Joseph Roth Panoptikum Gestalten und Kulissen Panoptikum am Sonntag Für Benno Reifenberg Eines Tages – es war ein Sonntag – wich die Scheu, mit der ich oft an dem Musée Grevin vorbeigegangen war. Es regnete in Abständen. Die Wolken, die aus Schwefel zu sein schienen, strömten ein gelbes Licht aus. Am Nachmittag bekamen die sonntäglich gekleideten Menschen den Ausdruck abgekämpfter, feierlicher und vergeblich auferstandener Schatten. Es war, als ob der Sonntag, zu dem sie ausgezogen waren, ausgefallen sei. An seiner Stelle befand sich eine Art verregneter und trüber Lücke, die den verflossenen Samstag vom künftigen Montag trennte und in der die verlorenen Spaziergänger umherschwankten, geisterhaft und körperlich zugleich und alle wie aus Wachs. Mit ihnen verglichen waren die wächsernen Puppen im Musée Grevin aufrichtigere Imitationen. Das gelbe Licht der Lampen in den fensterlosen Räumen, die niemals den Tag gekannt hatten, vermischte sich so innig mit dem Dämmer, der aus den Winkeln kam, daß beide aus dem gleichen Stoff zu sein schienen und Hell und Dunkel Geschwister. Die Gestalten der Geschichte und die bescheinigte Authentizität ihrer Gesichter, Bratenröcke, Kostüme, Zylinder; die Schatten, die sie wie zum Beweis ihrer Lebendigkeit auf den Fußboden warfen; die wächserne Starrheit ihrer Stellungen; und schließlich die unheimliche Stummheit, die lebende Zeitgenossen und längst Verstorbene gleichmäßig ausströmten: das alles kam mir wie eine angenehmere Fortsetzung und Bestätigung jenes gelben Sonntags vor, den ich eben verlassen hatte. Manche Persönlichkeiten hielten den einen Fuß vorgestreckt, die Hose warf unter dem Knie ebenso lebenswahr unbeabsichtigte Falten wie über dem Hals das Kinn ein Doppelkinn, und hundert kleine Nachlässigkeiten des Schneiders und der Natur waren bemüht, selbst dem verstockten Zweifler die wahre Existenz der Figuren zu beweisen. Ja, der Zuschauer kam oft dazu, mit dem eigenen Wunsch die Absicht des Panoptikums zu unterstützen. Auf den Gesichtern der lebendigen Besucher wieder lagerte ebenfalls eine Stummheit, die aus Ehrfurcht, Schrecken und Staunen bestand, wie ein matter Widerschein jener Figuren. Niemand wagte laut zu sprechen. Alle flüsterten oder murmelten, als befänden sie sich wirklich in der Nähe der bedeutenden oder furchtbaren Persönlichkeiten und als könnten sie durch einen stärkeren Laut die Puppen zu einem unwilligen Fluch veranlassen. Ein Geruch von lange ungelüfteten Kleidern schwebte um alle Denkmäler und machte sie noch realer. Gleichzeitig aber mit der Furcht, die sie einflößten, fühlte man eine Art Mitleid mit ihnen, den ewig eingeschlossenen, und empfand es fast als ein Unrecht, daß ihre Vorbilder, die noch lebten, in der schönen freien Luft und an den grünen Tischen der Weltgeschichte atmen und handeln durften. Es war, als stünde hier im Panoptikum der wahre Poincaré zum Beispiel und draußen führe irgendwo in einem Auto zu einem offiziellen Ereignis der nachgemachte. Denn alles Wesentliche und Kennzeichnende schien die wächserne Puppe dem lebendigen Vorbild abgelauscht und weggenommen zu haben, so daß dieses ohne seine stabilen Züge in der Welt herumlief. Und ebenso wie die Zeitgenossen der Erde, so schienen die toten Heroen dem Jenseits entwendet worden zu sein; und für die Dauer meines Aufenthalts im Panoptikum war es mir klar, daß sich in der Unterwelt nur die billigen Durchschnittsschatten aufhalten konnten, die für die Geschichte wie für das Musée Grevin überhaupt nicht von Bedeutung waren. Im Sterbezimmer Napoleons auf St. Helena roch man das schwelende Licht, obwohl es von einer elektrischen Birne kam, und man erstarrte in Ehrfurcht vor dem doppelten Schweigen des Todes: dem metaphysischen und dem imitierten. Für die Ewigkeit festgehalten war die Ewigkeit selbst, und das Flügelrauschen des Todesengels hatte seine Flüchtigkeit verloren und war beständig geworden, eingefangen im Sterbezimmer. Die authentischen Gegenstände aus Napoleons Besitz, seine Taschenuhr zum Beispiel, die auf dem Nachttisch lag, strömten eine überzeugende Echtheit aus, wie Gewürze Düfte verbreiten. Jede kleinste Lücke zwischen den nachgemachten Tatsachen, in die etwa die Phantasie des Betrachters hätte schlüpfen können, war ausgefüllt mit einer nachgemachten Wahrscheinlichkeit zumindest. Also war die Wirklichkeit nicht nur imitiert, sondern sogar übertroffen. Es war eine Welt, in der jede körperliche Erscheinung der menschlichen Phantasie vorgriff, um sie überflüssig zu machen, und in der alles plastisch vorhanden zu sein schien, was man sich sonst mit geschlossenen Augen kaum in verschwimmenden Umrissen ausmalen darf. Die Schatten waren eben Körper geworden und warfen eigene Schatten. Über allem lag eine makabre Stimmung. Aber sie entströmte nicht so sehr den dargestellten Katastrophen (wie etwa der Christenverfolgung in Rom und der unterirdischen Welt der Katakomben), sondern viel eher der unerbittlichen Körperlichkeit, in die alle Ausgeburten der Phantasie hineingesprungen waren, dieser wächsernen Härte, umgeben von historisch unanfechtbaren Requisiten und diesem legitimen Geschichtsunterricht, an dem nicht mehr gezweifelt werden konnte, einfach, weil er aus Wachs war und gar nicht vom Fleck zu rühren. Es war wie eine Begegnung mit okkulten Erscheinungen, obwohl alles Okkulte und der Vernunft schwer Zugängliche rationalistisch präpariert allen irdischen Sinnen aufgedrängt wurde. Man konnte Wunder mit körperlichen Augen sehen und war infolgedessen ein bißchen niedergedrückt und in Sorge, die liebe Erde zu verlieren, auf der man so gerne glaubend und zweifelnd herumwandert. Nur in einer einzigen Abteilung – Palais de Mirages, im Märchenpalast also – war die Begegnung mit dem Wunderbaren nicht schrecklich, sondern heiter. In diesem Palast sind alle Wände und die Decke aus Spiegeln. In der Mitte stehen ein paar Säulen, deren Aufgabe es ist, nicht die Decke zu stützen, sondern sich selbst zu vervielfältigen. Es ist ein besonderes System drehbarer Spiegel, die ein unwahrscheinliches Getöse verursachen, sobald man sie in Bewegung bringt. Um das Getöse zu übertönen, veranstaltet ein Orgelmechanismus eine Opernmusik, die aus Porzellanhimmeln, Messingsphären und Stanniolplaneten zu kommen scheint. Eine Zeitlang ist es stockfinster. Eine Pause, die dazu dient, die erregten Sinne auf ein neues Märchen vorzubereiten, und allen Besuchern Gelegenheit gibt, die Körper ihrer vertrauten Begleiterinnen wie fremde Wunder im Finstern zu fühlen. Dann leuchtet es langsam auf, von hunderttausend Lampen und Ampeln, violett, gelb, grün, blau, rot, und man befindet sich im orientalischen Palast, der von durchsichtigen Säulen getragen wird. Vor einigen Minuten waren es noch dichtbelaubte Eichen und Ahornbäume, und man befand sich in einem deutsch-französischen Märchenwald mit Orgelgezwitscher. Bald dröhnt es wieder, und flugs stehen wir unter einem blauen Sternen- und Kometenzelt. Erst in diesem Palast gelangten die Besucher aus der flüsternden Furcht in ihre natürliche Spektakelfreude. Denn sosehr auch hier das Unwahrscheinlichste wirklich geworden war, so blieb doch diese von vornherein zugestandene Märchenhaftigkeit ein Kinderspiel, verglichen mit den Wahrscheinlichkeiten und Wirklichkeiten der menschlichen Geschichte. Es war keineswegs merkwürdig, aus dem Wald in die Alhambra mit einem Schlag versetzt zu werden. Aber unmöglich schien die Kreuzigung Christi, der Tod Napoleons, die Ermordung Marats, das Zirkusspiel der Römer. Ja, selbst die zeitgenössischen Politiker, deren Leistungen erst in hundert Jahren die panoptikale Reife erlangt haben werden, wirkten schon so, wie sie dastanden, im Bratenrock und Zylinder, unmöglich und gespenstisch. Wie wenige von all den Besuchern wußten, daß sie vor sich selbst erschrocken waren und eigentlich noch in den Straßen hätten erschrecken müssen – – vor ihrem eigenen Spiegelbild in einem Schaufenster! Da gingen sie wieder herum, aus Wachs und aus Gips, mit allen Schrecknissen des Panoptikums in der eigenen Brust, und eines jeden Seele war eine Folterkammer. Es regnete immer noch, schief und strichweise, die gelben Wolken galoppierten über den Dächern, und tausend Regenschirme schwankten unheimlich über den Köpfen der Unheimlichen ... Gedicht von Wandkalendern In meiner Kindheit (und vielleicht nur in dem Land, in dem ich sie verlebt habe) gab es eine besondere Art von Wandkalendern, an die ich mich jedes Jahr in den Wintermonaten erinnere, wie man sich an Weihnachtsbäume und Großmütter erinnert, an Bilderbücher und Bonbons, an alle Personen und Dinge, die einen Glanz, eine Süße und eine Wärme hatten und die in ein gläsernes Grab gesunken scheinen, immer noch sichtbar, aber tot, Reliquien der heiligen Kindheit. Die Wandkalender bestanden, wie die heutigen auch, aus einem dicken Bündel neuer, glänzender, schwarzer und roter Tage, über die wie ein Bühnenvorhang ein buntes Blättchen gelegt war, darstellend einen Ast voll roter Kirschen oder ein Büschel Veilchen, jedenfalls immer ein blühendes Versprechen des neuen noch zugeklappten Jahres. Das Bündel der 365 Tage steckte an einem ziemlich großen und breiten Pappendeckel, der die Wand, das senkrechte Fundament war, auf dem sich das neue Jahr zu erheben gedachte. Dieses harte Papier war von einem noch härteren Glanz überzogen, von einer lackierten Schicht, einer spiegelnden, gewölbten Oberfläche, in der sich die Sonne konzentrierte, wenn der Wandkalender gegenüber dem Fenster hing, und in der, wie eine ferne Erzählung vom Wetter, die Färbungen des Himmels und der Luft zu lesen waren. Doch war diese Eigenschaft des Glanzes nur eine angenehme sekundäre. Während das Wichtigste die gepreßte, erhabene Illustration auf dem Pappendeckel war, die, obwohl sie das ganze Jahr naturgemäß nicht wechselte, dennoch nicht die gleiche zu bleiben schien und ihre Aktualität bis zum 1. Dezember bewahrte, zu welcher Zeit schon die Erwartung des neuen Kalenders das Bild auf dem alten gewohnt und gewöhnlich machte. Was waren das für Illustrationen! Wie leuchteten die starken und einfachen Farben, Rot, Blau, Gold, Grün hochsommerlich mitten im Winter, von jener Kraft, hinter der die Kraft der Phantasie zurückbleibt und von der die Träume dennoch befruchtet werden! Eine Frau, schwarz von Haar, das ein tiefrotes Kopftuch zur Hälfte bedeckte, mit roten Wangen und knallblauen Augen, mit einem Hals und einer Büste wie weißer, noch vom Wasser glänzender und in Sonne segelnder Schwan, mit schweren Zöpfen, die sich an der Brust zusammenfanden wie von einem koketten Wind hingelegt – – solch eine Frau hielt mit beiden Armen ein papierenes Körbchen, das schräg im Pappendeckel steckte, wie mit der Laubsäge gearbeitet schien und nichts weniger als einen Korb voll Weintrauben darstellte, saftiger grüner und dunkelblauer, deren Farbe zwar an Karbonpapier erinnern mochte, aber an ein Karbonpapier, das man nur in der Kindheit kennt, das eine Art Wunder bedeutet, weil es ferne Striche und Buchstaben fernen Blättern vermittelt und das noch umständlicheren Schmutz erzeugt als ein Tintenstift. Welch eine Frau! Sie war offenbar vom Lande, eine Winzerin, ihre roten Lippen waren so weit geöffnet, daß man den siegreichen und gefährlichen Glanz ihrer Zähne sehen konnte. Obwohl sie aus Papier war und offensichtlich ohne Unterleib, schien sie dennoch im ganzen Zimmer einen merkwürdigen und erregenden Duft von Fleisch, Milch und Sommerregen zu verbreiten, sie war lebendig und mehr noch: eine Persönlichkeit, Vertreterin alles Weiblichen und Irdischen. Mit ihr verband ich den Begriff des »Heidnischen« und der Liebe zuerst, und lange Jahre später, als ich in nachbarlichen Dörfern die Bauernmädchen suchte, trug ich ein kindisches Verlangen nach jener Kalenderfrau, und jedem roten Kopftuch, das zwischen Grün aufbrannte, entsprach ein kleines rotes Feuer in meinem Herzen. Ja, heute noch lebt in dem von Skepsis verschont gebliebenen Teil meiner Seele die Sehnsucht nach dem schwarzen Mädchen – und obwohl ich das kurze Haar der Frauen liebe, kann ich an die Zöpfe nicht ohne Wehmut denken. Und jedes Jahr kam eine andere Frau. Es kamen Wandkalender mit sentimentalen, zarten, blonden Feen, mit halbwüchsigen Backfischen, die an Schokolade erinnerten, mit Feen, die Kränze im Haar trugen. Und jede Frau versank bis zur Brust im Körbchen, das, wie ich später einmal erfuhr, dazu dienen sollte, Briefe aufzubewahren, in dem ich aber gefundene Haarnadeln gerne verbarg. Aber so weit ich mich heute erinnere, wurden die Wandkalender immer sachlicher, nach den blassen Frauen kamen nur noch Firmeninschriften, es scheint, daß sich die Phantasie der Kalenderfabrikanten allmählich erschöpfte oder daß sie die Erfahrung gemacht hatten, das die Reklame wirksamer sei, wenn kein Bild von ihr ablenke. Vielleicht aber gab es diese Kalender auch später noch, nur ich sah sie nicht, weil ich inzwischen so groß geworden war, daß ich die Nägel überragte, an denen die Kalender hingen. Denn wir wachsen über unsere alten Freuden hinaus, andern entgegen, die so hoch hängen, daß wir sie nie erreichen. Man munkelt bei Schwannecke Obgleich der Lärm, den die redenden Gäste verursachen, weit bedeutender ist als die Gegenstände, die sie behandeln, ergibt er doch jene Art der geselligen und undeutlichen Äußerung, die man Munkeln nennt. Die sehr bestimmte Lautheit nämlich, mit der einer dem andern eine Neuigkeit mitteilt, erzeugt schon selbst das akustische Halbdunkel, die tönende Dämmerung, in der jede Mitteilung ihre Konturen verliert, die Wahrheit den Schatten einer Lüge wirft und die Nachricht die Züge ihres eigenen Dementis trägt. Und wie im Licht einer zwar grellen, aber flackernden Flamme ein Gegenstand nicht deutlich agnosziert werden kann, ebenso fällt es dem angestrengten Lauscher schwer, eine Äußerung zu werten, die man ihm zugetragen hat; insbesondere wenn sie ein Geheimnis ist, wie in den meisten Fällen. Das Lokal der Berliner Künstler und Literaten, in dem man um Mitternacht alle finden kann, die noch am Abend versichert hatten, sie gingen prinzipiell nicht mehr hin, ja, sie wären seit Jahr und Tag nicht dort gewesen, beherbergt eine Art arrivierter Boheme, deren Kreditfähigkeit bereits außer Zweifel ist. Keiner von diesen Gästen hätte es nötig, seine Schlafstätte später aufzusuchen, als es ihm sein bürgerlicher Instinkt befiehlt. Auch beschließt jeder jede Nacht, diesen Ort in der nächsten zu meiden. Aber die Angst, seine Freunde, die ihn erwarten, um mit ihm Gutes zu reden, könnten von ihm Schlechtes reden, wenn er nicht käme, veranlaßt ihn, sich tapfer dort zu zeigen, wo es vielleicht mutig wäre, abwesend zu sein. Er kommt, um die Eintracht nicht zu stören, die, aus Angst und Mißtrauen gebildet, in den Nischen nistet, und um sich und seinen Tisch vor jener üblen Nachrede zu bewahren, die schon am nachbarlichen gemunkelt wird. Hätte einer die Fähigkeit, an allen Tischen gleichzeitig zu sitzen, man würde an allen nur Gutes von ihm reden; und das Wunder, das er selbst vollbrächte, wäre noch gering im Vergleich zu jenem, das die anderen sich abzuringen hätten. Immerhin erreichen die meisten wenigstens die Grenze des Wunderbaren, indem sie sehr schnell einen Tisch nach dem andern kontrollieren. Aber immer noch bleiben sie hinter der Schnelligkeit zurück, mit der die Sitzenden das Thema zu wechseln verstehen – – und gelegentlich auch die Anschauung. Es gibt freilich auch Sitzende, denen ihr Rang gerade noch erlaubt aufzustehen, nicht aber mehr, Besuche abzustatten. Auch sie sind nicht gefeit vor der Angst, irgend jemand könnte irgend etwas von ihnen erzählen. Aber sie tragen die Last, nicht wohlgelitten zu sein, wie einen Beweis für ihre Bedeutung – und das Mißtrauen, das die noch nicht so weit Arrivierten in Zuvorkommenheit packen, verwandeln die Bedeutenden in Verachtung und in Geringschätzung. Alle, die man im Augenblick nicht brauchen kann, sind für den, der sie erst nach einem Jahr brauchen wird, heute nur Luft, die er zwar atmet, aber nicht sieht. Gemach, gemach! Sie werden sich bald aus ihrer durchsichtigen Anonymität zu jener pseudonymen Körperlichkeit entwickelt haben, ohne die man unmöglich einen Lehnstuhl vor einem Bürotisch einnehmen kann. Sie, deren Sehnsucht es heute noch ist, Schatten von Körpern zu sein, werden einmal sogar eigene Schatten werfen, Protektionsschatten auf Anonyme, Durchsichtige und Luftige. Sie werden selbst die Filmreferate zu verteilen haben, die heute nur einige Male im Jahr wie göttliche Gnaden auf sie fallen, sie werden selbst in Konferenzen begriffen sein, wegen deren sie heute noch fortgeschickt werden, und sie werden bei Premieren neben den Kritikern sitzen, selber Kritiker, aber von einer »neuen Richtung«, mit einer neuen Terminologie, dank der sie vor Urteilen bewahrt und zu Vorurteilen angeregt werden. Deshalb empfiehlt es sich für Vorsichtige, auch nicht die Geringsten unter den Anwesenden zu übersehen, ja selbst die Unsichtbaren mit einer gewissen Achtung ins Auge zu fassen und die Schatten so zu begrüßen, als wären sie beredt und könnten erwidern. In den langen Jahren, in denen ich den deutschen Literaturbetrieb beobachten darf, habe ich schon gesehen, wie Nullen sich an Ziffern hängten und zusammen Zahlen ergaben, mit denen man natürlich rechnen mußte. Ja einige, die in der Gesellschaft bei Schwannecke die unbedeutende Funktion von ornamentalen vertikalen Linien auszuüben schienen, verwandelten sich in Striche, durch ahnungslose Rechnungen gemacht. Und manche Analphabeten, die, während sie in den Vorzimmern der Redaktionen warteten, die Zeitungen buchstabierten, begannen auf einmal, Bücher zu besprechen. Auch Feindschaften unter den Gästen von Schwannecke können überraschende Folgen zeitigen, und nur ein Ahnungsloser ist imstande, an eine Feindschaft zu glauben und aus ihr etwa Nutzen für sich selbst ziehen zu wollen. Selbst nach einer unmißverständlichen Erklärung der sogenannten Tintenfehde – die zusammen mit der Tintenrache die gefährlichste Sitte der Schwannecke-Stämme bildet – kann niemand voraussehen, wie schnell ein Feuilletonist imstande ist, eine uralte, seit Wochen und Tagen stammende Feindschaft gegen einen Autor in einer langen, lobenden Kritik zu begraben, ohne daß jemand zu sagen wüßte warum, wieso und wozu. Ganz besonders unterrichtete Zwischenträger wissen dann manchmal zu berichten, daß gemeinsame Interessen für einen neuen Typ eleganter Sportautomobile die Gegner einander nahegebracht hätten. Denn seit einiger Zeit hat die Verpflichtung zum »Tempo«, in dem sich Um-, Neu- und Wiederaufbauten auf dem Kurfürstendamm und auch sonst im Lande vollziehen, sogar die Diener am Geist sowie dessen Bediente erfaßt, und alle sind imstande, hinter eine Fahrt mit 80-Kilometer-Geschwindigkeit eine Weltanschauung zurückzustellen. Vor dem Erlebnis der meßbaren Geschwindigkeit, mit der sie eine Straße dahinrasen, bleibt auch die Sensation jener unmeßbaren zurück, mit der sie ein Bekenntnis vergessen. Und seitdem in unserer zeitgenössischen Literatur ein Monokel ein Auge ersetzen kann, ist selbst in den Blicken einzelner Gegner Zu- oder Abneigung nicht mehr zu erkennen. Gedruckte Angriffe und Beleidigungen in unseren literarischen Blättern lese ich deshalb schon lange so, als wären es bereits Widerrufe und Entschuldigungen. Nicht ohne Grund ärgere ich mich über die Innenarchitektur Schwanneckes, den langen Raum, den Korridor, an dessen beiden Seiten viereckige Nischen angenäht sind, so daß die Gästegruppen voneinander getrennt sind, als gehörten sie nicht zusammen. Mich kränkt die Enge dieses Raumes und der Umstand, daß er nicht alle faßt, die hineingehören. Ich ergebe mich gerne der Vision, die mich manchmal aufsucht, wenn ich in einer der Nischen am frühen Morgen sitze, der hier ein Anhang an die Nacht ist. Ich sehe einen kolossalen, übersichtlichen Schwanneckebau mit einer Kuppel, er faßt die ganze Literatur, die Öffentlichkeit und ihre Kritik, die Filmproduktion und ihre Rezensenten, die Bühne und ihre Referenten und sogar die Arbeitszimmer der einzelnen, die dem Snobismus der Einsamkeit huldigen, die ihnen nicht zusteht – auseinandergefallene und aufgelöste Arbeitszimmer, in denen nur die Schreibmaschinen die tönende Leere der Gedanken unterbrechen. Ich sehe ein unermeßliches, gewissermaßen übersinnliches Schwannecke, ein Pantheon der lebenden, wenn auch nicht lebendigen künstlerischen Öffentlichkeit, in der auch die Autogaragen der kühnen Schnelligkeitsdichter Raum fänden und eine Autorennbahn für die Besinger der Gegenwart und ein Flugplatz für die Feuilleton-Homere der Ozeanflieger. Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet Es regnet dünn und dauerhaft. Um zwölf Uhr fünfzehn geht die Straßenbahn ab. Um ein Uhr fünfundvierzig wird sie in der nächsten Stadt sein. Die Haltestelle ist vor einer Schenke. Ich trinke ein Kirschwasser und sehe durch die Netzornamente der Vorhänge auf die Straße. In so einem Regen werden die Geräusche unhörbar, genau wie im Schnee. Ja, hätten diese Vorhänge keine Ornamente, hätte diese gute Schenke überhaupt keine Vorhänge – wozu Vorhänge? –, dann könnte ich wohl die Straßenbahn kommen sehen. Ich zittere, sie könnte mir davonfahren, und gleichzeitig wünsche ich, sie täte es. Ich würde dann vielleicht mit der schnelleren, solideren, bequemeren Eisenbahn fahren. Nun aber stehe ich im Bann einer freigewählten Qual. Je mehr Zeit, Geduld, Kältegefühl, Kirschwasser und Abscheu ich in dieses Unternehmen investiere, desto schwerer fällt es mir, darauf zu verzichten. Die Zeit und der Regen rinnen. Pünktlich, sie war gar nicht dazu verpflichtet, kommt die Straßenbahn. Ihr Trittbrett ist hoch und naß, auch der Fußboden im Innern des Wagens ist feucht, ein alter Mann raucht Pfeife, eine Frau sitzt, einen verhüllten Korb auf dem Schoß. Schulmädchen steigen ein, mit häßlichen, harten Schultornistern, auf die der Regen getrommelt hat; Ertüchtigungsinstrumente mit baumelndem Schwamm. Zwei Arbeiter lehnen auf dem Hinterperron neben dem Schaffner. Eine ländliche Magd ist da, sie trägt eine goldgefaßte Brille und ist barfuß. Sie mahnt mich an einen Pflug, der von einer Lokomotive gezogen wird. Niemand spricht. Alle machen sich auf die Qual einer langen Fahrt gefaßt. Eine solche Sammlung bedarf der vollkommenen Schweigsamkeit. Die harten Sitze aus glänzend poliertem Holz sind nicht nur kurz, sondern auch abschüssig. Hier sitzen heißt: fortwährend und fruchtlos hinaufrücken. Wir fahren durch eine lange Straße, an schwarzen Häusern und Häuserlücken vorbei, an Brettern, an Zäunen, an einem Gelände, das keinen Sinn hat, nicht die Erwartung, jemals einen Garten, einen Acker oder ein Haus zu tragen. Es ist die Leiche eines Geländes. Die Stadt hört nicht auf. Wenn sie aber einmal aufhört, beginnt sofort die andere. Die Städte reichen einander die Straßen. Jedesmal halten wir vor braunen Wartehäuschen aus geteertem Holz, sie sehen aus wie die Urformen von Bahnhöfen in den wilden Teilen Amerikas. Jetzt kommen Schrebergärten, kleine Häuschen aus Dachpappe, die Sommerschlösser des kleinen Mannes und des Kaninchens. Auf spitzen Zaunlatten sind Krüge, Töpfe, Schüsseln aufgespießt wie abgeschnittene Häupter. Eine Fabrik, rote Ziegel, Backsteine, ein eisernes Gitter, ein kleines Portierhäuschen aus weißem Stein, mit sichtbarer Kontrolluhr, dahinter große Schlote, vier, fünf, sechs, bereit, sich noch zu vermehren, ihnen soll's nicht darauf ankommen. Das Land will immer wieder anfangen, Land zu sein – und kann's nicht. Da sind keine Häuser. Jetzt könnte es eine Landstraße werden. Sogar Bäume stehen zu beiden Seiten und sind bereit, sie zu bestätigen. Aber unsere Straßenbahn bedarf der Drähte, und die Drähte bedürfen der langen, hölzernen Pfosten, der kahlen, an deren höchstem Ende ein paar weiße Porzellangefäße zu elektrischen Zwecken blühen. Karikaturen von Schneeglöckchen. Hinten, weit, am Horizont, sind Bestrebungen der Natur im Gange, einen Wald hervorzubringen. Aber es ist kein Wald. Es entsteht eine Art beginnender Vegetationsglatze, mit vereinsamten Tannensträhnen. Jetzt fangen die Gasthäuser an, eines folgt dem andern, und jedes kündigt ein »ausgezeichnetes Gartenlokal« an. Was mag das sein, ein Gartenlokal? Ich stelle mir ein Lokal mit gemalten Orangenbäumen vor und Lorbeeren in Blumentöpfen; oder ein Stückchen Kohlrübenfeld mit einer Veranda; vier Zäune mit wildem Weinlaub. Der Phantasie sind keine Schranken gesetzt. Jetzt folgt ein Aufenthalt ohne logischen Grund. Der Führer steigt vom Trittbrett, der Schaffner folgt ihm, in der Mitte begegnen sie einander. Man hört den Regen rinnen. Man sieht kein Wartehäuschen. Schornsteine, große, schlanke, dampfen in unerlöster Qual. Der Regen zerfranst den dicken Rauch, zerstäubt ihn, gleichmäßig, ohne Wut. Der Regen spannt Vorhänge über die Landschaft, ohne Ornamente. Es ist keine Landschaft, es ist eine Art langgedehnter Stadtschaft, Industrieschaft, von blühenden Gartenlokalen unterbrochen. Da kündigt sich, durch den Regenvorhang noch sichtbar, ein Beerdigungsinstitut an und auf der anderen Seite Persil, das Sinnbild des Lebens. Niemand spricht. Sooft die Tür aufgeht, schlägt sie einer mit Überzeugung zu. Es ist kalt. Wenn wir halten, ist es noch kälter. Alle möchten ihre Füße auf die Sitze hinaufziehen, aber es wäre sicherlich verboten. Gestattet ist die Lektüre der Aufschriften: »20 Sitzplätze«, »Nicht in den Wagen spucken«. Ich täte es gern. Wir fahren jetzt wieder. Da beginnt auch schon die nächste große Stadt. Wir sind am Ziel. Es sieht aus wie der Anfang. Es ist, als gäbe es keine räumlichen Ziele hier: nur zeitliche, wie den sicheren, unausbleiblichen, endgültigen Tod des letzten Stückchens Erde. Der Rauch verbindet Städte Hier ist der Rauch ein Himmel. Alle Städte verbindet er. Er wölbt sich in einer grauen Kuppel über dem Land, das ihn selbst geboren hat und fortwährend neu gebärt. Wind, der ihn zerstreuen könnte, wird vom Rauch erstickt und begraben. Sonne, die ihn durchbohren möchte, wehrt er ab und hüllt sie in dichte Schwaden. Als wäre er nicht erdgezeugt und sein Wesen nicht vergänglich, erhebt er sich, erobert himmlische Regionen, wird konstant, bildet aus Nichts eine Substanz, ballt sich aus Schatten zum Körper und vergrößert unaufhörlich sein spezifisches Gewicht. Aus ungeheuren Schornsteinen zieht er neue Nahrung heran. Sie dampft zu ihm empor. Er ist Opfer, Gott und Priester. Milliarden kleiner Stäubchen atmet er wieder aus, er, ein Atem. Indem man ihn erzeugt, betet man ihn an. Man erzeugt ihn mit einem Fleiß, der mehr ist als Andacht. Man ist von ihm erfüllt. Erfüllt ist von ihm die ganze große Stadt, die alle Städte des Ruhrgebiets zusammen bilden. Eine unheimliche Stadt aus kleinen und größeren Gruppen, durch Schienen, Drähte, Interessen verbunden und vom Rauch umwölbt, abgeschlossen von dem übrigen Land. Wäre es eine einzige, große, grausame Stadt, sie wäre immer noch phantastisch, aber nicht drohend gespenstisch. Eine große Stadt hat Zentren, Straßenzüge, verbunden durch den Sinn einer Anlage, sie hat Geschichte, und ihre nachkontrollierbare Entwicklung ist beruhigend. Sie hat eine Peripherie, eine ganz entschiedene Grenze, sie hört irgendwo auf und läuft in Land über. Hier aber ist ein Dutzend Anfänge, hier ist ein Dutzendmal Ende. Land will beginnen, armseliges, rauchgeschwängertes Land, aber schon läuft ein Draht herbei und dementiert es. Große Fabrikwürfel aus Ziegelstein rücken unversehens heran, stehen da, fester gegründet als Berge, Hügel, naturnotwendiger als Wälder. Jede kleine Stadt hat ihren Mittelpunkt, ihre Peripherie, ihre Entwicklung. Da sie aber alle vom Rauch zu einer einzigen Stadt vereinigt werden sollen, verliert ihre natürliche Anlage und ihre Geschichte an Glaubwürdigkeit, jedenfalls an Zweckmäßigkeit. Wozu? Wozu? Wozu hier Essen, da Duisburg, Hamborn, Oberhausen, Mülheim, Bottrop, Elberfeld, Barmen? Wozu so viele Namen, so viele Bürgermeister, so viele Magistratsbeamte für eine einzige Stadt? Zum Überfluß läuft noch in der Mitte eine Landesgrenze. Die Bewohner bilden sich ein, rechts Westfalen, links Rheinländer zu sein. Was aber sind sie? Bewohner des Rauchlands, der großen Rauchstadt, Gläubige des Rauchs, Arbeiter des Rauchs, Kinder des Rauchs. Es ist, als wären die Bewohner der Städte weit zurück hinter der Vernunft und dem Streben der Städte selbst. Die Dinge haben einen besseren Zukunftsinstinkt als die Menschen. Die Menschen fühlen historisch, das heißt rückwärts. Mauern, Straßen, Drähte, Schornsteine fühlen vorwärts. Die Menschen hemmen die Entwicklung. Sie hängen sentimentale Gewichte an die beflügelten Füße der Zeit. Jeder will seinen eigenen Kirchturm. Indessen wachsen die Schornsteine den Kirchtürmen über die Spitze. Verschiedenartige Glockenklänge verschlingt der Rauch. Er hüllt sie in seine düstere Wattesubstanz, daß sie nicht vernehmbar, geschweige denn zu unterscheiden sind. Jede Stadt hat ihr Theater, ihre Andenken, ihr Museum, ihre Geschichte. Aber nichts von diesen Dingen hat erhaltende Resonanz. Denn die Dinge, die historischen (sogenannten »kulturellen«), leben vom Echo, das sie nährt. Hier aber ist kein Raum für Echo und Resonanz. Glockenklänge leben vom Widerhall, und alle kämpfen gegeneinander, bis der Rauch kommt und sie erstickt. Da haben einige kleine Städte ihre alten, winkligen, wenn man will: romantischen Teile. Man nennt so was lauschig. Rings um sie schmettert die Zeit. Dröhnende Drähte umspannen sie. Alle zitternden Luftwellen sind erfüllt von radio-gesprochenen Worten der Gegenwart. Was wollen diese schlummernden Portale, diese verträumten Schönheiten? Sie waren daheim, als der blaue Himmel noch über ihnen sich wölbte. Nun aber wölbt sich grauer Rauch über ihnen. Nun sind sie verschüttet von Millionen Kohlenstäubchen. Niemals, niemals wird ihre Wiederauferstehung erfolgen. Niemals mehr wird ein reiner, nackter Sonnenstreifen sie vergolden. Niemals wird ein sauberer Regen sie waschen. Niemals wird eine echte Wolke sie beschatten. Verloren sind sie in all ihrer Festigkeit. Sie waren für Jahrhunderte gebaut aus ewigem Stein, und nur weil ihre materielle Substanz so dauerhaft ist, sind sie noch da. Nicht, weil ihre Lebenskraft noch vorhanden ist. Sie sind wie alte Münzen aus solidem Silber, die keinen Währungswert mehr haben. Die lächerlichste Banknote aus dünnstem Papier ist gegenwärtiger. Aus lächerlich dünnem Material sind die neuen Stadtteile. Da sind Wände, die man mit Daumen und Mittelfinger umspannen könnte. Da sind Baracken aus Holz und hohlem Ziegel. Da sind Schindeldächer, wie von Kindern aufgestülpt. Es steht, es fällt, es wird wiederaufgebaut. Soeben noch waren sie weiß, strahlend von neuer, kurzlebiger Tünche. Jetzt sind sie schwarz wie faule Zähne. Jede Straße wie ein offener Mund. Menschen wohnen hier. Menschen, die alle ein Ziel haben. Auch die Arbeitslosen haben ein Ziel. Sie schreiten aus. Wozu schlendern? Was ist hier zu sehn? Kinder spielen in der Straßenmitte. Alle Fenster sind gleich. Alle Häusertüren sind gleich. Hier sind nur Nummern verschieden. Alle Menschen haben den verbissenen Willen, ein Ziel zu erreichen. Vielleicht ist es die Arbeitslosenunterstützung. Vielleicht ist es der Konsumverein. Vielleicht ist es das Versammlungslokal. Vielleicht ist es ein Einbruch. Vielleicht ist es die Revolution. Vielleicht ist es das Kino. Ach, es ist so gleichgültig! Ein Ziel wie das andere. Eine Stadt wie die andere. Eine Straße wie die andere. Steig in die Straßenbahn. Du bist in einer halben Stunde in der nächsten Stadt. Hat sich was geändert? Rauch über der Welt! Man fährt nach Oberhausen, von da nach Mülheim, von da nach Recklinghausen, nach Bochum, nach Gladbeck, nach Buer, nach Hamborn, nach Bottrop. Rauch über der Welt! Kein Himmel, keine Wolke! Regen, der aus Rauch kommt. Schwarzer Regen. Hundert Schornsteine, aufgestreckte Zeigefinger, Säulen des Rauchhimmels, Altäre des Gottes Rauch. Schienen auf der Erde, korrespondierende Drähte in der Luft. Eine einzige, grausame Stadt aus Stadthäufchen, aus Städtchengruppen. Dazwischen läuft eine eingebildete Landesgrenze. Aber darüber wölbt sich ein einheitlicher Himmel aus Rauch, Rauch, Rauch. Der Polizeireporter Heinrich G. Heinrich G., ein Polizeireporter, übte seinen Beruf schon seit mehr als zwanzig Jahren aus. Er war ein Mann von einem freundlichen, runden, heiteren Angesicht und einem behäbigen Körper. Er schien weder die Schnelligkeit zu besitzen, die sein Beruf erfordert, noch einen kritischen Sinn für die Erträglichkeit der Schrecken, über die er berichtete. Man hätte ihn etwa für den Direktor eines Puppentheaters halten können, auch für einen Schnellphotographen für verliebte Spaziergänger im Grünen, der flotten Nachlässigkeit wegen, mit der seine Hose in Querfalten auf die soliden Stiefel fiel, der sorglosen Willkür wegen, mit der ein breiter, windiger Schmetterling aus brauner Seide über dem kargen Ausschnitt der Weste flatterte, keine Krawatte mehr, sondern ein munteres Spielzeug der Lüfte. Die lächelnde Ruhe dieses Mannes lag über seinem Interesse für die blutigen Schauder der Kriminalistik wie ein heiterer Sommertag vor dem Eingang zu einer panoptikalen Schreckenskammer. Den harmlosen Freuden des Alltags schien sein Wesen zugewandt. Er schlenderte durch die Straßen, den Spazierstock in beiden Händen und beide Hände auf dem Rücken; dermaßen, daß es aussah, als erhielte er von rückwärts her die rundliche Wölbung seines Bauches. Oft blieb er vor den Schaufenstern stehn. Sein Blick suchte nicht die ausgestellten Gegenstände, sondern den Luftraum hinter der Scheibe, vielleicht aber auch sein eigenes Spiegelbild. Das Auge war verloren wie das eines Träumers, der zwecklos in den Himmel sieht. So ließ er sich von seinen vorübergehenden Freunden überraschen, deren er viele zählte. Es waren große, vierschrötige Männer mit viel zu kleinen, grünen Lodenhütchen auf glattrasierten Schädeln: Kriminalbeamte. Sie blieben stehen. Ihr Beruf hatte sie daran gewöhnt, die Menschen, mit denen sie in Verbindung treten wollten, zuerst zu beobachten und dann zu überraschen. Auch um einen Freund anzusprechen, legten sie ihre schwere Hand auf seine ahnungslose Schulter, als wollte ihr Mund schon »Im Namen des Gesetzes ...