René Schickele Das gelbe Haus Erzählungen Das Glück Martha diente als Kammerzofe beim Baron Neufville, Michael als Gärtner. Sie waren, ohne einander zu kennen, am selben Tag aus Deutschland gekommen, stammten beide aus der Kölner Gegend, hatten sich am selben Tag beim Baron verdingt. Sie waren wohl auch von gleichem Alter. Als sie an jenem Sommerabend zusammen aus dem Parktor gingen, wußten sie noch nicht einmal ihre Namen. Das Haus des Barons lag auf dem Hügel über Saint-Cloud, man sah vom Park über die Seine und den Bois de Boulogne auf Paris. Der Weg lief in steilen Krümmungen den Hügel hinab. An der ersten Biegung nahm Martha, weil sie so rannten, Michaels Hand, und nun mußten sie noch schneller laufen. Unten angelangt, warf sie sich mit schiefem Hut und gelockerten Haaren an seine Brust. Sie war wirklich ganz außer Atem und konnte sich kaum aufrecht halten. Um keine Zeit zu verlieren und möglichst schnell über die Seine in den Bois zu entkommen, wo sie sich vor ihrer Herrschaft sicher fühlen konnten, nahm der Bursche das zierliche Mädchen auf den Arm und trug es ein Stück Wegs. Sie sah wie eine kleine Französin aus mit ihrem braunen, spitzen Gesichtchen, den geraden Schultern und der dünnen Taille. Auch schaukelte sie mit den Beinen, die in gelben Strümpfen unter dem Tuchkleid hervorsahen, als ob sie auf einem Lehnstuhl läge. Das Kleid war ebenfalls gelb, und die schwarzen Lackschuhe hatten übertrieben hohe Absätze, die Michael überzeugten, daß sich darauf allerdings schlecht laufen ließ, zumal einen steinigen Weg hinunter. Unter den ersten Bäumen des Bois mußte Michael die kleine Dame absetzen. Sie nahm ihn an den Ohren, zog seinen Kopf zu sich herunter und belohnte ihn mit drei schallenden Küssen auf den Mund. Nach dem dritten Kuß hielt sie ihn fest und betrachtete seinen Mund. »Hübsch«, sagte sie mit zufriedenem Nicken. Sie sah ihm in die Augen und wiederholte: »Hübsch«, und diesmal rieb sie sanft, ganz leicht obenhin, erst die eine, dann die andere Wange an seinem Mund. Gleich darauf waren sie beide erschrocken, sie hatten den Wagen des Barons erkannt. Auch er hatte sie gesehen. Er ließ halten, und schon lief Martha wie ein kleines Mädchen auf den Baron zu und wechselte, den Fuß auf dem Trittbrett, einige Worte mit ihm, die Michael nicht verstand. Übrigens wurde er auch gar nicht beachtet. Martha stieg ein, und der Wagen fuhr in der Richtung nach Paris davon. Sie hatte sich nicht einmal nach ihm umgesehen. Von all dem begriff Michael bis auf den heutigen Tag nicht das geringste. Er war Martha, die doch unter demselben Dach wohnte, nicht wieder begegnet, bis sie sich heute, nach Feierabend, drunten im Garten bei ihm eingestellt hatte mit der Mitteilung, daß sie beide heute frei bekämen und zum weihnachtlichen Festbetrieb, dem Réveillon , nach Paris führen. Er sollte gleich vorausfahren und sie um halb zwölf an der Ecke des Boulevard de Sébastopol und der Rue de Rivoli abholen. Dort wollte sie ihn in einem Automobil erwarten. Michael hatte seine Ersparnisse genommen und war nach Paris gefahren. Auf dem Boulevard geriet er, ohne zuerst zu wissen, worum es sich handelte, in einen geordneten Volkshaufen, der ihn magnetisch anzog und mit sich fortführte. Es war ein Hungermarsch der arbeitslosen Erdarbeiter. Sie trugen den Aufruhr der Internationale auf die großen Verkehrsstraßen. An Stangen schrien Plakate: »Es sind sechstausend Arbeiter nötig, um die dringendsten Arbeiten zu Ende zu führen, und man hat dreitausend von uns entlassen!« ... »Publikum, man spielt mit deinem Geld, und auf den Chantiers wird nicht gearbeitet.« ... »Es gibt in Paris dreitausend Arbeitslose. Sie wollen Arbeit.« Und zwischen den Strophen der Internationale sangen sie: »Arbeit oder Brot! Arbeit – Arbeit oder Brot!« Sie kamen unbehelligt bis zum Boulevard des Italiens. Dort stellte sich ihnen ein starkes Polizeiaufgebot in den Weg. Sie schrien und pfiffen, aber bogen willig in eine Nebenstraße ein. Vielleicht das zehnte Haus dieser Straße ist die Mairie des neunten Bezirks, die auch ein Polizeibüro beherbergt. Als der Zug bis auf die Nachzügler daran vorbei war, öffneten sich die großen Torflügel. Aus dem Hof stürzte eine uniformierte Menge, drang im Laufschritt in die letzten Reihen der Manifestanten und sprengte sie auseinander. Aber die Arbeiter machten kehrt und schlugen auf die Polizisten ein. Es kam in der engen Straße zu einem heftigen Handgemenge. Polizisten und Arbeiter rollten über das Pflaster. Da kamen vom Boulevard des Italiens im Laufschritt die Polizisten an, die vorher dem Zug den Weg versperrt hatten, und in einem dumpfdröhnenden Schock wurde die zusammengekeilte Masse der Arbeiter nach vorwärts und in die Nebengasse geworfen. Michael kam mit einigen Rippenstößen und einem großen Zorn auf die Pariser Polizei davon. Im deutschen Leseklub, den er dann aufsuchte, erfuhr er mehr von den Ereignissen des Abends. Die städtischen Elektrizitätsarbeiter waren im Hause des Allgemeinen Arbeiterverbandes zusammengekommen in der festen Absicht, den Réveillon zu sabotieren, das heißt, das festliche Paris in Dunkel zu hüllen oder doch wenigstens damit zu drohen und so die verlangte Genugtuung zu erpressen. Sie verlangten schon lange eine allgemeine Revision ihrer Arbeitsbedingungen. Der Weihnachtsabend schien ihnen besonders geeignet, ihr Anliegen wirksam in Erinnerung zu bringen. Sie schickten ihren berühmten Führer Pataud zum Seine-Präfekten und ließen ihm sagen, er möge sich sofort zu besagter Revision verpflichten, weil sie sonst seiner Stadt Paris das Licht ausbliesen. Und die Revision wurde versprochen. Michael fühlte sich durch den Erfolg seiner französischen Kameraden gehoben. Den anderen deutschen Arbeitern im Klub ging es ebenso. Sie schlugen sich lachend auf die Schenkel oder rieben wenigstens vergnügt die Hände. Sie wurden ernst und feierlich, als eine Tür sich öffnete und ein brennender Weihnachtsbaum in seiner ganzen Pracht zu sehen war. Leider mußte Michael jetzt fort. Er fürchtete, die Aufmerksamkeit des Präsidenten zu erregen, und schlich behutsam hinaus. Um schneller vorwärts zu kommen, ging er durch Seitengassen und kam Punkt halb zwölf Uhr an die Stelle, wo die Rue de Rivoli den Boulevard de Sébastopol schneidet. Martha wartete bereits. Sie lehnte nachlässig in einer Ecke des geschlossenen Automobils und rauchte eine dünne parfümierte Zigarette. Als Michael sich neben sie setzte, tat sie einen tiefen Zug und warf die Zigarette zur Wagentür hinaus. Aber sie stieß den Rauch nicht gleich aus, sondern nahm Michaels Kopf in die Hände und legte den Mund auf seine Lippen, denen sie durch sanfte, zugleich eindringliche Andeutungen verständlich zu machen suchte, daß sie sich öffnen und den Rauch entgegennehmen sollten. Sie verstanden nicht, jedenfalls nicht schnell genug, und als der Wagen im nächsten Augenblick mit einem Ruck zur Fahrt ansetzte, wurden Michaels und Marthas Köpfe unsanft aneinandergeschlagen. Martha, die den Rauch verschluckt hatte, zog sich mit einem Hustenanfall in ihre Ecke zurück, aus der Michael sie nach einer Weile hervorholte, um ihr sachverständig auf den Rücken zu klopfen. Er war sehr verwirrt, hauptsächlich weil er fürchtete, daß er ihr einen Zahn eingestoßen haben könnte. Denn sein eigenes Gebiß, dessen Stärke ihm bewußt war, schmerzte. Nichts Derartiges war geschehen. Martha bemerkte nur, daß Automobile ungemütliche Fahrzeuge seien. Dieser Ansicht schloß Michael sich mit Überzeugung an. Er fügte hinzu, daß diese seine erste Automobilfahrt auch ruhig seine letzte sein dürfte. Eine Kutsche sei allemal besser. Er war vom Vorzug einer Kutsche so durchdrungen, daß er Martha bestürmte: »Sagen Sie, sagen Sie doch, wäre es nicht schöner, in einem Wagen wie dem des Barons zu sitzen – wir beide?« Martha irrte, wenn sie darin eine unfreundliche Anspielung auf die Begegnung im Bois de Boulogne zu erkennen glaubte. Michael dachte nicht daran und war deshalb sehr erstaunt, als sie mit böser Heftigkeit antwortete: »Wissen Sie, Eifersucht mag ich nun schon gar nicht. Damit kommen Sie bei mir nicht weiter!« Er nahm den Tadel an, fand aber trotz angestrengten Nachdenkens nicht, wodurch er ihn verdient hatte. Es geschah ihm Unrecht, das wußte er nun ganz bestimmt, er dachte daran, sich zu verteidigen, aber dann fand er das Unrecht so groß und Martha, die es leichtfertig beging, so verächtlich, daß er trotzig schwieg. Sie sang leise vor sich hin, was ihn in seiner geringschätzigen Meinung bestärkte. Ist sie wirklich eine Deutsche? fragte er sich. Aber das war sie zweifellos, wenn es ihm auch nicht so recht in den Kopf wollte. Er ging um das Abenteuerliche dieses Gedankens langsam herum, betrachtete ihn von allen Seiten und mußte sich eingestehen, daß er davon nicht gescheiter wurde. Dann saßen sie auf der Terrasse des Café de Madrid. Zwei Damen in Straßentoilette, Federhüte auf dem Kopf, kamen und sangen Lieder zur Gitarre. Von der zweiten Strophe an sang alles Volk den Kehrreim mit. Die Damen sammelten Kupfermünzen, versenkten ihre Instrumente in Wachstuchsäcke und mischten sich unter die in gedrängter Kolonne wandelnde, sich unaufhörlich aus zwei Richtungen durchdringende Menge, in der Hähne krähten, Nachtigallen schlugen, Trompeten schmetterten und Papprevolver durch die Richtung ihrer Schüsse Fröhlichkeit hervorklapperten. Die Witzbolde, die niemand bezahlte und die nur ihr Talent trieb, fuhren hin und her, winkten und hinterließen eine Lichtspur entzückter Glorie. Kaum waren die Damen mit den Gitarren gegangen, da erschien ein alter zahnloser Komiker mit einem Handkoffer, den er vor sich hinstellte. Er zog den Hut und hielt eine Ansprache. Zuerst eine heitere Szene. Die Klagen der Liebe . Er öffnete den Handkoffer und zog eine schmierige Perücke hervor, die er sich über den Schädel stülpte. Der Zylinder wurde in den Nacken geschoben, der Rockkragen in die Höhe geschlagen. Schon stand der Alte ›angezogen‹ da. Michael verstand gerade manche derjenigen Wendungen nicht, die am kräftigsten zündeten. Martha jedoch lachte und klatschte in die Hände. Sie hatte Michael durch ihre hübsche, herausfordernde Ausgelassenheit bald versöhnt. Der Komiker gab bekannt, daß er jetzt sammeln und dann das Gedicht des bekannten Chansonniers (»Wer?« ... schrie Marthas Nachbar ihr ins Ohr. »Legay«, rief sie belustigt. »Nie gehört«, schrie der andere zurück ...) Der Fetzen dreingeben werde. Als der Komiker die Soustücke aus dem Zylinder geklaubt hatte, machte er eine Bewegung, als ob er gehen wollte. Ein Gast in der ersten Tischreihe bekam ihn am Zipfel des Gehrockes zu fassen. »Holla! Und der Fetzen ?« Man schrie: »Heraus mit dem Fetzen !« »Hier!« sagte der Komiker. Er zeigte sein Taschentuch und begann zu rezitieren. Das Gedicht reichte von den Windeln bis zum Leichentuch. Aber es stimmte zu melancholischem Nachdenken, und deshalb zeigte man sich allgemein unzufrieden. Mit Verachtung beladen zog der Alte weiter. Manchmal wurden die Gäste auf der Terrasse von einer allgemeinen Bewegung vom Stuhl gehoben und umgedreht. Sie mußten zusehen, wie sich die Leute im Innern an den weißgedeckten Tischen vergnügten. Immer war etwas Neues los. Und sie lachten, sie lachten –! Da mußte man schon mitlachen, obwohl man natürlich die Zusammenhänge hinter den Scheiben kaum ahnen konnte. »Was, Michael?« rief Martha, »die verstehen zu leben in Paris!« Ja, die verstanden zu leben in Paris. Michael vergrub die Hände in den Hosentaschen und lehnte sich herrisch zurück. Ihm war zumute, als ob ihm an den Schultern zwei leichte, aber starke Flügel hingen, die er nur zu entfalten brauchte, um sich in einen Himmel voll rosaroter Balletteusen emporzuschwingen. Solche wurden nämlich von einem Postkartenhändler feilgeboten. Die Gestalt der Tänzerinnen war gemalt, aber das Röckchen bestand aus wirklicher Gaze, und der Händler wußte sie mit geschickten Fingern aufzubauschen, daß sie in gezackten Falten von der Gestalt abstanden. Vom Café de Madrid ging's in die Olympia . Der große Keller war festlich hergerichtet. Das Orchester lärmte, in einer Nische brannte ein Weihnachtsbaum, die Huris der weltbekannten Frauenbörse hatten phantastische Binden durchs Haar gezogen und tanzten sich die Weihnachtsmelodie der gefallenen Mädchen aus den Gliedern. In einer Ecke saß der Häuptling der marokkanischen Gesandtschaft, die gerade Paris besuchte, im Burnus von violetter Seide, mit einem blaßgelben Turban, den schneeweiße Kordeln umschnürten. An seiner braunen Rechten, die ein weißes Mädchenkinn stützte, funkelte ein Diamant. Wenn das schwermütige Gesicht lachte und die weißen Zähne zum Vorschein kamen, war es wirklich, wie wenn die Sonne ihr Mitrailleusenfeuer durch Wolken sendet. Ein Herr neben Michael fragte seine Dame: »Hast du die Weiber gesehn, die da drüben Zigaretten rauchten?« Sie sagte schüchtern: »Nein.« Auch die andern Damen hatten nichts gesehen. Da riefen die Männer: »Warum sind wir denn hergekommen?«, und die Damen lächelten und sahen mit blanken Augen um sich. Sie gefielen Michael nicht. Schon der erste flüchtige Vergleich mit den tanzenden Mädchen, den er beim Betreten des Kellers angestellt hatte, war zugunsten seiner Nachbarinnen ausgefallen, und er hätte sie gar nicht mehr beachtet, wenn nicht Martha immerfort mit ihrer spitzen Zunge nach ihnen gestochen hätte. Sie weidete sich an der Plumpheit dieser Damen mit einer Inbrunst, die Michael im Grunde unangebracht fand. Es hatte überdies die üble Folge, daß die Gatten der Damen sich ebenso aufmerksam, wenn auch bedeutend freundlicher mit Martha befaßten. Immer war einer dabei, sie zu mustern, und manchmal starrten sie alle zu gleicher Zeit herüber. Michael schleuderte einen wütenden Blick hinüber und sagte laut: »Ekelhaft, dieses Anglotzen!« Aber Martha legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte leise sein Handgelenk: »Stellen Sie sich vor, Sie säßen an ihrem Platz. Würden Sie nicht auch sehnsüchtig herüberblicken?« Sie senkte lachend das Gesicht und sah ihn mit leuchtenden Augen von unten her an. Michael bemühte sich, ebenso zu strahlen und ebenso verwegen zu sein. Da sie nicht nur ihre Hand auf seinem Arm liegen ließ, sondern ihm sogar ein wenig näher rückte, so wußten die Kerle ja Bescheid, wie es sich mit Martha und ihm verhielt. Es dauerte auch nicht lange, da gaben sie das Spiel auf und erhoben sich. Sie ließen ihre Damen vorausgehen und warfen Martha, alle auf einmal, einen listigen Abschiedsblick zu. Sie nickte fröhlich und winkte wie ein Kavalier. Michael gönnte ihnen die Freude. Und um es ihnen zu zeigen, winkte er auch. Fühlte er doch Marthas Knie an seinem! »Gott sei Dank, daß wir sie los sind«, sagte er und schlang kühn seinen Arm um ihre Hüften. Sie schmiegte sich an ihn und fragte plötzlich tiefernst: »Michael, liebst du mich?« Ein Schauer wie von einem kalten Luftzug kroch ihm über den Rücken, Brust und Kopf aber brannten. Er sah ihr fassungslos in die Augen und betrachtete dann jedes Teilchen ihres Gesichts. Ohne ihre Stellung zu verändern, legte sie beide Arme um ihn, und wieder bekam er es kalt auf dem Rücken und heiß auf der Brust, und sie flüsterte: »Ja, Michael?« Er blickte verzweifelt um sich. Es war niemand da, der ihn auslachte. Aber es half ihm auch niemand. Sein Blick kehrte zu ihrem Gesicht neben ihm, zu ihren Augen unter ihm zurück, und dieser Blick hatte etwas so Flehendes, daß Martha erschrocken die Arme fallen ließ und schluckte, als ob sie weinen wollte. Michael war im Begriff, sie an sich zu reißen. Er biß die Zähne aufeinander, die Stirnadern waren geschwollen, und er sah böse aus. Er hob seine schweren Arme wie zu einer gewaltigen Arbeit, aber soviel Drohung die senkrechte Falte über der Nasenwurzel zu enthalten schien, die blauen Augen glänzten in ätherischer Verzückung. Sie waren klar wie Wasser in einem silbernen Becher. Da strich Martha ihm sanft über die Stirn, die Hand verweilte ein wenig auf den Augen, und sie strich ihm mütterlich über das Gesicht, in dem jetzt der fleischige, schön geschwungene Mund zuckte: »Martha weiß, daß Michael sie liebhat. Michael muß nur still sein.« Sie beobachtete, gütig lächelnd, wie er sich langsam beruhigte. Als die Musik einen Walzer spielte, griff sie ihm in das gelbe, gelockte Haar und rief: »Komm, Schatz, jetzt wird getanzt. Eins, zwei, drei, vier – eins, zwei ...« Sie erwartete nicht, daß er tanzen konnte, und versuchte mit viel Anstrengung, ihn zu führen. Als sie sah, daß es gut ging, überließ sie sich ihm mehr und mehr, und dann merkte sie, welch vorzüglicher Tänzer er war, und gab sich ihm hin. Das war die Art, wie Michael den Umgang mit Frauen gewohnt war. Jetzt lernte er auch Martha kennen. Er sah, daß sie klein und biegsam war und voll eines süßen Schwunges in der Versunkenheit, aus der sie immerfort mit ihrer schlanken Fülle heraustrat zu ihm in immer erneutem Kommen und Gehen. Sie hatte einen leisen, aber durchdringenden Geruch wie von faulenden Blättern im Wald, der Michael von den Bauernmädchen zu Hause vertraut war und den er liebte. Aber ihr Haar duftete, tausendmal schöner, nach Veilchen. Er drückte sie an sich, um den Duft ganz nah und sicher bei sich zu haben. In den nächsten Stunden ließen sie kaum einen Tanz aus. Michael fühlte stolz, wie er Herr wurde über sie. Sie lebte ganz in ihm, er konnte mit ihr machen, was er wollte. Sie folgte einer Bewegung von ihm fast schon, bevor er sie ausführte. Sie hatte keinem andern mehr, auch nicht spöttisch, zugelächelt. Auf dem Wege zum Bahnhof kamen sie am Gebäude der Zeitung Le Matin vorbei. Die riesigen Rotationsmaschinen arbeiteten. Sie sahen, wie die Maschinen die dicken Rollen Papier fraßen und auf der andern Seite das bedruckte und beschnittene Zeitungsblatt von sich gaben. Eins legte sich still aufs andere. Die Zeitung verwendete ihre Druckerei gleichzeitig als Schaufenster. Hinter den Maschinen, auf denen Menschen spazierengingen, erhob sich eine Spiegelwand. Davon wurde der Maschinensaal ein unendliches Gefilde voll herkulischer Wesen, die ihre eisernen Gelenke regten und zwischen denen Zwerge umhergingen, die sie behorchten, die sie betasteten. Michael kaufte das Morgenblatt, das bereits angeboten wurde und das von den Ereignissen dieser Nacht berichtete, die noch nicht einmal zu Ende war. Er schilderte Martha die Heldentat der Elektrizitätsarbeiter nach der ausführlichen Erzählung des Blattes. Er wollte sie für Pataud begeistern. Martha widersprach ihm nicht, aber er merkte wohl, daß sie anderer Meinung war. Er steckte die Zeitung, die er unter einer Gaslaterne entfaltet hatte, in die Tasche, und sie gingen schweigend nebeneinander. Nach einer Weile sagte Martha: »So kommen wir auch schneller vorwärts.« Er wollte wissen, ob sie den Elektrizitätsarbeitern nicht recht gab. »Was gehn uns die Elektrizitätsarbeiter an!« antwortete sie, und obwohl der neckische Blick, den sie ihm zuwarf, seine Wirkung nicht verfehlte, konnte er sich doch nicht verhehlen, daß dieser Blick zugleich reichlich frech gewesen war. Ihn, Michael, versteifte er sich, gingen aber die Elektrizitätsarbeiter sehr viel an! Sie seien seine Kameraden! Sie lachte laut und fragte, ob sie mit den Elektrizitätsarbeitern getanzt habe. »Übrigens, Schatz, möchte ich mit keinem deiner Kameraden tanzen, da kannst du Gift drauf nehmen. Pfui Teufel!« Sie schüttelte die Röcke, als ob sie einen schlechten Geruch vertreiben wollte. Michael fand das nicht recht von ihr, und in seinem Innern nahm er die Kameraden eifrig in Schutz, aber er war doch auch wieder froh, daß das feine Püppchen mit ihm allein tanzen wollte und ›Schatz‹ zu ihm sagte, als ob es sich von selbst verstünde, daß ein hübsches, wohlriechendes Mädchen ihn ›Schatz‹ nannte. Als sie allein in ihrem Abteil saßen, wollte Michael wissen, ob er denn nun auch wirklich ihr Schatz sei. Er glaubte es zwar zu wissen, aber er wollte sie es sagen hören. Deshalb spielte er schmeichelnd, mit strotzender Gewißheit den bekümmerten Zweifler. Er durfte ihn spielen, bis der Zug im Fahren war. Dann nahm die Szene eine Wendung, die ihn überraschte und im Nu entwaffnete. Die kraftvolle Überlegenheit, die er in dieser Nacht erobert zu haben glaubte, verwandelte sich in klägliche Hilflosigkeit, als Martha, die ihn lächelnd ansah, plötzlich zu weinen begann. Sie weinte stumm, ohne den Kopf zu wenden, sie wollte nicht einmal ihr Lächeln verlieren, und die schmerzhafte Grimasse ihres lächelnden Mundes erschütterte Michael derart, daß sich seine ganze angesammelte Erregung in einem fassungslosen Schluchzen Luft machte. Der Zug hielt und fuhr weiter, Martha lag in Michaels Arm, und beide weinten. Michael schüttelte sich und schrie. Martha fielen nur immer große Tränen aus den Augen, sie hielt Michael fest umschlungen und gab keinen Laut von sich. Mit einem Male raffte sie sich auf und sah zum Fenster hinaus. »Höre, Michael«, sagte sie schnell, indem sie hastig ihr Taschentuch aus der Tasche nahm und ihr Gesicht trocknete. Sie stand vor ihm und sagte entschlossen: »Höre, Michael, wenn du mich liebst, mußt du mir etwas schwören.« Er hatte beim befehlenden Ton ihrer Stimme aufgehört zu weinen und sah jetzt unterwürfig zu ihr auf. Sie legte die Hände auf seine Schulter: »Liebst du mich?« Er machte eine Bewegung, als ob er alles aus seinen Händen geben wollte, und sagte wehmütig: »Oh, so sehr!« Ihre Hände auf seinen Schultern griffen zu, sie zog ihn an sich: »Dann mußt du mir schwören, daß du alles tust, was ich dir sage, Alles! Was – ich – will!« »Alles«, flüsterte er. Einen Augenblick blieben sie so. Dann fuhr sie ihm in die gelben, gelockten Haare und bog seinen Kopf zurück, und wie etwas Großes, Schweres, Wildes fiel ihr Mund auf ihn. Als die erste Betäubung vorüber war, umschlang er sie heftig, er wollte aufspringen, um größer und stärker zu sein als sie. Sie hielt ihn nieder und flüsterte: »Still, Schatz, wir sind da.« Sie hob warnend den Finger und wiederholte: »Ganz brav! Man kennt uns hier.« Michael fand ihre Vorsicht übertrieben. Denn einmal wurden Liebespaare hierherum durchaus nicht mit ärgerlichen Augen angesehen, und dann herrschte ein solcher Nebel, daß sich die zwei einzigen Menschen auf dem Bahnsteig, der Zugführer und der Stationsbeamte, wie graue Schatten ausnahmen. Er sagte es ihr, als sie Arm in Arm die Gartenwege hinaufstiegen. Da sie keinen Einspruch dagegen erhob, wollte er sie küssen. Aber sie bog den Kopf zur Seite. »Michael, du mußt tun, was ich dir sage. Du hast geschworen ... Du mußt jetzt das Tor öffnen und es so einrichten, daß du keinen Lärm dabei machst ... Leise! Am End' ist die Frau des Obergärtners schon auf. So, jetzt gib die Hand.« Sie standen hinter dem einstöckigen Häuschen aus roten Ziegeln, in dessen unteren Räumen der Obergärtner wohnte. Michael gehörte das Giebelzimmer, in das man nur auf einer engen Treppe gelangen konnte, die außen an der Hinterwand hinaufführte. »Sag adieu«, flüsterte Martha, und ihre Augen funkelten aufregend aus den dünnen Schlitzen der halbgeschlossenen Lider. Er wußte nicht, ob sie scherzte oder ob es ihr Ernst war, daß sie ohne einen Kuß scheiden sollten. »Sag adieu, schnell!« Er drückte ihre Hand, sagte beschämt adieu und wandte sich der Treppe zu. Aber sie hielt seine Hand fest und sah ihn immerfort an. Ihm schien, daß das Funkeln ihrer Augen, die jetzt ganz dunkel waren, heftiger wurde. In ihrer Hand, die die seine festhielt, rührte sich etwas und zog wie ein Senfpflaster. Da kam ihm zum erstenmal der Gedanke an eine Möglichkeit, die ihn zittern machte, der Gedanke, daß auch sie ihn begehren könnte, wie er sie begehrte. »Michael, du hältst doch deinen Schwur!« Er nickte. »Du wirst tun, was ich dir sage!« »Ja«, sagte er heiß. »O nein, Michael, du mußt brav sein und darfst mir nichts tun. Aber wenn du brav bist, darfst du zusehen, wie ich mich ausziehe ...« Er ging eifrig darauf ein. »Ich will Martha ausziehen«, miaute er, »ganz langsam ausziehen und sie in ihr Bettchen legen und zudecken wie ein Püppchen.« Martha ließ ihn dabei, bis sie sich in ihr Zimmer geschlichen hatten und die Tür hinter ihnen geschlossen war. Dort mußte sich Michael auf einen Stuhl in die Ecke setzen und stillhalten, denn gerade unter ihnen schlief der Baron. Es war hübsch bei Martha, und Michael liebte sie zärtlich, wie sie vor dem großen Spiegelschrank stand und den Hut abnahm. Das Zimmer hatte eine helle Tapete, lauter weiß lackierte Möbel, einen Liegestuhl mit einem großen weißen Fell darauf und eine Strohmatte, die für diesen Raum gefertigt schien, denn sie reichte genau bis in die Ecken. Außerdem roch es vornehm nach Parfüm. Michael sah zu, wie Martha sich am andern Ende des Zimmers vor den weißen Spitzenvorhängen des Fensters langsam entkleidete. »Du tanzt ja, Schatz«, rief er leise. »Du tanzt so süß aus deinen Kleidern, du, machst du das auch so, wenn du allein bist?« Und wirklich beugte sie sich gerade wie eine Ballerina und hob in dieser Stellung den Kopf auf, um ihm zu antworten. »Immer«, lachte sie und nickte ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zu. Nun dachte er daran, daß sein Püppchen jeden Abend so aus den Kleidern tanzte, und schon lange, so viele Abende schon, ohne daß er das Herrliche auch nur vermutet hatte. Er wunderte sich, daß er nie darauf gekommen war, vom Garten unten hier heraufzudenken, wenn im Zimmer Licht gebrannt hatte. Ja, er mußte sich gestehen, daß er sogar nie darüber nachgedacht hatte, welches der Fenster zu Marthas Zimmer gehörte. Sie stand weiß und bloß vor dem Fenstervorhang, und das Licht des nebligen Morgens drang so gedämpft ins Zimmer, daß ihr Körper in das Spitzenmuster verwebt schien. »Du darfst kommen«, hörte er sie sagen. Als er vor ihr stand, sah er, daß sie am ganzen Körper bebte. Sie hielt den Kopf gereckt, daß die Halsmuskeln hervortraten, und blickte starr über ihn hinweg. Ihre Stimme klang ein wenig heiser, und es war, als ob eine kalte Hand sein Herz gepreßt hätte, bis die große Zärtlichkeit, die es die ganze Zeit über gehegt, daraus entwichen war. An deren Stelle war eine quälende heiße Leere getreten. Die Stimme sagte: »Knie nieder und küß mich.« Er ließ sich auf die Knie fallen und warf die Arme zurück, wie man einen Anlauf nimmt, um sich kopfüber ins Wasser zu stürzen. Er hielt sie umschlungen, und sie wehrte ihm mit ihrer eintönigen, rauhen Stimme, die ihn noch mehr aufregte: »Still – du hast geschworen – still – halt mich ganz still – so – nein! – so, ja, so – Du mußt gleich gehen, gleich, doch, gleich!« Aber dann schob sie ihn mit dem Knie von sich fort und beugte sich lauschend vor. Es klopfte an die Tür; und jemand rief leise: »Martha.« Mit einem Satz war sie in ihrem Bett und hatte sich bis an den Hals zugedeckt. Michael lag auf den Knien und blickte bald auf Martha, bald nach der Tür ... Sie sah ihn böse an und rief halblaut, so, als zwitscherte sie vor Entzücken: »Ich komme! Geh nur, ich bin gleich bei dir«, rief sie. Während er lauschte, wie der Mann draußen sich entfernte, wankte Michael auf den Knien schwerfällig hin und her, Martha sah ihn, schon plötzlich aufschluchzend, vornüberfallend. »Michael«, mahnte sie herrisch, »sei ein Mann.« Unter ihrem unbegreiflichen, bösen Blick kam er auf den Knien zu ihr, lautlos sank er über sie. Martha hob seinen Kopf, um zu sehen, ob er weinte. Da schlug er die Augen auf und lächelte sie hilflos an. Einen Augenblick war sie verwirrt und streichelte ihm liebkosend übers Haar, aber schon schüttelte sie heftig den Kopf und sagte, daß er sofort aufstehen und gehen müßte. Er starrte sie lange an und fragte dann, weshalb? Er wisse es, antwortete sie frech. Zu ihm? Er richtete sich auf und zog seine Arme an sich. Ja, sagte sie, und die Angst überkam sie vor seiner lauernden Ruhe. So liebe sie den – Baron? Er hob die Bettdecke auf und setzte sich neben sie. Sie drückte sich furchtsam an die Wand, aber sie antwortete. Ja, ja, sie liebe den Baron, ihn allein. Ihm gehöre sie – sie kroch zusammen wie eine Katze und wartete auf den Angriff – ihm ... allein. »So«, sagte er ruhig, »also so eine bist du«, nahm sie, zog sie mit einem Ruck zu sich herüber und warf sich über sie. Martha hämmerte mit der ausgestreckten Hand gegen die Wand, er griff die Hand und drückte sie nieder, sie schrie: »Edouard! Zu Hilfe!«, er riß ihr das Kissen unter dem Kopf weg und preßte es ihr ins Gesicht. Sie rangen lautlos. Er hob sie gerade auf, um sie zum letztenmal niederzuwerfen, da wurde die Tür des Zimmers gesprengt. Michael fühlte sich rücklings gepackt, zu Boden geschleudert, etwas zerriß ihm das Gesicht. Der Baron stand im Schlafanzug vor ihm und winkte mit der Hundepeitsche. Er war ein großer breitschultriger Mann mit einem viereckigen Kinn, aber Michael warf sich in blinder Wut an seine Beine und brachte ihn zu Fall. Es half ihm nichts. Der Baron schleppte ihn aus dem Zimmer und den Korridor entlang zur Treppe, auf die er ihn mit einem Fußtritt hinunterstieß. Ein Stockwerk tiefer nahmen ihn zwei Lakaien in Empfang und warfen ihn die nächste Treppe hinunter, und unten standen der Obergärtner, der Kutscher und der Koch, die hoben ihn auf, trugen ihn im Eilschritt ans große Tor, wo die Frau des Obergärtners ihm die Schlüssel aus der Tasche nahm, und warfen ihn, wie er war, auf die Straße. Sie hatten ihn kaum fallen lassen, da war Michael schon wieder auf den Beinen und ging, ohne sich umzusehen, hastigen Schrittes zum Bahnhof. Er nahm in seinem Geiste durch, was geschehen war, seitdem er Marthas Zimmer betreten hatte. Wenn er zu Ende war, begann er wieder von vorn. Er stand eine Stunde später vor den Räumen des deutschen Leseklubs, und es war ihm nichts anderes in den Sinn gekommen. Erst als er die Tür verschlossen fand, fiel ihm ein, daß die Kameraden vor allem erst mit seinem Erlebnis vertraut gemacht werden müßten. Da er gleichzeitig nach den ersten Worten suchte, mit denen seine Schilderung beginnen sollte, stellte sich ihm auch gleich die ganze Schwierigkeit des Unternehmens vor. Er verharrte nicht länger dabei, weil er an der Tür einen schmalen Streifen Papier entdeckte, auf dem die Adresse des Präsidenten, Herrn Hirsch, vermerkt war. Herr Hirsch wohnte in Enghien, einem nördlichen Vorort, dessen Namen Michael nie gehört hatte. Er ließ sich von einem Polizisten über den Weg belehren und kam nach einer weiteren Stunde in Enghien an. Zu seinem Schreck waren ihm unterwegs Straße und Hausnummer entfallen, aber der erste Mensch, an den er sich mit der Frage nach Herrn Hirsch wandte, konnte ihm Bescheid geben, der nächste, den er ein Wegstück weiter ansprach, ebenfalls, und so ließ er sich von denen, die ihm in dem Labyrinth von üppigen, zwischen Vorgärten gebetteten Wegen begegneten, bis vor das kleine schmucke Haus des Herrn Hirsch weisen. Eine Kirche läutete Mittag, und es roch nach Braten. Auf sein Klingeln wurde ihm von einem schwarzgekleideten Dienstmädchen in weißer Schürze und weißem Häubchen geöffnet. Das Mädchen sah ihn mit einem Ausdruck ängstlichen Staunens an und behielt die Türklinke in der Hand. Michael wollte sie gedankenlos zur Seite schieben, aber sie drückte mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür, so daß er in den Spalt zwischen der halbgeöffneten Tür und der Mauer zu stecken kam und sich nicht rühren konnte. Sie drückte und rief mit zeternder Stimme um Hilfe. Michael packte die Wut, er überschrie sie. Ob die ekelhaften Französinnen denn alle gleich um Hilfe brüllen müßten, fragte er und anderes, worauf er keine Antwort erwartete, was ihn aber erleichterte. Vielleicht war er auch unbewußt in der Vorstellung befangen, daß er es mit einer Schwester oder wenigstens einer Verwandten Marthas zu tun habe. Herr Hirsch, der in einem seidenen Schlafanzüge erschien, machte dem Auftritt ein Ende, indem er Michael mit einem Feldherrnblick und dem Zeigefinger, den er ihm drohend auf die Brust setzte, ins Freie drängte. Nachdem dies geschehen war, öffnete Herr Hirsch ein Fenster in der Tür und begann durch das Gitter umständlich in Michaels Augen zu forschen. Seit seiner Schulzeit hatte Michael keinen so strengen Mann gesehen. »Wer sind Sie?« fragte Herr Hirsch, und bevor Michael noch hatte antworten können, setzte er, etwas lauter und jede Silbe betonend, hinzu: »Was wollen Sie?« Michael erinnerte sich, daß Herr Hirsch schon oft im Leseklub mit ihm gesprochen, noch öfter ihm die Hand gedrückt hatte. Aber dessen Benehmen wunderte ihn nicht groß, teils, weil Herr Hirsch sozusagen sein Vorgesetzter war und Michael zudem vermuten konnte, daß seine Flucht vom Weihnachtsbaum nicht unbekannt geblieben sei, teils, weil er es dem unerbittlichen Ernst der Lage angemessen fand. Er nahm sich zusammen, um das Examen mit Ehren zu bestehen und dadurch sein Anrecht auf Schutz und Hilfe zu erweisen. Seine Antworten waren kurz und klar. Herr Hirsch gewann sichtlich Vertrauen. Er stellte sogar Fragen, die ihm, wie er sagte, geeignet schienen, gewisse Einzelheiten deutlicher zu machen und ihn über den sehr interessanten Charakter der Dame aufzuklären. Michael gab sie ihm, so ausführlich und genau, wie Herr Hirsch sie nur wünschte. Er war über die Leichtigkeit, wie er das alles erzählte, selbst so überrascht, zugleich so erfreut über die sichtliche Teilnahme des andern, daß er an den Stellen, die dessen Aufmerksamkeit in besonderem Maße fesselten, ihm zuliebe gern ein wenig übertrieb. Herr Hirsch hatte feuchte Augen bekommen und hielt sich mit den Händen am Gitter fest. Er folgte mit solcher Spannung, daß sich die Nase zwischen zwei Stangen des Gitters Michael entgegenstreckte, und er verharrte in dieser Stellung, als Michael schon mit seiner Erzählung zu Ende war. Der Junge sah den Hingerissenen und hielt die Schlacht für gewonnen. Jetzt kam der Augenblick, Forderungen zu stellen. Er kannte sie, auf einmal waren sie da, und er wollte ihnen, wo sie so bestimmt auftraten, nicht kleinmütig ausweichen. Er überflog sie. Herr Hirsch würde vor die versammelten Mitglieder des Leseklubs treten und nach Bekanntgeben des Sachverhalts ausrufen: »Freiwillige vor!« Es meldeten sich natürlich zu viele. Sie mußten unter sich zwanzig auslosen, die Herr Hirsch unter Michaels Befehl stellte. Dann ginge es an die Ausarbeitung eines Feldzugplans mit dem Ziel, den Baron in seinem Haus zu überrumpeln und zu züchtigen – von Treppe zu Treppe bis vor das große Tor –, wobei die Baronin beruhigt und über die Treulosigkeit ihres Gatten aufgeklärt würde, dann Martha gefangenzunehmen und im Automobil nach Paris zu schaffen. Im Klub würde man sie vor die Wahl stellen, entweder sich naturalisieren zu lassen und unter die Sittenkontrolle zu kommen oder nach Hause zu fahren und in einer Besserungsanstalt untergebracht zu werden. Den Lakaien, dem Obergärtner, dem Koch und dem Kutscher, die verblendete, irregeführte Proletarier waren, sollte nichts geschehen. Als Michael soweit war, fand er es klug, bei Herrn Hirsch mit dem letzten, dem Akt der Gnade und Gerechtigkeit, anzufangen. Nur schien Herr Hirsch plötzlich ermüdet. Er richtete sich gerade auf und sagte wehmütig: »Ja, diese Weiber. Da kann man nichts machen ... Nichts machen ... Seiner Frau erzählt er natürlich ... natürlich ... daß er das Fräulein ... vor einer Vergewaltigung ... gerettet ... hat. Ja!« ... Er stand hinter dem Gitter, die Hände in den Taschen des Schlafanzuges, und träumte tiefbetrübt vor sich hin. »Wenn Sie zur Polizei gehen ... werden Sie bestraft ... wegen versuchter Vergewaltigung. Ja! ... Oder zum mindesten ausgewiesen ... Und es gibt eine Deutschenhetze ... in den Zeitungen.« Er steckte zwei Finger durch das Gitter und wiederholte mit einer Stimme, in der echte Wehmut wie eine Saite klang: »Da ist nichts zu machen. Leben Sie wohl, junger Freund. Unser Stellennachweis wird um vier Uhr geöffnet.« Da Michael die Finger nicht nahm, obwohl sie ihm wiederholt bekümmerte Zeichen machten, zog Herr Hirsch sie zurück und schloß das Fenster: vorsichtig, als wollte er nicht die Stimmung stören oder den andern nicht reizen. Michael spuckte auf das Fenster und ging. Er wußte schon, wohin. Zur deutschen Botschaft. Mit dem Botschafter selbst zu sprechen, wie er mit trotziger Unterwürfigkeit verlangte, gelang ihm nicht. Um so mehr war er entschlossen, dem langen dürren Herrn mit der goldenen Brille auf der Habichtnase keine richtige Auskunft zu geben. ›Kanzleirat‹ hatte er an der Tür gelesen. Einen Kanzleirat gab es bei ihm zu Hause auch, und Michael war mißtrauisch geworden gegen seinesgleichen. Nur einem hohen Herrn wollte er sich eröffnen, wahrscheinlich, weil er bei dem ein höheres Maß von Ehrgefühl voraussetzte. Der Kanzleirat hatte die Beine übereinandergeschlagen und spielte nachlässig mit einem schwarzen Lineal, was sein gemäßigtes Interesse für den zwei Schritte vor ihm sitzenden Bittsteller vorzüglich zum Ausdruck brachte. Sein Kollege in Michaels Heimat hielt es genauso, nur pflegte der das Lineal auf dem Tisch zu rücken, bis es nach Überwindung unsichtbarer Hindernisse einen rechten Winkel mit der Tischkante bildete, wohingegen dieser hier das Lineal am Ende des aufgestützten und steifgehaltenen Arms mit losem Handgelenk wie einen Taktstock spielen ließ. Michael ersah aus den gemächlichen Vorbereitungen des Kanzleirats auf eine Geduldprobe, daß dieser den Zweck seines Besuchs mit der Zeit doch zu erfahren hoffte und daß er jedenfalls auf eine glaubwürdige Auskunft bestehen werde. Als er darauf etwas von einem Staatsgeheimnis stammelte, ließ der Herr mit einem erstaunten, elegant hervorgestoßenen »Ah!« das Lineal von der Nase auf den Schenkel fallen, musterte Michael mit einer Aufmerksamkeit, die nicht ohne Respekt war, und sagte: »Militärisch?« Michael lächelte verständnisvoll. Er dachte, daß das für ein Staatsgeheimnis genügte. Aber der Kanzleirat wiederholte eindringlicher: »Militärisch?« Da ließ er sich herbei, mit einem leichten Kopfnicken zu bejahen. Der andere meinte, daß er dazu doch nicht den Botschafter brauchte, vielmehr sei Herr von Soundso mit dem Ressort betraut, der allerdings schon weggegangen sei, aber ... Der Kanzleirat schien nach einem Blick auf Michael einen Entschluß gefaßt zu haben. Er brach seine Vorstellungen ab und erhob sich. »Nun gut, ich werde Sie beim Botschafter melden. Gedulden Sie sich eine Minute.