Paul Scheerbart Das große Licht Ein Münchhausen-Brevier Inhalt Münchhausen in afrikanischer Sklaverei – Eine Geschichte in Briefform Die kosmischen Postillione – Eine Marionettentheater-Geschichte Die drei Baumstaaten – Eine Staatsgeschichte Der Humor als Lebenselixier – Eine anamitische Geschichte Flora Mohr – Eine Glasblumen-Novelle in acht Kapiteln Mikosai – Eine Geschichte aus Grönland Neue Gartenkultur – Eine Glosse Die Perlmutterstadt – Eine chinesische Geschichte Auf der Glasausstellung in Peking – Tagebuchnotizen des alten Barons Das »lebendige« Mastodon – Eine sehr merkwürdige Geschichte Das Gespensterfest – Eine Silvestergeschichte Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver – Eine Hotelgeschichte Der Baron als Retter – Eine Diplomatengeschichte Der Baron als Organisator – Eine Fabrikgeschichte Der Baron und die Religion Der Baron als Erzieher Münchhausen in afrikanischer Sklaverei Eine Geschichte in Briefform   Geehrter Herr Asenikoff! Sie machen mich rasend, wenn Sie das Manuskript nicht mehr auftreiben können. Sie waren dabei, als der Baron Münchhausen im Sommer des Jahres 1904 plötzlich in Neapel erschien und dort im »Europäischen Hof« einen Vortrag hielt – über sein Leben in der afrikanischen Sklaverei. Sie haben den Vortrag stenographiert und müssen jedenfalls doch wissen, was Sie stenographiert haben. Das kann doch Ihrem Gedächtnis nicht einfach entfallen sein. Das ist doch einfach unmöglich. Der Baron macht doch sonst Eindruck mit seinen Vorträgen. Außer Ihnen ist kein Mensch mehr zu entdecken, der damals auch dabei war. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, bin deswegen fünfmal in Neapel gewesen – und alles war vergeblich. Ich bitte Sie nun flehentlich: geben Sie sich doch die größte Mühe, das Manuskript zu entdecken. Ich habe bestimmt darauf gerechnet, daß Sie's zurückbekommen würden. Lassen Sie sich doch nicht so schrecklich viel bitten. An den Baron selbst kann ich mich nicht wenden, da ich seine Adresse nicht kenne. Er soll immer noch in Ostasien sein. Aber Niemand weiß den Ort, in dem er sich aufhält. Erfahre ich die Adresse der Gräfin Clarissa vom Rabenstein, so bekommt sie sofort ein paar Zeilen von mir. Leider sind ihre Eltern auch verreist. Hochachtungsvoll Ihr Scheerbart. Friedenau b. Berlin, 25. Juni 1910. Geehrter Herr Scheerbart! Da ist leider nichts mehr zu machen. Das Manuskript erhielt im Sommer 1905 ein Berliner Verleger. Der ist inzwischen gestorben, und seine Erben bestreiten alles – wollen nichts gesehen und nichts gehört haben. Ich habe nichts in der Hand, wodurch ich die Leute zwingen könnte. Hätte auch keinen Wert. Sie würden die Geschichte schon herausgeben, wenn sie die Sache in der Hand hätten. Haben aber nichts in der Hand. Bot vergeblich tausend Rubel an. Mehr kann ich in der Angelegenheit nicht tun. Glauben Sie, daß es Zweck hat, das Doppelte oder das Dreifache zu bieten? Dadurch würden diese Verleger vielleicht nur verleitet werden, ein Falsifikat einzuschmuggeln. Und das würde ich sofort durchschauen. Nein – wir wollen in der Münchhausenaffäre um alles in der Welt willen keine unwahre Geschichte aufkommen lassen. Lieber wollen wir sagen: wir wissen nicht, wie sich die Sache verhält. Und so ist es. Das müssen Sie dem Publikum ganz kühn ins Gesicht sagen. Dadurch wird Ihre Wahrheitsliebe scharf markiert an die Wand gemalt. Die Adresse der Gräfin Clarissa vom Rabenstein muß durch den ehemaligen Reichskanzler Fürsten von Bülow zu erfahren sein. Wenden Sie sich an den. Das ist das einzige, was ich für Sie zu tun vermag. Mehr kann ich leider nicht. Hochachtungsvoll Ihr Asenikoff. Petersburg, 5. Juli 1910. Geehrter Herr! Nein aber – wissen Sie – der Baron ist ja einfach entzückt gewesen, daß der Herr Asenikoff sein Manuskript verloren hat. Das wußte übrigens der Baron schon vor einem Jahr. Ich bin jetzt hier in Wiesbaden zur Kur. Der Baron will nichts mehr von seinem hundertjährigen Sklavenleben in Afrika wissen. Tun Sie mir den Gefallen und verzichten Sie auf alle weiteren Nachforschungen. Die haben, nebenbei gesagt, auch nicht den geringsten Wert. Was man nicht sagen will, das sagt man eben nicht. Und was man vergessen will, das vergißt man eben. Geben Sie sich keine weitere Mühe in der Angelegenheit. Alles ist vergeblich. Schreiben Sie aber keine Unwahrheiten. Das rate ich Ihnen. Denn der Baron ist in puncto Wahrheitsliebe von einer außerordentlichen Feinfühligkeit. Er ist momentan noch in Ostasien. Hochachtungsvoll Clarissa vom Rabenstein. Wiesbaden, 15. Juli 1910. Geehrter Herr Asenikoff! Anbei die Abschrift eines Briefes der Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Wenigstens weiß ich jetzt als erster Münchhausenforscher eins ganz sicher: der Baron ist tatsächlich hundert Jahre lang als Sklave bei kleinen fingerlangen Lebewesen im Innern Afrikas gewesen. Hundert Jahre! Aber darum wird ja die Geschichte nur noch interessanter. Nie habe ich geglaubt, daß es ein Mensch hundert Jahre in qualvoller Gefangenschaft aushalten könnte. Vielleicht stammt aus dieser hundertjährigen afrikanischen Sklavenzeit der nie umzubringende Humor des alten Barons. Jetzt aber müssen Sie mir umgehend alles das schreiben, was Ihnen noch in der Erinnerung geblieben ist. Zunächst mal: war der Baron schon auf der Weltausstellung in Melbourne gewesen, als er in Neapel seinen afrikanischen Vortrag hielt? Bitte schreiben Sie gleich – und gleich möglichst viel, denn ich bin sehr neugierig. Hochachtungsvoll Ihr Scheerbart. Friedenau bei Berlin, 17. Juli 1910. Geehrter Herr Scheerbart! Wenn die Sache so steht, dann ist ja alles gut. Also: der Baron will nicht, daß man über seine afrikanische Existenz redet und schreibt, nicht wahr? Nun – dann ist es doch einfach Sache des Anstandes, die ganze Geschichte ruhen zu lassen. Ich verstehe da nicht, warum Sie noch nicht mit Ihrer Aufklärungsarbeit abgeschlossen haben. So viel steht fest: Ende 1904 war der Baron in Melbourne. Er kam also nach Melbourne, nachdem er in Europa schon gewesen war. Alles Andre halte ich jetzt für endgültig erledigt. Hochachtungsvoll Asenikoff. Petersburg, 20. Juli 1910. Werter Herr Asenikoff! Ihr Ton ist sehr scharf. Sie werfen mir ganz einfach veritable Taktlosigkeit vor. Indessen – der Fall liegt hier doch anders, als Sie denken. Wir wissen doch schon eine ganze Reihe von Tatsachen über den Aufenthalt des Barons in Afrika. Und wir wissen doch, daß der Baron dabei gar keine anstößigen Erlebnisse gehabt haben kann, denn er war hundert Jahre hindurch Sklave bei ganz kleinen fingerlangen Leuten und der einzige Mensch in der dortigen Gegend. Was soll er denn da Böses begangen haben? Man kann doch nur gegen Menschen Böses begehen. Alles Andre gilt doch nicht. Demnach – meine Taktlosigkeit existiert für mich nicht. Ich krame doch nicht in peinlichen Familienakten herum. Was denken Sie sich eigentlich? Ich halte die Verschwiegenheit des Barons in puncto Afrika einfach für einen lustigen Spaß. Er will seine Verehrer ein bißchen foppen und mal so recht geheimnisvoll tun – zum Spaß – zum Spaß! Und darum bitte ich Sie nun recht inniglich: schreiben Sie mir doch, was Sie von den kleinen Leuten wissen. Ich weiß, daß diese Kleinen einen unzerreißlichen Stahldraht fabriziert haben, und auf diesem Draht sind die Kleinen immerzu auf und ab gefahren. Und nun kommt es: der Baron erzeugte die elektrische Kraft, die bei dem Fahren der Kleinen verbraucht wurde, in einer Tretmühle durch ständiges Treten einer Motorenkomposition. Mehr aber weiß ich nicht. Der Baron war somit das Perpetuum mobile für die afrikanischen Zwerge – ihr »großes Licht«, wie sie ihn auch nannten. Aber das Perpetuierliche erscheint mir doch zweifelhaft. Der Baron muß doch mal geschlafen haben. Er kann doch nicht immerzu Tag und Nacht hindurch getreten haben. Das ist doch einfach gar nicht denkbar. Ganz und gar erscheint es mir ausgeschlossen, daß ein solcher tretender Zustand volle hundert Jahre ausgehalten haben könnte. Das hält doch kein Mensch aus. Bitte, bitte, sagen Sie mir, wie es sich hiermit verhält, damit keine Unwahrheiten in den Bericht kommen. Schrecklich muß ja die Treterei gewesen sein. Das gebe ich ja zu – selbst wenn es täglich nur zwölf Stunden gewesen sein sollten. Aber diese zwölf Stunden müssen doch der Entwicklung der geistigen Kräfte hinderlich gewesen sein. Und der Baron ist immer in so vollständiger geistiger Klarheit. Wir stehen hier in jedem Falle vor einem psychischen Rätsel. Bitte, schreiben Sie mir gleich. In vorzüglicher Hochachtung Ihr Scheerbart. Friedenau bei Berlin, 24. Juli 1910. Sehr geehrter Herr Scheerbart! Ihr Brief hat mich jedenfalls davon überzeugt, daß Sie durchaus in dem guten Glauben sind, mit Ihrem Forschungseifer Gefühle und Empfindungen der Beteiligten und auch der Nichtbeteiligten in keinem Falle verletzen zu können. Darum sage ich Ihnen: Wüßte ich noch etwas Näheres über den afrikanischen Aufenthalt des Barons – ich würde es Ihnen ohne Umstände verraten. Aber ich weiß Näheres nicht . Sie können's mir glauben. Mein Wort darauf. Daß der Baron hundert Jahre hindurch nicht einmal geschlafen haben sollte, halte ich für gänzlich ausgeschlossen. Andrerseits glaube ich aber, daß er seine Wächter gründlichst getäuscht hat, indem er eine kleine Maschine für sich arbeiten ließ. Ob sich's wirklich so verhielt, weiß ich nicht mehr. Aber es scheint mir das Wahrscheinliche. Die kleine Maschine – wahrscheinlich eine Dampfmaschine – hat eben die ganze Treterei besorgt. Und der Baron führte ein Herrenleben, wenn die kleinen Herrschaften dachten, er trete für sie. Das wäre wohl die einfachste Lösung. Ob sie stimmt, weiß ich nicht. Aber – sagen Sie's doch so, wie ich's Ihnen sage. Hochachtungsvoll Ganz Ihr Asenikoff. Petersburg, 1. August 1910. Hochverehrter Herr Asenikoff! Heißen Dank für Ihren aufklärenden Brief. Ich werde unsern Briefwechsel einfach veröffentlichen und es dem Publikum überlassen, sich die ganze Sache zurechtzulegen. Es gibt ja so viele Dinge, die unbegreiflich sind. Warum soll ein hundertjähriges Sklavenleben nicht ebenso unbegreiflich sein und bleiben? Hochachtungsvoll Ganz Ihr Scheerbart. Friedenau bei Berlin, 4. August1910. Die kosmischen Postillione Eine Marionettentheater-Geschichte Als der alte Baron Münchhausen im Februar des Jahres 1905 in Wien war, kam er auch eines Abends mit vielen Schauspielern und Schriftstellern zusammen. Und da sprach man mit besonderer Lebhaftigkeit von einem neuen Marionettentheater. Münchhausen, der damals schon über hundertachtzig Jahre alt war, hörte anfänglich nur zu – er schien ein wenig ermüdet zu sein, was ja bei seinem Alter nicht verwunderlich erschien. »Ein wirklich bedeutendes Marionettentheater«, sagte da plötzlich Hermann Bahr sehr laut, »kann natürlich nur in Wien entstehen.« Der alte Baron erhob sich nach diesen Worten, räusperte sich vernehmlich – und es ward mäuschenstill im weiten Saal. Alle blickten gespannt den alten Herrn an. Und der sagte nun ruhig: »Was Hermann Bahr soeben gesagt hat, ist nicht richtig: das bedeutendste Marionettentheater befindet sich auf Celebes, und dieses Theater dürfte nicht so bald übertrumpft werden.« Es entstand ein kleiner Tumult. Und der Baron wurde nun bestürmt, von diesem Theater auf Celebes zu erzählen. Er sträubte sich anfänglich, aber schließlich erzählte er doch – wie nun folgt: »Sie kennen wohl alle«, sagte er langsam, »die kleine Villenkolonie Wisacrêbo auf der Insel Celebes. Dort lebte ich vor anderthalb Jahren. Und auch die bekannte Frau Wanda Neumann lebte in dieser Kolonie. Und wie das so in den Tropen ist – man war immer sehr vergnügungssüchtig und kam oft auf merkwürdige Einfälle. Man vermißte besonders das Theater. Und da auf Celebes weder Schauspieler noch Schauspielerinnen lebten, so hatte Frau Neumann ein Marionettentheater gegründet. Wenn Sie aber glauben, daß dieses Theater mit den europäischen Marionettentheatern so ohne Umstände verglichen werden könnte, so irren Sie. Frau Neumann hatte etwas Großartiges gegründet. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich so langweilig erzähle, aber ich bin wirklich etwas müde.« Alle Anwesenden rückten nun sofort zusammen und baten den alten Herrn, nur ganz leise zu sprechen – da ja das laute Sprechen sehr anstrengend ist. Und der alte Herr fuhr nun ganz leise fort: »Es waren«, sagte er, »zweihundert Herren und fünfzig Damen im Zuschauerraum versammelt. Fast alle waren Deutsche. Und diejenigen, die nicht Deutsche waren, verstanden die deutsche Sprache, so wie wir sie verstehen. Wände und Decke des Zuschauerraums waren aus straffgespanntem Segeltuch hergestellt. Nach hinten zu wurde der Zuschauerraum niedriger. Und dann ging ein knisternder, rotseidener Vorhang auf, und wir sahen – den großen Sternhimmel mit dem Kreuz des Südens. Der Sternhimmel war kein gemalter. Wir sahen die Sterne des Himmels, die wir auch sonst allnächtlich auf der Veranda unsres Klubhauses sehen konnten. Natürlich starrten wir alle mit unsern Opernguckern sehr interessiert die funkelnden Sterne des weiten Weltenraumes an und suchten überall nach einer neuen Erscheinung. Lange hatten wir auch nicht zu warten; wir bemerkten bald östlich vom Kreuz des Südens einen kleinen Kometen, dessen Schweif immer länger wurde. Und dann flogen ein paar Sternschnuppen vorüber. Und danach fiel ganz langsam eine grüne Feuerkugel vom Himmel herunter und wurde so groß wie zehn Monde zusammen. Und plötzlich blieb die Kugel in der Luft stehen, und die Kugel bekam in der unteren Hälfte eine mundartige Öffnung. Und wir hörten, wie sie zu uns in deutscher Sprache mächtig laut sprach. Es war eine helle Stimme, die einer Frauenstimme ähnelte. Aber die Stimme klang ganz anders, als menschliche Stimmen klingen. Was die Stimme sagte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls teilte sie uns in umständlicher Form die Ankunft verschiedener Kometen mit, die sie »kosmische Postillione« nannte. Die grüne Feuerkugel schwankte dann hin und her und wurde allmählich kleiner und schließlich so klein, daß sie im Himmelsraum bald nicht mehr gesehen werden konnte. Hiernach kam aber der Komet, den wir neben dem Kreuz des Südens gleich anfangs bemerkt hatten, immer näher, und sein Schweif entwickelte sich immer prächtiger, bekam viele Nebenäste und fein geschwungene Haarlinien. Und der Kern des Kometen wurde auch so groß wie zehn Monde und bekam tausend Augen und auch eine mundartige Öffnung im unteren Teile. Und dann hörten wir eine furchtbare Baßstimme – die dröhnte, daß die Decke und die Wände des Zuschauerraumes zitterten. Vom fernen Andromedanebel erzählte der Komet. Und dem ersten Kometen folgten noch mehrere andere Kometen – und die unterhielten sich nun vor uns vom fernen Andromedanebel. Und die Unterhaltung der furchtbar lauten Stimmen war sehr lustig. Von vielen neuen Sternen erzählten die Kometen. Und die Kometen wurden bald wieder größer und dann wieder kleiner, so daß ihre Stimmen öfters so klangen, als kämen sie aus weiter Ferne. Natürlich veränderte sich auch fortwährend die Gestalt der Kometen. Und während diese »Postillione« nun im Weltenraume herum sausten, kam auch der große Jupiter näher. Und da hätten Sie die Stimme des Jupiter hören sollen – das war so, daß uns die Ohren gellten – daß man's gar nicht aushalten konnte. Und dabei zitterten die Segeltuchwände so heftig, daß ein starker Windzug entstand, der die heiße Tropennachtluft sehr angenehm kühlte. Das war ein ganz famoses Marionettentheater.« Der alte Baron Münchhausen hielt erschöpft inne und zog sein blauseidenes Taschentuch vor und fächelte sich Luft zu. »Mir ist bei der Erzählung so warm geworden«, sagte er jetzt ganz laut, »daß ich fast die Empfindung habe, als säße ich immer noch vor dem Tropenhimmel der Frau Neumann auf Celebes in der bekannten Villenkolonie Wisacrêbo.« Nun sprachen alle Zuhörer lebhaft durcheinander und wollten vom alten Baron Näheres von diesem Theater wissen; man wollte hauptsächlich wissen, was die Kometen, die großen Postillione des Himmels, gesagt hatten. Der alte Herr erklärte jedoch, daß er sich beim besten Willen nicht mehr ordentlich darauf besinnen könnte. »Sehen Sie«, sagte er wieder ganz leise, »so ganz einfache Geschichten erzählten die kosmischen Postillione nicht. Sie kamen sämtlich vom Andromedanebel her, und sie sprachen, soviel ich mich erinnern kann, nur vom Andromedanebel. Dort sollten, wie sie berichteten, in einer einzigen Äonennacht nicht weniger als 60 Trillionen neuer kristallförmiger Sterne entstanden sein. Die neuen Sterne, sagten die Kometen, sähen so wie riesige Diamanten aus und bewegten sich so wie Schneeflocken, durch die ein paar Wirbelwinde von verschiedenen Seiten durchfahren. Diese Nachrichten vom Andromedanebel brachten sie zunächst dem Jupiter, der natürlich gleich erklärte, daß er ja längst von der Existenz der neuen Sterne durch seine besonderen Wolkenorgane erfahren habe. Aber danach wollte er nun von den Kometen mehr über die Diamantsterne hören. Und davon erzählten die Kometen mit ihren ungeheuren Stimmen sehr viel. Die Damen und Herren auf Celebes tragen alle sehr viele Diamanten, und daher war ihnen die Entstehung der Diamantsterne sehr interessant. Nun fragen Sie mich aber zuviel, wenn Sie von mir mehr über die rätselhafte Geburt der 60 Trillionen Diamantsterne wissen wollen.« Der Baron schwieg wieder und fächelte sich wieder mit seinem blauseidenen Taschentuche Luft zu. Hierauf wollten nun alle Näheres über die technischen Einrichtungen des tropischen Marionettentheaters hören. Der alte Baron ließ sich aber sehr lange bitten und schützte immer wieder Müdigkeit vor. Schließlich sagte er ganz leise: »Die Heranführung der Kometen ist ja natürlich auf einem freien Gartenterrain in dunkler Nacht, wenn der Mond nicht scheint, nicht so schwierig. Die Täuschung der Zuschauer war jedenfalls eine vollendete. Und ich möchte auch glauben, daß jeder Pyrotechniker ein derartiges Kometenschauspiel arrangieren könnte. Das ist doch nicht so was Ungeheures. Man könnte sich beinahe wundern, daß so was in Europa noch niemals versucht ist. Aber wir wissen ja alle, wie weit Europa in künstlerischen und technischen Dingen zurück ist. Und dann: daß sich die Stimmen der Menschen durch Schallröhren und andere Instrumente ganz gewaltig verstärken lassen, das wissen wir doch zur Genüge. Und so dürfte ja wohl ein Optimist behaupten, daß demnächst in Wien ein kosmisches Marionettentheater entstehen könnte, das weit bedeutender ist, als das der Frau Neumann auf Celebes. Indessen – mich werden Sie nicht so leicht dazu verführen, an die Unternehmungslust europäischer Theaterdirektoren zu glauben. Es müssen doch auch erst die größeren Stücke für das kosmische Marionettentheater geschrieben werden.« Nach diesen Worten entstand abermals ein kleiner Tumult; alle anwesenden Schriftsteller erklärten lachend, daß nichts so einfach sei – wie das Schreiben von derartigen Stücken. Der Baron schüttelte jedoch wehmütig den Kopf und sagte dann noch leise: »Das Beste wäre wohl, Sie veranlaßten die Frau Neumann, nach Wien zu kommen; die könnte Ihnen wohl ein Marionettentheater so einrichten, wie Sie's haben wollen.« Mit diesen Worten verließ der Baron sehr schnell die Gesellschaft. Als der Baron fort war, fragte Hermann Bahr einige Schauspieler: »Kennen Sie vielleicht die Frau Wanda Neumann?« Aber Niemand kannte die Dame. Man beschloß, den alten Baron am nächsten Tage nochmals zu befragen. Indessen – der alte Baron war am nächsten Morgen schon abgereist. Die drei Baumstaaten Eine Staatsgeschichte Als der alte Baron Münchhausen im März des Jahres 1905 in Constantinopel lebte, veranstaltete eine alte Dame, um den alten Herrn ganz besonders zu ehren, ein Gartenfest, zu dem nur Damen und Herren geladen wurden, die das sechzigste Lebensjahr bereits überschritten hatten. Nun befand sich aber, wie ja schon längst überall bekannt ist, die achtzehnjährige Gräfin Clarissa vom Rabenstein als unzertrennliche Begleiterin des hundertundachtzigjährigen Barons ebenfalls in Constantinopel. Der Baron wollte daher dieses Gartenfest der alten Leute anfänglich gar nicht besuchen, um seiner verehrten Clarissa keinen Ärger zu bereiten. Als diese jedoch von der Einladung erfuhr, erklärte sie ihrem Baron, daß sie sich als alte Dame aufputzen würde. Da nahm denn der Baron die Einladung an, und die Clarissa begleitete ihn. Der Garten, in dem alle die alten Leute zusammenkamen, lag am Meere, und auf dem Meere wurde natürlich sofort ein Feuerwerk abgebrannt, als der alte Münchhausen erschien. Nach dem Feuerwerk wurde der ganze Garten elektrisch erleuchtet; sämtliche Lichter befanden sich unter farbigen Gläsern, die auch auf dem Erdboden dicht neben den Fliesenwegen angebracht waren. Durch einen sinnreichen Mechanismus ließen sich alle farbigen Gläser mit einem Ruck verschieben, so daß andere Farbenteile der Gläser sich über das elektrische Licht legten. So kams, daß alle fünf Minuten der Garten ganz anders erleuchtet wurde als bisher. Die elektrischen Lichter saßen in ungeheurer Zahl auf allen Bäumen, auf allen Kiosken und Zelten und auch auf den Teichen, auf denen große weiße Schwäne herumruderten; sämtliche Schwäne trugen elektrische Flammen am Halse – so, als wärens Brillanten. Der Garten wurde im Volksmunde der Seegarten genannt. Und in der Ferne sah man, wie die Haremsdamen des Sultans die Lichtwunder des Seegartens mit Opernguckern bewunderten. Der Baron fand natürlich alles entzückend und superb, die Gräfin Clarissa fiel beinahe aus ihrer Großtantenrolle; das ward aber glücklicherweise von der Gesellschaft nicht gesehen. Nach dem Abendbrot, das des Kontrastes wegen nur aus türkischem Lagerbier mit belegten Stullen bestand, sollte der alte Baron selbstverständlich was erzählen; man bat ihn aber um eine ganz ernsthafte Geschichte für alte Leute. Münchhausen ließ sich nicht lange nötigen, steckte sich einen türkischen Tschibuk an und erzählte – umgeben von Millionen Lichtwundern, die sich immer schneller veränderten und verschönerten – eine Staatsgeschichte. »Sie wissen ja Alle«, begann er leutselig, »daß hinterm Neptun noch mehrere andre Planeten zu finden sind, die auch unsre große Sonne bewundrungsvoll umkreisen. Dort also – über achthundert Millionen Meilen hinter dem Neptun – fand ich einen seltsamen Planeten, dessen Körper aus drei kolossalen Bäumen bestand; das Wurzelwerk hatte sich dermaßen um einander geknotet, daß die drei Bäume unzertrennlich zusammengewachsen waren. Unter diesen Bäumen dürfen Sie sich aber nicht Bäume denken, die denen ähnlich sehen, die wir hier im Garten bewundern können. Die drei Bäume auf jenem fernen Planeten bestehen aus steinharten Stämmen und Ästen. Und diese Stämme und Äste haben an vielen Stellen einen Umfang von vielen Meilen. Und das, was unsern Erdbaumblättern, Erdbaumblüten und Erdbaumfrüchten entsprechen könnte, ist nun so ganz anders, daß die Beschreibung dieses Anderen zweifellos hier zu weit führen würde. Sie müssen sich schon damit begnügen, wenn ich Ihnen erkläre, daß die drei Bäume von oben bis unten bewohnt sind – und zwar von Lebewesen, die einen ziemlich langen, schlangenartigen Körper besitzen und viele Arme mit sehr geschickten Fingern. Wenn Sie, meine Herrschaften, hier in diesem Garten diese Erdbäume betrachten, die mit so vielen elektrischen Lichtern geschmückt sind, so können Sie sich leicht auch eine Vorstellung von den Baumbewohnern jenes fernen Planeten bilden, denn diese Baumbewohner mit ihren Schlangenleibern sind auch elektrischen Flammen gleich, da die ganzen Baumbewohner elektrisch leuchten – und zwar in allen Körperteilen. Nur wenn diese Baumbewohner schlafen, vergeht auch das Licht, das sie ausströmen. Weitere Schilderungen dieser seltsamen Lichtwesenwelt führen aber, wie gesagt, zu weit ab von dem, was ich ganz besonders schildern wollte. Jeder der drei Planetenbäume unterscheidet sich von dem andern so gewaltig, daß man die drei, obschon sie zusammengewachsen sind im Mittelpunkte des Sterns, nicht mit einander verwechseln kann. Nun kommt noch Folgendes hinzu: Die Lebewesen, die auf den drei Bäumen wohnen, unterscheiden sich ebenso von einander, wie die Bäume, auf denen sie leben. Wir haben somit drei Rassen auf jenem fernen Planeten. Und diese Rassen sind allmählich zu drei großen Baumstaaten geworden.