« sagen. Aber sie ließen nur ein mächtiges »Hallo!« erschallen. Heinrich G. wandte sich nicht um. Er wurde im Lauf des Tages so oft überrascht, seine rechte Schulter erhielt so viele freundschaftliche Schläge, sein Ohr vernahm so häufig das freundliche »Hallo«, daß er eher verwundert gewesen wäre, einmal eine Viertelstunde vor einem Schaufenster zu stehn, ohne angesprochen zu werden. Ohne seinen Blick von der Scheibe zu heben, sagte er, zu ihr gewandt: »Grüß Gott!« Der andere wartete. Erst eine geraume Weile später wurde er von Heinrich G. besehen und agnosziert: »Ah, das ist der Anton! Ich dachte, das wär' der Franz! Du hast aber genau dieselbe Hand. Eine Laune der Natur!« Hierauf setzten sich beide in Bewegung. Nach dem ersten Schritt zog Heinrich G. eine nackte Zigarre aus der linken oberen Westentasche. Er hielt die Zigarre ein wenig vor den Augen, drehte sie und sagte: »Delikate Havanna!« Dann schenkte er sie seinem Freund. Fast alle Kollegen trugen Aktentaschen und gingen mit eiligen Schritten über die Straße. Er allein schlenderte langsam dahin – und trug er gelegentlich eine Tasche, so waren keine Papiere und Zeitungen darin, sondern Lebensmittel, schöne blutige Fleischklumpen und herzerfrischende Möhrchen und flatternder Blättersalat. Denn er besuchte gerne die morgendlichen Märkte, von allen Händlern gegrüßt und freundlich mit einem Finger salutierend. Man brachte ihm alles entgegen. Er brauchte nicht zu wählen. Blieb er wortlos, einen Finger am Hutrand, die Zigarre zwischen den Lippen, vor einem Händler stehen, so wandte sich dieser um, ging zu seinen Körben, holte eine Ware hervor, packte sie ein und legte sie selbst in Heinrich G.'s Aktentasche. Heinrich G. zahlte. Alles spielte sich lautlos ab. Andere Kunden mußten warten. Seine Kollegen hatten bestimmte Bürostunden. Heinrich G. arbeitete unterwegs. Manchmal betrat er ein Kaffeehaus, salutierte, ging in die Telephonzelle, kramte aus der geräumigen Rocktasche ein paar zerknüllte Zettel hervor und telephonierte seiner Zeitung eine neue Schreckensnachricht. Sie bestand nur aus Rohmaterial, aus Namen, Daten, Fakten. Es waren Stichworte, keine Sätze. Ungefähr so lautete eine Meldung: »Heute, 26. April, Henriette Kralik ermordet aufgefunden, Polizei, Spur, Tagelöhner Richard Josef Haber, 32 Jahre, einmal Einbruch vorbestraft, abgeschafft, Aufenthalt ungesetzlich.« Er diktierte ein Dutzend Morde, Raubüberfälle, Einbrüche in Banken und Privathäuser, zündete die Zigarre wieder an und verließ das Kaffeehaus, einen Finger am Hutrand. Woher erfuhr er alle Grausamkeiten? Er entzog sie der Luft, in der sie gelegen waren, den Schaufenstern vielleicht, er entnahm sie dem »Hallo«, mit dem ihn seine Freunde begrüßten. Am Vormittag ging er zur Polizei. Der Posten vor dem Eingang salutierte und bekam von Heinrich G. eine Zigarre. In dem langen, halbdunklen Korridor, in dem die weißen Reihen der Türknöpfe aus Porzellan leuchteten, öffnete Heinrich G. eine Tür nach der andern, steckte den Kopf durch den Spalt, während gleichzeitig sein Stock, von der Linken am Rücken gehalten, ein paar lebhaftere Wedelbewegungen machte, als hätte er eine unmittelbare physiologische Beziehung zu der Zunge und den Lippen, die »Guten Morgen!« in die Büros hineinriefen. »Guten Morgen!« kam es zurück. Die Tür schloß sich wieder, eine andere ging auf. Manchmal – es war nicht zu erkennen, aus welchen Gründen – trat Heinrich G. in eines der Zimmer und blieb ein paar Minuten. Pfeifend, mit gespitzten Lippen, die einen komischen kleinen, roten Fleck im Gesicht bildeten, trat er wieder in den Korridor. Das Liedchen, das er pfiff, ließ erkennen, daß er etwas Besonderes erfahren hatte. Er ging zur nächsten Tür, »Guten Morgen!« sagen. Dann stieg er in den zweiten Stock, unaufhörlich gegrüßt, unaufhörlich salutierend auf der Treppe, die von Auf- und Absteigenden bevölkert war. Im zweiten Stock, wo die Korridore etwas heller waren, wiederholte er seinen Morgengruß an den Türen. Durch einen anderen, rückwärtige Ausgang verließ er das Gebäude. Auch hier salutierte ein Posten. Und auch dieser bekam von Heinrich G. eine Zigarre. Zu einer späten Abendstunde, wenn die andern sich anschickten, nach Hause zu gehen, besuchte er die Redaktion. Er trat in sein Zimmer, das weit und kahl war, entzündete die Lampe, setzte sich an den Schreibtisch und zerknüllte den dicken Haufen von Papieren, die seit dem Morgen auf ihn gewartet hatten. Es waren Nachrichten von der Polizeikorrespondenz, die er alle schon kannte. Er kam von den Quellen, nichts Neues konnte er noch erfahren. Die Papiere beleidigten ihn fast. Längst hatte er alle Nachrichten »dem Blatt gegeben«, die sie enthalten mochten. Und wahrscheinlich enthielten sie nicht einmal alles, was er wußte. Der Tisch war leer. Das Tintenfaß trocken, die Federn rostig und zerbrochen. Heinrich G. schrieb nicht. Er brauchte nichts zu schreiben. Er saß vor seinem leeren Tisch, zog seine Schublade auf, entnahm ihr eine Handvoll »delikater Havannas«, schlug die Lade wieder zu und verließ das Zimmer. Wie er am Vormittag durch alle Türen der Polizei »Guten Morgen« gerufen hatte, so rief er jetzt durch alle Türen der Redaktion: »Guten Abend!« Die Redaktionsboten im Vorzimmer bekamen Havannas. Dann telephonierte Heinrich G. in ein Restaurant. Fünf Minuten später brachte ihm ein Kellner das Abendessen auf einer riesigen Platte. Es dampfte. Ein dichter, weißer Schaum rann über die Ränder des gläsernen Bierkrugs. Der Kellner bekam eine Havanna. Und nichts weiter geschah. Und nichts mehr habe ich zu erzählen. So, wie oben beschrieben, war Heinrich G., der Polizeireporter. Fräulein Larissa, der Modereporter Fräulein Larissa verfügte zwar über ein Pseudonym, aber anscheinend nicht über einen Familiennamen. Als hätten die Seltenheit und der fremde und schöne Klang ihres Vornamens Larissa von der bürgerlichen Pflicht befreit, noch einen anderen zu führen, oder als hätte sich dieser andere, weil er vielleicht zu simpel, geschämt, sich an die Seite eines Worts wie »Larissa« zu stellen. Sie war seit undenklichen Zeiten eine treue Mitarbeiterin des Blattes, die man aus Galanterie nicht eine »alte Mitarbeiterin« nennen konnte. Man sagte lieber: eine »langjährige«. In der Tat hatte die Galanterie ausnahmsweise nicht unrecht. Larissa war nicht mehr jung, aber sie blieb jugendlich. Ja, ihre Jugendlichkeit war keineswegs künstlich, sondern eher eine Art zweiter natürlicher Jugend, die mit der ersten die charakteristische anmutige Torheit gemein hatte. Ihr verdankte Larissa gelegentlich Bewegungen, Mißverständnisse, Aussprüche, rührende Manifestationen einer rührenden Ahnungslosigkeit, die den erwachsenen, ältlichen Menschen mit einem Schlag und nur für die Dauer einiger Sekunden in einen charmanten Backfisch verwandelten. Dann war Larissa wie ein junges Mädchen aus einer ganz fernen, verschollenen Zeit. Es war, als wäre sie vor langen Jahren in der Blüte ihrer Jugend gestorben und eben durch ein Wunder aus einem ewigen Schlaf erwacht, um ihre Jugend fortzusetzen. Sie war gleichsam nicht gealtert; sondern im Verlauf der Jahre zu einer Ruhestätte, einer Behausung ihrer eigenen verborgenen eingeschlafenen und nur gelegentlich erwachenden Jugend geworden. Sie war Berichterstatterin über Modeangelegenheiten. Da aber die Mode allein nicht genug Erträgnisse einbrachte, kümmerte sich Larissa auch um alle jene öffentlichen Dinge, die nach einer weitverbreiteten Meinung der weiblichen Natur »näherliegen« als der männlichen. Zum Beispiel um Mutterschutz, Waisenkinder, Wohltätigkeitsfeste, Lotterien und Scheidungsprozesse, Blumenausstellungen und Obdachlosenasyle. So sehr sich alle diese Angelegenheiten auch voneinander unterschieden, so blieb doch Fräulein Larissas Haltung gegenüber den Demonstrationen des Luxus wie jenen des Elends immer gleich, die Melodie ihrer Berichte – denn sie hatte statt eines Stils eine Melodie – immer dieselbe. Nur das Adjektivische wechselte. Hieß es einmal: »In den prachtvollen Räumen des ...Kasinos fand am 21. dieses Monats« usw., so stand das andere Mal: »In den düsteren Räumen des ... Obdachlosenasyls herrschte am 23. dieses Monats helle Freude ...« usw. Fräulein Larissas schriftliche Berichte waren von einer hellen, optimistischen Sachlichkeit, während ihre mündlichen Berichte sie selbst und den Hörer bis zu Tränen rühren konnten. Sie besaß einen Blick, das Rührende ausfindig zu machen, und eine Stimme, es zu erzählen. Den Worten aber, in denen sie es niederschrieb, fehlten die Wärme und die Anmut, kurz: »die Beseeltheit« ihrer Stimme. Zwischen den Zeilen schwebte verloren der Rest einer persönlichen Melodie, auch nur für sehr feine Ohren vernehmbar. Da der Lokalredakteur aber für »Substantielles im Blatt« war und von zwanzig Zeilen, die Fräulein Larissa geschrieben hatte, vierzehn zu streichen pflegte, entschwebte meist auch der Rest der Melodie für ewige Zeiten. Aus diesen und ähnlichen Gründen blieb Fräulein Larissa ein Objekt, ein Werkzeug, ein Organ des Luxus, auch wenn sie sich mit dem Elend befaßte. Und selbst ihre Berichte über aktuelle Angelegenheiten der öffentlichen Armut blieben liegen, weil man glaubte, es wären Berichte über Blumenfeste. Von der besonderen Eleganz, die Fräulein Larissa äußerlich kennzeichnete, muß noch einiges gesagt werden: sie ging, weil sie die besten beruflichen Verbindungen mit den großen Schneidern hatte, nicht etwa nach der »letzten Mode« gekleidet, sondern bereits nach der nächsten. Sie trug schon im Frühling die Sommerpelze und im Herbst die Winterhüte. Und so war sie selbst der zuverlässigste, der bestgelungene »Vorbericht über die nächste Modeseason«. Es gibt keine größere journalistische Vollkommenheit. Sie verwandelte sich selbst in ihre Artikel – und die Zeilen, die sie schrieb und die man ihr strich, waren vielleicht nur deshalb so unbeholfen, weil ihre äußere Erscheinung ihre journalistischen Fähigkeiten vorweggenommen hatte. Ja, sogar ihre Gestalt schien sich den kommenden wechselnden Moden anzupassen. Sie bekam und verlor verschiedene »Linien«, Hüften, Büsten, Schultern. Und dennoch behielt das, was man ihr »eigentliches Wesen« nennen könnte, gleichsam die innerste körperliche Hülle ihrer Seele, etwas Unzeitgemäßes, Verschollenes, und immer war ein Abstand zwischen »ihr selbst« und der Persönlichkeit, der sie sich abwechselnd anpaßte. Vielleicht machte diesen Abstand ein vollkommener Mangel an Eitelkeit sichtbar. Fräulein Larissa demonstrierte die Kleider, die sie trug, wie etwa ein Physiker Experimente. »Sehen Sie«, konnte sie sagen, »so einen rechteckigen Fehbelag am Ärmel wird man nächstens tragen. Die Schöße werden wieder glockenförmig. So wie bei mir!« Und sie stand auf, machte eine Wendung, und man sah die Glockenform ihres Rocks. Jeder Witz machte sie verlegen. Denn sie, die niemals eine Doppelsinnigkeit begriff, fürchtete immer eine »Anzüglichkeit«. Und sie wurde auf jeden Fall rot, auch wenn sie etwas Belangloses, Einfaches mißverstanden hatte. Das waren übrigens die Augenblicke, in denen sie schön wurde und in denen man sie hätte lieben können. Die Scham verzauberte sie. Sie war ein junges Mädchen. Ihr verkümmertes Gesicht weckte die Verlegenheit, die gleiche Verlegenheit, die man in der Anwesenheit eines jungen Mädchens empfindet: eine Verlegenheit, gemischt aus Väterlichkeit, Mitleid und Lust. Fräulein Larissa starb am Typhus während des Krieges. Sie war Pflegerin gewesen. Sie starb in Bukarest. Dort wurde sie begraben. Zum ersten und zum letzten Mal stand ihr voller Name in der Zeitung. Sie hieß Larissa Schorr. Der Nachtredakteur Gustav K. Gustav K. war ein Nachtredakteur. Das Blatt erschien jeden Morgen um drei Uhr. Jede Nacht um elf Uhr dreißig erschien der Nachtredakteur. Er war frisch rasiert, frisch gewaschen, ausgeruht, nach Seife duftend und Menthol. Ein vorausgeeilter Teil des nächsten Morgens. Er schien die Müdigkeit der anderen nicht zu begreifen. Erfrischt von seiner Morgenwanderung durch die nächtlichen Straßen betrat er ahnungslos die Gesellschaft der Erschlafften, klopfte den Stehenden auf die Schultern, den Sitzenden auf die Knie und wunderte sich, daß sie zusammenfielen, morsche Gerüste. Er schien sich für den Gesundesten zu halten. Ja, es war, als ob er sich jede Nacht aufs neue seine eigene Stärke absichtlich demonstrierte, um sein schwächliches Aussehen, seine mageren Glieder, sein blaßgelbes Gesicht zu dementieren. Zwei Stunden später war auch er verwandelt. In zweimal sechzig Minuten hatte er einen zwölfstündigen Arbeitstag zurückgelegt. In seinem dünnen Angesicht flossen die Schatten der Sorgen mit den zufälligen fetten Spuren der Druckerschwärze zusammen, die ein achtloser Finger hinterlassen hatte. Die gescheitelten dünnen, schwarzen Haare standen wie Drähtchen und winzige Spirälchen. Die Ränder der Fingernägel waren auf einmal schief geschnitten, wenigstens schienen die lila Flecken unaufhörlich nachgespitzter Tintenstifte die Unregelmäßigkeit der Nagelformen sichtbar zu machen. Als wäre die Arbeit am Schreibtisch ein unfehlbares Haarwuchsmittel, begann der Bart des Nachtredakteurs, kaum eine Stunde, nachdem er rasiert worden war, üppig und grauschwarz aus den Poren der Wangen zu dringen. Die weißen Manschetten klebten am Handgelenk, dahin war ihr halbgesteifter Glanz. Der Knoten der Krawatte wurde locker, schob sich zwischen die Wände des »Stehumlegkragens« und ließ ein glänzendes goldenes Knöpfchen sehen, an dem nicht nur der Kragen und das Hemd, sondern auch die ganze Kleidung des Mannes, ja er selbst zu hängen schienen. Erhob sich Gustav K. aus seinem Lehnstuhl, so sah man plötzlich die Holzwolle aus einem Loch im dünnen Lederbezug dringen – und zwar mit einem solchen Ungestüm, daß man glauben konnte, das Loch wäre früher nicht dagewesen, sondern erst von der Wirbelsäule des Redakteurs ausgebohrt worden. Er selbst ging mit vorgeneigtem Oberkörper und lockeren, seitwärts schlendernden Beinen die Stiege zur Setzerei hinauf. Er erinnerte an einen Lahmen, der die Krücken abgelegt hat. Oben, in der Setzerei, lehnte er sich mit aufgestützten Ellenbogen an einen der langen, metallbeschlagenen Tische, einen Kopierstift zwischen den Lippen, den er hin- und hergleiten ließ wie eine natürliche Fortsetzung der Zunge. Der Bleistift begleitete so die Bewegungen der Augen, die einen Bürstenabzug lasen. An der und jener Stelle blieben sie haften, und auch der Bleistift stand still. Manchmal löste sich die Hand von der Wange, der Ellenbogen vom Tisch. Gustav K. ergriff ein Stück Papier, zerknüllte es langsam, formte es zu einem Ball und schleuderte es einem der ahnungslosen Setzer zu, der eine erschrockene Bewegung machte. Das war ein Witz gewesen. Es war, als hätte sich der Nachtredakteur nur überzeugen wollen, ob er noch zielen könne. Einen Augenblick nur hatte sein Angesicht den Ausdruck einer knabenhaften Verspieltheit gezeigt. Man konnte ihn sehen, wie er in kurzen Höschen vor dreißig Jahren am Ufer eines Wassers Steinchen in die Wellen schleudert. Er wurde sofort wieder ernst. Er vergaß nicht einen Augenblick, daß er die »ganze Verantwortung« für »das Blatt« trug und daß er unaufhörlich Gefahr lief, eine falsche Nachricht für eine richtige zu halten, eine richtige für falsch, eine wichtige für belanglos, eine Kleinigkeit für wichtig. Er kannte die ganze Welt, obwohl er nur einen kleinen Teil von ihr gesehen hatte. Wenn ein Telegramm aus Peru meldete, eine Brücke wäre eingestürzt, so schien es Gustav K., weil er mit Peru so vertraut war, daß der Einsturz der Brücke wichtig genug sei, in Borgis gesetzt zu werden. Kam ein Bericht über Heuschrecken im Kaukasus, so hätte Gustav K., weil er die Heuschrecken so genau kannte und den Kaukasus, am liebsten einen Aufsatz von einem Naturforscher gebracht. Für ihn gab es keine geographische Ferne. Er beschwerte »das Blatt« mit fünfzig überflüssigen Nachrichten. Hielt ihm der Chefredakteur am nächsten Abend vor, daß die Nachricht über den General Correira in Mexiko niemanden etwas angehe, so erwiderte Gustav K.: »Sie täuschen sich! Der General Correira hat eine außergewöhnliche Laufbahn! Im Jahre 1874 geboren, ist er 1894 schon Oberst der Truppen von Vera Cruz, und der nächste Aufstand macht ihn zum Kommandanten der Hauptstadt. Sogar seine Feinde achten ihn. Und jetzt hat er eine schwere Rippenfellentzündung ..!« Ging es schon nicht an, die Rippenfellentzündung in Petit zu bringen, so erschien sie wenigstens in Nonpareille unter den »Vermischten Nachrichten«. Eine Tollwut unter den Hunden von Konstantinopel hatte Anspruch auf zehn Zeilen auf der dritten Seite, links oben, weil die Hunde in Konstantinopel eine Gefahr für die ganze Menschheit werden konnten. »Unter Umständen«. – »Unter Umständen«, pflegte Gustav K. zu sagen, »kann so eine Tollwut die Matrosen großer Dampfer erreichen«. Es gab also nichts »Unwichtiges«. Wenn der Nachtredakteur eine Nachricht über ein kleines Ereignis in einem weit entfernten Lande schon in den Papierkorb getan hatte, so bückte er sich nach fünf Minuten, holte das zerknüllte Papier hervor, glättete es und wandelte es künstlich wieder in den Zustand einer eben eintreffenden, noch unbekannten Nachricht. Er zwang sich, sie zu vergessen, um sie hierauf noch einmal zu erfahren. Noch einmal tauchten die alten Argumente gegen ihre Veröffentlichung auf; und noch einmal warf er sie weg. Aber wahrscheinlich tat sie ihm noch lange leid. Und fand er sie am nächsten Tag in einem anderen Blatt, so empfand er Gewissensbisse über seine Gleichgültigkeit der Zeit und ihren Ereignissen gegenüber, und er beneidete seinen Kollegen, der die Nachricht »ins Blatt« gebracht hatte. Ja, es ist anzunehmen, daß er in solchen Augenblicken beschloß, bei dem »Umbruch« der folgenden Nummer vorsichtiger mit den kleinen und vermischten Nachrichten umzugehen. Aber saß er dann wieder vor dem aufgehäuften »Material«, las er die Berichte aus der näheren Umgebung, so erinnerte er sich mit einem wehen Schrecken an die unbarmherzige Wirklichkeit einer in Nationen, Staaten, Länder, Städte aufgeteilten Welt und an die Tatsache, daß er selbst der Redakteur eines bestimmten national bestimmten Blattes war, das in einer bestimmten Stadt erschien. Daß es also Grenzen gab zwischen nahen und den fernen Ereignissen und daß »der Leser« kein Kosmopolit war, dem die ganze Erde ein gleichmäßig interessantes Angesicht bot, sondern ein festgesessener Mensch, den der Nachbar mehr interessierte als der Ausbruch des Vesuvs. Und er sortierte die Ereignisse, wie es seine Pflicht war, nach nahen und fernen, nach Garmond, Borgis, Petit und Nonpareille, und die nächsten Dinge bekamen die größten Schriften. Gegen drei Uhr morgens wusch er sich die Hände an der Wasserleitung in der Setzerei, langsam, gründlich, mit Streusand und scharfer Seife. Dann warf er noch einen Blick in den halberblindeten Spiegel, fuhr mit den Fingern über das Haar und wischte mit einem Taschentuch die schwarzen Flecken aus seinem Angesicht. Er erinnerte an einen Schauspieler, der sich abschminkt. Im Sommer war, wenn er die Straße betrat, der Himmel schon klar. Die ersten Amseln begannen zu flöten. Die Milchwagen ratterten. Die Bäckerjungen flatterten weiß von Haus zu Haus. Gustav K. begab sich in ein Kaffeehaus in der Nähe des großen Marktes. Es öffnete sich sehr früh, der Händler wegen. Über dem Büfett brannte trüb und gelb die Lampe, ein schon gestorbenes Licht von gestern. Der Redakteur, dem gestern nacht bereits der heutige Morgen gewesen war, erinnerte heute morgen an die gestrige Nacht. Er saß zwischen den rüstigen ländlichen Frauen und Männern, die nach Rüben und Karotten rochen, doppelt bleich, zehnfach einsam, der intellektuelle Repräsentant der Stadt, der echteste aller Städter: ein Redakteur. Er entfaltete das erste der Morgenblätter, und sofort vertrieb die Druckerschwärze den Geruch der Rüben und Karotten. Es war der Geruch der Stadt. Er erinnerte an den des schmelzenden Asphalts und des Terpentins und des Pechs, mit dem die Straßen ausgebessert wurden. Gustav K. wartete auf die anderen Morgenblätter, fand in ihnen kleine Nachrichten, die er selbst nicht »gegeben« hatte, und ging verärgert zur Haltestelle der Straßenbahn. Mit dem ersten Wagen, der frisch und munter aus der Garage kam, fuhr er nach Hause. Nur einmal im Monat, am Dreißigsten, kam er am hellen Mittag in die Redaktion, um auf den weißen Umschlag zu warten, in dem der kümmerliche Rest eines Gehalts lag. Auf dem Umschlag stand der Name Gustav K. unversehrt neben der schwerverletzten, durch Subtraktionen mißhandelten Summe. Gustav K. war sauber, rasiert, feucht gekämmt, wie um Mitternacht. Aber ernst und nicht zu kräftigen Späßen aufgelegt. Ein rebellischer Geist erfüllte ihn. War es die ungewöhnliche Stunde, zu der er das Bett verlassen hatte? War es das geringe Gehalt, dessentwegen er aufgestanden war? – Um die Mittagsstunde eines jeden 30. verkündete Gustav K. kommunistische Grundsätze. Er verfluchte die demokratische Gesinnung des Blattes. Er nannte den Chefredakteur einen »Lakaien der Finanz«. Er schwor, nächstens sozialistische »Kuckuckseier« ins Blatt zu legen. Und nach einem Monat zu kündigen. Ja, er trat mit dem weißen Umschlag in der Hand in das Konferenzzimmer, wo einige Redakteure saßen, und sagte: »Ich kündige, meine Herren!« Niemand sah auf. Alle hatten es schon zwanzigmal gehört. »Ich arbeite nicht mehr in diesem Schweinestall!« fuhr Gustav K. fort. Da ereignete es sich manchmal, daß einer sagte: »Haben Sie gelesen, wie uns die Sozialdemokraten heute angreifen?« »Wo steht das?« sagte der Nachtredakteur. »Diese Bande! Sehen Sie, wie schlecht sie das Blatt aufmachen! Daß überhaupt jemand dieses Blatt liest! Das sind keine Journalisten! Das sind ...« und Gustav K. suchte lange nach einem beleidigenden Ausdruck, bis er endlich die schimpflichste aller Bezeichnungen fand: »Parteipolitiker sind sie! ...« Und er steckte den Umschlag in die Tasche. Der Kongreß Der Morgen versprach nichts Böses. Gegen acht Uhr begann das gewöhnliche Lied des nachbarlichen Kanarienvogels, gegen halb neun Uhr der lamentierende Gesang der Straßenhändler und Ausrufer, der das Aufstehen erleichtert und auch an kalten Tagen die Vorstellung von der Ankunft des Frühlings erzeugt. Dann wurde es still. Der Tag schöpfte Atem, eh' er begann. Eine kurze Viertelstunde war es wieder so still wie in der Nacht zwischen drei und vier, wenn die Laternen erlöschen und die Automobile vergessen sind, als wären sie niemals erfunden worden. In allen Zimmern begannen diskrete Wasserleitungen zu summen, und in der Zentralheizung klirrte es hell und auch ein wenig geheimnisvoll (die einzige Minute im Tag, in der man sich vorstellen könnte, daß Geister einheizen). Ein Tag sollte beginnen, ein gesunder, normaler Tag mit einem schwarzen Kaffee in weißer Schale auf einem dunkelbraunen Tablett, mit blanken Schuhen vor der Tür, mit einem weißen Brief im Postfach und einem leisen Geruch von Menthol und Mundwasser, den erst die warmen Strahlen der Mittagssonne auflösen. Auf einmal, es mochte gegen halb zehn Uhr sein, begann der Kongreß. Seine Mitglieder stürzten frisch von der Eisenbahn ins Haus, als hätten sie vom Bahnhof hierher kaum einen Schritt gehabt, als wäre in ihren Körpern die Triebkraft der Lokomotive geblieben, als hielten sie aus einer Gewohnheit, die zwölf Stunden alt sein mochte, das stehende Haus für einen beweglichen Zug, den man versäumen könnte. Die Ankunft der Kongreßteilnehmer war hastig wie eine Abfahrt. Sie stürzten sich in die Zimmer wie in Kupees. Der Vormittag erschien ihnen, da sie schon so lange wach gewesen waren, alt wie ein Nachmittag. Sie überhörten die Stille dieser Stunde. Sie waren zahlreich, aber sie hatten das Bedürfnis, noch zahlreicher zu sein. Es war ihnen unmöglich, einander zu verlassen, als ob der nächtliche Aufenthalt in einem gemeinsam benützten Waggon sie für alle Ewigkeit zusammengetan hätte. Sie hielten die Türen der Zimmer offen, um einander nicht aus den Augen zu verlieren. Jeden Augenblick verließ einer von ihnen sein Zimmer, weil er die Einsamkeit nicht ertrug. Sie hatten ein bestimmtes Programm. Um elf Uhr sollten sie schon vor einem Hauptportal 5 versammelt sein, durch das man wahrscheinlich direkt in den Kongreß gelangte. Aber obwohl sie sich eilten, verloren sie die kostbarsten Minuten. Immer wieder ging einer zum andern, der zweite begab sich zum dritten, vier gingen zusammen in den Korridor, während in den leeren und offenen Zimmern die Kleider wartend über den Stühlen hingen und das Wasser nutzlos in die Muscheln rann und der Schaum der Rasierseife langsam verdunstete. Die Kongreßteilnehmer standen mit baumelnden Hosenträgern, lachenden Augen, unaufhaltsam arbeitenden Zungen, mit offenen Hemden und aufgekrempelten Ärmeln im Korridor. Und fand sich ein Gewissenhafter unter ihnen, der ihnen den Rücken wandte, so hielt man ihn zurück, denn auch nicht einen einzigen konnte man entbehren. Das dauerte so lange, bis aus einem der oberen Stockwerke eine unerwartet helle, geschliffene Frauenstimme den Befehl gab – und es war wie der Schnitt eines Rasiermessers: »Um halb elf alle in der Halle versammelt!« Die Kongreßteilnehmer gingen auseinander. Sie verschwanden in ihren Zimmern. Aber sie unterhielten sich weiter, indem sie an die Wände klopften wie Gefangene. Wenn zwei die Verbindung hergestellt hatten, so erklang unweigerlich die Frage: »Willy, willst du etwas Kölnisch Wasser, um dich zu erfrischen?« Oder: »Brauchst du die Bürste für den Rock?