen nach der ewigen Seligkeit spüre, antwortet er zitternd. »Herr Doktor! Wenn eine Leiter von der Erde bis zum Himmel hinauf errichtet wäre und ihre Sprossen wären scharfe Schermesser, ich würde nicht ablassen, sie zu erklimmen, und wenn ich in Stücke zerschnitten hinaufgelangen sollte!« Dieser drastische Ausdruck ließ mich die Wichtigkeit der Sache, um die es sich hier handelte, vollkommen nachempfinden. Ich konnte die Worte nicht vergessen und ging tief ergriffen nach Hause, tiefes Mitleid im Herzen tragend mit dem kleinen, schwarzen, so greulich zitternden Vitzliputzli. * Zu S. 16 Mein Vater besaß außer einer ziemlich reichen Kupferstichsammlung (jedoch zum großen Teil aus Stichen nach französischen Meistern bestehend: Watteau, Boucher, Aliamet usw.) eine kleine Sammlung Gipse. Es waren Abgüsse über Natur, Hände, Füße, Beine usw., anatomische Figuren und Antiken. Ferner die Gipspasten nach geschnittenen Steinen (Lippertsche Daktyliothek). Außerdem aber auch eine bunt zusammengewürfelte Bibliothek, die er nie las, aber als zu einer Kunstwerkstatt gehörig um ihres stattlichen Aussehens willen liebte. Mengs, Hagedorn, de Piles, Descamps' Leben der Maler mit den feinen Bildnissen von Ficquet, die Quartausgabe von Geßners Idyllen, Winckelmanns Briefe, eine alte Übersetzung der Geschichte des wunderlichen Ritters Don Quichote, Judas, der verfluchte Ertzschelm von Pater Abraham a Santa Clara, Sulzers Theorie der Künste und Füßli, Schweizerkünstler, Bibliothek der deutschen Wissenschaften usw. Ich habe immer große Freude an den Büchern gehabt und las gern zu Hause in einem Buche, wenn die Eltern spazieren gingen; denn außerdem sah es der Vater sehr ungern, schalt darüber und riß mir das Buch manchmal aus den Händen und warf es in eine Ecke. – Der Vetter Müller, welcher Zeichenlehrer am Gymnasium (und der Vater des sog. Feuermüller, welcher später sich in München bekannt machte), tauschte oft Zeichnungen – Kopien nach alten Meistern oder Naturstudien – von mir gegen ein Buch ein; so bekam ich viele deutsche Klassiker (im Wiener Nachdruck) in die Hände, welche eifrig, aber mit sehr geringem Verständnis gelesen wurden. In der Schule hatten wir ein sehr trockenes Buch: Sächsische Geschichte. Sonderbar war es mir später, daß mir nichts davon hängen blieb als ein bei Friedrich dem Weisen angeführter Spruch: »Wer die Ehre fliehet, dem läuft sie nach!«, welcher damals wie ein nachdenkliches Rätsel Eindruck machte. * Zu S. 67f. Der Kinderglaube war durch den unfreiwillig angehörten Spott des hämischen, gemeinen, mißgestalteten Herrn Sp[rink] plötzlich im innersten zerstört. Ich hatte das Gefühl, daß mir etwas Unentbehrliches genommen war, das mit anderem nicht ersetzt werden konnte. Ich konnte mit niemand davon reden und war recht unglücklich. Als ich einmal des Abends vom Naturzeichnen nach Hause ging und die Sterne am Himmel glänzten, kam ich in ein Nachdenken über den lieben Gott, der mir verlorengegangen war und ohne den es mir doch gar nicht mehr wohl wurde. Da baute ich mir in meiner großen Einfalt eine Kinderphilosophie zusammen, welche mir anfänglich zwar große Freude machte, nach kurzem aber doch wieder wie eine Seifenblase wirkungslos zerging. Ich verfiel nämlich auf die kühne Idee, ob nicht die Sonne, von welcher doch alles Leben und Gedeihen komme, vielleicht Gott sei? – Dies schien mir nun recht handgreiflich nahe zu liegen, nur konnte mir dies feurige, kugelrunde Sonnengesicht durchaus keine Liebe, kein Vertrauen einflößen, und das dumme Kinderherz blieb unbefriedigt, und die naturphilosophische Idee zerrann in Dunst, wie es auch den großen philosophischen Ideen zu passieren pflegt. Doch hatte dies heimliche Zweifeln die Begierde nach Belehrung in mir erregt, einen Wahrheitstrieb, welcher befriedigt sein wollte. Aber wo sollte ich suchen, wen fragen, es fehlte alle Hilfe, alle Hilfsmittel! – Da ich niemand befragen konnte, so las ich alle die alten Scharteken, die ich in des Vaters Bibliothek fand, alles kraus durcheinander, wovon ich allerdings keine andere Frucht hatte, als daß es den Kopf zu einer Art Gerümpelkammer machte, der notwendige Hausrat aber gänzlich fehlte. – Hier sei nur erwähnt, daß ich in etwas späteren Jahren durch das Lesen Plutarchs (einer alten steifen Übersetzung), durch Engels Philosoph für die Welt am meisten sittliche Anregung erhielt, und Sulzers Theorie der schönen Künste das Nachdenken über Kunst förderte. * Zu S. 224 ff. Die bedeutendste Erfahrung meines inneren Lebens, die folgenreichste Tatsache bleibt mir stets die zwar vorbereitete, aber plötzlich erfolgte totale Umwandlung, welche ich am Silvesterabend 1824 erfuhr und die mir beim ersten Erwachen am Neujahrsmorgen zum Bewußtsein kam, so daß ich in Wahrheit sagen kann, sie ist mir über Nacht im Schlafe gekommen. Einzelne Brieffragmente und Bruchstücke von Aufzeichnungen aus jener Zeit geben mir heute noch Zeugnis – wenn es dessen bedürfte, da die Erinnerung jenes Zustandes noch lebhaft mir bewußt ist, – in welcher Unwissenheit und Verwirrung der Begriffe ich bis zum 20. Jahre dahinlebte, ein Boot auf dem offenen Meere des Lebens, von der Welle geschaukelt, vom Winde da und dorthin getrieben, ohne Steuer, ohne Kompaß, ohne Segel wie ohne Frachtgut. * Zu Rom 1825. Zu S. 237 Bei Bunsen traf ich zuerst mit Reißiger zusammen, den ich später in Dresden, wo er k. Hofkapellmeister wurde, näher kennen und hochschätzen lernte. In Rom wohnte er mir gegenüber in Casa Putti, und ich hörte ihn oft mit gewaltiger Stimme seine eben komponierten Lieder für sich absingen. So namentlich sein humoristisches Noahlied. (Kopisch war in derselben Zeit in Rom. Die hübsche Geschichte aus Freudenbergs Leben, dem er aus großer Not half, sollte als Zeugnis seines guten Herzens mitgeteilt werden.) Jetzt in meinem 76. Jahre erfreuen und erbauen mich oft seine (Reißigers) schönen Messen in der katholischen Hofkirche. Sie sind der Ausdruck eines tief religiösen Gemütes. Ich glaube, es war in demselben Jahre (1825), wo der Landschaftsmaler Sparmann (aus Meißen gebürtig) in Rom war, und zwar im Gefolge Napoleons (II.), welcher mit seiner Mutter sich in Rom aufhielt. Sparmann war sein Zeichenlehrer; zwar technisch geschickt, jedoch verhielt er sich sehr teilnahmslos gegen alles, was Kunst oder Natur in und um Rom Herrliches darbieten. Er saß die meiste Zeit in einem Kaffeehaus und spielte Domino, und da ich ihn anregte, sich als Landschafter in dem nahen Albanergebirge umzusehen, und er meinte, er möge nicht allein dahin gehen, so erbot ich mich, mit ihm zu gehen. Das Wandern aber war ihm unbequem, und die malerischen Szenen um Ariccia, Genzano und Nemi erregten wenig seine Aufmerksamkeit. Er fragte nach den Namen dieser Ortschaften, wollte wissen, was diese »auf Deutsch« hießen, und wenn ich am Nemisee zeichnete, legte er sich auf den Rasen und schlief. Gelangweilt von dieser Stumpfheit, ging ich am andern Tag mit ihm nach Rom zurück. * Zu Civitella S. 274 Wie der Fischer, nachdem er einen Zug gemacht, am Lande sein Netz durchsucht, die großen Fische von den kleinen sortiert, so sieht der Landschafter nach einer Wanderung seine Bücher und Mappen durch und sondert das Wertvolle von dem Unbedeutenderen. Ich fand, daß ich mit ein paar Ausnahmen nur kleines, wenig nutzbares Zeug in meinem Netze hatte, und mußte mir schließlich gestehen, daß überhaupt alle die geschauten Herrlichkeiten den tiefen Eindruck auf mich nicht gemacht hatten, den ich nach all dem Gehörten, Gelesenen und in Zeichnungen Gesehenen. . . Wie in der Kunst der Stoff nicht die Hauptsache ist, sondern die Auffassung und Verarbeitung desselben, so ist's recht betrachtet – auch im Leben. Es bringt uns gute und böse Tage, bringt Wohl oder auch Wehe im steten Wechsel. Dieser Stoff wird uns von Gott zugeführt, und die Hauptsache ist, was wir daraus machen, wie wir ihn auffassen und verarbeiten. Glücklich, wer darin einige Meisterschaft erlangt hätte, – jeder Tag und jede Stunde gibt Gelegenheit zur Übung. Da heißt es immer: Jetzt ist die angenehme Zeit! (Wie Schwind auf den Perpendikel einer Wanduhr geschrieben hatte.) Bei Goethe finde ich manchmal eine Ausdrucksweise andern in den Mund gelegt, die, so flüchtig hingeworfen, wie eine recht individuelle Redensart klingen und bei genauerem Betrachten einen großen Sinn, ja eine ganze lange Gedankenreihe enthalten. So das: »Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?