Johannes Schlaf Ein freies Weib In einen dröhnenden Frühjahrssturm hinein hatten sie Vater zu seiner letzten Ruhestätte hinausgefahren. Langsam hatte sich vor nicht ganz zwei Stunden, kurz nach drei Uhr nachmittags, der kleine schwarze Leichenzug die endlos lange Vorstadtstraße hinaufgeschoben, die zu dem an ihrem äußersten Ende gelegenen Friedhof hinausführte. Mitten hinein in das unaufhörliche, in seiner Gewalt fast schrecklich anzuhörende Dröhnen und Sausen; denn der Sturm war dem Zuge vom oberen Ende der Straße her gerade entgegengebraust. »Vater würde wohl seine Freude haben, wenn er den Sturm hören könnte«, dachte Mieze, die sich jetzt mit Frau Dühring, ihrer Mutter, und ihrer dreizehnjährigen Schwester Fanny auf dem Heimweg vom Friedhof befand. »Auch über Gewitter hat er sich ja so gefreut; und gerade wenn sie am schlimmsten waren und alle sich fürchteten.« Ein sonderbares, plötzlich aufquellendes Mitleid hob ihr den jungen Busen, zwei Tränen traten ihr in die Augen, und vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben mit solcher Bewußtheit verfiel sie in ein Nachdenken, was Vater doch für ein merkwürdiger Charakter gewesen war ... Der Sturm raste mit unverminderter Gewalt weiter. Die breite Mittelallee, die beiden Fahrdämme und die Trottoirs wie die Tünche der öden drei- und vierstöckigen Vorstadtmietkasernen zeigten noch streifige und fleckige Spuren und stumpfglastende Tümpel von den heftigen Regengüssen der letzten Tage, die bis heute mittag, wo der Sturm sich erhoben hatte, angedauert und die der Sturm jetzt wegtrocknete, so daß Erdreich und Pflaster schon allenthalben mit einem frischen, sauberen Grau hervortraten. Ungeheuere dunkle Wolkenungetüme mit grotesk wilden Formen, dicken gelblichen Bäuchen und fetzigen Säumen, die, mit wunderlichen, soffitenartig schräg schleifenden Bildungen darunter, zuweilen in einem schmutzigen Rotbraun düsterten, zuweilen aber ein gespenstig fahles Hellgrau zeigten, rasten so tief am Himmel hin, daß es etwas Ängstigendes hatte, als könnten sie jeden Augenblick herabsinken und alles erdrücken. Zu unterst aber fuhren dann ab und zu mit noch wilderer Hast langhingezogene dünne weißliche Fetzen und Streifen und polypenartige Gebilde dahin. Ihrer ganzen Ausdehnung nach war die Straße in ein trübes Dämmerlicht getaucht. Manchmal aber trieben besonders unheimliche, blauschwarze Wände herauf; und dann wurde es minutenlang ganz und gar Nacht. Doch war die Stimmung eigentlich nicht gerade unheimlich. Denn es gab Augenblicke, wo das Gewölk flach und schimmernd weiß wurde; und in solchen Stellen konnte wohl sogar ein Riß sein, durch den ein wunderbarer reiner blauer Himmel hindurchsah. Auch hielt die Atmosphäre einen laufrischen Ozon, der hier draußen in der Vorstadt mit ihrem ewigen Kohlenqualm eine große Seltenheit bedeutete und der einem angenehm in die Lungen und in das Blut drang, daß es wie mit einem elektrischen Prickeln über den Leib ging, und es war, als dehnten sich einem die Glieder. Man mußte unwillkürlich an Sonne denken, und die Luft schien einen Ruch wie von Hyazinthen und Narzissen zu hauchen und heimlich mitten durch das schreckliche Donnergetöse hindurch wie von einem hellen, klingenden Metall, wie von munter klingelnden Triangeln zu tönen. Mit Wohlbehagen empfand die Haut die Berührung der straff dahersausenden, rauhfrischen und zugleich laulichen Luftsträhnen. Und fast konnte man, ob man wollte oder nicht, seinen Spaß daran haben, wenn man fortwährend auf der Hut sein und mit jeder Bewegung sich gegen die stauenden, zupfenden, zausenden Unbequemlichleiten und den lustig ungefügen Mutwillen wehren mußte, der sein Wesen mit einem hatte; den Kopf vorgebeugt, die Lippen fest geschlossen und in den Augen eine blitzend angestrengte Spannung, die wie Lachen ist ... Ein ohrenbetäubendes Getöse, mit allerlei durcheinanderfahrenden Lauten, die aus ihm hervorgellten. Das schallende Gedröhn eines im Galopp vorüberrasselnden leeren Lastwagens, als ob mitten in dem Aufruhr irgendwo ein Stück Welt zusammenbräche. Das träge Geknarr eines anderen Lastfuhrwerkes, das Rattern einer Droschke verschärften sich zu schreckenden Rätsellauten. Dazwischen plötzlich jähe Schreie, wenn Leute sich einander etwas zuriefen und dabei ihre Stimmen bis zum äußersten anstrengen mußten, um sich zu verstehen. Spielende Straßenkinder, die vor unbändiger Lust an dem Sturm kreischten. Besondere pfeifende, winselnde, singende, lachende, wildrufende und jauchzende, grölende Sturmstimmen, die sich aus dem eintönig donnernden Brausen der großen Eschen hervorhoben, die die Mittelallee flankierten. Das Krachen eines herabstürzenden Dachziegels wohl auch, der auf dem Trottoir oder dem Fahrdamm zerschellte. Das dumpfgrell metallische Geräusch eines losgerissenen Stücks Dachrinne, das herabpolternd oder hängend beständig gegen eine Hausfassade anschlug. Dazu ein wirbelndes, fegendes Durcheinander von morschen Aststücken und Reisern, die von den noch kahlen Baumkronen herniederflogen. Wie man, vor sich niederblickend, die Hände fortwährend mit der Kopfbedeckung und der Kleidung beschäftigt, fast gar nicht sah, wo man sich befand oder was um einen her vor sich ging, wußte man nicht all die ununterbrochen durcheinandergewirrten Einzelheiten dieses Tumultes auseinanderzuhalten und fühlte sich ihnen gleichsam auf gut Glück hingegeben; fühlte sich wohl mit einem erwartungsvollen Bangen in einer fremden Welt, in der irgend etwas im Werden ist, irgendein Umbau, eine Umgestaltung sich vollzieht, daß es einem zuweilen wohl gar einen ernstlichen Schreck verursachte. – Vom Boden auf aber und von den großen, dunklen, von eingesaugter Feuchte noch schwarzen Baumstämmen her dunstete ein dumpfer Wasserruch, der etwas von dem nicht unangenehmen Geruch schwarzer, chinesischer Tusche hatte und der wie der Hauch eines fühlbaren Quellens und Sichdehnens war ... Mieze ging mit Mutter, deren Arm sie genommen hatte, weil sie in ihrer Trauer ganz in sich zusammengebrochen war und obendrein an rheumatischem Reißen litt, und mit Schwester Fanny, in der Mittelallee. Hier war man vor etwaigen herabstürzenden Dachziegeln sicher. Sie dachte daran, wie der Leichenzug vorhin Schritt für Schritt, tiefer und tiefer, näher und näher in das große feierliche Getöse sich hineingeschoben hatte, als sollten sie da draußen am Ende der langen, langen, abscheulichen alten Straße an ein Ziel und eine Stelle gelangen, von wo dieses große Brausen ausging, und wo man alles das schon sehen, erkennen und verstehen sollte, was es wollte und daherbrächte: all die Ahnungen von nahenden Strahlenfluten, Wärme, von Laub und Blumen, Jubel, Lachen, Vogelliedern und tausend frischem, neuem Leben ... Wenn aber dies große Brausen und wenn die schöne, wohltuende Frische, die in der Luft war, durch die Poren und Fugen des Sarges auch zu dem toten Vater hineindrang – und das tat es ja sicher und gewiß –, und wenn der Vater, der sich nun da drinnen in seinem Sarg ausdehnte, es in sich aufnahm, und wenn er es von jetzt ab, wo er tief unten in der braunen, vom Frühling treibenden Erde lag, noch viel inniger in sich aufnahm, so mochte Vater sich wohl freuen ... Diesen klugen und etwas dichterischen Gedanken hatte die achtzehnjährige Mieze. Sie hatte oft solche Gedanken. Und sie verstand auch genau, warum Vater sich freuen und sich erlöst fühlen würde, wenn er jetzt so in alle Elemente und in ein ganz neues Leben hineinginge und eine neue Gestalt bekäme und zu einem neuen Dasein erwachte, in dem er sich dann so recht nach Herzenslust rühren konnte: wie er es immer so gern gemocht und doch, aus Gründen, nie gekonnt und gedurft hatte, weshalb er ja sein Lebtag über so tief unglücklich gewesen war. Noch niemals hatte sie das so klar eingesehen wie in diesem Augenblick: so tief unglücklich ... Aber auch über die Ursachen war sie sich im klaren. Und sie war sich nur zu sehr bewußt, daß sie eine dieser Ursachen, und wohl die Hauptursache, hier an ihrem Arm führte, mit ihrer schönen, aufrechten Gestalt hoch über die kleine, verkümmerte, in ihrem Leid und in der nun über sie hereingebrochenen Sorgenlast doppelt niedergebeugte Mama hinausragend ... Karl Dühring, Miezes Vater, war vor ein paar Tagen, nicht ganz achtundvierzig Jahre alt, an einer schweren Influenza, die dann in eine tödliche Lungenentzündung ausartete, gestorben. Er war hier draußen in einer kleinen Vorstadtfabrik erster Buchhalter gewesen: eine Stellung, die er fast zwei Jahrzehnte hindurch versehen und bei der er sich kaum auf dreihundert Mark im Monat gestanden hatte. Eine derartige untergeordnete kaufmännische Stellung hatte Vater in früheren Jahren aber wahrhaftig nichts weniger als sein vorgestecktes Lebensziel bedeutet, wie Mieze seinen verbitterten Reden und Klagen die Jahre her und seinen ewigen Streitigkeiten mit Mama hatte entnehmen müssen. In keiner Hinsicht. Denn erstens entstammte er einer angesehenen, wohlhabenden Familie; außerdem war er ein stattlicher, gesunder, reichbegabter, feuriger, heißblütiger Mann gewesen und in seinen jungen Jahren von einer weitausgreifenden Unternehmungslust. Zuweilen hatte er Mieze, als sie schon erwachsener war. und als er merkte, daß sie ihm gern zuhörte, darüber erzählt; wohl zu seiner Freude und Erleichterung. Und Mieze war es dabei zumute gewesen, als wenn ihr die herrlichsten Märchen erzählt wurden. Von den fremden Erdteilen hatte Vater ihr erzählt, von den nordafrikanischen, asiatischen, südamerikanischen und australischen Hafenplätzen; von den großen Dampfern und Handelsschiffen, die nach allen Richtungen zu diesen Häfen hin und von ihnen zu uns zurück nach Europa über die Ozeane fahren. So lebhafte Schilderungen hatte er ihr von all diesem großen überseeischen Leben entworfen, daß sie sich ganz und gar mitten in die fremden Welten hineinversetzt gefühlt hatte; und in ihr selbst hatte sich eine unbändige Sehnsucht nach jenen Herrlichkeiten geregt und mit leuchtenden Augen an Vaters Gesicht hängend, hatte sie ganz sicher und gewiß gewußt, daß ihr vor all den Gefahren und Mißhelligkeiten, die man bei solchen Fahrten und Unternehmungen zu bestehen hatte, nicht bang sein, sondern daß sie Vater dorthin begleitet haben würde. Ja, dorthin hatte er, als er noch ein junger Mann war, sich gesehnt; all den Gefahren von Meerwogen, Fieberlüften und wilden dunkelhäutigen Menschen Trotz zu bieten und in seiner feurigen Tatkraft sich mit ihnen abzuringen und in den großen kaufmännischen Betrieben jener fremden Länder sein Glück zu machen und seine Befriedigung zu finden. Dann aber hatte er damals Mama kennengelernt; und er hatte sie, was Mieze freilich nicht begreifen konnte, so gern gehabt, daß er um ihretwillen all seinen Plänen entsagte. Dunkel begriff sie allerdings – und das war ihr ein seltsames Gefühl –: dunkel begriff sie, daß Mama als junges Mädchen sehr schön gewesen sein mußte, schöner als sonst so leicht ein Weib; denn hübsch war sie sogar auch jetzt noch, trotzdem sie so viel Kinder gehabt und trotzdem ihr die Hälfte davon wieder gestorben waren und ihre Ehe mit Vater jahraus, jahrein eine so unglückliche und leidensvolle gewesen war. Und dann hatte sie sicher Vater auch sehr liebgehabt; und sanftmütig und zutunlich war sie sicher auch gewesen. Aber trotzdem konnte sie nicht zu Vater gepaßt haben; denn sie stammte aus einer ganz einfachen Familie, für die es schon viel zu bedeuten gehabt, daß Mama es als heiratsfähiges Mädchen bis zur besseren Stütze der Hausfrau gebracht hatte. Vater hatte damals, als er Mama geheiratet, ein Geschäft eingerichtet. Das Geld dazu hatte er von seiner Mutter bekommen. Großvater war schon tot gewesen. Die ersten Jahre war das Geschäft auch recht gut gegangen. Es war ein Engrosgeschäft gewesen, nicht solch ein kleiner Krämerbetrieb, und Vater hatte sich regen können. Er war in den ersten Jahren mit Mama auch glücklich gewesen. Aber auf die Dauer hatte er sich dann doch nicht wohlfühlen können. Und dann war das Unglück hereingebrochen. Vater hatte sich nicht mehr recht um das Geschäft bekümmert, hatte immer nur drauflos gelebt und das Geld mit beiden Händen ausgeschüttet. Dann mußte Mama ihm wohl so in ihrer zaghaften Weise, die Vater für den Tod nicht ausstehen konnte, Vorhaltungen gemacht haben, und dann hatte er's erst recht toll getrieben, als ob ihm weder sein Ruf als Kaufmann noch selbst sein Leben mehr etwas wert gewesen wäre. So war das Geschäft in Verfall geraten. Ein paarmal hatte Großmama Vater noch aus der Verlegenheit gerissen, aber schließlich hatte sie nichts mehr zu geben gehabt, und Vater hatte Bankerott gemacht. Bald darauf war Großmama vor Gram gestorben. Das hatte Vater dann wohl wieder zur Besinnung gebracht und auch der Gedanke an die unversorgten Kinder. So war er denn hier Buchhalter geworden. Gewundert hatte Mieze sich, warum Vater, da er doch nur immer in Unfrieden mit ihr lebte, sich von Mama nicht getrennt hatte. Statt dessen hatten sie noch die vielen Kinder miteinander gehabt. An das alles dachte sie, während sie so mit Mama die Straße hinabschritt. Über die bevorstehende Notlage machte sie sich dagegen nicht besonders viel Sorge. All ihre Gedanken gingen nur immer auf diesen wunderlichen, halb und halb dichterischen Wegen. Fast fühlte sie gar keine Trauer. Nur so eine leise sonderbare Wehmut, unter der ihr manchmal war, als ginge Vater unsichtbar neben ihr her, und als hörte sie aus dem Sturmgebraus hervor seine schöne, tiefe, lebhafte, männliche Stimme, die doch manchmal einen so ergreifend zärtlichen Ton haben konnte, daß es ihr bis ins innerste Herz gedrungen war ... Obgleich sie Vaters Wesen durchaus nicht immer gemocht und es ihr oft ganz unverständlich gewesen war, wunderte sie sich sogar, daß er ihr mit einemmal, gerade von dem Augenblick ab, wo sie den Friedhof verlassen hatten, so nahe war und ihr all diese Gedanken so lebhaft aufregte. Denn oft war er unleidlich, geradezu roh und, was sie am tiefsten befremdet hatte, zynisch gewesen. Überhaupt hatte er in der Regel schlechte Laune gehabt, war zu ihr und den Geschwistern barsch und unfreundlich gewesen, wenn sie freilich auch ganz genau gewußt hatten, daß er sie alle sehr lieb hatte, und daß er gerade auch Mama nach wie vor im Grunde sehr lieb hatte, wenn Mama mit den Jahren auch immer weinerlicher und kränklicher und wohl sogar ein bißchen schwachsinnig geworden war. Mieze blickte zu ihr hin. Mama trippelte, wie von einer harten Faust ganz vornübergeduckt, mit hastig ängstlichen Schritten, auch noch von dem entsetzlichen Sturmgebrause geängstigt, vorwärts. Sie ächzte und antwortete hin und wieder mit weinerlicher Stimme irgend etwas dem alten Anton, dem Hausdiener und Faktotum der Fabrik, der sich ihnen auf dem Heimwege angeschlossen hatte und, da er sehr redselig war und Vater sehr liebgehabt und verehrt hatte, fortwährend, um sie zu trösten und zu zerstreuen, mit seiner knarrenden, brodelnden Baßstimme auf sie einredete. Mieze fand es störend, daß er sich noch nicht verabschiedet hatte und fortwährend so auf Mama losredete und sie bloß noch unruhiger machte. Endlich verabschiedete er sich aber bei einer der Querstraßen, wo die Fabrik gelegen war, doch, und Mieze war mit Mama, Fanny und ihren Gedanken wieder allein. Sie schwieg. Auch Mama sagte weiter nichts, sondern ächzte nur manchmal ihrer rheumatischen Belästigungen wegen vor sich hin. Nach einiger Zeit bogen sie von der Mittelallee ab über den Fahrdamm hin eine andere Querstraße ein. An der rechten Ecke ragte ein hohes, entsetzlich nüchternes und rauchgeschwärztes Backsteingebäude, von zwei großen und zwei kleineren, oben schwarz gerußten Fabrikschornsteinen überragt. Die vielen Fenstervierecke waren hell vom elektrischen Licht, und man sah in ihnen die schwarzen und stahlblanken Glieder der Maschinen sich im Takt hin und her bewegen und vernahm in das Brausen des Sturmes hinein ihr dumpfes, stampfendes Getöse und allerlei scharf kreischende und quietschende metallische Laute. Die Musik haben wir nun jahrelang tagaus, tagein gehört, dachte Mieze und schickte einen unlustigen und zugleich trotzig entschlossenen Blick zu dem gräßlichen düsteren Gebäude hinüber. In dieser Querstraße wohnten sie. Gerade dem entsetzlichen schwarzen Kasten von Fabrik gegenüber. Langsam bog sie mit Mama und Fanny, welche Mama auf der anderen Seite unter den Arm gefaßt hatte, in die Straße ein. Die Straße war schmal und hatte meist dreistöckige Häuser, die nicht mal Balkone hatten, sondern mit ihren flachen Wänden wie mit zwei steilen, rauchgeschwärzten, glatten Mauern endlos sich in die frühe Dunkelheit und ihre Dünste hinein verloren. Ein paar Gaslaternen, die jeden Augenblick vom Sturm zu erlöschen drohten, gaben ein unstetes, in seiner grellen, zuckenden Unruhe unheimliches Licht. An den Fassaden hin toste und schrie der Sturm in diese abscheuliche Schlucht von Vorstadtstraße hinein, zwischen deren schlechtem Pflaster selbst sich Ruß und Kohlendunst mit schwarzen Fugen eingefressen hatte. Wahrscheinlich auf dem Fabrikhofe heulte ein großer Hund, der sich wohl vor dem Sturm fürchtete und sich langweilte. Ein Stück weiter in die Straße hinein kam ein altes Arbeiterweib aus einem Fleischerladen heraus. Sie trug einen großen Topf, den sie sorgfältig mit beiden Händen vor sich hin hielt. Sie hatte sich wohl Metzelsuppe geholt. Solch eine dünne Brühe, kaum mit ein paar knappen Fettaugen drauf, die man bei dem Fleischer, wenn Schlachttag war, umsonst bekam und die die Arbeiter und armen Leute zu ihren Abendkartoffeln essen. Sonst war keine Menschenseele zu sehen. Aber die Leute hatten die Lampen angezündet, und von all den vielen öden Fenstervierecken dunstete ein ruhigeres Licht auf die Straße hinaus ... * »Ach, Gott Lob und Dank, daß wir zu Hause sind!« weinte Mama hervor. »Ach, ich hätt' es ja nicht mehr ausgehalten mit meinen Schmerzen!« »Aber siehst du, warum bist du auch nicht zu Hause geblieben, Mamachen!« warf Mieze ihr, doch ruhig und teilnehmend, vor. Ihre schöne volle Altstimme, die doch noch irgendeine allerliebste Schattierung vom Backfisch hatte, schien Mama ein wenig zu trösten. »I Gott, wie konnt' ich denn!« sagte sie und fing an, bitterlich zu weinen. Sie waren beim vierten Hause linker Hand angelangt, wo sie im Zweiten Stockwerk wohnten. Gerade vor dem Hause stand eine Gaslaterne, die ihren trübflackernden Lichtreflex über eine abscheulich graue, hier und da schadhafte Tünche zucken ließ. Mieze hob, während sie noch ein paar Augenblicke rasteten, damit Mama sich, bevor sie die Stufen zur Haustür hinaufstiegen, noch ein wenig vom Sturm verschnaufe, das Gesicht zur Wohnung hinauf. Unbehagen ergriff sie und eine plötzliche Rührung, als sie die schwarzen Fenstervierecke sah, hinter deren Scheiben man leise, leise, wie etwas Gespenstisches, mit einem mehr geahnten Grau, starr und still die Gardinen sah. Eine wunderliche kleine Angst überwältigte Mieze für einen Augenblick, als könnte da oben in der einsamen, dunklen, kalten Wohnung Vater hinter den schwarzen Scheiben stehen und auf sie herabblicken. Denn jetzt erst, wo sie hier vor dem Hause standen, indem er bis vor wenigen Wochen jahraus, jahrein täglich aus und ein gegangen war, erschien es ihr unmöglich, daß er nun so mit einemmal für immer fort sein sollte ... Endlich traten sie ein. Ein trübes Küchenlämpchen hing an der kahlen, grauen Wand und zeigte die Dunkelheit und Unfreundlichkeit des schmalen Hausflurs. Langsam klommen sie und stumm, Mieze mit Fanny die jetzt völlig erschöpfte Mama stützend, die zwei gräßlichen, steilen, schmalen Holztreppen hinauf, die man heut nachmittag mit Müh' und Not den großen Sarg mit dem schweren Mann darin heruntergezwängt hatte. Und dann befanden sie sich auf dem düsteren kleinen Treppenflur vor der Entreetür, die mit ihren Glasscheiben und dem weißen geblümten Vorhang dahinter sie stumm und fremd, wie mit großen, todleeren Augen anstarrte, daß Fanny und auch Mieze bang wurde. »Mieze,« bat Fanny mit Zitternder Stimme, »steck' doch deinen Taschenbrenner an! Es ist ja stockfinster drin ...« Mieze antwortete nicht, schob mit bebender Hand den Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnete. Dann aber, wie sie in dem stockdunklen Entree waren, in das von den Zimmern her das Tosen des Sturmes drang und in dem sich, von der feuchten Frühjahrsluft, allerlei kleine tickende und knackende Laute regten, zog sie schnell ihren kleinen elektrischen Taschenbrenner hervor und entfachte sein Licht. Doch Mama kümmerte sich nicht um das Licht. Sie ging an der Wohnstube, anstatt hier, wo es warm war, einzutreten, vorbei auf die gute Stube zu, öffnete und trat, ohne daran zu denken abzulegen und ihren Mantel an die Entreeknagge zu hängen, mit einer gewissen, stumm verlorenen Langsamkeit ein, die Mieze bang machte. »Hier, nimm den Brenner!« flüsterte sie Fanny zu »Geh' mit, daß Mama nicht da drin im Dunkeln ist. Ich geh' in die Küche und stecke die Lampe an.« Dann eilte sie leise, während Mama und Fanny in die gute Stube eintraten, in die Küche. Aus dem Zimmer, in das das Licht der Gaslaterne hereinzuckte, drang den beiden spürbar ein kalter, feuchtlicher Luftzug entgegen, der durch die Fensterriefen hereinkam und einen Ruch von Blumen und Tannengrün erregte. Hier hatte Vater heute aufgebahrt gestanden, und um ihn herum hatten die Kränze und Blumenspenden gelegen, nach denen es nun noch roch. Jetzt aber war der mäßig große Raum so wunderlich leer und starrte so seltsam, wie von irgendeiner fremden geisterhaften Gegenwart ... Mama sank völlig erschöpft auf das Sofa, blickte auf die Stelle, wo mitten im Zimmer der Sarg gestanden hatte, und weinte. Fanny stand vor ihr mit dem Taschenbrenner. Auch ihr rollten jetzt dicke Tränen die Wangen herunter. Aber sie nahm sich in acht, daß sie nicht laut weinte, sondern sah nur, während ihr die Lippen leise zuckten, mit großen, mitleidig ängstlichen Augen auf Mama nieder. Gern wäre sie zu ihr gegangen, um sich ihr anzuschmiegen und sie zu trösten, aber sie hatte Angst, daß dabei der Brenner ausginge und sie dann mit einemmal im Dunkeln wären. Aber da kam schon Mieze mit der Petroleumlampe, und nun war es mit einemmal schön hell und klar im Zimmer. Mieze trug die Lampe still zu dem großen Sofatisch hinüber, der des Sarges wegen beiseitegerückt worden war, und stellte sie leise dort nieder. Dann schickte sie einen forschenden Blick zu Mama hinüber. »Wieviel graue Haare sie schon hat!« dachte sie. »Man sieht, daß es in den letzten Wochen noch mehr geworden sind.« Aber dann ängstigte und rührte es sie, daß Mama fortwährend so still weinend da vor sich hin mitten ins Zimmer starrte. Fanny hatte sich zu Mama gesetzt, sich an sie geschmiegt und sprach zu ihr. Auch Mieze trat jetzt zu ihr hin und beugte sich still zu ihr nieder. »Mamachen! Willst du nicht ablegen, und wollen wir nicht lieber 'nüber in die Wohnstube gehn? Es ist ja so kalt und zugig hier«, sagte sie liebkosend. Mama hob ihr verweintes, bleiches Gesicht zu ihr empor und blickte sie an. Mieze hatte sehr reiches, ungewöhnlich schönes, so selten licht weizenblondes Haar, das ihr in köstlichen Krauslöckchen aufgewellt um die klare weiße Mädchenstirn stand. Wie ganz diese Stirn noch eine unschuldige Kinderstirn war! Und die schönen, unschuldig klaren Wangen, weichflaumig lind wie Pfirsichhaut. Der gesunde rosige Hauch drüberhin. Der kleine rote Mund, der wie eine Rosenknospe geschwellt war. Die seine Nase. Und die herrlichen, klugen, kindlich klaren, tief veilchendunkel wirkenden Augen. Was das Kind für eine seltene Schönheit war! Eine Schönheit. – O Gott, auch sie war damals eine – Schönheit gewesen! ... »Meine Mädels! Meine Mädels!« rief sie, während ihre Trauer in einer Rührung aufatmete und wieder zu sich selbst kam und sie einen liebevollen, lächelnden Blick von Mieze zu Fanny und von Fanny zu Mieze schickte, nach ihren Händen griff und sie mit einem warmen Ruck drückte. »Ja, ja! Ihr armen Kinder! Laßt uns 'nübergehn. Das ist ja nichts für euch, in dem leeren kalten Zimmer hier!« Mit einer entschiedenen Bewegung erhob sie sich und, ihre Hände noch immer haltend und drückend, trat sie mit Mieze und Fanny langsam in das Wohnzimmer ein, während Mieze die Lampe trug ... Sie war so weit zu sich gekommen, daß sie sich jetzt auch Hut und Mantel abnehmen ließ, die Mieze hinaus in das Entree trug. »Setz dich doch in deinen Ofenstuhl, Mammi!« sagte Mieze, als sie aus dem Entree zurückkam. »Wir setzen uns zusammen hier an den Ofen. Wir sind ja alle von dem Sturm durchfroren. Komm, Fanny, wir tragen den Tisch an den Ofen!« Sie ging mit Fanny zu dem Tisch hin, sie trugen ihn an den Öfen heran und setzten dann die Lampe drauf. »Und nun koch' ich uns draußen erst einen guten Kaffee«, sagte sie dann, befriedigt, als Mama sich in ihren Lehnstuhl niedergelassen hatte und mit einem müden Lächeln über die dunkelgrüne, saubere Tischdecke hinblickte, die ihr wohl, mit der Ofenwarme, ein unwillkürliches Behagen verursachte. »Und essen wollen wir denn doch auch etwas«, sagte sie, während sie sich hinaus in die Küche begab. Nachher brachte sie es richtig so weit, daß Mama eine Tasse Kaffee trank und etwas aß. Auch sie selbst aß und trank, und besonders Fanny. Das arme Kind hatte vor Aufregung den ganzen Tag über noch so gut wie gar nichts zu sich genommen. Schließlich gab Mama sich sogar einen Stoß und nahm ihren Strickstrumpf vor, und Mieze wußte ein leidliches Gespräch über möglichst gleichgültige Dinge in Gang zu bringen ... * Später, nachdem sie noch dafür gesorgt hatte, daß Mama der todmüden Fanny wegen, die sich aber nicht allein im dunklen Schlafzimmer zu liegen traute, früher zu Bett ging, wo sie, endlich von ihrer Erschöpfung überwältigt und von dem Beisammensein am Ofen beruhigt, auch gleich in einen guten festen Schlaf sank, begab Mieze sich hinter in das Kämmerchen, das ihr zum besonderen Schlafraum überlassen war. Der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt. Zwischen weiten Wolkenmassen trat der Vollmond hervor und füllte den engen Raum mit wechselnden Lichtschauern, so daß es hinreichend hell war. Mieze, die das Bedürfnis fühlte, noch aufzubleiben und ihren Gedanken nachzuhängen, ließ ihre Kerze unangezündet, setzte sich auf den Stuhl beim Fenster und blickte, den Kopf aufgestützt, hinaus. Wieder gab sie sich dem Laut des Sturmes hin, der ihr den ganzen Nachmittag über so ungewohnte, ganz neue Gedanken gegeben hatte. Seine äußerste Gewalt hatte sich gelegt. Auch die schweren dunklen Wolken waren seltener geworden. Schneeweiße, vom Mondglast durchleuchtete Massen zogen jetzt am Himmel hin, oder lange weiße Flächen, die hin und wieder eine lieblich traumhaft geträufelte Bildung zeigten. Und es gab auch immer mehr ganze große Strecken von reinem Blau. Bald auch gruppierten sich wunderliche, märchenhaft schöne, hohe, stille Gebilde um den Mond herum, der sie mit den köstlichsten, zartesten Farben durchhauchte, daß es da oben war wie feierlich liebliche Krokus- und Hyazinthenbeete eines überirdisch schönen, himmlischen Gartens um traumhafte Feenschlösser herum. Die so hoch, so hoch waren und so wunderbar still und vornehm schimmerten ... Auch die Nachbarschaft da unten war hier eine ansprechendere. Zwar Fabrikschlote gab es auch hier, die gab es hier draußen in der Vorstadt überall: aber die Häuserwände, auf die man zur Rechten blickte, waren ihrer ganzen Länge nach jetzt von einem märchenhaft schönen Mondglast gelichtet, dessen stiller Schimmer auch in den schwarzen Fenstern lebte; und dann sah man hier über eine ganze Flucht von Gärten hin, die jetzt schon sauber zu werden anfingen und unter ihren Bäumen und Büschen das erste junge Rasengrün, am Tage wohl auch schon die ersten weißen und bunten Tupfen von Märzglöckchen, Gänseblümchen und Krokus zeigten. Sie ließ ihre Blicke an den himmlischen Feenschlössern da oben haften. Sie gefielen ihr. Sie taten ihr so gut. Soviel schöne Sachen ließen sich bei ihrem Anblick träumen. Und mit aller Begier und Sehnsucht liebte sie alles, was schön war. Mit schönen Prinzen und Damen in herrlichen Toiletten, von denen sie jede Einzelheit kannte und mit dem richtigen Namen zu nennen wußte – wie sehnte sie sich, gleichfalls solche herrlichen Kleider und solchen Schmuck tragen zu können –, konnte sie diese Schlösser da oben bevölkern, die dabei ganz unversehens zu wirklichen wurden. Eine heiße Sehnsucht, die ganze Macht eines starken unbewußten Triebes stieg in ihr auf, machte ihr das Herz schlagen, trieb ihr das Blut in die Wangen und machte ihr die Augen leuchten. Und da geschah es, daß sie zum erstenmal auf den Gedanken kam, daß sie ja nun frei war und tun und lassen konnte, was sie wollte und was ihr beliebte ... Und dieser Gedanke war wie ein tiefes Aufatmen ... Jahraus, jahrein der ewige Streit zwischen Vater und Mama; Vaters Roheiten gegen Mama, seine fortwährende schlechte Laune, sein wortkarges, barsches Wesen und sein starrer Wille, der kein Nachgeben kannte und nicht den leisesten Widerspruch duldete: das alles würde ja von nun an nicht mehr sein und nie und nimmer mehr sein, sondern schön würde es sein. Und nach Herzenslust würde sie es um sich her schön machen können. Was hatte sie von Vater nicht alles auszustehen gehabt! Als sie konfirmiert worden war. Zuerst hatte sie ja ein Jahr lang nichts zu tun brauchen. Aber dann hatte Vater darauf gedrungen, daß sie schneidern lernen sollte. Vater hatte ja in den letzten Jahren immer so ganz wunderliche Einfälle gehabt. Und sie mochte Schneidern ganz und gar nicht. Selbst Mama hatte einzuwenden gewagt, daß es ihrer Gesundheit schaden würde, zumal sie doch noch zu jung war. Doch Vater hatte keine Widerrede geduldet, und sie war wirklich bei einer Schneiderin in die Lehre getan worden. Doch nicht einen Augenblick hatte sie daran gedacht, bei der Schneiderin zu bleiben. Sie hatte ihre Hoffnung, ihren Willen darauf gesetzt, Vater doch noch umzustimmen. Und sie hatte ihn wirklich umgestimmt. Freilich hatte sie über ein Jahr lang unausgesetzt kämpfen und dabei beileibe ihre Schuldigkeit tun müssen, denn Vater kontrollierte, und um alles in der Welt hätte sie nicht seinen Zorn erregen mögen. Aber dennoch hatte sie ihn herumbekommen. Dennoch! Freilich war sie tatsächlich etwas kränklich geworden von dem ewigen Sitzen an der Nähmaschine. Das hätte aber Vater, der es für bloße Einbildung hielt, noch nicht zu bewegen vermocht, nachzugeben. Nein, sie war mit der Zeit wirklich so etwas wie energisch und aufsässig gegen ihn geworden. Und da hatte er wohl auf sie geachtet und hatte ihren Willen, ihre Natur und Eigenart gemerkt. Dann waren auch Tage und Wochen gekommen, wo er seine Mitteilsamkeit zu ihr zeigte und ihr von seiner Vergangenheit und seinen Lebensplänen erzählt hatte; und besonders diese günstige Gelegenheit nahm Mieze wahr. Daß sie bei den Verhältnissen, in denen sie lebten, irgend etwas lernen mußte, um später mal durchs Leben zu kommen, das hatte sie ja eingesehen, und darauf stand ihr auch Lust und Wille, trotz all der Luftschlösser, die sie zu bauen pflegte; denn sie war von Natur verständig und vor allen Dingen mit Luft und Liebe und von Anlage praktisch. Aber sie hatte sich entschieden, nicht unbeeinflußt von Vaters Erzählungen, das kaufmännische Wesen zu erlernen. »Vater,« hatte sie bei solch einer günstigen Gelegenheit, wo Vater zugänglicher war, Zu ihm gesagt, etwas befangen, aber mit Entschlossenheit, »warum kann ich denn nicht das Kaufmannsfach erlernen? Du«, hatte sie hinzugefügt, »Hast doch auch früher ... Wenn ich nun doch die Lust und die Anlage dazu von dir geerbt hätte?« »So! Aber du bedenkst nicht, meine Tochter, daß du da erst eine lange Lehrzeit durchmachen mußt«, hatte er geantwortet. »Wer weiß, was in dieser Zeit alles passieren kann! Vielleicht bin ich bis dahin gestorben, was nur zu wahrscheinlich ist.« Er war sentimental geworden, wie das in den letzten Jahren bei solchen Gelegenheiten wohl vorzukommen pflegte. »Nun, und was soll dann aus euch werden? Ich darf gar nicht daran denken! Deine Mutter ist nicht diejenige, die für euch arbeiten könnte. Und deine beiden Brüder? Die haben auswärts ihre Stellungen und sind froh, wenn sie selber ihr Auskommen haben. Alles wird dann auf dir ruhen. Nun, und was soll werden, wenn du da noch Lehrling bist? Mit der Schneiderei hast du etwas Sicheres. Eine Schneiderin verdient in unseren putzsüchtigen Zeiten schönes Geld. Du kannst das Fach ja auch mit Idealismus betreiben. Man kann's auch hier zu etwas bringen, wenn man Geschmack und Geschick hat. Man kann Künstlerin werden, kann sich später mal ein großes Atelier halten und andere für sich arbeiten lassen. Mit der Schneiderei kannst du deiner Mutter und deiner Schwester jederzeit unter die Arme greifen. – Lieber Gott, ach ja: wartet nur, wartet nur ab: der Ernst des Lebens kann wer weiß wie bald gründlich genug an euch herantreten!« Aber Mieze hatte auf diese Rede Vaters nicht viel gegeben. Sie hielt das nur für eine Grille – Vater war ja in den letzten Jahren in dieser Beziehung etwas wunderlich geworden –; es schien ihr damals unmöglich, daß er so bald sterben sollte, da er ja vollständig gesund gewesen war. Aber sie hatte, als sie seinen Worten dennoch eine gewisse Nachgiebigkeit abgemerkt hatte, eifrig geantwortet: »Ich will ja auch gar nicht erst eine so lange Lehrzeit durchmachen! Man kann in der Kaufmannsschule das Kaufmannsfach doch schon in einem halben Jahre lernen! Martha Lehrmann hat ja den Kursus auch durchgemacht. Und dann hat sie auch gleich durch den Direktor eine Stelle bekommen. Zuerst hat sie 50 Mark den Monat gehabt. Doch gleich schon 50 Mark! Nach einem Jahr hat sie aber sogar schon eine Stelle mit 75 Mark bekommen. Vater, ich weiß doch so genau, daß ich das auch fertigbringe!« So hatte sie denn Vater allmählich wirklich gewonnen. Zumal sie ihn die nächsten Wochen über, was er gern mochte und wofür er in den letzten Jahren sogar eine gewisse Schwäche gehabt hatte, mit allerlei Aufmerksamkeiten und Bequemlichkeiten umschmeichelte, was niemand so gut verstand wie sie. Wie Vater ihren festen Willen sah, hatte er schließlich also nachgegeben. Nie aber hatte sie vergessen, so tief hatte es sie ergriffen, wie Vater eines Tages, als er ihr seine Zustimmung gegeben, so wunderbar verständig und rührend gesagt und sie dabei, was eine ganz unerhörte Seltenheit war, gestreichelt hatte: »Na, dann geh' nur auf die Kaufmannsschule, meine Tochter! Es mag ja sein, daß die Schneiderei dich wirklich angreift.« Beinahe war sie ihm damals um den Hals gefallen, und mit Mühe nur hatte sie ihre Tränen zurückhalten können, als sie so deutlich gemerkt hatte, daß er denn doch im Grunde für ihre Gesundheit besorgt gewesen war und sie nur deshalb das Schneidern hatte erlernen lassen, weil ihm nichts Besseres eingefallen ... So hatte sie denn damals die Kaufmannsschule besucht und sie nach einem halben Jahre mit einem außergewöhnlich guten Zeugnis verlassen. Ein weiteres halbes Jahr lang hatte sie dann in der Stadt eine Stelle für 50 Mark den Monat versehen – Vater hatte sich über das alles sehr gefreut und war ersichtlich aufgelebt –; dann aber hatte sie bald eine Stellung bekommen, die ihr 80 Mark den Monat eintrug, und diese Stelle versah sie noch jetzt. Nun aber hatte dennoch wirklich alles so kommen sollen, wie Vater damals vorausgesagt hatte. Vater war wirklich gestorben. Und jetzt war sie die Ernährerin der Familie, denn von den beiden Brüdern war so gut wie keine Beihilfe zu erwarten. Die arme Mama aber konnte natürlich unmöglich etwas hinzuverdienen. Alles mußte also jetzt von den 80 Mark bestritten werden, die sie den Monat verdiente. Ihr Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. Aber ihr Atem ging stürmisch und verriet ihre Kindlichkeit, die sich freute, nun ganz frei zu sein und eine so wichtige Rolle zu spielen. Eigentlich bang war ihr vor der Zukunft nicht einen Augenblick: aber es machte sie doch unruhig. Vor allem aber fühlte sie sich, besonders Mama gegenüber, in ihrem Innern so allein ... Allein war sie, denn sie fühlte sich Mama überlegen. Der armen Mama, die seit den letzten Jahren immer gleich über alles den Kopf verloren hatte und deren Wille ohnehin von jeher dem Willen Vaters blindlings untertan gewesen war. Sie fühlte, daß sie an Mama kaum einen Beirat haben würde. Nur ein Gefühl von Mitleid und fürsorglicher Zärtlichkeit empfand sie für Mama. Die stürmende innere Unruhe trieb sie jetzt mit einem plötzlichen Mitteilungsbedürfnis von ihrem Sitz empor. Sie zündete die Kerze an, zog den Vorhang vors Fenster und begab sich zu einem Tischchen, das in der Ecke zwischen dem Kopfende ihres Bettes und der Fensterwand stand. Es war ein altes ausrangiertes Nähtischchen von Mama, das sie sich zu einem Schreibtischchen hergerichtet hatte. Gegen die Wand gelehnt stand ein Bücherregalchen darauf. Sie hatte es sich aus Kistenbrettern selber zurechtgezimmert und es mit einem billigen, rotbraunen Stoff überzogen, damit man die Bretter nicht sah. Sie hatte hier Rothschilds Lehrbuch für Kaufleute und ein paar andere Bücher stehen. Teils Bücher belehrenden Inhaltes, teils ein paar billige Klassikerausgaben. Auch eine französische und eine englische Methode Ollendorff, die sie fleißig studierte, über dem Büchergestell, auf dem oben ein paar billige Nippes standen – alles Dinge, die ihr Trieb zum Schmuck Vater und Mama abgetrotzt hatte –, hing an der Wand ein koloriertes Bild mit ein paar Herren und ein paar Damen in zierlich komplizierten Rokokokostümen. Ein paar andere solcher Bilder, die sie ganz und gar in ihr Herz geschlossen hatte, hingen auch an der Wand über ihrem Bett. Sie nahm den Stuhl vom Fenster weg und rückte ihn an das Tischchen heran, schloß die Schublade auf und holte ein Buch hervor, das sie aufschlug. Und dann schrieb sie. Es war ihr Tagebuch, in das sie schon seit ein paar Jahren ihre täglichen Erlebnisse einzutragen pflegte. Auch das hätten Mama und Vater nicht wissen dürfen ... Doch hatte sie eigentlich ohne weitere Gefühlsergüsse und Betrachtungen in einem schmucklos schlichten, sachlichen Stil und mit einer kalligraphisch schönen Handschrift, die einen männlich entschiedenen Zug hatte, nur immer ganz knappe, verständige, praktische Notizen gemacht; im Grunde nur aus Ordnungssinn. Und so trug sie denn auch jetzt die so wichtigen Geschehnisse und Erlebnisse des vergangenen Tages ein. Dann erhob sie sich, entkleidete sich nach ihrer allabendlichen Gewohnheit und trat an ihre Waschgelegenheit heran, um sich vor dem Zubettgehen zu waschen. Diese Waschgelegenheit war ein mit einem Stück grünen Zeugs verhängte und drapierte große Eierkiste, aus der eine Waschschüssel und ein Seifennäpfchen standen. Sie hatte verschiedene Stückchen Seife daliegen, auch wohlriechende. Die letztere war zwar nur billig, doch mußte sie sie haben, und sie sorgte, daß sie ihr nie ausging. Auf einem zierlich mit buntem Papier geschmückten Wandbrett über der Waschgelegenheit, unter dem ein kleiner Spiegel mit ein paar dahintergesteckten Papierblumen und einem japanischen Fächer hing, befanden sich eine Puderschachtel, ein Kammkasten, Flaschen mit Zahnwasser und Eau de Cologne, Schächtelchen mit Pulvern, Bimssteinstücke, Zahnbürsten und andere Toilettegegenstände. Auch ein Frottierhandschuh aus Lufah hing da und außer dem gewöhnlichen Handtuch ein schönes, breites, rauhgewirktes Badehandtuch mit zwei bunten Kanten, Dinge, auf die sie ganz besonders stolz war ... Sie wusch sich, legte sich dann zu Bett und löschte die Kerze aus. Doch verbrachte sie – auch vom Mondschein wach gehalten – eine unruhige und so gut wie schlaflose Nacht ... Am nächsten Morgen, als sie, während Fanny sich in der Schlafstube zu ihrem Schulgang herrichtete, mit Mama beim Frühkaffee allein war, fing Mama, wie sie gleich befürchtet hatte, an zu lamentieren. »Ach, Mieze, mein Kind! Ich habe ja so viel Sorge, mir ist so bang. Was soll nun werden? – Ach ja, jetzt werden wir's erst kennenlernen, was es zu bedeuten hat, wenn ein Mann im Hause ist!« fing sie an. »Aber, Mammi, ich verdiene ja«, entgegnete Mieze. »Ja, ja, na ja, du verdienst, verdienst«, seufzte Mama. »Ich armes, altes Weib, was soll ich machen? Wenn ich etwas mit beitragen könnte! Ich würde ja so gern irgend etwas arbeiten.« »Aber, Mammi, du hast doch in der Wirtschaft zu tun.« »Nun ja, in der Wirtschaft«, wiederholte Mama weinerlich und etwas konfus, schien aber von Miezes sicherem Wesen ein wenig beruhigt. Doch fing sie nach einiger Zeit noch einmal an. »Aber werden wir denn mit deinen achtzig Mark alles bestreiten können? Du arme Deern, alles soll nun so mit einemmal auf deinen jungen Schultern lasten!« »Aber das schadet ja doch nichts, Mammi!« antwortete Mieze ein wenig ungeduldig. »Nun ja! Ach ja!« »Wir haben ja doch vorläufig auch noch die tausend Mark auf der Sparkasse liegen.« »Ach Gott, ja, die tausend Mark! Aber da ist ja doch noch der Sarg zu bezahlen und das Begräbnis. Und unsere Trauerkleider, Trauerkleider für drei, Mäntel und Hüte. Und dann übers Jahr Fannys Konfirmation. Von der Doktorrechnung nicht zu sprechen. Dann die Miete. Auch sind sonst noch diese und jene Schulden.« »Bis übers Jahr ist noch lange hin«, antwortete Mieze. »Mir ist ganz und gar nicht bange. Durch Lamentieren wird's nicht besser, Mammi! Bis dahin kann alles mögliche passieren. Ich will mich übrigens gleich bemühen, daß ich eine bessere Stelle kriege. Mach dir nur keine Sorge, ich finde ganz bestimmt eine. So mit hundert Mark den Monat, denk' ich. Und dann müssen wir natürlich hier die Wohnung aufgeben. Ich bin sowieso froh, daß wir aus der gräßlichen Gegend hier fortkommen. Dreihundert Mark das Jahr: so viel können wir für die Wohnung nicht mehr ausgeben. Wir kriegen eine billigere, die sogar noch besser ist, wenn auch kleiner. Aber wir brauchen ja auch nicht soviel Raum. Im neuen Viertel beim Adelheidpark gibt es ja jetzt so viele herrliche Gartenhauswohnungen. So mit einem Zimmer, zwei Kammern und Küche. Mehr brauchen wir nicht. Du hast's dort ja auch viel besser als hier. Kannst im Park spazierengehen. Du wirst dich dort erholen. Du wirst sehen, wie schön du aufleben wirst, Mammi. Ich werde also mit Dankelmann« – das war der Hauswirt – »sprechen, daß wir vor dem Termin ausziehen können, und ich werde mich beim Park gleich nach einer Wohnung umsehen. Den ersten April müssen wir hier raus. Den Oktobertermin einhalten: das gibt's nicht! Dankelmann wird schon einverstanden sein. Was denn? Was will er machen? Wir haben nichts! Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Er wird nur froh sein, wenn wir gleich ziehen.« Sie hatte sich erhoben, ihren Hut aufgesetzt und ihr Mäntelchen angezogen und hatte es eilig, in das Geschäft zu kommen. Sie mußte die Elektrische nach der Innenstadt benutzen. Das bedeutete eine Viertelstunde Fahrt. »So, und nun adieu, meine alte Mammi!« sagte sie, zu Mama hintretend und sie zum Abschied küssend. »Mach dir keine Sorgen, gar keine! Hörst du? Die Menschen können uns den Buckel 'runterrutschen. – Na?!« Mama blickte mit einem ungewissen, aber entschieden beruhigten Lächeln zu ihr empor. »Ganz gewiß ist mir nicht bange!« lachte Mieze noch einmal, drückte Mama noch einmal die Hand und verließ eilig das Zimmer. »Wie schmuck das Kind ist«, dachte Mama. »Apart wie eine Dame! Was sie für einen anmutigen und gesunden Gang hat! – Ach Gott, unberufen, unberufen! – Man könnte sie für kokett halten. Du lieber Gott: aber es ist ja, gottlob, so rührend unbewußt und naiv! – Eine Schönheit ist sie, eine ungewöhnliche Schönheit. Gebe Gott, daß das Kind nicht zu erleben bekommt, was für einen Fluch es für ein Weib bedeutet, eine ungewöhnliche Schönheit zu sein! – Nun, vielleicht macht sie aber trotzdem ihr Glück, macht mal eine gute Partie!« Dennoch war ihr ein wenig bang, weil Mieze eine Leidenschaft für Putz und modische Kleidung hatte, die sie von jeher zu befriedigen gesucht, nicht ohne sich gelegentlich dabei auch einen Leichtsinn zuschulden kommen zu lassen. Doch vertraute Frau Dühring auf Miezes gutes Herz und ihren Charakter; vor allem darauf, daß sie einen ganz ausgeprägt gesunden Instinkt und Abscheu vor jedem Zuviel hatte. Vater hatte gelegentlich sogar mal geäußert: »Mieze ist ein Yankee. Sie paßt in die Welt. Sie wird euch eines Tages, wenn ich hinüber bin, noch mal alle versorgen.« * Mieze fuhr mit der Elektrischen, bei der sie abonniert war, in die Stadt zu ihrem Kontor. Es befand sich auf dem Hof eines neuen großen vierstöckigen Gebäudes, das an der Grenze zwischen der Altstadt und dem neuen Stadtteil lag. Sie war bei einem Produkten-Engroshändler Eberhard Prönnecke beschäftigt. Der Chef war ein grobschlächtiger, knurriger Fünfziger, dem Mieze in seiner Weise sympathisch war. Er nutzte sie indessen gehörig aus. Zwar arbeitete er selber tüchtig mit auf dem Kontor, hatte aber außer Mieze, die die Bücher führen und auch noch den größeren Teil der Korrespondenz erledigen mußte, nur noch zwei Lehrlinge. Miezes Alltag auf dem Kontor hatte etwa vierzehn Tage seinen gewohnten Verlauf genommen, als der Chef ihr eines Mittags ein großes Kuvert überreichte mit der Aufforderung, es gleich persönlich an seine Adresse zu befördern und auf Quittung zu warten. Es handelte sich, wie er ihr in seiner knurrigen Art von Vertraulichkeit über seinen Kneifer hinweg mitteilte, um einen gewissen Geldbetrag, den seine Frau dem Vorstand des städtischen Frauenbundes für soziale Hilfsarbeit zu entrichten hatte, dessen Mitglied sie war. Mieze setzte ihren Hut auf, zog ihren Mantel an und machte sich auf den Weg, nachdem sie auch gleich Urlaub für ihre Mittagspause bekommen hatte. Auf dem Umschlag las sie: »Ihrer Hochwohlgeboren verwitweten Frau Justizrat Editha Frenzel, Jakobistr. 25 II.« Es handelte sich um einen Weg von nicht ganz zehn Minuten, aber durch die belebteste, geschäftsreichste Mitte der Stadt. Nach Ablauf dieser Zeit befand sich Mieze vor einem großen, altertümlichen, mehr als vierstöckigen Hause, dessen obere Fassade indessen in einen machtvollen Rokokogiebel überging. Das ganze Erdgeschoß war von großen glänzenden Schauläden eingenommen. Die Fassade darüber aber wimmelte bis über das zweite Stockwerk hinauf von goldenen, schwarzen und bunten großen Firmenbuchstaben und Reklamebildern. Der Eingang war ein Portal mit einer Art von Passage davor, die mit Waren- und Photographiekästen ausgefüllt war. Sie trat in einen breiten, kühlen, dämmerigen Hausflur ein, dessen Fußboden mit Steinplatten ausgelegt war. Eine geräumige, dunkelbraune Wendeltreppe mit kunstvoll geschnitztem Geländer und Stufen, die mit braunroten Tuchläufern belegt waren, führte sie zu dem zweiten Treppenflur hinauf, wo sie an einer breiten, altertümlich kunstvollen Entreetür auf einem Messingschild den Namen »Editha Frenzel« las. Sie drückte auf den elektrischen Knopf, und ein paar Minuten später wurde sie von einem sauberen Hausmädchen, das ein gekräuseltes, schmales Häubchen wie eine zierliche weiße Raupe auf ihrem kastanienbraunen Haar trug, über Tuchläufer durch einen dämmerigen Korridor zu einer hohen Tür hingeführt, die das Mädchen öffnete, wobei sie Mieze einlud, näher zu treten. Sie trat in ein großes, helles und außerdem noch licht tapeziertes Zimmer ein, das eine sehr reine, frische Luft erfüllte von einem der beiden großen Fenster her, das weit offen stand. Auch fielen ihr auf den breiten Fensterborden zwei Reihen von Hyazinthen, Tazetten und Krokus mit ihren lichten, sonnigen Farben sofort freundlich ins Auge. Dicht bei dem einen Fenster, gegen die helle Lichtflut, die hereindrang, an einem geräumigen, mit Büchern, Papieren. Bildern und Statuetten bedeckten Diplomatenschreibtisch befand sich eine Dame mit einem großen, adlernasigen, von einem starken, hellblonden Haarwuchs förmlich umflammten Kopf, der auf einem kräftigen, sehnigen, gebräunten und ganz freien Halse saß. Die Dame hatte zuerst in ihrem großen Lehnstuhl das Gesicht zu Mieze hingewandt, war dann aber mit irgendeinem Ausruf in die Höhe gefahren und auf dem schönen Teppich, der fast den ganzen Fußboden bedeckte, mit einer elastisch energischen Gangart zu ihr hergekommen. Dann war sie stehengeblieben und blickte nun aus ein Paar großen, runden, blitzenden, lichtgrauen Adleraugen, die von kräftigen, schön gezeichneten Brauen überzogen waren, aus einem gebräunten Gesicht, das ein scharf vorspringendes Kinn hatte, Mieze an. Sie war mittelgroß, hatte eine angenehme, muskulös sehnige Gestalt und trug ein hellfarbiges Reformkleid aus einem leichten Stoff. Unten war es fußfrei, und Mieze nahm wahr, daß ihre Füße nackt waren, und daß sie Sandalen trug. Sie hatte kein Korsett, und ihr mächtiger Busen wurde von einem gefalteten Stoffgürtel gehalten. Am Hals war das Kleid ausgeschnitten, so daß außer dem nackten Halse auch noch ein Teil der gebräunten Brust zu sehen war. Das Kleid hatte Halbärmel, aus denen die Unterarme nackt, braun und muskulös hervorsahen. Mieze hatte eben, von dem seltsamen Aussehen der Frau Justizrat verwirrt, schüchtern einen »Guten Tag« geboten, als auch schon eine kräftige, fast männliche Stimme mit einem Ausdruck lebhafter Überraschung laut und frei die Stille unterbrach: »Ho! Ah, sieh mal!« Die Dame ließ ein lautes, wohltönendes Lachen hören. »Was tritt denn da mit einemmal für eine seltene weibliche Schönheit in mein Studio ein?! Kommen Sie doch mal näher, kleines Fräulein! Setzen Sie sich doch mal hier gegen mich her in Bewegung? Lassen Sie mich doch mal sehen!« Einen Augenblick zögerte Mieze, die über und über rot geworden war, dann aber trat sie schüchtern, doch um so anmutiger, ihr den Brief des Chefs darbietend, auf die Frau Justizrat zu. »Ah?! A la bonne heure ?! Das ist ein Gang, der sich sehen lassen kann!« Und mit grauen Adleraugen blitzte sie Mieze an. »Ich komme von Eberhard Prönnecke und soll diesen Brief überreichen«, stammelte Mieze verwirrt. »Den Brief da sollen Sie überreichen? Einen Brief! Schön, schön!« Sie nahm ihr den Brief ab, blieb aber noch vor ihr stehen. »Sie sind Kontoristin bei Eberhard Prönnecke?« »Ja. Buchhalterin.« »Aha! Wohl! Ist ein Unterschied. Buchhalterin. Nicht wahr? Wie alt sind Sie, kleines Fräulein?« »Achtzehn Jahr«, antwortete Mieze. »Was für herrliche Zähne! – Hm, hm, hm –« Die Frau Justizrat schüttelte in einer sonderbaren Weise den Kopf, und in ihren Worten hatte fast eine Strenge gelegen, so daß Mieze unwillkürlich erschrak, als sie jetzt fortfuhr: »Und wie heißen Sie mit Vornamen?« »Mieze«, gab Mieze Bescheid, in ihrer Verwirrung jetzt beinahe bang. »Mieze?! Mieze?! Aber gräßlich! Wer hat Ihnen denn den Namen angehängt? Sie sind doch keine Katze?« »Vater hat mich immer so genannt, als ich noch klein war. Und nachher haben Sie mich zu Hause immer so genannt.« »Sososo. – Was haben Sie sonst noch für Namen?« »Frieda.« Die Frau Justizrat schüttelte protestierend den Kopf. »Is es nich'. – Wie noch?« »Luise.« »Is auch nix! – Noch einen?« »Cäcilie.« »Ah, sehen Sie! Nu also! – Also, Sie heißen von jetzt ab Cäcilie. Verstanden?« Mieze lächelte. »Also Cäcilie! Cäcilie! – Aber vorderhand! Wollen erst mal sehen, was Mister Eberhard Prönnecke, Esquire, schreibt.« Sie begab sich zu dem offenstehenden Fenster hin, wo sie dem Umschlag das eingeschlossene Geld entnahm und den Brief las; dann begab sie sich zum Schreibtisch hin, auf dem sie Geld und Brief niederlegte. »Na, das hat nicht solche Eile«, sagte sie. »Kommen Sie doch mal hierher; setzen Sie sich hier auf den Stuhl, Cäcilie. Ich möchte einen kleinen Speech mit Ihnen halten.« Sie hatte sich in den Schreibtischsessel niedergelassen, das eine Bein über das andere geschlagen, und auf einen anderen Sessel gedeutet, der neben dem Schreibtisch stand. Mieze näherte sich langsam und ließ sich zögernd in den ihr angewiesenen Sessel nieder. »Sagen Sie doch, liebes Kind, wie ist Ihr Familienname?