Arthur Schnitzler Gespräch in der Kaffeehausecke »Hier wollen wir bleiben«, sagte Anatol und ließ sich auf dem roten Samtfauteuil nieder. Fred setzte sich ihm gegenüber und zog die gelben Fenstervorhänge fester zu. Es war spät am Abend und das Kaffeehaus wenig besucht. Über den Billardtischen waren die Gasflammen ausgedreht, die Kassierin rechnete weiter, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die Neueingetretenen geworfen. »Da gefällt es mir«, fuhr Anatol fort, nachdem er sich eine neue Zigarre angezündet. »Kein Lärm, sehr angenehm zu sitzen, der Tisch wackelt nicht – ja, da bleiben wir.«  »Aber kein Kellner zu sehen«, warf Fred ein, obwohl ihn bereits zwei derselben gefragt hatten, was er befehle. In diesem Augenblick standen auch schon die zwei Tassen schwarzen Kaffees, die Anatol bestellt hatte, vor den beiden Freunden. »Ach so«, sagte Fred und warf zwei Stück Zucker in seine Tasse. »Findest du nicht auch, daß wir hier bleiben könnten?« fragte Anatol. »Das Lokal hat etwas Alt-Wienerisches, was mir sehr sympathisch ist. Die Billards sind viel zu lang, die Kassierin ist viel zu häßlich, die Decke ist viel zu grau, die Beleuchtung viel zu schlecht – lauter Dinge, die ich sehr hübsch finde. Und dabei, wie gesagt, sitzt man sehr angenehm.« »Ich nicht«, fand Fred, der, eine Zeitung in der Hand, nervös hin und her rückte. Anatol schob den Vorhang von dem Fenster leicht zurück und blickte hinaus. Da war eine dunkle Straße der Innenstadt, nur ein Gewölbewächter schritt auf und ab; es schneite ein wenig, das Pflaster aber war grau und naß. »Stimmungslos«, sagte Anatol und ließ den Vorhang wieder fallen. Nach geraumer Zeit erst fragte Fred: »Was sagtest du?«  »Nichts. Hast du Paul heute gesehen?« »Ja, vormittag; ich war bei ihm in der Redaktion. Er hat viel zu tun, er arbeitet wahrscheinlich noch. – Wo warst du im übrigen heute?« »Heute? – In einem halben Jahr werd' ich dir's erzählen, – bis es vorbei ist.« »Du weißt also schon, wann es vorbei sein wird?« »Traurig genug, daß ich überhaupt schon ans Ende denke.« »Das ist ja selbstverständlich – bei derlei Dingen...« »Derlei Dinge... du machst schon wieder deine Unterschiede.« »Es gibt doch welche.« »Vielleicht... ach, gewiß. Schließlich ist auch, was ich jetzt erlebe, etwas anderes als alles frühere.« »Natürlich.« »O, aber nur, weil ich es eben jetzt erlebe; aus keinem andern Grund. Darüber täusche ich mich nicht. Daß ich mich aber nicht darüber täuschen kann, das ist das Unglück; und dabei stehe ich Qualen aus.« »Qualen... Eifersucht?« »Ja. Das ist der einzige wirkliche Schmerz.« »Hast du einen Grund?« »Den umheimlichsten von allen: die Vergangenheit. Diese tückische unsterbliche Vergangenheit, gegen die man sich nicht auflehnen, die man über sich ergehen lassen muß wie ein Schicksal.« »Und du kannst es nicht überwinden?« »Nein, unmöglich. – Im übrigen, eine Frage, die allerdings nur theoretisches Interesse hat.« »Nun?« »Gäbe es auch eine Eifersucht auf die Vergangenheit, wenn man ihr Bild völlig aus der Erinnerung der Geliebten reißen könnte?« »Wie das?« »Stelle dir vor, wir hätten ein Mittel zur Verfügung – meinetwegen eine chemische Substanz, mittelst der wir einen bestimmten Lebensabschnitt aus dem Gedächtnis eines Wesens vollkommen verwischen könnten.« »So daß sie gar nicht mehr weiß, daß überhaupt etwas geschehen ist?