Wilhelm Heinrich Riehl Musiker-Geschichten Inhalt Der Stadtpfeifer Ovid bei Hofe Amphion Demophoon von Vogel Das Quartett Gradus ad Parnassum Nachwort Der Stadtpfeifer Erstes Kapitel Das war eine angstvolle Hochzeit! – Als der Weilburger Stadtpfeifer Kullmann mit seiner Braut vor den Altar trat, dröhnten dumpfe Kanonenschläge aus der Ferne herüber. Die Gemeinde war ohnehin diesmal klein beisammen, und wie nun gar die unheimlichen Töne den Leuten durch Mark und Bein schüttelten, schlich einer nach dem anderen sacht davon, und da der Pfarrer aus der Sakristei schritt, stand nur noch das Brautpaar mit den nächsten Angehörigen, dem Küster und einigen Hochzeitgästen in dem Chor der Dorfkirche. Der Siebenjährige Krieg hatte seine Verwüstung auch in die westlichen Gaue Deutschlands getragen; die Franzosen unter dem Herzoge von Broglie hielten das Lahntal und den Westerwald besetzt und suchten durch Niederhessen nach Hannover vorzudringen. Sie setzten eben dem Bergschloß Dillenburg heftig zu, und die wechselweise Herausforderung und Antwort der Geschütze war es, was in den Wölbungen der Kirche des benachbarten Ebersbach dem Hochzeitszug so schaurig in die Ohren klang. Den Stadtpfeifer überlief es kalt; er zitterte nicht, er war auch nicht mutlos, aber er hörte auch nicht die Worte des Pfarrers. So schneidend war es ihm noch nicht in die Seele eingegangen, welch große Verantwortung er auf sich nehme durch die Verheiratung in so ungewissen Tagen, als jetzt, wo die Kanonen ihm zum Altare läuteten. Die Braut an seiner Seite hatte nicht geweint; die roten Wangen des Bauernmädchens waren blaß geworden, aber sie stand fest und heftete den Blick voll Zuversicht unverwandt auf den Geistlichen. »Ihr werdet's vielleicht Kindern und Enkeln noch erzählen,« sprach der Pfarrer, »daß der 14. Juli 1760, ein Tag der Angst, euer Hochzeittag war. Da, werdet ihr sagen, war kein lustiger Tanz, kein fröhliches Schmausen, die Franzosen spielten zur Hochzeit auf im tiefsten Baß, und den Spielleuten selber brachte es wohl gar den Tod. Aber Heil euch, wenn ihr dann hinzufüget: In Sorgen begannen wir den Ehestand, darum ist es nachgehends so hell und fröhlich geworden in unserem Hause. Zuerst erkannten wir die schweren Pflichten des eigenen Herdes, dann schmeckten wir dessen stille Süßigkeit. Stehet fest! Kummer und Trübsal sind groß, aber ein treues Weib macht uns eitel Freude daraus.« Der Stadtpfeifer hatte aufgehorcht bei diesen Worten. Er war ernst von Aussehen und doch eine leicht gefugte Seele, bei der es gar flink von einer Tonart in die andere überging. Wer von der Musik leben muß, der wird das rasche Modulieren gewohnt. So verließ ihn auch bei dieser Ansprache plötzlich das qualvolle Zagen. Er blickte auf seine Christine, wie sie so mutig dastand, und eine helle Freude durchleuchtete sein Gemüt; und weil just die Kanonen doppelt stark brummten, war es ihm, als sei er ein Fürst, und als donnerten da draußen die Jubelsalven, weil der Priester Christinens Hand in die seine legte. Als der Hochzeitzug die Kirche verließ, schwirrte und summte schon das ganze Dorf wie ein gestörter Bienenstand. Ganz Ebersbach war vor Schreck toll geworden. Es waren Fronhäuser Fuhrleute gekommen, die erzählten, heute noch müsse das Dillenburger Schloß fallen; morgen stünden die Franzosen in Ebersbach; denn auch General Chabot rücke jetzt von Siegen und Graf Guerchy von Hachenburg gegen die Dill herab, – da werde es Einquartierung geben, Erpressung, Plünderung, – wenn man so einem verfluchten Franzosen nicht die Perücke mit Goldstaub pudere, die Stiefel mit Mandelöl schmiere und das Gewissen mit Kronentalern, dann schlage er das ganze Haus zusammen. Auf diese Botschaft hin gingen die wenigen Hochzeitgäste durch, ohne Abschied, als wären sie nicht bloß Nassau-Oranier, sondern wirkliche ganze Holländer gewesen. Und wenn sie sich nun auch gewaltsam zum Schmause niedergelassen hätten! Die Stühle würden mit ihnen davongelaufen sein, so wirbelte die Angst in den armen Teufeln. Im Hause der Braut, einem stattlichen Bauernhause, stand ein langer Tisch gedeckt, der des Morgens, als die Gäste warmes Bier – die Brautsuppe – vor dem Kirchgange genossen hatten, noch dicht besetzt gewesen war. Jetzt fand sich niemand an der Tafel ein als das Paar und der Vater der Braut, und wer sonst zur Verwandtschaft gehörte. Selbst der Pfarrer blieb zu Hause, und der Küster kam nur, um sich seinen Braten und Kuchen und sein Geldgeschenk heimzutragen, bevor sich die Franzosen an den gedeckten Tisch setzten. Der alte Hans Schneider, der Vater der Braut, ließ sich nicht merken, wieviel Unheimliches ihm eine solche Hochzeit vorbedeute. Er war der Mann, der allezeit das rechte Wort zu reden wußte. »Herr Sohn,« sagte er, »wir sind selbfünfe. So mager ist noch kein Hochzeittisch in unserer ganzen Freundschaft besetzt gewesen. Aber lasse Er sich das ungegessene Traktament nicht allzu schwer im Magen liegen. Es ist besser, man geht im Regen aus und läuft in die Sonne hinein, als umgekehrt. Der Einstand in die Ehe soll euch beiden eine göttliche Prüfung sein. Auf Christine vertraue ich, und auf Ihn auch, Heinrich. Er ist wohlbestellter Stadtpfeifer zu Weilburg und bläst den Bürgern morgens, abends und zu Mittag ein geistlich Lied, daß sie wissen, was an der Zeit ist, und an unseren Herrgott gedenken mögen; Er ist mein lieber Sohn, ich vertraue Ihm, aber, nichts für ungut – ich denk' und rede eben wie der alte Hans Schneider von Ebersbach –, Er ist doch immer ein Musikant. Wäre die Christine nicht so stark in der Wirtschaft, dann ging's wohl kurios mit eurem Hauswesen. Seine Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde war mir anfangs ein Kummer, doch ich habe gesehen, daß Er ein stiller, braver Mann ist, und habe am Ende nicht ungern ja gesagt; aber – halt Er sich tapfer, Herr Sohn! Es sind Kriegszeiten! Ich drück' Ihm die Hand als Sein Vater. Bleib Er ein Stadtpfeifer und werde Er – wie soll ich's nennen? – keiner von denen, die obenhinaus wollen, kein Geiger, kein Notenfresser, oder wie man die vornehmen musikalischen Lumpen sonst heißt. Wer morgens, mittags und abends der Stadt den Choral bläst, der ist doch gleichsam ein Stück von einem Pfarrer, und wenn Ihr zum Tanze aufspielt, so ist das wenigstens eine Musik, davon man weiß, zu was sie nütze ist.« Christine schob sich, etwas besorgt, zwischen die beiden und sprach: »Vater, wir wollen schon tüchtig zusammenhalten.« »Weg mit dir!« rief der Alte, der nun erst recht aufgeräumt wurde. »Hier braucht's keine Mittelperson. Mein Schwiegersohn weiß schon, wie's gemeint ist, wenn ich ihm sage, er solle auf der Stadtpfeiferei leben und sterben, so gleichsam als ein Bauer unter den Musikanten und unter dem ganzen Bürgersvolk. Der Stadtpfeifer soll leben! hoch – auf seinem Turm und die Frau Stadtpfeiferin mit ihm!« Als der Alte die Gesundheit ausbrachte, hatte sich ein vierschrötiger Mann im blauen Kittel an die Türe postiert und schaute sich verwundert das Quintett unserer Hochzeitgesellschaft an. Es war der von den Brautleuten längst erwartete Fuhrmann Philipp Ketter von Weilburg; sein Wagen war bereits unten im Hofe eingestellt, groß genug, um das Ehepaar samt Christinens Aussteuer aufzunehmen. Ein herzhafter Trunk Wein löste des Fuhrmanns Zunge, und er berichtete, daß man die Holzwege nach der Lahn hinüber wohl passieren könne, die Hauptstraße dagegen sei vom Kriegsvolk besetzt. Das war den jungen Eheleuten ein Trost, denn sie gedachten morgen schon nach Weilburg zu fahren. Aus dieser Stadt lautete die Botschaft freilich betrübter. Französische Husaren, ein übermütig Volk, waren seit zwei Tagen aus dem Niederlahngau eingerückt. »Sieben Generale«, sprach Philipp – und es war schon nicht erst zum siebentenmal, daß er sein Glas füllte – »kommen zur Einquartierung; denn die Franzosen, spricht der Perückenmacher, wollen Weilburg als einen Platz ansehen und gegen den Herzog von Braunschweig verteidigen; der Hofbäcker dagegen meint, so ein Esel wäre selbst der Franzos nicht, daß er eine Stadt halten wolle, deren Besatzung man von den gegenüberstehenden Felsen mit Steinen totwerfen könne.« Die Zuhörer sahen sich bedenklich an; aber die Brautleute faßten sich bei der Hand und sprachen: »Wir gehen doch!« Dem Stadtpfeifer zwar wurde es insgeheim etwas schwül. »O weh!« rief er endlich und fuhr sich wild durch die schön gepuderten Haare, »jetzt sind mir alle Kirmessen im Juli verhagelt durch das Kriegsvolk!« »Das hat keine Not,« beruhigte Philipp, sich selbst mit dem zwölften Glase beruhigend, »die Franzosen tanzen mit; sie sind artige Leute und gar nicht so schwarz, wie sie der Hofbäcker brennt, wenn er im Ritter beim siebenten Schoppen angekommen ist. Seht, vorgestern sind die Franzosen eingerückt. Am selben Tage hadert einer ihrer Husaren mit der alten Nickelin und massakriert sie; – am Abend wird dem Mörder der Prozeß gemacht, und gestern morgen ist er auf der Heide am Windhof füsiliert worden. Was sagt Ihr dazu, Stadtpfeifer? Ich sage, die Franzosen sind prompte Leute.« »Ei, geht zum Teufel, Philipp! Prompter wär' es doch gewesen, wenn der Husar die Nickelin gar nicht massakriert hätte« – und schlich sich hinaus, damit die anderen seine Verwirrung nicht merkten. Prinz Camille hatte schwerlich geahnt, in welche Verlegenheit er den Weilburger Stadtpfeifer dadurch brächte, daß er seine Truppen lahnaufwärts ziehen ließ. Ja, der Stadtpfeifer war sehr leichtsinnig gewesen! In seiner Tasche trug er zwei große Geldstücke, das waren zwei Krontaler – im Augenblicke sein ganzes bares Vermögen. Mit dem einen Krontaler sollte der Überzug nach Weilburg bestritten werden; der andere bildete den ganzen Kapitalfonds, womit er die neue Haushaltung begründen wollte. Er gedachte aber gleich in den ersten Tagen auf den Kirmessen ein schönes Stück Geld zu verdienen, und dann wäre es schon weitergegangen. Jetzt drohten die Franzosen die Rechnung zu verderben. Der Krieg war auch in Weilburg. Wer wird tanzen wollen, wo die französischen Husaren gleich mit Mord und Standrecht ihren Einzug halten? Es ward dem Stadtpfeifer himmelangst, da ihm die nächsten Wochen heiß vor die Seele traten. Und wie stand es gar in den nächsten Monaten, wenn das Ding so fortgehen sollte? Als Heinrich Kullmann, von solchen Gedanken gequält, vor die Haustüre trat, kam ein altes Weib auf ihn zu. »Das ist ein Hochzeithaus,« sprach sie, »und Ihr tragt den Rosenstrauß im Knopfloch und seid der Bräutigam. Euer Ehrentag ist mein Unglückstag!« »Was ist Euch begegnet, Mayerin?« fragte der Stadtpfeifer, der das Weib wohl kannte, das in einem kleinen, einsamen Häuschen an der Dillenburger Straße wohnte. »Ich bin eine Bettelfrau geworden über Nacht«, antwortete sie schluchzend. »Die Franzosen haben mir alles genommen, die Kühe weggetrieben, das Haus niedergebrannt, ja selbst die Apfelbäume, die doch unser Herrgott so schön wachsen ließ, haben sie zusammengehauen. Des Teufels Barbiere sind diese Heiden, denn ein Elsässer, der mir die köstlichsten Würste gestohlen, sagte mir in seinem Hundedeutsch, die ganze Straße müsse rasiert werden wegen der Festung, ich solle mich trösten, das sei Kriegskunst; und dabei biß er in eine Wurst, daß mir vom bloßen Zusehen das Wasser in die Zähne und in die Augen trat.« Dies aber erzählte die Frau unter so kläglichem Gewimmer, daß der Stadtpfeifer am Schluß in die Tasche griff und gab ihr den einen Krontaler – der war bestimmt gewesen, die Haushaltung anzufangen –; dann wandte er sich rasch um und ging wieder hinauf zum Hochzeittische und ward nun so lustig, als habe er tausend Krontaler gewonnen. Am anderen Tage gab es kurzen Abschied zwischen Eltern und Kindern, wie das Bauernart ist. Aber ernst und tiefempfunden war das Lebewohl dennoch; denn jedes gedachte der ungewissen Zukunft und der Not des Augenblicks. Allein sie war hüben so groß wie drüben, und der Stadtpfeifer mußte zurück auf seinen Turm. Philipp Ketter hatte schon dreimal zum Aufbruch gemahnt, schon dreimal den Valettrunk getan, da bestieg das junge Ehepaar endlich seinen Leiterwagen. Es war kein lustiger Reisetag. Ein durchdringender Sommerregen rauschte in Strömen herab. Selbst der dichtbelaubte Buchenwald konnte keinen rechten Schutz mehr geben; die Pfade waren schlüpfrig, und die zahlreichen Bergwasser wuchsen zusehends, jede Rinne füllte sich zu einem neuen Bach. Darum war es kein Wunder, daß Philipp Pferd und Wagen auf den holprigen Holzwegen kaum vorwärts bringen mochte. Er hatte sich aber auch wider den Regen so tief in eine wollene Decke gewickelt, daß der Schimmel so ziemlich seinen eigenen Gedanken nachgehen konnte; und nur wenn der Wagen wider einen Stein oder eine Wurzel stieß, als ob alle Räder blechen müßten, rief der Fuhrmann dem Pferde hintendrein eine Vermahnung zu, den Kopf ließ er aber doch in der Decke. Über den hinteren Teil des Wagens war ein Linnentuch gespannt, darunter saßen die jungen Eheleute. Es war gar nicht unbehaglich, sich in der Ecke unter der Leinwand aufs Stroh zu kauern und der Musik des ringsum durch die Blätter niederrauschenden Regens zu lauschen, während selten ein Tröpfchen durch das Tuch hereindrang. Da pflogen die Leutchen nun das traulichste Gespräch, woben goldene Träume, wie's für eine Hochzeitreise sich schickt, und wenn sie auch in Philipp Kettners Leiterwagen gemacht wird. Der arme Stadtpfeifer ließ die Erinnerung seliger Vergangenheit, die Hoffnung seliger Zukunft an seinem Ohre vorüberrauschen wie ein Kind; es war ja noch süßere Musik darin, als in dem draußen niederrauschwenden Sommerregen, und nur selten führte ein Dämon seine Hand nach der Hosentasche, daß es ihn durchzuckte, wenn er auf einen Augenblick des einzigen Krontalers gedachte. Aber schon in der nächsten Minute war er wieder unermeßlich reich. Ja, der Stadtpfeifer war ein Kind, eines von den Kindern, von denen geschrieben steht, daß wir nicht ins Himmelreich kommen sollen, wenn wir nicht werden wie ihrer eines. So verging die Zeit der langen Fahrt, und keines wußte wie, der Fuhrmann, weil er schlief, die Liebenden, weil sie träumten. Da schreckte das Gesicht Philipp Ketters, das grinsend zum Leinwanddach hereinschaute, auf einmal den Stadtpfeifer und seine Frau aus dem anmutigsten Gespräche. »Schauet rechts die Lichtung hinauf; da kommt eine ganze Rotte Franzosen!« Und als ob das gar nichts zu bedeuten habe, kroch er rasch wieder unter seine Wollendecke und ließ den Wagen schnurstracks den Franzosen entgegengehen. Der Stadtpfeifer lupfte die Leinwand und starrte hinaus nach der drohenden Gefahr. Allein ob auch in seinen Zügen bewegte Gedanken zuckten, sprach er doch kein Wort, gleich als wenn er samt dem Philipp verhext wäre. Christine sah den beiden eine Weile zu; dann machte sie sich hervor, riß dem Holzklotz, dem Philipp, Zügel und Peitsche aus der Hand und trieb den Gaul seitab in den Wald hinein. Und wie der Wagen auch drohend rechts und links schwankte auf dem ungleichen Boden, Christine brachte ihn durch ins Dickicht und hielt dann still. Die Soldaten mochten den Wagen noch nicht erblickt haben, oder es gelüstete sie nicht, das unansehnliche Fuhrwerk, bei dem Unwetter von den ohnedies trügerischen Pfaden abweichend, in den dicken Wald zu verfolgen. Die drei Leute von unserer Hochzeitfahrt harrten lautlos einen ängstlichen Augenblick: jetzt waren die Franzosen vorbeigezogen. »Was ist dir angekommen, Heinrich,« rief nun Christine, tief aufatmend, »daß du so starr und stumm in die Luft geschaut und hast den Tolpatsch, den Philipp, nicht zurückgehalten, der mitten unter das Soldatenvolk fahren wollte?« »Unser Gespräch von vorher klang noch fort in meinem Geiste. Sieh, Christine, wenn ich einmal ein Thema fest gepackt habe, dann muß es durch alle Formen des Kontrapunktes durchgearbeitet werden. Was kümmert mich ein Kriegsmarsch, wenn ich mitten in einem zärtlichen Menuett bin? Ich war bei dir, bei unserer künftigen Glückseligkeit hoch oben im Pfeiferstübchen auf dem Schloßturm von Weilburg – wie konnte ich zugleich hier bei den Franzosen sein?« »Da sieht man schon, wer künftig das Regiment in der Pfeiferstube führen wird«, brummte der Fuhrmann vor sich hin und kroch in seine Decke zurück. Der Stadtpfeifer aber gestand nachgehends, er hätte es, da seine Frau so mutig die Zügel faßte, eine Weile gar nicht ungern gesehen, wenn die Franzosen ihnen nachgelaufen wären und sie ein bißchen geplündert hätten: denn wenn er gar keinen Krontaler mehr gehabt, dann wäre er doch außer Verlegenheit gewesen wegen des einzigen Krontalers, mit dem er seine neue Haushaltung begründen wollte. Unsere Reisenden hatten durch große Umwege den Belagerungskreis von Dillenburg vermieden, so geschah es, daß sie erst am späten Nachmittage in Beilstein den ersten Halt machen konnten. Jetzt ein Dorf, war Beilstein zu selbiger Zeit noch ein Städtchen; dem gräflichen Schloß mit den stolzen Strebepfeilern an den hohen Mauern drohte freilich schon der Verfall, es war nur noch von einem Amtmanne bewohnt. Im Schloßgarten trieben die verschnittenen Hainbuchen und Linden bereits wilde Sprossen über die geraden Linien der alten Gartenkunst hinaus, da seit Jahren keine Schere mehr über sie gekommen. Das Städtchen liegt tief im Talgrund, und die Höhen ringsum sind ödes Heideland, mit Basaltblöcken übersät, zwischen denen niederes Gebüsch verstreut ist – eine rechte Westerwälder Landschaft. Und heute hatte der Regenhimmel noch seinen grauen Ton darüber gebreitet, daß der öde Grund wie gemacht war für die Szene, die sich jetzt auf demselben entwickeln sollte. »Schau!« rief der Stadtpfeifer seinem Weibe zu, indem er an das Fenster des Wirtshauses trat, wo sie eben eingestellt. »Dort kommen unsere Leute den Berg herabmarschiert!« Und in der Tat sah man die Dillenburger Besatzung langsam in das Tal einrücken. Es waren etwa noch dreihundert Mann. Die Gemeinen hatten kein Gewehr, nur ihre Tornister hatte man ihnen gelassen; die Offiziere dagegen durften noch den Degen tragen; zwei bedeckte Wagen hatten die Sieger den Kapitulierenden gleichfalls mitzunehmen gestattet, und diese kargen kriegerischen Ehren waren alles, was die tapfere Mannschaft durch vierzehntägige heiße Gegenwehr sich erringen konnte. Das ungünstig gelegene Bergschloß war nicht länger mehr gegen die gut gestellten Kanonen des Ingenieurobersten Filey zu halten gewesen; gestern abend war es mit Kapitulation übergegangen. Neben der Linde, darunter einst Wilhelm der Verschwiegene, der große Oranier, über die Befreiung der Niederlande Rats gepflogen, war jetzt die Fahne mit den Lilien aufgepflanzt. Der Oberst von Dörings, ein mannhafter hannöverischer Kavalier, der die Verteidigung geleitet, durfte mit dem Reste der Besatzung zu dem verbündeten Heere ziehen. So erzählte der Wirt, den die Soldaten auch ans Fenster gelockt hatten. »Das ist des Kriegs Lauf und der Welt Lauf!« sprach der Stadtpfeifer. »Die braven Kerle haben getan, was menschenmöglich war, und am Ende mußten sie doch die Schlüssel zu ihres Herrn Haus dem Feinde übergeben und ohne Gewehr abziehen! So geht es uns allen, auch wenn wir keine Soldaten sind.« »Ganz gewiß!« fiel Christine ein. »Aber sind jene Bursche brav, dann wird auch jeder sein Gewehr schon wiederfinden und nachher noch einmal so tapfer streiten. Wenn's hart an uns geht, Heinrich, und wir meinen, es wäre gar vorbei, dann sind wir allemal erst recht stark. So ist mir's immer im Sinn gewesen. Als ich noch ein klein Ding war, da wollt' ich selten vor die Tür beim schönen Wetter. Wann aber ein großer Wind kam und Regen, Schnee oder Schloßen, dann lief ich draußen herum und hatte meine Freude, mich peitschen und zausen zu lassen. Je wütender es windete, je fester pflanzte ich mich in den Boden hinein. Und wenn mich dann der Vater schalt und zornig fragte, was ich bei dem Gestürm draußen zu suchen habe, konnt' ich ihm nichts anderes antworten, als daß es doch gar so schön sei, mit Wind und Wetter zu streiten. Seht, die Soldaten da drüben gehen jetzt auch in Wind und Wetter; sie werden schon wieder ins Trockene kommen.« »Man merkt's, Frau Stadtpfeiferin, daß Ihr erst vierundzwanzig Stunden verheiratet seid«, sprach der Wirt lächelnd. »Wenn Ihr über Jahr und Tag wiederkommt, dann wollen wir weiterreden von der Lust an Sturm und Regen. Vielleicht zieht Ihr dann doch ein wenig Sonnenschein vor.« Zweites Kapitel Das junge Paar hauste nun auf dem Schloßturme zu Weilburg. In sinkender Nacht waren sie angekommen. Da hatte der Stadtpfeifer, als er von weitem das Lahnwehr der Weltbürger Brückenmühle rauschen hörte, nicht länger an sich halten können: er mußte sein Gewissen entlasten und der Frau bekennen, daß er nur noch einen Krontaler im Vermögen habe, daß dieser einzige aber auch bereits zur Deckung der Überzugskosten in Ausgabe geschrieben sei. Die Frau erschrak wohl anfangs; allein die letzten Stunden waren so traulich gewesen unter dem Linnendach des Wagens, die Lahn rauschte ihnen so heimelig entgegen, Heinrich hielt ihre Hand fest in der seinigen: – die Liebe überwindet alles, sie überwand auch diesen einzigen Krontaler, und heiter, versöhnt mit sich und seinem Geschick stieg das Paar zuletzt Arm in Arm die hohe Wendeltreppe zum Turme hinauf, indes Philipp Ketter die schwere Heiratskiste mit der Aussteuer Christinens keuchend hinterdrein trug. Als er die Kiste oben abgesetzt, nahm er den einzigen Krontaler in Empfang, und der Stadtpfeifer war ordentlich froh, daß er das Geldstück los war, welches ihm so viel Not gemacht. Frau Christine waltete als die klügste Hauswirtin. Sie verkaufte sofort einige überflüssige Stücke ihrer Aussteuer, um bar Geld zu bekommen, und das durchtriebene Bauernkind wußte dabei die Sache recht heimlich abzumachen, daß nicht gleich ein Stadtklatsch daraus wurde. Der Mann hatte inzwischen auch unverdientes Glück mit den Kirmessen; es ward getanzt trotz den Franzosen und mit den Franzosen. Saure Tage waren es freilich für Heinrich; er mußte oft mehrere Stunden Wegs weit zum Tanzplatz laufen, Nacht um Nacht blasen, bis in den grauenden Morgen; aber dann brachte er doch Geld nach Hause, daß er sich auf die Qual dieser Nächte freute, wie die Schulkinder auf einen Feiertag. So ging es für den Anfang ganz leidlich. Allein Frau Christine wollte auch einen Notpfennig gewinnen auf den Winter, und Dauer dem guten Glück. Die Einrichtung der Pfeiferstube, wie sie der Stadtpfeifer von den Eltern ererbt, war gediegen und gut, ja reichlich für kleine Bürgersleute. Wo nun etwas von den schönen Tischen, Stühlen und Schränken gut anzubringen war, da verkaufte es die Frau – die Kriegsnöte entschuldigten das jetzt, freilich drückten sie auch die Preise – und schaffte recht billigen Bauernhausrat dafür an. So kam es denn bald, daß die Finanzen des Stadtpfeifers sich besserten, aber in der sonst so niedlichen Pfeiferstube sah es um so schlechter aus. Die dreibeinigen Stühle aus Eichenholz waren so grob gehobelt wie die Westerwälder Bauern, denen Christine sie abgekauft. Der Tisch stand aus Sympathie gleichfalls nur auf drei Füßen, der vierte war durch einen untergeschobenen Ziegelstein ergänzt, an die Haushaltung von Philemon und Baucis erinnernd. Die Schränke aber vollends waren so alt und wurmstichig, daß der Stadtpfeifer zu behaupten pflegte, sie rührten noch aus der Mobiliarversteigerung von Adam und Evas Nachlaß her. Aber die Eheleute waren glücklich, wenn sie am Abend einander gegenüber auf den dreibeinigen Stühlen an dem dreibeinigen Tische saßen; – und was braucht es mehr! Das ging so bis in den September. Da kam der kühle Herbstwind und strich auch dem Stadtpfeifer gar kühl über die Stirne, denn fein Glück schien plötzlich nur ein Zugvogel zu sein, der sich zum Wegziehen anschicke mit den Störchen und Schwalben. Die Kirmessen hörten auf, die Soldatenlast ward drückender, niemand traute dem Landfrieden mehr, auch die Reichsten kündigten ihre Musikstunden, die dem Pfeifer bis dahin aufgeholfen, nirgends konnte seine Frau einen Nebenverdienst finden, und die Stadtpfeiferei warf nur zwanzig Gulden jährlich ab nebst dem freien Quartier, hundertundzwanzig Fuß über dem Straßenpflaster. Da mußte Christine bald den Notpfennig anbrechen, und er ward immer kleiner und kleiner. In den ersten Monaten hatte sie, dem Herkommen des väterlichen Hauses getreu, an jedem Sonntag einen Küchen gebacken. Denn in Ebersbach, wo man freilich auf Mehl und Milch und Butter nicht zu sehen brauchte, würde eine Sonntagsfeier ohne Kuchen angesehen worden sein, wie wenn man neben die Kirche gegangen wäre oder die Werktagskleider anbehalten hätte statt festtäglichen Putzes. Der Kuchen gehörte so nötig zu einem gerechten Sonntag wie Glockengeläute, Orgelspiel und Chorgesang. Anfangs machte nun das Bauernkind in der Pfeiferstube nach gewohnter Weise einen Sonntagskuchen, mächtig groß, in seiner Rundung fast vergleichbar der großen, rot aufglühenden Mondscheibe, wenn sie abends am Bergsaum aus leichtem Nebel hervortritt. Dann spürte Christine allmählich den Unterschied zwischen Dorf und Stadt, und der Sonntagskuchen ward beträchtlich kleiner, etwa wie derselbe rote Mond, wenn er nachgehends als goldene Kugel im dunstfreien Mitternachtshimmel schwimmt. Anfangs September wurde der Kuchen so klein, wie wenn man des Mondes schmales erstes Viertel zu einem Kreise zusammengelegt hätte, und als die Äquinoktialstürme den Turm umbrausten, da stand es mit dem Sonntagskuchen wie mit dem Neumond: er war nun ganz unsichtbar geworden. In dieser Zeit geschah es, daß der Stadtpfeifer eines Abends vor dem Notenpult saß und strich die Saiten seiner Geige übend auf und ab, immer die gleiche Figur dergestalt, daß es der armen Christine, die das Spinnrad drehte, fast schwindelig wurde. Das Stübchen lag gar luftig, die vier Fenster nach den vier Winden, und der heulende Sturmwind verband sich mit dem Geigen und dem Spinnrad zu einem verzweifelt melancholischen Konzert. Die Scheiben klirrten, ein Schwarm Raben flatterte krächzend um den hohen Turm, das Lahnwehr tief unten erbrauste wild. Der Geiger spielte, als gälte es wettzukämpfen mit all diesem Getöse, aber alle Wut des Eifers ließ es ihm nicht glücken, einen einzigen Lauf rein und flink herauszubringen. Und so war's alle Tage. Eine Ausdauer hatte Heinrich Kullmann sondergleichen und auch ein gutes Verständnis der Sache; aber so sehr er das Beste zu beurteilen, so rein er es zu genießen wußte, vermochte er es doch niemals selber hervorzubringen. Endlich warf er die Geige weg. »Ich bin zu nichts gut,« rief er unmutig, »als den Morgen und Abend mit einem Choral anzublasen. Ein kunstreicher Spielmann werde ich im Leben nicht. O Weib, das tut weh zu fühlen, wie man alles geigen soll, daß die Leute ausrufen müßten: Seht, der Weilburger Stadtpfeifer ist ein anderer Corelli! Das tut weh, jede Passage gar wunderschön im Kopf zu haben und zu wissen, bis sie in die Finger kommt, wird alles holperig und matt sein!« Da hielt Christine das Spinnrad ein und sprach: »Laß ab von diesen Sachen, Heinrich. Treibe dein Handwerk ehrlich, daß du uns Brot schaffest, und lasse dir daran genügen. Dein eitles Begehren bricht dir den Mut. Die Steine, die man nicht heben kann, muß man liegen lassen. Der Krieg quält uns, die Hantierung stockt, und allen Leuten geht das Geld aus. Da braucht es Kraft und Gottvertrauen: geig' dir das nicht aus der Seele! Zu was ist Hoffart nütze, wo man das letzte Stückchen Brot im Hause gegessen hat?« Das Wort fiel wie Feuer auf des Stadtpfeifers Haupt. »Wie? ist vielleicht kein Brot im Hause?« rief er, jäh aufbrausend. »Wir haben heute morgen das letzte gegessen. Gott weiß, daß ich dir keinen Vorwurf machen will, indem ich's sage.« Da nahm der Stadtpfeifer seinen Hut und rief: »Ich will uns Brot holen!« und eilte zur Tür hinaus. Der Frau aber ward's bange, und ob sie gleich schon jetzt in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gar festes, starkwilliges Weib war, wie sie auch ein unbeugsames Mädchen gewesen, lief sie doch dem Manne nach und bat ihn weinend, er möge dableiben, sie habe ihm ja kein böses Wort geben wollen. Aber der Stadtpfeifer war so jählings die Wendeltreppe des Turmes hinabgesprungen, daß ihre Bitten ungehört in den engen Mauern verhallten. Da ging sie zurück in die Stube, legte den Kopf in die Hände und weinte bitterlich. Der Stadtpfeifer lief durch die stillen Straßen und wußte selbst nicht, zu welchem Ende. Es war gut, daß es bereits dunkel geworden; hätten ihn die Leute so laufen sehen, sie würden gesagt haben, Heinrich Kullmann sei übergeschnappt. Böse und gute Gedanken stritten sich in seiner Seele. »Warum habe ich ein Weib genommen, da ich keines ernähren kann? Ein so braves Weib und doch nicht recht für einen Musikanten! Sie faßt mich nicht. Sie fordert Brot, wenn ich nach dem Bogenstrich Tartinis ringe. Und doch hat sie recht – muß ich ihr nicht Brot schaffen? Aber auch ich habe recht, denn wenn ich nur einmal den Bogenstrich gefunden, den ich fühle, dann kann sie wieder ihren Sonntagskuchen backen, so groß wie einen Mühlstein. Könnt' ich ihr nur erst Brot bringen!« Er suchte nochmals in allen Taschen nach etwas verirrter Münze, allein es fand sich nichts. So lief der Stadtpfeifer bis über die Zahnbrücke. Jetzt war er im Freien vor der Stadt. Es war ganz dunkel geworden. Die Spukgestalten, womit der Volksglaube die Felsschluchten vor Weilburg bevölkert, tanzten vor den wirren Sinnen des Dahinstürmenden, und er stutzte plötzlich und hielt ein, mit Schauern des Spruches gedenkend, daß der Tag den Lebendigen gehöre, die Nacht aber den Toten. Er blickte gegen die Stadt zurück. Der Fluß brauste unheimlich in der schwarzen Tiefe; das alte Schloß lagerte sich über den breiten Felslücken, langgestreckt wie eine riesige Sphinx, die Wache hält an den Türen der Talschlucht. Aber hoch über den verlassenen Bau, aus dessen Fenstern heute kein einziges Licht zum Wasser niederglänzte, ragte der Schloßturm, und nahe seiner Spitze leuchtete ein tröstlicher Schimmer; das war die Kammer, wo Christine saß und weinte. Der Stadtpfeifer blickte starr nach dem einzigen Licht in der Höhe, und es ward ihm in der Seele leid, daß er eben so unfreundlich seines Weibes gedacht. Und indem er so das einzige Licht in der ringsum endlos ausgebreiteten Finsternis anblickte, fiel ihm ein einfältiger Vers ein, den er manchmal von seiner Mutter hatte singen hören, der hieß: »Wem nie durch Liebe Leid geschicht, Dem ward auch Lieb' durch Liebe nicht; Leid kommt wohl ohne Lieb' allein; Lieb' kann nicht ohne Leiden sein.« So schritt er denn nach einer Weile langsam zurück über die Brücke, und im Gehen wiederholte er sich wohl zehnmal immer langsamer und nachdenklicher den Vers, und seine Schritte hielten zuletzt wie von selber ein, daß er in tiefem Sinnen stehenblieb. Sein Blick senkte sich zur Erde. Da sieht er etwas glitzern: – es ist ein funkelneuer Groschen! Und wie er sich bückt, ihn aufzuheben, sieht er auf einen Schritt voraus noch einen Groschen liegen, und weiterfort noch einen – und so waren es sechse, dicht aneinander, alle so neu und glänzend, wie wenn sie eben jetzt aus der Münze kämen. »Sechs neue Groschen in einer Reihe,« murmelte der Stadtpfeifer leise, tiefbewegt, »sechs Groschen – die hat mir unser Herrgott selber hierher gelegt, der mich nicht verlassen will – sechs Groschen kostet der Laib Brot in dieser teuren Zeit!« Und dann war es ihm nach einem Augenblick wieder unfaßbar, wie er zu dem Gelde gekommen; er erschrak vor sich selbst, als habe er's gestohlen; er prüfte fühlend und besichtigend im Schein der erleuchteten Fenster eines Hauses, ob es kein Blendwerk sei: allein es waren und blieben wirklich sechs neue, blanke Groschen. Es ward ihm aber, daß er hätte weinen mögen wie ein Kind, als er beim Hofbäcker eintrat und die sechs glänzenden Groschen niedergeschlagenen Auges auf den Tisch legte und mit zitternder Hand den Laib Brot dafür hinnahm. Jetzt lief er noch viel schneller zum Schlosse zurück, als er vorhin nach der Brücke gelaufen war. Er preßte das Brot fest unter den Arm, als könne es ihm unversehens wieder davonfliegen. »Da kann man wohl auch sagen,« dachte er bei sich, »der Neunundneunzigste weiß nicht, wie der Hundertste zu seinem Brot kommt.« Aber während er so hinter der Stadtmauer her den Berg hinanstieg, klang plötzlich ein leises Wimmern an sein Ohr. Er blieb stehen; die Töne schienen vom Boden herauf zu kommen. »Was ist das?« rief er aus. »Heute abend bin ich im Finden glücklich! Da liegt ein kleines Kind – in ein paar arme Lumpen gewickelt. Wahrhaftig, Gott hat mir nicht umsonst den Zorn eingegeben, daß ich wie toll in die Nacht hinein laufen mußte!« Und es kam ihn, wunderbar genug, über diesen zweiten Fund fast eine größere Freude an als über den ersten, da er in den Lichtschimmer des nächsten Fensters trat und ein Papier entzifferte, das bei dem Kinde gelegen; darauf stand geschrieben: »Ein arm elendig Weib bittet den Christenmenschen, der dies findet, daß er sich um Jesu willen des Kindes erbarme. Es ist getauft und heißt mit Namen Johann Friedrich.« Der Stadtpfeifer nahm sein Brot in den einen Arm und das Kind in den anderen und schlug den Zipfel seines langen Rockes um den armen Wurm. »Herr Gott!« rief er, »du sollst mir nicht umsonst die Groschen auf die Straße gelegt haben!« Dieser kurze Ausruf aber war wie ein volles, brünstiges Gebet. Erst als der Stadtpfeifer mit dem Doppelfund vor seiner Stubentüre stand, überkam ihn Zagen und Verlegenheit! Doch schon öffnete Frau Christine und begrüßte ihn so zärtlich, als müsse der Gruß allein jede Erinnerung von Streit und Unmut tilgen. Der Stadtpfeifer legte das Brot auf den Tisch und das Kind daneben. »Das habe ich unterwegs gefunden, Christine«, sagte er trocken und blickte dabei die Frau so ernsthaft an, daß sie laut lachen mußte, und er selber lachte nun mit. Dann setzte er sich und erzählte treuherzig seine Geschichte und hob im Erzählen das Kind wohl ein dutzendmal auf, damit es ihn anlächle und er es küsse. Als er von den sechs Groschen erzählte, da ward es auch der Frau ganz fromm zumute; doch als er dann weiter seinen Bericht über den Fund des Kindes beendet, sprach sie: »Du tatest recht, daß du das Würmchen mitgebracht hast; morgen wollen wir zum Schultheißen gehen und ihm den Buben einhändigen.« Den Stadtpfeifer überlief es, wie wenn er mit kaltem Wasser übergossen würde. Er erwachte erst jetzt zur klaren Überlegung. Daran hatte er noch gar nicht gedacht, was es heiße, ein Kind aufziehen und versorgen, und daß vor allem eine Mutter dazu gehöre, die sich mit voller Liebe und Opferung des hilflosen Geschöpfes annehme. Nicht ihm, sondern der Frau kam hier das entscheidende Wort zu. Es hatte ihm so vorgeschwebt, als müsse der Kleine auf immer bei ihm in seiner Pfeiferstube bleiben und dort aufwachsen so ohne weiteres, wie ein Blumenstock, den man ans Fenster stellt, zeitweilig begießt und im übrigen unserem Herrgott überläßt. Nun fühlte er auf einmal, wie gedankenlos er geträumt. Er besann sich lange; er kämpfte lange mit sich selber. So viel Kopfbrechens hatte er sich nicht gemacht seit der Stunde, wo er den leichtsinnigen Entschluß faßte, das Bauernmädchen von Ebersbach zu heiraten. Endlich schien auch hier der Entschluß gefunden. Mit einer Festigkeit, die der Frau ganz neu war, sprach er: »Freilich wollen wir morgen früh zum Schultheißen gehen und ihm das Findelkind anzeigen. Die Gemeinde muß für des Knaben Erziehung Geld steuern, – es wird jetzt nicht viel herausspringen – gute Leute müssen um eine Gabe für das arme Ding angegangen werden; das hat alles seinen geweisten Weg, der durch des Schultheißen Stube führt, und du kennst ihn besser als ich. Aber so wenig wie ich diesen Laib Brot wieder zum Bäcker trage, so wenig gebe ich das Kind aus der Hand. Der Schultheiß würde es dem Wenigstfordernden zur Pflege ausbieten; eine Lumpenfamilie würde es ersteigern, um das Kostgeld einzustecken und den Kleinen verkümmern zu lassen.« Und er fuhr fort mit erhobener Stimme: »Nicht umsonst trieb es mich, den Weg hinter der Stadtmauer zu gehen, den man sonst im Dunkel meidet. Unser Herrgott schenkt nichts weg, nicht einmal sechs Groschen. Christine! dieses Brot wird uns gesegnet sein, und das Brot wird im Hause nie mehr ausgehen, wenn wir das Kind, um dessentwillen uns das Brot geschenkt ward, behalten und zu einem frommen und tüchtigen Mann erziehen. Im Unsegen werden wir das Brot essen, wenn wir das Kind hinweggeben. Anfangs wirst du die größte Last haben, nachher aber kommt sie an mich; wir wollen ehrlich teilen, was mit diesem Kind ins Haus eingezogen ist, die Sorgen und den Segen. Johann Friedrich, armes Waisenkind – Friedrich sollst du von uns genannt und ein Musikant werden! Und es soll dir besser damit glücken als deinem Pflegevater. Christine erschrak über die Bestimmtheit Heinrichs und seinen entschiedenen Ton. Er war ein ganz anderer geworden, seit er das Kind und das Brot auf den Tisch gelegt. Zum erstenmal empfand sie die Autorität des Ehemannes, davor sie sich beugen müsse. Die Worte von dem Segen, der nur auf Brot und Kind verbunden ruhe, durchbebten ihr abergläubisches Gemüt. So resolut sie sonst gewesen: – gerade hier, wo das Weib zu reden berufen war, fühlte sie sich als das schwache Weib. Sie erhob mancherlei Einwand, unter Tränen sogar, aber sie kam nicht auf gegen die fast religiöse Begeisterung des Mannes. Zu allerletzt verschanzte sie sich hinter die böse Nachrede der Freunde und Nachbarn. Wie werde man es ihnen, die selbst arme Leute, auslegen, daß sie ein Findelkind zu sich genommen – vermutlich, damit der Stadtpfeifer es mit seinen Projekten und Notenpapierschnitzeln großfüttere? Heinrich sprach trutzig: »›Ziehn dir die Leut' ein schiefes Maul, So sei im Gesichterschneiden auch nicht faul –‹ sagt Doktor Martin Luther; und ich denke, wir sind beide gut lutherisch.« Dann nahm er das Brot, schnitt es an und setzte den Wasserkrug auf den Tisch. »Jetzt wollen wir schweigen und in Frieden unser Abendbrot essen. Hast du aber erst geschmeckt, Christine, wie köstlich dieses Brot ist, und wie der Hofbäcker nie ein gleiches gebacken, dann werden dir die Augen aufgehen, daß du Gottes Hand erkennst, die dieses Kind gerade uns, und uns allein, überantwortet hat – wer weiß, zu welchem Ende!« Drittes Kapitel Das Brot ging nicht mehr aus in des Stadtpfeifers Hause. Sie hatten aber auch das Kind behalten. Mit Wasser und Milch – ein damals noch kaum erhörtes Wagnis – ward der Knabe mühselig aufgezogen. Die Hofbäckerin steuerte die Milch dazu. Andere gaben Leinwand und Kleider; auch sonstige milde Spenden mancherlei Art flossen reichlich, solange die Sache noch neu war; dann versiegte die Barmherzigkeit, und nach Jahresfrist blieben die paar Gulden allein übrig, welche die Gemeinde beitrug – der Stadtpfeifer meinte, man könne keinen Hund dafür ordentlich erziehen. Mein Heinrich Kullmamn hatte jetzt einen neuen Menschen angelegt. Ein Eifer zu arbeiten, zu erwerben glühte in ihm, daß es Christinen fast bangte. Tartinis Bogenstrich war ganz vergessen, unser Freund war der reine Stadtpfeifer geworden, doch, das merkte jeder, nur um Gottes willen, um des Weibes und Kindes willen. Er lief zweimal die Woche vier Stunden Wegs weit nach Wetzlar, um bei den Herren vom Reichskammergericht die Musikstunden wieder zu suchen, die er in Weilburg verloren. Da er sich für diese Tage im Turmdienst durch seine Gehilfen mußte vertreten lassen, so galt es, vorher Dispens beim Schultheißen zu gewinnen. Dieser gab abschlägigen Bescheid. Früher würde der Stadtpfeifer nunmehr beschämt sich in sich selbst verkrochen und keinen weiteren Schritt mehr gewagt haben. Jetzt dagegen ging er mannhaft zum Schultheißen und legte ihm die Sache in so beweglicher Rede vor, daß er mit der Erlaubnis in der Tasche wieder heimgehen konnte. Seit die wirkliche Not an ihn gekommen, seit er in seinem Hause einmal beinahe kein Brot mehr über Nacht gehabt hätte, war er ein Mann geworden. Und als ihm wie durch ein Wunder dennoch Brot beschert ward, nahm er mit dem Kinde freiwillig die doppelte Not auf sich, gleich als wolle er nun ein Mann werden, der für zwei Männer steht. Das Brot ging nicht mehr aus in seinem Hause, aber schmal blieb es durch Jahr und Tag. Drei leibliche Kinder kamen nachgerade zu dem gefundenen, so daß die kleine Pfeiferstube übervoll ward. Das Herz des Vaters gehörte den eigenen Kindern: das Herz des Künstlers dem gefundenen; Johann Friedrich war noch keine vierzehn Jahre alt und konnte noch keine große Geige bewältigen, da sagte der Stadtpfeifer schon: »Hinter der Stadtmauer habe ich den großen Musiker von der Gasse aufgelesen, den ich in mir selber immer vergebens gesucht.« So ging es durch achtzehn Jahre voll Plage und Not. Die kleinen Leute verstanden aber damals noch gar trefflich die Kunst, elend und zugleich glücklich zu sein. Heinrich Kullmann kam nicht vorwärts, aber er blieb doch immer als Stadtpfeifer sitzen; er wurde oft nicht satt, aber er verhungerte auch nicht, und wenn er nur seinen ledernen Hosengürtel um zwei Löcher fester schnallte, so spürte er keinen Hunger mehr, auch bei halbleerem Magen. Weil in den Kriegszeiten jeder zurückging, so brauchte sich keiner zu schämen, wenn er verdarb. Der Stadtpfeifer machte etwa alle drei Jahre den Versuch, flügge zu werden, fiel aber immer wieder in das alte Nest auf den Schloßturm zurück. Das nahm er hin, als hätte es nichts anders kommen können, und blieb so gutmütig, treuherzig und unpraktisch wie immer; aber er blieb jetzt auch ein Mann. Ward Christine zuweilen ungeduldig, dann sprach er: »Gottes Segen ist ja doch mit dem Kind und dem Brot über uns gekommen, vielleicht nicht ganz so reich, als wir's wünschten: – das Pferd, das den Hafer verdient, kriegt ihn nicht; aber sei versichert, um des Kindes willen wird uns für jene Welt der hier entgangene Hafer gutgeschrieben – mit Zinsen.« Es war Friede geworden in Deutschland; nur fern im Westen jenseits des Ozeans zog ein schweres Wetter auf. Doch so weit sah man nicht vom Schloßturm zu Weilburg. Kirchweih war immer ein großes Fest in dieser guten Stadt, und solenniter sollte sie auch im Jahre 1778 begangen werden. Der fürstliche Hof saß wieder in seiner alten Residenz, und die patriarchalischen kleinen Fürsten ließen in diesen Jahrzehnten den Sonnenschein gemütlicher Huld wärmer als je auf die Bürger fallen, wie die Sonne am Hochsommerabend oft noch einmal ganz besonders warm und gnädig brennt, unmittelbar bevor sie untergehen will. Wenn damals bei der berühmten Weilburger Kirmes der Hof nicht ebensogut den Jubel mitmachte wie der Bürger und Bauer, dann hätte man es gar keine ganze Kirmes genannt. Des Morgens zogen die Bürger aus nach dem Schießhause, mit ihnen der Fürst, dem, wie der Vater mit Stolz schon dem Knaben erzählte, als dem ersten Bürger der Stadt das Recht des ersten Schusses zustand. Er tat den ersten Schuß, er brachte den ersten Becher aus, er tanzte den ersten Tanz, und so ward er von den Weilburgern auch als der erste Fürst gepriesen. Der Stadtpfeifer im ziegelroten Staatsrock hatte dem Zuge, dem Fürsten selber, den Marsch geblasen; jetzt spielte er am Schützenstande, nur von einem Hornbläser unterstützt, und abends sollte der Fürst und hintennach die ganze Bürgerschaft nach seiner Pfeife tanzen. Kirmes war immer ein stolzer Tag für einen Stadtpfeifer. Die Bürger traten der Reihe nach vor, und jeder tat seinen Schuß. Da legte auch der Stadtpfeifer sein Instrument auf eine Weile weg, und der Hornbläser setzte allein die Musik fort. Heinrich Kullmann war Weilburger Bürger, also hatte er, kraft fürstlicher Gnaden, das Recht eines freien Schusses, und das ließ er sich nicht entgehen. Auf der Mauer vor dem Schießhause saß mit anderen Weibern Frau Christine und hielt ihr Jüngstgeborenes auf dem Arme; Friedrich – im Herbst wurden es achtzehn Jahre, daß man ihn an der Stadtmauer gefunden – saß daneben mit den zwei größeren Geschwistern. Heinrich Kullmann zielte kurz: jetzt knallt die Büchse. Er hatte mitten ins Schwarze getroffen! Wer hätte solch Bauernglück dem Stadtpfeifer zugetraut, der nur jedes Jahr einmal ein Gewehr in die Hand nahm! Christine fuhr so erschrocken zusammen über ihres Mannes Geschicklichkeit, daß ihr das Kind beinahe vom Arme gefallen wäre. Wie ward es ihr erst nachgehends zumut, als die Festordner vortraten, dem glücklichen Schützen den Ehrentrunk darzubringen, als die Kirmesjungfrauen ihrem Heinrich einen gewaltigen Blumenstrauß vorsteckten, der von dem mittelsten Knopfloche des Rockes bis zur Nase reichte, und als der Fürst selber dem Glücklichen die Hand schüttelte und ihn der Fürstin und den Prinzessinnen als den Schützenkönig vorstellte! Dann kamen die Scheibenbuben selbviere aufmarschiert und brachten den ersten Preis, nämlich ein Dutzend zinnerne Teller, zwölf Löffel, Messer und Gabeln, Suppennapf, Schüsseln – die Geschirre alle von blankem, neuem Zinn – und in das Salzfaß hatte der Fürst einen Dukaten gelegt und die Fürstin einen nassau-weilburgischen Krontaler 1778er Gepräges. Das alles überreichte der Schultheiß dem Stadtpfeifer aus den Händen der Scheibenbuben. Wie verklärte sich das Gesicht des Vielgeprüften, als er den Pokal in die Höhe hob, verstohlen nach seiner Christine und den Kindern hinüberblickte und dann auf das Wohl des Fürsten und des ganzen fürstlichen Hauses und der guten Stadt Weilburg trank. Er wollte zurücktreten an seinen Platz und die Hoboe wieder ergreifen, allein die Bürger ließen das nicht zu, sagten, das Horn allein sei ihnen Musik genug, und zogen den Stadtpfeifer zum Zechen in die große Bude. Wie freundlich taten da angesichts des Fürsten gar viele, die den armen Stadtpfeifer sonst nicht von weitem ansahen. Selbst etliche Kavaliere kamen herbei, stießen mit dem Schützenkönig an und nannten ihn »lieber Kullmann«. Es waren dies aber dieselben Leute, die ihm bis dahin niemals gedankt hatten, wenn er sie auf der Straße grüßte; allein der Stadtpfeifer hatte dennoch nicht aufgehört, seinen Gruß zu entbieten, eingedenk der Verheißung des Herrn, daß so wir jemand grüßen, der dessen wert ist, der Friede, den wir ihm gewünscht, auf ihn kommen wird, so er dessen aber unwert, wird sich unser Friede wieder zu uns wenden. Allein auch diese frohe Stunde sollte dem Stadtpfeifer nicht unverbittert bleiben. Gerade da er im rechten Rausch der Freude schwelgte, da ihm eben so gar nichts fehlte – denn auch Frau und Kinder saßen neben ihm und taten sich gütlich – trat der Hoftrompeter hinter seinen Stuhl, ein stattlicher Mann, aber mit einem verwetterten Malefizgesicht, der drehte sich den langen ungarischen Schnurrbart und sprach: »Herr Stadtpfeifer, auf ein Wort!« und zog ihn beiseite. »Ihr habt eine Eingabe gemacht, daß man Euch gestatten möge, mit uns zur fürstlichen Tafel zu blasen. Ei, Herr Stadtpfeifer, Ihr hättet doch wissen sollen, daß ich und meine Kameraden ›gelernte‹ Trompeter sind, Glieder der Trompeterkameradschaft, die ihr Privilegium Anno 1623 von Kaiser Ferdinandus erhalten hat, und daß wir keinem erlauben dürfen, mit uns zu blasen, der nicht durch Brief und Siegel beweist, daß er in die Kameradschaft gehöre. Ihr blast sehr schön, aber woher habt Ihr's denn? Seid Ihr in der Zunft aufgewachsen, oder habt Ihr Euch selber hineingestohlen in die Geheimnisse unserer Zungenstöße, die für die Kameradschaft ein beschworenes Geheimnis sind? Seht, und wenn der Oberhofkapellmeister Hasse von Dresden käme und spräche zu mir: Ich will mit dir blasen, dann würd' ich antworten: Mit Verlaub, Maestro, Ihr möget der gepriesenste Komponist in Deutschland und Welschland sein und der beste Trompeter dazu, aber ein ungelernter Trompeter seid Ihr doch, und nach meinem Zunfteid darf ich nicht mit Euch blasen.« Mit diesen Worten ließ er den Schützenkönig stehen. Der blieb eine Weile starr über die Bosheit des schnurrbärtigen Satans, der seine glücklichste Stunde geflissentlich abgewartet zu haben schien, um ihn wieder einmal mit einer getäuschten Hoffnung niederzuschlagen. Er ging zum Glase zurück und setzte es mit so saurem Gesichte an den Mund, als ob der gute Wein Essig wäre. Da sagte die Frau, die gerne so von ungefähr erkunden wollte, was er mit dem Hoftrompeter gehabt: »Du bist ein närrischer Mann, Heinrich! Wenn dir's schlecht geht, dann bist du wohlgemut, und wenn einmal das Glück an dich kommt, dann möchtest du weinen.« »Nein, so ist es nicht«, erwiderte er. »Sieh, wenn ich sonst über den Schloßhof ging und der Hoftrompeter im Tressenrock stand auf der hohen Treppe vor dem Speisesaale, schmetterte seine Fanfaren und blies die hohen Gäste zur Tafel zusammen, dann dachte ich: Der hat's besser wie du, ob du gleich ebensogut trompeten könntest, – einen leichteren Dienst, einen schöneren Rock, mehr Geld und größere Ehren! Und ich war ein Esel und bewarb mich insgeheim um die zweite Trompeterstelle neben ihm. Ich wollte wieder einmal vorwärts kommen; – nicht wahr, Christine, das haben wir schon oft gewollt? Ich habe dir's verschwiegen, weil ich dich überraschen wollte. Nun ist's wieder nichts; denn ich bin nur ein ›ungelernter‹ Trompeter, wie man mir eben sagt, ich habe mir meine Kunst gestohlen, weil ich nicht Brief und Siegel habe von der Kameradschaft. Doch was schadet's? Reich' mir den kleinen Buben, daß ich ihn küsse, der wird vielleicht einmal ein gelernter Trompeter werden, ich sehe ihn schon im Tressenrock auf der großen Schloßtreppe stehen. Ich aber will derweilen den Armen und Geringen meinen Choral vorblasen, daß der Schall vom Turm, wie wenn er vom Himmel herabkäme, sie mahne, tröste und erbaue: das ist doch ein ander Ding, als wenn ich vornehme Gäste, die nie hungrig sind, mit gellender Trompete zum Essen rufe. O Christine, dein seliger Vater hatte recht; Stadtpfeifer soll ich bleiben mein Leben lang, und es geht auch nichts über die Stadtpfeiferei, wenn ein Weib auf dem Turme waltet wie du!« Als es zum Tanze ging, war der Stadtpfeifer schon wieder getröstet, und er blies so lustig, wie wenn es gar keine gelernten Trompeter in der Welt gäbe. Der zweite Kirchweihtag verging ihm in noch härterer Arbeit und Unruhe wie der erste; denn da ward noch viel toller und länger getanzt, da war der Jubel erst recht losgelassen. Die Hoboe ließ den Musiker nicht zur Besinnung kommen, und wenn ihm zuletzt fast der Atem ausging, so waren ihm die Gedanken schon längst ausgegangen. Erst am dritten Tage fand er sich selber wieder in dem Frieden seines Turmstübchens. Aber mit der Ruhe kam auch das Nachdenken über die vergangenen Tage. Und ob ihn nun gleich das spiegelblanke Zinngeräte und das Goldstück und der neue Krontaler gar freundlich anlächelten, verband sich doch mit diesem Anblick sofort der Gedanke, wie grausam es sei, daß er als Schütze, wo er nichts gelernt und kaum gezielt, sofort mitten ins Schwarze getroffen, während er als Musiker, wo er rastlos lerne und wunders wie scharf ziele, sich nie auch nur einen zweiten oder dritten Ring herauszuschießen vermöge. Christine merkte, daß der böse Geist über Saul komme, darum rief sie ihren David, den Friedrich, der eben seine Geige im obersten Dachraume bei den Krähennestern zunächst unter dem Turmknopf exerzierte. Er kam mit dem Instrument, und die Frau fragte ganz leise den hypochondrischen Mann, ob er nicht zu ihrer aller Ergötzung ein Duett mit Friedrich geigen wolle. Der Stadtpfeifer rieb sich die Augen, lächelte und bejahte die Frage. Es war aber etwas ganz eigenes, wenn die beiden ihre Duette geigten. Frau Christine sagte oft: »Ich wünschte, da hörte einmal ein rechter Meister zu; er sollte den Geigern alle Ehren geben.« Wir wissen, daß der Stadtpfeifer sonst kein Hexenmeister mit dem Fiedelbogen war; aber wenn er Duette mit seinem Friedrich spielte – und nur dann – adelte sein Spiel sich wundersam. Es war schlicht und auch etwas ungelenk wie sonst – vom Bogenstrich Tartinis war noch nichts zu spüren – allein es saß eine so unendlich treuherzige, gute Seele, eine echt deutsche Gemütlichkeit, kurz, der ganze Stadtpfeifer saß in dem Spiele. Des Bogenstriches, der ihm angeboren, war er sich bewußt geworden; denn im Bogenstrich liegt die Seele des Geigers. Und dann haben selten zwei Menschen so einig Duett gespielt; Ton klang zu Ton, als ob beide aus einer Geige kämen. Aber nur, wenn der Stadtpfeifer ganz allein war mit Friedrich und seiner Frau, gelang ihm das Spiel; hörte ein anderer zu – gleich war die Seele aus der Geige geflogen, der angeborene Bogenstrich wieder vergessen, und der Stadtpfeifer spielte schülerhaft neben dem stets meisterlichen Spiele des Schülers. Wenn Christine in diesen heimlichen, glücklichsten Stunden ihren Friedrich anschaute, dann war es ihr doch auch manchmal recht traurig ums Herz. Friedrich war blaß, mager – man weiß, wie ein Bauernkind den Mageren selbstverständlich für einen Kranken hält. Frühreif an Körper und Geist, hatte er mit unbezähmbarem Eifer die Musik gelernt; nicht in körperlichem, sondern in geistigem Ringen hatte sich bei ihm die Jugend vertobt. Es war Christinen immer, als ob Friedrich nicht mehr lange Duett spielen könne mit ihrem Mann. Sie versuchte einmal anzuklopfen bei letzterem, als er des Knaben unerhörte Fortschritte rühmte, und sagte in ihrer Art: »Die Vögel, die zu früh pfeifen, frißt die Katze.« Da schnitt ihr der Mann rasch das Wort ab und sprach von anderen Dingen. Nun wußte sie, daß er ihre Furcht teile, daß er aber nichts davon reden und hören wolle. Ehe die beiden ihr Duett begannen, verschloß der Alte, wie immer, die Tür. Dann stellten sie sich gegeneinander und spielten – ohne Noten (sie wußten's seit Jahren auswendig) – und der Vater sah dem Sohne, der Sohn dem Vater ins Auge, daß man meinte, sie sähen die Musik einander an den Augen ab, und nur darum passe Strich zu Strich so genau, als habe eine Hand beide geführt. So schön wie heute war es ihnen kaum je geglückt. Als sie im besten Zuge waren, schlich Christine horchend ans Schlüsselloch; deuchte es ihr doch, sie habe draußen Tritte gehört. Jetzt kam der Schluß des Duetts, so zart, so rein! Als die letzten Töne sich verhauchten, mußten alle drei unwillkürlich den Atem einhalten. Da klatschte es laut vor der Türe, eine gellende Stimme rief: »Bravo! Bravo!«, und die Klinke ward zum Öffnen niedergedrückt. Der Stadtpfeifer legte ärgerlich seine Geige weg und schloß auf. Ein Bursche, der höchstens zwanzig Jahre zählen mochte, trat ein. »Das war prächtig gegeigt!« rief er, »da bin ich also am rechten Ort. – Guten Abend, Meister Stadtpfeifer!« Der Angeredete dankte nicht sehr freundlich auf den übermütig gebotenen Gruß und hob die Lampe in die Höhe, um den Fremden etwas näher zu beleuchten. Der junge Mann sah fast verdächtig aus. Die Kleider, obgleich von vornehmem Schnitt, waren stark abgetragen, und das jugendliche Gesicht zeigte die etwas verlebten Züge eines ausschweifenden Jünglings. »Ich bin Franz Anton Neubauer, der Böhme,« sprach der ungebetene Gast in stark österreichischem Akzent, »Eure Freunde im Kloster Arnstein lassen Euch grüßen und empfehlen mich Eurer Gastfreundschaft.« Drauf tat er, ungeheißen, ganz wie zu Hause, legte Stock und Hut ab und setzte sich nieder. Frau Christine zog ein schief Gesicht und zupfte ihren Heinrich am Rocke: der aber besann sich kurz, schüttelte dem Fremden die Hand und sprach: »Um meiner Freunde willen sollt Ihr mir auf eine Stunde Rast willkommen sein, zumal, wenn Ihr, wie ich denke, ein Musiker seid.« »Ei!« sagte Neubauer, »das solltet Ihr wohl wissen. Bin ich gleich noch jung, so kennt man meine Symphonien und Quartette doch schon von Wien bis Paris, und wo meine Musik nicht bekannt ist, da ist es wenigstens meine Person. Seht, ich durchziehe bereits seit zwei Jahren alle kleinen Ländchen, namentlich die geistlichen Herrschaften, und wo ich immer eine musikalische Seele finde, da kehre ich ein; am liebsten in Klöstern, bei Domherren oder auch bei gewöhnlichen Weltgeistlichen. Lutherische Pfaffen meide ich, die haben meist viele Kinder und wenig Wein. Überall zahle ich nur mit Musik. Bei einem unmusikalischen Menschen einzukehren, das wäre schamlose Bettelei; aber ich denke, ein frisch komponiertes Menuett ist schon Zahlung genug für ein Nachtquartier; für ein Klaviersolo kann man schon ein Mittagessen annehmen, und für eine neue Messe müssen mir die Mönche des fettesten Klosters mindestens auf einen Monat freie Zehrung, freien Trunk und Quartier geben. So reise ich schon zwei Jahre durch aller Herren Länder; wer will mir das nachmachen? Bei uns in Böhmen hat man ein Familiensprichwort: Er ist ein Neubauer, werft ihn mitten in die Moldau, und wenn er auch nicht schwimmen kann, er wird doch nicht ersaufen. Das Wort habe ich mir gemerkt, wenn ich toll in jeden Strudel springe, denn ich weiß ja doch, daß ich nicht ersaufen werde.