« Und an diesen harmlosen Fragen war nichts so empörend wie die Überflüssigkeit der Nebensätze und die ausdrückliche Betonung des Nutzens, den man vom Kölnischen Wasser und einer Bürste erwartete. Es war, als könnten die Kongreßteilnehmer keinen Gegenstand nennen, ohne seinen Zweck zu erklären, und als wären sie sonst, in ihrem gewöhnlichen Leben zu Hause unaufhörlich nicht mit den Gegenständen beschäftigt, sondern mit den Ideen der Gegenstände. Als existierten Bürsten, Wasser, Seife, Nagelfeilen als abstrakte Vorstellungen, die vielleicht den Inhalt der Kongresse ausmachten, und als wäre jetzt Gefahr, ein Kongreßteilnehmer könnte glauben, man böte ihm Kölnisch Wasser nicht zur Erfrischung an, sondern zu einer Dissertation. Schließlich begannen sie, die Stiegen hinunterzugleiten, um sich laut Befehl in der Halle zu versammeln. Es waren lauter junger Leute, Lehrer in der Blüte ihrer Jugend und Studenten mit der höchsten Zahl von Semestern. Sie hatten eine derbe Gesundheit, aber keine ländliche, die ihnen wohlgetan hätte, sondern eine, die man an den Rändern der Städte findet, wo der Asphalt in Schotter überzugehen beginnt. Es war eine gewisse Unbekümmertheit der Stadtgrenzen, die man auf Fahrrädern erreicht, eine Frische, die man einmal wöchentlich durch Ausflüge in Gemeinschaft mit Gesinnungsgenossen erhält und durch eine entfernte Verwandtschaft mit Förstern und Bauern, zu denen man keine menschliche Beziehung mehr findet. Es war der Übergang von Land zu Stadt. Joppen und Rucksäcke wären stilvoll gewesen. Aber diese braven Leute hielten sich für vollendete Großstädter, und sie trugen infolgedessen Mäntel mit Gürteltaille und, um anzudeuten, daß sie sich auf Reisen befinden, dunkelblaue Baskenmützen, deren Randlosigkeit mageren Gesichtern von scharfem Schnitt günstiger ist als vollen Wangen. Die Frauen, die zuletzt kamen, wurden mit lärmenden Schmeicheleien empfangen. Man schrie ihnen entgegen, daß sie sich »schön gemacht hätten«, ein Kompliment, das eigentlich verriet, daß sie nicht schön von Natur waren. Es waren fünf Damen. Und auf Verabredung trugen sie alle Hüte von gleichen Formen, aber verschiedenen Farben, und sie erinnerten so weniger an Kongreß- als an Turnierteilnehmerinnen ... Alle verließen zusammen das Hotel, überschritten in einem Knäuel den Fahrdamm und verwickelten sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig. Als der Autobus kam, konnten sie sich nicht auseinanderknüpfen, man hätte sie zerhauen müssen. Sie entschlossen sich, zu Fuß weiterzugehn. Statt sich in der Ferne zu verlieren, schwollen sie zu einer immer kompakteren Masse an. Aus andern Hotels, die in derselben Straße lagen, strömte ihnen Verstärkung zu. Schließlich war der ganze Kongreß unterwegs. Sie kamen am Nachmittag zurück, entkleideten sich zum Schlummer, konnten sich aber wieder nicht trennen und standen gähnend im Korridor. Ich hatte inzwischen in der Zeitung gelesen, daß dieser Kongreß von einiger Wichtigkeit sei, für die Verständigung der Völker und überhaupt. Ich überlegte sogar, ob es nicht angemessen wäre, diesen Kongreß zu besuchen. Er scheint wirklich wichtig zu sein. Es ist gewissenlos, über einen Kongreß zu berichten, ohne dem Leser mitzuteilen, worum es sich eigentlich handelt. Aber schließlich begann der Kongreß in dem Maße an mir teilzunehmen, daß ich keine Kraft mehr fand, mich zu revanchieren. Ich kann nur hoffen, daß er befriedigende Resultate zeitigen wird. Sentimentale Reportage Am Morgen stand vor dem Hotel ein Hund. Mit dem flüchtigen Blick eines Schriftstellers, dem Individuen vertrauter sind als Gruppen, Gattungen und Rassen, sah ich den Hund für einen Fox an. Er sprang an mir hoch, leckte meine Hand, erwartete, daß ich ihm etwas zum Spielen hinwerfe. Er hatte ein weißes Fell und unter dem linken Auge einen schwarzen Fleck. Während ich seine Ohren betrachtete, mit denen er wedeln konnte, gewann ich den Eindruck, daß es die Ohren eines Jagdhundes waren; und weil ich die Mischungen höher schätze als die mühsam gezüchteten Abkömmlinge reiner Rassen (die auch durch Mischungen entstanden sind) und weil ich – vielleicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft – glaube, daß die Ereignisse einer zufälligen, unkontrollierten und obdachlosen Leidenschaft intelligenter sind als die einer sorgfältig vermittelten Tier-Ehe, wurde mir der gleichgültige und fremde Hund sympathisch. Er war kein Fox. Aber er war ein Hund. Kein Zweifel, daß er herrenlos war. Er trug zwar ein Halsband, aber keine Marke. Es war ein gutes, ledernes Halsband, mit kleinen quadratischen Metallplättchen verziert. Solche Halsbänder kaufen nur wohlhabende Hundebesitzer. Diese aber hängen auch Marken an die Halsbänder. Wenn der Hund zwar noch ein Halsband, aber keine Marke mehr besaß, so war anzunehmen, daß ihn sein Herr nicht verloren, sondern verlassen hatte. Ich nahm es jedenfalls an, weil ich nicht glaube, daß der Mensch gut ist. Ich nahm an, daß der Herr den Hund gekauft hatte – in der Meinung, es sei ein Fox. Als der Herr aber sah, daß der Hund die Ohren eines Jagdhundes bekam, beschloß er, das Tier loszuwerden. Er führte es – es war noch jung, und Millionen Gerüche verwirrten es – in eine abgelegene Straße, ließ es stehn, sprang in ein Auto und verschwand. Denn nicht alle Menschen denken so über Mischlinge wie ich. Außerdem war der Hund krank. Über seiner Stirn war ein dünner, rötlicher Ausschlag verstreut – nicht häßlich, nicht ekelhaft, eher harmlos und vom Aussehen einer harmlosen obligaten Kinderkrankheit – aber immerhin ein Ausschlag. Er roch nach einer Salbe, mit der man ihn noch jüngst behandelt haben mußte. Dieser starke Duft – er war wie Lavendel und Karbol – mochte die unerfahrene Nase des Hundes noch mehr verwirrt haben, so daß er nicht mehr nach Hause fand und einen fremden Menschen für einen bekannten hielt. Den Entschluß des Besitzers, den Hund zu verlassen, hatte diese Krankheit sicherlich gefestigt, wenn nicht hervorgerufen. Denn ich traue der Güte eines Menschenherzens noch immerhin so viel zu, daß es einen Mischling erträgt. Aber einen kranken Mischling gesund zu pflegen, und wäre es auch nur mit einer Salbe, geht über seine Kraft. Schließlich ist man nur ein Mensch. Am Nachmittag dieses Tages mußte ich den Ort – ein Kurort in Südfrankreich – verlassen. Ich hatte eine lange Reise vor. Achtzehn Stunden in einem Güterwagen, an jeder Station von geschäftigen und vielleicht auch gehässigen Trägern gestoßen oder geworfen: das ist für einen kranken Hund zu viel. Ich hätte mich freilich um ihn kümmern, ihn vielleicht im Kupee verbergen können. Aber auch mein Herz hat nur menschliche Qualitäten. Ich ging mit dem Hund ins Restaurant. Er bekam einen Knochen, Gemüse und Wasser. Den Knochen nahm er mit, als wir weitergingen. Wir kamen zur Polizei, in die »Abteilung für gefundene Gegenstände«. In einem kahlen und feuchten Zimmer saß ein Beamter an einem langen und breiten Tisch. Dieser Tisch, schwarzbraun, von Holzwürmern zernagt, von Millionen Federn zerstochen, bildete zugleich die Barriere zwischen dem Beamten und dem Publikum. Um auf seinen Stuhl zu gelangen, mußte der Mann über den Tisch klettern oder durch eine verborgene, absichtlich geheim angebrachte Tür das Zimmer betreten, ähnlich, wie Schauspieler die Bühne. Es schien mir auch, daß der Beamte hinter dem Tisch gar nicht seinen nüchternen Beruf ausübte, sondern daß er eine Rolle spielte – eine Nebenrolle allerdings. Er saß vor einem schmalen Buch, einem Tintenfaß, einem grünen Federhalter – den einzigen Gegenständen auf dem breiten, wüsten Tisch –, und er schrieb nicht einmal. Er wartete. Vielleicht verließ er dieses Zimmer überhaupt niemals. Vielleicht wartete er seit der Begründung der Polizei. Er hatte runde, goldbraune und sehr schnelle Augen. Sie erinnerten an die kleinen, gläsernen Spielkugeln der Kinder. Nach allen Richtungen rollten sie hurtig – von allen Körperteilen, die den Beamten ausmachten, schienen sie allein frei und beweglich zu sein. Denn selbst die Hand, die der Beamte mit der Feder zum Tintenfaß und dann zum Buch führte, bewegte sich nicht dermaßen, daß man sagen könnte, es wäre eine freie Hand gewesen. Es war, als könnte sie überhaupt keine andere Bewegung vollführen als die von der Weste zum Tintenfaß und vom Tintenfaß zum Buch. Es war eine rötliche, dünne Hand mit blauen Adern und stumpfen Nägeln, und von den Fingern waren nur Daumen und Zeigefinger gebrauchsfähig. Die andern drei Finger hingen nutzlos an der Hand wie Berlocken. Der Arm steckte ebenfalls fest an der Schulter, nicht durch eines der üblichen Kugelgelenke mit ihr verbunden, sondern wie ein Riegel in sie geschoben.   Der Hund spielte unter dem Tisch mit dem Knochen. Zwar war er kein Gegenstand, aber er gehörte doch in die Abteilung für gefundene Gegenstände. Während der Beamte aber, Brieftaschen zu behalten, das Recht und die Pflicht hatte, blieb ihm, einen Hund zu bewahren, überhaupt keine Möglichkeit. Vielmehr bestimmte das Gesetz, daß ich, der Finder, den Hund 24 Stunden zu behüten, zu pflegen und zu ernähren habe. Meldete sich nach Ablauf dieser Frist der Eigentümer nicht, so konnte ich den Hund laufen oder töten lassen. Ich sagte dem Beamten, daß ich gegen dieses Gesetz zu handeln und heute noch abzureisen entschlossen sei, vielleicht mit dem Hund, wahrscheinlich aber ohne ihn. »Wie Sie wollen!« sagte der Beamte. Denn es war nicht seine Pflicht, mich von einer Übertretung zurückzuhalten. Ich war bereits erwachsen und konnte tun, was ich wollte. Er legte seine Seh-Kügelchen einen Augenblick auf mein Gesicht. Er sah mich an, wie einen, der ins Feuer rennt. Andere, nicht an Schreibtische gebundene, auf Automobilen dahinsausende Beamte waren dazu da, mich irgendwo zu ergreifen und den Gerichten zu überliefern. Ihm selbst blieb nichts mehr übrig, als dem Hund unter dem Tisch einen Fußtritt zu versetzen. Er konnte es sich leisten, weil es ja ein herrenloser Hund und ein gefundener Gegenstand war. Er mußte es sogar tun, denn wie sollte man einem Tier anders beibringen, daß es bereits eingetragen sei? Vielleicht benützte der Mann auch die Gelegenheit, mir zu zeigen, daß er noch einen Fuß bewegen könne. Denn er saß, wie gesagt, schon lange auf seinem Platz. Auf der Straße riet mir ein Mann, ich sollte mit dem Hund zum Tierschutzverein. Ich läutete an dem eisernen Gitter einer Villa. Auf der Stiege kam mir ein Herr entgegen, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte. Er verbarg es im Schatten, der den oberen Teil der Stiege verfinsterte. Ich sah nur seine Weste, seine dunkle Hose, seine roten Pantoffeln, ein Stückchen von seinen gelben Strümpfen. Ich hörte nur seine Stimme, eine sanfte, tiefe Stimme, aus einem eingefetteten Hals. Die Worte rollten auf geölten Rädern. Die Stimme wies mich ab. Sie wäre zwar, sagte sie, der Präsident des Tierschutzvereins. Aber sie könne nur in der Saison, wenn die Engländer kämen, Tiere annehmen, für die sich unter den Kurgästen ein Käufer finde. Ich fragte in den Schatten hinauf, ob es einen Tierarzt in der Nähe gäbe. Ja, kam es zurück, aber einen, den man zahlen müßte. Offenbar wurde oben angenommen, daß jemand, der einen falschen Fox gefunden habe, eine Konsultation zu bezahlen nicht imstande sei. »Ich werde bezahlen!« rief ich empor. Und erfuhr die Adresse. Es war aber bereits zehn Minuten nach vier, als ich zum Tierarzt kam. Seine Frau öffnete, erkannte sofort die schlechte Rasse des Hundes, zählte auch mich ihr zu und sagte: »Mein Mann arbeitet nur bis vier. Sie können ja lesen!« Es war eine hübsche, blonde, vollbusige, junge Frau, geschnürt, gepudert, das Haar gewellt, die Lippen geschminkt, so übertrieben tadellos angezogen, als wäre sie bei sich selbst zu Besuch. Ich ahnte, während ich sie betrachtete, die peinliche Sauberkeit ihrer Zimmer, ihren Abscheu gegen Staub, Armut, Motten und Revolution, ihre Sparsamkeit, ihre eheliche Treue, den Mangel an Gelegenheit und den ständigen Verkehr mit Tierärzten, die nichts anderes waren als ihr Mann – denn die Frauen lieben manchmal den Wechsel der Berufe mehr als den der Männer. Ich sah sie zu früher Morgenstunde aufstehn, Nippessachen abstauben, Aschenbecher putzen, die von nackten Nymphen aus Kupfer gehalten waren, silberne Kaffeelöffel abzählen, Mittagessen vorbereiten, ich sah sie nach dem Essen im Schaukelstuhl sitzen und im »Echo de Paris« von den Greueln der Bolschewiken und den neuen Rüstungen der Deutschen lesen. In den zwei Minuten, die sie brauchte, um mich hinauszuwerfen, erkannte ich sie und ihre Tugenden – denn im Gegensatz zum Hund gehörte sie einer ganz bestimmten Gattung an, einer Rasse, möchte ich sagen, deren Angehörige in allen Ländern der Welt die gleichen Eigenschaften auszeichnen. Wir fanden einen andern Tierarzt, der bis fünf Uhr ordinierte. Es war ein kleiner, flinker, gefälliger Mann, er sah eher einem Schnellphotographen ähnlich. Wenn er den Hund prüfte, so schien es mir, daß er über eine günstige Art, das Tier aufzunehmen, und nicht über seine Krankheit nachdachte. Es sei nicht schlimm! meinte er. Außerdem gäbe es einen guten Ausweg! Vor zwei Wochen sei ein neuer Tierarzt gekommen, ein städtischer, der die Hunde nicht töten lasse. Er käme jeden Tag zum Wasenmeister, pflegte die Hunde bis zur Versteigerung. Seien sie aber unheilbar, so töte er sie auf eine humane Weise. Es blieb noch eine Stunde Zeit bis zu meiner Abfahrt. Ich begab mich mit dem Hund zum Wasenmeister. Es war ein großer, starker, heiterer Mann mit einer Amtsmütze. Dieses Lächeln, sagte ich mir, kommt nur von einem guten Gewissen. Dieser Wasenmeister sollte Präsident des Tierschutzvereins sein. Sein gutes Herz liegt ihm auf der Zunge. Die Hunde wissen ihn gar nicht zu schätzen. Er ist zu stark, um feig zu sein. Er ist zu simpel, um schlecht zu sein. Sieh, wie sein Gesicht breit ist, ein Teller voll Güte! – Der Hund aber – er stand zu tief, um das Angesicht des großen Mannes sehen zu können – roch an dem Wasenmeister nur tausend gefangene Hunde und nichts mehr. Der Hund ließ sich von ihm nicht anfassen. Ich selbst mußte das Tier in den Käfig sperren. Es nahm noch den Knochen mit. Ich gab dem Wasenmeister ein Trinkgeld und drohte, daß ich mich nach einigen Tagen nach dem Schicksal des Hundes erkundigen werde. – Ich fuhr weiter. Ich lebte, einer Arbeit hingegeben, in einer fernen Stadt im nördlichen Frankreich, eine Woche, zwei Wochen. Eines Tages begann ich, an den Augenblick zu denken, in dem ich den Hund in den Käfig gesperrt hatte. Diese Erinnerung hatte gar keinen vernünftigen Anlaß. Sie kam wie ein stiller Wind. Vor meiner strengen Prüfung nahm sie zwar bald das Gesicht einer Sentimentalität an. Aber als ich noch strenger prüfte, fiel es mir schwer, eine »Sentimentalität« zu definieren. Was war das? Vor elf Jahren habe ich drei Sturmangriffe erlebt. Einmal sah ich rings um einen Brunnen, der vom Feind »eingeschlossen« war, ein Dutzend toter Kameraden liegen, deren Durst stärker gewesen war als die Furcht vor dem Tode. Ich erinnerte mich an die sterbenden Pferde an den Rändern der Wege, die wir gezogen waren. Was war eine »Sentimentalität«? War die Reue über den Verrat an einem Menschen selbstverständlich und die über den Verrat an einem Hund »sentimental«?   Ich kam zu der Überzeugung, daß ich sozusagen sentimental sei. Und ich telegraphierte dem Wasenmeister: Wenn der Fox, am Soundsovielten samt Trinkgeld übergeben, gesund und am Leben, so bitte ich um Bescheid, wann er gegen eine angemessene, hohe Belohnung abzuholen wäre. Ich bezahlte die Antwort. Sie lautete – kurz und bündig, wie es der Stil der Wasenmeister erfordert: »Pas de fox.« Das heißt: Kein Fox! Oder noch besser: Keine Spur von einem Fox! ... Und ich verstand den Sinn dieses Telegramms. In einem Brief hätte mir der Wasenmeister etwa folgendes mitgeteilt: Weil der Hund kein rassereiner Hund war, also kein Fox, also wahrscheinlich nicht zu verkaufen, habe ich ihn, der noch hätte leben können, getötet. Es ist nicht der erste Hund, es ist auch nicht der letzte Hund. Nur keine Sentimentalitäten! – Ankunft im Hotel Das Hotel, das ich wie ein Vaterland liebe, liegt in einer der großen europäischen Hafenstädte, und die schweren, goldenen Antiqua-Lettern, in denen sein banaler Name über den Dächern der langsam emporsteigenden Häuser aufleuchtet, sind für mein Auge lauter metallene Fahnen, stehende Fähnchen, die zur Begrüßung glänzen statt zu flattern. Wie andere Männer zu Heim und Herd, zu Weib und Kind heimkehren, so komme ich zurück zu Licht und Halle, Zimmermädchen und Portier – und es gelingt mir immer, die Zeremonie der Heimkehr so vollendet abrollen zu lassen, daß die einer förmlichen Einkehr ins Hotel gar nicht beginnen kann. Der Blick, mit dem mich der Portier begrüßt, ist mehr als eine väterliche Umarmung. Und als wäre er wirklich mein Vater, bezahlt er aus eigener Westentasche den Chauffeur, um den ich mich nicht mehr kümmere. Der Empfangschef im Cutaway tritt aus seinem gläsernen Verschlag und lächelt mehr, als er sich verbeugt. So selig scheint ihm meine Ankunft zu machen, daß sein Rücken seinem Mund Freundlichkeit abgibt und das Berufliche sich mit dem Menschlichen in der Begrüßung teilt. Er würde sich schämen, mir einen Meldezettel vorzulegen; so genau weiß er, daß ich das Gesetz als eine persönliche Beleidigung empfinde. Meinen Meldezettel schreibt er später, wenn ich schon im Zimmer bin, mit eigener Hand, obwohl er keine Ahnung hat, woher ich komme. Nach Lust und Laune schreibt er irgendeinen Namen hin, einen der Städte, die er für würdig hält, von mir besucht zu werden. Meine Daten sind ihm geläufiger als mir selbst. Wahrscheinlich kehren im Laufe der Jahre noch andere Männer bei ihm ein, die so heißen wie ich. Aber ihre Daten kennt er nicht, und stets erscheinen sie ihm ein wenig verdächtig, als wären sie illegale Usurpatoren meines Namens. Der Liftboy nimmt meine Koffer unter seine Arme. So dürfte ein Engel seine Flügel ausbreiten. Niemand fragt, wie lange ich zu bleiben gedenke, ob eine Stunde oder ein Jahr: dem Vaterland ist beides lieb. Der Portier flüstert mir zu: »627! ist Ihnen recht?« – – als wüßte ich so genau wie er, was es für ein Zimmer ist ... Nun – ich weiß es ja auch! Ich liebe das »Unpersönliche« dieses Zimmers, wie ein Mönch seine Zelle lieben mag. Und wie andere erfreut ihre Bilder wiedersehen mögen, ihre Teller, ihre Löffel, ihre Kinder und ihre Bibliotheken, begrüße ich die billige Tapete, das schimmernde, unschuldige Porzellan der Schüssel, die weißen, metallenen, blinkenden Hähne der Wasserleitung und das weiseste aller Bücher: das Telephonbuch. Mein Fenster geht natürlich nie in den Hof. Es ist das Fenster eines Stammgastes, es hat kein Visavis und führt dennoch in eine Straße. Gegenüber sind: ein Schornstein, der Himmel und eine Wolke ... Aber es ist immerhin nicht so entlegen, daß nicht die summarische Melodie des großen, benachbarten Platzes als ein Echo der lieben Welt an meine Wände heranschlüge; dermaßen, daß ich einsam bin und nicht vereinsamt, allein und nicht verlassen, abgesondert und nicht getrennt. Wenn ich das Fenster öffne, ist die Welt bei mir zu Gast. Von weither dröhnen die heiseren Sirenen der Schiffe. Ganz nahe klingeln die törichten Schellen der Straßenbahnen. Die Autohupen scheinen mich beim Namen zu rufen – wie zu einem Landesvater grüßen sie zu mir herauf. Der Schutzmann in der Mitte regelt die Manifestation. Die Zeitungsjungen werfen Blätternamen empor wie Bälle. Und kleine Straßenszenen arrangieren sich wie Theaterstücke. Ein Druck auf den Knopf aus falschem Elfenbein: und rückwärts im Korridor leuchtet ein grünes Lämpchen auf, Signal für den Kellner. Da ist er schon! Seine berufliche Beflissenheit ist nur noch in seinem Frack vorhanden – in seiner Brust unter dem steifen Hemd wohnt die menschliche Wärme; eigens für mich aufbewahrt, gehütet während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit. Wenn er der Küche tief unten telephonisch meine Bestellung weitergibt, vergißt er nicht hinzuzufügen, für wen er bestellt; und wie mein Druck auf den Knopf das grüne Lämpchen im Korridor entzündet hat, so ruft der Klang meines Namens im Gedächtnis des Kochs eine bestimmte Erinnerung an die Wünsche meines Geschmacks hervor. Der Kellner lächelt. Hier ist es ihm erspart zu reden. Er braucht nichts mehr zu fragen. Er hat keinen Irrtum zu befürchten. Er ist bereits so mit mir vertraut, daß er mir gerne das Trinkgeld stunden würde – gegen Zinsen. Sein Glaube an die Unerschöpflichkeit meiner Einnahmequellen ist selbst unerschöpflich. Und käme ich in Lumpen und als ein Bettler daher, er hielte es für eine witzige Verkleidung. Er weiß, daß ich nur ein Schriftsteller bin. Und dennoch gibt er mir Kredit ... Ich hebe das Telephon ab. Nicht, um zu telephonieren – – nur, um dem Telephonisten in der Zentrale des Hotels Guten Tag! zu sagen. Er verbindet mich oft und fleißig. Er verleugnet mich. Er warnt mich. Er teilt mir des Morgens wichtige Begebenheiten aus der Zeitung mit. Und wenn der Geldbriefträger zu mir kommt, verkündet er es mir mit einem diskreten Jubel. Er ist ein Italiener. Der Kellner ist ein Österreicher. Der Portier ein Franzose aus der Provençe. Der Empfangschef ein Mann aus der Normandie. Der Oberkellner ein Bayer. Das Zimmermädchen eine Schweizerin. Der Lohndiener ein Holländer. Der Direktor ein Levantiner; und seit Jahren hege ich den Verdacht, daß der Koch ein Tscheche ist. Aus den übrigen Teilen der Welt kommen die Gäste. Die Kontinente und die Meere, die Inseln, die Halbinseln, die Schiffe, die Christen, die Juden, die Buddhisten, die Mohammedaner und selbst die Dissidenten sind in diesem Hotel vertreten. Der Kassier addiert, subtrahiert, zählt, schwindelt in allen Sprachen, wechselt alle Geldsorten. Von der Enge ihrer Heimatliebe befreit, von der Dumpfheit ihrer patriotischen Gefühle gelöst, von ihrem nationalen Hochmut ein wenig beurlaubt, kommen hier die Menschen zusammen und scheinen wenigstens, was sie immer sein sollten: Kinder der Welt. Bald werde ich hinuntergehen – und das erst wird meine echte Ankunft sein. Der Empfangschef wird herankommen, um mir Neuigkeiten zu erzählen und von mir Neuigkeiten zu hören. Sein Interesse gilt mir ganz, wie das des Astronomen dem Kometen in der ersten Stunde des Wiedererscheinens am Horizont. Habe ich mich verändert? Bin ich überhaupt noch derselbe? Das Auge, delikat und genau wie ein Fernrohr, mustert den Stoff meines Anzugs, die Form meiner Stiefel – und die Versicherung: »Sie sehen erfreulich gut aus!« bezieht sich weniger auf den Zustand meiner Gesundheit als auf den scheinbaren meiner Zahlungsfähigkeit. Ja, noch sind Sie der Alte! sagt eigentlich dieses Kompliment. – Noch sind Sie Gott sei Dank nicht so tief gesunken, um in ein anderes Hotel gehen zu müssen. Sie sind unser Gast und unser Kind! Sie bleiben es! Mein Interesse hinwiederum gilt allem, was das Hotel betrifft, als hätte ich wirklich einmal Anteile zu erben. Wie die Geschäfte in diesem Monat gehen? Welche Schiffe in diesem Monat ankommen? Lebt der alte Kellner noch? Der Direktor war krank? Kein internationaler Hoteldieb dagewesen? – In dieser schönen Stunde kümmert mich alles! Ich möchte die Bücher nachsehen, die Einnahmen kontrollieren. Unterscheide ich mich etwa von einem Mann, der aus Patriotismus das Budget seines Staates kontrolliert, die politische Richtung seiner Minister, die Gesundheit des Staatsoberhauptes, die Organisation der Polizei, die Ausrüstung des Heeres, die Panzerkreuzer der Marine? Ich bin ein Hotelbürger, ein Hotelpatriot. Bald, bald kommt der Augenblick, wo der Portier in ein entlegenes Fach greift und ein Bündel Briefe, Telegramme, Zeitschriften für mich hervorlangt. Ein schneller Blick fliegt aus der Loge zu mir herüber, der Vorbote der Botschaften. Veraltet und dennoch neu sind die Briefe. Sie haben lange auf mich gewartet. Ihren Inhalt kenne ich schon zum Teil, habe ihn auf anderen Wegen bereits erfahren. Aber wer weiß?! Unter den Briefen, die ich vermute, sind vielleicht andere, die mich überraschen, vielleicht gar aus dem Gleichgewicht bringen, in eine neue Bahn stoßen?! Wie kann der Portier so ruhig lächeln, während er mir die Post übergibt? Seine Ruhe ist die Folge einer langen Erfahrung, einer väterlichen, bittersüßen Weisheit. Er weiß schon, daß nichts Überraschendes kommt, er weiß von der Monotonie des bewegten Lebens, und niemand kennt so gut wie er die Lächerlichkeit meiner vagen, romantischen Vorstellungen. An den Koffern erkennt er die Passagiere und an den Umschlägen die Briefe. »Hier ist die Post!« sagt er gleichgültig. Und dennoch vollführt seine Hand, die mir das Paket reicht, noch eine höfliche Wendung im Gelenk, sie verbeugt sich gleichsam selbständig, nach einem uralten Brauch, einem Ritus der Portierhände ... Hier in der Halle bleibe ich sitzen. Sie ist die Heimat und die Welt, die Fremde und die Nähe, meine ahnenlose Galerie! Hier beginne ich, über das Hotelpersonal, meine Freunde, zu schreiben. Es sind lauter Persönlichkeiten! Weltbürger! Menschenkenner! Sprachenkenner, Seelenkenner! Keine Internationale neben der ihrigen! Sie sind die wahrhaft Internationalen! (Der Patriotismus beginnt erst bei den Aktionären des Hotels.) Ich fange an, meinen Freund, den Portier, zu beschreiben. Der Portier Am Nachmittag, »zwischen den Zügen«, wenn die Halle leer und still ist und ein gelbliches, idyllisches Sonnenlicht in die Portierloge strömt, erinnert mich der Portier an eine Art von goldbetreßtem und beweglichem Heiligen in einer Nische. Er faltet, um die Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, seine Hände über den goldenen Knöpfchen, die seinen Bauch verschließen, und gibt sich einer beharrlichen Betrachtung der Luft hin, dem Spiel der Sonnenstäubchen und wahrscheinlich einigen Gedanken, die sein Privatleben berühren dürften. Schließlich beginnt er sich seiner Untätigkeit vor den Boys zu schämen, die in einer kleinen Gruppe beisammenstehen und in denen sich vielleicht schon der Übermut der Jugend regen könnte, und er erfindet einige höchst überflüssige, exemplarisch gedachte Tätigkeiten, aus moralischen Gründen. So zieht er zum Beispiel seine schwere, goldene Uhr aus der Westentasche und vergleicht sie mit der elektrischen Wanduhr, deren großes, weißes, rundes Angesicht wie ein Hotel-Mond, aufgehängt an zwei grobgeflochteten Ketten, gespenstisch silbern die goldene Atmosphäre des Nachmittags unterbricht. Es ist so still, daß man den großen Zeiger nach jedem Minutenruck ächzen hört, und dieser Klang bekommt etwas Menschliches in der Stille. Lange blickt der Portier auf die Uhren, als wollte er die eine oder die andere auf einem kleinen Sekundenfehltritt erwischen. Dann steckt er mit einer enttäuschten Miene, die ein visueller Seufzer ist, seine Uhr wieder ein. Er legt zwei große Bücher so übereinander, daß ihre Kanten genau übereinstimmen, rückt das Tischtelephon neben das Tintenfaß, rollt mit einer flachen Hand den Federhalter in die für ihn bestimmte Mulde, bläst ein imaginäres Stäubchen vom Tisch, betrachtet lange einen lockeren Knopf an seinem Ärmel und dreht ihn, um sich zu vergewissern, daß er heute noch nicht abfallen wird. Niemand wagt ihn zu stören. In dieser nahezu andächtigen Stunde könnten seine Gehilfen, zwei Männer in Zivil, die schweigsam vor dem Eingang stehen, keine Frage an ihn richten. Es sind übrigens immer zwei andere Männer, die sich in seiner Nähe aufhalten, und es dürfte ihrer sechs geben. Genau kann ich ihre Zahl nicht nennen, weil sie niemals gleichzeitig und vollzählig vorhanden sind. Wenn die einen kommen, sind die anderen unterwegs, in Konsulaten, Apotheken, Blumenläden, fremden Wohnungen, von den Gelegenheiten in Anspruch genommen, deren Boten, Kunden und Diener sie sind. Ob sie zum besoldeten Hotelpersonal gehören oder zu den protegierten Freunden des Portiers, ist mir seit Jahren festzustellen nicht möglich. Allem Anschein nach ist der und nicht das Hotel ihr Brotgeber, er, der Vater der Gelegenheiten. Sie gehorchen ihm, wie Jagdhunde dem Treiber – und sie mögen sich auf noch so entfernten Wegen befinden, immer ist es, als hielte er sie alle an unsichtbaren, dehnbaren Schnüren und als wäre es ihm möglich, sie jeden Augenblick zu erreichen. Er behandelt sie wie eine Art armer heruntergekommener Verwandter, die man vom Schicksal mitbekommen hat, eine erbliche Krankheit. Ihre Existenz hat zweifellos etwas Rätselhaftes – ein Leben ohne Uniform und ohne Abzeichen. Hier trägt jedermann sonst das Abzeichen seines Dienstes und seiner Bestimmung, nur sie haben die Anonymität eines Zivils, das an die Ränder der Gesellschaft denken läßt, eine Gehetztheit verrät, ein gejagtes Jagen, an Polizei erinnert und gleichzeitig an verbotene Wege. Genug von ihnen! In dieser stillen Stunde sind sie für den Portier Luft, weniger als Luft, die er immerhin manchmal zu betrachten geneigt ist. Sie aber sieht er nicht an, selbst wenn er zu ihnen spricht. Er hat die Fähigkeit, von dem erhöhten Podium, auf dem er steht, einen Auftrag hinunterzuerteilen, ohne eine bestimmte Person anzusehen, als wäre die Halle bevölkert von Dienstbeflissenen, die nur auf einen Befehl warten. Und nur wenn ein Gast an den Tisch tritt, um eine Bestellung aufzugeben, neigt er sachte den Kopf – nicht etwa um besser zu hören, sondern um seine Überlegenheit zu verbergen, welche die Gäste nicht gerne merken mögen. Denn er ist ihnen ohne Zweifel überlegen. Ich finde an seinem starken Kopf, der breiten, weißen Stirn, an deren Schläfen die schwarzen Haare schon silbrig zu schimmern beginnen, den weit auseinanderliegenden, hellgrauen Augen, über denen sich die dichten und großen Brauen in vollkommener Rundung wölben, dem tiefen Ansatz der später kräftig vorspringenden, knochigen Nase, dem großen und abwärts gebogenen Mund, den der melierte Schnurrbart in ähnlich vollkommener Wölbung überschattet, wie die Braue das Aug', dem massiven Kinn, in dessen Mitte ein verlorenes, schmales Grübchen liegengeblieben ist als eine Erinnerung an die Kindheit: ich finde an diesem Angesicht gewisse Züge von porträtierten großen Herren wieder, einen bestimmten Ausdruck von stolzer Kälte, einen Hauch, der über das ganze Angesicht gebreitet ist wie ein durchsichtiges, klares Visier aus bitterem Frost. Das Angesicht ist bräunlich gerötet, als käme es aus einem Leben im Freien, aus einem Leben zwischen Korn, Wasser, Wald und Wind, die Haut ist straff – und die wenigen starken Runzeln über der Nase und die vielen zarteren dicht unter den Augen scheinen nicht von alltäglichen Sorgen eingegraben worden zu sein, sondern freiwillig empfangene Zeichen, Tätowierungen des Lebens und der Erfahrungen, ausgeführt von Wind und Wetter ... Wie er sich jetzt vor dem Herrn verneigt, ist es keine Verbeugung, sondern eine körperliche Herablassung. Wie er einen Auftrag entgegennimmt, ist es, als erhörte er eine Bitte. Wie er so zustimmend nickt, erinnert er an den milden Richter aus amerikanischen Filmen (wo allein noch milde Richter vorkommen). Der Gast macht ihm jetzt einen Vorwurf. Aber es sieht aus, als dächte der Portier nach, wer wohl von allen der Schuldige sein könnte. Und mittels einer kleinen, außerordentlich nebensächlichen Frage wird er aus einem Pflichtvergessenen ein Mitfühlender, und sein Versäumnis verwandelt sich in Teilnahme. Als wäre der Herr zu ihm gekommen, nicht um ihm etwas vorzuhalten, sondern um sich bei ihm zu beklagen! »Heda!