« »Ja. Was vorbei ist, das ist nicht mehr. Es ist in gewissen Fällen so vorbei, als ob es nicht gewesen wäre; nur die Erinnerungsbilder sind da, auf die wir eifersüchtig sind. – Nun will ich dir noch eine andere Möglichkeit vor Augen führen. Ein Weib wird dir zuliebe jemandem untreu. Im Anfang – du magst sie noch so sehr lieben – wirst du auf jenen andern wenig, wahrscheinlich gar keine Eifersucht empfinden. Du hast ihn überwunden, und dieses Gefühl der Obermacht genügt dir. Sie verläßt jenen. Und jetzt erst beginnt sich deine Eifersucht zu regen. Er ist nicht mehr da, sein lebendiges Wesen ist unwirksam geworden, seine Schattenmacht beginnt. Und mit der wirst du nicht fertig – nimmer, nimmer.« »Ich glaube doch«, erwiderte Fred. »Insbesondere, wenn du dir deinen eigenen Zustand in einem gleichen Fall versinnlichst; wenn du dich fragst: wie wirken ähnliche Erinnerungsbilder auf mich? – Und du wirst dir sagen: mir ist, als hätte es ein anderer erlebt, es hat nichts in mir zurückgelassen.« »All das, mein lieber Fred, nützt nichts, gar nichts. Was war, ist, – das ist ja der tiefe Sinn des Geschehenen. Ach, und das sind Qualen, Qualen!« »Du mußt dich von diesen Dingen endlich befreien.« »Freilich müßt' ich. Denn, in der Tat, ich bin ihrer müde, dieser unsäglichen Leiden, die Abenteuer dieser Art für mich bringen. Vielleicht kommen andere damit zuwege, ich aber schleppe alles mit mir weiter; andere schütteln es von sich ab völlig; ich kann das nicht. Auf mir lastet alles, alles, was ich je erlebt; das nichtigste Erlebnis nistet sich auf die Dauer bei mir ein.« »Weißt du, was für dich gut wäre?« meinte Fred. »Du solltest einmal lieben, wo es keine Erinnerung, wo es keine Vergangenheit gibt. Ein frisches, junges, unberührtes Mädel, für die du der erste, einzige bist. Das müßte der Frühling für dich sein, so glaub' ich.« »Der Frühling, mein Lieber, das ist ein Glück für die, die an den Sommer und Herbst und Winter nicht denken, der ja kommen muß. So ein junges Blut in meinen Armen – was würd ich empfinden? Oder, da ich mich noch rechtzeitig entsinne, was hab' ich da empfunden? – Die Eifersucht auf den, der kommen wird. Denn er kommt, und sie wird ihm sagen: ›Du bist der erste, den ich wirklich liebe.‹ Und dann bin ich der, welchen sie verflucht, weil er ihr die Reinheit genommen, der, den sie haßt, weil der andere sie meinetwegen quält. Ich bin der, von dem sie mit jenem andern so sprechen wird: ›Ach, das... Unbesonnenheit – Leidenschaft – was hab' ich damals von der Liebe gewußt!‹ Nein, nein, später ist man für das Weib, das man als erster besessen, nicht mehr der, der sie die Liebe gelehrt, – man ist einfach der, der sie verführt hat.« »Aber die Gegenwart selbst, ohne Zukunftsgedanken?« »Wenn es das gäbe, Fred! Für mich existiert der Augenblick nicht, – der große selige Augenblick, das Vorher und das Nachher vernichten ihn.« »Aber sieh, auch da, glaube ich, könnte man sich durch eine einfache Gedankenfolge retten. Das Mädel in deinen Armen denkt an keine Zukunft; die Zukunft existiert einfach nicht für sie, solange sie dir gehört.« »Solange sie dir gehört... wie lange? Sie tritt auf die Straße, sieht einen andern, er erinnert sie an mich, denn er ist ein Mann. Gerade wenn man der Geliebte eines völlig reinen Mädchens geworden ist, muß man vor Eifersucht wahnsinnig werden.« »Du.