« Dem Stadtpfeifer schien es allmählich fast lustig, dem Burschen zuzuhören, dessen Zunge so vortrefflich eingeölt war, daß sie, einmal in Bewegung gesetzt, kaum wieder stille stand. Mit vergnüglichem Lächeln lauschte er zuletzt dem jungen Maestro, der in Eisenstadt zu Joseph Haydns Füßen gesessen, und dessen wild geniale Symphonien man bereits in Paris aufführte und druckte. Neubauer hatte nicht zuviel von sich gesagt. Den vierzigjährigen Stadtpfeifer durchzuckte bei den Erzählungen des zwanzigjährigen Abenteurers, der mit seinem Talent so vermessen spielte, noch einmal das alte Gelüsten, aus der Verpuppung der Stadtpfeiferei mit Gewalt plötzlich als ein berühmter Musiker hervorzubrechen. Noch als er aufblickte und in einem Stückchen Spiegelscherbe, welches Christine in Ermangelung eines ganzen Spiegels (gerade seinem Sitze gegenüber) an der Wand befestigt hatte, sein bereits leise ergrauendes Haar schaute, schämte er sich und ging dann höchst resigniert ins Nebenstübchen, um mit den Kindern das Abendgebet zu sprechen. Auch Frau Christine wurde etwas milder gestimmt gegen den Fremden. Sie hielt zwar seine sämtlichen Historien für erlogen, aber für gut erlogen. Der Mann schien es ihr zu einer solchen Tüchtigkeit im Lügen gebracht zu haben, daß sie zuletzt einen gewissen Respekt vor ihm bekam. »Seht,« sprach er zu dem Ehepaar, als der Stadtpfeifer wieder zurückkam, »dort liegt ein großer Stoß Noten; wir setzen ihn auf die Erde; er ist mein Kopfkissen, und weiter brauche ich nichts für die Nacht. Ich wickle mich in meinen weitschößigen Rock, empfehle meine Seele dem heiligen Franziskus und dem heiligen Antonius und schlafe heute auf dem Fußboden so gut, wie gestern im weichen Klosterbett. Wer müd' ist, ruht auch auf einem Misthaufen sanft. Ich hätte wohl zu einem der Hofmusiker gehen können, allein ich mag es nicht. Im Vertrauen, Freund, ich komme hierher mit guten Empfehlungen als Bewerber um die erledigte Hofkapellmeisterstelle« (»Lüg du dem Teufel ein Ohr ab!« dachte Frau Christine im stillen Sinn) – »und da müßten meine Leute doch vorweg den Respekt vor mir verlieren, wenn ich in diesem Aufzuge bei einem von ihnen einsprechen würde. Stadtpfeifer, ich werfe mich in deine Arme. Ich fragte gestern im Kloster Arnstein die ehrwürdigen Brüder: ›Wer ist unter allen musikalischen Männern Weilburgs der geradeste, zuverlässigste, neidloseste?‹ Da erwiderte der witzige Pater Placidus: ›Der zum Höchsten gesetzt ist unter den Musikern der Stadt, der Stadtpfeifer oben auf dem Schloßturm.‹ Darauf beschloß ich, bei Euch Quartier zu nehmen, Euch mich anzuvertrauen. Mir fehlt das Kleid, das den Mann macht. Stadtpfeifer, Ihr müßt mir morgen früh Euern Staatsrock leihen, denn ich muß mich alsbald dem Fürsten vorstellen lassen.« »Was? den ziegelroten Rock, den die ganze Stadt kennt?« rief Christine starr vor Staunen. »Richtig, den ziegelroten Rock meine ich«, fuhr Neubauer kaltblütig fort. »Doch das wollen wir morgen früh weiter besprechen beim Kaffee oder – ich sehe es der Hausfrau an – Ihr seid noch von der alten Mode – bei der Milchsuppe.« Der Stadtpfeifer saß wie verzaubert. Gegenüber diesem tollen Übermut voll genialer Blitze fühlte er sich recht als Philister, und da ihm Neubauer gar erzählte, daß er meist im Walde, auf der Gasse, wohl gar in der Gosse, am allerliebsten aber im Wirtshause komponiere – betrunken oder nüchtern, gleichviel –, da hätte er weinen mögen über sein ehrliches, ängstliches, erfolgloses Mühen hier oben auf der Turmstube. »Ich habe nie ausführen können was mir vorgeschwebt,« bekannte er mit rührender Offenherzigkeit, »und so sehr mich das Mittelmäßige ärgert, bin ich doch immer ein mittelmäßiger Mensch geblieben. Für mich ist mein Leben lang nur einmal etwas vom Himmel gefallen, und das war ein kleiner Bube und ein Laib Brot, die ich auf der Straße fand. Dort steht der Kleine – er ist jetzt lang wie eine Hopfenstange – und putzt seine Geige ab. Das ist das einzige, was mir je gelungen, daß ich ihn zu einem tüchtigen Geiger gemacht. Ich habe also doch etwas mehr als Mittelmäßiges vollbracht auf Erden, darum werde ich in dem Buben meinen Frieden finden.« »Es ist wahr,« sagte Neubauer selbstgenügsam, »der Junge ist von gutem Korn und gut geschult; aber er muß hinaus in die Welt, nach Wien, nach Italien, damit er den Gesang lerne und Eleganz und Feinheit des Satzes und in alle Geheimnisse der Kunst eingeweiht werde von den größten Meistern selber.« »Das war längst mein höchster Wunsch,« erwiderte der Stadtpfeifer, »aber –« »Ich weiß, was weiter kommt. Ihr habt keine Gönner, kein Geld. Wartet einmal, ich will mir die Sache hinters Ohr schreiben – bei Gott« – und Neubauers Augen leuchteten auf – »der Bube verdient's! Denkt an Franz Anton Neubauer, und heißt ihn einen Schuft, wenn ich Euerm Friedrich nicht den Weg nach Wien auftue. Zu Joseph Haydn mußt du gehen, Friedrich, dem König der deutschen Meister. Da lernt man Symphonien schreiben! Denkt an mich, Stadtpfeifer: ein Mann, ein Wort!« Frau Christine flüsterte ihrem Manne zu: »Laß dich von dem Prahler erheitern, aber glaub' ihm ja keine Silbe. Indes will ich ihm jedoch einen Strohsack auf den Boden legen, weil er sich heute abend so müde gelogen hat.« »Nur ein gereister Musikus ist fertig, die anderen sind alle bloß halb gar gekocht«, fuhr Neubauer fort. »Wißt Ihr auch, daß ich vorigen Monat in Bückeburg war und den Konzertmeister Bach, der gleich der meisten übrigen Bachischen Sippschaft niemals aus dem Nest geflogen ist, auf drei frei zu phantasierende Fugen herausgefordert habe?« »Nein, das tatet Ihr nicht!« rief der Stadtpfeifer entschieden. »Denn mit dem nehmen's in den Fugen nur noch seine Brüder auf, seit der Alte in Leipzig gestorben ist.« »Sehr richtig. Ich habe auch Böcke über Böcke gemacht, und der gelehrte Herr spielte verzweifelt gründlich und hölzern. Denn niemals ist er weiter gekommen in der Welt als von Leipzig über Eisenach nach Bückeburg; nie hat er eine welsche Primadonna karessiert, um die Feinheiten des Gesangs zu ergründen. Er spielte verzweifelt gründlich, aber meine falsch gebauten Fugen waren doch ergötzlicher, und die feinsten Herren klatschten mir Beifall. Das Publikum entscheidet; das dumme Publikum gibt mir Essen, Trinken, Kleidung, Aufmunterung für die schlechteste Musik; von den klugen Kennern hat mir noch keiner ein Glas Wein oder eine Wurst für die beste gegeben. Übrigens habe ich mir nur einen Spaß mit dem berühmten Fugenfresser machen wollen.« »Das war bübisch, das war frevelhaft«, strafte der Stadtpfeifer eifrig. »Wußtet Ihr auch, daß dieser Bach nicht bloß ein ehrwürdiger Meister, sondern zugleich der harmloseste, gutmütigste Mensch ist?« »Ganz gewiß. Wäre er nicht so gutmütig, so hätte er mich von seiner Orgel heruntergeprügelt. Aber ein ungereister Musiker ist er doch, und das wollte ich ihm zeigen. Gebt Ihr immerhin dem Alter seine Ehrwürdigkeit: ich will nur, daß man der Jugend auch ihren Mutwillen gönne.« »Narren sind auch Leut'«, sprach der Stadtpfeifer, sich entrüstet abwendend. »Und Ihr seid nicht der erste, der mich einen Narren nennt«, fügte der junge Landstreicher hinzu mit selbstgenügsamem Lächeln. Viertes Kapitel Es kam zu jener Zeit an jedem Sonntage ein Kapuziner von Wetzlar nach Weilburg, um den wenigen Katholiken des streng protestantischen Städtchens privatim die Messe zu lesen. Er war eine ehrliche Haut; auch die Protestanten hatten den gemütlichen Kuttenmann gern; vor allem aber liefen ihm die Kinder scharenweise nach. War er bei Laune, dann konnte er stundenlang Anekdoten und Schnurren an einer Schnur erzählen, die, in seiner niederrheinischen Mundart vorgetragen, den Weilburgern doppelt possierlich klangen. So ward er zuletzt fast in allen Häusern bekannt und suchte sein Mahl bei Gastfreunden aller Art, bei Ketzern wie bei Rechtgläubigen. Selbst auf den Schloßturm verirrte er sich mitunter; denn er kannte den Stadtpfeifer von den Jahren her, wo derselbe den Weg nach Wetzlar zweimal in der Woche nicht gescheut hatte, um das gefundene Kind großziehen zu können. Am späten Nachmittage nach dem mit Neubauer so heiter verschwatzten Abend trat der Kapuziner wieder einmal in die Turmstube, grüßte freundlich und schaute sich neugierig nach dem Stadtpfeifer um, der in Hemdärmeln am Fenster saß, im Gesangbuch lesend. »Man hat Euch gar nicht in der Stadt gesehen, Kullmann«, sprach der Kapuziner lächelnd. »Ich dachte schon, Ihr seiet krank. Da hörte ich, daß wenigstens Euer ziegelroter Rock in der Stadt umherspaziere und großes Aufsehen mache, und schloß nun, es möge Euch wohl gehen, wie Epaminondas, der auch zu Hause bleiben mußte, wenn er seinen Sonntagsrock einem fahrenden Musikanten gepumpt hatte; denn er besaß nur einen einzigen, wie Ihr und ich.« Der Stadtpfeifer erschrak über die mögliche Entweihung seines Rockes, und der Kapuziner war sogleich bereit zu erzählen, was er gehört. »Einen schönen Lärm gab's vor einer Stunde im goldenen Löwen, als Neubauer in Eurem stadtbekannten ziegelroten Rock den Wein spürte. Zuletzt fing er gar Händel an mit einem seltsam kleinen fremden Schneider, der ruhig seinen Schoppen trank, und da der Beleidigte ihm seine Grobheiten zurückgab, faßte der berühmte Maestro den Schneider beim Kragen, hängte ihn mit der Schlinge des Rockes an einen großen Haken neben der Tür und drosch dann mit einem Selterser-Wasserkruge auf das Schneiderlein los, bis der Henkel abbrach und der Krug in Scherben auf den Boden fiel. Die Zuschauer lachten über dieses Bild, daß sie hätten bersten mögen. Ich hörte im Vorbeigehen den Jubel, da wagte ich mich auf den Flur des Wirtshauses, um zu hören, was es gebe, und –« »Und solch einem Gesellen hast du deinen ziegelroten Sonntagsrock anziehen lassen, Heinrich!‹ fiel Frau Christine ein. »Der Rock macht's allein nicht aus, obgleich der ziegelrote, mein Hochzeitrock, seit achtzehn Jahren immer ein wahrer Ehrenrock gewesen ist« , erwiderte gelassen der Stadtpfeifer. »Aber nun will ich auch nicht mehr glauben, daß dieser Patron meinem Friedrich den Weg nach Wien auftun kann. Was war ich für ein Tor, daß ich eine Weile den Lügen und Prahlereien des liederlichen Buben traute !« »Wovon redet Ihr?« fragte der Kapuziner neugierig, und der Stadtpfeifer erzählte ihm, wie Neubauer versprochen habe, seinem Friedrich zu einer Gönnerschaft zu verhelfen, daß derselbe nach Wien gehen und dort Schule machen könne. Der Kapuziner zog ein ernsthaftes Gesicht, strich sich den langen Bart und sprach mit Gravität: »Herr Stadtpfeifer, Leute, denen man's nicht zutraut, können uns auch wohl empfehlen, daß es durchgreift, und es ist schon mancher bei Hofe weiter gekommen durch die Protektion der Kammerjungfer als durch die Protektion der Fürstin. Ich will Euch etwas erzählen. Vor ungefähr zehn Jahren war ein junger Maler in Köln, der hatte viel gelernt und wollte nach Paris gehen, um sich dort ein großes Stück Geld zu verdienen. Vier Wochen lang läuft er bei allen Baronen und Prälaten umher und bettelt sich ein ganzes Ledersäcklein voll Empfehlungsbriefe zusammen, und die zeigt er jedermann: ›Seht, wer fortkommen will, der muß hohe Empfehlungen haben.‹ – Wie er nun eines Tages an der Martinskirche vorübergeht, da ruft ihm der Fuhrmann Müller aus seinem Häuschen zu: ›Herr Gevatter, Ihr wollt nach Paris gehen?‹ – ›Ei freilich, soll ich Ihm was ausrichten?‹ – ›Nein, aber Ihr werdet Empfehlungen brauchen; ich will Euch einen Brief mitgeben. Sprecht morgen bei mir vor, bis dahin soll er fertig sein.‹ – Der Maler versprach's und lachte. Ein Frachtfuhrmann wird auch die rechten Verbindungen in Paris haben! – Nach drei Wochen führte ihn ein Zufall wieder an der Martinskirche vorbei; der Fuhrmann stand vor der Haustür und schirrte sein Pferd an. – ›Herr Gevatter! Ihr habt ja Euern Empfehlungsbrief nicht abgeholt. Wartet ein Weilchen, ich bringe ihn gleich herunter.‹ – Und ob der Maler wollte oder nicht, er mußte das Schreiben nehmen und steckte es unbesehen in die Tasche. In Paris erging's ihm wunderlich. Für sein Ledersäcklein voll Briefe sagten ihm die vornehmen Pariser mehr Artigkeiten in einer Woche, als die Kölner in fünf Jahren, aber Arbeit wollte ihm kein Mensch verschaffen. Als ein Monat um war, hatte er all sein Geld verzehrt, und er durchsuchte eben den Koffer, ob nicht ein paar Heller unter die schwarze Wäsche geraten seien: da sieht er ganz unten den Brief des Fuhrmanns Müller aus einem zerrissenen Strumpf hervorgucken. Zum erstenmal kommt ihm die Neugierde, die Adresse zu lesen. Der Brief war gerichtet an den ersten Kammerdiener des Königs. Gleich läuft der Maler ins Schloß; der Kammerdiener ist nicht zu sprechen, er liest eben Sr. Majestät die Zeitung vor. Aber seine Frau ist zu Hause. Statt auf französisch begrüßt sie den Überbringer des Briefes auf kölnisch. Sie ist ja die Tochter des Fuhrmanns Müller. Sie schilt den Maler, daß er den Brief so spät abgebe. Heiliger Antonius, wie hätte der es ahnen sollen, daß eines Kölner Frachtfuhrmannes Kind auch einmal einen königlichen Kammerdiener in Paris heiraten kann! Als der Kammerdiener heimkommt, freut er sich mit seiner Frau über den kölnischen Landsmann, und nun geht's Schlag auf Schlag. Binnen acht Tagen sitzt die Majestät dem deutschen Maler; das Bild gelingt, Prinzen und Herzoge wollen von ihm gemalt sein, der Mann wird Mode in Paris, und als er nach drei Jahren wieder gegen den Rhein zog, da war das Ledersäcklein, worin die Empfehlungsbriefe gewesen, mit Louisdors gefüllt – alles durch die Protektion des Frachtfuhrmanns hinter der Martinskirche.« Der Kapuziner hatte kaum das letzte Wort gesprochen, so klopfte es an die Türe. »Herein!« – Der Stadtpfeifer stand wie vom Schlage gerührt: – der Fürst selber war es, der eintrat, und hinter ihm Neubauer, so nüchtern als möglich, im ziegelroten Sonntagsrock. »Ich muß unseren Schützenkönig einmal in seiner hohen Residenz besuchen«, rief der Fürst, dem Stadtpfeifer herzlich die Hand schüttelnd. »Daß Er im Schießen ein Wundertäter, habe ich ehvorgestern gesehen; nun erzählt mir mein neuer Hofkapellmeister Neubauer,« – Frau Christine machte gewaltig große Augen bei diesem Wort – »daß Er und sein Friedrich auch in der Musik wahre Wundermenschen seiet, daß ihr gleichsam als musikalisches Zwillingspaar Duette geigtet, wie man sie in Wien nicht hören könne. Er nannte euch beide die größte Merkwürdigkeit, die gegenwärtig in Weilburg existiere. So bin ich denn alsbald auf Euern Turm gestiegen, damit man mir nicht nachsage, ich suche das Schönste in der Ferne, während ich es doch in meinem eigenen Schlosse habe.« Der Stadtpfeifer stand regungslos wie ein Türpfosten während dieser Anrede – er war ja in Hemdärmeln! Außer dem Staatsrock, worin der neue Hofkapellmeister prangte, besaß er nur noch ein ganzes und ein zerrissenes Kamisol, beide für die Werktage bestimmt, und ein Kamisol konnte er doch nicht eigens zu Ehren des fürstlichen Besuches anziehen! Christine hatte schon zweimal Neubauer am Ärmel gezupft, ihn bittend und beschwörend, daß er in die Seitenkammer gehen und ihrem Manne den roten Rock ausliefern möge. Vergebens! Er blieb taub! Der Fürst ließ Friedrich herbeirufen und unterhielt sich eine Weile freundlich mit dem Jungen. »Nun zu den Geigen«, rief er dann mit erhobener Stimme. »Ich möchte auch eines von den schönen Duetten hören, Stadtpfeifer, und bitte meines Vetters, des Herrn Schützenkönigs Liebden, mit rechtem empressement um diese Gunst.« Der Stadtpfeifer blieb regungslos und schweigend wie vorher und gab nur zuweilen durch tiefe Verbeugungen ein Lebenszeichen von sich. Während der Fürst mit Friedrich sprach, hatte er gegen Neubauer halblaut hinübergerufen: »Gebt mir meinen Rock! Hört! Meinen Rock! Den Rock, oder ich schlage Euch nachher Arm und Beine entzwei!« Der Fürst blickte den versteinerten Stadtpfeifer staunend an. Da trat Neubauer mit zierlicher Verbeugung vor und sprach: »Ich erzählte Euer Durchlaucht schon, daß mein Freund die Grille hat, nur bei verschlossener Türe zu geigen, daß er nur im Duett ein Meister ist, keineswegs aber, wenn er allein spielt. Ich vergaß noch eine andere Eigenheit. Er kann nur in Hemdärmeln so vortrefflich spielen; sobald er den Rock anzieht, wird die Geigenhaltung unsicher, der Bogenstrich steif. Ich bitte darum meinen gnädigsten Herrn in meines Freundes Namen, ihm für die Ablegung der ersten Probe seiner Kunst vor einem so hohen Kenner zu dem übrigen auch noch die Hemdärmel nachzusehen.« Der Fürst lachte herzlich. »Die Bitte ist gewährt! Was doch so einem Musiker für Ratten durch den Kopf laufen! Aber flugs zu den Geigen! Stadtpfeifer, ich verlange viel von einem Duett in Hemdärmeln!« Als nun Vater und Sohn ihre Instrumente richteten, war es seltsam zu sehen, wie gewandt, fein und doch so bescheiden Friedrich sich zu benehmen wußte, während der Alte so hölzern war, als seien die Hemdärmel eine Eisenrüstung, und vor dem Fürsten scheu die Augen niederschlug, dem neugebackenen Hofkapellmeister aber Blicke tödlicher Wut zuwarf. Frau Christine verlor ganz den Kopf über die Vermessenheit ihres Mannes, Duett vor den durchlauchtigen Ohren des Fürsten und den kritischen Neubauers zu spielen. Der Kapuziner hatte sich auf ihre Bitte davongeschlichen, um unten im Schlosse beim Küchenmeister einen Rock zu borgen. Das Duett klang anfangs etwas rauh und steif. Der Stadtpfeifer gedachte noch mehr der Hemdärmel als der Musik. Doch, da er dem Sohne wieder Aug' in Auge sah, schwanden ihm diese Gedanken. Es klang allmählich wie sonst; die Zuhörer waren vergessen. Friedrich blickte voll kindlicher Unbefangenheit aufwärts; der Alte sah herab mit Blicken, die so hell glänzten, daß man nicht wußte, ob von Tränen oder vor Freude. Ja, das war ein Duett! Es war das allerschönste, welches jemals in der Pfeiferstube gegeigt worden ist. Wer's nur auch mit angehört hätte! Zuerst mußte der Stadtpfeifer die Hemdärmel vergessen; jetzt sah aber auch der Fürst die Hemdärmel nicht mehr. Die Wände hallten wider von dem lauten Lobe; doch diejenigen, denen es galt, hörten es kaum, so tief waren sie ergriffen von dem eigenen Spiel. »Hört«, sprach der Fürst und faßte den Stadtpfeifer bei der Hand. »Euer Sohn muß nach Wien, nach Italien, daß er ein ganzer Meister wird. Rüste Er allmählich seine Abreise. Was zur Ausstattung fehlt, lasse Er bei mir fordern; die Reise- und Lehrkosten bezahle ich, und nach der Rückkehr wird sich ja wohl ein Platz in Unserer Hofkapelle für den jungen Hexenmeister finden.« Der Stadtpfeifer hieß den Pflegesohn fortgehen, legte seine Geige nieder und sprach: »Ich würde in Freuden Dank sagen meinem gnädigsten Herrn, wenn mir die Tränen nicht zu nahe stünden. Ich glaube, heute hab' ich zum letztenmal gegeigt. Sehen Eure Durchlaucht, ich bin eigentlich ein schlechter Musikant. Immer habe ich mich geplagt und konnte doch nichts zuwege bringen. Da ist mir dieser Bube vom Himmel herabgeschickt worden. Oft habe ich bei mir gedacht, ob Friedrich nicht mehr sei als ein bloßes Findelkind, so ein – wie soll ich sagen – cherubimischer Genius der Musik, der einmal menschlicherweise hier unten geigen wollte, statt droben im Konzert der Engel die Harfe zu spielen. Dann wies ich aber meine Gedanken allezeit streng zurecht und sprach zu mir: Kullmann, sei nicht närrisch! Allein, wenn mir der liebe Gott am selben Abend das Geld für einen Laib Brot auf die Straße legte, warum soll er nicht auch eigens dieses Kind für mich dorthin gelegt haben, damit ich bei ihm ein Brot der Erquickung für meinen inwendigen Menschen fände? Als ich den Buben um Gottes willen aufzog, da ward ich inne, daß mir's wenigstens gegeben sei, in einem anderen zu erwecken, was ich so deutlich in mir fühlte und doch nicht von mir geben konnte. Oh, wie tröstete mich das! Ich weiß nicht, war es ein Wunder, oder hat es natürlich so sein müssen, – nur mit Friedrich konnte ich meistermäßig spielen und bis daher auch nur insgeheim mit ihm. Es ist uns oft recht elend gegangen, gnädigster Herr, aber es ist doch kein Mensch in ganz Weilburg so glücklich gewesen, als wir armen Leute hier oben auf dem Turm, wenn ich mit Friedrich Duett geigte. Das ist nun aus und vorbei. Jawohl, Friedrich muß hinaus. Wie sollen wir Euer fürstlichen Gnaden dafür danken? Aber mit ihm zieht das beste Stück von mir fort. Und wer weiß, ob ich je wieder der ganze Stadtpfeifer werde, der ich gestern noch gewesen bin!« »Ich will ihm ja seinen Friedrich nicht nehmen«, tröstete der Fürst tief ergriffen. »Er wird wiederkommen als vollendeter Meister, und Ihr werdet dann nicht bloß der ganze, sondern ein verdoppelter Stadtpfeifer sein.« »Und doch ist mir's, als hätt' ich heute zum letztenmal gegeigt«, sprach Heinrich Kullmann leise vor sich hin, indes der Fürst dem lauten Dank sich entzog, für den jetzt Frau Christine Worte fand, und die Wendeltreppe hinabstieg. Neubauer blieb noch einen Augenblick zurück. »Unglücklicher Mann,« rief er dem Stadtpfeifer zu, »warum habt Ihr meinen alten Reiserock, der neben in der Kammer hängt, nicht angezogen? Wäret Ihr nicht in den Hemdärmeln geblieben, so hätte Euch der Fürst hier auf der Stelle zum Hofmusiker ernannt: es war alles schon abgeredet!« Der Stadtpfeifer trat gelassen näher, befühlte das Tuch seines eigenen ziegelroten Rockes und sprach: »Das Kleid sitzt Euch wie angegossen. Seht, Ihr seid gleich an den rechten Mann gekommen, in ganz Weilburg ist vielleicht kein zweiter, dessen Rock Euch so schön gepaßt hätte; ich dagegen bin ein Unglücksvogel, und wo mir endlich einmal der Hirsebrei fürstlicher Gnade geradezu vor dem Mund niederregnet, habe ich keine Schüssel, um ihn aufzufangen.« Neubauer eilte dem Fürsten nach. In dem Augenblick, da er die Stube verließ, trat der Kapuziner atemlos zur anderen Tür herein, den Rock des Küchenmeisters auf dem Arm. »Zu spät!« rief der Stadtpfeifer und warf sich todesmüde auf einen Stuhl. »Zu spät?« wiederholte der Kapuziner. »Dann will ich ungesäumt in den goldenen Löwen gehen, um zu erkunden, wie es Neubauer angefangen, daß er innerhalb einer Stunde ganz besoffen den Schneider mit dem Kruge prügelt und dann wieder fast wie nüchtern dem Fürsten aufwartet, so gewandt, als sei er auf dem Parkettboden zur Welt gekommen. Dieser Neubauer ist ein Mann, den man bewundern und studieren muß!« In wenigen Tagen trat Friedrich die Reise nach Wien an. Nun ward es still in der Turmstube. Der Stadtpfeifer blies nur noch im Dienste und im Geschäft. Die Geige hing im Schrank; Kullmann wollte sie nicht anrühren, bis er wieder mit Friedrich Duett spielen könne. Nur wenn zu Zeiten ein Brief aus Wien kam mit erwünschter Nachricht über des Sohnes Wohlbefinden, ja wohl gar mit einem beigeschlossenen eigenhändigen Schreiben Joseph Haydns – dem Stadtpfeifer zitterte allemal die Hand, wenn er das Siegel des vergötterten Meisters erbrach – über Friedrichs unerhörte Fortschritte, nur dann ging er langsam zum Schrank und schaute sich die Geige vergnügt wehmütig an; aber um keinen Preis würde er einen Strich darauf getan haben. So verging ein halbes Jahr gar stille, und es war Winter geworden. Kapellmeister Neubauer hatte sich festgesetzt bei Hofe und die ganze alte Hofkapelle umgewälzt. Doch der Erfolg sprach für seine kecken Neuerungen. Minderen Beifall fand es, daß er allwöchentlich bald vor diesem, bald vor jenem Wirtshause um Mitternacht selber in bedenklichen Umwälzungen gefunden und vom mitleidigen Nachtwächter heimgetragen wurde. Nach Neujahr kam eines Morgens der Kalikant der Hofkapelle auf den Turm und übergab dem Stadtpfeifer ein dickes Paket. Neubauer war ausdauernd gewesen in seiner Dankbarkeit von wegen des ziegelroten Rockes; er hatte nicht geruht beim Fürsten, bis er allmählich dessen Abneigung gegen den allzu grillenhaften Stadtpfeifer besiegte. Das Paket enthielt ein Anstellungsdekret als Hofmusikus für Heinrich Kullmann. An den Rand hatte jedoch der Fürst die eigenhändige Bemerkung geschrieben: » Nota bene : Im Hofkonzert wird nicht in Hemdärmeln gegeigt.« Heinrich und Christine feierten einen Tag stiller Freude. Zum Jubeltag wollte derselbe nicht werden, denn es war dem Ehepaar fast wehmütig, die altgewohnte Turmstube zu verlassen, wo sie so viel Leids und Liebes einträchtig zusammen erlebt. Gegen Abend ging der Stadtpfeifer zu Neubauer, um ihm zu danken. Er fand den jungen Wüstling in auffallend ernster, weicher Stimmung. Als er ihm seinen Dank aussprechen und seine Freude über das unverhoffte Glück bekunden wollte, unterbrach ihn Neubauer: »Seid stille, Meister! Was ist alles Menschenwerk und Menschenhoffen! Wir sind wie Gras auf den Wiesen, das am Morgen noch stolz stehet und am Abend abgemäht ist – ich weiß nicht mehr genau, wie der Spruch heißt, aber er klingt ungefähr so. Und daß ich's kurz sage – denn Ihr seid ja ein Mann, und ich bin kein Pastor – heute früh habt Ihr einen Brief mit rotem Siegel erhalten; hier ist einer für Euch mit schwarzem – Morgenrot, trüber Abend – lest ihn selber.« Der Brief enthielt die Nachricht von Friedrichs Tode. Sein schwacher Körper hatte das Übermaß des Studierens, dem er sich hingab, nicht aushalten können. »Der Tod will seine Ursach' haben«, bemerkte Neubauer zu dieser Stelle, die sie beide nicht ganz fassen konnten, und der Stadtpfeifer fügte hinzu: »So oder so: ich habe es voraus gewußt, daß ich mein Kind nicht wiedersehen würde.« In den ersten Tagen der Trauer saß Kullmann oft stundenlang im dunkelsten Winkel der Stube, blickte auf den Boden und faltete die Hände über dem Knie. Und als die Frau ihm freundlich zuredete in dieser Trübsal, sprach er: »Weib, tröste mich nicht. Jetzt bin ich mehr als Hoftrompeter, ich bin wirklicher Hofmusikus und habe satt zu essen; o wäre ich wieder Stadtpfeifer und wir blieben hier auf dem Turm und wären hungrig und – hätten unseren Friedlich wieder! Ach, es war nur immer im Gemüte, daß der Junge zu gut und zu zart sei für diese Welt!« Dann aber richtete er sich plötzlich hoch auf, reichte der Frau die Hand und vollendete in männlicher Fassung: »Wir wollen dennoch nicht verzagen. Der Haussegen, den uns Gott gegeben, weil wir uns dieses Kindes erbarmt, wird nicht von uns genommen sein. Schicke mir unsere drei Kinder herein, daß ich mit ihnen spiele und ihnen von Friedrich erzähle. Wer Trost sucht, der findet Trost.« Der neue Hofmusiker zog vom Turm in eine Stadtwohnung, und jener Haussegen zog mit ihm, und bald war auch die stille Zufriedenheit des Pfeiferstübchens wieder heimisch geworden in dem neuen Quartier. Ein sonniges Alter war den Eheleuten nach so viel rauhen Jahren bereitet. Christine gedachte jetzt manchmal des Wirtes zu Beilstein, der ihr auf der Hochzeitreise das Behagen des Sonnenscheins gepriesen, als sie Sturm und Regen so lustig gefunden hatte. Jetzt war sie zu des Wirtes Ansicht bekehrt. Der Sonntagskuchen des elterlichen Hauses in Ebersbach tauchte nach mehr als achtzehnjähriger Pause mit einemmal wieder auf; zuerst kam er klein wie das erste Mondviertel auf den Tisch, dann größer, gleich dem Vollmond, dann gewaltig wie ein Mühlstein. Der Pater Kapuziner witterte den Kuchen, zu dem Frau Christine an Sonntagnachmittagen sogar ausnahmsweise einen Kaffee spendete, und ward nun ein Stammgast in Kullmanns Hause. Sowie noch ein Dritter anwesend war, erzählte er dann mit großem Humor und alljährlich sich mehrenden sagenhaften Ausschmückungen die Geschichte von dem Konzert in Hemdärmeln. Als Neubauer schon längst sich zu Tode getrunken, ward seiner dabei immer noch dankend gedacht. Heinrich Kullmann rührte keine Geige mehr an. In der Kapelle blies er die Hoboe. Als er Hofmusikus ward, hatte er sich jedoch vorbehalten, an besonderen Festtagen auf dem Turme den Choral mitblasen, ja, ihn dann selber auswählen zu dürfen. Erst da die Stadtpfeiferei ein Ende nahm, fühlte er, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war. So blies er denn oben auf Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten, und die Bürger merkten's gleich an dem vollen, feierlichen Klang, daß der alte Heinrich Kullmann wieder auf dem Turme stehe. Außer jenen Kirchenfesten hatte er sich aber auch noch für einen persönlichen Festtag die erste Posaune ausbedungen. Es war dies der 14. Juli, sein Hochzeittag. Da überdachte er wohl in dämmernder Frühe beim Aufstehen die wunderbare Führung, mit der ihn Gott durch Leid zu Freud' gebracht, und freute sich des Segens, der nicht von seinem Hause gewichen war, obgleich er dasselbe in Leichtsinn gegründet, dann aber in Mut und Gottvertrauen gestützt und gefestigt hatte. Zweierlei war es, was ihm nach seiner Meinung diesen Segen beschert: daß er nicht bloß das Brot vom Wege aufgehoben, sondern mit dem Brote auch das Kind, und dann, daß er in dem Bauernmädchen von Ebersbach ein so unübertreffliches Weib gefunden. Was er von seinem verstorbenen Friedrich zu sagen pflegte, das sagten die Leute auch wohl von ihm: er sei fast zu gut für diese Welt und zu zart, und fügten dann hinzu: ein Glück, daß er eine so gestrenge, heftige Frau hat. Mit frommen Gedanken, mit schmerzlich süßen Erinnerungen bestieg der ehemalige Stadtpfeifer am 14. Juli den Schloßturm. Dann aber stieß er oben so mächtig in seine Tenorposaune, daß es widerhallte von den Felswänden des engen Talkessels, und wie er die Töne aushielt, anschwellen und verklingen ließ, so machte es ihm keiner nach, ja er selbst konnte an keinem anderen Tage blasen, wie an diesem. Denn es schallte nicht bloß die Posaune, daß sie den rechten Ton gab, sondern der Stadtpfeifer sang auch inwendig bei sich den rechten Text mit, und es klang in ihm, wie ein ganzer voller Chorgesang, wie ein Tedeum nach gewonnener Schlacht, wenn sie selbviere zu blasen anhoben: »Nun danket alle Gott Mit Herzen, Mund und Händen, Der große Dinge tut An uns und allen Enden; Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an Unzählig viel zu gut und noch jetzund getan.« Traten die Bläser ans gegenüberstehende Fenster, um den Choral zu wiederholen, dann schmetterte der Alte noch gewaltiger drein, denn er schaute nun hinunter auf sein Haus und sang im stillen den zweiten Vers des Liedes, und dieser lautete, als habe ihn Martin Rinckart ganz besonders gedichtet für unseren Heinrich Kullmann, den Stadtpfeifer von Weilburg: »Der ewig reiche Gott Woll' uns bei unserm Leben Ein immer fröhlich Herz Und rechten Frieden geben Und uns in seiner Gnad' erhalten fort und fort Und uns aus aller Not erlösen hier und dort.« Ovid bei Hofe In nova fert animus mutatas dicere formas Corpora                               Ov. Met. I, 1. Erstes Kapitel Die Fürstin gähnte. Der Fürst selber servierte ihr heute den Kaffee im Minnedienst des Flitterjahres ihrer Ehe. Sie saßen allein in dem traulichen kleinen Gemach, dessen Wände so ganz von Blumen verhüllt waren, daß es der Hofmarschall neuerdings als die »Grotte der Flora« in das Zimmerregister hatte eintragen lassen. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strich die erweckende Kühle des schönsten Maimorgens, und die leise Luft spielte in dem wallenden Haare der jungen Fürstin, das, noch nicht kunstvoll geordnet, nur durch ein rotes Band zusammengehalten wurde. Eine Fülle der Anmut ergoß sich über diese »Grotte«, daß Götter selig darin hätten schwelgen können – und dennoch gähnte die Fürstin! Der Fürst hatte einige Papiere vor sich auf dem Kaffeetisch liegen; denn er hielt eben, wie er's nannte, feinen kleinen Kabinettsrat. Dieser aber galt allezeit nur der Fürstin und ihren geistreichen Launen, und der Fürst war noch artig genug, das Tagewerk feiner Regierungsarbeiten an jedem Morgen mit diesem schwierigsten Departement des Innersten zu beginnen. Selten wohl hat ein junger Ehemann seine Gattin so ganz nach Herzenslust die anmutigste Verschwendung entfalten lassen, wie unser Fürst Karl August. Die Fürstin Eudoxia nannte den Gemahl aber bei seinem zweiten Namen Augustus, weil sie gerne ein augustisches Zeitalter des künstlerischen Prunkes und geistberauschender feiner Üppigkeit im kleinen Reichsfürstentume hervorgezaubert hätte. Die etwas bäuerlichen Bürger der Residenzstadt ihrerseits hatten in mangelhafter Kenntnis der byzantinischen Geschichte den Namen ihrer neuen Fürstin Eudoxia nicht recht verstanden und schlechtweg zur Fürstin Eidechse verdeutscht. Und in der Tat, sah man das kleine bewegliche Wesen mit den klugen Augen, jeden Tag mit einem anderen goldschimmernden Gewand angetan, durch die Laubgänge des Schloßgartens mehr gleiten und schlüpfen als gehen, dann mußte man bekennen, Eudoxia sei anzuschauen recht wie die klugblickende grüngoldene Eidechse, die so lustig im Frühlingsstrahle hin und her huscht, harmlos, heiter, in Lebenslust gesättigt. Also Eudoxia durfte ihren Schönheitsphantasien, ihren künstlerischen Plänen und Launen noch ganz freien Lauf lassen, und dieser Pläne waren so viele und ihre Durchführung erforderte so starkes Kopfbrechen, daß fast an jedem Morgen der kleine Kabinettsrat am Kaffeetisch abgehalten werden mußte und oft gar schwer zum Schlusse kam. Aber die Maisonne, welche durchs Fenster der Frühlingsgrotte so hell hereinscheint, ist ja die Maisonne des Jahres 1724, wo große und kleine Fürsten noch unbekrittelt ihren Launen leben durften und Geld besaßen wie Heu, um in feinem Geschmack mit Trianon zu wetteifern und in phantastischer Pracht mit Versailles. Ist es doch binnen Jahresfrist in der kleinen Residenz hergegangen, als gälte es, eine neue Welt zu schaffen. Bauleute sind eben noch beschäftigt, den alten Schloßbau durch zwei neue Flügel zu modernisieren. Der Schloßgarten ist völlig umgewandelt. Hier entfaltete sich der Geschmack der jungen Fürstin am reichsten. Da wurden Grotten angelegt, Laubgänge, Teiche, Wasserfälle, Brücken, griechische Tempel und chinesische Pavillons. Die massige, über und über verzierte Steinbalustrade längs der großen Terrasse prangt mit sechs kolossalen Erzvasen, von schön modelliertem, vergoldetem Laubwerk umrankt; dagegen ist Apoll mit den neun Musen bei dem Springbrunnen zur mehreren Bequemlichkeit der Gießer und der fürstlichen Kasse nur aus Blei gegossen und mit weißer Ölfarbe angestrichen, »doch also, daß es ausstehet,« wie ein gleichzeitiger begeisterter Beschreiber sagt, »als seien die statuen aus wahrhaftigem penthelischem Marmor gehauen.« Die junge Fürstin galt für unermeßlich reich, und der Fürst hatte neuerdings eine große Erbschaft getan, so daß beim Volke die Sage ging, des Nachts zögen ganze Karawanen von Mauleseln die Straßen zur Residenz entlang, mit Fässern und Säcken Goldes beladen, um die ungezählten Schätze zusammenzutragen, in welche der Fürst nur mit verschwenderischer Hand hineinzulangen brauche. Am Ersten jedes Monats, fuhr dann die Sage fort, pflege sich Karl August ganz allein in sein Kabinett einzuschließen, um sämtliche quittierte Rechnungen der abgelaufenen vier Wochen höchsteigenhändig im Kamin zu verbrennen, damit keine Seele je erfahre, wieviel Geld er vertan und er selber nicht jezuweilen erschrecke vor den ungeheuren Summen. Also die Fürstin gähnte. Es geschah dies aber nicht aus Langweile, sondern aus gelinder Verzweiflung; denn die gelindeste Form der Verzweiflung zwingt zum Gähnen. Eudoxia schwärmte gegenwärtig für Ovids »Verwandlungen«, die sie unlängst aus einer französischen Übersetzung kennengelernt hatte. Bereits stickte sie die Geschichte von Philemon und Baucis auf einen Ofenschirm; allein weit Größeres war noch im Werk. In dem erlesensten Zirkel des Hofes wurden Schauspiele aufgeführt, Opern sogar mit Ballett, und die Herren und Damen vom Hofe wirkten hierbei zusammen mit einigen für diese Unterhaltung eigens berufenen Künstlern. Damals gehörte es aber zum Glanz eines Hofes, nicht bloß eigene darstellende, sondern auch eigene schöpferische Künstler zu besitzen. Nicht bloß Opern geben wollte man, sondern jeder Hof wollte auch seine eigenen Opern geben, seine eigenen Schauspiele und Ballette. Die Fürstin hatte darum einen Hofopernkomponisten von Wien verschreiben lassen in der Person des Maestro Ignaz Lämml. Da man aber bei diesem Posten ebenso bequem sparen zu können glaubte, wie bei dem bleiernen Apoll mit feinen angestrichenen neun Musen, so hatte man dem guten Wiener, der nie in seinem Leben einen Vers gemacht, zugleich die Verpflichtung aufgelegt, sich zu der allmonatlich zu liefernden neuen Oper oder Kantate seinen Text selbst zu schreiben und zugleich, wenn's not tue, als Hofpoet auszuhelfen. Nun war die Aufgabe des armen Ignaz für den laufenden Monat keine leichte. Er sollte die Geschichte von Pyramus und Thisbe zu einer Oper verarbeiten. Allein trotz ihrer Vorliebe für Ovid hatte die Fürstin doch eine bedeutende Abweichung von der Erzählung des alten Römers für das Libretto befohlen: die Oper durfte nicht tragisch schließen, Pyramus und Thisbe sollten sich am Schlusse heiraten, damit alsdann ein lustiger Tanz eintrete. Das war zuviel für Ignaz Lämml. In einer schriftlichen Eingabe, die eben im »kleinen Kabinettsrate« vorlag, – und gerade sie war es auch, welche die Fürstin zum Gähnen der gelinden Verzweiflung gebracht – erklärte der Maestro eine solche Umbildung der Fabel für ganz unmöglich. Mit einem Anflug von Ironie verteidigte der Fürst die Ansicht des Kapellmeisters, während die Fürstin für ihre eigene Sache sprach. Und mit all dem liebenswürdigen Eifer, dessen nur ein junger weiblicher Anwalt fähig ist, rief sie: »Ein König von Frankreich, Karl – Karl der soundsovielte (wer kann die langweiligen Namen und Zahlen behalten!) stellte das Gesetz auf, daß jede Oper heiter und versöhnt enden müsse. Es gehört das gleichsam zur Hofetikette der Oper –« »Allein,« unterbrach der Fürst, »unsere großen Meister kehren sich längst nicht mehr an dieses Gesetz.« »Große Meister? Ja! Aber gerade darum, weil er kein großer, sondern ein kleiner Meister ist, muß sich unser Ignaz Lämml daran kehren. Alle Kunstgesetze sind vergleichbar den Spinnweben: die großen Fliegen brechen hindurch, und die kleinen werden darin gefangen. Und so soll sich unser Lämml nur ruhig gefangen geben dem ehrwürdigen Königsgesetz der Oper.« »Wahrlich, gefangen wird er sich geben, aber die Oper nicht fertig bringen. Denn als er jüngsthin Acis und Galatea schrieb, ging es ihm wie Vetter Christian im Sprichwort, der glaubte, er habe ein Päckchen Tabak gekauft, da hatte er's gestohlen. Er bettelte und stahl sich die Verse aus allen anderen Galateen zusammen. Wo soll der Arme aber die Verse zu Pyramus und Thisbe stehlen, die sich heiraten statt sich zu ermorden? Hättest du ihm noch die Geschichte vom Dädalus zur Bearbeitung aufgegeben, er würde die Figur des Minotaurus wenigstens an sich selbst haben abstehlen können, denn wie kann man den Ignaz Lämml besser schildern als mit Ovids Worten: › Semibovemque virum, semivirumque bovem ‹ (ein halbochsiger Mensch, ein halbmenschlicher Ochs). Aber verzeih, liebe Eudoxia, ein höchst gutmütiger Geselle ist der Kapellmeister doch und ein vortrefflicher Musikant dazu.« Die harten Worte des Fürsten waren mit so zärtlicher Schalkhaftigkeit des Tones gesprochen, daß sich Eudoxia nicht gekränkt fühlen konnte. »Unser armer Poet hat Sukkurs erhalten!« rief sie triumphierend in ihrer vollen anmutigen Munterkeit. »Vor einigen Wochen ist sein Sohn ein trefflicher Sänger und ein wahrer Tausendkünstler, von Wien herübergekommen, der schneidet ihm jetzt die Verse zu. Der junge Mensch tut höchst geheimnisvoll, macht sich äußerst rar in der Stadt und im Schlosse, kaum weiß jemand, daß er hier ist – aber um so besser für uns, um so glänzender wird die Überraschung sein, womit wir euch Zweifler besiegen werden!« »Nun,« sprach der Fürst, gedankenlos in den Papieren blätternd, »wenn Pyramus und Thisbe glücklich und lustig zur Ehe kommen, dann wäre ich imstande und sänge selber mit in eurer Opera.« Es hatte ihn aber die Fürstin schon gar oft um seine Mitwirkung als um eine ganz besondere Gunst gebeten, denn Ludwig hatte ja auch zu Versailles im Ballett getanzt. Allein diese einzige Bitte hatte der Fürst immer stracks zurückgewiesen mit den Worten: »Ein Fürst soll nicht Komödie spielen!« Jetzt aber sprang Eudoxia jubelnd auf. »Das Wort halte ich fest, welches du eben gesprochen, und dich halte ich fest bei deinem Wort!« Karl August erschrak, sann nach – da ward ihm erst klar der gedankenlos hingeworfenen Zusage Bedeutung. Sich der dankbaren Zärtlichkeit seiner Gemahlin entwindend, sprach er mit fast feierlichem Ernste: »Der König von Frankreich, des Namens du dich nicht entsinnen konntest, war Karl VI. Er hat in der Tat verordnet, daß jede Oper heiter und versöhnt schließen müsse. Aber schauerlich verhöhnte das Geschick diesen Satz in der letzten Komödie, die dieser König selbst gespielt. Bei einem Fastnachtsscherz trat er als wilder Mann auf, in zottiges Fell und einen Pechkittel vermummt. Da kam er einer Pechfackel zu nahe, das Pechgewand fing Feuer, und der lustige König, der jede Komödie heiter wollte geendigt wissen, starb an dem Schreck und den Brandwunden des letzten Finales dieser letzten Komödie, die er selber mitgespielt. Ein Fürst, Eudoxia, soll nicht Komödie spielen! Doch du hast mein Wort; ich werde es einlösen.« Eine Wolke flog über das Gesicht der Fürstin, allein sie ging rascher noch vorüber wie Aprilgewölk. Und sie zog ganz sachte die Replik des Hofkapellmeisters Ignaz Lämml hervor und präsentierte sie samt Tinte und Feder in holdester Anmut schweigend dem Fürsten, daß er den Entscheid darauf schreibe. Lächelnd schrieb Karl August mit festen Zügen: »Die Opera Pyramus und Thisbe soll lustig mit der Liebenden Heirat schließen. Coûte-que-coûte: – so will und befehl' ich's. Carolus Augustus.« Und diesem Kabinettsbefehl ward ein Lohn, wie er Kabinettsbefehlen sonst nimmer zu werden pflegt: ein Kuß von den schönsten Lippen. Der Fürst sprang auf, trat ans Fenster und blickte nachdenklich in den Schloßhof. »Schau'!« rief er, »welch seltsamer Aufzug! Vier Männer tragen eine ungeheure, mit Blumen bekränzte Brezel, die stolzeste Geburtstagsbrezel. Sie wollen zu dem schmalen Pförtchen hinein, das zu deines Hofsängers, des Maestro Dal Segno Wohnung führt. Ah! das gilt wohl der Tochter des Welschen, der schönen Cornelia! Aber die Pforte ist zu eng – sie kommen nicht durch mit der ungeheuren Brezel. Sie gehen zurück – nein! – sie halten Kriegsrat. Was werden sie beginnen? Sie steigen zu dem großen Doppelfenster hinein! Das ist unverschämt – wider alle Schloßordnung – vor unseren Augen und am hellen Tage!« Der Fürst klingelte. Der Kammerdiener erschien. »Hat Er den unverschämten Kerl gesehen, der eben samt drei anderen und einer ungeheuren Brezel zu Dal Segnos Fenster eingestiegen ist? Wer war der Halunke?« »Der Maler Friedrich Bergmann, zu Euer Durchlaucht Befehl.« »Er soll in Arrest gehen, sechs Stunden –« »Zu Befehl – sechs Stunden.« »Halt! Sechs Stunden heute und morgen noch einmal sechs Stunden. Mache, daß du fortkommst! – Halt! Sogleich, auf der Stelle soll er sich auf der Wachtstube zum Arrest melden. Hörst du! Absitzen noch heute morgen!« »Das ist hart!« lispelte die Fürstin, als sie wieder allein waren. »Der arme Bergmann!« »Die Schloßordnung muß gewahrt werden! Und siehst du, Eudoxia, alles fängt jetzt an, hier Komödie zu spielen, selbst meine Leute! Der ganze Hof phantasiert –« »Aber warum mußte denn der Arrest des armen Bergmann verdoppelt werden?« fiel die Fürstin rasch, wie das böse Gewissen, ins Wort. »Weil er ein gescheiter Kerl ist, ein durchtriebener Bursche, der alles kann und weiß, wenn er nur will.« »Aber du schiebst ihn ja sonst immer zurück hinter den französischen Maler, der Hofmaler werden soll!« »Weil er sich anstellt wie eine deutsche bête , da er doch ein deutsches Genie sein könnte weit über den Franzosen hinaus. Darum eben schicke ich ihn mit doppelter Strafportion ins Cachot, daß er zum Bewußtsein erweckt werde. Kind, du weißt nicht, wie man deutsche Künstler erzieht!« Zweites Kapitel Da lag sie, die ungeheure, blumengeschmückte Brezel, das Meisterstück der Bäckerkunst, aus dem Diebswege durchs Fenster hereingebracht, noch von niemandem im Hause gesehen, verlassen in dem Zimmer der schönen Cornelia, der Tochter des italienischen Sängers. Friedrich Bergmann, der mit diesem landesüblichen Geburtstagsgeschenk einen entscheidenden Sturm auf die Liebesgunst der Göttin dieser Räume hatte ausführen wollen, war davongeschlichen zum Arrest wie ein ertappter Dieb, so nahe dem Gipfel und so grausam in die Tiefe geschleudert! Die Tür öffnet sich und hereingeschlichen kommt ein zierlicher, spargelhaft lang aufgeschossener junger Mann, fein geputzt mit Schnallenschuhen und seidenen Strümpfen und himmelblauen Kniebändern und einem rotbraunen Samtrock, der für den Fürsten selber nicht zu schlecht gewesen wäre. Erstaunt betrachtet er die einsame Brezel. Also war er heute nicht der erste Gratulant auf dem Platze? Was will der niedliche Blumenstrauß, den er in Händen trägt, gegen diese Kränze, gegen diese ungeheure Brezel! Die Brezel weckt seine Eifersucht. Nur ein Liebhaber kann eine so große Brezel backen lassen. Aber Cornelia soll es ihm büßen, dem glücklichen Anbeter, der sich bis zu dieser Stunde, da er die ungeheure Brezel erblickt, für den einzigen hielt – Doch stille! Es naht ihr leichter, schwebender Tritt, und der Gratulant pflanzt sich, sein Sprüchlein rüstend, mit dem niedlichen Strauß neben die ungeheure Brezel. Cornelia tritt ein, schön wie dieser schönste Maimorgen des lustigen Jahres 1724. Es war ein Doppelgeburtstag, und die beiden Liebenden – wir dürfen sie wohl so nennen trotz Friedrich Bergmann und seiner großen Brezel – tauschten gegeneinander Sträuße und Glückwünsche und Küsse aus. Wie sollten sie nicht füreinander bestimmt sein, wo sie an demselben Tage im Mai das Licht dieser schönen Welt erblickt! Cornelia muß unbändig lachen über die ungeheure bekränzte Brezel. Aber sie ist zugleich gerührt, gerührt, daß ihr Franz, der erst seit einigen Monaten aus Wien nach dieser Gegend gekommen (denn der zierliche Bursche ist niemand anders als jener Sohn des Hofkapellmeisters Lämml, der Tausendkünstler, von welchem die Fürstin gesprochen) – diese Landessitte der großen Geburtstagsbrezeln bereits erkundet und ihr die größte Brezel, die gewiß seit Menschengedenken in der Stadt gebacken wurde, gewidmet hat. Franz weist anfangs den Dank zurück. Aber er besinnt sich. Ja, sie soll es ihm büßen, daß sie noch einen anderen Anbeter hat, der so große Brezeln backen läßt, und betrogen werden soll auch dieser andere – am Ende gar der Sohn des Hofbäckers! – und also nimmt Franz den Dank für die Brezel huldvoll entgegen, und wie zum Liebeszeichen verzehrt das anmutige Paar den Anschnitt von der ungeheuren köstlichen Brezel gemeinsam. Armer Friedrich Bergmann! Indes du nun im Gefängnisse brummst, schwelgt solchergestalt dieser leichtfertige Wiener buchstäblich wie bildlich in aller Süßigkeit deiner ungeheuren Brezel. Begeistert durch den Anschnitt der Brezel und den Humor, den jedes für sich in dem köstlichen großen Backwerk fand, wurden die beiden Liebenden zu einem neckischen Spiel der Laune hingerissen, welches sie in letzter Zeit öfters geübt, – sie machten nämlich gemeinsam Verse, gleichsam im Duett. Es hatte damit aber eine eigene Bewandtnis. Franz dichtete den Text zu Pyramus und Thisbe, der Oper mit dem heiteren Schluß. Er hatte mit diesem Liebesdienst seinen Vater aus einer Hölle erlöst, und der Alte wollte den Sohn seit gestern abend, wo er die kühne Wendung zum glücklichen Ausgang der Oper ausgespürt, in Gold fassen. Pyramus hat den blutigen Schleier der Thisbe gefunden, der Löwin Fußstapfen im Sande entdeckt, zieht sein Schwert, um sich zu ermorden, singt aber vorher noch mit gezogenem Schwerte eine tragische Arie. Da hört ihn Thisbe, stürzt herbei – und alles weitere macht sich von selber. Diesen Text nun dichteten Franz und Cornelia, in anmutigem Spiele improvisierend, gemeinsam. Denn, Cornelia, obgleich in Deutschland geboren und das Deutsche als ihre zweite Muttersprache redend, hatte doch noch von ihren Eltern die nationale Gabe der Improvisation ererbt, und die Stegreifverse flossen ihr so zierlich und manierlich von den Lippen, daß der gewandte junge Poet und Sänger oft kaum gleichen Schritt halten konnte. Nach den ersten Liebesszenen zwischen Pyramus und Thisbe, die auf beiden Seiten der trennenden Wand durch den Ritz abgesungen weiden müssen, erscheint laut Vorschrift der Fürstin Eudoxia das Ballett, um ein Menuett zu tanzen. Während aber die Damen und Herren vom Hofe im Stücke selber singen, sollen die Hofsänger singend eintreten bei diesen Intermezzos des Balletts, welche allegorisch den Inhalt der vorangegangenen dramatischen Szene darstellen. Was soll man aber zu einem Menuett singen? Es bedurfte in der Tat der ganzen Inspiration der großen Brezel, um diese Frage zu lösen. Aber Cornelia weiß flinken Rat. »Wir fingen einen Wechselgesang über das Menuett, vom Menuett. Die Liebesszene ging vorher. Das Menuett ist der Tanz der Liebe.« »Halt ein!« rief Franz, »schon strömen die Verse mir zu. Also: Menuetto. Es hat das Menuett Gott Amor selbst erfunden: Es tanze, was sich liebt! Mit gravität'schem Gang Erscheint Frau Musika; doch weicher Liebessang Ist wie ein Rosenkranz um ihr Gewand gewunden: Prächtig und stolz zu sein, naiv und doch kokett, Lüstern und spröd zugleich; das lehrt das Menuett.« »Nun komme ich!« rief Cornelia und begann zu den Worten auch zugleich eine zierliche Menuettweise mit glockenheller Stimme zu improvisieren: Trio. »Das macht, es hat der Schalk, der lose Gott der Liebe, Verteilt im Menuett des Manns, des Weibes Triebe: Züchtig naiv sind wir, verbuhlt die Männer nur: Drum klingt im Menuett so doppelte Natur.« Und wie Schlag auf Schlag fiel jetzt wieder Franz ein und sang, zugleich die von Cornelia begonnene Melodie fortführend: »Das laß ich gelten dir, o holde Göttin mein, Ist gleich verbuhlte Art nicht Männer Art allein: Doch teilt das Menuett des Manns, des Weibes Triebe, So einigt es sie auch im Grundakkord der Liebe: Drum tanzt ein liebend Paar Menuett, so sei zum Schluß Die rechte Hauptkadenz – ein ganz verstohlner Kuß!« Bei den letzten Versen war der Gesang in ein Parlando, bei den letzten Worten in rasches Sprechen übergegangen, und ehe Cornelia sich's versah, war der Kuß geraubt. Es trat eine lange Pause ein. Die Liebenden saßen wie verklärt vor der großen Brezel. Der Schlag der Vögel klang so hell von den Bäumen des Schloßgartens herüber, – o das war ein köstlicher Augenblick. Nur der arme Friedrich Bergmann, der diese Begeisterung doch auch wider Willen mit hatte entzünden helfen, brummte im Arrest und hatte eben wohl nicht das rechte Maibewußtsein. Wie aus einem Traume erwachend, sprang plötzlich Franz auf. »Leichtsinnige Kinder, die wir sind! So machen wir harmlos eine Komödie in Versen, indes wir beide selber mitten drein sitzen in einer Komödie, in dem verwickeltsten Intrigenstück, das sich jemals in den Räumen dieses Schlosses abspielte. Pyramus und Thisbe! – Sind wir selber nicht auch Pyramus und Thisbe? Erst wollen wir die Gefahren unserer eigenen Liebe in Verse bringen und in Noten sehen, ehe wir an die Liebesabenteuer längst begrabener Helden denken.« »O stille davon!« rief Cornelia leichtmütig. »Lassen wir unser Schicksal rollen, wie es rollt, gedankenlos spielend, scherzend, dem Augenblick hingegeben, und eine unbekannte Hand möge die Zügel lenken.« »Aber der Augenblick gerade ist ja so fastnachtstoll, so köstlich, daß man ihn festhalten, in langsam bedachten Zügen schlürfen und genießen muß!« entgegnete Franz. »Unsere Väter hassen sich wie Spinne und Kröte. Und dennoch brauchen wir nicht durch den Ritz in der Wand Duett zu singen wie Pyramus und Thisbe. Nein, wir singen und sprechen hier am hellen Tage in deines Vaters Wohnung ganz laut und offen. Dein Vater hört den Ton meiner Stimme arglos, nebenan in seinem Zimmer. Nur weiß er nicht, daß ick Ich bin. Er schmeichelt mir, weiht mich ein in alle Geheimnisse seiner Gesangkunst, hegt mich wie einen Sohn in seinem Hause, mich eine Maske, den Sänger Anton Howora aus Böhmen, und wenn er ahnte, daß ich auch nur ein Stück von dem Sohne des Ignaz Lämml sei – oh, es wäre eine höchst lustige und eine höchst traurige Geschichte, wie er mich dann stracks zum Teufel jagen würde!« »Doch jeder Besuch, der hier eintritt, dich erkennt, bei deinem wahren Namen begrüßt, kann unser Lustspiel in ein tränenreiches Drama verwandeln! Noch begreife ich nicht, Franz, wie es dir gelang, die Maske volle zwei Monate zu bewahren.« »Ihr Kleinstädter begreift das freilich nicht«, sprach Franz mit selbstgefälligem Lächeln. »In Wien lernt man dergleichen Dinge, besonders beim Theater. Als ich die lustige Kaiserstadt verließ, da dachte ich, das einförmigste Leben, gehüllt in den Nebel unendlicher Langweiligkeit, erwarte mich hier. Ich kam mir vor, wie einer, der in die Verbannung reist, etwa wie unser Freund Ovidius, als er nach dem Schwarzen Meer gesegelt ist. Tristien nur fürchtete ich hier singen zu können, Klagelieder und jammervolle »Briefe vom Pontus« zu schreiben an die tollen Genossen meines Wiener Lebens, und statt dessen mache ich Metamorphosen, höchst abenteuerlich ergötzliche Verwandlungen, seit den ersten Tagen, in welchen ich den Fuß in dieses verzauberte Städtchen gesetzt! Gleich die erste Verwandlung betrifft mich selbst. Ich höre von dem Ruf des großen Gesangsmeisters Dal Segno. Ei, da gäbe es wohl eine schöne Gelegenheit, ihm einige von den Geheimnissen seiner Kunst abzulauschen, meinen Studien hier einen letzten glänzenden Schliff zu geben. Ganz arglos lege ich meinem Vater den Wunsch vor, noch ein wenig Schule bei Dal Segno zu machen. Ich erwog nicht, daß zwei so eigensinnige Tonmeister unter dem Dache desselben Schlosses ja naturgemäß gar nicht anders als in grimmigster Feindschaft leben können. Mit Zorn und Hohn verweist mir mein Vater dieses hochverräterische Ansinnen. Eigensinn zeugt Eigensinn. Nun will ich erst recht Dal Segnos Schüler sein –« »Und da kommt«, so fiel ihm Cornelia schalkhaft in die Rede, »eines Tages ein fremder Bursche in unser Haus, der sich Anton Howora nennt, aus Prag in Böhmen, und trillert dem Vater so perlende Kadenzen vor, daß der spröde Lehrer von glühender Begierde entzündet wird, einen solchen Sänger seinen Schüler nennen zu dürfen.« »Willst du schweigen, Spötterin! – Das ist nun meine erste Verwandlung. Die zweite wuchs aus derselben hervor; aber sie war gar viel schwieriger. Denn zuerst hatte ich nur meinen Namen verwandeln müssen; jetzt aber mußte ich mich selbst verwandeln. Ich durfte nicht aus meinen vier Pfählen herausgehen, an keinem öffentlichen Orte mich zeigen, keine Besuche machen, keine Bekanntschaft anknüpfen. Denn wie hätte ich sonst meine Doppelrolle auch nur drei Tage spielen können in diesem kleinen Nest, in diesem neugierigen Schlosse, wo der Fürst selbst sich an jedem Morgen die Torzettel vorlegen läßt, damit er jede Mücke kennt, die in seine Residenz aus- oder eingeflogen ist! Wenn's stürmt und regnet, daß man keinen Hund vor die Tür jagt, dann gehe ich spazieren; in stichdunkler Nacht schaue ich mir das Innere der Stadt an und die neuen Prachtbauten des Fürsten. Nur zur Mittagessensstunde, wenn alle ordentlichen Bürger bei Tische sitzen, wage ich einmal über die Straße zu schlüpfen und verhülle mir dann das Gesicht (das ich sonst so gern recht offen zur Schau trug), als hätte ich Zahnweh –« »Und dennoch«, unterbrach Cornelia, »würde deine Verwandlung nicht lange Stich gehalten haben, wenn mein Vater nicht ganz außer der Welt lebte, begraben in den Wust seiner Noten und Instrumente, wenn er nur ein klein wenig neugieriger wäre –« »Etwa so neugierig wie seine Tochter Cornelia«, fiel Franz ein. »Denn die witterte alsbald etwas von der Metamorphose. Ja, Cornelia, und hättest du nichts davon gewittert und hättest mir nicht einen Zauber angetan, ich würde den Anton Howora selber bald wieder nach Böhmen heimgeschickt haben. Und gälte es die Triller des Orpheus und die Koloraturen des Arion zu erlauschen, so wäre es doch mit dieser Verwandlung auf die Dauer zu teuer bezahlt gewesen. Denn indem ich der größte Sänger geworden, wäre ich zugleich vor Langweile gestorben. Ein mächtiger Gott mag Apoll sein, doch mächtiger noch ist Amor. Da sitze ich nun zu Hause, studiere wie ein Narr, nur um nicht unter die Leute gehen zu müssen, – studiere mich, ohne es selbst recht ernstlich zu wollen, zum größten Sänger, bloß um einer Liebeskomödie willen – wahrlich, Cornelia, als Leander den Hellespont durchschwamm, zeigte er nicht größeren Liebesmut. Und dennoch werde ich bereits hier und dort erkannt in der Stadt. Nicht lange mehr hält das Spinngewebe unseres Geheimnisses. Wir müssen auf neue Verwandlung sinnen. Denn das schwöre ich dir bei dieser großen Brezel und bei meiner noch viel größeren Liebe, mein Vater, der gutmütigste Mann, wäre unversöhnlich, wenn er hinter solchen Betrug käme. Wenn ich mir dächte, daß er jemals einen Fuß in diese Wohnung setzen könnte, dächte, daß er hier seinen Sohn überraschte als Schüler seines Todfeindes, in verliebter Zwiesprach mit seines Todfeindes Tochter, wenn ich mir vorstelle das Entsetzen, die Wut in den Zügen des dicken, gutmütigen Mannes – ein Schlaganfall wäre bei seiner Korpulenz – –« Drittes Kapitel – Da öffnete sich die Tür, und herein trat der dicke Mann selber, der Hofkapellmeister Ignaz Lamml! – »unausbleiblich!