« ruft der Portier zu der Gruppe der untätigen Boys hinüber. »Wer von euch hat den Anzug von 375 zum Bügeln getragen?« – Schweigen. – Es war kein Boy, sondern der Hausdiener, den der Portier eben mit dem Autobus zur Bahn geschickt hat. Er erinnert sich sehr wohl an den Protest des Hausdieners, den Anzug, die besondere Dringlichkeit des Auftrags. Aber er hat nicht einen Augenblick ein Schuldbewußtsein. Ich will nicht damit angedeutet haben, daß er etwa kein Gewissen hätte! Es ist nur anders beschaffen! Es ist weiter, räumlicher, vergleichbar dem eines Generals zum Beispiel, von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen, von der Sorge ums Ganze erfüllt. – »Marsch hinunter – und den Anzug geholt!« befiehlt er jetzt. Wer gäbe noch was für die Unversehrtheit eines Boys, der in dieser Situation zu fragen wagte: Wo ist der Anzug zu holen?! Es ist jetzt etwas im Auge des Portiers erwacht, etwas, das an einen Peitschenknall im Zirkus erinnert, einen gezückten Dolch, ein Unwetter am Horizont ... Der Boy fragt nicht; er läuft. Über der Gruppe der zurückbleibenden Jungen läßt sich ein brütendes Schweigen nieder, eine verhängte sommerliche Schwüle. Einsam steht der betreßte Meister auf seiner Höhe und atmet eine Wolke stummen Grolls in die Halle ... Dennoch könnte er sofort wieder lächeln, wenn ein Gast, wie ich zum Beispiel, gerade das Bedürfnis hätte, ihn um etwas anzugehn. Nichts an ihm – der mir durchaus nicht so verständlich ist, wie ich glauben machen will – ist mir so merkwürdig wie seine Gabe, Zorn und gute Laune, abweisende Erhabenheit und dienstbereite Beflissenheit, Gleichgültigkeit und Neugier sehr schnell aufeinander folgen zu lassen. Es scheint mir manchmal, daß jede seiner Stimmungen mit ihrem Gegenteil gefüttert ist und daß er seine Laune nur zu wenden braucht, um sich zu verwandeln. Jetzt, zehn Minuten bevor die ersten Gäste vom »Mailänder Expreß« kommen, rüstet er sich zum Empfang, das heißt: er rückt an der Weste. »Zehn Minuten!« ruft er dem Empfangschef zu. Es ereignet sich etwas Außerordentliches: er verläßt seine Loge. Er steigt von seinem erhöhten Platz und zerstäubt die Gruppe der Boys, von denen jeder an eine bestimmte Stelle läuft, der eine zur Drehtür, ein anderer zum Lift für Gepäck, der zu dem für Personen, jener an die Treppe, zwei zur Garderobe. Noch zwei Minuten – und das erste Automobil fährt vor. Der Portier spitzt die Lippen und läßt einen leise zischenden Schlangenruf ertönen. Aus einem dunklen Seitengang stürzt ein Gepäckträger in grüner Schürze hervor. Schon hört man draußen einen surrenden Motor. Schon kommen die ersten Gepäckstücke. Der Portier wirft einen Blick auf sie, und da es lederne Koffer sind und ein dunkelgraues, grünkariertes Plaid und ein ledergesäumtes Stoff-Etui für Regenschirme und Spazierstöcke, rückt er noch einmal an seiner Weste. Bei jedem neuen Gast tauscht er einen schnellen Blick mit dem Empfangschef – und jeder Blick bedeutet: eine Zimmernummer, ein Stockwerk, einen Preis, eine Mahnung, eine Warnung, Zufriedenheit oder Mißmut. Ja, es gibt Gäste, bei deren Eintritt der Portier ganz sachte ein Auge schließt, so daß ihnen die Auskunft zuteil wird, es sei alles besetzt. Manchmal – aber das kommt höchstens einmal in der Woche vor – macht der Portier eine Verbeugung – und wenn er sich wieder aufgerichtet hat, sieht man, daß ein Lächeln sein Gesicht verklärt, ein ansteckendes Lächeln übrigens, das sich auf alle überträgt wie ein Gähnen. Dann geht der Gast an lauter lächelnden Gesichtern vorbei, wie zwischen zwei Reihen von Lichtern. Nebenbei gesagt, sehe ich bei dieser Gelegenheit, daß der Portier eine wollige, graue Zivilhose, die zu einem offenbar eleganten Straßenanzug gehört, unter seiner halben Uniform trägt, als wollte er so andeuten, daß er nur zur oberen Hälfte livriert ist, zu jener nämlich, mit der er sich so selten verneigt. Es verrät mir ein wenig von seinem Privatleben, von dem ich einiges zu wissen glaubte. Es ist eine kleine Enthüllung mehr, bilde ich mir ein. Gewiß hat er seine Beziehungen zu Schneidern, und es ist sogar anzunehmen, daß sich Handwerker um seine Gunst bemühen und ihm besonders billige Kleider liefern. Am Abend, nach sechs Uhr, verschwindet unser Freund in der Garderobe, aus der er nach fünf Minuten mit einer fremden, verwandelten Würde wieder heraustritt. Zum ersten Male sieht man ihn Grüße erwidern. Den schwarzen Stock mit dem silbernen Knauf in der grau behandschuhten Linken, lüftet er mit der Rechten den schwarzen Halbzylinder, den er mit vornehmer konservativer Treue immer noch trägt, lüftet ihn höflich, aber flüchtig vor den Boys, die sich sehr tief vor ihm verneigen. Leutselig plaudert er noch eine Weile mit dem Nachtportier. Gäste, die in der Halle sitzen oder die ihm in den Weg kommen, würdigt er nicht eines Blickes. Noch einmal schweift sein Auge durch das Rund des Raumes, entdeckt mich und sprüht mir einen Funken Freundlichkeit herüber. Dann begibt er sich endgültig zur Drehtür. Und an der gravitätischen Schwere, mit der jetzt ihre Fächer langsam rotieren, merkt man erst, wer eben das Hotel verlassen hat ... Der alte Kellner Dieser Kellner ist so alt, daß man ihn im ganzen Hause nur »den Alten« ruft, die Angestellten wie die Gäste von ihm als »dem Alten« sprechen und daß er selbst wahrscheinlich sich nur gelegentlich erinnert, wie sein Name lautet, den er seit so vielen Jahren nicht mehr brauchte. Ja, es ist so, als hätte er gar keinen mehr, weil er, ähnlich einer mythologischen Halbgottheit, in die Kategorie der Wesen eingegangen ist, deren Namen gar keine Rolle spielt, weil sie ein bestimmtes Phänomen repräsentieren. Dieser Kellner repräsentiert in diesem Hotel das Alter – und erst in zweiter Linie das Kellnertum. Er war mehr als vierzig Jahre Kellner, nun ist er schon mehr als zehn Jahre »alt«. Und der Frack, den er jeden Nachmittag anzieht, ist bereits aus einem beruflichen Gewand ein symbolisches geworden – und sieht man den Kellner im Frack, so ist es, als wäre dieses Kleidungsstück eine passende Uniform des Greisenalters überhaupt. Ich muß erwähnen, daß diesem Alten die gewohnten Zeichen des Greises vollkommen fehlen. Er ist glattrasiert, sein Schädel ist ganz kahl, und selbst seine Augenbrauen sind dank einer merkwürdigen Laune der Natur hellblond geblieben. Das ehrwürdige Silber des Alters scheint er abgelehnt zu haben. Oder er ist bereits so alt, daß er auch die Periode des weißen Haares hinter sich hat und daß er auf dem Wege ist, zu versteinern, eine Art menschliches Mineral zu werden, vielleicht zurückzukehren zu dem Ur-Ur-Anfang der Welt, der Regungslosigkeit des sogenannten Unorganischen. Wenn man ihn manchmal eine Stunde lang an einer der dicken Säulen in der Hotelhalle lehnen sieht, eine kleine, erloschene Tonpfeife im linken Mundwinkel, die Unterlippe vorgeschoben, die etwas hängenden Wangen vom wächsernen, schimmernden Rot bestimmter Tiroler Äpfel, die kleinen Augen aus glänzendem, tiefem Kobalt-Blau blicklos in unbekannte Welten gerichtet, die steife Hemdbrust von einem reinen, fast unirdischen Weiß-Lack, das tiefe Schwarz des tadellos passenden Fracks ohne Stäubchen und ohne Falte, in den blitzenden Schuhen die unveränderlichen Reflexe der Lampen und Lichter – so könnte man glauben, der Kellner wäre ein Standbild, ein Hausgott des Hotels und des Fremdenverkehrs, und man könnte ohne eine kleine Verbeugung keineswegs an ihm vorbeigehn. Auf einmal aber – und gerade, wenn man es am wenigsten erwartet, setzt er sich in Bewegung – und dieser Anblick ist so unwahrscheinlich, daß man auch der Säule nicht mehr traut, daß sie stehenbleiben wird. Wohin geht der Alte? – Ins Restaurant. Er geht nur von den Knien abwärts, seine Füße machen winzige Schritte, wenn ihm jemand in den Weg kommt, bleibt er stehen, irgendein Mechanismus stockt, und man glaubt gehört zu haben, wie ein Rädchen, unter den Frackschößen verborgen, plötzlich stehengeblieben ist. Dann rührt es sich wieder. Eine Viertelstunde später ist der Alte im Restaurant. Er setzt sich, obwohl man es nicht immer sofort erkennen kann, niemals ohne eine Absicht in Bewegung. Es sind Gäste gekommen, die er schon vor zwanzig oder dreißig Jahren bedient hat und die er kommen sah, während er an der Säule lehnte und seine Augen auf irgendein Jenseits gerichtet zu sein schienen. Seine Aufmerksamkeit ist noch die alte, nur seine Gliedmaßen sind langsamer geworden. Genauso beobachtete er die Ankunft der Menschen schon vor vierzig Jahren. Nur lief er damals schneller, im Nu stand er vor ihnen, rannte er zur Küche, kam er wieder zurück. Ganz unmerklich, aber unaufhaltsam wurden im Laufe der Jahre und Jahrzehnte seine Füße schwächer, seine Hände zittriger, seine Bewegungen langsamer – unmerklich wie der Weg des Stundenzeigers auf den Uhren ist, aber ebenso sicher wie dieser, war der Weg der Schwäche und des Alters im Körper des Kellners. Jeden Tag wurde sein Lauf ein winziges bißchen schwerer – bis es endlich nach vierzig Jahren ein schleppender Gang war. Nun steht er vor seinen Stammgästen, verbeugen kann er sich immer noch. Ein anderer, ein junger und flinker Kellner kommt an die Seite des Alten, den Block in der Hand, um »aufzunehmen«. Es ist, als sprächen die Stammgäste eine Sprache, die dem jungen Kellner nicht verständlich sein kann, eine Sprache einer verschwundenen Generation, einer verschwundenen Welt vielleicht. Denn der Alte wiederholt dem Jungen wortwörtlich alles, was ihm die Gäste gesagt haben – aber es sieht aus, als übersetzte er. Es ist, als würden die bestellten Speisen erst von dem alten Kellner zu eßbaren Speisen ernannt, zu Gerichten erhoben, zu Leckerbissen geadelt. Würde der Junge sie direkt aufnehmen, sie wären vielleicht ungenießbar. Obwohl die Gäste leise sprechen (der Tisch, an dem sie sitzen, eine Stille in den von Tellergeklapper, Gesprächen, Gläserklang erfüllten Raum ausströmt), hört der Alte genau, was sie sagen – der Junge könnte es wahrscheinlich nicht. Denn jener hat die Gabe der Ahnungen; er errät, was seine Stammgäste wollen – und im übrigen kann er unter Umständen ihre Bestellung auch verändern – wenn er mag. Denn es kann vorkommen, daß sie ein Gericht bestellen, dessen Qualität der Alte an diesem Tage nicht verantworten will. Dann tut er so, als wäre ein anderes bestellt worden. Und deshalb warten die Gäste, bis er sich ihnen so langsam genähert hat. Es besteht eine uralte Beziehung zwischen ihnen und ihm, sie und er stammen aus einer ganz bestimmten Zeit, wie man aus einer Heimat stammt, sie und er sind gewissermaßen Patrioten jener Zeit, die wichtiger und teurer sein kann als ein Vaterland, weil die Zeiten schnell verschwinden und die Vaterländer gewöhnlich bleiben, weil man diese wechseln und verlieren kann und jene uns festhalten. Die Gäste und der Alte: sie sprechen alle die Muttersprache ihrer vergangenen Epoche. Deshalb verstehen sie einander, deshalb warten sie aufeinander. Es kommt manchmal vor, daß eine uralte Dame, mit dem kalten, abweisenden Blick, der die Folge eines langen, reichen und sorgenlosen Lebens ist, mit einem Stock, auf den sie sich stützt, in einem ernsten Abendkleid aus dunkelgrauer Seide, ein leuchtendes Perlenkollier (auf das die Erben schon warten) um den vielgefalteten Hals – daß diese furchtsam oder ehrfürchtig behandelte Frau geradewegs auf den alten Kellner zugeht und ihm die Hand reicht, ohne ihm ein Wort zu sagen. Dann verneigt er sich tief und lächelt ein wenig. Die alte und allem Anschein nach nicht gutherzige Dame und der Kellner kennen einander schon seit Jahrzehnten – und gewiß hat sie ihm nicht immer die Hand geboten. Als sie beide noch jung waren, standen die unerbittlichen Unterschiede des Standes zwischen ihnen. Nun, da sie alt geworden sind, fängt schon langsam die Annäherung an, die schließlich in der Gleichheit des Todes münden wird. Schon bereiten sich beide auf das Grab vor, auf die gleiche Erde, den gleichen Staub, die gleichen Würmer – und vielleicht, wenn ein so langes Leben nicht wieder ungläubig macht – auf dasselbe Jenseits. Eine Stunde nach Mitternacht besteigt der Alte den Fahrstuhl – den für Gäste – und läßt sich in den höchsten Stock hinauffahren. Dort bewohnt er ein kleines Zimmer, ein Ehrenzimmer. Er hat nie eine Frau gehabt, keine Kinder, keine Geschwister. Er war immer allein, ein Kellner in diesem Hotel, ein Kind dieses Hotels. Nichts mehr als ein Kellner. Seit zehn Jahren wohnt er in diesem Zimmer. Er wollte sich nicht pensionieren lassen. Er konnte nicht mehr in der Nacht auf die Straße und in seine Wohnung. Also blieb er im Hotel, wie eine alte Wanduhr. Eines Tages wird er in seinem Ehrenzimmer sterben. Kein Zweifel. Seine Leiche wird man durch den rückwärtigen Ausgang des Hotels tragen und in ein schwarzes Auto verladen, in dem es keine Fenster geben wird. Denn durch den Haupteingang eines Hotels kann unmöglich eine Leiche getragen werden. – Der Koch in der Küche Von ungewöhnlicher Bedeutung, aber den meisten unbekannt, ja unsichtbar lebt in der Unterwelt des Hotels der Koch. Den größten Teil des Tages sitzt er in der Mitte der großen Küche, in einem Pavillon mit gläsernen Wänden, in einem Häuschen also, das ganz ein Fenster ist, von allen Seiten sichtbar, nach allen Seiten sehend. Aus drei Elementen besteht die Unterwelt des Hotels: aus Glas, aus Kacheln und aus weißem, silbrigem, mattem Metall. Das vierte, flüssige Element, nämlich Wasser, rieselt unaufhörlich, still, melodisch, in ewiger Wachheit und dennoch einschläfernd über die weißen Kachelwände, ein zarter, glitzernder Schleier, in bräutlich-hygienischer Unschuld, kostbar, verschwenderisch und an manchen Stellen, auf die das Licht fällt, regenbogenfarbig. Acht erwachsene Köche und vier halbwüchsige Kochjungen stehen und wandeln, schneeweiß angezogen, schneeweiße Matrosenmützen auf den Köpfen, lange, hölzerne Löffel in den Händen, zwischen acht metallenen Kesseln, aus denen in unregelmäßigen Zeitabständen ein silbriger Rauch aufsteigt und in deren Unterleibern ein rötliches, unwirkliches, theatralisches Feuer glimmt. Eine unendliche, weiße Stille, vergleichbar etwa der Stille weiter russischer Schneefelder, entweht den Kacheln, dem Metall, dem Glas und den Köchen, deren Bewegungen unhörbar sind, als wären sie weiße Schatten, und deren Schritte wahrscheinlich vom Geräusch des rieselnden Wassers verschlungen werden. Dieses, das einzige Geräusch im Raum, unterbricht nicht etwa die Stille, sondern begleitet sie, scheint die hörbar gewordene absolute Melodie des Schweigens selbst zu sein, der Gesang der Stummheit. Sehr selten nur entschlüpft dem Ventil eines Kessels ein unterdrücktes Zischen, das sofort erstirbt, beschämt und erschrocken und in der Stille bald vergessen, wie etwa der halbe Schrei eines Raben in der weißen, winterlichen, lautlosen Weite. So wie diese Küche könnte der Maschinenraum eines modernen Gespensterschiffes aussehen. Der Koch könnte der Kapitän sein. Die Köche Matrosen. Die Gehilfen Schiffsjungen. Das Ziel unbekannt und übrigens unerreichbar. Aber so traumhaft auch die Stille ist, so wirklich, so taghell, so lebendig, so festlicher, fröhlicher, stofflicher, greifbarer Optimismus ist der Koch. Es genügt, einen Blick auf ihn zu werfen, um jede Vorstellung von düsteren Sagen zu verlieren und sie einzutauschen gegen heitere Erinnerungen an Märchen von Schlaraffenländern zum Beispiel, an satte und bunte Illustrationen auf Glanzpapier in Kinderbüchern. Das ist der Schöpfer der gebratenen und dennoch fliegenden Tauben. Sein weißer, randloser Zylinder aus gesteifter Leinwand, der gleichzeitig an einen Turban erinnert, an eine Schlafmütze und an das Unterfutter einer Königskrone, hebt und verstärkt das bräunliche Rot seiner Wangen, das metallen schimmernde Schwarz seiner dichten, buschigen Brauen und das goldene Braun seiner kleinen und flinken Augen, die wie im Spiel über weichen und bequemen Wülsten hin und her eilen, die Köche beaufsichtigen, die Kessel kontrollieren, die Bewegungen der langen Löffel verfolgen. Die weiße Mütze berührt in schiefem Übermut sein rechtes, rotes, blutdurchpulstes Ohr, das seinen eigenen gesunden Optimismus zu manifestieren scheint. Die roten Lippen lächeln unermüdlich. Das weiche, breite Kinn lagert eingebettet in einem bequemen Doppelkinn. Die breiten Nüstern atmen die Gerüche der Speisen und die Nuancen dieser Gerüche. Und unter der weißen Schürze wölbt sich sanft und gütig ein Bauch, in dem ein zweites, ein besonderes Herz eingebaut sein dürfte. Das nenn' ich einen Koch! Er kommt aus den Träumen meiner Kindheit und in Wirklichkeit – wie ich es schon einmal angedeutet habe – aus der Tschechoslowakei. Von den vier Völkern, die diesen Staat bewohnen: den Tschechen, den Deutschen, den Slowaken und den Juden, vereinigt er alle positiven traditionellen Eigenschaften: er ist fleißig wie ein Tscheche, gründlich wie ein Deutscher, phantasievoll wie ein Slowake und schlau wie ein Jude. Diese glückliche Mischung ergibt einen zufriedenen, wohlwollenden, mit dem Schicksal wie mit den Menschen einträchtig lebenden Mann, der sogar imstande ist, jahrzehntelang eine harmonische Einehe zu führen. Absurd geradezu wäre etwa die Vorstellung, daß dieser Mann in Zorn geraten könnte! Wo sollte der Zorn Platz finden in dem mit Ruhe, Behaglichkeit und großartiger Gleichgültigkeit ausgefüllten Innern? Und was müßte sich ereignen, um diesen Menschen auch nur aus seinem Gleichgewicht zu bringen? Auf dem kleinen Tischchen, an dem er gewöhnlich sitzt, ein großes aufgeschlagenes Diarium vor sich, in das er gelegentlich eine kurze Notiz hin einschreibt, befindet sich auch ein Telephon, das in mancher Stunde zwanzigmal klingelt. Und immer wieder hebt der Koch das Hörrohr mit der gleichen Gelassenheit ab, er hebt es noch im Klingeln ab, legt es sorgfältig auf den Tisch, läßt es noch eine Weile schnarren, und erst dann, wenn es ganz still geworden ist, führt er es mit einem halben nachlässigen Arm – nicht zum Ohr, sondern nur in die Gegend des Ohres. Es sieht aus, als bändigte er zuerst ein ungebärdiges, lärmendes Wesen, ehe er geruht, sich damit zu befassen. Er spricht nicht wie alle Welt gerade in die Muschel hinein, sondern nur so in ihrer Nähe herum, und er hebt auch nicht um die kleinste Tönung seine Stimme, viel eher senkt er sie noch, und es sind dann lauter samtene Wörtchen, die er zum Telephon sagt. Jede Viertelstunde kommt einer von den vier Kochjungen in den gläsernen Pavillon, eine winzige Speiseprobe, einem der Kessel entnommen, auf einer winzigen Schale. Manchmal begnügt sich der Koch damit, auf das Pröbchen einen seiner hurtigen, goldenen Blicke zu werfen (als hätte sein Auge Geschmacksnerven) und die Speise durch ein sanftes Kopfnicken zu approbieren. Sehr oft aber führt der Koch die Schale an die Lippen, leckt flüchtig an ihr mit der Zunge und schickt den Jungen mit einem leisen Wort zurück. Weshalb er hier nur blickt und dort auch kostet, ist ein ewiges Geheimnis. Ich stelle mir vor, daß er die Launen der Kessel genau kennt und die Fähigkeiten der Küche, aber auch, daß seine Zunge Schaden leiden könnte, wenn er sie allzu oft kontrollieren ließe. Es ist eine kostbare Zungenspitze, sie hat die Erfahrungen eines ganzen ungeheuerlich verwöhnten Gaumens und außerdem die Fähigkeit, den Magen zu sättigen. Denn der Koch ißt den ganzen Tag gar nichts, sondern erst am späten Abend, ohne eine Spur Hunger zu fühlen. Er speist nie in der Küche. Er legt nur seine weiße Schale ab, eine geräumige, weiße Schale – und schon steht er da im schwarzen Anzug. Er nimmt seine Mütze vom Kopf – und er hat dichtes und leicht gekräuseltes Haar, eine weiße, glatte Stirn. Über einer Hemdbrust aus Popeline sitzt, den Kragen verhüllend, ein kleiner Schmetterling aus grauer, schwarzgetupfter Seide. Seine zarten und koketten Flügel mildern den Ernst der ganzen Erscheinung und geben dem Wesen des Kochs etwas Unternehmungslustiges, Wagemutiges und Jungenhaftes. So geht er in den Speisesaal. Ein Tisch in der Ecke neben der Säule ist für ihn reserviert. Er wird lautlos und glatt bedient, er braucht nicht einmal zu bestellen. Die Küche weiß genau, was sie ihrem Gebieter zu entsenden hat. Er bekommt sehr winzige Portionen, die preziös wie Edelsteine auf dem Teller liegen. Große Stücke Fleisch würden den Koch beleidigen. Er ißt leicht und frei und braucht niemals die Serviette zum Mund zu führen. Nach dem Kaffee trinkt er noch einen Cognac. Der Kellner zeigt ihm die Flasche, ehe er einschenkt. Es kommt vor, daß der Koch die Flasche wortlos dem Kellner aus der Hand nimmt und sie stehen läßt. So winzig auch die Gläschen sein mögen, er trinkt immer nur in kleinen Tropfen. Dann erhebt er sich, leicht und frei, nicht wie einer, der lange gesessen und getrunken hat, sondern als wäre er am Morgen am Waldesrand gesessen und ginge nun fröhlich der aufsteigenden Sonne entgegen. Aus einer schmalen Zigarette bläst er blaue, duftende Wölkchen ... Er geht nach Hause. Er hat ein angenehmes Haus, drei Kinder, eine junge, hübsche Frau, deren Porträt in der Schublade des Tisches im gläsernen Pavillon liegt, neben dem zugeklappten Diarium. Er zeigte sie mir einmal. Gewiß zieht er das Porträt sonst niemals aus der Lade, und nur, wenn er sie auf- und zuschiebt, wirft er einen Blick hinein, eine flüchtige Liebkosung. Er hat nie eine andere Frau geliebt, und er ist auch nicht gesonnen, sich jemals einer überraschenden Leidenschaft auszuliefern. (Sein Gehalt ist größer als das des Direktors.) Er hat schon vor dem Kriege in allen großen Städten der Welt gearbeitet. Immer zwischen weißen Kacheln, Glas, Wasser und silbrigem Metall. Er ging in den Krieg, im Jahre 1914, getrost, ohne Patriotismus und auch ohne Furcht, denn er wußte, daß seine seltene Begabung auf die Offiziere eines Generalstabs nicht ohne Wirkung bleiben werde. Vier Jahre lang saß er zwanzig Kilometer hinter der Front, in idyllischen Dörfern, an warmen Kesseln und Herden, vor guten und reichen Vorräten. Von dieser schönen Zeit erzählt er manchmal. Er vergißt niemals hinzuzufügen: »Die Herren von meinem Stab haben besser gegessen, als sie gekämpft haben.« Es ist das einzige Aperçu, das ihm jemals eingefallen ist, es reicht ihm bis ans Ende seiner Tage, und es ist als ein Lob, nicht als ein Tadel gemeint. Ich fragte ihn einmal, ob er schon sein neues, restauriertes Vaterland besucht habe. »Nein«, sagte er, »es ist nicht nötig. Ich zahle hier Steuern!« Ich fragte ihn ferner, ob er die Absicht habe, seinen Buben Koch werden zu lassen. »Vielleicht!« erwiderte der Koch, »vielleicht hat er genug Begabung!« Aber es war ein Zweifel in seiner sanften Stimme. Vielleicht glaubt er auch, wie viele, daß die Söhne genialer Männer wenig taugen. – Der Patron Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Hoteldirektors, daß man sein Alter nicht schätzen kann. Dem und jenem mag es unheimlich vorkommen, um elf Uhr vormittags einen etwa fünfzigjährigen Hoteldirektor zu sehen, der um drei Uhr nachmittags ein guter Vierziger und spät in der Nacht wieder ein Fünfziger wie am Vormittag zu sein scheint. Nicht so rapide wie seine Physiognomie, aber immerhin verwunderlich schnell genug verändert sich die Haar- und Bartfarbe des Direktors. Es gibt Zeiten, in denen sich in den tiefschwarzen Schnurrbart einzelne silbergraue Härchen zu stehlen beginnen. Ein paar Tage später sind sie verschwunden. Manchmal sieht man auf seinem Kopf den Anfang einer Glatze. Eines Tages erscheint er wieder mit der gewöhnten sanften, seidig-weichen, etwas frauenhaften Haarfülle. Obwohl er ein durchaus mondäner Hoteldirektor in einem mondänen Hotel ist, spricht das Personal nicht anders von ihm als vom »Patron«. Es mag den armen Menschen, obgleich sie ihr ganzes Leben in der Nähe des modernen Kapitals verbringen, sehr mühsam sein, sich eine Aktiengesellschaft als Brotgeber vorzustellen, einem abstrakten Begriff, hervorgesprungen aus den dünnen Kolonnen des Kurszettels, zu dienen und den Mann, der sie aufnimmt und entläßt, der ihnen das befiehlt und jenes verwehrt, ebenfalls nur für den Angestellten einer geheimnisvollen Aktiengesellschaft zu halten. Es ist einfacher, ihn für den Patron zu halten. Wäre er nun wirklich der Besitzer, ja, wäre er auch nur an der Aktiengesellschaft beteiligt, er würde – wie ich ihn kenne – sich den populären und provinziellen und die ganze Größe des Betriebs beleidigenden Titel nicht gefallen lassen. So aber behagt dem Direktor die Anrede »Patron«, sie schmeichelt ihm sogar. Derlei Geheimnisse seiner Seele, die ich manchmal zu erraten glaube, aber auch noch andere sichtbare Eigenschaften des Charakters haben mich lange gehindert, den Direktor sympathisch zu finden – so, wie ich es gewollt hätte. Denn die schriftstellerische Objektivität erfordert eine ganz bestimmte Art von Sympathie für die zu beschreibenden Menschen, eine literarische Sympathie, deren sich unter Umständen auch ein Schuft erfreuen kann. Aber mein privates Herz schlägt in einer sentimentalen (und jüngst wieder etwas unmodern gewordenen) Weise für die kleinen Wesen, denen man befiehlt und die gehorchen, gehorchen, gehorchen, und läßt mich selten zu der Objektivität für die großen gelangen, die befehlen, befehlen, befehlen. Was den Direktor betrifft, so wiederhole ich mir manchmal den mildernden Umstand: auch ihm wird befohlen; von der Aktiengesellschaft, das ist wahr! Aber die Befehle, die er empfängt, werden ihm einmal im Jahr, für alle 365 Tage gegeben, es sind Generalbefehle, auf einem schönen Bogen Papier niedergeschrieben, beinahe Dokumente. Er kann sie übrigens auf eine beliebige Weise nach unten hin verstreuen und, wenn sie ihm hart erscheinen, wie es üblich ist, in einer noch härteren Form weitergeben, wodurch ihm sein Los, vergleicht er es mit dem eines ihm Gehorchenden, bedeutend leichter erscheint. Soweit die Leiter, die zur Aktiengesellschaft hinanführt, sichtbar ist, steht er, der Direktor, auf ihrer höchsten Sprosse. Dennoch hätte ich mich damit längst abgefunden, wenn es nicht zu seinen Gewohnheiten gehörte, sehr leise an Orten aufzutreten, an denen man ihn nicht erwartet. Plötzlich erscheint er in dem abgelegenen Teil eines Korridors. Es ist immer so, als wäre er lange dagestanden und als setzte er sich erst in Bewegung, sobald er einen kommen hört. Ein anderesmal geht er mit schnellem Schritt, den Kopf gesenkt, durch die Halle, wie um zu demonstrieren, daß er sich um niemanden kümmere. Aber ich weiß wohl, daß seine Augen, die seitwärts, nahe an den Schläfen eingefaßt sind wie die eines Vogels oder eher einer Eidechse, rasch und sicher die Bilder der ganzen Umgebung mitnehmen und daß der Direktor nach so einem kurzen Ausflug ganz genau weiß, wer in der Halle sitzt, was der Portier macht und ob alle Liftboys und Boten anwesend sind. Sein Blick verhakt sich harpunenartig in den Bildern. Es ist, als hätte er sie mitgenommen, in sein Kontor, um sie zu entwickeln oder in ein Album zu legen. Er hat die Gewohnheiten, die Bewegungen, die Eigenschaften eines Detektivs. In der Levante geboren und ein Kind griechischer Eltern, besitzt er wahrscheinlich die geistige Hurtigkeit, die man Griechen und Levantinern zuschreibt. Was er erblickt, sieht er, was er sieht, kennt er. Alle Sprachen spricht er mit der gleichen Geläufigkeit. Aber in keiner einzigen kann er einen fehlerlosen Brief schreiben. Seiner Sekretärin diktiert er nur Stichworte, gescheite Stichworte wahrscheinlich; ihr bleibt die Stilisierung überlassen. Von mittlerer Größe, aber so dünn, daß er zuweilen sehr groß erscheinen kann, sieht er aus wie ein edles Mitglied einer sehr fernen und sehr fremden Rasse. In seinem dunkelbraunen, schmalen und zu beiden Seiten wie abgeplatteten Gesicht erinnert die hagere Nase an eine Waffe, ein gebogenes Messer aus Knochen und Haut. Die schmale Stirn verdeckt rechts eine Welle des schwarzes Haars. Der dünne Schnurrbart wölbt sich wie ein schwarzer Faden – er ist am oberen und unteren Rand rasiert – über dem Mund und liegt beinahe in der Mitte der langen Oberlippe. Der Mund öffnet sich nur sehr wenig, auch wenn der Direktor spricht. Wenn er zahnlos wäre, man würde es nicht bemerken. Dieser Mann hat ohne Zweifel die Phantasie, die den sogenannten »Luxus« erzeugt und nährt. Wenn es überhaupt ein Wesen gibt, das ganz genau weiß, was »Bequemlichkeit« heißt, so ist es der Direktor. Ihm sind alle bequemen Einrichtungen zu verdanken. Es gibt in diesem ganzen Hotel keinen Tisch mit erhabenen Rändern, die den Unterarm lähmen, wenn man sich stützt. Die Nachtlampen neben den Betten stehen in Greifhöhe in kleinen Wandnischen wie in Safes, und das Brett, auf dem sie ruhen, ist hinauszuschieben. So liegt man nicht in der Angst, daß die Lampe zerbricht, wenn man nach einem Wasserglas greifen will. Alle Aschenbecher sind tief, breit und schwer. Vor jedem Bett ist ein Vorhang, der es am Tag unsichtbar macht. Zwischen den zwei Türen, die in den Korridor führen, ist der Raum so groß, daß der Kellner einen kleinen Tisch mit den bestellten Speisen stehen lassen kann, für den Fall, daß sein Eintritt ins Zimmer stören sollte. Mit der Post bringt man des Morgens dem Gast viele Zeitungen mehrerer Länder zur Auswahl. Nie kann ein Postbote mit eingeschriebenen Sendungen kommen, ohne telephonisch angekündigt worden zu sein. Die ganze Nacht ist die sogenannte »kleine Küche« in Betrieb, bei der man Obst, Tee, Kaffee und Cognac haben kann. Die große Drehtür ist die ganze Nacht offen, so daß man nie zu läuten braucht und einen Schlafenden zu wecken. Auch um drei Uhr morgens brennen alle Lichter wie um neun Uhr abends. Diese Einrichtungen verdanken wir dem Direktor. Und dennoch ist mir die Art, in der er etwa einem Liftboy befiehlt, ihm ins Kontor zu folgen, sehr peinlich. Er sagt nicht etwa: Kommen Sie! Er winkt auch nicht mit der Hand oder mit den Augen! – Er bleibt vor dem Unglücklichen stumm stehen, sieht ihn an, entfernt sich einen Schritt und wendet sich wieder um. Ich weiß nicht, was hinter der geschlossenen Tür im Büro vorgeht. Aber ich sehe die Männer herauskommen. Sie rücken an den Uniformen, drehen die Köpfe in den Kragen, als hätten sie etwas einzurenken, und geben sich einen Ruck, ehe sie wieder an den Dienst gehen, als kämen sie aus einer ganz, ganz anderen Welt und als gälte es, sich erst in dieser zurechtzufinden. Und sie waren doch kaum länger als zehn Minuten drinnen! Man könnte jetzt eine Frage an sie richten – sie würden nichts hören. Immer noch tragen sie in ihren Ohren einen furchtbaren Klang, in dem alle neuen Geräusche ersticken. Auch diese Sitten sind vielleicht nur natürlich. Unnatürlich aber ist die Art, immer die gleichen Belanglosigkeiten zu sagen und Fragen zu stellen, auf die man nicht antworten kann. »Sind von weit her gekommen? Hoffentlich gute Zeit gehabt? Freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich wirklich sehr!