« – der Philine in Wilhelm Meister. Aus Ludwig Richters Tagebuch-Aufzeichnungen Rom 1824 Sonnabend, den 13. November. Ich las diesen Nachmittag noch einmal im Stilling und schrieb mir einiges heraus. Es ist ein treffliches Buch, und manches wurde mir deutlicher, in vielem wurde ich bestärkt; es entwickeln sich jetzt ganz eigentümliche Gedanken in mir, und ich bin seit diesem Sommer sehr anders geworden. Viele, und zwar die guten unter meinen hiesigen Bekannten, haben mich lieb, sie halten mich für einen unverdorbenen Menschen mit einem kindlichen Gemüt, andere witzige und kluge nennen mich kindisch, charakterlos. In mir aber herrscht ein doppelter Geist; ich möchte das erstere bleiben, zugleich aber einen gewissen Einfluß auf andere gewinnen; untersuche ich's genau, so ist das nur Eitelkeit. O selig der Mann, der so weit Herrschaft über sich bekommen hat, sich an das Gerede und Urteil der Welt nicht zu kehren und seinen Weg mit festem Glauben beharrlich fortzusetzen! Das ist notwendig fürs Leben und für die Kunst. Ich habe oft den Wunsch gehabt und ihn auch gegen Freunde geäußert, als ich in Albano an dem Kloster saß und zeichnete, in diesem Kloster als Mönch zu leben, abgesondert von der Welt in einer herrlichen Natur, und ganz Gott und der Natur und Kunst mich zu weihen und nur das zu malen und so zu malen, wie mirs in die Seele kommt nach meiner besten Überzeugung; denn hier im Leben kann ich mich doch nicht ganz rein von der Mode und frei von der Regel halten. Die Gedanken und Vorsätze, welche meine Seele beschäftigen, sind in der Kürze ungefähr diese: Immer nach alter, deutscher Weise streng rechtschaffen zu leben und rein zu bleiben im Handel und Wandel; dabei fromm, ein Christ, wie er sein soll nach dem Sinne Jesu; denn Religion, Glaube und Liebe allein führen zur Wahrheit und zur Glückseligkeit; nicht der äußeren, die kann doch nicht beständig und echt sein, aber zur inneren, diese ist Seelenfriede. Glaube und Liebe können alles bewirken, können Wunder tun, denn sie sind überirdische Gotteskräfte. Der Glaube kann Berge versetzen, sagt Christus: ich meine, man kann das fast buchstäblich nehmen. Die Wunder, welche Jesus und die Apostel wirkten, geschahen sie nicht aus der Kraft und Macht des Glaubens? Von einfältigen, aber weisen und frommen Menschen hat man oft schon wunderbare Dinge gesehen und gehört. Bei solchen Menschen ist auch der Glaube fest wie Felsen. Kluge Leute sind zu klug, um recht zu glauben, recht zu lieben; das zeigt ja oft die Erfahrung. Alle Worte Jesu sind unendlich tief, ewig wahr, und enthüllen die menschliche Natur und die Kraft Gottes am herrlichsten; darauf ist festes Bauen, daran trügt keine Silbe; Er ist die ewige Wahrheit selbst; ich habe eine unbändige Sehnsucht, die Bibel zu lesen, kann sie aber nicht sogleich bekommen. Ich will künftig immer arm und einfach leben, ich mag müssen oder nicht; soviel werde ich durch Malen, Zeichnen und Radieren bei anhaltendem Fleiß und Geschicklichkeit immer verdienen, um leben zu können. In der Natur und meiner Kunst will ich meine höchsten Freuden suchen und werde sie da finden; denn sie stammen von Gott, sind unergründlich reich, ewig wechselnd und doch immer dieselben, treu und wahr, wie alle Werke Gottes. In der Kunst soll Tiefe und Einfachheit mein Bestreben sein. Diese Worte sind leicht ausgesprochen, aber ich fühle jetzt mehr dabei als sonst; um aber die Natur mit tiefster Empfindung und den Gegenstand mit erschöpfendem Geiste zu fassen und mein Gemüt dadurch auszudrücken, treibt mich mein Sehnen und Verlangen nach deutschen, insbesondere nach den heimisch vertrauten Gegenden, weil ich doch diese nur recht kenne, recht tief empfunden und gefühlt habe. Es wird doch Seelen geben, die das Gute in solchen gemütlichen, gedankenvollen, aber kunst- und schmucklosen Arbeiten erkennen, schätzen und wohl auch einst ans Licht ziehen werden, wenn auch Tausende darüber witzeln und spotten. Ich arbeite ja nicht, um reich zu werden, und Weniges erwirbt man immer. Doch die Gedanken liegen hier wie ein Chaos wild, dunkel, zerstückt durcheinander, und die Worte verderben den festen guten Grundgedanken, ich will ihn weiter verfolgen, und es wird mir eins nach dem andern wohl klarer werden. Diese Woche kann ich so ziemlich zufrieden übersehen, gebe der Himmel, daß ich in der nächsten noch besser vorrücke, aber leider geht das immer nur sehr langsam. * Sonntag, 14. November. Heute nachmittag gab uns Flor einen Schmaus auf dem Monte Mario. Vormittag ging ich aber mit Thiele, Hein und Freund in die Sixtinische Kapelle, wo ich das jüngste Gericht zum ersten Male sah. Ich kann die Empfindungen nicht beschreiben, die mich überwältigten. Das Bild schildert würdig den ernsten Tag des göttlichen Gerichts. Dieser Reichtum von bedeutenden, poetischen Motiven, diese Riesenphantasie überfliegt alle Vorstellung. Unten die Auferstehung der Toten, der Kampf der Engel und Dämonen um die Seelen; Auffahren der Seelen. Christus der Zürnende ist von der fürbittenden Mutter und allen Heiligen und Patriarchen umgeben. Chor der Engel mit Christi Marterwerkzeugen. Der fürbittende Joseph. Sturz der Verdammten. Überfahrt Charons. Die Hölle; das sind ungefähr die Hauptgruppen des großen Bildes. Wie groß und bestimmt die Umrisse der einzelnen Figuren sind, sieht man an einigen untenstehenden. Wie groß und ernst alles gedacht, wie vortrefflich jede Gruppe motiviert ist, kann man nur selbst sehen. Wie bedeutend die Beleuchtung z. B. bei der Überfahrt des Charon, welcher sich in schauervollem Dunkel gegen die hellblitzende Luft abhebt! Es ist ein ungeheures Werk! Alle Fehler Angelos, die man ihm oft mit Recht zuschreibt, gehören mit zu seiner Größe und sind insofern keine Fehler. Die Propheten und Sibyllen und die Schöpfungsakte an der Decke, kann man sich nicht größer und erhabener dargestellt denken. Doch davon keine Worte; in meiner Brust leben ewig jene Göttergestalten und die erhabenen Phantasien des großen Geistes. Wir speisten zu Mittag in einer kleinen niedlichen Kneipe mit Gärtchen, wo Raffael oft von seiner großen Arbeit ausruhte. Das Essen war einmal recht gut: zuppa rape, testa fritto und ganz delikates abaccio und ein stupendes Weinchen dazu; ich will den Schmaus nicht vergessen, denn wir waren herzlich lustig. Nach Tische zogen wir auf den Monte Mario. Die anderen waren schon alle beisammen, aßen und tranken tapfer, und wir taten auch nach Kräften. Es war einer der fröhlichsten Tage, die ich verlebt habe. An dem Ziehbrunnen (den Fohr gezeichnet) stand ein Tisch, zwei Fässer Wein darauf und Brot, Wurst, Schinken und gebratene Hühner in Menge. Um dieses grüne lustige Plätzchen standen die schönen dunklen Zypressen, durch welche man eine reizende Aussicht nach Rom und das Latinergebirge hatte, besonders schön machte sich der St. Peter mit dem Vatikan. Aber wir bekümmerten uns wenig um die Aussicht, denn wir waren zu lustig, und Scherz und Kurzweil nahmen kein Ende. Hoff, Flor und Stirnbrand sangen lustige Lieder, gegen Abend fingen wir auch an zu walzen, und mit einbrechender Nacht wurde bei Fackelschein noch ein wilder Kotillon getanzt, und ich mit Stirnbrand tanzten vor. Dann wurde gespielt. Braun las ein recht hübsches Gedicht auf Flor und zuletzt traten wieder die Sänger zusammen, und aufs neue erklangen wunderschöne Melodien in die tiefe Sternennacht hinaus. Die Zypressen waren rot von der Fackelglut erleuchtet und oben funkelten die Sterne blau herein; in der Stadt schimmerten einzelne Lichtchen. Alles war so still und feierlich, nur ein dumpfes Rauschen, wie vom Winde, strömte durch die Nacht. Ich lag an einer Zypresse und war recht selig, fühlte ganz das Glück dieser schönen Stunde. Nachts zogen wir herein. Auf der Straße vor dem Engelstore tanzten ein paar Winzer noch den Saltarehlo, und ein dritter klimperte auf der Zither dazu. Thiele toll und wild sprang mit dazu und tummelte sich herum wie ein Bacchant. * Sonntag, den 21. November. Ich habe vergangene Woche Grimms deutsche Sagen gelesen, und sie haben mir viel Aufschluß über Auffassung deutscher Natur gegeben; denn ich suche alles, was ich lese, auf meine Kunst anzuwenden; ich will meine Gedanken später darüber aufschreiben, wenn alles im klaren ist. Überhaupt reinigen sich meine Ansichten immer mehr. Ich habe Luthers Bibelübersetzung mir angeschafft und las die Bibel zum ersten Male; denn in der Schule hatten wir nur einen ganz kurzen Auszug derselben. Ich kann nicht sagen, was sie mir für Wonne gewährte und welche tiefe, göttliche Wahrheit ich in den Worten Jesu finde. * Donnerstag, den 25. November. Warum soll ich die Regeln dieses und jenes alten Meisters nachahmen? Ich kann und soll nur mich geben und nicht einen anderen, in dessen Geist ich mich doch nie einstudieren kann. Der Kunstzweck strebt ins allgemeine, die Darstellung aber bleibe individuell. Ich soll aus den Werken eines jeden großen Genius lernen, wie es seine Kräfte benutzte, wie alles in ihm ein Ganzes ist, alles organisch aus einem Geist, nach einer Regel gebildet. So soll auch mir meine Regel aus meinem Geiste schaffen und bilden, und meine Kunst, mein Leben, meine Ansichten, alles das muß eins mit mir sein, aus einem entsprungen. So war's bei den Alten auch. Shakespeare, Homer und die Sänger der Nibelungen stehen hierin am höchsten da. Bei den neueren, besten Dichtern ist schon viel zuviel Nachahmung, und was bei den Alten natürlich ist, erscheint hier schon künstlich studiert und gesucht. * 26. November. Die Worte Kochs: »Die Landschaftsmalerei hört auf, wenn man recht über Kunst denken wird«, geben mir auch Stoff genug zum Denken. Ich tat früher schon oft mit Betrübnis einen ähnlichen Ausspruch, und doch bin ich wohl davon zurückgekommen. Wenn ich bedenke, welchen großen Eindruck die Natur immer auf jeden gefühlvollen Menschen hervorbringt, wie Gott sich in ihr offenbart, wie sie seit Anbeginn in reizendem Wechsel sich immer gleich bleibt, den irrenden und schwankenden Menschen der einzige sichtbare Leitfaden, eine lebendige Hieroglyphe von Gottes Gesetzen und heiligen Willen ist, worauf der Mensch immer wieder zurückkommt und hingewiesen wird, wie Jesus selbst in ihrer Betrachtung sich stärkte und in ihren unwandelbaren Gesetzen den Willen des Vaters fand und deutete und seine Gleichnisse aus ihr entnahm, wie er die Natur, also die sinnliche, körperliche Offenbarung des ewigen Geistes betrachtete, so muß ich sie doch als einen erhabenen Gegenstand für die Kunst ansehen, wenn sie nur groß, umfassend, geistig ergriffen und dargestellt wird. Ich muß die Natur in solchen Momenten auffassen, wo sie mich und jeden Menschen am mächtigsten ergreift (z. B. Tages- und Jahreszeiten). Oft spricht sich der Sinn ihrer Erscheinung deutlich aus, aber nicht immer. Es gibt auch Momente und Gegenstände in der Natur, welche unser Gefühl wunderbar anregen, wo wir eine süße Sehnsucht empfinden nach unbekannten Wesen, nach dem ewigen Vaterlande vielleicht. Solche Empfindungen gleichen denen, welche durch die Töne einer schönen Musik oder durch einen wunderbaren, nächtlichen Traum erzeugt werden.    