« vollendete Franz, und der Schreck trieb ihm dieses letzte Wort überlaut, gleichsam als einen artikulierten Schrei des Entsetzens aus der Kehle, und das junge Paar flog davon in ein Seitengemach, als habe es ein Gespenst gesehen. Erstaunt blickte Ignaz Lämml rundum. Er hatte den Fliehenden nicht erkannt. »Das ist seltsam!« sprach er bedächtig zu sich selber und kopfschüttelnd. »Ich hatte gefürchtet, zur Tür hinausgeworfen zu werden, wenn ich hier eintrete; statt dessen springen die Leute von mir weg wie der Floh vom Bettuch! Was rief mir der Bursche entgegen? »Unausbleiblich!« – Unsinn ist das und das Komödiantenvolk verrückt!« Nach diesem Selbstgespräch nahm der Hofkapellmeister eine Prise und dachte darüber nach, woher es wohl komme, daß alle großen Musiker Tabakschnupfer seien. In überwallender Rührung und Dankbarkeit über die Rettungstat seines Sohnes, die ihn aus der verzweifelten Klemme von Pyramus und Thisbe gerissen, hatte sich Ignaz Lämml zu dem unerhörten Schritt entschlossen, die Schwelle seines Todfeindes zu überschreiten. Heute war Franzens Geburtstag. Der Alte hatte lange gesonnen, was er wohl tun möge, um dem unvergleichlichen Sohn die höchste Überraschung und Freude zu bereiten. Da fiel ihm ein, wie dringend ihn Franz vor ewiger Zeit gebeten, daß er die letzten Feinheiten der Gesangskunst noch bei Dal Segno erlernen dürfe. Mit groben Worten hatte er damals den Sohn zurückgewiesen. Wie tat das dem weichherzigen Vater jetzt m der Erinnerung weh! Nun, wo sich Franz so edelmütig gerächt, hätte er fast geweint über seine vormalige Grausamkeit, denn dem dicken, zartgebackenen Mann rollten die Tränen gar leicht über das runde Gesicht. Da nahm er sich vor, zur Buße für seine Hartherzigkeit, als Zeichen des höchsten Dankes gegen den Sohn und zugleich zur glänzendsten Geburtstagsüberraschung, selber zu Dal Segno zu gehen, dem Todfeind Frieden und Versöhnung zu bieten und, es koste, was es wolle, dem Sohne den Unterricht des eigensinnigen Italieners auszuwirken. Der Gang von dem Flügel des Schlosses, wo des Gesangmeisters Wohnung, war dem guten Lämml, der nicht nur den Sohn überraschen wollte, sondern auch sich selbst überrascht hatte, in der Tat zu einem Bußgang geworden, so qualvoll, als hätte er einen mit Erbsen bestreuten Weg auf den Knieen abgerutscht. Aber der heitere Gedanke, was wohl sein Franz nachgehends für Augen machen möge, hielt ihm den Mut aufrecht. Da stand er nun ganz allein in der Stube, schwur sich zu, sich auch durch den heftigsten Grobheitsangriff des Italieners nicht aus seiner Fassung bringen zu lassen und jeden Feuerbrand der Beleidigung, den jener gegen ihn schleudern würde, sofort mit einem vollen Wasserguß der ergebensten Freundlichkeit abzulöschen – und betrachtete dabei die ungeheure Brezel. Neugierig, wie er war, ging der Alte schnüffelnd im Ring um die Brezel herum, und naschhaft war er auch, drum nahm er ganz verstohlen eines der Stückchen, welche das Liebespaar abgeschnitten hatte, und kostete das treffliche Gebäck. Und wie er nun just den ersten Bissen im Munde hat, das entwendete Stück in der Hand, da tritt der Italiener ins Zimmer, gleichfalls von außen kommend. Eben hatte Maestro Dal Segno draußen die Mär von der verhängnisvollen Brezel vernommen, von dem Einsteigen in sein Zimmer, welches den allerhöchsten Zorn Seiner Durchlaucht erregt, aber keiner wußte ihm noch den Frevler zu nennen. Das rührte ihm schon die Galle. Da muß er nun gar beim ersten Schritt über die Schwelle die zwei Gegenstände seines höchsten Ärgers mit einem Blicke sehen: die Brezel und den Hofkapellmeister. Die Brezel lag groß, ruhig und würdig da, aber der Kapellmeister stand neben ihr wie ein Schulknabe, den der Lehrer auf frischer Freveltat ertappt. Er konnte nur Verbeugungen machen, denn der Bissen des trefflichen Gebäckes erstickte ihm jedes Wort seiner wohlbedachten Anrede im Munde. So standen sich die beiden eine gute Weile gegenüber, Kampfhähnen vergleichbar, welche, die Flügel auf den Boden aufspreizend, gegenseitig auf den ersten Angriff warten. Endlich aber kam beiden zu gleicher Zeit die Sprache wieder, und der entfesselte Strom brauste über den gebrochenen Damm. Der Hofkapellmeister begann: »Heute, als am Geburtstage –« »Also auch Sie sind bei dieser sauberen Geburtstagsgeschichte beteiligt, auch Sie sind verflochten in das Komplott mit dieser Brezel!« unterbrach der Italiener. »Heute, als am Geburtstage meines Sohnes Franz, Herr Kollega«, fuhr der Deutsche mit höchster Gelassenheit fort. »Ah so! bitte um Verzeihung!« rief der Italiener etwas erleichtert dazwischen. »Heute, als am Geburtstage meines Sohnes Franz –« der Deutsche war nun durch die verteufelte Brezel doch konfus geworden. Dreimal noch wiederholte er diesen Anfang seiner wohlstudierten Rede, konnte aber nicht weiter, ließ die wohlgesetzte Phrase fallen, modulierte aus dem hochdeutschen Eingang in seine angestammte breite Wiener Mundart und sprudelte einen schwer zu entwirrenden Knäuel von Sätzen heraus, in welchen er dem aus den Wolken gefallenen Italiener den Wunsch darlegte, daß aller Groll zwischen ihnen vergessen und vergeben sein und daß der Maestro seinen Sohn Franz unter die Zahl seiner Schüler aufnehmen möge. Dal Segno maß unseren Ignaz Lämml mit großen Augen vom Kopf bis zu den Füßen. Endlich fuhr er in trotzigem Tone heraus: »Ich kenne Ihren Sohn nicht, ich nehme keinen unbekannten Schüler. Wer ist er? Wo ist er? Was ist er?« Der Kapellmeister hatte aber die Gewohnheit, wenn eine Aufwallung in ihm kochte, die er niederkämpfen wollte, gewisse gangbare Rouladen vor sich hin zu singen, gleich wie andere zu demselben Zwecke das Einmaleins im stillen durchrechnen. Das machte sich nun gar ergötzlich, wie er, die Hände in den Rocktaschen, so vor sich hinsang, während ihn der Italiener von Kopf zu Fuß großäugig musterte. Auf die trotzig hervorgestoßenen Fragen aber erwiderte er ganz gelassen: ›Mein Sohn ist mein und der besten Wiener Meister Schüler und befindet sich hier bereits seit mehreren Monaten.‹ ›Seit mehreren Monaten? Und doch hat man noch gar nichts von ihm gehört! – Gehört ! wiederholte der Italiener mit starker Betonung, darin Verachtung und Spott gemischt war, und wie zur Erläuterung des Doppelsinnes in dem Worte ›gehört‹ sang er dem anderen einige Triller und Kadenzen in die Ohren, die sich mit den Beruhigungsrouladen des Kapellmeisters zu einem höchst wunderlichen Duett verschmolzen. Der Kapellmeister hielt die Ohren zu und rief so laut, als sei er in einer Mühle: ›Die größten Sänger vollendeten immer ihre Studien im Verborgenen, um dann als fertige Meister die Liebhaber zu überraschen, die tadelsüchtigen Momos aber mit einem Schlag niederzuschmettern!« »Ich bedaure, keinen neuen scholarem annehmen zu können, Herr Kollega; ein junger Sänger vom seltensten ingenio, Anton Howora aus Böhmen, hat dermalen meine ganze Lehrtätigkeit für sich hinweggenommen. Oh, ein wahrer Juwel von einem Sänger ist dieser Howora!« »Howora? Von dem hat man ja noch gar nichts gehört! – Gehört! Herr Kollega!« rief der Kapellmeister, den giftigen Ton des Italieners nachahmend, und sang nun ihm einige Triller und Kadenzen in die Ohren. Maestro Dal Segno aber parodierte nun seinerseits mit eiskaltem Gleichmut, ebenfalls überlaut, als sei er in einer Mühle: »Die größten Sänger vollendeten immer ihre Studien im Verborgenen, um dann als fertige Meister die Liebhaber zu überraschen, die tadelsüchtigen Momos aber mit einem Schlage niederzuschmettern!« Eine lange Pause trat ein: die Kampfesruhe zweier Fechter, welche sich eine Weile gemessen haben, ohne daß einer einen Vorteil hätte erringen können. Der Hofkapellmeister schritt, seine Beruhigungsrouladen singend, langsam im Zimmer auf und ab. Den Italiener aber ließ seine Heftigkeit nicht lange schweigen. »Obgleich der Herr Hofkapellmeister noch nichts gehört haben von dem unübertrefflichen Sänger Anton Howora, so ist doch dessen große Reputation zu den Ohren Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin gedrungen, und Ihro hochfürstliche Gnaden haben mir bereits die beste Hoffnung gemacht, daß mein Schüler demnächst als Solotenorist und Hofsänger in Ihrer Kapelle angestellt werde.« Da platzte dem Kapellmeister die Geduld, und entzwei riß ihm der Faden der Beruhigungsroulade. Glühroten Gesichtes rief er: »Das ist gelogen, Herr Kollega! Meinem Sohn hat die Fürstin Hoffnung gemacht auf die vakante Hofsängerstelle und nicht Eurem namenlosen Howora oder Gomorra – Sodom und Gomorra! – oder wie er sich sonst ins Dreiteufels Namen schreibt.« Der Italiener zitterte vor Wut. Aber in dem Maße, wie der Wiener rot wurde gleich einer Klatschrose, ward er kreideweiß, und während jener tobte, ward er jetzt ganz still: der höchste Zorn wandelte ihn in ein Steinbild, wie er jenen zum wütenden Ajax umschuf. Zum Hohn sang nun auch noch der Italiener ganz kaltblütig die Beruhigungsrouladen des Kapellmeisters. Der horchte auf. »Es scheint, Ihr spielt nun meinen Part, Herr Kollega! Da heißt es fürwahr dal segno, Herr Dal Segno, da capo dal segno!« Der Italiener erwiderte mit eisiger Gelassenheit: »Wer einen Namen trägt wie Ihr, Lämml, der muß nicht Wortspiele machen mit anderer Leute Namen. Denn man sagt, nur aus Bescheidenheit gebt Ihr's so klein und nennt Euch Lämml, während Ihr doch eigentlich vollen Rechtsanspruch hättet, den Namen eines ausgewachsenen Schafes zu führen. Andere dagegen meinen, nein, so stehe es nicht, es sei nur ein Buchstabe verwechselt worden in Eurem Namen und der Lämmel sollte eigentlich der Lümmel heißen.« So etwas läßt sich ein Hofkapellmeister nicht bieten. »Heiße ich der Lümmel, dann will ich auch der Lümmel sein!« rief er, und der dicke Wiener sprang mit einem Satz, den ihm kein Mensch zugetraut, auf den Italiener los, packte ihn mit beiden mächtigen Armen, hob ihn in die Höhe, hielt, anzuschauen wie der starke Mann, der sich auf dem Jahrmarkt sehen läßt, den Welschen schwebend in der Luft und schrie, hinaufschauend zu dem zornesblassen Nußknackergesicht: »Nicht eher sollst du mir loskommen, du hochkrähender welscher Hahn, bis du mir Satisfaktion versprochen hast, Satisfaktion auf der Stelle, Degen gegen Degen!« »Laßt mich los!« ächzte der Italiener. »Ich verspreche Euch Satisfaktion.« Da setzte der dicke Wiener das kleine Männlein wieder auf den Boden nieder und verwunderte sich, wie es schien, über fein eigenes Heldenfeuer; denn er ward vom Augenblicke an wieder ganz der weiche Sanguiniker und zog seinen kleinen Paradedegen mit unbeschreiblichem Gleichmut. Da sprach der Italiener: »Musikanten fechten nicht mit dem Degen; steckt doch das Ding da in die Scheide! Musikanten kämpfen mit Gesang. Wohlan! Ich stelle meinen Kämpfer: den Anton Howora, und in ihm stelle ich zugleich mich selber; denn Schmach treffe den Lehrer, wenn der Schüler unterliegt. Ihr aber lasset Euren Sohn wettsingen mit meinem böhmischen Amphion. Über diese beiden entbrannte der Kampf: so möge auch die Entscheidung in ihre Hände, will sagen in ihre Kehlen gelegt sein. Auf heute abend haben Ihro hochfürstliche Gnaden eine Serenade im Schloßgarten befohlen. Die werde uns zum Turnier. Stellet Euren Sohn, ich stelle den Böhmen. Die Fürstin hat beiden die Hofsängerstelle verheißen: so möge Ihro Durchlaucht selber heute abend entscheiden, wer von beiden solcher Gnade würdig ist.« Der Kapellmeister willigte ein und schlug als Aufgabe des Kampfes das Duett des großen Scarlatti vor: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« »Gerade dieses Duett singt Howora göttlich, unübertrefflich!« fuhr der Italiener heraus. »Es ist eine unübertreffliche Leistung meines Sohnes«, entgegnete der Deutsche. »Die große Schlußkadenz singt Howora mit einem Atem, der drei Ellen lang ist.« »Gerade das ist meines Sohnes Bravourstück.« »Howora schlägt einen Triller auf dem letzten hohen C.« »Auf dem letzten hohen C schlägt auch mein Sohn einen Triller.« Sie waren nahe daran, sich abermals in die Haare zu fahren; denn was der eine von Howora rühmte, das rühmte genau auch der andere vom Franz Lämml. Als sie sich trennten, sprach der Welsche zu sich: »Der deutsche Esel wird die Weisen des göttlichen Scarlatti herausheulen wie der Nordwind, der das ganze Jahr über dieses hyperboräische Land dahinfährt!« Und der Deutsche sprach zu sich: »Die Böhmen sind alle falsch, und wer falsch ist, der singt auch falsch. Wie will dieser italienische Windbeutel dem Böhmen den tiefsinnigen Scarlatti lehren, den er selbst nicht versteht, den Scarlatti, bei dem sogar unser Händel Schule gemacht?« Als die beiden Alten das Zimmer verlassen, schlüpfte das junge Paar aus seinem Versteck, von wo es die ganze Zwiesprache belauscht. Bei Franz hatte es wie ein Blitz gezündet, da er die Ausforderung des Italieners zu einem Sangeswettkampf zwischen Howora und dem jungen Lämml vernahm. Sofort war ihm der Gedanke zu einer neuen Intrige gekommen, um ihre Liebeskomödie, die schon dem Schiffbruch so nahe, wieder in die sicherste Strömung zu steuern. Aber das Gelingen heischte die kühnste Hand des Steuermannes und eine seltene Gunst von Wind und Flut. Indes sich die Alten noch stritten, hatte er bereits die Grundzüge der neuen Eingebung flüsternd mit Cornelia durchgesprochen. Die List des gewürfelten Burschen entzündete weitere List in dem Kopfe des schlauen Mädchens, und wo ein so durchtriebenes Paar gemeinsame Pläne webt, da muß wohl ein feines Netz zustande kommen. »Also abermals eine neue Verwandlung!« sprach Franz, als sie beide in das von den Vätern verlassene Zimmer traten. »Und diesmal mußt du, Cornelia, die Verwandelte sein.« Cornelia wollte noch einigen Einwand erheben, Franz aber schlug ihn zurück mit den Worten: »Wie kannst du zaudern, dich auf eine halbe Stunde in die höchst ehrenwerte Gestalt des Franz Lämml zu verwandeln, wo du doch diesem Franz bald ganz zu eigen gehören willst, mit Leib und Seele, und deinen Namen für den seinigen hingeben wirst für all deine Lebtage?« Und das sprach er so fein und zärtlich, daß Cornelia verschämt zunickte und, dem Arme, den er um ihren Nacken schlingen wollte, sich entwindend, in ihr Kämmerchen schlüpfte. Von dorther aber konnte man sofort wieder ein helles, herzliches Lachen des wunderlichen Kindes hören. Franz aber ging nun auch rasch von dannen; denn die Stunden waren gezählt, und Unzähliges noch hatte er zu rüsten für das kecke Wagestück des heutigen Abends. Doch indem er eben die Tür öffnet, tritt sein Vater ihm entgegen. Neue Szene des höchsten Erstaunens. Franz verfärbte sich einen Augenblick, sprach aber sofort mit unbeschreiblicher Dreistigkeit: »Eben suchte ich dich auf, lieber Vater! Ich habe dir zu beichten, höchst merkwürdige Bekenntnisse abzulegen« (das Beste soll er aber doch nicht erfahren, dachte er im stillen Sinn). »Wundere dich nicht, mich hier zu treffen. Schon seit Wochen gehe ich aus und ein in diesem Hause und ergründe Dal Segnos Kunstgeheimnisse. – Unterbrich mich nicht! – Ich weiß von dem Schimpf, den dir der Italiener eben angetan, von der Ausforderung gegen einen gewissen Anton Howora.– Unterbrich mich nicht! – Ich will dich rächen. Der Italiener soll selber vor dem ganzen Hofe bekennen, daß sein Schüler nichts bei ihm gelernt habe. Aber folge mir, hinweg aus diesem Hause –« »Nur ein Wort noch muß ich mit dem Italiener reden –« »Nicht doch, Vater! Folge mir!« »Aber so höre doch, toller Junge! Auf ein Duett von Scarlatti habe ich den Esel gefordert, und Howora singt Tenor, und der welsche Pinsel bedachte nicht, daß die andere Stimme Sopran ist! Also muß ein anderes Duett gewählt werden –« »Nein! Nein! Das ist gerade recht. Tenor und Sopran. Ich will schon meinen Sopran stellen –« »Der Junge ist verrückt!« »Nur fort mit mir, Vater, hinweg von dieser Schwelle, und ich will dir mein Komplott gegen den Italiener enthüllen, daß du staunen sollst, wie scharf ich noch meine fünf Sinne beisammen habe.« Er sprach's und riß den Alten fast gewaltsam hinweg und führte ihn unter die Säulengänge des Schloßhofes, wo sie auf und ab spazierend lange ins Gespräch tief versunken waren. Die Mienen des Alten heiterten sich allmählich auf, und zuletzt schien er von der lustigsten Laune erfüllt. Doch sah man, wie er dann zuweilen wieder stutzte, abwehrte, Bedenken vorbrachte. Und zwischen dem Rauschen des großen Schloßbrunnens, welches den größten Teil des halblaut gefühlten Gespräches verschlang, konnte man zuletzt die Worte Franzens vernehmen: »Aber bedenke, Vater, es ist ja nur für eine halbe Stunde, es ist ja nur zur Demütigung des Italieners, daß du seinen Schüler für den deinigen ausgibst und ihm deinen Schüler überlassest; es ist ja nur, damit er selber vor dem ganzen Hofe bekenne, daß dein Schüler unübertrefflich, der seinige aber nichts bei ihm gelernt habe.« Hier wurden sie durch einen Bedienten des Fürsten unterbrochen, welcher den Befehl an Franz Lämml brachte, heute nachmittag vor Seiner hochfürstlichen Gnaden zu erscheinen. »Den gleichen Auftrag habe ich auch an einen gewissen Anton Howora. Ihr könnt mir wohl die Wohnung des Mannes bezeichnen.« »Mehr noch!« rief Franz. »Ich will sogar den Auftrag selber ausrichten. Howora ist mein bester Freund, und Ihr würdet ihn doch schwer auffinden.« So ging denn jeder von den dreien seiner Wege. Der Kapellmeister aber nahm, durch den Schloßhof schreitend, eine Prise und sprach zu sich selbst: »So sind wir Deutsche doch gutmütige Narren! Der Italiener würde mich mit aqua toffana vergiften, durch einen Banditen erdolchen lassen, wenn wir jetzt in Welschland wären. Ich aber räche mich nur, indem ich in einer Komödie mitspiele, die so verwickelt ist, daß der Gedanke an ihre Durchführung mir die ganze Verdauung des heutigen Mittagessens stören wird – und was kommt zuletzt dabei heraus? Eine ganz harmlose Demütigung des Gecken! Wir lachen ihn bloß aus, wo er uns ermordet hätte.« Mit diesen Gedanken strich er unter dem Fenster seines Feindes vorbei. Da rief Maestro Dal Segno herab: »Hören Sie! Auf ein Wort! Wir müssen ein anderes Duett wählen! Die erste Summe bei Scarlatti ist – das bedachten wir vorhin wohl nicht – ist Sopran!« »Eben darum bleibt's bei dem Duett, Herr Kollega, denn mein Sohn singt Sopran!« »Das ist stark!« sprach der Italiener bei sich, indem er das Fenster zuschlug. »Das hätte ich dem dicken Deutschen nicht zugetraut! Hat der Kerl aus musikalischem Fanatismus seinen Sohn gar zum Kastraten machen lassen!« Viertes Kapitel Wir kehren zurück zu dem Maler Friedrich Bergmann, um ihn in seinen Arrest zu begleiten. Solcher Arrest war aber zu selbigen Zeiten bei der Hofdienerschaft etwas Alltägliches und so wenig ehrenrührig als Festungsarrest bei den Offizieren. Der Schloßturm war zu dem Ende mit Arreststuben von dreierlei Art versehen. In der untersten büßten die Hausknechte, Stubenheizer und Lampenanzünder ihre Disziplinarvergehen, in der zweiten die Bedienten und Lakaien, in der obersten die Hofoffizianten. Obgleich nun Bergmann eigentlich gar nicht zu den Hofdienern gehörte, sondern nur zeitweilig im Auftrage des Fürsten malte, so war der Schließer doch so artig, ihn aus Rücksicht auf seine Künstlerschaft in das »Offiziantenprison«, wie er's nannte, sperren zu wollen. Häufig fand sich dort recht gute Gesellschaft zusammen: heute aber stand das behaglich eingerichtete Zimmer noch ganz leer. »Ich will Menschen sehen! Ich kann nicht allein sein!« rief der Maler in wildem Unmut. »Guter Freund, führe Er mich ins Lakaienprison.« Allein auch das Lakaienprison stand leer, nicht weil es an Sündern gemangelt hätte, sondern der Hoffurier, der Meister der Lakaien, war heute gerade bei Laune gewesen, summarisch zu verfahren, und hatte die Lakaien, welche sich im Dienste verfehlt, bloß durchgeprügelt mit dem großen Amtsstock, der dazumal noch Zepter und Schwert zugleich in seiner Hand war, indes er gegenwärtig zum bloßen Zepter sich vereinfacht hat. Aber im Hausknechtsprison war Gesellschaft zu finden, schlechte Gesellschaft freilich, wie der Schließer meinte; nämlich der Hundejunge, der alte Adam Happeler, kurzweg der Hundeadam genannt. »So führt mich zum Hundeadam!« rief Bergmann, und der Schließer willfahrte kopfschüttelnd. Adam schien sehr unempfindlich zu sein gegen die Ehre, welche ihm durch den Besuch des Künstlers widerfuhr. Ohne dessen Gruß zu erwidern, glotzte er ihn großäugig an, und als Bergmann ihn durch ein paar freundliche Worte aufzurütteln suchte, verzog er, immer noch schweigend, seine Gesichtsmuskeln zu dem Grinsen eines vollendeten Affenkopfes. Es war aber der Hundeadam berühmt, ja sprichwörtlich in der ganzen Gegend wegen seines Gesichterschneidens, denn nicht bloß unwillkürlich kam es ihm zuweilen an. sondern er konnte seine Züge zu beliebigem Ausdruck auch frei gestalten, mit der Virtuosität eines großen Schauspielers. Bergmann, der bisher lediglich in seinen Unmut versunken war, fühlte sich gerührt durch das Schweigen und die hieroglyphische Freundlichkeit im Gesichte des armen Teufels. Und wie ein erwärmender Sonnenstrahl fiel plötzlich der Gedanke in seine trübe Seele, sich recht menschlich und brüderlich dem verachteten Hundeadam zu nähern, ihn in Wohlwollen zu sich heranzuziehen und, indem er Erquickung einer anderen Seele bereite, den Frieden in die eigene Brust zurückzuführen. Der milden, schonenden Teilnahme des Malers konnte Adam in der Tat nicht lange widerstehen. Sein Grinsen wandelte sich in ein Schmunzeln und behagliches Lächeln. Er taute auf. Und ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte der Maler ein gemütliches Gespräch in Fluß gebracht. So waren sie bald zu dem nächstliegenden Gegenstand gekommen, den zwei Arrestanten miteinander zu erörtern Pflegen: zu dem Anlaß ihrer Einsparung. »Keinem anderen Menschen würde ich beichten,« sprach Adam, »aber Euch, Herr Bergmann, beichte ich so gern wie ein Römischer einem Kapuziner; denn das soll Euch ewig gedankt sein, daß Ihr Euch so freundlich gemein macht mit mir. Halb bin ich mit Schuld hierher gekommen, halb mit Unschuld. Wenn ich das nur den Leuten verdeutschen könnte!« »In jeder Schuld des Menschen steckt allezeit auch Unschuld, Adam,« sprach Bergmann ernst vor sich hin, »niemals ist der ärgste Bösewicht ganz schuldig, so gut wie auch der Reinste niemals ganz schuldlos ist. Die Weisesten aber mühen sich vergebens, dieses Rätsel zu verdeutschen, darum tröstet Euch, Adam, wenn Ihr es auch nicht könnt.« »Gut! So will ich Euch denn erzählen von der Schuld in meiner Unschuld, wie Ihr's nennt, und von der Schuldlosigkeit in meinen Sünden. Aber da muß ich von vorne anfangen.« Bei diesen Worten kroch der Hundeadam aus der dunklen Ecke hervor, wo er bisher gekauert. Das helle Licht fiel auf seine scharfen fleischlosen Züge, die man je nach Umständen für die Züge eines großen Genies, eines großen Verbrechers oder eines großen Narren halten konnte. Er begann. »Vor vier Jahren noch war ich ein Fuhrmann, ein armer Fuhrmann, aber doch mein eigener Herr und hatte immer Brot über Nacht im Haus. Ich hatte ein Pferd, damit fuhr ich Holz und Steine zu den fürstlichen Bauten und leistete Vorspann; das Pferd ernährte mich. Ihr kennt den schlechten, steilen Weg an der Schellenwiese? Wohl! Dort fuhren wir eines Tages Holz, während der Fürst gerade mit feinem italienischen Baumeister auf dem Felsvorsprunge neben dem Wege stand, um den luftigsten Platz für das neue Jagdschloß auszusuchen. Zwei tüchtige Rappen waren vor unseren Holzwagen gespannt, mein Pferd ging voran als Vorspannpferd, müßig im Augenblicke; denn wir fuhren den Berg hinunter. Da können die Deichselpferde inmitten des furchtbar steilen Abhanges den Wagen nicht länger einhalten. Erst rollt er eine Strecke vorwärts. Dann wird er durch einen mächtigen Buckel des Weges plötzlich im jählingen Hinabschießen seitwärts geschleudert, und in allen Fugen krachend stürzt er wider den steilen Rain zusammen. Mein Pferd hatte zurückgescheut, so war es zwischen den Rain und den Wagen gekommen und von dessen gewaltiger Wucht auf der Stelle erdrückt worden – Aber was macht Ihr denn, Herr Maler? Schreibt Ihr Protokoll von meiner Geschichte? Dann erzähle ich kein Wort weiter!« »Nicht doch, Adam. Ich bin kein Schreiber, sondern ein Maler, und nur dein Gesicht möchte ich ein wenig zu Protokoll nehmen.« Bei diesen Worten zeigte Bergmann dem Happeler sein Skizzenbuch, in welchem er eben die ersten Umrisse von dessen Gesicht zu zeichnen begonnen hatte. Denn der Erzähler hatte seine Geschichte mit einem so lebendigen und charaktervollen Mienenspiel begleitet, daß der Maler sich nicht enthalten konnte, zum Bleistift zu greifen, damit er eines oder das andere der berühmten Gesichter des Hundeadam erhaschen müsse. »Also mein armer Fuchs war zerschmettert! Und da stand ich nun händeringend, und das Blut stieg mir in den Kopf vor unbändigem Schmerz, und ich konnte kein Wort reden, als daß ich zum öfteren gen Himmel rief: »Oh, du lieber Herrgott, was habe ich wider dich gesündigt, daß mich deine Hand so schwer trifft!« Die beiden Deichselpferde, losgeschirrt, gleichfalls hart beschädigt, steckten in der stummen Trauer, womit diese sprachlosen Tiere dem Menschen das Herz bewegen, die tief herabhängenden Köpfe zusammen und beschnupperten sich gegenseitig. Wahrhaftig, diese zwei Gäule waren die einzigen zwei Kreaturen, welche im Augenblick noch menschlich mit mir zu fühlen schienen. Denn die anderen Fuhrleute fluchten; der Fürst aber kam herzu und drückte mir zwei blanke Gulden in die Hand und ging wieder weiter, um sich einen luftigen Platz für sein neues Jagdschloß zu suchen. Ich nahm aber die fürstlichen zwei Gulden gedankenlos hin; denn meine Sinne waren bei den zwei Gäulen, die sich und mich so mitleidig und betrüblich anschauten, als den einzigen menschlichen Kreaturen, die außer mir auf dem Platze waren! Jetzt also war ich ein armer Mann geworden: das Pferd war ja mein Vermögen gewesen. Arm ohne meine Schuld. Die zwei Gulden des Fürsten aber brachten mir die Sünde zum Elend. Ich hatte sonst immer geglaubt, der Fürst sei ein Mann wie der liebe Gott, und wo er zugegen, da werde er alsbald alles Leid in Freude verwandeln. Und nun waren die zwei Gäule die einzigen mitfühlenden Kreaturen auf einem Platze gewesen, wo auch der Fürst zugegen war! Ich ergrimmte über die zwei Gulden, für die ich mein Leid nicht in Freude wandeln und mir kein neues Pferd kaufen konnte, und dachte Dingen nach, denen ich niemals nachgedacht. Zum Exempel; warum der Fürst nicht lieber den sündlich schlechten Weg bessern lasse, statt sich zu sechs Jagdschlössern noch das siebente zu bauen. Trotzig ward ich im Gemüt, und weil ich trotzig war, kam der Fluch über meine Armut. Unverschuldet war ich arm geworden, und doch kam die Sünde über mich, weil ich arm war. Das weiß nur Gott zu reimen. Hätte mir der Fürst nicht die zwei Gulden gegeben und mit den zwei Gulden den Teufel des Trotzes und des Unmutes, so hätte ich im Segen einer schuldlosen Armut weitergelebt und gewiß wieder bessere Tage gesehen. So aber kam ich immer tiefer ins Elend und durchs Elend in die Sünde. Ich will Euch an einem Beispiel zeigen, wie ich's allgemach in selbiger Zeit trieb. An einem Herbstabend gehe ich den Fluß entlang gegen den Wald zu, in der Tasche aber hatte ich zweierlei Schlingen, von starkem Draht und von Roßhaar – Ihr wißt schon wozu! – nicht um Spatzen zu fangen! Wie ich nun so an dem milden Abend durch das stille Tal gehe, da wird mir's ganz fromm zumut, und ist mir, als ginge ein Engel Gottes neben mir, daß ich eben in die Tasche greifen und die verteufelten Schlingen in den Fluß schleudern will. Da höre ich die Tafelmusik fernher aus dem fürstlichen Schloß erklingen, Pauken und Trompeten, Flöten und Hoboen in jubelndem Wettgesang! Und auch vom anderen Ufer herüber erschallte Musik, eine Geige und eine Pfeife, und ich sah, wie drüben auf der Wiese die Bauernbursche mit ihren Mädeln tanzten, und hörte sie manchmal mit heller Stimme singen. Vor dem Unglück hatte ich auch mitgetanzt. Da ging mir die Seele über aus dem stillen Frieden bald in verbissenen Unmut, bald in weichen Trübsinn, daß ich tat, was ich seit meiner Mutter Tode nicht getan, daß ich anfing zu greinen. Aber die Schlingen behielt ich nun vorerst doch in der Tasche. Nun kam ich in den Wald. Da warf ich mich auf den Boden und las mir Bucheckern zusammen zum schmalen Abendbrote; denn der Hunger biß mich sehr. Es kam aber ein Mann des Weges, ein reicher Hofbauer, der sah meine traurige Gestalt und meine elende Mahlzeit und sprach: »Freund, Ihr müsset wohl ein gar armer Mann sein, daß Ihr so zerlumpt hier sitzet und die Bucheckern speiset, welche Euch die Eichhörnchen übrig gelassen!« Und er legte mir ein paar Kreuzer in den Schoß des Kittels. Da starrte ich ihn an und räsonierte inwendig: »Bin ich denn nun ganz ein Bettelmann? – Hätte mir der Fürst die zwei Gulden gegeben mit solchen Worten wie der Bauer die zwei Kreuzer, ich wäre kein Bettelmann geworden!« Und nun zog ich die Drahtschlingen aus der Tasche und legte sie an den Waldsaum, wo die Hasen und Rehe ihren Wechsel haben, wenn sie über Nacht aus den Forsten ins Kraut gehen.« »Da hast du doch dem Fürsten zu viel Teil aufgeladen an deinen Sünden, Adam!« unterbrach ihn der Maler. »Meint Ihr! – Ich sage Euch, hätte der Fürst in seiner Art gesprochen wie der Bauer, ich hätte nimmer gezweifelt, daß er der liebe Gott auf Erden sei, und mit diesem Glauben hätte ich fülle weitergearbeitet in meinem Unglück und mich zuletzt herausgearbeitet. So aber weckte er mir den Trotz und mit dem Trotz das Räsonieren und mit dem Räsonieren die Tagdieberei. Ich und der Fürst, Herr Maler, wir beide werden's am jüngsten Tage gemeinsam zu verantworten haben, daß ich den Rehen Schlingen legte!« Wunderbar waren die Gesichter gewesen, die Adam zu dieser Erzählung geschnitten. Züge des Trotzes, des Hohnes, der Verzweiflung, der stillen, müden Betrübnis wechselten miteinander, seine Erzählung begleitend, wie Bilder den Text. Emsig zeichnete der Maler. Adam fuhr fort: »Mit der Tagdieberei ging's eine Weile. Nun reiste selbigesmal die Braut unseres Fürsten, die Prinzessin Eidechsia, durchs Land mit ihrem Vater. Eine Luftfahrt gab's mit ihr auf dem fürstlichen Jachtschiff den Fluß hinab. Da wurden etliche Hofdiener ausgeschickt ins Land, um allerlei Volk zusammenzuwerben, das an den Straßen liegt, und wären's auch Krüppel und Lahme gewesen, wie im Evangelio, auf daß wir uns am Flusse aufstellten, so wie von ungefähr, hier einer neben einem Busch, dort einer ins Gras gelagert, dort einer auf dem Felsen sitzend, und wenn das Schiff mit der fürstlichen Braut vorbeifahre, solle jeder aus Kräften rufen: »Vivat Augustus! Vivat Eidechsia!« Mann für Mann erhielten wir dafür aber einen Weißpfennig, ein Glas Bier und Käs und Brot, hatten sie auf eine Wiese postiert und mir eine Sense in die Hand gegeben, damit ich aussehe wie ein Bauer. Laut jauchzend rief ich mein Vivat, und das Echo gab meine Stimme zurück wie Waldhornklang. Da fuhr das Schiff ganz nahe ans Land, und die Eidechsia winkte mir, aufs Schiff zu kommen, und fragte mich höchst gnädig, wer ich sei, wie es mir gehe und dergleichen mehr. Ich nahm aber kein Blatt vor den Mund, sagte ihr rund heraus, was ich für ein armer Teufel sei. Das Gesicht, welches ich dazu gemacht, soll sie besonders gerührt haben. Denn nach einiger Zeit ward ich auf die Hofkammer beschieden, wo die Herren mir eröffneten, die Prinzessin Eidechsia Durchlaucht habe höchst gnädig für mich gesorgt und wolle mir ein eigenes Häuschen am Walde bauen lassen, mit einem kleinen Gärtchen dabei.« »Nun, und das wird dich doch gerührt und gebessert haben, Adam?« »Gerührt und – verschlechtert, ja! Denn die Geschichte mit dem Vivat war doch nicht fein, Herr Maler, warum sollte mich die gerade gebessert haben? Häuschen und Gärtchen lag ganz wunderschön, es war der schönste Platz auf weit und breit, die Prinzessin hatte ihn nach eigenem Geschmack ausgesucht, und das Häuschen sollte dienen – wie nennt ihr's doch, ihr Maler?« »Zur Staffage der Landschaft.« »Richtig! Zur Staffage. Wäre nur diese Staffage nicht gewesen und der Geschmack der Prinzessin! Denn in dem schönen Häuschen konnte ich nicht leben und nicht sterben. Wozu auch ein Häuschen, da ich kein Pferd und kein Gewerbe mehr hatte? Im Gärtchen konnte ich keinen Krautstengel erhalten, weil die Hirsche allnächtlich aus dem schönen Wald kamen und alles abfraßen. Ging ich von meinem schönen Punkte auf Tagelohn in die Stadt, so verlief ich hin und zurück einen viertel Tag Zeit. Und als nun gar der Winter kam, da pfiff der Nordost durch unsere vier Wände, daß wir zuerst mit dem Fußboden, dann mit den Stubentüren, dann mit den Laden und Fensterstöcken, zuletzt gar mit der Haustür Herd und Ofen heizten. Dadurch war es aber doch zuletzt etwas zugig in dem kalten Nest geworden, wir zogen aus, und die alte Lumperei ging von vorne an.« Der Maler hatte mittlerweile ein neues Blatt gezeichnet. Er schwieg, obgleich Adam einhielt, wie wenn er wiederum eine Entgegnung erwartete. Der Erzähler fuhr also nach einer Weile wieder fort: »Mein Auszug samt seinen Ursachen konnte im Schlosse nicht lange unbemerkt bleiben. Der Fürst schien einzusehen, daß mich diesmal niemand anderes als die unschuldige Eidechsia durch ihre Staffage und ihren Geschmack ruiniert, und wandte mir abermals seine Hilfe zu. Und wiederum erschien er mir fast so wie früher, als ein Statthalter Gottes auf Erden. Aber noch Welt verderblicher war sein Geschenk denn das Häuschen der Prinzessin. Er machte mich zum fürstlichen Oberhundejungen und Hundefütteter und fetzte mich zum Ersten unter allen Troßbuben des Hofstaates. Herr Maler, ich bin ein verheirateter Mann, Vater von vier Kindern, und der Älteste war damals acht Jahre alt, und Fuhrmann war ich meines Zeichens, ruinierter Fuhrmann. Das ist ein Wort! Als ich nun Hundejunge und Troßbube geworden war, machten die Leute Rätsel auf mich, fragten, wo man sich am frühesten verheirate? Antwort: In unserer Residenz; denn hier hätten schon Jungen und Buben Kinder bis zu acht Jahren. Heulend kam mein Kind manchmal aus der Schule heim, wenn sie es höhnten mit dem gottlosen Rätsel. Ei, und ich hätte doch zufrieden sein sollen mit der Stelle! Nein, trotzig ward ich wieder wie vorher. Je mehr mich die anderen geringschätzten, um so vornehmer wollte ich's geben, so vornehm, daß sie mir gewiß mein armes Kind nicht mehr heulen machten. Also fing ich an, flott zu leben wie ein Fuhrmann und nicht wie ein Hundejunge. Wer aber mit großen Hunden will p.....gehen, der muß auch das Bein hoch aufheben können.« »Das ist ein zynisches Bild, Adam, zu deutsch ein hundemäßiges. Man sieht doch, daß du schon etwas zum Hundejungen geworden bist.« »Meine magere Einnahme duldete aber das flotte Fuhrmannsleben nicht lange. Da schaute ich mich fleißig um in unserem Hofstaate, und weil ich von ganz unten hinaufblickte und nicht von oben herunter, so sah ich gar manches, was andere Augen nicht sehen. Die hohen Herrschaften regieren, spielen Komödie, machen Luftfahrten, wie's Fürsten ziemt. Die italienischen Musikanten, Komödianten und Schnurranten suchen möglichst viel Geld in ihre Taschen zu raffen, denn sie wissen, daß hier ihres Bleibens doch nicht lange sein wird. Könnte ich nur einmal von der Leber weg mit dem Fürsten reden: ich wollte ihm ein Licht anzünden! Der Hoffurier prügelt den Lakaien, der ein halbverbranntes Lichtstümpfchen zu sich steckt, weil er es selber gern zu sich gesteckt hätte. Der Mundkoch schickt einen Topf mit Schmalz, der angeblich von den Ratten ausgefressen worden ist, dem Mundschenk zum Präsent, und der Mundschenk bringt ihm zwei ganz ausgelaufene Flaschen Burgunder dagegen, die aber noch ganz voll sind. Ei, soll da der Hundszunge allein Hunger leiden und Weib und Kind mit ihm? Nein, das soll er nicht! Was der flotte Fuhrmann in der Stadt vertut, das kann der Hundejunge im Schloß beim Hundefutter wieder einbringen. So gab ich denn meinen Hunden gelegentlich eine Wassersuppe, und wir aßen zu Hause ihre Bouillon, oder ich schnitt ihnen Brot in den Kübel und trug ihr Fleisch meinen Kindern heim. Es ist ihnen recht gesund gewesen – den Hunden meine ich – das Brot und das Wasser, namentlich wegen der Räude. Doch ein Fuchsschwänzer kam dem Ding auf die Schliche, zeigte es an, und nun sitze ich hier im Prison, obgleich ich doch nichts anderes getan, als was die ganze Hofdienerschaft tut, ja, was ich recht eigentlich erst von ihr gelernt, denn sonst wäre mir eine solche Schelmerei in meinem Leben nicht eingefallen. Der Fürst läßt Springbrunnen im Schlosse anlegen, während die Leute drunten in der Stadt eine Viertelstunde weit laufen müssen, um ihr Trinkwasser an einem Felsenquell zu holen: er baut hier oben gleichsam eine ganze Sippschaft von neuen Palästen nebeneinander, während unten in der Stadt die Leute in Baracken wohnen, daß sich Gott erbarmen möge. Das erwog ich oft zu meiner Beruhigung und sprach zu mir: Hier oben der Hof ist dem flotten Fuhrmann vergleichbar und die da drunten in der Stadt dem Hundejungen, und doch gehört beides füreinander; warum sollte es in deiner zwiegeteilten Person nicht ähnlich sein dürfen, nur mit dem Unterschiede, daß du unten in der Stadt der flotte Fuhrmann bist und hier oben im Schloß der Hundejunge? Seht, Herr Maler, es geht nichts über ein weises Gleichnis!« Adam schwieg, und der Maler schlug sein Skizzenbuch zu. Drei solche Originalköpfe, wie er sie eben bei den drei Historien dem Gesichte des Hundeadam abgestohlen, waren ihm noch niemals in den Wurf gekommen. »Adam, Adam!« rief er dann mit erhobenem Finger. »Du hast schier zu viel räsoniert über die Unschuld in aller Schuld. Ich will dir darum auch ein weises Gleichnis sagen, zum Lohn für deine Geschichten, Adam: Die Schlange war schuld an Evas Fall, Eva war schuld an Adams Fall; dennoch wurden Adam und Eva ohne Gnade aus dem Paradiese gewiesen. Und was dem alten Adam recht war, das ist auch dem Hundeadam billig.« Fünftes Kapitel Als Friedrich Bergmann seine sechs Stunden abgesessen, schlich er ganz sacht an seine Arbeit; denn er schämte sich jetzt, unter die Leute zu gehen. Die schöne Cornelia hatte zuzeiten seine Huldigungen freundlich hingenommen, wie die Huldigung so manches anderen. Der deutsche Maler aber begann stracks Häuser zu bauen auf die neckische Artigkeit des welschen Mädchens und dichtete sich in einen ernsten Liebesrausch hinein. Hätte Cornelia das alles genau gewußt, was das deutsche Gemüt so manchen lieben Tag Hohes und Schönes von ihr träumte, sie hätte recht herzlich gelacht. Und mit der großen Brezel hatte es Bergmann heute so ernst gemeint, daß kein Gläubiger sein Opfer mit tieferer Andacht auf dem Altäre seines Gottes niederlegen kann, als der Maler seine Brezel vor den glühenden Augen seiner Göttin darzubringen gedachte. Jetzt schämte er sich, wie gesagt, über allerlei: über sich selbst, über die Brezel, über den Arrest, am Ende gar halbbewußt über seinen ganzen Liebesrausch; denn das Gespräch mit dem Adam Happeler hatte ihn mächtig bewegt, aber wahrlich nicht erhoben, sondern herabgestimmt und einen Geist der Verneinung in ihm geweckt, daß er vor sich selbst erschrak. So trostlos gemutet, schlich er, wie gesagt, an seine Arbeit. Es war dies aber ein Werk ganz absonderlicher Art. Der Fürst traute unserem Maler wohl tüchtige Begabung zu, allein – denn er war ja ein deutscher Künstler – um so weniger Geschmack und Leichtigkeit in der Ausführung. Darum bewarb sich Bergmann vergeblich um die Stelle eines Hofmalers. Man trug ihm nur untergeordnete, mehr handwerksmäßige Arbeiten auf, namentlich allerlei Ornamentmalerei bei den fürstlichen Neubauten. Nun wurde im neuen Schloßflügel ein sogenannter chinesischer Saal angelegt. Reich vergoldetes Schnitzwerk in buntesten Formen, Drachen darstellend, die in Grotten lauerten und von Baumzweigen herabdrohten, und Vögel, die sich auf Pflanzenschnörkeln wiegten, reich vergoldetes Schnitzwerk der Art bildete den Fries und teilte, in zwölf breiten Stämmen zum Sockel herabsteigend, die Wandfläche des Saales in zwölf Hauptfelder. Die Felder waren mit weißgrundierter Malerleinwand überzogen, und diesen weißen Grund mußte Friedrich Bergmann durch blaue Linien in wohl anderthalbtausend kleine Gevierte abteilen, in welche er sodann ebenso viele kleine Bildchen als leicht umrissene Skizzen gleichfalls mit blauen Farben malte, wobei Landschaftliches wechselte mit Tierstücken, Stillleben, kleinen Architektur- und Genrebildchen, Karikaturen, Charakterköpfen, Masken und Arabesken. Was nur in seinen alten Skizzenbüchern zu finden war, das stöberte Bergmann auf, um es hier noch einmal blau zu färben und die schreckliche Zahl der eintausendfünfhundert Bildchen voll zu bringen. So waren ihm denn auch die drei Gesichter des Hundeadam, die er eben erst abgerissen, ein gefundenes Essen, das er sofort an den Wänden des chinesischen Saales wieder aufzutischen begann. Allein auch ein so bescheidenes Werk vollführte er nicht ohne die liebevolle Hingabe des Künstlers an sein Gebilde, und bald saß er ganz versunken in das wunderliche Rätselspiel dieser kühn wie im großen tragischen Stil und doch auch wieder so koboldartig gestalteten Züge vor der Leinwand. Da griff dem in sein Werk Versunkenen plötzlich eine Hand von hinten her nach den drei Blättern mit der Bleistiftskizze. Unmutig fuhr Bergmann auf, aber erschrocken fuhr er alsbald wieder zurück, und seine trotzige Stellung wandelte sich in eine ehrfurchtsvoll gebeugte: der Fürst stand vor ihm. In der Tat, das war die Erscheinung eines Mannes, vor dem sich auch Männer beugen konnten! Eine mächtige athletische Gestalt, stand der Fürst da, fest und ruhig, recht als ein Herrscher, die Züge des großen, gleichmäßig gebauten Kopfes streng und hart, doch auch nicht ohne Milde, nicht ohne den Ton einer gewissen kräftigen Sinnlichkeit. Selbst die zu den breiten Schultern niederwallende Lockenperücke, welche eine unbedeutendere Gestalt gedrückt haben würde, erhöhte die Gravität des Ausdruckes bei diesem Jupiterkopf im Rokokostil. Etwas zurückgelehnt, gestützt auf den wuchtigen Rohrstock mit dem dicken, goldenen Knopfe, betrachtete Carolus Augustus lange und schweigend die drei Köpfe. Endlich fuhr er auf, wie aus einem Traum. »Wer hat die Köpfe gezeichnet?« »Ich selber, hochfürstliche Gnaden!« »Was? Er selber? Wohl! Aber ich meine, von welchem Meister hat Er sie kopiert?« »Es sind Originalstudien.« Der Fürst maß den Künstler mit strengem Blick. »Bursche, täusche Er mich nicht! So skizzierte Leonardo und Michelangelo und nicht Er!« »Dennoch muß ich Euer hochfürstlichen Gnaden zu widersprechen wagen: erst vor wenigen Stunden entwarf ich diese Köpfe. Der Beweis des Originals liegt in den Physiognomien selbst. Adam Happeler, Euer hochfürstlichen Gnaden Oberhundejunge, saß mir zum Modell, und Durchlaucht werden die Züge des Hundeadam in den Zeichnungen gewiß nicht ganz verkennen.« Der Fürst musterte aufs neue schweigend die Köpfe. »Und solche Gesichter kann der Hundejunge zum Modell schneiden! Morbleu! das nenne ich Virtuosität! Ich habe schon so etwas davon gehört. Einen Hofnarren, der uns durch seine komischen Fratzen ergötzt, besitze ich bereits. Den Adam sollten wir als tragischen Hofnarren anstellen. Die tragische und die komische Maske leibhaftig nebeneinander, das wäre etwas für meine Frau. Der Kerl kann ja ganze Trauerspiele in seinem Gesichte schneiden!« »Ich glaube nicht, gnädigster Fürst,« entgegnete Bergmann schon etwas kühner, »daß er sie auf Befehl und gleichsam von Amts wegen schneiden könnte. Er hat mir die Gesichter auch nicht mit Absicht zum Modell vorgeschnitten. Er erzählte mir so mancherlei, was er erlebt, und da spiegelten sich die Affekte, welche ihn bewegt, und die seltsamen Gedanken, womit er das Geschehene in Ursache und Folge sich entziffert, im reichen Wechsel so getreu in seinen Zügen, daß ich's nicht lassen konnte, von diesen Zügen mir zu rauben, was eben der Augenblick festhalten ließ.« »Ei, das müssen ja wunderliche Schicksale sein, Tragödien eines Hundejungen! Und Gedanken hat also der Kerl auch. Laß Er mich's hören, was Ihm der Hundejunge erzählt hat. Die Erlebnisse meiner Leute muß ich kennen und ihre Gedanken gleichfalls.« Bergmann zauderte. Aber der Mann in ihm erhob sich, und er stellte sich aufrecht vor den Herrn. »Ich bin in Ungnaden bei Euer Durchlaucht, dennoch aber getröste ich mich, mein gnädigster Fürst werde mich's nicht entgelten lassen, wenn ich auf seinen Befehl auch nach strenger Wahrheit berichte, was mir zu berichten befohlen ward.« Und nach diesem Vorwort begann der Maler schlicht, doch freilich in geziemenderer Fassung, als es Adam getan, die Geschichte des armen Teufels zu erzählen. Gespannt lauschte der Fürst, häufig lächelnd, manchmal auch die Stirn runzelnd. Die drei Köpfe hielt er in der Hand, zumeist den Blick darauf geheftet, und zwischen die Erzählung warf er, die Köpfe kommentierend, gelegentliche Worte ein. »Ah! Also da sehen wir den Kerl auf dem eisten Blatt, halb in weichem Schmerz, halb in trotzigem Unmut! – ein ehrliches Gesicht, das aber noch zum Galgengesicht weiden kann! – wie er die Augenbrauen zusammenzieht – der Spitzbube! Aber nur fortgefahren! Ich nehm's nicht übel. Zeichne Er mein Konterfei nur auch so impertinent getreu, wie Er das des Adam gezeichnet hat. Er scheint mir bei meinem Gesicht den Bleistift etwas leichter zu führen. Also! fortgefahren! – Hm! Nun kommt das zweite Blatt. Eine lustige Fratze. Also leichtsinnig ist der Kerl geworden durch die Wohltaten der Eudoxia! Das Gesindel ist wirklich noch zu schlecht für die Menschlichkeit – man muß es erst erziehen dafür! – mit Ruten und Skorpionen nämlich! – Aber Humor hat der Galgenstrick! – Schau' ihm nur einmal einer m die Augen hinein; – ich kann ihm doch nicht ganz böse werden! Nun stehen wir beim letzten und eigentlich tragischen Blatt. Ist das ein Gemisch des Ausdruckes in dieser Koboldslarve! Ein Gauner ist er, ein Mensch ohne Vernunft, ohne Religion, ohne Lebensklugheit, das beweist mir diese Zeichnung. Aber nicht doch! Sehe ich sie von neuem an, dann schaut mir auch wieder ein ganz neues Gesicht entgegen. Der Mann ergrimmt ja nur über die Schmach, die man ihm und seinen Kindern antut, er ahmt ja nur nach, was feinere Leute auch tun! Der Bursche hat Mutterwitz! – Soll mich der Koch und der Kellermeister allein bestehlen? Warum denn nicht auch der Hundejunge? Sollen die Prinzen und Kavaliere allein Komödie spielen? Warum denn nicht auch die Troßbuben? Was der Adam da von den Springbrunnen und Baracken gesagt hat, hört Er's, Bergmann, ist eine Impertinenz. Prügel hat der Taugenichts dafür verdient, und die Frechheit ist ihm auch auf diesem Bild ganz deutlich auf Nase und Stirn gezeichnet. Also »einheizen« möchte mir der Hundeadam, so hat er gesagt, nicht wahr? »Einheizen und Licht anzünden!« Ich soll den Hundejungen wohl gar zu meinem Minister machen! Wahrhaftig, alle Bande der Zucht und Ordnung lockern sich an diesem Hofe! Alle Bande der Zucht und Ordnung! – hat Er's gehört, Bergmann? Das gilt Ihm auch! Die Schloßordnung gehört auch zur Ordnung. Kein Wunder, daß solches Gesindel sich vermißt, uns einheizen zu wollen und Licht anzuzünden, wenn Leute wie Er am hellen Tage vor unseren Augen im Schloßhof zum Fenster einsteigen.« Der Fürst ging eine Weile mit großen Schritten im Saale auf und ab. Dann sprach er zum Maler: »Die Köpfe des Adam, die Er da an die Wand zu malen begonnen, kratzt Er wieder weg; in meinem Festsaale will ich die Fratzen nicht sehen. Aber die Skizzen kaufe ich Ihm ab, einen Louisdor zahle ich Ihm für jedes Blatt; ich will die Blätter in meine Mappe legen, zu meinen seltenen Handzeichnungen, hört Er's, Bergmann! zu den Handzeichnungen großer Meister!« Der Fürst schritt von dannen. Friedrich Bergmann warf den Pinsel weg; er konnte heute nicht mehr malen. Im wirbelnden Widerkampf der Gedanken maß er noch lange den Saal, dröhnenden Schrittes auf- und niedergehend. Aber nicht er allein hatte solche Unruhe aus dem merkwürdigen Gespräche mitgenommen. Der Fürst befand sich in gleicher Lage. Er zog sich in die Einsamkeit seines Kabinetts zurück, – nicht in jenes niedliche, reizende Kabinett, worin er mit der Fürstin frühmorgens das »Departement des Innersten« abzumachen pflog, sondern in das einfache, schmucklose Kabinett, in welchem er dem ernsten, männlichen Werk des Regiments obzuliegen gewohnt war. Nur zwei charakteristische Dinge waren an den nüchternen Wänden dieses Zimmers zu erschauen. Über dem Schreibtische des Fürsten befand sich am Getäfel der Wand ein bescheidenes Schnitzwerk, das Emblem des Fürsten darstellend, umkränzt von dem damals üblichen Arabesken- und Schnörkelzierat. Es war dieses Emblem aber eine Fackel, und durch die Schnörkel lief ein Spruchband, worin das erläuternde Motto eingegraben war: »Aliis inserviendo consumor«, zu deutsch: »Anderen dienend verzehre ich mich.« Dem Schreibtisch gegenüber befand sich der Kamin und über diesem erhob sich das andere Wahrzeichen des Zimmers. Es war ein großes, in die Wand eingelassenes Familienbild, unstreitig einen der Vorfahren des Fürsten darstellend in ganzer Figur, einen Mann aus dem sechzehnten Jahrhundert, eine heldenhafte, ritterliche Gestalt, halb im Harnisch, die Hand aufs Schwert gestützt, den Kopf entblößt. Mächtig wölbte sich die Sinn, nur wenig weiße Haare noch deckten den Scheitel, ein voller schneeweißer Bart floß in zwei breiten Strömen auf den Brustharnisch herunter. Wunderbar anzuschauen aber waren die Augen dieses heldenhaften Greises. Sie sendeten einen so glühenden, durchdringenden, lebensvollen Blick unter den buschigen weißen Brauen hervor, daß es fast unheimlich war, dem alten Ritter lange Aug' in Auge zu sehen. Das Beiwerk des Bildes war mit der harten, ungefügigen Technik der alten deutschen Meister gemalt, aber beim Kopf dachte man nicht mehr an die Malerei, er lebte, er sprach zu uns, und zwar in mahnender, unheimlich ernster Rede, als ob die alte Zeit den Wechsel der Jahrhunderte überdauert habe und vor uns träte leibhaftig, längst begraben und dennoch lebend, eine andere Zunge redend, anders denkend, anders fühlend wie wir und dennoch teilend mit uns das Ewige, gemeinsam Menschliche. Der Fürst sah in seiner inneren Unruhe bald das Emblem mit dem Motto, bald das alte Bild nachdenklich an. Endlich sprang er auf, pflanzte sich, die beiden Hände auf den vorgestellten Stock gestützt, dem Bilde gegenüber und sprach: »Was würdest du wohl sagen, alter Herr, wenn du jetzt mitten hereinträtest in unser Treiben? Dreinschlagen würdest du – aber nein! – Was soll da Dreinschlagen helfen? Dreinschlagen gegen wen? Nein, umdrehen würdest du dich auf dem Absatz, mit Verachtung uns allen den Rücken kehren und stracks wieder heimziehen in deine Gruft, wo es dir wohnlicher dünken würde als unter diesem Geschlecht. Ja, schaue mich nur recht zornig an! Ziehe nur die Brauen recht drohend nieder! Du magst ein Recht haben zu deinem Zorn, aber wir haben auch ein Recht, zu sein, wie wir sind! Ei, wir müssen eben doch andere Leute sein, als Ihr es waret! Wir können nicht mehr in den alten Nestern wohnen, worinnen Ihr haustet, das ganze Jahr auf der Jagd liegen, in der Fehde! Fürsten müssen Pracht zeigen. Pracht kündet Macht! Ihr durftet noch zerstören; wir müssen aufbauen. Aliis inserviendo consumor! Das soll doch wohl heißen: Anderen leuchtend – nicht aber andere verbrennend – verzehre ich mich. Ich will meinem Hofprediger befehlen, daß er am nächsten Sonntag predige über den Text: »Obrigkeiten sollen leuchtende, nicht brennende und fressende Lichter sein.« Aliis inservindo consumor! – er mag sich einen Bibelvers zu dem Motto suchen. Und du sollst kommen und die Predigt mit anhören, alter drohender Stubengenosse! – Aufbauen! – Ja! – Aber das war einmal ein impertinentes Wort, was der Hundeadam vom Aufbauen gesprochen hat. von wegen der Baracken und Springbrunnen. Jetzt drohst du, alter Geselle, schon wieder und nickst. Hältst du's auch mit des Hundejungen Weisheit? – Es wird mir unheimlich, das Bild so stet anzuschauen! – War mir's doch auch schon, da mir der Maler vorhin die Historien erzählte, einen Augenblick, als sei ich der König David und er sei der Prophet Nathan, der da spricht vom reichen Mann, welcher das Schäflein des armen Mannes nimmt zu seinem Gelage – ! Aber wer soll der arme Mann sein? Die Leute, die in den Baracken wohnen, die das Trinkwasser draußen am Felsenquell holen? Und ich soll der reiche Mann sein? Da sprach Nathan zum Könige: »Du bist der Mann!« – Ja: so heißt es in der Schrift.« Der Fürst hielt den Blick vom Bilde abgewandt. Aber bald schaute er wieder auf und lächelte dem greisen Rittersmann zu. »Wir sind immer gute Kameraden gewesen, Alter, wir wollen's auch fürder bleiben. Schon als kleiner Knabe verkehrte ich gerne mit dir, fürchtete mich bald vor deinem Blick, bald sah ich dir stolz ins Auge. Dein Gesicht ist mir wie das eines lebenden Freundes geworden. Oft wachtest du über mir. Oft, wenn ich in schweigender Mitternacht hier einsam bei heißer Arbeit saß, schaute ich zu dir auf und holte nur frischen Mut aus deinen ehernen, weisheitsvollen Zügen. Mein treuester Hausfreund bist du, mein ältester Jugendfreund. Und doch weiß ich nicht, was diese Stirne für Gedanken barg, was für ein Herz geschlagen unter diesem Harnisch, welche Freuden, welche Leiden einst die Seele bewegt, die so stolz aus diesen Augen blitzt! Ich weiß nicht einmal, wie du geheißen, wer du eigentlich warst! – Wie? Bist du nicht einer meiner Vorfahren? Aber welcher? Das weiß ich nicht. Niemand weiß es mehr. Ein alter Kavalier, der in den Chroniken und Stammbäumen wühlte und in meinen jungen Jahren gestorben ist, soll es noch gewußt haben; mit ihm ist die Kunde begraben worden.« Niemals war es dem Fürsten bis dahin in den Sinn gekommen, daß es doch schmachvoll gewesen, jede Familienüberlieferung von diesem merkwürdigen Bilde untergehen zu lassen. Denn was kümmerten sich die Höfe jener Zeit um die finstere Vergangenheit? Sie lebten um so lustiger in der sonnigen Gegenwart. Jetzt fiel ihm jener Gedanke zum erstenmal heiß in die Seele. Und es war ihm, als müsse sich rächen die Verachtung der Vergangenheit an dem gegenwärtigen Geschlecht durch schwere Stürme der Zukunft. Und wenn er dann gedachte an sein Regiment und seinen Hof, an die Prachtbauten, die Hofkomödien und Hoffeste, dann war es ihm, als könne auch er die philosophische Zwiesprach des Malers mit dem Hundejungen auf sich beziehen und der Moral von der Unschuld in der Schuld eine Deutung geben auf alles Fürstenregiment seiner Zeitgenossen. In diesen Gedanken ward er durch die Meldung gestört, daß der junge Franz Lämml, des Hofkapellmeisters Sohn, auf hochfürstlichen Befehl erschienen sei und im Vorzimmer warte. Der Fürst fuhr wie aus einem Traume. Peinliche, fast beschämende Erinnerungen knüpften sich ihm an diese Meldung. Pyramus und Thisbe! Richtig, über Pyramus und Thisbe hatte er Rücksprache nehmen wollen mit dem jungen Poeten und Sänger. Er hatte ja seiner Gemahlin versprochen, mitzuspielen in der neuen Oper. Eben wollte er sich's angesichts des alten namenlosen Ritters zuschwören, ein neues Leben zu beginnen im Regiment wie bei Hofe. Da mahnt ihn der fatale Name des Franz Lämml, daß er vorerst noch einen anderen Schwur erfüllen und selber Komödie spielen müsse. Er wollte den Sänger jetzt nicht annehmen. Doch nein! Er soll kommen. Denn es wäre doch nur Furcht des Fürsten vor sich selbst gewesen, vor seinem Selbst von heute morgen, mit dem jungen Mann zugleich die böse Mahnung zurückzuweisen. Lange dauerte die Unterredung mit Franz Lämml. Sie mußte seltsame Übergänge und zugleich seltsame Enthüllungen mit sich gebracht haben, denn als der Sänger wieder entlassen wurde, war der Fürst in ganz veränderter Stimmung. Er war fast lustig geworden. »Da heißt es wohl, anderen dienend verzehre ich mich!