« »Nun ja, das ist meine Natur. Ich bin eifersüchtig wie ein Narr. Der erste wie der letzte Atemzug meiner Liebe ist die Eifersucht. Was ich aber jetzt erlebe, ist wohl das schlimmste, das einem Menschen meiner Art passieren kann.« »Wieso?« »Vor allem einmal liebe ich, wie ich noch nie geliebt habe.« »Das ist selbstverständlich.« »Es ist ein so wunderbares Wesen: leichtsinnig, graziös, süß und tief« »Hm.« »Und ich kenne den, der früher ihr Geliebter war. Kenne ihn... Meine ohnehin so leicht erregte Vorstellungsgabe steigert sich dadurch ins Unermeßliche, ins Unerträgliche. Ich weiß, wie jener Mensch spricht, – ich weiß, daß er schön und liebenswürdig ist, – ich sehe es vor mir, wie er küßt, wie er einem Weib zu Füßen sinkt und ihre Kniee umfängt. Sie freilich sagt mir: ›Du liebst mich mehr, ich fühle es, und ach, ich liebe dich tausendmal, unendlich mehr – ganz anders überhaupt.‹« »Nun, du glaubst es doch.« »Gewiß glaube ich es mit all der Torheit, die uns zu Betrogenen und zu Glücklichen macht. Aber...« »Aber?« »Mit alldem ist's nicht genug. Nicht genug, daß ich jenen Mann kenne – ich war einer seiner besten Freunde zur Zeit, da er dieses Mädchen liebte. Ich kannte sie damals noch nicht. Aber er sprach mir von ihr, Tag für Tag, ich begleitete ihn zu den Rendezvous, ich half ihm ein Armband aussuchen, das er ihr zum Geschenk gab, er erzählte mir getreulich, was sich zwischen ihnen ereignete, ich kannte ihre Koseworte, – all das, ohne daß ich sie je gesehen hatte. Ich hörte zu und lächelte. Auch daß sie sterben müsse, wenn er sie je verließe, sagte sie ihm. Und auch das weiß ich... alles, alles.« »Das ist allerdings nicht angenehm.« »O mein Lieber, ich bin noch nicht zu Ende. Ich erlebte es mit, wie seine Schwärmerei zu Ende ging.« »Nun?« Anatol aber sprach nicht weiter und drehte seine Zigarre nervös zwischen den Zähnen hin und her. »Ein andermal«, sagte er nach einigen Minuten, »ich kann heute nicht mehr.« Sie schwiegen beide eine lange Weile. »Ja, hier wollen wir bleiben«, sagte Anatol endlich. »Ich will es den andern mitteilen, daß wir endlich das richtige gefunden haben. Diese Ecke hier finde ich ganz heimlich. – Und du«, setzte er ganz unvermittelt hinzu, »mein lieber Fred, bist vollkommen glücklich?« »Ich – ha, ha! – nein, das ist nichts für uns, mein lieber Anatol, das Glück!« »Nun, du glaubst?« »Nun hab' ich's aufgegeben. Ja, bis vor wenigen Jahren hatte ich noch den Mut, mir zu sagen: Mein lieber Fred, vielleicht bist du doch nur einer von den dummen Buben, die sich einbilden, unglücklich zu sein, und bist eigentlich außerordentlich glücklich. Auch kamen die gewissen andern und sagten. O, Sie haben's gut! Sie wissen gar nicht, wie gut Sie's haben... Und dergleichen. Mit 28 Jahren aber ist man sicher kein dummer Bub mehr. Eines allerdings hat aufgehört: die Süßigkeit, die Poesie des Schmerzes. Ich bin nicht so tollkühn, ihn Weltschmerz zu nennen. Es ist ein dürres, widerliches Weh geworden, an dem man nicht einmal seine rechte Freude mehr haben kann.« »Wenn ich dich so reden höre, Fred, fällt es mir wieder schwer aufs Gewissen, wie subjektiv ich bin. Denn höre, ich kann dir deine Trübsal kaum glauben. Für mich gibt es in diesem Augenblick nur einen wahren Schmerz: der, den ich empfinde. Nicht eifersüchtig sein ist alles.« »Und ich«, warf Fred ein, »beneide dich um dieses Weh. Es ist doch wenigstens etwas. Ich bin jetzt, was meine Seele anbelangt, bettelarm. Man löscht aus. Gehn wir.