« Er verschwand in einer gepolsterten Tür, durch die er einen Augenblick später auch Michael schob. Sie kamen durch eine leere Schreibstube und durch eine zweite Tür in einen kleinen roten Salon. Hier klopfte der Kanzleirat an. Eine Stimme antwortete, der Kanzleirat öffnete und schob Michael in ein Zimmer, wo ein schwarzgekleideter Herr mit weißen Gamaschen an den Füßen auf ihn zutrat und ihn mit einer leichten Verbeugung zum Sitzen einlud. Der Kanzleirat war verschwunden. Michael saß allein dem jungen, höflich lächelnden Herrn gegenüber, der für ihn der Botschafter war. »Bitte«, sagte der, »wollen Sie sprechen!« Michael begann damit, daß er seine List eingestand. Das entlockte dem Herrn ein Lachen, das seine wundervollen weißen Zähne entblößte. Michael fand den jungen Herrn hübsch und liebenswürdig, und er schloß daraus, daß er recht gehabt habe, sich nur dem Botschafter selbst erschließen zu wollen. Mit seiner Erzählung kam er allerdings nicht so weit vom Fleck wie vor dem Fenster des Herrn Hirsch. Dafür geschah das Erstaunliche, daß sein freundlicher Nachbar ihm mittendrin das Wort abnahm und kurz sagte, was hernach geschehen war. Und er setzte, nachdem er ihn aufmerksam betrachtet hatte, gleich hinzu, was jetzt getan werden müßte. »Sie bleiben ruhig in der Botschaft, und ich fahre nach Suresnes, sage dem Baron die Meinung und lasse Ihr Gepäck herschaffen. Unser Obergärtner sucht einen Gehilfen, Sie kommen also wie gerufen. Sie bleiben bei uns, hier kann Ihnen keiner was anhaben, es sei denn, daß er mit dem Deutschen Reich Krieg anfangen wollte. Später heiraten Sie ein braves Weib und richten sich mit der Geldbuße, die der Baron für Sie zahlen muß, ein kleines Paradies ein. Und wenn der Obergärtner pensioniert wird, treten Sie an seine Stelle. Ihr Militärverhältnis wird von hier aus geregelt. Nicht wahr? So, und nun bleiben wir gute Freunde.« Damit stand er auf, schüttelte Michael die Hand, drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel und sagte dem Lakaien, der hereintrat: »Das ist der neue Gärtner. Zeigen Sie ihm sein Zimmer und seien Sie ihm behilflich, bis er sich hier auskennt. Übrigens ...« Er zog Michael zur Seite und sagte leise: »Hüten Sie sich, mit irgend jemand von Ihrem Erlebnis zu sprechen. Sie würden nur Spott ernten. Es bleibt ein Geheimnis zwischen uns.« Als Michael in seiner Kammer allein war, fiel er auf die Knie und betete inbrünstigen Herzens, wie er seit Jahren nicht mehr, wie er vielleicht noch nie gebetet hatte. Er hob das tränenüberströmte Gesicht zum bestirnten Himmel, der durch das kleine Fenster zu ihm hineinschien, und dankte mit ausgebreiteten Armen für seine wunderbare Errettung aus Schande und Not. Aus den Sternen kam die große Klarheit in sein Gemüt, ein Strom von Licht wusch alle Häßlichkeiten fort, die ihn befleckten, und verwandelte sein Herz in einen großen schweren Spiegel, auf dem nicht eines Hauches Trübheit lag. Er betete auch für Martha, an die er ohne Haß dachte, wohl aber mit einem Mitleid, in dem Reue und vielleicht sogar ein wenig Liebe war. Durch seine Träume ging der junge hübsche Herr und zeigte lachend seine wundervollen, weißen Zähne. Michael wurde der Liebling im Hause. Alle mochten ihn gern, vom gewaltigen Majordomus, der ihn mit zärtlicher Betonung das Sonnenkalb nannte, bis zur Tochter des Obergärtners, die in der großen Küche das Geschirr spülte. Sie selbst aß bei den Eltern. Michael war am Tisch der Platz neben ihr eingeräumt worden. Sie hieß Louise und wurde Louison gerufen, sie hatte hellbraune Haare, die in der Sonne blond schienen, eine weiße Haut, auf der noch die Sommersprossen, vom vergangenen Sommer zu sehen waren, und große, runde blaue Augen, dazu zwei Reihen blanker Puppenzähne, hinter denen sich ein rosiger Mund öffnete. Von diesem Mund hatte der Graf Solm im Beisein Michaels gesagt, daß er eine kleine rosige Höhle sei, worin sich die Zunge wie ein großer Goldfisch tummelte. Dabei war seine Hand sanft über Louisens Haar gefahren; Michael und das Mädchen hatten ihm mit demselben leuchtenden Augenaufschlag gedankt. Seitdem brauchte der Graf nur nah oder fern vorüberzugehen, damit eins an das andere dachte. Wenn sie zusammen waren, im Garten oder im Zimmer, blickten sie gleich lächelnd zueinander hinüber. Er war der gute Geist, der ihre Gedanken in Wohlgefallen vereinigte. Daß der Graf nicht der Botschafter war, hatte Michael schon am Tag nach seinem Eintritt erfahren, aber seltsamerweise war sein Beschützer ihm deshalb nur vertrauter geworden, um so mehr, als der wirkliche Botschafter, den er am selben Tag kennenlernte, ihn durch eine gewisse, allerdings recht vornehme Greisenhaftigkeit enttäuscht hatte. Nach reiflicher Überlegung erkannte Michael in der Vorspiegelung des Kanzleirats sogar eine vom Botschaftsrat angeordnete oder doch zum mindesten gebilligte Notlüge, der er schlechterdings alles Gute verdankte: die erste Wohltat, die ihm erst aufgedrängt werden mußte, damit die anderen folgen konnten. Zuweilen wollte die Mühe, die der Graf sich mit ihm gab, ihn schier bekümmern. Er zog deshalb Louise zu Rate, von der er die einzig richtige Antwort bekam, daß er eben dem Herrn ausnehmend gefalle; und da dessen Wohlgefallen sich auch auf sie erstrecke, so hege selbiger offenbar die Absicht, seine beiden Lieblinge zusammenzutun. »Wogegen«, ergänzte Michael schwungvoll, »die Lieblinge nichts einzuwenden haben.« Die leichte, elegante Art des Grafen begann auf Michael abzufärben. Auch war Louisens eignes Wesen so, daß es zur Liebenswürdigkeit geradezu zwang, wenn man sich recht mit ihr verstehen wollte. Um mit ihr Schritt zu halten, mußte man sich den gleitenden Bewegungen ihres Körpers anpassen; um an ihrer leicht beschwingten, wenn auch im Unterton immer ein wenig schwermütigen Unterhaltung teilzuhaben, die Gelenke locker halten; darauf bedacht sein, den Ball, den sie einem anmutig zuwarf, mit schnellem und leichtem Griff aufzufangen und auch sie artig zu bedienen. Eines Abends, in der Dämmerung, sah Michael, der in einem verlassenen Winkel des Gartens einen Starkasten ausbesserte, Louise mit dem Grafen aus einem Hinterpförtchen des Hauses treten und schnell auf eine Laube zugehen. Sie führte ihn an der Hand, und es schien, als ob er nur widerwillig folgte. Im Sommer mochte die Laube von den Fliederbüschen bedeckt und ganz in wildem Wein eingesponnen sein, jetzt hingen nur spärliche Efeusträhnen über die Holzgatter, und Michael konnte deutlich sehen, wie Louise mit einer Bewegung, als bücke sie sich, in die Laube trat, und wie beide am runden Steintisch Platz nahmen. Sie saßen einander gegenüber, die Arme auf dem Tisch. Louise hielt die Hände des Grafen, so verharrte sie wortlos, unbeweglich, das matte Gesicht gegen sein dunkleres gehoben. Er sprach leise auf sie ein, sie rührte sich nicht. Dann plötzlich nickte sie, und der ganze Oberkörper machte die Bewegung mit. Sie zog seine Hände an den Mund, legte sie eine nach der anderen auf den Tisch zurück, erhob sich und ging davon. Das alles geschah sehr schnell und machte auf Michael den Eindruck einer großen Entschlossenheit. Er nahm sich ein Herz und eilte zum Grafen hinüber, der in der Laube sitzen geblieben war. Der sah ihn kommen, schien ihn aber zuerst nicht zu erkennen. Er saß zurückgelehnt, die Hände lagen schlaff auf der Tischplatte, wie Louise sie hingelegt hatte. Er sah Michael mit leeren Augen an, ohne auf dessen Gruß zu antworten. Michael, der in großer Verlegenheit mit seiner Mütze spielte, mußte zuerst das Wort ergreifen. Er sagte, daß er Louise gebeten habe, seine Frau zu werden, sie aber zuerst mit dem Grafen habe sprechen wollen; worauf ihr von ihm erwidert worden sei, daß der Graf selbst ihn auf den Gedanken gebracht habe, zu heiraten und später einmal der Nachfolger des Obergärtners zu werden. Im übrigen sei auch er der Meinung gewesen, daß die Sache mit ihm, dem Grafen, besprochen werden müßte, denn ihm und ihm allein hätten sie beide alles zu verdanken. Nun habe er, Michael, sie und den Grafen hier sitzen sehen und wohl erkannt, daß der Graf eifrig für ihn eingetreten sei. Er glaube, den weiteren Verlauf des Gesprächs so deuten zu dürfen, daß Louise dem Grafen sozusagen für ihn, Michael, das Jawort gegeben habe. Bevor er es sich nun selbst bei Louise hole, wolle er dem Grafen danken. Die Rührung übermannte Michael, er warf sich über die Hände vor ihm auf der Tischplatte und küßte sie. Sie wurden ihm heftig entzogen. »Nicht!« rief der Graf, aber gleich darauf griff er selbst nach Michaels Händen und sagte mit seinem hübschen Lächeln, doch seltsam traurig: »Wenn Sie wüßten, Michael, wie sehr ich mich Ihnen jetzt verbunden fühle; als ob wir Jugendfreunde wären! ... Setzen Sie die Mütze auf!« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Es gibt keine Höhen und Tiefen im Leben, nur Augenblicke, wo man empfindet, und die vielen übrigen, wo einem das Leben keine Zeit dazu läßt.« Wieder herrschte eine Stille, von der Michael sich bedrückt fühlte, ohne zu wissen, warum. Er ging neben dem Grafen den Weg zurück, den dieser mit Louise gekommen war. An der Tür angelangt, blickte Solm ihm in die Augen, und das Lächeln kam ihm wieder, als er zum Abschied sagte: »Sie kriegen ein schönes, tapferes Mädchen zur Frau, Michael, und ich glaube dafür einstehen zu können: ein unverdorbenes ... Und«, rief er jetzt lachend aus, »ich glaube, Sie wissen selbst, was das wert ist!« Er verneigte sich nach Herrenart vor Michael, der nun auch die Erklärung für das merkwürdige Benehmen des Grafen gefunden hatte, nämlich, daß er heimlich in Louise verliebt gewesen sei und es vermutlich erst jetzt gemerkt habe, als bereits die Stunde der Entsagung schlug. Am selben Abend gab Louise Michael das Jawort, indem sie ihn bei den gelben Locken packte und ihn abküßte, wie kleine Mädchen mit kleinen Buben tun. Dann nahm sie seinen Kopf an ihr Herz und wiegte ihn. Michael hörte, wie sie leise vor sich hin weinte, aber er fragte nicht und versuchte nicht, sie zu trösten, weil er fühlte, daß sie es so haben wollte und daß es so am besten war. Am nächsten Tag verließ Graf Solm die Botschaft. Es hieß, daß er telegraphisch abberufen und in den Orient versetzt worden sei. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, sich von Michael und Louise zu verabschieden, aber der Obergärtner zeigte seinem zukünftigen Schwiegersohn ein Heftchen, das er ein Scheckbuch nannte. Für jedes Blättchen bekam man in der Bank bares Geld ausbezahlt, damit sollte die Einrichtung angeschafft werden, und wenn alles Nötige gekauft wäre, blieben noch einige Tausender übrig, die auf Zins angelegt würden und dann Geld einbrächten, ohne daß man es erst zu verdienen brauchte. Michael wollte möglichst bald heiraten. Er überredete Louise, nicht länger zu warten, als die gesetzliche Frist es nötig machte. Nachdem sie eingewilligt hatte, begann für ihn eine Zeit restlosen Glückes. Michael und Louise hatten Urlaub bekommen, um die Vorbereitungen für ihren Ehestand zu treffen. Sie kaufte ihm einen schönen karierten Anzug, Hemden, Kragen, Strümpfe und Schuhe, wie er solche nie getragen hatte. Sie selbst trat ihm eines Morgens in einem Schneiderkleid entgegen, das ihn veranlaßte, sie mit einem ehrfürchtigen »Madame« zu begrüßen. Sie waren ein stattliches Paar und wurden in den Kaufläden wie Herrschaften behandelt. »Siehst du«, erklärte Louise, »so werden wir später nur sonntags sein. Aber bis zur Hochzeit ist jeden Tag Sonntag.« Michael maß die drei Kammern aus, die sie bewohnen sollten, dann wurden die Möbel ausgesucht. Dazu mußten sie natürlich zahlreiche Ausstellungen besichtigen, was um so mehr Zeit in Anspruch nahm, als es ihnen nicht gelingen wollte, auf den Wanderungen durch die Warenhäuser zur Möbelabteilung ihre Aufmerksamkeit von den vielen anderen Gegenständen abzulenken, die da lockend am Wege standen. Es war halt so, als ob ihnen plötzlich die ganze Welt angeboten würde und sie daraus nur so viel mitnehmen könnten, wie eben in ihre drei Kammern hineinging. Sie hielten aber darauf, sich auch an den Dingen zu erfreuen, die sie nicht gerade haben wollten, um sich wenigstens auf diese Weise schadlos zu halten. In Michaels Augen benahmen sie sich dabei so gut, daß er Louise gestand, ihm möchte es zuweilen scheinen, als ob für sie beide schon immer nur Sonntag gewesen wäre. Sie erwiderte, daß es sehr gut ginge und daß sie vor allem stolz sei auf seine gute Haltung, um die ihn die Kutscher zu Hause beneiden dürften. Da sie beide denselben Geschmack hatten, erwiesen sich die ermüdenden Spaziergänge als eine Reihe von köstlichen Gelegenheiten, einander an hundert verschiedenen Punkten nahezukommen, ihre Neigungen und Abneigungen an ganz bestimmten Gegenständen zu erproben. Arm in Arm dahinzuschlendern und alles, was es nur gab, für sich gemeinsam zu haben. Wenn sie einmal verschiedener Meinung waren, so brauchte Louise sich nur an einem Möbelstück zu schaffen machen, etwa mit der flachen Hand darüberstreichen und ein andres, das sie mit dem ersten verglichen, an dieser und jener Stelle fest anzufassen, damit Michael sich dadurch und durch ihre erklärenden Worte überzeugen ließ. Dafür genoß er dankbar seine körperliche Überlegenheit, die es ihm ermöglichte, Louise fortwährend behilflich zu sein: ihr einen Weg durch die Menschen zu bahnen, sie mit seinem Schutz zu umgeben, wo sie auch stand und ging, ein Glas Limonade oder ein Brötchen zu holen, bevor sie noch danach verlangt hatte. Die größte Freude des Tages war zu spüren, wie sie an seinem Arm ermüdete und immer schwerer wurde, bis er sie fast wie ein Kind halb ziehen und halb tragen mußte. Hatte er sie bei den Auseinandersetzungen mit den Händlern wegen ihrer scharfzüngigen Wehrhaftigkeit bewundert, so liebte er sie jetzt, wo sie erschöpft war, wegen ihrer tiefen, wehmütig heiteren Zärtlichkeit und – was der Inbegriff dieser Zärtlichkeit war – wegen des breiten, ein wenig geöffneten Mundes in dem blassen Gesicht, der auch erschlafft schien, aber alle seine Worte und Blicke, ewig erwartungsvoll, wie leise Küsse entgegennahm. Die heftigen Bewegungen und Worte standen ihr nicht, und im Grund fühlte sich Michael bei aller Hochachtung doch oft recht unbehaglich, wenn er bei den Wortgefechten danebenstehen und lauern mußte, ob sich in den Mienen der Kommis ein Mißfallen an seiner Braut verriete. Davor fürchtete er sich, weil er unfähig gewesen wäre, im rechten Augenblick mit zulänglichen Mitteln einzugreifen. Einmal hatte sie sich im Gedränge auf den großen Boulevards umgedreht und einen Herrn geohrfeigt, daß dem der Hut vom Kopfe geflogen war. Der Herr sprang seinem Hut nach und kam nicht wieder zum Vorschein. Als Michael sie in heller Aufregung fragte, was geschehen sei, antwortete sie ruhig, daß der Kerl sie in den Rücken gekniffen habe. Michael wurde die Sorge nicht mehr los, daß der Auftritt sich wiederholen könnte. Er hatte immer den Eindruck, daß er dicht vor einer Prügelei stand. Aber abends, auf dem Heimweg, war Louise vollkommen. Michael redete sie heimlich als die süße Mutter seiner Kinder an. Zuletzt wurde in langen, sorgsamen Besichtigungen und inbrünstiger Auswahl gesammelt, was Louise an Kleidern und Wäsche haben sollte. Hierbei erfuhr Michael vieles, wovon er nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Die Frauen gingen keineswegs im großen und ganzen auf dieselbe Weise gekleidet, und daß eine Frau so und so gekleidet war, wie die Männer sich eben auf ihre Weise anzogen, war noch lange nicht das Wesentliche daran. Der Reiz einer Frauenkleidung bestand nicht nur einfach darin, daß sie auf gröbere oder feinere Art eine Frau verhüllte. Es gab unendliche Abstufungen. Ein Wäschegeschäft kam ihm vor wie ein Paradies der zartesten Dinge, die ein Mann nur mit den Fingerspitzen berühren durfte. Louise zeigte ihm Stücke, die er nicht anzurühren wagte aus Angst, daß sie wie Asche zusammenfielen. Die Frauen schmückten sich nicht nur mit Broschen, Armbändern und Ringen, o nein, sie kleideten sich heimlich in Stoffe, die so leicht waren wie der Wind, der einem über die Hand streicht, und so fein wie Himmelweiß und die zartesten Farben des Sonnenuntergangs. Michael fühlte eine ganz neue Art von Zärtlichkeit in sich wachsen, und so, als ob sein Blut davon dünner und kostbarer würde. Er brauchte sich nicht mehr zusammenzunehmen, um Louise nicht derb anzufassen, er kam nicht mehr in Versuchung, ihr mit plumpen Scherzen zuzusetzen. Denn sie hatte Dinge an sich, die sie schön machten, die ein Teil von ihr waren und die er nicht zerknittern durfte. Als er einmal an später dachte, wenn sie keine Heimlichkeit mehr vor ihm hätte, zeigte er Louise seine Arbeiterhände und fragte, ob sie nicht fürchte, daß er ihr allerhand zerrisse, wenn er ihr helfen wolle, oder ihr gar weh täte, da strich sie ihm leise mit den Fingern darüber und antwortete mütterlich: »Du wirst sehn, wie flink sie laufen lernen!« Sie wurde ja nie ungeduldig, zeigte ihm nie ein unzufriedenes Gesicht, selbst wenn er fühlte, daß er sie kränkte oder ärgerte. Schlimmstenfalls schalt sie ihn scherzhaft wie ein verwöhntes Kind. »Weißt du nicht«, sagte sie dann, »daß du der liebste Mensch bist, den ich habe, und daß ich die treueste, zärtlichste Frau sein werde, die ein Mann haben kann – warum tust du da nicht mehr, um mir Freude zu machen? Komm, küsse mich und sei nett!« Michael küßte sie und folgte ihr blindlings. Eines Tages saßen sie in der eingerichteten Wohnung und nahmen die erste Mahlzeit ein, die Louise in der eignen Küche zubereitet hatte. Die ›Probemobilmachung‹, wie Michael sich ausdrückte, verlief zu ihrer Zufriedenheit. Louise ordnete noch einmal alle Schubläden, Michael versuchte Schlösser und Scharniere und putzte die Messer, dann trennten sie sich zum letztenmal. Tags darauf wurden sie getraut. Das Kind, das Louise im siebenten Monat ihrer Ehe zur Welt brachte, war so zart, daß man die Knochen durch die Haut und das fließende Blut in den Adern zu sehen glaubte. Michaels Schwiegereltern betonten, daß solches bei einer Frühgeburt nicht überraschen konnte, und der Arzt, den Michael besorgt über die Lebensfähigkeit des Kindes befragte, meinte, daß der Kleine trotz der scheinbaren Schwäche voraussichtlich gut gedeihen werde. In seiner Freude darüber ließ Michael die Absicht verlauten, seine Eltern telegraphisch über die Geburt eines Stammhalters in Kenntnis zu setzen. Als die Schwiegereltern ihm entgegenhielten, daß es nicht unbedingt nötig sei, sein Geld für Depeschen hinauszuwerfen, besann er sich auf einen Jugendfreund, der in Köln eine gutbezahlte Stellung hatte und von dem er vermutete, daß er ihm die Ausgaben für das Telegramm zurückerstatten werde. Das meint man oft, entgegnete der Schwiegervater, und nachher bleibt man dran hängen. Aber Michael mußte nun einmal die Nachricht von dem großen Ereignis in die Welt hinausbringen. »Ich hab's!« rief er und zog triumphierend durchs Zimmer, als ob er seinem Einfall eine Fahne voraustrüge. »Wir telegraphieren an den Grafen!« Er fügte, um den letzten Widerstand zu beseitigen, hinzu: »Dem sind wir's schuldig! Der hat dem Baron in Suresnes das Bußgeld abgenommen, ohne das wir nicht hätten heiraten können.« Der hagere Obergärtner, der sonst das verwegene Aussehen eines alten Zuaven hatte, sah ihn ganz verdutzt an, hob die Schulter und ging mit einem wütenden Gesicht aus dem Zimmer. Die korpulente Schwiegermutter hatte sich nach einem erschrockenen Blick auf ihren Gatten umgedreht, um mit dem Schürzenzipfel einen Flecken auf dem Büfett abzureiben. »Dann nicht«, sagte Michael, aber in seinem Innern beschuldigte er die Schwiegereltern des Geizes. Louise sollte ihm durch ein Machtwort helfen. Als er in das Schlafzimmer eintrat, hatte sie den Säugling neben sich liegen und sah ihn aufmerksam an. Michael kniete neben dem Bett nieder und küßte seine Frau über den Kleinen hinweg auf die Stirn, dann betrachteten sie zusammen ihren Sohn. Louise sagte, ohne den Blick zu heben: »Er gleicht dir nicht, Michael. Aber ich habe dein Bild in meinen Augen, wachend und im Schlaf, und ich glaube, ich hätte es noch darin, wenn ich tot wäre, und ich will ihn ansehn, so lange ansehn, bis er dir gleicht. Und ich habe dich ja nicht nur in den Augen, sondern ganz in mir, drum bist du auch sicher in der Milch, die er trinkt. Gib acht, in ein paar Jahren, da ist er dein!« Michael antwortete ausgelassen: »Aber erstens gleicht er mir, und zweitens gehört er uns beiden«, und legte zärtlich seine beiden großen Hände um den winzigen Kopf. Seine Frau drückte ihre Wange gegen die gewaltige Hand, die so sanft sein konnte. »Kleine Kinder gehören allein der Mutter. Sie brauchen nur die Mutter. Ihr seid meist nur unbequem. Aber ich will, daß er mit aller meiner Liebe dir gehört – erst dir ganz allein und dann, wenn er soweit ist, auch mir wieder und uns zusammen.« Sie richtete sich mit einer großen Anstrengung auf, griff ihn bei den Locken und küßte, grub sich in seinen Mund, sie glitt von seinem Mund und sank in die Kissen. Ihre großen, runden blauen Augen schwammen in einer unaussprechlichen Klarheit. Als ob von Zeit zu Zeit ein Tropfen himmlischen Feuers in sie fiele, glänzte es bald hier, bald dort silbrig auf. Diese Augen ruhten auf Michael. Es war eine Stille in ihnen wie über dem Meer. Sie sahen in aller Ewigkeit nur ihn. Die Schwiegermutter, die ins Zimmer trat, rief: »Kind, wie verklärt siehst du aus!« und rollte zum Bett in der deutlich erkennbaren Absicht, Louise und das Kind unter ihrer Fülle zu begraben. »Wir wollen allein sein«, sagte Louise abwehrend. Schnell nahm Michael die kleine dicke Frau in seine Arme, hob sie und drückte sie etwas zu fest an sich. Dann trug er sie in das Nebenzimmer und schloß nach einer höflichen Verbeugung die Tür hinter sich zu. Der Säugling hatte angefangen zu schreien. Michael nahm ihn und trug ihn kräftigen Schrittes auf und ab, während Louise mit einer dünnen, zarten Stimme ein Wiegenlied sang. Die Mädchen über Athen Im Vasensaal irrte ich wie in einem Spiegellabyrinth. Dann hielten mich die Bronzen, ich mußte mich mit jedem Schritt losreißen. Die Marmorskulpturen, die ich schon aus Abbildungen kannte, bekamen Leben. Sie hoben sich atmend, standen und zeigten ihre kluge Stirn. Und überall waren fliegende Siegesgöttinnen, große und ganz kleine, ja, fast an jeder Tür, in jedem Winkel tat eine ihre rauschenden Schritte. Dank ihnen zog eine heiter ausschreitende Musik, eine richtig unbekümmerte Straßenmusik durch die Museumsräume. Meine ganze Liebe aber schenkte ich einigen marmornen Mädchen, obwohl ihnen immer etliche Glieder und zumeist auch der Kopf fehlten. Dafür waren sie vollkommenen Leibes, vollkommen, wie ihre Mutter sie gemacht hatte, vollkommen auch darin, wie sie sich mit ihrem Gewand geschmückt hatten, es über die Brüste gerafft hatten und nun zärtlich über ihren süßen Leib rinnen, auf ihrem süßen Leib zerfließen und dies und die ganze Schöpfung mit einem Ausdruck verklärter Klugheit bis ins kleinste ihm zum Gefallen sein ließen. Je höher ich auf der steilen Treppe emporstieg, desto größer wurden die Säulen, die in einem Aufmarsch von einziger Gewalt den Eingang zur Akropolis bewachen. Einen Augenblick schien es mir, als neigten sie sich über mich und wollten mich erdrücken. Aber als ich den Kopf hob, sah ich, wie sie im Gegenteil, immer größer werdend, vor mir in den Himmel zurückwichen, und ich stürmte, halb gehoben, weiter, das Sausen in den Ohren, die Augen zu Boden geschlagen. Nun stand ich dicht vor ihnen. Es waren Säulen, nichts als Säulen, mit einem Dach darüber, das bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts türkische Kasematten getragen hatte. Der Vorsprung neben ihnen, wo der Niketempel über den Abgrund hinaushing, war ebenfalls eine alte Bastion, der kleine Tempel selbst einem Schilderhaus nicht unähnlich. Jede Säule wies Spuren von Kugeln auf, ich streckte die Hand, um sie sorgsam zu berühren – diese eine hatten die Kugeln geradezu zerfetzt. »Nur Säulen«, wiederholte ich für mich, mit klopfendem Herzen, von einer sinnlosen Aufregung erfaßt. Ich setzte mich auf den Sockel der Säule, vor der ich stand, und schloß die Augen. Wir erleben Augenblicke solcher Versunkenheit, daß wir, wenn sie vorbei sind, wie aus einer Ohnmacht erwachen mit dem Gefühl, viel schweres Leid und alle Tröstungen erfahren zu haben. So erhob ich mich, und das erste war, daß ich langsam viele Male mit beiden Händen über die Säulen strich und zur nächsten ging und zur übernächsten und sie in einer Art anhaltenden Umarmung umschritt, worin schamvolle Achtung und brennendes Verlangen einander durchdrangen. Die durch den Marmor schimmernde Nacktheit war ja menschlich, menschlich das schlanke Ebenmaß ihres Wachstums und diese eine einzige menschliche Gebärde, die Gebärde einer schönen Frau und noch weit mehr... und derart das Wunder, daß das Werk des Geistes, der solches geschaffen hatte, noch immer vom Schein seines Blutes strahlte und, selbst tausendfach verwundet, selbst verstümmelt, die betörende Macht des Blutes ausübte, die darin besteht, daß sie fremdem Blute über alle Vernunft Glück verheißt!... Ein Mädchen wie die im Museum, von klugen Männern geliebt, von klugen Männern gestaltet und mit der tapfern Vernünftigkeit ihrer Erfahrungen ausgestattet – ich erkannte sie: Pallas Athene!... Oh, sicher suchten Perikles und seine Freunde, die hier zu uns sprachen, in ihr nur die vergöttlichten Eigenschaften der Aspasia, ihres so gescheiten Bettschatzes. Diese Klugheit, die eine sinnliche Eigenschaft, ja die Blüte einer schönen Sinnlichkeit selbst ist, entfaltete über dem riesigen Trümmerfeld der Akropolis, zwischen Propyläen, Parthenon und Erechtheion, in den wolkenlosen Himmel hinein ihren großen blütenweißen Kelch. Dort stand das Parthenon, bei dessen Bau nach dem Willen des Perikles kein Sklave Hand anlegen durfte und das so von freien Männern errichtet war, von Männern, die wußten, was sie taten, stand da und beschämte die barbarische Zerstörungswut, die geglaubt hatte, Blut könne Geist auswischen, Gewalt einen edlen Herzschlag für alle Ewigkeit verstummen machen. Einst herrschte hier, wo tausend Trümmer übereinander lagen, bedachte Ordnung, und all die Schönheit war für das Schauspiel auf der hohen Bühne in der Sonne gerichtet und geschminkt. Davon strahlte sie übermenschlich, und das Volk, das zum Beten herkam, fühlte sich in ihrem Licht vergehn. Aber die Zuversicht des Alltags kehrte ihm zurück, wenn es zwischen den bunten überragenden Gebäuden die Karyatiden des Erechtheion erkannte, die »Mädchen«, wie sie einfach hießen, seine »Mädchen«, deren lächelnde Gestalten unbeirrt dem Himmelslicht standhielten... Die Schminke verblaßte und verschwand, auf dem heiligen Berg wurde gemordet, und die Geier nahmen von ihm Besitz. Kugeln und Explosionen zerstörten die Tempel, doch traten immer wieder aus dem Rauch einstürzender Gebäude, der sie verhüllte, aus dem Blutnebel, der sie unsichtbar machte, aus dem Dunkel der Vergessenheit die Spielgefährten der Pallas Athene, die »Mädchen«. Genauso, wie sie jetzt vor mir standen. Sie sagten nicht, daß der Kampf unnütz sei. Sie zeigten nur, daß sie ihn überdauerten... Und wenn sie morgen der Gewalt erlägen, oder wenn ich sie je vergäße, sie träten mir – doch, doch – an irgendeiner Straßenecke, in den Augen der Geliebten, träten mir in den harmonischen Stunden guter Arbeit doch entgegen... Denn auf dem langen Weg, der mich zu ihnen führte, hatten sie mir ja auch schon von weitem ihre Boten entgegengesandt.   Vor vielen Jahren sprach mich auf dem Boulevard St. Michel in Paris eine Dame an, die ich nicht erkannte. Das schien sie auch nicht erwartet zu haben, denn sie sagte mir gleich, wer sie sei. »Du hast dich verändert!« rief ich, leider nur zu deutlich enttäuscht. Sie nickte einige Mal und versuchte zu sprechen. Da nahm ich ihre Hand... Drei Schwestern waren sie, schlank, doch gedrungen, mit geraden Schultern, wie ihre Madonna und ihre Kirche sind. Sie waren die drei Schwestern von Paris. »Was ist aus euch geworden?« fragte ich leise. Sie antwortete nicht, wandte den Kopf zur Seite und drückte heftig meinen Arm. Sie waren die drei Grazien der Natürlichkeit. Allein durch ihre Gegenwart blieb das Lateinische Viertel eine Stätte hoher sittlicher und geistiger Kultur. Damals waren gerade die Fresken der Sorbonne dem Maler Puvis de Chavanne in Auftrag gegeben worden, und die Studenten wollten, daß ihnen dreien das Mittelfeld dieser Fresken gehöre. Über allen Philosophen und Dichtern sollten sie thronen, weil sie der fleischgewordene Traum aller waren: die Harmonie. Der Maler, der sie nicht kannte, wollte sich keine Modelle aufdrängen lassen. Doch fand eine Studentenversammlung statt, es wurde eine Adresse aufgesetzt, die, mit ihren Photographien, in die Zeitungen kam. Darauf lud der Maler sie freundlich ein. Sie gingen nicht hin. Sie waren verschwunden. Man erzählte, am selben Abend hätten sie, jede in einem Automobil, das Lateinische Viertel verlassen... Uns war, als sei ein ewiges Licht erloschen. Man verrohte hier zusehends. Gottlob mußte ich bald abreisen. Und jetzt nach sechs Jahren – »Du – so sprich doch – was ist aus euch geworden?« Wir standen an der Rue Monsieur le Prince. Sie antwortete nicht, sondern lief aufschluchzend in die Straße und in das Haus, wo ich vor sechs Jahren gewohnt hatte. So arm war sie also... Es folgten endlose Regentage. Der Sommer war irgendwo liegengeblieben, in der Touraine, in den großen Wiesen, die sich zu seiner Begrüßung mit rotem Knabenkraut geschmückt hatten, und wo die herzbewegende Feierlichkeit der Abendglocken im endlos ermatteten Himmel ihn erdrückte. Manchmal hob er den Kopf und sah nach Norden. Dann blitzte es über Paris goldig auf, und gleich strahlte der Garten des Luxembourg, als habe er nur auf diesen Blick gewartet, um seine Schönheit herzugeben. Das silbergraue Parterre mit dem flachen Wasserbecken glühte wie ein Spiegel. Über dem großen weißen Kreis der Balustrade, die das Parterre umschließt, lag die blühende Krone des Rotdorns, dahinter versanken die lichten Massen der Kastanienbäume in einem feinen Dunst weißen Lichts, dem wunderbar klar graue Dächer entstiegen, entfernt im blauen Himmel. An solchen Tagen sah ich zuweilen die Damen von weitem an der Seite eines Studenten oder eines aufmerksamen Fremden. Der erste von uns, der des andern ansichtig wurde, bog in den Schatten ein. Aber es war selten hell an diesen Tagen. Ich saß in einem möblierten Zimmer, in der Rue Gay-Lussac, von wo ich auf den Garten des Luxembourg und den eingeregneten Eiffelturm sah, zwischen Zeitungen, Büchern und illustrierten Revuen, die wie einen leichten roten Rauch eine aufrührende Atmosphäre ausströmten. Der kleine Tisch voll unreinen Papiers war ein Schlachtfeld von Leidenschaften, ein Gewühl und Gehetze, scharf und klein, wie durch einen umgekehrten Fernstecher gesehen. Gegen Abend hörte der Regen gewöhnlich auf. Der Himmel hinter dem Eiffelturm leuchtete gelb. Es gab da drüben in den graubraunen Wolken einen Backofen von gelber Glut, der seinen Schein fächerförmig über den Horizont breitete. Das Schieferdach des Luxembourg war von sanftestem Blau, jeder Baum tief und groß. Eine Zeitlang verbrachte ich die Hälfte der Nächte in der Gegend der großen Boulevards... Ich suchte, ohne es recht zu wissen, die schlanke Frau mit den hohen Schultern. Einmal traf ich sie in der Olympia , auf dem blauen Teppich mit den großen, gelben Blumen, wo kleine Tische mit blauen Glasplatten stehen, im Promenoir . Über dem Parterre lag eine hellgraue Rauchwolke, es waren viele Spiegel da, die Frauen wanderten. Sie trug ein enganliegendes schwarzes Kleid, das kaum verziert war und sich ihrem Körper anschmiegte, dazu einen großen, schwarzen Hut. Mir fiel ein, daß sie auch am Abend, wo sie mich angesprochen hatte, schwarz gekleidet war, und ich sah, ihre Blässe verlangte es. Ihr Profil war zart und hell. Sie hielt sich gut, schien gar nicht kokett, und selbst die diskrete Langeweile, die übrigens der Mattheit ihres Wesens entsprach, war durch einen Ausdruck von Güte und Freundschaftlichkeit so weit gemildert, daß sie für einen besonderen Reiz gelten konnte. Ihr Begleiter, ein kleiner Deutscher aus guter Familie, sympathisch, ernst, benahm sich, als ob sie seine Frau wäre; ein wenig abwesend, alles musternd, nachlässig zu ihr gehörig. Sie bemühte sich höflich um ihn. Am nächsten Abend sah ich sie mit ihrem kleinen Freund neben dem Springbrunnen der Folies-Bergères , mitten unter anderen Frauen, die unförmig und aufgedunsen um das klare Wasser kreisten. Sie aber, die schön war unter der kristallenen Wolke, zeigte: sie war von anderem Geschlecht als die ... Als sie fortgegangen war, schien der Springbrunnen etwas von ihrer Schönheit, Schlankheit und Blässe bewahrt zu haben, wie eine Quelle, worin eine Nymphe untertaucht, noch lange ihr Bild behält. Vereinsamter Springbrunnen, dachte ich, der sich klar aus den Ausdünstungen dieser Weiber und aus der Niedertracht dieser ihrer Bauchmusik erhebt! Du: Quellwasser, Berg, Wald, Meer plötzlich in der dicken Atmosphäre eines Bordells! O ihr Nymphen! Ihr Berggeister der kristallenen Lüfte, wie ist euer Atem rein! Ich spüre Sehnsucht in den Lungen ... Wenn sie sich auszögen, die hier Frauenhaftes feilbieten, und ihren Leib in den Staub des fallenden Wassers lehnten: welche Seele bestände die Prüfung?! Sie wären gerichtet durch die Schlechtigkeit ihres Leibes. Wären sie nicht wie blinde Scheiben? ... Und noch die reinsten glichen den alten venezianischen Spiegeln, die man in unbewohnten Schlössern findet. Ich horchte auf. Eine Stimme auf der Bühne sang ... Gleich schlug die rohe Musik sie tot. Ich dachte: Man sollte für seine Geliebte eine Folge von Harmonien erfinden, welche die reinste, mitklingende Luft für das Erklingen ihrer Stimme wäre, für ihr langes Verharren, ihr langsames Sterben. Harmonien – nicht für ihre ›Gesangstimme‹, nein, ursprüngliche Klänge, die Mutterwelt, aus der ihre Stimme entstand. Sie wiederfinden! ... und sie wie einen Wald um ihren Gesang errichten, und ein Frage- und Antwortspiel zwischen Wald und ihrer Stimme, ein Suchen, Sichsuchen, und, zum Schluß, der ungeheure Einklang, lang ausgehalten: der schönste Augenblick dieser Vereinigung von Landschaft und Seele ... Mythologie! Psyche lernt singen! Ich mochte dann nicht länger im Quartier wohnen bleiben. Die Examen hatten begonnen, jeden Abend fand ein Studentenumzug mit Lampions und Fahnen statt, immer unter demselben Gesang, immer mit demselben Abschluß: einer vollständigen Betrunkenheit in der Lorraine , im d'Harcourt , im Panthéon . Schließlich kam der 14. Juli. Zur Erinnerung an die Einnahme der Bastille verwandelten die Pariser ihre Stadt in eine Kirmes. Die Boulevards hinauf stand eine Verkaufsbude neben der andern. Wer keine vier Latten hatte aufbringen können, um damit ein Zelt zu bauen, betrieb sein Geschäft am Boden auf einem Taschentuch. Wo ein freier Platz war, drehte sich ein Karussell, an jeder Straßenecke wurde getanzt. Die Musikanten saßen auf trikolorenen Brettergerüsten, und Omnibusse, Wagen, Autos mußten warten, bis der Tanz zu Ende war. Dann gaben die Polizisten den Weg frei, um ihn wieder bei der ersten Lücke im Wagenzug zu sperren. Über die Straßen spannten sich zahllose Triumphbogen mit farbigen Glühbirnen. Es war märchenhaft. Ich zog mich nach dem Löwen von Belfort zurück in die Gegend der Closerie des Lilas . Das ist ein Restaurant und Kaffeehaus, worin selten mehr als zehn Menschen versammelt sind. Wenn ich es zu Hause nicht aushielt, konnte ich dahin gehen und arbeiten, ohne gestört zu werden. Die paar Gäste, die sich mit mir in das Café teilten, spielten Schach oder lernten Zeitungen auswendig. Eines Abends fand ich, noch ein wenig weiter nach Montrouge zu, ein Lokal, das ebenso leer war wie die Closerie ; aber auf dem Trottoir gegenüber standen viele Menschen und hörten der Musik zu, die hier weitabgewandte Konzerte gab. Fünf arme Konservatoristen hatten sich dem Wirt für die Abende vermietet. Sie machten Kammermusik. Die Zuhörer, Bewohner dieses Arbeiterviertels, verbrachten ihren Abend mit Frau und Kindern auf der Straße, standen schweigend, sehr still, und viele waren blaß vor Aufmerksamkeit. Hier verlebte ich Stunden, feierlich und heiter wie der letzte Akt eines Schauspiels, wo sich zum Schluß die Kulissen, mein Paris, auseinanderschöben und der Himmel offenstände. Hier war es auch, wo der Dichter Francis Jammes mir schwor, daß er den Tierhimmel gesehen habe. In seiner Heimat, so sagte er, sei ihm auf der Landstraße ein unansehnlicher Hase begegnet, und weil das Tier elend gewesen sei, habe er es geliebt. In der Folge seien sie Freunde geworden, wie selten zwei in diesem Leben voller Selbstsucht Freunde würden. Und es sei ein rührender Beweis mehr für die verständnisvolle Dankbarkeit der Tiere, daß der Hase ihn, den Dichter, bei einem mystischen Sprung in den Himmel mitgenommen habe. Das hätte mich nicht sonderlich überrascht. Aber der Dichter fand im Tierhimmel einen Park, wo auch junge Mädchen waren, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte ... Davon träumte ich, während die Musikanten eine Sonate spielten, die sich bewegte wie ein Trupp glänzender Herren und Damen, den man im Zickzack einen Berg hinaufreiten sieht. Es war hell im Land, es gab viel Grün und Blau, einen Fluß im Tal, Wege überall, schiefe Ebenen von Baumgipfeln wie große Dächer, die sich an den Himmel lehnen, und keine Möglichkeit, an den Tod zu denken. Sie spielten eine Sonate, die sich bewegte, wie ein Trupp zuversichtlicher Herren und lächelnder Damen, die im Zickzack einen Berg hinaufreiten und mit entzückten Augen um sich schauen. Ich dachte: Wie glücklich bin ich um dich, Ellen Parker! Also wurde deine Seele nicht ausschließlich einem