« sprach er zu sich selber. »Jeder, der da kommt, begehrt einen Dienst von mir. Ich will mit diesem aalglatten jungen Menschen über Pyramus und Thisbe sprechen; er aber wendet und dreht sich, bis er mir zuletzt statt der Exposition der Oper die Exposition einer Liebeskomödie gegeben hat, die er selber mit der schönen Cornelia spielt. Da sind nun alle Knoten geschlungen, hinlänglich verwickelt, nur die Lösung fehlt noch. Sie soll heute abend erfolgen. Aber wer dazu helfen muß, das soll – der Fürst selber sein! Im Namen aller Liebesheiligen und Liebesgötter beschwört mich der Bursche darum. Ist unser Hof denn ganz zu einem Minnehof geworden? Wie der alte Graubart über dem Kamin so finster dreinblickt! Aber diesmal noch vergib, alter Freund! Diesmal noch muß ich Komödie spielen – zum ersten- und letztenmal! Aber Pyramus und Thisbe? –« Wie eine Eingebung schien plötzlich ein Gedanke den Fürsten zu durchzucken. Er spinnt ihn aus; er sinnt und sinnt; ein Plan scheint ihm aufzugehen; ja, jetzt hat er ihn fest gepackt, klar zurechtgelegt; er reibt sich vergnüglich die Hände und lacht laut auf. Dann spricht er, gegen den eisbärtigen Ritter gewandt: »Alles spielt Komödie an diesem Hofe, und jeder begehrt, daß ich mitspiele. Ja, mancher meint wohl gar, er könne Komödie mit mir spielen; ich aber will ihnen zeigen, daß der Fürst allerdings Komödie spielen kann, daß er es dann aber ist, der nicht euer aller Komödiant wird, sondern der euch alle gebraucht, daß ihr seine Komödianten seid. Eudoxia glaubt die Fäden in der Hand zu haben, der Kapellmeister glaubt, sein Sohn glaubt, daß sie wiederum die Drähte ihres Puppenspieles dirigierten, der Italiener glaubt dasselbe von sich; ihr alle aber sollt euch betrogen haben: der eigentliche Meisters des Theaters bin ich, alle Drähte laufen in meiner Hand zusammen, und wer zuletzt lacht und das letzte Wort hat, das ist der Fürst! Nur zwei Leute von diesem Hofe haben, wie mir deucht, keine Komödie mit mir spielen wollen: der Hundejunge und der Maler. Aber dann will ich wenigstens Komödie mit ihnen spielen: sie müssen auch noch untergebracht werden im Ensemble von Pyramus und Thisbe. Alter Ritter und Freund, Wächter des Kamins, du sollst heute abend mit mir zufrieden sein!« Der Fürst klingelte. »Man entbiete sogleich den Maler Friedrich Bergmann zu mir!« Der Gerufene erschien nach kurzer Frist. Es lag aber das Kabinett des Fürsten zu ebener Erde, und die geöffneten Fenster gingen auf den Schloßgarten, wo eben Fürstin Eudoxia mit ihrer Oberhofmeistern lustwandelte. Da sprach der Fürst zu dem eintretenden Maler recht laut, daß es die Damen draußen hören mußten: »Wir machen eine neue Oper, Bergmann, Ayramus und Thisbe, und ich selber will in dem Stück mitspielen. Da muß ich nun mit Ihm eine umständliche Beratung pflegen über das Kostüm,« – und er wiederholte mit erhobener Stimme, gegen den Garten gewendet: »über das Kostüm, Bergmann, denn das versteht ihr Maler doch wohl am besten.« Sechstes Kapitel Der Tag, welcher für unsere kleine Welt im Schlosse ein so bewegter gewesen, war draußen in der Natur im tiefsten Frieden auf- und niedergegangen. In ruhiger Pracht hatte die Sonne sich verglüht über den abendfeuchten, wiesenduftigen Talgründen, und an dem Nachthimmel, der so klar und unergründlich tief sich ausgoß wie die regungslose Fläche des stillsten Gebirgssees, kam der volle Mond aufgezogen in ruhender Majestät, und um ihn versammelte sich, zahlreicher und immer zahlreicher, sein lichtfunkelnder Hofstaat von großen und kleinen Sternen. Tiefes Schweigen lag über dem Schloßgarten. Die dichtverwachsenen Gebüsche und Baumgruppen ruhten in dunklen Massen neben den vom blauen Mondlicht traumhaft übergossenen offenen Blumenbeeten und Rasenplätzen; nur die Springbrunnen flüsterten sich von fernher leise Worte zu, und manchmal erklang ein heller Vogelschlag darein. Der Orangerieflügel des Schlosses war erleuchtet; er lief in einen gegen den Garten geöffneten Saal aus. Vor den Pforten des Saales befand sich ein Man, von welchem man auf den zwölf breiten Stufen einer prächtigen Marmortreppe zu den Blumenbeeten herunterstieg. Die Seiten der Treppen aber waren geschmückt mit den schönsten kugelrunden Orangebäumen, und auf dem Altan selbst standen seltene ausländische Sträuche, Bäumchen und Blumenstöcke zu einer Laube aufgebaut, die den hohen Herrschaften heute abend beim Anhören der Serenade als Loge dienen sollte. Jetzt erschienen einzelne Fackeln auf dem freien Platze vor dem Altan; ihre Zahl mehrt sich; wohl zwanzig Fackelträger stellen sich im Halbkreise auf. Gleich Opferflammen in einem heiligen Haine wallt die rote, ruhelose Glut der Fackeln, lange, magisch beleuchtete Rauchsäulen nach sich ziehend, hinan zu dem dunklen Himmel mit dem ewig gleichen, ewig klaren blitzenden Demantschein seiner Sterne, und die umstehenden Gebüsche und Bäume stechen im Widerglanz der roten Lohe gar grell hervor aus der pechschwarzen Finsternis, die nun dreifach dunkler den Hintergrund deckt. – Musikanten stellen sich auf neben den Fackelträgern. Dann erscheint eine Tänzerbande, die Paare als Mohren verkleidet. Sie reihen sich, zum Tanze gerecht, vor den Fackeln in malerische Gruppen. Alles harrt, verhaltenen Atems, des Erscheinens der Herrschaften auf dem Altan. Lichter bewegen sich längs der großen Rundbogenfenster des Saalbaues. Das kündet die Erwarteten. Mit kleinem, aber glänzendem Gefolge tritt die reizende Fürstin an der Hand des in der natürlichen Gravität angeborener Herrscherwürde einherschreitenden Gemahles aus den weiten Flügeltüren. Da schmettern die Musikanten die jubelnden, doch königlich stolzen Akkorde und Rhythmen einer Sarabande; in gemessener Bewegung wogen die Gruppen der Tänzer von den Blumenbeeten vor gegen den Altan und bezeugen dem fürstlichen Paare ihre Huldigung; dann aber gehen die Fanfaren der Sarabande in den wilden Jubel eines Mohrentanzes über, und in phantastisch bunten Tanzfiguren schweben nun die Paare der schwarzen Masken bald im Hintergründe zerstreut zwischen den Blumenbeeten auf und nieder, bald ewigen sie sich wieder vor den Stufen des Altans. Ein blendender Lichtglanz hatte sich beim Eintritt der Herrschaften über den Altan ergossen, und in der ruhigen, sonnigen Helle zahlloser Wachskerzen, die wiederum gar malerisch gegen den bewegten roten Fackelschein im Garten abstach, leuchtete die reichgeschmückte, jugendschöne Erscheinung der Fürstin, umringt von den bescheideneren Schönheiten ihres Gefolges, in der Tat wie die Feenkönigin eines Zaubermärchens. Die Gestalt des Fürsten dagegen war ganz umhüllt von einem weitfaltigen weißen spanischen Reitermantel, den er gegen Gebrauch und Etikette im Momente des Hervortretens zurückzuwerfen vergessen hatte, was ein unmerkliches Geflüster bei den Hofleuten erregte. Denn im Glänze des purpurnen Sammetrockes mit Band und Stern hätte der Fürst nach zurückgeschlagenem Mantel in demselben Momente dastehen müssen, wo Lichtschimmer, Trompeten- und Paukenklang und das Anwogen der Tänzerschal zumal das prächtige Schauspiel eröffneten. Nur wenige Worte wechselte der Fürst lächelnd mit Eudoxia, als er sie zu ihrem goldenen Sessel führte. Die stolze Heiterkeit fröhlichen Genießens, gepaart mit dem Bewußtsein, daß all diese Zauberei vor allen ihr selber in Huldigung zu Füßen gelegt sei, strahlte auf ihrem Antlitz. Auch des Fürsten Züge wurden heiter, wie im Widerschein der Heiterkeit der Gattin. Kaum jedoch hatte der Tanz begonnen, so entfernte sich der Fürst mit leichter Entschuldigung und Verbeugung von Eudoxias Seite und zog sich in die äußerste halb dämmerige Ecke des Altans zurück, wo im Schatten der Orangenbäume ein zweiter Sessel für ihn bereit stand. Als eigentlicher Festordner und Regisseur des Schauspiels hatte er für heute diesen Platz sich vorbehalten, den geeignetsten, um unbemerkt zu beobachten. Und in der Tat musterte er von da die Szene mit so durchdringend aufmerksamem Blick, als gälte es die Dispositionen eines Feindes bei Entwickelung einer entscheidenden Schlacht mit dem Auge des Feldherrn wahrzunehmen. Der Tanz war zu Ende; die Mohren verschwanden in den Gebüschen; die Musik verstummte. Da trat der Hofmarschall vor und verkündete dem fürstlichen Zirkel auf dem Altan, es werde nun ein ritterliches Turnier beginnen, aber nicht ein Kampf mit Schwert oder Lanze, sondern ein Sängerkampf. Anton Howora aus Böhmen, des Meisters Dal Segno Schüler, und Franz Lämml, der Schüler seines Vaters, des Meisters Ignaz Lämml, seien die Kämpfenden; der Preis des Siegers das allerhöchste Lob aus dem Munde seiner allergnädigsten Herrin, der durchlauchtigsten Fürstin Eudoxia, und zugleich die erledigte Hofsängerstelle. Die beiden Lehrer sollten nach vollführtem Wettgesang zuerst ihr Urteil abgeben, also, daß Meister Dal Segno den Schüler des Meisters Lämml und Meister Lämml den Schüler des Meisters Dal Segno richte. Dann werden Ihro hochfürstlichen Gnaden, wie es der Königin des Turniers gebühre, das Urteil sprechen und allerhöchstselbst den Preis zuerkennen. Nach Beendigung dieser Rede bemerkten die Hofleute, daß der Fürst, endlich wohl seines Versehens sich erinnernd, den Mantel abgelegt hatte. Ruhig beobachtend wie bisher saß er da im dämmerigen Schatten der Orangenbäume, aber den weißen Mantel hatte er zurückgeworfen auf die Lehne des Sessels, und auf dem purpurnen Festgewande glitzerten jetzt die Brillanten des großen Ordenssternes aus dem Halbdunkel hervor. Während die Musikanten sich zum Abzug rüsteten, brachte eine von den Mohrenmasken, die ihr Kostüm wieder mit einem großen grauen Mäntel bedeckt hatte, dagegen durch die schwarze Larve noch ebensowohl nach ihrem Zeichen kenntlich als nach ihrer Person unkenntlich war, bald hier, bald dort Bewegung unter den Leuten im Garten hervor. Schon vor dem Erscheinen der Herrschaften war dieser vermummte Tänzer unter der Dienerschaft auf- und niederspaziert, schier jeden, der ihm in den Weg trat, mit Fragen und spitzigen Glossen aufs Eis führend, so daß alle übereinkamen, es müsse, auch nach Gang und Manieren zu urteilen, der Hofnarr des Fürsten sein, der sich unter dieser bequemen Larve irgendein Schelmenstück ausgesonnen; denn beim Tanze hatte man die ziemlich auffallende Gestalt nicht gesehen; er war also kein echter Mohrentänzer. Da seht! Eben bindet der Vermummte mit einem der Fackelträger an. »Ei, mein lieber Adam, auch du hier! Wie bist du denn so rasch aus dem Prison gekommen?« »Durch des Fürsten besondere Gnade!« erwiderte stolz der Hundejunge, bolzenstrack stehenbleibend wie ein Grenadier und soldatisch die Fackel präsentierend. »Hm! Der Fürst ist doch ein guter Mann, Adam!« »Jawohl, Narr! Gott segne ihn. Ein guter Mann – freilich – aber auch der gutartigste Hund hat wenigstens vier Wolfszähne.« »So hüte dich vor den Wolfszähnen, Adam! Doch jetzt hast du im Prison ja selber geschmeckt, wie das Wasser und Brot bekommt, welches du deinen Hunden statt Rindfleisch und Bouillon gespendet!« »Hundebrot schmeckt immer noch besser als das Zuckerbrot, womit man einen Narren füttert!« sprach Adam trotzig und wollte die Maske mit seiner Fackel verscheuchen, aber schon war sie fortgehuscht. Die beiden Maestri näherten sich dem Kampfplatz von verschiedenen Seiten, jeder von seinem Schüler begleitet. Allein wie im natürlichen Instinkt der Feindschaft blieben beide in den entgegengesetzten Ecken möglichst fern voneinander stehen. Von Zeit zu Zeit nur maß mit verstohlenem, durchbohrendem Blick der Gegner den Gegner. Der kleine Italiener lichtete sich auf den Zehen empor, um den Nebenbuhler seines Schülers zu erschauen. »Bah!« flüsterte er dann verächtlich zu dem neben ihm stehenden Franz Lämml, »eine miserable Gestalt ist dieser Sohn des Kapellmeisters, ein schmächtiger Junge! Der will Heldensänger sein? Schau' das Püppchen da drüben! Das will einen Cyrus, einen Achill, einen Orest in unserer Oper darstellen!« Mit Stolz maß er dagegen den mannhaften Franz, der schier einen Kopf größer war denn er selber. In der Tat, der Sänger, welchen der Kapellmeister als seinen Schüler und angeblichen Sohn mitgebracht, war eine höchst zierliche, niedliche Figur, eher für Pagenrollen als für Helden geschaffen. Unter der Lockenperücke schaute ein allerliebstes feines Gesichtchen hervor, der großschößige Galarock saß fast etwas zu eng um die weiblich breitausgerundeten Hüften. Die Maske im grauen Mantel klopfte dem mädchenhaften jungen Burschen auf die Schulter. »Den Achill auf Skyros weidet Ihr trefflich spielen können, schöner Sänger, den jungen Achill, wie er als Mädchen verkleidet am Hofe des Lykomedes erscheint. Jedermann sollte dann schwören, Ihr seiet wirklich ein Mädchen. Aber für einen ausgewachsenen Achilles wäret Ihr doch etwas zu klein, meint Maestro Dal Segno.« »Lästiger Narr! Hinweg mit dir!« rief zürnend und tief errötend der Angeredete. »Du bist Narr und Spion zugleich. Schon den ganzen Abend verfolgst du mich, und spottend willst du mich ausforschen. Hinweg!« »Da bringt Ihr uns einen schönen Soprano zur Rolle der Thisbe, Herr Hofkapellmeister«, sprach nun die Maske zu dem Alten. »Den Pyramus müssen wir wohl dort drüben im feindlichen Lager suchen?« »Narr, schweige mir von Pyramus und Thisbe. Unverdaulichkeit am Mittag und Schlaflosigkeit um Mitternacht weckt mir dieser Name. Ein Narr kann mehr fragen, als hundert gescheite Leute zu beantworten vermögen, und eine – gescheite Frau, die Fürstin Eidechse kann mehr Aufgaben stellen –« »Als hundert alte Narren wie du zu lösen imstande sind«, vollendete die Maske. »Da möget Ihr wohl recht haben, Freund Kapellmeister.« Und die Maske verschwand im Gedränge der Musikanten und Diener. Auf einen Wink des Fürsten zogen jetzt die Fackelträger ab. Tiefes Dunkel deckte den Kampfplatz. Denn wie der Gesang der Nachtigall am ergreifendsten in des Menschen Seele hineinklingt, wenn aus dem verschwiegenen Dunkel der einzige Lichtstrahl ihres Tones in ruhiger Klarheit unserem inneren Gesicht leuchtet, so sollte auch Scarlattis Doppelgebet an die »hellglänzenden Sterne der Liebe« aus dem Helldunkel des mondbeschienenen Gartens zu dem Ohr der Fürstin emporsteigen, eine echte, in süße Träumerei einwiegende Serenade nach dem die Sinne erweckenden Lichtzauber, der den Mohrentanz mit seiner grellen Musik umflossen hatte. Die beiden Sänger allein traten in den Vordergrund, nur ein klein wenig von dem Widerschein der Wachskerzen des Altans beleuchtet. Franz begleitete mit der Laute. Zu beiden Seiten am Saume der nächsten Gebüsche standen die Meister, immer in möglichst großer Entfernung voneinander. Der ganze übrige Schwarm der Diener und Musiker war verschwunden. Es ward stille, daß man atmen hörte. Der Fürst winkte. Der Gesang begann. Beide Stimmen trugen zuerst nacheinander die süße schlichte Weise des Themas vor, dem Texte nach ein Liebeshymnus, der aber zugleich zum Gebet zweier Liebenden wird, die sich dem Schütze des himmlischen Schicksalsgestirnes ihrer Liebe empfehlen. Der einfache Grundgesang erweiterte sich aber alsdann zu einem kunstreichen Spiel nachahmender Tonformen: eine Stimme drängt die andere, überholt sie, nimmt ihr jedes einzelne Wort der Melodie vom Munde weg, die Harmonien steigern sich, der Rhythmus hebt sich mächtiger, und die zwei Sänger singen in die Wette mit Tönen, die immer tiefer und tiefer aus dem Herzen herauszuquellen scheinen; die breiten Ströme des Gesanges brechen hervor m einer Fülle, als müßten sie den Sängern die Brust zersprengen, und die Hörer selbst packt es, als ob es auch ihnen die Brust zersprengen wolle, so rätselhaft gewaltig zittert ihnen jede Bebung des begeisterungsvollen Gesanges in allen Nerven wieder. Als der Gesang verstummt, folgt zuerst die lautlose Stille des tiefsten empfundenen Beifalles. Jedem klingt noch in innerster Seele die Weise nach: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« Endlich brach die Fürstin das Schweigen, ihren Damen zuflüsternd, sie hätte nie geahnt, daß ein anderes Sängerpaar denn zwei wirklich Liebende mit so erschütternder Wahrheit der Empfindung von der Liebe singen könnten. Mit ehrfurchtsvoller Verbeugung treten die Sänger ab, und der Hofmarschall ruft die beiden Meister vor, auf daß sie ihren Spruch fällten. Der Hofkapellmeister geht im Range voran; er erhält zuerst das Wort. Lächelnd beginnt er, und zwar in so seltsamem Ton, mit einem so selbstbewußten schlauen Schmunzeln, daß die Fürstin in Parenthese gegen die Oberhofmeisterin bemerkt, so schneidermäßig verzwickt wie heute habe sie den Kapellmeister noch niemals gesehen. Er spendet dem Anton Howora (doch betont er diesen Namen jedesmal ganz absonderlich und begleitet ihn mit einer Grimasse des Lächelns), dem Anton Howora das höchste Lob, rühmt das Metall seiner Stimme, die Trefflichkeit der Schule, die Wärme und Wahrheit des Vortrags. Der ganze Hof bewundert die edle Unparteilichkeit des Kapellmeisters, und selbst die Fürstin verzeiht ihm darob wieder sein schneiderhaftes Schmunzeln. In stolzer Genugtuung hört Dal Segno dieses Urteil. Die Mohrenmaske im grauen Mantel aber hatte sich an ihn herangeschlichen und flüsterte ihm zu: »Nun, Meister, Euer Gegner macht es wie ein edelmütiger Duellant, der den ersten Schuß hat und sein Pistol in die Luft abschießt. Da werdet Ihr wahrhaftig doch auch nicht nach des Feindes Brust zielen wollen?« Dal Segno erwiderte: »Hier zu meiner Rechten steht ein Narr, und zur Linken da drüben steht auch ein Narr, ich aber will als gescheiter Mann in der Mitte stehen und nach meinem Künstlergewissen sagen, was ich denke!« Sprach's und trat mit stolzem Schritte vor gegen den Altan und fällte seinen Spruch folgendergestalt: des Kapellmeisters Sohn habe zwar mit guter Summe und sonderlich beweglichem Ausdruck gesungen, dagegen fehle es noch gar sehr an einer guten Schule; statt ihrer zeige sich lauter Dilettantenfertigkeit, die der ersten Grundlage wahrhaft meistermäßigen Unterrichts ermangele. Die Vorzüge des jungen Sängers seien also glückliche Naturgaben; seine Schwächen dagegen lediglich eingeimpft und gehegt durch die höchst verkehrte deutsche Gesangschule. Alle Blicke wandten sich auf den Hofkapellmeister. Allein er schien gar nicht so arg erzürnt über das Urteil des Gegners, denn er lächelte nur noch weit schlauer als vorher. Doch als der Italiener seinen Trumpf gegen die deutsche Gesangschule ausspielte, konnte Ignaz Lämml nicht länger an sich halten. Laut lachend rief er dem Maestro Dal Segno entgegen: »Mein Sohn, Herr Kollega! – das heißt – ja mein Sohn, – der kleine Mann nämlich, der eben hier sang, hat gar keine deutsche Schule, es ist die reinste italienische.« »Es ist deutsche Schule!« rief der Italiener in wütendem Ernst. »Italienische Schule!« rief der Deutsche, berstend vor Lachen. »Italienische!« – »Deutsche!« – ging es gleichzeitig herüber und hinüber. Eben wollte der Hofkapellmeister vortreten, um die Lösung des Rätsels laut zu verkündigen und nun auch seinen Triumph zu genießen; da schob sich eine neue überraschende Gruppe zwischen ihn und die Stufen des Altans. Hand in Hand trat das Sängerpaar vor und kniete an der Marmortreppe nieder, und, die Blicke bittend zur Fürstin hinaufgewandt, wiederholen sie die ergreifendste Stelle des Duetts, wo beide Stimmen nach dem Wechselgesang zur Vereinigung zurückkehren, in den innigsten, einschmeichelndsten Harmonien das Thema wieder aufnehmend: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« Aber mit dem angeblichen Sohne des Kapellmeisters war jetzt eine merkwürdige Veränderung vorgegangen: die Perücke war verschwunden, und das lange natürliche Lockenhaar umwallte den schönsten Mädchenkopf, und halb verschämt, halb mit Bangen, aber auch jetzt noch mit einer gewissen Schalkhaftigkeit schaute das reizende Gesicht Cornelias zu der erstaunten Fürstin empor. Der Kapellmeister konnte sich nicht zurückhalten. In den eben beginnenden Bittgesang der beiden Liebenden sprudelte er die Worte: »Dort steht der echte Franz Lämml; Howora ist nur eine fabelhafte Person; das Mädchen aber ist Cornelia Dal Segno, angeblich mein Sohn; aber Dal Segno, Kollege! hört Ihr's! es ist doch italienische Schule, Eure eigene echt italienische Schule gewesen, was Ihr eben verdammt habt!« Man rief den Kapellmeister zur Ruhe. Denn schien schon vorher das Höchste im Vortrag des Duetts geleistet zu sein, so wurde dies alles doch jetzt an Schmelz des Ausdruckes und Innigkeit der Empfindung noch weit übertroffen. Niemals hatte man ein bedrängtes Liebespaar rührender bitten hören. In wahrer Andacht lauschten alle Hörer. Und als die Sänger verstummten, mit flehenden Gebärden der Fürstin zugewandt, und abermals eine feierliche Stille eintrat, da erhob, wie zum Zeichen, eine Nachtigall in den nahen Büschen ihre Stimme und sang ihre Liebesklagen in die schweigende Nacht hinein, als wolle auch sie ihr Wort einlegen für die Bittenden an den Stufen des Thrones. Franz und Cornelia erhoben sich. Hand in Hand gingen sie zu ihren Vätern. Die aber waren auch nicht ruhig geblieben, und so trafen alle viere in der Mitte des Kampfplatzes zusammen. Da gab es aber eine so wunderlich gekreuzte Unterhaltung, daß keine Feder imstande wäre, den Knäuel der doppelten Zwiesprache zu entwirren und aufzuzeichnen. Die Liebenden baten um Verzeihung, um Versöhnung, um den Segen der Väter. Der Italiener wütete; er wollte seine Tochter gar nicht wieder anerkennen, die ihn also betrogen; er wollte Franz nicht mehr vor Augen sehen, der ihm seine Lehrgeheimnisse abgelockt und dann zum Dank dafür diese Schlinge gelegt. Der Kapellmeister suchte anfänglich das Paar zu schüren vor der Wut des Italieners, aber als er merkte, daß sein Sohn die Tochter seines Todfeindes ernstlich zur Frau begehre, schrie auch er in diese verzweifelte Quartettfuge hinein: niemals werde er sich so überlisten und überpoltern lassen, niemals sein Haus mit dem Hause des falschen Welschen verbinden. Wenn das Ziel aller Listen seines Sohnes hierauf hinausgegangen, dann sage er ihm rundheraus, daß Franz selber der am meisten Betrogene sei. Alle diese Erörterungen aber fielen im Verlauf weniger Augenblicke, während die Zuschauer auf dem Altan noch ganz in der ersten Überraschung über die Kette seltsamer Vorfälle befangen waren. Schnell entriß sich jetzt Franz dem Redegetümmel der erbitterten Väter und führte Cornelia abermals zurück zu den Stufen der Marmortreppe. Er schaute hinauf zu dem Fürsten, allein dieser winkte ihm, aus seinem Halbversteck fast zornig und drohend abwehrend mit der Hand. Er wagte nicht näher zu treten, nun erst aufs tiefste bestürzt. Das Benehmen des Fürsten war gegen die Verabredung. Derselbe hatte ihm heute nachmittag zugesichert, daß er im entscheidenden Moment als der Schützer seiner Liebe erscheinen und alles zur glücklichen Lösung führen werde. Jetzt war der gefährlichste, der letzte Augenblick der Entscheidung gekommen, und der Fürst verharrte unbeweglich, scheinbar allein teilnahmlos, auf seinem Sitze und winkte nur abwehrend, ja zornig drohend, mit der Hand! Da schien Cornelien der Gedanke zu kommen, daß in dieser höchsten Not eines Mädchens Wohl Frauenhilfe allein noch retten könne. Sie zog Franz hinüber gegen den Sitz der Fürstin und flehte dieselbe in einfachen, rührenden Worten um Schutz und Fürwort für ihre Liebe an. Ein solches Auftreten der Sängerin war gegen alle Etikette. Eudoxia schaute darum zur Seite nach dem Fürsten. Aber er gab ihr kein Zeichen. Wie gerne wäre sie zu dem Gemahl gegangen, um nur drei Worte mit ihm zu wechseln. Doch das wäre ein noch ärgerer Bruch der Etikette gewesen. Eudoxia zauderte eine kleine Weile, dann aber siegte das Weib in ihr, und sie erhob sich, um der Sängerin freundlich zu antworten. Allein in demselben Augenblick wurde die allgemeine Aufmerksamkeit so heftig auf einen ganz anderen Punkt gelenkt, daß Eudoxia das Wort auf der Lippe erstarb. Zwischen die beiden zornigen Alten war die Maske im grauen Mantel getreten. Die weisen Meister wollten nicht hören auf die Worte des Narren, und ihr Zorn wälzte sich rasch auf ihn hinüber. Da ergriff, als er sich kein Gehör schaffen konnte, der Vermummte die beiden Männer und zog sie mit einer Kraft des Armes vorwärts gegen die Marmortreppe, daß die Umstehenden höchlichst erstaunten. Einige Diener wollten einspringen und der Maske wehren. Weil aber der Fürst das Ding ruhig gewähren ließ, so getrauten sie sich auch nicht, dem Hofnarren in die Freiheit seines Narrenamtes einzugreifen. Allein Ignaz Lämml stellte, wie wir wissen, seinen Mann. In augenblicklicher Überrumpelung hatte er sich wohl von der Maske bewältigen lassen. Nun aber faßte er seinerseits die Maske am Mantel und rief, den Verwegenen mit starker Faust schüttelnd: »Jetzt ist nicht Zeit und Ort für deine Possen, Narr! Hebe dich weg, wenn ich dich nicht wegschleudern soll!« Da fiel der Mantel des Vermummten; zugleich nahm er die Larve ab, und vor dem entsetzten Kapellmeister, der auf die Knie niedersank, stand die majestätische Gestalt des Fürsten, nicht im purpurnen Galakleid mit Stern und Band, sondern in seinem gewöhnlichen braunen Rocke. Alle schauten nach dem Doppelgänger des Herrn, der unter den Orangenbäumen auf dem Altan saß: – in dem Augenblick, wo der vermummte Fürst die beiden Meister in den Vordergrund zog, hatte man ihn noch dort sitzen sehen, jetzt aber war er unbemerkt verschwunden. Der Fürst sprach in der gewohnten, einschneidend befehlenden Würde des Tons: »Das Schauspiel von Pyramus und Thisbe soll mit Musik aufgeführt werden. Was suchet ihr lange bei dem alten Fabeldichter Ovid? Hier ist das liebende Paar, Pyramus und Thisbe. Dasselbe Dach, mein Schloß, herbergt beide Liebende und ihre feindlichen Väter. Heimliche Zwiesprache ist fleißig gepflogen worden. Alles trifft zu, so gut und so schlecht, ms es für eine Opera nötig ist. Die Katastrophe entwickelt sich wie im Ovid des Nachts, bei Mondschein unter freiem Himmel – das Grabmal des Ninus mag sich jeder nach Belieben hier in der Nähe suchen; auch an den Bestien der ovidischen Fabel fehlt es nach Unseren neuesten Entdeckungen unter Unserer hier anwesenden Dienerschaft weit weniger, als wir fast gedacht hätten. Aber die Oper soll heiter schließen, so will es das Gesetz König Karls VI. Darum müssen die Väter ihren Zorn bannen, sich versöhnen! Die Hände her, ihr Meister! Ihr zögert? Bei Unserer fürstlichen Ungnade, gebt euch die Hände! So! Und nun leget die Hände der Liebenden ineinander. Keinen Widerspruch! Es ist nur eine Hofsängerstelle erledigt, ihr Meister; die Fürstin aber wird sonder Zweifel beiden Sängern zumal den Kranz reichen. Darum müssen die beiden in die eine Stelle hineinheiraten; dann ist der Widerspruch gelöst. Wer wagt zu widersprechen? Morbleu! Haben Wir nicht ein höchsteigenhändiges Kabinettsschreiben erlassen des Wortlautes: ›Die Opera Pyramus und Thisbe soll lustig mit der Liebenden Heirat schließen: Coûte-que-coûte: – so will und befehl' ich's . Mit der beiden Liebenden Heirat! Hört ihr's! Keinen Widerspruch. ‹ Coûte-que-coûte: – so will und befehl' ich's! .« Und der Fürst selber führte die beiden Liebenden vor die Väter, und trotz der ingrimmigen Gesichter, welche die Alten seitab schnitten, wagten sie doch nicht, dem fürstlichen Befehl zu widerstehen. Befriedigt lächelte Eudoxia dem Fürsten zu, und er winkte ihr dankend seinen Gruß entgegen. Aber noch kehrte er nicht auf den Altan zurück. »Wo ist denn unseres Herrn Bruders Liebden hingekommen, unser leibhaftiges Konterfei, das dort auf dem Stuhle saß? Bergmann! Wo steckt Er? Komm Er zu uns, Bergmann!« Der Gerufene schlich aus dem Gebüsch hervor. Er besaß Takt genug, jetzt die Abzeichen der fürstlichen Würde in Gewand und Schmuck wieder mit dem weißen Mantel zu verhüllen. Als der Fürst seiner ansichtig wurde, bemerkte er sogleich das verzweifelte Gesicht des Malers, der an des Fürsten Stelle in die dämmerige Ecke geschlüpft war in dem Augenblicke, wo die Rede des Hofmarschalls die allgemeine Aufmerksamkeit abzog. »Du hast den Fürsten brav gespielt, Bergmann!« sprach er leise, ihn zur Seite ziehend. »Aber wie? Hat dir die Sorge der Herrscherwürde schon binnen einer Stunde alle Heiterkeit von der Stirn genommen? Mensch, was machst du für ein Armensündergesicht!« Der Maler erwiderte: »Alle freuen sich über den heiteren Ausgang der Komödie, nur ich, muß den Fürsten spielen, und also geht die Historie für mich ohne Liebe aus! O wenn Eure hochfürstlichen Gnaden wüßten, was ich aushielt, als dieser Franz mit meiner Cornelia vorhin bittend mir nahte, bittend, daß ich – ich ! – ihnen helfen solle, Durchlaucht würden mir die Bezähmung meiner kochenden Wut hoch anrechnen! Aber geängstigt habe ich die Verräterin wenigstens, als ich abwehrte und drohte, so zornig wie nur menschenmöglich, wo ich kein Wort sprechen oder dem Franz nicht wenigstens meinen Stuhl an den Kopf werfen durfte!« »Freue Er sich, Bergmann, daß es so gekommen! Diese Cornelia ist nichts für Ihn. Sie hat ihren Vater betrogen, sie wird auch ihren Mann betrügen. Für den Franz paßt sie gerade darum, denn der betrügt sie wieder, und so machen sie sich gegenseitig etwas weis, und das gibt oft die glücklichsten Ehen. Sei Er froh, daß ihm der Wiener Windbeutel diese Liebschaft abgenommen. Als ich vorhin den Hofnarren spielte, habe ich der schlauen Dirne auf den Zahn gefühlt, auch von Seinetwegen, Bergmann. Glaube Er mir, sie hatte nur ihren Spaß mit Ihm. Verschmerze Er die große Brezel! Er muß nicht in das Komödiantenpack hineinheiraten, Bergmann! Da ist alles nur Trug und Schein, Brillanten aus Glas und Goldringe aus Messing. Suche Er sich ein braves deutsches Bürgermädchen, hört Er, Bergmann, die Ihn auch verstehen und erkennen mag, und dieser lasse Er dann die allergrößte Brezel backen.« Dann erhob der Fürst seine Stimme laut, daß alle es hören konnten, und sprach zum Maler: »Da Er mir heute so schöne Köpfe gezeichnet hat, Bergmann, so soll Er auch mein eigenes Porträt malen. Ich lasse mich aber nur von meinem Hofmaler porträtieren – Alexander ab Apelle – versteht Er mich! – Morgen kann Er anfangen!« »Aber«, flüsterte Bergmann, »morgen habe ich noch sechs Stunden Arrest abzusitzen von wegen der Brezel.« »Meinen Hofmaler habe ich nicht in Arrest geschickt!« erwiderte huldvoll der Fürst. Dann stieg er die Stufen hinan, zum Sitze der Fürstin. »Habe ich nun mein Wort gelöst, Eudoxia? Sieh, ich habe also doch dir zum Vergnügen mitgespielt in der Komödie, und mehr Verwandlungen hat's dabei gegeben als in irgendeiner Metamorphose des Ovid. Denn« – hier sprach er leise, daß nur Eudoxia es hören konnte – »die größte Verwandlung, die mit mir selber heute vorgegangen ist, wirst du erst allmählich gewahr werden. Wunderliche Dinge habe ich erfahren, als ich diese Komödie einfädeln und spielen half! Auch dich hat das Volk da unten verwandelt: – aus meiner Eudoxia haben sie eine goldschimmernde Eidechse gemacht. Es ist doch gut, Eudoxia, wenn ein Fürst auch manchmal Komödie spielt. Sieh, es grauste mir heute förmlich vor der Pracht dieses Abends nach dem, was ich am Mittag gesehen und gehört. Wir müssen uns verwandeln, Eudoxia – aber nicht in ovidischer Weise – oder es könnte kommen, daß unsere Kronen und Hermeline, noch ehe dieses Jahrhundert über den Häuptern unserer Enkel hinabgerollt ist, daß unsere Kronen und Hermeline in gar kurioser Weise verwandelt würden. – Sahst du eben den Lichtschein dort am wolkenlos heiteren Maihimmel? Es wetterleuchtet in unsere Kerzen- und Sternen- und Fackelpracht hinein! Nenne mich fürder nicht mehr Augustus, liebe Eudoxia, nenne mich August. Du weißt, auf Augustus folgte Tiberius. Schau' hinüber nach den dunklen Fenstern meines Kabinetts! Dort steht der graubärtige Rittet über dem Kamin; dessen Anblick hat mich heute zur Besinnung gebracht. Vielleicht steht er jetzt unsichtbar mitten unter uns und freut sich über mich! Ja, vielerlei Verwandlung haben wir heute gespielt, dieser schmiegsame Franz und ich, und ich dachte, einen von uns zweien müßte ich dir wohl vorstellen als den echten Ovid bei Hofe. Jetzt aber merke ich, der größte Fabeldichter, der Mann, der die größte Metamorphose heute mir in die Seele gedichtet, das ist der alte Ritter über dem Kamin: denn er hat den Fürsten verwandelt. Lies du deinen französischen Ovid: ich will mit dem Ritter über dem Kamin sprechen, und er soll mein deutscher Ovid sein. – Aber ich habe dir immer noch eine Verwandlung vorzuführen. – He! Adam tritt näher! Adam Happeler!« Adam erschien mit seiner Fackel und pflanzte sich am Fuße der Treppe auf. »Das ist der Adam Happeler, Eudoxia, dem du das Häuschen bauen ließest, worin er verdarb, der dann Hundejunge ward, wobei er nicht gedieh. Weil er sich nun vermessen hat, mir einheizen und Licht anzünden zu wollen, wenn er's nur dürfe, so habe ich ihn zu meinem Stubenheizer und Lampenanzünder gemacht, da darf er's ja nach Herzenslust. Aber ich will dir einen Spruch mitgeben ins neue Amt, Adam: Auch der gutartigste Hund hat vier Wolfszähne! Hüte dich, Adam! Wenn du wieder Spitzbübereien treibst, dann wanderst du nicht in das kleine Prison, sondern ins große Zuchthaus.« Adam schnitt ein halb glückseliges, halb verlegenes Gesicht bei dieser Anrede, und das gab ihm gerade ein Aussehen, wie wenn er niesen wolle und könne nicht. Der Fürst rief darum lachend: »Bergmann, so male Er mir den Adam mit seiner Fackel in den chinesischen Saal. Die anderen Köpfe bleiben in der Mappe.« Dann aber wandte sich der Fürst zu seinem Hofe und kündete den Aufbruch an zu einer Gondelfahrt auf dem Flusse, die den festlichen Abend beschließen solle. »Adam, eröffne den Zug mit deiner Fackel! Du sollst Uns heute abend ganz besonders das Licht tragen, die Fackel, die zugleich Unser Emblem ist! Auf, meine Herren, folgen Sie dem fürstlichen Zeichen der Fackel!« Und während sich der Zug bildete, murmelte der Fürst, seiner Gattin den Arm bietend, für sich die Worte des Mottos zum Emblem: » Aliis inserviendo consumor « Amphion Erstes Kapitel In der weltberühmten Schenke zur »Sirene« in Jena sah es traurig aus. Der Besitzer war gestorben; statt der vermuteten Reichtümer hatte er Schulden hinterlassen. Freilich Schulden in dem kleinen Maßstab der alten Zeit, etliche hundert Gulden, womit das Haus überlastet war. Aber es war auch in der Art der alten Zeit, daß die einige Erbin der »Sirene«, Eva, die zwanzigjährige Tochter des verstorbenen Schenkwirts, fast ihr Herz abgedrückt wähnte durch den Gedanken an diese kleine Verschuldung, die ihres Vaters Gedächtnis verunehrte, den guten Ruf der »Sirene« auf lange Jahre befleckte und – sie selbst – Eva – vielleicht hinausstieß, daß sie ihr Lebtag Gesindebrot essen mußte. Im Hause wohnte noch die alte Großmutter, aber an ihr hatte Eva keinen Trost. Taub, stumpfen Geistes, der Welt abgestorben, saß sie in ihrem Winkel und spann; sie hatte kein Auge mehr für das Gegenwärtige, sie war nur noch ein Schattenbild vergangener Tage, das gespenstisch seelenlos unter den Lebendigen umging. Da konnte die arme Eva keine andere teilnehmende Seele finden als den zeitweiligen Reichsverweser der »Sirene«, den jungen Küfermeister Friedrich Ritter. Er hatte schon lange bei des Vaters Lebzeiten in den Kellern gewirtschaftet und dann auch über der Erde die Schenke so leidlich m Rand und Band gehalten. Er war ein frischer Bursche, rührig, heiter, voll Selbstvertrauen, und unvermerkt war er mit Eva zu einer Herzlichkeit und Zärtlichkeit gekommen, daß es beiden zuletzt vorkam, als hätten sie von Kindesbeinen an zusammengelebt – da sie sich doch erst seit ein paar Jahren kannten – und müßten auch zusammenbleiben bis ans Ende. Das ging aber alles so in der Stille; der Vater merkte nichts davon und die taube Großmutter noch viel weniger. Es war an einem Oktobernachmittag; die Sonne schien mild durch die achteckigen Scheiben in die fülle Schenkstube. Nur die Großmutter spann in der Ecke, die Katze saß neben ihr auf dem Schemel und schnurrte, und die Mücken, die jetzt das Freie flohen, summten zahllos an Decke und Wänden umher. Gäste hatten sich noch keine eingefunden; denn vor Feierabend gingen meist nur verlumpte Trunkenbolde ins Wirtshaus. Vorn auf einer Bank saßen Eva und Friedrich. »Ich bin eine Bettlerin seit des Vaters Tod,« sprach die Trauernde, »jetzt weiden unsere Hände in Ewigkeit nicht ineinander gelegt werden.« »Ei, Eva, was verloren ist, muß man wieder erobern. Nur Geduld. Es läutet so lang, bis es endlich Kirmes wird. Ich will mich zusammentun, schaffen und raffinieren, daß man mich für einen Goldmacher und Hexenmeister halten soll, und eh du dich's versiehst, sind die leidigen fünfhundert Gulden getilgt und wir haben unseren eigenen, freien Besitz!« »Ja, wenn uns die Gläubiger so lange warten lassen!« sagte Eva kleinlaut. »Meinst du, man könne nicht auch rasch zu einem schönen Stück Geld kommen? Hast du nicht gehört von dem Lautenschläger Baronius, der eben in Jena verweilt? Ein wahrer Teufel von einem Musikanten. Er gab gestern abend ein Konzert in der Aula der Universität und nimmt einen gestrichenen Säckel von fünfhundert Gulden mit nach Haus. Fünfhundert Gulden in zwei Stunden, ich glaube, so viel verdient der römische König nicht. Freilich, ich werde es auch nicht, denn nur wo Würste find, kommen Würste hin. Schau' aber auch, was der Teufelskerl alles spielen kann; hier habe ich den Anschlagzettel. Der lautet so: Laus Deo. Jena am 15. Octobris 1720 . Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung wird Ernst Gottlieb Baronius Cand. juris, königl. preußischer Cammer musicus , berühmtester Lautenspieler und wahrer Amphion dieser Zeit ein musikalisches Divertimento auf der Laute zu geben die Ehre haben. Es werden executiret Das Allerschröcklichste (Allegro furioso). Das Allererfreulichste (Andante amoroso). Ein Gegenspiel für die Laute. Die zwölf Ebenteuer des Herculis für die Laute eingerichtet. Diana und Endymion, ein Zwiespiel für die Laute. Furientanz. Die Belagerung Trojae, Sinfonia »in drei Sätzen für die Laute. ›Haud ignarus in harmoniis aliquid inesse ad rem publicam conservandam utilitatis.‹ Plut. de Mus. › Musicae ignoratio Scripturae intellectum impedit.‹ S. August, de doctr. Christi. »Wohl weiß ich, daß in den musikalischen Harmonien etwas sitzt, was förderlich ist, den Staat zu erhalten.« Plutarch über die Musik. »Die Unkenntnis der Musik hindert das Verständnis der Heiligen Schrift.« Der heilige Augustinus über die Lehre Christi. »Ach, das ist ein gelehrter Zettel,« sagte Eva, »und mag auch eine gar gelehrte Musik sein! Wenn doch der kunstreiche Mann unser Leid wüßte und ein rechter Christ wäre, dann würde er uns die fünfhundert Gulden schenken, die er auf diesen Zettel hin in zwei Stunden verdient; er würde uns glücklich machen, und in anderen zwei Stunden hätte er sich wieder andere fünfhundert Gulden zusammengespielt.« »Liebe Eva, so großgemutet ist gar selten ein Musikant. Je größer der Künstler, je kleiner der Christ. Die's am weitesten gebracht, haben sich zuletzt alle dem Teufel verschrieben. Die Musici stimmen die Saiten auf ihren Instrumenten, sagt man, aber die Saiten ihres Gemüts lassen sie übel gestimmt.« Nun erhob sich die taube Großmutter von ihrem Spinnrad, wo sie einiges von dem Inhalte des Gesprächs erlauscht hatte. Überlaut, nach tauber Leute Weise, rief sie: »Hexengold und Musikantensold verfliegt über Nacht. Zu meiner Zeit kam auch ein gewaltiger Geigenvirtuos hierher; man nannte ihn nur Damian von Gußbach, nach seinem Geburtsort, denn seinen rechten Namen wußte er selber nicht. Der spielte die Geige bald unter dem Kinn, bald auf dem Kopf, bald auf seinem Rücken, bald zwischen den Beinen wie ein Bassettchen. Er spielte mit dem Fiedelbogen über den Saiten und unter den Saiten, auf den Haaren und dem Holz, kurzum er spielte, wie man wollte, und doch kam immer etwas wie eine schöne Musik heraus, daß es ein wahres Mirakel war. Wer zwei Weißpfennige zahlte, der konnte ihn den ganzen Abend hören. Anfangs war es ein Zulauf, daß er seinen Hut gestrichen voll Weißpfennige bekam, und die ganze Stadt sprach von Damian von Gußbach, wie sie jetzt von Baronius sprechen. Aber als er öfter wiederkam, wurden der Weißpfennige immer weniger, und eines Morgens ist er meinem seligen Manne plötzlich durchgegangen mit Hinterlassung beträchtlicher Zehr- und Logisschulden und ist nicht wieder gesehen worden. So geht es mit all der Flitterherrlichkeit von Musikanten und Komödianten.« Eva und Friedrich schraken zusammen, denn sie sahen plötzlich, daß sie nicht mehr allein in der Stube waren. Die stattliche Gestalt eines fremden jungen Mannes stand mitten im Zimmer, eine auffallende, anziehende Erscheinung. Das Gesicht war fast wie eines Mohren geformt und von merkwürdig bräunlicher Färbung, aber aus den großen, glänzenden Augen blitzte Geist und Selbstvertrauen. Eine mächtige Perücke schloß die Stirne ein, zu beiden Seiten mit großen hörnerartigen Wülsten, die den Kopf fast viereckig machten. Ein roter Sammetrock, feine Spitzenmanschetten und Jabot, schwarze Sammethosen, ein zierlicher Degen, große Schuhschnallen, mit funkelnden Edelsteinen besetzt, bildeten die einfache, aber höchst gewählte Kleidung, welche den vornehmen Mann verkündete. »Ich habe Euch schon mehrmals angeredet,« sprach er lächelnd zu Friedrich, »aber zuerst waret Ihr so vertieft in den Konzertzettel und dann in Eure Glossen über den Lautenspieler, daß Ihr gar kein Ohr für mich hattet. Ich erwarte Freunde hier. Bringt mir darum eine Kanne Wein, nicht vom schlechten und nicht vom besten, sondern von jenem guten, womit man das rechte Fundament legt, daß man weiter vom besseren und vom besten noch mit Lust trinken mag.« Als Friedlich den Wein brachte, klopfte ihm der vornehme Gast auf die Schultern und sprach: »Über die großen Musici seid Ihr schlecht berichtet. Sie verdienen ihr Geld nicht so leicht, als Ihr glaubt. Musikantensold ist auch kein Hexengold. Freilich ein glücklicher Abend bringt rasch reichen Lohn. Aber von den durcharbeiteten Nächten, von den Wochen und Monaten, im wahren verzehrenden Fieber des Studiums hingebracht, von all der martervollen Arbeit, die es heischt, bis einer so weit gekommen ist wie dieser Baronius, davon lasset Ihr Euch in Eurem kühlen Keller nichts träumen. Und wenn's der Musikus dann so weit gebracht hat, wie muß er schaffen, um sich über dem Wasser zu halten! Das geht nicht mehr wie beim Damian von Gußbach. Wer jetzt ein gerechter Virtuos will heißen, der muß auch ein Komponist sein, im reinen Satz so sattelfest wie der erste Kapellmeister. Auch ein Gelehrter muß er sein, in der Geschichte seines Instruments und seiner Kunst wohlbewandert, in den alten heiligen und Profanskribenten wohlbelesen. Denn ein großer Musikus muß heutzutage seine Bücher schreiben so gut wie seine Noten, mit Gelehrsamkeit wohl ausstaffierte Bücher, schneidig voll Feuer, Witz und Grobheit, sonst wird er totgeschrieben von den Kollegen. Es ärgert einen Hund, wenn er einen anderen in die Küche gehen sieht; so geht es auch mit den Künstlern und dem Kunsttempel. Aber versteht Ihr mich auch, Freund, denn Ihr sehet mich gar wunderlich an?« »Freilich, freilich!« rief Friedrich eilfertig. »Das klingt ja alles so schön und gelehrt, fast gerade wie der Konzertzettel des Herrn Baronius.« Dann ging er auf die Seite zu seiner Eva und flüsterte: »Wenn der Rotrock nicht der Teufel ist, dann muß es der Baronius in eigener Person sein.« Zweites Kapitel Nach einer Weile trat ein mächtig großer, breitschulteriger junger Mann in die Schenkstube, wohl ein angehender Dreißiger und seiner Kleidung nach doch noch ein Student. Denn eine Schar wohlgesetzter Männer, darunter auch verheiratete Leute, bildete damals noch immer wie in alten Zeiten den Adel der bemoosten Häupter, und von halbreifen Jünglingen, wie sie jetzt die Hörsäle füllen, war noch wenig zu sehen auf deutschen Hochschulen. Der Student trug sein natürliches Haar, bis auf die Schultern niederwallend, dazu einen stattlichen Schnurrbart und Kinnbart; und wie er so stolz hereinschritt, die linke Hand auf das Gefäß des Stoßdegens gestemmt, sah man's ihm gleich an, daß er kein gewöhnlicher Student und Obskurant sein könne, sondern ein Mann von burschikosen Ehren und Würden. Er war in der Tat Senior des Faßbinderordens, der herrschergewaltigste Student der ganzen Hochschule. Als er den feinen Mann im roten Sammetrock erblickte, eilte er auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn, schrie laut auf vor Freuden und wollte ihn kaum wieder loslassen. »Ich gratuliere, Freund Baronius! Das war ein Sieg, ein Triumph! Wie mich jeder Beifallruf freute, als gälte er mir, jeder Lorbeerkranz, als sei er mir hingeworfen! Aber ich habe auch redlich mitgearbeitet, Freund! Sämtliche Mitglieder des Faßbinderordens hatte ich ins Konzert geschafft; da standen wir im geschlossenen Treffen, und nach jeder Nummer schlugen wir frisch zuerst an mit einem wahren Rottenfeuer des Klatschens und Jubelns; und uns gegenüber in der anderen Ecke des Saales war der ganze Lilienorden aufgepflanzt, den habe ich auch halb in der Tasche, und sowie ich nickend das Signal gab, fuhren die braven Burschen von den Lilien gleichfalls drein wie wütend. Zuletzt, nimm mir's nicht übel, hatten meine Leute fast mehr Freude daran, sich selber klatschen als dich spielen zu hören. Ach, du bist ein gemachter Mann, überschüttet mit Geld und Ehren, berühmt durchs ganze Reich – ich habe mit dir meine Studien begonnen, ich bin nichts und werde nichts, ich bleibe der ewige Student!« »Beneide mich nicht allzusehr«, erwiderte Baronius, den Arm auf die Schulter des Freundes legend. »Du bist wohl glücklicher als ich. Der Erfolg in der Kunst macht unersättlich. Das nagt an mir, das verzehrt mich, daß ich weiter, weiter, immer weiter will. Ich genieße meine Triumphe nicht, denn für mich sind es längst keine Triumphe mehr. Es gab Meister, die Größeres leisteten, unendlich Größeres; es martert mich zu Tode, daß ich's ihnen nicht nachmachen kann. Ich schreibe eben an einer Geschichte des Lautenspiels. Jedes Blatt, welches ich in den Geschichtsbüchern umwende, verstimmt mich, daß ich heulen möchte vor ungesättigtem Ehrgeiz. Amphion bewegte Steine mit seinem Lautenspiel, er bezauberte Bäume und Felsen. Jetzt mag sich einer die Finger abspielen, er wird darum noch keinen Stein um einen Zoll von seiner Stelle rücken. Doch das mögen Fabeln sein, und die Geschichte ist auch schon sehr lange her. Orpheus hielt gar den Wind auf mit den Tönen seiner Laute. Auch diese Kunst will ich gern verloren geben; man könnte durch sie leicht als Wettermacher und Hexenmeister zu bösen Geschichten kommen. Aber daß beide, Amphion und Orpheus, durch ihr Spiel die wilden Tiere gebändigt und gezähmt haben, das ist doch wohl keine Fabel. Wie erbärmliche Stümper sind wir da gegen diese Meister. Nicht einen Hund, nicht eine Katze mag unser Lautenspiel noch fesseln, geschweige denn einen Hirsch, Wolf oder Bären. Hund und Katze laufen davon, wenn ich nur drei Akkorde anschlage, und zwingt man die Bestien zu bleiben, dann heulen sie immer höher, je schöner und heftiger man spielt. Was ist unsere ganze gepriesene Malerkunst, bevor es nicht wieder gelingt, jene Trauben zu malen, nach denen die Spatzen geflogen sind? Doch die Wunderwerke der klassischen Zeit will ich alle noch verschmerzen; wer will überhaupt in Wettkampf treten mit Griechenland und Rom? Aber auch in den finsteren mittleren Zeiten, ja in ganz naheliegenden Jahrhunderten sind Wunderdinge auf der Laute geleistet worden, für uns so unerreichbar, daß wir uns beschämt verkriechen, daß wir unsere Lauten an der Wand zerschlagen müssen angesichts jener obskuren Meister, deren Namen man nicht einmal recht kennt. Sieh, Freund, das frißt an mir, das macht mir schlaflose Nächte, das läßt mich in Zorn und Wut die Laute üben in ihren höchsten Schwierigkeiten, bis mir das Instrument aus der Hand gleitet vor Ermattung. Nicht eher gewinne ich Ruhe und Zufriedenheit, bis ich diese namenlosen Zauberer besiegt habe.« »Und worin bestand denn deren Kunst?« unterbrach der Senior. »Aber halt! Rede nicht weiter, bevor wir uns gesetzt haben, bevor Eva mir eine Kanne Rheinwein kredenzt, und bevor wir angestoßen und einen guten Trunk getan. Denn deine Rede tönt süß wie deine Laute, aber sie baut sich breit und groß, wie deine Musik, wenn du das Jüngste Gericht spielst, und ist so festgefugt, daß man nirgends ein Loch hineinbrechen kann. Nichts für ungut, Freund! Glückauf! Also auf die Überwindung des Orpheus und Amphion und aller namenlosen mittelalterlichen Lautenspieler!« Da stießen sie an und tranken. Dann fuhr Baronius also fort: »Es wird uns von glaubwürdigen Chronisten berichtet, daß am Hofe König Erichs von Dänemark ein Lautenspieler gewesen von so großer Kraft des Ausdrucks, daß er durch sein Spiel die Zuhörer zu jeder Leidenschaft stimmen und hinreißen konnte. Der König, der davon vernommen, wollte diesen Triumph der Kunst mit Augen sehen und befahl darum dem Musiker, vor seinen Rittern und Hofleuten kriegerische Weisen so zu spielen, daß alle zum Kampf entflammt würden. Der Lautenspieler war seiner Sache dermaßen gewiß, daß er bat, alle Waffen fortzuschaffen und Wächter vor dem Saale aufzustellen, welche die Streitenden sofort auseinanderreißen könnten. Damit die Wache aber nicht auch in den allgemeinen Taumel hineingezogen würde, sollte sie rechtzeitig dem Meister die Laute wegnehmen und so der bestrickenden Musik ein Ende machen. Der Lautenspieler begann ein weiches Adagio; da wurden alle Zuhörer tief betrübt, daß ihnen fast das Weinen ankam. Dann ging er über in ein fröhlich bewegtes Allegro; da glänzte Heiterkeit auf allen Gesichtern, und kaum konnten sich die Jüngeren des Tanzes enthalten. Nun erschallte ein kriegerischer Marsch, der sich allmählich zu einer so heftigen, stürmischen, wildaufregenden Kriegsmusik erweiterte, daß alle wie von Sinnen kamen. Zorn und Wut erfüllte die sonst freundlichen Gemüter. Vergebens suchte man, rief man nach den Waffen. Da begann in der äußersten Wut der ganze Hof mit Fäusten sich zu schlagen, bis die Wachen mit Schwertern und Hellebarden hereindrangen, um Frieden zu schaffen. Aber beim Anblick des ungeheuren Tumultes vergaßen sie dem selbst wie wahnsinnig rasenden Musiker die Laute hinwegzunehmen. König Erich riß einem der Wächter das Schwert von der Seite, rannte damit ins Getümmel hinein und stieß vier seiner Getreuen nieder. Nun erst schlug einer der Wächter dem Lautenisten mit der Hellebarde sein Instrument in Stücke, und plötzlich, da es still geworden, beruhigten sich die Gemüter. Der König wollte verzweifeln vor Reue und Kummer über den vierfachen Mord. Zur Sühne unternahm er eine Wallfahrt nach Jerusalem; auf der Rückreise ereilte ihn der Tod auf Cypern. Sieh, Freund, das war ein Triumph der Kunst; und solange ich nicht vermag, was jener Lautenspieler vermocht, bin ich ein Stümper.« Der Senior erwiderte trocken: »Also du meinst, wenn man eine so verzweifelte Musik macht, daß sich die Leute darüber totschlagen, dann hat man den Gipfel der Kunst erreicht? Nein, lieber Baronius, rechtfertige dich nicht; verstehe Scherz; ich will jetzt auch im Ernste reden. Sieh, du hast mir diese Geschichte von König Erich und seinem Lautenspieler früher schon öfters erzählt und immer das gleiche Leid geklagt. Ich habe inzwischen fleißig darüber nachgedacht und möchte dir nur eine Frage vorlegen: Hast du denn schon den Versuch gemacht, ob du nicht auch so unmittelbar die Leidenschaften der Menschen erregen könntest durch dein Spiel, und ist dir der Versuch mißglückt?« Baronius gestand, daß er's noch nicht versucht habe. Zugleich begann sein Auge zu leuchten und zu blitzen, seine Wangen röteten sich, sein ganzes Gesicht ward von Begeisterung überstrahlt. »Ja, daran liegt's,« rief er, »daß ich's noch nicht versucht habe; wenn ich's versuchte, es würde mir gelingen. Das fühle ich auf einmal mit einer inneren Gewißheit, die nicht trügt! Wahrlich, Freund, du hast mir den rechten Weg gezeigt.« »So laß deine Laute holen«, rief der Senior in einem seltsam sarkastischen Ton, der aber dem schwärmerisch begeisterten Musiker ganz entging. »Flugs an die Probe.« »An die Probe? Aber vor wem? Mit wem? Vor dir, Freund, ja, vor dir allein, das ist genug. Gleich jenem Tragiker, der nur einen Zuhörer zum Vorlesen seines Trauerspieles fand und ausrief: dieser einzige sei ihm eine glänzendere Hörerschaft als das ganze Volk von Athen, – denn es war Plato – gleich jenem Tragiker will ich in dir allein das entscheidende Auditorium finden, denn du warst es, der mir mit seiner Klugheit das rechte Licht angezündet in dieser Angstfrage meines Ehrgeizes, wo ich schon so lang im Dunklen tappte.« »Ich bin nicht Plato, Freund,« erwiderte der Senior, »und für unsere Probe würde doch auch ein einzelner kaum genügen und wäre er selbst Plato in eigener Person. Sieh, da kommen Zuhörer. Der ganze Orden der Faßbinder wird hier aufziehen, fünfundzwanzig auserlesene Studenten, zu jeder Leidenschaft meist über das Maß aufgelegt – da kannst du erproben, wie weit der Zauber deiner Laute reicht.« Drittes Kapitel Der Senior machte sich los von feinem Freunde Baronius und ging zu den Studenten. Er mußte ihnen etwas Lustiges mitzuteilen haben, denn wo er mit einem gesprochen, lächelte ein jeder seltsam in sich hinein, und einer schien's dann dem anderen weiterzusagen, so daß sich zuletzt allgemeine Heiterkeit über das ganze Völkchen verbreitete. Ja, einige der Erregtesten bissen die Lippen zusammen oder schlichen zur Tür hinaus, daß sie nicht herausplatzten mit lautem Lachen. Inzwischen nahm der Senior auch Eva beiseite und sprach lange mit ihr. Das sah Friedrich gar nicht gerne. Er wollte hinübergehen, um dem vertraulichen Diskurs ein Ende zu machen: da ward er von Baronius zum Gespräch gestellt, und bei dem Respekt, den er einmal vor diesem Herrn hatte, wagte er es nun nicht, zu Eva hinüber zu entschlüpfen. »Ihr seid wohl kein sonderlicher Liebhaber und Kenner der Musik?« fragte der berühmte Virtuose. »Oh, ein lustiges Liedchen hör' ich schon gern und einen lustigen Tanz noch viel lieber. Von aller anderen Musik verstehe ich nichts. Und warum müßte ich just etwas davon verstehen? Versteht Ihr doch wohl auch nichts von der edlen Kunst der Küferei. Zudem ist ja der Geschmack überhaupt verschieden. Der eine zieht eine gute Musik, der andere ein gutes Glas Wein vor. Wer will entscheiden, wessen Geschmack der bessere sei?« Baronius lächelte. »Du sprichst genau wie König Archidamus von Sparta, der, als ihm ein gefeierter Musiker gerühmt wurde, auf seinen Koch deutete und rief: Dieser ist mir der gefeiertste Meister, denn er kocht die besten Suppen. Wenn du aber die Musik mit der Küferei zusammenstellst, so wisse, Freund, daß schon Plutarch sagt, die Götter hätten die Musik erfunden. Darum soll Freude an der Musik und Verständnis der Musik allen Menschen als etwas Göttliches gemein sein; die Küferei dagegen –« »Küferei, ja, Herr, das ist das rechte Wort!« rief Friedrich, wie aus einem Traum auffahrend. »Und die Kellnerei dazu! Ein jeder schau' auf seine Schanz! Eva plaudert; ich höre Euch zu; indessen warten dort fünfundzwanzig Gäste auf den Wein.