« Sie zahlten und gingen. Die Straße war grau, naß, verödet. Fred ging nach Hause und legte sich schlafen. Anatol schlug einen andern Weg ein – vor ihr Fenster. Da blieb er stehen, aber es regte sich nichts. Sie schlief ruhig. Auch er ging nun nach Hause. Er legte sich zu Bett, nahm aber noch Papier und Bleistift und schrieb, lang, lang, bis die Kerze verlöschte. Die drei Elixiere Er litt unendliche Qualen; nie konnte er sich mit einem Weibe glücklich fühlen, da die Zweifel ihn peinigten. Er mußte immer an die anderen denken, die dieses Weib vor ihm geliebt, die es nach ihm lieben würde. Und diese große, ewige Lüge marterte ihn, ohne die es nie abging, daß alles dahingeschwunden wäre wie ein Traum, daß sie nun erst in seinen Armen wüßten, was Leben und Liebe sei. Sie logen ihm eine Vergangenheit voll Irrtümer vor. Ach! sie hatten niemand gekannt – sie waren betrogen worden – sie hatten sich selbst betrogen – sie hatten ihn, ja nur ihn gesucht und waren unsäglich glücklich, da sie ihn endlich gefunden. Er aber hatte keine Ruhe; er mußte es wissen, wer vor ihm angebetet, wer vor ihm geschwelgt hatte – und er erbebte unter der Antwort, die ihm stets zuteil wurde: »Ich habe alles vergessen...!« – Denn er empfand es in tiefster Seele: während sie so sprachen, zogen Bilder der Vergangenheit durch ihre Erinnerung wie durch die seine... Er wollte Gewißheit – und darum zog er in jenes alte Wunderland, den Orient, wo für die Poeten, diese Wunderkinder der Erde, noch immer märchenhafte Blumen blühen, deren Geheimnis keinem andern kund wird...   Und nach langen, langen Fahrten hatte er die Blume gefunden, aus deren Säften er das herrliche Elixier bereitete. Das barg eine wunderbare, tückische Kraft. Wenn ein Tropfen davon über die Lippen eines Weibes kam, so mußten sie ihm das Bild nennen, das eben in ihrer Seele aufstieg... Wie freudig war er heimgekehrt – nun nahte seiner Zweifel und seines Elends Ende. – Und er eilte zur Geliebten. In das erste Glas Wein, das sie an die Lippen führte, mengte er einen Tropfen seines Elixiers – da versank sie in Träume und schaute ins Leere mit matten, großen Augen. Er aber fragte sie bebend: »Woran erinnerst du dich?« – Und sie erwiderte: »An den großen blonden Mann, der mich geküßt hat, bevor ich dich kannte!« Da schauerte er zusammen – und er fragte nicht weiter; aber er verließ sie am nächsten Morgen. Und schon die nächste Frau, der er sich nahte, wagte er nicht zu fragen, obwohl er ihr von dem verräterischen Trank ins Glas gegossen. Sie saßen zusammen; er sah sie lächeln wie jene andere, aber er fragte nicht – er wollte glücklich sein. Als er jedoch mit ihr in das dämmerige Gemach schritt, wo er selig werden sollte, und die Bäume des Parkes hereingrüßten und die Frühlungswinde wehten, da konnte er nicht länger an sich halten, und er sprach: »Woran denkst du –?« Sie lächelte sehnsuchtsvoll: »Ach, des Sängers denk' ich, der im letzten Frühling an einem Abend wie diesem unter den Bäumen des Parkes wartete, bis ich kam, um ihn zu herzen und zu küssen!