Arthur Schnitzler Paracelsus Versspiel in einem Akt Personen: Cyprian , ein Waffenschmied. Justina , seine Gattin. Cäcilia , seine Schwester. Doktor Copus , Stabsarzt. Anselm , sein Junker. Theophrastus Bombastus Hohenheim, genannt Paracelsus . Spielt zu Basel, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, an einem schönen Junimorgen, im Hause des Cyprian. Das wohlgehaltene Zimmer hat zwei Thüren, die eine links führt ins Gemach Justinas, die andere rechts ins Vorgemach. Erster Auftritt. Justina sitzt am Fenster, mit einer Arbeit beschäftigt (Spinnrocken). Cäcilia tritt ein. Justina aufschauend, ruhig . Wie? Schon zurück? Cäcilia .                             Zu lärmend ist die Stadt. Sie setzt sich. Mich schmerzt der Kopf; ich mußte wieder heim. Und wärst Du mit mir auf dem Markt gewesen, Du wärst mit mir zurück. Justina .                                   Warum? Cäcilia .                                                 Weil dort Ein solches Drängen und so wüstes Schrei'n, Daß kein Vernünft'ger es ertragen kann. Justina . Giebt's was zu sehn? Sind neue Gaukler da? Cäcilia . Hat's nicht die Magd erzählt? Justina .                                               Die kam noch nicht. Cäcilia . Nun freilich; die kommt heute nicht nach Hause. Ganz Basel, glaub' ich, ist dort festgebannt. Hin strömen alle; alle bleiben dort, Als gäb's die größten Wunder dort zu schau'n. Justina . Nun, was für Wunder, Du verwirrtes Ding! Cäcilia . 's ist ein Quacksalber da – und das ist alles. Justina . Das ist nicht viel! Cäcilia .                             Ich sagt' es ja. Man hat Derlei Gesellen hier genug gehabt. Was finden sie an diesem just Besond'res? Justina . Wird ein berühmter sein, ein weit gereister – Hast Du den Namen nicht gehört? – Cäcilia .                                                   Es schwirrten Gar viel' um mich – doch ich vergaß sie alle. Gottlob, daß ich daheim – mich schwindelt noch. Zweiter Auftritt. Justina , Cäcilia . Doktor Copus tritt auf. Copus . Ich wünsche guten Morgen, werthe Damen. Justina . Ihr kommt zur Zeit; lächelnd das Kind ist wieder krank. Copus . Dann ist's die Erste heut, die meiner wartet, Die Andern alle liefen mir davon. Justina . Wo sind sie? Copus .                       Wo sie sind –? Nun, auf dem Markt! Herr Paracelsus ist uns ja erschienen, Was braucht man da den Doktor Copus noch! Cäcilia . Ja! Paracelsus hieß er! Justina .                                     Paracelsus! Der also ist's! Der hochberühmte Arzt! Copus zornig . Was sagt Ihr? – hochberühmt? Cäcilia begütigend .                                         Sie meint's nicht so. Copus . Und »Arzt« –? So, bitt' ich, nennt Quacksalber mich Und nennt mich unbekannt – wenn Paracelsus Berühmt und Arzt! Cäcilia fast ängstlich .     Was ist er denn? Copus .                                                     Ein Schwindler. Und nun genug. – Bricht ab. Wie geht's Euch liebes Fräulein?         Fühlt Cäcilia den Puls. Ein bischen rasch. Cäcilia .                         Ich hab' das Fieber, nicht? Copus . Habt Ihr das Pulver heute früh genommen? Cäcilia . Gewiß; wie Ihr's verordnet, Doktor Copus. Und doch ist noch mein Puls zu schnell? Copus .                                                           »Und doch!« Wenn Ihr das Pulver nicht genommen hättet, So ging' er doppelt rasch. Cäcilia .                                   Soll ich noch eins Heut nehmen? Copus .                   Eure Zunge, wenn's beliebt. Cäcilie streckt die Zunge hervor. Copus . Nicht übel, Fräulein! Diese kann so bleiben. Cäcilia . Doch meinem Kopf geht's schlimmer als seit lang! Copus ohne auf sie zu hören, plötzlich wieder in Wuth . Und wißt Ihr, wer dort steht wie andres Volk? Justina . Wer denn? – Und wo? – Copus .                                         Der Meister Cyprianus Steht auf dem Markt und hört dem Schwindler zu. Justina . Mein Gatte? Copus .                       Er, der sonst dergleichen Volk, Das heimatlos die Straßen zieht, verachtet, Steht auf dem Markt – nein! auf den Stufen steht er, Die zum Gerüst des Paracelsus führen, Und hört und sieht und staunt und wird verrückt! Justina . Nun aber sagt doch, was so Wunderbares An diesem Mann? Copus .                         Ich finde wunderbar Nur eins: die große Frechheit, die er zeigt. Ein Wort, das ich mit meinen Ohren hörte: Mein Bart hat tiefere Gelehrsamkeit Als sämmtliche Doktoren und Scribenten. Justina . Ein Scherz – so klingt's! – Copus .                                             Ja, nehmt ihn nur in Schutz. Er spottet Avicennas! höhnt Galen! Begeifert alle, die vor ihm gewesen Und unsre hohe Kunst so weit gebracht. Der Schule lacht er, der er selbst entstammt. Die Aerzte schmäht er und die Apotheker, Und um den wackern Pöbel hinzureißen, Was glaubt Ihr, daß der Unverschämte thut? – Die Arzeneien, die ihm Kranke brachten, Die Tränke gießt er auf den Boden hin, Die Flaschen schleudert er davon in's Weite, Und bläst die Pulver einfach in die Luft Und schreit dazu: Was einst Hippocrates Und mehr als das, bin ich, bin Paracelsus! Und Eure Aerzte sind beschränkte Tröpfe! Justina . Und Cyprianus steht dabei? Copus .                                               Und lauscht! Und unser halbes Basel steht und staunt, Und meine eigenen Patienten sah ich – Die stehen dort und harren seines Raths! Cäcilia . Er ordinirt? Copus .                     Oh, wollt Ihr etwa hin? Jawohl! Er ordinirt! – Und glaubt Ihr's nicht, Die Todtenliste morgen wird's erweisen. Ich aber sag' Euch lieber: Lebet wohl. Auf's Rathhaus geh' ich, lege meine Stelle Zurück – und will des Lebens kargen Rest Dem undankbaren Basel fern verbringen. Cäcilia . Herr Doktor! – und mein Kopf? Was soll ich thun? Copus . Ich will Euch zeigen, wie's der Schwindler macht. Justina . Ja, bitte; zeigt uns das. Cäcilia .                                     An meinem Leiden Wollt Ihr die Künste jenes Mannes versuchen? Copus . Wie, Fräulein, Ihr habt Kopfweh? Cäcilia .                                                       