Charles Sealsfield Karl Postl Nathan der Squatter Abenteuer-Roman Aufwärts-Verlag Berlin Der Dreißig-Pfennig-Roman »Nathan der Squatter« (Ansiedler) ist der vierte Band der »Lebensbilder aus beiden Hemisphären«. Karl Postl veröffentlichte diesen Roman im Jahre 1835 unter seinem Pseudonym »Charles Sealsfield«. Die Einzelausgabe unserer Squattergeschichte erforderte einige Striche. Der Verlag . 1. Der in allen Farben des Regenbogens spielende Vollmond goß sein grünes Zauberlicht über die Millionen Palmettoes aus, ließ hier eine Zypresse in mildstrahlende Verklärung aufflammen, warf dort eine zweite, dritte in ein phantastisches Halbdunkel, die ganze Landschaft vor unseren trunkenen Blicken verschwimmend, im Südwest der rosarot aufgehellte Himmel, gegen Nordwest das apfelgrüne Firmament. – Alles so matt verschmelzend, so zauberisch verklärt; und wir auf unseren Schenkeln um das Feuer hockend, auf den Knien Kottonbaumblätter – auf diesen Stücke von Hirschbraten, die einem Nimmersatt genügen konnten und so schnell verschwanden, daß selbst unsere Hinterwäldler ob unseres gräßlichen Appetites staunten und starrten. Oft lachten wir so, daß uns Tränen in die Augen traten, denn die Ansichten der guten Leute über unsere europäischen Zustände waren mitunter so originell, so verkehrt und wieder mit so kühnen Zügen entworfen. Andere wieder, und besonders wenn sie ihr Land und dessen innere Zustände betrafen, waren wieder mit einer Schärfe des Verstandes, einer Klarheit entwickelt, die unseren ersten Staatsmännern Ehre gemacht haben würden. Jetzt merkten wir, daß wir wirklich in einer neuen Welt, unter neuen Menschen uns befanden, deren Kultur, obwohl die Elemente europäisch, durch und durch amerikanische Formen oder vielmehr Natur angenommen hatten, himmelweit verschieden von der der Kreolen und unserer importierten Landsleute, die mir in dem Augenblick, wenn ich es frei gestehen soll, wie zweimal aufgewärmtes Ragout vorkamen. Doch waren wieder unsere neuen Bekannten nichts weniger als harmloser Natur, wie wir in uns selbst vergessenden Momenten zu wähnen uns versucht fühlten; denn während sie abwechselnd die Unterhaltung führten, wußte der Alte mit einer Feinheit, einem Takt, die einem Polizeikommissar zum Präsidium verholfen haben müßten, alle unsere Schicksale, Pläne und Aussichten herauszulocken, und uns unsern Charakter sprechen zu lassen. Wir hatten so gegenseitig, wie gesagt unsere Meinungen, und was uns betrifft, auch Pläne und Aussichten ausgetauscht ohne zu bemerken daß der Alte einsilbig und endlich ganz still geworden war. Er hatte seine Rifle zur Hand genommen, an deren Steine er stärker und stärker hämmerte; wie ich später erfuhr, bei Hinterwäldlern ein untrügliches Merkmal erwachenden Mißtrauens. Die anderen flüsterten und murmelten sich in die Ohren und zogen die Schenkel mehr von uns zurück. Diese Bewegungen fielen uns endlich auf – wir schwiegen gleichfalls. – Eine Pause von mehreren Minuten war eingetreten. »Also Ihr habt eine Schenkung erhalten?«, fragte der Alte endlich. »Ja. lieber Mister Nathan.« »Und die Vollmacht, Euch in irgendeinem Teil Lousianas ein Stück Landes auszuwählen?« »Eigentlich würden mir es vorziehen am Teich, doch wenn ich es aufrichtig gestehen soll, so ...« »So würdet Ihr nicht viel darum geben«, fiel der Alte, stärker an dem Stein hämmernd, ein, »just den Strich zu wählen, der Euch am besten gelegen scheint.« »Vorausgesetzt, wenn er nicht bereits vergeben ist«, schaltete ich ein. »Wie versteht Ihr das? – Ihr meint, von den spanischen Behörden vergeben?« »Oder auch von dem vormaligen und eigentlich rechtmäßigen Besitzer dieses Landes, der französischen Krone«, fügte ich hinzu: »denn diese beiden sind, soviel ich weiß, die einzigen, die das Schenkungsrecht völkerrechtlich ausüben können und konnten.