« erkundigte sich die Frau Justizrat, die Arme unter dem mächtigen Busen verschränkt und Mieze mit ihren grauen Adleraugen anblickend. »Dühring.« »Sie haben Ihre Eltern noch? Aber – Sie tragen ja Trauer.« »Vor Zwei Wochen haben wir Vater begraben.« »Was war Ihr Vater? In welchen Verhältnissen leben Sie?« Mieze zögerte zu antworten. »Buchhalter«, gab sie endlich Bescheid und nannte die Firma, bei der ihr Vater beschäftigt gewesen war. »Nun, nun, haben Sie nur keine Angst vor mir, Cäcilie!« lachte die Frau Justizrat. »Ich bin geradezu und hab' ein grobes Maul. Aber man muß mich verbrauchen, wie ich nun schon mal bin; und ich bin nicht so schlimm, wie's aussieht. – Wie alt ist Ihr Vater geworden?« »Achtundvierzig.« »Oh, noch so jung! – Plötzliche Krankheit? Sonst gesund gewesen?« »Influenza.« »Ihre Mama lebt aber noch?« »Ja.« »Und Sie haben Geschwister?« Mieze gab Bescheid. »In was für Vermögensverhältnissen leben Sie?« Mieze zögerte zu antworten. Hier hatte sie ihre kleine Eitelkeit. Auch regte sich nachgerade ihr Selbstgefühl. Diese Ausfragerei fing an, sie ungeduldig zu machen. »Wir sind jetzt nur auf das angewiesen, was ich verdiene«, sagte sie endlich kurz, über dem gesenkten Blick ein Fältchen in der Stirn. »Sie werden bei Eberhard Prönnecke nicht eben gerade ein so besonders großes Salär bekommen«, fuhr die Frau Justizrat fort, ohne sich weiter um Miezes Ungeduld zu kümmern. »Nein«, antwortete Mieze. »Aber ich will sehen, daß ich eine bessere Stelle bekomme.« »So! Na genug, genug! Ich will Sie hier nicht in Grund und Boden inquirieren!« Sie blickte Mieze noch eine Zeitlang an, wobei sie mit ihrem großen flammenhaarigen Haupte kleine Bewegungen machte und unverständliche Worte vor sich hinmurmelte. Plötzlich aber erhob sie sich mit einem rüstigen Schwung, wandte sich von Mieze fort, trat wieder an das offenstehende Fenster und verlor sich, als ob sie Miezes Anwesenheit ganz vergessen hätte, in den Anblick der Straße, deren Verkehrsgetriebe sein eintönig rollendes Rauschen heraufschickte. Auch Mieze hatte sich erhoben in der Meinung, daß sie nun entlassen werden sollte. Und da sie nachgerade sich sehnte, fortzukommen und nach all den neuen Eindrücken, die sie hier empfangen, mit sich allein zu sein, so räusperte sie sich ein paarmal, um die Frau Justizrat an die Quittung zu erinnern. Diese wandte sich auf dies Räuspern hin endlich zu ihr herum. »Ah, Sie sind ja aufgestanden! Nein, warten Sie doch! Sie sollen noch nicht gehen. Sie müssen ja auch noch die Quittung haben. Sie haben doch keine besondere Eile? Ich möchte Ihnen noch etwas sagen. Oder mögen Sie nicht mehr bleiben?« Mieze, die nicht lügen wollte, antwortete nur mit einem unbestimmten Lächeln. Es fiel ihr im übrigen aber plötzlich ein, daß es in ihrer jetzigen Lage vielleicht einen praktischen Wert für sie haben könnte, wenn die Frau Justizrat Anteil an ihr nähme und sie mit ihr in einen näheren Verkehr käme. Die Frau Justizrat aber breitete jetzt ekstatisch die Arme aus, daß ihr die Halbärmel ihres Reformkleides bis über die prallen, mächtigen Oberarme zurückfielen, und rief: »Ha, ist das nicht herrlich da unten?! Die große brausende Straße mit ihrem Verkehr?! Das nenn' ich Leben, Leben! – Warum ich, als Freiluftmensch, hier in dem alten, zweihundertjährigen Hause wohne? Erstens weil es mir gehört, von meinem seligen Mann, dem Justizrat, und seiner Familie, einer alten, angesehenen Patrizierfamilie her; vor allem aber wegen dieses herrlichen Verkehrs, der mir da vor den Fenstern vorbeibraust. – Das ist der Strom des lebendigen, modernen Lebens. Und immer lebendiger und moderner ist er geworden in den letzten zwanzig Jahren. Erst war's bloß die Pferdebahn, dann wurde es die Elektrische. Erst war es nur ein Gleis, jetzt fahren sie zu sechsen hin und her. Und neuerdings sind auch noch die Automobile und Motordroschken hinzugekommen. Das ist ein Gekribbel und Durcheinander! Lebensgefährlich! Wie?!« Sie lachte ein fröhliches, robustes Lachen, ein Lachen voll Humor, Begeisterung und Härte Zugleich, und ihre Adleraugen flammten. »Ha, was?! Aber das Leben ist ein Kampf! Es will nicht, daß wir Dösbartel sind! Seh' jeder zu, wie er sich behauptet und wie weit er's bringen kann! – Aber die ›beängstigend zunehmende moderne Nervosität‹? Pah, was heißt ›Nervosität‹! Begreift doch, wie ihr euch mit ihr einzurichten habt! Haha! Ich sehe wohl wunderlich aus mit meinem freien Hals, meiner freien Kehle, meinen bloßen Armen, nackten Füßen und Sandalen! Aber was scheren mich Vorurteile, wenn die liebe Luft und das liebe Licht so recht von allen Seiten mir an die Haut kann und mich gesund hält?! Nun, kleine Schönheit?! Hahaha! – Wie eine kleine Dame, ganz wie eine unbewußte kleine Dame sieht sie aus! Eine Baronesse, Komtesse geradezu! Ein schönes Rokokoprinzeßchen. – Hm. hm! Nun, nun! – Nein, ich nehme Anteil an Ihnen! Ich muß mit Ihnen sprechen!« »Es hat ja seine Schattenseiten!« Sie wurde ernster und fing an, die Hände auf dem Rücken, hin und her zu schreiten. »Seine sehr bedenklichen! Kein Weib – ich betone Weib! – hat vom Schicksal ungestraft die Gabe der Schönheit empfangen. Es ist kein gutes Schicksal, nein, kein gutes Schicksal. Vielleicht das eigentlichste Kapitel und das gefährliche von der Tragik des Weibes!« Ihre Schritte waren zornig geworden, und in ihrer Stimme war ein verbissenes, unerbittlich entschlossenes Grollen. »Hm! Sagen Sie mal, haben Sie schon mal was von der Frauenfrage gehört, Cäcilie? Aber setzen Sie sich doch wieder, liebes Kind! Setzen Sie sich!« Mieze nahm wieder Platz, während die Frau Justizrat wieder mit diesen großen, weit ausgreifenden Schritten hin und her zu gehen begann. »Ich werde hier in der Stadt für ein Original gehalten«, lachte sie herzhaft auf, ohne Miezes Antwort abzuwarten. »Nun, wenn schon! Daran muß man sich nicht kehren. Ich bin ein Original, weil ich vorgeschritten bin, weil meine Seele frei und couragiert genug ist, schon jetzt in einer Zukunft zu leben, die unfehlbar eines Tages gekommen sein wird. Ich bin eine Kämpferin: das ist die Hauptsache! Nun, ich gehe meinetwegen, so wie ich hier bin, nur bei mir Zu Hause umher. Aber ich kleide mich auch außer Hause möglichst naturgemäß. Und ich lebe so gut wie vegetarisch. Hören Sie nur recht schön zu und merken Sie sich das alles, Cäcilie! Ja, richtig: nicht wahr? Wie gräßlich, daß Sie junges Ding so den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend in dem dumpfen Kontor und seiner muffigen Bureauluft sitzen müssen! Aber sagen Sie, es interessiert mich, machen Sie vielleicht frühmorgens körperliche Übungen?« Mieze, der schon ein paar Keulen, Hanteln und ein paar andere Apparate aufgefallen waren, die in der Ecke neben dem Schreibtisch standen, verneinte. Sie habe keine Zeit dazu übrig. »Oh, Zeit hat man stets zu so etwas! Sie sind bloß noch nicht drauf gekommen.« »Aber ich wasche mich jeden Tag früh und abends«, sagte Mieze, die mitteilsamer wurde. »So! Nun, das ist gut, ist gut. – Hm! Aber, sagen Sie mal: auch wirklich aus Gesundheitsrücksichten?« Die Frau Justizrat richtete ihre Adleraugen auf Mieze. Mieze wurde rot und schwieg einen Augenblick irritiert. Aber dann sagte sie: »Der Reinlichkeit wegen.« »Hm, hm, hm! Na, werden wohl ›kosmetische‹ Gründe sein! – Hm! – Ja, ja, ja: die liebe ›Kosmetik‹!« grollte sie im Auf und Ab. »Nun, es ist ja auf alle Fälle gut und gesund, sich oft zu waschen. – Aber turnen Sie! Sie müssen mir versprechen, zu turnen. Hören Sie?« Mieze sagte, sie wollte es tun. Sie hatte unter der letzten Rede der Frau Justizrat sich auch wirklich schon vorgenommen, frühmorgens nach dem Aufstehen Turnübungen anzustellen. »Das ersetzt die mangelnde Bewegung. – Ich hab's ja besser. Habe draußen vor der Stadt einen großen Garten, in dem ich möglichst alles selber bestelle. Und dann mach' ich auch Freiluftmärsche. Aber regelmäßige Turnübungen sind ja ein guter Ersatz. Es muß freilich nicht übertrieben werden. Aber darüber werden wir später noch reden, Cäcilie. Das sieht hier aus wie bei einem Gelehrten, einem Blaustrumpf«, fuhr sie fort, während sie plötzlich vor dem einen Bücherregal stehenblieb. »Aber ich bin keine Gelehrte, ich bin eine Kämpferin. Dazu gehört heutzutage auch das«, sagte sie, auf die Bücher deutend. »Wenn man der hiesige ›Hort der Frauenbewegung‹ ist. Und wenn man Vorsteherin im Frauenverein für soziale Hilfsleistung und wer weiß was noch alles dergleichen ist. Nun, komm nur mal her, Cäcilie! Sieh dir die Bücher mal an!« Mieze erhob sich und begab sich nicht ungern zu ihr hin. »Nun, gefallen dir all die vielen Bücher? Liest du auch gern?« Sie bejahte. Sie las tatsächlich gern. »Ich werde dir nachher ein paar davon mitgeben. – Aber sieh mal da hinauf!« Die Frau Justizrat reckte die Hand gegen eine Reihe von größeren Porträtbildern hinauf, die über dem Regal hingen. »Das sind alles Kämpfer und Kämpferinnen unserer neuen Zeit. Das ist John Ruskin, da ist Tolstoi, da Ibsen, Björnson, da Walt Whitman – was für ein herrlicher Greisenkopf! –, das ist Charles Darwin usw. usw. Hast du schon von Darwin gehört?« Mieze bejahte. Die Frau Justizrat brummte befriedigt. »Nun, recht so, recht so! – Ja, und da ist Helene Lange, Berta von Suttner usw. usw. Ein andermal! Alles Vorkämpfer, Ritter und Ritterinnen ohne Furcht und Tadel der sich befreienden Menschheit, der großen europäischen Menschengemeinschaft, die im Werden ist. Möchtest du von alledem was erfahren, Cäcilie?« Mieze bejahte. »Nun, recht so, recht so! – Davon und von dem großen Befreiungskampf des Weibes. Und wie Mann und Weib sich von den Uranfängen an bis heute entwickelt haben, und wie das alles, was kommen wird, auch so kommen muß und mußte! Hm! Sag' mal: hast du etwa einen Schatz?!« Die Frau Justizrat richtete ihre Adleraugen auf Mieze. Mieze erwiderte mit einem ungewissen Blick. Aber dann senkte sie die Augen und errötete, ernstlich befremdet, und sagte, leise ihre Verstimmung durchblicken lassend: »Ach! Nein ...« »Hm! – Nein! Wirklich nein! – Nun, das ist gut! Es gibt für ein junges weibliches Wesen wahrhaftig auch noch mehr zu tun als solche Talbereien mit jungen Burschen, die heutzutage nichts im Kopf haben als Unfug. – Da gibt es geistig zu arbeiten. Allgemeinbildung! Bildung macht frei! Eine Frau muß sich über staatliche, politische, volkswirtschaftliche, juristische, medizinische Dinge unterrichten. Morgen wird sie wahlberechtigt sein. Und dann gibt es so viel herrliche Dichtung, Kunst und Wissenschaft. Und es gibt soziale Hilfsleistung: Kindergärten, Unterricht, Armenpflege. Volksküchen, Krankenpflege, Waisenhäuser, Blindenanstalten. – Na, über das alles sprechen wir noch. Magst du, Cäcilie?« Mieze bejahte. »Nun, sehr gut, sehr gut! – Der Bund der deutschen Frauenvereine ist ein großes und vielseitiges Gebiet. Und es gibt soviel Großes und soviel Not in unseren modernen Übergangszeiten. – Sag', magst du ein paar von den Büchern mitnehmen?« »O gern!« stimmte Mieze zu. »Nun gut! – Und kommst also wieder, besuchst mich, sooft du kannst. Nun, denn genug für heute! Denke nicht, daß ich deine Mittagspause vergesse. – Hm, warte!« Sie überlegte einen Augenblick und zog dann ein größeres Buch und ein paar Broschüren aus dem Regal hervor. »So! Nimm vorläufig das mit. Nimm dir Zeit mit dem Lesen. Es hat keine Eile.« Mieze nahm die Bücher in Empfang und dankte. »Und dann – heute haben wir Donnerstag – Sonntag wirst du ja Zeit haben. Komm Sonntag wieder her. Zu Mittag. Ich möchte mal mit dir zusammen Mittag essen. Und nachher wollen wir über allerlei miteinander reden. Und du sollst mir über das berichten, was du bis dahin etwa schon gelesen hast. Einerlei, wieviel es ist. Und nun die Quittung!« Sie begab sich zum Schreibtisch, ließ sich nieder, zog aus einem Kästchen einen bedruckten Formularzettel hervor und schrieb etwas drauf, dann tat sie den Zettel in einen Umschlag, erhob sich wieder und reichte es Mieze. »So, und nun will ich dich entlassen, Cäcilie!« Aber sie ergriff Miezes Hand und behielt sie in ihrer braunen, muskulösen, die hart war wie die einer Arbeiterfrau, ihre weitere Rede damit bekräftigend, daß sie ab und zu Miezes Hand drückte. »Auf gute Freundschaft, Cäcilie! Hm! – Sieh' mich von heut ab ohne Umstände für deine zweite Mutter an, liebes Kind! Du mußt recht oft zu mir kommen. – Treue Sorge und Anteilnahme, die sollst du stets bei mir finden, du kleines – Weib!« setzte sie seltsam hinzu. »Wir müssen Zusammenhalten gegen – die Männer!« Sie lachte in ihrer herzhaften Weise. »Wir Weiber von heute! Wir haben uns – nun, ein jeder hat sich seiner Haut zu wehren in der großen Hauptkonstellation des Lebens! Tod aller Knechtung und Unfreiheit! Uns alle hat Gott frei geschaffen. Aber die Weiber, die – schön sind, und die, die vielleicht am tiefsten und naturbestimmtesten – Weib sind, gerade die haben vor allem einen Anhalt nötig in unseren schlimmen, schlimmen Übergangszeiten von heute! – So, und nun leb' wohl! Grüße unbekannterweise deine Mutter! Ich möchte sie gern kennenlernen und werde nächstens mal zu euch hinauskommen. Ich habe überall zu tun, bin überall zu Hause ...« Mieze verließ die Frau Justizrat in großer innerer Erregung. Daß es eine Frauenemanzipation gab, wußte sie und hatte darüber auch schon dies und jenes nachgedacht. Sie hatte gemerkt, daß die Frauen und Mädchen heute anders und freier waren und mit den Männern verkehrten, als das, wie sie Mamas Reden entnommen, früher der Fall gewesen war. Mama für ihr Teil war ja ihr Lebtag nur immer Vaters Sklavin gewesen. Mieze hatte zu ihrem Vater aber von jeher ein ganz eigenes Verhältnis gehabt. Unwillkürlich und aus Instinkt war sie ihm zugetan gewesen, hatte ihm sogar in vielen Stücken Mama gegenüber recht gegeben und ihn verstanden; und dennoch, obgleich sie eigentlich mehr zu Vater als zu Mama hielt, hatte sich in ihr ein starkes Selbstgefühl entwickelt, und wenn sie sich innerlich zugeschworen hatte, sie möchte nie, niemals mit einem Manne so leben wie Mama mit Vater, so war das durchaus kein bloßer leerer Mädcheneinfall gewesen. Sie hatte übrigens auch nie ein weichlich sentimentales Mitleidsgefühl gegen Mama gekannt; so lieb sie Mama auch hatte, so leid ihr Mama tat und so abscheulich ihr die öfteren Roheiten Vaters immer gewesen waren. Aber irgendein sonderbarer Egoismus machte ihr Mama geradezu bedauernswürdig ... So hatte sie ernstlich Anteil daran genommen, was die Frau Justizrat ihr von der Selbständigkeit der Frau dem Manne gegenüber gesagt hatte. Trotzdem aber war das nicht die Hauptsache, die Mieze aus diesem Zusammensein mit davontrug. Ein anderes hatte sie weit mehr und unmittelbarer, tiefer berührt. Die Frau Justizrat hatte sofort ihre ungewöhnliche Schönheit hervorgehoben – deren sie sich übrigens durchaus nicht ganz unbewußt war, und die sie mit allen möglichen kleinen, ihr zugänglichen Mitteln gepflegt hatte –, und sie hatte zugleich auf eine besondere »Tragik« dieser Schönheit hingedeutet. Auch hatte die Frau Justizrat sie in einer so seltsamen Weise ein »kleines – Weib« genannt. Das hatte ihr irgendwie eine kleine nachdenkliche Bangigkeit mitgeteilt, gegen die sich allerdings auch sofort eine gewisse trotzige Neugier geregt hatte, was für eine Tragik das denn eigentlich sein sollte. Doch auch darüber machte sie sich eigentlich keine tieferen Gedanken. Vor allem war es ihr vielmehr sehr viel wert, daß sie eine vornehme Dame kennengelernt hatte, die zu den angesehensten Familien der Stadt gehörte, eins Patrizierdame ... Sie hatte oft Stunden, Tage, Wochen gehabt, wo sie vor Scham und Niedergedrücktheit unter dem lastenden Eindruck der abscheulichen häuslichen Auftritte zwischen Vater und Mama wie das armseligste, elendeste, verachtetste Bettelkind zitternd und menschenscheu an den Häusern hingeschlichen und sich kaum auf die Straße gewagt hatte, gar auf die große Hauptstraße in der Stadt, wo alle die vornehmen und gutgekleideten Menschen an einem vorbeigingen. Und nun eröffnete sich ihr mit einemmal ein Ausblick in eine Zukunft, in der es dieses entsetzliche Gefühl nicht mehr geben würde! ... Diese Welt, diese vornehme, stolze, schöne, freie Welt über den anderen Menschen, die arm, gemein, grob, elend, unsauber und ungebildet waren, diese Welt, die ihrem Instinkt, den sie von ehemaligen gutbürgerlichen Familienverhältnissen ererbt, den sie von der weitausgreifenden, stolzen, feurigen Seele ihres Vaters bei der Geburt mit ins Blut bekommen, diese Welt, die ihr von jeher mit einem so besonderen Heimatsgefühl als heißersehntes Ideal vorgeschwebt hatte: in diese Welt sollte sie jetzt also eintreten; heute hatte sie zum erstenmal, so ganz unvermutet, ihre Schwelle überschritten! ... Kennzeichnenderweise hatte ihr denn auch gerade der Umstand einen ganz besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen, daß die Frau Justizrat sie Cäcilie umgetauft hatte. Ihr altes »Mieze« war ihr jetzt direkt unerträglich. Sie entschied, daß sie unter allen Umständen Cäcilie umgetauft werden müsse ... Noch an demselben Abend trug sie Mama diese Angelegenheit vor. »Frau Justizrat fand ›Mieze‹ gräßlich«, sagte sie, nachdem sie Mama ausführlich über das Zusammensein berichtet hatte. »Sie meinte, daß das ein Katzenname wäre. Sie ließ sich alle meine Vornamen sagen und hat mich dann nur noch mit Cäcilie angeredet. Und so will ich auch von jetzt an heißen. Ich lasse mich einfach so umschreiben.« »Aber, Kind! Was das nun wieder für ein Einfall ist!« wandte Mama in ihrer wehleidigen Weise erschrocken ein. »Aber, warum willst du denn mit einemmal nicht mehr Marie heißen? Frau Justizrat hat doch sicher nur gescherzt.« »Nein, sie hat's vollständig im Ernst gemeint!« gab Mieze zurück. »Ich lasse mich auch ganz bestimmt auf Cäcilie umschreiben, Mama!« »Aber wie denn! Mieze! Wo wir dich doch immer von klein auf so genannt haben, Vater, ich, deine Geschwister!« »Ihr könnt mich ja auch getrost weiter so nennen: nur will ich Cäcilie mit Rufnamen heißen«, bestand sie, »Man kann sich ja doch im Kirchenbuch und auf dem Standesamt umschreiben lassen.« »Aber, Kind, das ist doch eine so umständliche Sache! Und was hat es denn auf sich! Ich müßte doch deshalb mit dem Vormund sprechen. Ich bitte dich, was soll der denn dazu sagen, wenn ich's ihm vortrage und er mich nach dem Grunde fragt!« Mamas Einwand versetzte Mieze in einige Verlegenheit, aber sie ruhte nicht eher, als bis sie einen Grund ergrübelt hatte, den man dem Vormund angeben konnte. »Was soll er denn weiter einwenden, wenn wir's wollen?« sagte sie, noch in Verlegenheit. Aber dann hatte sie's. »Du kannst doch sagen, daß es aus Familienrücksichten geschehen soll! So hat doch die Großtante geheißen, die in ihrem Leben so viel Glück gehabt haben und so klug gewesen sein soll!« »Aber, Kind! Weshalb hast du denn der Frau Justizrat überhaupt gesagt, daß wir dich Mieze nennen?« entgegnete Mama, die sich noch immer nicht an die Sache herantraute. »Du hättest ihr doch sagen müssen, daß du Marie heißt, und das muß doch jeder Mensch für einen verständigen Namen ansehen.« Mieze errötete bis in die Haare hinein. Sie schämte sich mit einemmal nachträglich furchtbar. Denn das war richtig: Wie war es nur möglich gewesen, daß sie ihren Namen nicht richtig angegeben hatte? Es kam ihr zum Bewußtsein, daß daran die Schüchternheit und Verwirrung schuld gewesen war, die sie anfangs empfunden hatte, und diese Schüchternheit war ihr nachträglich furchtbar verdrießlich. Doch nun hatte sie die Sache schon mal so weit betrieben, und nun lag die Sache schon mal, wie sie lag, und ihre Verlegenheit machte sie nun erst recht beharrlich. »Aber, wenn mich die Frau Justizrat doch nun schon Cäcilie nennt?« bestand sie auf ihrem Willen. »Sie will mich doch sicher in den Frauenbund einführen und wird mich da auch vor allen Leuten so nennen. Was ist denn weiter dabei, wenn ich umgeschrieben werde? Es kann mir doch nur von Nutzen sein!« Zwischen ihren Brauen zeigte sich das Fältchen. Frau Dühring seufzte, wie sie es sah, und sagte endlich zu, daß sie mit dem Vormund reden wollte. Doch begab sich Mieze nach diesem Gespräch mit Mama nicht gerade ganz unbefangen und befriedigt hinter in ihr Kämmerchen. Mamas schließliche Nachgiebigkeit und ihre Hilflosigkeit griffen ihr zwar nicht besonders ans Gewissen, rührten sie aber und machten sie in einer ganz bestimmten Hinsicht nachdenklich. Daß sie verständigerweise ebensogut Marie wie Cäcilie heißen konnte, leuchtete ihr wohl ein; es war aber etwas anderes gewesen, was sie auf ihrem Willen hatte bestehen lassen, und eine unruhige Nachdenklichkeit machte sie das jetzt erst ganz klar fühlen. Sie empfand, daß es ihr eine tiefere Notwendigkeit war, sich für die Zukunft, sicher nicht von Mama, Fanny und ihren Brüdern abzulösen – das würde sie um keinen Preis der Welt jemals getan haben und zu tun imstande sein –, wohl aber von dem, was in ihren bisherigen kläglichen Familienverhältnissen ihrem Wesen entgegen war. Doch spürte sie gerade auch darüber eine wunderliche Rührung. Ja, so war sie ... Schließlich aber machte sie sich, tief befreit aufatmend, daß diese Sache abgetan war, bis in die tiefe Nacht hinein über die Lektüre her, die die Frau Justizrat ihr mitgegeben hatte ... * Als sie am Sonntag gegen Mittag bei der Frau Justizrat eintrat, wurde sie von dieser mit einem prüfenden Blick von oben bis unten gemustert, der endlich mit einer gewissen grobschlächtigen Strenge an ihrer Taille haften blieb. »Sag' mal,« rief die Frau Justizrat, »ich wollte dich schon neulich fragen: Du trägst ein Korsett? Und noch dazu so ein ganz neumodisches?« Mieze bejahte. »Na ja! Und heute, nicht wahr, noch dazu ein ganz besonders neumodisches?« »Ja,« bestätigte Mieze betroffen, »mein Sonntagskorsett.« »Ach, sieh mal! Also zwei Korsette hast du!« polterte die Frau Justizrat. »Das für die Woche ist, leider, nicht wahr, schon etwas zu ausgeweitet, aber an dem sonntagschen da können alle Leute dann um so besser erkennen, was für eine unvernünftig enge Nummer du trägst und wie verrückt du dich einschnürst! Wie bist du denn eigentlich darauf gekommen, sag' mal?« Mieze schwieg. Sie traute sich nicht recht, das zu sagen. Sie hatte sich ihre Begriffe von Mode in manchen Dingen so auf eigene Faust gebildet. Sie war gut mittelgroß, von herrlicher Gestalt und wenn auch gerade nicht auffallend, so doch entwickelter als die meisten ihrer Altersgenossen, von einer geschmeidig fleischigen Schlankheit, schön geformt in den Hüften und hatte eine prächtige, kerngesunde Brust. Und so machte sie sich in der Mitte gern schlank. Im besonderen war sie aber auf diesen Einfall gekommen durch die Rokokodamen, die sie in ihrem Kämmerchen zu hängen hatte und die sie als das Ideal von Mode, Vornehmheit und Schönheit anschwärmte. Sie wurde rot. Denn dieses Vorbild einzugestehen, schämte sie sich, obgleich ja in den neuesten Modezeitungen auch wieder solche eng geschnürten Korsette vorkamen. Im übrigen aber zog sie sich, obgleich sie sicher mit nichts so wenig als mit irgendeiner Zurückhaltung gekommen war, sofort in ihr Innerstes hinein vor der Frau Justizrat zurück, bereit, um jeden Preis den Kampf um ihr Korsett mit ihr aufzunehmen. »So! Und das ist wohl so besonders schön und vor allem ›schick‹, wie?« polterte die Frau Justizrat weiter. »Sag' mal: hast du schon mal 'ne Drechselpuppe gesehen? Und hast du schon mal in den ›Fliegenden Blättern‹ die Dame mit der ›Wespentaille‹ gesehen, die sich beim Brotschneiden mittendurch in zwei Hälften schneidet? – Hier, sieh mich an! Ich habe mein Lebtag kein Korsett getragen, und ich denke, ich sehe deshalb noch lange nicht wie ein Fleischkloß aus! – Hier, komm mal her!« Sie war mit zornigen Schritten an eins der Büchergestelle herangetreten und zog jetzt ein Buch daraus hervor, das sie mit der Aufforderung an Mieze, herzukommen, auf den Tisch legte und aufschlug. Es waren in dem Buche allerlei nackte Weibergestalten mit unnatürlich engen Taillen abgebildet. »Da, sieh dir mal deine ›Schönheiten‹ an!« rief die Frau Justizrat. »Das nennt man Deformation des weiblichen Körpers durch jahrhundertelanges Tragen des Korsetts. – Aber hier« – sie blätterte weiter – »kannst du dir deine ›Schikösen‹ auch mal von innen besehen! Sieh mal: so nehmen sich ihre Eingeweide aus! Alles zusammengequetscht, nichts an seinem rechten Fleck! Krebs, Eingeweidekrankheiten, Geschwüre, na, pfui Deibel! was weiß ich alles; Leberquetschungen, die aber auch meistens tödlich verlaufen, sind noch das Appetitlichste. Ich hoffe, ich werde dir den Geschmack an deiner Höllenmaschine da etwas verdorben haben, wie? Im übrigen aber laß dir sagen, daß es heutzutage bei vornehmen Damen nachgerade für geradezu geschmacklos gilt, sich eng zu schnüren.« Die Frau Justizrat hatte sich hier auf einen kleinen diplomatischen Kniff verlegt, der denn auch sofort auf Mieze seine Wirkung tat. »Man trägt heute Brusthalter und Leibchen; kein verständiges Weib, dem seine Gesundheit und seine gute Gestalt etwas wert ist, trägt heute mehr solch einen Panzer des Todes da!« Mieze beschloß, als ihr die Frau Justizrat dann in dem Buch noch verschiedene namhafte vornehme Damen der Gesellschaft wies, die Brusthalter und Leibchen trugen, in Zukunft auch nur noch ein solches zu tragen ... Hernach aber hatte die Frau Justizrat, als sie drin im Eßzimmer bei Tisch saßen, noch etwas anderes an Mieze auszusetzen. »Na, sag' mal,« fing sie an, nachdem sie ihr eine Zeitlang aufmerksam beim Essen zugesehen hatte, »wie ißt du denn da eigentlich? Wo hast du denn die Mode her?« Mieze erschrak auf der Stelle so heftig, daß sie mit einem kleinen Ruck zusammenfuhr und förmlich erbleichte. Sie hatte allerdings in der Annahme, daß das sich so gehöre, beim Essen die Ellbogen zur Seite gespreizt und dann die Hände, Messer und Gabel zwischen den Fingern, mit einer Schwunglinie, die sie für schön und zierlich hielt, über den Teller hängen lassen. »Deine Hände sind doch Hände und keine Fransen!« polterte die Frau Justizrat. »Und es braucht zwischen deinen Ellbogen doch kein Pudel durchzuspringen? Nu, sieh nur her, wie ich esse! Ich denke, ich bin auch eine Dame und weiß, wie man ißt. Am gescheitesten bist du aber, wenn du in Gottes Namen ganz einfach so ißt, wie dir am bequemsten ist. Löffel, Messer und Gabel werden sich schon gebrauchen lassen, und eine Kuhmagd bist du ja auch nicht von Geburt und Erziehung. Man muß wahrhaftig nicht alle Narreteien mitmachen, die vornehm sein sollen oder die aus anderen Gründen Anno damals mal ›mode‹ gewesen sind!« Als sie dann aber nach Tische drin im Arbeitszimmer in schönen resedagrünen Korbstühlen am Kaffeetisch saßen und die Frau Justizrat im Laufe des Gespräches »Cäcilie« aufforderte, ihr über das zu berichten, was sie inzwischen schon in den neulich mitgenommenen Büchern gelesen hatte, da wurde ihr eine rechtschaffene und wohl sogar unerwartete Freude zuteil, denn Mieze bot in der geläufigsten Weise ein sehr ausführliches und erstaunlich intelligentes, aufmerksames Referat, das um so erstaunlicher war, wenn man bedachte, wie wenig Zeit ihr zum Lesen daheim übrigblieb ... Dann aber begann die Frau Justizrat in ihrer lebhaften Weise ihr einen Vortrag über die Frauenfrage zu halten, der vor allem von praktischen Dingen und von der sozialen Hilfsarbeit der Frauen handelte. Aber Mieze erfuhr, daß auch die Mitarbeit von Mädchen sehr erwünscht war und daß sie Mitglieder des Frauenbundes werden konnten. Es verstand sich von selbst, daß sie Mitglied werden mußte. Mit dem jährlichen Beitrag war das nicht so schlimm. Eigentlich bezahlte man ja jährlich mindestens fünf Mark, doch kamen Unbemitteltere mit einer Mark davon. Man brauchte nur eine schriftliche oder mündliche Eingabe zu machen, die sich in Miezes Fall aber erübrigte. Mieze war einverstanden, doch ohne einen besonderen Eifer zu zeigen. Die Frau Justizrat hielt diesen Umstand für Schüchternheit. Doch darin täuschte sie sich. Mieze wurde zwar Mitglied, besuchte auch, wie es nur ihre Zeit erlaubte, gewissenhaft die Versammlungen und Vorträge und versah die Hilfsarbeiten, zu denen sie herangezogen wurde, Korrespondenz, Aushilfe im Waisenhaus, gelegentlich auch in einer Blindenanstalt, wo sie vorzulesen oder die Kinder nach der Methode der Hoboldtafeln, die sie sich zu dem Zwecke erst aneignen mußte, im Lesen zu unterrichten hatte, zur Freude der Frau Justizrat mit großer Sorgfalt und Geduld, doch geschah es nicht ein einziges Mal, daß sie sich an Erörterungen ungefragt beteiligte oder etwas aus eigenem Antrieb oder aus dem Bedürfnis, sich zu unterrichten, gefragt hätte. Vielmehr beobachtete sie hier, in den mehr theoretischen Angelegenheiten, eine merkwürdige Zurückhaltung. Auch die Versuche, die die Frau Justizrat machte, sie für Reformkleidung oder gar für die vegetarische Lebensweise zu gewinnen, mißlangen gänzlich, nur daß Mieze jetzt ein für allemal kein Korsett mehr trug ... Sie leistete hier und in allem, was ihr nicht lag, einen so unerschütterlichen passiven Widerstand, daß die Frau Justizrat sich zuerst verwunderte und gelegentlich wohl auch Bedenken hatte. Da ihr aber die persönliche Anhänglichkeit, die Mieze ihr entgegenbrachte, nicht entging, so ließ sie sie als ein Wesen ausgeprägter »individueller Eigenart« gewähren, zumal sie im übrigen eine sehr nützliche Mitarbeiterin in allen praktischen Angelegenheiten wurde und da sie besonders im Verkehr mit Kranken und Kindern ein überraschendes natürliches Geschick und eine zwar gelassene, gehaltene, aber deutlich ausgeprägt liebevolle Art zeigte ... Es war gerade der letztere Umstand, der der Frau Justizrat eine ganz eigentümliche Nachdenklichkeit erregte, ein Gefühl, in dem so etwas wie ein unwillkürlicher staunender Respekt wie vor etwas ganz Außergewöhnlichem war ... Es schien sich in einer so ganz eigenen Weise wirklich zu bestätigen, was die Frau Justizrat gleich beim ersten Zusammensein mit Mieze über diese geäußert hatte, daß sie im intimsten und eigentlichsten Sinne – Weib war ... Gelegentlich machte die Frau Justizrat dann auch einen Besuch draußen in der Vorstadt bei Mama, der Mieze indessen recht geniert hatte. Denn die arme Mama, die zeit ihrer unglücklichen Ehe niemals einen rechten Verkehr gehabt und unter Menschen gekommen war, hatte alles mehr als Haltung gezeigt. Und das hatte Mama, nach Miezes Empfinden, doch durchaus nicht vonnöten. Die Frau Justizrat aber hatte Mama gegenüber, vielleicht auch durch Mamas wunderliches und ängstlich-freundliches Wesen selber in eine gewisse Verlegenheit versetzt, eine wohlwollend und schonend liebenswürdige Art gezeigt, die für Mieze fast schon kaum zu ertragen gewesen war. Doch wußte sie sich die Frau Justizrat in dieser Zeit auch unbedenklich und mit Geschick für ihre eigenen Interessen zunutze zu machen. Abgesehen davon, daß sie durch sie mit den ersten Kreisen der Stadt in Beziehung kam, benutzte sie sie vor allem, um zu einer besseren und für einen weiblichen Buchhalter schon ungewöhnlich gut besoldeten kaufmännischen Stellung zu gelangen. Die Frau Justizrat war in der Lage, ihre eine zu verschaffen, die ihr 100 Mark pro Monat einbrachte. Doch kam Mieze, alles in allem, mit der Zeit durch all diesen neuen Verkehr in eine wunderliche Unruhe hinein ... * April war ins Land gekommen. Eines Sonntags nachmittags machte sie bei schönem Wetter einen einsamen Spaziergang im Adelheidpark. Sie waren umgezogen, wohnten jetzt dicht am Park, im dritten Stock eines neuen Hinterhauses, eines sogenannten Gartenhauses, von wo aus Mama jetzt sogar einen angenehmen Blick über den Park hin bis zum Strom genoß, der dicht hinterm Park vorbeiging. Am Park lag auch ein großes Vergnügungshaus, wo Sonntags getanzt wurde. Miezes Bekannten, wie sie Buchhalterinnen oder Ladenmädchen, pflegten dort mit ihren Liebhabern, meist jungen Kaufleuten oder kleinen Beamten, zu tanzen. Gelegentlich war sie auch mal hingegangen, hatte dies Treiben aber dermaßen abgeschmackt und unter ihrem Standes- und Selbstgefühl gefunden, daß es bei diesem einzigen Mal geblieben war. Sie war allein. Und es kam ihr bei diesem einsamen Spaziergang zum Bewußtsein, daß sie, trotz all der Beziehungen, die sie durch den Frauenbund gewonnen, eigentlich keinen Verkehr und niemand zum Freund habe. Einsam fühlte sie sich. Und so einsam, wie sie sich bis dahin noch niemals in ihrem Leben gefühlt hatte; in einer so ganz besonderen Weise ... Die jungen Männer hatten zwar ihre Versuche gewagt, mit ihr anzubändeln, aber sie hatte mit ihnen keine Umstände gemacht. Im Grunde hatten sie sich von vornherein durch ihre ungewöhnliche, aparte Schönheit und ihre gute Rasse verwirrt gefühlt. Außerdem aber war sie gelegentlichen Annäherungsversuchen mit einem Schweigen begegnet, dessen unbedingter Verachtung man sich zum zweitenmal nicht aussetzte. So ließ man sie denn als dummstolz oder als »kühle Blonde«, was hier ihr Spitzname war, links liegen ... So war sie denn während dieses Spazierganges in einer recht unglücklichen und unruhigen Stimmung. Und eigentlich fühlte sie sich sogar auch körperlich nicht recht wohl. Doch war es nicht eigentlich Schwermut. Nichts lag ihr von Natur so wenig als irgendwelche Grübelei. Es war mehr ein seltsames inneres Federn, Drängen, Angst und eine dunkle, zornige Ungeduld als eigentlich wehleidiger Trübsinn, was ihr zusetzte. Die Witterung trug auch mit schuld. Es herrschte eine schwere, herb süße, betäubende Frühlingsluft; eine Luft, die einem zu wohl tut, mit einer seltsamen wonnigen Feuchte darin. Eine echte Frühlingsluft, die einem ins Blut geht, es unruhig und zugleich müd und schwer macht, einem ein elektrisches Prickeln verursacht, einen betäubt und zugleich doch beständig wieder aufpeitscht. An einem allzu blauen, wie ausgewaschen blauen Himmel zogen übermäßig weiße, milchige Wolken mit flau verwischten Konturen langsam und mit wonniger Trägheit dahin. Überall schallte es in Gebüschen und Baumwipfeln und über die neubelebten Wiesen hin von dem metallisch scharfen Gesang der Amseln und Drosseln, ein überlauter Metallton, der einen Widerhall wie aus unendlichen, gärenden, leis und wonnig umdampften Sonnenweiten her hatte, der aufreizte und süß peinigte und erschreckte. Nicht minder wirkte so der wunderlich geschmeidig huschende Flug dieser Tiere, deren schlanke, schwarze und graubraune Leiber überall über Wiesenfläche, durch krißlige Baumwipfel und durch die Büsche hinglitten, die sich wie mit zahllosen grün elektrischen Flämmchen entfacht hatten. Mehr als einmal verursachte es ihr in ihrem unruhigen Zustand einen jähen Schreck, wenn solch ein schlanker, dunkler Vogelleib plötzlich dicht vor ihr über den Promenadenweg hinhuschte oder unten zwischen dem Gebüsch durch, im vorjährigen Laub raschelnd, geschmeidig dahinschlüpfte. Dann gab es am Rande der Wiesenflächen Beete mit Priemeln, Märzglöckchen, Leberblümchen, Tazetten und Hyazinthen oder über ein Stück Wiese hin, deren Grün etwas aufreizend frisch und grell Smaragdenes hatte, zahllose Krokusflämmchen in allen Farben: Eindrücke, die wonnig, mit schmerzender, seltsam ins Weite und Unbestimmte reizender Wonne ins Blut drangen und es einem bis zum Zerspringen mit purpurnen, brausenden Taumelwellen zum Kopf trieben ... Unter Menschen zu sein, hätte sie heute schon gar nicht ausgehalten. So hatte sie die Gegend um das Lokal herum vermieden und sich den tieferen und einsameren Stellen des Parkes zugewandt, die sich in der Nähe des Stromes befanden. Aus ihrem Verkehr machte sie sich gar nichts, aber auch Träumereien lagen ihr nicht. Doch hatte sie wohl oft eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Manne, den sie liebte und den sie einst haben wollte, oder außer ihm gar keinen ... Aber es war nicht eigentlich Schwärmerei, die ihr dieses Mannesbild vorgaukelte, sondern es handelte sich hier um einen ganz bestimmten Trieb ihres Charakters, ihrer Rasse, einen Trieb und eine Sprödigkeit, die, je notwendiger sie in ihrer Natur begründet waren, um so mehr alles andere ausschlossen und von sich abwehrten ... Wenn es unter ihren Bekannten hieß, sie wäre kalt, so war das vielleicht in gewisser Hinsicht etwas nicht Unrichtiges. Sie hatte keine Gefühl für die jungen Männer, die sie kannte und haben konnte. Außerdem war dieser Trieb und diese Mannesvorstellung viel zu tief mit ihrem Bluts- und Familiengefühl verknüpft. Seltsamerweise hatte der Mann, dessen Bild ihr Herz schlagen machte, etwas von ihrem Vater. Vater war ein stattlicher, robuster Mann gewesen, mit dunklen, feurigen Augen und einem echten Mannesgesicht, voll festem Willen, eine Falte in die breite Stirn hinein, stolz, selbstbewußt und dennoch leutselig. Und er war geradezu schrecklich gewesen, wenn sein Zorn ihn übermannte. Doch hatte das – wenn Vater dann nicht gerade roh gewesen war – stets einen ganz eigentümlichen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte dann nicht eigentlich Angst vor ihm empfunden, als vielmehr einen Schreck, eine wunderliche Besorgnis, die sie gerade zu Vater in solchen Augenblicken hingezogen hatten ... Und einen so festen und leichten Gang hatte Vater gehabt, kleine Füße und kleine, aber so kräftige Hände und eine so angenehme, wohltönende Stimme. Es war ihr auch ausgefallen, daß Vater sich für sich hielt und daß er oft von anderen Männern, selbst von solchen, die in einer höheren Lebensstellung oder in großem Ansehen standen, mit einer humorvollen, lachenden Ironie sprach, ohne sich doch eigentlich über sie lustig zu machen. Stolz und selbstbewußt war er gewesen und doch nicht eingebildet, verachtend und dünkelhaft; vielmehr achtete er jeden und konnte oft so freundlich und lieb sein. daß es die Leute ganz seltsam berührte und jeder ihn lieb hatte ... Besonders hatten ihn die Arbeiter und kleinen Leute sehr gemocht und hätten, obgleich er stets nach dem Rechten sah und nichts durchgehen ließ, wie der alte Anton in der Fabrik für ihn durchs Feuer gehen können. Niemals hatte sie bis jetzt einen zweiten Mann gesehen oder kennengelernt, der so ganz und gar, wie sie's empfand, ein Mann gewesen wäre wie Vater. Und das hatte dann später die unbestimmten und von einem zum anderen schweifenden, auf den Mann im allgemeinen gerichteten gewöhnlichen Jungemädchenschwärmereien nie in ihr aufkommen lassen. Sie wußte tatsächlich noch nicht, was es heißt, einen Mann lieben oder für einen Mann schwärmen und ihn begehren. Denn ein solches Gefühl war ja selbstverständlich ihrem leiblichen Vater gegenüber ausgeschlossen gewesen. Sie war in all solcher Hinsicht noch völlig unschuldig und unbewußt ... Immerhin hatte sie aber in der Stadt wohl schon gerade unter den vornehmen Männern diesen und jenen gesehen, der für sie mit diesem und jenem Zug, den er für sie mit Vater gemeinsam hatte, bis zu einem gewissen Grade, wie sie's empfand, Mann war, in dem ausschließlichen Sinne, in welchem Vater für sie einen Mann bedeutete ... Und so meinte sie denn, daß gerade und ausschließlich oder doch am ersten in diesen Lebenskreisen der Mann zu finden wäre, mit dem sie sich später mal hätte verheiraten mögen ... Aber das alles wurde in ihr nicht zu irgendwelchen bestimmteren Träumereien oder sentimental sehnsüchtigen Begehrungen, wie sie jetzt einsam den Promenadenweg hinschlenderte, sondern es ward eher eine Art von dunkler Angst, die dann in so etwas wie Zorn und Unmut und dann in eine unbestimmte, lachende, federnde Unternehmungslust überging. Und zugleich wurde es Langeweile. Plötzlich wandte sie sich, den Mund zusammengekniffen, die seinen Nasenflügel gerümpft, das Fältchen in die Stirn hinein und mit wie lachend blitzenden Augen einem Busch mit schönen, safranroten Gerten zu, der am Wege stand, und wand, da die Gerten zäh waren von ihrem treibenden Frühlingssaft, mit ungeduldiger Kraft eine ab. Und dann schritt sie weiter, mit blitzenden Augen vor sich hinblickend, leise vor sich hinpfeifend und hieb, unbewußt in diesem Augenblick ihres Trauerkleides, mit der Gerte unter festen, kleinen Hieben an ihrem Bein herunter ... »Haha«, dachte sie, während sie sich langsam dem großen, freien Platz näherte, der zwischen dem Park und dem Stromufer sich breitete, mit einem wunderlich wild Humorvollen Groll und Übermut, »was sie da alles haben! Auskunftsstellen, Armenpflege, Rechtsschutzstellen, Volksküchen, Krippen, sogar in die Gefängnisse gehen sie und in die Blindenanstalten und wer weiß wo noch alles hin! Und dabei werden die armen und unglücklichen Leute doch nicht alle. Und meistens kommt es sogar an die Unrechten. Was das alles eigentlich für Sinn haben soll! Es ist doch ganz gewiß so, daß es sowohl arme wie reiche Leute in der Welt geben muß. Die Armen sind doch aber heutzutage sowieso Sozialdemokraten, sorgen für sich selber. Und das ist auch ganz richtig. Denn sie müssen doch schließlich am allerbesten wissen, was sie brauchen, und wer sich außerdem nicht selber helfen kann, dem kann überhaupt nicht geholfen werden. Aber so ist es ganz sicher und gewiß, und nicht anders. – Aber auch das kann mir egal sein. Was hab' ich auch davon? Auch unter die Sozialdemokraten geh' ich darum noch lange nicht.« Sie trat aus dem Park auf den Platz hinaus, wo Spaziergänger hin und her schritten oder drüben an dem Eisengeländer standen, das den Platz gegen das Uferterrain abschloß, um den Blick über den Strom zu genießen. So tief war sie mit sich allein, daß sie vergaß, die Gerte fortzuwerfen, die so auffällig wenig zu ihrem Trauerkleid paßte. Ohne auf die Leute zu achten oder ihnen, wo sie zwischen ihnen hindurch mußte, spröde ausweichend, schritt sie zu dem Eisengeländer hinüber, suchte sich eine Stelle aus, wo sie allein war, und blickte, beide Arme nach vorn auflegend und sich, um auszuruhen, nach vorn beugend, auf den Strom hinaus. * Das Geländer befand sich am Rande einer mit einer massiven Steinmauer steil abfallenden Tiefe. Unten ging, dicht am schräg abfallenden Ufer hin, an dem ein Eisenbahngleis hinführte und Güterstrecken mit aufgestapelten Mauersteinen, Brettern, Balken, Baumstämmen, Ölfässern, Petroleumballonen und Zement- oder Kunstdüngersäcken sich hinzogen, eine gepflasterte Straße entlang, auf der alltags ein lebhafter Lastwagenverkehr, heute aber tiefe Stille herrschte: nur auf dem Trottoir unten an der Mauer hin spazierten in Sonntagskleidern kleine Beamte, Arbeiter mit ihren Familien, junge Leute und Pärchen von der Stadt her nach den Vorstadt-Restaurants hinaus, die am Rande des Parks am Ufer lügen. Der Strom war hier sehr breit. Das jenseitige Ufer, das nach links hinter hohen, alten deutschen Pappeln eine Reihe von kleinen, bunten Holz- oder Fachwerkhäusern zeigte, die bis zu einer großen Steinbrücke hinführten und sich dort mit den verdunsteten Häusermassen der Stadt einten, nach rechts hin aber die Anlagen eines anderen Parkes zeigte, nahm sich aus wie mit Gegenständen aus einer Spielzeugschachtel bestellt. Zur Rechten machte der Strom einen Bogen und kam aus den rußigen Häusermassen der Fabrikstadt hervor, nach links aber ging er in gerader Richtung weiter, so daß er einen majestätischen Fernblick gewährte. Seine mit großen, ruhigen Strudeln dahingleitenden gelbgrünen Wassermassen funkelten unter dem blauen Himmel und den milchweißen Wolken von zahllosen Lichtern. Bunt angestrichene oder frisch geteerte Frachtkähne mit ihren Masten und ein paar große Raddampfer, jeder mit zwei dicken, schwarzen, am Rand bunt gestrichenen Rauchschloten, lagen hüben und drüben dicht an den Ufern hin. Wimpel wie lange, lichtbunte Schlangenzungen wanden sich und flatterten in der frischen Luft und belebten die große, stattliche Schau mit ihren munteren Farben. Nicht weit ab gab es eine Überfahrtstelle, von der aus ein kleiner Motordampfer mit Passagieren hin und her schräg über den Strom fuhr, zwei blitzende Furchen hinter sich herziehend. Halb unbewußt gab sie sich diesem schönen Ausblick hin, während sie im übrigen ihre letzten Gedankengänge weiter verfolgte. »Auch Adlige hab ich nun in der letzten Zeit kennengelernt«, dachte sie. »Sie nehmen sich doch noch anders aus als die Großkaufleute und Millionäre in der Stadt. Es ist etwas Feineres.« Sie hatte jüngst mit der Gemahlin eines hohen Gerichtsbeamten zu tun gehabt, der ein Graf war. Ein hochgewachsener, feiner, blonder Herr, der stets einen spiegelblanken, eleganten Zylinder aufhatte und in stattlich aufrechter Haltung einherging. Auch die jungen Gräfinnen, hochgewachsene, hübsche, schlanke, blonde Mädchen, die ungefähr in ihrem Alter standen, hatte sie gesehen, als sie im Auftrage der Frau Justizrat draußen im vornehmen Villenviertel der Vorstadt in Frauenbundangelegenheiten in der gräflichen Villa geweilt hatte. Und natürlich auch die Frau Gräfin. Sie fand, daß die vornehmen Kaufmannsdamen hochmütiger zu einem waren. Auch die Kaufmannsfräulein. Die Gräfinnen aber waren so freundlich und bescheiden gewesen. Und auch die Frau Gräfin war sehr nett zu ihr gewesen. Gar nicht so herablassend begönnernd, wie sich viele von den Damen des Frauenbundes zu ihr benahmen. »Aber was habe ich von alledem«, dachte sie. »Es ist alles ebenso wie früher. Anschluß habe ich ja auch nicht weiter gewonnen, denn in ihre Kreise lassen sie mich doch nicht hinein.« Sie ließ ihre Blicke den Strom hinabschweifen. Mit seiner majestätischen, gleißenden Fläche, mit seinen Dampfern, Frachtkähnen. Baggermaschinen, Booten, Werften, Kränen und Güterstrecken verlor er sich weit dort hinten in die sonnendunstige Ferne hinein. Ging über die Häusermassen der großen Stadt hinaus, und immer weiter und weiter, bis zu dem Riesenhafen der großen Handelsstadt am Meere und in das Meer hinein. Das Meer! ... Und über das Meer konnte man weiterfahren, durch den Kanal zwischen Frankreich und England hin in den Ozean hinein und nach Amerika oder zu den anderen fremden Erdteilen, von denen ihr Vater erzählt hatte. Und es war Vaters Blut, das sich in ihr regte und diesen großen Fernen mit all ihren Wundern entgegenschwoll. Dort sollten ja die Menschen freier miteinander verkehren; hier fingen sie, wenn die Frau Justizrat recht hatte, damit erst an. Sicher konnte man sich dort wohler fühlen und glücklicher leben ... In der Abenddämmerung kehrte sie wieder heim. Unlustig und von ihren Gedanken und der schweren Frühlingsluft betäubt, schleppte sie sich die drei Treppen zu der kleinen Wohnung hinauf. Sie bezahlten hier weniger Miete, dafür aber hatten sie in der vorigen Wohnung beträchtlich mehr Raum gehabt. Hier war alles darauf eingerichtet, daß man möglichst viele Mieter im Hause hatte. Außerdem würde es nicht lange dauern, daß man weiter anbaute und ihnen auch noch das bißchen schöne Aussicht auf den Park und den Strom nahm. Dann lebten sie hier ganz und gar wie eingemauert in dem kleinen Käfig von Wohnung. Sie hatten nur eine, noch dazu ziemlich kleine Wohnstube, außerdem zwei Kammern und eine enge, kleine Küche. Sie hatten noch nicht alle Möbel aufstellen können, die sie besaßen, und Mieze hatte schon daran gedacht, daß sie einen Teil davon verkauften. Sie fand Mama allein. Fanny war zu Besuch aus bei einer Schulkameradin. Das Zimmer war nicht besonders gut aufgeräumt. Mama litt mal wieder an ihren rheumatischen Schmerzen. Sie saß am Fenster und blickte wehleidig nach Westen hinüber, wo die rote Abendglut über den dunklen Wipfelmassen des Parkes stand. Gegen ihren Kopfschmerz hatte sie ein dickes, wollenes Tuch um den Kopf gewickelt, das wie ein riesiger Turban wirkte und in dem sie einfach abscheulich aussah ... Sie fing sofort an zu wehklagen. »Oh, gut, daß du wieder da bist«, fing sie weinerlich und seufzend an. »Den ganzen Nachmittag hab' ich hier mit meinen Schmerzen allein dagesessen. Keine Seele hat sich um mich bekümmert. Ach, wozu lebt man in der Welt! Es ist bald zuviel.« Ihr stubenbleiches Gesicht verzerrte sich zu tiefen, schmerzlichen Falten, und stumm rang sie im Schoß vor Schmerzen ihre welken Hände vor sich hin. »O Mama, hör' auf, hör' auf!« schrie Mieze vor Verzweiflung auf, beide Hände gegen die hämmernde Schläfe pressend. »Tagaus, tagein deine ewigen Wehklagen! Ich arbeite den ganzen Tag auf dem Kontor; mein Gott, man will doch mal ein bißchen spazierengehen, sich Bewegung machen! Ich kann doch nicht dafür, daß du gerade wieder solche Schmerzen hast. Du hättest doch sonst getrost mitkommen können. – Ach, es ist nicht zum Aushalten!« Sie eilte aus dem Zimmer – hinter in ihr Kämmerchen. Sie sank auf den Stuhl nieder und saß mit wirbelndem Kopf. Lange Zeit saß sie so, in die tiefe Abenddämmerung hinein. Dann kam sie ein wenig zu sich, gedachte zu lesen. Aber sie fand diese trockenen, theoretischen Abhandlungen, Berichte und Zahlentabellen gräßlich. Sie warf sich lang über ihr Bett hin, drückte das Gesicht in das Kissen und weinte bitterlich ... Dieser unruhige Zustand steigerte sich, eine je nähere Beziehung sie zu der Frau Justizrat und den Frauenbundkreisen gewann. Doch äußerte er sich nicht immer in derselben Weise. Dazu war ihr Wesen zu gesund und zu wenig grüblerisch veranlagt. Der Zwist mit Mama hatte weiter nichts zu bedeuten. Sie war viel zu gutartig und hatte Mama viel zu lieb, als daß sie in dauerndem Unfrieden mit ihr leben oder ihr einen ernstlichen Verdruß hätte machen können. Ihre Unruhe äußerte sich in anderer Weise als mit solcher Gereiztheit. Sie war fortgesetzt sehr lebhaft und temperamentvoll, meist fröhlich und bedacht, ihre jetzige Stellung als »Familienvorstand« dazu zu benutzen, um Mama und Fanny – auch wohl sich selbst – das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Aber die Art und Weise, wie dieses Bestreben sich äußerte, verursachte Mama freilich mehr Sorge als Freude. Es zeigte sich, daß Mieze in ihrer jetzigen Stimmung eine immer bedenklichere Verachtung dem Geld gegenüber an den Tag legte und eine Sorglosigkeit, die Mama manchmal schon ganz schwindlig machte, bisweilen ihr wohl aber auch irgendein unbestimmtes Vertrauen zu Mieze erregte. Die Aussicht auf die neue, einträglichere Anstellung, die ihr die Frau Justizrat hatte verschaffen können und die sie, sobald ihre noch dazu kurze Kündigungsfrist abgelaufen war, antreten konnte, verführte, wie Mama es beurteilte, Mieze schon jetzt zu Ausgaben, die nach ihrer Meinung direkt unsinnige waren; eigentlich schon »eine wahre Sünde« in Anbetracht der Verhältnisse, in denen sie lebten. So überredete sie eines Tages Mama, daß Mama ein neues Kleid haben müßte und daß sie die Schneiderin ins Haus nehmen müßten. »Aber um Gottes willen, Kind, wozu brauch' ich denn wohl ein Kleid, wo ich so wenig aus dem Zimmer komme«, protestierte Mama erschrocken. »Aber erst recht, ganz gewiß brauchst du ein Kleid«, rief Mieze dagegen. »Deine Leiden sind zur Hälfte bloß eingebildet, Mama! Es ist geradezu unrecht von dir, daß du dies schöne Wetter nicht benutzt und im Park spazierengehst. Dazu hast du aber nachher kein anständiges Ausgehkleid. Vater hat sich ja nie darum bekümmert, ob du ein Kleid hast oder nicht. Unbedingt mußt du für später, für Herbst und Winter, ein Kleid haben!« »Nun ja, nun ja«, gestand Mama endlich, was das anbetraf, zu. »Ein Kleid für mich wäre meinetwegen keine Verschwendung weiter. Auch die Schneiderin müssen wir dann ja wohl für ein paar Tage ins Haus nehmen.« Aber dann erklärte Mieze, daß auch Fanny und sie selbst neue Kleider haben müßten. Sie könne doch jetzt, wo sie fortwährend soviel mit vornehmen Leuten in Berührung käme, nicht immer in demselben Kleide gehen. Aber dagegen wehrte Mama sich verzweifelt. Mieze hätte ja doch ein Kleid für alltags, auch eins für den Sonntag; und auch noch ein ganz gutes Sommerkleid. Oh, sie müßte noch ein Sommerkleid haben, bestand Mieze. Und auch dies Kleid und das für Fanny sollte die Schneiderin gleich mitmachen. »O mein Gott, was sind das nun alles für Ausgaben!