traurigen Einsamen anvertraut, als du in einem florentinischen Frühling so sehr erblaßtest, daß zwischen einer weißen Verklärtheit und dir kein Unterschied mehr war, meine Freundin. Wie glücklich bin ich für dich, deren Röcke jungfräulich mitgingen, wenn du neben Paul Merkel, deinem Geliebten, schrittest ... deren Leib einen Erdgeruch ausatmete, wie von Heide und Thymian oder gemähten Wiesen oder einem jungen Wald, wenn es geregnet hat ... deren Hände und Schultern stark waren ... und deren Hüften, wenn sie sich in ihrer Bekleidung bogen, all das vergessen ließen: die Rüschen so hell wie ein Fenstervorhang in einem verrufenen Haus, der bewegt wird, das Höhlenhafte, Düstere solcher Orte, in einer hellen Stadt mit breiten Straßen, Brücken und Plätzen, und den ganzen Jammer, den man als Jüngling litt. Entkleidungen wie das Umrühren einer dampfenden Suppe, der Unterkleider nach oben steigende Kaskaden, die plötzlich zurückgehen und verschwinden, wenn sie ihren Beruf erfüllt haben und die ›Wirklichkeit‹ beginnt, all das Kulissenhafte, bis auf die Spitzen an den weiten Hosen, die ganz perverse Entlarvung der Amazone – Wie bin ich glücklich für dich, Ellen Parker, daß du unter einem Baum liegst im Tierhimmel, sorglos wie eine Vierzehnjährige, die auf dem Lande aufgewachsen ist, und aufspringend mit schlanken Tieren spielst, und daß ein Windhund, der sich an dir aufgerichtet hat, deinem Körper die Schönheit seines gestreckten, leise zitternden Rückens hinzufügt! Und du, Lo, hast eine Zukunft, wie ich sie dir oft gewünscht habe. Du solltest, sagte ich dir, in einem Garten wohnen. Der Garten wäre sehr groß und von einer hohen Mauer umgeben; unmöglich auszureißen. Hinten im Garten, unter Obstbäumen, hättest du deine Hütte, mit ausgewähltem Stroh, daneben stünde ein Brunnen mit klarem Wasser. Ringsherum, an der Erde, an den hundert Spalieren, wüchse mehr, als du je essen könntest. Du trügest das dünne lila Kleid mit der lila Halskrause, das wir alle kennen, hohe gelbe Schuhe, gestopfte Strümpfe aus fil d'Ecosse und gelbe Bänder von billiger Seide. Du wärst scheu, faul und zufrieden. Wenn es regnete, käme ich und legte dir eine goldene Kette um die Fußknöchel, damit du nicht in den Regen läufst und dich erkältest! ... Ich hatte allerdings den Wunsch, am andern Ende des Gartens in einem Palast zu wohnen. Große Herren und üppige Damen, die Festungen anziehen, sollten bei mir verkehren ... Eigentlich sollten sie das nur des Kontrastes wegen. Nach dem Essen wollte ich sie in den Garten führen und ihnen meine Gazelle zeigen. Sie ständen in einem dicken Kreis herum und glichen einem an die Luft gesetzten Trödlerladen, während du dich zehn Schritte vor ihnen an mich lehntest, etwas lilafarben Zartes, Schnellfüßiges mit hellen braunen Augen, das im großen Garten verschwände, wenn ich es nicht für die Augen meiner Gäste festhielte ... Die Damen wären von deinem scheuen Wesen entzückt und fänden deine Augen schön. Ich werde in keinem Palast wohnen. Ich werde nicht dort sein. Aber du wirst deinen Garten haben, Lo. Der Dichter hat ihn gesehen, im Tierhimmel, welcher der schönste aller Himmel ist, weil es dort außer euch keine Menschen gibt. Du wirst deinen Garten haben, Lo. Er liegt im »Park, wo auch junge Mädchen waren, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte«. Der Dichter hat ihn gesehen. Den Dichtern muß man glauben, Lo. Dichtern zu glauben schmeichelt. Wie gut ich mich erinnere! Sie spielten eine Sonate, die sich bewegte wie ein Trupp berittener Herren und Damen, die ihre Pferde zügeln müssen, weil die Tiere Stallgeruch gewittert haben und vor Ungeduld an den Zügeln reißen. Es kam ein ernsthafter Einzug durch ein dunkles Burgtor. Der Trupp verschwand. Eine Weile tönte noch der Kontrabaß, wie eine Säule ... Ihr holden Karyatiden! Ich bin ein armer ungläubiger Christ. Aber als Kind hatte ich meine Madonna, und alle unsere Mädchen hatten ihre Madonna, und die Madonna, glaubt mir, ist euch wohlgesinnt. Unsere jungen Mädchen wissen das genau, wenn sie sich zum Tanze schmücken oder an den lauen Abenden, nach den Maiandachten, vor den Burschen auf und ab gehen. Sähet ihr sie im Halbdunkel sich bewegen und höret sie untereinander lachen, ihr würdet euere Schwestern gleich erkennen. Und unsere Madonna, das wage ich zu sagen, obwohl ich kein großer Mann bin wie Perikles, unsere Madonna habe ich ebenso geliebt wie Perikles euere Pallas Athene. Mit Herz und Sinn. Und deshalb träumte ich, während die Sonate in Montrouge verklang, und sprach im Traum: Meine Seele ist nicht zufrieden damit, daß diese Mädchen, die das Schönste sind, was an Menschen wächst, im vornehmsten der Himmel verschwinden. Die Kirche lehrt, daß es Wesen gibt, die ihrer unbefleckten Reinheit wegen von Gott in seiner großen Güte auserwählt sind, damit sie die anspruchsvolle Stümperhaftigkeit der übrigen Menschen auf sich laden. Die Vielheit unserer Gefühle löst sich in ihrer reinen Einfachheit und geht eine Verbindung ein, deren Produkt man Lapis coeli , den himmlischen Diamant, nennt. Er ist der Preis, um den die Sünden der Menschen zurückgekauft werden. Ich bin gewiß, meine Freundinnen, die ihr uns schon in diesem Leben durch euer Beispiel erbaut und von vielen albernen Gewohnheiten gereinigt habt, daß ihr unter denen seid, die Gott zur immerwährenden Erlösung der Menschheit bestimmt hat. Denn wen hätte er sonst für würdig und fähig befinden sollen, sich von allen Ekelhaftigkeiten der Menschen anstecken zu lassen, wenn nicht euch und eure Schwestern, deren Schönheit in jedem Teilchen ganz und also unangreifbar, weil unersetzbar, und insgesamt so einfach ist, daß keine Häßlichkeit, die ihr in eure Seele aufnehmt, euch verunstalten kann? ... Blauer, blauer Himmel Attikas! Schwalben, die aus dem Parthenon schießen und sich in der Bläue verlieren! Holde Karyatiden über dem Trümmerfeld! Würdige Freundinnen von euch haben mich bis hierher geführt. Nun habe ich euch selbst gesehen. Ihr, die ihr das Urbild unserer Sehnsucht seid. Ihr, die ihr noch mit Pallas Athene gespielt habt an Frühlingsabenden wie diesem. Tretet einst, ich bitte euch, an das Bett, auf dem ich den Todeskampf leiden werde. Aïssé Pondichéry an der Koromandelküste ist eine alte französische Provinzstadt, wie es sie in Frankreich selbst wohl kaum noch gibt. Sie liegt still und weiß mit großen Plätzen und winkligen Straßen, deren Namen die Schreibweise des vorigen Jahrhunderts beibehalten haben. Ich war an den Chefarzt des Hospitals empfohlen, und da wir nur zwei Tage bleiben sollten, beeilte ich mich, ihn aufzusuchen. Ich traf ihn vor einem Pavillon inmitten von Palmen und gezirkelten Rasenflächen, auf deren Grün die Tulpen wie kleine bunte Laternen brannten. Die Palmen standen so dicht zusammen, daß sie ihre harten Wedel in der Höhe vermischten, doch schienen sich diese in dem grellen Licht, das sie tausendfach durchlöcherte, zu verflüchtigen, man bekam Schwindel, wenn man lange hinaufsah, der ganze Palmenwald fuhr mit einem in den Himmel. Um so zuversichtlicher kam dann der Blick auf den Rasen zurück, wo die Tulpen der Sonne tapfer standhielten, die sie mit Haut und Haaren aufzufressen drohte. Sie glichen eigensinnigen Kindern, die sich nicht von der Stelle rühren. Über die roten Sandwege, zwischen den Bäumen, in den Büschen voll Glanz und Dunkel flitzten die Mungos, halb Eichhörnchen, halb Wiesel. Die Europäer züchten sie und lassen sie auf die Schlangen los, die der Hindu nicht von Menschenhand getötet haben will, weil sie wie alle Tiere wandernden Seelen zum schicksalsvollen Aufenthalt dienen. Wir wechselten die üblichen Begrüßungsworte und schritten durch den Palmenwald einem überhellen, zitternden Stück Horizont entgegen. »Was ist das für ein magisches Licht, das sich dort hinter den Stämmen bewegt?« fragte ich und deutete auf die weiße Flamme. Mein Begleiter blickte auf: »Ja, nicht wahr? Ein magisches Licht! ... Und es ist doch nur eine Hauswand, die Wand eines Pavillons. Allerdings eines Pavillons in Südindien. Unsere schöne, schöne Sonne! Fast alle Europäer hassen sie ... Ich bleibe einzig und allein ihretwegen hier ... Vor zwei Jahren war ich zum letztenmal in Europa ... Nie wieder! ... Schon im Mittelländischen Meer fühlte ich, wie der blaue Himmel über uns langsam hinwelkte, das Licht hing stumpf und schwer über einem kraftlos glitzernden Meer, das Fenster der Welt schien beschlagen. – Vierzehn Tage später landete ich in einem feuchtkalten Keller. Das war Europa. Jetzt bleibe ich hier bis zum Ende ...« Wir betraten den Pavillon, der vom Rauschen der elektrischen Fächer erfüllt war und wo die Kühle duftete. Der Arzt führte mich in ein großes Zimmer. Zwei Betten standen darin. Das eine war leer, in dem andern lag eine alte Hindufrau, das Gesicht tief in blauschwarzem Haar. Daneben saß ein Europäer, der sich bei unserem Eintritt erhob: eine magere, gebeugte Gestalt, unter Mittelgröße, jedoch auffallend breitschultrig, Haupthaar und Schnurrbart waren schlohweiß. Das fahle Gesicht beunruhigten kleine, wimmelnde Augen. Aber als ihr Blick sich auf mich legte, empfand ich etwas zugleich Beklemmendes und Beglückendes, eine gütige Schwermut, die traurig machte und doch selbst vollkommen leidlos schien. Vielleicht ist das der Ausdruck des tiefen Glücks, das ja ebenso vereinsamt wie der große Schmerz. Der Arzt machte uns miteinander bekannt. »Herr Frémard ist ein hervorragender Beamter unserer Kolonie, der auf eine mehr als dreißigjährige Dienstzeit zurückblickt. Er leistet seiner erkrankten Frau Gesellschaft. Madame befindet sich auf dem Wege der Besserung.« Dann ließ er mich mit dem Franzosen allein. Während ich mich auf einen Stuhl setzte, den der Franzose mir reichte, wobei er in reizend liebenswürdiger Weise die Unterhaltung begann, sah die dunkle, verwitterte Frau in den weißen Kissen uns reglos zu. Sie hatte jene sanften Hinduaugen, die schönsten Augen der Welt, die mich auf meiner Reise durch Indien begleitet haben wie eine immer erneute Gnade, Schatten und Kühle gewordenes Feuer. Mit einem Blick, der mühelos durch alle Dinge hindurchging, ohne Stoß sich umsah wie ein beständiger Wind, uralt und eben geboren – ein Ausdruck Gottes, ein Wunder. Oh, ich erinnere mich ihrer, ich vergesse sie nie: die seligen Augen, die Ewigkeit seliger Augen, die aus den uralten Liebesgesängen Indiens blicken, wie sie uns noch immer auf allen Straßen dieses Landes hundert- und tausendmal begegnen, Schatten und Kühle gewordenes Feuer, schwarzer Diamant, den die indische Sonne flüssig erhält, große dunkle Tropfen Seele, die, ganz langsam, durch das blendende Licht fallen. Wie war das lederne, knochige Gesicht, fast schon ein Totenkopf, von der Schönheit der tiefliegenden, wie schon halb versunkenen Augen überschwemmt! »Ist Aïssé nicht schön?!« rief der Franzose. Die Frau verstand offenbar seine Sprache, denn sie verzog die harten Muskeln um ihren Mund zu einem Lächeln, einem Lächeln, das die zahnlosen Kiefer entblößte und zuckend über das ganze Gesicht kroch, dessen Häßlichkeit noch entstellend. Zugleich stieg aus ihren Augen eine Wolke schimmernden Dunkels: Glück! Da rückte der Franzose mit dem Stuhl näher und berührte mein Knie: »Darf ich Ihnen erzählen, wie ich Aïssé kennenlernte? Oh, es ist lange her, es war drüben in Frankreich, in Paris, unter der Regentschaft des Herzogs von Bourbon, jedoch ich entsinne mich genau des Morgens in Saint-Sulpice, wo mir bewußt wurde, welchen Schatz ich, der arme, kleine Chevalier d'Aydin, in Aïssé gefunden hatte. Ich hörte stehend die Messe an. Wenn das Rascheln eines Kleides an mein Ohr drang, dachte ich an das Böse, das sich da rührte. Ein Räuspern, ein Degenklirren gemahnte mich, daß ich von Raubtieren umgeben war, die ihre Beute musterten, und, den Sprung berechnend, lautlos heranschlichen. Alle lauerten unruhig hinter der zur Schau getragenen Würde. Ihre Gedanken, unter denen sich Kleider, Perücken, Stöcke und Degen unausgesetzt wie in einem Luftzug bewegten, verwandelten das Heiligtum in einen Ort der überlegten, sorgsam vorbereiteten und dann, plötzlich, mit Peitschenhieben losgelassenen Laster. Saint-Sulpice war das Palais Royal am frühen Morgen ... Bald vergaß ich alle, die sich um mich rührten, bis auf eine, deren Stille anschwellend zu mir drang und mich einhüllte. Obwohl ich damals leider nicht mehr gläubig war, folgte ich doch der heiligen Handlung mit aufmerksamer Hingabe. Die sich steigernden Gebärden des Opfers reinigten auch mich, indem sie mit ihrer aus dem Dunkel der Geschlechter und meiner eigenen Kindheit wirkenden Kraft meine Sammlung vertieften. Alles, was vor der Welt den Herrn Chevalier d'Aydin ausmachte, fiel von mir ab, die tausend Nichtigkeiten, die sich in einem lautern Charakter festsetzen und an ihm zehren, starben, es blieb nur ein menschliches Herz, das an seine Güte glaubt. Als die Klingel rief und der Priester über der in die Knie gesunkenen Gemeinde die Hostie hob, empfand ich diesen Augenblick als den beglückenden Höhepunkt meines Zwiegesprächs mit dem Ewigen. Ich hatte zwei Jahre am Rande der tollen Kirche gelebt, in der die Teufel Menuett tanzten, daß den armen Engeln das Entsetzen durch die steinernen Glieder rann und die Frommen vor dem Altar nicht aus ihren Gebeten aufzublicken wagten. Aber die Versuchungen hatten mich in meinem Winkel aufgesucht, Frauen ergriffen meine Hände und wollten mich in das Gedränge ziehen, wo die Wildheit der einen sich an der Berührung der andern entflammte, wo der Atem all dieser erhitzten Menschen, der Duft ihrer Blumen und Essenzen, die züngelnden, stachelnden Liebkosungen ihres Witzes und ihre tiefen Schreie eine Atmosphäre schufen, die wie eine glitzernde Glasglocke über ihnen stand. Die Stärke der Versuchung hielt mich zurück. Denn so sehr empfand ich die Gewalt des grenzenlosen Lustverlangens, daß ich meinte, ich müßte in wenigen Wochen tot oder als Krüppel zusammenbrechen, wenn ich dem grausamen Jagdruf meiner Sinne folgte. Wie andere mit unverletzlichem, weil demütigem Vertrauen an Gott glauben, so stellte ich all meinen Mut auf die Liebe. Meine Mutter war eine reine Frau, sinnlich, heiter und überlegsam, die ihren Mann liebte, nicht heute, gestern und morgen, sondern wahrhaft in Ewigkeit. Darum konnten Enttäuschungen, Schmerz und manchmal recht langer Gram kommen, sie bückte sich mit verhaltener Innigkeit unter dem Windstoß, der vorüberzog, ihr Mund blieb jung und ihre Liebe ein einziger Sommer. Sie konnte nicht rechten, weil sie an das Geschenk ihrer Liebe keine Bedingungen geknüpft hatte, und sie liebte auch nicht, um dafür belohnt zu werden. Sie liebte. Das war alles. Ich war ihr einziger Sohn. Und wenn sie mich auch nicht fromm erhalten konnte, so bewahrte sie mich doch stark und gerade. Als ich, zweiundzwanzigjährig, nach Paris kam, stellte ich mich, über meine Unscheinbarkeit erfreut, belustigt und die Menschen nehmend, wie sie waren, aller Kamerad, ohne Furcht vor Gefahr und Verrat, unter die einströmenden Gäste des Karnevals, sah alles, nahm manchmal teil und suchte gleichzeitig mit den Blicken, ob nicht vielleicht irgendwo eine Frau stände und ihren wissenden Blick ebenso schweifen ließe ... Sie saß vor dem jungen Herrn von Richelieu, der mit strahlendem Gesicht auf sie einredete! Ihre eine Hand hielt die andere fest umschlungen, und ihr Blick irrte hilfesuchend durch den Saal. Der Blick traf mich und verweilte; ich kam. Richelieu stellte mich vor. Ich verließ sie nicht an diesem Abend. Wochen, Monate warb ich um ihre Liebe, bis sie mich eines Tages fortschickte ... Ich sollte sie vergessen ... Und reiste acht Monate ins Ausland, kam zurück. Sie gab sich mir. Ich bot ihr meine Hand an, sie schlug sie aus und ließ mich versprechen, niemand zu sagen, daß ich sie habe heiraten wollen. Alle Frauen von Paris zusammen hatten nicht so viel Liebeskraft, wie Aïssé in einer Stunde an ihren Geliebten hingab. Es war, als ob die Liebe der Welt in ihrem Herzen zusammenströmte. Sie war so voll Liebe, daß sie mich nur von weitem anzublicken brauchte: gleich fühlte ich in mir eine Quelle von Freude aufbrechen, die meinen ganzen Körper durchdrang und sogar verklärte, was um mich war. Ich ging in meinem eignen Schein. In Wahrheit trug ich nur einen Abglanz von Aïssé durch die Stadt. Sie aber leuchtete wirklich. Das alles wurde mir an jenem Morgen in Saint-Sulpice klar. Der Priester segnete die vornehme Welt, die diskret lärmend aufbrach und sich mit herrischen Mienen aneinanderdrängte, während sie dem Ausgang zuströmte. Die Männer streiften die Frauen, es wurden heimliche Händedrücke und eindeutige Blicke gewechselt, ein beschnalltes Knie stieß flüchtig in einen Rock. Vor der Tür wurden die Wagen aufgerufen. Und wie seltsam: Auch für Aïssé wurde dieser Morgen entscheidend. Als sie mit ihrer Zofe in der Kirche allein war, schickte sie das Mädchen in die Sakristei und ließ den Priester bitten, ihr die Beichte abzunehmen. ›Ehrwürdiger Vater‹, sagte sie, ›Sie wissen ja, ich war ein Heidenkind; als man mir von Christus erzählte, liebte ich ihn gleich wie meinen großen Bruder, und es fiel nicht schwer, mich zu bekehren. Im Gegenteil, mir war, als sei ich, seit ich lebte, durch einen dunklen Gang marschiert, immer geradeaus, bis in die Kapelle des Klosters, wo im Weihrauch die goldene Monstranz war und die weißen Schwestern sangen. Aber nun sterbe ich daran. Ich spüre es, ich fürchte sogar, daß es schnell geht. Ich magere schrecklich ab. Ich verzehre mich. Herr von Ferriol hat mir einmal geschrieben, schlimmer als in einem Harem hätten es die Frauen in Paris auch nicht. Er hat vielleicht recht. Und die Frauen wollen es ja nicht anders. Aber ich kann nicht. Ich liebe, ehrwürdiger Vater, ich liebe mit ganzem Herzen, und, nein, ich kann meine Liebe nicht für Sünde halten. Aber das ist es nicht. Ich muß sterben, weil ich den Chevalier nicht heiraten kann ...‹ Der Priester wollte sie unterbrechen, aber Aïssé fuhr schnell fort: Ja, er will mich heiraten – ihn trifft keine Schuld. Sie müssen einsehen, daß ich ihn nicht heiraten darf. Er kann keine Sklavin heiraten, und ich bin eine Sklavin, eine böse, eifersüchtige Sklavin, die ihm nie verziehe, wenn er sie einmal nicht mehr liebte, und sich gleich auf der Stelle wegwürfe, um sich an ihm zu rächen. Wie sind sie jetzt schon hinter mir her! Oh, sie haben mich verhöhnt, als ich herkam, und gesagt, man sehe ah meinem Gang, daß ich eine Sklavin sei, ich stieße mit dem Fuß ein rohes Ei vor mir her, darum schliche ich so. Dann haben sie alle versucht, meinen Gang nachzuahmen. Ich bin ihnen nicht böse, viele haben mich gestreichelt – und im übrigen weiß ich sehr wohl, daß ich schöner bin als sie und daß sie neidisch sind, je älter sie werden. Und sie werden jeden Tag älter. Nein, ich bin ihnen nicht böse. Wer fände es nicht natürlich, daß sie einen Eindringling wie mich nicht gelten lassen wollen! Und wissen nicht alle, daß Herr von Ferriol mich auf dem Sklavenmarkt wie ein Tier gekauft hat, damit ich ihm nach seiner Rückkehr wie ein Tier diene? Sie hätten nur gewünscht, daß ich nicht auf ihn wartete. Denn sie leiden, wenn sie sehen, daß jemand nicht betrogen wird, und was mich betrifft, so schwanken sie zwischen Abscheu und Zufriedenheit. Sie verabscheuen mich, weil ich tugendhaft scheine, sind es aber zufrieden, weil meine Dummheit, wie sie sagen, mich unschädlich macht. Dem Chevalier geht es nicht besser. Sie haben ihn nicht für sich haben können, jetzt tun sie alles, um ihn aus ihrer Gesellschaft zu vertreiben. Zugleich freuen sie sich, daß er mich liebt. Denn er ist nicht reich, ohne Protektion, und ich – mir gehört nicht einmal das Hemd an meinem Leib. Es ist fürchterlich, arm zu sein. Und darum bin ich schuld, ich allein. Aber ich liebe ihn, doch, ich liebe ihn, liebe ihn, liebe ihn! ... Was soll ich tun? Für sie bin und bleibe ich die Sklavin des Herrn von Ferriol. Sie wollen es nicht anders. Es darf nicht anders sein.‹ Sie warf den Kopf auf den Arm und stöhnte auf. Der Priester im Beichtstuhl hatte die Augen geschlossen und schwieg. Er kannte jede Falte in Aïssés Herzen und wußte, daß sie ohne einen Schatten von Hochmut, gut und geduldig war und wie still sie selbst Beleidigungen hinnahm. Daran konnte er die Größe ihres Schmerzes ermessen, wie sie, die er immer gefaßt gesehen hatte, nun verzweifelt vor ihm lag. Es gab nur ein Mittel, ihr zu helfen. Er sagte ihr: Christus kannte keine Sklaven, alle Menschen waren gleich vor ihm. ›Ist das ganz sicher?‹ schluchzte Aïssé. Nichts konnte gewisser sein. War nicht Christus selbst ein Sklave? Waren nicht fast alle seine ersten Anhänger, Apostel und Märtyrer, Sklaven? Arme, verachtete Sklaven? Hatte er nicht selbst gesagt: ›Es geht leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel?‹ Sie war Christin. Alle Christen waren Brüder und Schwestern. Der König und seine Leibeignen waren Brüder. Wehe dem König, der es vergaß. ›Die Letzten werden die Ersten sein.‹ Am Jüngsten Gericht werden beim Ruf der Posaunen die mißbrauchten Throne zusammenbrechen und die Unwürdigen unter sich begraben, indes die Armen und Gerechten an Gottes Seite treten. Sie war keine Sklavin. Sie durfte nicht glauben, daß sie eine Sklavin sei, das war Sünde an Gottes Kreatur ... Sie liebte vielleicht zu maßlos, mehr, als man Menschen lieben sollte. Er, der Priester, konnte es nicht billigen. Es war einer der schlimmsten Fallstricke. Aïssé schüttelte heftig den Kopf. Doch, das durfte sie nicht vergessen. Aber er hoffte, für Menschen wie sie habe Christus das Wort gesprochen: ›Ihnen wird verziehen werden, weil sie viel geliebt haben.‹ ›Da bin ich so sicher‹, sagte Aïsse leise. ›Ich habe Christus nie vergessen. Ich kann nur seine unendliche Liebe besser begreifen, seitdem ich liebe, ich fühle ihn näher, ihn leibhaftig, mit seinen blutenden Liebeswunden und seinem grenzenlosen Liebesblick über Himmel und Erde. Wenn ich ihn mir früher vorstellte, war er immer fern ... Ehrwürdiger Vater, ich weiß erst, daß er lebt, seitdem ich liebe.‹ Der Priester antwortete fast ebenso leise: ›Ja, ich glaube, daß ich Sie verstehe. Und ich will Ihnen beistehen mit meinem Gebet ... Aïssé, Sie sind keine Sklavin. Der Chevalier liebt nur Sie, er kann gewiß den Hof entbehren. Heiraten Sie ihn und verlassen Sie mit ihm Paris. Sie dürfen nicht seine Geliebte sein.‹ Aïssé dachte lang nach. ›Unmöglich‹, flüsterte sie endlich mit zitternder Stimme. ›Denken Sie an den Prinzen von Conti, der seine Frau zuerst so liebte ... Sie waren kein Jahr verheiratet, da betrog er sie und kam nicht einmal mehr nach Hause, um zu essen und zu schlafen. Alle sagen, daß sie einander hassen. Ich ertrüge es nicht ...‹ Wenn er sie entbehren sollte, zöge es ihn vielleicht doch wieder zu den Frauen seiner Gesellschaft. Aïsse fuhr in die Höhe und rief trotzig: ›Und dann, ich will nicht noch einmal gekauft werden, wie ich gekauft worden bin, nackt und bloß, ohne Eltern und Freunde! Er soll mich lieben, bis ich tot bin, und dann eine Dame heiraten, mit der er seinen Eltern unter die Augen treten darf.‹ Nach einer Weile fügte sie hinzu: ›Ehrwürdiger Vater, es dauert nicht mehr lange! Bitte, haben Sie Nachsicht mit mir, verstoßen Sie mich nicht.‹ Sie starrte in das Dunkel des Beichtstuhls mit angstgroßen Augen, die ihr Urteil erwarteten. ›Dann sagen Sie wenigstens und lassen Sie verbreiten, daß der Chevalier Ihnen seine Hand angeboten hat.‹ ›Warum?‹ fragte Aïssé. ›Damit Ihre Liebe nicht erniedrigt wird.‹ Er bat Aïssé, bald wiederzukommen, und entließ sie ohne Absolution ... Am Abend dieses selben Tages gab der Regent seinen Freunden ein Fest. Da saß Aïssé und war gezwungen, Frau von Berry, der Tochter des Regenten, die in fetter Röte neben ihr thronte, ihre Beobachtungen über das Hofleben mitzuteilen. Sie wandte das schmächtige Gesicht hin und her und konnte ihre Ungeduld nicht verbergen. ›Madame, Sie verzeihen, aber Ihre Sitten werden mir wohl immer ein wenig fremd bleiben. Herr von Ferriol hat mich auf einem Sklavenmarkt aufgelesen, wo ich, elfjährig, zum Kauf angeboten wurde, und mich nach Paris in seine Familie und dann ins Kloster gebracht. Ich habe mir viel Mühe gegeben zu lernen. Trotzdem kann ich nicht lieben wie die hohen Damen, die mich mit ihrer Freundschaft beehren.‹ Die Herzogin von Berry warf den Fächer auseinander und sagte entschuldigend: ›Sie sind ja auch noch fast unverdorben ... Herr von Ferriol wird sich freuen, Sie in solchem Zustand zu bekommen. Wie lange bleibt er denn noch in Konstantinopel?‹ Aïssé errötete: ›Madame, Sie tun Herrn von Ferriol unrecht. Herr von Ferriol ist für mich wie ein Vater.‹ ›Hören Sie? Hören Sie?‹ rief die Herzogin und winkte mit dem Fächer. Der Regent blieb vor ihnen stehen: ›Braune Diana mit den Honigschultern, sollten Sie endlich meiner Tochter gestanden haben, daß Sie mich nicht mehr verabscheuen?‹ Der Graf von Charolais aber, der wieder getrunken hatte, sammelte schnell einige Herren und stellte sich mit ihnen in die nahe Fensternische, von wo sie Aïssés Mienenspiel beobachten konnten. ›Auf gepaßt‹, flüsterte er. ›Ich habe zweihundert Dukaten gegen ihre Unschuld gewettet! Wenn ich euch sage, daß Richelieu Bresche gelegt hat ...‹ Aïssé sah, wie alle Gäste des Regenten einen Kreis um sie schlössen, und sie bemerkte auch den lüsternen Stolz, mit dem Frau von Ferriol, die sie, mit Spott, ihre Stiefmutter nannten, jetzt durch die wispernden Gruppen auf sie zuschritt. Das war die ganze Belagerungsarmee, die der Regent geworben hatte und mit Versprechen von Gold, Regimentern, Pfründen, Titeln und wiederum Geld und – Liebe in Atem hielt. Und dort aus der Tür trat der bildschöne Richelieu, lächelnd, wie immer. Sie schlug erschreckt die Augen nieder. ›Beschämen Sie mich nicht. Wie könnte ich Sie verabscheuen, wo Sie gut zu mir sind.‹ ›Indes, Sie lieben mich auch nicht, und es ist vielleicht eine schlechte, aber, ich versichere Sie, unüberwindliche Gewohnheit von mir, geliebt zu werden!‹ Aïssé hob lachend die Augen: ›Ich gestand gerade der Frau Herzogin von Berry, daß ich nichts von dieser Liebe verstehe.‹ Hier aber fuhr Frau von Averne dazwischen, die Aïssé allzu kokett fand: ›Nein, meine Liebe, Sie sind treu, und ich wünschte sehr, daß diese Tugend hier mehr verbreitet wäre.‹ ›Nun?‹ flüsterte Charolais. ›Seht nur die beiden Weiber an! Wie?‹ ›Treu? Herr von Richelieu, wenn Sie mein Freund sind, so führen Sie Frau von Averne an die frische Luft, sie könnte sich sonst von ihrem Temperament hinreißen lassen, mich noch einmal zu unterbrechen ... Treu? Sind Sie treu?‹ ›Wie könnte ich treu sein, da ich nicht liebe?‹ ›Gar nicht? Auch nicht den Chevalier?‹ ›Noch lange nicht, wie ich möchte.‹ Da eine Pause eintrat, während der der Regent mit seinen heißgespielten Blicken in den großen Augen vor ihm nach einem Fünkchen suchte, um es zu entflammen, hörte man die Herzogin von Berry gelangweilt ausrufen: ›Wann wird denn endlich das Feuerwerk abgebrannt?‹ Der Regent nickte: ›Die Zündschnur will nicht Feuer fangen ... Die Hoffnung erhält mich am Leben, Mademoiselle.‹ Er reichte seiner Tochter den Arm. – Vor Aïssé und Frau von Ferriol stand der Kardinal Dubois und schwärmte leise: ›Madame, Sie sind heute schöner denn je, und glauben Sie mir, der Regent hat ebenso gute, wenn nicht bessere Augen als ich. Kennen Sie schon die Geschichte von der Stiftsdame, die sich in die Venus verwandelte? Herr Graf von Charolais, wenn Sie zuhören wollen, müssen Sie näher treten ... Ich bitte darum ... Eine Stiftsdame, wie gesagt. In der Garderobe des Regenten stand auf dem Postament eine Venus, die, weil irgendwie beschädigt, zur Reparatur weggebracht worden war. Unsere Stiftsdame schlich sich ins Zimmer, entkleidete sich, nahm den Platz der Göttin ein, und wie der Regent sich zur Ruhe begeben wollte ... Ich muß sagen, daß die Dame von Natur wunderbar geformt war. Jedoch es zeigte sich, daß sie kein Herz hatte. Der Regent mußte ihr bedeuten, daß er es nicht liebe, wenn Damen zwischen zwei Bettüchern von Geschäften reden, und schickte sie fort... Sie scheinen toll vor Liebe und wollen doch nur Geschäfte machen. Ein Herz fehlt, ein Herz, das zugleich Frankreichs Herz wäre. Denn im Grund ist er der edelste Charakter, ich kann sagen, der edelste von allen, die ich kenne.‹ Er sah Aïsse fragend an. Sie lächelte. ›Das begreife ich‹, sagte sie, erhob sich langsam, und dann streckte sie wie ein Mädchen mir, mir, der auf sie zueilte, die kleine runde Hand entgegen. Zugleich nahm Charolais den Arm des Kardinals: ›Kommen Sie, ich möchte den Kerl erst aufspießen, wenn der Regent sich zurückgezogen hat. Machen wir unterdessen ein Spiel.‹ ›Seit vier Stunden bete ich zur himmlischen Jungfrau, daß sie dich schicken möge, um mich zu befreien. Jetzt bist du da.‹   Wir setzten uns nebeneinander an die Wand, den Saal vor uns, und nahmen eine Haltung ein, als ob wir plauderten. So sangen wir einander unsere Liebe zu. Wir hätten am liebsten geschwiegen, weil wir dann die Stimme am deutlichsten hörten. Aber wir wagten es nicht. Gleich hätte sich mit spöttischem Gesicht ein Kavalier eingefunden und behauptet, daß er die junge Dame unterhalten müsse. Wir hockten wie halb versteckt an den untersten Stäben eines großen Papageikäfigs, den von Zeit zu Zeit grelle Flüge durchbrausten. Sie störten die sich artig und listig drehenden Tierchen gewaltsam auf. Dann war alles ein bunter kreischender Wirbel, der den Käfig selber hochzuheben und fortzureißen schien. Aber plötzlich standen sie wieder in Reih und Glied, schüttelten zeremoniös die Flügel, verteilten sich gravitätisch zu vier und fünf auf den vielen Stäben und Ringen und taten feierlich und immer kokett, als hielten sie in verschiedenen Kommissionen eine wichtige Beratung ab. Am Boden kauerten Verletzte, andere schaukelten mit eingezogener Pfote auf den Ringen. Sie gaben sich die größte Mühe, wohlauf und keck zu erscheinen, und wußten die schmerzhaften Zuckungen ihrer Flügel so zu deuten, als ob sie sich gar nicht an die Ruhe gewöhnen könnten und am liebsten gleich wieder den Verstand verlören. Es kam vor, daß einige mit dem Leben auch die Fassung einbüßten und rücksichtslos auf den Rücken fielen ... Als das Feuerwerk abgebrannt war, kam der Regent auf uns zu. ›Chevalier‹, rief er, ›ich werde Sie an die Grenze schicken.‹ Aïssé, die er ansah, wurde weiß um die Augen. ›Kind, wie können Sie mich für so grausam halten. Wenn er Sie heiratet, mache ich ihn zum Hauptmann in der Garde.‹ ›Sie sind ein Volk von Wilden‹, erwiderte sie matt, und der Regent ging lachend davon. Die schöne Türkin durfte sich viel herausnehmen! Bald darauf entstand Lärm, Frau von Ferriol wand sich durch die nach dem Spielzimmer drängende Menge: ›Im Spielzimmer schlagen sie einander. Der Graf von Charolais hat verloren ... Das nennt man ein intimes Fest. Wir wollen nach Hause – bevor es ihnen einfällt, sich über die Frauen herzumachen.‹ Im Spielzimmer sah ich, wie der Graf von Charolais seine Freunde von sich abschüttelte und mit geschwungenem Degen auf ein Kruzifix losstürmte, das über dem Kamin hing. ›Nieder mit ihm!‹ brüllte er. ›Nieder mit ihm ...‹ In der Nacht bekam Aïssé ohne ersichtlichen Grund einen heftigen Fieberanfall. Der Arzt ließ sie zur Ader. Nun verfiel sie in einen Zustand vollkommener Erschöpfung, der lange anhielt. Als sie so weit hergestellt war, daß sie das Bett verlassen konnte, bat sie mich, sie fortzunehmen und sie in der Nähe von Paris zu verstecken, so daß es mir möglich wäre, meinen Dienst in den Gemächern der Regentin zu versehen und dennoch alle freien Stunden und die Nächte bei ihr zu verbringen. Ich war glückselig. Ich brachte sie in das Haus eines Pächters, der uns ein großes Dachzimmer abließ, von wo wir aus drei Fenstern über hohe Wiesen blickten, die sich tief und gleichmäßig ausbreiteten, bis sie auf der einen Seite vor einem Walde haltmachten, auf der anderen aber in den offenen Himmel strömten. Wir waren wie auf einer grünen Insel in einem grünen Meer. Aïssé hatte das Haus der Frau von Ferriol in einem einfachen Kleid verlassen. Sie tat es ab, löste ihre Haare und legte sich nackt ins Bett, und ich mußte alles, was sie besaß, bis auf die Haarspangen, Frau von Ferriol überbringen mit Aïssés Dank für die Wohltaten, die sie in ihrem Haus empfangen habe: Sie wolle leben und sterben, wie sie gewesen, als Herr von Ferriol sie gekauft habe. Auch bat sie Frau von Ferriol, sie in Schutz zu nehmen, wenn man zu schlecht von ihr spräche. In Aïssés Umarmungen verlor sie bald das Bewußtsein von ihrer Krankheit. Gab sie mir nicht so viel mehr als je zuvor? Zum erstenmal besaß ich sie ganz, ohne Rücksicht auf andere, nicht nur für Stunden, in den Zwischenakten der höfischen Komödie, sondern Tage und Nächte, wachend und im Schlaf. Ich nahm sie nicht mehr in jenem wilden, schwindelerregenden Anlauf, als müßten wir uns schnell aus einer Welt von Verstellung und Häßlichkeit in einen Abgrund stürzen, um in dessen Tiefe endlich zusammenzukommen und einander zu gehören. Immer war sie bereit für mich, die Zeiten des Tags und der Nacht wechselten auf ihrem Körper, Hell und Dunkel lag in ihren Händen, ihre Stimme hielt alles zusammen. Sie schien das Geheimnis des ewigen Lebens zu kennen. Sie war unerschöpflich. Ihre Arme hoben mich in den Himmel. Sie rief, den schwärmerischen Tod auf den Lippen, und hielt mich an sich, bis ich wie in Feuer und Schnee in ihr versank. Ihr Blick, die geringste Bewegung ihres Körpers brach strömende Kraft in mir auf, und wenn ich müde war, deckte sie mich mit einem Frühlingshimmel zu. Ein kühlender Wind wehte und trieb Schafwölkchen über den Himmel. Die Erde roch feucht und erquickend wie nach einem Regen. Weit fort am Waldrand sangen die Vögel. Jetzt hingen der Hof und Paris wie eine traumhafte Erscheinung in der Luft, zitternd, ungewiß, ich sah den wir wohlbekannten Chevalier d'Aydin mit Verwunderung sich in diesem Bild bewegen, die Sinne versagten mir, dann erwachte ich in Aïssés Armen zur Wirklichkeit ... ›Seht nur das Gespenst!‹ riefen die Leute, wenn ich auf meinem Pferd durch die Straßen jagte. ›Der Chevalier ist blind und taub geworden‹, sagte man bei Hof. Ich tat meinen Dienst mit einer Art schlafwandlerischer Sicherheit, ohne mich einen Augenblick bei etwas aufzuhalten, was nicht zu der Funktion gehörte, die ich, wie mir schien, seit undenklichen Zeiten ausübte. Wie ich mich so gehen und sprechen, lächeln, den Nacken beugen fühlte, empfand ich mich selbst immer mehr als ein Gespenst. Im selben Maße wuchs die Macht meiner Vereinigung mit der Geliebten. Es war ein Strudel, der alles anzog. Eltern, Kindheit, die kleinen und großen Ereignisse meines Lebens, Hoffnungen und Begierden, alles drängte hier zusammen und hatte nur noch Leben in ihren Armen. Manchmal sah ich halbvergessene Menschen körperhaft herbeiwandern, ich hörte ganz nah den Klang von meines Vaters Stimme, der aus dem Fenster des Wohnzimmers nach mir rief, ferne Gegenden kamen geschwommen, wie Treibeis, mit Häusern, Äckern, Herden drauf. Alles, was ich kannte, machte sich vom Boden los, verließ die Welt des Scheins und kehrte in die Heimat zurück und nahm Platz in meinem und der Geliebten einem Herzen. O wunderbare, lebenslängliche Umarmung! Sie offenbarte mir die Güte der Verzweifelten. Wie alle jungen Männer hatte ich genossen, um zu genießen, der Zerstreuung wegen und weil andere ebenso taten und auch, um mich von einem Alp zu befreien – und die brennende Scham der Enttäuschung gekannt. Die ersten Frauen, die sich geben, sind ja selten die Geliebten. Ich sah sie wieder und erkannte allerhand Zeichen, die ich früher übersehen hatte, daß in ihrem Lachen, in ihrem Fieberdurst, in ihrer bald koketten, bald frechen Sachlichkeit, ihrer zerreißenden Neugierde alte Mädchenträume um Erfüllung schrien. Sie betranken sich an der Liebe wie auch oft am Wein. Sie mußten hinaus ins Grenzenlose, kostete es, was es wollte. Versuchten immer wieder die Himmelfahrt, erwachten als Dirnen und begannen von neuem, die Männer verdarben sie, indem sie die Verführten an ihre Laster gewöhnten. Hatten nicht vier Edelleute die Marquise von Gracé, der Regent und der Graf von Charolais eine junge Witwe, Frau von Saint-Sulpice, betrunken gemacht und die eine den Lakaien vorgeworfen, die andere unter grausamen Belustigungen fast getötet? Der Regent nicht versucht, Frau von Rochefoucault mit Hilfe seiner Tochter, die sie festhielt, gewaltsam zu verführen? Die Frauen wurden nachts in ihren Betten überfallen, ihre Gatten, ihre Geliebten verkauften sie, des Gewissens wegen oder um selbst ungehindert nach ihrer Laune zu leben. Sie konnten nicht anders als sich verachten, so sanken sie immer tiefer. Der Regent gab das Beispiel, da er eines Abends bei Tisch saß mit Frau von Parabère, dem Kardinal Dubois und dem Bankier Law. Gegen Ende der Mahlzeit brachte man ihm eine Verordnung, die seiner Unterschrift bedurfte. Er konnte nicht schreiben, weil er betrunken war, und reichte das Papier Frau von Parabère mit den Worten: ›Unterschreibe, schlechtes Frauenzimmer.‹ Sie weigerte sich. Da hielt er es dem Kardinal hin: ›Unterschreibe, du Zuhälter‹, und als auch der ablehnte, wandte er sich an Law: ›Dieb, so unterschreibe du.‹ Law unterschrieb nicht. ›Ein schönes Königreich‹, seufzte der Regent, ›das eine Dirne, ein Zuhälter, ein Dieb und ein Trunkenbold regieren!