Ach, Ihr wißt's ja. Copus . Als Paracelsus sprech' ich ja: gebt Acht! Nun schaut mich an!         Er fixirt sie, macht magnetisirende Handbewegungen.                                 Der Kopfschmerz ist verschwunden. Cäcilia . Ich hab' ihn noch – und stärker, als er war. Copus . So macht es jener: Alles ohne Pulver – Und schimpft dazu auf die, die's anders machen. Und das ist seine vielgepries'ne Kunst. Und alles dies in Basel: faßt man's denn? Justina . Ich denk', er treibt es allerorten so? Copus . Gewiß; doch hier ist er vor dreizehn Jahren Zu seiner Meister Füßen noch gesessen, Trithemius' Schüler war er! wißt Ihr's nicht? Justina . Trithemius'? der im vor'gen Jahre starb. Copus . Zur rechten Zeit! Und in dieselbe Stadt, Nach Wanderzügen durch die ganze Welt, Durch Schweden, Preußen und die Tartarei Von einem Ort zum andern ziehend, – fliehend – Versteht mich wohl: er hatte Grund zu fliehen – Kehrt in dieselbe Stadt zurück, die ihn Das ABC der edlen Kunst gelehrt, Die er vergessen, und die er verleugnet. Justina . So sagt mir doch: wer ist's? In Basel war er? Copus . Ihr habt ihn gut gekannt, als er noch einfach Bombastus Theoprastus Hohenheim hieß – Justina höchst erregt . Wie sagt Ihr? Theophrastus . . . Copus .                                             Hohenheim. Justina . Der ist's? Copus .                 Ja, der. Justina .                           Der große Paracelsus, Hörst Du, Cäcilia, ist Hohenheim, Von dem ich Dir erzählt. Cäcilia .                                   Was hast Du nur? Justina . Du hast ihn nicht gekannt – warst noch ein Kind – Nun weiß ich, warum Cyprian ihm lauscht. Dritter Auftritt. Junker Anselm tritt auf. Cäcilia . Justina . Copus . Anselm . Mein Klopfen hört man nicht – so bitt' ich um Vergebung, daß ich ungemeldet eintrat. – Ich störe? Ist der Meister nicht zugegen? Justina . Noch nicht. Anselm geziert, aber liebenswürdig .                           Wie geht's der allerschönsten Frau? Und wie dem lieblichsten der jungen Mädchen? Und wie dem hochgelehrtesten der Männer? Cäcilia . Und wie dem unausstehlichsten der Junker? Anselm nimmer Justina betrachtend . Dem geht's gut – denn bald verlassen muß er Die schönste Stadt und manches, das ihm theuer. Cäcilia . Ist's nur gewiß? – Schon oft verspracht Ihr das! Anselm . Der Vater ruft mich. Ich muß wieder heim. Bevor ich Blick auf Justina meiner Wünsche Ziel erreicht. Denn noch ist Meister Thomas nicht zufrieden. Die Orgel spiel' ich schlecht; das Töne setzen Will nicht gelingen – und kein einz'ges Lied Hab' ich vollendet, der soviel begann. Cäcilia . Der Grund ist einfach. Copus .                                     Ihr seid noch so jung, Die Musika ist eine schwere Kunst. Anselm . Dem, der nicht glücklich ist, fällt alles schwer. Cäcilia . Und einem, der durch alle Nächte zecht Und Würfel spielt bis an den grauen Morgen, Dem ist bei Tag noch nie was Recht's gelungen. Justina vorwurfsvoll . Cäcilia! Copus .         Thut Ihr das? Das ist nicht gut. Anselm . Habt Ihr ein Mittel gegen Gram der Seele? Copus . Die Würfel sind es nicht. Anselm .                                       Auch nicht der Wein. Doch beides macht vergessen – das ist gut. Copus . Ich bin nicht Euer Arzt – so muß ich schweigen. Cäcilia . Doch meiner seid Ihr – und noch immer, seht, Schmerzt mich der Kopf, und rathlos steh' ich da. Copus . Verzeiht, mein Fräulein, gleich verschreib' ich Euch, Was Euch in einer Stunde helfen soll. Cäcilia . Kommt auf mein Zimmer, Doktor. Copus .                                                         Mit Verlaub. Copus , Cäcilia ab. Vierter Auftritt. Justina . Anselm . Anselm . Justina! Justina .               Schweigt! Anselm .                               Heut fordert Ihr's vergeblich; Daß ich die Stadt verlassen muß, ist wahr; Wahr, daß ich heut zum letzten Mal Euch sehe, Und sagen muß ich Euch – Justina .                                     Ich will's nicht hören. Anselm . So schweig' ich – aber meine Stummheit redet. Justina . Ein jedes Wort von Euch beleidigt mich, Und Eure Blicke kränken meine Würde. Anselm . Die Blicke, die zu einer Göttin aufschau'n, Die Worte, die aufsteigen, ein Gebet –? Justina . Genug, sag' ich! Anselm .                           Ihr kennt mich nicht, Justina, Ihr wißt nicht, was ich will – kaum, was ich bin. Ich gelt' Euch als ein Stümper – oder Narr! Das bin ich nicht! mehr bin ich, als Ihr ahnt. Und was mir meines Geistes Kräfte lähmt, Ist, daß Ihr sie nicht kennt und sie verachtet. Es könnte dieser Lippen Lächeln mich Zum Künstler – ach – ein Kuß zum Meister bilden! Justina hat ihre Fassung wieder, ist kühl und scharf . Holt Euch bei Andern, was Euch schaffen lehrt. Ich habe keine Küsse und kein Lächeln. Anselm . Die wundersamsten Lieder säng' ich dann Zum Preise meiner vielgeliebten Herrin, Und auf die Nachwelt kämen wir vereint. Justina . Die blüh'nde Jugend hat mich nie verführt – Nun soll mich gar der Ruhm – ein Schatten, locken? Seht doch – Ihr habt ein Lächeln nur verlangt . . . Ich geb' Euch mehr . . . Anselm .                               O sprecht! Justina .                                               Ich lache laut. Lacht. Anselm . In Wahnsinn treibt Ihr mich. Justina .                                               Der Weg ist weit. Anselm . Und in den Tod . . . Justina .                                 Wir müssen alle hin. Anselm wirft sich hin . Zu Euren Füßen fleh' ich, kommt heute Abend In Euern Garten – dort ein letztes Mal Will ich auf Eure Hand die Lippen drücken. Es wird uns niemand sehen. Uebers Gitter Steig' ich herein . . . Verschwiegen ist die Nacht. Ich warte in der Laube . . . Justina .                                     Ihr seid toll . . . Steht auf. Mein Gatte kommt. Anselm .                                         