« jammerte Mama. Aber es war nichts gegen Mieze zu machen. Dann aber begann sie auch auf eine ganz besondere Weise für Mamas Wohlbefinden bedacht zu sein. Nicht nur, wenn sie ihr monatliches Gehalt ausgezahlt bekommen hatte, sondern auch nur zu oft mitten im Monat, wenn kein Geld da war und sie also nur auf Kredit einkaufen konnte, brachte sie aus der Stadt allerlei Leckerbissen, gute Wurst und andere gute Fleischware, Lachs und andere Delikatessen, Orangen, alle Augenblicke auch Feingebäck mit; ja, sie sorgte sogar dafür, daß immer mal eine Flasche guter Rotwein im Hause war, mit dem Mama sich stärken sollte. Und sie ließ nicht ab, bis Mama von alledem genoß, ließ es sich auch, mit einem gewissen Übermut, aus dem Mama nicht recht gescheit werden konnte, schmecken. Vor allem fürchtete Mama, daß Mieze Fanny, das Kind, mit diesen guten Sachen verwöhnte. »Aber mein Gott, Kind,« machte Mama eines Tages ihrer äußersten Sorge Luft, »was tust du nur! Was soll denn in aller Welt daraus werden, wenn wir fortwährend in solch einer Weise über unsere Verhältnisse hinaus leben!« »Aber ich kriege ja doch nun bald mehr Gehalt, Mammi!« Doch Mama schüttelte bedenklich den Kopf. »Die zwanzig Mark mehr! Und außerdem kaufst du ja fortwährend auf Kredit. Das muß doch alles nachbezahlt werden!« »Nun, dann kaufen wir eben auf Kredit!« lachte Mieze. »Es wird schon bezahlt werden, Mammi!« »Kind, Kind! Was redest du denn!« schalt Mama ungehalten. »Wovon willst du es denn bezahlen?« »Aber mach' dir doch keine Sorgen, Mammi!« lachte Mieze. »Es ist dir, uns allen wahrhaftig jahrelang schlecht genug gegangen: ich denke, wir haben unter Vater so ziemlich das Gegenteil von guten Zeiten gelebt. Ich sehe nicht ein, warum wir uns nachgerade nicht auch mal ein bißchen was zugute tun sollen. Was denn?! Denkst du denn, ich habe keinen Verstand?! Aber mir ist doch nicht im mindesten bange. Du brauchst nicht zu denken, daß ich leichtsinnig bin. Ich weiß, daß ich vorwärtskommen werde. Und ich will, will, will vorwärtskommen! Wenn man bedenkt, was für ein Überfluß von guten Dingen heut in der Welt ist, wo sie doch so leicht und billig von allen Gegenden der Welt herbeigeschafft werden können; mehr als zuviel. Warum sollen wir hindarben wie die Kirchenmäuse, wo es so vielen Überfluß in der Welt gibt?« »Aber, Mieze ... Nun, das wär' mir ein Grund! Was du da redest!« schalt Mama. »Die sich das alles zugute kommen lassen, haben auch das Geld dazu. Das ist heute nicht anders als es früher war. Und ich will wahrhaftig lieber ein Stück Schmalzbrot in Ruhe essen, als so viel gute Dinge in ewiger Unruhe genießen.« »Aber ich habe ja wahrhaftig keine Unruhe, Mammi!« Und sie machte sich wirklich keine Sorgen, und zwar wirklich, ohne in einem gewöhnlichen Sinne leichtfertig zu sein. Sie hatte nur den ewigen jämmerlichen, alltäglichen Krimskrams, den es zu Hause gegeben hatte, gründlich satt, und hatte sich entschlossen, ganz einfach so zu leben, wie ihr Trieb und Temperament stand, wobei sie aber ein Selbstvertrauen bewahrte, in dem eine förmlich hellseherische Zuversicht auf die Zukunft war, ein vollständig sicheres Gefühl und Vertrauen ihrer Kraft ... Nun, dachte schließlich auch Mama, von ihrem nutzlosen Widerstand ermüdet, man kann ja nicht wissen: sie ist ein so schönes und im Grunde auch gutartiges und gescheites Mädchen, vielleicht macht sie doch bald mal ihr Glück; jetzt, wo sie mit so vielen vornehmen und reichen Leuten in Berührung kommt. Als es aber nur immer in der gleichen Weise weiterging und Mieze, die doch sonst vor ihr nie Heimlichkeiten gehabt hatte, ihr nichts anvertraute, das sie endgültig über all diese außerordentlichen Ausgaben hätte beruhigen können, erreichte Mamas Sorge eines Tages ihren Gipfel. Und als sie gelegentlich mit Mieze allein war, sprach sie sich aus. »Liebe Tochter,« begann sie mit einer ernsteren Haltung, als sie gewöhnlich zu zeigen pflegte, »ich kann meine schweren Sorgen nicht länger zurückhalten. Sage mir, wenn es so ist, alles: Mieze, hast du etwa – einen Liebhaber?« »Einen Liebhaber?!« Mieze starrte Mama mit großen, verwunderten Augen, in denen aber schon ein Lachen war, an. »Aber liebe, liebe Mammi!« rief sie dann, eilte zu Mama hin und umfaßte und drückte sie. »Mammi, wie soll ich denn einen Liebhaber haben! Mammi, Mammi, nein, ach, wie komisch, wie komisch!« Und vor Lachen barg sie ihr Gesicht an Mamas Brust. »Liebe, liebe Mammi,« rief sie, noch immer lachend, »aber das weißt du doch, was ich von den Liebhabern halte! Ach Mammi, ist das komisch, ist das komisch!« »Nun, nun«, sagte Mama, vor innerlichstem Glück jetzt selber ein wenig lachend, während sie mit sanfter Liebkosung über Miezes herrliches, lichtblondes Haar hinstreichelte. Nein, wahrhaftigen Gott, solch einen Liebhaber hatte ihre Mieze nicht und würde ihn niemals haben ... Das unruhig wechselnde Wesen Miezes dauerte indessen weiter an. Bald war sie lieb und gut mit Mama, bald zankte sie mit ihr. Und so verhielt sie sich auch mit Fanny. Es konnte aber auch vorkommen, daß sie mit Fanny ausgelassen wie ein Schulmädchen spielte. Manchmal hörten Mama und Fanny sie auch hinten in ihrem Kämmerchen singen. Zuweilen strahlte sie geradezu von Schönheit und Gesundheit, dann aber kam es auch wieder vor, daß sie einen gereizten Eindruck machte. * Dieses Leben ging, für die häuslichen Verhältnisse der kleinen Familie recht in Hülle und Fülle, bis gegen Ende des Jahres hin so weiter. Aber da geriet man in eine empfindliche Geldverlegenheit. Von dem Sparkassengeld war nichts mehr übrig. Begräbnis, Trauerkleider, dann die neuen Kleider für Mama, Mieze und Fanny; das hatte ins Geld gerissen. Im übrigen hatte Mieze unbesorgt auf Kredit gekauft, und nun liefen am Oktobertermin die Rechnungen ein, und man wußte nicht, wovon man sie bezahlen sollte. Mama war gänzlich fassungslos, und Mieze hatte endlose Lamentos von ihr zu bestehen. Sie selbst fühlte sich jetzt in arger Bedrängnis, verlor indessen nicht den Kopf. Irgend etwas mußte ja jetzt kommen. Irgendeine Wendung, eine Entscheidung. Doch unter allen Umständen mußte irgend etwas getan werden. Und so saß sie hinten in ihrem Kämmerchen und zerbrach sich darüber den Kopf. Der Frau Justizrat und dem Frauenbund durfte sie natürlich mit so einer Angelegenheit nicht kommen. Irgendeine sonstige persönliche Beziehung, die ihr hätte von Nutzen sein können, besaß sie nicht. Mit den hundert Mark Gehalt war nichts zu machen. Sie war in den Geschäften, wo sie geliehen hatte, mit einer Haltung aufgetreten, daß ihr der Gedanke unmöglich war, endlos in kleinen Raten von ihrem monatlichen Gehalt abzubezahlen. Unbedingt mußte sie also auf irgendeine Weise eine größere Summe auftreiben, die auch noch ein Weilchen vorhielt, wenn die Rechnungen bezahlt waren. Aber da kam sie auf einen Einfall. Sie hatte zuweilen in der Zeitung Inserate gelesen, in denen irgendeine junge Schneiderin oder Buchhalterin oder eine »junge Dame in bedrängten Verhältnissen« ein Darlehen gesucht hatte. So hundert bis zweihundert Mark waren es gewöhnlich gewesen. Sie selbst brauchte ja allerdings gut tausend Mark. Sie wußte nicht im entferntesten, was es mit solchen Inseraten in der Regel für eine Bewandtnis hat; um so weniger, da sie ja in ihren Berufskreisen nie einen näheren Verkehr gepflegt hatte. Sie wunderte sich zwar, wie es möglich war, daß sie das Geld dann auch wirklich bekamen: aber da ja immer wieder solche Inserate in der Zeitung standen, mußten sie es ja wohl. Man konnte vielleicht in kleinen Raten zurückzahlen. Vielleicht handelte es sich auch um Wohltätigkeiten. Jedenfalls entschloß sie sich, da sie sonst nicht mehr aus noch ein wußte, solch ein Inserat in die Zeitung zu setzen, in dem eine solide junge Buchhalterin bedrängter Familienverhältnisse wegen um ein Darlehen von tausend Mark bat. Anfangs dachte sie daran, mit Mama über die Sache zu sprechen. Aber sie scheute die endlosen Bedenklichkeiten, die Mama dann wieder zutage bringen würde, und so entschloß sie sich, ganz auf eigene Faust zu handeln ... Sie gab das Inserat also bei der Zeitungsexpedition auf. Schon am Abend desselben Tages aber, an dem es erschien, wurde es in einem kleinen Kreise von jungen Männern gelesen, die nach Mittemacht noch in einem Nebenraume des »Café Central«, des größten und glänzendsten Cafés der Stadt, beisammen waren. Doch war Miezes Inserat nicht an die ersten besten gekommen, die sich nach Mitternacht noch in solch einem großen Café aufzuhalten pflegen. Es waren ihrer nur vier, die da bei Pilsener Bier abseits und ungestört von dem übrigen Verkehr noch beieinander weilten. Und es war in gewisser Hinsicht eine weihevolle und ernstere Stimmung, die unter ihnen vorherrschte. Der eine von ihnen, ein Student der Rechte, stand im Begriff, nach Berlin abzureisen, wo er jetzt die letzten Schritte für sein Staatsexamen zu tun hatte, und um vor seiner Abreise noch einmal mit ihm zusammen zu sein, hatte man sich hierher ins »Café Central« verabredet. Vahlen hatte zwar seinen juristischen Doktor gemacht und wollte jetzt auch sein Staatsexamen bestehen – es war vorauszusehen, daß es »summa, cum laude« würde –, doch hatte er nicht die Absicht, in den Staatsdienst zu treten, sondern sich der journalistischen Laufbahn zuzuwenden und womöglich eines Tages als freisinniger Abgeordneter mit im Reichstag zu sitzen. Es hatte aber sogar eine Zeit gegeben, und sie lag noch nicht lange hinter ihm – man war damals noch »idealistischer« gewesen –, wo es sein Ziel war, sozialdemokratischer Abgeordneter zu werden. Er war der Sohn eines Gerichtssekretärs, der alles drangegeben hatte, seinen sehr begabten Einzigen die Rechte studieren zu lassen. Georg Vahlen war ein mittelgroßer, sorgfältig gekleideter junger Mann von 24 Jahren, von angenehmer, geschmeidiger Schlankheit, mit sauber gescheiteltem Braunhaar über einer hohen, glatten Stirn mit scharfen, intelligenten Seitenkanten, die sofort eine sehr entwickelte dialektische Verstandesanlage verrieten. Der Blick seiner großen, grauen Augen war klug, beweglich, etwas kühl, zuweilen aber mit einer leichten Sentimentalität versonnen. Seine schmale, scharf gezeichnete Nase zeigte eine leichte Biegung. Unter der einen Spitze seines sorgfältig gepflegten braunen Schnurrbärtchens vor verriet der rotlippige, angenehme Mund, der tadellos gepflegte, etwas große Zähne sehen ließ, einen markant aristokratischen Zug. Vahlen war der einzige von den vieren, der nicht rauchte. Sein Nachbar, ein Blonder mit welligem Haar und einer braunen Samtjoppe, ein junger Bildhauer, rauchte dagegen mit Temperament und einer gewissen Nervosität. Auch er entstammte, wie Vahlen, dem mittleren Bürgerstand. Die beiden anderen aber waren Großkaufmannssöhne, deren Väter, mehrfache Millionäre, zu den angesehensten und einflußreichsten Männern der Stadt gehörten. Der eine von ihnen, ein Aschblonder von kleiner, muskulös untersetzter Gestalt, bleich von Gesicht, mit einem starken Habyschnurrbart, zeigte kleine, quippe Bewegungen und war ausnehmend schick gekleidet. Doch verrieten seine kleinen Grauaugen eine Intelligenz, deren Interessenkreis in ungewöhnlicher Richtung über seine kaufmännischen Angelegenheiten hinausging. Er hieß mit Namen Otho Vorberg. Der andere, der älteste der vier Freunde, der auf sein Achtundzwanzigstes losging, war Robert Voges. Er trug einen eleganten dunklen Jackettanzug und war mit seiner übermittelgroßen Gestalt eine stattliche Erscheinung. Sein reiches dunkles Haar war schlicht auf der rechten Seite gescheitelt, und sein bräunliches Gesicht zeigte einen anziehend männlichen, ruhig verständigen, gehaltenen Ausdruck, der durch einen kräftigen dunklen Schnurrbart und zwei schöne dunkle Augen, unter deren dunklem Rund der weiße Augapfel zu sehen war, einen besonderen Nachdruck erfuhr. Robert Voges saß, das eine Bein über das andere gelegt, den Ellbogen auf das übergelegte Bein gestützt, in vorgebeugter Haltung und blickte mit dem Ausdruck einer ruhigen Aufmerksamkeit, die übrigens auch auf Phlegma hindeuten konnte, zu Vahlen hinüber. Die vier hatten miteinander solch einem Jugendbund angehört, in dem man die modernen Probleme erörterte und sich Großes und Besonderes für die Zukunft zugetraut hatte. Nachher aber, als sie Kaufleute, Studenten und Beamte geworden waren und mit der »rauhen Prosa des Lebens« Fühlung genommen, hatten diese Begeisterungen ihren Dämpfer erfahren. Doch hielt man in Erinnerung jenes Verkehrs noch immer zusammen und hatte sich immerhin auch eine vielseitigere geistige Anteilnahme und einen gewissen vorurteilsfreieren Liberalismus bewahrt. Es mußte nun aber gerade Vahlen sein, der, als er in einer Pause der Unterhaltung zur Zeitung gegriffen hatte, auf Miezes Inserat stieß. »Hahaha! Hört mal, Kinder,« rief er, seine Tenorstimme forsch, aber nicht ganz natürlich in die Baßlage zwängend, »die hat Selbstbewußtsein, das muß man sagen!« Er las Miezes Inserat vor. »Ach was?! Zeig' doch mal!« Robert Voges, der sofort in Bewegung gekommen war, reckte die Hand über den Tisch hin nach der Zeitung aus. Im übrigen huschte über sein Gesicht ein gemütlich ironisches Lächeln; denn die Baßstimme Vahlens und Vahlens Forschheit vergnügten ihn. Vahlen hatte niemals eine Affäre mit Weibern gehabt. »Du scheinst die Sache ja gleich von der frivolen Seite aufzufassen«, wandte sich auch Otho Vorberg mit gemütlich unterstrichener Ironie an Vahlen, der Robert Voges die Zeitung überlassen hatte. »Es gab eine Zeit, wo gerade du sehr auf die sittliche Hebung solcher Damen hinaus warst!« »Nu, was denn, Kinder! Ich bin schließlich auch kein Unmensch!« wehrte Vahlen lachend ab, war aber rot geworden. »Hm! – Die Sache interessiert mich!« sagte jetzt Robert Voges. In seinen Augen, die noch immer auf dem Inserat hafteten, war ein nachdenkliches Funkeln. »Immerhin ein psychologisches Rätsel! Nicht wahr?« lachte Vahlen. »Hm? Oder nein?« Seine Augen nahmen einen forschend fixierenden Ausdruck an. Seine letzten Worte schienen anzudeuten, daß man sich gerade von Robert Voges einer anderen Auffassung versehen durfte. »Psychologisch interessant? – Ja, ja«, ließ Robert Voges, offensichtlich zerstreut, hören. »Für gewöhnlich sind sie ja mit hundert bis hundertfünfzig Mark zufrieden«, lachte der Bildhauer. »Hm! Ja!« tauchte Robert Voges aus seinem Nachdenken auf, das aber in seinen Worten noch immer nachklang. »Die Sache ist merkwürdig! Sie muß schon recht hübsch sein. Oder sie hat sonstige besondere Vorzüge.« »Wißt ihr, Kinder – oder?!« ... rief Vahlen, sofort in seine psychologisierend spitzfindige, dialektisierende Art geratend, »oder – sie ist ein ganz naives Küken!« »Hm! Ach, sieh mal!« nahm Robert Voges diese Ansicht sofort auf. »Du! Das kann sein! – Aber alsdann: um so besser!« Er lachte. »Also?! Demnach?!« fuhr er fort, indessen ohne einen weiteren Affekt, wieder in seiner gelassenen Art. »Kellner!« Er setzte die Tischglocke in Tätigkeit, und als bald darauf der Kellner erschien, ließ er ihn Briefpapier, Schreibzeug und eine Briefmarke bringen. »Also: aus Psychologie!« sagte er und schrieb. Die anderen beobachteten ihn schweigend. Otho Vorberg ließ dabei ein leises Kichern hören und sah still von der Seite zu ihm hin. Vahlen aber war ernst geworden. Ein sonderbares Lächeln um den geschlossenen Mund, starrte er mit weiten Augen unbeweglich zu Robert Voges hinüber. Sie kannten Roberts Schwäche für hübsche und eigenartige Weiber, die selbst der Einfluß des Jugendbundes nicht hatte unterdrücken können und die ihn, wie die Freunde wußten, bis jetzt dem Wunsch seiner Eltern, daß er sich verheirate, hatte Widerstand leisten lassen. Es entwickelte sich aus diesem offensichtlich insofern etwas rügenden Schweigen, weil der Entschluß Roberts nicht zu der eigentlichen Weihe der Zusammenkunft paßte, ein lebhaftes, immerhin aber mehr psychologisch angeregtes Gespräch über die Weiber, besonders das moderne, das »freie Weib«; darauf kam man auf Vahlens künftige große politische Laufbahn zu sprechen, und dieser Gegenstand bot dann den ungezwungenen Übergang zu der im alten feierlichen Bundeston bei einer Flasche Sekt gehaltenen Verabschiedung von Vahlen, worauf man etwas nach 1 Uhr aufbrach. In diesen Kreis war Miezes Inserat hineingeraten, und eine solche Aufnahme hatte es gefunden. Der Brief von Robert Voges, den Mieze einige Tage darauf von der Expedition der Zeitung abholte – er war der einzige, der eingelaufen war –, hatte folgenden Inhalt: »Wertes Fräulein! Ich habe mich für Ihr Inserat interessiert und möchte Sie bitten, sich zu weiterer Rücksprache« – es folgte Datum und Angabe einer Abendstunde nach Kontorschluß – ›im Café Central‹ einzufinden. Ich bin dunkelhaarig, trage dunklen kräftigen Schnurrbart und werde als besonderes Kennzeichen eine rote Nelke im Knopfloch tragen. Robert Voges.« Mieze geriet, als sie diese Zeilen las, in solche Aufregung, daß sie in ihrer Freude fast auf der Stelle zu Mama gelaufen wäre, ihr den Brief gezeigt und ihr verkündet hätte, daß sie nun aus aller Verlegenheit heraus sein würden. Doch besann sie sich im letzten Augenblick noch eines andern. Sie mußte ja doch das Geld erst wirklich in Händen haben, bevor sie Mama mitteilen konnte, wie sie dazu gekommen. Daß sie Mama das aber sagen würde, verstand sich von selbst. Wieder und wieder las sie den Brief. Als sie sich dann aber anschickte, ihn zu beantworten – Robert Voges hatte ihr seine Adresse angegeben –, gefiel ihr plötzlich doch nicht recht, daß sie mit dem Herrn in dem großen öffentlichen Café zusammenkommen sollte. Es war am Ende doch besser, wenn sie ihrerseits ein Lokal angab; eins, das ihr paßte und angenehm war. So schlug sie denn für das Zusammentreffen eine gute, solide Konditorei in der Hauptstraße vor, in der sie selbst schon hin und wieder einmal eine Tasse Schokolade getrunken oder ein Stück Torte gegessen hatte. Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Robert Voges war mit dem Vorschlag einverstanden ... Er war zu der Verabredung im übrigen keineswegs so ganz mit den Vorsätzen des Lebemannes eingetroffen; es war für ihn vielmehr zu einem nicht geringen Teil das wirklich menschlich anteilnehmende, psychologische Interesse seines früheren Bundesverkehrs mit im Spiel, das einem gewissen Zug seines Wesens durchaus entsprach. Als Mieze aber in allem Reiz ihrer ungewöhnlichen und unschuldigen, zugleich haltungsvollen jungen Schönheit in das Lokal eintrat, geriet er sofort in die entschiedenste Verwirrung, und zwar nicht bloß ihres Äußeren wegen, das alle seine Erwartungen übertraf, sondern weil er sich auf der Stelle erinnerte, Mieze schon einmal, wenn auch nur flüchtig, bei seiner Mutter in Frauenbundangelegenheiten gesehen zu haben; eine Bekanntschaft, die ihm damals, so flüchtig sie auch gewesen, noch lange nachgegangen war. Aber auch sie fühlte sich nicht unbefangen, als sie ihn erblickte. Sie erinnerte sich zwar in keiner Weise, ihn schon einmal gesehen zu haben, doch machte sein Äußeres sofort einen so ungewöhnlich starken Eindruck auf sie, daß sie errötete. Zum erstenmal in ihrem Leben glaubte sie ein männliches Wesen vor Augen zu sehen, das dem Begriff eines Mannes, wie sie ihn sich von Vater her gebildet, entsprach. Doch schritt sie mit guter Haltung, die Augen groß, gerade und mit einer gewissen Starrheit auf ihn gerichtet, auf Robert Voges zu. Er hatte sich mit einer unwillkürlich respektvollen Höflichkeit erhoben und nannte seinen Namen, während er seine Verwirrung, so gut es gehen wollte, verbarg. »Cäcilie Dühring«, antwortete Mieze. Sie hatte inzwischen die Änderung ihres Rufnamens bewerkstelligt. Sie ließen sich an dem Marmortischchen nieder. »Sie haben um ein Darlehen von 1000 Mark nachgesucht, liebes Fräulein«, begann er dann das Gespräch. »Ich möchte auf die Angelegenheit eingehen.« »Ja«, bestätigte sie, während sie errötend vor sich niederblickte, doch in der eigentlichen Angelegenheit vollständig sachlich und unbefangen. Was sie aber in Verwirrung setzte, war seine schöne, volle Stimme und die ruhige und verständige, fast ein wenig väterlich zutrauenerweckende Art, mit der er sprach. »Lieber Gott,« dachte Robert Voges, »das Kind glaubt wirklich, daß es Wohltäter gibt, die ihm auf so ein Inserat hin gleich so mit 1000 Mark aushelfen.« »Übrigens,« sagte er laut, »sind Sie nicht Mitglied des Frauenbundes?« Mieze sah ihn, tief errötend, mit einem unverhohlen erschreckten Blick an. Dessen hatte sie sich nicht versehen. Um Himmels willen durfte doch der Frauenbund nichts von dieser Sache erfahren! »Oh, seien Sie unbesorgt, liebes Fräulein«, beruhigte er sie mit einem unwillkürlichen Lächeln. »Sie dürfen sich ganz und gar auf meine strengste Verschwiegenheit verlassen.« »Ja«, flüsterte sie, gänzlich aus der Fassung. »Ich erwähnte das nur, weil ich sofort sah, daß Sie mir nicht ganz unbekannt sind. Ich habe Sie allerdings damals nur ganz flüchtig gesehen – Sie waren in Frauenbundangelegenheiten bei meiner Mutter – wie Mama mir sagte, als ich sie fragte –; ich durfte daraus schließen, daß Sie dem Frauenbund angehören.« Oh, nun wußte Mieze, daß sie neben dem Sohne des dreißigfachen Millionärs Voges saß, des reichsten Großkaufmannes der Stadt. – »Ja, dem Frauenbund – gehör' ich an«, flüsterte sie. »Sie haben dann ja auch mit der Frau Justizrat Frenzel zu tun«, fuhr Robert Voges fort. »Ja, ich verkehre mit ihr persönlich; bin – mit ihr befreundet«, bestätigte sie. »Ach, das ist interessant!« sagte er. »Die Frau Justizrat vertritt im Frauenbund ja eine ganz besondere Richtung. Sie hält die Linke. Die Teilnahme unsrer Damen beschränkt sich ja natürlich mehr auf eine organisierte öffentliche Mildtätigkeit, die ja für eine vornehme Dame sozusagen unumgänglich ist«, setzte er mit Humor hinzu. »Frau Justizrat geht aber weiter. Auf ihrem Programm steht das politische Stimmrecht der Frau, ihr Anteil an den Berufsarten des Mannes, Körper- und Seelenhygiene, Reformkleidung und Vegetarismus und wohl ganz und gar so eine Art von Kommune der Zukunft. Es ist sehr interessant, daß Sie persönlich näher mit ihr verkehren, mit ihr befreundet sind. – Aber zu bloßen Füßen mit Sandalen und zur Reformtracht scheint sie Sie doch noch nicht bekehrt zu haben!« Er lachte in einer gemütlich zutrauenerregenden Weise. »Nein!« Mieze sah ihn schüchtern, nicht ohne eine gewisse Zurückhaltung, an. Sie begegnete seinen dunklen Augen, die wie große, ernste, schöne, treuherzig kluge Neufundländeraugen wirkten. Sie fühlte, daß sie beständig auf ihr geruht hatten. Das verwirrte sie noch mehr und war ihr doch zugleich wohltuend, machte sie aber auch unruhig und nachdenklich. »Aber versucht hat sie es doch, nicht wahr?« »Oh, doch. – Versucht«, bestätigte sie leise, ihren Blick wieder senkend. »Aber, wie haben Sie es dann fertiggebracht, sich ihrem kategorischen Willen zu entziehen?« erkundigte er sich übrigens nicht ohne eine wirkliche Neugier. »Ich weiß nicht«, antwortete sie. »Es ist eben so geblieben.« »Aber hat sie Sie nicht gedrängt?« »Zuerst, ja. – Aber nachher nicht mehr.« Mieze war mit einem Male nach weinen zumute. »Aber Sie verkehren trotzdem mit ihr näher. Das ist alles mögliche. – Ich bekenne übrigens, daß ich nicht ganz ohne Verständnis und Sympathie für ihre Bestrebungen bin. Der Mann bleibt zwar ewig Mann und das Weib Weib, die Natur hat's nun mal schon so eingerichtet: aber im übrigen sind unsere heutigen sozialen Zustände doch so und entwickeln sich immer konsequenter darauf hinaus, daß das Weib z.\ B. ihr öffentliches Stimmrecht ebensogut haben wie an den Berufsarten des Mannes teilnehmen kann. Warum nicht? Ich bin z.\ B. auch gar nicht gegen die Sozialdemokratie, und daß die Arbeiter unter Umständen streiken. Warum sollten sie nicht? Und warum sollen sie nicht so gut wie jeder andere selber für ihre Angelegenheiten sorgen? Jeder weiß selber am besten, was er braucht, und vertritt sich am besten selber. Nicht wahr? Wie stellen Sie sich dazu?« »Oh – meinen Sie das im Ernst?« fragte sie leise. »Aber gewiß! Vollständig! Obgleich ich Großkaufmann bin, und obgleich mein Vater dreißigfacher Millionär ist!« lachte Robert Voges. Es blieb ein Schweigen. »Ach!« unterbrach sie es endlich leise, indem sie aufrecht dasitzend vor sich hin auf den Tisch sah, den Zeigefinger auf dem Tischrand. Ihr Zutrauen zu ihm hatte über die Verwirrung, in die er sie versetzte, gesiegt. »Vater war gegen die Sozialdemokratie. Die Arbeiter hatten ihn aber trotzdem in der Fabrik alle gern.« »Ja, die Väter!« lachte Robert Voges. »Das ist wieder was andres. Mein Vater ist natürlich auch gegen die Sozialdemokratie. Aber wir sind die Jungen. Heute liegen ja die Verhältnisse schon anders. Auch die Sozialdemokratie hat sich geändert. Sie ist heute ein Faktor, der mit zum Gleichgewicht des Staatswesens gehört. Sie wirkt hier ganz gesund. Außerdem ist ja das politische und wirtschaftliche Gefüge heutzutage ein so kompliziertes und vielseitiges. Sie werden bei Frau Justizrat, obgleich sie natürlich so wenig Sozialdemokratin ist wie ich Sozialdemokrat bin oder Sie Sozialdemokratin, schon ähnlichen Ansichten begegnet sein. Sie diskutiert doch über solche Dinge mit Ihnen?« »Ja.« »Dann interessieren Sie sich also für so etwas?« »O ja.« Sie errötete. Doch jetzt vor Anteil an diesem Gegenstand. »Eigentlich aber hab' ich nicht viel Talent dazu«, fuhr sie fort. »Ich bin mehr für die praktischen Hilfsarbeiten. Frau Justizrat hat mich ja da auch mit eingestellt.« Innerlich dachte sie eigentlich aber noch an Vater. Es war ihr trotz allem Zutrauen, das ihr Robert Voges erweckte, und trotz dem tieferen Eindruck, den er auf sie übte und der sie nicht mehr losließ, unverständlich, wie er billigen konnte, daß es Sozialdemokraten gab und daß die Arbeiter streikten. Und sie stand dabei eigentlich mit ihrem Empfinden mehr auf seiten Vaters, obgleich ihrem Verstand von der Frau Justizrat her liberale Anschauungen vertraut waren. »Ah, da sind Sie ja mit unsere Damen mehr für die öffentliche Mildtätigkeit!« lachte Robert Voges. Mieze sah ihn ungewiß an. »Nein, ich weiß nicht«, antwortete sie dann. »Aber den blinden Kindern manchmal etwas vorlesen oder sie lesen lehren – das mach' ich ganz gern.« »Mögen Sie Kinder so gern?« »O ja!« »Aber dazu gehört doch so viel Geduld? Blinde Kinder lesen lehren?« »Oh!« »Aber an den Versammlungen, Vorträgen, Diskussionszusammenkünften nehmen Sie doch wohl auch teil?« Sie bejahte, wenn diese Frage auch mehr nebenbei. »Lesen Sie auch Bücher über die Frauenfrage?« »O ja.« »Haben Sie Bebels Buch über die Frau gelesen?« »Ja. – Aber ich verstehe davon nicht viel.« »Haben Sie auch schon moderne Dichter gelesen? Ibsen, Tolstoi, Björnson? Nach Zola darf ich wohl nicht fragen.« »Nein, noch nicht richtig.« »Aber Sie machen sich was draus?« »Ja, ich möchte sie lesen.« »Oh, dann können Sie sie von mir bekommen! Ich habe alles, was davon in Betracht kommen kann. Frau Justizrat wird Ihnen wahrscheinlich vorwiegend theoretische Bücher geben. – Wenn Sie also wünschen?« »Oh, ich danke!« Sie errötete. Der Gedanke, daß sie auf solche Weise in einen näheren Verkehr mit ihm kommen würde, machte sie unruhig. »Nein, nein, aber wenn Sie wünschen: Sie brauchen's nur zu sagen! Sie dürfen mir schon vertrauen. Ich nehme aufrichtigen Anteil an Ihnen. Und an Ihrer Lage, um endlich auf den Gegenstand unseres Zusammenseins zu kommen.–Ich will Ihnen also gleich sagen, daß ich Ihnen die gewünschte Summe gern vorstrecke. Fürchten Sie nichts, die Sache bleibt völlig unter uns! Sie dürfen sich, noch mal, ganz und gar auf meine Verschwiegenheit verlassen. Leider hab' ich momentan nicht soviel Geld bei mir. Wir haben heut Sonnabend. Ich bitte Sie also, sich übermorgen um dieselbe Zeit wieder hier einfinden zu wollen. Dann sollen Sie das Geld haben. Und wenn ich Ihnen – dann gleich was zu lesen mitbringen darf? Etwa Ibsen? Wie?« »Oh, wenn – Sie wollen«, flüsterte sie ungewiß; im übrigen lebhaft erfreut und erregt, daß sie nun also die 1000 Mark wirklich bekam. »Also abgemacht! übermorgen sollen Sie das Geld haben, und ich bringe Ibsen mit! Wir diskutieren dann, wenn Sie gelesen haben.« »Ich sage Ihnen–für das Geld meinen herzlichsten Dank«, sagte sie, während sie errötend, aber mit guter und sachlicher Haltung sich ihm zuwandte und ihn voll ansah und ihm die ein klein wenig bebende, in ihrem Glacéhandschuh feste kleine Hand hinhielt. »Oh, ich tue es gern! Glauben Sie mir: ich nehme herzlichen Anteil an Ihrer Lage!« sagte er mit etwas gepreßter Stimme, während er ihre Hand ergriff und, sie in der seinen behaltend, mehrmals warm drückte und ihr in die Augen sah. »Ich kann es Ihnen – freilich – nur nach und nach zurückgeben«, sagte sie leise und bei diesem Punkt der Angelegenheit sehr in Verlegenheit. »Aber das soll doch gar nichts auf sich haben! Machen Sie sich doch darüber keine Sorge! Sie richten das ganz ein, wie Sie können!« beruhigte er sie eifrig, ihre Hand noch einmal drückend ... Als sie dann aufbrachen, bat er sie, sie noch bis zum Gabelungsplatz begleiten zu dürfen, der als Abschluß der Hauptstraße gegen die Vorstadt hin lag und von dem aus sie die elektrische Bahn nach Hause benutzen wollte. Es war inzwischen dunkel geworden. Die lange Zeile der breiten stattlichen Straße hinab brannten die Gaslaternen und verloren sich mit ihren gelben, lichtsplitternden Reihen im fernen rotbraungrauen Dunst. Am klaren Himmel flimmerten die Sterne. Hier und da reihten sich, vor einem Café, den großen Restaurants, Kaufhäusern und Läden, die elektrischen Kugeln mit ihrem magisch weißen Licht; und aus den vielen Läden legte sich das elektrische Licht fast ununterbrochen die ganze Straße hinab auf das saubere Grau des asphaltierten Trottoirs. Fahrdamm und Trottoirs wimmelten von einem fast schon weltstädtischen Verkehr. Beständig rollten die großen Wagen der elektrischen Straßenbahn aneinander vorbei die Straße hinauf und hinab zwischen Fuhrwerken, Geschäftswagen, Droschken und Equipagen, Automobilen und Motordroschken hin. Auf dem Trottoir herrschte ein Flaneurpublikum vor. Mieze hatte ihre Gedanken, als sie, dicht an den herrlichen Schauläden hin, in dem bummelnden Schritt, den Robert Voges geflissentlich angegeben hatte, die Straße hinabschritten. Hin und wieder blieb er mit ihr, um die Dauer des Zusammenseins möglichst zu verlängern, vor einem Schaufenster stehen, zeigte ihr die ausliegenden Gegenstände, führte mit ihr ein Gespräch darüber und fragte sie, wie ihr dies oder jenes gefiel. So ganz mit einemmal mit dem Sohn des fast reichsten Mannes der großen Stadt und einem jungen Mann, der ihr ein so starkes Zutrauen und auf den ersten Blick eine tiefere Neigung abgewonnen hatte, an all dieser Pracht hinzuschlendern und sie mit ihm zu betrachten, mit ihm darüber zu sprechen, das war ein so ganz außerordentliches Erlebnis. Die herrlichen Roben in den Schaufenstern der großen Konfektionsgeschäfte, die Kostbarkeiten der Juwelierläden, der Läden für Toilettengegenstände versetzten sie in einen Rausch, der ihre Augen blitzen machte und ihre Brust mit erregten Atemzügen hob und senkte; und es war auf dem Grund dieses Rausches eine sonderbar würgende, kleine, nachdenkliche Traurigkeit ... Daß er sie auf dieses oder jenes besonders aufmerksam machte und sie fragte, wie es ihr gefiele, etwa auf einen besonders schicken Hut, der, wie sie meinte, wohl mehr als 100 Mark kosten mochte, oder auf ein Brillantarmband, ein Perlenkollier und dergleichen, fand sie aber nicht weiter auffallend. Sie war viel zu naiv und unschuldig, um darunter etwas vorzuahnen und einen Begriff zu bekommen, in was für eine Situation sie sich begeben hatte. Robert Voges fügte übrigens dem scheinbar ganz harmlosen Gespräch über diese Gegenstände auch weiter nichts Besonderes hinzu. Vielmehr führte er eine im allgemeinen durchaus verständige Unterhaltung, die sogar eine gewisse Nachdenklichkeit verriet, aus der heraus er ganz offenherzig zu Mieze von seinen eigenen Angelegenheiten sprach, ohne weitere Berechnung und ohne eigentliche Lebemannsabsichten. Sie hatte ihn tatsächlich in einen seltsamen inneren Widerstreit versetzt. Es verstand sich, daß seine Sinne, daß der Lebemann in ihm sie vom ersten Anblick an begehrt hatte, zugleich aber hatte sie ihm sofort auch eine tiefgehende Sympathie erweckt und ernstere Gedankengänge, wie er sie von seinem früheren Bundesverkehr her gewohnt war, Gedanken, welche jede Lebemannsanwandlung einem jungen Mädchen gegenüber auf das strengste verpönt hatten. Miezes Gesundheit, ihre so ganz ungewöhnliche, liebreizende, unschuldige, junge Schönheit – die, er empfand das mit einem seltsamen Herzklopfen, einer Art von Neid auf jeden, den diese Schönheit einstmals erfreuen sollte, ganz gewiß einer der allerseltensten »Glücksfälle« für einen Mann bedeutete –, auch ihr entschieden charaktervolles und eigenartiges Wesen und ihre Intelligenz hatten es ihm angetan. Und aus diesem Empfinden heraus sprach er zu ihr jetzt auch von seinen persönlichen Verhältnissen, unwillkürlich in einer fast kameradschaftlichen Weise, als gehöre sie mit zu seinem Bundeskreise. »Ich bin also der Sohn des schwerreichen Voges, nicht wahr, Fräulein Cäcilie?« sagte er. »Es muß mir ja doch wohl herrlich gut gehen; ich muß mir ja wohl leisten können, was ich will; nicht wahr? Denn mein Vater setzt mir dabei nichts in den Weg. Aus verschiedenen Gründen. Weil ich die Welt kennenlernen soll, weil er früher in seiner Jugend genau so gelebt hat und Großvater ihn genau so hat leben lassen, weil es bei anderen auch so gehalten wird, schließlich vielleicht sogar, weil es so eine Art von Reklame ist usw. Aber ich bin damit weder jemals so recht zufrieden gewesen, noch hat es mich blasiert gemacht. Das ist im Grunde alles gar nicht soviel wert. Es ist sogar, genau genommen, ziemlich fad, wenn nicht ganz und gar lächerlich; immer nach derselben Schablone. Ich bin also von jeher daneben meine eignen und besonderen Wege gegangen, und sie sind ja denn wohl auch meine Hauptwege gewesen. – Ich habe von jeher eine Neigung, ein Bestreben gepflegt, auch andere und wichtigere Lebensprobleme kennenzulernen. Ich will Ihnen erzählen, daß wir damals nach Mitternacht im ›Cafe Central‹, wohin Sie übrigens nicht zum Rendezvous kommen wollten – Sie wählten selbständig und bestimmten die Konditorei: und das ist mir etwas wert gewesen –, so eine Gruppe von Freunden Ihr Inserat gelesen haben. Alles Menschen von ernsteren Lebensinteressen und Bestrebungen. Und wir haben darüber diskutiert, was für ein Charakter die Urheberin des Inserats wohl sein könnte. Es stehen ja oft solche Inserate in der Zeitung. Wenn auch meistens nicht so viel Geld gesucht wird. Und es finden sich sicher auch immer welche, die darauf reagieren. – Aber wir hatten ein Interesse daran, was wohl die Urheberin dieses Inserates für ein Charakter sein könnte. Es kann ja verschiedene Charaktere geben; nicht wahr? Einer wird's leichter, so ein Inserat zu veröffentlichen, der anderen schwerer. Aber es war in Ihrem Inserat so eine Nuance, die mich bewog, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und – nun hat es mich so sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Das ist für mich geradezu ein Erlebnis. Man kommt ja durch so etwas auf alle Fälle zueinander in eine nähere Beziehung; nicht wahr? Ganz von selbst. Es handelt sich doch nicht bloß darum, daß man sich Geld leiht, sondern auch darum, wer leiht und wem er leiht und wie man sich menschlich und persönlich zueinander stellt. Sie wollen mir das Geld ja doch mal wieder zurückgeben; nicht wahr? Es hat um Himmels willen damit gar keine Eile; Sie können das Ganze halten, wie Sie wollen.« – Er lachte. – »Na, aber: es hat sich doch unter allen Umständen eine Beziehung von Mensch zu Mensch geknüpft. Nicht wahr? Hm! Sagen Sie aber, Fräulein Cäcilie!« fragte er plötzlich. »Haben Sie daran gedacht, als Sie das Inserat in die Zeitung setzten?« Sie schwieg. Er setzte sie in große Verlegenheit. Nein, sie hatte nicht daran gedacht. Er überging, nachdem er ein Weilchen auf Antwort gewartet hatte, ihr Schweigen und fuhr mit seiner »psychologischen Sonde« fort: »Sagen Sie, wie sind Sie übrigens dazu gekommen, sich auf diesem Wege Geld zu verschaffen?« Er lächelte. »Haben Sie vielleicht – Freundinnen, die Ihnen das geraten haben?« setzte er ernster, mit gepreßter Stimme hinzu. »Nein! Ich habe gar keinen Verkehr«, antwortete sie leise. »Außer dem Frauenbund. – Gar keinen. – Aber – ich habe niemand, an den ich mich wenden konnte. Und ich dachte – weil doch oft solche Inserate – in der Zeitung stehen – man könnte so Geld bekommen.« Er lachte herzlich auf. »Sie haben sich also nicht danach erkundigt«, sagte er dann mit einer Art von wunderlich gespannter und erregter Zerstreutheit. »Von selber sind Sie darauf gekommen. – Hm! – Na, aber jedenfalls stehen wir jetzt zueinander im Verhältnis von Schuldner und Gläubiger, nicht wahr?« Er lachte, »Aber, das ist natürlich Nebensache. Die Hauptsache ist, daß dieses Verhältnis auch ein angenehmes ist und bleibt. Nicht wahr? Nun, das wird's schon! Ganz gewiß und sicher! Sagen Sie aber mal – Fräulein Cäcilie! Sie wissen ja eigentlich doch gar nicht, was ich für ein Mensch bin? Wenn ich nun ein ekliger Kerl und ein böser Gläubiger wäre, hm! – sagen wir mal – ein Wucherer? Ja, na, was denken Sie denn, was ich für ein Mensch bin? Wie?« Sie schwieg, sah ihn mit einem ungewissen Blick an. Er errötete unter diesem Blick. »Na, dummes Zeug!« lachte er und begann ein Gespräch über gleichgültige Dinge, unter dem sie zu dem Gabelungsplatz gelangten, wo sie die Elektrische besteigen mußte. Sie bedankte sich noch einmal ehrlich und sachlich für seine Bereitwilligkeit, ihr das Darlehen zu geben, und gab ihm die Hand. »Also auf Wiedersehen, übermorgen abend!« sagte er. Doch begleitete er sie noch bis zum Wagen hin. Als sie aber schon mit dem Fuß auf dem Trittbrett stand, schickte sie ihm noch einmal einen Blick zu; einen wunderbar errötend, lächelnden kurzen Mädchenblick. Fast wäre er noch einmal zu ihr hingegangen, hätte fast eine Dummheit gemacht, als er diesen Blick sah, doch war Mieze im nächsten Augenblick schon in den Wagen hinein verschwunden. * Als sie zu Hause ankam, schwieg sie Mama gegenüber über das, was geschehen war, lehnte unter dem Vorwand, sie habe schon in der Stadt etwas zu Abend gegessen, das Abendbrot ab und begab sich nach einem kleinen, gleichgültigen Gespräch mit Mama und Fanny mit der Erklärung, sie sei müde und wolle sich heute bald schlafen legen, hinter in ihr Kämmerchen. Sie empfand ein dringendes Bedürfnis, mit sich allein zu sein, und jedes Wort, das Mama mit ihr sprach, hatte sie ungeduldig gemacht. In ihrem Kämmerchen angekommen, setzte sie sich auf ihren Stuhl beim Fenster und begann sich den Eindrücken und Erlebnissen hinzugeben, die sie diesen Abend über erfahren hatte. Draußen über den stillen schwarzen Baummassen spannte sich mit all seiner Pracht der Sternenhimmel. Am Rande des Parkes zog sich die Lichtschnur der Gaslaternen hin. Die Geldangelegenheit war für sie, abgesehen von dem Gefühl von Beruhigung, das ihre Erledigung ihr mitgeteilt, jetzt ganz in den Hintergrund getreten. Ganz beherrschte sie der Eindruck, den sie von Robert Voges empfangen hatte. In eine andere, neue Welt fühlte sie sich aus der Enge ihres Alltags erhoben, eine Welt, die sie geradezu als ihre eigentliche und wahre Heimat empfand. All die wilde wechselnde Unruhe der letzten Monate hatte sich in eine sichere, freudige Zuversicht auf Freiheit und Leben verwandelt. Und das alles schloß der Eindruck ein, den er auf sie gemacht hatte. Es handelte sich nicht äußerlich um seine schicke Kleidung und die Selbstsicherheit seines Benehmens und Auftretens: das alles war für ihr Empfinden nur das äußere, selbstverständliche Anzeichen eines Menschen, den man erst wirklich als einen solchen bezeichnen kann. Sie dachte wieder an Vater. Vater würde, wenn er nicht sein Lebtag über so viel Unglück gehabt hätte, äußerlich genau so ausgesehen haben. Er hatte für ihr Gefühl ganz selbstverständlich zu diesen Kreisen gehört. Sie hatte auch gar wohl gemerkt, daß der Fabrikant, bei dem Vater angestellt gewesen war, Respekt vor Vater und daß er sich Vater sogar unterlegen gefühlt hatte. Robert Voges war der erste Mann, dem sie begegnete, der wie Vater war. Sie fühlte, daß sie ihn liebte. Und mit einem aufwallenden Erröten dachte sie an sein verständiges Wesen, an seine schönen, ruhigen Augen, an seinen warmen, festen Handdruck, an die verständigen, offenherzigen Worte, die er zuletzt noch zu ihr gesprochen hatte. Und überwältigt von dieser Sympathie hatte sie Augenblicke, wo ein aufwallender Jubel sie antrieb, nach vorn zu Mama zu eilen, sie zu umarmen und ihr das alles zu sagen; aber dann bemächtigte sich ihrer wieder eine wunderliche Verzagtheit, und mit traurig versonnenen Augen blickte sie schweratmend hinein in den großen, feierlich stillen Sternenhimmel da drüben über den ernsten, schwarzen, starren Baummassen. Dann wieder dachte sie an all die herrlichen Dinge, die er ihr gezeigt, als sie an den Schauläden hingingen, und ihre Augen blitzten, ein träumerisch begehrliches Mädchenlächeln spielte um ihren Mund. Ach, Himmel! Ja, das würde erst Leben, Leben sein! ... Doch dann kam sie auch auf den Gedanken: Wie es sein würde, wenn Robert Voges nun so arm wäre wie sie selber; oder wenn er, falls er sie etwa heiratete, von seinem Vater verstoßen und enterbt würde: würde sie ihn auch dann noch lieben, würde er auch dann noch einen so tiefen Eindruck auf sie machen? Ja, auch dann noch! Auch dann noch würde sie ihn lieben! Es war ja außerdem nichts selbstverständlicher, als daß er in diesem Falle aus eigener Kraft zu Wohlstand gelangen und seines Vaters Reichtum gar nicht gebrauchen würde. Denn es war ja undenkbar, daß ein solcher Mann sich mit gedrückten Lebensverhältnissen zufriedengeben konnte .. Aber, ach! Es war ja alles viel, viel zu schön, viel zu plötzlich gekommen, als daß es wirklich wahr sein und wirklich so kommen könnte, wie sie da träumte! Und sie dachte an die kleine, ärmliche, dumpfe Stube da vorn und an Mama mit ihrem häßlichen Wolltuch um den Kopf und an Mamas ewige Schmerzen und Wehklagereien. Und in trüber Niedergeschlagenheit weinte sie bitterlich vor sich hin in die Hände hinein. Wurde dann nachdenklich. Sprang plötzlich mit flammenden Augen und geballten Fäusten in die Höhe. Nein! Nein! Das sollte und sollte und konnte nun nicht mehr möglich sein! Unter allen Umständen war es damit jetzt vorbei! ... Am nächsten Tage zeigte sie aber ein ruhiges und gleichmäßiges Wesen, half am Vormittag Mama mit in der Wirtschaft, begab sich dann, wie es jeden Sonntag ihre Pflicht war, in die Stadt zum Kontor, machte am Nachmittag mit Mama und Fanny einen Spaziergang im Adelheidpark und las dann am Abend in den Büchern, die ihr die Frau Justizrat geliehen hatte. Montag abend aber begab sie sich in die Konditorei zu der verabredeten Zusammenkunft. Robert Voges hatte der Blick, den sie ihm vorgestern abend beim letzten Abschied zugeworfen, nur zu gut gefallen. Seine Empfindung für sie war eine zu wenig klare, als daß er ihm nicht Hoffnungen auf gewisse Vergnügungen gemacht hätte. Und vorwiegend in dieser Gesinnung erwartete er sie. Er händigte ihr, als sie sich begrüßt und eine kleine Unterhaltung geführt hatten, ein Kuvert mit einem Tausendmarkschein ein und einen Band von Ibsens Dramen, der »Nora« enthielt. »Was dichtet Ibsen?« erkundigte sich Mieze errötend, während sie mit einem zerstreuten Lächeln in dem Bande blätterte, der einen bibliophilisch sauberen Einband zeigte. »Ethische Probleme, Konfliktsnaturen, problematische Existenzen«, gab er Bescheid, eigentlich innerlich nur damit beschäftigt, Dispositionen für den weiteren Abend zu treffen, die seinen Absichten entsprachen. »Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen deutlich gemacht habe?« »O doch! Ich glaube«, antwortete sie. »So Menschen, die selber nicht wissen, was sie wollen.« »Ganz recht, so ungefähr! Besonders aber solche, die durch die heutigen sozialen Zustände so geworden, oder die durch die heutigen sozialen Zustände hervorgebracht sind. In diesem Sinne z.\ B. auch unglückliche Frauen, was sich ja mit dem Frauenbund berührt. Nora ist ja solch eine unglückliche Frau. Und abgesehen von seinen Versdramen, die phantastisch sind, gibt Ibsen immer naturgetreu das Leben.« »Das mag ich lieber als Verse oder Märchen«, gestand sie. »Ach, machen Sie sich nichts aus Poesie? Dann sind Sie ja als junge Dame eine Ausnahme«, lachte er. »Nein! Ich glaube, ich bin dazu zu praktisch«, sagte sie. »Ich verstehe Sachen nicht, die bloß zusammenphantasiert sind.« »Aber Ibsen werden Sie also gern lesen?« fragte er unter einem zerstreuten Blick. Sie sah ihn aufmerksam an und folgte der Richtung dieses Blickes, der über das Lokal hinirrte. »O ja«, antwortete sie dann, durch sein Verhalten, nun sie sich unterrichtet glaubte, nicht mehr weiter beunruhigt. »Aber – das sind wohl so schwache Naturen, die problematischen Naturen?« fragte sie dann plötzlich in einer Weise, die verriet, daß sie sich im stillen noch mit dem Gegenstand beschäftigt hatte. »Ja! Ganz recht! Gebrochene schwache Naturen. Die so an allen möglichen einseitigen Ideen leiden und mit nichts recht zu Rande kommen können und daran zugrunde gehen.« »Aber meistens sind die doch komisch«, sagte sie. »Warum macht man über sie Dramen? Oder manchmal sind sie auch verächtlich. Man kann sie doch weiter nicht beachten?« »Ja, ja, aber sie sind heute doch sehr beachtenswert«, antwortete er in einer Weise, daß sie merkte, er wolle dies Gespräch abbrechen. »Heute behandeln die Dichter ja nur solche Menschen. Ich habe eine ganze Bibliothek von solchen Büchern. – Hm! Allerdings mehr aus wissenschaftlich-literarischem Interesse«, setzte er mit Vorsicht hinzu. Sie schwieg. »Aber finden Sie nicht auch, Fräulein Cäcilie,« fuhr er dann, ohne weiter auf ihr Schweigen zu achten, mit belebterer Stimme fort, »das Lokal ist heute ungemütlich, es nimmt einem die Stimmung zu einer ordentlichen Unterhaltung.« Sie waren vorgestern allerdings die einzigen Gäste gewesen, während heute mehrere Gäste da waren. »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Aber selbstverständlich nur, wenn Sie noch Zeit und Lust dazu haben! Wie?« »Oh, ich habe noch Zeit«, bestätigte sie lächelnd und gespannt, was er vorschlagen wollte. »So, oh, das ist schön! Wie wär's also, wenn wir in ein anderes Lokal gingen? Es ist wohl so ziemlich Zeit, zu Abend zu essen. Ich kenne ein sehr gutes Weinlokal: wie war's, wenn wir hingingen und zusammen was äßen? Darf ich Sie einladen? Würde Ihnen das Vergnügen machen?« »Ach, ein Souper?« Miezes Augen leuchteten. »Ach, haben Sie schon mal ein Souper gegessen?« »Ach nein, wie denn? Noch nie! Nur davon gehört!« Sie lachte. »Wie denn? ›Davon gehört‹?« Sie sah ihn verwundert an; sie verstand nicht, wie er fragen konnte. »Oh, ich weiß doch, daß man in den großen Gesellschaften Soupers einnimmt, und daß man auch in Restaurants soupieren kann. Hochzeits- und Taufgesellschaften zum Beispiel.« Sie sah ihn mit großen, betroffenen Augen an. Er errötete unwillkürlich unter der vollendetsten Unschuld dieses Blickes und geriet einen Augenblick aus der Fassung »Na, jedenfalls,« fuhr er endlich fort und lachte, »man kann auch zu zweien ein Souper einnehmen, nicht wahr? Also, wie wär's? Haben Sie Lust dazu?« »O ja!« antwortete sie zögernd, während sie ihn errötend ansah, aber zugleich in einer Weise, die ihm deutlich verriet, daß sie sich auf das Souper freute. »Na, dann also: auf!« fügte er lachend, erhob sich, zahlte am Büfett, half ihr in ihr Jackett, zog seinen Ulster an und brach mit ihr auf. Sie gingen die Hauptstraße hinauf, wo auch das Weinlokal gelegen war. Es war herrlich, wie vorgestern abend. Noch schöner. Denn sie hatte sich nun schon besser an ihn gewöhnt: außerdem machte ihr das Souper innerlich in aller Naivität eine unbändige Freude. Zuweilen musterte sie ihn heimlich mit einem wohlgefälligen Blick. Er trug einen langen, modischen Ulster, ein steifes, rehbraunes, elegantes Hütchen und ein seines Spazierstöckchen mit Silbergriff, das ihm, wie er die Hände in den Seitentaschen des Ulsters hatte, aus der einen Tasche steil forsch und doch nicht mit übertriebener Munterkeit an der Brust hinauf über die Achsel ragte. Schick trug er den Kopf etwas nach vorn und hatte einen elegant legeren Bummelgang. Auch sie selbst konnte sich übrigens neben ihm sehen lassen. Sie hatte ihr neues, bestes Kleid an; und soweit nicht ihr schöner Wuchs, hatte sie selbst dafür gesorgt, daß die Schneiderin ihre Sache nach besten Kräften gemacht hatte. Auch ihr Hut war neu und teuer über ihre Mittel. Man konnte sie gut und gern als eine Verwandte von Robert Voges ansehen. Die Straße, die nach dieser Seite hinauf enger wurde, war ziemlich dunkel und zeigte weniger Verkehr zwischen meist altertümlichen Häusern hin, von denen viele mehr als hundert Jahre alt waren. Unter einer munteren Unterhaltung, die Mieze mehr als einmal lachen machte, gelangten sie endlich zu einem großen, altmodischen, gelb getünchten Haus, in dem sich das Weinlokal befand, das eins der altrenommiertesten der Stadt war. Robert Voges wußte, daß es um diese Zeit noch so gut wie gar nicht besucht war, und sie fanden es denn auch, als sie in die große saalartige, mehr lange als breite Vorderstube eintraten, leer und nur mäßig erhellt. Das Zimmer hatte Nischen. Sie ließen sich in einer, die gegen das Nebenzimmer hin lag, nieder. Er bestellte beim Kellner Austern und ein Fläschchen Chablis dazu. »Haben Sie schon mal Austern gegessen, Fräulein Cäcilie?« fragte er, als der Kellner sich entfernt hatte. »Ach, nein!« Sie lachte. »Aber es ist Ihnen recht, daß ich welche bestellt habe? Oder hätten Sie lieber Anfang mit Kaviar in Eis gemacht?« »Ach, nein! Es ist gut so!« lachte sie. »Ich bin sehr neugierig auf Austern.« »Na, also all right !« Sie sah sich in dem Lokal um. Es war ein altväterlich zutrauenerregender, schlicht und solid eleganter Raum mit dunklen Ledertapeten, die Goldleisten und Bronzearabesken hatten. Große, ernst gemütliche, verdunkelte alte Ölbilder hingen an den Wänden und ein paar sehr wertvolle venezianische Spiegel. Die Decke zeigte braunes Holzgetäfel. Zwei große, kostbare venezianische Kronleuchter hingen von ihr herab. Der Fußboden war mit Tuchläufern belegt, und es herrschte eine angenehme, gemütlich vornehme Stille. Mit unbewußter Sicherheit paßte Mieze ihren Sprechton ihr sofort an. Der Kellner hatte die Speisenkarte bereits auf den Tisch gelegt, und Robert Voges schlug jetzt vor, gemeinsam das Menü zusammenzustellen. Mit aufrichtigstem Vergnügen beugte sich Mieze, doch schicklich nicht zu nah, gegen die Karte her, und sie prüfte, was es gab. »Oxtailsuppe? Wie?« fragte er. »Was ist das?« »Auf deutsch: Ochsenschwanzsuppe. Sehr zu empfehlen.« Sie lachte und entschied für sie. »Also: erstens Oxtailsuppe.