« – Und wieder zuckte er zusammen und verließ sie. – Er fluchte dem Elixier, und ihm war, als wäre er mit allen seinen Zweifeln noch tausendmal glücklicher gewesen als jetzt. Mehr als einmal war er daran, den Trank zu vernichten, aber kaum hatte er den Trieb davongescheucht, so behütete er den Saft sorglicher als je zuvor. – Und nun kam eine lange Zeit, da er ihn nicht brauchen wollte. Er lebte mit einer wunderbar schönen Frau zusammen, die zu ihm aufschaute wie zu einem Gott. Er sah, wie aus diesem Herzen alles weggeflohen war, seit er darin herrschte. Ein ungeahntes Gefühl der Sicherheit kam über ihn, und es kam die Stunde, da er sich sagte: »Nun darfst du wohl dein Glück versuchen!« – Sie weilten in Venedig, am Strande des Meeres; eben waren sie von einer Gondelfahrt zurückgekehrt. Der blaue Mondglanz kam über das Bett geschlichen, und sie flüsterten jene alten, immer gleich süßen Worte. Auf dem Balkon stand noch der Tisch mit den Resten ihres Mahles, auch das Glas, aus dem sie, ohne es zu ahnen, jenen Tropfen geschlürft hatte, den er hineingegossen. Und er fragte sie lächelnd, siegesgewiß: »Wessen denkst du?« Und sie erwiderte, mit einem feuchten Schimmer im Blick: »An den dunkeläugigen Gondoliere, der uns zu unserem Heim gerudert...« Da bebte er und eilte davon, tiefe Bitternis im Herzen... Und weiter suchte er, in fiebernder Hast. Er wollte das reine, holde Wesen finden, das noch keinem gehört hatte vor ihm. – Und er fand sie. Sie war so jungfräulich, so ohnegleichen süß und wahr. Sie liebte ihn, und er verführte sie. – Es war eine Nacht, duftend von Frühling und Liebe. An seinen Lippen hing das Mädchen, und er fühlte, daß diesen Mund noch keiner berührt hatte vor seinem ersten Kuß. Und auch sie fragte er: »Mein geliebtes Kind, woran denkst du?« Und da schaute sie mit träumerischen Augen über ihn weg und sagte: »Ach, an den braunlockigen Jungen, mit dem ich im letzten Sommer an einem dämmerigen Abend auf der grünen Wiese gespielt und den ich so gerne geküßt hätte...« Da löste er sich aus ihrer Umarmung und verließ sie, ohne sich mit einem Blick nach ihr umzuwenden. Und nun zog er von neuem auf die Wanderung, denn er wollte einen anderen Wundertrank suchen, den er finden mußte, um glücklich sein zu können. Und er fand den besten, den gebenedeitesten. Wenn ein Tropfen davon über die Lippen eines Weibes kam, da hatte sie mit einem Male alles vergessen, was sie jemals erlebt – und der Mann, der an ihrem Herzen ruhte, war der einzige und erste für sie. Oh, wie ließ es sich nun wonnig lieben; es gab keine Schmerzen mehr, denn es gab keine anderen. Nun besaß er Weiber, die ihres Mannes nicht mehr gedachten, ja sogar solche, die ihres letzten Liebhabers vergaßen; nun schwelgte er in den Armen von Gefallenen, die sich ihres Verführers nicht mehr erinnerten, und er las sich Dirnen von der Straße auf, die, unter seinen Küssen wieder rein geworden, in neuen ungekannten Entzückungen lachten und rasten. Er war ganz trunken vor so viel Keuschheit, die ihm entgegenkam auf allen Wegen. Nun empfand er bei der Verworfensten, was ihm bei der Reinsten niemals geblüht: er bedeutete den einzigen, er war Er! Er wurde stolz. Ihm war beschieden, was keinem vorher. Er hatte nicht, wie wir andern Unglücklichen es tun müssen, die Küsse von anderen wegzuküssen, die Träume von anderen wegzuscheuchen; nie klangen die Seufzer der Erinnerung in die tiefen Atemzüge der Liebe – und so durfte er der einzige sein auf der Welt, neben den Einfältigen, für den es keine Eifersucht gab. Aber niemals verriet er einer Frau sein Geheimnis; denn ein brennendes Weh erfaßte ihn, wenn er dachte, daß man ihn vergessen könnte, so wie die anderen um seinetwillen vergessen worden waren. – Aber noch war er nicht völlig glücklich. Wohl gehörte ihm jedes Weib mit ihrer ganzen Gegenwart, mit ihrer ganzen Vergangenheit an, aber über die Zukunft war er nicht Herr. Freilich sagte ihm jede: »Ich werde dir für ewig angehören.