Was thut's? Sieht er Mich auf den Knien vor Euch, so lacht er nur – So wohlgemuth spaziert er durch die Welt, So sicher seines Weibs und so berauscht Vom stolzen Glücke des Alleinbesitzens – Ich aber sag' Euch: solcher Uebermuth . . . Justina . Steht auf – um Himmelswillen – hört Ihr nicht – Fünfter Auftritt. Anselm . Justina . Cyprian . Später Paracelsus . Cyprian . lächelnd über die Verlegenheit der beiden . Mein guter Junker, seid ihr wieder da? Anselm . Ich bin . . . ich wollte just – Cyprian ohne seiner zu achten, zu Justina .                                                     Mein liebes Kind, Ich bring' heut einen wunderlichen Gast, Mit dem wir uns're Kurzweil haben werden.         Justina erschrickt leicht. Mein guter Paracelsus, tretet ein.         Paracelsus erscheint an der Thür. Ein einfach bürgerliches Haus – doch denk ich, Wenn man gewohnt, im Frei'n zu übernachten, So kann sich's sehen lassen. Paracelsus .                                 Werther Meister, Nicht ganz verächtlich ist des Himmels Dach. Cyprian auf Anselm weisend . Das ist Anselm, ein Junker, der in Basel Das Orgelspielen . . . . nicht wahr, Orgelspielen? Anselm . Jawohl das Orgelspielen will ich lernen. Cyprian sich erinnernd . Bei Meister Thomas . . . freilich . . . Seinem Vater Hab' ich ein herrlich Waffenzeug geliefert, Als er mit einer Reiterschaar hier durchzog. kopfschüttelnd. Der Vater Krieger . . . Musiker der Sohn. Anselm . Zum Zeitvertreib. Cyprian .                           Nun, ja. Zu Paracelsus.                                                         Und nun, mein Guter, Seid uns willkommen. Sollt nach langer Zeit In ehrlicher Gemeinschaft eine Stunde Bei einem Becher guten Weins verbringen. Paracelsus . Und kennt mich Eure schöne Gattin noch? Justina . Gewiß ich kenn' Euch – Paracelsus blickt sie lange an . Cyprian .                                     Nun, für seine Jahre Sieht er verwittert aus! Was sagst Du nur, Der Mann, um den Geheimnis webt und Dunkel, Der Ruhelose, dem die wilde Fabel Vorauseilt wie ein tollgeword'ner Herold, Der Hexenmeister ist der Hohenheim, Den wir als frommen Studiosus kannten. Paracelsus . Ich bin kein Hexenmeister, edle Frau. Ich bin ein Arzt, nur klüger als die Andern. Cyprian . Was Aerzte sind, das wissen wir, mein Guter, Die treiben solche Schwänke nicht wie Ihr. Doch was Ihr immer seid, Ihr macht mir Spaß, Und da Ihr über meine Schwelle tratet, Seid Ihr mein Gast – woher Ihr kommen mögt. Auch freut mich, daß ich stets Euch recht erkannt, Schon als vor Jahren Ihr in Basel weiltet, Der Alchymie beflissen bei Trithem, Und vor gewissen Fenstern nächtlich schwärmtet – Ich wußte stets: aus Euch wird nie was Recht's! Mädchen kommt mit Wein; wie sie hergerichtet, geht sie wieder. Justina macht sich ein wenig an dem Tisch zu schaffen. Paracelsus schaut Anselm scharf an. Paracelsus . Ihr findet? – Cyprian .                         Aber dieses ist mein Spruch: Ein jeder lebe, wie's ihn freuen mag! Wo wäre das Verdienst, am eignen Herd, Dem Hause nützend wie dem Allgemeinen, Sein ehrlich Handwerk treiben als ein Bürger, Gäb's Andre nicht, die's in die Ferne lockt – Als fahrende Gesellen hinzuziehen. Zu Zeiten seh' ich solche Käuze gern, Die den Geruch von weilen Fahrten bringen. Denn: gehn sie wieder, ist man dreifach froh, Daß man sein Heim, sein Weib hat und sein Handwerk. Justina . Noch immer steht Dein Gast. Cyprian .                                               Setzt Euch doch nieder, Und Ihr, mein lieber Junker – Anselm .                                         Mich entschuldigt. Ich muß jetzt fort, denn Abends reis' ich ab. Cyprian . Was sagt Ihr? Anselm .                         Ja; mein Vater ruft und drängt. Noch manches liegt mir ob, bevor ich reise. Ich komme Mittags, Euch Lebwohl zu sagen. Im Abgehen. Nicht länger konnt' ich diesen Blick ertragen. Sechster Auftritt. Cyprian . Justina . Paracelsus . Cyprian . Was ist dem Junker? Justina . verlegen .                     Weiß nicht. Cyprian lachend .                                         Aber ich! Was gilt's, daß er von Liebe Dir gesprochen. Justina . Nicht doch. Cyprian .                   Und daß Du Dich erzürnt – Justina .                                                                 Nein – nein. Cyprian . Und ihn mit rauhen Worten heimgeschickt? Justina . Was fällt Dir ein? Cyprian lachend .               Ich hoffe, daß Du's thatest. Justina . Gewiß, ich hätt's gethan. Cyprian .                                       Sieh, wie sie roth wird. Paracelsus . Und so verwirrt, als wäre Schönheit Schuld. Justina fast in Thränen . Ich bitt' Euch sehr . . . Cyprian zu Paracelsus .       Ihr seht, sie ist wie einst. Paracelsus mit Bedeutung . Ich seh's. Cyprian scherzend . Und schämt sich ihrer stummen Macht, Die jeder fühlen muß, der sich ihr naht. Ihr wißt ja auch ein Lied davon zu singen. Justina flehend . Ich bitte Dich! Paracelsus .             Scheut Ihr Erinnerung? Man kann Ihr besser nicht die Schauer nehmen, Als wenn man sie zum Leben wieder weckt. Cyprian . Wen schauert hier? Vergang'nes ist vergangen. Zum Gatten nahm sie mich, nicht Euch, und preist Alltäglich ihren Gott für diese Wahl. Mein ist dies Haus, wie's meines Vaters war, Und meiner Ahnen seit dreihundert Jahren. Sein Wohlstand wächst durch Arbeit und durch Fleiß. Ja – seht mich an, mein Lieber, dieser Arm, Der, wie bekannt, ein gutes Schwert zu schmieden Und, wenn's dazukommt, auch zu schwingen weiß, Ist wohl dazu gemacht, ein Weib zu schirmen. Das ist es, was die Frau verlangt, und drum Gewann ich sie, und drum kann ich sie halten. Zu fürchten hab' ich nichts . . . . Erinn'rung nicht Und keine Schwärmerei. Vom Gegenwärt'gen Umschlossen und gebändigt ist das Weib. Geöffnet ist mein Thor . . . . ich fürchte niemand. Paracelsus . Ich wünschte dieses Wort so wahr als stolz. Cyprian . Ich schenk' Euch diesen Wunsch – er ist erfüllt. Siebenter Auftritt. Justina . Cyprian . Paracelsus . Cäcilia tritt ein. Wie sie Paracelsus sieht, will sie weg. Cyprian . Bleib' doch! Das ist Cäcilia. Paracelsus .                                           Eure Schwester! Cyprian . Sie war ein Kind, als Ihr die Stadt verließet. Cäcilia, dies hier ist ein Wunderdoktor. Cäcilia . Ich sah' Euch schon . . . . Cyprian .                                       