« Was den Fisch anbetraf, so war sie neugierig auf Seezunge. Alsdann Leipziger Allerlei mit Rinderzunge. – Ah, und dann gab es Rebhuhn mit Sauerkraut! Noch niemals in ihrem Leben hatte sie Rebhuhn gegessen. – Als Getränk schlug er Rüdesheimer Berg vor. Der Kellner brachte zwei Dutzend Austern und das Fläschchen Chablis. Sie fürchtete sich zuerst vor diesen sonderbaren Tieren, doch als er ihr eine herrichtete, schluckte sie sie tapfer hinunter und erklärte dann, daß sie ein angenehmes Gefühl im Magen machten. Sie hatte übrigens gleich begriffen, wie sie hergerichtet wurden, und es gelang ihr vollkommen. Sie aß sechs von ihnen, äußerte dann aber ihre Besorgnis, dem übrigen nicht mehr gerecht werden zu können. Aber das machte sich. Der Eifer, die Wissenschaft und das Vergnügen an der Situation und der Reiz, den die guten, nie gekosteten Dinge auf ihren Appetit übten, halfen, bah sie bis zu Ende gut durchhielt. Als sie mit dem Mahl fertig waren und Robert Voges sich eine Zigarre anzündete, nahm auch sie eine Zigarette an, die er ihr aus einem zierlichen, kunstvoll gearbeiteten silbernen Etui bot. Alsdann bestellte er eine Flasche Champagner. Und zwar vom allerbesten, Heidsick-Monopol. Sie hatte sowohl von dem Chablis wie von dem Rüdesheimer mitgetrunken. Wenn auch, verstand sich, Robert Voges das meiste hatte tun müssen. Sie strahlte von Schönheit und Munterkeit. Es beirrte ihn ein wenig, daß sie ihrer Haltung, trotzdem sie von dem Wein entschieden einen kleinen Schwips weghatte, nichts vergab, und daß er keinerlei Unwillkürlichleiten aus ihr hervortrieb, die mit ihrem gewohnten Benehmen in Widerspruch gestanden und ihm die Annäherung ermöglicht hätten, auf die er tatsächlich hinaus war. Auf den Champagner freute sie sich sehr und war außerordentlich neugierig darauf, nicht ohne eine andächtige Erregung. Als aber die Gläser nicht ihrer Erwartung entsprachen, weil sie meinte, daß er doch, wie sie es auf Bildern gesehen hatte, aus schlanken Kelchen getrunken werden müßte, ließ Robert Voges französische Kelche bringen. Es waren edle Gläser mit reizenden Arabeskengewinden, über die sie sofort in helles Entzücken geriet. Sie nahm einen Kelch und hielt ihn gegen das Licht des Kronleuchters, das in die Nische hereinfiel; und sie fand es traumhaft schön und sein, diese zierlichen Arabesken gegen das Licht und zugleich gegen das ernste, altväterliche, vornehm von leisen Bronzelichtern belebte Dunkel der Tapete zu sehen. »O schön! Als ob man in eine Zauberwelt hineinsähe!« rief sie leise mit einem kaum unterdrückten kleinen Jauchzer, während sie in der anderen Hand mit reizend unbewußter Zierlichkeit und Vorsicht und zugleich nicht ohne eine gewisse nervensichere Rasse zwischen Zeige- und Mittelfinger die Zigarette hielt. Nicht weniger entzückt war sie über den seinen reinen Klang, den die Kelche gaben, als man anstieß. »Nicht, der Champagner ist das edelste Getränk?« fragte sie mit leuchtend nachdenklich geweiteten veilchendunklen Augen und einem unbeschreiblich anmutigen Lächeln um den halbgeöffneten rosigen Mund, in den schäumenden Kelch blickend, den sie vor sich hin hielt. »Ja, und das lustigste!« ergänzte Robert Voges lachend. Er war gänzlich in die Stimmung eines solchen Soupers zu zweien gekommen, die ihm nur zu geläufig war. Außerdem hatte ihn die anmutige Nähe Miezes und der Umstand, daß er den Wein fast allein getrunken hatte, nachgerade in Erregung gebracht. Er fing an, zerstreut zu werden und zu überlegen. In dem soliden alten Lokal hier war ja weiter nichts zu unternehmen, zumal sie mit keinem Wort und keiner Bewegung ihm die Annäherung ermöglicht hatte, auf die er hinaus war. Doch suchte er nach einer Gelegenheit, noch länger und ungestörter mit ihr zusammen sein zu können. Sie berauschte ihn so, daß er fast schon gar keine Empfindung dafür besaß, daß er sich ja nun endlich doch für heute von ihr trennen mußte. Er machte ihr schließlich den Vorschlag, »zum Abschluß«, wie er sagte, noch in einem Café eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken. Sie wurde durch diesen Vorschlag zum erstenmal an die Zeit erinnert, zog ihre Uhr und fand erschreckt, daß es schon spät war und daß sie nach Hause mußte. Doch ließ sie sich endlich überreden, und sie brachen auf. Sie hatte geglaubt, sie würden zu Fuß gehen; aber er trat auf einen m der Nähe befindlichen Droschkenstand zu und nahm, als ob das das selbstverständlichste wäre, eine Droschke. Der Gedanke, in einer Droschke zu fahren, machte ihr an, und für sich Vergnügen: ein Vergnügen, das sie ja so gut wie noch gar nicht in ihrem Leben genossen hatte. Aber zugleich kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ja jetzt mit ihm ganz allein in der dunklen geschlossenen Droschke sitzen würde. Sie errötete, wurde ernst und bang und zögerte, einzusteigen. Doch sein verständiges und ruhiges Benehmen gab ihr endlich Zutrauen, und sie stiegen ein. Aber sie bewahrte eine starr aufrechte Haltung, saß regungslos, steif, blickte ängstlich vor sich nieder und hielt sich so weit wie möglich von ihm entfernt, während sie sehnlichst wünschte, daß die Fahrt nicht lange dauere. Doch der Kutscher nahm sich Zeit. Außerdem hatte er viel auszuweichen, und ein paarmal mußte er sogar halten. Je länger es dauerte, um so unruhiger wurde sie innerlich. Und als gelegentlich die Droschke ziemlich lange hielt, war sie nahe daran, Robert Voges zu bitten, sie aussteigen und nach Hause gehen zu lassen. Beständig hatte sie noch den Knall im Ohr, mit dem vorhin der Droschkenschlag hinter ihnen zugeklappt war. Und noch nie war sie sich so klar darüber gewesen, wie sehr sie Robert Voges zugetan war. Je deutlicher dies Bewußtsein nachgerade aber geworden war, um so unerträglicher spannte sich ihre fliehende Unruhe ... Er hatte sich, seit sie eingestiegen waren, sehr gesprächig gezeigt. Der Aufenthalt in dem dunklen engen Fahrzeug, ihre warme, liebreizende Nähe erregten ihn jetzt bis zum äußersten. Außerdem war ihm eine solche Droschkenfahrt mit einem hübschen jungen Mädchen nur zu vertraut, und unwillkürlich waren seine Sinne in ihre gewohnte Mechanik hineingekommen Miezes verängstigtes, naiv unschuldiges Wesen nahm ihm ganz und gar noch den letzten Rest von Besinnung. So hatte er die Unterhaltung, die er da führte und die sie gar nicht oder mit einem kurzen »Ja« oder »Nein« erwiderte, schließlich als eine Gelegenheit benutzt, sich ihr mehr und mehr zu nähern. Und dann kam der Augenblick, wo er seine letzte Selbstbeherrschung verlor. Seine Rede war ein schmeichelndes Flüstern geworden, und plötzlich legte er ihr den Arm um die Taille und schickte sich an, sie zu küssen. Doch im gleichen Augenblick hieb sie ihm, aus aller Kraft ihres Schreckens abdrängend, die Faust gegen die Brust, riß sich in die Höhe, griff schnell nach dem Gummidrücker – nach dessen Zweck sie sich übrigens, gleich nachdem sie eingestiegen waren, halb aus Neugier, vor allem, weil sie in Verlegenheit gewesen war, was sie mit ihm reden sollte, erkundigt hatte – und gab das Signal zum Halten. Die Droschke hielt. Im selben Augenblick hatte sie aber auch schon den Schlag aufgerissen, war draußen und verschwand in dem Gewimmel des Verkehrs ... Erst als sie in eine stille dunkle Seitenstraße eingebogen war, verlangsamte sie ihren eiligen Lauf. Sie war noch so außer sich, daß es ihr unbewußt blieb, nach welcher Richtung sie sich bewegte. Wie sie aber mit bebenden Knien weiterschritt, kehrten ihr endlich die Gedanken zurück, und sie brach in ein heftiges Weinen aus ... Zu Hause angekommen, verbrachte sie eine schlaflose Nacht und dann einen sehr unglücklichen Tag. Sie hatte den Antrieb gefühlt, Robert Voges die tausend Mark sofort wieder zuzustellen; doch nur in ihrer höchsten Aufregung, und auch da war sie nicht über ein unentschiedenes Schwanken hinausgekommen. Einerseits wußte sie nicht recht, wie sie das bewerkstelligen sollte. Mit der Post ließ es sich, meinte sie, nicht machen. An welche Adresse sollte sie das Geld richten? Sollte sie es auf das Kontor Voges schicken? Oder in die Privatwohnung? Eins schien so wenig anzugehen wie das andere. Sie konnte ihm das Geld also nur persönlich zurückgeben. Aber wie sollte sie das machen? Sie, die in solchen Angelegenheiten so resolut war und sich vor niemand fürchtete und die Robert Voges das Geld unter anderen peinlichen Umständen unbedenklich persönlich zurückgegeben haben würde, fühlte sich in diesem Falle dazu außerstande. Dann aber kamen ihr schließlich, nachdem sie ihre erste Aufregung überwunden hatte, ruhigere Erwägungen. Was war denn eigentlich so Schlimmes geschehen? Sie hatten doch schon vorher beim Souper miteinander gescherzt. Sie fand, daß es nur der Schreck gewesen war, der sie zur Flucht getrieben hatte. Und je mehr sie das überlegte, um so deutlicher kam ihr zum Bewußtsein, wie gut sie ihm war... Sie unterließ es also vorderhand, irgend etwas zu tun. Mama hatte sie nichts von dem Gelde gesagt. Das war unter solchen Umständen nicht angegangen. Als sie aber mittags ihr Kontor verlassen, hatte sie drüben auf dem anderen Trottoir Robert Voges auf und ab gehen sehen, und sie hatte wahrgenommen, wie sein Wesen eine direkte Schüchternheit und Niedergeschlagenheit gegeigt. Er hatte sich gerade angeschickt, stehenzubleiben und zu ihr herüberzukommen: aber feuerrot und mit hochklopfendem Herzen war sie ihm davongelaufen. Und mit pochendem Herzen, innerlich aber tief glücklich und befreit, war sie mit der Elektrischen nach Hause gefahren. Die nächste Zeit hatte sie dann in der gespanntesten Erwartung verbracht. Denn es war ja sicher, daß er jetzt etwas von sich hören lassen würde. Am nächsten Morgen erhielt sie denn auch wirklich mit der ersten Post einen Brief. Er lautete: »Liebstes Fräulein Cäcilie! Bevor Sie etwas Voreiliges tun, drängt es mich, Ihnen zu sagen, daß ich aus tiefstem Herzen bedauere, Sie vorgestern abend so erschreckt Zu haben! – Ich füge dieser Erklärung die dringendste Bitte hinzu, mir eine neue Zusammenkunft zu gewähren. Der Gedanke, diese Angelegenheit nicht persönlich in Ordnung bringen zu dürfen, ist mir ganz unerträglich. – Nicht wahr, Sie schlagen meine Bitte nicht ab? Was ich Ihnen aber alles zu sagen habe, das kann ich Ihnen nur mündlich sagen. Es hängt alles davon für mich ab! – Und so viel, viel mehr, als ich Ihnen mit diesen eiligen Zeilen aussprechen könnte. Ich überlasse Ihnen, mir Ort und Zeit des Zusammentreffens zu wissen zu geben. Und darf ich hoffen, Ihre Nachricht recht bald zu erhalten? – Ganz Ihr Robert Voges.« Auf diesen Brief antwortete sie: »Sehr geehrter Herr Voges! Ich werde diesen Sonntag um 4 Uhr nachmittags im Adelheidpark bei der großen Fontäne sein. – Cäcilie Dühring.« Obgleich ihr das Briefschreiben nicht schwer wurde, war die knappe Zeile nur mit Mühe und nach vielen, schließlich immer wieder verworfenen Entwürfen zustande gekommen, indessen mit sorgfältigem Bedacht dann endgültig niedergeschrieben worden. In ihrem ersten unbedachteren Antrieb hatte sie z.\ B. schreiben wollen, sie könnte erst Sonntag ansetzen, weil das der einzige Tag wäre, an dem sie Zeit hätte, aber dann hatte sie überlegt, daß es unter allen Umständen nicht anginge, auf irgendeine Weise den Wochentagabend zu erwähnen. Vis zum Sonntag verbrachte sie eine sehr unruhige Woche. Sein Brief hatte sie tief beglückt. Sein Inhalt war so gut und aufrichtig, stimmte so ganz zu dem wirklichen Eindruck, den sie von ihm hatte. Auch erinnerte sie sich des Anblicks, den er damals geboten hatte, als er auf der Straße auf sie gewartet. Und – was hatte er an der gewissen Stelle seines Briefes da andeuten wollen? ... Das Geld hatte sie ganz vergessen. Es lag hinten in ihrem Kämmerchen im Schubfach ihres Tischchens. Erst als Mama ihr im Laufe der Woche wieder mit ihren Klagen über die Geldnot zusetzte, dachte sie wieder an den Tausendmarkschein und übergab ihn Mama. Als Mama sich aber im höchsten Grade beunruhigt Zeigte, erklärte sie ihr, daß sie auf durchaus rechtliche Weise zu dem Gelde gekommen sei. Mama sollte bald alles erfahren. Und da sie Mama dabei umarmt und geküßt hatte, war es ihr auch gelungen. Mama zu beruhigen ... »Ganz gewiß: sie ist eine Ausnahmenatur!« empfand Robert Voges, innerlichst erregt, als er sie am Sonntagnachmittag etwas nach der festgesetzten Zeit herannahen sah. Er empfand es ein wenig im Stil des theoretisierenden Jargons, den er von seinem intellektuellen Verkehr mit den Freunden des ehemaligen Jugendbundes her gewohnt war, doch nicht ohne unmittelbarste Aufrichtigkeit. Ja sogar für einen seinen kleinen Augenblick mit einer direkten Benommenheit. »Was für eine wunderbare Haltung!« setzte er seine Betrachtungen fort. »Nicht einen Schritt zu schnell oder zu langsam. Ganz gewiß könnte sie eine Komtesse ausstechen, denn es ist nicht Dressur, sondern köstlichste, selbstverständlichste Natur, Rasse, – Was für ein lieblicher, unbewußter Anstand. Es könnte einen von Sinnen bringen. – Herrgott, wie wunderbar unschuldig und spröd sie mir da neulich davonlief! – Die köstlichen jungen Backen! Der klare, gesund ernste, unbewußt stolze Blick! Wie ein edles, gesundes, junges Tier! Ganz klarer rassiger Trieb und Instinkt! Ihre Kleidung! – Und ihr Brief! Diese knappe, sachliche Zeile! Man könnte es unsinnig raffiniert nennen, wenn es nicht so wunderbar selbstverständliches Empfinden und Rasse wäre! So: na komm, stell' dich mal an mir auf die Probe!« Und da geschah Robert Voges plötzlich für einen Augenblick etwas sehr Seltsames. Mit einer Art plötzlicher Hellsichtigkeit empfand er, daß diesem weiblichen Wesen vom Schicksal ein anderer Mann bestimmt war, als er einer war und jemals zu sein vermochte... Zu gleicher Zeit aber fühlte er sich von einer jähen Angst und einer unsinnigen Eifersucht ergriffen. Die ganzen Tage her schon hatte er es mit dieser quälenden Eifersucht gehabt. Hundert für einmal hatte er verwünscht, was geschehen war, und hatte er sich mit den peinigendsten Selbstvorwürfen und Depressionen wegen seiner Anlage zum Mädchenjäger zugesetzt. Selbstvorwürfe, die sein Umgang mit dem Jugendbund mit sich gebracht, die aber auch einer Anlage seines von Natur nicht unkomplizierten Charakters entsprachen. Nun, das alles hatte jetzt ein für allemal und mit einem Schlage ein Ende! Denn er war zu dieser Zusammenkunft mit dem festen Entschluß eingetroffen, um Cäciliens Hand anzuhalten... Daß Cäcilie ihm nicht abgeneigt war, glaubte er schon bemerkt zu haben, und ihr Brief hatte es ihm zur Überzeugung erhoben. Was den etwaigen Widerstand seiner Familie anbetraf, so war er fest entschlossen, ihn zu brechen oder zu verachten... Mit gesenktem Blick, aber in bester Haltung trat Mieze auf ihn zu. Er zog den Hut. »Oh, wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er, seine ganze Empfindung offenbarend, und hielt ihr die Hand entgegen. Leise, für einen flüchtigen Augenblick, überließ sie ihm die ihre. Nicht einen einzigen Blick schenkte sie ihm im übrigen. Nur als sie noch weit ab gewesen war, hatte sie einmal zu ihm herübergeblickt, die Augen dann aber sofort wieder gesenkt. Doch sie war da! ... Übrigens standen sie kaum eine Minute. Sie setzte sich sofort wieder in Bewegung, und er folgte ihr. Auch das war ein Umstand, der ihn berührte. Einige Minuten schritten sie schweigend miteinander vorwärts, den sauberen herbstlichen Parkweg hin. Er fühlte sich in Verlegenheit, seine Worte zu ordnen. »Ich habe Sie vorgestern erschreckt – Cäcilie«, brachte er endlich, ein merkliches gepreßtes Beben in der Stimme, hervor. »Aber, nicht wahr, nur erschreckt? – Sie – Sie sind nicht bös auf mich?« Sie schwieg. Sie war errötet. Es war gewesen, als ob sie etwas antworten wollte, doch sie schwieg. Die Art, wie er – sehr erregt, mit Mühe nur, und doch offenbar, um ihr eine besondere Empfindung zu bezeugen, dies »Cäcilie« ausgesprochen hatte, versetzte sie in Unruhe bis zu einer Erschütterung, die Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten. Sie war schüchtern bis zum äußersten, und ihr ganzes Wesen wallte ihm entgegen. Und in diesem Zustand war sie ihm vorhin auch genaht, war sie zu dieser Zusammenkunft eingetroffen... Aber sie schwieg ... »Es hat mir seit jenem Augenblick keine Ruhe mehr gelassen. Glauben Sie mir, daß ich keine einzige ruhige Stunde seither gehabt habe, Cäcilie! – Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie gekommen sind! Ich hätte es nie wieder überwinden können, wenn Sie fortgeblieben wären.« Sie schickte einen bangen und zugleich tief leuchtenden Blick zu ihm auf, der, als sie bemerkte, daß Robert Voges sehr ernst, starr vor sich hin niederblickte, noch einen Augenblick verweilte, ehe er sich wieder senkte. Wieder hatte sich ihr ein Wort auf die Lippen gedrängt. Doch sie schwieg ... »Ja, und das war es, was ich Ihnen sagen mußte!« stieß er endlich, nachdem er einige Zeit auf eine Antwort gewartet hatte, hastig, gepreßt, aber mit einer gewissen Entschiedenheit hervor. Es blieb ein Schweigen. »Ja!« kam es endlich leise und eilig von ihren Lippen. »Und – wollen Sie mir noch – einige Zeit schenken?« fragte er dann mit gesenktem Blick. »Ich ... ja«, hauchte sie. »Hier im Park ... Es ist – so schön hier.« »Ja.« Sie blickte umher, und ihr Gesicht erhellte sich von einem schüchternen Lächeln. Schweigend schritten sie weiter, sich immer mehr der Gegend beim Strom nähernd. Schön war es wirklich. Das Wetter war mild und hatte wechselnde Sonnenblicke, die die herbstlich saubere, graue Umgebung mit plötzlichen, zuweilen längere Zeit andauernden Goldlichtern erhellten. Dann lachten die Farben der Bäume und Büsche, das welke Laub und die schon gelichteten Zweige und Reiser und entfachten sich mit seinen Lichtdünsten, die an Frühling erinnerten. Zuweilen hallte das Lachen eines Spechtes oder der Gesang einer Amsel in den Wind hinein, der die hohen Baumwipfel mit einem raunenden Brausen erregte, und in den Büschen ein munteres Rascheln. Es war eine Stimmung, die den Gefühlsmenschen in Robert Voges, wie er, dieses eigenartige junge Mädchen neben sich, die einsamen Parkwege dahinschritt, mit einer Nachdenklichkeit erfüllte, die etwas Lyrisches hatte. Er begriff sein Benehmen neulich ihr gegenüber selbst nicht mehr, so fremd war ihm der Lebemann in ihm geworden. Es war ihm, meinte er, völlig unmöglich, sie je wieder mit den Absichten einer solchen Sinnlichkeit zu berühren. Sie verursachte ihm ein so schönes, kaum je gekanntes Wohlgefühl mit ihrer bloßen Gegenwart ... Sie hatten jetzt, um den Weg zur Stromgegend hin abzukürzen, eine Rasenfläche betreten und zwängten sich zwischen einem Gebüsch durch, als Miezes Hut unversehens von einem Zweig erfaßt und nach hinten vom Kopf gerissen wurde. Als sie dann aber den Hut wieder in Ordnung gebracht hatte und ihr noch ein paar gelöste Haare um das Gesicht wehten, strich er sie ihr mit einer Behutsamkeit zurecht, die fast etwas Väterlich-Liebevolles hatte. Sie hatte nichts gesagt; aber sie hatte errötend gelitten, was er tat, und gab ihm jetzt, als er fertig war, einen zaghaft, doch tief lächelnden Blick, in dem ein seiner, feuchter Schimmer glänzte. Er tat ihm so gut, der Blick, daß er selbst errötete und plötzlich fröhlich wurde. Sie waren aus dem Gebüsch heraus und im Begriff, die übrige freie Wiesenbreite zu überschreiten. Doch bevor sie das taten, blieb er stehen und sagte in dieser fröhlichen, doch jetzt ein wenig hinterhältigen, zugleich erregten Weise: »Wir befinden uns auf einem ungewöhnlichen Wege, auf dem uns der Parkwärter nicht erblicken dürfte. Das ist, wie auch Ihr Hut bewiesen hat, eine angreifende Sache. Ich denke, wir dürfen uns deshalb, ehe wir – das weitere erledigen, erst eine kleine Erholung gestatten.« Er hatte unter dieser Rede eine Bonbonniere aus der Seitentasche seines Ulsters hervorgezogen. Mieze, die nicht recht wußte, um was es sich handelte, zeigte sich erst ein wenig erschrocken, schenkte der Bonbonniere jetzt aber ihre Aufmerksamkeit. Sie war von runder Form mit Goldranken und einem reizenden Rokokobildchen darauf, alles feinste Emaillearbeit. »Darf ich bitten?« Er bot ihr die geöffnete Dose dar. Sie nahm eine von den Konfitüren, die von den teuersten waren. Auch er nahm sich eine. Dann aber, nachdem er die Dose wieder geschlossen hatte, reichte er sie ihr hin. »Darf ich Sie bitten, mir das Gefäß abzunehmen und es zu behalten?« Sie sah ihm in die Augen. Sie hatten einen guten, treuherzigen, ein wenig bangen, fragenden Blick. »Oh. ich – soll sie behalten«, sagte sie leise verwirrt und mit einer Stimme, die von ihrem Herzklopfen bebte. »Ich – danke herzlich!« Sie gab ihm die Hand. Das Geschenk war mit seiner feinen Emaillearbeit ein recht wertvolles und reizendes. Als sie es aber langsam in ihre Handtasche schob, kam es ihr für einen Moment vor, als ob die Dose schwerer wäre, als zu erwarten war. Robert Voges für sein Teil blickte zur Seite. Er summte vor sich hin und ließ ein paar Augenblicke seinen Spazierstock im Kreise wirbeln. Im übrigen verhielten sie sich beide schweigend. Sie waren auf einen Weg gelangt, der frei zwischen zwei Wiesenflächen hinführte. Über die eine hatte man den Blick auf den Platz bei dem Strom und auf den Strom selbst. Von dem Weg zweigte sich ein anderer ab, der auf eine Anhöhe zu führte. Sie lag am linken Ende des Platzes. Ein von Gebüsch bestandener Weg führte zu ihr hinauf, und auch oben war sie von einem Kranz hohen Gebüsches umwachsen. Mieze kannte den Platz. Er war eine ihrer Lieblingsstellen. Es gab eine Bank da oben, und nach der Seite des Stromes hin war die Anhöhe von Gebüsch frei, so daß man eine prächtige Weitsicht genoß. »Wollen wir da hinaufgehen?« fragte Robert Voges etwas seltsam. »Ja, bitte!« willigte sie leise ein. Sie fanden die Anhöhe oben einsam. Das Wetter mit seinem Wind und seinen Wechselschauern von Licht und Dunkel mochte die Leute vom Spazierengehen abhalten. Als sie oben angelangt waren, hatte wieder die Sonne die Oberhand gewonnen, so daß es einen schönen, klaren Blick gab, der sich auf die breite Fläche des Stromes und auf die freie Ferne hin bot, in die hinein er sich verlor. Schweigend hatten sie sich auf der Bank niedergelassen. Miezes Blicke hafteten an der Ferne da drüben. Dieser Ausblick war ihr vertraut. Sie liebte ihn, weil er ihr stets den Gedanken erweckte, daß dieser große Strom dem Meer zuströmte, und daß man über das Meer in den mächtigen Weltozean gelangte und über ihn hin zu jenen fernen Ländern und Erdteilen, von denen Vater ihr erzählt hatte und die wie der seinigen, so auch der Gedanke ihrer stillen Träume und Sehnsüchte geworden waren ... »Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt, Cäcilie, was ich – Ihnen sagen muß«, unterbrach Robert Voges endlich ein längeres Schweigen. Mieze schrak auf. Unwillkürlich hatten seine Worte sie aus ihren gewohnten Gedanken aufgescheucht. »Ich – muß Ihnen noch – dies und jenes von mir sagen. Ich habe das Bedürfnis ...«, fuhr er mit gesenktem Blick fort. »Ich – muß Ihnen noch etwas sagen, muß Sie – etwas fragen.« Auch sie senkte die Augen. Ihre Brust ging von lebhaften Atemzügen. »Sie müssen doch wissen, was ich – für ein Mensch bin, mit wem Sie's zu tun haben.« Er verfolgte die Spitze seines Spazierstöckchens, mit der er im Sand irgendwelche Schnörkel zog. »Ich bin der Sohn des schwerreichen Albrecht Voges, eines dreißigfachen Millionärs, nicht wahr?« fuhr er fort. »Ich bin aber für den Sohn eines Großkaufmannes vielleicht doch etwas aus der Art geschlagen, denn ich bekümmere mich auch noch um andere Dinge als Börsengeschäfte und Spekulationen; bin überhaupt so etwas wie ein – Gefühlsmensch.« Das Stöckchen bekam einen ungeduldigen Stoß. »Aber ich habe doch außerdem so gewisse Seiten. – Ich bin in meinen Kreisen sogar dafür bekannt. Mit einem hübschen jungen Mädchen nach einem Souper in einer Droschke zu fahren, ist mir eine nur zu bekannte Situation. Aber es wäre mir unerträglich, wenn Sie der Meinung wären, ich hätte mit Ihnen neulich nur auf eine solche Art und mit solchen Absichten in der Droschke gesessen. Mein Ehrenwort: das ist nicht der Fall! Sie sind mir gleich vom allerersten Anblick an so viel geworden. Und – ich bin, seit ich Sie kennengelernt habe, nicht mehr der Mensch, der ich war.« Er schwieg. Mieze hatte, seit er zu sprechen angefangen, ihren Blick nicht von ihm gewandt. Sie war bleich und atmete schwer. Als er jetzt aber schwieg, glitt ihr Blick in tiefer Ergriffenheit wieder ab. Sie verstand nicht alles, was er gesprochen hatte, wohl aber, was er für ein Mensch gewesen und in welchem Sinne jetzt eine Umwandlung mit ihm vor sich gegangen war; und sie fühlte, daß er die letzten Tage über ernstlich gelitten hatte. Sie dachte an Vater. Auch Vater hatte ja seine dunklen – Mama pflegte, wenn sie besonders Schlimmes von ihm auszustehen gehabt, zu sagen, schlechten Seiten gehabt: aber Mieze hatte von jeher begriffen, daß Vater nur deshalb so gewesen war, weil er im Leben nicht den Platz hatte einnehmen dürfen, den er seinen Trieben und Fähigkeiten nach eigentlich hätte beanspruchen können. Gerade seiner »schlechten Seiten« wegen, wie Mama es nannte, hatte sie daher Vater so liebgehabt und sich von jeher zu ihm so hingezogen gefühlt. Gleich von vornherein hatte sie ja aber Robert Voges mit Vater verglichen und den Eindruck von ihm empfangen, daß er genau solch ein Mann sei wie Vater. Mit einem innersten Beben saß sie jetzt da und wartete, was er weiter sprechen würde ... Sie fühlte mehr, als daß sie es genau sah, wie sein Blick jetzt den Ausdruck einer festen Entschlossenheit gewann. Endlich sprach er weiter. »Cäcilie! Ich bin – hierhergekommen, um – um dir meine Hand anzubieten! Ja, meine Hand! Willst du – willst du meine Frau werden?« Mieze war außerstande, auch nur ein Wort hervorzubringen. »Aber... Wenn Ihre Eltern doch...«, flüsterte sie endlich. »Cäcilie! Ich habe mir nach jeder Richtung hin überlegt, was ich dich frage. – Wie ich meine Eltern kenne und wie bei uns zu Hause die Umstände liegen, so werden sie mir ein ernstliches Hindernis nicht in den Weg legen. Wenn es aber doch der Fall sein sollte, so wäre ich fest entschlossen, dich auch gegen ihren Willen zu heiraten. – Die Hauptsache ist, ob du mich – magst. Wie?! – Nun?! – Cäcilie!« Sie hatte kaum die Kraft, bejahend zu nicken. Im nächsten Augenblick hatte er sie an seine Brust geschlossen. Als er sie aber küßte, fühlte er sich plötzlich fest von ihr umschlungen und fühlte einen so feurigen Kuß, daß es ihn ganz verwirrte. Sie aber warf nach diesem Kuß, ohne ihn loszulassen, das Gesicht zurück und sah ihm tief in die Augen. In ihren Augen standen zwei Tränen, und um ihren Mund war ein Lächeln. Wohl eine Minute lang blickte sie ihm solchermaßen stumm in die Augen. »Herrgott, das ist Liebe!« dachte er unwillkürlich. Fast war es wie Schreck, fast ein Bangen, was ihn da überkam. Er hatte nicht im entferntesten geglaubt, daß sie nach allem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte, einer solchen unmittelbaren Äußerung ihrer Leidenschaft fähig sein könnte ... Um seine Verwirrung zu verbergen, schloß er sie noch einmal in die Arme ... Als ihre Stimmung dann aber eine gleichmäßigere geworden war, forderte er sie, den Arm um sie gelegt, auf: »Hol' doch mal deine Bonbonniere vor, Herzchen, und mache sie auf.« Sie tat, wie er sie bat. »Nimm doch mal die Konfitüren fort und hole das, was in Seidenpapier drunterliegt, vor.« Sie tat, wie er sagte, und entfernte das Seidenpapier. Es war ein schwergoldenes Armband mit drei Diamanten, was zum Vorschein kam; ein großer Diamant in der Mitte und ihm zur Seite je ein kleinerer. Vor Freude stieß sie einen hellen Jubelschrei hervor. »Gib doch mal!« bat er. Als sie ihm das Armband aber überreicht hatte, hakte er es auf und legte es ihr um das Handgelenk. Darauf aber hakte er das schlichte Jettarmband, das sie trug, los und sagte: »Und das gibst du mir. Es soll mir ein ewiges Andenken an diese Stunde sein.« Er ließ es schnell in der inneren Seitentasche seines Ulsters verschwinden ... * Später geleitete er sie dann nach Hause. Es geschah dabei, daß er, einer augenblicklichen Aufwallung nachgebend, mit hinaufgehen wollte, um Mama kennenzulernen und ihr von dem Geschehenen gleich Mitteilung zu machen. Doch Mieze zeigte sich von dieser Absicht nicht angenehm berührt. Sie schwieg, senkte die Augen, und wenn sie auch lächelte, huschte doch flüchtig ein kleiner ängstlicher Schatten über ihre Stirn. »Willst du's nicht lieber ein andermal tun?« sagte sie endlich. »Mama würde sich so aufregen. Sie ist gerade jetzt nicht wohl. Sie hat so sehr an ihren nervösen Kopfschmerzen zu leiden.« Sie dachte daran, daß sie Mama zu dieser Abendstunde sicher wieder mit dem Wolltuch um den Kopf antreffen und sie unangenehm überraschen würden. »Ich muß Mama erst vorbereiten«, fuhr sie fort. »Ich sage dir schon, wann du einmal kommen kannst ...« Als sie sich voneinander verabschiedet hatten, huschte sie schnell in den Hausflur hinein, über den gartenähnlichen Hof hin und dann die drei Treppen des Hinterhauses hinauf. Auf dem von einer Gasflamme erhellten Treppenflur verweilte sie und betrachtete mit leuchtend verlorenen Blicken, an das Geländer gelehnt, das Armband, dessen Diamanten sie mit kleinen Wendungen des Handgelenkes funkeln ließ. Sie berauschte sich an diesen edlen blitzenden Farbenfeuern und hatte ihre besonderen Gedanken dabei. Es gefiel ihr von Robert, daß er ihr das Armband von vornherein mitgebracht hatte – auch für den Wert der Bonbonniere mit ihrer schönen Emaillearbeit hatte sie Verständnis –; er hatte das also mit seinem ganzen Willen gewollt, von vornherein gewollt, was er dann auch erreicht hatte und er hatte nicht daran gezweifelt, daß er ihr Jawort gewinnen werde. Obgleich ihm sehr bang gewesen war. Sie hatte das gar wohl gefühlt. – Doch hatte er ihr zuerst nur die Bonbonniere gegeben und sie auf das Armband noch nicht aufmerksam gemacht ... So lieb hatte er sie also. Und außerdem hatte er also wirklich gemerkt, daß auch sie ihm gut war ... Sie schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und brach in ein Lachen herzlich tiefsten, jubelnden Glückes aus. Dann huschte sie schnell, mit hochroten Wangen und freudepochenden Herzens, die letzte Treppe hinauf. Sie fand Mama wirklich mit ihrem Wolltuch vor. Mama, die in ihrem Lehnstuhl beim Ofen saß und, da sie durch den Empfang der tausend Mark ihre drückenden Sorgen los war, unter der Belästigung, die ihr ihr Kopfschmerz verursachte, wenigstens innerlich einigermaßen Ruhe hatte, sah mit verwunderter, ein wenig ängstlicher Frage zu Mieze hinüber. Aber Fanny hatte inzwischen schon entdeckt, weshalb Mieze so fröhlich und gutgestimmt war, und mit Neugier und zugleich Schreck starrte sie von ihrer Schularbeit zu dem Armband hin. »O Mama!« rief sie. »Sieh mal, was Mieze für ein Armband hat!« Aber Mieze hatte jetzt schon den Arm in die Höhe gereckt und ließ das herrliche Geschmeide mit all seinen Blitzen funkeln. »O Herr mein Gott, Mädchen, Mieze! ... Aber ... Um Gottes willen«, stammelte Mama, bleich vor Schreck. »Was ... was hast du denn da?! Wie bist du zu diesem kostbaren Armband gekommen?!« – »Ein Diamantenarmband, Mammi! Ein schwergoldenes! Ja!« antwortete Mieze unter einem fröhlichen Lachen, die strahlenden Augen auf das Armband gerichtet. »Weißt du, was es kosten wird? Ganz sicher mindestens nochmal die tausend Mark, die ich dir schon gegeben habe. Mindestens! – Und weißt du, von wem ich's habe? Von Robert Voges, dem Sohn des dreißigfachen Millionärs Albrecht Voges. Ich bin heut nachmittag mit ihm im Park zusammengewesen und habe mich mit ihm verlobt!«... * Am folgenden Tage machte Robert Voges beim Nachmittagskaffee zunächst seiner Mutter Mitteilung. Mit Absicht hatte er den Zeitpunkt abgewartet, wo Vater, der nie lange bei den Mahlzeiten zu sitzen pflegte, sich zu seiner Siesta entfernt hatte und er mit Mama allein war. Der alte Voges war ein eigensinniger Herr, der noch dazu manchen ernstlichen Konflikt mit Robert gehabt hatte, weil er ihn seiner philosophischen Neigungen wegen, die sich für einen Großkaufmannssohn nicht schickten, so halb und halb verachtete. Es bestand Gefahr, daß er das Verlöbnis sofort als eine von Roberts »Überspanntheiten« aufgefaßt hätte. Robert hielt es daher für das beste, sich zunächst hinter Mama zu stecken, deren Zugeständnis er bestimmt zu erreichen hoffte. Er war als ihr Jüngster Mamas Lieblingssohn. Und auch für seine »liberalen Ideen« und romantischen Neigungen besaß sie ein gewisses Verständnis. Frau Voges war eine hochgewachsene, zugleich wohlbeleibte Dame von imposantem Eindruck. Sie trug eine dunkle Seidenbluse. Ihr aschblondes, schon etwas graumeliertes Haar war um die Stirn herum zu einer hohen Welle aufgebauscht und umrahmte ein längliches, aber fleischiges, rotwangiges Gesicht. Unter hohen Brauen hatte sie graue, kühle Augen mit gekniffenen Lidern und seinen Fältchen in die Schläfen hinein, die ihren Blick mit einer Schattierung von Humor milderten. Von der langen, etwas gebogenen Nase ging ein Zug um den Mund herab, der ihrem Gesicht einen feudalen Ausdruck verlieh. In die mittägliche Stille des Zimmers drangen von draußen gedämpft die Klänge der alten Domglocke, die die vierte Stunde angab. Das Haus war ein altes Patrizierhaus aus dem 18. Jahrhundert und lag an der Hauptstraße in der Nähe des Domes. Auch Frau Voges wollte sich erheben, als Robert sie zurückhielt. »Hast du nicht noch etwas Zeit für mich übrig, Mama?« fragte er, nicht ohne Erregung. »Ich möchte über etwas – sehr Wichtiges mit dir sprechen.« »Nun? Etwas gar gleich ›sehr wichtiges‹?« sagte Frau Voges lächelnd, indem sie sich wieder niederließ. »Ja, Mama, etwas sehr Wichtiges«, wiederholte er in einer Weise, die verriet, daß er seine Gedanken auf das, was er mitteilen wollte, sammelte. »Nun, nun?« machte Frau Voges, etwas ernstlicher aufmerksam. Robert erhob sich und begann hin und her zu gehen. Die Art und Weise, wie er das tat, erinnerte Frau Voges an die Jungemannsart, in der er ihr zuweilen von seinen »Ideen« gesprochen hatte. Sie lächelte daher, während ihr Blick seinem Auf und Ab folgte, in der Meinung, es werde dennoch nicht etwas so gar sehr Wichtiges sein, was er ihr mitzuteilen habe. »Es ist ja schon immer eure Sorge gewesen, daß ich mich endlich mal verheiraten soll«, begann Robert endlich. »Ah, sieh'!« rief Frau Voges in angenehmer Überraschung, »Aber das freut mich! Das ist allerdings etwas Wichtiges und, ich denke, zugleich etwas recht Angenehmes, daß du endlich mal auf dies sehr, sehr vernünftige Thema kommst, Rob! – Nun, und? – Wer ist's? Grete Ehlers? Irene Buchwaldt? Oder wer?« »Weder Grete Ehlers noch Irene Buchwaldt, Mama«, antwortete Robert etwas nervös. »So! – Na, ich dachte zum wenigsten ganz bestimmt, daß, wenn's schon mal nicht anders sein konnte, es Grete Ehlers wäre«, sagte Mama ein wenig enttäuscht und beunruhigt, aber noch immer mit Humor. »Aber, also wer? Es scheint uns ja also eine ganz besondere Überraschung bevorstehen zu sollen.« »Ja, allerdings eine – Überraschung! Und zwar allerdings über den Bereich eurer äußersten Vermutungen hinaus, Mama.« Mama nahm langsam die Hand von der Tischkante fort und lehnte sich schweigend in ihren Stuhl zurück. Es blieb ein Schweigen. »Nicht Grete Ehlers, auch nicht Irene Buchwaldt, Cäcilie Dühring heißt – meine Verlobte«, fuhr Robert endlich fort, mit deutlicher Erregung, aber dennoch mit einer für Frau Voges' Erfahrung ungewöhnlichen Entschiedenheit. »Cäcilie Dühring?« fragte Mama befremdet. »Nun, nun!« »Ja, Mama! – Das ist ja wohl ein Name, der in der Stadt gar nicht vorkommt, nicht wahr? Aber – draußen in der Vorstadt gibt's Leute, die so heißen, und gibt es eine schlichte, junge Buchhalterin, die so heißt und – mit der ich mich gestern nachmittag verlobt, verlobt habe.« »Ja, aber, mein Gott, Robert, wie denn?!« rief Frau Voges ganz außer Fassung, mit einem entsetzten Blicke Robert nachsehend, der, ihr gerade den Rücken zugekehrt, mit gesenktem Kopf, die Hände in den Jackettaschen, nach der anderen Seite des Zimmers hin schritt. »Du – sprichst ja doch wohl davon, daß ... daß du dich – verheiraten willst?« »Ja, Mama, freilich, daß ich mich verheiraten will! Mit Cäcilie Dühring verheiraten will!« betonte er. Er hatte seine Schritte gehemmt, sich gegen Mama umgewandt und sah sie jetzt mit einem entschlossenen Blick an. »Ja aber, Rob! Aber um Gottes willen, ich bitte dich, was ist denn nun wieder mal das ! – Aber mein Gott, du solltest doch wirklich endlich mal ernstlich bedenken, daß du nachgerade schon achtundzwanzig Jahre alt bist!« rief Frau Voges etwas weinerlich und mit wahren Angstaugen, wie beschwörend und zugleich abwehrend die Hand gegen ihn hin erhebend. »Ja, Mama! Freilich! Schon achtundzwanzig Jahre!« antwortete er, nach wie vor in seiner entschiedenen Haltung, die Frau Voges übrigens etwas in Verwirrung setzte, denn sie fürchtete eine endlose Szene. »Aber mein Gott, mein Gott! – Ach, Robert, nein, geh'! – Aber es hat mir ja doch immer, immer geahnt, daß es mit deinen liberalen, deinen umstürzlerischen Ideen noch mal zu so etwas führen würde! – Ach, was machst du uns denn da nur wieder für eine schwere, schwere Sorge!« Die stattliche Frau mit ihren kühlen, grauen Augen, ihren humorvoll ironisch überlegenen, selbstbewußten Fältchen und dem stolzen Zug um die Mundwinkel machte einen geradezu hilflosen Eindruck. Sie war sonst durchaus entschiedenen Charakters und in ihren Bestimmungen selbständig und beharrlich, aber sie hegte eine Schwäche für ihren Lieblingssohn und gerade auch, weil er um seiner »romantischen« Neigungen und der unaufhörlichen Reibereien, die er mit seinem Vater hatte, von jeher ihr Schmerzenskind gewesen. »Und – ja mein Gott, was denkst du denn, was Papa dazu sagen wird! Aber er wird ja doch außer sich geraten! Wir würden doch geradezu das Schlimmste zu befürchten haben! – Aber mein Gott, nein, nein! Wo du doch nun Papa so genau kennst! – »Aber, Robert! Nein, das ist ja doch geradezu unmöglich! – Ach, und ich glaubte, daß du nun endlich doch mal von diesen – Ideen da, diesen ›Bundesideen‹ abgekommen wärst! Ich habe mich wirklich so von Herzen darüber gefreut! Es war ja doch jetzt endlich mal ein gutes Verhältnis mit Papa zu erwarten! Und nun – gar das! – Ja, aber wer ist sie denn eigentlich? Hat sie denn überhaupt – Bildung?« »Papa! Nun, du sollst wissen, daß es mir unter Umständen und ein für allemal gleichgültig ist, wie sich Papa zu meiner Verlobung stellt! Ich bin mündig und erachte mich auch sonst in keiner Weise durch Papas Bestimmungen gebunden, wenn sie in Widerspruch mit etwas stehen, das mir heiligste Herzensangelegenheit ist!« »Gott, Gott, ›heiligste Herzensangelegenheit‹!« rief Mama, beide Hände abwehrend vorstreckend, durch diesen wunderlich betonten Ausdruck ungeduldig gemacht. »Mama, ich wiederhole: heiligste Herzensangelegenheit! Und ich wiederhole, es bis auf das Äußerste ankommen zu lassen, falls Papa meine Verlobung mit Cäcilie Dühring nicht billigt!« »Robert! Um Gottes willen!« rief Frau Voges entsetzt. »Ach, mein Gott, nein, nein, nein, aber auch so was!« »Übrigens kennst du sie, hast du sie schon gesehen«, sagte er, ohne auf ihren Ausruf zu achten. »Aber wie denn, gesehen! Aber ich erinnere mich wirklich nicht!« »Jedenfalls kannst du dir bei der Frau Justizrat jede Auskunft über sie holen, die dich nur befriedigen wird.« »Wie denn? Von der Frau Justizrat?« fragte Frau Voges, nicht ohne eine gewisse Neugier. »Ja, von der Frau Justizrat. Cäcilie gehört dem Frauenbund an. Ich weiß übrigens zuverlässig, daß sie in Frauenbundangelegenheiten schon mal bei dir gewesen ist, und ich selber habe sie damals bei dir gesehen. Sie muß dir ja durch ihre ganz ungewöhnliche Schönheit aufgefallen sein. – Übrigens habe ich sie erst in jüngster Zeit kennengelernt. Unsere nähere Bekanntschaft datiert durchaus nicht seit damals.« Er begann, Mama den Verlauf seiner Bekanntschaft und seiner Verlobung mit Mieze zu erzählen, ließ auch, an solche Vertraulichkeiten Mama gegenüber von jeher gewöhnt und an das Interesse, das gerade Mama ihnen entgegenbrachte, diese und jene Einzelheit aus seinem bisherigen Verkehr mit Mieze mit einfliehen. »Oh, aber, Robert!« rief Frau Voges, durch diesen Bericht und seine sich anvertrauende Art und Weise schon ein wenig umgestimmt und besänftigt, aber noch immer außer Fassung: »Aber ich bitte dich, das ist doch alles so ganz und gar abenteuerlich! – Ich bitte dich, so eine – Annonce! In die Zeitung bringen!« »Ja, Mama! Aber die Gesinnung, mit der Cäcilie diese Annonce aufgegeben hat, kann nicht einen Augenblick im Zweifel sein. Gerade: wenn etwas für ihre guten Eigenschaften spricht, so ist es ja die völlige Unschuld, die sie bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hat. Übrigens bitte ich dich ausdrücklich, selbst wenn du etwa in einer Gesinnung mit der Frau Justizrat über Cäcilie sprechen solltest, die Cäcilie ein für allemal ungünstig wäre, das Inserat der Frau Justigrat gegenüber nicht zu berühren. Ich betone noch einmal, daß ich unter allen Umständen fest entschlossen bin, Cäcilie zu heiraten.« »Nun ja, ich versprech' es, ich verspreche! – Aber ...« Frau Voges ließ einen ratlosen Seufzer hören. »Ja, aber was tu' ich euch denn nun eigentlich damit an!« rief Robert, durch Mamas immer noch anhaltende Unentschlossenheit gereizt. »Muß es denn wirklich wieder eine ›standesgemäße Heirat‹ sein? Ernst hat eine reiche Frau, Gerhart hat eine reiche Frau: ich dächte, damit wäre dem Standeserfordernis alle Gerechtigkeit widerfahren! – Bildung! Cäcilie stammt aus einer guten, angesehenen, ehemals auch wohlhabenden Familie. Daß sie ins Unglück geraten sind, dafür können sie nickt, das ist keine Schande, kann an der Tatsache, daß sie von Herkunft gutbürgerliche Leute find, doch nichts beeinträchtigen! – Und sie ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmenatur. Ich bitte dich, mich hierin nicht mißzuverstehen: ich meine das nicht nach dem Maßstab meiner ehemaligen Bundesideen: im Gegenteil, gerade in einem Sinne ist Cäcilie Ausnahmenatur, der dich und Papa befriedigen müßte. Sie kollidiert hier eher mit mir, soweit ich etwa noch zu meinen damaligen Anschauungen bestimmtere Beziehungen habe. Sie ist eine sonderbar konservative Natur geradezu. Sie hat ganz und gar nichts ›Liberales‹. Ganz im Gegenteil! Ich glaube, auch in religiösen Dingen. Ich halte sie für fromm und durchaus rechtgläubig. – Und dann ihre Schönheit: ihre ganz ungewöhnliche Schönheit! Sie ist ja bestrickend, hinreißend schön! Aber es ist gar kein Zweifel, daß ihr auf alle Fälle eine glänzende Partie, ein Ausnahmeschicksal sicher ist! Sie wäre für einen Baron, einen Grafen, einen Fürsten nicht zu gering. Ihrer Schönheit, wie, wenn ich so sagen soll, ihrer – Rasse nach. Käme denn so etwas zum erstenmal vor? Ja, der Geburtsadel ist in so etwas sogar viel, viel vorurteilsfreier als wir. Er sieht auf Rasse. Und wenn er auf wirklich gute trifft, so gliedert er sie sich ein, ohne weitere Vorurteile. Und darin besteht noch immer sein Vorteil uns gegenüber. Vielleicht sind wir bürgerlichen Patrizier mit unserer starren Exklusivität, die keinen anderen Maßstab kennen will als den Geldbeutel, überhaupt nur eine Dekadenz-, eine Übergangserscheinung, die sich eines Tages noch mal gefallen lassen muß, daß sie durch wertvollere, wichtigere Faktoren ausgeglichen, erledigt wird! – Na einerlei! Jedenfalls: ich dächte, das Haus Voges könnte sich nachgerade schon mal so ein Stück ›Romantik‹ leisten. Es wird absolut nicht schlecht dabei fahren. Man wird mich um so eine Frau nur beneiden, versichere ich dich. Beneiden! – Aber wie ihr wollt: Ich schwöre, bei Gott: ich lasse es eher auf das Alleräußerste ankommen, als daß ich Cäcilie nicht heirate! Mama!« Er war zu Mama hingegangen, ließ sich neben ihr nieder und legte den Arm um sie. Mama hielt nach einem halben, doch nicht recht aufrichtigen Versuch, sich ihr zu entziehen, dieser Berührung ihres Lieblingssohnes still und zeigte eine gewisse Rührung. »Nicht wahr, du wirst dich bei Frau Justizrat erkundigen?« »Nun ja, ich werde mich erkundigen«, versprach sie kleinlaut. »Mama! Ich weiß ja, daß du mich schließlich verstehst.« »Robert, aber Papa!« »Wird es nicht auf das Äußerste ankommen lassen.« »O Gott, sei doch nur still! Das ›Äußerste‹! Wie wäre denn so etwas zu ertragen!« »Und wenn du dich bei Frau Justizrat nach ihr erkundigt hast, darf ich dir Cäcilie zuführen. Nicht wahr, Mama?« »Nun ja, nun ja!« seufzte Frau Voges. Robert hatte es, nachdem er mit Mama gesprochen, dennoch vorgezogen, auch gleich Papa Mitteilung zu machen und nicht erst die Vermittlung Mamas abzuwarten. Papa würde ihm das nachher zum Vorwurf erheben, und er mußte sich gewärtigen, möglichenfalls einen »Feigling« oder etwas Derartiges an den Kopf zu bekommen. Ohnehin machte er sich in der gedrückten Stimmung, die ihm jenes Vorkommnis mit Mieze in der Droschke hinterlassen, Vorwürfe, daß er es nicht fertiggebracht hatte, Mama und Papa zugleich Mitteilung zu machen. – Er hatte Papa über Cäcilie, abgesehen von gewissen vertraulicheren Seiten der Angelegenheit, also dieselben Aufklärungen wie Mama gegeben, auch daß Cäcilie dem Frauenbund angehöre und bei der Frau Justizrat nähere Erkundigungen über sie einziehen könne. Er hatte Papa gegenüber außerdem eine Festigkeit gezeigt, die er sich anfangs selber nicht zugetraut hatte, die aber auf Papa, zumal er glücklicherweise bei guter Stimmung gewesen war, Eindruck gemacht, wenn er auch dies und jenes über »Romantik« und »Überspanntheit« geäußert hatte. Robert hatte es aber gerade in diesem Falle für gut befunden, eine gewisse Diplomatie spielen zu lassen. Papa hatte ja von jeher bei Roberts Weiberangelegenheiten ein Auge zugedrückt. Er selber war ehemals nach einer früheren, noch etwas robusteren Art ein munterer Lebemann gewesen und hatte auch heute, als ein strammer und mobiler Sechziger, immer noch eine gewisse Schwäche für hübsche Weiber, wenn er ihr auch nicht mehr nachgab. Nicht ohne Berechnung hatte Robert also gerade ihm gegenüber Cäciliens ungewöhnliche Schönheit und ihre Eigenschaft als weibliche Ausnahmenatur hervorgehoben. Papa hatte sich denn auch sofort interessiert, hatte geschmunzelt und ein »So, so« gebrummelt. Und dann hatte er gesagt: »Na, jedenfalls mußt du sie uns doch erst mal anbringen.« Robert durfte also mit dieser Unterredung durchaus zufrieden sein. In den nächsten Tagen hatte er dann noch öfter mit Mama über Cäcilie gesprochen. Sprechen müssen, denn Frau Voges hatte es nicht eilig, die Frau Justizrat aufzusuchen, woraus er schließen durfte, daß sie verwunderlicherweise dem »Projekte« nach wie vor weniger geneigt war als Papa ... Doch brachte er es endlich so weit, daß sie sich zu der Frau Justizrat hinbegab und Erkundigungen über Cäcilie einzog, von der sie denn auch wirklich nur das Allerbeste erfuhr. Und so war denn der Augenblick gekommen, daß Cäcilie Roberts Eltern vorgestellt werden konnte ... Es war gegen Mittag, als Robert sie bei Mama einführte. Mama empfing sie in ihrem Zimmer, das auf den schönen, alten Hausgarten hinausblickte. Es war ein trüber, aber trockener Herbsttag. Die Wipfel des alten Gartens brausten von einem starken Wind. Sie fanden Mama, die sich im Zimmer umher zu schaffen gemacht hatte, in stehender Haltung, so daß Cäcilie gleich den vollen Eindruck ihrer großen, stattlichen Gestalt empfing. Unter bangem Herzklopfen, aber mit Haltung und willig erschlossenem Wesen war Mieze gekommen. Als sie jetzt aber der eindrucksvollen Erscheinung von Roberts Mutter gegenüberstand, überkam sie ein wunderliches Gefühl von Fremdheit, das sie, die Augen niedergeschlagen, unter einem respektvollen Knicks verbarg. Der Knicks verriet die ungezwungenste und natürlichste Anmut, war aber nicht viel mehr als höflich. Diese stattliche, ältere Dame mit den gekniffenen, kühlen, grauen Augen und den Fältchen in die Schläfen hinein, das Lächeln dieses Mundes mit seinem hochmütigen Zug, das mehr Neugier als sonst einen Anteil zu verraten schien, machte sie bang. Auch Robert war nicht recht zufrieden mit Mama. »Hier bring' ich dir meine Cäcilie, Mama«, sagte er, aber Mama konnte merken, daß er seinen Worten eine besondere Betonung gab. Darauf gab Mama Mieze die Hand, ließ aber diesen lächelnden Blick musternder Neugier nicht von ihr ab; und endlich äußerte sie, Robert zugewandt, mit einem kleinen Lachen, das Mieze unwillkürlich erröten machte: »Sieh, was bringst du uns für eine schöne Schwiegertochter ins Haus!« Das waren ihre ersten Worte. In dem. worauf es ankam, war an ihnen zwar gewiß nichts auszusetzen, dennoch konnte Robert sich nicht enthalten zu sagen: »Oh, Cäcilie ist gottlob nicht nur schön, Mama!« Er hatte zwar in scherzendem Ton gesprochen, aber Mama sah ihn auf seine Worte hin mit einem Blick an, aus dem er zu seiner Befriedigung abnehmen konnte, daß ihr bang war, er könnte ihr in einem Anfall von »Liberalismus« vor Cäcilie so etwas wie eine Szene machen. »Kommen Sie! Setzen Sie sich, liebes Kind!« lud sie Mieze zwar nicht ohne eine kleine Zurückhaltung, aber im übrigen freundlich ein, während sie sich selbst niederließ. »Sie gehören dem Frauenbund an?« leitete sie dann ein Gespräch ein. »Ich entsinne mich übrigens, Sie schon einmal bei mir gesehen zu haben.« »Dem Frauenbund, ja«, bestätigte Mieze. »Ich bin besonders Frau Justizrat Frenzel behilflich.« »Ja, ich weiß. Sie haben besonderen persönlichen Anschluß an Frau Justizrat. – Sie kamen ja damals auch in ihrem Auftrag zu mir. Aber Sie sind doch Mitglied des Bundes?« Mieze bejahte. »Frau Justizrat widmet sich der Frauensache ja noch in besonderer Weise«, setzte Frau Voges das Gespräch fort. »Aber Sie geben, wie ich hörte, in der Blindenanstalt zuweilen Leseunterricht?« Mieze bejahte. »Seit wann sind Sie im Frauenbund? Natürlich noch nicht lange.« »Seit Frühjahr.« »Aber, haben Sie die Blindenschrift vorher schon gekannt?« »Nein, ich habe sie erst lernen müssen.« »Oh, das ist alles mögliche! Da Sie doch den ganzen Tag über durch Ihren Beruf in Anspruch genommen sind.« »Oh, ich habe immer nebenbei noch gelesen.« »Ja, es gibt ja verschiedene Richtungen im Frauenbund. Ich kann mich allen Ideen und Reformvorschlägen, um die es sich da handelt, muß ich sagen, nicht gerade anschließen. – Neulich wurde ja auch ein Vortrag über das Wahlrecht der Frau gehalten. Haben Sie ihn gehört?« »Ja«, bestätigte Mieze. »Aber ich verstehe nicht viel davon. Es interessiert mich auch nicht sehr«, setzte sie hinzu, erfreut, in diesem Punkte sich mit Frau Voges' Standpunkt zu berühren und Beziehung zu ihr zu gewinnen. Frau Voges sah sie an, sagte aber nichts, sondern nickte nur. Sogar ein paarmal. Miezes Antwort hatte sie tatsächlich angenehm berührt, und zum erstenmal fühlte sie so etwas wie eine Sympathie für Mieze. Mieze schien allerdings einen angeborenen guten Takt in diesen Dingen zu besitzen. Frau Voges erinnerte sich, was Robert ihr von den ehemaligen guten Lebensumständen der Familie Dühring mitgeteilt hatte. »Sie verkehren aber auch außer den Frauenbundangelegenheiten mit Frau Justizrat?« erkundigte sie sich, mit innerer Beteiligung jetzt den Arm etwas gegen die Tischkante stützend und in einer gegen Mieze vorgebeugten Haltung. »Ja«, bestätigte Mieze. »Ich verkehre persönlich mit Frau Justizrat.« »Kommen Sie aber nicht manchmal mit ihr in Konflikt?« »Ach nein! Frau Justizrat läßt ja jede persönliche Auffassung gelten.« »Auch wenn sie mit ihrer nicht übereinstimmt?« »O ja.« Frau Voges Blick, der Mieze beständig im Auge hatte, schien einen wärmeren Ausdruck anzunehmen. Aber in diesem Augenblick trat Herr Voges ein. Er war Mieze auf der Stelle angenehm. Er bot sich als ein großer, stattlicher alter Herr in einem schwarzen Gehrock mit grauen gestreiften Beinkleidern und einer geblümten dunklen Seidenweste. Er trug sich bureaukratisch aufrecht und hatte noch volles, graumeliert dunkles, schlicht gescheiteltes Haar. In seinem ganzen Äußern hatte er eine auffallende Ähnlichkeit mit Bismarck. Und Bismarck hatte Mieze, von Vater her, von jeher leidenschaftlich verehrt. Er war erst einen Augenblick in der Tür stehengeblieben und hatte sie mit seinen großen, dunklen, jovialen Augen angeblickt, dann aber brach er mit einem Male in ein fröhlich geräuschvolles Lachen aus und rief Robert mit einer wohlklingenden Baßstimme zu: »Ah! Das ist deine Cäcilie?!« »Ja, Papa, das ist sie!« bestätigte Robert, auf das äußerste erfreut und gleichfalls lachend. Sogar Frau Voges lächelte. Alle waren von dem Temperament des alten Herrn angesteckt. »Na ...« Mit rüstigem Gang näherte er sich Mieze und reichte ihr eine große, wohlgeformte, kräftige, bleiche, warme Hand, die die ihre behielt. »... Haha! – ›Ich mag euch drum nicht schelten‹«, fuhr er, offenbar zitierend, fort, Mieze mit seinen dunklen, gemütlich humorvollen Augen anblickend, daß sie, seinen Blick erwidernd, vor Freude bis in die Haare hinein errötete. »Na? Dann muß dir dein Schwiegerpapa jetzt wohl einen Kuß geben, Döchting?!