Soll dein Werk auf den Geist wirken, so muß es auch ungeschwächt aus dem Geiste hervorgehen, deshalb erfinde und arbeite nur mit recht tiefer Liebe und mit Glauben. Denn diese Kräfte des Geistes, wenn du sie recht mächtig in dir hast, werden mehr wirken als alle Technik und Theorie und alle Vorteile deines Kopfes und deiner Hand. Das Ganze behandle recht groß und so einfach als möglich, und mit Hinweglassung alles Kleinlichen, Unnützen. Aber alle Motive, welche beitragen können, den dargestellten Gedanken oder die Empfindung deutlicher auszudrücken und zu bereichern, suche anzubringen. Einfachheit, Größe und Tiefe der Gedanken zeugen von deinem Geiste, der Reichtum der Motive von der Fülle deiner Phantasie. Von Künstlern weiß ich keinen, der das ganz erreicht hätte. Ahnungen davon findet man am besten und meisten bei Ruisdael, einigermaßen auch bei Friedrich und Nikolaus Poussin. Es soll aber ja keine künstliche Allegorie aus der Landschaft gemacht werden, das ist wider den Geist der Natur. Aber wohl gibt sie uns oft ernste, bedeutende Winke, zuweilen scherzt sie in der bunten, lieblichen Fülle und gibt uns den Vorschmack des Himmels. Die Form ist körperlicher, der Ausdruck geistiger und kommt also zuerst in Betracht. Es gibt eine poetische Anordnung der Farben, von welcher aber noch wenig Gebrauch gemacht worden ist. (Ausgenommen Raffael, Tizian, Poussin.) Es ist ausgemacht klar, wie jede Farbe für sich eine besondere Wirkung aufs Gemüt hervorbringt und so auch in Zusammenstellung mit anderen, wobei natürlich ein gewisses Verhältnis beobachtet werden muß. So z. B. Grün ist frisch und lebendig, Rot freudig oder prächtig, Violett melancholisch (wie bei Friedrich), Schwarz haben die meisten Völker für die Farbe der Trauer, des Todes angenommen. Gelb zu blau ist matt, sterbend, traurig. Grün zu Rosenrot lieblich und üppig. Grün zu Rot – Pracht, Fülle; Grün zu Blau – heiter, ernst, erhaben. Wie melancholisch ist z. B. die Farbe der Weide und der Olivenwälder! Wie düster, schwermütig das dunkle Graugrün der Linde; wie heiter das Lichtgrün der Buche! Welche Empfindungen erregen die gelben Bäume im Herbst mit den schwarzen Ästen, die welken Blumen und Gräser! Wie gespenstisch der schwarze Eichwald im Winter, wo der Schnee weit hingebreitet liegt und auf den Ästen hängt! Eine solche geistige Anordnung der Farben hat viel Ähnlichkeit mit der Musik, sowohl in der Behandlung als in der Wirkung. Farben sind Töne. Auch in den Farben muß die möglichste Einfachheit beobachtet und auf große Massen gesehen werden; denn je einfacher, desto stärker ergreifend werden sie wirken. Welches Leben, welche Frische, blühende Fülle erregt Tizians Kolorit. Es sind immer große, reine Farbenmassen. Eine süße Wehmut und Sehnsucht ergreift uns bei Poussins Landschaften. Es sind graue, gemischte, etwas dunkle Farben. Kochs Landschaften würden mir besser gefallen, wenn weniger Stil darin zu spüren wäre. Dadurch gibt er den Eindruck nicht, den die Natur gibt. Der Künstler findet viel daran zu bewundern, aber den Nichtkenner und natürlichen Menschen läßt es ungerührt. Koch hat überhaupt viel Feuer, Leben, Geist, aber wenig Liebe, Gefühl und reine Natürlichkeit. Das sieht man auch in seinen Bildern; wenige gehen zu Herzen, obgleich sie recht schön sind. Es ist gewiß recht gut für den Landschafter, wenn er die Volkssagen, Lieder und Märchen seiner Nation studiert. Er sieht darin den Geist des Volkes, welcher mit diesen Sagen seine Umgebungen belebt. Die örtlichen Sagen und auch die Märchen knüpfen sich fast immer gerade an solche Gegenstände, welche in der Natur unser Gemüt am wunderbarsten erregen. Das Volk sucht diesen Geist zu fassen oder auszudrücken, indem es wunderbare Geschichten daran knüpft. Und wahrlich, er ist auch immer gut getroffen, echt volkstümlich aus der Sage selbst und dem Glauben und Empfinden des Volkes entsprossen! Wie herrlich sind in den Märchen das geheimnisvolle Waldesdunkel, die rauschenden Brunnen, blühenden Blumen und Knospen, die singenden Vögel und die bunten, ziehenden Wolken aufgefaßt, in den Sagen alte Burgen, Klöster, einsame Waidgegenden, sonderbare Felsen dargestellt! Köhler, Schäfer, Pilger, schöne Jungfrauen, Jäger, Müller, Ritter, Nixen und Riesen, das sind die natürlichen, romantischen Personen, welche in jenen Sagen spielen. Ich möchte wohl recht den Shakespeare studieren. Er scheint mir das Wahre und Rechte in der Kunst erreicht zu haben. Er ist seinen eigenen Weg gegangen und steht einsam und einzig da; von seiner Mitwelt wenig geachtet, bis ihn eine gerechtere Zeit ans Licht zog und er jetzt ganz gewürdigt und erkannt worden ist. * 4. Dezember. Das hiesige Leben hat so viel Schönes, daß man das deutsche darüber vergessen könnte, vor allem die unschätzbare Freiheit. O wie wahr sind des alten Dürers Worte in einem Briefe, den er aus Venedig schrieb: »Hier bin ich ein Herr und frei, daheim aber ein Schmarotzer.« Aber ich werde mich immer soviel als möglich unabhängig zu halten suchen. In der freien, herrlichen Natur will ich immer leben, in ihren Geist immer tiefer einzudringen suchen, in ihr Gott recht erkennen lernen und den allmächtigen Gott der Liebe von ganzer Seele lieben, immerdar bis ans Ende; ihn will ich preisen tief und still im Herzensgrund, ihn preisen durch mein Leben und durch die Werke meiner Kunst. Leben und Kunst müssen eins sein und dürfen sich nicht scheiden; so war's bei den Alten. * 5. Dezember. Vormittags ging ich mit Wagner, Bach und Swickert in die Galerie Camuccini und genoß den einzigen, wundervollen Tizian: »Das Bacchanal« (Figuren von Bellini). Ich kann keine Worte finden, um den Eindruck zu beschreiben, den er auf mich gemacht hat; ich war außer mir, bin es noch jetzt, nachdem ich so manchen Genuß den Tag hindurch gehabt habe; aber dieser Tizian hat mich ganz und gar eingenommen, und ich denke immer nur an ihn. Ich gehe vielleicht künftigen Sonntag allein wieder hin. Wenn ich den Wert der Landschafter taxieren sollte, so käme zuerst Tizian mit Ruisdael, Everdingen, dann Claude etc. (auch Nikolaus Poussin kommt vor Claude). Aus Tizians herrlichem Bilde »Das Bacchanal« weht eine wunderbare Frische und holde Lebensfülle; das Kolorit ist wahre Zauberei, eine Kraft, ein Glanz und eine Glut in den Farben, die einen wunderbaren Reiz wirken und schon für sich die höchste poetische Stimmung im Beschauer erwecken. Die Komposition nun ist höchst einfach, grandios und edel. Auf einem lustigen Plätzchen am grünen Walde haben sich die Götter zum fröhlichen Feste versammelt und niedergelassen. Die Figuren sind schön gemalt, voll Ausdruck und Leben, aber ziemlich gemein, ja völlig travestiert dargestellt. Zur Rechten erhebt sich ein großer Wald, der bis in die Mitte des Bildes geht; bunte Vögel sitzen in den Zweigen und singen zum lustigen Mahle. Unter den dunklen Baumstämmen sieht man das blaue Meer und den Goldsaum der Abendröte. Der Wald ist hier unten so licht und herbstlich dargestellt, wie man es sich nur denken kann. In der Mitte über einzelnem Waldgebüsch, in dessen Dunkel Faune herumkriechen und Epheu von den Stämmen lösen, erhebt sich schroff und höchst phantastisch ein steiler, schattiger Fels, auf dessen Gipfel eine Burg vom Abendlichte bestrahlt wird; weiches Gewölk zieht hinter dem braunen Berge an der tiefblauen Luft hin. Der Berg senkt sich waldig herab, und Wild jagt über die Wiese dem fernen Walde zu. Von Fels und Hügel aus dem grünen Walde braust ein dunkler Quell und rinnt vorn durch die lichtgrüne Wiese. So müssen Landschaften gemalt, so muß die Natur aufgefaßt werden. Das ist der Stil, der sich zu Heldengedichten eignet; er ist größer, edler als der lyrische. So groß, so sinnvoll und lebendig und so einfach nun auch deutsche Natur aufgefaßt! O, was bleibt mir für ein großes Feld übrig! Gott gebe doch das Gelingen! * 17. Dezember. Meine Kunstansichten haben sich wieder erweitert, verbessert; das