« Mit diesen Worten lief er davon, allen Respektes vor dem großen Künstler vergessend. Aber es war nicht bloß das plötzlich erwachte Pflichtgefühl, was den jungen Küfermeister mit einemmal das Netz der schönen Worte des Musikers zerreißen hieß. Er hatte gesehen, wie Eva mit dem Senior lächelte, fortwährend lächelte, ja sogar lachte: das hatte ihn gepackt. Er rannte fast ein paar Studenten um, bevor er an den Schenktisch kam. Der Senior und Eva winkten ihn zu sich hinüber, aber Friedrich sah es nicht oder wollte es nicht sehen. Er schenkte Wein aus mit einem wütenden Eifer, blind für alles andere, als ob das Heil der Welt daran hänge, daß binnen fünf Minuten die fünfundzwanzig Kannen gefüllt seien. Inzwischen begrüßte Baronius die Studenten höchst freundlich. Es war ein seltsames Gemisch von Wohlwollen, Aufgeblasenheit, Pedanterie und Genialität in dem jungen Manne; aber wenn man ihn näher beobachtete, mußte man ihm doch zuletzt herzlich gut sein; denn nie ist es einem Künstler ein heiligerer Ernst gewesen um seine Kunst, und die komische Pedanterie samt dem tollen Ehrgeiz quoll doch zuletzt hervor aus der glühenden und reinen Begeisterung, für die es nichts Höheres auf der Welt gab, als ein ganz vollendetes Lautenspiel. Die Studenten fühlten wohl diese wahre Natur heraus, die in dem Virtuosen steckte. Sie grüßten ihn herzlich und ganz wie ihresgleichen, und das ist ja die höchste Ehre, die der Student dem Philister erweisen mag. Man brachte die Laute des Künstlers. Eine atemlose Stille ging durch die Stube, als er zu stimmen und ein wenig zu präludieren begann. Da erhob sich der Senior. »Erst einen Becher Weins! Ein Hoch aus die Musik! Dann singen wir einen lustigen Liedervers – denn wir wollen nicht stumme Fische sein, wo die Musik ihr Höchstes und Herrlichstes zeigen soll. Ein Studentenlied gehört auch zum Höchsten und Herrlichsten – rümpfe nur die Nase, Freund Baronius, es ist doch also. Haben wir nach herkömmlicher Art unseren Vers gesungen, dann magst du dein Lautenspiel beginnen und uns bestricken und bezaubern als der größte Hexenmeister.« So geschah es, wie der Senior vorgesagt. Hell erklangen die Becher, mächtig donnerte das Hoch auf die »edle Sing- und Klingkunst«, und ein kräftiges, lustiges Lied brauste, von den frischen, jugendlichen Kehlen angestimmt, wie ein klarer, gewaltig hervorbrechender Strom durch die hallenden Räume. Als der Chor geendet, hielt Baronius auf seiner Laute das Thema des Liedes fest, aber er spielte es in Moll, er verlangsamte das Zeitmaß, er wandelte die lustige Weise in eine gar traurige. Da lagerte sich nach und nach Schwermut auf allen Gesichtern, jeder schien in sich selber versunken, den düstersten Gedanken nachhängend. Einige Studenten, die dem Weinglase besonders heftig zusprachen, begannen zu wehklagen, daß man hätte denken mögen; es sei schon in dieser frühen Stunde jene wunderliche Stimmung über sie gekommen, die der Bursch das »besoffene Elend« nennt. Eva selber hatte sich in die Ecke auf einen Stuhl geworfen, verhüllte ihr Gesichtchen mit dem Schnupftuch und schluchzte so vernehmlich, daß man's über das Lautenspiel hinaus hören konnte. Das Gesicht des Virtuosen strahlte vor Begeisterung. Nur zwei Zuhörer blieben stumpf, er mochte so kläglich spielen, wie er wollte: die taube Großmutter und Friedrich. Der junge Küfermeister schaute darein mit aufgerissenen Augen und weitgeöffnetem Mund, wie einer, den man mit plötzlichem Wasserguß aus dem tiefsten Schlafe weckt. »Entweder ist die ganze Gesellschaft zu Eseln geworden, oder ich bin allein der Esel!« rief er, doch nur mit halber Stimme, aus Furcht vor den Studenten. Aber der Lautenspieler, der eben sein Pianissimo säuselte, hatte den Ausdruck wohl verstanden. »Freund,« rief er dem Küfer zu, »du allein bist verstockt und fühllos. Ein Barbar bist du, barbarischer noch als jener Skythenkönig, der, da er den trefflichsten Sänger gehört, ausrief, lieber wolle er doch sein Pferd schreien hören.« Da lief dem Friedrich dann doch die Galle über; aller Respekt vor dem roten Sammetrock, der großen Perücke und den Brillantschnallen auf den Schuhen, der ihn bisher gefangen gehalten, war wie weggeblasen, und er rief überlaut, daß man gar nichts mehr hören konnte von dem Adagio lamentoso der Laute: »Ihr vergleicht mich heute abend mit lauter Königen, aber mit Königen, die nach Eurer Meinung rechte Dummköpfe gewesen sind. Ich will nicht so hoch hinaus! Ich halte es mit ehrlichen, geringen Leuten, die Grütze im Kopfe haben, auch wenn sie nichts von Eurem Geklimper verstehen. Ein jedes Schwein bleib bei seinem Trog, und ein Donnerwetter soll dreinschlagen, wenn ich mir länger Grobheiten hier in meiner Stube sagen lasse!« Der Virtuos hatte während der ganzen Rede Friedrichs das zarteste Adagio durchgeführt mit wunderbarer Delikatesse und einschmeichelndem Wohlklang; denn so gedachte er zu siegen über den Schreier und ihn doch zuletzt zu zähmen, wie Orpheus und Amphion die wilden Bestien. Aber das alles prallte ab wie an einem Schuppenpanzer, oder vielmehr Friedrich hatte gar nichts gehört von den zähmenden und besänftigenden Melodien. Als er seine mannhafte Rede geendet und noch zornglühender dastand wie vorher, da schloß auch Baronius, tief ergrimmt über die Niederlage, sein Adagio mit einem so gewalttätigen Akkord, als ob er die Laute zusammenreißen wolle, und rief: »Nein! Ein so von allen Musen verlassener Mensch ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen!« Dann griff er wieder zu dem Instrument. Jetzt aber erklangen ganz andere Weisen. Selbst vom Zorn ergriffen flog der Künstler mit wahrer Wut durch die Saiten; die kecksten Übergänge, die grellsten Läufe reihten sich aneinander: das Tempo stürmte, daß auch dem phlegmatischen Zuschauer die Pulse heftiger zu schlagen begannen; es war in der Tat eine wild aufregende, unstete, unheimliche Musik. Das sah man den Studenten an; sie erwachten aus ihrem melancholischen Sinnen; sie wurden sichtlich unruhiger. Baronius selber schnitt schon ein gar grimmiges Gesicht. Es schien anzustecken. Denn bald schauten sich die Studenten zornmütig an; der eine ballte die Faust, der andere schlug auf den Tisch, der dritte stampfte mit dem Fuß. Als der Lautenspieler des inne ward, war bei ihm nun geradezu der Teufel los. Er suchte sich zu steigern über alles Maß; er raste in den Saiten, daß man meinte, sie sollten alle vom Griffbrett wegspringen. Es gab keine verrückte, teufelmäßige Harmonie mehr, die er nicht anschlug; der Rhythmus wirbelte, als ob der Spieler von der Tarantel gestochen sei. Tartinis Teufelssonate war Äolsharfengesäusel gegen diese Höllenmusik. Da mußte man aber auch die Wirkung auf die Zuhörer sehen! Hier prügelten sich ein paar, dort lagen sich zwei in den Haaren, andere hatten die Degen gezogen und fochten auf Leben und Tod. Der Senior, an den sich aus Instinkt der Autorität doch keiner seiner Leute wagte, warf, um dem Zorne Luft zu machen, alle Gläser und Krüge, deren er habhaft werden konnte, wider die Wand, so daß man vor dieser Musik des Tumults und Skandals zuletzt von der dämonischen Laute fast gar nichts mehr hören konnte. Friedrich rief ein über das andere Mal, ob denn nun alle Welt verrückt geworden oder ob er allein der Narr sei, kreidete aber dazwischen mit großer Pünktlichkeit jedes Glas und jeden Krug an, den der Senior an der Wand zerschmetterte. Als aber gar Eva auf ihn zustürzte, zornglühend wie alle die übrigen, ihm ein Fäustchen unter die Nase machte, ihn mit Vorwürfen, mit giftigen Spott- und Scheltworten überschüttete, da war es ihm, als ob er selber ganz von Sinnen komme. Die ganze Stube ging im Wirbel mit ihm herum; er ward irr an seinen eigenen Augen und Ohren, zuletzt auch an seinem Gehirn. Verzweifelnd setzte er sich abgewandten Gesichts in einen Winkel, und ein furchtbarer Trübsinn kam über ihn über die Tollheit dieser Menschen, daß er hätte heulen mögen. Inzwischen war der Lärm so arg geworden, daß der Senior aufsprang und den Degen zog, um seinem Freunde Baronius die Laute in Stücke zu schlagen. Dieser rettete sein Instrument kaum durch den kühnsten Seitensprung und lief dann in den sicheren Winkel, wo eben Friedrich saß, nun flugs die friedlichsten, beruhigendsten Akkorde anstimmend. Da heiterte sich der Himmel der Schenkstube sichtlich wieder auf. Die Raufenden ließen einander los, die Fechtenden steckten ihre Degen ein, und ein allgemeines Gelächter erscholl, wie man sich so für nichts und wider nichts habe erhitzen können. Baronius schwamm in Seligkeit, als ihm plötzlich die taube Großmutter ganz nahe vors Gesicht trat. Sie hatte schon lange von ihrem Spinnrad aus in den Lärm hineingerufen, aber niemand hatte sie gehört. »Wie setzt Ihr dieses friedliche Haus in Unruhe! Zu meiner Zeit hat man kurzen Prozeß gemacht mit Leuten wie Ihr seid und sie des Henkers Knecht überliefert, daß er mit seinen Pfriemen untersuche, ob ihr Blut wie das eines Teufelsgenossen oder wie eines Christenmenschen fließe. Ihr verblendet unsere Gäste durch Zauberei, daß sie sich untereinander die Hälse abschneiden. Ihr anderen trauet doch dem nicht, was ihr sehet und höret von diesem Mann; es ist lauter Blendwerk mit seinem Lautenspiel. So verblendete zu meiner Zeit eine Hexe die ganze Stadt, indem sie auf dem Marktplatz ein Seil aufs höchste Dach spannte und uns allen darauf zu tanzen schien, wie auf ebener Erde. In der Tat jedoch tanzte sie nur auf etlichen Strohhalmen, die sie aufs Pflaster gelegt hatte.« Die Studenten lachten; die Alte, die gesprochen wie eine Seherin, schritt würdevoll zu ihrem Spinnrad zurück. Der Senior rief dem Freunde zu: »Siehe, selbst die taube Großmutter hast du in Zorn gespielt, und Friedrich sitzt dort in Melancholie versunken, gleich als ob jetzt erst dein Adagio lamentoso bei ihm zu wirken beginne. Wie es scheint, bedarf es immer erst einer Viertelstunde, bis seine Nerven umgestimmt sind, denn er ist langsamen Geistes und hart von Begriff.« »Lassen wir noch eine Weile den Scherz«, sprach Baronius, körperlich erschöpft und doch noch voll Glut und Drang im Geiste. Und indes er seine beim letzten Sturme so stark verschobene Perücke ordnete und dann seine Laute aufs neue stimmte, bat er die Studenten, sich nur auf wenige Minuten noch einmal ruhig niederzusetzen, damit ein würdiger Schluß sein heutiges Tagewerk kröne, das ihm selber wie ein Traum, wie ein Wunder vor den Sinnen auf- und niedergehe. Alle saßen wieder friedlich beieinander. Da stimmte der Virtuos die zärtlichste, süßeste Liebesweise an. Eine Weile schauten die Zuhörer nur vergnüglich, dann selig lächelnd drein, dann aber entfaltete sich zusehends eine wunderbare Wirkung dieser Musik. Die noch vor wenigen Minuten auf Tod und Leben gekämpft, umschlangen sich jetzt mit den Armen, drückten sich die Hände, daß man's knacken hörte, schwuren sich ewige Freundschaft, küßten sich: es war ein Bild der allgemeinen Zärtlichkeit, Liebe und Hingebung, daß man hätte meinen sollen, auch die Tische, Stühle und Bänke müßten sich gerührt umarmen und die Krüge und Kannen zum Kuß gegeneinander rücken. Die zärtlichste Gruppe aber erstand im Vordergrunde. Eva kam bei den liebetrunkenen Klängen des Andante amoroso ganz schüchtern und verschämt von der Seite hergeschlichen. Man sah, das natürliche Gefühl der Weiblichkeit hielt sie zurück; aber andererseits war es die unwiderstehliche magische Gewalt in den Akkorden der Laute, die sie vorwärts zog. Da half kein Widerstand. Sie mußte näher, immer näher zu dem Zauberer. Auf einem Stuhle neben dem seinigen sank sie nieder und schaute ihm in die begeisterten Augen so freundlich, so liebevoll, daß Baronius fast seine Laute weggeworfen hätte, um das schöne Kind zu umarmen. Aber nein, er mußte sein Spiel steigern, noch zärtlicher, noch rührender mußte es erklingen, noch glühender mußte die Liebe in Eva entfacht werden. Er überbot sich selber an Zartheit, Tiefe und Fülle des Ausdrucks; man mußte gestehen, so süße, reizend dahinschwebende und doch so tief empfundene Musik hatte noch keiner auf der Laute gehört. Und doch spielte der Künstler selber fast bewußtlos. Sein Auge hing an Evas Auge. Ja, das war Liebe, wahre Liebe, die er entzündet hatte durch die göttliche Musik, Liebe für ihn, wachsend mit jedem Akkord. Wog dieser höchste Sieg der Kunst über ein Menschenherz nicht unendlich schwerer, als die Kunststücke des Orpheus, Amphion und Arion, Steine zu bewegen, Bäume zu bezaubern, Bestien zu bändigen, Fische zu dressieren? Und hatte er's nicht sogar sich selber angetan? Ja, sich selber spielte er hinein in die wahrste Liebe zu Eva. In ihre klaren Augen hatte er auch vorhin schon geblickt und war kalt geblieben: jetzt, wo die Musik hinzukam, schaute er hinein wie in einen tiefen, stillen, klaren See, aus dessen dunklem Grunde ihm die Glückseligkeit seines ganzen künftigen Lebens entgegenschimmerte. »Halt! es ist genug mit der Gaukelei!« rief plötzlich Friedrich, zornglühend zwischen Baronius und Eva tretend. »Still! bis das Stück ausgespielt ist!« flüsterte ihm der Senior zu, mit so drohender Gebärde, daß Friedrich erschrocken und verstummt auf einen Augenblick zurücktrat. Baronius spielte lächelnd und mit großem Selbstgefühl weiter: er war jetzt zu gewiß, daß seine Liebes- und Freundschaftsmusik alsbald den Zorn des Küfers niederschlagen werde. »Du siehst,« sagte der Senior seinem Freunde ins Ohr, »bei diesem Burschen wirkt alles erst eine Viertelstunde später. Vorhin packte ihn die Melancholie, als wir bereits beim Zorn waren, jetzt packt ihn der Zorn, da wir bei der Liebe sind. Gib acht, nachher wird auch noch die Liebe bei ihm hervorbrechen, wenn wir längst mit derselben fertig geworden.« Da stand von der anderen Seite eine viel schlimmere Gegnerin als Friedrich wider den Lautenspieler auf, die taube Großmutter; die konnte Baronius mit keiner Musik mehr fangen. »Schäme dich ins Herz hinein, Eva!« rief sie. »Wie kannst du mit diesem verruchten Musikanten liebäugeln! Ein Musikant! Ei wie doch die Welt anders geworden ist! Zu Damian von Gußbachs Zeiten sahen die Musikanten anders aus. Ist der Lautenschläger geputzt wie ein Graf! Staatsperücke, Sammetrock, Schuhschnallen mit Edelsteinen! Ja, ja, das will immer höher hinaus, jawohl, wenn Dreck Mist wird, dann will er gefahren sein!« Weiter kam die Alte nicht. Der Senior hatte ein paar handfesten Studenten gewinkt, die faßten die Großmutter ganz artig unter beiden Armen und zogen sie zu ihrem Spinnrad zurück mit dem Bedeuten, wenn sie sich hier nicht ruhig verhalte, so werde man sie auf ihre Kammer abführen. Sie saß nun auch fest wie eine Bildsäule und murmelte nur fortwährend unverständliche Worte heftig in sich hinein. Jetzt aber ermannte sich Friedrich wieder. »Die alte Frau hat doch recht! Eva, ins Herz hinein sollst du dich schämen! Meine Augen aber sollen den Skandal nicht weiter mit ansehen.« Damit ging er zur Tür hinaus und warf dieselbe so wütend ins Schloß, daß man hätte denken sollen, sie müsse aus allen Fugen fahren. Die Stimmung war nun doch gestört. Eva schaute nicht mehr dem Lautenspieler ins Auge, sie blickte beschämt vor sich nieder, als wollte sie ein Loch in den Boden sehen. Die Studenten waren aus ihren freundschaftlichen Verschlingungen auch etwas herausgekommen, flüsterten dies und jenes miteinander und sprachen zur Kurzweil der Weinkanne fleißiger zu, als es sich mit dem Geist der reinen Liebe und Zärtlichkeit vertrug. Man sah, sie waren fast ärgerlich, als Baronius sein Andante amoroso in neuen Variationen wieder anhub, um die vorige Stimmung wiederzugewinnen. Allein es wollte auch dem Virtuosen nicht so glücken wie vorher. Er spielte viel kunstreicher, doch viel weniger das Herz ergreifend. Zu endlosen Perioden spann er jetzt sein Thema aus; aller Schmuck der Läufe und Arpeggien, der Kadenzen und Fiorituren ward aufgeboten. Es half alles nichts. Eva sah in den Boden hinein, die Studenten blieben unruhig. Baronius wollte sich selbst überbieten, in wahrer Verzweiflung spielte er immer bunter, immer überladener. Es war zuletzt nicht mehr zum Anhören. Da winkte der Senior seinen Burschen vom Faßbinderorden. Und mitten in das zopfige Geklimper hinein erscholl plötzlich urkräftig und den ganzen Kunstkram des Lautenspielers vor sich niederschmetternd ein lustiges, neckisches Studentenlied. Das Herz mußte einem aufgehen bei diesen echten, ursprünglichen Klängen; nur dem Virtuosen schnürten sie die Brust zusammen, und er versuchte anfangs noch, wie eine Pause nach einem Vers eintrat, mit seinem Andante amoroso durchzubrechen. Aber eher hätten die Musensöhne die ganze Nacht in einem Stück fort gesungen, als daß sie das Andante amoroso in seiner letzten Fassung noch einmal hätten schmecken mögen. Zuletzt packte der Gesang selbst den Lautenspieler; er legte sein Instrument beiseite und stimmte ein in den Chorus zum großen Jubel der Studenten. Begeistert tranken diese ihm zu, nachdem der Gesang beendet war. Doch als sich der Virtuos etwas verkühlt und von seiner Überrumpelung erholt hatte und flugs wieder zur Laute griff, da stimmten die Studenten auch flugs wieder einen neuen Chor an, denn nun wollten sie den Musiker niedersingen um jeden Preis. Es war ein Lied in klaren, hellen Durtönen und klang doch ganz herzergreifend wehmütig, je nachdem man's sang, je nachdem man den Text verstand und ihn mit der einfachen Weise in Einklang zu setzen wußte. Denn dies gerade sind die rührendsten Volkslieder, die nicht wimmern und klagen in ihrer Melodie, sondern ruhig dahinschweben, fast wie ein heiterer Sang, und doch in Verbindung mit dem schwermütigen Text so ganz von ferne her leise traurig anklingen, daß es unser tiefstes Gemüt erbeben macht. Das Lied der Studenten aber lautete: »Gedenke, o wie weit, wie weit Liegt bald die goldne Burschenzeit. Zerstiebt ist dann der Freunde Schar, Die wie mit Erz verkettet war. Vergebens schauest du zurück: Ein kurzer Traum war Burschenglück. Vergebens spähest du umher: Einmal Bursch und nimmermehr. Drum halte Bursch die Stunde fest: Für dein Lebtag bist du selig gewest. Gedenke, o wie weit, wie weit Liegt bald die goldne Burschenzeit.« Baronius hatte anfangs geschwiegen; dann hatte er leise mitgesungen; dann hatte er zur Laute gegriffen und den im Pianissimo dahinschwebenden Chorgesang wunderbar schön in einfachen Akkorden begleitet. Als das Lied verklang, saß er schweigend da, in sich versunken, Tränen standen ihm in den Augen. Er gedachte seiner eigenen harmlosen Burschenzeit und seines jetzigen unsteten, überreizten, friedlosen Lebens. Der Gesang hatte ihn mächtig gepackt. Endlich fuhr er auf wie aus einem Traum, sah den Senior mit großen Augen an und rief: »Was war das?« »Das war Musik!« erwiderte der Freund. »Das war Musik!« wiederholte der Virtuose leise und nachdenklich. »Ja, Freund, wahrhaftige Musik, denn sie hat selbst dir das Wasser in die Augen getrieben.« »Und was ich vorhin auf der Laute gespielt, war das nicht auch Musik, wahrhaftige Musik?« »Zum Teil – gewiß.« »Wie, nur zum Teil? Und habe ich euch nicht mit den Akkorden meiner Laute in tiefe Melancholie eingesponnen, zu Zorn und Wut erregt, zu Liebe und Freundschaft begeistert?« »Verzeihe,« erwiderte der Senior lächelnd, »daß wir ein wenig Komödie mit dir gespielt haben. Du hast mir so oft erzählt von Amphion, Orpheus und Arion, denen du es gleich tun möchtest, und dann vollends von König Erich mit seinem Lautenspieler, daß mir's ordentlich bange wurde um deinen Verstand. Da dachte ich, die schmerzhafteste Kur sei hier der beste Freundschaftsdienst. Sieh, ich bin sehr grausam gegen dich, weil ich dir von Herzen gut bin. Aber es muß heraus. Du hast heute gespielt wie ein Gott, tausendmal besser wie Amphion und Orpheus und der verfluchte Däne, namentlich bei dem ersten Andante amoroso: das war wahrhaftige Musik. Aber wir haben auch gespielt. Brave Schauspieler sind meine Ordensbrüder und Schwester Eva dazu. Sie haben die Schwermütigen vortrefflich dargestellt, gewütet, getobt und gerauft, als ob sie in der Tat alle des Teufels wären, und sich umschlungen und geherzt, wie die Seligen im Elysium. Allein, du siehst, bester Freund, es war doch alles nur Lug und Trug, alles verabredet. Als du so zornig durch die Saiten rastest, hätten wir deine Phantasie und deine Finger bewundert, aber keinem von uns wäre es eingefallen, den anderen an der Kehle zu packen, wenn's nicht vorher so ausgemacht gewesen wäre. Nur einen hatte ich vergessen ins Geheimnis zu ziehen, und der war auch dein einziger aufrichtiger Zuhörer: Friedrich! Der klagte nicht mit, der wütete nicht mit, der seufzte nicht mit. Du hältst ihn für einen musikalischen Esel. Du tust ihm unrecht. Er ist ein natürlicher, gesunder Mensch, mit seinen Fässern freilich besser vertraut als mit der Laute, aber doch nicht ganz, wie du meintest, von den Musen verlassen. Sieh, er hat sich wieder herbeigeschlichen, als wir zu singen begannen, unstreitig, weil er aus dem Gesang herauszuhören glaubte, jetzt seien wir wieder vernünftige Menschen geworden, wie er fortgelaufen, weil er uns alle für Narren hielt, als du's mit deinem Lautenspiel immer ärger triebst.« Der Wechsel der Leidenschaften auf dem Gesichte des Baronius war während dieser Anrede noch viel rascher und greller gewesen, als vorhin die Übergänge auf der Laute. Doch zum Schlusse biß er die Lippen zusammen, faßte sich und schwieg. Nach langer Pause fuhr er wieder auf: »Also die Lieder, die ihr gesungen, waren Musik?« »Ja, wahrhaftige Musik!« erwiderte der Senior so fest und ernst, als ob er vor seinem Richter stünde und eine Aussage beteure, daran Freiheit und Leben hinge. »Und mein Andante amoroso war auch wahrhaftige Musik?« »Ja, das erste, aber beileibe nicht das zweite. Das erste ergriff uns alle, ergriff dich selber, so tief wie nur immer eines unserer schönsten Lieder. Das zweite war zum Verzweifeln langweilig. Bedenke doch, du berühmter Künstler, daß die wahre Musik uns nicht zu kaltem Staunen verzaubern, daß sie uns erquicken, erheitern, erwärmen soll, ja, und auch die Leidenschaft soll sie in allen ihren Tiefen aufregen, sie soll uns schütteln, daß es uns eiskalt den Rücken hinabrieselt. Aber wenn solche Bursche wie du und deine Genossen uns nach Belieben willenlos hinreißen könnten zu jeder Tat der Leidenschaft, so wäre die Musik wahrlich nicht mehr die göttliche Kunst, sie wäre das gefährlichste Werkzeug des Teufels, das je einem Menschen in die Hand gegeben worden. Heftiger als Scipio und Cato müßte man dann eifern für die Verbannung der Musik aus dem Staate – doch du hörst mich nicht!« »Freilich höre ich dich«, rief der Lautenspieler aufspringend, und seine Wange glühte wieder, sein großes Auge glänzte und blitzte wieder wie vorhin, als er glaubte, er habe den Lautenspieler des Königs Erich erreicht. »Ich gebe dir recht in allem, ich bin ein Narr gewesen, ich danke dir für deine Kur mit Feuer und Eisen. Aber das erste Andante amoroso war also doch wahrhaftige Musik, nicht wahr? Ich bin geschlagen auf allen Seiten, und doch habe ich mit diesem Andante einen Sieg erfochten, der mich alle die Niederlagen für nichts ansehen läßt.« Er wandte sich gegen Eva, die schon lange mit Friedrich ganz nahe getreten war, dem merkwürdigen Gespräch lauschend. Er sprach zu dem Mädchen: »Als ich das Andante spielte und du mir in die Augen schautest, nicht wahr, da spieltest du keine Komödie? Nein, dieser Blick sprach wahrhaftige Liebe, wie mein Andante wahrhaftige Musik war. Dieser Blick gehört mein, er ist das Beste, was ich heute gewonnen, wie das Thema des Andantes der beste musikalische Gewinn des heutigen Tages. Du schweigst, Eva? Sei versichert, auch mir drang die Liebe ins Herz; oh, ich hätte niemals so spielen können, hätte ich nicht aus der vollen Seligkeit der ersten erwachenden Liebe heraus gespielt. Dies ist mein Sieg, dies mein Gewinn des Wettkampfs von heute. Sei mein, Eva, für immer, wie du mein warst in jenem schönsten Augenblick.« Eva schwieg eine lange Weile und blickte zu Boden. Dann aber erhob sie plötzlich das Köpfchen; sie hatte sich gesammelt. Mt der weichsten, einschmeichelndsten Stimme sagte sie: »Eure Kunst hat in der Tat mich besiegt. Ich wollte anfangs die Liebende spielen, dann aber kam bei der schönen Musik das wahrhaftige Gefühl der Liebe über mich. Aber merket wohl, Eure Kunst, sage ich, hat mich besiegt, nicht Eure Person. Meine Blicke mögen wohl wahrhaftige Liebe gesprochen haben, aber ob sie gleich zeitweilig zu Euch aufschauten, waren doch meine Gedanken nicht bei Euch. Sie waren hier bei Friedrich; nach ihm schielte ich hinüber, sooft Ihr auf das Griffbrett Eurer Laute blicktet, aber er hat's nicht gemerkt und den Scherz für Ernst ersehen und ist plump und grob dareingefahren, wie's eben die Männer machen. Doch das tut nichts,« schloß sie, schelmisch Friedrichs Hand fassend – »weiß ich doch, was ich an ihm habe, und man hat ihm heute auch gar arg mitgespielt.« Friedrich, dem es beim Anfang von Evas Rede etwas schwül geworden war, hatte nachgehends immer heller und lustiger dreingeschaut, daß sein Gesicht fast aussah wie die aufgehende und endlich wie die mit allen Strahlen leuchtende Sonne. »Habe ich's nicht gesagt?« rief der Senior dem Lautenspieler zu, »Friedrich, der hart von Begriff, kommt immer eine Viertelstunde hinterdrein. Jetzt ist er erst bei der Liebe angelangt, und wir sind schon wieder weit von der Liebe hinweg.« Baronius tat, als ob er den unzeitigen Scherz nicht höre. Er setzte sich in eine einsame Ecke. Es war ein tiefes Weh, das ihm durch die Seele ging. Er klimperte fast unhörbar auf der Laute das Thema, welches jenen seligen Augenblick hervorgezaubert, gleich als wolle er sich noch einmal an der süß-schmerzlichen Erinnerung erquicken. Dann legte er die Laute weg, sprang auf, ging mit starken Schritten in der Stube oftmals auf und ab; endlich trat er wieder zu den Genossen. Seine Mienen waren ernst, nahezu traurig. Aber er hatte sich gefaßt mit der Selbstbeherrschung eines echten Mannes. Er rief Eva und Friedrich zu sich. »Seht,« sprach er in mildem Ton, der gegen seine sonstige herrische Redeweise auffallend abstach, »dieser musikalische Kampf hat mich in einen solchen Taumel gerissen, daß ich ganz vergessen, was ich erst unmittelbar vorher gehört. Habe ich nicht hinter euch gestanden, als ihr meinen Konzertzettel laset und von eurer Liebe und eurer Aussicht zur Heirat spracht? Das hatte ich alles rein vergessen, Friedrich, wie hätte ich sonst an deine Eva denken können? Und sagte Eva nicht damals, wenn der Lautenspieler unser Leid wüßte und ein rechter Christ wäre, dann würde er, der in zwei Stunden fünfhundert Gulden verdient, uns die fünfhundert Gulden schenken, womit die ›Sirene‹ überschuldet ist, und in zwei anderen Stunden sich flugs andere fünfhundert Gulden zusammenspielen und uns glücklich machen, daß wir heiraten könnten? Sagtest du das nicht ungefähr so, Eva? Und Friedrich meinte, so großgemutet sei gar selten ein Musikant. Nun wohl, Eva, ich bin ein rechter Christ. Zudem heiße ich Baronius, darum will ich einmal handeln wie ein Baron. Die fünfhundert Gulden, welche ich gestern abend erspielt, sind kein Hexengold gewesen, sie sind nicht davongeflogen, sie liegen alle noch wohlgezählt in der Kasse. Da sie euch glücklich machen, so schenke ich sie euch – stille! keine Einwendung! Wenn ihr sie nicht nehmt, dann schenke ich sie der ›Sirene‹ als dem Hause, worin ich kuriert worden bin, damit auch die ›Sirene‹ wieder kuriert und frei werde. Und nun gebt euch die Hände und seid glücklich und denkt nicht mehr so schlecht von den Musikanten!« Die Studenten brachten ein donnerndes Hoch, zuerst diesem echten Baron, wenn auch ohne Helm und Schild, dann dem Brautpaar. Friedrich und Eva vermochten kaum ihren Dank in Worte zu fassen, besonders kam es Friedrich hart an. Aber sein Respekt war jetzt wieder grenzenlos geworden, und zwar galt er jetzt nicht mehr der Perücke, dem Sammetrock und den Schuhschnallen: er galt dem Mann. »Bringt vom besten Wein!« rief der Senior. »Weg mit diesem ordinären Trank in so feierlicher Stunde. Bringt Bacharacher von dem bewußten Jahrgang, den besten Tropfen, der im Keller liegt. Jetzt hat uns dieser verfluchte Musikant doch noch besiegt, total besiegt. Freund Baronius, deine letzte Rede war Musik, wahrhaftige Musik, die schönste Musik, die wir heute noch gehört. Wer sich darauf keinen Spieß trinkt, der ist ein erbärmlicher Philister. Bei Gott, das hätte ich dem Musikanten nicht zugetraut: der kann mehr als Lautenschlagen und Brot essen!« »Ich bin ein geschlagener Mann,« rief der Virtuos, »aber ich bitte euch, wenn ihr mich liebt habt, gebt mir wenigstens das Zeugnis, daß ich heute die Laute gespielt, wie keiner von euch es je gehört, wie kein Lebender mir es nachmachen wird. Und, nicht wahr, Kinder, das Andante amoroso war doch wenigstens wahrhaftige Musik?« »Freilich, freilich!« riefen die Studenten. »Lauter wahrhaftige Musik! Wer daran zweifelt, der ist gefordert auf zahllose Gänge ohne Binden und Bandagen. Baronius hoch! Unser Amphion hoch! Der größte Lautenspieler aller Zeiten hoch!« »Jetzt das Gaudeamus igitur !« rief der Senior mit Donnerstimme, »der Bacharacher steht auf dem Tisch; solch festlicher Wein heischt festlichen Gesang!« Der Chor brauste durch die Stube. Baronius sang nicht mit. Nachdenklich saß er da, die Stirne in die Hand gestützt. »Warum singst du nicht mit?« fragte der Senior, als die Pause nach dem ersten Vers eintrat und die Becher zusammenklangen. »Ich denke nach über das, was wahrhaftige Musik ist. Das wird mir noch lange zu schaffen machen. Ich spüre eine Umwälzung in meinem ganzen musikalischen Menschen. Laß mich in Ruhe, Freund. Ich gehe jetzt nach Hause und schließe mich drei Tage ein, um zu ergründen, wo die wahrhaftige Musik anfängt; komme ich dann aus meiner Höhle, so bin ich wieder auf Leben und Tod dein alter lustiger Baronius!« »Heiliger Gott,« rief der Senior, »sucht der Mensch drei Tage lang mit der Laterne nach der wahrhaftigen Musik, indes wir sie haben und festhalten und wissen gar nicht, wie wir dazu gekommen sind. Freilich sind wir auch keine Musikanten.« Dann ging er zurück zu den Ordensbrüdern. »Weiter, weiter: Pereat tristitia !« Während der Vers gesungen wurde, schlich sich Baronius davon. Der Senior sah es. »Ein guter Kerl, ein teufelmäßig geschickter Kerl, ein nobles Haus wie wenige«, dachte er im stillen Sinne, mit gewaltigem Baß weitersingend. »Aber einen Sparren zuviel hat er doch, wie alle Musikanten.« Demophoon von Vogel Erstes Kapitel Wer die rechte Stimmung nicht findet, der kann keine gute Oper schreiben, und wer keine gute Oper schreiben kann, der schreibt am besten gar keine. So dachte Friedrich Vogel, ein tüchtiger Tonsetzer der Gluckschen Schule. Aber er wollte und mußte jetzt eine Oper schreiben; darum rang er vor allem nach Stimmung. Das Glück war ihm wie im Traume in den Schoß gefallen; denn wenn ein junger deutscher Musiker vor achtzig Jahren eine Oper für die Pariser Bühne setzen durfte, so war dies doch wohl ein traumhaftes Glück. Friedrich Vogel hatte sich in Paris eine glänzende Stellung als Musiklehrer geschaffen, wobei ihm allerdings die Fürsprache seines Vetters, des berühmten Johann Christoph Vogel, und des noch viel berühmteren Vorbildes beider, des Ritters Gluck, bedeutend unter die Arme griff. Kleinere dramatische Sätze Friedrichs wetteiferten in der Gunst der Kenner mit den Werken Johann Christophs, ja man verwechselte oft die neuesten Schöpfungen der zwei Vogel, so nahe verwandt auch in Form und Geist ihrer Musik waren die Vettern. Aber Friedrich war ein unruhiger Geselle; als er sich eben recht festgesetzt hatte in Paris, trieb es ihn wieder fort. Er ging nach Wien. Dort erhielt er brieflich den Antrag eines Pariser Theaterdirektors zur Komposition der Oper »Demophoon«. Anfangs glaubte er, der Mann habe wieder die Vettern verwechselt und meine eigentlich den gefeierten Johann Christoph Vogel; doch dem war nicht also: er meinte wirklich den Friedrich. Der Antrag war zwar in der Tat ursprünglich dem Johann Christoph zugedacht gewesen; da dieser aber bereits an seiner »Medea« arbeitete, die nachgehends so glänzenden Erfolg und ihrem Schöpfer einen kunstgeschichtlichen Namen gewinnen sollte, so hatte er abgelehnt und den Vetter warm empfohlen. Friedrich nahm nun die Arbeit dankbar an, denn die Bedingungen konnten nicht günstiger sein. Für die Vollendung war Jahresfrist bestimmt gefordert. Mit wütendem Eifer stürzte er sich sogleich kopfüber in den vollen Strom des Schaffens und entwarf zuerst, getreu dem Vorbilde Glucks, das ganze Werk groß und frei im Geiste, bevor er irgend ans Niederschreiben ging. Er schwelgte in dieser Seligkeit des ersten Wurfes und hatte Stimmung genug und übergenug. Kaum drei Wochen waren vergangen, und schon wallten alle die Gestalten und Szenen des Dramas, musikalisch fest durchgebildet, vor dem inneren Auge und Ohre vorüber. Jetzt mußte er nur noch alles niederschreiben. Aber dieses »Nur« ist ein furchtbar tückisches Wort! Mit Schrecken entdeckte Vogel, daß es zweierlei Stimmung gibt: Stimmung zum Erfinden und Stimmung zum Schreiben, und daß Leute, die in der Phantasie am leichtesten arbeiten, auf dem Papiere entsetzlich mühevoll einherkeuchen, und daß umgekehrt Männer, bei welchen die schaffende Kraft des Geistes im Schneckengange schleicht, oft wahre Schnelläufer auf dem Papiere sind. Der Rausch des Erfindens verflog: die Noten trockneten ihm in der Feder ein. Wochen vergingen; die Partitur wollte schlechterdings nicht wachsen, und doch hatte er die ganze Oper fertig im Kopfe! Er mußte sich wohl in einen neuen Rausch stürzen, um den alten wiederzugewinnen. Also suchte er seine Freunde auf, Geselligkeit, heitere Anregung beim Glase Wein und bei weindurchleuchteter Rede. Aus Arbeitslust hatte er in der letzten Zeit die Freunde geflohen; jetzt rettete er sich zu ihnen, um in ihrem Kreise Arbeitslust zu finden. Er redete mit Kunstgenossen über das Werk, er phantasierte ihnen einzelne Motive, ganze Arien, ganze Szenen am Klaviere vor und sang dazu mit herzbrechender Komponistenstimme. Man fand die Proben überaus köstlich, bewunderte und ermunterte, und wenn Vogel so am Klaviere saß, die Freunde zur Rechten und das Weinglas zur Linken, dann war alles wieder fertig, er wußte genau, was und wie er schreiben müsse, er konnte gar nicht erwarten, bis er wieder allein war bei Feder, Tinte und Papier. War er aber dann wirklich allein, so konnte er erst recht keine Note schreiben; er hatte sich ja ausgesprochen, ausgespielt, ausgesungen, wozu noch weiteres? Er war so satt, daß ihn seine eigene Musik anwiderte. Die Partitur machte keine Fortschritte; nur seine Virtuosität im Trinken schritt bedeutend fort, und Vogel war von Hause aus doch gar kein Trinker. Er tat dem Dinge Einhalt, denn er erkannte klar, daß auf diesem Wege die verhexte Stimmung nicht zu haschen sei. Also zog er sich wieder in die einsame Zelle zurück. Arglos kam ein und der andere Freund zum Besuche, natürlich immer in dem Augenblick, wo sich eben etwas Stimmung zum Schreiben ansetzen wollte. Vogel runzelte die Stirn, rollte die Augen, war barsch, kalt, ungeduldig, so daß der Besuchende froh war, wenn er die Türe nur glücklich wieder im Rücken hatte. Wenige kamen zum zweiten Male wieder. Der unselige Stimmungsjäger aber klagte fort und fort, daß er überlaufen werde, und zuletzt blieben alle weg. Jetzt konnte er ungestört grübeln über das Geheimnis der Stimmung. Allein es geht hier wie mit dem Schlafe: wer nachdenkt, wie man einschläft, der schläft gewiß nicht ein. Und schon nach wenigen Tagen klagte Vogel, daß er in Selbstquälerei verkomme, daß ihm alle Anregung fehle, daß seine Freunde ihn allein ließen. »Wenn ich leben muß wie ein Eremit,« sprach er, »gemieden von den treulosen Gesellen, wie soll ich da die Stimmung zu der Oper finden?« Doch zum Glücke war die Frist noch lang, ein Jahr hat viele Wochen; er konnte noch eine gute Weile die Stimmung abwarten. »Aber gerade das ferne Ziel lähmt meinen Eifer«, dachte er. »Ist nicht jeder Künstler wie ein Schulknabe, der am besten arbeitet, wenn's ihm auf dem Nagel brennt?« Da kam ein Brief seines Vetters aus Paris, der fragte an, wie weit denn die Oper vorgeschritten sei? Vogel erschrak; er sah in den Kalender: es war doch schon eine schöne Zeit verlaufen. »Man mahnt mich,« rief er aus, »man will mich drängen, und obendrein tut dies der Vetter, der doch selbst ein Künstler ist, und unglaublich langsam komponiert. Er sollte doch wissen, daß man gemahnt, gehetzt, aus aller guten Laune kommt, daß man angesichts der Uhr und des Kalenders nur tagelöhnern, nicht aber dichten und schaffen kann!« Hätte Vogel doch nur ums Geld schreiben müssen: er würde vielleicht trotz dem Fluge der Gedanken auch auf einen festen Stuhl zum Schreiben gekommen sein. Allein sein Vater war ein reicher Nürnberger gewesen, und der genügsame Künstler bedurfte des Ehrensoldes für die Oper kaum. Er jammerte, daß er kein armer Teufel sei; er hätte dann wohl Ruhe genug gefunden, die Feder geduldig über die fünf Notenlinien laufen zu lassen. Doch vielleicht lag der Quell des Übels ganz wo anders. Vogel war verlobt mit einer italienischen Sängerin und sah im Laufe des Jahres der Hochzeit entgegen. Wie mag auch ein Bräutigam eine vielstimmige dicke Partitur mit Notenköpfen ausmalen! Harrend, sehnend, hoffend, bald im hellen Jubel, bald in weicher Schwärmerei, konnte er da wohl seine Gedanken kühn durch die Saiten brausen lassen, aber das Schreiben ward dem unglückseligen Glücklichen in dem Maße unmöglicher, je näher der Hochzeitstag rückte. Er kannte zwar einen Kunstgenossen, der sogar am Hochzeitmorgen einen vierstimmigen Krebskanon auf den Text »Amen« erfunden und in den zierlichsten Noten niedergeschrieben hatte, allein solch ein Fugenreiter war Friedrich Vogel nicht: ihm mußten die Töne aus dem Herzen quellen, oder er blieb überhaupt stumm. »Ich muß diese Sturmtage vor dem Lenze vorüberziehen lassen«, dachte er; »erst heiraten und dann komponieren, das ist die rechte Reihenfolge.« Und gewiß, wann mögen wir eine gesegnetere Zeit zum künstlerischen Schaffen finden als im Beginn der Ehe, wo wir schwärmen und dennoch befriedigt sind, angeregt und beruhigt zugleich, wo ein neues Leben uns erblüht, welches aber auch Maß und Ziel und Abschluß sicher in sich birgt: da läßt sich phantasieren und niederschreiben, erfinden und ausführen, eines so gut wie das andere. So dachte der Künstler vor der Hochzeit. Allein nach der Hochzeit dachte er seltsamerweise wieder ganz anders. Das Notenpapier blieb in der Ecke liegen; er ging ihm aus dem Wege, denn die rastrierten Blätter schauten ihn an wie das böse Gewissen. »Soll ich die schönsten Tage des Lebens nicht voll und rein genießen?« fragte er sich; »es hat noch Zeit mit dem Schreiben, alles der Reihe nach: erst die Flitterwochen und dann die Oper.« Die junge Frau sang wunderschön und berauschte alle Hörer und ihren Mann natürlich noch weit mehr als die übrigen. Wie herrlich mußten erst die Arien der neuen Oper »Demophoon« von ihren Lippen tönen; aber freilich, sie mußten geschrieben sein, bevor sie gesungen werden konnten. Mit wahrem Heldenmute zwang sich der Gatte zur Niederschrift, und er würde auch sicher eine ganze Arie binnen vierundzwanzig Stunden niedergeschrieben haben, wenn seine Frau nur nicht gar so schön gesungen hätte. Die Melodie kam noch aufs Papier; dann aber riß ihn die Ungeduld vom Pulte weg; er wollte auf der Stelle hören, wie das alles klinge, die Sängerin hatte ja jetzt Noten, und die Begleitung konnte er aus dem Kopfe spielen. Allein Eugenia sang nicht halb so schön, als er erwartet hatte. Natürlich. Ihr war das Tonstück fremd, sie hätte sich erst mit Fleiß und Nachdenken hineinarbeiten müssen; in Friedrichs Geiste dagegen stand jede Wirkung voll, fest und fertig: der unreife Vortrag klang ihm wie ein Todesurteil über seine Musik. Er verwünschte die ganze Oper und zog andere Tonwerke hervor, die seiner Frau geläufig waren, und so hörte er sich dann auch wieder zurück in das frühere Entzücken über ihre göttliche Kunst. Der Glucksche Stil Vogels war einer Italienerin ohnedies nicht sonderlich mundgerecht. Im zweiten Jahr der Ehe hätte er die Frau vermutlich zur deutschen Weise zu bekehren versucht, allein im ersten ließ er sie ganz italienisch gewähren. Ja, er studierte mit ihr Piccini, den er haßte; er studierte ihn mit Freuden, weil er nur Eugenia und nicht den Piccini hörte, weil er sich an ihr beseligen, mit ihr arbeiten, mit ihr triumphieren wollte; er vertiefte sich in die Gesangkunst, als ob er selber eine Sängerin wäre: das führte ihn zu tausend schönen Dingen, nur nicht zur Partitur des »Demophoon«. Mehrere Wochen schwelgte er gedankenlos fort im bezaubernden Gesange; dann erwachte die Reue. Wenn sich solch eine verdammte Oper nur von selbst niederschriebe! Der Komponist wurde im jähen Gegenschlage fast tiefsinnig vor nagender Unzufriedenheit, er ärgerte sich und seine Frau und ward allen Menschen zur Last. Es gibt Künstler, die ihr ganzes Leben nach Stimmung jagen; sie sind die fürchterlichsten Gatten, Freunde und Mitmenschen. Vogel hatte in Paris einen solchen Stimmungsjäger gekannt, der so gefürchtet war, daß man sagte, ein Heuwagen fahre ihm aus dem Weg, wenn er, Stimmung suchend, über die Straße gehe. Es schauderte den armen Vogel, als er jetzt sein eigenes Spiegelbild in der Karikatur jenes trostlosen Gesellen erkannt. Aber was nützt alle Selbsterkenntnis, wenn ihr nicht die Tat der Umkehr und Besserung auf dem Fuße folgt. Also zur Tat! Der junge Gatte entzog sich seufzend dem Sirenengesange seiner Frau; er vertiefte sich wieder ganz in die Oper. Er stellte sich die Aufführung recht greifbar vor, malte sich den Erfolg und schrieb sich im Geiste die schönsten Zeitungskritiken. Allein indem er so das Ende vor den Anfang setzte, fand er immer weniger die Stimmung, nun einmal wirklich anzufangen. Woche um Woche verstrich, und ehe er sich's versah, war der Termin des Jahres abgelaufen. Der Theaterdirektor schrieb Mahnbriefe und forderte endlich das Textbuch zurück mit dem Bemerken, Johann Christoph Vogel habe inzwischen seine »Medea« vollendet und sei bereit, jetzt auch den »Demophoon« zu übernehmen und für den Vetter einzustehen, wenn derselbe denn schlechterdings seinen Vertrag nicht halten wolle. Friedrich Vogel war tief entrüstet über ein solches Vorgehen und antwortete dem Theaterdirektor gar nicht, sondern schrieb nur einen spöttisch artigen Brief an Johann Christoph, worin er ihm Glück wünschte zu dem neuen Auftrage des »Demophoon«. Dieser war mit Recht gekränkt, daß er für so viele Güte noch Spott und Hohn ernten müsse, und brach allen Briefwechsel mit dem launischen, undankbaren Vetter ab. In einem Gemisch von Wut und Jubel warf Friedrich die dürftigen Anfänge der Partitur in den Ofen; das Textbuch aber faßte er mit der Feuerzange und schob es in den hintersten Winkel seines Notenschrankes, denn als einen Gegenstand äußersten Abscheus wollte er es nicht mit den Fingern berühren. Da hinten mochten die teuflischen Verse einstweilen liegenbleiben, bis er einmal Stimmung fand, sie einzupacken und nach Paris zurückzuschicken; die Pariser konnten warten, und sie besaßen doch wohl ohnedies eine Abschrift. Damit ihm das Buch aber ja nicht zur Unzeit vor die Augen komme, warf er einen Haufen alter Papiere darüber und wünschte die Pariser und alle Opern und alles Stimmungssuchen und Notenschreiben zum Teufel. Zweites Kapitel Vier Jahre waren vergangen. Friedrich Vogel lebte noch immer in Wien; er gab Unterricht und schien das Komponieren ganz verlernt zu haben. In seinem Hause sah es bürgerlich behäbig aus, aber besonders künstlerisch gerade nicht. An einem Sommernachmittage saß er einmal in Hemdärmeln auf der Stube, denn es war sehr heiß. Ein Bübchen von drei Jahren stand ihm zur Rechten und lehnte sich an des Vaters Knie, ein anderthalbjähriges Mädchen kroch spielend auf der linken Seite umher, und vor dieser Gruppe lag ein ganz kleines Wickelkind in einem Korbe und schrie erbärmlich. Der Musiker ließ sich aber durch die unmelodischen Töne nicht verstimmen, sondern sagte mit vergnügtem Gesicht bald dem Knaben ein Sprüchlein vor, welches derselbe in drolligem Kauderwelsch nachstammelte, bald schob er dem Mädchen die zerstreuten Spielsachen wieder herbei oder versuchte den Schreihals im Korbe zu besänftigen. Da klopfte es. Ein Fremder trat herein und fragte auf französisch nach Herrn Friedrich Vogel. Als der Mann in den Hemdärmeln sich erhob und sagte, der sei er selber, glaubte der Franzose, irre gegangen und zu einem unrechten Vogel geraten zu sein, allein es klärte sich bald auf, daß eben der Musiker Vogel vor ihm stand, welchen er gesucht hatte. Kaum aber überzeugte sich der Franzose, daß er seinen Mann gefunden, so ging er aus dem höflichen Ton seiner ersten Frage plötzlich in eine viel gröbere Tonart über: er war der Theaterdirektor, welcher vor fünf Jahren dem Künstler brieflich die Bestellung des »Demophoon« gegeben. Vogel hörte das mit großem Gleichmut; allein der Franzose nahm die Sache gar nicht auf die leichte Achsel. Er warf dem Musiker in harten Worten den Vertragsbruch vor, klagte bitter über die unbeantworteten Briefe, und daß ihm nicht einmal das Textbuch, sein Eigentum, trotz vielfachen Mahnens zurückgesandt worden sei. Vogel ersuchte ihn höchst artig, Platz zu nehmen, holte das Buch, welches aber seltsamerweise nicht mehr im Notenschrank vergraben, sondern offen auf dem Klaviere lag, und übergab es dem harten Mahner mit der Bitte, er möge doch nicht gar so böse sein, einem Künstler müsse man kleine Zerstreuungen nachsehen. Der Direktor aber schalt so gewaltig über solche kleine Zerstreuungen, die man genauer ein schweres Unrecht nenne und die ihm Schaden und Verdruß genug gebracht hätten, daß die zwei Kinder aus Schreck über den bösen Mann sich hinter des Vaters Stuhl verkrochen und selbst das kleinste in den Windeln ein furchtbares Angstgeheul anstimmte. »Erschrecken Sie mir doch meine Kinder nicht!« rief der Musiker. »Die Franzosen sind die artigste Nation: wie kann ein Franzose so grob sein!« Der Fremde staunte und rief: »Ich bin auch von Natur gar nicht so grob. Aber man hat mir immer gesagt, Sie seien der gröbste Musiker in ganz Deutschland: wie können Sie denn so artig sein?« »Ich bin nur grob, wenn ich Stimmung suche,« erwiderte Vogel und reichte dem Franzosen die Hand, »aber seit geraumer Zeit habe ich sie bereits gefunden.« »Reden Sie mir nicht von Ihrer Stimmung«, zürnte der Franzose; »Ihre vermaledeite Stimmung hat mir schon ich weiß nicht wieviel tausend Livres gekostet! Wozu brauchen Sie denn noch Stimmung? Zum Komponieren? Am Ende gar zum ›Demophoon‹?« »Nein! die brauche ich jetzt nicht mehr, oder nur noch ein ganz klein bißchen, denn der ›Demophoon‹ wird bald bis zur letzten Note fertig sein.« »Bald? und fertig? – Was soll das heißen?« »Nun, ich meine so etwa in acht Tagen.« »Ah, das kenne ich, er ist schon oft in acht Tagen fertig gewesen.« »Diesmal ist er ganz gewiß zum letztenmal in acht Tagen fertig.« »Geschrieben fertig?« »Ja! Aber ich werde Ihnen die Oper nicht geben und auch keinem anderen Menschen. Mein Vetter hat sie ja für Ihre Bühne komponiert; er ist der bessere Meister. Ich habe den Text für mein Vergnügen gesetzt und Note für Note niedergeschrieben: dort liegt die Partitur.« »Ihr Vetter hat die Oper nicht komponiert!« rief der Franzose dazwischen. »Er hat mich mit unbestimmten Versprechen gerade so arg hingehalten, wie Sie mit dem bestimmtesten Vertrag. Ihre ganze Familie scheint beständig nach Stimmung zu suchen, welche sie nie zur rechten Zeit finden kann.« Bei diesen Worten verlor nun Vogel seinerseits all seinen Vorrat von Höflichkeit und brach in so hellen Zorn aus, daß sich die Kinder jetzt aus Angst vor ihrem Vater hinter den Franzosen flüchteten. »Sie sind ein abscheulicher Mensch,« rief er, »ein wahrer Stimmungsmörder! Warum sagen Sie mir eben jetzt, daß mein Vetter die Oper nicht geschrieben? Warum sagen Sie mir es nicht erst nach acht Tagen? Nun weiß ich wieder nicht mehr, ob ich fertig werde. Das halbe Finale fehlt noch und die Ouvertüre; ich war seit Monaten in der sichersten Stimmung zum Schreiben; jetzt ist wieder alles vorbei. Johann Christoph hat keinen ›Demophoon‹ komponiert? Sie begehren also eine Partitur für die Aufführung? Aber sie wird unvollendet bleiben, ohne Anfang und ohne Ende.« Da riß auch dem Franzosen der letzte Geduldfaden. »Sie sind ein Narr!« schrie er, »und all das Gerede von der fertigen Oper ist nur eine Schwindelei, die Sie mir schon öfters vorgegaukelt.« Vogel wurde bei diesen Worten ganz kalt und gelassen und sagte lächelnd: »Sie haben mich für den gröbsten Musiker gehalten; machen Sie doch nicht, daß ich Sie nun für den gröbsten Theaterdirektor halten muß! Aber hören Sie mich an; ich bin wirklich kein Narr. Solang ich dachte, mein ›Demophoon‹ solle aufgeführt werden, war mir kein Effekt stark und sicher genug; rastlos prüfte ich und verwarf wieder und geriet in solche Todesangst über das Gelingen, daß ich keine Note mit gutem Gewissen niederschreiben konnte. Der Teufel mag komponieren, wenn er beständig von tausend klatschenden und pfeifenden Menschengestalten verfolgt wird! Aber als Sie Ihren Auftrag zurückgezogen und meinem Vetter übergeben hatten, da kam mir ein seltsames Gelüsten, die längst erfundenen Melodien nun doch niederzuschreiben, aber ganz heimlich, bloß für mich, und ich kümmerte mich keine Minute darum, ob sie sonst noch einer Seele gefallen würden als mir selber. Nun ging es prächtig. Obgleich ich ein sehr strenges Publikum war, so wußte ich doch immer, warum ich als Publikum mir, als Komponisten, Beifall spendete oder nicht, und das weiß das andere Publikum gar selten. Aus dieser seligen Selbstvertiefung reißen Sie mich heraus, indem Sie Ihre gierige Hand nach meiner Partitur ausstrecken. Der Vetter hat keinen ›Demophoon‹ gemacht. Sie wollen mir mein Werk abzwingen, Sie wollen es aufführen, aber es wird in acht Tagen nicht fertig werden, vielleicht niemals; denn solange Sie mir auf dem Nacken sitzen, ist alle Stimmung verloren!« Vogel hielt eine Weile inne, ging im Zimmer auf und ab und besann sich. Er blickte auf seine Kinder, die sich wieder zu ihm herüberwagten. Dann fuhr er fort: »Eigentlich habe ich aber doch nicht bloß darum Ihren Auftrag ausgeführt, weil Sie mir denselben abgenommen und einem Besseren übergeben hatten. Ich habe Frau und Kinder, die zwangen mich noch viel mehr zur Stimmung.« Der Direktor atmete auf; er fragte den Künstler, ob er durch sein Hauswesen etwa in Not geraten sei? »O nein!« erwiderte dieser, »es ging uns immer gut. Aber meine Frau ist Sängerin –« »Ich habe Signorina Eugenia gehört und bewundert«, unterbrach ihn der Franzose. »Von der Macht ihrer Stimme wurden Sie ins Komponieren hineingesungen!« »– ist Sängerin gewesen «, fuhr Vogel gelassen fort. »Solange sie singen konnte, sang sie mir alle Stimmung zum Schreiben hinweg. Allein sie hat im ersten Kindbett die Stimme verloren und singt jetzt nur noch mezza voce , Wiegenlieder nämlich für unsere kleine Peppi, und auch das nur gleichsam auf Gastrollen, wenn ich mit dem Kinde gar nicht fertig werden kann. Nun gedenke ich aber gar oft zurück, wie wunderschön einst Eugenie gesungen hat, und bilde mir ein, wie herrlich sie meine Arien singen könnte, obgleich sie mir dieselben immer verdarb, und im Traumbild aller der Möglichkeiten, die noch aus ihrer Stimme für den deutschen Stil wären zu entwickeln gewesen, schreibe und schreibe ich und lese in den Noten ihre Stimme und meinen Vortrag. Ach, so harmonisch sangen und schrieben wir nie zusammen vor dem ersten Kindbett! Eine Sängerin mit ausgeprägter Schule und wirklicher Stimme kann fürchterlich werden für einen Komponisten, der bloß Partituren denkt, aber eine Sängerin mit bloß gedachter Stimme zaubert uns wunderbar in alle Tiefen einer wirklichen, geschriebenen Partitur hinein. Doch das hätte alles nicht durchaus geholfen und die Oper wäre noch nicht halb fertig, wenn nicht die drei kleinen Kinder da herumwimmelten. Ihnen danke ich die nachhaltigste Schreibestimmung. Die Bälge lärmen und toben den ganzen Tag auf meinem Zimmer, denn meiner lieben Frau steckt das Theaterleben noch im Kopf; sie ist seelengut, aber sie ist keine Hausfrau, sie kann namentlich kein Kindergeschrei hören. Da muß ich nun fast allein haushalten und die armen Würmer erziehen, und in den Pausen schreibt sich der dramatische Satz ganz vortrefflich. Seht, wenn die Kinder ausnahmsweise einmal stille sind, dann phantasiere ich, und wenn sie, wie in der Regel, heulen und schreien, dann schreibe ich nieder – Kindergeschrei wirkt wie Eis zur Abkühlung einer überglühenden Phantasie. Und lediglich weil es fortwährend in mir sang und klang, konnte ich früher nie recht zum Schreiben kommen: jetzt singen die Kinder, da wird es stille in mir und ich schreibe. Dann aber erst die Nächte! Oh, die Nächte im Ehestande sind wie gemacht zum Opernschreiben. Besonders still sind sie gerade nicht, allein da würde ich ja auch schlafen und träumen. Nun kommen aber die Kinder, eines nach dem anderen – ich kann sie der Mutter nicht überlassen, die ist zu nervös –; Georg hat im Schlaf die Decke weggestoßen, er will wieder zugedeckt sein, Anna wimmert, sie will – nun, Sie kennen das wohl auch. Aber die kleine Peppi fordert den strengsten Dienst; ich muß sie stundenlang umhertragen, auf den Armen wiegen; – ach, es dauert oft entsetzlich lange. Da dachte ich, als ich zum erstenmal so mein eigen Kind in stiller Nacht auf und nieder trug: das kleine Geschöpf zeigt ein neues Geschlecht an, welches aufzusteigen beginnt, und du selber trittst mit all deiner Jugend bereits in die zweite Reihe. Du bist jetzt ein ganzer Mann, denn du hast Weib und Kind; aber du hast noch nichts für die Welt getan, wie's einem ganzen Manne ziemt, du hast früher ein Kind als eine Oper auf die Beine gebracht. Am Ende wirst du Großvater, und der ›Demophoon‹ ist immer noch nicht fertig. Ein goldener Gedanke, Arbeitsstimmung zu erwecken! Mit wahrer Wut setzte ich mich des anderen Morgens an den Schreibtisch. Wenn aber die Kinder so aus dem Kleinsten herauszuwachsen beginnen, dann schreien sie immer ärger und länger, und immer schwerer wird's, die tödliche Langeweile der Nachtstunden zu überwinden. Ich aber prüfe derweil in Geduld meine musikalischen Gedanken, die ich am Tage zusammengedichtet, ich bessere und ordne sie und singe sie dem Wickelkinde zwanzigmal vor. So banne ich mich auf einen festen Punkt der Arbeit, und das habe ich früher nie gekonnt. Braust es mir aber trotz alledem noch manchmal am Tage wild durch den Kopf, daß meine Stimmung zu allen Sternen zerflattern möchte, dann mache ich mir einen Vers aufs Notenschreiben und sage ihn dem Christian so lange vor, bis er ihn nachsprechen kann. Kann der Bube den Vers, dann ist auch die Stimmung wieder gesammelt. Ich habe wohl fünfzig solcher Verse über dasselbe Thema gemacht. Christian! wie heißt das Liedchen von der Feder und dem Pflug, welches du gestern lerntest?« Der Kleine begann, verlegen stotternd, unter väterlicher Nachhilfe: »Die Feder ist mein Pflug, Den führ' ich mit festem Zug Durchs Notenblatt, mein Furchenfeld, Mit tausend Körnern wird's bestellt, Und fällt der rechte Regen drauf, So geht –« Christian blieb stecken und lief davon; der Alte aber schloß: »So geht der ganze ›Demophoon‹ auf. Und er ist aufgegangen bis auf die Ouvertüre und das halbe Finale.« Der Franzose sah den Musiker groß an, stemmte beide Arme in die Seite und rief: »Wie konnte ich Sie so lange anhören und mich von Ihnen foppen lassen! Ein schönes Drama aus der Kinderstube wird der ›Demophoon‹ geworden sein! Sie haben mir schon viele Märchen vorgelogen über Ihre Stimmung und Nichtstimmung; aber Sie lügen mich jetzt nicht aus Wien hinaus, bevor Sie mir das Textbuch zurückgegeben und mit Ihrem Vetter Schadenersatz gezahlt haben. Sie sind ein lederner Spießbürger geworden und können gar keine Oper mehr komponieren!« Mit diesen Worten setzte er den Hut auf den Kopf, ging zur Türe hinaus und warf die Türe ins Schloß, daß die Fensterscheiben klirrten. Nach acht Tagen suchte Vogel den Theaterdirektor in seinem Gasthause auf, die fertige Partitur unterm Arme. Die meisterhafte Ouvertüre, welche das ganze Werk überdauert hat und heute noch manchmal im Konzerte mit Bewunderung ihres hohen tragischen Schwunges und ihrer edeln, wahrhaft Gluckschen Einfalt gehört wird, hatte er in drei Tagen entworfen und ausgeführt. Vogel sprach: »Aus Liebe oder Zorn werden unsere tiefsten Schöpfungen geboren. Im Zorn über Ihre Grobheit habe ich nun doch noch den ›Demophoon‹ fertiggemacht. Betrachten Sie die Ouvertüre des ledernen Spießbürgers, der gar nicht mehr komponieren kann, und genehmigen Sie meine Versicherung, daß Sie wirklich der gröbste Theaterdirektor sind!« Der Franzose lachte. »Ich heuchelte nur jene Grobheit, um Ihnen den Rest der nötigen Stimmung zu verschaffen, und meine Freude über den Erfolg und mein herzlichster Glückwunsch sei Ihnen zugleich Sühne für meine rohen Worte.« »Allein die Oper bekommen Sie keineswegs von mir«, fuhr Vogel fort; »das Textbuch steht zu Diensten. Damit Sie aber durch einen gründlichen Kenner erfahren, ob ich noch eine Oper schreiben kann oder nicht, so werde ich die Partitur an meinen Vetter in Paris schicken, der mag Ihnen sein Urteil abgeben. Bietet er Ihnen zur Lösung seines Versprechens das Werk zur Aufführung an, so mag er's tun. Ich kümmere mich nicht weiter darum; ich habe den ›Demophoon‹ lediglich für mein Vergnügen gesetzt und behalte eine Abschrift zu Hause.