« fragte er mit allerbestem Humor. »Also: Schnauzer! hoch!« Gehorsam hob Cäcilie unter einem tiefen lächelnden Erröten das Gesicht zu ihm auf, und der alte Herr drückte ihr einen herzhaften Kuß auf den kleinen, festen, rosigen Mund. »Hahaha! – Und da hätten wir denn also,« lachte er, nachdem der Kuß erfolgt war, »und noch dazu ganz ahnungslos, endlich – die dritte Schwiegertochter im Hause Voges! Was sagst du dazu, Mama? Ja, wie lange kennt ihr euch denn nu' eigentlich, sagt mal?« »Noch nicht ganz vierzehn Tage«, antwortete Robert, in Miezes Anblick verloren. »Hörst du, Mama? Noch nicht ganz vierzehn Tage! Was sagt der Mensch! Das heißt kurzen Prozeß machen! – Hahaha! – Kinder, na sagt: das ist ja der reine Roman! – Offen gestanden: ich hätte dir so viel ›Tempo‹ gar nicht zugetraut, Junge!« »Wie man's Glück hat, führt man die Braut heim, Papa!« antwortete Robert, ohne den Blick von Mieze zu wenden ... Mieze mußte zum Mittagessen dableiben. Frau Voges lud sie nicht ohne Absicht dazu ein. Sie wünschte bei der Gelegenheit ihren Eindruck noch zu vervollständigen. Auch nach Tische zog sie sich dann noch für einige Zeit mit ihr auf ihr Zimmer zurück ... Später am Tage hatte Robert noch ein Gespräch mit ihr, denn es drängte ihn, sich des Eindruckes zu vergewissern, den Cäcilie Mama hinterlassen hatte, und er war darüber nach wie vor in einiger Besorgnis. »Nun und, Mama?« erkundigte er sich. »Nun, Robert, ja! – An Papa hat sie ja übrigens augenscheinlich eine Eroberung gemacht.« Sie lächelte. »Ja, und gerade das ist mir eine so aufrichtige Freude! Aber, Mama, ich bin erst dann ganz beruhigt, wenn ich endgültig hoffen darf, daß die ›Eroberung‹ nicht einseitig bleibt. Bei deinem Sinn für die Wirtschaft muß Cäcilie dir ja gefallen. Sie ist ja nach dieser Richtung so gut erzogen. Außerdem hat sie eine so glückliche Hand in allem, was sie anfaßt und ist so außerordentlich praktisch. Sie ist eben in jeder Hinsicht eine Ausnahmenatur.« »Ich will hoffen, daß sie sich vor allem in unsere Lebenskreise einfügt. Ich bin ja recht zufrieden mit ihr. Aber sie wird in ihrer äußeren Bildung noch so manches nachzuholen haben.« »›Äußere Bildung!‹ Pensionatsbildung besitzt sie freilich nicht. Aber ich möchte mich bei Grete Ehlers und Irene Buchwaldt nicht danach erkundigen, wie eine Sonnen- oder eine Mondfinsternis zustande kommt oder in welche Tiergattung der Hummer gehört«, entgegnete Robert nicht ohne einige Ungeduld. »Und ich habe keine Ursache, ihnen zuzutrauen, daß sie auch nur für fünf Minuten eine französische oder englische Konversation durchhalten können. Jedenfalls hat Cäcilie Bildungstrieb. Es ist doch z.\ B. alles mögliche, daß sie sich seit Jahren noch Freistunden erübrigt, um sich aus eigenem Antrieb Französisch und Englisch beizubringen. Schon der Trieb, die moralische Energie, die sich damit ausspricht, ist, dächt' ich, etwas wert. Und im übrigen wird dir die Frau Justizrat gesagt haben, wie leicht sie sich in allem zurechtfindet und ihre Bildung vervollständigt.« »Nun, ich meine ja auch nicht gerade das«, erwiderte Mama. »Aber es ist ja doch immerhin ein Unterschied, ob man von Jugend auf in einem Lebenskreis eingelebt, hineingeboren ist oder ob man mit noch so guten Anlagen erst in ihn eintritt. Das Selbstverständliche, das schließlich mehr wert ist als äußere Bildung.« »Ach, lieber Gott, Mama! – Aber ist es denn nicht die Hauptsache, daß sie mich so glücklich macht?« Frau Voges bog sich von ihrem Sitz aus hurtig gegen ihn vor und ihm vertraulich begütigend die Hand auf den Unterarm legend, sagte sie, ein etwas seltsames Lächeln um die gekniffenen, kühlen, grauen Augen: »Aber natürlich, mein Junge! Es ist ja gut!« * Robert hatte Cäcilie veranlaßt, ihre Stellung aufzugeben; und in einem Ehrgeiz, der vielleicht vor allem von dem Eindruck, den ihre künftige Schwiegermutter auf sie geübt, einen besonderen Antrieb erfahren hatte, benutzte sie jetzt die viele Zeit, die ihr übrigblieb, dazu, nach der Ollendorff-Methode ihren französischen und englischen Selbstunterricht weiterzutreiben und auch sonst nach Möglichkeit ihre »Bildung« zu vervollständigen. So sympathisch ihr Roberts Vater war, es blieb etwas in Frau Voges' Wesen oder vielleicht auch nur in ihrer äußeren Erscheinung, das Mieze unzugänglich war und ihr so etwas wie ein Gefühl gab, sie werde niemals auf einen ganz vertrauten Verkehrsfuß mit ihr kommen. Doch machte sie sich darüber keine besonderen Gedanken, zumal Frau Voges ihr in ihrer Weise freundlich entgegenkam. Ein Zusammentreffen aber, gelegentlich dessen Mieze der Frau Justizrat Mitteilung von ihrer Verlobung gemacht, hatte bis zu einem gewissen Grad zu einer Entfremdung geführt, was für Mieze gleichbedeutend war mit einem Bruch mit der extremeren Frauenbewegung. »Ei, seht doch unsere Kleine!« hatte die Frau Justizrat ausgerufen. »Hat sie sich da so über Nacht einen der reichsten Männer der Stadt geholt! Das nenn' ich doch noch Glück haben!« Sie hatte das sicher im Scherz gemeint, aber sie hatte zugleich während des ganzen Zusammenseins keine weitere, besonders ernstere und anteilnehmendere Auffassung zu erkennen gegeben, und das hatte Mieze befremdet. Doch auch darüber machte sie sich keine weiteren, tieferen Gedanken. Sie verkehrte im übrigen im Hause Voges jetzt regelmäßiger, wo sie mit dem Leben im Hause vertraut wurde und, nach Frau Voges' Auffassung, in deren, wenn auch diskret geübten, Schulung stand ... Dann war die Verlobung öffentlich bekanntgegeben worden. Robert und Cäcilie hatten ihre Besuche gemacht, und zwischen Neujahr und Ostern hatte dann die im engeren Kreise gefeierte Hochzeit stattgefunden. Das junge Ehepaar wohnte in einer Villa mit schönem Garten, die in der östlichen Vorstadt, auf der anderen Seite des Stromes, gekauft und eingerichtet worden war. Robert hatte die Absicht gehabt, mit Cäcilie eine Reise nach dem Süden anzutreten, doch sie hatte ihn gebeten, davon Abstand zu nehmen und ihm vorgeschlagen, im Sommer mit ihr eine Nordlandreise zu machen. Sie hatte dabei eine lebhafte Sehnsucht nach dem Meer und der Natur des Nordens verraten. Der Umstand, daß sie diese Wahl getroffen und auf eine sofortige Hochzeitsreise verzichtet hatte, ja sie sogar gegen ihr Gefühl gefunden zu haben schien, hatte nicht nur die Schwiegereltern, sondern auch Robert selbst verwundert. Man hatte geglaubt, daß eine solche Reise nach dem Süden für sie etwas ganz besonders Anziehendes und Verlockendes sein müßte. Dem alten Herrn hatte ihre Entscheidung übrigens gefallen; auch Frau Voges hatte sich von ihr etwas beirrt gefühlt, ohne daß sie allerdings aus einer gewissen Zurückhaltung, die sie der Schwiegertochter gegenüber nach wie vor zeigte, so besonders herausgetreten wäre ... Während draußen in der Welt der Frühjahrssturm brauste, im Garten den Schnee um die Christrosen und die Schneeglöckchen forttaute und auf dem Strom, der bis zu dem unteren Teil des Gartens heraufgeschwollen war, über die großen treibenden Eisschollen hinfegte, lebten Robert und Cäcilie das warme Gefriede ihres jungen Eheglücks. Es war ein restloses Glück. Ein Glück, das ihre nächsten Angehörigen fast verwunderte. Denn es fehlten ihm ganz jene Trübnisse und Mißverständnisse, unter deren Zerwürfnissen und um so wärmeren Versöhnungen ein junges Ehepaar sich gerade in dieser Zeit erst recht aneinander anzupassen, sich erst ganz zu finden pflegt und die meist gerade eine auf die Dauer glückliche Ehe einzuleiten pflegen. Wenn man nun auch weiter keinen Anlaß zu einer Besorgnis für die Zukunft nahm – denn es kommen ja auch solche Ehen vor und können sogar einen dauernd ungetrübten Fortgang nehmen –, so geschah es doch, daß man gelegentlich über die so völlige Eintracht des jungen Paares seinen Scherz machte. Besonders aber auf Kosten Roberts. Während man sich des Gefühls, das einem Cäcilie erweckte, nicht ganz sicher war. Cäcilie zeigte, eigentlich in einigem Widerspruch zu ihrem sonstigen zu Munterkeit und Mutterwitz geneigten Charakter, ein stilles, in sich selbst ruhendes Wesen. Doch war dies Wesen keineswegs gleichbedeutend mit Sentimentalität oder einer gewissen Zudringlichkeit von Leidenschaft und Liebe. Robert hatte nicht zuviel gesagt, wenn er ihr gelegentlich seiner Mutter gegenüber Klugheit, hausfrauliche Tugend und einen ausgeprägt praktischen Sinn nachgerühmt hatte. Auch der alte Herr äußerte jetzt zuweilen, wenn er ihr Wirken in der jungen Wirtschaft wahrnahm: »Die Cäcilie ist ein Kerl! Sie wird Robert noch gründlich in den Sack stecken!« Obgleich es ihn im übrigen nachdenklich stimmen und ganz eigen berühren konnte – er wurde freilich damit nicht recht fertig, hatte kein rechtes Verständnis dafür –, daß Cäciliens Neigung zu Robert eine so schlichte, fast wortlos starke und unbedingte war. Auch er wurde aus dieser Cäcilie doch nicht so recht gescheit. Doch meinte er, es würde sich mit den Honigwochen schon noch ändern, und sie würde dann um so munterer und geselliger auslegen und den neuen Lebensverhältnissen, in die sie eingetreten war, und die für sie doch so anziehend sein mußten, um so gründlicher Gerechtigkeit widerfahren lassen. Vorläufig aber führte das junge Paar, selbst wenn man in Betracht zog, daß sie den Anfang ihrer Ehe lebten, ein zu eingezogenes und mit sich selbst zufriedenes Leben ... Dessen getröstete sich der alte Herr, der ein für allemal seinen Narren an Cäcilie gefressen, auch sein Teil von ihr hätte haben mögen und eine besondere Neugier darauf hatte, sie sich in dem größeren gesellschaftlichen Verkehr bewegen und entwickeln zu sehen. Jedenfalls fühlte sich der Junge ja aber glücklich. Wetter! – der alte Herr schmunzelte – sehr glücklich sogar! ... Tatsächlich bot Robert einen sehr guten Eindruck. Vor allem – was nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Mutter erfreute – zeigte er keine Spur von dem unzufriedenen und oft bis zur nervösen Zerrissenheit unsteten Wesen mehr, das ihm in der Periode seiner »Wolkenkuckucksheimereien« und »Sozialismen«, wie der alte Herr das zu nennen pflegte, angehaftet und das ganz besonders Mama oft recht gründlich auszukosten bekommen hatte ... »Alles was recht ist: es scheint ja doch, als ob er Mann geworden wäre!« sagte er jetzt manchmal. Während er für sein Teil aber mehr aus dem allgemeinen Eindruck, den Robert bot, sein Urteil zog, wurden Mama, nach wie vor seiner besonderen Vertrauten, Roberts Aussprachen. »Mama,« hatte er gelegentlich etwas in der Tonart seiner früheren Periode gesagt, »selbst wenn sich das Unglaubliche ereignen sollte, daß das Glück, das ich jetzt mit Cäcilie lebe, nicht von dauerndem Bestand wäre – fast ist es mir manchmal zu tief, als daß ich es ganz verstehen und erfassen könnte, fast überwältigt es mich manchmal, macht es mich ... macht mich ... Ich weiß nicht, wie ich's sagen soll? – es ist nicht richtig, wenn ich so sage, es ist natürlich noch anders,« fuhr er ein wenig unruhig fort, »... aber fast kann es mich manchmal – bangmachen: – Aber selbst, wenn es also nicht von Bestand wäre, und selbst, wenn das Unerhörte sich ereignen könnte, daß Cäcilie mir, ich ihr fremd würde: ich werde ihr nie, nie, ewig nicht vergessen, was sie mir jetzt ist und was sie mir gibt! Es wäre genug, genug und übergenug, um ein ganzes Leben damit zu fristen.« »Aber lieber Junge! – Nu, du – Philosoph! – Genug: du bist doch glücklich!« Wieder hatte sich Frau Voges, wie damals, von ihrem Sitz aus gegen ihn vorgebeugt, ihm mit einem kurzen, vertraulichen Druck die Hand auf den Unterarm gelegt und wieder hatte unter hochgezogenen Brauen um ihre sein gekniffenen, kühlen, grauen Augen mit den vielen Fältchen in die Schläfen hinein jenes etwas seltsame Lächeln gespielt ... Cäciliens Liebe aber, so ganz reines, so ganz erstes Erlebnis, war anderer Art. Sie wußte nichts von sich, war nur ganz Hingabe. Sie hatte niemand, zu dem sie sich aussprach. Doch sie bedurfte auch keiner Aussprache. Sie bedurfte, dachte, sann, wußte nichts außer Robert und Roberts Glück. Ihr innerstes Wesen und Schicksal hatte sich aufgetan – von jenem Augenblick an, wo sie Robert damals im Park auf so eine eigene Art geküßt hatte – mit einer Macht, die über jeder Überlegung stand und wahrhaftig nichts so wenig als das Straucheln irgendwelcher intellektuell abwägenden Bewußtheitlichkeit kannte ... Robert hatte völlig recht gehabt, wenn er sie ein Ausnahmeweib genannt. Sie entfaltete das wundersame Genie des liebenden Weibes im vollsten Ausmaß. Und das betätigte sich auch darin, daß ihre Liebe schlicht und gehalten war; daß ihr jener Takt eignete, dem jedes Übermaß fremd ist und der die Liebe niemals lästig, trüb, gemein werden läßt. Sie hatte nichts so wenig als die Eigenschaft des »Frauchens«. Sie war keine Plauderin, wußte nichts von jenen Tändeleien, Liebkosungen und Kosenamen, die sich so bald ins Läppische verlieren. In ihrer Liebe war keine Spur von Sentimentalität oder Empfindlichkeit, wie sie miteinander Hand in Hand zu gehen pflegen. Und am allerwenigsten haftete ihr auch nur das mindeste von Hysterie an. Das alles war denn wohl auch der Grund, daß nie ein Mißverständnis oder Zerwürfnis zwischen ihr und Robert aufkam. Sie hielt auf schlichte Kleidung: aber eine Kleidung, mit der sie, da sie von nichts anderem bestimmt wurde als dem unwillkürlichen Instinkt ihrer ganz auf Robert gerichteten und in ihn eingesenkten Empfindung, Robert täglich von neuem bezauberte, und sein Empfinden, anstatt es aufzureizen und es so durch die Unruhe eines dunkleren Übermaßes zu schwächen, nur vertiefte und festigte. Auch entwickelte sie all ihre frischen und unmittelbaren Geschicklichkeiten, Robert durch häusliches Behagen, durch persönliche Beaufsichtigung der Küche, für die sie allerlei erfinderische Einfälle hatte, durch kleine persönliche Handreichungen und dergleichen die unauffälligsten, unaufdringlichsten und doch um so nachhaltigeren Annehmlichkeiten zu schaffen. »Man merkt das alles kaum; es hat alles so seinen selbstverständlichen Schick«, äußerte Robert sich darüber gelegentlich seinen Eltern gegenüber. Das Glück aber, das sie erfüllte, verlieh Cäcilie bei alledem in ihren Bewegungen eine Sicherheit und Anmut und ließ eine Schönheit, eine tief in ihr ruhende und doch muntere Zufriedenheit von ihr ausstrahlen, die von Tag zu Tag nur immer liebreizender und intimer erblühte, anstatt Einbuße und Ermattung zu zeigen. Es hätte wohl schon sein können, daß auch ein anderer, der sie gekannt, wie sie früher gewesen war, gefunden hätte, daß sie, gegen ihr früheres Wesen gehalten, auffallend ruhig und reif geworden war, scheinbar bis zu einer gänzlichen Einbuße ihrer früheren naiv mädchenhaften Munterkeit. Cäcilie glücklich, Robert beglückt – sein Glück war unbeschreiblich –: so gingen etwa zwei Monate dahin. Doch da trat eine Änderung ein. Es fing an, ihm, als der erste Rausch seines jungen Eheglücks gestillt war, zum Bewußtsein zu kommen, daß er die Cäcilie in einem gewissen Betracht verloren hätte, die ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, besonders gelegentlich jenes Soupers in dem Weinlokal, so sehr entzückt hatte. »Sie ist doch ein eigentümlicher Charakter! Sie ist ein Charakter mit Hintergründen!« Es war diese Äußerung Mamas, die das Wesen Cäciliens am wenigsten verstand, gewesen, die in Robert jetzt beständig nachklang. Es schien ihm jetzt, als ob er an Cäcilie gleichsam hafte. Es strebte etwas in ihm wieder aus dieser »Haft« heraus, suchte in einen »normaleren« Zustand zu gelangen, wie er es in seinem Versuch, darüber nachzudenken, nannte. Er kam wieder zum Bewußtsein des weiteren gesellschaftlichen Zusammenhanges, in den er ja doch schließlich eingefügt war – ein Bewußtsein, das übrigens Cäcilie für ihr Teil niemals in einer solchen Weise abhanden gekommen war – und nun erst gelangte ihm die »merkwürdige Umwandlung«, die sich mit ihrem Charakter ereignet zu haben schien, zum vollsten Bewußtsein. Und – er fand ihre Neigung zu ihm, so sehr ihn das auch ergriff oder rührte, in irgendeiner Hinsicht zu »ernst«; sie machte ihn unruhig, ja, setzte ihn in eine gewisse Verlegenheit ... Nicht daß dies eine Abminderung seiner Liebe zu ihr bedeutet hätte – daran glaubte er nicht einen Augenblick, und es war auch nicht der Fall –: aber er sehnte sich nach der Cäcilie, deren vielleicht weit harmloseres Bild er nun mal von jener ersten Zeit ihrer Begegnung her in sich trug. Er fing an, sich mit dieser Cäcilie in seine von früher und jeher gewohnten gesellschaftlichen Zusammenhänge hineinzusehnen; er sehnte sich danach, nun endlich einmal seine schöne und liebreizende junge Frau auch den Leuten zu zeigen ... Trivial genommen: er fing an, sich zu langweilen. Und zwar um so mehr, als eigentlich er selbst es gewesen war, der diese Zurückgezogenheit der beiden ersten Monate bis zu einem zuweilen wohl gar zu behaglichen Darinaufgehen übertrieben hatte, nicht sie! ... Für sein Gefühl und Urteil freilich war, da ihm die so gänzlich hingegebene Neigung Cäciliens gerade in der schlichten, unauffälligen, unaufdringlichen Weise, in der sie ihm entgegengebracht wurde und ihn umwebte, eigentlich nicht zugänglich, da sie ihm zu »ernst« war, gerade das Umgekehrte der Fall, und war es Cäcilie, die in Gefahr stand, die »selbstverständliche« Zurückgezogenheit der ersten Monate »anormal« werden zu lassen. Eines Nachmittags kam es zu einer Aussprache. Sie befanden sich in Cäciliens Zimmer, saßen beieinander am Fenster und blickten in den Garten hinaus. Draußen lachte die Aprilsonne zwischen den aufgebrochenen Reisern, sangen die Drosseln, prangten die Beete im Schmuck der Hyazinthen, Tulpen, Tazetten und Primeln. »Ich erfuhr heut in der Stadt, daß bei Waentigs nächste Woche großer Ball ist«, äußerte Robert, nicht ohne ein kleines verlegenes Zaudern. »In der Stadt da drüben herrscht ja noch die Saison«, setzte er mit einem nicht ganz aufrichtigen Versuch, zu scherzen, hinzu. »Oh, es ist ja so schön bei uns! Sieh mal, wie der Garten immer schöner wird! Das ist wieder etwas Neues. Ich möchte nur immer so weiterleben«, sagte sie fröhlich, in den Anblick des Gartens verloren; ganz in der Annähme, daß sie damit nur Roberts eigenes Empfinden ausspreche. »Hm! Sieh' mal, Herzchen! Aber das ist eigentlich etwas, das ich nicht recht verstehe«, griff er das Gespräch mit einer etwas übertriebenen Angelegentlichkeit wieder auf. Sie sah ihn mit einem ungewissen Blick an. »Ich meine,« fuhr er, von diesem Blick etwas unruhig gemacht, fort, »ich meine etwas, das mich an dir verwundert. – Du bist darin so anders geworden. Ich hätte das nie gedacht. Ich hätte gerade geglaubt, daß dir das etwas wäre, daß dich unser gesellschaftliches Leben angezogen hätte. Und ich muß wahrhaftig auch sagen, daß ich dich leidenschaftlich gern mal auf so einem großen Ball kennenlernen möchte. Statt dessen entwickelst du ein so ganz unvermutetes Talent zum Idyll!« Er lachte. »Wie denn?« Sie sah ihn verwundert an. »Aber nein!« Auch sie lachte; augenscheinlich jetzt erst orientiert. »Du hast doch bloß noch nicht von so etwas gesprochen? Du hast es doch noch nicht gewünscht?« »Ja, aber das ist es ja eben: Warum hast du es denn noch nicht gewünscht? Das ist es ja eben, was mich verwundert, Lieb!« Im übrigen aber fühlte er sich von ihrer Antwort sehr erleichtert. »Ich? Ja ...« Sie schwieg und errötete. »Na, machst du dir etwa ›im Grunde genommen‹ nichts daraus?« Er lachte, jetzt in der besten Stimmung. »Aber ja, mach ich mir was daraus! – Natürlich! – Warum denn nicht? – Aber ... ich dachte nur ... du müßtest doch erst was sagen. – Nun ...« Sie schwieg und sah vor sich nieder. »Nun kommt es plötzlich so ganz mit einem Male.« – Aber sie gab ihre kleine Nachdenklichkeit auf und lachte. »Ich habe darum eigentlich wirklich noch gar nicht daran gedacht. Nun muß ich mich erst – ein bißchen hineinfinden. – O natürlich: es ist sehr schön ... Ich freue mich darauf. Ich bin sehr neugierig drauf. Ich habe ja noch nie in meinem Leben so einen großen Ball gesehen.« »Ja, weißt du ... nicht wahr?!« Vor Freude erhob er sich und fing an, auf und ab zu gehen. »Weißt du, Herz! Cecil! Weißt du: so fröhlich, so recht fröhlich möcht' ich dich mal sehen! Weißt du: so recht hingegeben, ausgelassen und doch ... ah! doch – so ganz du – möcht' ich dich mal sehen! So ungefähr wie damals, als du zum erstenmal in deinem Leben mit mir Sekt getrunken hast! Hahaha! Heidsick-Monopol! Erste Nummer! – Weißt du noch? Du wünschtest, so ganz aus der Tiefe deines angeborenen guten Instinktes heraus, so ... so – aus ganz unbewußtem Geschmack – o herrlich! herrlich!« – Er küßte sich, sie mit lachenden, feurigen Augen anblickend, auf die Fingerspitzen. – »Die Kelche, die französischen Kelche, diese seinen schlanken Kelche – es war übrigens die edelste Qualität, die das Lokal zur Verfügung hatte. – Weißt du? Oh, das war so fein! Sehr fein war das! – Etwas, das heute so ganz apart ist, wo man den Sekt sozusagen aus Wassergläsern, aus diesen stumpfsinnigen, plumpen Dingern da trinkt!« Cäcilie war ihm, wie er so auf und ab ging und in seinem freudigen Eifer seine Rede mit allerlei lebhaften Handbewegungen begleitete, unverwandt mit großen, stillen, leuchtenden, sonderbar vertieften Augen gefolgt. Dann aber kam ein Augenblick, wo sie errötete und wie in irgendeinem stillen Nachdenken vor sich niederblickte. »Na, nicht wahr? Sag'!« wandte er sich gegen sie hin und lachte. Sie schwieg, noch immer so vor sich niederblickend. Dann aber sagte sie, ihn anblickend, mit einem Lächeln: »Ja, ich mag Rokoko sehr gern.« »Ja, ja! Ganz recht! Sehr fein ist das!« bestätigte er eifrig und lachte. Wieder blickte sie ihn an. Wieder mit diesem großen, dunkel vertieften, leuchtenden Blick ... Er glaubte ihrem Verhalten immer noch ein Zaudern abzumerken, auf den Hauptgegenstand in bestimmterer Weise zu antworten. »Oder fürchtest du dich etwa vor deinem Debüt?« fragte er lustig. Sie schüttelte langsam verneinend den Kopf. Dann aber sagte sie plötzlich, als wäre sie mit ihrem Nachdenken fertig geworden, fast ein wenig trivial, und lächelte: »Zu Waentigs Ball können wir ja aber wohl noch nicht hingehen.« »Na, das wohl nicht mehr gut. Er ist schon nächste Woche. – Aber, die Hauptsache: nun kenn' ich dich doch erst wieder ganz, Cecil!« Lachend kam er zu ihr hin, neigte sich zu ihr nieder und gab ihr einen herzhaften Kuß. Sie hatte diesen Kuß erwidert, sagt dann aber weiter nichts, sondern blickte, von Robert abgewandt, in den Garten hinaus. Endlich aber äußerte sie, ohne sich ganz gegen ihn herumzuwenden – er ging wieder auf und ab und summte sogar ein Liedchen vor sich hin – ganz sachlich: »Weißt du? Wir können es dann ja so machen: Die Saison dauert ja doch nicht mehr lange: wir machen jetzt nichts Größeres mehr mit. Wir können uns ja deshalb, wenn du willst, trotzdem hier und da sehen lassen. Aber dann treten wir unsere Reise an. – Ich freue mich so drauf. Und nachher, in der neuen Saison, wenn wir wieder zurück sind, dann – können wir ja alles um so frischer und lustiger mitmachen und nachholen.« »Bravo! Die Hauptsache, daß es dir gefällt! – Mama und Papa werden sich übrigens auch darauf freuen!« ... * Aber Ende Mai erfreute Cäcilie Robert mit einer Mitteilung über ihren körperlichen Zustand, die keinen Zweifel daran ließ, daß sie guter Hoffnung war. Mit Rücksicht auf diesen Umstand wurde die auf die Dauer von zwei Monaten festgesetzte Nordlandreise, die sie sich gewünscht hatte, vorläufig aufgegeben, und Robert ging mit ihr, da sie jedenfalls ein Verlangen danach bekundet, das Meer zu sehen, in ein Nordseebad. Anfang Juli reisten sie ab. Mit dieser Reise war Cäcilie ein Wunsch erfüllt, der keine bloße Grille bedeutete, sondern mit einer tief in ihr Blut eingesenkten Vorstellungs- und Triebwelt in Zusammenhang stand. All diese tiefe und vielseitige Erinnerung an ihren verstorbenen Vater, ihre Anhänglichkeit an Vater und ihre Teilnahme, ihr seltsam erschlossenes Verständnis für das Schicksal seines unglücklichen, verkümmerten Lebens, hingen ja mit diesem Wunsche von jeher zusammen, hatten ihn geboren. Die Abreise hatte wieder eine neue Änderung in ihr Wesen gebracht. Sie war, in Erwartung des großen, neuen, so ersehnten Eindruckes, dem sie entgegenging, in einem gewissen Sinne wieder ganz das naiv muntere Mädchen geworden, als das sie Robert damals kennengelernt und ihm so gefallen hatte. Robert war in höchstem Grade erfreut. Er war der Überzeugung, daß sie durch diese Reise ein für allemal wieder ganz die geworden sei, die sie gewesen war ... Doch darin täuschte er sich. Denn zum erstenmal seit den letzten Monaten, in denen nur er Cäciliens Welt gewesen, erwachte in ihr neben dieser Welt eine andere und eine selbständigere, triebmächtigere, als sie selbst es nur im entferntesten ahnen konnte. Und diese neue, mächtig aufpulsende Innenwelt, diese Innenwelt, die aus dem Vereich der Träume und Sehnsüchte und gewisser innerlichst bestimmender Triebe ihres Blutes hervor setzt Wirklichkeit wurde, ließ sie zum erstenmal ein besonderes Leben außer und neben Robert führen ... Sie war unersättlich, sich am Strand aufzuhalten und das Meer zu betrachten, wie seine unermeßliche, purpurdunkle Masse mit ihren weißen Wellenkämmen gegen diesen flachen weißen Strandstrich herandrängte, daß es den Anschein haben konnte, als sinke er einem unter den Füßen immer tiefer und als müßte das gewaltige stahlblaue Wesen da mit seiner ewigen, endlosen Beweglichkeit starr über einen herstürzen und einen ganz in sich aufgehen lassen. Das große eintönige Gedröhn der Brandung, das sich anhörte, als ob fortwährend tausend Kanonen losdonnerten, und der frische Luftzug, der hier herrschte mit seinem salzigen Odem und seiner wildfreien Witterung von Fischgeruch, straffte ihre Gestalt und weitete ihr die Augen mit einem Leuchten, in dem es wie eine verhaltene, auf dem Sprung stehende, stumm jauchzende Wildheit war ... »Was sie doch für ein kleiner, rassiger Teufel ist! Wahrhaftig, sie geht also doch noch aus sich heraus!« dachte Robert, wenn er sie so sah. Die Bäder, die sie nahm, die innige, freie Berührung, in die sie sie zu dem großen, herrlich machtvollen Element brachten, waren ihr eine unaussprechliche Freude. »Ach, Robert!« rief sie immer wieder. »Wie schade, daß ich noch nicht schwimmen kann! Ach, es muß so herrlich sein, so wie die anderen frei hinausschwimmen zu können!« »Na, jetzt ginge das ja wohl sowieso nicht«, lachte Robert. »Nein, nein! Jetzt ja nicht! Ich weiß!« rief sie mit vor Eifer roten Wangen. »Natürlich! Aber wenn wir wieder zu Hause sind, dann muß ich unbedingt noch schwimmen lernen.« Es war zum erstenmal, seit er sie überhaupt kannte, daß sie in so entschiedener und unmittelbarer Weise einen selbständigen Wunsch geäußert hatte. »Aber selbstverständlich, Herzchen!« lachte er, der sich nicht enthalten konnte, sie an sich zu ziehen und zu küssen, was sie in ihrer strahlenden Vergessenheit zum erstenmal mehr duldete als erwiderte und vielleicht kaum wahrnahm ... * Für alles hatte sie ein unermüdliches Interesse. Für den Wechsel von Ebbe und Flut; für Quallen, Seesterne, Muscheln, Fische, den Fischfang, für Stürme und Botschaften von Unglücksfällen auf See – von denen während des Aufenthaltes sich ein paar ereigneten –, für Regatten, die verschiedenen Arten der Fahrzeuge, für die Tatsache, daß diese Halligen hier alle ein dem Untergang durch das Meer geweihter Boden sind; und mochte Gott wissen – Robert machte sich darüber weiter keine Gedanken – was ihr dies alles innerlich bedeutete und was für Vorstellungen und Willenstriebe es ihr anregte ... Besonders nahm sie auch Anteil an der Bevölkerung und ihrer rauhen, einfachen Lebensweise. Diese ruhigen blonden Friesen mit ihren braunverwitterten, lichtäugigen Seemannsgesichtern schienen einen förmlichen Bann auf sie auszuüben. Es machte einen tiefen Eindruck auf sie, daß sie hier dem Meer gegenüber beständig auf einem verlorenen Posten aushalten müssen und daß in gewisser Hinsicht jede ihrer Handleistungen ein stilles, schlichttragisches Heldenwerk ist. Sie war eine andere, Stillere, Nachdenklichere, wenn sie sich gelegentlich Robert gegenüber über die Halligenbevölkerung aussprach. Und sie pflegte ihn in der Regel damit zu verwirren, wenn er auch in seiner etwas hausbacken und altklug theoretisierenden und dialektisierenden Weise auf ihre Gedankengänge zuweilen einging. Aber es hatte für ihn etwas Dunkles, Problematisches, wenn sie auf diesen Gegenstand kam, zumal sie hier oft Gedanken äußerte, die ihn durch eine Reife und Tiefe erstaunten, die mit der gewöhnlichen Schlichtheit ihrer Äußerungen nichts mehr gemein zu haben schien ... »Wie still sie sind!« pflegte sie manchmal zu sagen. »So ruhig und sicher in ihren Bewegungen. Und wie wenig sie sprechen!« Es konnte aber zuweilen vorkommen, daß ihr jetzt mit einemmal auffiel, wie sehr gesprächig Robert in letzter Zeit, ganz besonders, seit sie hier weilten, sich zeigte, während er doch in der ersten Zeit viel weniger und eigentlich auch verständiger gesprochen hatte. Doch jetzt schien er ihr manchmal geradezu redselig. Zumal, wenn er viel mit dem Badeverkehr zusammengekommen war, den sie pflegten. »Wer nicht weiß, wie sie sind, könnte sich vielleicht vor ihnen fürchten«, sagte sie wohl auch und wurde dann ernst. »Ach, nanu! Wieso?« Robert lachte belustigt. Aber sie errötete. Ein Erröten, das vielleicht eine flüchtige kleine Ungeduld und Mißbilligung einschloß. »Ja, ja, ich weiß ja! Ich verstehe sie ja ganz und gar, ganz und gar!« fuhr sie eifrig fort. »Ich weiß, daß sie brav und ehrlich und bieder und daß sie sehr gut sind. Aber – ich weiß selber nicht. Ich muß manchmal denken, wie sie wohl sein mögen, wenn sie bös werden. Das müßte etwas Furchtbares, Erschreckliches sein. – Sie haben sich ja doch in früheren Jahrhunderten auch so tapfer gegen die dänischen Könige gewehrt und sich ihre Selbständigkeit erkämpft. – Sie gefallen mir so gut. Sie sind mir so angenehm. Förmlich wohltuend sind sie einem. Ich könnte immer hier am Meer, auf der Hallige, mit ihnen leben. Und dann würde ich sicher genau so wie sie. Ganz sicher!« Dann gab es Boot- und Dampferfahrten, die sie unternahmen. Es gab auch eine Regatta, die sie auf die Einladung eines Bremer Konsuls hin, der zu dem Haus Voges in geschäftlicher Beziehung stand, mitmachten. Auch die Sommergäste fesselten Cäcilie. Von allen möglichen Gegenden Deutschlands, auch vom Ausland her, waren sie hier in dem beliebten und angesehenen Seebad zusammengekommen. Auch bekannte und berühmte Persönlichkeiten waren unter ihnen. Weniger aber machte sie sich etwas aus diesem Verkehr, weil sie, zu Roberts Genugtuung, bald ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen aufgefallen war und weil ihr in dem Kreise, dem sie sich angeschlossen hatten, der Hof gemacht wurde, obgleich sie davon wohl zuweilen ein gewisses Vergnügen erfuhr. Aber das Stück Weltverkehr, den diese Welt für sie bedeutete, führte ihre Gedanken und Triebe in einer so noch nie geahnten Weise in die Weite ... Doch die wichtigste Frage dieses ganzen Seebad-Aufenthaltes wurde eine ganz gewisse Veränderung in Cäciliens Verhältnis zu Robert. Zum erstenmal, seit sie ihn kannte, ihn, der für sie nächst ihrem verstorbenen Vater der einzige Mann war, den sie für einen solchen ansah, geschah es, daß sie Gelegenheit bekommen hatte. Robert zu vergleichen. Und um so mehr, als er sich selbst, seit sie hier weilten, in einer auffallenden Weise geändert hatte. Es waren aber wahrhaftig nicht die Sommergäste, an welche sich für Cäcilie dieser Vergleich anknüpfte: es war die besondere Beziehung, in die weniger ihr bewußtes Urteilen und Überlegen, als vielmehr ihr unwillkürlicheres Empfinden, Robert zu der Sonderwelt setzte, die ihr setzt aus ihren früheren Träumen hervor zur Wirklichkeit geworden war. Es war auch von Wichtigkeit, daß sie jetzt gewisse seiner Charakterzüge kennenlernte, die ihr bisher verborgen geblieben waren, weil sie keine Gelegenheit gehabt hatten, sich zu äußern. Es handelte sich zwar nur um Kleinigkeiten; aber nichts ist ja oft in seiner Nachwirkung folgenschwerer als derartige Kleinigkeiten. Es war ihr schon aufgefallen, daß er so gesprächig geworden war. Am meisten wohl durch den Gegensatz, in dem er damit zu den ruhigen, schweigsamen Halligbewohnern stand. Doch war das noch nicht mal das eigentliche, um was es sich handelte. Wenigstens nichts, wodurch sie in einer besonders starken Weise berührt wurde. Sie begriff, daß das der Seebadverkehr mit sich brachte. Sie selbst war ja fröhlicher und lebhafte geworden. Aber sie entdeckte zum erstenmal, wie sehr seine Stimmung von äußeren alltäglichen Bequemlichkeiten abhängig war. Alle Augenblicke hatte er etwas zu mäkeln. Am Essen, an der Hotelordnung, an der Gesellschaft, an einer Partie, der man sich angeschlossen und die nicht ganz nach seinen Wünschen verlaufen war. Er konnte dabei geradezu nervös werden, wenn er seine Mißstimmung meist auch unter einem krittelnden Humor verbarg. Es brachte sich mit alledem eine verwöhnte Weichlichkeit seines Wesens zum Ausdruck, die Cäcilie betroffen machte. Ihr nächstes Gefühl dagegen war allerdings vorwiegend die Unruhe, daß sie ihm hier solche Unbequemlichkeiten nicht, wie zu Hause, selber fernhalten konnte; trotzdem aber blieb ein Befremden mit im Spiel ... Außerdem kam aber die Wahrnehmung hinzu, daß er nicht nur gegen all die Eindrücke, die sie hier empfing und die ihrem Innenleben so sehr viel bedeuteten, blasiert war, sondern daß er überhaupt keinen Sinn für Natureindrücke besaß, und daß das einzige Vergnügen, das er aus dem Aufenthalt zog, ihm der gesellige Anschluß gewährte, den sie pflegten, und der Eindruck, den sie selbst auf diesen Anschluß machte. Doch auch die ernsteren Gespräche gleichgültigeren Inhaltes, die sie miteinander führten – es mochte übrigens sogar sein, daß er mit ihnen versuchte, sie noch zu »erziehen« –, etwa gelegentlich eines Spazierganges zu zweien am einsameren Gestade oder in der Landschaft, befremdeten Cäcilie. Es war die theoretische dialektisierende Art, wie er sie von seinem Jugendbund her gewohnt war, die in diesem Fall einen Stich ins selbstbewußt belehrend Schulmeisterliche bekam. Doch das hätte noch angehen mögen, da sie sich durch solche Gespräche wirklich über allerlei unterrichtet fühlte, was ihr noch unbekannt war, das sie anzog und ihr wohl auch von Nutzen sein konnte. Was ihr aber gerade in ihrer augenblicklichen Stimmung im Innersten widerstrebte, das war die kalt verstandesmäßige Art, wie er diese Gespräche führte; vor allem aber war es die skeptische und pessimistische, wenn nicht geradezu nörgelnde Weltanschauung, die er verriet. Sie hatte sich, seit sich die Bestrebungen des Jugendbundes als Illusionen erwiesen, nur noch mehr bestärkt gefühlt. Wenn sie wenigstens so etwas wie einen ernstlicheren Konflikt, eine Art persönlichen Leidens bedeutet hätte! Als ein Anzeichen wertvoller Mannheit hätte sie das auf der Stelle durchgefühlt, und es hätte sie Robert näher gebracht. Aber so war es nicht mehr als eine dialektische Formel, die leider nur zu sehr seiner eigentlichen Naturanlage entsprach ... Nichts aber konnte einer solchen Weltanschauung entgegengesetzter sein als Cäciliens tätig praktisches Wesen, ihr gesunder unmittelbarer Blick für das Wirkliche, ihr gänzlicher Mangel an jeder gegen die Welt, die Menschen, oder gar gegen sich selbst gerichteten Grübelei, ihr triebkräftiges und triebsicheres Gefühlsleben, ihre naive Lebensfreude, die sich durch nichts enttäuschen ließ, ihre Liebe zu Robert und das, was sie für ihr Teil bis jetzt mit ihm gelebt hatte ... Sie war außerstande, auf diese Gespräche, sobald sie ihre gewisse Wendung genommen hatten, einzugehen. Sie wurde nur still und in einer unbestimmten Weise innerlich unruhig. Dann aber fühlte Robert sich wohl gar als der »überlegene Mann«, und sie war ihm in ihrer »rührenden, naiven Hilflosigkeit« das »liebe, reizende Frauchen«. Ein Standpunkt, der sich ihm durch Cäciliens naive, fröhliche Aufgeschlossenheit während dieser Zeit erst recht zu rechtfertigen schien ... Doch das direkt Schlimme war, daß diese Auffassung von ihrem Wesen gleichbedeutend damit wurde, daß in Robert ihr gegenüber wieder der Lebemann erwachte! ... Zwar wandte er nicht einen Augenblick seine Neigung von ihr ab anderen Weibern zu – glaubte er doch jetzt erst seine ganze Liebe zu ihr zum wahren Durchbruch gelangt –, aber der Ehemann ließ jetzt den Lebemann aufkommen, und es änderten sich seine ehelichen Beziehungen zu ihr ... Die Gattin wurde – ungeachtet übrigens, daß sie ja eigentlich schon guter Hoffnung war – ihm jetzt zum erstenmal seit ihrer Verheiratung zur Geliebten, nein – zur Kurtisane; was leider seiner Auffassung von »Kultur« oder gar »höherer differenzierter Kultur« nur zu sehr entsprach ... Die Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten, die er ihr jetzt erwies, änderten in diesem Sinne ihren Charakter. Er fing an mit ihr zu tändeln. Zuerst noch mit einer gewissen Unsicherheit. Denn sie zeigte sich sofort beirrt. Aber das nötigte ihn, sich »theoretisch« zu rechtfertigen. Es kam diesen theoretischen Rechtfertigungen zugute, daß er dabei einen gewissen ernsten und verständigen Ton hatte, hinter dessen Hausbackenheit sie noch nicht gekommen war, und ferner, daß die wirkliche Neigung, die er, wenn eben auch auf seine Weise, für sie nach wie vor empfand, einen gewissen Unterton gab, der auf sie Eindruck machte, ihre Unruhe verwischte und sie ihrer selbst unsicher machte. Als er aber erst so weit mit ihr war, entwickelte seine ihm selbst unbewußt jetzt trübere Leidenschaft erst recht ihre Kasuistik, und das führte endgültig zu einer sehr bedenklichen Umgestaltung ihrer ehelichen Vertraulichkeiten ... Cäcilie, die ja mit Robert ihre erste Liebeserfahrung gemacht hatte und vollständig naiv in die Ehe eingetreten war, empfand zwar im Grunde den Unterschied ihres jetzigen ehelichen Verkehrs mit Robert gegen ihren anfänglichen nach wie vor mit einer sehr feinen Fühlsamkeit: da sie indessen in einer bewußteren Weise, zumal Roberts »Belehrungen« in einem so ernsten, verständigen, zutrauenerweckenden Ton gehalten waren, die Regungen dieser Fühlsamkeit nicht zu werten wußte, und da sie Robert noch immer zugetan war und ihm vollständig vertraute, so ließ sie ihn gewähren. Und nicht nur das: sondern sie erwiderte auch. Womit sie dann freilich wieder ihn jetzt im höchsten Grade »beglückte« ... Aber es war nicht mehr die alte Liebe. Die hatte jetzt angefangen, ohne daß sie noch etwas davon ahnte, den Todesstoß zu bekommen. Jedenfalls: Sie für ihr Teil war nichts weniger als »glücklich« bei diesem ehelichen Verkehr: sie war nur unruhig, wie ja im Grunde jede Kurtisane, und gerade die bezauberndste, nur unruhig ist. – Und diese Unruhe fing an, den Verlauf und die Entwicklung zu nehmen, die sie ihrer innersten Natur nach nehmen mußte ... Und in einem solchen Zustand und Verhältnis zueinander kehrten sie dann aus dieser Sommerfrische nach Hause zurück ... * Als sie den Bahnhof verließen, gewahrten sie das Automobil des alten Herrn, das auf sie wartete. Cäcilie fühlte sich sofort sehr angenehm überrascht. Es berührte sie wie ein gutmütig jovialer Gruß und als eine besondere Aufmerksamkeit, die der alte Herr ihr erwies. »Ach, das Automobil!« rief sie. »Wie nett von Papa!« Doch als sie in das geräumige, elegante Fahrzeug eingestiegen waren, zeigte sie sich schweigsam und nachdenklich. Sie glitten durch die Stadt, über den Strom zur Villenvorstadt hinaus und gelangten zu Hause an. Gegen Ende der Fahrt war Cäcilie immer schweigsamer und innerlich unruhiger geworden ... Sie fanden den Eingang mit einer Blumengirlande und einem Willkommengruß geschmückt. Zu Hause! – Sie war nun doch in eine weiche, herzklopfende Stimmung geraten. Sie war den Tränen nah. Doch empfand sie eine wunderliche Unmöglichkeit, sich mit dieser Stimmung, die sie mit einer so plötzlichen Erinnerung an die Erlebnisse der ersten Monate ihrer Ehe übermannte, Robert mitzuteilen. Sie fühlte plötzlich mit einer seltsamen Deutlichkeit, daß das der Art, wie sie jetzt mit Robert verkehrte, gänzlich entgegen war, daß sie ihm mit einer solchen Gefühlsmitteilung jetzt unverständlich sein würde. Er erwartete ja sicher, daß sie »Freude« zeigte; eine »Freude«, die ihr, ach! in diesem Augenblick so ganz unmöglich war ... Zu Hause! – Und doch erschrak sie fast über die freundliche, bunte Blumengirlande da. Sie verursachte ihr nur eine wunderliche Bangigkeit ... Sie reichte Robert, nachdem er ausgestiegen war, ohne ihn anzublicken, leicht die behandschuhte Hand, stieg aus und huschte dann gesenkten Blickes mit kleinen eiligen Schritten durch den Vorgarten in den Hausflur herein. Hier empfing sie und Robert, als er nachgekommen war, der Willkommengruß der Dienerschaft, den sie freundlich, aber kurz erwiderte, es Robert überlassend, mit einem gewissen gemütlich-patriarchalischen Ausdruck ein weiteres zu tun – es hing das weniger mit seinem Charakter als mit seinen Jugendbundprinzipien zusammen –, während sie, so wie sie war, noch den Staubmantel über, eilig durch den Flur hinter in ihr Zimmer huschte ... Hier fand Robert sie dann, wie sie, ihren Gedanken hingegeben, am Fenster stand und in den Garten hinausblickte, der in seinem schönsten Rosenflor prangte und aus dessen Hintergrund der Strom herüberfunkelte ... Als er zu ihr hintrat, fuhr sie mit einem Schreck gegen ihn herum. Ihre Augen waren feucht. Sie hatte geweint. Er stellte sich, ohne zuerst etwas sagen zu können, in einiger Betroffenheit neben sie und blickte gleichfalls zu den Rosen hinüber. Ihre Tränen schob er auf den Zustand ihrer Mutterschaft und auf die Reizbarkeit, die er ihr zuweilen verursachen mochte. »Es ist eine eigene Stimmung, nicht wahr?« sagte er endlich. »Wieder zu Hause! Ich empfinde das ganz gewiß auch. Jeder Fleck so warm von Erinnerungen, die mittlerweile gewartet haben und einen nun willkommen heißen.« »Hier hast du – über Champagnerkelche gesprochen«, stieß Cäcilie, als er ausgeredet und ein kleines Schweigen geherrscht hatte, plötzlich hervor. Sie hatte hastig und schnell, ohne eine eigentliche Nuance gesprochen und Robert dabei nicht angesehen, sondern unverwandt zu den Rosen hinübergestarrt. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie sie gerade zu dieser Äußerung gekommen war. Sie hatte bloß das Bestreben gehabt, seine Aufmerksamkeit von dem Umstand, daß sie und aus welchem Grunde sie geweint hatte, abzulenken. »Wie denn?! Über – Champagnerkelche?« Er lachte. Jenes Gespräch war gänzlich seinem Gedächtnis entfallen. Doch sie antwortete nicht. »Aber das ist nun vergangen«, fuhr er fort, ihrem Schweigen und ihren Worten vorhin keine weitere Wichtigkeit beimessend. »Es war sicher die schönste Zeit, die wir miteinander gelebt haben ...« Er bemerkte nicht, wie sie in diesem Augenblick wie unter einem jähen, nervösen Schreck zusammenzuckte ... »... Eine Zeit unserer Ehe, die ja nie wiederkehren kann. Aber das liegt in der Natur der Dinge. Alles hat eben seine Zeit«, redete er in seiner hausbackenen Weise weiter. »Es ist auf der anderen Seite auch wieder, wie das gleichfalls nicht anders sein konnte, eine Zeit gegenseitigen Suchens, Sich-erst-Ertastens gewesen ... Wie?« Es war gewesen, als hätte Cäcilie in diesem Augenblick etwas sagen wollen. Aber als sie schwieg und seine hierauf bezügliche Frage nicht weiter beachtete, fuhr er fort: »Und das ist ja wohl, freilich eine besonders tiefe und reizvolle, Schattenseite dieser ersten Monate einer Ehe. Du warst noch nicht ganz du zu mir, konntest es noch nicht sein, vielleicht weniger als du's zur Zeit unseres Brautstandes warst, und ich war wohl auch noch nicht ganz ich selbst zu dir. Das war, so wie es war, nur ganz natürlich. Aber die Zeit, der wir jetzt inmitten der Spuren all unserer ersten Erinnerungen entgegengehen, in die wir jetzt schon eingetreten sind, ist, denk ich, auch was wert, Cecil, und sie wird ganz gewiß sogar eine noch bessere sein. Denn jetzt erst haben wir uns ja ganz gefunden, ganz zueinander hingefunden.« Plötzlich schrak er zusammen und wandte ihr betroffen seine Aufmerksamkeit zu. Sie hatte einen seltsamen dumpfen Ton, etwas wie einen wunderlich abgebrochenen, unartikulierten Schrei ausgestoßen. Sie sah überaus bleich aus. Ihre Augen waren weit und starr geöffnet und dunkelten in einem tiefen Blau. Es schien ihm, als überlaufe ihre Schultern ein Zittern. »Cecil! Ist dir was?« fragte er mit einem Ton aufrichtiger Besorgnis. Sie blickte ihn, wie noch in irgendwelchen Gedanken abwesend, mit einem Blick an, der Verwunderung auszudrücken schien. Wohl in Nachwirkung der Anteilnahme und Besorgnis, die seine Frage zum Ausdruck gebracht hatte, hob sich ihre Brust jetzt von heftigeren Atemzügen. Es war für einen Augenblick, als wollte sie, während sie ihn noch immer anblickte, etwas sagen, doch schwieg sie und sagte nur mit einem ungewissen Lächeln: »Weiter nichts.–Ich glaube, ich bin von der Reise etwas angegriffen.« Sie strich mit der Hand, die leise bebte, über die Stirn. »Nein, es wird weiter nichts zu sagen haben«, beruhigte er sie und sich selbst, indem er, noch immer halb erschrocken, sanft den Arm um sie legte. »Es hängt sicher nur mit deinem Zustand zusammen. Jedenfalls mußt du dir jetzt recht viel Ruhe gönnen, Herzchen! Darfst dich unbedingt auch nicht mehr soviel wie früher mit der Wirtschaft beschäftigen. Du hast übrigens, wie ich gemerkt habe, unsere Rosalie mit deiner Kochkunst sowieso eifersüchtig gemacht.« Er lachte. »Die Wirtschaft? – Ach so! – Ja, ja!« Auch sie ließ ein etwas wunderliches, halbes Lachen hören – »Na! – Aber – wir haben geredet und geredet und uns darüber ja noch nicht mal einen Wiederdaheimkuß gegeben, Gattin!« scherzte er, vielleicht durch den Umstand, daß er den Arm noch immer nicht von ihr entfernt hatte, an diese Unterlassung erinnert. Er zog sie zu sich heran und gab ihr einen Kuß, den sie aber kaum erwiderte. Plötzlich entwand sie sich, sonderbarerweise lachend, seiner Umarmung und rief: »Ich habe ja noch nicht mal meinen Mantel abgelegt!« Einen Augenblick lachte sie ihn mit wunderlichen, wie übermütig blitzenden Augen, ein paar Schritte schon von ihm fort, an, dann huschte sie auf die Tür zu. Doch blieb sie, schon die Hand auf der Klinke, mit einemmal wieder stehen und sah, gegen ihn herumgewandt, der noch am Fenster stand, mit diesen großen, blitzenden, tiefveilchendunklen Augen noch einmal zu ihm hinüber. Einige Sekunden sah sie ihn so, den Mund von einem seltsamen Lächeln geöffnet, an, dann kam sie mit einemmal auf ihn zugeeilt, flog ihm um den Hals und gab ihm einen leidenschaftlich lange haftenden, zehrenden Kuß ... Bis ins Innerste erfreut über diesen plötzlichen Ausbruch von »Liebe«, drückte Robert sie an die Brust, überschüttete sie mit Kosenamen und bedeckte ihr Gesicht mit stürmischen Küssen. Sie nahm diese Kosenamen und diese Küsse, so an seine Brust gepreßt, mit einem Zittern hin, das ihren ganzen Körper fein erschütterte; einem seltsamen stummen Zittern, unter dem sie sehr bleich war und ihre Augen tief, dunkel, starr, irgendwohin ins Leere blickten ... Schließlich aber riß sie sich mit einem fast kichernden Lachen los, nicht ohne eine plötzliche, besondere Gewaltsamkeit, und eilte jetzt wirklich hinaus, um sich ihres Mantels zu entledigen ... ... Am nächsten Tag gegen Mittag begaben sie sich in die Stadt, um die Eltern zu besuchen. Sie hatte sich zu diesem Besuch besonders schmuck gemacht und gefiel Robert in dem eleganten, höchst reizenden Sommerkostüm ganz ausnehmend. Er fand, daß es sie, abgesehen, daß sie diese und jene besonders koketten Künste in Anwendung gebracht hatte, was sie früher nie getan, in irgendeiner nicht recht bestimmbaren Weise anders kleide, als sie sich sonst in ihrer Kleidung ausnahm. Sie hatte da jetzt auch in ihren Bewegungen und in ihrer Haltung eine gewisse »kultivierte Nervosität«, eine Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, die ihm um so »wertvoller« und bezaubernder erschien, als sie so ganz »Unwillkürlichkeit«, »Physis«, »Genie«, »Rasse«, »Natur«, Natur, so ganz Natur bei ihr bedeutete. – Ja, man brauchte diese »Natur« da in einer gesellschaftlichen Umgebung nur rein sich selbst zu überlassen, dachte er, und sie sticht ohne weiteres jede »Kultur« und »Tradition« aus ... »Du scheinst es darauf abgesehen zu haben, mich noch ganz und gar auf Papa eifersüchtig zu machen«, neckte er. »Oh, du darfst schon« – ihr Blick war mit wie ärgerlich gekniffenen Augen auf ihre Finger gerichtet, die noch den halbarmlangen Handschuh vollends zuknöpften – »wirklich so ein ganz klein bißchen auf Papa eifersüchtig sein. – Ganz im Ernst! – Ich fühle mich nicht anders als Papas Tochter. Ich habe Papa sehr lieb. – Er muß, als er noch jung war, wie der junge Bismarck gewesen sein.« »Hahaha! – Ach, dafür muß ich dich küssen!« Er umfaßte sie und raubte ihr, während sie jetzt errötete – denn sie wußte selbst nicht, wie ihre letzten Worte aus ihr herausgekommen waren, und sie kamen ihr plötzlich nachträglich dumm vor –, einen Kuß, nach dem sie sich aber gegen einen weiteren sträubte und sich Robert entwand. »Ach pfui, du bringst mich ja in Unordnung!« schalt sie, noch immer rot und mit Ungeduld, fast direkt bös. »Pfui! – Wie merkwürdig! Es ist das allererstemal, daß sie so ein Wort gebraucht!« dachte Robert, während er ihr, im übrigen aber lachend und in bester Stimmung, folgte ... Als sie in der Stadt im Hause Voges anlangten, kam Cäcilie auf den Einfall, Papa, was sie eigentlich bisher noch nie getan hatte, in seinem zu ebener Erde gelegenen Privatkontor aufzusuchen und ihn dort im Vorbei zu begrüßen, und sie dirigierte Robert dorthin. Sie fanden Papa auch wirklich im Privatkontor vor. Er hatte schon früh in der Saison mit Mama eine Sommerreise gemacht, die aber nur von kurzer Dauer gewesen war, weil dringende geschäftliche Angelegenheiten seine baldige Rückkehr erfordert hatten. Man befand sich in den Aufregungen einer großen Baisse, und Papa war infolgedessen in dem Augenblick, als Cäcilie und Robert ihn aufsuchten, in nervöser Stimmung. »Wir stören Sie doch nicht, Papa?« fragte Cäcilie, als sie eingetreten waren, unter einem reizenden Erröten. Sie hatte es fast als ein unbedingtes Bedürfnis empfunden, den alten Herrn für einen Augenblick zu sehen und seine muntere, joviale Baßstimme zu hören, die ihr stets unwillkürlich wohltat. »Wir hätten Sie vielleicht nicht gesehen und hätten Ihnen doch gleich gern guten Tag gesagt.« Aber das Gesicht des alten Herrn hatte sich bei ihrem Anblick sofort aufgeheitert. »Ah, da haben wir ja unsere Sommerfrischler wieder!« rief er mit munter geräuschvollem Lachen, einen freudigen kleinen Blitz in den Augen, von seinem Schreibtischsessel aus zu Cäcilie emporblickend, die zu ihm herangetreten war und jetzt, mit rosigem Gesicht unter dem großen, lichten, breitkrempigen Sommerhut lachenden Auges zu ihm niederblickend, dicht bei ihm stand. »Is recht!« fuhr er fort, mit seiner großen, warmen, kräftigen Hand einen Augenblick Cäciliens Arm dicht beim Ellenbogen haltend und sie dann mit leichter Liebkosung herabstreichen lassend. »Ich habe den Kopf mit Geschäften voll. Da kann man einen guten Gruß gebrauchen. – Tag, Rob! Nun?« Er reichte Robert beineben die Hand. »Hahaha! Und du fühlst dich wohl, Döchting?« »Sehr, Papa!« antwortete sie lachend. »Is recht! Is recht! – Übrigens, ja,« setzte er hinzu, sie mit einem prüfenden Blick musternd, »wir haben dich eigentlich noch nie in so munterer Stimmung gesehen. – Bleib so dabei!« Er tätschelte ihren Arm. »Ihr bleibt doch zum Essen da?« »Nein, eben nicht. Wie schade, daß es nicht geht!« bedauerte Cäcilie aufrichtig. »Ich habe Nachmittag noch zu tun.