‹ und unterschrieb. Aber selbst die Verdorbensten waren nicht ohne Leidenschaftlichkeit! Frau von Nesles und Frau von Polignac hatten sich im Bois von Boulogne duelliert, weil keine wollte, daß die andere Herrn von Richelieu beglückte. Und Frau von Nesles war durch einen Schuß in die Schulter verletzt worden. Das Verlangen verbiß sich rasend in sich selbst. Sie suchten alle die Liebe, aber mit der Selbstachtung und dem Glauben rissen sie auch die Wurzeln der Freude aus. Schließlich glichen sie alle mehr oder weniger dem Kardinal Dubois, der sich für die Nacht eine Dirne kommen ließ und zwischen Bett und Schreibtisch hin und her ging, ohne seine Arbeit zu unterbrechen, und der jedem versicherte, daß die Liebe nichts sei als eine manchmal amüsante Gewohnheit ... Und verirrten sich nicht selbst die Gedanken dieses völlig ernüchterten Teufels zu anderen, lieblicheren Gestalten, während er seiner stumpfsinnigen Gewohnheit fröhnte? Auf seinem tierischen Mund – nun sah ich es! schwebte schon das Wort, das ihn befreien wollte, sein lüsterner Blick war bereit, vor der Wahrheit abzudanken ... Gleich ginge die schwelende Inbrunst in Flammen auf ... Ich nannte ihn Bruder. Wie sie in meine Liebe einzogen, waren sie schon halb erlöst – alle! Das Leben glühte auf, von einem überirdischen Strahl getroffen. Das Leben erfüllte seinen Sinn. Die Schmerzen hatten, litten ohne Haß, und die Glücklichen spendeten mit reichen Händen. Zwischen Geburt und Sterben stand das schwarze Kreuz des Todes wie der Zweig einer Waage. Ich lebte – wie das Leben selbst. Aïssé aber starb ewig den Liebestod. ›Bin ich schon tot?‹ fragte sie manchmal, wenn wir, noch ineinander verschlungen, ruhten. Zwei Pflanzen waren wir, die, außer sich vor Freude, einander mit ihren Säften durchdrangen und voneinander zehrten. Die Mündung zweier Ströme. Ein Kandelaber mit vielen brennenden Kerzen. Aïssé öffnete nicht einmal die Augen, wenn ich sie verließ, und meine Rückkehr war, als hätte ich sie nie verlassen. Wir kannten weder Zwang noch Versagen. Wir waren die beiden Flügel eines Vogels, die einander mühelos überboten und sich zusammenschlössen. ›0 Wollust‹, rief sie, ›gute Wollust!‹ Aïssé wußte nichts mehr von Paris, sie war im Kloster gestorben, als die Monstranz funkelte und die hellen Schwestern sangen. Der Geliebte hatte sich über sie gebeugt, sie auf seine Schulter gehoben und in den Himmel getragen. Nun küßte er sie unaufhörlich, und sie umarmte ihn ohne Ende. Wir brannten und hatten wieder kühl. Millionen Wesen nahmen, von einem Blut durchströmt, an unserer Freude teil, eine unübersehbare, glückverstummte Schar, aus der manchmal, deutlich erkennbar, die Heiligen auftauchten. Aïssé erkannte sie nach den Bildern, die sie auf der Erde von ihnen gesehen hatte. Es war ein ewiges Kommen und Gehen wie auf einem großen Sklavenmarkt. Ein Sichsuchen, Sichfinden, ohne daß wir einander verloren. Zuweilen tauchte aus dem Goldlicht die dunklere Silhouette von Konstantinopel. Auf den Minaretten hoben sich ganz dünne Arme. Das waren die Männer, die zum Gebet riefen. Aber ihre Stimme hörte man nicht. Aïssés Gang war noch leiser, ihre Bewegungen noch demütiger geworden. Sie schwebte durchs Zimmer, bereitete das Essen, verweilte still und tat alles mit der Selbstverständlichkeit einer freien Magd. Sie kannte weder Scham noch Furcht. Eines Tages versuchte sie mühsam, sich aus meinem Arm zu erheben, und fiel zurück. Da sagte sie: ›Du mußt meinen Beichtvater holen.‹ Der Priester kam und traute uns. Der Pächter und ein Knecht waren Zeugen. ›Jetzt‹, rief Aïssé, ›kannst du tun, was dir beliebt, bis du stirbst. Dann werden wir Hochzeit halten im Himmel, denn du bist mein Gatte! Hörst du? Mein Gatte! Du gehörst Gott und mir allein.‹ In der Nacht begann der Todeskampf. Sie klammerte sich an mich und litt kniend in meinen Armen, die sie hielten. Dann strich sie mit beiden Händen langsam über meinen Körper und legte den Kopf auf meinen Leib. Ich hielt zwei Tage und zwei Nächte Totenwache. Aïssé lag nackt und einsam ohne eine Blume zwischen den Kerzen, sie schien mit den Haaren an das große weiße Bett festgebunden. Sie hüllten sie in das Laken und legten sie in den Sarg. Am Grab war die männliche Gemeinde von Saint-Sulpice versammelt. Der Regent ließ sich durch den Grafen von Charolais vertreten. Als der Priester die letzten Gebete sprechen wollte, vergaß er sie mit einemmal. Er starrte mit geröteten Augen abwechselnd ins Grab und in sein Buch. Endlich sagte er einfach: ›Sie wird auferstehen!‹ Kurze Zeit darauf folgte ich meiner Geliebten. Als ich spät abends den gewohnten Weg zum Pächterhause ritt, scheute auf der Brücke bei Suresnes mein Pferd vor einem Wagen und sprang über das Geländer in die Seine. Ich ertrank ...«   Der Franzose legte seine Hände auf meine Knie und sah mir lächelnd in die Augen. »Ich ertrank, aber bald darauf erwachte ich in einem fremden Land. Ich sah gleich, daß alle Frauen hier Aïssé glichen, und war nicht erstaunt, als ich sie selbst eines Abends wiederfand. Sie saß im großen blauen Salon unseres Gouverneurs, und ihre Augen suchten. Der Sohn des Gouverneurs hatte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt und sprach gebeugten Hauptes auf sie ein. Unsere Blicke trafen einander und ließen nicht los. Ich trat hinzu und bat meinen Freund, mich vorzustellen. Aber ohne diese Förmlichkeit abzuwarten, streckte Aïssé mir ihre kleine runde Hand entgegen ... Und nun werden wir vielleicht bald wieder sterben, jedes für sich, und einander scheinbar verlieren, um des Glücks willen, einander wieder zu finden. So wandern wir durch die grenzenlose Welt, wir beiden ...« Sein Blick lag auf mir, ein Blick, den ich bei den Betern im Ganges, nie bei einem Europäer bemerkt hatte, der Blick, der hinübersieht , kampflos und weit offen, stark wie die Stille des Mittags in Benares, ausgefüllt von der Sonne, in deren volle Glut sie dort mit demütig zurückgebeugtem Nacken hineinsehen. Ein Märtyrerblick, neben dem die Frauen, die ihr nasses Gesicht gleichfalls in die Sonne heben, sanft und mütterlich verblassen. Ich hörte die Ventilatoren im Hause rauschen, und vor der offenen Verandatür, die ein Moskitonetz verhing, balgten sich kreischend zwei Papageien. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen. Trimpopp und Manasse I Diese Geschichte, die mit dem rebellischen Tod zweier deutscher Fremdenlegionäre am Fuße des Atlas ihr Ende fand, begann damit, daß den Dr. Karl August Trimpopp die Lebensfreude ergriffen hatte. Wie ein langsam anschwellender Sturm war sie über ihn gekommen. Er hatte tagelang geschwankt, es hatte ihn dorthin geschlagen, hierher geworfen, er mußte gewaltige Arbeit am Steuer verrichten, um mit der gewohnten Pünktlichkeit bei seinen Logierwirten, der Familie Schwerin, in das Kaffeehaus und in sein Büro einzulaufen. Wieviel Glücksfälle auch! ... Gleich nach seinem Staatsexamen war er als chemischer Hilfsarbeiter in das Kaiserliche Patentamt eingetreten. Kaum hatte er sich von diesem freudigen Schreck erholt, da vermutete er, daß er liebte. Und jetzt – jetzt war er auch noch mitten im Winter von etwas Neuem, etwas ganz Neuem, nämlich vom Frühling, überrascht worden. Mitten im Winter! Wenn er zum Bahnhof Charlottenburg ging, mußte er immer wieder daran denken: wie dieser Platz im Frühling plötzlich beginnen werde, grünlich in einer grauen Luft zu schimmern. Er hatte es früher nie beachtet, aber jetzt wußte er, jetzt erinnerte er sich ..., strahlte dann eines Tages die Sonne hinein und glänzte der Himmel blau, blau, daß die hohen Häuser darunter ganz weiß erschienen, so war ein festliches Tor nach dem Süden weit aufgetan, Luft wehte ... berauschend kühl wie der frühe Morgen einer Sommerreise. Abends aber, nach Sonnenuntergang, schwebten die Bahnsteige mit der Silhouette hängender Gärten im durchsichtigen Himmel, der die Farbe wechselte, als wäre er das duftige Spiegelbild großer, brennender Blumenbeete hinterm Horizont, die der Sonne nachwanderten. Die grünen und die roten Lichter der Signalmaste bohrten sich in das Leuchten des Himmels, einige standen ganz fern am Horizont wie am Rand eines Meeres ... und hell erleuchtet fuhren Züge in die Feuer hinein, vor denen die Häuser und die Bäume, alle Straßen und die Gesichter der Menschen erblaßt waren, glitten in langen Leuchtketten aus jenen luftigen Gärten und brachten einen Duft mit, in den sich alle Frauen teilten, die droben auf einem der kahlen Bahnsteige in die Wagen stiegen. Ja – das: wie bedeutsam jede junge Frau wurde, wenn der Frühling kam ... Wie schön das war! Sie scheinen alle den Plagen und den gewöhnlichen Vergnügungen entrückt, sind alle in eine ursprüngliche Poesie gehüllt, der sanften Lüge des Frühlings hingegeben ... Und dann! die vielen Veilchensträuße in den Straßen, die Blumenstände, die wieder frisch und fröhlich über den Weg leuchten, die Blumenläden, die bis in ihre Tiefe, wo der Schatten eines hellgekleideten Mädchens sich regt, ganz voll Duft und Blüte sind, die vielen wandelnden Blumen in lichten Händen, an den Blusen, in Knopflöchern. Viele bleiben auf den Polstern der Stadtbahnwagen liegen, oder man sieht sie zu Boden fallen, sie werden zerdrückt ... Aber sie kommen wieder! Verschwenderisch nimmt man aus den Körben, die einem überall hingehalten werden! Wir sind überschüttet mit Blumen. Es ist wie ein leises Singen, nein, wie ein fernes Kastagnettenrascheln von Blumen in allem Gewühl, die Kleider der Frauen rauschen heller! Da sitzt man im Kaffeehaus. – Die Zeitungen? Wer kümmert sich um Zeitungen! Jedes Tischchen hat in einem Wasserglas sein Veilchenbukett. Das Wasser leuchtet so frisch wie Regenwasser oder ein Bach zwischen hellen Ufern, und richtig hört man plötzlich das Klingen der Bergwasser und sieht die Tage auf dem Land, wo die Regenlachen in den Dorfstraßen in seltener Reinheit den Himmel spiegeln und alle Kinder draußen hinter den Hecken sind, um Veilchen zu suchen. Sie streuen ganze Büschel in den vorbeifließenden Bach, der die Blüten spielerisch hinausfährt in das von Feuchtigkeit schwimmende Land. Die schwarzen Bäume stehen mit so viel Zartheit, fast durchscheinend in der Luft. Die Felder glänzen, unübersehbar, mit tausend Wasserspiegeln auf dem tiefsten Grün, sie dunkeln und erhellen sich unterm Zug der Wolken. Die Luft trägt alle Laute weiter, als man sehen kann, sie ist ein einziger lichter Widerhall ... Ein jedes Kaffeehaustischchen hat in einem Wasserglas ein Veilchenbukett, das Klappern der Tassen klingt klar und hell. Zum ersten Male verspürte man Luft in diesem Spiegelkasten, Freiheit, Wohlbehagen, man atmet ... atmet Frühling ... Weite ... Die Menschen heben sich voneinander ab, es ist nicht mehr wie noch vor wenigen Tagen, als sie alle wie finstere Klumpen zusammenklebten und ein Einziges zu bilden schienen, das sich mit der melancholischen Plumpheit eines Ungeheuers bewegte, nein! Die Mädchen streichen ihre Bluse glatt mit einer schmeichlerischen Sachlichkeit. Die jungen Männer blicken so männlich wie sonst nie. Es gelingt ihnen ohne die geringste Anstrengung, sie wissen vielleicht nicht einmal, wie vorteilhaft sie aussehen. Fühlen wohl nur ein ›Es liegt etwas in der Luft ...!‹ Und ihre Haltung sagt: ›Herrlich!‹ In ihrem Gebaren zittert eine gewisse satte Nervosität, wie sie jungen Tieren eignet, die noch nichts von der Reflexion wissen und die Lust zu leben mit den von Gott geliebten Sprüngen und einem ursprünglichen Sich-am-Boden-Reiben und Lufteinschnuppern dartun. Jawohl, und so wollte Karl August Trimpopp auch sein, nein, so war er ...! Es gab ein sehr menschliches Lachen, das dasselbe ausdrückte. Trimpopp hörte es die Friedrichstraße entlang, in der Hochbahn, beim Einsteigen in die Elektrische, auf den Bahnsteigen. Es sind die schönsten Tage in Berlin, und der halbtot gearbeitete Mann genoß sie zum ersten Male, wenn auch drei Monate zu früh. Aber dafür sah er auch gleich die vielen Frühlinge so, die er als armer Student in Berlin verlebt hatte, nicht nur den, der kommen sollte – wie wenn Staub und Asche sich von einem aufstrahlenden Bilde höben. Alle seine Frühlinge glänzten. Alle auf einmal. Die Welt war ausgefüllt von seinen Frühlingen. Wenn er auf dem Dach des Automobilbusses die Friedrichstraße hinuntersauste durch die von Pelzen und Kragen entblößte Menge, die unruhig in der großen Fröhlichkeit der Lichter kreiste, da meinte er, es müßte diese Straßen sprengen, in denen so viel lebendige Sehnsucht sich staute, Sehnsucht, die sich reckte und dehnte, je wärmer die Nächte wurden. Karl August Trimpopp hatte seine Frühlinge, er wollte sie behalten. Kein Geld der Erde konnte diesen Schatz aufwiegen. Er lachte hell auf. Sein Schatz lag sicherer als in den Stahltresoren gichtiger Bankiers, und wenn sich die zehn besten Geldschrankknacker Europas zusammengetan hätten, um ihn, Dr. Trimpopp, zu plündern! Immerhin, er mußte ihn verteidigen. Irgendwelche Gefahren drohten ihm wohl doch. Irgendwelche Gefahren ... drohten immer. Man mußte auf der Hut sein. Wie manches Gut, das mit Gewalt nicht hätte genommen werden können, war durch Leichtsinn verlorengegangen! Das lernte man sogar schon in der Schule ... Und er nahm sofort die Verteidigung auf, indem er nicht wie sonst vom Stadtbahnzug absprang und spornstreichs nach Hause eilte, sondern die Familie Schwerin mit dem Essen warten ließ und unterdessen auf dem Bahnsteig auf und ab spazierte. Dabei kehrte der Gedanke an Amalie Kleinschuh des öfteren wieder. Aber hauptsächlich erfreute Trimpopp sich am Anblick der Menschen, die immerfort kamen und gingen, eine unzählbare Menge. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig hielten die Fernzüge. Dort gab es nur spärlich Reisende. Trimpopp musterte jeden einzelnen mit einer freundschaftlichen Bewunderung, von der er das Zugpersonal keineswegs ausschloß. Zumal den Führern der gewaltigen Lokomotiven hätte er gerne seine Verehrung mit einem kräftigen Handschlag ausgedrückt. Sein Vater hatte bis zu seinem Tod nur Vorortzüge fahren dürfen. Leider! Trimpopp fand, die hohe, kräftige Gestalt des Seligen hätte eher zu diesen wilden Büffeln gepaßt als auf das zahmere Zugvieh des Vorortverkehrs. Dann fiel ihm ein, daß das Geschlecht der Trimpopp eine Generation übersprungen habe. Der Sohn des Berliner Lokomotivführers war zu Unrecht gleich Doktor der Chemie geworden. Es fehlte eine Generation, die Schnellzüge führte oder große Stationen leitete. Aber so ist es nun einmal in Deutschland! Er winkte lachend zu dem Fernzug hinüber, der sich gerade in Bewegung setzte. Wir haben ein Tempo, das sich sehen lassen kann, wir! Jawohl, schöne Ungarin...! Drüben in einem Wagen erster Klasse lehnte eine braune Frau aus dem Fenster und winkte. Ihr Lächeln schien ihm so sanft, wie er es noch an keiner Frau gesehen hatte, und tief. Um Stirn und Haare hatte sie einen grünen Schleier geschlungen, der im Luftzug flatterte, die kleinen weißen Hände machten Bewegungen, als ob sie zu ihm fliegen wollten. Augen dunkelten, ein breiter, roter Mund lachte. Trimpopp hatte die Hand, mit der er winkte, sinken lassen. Als er endlich kehrtmachte, um seine Verspätung durch größte Eile einzuholen, war sein erster Gedanke, wie er sich bei der Familie Schwerin entschuldigen sollte, und er errötete wie ein Schüler, der zu spät in die Klasse kommt; der zweite zauberte Amalie Kleinschuh an seine Seite. Er betrachtete sie, und obwohl er nicht sicher war, daß sie ihm gefiel, gestand er sich doch ein, daß er sie liebte und zur Frau begehrte. Übrigens mußte sie eine hübsche Mitgift haben. Sie war gebildet und eine hervorragende Tennisspielerin, sie spielte auch Klavier. Und der Alte! Der hatte einen Beruf, der nach nichts aussah. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine richtige Goldgrube, besser gesagt: um einen Opferstock, in den der glückliche Pächter nur hineinzugreifen brauchte. Trimpopp wußte so viel, daß der alte Kleinschuh an jedem Glas eines Münchener Bieres, das in Berlin verkauft wurde, einige Pfennige verdiente, und er konnte sich sehr wohl eine Vorstellung davon machen, wieviel Bier täglich in Berlin abging. Wenn aber eine solche Sammelbüchse auch noch von einem Mann wie dem alten Kleinschuh verwaltet wurde, so mußte sie natürlich das Format eines ansehnlichen Kassenschranks erreichen. Trimpopp lauschte eine Weile zerstreut der Musik des Goldregens in seinem bewegten Gemüt, dann ließ er Amalie aus dem mystischen Springbrunnen von klingenden Dukaten hervortreten: eine Nymphe ... mit einem Tennisschläger, und ihm lächelnd ihre reizenden Händchen reichen ... Doch, sie gefiel ihm. Beim Stiftungsfest des Kegelklubs hatten Herr und Frau Schwerin, beide, erklärt, daß Amalie von allen jungen Mädchen am hübschesten gekleidet gewesen sei. »Schick, was schick heißt«, hatte der Oberpostassistent zusammenfassend geäußert. Trimpopp lächelte. »Schöne Ungarin!« sagte er leise vor sich hin ... Sie würden viel reisen ... An der Straßenecke stand der kleine Schwerin und sah den Doktor heransegeln. Er stürzte die vier Treppen hinauf und brach mit dem Ruf »Er kommt! Er kommt!« in die elterliche Wohnung. Der Doktor hatte ihn bemerkt. Langsam stieg er die Treppen. Im dritten Stock machte er halt. Er fand den Mut nicht, zehn Minuten zu spät zu kommen, er fand keine Rechtfertigung, die vor den Augen des Oberpostassistenten standgehalten hätte, und als er aufbegehrte: »Wie kann ich, ein Akademiker, mir von einem Subalternbeamten –«, mußte er zugeben, daß er auch nichts fand, was ihm selbst als eine annehmbare Entschuldigung erschienen wäre. Schon überlegte er, ob er nicht umkehren und im Wirtshaus essen sollte, da wurde er von oben angerufen: »Hallo! Herr Doktor! Kommen Sie noch immer nicht?« Frau Schwerin lehnte Doppelkinn und Busen über das Treppengeländer. »Pst!« machte Trimpopp. »Pst ...« Mit beschwörend gehobenem Finger schritt er an der Frau vorüber, und als die ganze Familie mit dem Dienstmädchen, das die dampfende Suppenschüssel hielt, ihn atemlos umringte, log er: »Ich beehre mich, den Herrschaften die Mitteilung zu machen, daß ich mich soeben verlobt habe ...«   Mit der zweiten Morgenpost des folgenden Tages erhielt Fräulein Amalie Kleinschuh einen langen, heftigen Brief, der begann: »In dieser qualvollen Nacht, wo Sehnsucht ein ums andere Mal mich aus dem kärglichen Schlummer reißt, in dieser Nacht muß ich, rückhaltlos, mit dem Ernst meines ganzen Herzens ...« Sie faltete Trimpopps ganzes Herz auseinander, breitete es über den Tisch und glättete es sorgfältig. »Ein Stück fürs Museum«, sagte sie zu Mama. Sie hielt das Papier mit den Fingerspitzen in die Höhe und wandte es hin und her. Dann nahm sie es in beide Hände und hielt es prüfend von den Augen ab: »Energische Schrift!« Schließlich machte sie aus den verzweifelt glühenden Anrufungen Trimpopps einen Fächer, mit dem sie sich kleine Schläge Luft in die Ohren warf. Sie lehnte sich zurück, als ob sie Cercle hielte, und forderte Mama auf, ›sich über den Fall zu äußern‹. Mama schlug eine jugendliche Lache an und erklärte, daß es ihr dringlicher scheine, in Erwartung von Vaters hungrigem Überfall die Küche zu mobilisieren. Sie hüpfte davon, aber nicht, ohne vor dem Spiegel im prachtvollen Sofa-Umbau haltgemacht und sich einen Augenblick in den Anblick ihrer schlanken Gestalt mit den üppig gezeichneten Hüften versenkt zu haben – ein ihr geläufiger Genuß, den sie damit abschloß, daß sie sich über das gescheitelte Blondhaar strich und der hübschen Frau von vierzig Jahren übermütig zunickte: »Servus, Franzel, gefällst m'r heut!« Hier pflegte Amalie eine boshafte Bemerkung über Mamas Eitelkeit abzuschießen. Diesmal unterließ sie es nicht nur, sie rief der Mutter sogar ein überzeugtes »Famos« nach. Denn wo ein Trimpopp um sie warb, empfand sie tiefer als sonst ihre Zugehörigkeit zu einer edleren Menschenrasse. Sie war, weshalb sie sich selbst einen ›freien Menschen ‹ nannte, in der Oppositionslust eines reich gewordenen, aber noch immer um seine gesellschaftliche Stellung kämpfenden Bürgertums aufgewachsen, aufgeklärten Geistes in manchem, was sie verstand, hingezogen zu allem Neuen, auch wenn sie es weniger begriff, als es ihre immer wache Neugier reizte. Sie liebte das Training, das körperliche wie das geistige; an allem, was Sport war, hing sie mit wahrhaft religiösem Gefühl, sie machte einen Sport aus ihren täglichen Beschäftigungen. Obwohl sie, frühreif, in der Schule nichts als eine pedantische Folterkammer gesehen hatte, war sie aus der Abiturientenprüfung mit den besten Noten hervorgegangen, von den Tanzstunden, in die sie sich mit kleinen blonden Bürgermädchen hatte teilen müssen, wäre sie am liebsten fortgeblieben, die gesellschaftlichen Veranstaltungen, wohin die Eltern sie führten, waren ihr ein Greuel. Aber sie brachte es fertig, daß man sie bald als die beste Tänzerin rühmte, und ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten waren selbst in den kleinadeligen Beamtenhäusern Charlottenburgs anerkannt. Ein Prinz aus mediatisiertem Hause, der sie bei einem Vortragenden Rat im Reichsamt des Innern zu Tisch führte, hatte dem Gastgeber vertraulich mitgeteilt, daß sie in ihrem Benehmen durchaus du grand monde sei. Für die des Französischen Unkundigen war die Anerkennung mit ›Tipp-topp‹ verdeutscht und Tipp-topp sodann der rühmliche Spitzname Amaliens geworden. Das Merkwürdigste an diesem für körperliche Kraft und Gewandtheit eingenommenen Mädchen war, daß sie eine schier aggressive Geringschätzung des Militärs zur Schau trug, und dies, obwohl ihr eigener Bruder Fritz Leib und Seele in den Rock des preußischen Königs gesteckt hatte und er die Schwester, wenn sie ihn bei seinem immer geräuschvollen Erscheinen in der Familie neckte, mit Strenge als ein ›verjudetes Girl‹ in die Schranken bewundernder Weiblichkeit zurückwies ... Der gute Junge vermißte die fraulichen Lorbeeren nirgends so sehr wie gerade bei Amalie, der er mit seinem ganzen, Frau Kleinschuh sagte: ritterlichen, Herzen anhing und die ihm nie Gelegenheit gab, sie gegen irgendwen oder irgendwas zu schützen. Seinen Kameraden ging es nicht besser. Im Regiment stand daher fest, daß Tipp-topp ein entzückender Racker sei, den man mit List oder Gewalt aus der jerusalemischen Gefangenschaft befreien müsse. Amalie aber blieb bei ihrem ›Schönheitstyp‹, den sie nach jahrelanger Langeweile inmitten blonder Perückenstöcke auf den Tennisplätzen des Westens entdeckt hatte. Zugleich bekam sie blanke Augen, deren Munterkeit nicht mehr wie bisher durch die ewige Schüchternheit oder Tolpatschigkeit ihrer Partner gefährdet war, und begann zu flirten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß sie auch darin bald zur Meisterschaft gelangte. Denn zum ersten Male half man ihr bei ihrem Training, statt sich, wie im elterlichen Umkreis, dagegen zu verschwören. Im Vollbewußtsein ihrer eigentümlich selbständigen Stellung als Mensch und Weib fächelte sie sich mit Trimpopps Brief und redete in Gedanken dem kleinen schmächtigen Mann zu, dessen ausgemergeltes Gesicht mit der energischen, pflichttreuen Stupsnase im rötlichen Backenbart wie in einem Hinterhalt lag. – Trimpoppchen, sieh, wir passen nicht zueinander. Nein, glaub mir, wir passen ganz und gar nicht zusammen, wenn wir auch ein paarmal miteinander getanzt haben. Hier liegt schon das erste Mißverständnis. Du meinst, die Tatsache, daß ich zu euren Veranstaltungen komme, bedeute auch meine Zugehörigkeit zu euch, und da irrst du. Bei euch raffe ich einen Armvoll Huldigungen zusammen, so einen richtigen großen Bauernstrauß, ohne die geringste Anstrengung. Ihr seid mir Liegestuhl, Kleinstadt und Erholungsheim, außerdem befestigt ihr die Hochachtung Mamas vor ihrer Tochter, ohne die es auf die Dauer auch nicht ginge ... So, das allein genügte schon, und, wenn du gescheit wärest, brauchte ich mich nicht auch noch mit deiner Person zu beschäftigen. Ich bitte dich, wie schaust du aus! Du schaust überhaupt nicht aus, von dir ist nichts zu sehen als für Augenblicke das Schwefelfeuer von zwei kleinen lila Augen. Wenn dich eines der kleinen blonden Tanzstundenmädchen ihrer Freundschaft gewürdigt hätte, so wüßtest du, daß ich ihnen – mit großem Erfolg – anvertraute, von den Augen des Doktor Trimpopp sei mindestens das eine aus Glas ... mit elektrischer Zündung in der Pupille, und das andere hätte sich, eifersüchtig auf dessen schöne Amethystfarbe, so lange angestrengt, bis es genauso geworden wäre. Abendelang beschäftigte uns die Untersuchung, welches von den beiden Augen das echte sei, und wenn dich die Mädchen umdrängten und wilden Blicks in deinen Augen forschten, so hatte das leider nicht den Sinn, den du vielleicht glaubtest ... Ach Gott, wieviel wäre da noch zu bemerken; aber wozu dich kränken! Mir scheint, du bist sowieso kein Rahmschöpfer und Schlemmer im Leben. Schließlich – Amalie hatte das angemessene Argument gefunden, womit sich Trimpopp antworten ließ, ohne ihn zu beleidigen. Sie beugte sich über ein Blatt knallgelben Briefpapiers mit schmalem Goldrand und schrieb, ohne zu stocken:   »Lieber Herr Doktor! Thank you . Ich. denke nicht daran zu heiraten. Weder Sie noch einen andern. Und Sie denken auch nicht im Ernst daran, mich zu heiraten. Stellen Sie sich Tipptopp vor, wie sie unter Myrthenkranz und Schleier einem fremden Mann im Bratenrock zulächelt. Stellen Sie sich bitte vor, wie Sie ... genug! Tun Sie wie ich, wenden Sie sich lachend ab – und rauchen Sie eine von den hoffentlich recht guten Zigarren, die ich Ihnen in Anerkennung Ihrer tapferen und für mich so schmeichelhaften Haltung vor dem Feind beilege. In Freundschaft Ihre Amalie Kleinschuh.«   Papa, der unterdessen eingetroffen war, mußte ihr gleich eine empfehlenswerte Zigarrenmarke nennen, er mußte sie ihr sogar aufschreiben. Amalie telephonierte nach einem Messengerboy, der die tröstenden Glimmhölzer besorgen und zugleich mit dem Brief dem unglücklichen Bräutigam ins Haus bringen sollte. Vater Kleinschuh, dem Mama in Amaliens geliebtem Tone spöttischer Überlegenheit Mitteilung von einer sensationellen Werbung um Amalie machte, blieb in seinen Gedanken versunken und schien der Angelegenheit keine Beachtung Zu schenken. Erst nach einer Weile, als die Frauen schon von anderem sprachen, knurrte er, seine Suppe schlürfend, daß es Zeit sei, das Kind unter eine ordentliche Haube zu bringen. Sie hätte es nicht nötig, Medizin zu studieren. Dabei hob er, aus wasserblauen Augen aufblickend, ein wenig den Kopf, tauchte aber gleich wieder unter, ohne eine Antwort abzuwarten. »Seebärchen war an der Oberfläche!« stellte Mama zärtlich fest, und damit war die Angelegenheit erledigt. Aber nach Tisch kam Fritz zu Besuch. Kaum hatte er sich gesetzt, als er schon, fast heimtückisch, ausrief: »Ich bin am Bahnhof deinem Freund Manasse begegnet«, und als Amalie, strahlende Herausforderung in den Augen, ihn abwartend ansah, fügte er hinzu: » – der außerdem, wie ich dir bei der Gelegenheit mitteilen will, ein Schuft ist.« Es gab eine erregte Auseinandersetzung zwischen Bruder und Schwester. Amalie verließ das Zimmer, wobei sie mit viel Geschick, nicht zu leise, nicht zu stark, die Tür hinter sich zuwarf. Sie bevorzugte diese dramatischen Abgänge, die sie der Pflicht enthoben, über ihre Unternehmungen Rechenschaft abzulegen. In den Rauch ihres Zorns gehüllt, verschwand sie, und niemand wagte zu fragen, wohin sie ging. Voll besänftigter Tragik kam sie wieder, und auf die Frage nach ihrem Verbleib antwortete sie nur mit einem leidvoll ablehnenden Blick ins Leere, es gab aber niemand in der Familie, der ihren Schmerz nicht geachtet hätte. »Habt ihr sie glücklich vertrieben?« fragte Kleinschuh, den das plötzliche Schweigen zu stören schien. Er saß in einer Ecke und schrieb Briefe. Um einen Zusammenstoß zwischen ihm und dem aufgebrachten Fritz zu vermeiden und zugleich Amalie vor Fritz zu entschuldigen, beeilte sich Mama auszurufen: »Denk nur, Junge, es hat einer um die Hand deiner Schwester angehalten – das macht sie wohl auch ein wenig nervös ... Rate mal, wer ... Der Doktor Trimpopp!« Sie hatte auf einen Heiterkeitserfolg gerechnet. Statt dessen blieb Fritz, der im Zimmer auf und ab ging, plötzlich neben dem Vater stehen, tippte ihm leise auf die Schulter, worauf er nach einer Pause mit ernstem Gesicht sagte: »Ausgezeichnete Idee! Machen wir!« Kleinschuh blickte auf, zuckte die Achseln, dann rückte er entschlossen den Drehstuhl ins Zimmer: »Also, was ist denn nun eigentlich los?« Fritz klärte ihn auf: »Trimpopp, Doktor, Chemiker, wenn ich nicht irre, Reserveonkel –« Und zu Mama gewandt, ungeduldig: »Du kannst darauf gefaßt sein, daß sie eines schönen Tages mit dem Bürger Manasse durchgeht ... Mama«, rief er mit Kommandostimme, als sie den Mund öffnete ... »Wir kennen den Jungen! ... Das geht jetzt schon seit Monaten. Sooft man ihr begegnet, immer ist sie in Begleitung dieses Manasse. Schon als Offizier kann ich das nicht länger mit ansehen.« »Puh! Puh!« machte der Alte mit dicken Backen, »beruhige dich schon. Ist wohl nicht so schlimm.« Doch, es war so schlimm, und Mama bekam Dinge zu hören, daß ihr die Ohren klangen. Der Alte nahm es weniger wörtlich, aber er ging doch so weit, daß er von Zeit zu Zeit seiner Frau bedeutungsvoll zunickte. Dies geschah jedesmal, wenn in Fritzens männlich ernsten Anklagen und Beweisführungen die seiner Ansicht nach entscheidende und auch wirklich vernünftige Behauptung wiederkehrte, daß Amalie – »das feurige Füllen, das nach allen Richtungen ausschlägt«, wie Fritz sagte – in das Gehege einer anständigen Ehe geleitet werden müsse. Im übrigen legte er dem Auftritt, der sich vor ihm abspielte, keine Bedeutung bei. Das Mädel, dachte er, ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie wird schon tun, wie sich's gehört. Und das mit dem Manasse – im Grund zweifelte er daran, daß er überhaupt existierte, in solchen Farben malte ihn der Fritz, der von jeher in Übertreibungen planschte. Nach einiger Zeit überließ er den Sohn der Mutter und kehrte unauffällig zu seinen Briefen zurück. »Na, na, na«, brummte er begütigend, wenn sie hinter seinem Rücken gar zu heftig wurden...   Trimpopp aber hatte sich müde und krank gerungen, bis er endlich bei Morgengrauen eingeschlafen war. Er schlief bis in den Morgen, was er der Welterfahrung des Ehepaares Schwerin zu danken hatte, das übereingekommen war, den nicht beim Frühstückstisch erschienenen Doktor ruhig sich erholen zu lassen: Er werde jedenfalls, aufgeregt, wie er schon am Abend gewesen sei, eine schlechte Nacht gehabt haben. Außerdem wußte das Dienstmädchen zu berichten, sie habe gehört, wie der Doktor während der Nacht über den Gang geschlichen und die Treppen hinuntergegangen sei. Darüber war nun der Oberpostassistent doch einigermaßen erstaunt, bis er nach längerem Nachdenken den Zeigefinger auf die Stirn legte und ausrief: »Der Mann hat einen Brief zum Kasten gebracht!« Seine Gattin stimmte mit einem mütterlich warmen »Na also« bei, und dies bedeutete, daß Frau Schwerin entschlossen war, den Doktor vorläufig wie einen Kranken zu behandeln. Schwerin übernahm es, das Patentamt zu benachrichtigen. Um zehn Uhr bekam Trimpopp das Frühstück ans Bett gebracht. Das Mädchen mußte ihn anstoßen, damit er wach wurde. Den erschreckt auf die Uhr Starrenden beruhigte sie mit der Mitteilung, daß er krank sei und sich schonen müsse. Und die gnädige Frau lasse sagen, daß der gnädige Herr an das Büro telephoniert habe. Trimpopp fiel in die Kissen. »Danke, ich frühstücke nicht«, sagte er, sich zur Wand kehrend, »nehmen Sie nur wieder mit... Wenn der Briefträger kommt, wecken Sie mich!« Er wagte nicht aufzustehen. Er wollte liegenbleiben und weder essen noch trinken, bis die Antwort kam, und wenn es Tage und Wochen währte. Im Halbschlummer würgte er weiter im Kampf der verflossenen Nacht. Immer wurde er gedemütigt. Er erwachte zitternd oder starr vor Schreck. Er machte weite Bogen um die Bilder, die ihn quälten, versuchte im rasenden Lauf an ihnen, die auf ihn zukamen, vorbei und hinter sie zu kommen, in das erlösende, freie Dunkel dahinter; aber während sie stracks auf ihn zueilten, wichen sie auch immer vor ihm zurück. Er träumte von seiner Häßlichkeit – von seiner Feigheit – von seiner bettelhaften Armut – seiner kriechenden, neidischen, aufflackernd hämischen Niedrigkeit. Alle kläglichen Eigenschaften traten ihm in maßlosen Verzerrungen und gigantischen Vergrößerungen entgegen, als sei dies das Jüngste Gericht, das er zwischen abgrundhohen Spiegeln der Ewigkeit an sich selbst vollzöge. Während er um Gnade und Barmherzigkeit schrie, sich mit wahnwitzigen Lügen verteidigte, vernichtete er gleichzeitig sich selbst, der da vor ihm winselte und sich wand und zu entkommen suchte. Unter den Schreckgespenstern war auch immer Schwerin, der höhnische Grimassen schnitt, und seine Frau, die Kinn und Busen vor Lachen schüttelte. Es war umsonst, daß er sich bis dicht an die großen, blanken Stiefel des Oberpostassistenten drückte. Der grinsende Kopf über ihm beugte sich vor, um ihn zu sehen, und das Weiberlachen verfolgte ihn bis in seinen Schlupfwinkel. Frau Schwerin wollte gerade nach dem Doktor sehen, da kam der Boy mit Paket und Brief. Beides brachte sie ihrem Kranken. Er sagte danke, ohne das Gesicht zu zeigen. Aber kaum hatte sich die Tür wieder geschlossen, als er aufsprang und hastig nach dem knallgelben Papier griff. Er roch daran. Es war nicht parfümiert. Enttäuscht hob er das Paket zur Nase. Er schwankte und mußte sich am Tisch festhalten. Langsam setzte er sich, zog das Paket bis an seine Brust, legte den Kopf in den Armen darüber und sog inbrünstig den Geruch der Zigarren ein. Er war gerettet! Sie liebte ihn und schickte ihm ein Geschenk, er sagte es laut vor sich hin: »Ein Angebinde.« Frau Schwerin, die vor der Tür lauschte, hörte plötzlich weinen. Sie bückte sich zum Schlüsselloch und sah einen hageren Rücken in einem durchgeschwitzten Hemd krampfhaft bewegt hin und her gehen. Aber sie wußte gleich, daß er vor Glück weinte. Ohne sich aufzurichten, suchte sie und fand das Taschentuch im Rockfutter, sie hielt es bereit, während auch ihr Rücken schon sachte zu schaukeln begann. Er beruhigte sich gleich, als Trimpopp mit einem Ruck den Kopf zurückwarf, sich mit entschlossenem Gesicht erhob und zum Waschtisch ging. Er wollte – und Frau Schwerin begriff auch dies – den Brief angekleidet lesen, in tadellosem Zustand seiner Braut entgegentreten. Sie überschlug, daß die Toilette zwischen 15 und 20 Minuten dauern werde, die sie ihrem Gatten widmen konnte. Die Zigarrenkiste aber, das sah sie noch, machte Trimpopp gleich auf. Als sie nach dieser Zeit auf ihren Beobachtungsposten zurückkehrte, fiel ihr gleich ein zarter, durchdringender Zigarrenduft auf, so wohlriechend, daß sie einen Augenblick stehenblieb, um mit Behagen darin zu schnuppern. Dann wollte sie, wohlvorbereitet, den Weg zum Schlüsselloch fortsetzen. Statt dessen zitterten ihr plötzlich die Knie. Am Ende des Hausgangs, in Trimpopps Zimmer, hatte es aufgebrüllt, Möbel wurden umgeworfen. Scherben klirrten, und als sie die Tür aufriß, stand Trimpopp, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, zwischen gestürzten Stühlen und zertrümmertem Geschirr und trat wie ein wahnsinnig gewordener Lohformer auf der Zigarrenkiste und knallgelbem Papier herum, immer auf demselben Fleck, mit den geballten Fäusten durch die Luft nach seinen Füßen schlagend, als sollten sie die Gewalt des Trittes erhöhen, und dazu ein gepreßtes, gleichförmiges »Ha! Ha!« ausstoßend. In Wahrheit waren die Zigarrenkiste und ihr Inhalt nur noch eine unförmige Masse, und der Brief sah aus, als ob er aus dem Mülleimer geholt wäre. »Um Gottes willen, was ist?« sagte die Frau; sie sprach ganz leise vor Angst und Schwäche. Trimpopp trat mechanisch weiter. »Was ist?« wiederholte sie lauter. Trimpopp hob den Kopf und hielt sofort ein. Er setzte, indes er verwirrt den Tisch aufrichtete und sich dann auch nach den Stühlen bückte, einige Male zum Sprechen an. Er brachte keinen Ton hervor. Endlich reckte er sich und schrie, gradaus, Frau Schwerin in Mund und Augen: »Was ist? Nichts ist! Es ist, daß ich Ruhe haben will in meinem Zimmer! Es ist, daß ich mir verbitte, hier als dummer Junge behandelt zu werden! Es ist, daß man in einem anständigen Haus anklopft, bevor man eintritt! Das ist! Verstanden?!« In der Tür, hinter der an den Boden genagelten Frau, erschien der Oberpostassistent. Er zuckte zurück, als Trimpopps Blick, ein elektrisches Flammenbündel, ihm einigemal blitzschnell um Gesicht und Schultern kreiste und dann auflodernd in die Augen schoß. Schnell packte er seine Frau am Arm und zog sie aus dem Zimmer. Er wolle, murmelte er, zur Waffe greifen. Das Mädchen sollte um die Ecke zur Polizei laufen, um Hilfe zu holen und die Sanitätswache zu alarmieren. »Die Tür«, sagte er mit erzwungen ruhiger Stimme, »muß abgeschlossen werden, bis die Polizei kommt.« Dabei streckte er die Hand nach dem Schlüssel aus, zog sie aber schnell zurück, als Trimpopp einen drohenden Schritt auf ihn zu tat. Konnte man sich mit einem Wahnsinnigen schlagen? Frau Schwerin, die im Gang stand, so wie ihr Gatte sie hingestellt hatte, wandte Trimpopp noch einmal ihr entsetztes Gesicht zu, über das jetzt große Tränen rannen ... Nein! Nein ... Nicht! ... Trimpopp fühlte seinen Körper wie unter einem lauen Regen dahinschmelzen, Er ließ das Kinn auf die Brust sinken, und sie hörten ihn flüstern: »Ich will ins Bett ... Rufen Sie einen Arzt ...« Da hatte sich Frau Schwerin auch schon gebückt und räumte auf. Sie holte einen Besen und fegte die Scherben zusammen. Als Trimpopp sich vergeblich mühte, die Schuhe auszuziehen, half sie ihm, und da sie nun einmal damit angefangen hatte, entkleidete sie ihn vollends, legte ihn ins Bett und packte ihn in die Decken, als ob er ihr großer Sohn wäre. Nur sprechen konnte sie noch immer nicht.   