« Hier wurde der Baron durch das Geschrei der Dienerschaft unterbrochen. Alle Gäste blickten zum großen Teich und sahen dort ein gräßliches Schauspiel: Die Schwäne hatten, durch ihren elektrischen Halsschmuck verführt, einander gebissen – und plötzlich gingen immer zwei und zwei Schwäne wütend auf einander los; sie umschlangen sich mit ihren starken Hälsen – so daß sich Hals um Hals wand. Und dabei zerbrachen natürlich die elektrischen Blüten und verwundeten die Hälse der Tiere dermaßen, daß alle Schwäne in ein paar Minuten sich gegenseitig getötet hatten. Als die Diener schreiend auf den Kähnen herbeieilten, waren die großen Tiere bereits verendet. Das furchtbare Schauspiel hatte nur ein paar Minuten gedauert. Das war nun ein rechter Mißton. Die Diener weinten und schleppten die toten Tiere, an denen einzelne elektrische Lichter noch hell leuchteten, ans Ufer. Viele Damen fielen in Ohnmacht. Und der Baron wurde sehr mißgestimmt. Der große Teich war bald ganz dunkel. Und viele Gäste wollten gleich nach Hause fahren. Man schützte Nervenerschütterung vor. Da jedoch erst die Damen, die in Ohnmacht gefallen waren, wieder zum Bewußtsein gebracht werden mußten, so konnte Niemand so schnell fort. Nun aber stieg der Baron Münchhausen, während er die Hand der Gräfin Clarissa als Stütze benutzte, auf einen Stuhl und schrie mit gewaltiger Stimme – er hat bekanntlich eine sehr tiefe Baßstimme – so laut in den Garten hinein, daß alle Damen mit einem Ruck aus ihrer Ohnmacht erwachten. Als nun alle wach waren, sagte der Baron: »Meine Damen und Herren, das Unglück mit den Schwänen ist natürlich sehr beklagenswert. Daß Sie aber deshalb gleich nach Hause gehen wollen, finde ich unerhört. Wollen Sie denn nicht meine Geschichte zu Ende hören? Glauben Sie, ich sei nur hierher gekommen, um eine halbe Geschichte zu erzählen? Glauben Sie, daß Schwäne, wenn sie sich selber umbringen, dadurch auch meine Geschichte von den drei Baumstaaten umbringen können? Ich glaube: Sie werden das nicht glauben. Und darum bitte ich Sie, wieder Platz zu nehmen und den zweiten Teil meiner Staatsgeschichte anzuhören – sonst beleidigen Sie mich, und ich erzähle Ihnen nie wieder eine Geschichte.« Nach diesen Worten reichten die Diener Wein herum, die Damen trockneten sich ihre Tränen von ihren Wangen ab, und der Baron fuhr fort: »Auf jenem fernen Planeten waren die drei Baumstaaten auch drei Dinge, die vor einander scheuten und sich gegenseitig an den Hals fuhren, wie es unsre schönen Schwäne auf dem großen Teich soeben getan haben. Aber die drei Baumstaaten bekämpften sich in einer viel böseren tückischeren Art: sie machten große mit Sprengstoff gefüllte Blasen, setzten auf diese Blasen besonders gebildete Mannschaften rauf, schossen diese Blasen in die Atmosphäre des Sterns hinein und überließen es nun den besonders gebildeten Mannschaften, die Blasen so zu lenken, daß diese grade dann platzten, wenn feindliche, ähnlich konstruierte Blasen vom nachbarlichen Baumstaate auch in die Atmosphäre hineingeschossen wurden. Kurzum: Die Blasen mit dem Sprengstoff sollten einander bekämpfen, wie sich auf dem Erdrindenwasser die Kriegsschiffe bekämpfen.« Der Baron ließ sich einen Krug Münchner Bier geben, trank ihn aus und sagte dann lachend: »Jetzt wollen Sie wohl wissen, was jetzt folgt. Ja, das kann ich mir denken. Na – die Blasen mit dem Sprengstoff platzten anfänglich ganz nach Vorschrift, machten, daß die Blasen der Gegner auch platzten – und daß die besonders gebildeten Mannschaften, die die Blasen lenkten, auf beiden Seiten in der Luft verpufften. Die nun folgenden Lenker sahen, daß weder Feind noch Freund übrig blieb, und sie beschlossen daher, so vorsichtig in der Atmosphäre herumzurudern, daß ein Platzen nicht möglich würde. Und da sah man denn bald die ganze Atmosphäre mit Blasen angefüllt, in denen sich Sprengstoffe befanden, die nicht mehr explodierten.« Der Baron schwieg und sah sich still um. Die alten Herren dachten nach. Die alten Damen putzten ihre Lorgnetten. Die bunten Lichter des Gartens flammten mit einem Ruck wieder in neuen Farben auf. Und im Hintergrunde wurden die toten Schwäne von den wehklagenden Dienern begraben. Der Baron hörte das Schluchzen der Diener, und die Gäste hörten das Schluchzen ebenfalls. Da fragte eine alte Dame leise: »Wie gehts nun weiter?« Da lachte der Baron und sagte: »Aber meine Gnädigste, als die Lenker der Sprengstoffblasen das Explodieren ihrer Fahrzeuge verhinderten, lernten die Vertreter der drei Baumstaaten sich allmählich in ihrer Atmosphäre näher kennen – und dann schloß man Frieden – während die Blasen als kleine Monde den Stern mit den drei Baumstaaten immerzu in feinen Kurven umkreisten. Und so wird auch das Kriegführen der Menschenrassen dazu führen, daß sich alle Menschenrassen schließlich brüderlich um den Hals fallen – aber nicht so wie die verrückten Schwäne, die jetzt im Hintergrunde begraben werden.« Nach diesen Worten sprang der Baron vom Stuhle runter, faßte den rechten Arm der Gräfin Clarissa und ging im Sturmschritt zum Garten hinaus. Die Gäste waren durch diesen raschen Abgang dermaßen verblüfft, daß sie erst zur Besinnung kamen, als der Baron schon weit fort war. Die alten Herren aber schüttelten zu dieser Staatsgeschichte sehr lebhaft mit den alten Köpfen. Und in der Ferne bewunderten noch immer die Haremsdamen des Sultans die Lichtwunder des Seegartens mit Opernguckern. Der Humor als Lebenselixier Eine anamitische Geschichte Der jetzige Kaiser von Anam befand sich im August des Jahres eintausendneunhundertundfünf auf einer großen Inspektionsreise; er fuhr durch alle Teile seines weiten Reiches und erkundigte sich überall eifrig nach den sozialen Verhältnissen und ward dabei sehr mißgestimmt, da sich sehr bald herausstellte, daß die sozialen Verhältnisse verbesserungsbedürftig seien – sehr verbesserungsbedürftig. »Wenn ich die Lebensverhältnisse in meinem Lande«, sagte er schließlich zu seinem Ober-Schatzmeister, »erträglich machen wollte, so müßte ich ja mindestens noch hundert Jahre leben. Aber so alt werde ich doch nicht. Wer gibt mir das Lebenselixier, das mich noch hundert Jahre am Leben erhält? Jetzt bin ich schon fünfzig Jahre alt. Wie mach ich's, daß ich hundertundfünfzig Jahre alt werde? Ober-Schatzmeister, wissen Sie nicht, wie ich das mache?« Der Ober-Schatzmeister kratzte sich in seinem schwarzen Backenbart und sagte lächelnd: »Na, wir wollen mal sehen, was ich in dieser Angelegenheit machen kann.« Der Kaiser machte große Augen. Er sah seinen Ober-Schatzmeister lange an und sagte dann ernst: »Lieber Freund, ich bin zu Späßen nicht aufgelegt; wie soll ich Ihre Antwort verstehen?« »Wenn Majestät mir«, versetzte der hohe Beamte, »freie Hand lassen wollten und tun möchten, was ich anordne, so könnten wir in einigen Tagen Näheres über diese Lebensverlängerungsangelegenheit erfahren.« Der Kaiser gab sofort den Befehl, den Anordnungen des Ober-Schatzmeisters für die nächsten acht Tage unbedingt Folge zu leisten. Und der Ober-Schatzmeister führte seinen Kaiser mit seinem ganzen Gefolge in ein kleines Dorf, allwo sich alle beim Schulzen, so gut es ging, einquartierten; der Kaiser war gespannt. Es war der zweite September des Jahres eintausendneunhundertundfünf, und in demselben Dorfe, in dem sich jetzt der Kaiser von Anam niedergelassen hatte, lebte auch ein deutscher Baron namens Münchhausen, der täglich auf die Klapperschlangenjagd ging. Der Baron war nur der Klapperschlangenjagd wegen nach Hinterindien gekommen; in seiner Begleitung befand sich die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, die immer die Schlangenjagden mitmachte. Sie war noch sehr jung, er aber schon sehr sehr alt. Diesem seltsamen Paare stattete der Ober-Schatzmeister des Kaisers von Anam in aller Frühe zum zweiten September einen Besuch ab. »Könnten Sie nicht, Herr Baron«, sagte er lächelnd, »heute die Schlangenjagd sein lassen? Es wäre möglich, daß Sie der Kaiser von Anam noch heute zu sprechen wünschte; ich bin von Ihrem Aufenthalte in Hinterindien bereits unterrichtet – Ihren Paß habe ich schon gesehen.« Der Baron rief die Gräfin Clarissa ins Krugzimmer und sagte: »Wir sollen heute zum Kaiser von Anam kommen, die Klapperschlangenjagd soll heute unterbleiben; ist dir das recht?« »Meinetwegen!« sagte die Gräfin. Da ging denn der Ober-Schatzmeister zu seinem Kaiser und sprach also: »Großmächtiger Monarch, es ist mir gelungen, heute einen Mann aus Europa zu sehen, der laut Taufschein und Paß volle hundertundachtzig Jahre alt ist – ja, er ist bald hundertundeinundachtzig Jahre alt. Und trotzdem geht er noch alle Tage auf die Klapperschlangenjagd. Von diesem Manne müssen wir doch erfahren können, wie man sein Leben verlängern kann; der muß doch das sogenannte Lebenselixier entdeckt haben. Darf ich den Mann feierlich holen lassen? Er ist hier im alten Dorfkruge und geht heute nicht auf die Klapperschlangenjagd; das weiß ich ganz genau.« »Sagen Sie mal, mein Bester«, rief da der Kaiser mit ganz lauter Stimme, »glauben Sie, ich lasse mich von Ihnen zum besten halten? Wenn Sie mir nicht umgehend beweisen können, daß der Mann tatsächlich hundertundachtzig Jahre alt ist, so lasse ich Ihnen sofort den Kopf abschlagen. Ich lasse mich nicht verulken. Holen Sie den Mann her – meinetwegen mit dem allerfeierlichsten Gepränge.« Der Ober-Schatzmeister streichelte seinen Kopf und seinen Hals und sagte, gutmütig lachend: »Kopf und Hals ist ganz fest – geht nicht ab – geht nicht ab!« »Das werden wir sehen!« brüllte der Kaiser. Der Baron Münchhausen und die Gräfin Clarissa wurden danach in zwei Prachtsänften – vierundzwanzig weiße Elefanten vorne und vierundzwanzig weiße Elefanten hinten – zum Kaiser von Anam gebracht. Das erste, was der Kaiser sagte, war dieses: »Beweisen Sie mir, daß Sie tatsächlich einhundertundachtzig Jahre alt sind.« Der Baron holte zwei Schriftstücke aus seiner Tasche – seinen Taufschein und seinen Reisepaß. Der Ober-Schatzmeister rief triumphierend: »Der Paß ist im Mai dieses Jahres vom Berliner Polizei-Präsidium ausgestellt – wenn das nicht genügt –« »Das genügt!« rief der Kaiser und fiel seinem Freunde um den Hals. Dann bat er den Baron und die Gräfin, Platz zu nehmen – was diese auch sofort taten. »Sie heißen Münchhausen«, ergriff nun der Kaiser das Wort, »sind Sie derselbe Münchhausen, der im achtzehnten Jahrhundert auf Kanonenkugeln in der Welt herumritt?« »Eben der!« versetzte der Baron. »Ja, wenn Sie der Baron sind, so sind Sie ja der berühmteste Mann unsrer Zeit. Wie haben Sie's denn nur angefangen, Ihr Leben so lange zu erhalten? Sind Sie schon in Europa gewesen? Sie sind ja ein Weltwunder. Ihnen gegenüber sind ja die siamesischen Zwillinge einfach gar nichts.« Der Baron strich sich mit seiner rechten braunen Hand über seine kurzgeschorenen Haupthaare, strich sich den schneeweißen Schnurrbart rechts und links in die Höhe, lächelte, daß die unzähligen Falten seines dunkelbraunen Gesichts hin und her zuckten und sagte langsam: »Majestät geruhten, zwei Fragen an mich zu richten; ich werde mir erlauben, zunächst die zweite Frage zu beantworten: in Europa war ich am Anfange dieses Jahres und hatte das Vergnügen, zu bemerken, daß man sich dort überhaupt nicht mehr wundern kann; man nahm kaum von meiner Anwesenheit Notiz. Diese gradezu bewunderungswürdige Unberührbarkeit der europäischen Menschennatur wird diese jedenfalls befähigen, große schwere Schicksalsschläge mit Würde zu ertragen. Es steht fest, daß Pest, Krieg und Revolution den Europäer nicht aus dem Gleichgewicht bringen werden.« »Die Leute sind da nämlich ganz und gar stumpfsinnig geworden«, sagte die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, »die Europäer leiden momentan an der sogenannten Massen-Idiotie. Wenn man einen Europäer mit dem Kopf gegen eine harte Wand stößt, so sagt er immer: Was bullert denn da?« Da rief der Kaiser von Anam lachend: »Das müssen ja furchtbar lustige Zustände in Europa sein. Ja – ja – ich hab's ja immer zu meiner Umgebung gesagt: Aus Europa kann noch mal was Gutes werden. Aber, meine gnädigste Gräfin, wir in Anam sind nicht so – abgebrüht; wir können uns noch wundern, und wir können auch noch das Wunderbare verehren. Das Wunderbare ist ja immer in Hinterindien sehr beliebt gewesen. Vor acht Tagen sagte ich noch zu meinem Freunde, daß ich gern hundertundfünfzig Jahre alt werden möchte, um meinen Untertanen passable Lebensverhältnisse zu schaffen. Und nun habe ich das Glück, den Baron Münchhausen persönlich kennen zu lernen – und der ist schon hundertundachtzig Jahre alt. Wie ist das möglich? Erzählen Sie, Herr Baron! Ich vergehe vor Neugierde. Ich möcht Ihnen alles nachmachen. Ich möchte auch so alt werden wie Sie. Ich bin für Sie begeistert. Sie können hier in Hinterindien alles von mir haben, was Sie wollen. Denken Sie an meine armen Untertanen! Wie würden die sich freuen, wenn ich auch so alt würde – wie Sie, Herr Baron! Erzählen Sie mir alles! Lassen Sie mich nicht länger bitten. Ich lege Ihnen mein halbes Kaiserreich zu Füßen.« »Das nimmt er nicht an!« rief da lachend die Gräfin, »denn wir haben keine Zeit zum Regieren; wir müssen überall Geschichten erzählen.« »Na«, sagte der Kaiser, »ich will ja auch nicht gleich mein halbes Reich loswerden. Ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht beim Worte nehmen. Ober-Schatzmeister, bringen Sie der Gräfin ein Dutzend kinderfaustgroße Smaragde.« Der Ober-Schatzmeister gab sofort seinen Unterbeamten den Auftrag, die Smaragde umgehend herbeizuschaffen. Und der Baron Münchhausen sprach nun so: »Ehrwürdiger Beherrscher der Anamiten, der Sie diesen ein guter Vater sind, was Sie mich fragen, ist sehr einfach zu beantworten: Der sogenannte Humor vermag ganz allein unser Leben zu verlängern. Andere Mittel gibt es nicht; andere Mittel habe ich auch niemals angewandt.« »Der Humor?« rief nun der Kaiser, »wie ist das möglich? Erklären Sie sich deutlicher.« »Das will ich gern tun«, versetzte der Baron ganz langsam, »Sie werden es nicht bestreiten, wenn ich behaupte, daß nur der Ärger den Menschen älter macht. Wer aber hat keinen Ärger? Doch nur derjenige, der allezeit einen guten Humor bei sich hat. Wer seinen Humor nicht verliert, kann sich nicht ärgern. Ich sehe, daß Sie mir zustimmen. Nun weiter, Majestät! Außer dem Ärger gibt es noch eine zweite Plage, die den Menschen älter macht: Die Langeweile! Und da muß ich nun auch sagen, daß demjenigen, der immer seinen Humor bei sich hat, die Langeweile eine ganz unbekannte Sache bleibt. Ich sehe abermals, daß Sie mir zustimmen, Majestät. Nun hätte ich Ihnen nur noch zu erklären, wie Sie zum guten Humor kommen – dann hätten Sie das Lebenselixier in der Hand.« »Ja«, flüsterte der Kaiser, »dann hätte ich das Lebenselixier in der Hand.« Die Unterbeamten des Ober-Schatzmeisters brachten der Gräfin Clarissa vom Rabenstein die zwölf kinderfaustgroßen Smaragde; sie bedankte sich beim Kaiser aufs herzlichste, steckte die edlen Steine in die Tasche, und der Baron fuhr fort: »Der Humor vernichtet den Ärger und die Langeweile. Und da diese das Leben verkürzen, so vermag der Humor, durch Vernichtung dieser beiden Lebensverkürzer, das Leben zu verlängern. Das ist ohne weiteres einzusehen; ich sehe, daß auch Eurer Majestät Umgebung diese Geschichte vollkommen versteht.« Alle nickten und lächelten und fühlten sich sehr geschmeichelt. Der Baron schwieg nun ein paar Augenblicke und sah den Kaiser ganz verschmitzt an, so daß dieser ganz verlegen wurde und stotternd bemerkte: »Ich bin nicht geizig; ich weiß nur nicht, was ich Ihnen verehren dürfte; alles, was ich habe, erscheint mir so wertlos Ihrem – Lebenselixier gegenüber.« »Oh«, rief Gräfin Clarissa, »mein Baron ist so reich, daß er gar nichts haben will; er macht sich auch aus allen Schätzen gar nichts; das können Sie mir ganz bestimmt glauben, Majestät.« »Aber«, sagte diese nun, »jetzt möchte ich doch noch gern in ein paar Worten hören, wie man's anfängt, wenn man einen guten Humor bekommen will.« »Das ist sehr einfach«, erwiderte lebhafter der alte Münchhausen, »man muß nur immer jeder Sache ein paar gute Seiten abgewinnen – auch jeder bösen und unangenehmen Sache. Wenn Majestät plötzlich vom Throne herunterfallen und sich einen Arm dabei brechen, so müssen Sie sich freuen, daß jetzt Ihr Arzt wieder eine gute Belohnung für die Armbehandlung bekommt. Und wenn Sie bemerken, daß Ihre Untertanen täglich dümmer werden, so müssen Sie sich freuen, da ja die Dümmeren immer empfänglicher für alles Gute sind – als die sogenannten Klügeren. Kurzum: Es handelt sich darum, daß man in jedem Augenblicke seines Lebens immerzu neue gute Seiten an allen Dingen entdeckt – besonders an den bösen Dingen. Dann bekommt man ohne Zweifel einen guten Humor, wird sich niemals ärgern und sich niemals langweilen – und wird jeden Tag älter.« Da sagte der Kaiser von Anam sehr ernst: »So ganz einfach ist das wohl nicht; es gehört ein allezeit parater Witz dazu. Und außerdem muß man wohl auch ein guter Mensch sein, wenn man überall – auch im Bösen – etwas Gutes entdecken will.« »Das ist«, bemerkte da die Gräfin Clarissa, »ganz unumgänglich notwendig; einen bösen Humor gibt es eben nicht.« »Wer sich ärgert«, sagte Münchhausen, »hat ja das Ärgerliche nicht überwunden – ist böse – und entdeckt nicht die guten Seiten des Ärgerlichen. Solch ein Ärgerlicher hat gar keinen Humor und wird sich bald durch seinen Ärger ins Grab bringen – oder sterben vor Langeweile.« Der Kaiser von Anam stand auf, reichte dem Baron die Hand und sagte: »Sie haben mir mehr gegeben, als alle Herrscher der Erde besitzen – Sie haben mir das einzige Mittel gegeben, mein Leben zu verlängern. Ich werde ewig Ihr Schuldner bleiben. Aber jetzt sollen gleich meine Schreiber kommen und das, was Sie sagten, aufschreiben. Ich will dieses Lebenselixier meinem Volke nicht vorenthalten. Alle Anamiten sollen so alt werden, wie der alte Baron Münchhausen.« Und nach diesen Worten umarmte der Kaiser den alten Baron Münchhausen. Und die Hofbeamten riefen alle zusammen mit lauten Stimmen: »Lange lebe der Kaiser!« Da rief der Kaiser aber lachend: »Das ist nicht genug! Ihr müßt rufen: lange lebe das Volk! Dann lebe ich auch lange, denn ich gehöre doch zu euch!« Da riefen die Hofbeamten: »Lange lebe das Volk!« Münchhausen wollte danach gleich wieder mit seiner Gräfin auf Klapperschlangenjagd gehen – aber der Kaiser sagte: »Nein, heute müssen Sie bei mir zu Mittag essen!« Und so geschah es. Flora Mohr Eine Glasblumen-Novelle in acht Kapiteln Erstes Kapitel Der Minister Mikamura warf seinen Zahnstocher in seinen großen Garten und rief alle seine Diener zusammen. Und während sie zusammenkamen, ging im Osten über dem stillen Ozean die Sonne auf, und gleich danach fuhr das Automobil des Barons von Münchhausen in Mikamuras großen Garten hinein. Es war der 18. November des Jahres 1905 p. Chr. Mikamura hatte alle Damen und Herren der Umgegend eingeladen, Vorträgen des Barons von Münchhausen zuzuhören. Die Gäste warteten auf der großen Dachterrasse, auf der man im Osten den Stillen Ozean mit Sonne sehen konnte. Die Japanerinnen hatten alle seidene bunte Gewänder an, die Japaner trugen Frack und Zylinder. »Warum sind nur die Damen in Nationaltracht?« fragte der Baron, aber die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, die den Baron begleitete, sagte gleich: »Münch! Rede nichts Überflüssiges! Du wolltest von Mr. Weller in Melbourne erzählen!« Die ganze Dachterrasse war mit gelben Segeltüchern überspannt, die Gäste des Ministers begrüßten den Baron und bewunderten sein frisches Aussehen, das er trotz seiner hundertundachtzig Jahre zur Schau trug. »Wie kann man nur so schrecklich alt werden?« fragte die Gattin des Ministers. Und die Gräfin Clarissa vom Rabenstein erwiderte: »Man muß nur immer sich Mühe geben, bei guter Laune zu bleiben, dann wird man täglich älter.