« Sie hatte in Absicht, Nachmittag zur Vorstadt hinaus zu Mama und Fanny zu fahren, denen sie vom Seebad aus nur erst ein paar flüchtige Ansichtspostkarten hatte schicken können. »Na, wirklich schade! Auf Sonntag denn? Ist ja nicht lang mehr hin.« »Ja, auf Sonntag!« bestätigte Cäcilie lachend. ... »Papa scheint etwas angestrengt!« äußerte sie, als sie wieder draußen waren und die Wendeltreppe zur Wohnung hinaufstiegen, zu Robert. »Ja, die Baisse steht jetzt gerade in einem kritischen Übergang«, antwortete er. »Oh, Papa kann nichts geschehen! Er wird sein Schäfchen schon im trockenen halten«, sagte sie mit einem naiv altklugen, aber sympathischen Ausdruck vollster Überzeugung. »Pythia!« lachte Robert, von der Äußerung entzückt und zugleich tatsächlich ein wenig abergläubisch beruhigt. »Ach, was ist Pythia?« erkundigte sie sich. »Eine Wahrsagerin des Altertums, eine Priesterin des Griechengottes Apollo, des Gottes der Wahrsagekunst, also ein ahnungsvolles Gemüt. Wir werden sie, denk' ich, eines Tages noch mal in Rom sehen, wo sie auf den Plafond der Sixtinischen Kapelle gemalt ist. Sie hat da zufällig genau solche Augen, wie du jetzt machst, Schatz!« gab er lachend Bescheid. »Ach so«, antwortete sie ohne weiteren Anteil. Sie waren absichtlich zu etwas früherer Stunde gekommen, um Mama noch ein paar Minuten für sich allein zu haben, bevor anderer Besuch hinzukäme, und so trafen sie denn Frau Voges auch wirklich allein an. »Ah, du siehst sehr gut aus!« sagte sie, nachdem sie mit Cäcilie eine kleine Umarmung getauscht und sie flüchtig auf die Stirn geküßt hatte. »Wie mich das freut! – Robert!« Sie ließ sich von Robert küssen und drückte ihm die Hand. »Und wie geht es mit deinem Zustand?« erkundigte sie sich dann bei Cäcilie. »Sehr gut.« Man nahm Platz. »Jedenfalls mußt du dich aber schonen. Ich werde selber jetzt öfters zu euch hinauskommen, um nach dem Rechten zu sehen. Hat euch das Seebad gut gefallen?« »Oh, mir!« antwortete Cäcilie. »Es ist ja das erstemal, daß ich das Meer gesehen habe.« Frau Voges überging diese Antwort und wandte sich zu Robert hin. »Habt ihr angenehmen Verkehr gehabt?« fragte sie. »O ja! – Im ganzen. – Übrigens haben wir einen Geschäftsfreund getroffen; Konsul Wiek aus Bremen. Er war mit Familie da, und wir haben recht angenehmen Anschluß an Wieks gehabt«, gab Robert Bescheid, doch in einer Weise, die verriet, er fühlte sich viel zu behaglich, um zu besonderem Sprechen aufgelegt zu sein. Cäcilie griff ein. »Wir haben eine Regatta mitgemacht«, erzählte sie. »Auf Konsul Wieks Jacht. Er hat uns auf der Jacht ein Champagnerfrühstück gegeben.« »Aber ist dir die Regatta nicht zu anstrengend gewesen?« fragte Frau Voges. »Ach, gar nicht! Im Gegenteil: sie ist mir ganz ausgezeichnet bekommen. Es war überhaupt herrlich, herrlich! Nicht, Robert?« »Ja, das war's. – Die Regatta, nicht wahr?« bestätigte Robert, der, in seinem Sessel liegend, sich dem Behagen dieser Plauderei hingab. Es entwickelte sich zwischen Frau Voges und Cäcilie eine Unterhaltung über weitere Einzelheiten des Verkehrs mit den Wieks und des sonstigen Sommeraufenthaltes. »Findest du nicht auch, daß Cäcilie sich seit der Sommerfrische sehr verändert hat?« wandte sich Frau Voges plötzlich zu Robert. »Nicht wahr? Auch Papa ist es sofort aufgefallen!« lachte er. Er merkte nicht, daß Cäcilie nach diesen Worten mit einemmal still wurde. Tatsächlich war sie innerlich unruhig bis zur äußersten Nervosität, und sie empfand nicht nur ein sonderbares Gefühl von Fremdheit ihrer Schwiegermutter gegenüber, sondern Robert war ihr in diesem Augenblick, wie er da mit behaglich gekniffenen Augen, die Hände über dem Magen gefaltet, in seinem Sessel lag und diese Worte gesprochen hatte, direkt unsympathisch ... »Wie denn? Habt ihr denn schon Papa gesehen?« fragte Frau Voges mit einem deutlichen kleinen Befremden. »Wir haben ihm unten im Vorbei im Privatkontor guten Tag gesagt«, antwortete Cäcilie leise. »Ach so! – Hoffentlich habt ihr nicht gestört. Er hat ja jetzt so angestrengt zu arbeiten.« »Wir hatten das Bedürfnis, Papa zu begrüßen, und mußten annehmen, daß wir ihn nicht so bald zu sehen bekommen würden«, entgegnete Cäcilie. Sobald sie diese Worte gesprochen hatte, kam ihr zum Bewußtsein, daß sie nicht ohne eine gewisse Gereiztheit gewesen waren, und sie erschrak, weniger, weil sie fürchtete, Mama mit ihnen verletzt zu haben, als weil sie erkannte, in was für einer Art von Stimmung sie selbst sich befand. Sie erschrak bis zu einem solchen Grade, daß sie sich plötzlich erhob; und um diese brüske Bewegung zu verbergen, vor sich selbst zu verbergen, sagte sie, daß sie aufbrechen müßten, da sie noch wichtige Besorgungen zu erledigen hätten. »Aber wie denn? Weshalb hast du denn solche Eile, Cecil?« fragte Robert erstaunt, ohne seine Haltung da im Sessel zu verändern. »Nein ... Ich dachte nur ...« Sie ließ sich langsam wieder nieder. Frau Voges hatte nicht ein Wort gesagt: sie hatte sie nur die ganze Zeit über mit einem Lächeln beobachtet. »Wollt ihr denn nicht zu Mittag bleiben?« erkundigte sie sich bei Robert. »Das geht leider nicht, Mama. Wir sind deshalb ja auch gleich schon mit bei Papa gewesen«, antwortete Robert. Aber dann kam noch weiterer Besuch. Frau Kommerzienrat Vorberg, die Mutter von Roberts Freund und ehemaligem Bundesbruder Otho, und ihre Tochter Helene. Die Frau Kommerzienrat war eine kleine, wohlbeleibte Dame mit einem runden, bleichen Gesicht, blauen Eulenaugen und auffallend reichem goldblonden Haar. Helene war eine schlanke, sehr elegante Blondine von zweiundzwanzig Jahren, mit einem interessant angenehmen, vornehm blassen Gesicht. Ihre blauen Augen zeigten einen Ausdruck von starr freundlicher, intelligenter Neugier. »Ach, unser junges Ehepaar!« wandte sich die Frau Kommerzienrat zu Robert und Cäcilie hin. »Auch wieder aus der Sommerfrische zurück! – Geht es Ihnen gut, liebes Kind? – Ja, gut?« wiederholte sie Cäciliens Antwort mit Rührung. »Wie mich das freut!« Sie selbst waren, der Migräne wegen, an der die Frau Kommerzienrat litt, in Kissingen zur Kur gewesen. Auf Frau Voges', deren Jugendfreundin sie war, Nachfrage, wie ihr Kissingen bekommen sei, fing sie sofort an zu klagen. »Ich habe ja in den letzten Tagen wieder so einen entsetzlichen Anfall gehabt!« »Oh, du Ärmste!« Es entwickelte sich zwischen den beiden Damen ein angelegentliches Gespräch über den Unterschied der Karlsbader, Marienbader und Kissinger Kur gegen Migräne, über die Anwendung von Guarana, Morphium, Chinin, Phenazitin, Senffußbäder und die richtige Technik des Tief- und Langeinatmens. Helene Vorberg aber hatte Cäcilie, hocherfreut, die Freundin wiederzusehen, lebhaft umarmt. Sie war der Überzeugung, mit Cäcilie in einem Freundschaftsbund zu stehen. Es war ihr etwas Angenehmes, daß sie, noch unverheiratet und gute zwei Jahre älter als Cäcilie, die nun schon in Mutterhoffnung ging, sich ihr gegenüber in einer gewissen Weise als die Jüngere fühlen durfte. Immerhin hatte sie auch auf Cäcilie eine gewisse Anziehung geübt. Helene Vorberg galt als ein apartes Mädchen, und es wurde ihr ungewöhnliche geistige Begabung nachgesagt. Auch war sie wirklich nicht ohne einen ironisch-schlagfertigen, ja sogar etwas gefürchteten Witz, und als sehr selbstständiger, aber auch verhaltener Charakter bekannt. Es hieß, sie sei von einem fröhlichen, etwas kühlen Raffinement, das ihr den Ruf eintrug, sie habe den Teufel im Leibe. Für gewöhnlich aber gab sie sich mit einer naiven, etwas schillernd unruhigen Mädchenhaftigkeit. In dieser Weise unterrichtete sie jetzt auch Cäcilie und Robert über die vergnüglichen Seiten des Kissinger Kuraufenthalts. Von dieser Unterhaltung jetzt förmlich betäubt, erhob sich Cäcilie endlich, Helenens Redefluß etwas unvermittelt unterbrechend, und erinnerte Robert, daß sie aufbrechen müßten. »Also schone dich recht, liebes Kind, hörst du?« rief Frau Voges zum Abschied, von dem weiteren Verlauf, den ihre Unterhaltung mit der Frau Kommerzienrat genommen, in gute Stimmung versetzt. »Ich komme in den nächsten Tagen und werde dich jetzt öfter besuchen ...« ... Es war ein an inneren Erlebnissen und Wandlungen reicher und wichtiger Tag, dieser Tag, an welchem Cäcilie ihrer bisherigen Umgebung zum erstenmal wieder entgegentrat. Sie war unruhig und zeigte eine nervöse Verstimmung, als sie mit Robert nach dieser Visite und noch ein paar anderen wieder zu Hause eintraf. Sie hielt sich zu Hause möglichst für sich. Am Nachmittag aber nahm sie eine Droschke und fuhr zu Mama und Fanny hinaus, von einer wunderlichen Sehnsucht getrieben, Mama und das kleine, bescheidene Heim wiederzusehen. Auch die im Anschluß daran lebhaft wieder erwachende Erinnerung an Vater versetzte sie in Rührung. Als sie dann aber Mama zum Wiedersehen umarmte und küßte, brach sie in Tränen aus. Mama rührten diese Tränen, da sie sie für ein Zeichen von Miezes Anhänglichkeit nahm; doch sie schafften Cäcilie eine Erleichterung, von deren Bedeutung Mama nichts ahnte ... Später geigte sie sich dann, als sie Mama und Fanny ein paar Geschenke überreichte, die sie ihnen aus der Sommerfrische mitgebracht hatte, fröhlich und mitteilsam und ließ ihren Aufenthalt lang werden; auch machte es ihr ein besonderes Vergnügen, Mama und Fanny in einigen kleinen wirtschaftlichen Angelegenheiten in der Weise von ehemals behilflich zu sein. Trotzdem äußerte Mama, die jetzt, da sie von Cäcilie ausgiebig unterstützt wurde, in sorgenfreien Verhältnissen lebte, als Cäcilie sich verabschiedet hatte, mehr zu sich selbst, nicht ohne gewisse Besorgnis: »Ich weiß nicht: sie ist doch nicht ganz unsere alte Mieze mehr. Sie hat sich recht geändert. Sie fängt mir zu sehr an, Dame zu werden ...« * Doch ereignete sich im Laufe der nächsten Monate nichts Besonderes. Obschon Cäcilie eine wechselnde, oft geradezu gereizte Stimmung zeigte, die man aber ihrem Umstand zuschrieb. Auch der Umstand, daß sie sich viel in ihrem Zimmer allein hielt, befremdete weiter nicht. Freilich hätte das für jemand, der sie genau kannte, auffallend sein können. Sie war eine Natur, der Grübeleien zwar nicht lagen, aber der unruhige Tätigkeitstrieb, dem sie sich jetzt hingab, bedeutete nur zu sehr ein Zerstreuungsbedürfnis. Sie trieb diese Monate hindurch mit großer Eindringlichkeit ihre französischen und englischen Sprachstudien weiter. Ohnehin verboten sich andersgeartete Zerstreuungen durch ihre bevorstehende Niederkunft. Außerdem beschäftigte sie aber in guter Weise der Gedanke an das kommende Kind. Später wurde sie auch durch die näheren Vorbereitungen für die Niederkunft in Anspruch genommen. Ende November gebar sie Robert einen Sohn. Die Ankunft des Kindes erregte den Angehörigen eine große und besondere Freude. Selbst Frau Voges zeigte sich in einer Weise liebenswürdig zu Cäcilie, daß es den Anschein haben konnte, als seien sich die beiden Frauen endgültig nahe gekommen. Der alte Herr rief, als er den Jungen sah: »Donnerwetter, Kinder! Das muß ich sagen! Das ist ja noch nicht dagewesen! Der Bengel ist ja das Paradestück der ganzen Familie!« Tatsächlich war der Neugeborene ein ungewöhnlich großes und kräftiges Kind; und die Hebeamme bekannte stolz, daß ihr in ihrer langen Praxis ein solcher Fall nur selten vorgekommen war. Cäcilie selbst hatte die Niederkunft gut überstanden. Zur besonderen Freude des alten Herrn, der sich in der guten Meinung und Sympathie, die er von Anfang an für sie gehabt hat, bekräftigt fühlte. Es stand jetzt außer jedem Zweifel, daß sie sein Liebling war, und daß er nicht nur seinen Narren an ihr gefressen hatte, sondern sie wertschätzte. Eines Tages brachte er ihr einen Brillantenhaarschmuck, mit dem er sie, wie er lachend sagte, beim nächsten Familienfeste zu sehen hoffte. Die Freude der Familie über den Neugeborenen war übrigens um so größer, als die beiden älteren Brüder Roberts, Ernst und Gerhart Voges, studierte Leute waren, die mit ihren Familien auswärts wohnten. Sie hatten beide Neigung zum Studium gezeigt und sie, trotz dem Widerstand, den Papa anfänglich wenigstens dem ältesten entgegengesetzt hatte, durchzusetzen gewußt. Für Robert, der übrigens nach dieser Richtung hin sich gleichgültiger gezeigt hatte, war es dann eine Notwendigkeit geworden, sich dem kaufmännischen Wesen zuzuwenden, um später mal Chef der Firma zu werden. Jetzt aber hatte nun die Firma einen neuen Stammhalter. Die Freude der Familie und die liebevolle Sorgfalt, die man ihr erwies, berührten Cäcilien tief. Vor allem aber war es das Kind selbst, das ihre bisherige Unruhe besänftigte, indem es all die guten starken, gediegenen Empfindungen und praktischen Triebe, die ihr eigneten, in Anspruch nahm und von neuem entfaltete. Es verstand sich zunächst von selbst, daß sie den Neugeborenen selber stillte. Der Arzt, den man, wenn auch mehr der Form wegen, zu Rate zog, beglückwünschte den Kleinen nur zu einer so gesunden und kräftigen jungen Mutter. Wie Cäcilie aber das Kind selbst stillte, so duldete sie auch nicht, daß jemand anders außer ihr es berühre und ihm all die hundert kleinen, aber so wichtigen Sorgen, Besorgungen und Handleistungen erwies, die es bedurfte. Und sie zeigte hierin eine Eifersucht, die sich sogar in einer gelegentlichen kleinen Schroffheit äußern konnte und die Schwiegereltern belustigte; wobei aber Frau Voges mit einer Spur ihrer unwillkürlichen inneren Fremdheit gegen Cäcilie die Befürchtung hegte, es käme bei Cäcilie das angeborene »Kleinbürgertum« zum Durchbruch. Da Cäcilie das Kind selbst besorgte, blieb ihr in der ersten Zeit nicht viel Zeit für andere und anderes übrig. Sie lebte nur für das Kind und mit dem Kinde. Für Robert war der Kleine und das Verhältnis Cäciliens zu ihm einen Monat lang so etwas wie eine Sensation. Die Pflege und die Handleistungen, die Cäcilie dem Kleinen erwies, erregten seine Aufmerksamkeit, und er verweilte wohl manchmal und sah ihr zu. Er konnte dann mit seiner Art von hausbackener Verständigkeit und nicht ohne eine etwas komisch würdige Vaterpose über Vatergefühle, Vaterpflichten und die mehr organisch triebhafte Verwachsenheit der Mutter mit dem Kinde theoretisieren; Auslassungen, auf die Cäcilie, zumal sie auch gar keine Zeit dazu hatte, schon gar nicht mehr weiter hinhörte ... Eines Tages ereignete sich aber bei solch einer Gelegenheit etwas Besonderes. Robert war zugegen, wie Cäcilie den Kleinen gerade stillte. Rittlings auf einem Stuhl sitzend, die Arme über die Lehne gelegt, sah er zu. Cäcilie saß still in ihrem Sessel, ein leichtes seidenes Tuch über die entblößte Brust und das Köpfchen des Kleinen gelegt, dessen gesund eifriges Schmatzen zu hören war und dessen Bewegungen das Tuch drollig hoben und senkten. Robert beobachtete Cäcilie. Sie saß fast bewegungslos, das Gesicht mit einem stillen, ernsten Ausdruck auf das seidene Tuch niedergesenkt und den Regungen des kleinen Wesens hingegeben. Es fiel ihm auf, daß keine Spur eines Lächeln in ihrem Gesicht war. Er dachte wohl an dieses und jenes Madonnenbild, auf dem die Mutter ein solches Lächeln des Glückes und der Freude zeigt. »Es ist doch etwas Wunderbares, der Anblick einer Mutter, die ihr Kind säugt!« äußerte er, dabei nicht ohne Absicht den Ausdruck »säugt« gebrauchend. »Es liegt so viel Tiefe darin. Und abgesehen davon: es ist ein so wunderbar patriarchalischer Anblick.« Es gewährte ihm eine besondere Sensation, daß Cäcilie, als die Gattin eines Millionärssohnes, ihr Kind auch noch in einer Zeit selbst stillte, wo man es wohl gewöhnlich, wenn man es anfangs auch selbst gestillt hat, der Amme überläßt. Cäcilie hatte nicht geantwortet. Nicht im mindesten wandte sie diese wie hypnotisch versunken hingegebene, neutral ernste Aufmerksamkeit von dem Kleinen ab, als seien ihre Sinne für die Außenwelt verschlossen, als wisse sie gar nichts von Roberts Anwesenheit. »Wunderbar, wie die Natur den Muttertrieb eingestellt hat!« fuhr er fort. »Jede Fingerspitze vom feinsten Intellekt, von der intimsten Sympathie beseelt!« Und es war wirklich wunderbar, wie geschickt, selbstverständlich, angepaßt Cäcilie den Kleinen versorgte, und wie sie jede besondere, ihr noch unbekannte Anweisung, die die Hebamme ihr gab, sofort begriffen und sie dann in Anwendung gebracht hatte, als sei sie ihr von jeher das geläufigste gewesen. »Aber verzeih, Cecil! Das alles ist ja das Unwillkürliche, das natürlich Animalische, der selbstverständliche Muttertrieb, jene Angepaßtheit, die auch nach der Geburt noch fortdauert, und die allerdings gewiß nicht bei jeder Mutter so stark, ich möchte sagen: so genial ist wie bei dir. Aber was mich wundert ... Verzeih', ich meine ... Es ist ja freilich was Individuelles, gewiß! ... Ich meine, es wundert mich, daß du so gar keine lebhaftere Freude über den Kleinen zeigst, daß du ihm so wenig Zärtlichkeit erweist.« Tatsächlich ließ sich Cäcilie mit ihrer Liebe zu dem Kleinen niemals so weit gehen, daß sie ihn, wie das junge Mütter sehr oft tun, etwa unter jauchzenden Schreien abgeküßt oder ihn sonst in irgendeiner leidenschaftlichen Weise geherzt und geliebkost hätte. Wenn es auch vorkam, daß sie das Gesicht an den Kleinen schmiegte, oder ihn mit einem sanften Streicheln liebkoste und gelegentlich herzlich küßte. Aber Robert hätte kaum ein Wort finden können, das das wahre Gefühl Cäciliens für das Kind gröblicher mißverstanden hätte ... Geradezu wie von einem Hieb getroffen, blickte sie mit großen entsetzten Augen von dem Kleinen auf und zu ihm hinüber. Die Farbe ihres Gesichtes war einer seltsamen, marmorweißen, durchsichtigen Blässe gewichen, die Robert auf der Stelle betroffen machte. Doch bezwang sie sich, die übrigens den Kleinen in demselben Augenblicke von der Brust weggenommen hatte, sofort, und sagte nur leise mit einer Stimme, in der eine gewisse Ungehaltenheit bebte: »Aber sei doch still! Du störst mich ja!« Er wollte sich entschuldigen und ihr zureden, aber es war etwas in ihrem Wesen, das es ihm unmöglich machte. »Verzeih', ja, ich störe dich am Ende nur«, sagte er immer noch von der seltsamen Blässe betroffen, die vorhin ihr Gesicht gezeigt hatte, und erhob sich, um dann, nachdem er sich noch dies und jenes im Zimmer herum zu schaffen gemacht hatte, langsam hinauszugehen. Als er das Zimmer aber verlassen hatte, brach Cäcilie in ein stummes Weinen aus ... * Der Zeitpunkt war gekommen, wo außer dem Kinde auch der Mann wieder seine Rechte an die Gattin geltend machte. Doch handelte es sich bereits tatsächlich mehr um ein Nachgeben Cäciliens diesen Rechten gegenüber. Es gab da einen Übergang, in dem Robert geradezu erst wieder um ihre Gunst zu werben hatte. Und noch dazu war diese Werbung ohne einen eigentlichen Reiz für ihn, denn er fühlte sich durch das gereiftere und ernstere Wesen, das sie durch ihr Verhältnis zu dem Kinde wieder angenommen hatte, wie er nun schon mal war, geniert, wenn nicht ganz und gar gelangweilt. Er hatte sich ja seit dem Sommeraufenthalt bisher an eine ganz andere Cäcilie gewöhnt ... Cäcilie aber hatte sich jetzt schon, wenn sie diesen »Rechten« nachkommen wollte, über einen gewissen toten Punkt hinwegzubringen. Der Eindruck, den seine damalige so sehr unberatene Bemerkung über einen Mangel an Zärtlichkeit dem Kleinen gegenüber auf sie gemacht hatte, war, wie er in die sonstige innere Unruhe hineingefallen war, aus der sie seit dem Sommeraufenthalt nicht mehr herausgekommen, ein ungewöhnlich tiefgehender gewesen. Ja, es konnte sogar sein, daß er angefangen hatte, ihr selbst das eigentliche Wesen dieser »kultivierten Sensibilität«, die ihr eignen sollte, bewußter zu machen. Jedenfalls war das sympathische Band zwischen ihr und Robert seit jener verhängnisvollen Äußerung ein für allemal zum mindesten schon in einem sehr bedenklichen Grade gelockert. Es kam hinzu, daß das Verhältnis zu dem Kinde alle guten und wertvollen Seiten ihres Wesens in einer so entschiedenen Weise wieder zur Entfaltung gebracht hatte. Ihrem unmittelbarsten Empfinden, wenn auch noch nicht ganz ihrem bewußten Verstand, waren die ehelichen Zärtlichkeiten, die Robert ihr erwies, jetzt fast schon abstoßend ... Und weiter kam hinzu, daß seine Neigung zu hausbackener Theoretisiererei, die nichts anderem als einem ganz unfruchtbaren Vergnügen am dialektisierenden Sport entsprang, ihr nachgerade schon entschieden komisch war. Solch eine Komik kann ja nun wohl immer noch Nachsicht und so etwas wie Mitleid wecken: aber sie bedeutete doch, daß sie keine besondere Achtung vor Robert mehr besaß. Der Vergleich, in den sie ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft zu ihrem verstorbenen Vater gebracht, war jedenfalls ein für allemal gründlichst enttäuscht ... Doch gab es dann immerhin noch einen gewissen Übergang in ihren ehelichen Beziehungen, mit dem Robert für sein Teil sofort mehr als zufrieden war ... Bedrängt durch ihre eheliche Lage und dieses Verhältnis zu Robert, in das sie verstandesgemäß noch keinerlei rechte Klarheit zu bringen vermochte, geriet Cäcilie wieder in jene Unruhe, die Robert und seine Eltern als ihren eigentlichen Charakter mißverstanden. Sie zeigte Robert zwar zuweilen ein launisches und gereiztes Wesen, aber da es mit Mutterwitz geschah, so entzückte sie ihn nur; selbst wenn sie ihn gelegentlich schon aufzog. Gerade das mochte er gern. Denn sie konnte hinterher eine Art von Reue empfinden, die ihm zugute kam ... Nach außen hin verriet sich diese neuerliche Unruhe zunächst noch nicht in einer auffallenderen Weise. Sie bekümmerte sich zwar endgültig nicht mehr um die Wirtschaft, benutzte aber die freie Zeit, die ihr dadurch übrigblieb und die ihr das Kind ließ, das nachgerade übrigens doch eine Amme bekommen hatte, vorerst nur dazu ihre Sprachstudien weiterzutreiben. Allerdings ließ sie jetzt regelmäßig eine Französin und eine Engländerin ins Haus kommen, um sich in der Konversation zu vervollkommnen. Auch sonst vervollständigte sie ihre Bildung und ging auch wieder auf die Anregungen ein, die ihr der Verkehr mit der Frau Justizrat gab. Übrigens teilte sie die Ergebnisse dieser Studien Robert mit, und es bedeutete vielleicht eine gewisse feinere Art von Feindseligkeit, daß es ihr das größte Vergnügen machen konnte, ihm in der fremdsprachlichen Konversation überlegen zu sein. Denn Robert verstand von den neueren Sprachen nicht viel mehr als das herzlich wenige, das er davon auf dem Gymnasium gelernt hatte. Sich selbst aber aus eigenem Antrieb weiterzubilden, dazu war er zu bequem gewesen. Mit der Zeit aber bekümmerte sie sich auch um das Kind nur noch sehr wenig. Dafür fing sie an, viel in die Stadt zu fahren und einer Laune nachzugeben, in den Geschäften alle möglichen Einkäufe zu machen. Seltsamerweise bekundete sie dabei einen Trieb, sich auch damit Robert mitzuteilen. Je mehr er sich aber über das Vergnügen freute, das ihr die Einkäufe bedeuteten – oft und sogar meist handelte es sich um alles mögliche kostspielige Bric-à-Brac – um so mehr verlor sie sich an diese Art von Sport. Vor allem entwickelte sie aber mit einemmal, wie es schien, eine wahre Sucht nach Putz und Toiletten. Sie kaufte fertige Roben, die ihr gefielen, oder ließ sich welche in den Schneiderateliers anfertigen. Auch hier ließ sie Robert Anteil nehmen; und als er sich in diesem Falle ganz besonders freute, geriet sie in einen wahrhaft fieberhaften Übermut auf solche Dinge. Es war überhaupt kennzeichnend, daß sie in dieser Zeit sehr viel mit Robert sprach und stets in einer angeregten Tonart, mit einer Art lebhafter Fröhlichkeit, die zuweilen bis zu einer, wie Robert die Sache ansah, überaus entzückenden Ekstase ging. Diese Tonart schien ihr jetzt mehr und mehr zur anderen Natur werden zu wollen. Sie bezauberte mit ihr besonders auch ihren Schwiegervater, dem gegenüber ihre Liebenswürdigkeit allerdings eine echtere war. Doch auch auf Frau Voges machte sie Eindruck, so daß sich wirklich so etwas wie ein Verkehrsfuß zwischen den beiden Frauen ergab. Denn Cäcilie sprach reizend; und zum erstenmal »taute«, nach der Ansicht des alten Herrn, ihr angeborener Mutterwitz zu einer sehr anmutigen und schlagfertigen Geistreichigkeit auf. Besonders plänkelte sie in solcher Weise jetzt viel mit Robert. So putzsüchtig sie jetzt war, offenbarte sie doch zugleich einen erstaunlich guten und reizenden Geschmack. Gelegentlich hatte sie sich ein Teagown machen lassen. Sie trug sonst, allen früheren Versuchen der Frau Justizrat, sie dazu zu bekehren, zum Trotz, keine Reformtracht: aber für Teagowns liebte sie Reform. Es war ein herbstzeitlosenfarbenes Kleid, das sich nach unten in einer Weise, die ein wunderbar reizendes Zusammen antik-koischer Gewandung und französischer Rokokograzie war, mit vielen, zierlichen, plisseeartigen Falten ausbauschte. Im übrigen war das Kleid einfach und ohne weiteren besonderen Ausschmuck gehalten, wirkte fast nur durch das bezaubernde, feinbewegliche Spiel seiner Faltung, das Cäciliens wunderbar gegliederte Gestalt selbst dann noch verriet, wenn es sie verbarg. Dazu trug sie ihr reiches, weizenblondes Haar vom Scheitel aus lockig nach beiden Seiten hin gewellt und mit zwei aufstrebenden, in seinen seidigen Goldlichtern schimmernden Wellen an den Schläfen hinauf frisiert, während hinten seine Fülle von einer Spange gehalten wurde. Aus all dieser feinen, lichten Grazie aber blickten ihre Augen mit einer fast veilchenfarben dunklen Tiefe hervor und gaben die Richtungspunkte all dieser feingetönten Farbenwirkung und Bewegung. Sie hatte den Einfall gehabt, als dies Teagown fertig war und sie es zum erstenmal angelegt hatte, sich Robert in ihm zu zeigen. Der Anblick, den sie bot, war so hinreißend schön und anmutig, daß er Robert zuerst fast betroffen machte. Vielleicht trug der Umstand dazu bei, daß die Anordnung ihres Haares sich gleichsam als eine feine Stilisierung ihrer früheren ganz einfachen Haartracht bot. Sie hatte die Gewohnheit gehabt, ihr Haar von einem Mittelscheitel nach beiden Seiten gekämmt zu tragen und es schlicht über die Schläfen hin zu kämmen; eine Schlichtheit, der allerdings der Umstand, das ihr Haar von Natur zum Lockigen neigte, etwas unwillkürlich Krauses gegeben hatte. Doch im nächsten Augenblick gewann das Entzücken, das sie ihm gewährte, in Robert die Oberhand. In hingerissenster Begeisterung küßte er sich die Fingerspitzen und rief: »O Cecil, bist du schön!« Aber da geschah es, daß sie, ein weites Stück von ihm entfernt bei der Tür stehend, wohl eine ganze Minute lang stumm zu ihm herüberblickte. Regungslos stand sie; nur ihr Busen hob und senkte sich von sichtlich immer tiefer sich erregenden Atemzügen, während in ihren Augen, diesen tiefen veilchendunklen Augen, eine seltsam starre, fast bohrend starre, leuchtende Festigkeit war und ihren festgeschlossenen Mund zugleich irgendein leises, seltsames Lächeln umhauchte. Es war in diesem Augenblick nichts in Roberts Wesen, was an jenes hausbackene Meditieren und Theoretisieren erinnert hätte, das seine halb komische, zuweilen aber auch fast nicht recht zu ertragende Angewohnheit war: ganz war er der scharmante Lebemann, der in einem gewissen Sinne vorurteils- und reflexionsfreie Millionärssohn mit seinen gut erzogenen Manieren; und diesem Eindruck kam jene gewisse äußere Männlichkeit, die er von seinem Vater geerbt und die ihm damals Cäciliens Liebe gewonnen, zustatten. Und da kam plötzlich Bewegung in sie. Im Nu war sie, mit diesem hochatmenden Busen und mit hocherglühenden Wangen, bei ihm, hatte ihre schönen weißen Arme, von denen die weiten Ärmel des Teagowns zurückgeglitten waren, um seinen Hals geschlungen und küßte ihn mit so leidenschaftlicher Glut, wie er noch niemals von ihr geküßt worden war ... Von diesem Tage an aber hatte er für eine geraume Zeit eine Gattin, mit der er wahrhaftig »zufrieden« sein durfte ... Ja, es war ein ganz neues Erlebnis für ihn. Sie war wieder eine ganz andere und neue geworden. Die Liebe, die sie ihm gewährte, war ein so unbeschreibliches Zusammenspiel von der Liebe der »kultivierten« Kurtisane und der so tief und stark, so ganz hingegebenen Gattin, die Cäcilie Robert in den ersten Monaten ihrer Ehe gewesen war, und die er so verhängnisvoll wenig zu verstehen vermocht hatte ... Beide ahnten sie nicht, daß dieser neue »Liebesfrühling«, der ihm da »blühte«, nichts war als der Tod von Cäciliens letzter Neigung für Robert, der Abschied für immer ... * Doch zunächst »blühte« dieser »Lieblingsfrühling«, wie Robert es hieß. Denn auch er hatte sich in einer ganz bestimmten Hinsicht für Cäcilie verändert. Sein dialektisierendes Wesen pflegte ja zumeist nur dann zum Vorschein zu kommen, wenn sie jene Cäcilie war, die er nicht verstand, die ihn bedrückte, langweilte. Wie er aber jetzt war, schien diese abscheuliche Eigenschaft doch nur eine Angewohnheit, eine Pose gewesen zu fein. Jetzt war er ganz der Millionärssohn, der wirklich sehr scharmante Kerl. Cäcilie hatte auch schon deshalb mehr Gelegenheit, ihn als solchen kennenzulernen, weil man wieder in der Saison lebte und sie jetzt mit ihm an deren Zerstreuungen teilnahm. Aber es gab auch bestimmte andere Gelegenheiten, die ihn ihr noch unmittelbarer von dieser Seite her zeigten. Er gab hin und wieder bei sich Herrenabende, zu denen seine nächsten Freunde und sonstige Bekannte, Großkaufleute und auch Offiziere der Garnison geladen waren. Man war dann meist bei Champagner miteinander guter Dinge und heute wohl auch. Cäcilie hatte sich in ihrer jetzigen Stimmung, übrigens zu Roberts Freude auch für diese Herrenabende interessiert und nahm öfter an ihnen, als die einzige Dame, teil. Sie trank Champagner mit, rauchte eine Zigarette und nahm an der Unterhaltung teil. Manchmal machte sie sogar ein Jeuchen mit ... Man sprach zwar in der Stadt darüber, doch eigentlich nicht gerade in einem Cäcilie nachteiligen Sinn. Die Herren nannten sie eine »famose Frau« oder einen »prächtigen Kerl« und sprachen mit einer Achtung von ihr, mit der sich eine gute kameradschaftliche Zuneigung und Verehrung vereinte. Sie galt als Ausnahmenatur. Was aber die Damen anbetraf, so war es allgemein bekannt, daß sie mit Robert in einer sehr glücklichen Ehe lebte und mit welcher echt mütterlichen Hingabe sie ihr Kind pflegte, und so gewöhnten auch sie sich, sie eben als eine Ausnahmenatur anzusehen ... Es erhoben sich zwar in den Damenkreisen auch bedenkliche Stimmen, die aber im ganzen überhört wurden. Ihr Leben schien eine endgültig entscheidende Wendung genommen zu haben. Es schien, als ob sich die Cäcilie, die sie von Natur und Charakter war, resigniert hätte und ein für allemal jene andere geworden wäre, die Robert und seinen Eltern so gefiel. Doch in Wahrheit war nichts weniger der Fall als das. Vielmehr: ihre bisherige Unruhe hatte nur vorübergehend ihren Charakter geändert, war aber im übrigen dieselbe geblieben. Und zwar äußerte sich das zunächst damit, daß sie anfing, ernstlich nervös zu werden ... Als sie sich von diesen und jenen auffallenderen Nervenbelästigungen her dessen bewußt wurde, übermannte sie ein wunderliches instinktives Erschrecken, eine Angst, die gleichsam ein unwillkürliches Stutzen ihres besten und wertvollsten Selbsterhaltungstriebes bedeutete. Sie fand zunächst, daß sie sich mehr und gesündere körperliche Bewegung machen müßte, und so kam sie eines Tages auf den sonderbaren, im übrigen aber für ihr eigentliches Wesen vielleicht kennzeichnenden Einfall, sie wolle reiten lernen. Robert war, als sie ihm das mitteilte, zuerst nicht recht einverstanden. »Cecil,« wandte er ein, »man wird darüber reden! Ich glaube, es wird zuviel Aufsehen machen. Es ist eine zu große Seltenheit, daß eine von unseren Damen reitet.« »Aber was denn!« beharrte sie gereizt. »Sie fahren allerdings lieber Equipage. Oder das neueste: Automobil. – Sie wissen doch schon, daß ich ein Original bin, daß ich mit euch gezecht und gejeut habe. Ich denke, sie werden's auch ertragen, wenn sie mich spazierenreiten sehen. Außerdem aber: ich tu's doch meiner Gesundheit wegen? Der Arzt kann mir's ja noch extra empfehlen; dann wird ja doch wohl alles in Ordnung sein.« Sie erreichte wirklich, daß sie Reitunterricht nehmen konnte. Sie betrieb ihn mit Eifer und Hingabe und mit drängender Ungeduld. Denn sie hatte eine wahre Gier darauf, ihren ersten und selbständigen Weitritt zu unternehmen. Auch an den Gesellschaften nahm sie jetzt, wie Robert meinte, mit Hingabe und ganz besonderem Glück teil. »Was sie für ein merkwürdig vielseitiger Charakter ist!« dachte er. Indessen wurde sie ihm gegenüber, der das freilich mit dem Umstand entschuldigte, daß sie ja an den Nerven litt, von Tag zu Tag launischer und gereizter. Einer ihrer harmloseren Einfälle – er gefiel ihm sehr – war der, daß sie Robert eines Tages aufgefordert hatte, sie doch wieder einmal zu einem solchen Souper zu zweien in das gleiche Lokal zu führen, wo sie damals, als sie sich kennengelernt, soupiert hatten. Er hatte dann aber sehr zu bereuen gehabt, diesem Wunsche nachgegeben zu haben. Denn Cäcilie hatte sich gegen Ende des Zusammenseins immer stummer und seltsamer und, Gott mochte wissen aus welchem Grunde, verstimmter und geradezu langweilig benommen. Und schließlich hatte sie noch vor der Zeit fast bös und in ungnädiger Laune zum Aufbruch gedrängt... * Seinen Höhepunkt erreichte dieser unruhige Zustand aber mit einem intimeren Verkehr, in den sie in letzter Zeit mit Helene Vorberg gekommen war. Mit diesem Verkehr drohte ihr schon eine ernstlichere Gefahr. Helene galt nicht gerade mit Unrecht für ein eigenartiges, ungewöhnlich begabtes Mädchen, das außerdem also, wie es heißt, in gewisser Hinsicht »den Teufel im Leibe« hatte. Ihr kühles, schillerndes Wesen, ihre Klugheit, ihr bis zum Spitzfindigen fein spürender Verstand, ihre vielseitigeren geistigen Beschäftigungen, eine aparte Distanz, in der sie sich zu halten wußte, ihre unermüdliche Zähigkeit, wenn es galt, nach irgendeiner Richtung hin seinen Willen durchzusetzen, die dabei bis zur entschiedensten Vorurteilslosigkeit gehen konnte, und das, was an ihr festbestimmter Charakter zu sein schien, hatten von Anfang an auf Cäcilie Eindruck gemacht. Weniger freilich, weil sie all diese Eigenschaften Helenes mit dem Verstand abzuschätzen imstande gewesen oder weil sie ganz und gar so besonders sympathisch von ihnen berührt worden wäre – eigentlich war eher das Gegenteil der Fall –, aber ein geprägter Charakter zog hier immerhin den anderen an ... Helene Vorberg aber hatte es schon von jeher auf Cäcilie abgesehen gehabt. Mehr als einmal hatte sie versucht, ihren Umgang mit ihr zu einem vertrauteren werden zu lassen, doch war Cäcilie damals zu sehr mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen; auch hatte sie sich, bevor ihr unruhiger Zustand zu seiner eigentlichen Entwicklung gelangt war, von Helene eher abgestoßen als zu ihr hingezogen gefühlt. Aber Helene war eine Natur, die abwarten konnte ... Der innere Anlaß, daß jetzt endlich doch ein vertrauterer Verkehr zwischen Cäcilie und Helene zustande kam, lag in Cäciliens Zustand, der sich ja bis zu einem gewissen Grade Helenens Wesen angenähert hatte. Der äußere aber hatte sich damit ergeben, daß Helene gut das Französische und Englische beherrschte, und daß Cäcilie deshalb angefangen hatte, regelmäßig mit ihr zu konversieren. Das merkwürdige Mädchen schien Cäcilie wirklich schon seit langem eine leidenschaftliche Neigung zugewandt zu haben. Schon als sie das erste »Du« miteinander ausgetauscht, hatte sie unter ihrem wunderlichen trillernden Lachen und, sie die ältere von beiden, mit jener Märchenhaftigkeit, die in einem so sonderbaren Gegensatz zu ihren eigentlichen Eigenschaften stand, Cäcilie umarmt und hatte sie in einer schnellen, wie pickenden oder stechenden Weise geküßt und ausgerufen: »O Cäcilie, wie sehr, sehr glücklich ich bin! – Immer, immer hab' ich dich geliebt, und ich habe so gelitten, daß ich dir nicht näherkommen durfte! Du hast soviel Herz, soviel Wärme, soviel warmes, starkes, gesundes, ernstes Gemüt! – O doch! Herz hast du! Ich weiß, ich weiß das: Herz! – Ich weiß ganz genau, wie du im Grunde bist. – Sie sagen, ich hätte kein Gemüt oder keinen Sinn für Gemüt; ich habe das sogar schon selber manchmal geglaubt: aber es ist nicht wahr; es ist nicht wahr! Und das habe ich erst durch die Berührung mit dir erfahren. Und darüber freue ich mich ja so unsagbar!« Cäcilie hatte zu diesem Ausbruch geschwiegen. Fast war sie durch ihn erschreckt worden. Helenes helle, schillernd bewegliche Stimme, ihr trillerndes Lachen, das sie niemals recht verstehen konnte, der sonderbar starre, undurchdringliche und zugleich kluge Ausdruck ihrer goldbraunen Augen, der Umstand bei alledem, daß Helene die Ältere und viel Intelligentere, Klügere, Reifere von ihnen beiden war, hatte sie bang gemacht. Sie wußte zwar, daß man in den Kreisen, in die sie durch ihre Ehe eingetreten war, in seinen gegenseitigen Liebenswürdigkeiten in solcher Weise lebhaft und, wie sie es beurteilte, »exaltiert« ist, aber sie fühlte sich doch außerstande, auf diese Weise einzugehen ... Helene hatte sich übrigens durch die stumme Zurückweisung, die Cäcilie ihren freundschaftlichen Zärtlichkeitsausbrüchen anfangs entgegengebracht, nicht im geringsten verstimmen lassen, sondern sich ihrer ohne weiteres enthalten. Um so mehr, als Cäcilie sonst in ihrem augenblicklichen unruhigen Zustand einen im übrigen rückhaltslosen Verkehr mit ihr pflegte. So waren sie denn sehr oft beisammen, und Cäcilie empfand schließlich ein direktes Bedürfnis nach diesen Zusammenkünften zu zweien. Sie hatten sich bestimmte Teestunden eingerichtet, in denen sie zum Tee echt russische Zigaretten von kleinem dicken Format ohne Mundstück rauchten und petits fours knabberten. Meistens fanden diese Teestunden bei Cäcilie, seltener in der Stadt bei Helene statt. Am Spätnachmittag eines Apriltages waren sie wieder einmal bei Cäcilie zu solch einer Teestunde zusammen. Cäcilie hatte solch ein Teagown an, in denen sie Robert so besonders gefiel. Der Tag war sonnig und die Luft mild. Sie hatten die Fenster offen, und man sah draußen in der Sonne die Frühlingsblumen auf ihren Beeten und Rabatten, und im Hintergrunde schimmerte der Strom, von dem das Schnarren eines Kettendampfers herüberschallte. Am jenseitigen Ufer zog sich die Silhouette der Stadt hin, die schon, abendlich dunkelnd, sich vom mattblauen Himmel abhob. Sie hatten etwas Englisch miteinander konversiert, über Kunstgegenstände gesprochen – Helene hatte hier einen etwas aparten Geschmack, der Cäcilie nicht recht zugänglich war und sie dennoch beschäftigte – und sich über ein Buch unterhalten, auf das Helene Cäcilie aufmerksam gemacht hatte. Jetzt aber feierten sie, in nachdenklicherer Stimmung, so etwas wie eine Frühlingsabenddunkelstunde. »Ich habe dich gestern vormittag auf dem Stromanger reiten sehen«, unterbrach Helene das Schweigen. Sie hatte, den Kopf mit seinem kapriziös lockigen Blondhaar zurückgeworfen, ihre sonderbaren Augen liderverhangen, mit einer Art von blasiertem Ernst den Blick gegen das Fenster gerichtet, vor sich hingeträumt. »Cilli, es war herrlich!« Trotz des Enthusiasmus, mit dem sie diesen Ausbruch hervorbrachte, hatte sie ihren Blick nicht von dem Fenster entfernt. »Wie du so im Galopp den langen, flachen Anger hinunterfuhrst! – Wie schnell du's gelernt hast!« »Aber ich hatte ja solche Lust dazu.« »Ich hätte für den Augenblick sonst was dafür gegeben, mitzuhalten. Zum erstenmal in meinem Leben, daß mir diese Anwandlung kam«, fuhr Helene fort, scheinbar ohne Cäciliens Worte zu beachten. »Aber weshalb hast du denn noch nicht reiten gelernt?« Cäcilie hatte das »du« betont. »Ich ... Warum?« ... antwortete Helene zerstreut. »Ach, ich verstehe mich doch überhaupt nicht auf Sport.« Sie ließ ihr trillerndes Lachen hören. Plötzlich aber wandte sie ihren starren, goldbraunen Blick zu Cäcilie hin. »Da überschätzt du mich, Cilli! Ich bin direkt zu faul dazu. Mit Müh' und Not ein bißchen Tennis oder Krocket. – ›Lust dazu gehabt.‹ ... N.. nein, es ist noch was anderes, was ich meine.« Sie lachte und fixierte Cäcilie einige Zeit. Als sie aber wahrnahm, daß Cäcilie durch ihren Blick beunruhigt wurde, wandte sie ihn ab und fuhr in ihrem schillernden, lachenden Plauderton fort: »Du bist so gesund. Du hast soviel Gemüt. – Nein, Cilli, wie herrlich du zu Pferde aussiehst! Rank und geschmeidig wie eine Gerte! Nie hab' ich so empfunden, daß du glücklich bist! Gerade so muß sich das bei dir äußern!« »Aber ich habe ja eigentlich halb und halb meiner Gesundheit wegen reiten gelernt«, äußerte Cäcilie zerstreut. »Halb und halb.« Helene lachte. »Aber denkst du denn wirklich, daß du nervös bist, Cilli? Das ist doch Unsinn. – Sieh', ich glaube überhaupt nicht, daß es Nerven gibt.« Sie kniff die Lider zusammen und blies mit einem hörbaren Laut den Rauch ihrer Zigarette in einem langen, geraden Streifen vor sich hin, der plötzlich eine Lungenkraft verriet, die man ihrer schmächtigen Schlankheit kaum zugetraut hätte. »Wie denn: keine Nerven?« fragte Cäcilie naiv. Helene ließ ihr trillerndes Lachen hören. »Aber einfach: es ist der Übergang! Du fängst an zu leben! – Hihihi! – Ach nein, bist du närrisch! Nerven! Cilli mit den Nerven! Nächstens wirst du in eine Kaltwasserheilanstalt gehen müssen. Nicht wahr? Nein, sag' mal: hast du schon mal Whisky getrunken?« »Whisky?« fragte Cäcilie ungewiß. »Ja, ich glaube in Norderney gelegentlich mal.« »Na, so ein Nippgläschen! – Aber hast du schon mal einen Whiskyrausch gehabt?« »Nein.« Cäcilie lachte. In ihren Augen war ein sonderbares Funkeln. »Oder hast du schon mal Eau de Cologne getrunken?« »Aber wie denn? Kann man denn Eau de Cologne – trinken?« »Wie?! Na warte!« Helene war aufgesprungen und zur Tür hingeeilt, wo sie den elektrischen Knopf in Bewegung setzte. Als das Mädchen erschien, forderte sie es auf, der gnädigen Frau aus dem Schlafzimmer die Eau-de-Cologne-Flasche zu bringen. »Aber natürlich kann man Eau de Cologne trinken, du Mamachen!« lachte Helene, während sie, die Zigarette im Mundwinkel, mit wunderlich gekniffenen Augen zu ihrem Sessel zurückkam. »Ich: wie ein Russe!« »Aber schadet dir das denn nichts?« »Aber Mamachen!« – Aus irgendeinem Grunde wiederholte sie diese Benennung. »Was heißt denn schaden? – Nein, was du für Begriffe hast! Schaden! – Hihihi! – Weißt du, ich hab' manchmal so was im Leib, das will dann einfach Whisky oder Eau de Cologne, und dann geb' ich's ihm. Es muß doch am besten wissen, was es braucht?« Unter diesen Worten erschien das Mädchen und brachte eine Flasche Eau de Cologne von größtem Format, die es auf den Tisch setzte. Helene ergriff die Flasche, die noch so gut wie voll war, entkorkte sie und schüttete ihre Teetasse, eine flachbreite japanische Teetasse, gut halb voll Eau de Cologne. »Sieh', so macht man das!« rief sie dann lachend, führte die Tasse an den Mund und trank. »Na, willst du mal probieren?« »Ja, gib doch!« rief Cäcilie und streckte den Arm lachend und mit funkelnden Augen der Flasche entgegen, die Helene ihr reichte. Sie goß etwas von der Eau de Cologne in die Untertasse und trank. »Nun?« »Oh, es schmeckt ganz gut«, lachte sie »Nun?« wiederholte Helene in einem kurzen, intelligenten Ton, halb unbewußt diesmal. »Ja, ja, es – tut gut«, antwortete Cäcilie, die, die Arme unterm Kopf verschränkt, auf der Chaiselongue lag, während sie Helene zusah, die sich noch einmal eingoß und trank. Es fiel Cäcilie auf, daß Helene jetzt schneller und hinter geschlossenen Augen atmete. Sie saß in ihrem Sessel zurückgelehnt, die Augen geschlossen und strich sich, den Ellbogen seitwärts gespreizt, mit etwas zitternder Hand langsam über das Haar. Und in dieser Haltung sagte sie plötzlich, wunderlich zwischen zusammengeknirschten Zahnen durch: »Paß auf! Ich werde dir was vorspielen.« Einen Moment saß sie noch in dieser wunderlichen Weise da, plötzlich aber fuhr sie mit einem jähen Ruck, die Augen starr geöffnet, auf, stürzte zum Flügel hin, öffnete und ließ sich nieder. Einen Moment starrte sie, die Lippen fest zusammengekniffen, vor sich hin auf die Klaviatur, mit einem Ausdruck, als nähme sie einen krampfhaft gespannten Anlauf, dann aber setzte sie an und begann die ungarische Rhapsodie von Liszt zu spielen. Sie spielte das Stück völlig fehlerfrei und mit ungewöhnlich feurigem, intelligentem Temperament von Anfang bis zu Ende herunter. »Na?« wandte sie sich dann gegen Cäcilie hin, mit einer ein wenig schweren, aber im übrigen ganz präzisen Stimme. »Hast du bemerkt, daß ich einen Rausch habe–? Hast du gemerkt, daß mir schwindlig war?« »Aber wie konntest du denn das da spielen, wenn dir schwindlig war?« fragte Cäcilie erstaunt. »Es hat mich furchtbar angegriffen. Es ist so furchtbar lebhaft.« Helene antwortete nur mit ihrem trillernden Lachen, während sie mit völlig sicheren, nur etwas nervös belebten Bewegungen wieder zum Teetisch zurückkam, wo sie sich niederließ und eine frische Zigarette ansteckte. »Sieh' mal: sogar noch eine Zigarette!« lachte sie. »Warst du neulich in dem Vortrag über Kultur und Nerven?« Cäcilie bejahte. »Na ja, aber ...« Helene griff noch einmal nach der Eau-de-Cologne-Flasche und nahm sich noch einen kleinen Schuß. »Aber Lene!« rief Cäcilie. Doch sie lachte. »Aber was denn!« Helene trank. »Ja, na: er sprach doch darüber, daß wir im ›Zeitalter der Nervosität‹ lebten, daß Nervosität aber durchaus nicht einseitig Krankheit wäre. sondern daß sich in unserem Zeitalter das Nervensystem veränderte oder sich schon verändert hätte. Wir wären nur noch zu hypochondrisch, weil wir uns damit noch nicht auskennten.–Ich sprach nachher mit Otho darüber. Der weiß ja mit all solchen Sachen Bescheid. Er sagte, es wäre ganz richtig von mir, wenn ich Stimulantien und Narkotika nähme, weil ich einen entschiedenen Instinkt dafür hätte. Er meint, es würde sich dann schon eine Krise einstellen. Er hat mir direkt geraten, alles mögliche durchzuprobieren und meinem Appetit nachzugeben.« »Ach, das hat er dir gesagt?!« fragte Cäcilie, mit einem unwillkürlich entrüsteten Schreck. »Ja, ja, tatsächlich! Er meint, daß mein Nervensystem sich schon kulturell angepaßt hätte. Er sprach ja von einem wissenschaftlichen Aufsatze, den er in einer französischen Zeitschrift gelesen hat. Danach bekämen wir direkt Bedürfnis nach einer anderen Ernährung, z. B. durch Spirituosen.« »Ach nein, ich meine: er hat dir geraten, alles mögliche auszuprobieren?« »Aber ja!–Tatsächlich!« Cäcilie ließ ein sonderbares Lachen hören. Plötzlich aber reckte sie den Arm nach der Eau-de-Cologne-Flasche hin, und mit roten Wangen und blitzenden Augen schenkte sie sich von der Eau de Cologne ein und trank mit einem Zug leer ... Eines Tages waren sie auf den Einfall gekommen, Pekkotee zu rauchen. Das war wohl der neueste Damensport der Londoner »obersten Tausend«. Auch Helene hatte ihn ganz vor kurzem erst in Erfahrung gebracht. Sie rauchten den Pekko, als sie wieder einmal bei Cäcilie zusammen waren, aus zierlichen Shagpfeifchen. Es war ein wunderbar angenehmer Geschmack und zwang den Nerven und dem Gehirn ein gleichmäßig heiteres Wohlgefühl auf, die Stimmung einer paradiesischen Harmonie, und belebte zugleich in ganz besonderer Weise die Geisteskräfte. Sie betrachteten miteinander Kunstblätter; besonders das Album eines bedeutenden belgischen Malers du Feu, das Helene mitgebracht hatte. Eine außerordentlich sensibel differenzierte Zeichnung und ein unerhört vollkommenes und apartes Farbenraffinement. Meist galante Sachen, Schickdamen usw. Auch Cäcilie hatte unter der Einwirkung des Pekko zum erstenmal von etwas dergleichen einen sehr beweglich und fein eindringlichen Genuß. Auch als Helene ihr nachher einige Sachen von Chopin vorspielte. Unter diesem Musikvortrag ereignete sich nun aber, daß Robert eintrat. Er war zufällig gerade nach Hause gekommen und hatte draußen das Spiel gehört. »Das duftet ja hier so köstlich? Was raucht ihr denn da?« erkundigte er sich. »Pekko!« antwortete Helene unter ihrem trillernden Lachen. »Ach was?! Pekkotee?!« lachte er. »Pekkotee, yes! Kennen Sie noch nicht. Das Allerneueste aus London.« »Ach nein!–Darf ich mir mal ein Pfeifchen anstecken?« »Bitte.« Er war an den Teetisch herangetreten und nahm jetzt eins von den Reservepfeifchen, das er sich voll Pekko stopfte. Cäcilie hatte jede seiner Bewegungen aufmerksam beobachtet. Sie saß in einer Haltung, in der Robert sie noch niemals gesehen, auf der Chaiselongue. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, hatte sie beide Beine, die Füße auf der Chaiselongue, an den Leib gezogen und, die Hände gefaltet, beide Arme um die engzusammengedrückten Knie geschlungen. Dazu hatte sie das Pfeifchen im Munde und rauchte, hin und wieder den Rauch durch die Nasenlöcher stoßend, während ihre Blicke mit einem stumm und starr lachenden Funkeln an Robert hafteten. Robert hatte eben das Pfeifchen angezündet und zu rauchen angefangen, als sie plötzlich in ein lautes Lachen ausbrach und rief: »Lene! Lene! Er kostet Pekkotee! Er kostet unsern Pekkotee!