« Und je nach dem Wetter und der Jahreszeit: »Trüber Sommertag heute! Es wird regnen!« Oder: »Schöner, klarer Herbst. Das Beste für die Gesundheit. Wünsche viel Vergnügen!« Und zum Schluß mit einer Verbeugung, die aus dem Körper ein etwas mangelhaft konturiertes Fragezeichen macht: »Safe und Kasse immer zur Verfügung! Empfehle mich!« Und dennoch sah ich einmal folgendes: Gegen zehn Uhr vormittags kam ein Mann durch die Drehtür in die leere Halle. Der Direktor stand gerade vor der Tür des Empfangschefs und wollte sich bereits entfernen. Der arme Mann blieb in der Mitte stehen, als hätte ihn jemand hingestellt und wieder verlassen. Er trug einen viel zu langen Überzieher. Die sichtbaren Reste der roten Hände, die aus den Ärmeln kamen, erinnerten eher an Stümpfe. Das Gesicht war mager, aber peinlich rasiert und sogar frisch geschnitten. Der dünne Hals wackelte im viel zu weiten, aber steifen und sehr weißen Kragen. Etwas tiefer ahnte man (aber man sah nicht) ein weiches, blaugestreiftes, nicht mehr ganz sauberes Hemd. Der Direktor sagte zu dem Mann: »Gehen Sie hinaus, aber kommen Sie wieder durch die Seitentür für Gepäckträger herein!« Das tat der Mann. Er trat wie aus einer Kulisse. Er benahm sich überhaupt wie auf der Bühne. Er schnallte ein Gummiband von einer Brieftasche und entnahm ihr einige Papiere. Der Direktor befahl dem Mann, sie selbst zu entfalten. Er nahm sie nicht, strich nur mit einem seiner hurtigen Blicke darüber. Dann schüttelte er den Kopf. Der arme Mann ging. Da sagte der Direktor ganz leise: »He!« Der Arme wandte sich um. »Kommen Sie dennoch heute zu Mittag, pünktlich zwölfeinhalb!« Der Arme lächelte und versuchte, auf dem Teppich eine Art Knicks zu machen. Dann ging er wieder. »He!« sagte der Direktor noch einmal leise. Der Arme wandte sich etwas schneller um, zutraulicher als das erstemal. Da sprach der Direktor zum Portier: »Lassen Sie ihm einen Milchkaffee geben, komplett!« und entfernte sich schnell. Mitten im Gehen blieb er plötzlich stehen und rief, ohne sich umzuwenden, über die Schulter zurück: »Mit Schlagsahne!« – Und verschwand im Kontor. Seitdem glaube ich zwar noch nicht, daß der Mensch gut ist. Aber ich habe endlich die nötige literarische Objektivität gegenüber dem Direktor. – »Madame Annette« Als Annette 28 Jahre alt wurde und noch immer keinen Mann gefunden hatte, begab sie sich zu einem der Juweliere in der Rue de la Providence, in dessen Schaufenstern die Eheringe aus Gold, Silber und Dublee, zu Dutzenden über konische Türmchen aus Samt gestülpt, an winzige, schimmernde Denkmäler erinnern, errichtet zu Ehren der Monogamie. Sie erstand einen silbernen Ehering und steckte ihn an den linken Ringfinger, getreu der Sitte des Landes. Im stillen gedachte sie, den silbernen Ring gegen einen goldenen umzutauschen, sobald sich ein Mann gemeldet haben würde. Vorläufig genügte der silberne, gewissermaßen als eine Mahnung an den lieben Gott, als ein moralischer Zwang, den sie dem Schicksal auferlegte, damit es sich endlich bemüßigt sehe, ihr einen Gatten zu bescheren. Im übrigen hatte der Ring auch einen unmittelbaren Zweck: er konnte das Mädchen vor Zudringlichkeiten unerwünschter Männer, die gewöhnlich auch feige sind, bewahren, indem er in ihnen die Vorstellung von einem irgendwo vorhandenen eifersüchtigen und kräftig gebauten Mann Annettens hervorrief. Er erzeugte ferner auch einen gewissen Respekt für seine Trägerin bei ihren Kolleginnen, den anderen Mädchen. In der Tat begann, kurze Zeit nachdem Annette den Ring gekauft hatte, das ganze Personal, das früher »Mademoiselle Annette« gesagt hatte, »Madame Annette« zu sagen. Bei dieser Gelegenheit ist es vielleicht günstig zu bemerken, daß der Titel einer Frau auch heute noch manchem ledigen Mädchen aus besserer Familie imponiert, das niemals die traurige Aussicht hat, fremden Menschen dienen zu müssen; wie erst einem Mädchen, das beruflich immer ein Fräulein bleiben soll, selbst wenn sie eine Großmutter wird! – Den Kolleginnen von Annette, die so wenig Gelegenheit hatten, sich »Madame« nennen zu hören, bedeutete dieser Titel einen gesellschaftlichen Rang. Sie schenkten ihn Annette, obwohl sie ahnen mochten, daß der silberne Ehering nur ein Vorwand war. Sie fühlten sich selbst gehoben, wenn sie »Madame Annette« sagen konnten. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahre war sie Dienstmädchen. Ihr Vater, ein Fischer aus der Normandie, schickte sie zu der Wirtin eines kleinen Hotels in Le Havre, zu der er alte Beziehungen aus seiner Matrosenzeit hatte. Es scheint, daß in Le Havre die Mädchen nicht lange geduldet werden. Knapp vier Wochen nach ihrer Ankunft erlag Annette dem verspäteten Liebesröhren eines fünfzigjährigen Reeders, der sie zu heiraten versprach, aber durch seine vor zwanzig Jahren geschlossene Ehe daran verhindert war. Annette bekam ein Kind und kurze Zeit darauf eine gute Stelle bei feudalen Leuten in der Nähe von Paris, die auch aus der Normandie stammten und ihr Dienstpersonal aus ihrer Heimat zu holen pflegten. Das Kind blieb in Kost bei der Wirtin in Le Havre und starb aus diesem Grunde sechs Monate später. Annette schickte Geld fürs Begräbnis und erstand, da sie kein Bild von ihm besaß, aber ein Andenken daran behalten zu müssen glaubte, in einem Papierladen eine Ansichtskarte, die Photographie von einem gelungenen Säugling, die sie in einen schwarzen Rahmen spannte und in ihrem Koffer verbarg. Durch ihre Erfahrungen in Le Havre gewitzigt und von dem ländlich-normannischen Vorurteil befangen, daß jede Liebesbeziehung zu einem Kind führen müsse, widerstand Annette den Werbungen des Herrn von L., ihres Dienstgebers – obwohl es ihr leid tat. Ja, um vor sich selbst ein für allemal sicher zu sein, erzählte sie der Frau von L. von den Versuchen des Mannes. Selbstverständlich wurde Annette sofort gekündigt und, damit sie ja nicht mehr Verwirrung in einem herrschaftlichen Hause stifte, an ein großes Pariser Hotel empfohlen, zu dessen Aktionären Herr von L. gehörte. Also begann ihre bescheidene Karriere. Sie hielt es (nicht mit Unrecht) für angenehmer, im Laufe eines Vormittags zwanzig Zimmer unbekannter und immer wechselnder Bewohner zu säubern, als nur acht oder zehn Räume für alle Ewigkeiten eingesessener Menschen, von denen sie Lohn und Brot entgegenzunehmen hatte. Ihr waren Trinkgelder, von Abreisenden als eine Art Steuer hinterlassen, lieber als Weihnachtsgeschenke, von der Frau des Hauses im Dezember feierlich überreicht und noch im April, zu Ostern, vorgehalten. Sie gewöhnte sich an ihren Beruf, weil er nicht die Eintönigkeit einer Dienstbotenexistenz hatte, nichts von dem faulen Glanz einer patriarchalischen Hausordnung, sondern etwas von der kalten, klaren Sachlichkeit eines Geschäfts, eines Amtes fast und weil er obendrein noch eine Ahnung von der Vielfalt und Buntheit der Welt, ihres Reichtums, ihrer Bewohner vermittelte. Sie gelangte, weil sie hellhörig und neugierig war, mit der Zeit zu einer Kenntnis verschiedener Sitten der wohlsituierten Kreise, verschiedener Intimitäten des Luxus, des Liebeslebens in der Kultur und einer Noblesse, die ihre wirtschaftlichen Grundlagen hat. Diese Erfahrungen erhöhten ihre Ansprüche an die Männer, mit denen sie durch Zufall zusammenkam. Und obwohl ihr der und jener gefiel, konnte sie sich dennoch nicht entschließen, den und jenen zu heiraten. Der einzige Mann, mit dem sie auf einem Ball zusammengekommen war und der die ritterlichen Formen zu beherrschen schien, die nach der Meinung der Zimmermädchen den Herren der gehobenen Schichten eigen sind, war ein Zuave, ein Feldwebel aus den Kolonien. Offen gestanden, hatte sie ein wenig Angst vor Farbigen. Wenn einer gelb oder schwarz war, so mußte es sich doch eines Tages auf irgendeine Weise äußern: in einem plötzlichen Wahnsinn, in einer unerwarteten Gewalttat oder auch nur in einer merkwürdigen Krankheit. Trotzdem wollte sie es wagen. Da brach der Krieg aus – und der Zuave starb, wie es sich gehörte, für Elsaß-Lothringen ... Ihre Trauer war größer, als ihre Liebe jemals gewesen war. Denn sie verlieh dem Toten noch mehr Vorzüge, als der Lebendige besessen hatte. Sie hinterblieb in der Überzeugung, das Ideal der Männlichkeit verloren zu haben. Mit dem Bild verglichen, das sie sich von dem Toten gemacht hatte, waren alle vornehmen Gäste des Hotels mißlungene Exemplare des männlichen Geschlechts. Selbst Boxer und Aviatiker blieben weit hinter dem toten Zuaven zurück. Da sie kein Bild von ihm besaß und Ansichtskarten von Ideal-Zuaven nicht hergestellt werden, dichtete sie ihm die Züge aller photographierten Heroen in den illustrierten Zeitungen an. In ihrem pietätvollen Gehirn, das im Laufe weniger Jahre die Arbeit verrichtete, die sonst einigen Generationen zu einer Legendenbildung nötig ist, wurde der Tote ein farbiger Halbgott. Die Erinnerung an ihn bewahrte sie, nebenbei gesagt, vor den Verführungsversuchen weißer, etwas angetrunkener und sorgloser Hotelgäste. Wenn man einen großen Schmerz hat, ist es gut, seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Sie kam hierher in dieses Hotel, von dem ich eben berichte, verhältnismäßig leicht, denn es gehört derselben Aktiengesellschaft, die das Pariser Hotel Annettes besitzt. Hier kaufte sie den Ehering, hier bekam sie den Titel Madame und damit im Zusammenhang einen leichteren Dienst. Sie ist jetzt gewissermaßen die rechte Hand der Wirtschafterin, hat nur fünf, sechs Zimmer zu besorgen und die Mädchen zweier Stockwerke zu beaufsichtigen. Sie trägt nicht mehr ein blaues Kleid, sondern ein schwarzes und ist auch nicht zu dem traditionellen weißen Häubchen verpflichtet. Doch legt sie es gerne an – aus Koketterie, obwohl sie behauptet, es geschehe aus Bescheidenheit. Immerhin ist sie außergewöhnlich hübsch. Ja, es scheint mir manchmal, daß sie selbst nicht weiß, wie schön sie sein kann. Denn gerade zum Bewußtsein der eigenen Schönheit gehören Muße und eine gewisse materielle Unabhängigkeit. Es scheint mir manchmal, daß ihr ein Mann sagen müßte: »Hören Sie, Madame Annette! (oder auch nur: »Annette!«) Ihre schwarzen Haare, Ihre hellgrauen Augen und Ihr braungelber Teint sind eine seltene Komposition der Natur! Obwohl Sie nur am Mittwoch, an Ihrem freien Tag, seidene Strümpfe tragen, sieht man auch sonst den reizvollen Schwung Ihrer Beine, einen sanften, leise abschwellenden Übergang vom Muskel der Wade zu den Sehnen des Fußgelenks. Glauben Sie ja nicht, daß man Ihren schmalen Hüften, Ihrer kleinen Brust und Ihren kräftigen, verarbeiteten, aber schönen Händen ansehen muß, daß Sie nicht zu der Gesellschaft gehören, die Sie für die gute halten. Sie können ohne Zweifel wie eine Dame aussehen, selbst wenn Sie einen Befehl entgegennehmen, die hellen Augen auf den Gast gerichtet und doch noch in die leere Luft hinter seinem Rücken, Ihren schmalen, merkwürdig roten Mund (für den Sie Ihres Teints wegen einen etwas helleren Stift brauchen müßten) fest geschlossen, wie zur Abwehr jeglicher Unart, und das weiche Kinn ein wenig gehoben, als wäre es der Sitz der Aufmerksamkeit, aber auch des Hochmuts. Es ist kein Zweifel, daß Sie schön sind, Annette!« Das dürfte man ihr leider nicht gesagt haben. Die Spiegel, vor denen sie gerne stehenbleibt, sind gefällig, aber stumm. Und die Zeit ist flink und kurz. Annette hat zwar eine oberflächliche Übung im Aufräumen. Der Waschtisch dauert fünf Minuten, das Bett drei, der Tisch zwei. Herren lassen gerne Anzüge über Stühlen hängen. Das ergibt Komplikationen. Ferner Papiere, Bücher, Briefe auf dem Schreibtisch. Die Hausordnung verbietet eine Veränderung der von den Gästen auf den Schreibtischen hinterlassenen Unordnung. Gesäubert aber müssen sie werden! Jeder Zettel muß in seiner Lage verharren. Das dauert manchmal zwanzig Minuten. Dann muß man die Mädchen kontrollieren. Sie schwatzen. Signale leuchten, grün und dauerhaft, und die Mädchen rühren sich nicht. Annette ermuntert sie. Sie arbeitet von zwölf Uhr mittags bis neun Uhr abends. Eine Stunde Mittagspause. Unten, neben der Küche, an dem langen Tisch fürs Personal, der an Mittagstische in Waisenhäusern erinnert. Wenn Annette noch fünf Jahre so arbeitet, wird sie bestimmt Wirtschafterin – um weiterzuarbeiten. Einmal, es war ein Mittwoch, traf ich sie vor dem Eingang zu einem der großen Kinos. Sie betrachtete die Bilder, Szenen aus reichen Milieus. (Denn nichts interessiert die Armen so sehr wie das Leben der Reichen.) Ich erlaubte mir, weil wir uns schon so lange kennen, sie einzuladen. Wir sahen einen jener Filme, die von der großen Internationale der »Branche« seit zwanzig Jahren immer wieder als Zeugnis für ihre »soziale Gesinnung« hergestellt werden. Es war einer jener Filme, in denen immer wieder ein junger Mann aus besseren Sphären ein armes Mädchen aus niederen zu sich und zu einem Souper emporzieht, bei dem es nicht weiß, ob man Eis mit der Gabel nimmt oder einen Apfel mit dem Nußknacker öffnet. Das Publikum weiß es und wiehert der Filmindustrie zu. An jenem Abend wieherte es ebenfalls. Madame Annette meinte: »Immerhin könnte das Mädchen es nach den vielen Filmen schon gelernt haben! Sie wird doch schon ein paarmal im Kino gewesen sein, da ja der Film in New York spielt!« Hierauf bat ich – aus einer etwas zu hastigen, zu ehrlichen Reaktion gegen die »Branche« – Madame Annette in ein gutes Restaurant zum Abendessen. Hier und dort saß ein Gast aus dem Hotel. Hie und da traf Madame Annette ein werbender Blick, kein erkennender – denn ein richtiger Herr glaubt niemals, daß in dem Lokal, in dem er speist, ein Zimmermädchen sitzen könnte. Nur nebenbei erwähne ich, daß Madame Annette ein hochgeschlossenes, dunkles Kleid trug, das sie blaß machte, ihren Mund noch röter – und eine Schnur falscher Perlen, die einen bläulichsilbernen Widerschein auf die untere Partie ihres braungelben Gesichts warfen. Wichtiger scheint es mir zu betonen, daß sie mit dem Besteck besser umzugehen wußte als die paar Herren vom Film, in deren Gesellschaft ich hie und da Gelegenheit hatte zu Abend zu essen – oder wie sie selbst sagten: zu »soupieren« ... Abschied vom Hotel Ich hätte noch gern den und jenen meiner Freunde in diesem Hotel wiedergesehen, aber ich muß es morgen schon verlassen. Lange genug bin ich diesmal hiergewesen. Ich wäre unwürdig des großen Glücks, ein Fremder zu sein, wenn ich noch länger bliebe. Ich könnte dieses Hotel zum Heim degradieren, wenn ich es nicht ohne Not verließe. Ich will hier heimisch sein, aber nicht zu Hause. Ich möchte kommen und gehen, kommen und gehen. Es ist schöner zu wissen, daß hier ein Hotel auf mich wartet. Ich weiß schon, daß auch dies eine Sentimentalität ist und daß ich aus Angst vor der überlieferten einer Original-Sentimentalität erliege. Aber so beschaffen ist das menschliche Herz. Ich werde heute schon meine Abreise dem Portier ankündigen. Oh, nicht etwa, weil es hier eine Vorschrift erforderte! In diesem Hotel gibt es keine »Avisos« in den Zimmern, keinen »Auszug aus den Polizeiverordnungen, betreffend das Gastgewerbe aus dem Jahre 1891, A IV, §§ 18 und 22 ff.«, keine »Hausordnung«, und nirgends »werden die p. t. Gäste gebeten, die Abreise rechtzeitig bekanntzugeben, da andernfalls noch eine Nacht berechnet werden müßte, Hochachtungsvoll, die Direktion.« Nein, in diesem Hotel gibt es keine Sprüche an den Wänden! Auch daß ein »Restaurant im Hause« ist, bedarf hier keiner besonderen Betonung, denn das Restaurant ist gut, und also speist man dort gerne. Wenn ich heute schon dem Portier meine Abreise ankündige, so geschieht es, weil ich so maßlos viel Güte brauche und weil ich heute schon hören will, wie er sagt: »Ach, schon wieder?!« – Welch unbeschreiblicher Ton! Das wird ganz leise gesprochen, als wäre es ein Geheimnis; als könnte der Entschluß abzureisen, solange nur wir zwei davon wissen, immer noch aufgeschoben werden ... Das ist so langsam, so gedehnt wie eine Klage, die für eine lange Zeit jetzt ausgedrückt sein soll. Das scheint aus jener unwahrscheinlichen Ferne zu kommen, in die ich eben zu gehen gedenke. Guter Mann! – Was wird er ohne mich machen? Wen wird er grüßen, wenn er am Abend in seinem noblen Zivil das Hotel verläßt? Wie gut haben wir uns verstanden! Mit Hilfe von Blicken pflegten wir uns auseinanderzusetzen: die wirklich internationale Sprache der Stenoskopie! Das ist nun zu Ende ... Aber Männer müssen hart sein, und also erkundigt sich der Portier nach dem Zug oder dem Schiff, die ich zu nehmen entschlossen bin. Ich sage nur das Ziel und ungefähr die Zeit, etwa »am Abend«. Und er präzisiert: da ist Zug Nummer 743 mit Schlafwagen 18 Uhr 32, zweimal Aufenthalt, Speisewagen bis zweiundzwanzig, das heißt zehn Uhr abends. Und es folgt eine Reihe anderer Vorschläge. Ich überlasse ihm die Auswahl. Es gehört zu den Tugenden eines guten Portiers, daß er die besten Züge von den weniger guten unterscheiden kann, obwohl er so selten fährt und die Gäste immer. Ich verlasse mich darauf. Und wenn der Zug, den er mir empfohlen hat, gelegentlich um drei Stunden verspätet ankommt, so bin ich überzeugt, daß alle anderen Züge entgleist sind. So grausam wird man, wenn man sich selbst trösten will ... Morgen wird der längste aller Tage sein. Man fährt schon und bewegt sich noch nicht von der Stelle. Es hat sich übrigens inzwischen schon herumgesprochen. Der Zimmerkellner, der am Nachmittag abgelöst wird, wünschte mir schon am Vormittag eine gute Reise. Das ist zwar mit der Aussicht auf ein Trinkgeld gesagt, aber deshalb nicht weniger aufrichtig. Was mich betrifft, so habe ich die Erfahrung gemacht, daß die guten Wünsche derjenigen am ehrlichsten sind, die dafür ein Trinkgeld bekommen. Wer nichts von mir erwartet, der wünscht mich zum Teufel. Wohl dem, der Trinkgelder geben kann! Alle braven Leute segnen ihn, denn sie hoffen, daß er bald wiederkommen wird. Es ist lehrreich zu sehen, wie der Kellner mir die Ehre erweist, meine Menschlichkeit ebenso zu schätzen wie meine geringe Gabe. Ich bin ihm ebenso sympathisch wie Geld. (Allen meinen Freunden ist Geld sympathischer.) Und in seinem Auge unterscheide ich genau neben dem jubelnden Fünkchen ein wehmütiges Licht. In die Freude über den Gewinn mischt sich der Kummer des Abschieds. Leb wohl! Das wird der längste aller Tage sein. In diesem Zimmer gibt es ja glücklicherweise gar nichts, nicht ein einziges Stück, auf das sich das Auge mit Schmerz heften könnte! Keine alte Zuckerdose, kein Schreibtisch des Onkels, kein Porträt des Großvaters mütterlicherseits, kein Waschbecken mit zinnoberroten Blümchen und einem Sprung dazwischen, kein Dielenbrett, das heimatlich knarrt und das man plötzlich zu lieben beginnt, nur weil man verreist, keinen Rostbratenduft aus der Küche und keinen Parademörser aus Messing auf dem Kleiderschrank des Vorzimmers! – Nichts! Wenn meine Koffer weg sind, werden andere hier stehen. Wenn meine Seife eingepackt ist, wird eine andere neben dem Waschbecken liegen. Wenn ich nicht mehr an diesem Fenster stehen werde, wird ein anderer hier stehen. Dieses Zimmer macht sich und dir und mir und keinem Menschen Illusionen. Wenn ich es verlasse und noch einen Blick darauf werfe, ist es nicht mehr mein Zimmer. Der Tag ist lang, denn es gibt keine Wehmut, ihn auszufüllen. In dieser Stadt brauche ich auch nicht etwa Abschiedsbesuche zu machen. Mit Freuden denke ich daran, daß hier nicht jener ältliche Mann wohnt, der mich haßt, den ich hasse und dem ich immer wieder Guten Tag! sage. Auch nicht ein jüngerer, der zerspringt, wenn er mich am Leben sieht, und beleidigt wäre, wenn er mich nicht sähe. Auch nicht ein guter Freund, der mich zur Bahn begleitet und noch beim letzten Gruß überzeugt ist, er machte an unserer Freundschaft ein weniger gutes Geschäft als ich. Nicht einmal eine Dame, in die man (aus Galanterie) verliebt ist und die, während ihr Auge die Träne zurückhält, sich schon freut, daß sie auf einen andern Passagier Eindruck gemacht hat. Ich bin fremd in dieser Stadt. Deshalb war ich hier so heimisch. Es wird nur einen einzigen kurzen, sentimentalen Augenblick geben: wenn der Hausdiener meine Koffer untergebracht hat und nun auf dem Perron steht, die Mütze in der Hand und die andere Hand unter der Schürze verborgen, aus Angst, sie könnte sich selbsttätig ausstrecken. Dann ist es ziemlich kompliziert mit dem Trinkgeld. Er nimmt es schnell, aber ungeschickt. Es wird fast ein Händedruck, flüchtig, wie verfehlt. Dann geht er zwei Schritte zurück, der Alte, das Gesicht mir zugewendet. Er setzt die Mütze auf. Noch einmal leuchten auf ihr die Buchstaben, die den teuren Namen des Hotels ausmachen. Dann hisse ich die Segel und steige in den Zug ... Einzug in Albanien Das Meer ist still, die Wolken hängen festgenagelt am Himmel wie Bilder an der Wand, auf dem Wasser schwimmt ein Geisterboot ohne Schwanken, an einem unsichtbaren Seil, dem Schiff entgegen, um mich abzuholen. Es sind nur zwei an Bord, die nach Albanien gehen: ein Mann, der im Lande der Bärte Gilette-Apparate verkaufen will, und ich. Dort, wo der feste Boden beginnt, steht eine kleine, hölzerne Hütte, mit einem idyllischen Schornstein, aus dem der Rauch an einem Lineal emporsteigt. Es ist sieben Uhr morgens, bewaldete, grüne und kahle, stahlblaue Berge umrahmen den Horizont, Lerchen schwirren verborgen im blauen Glanz des Himmels, in der Hütte liegt ein Gästebuch, wie in manchen Sehenswürdigkeiten, vor dem Buch sitzt ein Mann in schwarzer Uniform, dreht sich eine Zigarette und ist die albanische Grenzpolizei. Des Alphabets kundig, aber des Schreibens ungewohnt, sitzt er da und vertreibt den Ankommenden die Zeit mit der Lektüre der Pässe. Ein buckliger Levantiner wartet im Fordwagen, den er zu steuern gedenkt, bis der Polizist mit dem Studium fertig ist. Ich erlasse ihm den größten Teil der Prüfung und unterschreibe mich selbst. In einer undurchsichtigen Wolke aus Staub, im Donner platzender Pneumatiks, empor- und zurückgeschleudert von echten Fordspiralen, fahre ich die Landstraße entlang, Tirana entgegen. Sooft ein Pneumatik ausgewechselt werden muß, steige ich aus, sehe zu, wie der Staub sich verzieht, wie die Kulissen der Landschaft sichtbar werden, Berge aus einem gespenstischen Violett, Wiesen aus doppelt übermaltem Grün, ein Himmel aus stabilem Blau, ein Himmel aus Stoff, ein Himmel ohne Fältchen, sauber gespannt, eine gebügelte Wölbung. Arbeiter bessern die Landstraße aus. Immer stehen ein paar Männer gebückt nebeneinander, wie spielende Knaben in einem Kindergarten am Vormittag sammeln sie auf winzigen Spaten oder in bloßen Händen kleine Sandhäufchen, schütten sie in Mulden und Gruben, streuen ein paar Steinchen darauf, benetzen das Ganze mit Wasser aus Gießkännchen und stampfen es fest mit nackten Füßen. Sobald der Fordwagen darübergehopst ist, dürfen sie ihr Spiel von neuem beginnen. Bald kommen mir Soldaten entgegen. Wie sie marschieren! In khakigelben Doppelreihen, Stahlhelme auf den Köpfen. Rucksäcke auf den müden Rücken, von der Sonne gebraten, schwitzend und singend, marschieren sie für das neue Vaterland nach Durazzo, um zu exerzieren, begleitet von einem albanischen Mars in Ledergamaschen, Oberleutnant- und Extrauniform. Auf den fetten Weiden treibt ein Hirte Wolken aus Lämmern einher. Böcke mit ornamental geringelten Hörnern, schwarze Ochsen, eine Art Vieh der Unterwelt, Herden des Hades. Rechts und links sind Telegraphendrähte gespannt, nicht von Masten getragen, sondern von krummen und kahlen Bäumen, denen man nur Kronen und Laub genommen hat. So wie sie einmal am Straßenrand standen, von Vögeln bewohnt, Stationen abendlicher Winde, so wurden sie zu Telegraphenstangen ernannt, mit kleinen, weißen Töpfchen aus Porzellan ausgestattet und instand gesetzt, Berichte der Journalisten nach Europa zu übermitteln, das Zwitschern der politischen Spatzen. Links am Wegrand zieht sich ein Schienenstrang dahin, schmalspuriges Andenken an die Österreicher im Weltkrieg, heute dem Verderben anheimgelegt und dem Rost hinterlassenden Zahn der Zeit. Endlich tritt aus einem weißen Häuschen ein schwarzer Polizist, der Deutsch sprechen kann, den Paß an sich nimmt und das Ehrenwort gibt, daß er sich morgen in der Polizei von Tirana vorfinden werde. Da fängt also Tirana an, die Hauptstadt von Albanien. Rechts eine Moschee, links eine primitive Kaffeeterrasse, auf der Gäste gebraten werden und Feze diskutieren. Die Moschee ist eine Kaserne, Soldaten mit Gewehren bewachen sich selbst. Alle Hotels sind besetzt, Journalisten sind hierhergeeilt, Diplomaten und Abgeordnete, Offiziere aus England und Italien, es tagt das Parlament, Tirana ist eine Sensationsgrube, Verwicklungen liegen auf der Straße, das ganze Land ein Zankapfel. Brave Bürger wandeln in der Mitte der Straße, mit langen Gewehren gegen Sonnenstich ausgerüstet, schwere Trommelrevolver in breiten, oft geschlungenen, roten Gürteln. Die Maulesel, mit dichtgefüllten Körben an den Flanken, flanieren auf dem Bürgersteig und warten, wie Hunde, vor den Läden auf die einkaufenden Herren. Da reitet herrlich der kommandierende General der albanischen Armee, Herr Djemal Aranitas auf edlem Schimmel, kleine, schwarze Schuhputzer fliehen ihm aus dem Weg, ein Knappe folgt ihm, eben hat er die Armee inspiziert, deshalb marschierte er so traurig, kein Staat ohne General, kein General ohne Schimmel. Gold blitzt auf seinen Schultern, und mit lässiger Hand grüßt er Bekannte vom Stammtisch. Es findet sich ein Mann namens Nikola, der vermietet mir ein Zimmer. Das Bett steht mit allen vier Füßen in Petroleum, um die Wanzen abzuschrecken, das Fenster ist unten zerbrochen und oben ein Moskitonetz, mein Nachbar bläst die Trompete. Er ist Mitglied des Orchesters, das jeden Nachmittag vor dem Schloß konzertiert. Ein Polizist mit schneeweißen Baumwollhandschuhen wartet in der Straßenmitte auf den Verkehr. Artikel über Albanien (Geschrieben an einem heißen Tag) Albanien ist schön, unglücklich und trotz seiner Aktualität langweilig. Die Berge sind manchmal aus einer unbestimmten, klaren Substanz, man könnte sie für grünbemalte, gläserne Klumpen halten. Nur an trüben Tagen, der Himmel ist dann nicht mit echten Wolken bedeckt, sondern mit einem dünnen Überzieher aus Wolkenstoff bekleidet, fühlt man, daß die Berge Gestein sind. Sie sind massiver geworden, auch unerbittlicher, das ganze Land ist wie ein abgeschlossener Hof, von natürlichen Gefängnismauern eingefaßt, die Freiheit ist ein relativer Begriff, man fühlt deutlich, daß es keine Eisenbahnen gibt, uns in das Jahrhundert zu führen, das unsere Heimat ist, man fühlt, daß Schiffe, zwei Stunden, vier Stunden, zwölf Stunden von hier entfernt, nur einmal in der Woche vor einem albanischen Hafen halten, und die Exotik lastet doppelt grausam als selbstgewählte Pein. Von Berlin aus betrachtet, ist Blutrache interessanter. In ihrer Heimat aber ist sie von Schmutz, Wanzen, finstern Nächten, zerbrochenen Petroleumlampen, fetten Speisen, Malaria-Anfällen, trübem Seegrastee wettgemacht, gleichgültig und selbstverständlich geworden. Unter solchen Umständen bin ich für Schönheiten der Natur weniger empfänglich als etwa die optimistischen geborenen Touristen. Ich registriere höchstens: stille, blaue Tage von einer erhabenen Einfachheit, voll von einer guten Sonne, die selbst noch den Schatten brät und in jeder kühlen Felsspalte fühlbar ist, ein paar Vögel (die hier selten sind, weil man so fleißig schießt) in der Luft und selbstverständlich auch auf den Zweigen, Wälder von einer unermeßbaren Stille, Tiefe, Unendlichkeit, Vergessenheit. Ein paar Häuser, fensterlos, ringsum geschlossen, taube und blinde Würfel aus Stein, plump, rätselhaft und tragisch, trächtig von Schicksalen und geheimnisvoll verflucht. Auf jedem der Häuser, die so angelegt werden, daß sie einem Mörder Rast, einem Verfolgten Zuflucht, einer ganzen Sippe Sicherheit bieten, liegt der sogenannte Zauber der Unheimlichkeit, dem ich lieber nicht nahe komme. Ohne die Erlaubnis des Hausherrn darf man hier nicht die elendeste Hütte betreten. Hat man aber die Erlaubnis erbeten, so ist die Gastfreundschaft herzlich und unter eigener Lebensgefahr ausgeübt. Sie ist eine schöne Sitte, die Gastfreundschaft, sie führt auch zu den edelsten Beweisen der Menschlichkeit. Aber sie hat freilich ihre guten Gründe in der egoistischen Überlegung der Menschen, die statt einer Gerichtsbarkeit die Blutrache haben, daß man sich irgendwo ausruhen muß, wenn man verfolgt wird, und daß schließlich jeder einmal verfolgt wird. Wenn man konsequent skeptisch denkt, kommt man zu der Überzeugung, daß eine gute Polizei besser ist als Gastfreundschaft. Mögen mir Albaner und andere Nationen nicht übelnehmen, daß ich einen unproduktiven Konservatismus zu schätzen nicht genug begabt bin. Die Albaner haben leider – neben anderen Eigenschaften, die ich verehre – diese eine, die ich nur verstehe: sie sind ängstlich bedacht, alte Sitten zu bewahren, nicht nur am albanischsten zu bleiben auf Kosten der Menschlichkeit, sondern auch ihre Stammeseigenart auf Kosten der Nation zu pflegen. Diejenigen Albaner, die außerhalb des Landes wohnen, sperren sich freiwillig ab, heiraten nur untereinander und mißtrauen ihrer Umgebung. In Amerika bleiben sie Albaner, sprechen miteinander Albanisch und kehren nach einigen Jahrzehnten zurück, wozu? – um in Albanien einen Gürtel aus Patronen zu tragen. Sie haben wie manche kleine Völker jene Art von nationaler Treue, die der Nation zum Aussterben verhilft und die nationale Kultur arm erhält. Daher kommt es, daß die albanische Sprache heute noch kein Wort für »Liebe« hat, nicht einmal bestimmte Bezeichnungen für die Farben des Spektrums, kein Wort für »Seele«, kein besonderes Wort für »Gott«, daß die albanische Literatur heute schon reicher, zumindest ein gewisses Abbild des heutigen albanischen Lebens sein könnte, aber immer noch so simpel ist wie etwa die ersten Lieder der europäischen Menschheit und selbst hinter der Entwicklung dieses langsamen Landes zurückbleibt. Die Stoffe der Literatur sind bukolische Familienangelegenheiten. Gleichzeitig mit dem nationalen Konservatismus lebt die Stammesfehde auf Kosten der Nation, religiöser Fanatismus auf Kosten der Religion. Denn die Albaner sind nicht etwa sehr gläubig. Aber ihre Zugehörigkeit zu einem Bekenntnis allein verführt sie, die Angehörigen der anderen Konfessionen mißgünstig anzusehen. Ich weiß, daß die meisten »nationalen Eigenschaften« Folgen der unglücklichen Geschichte sind, der jahrhundertelangen bitteren Kämpfe gegen die Türken. Aber Tausende von Albanern gingen freiwillig in türkische Dienste, waren türkische Günstlinge, Feldherren, Beamte, halfen ihr Land unterdrücken und – blieben dabei Albaner. Launen der nationalen Natur! Ein albanischer Major sagte mir: »Es ist noch ein Glück, daß uns die Türken unterdrückten und von ihrer Kultur abgeschlossen hielten. Denn sonst wäre heute die albanische Sprache spurlos verschwunden.