Gemütvolle, Charakteristische in der Natur mit Phantasie aufzufassen, habe ich nach Kräften studiert und habe es wenigstens erkannt. Doch das Bild von Tizian, Kochs Rat und Lehre, Veits Worte: »Die Landschafter sollten einfacher wählen«, gingen mir immer im Kopfe herum, und jetzt habe ich mich, wie ich glaube, ziemlich ins klare gebracht. Meine ehemalige Lust, mit allerhand Phantasien das Bild auszufüllen, dieser wilden Tochter allen Raum zu lassen und so oft ins Kleinliche, Tändelnde zu verfallen, habe ich aufgegeben. Ein Gedanke, kräftig, tief, umfassend ausgedrückt, mit möglichst wenigen Mitteln, in großen Licht- und Schattenmassen, großen Hauptfarben und möglichst naturgetreuem Charakter der Details. Wird die deutsche Natur so behandelt und einfach und großartig aufgefaßt, so kann sie ebenso edel wirken wie die italienische, und ihr ernsterer, gemütvollerer Charakter, ihre Fülle und ihr Reichtum werden sie noch darüber stellen. Mit kurzen Worten ist mein Gedanke der: Deutsche Natur zu einem Ideal, zu edler Größe zu erheben, damit sie nicht, wie bisher, den untergeordneten Rang der Idylle behält, sondern zum Epischen sich erhebt. Meine Helden sind die Elemente in ihren lieblich geeinten oder feindlich entzweiten Wirkungen. Der Gegenstand ist groß und erhaben genug. Aber verwünscht und verbannt seien die kleinlichen, beschränkten Veduten-Maler, und noch dazu wenn sie es nicht sein wollen und doch sind. * 23. Dezember. Diesen Nachmittag machte ich etliche Besuche; zuerst beim Koch. Es ist interessant, diesen Mann dem ernsten Veit gegenüberzustellen. Er verhält sich wie Ariost zu Dante. Kochs Überfülle der grandiosesten Phantasien und heiteren, üppigen Lebens, dazu seine oft sehr bedrängte Lage und doch immer heitere, überlustige Laune, sein anhaltender, unglaublicher Fleiß, mit Lust, Liebe und Studium verbunden, worin er vollkommen den Alten gleicht, sind bewundernswerte Eigenschaften. Dabei führt er gewiß ein glückliches Leben. »Ich wäre recht glücklich«, sagte er neulich, wenn ich nur mehr Geld, mehr Verdienst hätte! Mich hätte das Geld nicht schlechter, sondern gewiß besser gemacht, als ich bin. Dann hätte ich früher geheiratet und die Schnurrpfeifereien und losen Gesellschaften wären unterblieben –« »Ist das wirklich wahr?« schrie – N. N. »Ja, ganz gewiß«, versetzte er sehr ernsthaft. Dann ging ich auch zum Reinhardt; es sah ganz toll bei ihm aus. Er selbst im Hemd, ein graues Mützchen auf, schlechte Rohrpfeife im Munde, graue, zerfetzte Jacke und grobe, zerrissene und mit groben Stichen hie und da zusammengesetzte blaue Leinwandhose am Leibe. Sein Gesicht aber ist sehr ausdrucksvoll, stark markierte Züge eines tüchtigen deutschen Mannes, der Sturm und Wetter mehr ausgesetzt war als der Stubenluft. Alle Zimmer lagen voll; dick mit Staub bedeckte Zeichnungen, angefangene Gemälde, Kupferstiche, Malergeräte, auch Flinten und Armbrust; einige Gipsmasken von Verstorbenen, vermutlich alten Freunden; auch der Abguß eines Wolfskopfes. Er war sehr wortkarg, aber höflich und gerade. Dabei liegt eine Bescheidenheit in dem ganzen Benehmen dieses derben, kraftvollen Mannes, die außerordentlich liebenswürdig ist. Seine früheren Baumstudien sind vortrefflich, doch die jetzigen Arbeiten gefielen mir nicht. Talent und Feuer findet man in allen seinen Sachen, weniger gründliches Studium und Gefühl. Sein Leben ist sehr zurückgezogen und ziemlich freudlos; er mag die Menschen nicht von der besten Seite kennengelernt haben; seine häuslichen Familienverhältnisse sollen gleichfalls ziemlich traurig sein. Er ist mit seiner Frau nicht getraut und hat eine sehr schöne Tochter, die aber durchaus keinen Maler heiraten soll. Reinhardt besitzt außerordentliche Charakterstärke, Feuer, Festigkeit und Kraft, Achtung für alles Hohe und Schöne, aber – keine Liebe! * Erster Weihnachtsfeiertag, den 25. Dezember. Ein recht heller, schöner Tag, es weht eine frische Tramontane, und die Gebirge liegen voll Schnee; ich arbeitete in meinem warmen Stübchen, und es war nur ein süßer Gedanke, mit jedem Strich auch meinem innigsten Wunsche, der Rückreise nach dem geliebten, teuren Vaterlande näher zu kommen. Dort kann ich diese alten, schönen Feste recht innig begehen unter lieben Freunden oder an der Seite der Geliebten. O, die schönen, süßen Zeiten! Nein! so hohe Reize auch das hiesige Leben haben mag, es hat nichts für den Verlust unserer alten, heiligen, herrlichen Gebräuche zu bieten; und überhaupt schon die Entbehrung deutscher Sitten und Gebräuche muß den Deutschen kalt und endlich schlecht machen; ich fühle recht, wie alle fremden Sitten schädlich wirken. Jedes Volk muß Sitte, Gebrauch und Gesetz aus sich selbst entstehen lassen, es wird immer das Passendste und Beste bleiben. * Abend des ersten Weihnachtstages. Ich saß allein in der Dämmerung im Studium vor meinem Bilde, labte mich in schönen Erinnerungen selig verlebter Zeiten in der Heimat, schwärmte in Zukunftsträumen, sang und pfiff allerhand durcheinander, wie es die sehnsüchtige Stimmung gab, und schürte die Glut im Focone, welcher vor mir auf dem Stuhle stand. Der kalte Abendhimmel mit seinen schimmernden Sternen schien so recht feiertäglich zum kleinen Fenster herein, und mir war's so herzlich wohl. Und wie ich so das holde, süße Leben betrachtete, wie gütig und weise mich Gott bisher geleitet, da durchdrang mich ein wunderbarer Feuerstrahl glühender Begeisterung, und ich sandte meine tiefe Anbetung meinem hohen Vater nach den glänzenden Sternen. Schönheit, der Abglanz des göttlichen Geistes, wird in jedem Gewande die reinen Gemüter mächtig ergreifen und sie veredeln, indem sie das Göttliche auch in sich fühlen; deshalb ist gar nicht nötig, ja sogar nicht recht möglich, daß ein echtes Kunstwerk eine Moral enthalte. Moral ist für den Körper, der noch in der Sünde lebt, Schönheit aber zur Erweckung des göttlichen Funkens in unserem Geiste, der, so oft übertäubt, nur schläft, und dieser reine Funke, das Göttliche im Menschen, bedarf der Moral nicht. Jedes schöne, edle Gefühl, weil göttlichen Ursprungs, wird ewig sein, wie unser Geist, wenn es auch in diesem Leben durch trübe Einwirkung betäubender Widerwärtigkeiten verschwinden sollte, es wird in einem besseren Leben wieder erscheinen, heiliger und herrlicher noch, weil es von der drückenden Hülle befreit und gereinigt ist. Wortgehalten wird in jenen Räumen Jedem schönen, gläubigen Gefühl! Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah! * Rom 1825 * Am neuen Jahrestage. Mit Gott habe ich nun den ersten Tag begonnen. Der Allmächtige möge mich leiten nach Seiner Weisheit; denn was kann und was ist der Mensch ohne ihn! Mir ist um Mitternacht ein neu Gestirn aufgegangen, es leuchtet und wärmt zum Leben, und ich fange nun erst an zu leben, nämlich im Glauben und in der Wahrheit. Heiliger Gott, gib mir Kraft, daß ich das Ziel erlange! Ich habe noch kein Jahr mit diesem Ernst angefangen; es soll auch kräftiger fortgesetzt werden; mit unablässigem Fleiß will ich nach der Wahrheit streben, ernst, gediegen, kräftig, * 10. Januar. Nachmittags war es hell und wunderschönes Wetter; ich ging deshalb mit Wagner zur Porta Pia hinaus in die Campagna; einen unbeschreiblich schönen Abend genossen wir da. Die ganzen Gebirge lagen bis in die Ebene hinab voll glänzenden Schnees, die sonst so braunen, öden Felsenberge waren recht säuberlich kandiert, und da die Sonne unterging, überzog sich alles mit wunderzartem Rosafarb; die Schatten leuchteten ganz grün, wie Türkis, aus den himmlischen Schneerosen, und der Himmel nahm über jenen Bergen einen Glanz an, der mich unbeschreiblich entzückte und den ich wohl vermögend sein möchte auszudrücken. Er hatte die wässerige Reine und Durchsichtigkeit eines glänzenden, blauen Edelsteins. Wer mag das malen?! * 4. März. Die italienische Natur hat doch bei aller ihrer Schönheit etwas Totes; ich finde in ihr nicht diese ergreifende Sprache, sie sieht nicht aus, als hätte sie der liebe Gott gemacht, sondern als könnten sie Menschen auch so erfinden. Daher mag es wohl auch kommen, daß der Italiener so wenig Gefühl für Naturschönheit hat. Er bleibt, wenn er sich erholen will, in seiner schmutzigen Stadt, geht in die dumpfe, wüste Osteria, während der Deutsche an jedem schönen Sommertage zum Tore hinauszieht und sich im Freien zu ergötzen sucht. Ein schönes Buch, das ich jetzt lese, »Altes und Neues von G. H. Schubert«, enthält einige gute Stellen über den Text: »Ihr kennt Ihn aus den Werken der Natur.