« Robert, von ihrer Munterkeit angenehm berührt, lächelte ihr über das Pfeifchen hin gemütlich zu. Sie beobachtete dieses gemütlich gutmütige Lächeln eine Zeitlang mit starren Augen: plötzlich aber warf sie sich mit dem Gesicht vornüber lang auf die Chaiselongue hin und brach in ein geradezu tolles Lachen aus; in ein Lachen, das sich fast schon wie ein Lachkrampf ausnahm ... Aber dieser Verkehr mit Helene bedeutete nur einen verhältnismäßig kurzen Übergang in Cäciliens Zustand. Mit Schreck erwachte sie eines Tages aus diesen gefährlichen Betäubungen; und jetzt verfiel sie in eine Art von Müdigkeit, in eine dumpfe Versunkenheit, bis diese aus sich selbst als neue Unruhe auffuhr. Doch eine gute Unruhe, die sich als verständiger Tätigkeitstrieb äußerte. Als sie gelegentlich draußen in der Fabrikvorstadt Mama einen Besuch gemacht hatte, die wieder einmal an ihrem nervösen Kopfschmerz litt, kam sie auf den Gedanken, die Frau Justizrat aufzusuchen und sie zu bitten, sie wieder in Frauenbundangelegenheiten zu beschäftigen. Von da an leistete sie für den Frauenbund jede Arbeit und selbst die schwierigste und unangenehmste. In schlichter Kleidung bediente sie in den Volksküchen und Kaffeebuden, gab gelegentlich Unterricht in der Blindenanstalt, widmete sich der Armen- und Krankenpflege und übte sonst allerlei schwieriges Wohltätigkeitswerk. Robert verwunderte sich über diese plötzliche »Anwandlung« und machte ihr Vorhaltungen, die Cäcilie aber mit stummem Widerstand zurückwies. Es beunruhigte ihn, daß sie wieder ganz in jenes Wesen hineinzugeraten schien, für das ihm jedes Verständnis abging. Sie war wieder im Begriff, »langweilig« zu werden. Sie war still und in sich gekehrt, ernst, und hielt sich außerdem von Robert möglichst fern. Dabei bekümmerte sie sich aber auch jetzt nicht mehr um das Hauswesen, noch auch um den Kleinen ... Was Robert aber ganz besonders beunruhigte, war der Umstand, daß sie sich im ehelichen Verkehr gänzlich gleichgültig zu zeigen anfing. Es schien sich geradezu eine »Veränderung in ihrem physischen Wesen« vollzogen zu haben. Dieser neuerliche Zustand zog sich bis in den Herbst hinein weiter. Doch wechselte er mit nervösen Anfällen. Ganz besonders, bis zu Angstzuständen, hatte sie sich nervös gezeigt während des Sommeraufenthaltes, den sie diesmal in der Schweiz genommen hatten. Sie hatte Augenblicke gehabt, wo ihr die Hochgebirgsluft, die weiten Täler und der Anblick der Berge geradezu unerträglich geworden waren. Ihr Verkehr mit Helene hatte diesen Zustand noch dadurch verwickelt, daß er ihr die Augen zu öffnen anfing für den Unterschied, in dem ihr ehelicher Verkehr mit Robert während der ersten Monate ihrer Ehe zu dem stand, den sie jetzt mit ihm führte. Nie zwar hatte sie es über sich gebracht, mit Helene über die vertrauteren Angelegenheiten ihrer Ehe zu sprechen, wohl aber hatten ihr Helenens Ansichten und exzentrische Neigungen, hatte ihr der unüberbrückbare Gegensatz, der zwischen Helenens und ihrem Wesen bestand, einen Maßstab gegeben, an welchem sie Roberts Verhalten erst zu verstehen und zu beurteilen lernte. Und nun überkam sie zum erstenmal so etwas wie eine Angst vor ihrer Lage und der Zukunft. Die Welt, in der sie lebte, Robert, seine Mutter, selbst ihr Schwiegervater waren ihrem Empfinden mit einem Male so seltsam entglitten, gleichsam – genau so fühlte sie es – zu Helene und ihrer Art, das Leben zu nehmen und zu leben, hin entglitten. Sie fühlte sich plötzlich in einer völligen Einsamkeit, ohne jeden wärmeren Zusammenhang mit ihren Angehörigen mehr ... In dieser wichtigen Wende ihres inneren Zustandes geschah es aber, daß sie an einem Spätherbstnachmittag einen Ritt den Stromanger hinab unternahm. Das Wetter war trüb, trocken und windig. Aber gerade so hatte ihr es für diesen Ritt zugesagt. Den ganzen Tag über hatte sie sich mit ihren Gedanken herumgequält. Ihre Liebe zu Robert war endgültig erstorben. Es bedeutete ihr noch einen Trost, daß auch er angefangen hatte, sie in Ruhe zu lassen. Aber was sollte daraus werden? Niemals würde er ihr wieder werden können, was er ihr damals gewesen. Das war gänzlich unmöglich. Wie aber war eine solche Zukunft zu ertragen? Was sollte aus ihr selbst dabei werden? Hier erstarrten ihre Gedanken in ein undurchdringliches Dunkel hinein ... Die Entschädigungen, die ihr etwa ihre Stellung einer Millionärsgattin bieten würden? Sie dachte kaum an sie. Sie wußte nur, daß sie ihr nur etwas gewesen waren, solange sie Robert liebte oder wenigstens noch eine Spur von Liebe und Neigung zu ihm gefühlt hatte; im übrigen aber waren sie ihr nicht im entferntesten das geworden, was ihre früheren Mädchenträume von dergleichen erhofft und geschwärmt hatten. Wenn sie hätte werden können, wie Helene Vorberg war! Aber in diesem Gedanken war für sie nachgerade schon ein wahres Grauen. Das würde eine Betäubung sein, von der ihr sicherster Instinkt fühlte, daß sie nur zu ihrem Untergang führen konnte. Für Helene mochte ja das Leben, das sie führte, keine Betäubung sein; sie war eben ein solcher Charakter, daß so ein Leben ihr Element war ... Seltsamerweise wollte ihr aber auch der Gedanke an ihr Kind keinen Trost gewähren. Sie hatte sich so lange nicht mehr um den Kleinen bekümmert, hatte ihn nur immer fremder Aufwartung überlassen. Aber das Ausschlaggebende war, daß das Kind, das prächtig gedieh, der gehätschelte Liebling der Familie geworden war. Und so war ihr der Kleine mit dieser Familie entglitten. Für ihr Empfinden gehörte er zu ihnen, hatte mit ihr nichts mehr zu tun ... Mit einem förmlichen Angst-, so etwas wie einem Fluchtgefühl hatte sie das Pferd satteln lassen und war ausgeritten. In einer wunderlichen, wie von allen ihren bisherigen Lebensverhältnissen – denn was sollte Mama von ihr denken, daß die Dinge eine solche Wendung genommen hatten? Es war ausgeschlossen, daß sie bei Mama jemals ein Verständnis für ihre Lage finden konnte – abgebundenen, ausgeschiedenen Empfindung von Heimatlosigkeit und wilder Freiheit – in ein dunkles Ungefähr hinein gab sie dem Pferd die Sporen und sprengte in wilder Flucht den endlosen Reitweg hinab in der der Villenvorstadt entgegengesetzten Richtung, wo sie der Ritt später über einen Park hinaus noch über lange Stromwiesenweiten hinführen sollte. Die große Einsamkeit, die hier draußen herrschte, empfing sie mit ihrem Schauer. Auf dem weiten Anger, der der Garnison als Exerzierplatz diente, war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Auch nicht auf der Promenade, die neben dem Reitweg her am Strom hin zum Park hinausführte, der ein beliebter Ausflugsort für die Stadtbewohner war. Kein Laut, als das Sausen des Windes in den Eschen und deutschen Pappeln, die streckenweise den Reitweg flankierten, das Rascheln der gelben Schwärme des welken Laubes, die der Wind von den Bäumen herab auf die graugrüne, von den schweren Wolken verdüsterte Angerfläche hinauswirbelte, und das Schnauben ihrer Fuchsstute. In die trüb gelbgraue Masse des Stromes sprangen aus dem Weidendickicht hervor, das die Böschung des Dammes überwucherte, still, starr und beinfahl die Steinmolen hinein. Man hat Augenblicke vollständiger innerer Ratlosigkeit, die einen auf die äußerste Probe seiner selbst stellen, einen aber gerade damit den sichersten Aufschluß über seine Zukunft geben oder sogar darüber, ob man noch eine Zukunft haben kann. Es kann in solchen Augenblicken einer äußersten seelischen Krise unter Umständen aber wohl geschehen – und es gibt Naturen, denen gerade dieses seltsame Erlebnis zu begegnen pflegt –, daß auch von außen her das Geschick, das einen erharrte, uns entgegentritt und in unser Leben eingreift: als hätten zwei Mächte, hätte man und hätte das Geschick von zwei Seiten her einander mit unausweichlicher Notwendigkeit entgegenstrebt, um in der Krisis dieses äußersten Augenblickes sich zu begegnen ... Genau das war es, was Cäcilie während dieses Nachmittagsrittes erleben sollte ... Sie hatte das Ende des Angers erreicht, den ein hoher Eisenbahndamm abschloß. Sie ritt jetzt im Paßschritt unter den Bogen einer großen eisernen Brücke hindurch, die über den Strom hinüberführte und hier in den Damm überging. Dann gelangte sie an einem umbuschten Teich vorbei, der bis an die Sohle des Dammes heranreichte, in den ihr gut bekannten schönen alten Park, der sich weit am Strom hinzog, um dann in das Wiesengelände überzugehen, auf dem im Sommer Pferderennen veranstaltet zu werden pflegten. Der Reitweg, der in einiger Entfernung einen scharfen Bogen machte, führte zunächst ziemlich lange durch einen Birkenhain hin. Cäcilie ließ ihre Stute langsam gehen. Der Hain tat ihr unwillkürlich wohl und heiterte sie auf. Inmitten all der grauen Trübnis des stürmischen Nachmittags machte er mit seinen schlanken, geraden, hohen Stämmen einen Eindruck von Stille. Dazu schufen den Nerven die weiße Farbe der Stämme und das lichtbernsteingelbe Laub der Kronen so etwas wie eine Empfindung von Sonnenschein. Und es hatte etwas Liebliches und Lachendes, wie die vielen Stämme in den Hintergründen ineinandergingen, einen Waldboden zwischen sich, dessen von dem gelben Laub wie mit sonnigen Lichtflecken gesprenkelter, ziemlich hoher Graswuchs etwas Reines und wie besonders Gepflegtes zeigte. Hin und wieder rauschten die Hufe der Stute durch die dicht zusammengewehten Laubhaufen, zwischen denen das herzhaft tiefe Braun des Reitweges hervorsah und seinen Erdgeruch emporhauchte. Als sie sich aber so ziemlich der Stelle genähert hatte, wo der Reitweg die Biegung machte, fuhr sie mit einem kleinen Schreck zusammen. Um die Biegung herum tauchte mit einem Male, gleichfalls langsam reitend, ein Reiter auf, dessen Eindruck sie auf der Stelle traf. Es war ein Offizier. Was Cäcilie auf der Stelle verwunderte: ein Husarenoffizier. Ein blauer Husar. In der Garnison lagen aber keine Husaren. Nur Infanterie, Artillerie und Train. Eine schlanke, aristokratische Gestalt, von so vollkommener Haltung, wie sie sie bisher noch kaum an einem Offizier der Garnison kennengelernt hatte. Er mochte über die Mitte der Zwanziger hinaus sein. Vor allem war es aber der Ausdruck seines Gesichtes, von dem sie sich sogleich in ganz eigener Weise berührt fühlte. Ein wettergebräuntes Gesicht mit einer Adlernase, einem schwarzen Schnurrbärtchen und einer hohen Stirn. In diesem Gesicht zwei lichtblaue Augen, die sie mit einem sehr wohltuenden Ausdruck wie von stumm fragender Bescheidenheit auf sich gerichtet fühlte. Es war nicht sowohl die Überraschung über die so plötzliche, so ganz unvermutete Begegnung, wie vor allem dieser Blick, der Cäcilie in ihrem augenblicklichen Zustand sofort bis ins Innerste berührte, ihr das Blut in die Wangen trieb und ein Herzpochen verursachte. Der Offizier legte im Vorbei zu höflichem Gruß die Hand an die Mütze. Im Begriff nun aber, um die Biegung herumzureiten, wandte sie sich unwillkürlich noch einmal. Und im selben Augenblick wandte auch er noch einmal das Gesicht nach ihr zurück. Beide kehrten, wie ertappt, sofort den Blick wieder ab. Um die Biegung herumzukommen, setzte Cäcilie die Stute in scharfen Trab. Ein sonderbarer, herzpochender Schreck war es, vor dem sie gleichsam zu fliehen suchte. Ein plötzlicher Zustand, der wie ein staunendes inneres Auflauschen war. Zwei Augen, ein Mensch, ein Charakter, ein Mann hatten sie angerufen, hatten sich ihr tief und unverwischbar in die Seele gesenkt. – – – Als sie am Abend mit Robert beim Abendessen zusammen war, fragte sie ihn: »Kennst du vielleicht den Husarenoffizier, dem ich heute bei meinem Nachmittagsritt draußen im Park begegnet bin?« »Ein Husarenoffizier? – Ach so! Ja, ein blauer Husar, nicht wahr? Oberleutnant Freiherr von Löhr. Er ist zum Stab des Oberkommandierenden kommandiert. Er ist kaum acht Tage hier. Otho Vorberg hat mir übrigens zufällig erst heut vormittag von ihm gesprochen, sonst könnt' ich dir nicht mal Auskunft geben.« »Ach, heut – vormittag?« »Ja. – Hat er dir gefallen?« lachte Robert. »Ich denke, schon in den nächsten vier Wochen kannst du gut und gern das Vergnügen haben, dich von ihm zu Tisch führen zu lassen ...« * Auch auf Helmut von Löhr hatte der Gedanke einen tieferen Eindruck gemacht, daß diese so ungewöhnlich schöne junge Dame, der er da begegnet, eine Dame der Gesellschaft war, mit der er schon in allernächster Zeit irgendwo zusammentreffen konnte ... Doch war in diesem Gedanken nichts weniger als die Anwandlung eines Lebemannes gewesen. Er galt unter den Kameraden, wenn auch für keinen Spielverderber, so doch eher für etwas zu solide, was mit seinem starken militärischen Ehrgeiz in Zusammenhang gebracht wurde. Es galt für ausgemacht, daß er eine bedeutende Laufbahn vor sich hatte. Doch befand man sich nicht im Recht, wenn man ihm, im Zusammenhang mit seinem ausgeprägten Ehrgeiz eine allzu strenge Starrheit seines Charakters nachsagte. Es lag seinem allerdings sehr bestimmt und sicher geprägten Wesen eine starke Romantik zugrunde, mit der Helmut von Löhr nicht nur den Begriff des Krieges verklärte – er war ein ausgesprochener Verherrlicher des Krieges –, sondern die ihm auch eine sehr hohe und reine Vorstellung von Weib und Weibeswert gab. Diese Charakteranlage war wohl der Grund, daß er dem Weib gegenüber noch unberührt war. Als ein solcher war er jetzt zum Stab des Oberkommandierenden beordert, der als ein hervorragender Stratege galt, und gerade zu diesem Zeitpunkt, der eine wichtige Wende seiner militärischen Laufbahn bedeutete, hatte er mit Cäcilie zusammentreffen und von ihr einen so tiefen Eindruck erfahren sollen ... Bald nach diesem ersten Zusammentreffen hatte er sie auf einer Abendgesellschaft bei Kommerzienrat Waentigs gesehen. In ihrem lichten Gesellschaftskleid, ihre weizenblonde, veilchenäugige Schönheit verklärt von dem Schmuck ihrer Brillanten, war sie ihm als die schönste und liebreizendste Dame der städtischen Gesellschaft erschienen, als die sie galt, und hatte ihn in eine tiefere Unruhe versetzt. Nicht verliebt, bedenklicher: als ein Liebender war er von jener Abendgesellschaft nach Hause zurückgekehrt. Und noch dazu mit der nagenden Unruhe eines Liebenden, der sich keine Hoffnung machen darf. Er fühlte, daß er Cäcilie niemals wiedersehen durfte, doch wie war das zu vermeiden? ... Und trotz allen Widerstandes seines gediegenen, ernst gerichteten Wesens wurde er außerdem der Sehnsucht nicht Herr, wieder mit ihr zusammenzutreffen. Um so weniger, als zum erstenmal in seinem Leben alle Macht seines unschuldigen Trieblebens auf ihn einstürmte. Doch auch mit Cäcilie hatte sich eine tiefe, plötzliche Veränderung vollzogen. Sie fühlte sich nicht mehr allein. Die Angst vor ihrem jetzt so tief vereinsamten Zustand, der sich in letzter Zeit zuweilen bis zu einem jähen Entsetzen gesteigert hatte, war einer warm aufpulsenden Erregung gewichen, die keine Unruhe mehr bedeutete, sondern einen tief in sich gesammelten Lebenstrieb. Da sie niemand besaß, dem sie sich hätte mitteilen können, wandte sie sich jetzt wieder ihrem Kinde zu. Mit einer Rührung, die ihr eine stille Träne in die Augen trieb, nahm sie wahr, wie der kleine, dicke, kräftige Kerl mit seinen munteren Augen und seinen trotzigen Pausbäckchen, der nun schon zu sprechen anfing und seine ersten, selbständigeren Entdeckungsreisen unternahm, sich inzwischen auf eigene Faust in die Welt seiner Kinderstube eingelebt hatte. »Als hätte er seine schlimme Mutter wirklich auch gar nicht nötig in der Welt«, dachte sie. Aber doch war es nicht mehr ihr anfängliches Verhältnis zu dem Kleinen. Und doch befreite sich in der Fürsorge, die sie ihm wieder zu widmen angefangen hatte, eine Liebe und ein Glück, das sich seines eigentlichen Gegenstandes nur noch nicht ganz bewußt war ... Schon hatte sich der Mann, der ihre Seele so tief zu beschäftigen angefangen, in diese Stunden hineingedrängt, die sie neuerdings wieder hier in der Kinderstube zubrachte, und sie ersehnte ein weiteres Zusammentreffen mit ihm, das übrigens ein um so unvermeidlicheres geworden war, als inzwischen Helmut von Löhr nächstens der Gast ihrer Schwiegereltern sein sollte. Sie bekam ihn diesmal sogar zum Tischherrn. Der alte Herr selbst war es gewesen, der diese Wahl vorgeschlagen hatte. »Wir haben dann das schönste Paar des Abends beieinander«, hatte er in seiner humorvollen Weise gesagt. Helmut von Löhr hatte an diesem Abend mit der Empfindung nach Hause zurückkehren dürfen, daß er auf Cäcilie Eindruck gemacht. Außerdem hatte das junge Ehepaar Voges die Hoffnung ausgesprochen, ihn bei sich zu sehen ... Aus dieser Einladung wurde dann aber besonders deshalb ein näherer und schließlich vertrauterer Verkehr, als Robert ohnehin Anschluß an die Offizierskreise der Garnison pflegte. In dieser Zeit geschah es eines Tages, daß Robert Cäcilie fragte: »Sag' mal, Cecil: hast du dich eigentlich mit Lene verfeindet?« »Nein. Warum?« fragte sie gleichgültig. »Ach, ich meine nur. – Sie selber hat sich mir gegenüber ja durchaus nicht etwa in diesem Sinne geäußert. Ich glaube übrigens freilich, das würde sie sogar dann nicht tun, wenn es der Fall wäre. Sie ist in so etwas so sonderbar. Ich meine nur: weil ihr doch so ganz und gar nicht mehr zusammenkommt.« Sie fühlte sofort heraus, daß er mit einer bestimmten Absicht fragte; daß Helene nur ein Vorwand für ihn war. Aber sie wurde von dieser Absicht schon gar nicht mehr berührt. Noch vor zwei Monaten hätte er sie damit innerlich unglücklich machen oder reizen können. Jetzt begnügte sie sich zu sagen: »Aber wir verkehren ja doch miteinander.« »Ja, aber es tut mir, offen gestanden, leid, daß es so selten geschieht. Immerhin ist es möglich, daß sie dir das im stillen übelnimmt. Sie ist ja ein so sonderbarer Charakter.« »Aber was sollte sie denn für Ursache haben, mir das übelzunehmen. Sie weiß ja doch, daß ich ihre Extravaganzen auf die Dauer nicht mitmachen kann, daß mir das nicht bekommt. Wenn sie's aber wirklich übelnähme, so wüßt' ich ja nicht, wie ich noch Verkehr mit ihr halten könnte. Ich wär' das nicht imstande. – Übrigens habe ich von ihr selbst aus, mit ihren eigenen Worten, die Gewißheit, daß sie mich verstanden hat. Wir verkehren jetzt zwar seltener miteinander, aber doch in aller Freundschaft. Ich kann doch kaum annehmen, daß sie heuchelt.« »Heuchelt ... Nein, nein, aber natürlich nicht«, brach er etwas unsicher und zerstreut ab. »Aber entbehrst du sie eigentlich nicht in mancher Hinsicht? Ihr könntet ja trotzdem oft wie früher zusammenkommen, ohne daß du ihre Touren mitmachst. Du hast von ihr doch so viel Gutes und Anregendes gehabt. Sie hat dich übrigens wirklich so gern, wie sie, glaub' ich, noch niemals jemand gern gehabt hat. Du kannst mir das glauben. Ich kenne sie genau. – Es ist doch schade. Verzeih', ich denke manchmal, du fühlst dich nicht recht wohl, wenn du dich so sehr für dich allein hältst: du willst mir etwas verbergen. Ich mache mir wirklich manchmal Sorge, du lebst zu abgeschlossen.« »Ach, mir ist ja ganz gut und wohl; so gut, wie mir lange nicht mehr gewesen ist«, wich sie fast ungeduldig aus. »Ich muß mich doch schließlich um das Kind kümmern.« Und mit einer wunderlichen, wie abwesenden Bitterkeit setzte sie hinzu: »Ich bin nur zu sehr bloß Dame gewesen, die ganze Zeit her. Ich glaube, daß dir das viel zu sehr gefällt. – Oh, wer weiß: vielleicht sogar – um der anderen, um der Leute willen.« Es blieb ein Schweigen. Robert ging nicht auf diesen letzten Vorwurf ein. Obgleich in diesem Augenblick eine letzte, fernste Spur ihrer einstmaligen Neigung zu ihm darauf gewartet hätte ... »Na ja«, sagte er endlich. »Die Hauptsache ist ja, daß du dich wohlfühlst.« Er erhob sich, um sich, wie er sagte, zur Stadt zu einem abendlichen Zusammensein mit Freunden zu begeben. Sie schwieg. Er drückte ihr zum Abschied einen leichten Kuß auf die Stirn und ging. * Dieses Gespräch und sein Ausgang hatte Cäcilie kaum noch in einer besonderen Weise berührt. Wohl aber beschäftigte es sie bereits mit einer bangen Unruhe, daß Helmut von Löhrs Benehmen ihr gegenüber, wenn er auch niemals eine Gesellschaft vermied, in der er mit ihr zusammentreffen mußte, sich geändert hatte, und daß er sich auf eine Weise benahm, die ihre Grenzen zu streng einhielt. Sie hatte nicht die entfernteste Ahnung, was sich hinter diesem Verhalten verbarg, und was für ein Ringen von peinigender Selbstüberwindung sie hehlte ... Sie war tief unglücklich. Eine förmliche Angst überkam sie. Ihr ganzer unseliger Zustand, wie er kurz vor jener ersten Begegnung mit ihm sie bis an die äußerste Grenze des Erträglichen getrieben hatte, drohte wieder über sie hereinzubrechen. Sie hatte sich bisher durchaus noch nicht einer eigentlichen Leidenschaft für Helmut hingegeben. Der Verkehr mit ihm, der bei dem Anschluß, den er an Robert gewonnen, ein ziemlich häufiger war, hatte ihr lediglich überaus wohlgetan. Und Löhrs Verhalten ihr gegenüber war das einer unwillkürlichen freundschaftlichen Sympathie und bis zu einem gewissen Grade auch Mitteilung gewesen, die nun mit einem Male zu entbehren ihr unerträglich wurde... Bei der eingeborenen klaren Naivität ihres Wesens war es ihr unmöglich gewesen, ihm ganz zu verhehlen, was sie durch sein verändertes Benehmen litt. Sie zeigte sich, wenn sie mit ihm zusammentraf, in einer immerhin auffallenden Weise befangen, errötete leicht, war in Gedanken und zerstreut, sprach mit leiser Stimme oder ganz und gar gelegentlich wohl auch geradezu unbeholfen. Sie ahnte nicht, daß die tiefere Sympathetik, in der er ein für allemal zu ihr stand, dies alles fühlte, und wie sehr es ihn betroffen machte, wie er darunter litt... Aber da geschah es, daß er ihr eines Tages, ganz gegen seine Gewohnheit die letzte Zeit über, mitteilte, er werde in nächster Zeit für einige Tage verreisen. Auf sein heimatliches Gut in der Altmark, wo er mit seiner Mutter – sein Vater war gestorben – über wichtige Familienangelegenheiten Rücksprache zu nehmen hatte. Er hatte dann für ein paar Augenblicke geschwiegen und vor sich niedergebückt. Endlich aber hatte er, mit einem Blick, in Anbetracht der Art, wie er sich in letzter Zeit gegen sie benommen, so unvermutet, daß es ihr auf der Stelle alles Blut zum Herzen trieb, aufgeblickt, sie angesehen und seiner Mitteilung hinzugefügt: »Die Reise hängt außerdem mit meiner Laufbahn zusammen. Es ist bereits so gut wie sicher, daß ich Ende November nach Berlin zum Generalstab kommandiert werde.« Sie hatte Mühe gehabt, ihre Fassung zu bewahren. Sicher aber war ihr das nicht so gut gelungen, daß ihr Verhalten ihm nicht mit hinreichender Deutlichkeit offenbart hätte, was er ihr war, und daß sie ihn damit nicht auf das tiefste berührt und ihm zugleich den ganzen Wert ihres bis zur Mädchenhaftigkeit klaren und naiv unschuldigen Wesens gezeigt hätte. Er hatte all seine Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um des Eindruckes Herr zu werden, den dieses unmittelbare Geständnis auf ihn übte. Er hatte dann, doch ohne auch seinerseits seine Empfindung ganz verbergen zu können, das Gespräch auf gleichgültigere Dinge hinübergespielt: aber unwillkürlich insofern mit einer wärmeren Schattierung, als er sie an einen Wunsch erinnerte, den sie gelegentlich einmal, als sie über Rassehunde gesprochen hatten, geäußert. Sie hatte damals gewünscht, einen russischen Steppenhund zu besitzen. Er war jetzt aber in der Lage, ihr einen zu vermitteln. Ein heimatlicher Gutsnachbar besaß ein Paar edelster russischer Steppenhunde, und er hatte die Nachricht bekommen, daß ein Wurf jetzt halbjähriger Hunde vorhanden war, von denen er sich selbst einen erstehen wollte. Sie hatte sich interessiert und sich mit seinem Vorschlag einverstanden erklärt ... Sie wußte kaum, wie sie die Zeit, die er abwesend war, hinbrachte. Zu Hause litt es sie nicht. Täglich machte sie Ritte, von denen sie, bis zum Äußersten ermüdet, heimkehrte: eine Erschöpfung, die ihr eine Wohltat war. Als Robert, dem ihr Verhalten auffiel, ihr aber Vorstellungen machte, ließ sie ihn, zum ersten Male während ihrer ganzen Ehe, unwirsch an. Endlich kehrte Löhr zurück. Sie hatte jede Woche einen bestimmten Nachmittag, an dem sie Teegäste bei sich sah. Gleich am ersten dieser Tage nach seiner Rückkehr brachte er ihr den Hund. Er hatte nicht weniger unter der Trennung gelitten als sie. Ja, sie hatte ihm den Umfang seiner Neigung zu Cäcilie erst ganz zum Bewußtsein gebracht. Bis zu einer Unsinnigkeit, daß er ihr den Hund, bloß um so bald wie möglich mit ihr zusammenzutreffen, noch an diesem Tage brachte, obgleich eine dienstliche Angelegenheit ihm kaum dazu Zeit ließ und jede spätere bequemere Gelegenheit geboten gewesen wäre ... Teils der dienstlichen Angelegenheit wegen, teils, um sie noch allein anzutreffen, kam er etwas vor der eigentlichen Zeit. Sie hatte sich von einer Lektüre erhoben, mit der sie sich unterhalten, und vor Schreck über seine gänzlich unerwartete Ankunft war sie für einige Augenblicke außerstande, ihm entgegenzugehen und ihn zu begrüßen. Fast nahm es sich aus, als sei sie ungnädig. Den Hund, der vor ihm her in das Zimmer hereingesprungen war, sah sie gar nicht. Auch Löhr blieb, von ihrem Verhalten betroffen, unwillkürlich unter einem tiefen Erröten stehen, seine lichtblauen Augen mit einem forschend bescheidenen Ausdruck auf sie gerichtet. Als er ihr endlich aber langsam, wie zögernd und um Entschuldigung bittend, nahte, kam auch sie ihm, doch, da ihr heimlich die Knie bebten und sie mit einem leichten Schwindelanfall rang, langsamer, als die Höflichkeit es erforderte, entgegen. »Verzeihung! Ich komme unerwartet und viel zu früh, gnädige Frau«, entschuldigte er sich, nicht recht geschickt, nachdem er sich zum Handkuß geneigt hatte. »Aber ich wollte Ihnen so gern gleich den Hund bringen; außerdem erlaubte mir eine dienstliche Angelegenheit nicht recht eine andere Zeit.« »Oh ... Es könnte wohl gut sein, daß Sie nicht – der erste Besucher wären«, antwortete Cäcilie, noch immer außerstande, ihre Verwirrung zu verbergen. »Wie liebenswürdig von Ihnen!« Während der letzten Worte gewahrte sie eigentlich erst jetzt den Hund, der inzwischen auf seiner Suche im Zimmer umher zu ihr hergekommen war und unter munter eifrigem Knurren angefangen hatte, mit ihrem Kleidsaum zu spielen. »Sie sind wieder von Ihrer Reise zurück«, begann sie das Gespräch, nachdem sie sich mit gezwungenem Anteil zu dem Hund herniedergebeugt, ihn gestreichelt und ihre Freude geäußert und nachdem sie dann Platz genommen, und sie Löhr eine Tasse Tee gegeben hatte. »Sie haben ihn also ... Ach, so ein schönes Tier!« Sie streichelte den Hund und suchte sich seiner, da er stürmisch an ihr in die Höhe sprang, zu erwehren. »Mush!« rief er den Hund an, um sie von ihm zu befreien. »Mush heißt er?« »Ja. – Ein russisches Wort. Es bedeutet: Mann.« »Herzlichen, herzlichen Dank! Ich freue mich so sehr!« sagte sie, ihm die Hand reichend. »Ich kam gerade zur rechten Zeit,« berichtete er mit einem Versuch zu plaudern, »seine Geschwister waren schon fortgegeben, und er wäre wohl auch nicht mehr lange zu haben gewesen. Er ist zwar noch zu jung und hat noch keine rechte Form, aber er ist völlig fehlerfrei. Er wird seinen Eltern, wenn er herangewachsen sein wird, sicher an Schönheit nicht nachstehen. – Sie haben ja die Photographien gesehen. Es sind berühmte Exemplare. Direkt aus Rußland eingeführt. In zwei, drei Monaten werden Sie schon Ihre Freude an ihm haben.« Da die Rasse, um durch die Staupe gebracht zu werden, eine besonders aufmerksame Behandlung und Nahrung erfordert, gab er ihr die nötigen Verhaltungsmaßregeln an. Aber sie vernahm kaum, was er sagte. Er zeigte sich unter seinen Mitteilungen ersichtlich zerstreut; und wie diese Zerstreutheit auf sie selbst überging, brachte sie gerade aus ihr heraus das Gespräch auf den Gegenstand, der in diesem Augenblick für sie beide der verfänglichste sein mußte: auf seine zukünftige Tätigkeit beim Generalstab in Berlin. Mitten in diesem Gespräch erhob er sich plötzlich, um sich zu verabschieden. Auch sie hatte sich erhoben. Sie stand vor ihm mit schwer atmendem Busen und fast ohne auf das, was er noch sprach, eingehen zu können. Da aber geschah es, daß sein Handkuß um einen Moment zu lange verweilte. Sie erbleichte. Sie war einer Ohnmacht nahe. Vielleicht aus dem unwillkürlichen Trieb, in der Angst dieses Zustandes eine Stütze zu suchen, ließ sie ihre Hand zu lange in der seinen und mit einem merkbaren Druck. Aber da fühlte sie, wie er diesen Druck erwiderte, wie auch er ihre Hand behielt; und sie fühlte seinen fragend aufleuchtenden Blick, hörte seinen schwer hinter zusammengepreßten Zähnen gehenden Atem. »Cä ...« Sie wußte nicht, hatte sich sein Atem in einem zufälligen Laut befreit, oder hatte er ihren Namen aussprechen wollen. Hastig, wie zu sich kommend, entriß sie ihm ihre Hand. Und er schwieg. Stand einen Augenblick. Verneigte sich. Ging ... Sie fiel in ihren Sessel und brach in ein heftiges Weinen aus. – – – Nicht ganz vierzehn Tage nach diesem Zusammensein mit Helmut erhielt sie einen merkwürdigen Brief von Helene Vorberg. Helene teilte ihr mit, daß Robert seit einiger Zeit ein Verhältnis mit einer Chansonette vom Varieté habe. Sie wußte es von ihrem Bruder Otho, der es ihr aus »psychologischem Interesse« mitgeteilt hatte. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. »Ich teile Dir das mit, Cilli,« schrieb sie, »auf jede Gefahr hin, selbst auf Deine eigene. Und ich teile es Dir mit, frischerhand, gleich wie ich es erfahren habe, weil ich Dir so gut bin, wie keinem zweiten Menschen mehr in der Welt, und – weil ich Dich kenne.– – Ich bitte Dich, mir das unter allen Umständen zu glauben, wenn ich Dir auch noch so sonderbar vorkomme. Du kannst diesen Brief übrigens, verstehst Du, auf jede Weise, die Dir gut dünkt, in Deinem eigenen Interesse verwerten !« In der Anwandlung einer Art von wildem Humor zeigte Cäcilie diesen Brief kurz darauf Robert, ohne weiter ein Wort hinzuzufügen. Er geriet zuerst in Verwirrung. Aber dann fing er, herzlich ungeschickt, an, in seiner hausbackenen dialektisierenden Weise sich zu entschuldigen, indem er zugleich versuchte, seine »Motive« ihrem »Verständnis nahezubringen«. Sie hatte während seiner wortreichen Rede, ohne mit einer einzigen Silbe zu erwidern, in einer sonderbaren Haltung, die Beine in die Höhe auf die Chaiselongue gezogen, dagehockt und ihn unverwandt mit großen, starren Augen, den Mund von einem seltsamen, stummen Lächeln verzerrt, angesehen. Plötzlich aber war sie wortlos aufgesprungen und unter einem schallenden Gelächter aus dem Zimmer geeilt ... Die nächste Zeit war ihr Wesen zuweilen geradezu unheimlich. Es kam hinzu, daß Helmut sich seither nie wieder hatte sehen lassen. Sie fing an, Whisky zu trinken. Und es ereignete sich ein paarmal, was während ihrer damaligen Zusammenkünfte mit Helene nie geschehen war, daß sie sich direkt betrank ... Mit Robert sprach sie überhaupt nicht mehr; oder selten ein paar Worte mit einem Humor, der ihm jede Gegenrede und jeden Versuch, sie umzustimmen, einfach abschnitt. In dem Augenblick nun aber, wo ihr Zustand sich, übrigens beständig durch den Umstand verschärft, daß Löhr nach wie vor wegblieb, bis zu den Gedanken an Selbstmord verwirrte, erwachte in ihr, aus ihrer innersten und bestimmendsten Natur heraus, jener seltsam unwillkürliche Selbsterhaltungstrieb, der sich bereits damals eingestellt hatte, als sie zu jenem Nachmittagsritt aufgebrochen war, gelegentlich dessen sie Helmut zum erstenmal gesehen. Und nun schlug ihr Zustand – die Zeit, wo Löhr seinen Aufenthalt nach Berlin verlegen würde, rückte ja immer näher – in ein verzweifeltes inneres Ringen mit dem Antrieb um – denn es handelte sich mehr um einen solchen als um irgendeine verstandesgemäße Überlegung –, Helmut persönlich in seiner Wohnung aufzusuchen. Und der Augenblick kam, wo dieser Trieb zur äußersten Angst, wo er unausweichlich wurde, und sie begab sich wirklich – sie wußte selbst kaum, was sie tat und unternahm – zu ihm. Er wohnte in einem Hause des großen Platzes, an welchem die Kommandantur gelegen war, im zweiten Stockwerk in Chambregarnie. Es war ein trüber, regnerischer Spätherbstnachmittag. Sie traf Helmut zu Hause an. Bleich, das Gesicht von den Spuren des seelischen Leides verwüstet, das sie in dieser letzten entsetzlichen Zeit durchgemacht, wankte sie in das Zimmer herein und stand vor dem völlig Bestürzten, das Haupt krampfhaft erhoben, schweratmend, die Lider gesenkt, ein krampfiges Zucken um die bleichen, festgeschlossenen Lippen. »Warum sind Sie ... Ich bin da ...«, stieß sie endlich, ihrer selbst kaum bewußt, leise, in dieser Haltung, hervor. Tränen stürzten ihr unter den gesenkten Lidern hervor, über die blassen Wangen auf die zuckenden Mundwinkel herab. »Mein Gott! Was ist geschehen?« stammelte Helmut in unsinniger Angst und Bestürzung, denn er glaubte im ersten Augenblick, daß sie einer Geistesgestörtheit verfallen sei. Zugleich aber ergriff er mit liebevoller Behutsamkeit ihre Hand und führte sie, die das willenlos, aber mit einer deutlichen sofortigen Erleichterung ihres Zustandes geschehen ließ, zu einem Sessel hin, in den sie sich mechanisch niederließ. Sie kam jetzt zum Bewußtsein dessen, was vorging. Sie richtete den Oberkörper auf, und mit Haltung sagte sie leise, aber bestimmt, den Blick gesenkt: »Nein, nichts ist mir geschehen.« – Sie schwieg, ohne ihre Haltung und die Richtung ihres Blickes zu verändern. Dann aber sagte sie: »Ich bin ganz allein. – Ich habe niemand mehr, – Schon lange habe ich niemand mehr. – Ich ... ich bin – gekommen ... ich bin nun – da ...« Sie hatte unter ihren letzten Worten den Blick zu ihm aufgerichtet und sah ihn an mit großen, warm beseelten Augen, mit Augen, die ihm sofort alles sagten: daß sie sein Fortbleiben nicht ertragen, daß sie das, was sein Abschied damals unausgesprochen gelassen, verstanden, was sie alles unter seinem Verschweigen und unter seinem Fortbleiben gelitten: mit Augen, die jetzt, ohne ihren Blick abzulassen, über einem weh und weich zuckenden Mund von warmen Tränen, Tränen der Erlösung, Tränen eines scheuen, stillen, süß-bitteren Vorwurfs blinkten. »Ich – bin – da ...«, wiederholte sie noch einmal, mit der ganzen unbeschreiblichen Anmut ihrer Naivität. »Cäcilie!« Er war zu ihr hingestürzt und ihr zu Füßen gesunken, außer sich, ihre Hände ergreifend und sie mit Küssen bedeckend, während ein hörbares Schluchzen seine Brust erschütterte, das auch in ihm alles zur Befreiung gelangen ließ, was er diese letzten Wochen her innerlich gekämpft und gelitten ... Löhr hatte sofort um seinen Abschied nachgesucht, und als er ihn erhalten – fast in dem Moment, wo er hätte nach Berlin abreisen sollen, einer vielleicht bedeutenden, militärischen Laufbahn entgegen – verließ er die Stadt, um mit Cäcilie auf Reisen den Ausgang des Scheidungsprozesses abzuwarten. Am Tag vor der Abreise hatte Cäcilie noch in der Kinderstube bei dem Kleinen geweilt, um einen stummen Abschied von ihm zu nehmen. War es eigentlich ihr Kind? Konnte, durfte sie es ihr Kind nennen, hatte sie gedacht, und ein Schreck hatte sie übermannt, denn diese Frage hatte ein seltsames Gefühl von Bitterkeit und Fremdheit geboren. Heftig hatte sie den Kleinen auf den Schoß genommen und ihn unter bitterlichen Tränen geküßt und liebkost. Als sie das Kind mit diesem Ausbruch aber erschreckte, hatte sie es still wieder sich selbst überlassen. Mochte er es behalten! Mochte es sein Kind sein und bleiben! Mochte es ihm eine Erinnerung bleiben an das, was einstmals gewesen... Nicht ohne daß dieser Abschied von dem Kleinen sich mit einer wunderlichen kleinen Unruhe in das Gefühl, das sie ihm entgegenbrachte, eingeschlichen hätte, war sie dann mit Helmut abgereist. Da ihre Gesundheit unter den beständigen Aufregungen des letzten Jahres gelitten hatte und sie einmal auf längere Zeit einen gründlichen Ortswechsel nötig zu haben schien, hatten sie eine Reise nach dem Süden beschlossen und fuhren zunächst einem Aufenthalt an der Riviera entgegen. Sie wählten Mentone. Aber es war vielleicht doch kein recht glücklicher Einfall gewesen, gerade diese Reise zu unternehmen. Denn es zeigte sich bald, daß diese Umgebung Cäcilie fremd berührte, daß sie unruhig wurde und eine zunehmende Reizbarkeit zeigte. Anfangs zwar hatte sie Gefallen an der ihr so ganz neuen südlichen Welt gefunden. Eine stürmisch hingerissene Bewunderung hatte sie gezeigt, die sie zuweilen fast in Ekstase versetzte. Doch war es bereits wie ein nervöser Schauer, als sie eines Tages gelegentlich eines Spazierganges am Gestade, fest an Helmuts Arm geschmiegt, als suche sie, allzu überwältigt, eine Stütze, ausrief: »O Helmut, wie merkwürdig das ist, daß es hier gar keinen Winter gibt!« »Und wie gefällt dir das?« hatte er lachend gefragt. »Oh, sehr, sehr! Aber ich weiß nicht: ich kann's nicht sagen. Es ist so merkwürdig«, hatte sie leise und versonnen geantwortet, eng an ihn angeschmiegt mit erschauernd weiten Augen aus diese ungeheure, tiefblaue, sonnige Meerweite hinausblickend. »Ich hab nur erst die Nordsee gesehen«, hatte sie hinzugefügt. »Das ist so anders. Man fühlt sich da freilich mehr zu Hause. – Aber dafür sind wir ja in der Fremde.« »Wie ›anders‹?« »Ich weiß selber nicht.« »Was für eine Luft hier ist«, hatte sie ein andermal ausgerufen. »Und was für eine?« »Ich weiß nicht! Es ist, als ob man einen zu leichten Atem hätte«, hatte sie in ihrer oft so originellen Ausdrucksweise gesagt. »Das ist so sonderbar! Es ist wie im Paradiese, fast zu schön.« Und die Wunder der südlichen Vegetation zu dem weißen, sonnengleißenden Strand, den blauen waldigen Bergen, dem Azur des Südhimmels, der mit der Kimme der blauen Meerweite zu einer einzigen magisch-ätherischen, so seltsam unwirklichen Einheit ineinanderzugehen schien, daß man gar nicht mehr unterscheiden konnte, was Erde und was Himmel war, und daß es einen so seltsam taumlig machte. Die lichtblauen Massen der Eichenhaine auf den Höhen, der Kastanienwälder auf den Berglehnen, die Oliven-, Orangen- und Zitronenhaine, die ernsten, dunklen Pyramiden der Zypressen, die Pinien und die Palmen, die Cäcilie ganz besonders erregten. In den Gärten die Agaven und Kakteen. Myrte, immergrüner Kreuzdorn und Mastix. Lavendel, Thymian, Ginster und der harzige Naskaduft. Nelken, Skabiosen, Levkojen freiwachsend, der goldgelbe Mohn und die vielen weißfilzigen Gewächse im weißen Sand des Gestades. Die rosafarbenen Gewinde der Winden und die Wolfsmilch, die hier Baumhöhe erreichte. Dann das internationale, elegant belebte Treiben der großen Hotels, auf der Promenade du Midi an der Westbucht. Der Jardin Public. Das Cap Martin mit seinen Olivenhainen. Der herrliche Ausblick vom Boulevard de Garavan aus. Aber es kam zu alledem noch Wichtigeres und Ausschlaggebenderes, das Cäcilie unruhig machte und in beständiger, wenn auch Helmut verhehlter, innerer Erregung hielt. Vor allem der Scheidungsprozeß. Es war ihr etwas Unerhörtes und Furchtbares, mit den Gerichten zu tun zu haben und zu wissen, daß dort über die vertraulicheren Angelegenheiten ihrer Ehe verhandelt wurde. Und nicht weniger schrecklich war es ihr übrigens, mit Helmut, wenn auch nur vorderhand – immerhin aber auf eine Zeit, deren Andauer vorderhand noch nicht abzusehen war – »nur so«, in solch einem freien, unverheirateten Zustand zu leben. Die kirchliche Trauung damals hatte auf sie mit all ihrer Weihe und Zeremonie einen tiefen, ernsten Eindruck gemacht, war ihr nicht bloß so eine Äußerlichkeit gewesen, denn ihre Frömmigkeit war eine bis zur Naivität gewissenhafte; die etwaigen freieren religiösen Auffassungen, die sie bei der Frau Justizrat kennengelernt, hatten daran nichts ändern können. Kaum brachte ihre Neigung zu Helmut, ihr Temperament und der Trieb ihrer gesunden Weibnatur sie über die beständigen Bedenken ihrer frommen Gewissenhaftigkeit hinweg. Doch selbst ihre Neigung zu Helmut war nicht ohne Unruhe. Ohne daß sie sich dessen freilich recht bewußt war, ging ihr Fühlen keineswegs mit der Entschiedenheit in seinem Wesen auf, wie es seinerzeit am Anfang ihrer Bekanntschaft und in den ersten Monaten der Ehe in Roberts Wesen aufgegangen war. Helmut, den sie bis zum äußersten beglückte, bis zu einem Grade, daß ihm, trotz seines starken militärischen Ehrgeizes und der Aussichten auf eine bedeutende Laufbahn, die sich ihm eröffnet hatte, sein Abschied vom Militärdienst nicht nachging, umgab sie mit einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die vielleicht zuweilen seiner Leidenschaft zuviel Rücksicht, zuviel Zartheit, zuviel Verehrung auferlegte. Cäcilie war sich zwar in keiner bewußteren Weise darüber klar, aber es konnte schon sein, daß gerade diese Ritterlichkeit Helmuts sie in einer gewissen Blödigkeit und Zurückhaltung hielt, die gerade im gegenwärtigen Augenblick, wo sie meist so bedürftig war, sich bis zum äußersten hinzugeben und mitzuteilen, bedenklich war ... Helmut verstand sie nicht ganz, im Grunde verstand er ihr eigentliches Wesen, wenn auch in einem anderen Sinne als dieser, so wenig wie Robert es je zu verstehen vermocht hatte: er sah und lebte Cäcilie viel zu ausschließlich im Lichte des Idealbildes, das er von ihr und von dem Wesen eines geliebten Weibes in der Seele trug. Es geschah nun freilich, daß sie sich ihm gegenüber von dieser seltsamen Blödigkeit bedrückt fühlte, und daß sie ihn dann, um vor diesem ihr dunklen Gefühl zu fliehen, mit einer stürmischen Hingabe beglückte, die ihm alles schenkte, was ein Weib einem Manne gewähren kann, doch war in dieser Hingabe zugleich etwas wie eine unbewußte Triebüberlegenheit, etwas, das, gerade weil es seiner Liebe mit unbewußt triebhafter Kraft und Naturanlage überlegen war, ohne daß Cäcilie das auch nur entfernt wußte, wieder von Helmut fortstrebte ... Sie konnte in ihrer Unruhe zuweilen auf Einfälle geraten, die direkt schon etwas Launenhaftes hatten, etwas von der Nuance jener seinen »kultivierten Sensibilität«, die Robert und den Seinen so bedenklich an ihr gefallen hatten. So kam sie z.\ B. eines Tages gelegentlich eines Ausfluges nach Monaco auf den Einfall, ihr Glück an der Roulette zu versuchen. Und sie spielte mit einer geradezu ekstatisch hingenommenen Leidenschaft, mit einem hinreißend bezaubernden Übermut, der das Glück siegreich auf ihre Seite zwang. Sie gewann eine erstaunlich ansehnliche Summe. Und sie war dieser Stimmung bis zu einem Grade hingegeben, daß sie Helmut, der mit weit weniger Glück gespielt hatte, nötigte, einige Tage mit ihr in Monaco zu bleiben. Plötzlich ergriff sie dann aber ein heftiger Widerwille gegen das Spiel. Es war ganz der gleiche Trieb, der sie seinerzeit so entschieden von Helene entfernt hatte. Als man aber eines Tages in den Anlagen die Leiche eines Selbstmörders gefunden hatte, entsetzte sie sich bis zum äußersten, so daß sie einen förmlichen Nervenanfall hatte und Helmut schnell mit ihr wieder nach Mentone zurückreisen mußte. Dies Erlebnis wirkte dann aber noch nach. Es trieb die Abneigung, die sie der Rivieranatur von Anfang an unwillkürlich und zuerst ohne ihr eigentliches Wissen entgegengebracht hatte, jetzt erst in einer bestimmteren Weise hervor. Immer mehr fühlte sie sich entsetzlich fremd. Der Umstand, daß sie Helmut bei sich hatte, konnte daran nichts ändern. Nichts, schlechterdings nichts gab es hier, was ihr wirklich vertraut wurde. Selbst Helmut wurde ihr in manchen Augenblicken fremd, weil er sich in dieser Welt, mit der er von früherem Aufenthalt her völlig bekannt war, heimisch fühlte. Es war ihr dann, als wenn selbst er ihr zu dieser Umgebung hin entglitte; im besonderen auch zu dieser eleganten internationalen Menschheit hin, die hier ihr Treiben hatte. Von Tag zu Tag erregten ihre Nerven sich bedenklicher. Helmut dachte deshalb an einen Ortswechsel. Er schlug eine Reise nach Süditalien und Griechenland vor. Aber auch dagegen sträubte sie sich. Und eines Tages, Ende Februar, geschah es, daß sie ihm förmlich verzweiflungsvoll zurief: »Oh, laß uns nach Deutschland zurückkehren, Helmut! Ich halt' es ja hier nicht mehr aus! Ich glaube, ich komme um. Ich weiß nicht: mir ist, als ob ich gar nicht mehr in der Welt wäre, als ob ich auseinandergehen müßte. Als ob ich gang zu ewig und immer nur blauer Luft und lauter ganz, ganz leichtem, leichtem blauen Meer werden müßte, zu lauter Luft und Duft und Farbe.« Daraufhin schrieb Helmut denn, ernstlich ihres Zustandes wegen besorgt, an seine Mutter, daß er mit Cäcilie nach Hause kommen, dort den Ausgang des Scheidungsprozesses mit ihr abwarten und für die Dauer Aufenthalt nehmen werde. Seine Mutter antwortete denn auch auf diesen Brief, wie er vorausgesehen hatte, in zwar zustimmender, liebevoller Weise, aber doch nicht ohne Zurückhaltung. Das war nun schon etwas, was er Cäcilie zu verheimlichen hatte. Es erfüllte ihn mit Sorge, wie die beiden Frauen sich einander gegenübertreten würden, obgleich er Mamas Gutherzigkeit und ihrem guten Takt vertrauen durfte und nicht weniger Cäciliens liebreizendem und gutartigem Wesen. Er schrieb Mama in dieser Sorge noch einmal, so ausführlich und eindringlich wie möglich. Nachdem ihre Antwort, die ihn den Umständen nach diesmal mehr befriedigte, eingetroffen war, reisten sie dann in die Heimat zurück ... * Je weiter der Zug in nördlicher Richtung vordrang, um so entschiedener besserte sich Cäciliens Befinden, und sie konnte sich zuweilen kaum genug tun, Helmut ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Glücklich aber war sie erst, als sie sich wieder auf deutschem Gebiet befanden und das Badensche durchfuhren. »Ach, nun sind wir endlich wieder in Deutschland!« rief sie. »Mir ist zumut, als ob ich aus einem Traum erwachte. Er hat mich so bedrückt. Er war nicht schön, weil er wohl viel zu schön war.« Es kam hinzu, daß anhaltend milde Witterung herrschte. Das liebliche Blaßblau des schon ganz frühlingsmäßigen Himmels tat Cäcilie gegen das Dunkelblau des Südhimmels, das ihr so unnatürlich vorgekommen war, unaussprechlich wohl. Und die herbere Luft atmete sie mit schier unersättlichen Zügen ein. Die Fluren, in der Ferne von den blauen Schwarzwaldbergen begrenzt, weiteten sich in einem milden, freundlichen Sonnenschein, der die grünen Flächen der Wintersaaten erhellte und die roten Dächer der Dörfer. »Helmut, sieh'! Kätzchen und Schäfchen! Der Frühling kommt ins Land!« jauchzte sie, wenn sie zwischen hohen, nah gegeneinander hertretenden Bahndämmen hinfuhren, die mit Gebüsch bestanden waren und deren Graswuchs sich unter der anhaltenden Sonnenwärme hier und da schon zu beleben anfing, während die Büsche von Kätzchen und dem zierlichen Schmuck baumelnder Schäfchen illuminiert waren. »Ach, ist das schön! Ach, ist es gut, daß wir wieder in der Heimat sind!« Gelegentlich fühlte sie wohl aber, daß sie dem guten Helmut, der wohl gemeint hatte, ihr mit einer Südreise etwas Besonderes zu bieten und dem sie statt dessen so viel sorgenschwere Tage gemacht, immerhin eine Enttäuschung bereitet hatte. Und dann sagte sie, um zu beweisen, daß er ihr mit einer Reise gar wohl Freude machen könnte: »Wollen wir im Sommer nicht mal nach Norwegen reisen? Der Süden tut mir ja nicht gut, aber nach dem Norden habe ich immer Sehnsucht gehabt. Ein Sommeraufenthalt in Norwegen, an solch einem schönen Fjord, soll ja so herrlich sein. Wir wollen dann aber auch mal, ehe wir dort Sommerfrische nehmen, nach Schottland fahren und nach dem Nordkap hinauf. Das möchte ich in meinem Leben unbeschreiblich gern mal sehen.« In Frankfurt nahmen sie für ein paar Tage Aufenthalt. Helmut zeigte ihr die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten, und sie hatte Freude daran. Dann fuhren sie von Frankfurt nach Magdeburg und von dort in die Altmark. Als sie in der kleinen Mittelstadt anlangten, die die letzte Bahnstation vorm Ziel war, fanden sie vorm Bahnhof den Kutschwagen, den die Baronin geschickt hatte, sie abzuholen. Sie hatten noch eine Stunde Fahrt bis nach Hause. Sie fuhren durch das fruchtbare Gelände zwischen Elbe und Uchte, das die Wische heißt. Das Wetter war das beste und schon vollständig frühlingsmäßig. Am blaßblauen Himmel zogen große weiße Wolken, die ganz schon Frühlingswolken waren und bald freundliche Sonnenblicke, bald trauliche Schatten über grüne Wintersaatbreiten. Wiesen und sattbraunes Ackerland hinschweifen ließen. Die milde Luft war köstlich zu atmen, und die tiefe ländliche Stille über dem Gefild tat wohl. Am Horizont hin zog sich in lichten Ferndünsten der dunkle Strich des Kiefern- und Tannenwaldes. Hier und da standen Bauerngruppen im Gelände, ein Gehölz, ein Hain. Schwärme von Saatkrähen belebten die Luft und den Ackerboden und ließen ihren fröhlichen Lärm erschallen. In einiger Entfernung sahen sie die in der Sonne funkelnde breite Fläche des Elbstromes, auf dem langsam Frachtkähne mit weißgebauschten Segeln sich dahinbewegten. »Hier fahren wir schon durch unser eigenes Gebiet. All das Gelände da gehört zum Gut«, machte Helmut Cäcilie aufmerksam. »Ach, so schön!« antwortete sie leise. Seit sie den Kutschwagen bestiegen, zeigte sie sich still und versonnen. »Ich freue mich darauf, das nun alles selbst zu verwalten«, fuhr Helmut fort. »Ich habe immer Neigung zur Landwirtschaft gehabt. Ich denke, ich habe auch Anlage zum Landwirt.« Es blieb ein kleines Schweigen. »Wärst du aber nicht mit mir zusammengetroffen,« unterbrach sie es plötzlich, »so würdest du nicht Landwirt, sondern wärst jetzt in Berlin beim Generalstab und würdest einmal General.« »Ich kenne kein Glück in der Welt, liebes Herz, als das, was mir an deiner Seite blüht, und werde ewig kein anderes und höheres Glück kennen«, sagte er, indem er mit leidenschaftlichem Nachdruck ihre Hand ergriff und drückte. Sie erwiderte diesen Händedruck mit einer unbewußten Wärme. Sie teilte seine Freude und Zuversicht nicht ganz. Es bangte ihr im stillen vor dem ersten Zusammentreffen mit der Baronin, Helmuts Mutter. Auch bedrückte sie in etwas der Umstand, daß eine entfernte Verwandte Helmuts, eine Baronesse Erika von Lindbach, zur Zeit bei der Baronin auf Besuch weilte. Die Baronesse war ein Jahr älter als Helmut. Besonders aber beschäftigte es Cäcilie, daß er ihr erzählt hatte, es sei früher mal ein Lieblingsgedanke seiner Mutter, die übrigens seit drei Jahren Witwe war, gewesen, daß er Erika von Lindbach heiraten sollte. Helmut hatte ihr diese Mitteilung zwar in einer Weise gemacht, die deutlich erkennen ließ, daß er der Baronesse keine Neigung zugewandt hatte, die zu einer Ehe mit ihr hätte führen können, und daß die Eltern ihm diese Ehe auch niemals ernstlich aufgedrängt hätten, aber er hatte sie trotzdem nicht ganz beruhigt, wenn sie sich auch auf keine Weise merken ließ, daß sie von seiner Mitteilung tiefer berührt war ... Jedenfalls verursachte es ihr eine gewisse Beklemmung, jetzt einer Dame gegenüberstehen zu sollen, die einmal als Helmuts Gattin in Aussicht gestanden hatte und die sich zu dem Hause, als erklärter Liebling von Helmuts Mutter, nach wie vor in naher und vertrauter Beziehung befand. »Unsere Wirtschaft erweitert sich gerade jetzt«, fuhr Helmut fort, Cäcilie von den häuslichen Angelegenheiten zu berichten. »Wir haben eine Zuckerfabrik gebaut. Die Gegend ist ja eine gute Rübenbaugegend. Das Gebäude ist fertig, und auch die innere Einrichtung und die Aufstellung der Maschinen. Dazu haben wir einen recht tüchtigen Ingenieur aus Vuckau bei Magdeburg. Henrik Wichmann. Ein Ostfriese.« »Ach, ein Ostfriese?« Es traf sie. Sie dachte sofort an ihren damaligen Sommeraufenthalt mit Robert in Norderney. »Ja, ein Ostfriese. Ein solider, gewissenhafter Schlag.« »Ja«, bestätigte sie, aus ihrer Nachdenklichkeit heraus. »Helmut!« fuhr sie aber plötzlich auf, ihre Augen mit einem tiefen, dunklen Leuchten geweitet, mit einer leidenschaftlich aufpulsenden Zärtlichkeit. »Küsse mich noch einmal, eh' wir ankommen!« »Süße!« Er umarmte sie, zog sie fest an sich und küßte sie. Sie aber hielt und erwiderte diesen Kuß lange mit ungewöhnlich leidenschaftlicher Glut. Dann blieb ein langes Schweigen. Sie hatte sich dicht an ihn geschmiegt, und er hielt ihre Hand. »Was wird deine Mutter aber zu der Schwiegertochter sagen, die du ihr da mit einem Male so unerwartet anbringst?« fragte sie plötzlich leise, und in ihrer Stimme war ein Beben. »Sei unbesorgt, liebes Herz!« beruhigte er sie. »Du darfst ganz versichert sein, daß Mama dich mit aller Liebe empfangen wird.« Endlich fuhr der Wagen auf das offenstehende Portal einer langen, soliden Steinmauer zu, vor dem zwei Nußbäume standen, und durch das Portal über einen mit Anlagen bestandenen Vorplatz auf das Schloß zu. Das Schloß war ein großes, zweistöckiges Gebäude, schmucklos, aber reiner, alter Baustil, solid aus grauen Steinen. Zu einem Portal mit zwei Säulen davor führten ein paar breite Steinstufen hinauf. Cäcilie hielt das graue, alte Gebäude mit einem starren Blick unverwandt im Auge. Sie war still und bleich. Als sie aber ausstiegen, zeigte sie eine gute Haltung ... Wenige Zeit darauf stand sie mit Helmut vor der Baronin von Löhr und der Baronesse von Lindbach. »Hier bring' ich dir Cäcilie, Mama!« sagte Helmut. »Baronesse von Lindbach«, stellte er dann vor. Baronin von Löhr war eine mittelgroße Dame am Ausgang ihrer Vierziger. Sie zeigte eine volle, aber gut gegliederte aufrechte Gestalt. Ihr aschblondes, leicht ergrautes Haar war von einer schönen klaren Stirn aus wellig aufwärts frisiert und umrahmte ein ovales, gesund-bräunliches Gesicht mit zwei klaren, klug-lebhaften, grauen Augen und einer eher etwas langen, schmalrückig feinen Nase und einem angenehmen rotlippigen Mund. Der Ausdruck von Charakterentschiedenheit, den das runde volle Kinn bot, ward durch ein Grübchen gemildert, das eine Eigenschaft von Humor und schlagfertigem Mutterwitz verriet. Die Baronesse war eine übermittelgroße Erscheinung – sie war um etwas größer als Helmut – von schlanker Fülle. Aus ihrem mehr sympathischen als eigentlich hübschen Gesicht blickten zwei dunkelbraune Augen mit einem verständigen und zugleich gutherzigen Ernst. Aber da geschah etwas, das allseitig auffiel, um schließlich alle auf das angenehmste zu berühren. Die Baronin hatte Cäcilie zuerst unverwandt mit einem scharfen Ausdruck ihrer klugen, grauen Augen angeblickt. Dann aber, als Cäcilie auf sie zukam, war auch sie ihr mit einem Male lebhaft entgegengegangen, hatte herzlich ihre Hand ergriffen, um dann, während ihre Augen einen freundlichen, gerührten Ausdruck annahmen, auszurufen: »O Gott, seien Sie herzlich willkommen, liebes Kind! Sie sehen bleich aus. Die lange Reise hat Sie angegriffen«, wobei sie Cäcilie gegen sich heranzog und sie auf den Mund küßte. Helmut hatte dabei bemerkt, daß Mamas Augenwinkel gezuckt hatten: bei ihrem resoluten und temperamentvollen Wesen das sichere Anzeichen, daß sie herzlich gerührt war. Alle waren für einen Augenblick – Cäcilie hatte feuchte Augen und atmete heftig – von diesem überraschenden Verhalten der Baronin tief gerührt. Nicht nur Helmuts, sondern auch die Mienen der Baronesse erhellte ein unwillkürliches Lächeln. Zum zweitenmal war Cäcilie dieser unmittelbar herzliche Empfang geworden. Doch im Laufe des nächsten Vormittags suchte die Baronin die Baronesse in deren Zimmer auf. Sie traf sie in einer nachdenklichen Stimmung an, die sie jedoch, ganz von ihrer eigenen Angelegenheit in Anspruch genommen, nicht bemerkte. »Ich komme,« sagte sie, nachdem sie ein kleines gleichgültiges Gespräch geführt hatte, unter einem kleinen Seufzer, »um mich vor dir ein wenig meiner Sorgen zu erleichtern, liebe Erika.