« Es war, wie gesagt, ein albanischer Major, der so sprach. Deshalb erwiderte ich nicht, was mir auf der Zunge lag, nämlich: Was haben Sie davon? Sagen Sie Ihrer schönen Frau: Ich liebe dich! auf albanisch. Wäre es nicht besser, auf türkisch alles zu sagen als auf albanisch nur die Hälfte? Es ist ein Verbrechen, eine Nation zu unterdrücken. Darin stimmen wir beide überein. Aber das negative Resultat dieser Unterdrückung, das in der zufälligen Erhaltung einer wissenschaftlich interessanten Sprache besteht, gerade deshalb zu loben ist kindischer und falscher nationaler Stolz. Das aber sagte ich nicht. Ich kam durch Städte von einer erhabenen Unheimlichkeit, in Städte von einer einfachen, großen Trauer. Ich sah Elbassan. Es ist eine der ältesten Städte des Landes. Ihre steinernen Häuser in steinernen Höfen, in steinernen Gärten haben die Monumentalität des Todes und gleichzeitig seine idyllische Trauer. Es gibt nichts Ergreifenderes als dieses Grün zwischen Steinen, dieses weiche, nasse Moos in den Furchen und Sparren, die Blüte des Moders und des Nichts. Der Stein erscheint gleichsam noch steinerner. Die Stadt erinnert in ihren Windungen, mit ihrem gebuckelten Basar, mit ihren Bogengäßchen an eine Art riesigen, launenhaft gegen alle Gesetze gewundenen Schneckenhauses, dessen erster Bewohner verstorben ist und einem Gewimmel lässiger, brauner, malerisch angezogener, auch mit Schmutz und Gebresten behafteter Händler seinen Platz überlassen hat. Übrigens gehören die meisten Häuser von Elbassan dem Herrn Shefgjet Verlaci, dem künftigen Schwiegervater Achmed Zogus. In Elbassan gibt es einen der schönsten, weitesten, grünsten Gebetplätze des ganzen Landes, auf dem am heißen Nachmittag die Priesterschüler und die Priester liegen, der Metaphysik gewidmet. Im Osten sind die großen mohammedanischen Friedhöfe mit Grabsteinen, die an riesige Pilze erinnern, im Süden steht die berühmte, gesprengte Skumlibrücke, weiterhin ein langgestreckter, tiefgrüner Olivenwald, ein Bühnenwald aus einer Märchenvorstellung. Ich erwähne Kruja. Es ist idyllisch, primitiv. Es erinnert an die ersten Bücher Mosis, an die Geschichte, in der erzählt wird, wie Rebekka zum Brunnen ging. Ein naiver biblischer Jugendflaum liegt über der dörflichen Stadt, in der Töpfe in großen, glühenden, offenen Öfen gebrannt werden, alttestamentarische Topfformen, Henkelkrüge aus unschuldigem Ton, bräunlich-mädchenhaft, mit jugendlich schlanken Hälsen und Hüften und ein bißchen unfertigen, dünnen Trichtern. Auf offenen Feuern kocht türkischer Kaffee. Das Kaffeehaus besteht aus einem Cafetier und aus einer unbeweglichen Waage, auf deren zwei Schalen ein paar Täßchen klirren, gefüllt mit schwarzem, dickflüssigem, süßem Saft. Diese Stadt regiert mit harter Hand ein Gendarmeriekommandant, der früher Bandenführer war (vulgär Räuberhauptmann). Er hat eine schöne Uniform mit goldenen Sternen. Man begegnet auf den Wegen echt biblischen Szenen: Hirten mit Schals gegen Sonnenbrand, gefleckten Schäfchen, Hütten aus Blättern, Zelten aus geflochtenen Weiden, Männern auf Mauleseln, verschleierten Frauen, die im Gehen stricken. Das Land ist so friedlich, daß man an die gefährlichen Mordsitten nicht glauben will. Dennoch lernte ich einen Mann kennen, der einmal seinen Freund rächen wollte und aus Irrtum einen Unschuldigen erschoß. Er hatte eben Pech. Denn dieser Unschuldige hat zum Überfluß noch sieben Brüder, die alle hinter meinem Mann her sind. Er hat schon mehrere Unterhändler ausgeschickt, aber es dauert, ehe man sich einigt. Seit drei Monaten erwartet er jede Stunde den Tod. Es ist nicht etwa ein primitiver Albaner. Es ist ein Mann, der in Paris als Munitionsarbeiter gelebt hat und zurückgekommen ist, eigens um Blutrache zu nehmen. Obwohl er selbst verfolgt wird, sucht er immer noch den richtigen Mörder seines Freundes. Kommt man dann in dreivierteleuropäische Städte wie Skutari, Valona, Korça, in Städte mit Stehkragen, Krawatten, Ansichtskarten, Rasierklingen, Goldplomben, Fordautomobilen und Advokaten – so glaubt man noch weniger an die Möglichkeit einer so engen Nachbarschaft von Halbkultur und Heldenepos. Dennoch ist der Bruder des Friseurs ein echter, erfolgreicher Bandenhäuptling. Kommt er in die Stadt, so läßt er sich rasieren, trinkt einen Kaffee und spricht wie du und ich. Menschen sind wir alle. Die städtischen Albaner sind die furchtsamsten Menschen im Gespräch. Es gehört hier zum Schießen weniger Mut als zum Sprechen. Bevor ein Albaner seine wahre Meinung sagt, schießt er lieber. Er fürchtet die Ohren der Wände. Er sieht in jedem einen Spitzel, hat aber nur zur Hälfte recht; denn nur jeder zweite ist ein Spitzel. Eine albanische »Ochrana«, etwa im Sinne jener festgefügten russischen Organisation, gibt es nicht schon weil jeder albanische Städter, mit Leidenschaft und ohne aufgefordert zu sein, Nachbarn und ihre Handlungen und Wege beobachtet, ein kindisches Vergnügen darin findet, »Geheimnisse« zu entschleiern und in vollkommen offenen und harmlosen Vorgängen gefährliche Geheimnisse sieht. Sie komplizieren sich das Leben, die guten Albaner. Ein Fremder wird nicht etwa besonders beobachtet, sondern mit Leidenschaft und aus primitivem Interesse von allen beobachtet. Viele Albaner, mit denen ich zufällig bekannt wurde, sagten mir auf den Kopf zu und machten dabei ein schlaues Gesicht: »Sie sind ein Journalist« – als hätte ich es zu verbergen gesucht und als müßte ich mich ertappt fühlen. Fragte ich aber: »Was gibt es Neues?« oder: »Was schreibt Ihre albanische Zeitung, die ich nicht lesen kann?«, so zuckten sie mit den Achseln, weil »Neues« sehr gefährlich ist und jedes Wort, das einer »Neuigkeit« ähnlich sieht, einen verraten könnte. Eine ständige Formel ist die Antwort: »Ich weiß nichts Neues! Erzählen Sie mir etwas. Sie wissen doch alles!« Dann kann man sicher sein, daß der verschwiegene Albaner sofort zu irgendeiner interessierten Stelle gehen wird, um zu berichten: »Er hat gesagt, daß ...« Die Lust dieser Menschen am Spionieren ist ebenso groß wie ihre Furcht, eine Meinung zu äußern. Und so selten äußern sie eine Meinung, daß sie mit der Zeit jede eigene aufgeben und nur fremde anhören. Denn wozu eine Meinung, die man verschweigt? An die Stelle einer politischen Überzeugung tritt politisches Parteigängertum, an die Stelle eines Kampfes die Konspiration, an die Stelle des Worts die Andeutung, an die Stelle der Vorsicht die Furcht. In diesem Land ist kein Regierender sicher und kein Regierter. Es gäbe keine öffentliche Meinung – selbst wenn sie gestattet würde. Im Laufe der langen Jahrhunderte haben die Albaner jede Freude am Recht zur öffentlichen Meinung verloren. Sie machen selbst aus unzweideutigen Offenheiten heimliche Rätsel. Gefahrlose Dinge goutieren sie nicht. Ihre Tugenden sind Höflichkeit, Stille, Sanftmut, Bescheidenheit. Ihre gefährlichste Eigenschaft: die Liebe zum Geld. Es gibt Gegenden, in denen die Bauern Goldhaufen vergraben haben und immer weiter fleißig Gold sammeln. Vielleicht ist ihre Genügsamkeit zur Hälfte Geiz. Sie sind infolgedessen weniger arbeitsfaul als schwach. Sie leisten viel weniger als ein Europäer, weil sie schlechter genährt sind. Ihre Bedürfnislosigkeit grenzt an Unsinn. Ihre Bescheidenheit ist traurig und bedrückend – ebenso bedrückend wie das frauenlose Leben in den Städten, in denen man tagelang keine Frau sieht, keine helle Stimme hört. Das Leben ist enterotisiert, die Liebe ist degradiert zur häuslichen Tugend, und ein Spaziergang ist langweilig wie ein Weekend. Welch ein aktueller Boden! ... Die russische Grenze Die Grenze Niegoreloje ist ein großer, brauner, hölzerner Saal, in den wir alle eintreten müssen. Gütige Träger haben unsere Koffer aus dem Zug geholt. Die Nacht ist sehr schwarz, es ist kalt, und es regnet. Deshalb sahen die Träger so gütig aus. Mit ihren weißen Schürzen und ihren starken Armen kamen sie uns helfen, als wir fremd an die Grenze stießen. Ein Mann, der dazu befugt war, hat mir noch im Zug den Paß abgenommen, mich meiner Identität beraubt. So, ganz und gar nicht ich, ging ich über die Grenze. Man hätte mich mit jedem beliebigen Reisenden verwechseln können. Später allerdings stellte es sich heraus, daß die russischen Zollrevisoren mich nicht verwechselten. Intelligenter als ihre Kollegen aus anderen Ländern, wußten sie, zu welchen Zwecken ich reise. Im braunen, hölzernen Saal hatte man uns schon erwartet. Gelbe, warme elektrische Lampen waren an der Decke entzündet. Auf dem Tisch, an dem der Oberste der Zollrevisoren saß, brannte, freundliche Grüßerin aus vergangenen Zeiten, eine Petroleumlampe mit Rundbrenner und lächelte. Die Uhr an der Wand zeigte die osteuropäische Zeit. Die Reisenden, beflissen, ihr nachzukommen, rückten ihre Uhren um eine Stunde vor. Es war also nicht mehr zehn, sondern schon elf. Um zwölf mußten wir weiterfahren. Wir waren wenige Menschen, aber viele Koffer. Die meisten gehörten einem Diplomaten. Sie blieben laut Gesetz unberührt. Keusch, wie sie vor der Abfahrt gepackt waren, müssen sie am Ziel ankommen. Sie enthalten nämlich sogenannte Staatsgeheimnisse. Dagegen werden sie sorgfältig in Listen eingetragen. Das dauerte lange. Der Diplomat beschäftigte unsere tüchtigsten Revisoren. Und indessen verstrich die osteuropäische Zeit. Draußen, in der feuchten Schwärze der Nacht, rangierte man den russischen Zug. Die russische Lokomotive pfeift nicht, sondern heult wie eine Schiffssirene, breit, heiter und ozeanisch. Wenn man durch die Fenster die nasse Nacht sieht und die Lokomotive hört, ist es wie am Ufer des Meeres. In der Halle wird es beinahe behaglich. Die Koffer fangen an, sich auszubreiten, aufzugehen, als wäre ihnen heiß. Aus dem dicken Gepäck eines Kaufmanns aus Teheran klettern hölzerne Spielzeuge, Schlangen, Hühner und Schaukelpferde. Kleine Stehaufmännchen schaukeln leise auf dem bleibeschwerten Bauch. Ihre bunten, lächerlichen Gesichter, von der Petroleumlampe grell beleuchtet, von vorüberhuschenden Schatten der Hände abwechselnd verdunkelt, werden lebendig, verändern ihren Ausdruck, grinsen, lachen und weinen. Die Spielzeuge klettern auf eine Küchenwaage, lassen sich wiegen, kollern wieder auf den Tisch und hüllen sich in raschelndes Seidenpapier. Aus dem Koffer einer jungen, hübschen und etwas verzweifelten Frau quillt schimmernde, schmale, bunte Seide, Streifen eines zerschnittenen Regenbogens. Dann folgt Wolle, die sich bauscht, bewußt atmet sie wieder frei nach langen Tagen luftloser, zusammengepreßter Existenz. Schmale, graue Halbschuhe mit Silberspangen legen ihr Zeitungspapier ab, das sie verbergen sollte, die vierte Seite des »Matin«. Handschuhe mit bestickten Manschetten entsteigen einem kleinen Sarg aus Pappendeckel. Wäsche, Taschentücher, Abendkleider, groß genug, um eine Hand des Revisors zu bekleiden, schweben empor. Alle spielerischen Utensilien einer reichen Welt, alle eleganten, polierten Sächelchen liegen fremd und dreifach nutzlos in dieser harten, braunen, nächtlichen Halle, unter den schweren Balken aus Eichenholz, unter den strengen Plakaten mit den eckigen Buchstaben wie geschliffene Beile, in diesem Duft von Harz, Leder und Petroleum. Da stehen die flachen und die bauchigen, kristallenen Flakons mit den saphirgrünen und bernsteingelben Flüssigkeiten, lederne Manikür-Etuis öffnen ihre Flügel wie heilige Schreine, kleine Damenschuhe trippeln über den Tisch. Niemals noch sah ich eine so genaue Visitation, auch nicht in den ersten Jahren nach dem Krieg, in der vollen Blütezeit der Revisoren. Es scheint doch, daß hier nicht eine gewöhnliche Grenze ist zwischen Land und Land, sie will eine Grenze sein zwischen Welt und Welt. Der proletarische Zollbeamte – der kundigste der Welt – wie oft hat er selbst verbergen und entkommen müssen! – revidiert zwar Bürger aus neutralen und selbst freundlichen Staaten, aber Menschen einer feindlichen Klasse. Das sind Abgesandte des Kapitals, Händler und Spezialisten. Sie kommen nach Rußland, vom Staat gerufen, vom Proletariat befehdet. Der Zollbeamte weiß, daß diese Kaufleute in den Läden Fakturen säen und daß dann in den Schaufenstern wunderbare, teure, dem Proletarier unerreichbare Waren aufgehen werden. Er revidiert zuerst die Gesichter und dann die Koffer. Er erkennt die Heimkehrenden, die jetzt mit neuen polnischen, serbischen, persischen Pässen versehen sind. Spät in der Nacht noch stehen die Reisenden im Gang und können den Zoll nicht verschmerzen. Alles erzählen sie einander, was sie mitgebracht, was sie bezahlt und was sie geschmuggelt haben. Stoff genug für lange russische Winterabende. Die Enkel werden es noch hören müssen. Die Enkel werden es hören, und das merkwürdige, verworrene Antlitz dieser Zeit wird vor ihnen auftauchen, der Zeit an ihrer eigenen Grenze, der Zeit mit ihren ratlosen Kindern, den roten Revisoren, den weißen Reisenden, den falschen Persern, den Rotarmisten in den langen, sandgelben Mänteln, deren Saum den Boden berührt, der feuchten Nacht von Niegoreloje, dem lauten Keuchen schwer bepackter Träger. Kein Zweifel, diese Grenze hat historische Bedeutung. Ich fühle sie in dem Augenblick, in dem die Sirene breit und heiser aufheult und wir hinausschwimmen in dunkles, weites, ruhiges Land. – Briefe aus Deutschland 1 Lieber Freund, ich habe Ihnen das letztemal – es ist etwas lange her – versprochen, von einigen Eindrücken in einem Neunkirchener Warenhaus zu erzählen, dessen liebenswürdiger Besitzer mir erlaubt hatte, in seinen Räumen nach meinem Gutdünken zu tun und entweder hinter den Ladentischen als Verkäufer oder vor ihnen als Käufer aufzutreten. Ich wählte wegen meiner Unfähigkeit, das eine und das andere zu sein, die etwas schwer zu definierende Rolle eines Beobachters, den man für einen »stillen Teilhaber« halten mochte oder für einen (in Neunkirchen überflüssigen) Detektiv oder für einen Direktor und Personalchef. Es war der Nachmittag eines Tages, an dem die Arbeiter Geld bekommen. Das sind, wie Sie wissen werden, die Feiertage des Proletariats. Der Mensch ist imstande, nicht nur eine Tugend, sondern sogar noch einen Feiertag aus der Not zu machen. Und statt an den Vorräten eines Warenhauses zu erkennen, wie wenig sie eigentlich einkaufen kann, denkt die Frau eines Arbeiters nur an den Ort, in dem man überhaupt einkaufen kann. Sie hat so wenig und so selten Geld, daß sie geneigt ist, es zu überschätzen. Es war also ein Nachmittag, und ich ging durch die Hauptstraße von Neunkirchen, deren verrußte Traurigkeit ich Ihnen schon einmal beschrieben habe. In kleinen Gruppen, Kinder an der Hand, gingen Frauen. Sie blieben vor den Schaufenstern stehen, ehe sie in die Läden traten. Ich kam an dem Denkmal des Industriellen Stumm vorbei, des »König Stumm«, wie er im Saargebiet heißt – und zum erstenmal blieb ich stehen, es zu betrachten. Das Denkmal ist bescheidener als die Rolle, die der lebendige Mann gespielt hat. Es steht seitwärts, vor dem Eingang zum Stummschen Werk, weniger sichtbar, als ein Denkmal gewöhnlich ist, und eher beobachtend, wie ein Mensch auf einem Posten. Ja, es ist immer noch so, als stünde der tote Stumm da, um das Gehen und Kommen seiner Angestellten und Arbeiter im Auge zu behalten, er erfüllt seine Pflicht als sein Denkmal und erhält so doppelt sein eigenes Andenken. Da steht er nun, in einem verewigten Zivil, ohne monumentale Geste, mit der ganzen äußeren Bescheidenheit seiner Lebzeiten, kein lauter Imperator, ein stummer König, König Stumm. Der Eingang zu seinem Werk ist imposanter als er, er selbst bleibt im Schatten, respektive im Feuer seiner Hochöfen. Ein Bürger, mit bürgerlichem Hut, im länglichen Rock, der auch ein Überzieher sein könnte. Ruß, Staub und Regen regneten auf ihn. Kein lebendiger Portier möchte so dastehen. Sie werden mir ohne weiteres glauben, daß ich nicht dazu neige, Großindustrielle als solche zu lieben. Aber ich kann beim Anblick dieses Denkmals (das übrigens zu kunstlos ist, um schlecht zu sein) eine gewisse Achtung auch vor der absichtlich demonstrierten Demut des Mannes nicht unterdrücken. Die Industrie-Diktatoren seines Schlages posieren zwar eine bescheidene Zurückhaltung, und auf die patriarchalische Herzensgüte, mit der sie den Ertrag steigern, gäbe ihnen heutzutage kein Arbeiter einen Vorschuß Pietät. Aber es liegt eine gewisse versöhnende Naivität in dieser Pose, in der sie sich dem eigenen Ruß ausliefern, und in ihrer heiligen Überzeugung von ihrem Gottesgnadentum, aus dem sie, wie Stumm, das Recht herleiteten, das Privatleben und das Wahlrecht ihrer Arbeiter zu bewachen. Man kann in diesem Denkmal Stumms (dessen Erbe übrigens nicht unversehrt noch ungeteilt geblieben ist) ein Denkmal einer ganzen Zeit, eines ganzen Unternehmergeschlechts sehen. Es war das Geschlecht der patriarchalischen Herzen aus Eisen und Stahl. Schräg gegenüber ist das Warenhaus. In kleinen Trupps kommen die Frauen und Töchter und Kinder der Arbeiter. Sie sehen, wenn sie eintreten, noch schmaler aus, kleiner, enger, denn das Haus ist hoch und groß, viele Waren liegen da, die Preise obenauf, jeder Strumpf nennt ungefragt seinen Wert. Vieles ist hier zu haben, aber nichts umsonst, Verkäufer warten, Waren warten, gläserne Kasten warten, auf Geld, auf Geld, auf Geld. Vielleicht fühlen erst jetzt die Frauen, während sie eintreten, wie wenig sie haben. Denn was zu Hause noch kein Bedürfnis war, kann hier plötzlich eines werden, es liegt ein Stück da und erinnert daran, daß es gebraucht wird. Jeder neue Schuh gemahnt an den alten, zerrissenen, den man leider trägt, jeder wollene Strumpf an den baumwollenen, in dem man leider friert, jeder warme Mantel an den alten, kalten, in dem man leider steckt. Ich beschloß, eine einzige Frau, die einen Knaben führte, von Stand zu Stand zu begleiten, und ich will versuchen, sie Ihnen zu beschreiben. Sie trug ein langes Kleid, schwarz, einen schwarzen, glockenförmigen Mantel darüber, hohe Männerschuhe, keinen Hut, war zwischen Vierzig und Fünfundvierzig. Ihr Haar war mit Sorgfalt frisiert, fahlblond, aus der Stirn gekämmt, oben von einem breiten, gelben Kamm gekrönt und gehalten, rückwärts aus dem Nacken gezogen, ebenso straff wie vorne aus der Stirn, in der Mitte geknotet und noch einmal von einem breiten Kamm abgezäunt, so daß es aussah wie ein Haarberg zwischen zwei Mauern. Man sah viele Falten auf der hohen, künstlich erweiterten Stirn, sie waren klar, fast wie Tätowierungen, von gleichsam sehr gewissenhaften Sorgen eingebrannt. Die Augenlider waren zu schwer für die kleinen hellen, flachen Augen, sie hatten einen Überschuß an lockerer Haut. Über einem weichen, guten Mund aber, der an einen nach oben geöffneten, sanften Bogen erinnerte, lag eine feine, schmale Rinne in der Oberlippe, darüber eine kräftige Nase mit breiten Flügeln, stark, sinnlich und gut. Diese Partie des Gesichts hätte für sich allein sehr schön sein können. Aber die obere Gesichtshälfte lag über der unteren wie eine Wolke über dem Sommer, wie das Alter über der Jugend, wie das Verhängnis über einem Glück. Aus schmalen, schwarzen Ärmeln kamen hellgraue Zwirnhandschuhe. Die linke Hand hielt den metallenen Mund einer alten Lacktasche fest, eine zweite, große, gestrickte Tasche hing am Arm. Als die Frau die Tür öffnete, ließ sie den Knaben vorgehen, und da ihre Linke so wichtige Dinge bewahrte, mußte sie eine Vierteldrehung vollziehen, ehe sie ganz eintrat. Es war rührend, wie sie den Versuch machte, die Tür, die selbst zufiel, auch noch persönlich zu schließen. Ich stellte mir vor, wie leicht es wäre, sie in eine Dame der guten Gesellschaft zu verwandeln. Ich schnitt ihr Haar und ihren Rock um gute anderthalb Meter ab, warf eine Haarwelle über ihre Stirn, steckte schwarze Halbschuhe aus Wildleder an ihre Füße. Schon stand sie da in dunkelgrauen, seidenen Strümpfen, trat frei durch Türen, die nicht nur selbst zufallen konnten, sondern sich auch selbst geöffnet hatten – und sie war eine Bürgerin wie etwa die Frau eines Ingenieurs. Warum nicht? Wie gering kann der Unterschied zwischen den Frauen der verschiedenen Schichten sein! Oder wie leicht ist er zumindest zu verwischen! Sie blieb vor den Strümpfen stehen, zog einen Handschuh aus, legte ihn in die gestrickte Tasche, verwahrte ihn vor Verlust und Einbruch und besichtigte Strümpfe zu 15 Francs. Sie sprach kein Wort. Sie zog einen Strumpf nach dem andern über die Hand, führte ihn nahe an die Augen, streifte ihn wieder ab. Sie besichtigte Fersen, Nähte, Sohlen, ließ den Knaben ihre Lacktasche halten und prüfte mit beiden Händen die Haltbarkeit, und es dauerte eine Viertelstunde; da hatte sie ein Paar, schlangenfarbig, mit Zick-Zack-Linien, nicht schön, aber fest. Hierauf ging sie, ohne zu kaufen, Decken sehen. Sie prüfte jede, fragte nach den Preisen, legte sie wieder zurück. Ging hinauf in die Knabenabteilung. Verlangte ein paar blaue Höschen, in der Farbe sollten sie zum Rock des Kindes passen. Nun zeigte man ihr Hosen, sie ging hinter den Ladentisch, zum Fenster, verglich die Hose mit dem Rock. Aber den Rock hatte das Kind schon sechs Monate getragen, er war blaß geworden, und die neuen Hosen waren dunkel, doppelt dunkel. Sie waren so billig, daß der Verkäufer sagen durfte: »Im Tragen läßt die Farbe nach.« – Wie verschieden, dachte ich, können die Vorzüge einer Ware sein. Wäre diese Frau jene Dame, in die ich sie früher verwandelt hatte, käme sie mit einem edlen Knaben und womöglich mit einem Hund, der Verkäufer würde sich beeilen zu versichern: »Diese Farbe läßt im Tragen nicht eine Spur nach, gnädige Frau!« Dieser Frau half die Wahrheit gar nichts. Denn nicht einmal diese Hose, die 25 Francs kostete, konnte sie kaufen. Sie wollte nicht, daß die Hosen anders aussehen als der Rock. Einen ganzen Anzug konnte sie nicht kaufen. Aber es sollte doch aussehen wie ein einziger Anzug, aus einem Stück. Dabei besaß sie dem Verkäufer gegenüber nicht genug Autorität, und gegen seine Wollkenntnis konnte sie nicht aufkommen. »Es ist ganz genau die gleiche Qualität«, sagte er. »Es ist eine andere Farbe«, erwiderte sie. »Die Farbe wird dann nach kurzer Zeit genauso«, widersprach er. Und als ich mich näherte, begann die Arme zu fürchten, daß sie jetzt endlich erliegen würde. Hatte sie dem Verkäufer noch standhalten können – einem Mann, der da so herumging wie ein stiller Teilhaber und seine kostbaren Kräfte für schwierige Kunden aufsparte, konnte sie nichts entgegensetzen. Deshalb log sie, als ich am Tische stand, und wurde rot: »Ich bin nämlich gar nicht die Mutter! Wenn ich seine Mutter wäre, aber, Sie verstehen, für ein fremdes Kind kann ich mich nicht entschließen.« Und sie nahm beide Taschen vom Tisch und ging zur Kasse und bezahlte 15 Francs, nachdem sie anderthalb Stunden zu kaufen versucht hatte. Sie ging, ging wie jemand, der eine Prüfung nicht bestanden hat. Alle diese Frauen stehen ja vor dem Einkauf wie vor einer Prüfung. In diesem Warenhaus ist es leicht zu verkaufen. Die Menschen sehen zu den Verkäufern auf wie zu Helfern und Ratgebern, die Verkäufer stehen am Rand der höheren sozialen Schicht und besitzen die Autorität der Modegelehrten, der um Sitte und Brauch Bescheid Wissenden. »Wie steht mir dieser Mantel?« fragt in der Frauenabteilung die Arbeiterin das Mädchen. »Ich empfehle Ihnen« und »Ich rate Ihnen« sind die üblichen Formeln der Verkäufer. Entsinnen Sie sich, wie wir vor drei Jahren zusammen durch die großen Modehäuser der großen Stadt gingen, die an Wintergärten erinnern? Wie die schönen, kleinen Verkäuferinnen (sie sahen alle aus wie Blumenmädchen) unter der ebenso schönen, stolzen, tyrannischen Souveränität der Käuferinnen seufzten? Wie diese Frauen mit spitzen, spielenden und im Spiel grausamen Fingern die Schleifen, die Stoffe, die Seiden und die künstlichen Blumen hoben und fallen ließen, noch schätzten und schon mißachteten, noch liebkosten und schon verwarfen, schon zu Neuem hingezogen, wieder zum Alten heimkehrten, kommandierten und fragten, mit der Freiheit, die nicht immer nur vom Geld kommt, sondern von der Schönheit, dem Selbstbewußtsein, dem siegreichen Blick und der anmutigen Handbewegung? Warum nicht hier? Warum? Als ich wieder an dem bescheidenen Denkmal des bescheidenen Königs vorbeikam, dachte ich (ein keineswegs zum Richten Befugter, einer, der sich nur zu ahnen erlauben darf), daß Zusammenhänge bestehen zwischen Denkmal und Einkaufsfurcht im Warenhaus und Subalternität; Zusammenhänge zwischen einer demütigen Unsicherheit, die sich bis ins dritte und vierte Geschlecht fortpflanzt, und einer patriarchalischen Erziehung durch einen Unternehmer, der sich um Ehe und Verlobung, Wochenlohn und politische Gesinnung, Kindertaufe und Sargbeschaffenheit der Untertanen kümmert. Der die »väterliche Hand« zur »eisernen Faust« schließt und die »spartanische Zucht« zu einer nationalen Tugend erhebt. Man muß – – – was muß man? Es bleibt mir noch übrig, Ihnen über zwei Besuche im Saargebiet zu berichten: über ein Werk und über die Kirche. Ich schreibe Ihnen darüber im nächsten Brief. Ich begrüße Sie herzlich, Ihr J. R. 2. Lieber Freund, ich erinnere Sie an das Wort von Pierre Hamp, das Sie mir einmal zitierten, als wir vom »Segen der Arbeit« sprachen: »Par le travail, où l'on ne chante plus, se fait un grand œuvre d'abatissement humain. L'ouvrier n'aime plus son métier, et cela ébranle le monde.« Das schrieb Pierre Hamp in einem Lande, dessen Menschen schwieriger vielleicht als andere ein friedliches Verhältnis zur Technik finden können – die Begründung bleibe ich Ihnen vorläufig schuldig, sie gehört in ein anderes Kapitel – und in einer Zeit, in der die Maschine nur erst als ein brutaler, Menschen verzehrender Mechanismus erschien (ähnlich, wie sie in manchen heutigen verspäteten, romantisch-sozialen Kunstwerken dargestellt wird) und noch nicht als das komplizierte Produkt menschlichen Geistes, von dem allein es abhängt, ob der Mechanismus ein Freund oder ein Feind des Menschen werde. Ich glaube, mich überzeugt zu haben, daß Pierre Hamp nicht überall und nicht unter allen Umständen recht hat. Der Arbeiter singt nicht mehr, weil der weit mächtigere Gesang der Maschine ihn zum Schweigen gebracht hat, und in seinem Lauschen liegt heute vielleicht ebensoviel andächtige Lust wie ehedem in seinem Lied. Der intelligente Arbeiter von heute liebt sogar sein »métier«. Man muß nur sehen, wie interessiert er alle technischen Entwicklungen beobachtet, die sein Spezialfach angehen. Ja, es scheint, daß seit der Zeit, in der das Mechanische sich dem Organischen anzunähern beginnt, die Symbolkraft des »sausenden Rads« schwächer und eine Art Nervensystem der Maschine erkennbar wird, sie langsam aufhört, ein »feindliches Element« zu werden. Nebenbei gesagt ist unter anderem auch deshalb die Romantik jener Literatur, die ich nach dem berüchtigten Film die »Metropolis-Literatur« nennen möchte, vollkommen falsch, die Romantik, die gehirnlose Maschinenmenschen voraussieht und das Menschliche im Mechanischen nicht erkennt; die nicht weiß, daß es ein Stadium gibt, in dem nicht der Mensch sich der Maschine, sondern umgekehrt sie dem Menschen sich anpaßt. Denkt man daran, das heißt: befreit man sich von den überlieferten Vorstellungen: »Sklaven der Maschine«, so ist der Besuch eines Werks nicht trauriger als der eines Spitals zum Beispiel, eines Waisenhauses oder einer Arbeiterkolonie. Er ist allerdings auch nicht »erhebend«, wie ihn die Fanatiker der »rauchenden Schlote« und die Besinger der »flammenden Hochöfen« nennen mögen. Das Werk ist grau und gewöhnlich, wie der Tag war, an dem ich hinging. Man erzeugt dort keine Gedichte, sondern Schienen, Drähte, Eisen, Stahl. Die Tendenz der Werkbesitzer ist: Geld zu verdienen, und der Wunsch der Werkarbeiter: ihr Leben zu fristen. Lauter alltägliche Angelegenheiten. Das Tor ist breit und offen. Ich vermisse hier die gewohnte Warnung: Unbefugten ist der Eintritt verboten. Aber es scheint, daß eine so mächtige Institution eines solchen Verbots nicht mehr bedarf und daß nicht damit gerechnet wird, es könnte ein Unbefugter Lust bekommen, hier einzutreten. Links hinter dem Eingang steht übrigens schon das Häuschen des Pförtners. Niedlich fast, gelb-rot, aus Ziegelchen, ein Wetterhäuschen wie in einem Schaufenster. Dahinter ist das Verwaltungsgebäude. Noch vor dem Eingang arbeitet ein Motor. Eisenfunken sprühen – ich weiß nicht, welchen Zweck er hat – und eine Tafel mahnt: »Vorsicht!