« Der Mann schüttelte unwillig den Kopf. »Also wenn irgendein König in der Alten Welt es sich beifällen läßt, einen seiner Lakaien mit einer schmutzigen Flagge herüberzusenden, und diese aufzupflanzen an irgendeinem vermoderten Baumwollenbaumstumpf, glaubt Ihr allen Ernstes, daß dieser Schnickschnack das Recht verleihe, ein paarmal hunderttausend Quadratmeilen als sein Besitztum anzusprechen und dasselbe zu verschenken, zu verteilen, wie es ihm oder seinen Trabanten beliebt.« »Wenn der König oder seine Regierung durch einen Akt, den Ihr Schnickschnack nennt, wirklich Besitz von dem Land ergriffen das heißt, zugleich Städte, Niederlassungen und Forts anlegt, dann sollte ich meinen, ja«, versetzte ich bestimmt. Der Alte schaute mit seinem durchdringendsten Blick wechselweise mich und dann Lassalle an. »Das bezweifelt niemand«, erwiderte er, um vieles gemäßigter, »daß Städte und Forts das Recht des Besitzes verleihen, – Niemand wird Euch Euer Recht auf New Orleans und auf die beiden Stromufer, hinauf bis Baton Rouge und Point Coupé, streitig machen, aber werdet Ihr auch behaupten, daß Euer König das Recht habe über Ländereien zu schalten, worauf weder er noch einer der Seinigen je ihren Fuß gesetzt?« »Wenn sie innerhalb der Grenzen seiner Forts und Niederlassungen sind, ja, wenn nicht nein.« »Ihr seid kurz« sprach der Alte, der sich während des Wortwechsels erhoben und finster den Schaft seiner Rifle zu Boden stieß: »sehr kurz – und kurz und gut könnt Ihr Euch ebensowohl unser Land als Schenkung anweisen lassen. – Habe aber die Notion, es ist ein anderes, sich anweisen lassen und etliche Leute von ihrem Land vertreiben wollen, und sie wirklich forttreiben« »Was fällt Euch auf einmal ein, Alter! Wem kam es bei, Euer Land als Schenkung sich anweisen zu lassen?« »Seid ein Franzose, Mann, habt eine geläufige Zunge, und so hatte sie der Baron, der sich Bostropp nannte, laßt es Euch aber vergehen, in seine Fußtapfen zu treten.« »Was hat Baron Bostropp getan?« »Was er getan hat? Will Euch sagen, was er getan hat. Ließ sich auch eine Schenkung vom Gouvernement erteilen, die zirka fünfzehntausend Acker betrug, und sich bis an den Arkansas erstreckte, hatte aber nicht genug an seinen Ländereien, die doch die schönsten sind, die es geben kann. War da ein Akadier an seiner Grenze, hieß Jean. Well, der Akadier hatte mit saurem Schweiß sich eine Pflanzung angelegt, und mit seinem Weib und zehn Kindern bewirtschaftet, und gut bewirtschaftet. Kam eines Tages dieser v...te Baron, sieht die Pflanzung, und sofort setzt er seine Maschinen in New Orleans in Bewegung, und der arme Jean muß weg, muß abermals in die Wildnis, seine Pflanzung dem Baron abtreten – der, weiß der Himmel, was für eine geniale Baronsidee mit dieser Pflanzung ausführen will. Zwei Jahre darauf hatte der Abenteurer ausgewirtschaftet, mußte bei Nacht und Nebel aus dem Lande, aber die Pflanzung blieb doch dem armen Jean entrissen. – Jetzt liegen Gebäude in Schutt und Trümmern, und Opossums und Bären hausen darauf. – Wäre ich Jean gewesen, ich hätte dem Baron statt der Pflanzung eine Kugel abgeliefert.« Und indem der Mann so sprach, hob er die Rifle schußfertig. »Was den Baron betrifft, so kann ich weder, noch will ich seine Verteidigung übernehmen sprach ich, ohne mich durch die Bewegung irremachen zu lassen. »Ist der Fall, wie Ihr sagt, so hat er leichtsinnig, gewissenlos gehandelt.« Ich hielt inne, denn der Alte war im Gehen begriffen, wandte sich jedoch und horchte mit zurückgeworfenem Kopf. Wie gesagt, uns verdroß die Anmaßung des Hinterwäldlers um so mehr als wir Louisiana immer noch als eine französische Kolonie, als unser rechtmäßiges Eigentum betrachteten. Der Alte hatte sinnend gestanden, während seine Söhne Hirschziemer samt ihren Aexten auf die Schultern warfen und Miene machten, ihm zu folgen. Wir standen still. »Wollt Ihr nicht mit uns?«, fragte der Alte. »Wir wissen nicht ob es Euch angenehm ...« »Worte sind keine Pfeile, Mann. Es gibt in jedem Volk Gute und auch Schlechte. Kommt, denn hier würdet Ihr nicht zum besten fahren.