Tage stiegen aus der Nacht wie heller Rauch und sanken wie Asche. Mit Trimpopps Frühling war es vorbei. Er wußte zu gut, daß er fror, daß die Luft kalt und feucht war, daß die Restaurants übel rochen, daß die Stadtbahnwagen die Bezeichnung von rollenden Ställen verdienten, die niemals recht in Fahrt kamen und immer zu früh hielten. Er zitterte, wenn ein D-Zug mit der schwebenden, gleitenden Bewegung eines Segelbootes vorbeifuhr. So deutlich träumte er von golddurch-, glänzten Orangenbäumen auf den steinigen Terrassen der Riviera, von den Zypressen, die auf einem Reklamebild von Porto Fino hoch über dem tiefblauen Meer, dunkel im tiefblauen Himmel standen, von den wuchtenden Marmormassen des Domplatzes in Florenz. Er fuhr durch Schneewüsten, in einer Flora von Eis, an erstarrten Wasserstürzen vorbei über den Gotthard. Es war noch schöner, wenn ein Schneesturm heulte und der Zug nur mühsam vorwärts konnte. Er saß im Speisewagen und erklomm, einen unerhörten Jubel im Herzen, die höchste Spitze des Winters, den er hinter sich zurückließ. Dann senkte sich die Fahrt, die Vorgärten des Südens begannen. Dort waren alle Menschen fröhlich. Die Frauen hatten farbige, flatternde Schleier ums Haar geschlungen und winkten. Sonne war; Sonne, Sonne! Ruhm schwebte, eine blaue Wolke, durch die Luft. Nachmittags saß er im Kaffeehaus, das mit debattierenden Beamten des Patentamtes gefüllt war, über das Kursbuch gebeugt und studierte die Züge, die ihn nach Rom, nach Madrid, nach Afrika brächten. In seiner Manteltasche trug er den Baedeker von Ägypten, er besuchte die Reisebüros und zog Erkundigungen ein. Alle Routen, die ins Mittelmeer führten, kannte er auswendig mit den Fahrzeiten. Er hatte sich ein Schiff ausgesucht, das vor acht Tagen abgegangen war, darauf reiste er. Jeden Abend ging er Unter den Linden und stellte im Schaufenster der Agentur seinen Aufenthalt fest. Dann, wenn rote Glühscheiben alle Gleise sperrten, war der Charlottenburger Bahnhof mit seinen leeren Hallen und tauben Lichtern in der einsamen Nacht das Symbol seiner Sehnsucht, die auch ›keine Ausfahrt‹ hatte und tragisch in die Leere der winterlichen Tage ragte. Er kam von der Mommsenstraße herüber, schlich den Bahndamm entlang – links drohten die steinernen Fratzen der Neubauten, die wie ein Aussatz an der Stadt klebten – passierte die ausgeräumte Markthalle des Holtzendorffer Tunnels und verschwand in dem traurigen Stadtteil am Amtsgericht, wo er zu wohnen verdammt war. 2 Fritz Kleinschuh war ein guter Junge. Er brachte Amalie einen Rosenstrauß und Konfekt, und wenn er sich auch nur korrekt verneigte und ein mannhaft kurzes Pardon herausstieß, so errötete er doch gleichzeitig bis unter den Offizierskragen, und Amalie konnte seinen Augen deutlich ansehen, wie er darauf wartete, schnell über die Backe gestreichelt und mit der zauberkräftigen, in ihren Kindertagen gewachsenen Zärtlichkeit eines ›kleinen tummen Jungen Fitz‹ ausgezeichnet zu werden. Wenn sie diesmal die Annäherung ablehnte, so geschah es, weil ihr der Kriegszustand zur glücklichen Beendigung der unternommenen Arbeit günstiger zu sein schien. Bei ihrem Vater hatte sie gegen das Versprechen, innerhalb der nächsten zwei Jahre zu heiraten, den Schwur eingetauscht, daß sie nie gegen ihren Willen heiraten müßte. Mama war eingeweiht und schließlich nach vielen schlaflosen Nächten und verweinten Tagen gewonnen worden. Aber es kam noch vor, daß sie in ihren wirren Gedanken irgendwo saß und, von Amalie umarmt und liebevoll getröstet, weinend in die Klage ausbrach: »Aber ich bitte dich: Manasse! ... Manasse!« Zuvor kämpfte sie dagegen an mit der Überlegung, daß Kleinschuh auch nicht gerade vornehm klinge, mit der Vorurteilslosigkeit ihrer Zeitgenossen, nicht zuletzt mit dem Trost, den die Religion ihr nicht versagte. Alles versuchte sie. Aber der Gedanke, daß Amalie Frau Manasse heißen sollte, tauchte wie eine Windhose auf und ließ ihre festesten Vorsätze elend untergehen. »Lieber sterben«, stöhnte sie dann, »ja, mein Kind, lieber sterben.« »Er sieht ja gar nicht so aus«, sagte Amalie ungeduldig. »Aber er heißt doch so! Er heißt doch so, und da könnte er aussehen wie der heilige Johannes.« Amalie griff zu. »Nun, wer weiß: Vielleicht sieht er wirklich aus wie der heilige Johannes, der auch Manasse oder so ähnlich hieß.« Zuerst verstand Mama nicht, was gemeint war, und als sie verstanden hatte, sagte sie wehmütig: »Gott, das ist so lange her! Daran denkt kein Mensch mehr.« Immerhin, der Mutter glaubte Amalie sicher zu sein. Sie brauchte nur noch mit dem zu sprechen, den sie heiraten wollte und von dem sie vorerst nur wußte, daß er sie liebte. Die Gelegenheit bot sich, als ihr Freund sie eines Nachts auf der Heimfahrt vom Theater bestürmte, noch eine Stunde oder zwei mit ihm zu verbringen. Während er den Wagen halten ließ, fragte er: »Aber wo?«, und dann schlug er seine Wohnung vor. Sie zögerte, widersprach aber nicht, als er dem Führer seine Adresse zurief. An der Tür nahm er ihre Hand und führte sie die Treppe hinauf. Er schlich mit ihr durch plötzlich erhellte Gemächer, an deren Wänden gewirkte Teppiche aufgeregte Geschichten erzählten, die mit einem Schlag ins Dunkel zurückfielen. In einem kurzen Gang, der finster blieb, mußte sie sich bücken, wobei schwere Vorhänge über sie hinwegstrichen. Er öffnete leise eine Tür, schloß sie wieder und legte Amalie irgendwohin auf Kissen, in die sie einsank, und sie ließ sich, zitternd und plötzlich wie gelähmt, wenn sie seine Hände fühlte, von ihm küssen, soviel er wollte. »Gib dich«, flüsterte er. Schnell zog sie ihn in ihre Arme zurück, und sie behielt ihn fest an sich und küßte ihn, sanft und still, auf Stirn, Augen und Wangen, bis er ruhig geworden war. »Darfst mich nicht mißverstehen, Arthur. Ich bin dein, und du kannst mit mir tun, was du willst ... Aber höre, ich finde, es wäre schade, hörst du? Wenn ich arm wäre oder aus irgendwelchen Gründen nicht deine Frau werden könnte, ja, ich wäre dein kleines Mädel, deine Geliebte, heimlich oder wie du es sonst haben möchtest! – Sag, willst du, daß wir uns verstecken? ... Nein, ich weiß. Dann wollen wir auch richtig Hochzeit machen. Weißt du, es muß herrlich sein, richtig Hochzeit zu machen, ich meine, mit dem Prinzen, den man sich gewünscht hat. Denk mal, wenn man nach dem Essen, während die andern noch lärmen und Trinksprüche halten, aufatmend losfährt ... Wie da der Lehrter Bahnhof aussehen muß! Und die Dienstmänner, die angelaufen kommen, und der Herr im Billettschalter, der das Geld wechselt! Und Hamburg! ... Kennst du Hamburg? Ich auch. Aber natürlich kennen wir es gar nicht, haben es nie gesehen ... ja, und dann schauen wir uns möglichst schnell nach unsern Kabinen um. Denn wir fahren doch nach Westindien, nicht wahr ...? Westindien? Paß mal auf: Habana, San Jouan, Jamaika, Colon, La Guayra, Barbados, Martinique, St. Thomas – Nun, was sagst du? Noch einmal, damit du klarer siehst.« Und sie wiederholte, als überließe sie sich einem Taumel: »Habana, San Jouan ...« Dabei richtete sie sich auf und begann, mit hastigen Griffen Haare und Kleider zu ordnen. »Arthur, wie wär's, wenn du mir erlaubtest, mich ein wenig bei dir umzusehn. Ist es hübsch hier?« Aber Arthur hielt sie auf. »Pst! Nicht laut sprechen. Mein Vater schläft nebenan. Amalie tat entrüstet. »Na, weißt du, da hört sich alles auf!« Schon war sie weit von ihm fort, im Dunkel. »Licht, mein Freund, Licht. Aber schnell, sonst rufe ich um Hilfe.« Weiß und lächelnd tauchte sie aus der Finsternis und warf sich ihm um den Hals. Darauf legte sie seinen Arm in den ihren und ließ sich von ihm bedächtig an den Wänden entlangführen. Als der Rundgang beendet war und sie einander in einer maurisch aufgeputzten Ecke gegenübersaßen: »Wenn du Lust hast, sprechen wir jetzt von unserer Einrichtung. Da ich es bin, die dich heiratet, darfst du Vorschläge machen. Östliche Stile von vornherein abgelehnt. Bitte.« Statt dessen fragte er, ob sie eine Komödie mit ihm aufführe oder ob es Ernst sei. Sie zog ein langes Gesicht und hauchte mit niedergeschlagenen Augen: »So ernst.« Von ihrer guten Laune angesteckt verriet er ihr, daß er sie für leichtsinnig genug gehalten hätte, seine Geliebte zu werden, aber für viel zu gescheit, ihn zu heiraten. Sie rief mit albernem Erstaunen: »Arthur, wer hat dich so verdorben?« »Ruhig!« befahl er, »ich spüre, wie der Ernst des Lebens... Da! Da!...« Er legte prüfend die Hand aufs Herz und hob die Augen zur Decke. »So eine Art freundliche Paralyse, die in den Beinen beginnt und langsam höhersteigt... Übrigens irrst du, wenn du glaubst, daß man unter Menschen und Tieren einfach heiratet, wie und wann man Lust hat. Es gibt Schwierigkeiten. Von mir rede ich nicht. Ich habe schon an der Mutterbrust getan, was ich wollte. Beginnen wir mit deiner Mama.« Amalie nickte: »Weiß schon. Manasse, Muttersöhnchen, Nichtstuer, Pascha in Juda und seinen Provinzen, vor allem: Manasse. Der Schwager des Renommierbürgerlichen bei der Garde... Sag mal, was hast du eigentlich mit dem Militär gehabt?« Ja, das war eine düstere Geschichte, und Arthur hatte offenbar keine Lust, auf Einzelheiten einzugehen. Er war als Einjähriger bei den Gardedragonern eingetreten und hatte bereits in der zweiten oder dritten Woche einen Zusammenstoß mit dem Hauptmann gehabt. Um dem Kriegsgericht zu entgehen, war er geflohen, hatte dann, um zurückkehren zu können, eine richtige Verschwörung angezettelt. Von einem Freund, dem Sohn des Großindustriellen Kreuzer, der ebenfalls bei der Garde gedient hatte, tatkräftig unterstützt, war es ihm mit manchmal recht zweifelhaften Mitteln gelungen, auf saubere Weise aus der Stammrolle gestrichen zu werden. Ohne seinen Freund wäre ihm das Kraftstück natürlich nie geglückt, aber sein Freund war ein Kerl. Bei einem Liebesmahl hatte der Kaiser ihm eine Rose geschenkt. So sah er aus. Ein Stück Mensch, von einer Vitalität und einem muskulösen Hochmut, um den die alten Raubritter, die Ahnen seiner bessern Kameraden, ihn beneidet hätten. Alle hatten ihren besonderen Grund, ihn zu schätzen, vom Wachtmeister seiner Schwadron bis zum Kommandierenden General. Er brauchte unsäglich viel Geld, nicht, weil er etwa dessen Wert unterschätzte, im Gegenteil: Er hieb, stach und schoß es hinaus, wie er zu einer andern Zeit die Widerstände mit körperlicher Gewalt gebrochen und die unbequeme Kreatur unter die Hufe seines Pferdes gerannt hätte. Was Amalie von Leichtsinn und Lebensfreude an ihm, Arthur, bemerkte, diese neckischen Skizzen waren bei dem andern monumental ausgeführt. »Er spielt Tennis wie ein Trampeltier«, schloß Arthur, »aber ich wage nie, ihn ein paarmal hintereinander verlieren zu lassen, aus Angst, er könnte plötzlich in Wut geraten und mit geballten Fäusten über das Netz auf mich losspringen.« Es klopfte an, und Amalie, die sich erschrocken umdrehte, sah einen kleinen Herrn mit weißem Backenbart ins Zimmer treten und sich mit zwinkernden Augen vor ihr verbeugen. Seine hagere Gestalt war in einen gelbseidenen Schlafrock gewickelt, unter dem schwarze Pantinen in japanischer Art hervorsahen. Arthur lachte hell auf. »Ich habe sprechen hören« ..., sagte der Greis melodisch, und zugleich gab er durch einen leuchtenden Seitenblick zu verstehen, daß er die Wahl der Dame billige. Auch bog er den Kopf zurück und schmatzte, als ob er eine Auster schlürfte. Dann wollte er sich, das Schlemmergesicht in wohlgefällige Falten legend, umständlich in einen Sessel niederlassen. Aber er kam nicht soweit. Arthur klärte ihn über den Irrtum auf, den er so deutlich beging, und als er nun vernahm, daß die Dame, der er bei Nacht im Zimmer seines Sohnes vorgestellt wurde, Fräulein Amalie Kleinschuh sei und daß soeben, unter so auffallenden Umständen, eine Verlobung in seinem Hause stattgefunden habe, da verharrte er in einer kauernden Stellung zwischen Sitzen und Stehn und stammelte mit niedergeschlagenen Augen Entschuldigungen, die von Rührung und Scham abwechselnd rot und weiß gefärbt wurden. Doch plötzlich raffte er sich auf, und indem er Amalie die Hand hinstreckte, sagte er aufatmend: »Jetzt sind Sie auch über das Vorleben Arthurs unterrichtet: Entschuldigen Sie die Narrheit eines Vaters, der selbst die Laster seines Sohnes ohne Abscheu ansieht. Wir Juden –« »Natürlich«, klagte Arthur, »schon wieder die Juden.« Aber der Greis war zu froh, sich auf ein festes Ufer gerettet zu haben, als daß er sich auf dem angetretenen Siegeszug hätte aufhalten lassen: er mußte sprechen, er konnte nicht zurück, und er hatte ein dankbares Thema gefunden. »Bitte«, rief er, als schwänge er den Degen, »dein Freund Kreuzer interessiert sich sehr für die Juden. Heute abend haben wir zwei geschlagene Stunden von nichts anderem gesprochen.« Amalie wollte beweisen, daß sie ihm Gefolgschaft leistete: »Kreuzer, ist das Arthurs Freund?« Das war Arthurs Freund, jawohl, aber der Freund nicht nur des jungen, sondern auch des alten Mannes. Sie spielten zusammen, manchmal ganze Nächte, und dazu tranken sie Kreuzers Lieblingswein, einen alten Burgunder, Nuits, der aus der Zeit stammte, wo Arthurs Mutter noch lebte. »Geh, Arthur, hol mal zwei Flaschen davon. Wir müssen die Verlobung feiern. Ich erzähle dem gnädigen Fräulein, was Kreuzer heute von den Juden gesagt hat.« Er verstand nicht, hatte Kreuzer gesagt, daß die Juden eine so geduldige Sippschaft seien: »Ich hatte ihm von unserer mühevollen Vergangenheit erzählt, zur Abwechslung, weil mir weder eine geschäftliche Anekdote noch ein jüdischer Witz einfiel, wie ich sie ihm sonst als Konfekt zum Wein auftische.« Wenn er Jude wäre, hatte Kreuzer versichert und dabei gewaltig die Fäuste geschüttelt, dann sänne er Tag und Nacht über nichts andres, als wie er Rache nehmen könnte, für sich und seine Vorfahren, und er war aufgeregt im Zimmer herumgegangen und hatte wahrhaftig nachgedacht, wie sich das unter den heutigen Verhältnissen bewerkstelligen ließe. »Da setzt man uns in den Schulen die alten Griechen und Römer vor, was sind denn die, verglichen mit den Juden!« Nu, hatte der Alte eingewandt, ob Kreuzer ihn vielleicht ebenso schön fände wie den Apoll von Belvedere? Schön! Was war das, schön? Auf Kraft kam es an, auf die Lebenskraft, in Berlin genauso wie seinerzeit in Babylon, in der Börse wie im mexikanischen Urwald. Er zum Beispiel hatte es schon in Babylon nicht ausgehalten, geschweige denn als bekümmerter Offiziersaspirant in einem preußischen Regiment ... Kreuzer war ein Schreier ... aber lustig – und dabei: gediegen! Er rieb zum Zeichen der Anerkennung die Hände auf den Knien. »So«, sagte Amalie. Der Alte dachte nach, und mit einem verlegenen Augenaufschlag: »Arthur ist übrigens wirklich ein hübscher, gut gewachsener Junge.« Sie gestand, daß er ihr sogar besser gefiel als der Apoll von Belvedere. Aber da war der Nuits ! Welch ein Wein, wie? Und jetzt verspürte man Hunger ... Und man beschloß zu tafeln. Die Herren zogen sich zurück und kamen im Frack wieder. Die Dienerschaft wurde geweckt, und um drei Uhr gab es ein warmes Frühstück. Als Arthur Amalie nach Hause fuhr, dämmerte der Tag. Ihre Mutter empfing sie. Sie saß in Amaliens Schlafzimmer vor dem Toilettentisch und weinte. Die Kerzen in den silbernen Leuchtern zu seiten des Spiegels waren fast abgebrannt. Sie erhob sich, groß und schön in ihrem weißen Morgenrock, die langen blonden Haare auf Brust und Schultern, und hüllte Amalie ein: eine prächtige Henne, die glucksend ihr Küken unter die Fittiche nahm. »Ist es geschehn, sag, mein armes Kind, ist es geschehen?« Doch sie zitterte, und ihr Gesicht war totenblaß. Amalie nahm es in die Hände und sah es an, und sie bedeckte es mit langsamen Küssen. »Was soll geschehen sein, Mutti?« Da brach Frau Kleinschuh wieder in Tränen aus: »Hat dich der Jude verführt?« rief sie schluchzend und ließ sich auf das Bett fallen. Amalie zögerte. »Welcher Jude?« fragte sie gedehnt, als griffe sie und hielte den Zorn zurück, der plötzlich in ihr war wie ein böses Tier. Die Mutter, die nun mit Sicherheit das Geständnis kommen fühlte, wurde still und krampfte sich zusammen, um den Schlag entgegenzunehmen. »Manasse«, flüsterte sie. Und Amalie log, aus Trotz und auch, um der Sache ein Ende zu machen. »Ja, ich habe mich ihm gegeben. Jetzt werdet ihr euch wohl darin schicken, daß ich ihn heirate.« Darauf zog sie sich wortlos zurück, unglücklich, daß sie nicht auch einmal besinnungslos weinen durfte. Frau Kleinschuh schickte sich. Nachdem sie noch eine Weile im Unglück verharrt hatte, erhob sie sich, raschelnd, weiß, mütterlich im Gedanken an das große Ereignis, die Hochzeit ihrer Tochter. Sie saß auf Amaliens Bett, streichelte ihre Hände und wiegte sie mit Trost und schönen Versprechungen ein wie eine Kranke, und Amalie mußte sich zusammennehmen, um nicht ihre Lüge zu vergessen und ihrem Herzen freien Lauf zu lassen. Um Mittag ließ sich Dr. Karl August Trimpopp melden. Amalie schickte Mama. Aber Trimpopp wünschte dringend, dem gnädigen Fräulein eine Mitteilung zu machen. Als er vor ihr stand, nahm er den Kneifer ab und sagte: »Wollen Sie bitte vergessen, daß ich Sie in einer Angelegenheit belästigt habe. Nicht wahr?« »Ich habe vergessen. Setzen Sie sich, Herr Doktor!« Die Sache war die, daß Fritz Kleinschuh den Dr. Trimpopp aufgesucht hatte. Amalie unterbrach ihn: wohl mit dem Befehl, seine Schwester zu heiraten. Oh! Das gnädige Fräulein mißverstand ihn. Das war doch vergessen, nicht wahr? Es klang ja vielleicht lächerlich, aber er bat sie, bat sie ... flehentlich ... einen andern Ton – Denn wenn das andere auch vergessen war, so konnte sie doch aus seinem Besuch schließen, wieviel ihm an ihrem Wohlergehen gelegen sei. Er kam, um ihr zu helfen. Hätte er das Vergnügen gehabt, Herrn Manasse zu kennen, so wäre er zu Herrn Manasse gegangen. Amaliens Gesicht veränderte sich. Es trat eine Pause ein, und nun setzte Trimpopp seinen Kneifer wieder auf. Nämlich. Fritz hatte Dr. Trimpopp ganz einfach eröffnet, daß er entweder seine Schwester bewegen werde, ihn, den Doktor, zu heiraten, oder aber dessen Rivalen namens Manasse über den Haufen schießen werde. Aber die Eröffnung schien auf Amalie keinen Eindruck zu machen. Sie sagte nur: »Der Kindskopf.« Das war er, ja, wahrhaftig, das war er. Trimpopp bestätigte es. Ein Kind, das mit Tod und Leben spielte, als wären es harmlose Launen von ihm, die keinen andern etwas angingen ... Immerhin. Trimpopp hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen: »Er ist imstand –« »Verzeihung«, sagte Amalie verwirrt. »Ich weiß nicht, wie ich Ihren Besuch auffassen soll. Was beabsichtigen Sie?« »Helfen, Ihnen helfen ...« Und nun lächelte das Ungeheuer. Es lächelte so gütig, daß Amalie diesen nahen Glanz nicht aushielt und mit einer plötzlichen Bewegung, als wollte sie sich schnell sammeln, die Hände vor die Augen schlug. »Helfen? Wie wollen Sie mir helfen?« »Auf jede Weise. Wie Sie wollen.« Sie sah ihn unsicher an: »Sie lieben mich doch nicht mehr?« »Nein – das heißt: nicht so ...« »Gott sei Dank«, sagte sie. »Aber wie wollen Sie mir denn helfen, vorausgesetzt, daß ich Ihre Hilfe nötig hätte?« »Sie können über mich verfügen ... wie ... über eine Strohpuppe.« Ach so? Danke! Nein, wirklich: danke! Trimpopp blitzte sie aus fanatischen Augen an: »Ich weiß nicht, ob Sie mich richtig verstehen. Sie können mich heiraten – wie Sie wollen, solang Sie wollen ... Für mich gehören Sie Herrn Manasse.« Amalie hatte sich erhoben. »Herr Doktor«, sagte sie, »Sie können gehn.« Sie hörte selbst, und es tat ihr weh, wie gezwungen ihr Lachen klang. Aber als er sich, so feierlich unfrei wie immer, vor ihr verbeugte, fand sie ihn nicht mehr komisch. Er war ihr unheimlich. »Wie Sie meinen«, murmelte er. »Nur tun Sie mir unrecht.« In diesem Augenblick glaubte sie ihm. Sie erkannte seine ganze unwahrscheinliche Überlegenheit. Und wandte sich zornig ab.   Zur selben Zeit befand sich Arthur Manasse auf dem Weg nach Potsdam, bereit, alles zu ertragen, um Amaliens Bruder zu gewinnen. Er hatte ihr nichts von dem beabsichtigten Besuch gesagt und es sich in den Kopf gesetzt, allein eine Verständigung mit Fritz zu finden. So nahm er ihr eine schwere und unangenehme Aufgabe ab und bereitete ihr vielleicht eine schöne Überraschung. Nur! Wie sollte er zu ihm sprechen? Er kannte ihn einzig aus Amaliens Erzählungen, wo Fritz der reizendste Junge war; er litt, vielleicht heftiger als andere – Amalie sagte: bis zur Fallsucht – an zwei, drei Vorurteilen, die er für die Grundsteine der menschlichen Gesellschaft hielt. Sie liebte ihn sehr, und auch Arthur hatte, ohne ihn je gesehen zu haben, eine Zuneigung für ihn. Nichts war natürlicher. Aber wie ihn gewinnen – da er ihn unbedingt gewinnen wollte? Gut, er würde sich ihm vorstellen und nicht böse werden, wenn Fritz mit einem Nasenlaut »Manasse?« wiederholte oder sich mit einem verächtlichen Gesicht bewaffnete. Geduld wollte er haben, Geduld, solange die geringste Hoffnung blieb. Er wollte sogar versuchen, ihn zu rühren. Schließlich handelte es sich doch um eine menschliche Angelegenheit, um ein Schicksal zweier Menschen, von denen wenigstens der eine, Amalie, Fritz nicht gleichgültig sein konnte. Die aber liebte ihn, ja, das war über alle Maßen gewiß, sie liebte ihn und wollte ihn haben, gleichviel, wie er hieß und was er war. In dieser Gewißheit hingen wie in unerschütterlichen Angeln alle Betrachtungen, denen er Fritz durch Geduld, Rührung, List, durch alle Mittel, die sich als wirksam erwiesen, zugänglich machen wollte. Sie liebte ihn nicht, wie unerfahrene Mädchen gewöhnlich lieben. Dazu mußte auch Fritz sie für zu klug halten, und ihre Klugheit war so groß wie ihre Leidenschaftlichkeit, die ihr Bruder ebenfalls kennen mußte. Sie wollte ihn und täte alles, um ihn zu bekommen, so oder so. Das mußte Fritz herausfühlen, denn sagen konnte er es ihm natürlich nicht. An der Tür von Fritzens Zimmer blieb er lange stehen und legte sich noch einmal zurecht, was er im unbestimmbaren Verlauf der Unterredung vorbringen konnte. Er erwog den Rückzug für den Fall, daß Fritz sich völlig abweisend verhielt: Auch der Rückzug durfte nicht so sein, daß ein für allemal die Brücke zwischen ihnen abgebrochen wäre. Also vor allem Geduld ... Geduld und Vorsicht. Ein Bursche nahm seine Karte, kam gleich wieder und führte ihn in das Zimmer, wo Fritz ihn aufrecht, in langem Offiziersrock, erwartete. Sie verbeugten sich leicht voreinander, dann lud Fritz Arthur zum Sitzen ein, wobei er sagte, daß der Besuch ihm sehr willkommen sei, weil er die längst gewünschte Gelegenheit zu einer Aussprache biete, die hoffentlich die einzige bleiben werde. Arthur erwiderte, daß ihm das sehr leid täte und daß er im Gegenteil gekommen sei, weil er sich für verpflichtet halte, nach seiner Verlobung mit Amalie, die gestern stattgefunden habe, ein mögliches Verhältnis zu ihrem Bruder anzubahnen. Fritz sah ihn einen Augenblick mit übertriebener Schärfe an, dann legte er die Hände in den Schoß und sagte halblaut: Da es schon so weit sei, könne er sich ja kurz fassen. Arthur werde seine Schwester nicht heiraten – er, Fritz, müsse es unter allen Umständen verhindern, selbst unter Lebensgefahr. Ob er fragen dürfe, warum, erwiderte Arthur, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: der Grund, daß er Jude sei und ein Herr Manasse, scheine ihm jedenfalls nicht wert, unter erwachsenen Menschen, die keine Narren seien, diskutiert zu werden. Einen solchen Narren sehe er, Arthur, aber vor sich, sagte Fritz, und er müsse jedem klugen Mann abraten, sich mit einem Narren einzulassen. Damit halte er die Unterredung für beendet. Fritz erhob sich und sah mit gemachter Gleichgültigkeit auf Arthur herunter, der, die Hände krampfhaft gefaltet, sitzen geblieben war. »Herr Leutnant«, sagte er, »bitte noch zwei Minuten«, und während sich Fritz achselzuckend niederließ, begann er, ihm alle Vorschläge zu unterbreiten, die er während der Fahrt hierher zusammengesucht hatte. Fürchtete Fritz, daß sein Schwager Manasse ihm die militärische Laufbahn verderbe? Weder Amalie noch er hingen sonderlich an Berlin, sie würden wegziehen ins Ausland, doppelt so weit, wie die Vorsicht geböte. Das wollte er leichten Herzens tun. Hielt er ihn für einen leichtsinnigen Kerl? Der alte Kleinschuh sollte Amaliens Mitgift behalten, er selbst wollte das Seine zum größten Teil auf Amalie übertragen, die sei nicht leichtsinnig, nicht wahr, nein, ihr und den Kindern – Hier schlug Fritz mit der Faust auf den Tisch und schrie so laut, daß Arthur flackernd in die Höhe fuhr: Amalie bekäme keine Kinder von ihm, eher knallte er sie und sich nieder, eher rottete er alle Manasse der Welt aus, eher – Sie standen einander gegenüber, als wollten sie im nächsten Augenblick losspringen, die Hände geballt, Auge in Auge, Fleisch in Fleisch. Dann öffnete Arthur die Hände mit einer gewaltsamen Bewegung. »Warum«, sagte er traurig. »Sagen Sie, warum?« Aber Fritz beugte sich vor und schrie verzerrt in das blasse, gefaßte Gesicht, als ob er es anspuckte: »Weil ich Sie hasse – Sie Jude!« Und als Arthurs Blick voll auf- und abschwellender Schwermut auf ihm ruhen blieb, knirschte er, von Scham über seine Roheit gepackt: »Muß ich es Ihnen denn ins Gesicht patschen?« Arthur schüttelte den Kopf: »Ich bin ja stärker als Sie.« »Oh, was das anlangt ...« Auf dem Schreibtisch lag ein Säbel. Fritz sprang und griff danach. Arthur zögerte. Sollte er ihm den Säbel wegnehmen? »Ich gehe ja schon«, sagte er, »ich räume vor Ihnen das Feld.« Fritz möge sich bitte begnügen. Draußen hörte er, wie der andere »Feigling« hinter ihm herbrüllte. Feigling? ... Welchen Begriff sich der Hanswurst vom Mut machte. Und der Gedanke kam ihm: Wie feig sie doch sein mußten, da sie es nicht wagten, einfach über die so unmenschlich Verhaßten herzufallen und sie alle niederzumachen ... Er sah auf die Uhr und rief hastig ein Auto, das vorbeifuhr. Nun kauerte Amalie schon eine Viertelstunde auf dem Segelschlitten und wartete auf ihn, und der Wagen fuhr zwischen bereiften Kiefern, die in der Sonne schimmerten. »Amalie«, zitterte sein Herz, groß und dunkelfüßig ... An glitzernden Wiesen traten Villen mit roten Dächern aus blanker Himmelsbläue. Ganz hell und kühl war dieser Name: Amalie. Und strahlend wie die Welt, die sich da draußen um ihn drehte, um ihn, der zu ihr hinflog mit einem Klirren stählerner Flügel ... Die Züge der Stadtbahn schienen ein frisches Fell bekommen zu haben, so glatt und braun rollten sie in der klaren Luft, und die langen weißen Rauchwürmer waren von einer Sauberkeit, daß tausend Eisengel darauf hätten reiten können, ohne sich mit einem einzigen Rußfleck zu beschmutzen. Wo der Weg zum Wannsee abbog, stand Amalie im weißen Sweater und winkte dem Automobil entgegen. Da komme er also richtig nur eine halbe Stunde zu spät. Sie danke auch sehr, sie habe sich bereits darauf eingerichtet, bis zur Dunkelheit zu warten, nur, um dann schnell mit ihm nach Hause zu fahren. Ja, er käme von ihrem Bruder. Na, und? Der habe ihn hinausgeworfen. So. Sie dachte nach. Ob sie einander auch sicher nichts angetan hätten? Ob der Junge mit den Beinen gestrampelt habe? Er strampele nämlich mit den Beinen, wenn er böse sei, nur, seitdem er lange Hosen trüge, sähe man es nicht so leicht. Nun? Dann werde er wohl gestrampelt haben... Sie sah unsicher an ihm hinauf. Ja... Da werde es einen schönen Krach absetzen zu Hause. Um Gottes willen! Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Eben. Man könne behaupten, daß er sich eher ungeschickt angestellt habe. Er da. Der Große. Es sollte halt eine Überraschung werden. Keine Sorge. Das werde es auch. Sie seufzte: »Dabei möchte ich so gern richtig Hochzeit machen, statt sündhafterweise durchzubrennen...« Sie sausten auf dem Segelschlitten davon, dicht vor dem Wind. Das Eis des Wannsees war blendend weiß, und überall hobelten die Kufen glühende Späne, die in der Luft auseinandersprühten. Ein Schlitten wendete mit dem Wind und schlug krachend um. Es gab eine Ansammlung, sie sahen Leute winken und rufen, bogen aus, rasten lachend vorüber. Arthur hielt das Steuer, und sie preßte ihn mit ihren dünnen Armen an sich, er fühlte ihren Atem im Nacken. Plötzlich schwemmte die untergehende Sonne Blutwellen über das Eis. Springbrunnen goldenen Blutes stiegen und fielen. Manchmal spritzte das Eis rot auf wie unter einem Dolchstoß. Langgedehnte Rufe zogen von einem Ufer zum andern. Als sie den Schlitten abgetakelt hatten, saßen sie und sahen einander wortlos an. Aber manchmal stockte ihnen der Atem, und sie griffen fest ihre Hände, und manchmal nickten sie einander zu. Schließlich: »Nun steh doch auf!« »Erst die Dame.« »Dein Papa und Tante... wie heißt sie doch gleich...« »Ida – langes ›i‹.« »Also,... ich meine... Dein Papa und Tante Ida erwarten uns zum Diner.« »So eil dich! Du mußt dich doch noch umziehen.« »Muß ich? Wenn aber Fritz schon den Generalmarsch geblasen hat?« »Schnell...« 3 Der Diener, der Amalie Hut und Mantel abnahm, behandelte sie gleich wie seinen besonderen Schützling. Er sagte nicht: »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, aber er flaggte ein diskretes Lächeln, das die große Freude seines Herzens andeutete, ohne darum gleich vertraulich erscheinen zu wollen. Und dann wurde sie behutsam weitergegeben und glitt zwischen weichflügeligen Erzengeln des Wohlwollens von Hand zu Hand bis zur kleinen rundlichen Brillantensammlung, die eine alte Dame, Arthurs Tante, ihr entgegenstreckte. Es war ein reizendes Haus. Alles glänzte in Verwandtenähnlichkeit, das tote und das lebende Inventar, Mensch und Tier. Die Diener glichen alle dem gnädigen Herrn, und der Mops hatte den angestrengten Zug um den Mund und die mürrische Behäbigkeit der gnädigen Frau. Amalie schien es, als ob sie die Frisur der Tante auf eben einer solchen Stirn schon einmal gesehen hätte. Aber wo? Vorn in der Garderobe, an der alten Kammerzofe, die sich schwatzhaft um sie bemüht hatte! Die Gobelins an den Wänden, die Möbel und gar die Stühle – ja, die stammten wohl aus verschiedenen Jahrhunderten, aber man mußte schon hinschauen, um das festzustellen, man mußte sich ihnen boshaft nähern, sie brutal voneinander trennen, und dann war es, als ob man eine Familie sprengte, erinnerungsgetränkte Bande des Gemüts mit Vernunftgründen zerrisse, mit plumpen Füßen in die Intimität eines herzstillen Zusammenlebens hineinträte. Sonst standen sie da, eng aneindergeduckt, und ließen die Gespräche rauschen. Manchmal tauschten sie verschlafene Blicke mit ihren Besitzern. Aber wenn jemand von der Familie sie in Anspruch nahm, wurden sie wach, ganz wach. Die Stühle zum Beispiel wirkten lebhaft mit. Sie beteiligten sich voll grimmigen Humors an der Unterhaltung. Da war ein Lutherstuhl, der lachte sich halb tot. Und ein Sessel, den Arthurs Vater selbstzufrieden ausfüllte, hielt den Bauch seines Opfers und markierte leise Schnarchtöne. Als der Diener meldete, daß die gnädige Frau bedient sei, ging ein Seufzer der Erleichterung durch das Mobiliar, und der Mops schritt mit den gravitätischen Schritten seiner Herrin zu ihrer Rechten in den Speisesaal. Bei Tisch erzählten die beiden Alten um die Wette, wovon die Bewohner des Tiergartenviertels am liebsten sprechen, von der Entwicklung Berlins und von ihren Glaubensgenossen, deren Tüchtigkeit sogar der Kaiser entdeckt habe. Von der Zeit, wo dieses ihr Haus noch am Ende der Stadt stand und an ach! so stillen Sonntagen Landpartien nach Wilmersdorf unternommen wurden. Dort, wo jetzt die Kaiserallee war, hatte der alte Manasse sich in einen großen parkähnlichen Garten ein Landhaus hingebaut und durch den Kauf anliegender Äcker ein schönes Besitztum hergerichtet – für weniger Geld, als ein gutes Automobil koste. Und plötzlich, hatte Berlin angefangen zu wandern. Über Nacht war Leben in die grauen Stadtviertel gekommen, sie hatten sich aufgemacht und waren nach Westen marschiert. Der alte Manasse hatte den ersten Ansturm auszuhalten gehabt, sein Haus wurde umzingelt und bekam zwei Renaissancevillen als Wachtposten. Aber die steinerne Invasion ließ hier nur ein paar kleine Paläste zurück, die sich schon im Wachsen mit dem Rücken gegen die großen, ungeschlachten Nachläufer stemmten, die hinter ihnen, vor ihnen, kilometerweit, in unübersehbaren Reihen ihr jungfräuliches Quartier bezogen. Und jetzt war es schon lange her, daß er das Wilmersdorfer Besitztum verkauft hatte und daß aus seinen Kohlbeeten Vierstöcker aufgeschossen waren. »Ihr wißt nicht, was Berlin ist«, rief er, zu seinem Sohn gewandt. »Die alten Stadtteile kennt ihr nicht, und die neuen findet ihr langweilig. Ich kann stundenlang, bei Tag und bei Nacht, in den asphaltierten Straßen herumgehen und die neuen Häuser betrachten, die einander gar nicht so sehr gleichen, wie ihr glaubt. Ich sehe zu, wie weit sie gekommen sind, steige in den Neubauten die Treppen hinauf, die noch kein Geländer haben, wandere in den Zimmern, die der Bauschreiner mit einer Eile verputzt, als gelte es, eine Wette zu gewinnen – bis unters Dach. Und dort schaue ich durch die Sparren oder, wenn sie das Dach schon gedeckt haben, durch eine Luke ins Freie. Wiesen, Lauben, dahinter zwei, drei graue Gasometer, noch weiter rauchende Schlote und im Dunst ein Haufen Häuser und darüber ein weiter flacher Himmel: die schönste Landschaft, die ich kenne. Während ich so stehe, tauchen manchmal, gerade unter mir, ein Karren und eine Schar Arbeiter auf. Der Karren hält, die Arbeiter laden Schaufeln, Hacken und anderes Werkzeug ab, er fährt davon, sie stehen um einen Mann herum, der ihnen allerhand Anweisungen gibt, und dann beginnen sie alle auf einmal, an zehn, zwanzig Stellen, in der Erde zu graben. Wenn ich wiederkomme, stehn die Mauern, und das nächste Mal ist ein Pförtner da, der mir Wohnungen zeigt mit Fahrstuhl, Warmwasserheizung und -Versorgung, Vakuumreiniger und andern Herrlichkeiten, deren Betrachtung mich mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt.« Tante Ida schob, plötzlich entrüstet, den Teller zurück. Die Trüffeln waren wirklich zu hart. »Bringen Sie das Fleisch«, murmelte sie mißgestimmt. Manasse warf einen Blick auf sie und rief begütigend: »Tante Ida sagt auch immer, die Jungen sind Ausländer. Jawohl. Euch Jungen kann Berlin gestohlen werden. Ihr lebt hier wie in einem Hotel, und wenn ihr euch freuen wollt, reist ihr eher bis ans Ende der Welt. Uns dagegen interessiert nur Berlin und was Berlin hervorbringt. Wir leisten uns ja den Komfort der ganzen Welt! ... Und, wenn es gestattet ist, davon zu sprechen: Berlin ist auch mein Kirchhof. Irgendwo unter diesen Straßen und Häusern liegen meine Frau, meine Verwandten, meine Freunde begraben – nicht da draußen in den Großgärtnereien mit numerierten Wegen, wo wir uns nicht auskennen ...« Die Tante drehte den dicken, gepuderten Hals. Sie schien hochmütig, aber das lag nur daran, daß sie stark geschnürt war und schlecht hörte. »Ich – ich weiß nicht«, gurrte sie mit ihrer tiefen Stimme, »was ich außerhalb Berlins anfangen soll. An der Riviera wird mir schlecht vor Langeweile, und in Kairo, in Kairo zehre ich vom Anblick der Berliner, die aus den Hotelwagen herauskrabbeln. Aber, was soll man tun? Man reist.« Arthur beugte sich zu Amalie: »Wohin reisen wir doch gleich?« Sie sah die Tante groß an und sagte bekümmert: »Nach Westindien.« Tante Ida verrenkte sich schier den Hals. »Wohin?« schrie sie. Arthur und Amalie wiederholten zusammen: »Nach Westindien.« Sie nahm ihr Lorgnon und blickte von einem zum anderen. Alle machten ernste Gesichter. Ihr Bruder, dem es schwerfiel, das Lachen zu verbeißen, lehnte sich zurück und suchte nach einem Brosamen an seiner Weste, den er wegschnellen konnte. Seine Glatze wurde röter und röter. Die alte Dame bemerkte es, und ihr Blick blieb lange darauf haften. Dann klappte sie das Lorgnon zusammen und murmelte: »Nebbich.« Nun begannen alle drei schnell und laut über Westindien Dinge zu erzählen, von deren Richtigkeit sie nicht ganz überzeugt waren, die sich aber als stark genug erwiesen, die Verstimmung der alten Dame zu zerstreuen. Nun, es sei ja nicht ihr Geld, sagte sie mit einem dumpfen Blick auf die jungen Leute, ließ ihre Diamanten funkeln und zog sich nach einem gnädigen Gruß; den Mops zu ihrer Rechten, hinter einen schönen italienischen Gobelinvorhang zurück. Der alte Manasse reichte Amalie den Arm und sagte: »Das war Tante Ida, und Sie werden sie nicht wiedersehen. Ihre Tochter ist in glücklicher Ehe mit einem Oberrabbiner verheiratet. Ihr Sohn hat sich, ganz jung, wegen einer Pariser Lebedame erschossen, die blonde Haare und blaue Augen hatte. Grund genug für Tante Ida, die Christen nicht zu lieben.« Amalie blickte bestürzt auf. Der alte Manasse lächelte: »Gewiß, das gibt es auch – und Sie werden zugeben, daß sich Tante Ida mit Recht auf ihre Erfahrungen berufen darf« – und Arthur schloß: »Wie ihr euch so gern auf eure Erfahrungen mit uns beruft.« »Ihr?« fragte Amalie leise. Sie schlug den Blick nieder aus Furcht, daß Arthur sie jetzt ansähe. Denn sie fühlte, im tiefsten gekränkt, einen Abgrund zwischen sich und den beiden Männern, sie kam sich hier fremd vor, fremd und von Fremden mit Mißtrauen überwacht ... Schnell nahm Arthur ihre Hand, denn sie hatte trotzig den Kopf gehoben, und zog sie hinter sich her, durch Zimmer und Gänge, bis in sein Zimmer. Dort stellte er sie unter den Kandelaber, nahm ihr Gesicht in die Hände, tauchte seine Augen in die ihren, die sie ganz klein und dunkel im grauen Spiegel der seinen sah: »Tipp-topp!« rief er zärtlich und drohend, »wenn du dich unterstehst!«, und sie antwortete: »Ich will mich nie wieder unterstehen.« Dann lagen sie umschlungen und sagten einander zitternd, daß sie zusammenhalten wollten, gegen die ganze Welt. Um zehn Uhr fuhr Arthur seine Braut nach Hause. Er stieg mit ihr aus und begleitete sie bis an die Haustüre, und hier trat das Ereignis ein, das der kleinen Liebesgeschichte die jähe Wendung ins Tragische gab. Arthur wollte gerade mit Amaliens Schlüssel die Tür öffnen, sie sprang an ihm hinauf, um ihm zum Abschied zu küssen, da wurde von innen die Tür aufgezogen, und Fritz trat heraus. Zuerst schien er erstaunt, den beiden zu begegnen, er griff verlegen zum Hut, aber dann hob er die Hand und schlug Arthur mitten ins Gesicht. Einen Augenblick stand Arthur barhäuptig mit hängenden Armen und kauenden Kiefern über Fritz gebeugt, der einen Kopf kleiner war als er. Dann stürzte er sich über ihn, hob ihn auf und schleuderte ihn von sich, und als der andere sich aufgerafft hatte und gegen ihn anstürmte, stieß er Amalie, die sich an ihn hängte, heftig mit dem Ellenbogen zurück und streckte ihn mit einem Faustschlag nieder. Menschen kamen angelaufen und umringten sie. Zwei Männer balgten mit Fritz, der sich wieder erhoben hatte und die Straße mit seinem Gebrüll erfüllte. »Feigling«, schrie er, »Feigling!