« Und so geschah es. Als aber die Oper nach Paris kam, lag Johann Christoph bereits auf dem Sterbebette. Bald darauf brach die Revolution aus, der Theaterdirektor machte Bankerott und floh in die Schweiz. Unter dem Nachlaß Johann Christophs fand man später die Partitur mit der Aufschrift: »Demophoon von Vogel.« In der Meinung, sie sei das letzte Werk des Verstorbenen, führte man die Oper auf mit außerordentlichem Beifall; sie war lange Zeit ein Schmuck der deutschen und französischen Bühnen. Doch verbreitete sich frühe schon das Gerücht, nicht Johann Vogel, sondern irgendein anderer sei der Verfasser. Da aber Friedrich Vogel inzwischen völlig verschollen war und vermutlich auch bald nach seinem Vetter gestorben ist, so blieb die bezweifelte Autorschaft ein ungelöstes Rätsel. und dieser »Demophoon von Vogel« ist wohl die einzige Oper, welche nicht nur ihrerzeit allgemeinen Bühnenerfolg errang, sondern auch als eines der wenigen dramatischen Werke aus echt Gluckscher Schule kunstgeschichtlich bedeutsam wurde, obgleich niemand genau anzugeben wußte, wer sie eigentlich komponiert habe. Das Quartett Erstes Kapitel Eine Tagereise von Wien lag einsam das alte Schloß Strüth, in welchem vor siebzig Jahren der Freiherr Leopold von Strüth lebte und geigte. Die Musik war ihm das fünfte Element; aber Musik mit Auswahl, denn er liebte nur gute Musik und hielt ein echtes Streichquartett für die beste unter der guten. Jeden Montag war Quartett auf Schloß Strüth, wobei der Freiherr die Bratsche spielte, und sein Gutsnachbar, der Graf Thürmer von Neuhaus, die erste Geige; jeden Donnerstag hingegen ritt der Freiherr nach Neuhaus zum Quartett beim Grafen. Der Bediente des Freiherrn durfte Montags zwar die Wachslichter ins Musikzimmer tragen, aber sie aufstecken oder gar anzünden durfte er nicht, das tat der Herr mit eigener Hand. Er war sonst recht bequem und ließ sich gerne bedienen, nur nicht fürs Quartett; denn da konnte er selber sich's kaum recht machen, geschweige ein Bedienter. Und wer ihn vor oder während des Quartettes sah, der mußte ihn für einen rechten Pedanten halten; allein das war er bloß in diesem besonderen Falle, und hier war er pedantisch nicht aus Pedanterie, sondern aus Ehrfurcht vor den höchsten Offenbarungen der Kunst. Darum wusch er sich auch allemal die Hände, bevor er ans Quartettgeigen ging, nicht weil sie schmutzig gewesen wären, sondern wie zu einer symbolischen Reinigung, gleich dem Priester, der sich für ein Opfer im Allerheiligsten rüstet. Jeder Quartettabend ward für ihn zum vollen Quartetttage. Schon der Morgen verging in emsiger Vorarbeit. War es Winter, so mußte das Quartettzimmer schon tags vorher geheizt werden, damit sich die Instrumente an die Wärme gewöhnten, und in keiner Krankenstube ward je das Thermometer sorgsamer beobachtet. Vierzehn Grad Reaumur erklärte der Freiherr für die wahre Quartetttemperatur, während er sonst in den Wohnräumen seines Schlosses an sechzehn Grad gewöhnt war. Er schätzte aber den inneren Wärmezuschuß, welchen ein herzbewegendes Quartett gibt, nach langjähriger Erfahrung auf zwei Grad, so daß Haydn und Mozart, die überwiegend gespielt wurden, bei zweiundfünfzig Quartettabenden im Jahre wohl eine Heizkraft von anderthalb Klaftern Buchenholz darstellten. Zahllose kleine Geschäfte erfüllten den Quartettag; dem Musiker wären sie lästig gewesen, dem Musikfreunde sind sie heiter und behaglich; denn sie sind ein Vorgeschmack der Quartettseligkeit des Abends, und wenn der Freiherr Montags höchsteigenhändig die Geigen abwischte und die vier Stühle zurechtrückte, so dünkte ihm das schon halbe Musik. Ganze Musik aber war ihm die wichtigste Vorarbeit: die Auswahl des Programmes. Indem er da die Notenhefte prüfte und verglich, wählte und verwarf, die Hauptthemen sang und pfiff, spielte er morgens schon im Geiste Quartett, wie abends mit dem Fiedelbogen. Und wer weiß, welches der reinere Genuß war? Längst verhallte Erinnerungen rauschten aus den Notenblättern auf. Denn was versetzt uns unmittelbarer in vergangene Tage zurück, als das Wiedererklingen einer Weise, die wir damals hörten, und wie oft täuschen wir uns selbst und halten eine schwache Musik bloß darum für wunderschön, weil sie uns an eine wunderschöne Zeit erinnert, wo wir ihr zum erstenmal lauschten! Und in dem Musikzimmer konnte man so weltvergessen geisterweise in Tönen träumen, auch am hellen Tage. Das Schloß lag einsam auf einem Hügel am Waldessaum, die grünen Wipfel schauten zu den Fenstern herein, und höchstens vernahm man da süßen Vogelschlag leise von fernher. Sonst war alles stille. Der Freiherr hatte keine Familie außer einer Tante, einer alten, schweigsam, geräuschlos waltenden Witwe, welche ihm mit einer kleinen Dienerschaft haushielt in den weiten, schweigenden Räumen. Man konnte glauben, das ganze Schloß schlafe, und die Bewohner wachten nur auf, um zu geigen. In dieser tiefsten Stille also machte der Freiherr stille Musik, wenn er in seinen Noten blätterte, wie in einem Geschichtenbuch aus alter Zeit. Trauliche Bilder schauten ihn dazu von den Wänden des Musikzimmers an, Landschaften und Stilleben guter älterer Meister. Es war ein Tempel friedlicher, heiterer, sinniger Kunst. Nur ein Bild paßte nicht zu den anderen, in dem kalten antikisierenden Stil der damaligen Pariser Schule stellte es Erato dar, die Muse des Liedes und der Liebe im Liede. Der Kopf war ohne Zweifel Porträt; man porträtierte damals wohl Kinder als geflügelte Genien, Damen als Göttinnen. Aber während der Freiherr, wenn er musikalisch träumend auf und ab schritt, bald einen Everdingen, bald einen Mignon wohlgefällig betrachtete und seine Quartettthemen im Anschauen immer lauter und lustiger pfiff, verstummte er vor diesem Bilde, ward zerstreut und verließ wohl gar den vertrauten Raum. Es schien, als ob dieses Gemälde, welches dem Gegenstande nach von allen ganz allein musikalisch aussah, das einzige unmusikalisch stimmende Bild wäre. Ja noch mehr! Kam der ersehnte Abend und zündete der Freiherr die Lichter an, so mußte der Bediente die Erato jedesmal mit einem grünen Tuche verhängen. Hätte es der Bediente ja versäumt und der Blick des Herrn wäre im Spielen auf das Bild gefallen, so würde er das ganze Zusammenspiel unfehlbar umgeworfen haben; Eratos Auge hätte ihn aufgeregt, in einen fremden, trüben Gedankengang hineingezogen, und zum Quartettgeigen braucht man Sammlung, Ruhe und innere Heiterkeit. Zweites Kapitel Am Abende des 10. Mai 1799 zog ein schweres Donnerwetter gegen Schloß Strüth heran, wo der Freiherr bereits seit einer halben Stunde im Musikzimmer stimmte, des Eintritts der Mitspieler gewärtig. Unter dem Heulen des Windes und dem Klirren der Scheiben erschien Schlag sieben Uhr das Violoncell und die zweite Geige in der Gestalt des freiheitlichen Gutsverwalters und des alten Kammerdieners, denn auf Strüth nahm man nur solche Leute in Dienst, die in der Violinschule wenigstens bis zur dritten Lage sich hinaufgegeigt hatten. Jene beiden waren freilich bloß »stumme Personen«, wie man in der Theatersprache sagt, sie geigten fest und redeten nur, wenn sie gefragt wurden. Desto gesprächiger war der vierte oder vielmehr der erste Mann, die erste Geige, welche diesmal ein wenig auf sich warten ließ, Graf Thürmer von Neuhaus. Dampfend vom scharfen Ritte trat auch er endlich herein, gerade vor Torschluß, denn im selben Augenblick begann der Regen stromweise niederzustürzen, und Blitz und Donner nahten in immer kürzeren Pausen. Dem Grafen folgte sein Diener, einen Geigenkasten unterm Arm. Diesen Geigenkasten blickte der Freiherr so verdächtig an, daß er den Grafen beinahe übersehen hätte; denn er – der Geigenkasten – war ein unberufener Eindringling, und der Haus- und Quartettherr ahnte wohl dessen Bedeutung. Graf Thürmer war nämlich ein Geigennarr; er hatte auf Neuhaus ein ganzes Lager von alten Geigen, echten und unechten, die er alle als vortrefflich pries: die echten, weil sie echt waren, und die unechten, weil sie von Rechts wegen hätten echt sein sollen. Er liebte die Musik, weil er die Geigen liebte, und glaubte, Mozart und Haydn hätten eigentlich nur deshalb so wundervoll komponiert, damit Stradivari und Guarneri ihre Geigen nicht umsonst so wundervoll geleimt und gehobelt hätten. Beim Freiherrn war es umgekehrt. Er schätzte eine gute Geige, weil er eine gute Musik liebte, und der Graf meinte, das heiße doch die Welt auf den Kopf stellen. Da es aber hierüber in früheren Jahren manchmal zum Streit gekommen war, indem der eine Geigen geigen, der andere aber Musik geigen wollte, so hatte man sich über ein festes Grundgesetz geeinigt. Spielte Montags das Quartett auf Schloß Strüth, so stellte der Freiherr vier gleichartige Instrumente von Stainer, und kein anderes sollte berührt, am wenigsten eine fremde Geige mitgebracht werden. Desgleichen bestimmte der Freiherr das Programm des Abends, und niemand sollte ein anderes Musikstück auch nur zu wünschen wagen. Musizierte man dagegen am Donnerstag beim Grafen, so war dieser der Quartettherr, er konnte Geigen vorführen, soviel er wollte, und Tonstücke auflegen nach Belieben; der Freiherr war dann sein Vasall, mit Schild und Speer (das heißt mit Fiedel und Fiedelbogen) zu jedem Dienste treu und gehorsam. Es mußte wohl eine ganz außerordentliche Geige sein, ein großer Fund, der dem Grafen keine Ruhe ließ, daß er so den Montag zum Donnerstag gemacht und das fremde Instrument gesetzwidrigerweise mit herübergebracht hatte. »Ich bringe da etwas ganz Neues, etwas uralt Neues!« rief er in brennender Mitteilungsbedürftigkeit. Allein der Freiherr unterbrach ihn im festen Gebieterton des Quartettherren, während er ihm als einem alten Freunde doch zugleich freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte: »Auch ich habe eine Neuigkeit oder vielmehr zwei, eine große und eine kleine; die kleine ist ein Quartett von Haydn, neu für uns; spielen wir dies zuerst, dann werde ich nach dem Finale meine große Neuigkeit eröffnen.« Der sonst so schweigsame Gutsverwalter räusperte sich und stotterte auch etwas von einer Neuigkeit, welche er mitgebracht, und griff nach der hinteren Rocktasche, als ob er sie da herausholen wollte. Allein ein strafender Blick seines Herrn traf ihn so scharf, daß er verstummte und die Hand ganz langsam und leer aus der Tasche zurückzog. Der Graf aber trat kühn gegen die Lichter und hielt eine prächtige Guarneri-Geige in die Höhe. »Welche Anmut der Form!« rief er, »die mediceische Venus hat keine reizendere Taille als diese Guarneri! Welch unvergleichlicher Schnitt der F-Löcher! Kein Bildhauer hätte die Schnecke zierlicher winden können! Vor allem aber bewundert diesen edeln, leuchtenden, spiegelklaren, unversehrten echten altitalienischen Öllack! Er ist mir lieber als ein ganzes Gemälde in Öl. Ein Öllack –« Hier schlug ein Blitz herab, als ob er mitten durchs Schloß gefahren sei, ein kurzer Donner wie ein Kanonenschuß krachte im selben Augenblicke nach, und schwere Steine rasselten vom hohen Giebelschornstein. – »Gott steh uns bei!« rief der Kammerdiener; – »Jesus, Maria und Joseph!« der Verwalter; – »es hat eingeschlagen!« der Freiherr und sprang hinaus. »Ein Öllack,« fuhr der Graf begeistert fort und faßte den Verwalter, der auch hinaustrachtete, am Rockknopf, »hören Sie, ein Öllack, wie er außerdem gar nicht mehr auf unsere Zeit gekommen ist. Der Teufel hole –« Bei diesen Worten fuhr ein zweiter Blitz hernieder, daß die ganze Stube wie im Feuer aufleuchtete. – »Um Gottes willen, fluchen Sie nur jetzt nicht, fluchen Sie nicht das Schloß in Brand!« flehte der Verwalter. Aber der Graf faßte ihn nur etwas fester, nämlich am ganzen Kragen und fuhr fort: »Ich sage, der Teufel hole die neuen Geigenmacher, welche mit ihrem niederträchtigen Spirituslack nicht nur ihre eigenen schlechten Fiedeln verpfuschen, sondern oft genug auch noch die edelsten alten Geigen dazu.« Dann ließ er den Verwalter los und spielte mit keckem Bogen die Tonleiter auf und ab auf der wundervollen Guarneri und prüfte alle Saiten und Lagen, bis endlich der Freiherr zurückkam und meldete, es habe in einen Baum neben dem Schlosse geschlagen, ohne weiteren Schaden. Hierauf aber wandte er sich zum Grafen und fragte ihn trocken, ob denn dieser edelste Öllack etwa auch den Ton der Geige veredle. »Der Ton«, erwiderte jener, »wird dadurch nicht besser und nicht schlechter; aber ein echter italienischer Lack ist eine Augenweide an und für sich, und ohne ihn wäre die schönste Geige ein totes Bild, wie ein Menschengesicht ohne den verklärenden Lichtglanz des Auges.« »Nun gut,« sprach der Freiherr, »so wollen wir nachher diesen in Öl leuchtenden Seelenblick deiner Guarneri bewundern, vorerst aber greifen wir zu unseren altgewohnten Instrumenten und zum Quartett»– und er begann das a zu streichen, und dies war das Signal, daß jedes Gespräch verstummen solle. Der Graf biß sich in die Lippen und stimmte die dargereichte Stainer-Geige so heftig, als wolle er alle vier Saiten durch und durch spielen, und das Quartett begann. Der erste Satz – in C -Dur – hob ganz gemächlich an, steigerte sich aber bald zu einem überraschend schwierigen Tongewebe. Das war dem Grafen ganz recht; denn er spielte leicht und keck, fast wie ein Virtuose. Der Freiherr dagegen, bei welchem die Musik so überwiegend inwendig saß, spielte schwach und war im Zählen noch schwächer. Nun verließ er sich gewöhnlich darauf, daß ihm der Guts- und Quartettnachbar zur rechten Zeit einhelfe, vorzähle und sonst einen kleinen musikalischen Rippenstoß gebe. Allein die Hilfe blieb diesmal aus. Der Graf war ganz versunken in seine erste Stimme und ließ den armen Bratschisten hilflos suchend umherirren, bis er im nächsten Wirtshause, das heißt beim nächsten Halt, mit den anderen wieder zusammentraf. Der Freiherr merkte wohl, daß dies die Buße für den Öllack sein solle, und fand seinen Freund, der auch als Mensch ganz besonders durch Lack und Schnitt glänzte, diesmal unangenehmer als je zuvor. Es dünkte ihm impertinent, daß ein Graf so fertig geige, als ob er ein Musikant sei, und über diesem Gedanken verlor er völlig den Boden und »schwamm« und konnte kein Ufer gewinnen. So fing man denn den Allegrosatz vier- bis fünfmal wieder von vorn an und schlug sich zuletzt auch mühsam bis zum Ende durch; allein die Aufgabe war und blieb zu schwer, und man kam zu keinem reinen Genuß des Ganzen. Obgleich nun aber der Freiherr das Spiel zumeist verdorben hatte, ahnte und erriet er doch am tiefsten die verlorenen Schönheiten des Werkes, und da er sie auf seiner Bratsche nicht hatte klar machen können, so begann er, während man eine Weile verschnaufte, dieselben um so beredter mit Worten zu erklären. Das ärgerte nun wieder den Grafen, der so gut zu geigen, aber nicht halb so gut über das Gegeigte zu reden verstand, und er wandte sich deshalb, derweil sein Freund ästhetisierte, an den Verwalter und fragte nach seiner Neuigkeit in der hinteren Rocktasche. Der Freiherr schaute auf sein Notenblatt und sprach, halb in sich hinein, halb für die anderen: »Der Anfang ist ganz schlicht, ruhig, bescheiden; das hat Haydn oft; man erwartet ein sinnig gemütliches Stück –« »Karlsruhe, den 30. April«, las der Graf mit halber Stimme in einem Zeitungsblatte, welches der Verwalter aus seiner hinteren Rocktasche gezogen. – »Der Rastatter Kongreß hat ein schreckliches Ende genommen. Da der Erzherzog Karl die Franzosen in den letzten Wochen über den Rhein zurückgeworfen hatte, so rüsteten sich die französischen Gesandten zur Abreise. Allein –« »Allein gefesselt von den einfachsten Melodien,« fuhr der Freiherr fort, »von den unscheinbarsten Themen, aus denen sonst kein Mensch etwas Gescheites machen könnte, werden wir mit jedem Takte durch neue Tongebilde überrascht –« »Kaum sind sie vorgestern abend um 10 Uhr zum Tore hinausgefahren, so wird ihr Wagen von Szekler Husaren angefallen, und die zwei Minister Robertjot und Bonnier werden mit Säbelhieben jämmerlich erschlagen –« »Recht heiter beginnt der Satz, zu tief bewegendem Ernste aber wächst er empor im zweiten Teile –« »Der dritte, Debry, wird schwer verwundet in den Chausseegraben geworfen –« »Denn das ist die wunderbare Art dieses Mannes, daß er uns oft da am innigsten rührt, wo er scherzt und lächelt –« »Indem er sich aber tot stellt, begnügen sich die Szekler, ihn auszuplündern und liegen zu lassen –« »Und indem er schwermutsvoll klagende Weisen anstimmt, überkommt uns eine stille Seligkeit, ein heiterer, heiliger Friede –« »Halbtot, halbnackt, mit Schmutz und Blut bedeckt, rafft er sich bei Tagesanbruch aus dem schlammigen Chausseegraben auf –« »Was ist das?« rief der Freiherr, wie aus einem Traume erwachend. »Wovon redest du?« »Nun, von Debry, dem französischen Gesandten! – aus dem schlammigen Chausseegraben auf und kommt, von den umherstreifenden Soldaten ungesehen, wieder in die Stadt zurück. Der österreichische Oberst Barbaczy hat die Papiere der französischen Gesandten mit Beschlag belegt; Debry wurde gestern unter militärischer Bedeckung sicher hierher geleitet. Niemand weiß sich das Rätsel der Greueltat zu lösen; denn obgleich jene Franzosen durch ihre Anmaßung und Arglist jedes deutsche Herz empörten, so standen sie doch als Gesandte unter völkerrechtlichem Schutz und ist dieser Mord eine unerhörte Greueltat, deren Folgen kein Mensch abzusehen vermag.« Der Freiherr nahm dem Grafen die Zeitung aus der Hand, um nun auch den Anfang des Artikels zu lesen. Er starrte in tiefem Sinnen noch lange in das Blatt, als schöpfe er eine ganze Welt von Tatsachen und Gedanken aus den wenigen trockenen Zeilen. Inzwischen examinierte der Graf den Verwalter, wie ihm die fremde Zeitung zugekommen; denn in den Wiener Blättern stand noch nichts von dem Morde. Es fragte sich überhaupt, was man in Wien von dem Ereignis wollte wissen lassen, und inwieweit Thugut und Lehrbach, die leitenden Staatsmänner Österreichs, demselben nah oder ferne standen. Das reizte den Scharfsinn des Grafen, und seine Einbildung erging sich in hundert neugierigen Fragen, indes er auf der Guarneri-Geige seltsame Figuren, Triller- und Doppelgriffe phantasierte, als wolle er die Irrgänge der Diplomatie in Musik übersetzen; und dazwischen hielt er wieder ein und beliebäugelte die schöne Geige wie das Bild eines reizenden Mädchens. So der Geigenfreund. Der Freiherr, der Musikfreund, legte die Bratsche weg, und es war ihm, als sei es fast Sünde, jetzt noch gemütlich Musik zu machen. Sein sittliches Gefühl war empört. Wie mußte die Freveltat auf Europa, wie mußte sie auf das ohnehin schon so wahnsinnig überreizte französische Volk wirken! Und welche Gewitterluft lagerte über Europa, welche Stürme zogen gegen das Vaterland heran! In Italien und am Rhein kämpften die Österreicher gegen die Franzosen, Tausende von Landsleuten bluteten vielleicht in dem Augenblicke, das ganze Schicksal des Deutschen Reiches entschied sich vielleicht eben jetzt, wo man hier so weltvergessen im Quartett sich vergnügte! Er hatte sich kindisch gefreut auf diesen Abend und schämte sich jetzt, daß er sich gefreut hatte, und der Graf, sein alter Freund, erschien ihm mit jeder Minute fremder, abstoßender; er hätte ihm die Guarneri aus der Hand reißen und sie zum Fenster hinauswerfen mögen. Allein er faßte sich wieder und sprach: »Unser Spiel geht heute schlecht zusammen; dem Grafen ist der Blitz in seinen italienischen Öllack gefahren und mir der Gesandtenmord in mein Quartett. Ich wollte euch mit einer fröhlichen Botschaft überraschen und weiß nicht mehr, ob es recht ist, sich jetzt von Herzen zu freuen. Doch versuchen wir's noch einmal mit der Kunst. Die Musik ist eine so göttliche Trösterin und trägt unser Gemüt so rein zum Himmel empor, daß ich manchmal sage, eine echte Musik ist auch ein Gebet; und warum sollen wir dann nicht beten oder musizieren in dieser Stunde? Stimmen wir also die Geigen aufs neue zum zweiten Satze!« Den zweiten Satz des Quartettes bildeten aber jene ergreifenden Variationen über »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Schon bei den ersten so feierlich innigen Takten verklärte sich das Auge des Freiherrn, und auch die anderen atmeten tief auf. Die Musik klang ja so trostvoll, und der patriotische Bratschist fürchtete sich alsbald nicht mehr der Sünde, jetzt Musik zu machen, denn es war ihm, als spreche aus diesen Tönen eine Verheißung, daß das Vaterland nicht gar zu Grunde gehen solle. Als alle tiefgerührt und hocherhoben die letzten kirchenfeierlichen Akkorde gespielt, rief der Freiherr: »Gottlob, das war eine rechte Musik der Genesung, und jetzt ist mir auch die Zunge gelöst für meine zweite Neuigkeit! Ich habe den Meister dieser Töne, ich habe Joseph Haydn, den ich so lange schon vergebens zu sehen begehrte, hierher aufs Schloß eingeladen, und er wird kommen. Das wird ein Fest werden! Dann müssen wir ihm seine Quartette vorgeigen, daß er seine Lust daran haben soll. Und was ist köstlicher, als einem Manne endlich einmal dankend die Hand drücken zu dürfen, der uns – unbekannt und ferne – durch seine Werke seit langen Jahren doch schon so befreundet begleitet hat, ein Fremder und doch zugleich der teuerste alte Freund!« Selbst der Graf wurde jetzt angesteckt von der Begeisterung des Freiherrn; sie jubelten miteinander so hoch, wie man es nur in dieser fieberglühenden Zeit konnte und heutzutage gar nicht mehr vermag, stießen an mit den Gläsern und tranken und geigten die halbe Nacht hindurch. Der Öllack, das verunglückte Allegro und der Rastatter Gesandtenmord wurden ganz vergessen, und die inwendige Musik siegte über die Politik und die Geigen und löste alle vorbereiteten und unvorbereiteten Dissonanzen zur lauteren Harmonie – sogar im Gemüte des Kammerdieners, den es anfangs schwer beunruhigt hatte, daß er nächster Tage den Haydn, einen bürgerlichen Musikanten, wie einen Edelmann werde bedienen müssen. Drittes Kapitel Die ganze Woche ward gerüstet auf den Empfang des Gastes. Und da der Herr des Hauses vor lauter Musik nun gar nicht mehr zu haben war und die alte Tante siech und hinfällig, so hatte diese des Grafen Schwester von Neuhaus herüber gebeten, damit dieselbe anordnend und repräsentierend ihren Platz einnehme. Gräfin Helene Thürmer auf Neuhaus war nach ihrer eigenen Ansicht noch jung, nach der Ansicht ihres Taufscheins war sie sechsunddreißig Jahre alt. Früher blendend schön, fesselte sie noch immer durch stolzen, untadeligen Wuchs, edles Profil und geistvolles Auge, und da Vater Haydn auch in seinen alten Tagen schöne Mädchen gerne sah, so taugte sie diesmal besonders zur Rolle der Wirtin. Dazu verstand sie gar wohl künstlerische Festtage anzuordnen und zu schmücken; denn hatte sie auch niemals etwas Ordentliches gelernt, so bewies sie doch Geschick für alles, trieb alle Künste ein bißchen und waltete mit Geschmack, wohin nur ihre feine Hand rührte. Insbesondere aber schwärmte sie für Musik und ließ oft den ganzen Tag das Klavier nicht kalt werden. Allein gerade wegen ihrer Musikwut schwankte der Freiherr, ob er seine schöne Nachbarin höchst liebenswürdig oder ganz unausstehlich finden solle. Er hatte in diesem Punkte seine eigenen Erfahrungen gemacht und pflegte zu sagen: »Die unmusikalischen Frauenzimmer ärgern einen, weil sie die Musik nicht verstehen, die musikalischen, weil sie die Musik mißverstehen.« In früheren Jahren verband ihn nämlich eine langgenährte, tiefe und gegenseitige Neigung mit jener vornehmen Dame, welche als Erato im Musikzimmer hing, mit ihrem rechten Taufnamen aber eigentlich auf gut wienerisch Babett hieß. Sie hätten sich gerne geheiratet, allein aus Familieninteressen mußte Babette den Rittmeister von Gretenstein nehmen. Das war der bitterste Schmerz gewesen, welchen der Freiherr in seinem friedlichen Dasein jemals erlebt hatte, und der auch nach Jahren noch oft genug insgeheim an seinem Herzen nagte. Babette aber hatte so wenig musikalisches Gehör, daß sie nicht einmal die falschen Töne empfand, welche ihr Geliebter zeitweilig seiner Bratsche entlockte. Trotzdem ließ sie sich ihm zuliebe als Erato malen, quälte sich ihm zuliebe in die Musik hinein und lernte Klavier, oder vielmehr sie lernte am Klavier, daß sie mit bestem Willen kein Klavier lernen könne. Dies war dem Freiherrn ein großer Kummer; doch als der größere Kummer kam und Erato einen anderen heiratete, ward ihm jener erste Kummer wieder zum Troste; denn er meinte, es stehe sehr in Frage, ob eine Ehe zwischen einem so musikbedürftigen Manne und einer so musikarmen Frau dauernd hätte glücklich werden können. Ganz im Gegensatze nun war Gräfin Helene durch und durch musikalisch. Wenn der Freiherr Quartett bei ihrem Bruder spielte, so saß sie allemal als die andächtigste Hörerin im Hintergrunde; sie jubelte mit dem Allegro, schwärmte mit dem Adagio, scherzte mit dem Menuett und redete wie ein Buch über die Schönheit des Gehörten. Der Freiherr aber behauptete, die Gräfin treibe nur Tendenzmusik. So lange er als mit Babetten verlobt gegolten, habe sie nur italienische Arien gesungen und Tänze gespielt, als Babette aber einen anderen geheiratet, da sei die Gräfin auf einmal klassisch geworden in ihrem Geschmack und bei den Quartetten aufgetaucht. Ihr Bruder liebe das Quartett um der Geigen willen, sie aber scheine es um des Geigers willen zu lieben. Und zwar sei diese Leidenschaft fürs Quartett merklich gewachsen, seit Helene das fünfunddreißigste Lebensjahr erreicht; wenn das so fortgehe und sie ledigerweise ins vierzigste eintrete, dann fange sie wohl gar noch selber zu geigen an. Bei einem Frauenzimmer, wie bei einer guten Musik, dürfe man niemals die Absicht merken. Babette sei ein gar natürliches Mädchen gewesen, aber ohne alle Musik; Helene sei eine rechte Kokette, aber ganz von Musik erfüllt. Übrigens wisse man doch nicht, was das Schlimmere sei. Denn Babette sei mit aller Natur niemals musikalisch geworden, während Helene durch das unausgesetzte reinigende Bad des Quartettstudiums doch am Ende noch ein leidlich natürliches Frauenzimmer werden könne. Auf den 18. Mai wurde Haydn erwartet. Weil aber alles so gar genau und schön zum Empfange vorbereitet worden war, so ging nun alles gerade ganz verkehrt. Und dies war das beste. Der Freiherr fuhr zur nächsten Stadt, um mit eigenen Pferden den gefeierten Gast abzuholen; allein er verfehlte ihn; und so kam dieser ganz allein auf einem einspännigen Bauernwägelein. Die Gräfin hatte sich's gar fein ausgedacht, wie sie den Tondichter als einen »Fürsten der Kunst« begrüßen und dann einige passende Worte einstreuen wolle über »irdische Unsterblichkeit«, welche gleichsam ein umgekehrter Adel sei, indem sie dem Namen im voraus für eine unabsehbare Zukunft Rang und Glanz verbriefe, wie der wirkliche gute Adel hinterdrein aus einer unabsehbaren Vergangenheit herauf. Als Helene aber den unscheinbaren Mann vom Bauernwagen steigen sah, glaubte sie, es sei der neue Tierarzt, den man eilends zu dem wutverdächtigen Hühnerhunde des Freiherrn gerufen hatte, und schickte den Bedienten hinab, daß er den Doktor gleich in den Holzstall führe, wo Hektor eingesperrt lag. Der Bediente aber kam bestürzt zurück und sagte, der Fremde habe sich geweigert, in den Holzstall zu gehen, er sei auch gar nicht der Hundedoktor, sondern Herr von Haydn selber. Nun war auf einmal der »Fürst der Kunst« und die Unsterblichkeit als umgekehrter Adel rein vergessen, die Gräfin begrüßte den Künstler mit Lachen und Entschuldigungen, und im Lachen errötete sie beschämt, was ihr viel schöner stand als jenes erhabene Zurückwerfen des Kopfes und stolze Lockenschütteln, mit welchem sie sonst Gäste zu empfangen pflegte. Haydn fand die schöne Dame höchst natürlich und liebenswürdig (und das hatte seit langer Zeit kein Mensch gefunden) und plauderte sich rasch ins unbefangenste, anziehendste Gespräch. Er hatte in London gelernt, auch unter vornehmen Leuten sich leicht zu bewegen, hatte dazu aber auch seine bürgerliche deutsche Bescheidenheit heil und ganz wieder über das Meer zurückgebracht und redete so schlicht und fest, daß die Gräfin in denselben Ton eingehen mußte und gar keinen Platz fand für ihre gezierten Worte und geschnürten Gedanken. So gingen die beiden am golden verglühenden Frühlingsabend im Schloßgarten auf und ab, und als sie im besten Zuge waren, erschien endlich auch der Freiherr, und Haydn deuchte ihm bald ein alter Bekannter, die Gräfin dagegen war ihm völlig neu; denn sie sprach heute ganz wie andere vernünftige Menschen, blickte und bewegte sich ohne alles tragische Pathos, wenn sie das Wetter und die Gegend pries, und, was das größte Wunder, der alte Haydn schien ein besonderes Gefallen an ihr zu haben, während der Freiherr befürchtet hatte, sie werde ihm das ganze Schloß Strüth verleiden. Infolgedessen gefiel sie denn auch ihm ganz besonders, und er fand ihr griechisches Profil heute griechischer als je zuvor. Auch der Graf gesellte sich jetzt zu den dreien, und die kleine Gesellschaft ging zum Abendtische auf die Terrasse des Gartens. Nach vornehmer Leute Art fragte Graf Thürmer den berühmten Tonsetzer kurz und scharf, welches Werk ihn eben beschäftige. Haydn erwiderte, er ruhe sich aus von der »Schöpfung«; das sei eine gar ernste Arbeit gewesen, weil Gott selber die Welt gemacht, aber auch eine gar heitere, weil er sie so schön gemacht habe. Als jedoch die anderen Genaueres von diesem eben vollendeten Werk wissen wollten, hielt er die Hand ans Ohr und sprach leise: »Hören Sie auf den köstlichen Gesang!« – Es zogen nämlich ein paar Bauernmädchen in der Ferne singend vom Felde heim, und dem Meister leuchtete die helle Freude über diese frische Musik aus den Augen, und als sie verklungen war, sagte er: »Ich glaube wohl auch eine oder die andere schöne Melodie erfunden zu haben; in England aber hörte ich einmal etliche Waisenknaben ein Kinderlied singen, da wurde ich ganz glücklich und traurig zugleich; denn eine so schöne Melodie hatte ich mit aller Kunst doch niemals gemacht, ja es schien mir die schönste, welche ich in meinem Leben gehört.« Die Gräfin lauerte längst, das Wort zu erhalten, und ihr Bruder begann eben von seinen Geigen, darum pries sie, rasch einfallend, des Meisters bescheidenen Sinn und brachte dann in kühnem Übergang ihren vordurchdachten Satz über die irdische Unsterblichkeit und den umgekehrten Adelsbrief. Haydn, dessen linkes Ohr solchergestalt auf die Geigen und dessen rechtes auf die Unsterblichkeit hören mußte, fiel den beiden miteinander gewandt in die Rede. – »Mit der irdischen Unsterblichkeit, gnädige Gräfin, ist es gerade wie mit den alten Geigen, verehrter Herr Graf. Man sagt, eine Geige altert nicht, sie wird mit den Jahren immer besser und ist unsterblich (wenn sie nicht verbrennt oder zerschlagen wird). Allein das ist nicht ganz richtig. Hundert Jahre lang wächst eine gute Geige und wird immer edler im Ton und hält sich wohl auch noch weitere fünfzig Jahre auf der Höhe; dann aber wird das Holz schwächer, der Ton trockener, es geht ans Nachbessern, man unterlegt, füttert und stärkt die Decke, und eine geschickte Hand vermag die unsterbliche Geige noch weitere fünfzig Jahre in der Fülle ihrer Klangkraft zu erhalten. Nun aber ist es auch aus und vorbei. Die gefütterte Geige nimmt noch fünfzig Jahre in Ehren ab; tritt sie dann ins dritte Jahrhundert, so ist sie eine merkwürdige alte Schachtel geworden. Nur weil unser Leben so viel kürzer ist als das Leben einer Geige, glauben wir, die Geige altere nicht. Und so sprechen wir auch von unseren unsterblichen Werken, nur weil wir selber so gar sterblich sind und ihre Dauer mit der viel kürzeren unserer eigenen Tage messen und es im glücklichsten Falle nicht mit ansehen müssen, wie sie eine Weile noch unterlegt und ausgefüttert werden, um endlich doch zu vertrocknen.« Alle schwiegen eine Weile. Dann aber bemerkte der Graf, mit dem Ausfüttern könne man wohl auch länger als fünfzig Jahre aushelfen, wenn man nur ein Holz nehme, welches ebenso alt sei als die Geige selber. Er habe zur Erhaltung einer hundertundfünfzigjährigen Amati die Spitze seines Schloßturmes abbrechen lassen, denn die Balken des Turmdaches seien urkundlich auch gerade einhundertundfünfzig Jahre alt und von Wind und Sonne göttlich ausgetrocknet. – »Das ist nun ein wahrer Edelstein von einem Holze, dürr wie Stroh, außen ein wenig vom Wurme angenagt, gleichsam gestempelt, man riecht das edle Alter schon von weitem«, so schloß der Graf begeistert und bot dem gefeierten Gaste einen halben Balken von zwanzig Fuß zum Geschenke. Haydn lehnte dankend ab, und der Freiherr pries im stillen den bescheidenen Mann, weil er lieber von dem Gesang der Bauernmädchen als von seiner »Schöpfung« gesprochen, die Gräfin, weil er das Lob der Unsterblichkeit so fein gewendet, und der Graf, weil er seinen unschätzbaren Balken nicht angenommen hatte. Hierüber war es dunkel geworden, und man begab sich ins Musikzimmer zum Quartett. Zu Ehren des Gastes war eines seiner schönsten Werke aufgelegt. Das Allegro gelang über Erwarten; der Freiherr warf nur dreimal um, weil ihn der Gedanke verfolgte, daß Gräfin Helene heute viel liebenswürdiger sei als jemals in ihrem Leben. Haydn hörte mit bewundernswürdiger Geduld; er zählte nicht zu jenen Tonsetzern, welche gleich Krämpfe kriegen, wenn ihre Noten nicht genau so vorgetragen werden, wie sie sich dieselben im Geiste gesungen haben, und lobte den Eifer der Spieler, sagte ihnen aber auch deutsch heraus, wo gefehlt oder der Sinn vergriffen worden war. Dadurch wuchs ihnen Lust und Mut, und das Adagio gelang noch viel besser; der Freiherr kam nur einmal aus dem Takte und versuchte dann an vier verkehrten Stellen wieder einzusetzen, schreckte aber nach den ersten falschen Noten immer wieder zurück, wodurch eine etwas befremdend dramatische Bewegung in den Gang der Harmonie kam. Doch das tat nichts; das Adagio war nicht umzubringen, und alle wurden gepackt von der tiefen und reinen Empfindung der wie in überirdischen Klängen dahinschwebenden Weisen. Die Gräfin fragte den Meister, ob er sich nicht etwas ganz Besonderes gedacht habe bei der hohen und doch so süßen Lyrik dieses Satzes. Haydn erwiderte, er denke sich freilich etwas Besonderes bei jedem seiner Tonstücke, mute aber keinem Menschen zu, das Gleiche wieder zu denken, sondern sei zufrieden, wenn die Hörer nur empfänden, was er empfunden habe. Und so vergesse er denn auch oft wieder, welche besondere Gedankenkette ihn zu einem Musiksatze geführt. Vorhin freilich sei es ihm fast gewesen, als klänge das in Liebe beseligende Walten einer edeln Frauengestalt aus den Tönen jenes Adagios, das er vor zwanzig Jahren gedichtet, heute wieder an sein altes Herz. Irre er sich dabei, so sei die holde Gegenwart der Gräfin wohl gar schuld, daß er nun meine, er müsse durch dieses besondere Gedankenbild damals zu dem Adagio gekommen sein. Der Freiherr staunte bei diesen Worten, der Graf war befriedigt, die Gräfin entzückt. Und so wuchs die Freude der glücklichen Menschen, und man geigte ein Quartett ums andere und trank ein Glas edeln Weines ums andere, und obgleich sich Haydn anfangs geweigert hatte, auch einmal zur Geige zu greifen, so konnte er doch nicht widerstehen, als ihm die Gräfin selbst das Instrument gar anmutig darreichte, und spielte in einem Menuett die zweite Stimme, und der Freiherr wußte gar nicht, wie er's der schönen Helene danken solle. Zum Schlusse aber brachten die beiden Männer noch eine Streitfrage in Quartettsachen vor den Richterstuhl des Vaters des deutschen Quartetts. Der Freiherr hatte, wann an den gewöhnlichen Montagen auf Schloß Strüth gespielt wurde, allezeit nur einen firnen Rheinwein auftragen lassen, denn er behauptete, die Kunst sei Erbauung; der Graf dagegen, welcher nicht bloß in seinen Geigen ein Feinschmecker war, bewirtete Donnerstags auf Neuhaus mit Champagner; denn er behauptete, die Kunst sei Genuß. Haydn sollte nun bestimmen, welcher Wein für ein rechtes Musterquartett passe. Er sprach nach kurzem Besinnen, man müsse hier scharf unterscheiden. Beim Quartett tauge der Champagner nicht, sondern der firne Rheinwein; denn die Kunst sei Erbauung: – nach dem Quartett aber habe auch ein Glas Champagner sein Recht; denn in der Kunst werde die Erbauung selber zum Genuß. Und nachdem dieser menschenfreundliche Schiedsrichterspruch für Strüth und Neuhaus feierlich und mit allgemeinem Beifall angenommen worden war, geleitete der glückselige Wirt seine Gäste zur wohlverdienten Ruhe. Am folgenden Morgen schrieb Gräfin Helene unter anderem in ihr Tagebuch: Haydn auch in der Konversation ein Meister der Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontrapunktisch zu verbinden: Erschaffung der Welt und singende Bauernmädchen; Unsterblichkeit und alte Geigen, Rheinwein und Erbauung, Champagner und Genuß; Adagio in A -Dur und – –« hier folgten drei verschämte Gedankenstriche. Der Freiherr fand im Laufe des Tages zufällig dieses Blatt, und die Gedankenstriche machten ihm viele Gedanken. Er fühlte sich getroffen von der Wahrheit des Satzes: Haydn ein Meister der Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontrapunktisch zu verbinden, – freilich in ganz besonderem Sinne; denn es kam ihm vor, als seien er und Helene diese beiden fremdartigen Themen, welche der alte Hexenmeister ganz unter der Hand gleichfalls kontrapunktisch verbinde: so völlig verändert und so unvergleichlich liebenswürdiger erschien ihm Helene seit Haydns Ankunft. Viertes Kapitel Nur zu rasch verschwanden die Festtage, welche durch Haydns Besuch wie mit goldenen Lettern in die Chronik des musikalischen Schlosses eingezeichnet wurden. Der Freiherr und die Gräfin fanden sich aber auch nachher je in besonderer Weise angeregt von dem freundlichen Wesen des schlichten Mannes. Helene hatte viel gelernt, nicht für die Musik, sondern fürs Leben. Sie hatte sich einen großen Künstler ganz anders gedacht: hoch hinaus, siegesbewußt, voll der eigenen Weisheit, lobbedürftig und schwer zu befriedigen, so etwa ein männliches Seitenstück ihrer eigenen Art. Statt dessen fand sie einen gemütlichen Alten, der sich nicht besser dünkte als andere Leute, ja, der sich's gar niemals merken ließ, daß er eigentlich ein berühmter Mann sei. Mit echt weiblichem Scharfblick erkannte sie sofort das Reizende dieses anspruchslosen Wesens, und mit echt weiblicher Geschmeidigkeit ging sie nachahmend alsbald selber darauf ein. Sie sah, wie sehr dies Haydn und dem Freiherrn gefiel, und so gefiel auch sie sich denn in der natürlichen Rolle und spielte sie so fein, daß Kunst und Natur dem schärfsten Auge nicht mehr zu unterscheiden waren. Der Freiherr hatte diesmal von Haydn nichts gelernt, weder als Mensch noch als Bratschist, und so innig er sich an ihm erfreute, war doch seine Schwärmerei zu unmittelbar, als daß er gerade jetzt besonders scharf über des merkwürdigen Mannes Worte und Wesen nachgedacht hätte. Die Gäste reisten ab; es ward leer und still im Schlosse. Der Schloßherr empfand diese Stille zum erstenmal in seinem Leben unbehaglich. Aber seltsamerweise vermißte er den alten Haydn weniger als die Gräfin. Sie mußte doch nicht so gar unausstehlich sein, denn sie hatte ja Haydn, dem gewiegten Kenner, schier besser gefallen als die ganze übrige Gesellschaft; sie allein hatte ihn vermocht, das Menuett mitzugeigen, ja, beim Adagio in A sprach er gar von einem Vorschauen ihres Bildes – Helene und ein Haydnsches Adagio! – es mußte doch Poesie auf diesem Bilde ruhen. Und während der Freiherr solchen Gedanken nachhing, wurde es ihm bald kalt, bald warm, als schleiche ein leises Fieber durch seine Seele. Einen Augenblick sprach er recht kühl und vernünftig: »Helene dünkt mir jetzt so schön, weil sie mich an so schöne Tage erinnert. Ich bin verliebt in den Traum dieser Tage, soll ich mich darum in Helene verlieben? Sie gefällt mir, weil sie Haydn gefallen hat: liebt man jeweils ein Mädchen, weil sie einem anderen gefällt? Sie ist mir ein Sinnbild der verklungenen Musikherrlichkeit: soll ich wohl gar ein Sinnbild heiraten?« Dann aber besann er sich, es ward ihm heiß, und er meinte, die Sache habe doch ein anderes Gesicht: Helenens treue Neigung hatte sich seit Jahren ausgesprochen in ihrer Quartetttreue; sie hatte ihren Geschmack dem seinigen geopfert; sie hatte sich veredelt durch seine Musik, sie war in die Quartettschule gegangen. Er hatte ihre Koketterie hinweggegeigt, und dies war allerdings in jenen schönen Tagen zum erstenmal klargeworden, wo Haydn ihr die Meisterschaft wahrer Anmut bezeugte, indem er ihr Spiegelbild aus dem Adagio in A -Dur hervorstrahlen sah. Und dann blickte der Freiherr weiter in die Zukunft. Sollte er für alle Zeit so einsam, familienlos auf seinem alten Schlosse sitzen bleiben? Sollte er sich nicht auch einen Stammhalter wünschen, nicht sowohl seines Hauses und Wappens – die Kunst hatte ihn über Standesvorurteile erhoben – als einen Stammhalter seines Quartetts? Sollten seine Notenschätze nach seinem Tode zerstreut, sollte auf Schloß Strüth nicht mehr gegeigt werden, wann einmal der Fiedelbogen seiner Hand entsunken war? Er stand im besten Mannesalter – vierzig Jahre – und bei der Gemütsruhe, welche ein regelmäßiges Hausquartett verleiht, hoffte er wohl über siebzig alt zu werden. Und in dreißig Jahren konnte er es nicht bloß zu einem quartettspielenden Sohne bringen, sondern zu einem ganzen Quartett von Söhnen. Dann mochte er seine letzten Tage in Frieden genießen und ruhig zuhören, wie die Kinder geigten. Er drehte sich solchergestalt im fortlaufenden Zirkel zwischen Quartett und Helene, so daß er zuletzt beides gar nicht mehr voneinander trennen konnte, und obgleich es ihm von dieser steten Kreisbewegung fast schwindelte, ließ er sich doch gegen niemand etwas merken. Nur fiel es den Quartettgenossen auf, daß das Bild Eratos nicht mehr während des Spielens verhängt war, und daß der Freiherr auch nicht mehr zwanzig Takte statt zehn zählte, wenn er etwa beim Pausieren unversehens auf das Bild geblickt. Plötzlich gab ein großes Ereignis den Ausschlag für Gräfin Helene, das war die Schlacht von Novi, in welcher Suwarow als Oberfeldherr des österreichisch-russischen Heeres die Franzosen niederwarf, am 15. August 1799. Schon im Juni und Juli waren kleinere Siegesbotschaften aus Italien gekommen und hatten das patriotische Herz des Freiherrn höher schlagen lassen. Während er's bei der Kunde des Rastatter Gesandtenmordes fast für sündlich hielt, in so greuelvoll schwerer Zeit einem heiteren Künstlerstilleben sich hinzugeben, ward es ihm jetzt so frei und hoch zumute, daß er niemals reiner sein Quartett genoß, als in diesem Lenz und Sommer, welche Kunst, Liebe, Natur und Politik im gleichen goldenen Sonnenschein erglänzen ließen. Wären die Österreicher geschlagen worden, so hätte er sich als ehemaliger Offizier wieder zum Heere gemeldet; da aber das revolutionäre Frankreich gebrochen war und die gute, alte Zeit wiederzukommen schien, war es denn doch besser, Quartett zu spielen und sich zu verlieben nach gutem, altem Brauche. Der entscheidende Sieg in Italien hatte den Freiherrn in diesem Sinne bereits seit mehreren Tagen still und tief bewegt, als am 1. September der Brief eines Freundes eintraf, welcher bei Novi mitgekämpft und Genaueres über die Schlacht meldete. Der Freiherr geriet in hellen Jubel der Begeisterung, sang und pfiff Quartettthemen und wurde von solch einem patriotisch-musikalischen Feuer ergriffen, daß er den Schluß des langen Briefes mit schwimmendem Auge und nur so obenhin aufs Ganze las, wie man am Klavier eine zwanzigstimmige Partitur zu lesen pflegt. Dann ließ er satteln und sprengte zum Grafen nach Neuhaus; der Bediente mit einem schweren Pack Noten auf dem Mantelsack hinterdrein. Dem Grafen eröffnete er sofort seine Kriegsneuigkeiten und gab ihm den langen Brief; der Gräfin hingegen überreichte er ein Notenheft aus dem großen Paket zum Geschenke und sprach: »Dies sind drei Klaviersonaten von einem jungen Manne namens Beethoven: – eine tiefbewegte, seltsam aufregende Musik, hier und da etwas geschwollen und geschraubt, etwas eigensinnig und für den Spieler schwer zu behandeln, und dennoch voll bezaubernder Schönheit. Wenn der junge Mann erst einmal reif geworden ist für den Quartettsatz und seine Launen im strengen Anschluß an Mozarts und Haydns Schreibart abgeschliffen hat, dann kann etwas Ausgezeichnetes aus ihm werden.« Der Freiherr dachte aber bei diesen Worten zugleich und fast mehr noch an die Gräfin, welche auch für den Spieler so schwer zu behandeln war, jedoch Hoffnung gab, daß sie in der strengen Mozart-Haydnschen Quartettschule ihre Launen immer mehr abschleifen werde. Und indem er über die leidenschaftliche Empfindung der drei Sonaten sprach, kam er unvermerkt auf seine und der Gräfin leidenschaftliche Empfindung, und als er die Kritik der Sonaten (Opus 2) zu Ende gebracht, hatte er zugleich der Gräfin seine Hand angetragen. Gräfin Helene aber hatte diese Hand schon so lange erwartet, daß sie, nicht aus Überraschung, sondern vielmehr wegen völligen Mangels an Überraschung, gar nicht wußte, wie sie antworten solle. Allein als sie so verlegen in wirklich bezaubernder Schönheit dastand, gab ihr der Freiherr die Hand und umarmte und küßte sie, und wie sie dies alles geschehen ließ und erwiderte, das war auch eine Antwort. Der Graf hatte in einer Fensternische den Brief gelesen. Er trat im selben Augenblicke hervor, als jene beiden die zärtliche Gruppe bildeten, und las laut: »Unter den Gefallenen beklagen wir leider auch den Rittmeister von ––; der Name ist so undeutlich geschrieben, wie liesest du ihn? – Gnetenheim oder Grebenheim?« »Gretenstein?« rief der Freiherr, ließ Helenens Hand fahren und griff nach dem Briefe. – »Gretenstein! – den Satz habe ich ganz übersehen; – Gretenstein, das ist der Gemahl Babettens!« »Allein was habt denn ihr beide miteinander?« fragte der Graf, welcher nun erst ahnte, was vorgegangen. Sein Freund aber war so betroffen von jenem Satz im Briefe, daß er nicht zu antworten vermochte, und Helene, welche vorhin die Sprache nicht gefunden hatte, Ja zu sagen, mußte jetzt erzählen, daß sie Ja gesagt, weil der Freund nun hiefür die Sprache nicht fand. Doch kam er nach wenigen Minuten wieder zu sich selbst und zu Helenen zurück, und sie konnten sich alle drei erklären und aussprechen, sich freuen und beraten, hoffen und Pläne spinnen, und was man sonst bei Verlobungen zu tun pflegt. Als der Bräutigam spät abends wieder nach Hause ritt, wußte er kaum, wohin er sein Pferd lenkte. Er fürchtete sich entsetzlich vor seinen eigenen Gedanken, die ihm grundschlecht vorkamen, vor denen er sich hätte ins Grab verstecken mögen, und die ihn doch nicht verließen. Der Rittmeister, welcher vordem zur rechten Zeit niemals hatte fallen wollen, mußte jetzt gerade zur unrechtesten Zeit gefallen sein. Die Schlacht von Novi hatte ihn – den Freiherrn – zum Bräutigam gemacht, und in dem Augenblick, da er eben Bräutigam geworden, erfährt er, daß durch dieselbe Schlacht von Novi seine frühere, nie ganz vergessene Braut Witwe geworden war. Im Jubel über den Brief aus Novi war er nach Neuhaus geritten, und doch wäre er vielleicht zu Hause geblieben, wenn er den Brief nicht gar zu musikalisch begeistert gelesen hätte, sondern Wort für Wort, wie man Briefe lesen soll, und nicht bloß ins Ganze, wie man eine zwanzigstimmige Partitur am Klaviere liest. Zum erstenmal in seinem Leben räsonierte er über die Musik, tat aber sogleich wieder bei sich selber Abbitte, denn er wußte kaum, was freventlicher sei, daß er jetzt noch und wieder an Erato denke, oder daß er die Musik anklage, als habe sie ihm Helene für Erato untergeschoben. Fünftes Kapitel Im Spätherbst war die Hochzeit auf Neuhaus – natürlich reich mit Musik geschmückt. In der Kirche sang der Schulmeister: »O Isis und Osiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar«, mit Orgelbegleitung und etwas verchristlichtem Texte. Vor den Fenstern des Schlosses stimmten Bauernmädchen das Lied an, welches Haydn so wohl gefallen. Außerdem aber hatte der Graf ein kleines Orchester zusammengebracht, das während der Tafel jene überaus frische und heitere D -Dur-Symphonie Mozarts spielte, die derselbe 1778 für das Fronleichnamskonzert in Paris geschrieben, obgleich sie eher an Figaros Hochzeit als an den Fronleichnam erinnert. Das Allegro begann bei den »Backhändeln«, und das Finale schloß beim Pudding, und ungeachtet die Tischgesellschaft während des so überaus zarten Adagios gerade einen überaus zarten Rehbraten verarbeitete, genoß sie doch die Musik nicht minder als den Braten. Man bot damals die höchsten Gaben der Tonkunst noch anspruchslos dar und nahm sie harmlos hin, wo und wie man sie fand, und glaubte noch nicht, daß eine gute Musik besser und eine schlechte gut werde, wenn man recht viel Umstände damit mache. Zum Schlusse hätte der Freiherr noch gerne ein kleines Quartett gespielt; der Graf aber widerriet das dringend und behauptete, für ihn sei heute der vierstimmige Satz durchaus ungeeignet und nur der zweistimmige zulässig. Nach der Hochzeit kam gar vieles anders, als es der Freiherr erwartet hatte. Dem sonnigen Sommer folgte ein kalter, stürmischer Winter. In jenen Septembertagen, da unser Held im Siegesjubel zur Verlobung ritt und eine goldene Zeit allgemeinen Welt- und Quartettfriedens nahe wähnte, schwamm Bonaparte bereits auf dem Meere zwischen Ägypten und Frankreich, und als der Freiherr eben recht weltvergessen in den Flitterwochen schwärmen wollte, erschreckte ihn die Nachricht vom Staatsstreiche des 18. Brumaire und der neuen Konsularherrschaft des gefürchteten Sohnes und Erben der Revolution. Des Freiherrn gründlicher deutscher Sinn ließ ihn über das kommende Geschick seines Landes und Volkes ebenso nachhaltig grübeln, wie über die Durchführung eines Quartettsatzes. Und er hätte so sehnlich gewünscht, daß die Deutschen in der Politik auch einmal Meister wurden, wie in der Kammermusik. Es sah aber zur Zeit noch gar nicht darnach aus. Ganz anders dachte der Graf in derlei Dingen. Er fand es äußerst ergötzlich, daß in Paris schon wieder ein neuer Bühnenakt beginne, und daß man gar nicht mehr ins Theater zu gehen brauche, und dennoch in dem bunten Szenenwechsel von Revolutionen und Schlachten, von Thronensturz und Staatenaufbau die spannendsten Tragödien fortwährend umsonst zu sehen bekomme. Der Freiherr sagte: »Er betrachtet auch die Weltgeschichte unter dem Gesichtspunkte des Öllackes; der größte Ideenkampf fesselt ihn als Neuigkeit; Quartette schreibt man um der Geigen willen, und die Völker erwürgen sich, damit dem Grafen Thürmer auf Schloß Neuhaus die Zeit nicht lang werde. Je näher wir beide uns treten, um so ferner rücken wir einander.« Das galt von Helenens Bruder, aber zum Glück nicht von Helenen. Sie schwärmte für alles Große, wenn auch meist übertrieben und manchmal verkehrt, und begriff und teilte ihres Mannes patriotischen Sinn und sein politisches wie sein musikalisches Lieben und Hassen. Trotzdem fühlte sich dieser oft recht gedrückt in seiner jungen Ehe. Helene wollte ihm das Leben gar zu schön machen und übersah, daß eine liebenswürdige Genügsamkeit bisher der eigenste Schmuck dieses Lebens gewesen war. Sie wollte glänzen mit ihrem Manne und durch ihren Mann, aber dieser Mann war unglücklich, daß er nun auf einmal glänzen sollte. Sie diente, um zu herrschen. Der Freiherr seufzte: »Als Haydn zu Besuche kam, entdeckte sie staunend, daß ein Genie auch bescheiden sein könne, und sie ward bescheiden, weil sie ein Genie sein will. Jetzt bricht ihre anspruchsvolle Natur wieder hervor. Ich möchte Haydn auf ein ganzes Jahr zu Gaste bitten. Allein das würde doch nichts helfen, binnen Monatsfrist wäre ihr der bescheidene Mann langweilig, und um des bloßen Gegensatzes willen würde sie dann ganz hoffärtig werden.« Statt des einfachen Quartettes schlug Helene ein Orchester vor, auch hätte sie gerne kleine Opern auf Schloß Strüth aufgeführt und hatte einen fertigen Plan, wie das Musikzimmer zu einem Theater auszubauen sei. Dem Manne schauderte vor diesem Plan, und er blickte schwermutsvoll nach dem Bilde der unmusikalischen Muse Erato. – Helene, so dachte er still für sich, hat keinen Sinn für die Größe im Kleinen. Sie überbraust das Allegro und überempfindet das Adagio, das läßt sich hören; allein ihr mangelt jedes Verständnis fürs Andante. Und das ist ein großer Mangel; denn das Andante ist das wahre Tempo der Ehe. Zart, bescheiden, mäßig bewegt schwebt es einher, gemütvoll beruhigend und erquickend wie die echte Weiblichkeit. In der Tat, je mehr sich Helene in ihrer neuen Würde fühlte und des endlich errungenen Sieges genoß, um so weniger fand und verstand sie das Andante. So verging der Winter; in der Silvesternacht 1799 geigte man sich auf Schloß Strüth heiter und bewegt ins neue Jahrhundert hinüber, und als nun der Frühling kam und die gute Bauzeit, drang Helene immer bestimmter in ihren Gemahl, daß er das Musikzimmer erweitern möge zu einem Orchester»und Theatersaal. Und da er eben im Begriffe stand, auf ein paar Wochen nach Wien zu gehen, so könnte er dort ja gleich mit einem Baumeister Rücksprache nehmen. Der Freiherr sagte: »Wir wollen den Saal bauen; aber ich fordere einen Preis von dir, den du vorauszahlen, eine Vorbedingung, welche du erfüllen mußt.«–Und bei diesen Worten übergab er der Frau eine große Mappe und fuhr fort: »Diese Mappe nenne ich ein Schmuckkästchen; denn sie birgt allerlei kleine versteckte und verstaubte musikalische Schmuck- und Schaustücke, allein es erfordert ein geübtes Auge, deren Wert zu erkennen. Versuch' es mir zuliebe, ob du die hier eingeschlossenen Noten mit rechter Empfindung spielen kannst, dir und mir zum Genügen. Gelingt es dir, so gehen wir ungesäumt an den Saalbau.« Helene ging mit Freuden auf die Grille ihres Gemahls ein und öffnete nach seiner Abreise augenblicklich die geheimnisvolle Mappe. Eine Menge schlecht geschriebener Notenblätter mit vielen Korrekturen und Tintenflecken, vergilbt und abgegriffen, lag darin, die sahen gar nicht aus wie Prunk- und Schaustücke. So gar gefährlich schien diese Musik gerade nicht, wohl aber etwas langweilig. Es waren kleine Andantes, Menuette und Rondos aus Streichmusiksätzen vom älteren Stamitz, von Kamerloher, Gaßmann, Cannabich, Holzbauer, Wagenseil und anderen halb verschollenen Komponisten, ziemlich ungeschickt fürs Klavier ausgezogen von der etwas kavaliermäßigen Notenhand ihres Mannes. Die arme Helene plagte sich grausam, diesen trockenen, altmodischen Stücklein einigen Geschmack abzugewinnen. Die Musik war an sich zwar einfach; dennoch konnte sie vieles kaum lesen, so verworren war die Schrift, und kaum spielen, so holperig war der freiherrliche Klaviersatz, und wo sie etliche Takte bequem las und spielte, da empfand sie nichts und berührte nur mit den Fingern, nicht mit der Seele, die Tasten. Der Saalbau schien sich doch in einige Ferne zu schieben. Dazu kamen äußere Störungen, welche ihr vollends alle Ruhe raubten für diesen verzweifelten Gaßmann, Kamerloher und Genossen. Große Truppenmassen zogen an Schloß Strüth vorüber, die Einquartierungen drängten sich; bei dem Trommelschall, welcher den wirklichen Kampf, nicht der Parade galt, erzitterte auch das friedlichste Gemüt in kriegerischer Aufregung. Und Helene war nicht einmal ein friedliches Gemüt. Sie hätte lieber sich selbst gleich aufs Roß schwingen und mitreiten mögen, und sollte statt dessen den Geist des Andantes aus verblichenen Noten über sich kommen lassen. Zu einigem Troste sah sie indes aus den Briefen ihres Mannes, daß es ihm draußen auch nicht friedlicher zumute war. Er schrieb im Juni von Wien, seine nahe Rückkehr ankündend: »In meinem Leben darf auf Schloß Strüth keine Note von Pleyel mehr gegeigt werden. Dieser Pleyel, der von einem darbenden Musiker zu einem reichen Musikverleger herabgesunken ist, widmet seinen Gesamtabdruck der Haydnschen Quartette dem Konsul Bonaparte! Meine Wiener Freunde lachten mich aus, als ich dafür Acht und Bann innerhalb des Strüthschen Gebietes über Pleyel verhängte. Wie darf ein Deutscher diese gemütlichste deutsche Musik dem ungemütlichsten Feinde Deutschlands huldigend zu Füßen legen! Und ich sagte jenen, die da lachten: der Konsul Bonaparte wird uns noch alle Quartettlust vertreiben, zum Danke dafür, daß man ihm unseren reichsten Quartettschatz gewidmet hat. Man faßt das nicht! Früher glaubte auch ich ganze sturmvolle zehn Jahre lang, wir könnten im Reiche ruhig zusehen, wenn draußen die Völker sich zerkriegen, und könnten immer lustig Quartett dazu geigen. Aber seit mir der Rastatter Gesandtenmord einen der schönsten Quartettabende verdorben hat, denke ich anders. Die unterrichteten Leute werden hier nachgerade sehr bestürzt, es soll ganz schiefgehen in Italien. Gestern sprach man von einem großen Siege, den unsere Armee bei Marengo erfochten, und heute heißt es, der Sieg sei ein Schreibfehler gewesen und müsse in Niederlage verbessert werden. Bonaparte wirft alles vor sich nieder; es kommt eine neue Welt und kommt eine neue Musik. Haydn war der letzte Fürst des Friedens in unserer Kunst. Ich schicke einige neue Werke von Beethoven nach Schloß Strüth; sie sind verführerisch schön. Allein ich bitte, spiele sie nicht, bevor Du Dich in dem Schatzkästlein der gekritzelten Noten recht heimisch fühlst und der Saalbau gesichert ist. Beethoven beunruhigt mich wie Bonaparte.