« Und wir folgten. Der Weg, oder besser zu sagen, die Richtung, die wir einschlugen – denn von einem Weg oder Pfad war keine Spur vorhanden –, lag über eine Prärie, dann ging es durch einen Wald, darauf kamen wir durch ein Dickicht, das den Fragmenten unserer Garderobe vollends den Rest gab und hierauf über sogenanntes Wellenland oder rollende Anhöhen von welch letzteren herab wir einen Präriebrand deutlich sehen konnten Das Knistern des Rohres, das Krachen der Aeste und Zusammenschmettern der Bäume schlugen uns bei jeder Wendung, die wir gegen den Luftzug taten in die Ohren. Wir mochten so einige Meilen durch dick und dünn zurücklegt haben, als der Boden weich und die Anzeichen eines nahenden Sumpfes bemerkbar wurden. Wir drangen so weit vor, als der Boden uns trug, und hielten endlich am Rande des Sumpfes. James und Joe warfen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Lasten vom Rücken, nahmen die Aexte zur Hand und begannen in eine der nächststehenden Zypressen einzuhauen. Lassalle und ich standen schweigend, der Dinge, die da kommen sollten, harrend, und die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Hinterwäldler die Bäume fällten, bewundernd. Es war mehr Spiel als Arbeit, die Aexte flogen so leicht wie unsere Rapiere auf die Baumstämme nieder, so regel- und taktmäßig – es erinnerte uns an die Harmonie der Dreschflegel in den Dörfern am Rhein, die wir im damaligen Corps Condés durchzogen. Ehe fünf Minuten vorüber, krachte der vier bis fünf Fuß im Durchmesser haltende Stamm zusammen und sank einwärts in den Sumpf. Sowie die Zypresse gefallen, sprangen die beiden jungen Holzschläger auf den Stamm, schritten auf diesem vorwärts und hieben die Aeste bis zur äußersten Krone ab, so daß der Baum zwar in dem Sumpf, aber doch mehr auf der Oberfläche zu liegen kam. Hierauf begannen sie einen zweiten zu fällen, einen dritten und vierten – in der Zeit einer halben Stunde hatten die vier Hinterwäldler in aller Stille eine Arbeit getan, die vier Franzosen zum mindesten einen Tag gekostet haben würde. Wir hatten, wie gesagt, verwundert zugeschaut und fragten nun, was eigentlich das Ganze zu bedeuten habe. »Werdet es bald sehen« versetzte der Alte, der, auf seine Rifle gestützt, düster in den Sumpf hineinstarrte, aus seinen Nachtgedanken jedoch erwachte, sowie die Stimme James' sich hören ließ: »Sind fertig.« »Jetzt kommt, Frenchers« sprach der Alte. »Aber weshalb denn über den Sumpf, und warum die viele Arbeit?«, fragten wir. »Weil dieser der nächste Weg ist und Eure Knochen müder werden dürften, wenn sie den Sumpf umgehen sollten.« »Viel Arbeit« brummte ich, mit einem Blick auf den Zypressenstamm. »Wenn Ihr das viel Arbeit nennt, dann habt Ihr noch wenig gearbeitet und hättet in Euerm Lande bleiben sollen, wo es, hör' ich, Narren zu Millionen gibt, die für andere arbeiten. Habe die Notion, Ihr seid einer der Aristokraten, die lieber andere Leute für sich schaffen lassen und es vorziehen, sich ins fertige Nest hineinzusetzen. Wollen Euch aber zeigen, daß es bei uns nicht geht, sich ins fertige Nest hineinzusetzen – sind keine Jeans, wir, bei Jingo nicht – sind nicht die Leute, die sich von einem Baron, und käme er mit Hundertundfünfzig angezogen, aus ihrem Eigentum treiben lassen.« Den Alten verfolgte offenbar die Idee, daß wir, zweite Bostropps, gekommen, sein Land zuerst in Augenschein zu nehmen, und ihn dann mit den Seinigen zu vertreiben. Soviel schien uns klar, und obwohl geneigt, ihm sein Hirngespinst zu verscheuchen, hatte das arrogante, barsche Wesen, das er auf einmal angenommen, das Abenteuer, der Nachtmarsch, die Gefahren, die wir bestanden hatten, uns auch bereits etwas von hinterwäldlerischem Trotz verliehen, nicht zu erwähnen mehrere Züge Whisky und das kräftige Mahl, so wir zu uns genommen. »Wollen also sehen«, sprachen mir nach einer hinterwäldlerischen Pause. Und festen Trittes folgten wir dem Alten, der vor uns auf dem Stamm einherschritt. Nachdem wir an der Krone des Stammes, deren Zweige, wie gesagt, nicht alle abgehauen waren, um das Einsinken zu verhüten, angekommen, setzten wir über die quer gelegten Aeste auf den zweiten Stamm, von diesem auf den dritten, und so fort auf den vierten. Ehe wir das Ende dieses erreicht, befanden wir uns wieder auf festem Boden. Der Alte bedeutete uns, im Gänsemarsch zu folgen, und mir tappten, einer nach dem andern, beiläufig eine halbe Meile fort, durch dichtes Gestrüpp. Endlich hielt Nathan, und seine Rifle auf den Boden setzend, wandte er sich zu uns und fixierte uns mit wahren Eulenaugen. »Sagt, wo sind wir?