« Er fand nichts anderes. Amalie lehnte zusammengesunken an der Haustür und sah mit großen, starren Augen auf ihren Bruder, der sich zu befreien suchte. Er sprang gegen Arthur an wie ein Hund an der Kette, ihr schwindelte, und als Arthur sich ihr näherte, warf sie ihm einen entsetzten Blick zu und flüchtete in den Hausflur, die Treppen hinauf, und da sie hier auf ihre Mutter stieß, wieder die Treppe hinunter, in den Flur, wo sie erschöpft in einer Ecke stehenblieb,, Ihre Mutter sprach begütigend auf sie ein ... sie hörte nur auf den Lärm draußen, und als der sich gelegt hatte und die Leute auseinandergegangen waren, hob sie den Kopf und fragte lächelnd, ob ihr Vater zu Hause sei. Die verneinende Antwort schien sie vollends zu beruhigen. Sie legte den Arm um die Hüften der Mutter und stieg langsam mit ihr die Treppe hinauf, und jedesmal, wenn der Blick der Mutter sie unruhig ausforschte, zeigte sie ihr volles Gesicht und lächelte sie geduldig an. Sie brachte die Mutter ins Bett und schloß sich darauf mit dem Kursbuch in ihr Zimmer ein. Sie schrieb Arthur, daß er das Nötige besorgen solle, damit sie beide am Abend des folgenden Tages abfahren könnten, sie werde zur festgesetzten Stunde mit ihrem Gepäck am Bahnhof sein. Nachdem sie den Brief zum nächsten Kasten gebracht hatte, begann sie die Sachen, die sie mitnehmen wollte, stapelweise in. die Dachkammer zu tragen, wo die Koffer untergebracht waren, verpackte sie mit viel Sorgfalt, schloß die Koffer ab und legte sich schlafen.   Indes lief Arthur, noch immer barhäuptig, durch die Straßen Charlottenburgs, am Bahnhof Zoologischer Garten vorbei, durch den Tiergarten. Er verirrte sich und setzte sich auf eine Bank. Hier kam ihm endlich zum Bewußtsein, daß niemand ihn verfolgte, und die Angst verließ ihn. Er hatte angefangen zu laufen, als er sah, wie Amalie vor ihm floh, die Panik hatte ihn erfaßt, er hörte einen Lärm, als ob die ganze Stadt hinter ihm her sei, er glaubte, es ginge auf Tod und Leben. Es war kein Laufen mehr gewesen. Die Angst, daß sie ihn packten, hundertarmig, ihn niederträten mit hundert trampelnden Füßen, aus einem Chaos aufgerissener Mäuler schreiend, hielt ihn mit eisigem Griff hinten im Kreuz und trug ihn, über den Boden, durch die Luft. Und jetzt saß er da ... Wie schön, allein zu sein in dieser Stille. Keine Menschen. Nacht. Helle, wohlwollende Sterne. Er zählte Geld in der Manteltasche. Keine Menschen. Doch da, aus einem goldgelben Dunst, in dem Wagen und Menschen und. Tiere, Knäuel schwitzenden Lebens, wogten, stieg ein stilles, weißes Gesicht und kam lächelnd auf ihn zu. Abraham Levy aus Marseille. Er hatte einen langen grauen Bart und gedrehte Locken an beiden Schläfen. Ja, das war sein Freund. Auf den konnte er sich verlassen ... Arthur fühlte sich fröhlich werdend, es kroch warm, mit kleinen, köstlichen Schauern, an ihm hinauf: Weißt du noch? sagte er und strich über die Hand des Alten, die ein harter Haufen Runzeln war, den die Sonne gewärmt hatte. Weißt du noch, wie ich an einem wundervollen Sommerabend vor deinem schiefen einstöckigen Haus stand und deine schmutzige Auslage von alten Kleidern, rostigen Bajonetten und bunten Glasperlen anstarrte? ... Gott, ging es mir schlecht ... Ich wollte dir meine Kleider verkaufen, die, die ich am Leib trug, denn die andern hatte die Wirtin als Pfand zurückbehalten ... Du solltest mir dafür eine alte Kluft und ein Silberstück geben ... Du sahst mich an und lächeltest so seltsam und sagtest plötzlich etwas, was ich nicht verstand, weil es Jiddisch war. Du stutztest, sahst mir wieder in die Augen und auf den Mund und batest mich dann einzutreten. Fragtest, woher ich gekommen sei. Aus Berlin ... Nicktest. Wo ich mein Geld gelassen habe ... In Paris. Nicktest wieder, diesmal mit glänzenden Augen: »Frauen!« sagtest du, im Tiefsten heiter, über alle Maßen verständnisvoll ... Ja, die Art, wie du den Lippenlaut von femmes aussprachst, beruhigte mich fast ... Und was ich in Marseille wolle? Ich wußte es selbst nicht und hatte mir die Frage nie vorgelegt. Aber jetzt dachte ich nach, und als ich lange nachgedacht, die ganze Zeit bedacht hatte, von der Ohrfeige im Kasernenhof bis zum Aufsuchen eines möblierten Zimmers in Marseille, da fand ich nichts andres als eine Menge Gefühle von Angst und Hoffnung, die ich in dem Wort ›Verschwinden‹ zusammenfaßte. Man sollte mich nicht mehr kennen! Ich wollte mich nicht mehr verteidigen, nicht mehr lachen und glänzen und mich um tausend unnütze Dinge kümmern müssen ... Ruhe ... Sicherheit ... Ich wollte nicht mehr da sein ... Arthur sah sich auf dem Strohstuhl in dem niedrigen Zimmer, das von Schmutz starrte. Gegenüber saß Abraham Levy, dessen reiner Kopf im Zwielicht, wie ihm schien, ziemlich weit entfernt, vor ihm leuchtete. Abraham Levy schwieg, aber er hüllte ihn, hartnäckig lächelnd, in eine Wolke bohrender Gedanken. Arthur wandte den Kopf hin und her und wollte nichts davon wissen. »Du bist reich gewesen«, sagte der Alte, »reich! ... reich! ...« Er wiederholte ein paarmal das Wort, ergriffen und auch, als preßte er eine frische Feige zwischen den Zähnen aus, und sein Blick ging über Arthur hinweg, weit fort, und nun hatte er ein Gesicht, als weide er sich an einem Rachegedanken. »Aber«, fuhr er endlich fort, »warum solltest du nicht auch einmal so arm sein wie die meisten von uns und wie deine Väter waren ... Versuch's!« Und Abraham Levy ließ ihm nicht nur seinen guten Anzug, sondern er kaufte ihm auch noch frische Wäsche und Lackschuhe, damit er aussähe wie ein Kavalier, und begann einen Handel mit leichtfertig bemalten Postkarten, die Arthur in den Kaffee- und Speisehäusern feilbot. »Fordere so viel, wie du meinst, daß du bekommst«, sagte Abraham Levy. »Du wirst mich nicht betrügen.« Jeden Mittag trafen sie einander in einem Wirtshaus an der Ecke von Levys Gasse, aßen eine koschere Suppe und teilten den Reingewinn. Am Abend speiste Arthur manchmal in besserer Gesellschaft. Aber die Hauptgeschäftszeit war nachts. »Junge, du könntest reich werden«, rief Abraham Levy manchmal bewundernd aus, wenn Arthur ihm sein Teil einhändigte. Aber der hütete sich, reich zu werden. Sobald er einige Francs zusammen hatte, verschenkte er sie schnell an arme Mädchen, die erstbesten, die ihn anbettelten. Deshalb dauerte es auch nicht lange, und Abraham Levy schränkte den Anteil seines Agenten auf ein Drittel ein, dann auf ein Viertel und noch weniger, und schließlich stellte er ihn fest an mit der Verpflichtung, die gesamten Einnahmen abzuliefern. »Du wirfst das Geld zum Fenster hinaus«, sagte er, und Arthur mußte ihm recht geben. »Iß und schlafe bei mir«, schlug Abraham Levy vor, »dann brauchst du überhaupt kein Geld, und es geht nichts verloren.« Auch damit war Arthur einverstanden, ja, ihm schien, er sei erst jetzt befreit, wo ihm auch die letzten Sorgen, die Sorgen um Essen und Unterkunft abgenommen waren. Aber! ... Aber! ... Es war natürlich zu schön, und eines Nachts stieß er in einem Restaurant auf einen Berliner Bekannten und erkannte ihn erst, als es zu spät war. Jemand reichte ihm zwanzig Francs für eine Postkarte und lachte schallend, Arthur blickte erstaunt auf und ergriff die Flucht vor zwei Händen, die sich ihm entgegenstreckten ... Er weckte Abraham Levy und sagte, daß er fort müsse, sonst kämen sie und holten ihn. Es zeigte sich, daß Abraham Levy einer Veränderung nicht abgeneigt war und schon lange mit dem Gedanken umging, sein Glück auf breiterer Basis in Paris zu versuchen. Paris wimmele von Bekannten, versicherte Arthur, der im übrigen schwor, Abraham Levy überallhin zu folgen, überallhin, wo keine Berliner seien. Da aber Abraham Levy hinwiederum der Meinung war, daß überall auf Gottes Erdboden Berliner hinkämen, konnten sie sich nicht schnell genug einigen, und acht Tage später wurde Arthur am hellen Mittag, als er aus der Tür trat, um Essen für die Familie Levy einzukaufen, von seinem Freund Kreuzer abgefaßt. Der drang, von zwei borstigen Halbtieren, Marseiller Detektiven, begleitet, in das Haus und schob Abraham Levy mit einem Puff neben das Fenster an die Wand, als wollte er ihn dort in aller Bequemlichkeit niederschießen. Vorläufig begann er, in wirkungsvollem Abstand und im Bogen, wie ein Vulkan Beschimpfungen auszuspeien ... ein Phänomen, das die beiden fremdländischen Begleiter stumm und mit sichtlicher Ergriffenheit anstaunten. Arthur legte den Kopf noch mehr in den Nacken und lächelte zu den Sternen ... Abraham Levy ... Nun, alles, was recht war – er benahm sich sehr würdig. Er drückte sich in die Ecke und sagte ruhig: »Mein Herr, wir sind hier nicht in Preußen.« Sonst nichts. Aber wie entschlossen. Das Donnern eines neuen Ausbruchs deckte seine Stimme zu. Abraham Levy erklärte nun ununterbrochen: »Ich bin französischer Staatsbürger«, so lange, bis der Satz endlich in einer Pause laut und hoch erklingen konnte, und dieselbe erhabene Stille benützte Arthur, um sich einzumischen. »Ich verbiete dir«, flüsterte er, seine Stimme schnurrte heimtückisch, drohend ging er auf Kreuzer zu. Er war richtig böse ... Und, mein alter Abraham, ich war erwacht. Ich höre noch dein leises Gelächter hinter mir, als der verdutzte Kreuzer seine großen blauen Augen rollte und zögernd einen Schritt zurücktrat. »Adieu«, sagte er und drehte sich auf den Absätzen um: »Pack!« Es dauerte lange, bis ich ihn versöhnt hatte. Er mußte viel. trinken, bevor er es über sich brachte, mich kraftvoll in die Arme zu schließen. Ich aber war wieder ein Herr. Ich nahm ihm Geld ab, telegraphierte, bestellte Zimmer im Hotel, lächelte Frauen an, von oben herunter mit gebeugtem Kopf, fühlte meine Glieder in der Menge und sah die Sonne über dem Hafen. Wie gern wäre ich jetzt Dragoner gewesen! Und auf irgendeinem kriegerischen Zug. Ja, der Krieg erschien mir als eine blitzblanke Freude. Da fühlte man sich doch wenigstens leben! Der Krieg, dachte ich: das einzige im Leben, was zugleich todernst und unbändig heiter ist ... Mein Abraham! ... Adieu! Ich führte dich noch zwei Stunden im Wagen spazieren, und Kreuzer mußte gegenübersitzen und stillhalten. Ha, du genössest deinen Triumph über diesen blonden Teufel von einem Goi ! ... Fast wärst du zu stolz gewesen, den Wechsel zu nehmen, den ich dir zum Abschied reichte. Doch, doch! Ich mußte flehentlich bitten, erinnere dich, und erst, als du die vierstellige Zahl sahst, liefen Tränen über dein großes weißes Gesicht, du konntest nichts sagen als: »Paris.« Arthur erhob sich und ging hastigen Schrittes weiter. An der Hofjägerhalle blieb er stehen und wartete, bis ein leeres Automobil vorbeikam. Er ließ sich durchs Brandenburger Tor, die Friedrichstraße hinunter, über die Leipziger Straße nach Hause fahren. Das tat gut, durch das viele Licht, den Lärm, die drängenden Menschen zu jagen. Das Rattern des Motors drang lindernd bis ins Herz. Die Sprünge des Wagens rührten Grundwellen von Angst auf, ein Gefühl von Notwehr weckte die Energie, die Geschwindigkeit machte beherrscht und sicher. Fliegende Festung, dachte Arthur. Wir leben alle in unseren Festungen aus Gold und Klugheit und Geduld, ewig in der Abwehr, selbst wenn wir angreifen. Nein, es war kein Vergnügen und so über alle Begriffe langweilig! Immer dasselbe! Immer dasselbe! Wo man sich umdrehte, wo man hintrat. Überall derselbe heimtückische Blödsinn. Zu Hause traf er Kreuzer, der mit seinem Vater Karten spielte. Arthur setzte sich zu ihnen und sah zu. Als er schwieg, knurrte Kreuzer etwas und schob ihm sein Glas hin: »Trink«, befahl er, und Arthur, der keinen Wein vertrug, hatte kaum das Glas geleert, da begann er mit müder Stimme, zuerst lächelnd, als ironisierte er sich selbst: wie schön es sei, arm und verkommen zu sein und Ruhe zu haben unter den Niedrigsten, von denen niemand mehr verlangte, als daß sie aus dem Wege gehn ... Die Niedrigsten allein waren gut, weil sie zufrieden waren ... Sie allein verstanden zu schenken, weil sie nichts brauchten als eine Suppe und zwei Stück Brot und alles andere, was ihnen zufiel, zum großen Überfluß gehörte ... Sie allein kannten das Glück, weil sie nichts erwarteten und jede Duldung sich wie eine unermeßliche Gnade auf ihr demütig gebeugtes Haupt legte ... »Du redest wie ein Hofprediger«, sagte der alte Manasse, der im Gewinn war. Kreuzer aber faßte einen Entschluß, warf die Karten fort und wandte sich zu Arthur. »Was ist los?« fragte er. Und sanft weinend breitete Arthur seinen ganzen Jammer vor ihm aus. Der Alte war aus dem Zimmer geschlichen. Sosehr er Kreuzer vertraute, es kränkte ihn, daß sein Sohn vor dem da weinte ... Je mehr er's überdachte, desto aufgeregter wurde er. Er mußte Hut und Mantel nehmen und ein wenig spazierengehn. Es war unheimlich. Der Junge konnte plötzlich losgreinen ... Das hatte er von seiner Mutter, bei der man auch immer hatte befürchten müssen, daß ihr hellstes Lachen in ein Schluchzen umschlüge. Hauskatzen! Nervenbündel! Der alte Manasse fand, daß derartige feine Eigenschaften bei blonden Prinzessinnen besser aufgehoben wären. Am andern Morgen suchte Kreuzer Fritz Kleinschuh auf. Arthur und Amalie erwarteten ihn in einem kleinen Zimmer bei Dressel, wo sie frühstückten. Sie sprachen aufeinander ein, aneinander vorbei. Nein, er konnte nicht mit ihr fort, sagte Arthur heftig, nein – jetzt – konnte er nicht mehr. Was kümmerte ihn ihre Familie ... Fritz? Amalie legte die Hand auf seine Schulter ... Ließ sie nicht auch alles hinter sich? ... Sie kannte nur ihn! ... Sie wollte nur ihn! Sie sprach ruhig und sah ihn mit ihren überhellen Augen an. Bitte nicht, sagte er. Bitte! Und nach einer Weile, als ihr plötzlich ratlos gewordener Blick zu ihm irrte: Sie müßten durchhalten. Sie nickte tapfer, und ganz leichthin fragte sie: Warum schoß er sich nicht einfach mit ihm? Sich schießen? Entweder er traf Fritz, oder Fritz traf ihn: Beides wollte er nicht. Das sah sie ein. Aber ob er sich nicht duellieren würde für den Fall, daß er sicher wäre, ihren Bruder nur zu verwunden ... Sie war ein wenig blaß und hielt sich mit einigen hastigen Bewegungen aufrecht. Wie sollte er sicher sein? ... Oder wenn keiner verwundet würde? Das ließe sich vielleicht einrichten, fügte sie schnell hinzu. Da wurde er böse: Solch ein Schwindel! Nach dem, was geschehen war! ... Übrigens, was würde es nützen? Fritz führe fort, ihn zu quälen, wie er Fritz kenne. Ja ... und was dann? Und nun zeigte sie ihm, fassungslos, ihre ganze Angst. Sie sank in den Stuhl zurück und starrte ihn mit offenem Munde an. »Willst du mich ...«, begann sie. Er rief gequält: »Nein, nein!« und zog sie an sich: »Ich lasse dich nicht im Stich. Alles, alles, nur nicht jetzt mit dir fliehen, versteh doch: jetzt! Nein, so feig kann ich nicht sein ...« Da trat Kreuzer ein. Er habe, sagte er, ein wenig zu laut, Fritz nicht angetroffen. Amalie hörte, daß er log. Sie wollen allein sein, dachte sie, und verabschiedete sich unter einem Vorwand. Als sie die Tür geschlossen hatte, überwand sie die Versuchung, stehnzubleiben und zu lauschen, und im selben Augenblick wurde ihr klar: Kreuzer und Fritz werden sich schießen. Einer von beiden ... Und sie dachte schnell an etwas anderes und seltsamerweise an Trimpopp. Nun strengte sie sich an, nur Gedanken über Dr. Karl Trimpopp zu haben, und zu Hause angelangt, schrieb sie ihm. Er scheine gekränkt zu sein, da er so lange nichts mehr von sich habe hören lassen. Sie wäre unglücklich, wenn er sie derart mißverstanden hätte, und sie bäte ihn herzlich, nächsten Sonntag zum Tee zu kommen. Und während sie das Kuvert schloß, fuhr sie halblaut fort: Bis dahin bin ich entweder auf und davon, oder mein Leben ist verpfuscht, und ich kann von vorn anfangen ... Als Trimpopp sich zur festgesetzten Stunde einstellte, wurde er nicht empfangen. Am Tage vorher hatten Fritz und Kreuzer ein Pistolenduell ausgetragen, und beim zweiten Kugelwechsel war Fritz getötet worden. Kreuzer hatte zwar Arthur feierlich versprochen, in die Luft zu schießen. Fritzens Kugel war ihm aber so nah am Ohr vorbeigesaust, daß er es vorgezogen hatte, den offenbar allzu ernsthaften Absichten des anderen zuvorzukommen. In derselben Nacht reiste Arthur ins Ausland. Sein Weg ginge abwärts, schrieb er Amalie, und er wollte sie nicht mitnehmen. Ihre Liebe sei die brennende Freude seines Lebens gewesen, er fände es natürlich, daß sie nun über ihm zusammenschlüge. Er wollte versuchen, als Salamander weiterzuleben ... Glücklicher könnte er nicht werden als jetzt, wo er stark genug gewesen sei, mit diesem Verzicht sein verfehltes Dasein aufzuheben und von sich zu werfen.   Kreuzer bekam Festungshaft. Anfangs gefiel es ihm recht gut, weil er zum ersten Male die Muße fand, Bücher Zu lesen und lange Briefe zu schreiben – er überraschte damit sogar Schulfreunde, an die er jahrelang nicht gedacht hatte. Aber als der Reiz der Neuheit vorbei war, zogen Tage furchtbarer Untätigkeit herauf, denen er sich durch die Flucht entzog. In Brüssel traf er mit Arthur zusammen, der im Begriff war, sich für die französische Fremdenlegion anwerben zu lassen. Kreuzer, gleicherweise berauscht von Arthurs fahler Entschlossenheit und von der Aussicht auf das unerwartete Abenteuer, schloß sich ihm an. »Endlich«, sagte Arthur, »gelange ich ins Freie. Es wird Kampf sein, ich werde alles vergessen, womit diese überaus zivilisierten Menschen zu Hause einander bis aufs Blut quälen. Jetzt, Karl, denke ich, wird ›nur das Herz noch gewogen‹ – nicht wahr?! Ich bin ebenso tapfer wie sie. Ich kann ebenso Krieg führen wie sie – und das ist ihre einzige Überlegenheit: Zu kämpfen, brutal zu kämpfen ... Wie ich mich freue, den Tod zu rufen, ihn leibhaftig vor mir zu haben und mich gegen ihn zu werfen! Das ist doch ein Feind, der sich greifen läßt, der sich besiegen läßt, wirklich und unwiederbringlich besiegen, aus der Welt schaffen ...« Kreuzer lachte: »Paß auf, alter Makkabäer, es gibt einen Mordsspaß!« 4 Trimpopp kam wieder. Er kam oft. Abends holte er Amalie zu kleinen Spaziergängen ab, an freien Nachmittagen fuhren sie mit dem Vollringzug um Berlin. Sie faßte eine demütige Zuneigung für ihn, den sie so mißhandelt hatte, bevor sie selbst gefallen war. Seine kleine, hilflose Nase, auf der ein großspuriger Kneifer ritt, sah sie so lange an, bis sie eine gutmütig spaßhafte Sympathie für sie empfand. Den pedantischen Spitzbart, dessen Anblick ihr früher ein Frösteln verursacht hatte, betrachtete sie mit mütterlichen Augen, ja, sie entdeckte einen strengen, einsamen Leidenszug an ihm: Wenn es Beamte des Schmerzes gäbe, dachte sie, dann trügen sie einen solchen Bart, und ihre Augen schillerten gewiß auch so violett, wie von einem plötzlich ausbrechenden, aber unendlich demütigen Wahnsinn. Trimpopp aber liebte sie, wie er nicht aufgehört hatte, sie zu lieben, seitdem er aus dem kurzen, bitterbösen Traum erwacht war, wo er sich nur immer geschlagen und entehrt sah und ausgestoßen aus der Menge tätiger, aufstrebender Männer. Er hatte sich damit abgefunden. Er hatte Verzicht geleistet. Aber sie blieb das Ziel, der Höhepunkt einer langen, großen Anstrengung. Es ging einen steilen Weg hinauf, durch Unterholz und Baumstämme, die so dicht standen, daß er sich mühselig durchzwängen mußte, über wackelige Felsblöcke, die es auf den Knien hinaufzuklettern galt, durch Hohlwege wie Kloaken, über feenhaft helle Lichtungen wieder ins Halbdunkel, das von Todfeinden wimmelte, immer höher, und je höher er kam, desto leichter wurde der Aufstieg, und ganz oben, auf der sonnigen Höhe seines Lebens, stand Amalie und erwartete ihn – ein weißes Dornröschen unter dem endlos blauen Himmel, lang ausgestreckt auf einer grünen Wiese, von wehenden Sonnenflächen umglitzert, den Tennisschläger neben sich. Er wußte nicht genau, ob es wirklich Amalie, Amalie Kleinschuh, gerade sie und keine andre war. Aber sie hatte ihre Züge, ihr Haar und ihren Wuchs. Sie war schön. Sie war reich und klüger als andere Frauen. Und dort hinauf wollte er... Dort hinauf mußte er... Hinauf, nur hinauf!... Er mußte reich, das heißt mächtig werden, seinen Unternehmungsgeist beweisen, kühn sein und von Überlegenheit in der entscheidenden Minute. Reich sein, um sich stark zu fühlen, reich, um grundfröhlich zu sein. Und dann wieder hart und ernst, wie Feldherren in der Schlacht. »Sie, verehrtes Fräulein, kennen von Berlin die innere Stadt, die Läden der Linden und der Friedrichstraße, die zahllosen und gewiß einträglichen Geschäfte, die sich, Haus an Haus, ein Stockwerk über dem andern, die Leipziger Straße hinunter, über den Alexanderplatz bis zum Friedrichshain, aneinanderreihen – wenn Sie jemals so weit gekommen sind... Immer habe ich diese Budiken angesehen und die Firmenschilder studiert und den Mietpreis und die Spesen überschlagen, womit jede der Unternehmungen belastet ist, und nie konnte ich begreifen, wie sie bestehen, geschweige denn, wie sie gedeihen können... Das bedeutet so viel, daß ich nichts davon verstehe, vielmehr, daß ich für diese Art Betrieb vollkommen ungeeignet bin. Das Risiko des Wiederverkäufers erfüllt mich mit Schrecken. Dagegen hat die Fabrikation, jede Fabrikation mein volles Vertrauen... Ja, wie soll ich Ihnen das erklären? Es liegt mir wahrscheinlich im Blut. Sie können sich nicht denken, wie genußvoll, ja aufregend diese Fahrten auf dem Vollring sind, an denen Sie jetzt teilnehmen. Der Anblick all dieser ungeheuren Fabrikhöfe, die Berlin wie einen Ring umschließen, entzückt mich geradezu. Und denken Sie nur, das hat mein Vater alles wachsen sehn, eins am andern, eins hinter dem andern... Als er starb, reichten sie schon bis in den Horizont – und sie wachsen weiter, täglich, unaufhaltsam... In ganz Deutschland schießen sie wie Pilze aus dem Boden und legen sich im weiten Bogen, in tausend Kilometer tiefem Bogen um die großen Häfen, vor das Weltmeer. Sprechen Sie nicht von Arbeit... Dies ist nur Mittel zum Zweck... und um so schwerer, je lebhafter die Phantasie ist, die dahintersteht. Der Zweck aber: Geld, Geld, Macht... vom Leben wissen, indem man es beherrscht! Glück?... Man muß fähig sein zum Glück, nicht wahr? Und Kraft ist Geld – für mich, für jeden an meinem Platz!... Ich – verzeihen Sie, wenn ich etwas sage, was Ihnen vielleicht gemein erscheint – aber ich!... ich werde ein Halbgott sein, sobald ich Geld habe! Meine Kräfte werden sich verzehnfachen, mein Herz wird Sonne und Mond sein, und noch im Schlaf werde ich mich als einen Acker fühlen, in dem die Saat aufgeht, und als einen Baum, der Früchte trägt...« Amalie konnte nicht anders, als den kleinen Teufel ihr gegenüber bewundern, dem grelle Flämmchen aus den Augen, über den Rand des Kneifers züngelten und dessen Bart zu knistern schien, wenn er hastig daran zog. Und sie fragte: »Haben Sie schon einen Anfang gemacht... reich zu werden?« Er tat ihr leid, sie wußte nicht, warum, es war keine Ursache vorhanden, aber er tat ihr leid, sie fühlte ein schmerzhaftes Mitleid in allen Nerven. »Ich habe begonnen«, antwortete er mit Bestimmtheit. »Ich stehe in Verbindung mit einer chemischen Fabrik. Im Rheinland. Ich will in die chemische Industrie. Chemie ist ja mein Fach. In acht Wochen, denke ich, bin ich soweit.« Sie sagte, fast unterwürfig: »Sicher, Herr Doktor!« Ob er ihr heute erlauben würde, von Arthur zu sprechen? Manchmal schwieg er hartnäckig, wenn sie von diesen Dingen anfing: Arthur, der Fremdenlegion, dem Auswärtigen Amt, das deutsche Fremdenlegionäre befreien konnte, und allerhand Geldgeschichten, die sich darum drehten, daß sie nach Marokko fahren wollte, um bei Arthur zu leben oder um ihn loszukaufen – schwieg er, nicht aus Bosheit, wie er ihr versichert hatte, nur, weil er dann von seinen eigenen Plänen erfüllt und erregt war... »Der alte Manasse«, sagte sie plötzlich, »will mir kein Geld geben. Er will mir einfach kein Geld geben.« Trimpopp schoß eine lange Flamme über den Kneifer. »Natürlich«, nickte er. Sie fuhr fort: »Und mein Vater – Sie wissen ja. Er wird immer frömmer und quält Mama und mich, daß wir in die Kirche gehen sollen. Er sagt, sonst melde er lieber gleich Konkurs an. Der Zusammenhang ist mir nicht ganz klar, aber es scheint, daß er den Himmel fürchtet.« »Wahrscheinlich«, nickte Trimpopp. Es war eine schlimme Zeit. Für alle. Trimpopp war kleinmütig geworden. »Geld«, stöhnte Amalie lächelnd. »Geld! Geld!...« Es wurde Frühling, und Trimpopp durfte mit Amalie Tennis spielen. Sie hatte ihre Bekannten durch den diskreten, aber ebenso wachsamen wie wehrhaften Schutz, den sie Trimpopp angedeihen ließ, gezwungen, ihn ohne Spott in ihrem Kreis zu dulden, ja, sie ging noch weiter. Sie wehrte sich kaum gegen den Verdacht, daß sie eines Tages das medizinische Studium aufgäbe und Trimpopp schnell entschlossen die Hand reichte. Man sagte es ihr, und sie antwortete mit ihrem verwirrend hellen Blick: »Wer weiß? Ihm oder einem andern – Fräulein Doktor werdet ihr mich jedenfalls nicht zu nennen kriegen.« Trimpopp wurde zwar kein guter Spieler, aber dadurch, daß Amalie ihn immer zum Partner nahm und für ihr eigenes Spiel erzog, befestigte sie sein Selbstvertrauen und bewies den andern seine Nützlichkeit auf dem Tennisplatz. Der kleine Doktor wurde Tipptopps Partner. Sie machte ihm vor, wie er sich zu benehmen hatte, und in der Tat wuchs er langsam aus den Gelenken, lernte er gehn und stehn, ohne sich mühsam und feierlich an den Ecken vorbeizudrücken, von denen die Welt voll war, und das Bewußtsein, reich und dadurch leicht zu werden, ja wahrscheinlich noch reicher, noch mächtiger als seine neuen Bekannten, verlieh ihm eine gewisse gediegene Überlegenheit, die Amalie, ewig beifallsfreudig, mit Blumen bewarf und die manchmal sogar recht vorteilhaft vom allzu lebhaften Leichtsinn seiner Umgebung abstach. So gingen die beiden in Wochen und Monaten nebeneinander und standen einander leidenschaftlich beobachtend gegenüber: Manchmal überraschte der eine in den Augen des andern einen Blick, vor dem beide erschraken. Dann schlossen sie einen kurzen Waffenstillstand – und begannen von neuem. Trimpoppchen, Trimpoppchen! dachte sie. Du meinst, wir paßten jetzt schon besser zusammen, wie? Und fühlst dich langsam in den würdigen Bräutigam Tipp-topps hineingewachsen?... Nur weißt du nicht, ob das mit meinem Willen oder gegen meine Absicht vor sich geht – nicht wahr? Das möchtest du zu gern erfahren!... In gewissen Augenblicken erhabener Verwirrung fragst du dich sogar, ob ich mir überhaupt Gedanken darüber mache. Vielleicht gewöhne ich mich nur an dich, wirst du mir unentbehrlich, ohne daß ich es merke. Wie? Ist es nicht so? Einmal redest du dir das ein, dann wieder das andre. Es ist tragisch, daß du dir immerfort etwas einreden mußt. Du hypnotisierst dich in alle Stimmungen und siehst nie etwas, absolut nichts. Du bist ein lieber, kleiner Maulwurf. Rutschst mit dem kleinen verschwärmten Glorienschein durchs Dunkel unermeßlicher Träume... Trimpoppchen! Oft fürchte ich allerdings, du könntest plötzlich explodieren, aber das ist wohl nur das Gran Neurasthenie in dir. Der Dampf pfeift dir aus allen Poren, du bist, Gott sei Dank, mit Sicherheitsventilen bedeckt, daher kommt es nie zur Explosion... Uff! Wie du mich wieder mit deinen X-Strahlen durchleuchtest... Aber ja, glotz doch nicht so, ich bin dein aufrichtiger Freund! Ich könnte viel für dich tun. Dir helfen, eine Frau zu entführen, unter Greuel- und Schandtaten – bei meiner besten Freundin würde ich für dich werben mit Engelszungen... Amalie, spricht der andere jetzt Tag und Nacht zu sich selbst: dich will ich. Um jeden Preis. Früh oder spät. Ich kann warten. Tu unterdessen, was dir beliebt. – Was meinst du, Trimpoppchen, was ich im Schild führe? Warum ich nicht mehr von Marokko spreche? Der Name Arthur nicht mehr über meine Lippen kommt? Nun? – Oh, ich weiß, du bist imstand, mich zu heiraten, um sofort mit dem Geld deines Vaters durchzubrennen. Aber erstens... Zweitens habe ich Zeit. Ich kann warten. – Es wird in diesem äußersten Fall nicht schnell gehn ... bis ich Geld in die Hand bekomme, ich versteh dich schon, mein Freund. Du hast recht, hundertfach recht, alle deine Chancen bei mir auszunutzen, alle. – Und dann gibt es Zufälle, Amalie, Unglücksfälle, die für andere Glücksfälle sind. In Marokko ist es heiß, es wird viel geschossen und gestochen. – Die gibt es, Trimpopp. Leider. Jeden Tag kann es geschehen sein. Und deshalb, deshalb, Trimpopp, deshalb muß ich mich beeilen! – Ich habe Zeit. Ich kann warten. Sie gehen nebeneinander und lauschen vergrübelt auf Frage und Antwort des stummen Dialogs. – Trimpopp, eins kann ich nicht: tun, als ob ich dich liebe. Daß ich eine Vernunftehe mit dir einginge, eine Sympathieehe – ja! Aber ich küsse dich nicht in deinen Bart, wo dein Mund ist, und wenn die Welt zerspränge, wenn Arthur vor meinen Augen geschunden würde, wenn ... Ich kann nicht! Ich kann nicht! Alles, alles, ja lieber das, was man das letzte nennt – aber keine Zärtlichkeit... Verstehst du? Sie sah ihn flehentlich an. »Morgen«, sagte er, »kommt der Direktor der chemischen Fabrik zu mir.« »Morgen schon? ...« »Morgen«, wiederholte er trotzig. An der Straßenecke hielt Amalie, wie von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, vor der Depeschentafel einer Zeitung. Unter anderen Nachrichten lasen sie, daß eine Abteilung Fremdenlegionäre von den Kabylen in einen Hinterhalt gelockt und zum großen Teil niedergemacht worden sei. »Das liest man jetzt alle paar Tage«, stotterte Trimpopp, als sie ihm mit einem Ruck ihr blasses Gesicht zuwandte. Sie zog ihn fort: »Hören Sie, Doktor, ich will Ihnen etwas sagen. Hören Sie gut zu! Wenn Arthur getötet wird, ohne daß ich ihn wiedergesehen habe, dann sehen wir einander auch nicht mehr ... nie! nie!« »Ja«, murmelte er nach einer Weile ergeben. Sie gingen schweigend nebeneinander. Dann hielt sie mit verzerrtem Munde an und bat ihn, einen Wagen zu holen. Beim Einsteigen sagte er, während er ihren Arm stützte: »Aber Amalie, was kann denn ich dafür, wenn er fällt?« Und als sie saßen, antwortete sie müde: »Natürlich. Nichts. Verzeihen Sie. Nichts. Aber es ist so.« Das waren die letzten Worte, die Dr. Karl August Trimpopp mit Amalie Kleinschuh wechselte. Statt des erwarteten Fabrikdirektors trat am anderen Morgen in Trimpopps Büro sein Vorgesetzter, und es begann zwischen den beiden ein immer heftiger werdendes Gespräch, dessen Lärm die Kollegen an die Tür lockte. Bevor der Geheimrat Trimpopps Zimmer verlassen hatte, war bereits im ganzen Stockwerk die Kunde verbreitet, daß gegen Trimpopp ein Disziplinarverfahren eingeleitet sei, weil er Amtsgeheimnisse an die Privatindustrie verraten habe. Trimpopp, der fast unschuldig war und sich mit Recht als das Opfer einer halsbrecherischen Intrige fühlte, ging von Zimmer zu Zimmer, um die nötigen Erklärungen zu geben und sich von den andern den Mut steifen zu lassen. Aber überall waren die Herren plötzlich außerordentlich beschäftigt. Sie hielten ihm einen Rücken hin, der sichtlich wuchs, je mehr Trimpopp seine Bemühungen ausdehnte; andre, die er im Gang anhielt, ließen ihn achselzuckend stehen. Als er schließlich das Patentamt verließ, übersah der Portier seinen Gruß. Er war gerade von zwei Kollegen unterrichtet worden, die sich grinsend nach Trimpopp umdrehten. Er folgte ihnen über den großen Platz in das Kaffeehaus, setzte sich ihnen gegenüber und sah sie herausfordernd an, bis sie nach längeren, im Flüsterton gehaltenen Beratungen, welche Gegenmaßregeln hier am Platze seien, und nachdem sie auf vielsagende Blicke halblaut Schimpfworte nach Trimpopp geschnellt hatten, eine verächtliche Miene aufsetzten und geräuschvoll das Lokal verließen. Da holte Trimpopp das Kursbuch und stellte fest, daß der Kölner Nachtzug in drei Stunden abfuhr. Er aß mit der Familie Schwerin zu Abend, sprach mit Wichtigkeit von einer eiligen Geschäftsreise und entfernte sich, nicht ohne Amalie durch einige Zeilen benachrichtigt zu haben, daß er sich am folgenden Abend bei ihr melden werde. Mohammed, in diesem Fall sein Fabrikdirektor, sei nicht gekommen, und so müsse denn der Berg zu Mohammed... Der Direktor der chemischen Fabrik, deren Schlote Trimpopp seit einer Stunde sich im Rhein spiegeln sah, hatte den eingemauerten Geldschrank entriegelt – die Tür ragte, eine gewaltige Panzerplatte, ins Zimmer. Da trat hinter dem Diener, der ihn anmelden sollte, Trimpopp herein. Eine Wendung in der besagten Angelegenheit habe ihn hergeführt, eine persönliche Aussprache erscheine ihm dringend nötig, es ginge um seine Ehre und auch um die der Fabrik... Sie waren allein. »Was die Ehre der Fabrik angeht«, begann der kleine Herr mit dem blanken Kindergesicht, als der Diener die Tür hinter sich geschlossen hatte, mit dem Kindergesicht, das einem zwei stiere Augen zu nah entgegenstreckte, »so können Sie das ruhig mir überlassen.« »Nein«, antwortete Trimpopp. Der Direktor, der im Begriff war, sich in seinen Schreibtischsessel niederzulassen, richtete sich auf. »Ich bitte aber darum«, sagte er. Trimpopp wiederholte leise, aber bestimmt: »Nein.« Der andere stieß mit den Augen nach ihm und setzte sich. »Was wünschen Sie?« Trimpopp wünschte, sofort in die Fabrik einzutreten, und zwar mit dem vereinbarten Gehalt von vierzehntausend Mark – Anfangsgehalt – und Gewinnbeteiligung. Wohlverstanden: sofort! »So?« machte der andere und stützte die Arme auf den Schreibtisch: »So, so?« Ja-a! Dafür war es nun leider Zu spät. Vor einigen Wochen hätte er, wie Trimpopp wisse, mit beiden Händen zugegriffen. Das hieß: Da hätte Trimpopp nur die hingehaltenen Hände zu ergreifen brauchen. Vor – »warten Sie mal!« – vor fünf... vier... vor dreieinhalb Wochen – noch! Unterdessen waren sie in der Fabrik ohne ihn fertig geworden. Ganz ohne ihn. »Gut.« Trimpopp scheuchte die zudringlichen Gummiaugen fort. Er verzichtete auf die Anstellung. Aber er verlange Abstandsgeld. Abstandsgeld? Wofür? Trimpopp hob den Kopf: »Dafür, daß Sie in meinem Büro, als ich während einer unserer Unterhandlungen abberufen wurde... nach dem zwanzigsten mißglückten Bestechungsversuch, mein Herr...!« Der Direktor lächelte wohlwollend: »Mißglückt ist übertrieben. Sie haben mich über die Geschäfte, in die Sie hineinsahen, ganz brav auf dem laufenden gehalten, und wenn Sie auch kein Geld nahmen, so hatten Sie doch einen Vorvertrag mit uns in der Tasche – « Trimpopp fuhr mit erhobener Stimme fort: »In meinem Schreibtisch gegriffen haben und die Patentschrift der badischen Fabrik an sich genommen haben und Ihrer Konkurrenz eine Erfindung gestohlen haben und... überdies... die kolossale Frechheit gehabt haben, das Präparat sofort als ihre eigene Erfindung zum Patent anzumelden und in den Zeitungen ankündigen zu lassen und, wie die Badenser aufschrien, zu antworten, das Patentamt müsse am besten wissen, ob eine Anmeldung der Badenser vorhanden und wie diese beschaffen sei – Dafür! Verstanden? Dafür! und dafür, daß Sie mich in Not und Schande bringen. Dafür!« Der Direktor lachte, daß der Sessel unter ihm rückte. »O, wie ich lache!« meckerte er. »Herr, wie ich lache!« Trimpopp wischte sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. Ein Geschäftstrick, dachte er zwischen Ermattung und Zorn. Er stellte sich, als ob die Sache ihn nichts anginge... als ob er im Theater säße. Er saß aber nicht im Theater. Die Sache ging ihn an. Er rief und versuchte zu lächeln: »Lachen Sie sich aus, Herr Direktor! Wenn Sie fertig sind, werden Sie mir recht geben.« Und er fügte schmeichlerisch hinzu: »Sie sind kein Straßenräuber.« Der andere warf die Arme in die Höhe. Das Lachen rollte den kleinen Bauch in der Weste wie eine Kugel: »Oh – Straßenräuber! Straßenräuber, hat er gesagt! Kein Straßenräuber. Herr! Herr!« Schließlich seufzte er tief auf und ließ ermattet Kopf und Augen hängen. Dann schüttelte er sich einige Male, als renkte er die gesprengten Teile seiner Persönlichkeit gewaltsam ein, drehte den Kopf aus dem Kragen und warf weithin die Augen nach Trimpopp. »Von Mensch zu Mensch, Herr Doktor! Ich bin in dem verfluchten Kampf mit den Badensern, die uns über den Kopf wachsen, zu weit gegangen. Ich bereue es tief, aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Ich muß die Gemeinheit bis auf den letzten Brocken hinunterschlucken. Es gäbe ein sicheres Mittel, die Fabrik umzuschmeißen, und das wäre, Sie jetzt oder in der nächsten Zeit und solange man sich an die Sache erinnert, anzustellen oder Ihnen Geld zu geben.« Trimpopp kam ein rettender Gedanke: »Ich gehe mit dem Geld ins Ausland«, sagte er schnell. Der Direktor zog die Augenbrauen hoch und dachte nach. »Dann, Herr Doktor... in diesem Fall... könnte ich mich ehrenwörtlich verpflichten... Ihnen nach Erledigung der Angelegenheit... eine runde Summe auszuzahlen ... Ja, sprechen wir einmal darüber: eine große Summe.« Trimpopp unterbrach ihn angstvoll: »Und jetzt? Damit ich bis dahin leben kann?« Der andere hob die Hand wie eine Fliegenklappe. »Einige hundert Mark aus meiner Tasche. Unter strengster Diskretion«, und er zuckte ungeduldig die Achseln, als Trimpopp aus tiefster Brust aufstöhnte. Amalie, dachte er, nein, nein, nein, mit einigen hundert Mark war ihnen nicht geholfen. Und er wollte nur ins Ausland, wenn sie mitginge, sei es auch, um bis Arthur zu gelangen. Nur, wenn sie mitginge. Er brauchte einige tausend Mark – unbedingt. »Ich brauche«, sagte er heftig, »unbedingt ein paartausend Mark«, und fuhr erschrocken zusammen. Denn der Direktor hatte mit beiden Händen auf den Tisch geschlagen und schrie, daß sein Kindergesicht rot wurde wie eine Rübe und die Augen aus den Höhlen zu platzen drohten: »Schluß! Sie kennen mein Angebot, sagen Sie ja oder nein. Im Patentamt ist man hinter Ihre Schliche gekommen. Sie leugnen. Ich leugne. Wenn Sie die Wahrheit sagen, sind Sie verloren. Niemand wird Ihnen glauben, daß Sie uns so weit und nicht weiter entgegengekommen sind. Der Vorvertrag – « Trimpopp richtete sich mit knirschenden Zähnen auf. Der Schreck, der ihm in die Glieder gefahren war, hatte ihn wild gemacht. Die Fäuste gegen die Brust gedrückt – Aber schon sprach der andere mit milden Bewegungen und abgetönter Sprache auf ihn ein! »Wir kämpfen beide um unsere Existenz, Sie und ich. Aber ich, begreifen Sie! ich, das sind nicht nur mein Gehalt, meine Familie, meine Dividenden, meine Freunde, das sind Millionen Mark Kapital, fünfzehnhundert Arbeiter, fünfzehnhundert Familien, fünfzehnhundertfaches Leben« – er breitete die Arme über sich aus –, »das kann ich nicht mit einem Schlage fällen. Wo ich es selbst gefährdet habe, muß ich es verteidigen – mit doppelter Kraft, mit der Kraft all dieser Existenzen... « Trimpopp hatte sich vorwärts geschoben, bis er auf den Beinen stand. »Ich! Ich! Ich!