« * 20. Juli. Nicht dann blühte die Kunst am herrlichsten, wenn sich das Leben des Volkes am herrlichsten und frischesten bewegte, sondern immer nachher, wenn das Volk schon im Sinken war. Homer sang lange nach den Trojanischen Kriegen; der Griechen Kunst blühte am höchsten, als ihre tatenreiche Zeit schon abnahm. Dante und Giotto lebten, als das große Leben Italiens verschwunden war und die großen Kämpfe sich in innere Zwistigkeiten und bürgerliche Zwietracht aufgelöst hatten. Da zogen sich die großen Geister (da die Zeit des äußeren Handelns und der öffentlichen Tat vorüber war) in das abgeschlossene, heilige Gebiet der Kunst und Wissenschaft zurück. Kunst und Poesie soll für die Modewelt nichts anderes sein als ein angenehmeres Reiz- und Aufmunterungsmittel für langweilige Stunden. Daher überall die grellen Lichter, die extremsten und zerbrochensten Darstellungen und die ganz seichte Komposition. Das Einzelne oft reizend, von blendender Schönheit, das Ganze ohne Zusammenhang, die Anordnung locker, Gedanken schwach und flach. Meines Erachtens soll die Kunst nur unsere schönsten, reinsten Stunden füllen, uns aus der farblosen Wirklichkeit in das bunte Reich der Phantasie versetzen, wo der trübe Flor von den Erscheinungen genommen ist und das ganze Leben sich rein und groß zeigt, Vergangenheit, Zukunft und Gegenwärtiges umschließend. Sie soll den Staub und Schmutz, die Kruste, die sich sobald im Leben um Herz und Gemüt legt, abnehmen und uns mit einem freien, reinen und großen Blick entlassen. Kunst und Wissenschaft sind eigentlich ein Heimweh, und der Punkt, in welchem alle Teile von Kunst und Wissenschaft zusammentreffen werden, ist die Grenze des Vaterlandes. * 15. September. Aus dem Brief an Bruder Willibald: Für den kommenden Winter habe ich auch schon ziemlich ein Bild herausphantasiert und Studien dazu gesammelt. Da ich nämlich immer mit sehnsüchtigem Herzen an kommende Ostern denke, wo ich dem lieben Vaterlande entgegeneilen werde, und mich folglich diesen Winter immer die Reiselust zwicken wird, so bin ich gesonnen, den jungen Tobias mit seinem Engel zu malen, wie er mit der Arznei in der Tasche für seinen blinden Vater nach Hause zieht. Es soll ein Herbstmorgen werden mit schönen, blauen Bergen; in der Ferne auf einem hohen schattigen Fels liegt das alte Schloß Olevano, in der weiten Campagna schwimmen die silbernen Morgennebel herum, und dann zieht sich die Straße aus dem Tale herauf in den Vorgrund, wo der junge Tobias (non io) mit dem schönen Engel einhergewandert kommt. Im Mittelgrund liegt ein Häuschen unter Obstbäumen, wo ich so alles anbringen will, was man sich in einem Hüttchen wünscht, in welchem man mit Weib und Kind ein ruhiges Leben führen möchte. Überhaupt will ich die Landschaft recht reich und reiselustig halten, daß den Leuten dabei das Herz aufgeht und die, welche gereist sind, die Arme in die Seite stemmen, mit der Zunge schnalzen und rufen: »Ja, das Reisen, das Reisen, ihr Herren, ist eine herrliche Sache, ich bin auch einmal auf Reisen gewesen.« Und ich, der Maler, denke: Geleite mich auch, Gottes lieber, heiliger Engel, führe mich so gesund und frisch ins Vaterhaus wie den jungen Tobias, gib mir Arznei für den guten Vater und führe mich auch zur lieben Braut wie diesen zu Sara, Raguels Tochter! Siehst du, lieber Bruder, so schmückt die Kunst das Leben; sie ist unsere Begleiterin auf allen unsern Wegen, in Lust und Leid. Bei ihr will ich gern arm bleiben, Kartoffeln mit Salz und Brot essen. Laß die Leute in der Welt sich hudeln, laß andere berühmte Modekünstler um die Großen herumkriechen und schmeicheln, sie werden ihres Gutes nicht froh dabei. Die Kunst ist ein Ausfluß des Edelsten und Besten unseres Innern. Das müssen wir pflegen; unsere Seele muß rein werden und muß erhaben werden, indem sie sich demütigt. Wir müssen etwas vernommen haben von der Sprache des Geistes, wir müssen unser himmlisches Bürgertum erkannt haben, dann wird der Künstler still und mild, wie ein freundlich verheißender Stern, in das dunkle Lebensbild hineinleuchten, gern gesehen, weil er freundlich spendet, und wenn auch arm bleiben, aber doch selig sein in einer einfältigen, klaren Seele, und einst heimgehen in das wahre ewige Vaterland. * 24. September. Deutschland! Das Wort mit allen seinen großen Erwartungen war es, welches vor zehn bis zwölf Jahren Kunst und Wissenschaft emporhob. Der Geist des Volkes rauschte auf, wie eine Welle. Die Erwartungen des deutschen Volkes wurden von den Fürsten nicht erfüllt, die schöne Welle brandete und verlor sich. Wo ist denn jetzt das schöne begeisterte Treiben hin? Alles verloren und verschwunden. Die Männer, die jetzt noch dastehen, sind der Kunst müde, sie sehen, daß sie nun in solchen Verhältnissen doch nicht durchdringen, nicht das werden kann, was sie werden sollte. Ein zeitiger Frühling! Frost kam in die tausend herrlichen Knospen, sie fielen ab, und nun ist's vorbei. O, was hätte aus Deutschland werden können, hätte alles seinen freien Gang gehen können. Selbst die großen Künstler, welche noch alle leben, sind ganz unvermerkt von ihrem eigentlichen Streben abgekommen. Sie sind nicht deutsch, streben auch nicht mehr danach, sondern ahmen nur die alten Italiener nach; aber daß sie nicht aus dem Leben, nicht aus sich selbst schöpfen können, bringt eine gewisse Müdigkeit hervor, die man fast bei ihnen allen spüren kann. Wie anders hätten sie sich entfalten können, wie weit größer noch werden! * 25. September. Maydell hat mich konterfeit und sehr wohl getroffen. Im Gesicht liegt Güte, Streben nach etwas Gutem, zugleich Schwäche und Mißtrauen. * Reise nach Ostende 1849 19. August. Gegen Mittag fuhr ich nach Brügge, was ich bisher der Choleragerüchte wegen aufgeschoben hatte. Da ich keinen Begleiter fand, ging ich allein. Die Deutschen fahren nur Freitags hin, um Fische im Hotel de Flandre zu essen; an solcher Gesellschaft lag mir nichts. Zuerst richtete ich meinen Gang nach St. Salvator (St. Sauveur). Die Kirche ist von Backsteinen erbaut, äußerlich plump, aber innen fein und schön. Von Bildern und Altertümern waren mir bemerkenswert: Die Marter des heiligen Hypolitus von Memling. Eine mater dolorosa von Eyck. J. YE. bezeichnet. Halbe Figur auf Goldgrund. Sehr großartig und originell. Der Ausdruck des weinenden Gesichts ist sehr schön und würdig, der Ton des Fleisches etwas grau, sonst sehr ausgeführt. Solche einfache und doch so wirkungsvolle Darstellungen wären schöne Aufgaben für neuere Künstler; nicht immer Madonna mit dem Kinde. Ferner ein Grabmal mit schönem Porträt von Holbein (Ohlbeen sagte der Küster); ein altes Bild von van der Meeren, ein Abt in weitem, weißen Gewand vor der Mutter Gottes kniend; von herrlicher Zartheit und Klarheit in der Farbe. Metallne Grabdenkmale aus dem 14. Jahrhundert mit eingegrabenen Umrissen. Ein kleiner Reliquienkasten mit den Gebeinen Karl des Guten von 1127. Seine Figur auf Holz gemalt und ausgeschnitten hängt dabei und ist interessant des Kostüms wegen. Wundervoll altertümlich innen und außen ist das Klosterspital St. Johannes und der Saal mit den Bildern, besonders Memlings und Eycks, über alle Begriffe wohlerhalten. Den Geist dieser Maler zu erfassen und denselben Weg für deutsche Kunst einzuschlagen, würde noch immer das Rechte sein. Es sollen ihre Unvollkommenheiten und die Eigentümlichkeiten ihrer Zeit nicht nachgeahmt werden, sondern im Gegenteil sollen wir unsere Zeit und unsere Umgebung mit derselben Treue, Gesundheit, Liebe und Wahrhaftigkeit abzuspiegeln trachten. Was war der Geist dieser Maler? Tiefstes Eindringen in die Idee und die Erscheinung der Natur. Eine jede Erscheinung wird durch recht tiefes, liebevolles Eingehen und Studieren derselben gewissermaßen ideal, weil wir zum Teil durch solch genaues Eingehen auf das Wesen, auf die Idee der Erscheinung selbst geraten, oder weil unsere Liebe, unser begeistertes Anschauen des Gegenstandes sich in die Nachbildung desselben hineinlegt, darin abspiegelt, also bei größtem Streben, die Realität der Erscheinung wiederzugeben, doch diese Realität durch unsere Liebe (Begeisterung) beseelt – idealisiert wird, sobald diese Liebe nur wirklich auf das wahrhaft Schöne und Bedeutende des Gegenstandes gerichtet ist, und nicht etwa die Nebendinge uns mehr reizen und begeistern als die Hauptsache; z. B. die bloße Lichtwirkung vielleicht mehr als der Ausdruck in der Form; oder natürliche Darstellung der Schweine und Lumpen des verlorenen Sohnes mehr als der Ausdruck seines Elends und Heruntergekommenseins. Endlich, wieviel verständlicher wirken solche Bilder am Ort ihrer Entstehung als in der Fremde. Charakter und Sinn des Volkes, Landschaft und Bauwerke, alles zeigt recht, wie jene Maler so ganz und gar ihre Gegenwart faßten; dadurch waren sie auch so allgemein verständlich. Wir arbeiten viel zu sehr ins Abstrakte, weshalb der Laie häufig so wenig mit den besten Bildern anzufangen weiß. Der Gegenstand ist dem Volksbewußtsein fremd, seine Erscheinung so abstrakt (was man oft ideal nennt), daß der Beschauer nirgend's an sein Erlebtes und Erschautes dabei erinnert wird. Anstatt den Hans und Kunz und die Anne Marie sieht er bloß die allgemeine Abstraktion des Begriffes Mensch oder Mann und Frau, Jung und Alt. Ich möchte jetzt nur meine sächsischen Gegenden und Hütten malen und dazu die Menschen, wie sie jetzt sind, nicht einmal mittelalterliches Kostüm. Ein Frühlingstag mit grünen Korn- und gelben Rübsenfeldern, jungbelaubte Linden- und Obstbäume, den Bauer, der da ackert im Schweiße seines Angesichts und auf Hoffnung von Gottes Segen, und die kleinen, talkigen, unschuldigen Bauernkinder, die dem Vater einen Trunk bringen oder heiter spielen und Sträuße binden, da sie noch im Paradieszustande der Kindheit leben, während der Alte arbeiten muß; dazu Schwalben in der Luft, Gänse