« Bald nachher kehrte der Freiherr zurück. Obgleich gerade vierzig Husaren auf dem Schlosse in Quartier lagen und wenig musikalischen Frieden aufkommen ließen, fragte er doch bald nach den alten Noten. Helene berichtete klagend, wie sehr sie sich geplagt und doch nichts Rechtes herausgebracht habe, es sei aber auch gar zu harte Arbeit. Da sprach ihr Gemahl, wehmütig lächelnd: »Mir sind diese alten Melodien ein wahrer Seelengenuß. Sieh, das war die Musik, an welcher ich mit fünfzehn Jahren zuerst musikalisch denken und empfinden lernte. Der Geist meiner Jugend ruhet verzaubert in ihr. So dünkt es mir wenigstens. Oh, könntest auch du etwas von diesem Geiste heraushören! Wie ich die Mappe dir jetzt gebe, so gab ich sie vor Zeiten Erato. Aber sie wußte gar nichts anzufangen mit den alten Blättern. Ich schrieb mir damals diese Sätze aus den Stimmen fürs Klavier, damit ich sie wie rechte Jugendfreunde immer zur Hand haben könne. Ich glaube, meine Klavierbearbeitung ist recht schlecht, ich kann nur inwendige Musik machen. Und die Form der Originale selber ist oft steif, und die Gedanken sind nicht glänzend und reich, aber es ruht doch ein herzlicher Friede auf dieser Musik, der echte Geist des Andantes. Darum versuche immerhin noch einmal mir zuliebe, ob du nicht auch diesen Kinderfrieden herausspielen kannst.« Tags darauf hörte der Freiherr von fernher, wie seine Frau sich insgeheim wieder an den alten Blättern übte. – »Sie strebt doch wenigstens nach dem Geist des Andantes,« dachte er, »und wenn mich mein inneres Ohr nicht trügt, so tut sie's doch mehr noch mir als dem Saalbau zuliebe.« Sechstes Kapitel Um diese Zeit besuchte der Graf den Freiherrn. Er trat so Mimisch ins Zimmer, wie damals, als er die verbotene Guarneri mitgebracht, und rief, er komme, um Lebewohl zu sagen; er ziehe ins Feld. Jetzt, wo das ganze weite Land von großen Kriegstaten widerhalle, ertrage er's nicht länger, hinter den Geigen zu sitzen, der Soldat rege sich wieder in ihm, und wenn alle Welt sich schlage, dann müsse auch er mitschlagen. Die beiden Edelleute hatten in jüngeren Jahren beim Heere gestanden; beide aber hatten damals rasch quittiert: der Graf, weil er für seinen Ehrgeiz zu langsam vorrückte, der Freiherr, weil das leere Garnisonsleben seinem idealen Sinne ein Greuel war. Der Entschluß des Grafen berührte den Freiherrn tief. Mehrere Tage ging er nachdenklich umher; dann sagte er zu seiner Frau: »Dein Bruder liebt die Musik um der Geigen willen, und als uns Haydn besuchte, glaubte er dem Meister das höchste Lob zu geben, indem er gegen mich ausrief: Für einen bloßen Komponisten urteilt der Mann nicht schlecht über die Geigen. So geht dein Bruder denn auch in den Krieg um des Fechtens willen. Auch ich werde mich wieder als Freiwilliger melden, aber nicht, weil ich so besondere Lust zum Fechten hätte, sondern weil mein Kaiser in dieser Not eines jeden Armes bedarf.« Er war darauf gefaßt, daß Helene ihn zurückzuhalten suche. Allein unter Tränen pries sie begeistert seinen Vorsatz und beklagte nur, daß sie nicht selber mitziehen könne. – »Ich bin die Frau eines Edelmannes«, sprach sie, »und darf nicht weinen, wenn du mit dem Schwerte ritterlich zu Pferde steigst.« Der Freiherr blickte sie feierlich an und gerührt und liebevoll zugleich und dachte: die stolze Schwärmerin hat doch ein großes Herz. – Sie redeten viel und herzlich miteinander; sie hatten sich noch nie so nahe gestanden. »Vergiß mir aber auch die alte Notenmappe nicht,« so schloß er endlich, »spiele die Stücklein fleißig mir zulieb – und auch wegen des Saalbaues. Es ist nur eine kleine Musik, aber der ehrliche deutsche Geist des Andantes ruht darin, und man kann sich auch im Andante hoch emporschwingen.« Die Vorbereitungen zur Abreise wurden rasch getroffen. Das Vaterland bedurfte in der Tat jedes Armes, und die Gefahr rückte mit Gewitterschnelle immer näher. Die kurze Waffenruhe, welche auf die Schlachten des Juni und Juli gefolgt, war nur ein Aufatmen zu neuem Kampfe. Helene ließ sich's nicht nehmen, dem scheidenden Gatten mit eigener Hand das mäßige Gepäck zu rüsten, und als sie unter geheimem Schauder auch ein Kästchen voll Verbandzeug ordnete, gab er ihr ein Notenheft und bat sie, dasselbe gleichfalls in dieses Kästchen zu legen. Es war ein handschriftliches Quartett von Beethoven, das erste von jenen sechsen, die im folgenden Jahre als des jungen Meisters achtzehntes Werk erscheinen sollten. So begaben sich denn die beiden Schwäger gemeinsam zum Heere, welches gegen die obere Donau aufbrach. Der Graf war gerade so ausgezeichnet als Soldat wie als Violinspieler: dieselbe glänzende kecke Bravour, welche er im Geigenbogen hatte, saß auch in seinem Degen. Ganz anders der Freiherr. Bei ihm ruhte alles so tief inwendig, daß er auch im Felde linkisch und unanstellig blieb und im Exerzitium anfangs kaum weniger umwarf als im Quartett. Er besaß jenen Mut, der bis zum äußersten kalt ausharrt, wann die Gefahr hereingebrochen ist, nicht aber jene herausfordernde Tapferkeit, welche die Gefahr aufsucht und mit ihr scherzt. Doch erkannten die Kameraden bald in ihm den festen, tüchtigen Mann und hatten ihn gerne trotz seinem wunderlichen Wesen. Nun ging alles ganz gut bis zum 3. Dezember, dem heißen Schlachttage von Hohenlinden. Der Freiherr stand fern vom Schlachtfelde in Reserve zur Bedeckung einiger Vorratswagen am Saume der großen Tannenwälder, welche sich hier von den Hügeln zur Fläche herniederziehen und jeden Ausblick nach dem Kampfplatze verwehrten. Ja, man hörte sogar nur dumpf und in Pausen das schwere Geschütz- und Massenfeuer herübergrollen; denn ein heftiger Wind kam von der entgegengesetzten Seite und trieb schwarze Wolken herbei, die sich in den dicksten Schneewirbeln entluden. Der Freiherr war abgestiegen und hinkte, todmüde von einem erschöpfenden Ritt und doch innerlich ruhelos, gedankenvoll unter den schützenden Bäumen auf und ab, seine Soldaten, die im tiefsten Schnee gelagert in etwas ausgiebigerer Weise rasteten, immer im Auge haltend. Endlich lehnte er sich wider eine alte Tanne, den Blick in die weite Ebene gewandt. Er dachte an Helene und das Andante und an den schweren Kampf da drüben und an das neue Quartett aus F von Beethoven beim Verbandzeug, und alle diese vier Dinge hatten zugleich etwas Erhebendes und dennoch Beklemmendes für ihn, daß sie sich seltsam zu einem Ganzen zusammenwoben. Und wenn zuzeiten ein kurzes Rottenfeuer rhythmisch durch den verschneiten Wald herüberhallte und dann ein paar kurze Kanonenschläge hintendrein, so war es ihm, als intoniere auch die Schlacht jenes Thema, mit welchem der erste Satz des Quartettes ganz tief im Einklang aller vier Instrumente anhebt. – »Was ist das doch für eine dämonische, friedlose Musik,« dachte er, »die man selbst aus dem Schlachtendonner kann widerklingen hören; der Geist des Andantes ruht nicht auf ihr. Kein Haydnsches Quartettthema würde auf dieses Rotten- und Geschützfeuer passen.« Im selben Augenblicke aber schlug ihm ein anderes Feuer ans Ohr, so nahe, daß es ganz und gar aufhörte, musikalisch zu sein; Flintenkugeln pfiffen ihm um den Kopf, feindliches Fußvolk brach aus dem Walde, und feindliche Reiter sprengten im Felde hinter der Waldecke hervor; im Nu war er umringt, abgeschnitten, seine Leute niedergehauen oder zerstreut, die Wagen genommen. Er setzte sich verzweifelt zur Wehr, allein ein Hieb über den rechten Arm entwaffnete ihn: er mußte sich gefangen geben. Zum Verluste der Schlacht von Hohenlinden hatte der Freiherr übrigens durch seinen Quartetteifer nicht beigetragen; denn sie war schon verloren, bevor er gefangen ward, und eben jene abgebrochenen Salven, aus welchen er das Beethovensche Thema herausgehört, bezeichneten bereits die vollendete Katastrophe, das letzte Ringen der in Moreaus Hinterhalt gefallenen Armee. Helene hatte diesmal ein betrübtes Neujahr. Seit jenem 3. Dezember war sie ohne alle Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte verzweifeln in der Qual der Ungewißheit. Wenn sie aber gar den Mut verlor, dann griff sie zu der Notenmappe, und es war seltsam, wie die Armut dieser alten, trockenen Musik ihr jetzt wohltat, und wie sie sich da aufs unmittelbarste berührt fühlte von dem im kleinen so tiefen und liebevollen Geiste ihres Mannes, dessen jugendliche Phantasie sich einst an den dürftigen, aber doch wahren, reinen und gesunden Weisen erquickt hatte, ja, wie sie in denselben den fernen, vielleicht schon verstorbenen Gatten erst recht verstehen lernte. Daß sie sich aber so schwer in die Empfindung dieser Musik hineinarbeitete, war ihr jetzt ein wohltuendes Geschäft, und die unlesbare Schrift zu entziffern und den unspielbaren Klaviersatz etwas zu verbessern, ein wahrer Genuß; tat sie's doch, wie er gebeten, ihm zulieb. Endlich zu Ausgang Januars kam ein Brief ihres Gemahls. Das Blatt zeigte seinen Namen und war von ihm geschrieben, aber sie fand seine gewohnten Schriftzüge nicht: er hatte mit der linken Hand schreiben müssen. Der Brief meldete die Verwundung und Gefangenschaft. Die Wunde war geheilt, allein das rechte Handgelenk gelähmt für immer. – »Als Haydn«, so schloß der Freiherr, – mich in jenen herrlichen Maitagen Bratsche spielen hörte, rühmte er gar nichts an meinem Spiel, außer mein rechtes Handgelenk. Er meinte, die linke Hand, in welcher die Fertigkeit des Geigers sitzt, wolle mir noch nicht recht gehorchen, aber das rechte Handgelenk, welches den Bogen führt, das rechte Handgelenk, in welchem die Seele des Vortrags ruht, das – meinte Haydn – sei vortrefflich entwickelt. Doch mir ziemt es nicht, zu klagen über mein gelähmtes rechtes Handgelenk, wenn an demselben Tage die rechte Hand des Vaterlandes gelähmt und sein tapferes Heer vernichtet wurde.« Im folgenden Monat brachte der Friede von Luneville dem gefangenen Freiherrn die Freiheit. Auf der Heimreise traf er in Wien mit seinem Schwager zusammen. Der Graf hatte sich bei Hohenlinden aufs tapferste hervorgetan; man weissagte ihm eine glänzende Soldatenlaufbahn. Er ließ den Freiherrn sein neues Geschick und Glück etwas fühlen, gerade so, wie er ihm weiland seine größere Virtuosität recht deutlich unter die Nase gegeigt hatte, und pries den ersten Konsul als den wahren Helden dieser Zeit, ja als einen Erlöser der Staaten und Völker. Geblendet von der gewaltigen Person und dem märchenhaften Lebensgang Bonapartes, begannen ihn viele Deutsche selbst damals schon als einen Halbgott zu bewundern, und wen er von anderen gepriesen sah, den pries auch der Graf. Den Freiherrn schmerzte diese Umwandlung tiefer, als das gelähmte Handgelenk. Zwar mied er allen Streit, allein er beschloß auch, niemals mehr mit seinem Schwager Quartett zu geigen (wobei er vergaß, daß er ja selber gar nicht mehr geigen konnte) und den Grafen aus dem Musikzimmer auf Schloß Strüth zu verbannen wie den Ignaz Pleyel. Hätte er geahnt, daß Beethoven in Bälde gar eine Symphonie »Bonaparte« komponieren werde, er hätte auch ihn zu den beiden anderen gleich im voraus in den großen Bann getan! Allein wenn ihn der Graf in der Politik jetzt ebensowenig mehr verstand als in der Musik, so verstand ihn des Grafen Schwester, seine Frau, doch immer besser in beiden Stücken. Als er ihr nach dem schmerzlich glückseligen Wiedersehen bald genug erzählte, daß ihr Bruder als reiner Soldat und Bewunderer alles Bewunderten nun gar ein ganzer Bonapartist geworden, da brach sie in helle Tränen aus, und als er sie trösten wollte, sagte sie: »Du hast bei Hohenlinden nur den Bogenstrich verloren, ich aber habe dort meinen Bruder verloren. Wäre er dort gleichfalls gefangen worden, so würde er sich jetzt nicht von Bonaparte haben fangen lassen, und er hätte nicht so gut gegen die Franzosen gefochten, so würde er jetzt nicht schwärmen für die Franzosen.« Dieser Ausspruch gewann Helenen vollends ihres Mannes Herz, und er schalt sich im stillen einen Toren, daß er so lange noch nebenbei an Erato gedacht und es jemals bedauern konnte, daß er den Bericht von der Schlacht bei Novi so musikalisch gelesen habe. Und da er nun also doch wieder auf seinen alten Satz zurückkam, daß uns eine gute Musik immer und überall gut führe, so faßte er sich denn auch rechten Mut und fragte nach der Notenmappe. Mit verklärtem Gesichte brachte sie Helene herbei, setzte sich ans Klavier und spielte ihm den Gaßmann samt seinen vergessenen Kameraden mit einer Wärme und Wahrheit des Vortrags, wie er es selber gar nie für möglich gehalten. Sie trug mehr hinein, als darin lag, und doch nichts fremdes, und das ist das höchste Geheimnis alles künstlerischen Spielens. Die Melodien mochten manchmal etwas hausbacken sein, sie wurden aber seelenvoll unter ihrer Hand; denn der Geist der Liebe, der geprüften, bekümmerten, getrösteten Liebe sprach jetzt aus ihnen, und den hatte Helene hineingehaucht und war doch im rechten Ton und Tempo des Andantes geblieben. Der Gatte mit der lahmen Hand war noch ein klein wenig glücklicher als an dem Tage, wo Haydn auf dem Schlosse erschien, und damit ist die höchste Stufe irdischen Glückes bezeichnet. – »Gleich morgen«, rief er, »muß der Riß zum Saalbau entworfen werden!« – Helene aber beschwor ihn, nie mehr eine Silbe vom Saalbau zu reden. Sie besaß jetzt das vollste Verständnis fürs Andante. Und so lebten und musizierten beide dann noch lange recht einträchtig miteinander. Auch ward bald wieder regelmäßig jeden Montag Quartett auf Schloß Strüth gespielt, natürlich ohne den Grafen, und da der Freiherr bloß zuhörte und inwendig Musik mitmachte, so soll es weit besser gegangen sein als je zuvor. In der Tendenzmusik des Andantes hatte Helene ihre frühere Tendenzmusik der Koketterie überwunden und gesühnt, und der Freiherr erkannte nun gar wohl, daß ihre Liebe für ihn zuletzt auch seine Liebe geweckt, und daß Helene in dieser Liebe die Unnatur ihres Wesens begraben, ihn selber aber erst recht hellsehend gemacht habe für ihre versteckten und verkannten Vorzüge. Andererseits aber meinte er, neben der Liebe dürfe man dabei der Musik doch auch ihr Verdienst nicht schmälern. Die echte Musik sei Selbst- und Weltvergessenheit. »Wir vergessen unser schlechtes Selbst in der Musik, um unser besseres Selbst erst recht in uns zu finden. – So hat auch Helene ihr gutes Selbst doch erst durch die Musik gefunden. Oder habe ich vielleicht über der guten Musik ihre Schwächen vergessen? Gleichviel! Und es mag unentschieden bleiben, ob sie den Geist des Andantes fürs Leben gewonnen hat, indem sie Gaßmann und Stamitz so liebevoll gehorsam studierte, oder ob durch den Geist des Andantes, der in den Prüfungen des Lebens über sie kam, umgekehrt erst das Verständnis für Gaßmann und Stamitz ihr zugewachsen ist.« So sprach der Freiherr, wenn er für sich allein war, und sagte es nicht einmal seiner Frau. Laut dagegen sagte er oftmals und vielen Leuten: »Gute Musik – namentlich Streichquartett – ist ein Selbst- und Weltvergessen, in welchem wir uns selbst erst recht finden. Die wenigsten Menschen aber ahnen, wie solches Selbstvergessen zu so gar vielen Dingen und zu allen Zeiten nützlich ist, – ausgenommen, wenn man während einer Schlacht auf einem einsamen Reserveposten steht.« Gradus ad Parnassum I. Man schrieb 1839. – Es war damals eine schöne Zeit, – die Ära der reisenden Virtuosen und musikalischen Wunderkinder. Wer nur ein Solo geigen, blasen oder klimpern konnte, der reiste und gab Konzerte, in Paris oder in Straubing, in Petersburg oder in Buxtehude. Der Wein war jahrelang gut geraten und das Brot sehr billig; Virtuosenkonzerte trugen noch Geld ein, großes und kleines Geld, je nach dem Mann und dem Orte. Sie erregten noch volle, freie Bewunderung, gläubigen, fessellosen Enthusiasmus. Das öffentliche Leben stürmte und brauste im Theater und im Konzertsaal, weil es anderswo nicht stürmen und brausen durfte. Reisende Künstler und Künstlerinnen waren öffentliche Charaktere, überall gegenwärtig, überall sichtbar und bekannt; die Nation wußte mehr von ihnen als von den Staatsmännern, die überall unsichtbar waren. Die Oden und Sonette auf Paganini bildeten eine ganze Literatur, welche jedoch glücklicherweise nicht gesammelt erschienen ist. Allein Paganini hatte bereits Feierabend gemacht, und ob Ole Bull ihn ersetzen könne? – das war eine schwere Tagesfrage. Daß begeisterte Jünglinge einer Sängerin vom reinsten Triller die Pferde ausspannten, um den Wagen selber zu ziehen, galt in den Tagen der Malibran für etwas Gewöhnliches, und ein Pantoffel, den die Sontag in Frankfurt im Schwanen zurückgelassen hatte, wurde von einem Engländer mit zehn Louisdors bezahlt, obgleich die Kritik nachwies, daß es der Pantoffel ihres Kammermädchens gewesen sei. Doch die Malibran schlummerte 1839 bereits auf dem Friedhofe zu Laeken, Henriette Sontag war als Gräfin Rossi verstummt und Jenny Lind noch nicht für Europa, für die Welt entdeckt. Es herrschte eine Art Interregnum der großen Sängerinnen; die Virtuosen der Geige und des Klaviers behaupteten um so siegreicher allgewaltig das Feld. Als der junge Liszt sein zweites Konzert in Wien gab, standen die Zuhörer nicht bloß im Hausgang und auf der Treppe, sondern auch auf Leitern, die ein erfindungsreicher Unternehmer an die Saalfenster gelehnt hatte; die oberste Sprosse kostete fünf Gulden, und der glückliche Inhaber dieses Platzes war noch in keiner Unfallversicherung eingekauft. Vornehme Damen tauchten ihr Taschentuch in das Glas Wasser, aus welchem der Künstler getrunken hatte – es war damals eine schöne Zeit, – die Ära der reisenden Virtuosen und musikalischen Wunderkinder ! II. Unter so vielen glücklichen, erfolggekrönten Künstlern gab es natürlich auch einige unglückliche, die keinen Erfolg hatten. Ich will von solch einem Unglückskinde erzählen. Im Winter neununddreißig auf vierzig war Ludolf Hilmer, Pianist aus Heidelberg, nach Wien gekommen, um von hier aus die europäische große Route eines Virtuosen zu beginnen. Hatte er in Wien durchgeschlagen, ging ihm ein glänzender Ruf von der Musikhauptstadt an der Donau voraus, dann machte sich ja alles weitere von selber. Er kündigte demgemäß drei Konzerte an. Wer war Herr Ludolf Hilmer? Kein Mensch wußte es. Durch die Presse war ihm kein Ruf vorausgegangen. Er selbst schien gar nicht zu wissen, daß es auch Zeitungen in Wien gebe, und die Zeitungen wußten nicht, daß es einen Hilmer in der Welt gab. Empfehlungsbriefe hatte er zwar eine ganze Tasche voll mitgebracht an berühmte Männer und große Häuser, aber keinen einzigen an seine Adresse überreicht. Denn bei näherer Erwägung schien es ihm doch ein recht übler Brauch, Menschen, die uns nicht kennen, und die wir nicht kennen, mit Besuchen zu belästigen. Wenn es je einen jungen Mann von deutschester Bescheidenheit gegeben hat, dann war dies Ludolf Hilmer. Seine Bescheidenheit war so groß, daß man sie ausgesuchtesten Stolz hätte nennen können. Er wollte entweder alles durch sich selber sein oder gar nichts. Das erste Konzert war am 12. November; es hatten sich zwanzig Zuhörer eingestellt, die auf dreihundert Stühlen sehr bequem Platz fanden. Fünfzehn von den zwanzig waren im Besitze eines Freibilletts. Der Musikalienhändler, welcher das »Geschäftliche« des Konzertes besorgte, wollte ursprünglich hundert Freikarten ausgeben und Hilmer gar keine. Mit großem Widerstreben hatte er sich endlich zu den fünfzehn bewegen lassen. Er dachte: man muß nicht aufdringlich sein, und ein geschenktes Gut wird überall weniger geschätzt als ein erworbenes. Die Bruttoeinnahme des Konzertes belief sich auf fünf, die Nettoausgabe auf hundertfünfzig Gulden, was keine glänzende Bilanz zu nennen ist. Allein Herr Hilmer war nach damaligen Begriffen ein reicher Mann; er verfügte über eine jährliche Kapitalrente von siebentausend Gulden und konnte sich also die Ausgabe von ein paar hundert Gulden wohl erlauben, um den ersten Grundstein seines europäischen Rufes zu legen. Und hierzu wäre das Konzert auch ganz geeignet gewesen, wenn es nur mehr Leute gehört hätten. Der Künstler spielte meisterhaft, bewundernswürdig, das »Publikum« folgte anfangs mit Staunen, dann mit heller Begeisterung; sämtliche Zuhörer klatschten stürmischen Beifall, und die beiden Zuhörerinnen, eine ältere und eine junge Dame, lächelten Teilnahme; denn Damen pflegten damals noch nicht zu klatschen. Als der Künstler geendet hatte und, seelenvergnügt über seinen Erfolg, den Saal verlassen wollte, trat ihm ein altes Männchen in den Weg und sagte, ihm vertraulich auf die Schulter klopfend: »Die Musikstücke, welche Sie spielten, sind nicht ganz nach meinem Geschmack, und Ihr Vortrag ist mir zu ungestüm. Dennoch hat mich selten ein Cembalist so tief ergriffen wie Sie, junger Mann! Und ich habe Mozart und Beethoven hier gehört und Clementi und Weber, alle, alle! bis zu Liszt und Thalberg, – und habe vor Zeiten selber ein wenig mitgespielt.« Hilmer maß ihn ganz verblüfft und bat um seinen Namen. »Sie werden ihn kaum kennen. Ich bin der pensionierte Hofkapellmeister Gyrowetz.« »Adalbert Gyrowetz!« rief Hilmer und drückte ihm erzitternd die Hand, – »der Komponist der Agnes Sorel, des Augenarztes, der Schöpfer so vieler anmutiger Symphonien und Quartette –« Der Alte unterbrach ihn lächelnd. »Ich habe siebzig Quartette geschrieben, die man nicht mehr spielt, und dreißig Symphonien, die niemand mehr hören mag; – davon wollen wir nicht reden. Die Jugend geht auf anderen Wegen als wir Alten; aber die Kunst ist weit wie die Welt, es haben da viele Wege nebeneinander Platz. Schreiten Sie mutig fort auf Ihrer erwählten Bahn: Sie werden es zu was Rechtem bringen!« Bei diesen Worten entschlüpfte der Alte, obgleich ihn Hilmer noch festhalten wollte. Er sah sich um und fand sich schon allein im Saale; – wie geschwind hatte sich derselbe geleert! Und doch war es dem Künstler jetzt, als habe er vor der größten und glänzendsten Hörerschaft gespielt, weil ihn Gyrowetz so aufrichtig gelobt hatte. Seltsam! Hätte ihm jemand vor einer Stunde von Adalbert Gyrowetz gesprochen, den er längst tot und begraben glaubte, so würde er die Achseln gezuckt haben über den alten Zopf, und jetzt fühlte er sich hoch gehoben von dem Lobe, welches ihm dieser selbe Mann gespendet, der einst von Mozart in das Kunstleben Wiens eingeführt worden war und hier die ganze große Periode unserer klassischen Tonkunst miterlebt und überlebt hatte! Doch es war Zeit, den Saal zu verlassen. Hilmer schritt stolz durchs Vorzimmer. Da vernahm er, wie sich zwei seiner Zuhörer über ihn unterhielten, während sie ihre Garderobe ordneten. Er drückte sich in eine Fensternische, sah in die dunkle Nacht hinaus und lauschte ihrem Gespräch. »Dieser Hilmer soll schon achtundzwanzig Jahre alt sein,« bemerkte der eine, »schade, daß er nicht fünfzehn Jahre alt ist oder zehn, dann wäre er ein Wunderkind und seine Leistung phänomenal.« »Man erzählt, er sei ein Wunderkind gewesen, aber ein unbekanntes«, fiel der andere ein. »Mit fünf Jahren spielte er bereits den ganzen Schlittenwalzer; allein sein Vater unterdrückte das aufkeimende Genie und zwang ihn, Jurisprudenz zu studieren. Und der arme Mensch las im Corpus juris , während ihm lauter Musiknoten vor den Augen tanzten, er schrieb Pandektenhefte mit Musik im Herzen, machte sein Examen mit Musik im Kopfe und bestand es ganz gut zu seinem eigenen Staunen und Bedauern. Doch als dann der tyrannische Alte gestorben war, warf er die Fesseln von sich, und so erhebt er sich erst jetzt zum freien Fluge des Genius!« »Wie schade, daß Herr Hilmer seine Lebensgeschichte nicht vorher in der Zeitung hat drucken lassen!« bemerkte ein Dritter. »Ein Märtyrer, der seinen Kerker gesprengt! Hätte man dies im voraus gewußt, so würden fünfzig Billette mehr genommen worden sein.« »Leider sieht der junge Mann nur gar zu rotbackig aus für einen Märtyrer und zu gesund und robust für ein Genie«, sprach bedauernd die erste Stimme. Der Lauscher in der Fensternische konnte nicht weiter verstehen, was die drei Herren noch alles an ihm auszusetzen fanden. Er wollte sich fortschleichen. Da huschte seine weibliche Zuhörerschaft an ihm vorüber, die beiden Damen, welche so freundlich Beifall gelächelt hatten. »Mir tut Herr Hilmer recht herzlich leid,« sprach die ältere, »ein so schönes Konzert vor lauter leeren Stühlen! Der junge Mann soll ein Gelehrter sein; ich finde, er spielt auch wie ein Gelehrter; es fehlen ihm die kleinen Koketterien und die großen Effekte des echten Virtuosen.« »Im Gegenteil!« flüsterte die jüngere. »Mir scheint er viel zu viel Virtuos. Sahen wir ihn nicht vor vier Jahren bei Thibauts Musikabenden in Heidelberg? Ich hätte Höheres von ihm erwartet, Klassischeres. Ein Jünger der Wissenschaft, der bei Thibaut morgens auf der Universität Pandekten hörte und abends Palestrina im Thibautschen Hause, sollte überhaupt gar keine Virtuosenkonzerte geben; die müßte er den gewöhnlichen Musikern überlassen.« Die Damen verschwanden. Hilmer fand sich allein und begehrte auch keine weitere Kritik. Von seinen zwanzig Zuhörern hatte, wie es schien, ein jeglicher etwas anderes an ihm auszusetzen; nur darin waren alle einig, daß sie ihn bedauerten. War der lebhafte Beifall, welcher jede seiner Nummern begleitete, vielleicht auch nur der menschenfreundliche Ausdruck dieses Bedauerns gewesen? Am herzlichsten hatte ihn der alte Gyrowetz gelobt, von dem er gar kein Lob hätte erwarten dürfen. Und wer war die junge Dame, die ihn schon von Heidelberg her kannte? Sie sah recht anmutig aus; – etwas scharfes, aber feines Profil. Ihre Stimme klang milder wie ihr Urteil. Nur meinte Hilmer, sie hätte eigentlich sagen sollen, was der alte Gyrowetz gesagt, daß selten noch ein Pianist sie so tief ergriffen habe, und der pensionierte Hofkapellmeister hätte dann immerhin mit ihren Worten einen klassischeren Vortrag fordern mögen. Das wäre doch die natürlichere Verteilung der Rollen gewesen! Unter solchen Gedanken ging der Künstler nach Hause und fand zuletzt, daß er ein zwar kleines, aber interessantes Publikum gehabt habe und darum alle Ursache, mit seinem ersten Erfolge zufrieden zu sein. III. Ungebeugten, ja gehobenen Mutes kündigte Hilmer sein zweites Konzert an, und zwar auf den 15. Dezember. Er wollte nun aber auch einmal weltklug sein und beschloß also, seine fünfundzwanzig Empfehlungsbriefe abzugeben. Acht Tage vor dem Konzert mietete er sich einen Wagen und fuhr, die sämtlichen Briefe in der Tasche, zunächst zu Lord Knaresborough, der ein glänzendes Haus machte und, obgleich er erst ein halbes Jahr in Wien lebte, als Kunstmäzen bereits von der ganzen Stadt gepriesen wurde. Der Lord empfing unseren Musiker so hoffärtig herablassend, daß sich derselbe schon nach wenigen Minuten wieder empfahl, stracks nach Hause zurückfuhr und die übrigen Briefe in den Ofen warf, da er sich nicht noch weitere vierundzwanzigmal ärgern wollte. So hatte nur der Lohnkutscher einen wirklichen Erfolg dieser Empfehlungsbriefe zu verzeichnen, denn er war auf einen halben Tag gemietet und hatte kaum eine Viertelstunde zu fahren gebraucht. Übrigens fand Hilmer bald seinen guten Humor wieder, indem er Tag und Nacht nicht vom Klaviere kam und sich mit wahrer Leidenschaft auf das Konzert vorbereitete. Die Kunst trägt wie die Liebe ihren süßesten Lohn in sich selber. Die tiefste Liebe verstummt, allein in einem Konzert pflegt der Künstler dann doch nicht zu verstummen, und Hilmer wollte in seinem zweiten Konzert noch viel lauter und gewaltiger zu aller Ohren reden wie in dem ersten. Er hatte erkannt, daß sein Publikum aus einer größeren und kleineren Hälfte bestehe, und er gedachte beide Hälften zu entzücken. Darum wählte er für das neue Programm zuerst recht schwindelnd verwegene, blendende Virtuosenstücke von Thalberg, Henri Herz, Liszt und anderen Modekomponisten; an den Schluß aber stellte er – damals ein unerhörtes Wagnis – das große Rondo in A -Moll von Mozart. Er erwartete nämlich, das Gyrowetz und die junge Dame wieder auf den vordersten Stühlen sitzen würden. Für den alten Meister hatte er das klassische Stück seines Freundes Mozart gewählt und der jungen Dame wollte er im Vortrag desselben zeigen, daß er nicht bloß Virtuos, sondern auch ein wahrer Philosoph des Klaviers sei. Das Konzert fand am anberaumten Tage statt, – diesmal vor fünfundzwanzig Zuhörern. Lord Knaresborough hatte zehn Karten genommen und dieselben zur Hälfte seinem Kammerdiener, zur anderen Hälfte der Kammerjungfer seiner Gemahlin geschenkt, welche dann wieder ihren Überfluß dem Stubenmädchen, der Köchin und dem Portier zur Benutzung und weiteren Verteilung übergaben. Das Publikum war mehr lebhaft als gewählt, übrigens sehr dankbar und doch um fünf Köpfe stärker als beim ersten Konzert. Gyrowetz und die junge Dame waren diesmal nicht erschienen. Hilmer erschrak, als er dies entdeckte; er fühlte sich plötzlich wie mit kaltem Wasser übergossen, nüchtern, verstimmt. Wer vor eine Zuhörerschaft tritt, gleichviel ob auf dem Podium des Konzertsaales, auf der Bühne des Theaters oder auf der Rednerbühne, der wendet sich niemals an die ganze Masse: er spielt, denkt, spricht zunächst immer für einzelne, die er kennt, schätzt, auf deren Urteil er in Zustimmung oder Widerspruch besonders gespannt ist, er faßt sie ins Auge, er hält sie im Sinn, wenn er sie nicht sehen kann. Und sollte ein Künstler oder Redner gar niemand von den Hunderten kennen, die ihm entgegenblicken, so erspäht er doch alsbald ein paar charakteristische Gesichter, die ihn fesseln, und für welche er vor allen anderen singt, redet oder spielt. Vielleicht hat er sich getäuscht und die interessanten Gesichter waren nur die Larven ganz langweiliger, nichtiger Menschen. Das schadet nichts. Der Künstler hatte sich dann doch die wahrhaftigen Spitzen seines Publikums eingebildet, und die Masse wird immer und überall nur in den Individuen lebendig. Zum Glück mußte unser Klavierspieler auf sein Klavier und seine Noten sehen. Er wäre sonst doch vielleicht aus dem Takt gekommen bei dem vergeblichen Bemühen, unter den Bedienten und Stubenmädchen, welche ihm in vorderster Reihe gegenübersaßen, ein begeisterndes Gesicht zu entdecken. Allein er war Künstler von Grund aus. Kaum hatte er die ersten Akkorde angeschlagen, so übte die Musik auf ihn ihren tiefsten Zauber, sie trug und hob ihn zu steigender Glut und Kraft der Leidenschaft; er sang mit der rechten Hand wie Thalberg, daß man gar kein Klavier mehr zu hören glaubte, und donnerte mit der Linken wie Dreyschock, daß man meinte, er habe eigentlich gar keine linke Hand, sondern zwei rechte Hände. Und was das Merkwürdigste war, er spielte dem alten Gyrowetz und der schönen Unbekannten zu Gehör, die er deutlich vor sich sitzen sah, obgleich sie nirgends sichtbar waren. Der Beifall war stürmisch, jubelnd; sogar die Köchinnen und Stubenmädchen klatschten und riefen Bravo. Nur bei dem Mozartschen Rondo gähnten und plauderten die Zuhörer: sie hatten zum Schlusse offenbar etwas ganz anderes erwartet. Die Herren griffen zu ihren Hüten, noch bevor die letzten Takte gespielt waren, und nur zwei Hände erhoben sich zu jenem kleinen Beifallsgeplätscher, welches auf deutsch besagt: »Gottlob! das Stück ist endlich zu Ende!« Hilmer erwachte wie aus einem Traume. Die beiden Phantasiegestalten, für welche er eben sein Bestes geleistet hatte, waren verschwunden, leere Gesichter sahen ihn fremd und gleichgültig an, das Konzert hatte lange gedauert, ein jeder eilte, hinauszukommen, nur Hilmer eilte nicht. Er blieb einsam im Saale, bis die Lichter ausgelöscht wurden, und der Hausknecht, welcher dieses Geschäft besorgte, versicherte ihm, daß er heute abend wunderschön gespielt habe. Er schenkte dem Manne drei Gulden, wofür ihm derselbe die Hand küßte und ihn »Herr Baron« nannte. Zu Hause angekommen, beschloß er, niemals wieder vor dem großen Publikum zu spielen. Vor dem »großen Publikum«? Es waren ja nur fünfundzwanzig Personen gewesen! Aber sie waren doch das große Publikum im getreu verkleinerten Abbild. Sie hatten die Kunststücke seiner Finger bewundert und seine aus dem innersten Herzen quellende Kunst nicht verstanden. Hätten tausend Zuhörer vor ihm gesessen, sie würden es geradeso gemacht haben, wie diese fünfundzwanzig. Er beschloß, niemals wieder öffentlich zu spielen, sondern nur noch im engsten Kreise vor Kennern und vor wahrhaft künstlerischen Gemütern, die keine Kenner zu sein brauchten. Allein wie stand es dann mit der geträumten glänzenden Künstlerlaufbahn? Das wußte er selber nicht. Er wußte überhaupt nicht mehr, was er eigentlich wollte, nur was er nicht wollte, wußte er ganz genau. IV. Des anderen Morgens saß Hilmer zu Hause am Klavier und phantasierte, daß die Saiten klirrten; er haderte mit sich und mit Gott und der Welt, er suchte Gedanken und fand keine, und dies gibt gerade die rechte Stimmung zum Phantasieren. Da klopft es an die Türe, wiederholt, immer stärker, bis er endlich aufspringt und Herein! ruft. Ein unbekannter junger Mann tritt ein und bittet auf einige Minuten um Gehör. Der Künstler maß den Störenfried mit großen, zornigen Augen, allein er konnte den Fremden doch nicht wieder zur Türe hinausschicken, ohne gehört zu haben, was derselbe eigentlich wolle. Und der Mann hatte so etwas anmutig Keckes, er sah gar nicht aus, als ob er sich stracks wieder fortweisen lasse. »Ich heiße Achilles Schneider«, begann derselbe, »und bin gekommen, Sie um Unterricht im höheren Klavierspiel zu bitten.« Hilmer erklärte ihm, daß er nur ganz ausnahmsweise Unterricht gebe und nur an sehr vorgeschrittene Schüler, die sich zum Künstlerberuf ausbilden wollten. »Gerade dies ist meine Absicht.« »Und bei welchem Meister haben Sie bisher Ihre Studien gemacht?« »Lediglich bei mir selbst. Ich bin Autodidakt und seufze schon lange unter dem Fluche des meisterlosen Tastens und Suchens. Aber als ich gestern abend Ihre unvergleichlichen Leistungen hörte, da erkannte ich, daß man nur in der Schule eines solchen Meisters ein wahrer Meister werden könne. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke: du mußt! Und so wage ich's, Ihnen mein Anliegen vorzutragen. Ich bin arm, ich habe gar nichts. Ich hätte auch Ihr gestriges Konzert nicht besuchen können, wenn mir nicht der Portier des Lord Knaresborough ein Billett geschenkt hätte. Ganz bescheiden setzte ich mich darum in den hintersten Winkel des weiten Saales neben den großen Ofen, wo außer mir nur noch zwei Damen saßen –« »Eine ältere und eine jüngere?« unterbrach ihn Hilmer. – »So schien es.« – »Die jüngere mit reichem, flachsblondem Haar?« – »Etwas unordentlich genial frisiert«, ergänzte Achilles Schneider. – »Mit blauen Augen und etwas spitzer Nase?« – »Dessen entsinne ich mich nicht mehr, aber ihre Reden klangen mitunter allerliebst spitzig.« – »Sie spricht mit einem leisen Anflug pfälzischen Dialekts?« – »Ganz recht! fast wie Euer Gnaden.« – »Wer sind diese Damen? wie heißen sie?« – »Ich kenne sie nicht; aber Euer Gnaden scheinen sie zu kennen.« – »Ich kenne sie noch weniger, ich kenne sie gar nicht!« entgegnete Hilmer hastig. Beide sahen einander eine Weile ganz verblüfft an. Dann fuhr Schneider fort: »Was kümmerten mich auch die Damen, wo ich ganz hingerissen war durch den Zauber Ihrer Kunst! Die Großartigkeit Ihres Allegros zwang mich zum zerknirschten Selbstbekenntnis meiner Schülerhaftigkeit, aber die himmlische Milde, die herzgewinnende Liebesfülle, mit welcher Sie Mozarts Rondo vortrugen, gab nur dann wieder den Mut, Ihnen meinen heißesten Wunsch zu offenbaren, – und so stehe ich denn hier und erwarte Ihren Entscheid.« Hilmers Zorn über den störenden Eindringling hatte sich gelegt. Der junge Mann konnte ein unterdrücktes Genie sein; sollte er ihm da nicht auf die rechte Bahn helfen? Und Herr Schneider war ein armer Teufel obendrein, der offenbar keinen Pfennig für den ersehnten Unterricht bezahlen konnte. Hilmer hatte ein edles, menschenfreundliches Herz. Schon der bloße Schein war ihm unerträglich, daß er den Bittenden abgewiesen haben könne, weil die Erfüllung seiner Bitte ihm selbst nur Mühe, nicht Gewinn brächte. Er ersuchte den Kunstjünger, ihm etwas vorzuspielen. Wie ein Herrscher schritt Achilles Schneider zum Flügel und begann mit hocherhobenen Händen und stets niedergetretenem Pedal den Hoffnungswalzer von Strauß hervorzuschmettern. Ob er einen Ton traf oder daneben schlug, schien ihm ganz gleichgültig, wenn nur das Feuer und die Kraft nicht fehlten. Hilmer unterbrach ihn schon nach zwanzig Takten. Er hatte genug: – das unterdrückte Genie war ein Dilettant von der schlimmsten Sorte. Statt aller Kritik fragte er den seltsamen Menschen nur, was denn bisher sein eigentlicher Beruf gewesen sei, und was er denn wirklich erlernt habe? »Ursprünglich wollte ich mich zum Gelehrten ausbilden«, antwortete jener, »und kam bis über die Mitte des Gymnasiums. Allein ich mißfiel den pedantischen Schulmeistern. Wenn die Geschichte Karls des Großen gelehrt wurde, dann sann ich sofort darüber nach, wie ich mich ausnehmen und was ich tun würde, wenn ich selbst heute Karl der Große wäre, und so wußte ich nie genau, was der alte Karl wirklich getan hatte. Wurde Sophokles gelesen, dann sah ich mich im Geiste als den Sophokles unserer Zeit, der mit achtzig Jahren übrigens ein ganz anderes Drama als den langweiligen Ödipus auf Kolonos dichten und die Nachgeborenen zur Bewunderung fortreißen würde. Und so blieb ich im Übersetzen des alten Sophokles immer der Schlechteste und wurde zuletzt vom Gymnasium weggejagt.« Hilmer begann Teilnahme zu empfinden; er entsann sich ähnlicher Phantasien aus seinen eigenen Schuljahren; doch hatte er sich zu bezwingen und etwas Tüchtiges zu lernen gewußt, was dem armen Jungen offenbar weniger gelungen war. Der letztere fuhr fort: »Mein Vater war Theaterdiener in Prag. Zu erneuten gelehrten Studien reichte das Geld nicht. Ich mußte daher trotz all meines Lateins die Rollen austragen und die Proben ansagen helfen, auch pflegte ich hinter der Szene Wind und Donner zu machen. Man verwandte mich nebenbei zu kleinen Rollen, und ich hoffte, ein großer Schauspieler zu werden. Allein während ich mich als Faust oder Wallenstein dachte, mußte ich einen Bedienten machen, der ein Glas Wasser bringt. Kein Wunder, daß ich es der Anstandsdame übers Kleid schüttete! Ich wurde von der Bühne verwiesen. Da tat mich mein Vater zum Theaterschneider in die Lehre. Doch ich verachtete jene moderne Unkunst, welche auf der Bühne mehr durch die Garderobe als durch den Geist zu wirken strebt. Der Geist! – darin liegt's! Der Geist hat mir überall ein Bein gestellt. Übrigens lernte ich damals mit Kleidern umgehen, und das ist der beste Anfang zur Kunst des Umgangs mit Menschen. Ich sann hierüber nach, und da noch kein Knigge ein Buch über den Umgang mit Kleidern geschrieben hat, so entwarf ich den Plan zu einer solchen Schrift im Kopfe, während ich die Schere in der Hand führte, und zerschnitt die Robe der Maria Stuart in ganz unheilbarer Weise. Man wies mich aus der Werkstatt. Da nahm mich das Restaurant des Theaters auf – als Aushilfskellner. Die Theaterrestauration ist in den Zwischenakten die wahre Börse der Bühne, wo die Wechsel auf den Erfolg der Dichter und Darsteller ausgestellt, diskontiert und protestiert werden. Ich redete eifrig mit, ich bewies, daß Donna Anna ihre erste Szene, welche ich nicht gehört, besser gesungen habe als ihre zweite Szene, welche ich auch nicht gehört hatte. Kein Wunder, daß ich zu servieren vergaß, und im Zwischenakt haben's die Gäste so eilig! Ich warf meine Bildung in die Wagschale der oft recht ungebildeten Debatte, und die Bildung warf mich zuletzt auch wieder zum Büfett hinaus. »Mein Vater war inzwischen gestorben, meine persönliche Verbindung mit der deutschen Bühne hierdurch abgebrochen. Und so zwang mich die bittere Not, eine Stelle als Bedienter zu suchen, wobei mir meine frühere dramatische Beschäftigung in Bedientenrollen sehr zu statten kam. Allein wenn ich schon als Bedienter in der Komödie immer vergessen hatte, mich ganz in den Geist eines wirklichen Bedienten hineinzudenken, so dachte ich mich jetzt als wirklichen Bedienten erst recht lebhaft in den Geist eines dramatischen Bedienten. Die Folge war, daß ich von den allergewöhnlichsten Bedienten übertroffen und immer tiefer herabgedrückt wurde und heute völlig beruflos und brotlos bin. Ich könnte ein ausgezeichneter Bedienter sein, wenn ich den rechten Herrn fände, der mich zu Höherem emporzöge, indem ich ihm diente, zum Höchsten! denn ich möchte doch gar zu gern und recht bald, – Eure Gnaden haben mir's gestern angetan! – als ein großer Klaviervirtuos auftreten, aber in ganz anderer Weise wie Eure Gnaden!« Hilmer fragte ihn, wie er denn so bald als Klaviervirtuose auftreten wolle, da er noch keine Tonleiter richtig spielen könne. »Eben daran fehlt es mir. Ich besitze alle Erfordernisse zum großen Klaviervirtuosen, nur Klavierspielen kann ich noch nicht. Eure Gnaden spielen Klavier wie kaum ein zweiter, aber alle übrigen Erfordernisse zum großen Virtuosen fehlen Ihnen ganz und gar.« Hilmer mußte laut auflachen. Der Bursche hatte recht. Er besann sich eine Weile; dann aber sagte er scharf: »Ich brauche keinen Bedienten.« »Verzeihung, gnädiger Herr! Sie haben einen solchen Gehilfen sehr notwendig. Jeder Künstler, der öffentliche Konzerte gibt, der reist – und Sie werden reisen –, hat heutzutage seinen Bedienten, Sekretär, Geschäftsführer oder wie man's sonst nennen mag.« »Ich werde nicht reisen; ich werde kein öffentliches Konzert mehr geben, – vielleicht niemals mehr, – wenigstens in nächster Zeit nicht.« »Wenn Eure Gnaden bloß noch in den Salons spielen wollen, dann brauchen Sie erst recht einen Bedienten, denn ein Künstler, der keinen Kammerdiener mitbringt, erscheint den hohen Herrschaften selbst wie ein Bedienter.« Hilmer ging lange schweigend auf und ab. Endlich fragte er: »Sie können den Geigern das a auf dem Klaviere richtig angeben?« – »Nicht bloß das a , sondern den ganzen D -Moll-Akkord!« – »Sie können Noten lesen? die Stimmen auflegen? Noten abschreiben? einen Geschäftsbrief entwerfen?« – Achilles nickte zustimmend. »Und kann Er Stiefel wichsen und Kleider ausklopfen?« Achilles versicherte, daß es ihn fast mehr kränke, wenn man ihm diese Fertigkeiten zutraue, als wenn man sie bezweifle, allein er sei Meister in solchen Dingen. Hierauf erklärte ihm Hilmer, daß er ihn zum Bedienten annehmen wolle, auf Probe bei dreitägiger Kündigung, und Achilles Schneider willigte in alle weiteren Bedingungen ein. So hatte unser Künstler durch seine ersten Konzerte zwar viel Geld verloren, aber den originellsten Bedienten von ganz Wien gewonnen. Er tröstete sich mit diesem überraschenden Ergebnis. V. In den ersten Tagen seines neuen Dienstes bekam Achilles gar nichts weiter zu tun, als Kleider und Schuhe zu reinigen, Briefe zur Post zu tragen und was dergleichen niedrige Geschäfte mehr sind. Wenn ihm sein Herr Stiefel zu wichsen befahl, dann nannte er ihn »Er«, wenn er ihm aber Noten abzuschreiben gebot, dann nannte er ihn »Sie«. Denn er meinte, die äußere Würde solle sich nach der Arbeit bemessen und nicht nach der Person. Am vierten Tage kam ein Brief von Lord Knaresborough, worin er Herrn Hilmer zu einer Soiree auf nächsten Montag abend einlud, mit der Bitte, »Musik« mitzubringen. Kaum hatte der Künstler den Brief gelesen, so rief er seinen Diener. »Entwerfen Sie eine höfliche Antwort an Lord Knaresborough. Ich bedaure, seine Einladung nicht annehmen zu können.« Achilles war starr vor Erstaunen. Er beschwor seinen Herrn, die höchst ehrenvolle Einladung nicht abzulehnen; die Abende des Lords seien berühmt in der ganzen Stadt, und der Engländer pflege die Herren Virtuosen mit den wertvollsten Geschenken zu belohnen, – »schreiben Sie, ich könne nicht kommen«, unterbrach ihn Hilmer mit gesteigertem Nachdruck. Aber Achilles ließ sich so leicht nicht besiegen. Er erzählte dem gestrengen Herrn, auch die Primadonna der Hofoper werde bei dem Lord am Montage singen, Ernst wird geigen, Servais Violoncell spielen, ein ganz erlauchter Kreis fremder und einheimischer Künstler werde dort versammelt sein, das wisse er alles von seinem Freunde, dem Portier. »Gut! vor diesem Publikum will ich spielen!« rief nun plötzlich Hilmer, wie verwandelt. »Entwerfen Sie eine freundliche Zusage an den Lord.« Am Montag abend versammelten sich die Künstler und Künstlerinnen bei Lord Knaresborough in einem eleganten Vorzimmer und wurden dort vom Lord und der Lady begrüßt, wobei man eine Art Cercle bildete. Dann entfernten sich die beiden Herrschaften und ließen ihre künstlerischen Gäste allein bis zum Beginn ihrer Vorträge. Die »Gesellschaft« befand sich in dem anstoßenden Salon, und die innere Türe des Künstlerzimmers führte unmittelbar zu einem Podium am oberen Ende des Saales, wo der Flügel stand. Zwischen dem Podium und den Zuhörern aber war eine dicke, rotseidene Schnur quer über die ganze Breite des Saales gespannt, damit die Künstler oder gar die Sängerinnen sich nicht vor oder nach ihrer Produktion unter die »Gesellschaft« mischten. Das war so englische Sitte, die der Lord nach Wien mitgebracht hatte: der Künstler, welcher für Geld spielte, die Sängerin, welche für Geld sang, waren nicht gesellschaftsfähig. Ludolf Hilmer sollte das Konzert eröffnen. Bevor er auftrat, erschien jedoch Achilles in ganz neuer Livree, legte die Noten feierlich auf das Klavierpult, stellte vier Wachskerzen derart zurecht, daß je eine hohe und eine niedere Kerze gepaart war, damit das Licht gleichmäßig auf die obere und untere Hälfte des Notenblattes falle, brachte hohe und niedere Lederkissen und legte sie prüfend und mit den Augen messend auf den Klavierstuhl, damit sein Herr die gewohnte Sitzhöhe ja sofort vorfände. Er machte dieses »szenische Arrangement« mit solch ergötzlicher Wichtigtuerei und zugleich mit aller Feinheit eines Schauspielers, der einen Bedienten spielt, daß die plaudernde Gesellschaft ganz stille wurde und ihm mit behaglichem Lächeln zusah. In diesem Momente gespannten Schweigens trat Hilmer vor und setzte sich an den Flügel. Achilles hatte ihm mit seiner dramatischen Aktion einen unschätzbaren Vorsprung verschafft: sonst mußte der Künstler zu spielen beginnen, damit die plaudernden Zuhörer allmählich verstummten; jetzt waren sie schon verstummt, bevor er anfing. Hilmer spielte die Cis -Moll-Nokturne von Chopin mit gewohnter Meisterschaft. Diese Musik paßte so recht zur schwülen, parfümierten Luft des Salons, sie war so ganz gemacht für die blasierten Herren und die nervösen Damen. Als aber die letzten Takte leise hingehaucht erstarben und die ganze Gesellschaft verhaltenen Atems lauschte, um dann in stürmischem Beifall ihrer Bewunderung Luft zu machen – da sank plötzlich die rote Schnur! Achilles hatte sich zur Seite geschlichen und sie unvermerkt im rechten Augenblicke ausgehängt. Zwar wollten sie die Bedienten des Lords wieder emporheben, allein Achilles stand mit beiden Füßen darauf und behauptete seinen Posten, und etliche Wiener Herren waren bereits über die gefallene Schnur geschritten und drückten dem Künstler die Hand, der nun auch seinerseits die Schnur überschritt und sich bald mitten im geheiligten Raume der Gesellschaft befand. Der Lord und die Lady rümpften zwar die Nase und sahen ganz entrüstet darein, aber die Schnur blieb für diesen Abend liegen. Denn da der unbekannte Herr Hilmer nun einmal in den Salon gekommen war, so konnte man doch die anderen hochberühmten Künstler nicht wieder ins Vorzimmer zurückschicken: Sie bewegten sich auch sehr fein und ungezwungen auf dem Parkettboden, belebten die Unterhaltung, ja die Primadonna trank sogar, mit dem russischen Gesandten plaudernd, eine Tasse Tee, als ob sich das ganz von selbst verstünde. Lord Knaresborough lud zwar unseren Virtuosen niemals wieder zu seinen Soireen, aber die Schnur wurde dort auch nicht wieder gesehen und Ludolf Hilmer von allen Kunstgenossen Wiens als der Retter der Standesehre gefeiert. Die Geschichte von der Schnur ging, poetisch ausgeschmückt, durch die Feuilletons: Hilmer war mit einem Schlage ein berühmter Pianist geworden. Der stillen Verdienste Achills gedachte freilich kein Mensch. Als er des anderen Morgens seinem Herrn die Stiefel brachte, die er vor lauter innerem Jubel nur halb gereinigt, sagte er mit Selbstgefühl: »Wir haben gestern den ersten durchschlagenden Erfolg gehabt!« »So scheint es. Aber wichse Er in Zukunft auch meine Stiefel mit besserem Erfolg!« erwiderte Hilmer trocken. VI. Schon nach wenigen Tagen machte der reiche Bankier Aaronsky unserem Künstler seine Aufwartung und lud ihn in den schmeichelhaftesten Formen zu einer der berühmten musikalischen Matineen, die er Sonntags in seinem Hause zu geben pflegte, – sofern man einen Palast ein Haus nennen kann. Ohne langes Besinnen sagte Hilmer zu. Auch der große Geiger Ernst war geladen, von welchem Herr von Aaronsky behauptete, er spiele Hegelsche Philosophie auf der Geige. Der Sonntag kam, und Hilmer fand sich pünktlich im Hause Aaronskys ein, gefolgt von Achilles, welcher die Noten und auch die Kissen trug. Denn der vollkommene Pianist sitzt auf seinen eigenen Kissen. Die ganze erlesene Gesellschaft war schon im voraus gespannt auf das Erscheinen des Bedienten, der beim Lord ein so artiges Vorspiel geliefert hatte. Allein Achilles gab durchaus nicht die Szene, welche man erwartete, sondern eine ganz neue. Ein Originalgenie wiederholt sich nicht. Mit der einfältigsten Bedientenmiene von der Welt legte er die Noten auf und ordnete das Geigenpult und den Klavierstuhl. Als dann aber Ernst zu ihm herantrat, um seine Geige zu stimmen, gab er, bedeutungsvoll zu dem Virtuosen aufblickend, nicht bloß das a an, wie gewöhnliche Kalikanten, sondern den vollen D-Moll-Dreiklang, wie ein Künstler, und zwar in drei wuchtigen, lang aushaltenden Schlägen, die wie die Einleitungsakkorde zu einer tragischen Symphonie erdröhnten. Er horchte auf. Die Geige war noch nicht ganz rein. Jetzt wiederholte er den Akkord, aber in einer Folge von Arpeggien, vom großen D bis hinauf zum dreigestrichenen a , wobei er diese Oberquinte mit aufgehobenem Pedal ganz leise verklingen ließ. Er horchte wieder verständnisvoll. Noch stand die Geige um eine Schwebung zu tief. Da schlug er den Akkord mit beiden Händen im Tremolo fortissimo an, daß die Saiten klirrten, und brach plötzlich ab: – die Geige war vollkommen rein. Stolzen Schrittes verschwand er. Man behauptete nachher, der Bediente habe beim Angeben des a eine ganze »symphonische Dichtung« gespielt, allerdings ohne Melodie, was übrigens auch sonst bei derlei Werken vorkomme, aber doch in drei Charaktersätzen: Allegro maestoso , Adagio cantabile und Presto con fuoco . Das Duett der beiden Künstler fand tobenden Beifall. Man wußte nicht, ob derselbe mehr dem weltberühmten Ernst galt oder dem neuentdeckten Genius Hilmer, dem Meteor, welches erst seit acht Tagen am Wiener Kunsthimmel sichtbar war. Als nach dem Schlusse der Matinee Achilles seinen Herrn im Vorzimmer erwartete, drückte der Haushofmeister auf Befehl des Bankiers dem Bedienten ein Trinkgeld von fünf Gulden in die Hand. Er hatte es ja so wohl verdient. Die dort versammelten Diener sahen es mit neidischen Blicken. Achilles aber trat zu dem Hausknecht, der ihm eben seine Noten und Kissen brachte, und schenkte ihm die fünf Gulden mit herablassender Handbewegung. Die ganze Dienerschaft steckte die Köpfe zusammen; Hilmer, der gerade vorüberging, hatte den Vorgang fliegenden Blickes bemerkt; doch tat er nicht dergleichen. Zu Hause fragte er Achilles, warum er das Trinkgeld nicht für sich behalten habe. Achill erwiderte: »Hätte mir's der niederträchtige Haushofmeister unter vier Augen zugeschoben, so hätte ich's gleich verstohlen mit Vergnügen in die Tasche gesteckt. Aber so öffentlich vor aller Augen – das schickt sich nicht für unsereins. Oder würden etwa Eure Gnaden die hundert Gulden, mit welchen dieser Aaronsky Ihren heutigen Klaviervortrag honorierte, angenommen haben, wenn er Ihnen vor den versammelten Gästen beim Abschied einen Hundertguldenschein überreicht hätte?« »Ich würde es nicht nur getan haben, ich tat es wirklich.« Achilles trat einen Schritt zurück, maß seinen Herrn mit großen Augen und rief: »Dann war ich heute der Virtuos und Sie –« »Und ich? Was will Er sagen? Geh Er hinaus und bürste Er meinen Mantel, damit Er merkt, daß Er der Bediente ist.« Hilmer setzte sich ans Klavier und phantasierte wie rasend durch alle Tonarten eine ganze Stunde lang. Als er aber nach acht Tagen wieder zu der Matinee des Bankiers geladen war und ihm Herr von Aaronsky am Schlüsse sehr artig eine Zigarre anbot und ihm dann angesichts der versammelten Gäste wieder eine Hundertguldennote in die Hand drückte, faltete der Virtuose die Note ganz ruhig zu einem Fidibus, führte sie ans Licht, zündete sich die Zigarre damit an und empfahl sich. Des anderen Tages sprach das ganze kunstliebende Wien von Ludolf Hilmers Fidibus. Nur ein Genie konnte im Anzünden einer Zigarre zugleich ein so zündendes Epigramm aufblitzen lassen. Nach der Geschichte mit der Schnur hatte die Zeitungskritik unseren Künstler auf die Kunsthöhe von Henri Herz erhoben; nach der Geschichte mit dem Fidibus erhob sie ihn auf gleiche Stufe mit Hummel und Thalberg. Was wäre der Virtuosenruhm ohne die Anekdote? Und Achilles sorgte dafür, daß zu den historischen Anekdoten von seinem Herrn auch noch viele mythische in Umlauf kamen. Denn was wäre die Künstleranekdote ohne den Mythus? Am 16. Dezember hatte Hilmer, wie wir wissen, den Achilles Schneider in seinen Dienst genommen und schon mit der Jahreswende hatte sich sein ungünstiges Geschick völlig gewendet. Im Januar erhielt er so viele Einladungen zu musikalischen Vorträgen in die vornehmsten Häuser, daß er kaum die Hälfte annehmen konnte. Im Februar gab er sein drittes eigenes Konzert trotz des früheren Vorsatzes, überhaupt kein solches mehr zu geben wollen. Achilles hatte freie Hand erhalten, alle zweckdienlichen Vorbereitungen zu treffen; vierzehn Tage lang hatte er mit aufreibender Hingabe für diesen Zweck gearbeitet und sich zum besonderen Lohne nur ausbedungen, daß ihn sein Herr niemals wieder mit »Er« anrede und einen eigenen Stiefelwichser anstelle. Der Erfolg des Konzertes war wunderbar. Man maß ihn nicht nach der Zahl der Anwesenden, die sich Schulter an Schulter im Saale drängten, sondern nach der Schar der Abgewiesenen, die kein Billett mehr erhalten konnten. Obgleich Hilmer nie wieder so gut gespielt hatte, wie in dem trostlosen zweiten Konzert, sprach ihm doch Achilles seine steigende Bewunderung aus über seine riesenhaft wachsende Virtuosität. Er war zufrieden mit seinem Herrn, und es ist in unseren Zeiten immer erfreulich, wenn sich die Herrschaften die Zufriedenheit ihrer Diener erwerben. VII. Ganz im stillen räsonierte Achilles doch zuweilen über Hilmers Lebenswandel, der ihm von Tag zu Tag unheimlicher vorkam. Der gefeierte Künstler lebte nämlich sozusagen gar nicht. Er brütete einsam zu Hause, schrieb Noten oder spielte Klavier; er fuhr nicht spazieren, ging in kein Kaffeehaus, besuchte keinen Ball; er besaß nur Bewunderer, keine Freunde, und mied die heitere Wiener Gesellschaft, in welcher er doch hätte glänzen können. Vor allem aber hatte er nicht das kleinste Abenteuer mit irgendeiner Dame. Achilles sann lange vergebens über dieses rätselhafte Wesen seines Herrn. Da blitzte ein erschreckender Verdacht in ihm auf: der Ärmste war wohl gar ernstlich verliebt! Verliebt – in wen? Von der Geliebten vermochte selbst Achilles' Scharfblick keine Spur zu entdecken. Aber gerade eine Liebe, die so heimlich, daß nicht einmal der Bediente sie durchschauen kann, ist die allertiefste und gefährlichste. Achilles wagte, schwer bekümmert, hierauf anzuspielen; – Hilmer tat, als höre er's nicht, und wies ihn barsch an seine Arbeit. Nun war ihm sein Verdacht erst recht bestätigt. Wenn sein Herr alle Woche einen anderen Liebesroman eingefädelt hätte, das wäre wunderschön gewesen; denn in solchen Fällen ist ein Bedienter unentbehrlich, er wird der Herr seines Herrn, wie uns hundert alte Lustspiele lehren. Bei einer ernstlichen Liebe dagegen wird das geliebte Wesen vielmehr die Herrin, und was so ein leidenschaftlich Liebender sich selbst kaum zu gestehen wagt, das vertraut er noch viel weniger seinem Bedienten. Hilmer schien diesem durchaus unstatthaften Zustande verfallen zu sein. Es ließ Achilles keine Ruhe; er mußte der Sache auf den Grund kommen. In einer stillen Stunde, wo sein Herr, was jetzt so selten geschah, das Haus verlassen hatte, unterwarf er dessen Schreibpult einer gründlichen Untersuchung. Er glaubte Briefe, Verse, ein Band, eine Haarlocke finden zu müssen; allein er fand gar nichts derart, wohl aber eine Menge vielfach umgebildeter Skizzen zu einer halb vollendeten Klaviersonate. Also dies nur und nichts anderes war es, woran sein Herr nächtelang so eifrig geschrieben hatte! Achilles beschaute die Sonate sehr lange von hinten und vorn, von oben und unten. Sie ging aus Des -Dur; das ist die wahre Tonart der Verliebten; das Adagio stand gar in B -Moll – das ist die Tonart der in sich selbst verglühenden Leidenschaft. Für das Konzert war sie offenbar nicht bestimmt; sie schien sehr einfach; die großen Läufe, die fingerbrechenden Arpeggien, die unfaßbar schweren Kadenzen fehlten gänzlich. Aber da stand viel molto espressivo , dolcissimo , affettuoso , languisando , smorzando . Eine Sonate derart, die obendrein niemals fertig wird, schien sehr verdächtig. Der Musiker haucht seine Liebesseufzer in Noten aus; – wenn man den Noten nur ansehen könnte, an wen die Seufzer gerichtet sind! Plötzlich entdeckte Achilles über den ersten Takten des Adagios ein ganz leicht mit Bleistift geschriebenes, halb verwischtes Wort mit drei Ausrufezeichen, welches nicht wie eine Vortragsweisung aussah. Er buchstabierte lange daran. »Jetzt hab' ich's!