«, stöhnte er, indem er mit ausgestreckten Armen auf den Direktor zuging, voll eines seltsamen, fast rührseligen Mitgefühls für den Mann, den er schlagen wollte. »Ich bin auch tausend Existenzen und mehr... ich... ich... « Plötzlich war irgendwo in der Nähe Amalie, die gellende Hilferufe ausstieß, der Direktor streckte die Hand nach einer Glocke aus, die über den Schreibtisch kollerte, Trimpopp riß ihn zu sich, sie rangen, wankten über den Teppich, fielen fast in den Geldschrank. Und da nahm Trimpopp alle Kraft zusammen, er ließ die Gurgel des andern los, umklammerte ihn, drückte zu, drückte zu, hob und zerrte und warf ihn kopfüber in den Geldschrank, wo er mit einem dumpfen Krach liegen blieb. Schnell schob Trimpopp die Beine nach, die noch heraushingen, zog die Tür und preßte sie ins Schloß. Riß die Schlüssel ab, verdrehte schnell die vier Letternscheiben. Zitternd lehnte er gegen die eiserne Tür. Er ordnete langsam, nach rückwärts lauschend, seine Kleider, wollte, plötzlich auffahrend, um Hilfe rufen, starrte auf den Schlüsselbund, den er in der Hand hielt, steckte ihn rasch in die Tasche. Erst am Fabrikhof begegneten ihm Leute. Sie beachteten ihn nicht, und als der Zug über die Rheinbrücke fuhr, zog er den Schlüsselbund und warf ihn mit wohlberechnetem Schwung durch das Eisengatter hinunter. Bald darauf war er auf belgischem Boden. Er irrte auf dem Bahnsteig, als ob er dringend etwas besorgen müßte, was ihm entfallen wäre, und ließ den Zug abfahren. Trat aus dem Bahnhof, unschlüssig, was er beginnen, wohin er weiterfahren sollte, nach Brüssel oder nach Paris. Endlich bemerkte er einen Mann, der ihm gefolgt und in kurzer Entfernung von ihm stehengeblieben war, und er sah, wie der Fremde ihm zulächelte. Trimpopp nickte hinüber. Ein Handlungsreisender, dachte er, der einen Zug überspringt und mit dem Musterkoffer ins Dorf geht. Der Herr näherte sich ihm, und als er Trimpopp eine Weile freundlich betrachtet hatte, beugte er sich zu dessen Ohr: »Fremde-léschion?« fragte er scherzhaft. Trimpopp sperrte alle Sinne auf... Übermut erfaßte ihn lichterloh wie ein Tumult von Himmel und Sonne. Araber in ihrem weißen Burnus, schwarze Frauen mit bunten Schleiern, blaues Meer, weite, weiß glitzernde Flächen: die Wüste... Tollheit, Kampf, tödliche Ermattung – Gott, welch eine Befreiung!... Gehorchen, nichts als gehorchen müssen, für den Ruhm, glorreich zu sterben oder auch einmal zu befehlen, und ein Stück Vieh sein, das sieht und schmeckt und riecht und marschiert, immer marschiert – in den Ruhm!... Welch eine Erlösung!... Er sah dem Fremden in die mißtrauisch abwartenden Augen und rief lachend: »Yes, Fremde-léschion, yes, Kamerad!« 5 Drei Jahre später flüchtete Kreuzer in einem marokkanischen Hafen auf einen deutschen Dampfer. Er hatte in voller Uniform eine Strecke von anderthalb Kilometern durchschwommen und mußte die Schiffstreppe hinaufgezogen werden. Das erste Wort, das er sagte, nachdem er sich erholt hatte, war: »Whisky-Soda«, zugleich richtete er sich auf und reckte die Arme, als ob er aus einem tiefen, gesunden Schlaf erwachte. Darauf sah er sich um, verbeugte sich, in seiner Koje kauernd, vor jedem der Umstehenden, wobei er jedesmal deutlich »Kreuzer« sagte, und bat um Kleider. Sie dürften gut sein, fügte er hinzu, er sei solvent. Ein Offizier erinnerte sich des Aufsehens, den sein Eintritt in die Fremdenlegion vor drei Jahren erregt hatte, eine Versicherung, die Kreuzer sich mit wachsendem Stolz mehrmals wiederholen ließ. Zwei andre Deutsche, fuhr der Offizier fort, seien doch damals gleichzeitig losgegangen. Kreuzer nickte: »Trimpopp und Manasse... Ich komme geradewegs – von ihnen.« Er verzog das Gesicht, schloß die Augen und schüttelte sich: »Brr!« machte er, »brr!« Schlug die Augen auf, weit, ganz weit: »Dieser Manasse!« murmelte er ehrfürchtig und sah eine lange Weile vor sich hin. »Großartig!« sagte er schließlich. Kreuzer machte sorgfältig Toilette und erschien an Bord in den besten Kleidern, die in den Offiziersgarderoben zu finden gewesen waren. Ließ sich allen Fahrgästen der ersten Klasse vorstellen, griff nach allen Händen, küßte, drückte, schüttelte sie. In wenigen Stunden hatte er alle zu seinen Freunden gemacht. Dann besichtigte er das Schiff, von einem Ende zum anderen. Aber die vielen Stewards, die mit neugierigen Gesichtern seinen Weg kreuzten, brachten ihn auf einen Gedanken... Er ließ sich zum Telegraphisten führen und schickte seinem Vater eine Depesche: »Bin unversehrt auf dem Wege nach Hause. Wie verhältst du dich dazu?« Mit ihm wartete das ganze Schiff auf Antwort. Als Kreuzer am Abend in den Speisesaal trat, stimmte die Musikkapelle die Wacht am Rhein an. Er benahm sich wie ein regierender Fürst, den sein Volk in Massen anruft. Ohne eine Miene zu verziehen, blieb er hochaufgerichtet stehn, bis das Stück zu Ende war. Dann verneigte er sich huldvoll und schritt, von drei Stewards geleitet, nach allen Seiten grüßend, mit wiegenden Kürassierschritten an seinen Platz. Hier blieb er stehn, blickte erst auf seinen Teller, darauf langsam in die Runde, rief dreimal »Hurra« und ließ sich mit einem Ruck auf den Sessel nieder. Während sie ringsum belustigt Beifall klatschten, wandte sich Kreuzer über die weißen Schultern an die blauen Augen seiner Nachbarin und seufzte, Tränen in den Augen: »Heimatklänge!« Beim Nachtisch traf aus Deutschland die Antwort ein, die Kreuzer, nachdem er die Musik einen Tusch hatte blasen lassen, in dem seinem Vater eigentümlichen Tonfall verlas: »Kannscht komme!« Daraufhin ließ er sich vom Zahlmeister Geld geben und beschenkte die Stewards. Mit dem Rest ging er ins Zwischendeck und warf es in den Gang zwischen die Betten. Er horchte, ob jemand vom Geräusch erwacht sei, aber nichts rührte sich. »Der reine Sankt Nikolaus!« flüsterte er einer großen blonden Frau ins Ohr, die ihn begleitet hatte, und dann nahm er ihren Kopf und küßte sie auf den Mund. Aus schwerem Rausch, aus dem dicken Dunst des Spielzimmers, aus einem Knäuel von Herren im Gesellschaftsanzug und Offizieren, die er als Leichenträger und Kirchhofsbeamte ansprach, erhob sich die blutige Fata morgana, deren durchbohrende Pracht Kreuzer mit sich nach Hause brachte: die Verteidigung einer Felsenstadt am Fuß des Atlas durch die hundert deutschen Legionäre, die mit Waffen und Munition in das Innere des Landes desertiert waren, um dort aus eigener Kraft ein neues Vaterland, ein neues Deutschland, zu gründen, und die zehntägige Verteidigung in Hunger und Krankheit gegen die überlegenen Verfolger. Sie brüllten wie die Heilsarmee... Alle Lieder, die sie auf der Schule gelernt hatten... Schrien »Mutter, Mutter«, die Namen von Frauen und Freunden, die Namen von deutschen Städten... »Harz«, »Rhein«, »Elbe«. Sie stolperten, legten sich auf die Seite oder ließen nur einfach den Kopf hängen, einer nach dem andern. Und jedesmal schrien die Überlebenden hurra, lauter als das Schweigen und die Kluft, die das Stück, das da wieder abgebröckelt war, gerissen hatte, stießen die Toten mit Fußtritten zur Seite, als ob sie Feinde wären, und füllten das Loch mit Flüchen und schwangen die schwarz-weiß-rote Fahne, die sie genäht hatten. Trimpopp fuhr umher wie eine Wildsau, aber sagte nichts, er war gefallen und hatte sich die Zunge abgebissen... Stand auf und spuckte sie durch die Schießscharte. Trimpoppchen!... Er grunzte wie hundert Säue. Da: Alle Truppen da draußen zusammengerückt, zum Sturm auf den Turm!... Die Araber rissen aus... »Und als ich«, schrie Kreuzer, »als ich ihnen nachsah, da wurde mir die Sache auf einmal zu dumm, und ich lief auch... Blieben nur noch Trimpopp und Manasse.« Kreuzer erhob sich mühsam und rutschte an der Wand entlang, bis er in eine Ecke geriet. Hier richtete er sich auf, so hoch er konnte. »Achtung!« schrie er. »Manasse greift mit der einen Hand Trimpopp – war gerade totgeschossen –, und ich steh' da unten und seh': Er schleift ihn auf eine Erhöhung, so einen Sockel in der Mitte des Turms, legt ihn vor seine Füße und hebt mit beiden Händen die Fahne... So stand er da, Manasse, so-oo! Beide Hände – hoch...« Und gleich pfiff Kreuzer durch die Zähne und ließ seine großen Arme aus der Höhe herunterpurzeln: »Weg! Futsch!« An seinen Platz zurückgekehrt, verlangte Kreuzer, daß sie alle zusammen das De profundis anstimmten. Aber keiner kannte es. So mußte er sich allein behelfen, und er begann heulend: »De profundis clamavi ad te, domine«, und schwang das Glas über dem Kopf wie zu einem Trinklied. Das gelbe Haus »Hio-o-hi!« Den Berg hinauf, melodisch wie ein Vogelruf... Erstaunt, beunruhigt hob er den Kopf. »Hio-o-hi!« Viel lauter als vorher. Aber diesmal war es nur das Echo in seinen Gedanken – ein hundertfaches Echo. Er blickte an der Staffelei vorbei auf den Pfad, der in kleinen, verwegenen Sprüngen den Steilhang hinabsetzte, und schüttelte den Kopf. Das Echo wollte nicht zur Ruhe kommen, es war im Ohr, es lärmte wie eine Glocke, unter der man steht, und in der großen Schlagader saß der Klöppel... Dort, wo der Steig mit blitzenden Kieseln zwischen den Ölbäumen verschwand, blieb sein Auge haften. Wer aus der Welt zu ihm kam, tauchte an jener Stelle auf, gleichsam aus der Bläue von Meer und Himmel, in einem Strudel von Sonnenkringeln, das Antlitz gepudert vom seidigen, spiegelnden Licht der Oliven. Es wirkte um so wunderbarer, als es nur noch selten geschah, und selbst die Erscheinung des Beamten, der die Gasrechnung brachte, war schwer von Feierlichkeit und sinnlicher Bedeutung. Aber keiner der Boten aus dem ›Geschäftsviertel‹ (so nannte er die Marktplätze des bürgerlichen Umtriebs) meldete sich mit einem Ruf an, dazu waren sie viel zu sparsam, auch ihre Stimme gaben sie nicht umsonst. Und was das ›Hio-o-hi‹ betraf, so war es vor vier Jahren ausgestorben, so wie in der Fauna oder Flora plötzlich eine Art für immer verschwindet. Das Meer lag tief unten, und doch grieselte es jetzt dicht vor seinen Füßen, er spürte die flimmernde Unruhe in Zehen und Sohle. Er blickte nicht hin, aber es war da, wie es immer da war um diese Stunde. Auch der Leuchtturm auf der Spitze der Halbinsel war da, blendend weiß, ein rechter Rivieraleuchtturm, von Kinderhänden aus dem Baukasten genommen und sorgfältig auf die Spitze der Landzunge gesetzt. Früher, vor Jahren, hatte es hundertmal heraufgerufen: »Hio-o-hi«, melodisch wie ein Vogelruf. »Hio-o-hi«, hatte er mit seiner tiefen Stimme geantwortet, von der Terrasse, aus dem Haus, von irgendwoher, wo er sich gerade befand, »Hio-o-hi« mit seiner tiefen Stimme. »Hio-o-hi« – so würde eine Eule einer Amsel antworten, sagte sie lachend, und schmal und biegsam, weiß gekleidet, die Hand, einem flatternden Vögelchen gleich, hoch in der Luft, war sie aus dem Schatten getreten, dort, wo der Steig mit blitzenden Kieseln zwischen den Ölbäumen hervorkam... Plötzlich zwinkerte er mit den Augen. In der Ferne hatte ein Querschläger der Sonne den Leuchtturm getroffen. Seine Laterne, ein weißglühendes Stück Metall, stach aus dem Flimmern hervor, der Lichtregen, der ringsum ins Meer tropfte, wurde heftiger. Von der See griff die Unruhe auf die Küste und die ansteigenden Hügel. Der graue, zart durchblaute Schleier der Ölbäume kam in Bewegung. Die Sonne, emsig beschäftigt, das feine Gewebe dichter zu spinnen, zog die Fäden teils aus dem Meere, teils aus dem eigenen Feuer. Aber seltsamerweise bewirkte ihre Arbeit eine herzbewegende Stille – dem Zustand vergleichbar, worin wir uns befinden, wenn uns auf der Schwelle des Schlafes, kaum daß wir sie betreten, ein Traumbild begegnet. ... Das Meer, dunstig blau jenseits des Flimmerns, undeutlich in den weißlichen Himmel übergehend am Horizont, und die Küste bis hinauf zu den Felsgebirgen lagen in frommer Reglosigkeit versunken. Das Gesicht des Mannes, knochig und sonnverbrannt, zeigte einen angestrengten, ja schmerzlichen Ausdruck, gemischt aus Verwunderung und Angst. Die Lippen zitterten und schlössen sich fest zusammen. Der Ruf wiederholte sich nicht. Vielleicht bedeutete sein panisches Staunen weiter nichts, als daß er durch den Ruf aus dem schöpferischen Schlaf, den er mit seiner Umgebung teilte, aufgeschreckt worden war? Er ruckte mit dem Kopf, als ob er eine Brummfliege verscheuchte, und kehrte zu dem Bilde zurück, das vor ihm auf der Staffelei stand. Aber indes er scheinbar bedächtig weitermalte, verriet der breite, schmale Mund noch immer die Anstrengung, die sein überraschter Geist gemacht hatte, um gewappnet zu sein – wogegen? War es große Freude, die gedroht hatte, oder großes Leid?... Dann stand sie vor ihm, ganz weiß von den Sandalen bis zum Schleier, der ihr Haar festhielt, weder groß noch klein, genau so, wie sie sein mußte, schmal und hoch, ›ein schwankes Rohr im Winde‹, wie er früher sagte (sie konnte nicht stillhalten, war stets ›von einem Seelenwindchen bewegt‹), mit der einen großen, lichtblonden Locke an der Schläfe, die ihr Monogramm war, ihren Augen, deren Farbe er nie anders hatte bestimmen können, als daß er sie ›tagfarben‹ nannte, weil sie so ungewiß blau waren wie ein Sommertag zwischen den Ölbäumen und wie dieser in fortwährendem Wandel begriffen. Auch waren sie, und das war das erste, was ihm jetzt wieder einfiel, viel ›zu groß für eine Frau allein‹ und deshalb ein wenig beängstigend... Aber genauso verhielt es sich mit dem Sommer zwischen den Ölbäumen... Es war immer beängstigend, mit dem Glück allein zu sein... »Also doch«, sagte er und bückte sich langsam, um die Palette abzulegen. Als er sich aufgerichtet hatte, blieb er sitzen, die Hände auf den Schenkeln, und sah zu Boden, mit einem Lächeln, von dem er nichts zu wissen schien, so arglos blühte es auf dem streng geschlossenen Mund. »Du träumst nicht, ich bin's leibhaftig!« sagte sie endlich. Doch sie selbst sprach unwillkürlich leise, und sie hatte das peinliche Gefühl, als nähme sie damit Platz in dem Traum, den sie leugnete. Auch versuchte sie, sein Lächeln anzunehmen, es gelang ihr nicht. Sie empfand die Grimasse als eine häßliche Wunde im Gesicht und errötete wie über eine Ungehörigkeit. Sie blickte zur Seite und wagte nicht, sich zu rühren. Und auch er rührte sich nicht, er hob nicht einmal den Kopf. Bald aber schien ›das schwanke Rohr‹ das Opfer eines Wirbels von einem ›Seelenwindchen‹ zu werden, und während sie meinte, sie stehe da, steif bis zur Unerträglichkeit, geriet alles an ihr ins Zittern. Das ging doch nicht! stellte sie für sich fest... Du lieber Gott!... Sie konnte doch nicht ewig stillhalten und warten, bis er aufwachte... Und wenn er aufwachte – kannte sie diesen Menschen noch? Er hatte sich nicht verändert, und doch war er ihr fremder als das Bild auf der Staffelei – ein Ölbaum, weiter nichts. Vielleicht nur, weil er schwieg?... Weil er immer schwieg?... Weil er gerade dann schwieg, wenn andere ganz von selbst zu musizieren beginnen?... Oder doch wenigstens zu reden!... Hatte er sie so gründlich vergessen, daß er zu träumen glaubte, jetzt, da sie vor ihm stand? Oder wollte er sie nur wieder fortjagen mit seinem Schweigen? Sie schweigend weglächeln aus der Welt? Einsame Menschen verfallen auf solche Zauberei und üben sie mit Erfolg – so viel hatte sie immerhin bei ihm gelernt... Sie trat einen Schritt zurück... »Du brauchst dich nicht zu – Ich meine: wir können ruhig miteinander reden. Ich bin nicht allein hier, ich bin verheiratet, ich habe mich nur für den Nachmittag frei gemacht, um nach dem Haus zu sehen, weiter nichts.« Sie schwieg bestürzt, weil eine innere Stimme ihr zurief, was er von ihrer Rede denken mußte: Sie hat noch immer nicht lügen gelernt, und das ist doch das erste, was man draußen lernt... Im Geschäftsviertel. Sie stolpert bereits, wenn sie ansetzt... Da hätte sie geradesogut bei ihm bleiben können! Ah, gut! Sie atmete auf... Wenn er das jetzt aussprechen wollte! Sie hätte geradesogut bei ihm bleiben können – das und sonst nichts. Kein Sterbenswörtchen mehr als nur das! ... Es ist so wahr, so unabsehbar richtig: ich habe nichts gelernt, nichts, nichts, was ich nicht schon hier gewußt hätte ... Warum bin ich fortgelaufen wie eine gekränkte Pute? ... Aber gesetzt, er spräche es aus, so würde es mir doch nicht helfen. Er würde es höhnisch sagen und aus weißen Lippen dazu lächeln ... Er weiß viel und versteht nichts. Er gehört zu den unmöglichen Burschen, die sich vor jedem echten Gefühl fürchten wie vor einer Schlange mit einem höhnischen Wort schlagen sie tot ... Vielleicht haben sie die tiefsten Gefühle, aber sie wollen sie für sich behalten, die Geizkragen – dabei predigen sie selbst, daß nur gilt, was ausgedrückt wird, und keine noch, so schöne Heimlichkeit – freilich reden sie dann von der Kunst, und von der reden sie überhaupt gern. Ich dagegen meine, es gilt für das eine wie für das andere, für die Kunst wie für die Liebe, oder für keins von beiden ... Es ist heillos, er weiß viel und versteht nichts. Nichts. Nichts... So sind diese gescheiten Burschen. Eine Frau sollte sich nur einen Dummkopf zum Mann wünschen, einen echten, mit Hörnern, rundlich und vergnügt, den man überall mitnehmen kann, einen, der nichts weiß, aber alles versteht, das heißt: alles, was seine nette Frau verstanden haben will – und der nie, nie im Leben einen Ölbaum abmalt ... Es ist wahrhaftig noch der gleiche Ölbaum wie vor vier, nein, vor sechs Jahren. Vor sechs Jahren lernte ich ihn kennen, da malte er bereits mit Vorliebe Ölbäume. Er hat sich nicht verändert... Die Ölbäume auch nicht... Wahrscheinlich schreibt er auch noch immer Blätter voll. »Die Bedürfnislosigkeit des Menschen, der Weg zum Wohlleben.« Wenn ich recht verstanden habe, ist das der Sinn seiner »Soziologie des Glücks« in achtzehn Bänden. Leider sollen es zwanzig werden, und über den achtzehnten kommt er nicht hinaus – vermutlich, weil die Ölbäume zuviel Zeit beanspruchen ... Einen Dummkopf, ihr Schwestern, mit Hörnern und einem Herzchen voll Gold! Alles andere ist Soziologie des Glücks in zwanzig Bänden – von denen zwei nie fertig werden ... »Ich hätte weniger neugierig sein sollen«, sagte sie mit bebender Stimme. »Ich wußte nicht, daß du noch hier wohnst, ich dachte, du wärst längst ein berühmter Mann und in Paris ... Ich habe mal so etwas gelesen ... Verzeihung, ich weiß, du willst nicht berühmt werden, und Paris ist ein einziger Auspufftopf ... Ich will ja auch nicht geliebt werden und sehe in allen Männern Ziegenböcke. Also, bitte, versteh mich: Ich wollte bloß das Haus wiedersehen, den gelben Vogelkäfig zwischen den Oliven. Und einen richtigen Berg, aus dem noch das Urgestein herausguckt. Und eine richtige provenzalische Terrasse aus Ziegelsteinen und gestampfter Erde, mit Platanen, einem Maulbeerbaum. Und Ölbäume, die man weder schneidet noch erntet, weil die Leute in Marseille das Olivenöl ohne Oliven billiger herstellen – es schmeckt zwar nach denaturiertem Rizinus, aber das macht nichts. Und Gras, das nicht gemäht wird. Und –« »Paß auf«, sagte er und hob den Kopf, »gleich kommst du wieder ins Stottern!« »Mir steht der Mund offen«, rief sie. »Ich schwöre dir, und, bitte, ich stottere nicht: ich dachte schon, ich spräche zu einem Denkmal. Sonst hätte ich mich auch nicht so frei geäußert.« Er stand auf, warf die Arme in die Luft und rief mit tiefer Stimme: »Hio-o-hi!« Als er ihre Hand nahm, bemerkte er den Ehering. »Aber Röhrchen! Du hast dich ja in Unkosten gestürzt!« Er drehte mit dem Daumen an dem Reif. »Er sieht sogar echt aus.« Lachend zeigte er mit dem Finger auf die Schläfenlocke: »Aber du heißt noch immer – so!« Sie nickte eifrig, nannte ihn bei dem Namen, den sie ihm gegeben: »Gewitter ... Gewitterchen.« »Und, mir scheint, du bist gewachsen. Zumindest in den Augen ... Jetzt sind sie aber wirklich zu groß für deine Figur. Sind sie dir nicht hinderlich – unter Menschen?« »Im Gegenteil«, sagte sie, und hastig: »Du bist ja geschwätzig geworden, Gewitter. Bist du am Ende auch – verheiratet?« »Wer weiß!« antwortete er, und da hatte sie das Unglück, sich dabei zu erwischen, wie sie unbedacht einen forschenden Blick auf das Haus warf. Die Tür stand offen. Ihr Blick prallte an der glühenden Wand ab und fiel in ein Loch, woraus Kühle strömte. Sie hatte heiß und kalt. Ihr jähes Erröten verwirrte sie vollends. »Röhrchen im Abendschein«, bemerkte er und hielt noch immer ihre Hand. »Steht dir gut ... Aber dort«, er zeigte mit einer Kopfbewegung nach dem Haus, »dort liegt niemand im Hinterhalt. Außer Plisch.« »Plisch?« rief sie begeistert. »Ja, haben denn Katzen ein so langes Leben?« Das letzte sprach sie zögernd, jedes Wort ein wenig leiser... Er hatte ihre andere Hand ergriffen, stand vor ihr und sah sie an, und so verweilten sie, in der unvergänglichen Scham, die Liebende empfinden, wenn das Auge des andern ihr eigenes Begehren spiegelt... »Sag, haben wir uns oft gezankt?« fragte sie leise, aber in einem so eindringlichen, so demütigen Ton, als bäte sie um Verzeihung. Der Atem stockte ihm, die Schultern hoben sich krampfhaft. Vor ihm stand ein mißhandeltes Kind, das bei ihm Schutz suchte – und wer anders hatte sie mißhandelt, ausgeraubt, um das wenige betrogen, was sie glauben konnte, durch ihre Liebe verdient zu haben, wer anders als er? »Siebenmal – wenn ich recht gezählt habe«, sagte sie. Er preßte die Lippen zusammen, bis sie weiß waren. Dann fragte er, und seine Stimme näherte sich zögernd wie ein Bettler: »Hast du oft gezählt?« »Ja – aber vielleicht habe ich eins vergessen.« Warum fehlte ihm der Mut, vor ihr in die Knie zu sinken und zu ihr zu sprechen, wie er in den zahllosen Tagen und Nächten seiner Einsamkeit zu ihr gesprochen hatte? »Nein, Röhrchen. Sogar nur sechsmal. Ich meine, richtig gezankt. Nicht, was wir anstellten, wenn wir uns langweilten.« »Du, wir haben uns nie gelangweilt. Ich bestimmt nicht.« »Selten. Sagen wir: selten.« »Nie.« Es zuckte über sein Gesicht. »Röhrchen... Weißt du – so denkt man über die Toten... Sie sind alle besser, als wir gedacht haben.« Wie schön, wenn er jetzt über seine Toten weinen wollte, dachte sie. Eine einzige Träne... Was gibt es Schöneres als eine Träne des Geliebten!... Ich würde sie in Gold fassen und am Halse tragen... Statt dessen verschwand der Schleier in seinen überhellen, grauen Augen, wie weggeblasen. Ach ja, auch er kannte das ›Seelenwindchen‹, das ihn umtrieb – strenggenommen, war das ihre immer nur ein Hauch davon gewesen, ein Abfall, der Anspruch auf Selbständigkeit erhebt... Warum ließ sich nicht alles gutmachen mit einem Wort, ohne ein Wort, nur so, indem man sich ins Auge und in das Herz schaut – gibt es etwas Schlichteres als ein Herz, das von Liebe erfüllt ist?... Es hat nichts andres darin Platz – daher die schrecklichen, die unbegreiflichen Störungen, wenn Fremdes hinzukommt... Das ist es eben: Schwer fällt es, Fremdes fernzuhalten, selbst in der Einsamkeit – ja, vielleicht gerade in der Einsamkeit... Ich möchte ihm so gern abbitten, was ich ihm angetan habe mit meinem kleinen Eigensinn – jetzt weiß ich: Der kleine Eigensinn ist ärger, ist viel, viel gefährlicher als der große. Mit dem großen kann man leben und kommt vorwärts, mit dem kleinen nicht, man wird selbst klein, durch und durch, und hält eigensinnig auf den Fleck... Wie muß ich ihn gequält haben, den Armen! Ich sollte es ihm sagen, einfach, wie mir ums Herz ist. So sollte ich sprechen... Ja, wenn wir in Gesellschaft wären, sehr vergnügt, scheinbar ohne uns umeinander zu kümmern, da könnte ich mich schnell zu seinem Ohr neigen und es ihm sagen... Aber hier, ganz allein zwischen Himmel und Erde, in der weiten, schwingenden Luft – es würde dröhnen wie Paukenschläge. Soviel Unanständigkeit ist nicht denkbar. Es geht nicht... Wäre ich nur nicht gekommen! Langsam wandte sie den Kopf. Die Terrasse mit der Rampe aus Rundziegeln, die jeden Lufthauch durchließen... Die Geranien in den alten Ölkrügen, ein lebendiges Feuer... Die stillen Wogen der Bäume, die in die noch größere Stille des Meeres übergingen... »So habe ich es mir vorgestellt. Alles. Genau so.« Er ließ ihre Hände los, nahm ihren Arm, zog sie mit sich fort. »Komm, ich will dir zeigen. Es gibt Neues.« »Ja, aber nicht ins Haus. Lieber nicht ins Haus.« Er lachte ›bärenmäßig sieghaft‹, wie in den besten Tagen, und was vor Minuten sie noch erfreut, ihr Mut gemacht hätte, nun ärgerte es sie. »Du verstehst mich nicht.« Sie ging schnell weiter. »Es ist wegen des Hauses, nicht deshalb, was dort geschehen könnte. Übrigens würde nichts geschehen. Wie kann ein Maler so schlecht im Bilde sein!« »Witze machst du – Witze!... Die schmecken aber verdächtig. Solltest du wirklich verheiratet sein?« Da, nicht einmal ihren Humor ließ er mehr gelten! »Woher kennst du so genau den Geschmack der Ehe?« fragte sie spitz. »Ich weiß viel.« »O ja«, rief sie erlöst, »du weißt viel und verstehst nichts.« Der Garten lag weiter oben, und man gelangte am schnellsten dahin, wenn man im Haus eine Treppe hinaufstieg, von dort trat man zu ebener Erde unter die Blumen. So mußten sie das kleine Gebäude umgehen und den steilen Hang, an dem es gebaut war, hinaufklettern. Er wollte ihr behilflich sein. Sie sprang ihm davon, ein ›kleiner Eigensinn› von Kopf zu Fuß. Die Blumen standen vollzählig und empfingen ihre einstige Herrin: die Rosen, eine unglaubliche Fülle von Rosen, frisch erblüht, die Levkojen, die Ringelblumen, der weiße Ginster, der in der Sonnenglut auf die Mondnacht wartete, für die er bestellt war, die Alpenveilchen unter den Zypressen ... Er ließ ihr nicht die Zeit, sie alle einzeln zu begrüßen, er zog sie weiter, und mit ausholender Gebärde: »Mein Gemüse!« stellte er vor. »Was sagst du! Hast du je einen so braven Gemüsegarten gesehen? Heilige Ordnung! So muß die Welt sein, wenn Gott sie überschaut. Was meinst du?« »Kann schon sein – auf die Entfernung.« Was aber folgte, klang noch um einen Grad mißtrauischer: »Machst du das alles allein?« »Jawohl, Röhrchen! Ich habe die Ordnung entdeckt, ich, ganz allein. Die Musik der Sphären! Seitdem – ist mir wohl. Ich fühle mich sauber eingefügt in den Weltplan. Es kann mir nichts geschehn. Was ihr Frauen Ordnung nennt, ist Rechthaberei, sogar gegen die toten Dinge. Richtige, sinnvolle Ordnung bleibt Männersache.« »Daran habe ich nie gezweifelt«, sagte sie mit verwegener Überzeugung. »Schade, daß die Entdeckung der Sphärenmusik nicht schon zu meiner Zeit geschah! Die sechs von dir zugegebenen Krache hätten sich auf einen einzigen reduziert.« Er schaute sie groß an. »Ja, weißt du denn noch, weshalb wir Krach hatten?« »Genau.« »Genau? ... Wie grausam!« Er hob den Zeigefinger: »Ein gutes Gedächtnis verrät einen schlechten Charakter.« »Du meinst, von einem guten Gedächtnis bekommt der beste Mensch einen schlechten Charakter ... Früher drücktest du dich sorgfältiger aus. »Früher! Früher hatte ich eine Frau, mit der ich üben konnte.« »Aber der Salat schoß, und die Erbsen hatten Hosen.« »Kommt nicht mehr vor.« »Und das ist die Hauptsache.« »Na, die Hauptsache?« »Die Hauptsache. Unbedingt. Der Weltplan. Die Sphärenmusik ... Die Soziologie des Glücks.« »Dümmer bist du nicht geworden, aber herzloser.« »Richtig. Hängt beides zusammen ... Plisch! Da kommt Plisch!« »Zum Glück! Sonst hätte es vielleicht Krach gesetzt. Den siebenten. Oder achten ... Die ›Soziologie des Glücks‹ konnte ich nicht gut auf mir sitzen lassen.« Als der Kater Plisch der beiden ansichtig wurde, machte er halt und musterte sie. »Plisch!« lockte sie. »Plisch, mein guter Plisch – was machen die Provenzalinnen? Jetzt muß doch gerade die neue Generation heraus sein, wie? ... Schau, Gewitter, wie er mich entrüstet anguckt ... Ein schwarzes Wetterwölkchen ... Ach, nun habe ich's auch mit ihm verdorben.« »Gesteh: Schließlich bin ich noch immer das freundlichste von allen Gewittern.« »Will nicht viel heißen. Ich habe von Kind an eine gräßliche Angst vor dem Unfug.« »Darum habe ich ihn dir auch nur in Dosen verabreicht, wie man sie Kindfern gibt.« Als sie wieder hinsah, war Plisch weg. »Vielleicht«, sagte sie. »Aber diese Kater donnern und blitzen nicht. Sie reden nicht einmal.« »Darum wiederum«, betonte er, »war ich auch meistens schweigsam. Es geschieht das erste Mal, daß du mir Geschwätzigkeit vorwirfst ... Versteh! Die Freude, dich unvermutet wiederzusehen! ... Wenn du hierbleibst –« »Du brauchst nicht weiterzusprechen. Gewitter weiß viel.« Sie sagte es in so müdem Ton, daß er scherzhaft fragte: »Soll ich einen Stuhl bringen?« »Bitte! Ich habe gerade noch eine Viertelstunde Zeit. Auf die Terrasse, wenn es dir recht ist.« Dort saßen sie im Schatten einer Pinie, die Viertelstunde verging, sie löste sich unmerklich in der Stille auf, die Stille bestand aus etwas Stofflichem, einer Luft, die langsam die Farbe wechselte, dünner und zugleich schwerer wurde, so daß die Rufe der beiden Rotkehlchen, die sich in der Nähe tummelten, zwar an Reinheit des Klanges gewannen, aber mühsamer bis zu ihnen gelangten. Die Frau saß zurückgelehnt in ihrem Strohsessel, der Mann aufrecht in dem seinen. Sie las seine Gedanken in den Augen, die über ihre Gestalt hingingen und, mit immer heftigeren Forderungen beladen, zu den ihren zurückkehrten, ohne an ihnen einen Halt zu finden. Wie hätten sie dort auch einen Halt finden können, da diese Lichter im blassen Gesicht ihr kaum zu eigen waren, sondern viel eher die Quelle, der die satte Klarheit der Stunde entströmte, und im selben Maße in die Ferne rückten wie der Gesang der Vögel! ... Aus dem Haus schienen des öfteren unterdrückte Geräusche zu kommen, und jedesmal vermied sie es gerade noch, zur offenen Tür zu blicken. Aber sie wußte, daß der finstere Eingang jetzt von einem Lebenshauch durchweht war, golden und süß wie Lindenblütenhonig – dem Atem des nahenden Abends ... Einst hatte er sie auf die Arme genommen und hineingetragen, und unter der zum Triumphbogen gewordenen Tür hatte er sich unwillkürlich ein wenig gebückt ... Wahrscheinlich lauert doch eine Frau dahinter, gutgezogen oder menschenscheu, wie er sie liebte. Er hätte es sonst kaum beim Betrachten ihrer Wohlgestalt bewenden lassen, einer Betrachtung, die soviel Erinnerungen wachrief ... Sie wußte nicht, daß sie unaufhaltsam in den Abend einging, sie wähnte sich dem andern gefährlich nahe. Hätte sie anders mit soviel Schadenfreude an dem Einsiedler die Faunshörnchen hervortreten gesehn! ... Und er seinerseits bedachte nicht, daß Frauen wie Kinder und Tiere für Augenblicke die heimliche Poesie der Welt verkörpern, am wahrsten, wenn sie es nicht ahnen. Sie richtete sich auf, und um ihre Unbefangenheit zu beweisen, fragte sie: »Wovon lebst du eigentlich?« Auch er machte sich steif, langsam jedoch, betont umständlich, er ließ sich Zeit, bevor er mit spöttischem Lächeln antwortete: »Wovon wir gelebt haben, Röhrchen ... Ich male ein bißchen, ich schreibe ein bißchen – falls du es vergessen haben solltest. Manchmal verkaufe ich was, ich baue mein Gemüse, die Erbsen zum Beispiel in vier Abständen, damit sie keine Hosen bekommen, und Artischocken esse ich so viel, daß es auf der weiten Welt keine gesündere Leber gibt als die meine. Zuweilen richte ich einem wohlhabenden Nachbar das Radio ein oder verstärke es, ich lege elektrische Leitungen, bringe alte Autos wieder in Gang, ich verkaufe sogar Blumen, und all die Ölbäume, die du da siehst, kennen nur einen, der von ihnen erntet, und das bin ich. Den Bauern käme das Pflücken viel zu teuer. Ich habe Zeit ... Einmal durfte ich auch einem jungen Ehepaar die Wohnung einrichten – mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke, so blähte sich der Komfort in den sieben Räumen. Sieben! – das Badezimmer und den Lift nicht mitgerechnet. Ich versichere dir: edelstes Geschäftsviertel, geschmackvoll zum Davonlaufen. Damit habe ich ein Vermögen verdient.« »Aber Gewitterchen, das war ja noch zu meiner Zeit.« »So? Na, dann weißt du auch, wie lange es gereicht hat.« »Vier Wochen.« »Wirklich? Nur vier Wochen? Na, und – genügt dir das nicht? Hast du je länger vorgesorgt?« »Damals waren bessere Zeiten.« »Im Gegenteil. Die Zeiten werden immer besser! So wie ich werden bald alle leben. Als Dilettanten nämlich, jawohl, Röhrchen, als Dilettanten. Man arbeitet etwas für die Notdurft und betätigt sich im übrigen als Liebhaber des Schönen. Ich versichere dir, ich habe nicht eine Minute Not gelitten.« »Für einen allein geht es wohl leichter?« Er verzog keine Miene. »Warum sagst du nicht: nein?« fuhr sie liebenswürdig fort. »Nein, es ginge besser zu zweit. Es ging viel besser mit dir, gutes Röhrchen... Was würde dich das schon kosten! So unverbindlich... Ich bin ja auch nicht mehr frei... Ja, würde ich antworten, ich war nie so glücklich – und wir nähmen beide ein Geschenk mit, eine kleine Erinnerung an unser erneutes Wiedersehn.« »Wie eigensinnig, Röhrchen! Es ist doch ohnehin so. Warum es aussprechen?« »Nur das Ausgesprochene gilt«, beharrte sie trotzig. »Ja, das ist es eben. Und leider stimmt es dann nie. Mit allem, was man ausspricht, sammelt man nur Zeugen, die einen Lügen strafen... Und die Wahrheit, die du suchst, rückt immer weiter. Sie verschwindet unter den Nachahmungen. Man wird vorsichtig, Röhrchen, entsetzlich vorsichtig, weil man das schlechte Gewissen fürchtet. Denn wenn du das erst hast, ist es fertig mit dir.« »Ach, du redest wieder von der Kunst! Ich meine das Leben.« »Du willst nicht begreifen, daß beides eins und dasselbe ist. Daß man nicht hier so und dort anders sein kann ... Früher hätte ich es dir verständlich gemacht. Jetzt geht es nicht mehr. Ich war zu lang allein. Einsame Menschen sind Schlafwandler. Sie fühlen sich sicher, solang man sie nicht stört, aber wenn du sie anrufst –« »Auch in der Liebe?« »Ich fürchte, auch in der Liebe.« »Alles, was man von der Liebe sagen kann, ist schnell gesagt. Mit den zwanzig Worten eines Volksliedes. So alt ist das Ding schon.« »Und wem das zuviel ist?« »Der liebt nicht.« »Dann liebe ich halt nicht, Röhrchen. Was soll ich tun?« rief er aufrichtig bekümmert. Sie antwortete mit rechthaberischer Wichtigkeit: »Einfach sein. Einfach wie ein Volkslied.« »Laß mich mit deinem Volkslied in Ruhe«, brauste er auf. »Reaktionäres Geschwätz. Damit ist die Einfachheit des Ochsen gemeint, der schlicht unterm Joch steht.« In ruhigerem Tone fügte er hinzu: »Du bist ziemlich sanglos ausgerissen.« Da er ihre Bestürzung wahrnahm und einen womöglich tränenreichen Ausbruch fürchtete, lenkte er ein: »Erzähl mir lieber, was du in der Zeit getan hast.« Sie habe ihr Sprachexamen gemacht und warte auf eine Anstellung, erwiderte sie abwesend, faßte sich aber gleich: »Das heißt: Ich würde darauf warten, wenn ich mich nicht inzwischen verheiratet hätte.« »Richtig ... Es war dein Pech, Röhrchen, daß du immer irgendwo Geld hattest. Das ließ dir keine Ruhe. Du meinst, du müßtest was damit unternehmen. Reisen – oder das freventlich durch mich unterbrochene Studium beenden. Jetzt hast du also geheiratet.« Sie faltete die Hände, hob sie flehentlich: »Laß mich einmal ausreden, Gewitter! Ein einziges Mal ...« Sie machte eine Pause, sammelte sich, dann: »Du hättest mich verstehen sollen – damals ... Du warst fortgegangen im Zorn, ohne ein Wort. Ich glaubte, du kämst nicht wieder ... Jedenfalls nicht, solange ich im Haus wäre ... Es ist dein Haus ... Du gingst, du nahmst den Hut und machtest behutsam hinter dir die Tür zu. Hättest du sie wenigstens zugeschlagen! Ich hätte wie sonst mit deinem Zorn gerechnet – er war es, der so handelte, nicht du, dein Zorn, der immer wie ein plötzlich auftauchender böser Geist über dich kam und dich verwandelte, daß du ein anderer warst, kaum noch erkennbar für Freund und Feind ... Ich hätte auf dich gewartet, auf dich, den ich kannte und liebte, ich hätte mir gesagt: Er wird über den Berg laufen, kreuz und quer über die Felsen und steil hinauf, bis er außer Atem ist, und dann wird die Besessenheit von ihm weichen, das Fremde wird ihn verlassen wie eine Last, die eine gnädige Hand von seinen Schultern nimmt – so hast du es mir beschrieben ... Ja, ich weiß, immer ging es nicht so wunderbar ab, immer stiegst du nicht vom Gipfel herunter wie aus einer Taufe, die du da oben im Himmel empfangen, manchmal hattest du harte Arbeit mit dir, du mußtest deinen Zorn ausdrücklich töten. David hat den Goliath um die Ecke gebracht, meldetest du dann, wenn du heimkamst, er liegt irgendwo zwischen dem Ginster, da kann das Vieh sich in den Dreck auflösen, aus dem es gemacht ist, keine Seele wird ihn finden, die Eidechsen allein werden den Gestank fliehen. Du lachtest immer, wenn du so zurückkamst, ich meine, wenn du den Goliath um die Ecke gebracht hattest. Kehrtest du dagegen als Wiedertäufer heim, strahlend im Kleid des Christenmenschen, neu ausstaffiert bis aufs Hemd – was sage ich? bis auf die Seele, mit einer Fuhre guter Ansichten hinter dir –, da hatte ich es freilich nicht so leicht, ich konnte nicht einfach mitlachen und: Schwamm drüber! Dazu war mir viel zu fromm zumut. Offenbar hatten dich dort Engel eingekleidet und mit allem Nötigen für die Reise in eine bessere Welt versehen. Statt von dir eine Entschuldigung oder auch nur ein Zeichen von Reue zu erwarten wegen deiner Teufelei, fühlte ich mich versucht, niederzuknien und den Heiligen, der da heimkehrte, um Verzeihung zu bitten. Denn, nicht wahr?, schließlich war ich es ja, der den frommen Einsiedler durch meinen Eigensinn, meine Rechthaberei und ähnliche Weibertücken in Versuchung geführt hatte ... Aber all das hatte zur Voraussetzung, daß du beim Abgang die Tür hinter dir zuschlugst ... Ach, warum hast du es unterlassen! Warum hast du mich damals um das Unterpfand betrogen, das sonst in dem Zuknallen der Tür lag! Erinnere dich ... Du schlossest die Tür leise, leise ... So schleicht sich ein Dieb nach getaner Arbeit aus dem Haus. Und es mußte wohl gute Arbeit gewesen sein. Nie im Leben habe ich eine Tür sich so leise schließen gesehen. Freilich ist bei uns zu Hause auch nie eingebrochen worden ... Ja, jetzt lachst du, und ich möchte eigentlich auch lachen, aber damals lachten wir beide nicht. Nie im Leben habe ich eine so schweigende Ernsthaftigkeit um mich versammelt gehabt, das ganze Zimmer, vom Stuhl, aus dem du aufgesprungen warst, bis zu den lustigen gemalten Tellern auf dem Kamin, sah mich aus aufgerissenen Augen an, aus den Winkeln blickte hohles Entsetzen – man kann das nicht mehr Ernst nennen, und wenn der Ernst noch so tief wäre. Vermutlich hat der Ernst einen Boden, man kann Fuß fassen in ihm – dieses Schweigen war bodenlos ... Ich kann heute noch, in jedem Augenblick, das Zittern meiner Knie spüren, ihre schlotternde Nacktheit, eine Armseligkeit ohne Namen, ich brauche mir bloß das Zimmer vorzustellen, wie es war, als du leise die Tür geschlossen hattest. Alle Luft war herausgepumpt, aller Halt von den Dingen genommen – ich versichere dir, die Ariesierinnen, die sich auf den Steinguttellern im Tanz schwingen, blieben plötzlich stehn und blickten ratlos nach der Tür ... Zum erstenmal hörte ich deinen Schritt nicht auf der Terrasse, der Maulbeerbaum raschelte im Wind, und dann warst du weg – für immer ... Jawohl, das ganze Haus sagte es: für immer ... Aber warst du in Wirklichkeit fort? Nein. Du weißt es so gut wie ich, diesmal war es nicht so, daß du gegangen warst und ich zurückblieb, du machtest ausdrücklich dein Haus zu, nahmst mir die Luft, die Lebensmöglichkeit, daß es mich von selbst hinausstieß, ich mußte gehn, und du bliebst, du, wenn auch vorläufig noch unsichtbar. Und im Grunde, das verstand ich endlich, war es von je so, ich bin hier immer ein fremder Gast gewesen ... Ich bin sicher, es herrschte eine atemlose Erwartung in deinem Haus, als ich mit meinem Köfferchen draußen war, und ein großes Aufatmen danach, als du am Abend eintratest, ein freudiges Rumoren, ein Frohlocken – wie? Und auch in dir, mein Freund, ging es hoch her, oh, ich bin es sicher, auch in dir – trotzdem dir vielleicht gleichzeitig ein wenig fröstelte ... Später, als es dunkel geworden war, eilte ich vom Hotel auf die Straße hinauf und wartete, bis hier Licht gemacht wurde. Und dann habe ich natürlich losgeheult. Wundert dich das?