« Der Baron setzte sich auf einen amerikanischen Mahagonisessel, die japanischen Damen setzten sich ringsum im Halbkreis auf den mit japanischen Matten bedeckten Fußboden, und die Herren im Frack setzten sich im Hintergrunde ringsum auch im Halbkreis auf weißlackierte Stühle; Alle, die zuhörten, konnten das Meer sehen, der Baron saß mit dem Rücken zum Meere; die Gräfin Clarissa trug japanische Kleider und saß mit den Japanerinnen zusammen in japanischer Manier. Und der Baron erzählte: Als ich im vorigen Jahre in Melbourne war, der großen Ausstellung wegen, besuchte ich auch meinen alten Freund Mr. William Weller, der allerdings mehr als hundert Jahre jünger ist als ich – aber doch nicht mehr zu den Jüngsten zählt. Weller hatte in der Nähe von Melbourne palastartige Gebäude, in denen er Glasblumen fabrizierte und in köstlichen Sälen ausstellte. Äußerlich wirkten die Gebäude wie die Anlagen eines großen botanischen Gartens, und im Freien sah man auch viele natürliche Blumen. Doch im Innern dieser Paläste gabs nur Blumen aus Glas – und Früchte aus Glas. Ich hatte viel davon gehört und war sehr neugierig. In der Vorhalle – einer Rotunde – herrschte eine schwermütige feierliche Dämmerung wie in einer uralten Kirche. Man hörte keinen Laut von der Außenwelt und mußte Filzpantoffeln anziehen und ging auf einem dunkelvioletten sehr dicken und weichen Bodenbelag, der keine Musterung zeigte. In der Mitte der Rotunde wuchsen drei riesige Glaslilien aus dem Boden heraus. Wenn ich aber von Lilien spreche, so bediene ich mich da nur eines Wortes, das ungefähr der Phantasie eine Richtung geben soll; Weller wollte keineswegs mit seinen Glasblumen eine Nachahmung der natürlichen bieten – nichts lag ihm ferner als dieses. Diese Lilien hatten schneeweiße Stengel, und diese Stengel ähnelten ein wenig den Eisblumen, die wir im Winter an Fensterscheiben sehen. Die Stengel hatten Faustdicke und viele knollige Auswüchse und armbreite Äste, an denen sich zitronengelbe dütenförmige Blüten befanden; und aus diesen ragten lange perlmutterartig schillernde Staubfäden heraus in Spiralformen und in ganz unregelmäßig gedrehten und gewundenen Formen. Die zitronengelben Blüten waren meterlang, und es waren mehr als drei Blüten – es gingen aber nur drei faustdicke Stengel aus dem Boden heraus, der in der Mitte höher war als im übrigen Saal-Raum, sodaß man diesen Blüten nicht näher kommen konnte. Jetzt aber, meine Damen und Herren, müssen Sie sich die Seitenwände der Rotunde vorstellen – da waren Rankengewächse vor schwarzen, straff gespannten Sammetwänden – das Astwerk der Ranken weiß und undurchsichtig – die Blüten blau rot und grün und vielfach durchsichtig. Diese Wandblüten waren alle klein – nur wenige hatten Handgröße. Und natürlichen Blüten ähnelten diese Glasblüten fast garnicht. Als ich mich da zum ersten Male in dieser Rotunde befand, staunte ich wohl eine gute halbe Stunde alles an – das Licht kam von der Kuppel herunter, die auf weißem undurchsichtigen Grunde schwarzes Linienornament zeigte. Und dann kam Mr. William und begrüßte mich. »Aber Münch«, rief William gleich, »benimm Dich nur nicht so, feierlich; an so was muß man sich schnell gewöhnen. Komm nur gleich hier in diesen Experimentiersaal – da will ich Dir einen künstlichen Eissee zeigen – der ist viel interessanter als diese uralte Rotunde.« Und danach führte mich William in seinen Experimentiersaal. Ich dachte natürlich, daß da vieles durcheinanderliegen würde, dachte an Atelierstimmung und Ähnliches – doch es war da nur ganz finster. Aber dann wurde der ganze Fußboden ganz hell – und ich sah, daß ich auf einem großen Glasboden stand, der durchsichtig eine phantastische Glasblumenwelt in der Tiefe unter uns sichtbar machte. »Künstliches Eis!« sagte William. Wände und Decke bestanden aus Tropfsteingrotten, und mein alter Freund schob mir zwei dicke Stricke unter die Arme; die Stricke wurden an den Wänden von Dienern gehalten, und ich ging nun gestützt von den Stricken neben meinem Freunde, der sich auch so stützen ließ, auf dem durchsichtigen Glasboden weiter. Und dabei sahen wir in die Tiefe. Ach ja, meine Herrschaften, was ich da mit zwei Stricken unter den Armen zu sehen bekam, läßt sich leider nicht so leicht beschreiben. Ich sah in eine bunte, ganz fabelhafte Blumen- und Fruchtwelt hinein, und mit jedem langsamen Schritt auf Filzschuhen rutschend veränderte sich das bunte Bild unter uns. Mr. Weller sprach dabei in einem fort: »Du darfst nicht glauben«, sagte er, »daß da unten immer alles am selben Platze bleibt. Da unten laß ich täglich alles anders zusammenstellen. Und so hab ich täglich immer etwas anderes da unten zu sehen. Jede Blume sieht ganz anders aus, wenn sie dem Eisboden nahe ist – und anders, wenn sie sich tiefer befindet. Nun kommt noch hinzu, daß der künstliche Eisboden an vielen Stellen Vergrößerungslinsen hat – und auch Stellen, an denen das Glas nicht so dick ist – und auch Stellen, die große Höhlen und Vertiefungen haben. So wird die Glasblumenwelt da unten gar köstlich variiert. Und wenn ich nun Befehl gebe, unten die Blumen ein bischen herumzufahren, so hast Du einen Kaleidoskopeffekt erster Güte. Paß mal auf!« Und dann kams, wie er sagte. Und das müssen Sie sich nun mal vorstellen; Sie können ihre Phantasie anstrengen, wie Sie wollen, die Wirklichkeit werden Sie nicht übertrumpfen. Lange hielt ich natürlich diesen Farben-, Formen- und Funkenzauber nicht aus. Als mein Freund merkte, daß es mich angriff, ließ er plötzlich unten alles dunkel machen – und da atmete ich auf, Sie können mirs glauben. Dann frühstückten wir in einem großen Fruchtzimmer. Das erinnerte so an die Märchen von Tausend und Einer Nacht. Die Früchte bestanden aber nicht einfach aus Rubinen und Smaragden – diese Wellerfrüchte sahen noch köstlicher aus, obschon die Farben nicht so brannten wie bei den Brillanten. Weller wollte die Kugelform in seinen Früchten überwinden und gab nun alle möglichen Formen, die anders als Kugeln sind – gleichzeitig vermied er das Krystallinische, sodaß man auch nicht an Brillanten erinnert wurde. Das Innere dieser Kunstfrüchte wirkte zumeist noch interessanter als die äußere Form. Ganz unbeschreiblich leuchteten aber die Farben. Die Farben, die im Glase hervorgebracht werden, sind ja viel herrlicher als alle anderen Farben; ein Farbenfreund muß eigentlich ganz naturgemäß zum Glasfanatiker werden. Und so wars dem lieben William Weller auch gegangen; die Glasmalerei hatte ihn zu den Glasblumen und Glasfrüchten geführt. Jedoch wir frühstückten nicht allein zusammen; eine junge Dame leistete uns Gesellschaft. Wenn Sie sich aber denken, daß diese Dame sehr freundlich zu uns gewesen wäre – so täuschen Sie sich gewaltig. Weller stellt die Dame folgendermaßen vor: »Hier, Herr Baron, haben Sie das Vergnügen, meine Großnichte, Fräulein Flora Mohr aus Graudenz, kennen zu lernen. Wenn Sie glauben, daß diesem Fräulein meine Paläste sehr großen Spaß machen, so sind Sie auf dem Holzwege.« »Lieber Großonkel«, sagte darauf Fräulein Flora, »ich kann mich nicht anders geben, als ich bin. Mich erfreuen die natürlichen Blumen mehr als Deine künstlichen.« »Sehen Sie«, rief nun lachend mein alter Freund, »hab ich nicht Recht? Das ist doch mal eine ehrliche Natur. Die paßt hierher, sag ich Dir, mein lieber Münch! Die paßt hierher – so wie die Faust aufs Auge. Oh – wie ich die Kontraste zu schätzen weiß!« Genau so waren die Worte meines Freundes gesetzt – ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, sonst könnte ich ja garnicht so viele Geschichten erzählen; William sagte immer, wenn er erregt wurde, mal Sie und mal Du zu mir. Ich aber bekam von seiner Erregung nichts ab, ich wurde nur neugierig und wollte wissen, wie denn diese Großnichte in diese Glasblumenpaläste hineingeraten wäre, und ich fragte danach, und sie sagte: »Ich bin ja die Großnichte meines Großonkels.« Diese Antwort machte mich natürlich nicht klüger. Fräulein Flora Mohr kam mir nicht sehr interessant vor, und ich fragte nach dem Frühstück den lieben William, als ich ihm wieder allein gegenübersaß, weswegen diese Dame bei ihm sei. »Mensch«, rief er da lachend, »sie will Geld von mir haben.« »So gibs ihr doch«, erwiderte ich, »dann bist du sie los. Wenn sie die Glasblumen nicht leiden kann, so ist ihr hier doch nicht zu helfen.« Da sagte William: »Liebster Münch, so gutmütig, wie Du denkst, bin ich leider nicht; ich werde doch nicht einer Großnichte Geld geben, die mir in Gegenwart aller anderen Leute immer wieder versichert, daß sie die Naturblumen lieber hat als meine Kunstblumen.« Darauf konnte ich natürlich nichts erwidern, ich glaubte jedoch, daß hier noch ein andrer Haken dahinter sein müsse, und beschloß, mich mal mit dieser merkwürdigen Angelegenheit näher zu befassen. Ich sehe jedoch, daß wir den Morgenkaffee bekommen sollen. Und so werde ich Ihnen das Weitere nach dem Kaffee erzählen.   Nach diesen Worten hörte der Baron zu erzählen auf; die Herren schmunzelten, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie jetzt auch sehr neugierig seien. Und dann tranken alle ihren Morgenkaffee und blickten dabei in die blauen. Fluten des stillen Ozeans. Die Sonne stieg derweil langsam höher. Zweites Kapitel Nach dem Morgenkaffee fuhr der Baron Münchhausen in seiner Erzählung fort: Mr. Weller, sagte der Baron, gab nun seiner Großnichte den Auftrag, mir die köstlichen Glasblumenbeete zu zeigen. Nun müssen Sie sich, meine Damen und Herren, diese Beete vorstellen. Denken Sie an venetianische Ziergläser – an die allerfeinsten! Den Goldstaub in den Gläsern müssen Sie aber fortlassen – denn Weller liebte das Gold nicht. Er erklärte alles Gold für ein nutzloses, ästhetisch unsympathisch berührendes Metall. Und ich finde auch, daß man ein Metall, mit dem man Käse kauft, nicht an Kunstwerken verwenden dürfte. Es wirkt überall klecksig und es läßt sich doch nicht leugnen, daß eine einfache Butterblume ein köstlicheres Gelb besitzt – als dieses Tausch- und Trödelobjekt. Sie werden ja meiner Meinung sein. Indessen – an die Seepferdchen der Venetianer dürfen Sie auch nicht denken – dafür müssen Sie an alle Farben denken, die Sie im Glase gesehen haben. Natürlich – sehr viel Email verwendete Weller auch – besonders in den Blüten. Und dann eins: vergessen Sie nie, daß Weller niemals die natürlichen Blumen nachahmte – er machte alles immer anders als das Natürliche. Entzückend waren besonders die Glockenblumen mit ganz hohen spiralförmigen Staubgefäßen. In den Glocken sah man alle Topfformen, die es gibt – und das Äußere der Glocken war oft von durchbrochener Arbeit umhüllt – und oft von Rubin-, Filigran- und Eisglas. Weller setzte seine Beete, von denen viele einen Durchmesser von zwei bis drei Metern besaßen, nicht immer auf den Fußboden – oft setzte er die Beete einfach an die Wände und an die Decken. Es wurden auch schräge Fußböden für die Beete hergestellt. Da man im Naturgarten die Beete mit kurzgeschnittenem Rasen zu umgeben pflegt, so hatte Weller auch an einen Ersatz dieses Rasens gedacht. Zumeist verwertete er weiße oder farbige Watte, die zum Glase einen gut konstrastierenden Rahmen schuf. An den Wänden wurde außer Sammet vielfach Brokat verwandt. Doch auch im Brokat vermied Weller das Gold. Fahrende Beete gabs ebenfalls – und auch Guirlanden an straffgespannten Drahtseilen – natürlich auch hängende Beete – solche, die an Ketten hingen. In einigen Sälen gabs auch Terrassen mit Überkragungen – und viele Terrassen waren ganz und gar mit Glasblumen angefüllt. In einem Saale fand ich an Stelle des kurzgeschnittenen Rasens – feinsten Seesand. Auch Pilze und Schwämme wirkten als Umrahmung der Beete sehr gut. Alle diese Herrlichkeiten zeigte mir Fräulein Flora Mohr mit einer Miene, die mir wirklich unvergeßlich bleiben wird. Es machte ihr offenbar die größte Pein, mir all diesen Farben- und Formenprunk zu zeigen. Und ich wußte ja schon so ungefähr – warum. Aber ich dachte, da stecke ein Roman dahinter. Und so fragte ich höflich: »Gnädiges Fräulein, Sie sind also eine große Freundin der natürlichen Blumen, nicht wahr?« »Ja, das bin ich!« erwiderte sie. Und ich fuhr fort: »Da haben Sie also eine Abneigung gegen diese künstlichen Glasblumen, nicht wahr?« Da bekam ichs. »Wie«, rief sie aus, »Abneigung nennen Sie das Gefühl, das ich diesem Glasquark entgegenbringe? Nein, das ist nicht das richtige Wort für meinen Haß. Herr Baron, ich bin eine gebildete Person; ich hab in Graudenz das Seminar besucht und spreche fast alle modernen Sprachen. Wenn Sie glauben, daß mir diese Spielerei irgendwie imponieren könnte, so irren Sie sich gründlich. Wo ist denn hier das Leben? Sind diese Spielereien nicht einfach tot? Können Sie leugnen, daß sie tot sind? Und – ist es nicht immer wieder dasselbe, was man hier sieht? Immer wieder nur Farben! Und immer wieder nur Formen! Mit solchen Kindereien kann man ja den wilden Negern im warmen Afrika eine Freude bereiten – aber nicht einer gebildeten Person, die das Seminar in Graudenz besucht hat und fast alle modernen Sprachen spricht.« Ich sehe, meine Damen, Sie machen große Augen – aber so hat Fräulein Flora Mohr wörtlich gesprochen; ich behalte alles, was man mir sagt, wörtlich; mein Gedächtnis ist tatsächlich noch bewunderungswürdiger als mein Alter. Mich verblüffte natürlich diese offene Ausdrucksart der jungen Dame, und ich sagte ganz schüchtern: »Gnädiges Fräulein, sind Sie nicht der Meinung, daß diese Abneigung, die Sie all diesen Glasblumen entgegenbringen, Ihren verehrten Herrn Großonkel sehr kränken könnte?« »Oh«, rief sie heftig, »Sie glauben wohl, hier steckt ein Roman dahinter! Sie glauben wohl, daß ich meinen Großonkel liebe! Da irren Sie sich: ich liebe meinen Bräutigam, der in Graudenz Kunstschlosser ist – und keinen andern Menschen liebe ich. Das gehört sich doch so. Und – ehrlich sein ist für mich die Hauptsache. Ich muß grade und frei meine Meinung heraussagen, wo ich auch bin. Und wenn meine Meinung andre Leute kränkt, so kann ich nicht dafür. Das Natürliche und das Ehrliche geht mir über alles.« Nach dieser Rede sagte ich mir im Stillen, sodaß es Niemand hörte: »Jetzt bin ich also endlich hinter den Roman gekommen. Wie glücklich bin ich nur, daß diese Dame nicht mich liebt. Wohl uns, daß dieser Kunstschlosser in Graudenz existiert! Auch der Weller kann von Glück sagen, daß er von diesem ehrlichen Mädchen nicht geliebt wird. Man weiß immer noch garnicht, wie gut mans eigentlich hat. Jedenfalls hat man vor der Natürlichkeit und vor der Ehrlichkeit immer noch nicht den genügenden Respekt« Und laut fuhr ich fort: »Gnädiges Fräulein, ich verstehe nur nicht, warum Sie da immer noch in Melbourne und nicht in Graudenz sind. Verzeihen Sie gütigst, daß ich das sage; mich gehts ja eigentlich nichts an.« »Oh«, erwiderte nun das Fräulein, während es vor einem smaragdgrünen Tulpenbeet stehen blieb, »Sie brauchen nicht um Verzeihung zu bitten; ich halte mit nichts hinterm Berge, ich nehme niemals ein Blatt vor den Mund. Mein Bräutigam will sich, wenn wir heiraten, etablieren. Und da braucht er etwas Geld. Und deswegen bin ich hier bei meinem Großonkel und hab ihn gebeten, mir zehntausend Taler für Erwin zu geben – Erwin Krug heißt mein Bräutigam.« »Und«, fragte ich nun, »eine so geringfügige Summe will Ihnen Ihr Großonkel nicht geben?« »Nein«, versetzte sie, »das ist es ja eben! Ich bin nicht für seine Glasblumen begeistert, und deswegen hält er mich hin. Und er verschwendet Unsummen für diese Albernheiten – jedes Beet hier kostet viele Tausende, und mir will er nicht einmal so viel geben, daß Erwin sich etablieren kann. Als ich ihm die maßlose Verschwendung, die hier herrscht, in scharfen Worten vorwarf, nannte er mich ein naseweises Frauenzimmer. Ich wäre längst fort von hier, wenn Erwin das Geld nicht so nötig gebrauchen würde.« »Sagen Sie mal, meine Gnädigste«, warf ich da ein, »bitten Sie doch Ihren Großonkel um solch ein Glasblumenbeet – und verkaufen Sie es dann. Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie sich für dieses Glasblumenbeet mit den Smaragdtulpen interessieren – dann würde sich Ihr Onkel sehr freuen über Ihr Interesse und Ihnen die Kleinigkeit schenken. Zehntausend Taler bekommen Sie schon dafür.« Da sah mich die Dame sehr groß an und sagte mit unnachahmlichem Stolze: »Ich sagte schon, daß ich eine ehrliche Natur bin. Ich lüge nie! Verstehen Sie mich jetzt?« »Ich«, versetzte ich stotternd, »verstehe – Sie – jetzt! Ich lüge ja ebenfalls nie.« Danach hörte unsre interessante Unterhaltung auf; Diener kamen und baten uns wieder, in ein großes Speisezimmer zu kommen. Wenn ich jetzt ehrlich sein darf wie Fräulein Flora Mohr, so möchte ich auch wünschen, daß jetzt gleichfalls Diener kämen und etwas zu essen mitbrächten.   Die ganze Gesellschaft mußte nach diesen Worten sehr laut lachen; die Frau Minister Mikamura winkte – und die Diener brachten ein kleines Frühstück herbei, wofür der Baron Münchhausen mit den verbindlichsten Worten seinen Dank sagte. Drittes Kapitel Nach dem Frühstück sprach der Baron das Folgende: Mein Freund William lud mich danach zu einer Kahnfahrt ein, und ich war natürlich gern bereit, bat nur, Fräulein Flora mal zu Hause zu lassen. »Zu Hause«, sagte William, »bleiben wir ja. Meinst Du, ich hätte keinen Saal, in dem ich Kahn fahren kann? So arm bin ich doch nicht. Die Flora kann selbstredend draußen im Park die Rosen und Lilien bewundern; immerzu braucht sie ja nicht dabei zu sein.« Wir kamen dann gleich in einen domgroßen Saal, dessen Wände – ja, das ist wirklich schwer zu beschreiben.... An den Wänden waren Taue und Stricke von verschiedener Dicke ausgespannt – alle ganz straff – aber nach allen Richtungen kreuz und quer, sodaß das Ganze etwas von alten Spinngewebenetzen bekam. An Spinngewebe mußte man schon denken, weil alle Taue und Stricke grau waren. Das gab wundervoll durchbrochene Muster – die eigentlichen Wände dahinter konnte man nicht sehen; überall sah man nur Taue und Stricke straffgespannt durcheinander gehen. Und oben die Decke des eirunden Saales zeigte auch nur graue Taue und Stricke. Es ging in Eischalenform nach oben – Ecken gabs nicht. Fenster gabs da auch nicht; die Luft wurde durch Windräder eingeführt. Auf dem Wasser schwammen zwölf Seerosen – ganz buntfarbige Seerosen. Und die begannen plötzlich bunt zu leuchten, sodaß das Tauwerk auch ganz bunt wurde. Sie werden natürlich fragen, wie vordem Licht gemacht wurde. Doch das ging sehr einfach zu; mehrere Diener trugen an vier Meter hohen Stangen große weiße Kugellampen – die erlöschten, als die Seerosen zu leuchten begannen. Wir setzten uns in einen Kahn. Die Diener verschwanden. Und es wurde ganz unheimlich still auf dem Wasser. Die Seerosen streuten bunte Farbenbüschel aus – wie bunte Scheinwerfer wirkten die Büschel. Meine Damen und Herren, Sie werden natürlich denken, daß ich in dieser träumerischen Seestille an die Flora dachte. Doch Sie irren sich; ich hatte die Flora vollkommen vergessen – trotz meines guten Gedächtnisses. Und was ich jetzt erlebte, drängte die Erinnerung an jene glasfeindliche Dame immer tiefer in den Hintergrund. William bat mich, in die Tiefe des Sees zu blicken – und da sah ich, wie bunte Blumen langsam emporwuchsen. Und die Blumen wuchsen aus den Wassern heraus und leuchteten. Sie leuchteten auch in der Tiefe des Wassers. Und Mr. Weller sprach dazu erregt: »Siehst Du, da hast Du wachsende Blumen – die wachsen so, daß Du siehst, wie sie wachsen. Und da sagt diese Flora immer noch, daß alle meine Glasblumen tot sind – immerzu tot sind. Es ist empörend. Für mich sind meine Blumen nicht tot. Siehst Du, wie sich langsam die köstlichen Kelche öffnen? Siehst Du, wie die Staubgefäße größer werden? Siehst Du, wie die saphirblauen großen Blätter langsam sich aufklappen? Eine feine Mechanik steckt da überall drin. Und sieh nur, wie die Glasblätter alle naß sind – und wie die Tropfen im bunten Licht aufleuchten! Oh – und da sagt diese Flora, daß das alles blutlose Schemen sind – blos weil sie heiraten will. Dies hier soll nach ihrer Meinung ein Schattenreich sein – für den Orkus reif! Ein schöner Orkus! Und sie sagt immer, daß das alles so leer wirkt! Sie meint, da fehlt überall das Fleisch und Blut. Als wenn die Rosen und Veilchen auch Fleisch und Blut haben!« Danach wurde mein Freund ganz weich und sprach sehr viel davon, wie seine Glasträume entstanden. Wenn ich Ihnen das alles erzählen würde, käme ich heute nicht zu Ende. Und die Glasblumen wuchsen ganz hoch aus dem stillen Wasser heraus. Und es wuchsen immer mehr. Und wir fuhren ganz vorsichtig zwischen diesen leuchtenden Wunderblumen dahin. Als aber der liebe William wieder von seiner lieben Flora anfing, sagte ich ihm ziemlich ärgerlich: »Liebster William, laß die Flora in Ruh und zerstöre mir hier nicht die Stimmung. Gib ihr doch die zehntausend Taler, damit sie endlich ihren Kunstschlosser heiraten und uns in Ruhe lassen kann.« »Fällt mir garnicht ein«, versetzte dazu der William, »sie macht mit ihren Schimpfereien unbewußt die schönste Reklame. Ich erwarte einen indischen Nabob, und dem muß sie Geschmack und Begeisterung für meine Blumenwelt beibringen, damit er für zwei Millionen Ankäufe macht.« »Ach so!« rief ich nun lachend, »Du willst also durch die Flora nur zum Widerspruch reizen. Beinahe kommt es mir so vor, als wenn Du die zehntausend Taler garnicht mehr hast.« »Scherze nicht!« sagte William leise, »so schlimm steht es nicht. Aber Du kannst mir glauben, daß meine Paläste Geld kosten.« »Das glaube ich!« erwiderte ich.   Der Baron wandte sich danach an die Dame des Hauses und sagte schmunzelnd: »Gnädige Frau, könnten wir nicht auf Ihrem neuen Karussell fahren? Es ist so heiß, und das Fahren in der Luft kühlt so fein ab.« »Einverstanden!« rief da gleich der Minister Mikamura, ließ Zigarren und Zigaretten herumreichen – und dann bestiegen alle rauchend das neue Karussell. Dieses war nicht so wie andre; ein fünfzig Meter langer Eisenarm hob eine Plattform empor, auf der die ganze Gesellschaft Platz fand. Und da fuhr denn die ganze Plattform in zierlichen Kurven durch die Luft, und der Tabaksrauch markierte die Kurven. Solche Fahrt in der Luft in der heißen Sommerluft erfrischte, und man sah dabei ins blaue Wasser des Stillen Ozeans. Viertes Kapitel Als alle wieder ruhig auf der großen Dachterrasse saßen, fuhr der Baron abermals in seiner Erzählung fort: »Am nächsten Tage kam denn auch der große Nabob aus Indien; er hatte große schwarze Augen, denen man die Begeisterungsfähigkeit gleich anmerkte. Natürlich richtete es mein Freund William so ein, daß er bald mit Fräulein Flora zusammen kam. William bestieg mit den beiden und mir sein großes Turmpanorama. Da drehte sich ein Turm mit fünf Stockwerken ganz langsam um sich selbst. Und im kleinen Turmzimmer des ersten Stockwerkes saßen wir vier an einem runden Tisch in bequemen Sesseln und blickten hinaus. Und vor uns zog eine Art Winterlandschaft mit Blumen vorüber, die den Eisblumen nicht unähnlich sahen. Es waren aber ganz große Eisblumen. Das Starre des Glases wirkte hier ganz natürlich. Die Flora gab ruhig zu, daß diese phantastischen Eisblumen, die natürlich ganz seltsame Formen zeigten, alles nur in Weiß und Grau – wirklich ganz natürlich wirkten. Weller sah mich an, und ich merkte, daß er unruhig wurde. Der Nabob saß ganz schweigsam da und starrte die weißen und grauen Astgewächse mit seinen großen Augen aufmerksam an. »Du pflegst doch sonst nicht«, sagte Weller zu seiner Großnichte, »mit Deiner Meinung so zurückzuhalten.« »Ich habe aber auch nicht nötig«, erwiderte sie, »mich immerfort zu wiederholen.« »Finden Sie«, fragte der Nabob, »diese seltsame Eiswelt nicht wundervoll?« »Das schon«, versetzte sie, »aber wenn ich die Kosten bedenke, die eine derartige Anlage verursacht hat, so kann ich mir doch nicht verhehlen, daß hier recht viel Zeit und Geld verschwendet wurde. Bei uns in Deutschland hat man im Winter solche Landschaften billiger.« »Solche aber«, rief nun der Nabob mit flammenden Augen, »in keinem Falle. Sehen Sie denn nicht die wundervolle Struktur der grauen Stämme und Äste? Sehen Sie nicht, daß alles Weiße blütenartig ist? Und wie mannigfaltig die vielen Stengelgebilde sind – dort das ganz Schlaffe – dort das Straffe – hier das Strahlenartige! Oh – das gibts doch nicht in der Natur. Sie müssen so was geträumt haben, wenn Sie behaupten, so was schon in Deutschland gesehen zu haben.