« rief er, »sie heißt Marie!« »Jetzt hab' ich dich erwischt! Unverschämter!« rief zu gleicher Zeit sein Herr und klopfte ihm auf die Schulter. »Was hat Er in meinem Pulte zu suchen? die Schubladen zu öffnen? die Papiere durcheinander zu werfen?« Achilles war einen Augenblick sprachlos, aber nur einen Augenblick. Dann sagte er im Tone wahrhaft väterlicher Bekümmernis: »Gnädiger Herr! Ich bemerkte schon lange, daß eine unselige Leidenschaft an Ihrem Herzen nagt, Ihren Adlerflug lähmt und Ihre Gesundheit zerrüttet. Sie verschließen sich gegen mich, und ich möchte Sie retten, auch wenn ich Ihren ganzen Zorn auf mich lüde. Sie lieben! Und, wie es scheint, im bitteren Ernste. Ein großer Pianist darf sich verlieben, aber lieben darf er nicht, geschweige denn sich verloben, oder gar verheiraten. Viituosenehen enden immer unglücklich. Die Klangkraft unserer heutigen Flügel und die Tonfülle unserer neuesten Musik macht jede Ehe eines Klaviervirtuosen auf die Dauer unhaltbar. Auch die zärtlichste Gattin hält es nicht aus, Tag und Nacht Etüden fortissimo spielen zu hören. Das Ehepaar müßte zwei Häuser in verschiedenen Straßen bewohnen« – Hilmer unterbrach den Schwätzer und sagte, er habe ihm gestattet, seine Konzertgeschäfte zu besorgen, nicht aber sich in seine Herzensangelegenheiten zu mischen. Achilles behauptete dagegen, diese Herzenssache gehöre durchaus zur Konzertfrage, denn sie drohe alle Konzertgeschäfte umzuwerfen. Und nun stritten sich beide so heftig darüber, ob die Liebe das Konzert berühre oder nicht, daß der Herr dem Diener zuletzt im hellen Zorn zu schweigen befahl und das Zimmer zu verlassen und ihm den Dienst auf übermorgen kündigte. VIII. Am dritten Tage erschien Achilles Schneider vor seinem bisherigen Herrn, um sich von ihm zu verabschieden und das Haus zu verlassen. Sehr bescheiden und gerührt sprach er seinen Dank aus. »Mein letztes Wort«, so schloß er, »sei ein Wort der Bewunderung. Sie haben viel Meisterhaftes gespielt, aber ganz unübertrefflich spielten Sie doch Field und haben von Woche zu Woche immer besser Field spielen gelernt.« »John Field?« fragte Hilmer erstaunt. »Ich habe seit Jahren keine Note von Field gespielt!« »Das bezweifle ich nicht!« entgegnete Achilles. »Ich sprach auch nicht von Noten, sondern von Field.« Hilmer bat um eine deutlichere Erklärung, und Achilles begann: »Mein Dienst ist zu Ende; also sei Wahrheit zwischen uns. Ich glaube alles zu besitzen, was zu einem großen Klaviervirtuosen gehört, nur Klavier spielen kann ich nicht. Sie sind ein Klavierspieler ersten Ranges, allein bevor ich zu Ihnen kam, fehlte Ihnen nicht weniger als alles, was zum großen Virtuosen gehört. Sie wollten mich nicht in die Klavierschule nehmen, allein Sie erlaubten, daß ich Sie in die Virtuosenschule nahm. Ich lehrte Sie Field spielen. Als John Field, der große Meister des modernen Klavierspiels, nach Petersburg kam, war er noch unbekannt und nur als Schüler Clementis in dem Hause eines vornehmen Kaufmanns und Kunstmäzens eingeführt. Er wurde zu dessen Abendgesellschaften eingeladen. Da sah er, wie den plaudernd umherstehenden Gästen Champagner und andere gute Dinge serviert wurden, aber an ihm ging der Bediente jedesmal vorbei, und als er ihm zurief, er möge ihm doch auch ein Glas Champagner geben, tat der Schlingel, als höre er's nicht. Das war so Sitte des Hauses. Doch als zuletzt der Kaufmann dem jungen Künstler eine Hundertrubelnote einhändigte, rief dieser den Bedienten herbei und drückte ihm die hundert Rubel in die Hand – für aufmerksame Bedienung. Der Vorgang machte ungeheures Aufsehen; die ganze Stadt sprach von Field, dessen Namen vorher kein Mensch gekannt hatte; er war von Stund' an ein namhafter Künstler. »Nun werden Sie mich doch verstehen, gnädiger Herr, daß wir beide Field gespielt haben. Die Geschichte mit der Schnur bei Lord Knaresborough war meine Erfindung, im Grunde war sie aber doch nur eine freie Phantasie über Fieldsche Motive, die Geschichte mit dem Trinkgeld bei Aaronsky eine Variation über ein Thema von Field, und Sie variierten dann wieder meine Variation, indem Sie die Banknote als Fidibus verbrannten. Die Kunstgriffe entstehen wie die Kunstwerke: wir verändern, indem wir unsere Vorgänger nachahmen, und das nennen wir dann Originalität. Ein wirkliches Original war schließlich nur Adam, und den hat Gott nach seinem Ebenbilde geschaffen.« Hilmer staunte und dachte bei sich: »Der Kerl ist doch unbezahlbar! Man sieht, wie die Gymnasialstudien höherer Klassen bei einem Bedienten nachwirken.« Dann fragte er ihn, ob er Field jemals gesehen und gehört, ob er ihn gekannt habe? »Nein! aber ein ehemaliger Diener Fields erzählte mir dies alles und vieles andere; vermutlich war es teilweise erlogen, und doch genügte es mir, um Schule bei Field zu machen. Jener Diener war übrigens von dem Virtuosen fortgejagt worden, weil er ihn bestohlen hatte. Ich werde Sie niemals bestehlen, denn kein Künstler bestiehlt einen Künstler. Und nun habe ich nur noch eine Bitte. Sie haben mich als Ihren Bedienten entlassen; das ist nicht mehr zu ändern, aber ich bitte: nehmen Sie mich als Ihren Sekretär wieder auf! Nicht bloß um meinetwillen, sondern auch um Ihretwillen. Die großen Virtuosen und Sängerinnen haben Sekretäre; Künstler zweiten Ranges begnügen sich mit einem Bedienten. Sie haben mir die Livree abgenommen, verleihen Sie mir einen Frack mit weißer Halsbinde. Ich werde dann erst auf der Reise, in der Gesellschaft, in der Presse, im Publikum meine volle Tatkraft für Sie entfalten können.« Der Bursche war unwiderstehlich. Er hatte Gedanken im Kopf und die schalkhafteste Keckheit dazu, über die man sich anfangs ärgerte, um hinterdrein darüber zu lachen. War er nicht ein Genie in seiner Weise? Und hatte sich Hilmer seit vorgestern nicht schon mehrmals ganz im stillen gestanden, daß ihm Achilles unentbehrlich geworden sei? Er nahm ihn in Gnaden wieder auf – als Sekretär unter der Bedingung, daß er sich niemals mehr um seine Privatangelegenheiten kümmere, widrigenfalls er sich nicht nach einer dreitägigen, sondern nach einer dreistündigen Kündigungsfrist aus dem Hause zu entfernen habe. Achilles küßte dem gnädigen Herrn dankend die Hand und sagte dann, ganz leise flüsternd: »Field hatte sich auch einstmals verliebt in eine schöne Französin und resolut, wie er war, schrieb er der völlig Unbekannten sofort: Mein Fräulein! Ich liebe Sie. Im Mai werde ich zweitausend Rubel haben, dann will ich Sie heiraten. Sind Sie einverstanden? Ihr ergebenster John Field.‹ Die Dame antwortete umgehend mit Ja! Doch sowie er dieses Jawort erhalten hatte, verfiel der Künstler in Tiefsinn, er komponierte nicht mehr, spielte nicht mehr, trank keinen Champagner mehr! – bis ein Freund den Grund seines trostlosen Zustandes entdeckte und die Sache rückgängig machte. Da lebte Field wieder aus. Ein Virtuos darf sich verlieben, aber beileibe keinen Heiratsantrag –« Hilmer hieß ihn schweigen, und Achilles verstummte. Nach einer Pause fügte er jedoch noch leiser als vorher und mit anmutigster Schalkhaftigkeit hinzu: »Übrigens soll Field selbst in jenen trostlosen Tagen nicht an die Komposition einer Sonate gedacht haben. Er liebte Sonaten überhaupt nicht, sondern zog, soviel ich weiß, das elegantere Notturno vor.« IX. Als Hilmer allein war, fühlte er sich von inneren Widersprüchen grausam hin- und hergezerrt. So resolut wie Field hätte er einer Dame nicht schreiben können. Welcher Dame? Er dachte nur an eine einzige und wagte nicht einmal, sich ihr von ferne zu nähern. Hatte er denn wirklich Field gespielt? Er schämte sich, daß er's in der Tat, wenn auch ganz wider Wissen und halb wider Willen, getan; er wollte es nicht wieder tun. Allein wäre er binnen weniger Wochen ein berühmter Virtuose geworden, wenn ihn sein Bedienter nicht Field spielen gelehrt hätte? Was hatte er dabei gewonnen? Das Publikum war entzückt über ihn, aber er war nicht entzückt über sich selbst. Nach allen Beifallsstürmen klangen ihm immer zuletzt die Worte jenes unbekannten Mädchens nach dem ersten Konzerte im Ohr, daß ein Mann von seinen Studien und seiner Bildung eigentlich gar keine Virtuosenkonzerte geben, sondern dieselben den gewöhnlichen Musikern überlassen solle. Die schöne Unbekannte hatte es ihm angetan. Er suchte sie überall, allein er sah sie immer nur von ferne, in Konzerten, wo gute Musik, im Theater, wenn eine klassische Oper aufgeführt wurde. Mehrmals war es ihm beinahe gelungen, sich ihr zu nahen, und doch gelang es ihm nie. In seinem so dünn besuchten zweiten Konzert hatte die Dame unbemerkt hinter dem Ofen gesessen, er hatte sie nicht gesehen und doch für sie gespielt. In dem überfüllten dritten Konzerte sah er sie in vorderster Reihe sitzen und konnte nicht für sie spielen. Beim Herausgehen hätte er sich ihr gerne in den Weg gestellt, aber die gewaltige Menschenmasse und die Kenner, welche ihn glückwünschend umringten, wehrten es ihm. Seinen ganzen Virtuosenerfolg würde er nun darum gegeben haben, wenn er nur gewußt hätte, wer das blonde Mädchen eigentlich sei und wie sie heiße. Doch das konnte ja Achilles leicht für ihn ausspüren; als Bedienter im Lustspiel mußte er dergleichen gelernt haben. Allein es dünkte Hilmer Entweihung des Heiligsten, wenn er einen solchen Menschen mit dieser Aufgabe betraute. Hatte der Bediente den Künstler gelehrt, ein Virtuos zu sein, so konnte er ja auch dem Liebenden das Liebeswerben lehren. Hilmer war über sich selbst empört, als ihm dieser Gedanke auch nur ironisch durch die Seele fuhr. Er konzertierte jetzt kühn wie der weitläufigste Virtuose, aber in seiner schüchternen Verehrung für die Unbekannte war und blieb er der hilflos verlegene deutsche Gelehrte. Da lächelte ihm unversehens ein kaum gehofftes Glück: er erfuhr ihren Taufnamen – Maria! Dies geschah folgendermaßen. Hilmer stand in der hintersten Fensternische des Verkaufsraumes einer Musikalienhandlung und stritt mit einem Kunstgenossen über die Vorzüge der Londoner und Wiener Flügel. Er pries die »englische Mechanik« und schilderte beredt und mit erhobener Stimme, wie hier dem schweren Anschlage, den nur die starke Hand des Meisters beherrscht, die höchste Tonfülle entspreche, als er hinter sich eine Mädchenstimme vernahm, so zart und süß wie der verschwebende Pianoklang des weichsten Streicherschen Flügels. Er blickte um: – sie war es! die Unbekannte! Leider empfahl sie sich eben mit einem dicken Band Noten unterm Arme, den sie eingekauft hatte. Hilmer wollte ihr nacheilen, doch sein streitfertiger Kollege hielt ihn am Rockknopfe fest und bewies ihm, daß die weiblich weichen Streicherschen Klaviere doch den männlich harten englischen weitaus voranständen. Unser Künstler gab seinem Widersacher auf einmal alles zu, damit er nur ende. Aber die Erscheinung war verschwunden. Zuletzt fand sich Hilmer allein mit dem Handlungsdiener, der so glücklich gewesen war, den dicken Notenband an die unerreichbare Dame zu verkaufen. Es war Bachs »Wohltemperiertes Klavier« gewesen. »Das Fräulein kauft nur klassische Sachen«, berichtete der Kommis auf des Künstlers schüchternes Befragen. »Sie begehrt fast immer Musik, die kein Mensch begehrt.« Und ihr Name? Der Ladenjüngling wußte ihn nicht. Denn sie entlieh keine Noten aus der Leihanstalt, sie kaufte, was sie brauchte; – eine höchst rühmliche Eigenschaft! dachte Hilmer, – und sie ließ sich nie eine Rechnung schreiben, sondern bezahlte gleich bar; – eine vortreffliche Gewohnheit! Sie nannte die ältere Dame, welche sie meist begleitete, Tante, und die Tante nannte ihre Nichte – Marie. Beide waren aus Karlsruhe und lebten schon den ganzen Winter in Wien. Dies war alles, was Hilmer erfahren konnte. Er besuchte fortan täglich die Musikalienhandlung, kaufte und bestellte eine Menge Werke, die er eigentlich gar nicht haben wollte, und kramte müßig in den aufliegenden Notenheften, was ihm sonst verhaßt war. Allein Marie erschien nicht wieder. Sie hatte an dem »Wohltemperierten Klavier« vermutlich für Monate genug. Auch Hilmer hatte wenigstens für Wochen genug, um über dem wenigen, was er nun von Marie wußte, zu brüten, – für einen gewöhnlichen Menschen so wenig und für einen Liebenden so viel! Marie war also eine Karlsruherin. Hilmer entsann sich jetzt, daß Karlsruhe ganz besonders reich sei an reizenden Mädchen. Und die Karlsruher Mundart dünkte ihm plötzlich die schönste von ganz Deutschland. Sonst hatte er als Heidelberger Karlsruhe etwas von oben herab angesehen; nun entdeckte er, daß es doch eine recht vornehm anmutige Stadt sei, ja eine poetische Stadt, hart am Walde gelegen, dessen Eichenwipfel die Häuser der äußeren Straßen da und dort überragen, dessen frischer Duft am Sommerabend zu den geöffneten Fenstern einströmt. Marie wohnte vermutlich vordem in einer solchen Straße, etwa in der Stephanienstraße. Wichtiger wäre es ihm freilich gewesen, wenn er gewußt hatte, wo sie jetzt in Wien wohnte. Doch das erfuhr er nicht. Sie war kein gewöhnliches Mädchen, vielleicht etwas eigensinnig, aber sie hatte selbständiges Urteil. Sie hatte ihn getadelt – nach seinem ersten Konzert – und gerade darum gefesselt; denn sie tadelte ihn, weil sie Höheres, Höchstes von ihm erwartete. Das wollte er leisten. Er komponierte die Sonate, mit der er niemals fertig wurde, eine Sonate, im reinsten, idealsten Stil. Er verliebte sich in seine Sonate, bis ihm die Gedanken vergingen, – und dann hört das Komponieren auf! – weil er in das Mädchen verliebt war, welches er nur in Gedanken erreichen konnte, – und diese Liebe ohne Ziel und Ende trieb ihn im Ringe immer wieder zu der nicht endenden Sonate zurück. Dem Adagio hatte er ein Motiv aus Palestrinas Hymne an die Jungfrau Maria eingewoben und »Maria« darüber geschrieben, ein Motiv Palestrinas zur Erinnerung an die Heidelberger Musikabende bei Thibaut, wo man fast nur Palestrina sang, wo »sie« ihn zuerst beobachtet und er sie leider gar nicht bemerkt hatte; – und gerade bei diesem Adagio war er im Komponieren hilflos steckengeblieben. Eine ganze Welt von Gefühlen schlummerte in dieser Sonate: Liebessehnsucht, Heimweh nach Heidelberg, Heimweh nach entschwundenen höheren Jugendidealen, Schmerz und Entsagung, Stolz und Triumph. Er schrieb das Werk für »sie« allein; nur ihr wollte er es vorspielen mit vollendeter Meisterschaft, nicht eher wollte er sie aufsuchen, bis die Sonate vollendet war, – und die Sonate ward nicht fertig. X. Das ging so fort, bis der Frühling ins Land kam. Und mit der erwachenden Natur erwachte auch Hilmer wie aus einem Traume. Seine Liebe war eine Krankheit, seine Liebe zu der Unerreichbaren, die er doch nur darum nicht erreichen konnte, weil er den Mut nicht fand, sie ohne Umstände aufzusuchen. Und er wollte genesen! Sechs Wochen lang kann man wohl für ein Wesen schwärmen, welches man nicht kennt, weil man's nicht kennenzulernen wagt, aber sechs Monate lang, – das wird zuletzt kindisch. Und Hilmer fühlte sich zu alt für solche Kinderei. Diese und viele andere gescheite Dinge sagte er sich jetzt dutzend Male vor; er gab sich die größte Mühe, sich vor sich selbst zu schämen und über die verhexte Karlsruherin zu ärgern. Er warf die unvollendete Sonate in die Ecke, sie sollte in Ewigkeit unvollendet bleiben; dagegen beschloß er seiner Liebe um so geschwinder ein Ende zu machen. Achilles hatte recht: ein großer Virtuos darf mit der Liebe spielen wie mit einer Trillerkette, wie mit einer Arpeggienkadenz, aber lieben darf er nicht. Und Hilmer wollte fortan ganz und gar Virtuose sein; sein Ruhm war gegründet, er wollte Wien verlassen, die große europäische Reise antreten, hinausstürmen ins Leben, in die Welt und vergessen, daß er einmal so kindisch geträumt hätte. Aber die Wiener sollten zum Abschied noch ein Konzert von ihm hören, wie sie noch niemals eines gehört, unvergleichbar, durchweg neu, überraschend von vorn bis hinten. Für die äußere Anlage dieses Konzertes war Achilles sofort mit gutem Rate zur Hand. Er meinte, sein gnädiger Herr habe zuletzt im größten Saale Wiens vor Tausenden gespielt, nun solle er zu allerletzt wieder in demselben kleinen Saale spielen, in welchem er vor einem halben Jahre so bescheiden angefangen. Das Abschiedskonzert müsse rätselhaft sein in allen Stücken, selbst in der Wahl des Ortes. Jener Saal fasse dreihundert Plätze; diesmal aber dürften nur hundertfünfzig Karten ausgegeben werden. das Stück zu zehn Gulden; lauter bequeme Fauteuils müßten im Saale stehen, Diwans an den Wänden, nirgends ein gemeiner Rohrstuhl, nicht einmal in der Garderobe. Nur ein hoher Adel, nur vornehme und reiche Leute dürften den phantastisch geschmückten Raum füllen, Freibillette seien höchstens an zwölf der berühmtesten Künstler und Künstlerinnen auszugeben. Nur Musik von aristokratischem Parfüm dürfe gespielt werden, feinste Salonmusik; Tonstücke für bürgerliche Menschen, wie sie Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und ähnliche Sonatenschreiber komponierten, seien strenge fern zu halten. Hilmer war entzückt von diesem Plan und fand auch bald das richtige Programm zusammen; nur die Krönung des Ganzen, die Schlußnummer, fehlte noch. Er zerbrach sich lange den Kopf darüber, endlich rief er: »Ich hab's gefunden!« und zog aus dem Notenberge, der sich unordentlich neben dem Flügel türmte, ein Manuskript hervor und sprach: »Hier ist ein Zyklus von sechs Klaviersätzen, die ich vor Jahr und Tag komponiert und noch nirgends gespielt habe; sie führen den Titel ›Dämmerungslieder ohne Worte‹ –« »Lieder ohne Worte!« unterbrach Achilles, »ach! das ist ja gar nichts Neues; die Mendelssohnschen werden bereits von allen Backfischen gespielt.« »Aber das Werk hat noch einen Untertitel«, belehrte Hilmer: – »Sechs Märchenbilder.« Achilles wiederholte, langsam die Worte wägend: »Dämmerungslieder ohne Worte, sechs Märchenbilder! – Die Dämmerung ist ein neues musikalisches Kolorit, auch wählte man bisher nicht gerade das Klavier, um Märchen zu erzählen. Allein, was soll man sich für Märchen denken? Doch nicht Grimms Hausmärchen? Die sind bürgerlich!« Der Künstler sprach: »Die Großmutter pflegte uns Kindern am Abend Märchen zu erzählen, aber bevor sie begann, sagte sie jedesmal: ›Blast die Lichter aus!‹ Und wenn wir uns dann im Dunkeln oder im Dämmerschein des Mondes immer enger an sie schmiegten, dann klangen uns ihre Märchen so schaurig und wir sahen die Traumgestalten der Feen und Kobolde so leibhaft und glaubten alles so fest, was wir bei hellem Licht bezweifelt hätten. An diese Dämmerstunden dachte ich, als ich meine Dämmerungslieder komponierte, und bei jedem dieser Lieder schwebte mir ein anderes Märchen der Großmutter vor.« »Ich habe eine Idee!« rief Achilles, »sie ist tausend Gulden wert! Was Sie eben sagten, das muß alles dem Publikum erzählt werden, zwischen der Musik, und zwar in Versen. Sie sind ja auch Dichter; dichten Sie um Gottes willen! – nur sechs Strophen –, vor jedem Klaviersatz wird eine Strophe gesprochen, die den Leuten sagt, welches Märchen sie sich nunmehr denken sollen. Und auf den Zettel setzen wir: ›Dämmerungslieder ohne Worte, Worte und Lieder von Ludolf Hilmer‹, und halb Wien zerbricht sich den Kopf über diesen Titel. Zum Anfang aber müssen Sie die Geschichte von der Großmutter in Versen geben, und bei der Stelle: ›Blast die Lichter aus!‹ lassen wir mit einem Ruck die Gasflammen zurückdrehen und die ganze Gesellschaft lauscht in der Dämmerung den Dämmerungsliedern. Das wird einen unerhörten Effekt machen.« Hilmer lachte den tollen Ratgeber aus; aber Achilles sprach sehr ernst und ganz lehrhaft: »Wir wollen heutzutage die Musik nicht bloß hören, sondern auch sehen, wir wollen Gemälde nicht bloß betrachten, sondern auch hören; – das liegt im Geiste der Zeit. Wagen Sie nur, es auszusprechen! In vierzig Jahren wird man Ölgemälde mit Orchesterbegleitung betrachten und Symphonien mit lebenden Bildern hören.« Nach langem Widerstreben überwand sich Hilmer, die Verse zu machen, und willigte zuletzt auch in die Verdunkelung des Saales. War er nun doch einmal Virtuose, so wollte er's auch völlig sein. Wer aber sollte die Verse sprechen? Die tragische Heldin der Hofburg? Achilles protestierte dagegen und meinte, dann müsse man den Namen der Künstlerin auf den Zettel setzen, und damit sei die ganze Überraschung vereitelt. Überdies würde sich die berühmte Dame zu der kleinen »Episode« nur verstehen, wenn man ihr auch noch eine Hauptnummer im ersten Teile des Konzerts einräume, – etwa den »Gang nach dem Eisenhammer« oder das »Lied vom braven Manne!« – Das gehe nicht an. »Der Redner«, so fuhr Achilles fort, »muß sich auf die einzige kleine Aufgabe beschränken; unerwartet, unerkannt erscheint er im fernen Hintergründe; als ein Rätsel muß er während des Präludiums kommen, die wenigen Verse als ein Meister sprechen, als ein Rätsel mit dem letzten Akkorde wieder verschwinden. Ich kenne nur einen Mann, der alle diese Forderungen erfüllen mag und kann, und dieser Mann bin ich selbst.« Hilmer sah ihn mit großen Augen an und meinte, die Aufgabe sei ihm doch zu schwer. Achilles erwiderte stolz: »Sie haben mir früher eine Aufgabe gestellt, die mir allerdings fast zu schwer gewesen ist, und ich habe sie doch gelöst; das war die Aufgabe, Ihre Stiefel zu wichsen. Es ist mir unendlich viel leichter, Ihre Verse zu sprechen; ich war dramatischer Künstler, ich kann es heute noch sein!« Und sofort begann er zur Probe: »Nachts um die zwölfte Stunde Verläßt der Tambour fein Grab,« und sprach die ganze »Nächtliche Heerschau« von Zedlitz so geisterhaft, daß ihm Hilmer mit steigender Spannung bis zum Schlusse folgte und zuletzt dem tollen Burschen wirklich zugestand, die geplanten Verse zu sprechen, vorausgesetzt, daß er ganz im Hintergründe bleibe und daß ihn niemand im Helldunkel zu erkennen vermöge. XI. Das Konzert fand statt. Alle Plätze waren verkauft, sogar auf zwei Leitern an den Hoffenstern des Saales standen Zuhörer, denen Achilles dort ganz insgeheim vier Sprossen vermietet hatte; er erprobte sich als der vollendete »Sekretär«, indem er fünfundzwanzig Saalkarten für eigene Rechnung kaufte, um sie dann gegen dreißig Prozent Aufgeld an »Fremde« wieder abzugeben. Doch wären ihm beinahe zwei Vorderplätze übriggeblieben, wenn sie sich nicht ganz zuletzt ein Fräulein Marie Dagolf, Stephansplatz 12, im zweiten Stock, hätte schicken lassen. Sie mußte fünfzig Prozent Agio zahlen, von Rechts wegen, weil sie so lange gesäumt hatte. Hilmer spielte hinreißend; der Erfolg war unerhört. Und doch schwebte Achilles in großer Angst, denn seinem scharfen Auge entging es nicht, daß sein Herr vor Aufregung zitterte und während der kurzen Ruhepausen wortlos, wie ein Träumender, im Nebenzimmer saß. Bei den »Dämmerungsliedern« erregte die plötzliche Verdunkelung zwar einige Unruhe im Publikum, doch lächelnd und flüsternd erkannten die Hörer bald die Absicht und folgten dann verhaltenen Atems. Hilmers Verse waren kurz und gut, seine Musik wunderbar charakteristisch, Achilles sprach schlicht, ergreifend. Das letzte der Märchenbilder war »Dornröschen«; es hatte eine sehr zart anmutige Grundmelodie, fast wie ein Volkslied. Hilmer begann dieses Motiv, aber zu Achilles' großem Schrecken brach er plötzlich mit einem Trugschlusse ab, hielt ein, blickte sinnend in den Saal und modulierte dann zu einer anderen, ganz fremdartigen Weise hinüber und phantasierte in leisen, feierlichen Akkorden, die kein Ende nehmen wollten. »Er hat sich verirrt!« dachte sein Genosse; ,»wie wird er sich wieder herausfinden!« In der Tat! er hatte sich verirrt. Schon beim Beginne des Konzerts sah er Marie in der vordersten Reihe, und je länger er spielte, um so toller verwirrten sich seine Gedanken, und doch spielte er so meisterhaft, denn er spielte für sie; – sollte er schließen, ohne ihr persönlich ein Wort m Tönen gesagt zu haben? Als er sich diese Frage stellte, brach er die volkstümliche Leitmelodie Dornröschens ab und intonierte den Hymnus Palestrinas an die Jungfrau Maria und bildete jenes Adagio seiner Sonate in freiem Fluge weiter und spann es scheinbar endlos fort, den Faden verlierend und wiederfindend, aber ganz zuletzt kam er doch wieder auf die rechte Spur, er kam wieder zu sich selbst, und die mystisch verschlungenen Tonfolgen gewannen in einem jubelnd aufstürmenden Allegro ihren hinreißenden Schluß. Die Kritik fand des anderen Tages, daß der Künstler den – Schlaf Dornröschens und sein Erwachen in packend wahrer Tonmalerei wiedergegeben habe. Da sehe man recht, wie klar auch die reine Instrumentalmusik poetische Bilder malen, poetische Vorgänge erzählen könne, – nur habe Dornröschen fast etwas zu lange geschlafen. Die klugen Rezensenten ahnten nicht, daß sie vielmehr ein Liebesgeständnis in Palestrinaschen Kirchenmotiven gehört hatten. Als Hilmer geendet, umdrängten ihn glückwünschende Gönner und Verehrer; etwas unhöflich machte er sich kurzweg von ihnen frei und drängte sich durch die Leute zu den vorderen Stühlen, zu Marie und ihrer Tante. Schon hatte er sie beinahe erreicht, da hielt ihn ein Unbekannter fest, der sich ihm als Xaver Piesenkam vorstellte, welcher eben eine neue Musikalienhandlung in der Alservorstadt begründet habe, und ihn aufs dringendste bat, ihm die Dämmerungslieder in Verlag zu geben. Hilmer hörte kaum, was der Mann sprach, und sagte ihm alles zu, was er begehrte, nur um ihn los zu werden. Doch als ihm dies zuletzt wirklich gelang, waren die beiden Damen bereits verschwunden. Des anderen Morgens erhielt er drei Zuschriften von Artaria, Haslinger und Mechetti, sie boten ihm hohe Summen für den Verlag der Dämmerungslieder, und der Virtuos entsann sich erst jetzt, daß er sein Werk gestern abend einem obskuren Winkelverleger geschenkt hatte, um nur das erste Wort mit Marie sprechen zu können. Und er hatte das Mädchen doch nicht gesprochen. Wäre ihm sein Sekretär nach dem Schlusse des Konzertes hilfreich zur Seite gestanden, so würde er die Dummheit schwerlich begangen haben; allein Achilles hatte gleichzeitig eine andere Begegnung. Ein bekannter Autographenhändler gesellte sich zu ihm und klagte, daß er schon mehrmals Herrn Hilmer vergebens um »einige Zeilen von seiner Hand« gebeten, allein der Künstler habe ihm erklärt, daß er grundsätzlich keine Autographen weggebe. Nun bat er den »Herrn Sekretär«, ihm ein solches zu verschaffen, und bot ihm zwanzig Gulden für ein schönes Blatt mit Noten. Achilles, der jetzt nicht mehr dramatischer Redner war, sondern ganz Sekretär, versprach es und nahm gleich zehn Gulden als Aufgeld. Des anderen Morgens erwischte Hilmer seinen Sekretär, als derselbe eben im Begriffe stand, die Notenskizze von drei » Pensées fugitives « in die Tasche zu stecken. Da Achilles nicht leugnen konnte, so bekannte er sofort die Wahrheit und log nur mit der ehrlichsten Miene mildernde Umstände hinzu. Hingerissen vom Zauber der Dämmerungslieder, habe ihn jemand um ein Autograph des Meisters ersucht. »Ich konnte nicht widerstehen! Und da ich weiß, daß Sie keine Zeile herschenken, so wagte ich, dieses wertlose Blatt selber zu nehmen. Ich konnte der Dame nicht widerstehen, die so verschämt und doch so dringend bat. Man muß ritterlich gegen Damen sein, und nur aus diesem Grunde nahm ich das Papier.« »Eine Dame?« fragte Hilmer. »Welche Dame? Wie heißt sie?« »Wie sie heißt? Ja, wenn ich das nur wüßte! Ich habe ein entsetzlich schlechtes Namensgedächtnis. Sie saß, glaub' ich, in der vordersten Reihe«, stammelte Achilles. »Ich kenne alle Damen, die in der vordersten Reihe saßen«, rief Hilmer. »Warum sprach mich die Dame nicht persönlich an?«, und da ihm sein Sekretär nun plötzlich wieder wie sein Stiefelwichser vorkam, so fügte er hinzu: »Esel! Wenn Er der Dame das Autograph bringen will, so muß Er doch wissen, wie sie heißt und wo sie wohnt?« Achilles durfte keinen Namen nennen, den sein Herr kannte. Da fiel ihm ein, daß in der vordersten Reihe auch jene zwei Fremden gesessen, denen er ganz zuletzt noch ein Billett »vermittelt« hatte, wie er den Verkauf mit fünfzig Prozent Agio nannte. Er erhob sich mit stolzer Überlegenheit und sprach: »Eure Gnaden kannten doch nicht alle Damen der vorderen Reihe! Es waren zwei Fremde darunter, und just eine von diesen bat mich um die Handschrift, und jetzt kommt mir auch mein Gedächtnis wieder: sie heißt Marie Dagolf, hat ganz flachsblondes Haar und wohnt Stephansplatz Nummer 12, wird aber diesen Nachmittag Wien wieder verlassen, weshalb ich Eure Gnaden bitte, ihr die gewünschten Zeilen heute früh noch überbringen zu dürfen.« Achilles glaubte meisterhaft gelogen zu haben, so recht genau gelogen und also mit dem vollen Gepräge der Wahrheit. Um so verblüffter war er, als ihm sein Herr die Handschrift hinwegnahm und ihm mit der größten Bestimmtheit und Grobheit befahl, unbekannten Damen künftighin nichts mehr zu versprechen, was er nicht leisten dürfe, und sich an seine Arbeit zu trotten. Achilles ging brummend ab mit dem festen Vorsatze, demnächst mit etwas geschickterer Hand einen solchen Fetzen beschriebenen Papiers sich anzueignen und an den rechten Mann zu bringen. Hilmer war wie verwandelt. Seine ganze frühere Leidenschaft, die ihn gestern abend bereits so verwirrend neu erfaßt, loderte wieder zur hellen Flamme empor. Während des ganzen Vormittags bewachte er seinen Sekretär, damit derselbe nicht doch noch irgendein paar Zeilen seiner Hand erhaschen und Marie überbringen möge. Als aber die Mittagsstunde schlug, saß er bereits in der Droschke, um zum Stephansplatz Nummer 12 zu fahren. Er wollte Marie seine ganze halbfertige Sonate als sein wertvollstes Autograph persönlich überreichen. XII. Das Glück begünstigte ihn. Sie war zu Hause, ganz allein zu Hause; sie nahm seinen Besuch an. Etwas verlegen bat er um Entschuldigung, daß er sie, wenige Stunden vor ihrer Abreise von Wien, mit seinem Besuche noch zu stören wage, daß es ihn aber doch gedrängt habe, ihr jene Zeilen von seiner Hand selbst zu überreichen, um welche sie gestern abend seinen Sekretär gebeten. Fräulein Dagolf war ganz verblüfft von dieser Anrede, sammelte sich aber rasch und meinte, hier liege offenbar eine Verwechselung vor, denn sie denke nicht daran, Wien demnächst zu verlassen, sie habe gestern keine Silbe mit seinem Sekretär gesprochen, geschweige denselben um einige Zeilen von seines Herrn Hand ersucht, allein sie freue sich, daß der Irrtum ihr wenigstens den Besuch eines so berühmten Künstlers verschaffe, den sie ja auch als Landsmann begrüßen dürfe. Nach diesen Worten war Hilmer noch verblüffter wie Fräulein Dagolf vorher nach seiner Anrede gewesen, er schämte sich, er war wie mit kaltem Wasser begossen, und es blieb ihm nichts übrig, als zur Aufklärung die ganze Geschichte wieder zu erzählen, welche ihm Achilles vorgeschwindelt hatte. »Und also sind Sie mit dem Autograph an die unrechte Dame geraten,« rief Marie schelmisch, »und das kommt doch nur von der – Dämmerung! Ich bitte Sie, Herr Hilmer, spielen Sie niemals wieder ein Konzert im Dunkeln. Die reine Tonkunst bedarf solcher Kulisseneffekte nicht, und Ihre Musik braucht das Licht nicht zu scheuen.« Hilmer verteidigte sich. Er sprach sehr begeistert, aber etwas konfus von Poesie, Stimmung, Romantik, von einer Allkunst, welche alle Sinne zugleich gefangen nehme. Mit dem anmutigsten Lächeln entgegnete Marie, daß sie bei diesem Gedankenspiel wie bei seinem Klavierspiel seine zwar unebenbürtige, aber doch ganz entschiedene Gegnerin sei. »Und doch besuchten Sie so fleißig und, wie mir schien, teilnahmvoll meine Konzerte?« »Das tat ich und zwar vornehmlich aus zwei Gründen, um zu lernen und um zu räsonieren. Ich beobachtete Ihre Hand, um etwas von Ihrem meisterhaften Anschlag zu lernen – denn ich bin Klavierlehrerin! – und ich studierte Ihre ganze große Virtuosenkunst, um das Recht zu gewinnen, darüber räsonieren zu dürfen.« »Also haben Sie nur auf meine Finger, nicht in meine Seele geblickt?« »Auch dies versuchte ich, nur fand ich da nicht, was ich suchte; denn mir schien, Sie selber hätten sich immer am meisten verloren, wenn Sie am glänzendsten spielten. Vielleicht bin ich unfähig, Sie zu verstehen. Ich liebe das Einfache, Klare, Anspruchslose, ich schwärme für das knospenhaft Schöne, und die herausfordernde Bravour dünkt mir der Verfall einer jeglichen Kunst. Ich suche mein ganzes Leben lang – und ich bin schon einunddreißig Jahre alt! – vergebens nach einem Virtuosen, der in seinen einsamen Studien die unerhörtesten Schwierigkeiten besiegen lernt, um im öffentlichen Vortrage seine Virtuosität zu verbergen und das Schlichteste so vollendet einfach schön zu geben, daß jeder glaubt, es könne gar nicht anders sein, und er vermöge es gleich ebenso zu machen: und doch vermag es nur der einzige. Als ich Sie vergangenen November in einem fast leeren Saale hörte, da glaubte ich, Sie könnten einmal dieser einzige werden, wenn Sie immer vor so wenigen, ja noch wenigeren Zuhörern spielten. Leider wuchs die Schar der Hörer, wuchsen die Stürme des Beifalls immer riesenhafter, und da war es dann ganz natürlich, daß Sie sich – nach meinem kindischen Gefühle – von jenem Ideal immer weiter entfernten.« Hilmer schwieg eine Weile und blickte zu Boden, dann sprach er, ironisch lächelnd: »Die Frauen sind unsere besten Lehrerinnen und Meisterinnen, wenn sie uns nicht belehren und nicht meistern wollen, wenn sie bändigend und adelnd auf uns wirken durch ihr bloßes liebenswertes Sein und Wesen oder vielleicht mehr noch durch ein poetisches Urbild jenes Wesens, welches wir selber uns vorzaubern in unseren geheimsten Träumen. Mein Leben lang – ich bin freilich erst achtundzwanzig Jahre alt! – habe ich vergebens nach einem weiblichen Wesen gesucht, welches uns meisterte, ohne uns meistern zu wollen. Ich glaubte eben jetzt ein solches gefunden zu haben, allein es war Täuschung!« Bei diesen Worten ergriff Hilmer seinen Hut und empfahl sich in der artigsten Weise, und Marie dankte nicht minder höflich für seinen Besuch. Sie dachte aber dabei, es sei doch wunderbar, wie unartig der junge Mann in aller Artigkeit sein könne, und der Künstler dachte, so höflich seien ihm doch noch niemals die bittersten Grobheiten gesagt worden. Seine Sonate, das kostbare Autograph, hatte Hilmer anfangs aus Verblüffung zu überreichen vergessen, und beim Weggehen vergaß er vor Ärger, sie wieder mitzunehmen. So war sie auf dem Tische liegengeblieben. Hatte Marie dieselbe gar nicht bemerkt? Oder zögerte sie aus Schonung, sie ihm sofort wiederzugeben? Oder behielt sie die Handschrift, in der Erwartung, daß er wiederkommen und sie abholen werde, um sie an die richtige Adresse zu befördern? XIII. Mit diesen Fragen quälte sich Hilmer drei Tage lang. Er fühlte sich unglücklicher noch als Field, nachdem derselbe das Jawort der Französin erhalten hatte. Das Essen schmeckte ihm nicht und das Komponieren und Spielen noch weniger. Um doch etwas zu tun, gab er Achilles auf vierzehn Tage Urlaub und spendete ihm eine Hundertguldennote, damit er sich für diese Zeit eine andere Wohnung suche und ihm nicht vor die Augen komme. Seit dem Besuche bei Marie war ihm der Anblick des Burschen unerträglich. Achilles steckte die Note sehr ruhig ein und sprach vergnügt zu sich selbst: »Der Virtuosenruhm meines Herrn wird noch ungeheuer zunehmen, denn seine Narrheit ist noch immer im Wachsen.« In der Einsamkeit zehrte Hilmer mit wahrem Genusse an seinem Arger, er schwelgte im Gefühl der Täuschung und Kränkung, die er erfahren. Ach, es tut uns oft so wohl, uns recht tief als mißachtet, beleidigt, als Märtyrer zu fühlen! Zum großen Künstler gehört seit Beethoven unbedingt ein Stück Märtyrertum, und wer ein solches nicht erlebt hat, dem dichten es später seine Biographen an. Die drei ersten Tage war wunderschönes Wetter, die Frühlingssonne leuchtete so hell! Dann kamen düstere Sturm- und Regentage. Als das Barometer hochstand, war Hilmers Stimmung verzweifelt tief gesunken, als das Barometer fiel, erhob sie sich wieder. Das war bei unserem Virtuosen nichts Neues. Schon seit seiner Kindheit pflegte er bei hellem Himmel traurig zu sein und beim Donnerwetter am vergnügtesten, weshalb er sich auch nicht zum Juristen, sondern zum Künstler berufen glaubte. In den sonnigen Tagen dachte er: »Dieses Fräulein Dagolf – verrückter Name! – ist also Klavierlehrerin!« Welche Enttäuschung! Klavierlehrerin in Karlsruhe, die Stunde zu dreißig Kreuzern! Höher zahlt man dort nicht. Die Klavierlehrerinnen waren unserem Virtuosen, wie fast allen Musikern, stets eine ganz besonders unangenehme Erscheinung gewesen, völlig unberechtigte Existenzen. In den Regentagen aber sprach er zu sich selbst: »Hinter dieser ›Klavierlehrerin‹ steckt ein Geheimnis. Marie Dagolf – der Name ist althochdeutsch, sie ist uralt germanischer Abkunft, wie schon ihr wundervolles blondes Haar bezeugt – Marie gibt vermutlich nur aus phantastischer Passion Klavierstunden, vielleicht infolge eines Gelübdes; das sähe ihren allerliebst barocken, geradezu mittelalterlichen Ideen über das einfach Schöne in der Kunst ganz ähnlich. Sie hat das Stundengeben nicht nötig, sie ist reich, wie könnte sie sonst mit ihrer Tante während des ganzen Winters in Wien auf vornehmem Fuße leben! dreißig Kreuzer – welch frevelhafter Gedanke! sie gibt alle ihre Stunden umsonst.« »Fräulein Dagolf ist volle drei Jahre älter wie ich, einunddreißig Jahre! nahezu eine alte Jungfer!« rief Hilmer hell auflachend, als eben das Abendrot des schönsten Maitages vor seinen Fenstern verglühte. »Marie hat sich wunderbar frisch und jugendlich bewahrt,« flüsterte er sinnend vor sich hin, als nachts der gewaltigste Sturmregen wider die Scheiben prasselte, »ein jeder wird sie für ein Mädchen von höchstens dreiundzwanzig Jahren halten. Übrigens – ein paar Jahre mehr oder weniger, das macht ja gar nichts aus.« Beim schönen Wetter verdroß es Hilmer, daß Fräulein Dagolf seine künstlerische Gegnerin sei, beim schlechten fand er einen ganz besonderen Reiz in Maries Gegnerschaft. Sie hatte ihn schonungslos an sein schlechtbesuchtes erstes Konzert erinnert, an die zwanzig damaligen Zuhörer, das war abscheulich. Allein es würden ja gar nur achtzehn gewesen sein, wenn sie mit ihrer Tante nicht dabei gewesen wäre, und das war sehr lobenswert. Sie trieb sich in dem Irrgarten der Ästhetik herum, und die Ästhetik war dem Virtuosen – bei schönem Wetter – eine ganz unerlaubte Wissenschaft. Beim Regen aber fühlte er sich auf einmal wieder als den ehemaligen Heidelberger Studenten und fand es reizend, daß Marie aus reiner Leidenschaft Klavierstunden gab und Kunstphilosophie trieb. Vielleicht gab sie die Stunden nach philosophischer Methode. Er hatte immer eine Vorliebe für öffentliche Charaktere unter den Frauen gehabt, für Schauspielerinnen, Sängerinnen, Dichterinnen. Gehörte die philosophische Klavierlehrerin nicht auch dazu? Für still befriedete Backfische, für jene kleinen Veilchen, die nur im Verborgenen des Mutterhauses blühen, besaß er kein Organ. Zuletzt ertappte sich Hilmer auf dem Selbstgeständnis, daß ihm Marie, nachdem sie ihm allerlei Unangenehmes gesagt, fast noch interessanter schien als vorher, wo sie ihm gar nichts gesagt hatte. Die Sonate kam nicht zurück, aber auch keine Zeile des Dankes für das wertvolle Geschenk. Nachdem Hilmer noch eine Woche gewartet hatte und das Wetter immer schöner geworden war, ermannte er sich und schwang sich empor zur ganzen Höhe des beleidigten Stolzes. Es war ihm gelungen, binnen weniger Monate die Augen von ganz Wien auf sich zu lenken, nur die Augen, welche er am liebsten sah, wandten sich gleichgültig von ihm weg; seine Kunst hatte ganz Wien gefallen, nur der einen, welcher sie am meisten hätte gefallen sollen, gefiel sie nicht. Jene Erfolge kamen ihm zuletzt ganz erbärmlich vor; er begann sich ihrer zu schämen und beschloß, Wien zu verlassen. XIV. Nach wenigen Tagen war alles zur Abreise geordnet, die Koffer schon abgesendet. Hilmers nächstes Reiseziel war Pest. Eben will er das verödete Zimmer verlassen, da wird ihm eine versiegelte Notenrolle überreicht mit Adresse von unbekannter Hand. Hastig reißt er den Umschlag auf, es ist seine unvollendete Sonate, das Autograph, welches Fräulein Dagolf ihm zurückschickt. Er sucht nach einem Brief und findet keinen! Tiefgekränkt schiebt er die Rolle mit zitternder Hand in seine Reisetasche und eilt zu dem Donaudampfboot, welches ihn nach Ungarn tragen sollte. Es war eine einsame Fahrt, das Verdeck menschenleer, Hilmer saß am Rande hinter dem Radkasten und blickte träumend in die Wellen. Die Reisetasche lag neben ihm auf der Bank. Die Motive seiner Sonate schwirrten ihm verworren durch den Kopf, und er quälte sich vergebens ab, sie klar festzuhalten. Er öffnet mechanisch, fast ungewollt, die Reisetasche und nimmt die Notenrolle heraus, welche obenauf lag. Wie er sie aufrollt, entfällt derselben ein Papier, der Zugwind erfaßt es und will es über Bord führen. Da springt ein Mann, der bisher unbemerkt zur Seite gestanden, rasch hervor, erhascht das Blatt im letzten Augenblicke und überreicht es Hilmer mit artiger Verbeugung. Der Mann war – Achilles! Er sprach: »Als ich erfuhr, daß Sie nach Pest reisen wollten, begab ich mich ganz stille hinter Ihnen gleichfalls zu Schiffe. Bei den Wienern war ich Ihnen nützlich, aber wenn Sie bei den Madjaren Konzerte geben wollen, dann werde ich Ihnen unentbehrlich sein. Übrigens ist mein vierzehntägiger Urlaub zu Ende, und die hundert Gulden, welche Sie mir als Wartegeld gaben, waren es schon gestern.« Hilmer hörte die letzten Worte gar nicht mehr. Das Blatt, welches Achilles gerettet hatte, war der Begleitbrief, den Maria dem zurückgesandten Manuskripte beigelegt und den der aufgeregte Künstler bei der Hast, mit welcher er in Wien die Rolle eröffnet, nicht gefunden hatte. Er lautete: »Sie verzeihen vielleicht die späte Rücksendung der Sonate, welche Sie auf meinem Tische liegen ließen, wenn ich Ihnen sage, daß das fesselnde Werk selbst die Hauptschuld trägt. Ich las Ihre Komposition, spielte sie, studierte sie, glaubte das scheinbar so einfache und kunstlose Werk zu verstehen und erkannte dann wieder, daß ich es nicht ganz verstand. Aber es ist ja nur ein Torso. Ich würde mich lebhaft freuen, wenn ich die ergreifende Tondichtung später einmal vollendet sehen, oder mehr noch, wenn ich sie von Ihnen vorgetragen hören könnte.« Hilmer hatte diese Zeilen eben zum zehntenmal gelesen, als das Dampfboot bei Preßburg anlegte. Er befahl Achilles, zu sorgen, daß die Koffer ans Land geschafft würden. Vergebens erklärte dieser, daß sie ja noch lange nicht in Pest, sondern erst in Preßburg seien. Hilmer stieg aus: er würde sich jetzt keine Meile weiter von Wien entfernt haben, er würde bei dem elendesten Dorfe ausgestiegen sein, wenn sich's nicht anders gefügt hätte. Denn für ihn gab es vorerst nur zwei Aufgaben: die Sonate zu vollenden, und dann nach Wien zurückzufahren, um sie Marie vorzuspielen. Im Gasthaus zum »Grünen Baum« verschloß er sich in sein Zimmer und komponierte zwei Tage lang, während Achilles zwei Tage lang vergleichende Untersuchungen über Herrn Palugiays Ungarweine auf seines Herrn Kosten anstellte. Während des Komponierens entdeckte der Künstler erst wieder das Wort, welches er einst mit Bleistift über das unvollendete Adagio geschrieben und welches vordem Achilles so sehr erschreckt hatte: – »Marie!« Als er ihr die Handschrift brachte, hatte er ganz vergessen, daß dieser verräterischer Stoßseufzer darin geschrieben stand, er hätte ihn sonst gewiß vorher mit Gummi weggewischt. Hatte sie das Wort gelesen? Sie mußte wohl, da sie ja die Sonate studiert zu haben behauptete. Die schriftliche Liebeswerbung Fields war sehr kurz und derb gewesen; dieses einzige Wort war eine noch kürzere Liebeswerbung, aber eine weit feinere. Und Marie hatte das Wort offenbar verstanden. Würde sie ihn sonst aufgefordert haben, die Sonate zu vollenden und ihr vorzuspielen? So dachte der Künstler und der Gedanke – ein Liebender braucht so wenige Gedanken! – gab seiner Phantasie die Flugkraft, daß er nach vollendetem Adagio auch gleich das ganze glühend leidenschaftliche Finale in einem Gusse aufs Papier warf. Als die Sonate fertig war, übergab Hilmer dem Wirt seine Koffer zur Aufbewahrung, weil er auf zwei, drei, acht Tage nach Wen zurückreisen müsse, und vergaß nicht einmal die Zeche zu bezahlen. Da meldete sich auch Achilles, den er die zwei Tage lang gar nicht gesehen hatte, und bat um seine Entlassung. »Sie haben vorher das › Fine ‹ unter Ihre Sonate geschrieben, und dies ist auch das Fine für mich. Seit Sie jene leidige Sonate begannen, hatte ich kein rechtes Glück mehr bei Ihnen. Die Sonaten gehören der Vergangenheit, ich gehöre der Zukunft. Ich wollte Ihnen die Stufen zum Parnaß zeigen, zu dem Hochgipfel des modernen Virtuosenruhmes; Sie steigen eigensinnig herab zu dem Gradus ad Parnassum des alten Clementi, und der war ja wohl der richtige Sonatenschreiber.« Hilmer bewilligte das Gesuch in Gnaden unter Anerkennung treu geleisteter Dienste. Befreit atmete er auf, als ihm Achilles wirklich nicht wieder nachreiste. Nach wenigen Tagen erhielt der Wirt zum »Grünen Baum« einen Brief Hilmers, der ihn ersuchte, die Koffer wieder nach Wien zurückzuschicken. Der Vortrag der vollendeten Sonate durch den Meister, anfangs unter sechs Augen – denn die Tante war auch dabei –, bei späterer Wiederholung unter vier, mußte tieferen Eindruck auf Marie Dagolf gemacht haben als alle Konzerte des Virtuosen, denn nach einem halben Jahre waren die beiden Mann und Frau. Diese Ehe aber hatte ganz andere Folgen als die Ehe Fields. Ludolf Hilmer gab keine Virtuosenkonzerte mehr und seine Frau keine Klavierstunden. Dagegen gab nun Hilmer Unterricht und schrieb die schönsten Tonwerke, welche anfangs kein Mensch hören und kaufen wollte. Es schien, als ob er bei seiner Frau die Virtuosität des Musikers völlig verlernt habe, allein seine Frau lehrte ihn dafür die Virtuosität des harmonischen Lebens. Und aus dieser Virtuosität erwuchs ihm zuletzt doch wieder eine so harmonisch reine und edle Kunst, durch welche er zuletzt weit höheren Ruhm gewann als früher unter der Führung des Achilles Schneider. Ludolf Hilmer, ein berühmter Tonsetzer? Wer kennt denn diesen Namen? Kein Mensch. Und das ist ganz natürlich, denn der Name ist nur eine Maske; der Mann, bereits ein Verstorbener, hat ganz anders geheißen, er führte mehrere Namen; aber was ich von ihm erzählte, das ist eine wahre Geschichte. »Was ist Wahrheit?« fragte Pilatus. Der Leser braucht nur die neuere Musikgeschichte unter verschiedenen Namen nachzuschlagen, so wird er die Antwort finden. XV. Hilmer war schon zehn Jahre verheiratet, glücklich und beglückend, da begegnete er eines Tages im Wildbad seinem ehemaligen Bedienten und Sekretär, der dort als feiner Herr auftrat und die Kur gegen das Podagra gebrauchte. Nachdem Achilles bei dem Künstler seinen Abschied genommen, war er Kammerdiener eines reichen österreichischen Kavaliers geworden, wußte sich aber rasch zum Haushofmeister und Intendanten aufzuschwingen, der seinen neuen Herrn erst recht lehrte, wie ein Kavalier leben muß. Die Folge war, daß der Kavalier nach fünf Jahren in den Schuldturm wanderte, während sich der Intendant mit einem artigen Vermögen zur Ruhe setzte. Dieselbe Weisheit, welche dem Virtuosen ein »Gradus ad Parnassum« gewesen, war dem Kavalier zum »Gradus in Carcerem« geworden. Nachwort Vor einem Menschenalter, am 16. November 1897, ist Wilhelm Heinrich Riehl als Münchener Universitätsprofessor gestorben. Bis an sein Ende heran hat er neben der akademischen Tätigkeit mit der Kraft des gesprochenen Wortes in allen größeren deutschen Städten die Gebildeten begeistert. Wer ihn reden hörte, der mußte schon merken: hier sprach kein Büchermensch über Leben der Vergangenheit und der Gegenwart, über bildende Kunst und Musik, über die Großen aller Zeiten. Riehl hat sein Wissen erwandert und mit den Menschen seiner Zeit und früherer Zeitalter innigen Verkehr gepflogen. Die Ahnen und der rheinische Heimatboden (er war 1823 in Biebrich geboren) haben ihm schon zuvor die besten Gaben in die Wiege gelegt: den festen Glauben, die Liebe zur Tonkunst, den Humor und das helle Auge für alles Eigenartige in Volkstum und Einzelpersönlichkeit. Das Leben hat das Seinige hinzugetan. Als der Theologiestudent merkte, er könne im Pfarramt kein Glück finden, stellte er sich fest auf die eignen Füße und verdiente als Schriftsteller mit zähem Fleiße sein Brot, nicht eigentlich dem Tage dienend, sondern stets sorgsam gefeilte Aufsätze und Bücher schaffend, die in erster Linie aus seinen Studien zur Geschichte des deutschen Volkstums und seiner Gesittung erwuchsen. Daneben entwarf Riehl Bilder seiner Lieblinge, der großen Musiker, ebenso treu wie anziehend, nie auf der Oberfläche und im Anekdotenhaften verharrend, ähnlich den musikgeschichtlichen Schilderungen Romain Rollands. Auf der gleichen soliden Grundlage ruhen die in diesem Bande vereinten Musikergeschichten, Glieder in der langen Reihe der trefflichen Novellen, durch die Riehl bei Zeitgenossen und Nachfahren berechtigtes Ansehen als Dichter errang. Hier ließ er seiner Lust zum Fabulieren so freies Spiel, wie es sein strenges Künstler- und Gelehrtengewissen erlaubte, rankte an das Gerüst der Gestalten und Geschehnisse, meist aus deutscher Vergangenheit, anmutigste Erfindung und wußte stets eine geschlossene, in ihrer Art musterhafte Handlung zu bieten, wenn auch in den Menschen hier und da die Konventionen der Zeit das freie Fühlen leidenschaftlicher Art nicht aufkommen ließen. Acht Jahre lang hat Riehl angesehene deutsche Zeitungen geleitet, ein Journalist von der Art des Professors Ollendorf in Freytags bekanntem Lustspiel, freilich nicht von der gleichen Parteifarbe. Riehl war konservativ gesinnt, erblickte in der ständischen Gliederung des Volkes und in dem sie bedingenden Boden feste historische Tatsachen. Sie sollten erhalten, auf dieser Grundlage sollte fortgebaut werden, damit das Neue selbst wieder zur historischen Grundlage der Zukunft würde. Wenn die ständische Gliederung der Gesellschaft zerfällt, so bleibt nach Riehls Meinung auf die Dauer gar keine andere Möglichkeit als der Sozialismus. In seiner Zeit aber konnte er noch vom Bauern als der konservativen Kraft im Staate ausgehen, die ganze Gesellschaftsordnung auf ihn stützen und ebenso auf die Geburtsaristokratie, weil er im Adel nur ein potenziertes Bauerntum erblickte, dessen Reformbedürftigkeit ihm freilich nicht entging. Bei Adel und Bürgertum sah er die Erscheinungen des Verfalls nach der Revolution von 1848 deutlich zutage treten. In dieser bewegten Zeit leitete Riehl drei Jahre neben einer Zeitung seiner Heimat das Wiesbadener Hoftheater. Darauf trat er eine Weile an die Spitze des damals angesehensten deutschen Blattes, der »Augsburger Allgemeinen Zeitung«, bis ihn König Maximilian II. von Bayern seiner Tafelrunde, jener Korona von Dichtern und Gelehrten, einreihte, die der König in München um sich versammelte. Hier wirkte Riehl seit 1854 immer noch als Journalist, außerdem aber als Professor der Kulturgeschichte und der Statistik, zuletzt als Direktor des Bayerischen Nationalmuseums. Diese vielfältigen Pflichten ließen ihm doch bis ins Alter noch die Muße, seine drei Steckenpferde zu reiten: Musik machen, Novellen schreiben, zu Fuß weite Strecken durchwandern. Spuren dieser sehr ernsthaft betriebenen Liebhabereien zeigen sich allenthalben in denjenigen Werken Riehls, die seinem Namen bei den Zeitgenossen den stärksten Klang verliehen haben, den soziologischen Schriften. Ihr Rhythmus ist musikalisch, ihre Form streift an die Prosadichtung, und sie sind gar nicht denkbar ohne die Beobachtungen des unermüdlichen Wanderers. Das Wichtigste hat er zusammengefaßt unter dem gemeinsamen Namen: »Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik.« Dieser Titel vereint vier selbständige Werke, weniger ein geschlossenes Gesellschaftssystem darstellend als gesammelte Aufsätze über die »Bürgerliche Gesellschaft« und »Land und Leute«, die Bezeichnungen der zuerst erschienenen zwei Bände. Daran schloß sich die »Familie« und das »Wanderbuch« mit den besonders prächtigen Schilderungen einzelner Landschaften und Stadtbilder in ihrer aus den natürlichen und den geschichtlichen Bedingungen abgeleiteten Eigenart. Als Ergänzungen traten später noch hinzu »Die Pfälzer«, das ausgeführteste dieser Bilder, und »Die deutsche Arbeit«, nach Githeins Urteil das Meisterstück einer auf Psychologie und Ethik aufgebauten sozialen Wissenschaft. Die hier geschilderte Welt, die Vorstellung von Wesen und Aufgaben des Deutschtums wurzelt in den Zuständen vor 1870 . Was damals Gegenwartsschilderung und -forderung war, ist heute längst Geschichte geworden. Aber mehr als je haben wir Ursache, auf diese versunkene Epoche zurückzublicken und uns zu fragen, ob dort nicht noch so manche Fäden wiederaufgenommen werden könnten, die von dem Machthunger und den wirtschaftlichen Umwälzungen abgerissen worden sind. Denn Riehls Konservativismus war im Grunde liberal im Sinne jener großen, aus dem klassischen Zeitalter der Humanität stammenden Ideen, die historisches und individualistisches Denken in den Dienst des Glaubens an den Aufstieg des eigenen Volkes und der Menschheit stellten. Vielleicht noch lehrreicher als die soziologischen Bücher Riehls sind die in die Vergangenheit zurückblickenden »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten«, die feinsten Einzelschilderungen vereinend, und die nahe verwandten »Geschichten und Novellen«, sieben Bände, denen der Inhalt unsrer Auswahl entnommen ist. Die gute Laune, die anmutige Belehrung und die reizvolle Erfindung, nicht zuletzt die ausgezeichnete Sprache werden dem feinfühligen Leser hier Stunden reinen und vielfältigen Genusses gewähren. Wenn irgendwelche ältere Erzählungen es verdienen, unter die Hausbücher aufgenommen zu werden, die alt und jung gleich erfreuen, so gilt das von dieser Sammlung. Und dasselbe gilt von Riehls »Musikalischen Charakterköpfen« und – freilich nur für die Besinnlichen – von seinen Vermächtnis, den »Religiösen Studien eines Weltkindes«. Vielleicht dürfen wir in einem späteren Bande der Hafis-Lesebücherei auch aus diesen Schriften eine Lese darbieten.