Wie wär' es, Paracelsus, Wenn Ihr an Dieser Eure Kunst versuchtet? Cäcilia . Wie . . . . was? Cyprian .                       Bleib nur bei uns. Ich wette Der Mann mit seinem Zaubern kann Dich heilen. Paracelsus . Was sagt Ihr »Zaubern?« Cyprian .                                               Wie kann ich anders, Was ich heut auf dem Markt gesehn, bezeichnen? Justina . Nun aber möcht ich selbst am Ende wissen, Was Ihr vermögt. Cyprian .                     Jetzt findet sie die Sprache, Verwund'rung nahm sie – Neugier bringt sie wieder. Herablassend. Von allen Gauklern, die sich hier gezeigt, Ist er's, der seine Sach' am besten trifft. Ich liebe sonst dergleichen nicht besonders; Das Feuerfressen wie das Pillendrehen, Quacksalberei, Goldmachen und Komödie Ist nicht mein Fall. Ihr seid doch alle Lumpen. Paracelsus . Schon möglich, Rathsherrn sind wir sicher nicht. Cyprian . Der Witz ist kühn, doch sei er Euch vergeben, Da ich in guter Laune heute bin, Und weil Ihr mehr könnt, als die Andern können. Man merkt, Ihr habt vor Zeiten was gelernt, Und unter all dem Schwindel, den Ihr treibt, Blitzt immer etwas wie Gelahrtheit auf. Paracelsus höhnisch . Ihr scherzt! Cyprian .           Hört, Kinder, was er aufgeführt. Paracelsus . Laßt doch . . . . Cyprian .                             Nur, was mir eben einfällt.         Zu Justina und Cäcilia. Ihr kennt die Frau des Schmieds? Cäcilia .                                               Die ganz gelähmt ist? Cyprian . Seit heute Morgen regt sie Arm und Beine, Und was der Andern Mühe nie geglückt, In einem Augenblick gelang es Diesem. Cäcilia . Ist's möglich? Cyprian .                     Und es kommt noch sonderbarer. Kennst Du das Töchterlein des Drechslermeisters? Justina . Die plötzlich stumm ward im vergang'nen Winter? Cyprian . Sie redet wieder, seit es Der befahl. Justina . Wie ist dies alles möglich? Cyprian .                                           Hexerei! Und höchst erstaunt hab' ich mich schon gefragt, Wie Ihr bis heut dem Feuertod entgingt. Paracelsus . Geduld, verehrter Meister, Zeit bringt Rath. Cyprian . Doch was am allermeisten mich verblüfft, Das war, was mit Medardus Ihr verübtet. Erklärend. In Schlummer ließ er diesen Jüngling sinken Durch seiner Augen Macht. Cäcilia .                                       Durch Eurer Augen? Cyprian . Dann sagt' er ihm – wir Alle konnten' s hören –: Von einer weiten Reise kommt Ihr heim, Durch fremde Länder, wo Ihr viel erfahren – Erzählt uns doch davon. Justina .                                 Und der? Cyprian .                                               Erzählte! Justina . Von Menschen, Dingen, die er nie geseh'n? Cyprian . Von Abenteuern, die er nie bestand. Justina . Und glaubte dran? Paracelsus .                         Nicht länger, als ich wollte. Ich löschte diese Träume wieder aus, Und was er uns erzählt, weiß er nicht mehr. Cyprian . Und nur Ihr selbst könnt nehmen, was Ihr gabt? Paracelsus . Gewiß! Cyprian .                   Und hättet Ihr ihn nicht befreit Von diesen Träumen, die Ihr selbst ihm schuft? Paracelsus . Zeitlebens würd' er schwören, daß es wahr.         Steht auf, plötzlich in anderem, fast pathetischem Ton. So viel vermag ich! Wer vermag so viel? Ich kann das Schicksal sein, wenn's mir beliebt! Cyprian . Mein Bester, solches wirkt nur auf dem Markt. Hier laßt die großen Worte, wenn's beliebt. Das Schicksal kommt von Gott, nicht von den Zaub'rern, Und was Ihr schafft, ist Wahn – doch keine Wahrheit. Paracelsus . Mehr als die Wahrheit, die da war und sein wird , Ist Wahn, der ist . . . der Augenblick regiert! Vermöchtet Ihr, gelebte Jahre gleich Beschrieb'nen Blättern vor Euch aufzurollen, Ihr würdet kaum ein Blatt zu deuten wissen. Denn das Gedächtniß trügt fast wie die Hoffnung – Geheimnis alles . . . Der Moment von früher Wie jeder nächste! Nur der Augenblick Ist unser – und der flattert schon davon. Bedenkt dies Eine nur: daß jede Nacht Uns zwingt hinabzusteigen in ein Fremdes, Entledigt uns'rer Kraft und uns'res Reichthums, Und alles Lebens Fülle und Verdienst Von weit gering'rer Macht sind als die Träume, Die unserm willenlosen Schlaf begegnen. Cyprian . Auch ich hab' manchen Alpdruck schon verspürt; Jedoch was thut's, man wacht ja wieder auf, Die Sonne kommt, der gute Lärm des Tags, Man lacht des Traums und geht an seine Arbeit. Nur einer, der ins Leere strebt wie Ihr, Kann sich von einem Traum beirren lassen. Für unsereins, die wissen, was sie wollen, Ist Schicksal nur, was sich im Hellen zeigt, Und nicht verweht, wenn wir die Augen öffnen. Ja! Euresgleichen möchte freilich gern Die Grenzen löschen zwischen Tag und Nacht, Und uns in Dämmerschein und Zweifel stellen. Gott sei's gedankt! 's giebt manches, das gewiß ist: Ein Mann wie ich steht stets auf festem Grunde, Hält sicher, was er hat, ist fromm und stark. Glaubt mir, wir fürchten Euresgleichen nicht. Paracelsus . Es wird auch nicht verlangt. – Doch wolltet Ihr, Daß ich des werthen Fräuleins Krankheit heile. Cyprian . Ganz recht. Cäcilia .                     Ich bin gesund . . . auch hab' ich einen Arzt. Cyprian . Laßt von Justinen Euch erzählen, der Vertraut sie mehr als mir. Justina .                                   Sie ist verdrießlich, Fast melancholisch. Cäcilia .                           Nein. Justina .                                   Zuweilen seufzt sie. Auch Thränen sah ich schon in ihren Augen. Paracelsus . Und niemand weiß, warum? Cäcilia .                                                     Ich weine nie. Paracelsus . Mein edles Fräulein – fragen will ich nichts, Die Gründe Eures Kummers nicht erforschen. Ich kann Euch alle Eure Schmerzen nehmen, Auch ohne daß ihr mir die Ursach' nennt. Cäcilia . Nein, nein – Cyprian .                   Ich denke doch, das läßt sich hören. Paracelsus . Oft sind die Fragen eines Arztes lästig, Ich spar' Euch das und mach Euch doch gesund. Cäcilia . Und nehmt mir alles Leid? Paracelsus .                                     