auf der Wiese und Goldammern im Gebüsch, der Hausspitz oder die Kühe auch bei der Hand; das alles, so recht treu, streng, innig und lieblich wiedergegeben in Memlings Sinn und frommer, einfältiger und liebevoller Weise, das hätte gewiß Interesse und Bedeutung genug. Wir können nicht immer und nicht alle Heiligenbilder machen. Ich lief gegen Abend noch bis an das westliche Ende der Stadt; da lag im abendlichen Schatten ein altes Kirchlein unter hohen Ulmen, von einem beschilften Wasser umflossen. Malerische, alte Ziegelhäuser standen am Ufer, eine Brücke führte hinüber, und über der Tür las ich »Beguinage«. Ich trat auf den stillen Platz, von hohen Ulmen und weißen, alten Giebelhäusern umgeben. Alles war menschenleer und einsam; ein paar Kühe gasten auf dem grünen Rasen unter den Bäumen, zwischen deren Stämmen und Zweigen einzelne Streifen der Abendsonne hindurchschimmerten. In einem Häuserwinkel standen einige Beguinen in ihrer eigentümlichen Klostertracht plaudernd beisammen. Eine andere Pforte führte wieder ins Freie. An den Kanälen schöne Alleen. Auf den hohen Dämmen stehen Windmühlen, und rote Abendwolken ziehen dahinter. Der weiße Müller mit langer Zipfelmütze und Pfeifchen steht unten und sieht nach der Stadt, dazu Eselchen, Säcke und was sonst zur Mühle gehört. Abends acht Uhr Rückfahrt; ich erfreute mich wieder der schönen Luft Ostendes und meines gemütlichen Stübchens. * 26. August. Eine Kunstaufgabe möchte ich ins Auge fassen, die, mir erreichbar, zugleich die Resultate aller meiner Erfahrung enthielte und etwas Würdiges, durch andere Fortzubildendes aufstellte. Eine solche wäre: Eine Folge In landschaftlicher Kompositionen von bedeutsamem, poetischem Inhalt in ausgebildeter, stilvoller Form als Zeichnungen zu bearbeiten und dann als Radierungen auszuführen; z. B.: 1. Alle Kreatur sehnt sich mit uns. 2. Zu der Stelle aus Homer: Wie der herbstliche Wald, so sind die Geschlechter der Menschen. 3. Pyramide des Cestius, vorn Jubel auf Monte Testaccio, mit Spruch aus Horaz. 4. Im Tannenwald »das Engelfest«, klein zu malen. 5. Genoveva, klein zu malen, in Memlings Art. 6 Johannisfest mit Loschwitzer Häuschen, klein zu malen. 7. Herbstlandschaft; trauernde Mutter am Steinbilde der mater dolorosa (wie für Kügelgen) zu malen. 8. Liebesfrühling; eine Reihe Frühlingszenen, gemalt oder noch besser radiert, wobei dann auch kleine Arabesken und Phantasien gegeben werden könnten, mit bedeutsamen Mottos. Als Anregung landschaftliche Gegenstände zyklisch und ganz von poetischen Gedanken getragen darzustellen. 9. Sächsische Dorfbilder. 10. Italienische Abendlandschaft. Müde Wanderer, die nach der Herberge ziehen. (Maultier mit Gepäck.) Unterschrift aus Dantes Purgatorio: »Wenn das Glöcklein läutet, das den sterbenden Tag beweint.« 11. Nachtbild. Mutter mit dem Kinde wacht. Zwei Hirten entfernt auf der Schalmei blasend. 12. Nach dem Regen. Das Gewitter ist vorüber; der Hirt tritt aus dem Walde mit der Herde; Regenbogen. Statt der Unterschrift: Arabeskenartige Verzierung, mit dem Notenmotiv aus Beethovens Pastoral-Symphonie, welches den Alphornruf nach dem Gewitter ausdrückt. * 13. Dezember. Ich lege kein sonderliches Gewicht darauf, ob einer ein Künstler Nummer eins oder Nummer fünf oder sechs werde. Darauf aber lege ich alles Gewicht, daß einer die empfangenen Gaben in gutem Sinne für den Bau des großen, zukünftigen und in der Entwicklung stets vorhandenen Gottesreiches zu verwenden gelernt hat. Keine Kraft, auch die kleinste nicht, geht da verloren; sie ist ein Baustein für den großen Tempel, den der Herr in, aus und mit der Menschheit sich erbauen will und erbauen wird. Was hilft ein Talent im schlechten Dienst verwendet? Es zerstört sich nur selbst. O, wollte man doch alles von diesem wahrhaft großen Standpunkt des Christentums betrachten und immer mehr von allem Schein, mit dem falsche Größe sich oft schmückt, hinweg und auf das Wahrhafte sehen, es würde jeder an seinem Platze unendlich mehr wirken können und schon hier unendlich glücklich sich fühlen; er würde ein befriedigteres und lebendigeres Dasein durchleben, als es größtenteils der Fall ist. Das falsche Ideal macht uns unglücklich, die Wahrheit aber macht uns frei und glücklich. Das Heimweh nach dem großen, unbekannten Vaterlande ist keine Torheit, kein Traumbild, sonst wären die tiefsten und heiligsten Gefühle, unser edelstes Streben, in dem sich gerade unser Wesen am stärksten ausspricht, Narrheit; und bloß das Äußerliche, Schwankende, ja Triviale wäre Wahrheit. Es gibt aber kein Äußerliches, was nicht ein Innerliches, Geistiges zur Basis hat. Dies jetzt so vielen unbekannte Vaterland und jenes Heimweh darnach, was ist's denn anderes, als eben das große Reich Gottes, das Christus immer und immer verkündet und dessen Art und Weise der Heiland in tiefsinnigen Gleichnissen offenbart! Und das Heimweh, ist's nicht der Zug des Vaters zum Sohne? Denn Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; wer Ihm nachfolgt, der schaut das Reich, hilft mit am Reiche bauen und die Wege dahin ebnen. 1850 Mir ist jedes Kunstwerk mehr Ausströmung der Empfindung, ein flüchtiges Tummeln im Blütengarten der Kunst. Wenn die Nachtigall in den Blüten singt, so ist das herrlich, aber wenn eine kleine Biene drinnen summt, so freut man sich auch darüber, sie gehört ebensogut in den Frühlingsgarten hinein wie Lerche und Nachtigall, und sie kann auch gerade so viel davon genießen als jene Hauptkünstler, wenn sie eben nur ihrer Natur getreu ist. Nur der eitle Kuckuck ist lächerlich, ich hatte einen langen Diskurs mit Schnorr, da er bei mir war. Er tat eine Äußerung, die mir ins Herz gefallen ist und aus der ich mir viel genommen habe. Er erzählte mir nämlich, daß er in seinen jungen Jahren, da er in Wien war, an seinem Talente ganz verzweifelt sei und oft die Nacht darüber schlaflos und mit Kummer zugebracht habe. Da habe sich endlich der Wunsch in ihm geregt, wenn er in seiner Kunst nur die Stelle eines Steinmetzen einnehmen könne, der am großen Dombau einen einzelnen Knauf oder eine Blumenkrone auszuarbeiten habe, da sollte es ihm genügend sein, und das habe ihn beruhigt. »Die Demut fehlt uns meistens, und hatte ich diese gewonnen, so wurde ich auch ruhiger in meinem Kunststreben«, fuhr er fort. »Es muß aber die rechte Demut sein, die nämlich auch den geringsten Dienst leisten will, aber an einem bedeutsamen Baue, im echtesten Sinne.« Ein falsche Demut sei das, wenn einer, wie so geschehe, sich ganz wegwerfen wolle und leichtsinnig sich auf ein niedriges und gemeines Streben werfe, um wenigstens damit der Welt zu gefallen. Mit allen seinen Kräften, groß oder klein, wie sie eben Gott gegeben hat, dem Wahren und Echten dienen, das müsse uns mit Freudigkeit und Vertrauen erfüllen. Falscher Ehrgeiz aber verleite so viele, sich zu verwerfen, und da fehle aller Segen dabei. Ich fühle, wie sehr ich mich selbst vor der letzteren Klippe zu hüten habe; obwohl ich mir immer wieder vorhalte, auch in meinem kleinen und niederen Kunstbereich nach Kräften im echten und guten Sinne zu arbeiten. * 22. April. Die Subjektivität ist die allgemeine Krankheit unserer Zeit und macht uns selbst krank. Jeder will seine Zeit bestimmen nach seiner mehr oder minder defekten Taschenuhr, weil er die Sonne leugnet. Wir haben nur Meinungen und Ansichten, aber keine positive normgebende Wahrheit, die sich freilich nicht nach den verkehrten und kleinen Fündlein unserer Vernünfteleien und nach der immer wechselnden Mode richtet, sondern die ihren Gang jedenfalls selbständig fortgeht. Ich gebe mir immer mehr Mühe, meine falsche Zwiebeluhr nach der Sonne zu richten, die wir einmal besitzen und für die wir noch keine bessere selbst erfunden haben. 1860 Reise nach Oberbayern 18. Juli. Früh nach Seeshaupt und mit Post nach Murnau. Prächtige Blumenwiesen und Waldungen. Vogelgesang. Ich hatte bei diesem Volke: gläubig, gesund, kräftig, und in dieser romantischen Natur das Gefühl, als könne es einen gar nicht wundernehmen, allenfalls auch Engel im groben Tuchkittel und mit dem Dialekt der Leute leibhaftig verkehren zu sehen. München. Im Bahnhof Zusammentreffen mit Schwind. Schwind, höchst liebenswürdig, schleppte einen Korb mit Birnen und Würsten, um sie zu den Seinen zu bringen. Freute sich innig über alles an der Landstraße. Wald. Schöner Abendhimmel. Glühendes Licht über Berge und Buchenwälder. Wallfahrtskirchlein zur heiligen Eiche mitten im Walde. »Sixt, schau, ist das nit herrlich!« Eifert gegen das gedanken- und geistlose Arbeiten. »Wann einer an ein schön's Bäumle sein Lieb und Freud hat, so zeichnet er all sein Lieb und Freud mit, und's schaut ganz anders aus, als wenn ein Esel schön abschmiert.« »Ach, es gehört ein gar feiner, ein gar keuscher, guter Sinn dazu, um das Geheimnis aller Schönheit und aller Wunder der Natur aufzuschließen.