« Nach einem Schweigen, sie blickten beide vor sich zu Boden, fragte er: »Ist dir nie eingefallen, daß ich damals den Versuch machte, mich als gesitteter Mensch zu benehmen, nicht mehr unter Blitz und Donner abzugehn – daß ich mich ernstlich bessern wollte? Und wäre es nur gewesen, um mich nachher nicht so abgründig schämen zu müssen?« Sie stand auf, er folgte, sie blieben jeder auf seinem Platz. »Es ist ja Abend«, sagte sie erstaunt. »Röhrchen, ich wollte mich wirklich bessern«, versicherte er. »Menschen wie du können sich nicht bessern«, sprach sie freundlich. »Es wäre auch schade. Ein chirurgischer Eingriff wie der würde sie nur zu Krüppeln machen. Und selbst das –! Damit Menschen wie du sich ändern, müßte man sie töten ... Und es ist recht so. Sie sollen so bleiben.« »Ja, was dann, Röhrchen?« »Nichts.« »So wenig? ... Nichts?« Sie gab sich ungeheure Mühe, ruhig zu bleiben, und sie sah, wie auch er sich zusammennahm, wie er die Hand hob, als zeichnete er in die Luft – so tat er stets, wenn er etwas Wichtiges äußern wollte. Er sagte aber nichts, sondern trat plötzlich auf sie zu. Da schüttelte sie den Kopf. Sie wußte es selbst nicht, eine unsichtbare Macht zwang sie dazu. Eine unsichtbare Macht verlieh dem Kopfschütteln eine solche Überzeugungskraft, daß ihn aller Mut verließ. Er blieb stehn. Sie blickte, außer sich, in seine überhellen Augen. »Ja, und morgen, Röhrchen«, sagte er endlich, »oder in einem Jahr oder in zweien wirst du mit deinem Mann, der bis dahin wohl Gestalt angenommen haben wird ... unten auf der Straße vorbeifahren – denn natürlich mußt du ihm das Land zeigen, das richtige Land, von dem die meisten Rivierareisenden nichts wissen ...« »Natürlich«, bestätigte sie. »Wie lieblos, es ihm vorzuenthalten!« »Du wirst, ein wenig blaß wie jetzt, im Wagen sitzen und aufpassen, weil die Hauptsache nur sekundenlang von unten zu sehen ist ...« Sie nickte eifrig: »Guck, Schatz, werde ich sagen, das gelbe Häuschen dort oben, das wie ein Vogelkäfig am Berg hängt! Dort hat mal ein netter Junge gewohnt. Er wollte die Welt umstürzen und hatte darüber viel Zeit und vielleicht auch einiges andre verloren.« »Hast du ihn gekannt? wird der Schatz fragen.« »Nur ein wenig, werde ich antworten.« »Und das wird wahr sein.« »Wahrer als alles, was ich ihm sonst noch erzählen könnte.« Sie machte kehrt, gleichzeitig kamen die Tränen. Sie lief, als ließe sie sich fallen, der Steilhang fing sie auf, er sah ihr nach, wie er ihr hundertmal nachgesehen hatte, und noch einmal nahm der Pfad ihre Gestalt an. In kleinen, verwegenen Sprüngen setzte sie den Berg hinab, dessen Masse jetzt im Feuer vergoldetes Silber war, hart und durchlässig zugleich, ein Werk, frisch aus Gottes Hand ... Kurz bevor sie in Abendfarben von Meer und Himmel untertauchte, als sie an der Stelle angelangt war, wo der Pfad mit blumenhaft leuchtenden Kieseln zwischen den Ölbäumen verschwand, sprang er einen Schritt vor und schrie in großer Not: »Hio-o-hi!« Sie drehte sich um, von gelben Sonnenkringeln umspielt, mit rosig verschwimmendem Gesicht. Sie antwortete nicht. Die winkende Hand, ein Vögelchen, flatterte kurz und erlosch. Zwischen den kleinen Seen Ich erinnere mich, wie Hanssen und der Graf Poninski in Streit kamen. Es war eine unsrer ersten Unterhaltungen. Sie schloß an eine Bemerkung Hanssens an, den die geläufigen Scherze einer konservativen Zeitung über den Ausfall soeben stattgefundener Abgeordnetenwahlen in eine unerklärliche Aufregung versetzt hatten. »Der Ton der konservativen Presse gegenüber den Radikalen«, sagte er, »bleibt sich gleich, wie immer auch die Parteipapiere stehn mögen. Er ist international. Das mag daher kommen, daß es die Weltanschauung ist, die die Parteien trennt: Vornehme Politiker und gekaufte Auguren pflegen es zu behaupten. Sie haben recht.« Hanssen erzählte. Im Oktober des Jahres 1909 war er in Paris. Eines Abends nach sechs Uhr forderten die sozialistische Humanité und das Blatt der revolutionären Gewerkschafter durch Flugblätter zu einer Manifestation vor der spanischen Gesandtschaft auf. In der Frühe desselben Tages war in Barcelona Franzisco Ferrer erschossen worden, der keiner Partei angehörte und den Hanssen zu der neuen Art von Europäern zählte, die er die sozialen Humanisten genannt haben wollte. Er war ein Republikaner, der vom Klassenkampf wußte. Trotzdem die Parole, am selben Abend gegen den ›Mord‹ der spanischen Regierung an Ferrer zu demonstrieren, erst spät ausgegeben wurde, versuchten um neun Uhr drei- oder viertausend Menschen in geordnetem Zug, sich der spanischen Botschaft zu nähern. An der Spitze der Manifestanten marschierten sozialistische Abgeordnete und Gemeinderäte, Sekretäre der Syndikate. Die Polizei griff an, und als sie aus den Reihen der mißhandelten Demonstranten angeschossen wurde, verfiel sie in Raserei. Im Handumdrehen entwickelte sich aus der Manifestation ein Aufstand, die Gaslaternen wurden ausgerissen, Barrikaden erbaut, ein Dutzend Kerle versuchten die Läden einer Bankfiliale aufzubrechen. Es gab Tote und Verwundete. Am folgenden Tag schrieben die konservativen Blätter, daß die ›Apachen‹ unter einem politischen Vorwand gemordet und gebrandschatzt hätten. Wer überzeugt ist, daß die Bastille von Zuhältern gestürmt wurde und daß der Konvent nur aus Taschendieben bestand, mag eine von großen politischen Parteien angeführte Demonstration derart einschätzen. Am Sonntag darauf waren es hunderttausend Menschen, die in tadelloser Ordnung zwischen Munizipalgarden, Polizisten, Dragonern und Kürassieren gegen die spanische Regierung demonstrierten. Sozialisten und Gewerkschafter hatten sich verpflichtet, ihre Mannschaften in Zucht zu halten; es wurde nicht geschossen, es fiel nicht einmal ein Faustschlag. Der Polizeipräfekt, der einige Tage vorher von einer Revolverkugel an der Backe verwundet worden war, konnte sich ohne Begleitung unter den Manifestanten tummeln. Was aber äußerten die ›Traditionalisten‹, die Männer der Ordnung, die Verehrer der Zucht und Sitte andern Tags zu dieser Art Bekenntnis? Sie kramten eine Geschichte aus. Einmal habe in Brüssel eine Manifestation vieler tausend Menschen gegen einen Minister stattgefunden. Sie seien in schöner Ordnung am Haus dieses Ministers vorbeigezogen und hätten dazu das Lied gesungen: »Am Hals muß man ihn hängen auf.« Der Minister, der oben am offenen Fenster lehnte und auf den Zug der Manifestanten hinabsah, habe seine Pfeife geraucht und dazu bald laut, bald leise, das Wort Götzens von Berlichingen gesprochen ... »Was ist das für eine Weltanschauung?« rief Hanssen aus. »Ich finde es dumm, einfach dumm, sich den kompakten Argumenten zu verschließen auf die Gefahr hin, ihre Wirksamkeit erst zu erkennen, wenn man auch schon an einem Laternenpfahl baumelt. Denn es ist wohl klar, daß man den Gegner geradezu zwingt, einen an seiner Beweisführung in die Höhe zu ziehn – sobald er die Macht dazu hat.« Worauf Poninski ruhig erwiderte, die Weltanschauung bestände eben darin, sich lieber aufrecht an Gemeinplätzigkeiten in die Höhe ziehn zu lassen, als sich in der Menge nach ihnen zu bücken.   Hier beginnt der Roman oder, besser, die Chronik, die ich zu schreiben beabsichtige. Hanssen warf Poninski, der ein Bonmot gesagt zu haben glaubte, nicht besser und nicht schlechter, als wie man es in einer leichten Unterhaltung zu machen pflegt, einen haßerfüllten Blick zu und verließ wortlos das Zimmer. Poninski eilte ihm nach, ich sah sie im erregten Gespräch durch den Garten gehn, dann führte Poninski den versöhnten Dänen mit der Artigkeit eines Kavaliers an die Seite seiner Frau zurück, die dem Erzürnten mit lustigem Ernst zunickte. »Er war leider noch nicht in London«, rief Hanssen, auf den Polen zeigend, »sonst hätte er den Tower besucht und dort die in dekorative Eisenketten gerahmten und von der englischen Nation blitzblank erhaltenen Steine gesehen, worauf in kräftig gemeißelten Buchstaben zu lesen steht, hier ruhten Könige, die wegen Rebellion gegen das Volk hingerichtet worden seien.« Der Pole lachte. »Hanssen, Sie haben mich noch immer nicht verstanden. Wenn meine Bauern mich einmal erschlagen sollten – dieser Fall wäre übrigens nicht der erste in meiner Familie –, so wäre ich zwar am Ende meiner Weisheit angelangt, aber keineswegs eines Irrtums überführt. Ich bin als Hammer auf die Welt gekommen, wenn Sie den Vergleich erlauben, ich habe auf den Amboß geschlagen, solange ich denken kann, zum Beispiel, indem ich mich als kleines Kind vom Mädchen auf einen Stuhl heben ließ, um es zu ohrfeigen. Und sicher rührt der Erfolg unseres Widerstands gegen unsere Eroberer vor allem daher, daß wir das Herrenhandwerk besser verstehn als die Preußen. Wir sind Demokraten insofern, als wir uns nur vor der Tüchtigkeit beugen. Es ist mir nicht erinnerlich, daß je ein Pole, und zählte er so viel Ahnen wie Knochen im Leib, Napoleon aus dem schiefen Mundwinkel einen korsischen Advokaten genannt hätte. Dagegen höre ich noch das brüllende Gelächter, das aus zehn polnischen Kehlen erklang, als ein neu geadelter Landrat, der wie ein Schulamtskandidat in seinem Sessel saß, dem Franzosen umständlich den Prozeß machte. Er sprach von Napoleon wie von einem freisinnigen Reichstagskandidaten.« Als Hanssen einwarf, daß auch er Napoleon nicht liebe, weil er die Gewalt in jeder Form verabscheue, erkannte der Pole die Unmöglichkeit einer Verständigung und brach das Gespräch ab. In Hanssen war die Neigung unterdrückter Individuen und Völker, aus allem die Absicht einer Demütigung herauszuspüren, so ausgebildet, daß sein ganzes Vorstellungsvermögen sich in einem fanatischen Dualismus bewegte. Die Welt bestand für ihn aus Unterdrückern und Unterdrückten, und er glaubte an den einstigen Ausgleich und den Anbruch des ewigen Friedens durch den Sieg der Unterdrückten über ihre heutigen Unterdrücker. Das war sein Himmel ... Es war nicht törichter von ihm, daran zu glauben, als von andern, ihre Seele für die Wonnen eines unendlichen Lunaparks zu bereiten. Die Köpfe unter den Pickelhauben, die in den dänischen Bauernhöfen auftauchten, hatten kaum geahnt, daß sie die Morgenröte eines Glaubens mitführten, kraft dessen den Besiegten Rächer entständen, die sich vielleicht einmal unüberwindlich zeigen würden über die ganze Welt. So glaubte Blauhaar an den Sabbat, da Ahasver, der Ewige Jude, zum Kapitol einer neuen Menschheit hinaufstiege. So glaubte auch ich an eine Zukunft, die mir nicht so fremd wäre wie das Heute. Nur Poninski brauchte die Zukunft nicht. Auf die Vergangenheit, die ihm zeitlos schien, setzte er die geballte Faust wie ein Siegel. Ich hatte aus dem Bücherschrank Bismarcks Gedanken und Erinnerungen genommen. Ich wollte Hanssen aus dem alten England ins neue Deutschland zurückführen, und ich erinnere mich, in diesem aufschlußreichen, ja verwirrenden Buch einen Wegweiser gefunden zu, haben ... Richtig, da stand er, imposant in seiner gereckten Eindeutigkeit. Hier, Hanssen, zweigt der Weg ab, auf dem wir unterdessen so weit gegangen sind. Bismarck ist Wilhelm  I, der der Königin in Baden-Baden einen Geburtstagsbesuch gemacht hat, bis Jüterbog entgegengefahren und erwartet ihn, im Dunkeln auf einer umgedrehten Schiebkarre sitzend, in dem noch unfertigen, »von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten Bahnhof«. Sie sehn, er sagt es, wovon der Bahnhof ungemütlich voll war in dieser doppelt einsamen Stunde. Dagegen sind die Unfertigkeit des Gebäudes und das Sitzen auf der umgedrehten Schiebkarre im Dunkeln nur Bestandteil eines Stimmungsbildes, dessen liebevolle Ausmalung – nach dreißig Jahren – beweist, daß Bismarck den historischen Augenblick nicht gering einschätzte, wie überhaupt das autobiographische Mitgefühl in ihm stark entwickelt war. Bald darauf werden auch die »kurzangebundenen Schaffner« geschildert, bei denen der von der Schiebkarre im Dunkeln aufgestandene Mann den Wagen zu erkunden sucht, in dem der »König allein in einem gewöhnlichen Kupee erster Klasse sitzt«. Es ist der 4. Oktober 1859. Bismarck hat zur Erbauung der Budgetkommission ein Stahlrad geschlagen. Vor den Magen hat er es den Herren im Bratenrock gestoßen – was zwar nicht stenographiert, aber in den Zeitungen ziemlich getreu wiedergegeben war –, daß Preußen nicht mit Reden, Vereinen und Majoritätsbeschlüssen geholfen sei, sondern daß es einen Kampf kosten werde, »der nur durch Eisen und Blut erledigt werden könne«. Er will den König, der von den Engländern kommt, nicht nach Berlin hineinlassen, ohne zuvor die Hand auf ihn zu legen. Ein Blick in das müde, verdrossene Gesicht: Der König ist »unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin sichtlich in gedrückter Stimmung«, kaum hat Bismarck den Mantel geöffnet, da fährt er ihn an: »Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.« Es beginnt der Monolog! Er ist in den Gedanken und Erinnerungen so glänzend gebracht, wenn ich mich eines Ausdrucks aus der Schauspielersprache bedienen darf – und bitte, nach dreißig Jahren! –, daß ich wohl vorlesen darf. Natürlich hatte Bismarck erraten, und es ist ihm später von Zeugen bestätigt worden, daß der König während des achttägigen Aufenthalts in Baden-Baden mit Variationen über das Thema Polignac, Strafford, Ludwig XVI. bearbeitet worden war ... Jetzt: »Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase: ›Et après, Sire?‹ – ›Ja, après , dann sind wir tot!‹ erwiderte der König. ›Ja‹, fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfeld, ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen nicht an Ludwig XVI. denken, der lebte und starb in einer schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der Geschichte. Karl I. dagegen, wird er nicht immer eine vornehme historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure Majestät sind in der Notwendigkeit zu fechten, Sie können nicht kapitulieren, Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.‹ Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland kämpfenden Offiziers hinein ... Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten Posten auf Tod und Leben zu behaupten, gleichviel, ob er darauf umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem ganzen Gedankengange vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine Heiterkeit ... Er war der Sorge vor der Manöverkritik, welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte, überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers der preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitre, man kann sagen, fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das Unzweideutige erkennbar machte.« Lassen Sie mich noch eins erwähnen, Hanssen. Bismarck spricht dann, sozusagen in einer Regiebemerkung, sehr sicher von »ihren«, des Königs und seinen, Verhältnissen und »ihrer Situation«, er sagt, daß sie immerhin »ernst« gewesen seien. Es waren noch keine zwei Monate verflossen, seitdem der protestantische Mephistopheles seinem Faust, der immerhin der ›Kartätschenprinz‹ gewesen war, das große Bündnis angetragen hatte. Im idyllisch gelegenen Babelsberg hatte er den König überzeugt – vielmehr, war es ihm »gelungen«, wie er sagt, den König zu überzeugen –, daß es sich für ihn nicht um Konservativ oder Liberal in dieser oder jener Schattierung, sondern um königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle und daß diese unbedingt und auch durch eine Periode der Diktatur abzuwenden sei. »Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich, selbst wenn Eure Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht für richtig hielte, Ihnen zwar diese meine Meinung offen entwickeln, aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem König untergehn, als Eure Majestät im Kampfe mit der Parlamentsherrschaft im Stiche lassen.‹« Bismarck ist später nicht müde geworden zu erklären, daß diese Auffassung von seinem Beruf keine prinzipielle gewesen sei, wie sie etwa jeder Minister jedem Herrscher gegenüber betätigen müsse. Vielmehr solle man ihren Ursprung und ihr Ende in seinem ganz persönlichen Gefühl für Wilhelm I. suchen. Er konnte nicht hindern, daß die dem Pakt von 1859 zugrunde liegende Auffassung ihren Weg machte, über ihn hinweg, bis in unsre Zeit, der ein Barnum des Monarchismus den Stempel aufgedrückt hat. Die großen historischen Vorwände fehlen. Um so bengalischer leuchtet es aus dem Gral des ›königlichen Regiments‹.   Und Hanssen denkt an den Tower. Aber wir besitzen jetzt sogar einen schönen Brunnen im Berliner »Lustwäldchen«, von Ignatius Taschner, den Märchenbrunnen . Auf dem Wasser Wir haben auf dem Wasser Bekanntschaft gemacht. Durch unser eingeschüchtertes Wesen fielen wir einander auf. Wir eilten still durch die Boote, wo sie im Takt stolpernder Ruder »Still ruht der See« sangen, auch »Santa Lucia«, oder an hellen Abenden dumpfe Grammophone spazierenführten, die klangen, als ob ihre Gesänge und Märsche aus dem Wasser kämen. Keiner von uns klatschte Beifall, wenn ein Berliner sich jodelnd aufblies, bis er in einem übermenschlichen Juchzer zur Hölle fuhr. Wenn die Nachtfeste zu Ehren der Kurgäste den orientalischen Himmel auf die mecklenburgische Erde zauberten, waren unsere Häuser die einzigen, deren Gärten nicht im Schmuck bunter Papierlaternen prangten und wo keine bengalischen Streichhölzer entzündet wurden. Beim Fischen behielten wir die Kleider an, und wir badeten fast nackt. Unsere Boote hießen weder Nixe noch König Aqua , noch Schwalbe , noch Carolus Magnus . Die Frauen, mit denen man uns sah, packten ihr Haar in Schleier, wenn der Wind wehte, in den Straßen der Stadt trugen sie Hüte, sie rafften die Röcke, wenn es regnete. Am Familienbad der aufstrebenden Kurstadt frech vorbei, segelten sie, in Bademänteln kauernd, bis in die Mitte des Sees und sprangen vom Boot ins Wasser. Wir sprangen hinterdrein, und es war ein Jammer zu sehn, wie die schönen neuen Boote herrenlos trieben, schaukelten, gezerrt wurden, und zu denken, wie wir die Kissen näßten, wenn wir triefend hineinkletterten. Niemand zweifelte, daß sie eines Tages durch unsern Leichtsinn umschlügen. Die vier Seen, an denen wir wohnen, sind durch die Havel miteinander verbunden. Von der Veranda meines Zimmers kann ich im Osten, über Busch und Wiesen, einen schmalen, zwischen blassen Kornfeldern und Kiefernwäldern eingeklemmten Streifen Bläue sehn. Das ist der Stolpsee, und hoch über den Kornfeldern, auf bewaldeter Höhe, ragt ein Schieferdach, das in der Morgensonne wie von Lanzen und Schwertern funkelt. Dort wohnt Poninski. Schließe ich die Verandatür – damit nicht die Zugluft gleich das ganze Zimmer durcheinanderbläst – und öffne ich das Schlafzimmer, so blinkt im Rahmen des offenen Balkons ein ziegelrotes Stück Dach. Es wächst, je mehr ich mich dem Fenster nähere, blaue Luft breitet sich darum, über dem First mit Kiefern grün verbrämt, dann steht das kleine Landhaus bis an seine obersten Fenster im Gartendickicht, ein Kartoffelfeld rollt sich auf, beim Schilf ist es zu Ende, und nun, da ich auf den Balkon trete, blendet eine Riesenwelle Licht, die der Schwedtsee aus seiner ganzen Breitseite zu mir heraufsendet. Das kleine Landhaus bewohnt Hanssen. Ich mache kehrt, schließe die Tür und öffne wieder die Veranda. Der See vor mir, in den vom Garten eine schmale Treppe führt, ist der kleinste. Er heißt Bahlensee und versorgt mich selbst bei bedecktem Himmel mit südlicher Wärme. Bei Regen weint sich in ihn die Welt aus. Er scheint keinen Eingang zu haben, man erkennt nicht, wo die Havel herkommt, die am Haus vorbei in einem geraden, klaren Einschnitt in den Schwedtsee und durch knappe Windungen und geräumige Ausbuchtungen weiter in den Stolpsee fließt. Die mecklenburgischen Schiffer kennen sich natürlich aus und halten darauf zu, sobald sie in den Bahlensee eingebogen sind. Aber täglich sehe ich Herren in blauer Jacke und weißen Hosen, die mit Motorbooten und Segeljollen ankommen, in den See tapsen und ratlos durch das Fernglas das Ufer absuchen. Trotzdem nimmt das Versteck keinen geringen Platz ein, denn es beherbergt eine ansehnliche Schleuse. Hinter der öffnet sich dann bald der vierte See, der Röbbelinsee. Am Röbbelinsee wohnt Blauhaar. Das teure Schleusengeld hindert uns, mit dem Boot zu Blauhaar hinaufzufahren. Auch kann keiner von uns dreien sein Haus sehn. So viel Hindernisse wären vielleicht störend, wenn nicht Blauhaar reich genug wäre, sich nach Belieben in unsere Wasserstraße senken zu lassen und einen Diener zu halten, der in seiner Jugend als Schnelläufer Preise errungen hat. Wir brauchen uns wegen unserer Zusammenkünfte nicht erst zu verständigen. Das besorgt der Wind. Bei Westwind segeln wir zu Poninski. Bläst der Wind aus Osten, so kommt Poninski und bringt Hanssen mit. Blauhaar weiß Bescheid und läßt sich mit seinem Motorboot durchschleusen. Der Parteitag Hanssen und Blauhaar waren in Jena auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei, dem ersten nach Bebels Tod. Hanssen sagt: »Es sind ordentliche Leute.« Und wie er, langsam und ernst, dazu nickt, sieht man plötzlich, daß er ein Bauer ist. Ja, im Grund haßt er alle Beunruhigungen, die großen und die kleinen Eingriffe in sein geregeltes Leben, das Aufrühren von Problemen, die nicht gerade da sind, dicht vor ihm, und über die sein Unmut ihn nicht hinwegtäuschen kann. Die langen Beine schreiten gemessen aus, eigenwillig und doch gehorsam, und wenn sie stocken, gibt es einen knackenden Ruck wie bei einer schweren, langsamen Maschine, die plötzlich gestoppt wird. Aber Blauhaar reißt die Augen auf. »Jena? Der Bankerott der einzigen revolutionären Partei, die wir in Deutschland haben. Schlimm, sehr schlimm. Mit Bebel wäre es nicht viel anders gewesen, nein. Aber Lassalle hätte sich gelangweilt.« »Und?« fragt Hanssen. »Und? Wenn die Langeweile beginnt, ist die Revolution zu Ende.« »Hatte sie denn schon begonnen?« »In der Vorstellung der Arbeiter: ja. Alle ihre Gedanken gingen in der Richtung: marschierten, torkelten, liefen dumpf oder mit wilden Sprüngen, trieben im Nachen des Traums in die Morgenröte, die sie befreien sollte. Man konnte glauben, daß die Tat eines Tages wie eine reife Frucht vom Baum fiele. Daß irgendein kleiner, unvorhergesehener Windstoß genügte, um sie vom Ast zu lösen. Lassalle ...« Er war wieder bei seinem Liebling angelangt, dem Byron der Arbeiterbewegung, und er sang so lange von ihm, bis Poninski gern zugab, daß auch er sich unter solchen Umständen mit Vergnügen als Sozialdemokrat austoben möchte: »Ein Mann mit Schicksal«, sagte er zustimmend, »ja, ja, ein Sportsmann in der Seele,« Er faßte seine Eindrücke zusammen: »Ein Kavallerist!« Von diesem Lassalle der bürgerlichen Legende verstand Hanssen wenig oder nichts. Auf der Rückfahrt hatten in seinem Abteil zwei Superintendenten gesessen, die offenbar auf einer Inspektionsreise begriffen waren. In ihrer Unterhaltung, der Hanssen im Lärm des fahrenden Zugs nicht genau folgen konnte, kehrte immer das Wort Sozialdemokrat wieder. Er zischte wie ein Pfeil, er quakte wie ein Frosch. Sie sagten nicht: »Der arme Pastor! Er hat es schwer. In seiner Gemeinde steckten soviel schlechte Kerle, die nichts von der Kirche wissen wollen.« Vielmehr, allerdings mit der Ruhe von Ärzten, die eine schwere Krankheit feststellen – sie schienen durchaus nicht erschrocken: »Der Arme. Er hat viele Sozialdemokraten ...« Nur einmal, als sie von einem geistlichen Bruder sprachen, da steckten sie die Köpfe zusammen und zogen die Lider hoch, daß Hanssen das schleimige Rot darunter sah, sie flüsterten mit kurzen, aufgeregten Handbewegungen, bis der jüngere mit fragender Miene das Wort Sozialdemokrat losließ. Der ältere wollte es nicht gerade gesagt haben, aber er wiegte den in hundert Falten trauernden Kopf und lehnte sich seufzend in die Ecke zurück. Er wollte lieber die Frage offenlassen ... Sie mußte von beträchtlicher Bedeutung sein, denn sie blieben lange mit schattenhaft bewegten Gesichtern in Schweigen versunken. Wie sie mit offenen Augen dasaßen, schienen sie zu schlafen – von schweren Träumen gequält. Hanssen fand sie mitleiderregend. Er hätte ihnen gern geholfen, und er dachte nach, wie er es anstellen sollte. Es waren gute, alte Menschen, die Gespenster sahen an einer Stelle, wo in Wirklichkeit er, der brave Hanssen, saß, der nie jemand etwas zuleide getan hatte. Es ging nicht, Hanssen sah es schließlich ein. Es ging nicht, daß er sie aufschreckte, indem er etwa sagte: »Sehen Sie mich bitte an. Schaue ich aus, als ob ... Und ich bin doch ein Sozialdemokrat.« Wenn er nur Sozialdemokrat gewesen wäre, so hätte er es vielleicht gesagt. Aber er war auch Däne. Er hätte es nicht verschweigen dürfen, es sollte ja eine ehrliche Aussprache sein. Wenn sie aber erst hörten, daß er Däne sei – »Verzeihen Sie vielmals«, würden sie antworten und honigsüß lächeln, »wirklich, Sie mögen ein ernster, aufrichtiger Mensch sein, alle Achtung, aber da empfinden Sie anders, ja, Sie können gar nicht empfinden, mit dem besten Willen nicht, wie wir Deutsche ...« Er kannte das. Es war dieselbe Melodie, von der Kindheit bis ans Grab ... an dem sie einmal mit demselben Ausdruck aufrichtigen Bedauerns herumständen, sie, die es besser hatten, denen die Veteranen die Versicherung ihrer edlen Gesinnung und Verwandtschaft mit Salven bis in die Erde nachschreien würden, wenn sie die Wanderschaft zum Gott aller Menschen anträten ... Hanssen hatte sich nicht aufgehalten bei solchen Gedanken. Er war eine praktische Natur, er wurde nur im stillen ein wenig hart und böse, und dann sann er auf Abhilfe. Und deshalb wußte er jetzt, was er sagte, während Blauhaar, von keinem Verantwortlichkeitsgefühl berührt, im roten Mondschein schwärmte, dicht neben der Geißblattlaube, in der Lassalle zwischen zwei Umarmungen sein Offenes Antwortschreiben dichtete. »Jena war gut. Die deutsche Sozialdemokratie hat ihre theoretische Periode überwunden. Die Gewerkschaften sehen auf die Ordnung von Küche und Sparbüchse. Wir sind aus einem genialen Schattenriß ein großer, blutvoller Organismus geworden, ein geistiges und materielles Deutschland im Deutschen Reich. Es atmet, lebt, gedeiht. Es schafft Volkskraft, Arbeitsfreude, Gesundheit. Es lebt mit den Augen und mit dem Gehirn seiner Führer im großen Luftzug der Weltwirtschaft. Nützt Konjunkturen aus, und wenn wir bremsen, so sammeln, halten wir nur Kräfte Zusammen: damit es keine leicht Besiegten gibt, die mit dem Glauben den Mut verlieren und, nachdem sie auf der Straße geschrien haben, heimgekehrt vor dem Elend von Frau und Kinder zusammenbrechen ... Die heutige Kriegführung hat mit der vor hundert Jahren geübten nur noch eine entfernte Ähnlichkeit. Millionen Menschen werden ausgerüstet, gepflegt, bewegt, man kämpft auf große Entfernungen, ohne einander zu sehn, und der Train ist so wichtig, wenn nicht gar wichtiger als die Artillerie. Die wirtschaftlichen Kämpfe haben dieselben gewaltigen Dimensionen angenommen. Ein Stoß, der in Amerika beginnt, setzt sich fort fast über die ganze Erde, und es gibt kein Volk mehr, das in den weltwirtschaftlichen Kämpfen für sich allein bestehen könnte.« Blauhaar unterbrach ihn: »Schön. Ihr werdet eine bürgerliche Partei –« Hanssen nickte lachend: »Wenn wir eine bürgerliche Partei, eine Partei von Besitzenden geworden sind, dann haben wir ja erreicht, was wir wollen.« »Und die Folge wird sein, daß links von Ihnen eine revolutionäre Partei entsteht ...« Poninski langweilte sich, er wollte aufs Wasser, in den Wind. Indem er die Tür öffnete, rief er: »Ich schlage vor, wir machen eine Pause in der Debatte, bis die neue Partei da ist.« Blauhaar hatte keine Lust und begann von neuem: »In Frankreich ...« »Nein, in Deutschland«, brüllte Poninski, ohne im übrigen recht zu wissen, worum es sich handelte. Musik Ich weiß, ich habe Heimweh. Das ist nicht nur die Sehnsucht, es gut zu haben zu Hause, abzurüsten, still zu sein, und, in die Zauberwolke der Wiedersehensfreude gehüllt, das Gänseblümchen Erinnerung zu botanisieren, nein. Auch die Enttäuschungen wollen wieder betrachtet sein, die bitterbösen ersten Enttäuschungen, die einzigen – gerade sie. Ich habe Heimweh, auch nach dem Schmerz, der dem jungen Egoismus knisternd ins Fleisch fuhr, überscharf, blendend wie das Licht eines Scheinwerfers, der in einen dunkeln Saal voller Menschen zischt. Helldunkle Tage, Sprung und Fall, immer wieder. Qualvolle Nächte. Träume.   Warum bin ich gequält? Die Nerven gehen in Aufruhr, sie zerren mich hin und her. Bin ich froh und weiß es nicht, oder stehe ich im Schatten eines nahenden Unglücks? Ich fühle mein Herz schlagen. Meine Hände sind heiß, als ob ich Fieber hätte. Dunkel liegt über meinem Leben. Ich wandere in blinder Einsamkeit zwischen Vergangenheit und Zukunft. Habe ich je gelebt? Und was ist das wert, was ich erringen, was sich mir schenken könnte? Dieses, das Unverdiente, breitet sich wie Segen, eine Zeitlang ist der Glanz von Flügeln um uns, dann fühlen wir, wie schwer wir damit beladen sind. Jenes, das wir mühsam aus unserm Blut und Geist gestalteten, reiht sich wie ein Grab an das andere ... Und die Gegenwart ist ein Januskopf, der mit gleich erschreckten Gesichtern in dieselben leeren Horizonte starrt. Es dauert Tage, Stunden oder nur einige unendliche Minuten. Ich bin krank an Leib und Seele. Und dann, dann kommt es. Ein Ruck geht durch die ganze Natur. Es wird hell, richtig hell in mir, draußen webt Himmel, alle Dinge schwitzen einen zarten Glanz aus, wie an einem frühen Sommermorgen. Leid wird stark, Freude singt, und alles ist Dankbarkeit. Plötzlich überstürmt mich Musik, oder dicht vor mir, aus dem Nebel, taucht ein Mensch auf, den ich kenne. Ich liebe ihn, oder ich hasse ihn. Ich liebe, ich hasse mich selig. Bald ist die Welt wieder in Ordnung. Oft spielen wir Ihrer Inbrunst fliegt ein Lächeln an, und dann ist sie, der kaltheiße gotische Engel, eine hübsche Frau in ihrem Boudoir, die, ein wenig überlegen, weiß, daß sie Freude gibt. Mitten in der Unterhaltung neigt sie liebevoller das Gesicht, ihre Stimme bekommt einen helleren Klang, sie bewegt ihre Fußspitzen. Das alles ist kaum merkbar und sehr wohlerzogen, und doch hat sich die Welt vor ihr geöffnet, hat sich mit aufleuchtenden Türen weit aufgetan wie jene großen Ankleidespiegel. Sie ist froh, weil sie froh macht, und ruft Erde und Himmel zu Zeugen. Himmel und Erde – in sich. So schön macht Übermut! Oft spielen wir, und wenn wir müde sind oder die Arbeit ruft, denke ich bis in den Schlaf, bis mitten ins neue Gewühl, wo ich nichts mehr weiß von mir: Sprang nicht auch Achill vom Pferd, warf die blutbespritzten Waffen, die staubigen Kleider ab und beugte sich über das Wasser, das da vorbeifloß? Und suchte in den kampfverzerrten Zügen nach einem Lächeln, an das er sich zu erinnern glaubte, so, als ob es einmal auf seinem erhitzten Gesicht gelegen habe: Maske aus Meerkühle und Kräuterruch ... und über der betäubten Stirn sich federleise gerührt: ein Helm aus Wind und Sonne? Und sah es frohlockend heraufsteigen! Denke: Scheeler Schuster an der Straßenecke, böser, wilder Kerl, der mich haßt, weil ich keine Stiefel sohle, weißt du – ja, du weißt, feurigster Narziß, wie du strahlst, wenn unsere Köchin dir zunickt. Ich ging einmal zwanzig Schritte hinter ihr. Als ich an deinem Fenster vorbeikam, schwangst du den Hammer: Siegfried! Ja, du riefst mir freudig »Guten Tag« zu. Und unsere Enten wissen davon, wenn sie sich, eben noch ernst und verdrossen, heraldisch bäumen und die Flügel spreizen und sich, hochgereckt, über den ganzen schwellenden Körper schütteln, als wollten sie jetzt senkrecht in den Himmel fliegen ... dann plötzlich, mit einem großen Schwung tauchend, einander unter dem Wasser jagen und so einige Minuten wie irrsinnig herumrasen! Der Dackel des Nachbars im schaukelnden Boot, der sonst nie müde wird, sie mit drohenden Sprüngen zu erschrecken und anzubellen, verwandelt sich in die lustige Galionsfigur, die in reglosem Staunen dem rasselnden Turnier zusieht. Beate läßt die Angel fallen und stürzt zur Mutter: »Die Enten tun sich was!« Und hoch, hoch über mir, eine Glaskugel auf der Spitze eines himmelblauen Springbrunnens, gaukelt eine Lerche: schlägt, ich weiß, ein übermütig tolles Herz.   Ernst und Willy zanken sich. Beate steht über ihnen auf der Treppe, in weißem Kleid, ein blaues Band im offenen Haar. »Ihr seid häßlich«, ruft sie, »alle beide. Macht, daß ihr fortkommt.« Die beiden Jungen halten ein und blicken verlegen zu ihr hinauf. »Ja, macht, daß ihr fortkommt«, wiederholt sie. Welche Kraft in ihren dunkelblauen Augen! Willy hebt den Arm und zeigt auf Ernst: »Er!« schreit er, da wird er blutrot und wirft sich mit gesenktem Kopf auf den andern. Sie stürzen zu Boden und rollen in erbittertem Ringen über den Gartenweg, dann über die Astern, in den Kohl, wo sie fast verschwinden. Man sieht nur ihre strampelnden Beine, mit denen sie jetzt den Kampf auszufechten scheinen. Sie suchen einander in der Luft, umklammern, drücken nieder. Die Jungen sind gleichaltrig, aber Ernst überragt seinen Freund um Kopfeslänge, er turnt, und das Fußballspiel hat ihn daran gewöhnt, den Gegner im ersten Anlauf niederzurennen. Beate steht auf der Treppe, die Augen weit geöffnet. Sie hat den Kopf zurückgeworfen, als ob sie den beiden etwas sehr laut zurufen wollte. Ihre Mundwinkel zucken, und sie scheint fast erwachsen in dieser leidenschaftlichen Frauenpose. Willy ist aufgesprungen, zwei Schritt von Ernst zurück, der sich nun ebenfalls aufrichtet. Zitternd, die Stirn voll Schweiß, steht der Kleine mit geballten Händen und atmet schwer. Ein zarter David, der sich mit dem schwarzen Goliath halbtot gerungen hat. »Beate!« ruft er, »Ernst ist ein Feigling. Er hat gebissen!« »Ja«, antwortet Beate, ohne ihre Stellung zu ändern. »Er ist ein Feigling. Er weiß, daß er stärker ist als du.« Langsam dreht Ernst sich nach ihr um und sagt gleichmütig: »Ich habe ihn gebissen, weil er mir die Kehle zudrückte – immer legt er sich um die Kehle, wie eine Schlange, und zieht sich zusammen. Dann beiß' ich.« Und er kommt auf Beate zu, mit reuevollen Augen und einem verschämten Feixen, das ebenfalls um Verzeihung bittet – und der gewissen Sicherheit des anerkannten Bräutigams. Wie er die langen Arme nach ihr ausstreckt, tritt sie leise zur Seite und ist blitzschnell an ihm vorüber, bei Willy. Der greift sie am Handgelenk und zieht sie mit sich fort. Ernst, der nicht begreift, was hier vorgeht, sieht ihnen nach, wie sie in kleinen Sprüngen nach dem Wasser eilen. Im Laufen wendet Beate sich, ihre Haare fliegen, und ruft: »Ich liebe Willy!« Aber als Willy ihre Hand hebt und an seinen Mund drückt, entreißt Beate sie ihm, und indem sie stehenbleibt: »Was fällt dir ein! Habe ich dir erlaubt – ?« Willy wird wieder blutrot und blinzelt an Beate vorbei nach Ernst, der richtig eine krampfhaft laute Lache anschlägt. »Hast du nicht gesagt ...«, stottert er und greift hastig, zwischen Furcht und Zorn, nach ihrem Handgelenk. Ernst nähert sich mit einem Gesicht, als hielte er nur mühsam das Lachen zurück. »Du ...«, sagt Beate unterwürfig und streichelt Willy die Hand. »Wir spielen ja bloß.« Dann reicht sie die andere Hand Ernst und zieht die beiden nach dem Boot. Sie ist sehr hübsch, wie sie mit einem Ruck das Haar herumwirft und Willy ihr lächelndes Gesicht hinhält: »Du darfst dich zu mir ans Steuer setzen, und Ernst rudert.« Das Haar fliegt nach der andern Seite: »N'est-ce pas, mon ami?« Ernst nickt wie ein Mann, der seiner Sache sicher ist. Sie fahren schweigend in den See hinaus. Bis Beate anfängt, laut »eins ... zwei ...« zu zählen, weil Ernst dann besser rudert.