« »Ich bin für das Praktische und träume sehr selten!« sagte Flora. Und Weller rieb sich vergnügt die Hände und führte uns auf steiler Wendeltreppe zum zweiten Stockwerk empor. Da saßen wir denn ebenso wie im ersten und sahen Schattenspiele – eine Glasblumenwelt, in der alle Effekte auf die Schattenwirkung hinarbeiteten; das Licht kam mal von oben und mal von unten und dann wieder von einer Seite oder von hinten. Alles Farbige war gedämpft – nichts Grelles. Nur die Schatten waren oft grell. Der Nabob fragte die Flora, ob sie so was auch schon in Deutschland gesehen habe. »Ich habe«, sagte sie da, »oft die Schatten im Walde des Abends gesehen und finde diese Schatten nicht so mannigfaltig wie jene.« Da wurde der Nabob ärgerlich und schwieg, bewunderte dafür die vorüberziehenden Blumen mit allen ihren Schatten immer aufmerksamer. Im dritten Stockwerk wars zuerst ganz finster – und dann sahen wir phosphoreszierende Blumen in dieser Finsternis. Und das erregte – so wie Geistererscheinungen – es war ein bischen unheimlich. Fräulein Flora hüllte sich in Schweigen, der Nabob rauchte eine Zigarette. »Ich wollte mal«, sagte William, »die Seelen der Blumen zur Darstellung bringen – ich wollte Geisterblumen bieten. Ich bin ja auch ein großer Freund der natürlichen Blumen.« »Dann verstehe ich nicht«, rief nun die Flora, »warum Du Dich derartig in Unkosten stürzest; man kann doch das Geistige nicht mit stofflichen Mitteln herstellen.« Es kamen nun Blumen, die nur aus Geißlerschen Röhren bestanden, und die entzückten den Nabob so, daß er sich plötzlich die Ohren zuhielt und deswegen um Entschuldigung bat. »Aber«, sagte er, »ich kann nicht gut sehen, wenn ich auch hören muß.« Wir waren lange mäuschenstill und ließen die Geisterblumen langsam an uns vorüberziehen. Im vierten Stockwerk wurden uns welke verblühte Blumen in Glas vorgeführt. »Oh«, rief da der Nabob, »hier haben wir die Poesie des Sterbens.« »Es sieht aber«, sagte ich, »nur so aus, als wäre da was gestorben. All die Formenpracht gibts garnicht in der absterbenden Natur.« »Jedenfalls«, meinte die Flora, »ist es sehr gut, wenn der Großonkel die tote Natur in seinen Glasblumen zur Darstellung bringt; den Eindruck des Lebendigen wird er ja doch nie mit seinen Glasgeschichten erzeugen.« »Da könnten Sie«, sagte nun langsam der Nabob, »auch die ganze Kunst verdammen; Ölfarben und Marmor sind auch nie zum Leben zu bringen.« Fräulein Flora Mohr wurde verlegen und redete etwas unzusammenhängend. Weller stieß mich bedeutungsvoll an, und wir stiegen dann ganz nach oben in das fünfte Stockwerk und sahen dort eine ganz frische Frühlingspracht mit unsäglich vielen bunten Knospen. Und dann drückte Weller auf einen Knopf, und es waren wieder andre Knospen da – in anderen Formen und Farben. »Nun«, rief William lachend, »lebt diese Frühlingspracht – oder lebt sie nicht?« Und er drückte immer noch mal auf seinen Knopf – und wir sahen die Blumenfelder immer wieder anders. Die Flora sagte: »Da sind immer wieder nur Farben und Formen – weiter nichts. Es fehlt doch die Seele!« »Hm!« sagte William, »du wolltest dich doch nicht wiederholen.« »Das fragt sich, ob hier die Seele fehlt!« sagte der Nabob. Mein Freund ließ jetzt noch eine größere Anzahl von durchsichtigen Vergrößerungslinsen als Blüten vortreten – und dadurch veränderte sich das Bild so plötzlich, daß der Nabob ganz erregt aufsprang. Als ich nachher mit William allein war, sagte der: »Die Flora hat ja gewissermaßen Recht; ich gebe zu, daß immer nur Farben und Formen kommen. Aber – ist es nicht ein bischen anspruchsvoll, wenn man immer gleich den Kern der Natur entdecken will?« Ich mußte das bejahen und sagte tröstend: »Vergiß auch nicht, daß wir den Kern der Natur eigentlich garnicht kennen.« »Und«, rief nun mein Freund vergnügt, »ich weiß ja doch, daß Floras Seele stets in ihrem Kunstschlosser steckt.« Danach begab man sich zum Diner, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie die Flora für ein unglaubliches Geschöpf hielten. »Aber solche Geschöpfe«, sagte der Baron, »gibts eben in Europa.« »Ein merkwürdiges Land!« riefen da die japanischen Damen – beinahe im Chor. Fünftes Kapitel Nach dem Diner sagte der Baron: Es ging nun wohl eine ganze Woche dahin, ohne daß die Geschichte mit dem Nabob so recht vorwärts gehen wollte. Fräulein Flora kämpfte mit Energie für das Recht auf Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Der Nabob war immer andrer Meinung als die Flora, aber es kam zu keinen Knalleffekten, wenn auch manchmal die Meinungen recht drastisch gegenüberstanden. Weller freute sich dann über die Köstlichkeit der Kontraste, und der Nabob ging hin und studierte die einzelnen Beete und Blumen mit immer größerem Eifer; er konnte stundenlang vor einzelnen Kompositionen sitzen. Doch er kaufte nichts. Er sagte nur immer wieder: »Mr. Weller! Ich schwärme eigentlich nur für das Beste! Nur das Beste möchte ich haben! Entschuldigen Sie, daß ich mich noch nicht entschließen kann. Ich muß über alles sehr lange nachdenken. Ich will immer nur das Beste haben – nur das Beste.« Weller wurde dabei ein bischen nervös, und ich hatte große Mühe, ihn zu beruhigen: »Diese Flora«, sagte er, »kam mir sonst viel krasser in ihren Urteilen vor; sie ist jetzt so matt. Lieber Münch, könntest Du ihr nicht zu verstehen geben, daß ich ihr wahrscheinlich demnächst das gewünschte Geld geben werde?« »Nein«, erwiderte ich »das halte ich für unklug; sie muß den Nabob immer wieder zum Widerspruch reizen. Sag ich ihr, daß sie bekommen wird, was sie haben will, so wird sie so sanft wie eine Taube. Und das reizt den Nabob nicht mehr.« »Wenn die wüßte, wozu wir sie gebrauchen!« sagte Weller. Und da mußten wir Beide herzlich lachen. Wenn ich mit William allein war, gingen wir gewöhnlich in eins seiner intimen Kabinetts, in denen sich nur einzelne ganz hervorragend schöne Glasblumen befanden. »Du glaubst nicht«, sagte William mal, »welche Mühe ich mir gegeben habe, meinen Glasblumen eine sogenannte Seele einzuhauchen. Sieh nur, ein Blumenmaler wie Makart, der nur natürliche Blumen malte, wird immer den Triumph genießen, daß er andern Leuten als Blumenbeseeler vorkommt. Aber ich, der ich neue Formen und Farben in ganz neuen Blumen geben will, werde so behandelt, als wenn ich alles Seelenleben dadurch vernichte. Rede nicht! Es ist so! Das macht die Gewohnheit! Als wenn ich nicht die genügende Begeisterung für die lebendigen Blumen der großen Natur habe! Ich will doch nur das Andere geben! Ob dieses Andere besser ist als das Bekannte – das ist mir ganz egal; wenns nur anders ist!« Ich mußte nun den armen William immer trösten. »Sei still«, sagte ich, »der Nabob und ich sind nicht so wie Deine liebe Flora; wir sehen schon, welche Fülle von Stimmungsgeschichten Du in Deine Beete hineingepflanzt hast – diese Stimmungsgeschichten leben und kommen in uns hinein – wie Musik in uns hineinkommt.« »Du mußt mit dem Nabob«, sagte da der William, »und mit meiner Flora in meinen großen Irrgarten gehen – den kennst Du noch nicht. Das ist ein Urwald in Glas – das Beste, was ich habe – das ist ein Urwald und ein Irrgarten zu gleicher Zeit.« Ich war natürlich sofort bereit, in diesen Irrgarten hineinzugehen. Aber, meine Damen und Herren, ich muß gestehen, daß ich nach dem Diner immer etwas müde bin, und so schlage ich vor, daß wir uns alle ein wenig zerstreuen und uns eine Siesta gönnen.   Alle waren sofort einverstanden, und die Japaner mit ihren Damen erklärten feierlich: »Diese Flora Mohr ist uns ganz unverständlich. Wir nehmen Mr. Wellers Paläste als höchste Verherrlichung der Blumenwelt hin. Wir können garnicht anders. So ist es doch auch. Daß das diese Flora nicht einsieht!« Nun redeten Alle darüber Längeres und Breiteres, und während dem wurde Münchhausen mit seiner Clarissa in ein abgelegenes Orchideenzimmer geführt, allwo sie sich auf weichen Polstern ungestört der Ruhe hingeben konnten. Münch steckte sich eine starke Cigarre an und trank ein Glas Wasser und fragte die Clarissa: »Was sagst Du zu dieser japanischen Gesellschaft?« »Ich finde sie reizend«, erwiderte die Gräfin, »furchtbar liebenswürdig und nett. Die Hauptsache hat natürlich Niemand begriffen. Ich habs ihnen nach Kräften klar gemacht. Immer wieder hab ich ihnen gesagt, daß die Glasblumen Wellers gar keine gewöhnlichen Blumen sind – daß sie anders sind als alles, was wir bisher kannten – daß sie noch mehr bieten wollen als alle Orchideen. Nun fanden das die Damen und Herren einfach wundervoll. Aber sie priesen doch immer wieder hauptsächlich ihre Orchideen, sodaß ich vermute, sie haben uns mit Absicht in dieses Orchideenzimmer geschickt, damit wir einsehen, wie köstlich die Orchideen trotz aller Wellerblumen sind. Eben – wie gesagt – alles sehr liebenswürdig, sehr sympathisch und angenehm. Aber die Hauptsache wird wieder mal nicht begriffen. Und da muß man immer noch sehr dankbar sein, daß sie Dir so aufmerksam zuhören. Ach, ich fürchte, wir werden auch hier genau so viele Erfolge zu verzeichnen haben – wie in Europa. Das Neue ist den Leuten eben noch zu neu – und es strengt auch etwas an, sich das Neue vorzustellen. Es ist beklagenswert, daß Mr. Weller nicht Photographieen von seinen Blumen herstellen ließ. Warum hat er das eigentlich verboten?« »Aber liebe Clarissa«, rief lachend der Baron, »dieser Weller will doch seine Glasblumen auch mal verkaufen. Und darum sollen alle Interessenten nach Melbourne kommen.« »Sag mal, Münch«, sagte darauf die Gräfin, »so ganz sympathisch ist mir dieser Geschäftsfaktor eigentlich nicht.« »Mir«, erwiderte Münch, »eigentlich auch nicht. Aber die meisten Menschen schätzen doch nur, was sie kaufen und bezahlen können.« Hierauf ward es ganz still im Orchideenzimmer; der Baron legte seine Cigarre fort. Sechstes Kapitel Als wieder alle auf der großen Dachterrasse zusammen waren, sprach der alte Baron weiter: Am nächsten Tage ging ich also schon in früher Morgenstunde mit dem Nabob und Fräulein Flora in Wellers großes Labyrinth. Das kannte Fräulein Flora bereits; ich aber kannte es noch nicht und mußte trotzdem den Führer spielen. Vom Morgenlicht sahen wir nicht viel; es kam nur zuweilen von oben herein. Das meiste war elektrisch erleuchtet. Stellen Sie sich, meine Damen und Herren, riesige Palmenhäuser vor – und da alle Palmen aus Glasmassen. Natürlich bestanden diese Palmen, die selbstverständlich den Palmen nur so ungefähr ähnlich sahen, aus kräftigsten Eisenkonstruktionen, die auf allen Seiten so vom Glase bedeckt wurden, daß das Eisen nicht mehr bemerkt werden konnte. Wir gingen überall auf einem grauen einfarbigen Fußbodenbelag; aber ganz lange Pole hatten diese Teppiche, sodaß es uns so vorkam, als gingen wir auf grauem, nicht zu kurz beschnittenen Rasen. Das ging sich sehr weich; Filzpantoffeln brauchten wir nicht. Unten – gabs viele moosartige Glasblumen und große Traubenmassen – in Kürbisgröße jede Beere. Und ringsum bewegliche Spiegelwände, die sich immer langsam und allmählich anders stellten, sodaß man die Gegend nicht wieder erkannte, wenn man zurück kam. Ein Labyrinth wars, in dem Führer zu spielen – nicht gerade leicht wurde, denn ich konnte dem Nabob niemals sagen, ob wir in einer Gegend schon mal gewesen. Und dann gings immer treppauf und treppab und auch unten durch lange Tunnelgänge, in denen sich plötzlich große Abgründe auftaten. Und auch diese Abgründe mit ihren korallenartigen Gewächsen veränderten sich durch Spiegelwirkungen immer wieder so, daß man alles nicht wiedererkannte, wenn man wieder vorbeikam. Der Nabob fand diesen künstlichen Urwald entzückend, und die liebe Flora sagte tief unten in einer großen Grotte, die mit unvergänglichen Glasblumenkränzen geschmückt war: »Ich finde den wirklichen Urwald doch hunderttausend Mal schöner.« Da meinte der Nabob lächelnd: »Urwälder glaube ich besser zu kennen als Sie, mein gnädiges Fräulein. Die Urwälder mögen sehr herrlich sein. Wer wird denn das bestreiten? Aber warum soll ich denn die wirklichen Urwälder mit diesem Irrgarten vergleichen? Zum Vergleiche zwingt mich ja garnichts. Dies ist doch noch was Anderes als ein Urwald. Und da dieser Irrgarten noch was Anderes, Neues bietet – so bereichert er uns. Und ich kann die Bereicherung sehr gut vertragen, wenn ich auch mit Glücksgütern vollauf gesegnet bin. Fühlen Sie sich, meine Gnädige, wirklich innerlich so reich, daß Ihnen Zusätze unsympathisch sind?« Da sagte die Flora wieder ihre alte Melodie wie ein alter Leierkasten: »Ich bin für das Natürliche – für das, was Herz und Gemüt erfreut. Aber ich bin nicht für kalte leere Glasstücke, in denen kein Leben ist.« »Meine Gnädige«, meinte nun lächelnd der Nabob wieder, »ich suche hier nur das Beste! nur das Beste möchte ich hier kaufen. Wenn ich aber an all die Köstlichkeiten hier denke und daneben Ihr Bild stelle, so will mir vorkommen, als wären Sie, meine Gnädigste, das Beste in diesem Irrgarten des Mr. Weller. Sie sind die unberührte Naivität.« »Ich bin verlobt, mein Herr!« rief Miß Flora schnell. »Sie verstehen mich nicht!« rief der Nabob. Und dann bewunderten wir weiter den großen Irrgarten, und der Nabob sagte zu mir heimlich: »Die Dame macht wirklich durch ihr Geschimpfe alle diese Blumen noch interessanter, als sie sind.« Ich gab dem reichen Herrn Recht. Und dann bewunderten wir die kolossalen blauen Palmenblätter auf einer kleinen Anhöhe, und wir sahen ringsum, wie die anderen Riesengewächse, die zumeist in Spiegeln zu sehen waren, immer wieder bald größer und bald kleiner wurden. »So was sollte man mal im Urwalde sehen!« rief der Nabob in heller Begeisterung. Flora jedoch sagte abermals: »Ich kann mir nicht helfen – das Natürliche...« Aber, meine Damen und Herren, Sie wissen ja schon, daß Fräulein Flora konsequent bei ihrer Meinung blieb; sie blieb eine ehrliche Natur – mochte auch die Welt untergehen. Und Weller, der uns belauscht hatte, teilte mir nachher mit, daß ihn seine Großnichte einfach berauscht habe. »Wenn sie«, flüsterte er mir zu, »nicht schon verlobt wäre, so würde ich selbst mich mit ihr verloben. Die macht den Käufern Appetit. Es geht nichts über eine ehrliche Natur. Es lebe die Natur! Es lebe die ehrliche Natur! Wenn ich alle meine Glassachen verkauft habe, mach ich neue – noch zehnmal soviel neue. Ich baue dann Hochlandschaften aus Glas! Ja, Münch, das bekomme ich auch noch fertig!« Ich war schließlich nur neugierig, wie diese Geschichte enden würde. Doch ich sehe, Herr Minister, daß Sie Bier haben, und ich fühle, daß ich Durst habe.   Da mußten alle Gäste des Ministers Mikamura abermals herzlich lachen. Münchner Bier wurde herumgereicht. Es war Spatenbräu. Siebentes Kapitel Während nun die ganze Gesellschaft gemütlich jenes Getränk trank, das schon den alten Ägyptern so trefflich mundete, fuhr der Baron also in seiner Erzählung fort: Nachdem wir den Irrgarten verlassen und gut diniert hatten, bat uns Mr. Weller, ihm in seinen neuesten Saal zu folgen. Und da mußten wir in Liegestühlen auf dem Rücken liegen, denn das, was gesehen werden sollte, ließ sich oben in der Kuppeldecke sehen. Da sahen wir plötzlich eine kolossale Sonne, die sich drehte, und die drehende Sonne wurde umkreist von Blumen, die kometarische Ausstrahlungen zeigten. Schwebende Blumen unter einer Sonne! Kometenblumen! Weller sagte zur Erklärung dieses: »Ich befand mich im Jahre 1882 auf der Kapsternwarte, als der zweite Komet jenes Jahres der Sonne so nahe kam, daß er plötzlich verschwand, als er vor den Sonnenrand trat. Wir dachten damals, er ginge hinter der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Aber das war ja ein Irrtum; er ging vor der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Die Helligkeit des Kometen war eben genau so groß wie die der Sonne selbst. Das war ein Ereignis in meinem Leben. Und ich stellte mir das kolossale Leben in diesem Kometen vor. Und – ich weiß nicht, wie es kam – es muß wohl meine ganze Ideenrichtung dabei ausschlaggebend gewesen sein – kurzum: ich glaubte, daß die Kometen Kolossalblumen sein könnten. Und das veranlaßte mich, dieses Blumenstück zu schaffen, das Sie da oben sehen. Da bewegt sich alles. Da ist garnichts tot. Die Sonne ist auch aus Glas. Sie sehen, wie sie sich immerzu in der Farbe verändert. Und die Blumen ringsum bekommen immer wieder andere Schweife – bei jeder kleinen Bewegung verändern sich die Schweife. Zwanzig Jahre habe ich an der Geschichte gearbeitet. Aber mir tut es nicht leid, daß ich der Sache so viel Zeit gewidmet habe. Ich halte dieses Blumenstück für mein Bestes.« Da rief der Nabob: »Ich auch! Ich auch!« »Na, dann haben Sie ja«, sagte ich, »was Sie immer gesucht haben, endlich gefunden.« Mr. Weller machte noch darauf aufmerksam, daß auch auf der Oberfläche seiner Sonne Blumengebilde sichtbar würden. Seine Sonne war selbstredend auch eine andre Sonne als die uns bekannte. Flora sagte ärgerlich: »Lieber Großonkel, ich glaube, Du wirst demnächst auch die Elefanten in Blumen umwandeln. Vor Dir ist nichts sicher.« »Jedenfalls«, sagte Weller »ist es mir nicht unwahrscheinlich, daß die Protuberanzen der Sonne einen gewissen blumenartigen Charakter besitzen; man spricht ja schon so oft von Protuberanzenwäldern.« Wenn Sie aber, meine Herrschaften, verlangen, daß ich Ihnen das Aussehen der schwebenden Kometenblumen genauer schildern soll, so verlangen Sie von mir, was ich Ihnen nicht geben kann. Würde mein Freund William gestattet haben, daß man Photographieen von seinen Sachen herstellte, so wäre ja alles sehr einfach anschaulich in meinem Vortrage geworden. Die Photographieen aber wollte Herr Weller erst dann machen lassen, wenn ihn sämtliche Millionäre des Erdballs besucht hätten – so sagte er mir öfters. Alle sind aber noch nicht dagewesen – das weiß ich ganz genau. Mr. William ist eben auch ein Geschäftsmann. Das nimmt man ihm in Europa übel; da denkt man immer, daß alle Künstler Geld nicht gebrauchen können. Mr. William braucht aber trotzdem sehr viel Geld. Und somit kann ich Ihnen Photographieen von den Glasblumen noch nicht vorlegen. Ich würde nun nichts dagegen haben, wenn wir jetzt etwas Abendbrot äßen, da wir sonst zu viel Bier zu früh trinken.   Die Gesellschaft umringte den Baron und dankte ihm für seinen Vortrag, und die Damen wollten den Schluß wissen; sie interessierten sich alle so lebhaft für Fräulein Flora Mohr – für ihre sonderbare Natürlichkeit und für ihre sonderbare Ehrlichkeit. Der Baron aber sagte lachend: »Den Schluß erzähle ich erst nach dem Abendbrot, sonst hören Sie mir nicht mehr zu.« Und so mußte man sich gedulden. Man aß erst Abendbrot. Achtes Kapitel Nach dem Abendbrot ging der Mond über dem Stillen Ozean auf, und da wurden im Park des Ministers Mikamura alle Papierlampions angesteckt – und da sagte Münchhausen: So wie jetzt hier, so sah's auch bei Weller an jenem Abend im Wellerpark aus, als der Nabob die Kometenblumen für das Beste erklärte. Wir saßen damals mit Flora und dem Nabob auch mitten in einem Park wie hier, und Papierlampions leuchteten ringsum so wie hier in den Bäumen und Gebüschen. Der Nabob hatte die Kuppel mit der Sonne und den Kometenblumen für vier Millionen Dollars angekauft; Weller rieb sich vergnügt die Hände und sagte nach den Austern: »Liebe Flora, Dir will ich nachher noch etwas erzählen, was Du gerne hören wirst.« Da verzog sich das ernste Gesicht der jungen Dame zu einem schmerzlichen Lächeln, aber es leuchtete etwas in ihren Augen auf – und das sah so wie ein großes Glück aus. Und ich mußte während dieses Abendbrotes immer wieder Floras Augen bewundern, in denen ein großes Glück aufzuleuchten begann. Ich sehe diese Glücksaugen immer noch. Weller sagte dann zu seiner Großnichte: »Dreimal so viel, als Du verlangt hast, will ich Dir heute geben, damit Du endlich heiraten kannst. Bleibe so natürlich, wie Du bist. Ehrlich währt am längsten.« Da fiel die Flora ihrem Großonkel weinend um den Hals; der Nabob verstand die Szene nicht. Ich aber mußte herzlich lachen über die große Ehrlichkeit dieses Großonkels. Die Dame fuhr nach Europa, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie viel ihr Geschimpfe dem alten Mr. Weller genützt hatte. Möge jedes Geschimpfe so nützlich sein. Aber – Floras glückliche Augen werde ich niemals vergessen. Hier sehen Sie eine Photographie von Fräulein Flora Mohr.   Der Baron zeigte den Damen und Herren die Photographie von Fräulein Flora Mohr. Und dann trank man wieder echtes Münchner Spatenbräu. Und als der Baron mit der Gräfin Clarissa zusammen beim Morgengrauen auf dem festen Sande des Seestrandes dahinfuhr, rief der Baron der Gräfin ins Ohr, da die Wellen des Meeres so heftig rauschten: »Clarissa! Sieh nur den Mondschein auf den Wellen! Der große Ozean ist doch herrlich!« Nach diesen Worten jedoch rief die Gräfin Clarissa dem alten Münchhausen ins Ohr: »Münch! Du hast ja ganz vergessen, etwas vom russisch-japanischen Kriege zu reden; das wird man Dir übel genommen haben.« »Das hab ich«, schrie Münchhausen, »tatsächlich ganz und gar vergessen. Ich werde mich gleich schriftlich entschuldigen, wenn wir ins Hotel gekommen sind. Fahren Sie schneller, Chauffeur!« Der fuhr nun sehr schnell, daß die Wogen des großen Ozeans hoch aufspritzten unter den Gummirädern des freiherrlichen Automobils. Und viele weiße Möwen flogen vorüber. Mikosai Eine Geschichte aus Grönland Im März des Jahres 1908 saß der alte Baron Münchhausen in Grönland bei den Eskimos und erzählte ihnen eine lustige Geschichte. Neben dem Baron, der schon hundertvierundachtzig Jahre alt war, saß wie immer in den letzten Jahren die Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Beide hatten dicke Pelze an. Die Tranlampe flackerte. Der Häuptling der Eskimos hatte erklärt, daß er furchtbar gerne was Näheres vom Nordpol hören möchte. »Mein lieber Freund«, sagte darauf der Baron freundlich, »auf dem Nordpol der Erde bin ich noch nicht gewesen. Aber ich habe einen Nordpol auf dem Kopfe gehabt.« »Wie ist das möglich?« fragten alle Eskimos und auch die Eskimofrauen, während sich Alle neue Pfeifen stopften. »Das war doch möglich«, fuhr nun Münchhausen fort, »allerdings – so ganz einfach gings nicht. Es sind schon zwanzig Jahre her.1888 wars. Mir kam das Leben auf der Erde herzlich langweilig vor, und ich hätte viel dafür gegeben, wenn es mir möglich gewesen wäre, auf einem andern Sterne zu leben. Aber das ging nicht so ohne weiteres. Das wußte ich. Und ich klagte mein Leid einem alten Freunde. Mikosai hieß dieser Freund. Er lebte auf Neu-Guinea, und ich war bei ihm zu Besuch. Mikosai lachte, als er von meiner Weltmüdigkeit hörte. ›Wie‹, sagte er, ›Du willst auf einem andern Stern leben? Mehr willst Du nicht? Du bist bescheiden. Ich wollte mal mehr. Ich wollte mal selber ein kleiner Stern sein. Und ich kann Dir verraten, daß es mir schon gelungen ist, als kleiner Stern im Weltraume herumzusausen. Aber – Du siehst mich hier wieder als Mensch. Ich gabs auf, als Stern zu leben; ich hielts einfach nicht aus. Willst Du vielleicht die Geschichte noch einmal probieren? Es wäre so übel nicht. Ich könnte Dir schon dazu verhelfen. Aber Du mußt Dich verpflichten, alles das zu tun, was ich Dir sagen werde. Mindestens gewöhnt man sich die Weltmüdigkeit ab – oder vielmehr: die Erdmüdigkeit, denn die ganze Welt kann man doch nicht so leicht langweilig finden, dazu ist die ganze Welt doch zu groß.