« Wir fahren über den See bei einbrechender Nacht. Er jauchzert und jodelt den Seinen zu. Fernes Jodeln aus dem Walde als Antwort. Wie die Anna und die Nichte den Papa umarmen und umjubeln! Wie er freundlich zur etwas ernsten Hausfrau tut! Abendessen in dem köstlich kleinen Holzstübchen, mit Zinntellern und Krügen ausstaffiert. * Sonntag, den 19. Juli. Ich stehe auf, gehe in den Garten und betrachte seine am Geländer des Altans gemalten Fabeln. Trinke an dem kleinen Quell unten am Abhang. Hinter dem Hause Fichtenwald. Alles schlief noch. Die Morgensonne leuchtet an den fernen Alpen, der See ist ruhig. Endlich erscheint Frau v. Schwind; sie spaziert mit mir in dem Garten umher. Schwinds rotes, lustiges Gesicht erscheint am geöffneten Fenster seiner Schlafstube; er hat »himmlisch gschlafen«. Er war die Woche über abgehetzt am Bilde und von den vielen Besuchen der Fremden. Großes Behagen. Frühstück. Zinnerne Becher für den Kaffee. Brot und frische Butter. Wir gehen hinauf. Er spielt aus Zauberflöte den Chor der Knaben. »Hör aber mal, wie schön, wie feierlich das ist!« Dann den Anfang einer Messe von Beethoven. »Gott erhalte Franz den Kaiser«, wieder Mozart usw., singt zuweilen dazu oder imitiert die Waldhornstimme. Er spielt mir das Thema aus einer Symphonie Beethovens vor, wozu er die Bilderkomposition gemacht hatte. Erklärt mir am Kupferstich die Einteilung derselben. Unten der Eingangssatz, dann Andante, Scherzo, Allegro (Finale). Spricht viel von einer Komposition zur Zauberflöte. »Die Melusine« (wie er sie auf den Schüsselrand gezeichnet), »Graf Gleichen«, »Die Wiederkehr«, »Vierzig Reisebilder in leichten Ölskizzen«; er will sie dann zusammen ausstellen als poetische Einfälle, lyrische Stücke, damit man doch sehe, was dran sei und daß er Gedanken habe. Wir gehen nach dem Bahnhof. Ich miete einen Wagen. Schwind fährt mit bis zum nächsten Dorf. »Sieh, das war gescheut, daß du dies Wägle gemietet hast, da können dir zwanzig Taler nit so lieb sein. Nur nit im Stellwagen fahren; denn Zuchthaus und Stellwagen sind die Ort, wo man sich die Gesellschaft nit wählen kann. Schau, man muß nit zu sehr sparen, man muß sich etwas zu Gute tun können; was man da bei fröhlichem Gefühl einsammelt, das weiß man oft nicht, aber wir behalten Stimmung und Schwung, sonst altert man vor der Zeit.« Wir sahen am Bahnhof einen Zug ankommen. »Schau, jetzt kommen die hübschen Madeln. Die Leute rennen nach den Alpen und der schönen Natur, und die Menschen sind halt doch das Schönste; aber am allerschönsten sind doch die schönen Madeln.« Wir fahren im raschen Wäglein höchst vergnügt und in herrlichsten Gesprächen durch die schöne Gegend; Schwind in liebenswürdigster Stimmung und Rede bis B. Da wird gehalten; wir gehen in den Garten, sitzen unter den Linden und leeren ein Fläschchen Pfälzer. Dann herzlichsten Abschied, und rasch flog mein Wäglein weiter. Ich sah noch lange den behäbigen Schwind und auch den Wirt auf der Straße stehen und nachwinken. Schwind sagte: »Die Grundsätze der Kunst sind sehr einfach, wie alle Wahrheit einfach ist.« »1. Ich muß einen Gegenstand gefunden haben, der mir etwas Schönes offenbart und damit mein Herz erfreut. 2. Der Gegenstand muß ein Moment sein, nicht beweglich, muß sich in einem Moment aussprechen.« * 1865 1. August. Man sagt, das Christentum habe sich überlebt, sei veraltet, habe seine Kraft verloren. Das ist ein Irrtum; es ist eine Kraft Gottes, und die wird nicht alt. Aber die Menschen stehen anders zum göttlichen Worte, sie haben sich unfähig gemacht, diese Kraft Gottes auf sich wirken zu lassen. Die Erlösung auf Golgatha ist ohne uns geschehen für alle, aber wirksam kann sie nicht ohne uns sein. * 1867 * 1. Januar. Ich hatte die Absicht, Stillings Jugend- und Wanderjahre zu illustrieren und herauszugeben, finde aber bei genauem Durchlesen bei so großen poetischen Schönheiten viel Verzopftes, bei gesundem Menschenverstand recht viel Phantasterei und Schwärmerei, bei so viel Einfalt des Herzens eine gute Dosis Eitelkeit und Großmannsfieber. Ich werde deshalb doch wieder zum ersten Plan zurückkehren und eine Anzahl Zeichnungen zu Dichterwerken entwerfen; z. B.: Aus Stilling; J. Pauls Schulmeisterlein Wutz; Auerbachs Barfüßele; Reuter, Olle Kamellen. Dann die Romantiker: Tiecks Octavian; Brentanos Laurenburger Els; Scheffels Eckehard usw. * Loschwitz, 13. Mai. Wir haben acht ganz paradiesische Tage verlebt; denn nach den so lange anhaltenden kalten und trüben Tagen brach endlich die liebe Sonne glänzend durch die Wolkendecke und erschloß im Nu alle Blüten auf einmal, und ein lichter Blütenglanz von Weiß, Rosenrot und Grün füllte die warme Luft mit den lieblichsten Düften. Man fühlt sich wie in des Himmels Vorhof und weiß vor stillem Glück nicht, was anfangen. Dazu kommt noch ein Summen und Klingen durch die ruhige Luft von Bienen und Vogelgesang, welches zu einem süßen Träumen einladet. Eigentlich ist dies Wohlgefühl nicht sowohl ein Selbstvergessen, als ein Vergessen des Leides und des Schmutzes, der allem Erdendasein anklebt. Psyche, die eingesperrte, wird auf Momente frei, dehnt die Flügel und fühlt sich in ihrem Elemente, weil alles in Harmonie steht und ein hoher Friede des ganzen Daseins sich bemächtigt hat. Das wahrhafte Gebet, zu dem man seltener kommt, gibt ganz dasselbe in einer höheren Potenz. * 1868 30. Juli. Sah ich im Kupferstichkabinett zwei Bände mit Handzeichnungen von Rembrandt. Ein interessanter Blick in die Schaffensart dieses großen Künstlers. Er muß überaus tätig gewesen sein, und alle seine augenblicklichen Vorstellungen und Gedanken brachte er mit ein paar Federstrichen flüchtigster Art, zuweilen auch malerisch in Ton gesetzt, zu Papier. Er tuschte mit Bistre, Hintergrund und Luft oft mit schwarzer Tusche. Manchmal auch ein bißchen Farbe. 1869 * 24. Januar. Die Meistersinger von Wagner habe ich zweimal gehört. Prinzipiell nicht einverstanden mit seiner Richtung, bin ich doch hingerissen von der romantischen Schönheit seiner Musik und seiner Stoffe. * 9. Oktober. Meine Aufgabe ist jetzt allein mich innerlich sammeln. In meinem religiösen Leben erkenne ich, daß, wenn es wahres Leben wieder werden soll, ich zu den einfachen Anschauungsweisen der ersten Zeit zurückkehren muß. Es hatte sich meiner, statt des kindlichen Hinzunahens zu Gott und Christo, ein stets Reflektieren, selbst im Gebete, eingestellt, wobei alle Unmittelbarkeit des Verkehrs mit dem Höchsten verloren ging und Bitte wie Gabe geschwächt und krüppelhaft aufstieg und herabkam. Solch ein Verhältnis ist unkräftig, kühl, lahm, macht nicht satt noch froh, bringt nur Treibhausfrucht. Ja es ist eigentlich gar nicht das einfach menschliche, nicht das natürliche Verhältnis; es muß wieder ohne Klügelei, rein, einfältig werden, das Herz muß stehen, wie das Kind zu den Eltern, wie Braut zum Bräutigam in unmittelbarer Gemeinschaft, wie von Angesicht zu Angesicht, wie Herz zu Herz, nicht Vermittlung durch bloßes Denken und Reflektieren. »Werdet wie die Kinder!« Unlängst habe ich auf mehrfaches Andrängen angefangen, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Ich werde indes nur immer einzelne Partien vornehmen, wie ich gerade Lust dazu habe, und gar nicht in der Reihenfolge. Mit meiner Gesundheit geht es besser, und ich arbeite täglich ein paar Stunden. Das neue Heft: »Gesammeltes« scheint doch überall gut aufgenommen zu werden. Außer dem Brief Prellers habe ich noch eine recht freundliche Zuschrift aus Nürnberg anonym erhalten, »ein Klausner« unterzeichnet. Ich habe gar keinen Erfolg erwartet; denn mir gefiel zuletzt das ganze Heft nicht recht, und gern hätte ich auf andere Weise meine Holzschnittarbeit abgeschlossen. Oder sollte es doch noch möglich werden, innerhalb mehrerer Jahre etwas derart zustande zu bringen? Ich möchte eigentlich etwas bringen, in dem ein ernsterer Ton angeschlagen wäre; künstlerische Fingerzeige und Hinweisungen nach oben und nach innen. * 1870 * Loschwitz, den 9. Oktober. Weil ich dann und wann an meiner Biographie schreibe, also zuviel zurückdenke, so überkommt mich oft das schmerzliche Gefühl, wie trotz des redlichen Strebens nach Reinheit des Lebens und Tüchtigkeit in der Kunst doch so wenig davon herausgekommen ist; überall Irren aus Unwissenheit oder Schwachheit! Dann kommt der Gedanke: könnte ich doch das Leben nochmals mit jungen Kräften und jetziger Einsicht beginnen, dann erst würde ich mich vielleicht eines wahren Fortschrittes in Kunst und Leben erfreuen können! Wie ich heute früh in den Wald ging, kamen diese Gedanken wieder, zugleich aber fiel mir ein: Solch »noch einmal Durchleben« und die gewonnene Erfahrung und Erkenntnis besser realisieren, ist mir ja im Christentum, in meinem Glauben an dasselbe vollständig verheißen, nur daß es nicht in diesem Leben, sondern in einem anderen Dasein mir zuteil werden soll. Die Seele eignet sich in diesem Leben alles das an, was mit ihrer individuellen Eigenheit sympathisch ist, und bildet sich demnach aus; wie eine bestimmte Pflanze auch nur das aus ihrem Boden zieht und in sich verleiblicht, was sie ihren Eigenschaften nach bedarf; eine Aloë zieht andere Stoffe aus dem Boden als eine Rose, oder ein Kohlgewächs anderes als ein Apfelbaum. * 1871 * 11. Februar. Am 8. Februar nachmittags fünf Uhr ist der liebe Freund, der große Meister Schwind, den ich verehrte fast wie keinen anderen, gestorben. Sein letztes, tief ergreifendes, mit Mozartischer Schönheit erfülltes Werk: »Die schöne Melusine«, läßt den unersetzlichen Verlust doppelt schmerzlich empfinden. Die Melusine ist das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche. Jetzt geht alles auf äußeren Glanz und Schein, mit wenig oder keinem idealen Gehalt. Wo der Glaube an die höchsten Dinge schwindet, wo unser heiliger Christenglaube nicht die Grundlage bildet, nicht die Zentralsonne ist, entsproßt kein lebensquellender Frühling mehr, entstehen nur künstlich glänzende Treibhausfrüchte einzelner Talente. * Ein stilles, friedliches Daheim, ein kleines, freundliches Asyl, mit einem Blick ins Weite, in das kleinste Stück Natur ist alles, was ich noch wünsche. Verkehr mit der Natur, mit der Kunst und mit Gott ist mir das Beste, Liebste und Höchste. Alles so äußerliche, bloß kluge, anspruchsvolle und dem Schein huldigende Treiben, wie es jetzt in den großen Städten vorherrscht, ist mir im Innersten zuwider. Groß denken, im Herzen rein, Halte Dich gering und klein; Freue Dich in Gott allein! 