Das will ich thun. Cäcilia . Und bin dann völlig frei? Paracelsus .                                     Von aller Qual. Cäcilia . Und bin vergnügt? Paracelsus .                         Und lacht den ganzen Tag Und faßt nicht, daß Ihr je bekümmert war't. Cäcilia . Nein, nein, ich will nicht lachen und vergnügt sein. Cyprian . Da seh' doch Einer diese Närrin an, Ist Lachen doch der beste Segen Gottes! Paracelsus . Gefällt's dem Fräulein nicht, so lassen wir's Etwa bei stiller Heiterkeit bewenden. Cäcilia . Ich will nicht heiter sein. Cyprian .                                       Du willst es nicht? Justina . Was willst Du nur? Cäcilia .                                 Man lasse mich in Frieden. Paracelsus . Es scheint, das Leid, mein Kind, das Euch bedrückt, Ist so durchtränkt von einem jungen Glück, Daß Ihr nicht um die Welt es missen möchtet. Mein Rath ist drum: bewahrt es treu im Herzen. Cäcilia läuft ab. Achter Auftritt. Justina . Cyprian . Paracelsus . Cyprian . Nun, ich muß sagen, Ihr macht's Euch bequem! Es scheint, der Zauberstab ist nicht zur Hand, Und Eure Kunst versagt in meinem Haus. Paracelsus . Ich meinte lieber, daß sie sich erwiesen. Cyprian . Vielleicht auch, daß das Hexen auf dem Markt Wohl einstudirt war mit den Raschgeheilten. Und was nun gar Medardus anbetrifft, Der war für ein paar Groschen Euch zu Diensten. Paracelsus . Mag sein. Cyprian .                     Ihr nennt Euch Arzt?!– Landstreicher seid ihr, Wie Andere auch, dem ab und zu was glückt. Paracelsus . Somit nicht würdig Eurer Gastlichkeit. Lebt wohl. Cyprian .           Oh nein! so leicht entkommt Ihr nicht. Justina . Ihr seht, mein Gatte spaßt – Ihr bleibt willkommen! Cyprian . Gewiß! auf seine Art ist's jeder Gast. Doch hat man solchen sich ins Haus geladen, So zeig' er, was er kann. Die Fiedelleute, Die ich zuweilen hier im Hause habe, Die spielen auf – sonst ließ' ich sie nicht ein. Paracelsus . 's ist wahr. Noch hab' ich diesen Trunk mir nicht verdient. Er tritt plötzlich vor Justina hin. Justina . Was wollt ihr? . . . . Sie will sich erheben und kann nicht. Cyprian .                                 Nun? Justina .                                           Ich will . . . . . Paracelsus .                                                             Ihr könnt nicht aufstehn. Cyprian . Ist's wahr? Paracelsus .             Habt keine Furcht, Justina. Schwer Sind Euch die Augenlider; fallen zu. Ihr wollt sie öffnen, könnt's nicht mehr. Ihr seid So müd – so müd – sehr müd. Der Schlummer kommt, Die Sinne schwinden Euch. Ihr schlummert schon         In beinahe beschwörendem Tone. Ganz tief . . . sehr tief . . . so tief . . . Ihr schlaft, Ihr träumt. Sie schlummert ein. – Große Pause. Cyprian . Vortrefflich. Ja. Nun aber laßt sie träumen. Paracelsus . Das werd' ich thun. Und will mit leisen Worten Ein ganzes Schicksal ihr erstehen lassen. Ich nenn' es so, Ihr nennt es einen Traum – Seid Ihr zufrieden? Cyprian .                       Ich bin höchst gespannt. Wie schade, daß ich nicht die Nachbarn rief, Doch könnt' ich noch . . . . . Paracelsus .                                 Laßt nur, die würden stören. Er beugt sich zu ihr. Cyprian . Was macht Ihr nun, darf ich's nicht hören? Paracelsus .                                                                 Nein. Ich will Euch gänzlich in Erstaunen sehn. Leert diesen Becher – solang' habt Geduld. Cyprian . Doch länger nicht! Er trinkt. Paracelsus flüstert Justina etwas ins Ohr, die Stellung der Beiden so, daß man weder sein, noch ihr Gesicht sieht. Paracelsus während Cyprian noch trinkt .                                         Ich bin zu Ende. Cyprian stellt den Becher hin .                           Nun? Paracelsus . Wacht auf! Justina, wach! Cyprian .                                               Justina! Paracelsus stark .                                               Wach! Justina sieht beide starr an, zuletzt Cyprian, schreit auf und läuft davon, in ihre Kammer, die sie von innen zuriegelt. Cyprian ist zuerst sprachlos . Justina! zu Paracelsus. Was soll dies bedeuten, sprecht! Was thatet Ihr? . . . . zur Thür Justina! zu Paracelsus Flieht sie mich? Was war's, daß Ihr ihr zugeflüstert habt? Paracelsus . Beruhigt Euch, das Alles ist ein Spiel! Auch liebt sie Euch so sehr als je. Cyprian .                                               Warum Entfloh sie? Und mit solchem Blick! – Justina! Paracelsus . Verweilt! Sie liebt Euch, doch die Reue quält – Cyprian . Die Reue? Paracelsus .             Ja. Cyprian .                     Erklärt Euch, wenn's beliebt. Paracelsus nach kurzer Pause . Ein hübscher Bursch, der eben Euch verließ – Cyprian . Ein hübscher . . . wer? Paracelsus .                               Anselmus hieß er wohl. Cyprian . Was ist's mit dem? Paracelsus .                           Was oft mit Junkern ist. Cyprian . Sie träumt vielleicht, daß sie den Junker liebt –? Ein schlechter Scherz, fürwahr! Paracelsus .                                       Was fällt Euch ein. – Cyprian . Nun also? Warum flieht sie? Sagt es endlich! Paracelsus . Nun, weil sie träumt – indeß – was kümmert's Euch! Cyprian . Sagt's mir; ich will es wissen. Paracelsus .                                             Nun, sie träumt, Daß sie in Anselm's Armen einmal ruhte. Cyprian . Daß sie – Paracelsus .             – dem Junker angehörte, ganz wie Euch. Cyprian . Ihr habt ihr diesen Wahn gegeben! Paracelsus .                                                     Ja. Cyprian . Der Scherz ist – macht ihn ungeschehn – zur Thür                                                                         Justina! sehr unruhig. Paracelsus . Ein Traum, mein Bester – was bedeutet's weiter – Ihr wißt es besser – und Ihr seid das Leben. Cyprian . Ihr hättet andre Proben wählen können Von Eurer Kunst. Seht, wie Ihr sie gemartert. Befreit sie schleunigst von dem bösen Traum. Paracelsus . Warum denn böse? Er ist süß vielleicht! Cyprian . Ihr seid ein Unverschämter! Hör', Justina! An der Thür. Sie hat die Kammerthür versperrt. Paracelsus .                                             