‹ Kurzum: ich erklärte mich einverstanden und bekam von Mikosai ein Schlafpulver und schlief ein. Und dann weckte mich dieser Zaubrer, und er rieb gleich meinen Leib mit vielen Ölsorten und vielen scharf riechenden Essenzen. Und dabei wurde mein Leib immer leichter. Und schließlich umhüllte mich dieser Zaubrer mit einem ganz leichten Tuchstoff. Und ich fühlte, daß dieser Tuchstoff sich ballonartig aufblies. Und dann gab mir Mikosai einen Klaps mit der rechten Hand oben auf meinen Kopf und sagte ganz freundlich: ›Lieber Münchhausen, wundre Dich nicht, daß Du jetzt nichts sehen kannst. Du bist jetzt ein kleiner Kugelstern, und dort, wo Du den Klaps meiner Hand gefühlt hast, da ist dein Nordpol. Nun werde ich Dich ins Weltall hinausbringen. Ich spritze Dich jetzt mit einem besondren Schlafmittel an; Du wirst wieder einschlafen und sehr lange schlafen. Und wenn Du erwachst, so bist Du weit fort von hier – hinter unserm Mond. Den wirst Du allerdings gar nicht sehen. Dafür wirst Du viele andere Dinge wahrnehmen. Wenn Du wieder zurück willst, so denke an mich und sprich zehntausendmal hintereinander meinen Namen. Du brauchst nicht zu zählen. Es wird schon gehen. Vergiß meinen Namen nicht. Sonst kann ich Dir nicht helfen. Jetzt lebe wohl. Ich spritze jetzt mit dem Schlafmittel.‹ Ich gab mir Mühe, mir den Namen Mikosai zu merken, dachte noch an Mücken, Kosen und Eier und schlief dabei ein. Ich muß dann sehr lange geschlafen haben. Als ich erwachte, fühlte ich auf meinem Kopfe etwas Eiskaltes, sagte mir aber gleich: ›Ach so, lieber Münchhausen, da oben ist ja jetzt Dein Nordpol, darum ist es Dir oben auf dem Kopfe so kalt. Unter den Fußsohlen ist wahrscheinlich Dein Südpol, denn unter den Fußsohlen empfindest Du auch eine große Kälte.‹ Die Augen konnte ich aber noch nicht auftun; ich fühlte nur, daß ich mich mit ungeheurer Schnelligkeit weiter bewegte und mich dabei langsam um mich selber drehte. Sie werden sich, meine Damen und Herren, schwerlich eine Vorstellung von meinem damaligen Zustand machen können. Ich fühlte mich als Stern.« Nach diesen Worten goß die Gräfin Clarissa ihrem Baron ein neues Glas Grog ein, und die Eskimos mit ihren Frauen sahen mit ihren großen Augen unverwandt den Baron an, und der fuhr nun fort in seiner Erzählung. »Sie sehen also«, sagte er, »jetzt ein, daß ich einen Nordpol auf dem Kopfe gehabt habe. Ich aber konnte damals nicht die Augen öffnen, und das erschien mir sehr fatal, denn ich wollte doch wissen, in welcher Weltgegend ich mich befand. Es kam mir vor, als sauste ich immer schneller durch den großen Weltenraum. Ich befürchtete einen Zusammenstoß mit anderen Sternen. Und da entdeckte ich, daß es mir sehr wohl möglich sei, wahrzunehmen, was um mich her vorging. Ich sah nur nicht mit meinen menschlichen Augen; ich sah mit meinem ganzen kugelrunden Körper. Nur Nordpol und Südpol erschienen mir vorläufig noch ganz unempfindlich und ganz kalt. Ich wollte feststellen, ob ich meine Arme in Bewegung setzen konnte, doch Arme und Beine fühlte ich nicht mehr. Ich wußte einfach nicht, wo sie hingekommen sein könnten. Dafür konnte ich den Weltenraum mit ganz neuen Hautorganen durchblicken. Es war mir, als umgäbe mich eine große Atmosphäre auf allen Seiten, und mit dieser Atmosphäre konnte ich mehr wahrnehmen als mit Augen; ich konnte aber dieses Wahrnehmen nicht einfach Fühlen nennen. Dazu wars zu kompliziert. Und mehr als Sehen wars ganz bestimmt. Ich bemerkte in meiner Nähe viele andere solche Kugelsterne, wie ich einer war. Und die drehten sich auch ganz langsam um sich selbst. Viele flogen jedoch viel schneller dahin als ich. Und in der Ferne fühlte ich einen sehr großen Kugelstern. Der drehte sich rasend rasch um sich selbst, daß nur alles so schnurrte. Und während ich mich zu ihm hingezogen fühlte, bemerkte ich, daß mein ganzer Körper zu einem einzigen Auge wurde. Und da sah ich nun auch den großen Kugelstern. Und ich hielt ihn für den Jupiter. Was aber sah ich da alles! Das wurde immer mehr. Und gleichzeitig fühlte ich diesen Jupiter mit meiner ganzen Atmosphäre, obschon er viele tausend Meilen von mir entfernt durch den Raum dahinschnurrte. Ich sah auch bald seine Monde. Es waren aber über dreißig Monde. Und ich zweifelte, daß dieser Stern der Jupiter sein könnte. Nun drangen immer mehr Eindrücke auf mich ein. Ich sah immer mehr kleine Sterne in meiner Nähe – und viele waren gar nicht kugelförmig – viele waren sehr zackig, und einzelne hatten lange Gliedmaßen – wie Tintenfische. Und dann wurde alles farbig – aber es waren viel mehr Farben da, als wir auf der Erde kennen. Und dann empfand ich ein Prickeln und Stechen in meinem großen Körper-Auge. Und alle diese Empfindungen vermehrten sich immerfort, und sie wurden immer stärker. Ich sah große Kometen und riesige Nebelwolken, die sich in meinem Körper als etwas Feuchtes bemerkbar machten. Und die Kometen warfen feine Blitzstrahlen aus und trafen mein Körper-Auge, daß ich hätte aufschreien können. Ich konnte aber nicht aufschreien. Ich konnte nur immerzu denken. Plötzlich empfand ich eine riesige Helligkeit – ich sah die große Sonne – aber so, als wenn ich ganz in ihrer Nähe schwebte. Und da drang so furchtbar viel Neues auf mich ein, daß ichs nicht mehr aushalten konnte. Alles drehte sich in meinem Körper-Auge, und meine Atmosphäre wurde so empfindlich wie ein kranker Zahn – und immer empfindlicher – bis ich nur noch einen großen furchtbaren Schmerz empfand. Und ich wollte wieder schreien und konnte nicht. Und ich dachte plötzlich, ohne es so recht zu wollen, nur noch den Namen Mikosai – und wiederholte den Namen Mikosai immerfort – immerzu – bis ich das Bewußtsein verlor.« Der Baron trank abermals ein Glas Grog; Allen war jetzt die Pfeife ausgegangen. Und die Gräfin Clarissa sagte: »Nachher ist dann der Baron Münchhausen wieder in Neu-Guinea erwacht. Und dieser Zaubrer Mikosai hat herzlich gelacht, daß der Baron das neue Leben auch nicht aushalten konnte.« »Wir sind eben«, sagte Münchhausen, »für ein Sternleben noch lange nicht reif.« »So was aber«, rief nun der Häuptling der Eskimos, »möchte ich auch mal erleben. Und wenns mich das Leben kosten sollte! Ich glaube, ich halts aus.« Und da behaupteten plötzlich alle andern Eskimos ebenfalls, daß sie es aushalten könnten. Und die Eskimofrauen sagten ebenfalls: »Wir haltens auch aus. Geben Sie uns die Adresse dieses Mikosai. Wir wollen ihm gleich einen Brief schreiben, daß wir hinkommen.« »Er ist«, sagte Münchhausen, »vor fünf Jahren gestorben. Ich habe selber gesehen, wie er in die Grube gesenkt wurde.« Da wurden Alle sehr traurig. Und sie gingen hinaus in die Polarnacht hinein und sahen über ihren Köpfen die unzähligen Sterne funkeln. Und im Norden zitterte ein Nordlicht mit vielen bläulichen Strahlenbüscheln, die sich emporreckten – immer höher empor. Und die Clarissa sagte zum Münchhausen: »Diese Leute verstehen uns!« Münchhausen nickte. Neue Gartenkultur Eine Glosse Bekanntlich ist der alte Baron Münchhausen, der so köstliche Geschichten zu erzählen wußte, im Jahre 1904 wieder aufgetaucht. Sein hohes Alter erregt überall immer wieder berechtigtes Erstaunen – er ist ja älter als der alte Fritz. Aber – das weiß man ja schon sehr lange. Man weiß auch, daß er mit der jetzt 23 Jahre alten Gräfin Clarissa vom Rabenstein Jahre hindurch auf dem Stern Erde herumreiste. Letzthin mußte die Gräfin einer kleinen Kur wegen nach Wiesbaden. Der Baron wollte die Dame auch nach Wiesbaden begleiten. Aber das litt die junge Gräfin nicht. »Münch«, sagte sie feierlich, »Du weißt doch, daß Europa momentan immer noch so furchtbar stumpfsinnig ist und von Deinen ästhetischen Erörterungen noch immer nicht Notiz nehmen will. Und da willst Du diesen Europäern die Ehre antun und ihnen einen Besuch abstatten? Das geht nicht. Bleib in China und schreib mir öfters. Ich fahr nach Wiesbaden allein und komme gleich zurück, wenn die Kur beendet ist.« Und so geschahs. Und in Wiesbaden durfte ich einen Brief des Barons lesen – er ist ganz kurz. Der alte Münch schreibt:   Liebe, ewig heitere Clarissa! Wie bedaure ich, daß Du nicht hier bist. Ich habe hier bei Herrn Li-Ka-Wa eine Gartenkultur kennen gelernt. O – Dir würden die Augen übergehen. Ich sitze hier in Nabong mitten im himmlischen Reiche. Das Meer ist nach allen Seiten hin sehr weit von mir entfernt. Doch das schadet nichts. Denn das gestrige Gartenfest entschädigt für alles. Leider habe ich bei meinem sehr starken Enthusiasmus ein wenig zuviel von dem alten Tartarenwein getrunken, dessen Macht Du ja auch schon kennst. Darum nur ein paar Notizen über die chinesische Gartenkultur: Zunächst baut man hier in der Mitte des Kaiserreiches die meisten Gärten in die breitesten und in die engsten Schluchten hinein. Und die Berge vermeidet der Gartenarchitekt auch nicht. Man fürchtet eben nicht den Schatten. Sodann: Hier sind die Leute nicht so, daß sie meinen könnten, ein Garten wäre nur für die Blumen und Bäume da. Hier gibts auch ganz große bunte Steinbeete. Staune nicht! Es ist so. Und die Anordnung dieser bunten, sehr vielkantigen und immer wieder anders geformten Steine ist oft so entzückend, daß man die Blumen gar nicht vermißt. Diese sind natürlich auch da, beherrschen aber nicht das ganze Feld. Und nun kommt noch ein Weiteres: Porzellan wird auch in Mengen im Garten verwandt. Das Herrlichste aber ist: Die Fülle von Glassachen im Garten. Ganze Alleen mit farbigen Glaskugeln. Parkpartien gibts, die des Abends, wenn alle farbigen Glaskörper elektrisch erleuchtet sind, wie Herden von Weihnachtsbäumen wirken. Glaswände als Hintergründe für Pflanzenwerk sind überall sehr vielseitig aufgerichtet. Und in offenen Glasgrotten, die wie europäische Konzerthallen in Sommerlokalen wirken, sind Orchideen... Und: Du kannst es weitererzählen – es gibt auch schon Glasblumen in diesen Gärten des Herrn Li-Ka-Wa. Hier ist man eben weiter als in Europa. Natur und Kunst bilden in der chinesischen Gartenkultur keine Gegensätze mehr. Demnächst noch mehr! Na Prost! Ich bin Dein ewig alter Münch von Münchhausen.   Diesen Brief habe ich wörtlich abgeschrieben und unterbreite ihn hiermit den Europäern mit Erlaubnis der Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Die Perlmutterstadt Eine chinesische Geschichte Bekanntlich weilt der uralte, nun schon hundertundfünfundachtzig Jahre alte Baron Münchhausen augenblicklich immer noch in China, und da entdeckte er Dinge, die noch kein andrer Mensch vor ihm entdeckt hat. Über sein Neuestes schreibt er in einem Tagebuch, das er seiner Freundin, der jugendlichen Gräfin Clarissa vom Rabenstein, sandte, die noch vorgestern auf Helgoland war, das folgende:   17. Mai 1910. Kaping (Mittel-China). Die Chinesen hier wollen mir einen großen Bären aufbinden. Sie erzählen mir von einer Stadt, die ganz und gar aus Perlmutter bestehen soll. Wer's glaubt, wird selig. Ich aber glaube es nicht, denn ich weiß, daß alle Menschen außer Clarissa und mir immer geneigt sind, zu lügen. Dieses ewige Lügen macht mir ja die Menschen hauptsächlich so verhaßt. Mein Menschenhaß ist doch eigentlich nur ein Lügenhaß. Die Chinesen aber, die ich hier kennen lernte, lachen sehr viel und sehen sehr verschmitzt aus. Sie wollen mich überreden, hundert Meilen ins Land hineinzufahren. Zehn alte Herren in prächtig gewebten seidenen Staatskleidern, in denen zweitausend Farben mindestens zu sehen sind, wollen mich begleiten. »Kein Spaß, Marquis!« sagen sie immerzu. Und – wenn sie nicht so verschmitzt lächeln würden, wäre ich beinahe bereit, ihnen zu glauben.   18. Mai 1910. Ich habe mich entschlossen, die Reise anzutreten. Ich bin doch neugierig, wie die Sache auslaufen wird. Es ist sicher, daß mir etwas Abenteuerliches begegnen wird. Wie aber wird es aussehen? Das ist jetzt die große Frage. Jetzt wollen mich schon dreißig Herren begleiten. Mit meiner Dienerschaft und der kleinen Schutztruppe werden in achtzig Automobilen nicht weniger als zweihundertundsiebzehn Menschen zur Perlmutterstadt fahren. Die dreißig Herren schwören immerzu: »Die Stadt existiert.« Na – wenn sie existiert, so ist es jedenfalls wieder sehr verwunderlich, daß man von derartigen Wunderstädten in ganz Europa und auch in ganz Amerika nicht eine blasse Ahnung hat. Die Leute reisen heute mehr denn je – aber sie entdecken immer nur das, was längst bekannt ist. Es scheint doch, als ob es mir wieder mal anders gehen sollte; ich hab ja schon so viele Dinge entdeckt, von denen Niemand bisher etwas wußte – warum also soll ich nicht eine Perlmutterstadt entdecken? Unmöglich ist das gar nicht; China ist ein so herrliches Land, daß man ihm das Unglaublichste zutrauen könnte.   10. Juni 1910. Maso (Besenstadt in China). Das erste Abenteuer hätten wir also schon: wir sind Gefangene – allesamt – von den 217 konnte keiner entwischen. Getötet ist Niemand, verwundet auch Niemand. Und diese Stadt ist tatsächlich eine Besenstadt; vor jedem Hause sind ein paar hundert Besen aufgepflanzt. Und darum herrscht hier eine Sauberkeit – solche Sauberkeit habe ich noch nicht kennen gelernt. Und man sagt mir öfters: »Marquis, wir sind nicht weit vom Ziel. Die Gegend wird noch viel sauberer werden.«   12. Juni 1910. Immer noch in Maso. Wir sind als Gefangene nicht in ein Gefängnis gesteckt worden – aber in die Badewanne. Wir wurden nur gefangen genommen – der Reinigung wegen; tüchtig wollte man uns reinigen. Wir ließen uns alles gern gefallen. Die Automobile sind jetzt auch sehr sauber. Aber – unser Gepäck ist uns abgenommen worden. Dafür haben wir andres Gepäck bekommen. Und man hat uns in köstliche seidene Gewänder gehüllt. Die Schutztruppe und meine Dienerschaft muß leider zurückbleiben. Aber mit den dreißig chinesischen Herren fahre ich morgen weiter. Ich bin der einunddreißigste. Nun bin ich diesen freundlich lächelnden Chinesen ausgeliefert mit Haut und Haar. Nun wollen wir sehen, was jetzt kommt. Morgen also geht's weiter.   15. Juni 1910. Laupa. Hier hört sich alle Schilderung einfach auf. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin wirklich am Ziel; die Perlmutterstadt existiert. Die Chinesen haben Recht gehabt; es sind keine Lügner. Ich muß lachen, wenn ich an die Europäer denke; die haben keine Ahnung von diesem Stadtwunder. Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Ich sitze in einem eirunden Saal – so wie in einer großen hohlen Eierschale. Die schräg ansteigenden Wände sind wirklich nur aus Perlmutter – aber nicht glatt – sie sind in unzähligen phantastischen Formen da – so wie echte Perlen – nur viel viel größer ist das meiste. Ich weiß gar nicht, wie die Geschichte gemacht ist; so große Muscheln gibt's doch einfach nicht. Der Tisch, an dem ich sitze, hat Perlmutterfüße. Ja – diese Füße – die sehen aus wie Meerwunder. Seesterne – in allen möglichen Formen – sind überall. Aber diese Seesterne sind aus Perlmutter. Dazu wirken die schlichten grünen Samtportieren großartig. Das Licht kommt von oben – durch ein großes Kaleidoskop, das sich in jeder Minute dreimal verändert. Das hängt mit der großen Perlmutterstanduhr zusammen, die in der Eispitze auf einem Perlmutterhügel thront. Ich habe zwei Stunden auf einem schwarzen Samtdivan gelegen und geraucht, und dieses Milieu in mich aufgenommen. Ich geb's auf, die Sache vollständiger zu beschreiben. Ich bin einfach überwältigt. Das Pflaster der Straßen, auf denen ganz langsam unsre Automobile dahinrollten, ist auch aus Perlmutter – das ist ganz glatt. Es muß künstliches Perlmutter sein. Menschen hab ich nicht in den Straßen gesehen – Staub auch nicht. Jetzt begreife ich den Reinigungsprozeß, den wir durchmachen mußten. Aber – die Triumphpforten. Erinnern ganz entfernt an gotische Dome. Nur ist die Zahl der Türme und Erker überall unzählig. Und – Alles Perlmutter – in Milliarden von Formen – oft ganz drollige Auswüchse – Knollenphantasieen... Die Automobile fahren tief unten in Schluchten. Oben rechts und links sieht man Perlmuttergeländer. Ich bin einfach futsch.   25. Juni 1910. Immer noch Laupa. Laupa heißt diese Stadt. Ich werde den Namen nicht mehr vergessen. Ich bin gar nicht dazu gekommen, mein Tagebuch vernünftig weiterzuführen. Die Stadt ist von einem reichen Chinesen gebaut – mit Elektrizität wird alles gemacht. Windmotore sieht man überall. Und Saugluftapparate schlucken unaufhörlich allen Staub auf. Einwohner hab ich auch kennen gelernt – die gehören aber alle zur Dienerschaft des reichen Chinesen. Der Überfall auf uns vor Maso war von dem Herrn der Perlmutterstadt arrangiert; die dreißig Chinesen wußten darum. Pferde gibt's hier nicht – auch keine vierbeinigen Tiere. Nur Vögel gibt's – in köstlichen, sehr großen Käfigen – die Vögel sollen alle sehr reinlich sein. Kein Lärm ist zu hören. Dies ist ja eigentlich nur ein riesengroßes Schloß – aber es hat doch Stadtcharakter. So oder so ähnlich müßten alle Städte aussehen, die einen größeren Kulturwert repräsentieren wollen. Das muß in Europa bekannt werden.   30. Juni 1910. Glücklicherweise immer noch in Laupa. Heute großes Diner beim Oberbibliothekar der Stadt. Es war auch der Direktor der hiesigen Kunstsammlungen da. Ich erfuhr endlich, wie die ganze Geschichte gemacht ist. Der Oberbibliothekar sagte: »Die Geschichte ist sehr einfach, lieber Marquis! Sie kennen die venetianischen Wachsperlen, nicht wahr? Gut! Sie wissen, daß diese künstlichen Perlen von den echten nur dann zu unterscheiden sind, wenn man ein scharfes Messer auf sie rauflegt, mit der Scheide nach unten – und dann auf den Rücken der Scheide energisch raufkloppt. Bricht dann die Perle, so sieht man, ob Wachs, Stein, Blei, Eisen – darin ist – oder ob die Masse eine konforme Perlenmasse ist. Im letzteren Fall ist die Perle echt. Man stellt die künstliche Perlmuttermasse aus den Schuppen eines kleinen Fisches her. Der Fisch heißt Ukley und befindet sich zu Billionen in den sogenannten Ukley-Seen des Landes Ostpreußen. Aus diesem Lande haben wir all unser Perlmutter bezogen. Es hält ausgezeichnet. Die Europäer denken immer noch nicht daran, künstliches Perlmutter en gros herzustellen – und en gros zu verwenden. Die Europäer sind doch immer trotz aller ihrer Erfindungen sehr weit zurück in der Kultur.« Ich mußte dem Oberbibliothekar Recht geben. »Ja«, versetzte ich, »die Europäer sind noch immer sehr weit zurück in der Kultur.« »Merkwürdig ist nur«, fuhr der Chinese fort, »daß die Europäer gar nicht bemerkten, mit welchem Eifer wir dem Ukley nachstellten; die sibirische Bahn hat mächtige Gelder durch unsern Ukley-Transport eingenommen.«   Mehr habe ich bislang nicht aus den Tagebüchern abschreiben können. Die Gräfin Clarissa vom Rabenstein wollte mir leider das übrige nicht zeigen. Vielleicht bekomme ich's später – dann mehr... Auf der Glasausstellung in Peking Tagebuchnotizen des alten Barons Der alte Baron Münchhausen ist soeben aus dem Innern Chinas zurückgekehrt. Und er schreibt in Peking das Folgende in sein Tagebuch:   10. September 1910. Leute, die immerzu ganz nüchtern sind, werden niemals lustige Geschichten schreiben. Doch das nur nebenbei. Ich habe in den letzten vierzehn Tagen kolossale Schneestürme erlebt und... Was ich aber heute hier in Peking erlebt habe – das stellt alle andern Ereignisse in den Schatten, wie man zu sagen pflegt. Eigentlich ist dieses Indenschattenstellen eine jener schrecklichen Phrasen, die mich immer ein wenig nervös machen. Nicht mal richtig ist diese Schattengeschichte. Aber – schweifen wir nicht ab! Peking hat in diesem Sommer in kaum drei Monaten eine internationale Glasausstellung arrangiert... Alle Wetter! Was die Chinesen alles fertig kriegen! Das hab ich ja immer gesagt: Die Chinesen werden noch mal das Hauptvolk der Erde.   11. September 1910. Zuerst den allgemeinen Eindruck schildern! Na – leicht ist es nicht. Draußen, weitab von Peking – wohl anderthalb Meilen von der Stadt entfernt – springt da plötzlich eine ganz große Glasstadt aus dem Boden. Sie springt natürlich nicht . Ich schreibe vor reiner Begeisterung den hellsten Unsinn hin. Aber daran erkennt man wieder, wie be geistert ich bin. Das alles in drei Monaten! Ringsum zunächst nur riesige Spiegelwände. Die rahmen das Ganze ein. Das geht jedoch nicht so einfach quadratisch. Nein – ganz unregelmäßig ist der Grundriß dieser kleinen Stadt. Klein ist natürlich wieder ganz falsch. Die Dimensionen sind ganz beträchtliche. Eine Spiegelmauer ist fünfzig Meter hoch und achthundert Meter lang. Eisenstangen halten das Ganze. Die Eisenstangen sind karminrot lackiert oder emailliert. Und nun geht's in den Mauern aus Spiegelglas bald tief hinein und bald weit nach vorn. Dreitausend rechteckige Winkel sind im Grundriß. Und die Spiegelmauern haben viele Terrassen und auch Überkragendes, das durch viereckige Spiegelsäulen gehalten wird. Schwer vorstellbar. Aber so ist das Äußere. Am selben Vormittag kam ich an. Ganz blau war der Himmel. Und die Spiegel wirkten nun in den oberen Teilen auch blau, so daß man anfänglich gar nicht bemerkte, daß da eine Glasstadt da war. Erst, als man näher kam, sah man das Glas. Viele Spiegelflächen glänzten mächtig. Ich fuhr erst dreimal um die ganze Ausstellung rum. Die scharfen Kanten wirkten dort am besten, wo Glasfläche einfach an Glasfläche stieß. Alles nur im rechten Winkel. Die Würfel herrschten an der einen Seite vor. Auf der nächsten waren hauptsächlich Terrassen da. Die Zahl der Seiten weiß ich nicht – sehr viele sind es jedenfalls. Oben immer alles blau. Unten stoßen gelbe Kornfelder an die herrliche Stadt, so daß unten alles gelb aussieht – so, als wenn die Kornfelder einfach hineingehen in dieses Paradies. Paradies! Daß man sich, wenn man erregt ist, gar nicht die gewöhnlichen abgebrauchten Worte abgewöhnen kann. So hat sich jedenfalls ein Erdenmensch niemals das Paradies vorgestellt. Ich blieb in einem Restaurant, das draußen mitten in einem Kornfelde liegt. Da hab ich den Sonnenuntergang – in den Spiegelscheiben bewundert. Das war eine Pracht. Ich ging gleich danach auf mein Zimmer, schrieb dieses nieder und sehe jetzt noch mal hinaus. Der Mondenschein in den Spiegeln! Und die Sterne auch in den Spiegeln. Alles hundertfach und tausendfach. Was doch Menschenhände schaffen können! Hunderttausend Menschen haben das gemacht in drei Monaten. Und ich kenne jetzt erst das Äußere.   