1874 Gastein, den 30. August. Am Sonntag eine zweite, tief ergreifende Predigt über St. Pauli hohes Lied der Liebe gehört. I Cor. 13. Als ich aus der Kirche kam und an dem Waldweg noch auf L. wartete, kam eine Dame freundlich auf mich zu, nahm meine Hand und sagte: da sie diesen Nachmittag Gastein verlasse, könne sie es sich nicht versagen, die Hand zu drücken, die ihr und ihrem ganzen Hause so viel Freude verschafft habe. Das gute, treuherzige Gesicht der Dame, ihre einfache Art des Benehmens überraschte mich hier sehr und rührte mich tief, gerade jetzt, nach dieser Predigt. Denn ich dachte daran, wie wenig ich doch besondere Werke der Liebe getan, und wie mein Leben viel zu arm daran sei usw., und nun kommt die liebe Frau und dankt für ein Liebeswerk, das durch meine Kunsttätigkeit, mir unbewußt, ihrem Hause geworden. Das ergriff mich so sehr und rührte mich tief; denn ich hatte eben den Eindruck gehabt, als habe ich mich nur allzusehr meiner Arbeit allein hingegeben und darüber versäumt, vielleicht Arme aufzusuchen und dergleichen Werke christlicher Liebe zu pflegen. Da zeigt mir der liebe Gott, daß die Gabe, die er mir geschenkt, eine Liebesspende für so viele geworden ist und ferner noch sein wird. Und nicht ich allein bin der unbewußte Spender gewesen, sondern ebenso Heinrich, der Verleger, der die Veranlassung war, ein Werk zu schaffen (»Fürs Haus«), welches ganz aus der Fülle des Herzens kam, wo ich frei und ungebunden die von Gott verliehene Gabe gebrauchen konnte, wie es mir eingegeben war. Das ist Gnade und mußte mich sonderbar ergreifen in diesem Zusammenhange. * 1875 Bei den Werken der neuesten Kunstrichtung fällt mir oft die Frage ein, die Schwind einmal an mich stellte, als ich ihn in München zur Zeit einer großen Ausstellung besuchte: »Findest Du in all den Bildern eine Jugend? Nein, und man sieht es ihnen an, daß sie auch nie eine Jugend gehabt haben.« * 1883 * 19. Februar. Wie gewöhnlich ging ich gegen Mittag nach dem Großen Garten. Der Himmel war bedeckt und alles so still. Da ertönte aus einer Entfernung von den noch dürren Baumwipfeln ein »Witt, witt, witt«, und zugleich ließ ein kleines Vögelchen sein eifrig lustiges Gezwitscher aus dem Gebüsch neben mir laut werden. Als dritte Stimme klang aus der Ferne das Gurren einer Waldtaube. Dann ward es wieder ganz still – das war die erste Frühlingsahnung in diesem Jahre, der erste Gruß eines kommenden Frühlings, der mir in die Seele drang. Ich setzte mich auf eine Bank unter den großen Eichen, brannte mir eine Zigarre an zur Vollendung der Frühlingsfeier, und dabei umschwärmte ein Kreis kleiner Mücken das aufsteigende Rauchwölkchen. * Meine Aesthetica in nuce * 20. Mai. Als die beiden Pole aller gesunden Kunst kann man die irdische und die himmlische Heimat bezeichnen. In die erstere senkt sie ihre Wurzeln, nach der anderen erhebt sie sich und gipfelt in derselben. In diesem Geiste und in der ihm entsprechenden Form wird die Kunst stets lebendig wirksam sein. * Oktober. Der Aufenthalt in Bad Boll im Juli und August mit E. und H. (Seine Kinder Elisabeth und Heinrich) wirkte, wie immer, wohltuend für Leib und Seele. Die Tage flossen gleichmäßig und ruhig dahin, gehoben durch Blumhardts (des Sohnes) geistig anregenden Einfluß. Mitte September reiste ich mit E. wieder nach Dresden zurück. Der 28. September – mein achtzigster Geburtstag – nahte, und ich lehnte das Festdiner, welches die Kunstgenossen mir geben wollten, ab. Nun traf der 28. September mit der Enthüllung des Niederwald-Denkmals (Schillings Germania) zusammen, und das erste Telegramm, welches ich am Morgen dieses Tages erhielt, war vom lieben Meister Schilling, der seinen Ehrentag auf dem Niederwald in Gegenwart des Kaisers beging und an diesem für ihn so wichtigen Morgen meiner gedacht hatte. Das überraschte mich ebenso sehr, als es mich rührte. Das nächste Telegramm kam vom Dresdener Oberbürgermeister aus München, wo selbiger sich zur Zeit befand. Bald darauf erschien im Auftrage Sr. Majestät des Königs der von mir stets so innig verehrte Minister v. Nostitz und überreichte den Komturstern des Albrechtsordens, dem er die Glückwünsche der Akademie und seine eigenen beifügte. Es folgten Deputationen des akademischen Rates, des Stadtrates und der Stadtverordneten, der Kunstgenossenschaft, des Vereins der Akademiker, endlich der Münchener Künstler mit mächtig großem Lorbeerkranz und Diplom. Ein gleiches kam vom Wiener Gewerbe-Museum. Vom Ausstellungs-Komitee der graphischen Künste in Wien erhielt ich den ersten Preis mit der großen goldenen Medaille. Besonders lieblich war die Begrüßung durch die Deputation der Akademiker und des Vereins Mappe, welche einen Lorbeerkranz und Rosensträußchen von vier kleinen, hübschen Mädchen überreichen ließ, wobei das kleinste derselben einige Verse sprach und im Hause ein Gesang vom Vereinssängerchor ertönte. Noch muß ich erwähnen, daß der Stadtrat mir die meisterlich und stilvoll gestaltete Chronik von Dresden zum Geschenk verehrte. Die Telegramme, Briefe und Journale, welche zwischen all diesen Ovationen eintrafen, beliefen sich in die Hunderte, und nach ein Uhr, wo der Strom ziemlich vorüber war, fühlte ich mich wirklich sehr erschöpft. Ich fühlte mich noch in den folgenden Tagen durch diese vielen Ehren- und Liebeszeichen freudig gehoben, aber eben so sehr innerlich gebeugt; denn wodurch hatte ich dieses alles verdient? Meine Arbeiten waren doch meine eigene höchste Lust und Freude gewesen, und das Gute und Lobenswerte daran lag doch gerade in dem, was man nicht bloß lernen oder sich selber geben kann, sondern es war das, was uns geschenkt wird: die Gottesgabe, das Talent. Meine Jugend war arm, verkümmert, vielfach bedrückt. Die Zwietracht der Eltern, die beide herzensgut waren, aber sich nicht verstanden, verbitterte das Leben, und das mangelhafte Einkommen und die Sorgen, welche dadurch erwuchsen, fügten ihre Säure dazu. Meine Lehrzeit war nur Arbeitszeit gewesen; ich lernte nichts oder wenig dabei. Nun kam ich nach Rom, und von allen Seiten wurde mein durstender und hilfsbedürftiger Geist angeregt; ich war überglücklich, und ein reiches Leben und Streben begann. Mein Ideal lag auf der Seite der sog. historischen Landschaft, welche ich auf meine Weise zu entwickeln dachte. In die Heimat zurückgekehrt, erfaßte mich sehr bald wieder die Not des Lebens. Ich hatte glücklich, aber vielleicht doch zu früh geheiratet, wodurch der Weg erschwert wurde. Der Druck, welcher auf mir lag, als ich sieben Jahre in Meißen war, und die darauf folgenden ersten Dresdener Jahre, war so groß, daß mein Streben, in den Gärten des Parnasses, wo die hohen edlen Blumen blühen, ein Plätzchen zu erreichen, unerreichbar erschien. Da kam der Holzschnitt auf, der alte Dürer winkte, und ich pflegte nun diesen Zweig. Kam meine Kunst nun nicht unter die Lilien und Rosen auf den Spitzen des Parnaß, so blühte sie auf denselben Höhen, an den Wegen und Hängen, an den Hecken und Wiesen, und die Wanderer freuten sich darüber, wenn sie am Wege ausruhten, die Kindlein machten sich Sträuße und Kränze davon, und der einsame Naturfreund erquickte sich an ihrer lichten Farbe und ihrem Duft, welcher wie ein Gebet zum Himmel stieg. So hat es denn Gott gefügt, und mir ist mehr geworden und auf Wegen, die ich vorher nicht gekannt noch gesucht hatte, mehr als meine kühnsten Wünsche sich geträumt hatten. Goethe sagt einmal zu Eckermann: »Es beschränkt sich selten ein Künstler auf das, was er vermag, die meisten wollen mehr tun als sie können und gehen gar zu gern über den Kreis hinaus, den die Natur ihrem Talent gesetzt hat.« – Ein wahres und sehr beherzigenswertes Wort. Wie manche schöne Talente würden Bedeutenderes, Originales geleistet haben, wenn sie nicht durch wohlgemeinte, aber irrige Reflexionen nach dem Höchsten zu streben, dieses Höchste in den erhabensten Stoffen, sondern vielmehr in dem Höchsten einer vielleicht untergeordneteren Kunstgattung, die aber mehr ihren Naturanlagen entsprochen haben würde, gesucht hätten, z. B. anstatt symbolischer oder erhabener Geschichtsstoffe Landschaften oder Darstellungen aus dem Volks- und Gesellschaftsleben gemalt hätten usw.