« Aber das sagen sie ja alle, und auch den Männern hatten sie es zugeflüstert, deren Gedächtnis ihnen heute entschwunden war... Da machte er sich aufs neue auf die Wanderung und suchte und suchte. Wieder streifte er in den Wäldern des Orients herum und suchte einen Trank, der ihm das letzte größte Glück geben sollte – die Gewißheit, daß nach ihm keiner mehr geliebt würde. Viele Tage und Nächte dauerte seine Wanderung; endlich gewahrte er, versteckt im Walde und keinem sichtbar als ihm, die seltene Blume, in deren Saft das Wunder schlief Freudevoll wie nie zuvor eilte er der Heimat zu. Da wartete seiner ein holdes Kind, schön wie der Lenz, an der sein Herz hing, so heiß wie niemals früher an einem anderen Wesen. Ach! für sie war er ja in die Ferne gezogen; sie war es ja, die er fürs ganze Leben sein nennen wollte, und darum mußte sie ihm so gänzlich gehören wie keine zuvor. Schon der erste Anblick hatte ihn berückt, da er sie an einem trüben Herbstmorgen auf der Straße traf. Und eine Begierde quälte ihn, so heftig wie bei keinem anderen Weib, das er je besessen, alles zu wissen, was sie früher erlebt. Und da hatte er ihr den ersten Trank gegeben. Und nun plauderte sie ihm vor. Da gab es viel zu hören, und er lauschte ihr mit Tränen des Zornes in den Augen. Und sie erzählte von jungen Burschen, wildlockigen Dichtern, eleganten Kavalieren, grauen Wüstlingen, denen sie sich hingegeben, wie ihr eben die Laune kam... Da wollte er fast wahnsinnig werden, er konnte es nicht ertragen. Er wollte schreien vor Schmerz, und eilig gab er ihr den zweiten Trank, der sie alles vergessen machte. Da hörte er es nun. Nur ihn, immer ihn, seit Anfang aller Zeiten; ihn hatte sie geliebt, der sie in seinen Armen hielt und berauschte. Es gab nur einen auf der ganzen Welt – ihn, ihn! Sie war sein mit Leib und Seele. Aber es war ihm nicht genug – auch ihre Zukunft wollte er haben, und darum brauchte er jenen dritten Trank, ohne den es kein vollkommenes Glück für ihn geben konnte. Und als er zurückkam, da gab es ein Wiedersehen voll überirdischer Seligkeit. In heißer Sehnsucht hatte sie sein geharrt, sie wollte vergehen in inniger Freude, da sie wieder an seinem Herzen lag. Und nachts, während sie schlief, nahm er mit fiebernder Hand das kleine Fläschchen, das er von der Reise mitgebracht, und goß ihr langsam zwei Tropfen auf die halboffenen Lippen, die noch feucht waren vom letzten Kusse. Und mit einem Seufzer der Erlösung sprach er vor sich hin: »Nun bist du für immer mein und wirst keinen mehr lieb haben können nach mir! Und jetzt erst gehörst du mir ganz!« Die zwei Tropfen zerflossen langsam auf ihren roten Lippen. Er saß ihr zu Häupten, während sie regungslos weiterschlief, und er atmete den Duft ein, der um ihre Locken spielte. Der Morgen kam, aber das geliebte Mädchen wollte nicht erwachen. Und wie er sich zu ihr niederbeugte und den blassen Mund küßte, überkam ihn ein Frösteln, denn der war kühl, so seltsam kühl... Und das süße Kind konnte keinen anderen mehr lieben nach ihm – denn es war tot! Gespräch, welches in der Kaffeehausecke nach Vorlesung der ›Elixiere‹ geführt wird »Das ist die Geschichte eines Menschen, der toll ist vor Eifersucht oder auf dem besten Weg ist, es zu werden«, so sagte Paul, als Anatol geendet hatte. »Aber Wahres steckt viel drin«, meinte Fred. »Wir haben uns nur hineingewöhnt, in die erbärmliche Rolle, die wir spielen, – aber sie ist zweifellos höchst erbärmlich.