« »Aber sie ist doch wirklich so sehr angenehm«, antwortete die Baronesse, in halber Verlorenheit gegen das Fenster hingewandt, an dem sie saßen, als wolle sie ihre Miene verbergen. »Ich habe genau den gleichen Eindruck wie du von ihr, Tante Flore. Ich glaube auch sicher nicht, daß sie dich enttäuschen wird. – Ich kann Helmut durchaus verstehen. Sie ist ja so bezaubernd schön. Aber ich bin überzeugt, daß sie auch wertvollere Eigenschaften besitzt. Sie wird Helmut vollkommen glücklich machen. Ich glaube auch, daß du auf die Dauer mit ihr gut auskommen wirst. Sie ist ganz sicher nicht selbstsüchtig und unverträglich.« Die Baronin hatte der Baronesse aufmerksam zugehört. Gegen Ende ihrer Rede hin aber hatten sich ihre klugen, grauen Augen von einem wärmeren Gefühl belebt, und sie rief in ihrer temperamentvollen Weise: »Ach, Erikachen! Du Seele, du Seele! – Ja, ja, ich will das alles ja herzlich gern selber glauben. Sie hat mich ja selbst gleich beim ersten Anblick so unmittelbar für sich eingenommen, und ich glaube nicht, daß mich ein im Grunde falsches Kätzchen hätte so hinreißen können ... Aber ... Liebes Gottchen, na ja!« Sie lachte mit Humor. »Aber ich kann mir nicht helfen: ich habe eigentlich niemals Sinn für solche romantischen Angelegenheiten gehabt.« Sie ließ einen kleinen, doch ernst gemeinten Seufzer hören. »Und diese Scheidungsklage, die da noch schwebt! Sie ist ja ganz sicher nicht der schuldige Teil: aber eine Scheidung ist und bleibt doch eine Scheidung. – Sie stammt übrigens aus gutbürgerlicher, aber total verarmter, wohl auch sonst etwas reduzierter Familie. Aber das alles ist noch nicht mal das Eigentliche, was mir Sorge macht. Es mag ja Aberglaube sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Weib, das ihrem Mann mit einem anderen durchgegangen ist, in sich wirklich ruhig und glücklich ist. Es ist ja ein ganz unbestimmter, gar nicht recht greifbarer Eindruck, den ich da von ihr habe, der mich doch aber bis zu einem gewissen Grade beunruhigt. – Nun ja, ich bin mal so: mir floß das Herz über, wie ich sie sah, ich konnte mir nicht helfen, ich mußte sie küssen. Aber es ist so wunderlich: es war Mitleid, Rührung, aber es war vielleicht auch so eine Art von Schreck, was mich dazu trieb.« »Wie seltsam!« sagte die Baronesse, noch immer ihren Gedanken hingegeben, die übrigens eigentlich nicht ganz bei dieser Sache waren. »Nun? Du auch, Erikachen?! Hab' ich recht?« rief die Baronin lebhaft. Die Baronesse schwieg. »Schreck!« wiederholte die Baronin. »Es ist ja ein etwas zu starker Ausdruck ... Aber – du verstehst. – Ich weiß nicht, aber ich habe in solchen Dingen so meine Sensibilität. – Ach Gott, nein, nein, nein! So recht will und will es mir nicht gefallen! – Wie merkwürdig! Und doch bin ich ihr gut. Aber sicher: sie ist ein Problem. – Sie ist und bleibt ein Wesen für sich, ein Wesen aus einer anderen Welt als die unsere!« »Ja, eine Ausnahmenatur ist sie wohl«, bestätigte die Baronesse. »Vielleicht in einem ganz besonderen Grade von Natur und Bestimmung Weib.« »Ja, ja!« machte die Baronin halb zerstreut. Aber dann fügte sie lebhaft hinzu: »Nun, nun, Erikachen! Genies haben mich von jeher kritisch gestimmt. Ich habe den Schwarm junger und alter Weibchen für sie niemals mitmachen können. Und ich habe doch keine sicher orientierte Empfindung dafür, ob unser Helmut auf die Dauer mit solch einem ›Genie‹ wirklich glücklich fahren kann. – Ach mein Gott, nein, nein, nein! Und seine Laufbahn! Aber doch seine Laufbahn! Das ist nun alles so ganz kurzerhand abgebrochen! Oh, darüber kann man denn doch nicht so ganz ohne weiteres hinauskommen. – Bei seinen Anlagen! Vor allem aber, was mir geradezu ein Rätsel ist: bei seinem Ehrgeiz, Erikachen! Bedenke: bei seinem so ausgeprägt militärischen Ehrgeiz!« Die Baronesse schwieg. »Ja«, sagte sie endlich leise. »Wie merkwürdig das ist! Was muß sie für einen Eindruck auf ihn geübt haben! – Aber gerade das ist es, was mich beruhigt«, fuhr sie dann, sich aus ihrer Nachdenklichkeit aufraffend, fort. »Helmut ist nie und nimmer ein Mann, der sich bloß von einer Schönheit, von einem wirklich bloß problematischen Weib hinreißen läßt, hinreißen lassen kann, Tante Flore! Sein Wesen ist dazu zu gut, zu gesund, zu tüchtig! – Nein, er hat sicher das Glück gefunden. Und – warum sollte man für ein großes Glück denn nicht selbst auf eine glänzende Laufbahn verzichten, warum sollte nicht selbst ein stark ausgeprägter Ehrgeiz hinter ihm zurückgestellt werden können? Ein Ehrgeiz, der hier stärker wäre, würde vielleicht eher pathologisch sein. – Nein, das gefällt mir an Helmut, das begreif ich von ihm: er ist nicht Sklave seines Ehrgeizes; er ist mehr, besser, gesunder als bis zur kalten Dämonie wohl gar, ehrgeizig: er ist ein gesunder, warmfühlender Mann! – Und das alles gibt denn doch zugleich das Gewähr, daß sie mehr als ein bloß mit Leidenschaft und Leidenschaft beglückendes Weib ist: sie muß doch wohl eine gediegene Natur sein. Die Baronesse hatte mehr und mehr mit einer leisen, etwas unruhigen Zerstreutheit gesprochen. »Nun, gebe Gott, daß du recht hast, Erikachen! – Du Seele! Du gutes, kluges Mädchen!« Die Baronin blickte vor sich nieder und ließ einen kleinen Seufzer hören. Sie dachte, welche Freude ihr Helmut gemacht haben würde, wenn er eines Tages so anstatt mit dieser Cäcilie mit Erika vor sie hingetreten wäre. »Aber verzeih, Tante Flore!« Die Baronesse ließ ein munteres Lachen hören, das den bisherigen Gegenstand des Gespräches abbrach. »Wenn ich jetzt von mir sprechen muß. Auch ich hatte vor, dir heute eine Mitteilung zu machen. Ich habe übrigens schon die letzte Woche daran gedacht. Du hast ja Helmut jetzt auf die Dauer wieder hier. Da muß ich denn endlich wohl an meine Abreise denken. Es wären diese und jene nicht unwichtigen Angelegenheiten, die ja meine Anwesenheit zu Hause wieder vonnöten machen.« »Wie denn? – Aber nein, nein, nein! O Gott, Erikachen! Du willst mich verlassen? – Oh, tu' es nicht! Tu' es – jetzt noch nicht!« Die Baronin blickte in einer Art seltsamer Verwirrung und Ratlosigkeit hin und her. »Nein, nein, mein Herzchen! – Erikachen: du darfst noch nicht fort! Ich bitte dich: tu' mir den besonderen Gefallen: bleib noch! Bleib' noch ein paar, eine Woche.« Sie hatte sich erhoben und war zu der Baronesse hingeeilt, hatte sie umfaßt und sich zärtlich zu ihr niedergebeugt. »Hörst du? Ich weiß selber nicht, warum ich dich noch nicht fortlassen kann.« – Sie seufzte. – »Aber bitte, bitte: noch zwei Wochen, eine Woche wenigstens.« Die beiden Frauen blickten sich einige Zeit Auge in Auge an. »Ja, Tante Flore, ich werde noch bleiben«, sagte die Baronesse endlich * Sie Baronin hatte gewußt, warum sie von einem ganz besonderen Gefallen gesprochen hatte, den ihr die Baronesse mit ihrem ferneren Verbleiben erweisen sollte. Doch gerade dieser Umstand und die sonstige Dringlichkeit der Bitte hatte die Baronesse bewogen, ihr nachzugeben. Sie selbst fühlte sich von einer unbestimmten Sorge erfaßt. Denn wenn es vor Jahren der Herzenswunsch der Baronin gewesen war, daß sie die Gattin Helmuts werden sollte, so war die Neigung der Baronesse diesem Wunsche, obgleich er in einer direkten Weise niemals zum Ausspruch gelangt war, durchaus entgegengekommen. Sie liebte Helmut und hatte im Laufe der letzten fünf Jahre, obgleich es ausgeschlossen schien, daß er ihr je einen Antrag machte – er hatte überhaupt nicht an seine Verheiratung, sondern einzig an seine militärische Laufbahn gedacht –, zwei anderweitige Anträge abgewiesen, gedachte überhaupt ledig zu bleiben. Das bedeutete aber einen Entschluß, der auf einen selten starken Charakter hinwies. Denn die Lindbachs verfügten zwar über ein ansehnliches Vermögen, das aber, da die Familie eine kindergesegnete war, in die Teile ging. Die Baronesse wäre also wohl darauf angewiesen gewesen, eine gute Partie zu machen. Außerdem wurde ihr allgemein Wirtschaftlichkeit zugesprochen, so daß es ihr keineswegs an Bewerbern fehlte. Ihre Lage war, wenn sie jetzt, mit Cäcilie unter einem Dach, noch ferner blieb, eine ziemlich peinliche. Sie bedachte das wohl. Aber die Sorge, die sie selbst hegte und die ihr die Baronin noch verstärkt hatte, und ihre selbstlose Neigung zu Helmut überwanden ihre Bedenken. Auch sie fühlte sich durch gewisse Züge von Cäciliens Wesen oder vielmehr durch Cäciliens Lage beunruhigt. Sie war gerecht, verständig, selbstlos und zugleich mitfühlend genug, daß sie nicht ein unmittelbares Wohlgefallen an Cäcilie gefunden hätte, doch war Cäcilie auf alle Fälle eine Ausnahmenatur, und das bedeutete eine gewisse Problematik ihres Wesens, durch welche die Baronesse sich vielleicht bis zu einem gewissen Grade angezogen fühlte, da sie selbst ja, wenn auch in anderer Hinsicht als Cäcilie, die Eigenschaften eines ungewöhnlichen Charakters besaß, wobei aber eine gewisse Bangigkeit und Sprödigkeit Cäcilie gegenüber mit unterlief, eine Sprödigkeit, die in manchen Augenblicken wohl sogar bis zu einer innerlich zurückhaltenden Blödigkeit gehen konnte. »Vielleicht hat Tante Flore übrigens doch nicht so ganz unrecht«, dachte sie. »Helmut ist ja eine so feinselige Natur. Und – er verehrt sie in dieser Weise, er beschäftigt sich beständig viel zu sehr mit ihr. Das ist unmöglich ein wirklich echtes Gleichgewicht zwischen ihnen, ist kein ganz gesundes Zusammenstimmen. Und wie sollte gerade sie gerade das nicht empfinden?« Ausschlaggebend aber war, um die Sorge der Baronesse noch zu mehren, daß Cäcilie sich nicht in der rechten Weise an die Baronin und sie anschloß. Obgleich die Baronin ihr entgegenkam; und obgleich die Baronin, wenn Cäcilie eine wirkliche Liebe zu Helmut auch auf seine Mutter übertragen hätte, bei der unbegrenzten Gutherzigkeit, die ihrem lebhaften Temperament eignete, ihre Sorgen sofort drangegeben und Cäcilie ein für allemal in ihr Herz geschlossen haben würde. Es war durchaus nicht der Fall, daß die Baronin ihre Sorge Cäcilie mit irgendwelcher kühleren Zurückhaltung hätte durchblicken lassen oder anders als mit einer gewissen Ängstlichkeit, die die mitleidig sympathische Teilnahme färbte, die sie Cäcilie erwies, als diese sich in der ersten Zeit, wohl noch von der Reise und dem Aufenthalt im Süden, der ihr nicht gut bekommen war, leidend zeigte. In jedem Falle hatte die Baronin die beste Absicht, sich mit Cäcilie in ein gutes Einvernehmen zu setzen. Doch Cäcilie blieb zurückhaltend. Die Baronesse merkte sofort heraus, daß sie sich zwischen ihnen beiden und Helmut, der sich übrigens, wie es sich den jetzigen Umständen nach schon von selbst gebot, mit großer Freudigkeit den landwirtschaftlichen und sonstigen wirtschaftlichen Angelegenheiten hingegeben hatte, in der Schwebe fühlte. Was aber konnte das anders bedeuten, als daß sie auch zu Helmut selbst nicht das richtige Verhältnis besaß? ... Und sie täuschte sich in all diesen Beobachtungen tatsächlich nicht. Es verhielt sich wirklich so: Cäcilie fühlte sich zwischen Helmut und den beiden Frauen in der Schwebe. Eine Zuflucht zu Helmut und ein einseitiger Anschluß an ihn war ja ausgeschlossen. Diese Zuflucht war, ganz gewiß für Cäciliens Empfinden selbst, ausgeschlossen, wenn sie keinen Anschluß an ihre Schwiegermutter gewann. Zu allem kam natürlich rein äußerlich hinzu, daß sie mit dem überdies stark wirtschaftlich beschäftigten Helmut hier so ganz anders zu verkehren genötigt war, als sie bisher an der Riviera mit ihm gelebt hatte ... Eins hatte die Baronin nun aber freilich nicht in Betracht gezogen und konnte sie wohl auch nicht in Betracht ziehen: daß nämlich dieser ganze Zustand Cäciliens vor allem durch das weitere Bleiben Erikas verursacht wurde. Es war von Helmut eine Unüberlegtheit gewesen, oder es bedeutete einen mangelhaften Einblick in Cäciliens Wesen, daß er mit ihr davon gesprochen hatte, seine Mutter habe vor Jahren einmal daran gedacht, ihn mit Erika zu verheiraten. Wäre die Baronesse nicht geblieben, so hätte Cäcilie, zumal ihr die Baronin ja entgegenkam, zweifellos den rechten Anschluß an die Baronin gefunden; so aber erhielt ihre Neigung zu Helmut einen höchst bedenklichen Bruch ... Denn ihre Stellung im Hause öffnete ihr über eins die Augen: daß nämlich ihr Gefühl für Helmut sich von Anfang an im Grunde einer Täuschung hingegeben hatte; daß sie in all der Zeit seit ihrem Bruch mit Robert in einem Zustand gewesen war, der einer wirklichen Liebe zu Helmut gar keinen Raum gelassen hatte. Nämlich in dem Zustand eines Herausgerissenseins aus all ihren bisherigen Lebensverhältnissen, einer jähen, unruhigen, wirren, allerdings suchenden Schwebe. Wohl hatte sich ja ihre Neigung für Helmut nicht geirrt, aber es war mehr Verzweiflung, es war ihre suchende Angst gewesen, nicht Liebe, nicht jene Liebe, jene unbedingte Hingabe ihrer besten und eigentlichsten Natur, nach welcher ihre Triebe sich sehnten ... * Sie gelangte jetzt zum vollen Bewußtsein, daß sie sich in einem Wirbel befand, der sie widerstandslos dahinriß. Wohin? Wohin? ... Vorderhand schien er sie nur noch wilder, wirrer, verzweiflungsvoller umstricken und wohl gar in seinen düstersten Abgrund reißen zu wollen. Ihre innerste Wirrnis und ihr Nervenzustand wurden dadurch nicht gerade besser, daß sie ihn vor den drei Menschen, mit denen sie hier lebte, verbergen und unterdrücken mußte. Und das führte zu einer Krise, in der ihre Natur ihr abermals zu Hilfe kam. Ihr nervös bedrängter Zustand wurde nämlich nicht zur Hysterie, ließ sich nicht gehen, sondern wurde abermals zu jener seinen, »kultivierten Sensibilität«, in der sie so bezaubernd war und Robert und den Seinigen so gefallen hatte. Auch hier »gefiel« sie. Bereitete sie jedenfalls die angenehmste Überraschung. Vor allem der Baronin, mit der sie jetzt wirklich endlich zusammenzukommen schien. Doch auch Helmut, der hier genau so wie damals Robert über sie plötzlich umzulernen hatte, war von dieser Wandlung ihres Wesens auf das angenehmste berührt. In einer ganz besonderen Weise aber berührte Cäcilie die Baronesse. Erika fühlte sich in all ihren Beobachtungen beirrt. Anstatt des Weibes, das sie in Cäcilie gesehen und ganz gewiß auch geachtet, dessen Liebe sie für Helmut selbst zu stark erachtet hatte, offenbarte sich da mit einemmal eine mit herzlichster, ungemachtester Liebenswürdigkeit bestrickende, in der anmutigsten Weise lebhafte Dame, von bestem Taktgefühl zugleich. Das hatte nun zur Folge, daß die Baronesse jetzt ihrerseits anfing, sich isoliert zu fühlen. Denn die Baronin hatte ihre Sorgen infolge der Änderung, die mit Cäciliens Wesen vor sich gegangen war, so gänzlich vergessen, daß ihr lebhaftes und lebenslustiges Temperament sich mit Cäcilie in vollkommenem Einklang fühlte und daß, so empfand die Baronesse, ein irgendwie skeptisches Gespräch mit ihr unmöglich gewesen wäre. Da sie sich durch Cäcilie jetzt beirrt fühlte, da sie zugleich ihrer Anmut unterlag, geriet die Baronesse in eine Versonnenheit, die nicht ohne eine seltsame kleine Anwandlung von Verzichtleistung war. Zugleich aber hatte sie einen Trieb, sich in einen näheren Anschluß an Cäcilie zu bringen und aus einer gewissen Zurückhaltung, die sie Cäcilie gegenüber bisher bewahrt hatte, herauszugehen. Sie meinte im übrigen, daß nun wohl endgültig der Zeitpunkt ihrer Abreise gekommen war. Die Woche, die Tante Flore als Mindestmaß ihres ferneren Bleibens erbeten hatte, war um und ließ keine Ursache zu weiterer Sorge mehr. Die Baronesse freute sich, daß nun auch sie in einem guten Einvernehmen mit Cäcilie scheiden konnte, und in diesem Sinne suchte sie vor ihrer Abreise noch eine Annäherung. Cäcilie aber kam ihr entgegen. Ja, es erschien, als ob sie auf diesen Augenblick, wo die Baronesse ihr bisher allzu ruhiges und gleichmäßiges Wesen ihr gegenüber in etwas aufgeben würde, gewartet hätte. Auch hierin täuschte sich Erika nicht, denn Cäcilie hatte unter Erikas Zurückhaltung direkt gelitten. Von Anfang an war gerade Erika Cäcilie die sympathischere der beiden Frauen gewesen. Sie hatte sofort ihre gediegenen Eigenschaften durchgefühlt. Schließlich war das zu einer förmlichen Sehnsucht herangewachsen, mit ihr herzlichere Fühlung zu gewinnen. Nichts war aber wohl ein unwillkürlicheres Zeichen dafür, daß sie sich nicht nur seiner Mutter, sondern im Grunde auch Helmut fremd fühlte, als diese Sehnsucht, mit der Baronesse in nähere Berührung zu kommen ... Vor allem aber zog Cäcilie gerade der Umstand zu Erika hin, daß sie mit der feinsten Spürkraft ihres jetzigen Zustande herausfühlte, Erika liebe Helmut; mit einer Liebe, die durch die Entsagung nur an Kraft gewonnen hatte. Sie wußte zurzeit noch nicht im entferntesten, was sie in nächster Zeit tun oder welchen Ausgang ihr Schicksal nehmen würde, wenn der unausbleibliche Zeitpunkt gekommen war, an dem ihr fernerer Aufenthalt hier unmöglich wurde: aber sie fühlte mit aller Entschiedenheit, daß sie sich der Baronesse nähern mußte ... Da traf es sich eines Tages, daß sie mit ihr im Hause allein war. Die Baronin war in einer nachbarlichen Angelegenheit zu einer befreundeten Familie zu Besuch gefahren, Helmut dringlich von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen. Es war ein sonniger, ungewöhnlich warmer Märznachmittag. Es herrschte eine Wärme, die für diese Jahreszeit fast etwas Unnatürliches hatte. Cäcilie erging sich mit der Baronesse in dem großen hinter dem Schloß gelegenen Garten, der auf seinen sauber zum Frühling hergerichteten Beeten die ersten Blumen zeigte. Sie hatten sich zuerst über gleichgültigere Angelegenheiten unterhalten. Schließlich aber hatte die Baronesse Cäcilie davon gesprochen, daß sie im Laufe der nächsten Tage abreisen werde. »Sie wollen abreisen?« fragte Cäcilie. Die Baronesse nahm wahr, daß sie wie von einem jähen Schreck zusammengefahren und auffallend bleich geworden war. »Ja«, bestätigte sie betroffen, ohne die Frage zu wagen, ob Cäcilie sich nicht wohlfühle. »Ach, das – ist schade!« stieß Cäcilie hervor, unter einem abwesenden Lächeln und offenbar ohne recht zu wissen, was sie sagte. Plötzlich aber blieb sie stehen und sagte, sehr bleich und mit wahren Angstaugen: »Nicht wahr: es ist doch – geradezu schwül heute?« »Ja, es ist wirklich ganz ungewöhnlich warm«, bestätigte Erika, wieder im Begriff, ihrer Besorgnis wegen Cäciliens Befinden Ausdruck zu geben. Aber da fühlte sie plötzlich krampfhaft ihren Arm umpreßt. »Oh, ist Ihnen unwohl?« fragte sie erschreckt, sich im übrigen Cäcilie, die augenscheinlich einer Stütze bedurfte, mit einer Bewegung darbietend. »Ängste! – Ich habe ja – solche Angst!« stieß Cäcilie hervor, während sie todbleich mit einem Ausdruck verzweifelten Entsetzens vor sich hinstarrte und beide Hände noch krampfhafter und hilfsbedürftiger um den Arm der Baronesse klammerte. »O mein Gott! Kommen Sie! Ich will sie hineinführen!« stieß Erika hervor, die sich nichts weniger als solch eines Zustandes von Cäcilie versehen hatte. »Ja! – Ja! – Bringen Sie mich, bitte, auf mein Zimmer! Auf mein Zimmer!« flüsterte Cäcilie hastig. Als jetzt aber im Hintergrunde des großen Gartens der Gärtner sichtbar wurde, der dort arbeitete, ihnen bisher aber hinter einem Gebüsch unsichtbar geblieben war, gewann Cäcilie sofort Haltung, löste ihre Hände von Erikas Arm, schob ihr die Hand unter den Arm und ließ sich von ihr dem Haus zuführen. »Soll ich jemand benachrichtigen, daß er Ihnen ...«, wollte Erika sich erkundigen. Aber Cäcilie unterbrach sie sofort. »Nein! Nein! – Oh, sagen Sie es niemand! Niemand! – Es ist ja nichts. Es geht vorüber.« »Haben Sie – in letzter Zeit öfters solche Zufälle gehabt?« fragte Erika mit einer Ahnung von der wahren Bedeutung des Anfalles. »Ach ja! – Ja!« bestätigte Cäcilie. Erika schwieg. »Nein! Ich bitte, bitte Sie: sprechen Sie zu niemand davon! – Aber darf ich Sie bitten, mir noch etwas – Gesellschaft zu leisten? ... Es – hat mich überrascht.« »Oh, gern will ich bei Ihnen bleiben, wenn Ihnen – das Erleichterung verschafft!« beruhigte Erika in einem herzlichen Ton, doch nicht ohne eine unbestimmte innere Spannung. Sie waren inzwischen in Cäciliens Zimmer eingetreten. Kaum aber hatte Erika, die hinter ihr eingetreten war, die Tür geschlossen, als Cäcilie auf ihr Bett zulief, sich, das Gesicht in die Kissen gedrückt, lang hinwarf und so heftig zu weinen begann, daß ihr der ganze Körper zuckte. Es dauerte ziemlich lange, bis der Anfall vorüber war. Erika glaubte an einen Weinkrampf, wennschon sie sich sofort in einer besonderen Weise berührt fühlte. Endlich hatte der Anfall sich gestillt. Cäcilie lag, in der Haltung, wie sie sich über das Bett geworfen hatte, den Körper von einem Zittern überlaufen, eine Zeitlang stumm und regungslos. Plötzlich aber richtete sie sich, das Haar verwirrt, mit verzerrtem und tränenverwüstetem, bleichem Gesicht langsam in die Höhe, mit der Faust auf das Bett gestützt, und starrte mit weiten dunklen Äugen vor sich hin. Dann aber wandte sie sich, zittrig mit der Hand über die Stirn streichend, gegen Erika hin und sagte, heftig atmend, leise, zaghaft: »Sie ... Sie lieben Helmut!« »Mein Gott ...« Erika machte eine Bewegung, zu ihr hinzueilen. »Ich weiß – daß Sie ihn lieben.« Sie hatte ihren Blick gesenkt. Um ihren Mund lag ein krampfiges und zugleich anmutiges Lächeln. »Ich aber ... Ich – liebe ihn nicht! – Sie – lieben ihn. Und nun soll ich ... will ich ... Wie dumm das ist!« »O mein Gott! Liebste! Sie wissen nicht, was Sie sprechen!« Erika war jetzt zu ihr hingeeilt und hatte sie, vor ernstlicher Sorge um sie zitternd, mit beiden Armen umfaßt. Cäcilie hatte nicht geantwortet. Aber sie war ruhiger geworden. Es war, als ob die Umarmung ihr wohl tat, als ob sie eine Erleichterung erfuhr. Sie atmete sogar ein paarmal auf. Beachtete im übrigen aber die Nähe Erikas nicht weiter. »Ich liebe ihn nicht! – Ich liebe ihn nicht! – Und das – ist wahr!« – Leise und langsam hatte sie diese Worte vor sich hingesprochen. »Das ist alles ganz anders, als ich gedacht und damals gefühlt habe. – Ach, es ist so unerträglich hier! – Und die Riviera war so entsetzlich, so entsetzlich!« Es hatte den Anschein, als nahe ihr von neuem ein Angstanfall. »Cäcilie!« Erika hatte, von ihrer Empfindung überwältigt, Cäcilie fester umschlungen. Ihr Innerstes, alle Sympathie, die sie von Anfang an für sie empfunden, alles Verständnis, das sie von vornherein für ihre wahrste und innerste Natur gehabt, hatte sich mit diesem Ausruf offenbart und ihrer Stimme einen warmen, tiefen, herzlichen Vollklang verliehen, der die ganze Aufrichtigkeit ihres Wesens bekundete. Cäcilie war sofort gegen sie herumgefahren. Ihre wie in einem freudigen Erstaunen geweiteten Augen waren tief und leuchtend beseelt; um ihren Mund aber kämpfte ein seltsam krampfiges Zucken mit einem unbeschreiblich guten und anmutigen Lächeln. »Erika!« Und sie lag an Erikas Brust, beide Arme um sie geschlungen, das Gesicht auf ihrer Schulter und weinte. »Du Gute! – Ich habe dich liebgehabt vom ersten Augenblick, wo ich dich sah. – Nur dich hab' ich hier geliebt. – Du hast mir so wohlgetan. – Ich wußte ja kaum, wo ich war. – Seit einem halben Jahr weiß ich nicht, wo ich bin. – Alles ist wie ein Alp gewesen, wie eine wilde Hetzjagd. – Alles beißt und ängstigt mich: ich kann es nicht verstehen.« Sie hatte diese Worte mit einem hastigen Flüstern hervorgestoßen, das Gesicht noch immer auf der Schulter Erikas. Es schien, als wollte ihr Zustand wieder unruhiger und krankhaft werden. Um sie zu beruhigen, drückte Erika, dennoch von einem gewissen Inhalt ihrer Worte im Innersten erschüttert, Cäcilie fester an sich und streichelte ihr leise über das Haar. Cäcilie wurde still. Es verging einige Zeit in einem tiefen Schweigen. Plötzlich aber fuhr Cäcilie auf, und Erika mit großen, ängstlichen Augen ansehend, bat sie hastig, dringlich, erschreckt: »Sag' es niemand! Sprich niemand davon, was ich dir gesagt habe! – O bitte, versprich es mir!« »Oh, beruhige dich!« Erika bog sich liebevoll zu ihr hin und strich ihr über das Haar. »Nein, nein, versprich es mir! – Ich bin ganz bei Sinnen! Sag', o sag' es ihnen nicht! – Sie sollen's nicht wissen. – Es ist ja doch... Es wird sich ja alles – bald – aufklären.« Sie schien sich zu verwirren. Sie verursachte Erika wieder eine unbestimmte Bangigkeit. »O sei ruhig! Beruhige dich! Ich werde es niemand sagen. – Aber... Mußt du nicht etwas für deinen Zustand tun? – Gewiß hast du schon lange so gelitten«, setzte sie mit einer bewegten Nachdenklichkeit hinzu. »Ja, ja! – Sage es niemand! Sag' es niemand.« * Als Cäcilie aber am Abend nach Rückkehr der Baronin mit den anderen zusammen war, merkte man ihr von dem Anfall nichts an. Sie war nur etwas müd und stiller als sonst, im übrigen aber freundlich und zugänglich. Erika ihrerseits, durch dieses Verhalten in Verwirrung gesetzt, zeigte eine ernste und nachdenkliche Stimmung. Aber diese Stimmung ging in Betroffenheit, ja sogar in eine gewisse leise Anwandlung von Feindseligkeit über, als Cäcilie schon am nächsten Tage und die Tage darauf genau wieder jenes sanguinisch bewegliche Wesen zeigte wie all die letzte Zeit her. Sie schien jede Erinnerung an jenes Zusammensein mit Erika verloren zu haben, und sie zeigte auch ihr gegenüber kaum ein anderes Verhalten, als sie es bisher gewohnt gewesen war. Erika war indessen eine viel zu besonnene und überlegsame Natur, als daß sie ihre erste Betroffenheit, ja Ungehaltenheit, mit der sie der neuerliche Wechsel in Cäciliens Wesen berührt, bewahrt hätte. Sie war vielmehr nachträglich der Überzeugung, daß Cäciliens jetzige Stimmung keine durchaus natürliche war, ja, daß sie überhaupt die ganze letzte Zeit her, vor jener Szene, keine natürliche gewesen war, daß sie vielmehr gerade auf das innerliche Vereinsamungsgefühl hindeutete, welches ihr Cäcilie so erschütternd offenbart hatte, und daß sich die freundschaftlich sympathetische Rückhaltslosigkeit, die Cäcilie ihr gezeigt, damit sehr wohl vertrug. Auch sie hielt sich vorderhand Cäcilie gegenüber in einer Zurückhaltung, welche diese selbst zu wünschen schien. Der Baronin machte sie ihrem Versprechen gemäß von dem Geschehenen keine Mitteilung, doch beschloß sie, sofort ihre Abreise bis auf weiteres aufzuschieben; wobei sie erwog, daß ihr ferneres Bleiben auch Cäcilie nur erwünscht war. Es stand ihr fest, daß Cäciliens Zustand in allernächster Zeit zu einer entscheidenden Krise gelangen mußte ... Inzwischen hatte sich aber noch etwas anderes ereignet. Cäcilie besuchte hin und wieder gern den Gutshof. Und so war es geschehen, daß sie Henrik Wichmann gesehen hatte. Er hatte auf sie sofort Eindruck gemacht. Schon der Umstand, daß er von Geburt ein Ostfriese war, war dabei von Bedeutung gewesen. Henrik Wichmann war ein blonder, hochgewachsener, breitschultriger Mann, ungefähr in Roberts Alter, mit einer Stierstirn und blauen Augen, die einen klugen, stillen, bescheidenen Ausdruck zeigten. Ein lichtblondes Schnurrbärtchen gab seinem wettergebräunten Gesicht eine gleichsam ihrer selbst unbewußte männliche Munterkeit. Im ganzen wirkte er nach einem nordischen Ausländer – norwegischer oder schwedischer Typ. Er tat Cäcilie in ihrem jetzigen Zustand, der seiner äußersten Entscheidung zudrängte, sofort wohl. Ihre gepeinigten Nerven nahmen auf der Stelle eine Art von physischem Anschluß an ihn, fühlten sich unmittelbar durch ihn beruhigt. Es hatte nicht fehlen können, daß sie dies und jenes Wort miteinander wechselten. Gelegentlich hatte er Cäcilie auf ihren Wunsch hin sogar einmal in der Fabrik herumgeführt. Er hatte ihr dabei gesagt, daß die Einrichtung vollständig fertig wäre und daß er in weniger als vierzehn Tagen wieder nach Magdeburg zurückreisen werde. Auch seine wortknappe, sachliche Sprechweise und seine ruhige, etwas kleine Stimme hatten ihr wohlgetan. So hatte sie angefangen, sich innerlich mit ihm zu beschäftigen ... Aber auch Henrik Wichmann war sie nicht gleichgültig geblieben. Vom Hörensagen wußte er, daß sie eine Frau Voges war, eine sehr reiche Dame, eine Witwe, daß sie zu den Löhrs nahe Beziehungen habe und deshalb auf längeren Besuch bei ihnen weile. Etwas im Widerspruch mit dem Umstand, daß sie schon verheiratet gewesen war, hatte er aber ihre äußere Erscheinung gefunden. Cäcilie trug zurzeit für gewöhnlich ein fußfreies marineblaues Kleid mit einem Jackettchen von der gleichen Farbe und einen schlichten breitkrempigen Hut aus marineblauem Tuch, dessen vordere Krempe in die Höhe gesteckt war, so daß er ungefähr wie ein Südwester aussah. In dieser Kleidung wirkte ihre schlanke Gestalt wie die eines schönen, gesund kräftigen, munteren jungen Mädchens. Es kam hinzu, daß er auf sie diesen unmittelbar wohltuenden Einfluß übte, so daß auch ihr sonstiges Äußeres der Erscheinung, die sie bot, entsprochen hatte, wenn sie mit ihm zusammengetroffen war. Zu allem hatte ihm aber ihr praktischer Sinn und ihre gute Auffassungsgabe gefallen, die sie z.\ B. bei der Besichtigung der Fabrik gezeigt. Nun war es geschehen, daß er am Sonntag nach dem Mittwoch, an dessen Nachmittag Erika mit Cäcilie zusammen gewesen war, mit dem Dorfpfarrer ins Schloß zu Mittag geladen war. Man hatte diese Einladung seiner nahe bevorstehenden Abreise wegen an ihn ergehen lassen. Helmut und seine Mutter hatten sich mit ihm über seine Abreise und seine Stellung in Magdeburg unterhalten. Dabei war er aber darauf zu sprechen gekommen, daß er seine bisherige Stellung nicht mehr lange zu behalten gedächte. Auf die Frage, was er anderes vorhabe, hatte er geantwortet, daß er in letzter Zeit sein väterliches Erbteil ausgezahlt bekommen habe und daß er gesonnen sei, noch im Laufe dieses Jahres nach Amerika auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Das sei schon seit langem sein Lieblingswunsch und seine Absicht gewesen. Cäcilie hatte sich – was Erika aufgefallen war – während dieses Gespräches auffallend still verhalten. Bald nachdem man die Mittagstafel verlassen, hatte sie sich mit der Entschuldigung, sie fühle sich nicht recht wohl und wolle ein wenig ruhen, auf ihr Zimmer begeben und war bis zum Abend dann nicht wieder sichtbar geworden. Die nächsten Tage über zeigte sie ein stilles Wesen, machte aber häufig längere Spaziergänge für sich allein. »Was ist eigentlich Cäcilie?« erkundigte sich die Baronin, die sich über dies Verhalten wunderte. »Sie hat sich ja so verändert? Und weshalb geht sie soviel allein spazieren?« »Sie hat ja in den letzten Tagen wichtige Nachrichten in Angelegenheit ihres Scheidungsprozesses erhalten,« antwortete Erika ausweichend, die sich übrigens über die Ursache von Cäciliens häufigen Spaziergängen selbst im unklaren war, »das beschäftigt sie wohl. Es hat sie in letzter Zeit wohl auch manchmal etwas nervös gemacht. Es ist wohl das beste, man überläßt sie vorläufig sich selbst.« Die Spaziergänge, von denen sie übrigens meist erfrischt und in aufgemunterter Stimmung zurückkehrte, galten Henrik Wichmann. Sie hatte zufällig erfahren, daß er seine freie Zeit gern zu Spaziergängen in der Umgebung, meist zum Elbufer hin, verwende. Und je näher der Zeitpunkt seiner Abreise kam, um so ängstlicher und dringlicher suchte sie bei Gelegenheit eines solchen einsamen Spazierganges mit ihm zusammenzutreffen. Es geschah am nächsten Sonntagvormittag, daß sie, die in den letzten Tagen Henrik Wichmann nicht getroffen hatte, einen solchen Gang zum Elbufer hin unternahm. Sie hatte, wie sie meist zu tun pflegte, um diese einsamen Gänge nach außen hin in eine Art Beziehung zu ihrem Aufenthalt im Schloß und den drei Menschen, mit denen sie dort zusammenlebte, zu bringen, den Haushund mitgenommen, solch einen russischen Steppenhund, wie ihn ihr Helmut damals mitgebracht hatte. Der Weg, der sie in einer kleinen halben Stunde zum Elbufer hinführte, war eine breite, grasbewachsene Allee mit alten Apfelbäumen, die, in ziemlich weiten Abständen voneinander, auf ihren kurzen, verkrümmten, rauhborkigen Stämmen breite Kronen spreiteten. Die Äste und Reiser waren glänzig braun vom treibenden Frühlingssaft und mit jungen Knospen bedeckt. Der junge Rasenwuchs des Weges zeigte die ersten Blumen und war mit Gänseblümchen gesprenkelt. Hier und da spielte in der mild sonnigen Luft ein erster Mückenschwarm. Zwischen den Bäumen hindurch bot sich ein freundlicher Weitblick über die sprossenden Felder und auf ferne Forste, die blau und still in der schönen, friedsam weiten, ländlichen Feldstille standen. Später bog die Allee dann ab, und Cäcilie schlug einen Wiesenpfad ein, der sie an einem Erlenbach hin zum Stromufer brachte. Die Wiesenbreits senkte sich mit der Anpflanzung eines Buschweidendickichts gegen den Strom hinab, bis zu einer Stelle, wo dann das Ufer in eine kahle Sand- und Kiesfläche überging. Sie verfolgte einen Pfad, der zwischen den Weiden hin, deren bunte Gerten im Schmuck ihrer Lenzkätzchen prangten, zu dem äußersten Ufer hinabführte. Der Hund war ihr voraufgelaufen, bis sie ihn am Ende des Pfades um die linke Ecke des Dickichts herum verschwinden sah. Plötzlich aber hemmte sie mit einem jähen kleinen Schreck ihre Schritte. Der Hund bellte. Bellte jemand an. Sie wußte sofort, daß sich Henrik Wichmann hinter den Weiden befand ... Als sie gleich darauf aus dem Dickicht hervor ins Freie heraustrat, erblickte sie ihn wirklich. Er lag im Grase und klopfte mit einem Taschenmesser an einer Weidengerte herum, während er zugleich mit dem Hunde sprach, der vor ihm stand und ihn, da er ihn kannte, mit dem Schweif wedelnd, fröhlich anbellte. Henrik Wichmann hatte angenommen, jemand vom Schloß mache am oberen Rande des Dickichts hin in Begleitung des Hundes einen Morgenspaziergang und der Hund sei, das Dickicht durchstöbernd, hier aus den Weiden hervorgekommen. Als er jetzt aber Cäcilie sah, erhob er sich und bot ihr höflich die Tageszeit, war aber so überrascht, daß er errötete. Auch sie errötete bis in die Haarwurzeln hinein. »Ich komme oft hierher mit dem Hunde«, sagte sie. Sie sahen sich ein paar Sekunden an, in Verlegenheit, was sie miteinander reden sollten. Ein formloses, weiches Filzhütchen mit schmaler Krempe, eine Art von Jägerhütchen, auf und eine rehbraune Joppe an, nahm er sich aus wie ein großer, stiermäßiger, etwas unbeholfener Junge. Cäcilie richtete ihren Blick auf die Weidengerte und auf das Taschenmesser, die er noch in den Händen hielt. Sie erriet, daß er hier draußen gelegen und sich wie ein Junge eine Weidenpfeife zurechtzuklopfen im Begriff gewesen war. Das wollte so wunderlich zu dem Umstand stimmen, daß er die letzten Monate her all die komplizierten, großen Maschinen in der Fabrik aufgestellt hatte. »Ich habe Sie gestört. – Es sollte wohl eine Weidenpfeife werden?« sagte sie mit einem verlegenen Lächeln. »Ja, eine Weidenpfeife!« Er lachte, als wollte er sich entschuldigen, daß sie ihn bei solch einer Kinderei angetroffen hatte. Im übrigen verriet seine Haltung, daß er annahm, sie werde ihren Spaziergang gleich wieder fortsetzen. Halbwegs war sie in ihrer Verlegenheit auch dazu im Begriff, doch fühlte sie sich außerstande, sich von der Stelle zu bringen. Fast war sie in ihrer inneren Aufregung, daß es ihr geglückt war, ihm zu begegnen, dem Weinen nahe. »Ich habe mir früher auch manchmal selber Weidenpfeifen geklopft«, stieß sie endlich mit einem gezwungenen Lächeln hervor. Er antwortete mit einem Lachen, halb aus Verlegenheit, halb aus Höflichkeit, im übrigen in der Annahme, sie werde jetzt ihren Spaziergang fortsetzen wollen. Aber plötzlich wandte sie das Gesicht mit blitzenden Augen, die Arme ausbreitend und die Brust reckend, nach allen Seiten und rief mit einem sonderbaren Lachen: »Ach, ist es schön hier!« Er hatte sie zuerst verwundert angesehen und war dann unwillkürlich der Richtung ihres Blickes gefolgt. »Ja, ein schöner Platz!« bestätigte er dann mit einem ungewissen Lächeln. Schön war es wirklich. Am tiefblauen Himmel zogen frische, blitzeweiße Frühlingswolken, die ein leichter Wind, der von Süden her wehte, gen Norden trieb. Das Dickicht schimmerte in der Sonne mit all seinen lebhaften, lenzfrischen Farben und die breite, freie Stromfläche, auf der sich in der Richtung stromabwärts in der Ferne ein Schleppdampfer mit einer Reihe von Frachtkähnen näherte, gleißte in tausend sonnenblitzenden Spielen. Er beobachtete mechanisch, wie der Wind Cäcilie ein paar Strähnen ihres wunderbaren weizenblonden Haares an der Stirn hintrieb. Plötzlich aber ließ sie eine Art ekstatischen Lachens hören und ließ sich, ihre blitzenden Augen zu Henrik Wichmann emporgerichtet, mit einer hurtigen Bewegung ein Stück von ihm ab in das Gras nieder. Er stand, diesen Vorgang mit stummen, halb lachenden, halb erstaunt verlegenen Blicken verfolgend, immer noch so, in der einen Hand die Weidengerte, in der anderen das Taschenmesser. Cäcilie aber rief: »Weshalb stehen Sie? Behalten Sie doch Ihre Bequemlichkeit!« Er schwieg, zögerte eine Weile, ließ sich dann aber gleichfalls langsam an der Stelle, wo er vorhin gelegen hatte, nieder, blickte jedoch in sitzender Stellung, mit weitem Blick, den Mund von einem starren Lächeln halb geöffnet, gegen den Strom hin, während sie lag, nur auf dem Ellbogen ein wenig in die Höhe gerichtet, im übrigen gleichfalls zum Strom hinüberblickend. Ein paar Augenblicke blieb ein Schweigen. »Da hinten kommt ein Dampfer mit Kähnen,« sagte sie endlich mit einem Lachen – es hatte fast etwas von einem unbeholfenen Backfischlachen –, »er fährt nach Hamburg. In der Richtung zum Meere hin! Zum Meere...« »Ja«, bestätigte er und ließ ein kleines, befangen höfliches Lachen hören. »Ach, wie schön still und einsam und frisch es hier ist!« rief sie. Er hob die Augen und ließ, ohne auf das mindeste zu achten, seine Blicke mit einem gezwungenen Lächeln hin und her gehen. Dann aber sagte er – es nahm sich fast ängstlich aus –: »Ja, sehr schön still.« »Sie lieben die Natur auch?« fragte sie und blickte ihn an, mit rosigem Gesicht; blickte ihn an, ohne ihn zu sehen. Er senkte die Augen auf die Weidengerte und bestätigte dann mit einem halben Lachen: »Ja. – O ja.« »Ach, klopfen Sie doch Ihre Pfeife weiter! Bitte!« Er zögerte. Es war, als ob er etwas sagen wollte. Aber dann begann er, sehr langsam, die Gerte an der durch zwei Kerben abgegrenzten Stelle mit dem Taschenmesser zu klopfen, hörte plötzlich eine Zeitlang wieder auf und blickte irgendwo vor sich hin in das Gras, klopfte dann aber langsam ein Weilchen weiter, hörte dann aber wieder auf. »Sie reisen Ende dieser Woche ab, Herr Wichmann?« Ihre Worte waren unsicher, wie gepreßt hervorgekommen. Er sah sie an. »Ja, Ende dieser Woche«, antwortete er dann endlich, seinen Blick auf die Weidengerte abwendend. »Sie gehen nach Magdeburg zurück. – Aber dann wollen Sie ja – nach Amerika auswandern. Wo wollen Sie sich dort hinwenden?« »Ich denke ... gegen den Westen hin«, antwortete er. »Wollen Sie dort auch – als Ingenieur – arbeiten?« Wieder sah er sie an. »Ja, wohl auch – Aber eigentlich nein!« Er lächelte. »Ich will Landwirt werden. Eine Farm übernehmen oder einrichten, gnädige Frau!« »Oh, als – Landwirt!« wiederholte sie, von seiner letzten Anrede betroffen. »Sie – nennen mich – gnädige Frau.« Aber da brach sie schon in ein bitterliches Weinen aus. Und dann kam alles aus ihr hervor, was sie die letzten zwei Jahre erlebt und gelitten, und mit dem sie sich noch niemals jemand anvertraut hatte... »Eine gnädige Frau: die bin ich ja wohl«, begann sie mit einem fast bösen Lachen. »Eine gnädige Frau! Die Frau vom Sohn des schwerreichen Kommerzienrates Voges. Dreißig Millionen! Eine gnädige Frau gewesen! Denn nun bin ich ja meinem Mann davongelaufen. Haha! Weil er mich mit einer Chansonette betrogen hat. In einem Monat ist der Scheidungsprozeß entschieden. Ach Gott sei Dank: Dann bin ich erst wirklich frei! Richtig frei, frei! – Jetzt bin ich im Schloß. Sollte die Frau des Barons von Löhr werden. Ich habe damals, als alles über mich hereinstürzte, als ich mir beinahe das Leben genommen hätte, geglaubt, daß ich Helmut liebte. Ich habe ihn auch liebgehabt: aber nun weiß ich, daß ich ihn nicht so liebhaben kann, wie es das Richtige ist.« Sie schwieg, schweratmend vor sich niederstarrend und in dem jungen Gras umherzupfend. »Eine andere hat ihn wirklich lieb. Eine andere, die viel, viel besser zu ihm paßt als ich. Die seinetwegen allem entsagt hat. Die mit mir nun fast vier Wochen in seiner Nähe gelebt hat, unter einem und demselben Dach. Aus Liebe hat er mich entführt, und ich selber dachte damals, daß ich ihn liebte, daß er der richtige Mann für mich wäre und daß er mich aus meinem Unglück erlösen könnte. Und jetzt? Kann ich ihn nicht so lieben, wie er mich liebt. Und es hat zu weiter nichts geführt, als daß ich ihm seine militärische Karriere ruiniert habe. Wenn er nicht mit mir zusammengetroffen wäre, so wär' er jetzt in Berlin beim Generalstab und würde sicher mal ein großer General. Und er ist für seine Karriere so begeistert gewesen, hat so einen großen Ehrgeiz gehabt!« Sie blickte wirr umher, wie in einer Angst und als wisse sie nichts von Henrik Wichmanns Anwesenheit. »O Gott! Wenn er es nicht überwinden kann! Wenn er sich – ein Leid antut!« Sie brach von neuem in ein bitterliches Weinen aus. »Aber ich kann, kann, kann ja doch nicht bleiben! Ich kann, kann ja nicht seine Frau werden! Sie werden mich ja ins Irrenhaus bringen müssen, wenn ich hierbleiben müßte! Oder es geschieht sonst etwas ... Ich kann, kann nicht bleiben!« Sie schwieg einige Zeit. Aber dann fuhr sie leise fort, mit einem wie mechanischen Aufatmen: »Aber nein: Erika ist ja bei ihm. Sie liebt ihn ja über alles in der Welt. Sie ist ja so gut und verständig, hat ihn so lieb. Sie wird ihm beistehen. Sie wird seine Frau werden. Er muß dann ja sehen, was er an ihr hat und daß sie vieltausendmal besser für ihn ist als ich. Daß sie ihm tausendmal, tausendmal mehr geben kann als ich. Was kann ich ihm denn geben? Das bißchen Schönheit! Ach, was das für eine Narretei ist! Und was dann? Das verliert sich. – Mein Mann hat mich ja trotz allem schließlich mit einer – Chansonette betrogen. Da sieht man ja!« Sie lachte bitter auf. »Mein Mann hat mich nicht verstehen können, Helmut würde mich ja doch auch nicht verstehen können. Wenn ich in mir so recht unglücklich und unruhig bin und nach außen hin recht munter und fröhlich wirke, dann find sie allemal vernarrt in mich. Sie nennen das dann ›Kultur‹ oder ›Genie‹ oder – ich weiß selber nicht. Ach, auch Helmut! Er auch! – Wie mir aber dabei zumut ist und wie ich bin, wenn ich jemand so recht liebhabe, das weiß keiner, das hat keiner verstanden! Was denn: ›gnädige Frau‹? Ja, das ist die ›gnädige Frau‹! Eine schöne ›gnädige Frau‹! Ach, wie mir zumute gewesen ist das letzte Jahr über! Wie unbeschreiblich mir zumut gewesen ist! Ich wußte ja schon gar nicht mehr, wie und ob ich überhaupt lebte und wo ich war und was mit mir war! Hahaha! Ich dachte, Helmut würde mich retten, mich vor ihrer ›Kultur‹ da retten können: ich dachte, ich würde ihm etwas sein können, ich würde wieder ruhig und mit ihm so recht glücklich werden können; aber auch Helmut kann mich nicht verstehen! Und – eine ganz andere als ich liebt ihn wirklich und paßt zu ihm, so, wie ich ihn niemals, niemals lieben und zu ihm passen kann! ... Ja, das ist die ›gnädige Frau‹! Die ›gnädige Frau‹ war so viel, viel glücklicher, als sie noch die Tochter eines einfachen Prokuristen war. Da hatte sie ja noch nichts mit der ›Kultur‹ zu tun und war noch nicht kultiviert. Und was hat sie sich für Vorstellungen von der ›Kultur‹ gemacht!« Er hatte ihr aufmerksam zugehört. Zuweilen hatte er mit gekniffenen Augen und die Oberlippe aufgewulstet, als ob ihn plötzlich etwas schmerze, zu Cäcilie hinübergeblickt, dann wieder hatte er seinen Blick von ihr abgewandt und vor sich hin ins Gras gestarrt. Als sie geendet hatte, blieb eine Stille zwischen ihnen. Der laufrische Wind hatte hinter ihnen zwischen den Weiden sein Wesen. Langsam kam auf der blitzenden Stromfläche der Schleppdampfer mit den Frachtkähnen immer näher. Die große, frische, freie Gegenwart der breiten Wasserfläche. Ihr groß und still strudelndes, vom Wind zu Wellen erregtes Treiben vorwärts, vorwärts, immer vorwärts dem Meer entgegen. Das plötzliche, muntere Trillern eines Vogels in der schönen, frischen, einsamen Stille, vom Wind verweht. »Sie gehen – nach Amerika!« Schnell blickte er zu ihr hinüber. Ihr Wesen hatte sich vollständig verändert: ihre Worte hatten eine ruhige, entschlossene Sachlichkeit gezeigt. Und so war auch der Blick, mit dem sie ihn ansah und den seinen hielt. Sein Blick erhellte sich. »Ja«, antwortete er. »Sie wissen, wohin Sie gehen, wissen, was Sie wollen und anfangen werden: ich weiß nicht mehr wohin. Das ist hier alles ganz unmöglich für mich geworden. – Hahaha! Nach alledem, was ich die letzten zwei Jahre erlebt und abgetan habe, wieder in Mamas Kapuze zurück und als Buchhalterin gehen oder ich weiß nicht, was sonst etwa der Art? Das geht ja denn doch wohl nicht an.« Ihre Worte zeigten dieselbe Entschlossenheit, die vorhin ihr Blick und ihr Wesen zum Ausdruck gebracht hatten. Er antwortete nicht. Aber er nickte ein paarmal wie bestätigend mit dem Kopf, ohne seinen Blick von ihr zu lassen. Auch sie erwiderte noch immer diesen Blick. »Landwirt wollen Sie werden. Eine Farm einrichten.« »Eine Farm! Ja!« Er lächelte, beständig sie ansehend. »Da muß man etwa auch als Frau reiten können. Reiten kann ich; ich denke sogar, gut. Auch auf die Wirtschaft versteh' ich mich. Es ist die Hälfte meines Unglücks gewesen, daß ich in dieser Hinsicht gezwungen war, Dame zu sein. – Vielleicht muß man gelegentlich auch mal schießen können. Das würd' ich sicher sehr gut lernen. – Sie wollen sich ja wohl gegen das westliche Amerika hinwenden?« Ihr Blick war für einen Augenblick unwillkürlich auf seine großen, kräftigen Hände abgeglitten. Er trug weder einen Ehe- noch einen Verlobungsring. Sie wußte das. Es war ihr schon vorigen Sonntag aufgefallen, als er im Schloß zum Mittagessen geladen war. »Ja, gegen den Westen hin! In die Weststaaten!« bestätigte er unter einem kleinen Kopfnicken, ein verwirrtes Lächeln um den Mund. »Können Sie denn da keine Frau brauchen?« »Oh, die könnt' ich wohl brauchen!« antwortete er, in der Stimme eine merkbare Erregung. »Nun? Wollen Sie mich – mitnehmen?« »Oh, wenn – Sie – wollen?« »Also nehmen Sie mich mit!« Sie sah ihn mit großen, blitzenden Augen fest an, ein wenig gegen ihn vorgebeugt und ihm die Hand darbietend. Schnell schlug er ein und erfaßte ihre Hand mit einem kurzen, warmen, kräftigen Druck ... Ende der Woche war Cäcilie mit Henrik Wichmann verschwunden. * Man fand folgenden Brief vor, den sie für Helmut zurückgelassen hatte: »Liebster, liebster, liebster Helmut! Wenn Du diese Zeilen zu Gesicht bekommst, bin ich von Dir fort: bin ich dem Manne gefolgt, dem mein Leben nun für immer angehören soll. – Wie das gekommen ist? Fast weiß ich es selbst nicht. Aber das eine weiß ich, daß ich Dich nicht glücklich gemacht hätte, nie, nie so glücklich hätte machen können, wie Du es tausendfach verdienst. – Liebster, liebster Helmut! Oh, Du sollst und darfst nicht schlecht von mir denken! Bei Gott im Himmel, in solch einem Sinn hast Du Dich nicht in mir enttäuscht! Du darfst mich nicht für ein schlechtes Weib halten! Nur für ein Weib, das die letzten Jahre über so unglücklich gewesen ist, daß es selber nicht mehr wußte, was es tat und wie es lebte. Was ich Dir auch alles genommen und verdorben habe: Du hast Dich nicht an mich weggeworfen. Denn ich bin Dir nicht einen Augenblick aus Eigennutz gefolgt, sondern aus einer Sympathie und aus einer Achtung, die ich Dir beide bis zu meinem Tode bewahren werde! Aber ich weiß jetzt, ich bin zu dem Bewußtsein gelangt, daß ich Dir niemals hätte sein können, was Du verdienst. – Ach, mein Leben ist ja bisher nur ein einziger besinnungsloser Wirbel gewesen, das Leben, das ich das letzte Jahr über geführt habe! Es konnte nur zu Tod oder Irrsinn führen! – Helmut! Es ist mir ein so tröstlicher Gedanke, daß die liebe, die herrliche Erika noch bei Euch weilt! Gott weiß, wie ich sie in mein Herz geschlossen habe! – Helmut! Du sollst, Du darfst nicht über mich urteilen, als bis Du mit Erika gesprochen hast. Ich flehe Dich inständigst an, sprich mit ihr. Sie wird Dir alles, alles sagen können, wird Dir jede Aufklärung über mich geben können. Sie ist meine liebe, liebe Herzensfreundin, ihr habe ich mich anvertraut in einer mir ewig unvergeßlichen Stunde. Ihr allein. – Sie ist der einzige Mensch auf aller weiten Welt, dem ich mich in den letzten zwei Jahren ganz anvertraut habe. Helmut! Alles, alles habe ich immer allein gelitten und mit mir selbst ausmachen müssen! Helmut! Hörst Du? Ich beschwöre, beschwöre Dich! Du mußt, mußt mit Erika sprechen! Ach, ich weiß keinen Menschen auf der Welt, der besser wäre als sie! Die gute, gute, herrliche Erika! – – Helmut! Weiß Gott im Himmel, wie schwer es mir wird, Dich zu verlassen ... Aber wie kann man denn in so einem Brief darüber schreiben. Das nimmt sich alles so kalt, so nüchtern aus.« An dieser Stelle waren die Zeilen von Tränen verwischt. »Aber das Schicksal hat mich doch nicht dazu bestimmt, das Leben einer Dame zu führen. Jetzt gehe ich hinüber in die neue Welt, als die Gattin eines Landwirts, einem rauhen Leben entgegen, wie es für mich paßt und wie ich es haben muß. Denn ich bin unglücklich, krank und zu gar nichts nütze, wenn ich nicht immer in praktischer Tätigkeit sein kann. – Ich weiß nicht, ob ich Henrik mehr liebe als Dich. Ich glaube das nicht einmal, nein, ich glaube es nicht. Das ist eine so seine Sache, die man nicht sagen kann. Aber mit aller Bestimmtheit, mit jedem Blutstropfen weiß ich, daß er der Mann ist, zu dem ich passe, an dessen Seite ich leben und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein kann. Aber, Helmut, tausendmal besser, als ich es hier vermag in diesen flüchtigen, unruhigen Zeilen, wird Dir Erika, Erika, das alles sagen können! – – Leb' wohl! Leb' wohl!! Leb' tausendmal wohl!! Und möge Dir eine Bessere, deren Wert Du erkennen mußt, vieltausendmal mit tausendfältigem Glück Dein Lebelang vergelten, was ich Dir zu danken habe und Dir in ewigem Gedenken danken werde! – – Leb' wohl! Leb' wohl! Und verzeih, vergiß! – – Cäcilie.« Die Baronin und Erika hatten eine kaum zu ertragende Zeit mit Helmut zu durchleben, dem außer dem Glück seines Lebens mit einem Schlage alles vernichtet war, was ihm je wert und Ziel seines besten Strebens gewesen. Kaum konnte er daran verhindert werden, Hand an sich zu legen. Doch gelang es Erika endlich, ihn in einem fast übermenschlichen seelischen Ringen, unter dem sich ihm rückhaltlos ihre ganze Liebe offenbarte, in einen gleichmäßigeren Zustand zu bringen. Später reichte sie ihm dann die Hand zum Bund für das Leben... Cäcilie ihrerseits war mit Henrik Wichmann nach Magdeburg zurückgereist, wo Henrik seine Stellung aufgab und sich mit ihr, nachdem der Scheidungsprozeß zu seinem Austrag gekommen war, verheiratete. Dann suchten sie Mama auf und warteten in ihrer Nähe die Zeit ab, die sie zum Abreisetermin bestimmt hatten. Im Laufe der Jahre berichteten sie Mama, die von Cäcilie nach wie vor auf das gewissenhafteste unterstützt wurde, von Amerika aus über den Fortgang einer sehr glücklichen, kindergesegneten Ehe und im besten Aufschwung stehende äußere Lebensverhältnisse...