« Er erinnert mich, der ich seinen Zweck nicht verstehe, an eine Art mechanischen Wachhundes. Das Verwaltungsgebäude ist hell, klar, kahl. Livrierte Botenjungen, Glockensignale, Nummern, die auf Täfelchen herausspringen, Wartezimmer, Herren, die mit der üblichen Würde über den Korridor gehen, Schlüssel am Zeigefinger. Es ist still wie in einem Spital. Wartende rascheln mit Zeitschriften. Eine Glocke schnarrt. Man holt mich. Zehn Minuten später verlasse ich durch eine rückwärtige Tür das Verwaltungshaus. Vor mir liegt das Werk. Wirr und öde für einen, der sich nicht auskennt. Hochöfen und Schornsteine nehmen sich in der Ferne sehr regelmäßig aus, aufgerichtet nach einem genauen und leicht übersichtlichen Plan. Tritt man in ihre Nähe, ist die Symmetrie dahin. Ein planloser Haufen sind sie. Willkür scheint sie errichtet zu haben. Dennoch ist sicherlich die Wirrsal jetzt ebenso scheinbar, wie es früher die Planmäßigkeit gewesen ist. Der größte Teil dieses Werkes liegt frei. Ich weiß nicht, ob es in allen Werken so ist. Hier jedenfalls geht ein Wind wie durch Ruinen. Keine Wände, ihn zu lindern. Der Boden: Schutt, Geröll und Asche. Hellgrauer, zäher Schlamm. Deutliche Räder- und Fußspuren. Wüßte ich nicht, daß hier gearbeitet wird, ich könnte glauben, es würde hier aufgeräumt. Das Tageslicht, obwohl Wände nicht seinen Einbruch hindern, bekommt hier eine ungewohnte Schattierung. Es wird braun und grau. Es saugt Eisensplitterchen und Rauchmoleküle auf, wie ein Löschblatt Tinte. Es liegt alles so zufällig nebeneinander wie auf einem Bauplatz, nicht wie zum Beispiel in einer Fabrik. Es ist, als arbeitete man hier nicht in einem bereits Errichteten, sondern an etwas zu Errichtendem. Der Raum ist gleichsam nicht eingefangen, er ist zügellos, sich selbst überlassen und seiner eigenen, brutalen Willkür, sich rohe, barbarische Formen zu schaffen. Über mir, vor mir, hinter und neben mir rollen an Seilen Wägelchen, eiserne Kränchen, leere und beladene, sicherlich einem Ziele zu. Dennoch ist es so, als hätten sie keines. Vielleicht täuscht mich ihre Wirrnis und ihre Überzahl, vielleicht aber auch ihre Langsamkeit. Denn sie ziehen durch die Luft mit der Trägheit schwerer Insekten und eine Art grollendes Summen begleitet ihr Schweben. Dazwischen klingt der quietschende Aufschrei eines unwilligen, wahrscheinlich rostigen Gelenks. Über den kleinen Wagen ziehen große, schwere, schwarze Kräne ihre Viertel- und halben Kreise, ganz langsam und fast pathetisch. Wüßte man nicht, daß oben in einem kleinen Glashäuschen ein Mann sitzt, der sie lenkt, man fände die intelligente Sicherheit, mit der sie ruhen und sich wieder in Bewegung setzen und wieder ausruhen, unheimlich. Sie bleiben still, lassen eine riesige Zange sinken, wie einen lockeren, aber starken Arm mit gespreizten zwei Fingern, ergreifen kneifend einen Block Eisen, ziehen den Arm wieder ein, drehen sich langsam zurück, lassen den Block weich und sachte in einen Wagen fallen, legen ihn nieder, behutsam, als könnte er sich weh tun. Es ist, als würde nicht Eisen auf Eisen gelegt, sondern eine Flocke auf Kissen. Eine gewisse Würde, fast von einer Symbolkraft, offenbart sich in diesen fünf, sechs langsam hin- und zurückschwebenden großen Kränen, unter denen die nur wenig gelenkigen kleinen Kränchen wie spielende Kinder aussehen. Es ist in den großen die Langsamkeit eines Zeremoniells. Sie symbolisieren sozusagen die »Weihe der Arbeit« Ich steige eine schmale, bebende Wendeltreppe hinauf, sie ist ein bißchen rührend; zart, gebrechlich scheint sie, obwohl sie aus Eisen besteht, – und sie erinnert trotzdem an eine Schlingpflanze, frei, in der Luft emporgerankt zu einer Art Terrasse. Es wird heiß, obwohl es ringsum frei ist und man den Himmel sehen kann. Ich stehe auf Brettern, gelegt auf einen Grund aus Schlamm, Lehm, Sand. Von irgendeinem fernen, sachten und dennoch sehr starken, gleichsam verpackten Gepolter schüttert der Boden, auf dem ich stehe, mit mir. Zuweilen ist es, als stünde ich auf der Plattform einer Lokomotive. Vor mir sehe ich einen riesigen, schwebenden Kessel, eine Art überdimensionalen Kochtopf, dessen Öffnung sich mir langsam zuzuwenden beginnt. Flüssiges Feuer kocht in diesem Kessel. Langsam, gewichtig und dennoch mühelos dreht er sich. Jetzt gähnt mir sein Mund entgegen. Jetzt sehe ich, geblendet, was er enthält: einen silberweißen, bläulich durchsprenkelten, rötlich durchzuckten, spröden, knisternden Brei aus Feuer. Eine merkwürdige Art von Brei. Er hat die Elastizität, aber nicht die behagliche Weichheit eines Schlamms. Er ist zähflüssig wie dieser, aber nicht so klebrig. Es ist, als bewahrte das Feuer seinen Stolz, seine gefährliche schneidende Härte, seine Schwert-, Lanzen- und Messerähnlichkeit auch noch dort, wo man es fast für Wasser halten könnte. Und wo ein gewöhnlicher Schlamm vielleicht Blasen bilden würde, sprüht dieser Feuerschlamm Funken. Sie spritzen mir entgegen, auf mein Gesicht, auf meine Kleider, meine Haare. Aber sie haben ein kurzes Leben. An der Peripherie der dichtesten, komprimiertesten Hitze gleichsam sterben sie schon, und der Elan, mit dem sie aus dem Kessel sprangen, eine Welt in Brand zu setzen, war vergeblich. Dennoch wäre es mir peinlich, den Platz jenes Arbeiters einzunehmen, der unmittelbar vor dem Kessel steht; eine Uhr in der Hand, ein Kommando rufend, in einem feuersicheren Kleid, merkwürdigerweise ohne Brille. Wenn man zehn Jahre lang jeden Tag vor diesem Kessel steht, muß das Blut, so denke ich, ein anderes Tempo bekommen haben, es rollt nicht mehr, wie von der Natur vorgesehen, durch die Adern, den Körper beherrschen andere Temperaturgesetze, und selbst das Gehirn denkt nach anderen Normen. Ich stelle mir vor, daß die Gedanken dieses Mannes einen jäheren Flug und eine kürzere Dauer haben müssen. Derlei hat die Wissenschaft wahrscheinlich noch nicht ergründet, und es wird infolgedessen von der sozialen Gesetzgebung auch gar nicht in Betracht gezogen. Und immer wieder neigt sich ein anderer der drei nebeneinander schwebenden Feuerkessel und schüttet seinen Inhalt aus. Dann bricht für einen Augenblick ein weißer Glanz aus, ein Glanz wie von einem der flüssigen Himmelskörper, die wir uns nur vorstellen können. Oben aus dem Hochofen regnet es in diesem Augenblick Feuer gegen den Himmel, und ich sehe heute die Ursache – die ich übrigens nicht verstehe – jenes Schauspiels, das mich Nacht für Nacht beschäftigt hat. Mir ist, als hätte ich nun den Schleier eines Geheimnisses in der Hand, aber nicht gelüftet. Ich wüßte, wollte ich weiterforschen, wohin die Schlacke kommt und wohin die überflüssigen, übrigens immer auch noch verwendbaren Gase. Aber ich suche ja gar nicht nach diesen Realitäten. Wenn ich wüßte, was in diesem Augenblick in der Seele des Arbeiters vorgeht, der geradewegs ins weiße Feuer sieht! Aber ich erführe doch nur, was mit der Schlacke geschieht! Hinunter zu den Plätzen, wo die Schienen entstehen, die Stangen, die Drähte! Das sind die großen, ein wenig schiefen Ebenen, auf denen in vorgeschriebenen, gewundenen Bahnen die Eisen hervorschießen, zischend, glühendrot, zornigen Schlangen gleich, ein Spektakel, das sich zehnmal in der Minute wiederholt und dessen man niemals müde wird. Am besten gefallen mir die dünnen Drähte. Ihre Kurven sind die elegantesten und lebendigsten, es ist wirklich, als gehörten sie eher in das Bereich der Zoologie als in das der Technik, sie entspringen im Hintergrund ganz schmalen Löchern, lassen ein leises, geradezu distinguiertes Zischen vernehmen und sind die Aristokraten unter den feurigen Schlangen. Mit einem kühnen, grellroten Elan springen sie in die Welt. Mit einer hurtigen, sechsmal gewundenen, edlen Zartheit schlängeln sie sich die Bahn abwärts, verändern schnell das grelle Rot in ein dunkles, purpurenes, schließlich in ein braunes, sie werden alt, aber sie würden trotzdem noch eine Weile sich so fortwinden im schlanken, schießenden Lauf, ergriffe sie nicht ein aufmerksamer Mann mit einer scharfen, schneidenden Zange. Er zwickt sie ab, eine Schlange nach der anderen, er lauert ihnen auf, gerade wenn sie mitten im schönsten Bogen sind, unterbricht er ihren Lauf und ihr Leben, trägt sie seitwärts, löscht sie aus. So ähnlich schlängeln sich vielleicht unsere Lebensfäden in der Unterwelt, und die Parze steht da mit der Zwickzange. Eine Viertelstunde später sind es keine Schlangen mehr, es sind Drähte, aus denen man Gitter machen kann und Rattenfallen und allerhand Dinge. Sechs- bis neunhundert Francs verdienen die Werkarbeiter im Saargebiet, nicht mehr, eher weniger als die in den Kohlengruben. Ich sprach beim Mittagessen mit dem Beamten eines andern Werks darüber, der mein Entsetzen merkte und mich zu trösten versuchte: »Da sind so viele Arbeiter, sie laufen auf dem großen Werk herum, viele drücken sich, arbeiten gar nichts – das wäre in den Gruben unmöglich.« »Ja«, erwiderte ich, »aber geben Sie zu, daß es kein Vergnügen ist, in diesem Werk spazierenzulaufen. Es sieht nicht aus wie ein Sanatoriumspark.« Es kam als Antwort das Argument, das ich natürlich vorausgeahnt hatte: »Es ist Gewohnheit.« So lautet der Trost der Gedankenlosigkeit. Es gibt eine ganze Lehre, die sich auf der Theorie von der »Gewohnheit« aufbaut. Man könnte von einer nationalökonomischen Richtung der Gewohnheitstheoretiker sprechen. Als ob die Gewohnheit mit dem Schlimmen schon das Gute entbehrlich machte! Und als ob zum Beispiel einer, der sich ans Frieren gewöhnt hätte, die Wärme entbehren könnte! Der Hinweis auf die »Gewohnheit« ist der Trost der unzulänglichen Herzensgüte. Merkwürdig war, daß derselbe Beamte ebenfalls über seine schmalen Einkünfte klagte. Er bekam 1600 Francs, hatte eine geschiedene Frau und eine neue, drei Kinder, zwei Häuser zu versorgen. Nach seiner eigenen Theorie hätte er doch eigentlich schon daran »gewöhnt« sein müssen. Aber offenbar kann sich niemand selbst an das Leid gewöhnen, obwohl jeder glaubt, just der andere könnte es. Es war ein Samstag. Und ich beschloß, am nächsten Tag in die Kirche zu gehn – wo bis auf weiteres immer noch der Trost gefunden wird, den die Sozialpolitik nicht geben kann. Ihr J. R. Brief aus Polen Lieber Freund, ich komme eben aus einem der interessantesten Gebiete Europas. Ich meine jenen Teil des kleinpolnischen Landes, in dem sich die berühmten Petroleumquellen befinden. Es liegt, wie Sie wissen, im Süden Mittelgaliziens und am nördlichen Rande der Karpathen, und sein Mittelpunkt ist die sehr merkwürdige Stadt Boryslaw. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird hier Petroleum gewonnen. Auf einem Gebiete von etwa 15 Quadratkilometern stehen die dunklen, hölzernen Bohrtürme. Vergleiche ich sie mit den Bohrtürmen von Baku, so erscheinen sie mir weniger grausam und gewissermaßen der Erdoberfläche weniger gefährlich. Die Erde des kaukasischen Petroleumgebiets nämlich trägt auf ihrem Angesicht jenen Fluch, der wie ein Ausgleich für den Segen in ihrem Innern ist. Sie hat kein Grün, nur wüsten, gelbgrauen Sand und braune, schmutzige Tümpel, die niemals trocknen wollen, obwohl sonst alles in der südlichen Sonne dorren muß. Hier in Boryslaw, das man das »polnische Baku« nennt, ist die Sonne gemäßigt, sind die Bohrtürme schütter und trotz ihrer tausendfachen Zahl noch immer nicht die einzige Vegetation des Landes. Noch gibt es Wälder, die nur zögernd vor den Türmen weichen und sie eher friedlich zu umgeben als feindselig zu fliehen scheinen. Der Blick darf von den verschalten Quellen weg zu den grünen Hügeln schweifen, denen der Umstand, daß sie schon zur Familie der Karpathen gehören, eine gewisse Respektabilität verleiht. Und wäre nicht der Staub, der ein Bruder des kaukasischen Staubes ist, so gäbe es nur die Türme, die an Baku erinnern könnten. Aber der Staub ist da, weiß und außergewöhnlich dicht. Es ist, als wäre er nicht das zufällige Produkt aus Abfall und abgesonderter Körperlichkeit, sondern als wäre er ein selbständiges Element wie Wasser, Feuer und Erde und dieser weniger verwandt als etwa dem Wind, vor dem er in dichten Schleiern einherwirbelt. Er liegt wie Mehl, Puder oder Kreide auf der Straße und hüllt jedes Gefährt und jeden Fußgänger ein, als hätte er einen Trieb oder einen Willen. Er hat eine ganz besondere Beziehung zur Sonne, wenn sie brennt, als hätte er einen Auftrag, ihre Aufgabe zu vollenden. Und regnet es, so verwandelt er sich in eine aschgraue, feuchte, klebrige Masse, die in jeder kleinsten Höhlung zu einem grünlichen Tümpel gerinnt. In dieser Gegend also wird Petroleum gewonnen. Vor ein paar Jahrzehnten war Boryslaw noch ein Dorf, heute leben hier etwa 30 000 Menschen. Eine einzige Straße – ungefähr 6 km lang – verbindet drei Ortschaften, ohne daß man sehen könnte, wo die eine aufhört und wo die andere beginnt. Hart an den Häusern entlang zieht sich ein hölzerner Gehsteig, von kurzen, stämmigen Pfählen getragen. Ein Trottoir zu errichten ist unmöglich, weil Rohre unter der Straße das Öl zum Bahnhof leiten. Der Unterschied zwischen dem Niveau des Gehsteigs und der Fahrbahn, aber auch der kleinen Häuser ist ein erheblicher, und der Fußgänger erreicht oder überragt die Dächer der Häuser und sieht aus schräger Höhe in die Fenster. Alle Häuschen sind aus Holz. Nur einige Male unterbricht ein größeres Haus aus Ziegeln, weißgetüncht und von steinernem Aspekt, die triste Reihe der schiefen, faulenden und zerbröckelnden Behausungen. Alle sind sie über Nacht entstanden: zu einer Zeit, als sich der Strom der Naphthasucher hierher zu ergießen begann. Es ist, als hätten diese Bretter nicht menschliche Hände hastig aneinandergefügt, sondern als hätte der Atem der menschlichen Gier zufällige Materialien zufällig zusammengeweht, und kein einziges dieser flüchtigen Heime scheint dazu bestimmt, schlafende Menschen zu beherbergen, sondern die Schlaflosigkeit aufgeregter zu erhalten und zu verstärken. Der ranzige Geruch des Öls, ein stinkendes Wunder, hat sie herbeigezogen. Die selbst geologisch unberechenbare Sinnlosigkeit unterirdischer Gesetze erhöhte die Spannung des Gräbers zur Wollust, und die unaufhörlich akute Möglichkeit, durch kaum 300 Meter von Goldmilliarden getrennt zu sein, mußte einen Rausch erzeugen, stärker als der Rausch des Besitzes. Und obwohl alle der Unberechenbarkeit einer Lotterie und eines Roulettespiels ausgeliefert waren, so ergab sich doch keiner dem Fatalismus des Wartens, das die Enttäuschung schon sachte vorbereitet. Hier, bei den Quellen des Petroleums, gab sich vielmehr jeder dem Wahn hin, daß er durch Arbeit ein Schicksal zwinge, und sein Jagdeifer vergrößerte das traurige Resultat zum Unheil, das er nicht mehr ertrug. Aus dem unerträglichen Wechsel von Hoffnung und Mutlosigkeit befreite den kleinen Grubenbesitzer erst die mächtige Hand des großen und der »Gesellschaften«. Sie konnten viele Terrains auf einmal kaufen und mit der relativen Gelassenheit, die eine männliche Tugend des Reichtums ist, die Launen des unterirdischen Elements belauern. Zwischen diese Mächtigen, denen die Geduld gar nichts kostete und die schnell Millionen säen konnten, um langsam Milliarden zu ernten, schoben sich die mittelgroßen Terrain- und andere Spekulanten, mit dem mittelmäßigen Kredit und der mittelmäßigen Risikotapferkeit, und verringerten noch die Chancen des kleinen Abenteurers. Diese gaben allmählich ihre Träume auf. Sie behielten ihre Hütten. Manche schrieben ihre Namen über ihre Türen und begannen zu handeln, mit Seife, mit Schnürsenkeln, mit Zwiebeln, mit Leder. Sie kehrten aus den stürmischen und tragischen Regionen der Glücksjäger in die traurige Bescheidenheit kleiner Krämer heim. Die Hütten, die für ein paar Monate gebaut worden waren, blieben indessen lange Jahre stehen und stabilisierten ihre provisorische Hinfälligkeit zu einem charakteristischen Lokalkolorit. Sie erinnern an gestellte Bilder in Filmateliers und an primitive Buchdeckelillustrationen in kalifornischen Erzählungen und an Halluzinationen. Es scheint mir, der ich mehrere große Industriegebiete kenne, daß nirgends die nüchternen Geschäfte so phantastische Physiognomien tragen. Hier schweifte der Kapitalismus in Expressionismus aus. Und es scheint, daß dieser Ort seinen phantastischen Aspekt behalten wird. Die Stadt wandert nämlich – und keineswegs etwa nur in einem metaphorischen Sinn. Während die alten Quellen zeitweise stagnieren, eröffnen sich neue, und die staubige Straße wandert dem Petroleum nach. Sie schiebt ihre Häuschen vor, schlängelt sich zu einer Biegung und dehnt sich beflissen den Launen des Petroleums entgegen. Stehen in Boryslaw selbst und in Tustanowice die meisten Gruben still, so hämmern Tag und Nacht in Mraznica schon die Bohrer. Ich kann mich von der Vorstellung kaum befreien, daß diese Straße unendlich sein wird, ein langes, weißes, staubiges Band über Höhen und Tiefen, verschlungen und gerade, provisorisch und dennoch während, hinfällig wie das menschliche Glück und dauerhaft wie die menschliche Begierde. Ich will Ihnen gestehen, daß der Anblick dieser großen Stadt, die hauptsächlich aus einer Straße besteht, mich die realen Gesetze ihrer Gesellschaftsordnung vergessen ließ. Für einige Stunden schienen mir die Spekulation und die Leidenschaft des Geldverdienens elementar und beinahe geheimnisvoll. Die grotesken Gesichter, die hier die Gewinnsucht schnitt, die fortwährend gespannte Atmosphäre, in der sich die unheimlichen Übernacht-Katastrophen jeden Tag ereignen konnten, weckten mein Interesse mehr für die literarisch behandlungsfähigen Schicksale als für die alltäglichen. Die Tatsache, daß es auch hier Arbeiter und Angestellte, Lohntaxen und Arbeitslose geben mußte, verschwand oft hinter der romanhaften Qualität der Individuen. Die Phantasie war lebhafter als das Gewissen. Immerhin geht es den Erdölarbeitern unvergleichlich besser als etwa Grubenarbeitern. Es sind Qualitätsarbeiter, auch hier. Der durchschnittliche Tageslohn eines Gehilfen beträgt 9 Zloty, also 4.50 Mark, die Arbeit dauert 8 Stunden. Ein Werkmeister erhält 12 Zloty. Die Arbeitsbedingungen sind verhältnismäßig günstig. Man arbeitet in einem wenn auch nicht luftigen, so doch luftnahen Raum und der Geruch des Erdöls ist keineswegs unangenehm und soll sogar für die Lungen heilsam sein. Dem Laien erscheinen alle Instrumente, mit denen man bohrt, fast enttäuschend primitiv. Motoren treiben die Bohrer an. Ein Mann geht fortwährend langsam im Kreis um eine Art Bassin, eine horizontale Eisenstange in der Hand. So simpel seine Bewegung und seine Tätigkeit auch aussieht, so schwierig mag sie in Wirklichkeit sein. Die Fachleute berichten, daß die Kunst des Arbeiters darin besteht, den Grad und die Art der Bohrungsschwierigkeit, beziehungsweise die kleinen und großen Widerstände des Gesteins in der Hand zu fühlen. Die Hand des Arbeiters muß also eine stark entwickelte Tastempfindlichkeit haben und teilweise die Funktion des Auges ersetzen, das bei der Erdölgewinnung ja überhaupt ausgeschaltet ist. Wird zufällig durch einen hineingefallenen Gegenstand, eine große Schraube etwa, das Bohrloch verstopft, so wendet man sinnreiche und listige Mittel an, das Hindernis wieder hervorzuholen, Instrumente von schlauer Griff- und Fangfähigkeit, die im Finstern tasten. Ihre Bemühungen erinnern etwa an die Versuche, einen Pfropfen, der in ein dunkles und enghalsiges Gefäß hineingefallen ist, wieder ans Licht zu bringen. Dabei gehen Stunden, Monate und Geld verloren. Geld, Geld, sehr viel Geld! Bedenken Sie, daß eine Bohrung bis zu 1500 Meter etwa 90 000 Dollar kostet, und ziehen Sie daraus den Schluß, daß weder Sie noch ich jemals Grubenbesitzer werden können. Es ist ein Lotteriespiel für Leute, die es eigentlich nicht mehr nötig haben, für Banken und Konsortien und amerikanische Milliardäre. Die Menschen, denen hier einmal das Glück aus der Erde entgegenspringt, haben eigentlich schon das Organ verloren, das uns befähigt, durch materiellen Gewinn glücklich zu werden. Es ist ein gewisser Gegensatz zwischen der märchenhaften Art der Erde, Schätze zu spenden, und dem Aktienbesitz der Naphthagräber und der stoischen Ruhe, mit der sie das Wunder erwarten dürfen. Diese armen Schatzgräber sitzen sehr weit entfernt vom Schauplatz der Naturwunder, in den großen Städten des Westens, und der Umstand, daß sie fern, mächtig, unsichtbar und fast unpersönlich sind, verleiht ihnen den Glanz von Göttern, die mittels geheimnisvoller Ausstrahlung Ingenieure und Arbeiter dirigieren. Der allergrößte Teil der polnischen Gruben liegt im Besitz ausländischer Finanzgewalten. Aus einer Art mystisch gefüllter Kassen werden die Arbeitskräfte bezahlt. Irgendwo weit, auf den großen Börsen der Internationalität, werden Aktien gehandelt, und Transaktionen vollziehen sich nach unerforschten Gesetzen. Das Werden und Vergehen der Himmelskörper im Weltraum ist den Astronomen besser bekannt als den Grubenverwaltern und den Direktoren der Wechsel der Grubenbesitzer. Die kleinen Beamten dürfen nur dasitzen und zittern, wenn ihr Ohr der Widerhall größerer Gewitter auf den Weltmärkten trifft. So wurden zum Beispiel in diesen Tagen drei große Unternehmungen, »Fanto«, »Nafta« und »Dombrowa«, an ein französisches Konsortium verkauft. In Paris war es nur eine kleine Konferenz, drei oder vier Herren zogen ihre Füllfeder und wischten ihre Namen unter Verträge. In Boryslaw und im Land aber werden 500 Beamte brotlos, und der Hunger sieht durch ihre Fensterscheiben und klinkt schon ihre Türen auf, weil in Paris ein Gott ein kleines Sätzchen gesagt hat: Es werde zentralisiert! Und weil es ein französischer Gott war – und nicht zufällig ein englischer –, durchwirken außenpolitische Motive die bedauernden und über dieses Ausmaß der Arbeitslosigkeit erschrockenen polnischen Zeitungsartikel. Skeptiker wollen wissen, daß die neuen Besitzer nur ein Börsenmanöver planen und lediglich den Verkauf der Aktien zu hohen Preisen und eigentlich nicht die Ausbeutung der Gruben. Und sicher ist, selbst für Optimisten, daß Götter nicht zuverlässig sind und von jeder sozialen Gesinnung mindestens so weit entfernt wie von ihren Beamten und Arbeitern. Ich verließ diese Gegend an einem goldenen, friedlichen Abend, dem nicht anzusehen war, was für ein Gebiet er überwölbte. Die Arbeiter gingen mit der gleichmäßigen Sicherheit heim, mit der nur Bauern von der Feldarbeit kommen, und es war, als trügen auch sie Sensen auf den Schultern, wie ihre Großväter sie noch getragen hatten. Ein paar arme Leute standen am trüben Wasser und schöpften verirrtes Öl mit Kannen. Sie waren die kleinen Kollegen des großen Pariser Dreyfus. Sie haben nicht Aktien, sondern Eimer. Sie verkaufen das gefundene Öl in ganz winzigen Quantitäten und beleuchten damit ihre provisorischen Bretterbuden. Das ist alles, was ihnen die verschwenderische Natur zugedacht hat. Ihre Hütten standen schief, braun und ergeben im goldenen Sonnenglanz. Es schien, daß sie noch mehr zusammenrückten, kleiner wurden und vollkommen verschwinden wollten. Morgen würden sie nicht mehr vorhanden sein. Ich hoffe, lieber Freund, daß ich Ihnen eine Ahnung von der Atmosphäre des osteuropäischen Kalifornien vermitteln konnte. Ich beschrieb es Ihnen, um Ihnen zu zeigen, daß ich nicht durchaus Idyllisches aus diesem Land zu berichten entschlossen bin. Inzwischen verbleibe ich Ihr ergebener J. R. Weihnachten in Cochinchina Es geschah an einem der wunderbaren Tage, die dem Anbruch der Weihnachtsferien mit angehaltenem Atem vorangingen und die ich damals den schulfreien Zeiten ebenso vorzog, wie ich heute den Tag meiner Abfahrt einer langen Reise vorziehe, daß der Herr Lehrer sagte: »Jungens, wer fünf Pfennige hat, kommt heute nachmittag hierher in die Klasse, wir gehen ins Weltpanorama!« Ich streckte zwei Finger in die Höhe und sagte: »Ich habe keine fünf Pfennige!« Einen Augenblick herrschte Schweigen, wie wenn der Herr Direktor inspizieren gekommen wäre. Der Lehrer hatte sich umgewandt, den Rücken kehrte er der Klasse zu, das Angesicht der Tafel, als glaubte er, daß von ihr ein Gedanke komme, daß auf ihrer matten, schwarzen Fläche ein unsichtbarer Engel mit weißer Kreide einen guten Rat hinschreiben könnte. Wahrscheinlich geschah etwas Ähnliches. Denn nach ungefähr einer Minute wandte der Lehrer sein Gesicht wieder der Klasse zu und sagte zu mir, der ich immer noch stand: »Setz dich vorderhand!« In der Pause kam der Schuldiener in den Hof und holte mich zum Herrn Direktor in die Kanzlei. »Zeig deine schmutzigen Finger her!« schrie der Herr Direktor. Ich hielt beide Hände in die Luft, waagrecht vor mich hin. Der Herr Direktor beugte sich ein wenig hinab, um sie zu betrachten. Er hatte aber nicht den goldgeränderten Zwicker angelegt, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn er etwas ernstlich zu untersuchen entschlossen war. Ich wußte bereits, daß es sich um etwas ganz anderes handelte als um meine schmutzigen Finger. »Du gehst heute mit ins Weltpanorama, ohne zu zahlen!« sagte der Herr Direktor. Vielleicht hätte er mir noch etwas mitzuteilen gehabt. Aber es läutete schon. Deshalb murmelte er nur: »Geh in die Klasse!« Ich kratzte mit einem Fuß die Diele und ging. Am Nachmittag um drei Uhr, die Dämmerung lauerte schon an den Fenstern, brachen wir auf zum Weltpanorama. Es lag in einer stillen, kleinen Gasse und sah von außen einem gewöhnlichen Laden ähnlich. Über der Glastür hing eine rot-weiße Fahne, öffnete man die Tür, so erklang eine Glocke wie ein Gruß. Am Eingang saß eine Dame wie eine grauhaarige Königin und verkaufte Eintrittskarten. Drinnen war es dunkel, warm und sehr still. Sobald sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erblickten sie einen Kasten, rund wie ein Karussell, hoch wie der halbe Raum, mit Gucklöchern in Manneshöhe die ganze Rundung entlang, in Abständen von etwa je zwanzig Zentimetern. Die Gucklöcher an dem Kasten leuchteten wie Katzenaugen in der Finsternis. Man ahnte, daß der Kasten innen hohl und beleuchtet war. Unten stahl sich aus seinem Innern ein schwacher, geheimnisvoller Schimmer und verschwamm auf dem Fußboden. Vor jedem Guckloch-Paar stand ein runder Klaviersessel. »Setzen!« sagte der Herr Lehrer, es klang wie in der Klasse, aber in der Finsternis war es kein Befehl, sondern nur eine Art milder Einladung. Wir rückten mit den Stühlen, ich saß, weil ich zu klein war, nicht ganz, sondern hatte den runden Sessel gleichsam halb gelüftet und preßte meine Nase gegen die Wand des Kastens, meine Augen gegen die Gucklöcher, die von Metall umrahmt waren. Drinnen erschienen Bilder aus Cochinchina. Der Himmel war blau, unendlich, strahlend. Es war jene Art von sommerlichem Blau, das so aussieht, als hätte es in sich eine Menge Sonnengold verschluckt, verwischt, zerrieben und in noch mehr Blau verwandelt. Man hatte die Empfindung, daß dieser blaue Himmel strahlen müßte, auch wenn er keine Sonne zu tragen hätte. Aber zum Überfluß schien auch noch die Sonne. Nach dem zweiten Bild wußte ich nicht mehr, daß draußen Dezember war und Regen in gasförmigem Aggregatzustand in der Luft. Die Sonne rann aus dem Kasten durch die Augen ins Herz und gleichzeitig in die Welt. Unbeweglich wie eine Art Naturtürme ragten riesenhohe Palmen und warfen einen kurzen, mittäglichen Schatten, der sich scharf und schwarz auf dem gelben Boden abzeichnete. Weiße Männer in Tropenhelmen standen da wie eingeklebt, mitten im Gehen aufgehalten, ein Fuß schwebte immer noch in der Luft – und man glaubte, er werde die Erde berühren, sobald das nächste Bild erschienen wäre. Man sah halbnackte Eingeborenenfrauen mit erregenden Brüsten, wie schöne, bronzene Kegel, die allzuschnell verschwanden, und mit blauen Lendenschurzen, die gewiß abgefallen wären, wenn man die Bilder hätte halten können. Man sah eine Schule im Freien. Eine vollkommen zugeknöpfte Lehrerin aus Europa unterrichtete völlig nackte Kinder. Alle hielten Schiefertafeln im Schoß und saßen auf ihren eigenen Füßen. Nur die Lehrerin saß erhöht auf einem umgelegten Baum, einem Elementarkatheder. Man sah Fischer und Badende, einen Radfahrer mit einem Girardihut und eine Dame mit einem wehenden Reiseschleier, der hinter ihr weiß und waagrecht durch die Luft schwamm, wie Rauch hinter dem Schornstein eines Dampfers. Sooft ein neues Bild erschien, räusperte sich etwas im Kasten, wie in alten Uhren, ehe sie schlagen. Dann erklang ein leiser, heller, lieblicher Gongschlag. Dann erfolgte eine leise Erschütterung, es bebte das Gefüge des runden Apparates, als ächzte er unter der Mühe, so viele fremde, ferne Welten heranzuholen. Immer tiefer wurde das Blau, strahlender das Weiß, goldener die Sonne, azuren wurde das Grün, aufregender die regungslosen Frauenleiber, anmutiger die nackten Kinder. Nach einer halben Stunde wiederholte sich das erste Bild. Da ertönte die Stimme des Lehrers wie Dezember: »Aufstehn!« Ich trottete betäubt nach Hause. Es war, als wäre der Dezember ein Traum, der bald vorbei sein, und Cochinchina die Wirklichkeit, in die ich bald erwachen müßte. So blieb es eigentlich viele Jahre lang. In mir lag Cochinchina, wie in jenem Kasten.   Vor einem Jahr, um die Weihnachtszeit, kam ich in eine kleine Stadt. In einer schmalen, engen Gasse erblickte ich ein Schild. »Weltpanorama« stand darauf. »Cochinchina!