Lebt wohl! Cyprian . Ihr seid wohl nicht bei Sinnen. Hier geblieben, Verdammter Gaukler, und den Spaß beendet! Es ist genug. Paracelsus heftig . Nein, es ist nicht genug! Behaltet nur Justina, wie sie ist, Unschuldig und doch schuldig, da sie's glaubt; Keusch – und doch unkeusch, da sie in den Sinnen Von wilden Gluten die Erinn'rung trägt. So laß' ich Euer treues Weib Euch da. Cyprian . Ihr seid verrückt und sollt mir wahrlich büßen, Daß Ihr mit mir, dem Meister Cyprian, Solch' frechen Scherz zu treiben wagt. Paracelsus .                                                 Ein Scherz –!? Von neuem immer, seh' ich solche Frauen, Geschaffen, hoher Menschen Glück zu sein, An einen Gauch, wie Ihr seid, weggeworfen, Erbittert mich's auf's Neu! Und nun gar die, Die einst von Paracelsus ward geliebt, Und die man – wohlberathen – Euch gegeben, Als wär' ein Mädchenlos damit erfüllt – Cyprian . Ja, mir; nicht einem Habenichts wie Euch! Dergleichen Mädchen sind für unsereinen! Paracelsus . Ich weiß, sie sind für Euch, doch weiß ich auch, Ein Tag mit mir erfüllte tiefre Sehnsucht, Als fünfzig Jahr' mit einem Mann wie Ihr. Cyprian . Was prahlt Ihr so? – So glücklich, als ein Weib Nur sein kann, ist sie nun seit dreizehn Jahren An meiner Seite. Paracelsus .                 Seid Ihr deß gewiß? Weil's Euresgleichen angebor'ne Gabe, Des Nichts Geschöpfe, die sich Euch genaht, In Euren Kreis dumpf kläglichen Behagens Herabzuziehn – glaubt Ihr, hier sei ihr Heim? Zu Gast ist sie bei Euch – so gut wie ich. Verschwendet seh' ich zuviel Lieblichkeit An eine satte Frechheit, die sich brüstet. Das ist ein Unrecht wider die Natur – Und ich versuch's zu bessern, wie es geht. Cyprian wüthend . Wenn Ihr das wirklich glaubt, verruchter Mensch, Warum nicht zwingt ihr sie, mit Euch zu gehn, Da Ihr sie jetzt in Eure Macht gebannt –? Paracelsus . Ich bin kein Räuber! Ihr versteht mich schlecht. Euch nehmen wollt' ich sie, doch keinem geben. Rein soll sie bleiben – nur für Euch beschmutzt. Somit . . . . lebt wohl. Cyprian .                             Ihr werdet unverzüglich Dem Spuk ein Ende machen. Paracelsus .                                   Nein . . . lebt wohl. Cyprian . Ihr bleibt. Paracelsus .             Wer kann es mir gebieten? Cyprian .                                                             Ich. Gefangen nehmen lass' ich Euch, des Hexens Klag' ich Euch an. Paracelsus .                   So thut's. Ich habe Zeit. Cyprian . Man wird Euch in den tiefsten Kerker werfen. Paracelsus . Ich werde schweigen, und der Traum Justinens Wird ewig währen. Cyprian .                         Foltern wird man Euch. Man wird Euch tödten! Paracelsus .                         Und die letzte Hoffnung, Daß jener Traum je enden kann, mit mir; – Denn Keiner lebt, der sie davon befreit. Cyprian . Wahnsinniger! – Justina, komm . . . Justina, Hörst Du mich nicht? Justina von drinnen .           O Gnade! Cyprian .                                             Riegle auf! Justina! Er zieht das Schwert, zertrümmert die Thür, zerrt Justina heraus, die ihr Antlitz verbirgt. Justina sinkt auf die Knie .               Gnade! Cyprian .                   Fürchte nichts, mein Weib! Justina . Ich weiß ja, Du bist gut! Cyprian .                                       Unschuldig bist Du. Justina . Oh, höhne nicht! Cyprian .                           Du träumst. Unschuldig bist Du! Justina . Oh, wär' es wahr! Nun schaudr' ich selbst vor mir. In seinen Armen seh' ich mich und fühle Die Küsse glüh'n auf Hals und Lipp' und Wange – Cyprian . Es ist nicht wahr! Der Zaub'rer – Justina .                                                       Ja, ihm dankst Du, Daß Du die Wahrheit weißt. Cyprian .                                       Es ist nicht wahr! Noch einmal wend' ich mich an Euch – ich weiß – Beleidigt hab' ich Euch, verdammter Lump, Und thu' es noch – ich glaub' an Eure Macht, Ihr seht, ich muß dran glauben – aber nun Laßt es genug sein! Endet diese Qual. Ich lass' Euch ledig zieh'n – noch mehr – ich rühme Allorten Eure ganz besond're Kunst, Nur fügt es endlich, daß mein Weib erwacht! Justina . Ich bin ja wach. Wie sonderbar Du sprichst – Um Himmelswillen! Wenn Dir meine Schuld Die Sinne trübte – Paracelsus, helft! Cyprian . Nun flehst Du ihn an, daß er mich – Justina .                                                           Verzeihe! O Cyprian, verzeih! 's ist ja vorbei. Ich will Dir nun die beste Gattin sein – Ein Augenblick der Schwäche ist's gewesen, Er wird nicht wiederkommen, sei gewiß. Doch damals schien der Mond so seltsam hell. – Der Duft von unsern Fliederbüschen wehte, Und ich war ganz allein im Gartenhaus. Paracelsus . . . . Nur weiter – Cyprian .                                   Schweig! Justina .                                                     Laß' Alles Dir erzählen! So wird es gut. Cyprian .                 Ich will's nicht hören! Paracelsus .                                                 Laßt sie! Wer weiß, was Ihr erfahrt! Cyprian ist sehr betreten. Justina .                                     Ich war allein Im Gartenhaus – und Du gingst in die Schenke. Paracelsus . Habt ihr das nie gethan? Cyprian .                                           Wer that das nie? Justina . Und da kam er – und nahm mich bei der Hand Und küßte mich – und sprach so heiße Worte – Und dann – und dann – oh Cyprian, verzeih! Cyprian . Es giebt nichts zu verzeihn! Du träumst! Paracelsus mit Bedeutung .                                     Wer weiß? Cyprian . Ihr wißt's – wie ich! Paracelsus .                             Ist sie nicht eine Frau? Anselm kein Mann –? Und giebt's kein Gartenhaus? Cyprian tief erschrocken . Ihr – sagt – Paracelsus .       Und wenn es doch die Wahrheit wäre, Die ich nur aufgerüttelt ihr im Herzen? Cyprian . Ihr gabt ihr doch den Wahn – und zweifelt selbst! Paracelsus . Ich bin ein Zaub'rer nur – sie ist ein Weib! Cyprian . Ihr macht mich toll – Paracelsus .                               