12. September 1910. Heute war ich drinnen. Nur Notizen kann ich geben. Zunächst ein Saal mit Kaleidoskopen an den Wänden. Alles sonst schwarzer Samt. Aber in der Mitte der sechzehn Wände erscheint ein großer Kreis mit Kaleidoskopeffekt. Das Kaleidoskop verändert sich in jeder Minute. Immer wieder anders. Jede Laterna Magica oben über der schwarzen Samtdecke. Das ist nur ein Empfangsspaß. Viele Chinesen da – alle in seidenen Gewändern, die bunt gewebt sind. Ich auch in chinesischer Tracht. Hab mir die vom Hotelwirt draußen geliehen. Hellblau und hellgrün ist sie. Mich ödet das Papier an, auf dem ich schreibe. Ich schreibe nur der Europäer wegen, damit die merken, wieweit sie noch im Ausstellungswesen zurück sind. Ich wundere mich, daß hier außer mir noch keine andren Europäer da sind, obgleich viele hier ausgestellt haben. Die hier gearbeitet haben, sind alle in der Stadt beim Kaiser, der sie fürstlich bewirtet. Die Saaldiener sind alle in Seide – eine Farbenpracht ist dabei entfaltet... Ich sah zunächst die Säle für Tiffanyglas. Ich blicke wieder hinaus. Wieder Mondenschein! Und die Sterne spiegeln sich in den Spiegelgläsern. Und man bekommt beinahe eine Vorstellung von der Unendlichkeit.   13. September 1910 . Heute kam ich erst nach Sonnenuntergang in das Innere. Der Kaiser von China war am Tage mit Gefolge dort. Jetzt ist er schon wieder fortgefahren. Ich hab ihn nicht gesehen, da ich ja leider Europäer bin. Ampeln sah ich heute – Glasampeln. Ich habe wohl hunderttausend Stück gesehen. Und in allen brannte elektrisches Licht. Die Ausstellungspaläste liegen alle an den Spiegelmauern der Einfassung des Ganzen. In der Mitte drinnen geht's terrassenförmig hinunter. Glasterrassen! Farbige Glasterrassen! Und die von unzähligen Glasampeln – farbigen – erleuchtet! Unten in der Mitte Teich – aber keine Schwäne drin –. Der Wasserteich wirkt ebenso wie das Glas und spiegelt den ganzen Himmel und die Lampen ringsum. Beschreibe das ein Andrer. Ich kann's nicht.   14. September 1910. Man denkt, immer am Ende zu sein. Aber es kommt immer noch besser. Heute gab's Glasmalereien. Aber – nur ornamentale. Hab ich mich gefreut, daß es nur ornamentale gab. Man wird nicht an Europa erinnert. Die Ornamentik ist eine andere, da viel Tiffanyglas verwandt ist. Alles erinnert sehr an die Kaleidoskope im Empfangssaal. Aber das Starre kommt hier so fein heraus. Außerdem wurden mir Drahtglashäuser gezeigt. Der Draht im Glase macht das Glas selbst gegen Feuer ganz unempfindlich. Auch Emailhäuser sah ich, – undurchsichtiges und durchsichtiges Email! Die reinen Juwelierstücke! Das beschreibe auch ein Andrer.   15. September 1910. Jetzt dachte ich schon, es könnte Neues nicht mehr kommen. Und siehe: da gibt es plötzlich kopf- und faustgroße Glasbrillanten. Alle möglichen Kristallformen. Und Farben! Wir sahen daneben echte Brillanten ausgestellt. Und deren Farben brannten nicht heftiger und glühender – als die Farben der Glasbrillanten. Allerdings – in diesen brannte zumeist elektrisches Licht. Doch der Effekt ist derselbe.   16. September 1910. Heute venezianische Gläser gesehen. Indessen – ich weiß nicht, wo sie hergestellt sind. Sie erinnern nur an die venezianischen Arbeiten, bieten sonst aber durch ihre Größe ganz neue Effekte. Ich verzichte bald darauf, mir Notizen zu machen. Derartiges ist ja gar nicht zu fixieren.   17. September 1910. Heute Glaskuppeln gesehen. Über hundert.   18. September 1910. An Stelle der Fahnen wurden heute, da ein großer chinesischer Feiertag ist, Stöcke überall herausgesteckt, die aus Glasbrillanten bestehen. Das funkelte. Die Stöcke drehten sich und verbeugten sich nach allen Seiten. Sie tun's jetzt noch – im Mondenschein. Armes Europa! Wie arm kommst du mir vor – wie arm! Das »lebendige« Mastodon Eine sehr merkwürdige Geschichte Am 12.. November 1910 war der alte Baron Münchhausen in Irkutsk und sandte mir plötzlich folgendes Telegramm: »Hier soeben die kolossalste Entdeckung gemacht. Seit vielen vielen Jahrtausenden befinden sich Luftballons in der Erdluft. Und das sind natürliche Luftballons – aus der Eiszeit. Fallen Sie nicht vom Stuhl. Wir haben drei Stück gefangen. Zwei sind ganz leer. Aber im dritten befindet sich – es ist wirklich wahr – ein kleines Mastodon. Drei Meter lang ist das kleine Tier. Nicht viel größer als ein Elefant. Und das Drolligste ist: das Tierchen lebt. Das erste lebendige Mastodon auf unsrer Erde im zwanzigsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Wenn das kleine Tier nicht Alles auf den Kopf stellt, so weiß ich tatsächlich nicht, was noch mehr passieren soll. Teilen Sie dieses Novum gleich allen Zeitungen mit und auch der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Berufen Sie sich nur auf die Glaubwürdigkeit meines anerkannten Namens. Heute ist eben Alles möglich. Ich bin Ihr alter Baron Münchhausen.« Das Telegramm kostete sehr viel Geld. Der Postbote lächelte. Und ich lächelte auch. Was war nun zu tun? Ich sandte einen Waschzettel an alle Zeitungen Europas und begab mich ins Bureau der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Dort wollte man dem Baron sofort den Ehrendoktortitel verleihen. Ich aber riet ab. Ich sagte, wir müßten doch erst das Weitere erfahren. Denn – so bestimmt auch alles gehalten war – es war doch nicht unmöglich, daß sich der bekannte, nun schon 185 Jahre alte Baron mal einen kleinen Scherz leistete, denn die Sache erschien uns doch allen wie ein Märchen. Wo kam denn das Mastodon her? Und im Luftballon drinnen sollte es sich Jahrtausende hindurch lebend erhalten haben – ohne Nahrung? Wir telegraphierten demnach an den alten Baron gleich das Nachstehende: »Beim besten Willen nicht so ohne weiteres zu glauben. Wovon lebte das Mastodon? Und – wie sieht denn der Naturballon aus? Bitte umgehend Nachricht. Wir rüsten sofort Expedition aus, wenn sich das Unglaubliche bewahrheiten sollte. Die Direktion der A. G. für L.« Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie lautete: »Wovon das Mastodon so lange lange Zeit gelebt hat? Ja – das möchten wir auch gern wissen. Die verdünnte Luft, in der das Mastodon lebte, ist sofort bei der Öffnung entwichen. Das Mastodon lebt und hat eine Badewanne mit frischen Lachsen, einen zwei Meter langen Spickaal und zweihundert Bratwürste bereits aufgefressen. Jetzt sieht sich das kleine Tier lebhaft und freundlich mit den Augen blinzelnd nach mehr um. Und unser Vorrat muß erneuert werden. Die Stoßzähne sind über einen Meter lang. Sonst ist das Tierchen ganz friedlich. Haut dunkelbraun und gar nicht faltig wie bei einem Elefanten. Die Ohren verändern ihre Farbe, sind zumeist dunkelviolett, sehen aber auch zuweilen orangefarbig aus. Wir fahren heute noch mit dem Tier nach südlicher gelegenen Gegenden, werden von dort aus gleich Näheres berichten. Wir fürchten nur, daß das Tier sehr rasch wachsen wird. Und dann dürfte doch die Ernährung eines derartigen vorsintflutlichen Monstrums mit Schwierigkeiten verknüpft sein. Hochachtungsvoll Münchhausen.« Da lachten wir alle recht herzlich. Aber – die Geschichte für einfach aus der Luft gegriffen zu halten, dazu hatten wir doch nicht den Mut; der Name Münchhausen flößte uns doch allen zu großen Respekt ein. Lebhaft bedauerte ich, daß wir über die Form des Luftballons – besonders über die Beschaffenheit der Ballonhülle Näheres nicht erfahren konnten. Auch hätte uns eine Bemerkung über die Art des Ergreifens dieses fabelhaften uralten Ballons sehr erfreut. Nun mußten wir uns in Geduld fassen. Und das ist bekanntlich nicht eine Kleinigkeit. Zwei Tage und zwei Nächte vergingen, ohne daß wir eine weitere Nachricht erhielten. Ich rannte jede zweite Stunde zur A. G. für L. Und alles war vergeblich. Da – endlich – der ersehnte Telegraphenbote. Er wurde beinahe zerrissen vor Ungeduld. Und das Telegramm lief Gefahr, ebenfalls zerrissen zu werden. Doch es ging schließlich noch alles ganz gut ab. Münchhausen telegraphierte: »Die Wachstumsmöglichkeiten sind in den letzten zwei Tagen ganz rapide gestiegen. Jetzt ist das Tierchen schon vier Meter lang. Aber – was das alles zu sich genommen hat. Wir sind hier mitten in China. Viel Volk ist immerzu hier und macht das Tier unruhig. Wenn das Tier nicht immerzu hier fressen würde, wär's wohl gefährlich. Verschiedene Tierärzte sind hier zur Stelle. Man wechselt in der Nahrung ab. Aber – wenn das so weitergeht, so ist das Tier in Jahresfrist so groß, daß es nicht mehr Platz auf dieser Erde hätte. Ich bitte, Expedition auszurüsten. Mir schwant ein Schauervolles. Münchhausen.« Jetzt hatten wir die neue Adresse, und wir telegraphierten umgehend an den Baron dieses: »Bitten um Angabe, woraus der Luftballonstoff bestand und wie groß er war. Ferner bitten wir um Nachricht, ob nicht noch eine Spur des Gases zu entdecken ist, das den Ballon oben hielt. Ferner bitten wir um Aufklärung, in welcher Höhe die drei Eiszeitballons entdeckt wurden. Und sodann um Angabe, wie das Herunterbringen der drei Ballons zur Erdoberfläche bewerkstelligt wurde. Expedition geht heute ab. Die Direktion der A. G. für L.« Dieses Telegramm wurde nicht beantwortet. Unsre Depeschen begannen sich zu kreuzen. Münchhausen drahtete danach: »Das Unglück wird immer größer. Das kleine Tier ist jetzt schon fünf Meter lang. Die Russen, die hier sind, haben beschlossen, das Tier zu töten. Ich widersetzte mich dem barbarischen Vorgehen mit allen Kräften. Aber ich fürchte, die werden nicht stark genug sein. Bitten Sie umgehend die Kaiser und Könige von ganz Europa, hier ein Machtwort zu sprechen. Wir müssen doch sehen, was aus der ganzen Geschichte wird. So was passiert doch nicht alle Tage. Wir werden nicht sobald ein neues lebendiges Mastodon entdecken. Bitten Sie die Direktoren der zoologischen Gärten um Unterstützung. Lassen Sie Millionen aufbringen. Ich opfre mein ganzes Vermögen und meinen ganzen Kredit. Diese Russen sind ein zu barbarisches Volk. Sie verdienen die Prügel, die sie sonst bekommen, durchaus. Das sind ja alles die reinen Henkersknechte. Bieten Sie auf, was Sie können. Hier ist jede Minute Milliarden wert. Schon ist das Tier fünfeinhalb Meter lang. Die Russen werden immer rabiater. Sie laden schon die Gewehre. Ich flehe Sie an, sofort dem Kaiser von Rußland zu telegraphieren. Ich bin außer mir. Ihr alter Münchhausen.« Dieses Telegramm versetzte uns natürlich in eine ungeheure Aufregung. Und in Kürze schickten wir so viel Telegramme ab, daß unsre gesamten Ausgaben für Depeschen in den letzten drei Tagen insgesamt 35 000 M. betrugen. Nun kam auch Antwort auf unsre Depesche von dem alten Baron, sie lautete: »Die Ballons wurden oben in der Luft ungefähr 7000 Meter überm Meeresspiegel gefangen. Runterbringen war unmöglich, da sie uns plötzlich höher zogen. Wir also schnell entschlossen schnitten alle drei Ballons auf. Im dritten fanden wir das vergnügte Mastodon, das jetzt den Tod vor Augen sieht. Ich habe den Russen allen Whisky gegeben, den ich auftreiben konnte. Aber die Kerls können ja so schrecklich viel vertragen. Die drei Ballons waren übrigens durch Schlinggewächse aneinandergekettet. Durch eine Unvorsichtigkeit des ersten Steuermanns ging die ganze Ballonhülle leider über Bord. Nur das kleine Mastodon blieb bei uns und verursachte, daß wir mit unheimlicher Geschwindigkeit hinuntersanken und bei Irkutsk landeten. Tun Sie blos, was in Ihren Kräften steht. Die Russen trinken wie die Tollen. Aber sie werden dabei immer blutgieriger. Wenn ich das Mastodon nur fortschaffen könnte. Ich kann mich doch mit diesen Kerls nicht schießen. Außerdem würde hier die Gewalt alles vernichten. Helfen Sie Ihrem alten Baron Münchhausen.« Nun wußten wir Alles. Gleichzeitig ahnten wir aber auch, wie alles enden würde. Der Baron ist ein starker Mann. Aber – wie soll er gegen berauschte Russen aufkommen? Außerdem – eine Gefahr steckt in dem Weiterfüttern des vorsintflutlichen Tieres doch. Allerdings: Hundert Meter könnte es schon lang werden. Aber – kann's nicht noch bedeutend länger werden? Das ist hier die Frage. Diese Frage wurde durch das nächste und letzte Telegramm leider – leider – endgültig beantwortet. Münchhausen drahtete: »Kleines Tier sieben Meter lang geworden und dann infolge von zu vielen Kohlrüben plötzlich am Herzschlage verendet. Die Russen sind sehr vergnügt. Die meisten schlafen schon. Ich sorge dafür, daß das Mastodon dem Berliner Naturhistorischen Museum überwiesen wird. Es muß in Spiritus eingesetzt werden. Armes kleines Tier. Der alte Münchhausen.« Das ist in aller Kürze die Geschichte, die alle Welt aufgeregt hat – wohl die merkwürdigste Luftgeschichte. Das Gespensterfest Eine Silvestergeschichte Der alte Baron Münchhausen kann sich von China garnicht trennen; jetzt hat er bereits den Kaiser von China kennen gelernt – und da schäumt nun seine Begeisterung einfach über. Diese kommt in seinen Briefen an die Gräfin Clarissa vom Rabenstein so heftig zum Ausdruck, daß es sich wohl lohnt, noch einen dieser Briefe hier zum Abdrucke zu bringen. Die Gräfin, die jetzt vierundzwanzig Jahre ist, muß sich augenblicklich in einer Berliner Klinik einer kleinen Operation unterziehen. Die ist aber nicht im mindesten beunruhigend. Der alte Baron schreibt ihr aus Peking in seiner bekannten Frische das Folgende:   Meine liebe Clarissa! Während Du Dich in Berlin operieren lassen mußt, haben mirs die Chinesen jetzt ganz und gar angetan. Der Silvester des Jahres 1910 war für mich ein großes großes Ereignis. Urplötzlich hatte nämlich der hiesige Kaiser mir seine Automobile gesandt und mich sehr höflich bitten lassen, ihn doch gleich zu besuchen. Ich wandelte grade in einem grünseidenen Schlafrock durch meinen kleinen Park. Doch – lassen wir das Nebensächliche. Ich kam hin, und der Kaiser sagte gleich: »Gestatten Sie, Herr Baron daß ich Sie immer kurz nur Münch nenne, wie es die Gräfin Clarissa tut?« »Majestät«, erwiderte ich heiter, »ich gestatte!« »Dann gestatte ich Ihnen«, fuhr er jovial fort, »daß Sie mich Li-To nennen. So nannte mich immer meine selige Frau Großmama. An die erinnern Sie mich öfters.« »Ich bin«, versetzte ich lächelnd, »mindestens dreimal so alt wie Ihre Frau Großmama. Aber Majestät – ich wollte sagen: lieber Herr Li-To – es ehrt mich ungemein...« »Machen Sie keine«, rief Majestät, »so furchtbar überflüssige Redensarten. Sie sind hier im aufgeklärtesten Lande der Erdrinde – beim veritablen Sohne des Himmels. Eigentlich sind wir alle Söhne des Himmels. Setzen Sie sich, lieber Münch. Sie können auch das Herr weglassen, denn ich bin zu einem alten Herrn, der nun schon sein einhundertundsechsundachtzigstes Lebensjahr erreicht hat, mächtig jovial. Na – das merken Sie wohl.« Ich will nicht weiter mit dieser kaiserlichen Fraternität paradieren. Aber Du sollst blos sehen, daß ich hier persona gratissima bin. Das wird Dich freuen, darum sag ich das. In Europa kamen mir die alten Potentaten nicht so liebenswürdig entgegen – wie hier der junge Potentat Li-To. Im Volke heißt er natürlich nicht Li-To. Aber im Volke weiß man ja von dem Leben der Potentaten so wenig. Man faßt da alles so anders auf. Und man mißversteht so viele Dinge, denkt, der Kaiser von China hat einen Harem mit tausend Frauen und muß darum ein Idiot sein. Wir haben von seinem Harem nicht eine Silbe gesprochen. »Seine Zeit«, sagte er, »mit Regierungsgeschäften anfüllen – das mag so die Gepflogenheit europäischer Potentaten sein. In China lächelt man darüber und verlangt derartiges von mir nicht. Einmal im Jahre habe ich mich dem Volke zu zeigen. Damit aber sind alle meine Regierungspflichten erfüllt. Das Übrige machen meine Mandarine. Und ich bin nicht so eitel, daß ich glauben könnte, durch persönliches Eingreifen viel besser zu machen. Im Gegenteil: Da ich die Verhältnisse im Volke doch niemals richtig überblicken kann, so glaube ich, daß jedes persönliche Eingreifen nur verwirren dürfte – ganz abgesehen davon, daß es nicht majestätisch wirkt. Majestätisch zu wirken aber – dazu bin ich verpflichtet. Indessen – von alledem spricht man nicht so viel. Lieber Münch, kommen wir auf das, was ich mit Ihnen zusammen genießen will. Heute haben wir Silvester.« »Lieber Li-To«, sagte ich leise, »jetzt bin ich aber mächtig neugierig. Eine Lappalie ist es nicht. Davon bin ich überzeugt.« »Da haben Sie«, versetzte er lachend, »ins Schwarze getroffen. Ich will ja mit Ihnen ein Gespensterfest mitmachen.« »Ein Gespensterfest?« rief ich entsetzt. »Jawohl, ein Gespensterfest!« fuhr er lächelnd fort, »Sie wissen doch, daß zwischen 11 und 12 Uhr die sogenannte Geisterstunde ist. Nun gut! Am Silvester eines jeden Jahres betrinken sich die meisten Menschen – die Astronomen aber auch – und zwar alle. Das ist so auf dem Stern Erde. Ich also sagte: ha! ha! um die Zeit kann also wohl auf den Sternwarten was ganz Besonderes zu sehen sein – das, was geheim bleiben soll. Merken Sie was, lieber Münch?« Ich verneinte, und er fuhr fort: »Ich hab im vorigen Jahr was Imposantes entdeckt – auf unsrer Sternwarte. Ich bin überzeugt, daß ich in diesem Jahre etwas Ähnliches entdecken werde. Und das will ich mit Ihnen zusammen genießen. Sind Sie einverstanden, lieber Münch?« Ich bejahte. Und wir aßen dann unter anregendem Gespräch ein vorzügliches Abendbrot – zur Stärkung – wir beide ganz allein. Das war auch schon himmlisch. Aber das wahrhaft Himmlische kam dann für den Sohn des Himmels und für mich um die elfte Stunde – hoch oben auf der Sternwarte des Kaisers von China im Residenzpalaste zu Peking, allwo wir beide auch allein waren, während alle andern Schloßbeamten, Schloßgelehrten, Schloßmandarine und Schloßdiener den Abgang des alten Jahres in schlemmerhafter Weise feierten. Wir saßen währenddem schweigend vor unsern beiden Teleskopen und suchten das Himmelsfeld dicht über dem Horizont ab. Und was wir erwarteten, konnten wir bald sehen. So was hab ich nicht für möglich gehalten. Aber wahr ist es. Die Beschreibung fällt mir etwas schwer. Es ging alles zu schnell. Zuerst sahen wir weiße Flecke über dem Horizont. Die gingen plötzlich in Kristallformen über und sandten glühende Farbenkegel aus wie Brillanten. Dann fielen ganz zarte Schleiergebilde über die Brillanten und nahmen ihnen das Licht. Und bald lag das Ganze wie ein feines Wolkengebirge da – hellblaue – und auch dunkelblaue – und auch einfach graue Stellen dazwischen. »Das ist nur der Anfang!« sagte der Kaiser. Man mußte das Teleskop oftmals drehen, da man ja immer nur einen kleinen Teil des Himmels sah. Nun gab mir der Kaiser einen großen Operngucker, der auf einem großen drehbaren Gestell ruhte. Damit konnte man nun mehr sehen. Es war wie in einem Theater. Und ich hatte schon den Kaiser im Verdacht, daß er uns am Horizonte einfach etwas vormachen ließ – von seinen Leuten. Da jedoch reckten sich gelbe Gebilde am Horizont empor und wuchsen immer höher und blieben durchsichtig wie Kometenschweife und bekamen baumartige Formen mit starken Ästen. Und diese gelblichen Bäume erhielten rote Ränder auf einer Seite. Und aus den Ästen sprangen bläuliche Wesen hervor mit großen blauen Köpfen. Und das Ganze verschwand mit einem feinen hörbaren Knall. »Was ist das denn?« fragte ich ruhig. Und der Kaiser sagte: »Ein Gespensterfest! War schon im vorigen Jahre da. Aber damals wars ganz anders. Unsre Astronomen amüsieren sich und lassen sich das Herrlichste des ganzen Himmels entgehen. Ich habs ihnen nicht gesagt. Aber Sie, Münchhausen, können die Geschichte den Europäern erzählen. Man entdeckt hier doch mehr als in Europa! Ah! jetzt kommt es!« Und es wurde der ganze Himmel dunkelviolett. Und karminrote Gestalten – wie abenteuerliche Rosse – jagten auf dem dunkelvioletten Hintergrunde vorüber. Gleichzeitig kam eine grellgrüne kleine Sonne über dem Horizont zur Hälfte vor und sandte kleine Scheinwerfer – hellgrüne – nach allen Seiten. Und die Sonne bekam dunkelgrüne Augen, die leuchteten und brannten wie Smaragde. Wieder ein kleiner feiner Knall – und alles tobte wüst durcheinander, daß wir nicht folgen konnten. Danach gingen – an das Fabelhafte des ganzen Vorganges hatte ich mich schrecklich schnell gewöhnt – die Beine großer Gestalten vorüber. Die Köpfe konnte ich nicht sehen. Aber die Beine waren pechschwarz und hatten unzählige Kniegelenke übereinander. Die Füße hatten ganz lächerliche Formen, gingen auf und ab – wie bei einem langsamen Tanz. Und dann wurde alles am Himmel so hell, daß wir die Augen schließen mußten. Das Licht blendete uns. »Das soll ein Gespensterfest sein?« fragte ich langsam. »Münch«, rief da der Kaiser zornig, »Sie sind an so abenteuerliche Geschichten gewöhnt, daß Ihnen das Gespensterfest keine größere Freude bereitet. Sie sind doch maßlos blasiert. Ein Astronom würde an Ihrer Stelle halbtot vor Begeisterung sein. Sie sollten sich doch ein wenig schämen.« »Majestät!« rief ich da auch etwas aufgebracht, »wenn ich hier herumhopse vor purer Begeisterung, so bin ich doch nicht in der Lage, die seltsamen Abenteuer weiter zu verfolgen. Man muß doch neuen Erscheinungen gegenüber seine Ruhe bewahren. Jedenfalls möchte ich doch die Natur dieser Gespenster etwas näher kommen lernen. Vorläufig finde ich noch nicht den Zusammenhang.« Da bildete sich in der Mitte hinter den tanzenden schwarzen Gespensterbeinen ein großes Loch. Die Beine verschwanden, und das große Loch wurde grau, spinngewebeartig und immer größer. »Schnell wieder an die Teleskope!« schrie der Kaiser. Wir tatens und sahen nun in dem grauen Loch eine Unmenge von geisterhaften Wesen – alle grau – und wie Schleier wirkend – mit großen und kleinen Köpfen. Die wogten da durcheinander. Und man sah, daß alles in einer gewissen festlichen Bewegung war. Und da flammten überall in dem Loch blaue, rote und grüne Lampen auf. Die wirkten ganz klein. »Münch, hören Sie etwas?« fragte der Kaiser. Ich horchte, aber ich hörte nichts. Nun sahen wir wieder durch das große Opernglas und bemerkten, daß derartige Löcher auf allen Seiten des Horizontes sich aufgetan hatten. Und diese Löcher veränderten ihre Form und wurden zu Abgründen. Und das ging alles so rasend rasch, daß es mir unmöglich wurde, Einzelheiten festzuhalten. Ich habe die Absicht, das ganze Traumbild – als solches kam es mir schließlich vor – in einem langen Romane zu schildern. »Ja«, sagte ich schließlich, als alles verschwunden war, »haben wir das wirklich erlebt? Ich kann noch gar nicht an das Veritable des ganzen Spukes glauben.« »Im vorigen Jahre«, erwiderte der Kaiser, »ging es mir grade so. Ich glaubte, geträumt zu haben. Deshalb bat ich Sie ja grade, lieber Münch, in diesem Jahre dem Vorgange beizuwohnen. Wir sind auf der Erde bereits an so viele Wunder gewöhnt, daß es uns nicht wundern darf, wenn wir ein wenig abgespannt selbst dem Kolossalsten beiwohnen. Dieses war wohl das Kolossalste, das ich erlebt habe. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr. Ich glaube, die Silvesternacht wird immer großartiger werden. Jetzt wollen wir auch die Herren der Wissenschaft darauf aufmerksam machen. Die sollen uns diese himmlischen Wunder erklären. Ich fürchte, ihre Weisheit wird dabei ebenso versagen – wie bei allen andern Wundern des Himmels. Ist denn die Sonne – und sind denn die Kometen – weniger wunderbar als das, was wir heute sahen?« Also sprach der Kaiser von China. Ich füge dem nichts mehr hinzu. Ich bin wie stets Dein alter Münch von Münchhausen. Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver Eine Hotelgeschichte Traf neulich in Johannistal den Grafen vom Rabenstein mit seiner Tochter Clarissa. Gleich sagte mir der Graf: »Der alte Münchhausen ist im Kaukasus.« Und ich erwiderte gleich: »Wohl im neuen Demawand-Hotel. Der Demawand ist ja der orientalische Brocken. Da hat er sicherlich wieder eine Gespenstergeschichte erlebt. Kann mirs schon denken. Möchte ebenfalls mal so was Geisterhaftes erleben. Auf dem Demawand sollen ja unzählige Geister hausen – böse und gute – langweilige und kurzweilige – dicke und dünne – lange und kurze.« »Hören Sie auf!« rief der Graf, »Münchhausen telegraphierte mir allerdings vom neuen Demawand-Hotel aus. Aber von Geistern stand in dem Telegramm gar nichts. Dagegen berichtete das Telegramm von neuen naturwissenschaftlichen Entdeckungen – von Entdeckungen, die in der Luft liegen. Der Baron sprach dabei viel von einem geheimnisvollen Ober-Luftkellner und von Atmosphärenforschung. Alles höchst wissenschaftlich und sehr modern. Haeckel soll sich auch schon für die Sache interessieren.« »Hören Sie, Herr Graf«, rief ich da sehr laut, »da werde ich mißtrauisch. Ich fürchte, ganz im Vertrauen gesagt, daß dieses Mal dem Baron unwahre Geschichten erzählt worden sind. Wenn schon ein Ober-Luftkellner dabei ist, so ist die Sache sehr luftig und sehr windig. Ich kenne diese Onkels mit der ehrwürdigen Pastorenmiene ganz genau. Ich trau ihnen nicht zehn Schritt. Hochstapler und Schwindler sind es. Es tut mir leid, daß das dem Wahrheitsfreunde Münch von Münchhausen, der neulich schon 186 Jahre alt wurde, passieren mußte. Ich bedaure den alten Herrn.« »Sprechen Sie im Ernst?« rief die Gräfin Clarissa. Und ich sprach beteuernd die Hand auf meine Brust legend mit bewegter Stimme: »In meinem vollsten Ernst!« Da sagte die Gräfin kalt lächelnd: »Dann müssen wir sofort zum Demawand-Hotel. Kommen Sie mit. Papa, ruf den Chauffeur!« Der Papa rief sofort: »Ober-Luftchauffeur!« Und der kam denn gleich mit seinem umfangreichen Parseval. Wir stiegen sofort ein und fuhren los. Es ging erst durch den Sonnenschein, dann durch den Mondenschein, durch polnischen Hagel und durch russischen Schnee. Am nächsten Abend betraten wir das neue Demawand-Hotel. Der alte Baron eilte uns wie ein Jüngling entgegen und lud uns zum Abendbrot ein. Wir hatten einen Bärenhunger, da unser Gondelvorrat doch nicht für die lange Fahrt gereicht hatte. Auch hatte uns unser Ober-Luftchauffeur die größten Fleischstücke und die besten Delikatessen vor der Nase fortgeschnappt – immer unter der Bemerkung, daß er sich sehr anstrengen müsse und für eine gelungene Fahrt nur dann garantieren könne, wenn er sich tüchtig satt gegessen hätte. Und er behauptete immer wieder, ganz hungrig zu sein. In Rußland hörten wir unter uns sehr häufig Scharen von hungrigen Wölfen heulen. Das machte uns immer wieder sehr nachgiebig unserm Ober-Luftchauffeur gegenüber. Doch ich will nun nicht Näheres über das Interieur und Exterieur des neuen Hotels berichten, das nur für Luftfahrer bestimmt ist. Diese kunstgewerblichen Beschreibungen überlasse ich andern Federn. Wir setzten uns an den köstlich gedeckten Abendbrottisch. Und ich lernte den geheimnisvollen Ober-Luftkellner kennen. Der sagte gleich sehr geheimnisvoll zu mir: »Sie sind Luftforscher, sagte mir der Baron. Das freut mich sehr. Ich kann Ihnen Wunderdinge berichten. Aber ich bitte sehr um Diskretion. Wer wie ich jeden Abend auf unsrer Hotelsternwarte weilen darf, der lernt da etwas kennen – mehr, als die meisten Menschen ahnen. Die Wissenschaft ist schon sehr weit.« »Sehr weit?« fragte ich mit weit aufgerissenen Augen. »Sehr weit!« erwiderte er höflich, während er mir die Schüssel mit dem kalten Kalbsbraten reichte. Ich sah ihn von der Seite scharf an – den Geheimnisvollen – den Raffinierten... Aber ich will nicht vorgreifen. Er hatte Glatze, goldene Brille, eisig ernstes Gesicht mit zwei großen schneeweißen Bartkoteletts, zinnoberroten Gehrock trug er, zinnoberrote Beinkleider, schneeweiße Weste und weiße Krawatte. Sah aus wie ein distinguierter Gesandschaftsattaché – wie ein alter Gauner... Aber ich will nicht vorgreifen. Beim Obst wollte ich nun endlich etwas von den naturwissenschaftlichen Luftgeheimnissen wissen. Ich sprach mit Energie wie ein edler Professor: »Herrlich, daß man sich hier so für die Luftforschung interessiert. Ich glaube auch, daß man da noch die allergrößten Wunder erleben kann. Selbst Haeckel soll sich ja schon für die Sache interessieren. Aber – was hat man denn wieder entdeckt? – Bin sehr neugierig. Erzählen Sie doch, Herr Ober-Luft!« »Es klingt«, erwiderte dieser tiefernst mit Totengräbermiene, »nicht sehr glaubwürdig und ist doch im vollen Umfange wahr. Sie wissen wohl, daß der Astronom die Stellen am Himmel, an denen beim besten Willen mit den besten Teleskopen Sterne oder Nebel nicht zu entdecken sind, Kohlensäcke nennt. Derartige Kohlensäcke kennen wir viele. Und die Gelehrten unsrer Zeit vermuten, daß diese Kohlensäcke einfach luftleere Räume darstellen. Man hat diese Hypothese bislang noch ignoriert. Aber die Astronomen unsrer Hotelsternwarte haben die Hypothese ganz ernst genommen – denn – nun hier beginnt das Unglaubliche!« »Weiter! Weiter!« rief ich ungeduldig. Münchhausen saß da wie ein alter Pagode, nickte immerzu mit dem Kopfe – ganz langsam – und sagte nicht eine Silbe. Der Graf aß Caviar, die Gräfin las, um ihre Erregung zu verbergen, scheinbar interessiert in einem französischen Journal. Der Herr Ober-Luftkellner fuhr mit eisiger Stimme also fort: »In den eisigen Regionen der höheren Erdatmosphäre haben wir ebenfalls Kohlensäcke entdeckt – oben auf unsrer Hotelsternwarte. Und wir sind jetzt ganz fest davon überzeugt, daß diese Kohlensäcke der Erdatmosphäre luftleere Räume sind – ganz luftleere. Darum glauben wir auch an die Luftleere der weiter im Raume befindlichen Kohlensäcke. Es ist jedoch fabelhaft, wie schnell sich die Erdkohlensäcke durch die Atmosphäre bewegen. Und – unbegreiflich erscheint es uns, daß diese luftleeren Räume – viele Kilometer im Durchmesser – gar nicht durch die sie umgebende Luft berührt werden. Die Erscheinungen sind in fünfzehn Meilen Höhe entdeckt worden. Die andern Sternwarten sind davon benachrichtigt, sie verhalten sich aber abwartend. Seit drei Tagen haben wir noch nichts wieder entdeckt. Die Astronomie verlangt viel Geduld. Möglich, daß die Kohlensäcke, diese vollkommen unfaßbaren Erscheinungen, die wie riesige Blasen dahinziehen, ohne daß man etwas von der Blasen haut bemerkt, auch tiefer zur Erde niedersteigen. Dann könnten sie vom Luftballon aus untersucht werden. Jedenfalls wäre die Untersuchung eine preiswerte Aufgabe für alle Luftfahrer. Übrigens: ich bin der Meinung, daß eine absperrende Blasenhaut sehr wohl denkbar wäre. Wir müßten dann nur annehmen, daß diese Haut gleichfalls aus einem gänzlich durchsichtigen, nicht spiegelnden Stoffe hergestellt ist. Solche Stoffe kennen wir noch nicht. Sollten sie wirklich die Kohlensäcke einschließen, so wären diese eine Art Naturluftballons.« Er schwieg und entkorkte eine neue Flasche alten Rheinweins. Der Graf aß immer noch Caviar – echten Caviar aus dem nahen Astrachan. Der Baron nickte kurz mit dem Kopf und sagte: »Ja, das hab ich ebenfalls schon gehört. Leider sind die Astronomen auf der Sternwarte nie zu sprechen, da sie immerzu bei der Arbeit sind.« »Ich danke Ihnen!« sagte ich zum Ober-Luft. Und dann sprachen wir wieder über Europa, China und Amerika und taten so, als wären die Kohlensäcke mit ihrer Luftleere einfach Luft in unsern Augen. Dann flüsterte ich dem Baron zu: »Wir wollen den Mann belauschen. Hinter dieser Geschichte vermute ich eine sehr kecke Hotelreklame – astronomische Reklame.« Statt schlafen zu gehen wie die Andern, durchwanderten wir noch zu Zweien das ganze Hotel und kamen zu einem Raume neben der Küche, in dem sich das ganze Hotelpersonal zu versammeln pflegte. Neben diesem Raume befand sich ein kurzes dunkles Spindzimmer. Ich mit dem Baron rasch da hinein. Und wir warteten im Dunkeln vier volle Stunden. Und dann hörten wir die Stimme des ehrwürdigen Ober-Luftkellners. Und was sagte dieser Kerl? »Heute«, sagte er lachend, »hab ich mal wieder einen Richtigen reingelegt. Es ist zum Totlachen, wie leicht sich die Leute reinlegen lassen. Die Kohlensäcke sind eine ganz besondere Reklame für unser Hotel.« Weiter hörten wir nicht. Wir schlichen auf den Zehen zu unsern Zimmern. Und ich habe hier die Geschichte berichtet, wie sie sich abgespielt hat – zur Warnung der Leichtgläubigen. Und gleichzeitig auch, damit sich diese frivole wissenschaftliche Lügenhaftigkeit lebhaft von der unerschütterlichen Wahrheitsliebe des alten Barons von Münchhausen abhebe. Der sagte mir noch kurz vor meinem Zimmer: »Famos, daß Ihnen die Entlarvung so fein geglückt ist.« Der Baron als Retter Eine Diplomatengeschichte Der alte Baron Münchhausen, der ja jetzt bekanntlich schon 187 Jahre alt ist, weilte am Ende des Jahres 1911 in China und sah der Absetzung des Kaisers von China ganz aus der Nähe zu. Dabei lernte der Baron sämtliche Diplomaten der chinesischen Republik kennen und telegraphierte nach Europa mehrmals: »Donnerwetter! Die chinesischen Diplomaten sind doch zu schlau – immer noch schlauer. Hier kann man was lernen. Donnerwetter!« Diese Telegramme gelangten auch in die Hände von verschiedenen deutschen Regierungsräten – natürlich auf Umwegen. Und im August des Jahres 1912, als der Baron zufällig wieder in Berlin war, sagte der Geh. Regierungsrat von Wussow zu dem Geh. Regierungsrat von Dochow: »Sagen Sie mal, Kollege, der alte Baron von Münchhausen hat die chinesischen Diplomaten ganz genau kennen gelernt und ist dabei selber ein großer Diplomat geworden. Wie wärs, wenn Sie ihn, den Baron, nächsten Sonnabend einlüden? Ich glaube: er kommt. Er kann unser Retter sein. Wir wissen doch tatsächlich nicht, was wir zu dem Gothaer Aeroplan-Turnier sagen sollen. Vielleicht – ja vielleicht ist es möglich, den Baron als Retter in die gute Gesellschaft einzuführen. Wir fragen ihn gleich, was er zu dem Aeroplan-Turnier sagt. Ich glaube: er antwortet uns so, daß wir die Retter Europas werden könnten. Wie denken Sie darüber?« Herr von Dochow klemmte sich sein Monocle ins linke Auge, sah träumerisch in die Ferne und bemerkte nach zwei Minuten: »Ich werde ihn sofort einladen.« Und es geschah. Und am Sonnabend waren 100 Geheime Regierungsräte mit ihren Damen in dem großen Garten des Herrn von Dochow. Der Baron von Münchhausen ward von allen Herren umringt und zu seinem prächtigen Aussehen herzlich beglückwünscht – hundert Mal! »Nun – zu den Damen!« rief der Baron lustig. Doch da kam der Herr des Hauses und sagte listig: »Herr Baron! Bitte erst eine Frage beantworten!« Der Baron nickte, und Herr von Wussow sprach: »Was sagen der Herr Baron zu dem Aeroplan-Turnier in Gotha, das am 18. d. M. stattgefunden hat?« »Oh! Oh!« erwiderte der Baron, »ich lese ja keine Zeitungen; ich habe keine Ahnung, was da stattgefunden hat. In Gotha? Gotha ist mir wohl bekannt.« »Es war«, fuhr Herr von Wussow fort, »ein veritables Bomben-Turnier.« »Was Sie sagen!« rief der Baron lebhaft. »Ja«, fuhr Herr von Wussow abermals fort, »es waren zwei Wurfkonkurrenzen ausgeschrieben. Die Flieger sollten in zweihundert Meter Höhe Bomben auswerfen – natürlich vorläufig ohne Dynamiteinlage. Einmal wars ein Feld von hundert mal hundert Meter Grundfläche, das andere Mal ein kleiner Zeppelin. Lindpaintner warf zehn Mal auf das Feld und traf sieben Mal. Was sagen Sie dazu, Herr Baron? Wenn diese Konkurrenzen allgemeiner werden, so sind unsre Warenhäuser, Kirchen und Sitzungssäle in der allergrößten Gefahr. Wie vermeiden wir die Zerstörung dieser wichtigen Staatsinstitute? Das müssen Sie uns erst sagen. Sie sind ja in China gewesen.« »Nachher«, rief von Dochow, »führen wir Sie zu den Damen – wir führen Sie dort als Retter ein.« »Einen Stuhl!« rief der Baron. Man brachte ihn, der alte Herr setzte sich, zog sein Notizbuch hervor und machte zehn Minuten hindurch Notizen. Die geheimen Regierungsräte wurden durch das Stehen sehr angestrengt, und sie setzten sich nach und nach alle auf Stühle, Klubsessel und Diwans; die Diener schleppten die Sitzgeräte mit großer Gewandtheit herbei. Als sie alle so da saßen, sprach der Baron: »Merkwürdig, daß Ihnen dieses Problem Schwierigkeiten macht. Eine Gegenfrage zunächst: warum haben Sie die Stadt Rixdorf in Neu-Kölln umgetauft?« Betreten sah einer den andern an, schließlich bemerkte kleinlaut Herr von Dochow als Herr des Hauses: »Eine sehr diplomatische Frage!« »Sie müssen mir«, fuhr der Baron fort, »diese Frage schon beantworten, sonst schweige ich wie eine Pyramide – und wenn zehntausend Frauen da sein sollten.« »Hm!« erwiderte von Dochow, »vielleicht hat Herr von Wussow die Güte, sich über Neu-Kölln zu äußern.« »Soll«, fragte wieder von Wussow, »eine ganz freimütige Antwort erfolgen?« »Gewiß! Gewiß!« riefen alle Geheimräte. Herr von Dochow bat die Dienerschaft, sich sofort zu entfernen. Es geschah. Und Herr von Wussow sprach nun leise und hastig: »Es war natürlich überall bekannt, daß Rixdorf ganz und gar von Sozialdemokraten bewohnt wurde; Rixdorf war eine Hochburg der Sozialdemokratie. Es gibt noch viele andere derartige Hochburgen. Aber mit Rixdorf sollte der Anfang gemacht werden. Es wurde uns die Aufgabe gestellt, Rixdorf als Hochburg zu vernichten. Und die Lösung des Problems gelang uns spielend: Rixdorf verschwand, indem sein Name verschwand; Neu-Kölln wird Niemand mehr eine Hochburg der Sozialdemokratie nennen; das steht bombenfest.« Er schwieg, und die andern neunundneunzig Geheimräte blickten mit Stolz auf ihren Kollegen. Herr Baron von Münchhausen steckte sich eine Zigarre an und sagte: »Dachte mir schon, daß die Sache so zusammenhängen würde. Ja! Das Umtaufen! Wenn Sie nun den Patriotismus neu beleben wollen, sodaß er Ihnen bei Bekämpfung der höheren Dynamitgefahr hilft – d. h. gegen das Dynamit, das von oben kommt, schützt – so seien Sie noch kühner bei dem bevorstehenden Umtaufen der Städte. Zunächst seien Sie harmlos, damit man sich an die Umtaufen gewöhnt. Machen Sie aus Groß-Lichterfelde – Berlin-Lichterfelde, aus Zehlendorf-Wannseebahn – Zehlendorf-Mitte; das wirkt harmlos. Dann aber kitzeln Sie den patriotischen Ehrgeiz: machen Sie aus Charlottenburg – Gravelotte, machen Sie aus Köpenick – Sedan usw. usw.« »Ja«, rief nun Herr von Wussow entsetzt, »das macht ja die Bevölkerung noch kriegerischer. Das wäre ja Selbstmord.« »Selbstmord!« klang es von rechts. Und »Selbstmord« klang es auch von links. Herr von Dochow klemmte wieder sein Monocle ins linke Auge und sagte zu Herrn von Wussow: »Ihre Einladungsidee scheint nicht sehr berühmt zu werden, Herr Kollege!« »Na, warten wirs«, versetzte der heftig, »doch erst ab.« Der Baron rauchte und gestattete seinen Zuhörern, immer wieder das Wort »Selbstmord« zu verwenden. Endlich rief Herr von Wussow: »Ich bitte sehr um Ruhe. Der Herr Baron will doch fortfahren.« »Freilich!« sagte dieser, »hören Sie doch: wenn alle Schlachtplätze Frankreichs aus dem Kriege von 1870 auf die einzelnen Städte Deutschlands verteilt sind – wenn Straßburg – St. Privat heißt, Hamburg – Neu Orleans – usw. – und wenn man recht oft das Wörtchen 'Neu' verwertet hat, so kann man, da ja die Bevölkerung schon an die Umtauferei gewöhnt ist – so kann man – Berlin auch in Neu-Paris umtaufen.« »Ah!« riefen da alle Geheimen, und sie hielten den Mund länger auf, als schicklich ist. Herr von Wussow lachte plötzlich ganz laut. Die Andern lachten ganz leise. Und alles sah den Baron gespannt und fragend an. »Weiter!« rief Herr von Dochow. »Nun«, fuhr der Baron fort, »jetzt könnten Sie sich doch ganz leicht den Text selber konstruieren. Frankreich würde nach dieser Tauftat Deutschlands doch Paris zu Neu-Berlin machen ––– alles würde lachen, lachen, sehr laut lachen.« Jetzt lachten alle Anwesenden so laut, daß sich die Damen, die fünfhundert Meter entfernt waren, ganz erschrocken umblickten. Der Baron stand auf und sagte: »Bin ich jetzt Ihr Retter?« Und alle riefen jubelnd: »Ja! ja!« »Die Lachenden sind immer friedlich.« »Die Bomben schmeißenden Flieger werden ja nicht Städte beunruhigen, die Heimatsnamen der Flieger tragen.« »Und das gilt für beide Parteien.« Herr von Dochow führte den Baron zu den Damen und stellte ihn nur mit diesen zwei Worten vor: »Unser Retter!« Da verbeugten sich die Damen sehr tief, denn sie wußten ganz genau, warum der Baron eingeladen war. Der Baron als Organisator Eine Fabrikgeschichte Im Sommer des Jahres 1912 wurde der alte Münchhausen in Berlin so berühmt, daß ihn eines Tages zehn amerikanische Dollar-Millionäre besuchten und ihn baten, doch eine Glasfabrik, die vierzig Meilen hinter Milwaukee liegt, zu organisieren; er sollte dort Anordnungen treffen, die die Glasarchitektur populär machen könnten. »Was ich alles soll!« rief der Baron. Doch ihm wurde versprochen, daß er selber in den prächtigsten Glaspalästen sein Heim aufschlagen dürfte. Und das Pekuniäre war so glänzend, daß der alte Herr sehr bald in aller Form »Ja« sagte – zu Allem. Er gab schnell der Gräfin Clarissa vom Rabenstein durch ein längeres Telegramm Nachricht und verabschiedete sich gleich am selben Abend bei seinen Bekannten. Kurz bevor er in seinem Automobil zur Bahn fahren wollte, hielt ihn noch der Graf Klemándoff fest und sagte rasch zu ihm: »Eine Kleinigkeit, Herr Baron: Sie wissen, daß ich hier als Chef der russischen Sicherheitspolizei die Aufgabe habe, alle Großfürsten, die sich in Berlin amüsieren, zu schützen vor Attentaten. Können Sie mir nicht einen Rat geben, wie ich das am besten anfange?« Der Baron besann sich einen Augenblick und sagte dann kurz: »Tausend imitierte falsche Großfürsten einführen und mit Taschengeld ausrüsten.« Der Graf Klemándoff kraulte sich hinter den Ohren und sagte: »Bin so schwer von Begriffen; neulich vom Pferde gestürzt.« »Nun«, fragte der Baron, »trägt nicht jeder Großfürst Lackschuhe, Zylinder und ein Monocle?« »Freilich! Freilich!« rief der Graf. »Also«, fuhr Münchhausen fort, »kaufen Sie ein paar tausend Monocles und – suchen Sie sich die Leute aus.« »Sie glauben?« fragte der Graf. »Na natürlich«, sagte der Baron, »wenn man überall Großfürsten sieht, werden die Attentäter nicht wissen, ob sie die rechten vor sich haben.« Der Graf drückte dem Baron die Hände und tat, wie ihm geheißen ward. Und bald sah man so viele falsche Großfürsten, daß die echten nichts mehr zu befürchten hatten.   Hinter Milwaukee in Amerika fand nun der Baron die Glasfabriken. Sie waren tatsächlich sehr großartig. »Aber«, rief der alte Herr, »wo sind die Glaspaläste, in denen ich wohnen soll?« Ja – die waren noch nicht da. Der alte Herr telegraphierte an die Gräfin Clarissa, daß sie erst nach drei Monaten nachkommen könnte. Danach baute der alte Herr für sich und die Gräfin einen nicht sehr umfangreichen Glaspalast. Eisengerippe wurden in den Steinboden hineinzementiert, und dann kamen doppelte Glaswände (bunt ornamentierte) in die Eisengerippe. Eine leichte Hallenanlage. Überall Steinmosaik als Fußboden. Und elektrisches Licht kam zwischen die Wände und in die innen befindlichen Säulen. In diesen wurden auch Heiz- und Kühlanlagen untergebracht. Natürlich: Die Säulen hatten alle möglichen Formen, und bunt ornamentiertes Glas umschloß die Säulen. In drei Monaten war alles fertig. Und die Gräfin Clarissa schlug die Hände überm Kopfe zusammen, als sie dieses Prachtschloß sah; sie ordnete gleich an, daß in ihren Zimmern Stoff auf den Fußboden kam und einige Portieren vor den Türen angebracht wurden. Nachts sah das kleine Schloß auch von außen wie ein Juwel aus.   Die Millionäre gratulierten dem alten Herrn, als sie seine erste Schöpfung sahen. Der aber sagte etwas mißlaunig: »Sie wollen wie echte Hochstapler Reklame machen für Dinge, die eigentlich noch garnicht da sind. Was ich hier gemacht habe, ist doch nur ein kleines Provisorium. Jetzt mehr Architekten anstellen!« Das letztere geschah sogleich.   Danach verkehrte der Baron nur noch mit den Architekten. »Eine Fabrik organisieren«, sagte er eines Tages, »ist wahrlich keine Kleinigkeit. Jetzt kommt es darauf an, daß dieses etwas provisorische Eldorado rasch in der ganzen Welt bekannt wird.« Die Architekten blickten gespannt ihren Baron an. Der schwieg aber. Die Gräfin Clarissa ließ Pfirsiche bringen auf blauen Porzellanschalen. Danach zog sie ihre Zigarettendose aus Email hervor – und zündete sich eine Zigarette an. »Es ist ein historischer Moment! Ich empfehle den Herren, erst zu rauchen und die Pfirsiche nur anzusehen. Wir wollen durchaus nicht, daß der feierliche Moment gestört wird.« »Clarissa«, sagte der Baron, »Du bemühst Dich wohl, ironisch zu werden.« Die Herren rauchten. Clarissa schwieg. Der alte Baron rauchte auch und sagte dann langsam – es war 5 Uhr nachmittags und die Sonne ging grade unter, da es Winter war: »Ja, meine Herren, was soll eigentlich bekannt werden? Sollen die paar Glasvillen, die wir hier gebaut haben, bekannt werden? Ich dächte, wir bauen erst mehr, bevor wir mit dem Gebauten an die Öffentlichkeit treten. Als ich im Jahre 1912 hier ankam, dachte ich, daß schon etwas Neues da wäre. Aber – man hatte mich reingelegt; ich kam in eine Wildnis. Da organisieren! Man könnte mich Wildnisorganisator nennen. Es ist also noch nicht so weit, daß wir heute schon etwas Großartiges bekannt machen könnten. Dieses muß erst da sein.« Die Clarissa rief lachend: »Wenns aber da ist, wie willst Du denn die Sache bekannt machen? Willst Du vielleicht die Sache durch die Zeitungen bekannt machen? Das ist nicht so schwer. Und neu ist es auch nicht. Münch aber will doch immer das Neue, und das Leichte mag er auch nicht so gerne. Demnach bin ich weiter gespannt und warte auf den historischen Moment.« Der Baron lächelte und sagte danach: »Die Clarissa hat ein Ahnungsvermögen; sie weiß immer, wenn etwas Wichtiges kommt.« »Ah!