« jubelte meine Erinnerung. Ich ging hinein – nicht mehr umsonst, es kostete fünfzig Pfennige für Erwachsene, zu denen ich merkwürdigerweise gezählt wurde. Es war fast leer. Der Kasten räusperte sich, der Gong schlug an, genau wie damals. Aber auf den Bildern war nicht mehr Cochinchina zu sehen. Man zeigte vielmehr die Schweiz. – Leider. – Mitten im Winter. – Schneegipfel. – Ein Hotel mit modernem Komfort, mit einer Lesehalle. – Ich lehnte mich zurück. Zwei Stühle von mir entfernt saß ein Herr. Er sah, wie mir schien, leidenschaftlich interessiert durch die Gucklöcher. Welch ein langweiliger Kerl! dachte ich voller Gehässigkeit, mitten in der Weihnachtszeit. Als ich aber wieder draußen stand, wurde ich sanft und gerecht. Vielleicht – so dachte ich – hat er in seiner Knabenzeit gerade die Schweiz sehen dürfen. – Umsonst. – Vor Weihnachten – Und: schließlich hat jeder sein Cochinchina. Bemerkungen zum Tonfilm Der sprechende Film verstärkt nicht etwa die Täuschung, daß die beweglichen Schatten lebendige Menschen sind, sondern überzeugt viel eher von der Tatsache, daß sie Schatten sind. Die Stimme kommt gleichsam aus einer anderen, uns, den lebendigen Zuschauern, näheren Dimension. Die menschliche Stimme scheint eine sehr körperliche Demonstration zu sein, körperlicher als der Körper, dem sie entströmt. Die Stimme des Sängers im Konzertsaal überwölbt, verhüllt, ja verdrängt manchmal die Erscheinung des Sängers. Schon der sprechende Mensch ist eine doppelte körperliche Existenz. Oft verwandelt sich der Schweigende vollkommen, sobald er zu sprechen beginnt. Was wir von ihm hören, verändert den Eindruck, den wir hatten, als wir ihn nur sahen. Die Stimme »geht uns näher«. Sie scheint unmittelbarer zu sein als das Angesicht, die Hand, die ruht. Ja, die Stimme ist eine direkte körperliche Berührung . Es nützt wenig, daß im Tonfilm die Bewegungen der Lippen, der Gesichtsmuskeln, der Hände genau mit den gehörten Lauten übereinstimmen. Ja, man könnte sagen: je genauer die sichtbare Artikulierung ist, desto deutlicher wird der Eindruck, daß ein Schatten artikuliert, desto größer wird die Distanz zwischen der Unmittelbarkeit der gehörten Laute und dem Schattenhaften der gleichzeitigen Bewegung. Zwar ist die Stimme ebenso nur »aufgenommen« wie der lebendige Schauspieler. Da aber schon die originale Stimme direkter war als der originale Körper, ist auch die Wirkung der »aufgenommenen« unmittelbarer. Ihr kommt die Bereitwilligkeit zustatten, mit der wir gewohnt sind, uns den Sprecher (den Sänger) »vorzustellen«, wenn wir nur seine Stimme hören (durch das Telephon oder aus dem Grammophon); beinahe den Blitz zu sehen, wenn wir nur den Donner hören: jene natürliche Eigenschaft also, der zufolge der Gehörsinn die visuelle »Vorstellungskraft« stärker und flinker in Funktion setzt als jeder andere Sinn. Im Tonfilm erscheint also die Stimme näher als das Photo, als das bewegte Photo. Sie erfüllt den ganzen Raum, berührt jeden Zuschauer körperlich, gelangt fast gleichmäßig stark an jeden Platz im Saal. Das Bild bleibt gefesselt an die Leinwand, gefangen in seiner Zweidimensionalität. Als ihm die Stimme noch fehlte, als nur die Musik noch seine Bewegungen begleitete, befruchtete die Beweglichkeit dermaßen unsere »Vorstellungskraft«, daß wir selbst die fehlende dritte Dimension dem Schatten ausliehen, also: »andichteten«. Nun aber scheint nicht die Stimme die Bewegung zu begleiten, sondern umgekehrt die Aktion der Schatten die Modulationen der Stimmen. Und erst, da wir den Tonfilm haben, wissen wir, wieviel der Film der Begleitmusik zu verdanken hat. Sie macht nicht nur die Stimme überflüssig, sie ersetzt gleichsam die dritte Dimension (im Verein mit unserer Phantasie) – weil sie aus einer »andern Welt« kam, um eine nachbarliche zu unterstützen. Eine nachbarliche, aber doch eine fremde. Die Begleitmusik kommt also gewissermaßen aus einer solchen Fremde her, daß sie in der Tat »nur« begleiten kann und die wichtigste Funktion der Beweglichkeit und der Täuschungsfähigkeit des Schattens verbleibt. Die Stimme aber ist die siegreiche Konkurrenz des Bildes . Nur gelegentlich vermag der Eindruck des sprechenden Bildes ebenso unmittelbar zu sein wie der seiner Stimme; in der »Großaufnahme« etwa. Also das Bild des sprechenden Mundes muß schon einen erheblich großen Teil der Leinwandfläche ausfüllen, um mit seinen eigenen Lauten zu konkurrieren. Man beachte im Tonfilm etwa die normale Aufnahme eines rollenden Wagens und vergleiche den Anblick der Räder mit dem Geräusch des Rollens. Dies scheint von den Rädern gelöst zu sein, weil artikulierende Bewegungen nicht vorhanden sind. Die Räder rollen lautlos, wie im gewöhnlichen Film, über die Leinwand. Über dem Bild von den Rädern ertönt das Rollen, nicht aus dem Bild selbst. Das Ohr des Zuschauers wird empfindlicher als sein Auge. Neben dem suggestiven, betäubenden Lärm wird die Suggestionskraft der gesehenen Drehung bedeutungslos. Das Geräusch erweist sich als körperlich, die Drehung als nicht genug täuschend. Aktuell scheint also die Frage: Was muß der Film tun, um das Bild ebenso suggestiv zu machen wie seine akustische Äußerung? Der »Film«, das bewegte Bild, erhält, wie wir gesehen haben, keine Unterstützung vom gleichzeitig aufgenommenen und wiedergegebenen »Ton«, sondern im Gegenteil eine Abschwächung. Die Herstellung des beweglichen Bildes hat also nichts zu erwarten von der neuen Erfindung. Das Bild wird versuchen müssen, selbständig eine Perfektion zu erlangen, die ihm eine Konkurrenz, also eine Übereinstimmung mit seiner eigenen akustischen Äußerung gestattet. Vielleicht ist die Zeit gekommen, wo der Maler den Photographen zu ersetzen beginnt. Beziehungsweise, wo sich die Photographie die körperliche Wirkungskraft von der »Kunst« leihen muß. Seine k. und k. apostolische Majestät Für Stefan Zweig Es war einmal ein Kaiser. Ein großer Teil meiner Kindheit und meiner Jugend vollzog sich in dem oft unbarmherzigen Glanz seiner Majestät, von der ich heute zu erzählen das Recht habe, weil ich mich damals gegen sie so heftig empörte. Von uns beiden, dem Kaiser und mir, habe ich recht behalten – was noch nicht heißen soll, daß ich recht hatte. Er liegt begraben in der Kapuzinergruft und unter den Ruinen seiner Krone, und ich irre lebendig unter ihnen herum. Vor der Majestät seines Todes und seiner Tragik – nicht vor seiner eigenen – schweigt meine politische Überzeugung, und nur die Erinnerung ist wach. Kein äußerer Anlaß hat sie geweckt. Vielleicht nur einer jener verborgenen, inneren und privaten, die manchmal einen Schriftsteller reden heißen, ohne daß er sich darum kümmerte, ob ihm jemand zuhört. Als er begraben wurde, stand ich, einer seiner vielen Soldaten der Wiener Garnison, in der neuen, feldgrauen Uniform, in der wir ein paar Wochen später ins Feld gehen sollten, ein Glied in der langen Kette, welche die Straßen säumte. Der Erschütterung, die aus der Erkenntnis kam, daß ein historischer Tag eben verging, begegnete die zwiespältige Trauer über den Untergang eines Vaterlandes, das selbst zur Opposition seine Söhne erzogen hatte. Und während ich es noch verurteilte, begann ich schon, es zu beklagen. Und während ich die Nähe des Todes, dem mich noch der tote Kaiser entgegenschickte, erbittert maß, ergriff mich die Zeremonie, mit der die Majestät (und das war Österreich-Ungarn) zu Grabe getragen wurde. Die Sinnlosigkeit seiner letzten Jahre erkannte ich klar, aber nicht zu leugnen war, daß eben diese Sinnlosigkeit ein Stück meiner Kindheit bedeutete. Die kalte Sonne der Habsburger erlosch, aber es war eine Sonne gewesen. An dem Abend, an dem wir in Doppelreihen in die Kaserne zurückmarschierten, in den Hauptstraßen noch Parademarsch, dachte ich an die Tage, an denen mich eine kindische Pietät in die körperliche Nähe des Kaisers geführt hatte, und ich beklagte zwar nicht den Verlust jener Pietät, aber den jener Tage. Und weil der Tod des Kaisers meiner Kindheit genau so wie dem Vaterland ein Ende gemacht hatte, betrauerte ich den Kaiser und das Vaterland wie meine Kindheit. Seit jenem Abend denke ich oft an die Sommermorgen, an denen ich um sechs Uhr früh nach Schönbrunn hinausfuhr, um den Kaiser nach Ischl abreisen zu sehen. Der Krieg, die Revolution und meine Gesinnung, die ihr recht gab, konnten die sommerlichen Morgen nicht entstellen und nicht vergessen machen. Ich glaube, daß ich jenen Morgen einen stark empfindlichen Sinn für die Zeremonie und die Repräsentation verdanke, die Fähigkeit zur Andacht vor der religiösen Manifestation und vor der Parade des neunten November auf dem Roten Platz im Kreml, vor jedem Augenblick der menschlichen Geschichte, dessen Schönheit seiner Größe entspricht, und vor jeder Tradition, die ja zumindest eine Vergangenheit beweist. An jenen Sommermorgen regnete es grundsätzlich nicht, und oft leiteten sie einen Sonntag ein. Die Straßenbahnen hatten einen Sonderdienst eingerichtet. Viele Menschen fuhren hinaus, zu dem höchst naiven Zweck der Spalierbildung. Auf eine sonderbare Weise vermischte sich ein sehr hohes, sehr fernes und sehr reiches Trillern der Lerchen mit den eilenden Schritten Hunderter Menschen. Sie liefen im Schatten, die Sonne erreichte erst die zweiten Stockwerke der Häuser und die Kronen der höchsten Bäume. Von der Erde und von den Steinen kam noch nasse Kühle, aber über den Köpfen begann schon die sommerliche Luft, so daß man gleichzeitig eine Art Frühling und den Sommer fühlte, zwei Jahreszeiten, die übereinanderlagen, statt aufeinanderzufolgen. Der Tau glänzte noch und verdunstete schon, und von den Gärten kam der Flieder mit der frischen Vehemenz eines süßen Windes. Hellblau und straff gespannt war der Himmel. Von der Turmuhr schlug es sieben. Da ging ein Tor auf, und ein offener Wagen rollte langsam heraus, weiße Pferde mit zierlichem Schritte und gesenkten Köpfen, ein regloser Kutscher auf einem sehr hohen Bock, in einer grau-gelben Livree, die Zügel so locker in der Hand, daß sie eine sanfte Mulde über den Rücken der Pferde bildeten und daß es unverständlich blieb, warum die Tiere so straff gingen, da sie doch offensichtlich Freiheit genug hatten, ein ihnen natürliches Tempo anzuschlagen. Auch die Peitsche rührte sich nicht, kein Instrument der Züchtigung, nicht einmal eins der Mahnung. Ich begann zu ahnen, daß der Kutscher andere Kräfte hatte als die seiner Fäuste und andere Mittel als Zügel und Peitsche. Seine Hände waren übrigens zwei blendende, weiße Flecke mitten im schattigen Grün der Allee. Die hohen und großen, aber zarten Räder des Wagens, deren dünne Speichen an glänzende Dirigentenstäbe erinnerten, an ein Kinderspiel und eine Zeichnung in einem Lesebuch – diese Räder vollendeten ein paar sanfte Drehungen auf dem Kies, der lautlos blieb, als wäre er ein fein gemahlener Sand. Dann stand der Wagen still. Kein Pferd bewegte den Fuß. Kaum, daß eines ein Ohr zurücklegte – und schon diese Bewegung empfand der Kutscher als ungeziemend. Nicht, daß er sich gerührt hätte! Aber ein ferner Schatten eines fernen Schattens zog über sein Angesicht, so daß ich überzeugt war, sein Unmut käme nicht aus ihm selbst, sondern aus der Atmosphäre und über ihn. Alles blieb still. Nur Mücken tanzten um die Bäume, und die Sonne wurde immer wärmer. Polizisten in Uniform, die bis jetzt Dienst gemacht hatten, verschwanden plötzlich und lautlos. Es gehörte zu den kalt berechneten Anordnungen des alten Kaisers, daß kein sichtbar Bewaffneter ihn und seine Nähe bewachen durfte. Die Polizeispitzel trugen graue Hütchen statt der grünen, um nicht erkannt zu werden. Komiteemänner in Zylindern, mit schwarz-gelben Binden, erhielten die Ordnung aufrecht und die Liebe des Volkes in den gebührenden Grenzen. Es wagte nicht, die Füße zu bewegen. Manchmal hörte man sein gedämpftes Gemurmel, es war, als flüsterte es eine Ehrenbezeugung im Chor. Es fühlte sich dennoch intim und gleichsam im kleinen Kreis eingeladen. Denn der Kaiser war gewohnt, im Sommer ohne Pomp abzureisen, in einer Morgenstunde, die von allen Stunden des Tages und der Nacht gewissermaßen die menschlichste eines Kaisers ist, jene, in der er das Bett, das Bad und die Toilette verläßt. Deshalb hatte der Kutscher die heimische Livree, dieselbe fast, die der Kutscher eines reichen Mannes trägt. Deshalb war der Wagen offen und hatte hinten keinen Sitz. Deshalb befand sich niemand neben dem Kutscher auf dem Bock, solange der Wagen nicht fuhr. Es war nicht das spanische Zeremoniell der Habsburger, das Zeremoniell der spanischen Mittagssonne. Es war das kleine österreichische Zeremoniell einer Schönbrunner Morgenstunde. Aber gerade deshalb war der Glanz besser wahrzunehmen, und er schien mehr vom Kaiser selbst auszugehen als von den Gesetzen, die ihn umgaben. Das Licht war besänftigt und also sichtbar und nicht blendend. Man konnte gleichsam seinen Kern sehen. Ein Kaiser am Morgen, auf einer Erholungsreise, im offenen Wagen und ohne Gesinde: ein privater Kaiser. Eine menschliche Majestät. Er fuhr von seinen Regierungsgeschäften weg, in Urlaub fuhr der Kaiser. Jeder Schuster durfte sich einbilden, daß er dem Kaiser den Urlaub gestattet hatte. Und weil Untertanen sich am tiefsten beugen, wenn sie einmal glauben dürfen, sie hätten dem Herrn etwas zu gewähren, waren an diesem Morgen die Menschen am untertänigsten. Und weil der Kaiser nicht durch ein Zeremoniell von ihnen getrennt wurde, errichteten sie selbst, jeder für sich, ein Zeremoniell, in das jeder den Kaiser und sich selbst einbezog. Sie waren nicht zu Hof geladen. Deshalb lud jeder den Kaiser zu Hof. Von Zeit zu Zeit fühlte man, wie sich ein scheues und fernes Gerücht erhob, das gleichsam nicht den Mut hatte, laut zu werden, sondern nur gerade noch die Möglichkeit, »ruchbar« zu sein. Es schien plötzlich, daß der Kaiser schon das Schloß verlassen hatte, man glaubte zu fühlen, wie er im Hof das Gedicht eines deklamierenden Kindes entgegennahm, und wie man von einem herannahenden großen Gewitter zuerst den Wind verspürt, so roch man hier von dem herannahenden Kaiser zuerst die Huld, die vor den Majestäten einherweht. Von ihr getrieben, liefen ein paar Komiteeherren durcheinander, und an ihrer Aufregung las man wie an einem Thermometer die Temperatur, den Stand der Dinge ab, die sich im Innern zutrugen. Endlich entblößten sich langsam die Köpfe der vorne Stehenden, und die rückwärts standen, wurden plötzlich unruhig. Wie? Hatten sie etwa den Respekt verloren?! Oh, keineswegs! Nur ihre Andacht war neugierig geworden und suchte heftig ihren Gegenstand. Jetzt scharrten sie mit den Füßen, sogar die disziplinierten Pferde legten beide Ohren zurück, und es geschah das Unglaublichste: der Kutscher selbst spitzte die Lippen wie ein Kind, das an einem Bonbon lutscht, und gab dermaßen den Pferden zu verstehen, daß sie sich nicht so benehmen dürfen wie das Volk. Und es war wirklich der Kaiser. Da kam er nun, alt und gebeugt, müde von den Gedichten und schon am frühen Morgen verwirrt von der Treue seiner Untertanen, vielleicht auch ein wenig vom Reisefieber geplagt, in jenem Zustand, der dann im Zeitungsbericht »die jugendliche Frische des Monarchen« hieß, und mit jenem langsamen Greisenschritt, der »elastisch« genannt wurde, trippelnd fast und mit sachte klirrenden Sporen, eine alte schwarze und etwas verstaubte Offiziersmütze auf dem Kopf, wie man sie noch zu Radetzkys Zeiten getragen hatte, nicht höher als vier Mannesfinger. Die jungen Leutnants verachteten diese Mützenform. Der Kaiser war der einzige Angehörige der Armee, der sich so streng an die Vorschriften hielt. Denn er war ein Kaiser. Ein alter Mantel, innen verblaßtes Rot, hüllte ihn ein. Der Säbel schepperte ein wenig an der Seite. Seine stark gewichsten, glatten Zugstiefel leuchteten wie dunkle Spiegel, und man sah seine schmalen, schwarzen Hosen mit den breiten, roten Generalsstreifen, ungebügelte Hosen, die nach alter Manier rund waren wie Röllchen. Immer wieder hob der Kaiser seine Hand salutierend an das Dach seiner Mütze. Dabei nickte er lächelnd. Er hatte den Blick, der nichts zu sehen scheint und von dem sich jeder getroffen fühlt. Sein Auge vollzog einen Halbkreis wie die Sonne und verstreute Strahlen der Gnade an jedermann. An seiner Seite ging der Adjutant, fast ebenso alt, aber nicht so müde, immer einen halben Schritt hinter der Majestät, ungeduldiger als diese und wahrscheinlich sehr furchtsam, von dem innigen Wunsch getrieben, der Kaiser möchte schon im Wagen sitzen und die Treue der Untertanen ein vorschriftsmäßiges Ende haben. Und als ginge der Kaiser nicht selbst zum Wagen, sondern als wäre er imstande, sich irgendwo im Gewimmel zu verlieren, wenn der Adjutant nicht da wäre, machte dieser fortwährend winzige, unhörbare Bemerkungen an dem Ohr des Kaisers, der sich wirklich nach jedem Flüstern des Adjutanten in eine andere Richtung, fast unmerklich, wandte. Schließlich hatten beide den Wagen erreicht. Der Kaiser saß und grüßte noch lächelnd im Halbkreis. Der Adjutant lief hinten um den Wagen herum und setzte sich. Aber ehe er sich noch gesetzt hatte, machte er eine Bewegung, als wollte er nicht an der Seite des Kaisers, sondern ihm gegenüber Platz nehmen, und man konnte deutlich sehen, wie der Kaiser etwas rückte, um den Adjutanten aufzumuntern. In diesem Augenblick stand auch schon ein Diener mit einer Decke vor den beiden, die sich langsam über die Beine der beiden Alten senkte. Der Diener machte eine scharfe Wendung und sprang, wie von einem Gummi gezogen, auf den Bock, neben den Kutscher. Es war des Kaisers Leibdiener. Er war fast so alt wie der Kaiser, aber gelenkig wie ein Jüngling; denn das Dienen hatte ihn jung erhalten, wie das Regieren seinen Herrn alt gemacht hatte. Schon zogen die Pferde an, und man erhaschte noch einen silbernen Glanz vom weißen Backenbart des Kaisers. »Vivat!« und »Hoch!« schrie die Menge. In diesem Augenblick stürzte eine Frau vor, und ein weißes Papier flog in den Wagen, ein erschrockener Vogel. Ein Gnadengesuch! Man ergriff die Frau, der Wagen hielt, und während Zivilpolizisten sie an den Schultern griffen, lächelte ihr der Kaiser zu, wie um den Schmerz zu lindern, den ihr die Polizei zufügte. Und jeder war überzeugt, der Kaiser wisse nicht, daß man jetzt die Frau einsperren würde. Sie aber wurde in die Wachstube geführt, verhört und entlassen. Ihr Gesuch sollte schon seine Wirkung haben. Der Kaiser war es sich selbst schuldig. Fort war der Wagen. Das gleichmäßige Getrappel der Pferde ging unter im Geschrei der Menge. Die Sonne war heiß und drückend geworden. Ein schwerer Sommertag brach an. Vom Turm schlug es acht. Der Himmel wurde tiefblau. Die Straßenbahnen klingelten. Die Geräusche der Welt erwachten. Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern Die alten Schlachtenbilder sind nicht schrecklich, sondern eher rührend. Das blutige Rot, das einmal auf ihnen vorgeherrscht haben mag, ist ziegelrot geworden, ein bißchen Karotten-Rot, die friedlichste Nuance dieser Farbe, der Pazifismus des Rot. Die zerfetzten Fahnen wehen der Schlacht voran. Zwar sind sie von Säbeln zerschnitten, von Lanzen zerrissen, von Kugeln durchlöchert. Aber schon die Tatsache, daß sie, zarte Gebilde aus Stoff und Seide, den üblichen Waffen begegnen können und viele Schlachten überleben, bestätigt den Eindruck, daß vor alten Zeiten die Kriege in der Wirklichkeit harmloser waren, als sie in den Büchern der Geschichte dargestellt werden. Die Anwesenheit zahlreicher Gefallener ist unleugbar. Ihr Tod aber scheint kein endgültiger zu sein. Sie haben noch Zeit, mit einem Fluch auf den Lippen zu sterben oder mit einem Segen für die Sache, für die sie gekämpft haben. Offenbar ist ihnen in der Sekunde des Todes ganz klar, daß sie entweder durch ein Wunder wieder zum fröhlichen Kriegsleben erwachen, oder sie sehen schon die militärische Abteilung des Himmels, in die sie kommen werden. Kein Wunder! Die Feinde sind gewöhnlich ungläubig; Türken, Janitscharen, Tataren, im Grunde vielleicht Monotheisten, aber nur mit einem gründlichen Mißverständnis. Das beweisen schon ihre krummen Schwerter. Die auf unserer – der christlichen – Seite kämpfen, haben gerade Schwerter (für den Charakter der Kämpfer symbolisch) mit einem Griff, aus dem jederzeit ein Kreuz herzustellen ist. Während die Janitscharen, die Tataren, die Sarazenen kleine, flinke und rötliche Pferde bevorzugen, reiten die okzidentalen Helden auf Schimmeln, die an Gralstauben erinnern. Die prominenten Helden werden im letzten Augenblick von der gewöhnlichen Mannschaft gerettet. Der Retter wird zumeist tödlich verwundet. Aber man ahnt bereits, daß seine Nachkommen ein Lehen erhalten werden, sobald der Prominente geheilt sein wird. Die Schlacht spielt sich gewöhnlich in der Ebene ab, deren Charakter durch umliegende Hügel bestätigt wird. Auf diesen Hügeln stehen die ganz Großen, diejenigen, in deren Namen gekämpft wird. Unsichtbar, hinter den Hügeln, stehen wahrscheinlich ihre weißen Zelte, in denen die schwarzhaarigen Kurtisanen lagern und den Daumen halten. Geht die Schlacht ungünstig aus, so sind diejenigen, in deren Namen sie geführt wurde, die ersten, umzukehren und in die Zelte zu gehen. Diese müssen dann zwar in aller Eile abgebrochen werden. Aber immerhin hat der Besiegte noch Zeit, seine Geliebte flüchtig zu umarmen. Manchmal nur geschieht es, daß der Hügel – und was hinter ihm liegt – nicht rechtzeitig geräumt wird. Dann stürmen die Sieger aus der bequemen Ebene hinan, und die ersten, die oben stehen, winken jenen, die noch unten sind. Das Winken spielt überhaupt im Krieg eine große Rolle. Immer winkt einer dem andern: zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod. Und den Winkenden ist deutlich anzusehen, daß sie wissen, daß sie ganz genau wissen: sie seien Beispiele und würden als solche auf die Nachwelt kommen. Die Sache, für die sie kämpfen und winken, ist eine gute. Die Nachfolgenden ahnen es bereits und zögern nicht. Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und gelb, der Staub weiß. Die Kehlen der Kämpfer sind trocken, der Zuschauer verdurstet schon beim Anblick der Schlacht. Diverse Wunden dürften Fieber verursachen und den Durst verstärken. Man möchte einen Eimer frischen Wassers hintragen und den Leuten helfen, die da im Sonnenbrand ihre schwere Pflicht erfüllen. Man möchte die Streiter laben. Es geht nicht! Kein Quell ist in der Nähe und vor allem kein Eimer zur Hand! Man tröstet sich! Nach der Schlacht werden sie trinken. Die Schlacht ist zu Ende, wenn der Abend kommt. Man weiß, daß der besonnte Teil des Tages ungefähr zwölf Stunden zählt. Sobald die Sonne hinter einem der ihr zur Verfügung stehenden Hügel untergeht, blasen die Trompeten den Rückzug, selbst wenn die Schlacht noch nicht entschieden ist. Die Mondsichel klimmt langsam den Horizont hinan und erinnert an die krummen Schwerter der Feinde. Die Unverletzten legen sich schlafen. Und die Verwundeten beginnen zu stöhnen.   Nichts Schrecklicheres als die Tatsache, daß der letzte Krieg schon anfängt, ein Gegenstand dieser idyllischen Kriegsmaler zu werden. Knappe zehn Jahre, nachdem er aufgehört hat! Besonders in den Siegerländern, die sich einbilden, ungefähr in der Art über uns gesiegt zu haben, wie die Ritter der Christenwelt dereinst über die Heiden. Die Giftgase sehen aus wie niedliche Wölkchen einer die Auferstehung garantierenden Vernichtung. Die Kanönchen speien ein liebliches Feuerchen. Die Aeroplänchen surren eilig durch die Lüftchen. Rührende Feldpostkärtchen schreiben die Heldchen an die Liebchen daheim. Besonders beliebt sind die Sturmangriffe. Genau so wie bei den Sarazenen! Man stürmt mit Bajonetten gegen besetzte Hügel. Man verhakt sich mit den Eingeweiden im Drahtverhau. Und man winkt! Man winkt! Zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod! Und wir leben noch. Wir, die Sarazenen und die Christen. Und wir sehen zu, wie sie uns malen, unsere Väter, unsere jüngeren Brüder. Sie machen Filme von uns und Kriegsbilder, an die Wändchen zu hängen. Auf daß die Enkel wieder Lust bekommen. Vor unsern eigenen lebendigen Augen porträtieren sie unsre Eingeweide. Schon verniedlichen sie unsren eigenen Tod. Schon machen sie Feldherrnhügel aus unseren Leichenhügeln. Kaum zehn Jahre. Zehn Jährchen! Sie bauen auf – schon wieder! – und sie malen! ... Aber das Rot, das sie jetzt verwenden – und das ist unser einziger, armseliger Trost! – wird niemals die pazifistische Ziegel-Nuance bekommen. Es wird rot sein, rot wie Blut und Feuer. Unser Blut, unser Feuer. Die Farben von heute haben eine andere Substanz. Wirkliches Blut ist ihnen beigemischt. Und unser Tod war der letzte Tod, der noch idyllisch umzulügen ist. Der Tod unserer Maler wird ein anderer sein, nicht mehr zu malen. Ersticken werden sie, zu Hause, im Atelier – die Palette in der Linken und den Pinsel in der lügenden Rechten! ... Auf das Antlitz eines alten Dichters (Statt einer Besprechung seiner »Ausgewählten Werke«) Der Dichter, von dessen Angesicht ich hier zu berichten habe, ist nicht weniger als achtzig Jahre alt. Er lebt in Linz. Der Linzer Landesschulinspektor Dr. Franz Berger hat die ausgewählten Werke des Dichters herausgegeben; in dem Linzer Verlag der ausdrücklich so benannten Hofbuchdruckerei Josef Feichtingers Erben. Dieses Buch hat der alte Dichter dem Herrn Bernhard Seuffert in dankbarer Verehrung zugeeignet. Und der ist ein Professor und lebt in Graz. Der Dichter heißt Edward Samhaber . Im Laufe seines langen Lebens hat er reichlich Gelegenheit gefunden, unter dem Titel »Frühlingslieder« die so oft besungene Jahreszeit mit echtem Gefühl zu behandeln, unter dem Titel »Herbstlied« den Herbst, unter dem Titel »Abschied« den Abschied und unter dem Titel »Klagelied des Armen« die Armut, von der man nicht oft genug sprechen kann. Es ist ein schlichter Dichter; auch im Dialekt, in dem er zu Hause ist, fühlt er sich zu Hause, eines seiner Gedichte heißt naturgemäß: »'s Hoamatland«, und sogar der ältesten Vergangenheit ist er nicht fremd: er hat unter anderm den »Heliand« nachgedichtet, und seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen seine Werke. Das sind Verdienste, gewiß. Aber der Schreiber dieser Zeilen ist ein unseliges Kind dieses unseligen Jahrhunderts, und es ist ein Fluch, an so manchen Verdiensten achtlos vorbeizugehen und seinen eigenen zu leben. Es gibt nur wenige Dinge in der Welt, die imstande sind, ihn auf seinem unfreundlichen Weg aufzuhalten. Zu diesen Dingen gehören ganz bestimmte Porträts alter Männer, auch wenn es nicht immer Dichter sind. Der Herausgeber der »Ausgewählten Dichtungen« Samhabers hat nun an den Anfang des Buches die schönste Dichtung gesetzt, an der allerdings der liebe Gott selbst mit den bedeutenden Mitteln seiner schon so oft erwähnten Genialität und im Verein mit Herrn Samhaber gearbeitet haben dürfte: diese Dichtung ist das Porträt des achtzigjährigen Edward Samhaber. Unter dem Bild stehen von des Dichters Hand in einer sympathischen und sorgfältigen, nicht großen, aber auch nicht kleinen, nicht gewöhnlichen, aber auch nicht gesuchten, runden und manchmal unterbrochenen lateinischen Schrift die edlen Worte: »Dolor pater artis«. Ja, verehrter achtzigjähriger Dichter! Der Schmerz ist der Vater der Kunst. Diese Worte sind nicht Samhabers Worte – aber es gibt Zitate, die, wenn sie von bestimmten Menschen angewendet werden, von diesen Menschen auch neu erfunden sind. Es ist, als würden die lauteren Worte noch einmal so schön geläutert. Von des einen Lippen kommen sie entweiht, und von des andern Lippen tönen sie mit edlem, neuem Klang. Samhaber darf sie sprechen. Edward Samhaber trägt seinen Hut gerade auf dem Kopf. Der Hut bedeckt die Stirn des Dichters fast bis zu den Augenbrauen und beschattet das Angesicht dennoch nicht. Im Gegenteil: es ist, als würfe der Hutrand gar keinen Schatten. Es ist, als käme aus dem Angesicht eine solche eigene, schöne Helligkeit, daß sie jeden Schatten eines Schattens vernichtet. Unter der hochgezogenen und dennoch rund gewölbten Braue sieht ein helles Auge, von vielen freundlichen Falten umgeben und gleichsam liebend umworben, in jene Welt, in welcher der Schmerz der Vater der Kunst – und nicht nur der Kunst – ist. Dieser Blick ist geschärft an Erfahrungen, die der Verstand nicht unmittelbar angewendet hat; an Erfahrungen, aus denen der Dichter die billigen Folgen zu ziehen verschmäht hat; an Erfahrungen, die ein eifriges Herz aufgeschichtet hat, zu gar keinem Zweck, – – einfach der Kostbarkeit wegen, die sie bedeuten, wenn man sie nicht anwendet. Die Nase des Dichters ist die große, gekrümmte Nase eines trotz alledem klugen Mannes. Sie wölbt sich gleich an ihrem Anfang dem Leben entgegen, das es zu riechen gilt, nicht nur zu schauen. Sie endet mit starken, gutgebauten Flügeln, von denen man weiß, daß sie nicht nervös und sensibel vibrieren, aber zuverlässig und solide den Duft der Blumen, den Atem des Lebens und den Hauch des Todes aufnehmen. Oberlippe, Kinn und Wangen sind von einem weißen, aber nicht langen, die Form des Gesichtes nicht verhüllenden, sondern nur bekleidenden Bart bedeckt, der die Schläfen mit dem Hals verbindet, ein energisches, skeptisches und gleichsam selbstgeschaffenes Kinn erraten läßt und eine vollkommene, klare, silberne Einheit der Persönlichkeit zustande bringt. Den Kopf hält der Dichter ein wenig vorgestreckt, aber nicht, wie um besser zu sehen – – denn er kennt schon so viel; sondern um den Dingen (der Dinge wegen und aus Courtoisie ihnen gegenüber) näher zu sein und ungefähr so, wie man sich Frauen entgegenneigt, wenn sie uns mitten in einem Gewirr etwas mit leisen Stimmen erzählen. Fügen wir noch hinzu, daß der Dichter seine beiden kräftigen Hände mit den starken, langen Fingern um den Griff seines Stockes hält, als säße er auf einer Bank in einem Garten; daß er, soviel an der Photographie zu erkennen ist, einen Samtrock trägt, mit sauber eingenähten Borten, wie es einem Dichter geziemt; daß der Glanz einer festlichen Zufriedenheit aus seinem Bilde nicht erstrahlt, sondern strömt: So glauben wir den Dichter vollkommen gezeichnet zu haben. Der Adel des Alters liegt um seine Vitalität, wie Poesie gebreitet ist um die schöne Sinnlichkeit eines vollendeten Naturwerks. Der Dichter erinnert an einen Wald und an ein Monument gleichzeitig. Seine Züge sind endgültig gemeißelt, und es lebt in ihnen. Sie verändern sich und bleiben. Er erinnert an ein Märchen und zugleich an einen, der es erzählt. Er hat den Frühling besungen, den Herbst und die Heimat: ob meisterhaft oder gewöhnlich, ich wage nicht, es zu beurteilen, nachdem ich seine Photographie gesehen habe. Er ist ein Dichter ohne Zweifel. Wer von den jungen Autoren dürfte es wagen, sein Porträt seinen ausgewählten Werken voranzustellen? Neben den Boxern in den illustrierten Zeitungen sehen die bekannten Schriftsteller schon miserabel genug aus: noch nicht Muskel und nicht mehr Geist. Dieser Achtzigjährige aber darf sich seinen Werken voranstellen ... Er werde hundert! Der alte Dichter ist gestorben Ich schrieb vor einigen Tagen in der »Frankfurter Zeitung« über das Porträt des achtzigjährigen Linzer Dichters Edward Samhaber. Ich schloß meinen Aufsatz mit dem Wunsch, der Achtzigjährige möge hundert werden. Die »Kölnische Volkszeitung« teilt nun mit, daß Edward Samhaber gestorben ist – drei Tage vor dem Erscheinen meines Aufsatzes – wie ich nun berichten kann: an dem Tag, an dem ich den Aufsatz schrieb. Ich schrieb ihn in der Nacht, Samhaber, der Tote, war mir nahe, und ich wußte nicht, daß ich ihm eine Grabrede halte, während ich ihm ein langes Leben wünschte. Er bekam, am Tage seines Todes, eine Auszeichnung: das silberne Abzeichen, das die österreichische Republik ihren Dichtern zu verleihen pflegt. Nun bedarf es der staatlichen Auszeichnung und meiner Wünsche nicht mehr. Echte Veilchen werden aus seinem toten Gebein sprießen – – und in jener Abteilung des Paradieses, die für Dichter reserviert ist, hat er ein ewiges Leben. Sein wunderbares irdisches Angesicht hat er abgelegt und uns zum Andenken hinterlassen. Ehre seiner schönen Erbschaft!