Wer giebt uns jemals an, Ob dies, wovon sie träumt, nicht auch erlebt ward? Cyprian . Ihr glaubt – Justina – Er eilt zu ihr. Paracelsus für sich .                 Schlägt mir über'm Haupt Des eig'nen Zaubers Schwall mit Hohn zusammen? Und wirren sich die Grenzen selbst für mich –? Neunter Auftritt. Cyprian . Justina . Paracelsus . Anselm kommt. Justina schreit auf. Anselm erschrickt, sieht alle an; Cyprian und Paracelsus beobachten ihn; Pause – er will auf Justina zu. Cyprian vor Anselm hintretend . Sie hat gestanden – Anselm .                   – Was? Paracelsus .                         Wie er erschrickt. Justina . Mir aus den Augen! Anselm .                                 Was hab' ich verschuldet? Cyprian . Gestanden hat sie. Hütet Euch zu leugnen. Anselm . Justina! Justina .               Geht! ich will Euch nicht mehr sehn, Den Frieden meiner Seele nahmt Ihr mir, Habt uns'res Herdes Glück zerstört für immer, Für kurze Seligkeit zu viel vernichtet! Wie brennt vor Scham die Seele mir, daß ich Das Opfer Eurer kecken Jugend ward Und meiner unbewachten Sinne. Weh mir, Daß jemals ich das Gartenhaus betreten! Anselm erschrickt . Um Gotteswillen, schweigt, Ihr redet irr! Cyprian zieht das Schwert . Gesteht! Justina .         Gesteht! Paracelsus .                 Gesteht! Anselm .                                     Nichts hab' ich zu gestehn. Cyprian . Hat Euer feiges Herz nicht mehr an Kühnheit, Als hinreicht, einem Weibe sich zu nahn? Anselm . Justina! . . . Diese Rache war nicht schön! Cyprian . Wie?! Rache nennt Ihr, daß sie reuig ist? Elender! Anselm mit edler Haltung .               Eurem Schwerte stell' ich mich Zu jeder Frist, doch laßt vorerst mich sagen, Daß meine Schuld gering. Nicht mehr verbrach ich, Als daß ich Eure schöne Gattin liebte, Und daß ich's wagte, ihr davon zu reden. Cyprian . Und weiter – weiter! Anselm .                                     Dies ist alles! Justina .                                                             Nein. Er will mich schonen . . . Oh begreift doch endlich, Daß alles dies vergeblich, da ich selbst In tiefster Reue dem Gemahl gestand. Anselm plötzlich zu Paracelsus . Verdammter Hexenmeister, das seid Ihr! Cyprian . Laßt mir den Mann in Ruh! Ihm dank ich viel, Er brachte Wahrheit in dies Haus der Lügen, Er ist mein Freund, ihm bitt' ich alles ab. Paracelsus . Gemach! Wie ein Gewirr von Edelsteinen, Die einen falsch, die andern echt, so liegt Der letzten Stunde Fülle ausgebreitet. Was zu verwerfen ist, und was Gewinn, Ich weiß es jetzt so wenig – als ihr selbst. Und wahrlich! mehr für mich, als Euch zuliebe, Will ich die Wirrnis lösen, die ich schuf. Justina! schlummert ein! Anselm .                                 Wo bin ich denn? Paracelsus stark . Schlaft ein! Cyprian .                                 Was wollt Ihr? Paracelsus .                                                     Tief schlaft ein, Justina, Sehr tief . . . ganz tief . . . schlaft ein . . . . so ist es gut!         Justina ist regungslos auf den Sessel gesunken. Justina, hört Ihr mich? Justina schlafend .               Ich höre Euch. Paracelsus . So merkt wohl auf! Vergessen habt Ihr alles Von jenem Augenblick, da ich zuerst In Schlaf Euch senkte, bis zum nächsten, da ich Euch wach sein heiße – diese letzte Stunde Jag' ich aus Eurem Sinn – als nie erlebt! Und nun – Cyprian .           Was nun? Was nützt uns alles dies, Wenn sie erwacht, und diese Stunde schwindet Aus dem Gedächtniß ihr? Was weiß ich dann? Wenn sie im Traum vielleicht die Wahrheit sprach! Paracelsus . Da schaff' ich Rath. – Merkt auf, Justina: Eins Gebiet' ich Euch: Seid wahr , wenn Ihr erwacht, Wahr, wie Ihr nie gewesen – seid so wahr, Nein! wahrer als Ihr pflegt gen Euch zu sein, So daß wie klare Flut im Sonnenglanz Die Seele daliegt, bis zum Grunde leuchtend – Bis Euch der Abend dieses reichen Tages Von diesem letzten Zauberspruch erlöst. Cyprian . Warum bis Abend nur? Paracelsus .                                   Es ist genug. Ihr werdet froh sein, daß die Sonne sinkt, – Und wenn sie aller Frauen beste wäre. Anselm . Wie sich dies Räthsel löst, harr' ich vergebens. Paracelsus . Wacht auf, Justina . . . und seid wahr . . . wacht auf! Justina öffnet die Augen und spricht gleich, als wäre nichts geschehen . Nun sagt – wie lang' noch starrt Ihr mich so an! Vergeblich! – Euer Zauber will nicht wirken. Ja! hätte Euer Blick noch so viel Kraft, Wie zu der Zeit, da Hohenheim Ihr hießt – Ich mein' – für mich – – doch damit ist's vorbei. Oh – Junker Anselm? – Wie kamt Ihr herein? Ich hört' Euch gar nicht! Sagt Ihr uns Lebwohl? Anselm . Ihr wißt . . . Justina . . . Justina .                                       Gut ist's, daß Ihr scheidet, Und frei wird mir erst sein, wenn Ihr daheim Auf Eures Vaters Schloß. Anselm .                                   Ihr . . . meint –? Justina .                                                             's ist Zeit! Wär't Ihr nur eine Nacht noch hier geblieben, So wären minder schuldlos wir geschieden. Noch fühl' ich meiner Jugend letzte Schauer, Der Frühling schmeichelt und die Schönheit lockt. Drum ist es gut, Ihr geht, so schnell Ihr könnt, Denn ach, was wär' von alledem das Ende? Ein bißchen Glück und sehr viel Angst und Reu. All dies ist mir erspart. Als treues Weib zu Cyprian. Kann ich Dir ferner in die Augen schauen, Wenn Du mich hütest, kannst Du mir vertrauen. Cyprian . Bei Gott! das will ich thun! Justina .                                               Ein friedlich Glück, Ist's auch nicht allzu glühend, bleibt das beste. Zehnter Auftritt. Cyprian . Justina . Paracelsus . Anselm . Cäcilia tritt ein. Anselm sehr froh, wie Cäcilia kommt . Mein edles Fräulein, daß ich Euch noch sehe, Ist mir höchst angenehm; ich nehme Abschied Ich nehm' auf immer Abschied heut von Basel. Cäcilia lächelnd . So ist es ernst. Justina .                   Du lächelst – so ist's recht. Ein Kindertraum vergeht. Du siehst's an mir. Cäcilia . Was spricht sie da – Justina .                                   