« »Die wir wann spielen?« fragte Paul. »Nun, wenn wir geliebt werden. Denn für die Feinfühligen ist es ja doch klar, daß wir im Grunde nicht als Individualitäten, sondern als ein Prinzip verehrt werden, und darin liegt etwas Beschämendes.« »Unwahr«, sagte Paul. »Es gibt Frauen, die den richtigen finden.« »Einbildung. Wäre Romeo nicht geboren worden, so hätte Julia einen andern geliebt.« »Sehr richtig«, warf Anatol ein, »und ich möchte es sogar kühnlich behaupten: Die Weiber lieben den in uns, der gekommen wäre, wenn wir nicht gekommen wären.« »Nun, ist er nicht toll?« rief Paul aus. »Ich bin es durchaus nicht, sondern ich gehe in meiner Auffassung der individuellen Liebe nur an die äußersten Konsequenzen, und da komme ich eben zu dem Resultat, daß Liebe selbst in ihrer heiligsten und unverratensten Form eine stete Eifersucht sein muß. Man muß immer nur denken: Und wenn ich nicht auf der Welt wäre? Oder noch besser: Wenn irgendein anderer auf der Welt wäre?...« »Kurz«, rief Paul aus, »du bist nicht allein auf sämtliche Männer eifersüchtig, die sind und waren, sondern überdies auf alle die ungezählten Millionen, die existieren könnten.« »Gewiß. Und ich gestehe, daß ich mir manchen dieser Fälle ganz klar vorstelle. Ich denke zum Beispiel: Vor zwanzig Jahren, in einer holden Frühlingsnacht haben sich zwei Verliebte im Park ein Stelldichein gegeben. Einer von beiden aber kann nicht kommen, oder sie werden verscheucht, – kurz, statt sich anzugehören, wie sie wollten und sollten, bleiben sie einander fern. In dieser Nacht aber hätten sie ein Kind gezeugt, ein Kind der Liebe. Es wäre ein Knabe gewesen. Nach zwanzig Jahren – heute also – wäre er dem Mädchen, das ich liebe, begegnet, sie hätte sich in ihn verliebt – auch auf diesen bin ich eifersüchtig.« »Toll – unerhört!« rief Paul aus. »Du bist krank, mein Freund – so denkt ein normaler Mensch nicht! Solchen Phantastereien gibt man sich nicht hin!« »Man...« wiederholte Anatol. »Im übrigen, um dich zu beruhigen: dieser Frühlingsnachtgeborene, der nicht auf die Welt kam, wäre einer von denen, über die ich mich trösten könnte. Es ist eine große Liebenswürdigkeit von diesen gefährlichen Jünglingen, daß sie zuweilen, wie meine Erörterung lehrt, gar nicht existieren. Aber für lächerlich halte ich meine Ideen über die Eifersucht durchaus nicht, und wer die Frauen kennt... Ihr habt wohl die Novelle von Mendès gelesen, ›Le troisième oreillier‹?... Nein?... nun, ich rate sie euch an... Das ist die Geschichte von dem dritten Polster, der unsichtbar neben den zwei Polstern liegt, auf welchen die zwei Häupter der Liebenden ruhen.« »Ja, aber um Himmels willen«, rief Paul aus. »Das gilt doch nicht für alle Fälle? Man wird doch zuweilen selbst geliebt, nicht als ein anderer, auch nicht als Prinzip, sondern persönlich: als Anatol, als Fred...« »Als Paul...« Paul wurde plötzlich melancholisch. »Nein«, sagte er, »als Paul wird man nie geliebt.« Und das Gespräch war nicht mehr in Gang zu bringen.