« sagten nun alle. Doch der Baron sagte: »So einfach ist die Geschichte nicht, die ich jetzt deutlich machen will. Ich bin hier auch als Organisator der Reklame engagiert. Und da habe ich länger über die Geschichte nachgedacht. Wollen wir das Ende der Backsteinkulturepoche herbeiführen, so haben wir die Glaskulturepoche daneben zu stellen. Das Bessere verdrängt immer das Gute. Wie aber wollen wir dieses anfangen – dieses Danebenstellen? Wir müssen die Glaskultur so vorführen, daß sie einem vernünftigen Zwecke entspricht. Kurzum: ich meine, daß wir eine Licht- und Farbensignalsprache zu erfinden haben – dieser müssen dann die Glaspaläste entsprechen. Diese sind nötig , wenn wir eine Licht- und Farbensignalsprache einführen wollen. Licht und Farbe lassen sich doch nur durch Glasarrangements herstellen. Da wirds denn sehr natürlich aussehen, wenn wir die Signalhäuser gleich ganz und gar aus Glas und Eisen herstellen lassen – und die Herstellung dieser Signalhäuser muß auch an möglichst vielen Punkten der Erde geschehen.« »Münch«, rief die Clarissa, »jetzt weiß ich weiter: Du willst durch diese Signalhäuser gleich die gesamten Zeitungen verdrängen – hab ich Recht?« »Das hast Du!« sagte der Baron. Da kamen denn die Architekten nach und nach dahinter, daß diese Reklame zweifellos eine vorzügliche sei. »Und«, sagte ein junger Architekt, »die Signalhäuser könnten auch, wenn Wichtiges nicht vorfällt, Inserate signalisieren. Dadurch wären die Kosten der Bauten leicht aufzubringen.« Der Baron sagte lachend: »Jetzt wollen wir aber nicht in Geschäftsphantasieen verfallen. Die Zeitungen werden durch die neue Licht- und Farbenkonkurrenz bald umgebracht sein. Jetzt heißt es aber: die Signalsprache erfinden !« »Vordem«, sagte die Gräfin Clarissa, »müssen wir aber die Pfirsiche verzehren. Einem historischen Moment muß immer ein frugales Frühstück folgen.« Die elektrischen Lampen wurden angezündet, und die Pfirsiche wurden verzehrt. Der Baron und die Religion Der alte Baron wurde nun sehr bald in Amerika die Größe des Tages; seine Signalsprache und seine Signalstationen beschäftigten alle Welt. Und bald kannte jedermann die Farben- und Lichtsignale und konnte sie jederzeit entziffern – am Tage und in der Nacht. Die Zeitungen erhielten unzählige Abbestellungen und selbst die größeren Tageszeitungen mußten sehr bald ihren Betrieb verkleinern. Dadurch wurde nun auch die Glasarchitektur ein allgemeines Tagesthema; die Signalstationen wirkten wie Brillanten – stachen Allen in die Augen und erregten einen allgemeinen Licht- und Farbenbrand, sodaß sehr viele Leute in Glasvillen leben wollten und beim Baron immer mehr Bestellungen einliefen. Die Lebensinteressen veränderten sich dadurch ganz erheblich; man wollte nicht mehr in Backsteinhäusern leben; die größeren Backstein-Hotels und -Restaurants verloren ihre Anziehungskraft. Da wars nur ganz natürlich, daß auch die vielen religiösen Sekten auf den alten Baron aufmerksam wurden. Und bald kamen Vertreter vieler Religionen zum alten Baron in die Glasfabrik hinter Milwaukee. Neben der Fabrik entstand sehr bald eine große Kolonie von Glasvillen und Glaspalästen. In einem der größten Glaspaläste wohnte jetzt der Baron mit der Gräfin Clarissa wie ein Nabob und empfing täglich Besucher aus allen Gegenden der Welt; es ging sehr lebhaft bei ihm zu. Merkwürdiger Weise drehte sich bald alles in diesem großen Glaspalaste des Barons um die Religion. Die religiösen Fanatiker wollten einen Zusammenhang zwischen Religion und Glas entdecken, schrieben diesem magische übernatürliche Wirkungen zu und setzten den Baron nicht selten mit ihren merkwürdigen Fragen in Verlegenheit. Der Baron nannte seine Kolonie nur das »Provisorium«. Dadurch erzielte er aber, daß jetzt sehr viele Leute von ihm noch mehr und ganz übernatürliche Dinge verlangten. Man brachte Kranke zu dem alten Herrn; er sollte alle möglichen Gebrechen heilen; er sollte Wundarzt und Nervenarzt spielen; er geriet schließlich in eine kleine Verzweiflung. Dazu kam noch, daß sein hohes Alter immer mehr den Leuten zum Bewußtsein kam. Viele hielten den alten Herrn für eine übernatürliche Erscheinung. Und auch die Geldleute, die hinter der Glasfabrik standen, waren sehr geneigt, in ihrem Münchhausen übernatürliche göttliche Kräfte zu entdecken. Münchhausen empfing zudem in einem Glassaale, der größer war als der Dom zu Köln. Und da in diesem Riesensaal alle Wände und die Decken nur aus Stahl und Glas bestanden, so wirkte das Ganze sehr bald so religiös, daß ein lautes Wort Niemand mehr zu sprechen wagte. Riesig imposant wirkten die großen Säulen, deren Glasumkleidung natürlich in der Farbe zu den Farben der Wände kontrastierte. Der Boden des Saales war hügelig und mit vielen Pflanzen bedeckt. Man stieg auf Marmorstufen hinauf und konnte auf Terrassen sitzen – in der Tiefe gab es auch kleine Teiche mit Schwänen. Die großen Palmenhäuser der botanischen Gärten hätten hier im Arrangement viel lernen können. Zunächst empfing der Baron familiär wie ein alter Hausvater. Als aber die Audienzen immer feierlicher wurden, ging das nicht mehr an; man konnte auch nicht täglich ein paar hundert Gäste freundlich bewirten; das nahm doch zu viel Zeit in Anspruch und ermüdete auch den alten Herrn. Somit gabs bald nur noch feierliche Empfänge, wie sie bei den großen Potentaten großer Staaten üblich sind. Allerdings: im sogenannten »Provisorium« wurde ganz anders verhandelt als bei den Staatsaktionen der Potentaten; bei diesen handelte es sich doch immer nur um geschäftliche, familiäre oder rein formelle Angelegenheiten – das fiel natürlich im »Provisorium« einfach fort. Und da man hier nur möglichst bedeutsam Angelegenheiten abhandeln wollte, so bekam Alles ganz naturgemäß sehr bald einen rein religiösen Anstrich. »Jetzt könnte ich auch eine neue Religion gründen!« sagte der alte Herr zur Gräfin Clarissa. Diese schüttelte dazu mit dem Kopfe, aber sie wohnte allen Andienzen bei und interessierte sich sehr lebhaft für die dabei stattfindenden Debatten. Es würde nun natürlich zu weit führen, wenn wir hier ein großes Gesamtbild aller dieser höchst merkwürdigen Verhandlungen geben wollten. Nur ein paar kleine Scenen mögen im Folgenden diese Provisoriums-Audienzen ein wenig illustrieren: Eine theistische Gemeinde ließ sich eines Tages melden; es kamen über hundert Personen, zumeist Männer in den besten Jahren; sie erzählten mit großem Eifer, daß sie den Glauben an einen Gott wieder zu Ehren bringen wollten. Der Baron ließ die Herren ausreden. Danach aber sprach er das Folgende: »Sie tun so, als wenn Sie das große Licht entdeckt hätten, indem Sie sagen, daß Sie nur an einen Gott glauben wollen. Und Sie kommen sich wahrscheinlich sehr aufgeklärt vor. Nun bitte ich Sie, mir eine Frage zu beantworten: Können Sie den großen Weltenraum, in dem wir leben und sterben, begreifen? Er ist nach allen Richtungen unendlich. Können Sie diese Unendlichkeit nach unendlich vielen Seiten begreifen? Oder – können Sie sich wenigstens eine Vorstellung von diesem unendlichen Raume machen?« Die Herren Theisten wußten nicht recht, was sie darauf erwidern sollten; schließlich meinte der Älteste von ihnen: »Davon können wir uns doch wohl keine Vorstellung bilden; das soll uns wohl ewig unverständlich bleiben.« »Ja«, erwiderte der Baron, »wenn Ihr das aber nicht einmal könnt, so weiß ich nicht, warum Ihr nicht auch die Frage, ob es einen Gott oder mehrere gibt, für ewig unbeantwortbar haltet. Warum sagt Ihr nicht, auch dieses würde Euch wohl ewig unverständlich bleiben? Man zerbricht sich doch nicht den Kopf über unfaßbare Dinge. Wenn ich den unendlichen Weltraum nicht begreifen kann, so ist mir doch ein Wesen, das diesen ganzen unendlichen Weltraum erfüllt, erst recht total unverständlich.« Acht Tage nach dieser Unterhaltung erhielt der Baron ein langes Telegramm von dieser Theisten-Sekte, in dem mitgeteilt wurde, daß sich die ganze Sekte einstimmig aufgelöst habe. Das freute besonders die Clarissa in außerordentlicher Weise.   Dann kamen auch mal ein Dutzend Irokesenhäuptlinge und wollten von dem großen Baron wissen, ob der »große Geist« ein guter Geist sei. Als das der Baron bejahte, schüttelten die braven Häuptlinge das federgeschmückte Haupt und sagten: »Das können wir nicht mehr glauben, da es so viel Ungeziefer gibt.« Hierauf der Baron: »Also Ihr wißt nicht, warum Euch das Ungeziefer so plagt? Das wißt Ihr nicht?« Die Antwort lautete: »Nein!« »Nun«, fuhr der Baron lächelnd fort, »die Geschichte ist doch sehr klar. Damit will der große Geist zu Euch sagen: wohnt endlich mal in Glasvillen, da gibts kein Ungeziefer mehr, da dieses im Stein und Glase keine Schlupfwinkel findet; es ist auch leicht mit dem Vacuumsauger zu entfernen.« Da machten die Häuptlinge große Augen. Und sie bestellten gleich in der Fabrik ein paar Glasvillen.   Und der Baron sprach nachher zu Clarissa: »Man kann doch überall feine Zusammenhänge entdecken, die auf das Wirken von guten Geistern hindeuten. Jede Unbequemlichkeit ist ein Druckmittel, das Energie erzeugt. Und jeder Schmerz will dasselbe. Perpetuirlich in Luft leben, führt zu garnichts, ist tierisch und erschlafft, macht auch dumm. Wer überflüssiges Geld hat, gehört selten zu den Klugen. Es gibt wohl eine höhere Gerechtigkeit.« Die Clarissa erwiderte: »Das Provisorium wird aber allmählich zum Orakel. Wer weiß, wonach Du morgen gefragt werden wirst. Ich hätte Lust, wie die Pythia zu Delphi aufzutreten. Da rede ich dann nur, was Münch mir souffliert.« Sie lachten.   Aber am nächsten Tage kamen viele Leute, die alle wissen wollten, ob sie nicht recht daran täten, aus der christlichen Kirche auszutreten; sie wandten sich dabei sehr heftig gegen die nach ihrer Meinung unverständliche Dreieinigkeit. Der Baron sprach, und es klang feierlich in dem weiten Hallenraum: »In religiösen Dingen soll man doch sehr vorsichtig mit der sogenannten Aufklärungsarbeit vorgehen. Man verdammt sehr oft Dinge, die man garnicht verstanden hat. Man denkt, daß Idioten sich das große Wort in der Weltgeschichte eroberten. Das ist nie der Fall gewesen; wohl aber sind die Worte der Weisen oft von Idioten so verstümmelt, daß man allerdings aus den Verstümmelungen garnicht mehr klug werden kann. An diesen ist oft aber blos die Unwissenheit der Verbreiter einer Lehre schuld. Ich glaube, daß im Ursprünglichen immer etwas enthalten ist, das man wohl als Erkenntnis bezeichnen kann; nur die Erklärer machen nachher sehr oft eine ganz verworrene Geschichte daraus. Hauptsache ist, daß wir selber nicht verworren werden. Ich weiß wohl, daß mans werden kann, wenn man zu viel auf einmal sich klar machen will. Dann wird man anfänglich so klar, daß man sich simpel vorkommt – und nachher, wenn man zuviel beantworten muß, so kann man oft, wenn man nicht ehrlich gegen sich ist, zum Phrasendrechsler werden, der immer wie ein Seiltänzer aussieht, der bald vom Tau fallen muß.« »Zur Sache!« rief da die Gräfin Clarissa. Der Baron aber fuhr fort: »Das wollte ich mir schon selber zurufen. Die Dreieinigkeit ist eine Sache, die über 5000 Jahre alt ist. Die babylonischen Priester sahen immerzu zum Himmel empor, was sehr löblich ist. Sie hatten noch keine Fernrohre und Teleskope, dachten ganz einfach, sahen die Sterne nur als Punkte – drei Sterne aber waren kleine Scheiben: Sonne, Mond und Venus. Diese Drei wurden bald zu einer Dreieinigkeit. Die babylonischen Priester sahen, daß sich alle Fixsterne um die Erde drehten, sie erfanden darum die 12 Tierkreisbilder, in denen sich die fünf Planeten, Sonne und Mond bewegten. Nun entdeckten sie, daß sich immer drei Punkte, wenn sie nicht in einer Graden liegen, durch eine Kreislinie verbunden werden konnten. Dadurch wurde die Dreieinigkeit weiter ausgebildet. Aus dieser, nur auf Sternbetrachtung gegründeten Spekulation, entstand dann alles Dreieinige. Dieses hat also ein großes Alter und ist ehrwürdig – nicht nur des Alters wegen – sondern weil es auf der Sternbetrachtung beruht, aus ihr hervorgeht. Was aus dieser hervorgeht, ist gewissermaßen immer gut. Darum seien Sie vorsichtig bei Ihrer Aufklärungsarbeit. Bedenken Sie, daß wir heute mit allen unsern Teleskopen nicht viel mehr von der Sternenwelt begreifen, als die alten Priester in Babylon. Und darum seien Sie jeder Religion gegenüber freundlich; ein guter Kern steckt in allen Religionen.« Darüber sprachen sie noch sehr viel.   Am nächsten Abend sagte die Clarissa, als sie an dem großen Teich ihres Saales vorübergingen – als da der Teich von den farbigen Lichtern der Säulen und Wände und Decken ganz bunt wurde – auch die weißen Schwäne wurden ganz bunt: »Münch! Derartige Erörterungen wie die gestrige wollen wir jetzt nicht mehr ohne erhöhte Feierlichkeit zum Besten geben. Ich möchte Pythia spielen und dann orakeln. Du mußt soufflieren. Aber wir müssen uns zunächst die Fragen selber stellen, damit wir den Leuten auch etwas Handgreifliches und nicht nur Spekulatives bieten können.« Der Baron war einverstanden. »Wie«, fragte die Clarissa, »willst Du die erste Frage formuliert haben?« »Sehr einfach«, sagte der alte Herr, »frage mich nach dem guten Kern, der in allen Mysterien des Altertums steckt. Dann werde ich Dir eine Antwort aufschreiben, die Du dann in bengalischer Beleuchtung ablesen kannst.« »Bengalische Beleuchtung?« Also die Gräfin. »Freilich!« erwiderte der alte Herr, »Dein Gesicht wird durch grünen Scheinwerfer unheimlich gemacht. Ringsum dunkelviolette Finsternis. Das wollen wir wirkungsvoll herausbringen.« Und der Text, den die Gräfin grün beleuchtet vorzulesen hatte, lautete: »Die unverstandenen Mysterien, besonders die eleusinischen Mysterien im alten Hellas, wirkten vornehmlich durch ein großes Licht, das den ganzen Raum erfüllte. Und der Myste empfand die Wirkung dieses Lichtes so ungeheuerlich überwältigend, daß er auf die Kniee sank; wenn er auch anfänglich dem Zauber der Mysterien skeptisch gegenübergestanden hatte. Dieses große Licht ist der gute Kern der Mysterien. Ihn sollen wir auch heute noch fest halten und in unsern Glaspalästen wieder zur Wirkung bringen. Das große Licht macht den Menschen gut. Durch das große Licht werden große Gedanken im Menschen lebendig. Das große Licht beim Fronleichnamsfeste der katholischen Kirche stammt auch aus der Schatzkammer der alten Mysterien. Und der Weihnachtsbaum der gesammten Christenheit stammt ebenfalls daher. Darum baut Glaspaläste – damit Ihr das, was früher nur auf großen Festen geboten wurde, auch öfters zu Hause haben könnt. Die Glasarchitektur ist ein Kind der alten Mysterien. Nicht mit Unrecht hat man im farbigen Glase einen geheimnisvollen mystischen Zauber vermutet. Schon die alten Kirchen des europäischen Mittelalters zeigten sehr viele Glasfenster. Die wollen wir wieder haben, damit unser ganzes Leben kathedralenhaft wird. Heute können wir durch den Eisenbau noch größere Glaswirkungen hervorbringen – als im europäischen Mittelalter. Das große Licht soll der Erlöser der Menschheit sein.« Das brachte nun die Clarissa vor großem Publikum machtvoll heraus. Der Baron freute sich sehr. Und die Zuhörer gingen gleich nachher in Scharen zur Fabrik und bestellten Glasvillen und Glaspaläste. Das Provisorium aber wurde täglich größer. Die Fabrikherren waren außer sich vor Seligkeit. Einen solchen Baron hielten sie für unbezahlbar – und sie gewährten ihm einen unbeschränkten Kredit. Sämmtliche religiösen Sekten in Amerika bestellten große Glas-Kathedralen. Und so ward die Glasarchitektur durch die Verbindung mit der Religion immer größer. Die Worte der Clarissa über Mysterien wurden auch von allen Scheinwerfern der Signalstationen feierlich in Licht- und Farbensprache durch die Lande getragen. Der Baron als Erzieher In Amerika war nun die Glaskultur als durchgesetzt zu betrachten; das herrliche Tiffany-Glas wurde in ungeheuren Quantitäten hergestellt, aber auch alle anderen Glasarten erfreuten sich einer großen Beliebtheit. An vielen Punkten der Vereinigten Staaten von Amerika, die für ganz Amerika tonangebend waren, wurden bereits die alten Backsteinhäuser abgebrochen. Und man begann, die Wege durch Backsteine glatt zu machen; es gab schon lange Backstein-Chausseen, deren Backsteine aus den Häusern der Städte stammten. Die organisatorische Tätigkeit des Freiherrn von Münchhausen hatte ganz Amerika auf die richtigen Wege geleitet; nun entwickelte sich alles – beinahe von selbst. Amerika war also in der Kultur allen andern Erdteilen vorausgeeilt. Wenn der alte Münchhausen den Wunsch geäußert hätte, Kaiser von Pan-Amerika zu werden – alle Amerikaner hätten ihm ohne Weiteres das dickste Scepter übergeben – mitsamt einer Krone von vielen Centnern Gewicht. Aber der alte Herr sagte kühl: »Regiert Euch allein! Ich habe keine Potentatengelüste – so sind mir die Amerikaner denn doch nicht ans Herz gewachsen, daß ich mich um alle ihre Angelegenheiten kümmern und immer aufm Thron sitzen und regieren sollte. Ich liege lieber aufm Diwan und rauche eine Cigarre nach der andern. Das ist bequemer.« Also – mit dem Regierungsrummel ließ sich bei dem alten Herrn wirklich nichts anfangen; er hatte auch wahrlich für Amerika genug getan. Jetzt aber dachte der unermüdliche alte Herr über die andern Erdteile nach. Und er sagte zu seiner Clarissa eines Tages: »Die andern Erdteile tun mir in der Tat in der Seele leid – besonders das arme Europa dauert mich. Da wohnen die Leute immer noch in finstern Backsteinhöhlen und bekommen nur finstere Gedanken. Das große Licht ist ihnen noch nicht aufgegangen. Sie haben die Bedeutung des großen Lichts noch nicht begriffen. Die Ärmsten tun mir in der Tat in der Seele leid. Selbst im Tierreich ist es doch so, daß die Tiere, die sich eine anständige Wohnung zulegen, recht lange leben bleiben – wie die Bienen, Biber, Ameisen und Schwalben. Auf der anderen Seite sehen wir, daß Tiere wie die Schweine, die auf ihre Wohnungsverhältnisse gar keinen Wert legen, rettungslos dem Untergange verfallen sind. Das ist ja weltbekannt. Und doch achtet in Europa Niemand auf diese allzu deutliche Sprache der Natur. Lebe in einem Glashause, sagen wir dagegen, so wird es Dir wohl ergehen, und Du wirst lange leben und glückliche Einfälle haben.« »Münch«, rief die Clarissa, »Du bekommst, wie mir deucht, das Redefieber. Du bist der Kikero der modernen Kultur. Der Glas-Kikero! Oh!« Der Baron sprang vom Diwan auf und sprach scharf wie ein ergrimmter Ober-General: »Clarissa! Du darfst hier keine Münchhausen-Lästerungen ausstoßen! Das geht nicht! Wenn Du das noch mal tust, drück ich hier auf den Domestikenknopf und lasse sofort zehn Scharfrichter kommen! Ich werde mir schon Respekt verschaffen. Gleich wirst Du Dich anziehen und mit mir nach Europa reisen. Meine Rettungstätigkeit habe ich schon ganz heimlich vorbereitet." Die Gräfin Clarissa klatschte in die Hände und sang immerzu: »Bravo! Bravissimo!« Der Baron sang mit, rief aber plötzlich: »Aber Du sollst Dich doch anziehen.« Da ging sie in ihr Boudoir. Und dann fuhren die Beiden nach Europa – natürlich in ihrem großen Aeroplan-Omnibus, der schon manche Fahrt über den Atlantischen hinter sich hatte.   Über Madeira drehte sich die Gräfin um und blickte nach dem Westen. »Ei!« rief sie, »da kommt aber eine dunkle Wolke heran. Wir müssen auf Madeira landen.« »Landen«, versetzte der Baron, »können wir ja. Aber da im Westen ist gar keine Wolke.« »Was denn?« fragte die Gräfin. »Mein Gepäck!« sagte der Baron sehr schlicht. Da wunderte sich die Gräfin. Aber sie sah mit dem Aeroplan-Telescop hin und erkannte bald, daß die Wolke eine Aeroplan-Wolke war. »Donnerwetter! Münch!« rief sie heftig, »mit so viel Gepäck fährst Du nach Europa? Das ist ja eine entzückende Überraschung!« »Zur Strafe«, sagte der Baron, »für Deine Ironie.« Die Gräfin küßte dem alten Herrn ehrfurchtsvoll die Hand. Danach aßen sie auf der neuen Glasterrasse des Amerikahotels zu Madeira ein gutes Abendbrot und tranken den Landwein der Insel. Der Vollmond spiegelte sich in den Weingläsern.   »Jetzt werde ich mich«, sagte der Baron über der portugiesischen Küste, »als Erzieher produzieren.« »Münchhausen als Erzieher«, sagte die Gräfin, »klingt nicht grade sehr neu. Erst kam Schopenhauer als Erzieher, dann Rembrandt als Erzieher – und dann tausend Andre. In Deutschland scheint man nämlich sehr viel von Erziehung zu halten.« »Darum«, versetzte der Baron mit verschmitztem Lächeln, »will ich mich auch in Deutschland als Erzieher vorstellen. Wir fahren zuerst nach Berlin. Mein Gepäck besteht nur aus 50 Glasarchitektur-Ausstellungen. Die Modelle sind alle in Koffern. Es wird gleich in 50 Städten ausgestellt – zu gleicher Zeit in 50 Städten.« »Prachtvoll!« rief die Gräfin.   Und die Ausstellungen wurden in 50 Städten arrangiert. Die Ausstellungen, auf denen sehr viele Villen- und Palastmodelle zu sehen waren, erregten das Interesse bei allen Regierungen. Nur eine komische Seite kam dabei heraus: Alle Zeitungen berichteten, daß auch der alte Baron auf allen diesen Ausstellungen, die am selben Tage eröffnet wurden, eine Ansprache und ein paar kleine Vorträge gehalten habe. Die Europäer schüttelten den Kopf. Wie wars möglich, daß der Baron an einem und demselben Tage in Wien, Paris, Berlin, London und Petersburg – und noch in 45 andern Städten zu gleicher Zeit auftreten konnte? Einzelne wollten an Hexerei glauben. Sie wurden aber ausgelacht. Man kam bald dahinter: Kinematograph und Grammophon hatten so täuschend den alten Herrn in den Ausstellungen imitiert, daß kein einziger Zeitungsberichterstatter die Täuschung bemerkte. Die armen Berichterstatter wurden nun ebenfalls erbarmungslos ausgelacht. Der Baron aber sagte zu Ihnen: »Sehen Sie: warum führen Sie meine Signalstationen nicht ein? Stationen kann man unter keinen Umständen auslachen.«   Die Geschichte hatte leider ein merkwürdiges Nachspiel. Der Baron verkehrte in vielen Gesellschaften. Und da geschah das Unglaubliche: Man sah ihn eines Abends sowohl in München wie in Rom – in Berlin und auch in Stockholm. Das wurde von glaubwürdigen Personen bestätigt; der Baron wurde der Doppelgängerei beschuldigt und verhaftet. All sein Leugnen half ihm in Berlin nicht viel. Er wurde schließlich aus Deutschland ausgewiesen. »Die Sache geht mir über den Spaß«, sagte er zur Clarissa, »da haben sich ein paar alte Schauspieler einen Scherz geleistet, und ich werde dafür ausgewiesen. Außerdem werde ich jetzt auch ausgelacht. Mögen nun meine Ausstellungen ohne mich arbeiten. Wir ziehen uns schleunigst ins alte Provisorium hinter Milwaukee zurück. Als Erzieher habe ich keine Lorbeeren geerntet.« »Schadet nichts!« sagte die Gräfin Clarissa, »wenn nur die Glaskultur auch in den andern Erdteilen siegreich ist.« »Viktoria!« schrie der Baron. Und damit stiegen sie auf im großen Aeroplan – und der alte Herr sagte über Paris: »Meinetwegen können auch die Pariser über mich lachen; mir war das Lachen niemals unangenehm, auch wenns nur wie ein Auslachen klang.«   In Europa aber hattens jetzt die alten Herrn sehr schlecht. Man traute keinem alten Herrn mehr. Das Alter und das schneeweiße Haar geriet ganz eklig in Mißkredit. Immer hieß es: »Vorsicht! Acht geben, daß der alte Herr nicht als Baron Münchhausen auftritt!« Man mied die alten Herren. Und diese verwünschten den Baron. Das aber schadete dem in Amerika ganz und gar nicht.