Mein liebes Kind, Du wirst Den hübschen Junker bald vergessen haben. Anselm . Cäcilia . . . Ja . . . wie ist mir? Paracelsus .                                           Lauscht ihr gut! Cäcilia . Justina . . . . Bruder! Hilfeflehend. Cyprian .                                 Schweig! sie ist erleuchtet! Justina . Seht auf Paracelsus. diesen hab' ich wirklich lieb gehabt, Ach, lange noch . . . . Oh, Cyprian, wie lang! Als Ihr von dannen gingt, vor dreizehn Jahren, Ohn' Abschied und ein Wort von Wiederkommen, Ich meint', ich müßte sterben. Wärt Ihr damals In jener Nacht, da Ihr die Stadt verließt, Nochmals zurückgekehrt – ach Alles hätt' ich, Was Ihr verlangt, Euch freudig hingegeben, Ob ich auch wußte, daß der nächste Morgen Für ewig mir Euch nahm – so liebt' ich Euch! Wer weiß, wie viele Fenster in der Stadt Allnächtlich offenstehn für Einen, der – nicht kommt! Cyprian . Was hör' ich noch! – O sänke bald die Sonne! Cäcilia . Justina! Justina .             Theophrastus, denkt Ihr's noch? – Doch seht, wie Alles sich zum Guten fügt; Heut dank' ich Gott, daß Ihr die Stadt verließt In jener Nacht, und Euch die Kühnheit fehlte. Was wär' ich heute! – Während Euch die Welt, Die unbegrenzte, und mit Ruhm, gehört, Wär' ich zu Haus in Schand und Spott verdorben. Ja, Cyprian! so leicht verlorst Du mich! Doch hast Du's nicht geahnt – wie's Deine Art. Du dachtest, war ich Dir erst angetraut, So war Dir meine Zärtlichkeit gewiß. Und doch! in mancher Nacht, hätt'st Du gefühlt, Wie fern ich Dir war – wahrlich! minder stolz Wärst Du der Frau gewesen, Dir im Arm! Doch stark ist Gegenwärt'ges und besiegt Mit leichter Müh' den größten Feind, der fern. – Und so gewannst Du mich, mein Cyprian, Und ich bin Dein – und will es gerne bleiben. Cyprian . Jetzt aber ist der Ferne wieder da . . . . Justina . Ja . . . er ist da – doch ist's nicht er . . . Fast scheint Von ihm mich mehr und Tieferes zu scheiden, Als mich von irgend einem Andern trennt, Wie Einer, der bedeutet . . . . doch nicht ist, Steht er vor mir – ein Schatten meiner Jugend. Und also, Schwester, sei gewiß, wird's Dir Mit unserm Junker Anselm auch ergehn. Du wirst der Thorheit lächeln, die Dir heut Des Lebens Inhalt scheint – Anselm ergriffen .                         Nicht Thorheit, nein – Der Thor war ich . . . . doch wag' ich sonst kein Wort – Höchst wunderlich erscheint mir diese Stunde, Von tiefer Wahrheit leuchtet sie und sprüht. Wer das gewirkt – ich ahn' es! Wie er's that – Vermag ich nicht zu fassen – doch ich weiß, Daß auch in mir sich ein Verstehen regt, Und daß ich schwer gefehlt, mein keckes Aug' Zu einer edlen Frau emporzuheben. Verzeiht es meinem jungen Stolz in Gnaden, Mein edler Meister – und reicht mir die Hand. Verwirrung war in mir, sie löst sich mählig – Und viel begreif' ich, und die Nebel schwinden. Er betrachtet Cäcilia. Elfter Auftritt. Vorige . Copus . Copus noch an der Thür . Ich grüß' Euch alle. Weiß man schon das Neuste In diesem edlen Kreis? Cyprian .                               Erlaubt vorerst – vorstellend. Herr Doktor Copus, unser Stadtarzt hier – Copus sich verbeugend . Herr Theophrastus Hohenheim – Paracelsus .                                         Ich bin's. Copus . So darf ich Euch die Kunde selber bringen, Die ich dem edlen Kreise melden wollte. Ich komme eben aus dem Rath der Stadt. Ein Antrag ward gestellt und angenommen, Für Euch, mein Herr, von höchster Wichtigkeit. Paracelsus . Man weist mich aus? Copus .                                           O wär' es das! Entschuldigt. Paracelsus . Verhaftsbefehl ist gegen mich erlassen? Copus . Was fällt Euch ein? Paracelsus lächelnd .           Es droht der Scheiterhaufen? Copus . Wie übel kennt Ihr dieses gute Basel! So hört: Es will der Rath, um Euch zu ehren, Neu eine Würde schaffen, und er wählt Zum zweiten Stadtarzt Euch. Ich bin der erste. Ihr staunt? Paracelsus .       Ich sage Dank dem edlen Rath. Copus . Das heißt – Ihr nehmt die Stelle an? Paracelsus .                                                   Ich kann nicht. Copus . O glaubt das nicht. Ihr könnt! Da ich der erste, So habt Ihr gute Stütz' an mir, mein Freund. Ich will Euch gern in manchem unterweisen. In schweren Fällen könnt Ihr Raths erholen, Bescheid'ne Schüler sieht der Meister gern. Paracelsus . Vergebt, doch taug' ich kaum zu solchem Amt. Ihr wär't doch nicht zufrieden, fürcht' ich sehr. Mein Bleiben ist nicht hier, ich ziehe fort, Heut abends schon verlass' ich diese Stadt. Copus . Ist's wahr? Cyprian .               Ihr geht? Paracelsus .                         Ich sag' Euch Lebet wohl. Cyprian . Bevor Ihr geht, erklärt Euch, denn verwirrt Laßt Ihr uns alle hier zurück. War's Ernst, War's Spiel? Justina .               Wie fragst Du sonderbar? Copus .                                                           Was meint er? Paracelsus . Es war ein Spiel! Was sollt' es anders sein? Was ist nicht Spiel, das wir auf Erden treiben, Und schien es noch so groß und tief zu sein! Mit wilden Söldnerschaaren spielt der Eine, Ein And'rer spielt mit tollen Abergläubischen. Vielleicht mit Sonnen, Sternen irgend wer, – Mit Menschenseelen spiele ich. Ein Sinn Wird nur von dem gefunden, der ihn sucht. Es stießen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von Andern, nichts von uns. Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug. Ab. Justina wie erwachend . Was ist denn hier geschehn? – Mich dünkt, ich sagte So viel von mir, als ich – nie sagen wollte. Copus . Ich fasse nichts von Allem, was ich höre – Was trug sich zu? Was that der Gaukler hier? Cyprian . Ich weiß nicht, ob er Gutes wirken wollte, Doch war es gut, drum wollen wir ihn loben. Ein Sturmwind kam, der hat auf Augenblicke Die Thore unsrer Seelen aufgerissen, Wir haben einen Blick hineingethan . . . . Es ist vorbei, die Thore fallen zu. – Doch was ich heut gesehn, für alle Zeit Soll's mich vor allzu großem Stolze hüten. Es war ein Spiel, doch fand ich seinen Sinn; Und weiß, daß ich auf rechtem Wege bin. Der Vorhang fällt.