«, fragte ich, den Schaft meiner Doppelflinte gleichfalls auf die Erde fallen lassend und so seine Stellung nachahmend. Der Mann schaute mich an, und sein Gesicht verzog sich in ein eigentümliches Lächeln: »In Louisiana sicherlich, zwischen dem Redriver, dem Golf von Mexiko und dem Mississippi, innerhalb der Grenzen, die sich Euer König gesetzt, und doch an einem Ort, wo sein Arm zu kurz befunden worden, so lange Arme Könige auch haben sollen.« Der Ton, in dem er dieses sprach, hatte einen so schneidend höhnischen Nachklang, daß mein Blick unwillkürlich auf den Sprecher fiel, um aus seinen Zügen herauszubringen, was er eigentlich mit uns im Schilde führe. Sie waren apathisch wie immer; meinen Arm ergreifend, führte er mich einige Schritte seitwärts und deutete auf eine dunkle Masse, die mit einem Erdwall Aehnlichkeit hatte. »Vielleicht eines der indianischen Gräber?«, sprach ich in hingeworfenem Ton. »Ei, habt es erraten, ein Grabmal ist es, obwohl nicht der Rothäute, sondern das eines Mannes, kein besserer fuhr je den endlosen Strom herab. Könnt aber auch mit den Rothäuten recht haben, habe die Notion, es war einst, was sie eine Indianerschanze nennen. Wollt Ihr nicht näher treten?« Wir traten näher und sahen Palisaden, und hinter diesen ein Balkendach, das vielleicht zehn Fuß über jene hervorragte. »Oben finden wir Kienspäne«, sprach der Alte. »Jetzt wartet, bis die Leiter kommt, dann werdet Ihr das weitere sehen.« Eine Leiter wurde nun herabgelassen, auf der wir den steilen Erdaufwurf hinaufkamen; einer der jungen Männer öffnete eine in den Palisaden angebrachte Pfostentür, und wir traten in den inneren Raum des sonderbaren Bauwerkes. Es war aus ziemlich starken, unbehauenen Zypressenstämmen aufgeführt, die, ineinandergefügt, wohl Vierundzwanzigpfündern widerstehen konnten. Das Ganze bildete ein Viereck mit einem niedrigen, gleichfalls aus Baumstämmen aufgeführten Dach. Es mochte vierzig Fuß in der Länge und ebensoviele in der Breite haben, im Innern war nichts zu sehen als ein Kamin von ungebrannten Backsteinen, und als wir näher schauten, eine hölzerne Tafel, die in einer Ecke des Blockhauses aufgerichtet war. »Tretet nicht auf diesen Hügel«, sprach der Mann feierlich, »es ist heiliger Grund.« »Heiliger Grund?«, fragten wir. »Heiliger Grund, Mann. Unter dieser Tafel liegt ein so braver Hinterwäldler begraben, als je den Mississippi herabschwamm.« »Also ein Grabmal«, sprachen wir nicht wenig erschüttert. »Ein Grabmal, Mann – sein Grabmal – sein Blockhaus, das er gebaut, das er verteidigt, in dem er fiel, das sein Blut benetzte, das er blutig getauft, kaum als es fertig war. Sollt mehr von diesem blutigen Blockhaus hören – hören, wie sechs Rifles es mit fünfundachtzig spanischen und französischen Musketen aufnahmen.« Wir schüttelten ungläubig die Köpfe. Er nahm uns beide am Arm und führte uns aus dem Gebäude; auf einem Vorsprung von etwa sechs Quadratfuß angekommen, hielt er. »Es war Asa mit dreien seiner Brüder, seinem Schwager und Cousin und ihren Weibern. Ist wie ein Mann, wie ein echter Hinterwäldler gefallen, hat aber zuvor fünfunddreißig Spaniern das Lebenslicht ausgeblasen. Dort« – er deutete bei diesen Worten auf einen Kranz von Kottonbäumen, in deren mondbeleuchteten Kronen sich wirklich die Geister der Gefallenen umherzutreiben schienen; »dort unter diesen Kottonbäumen, unter deren Schatten sie gefochten, sind sie gefallen und begraben.« Die Stille der Nacht, der Silberschein des Gestirns, der die in die Prärie hinaus öffnende Waldesbucht in seinen verklärenden Strahlen gleichsam badete, die düsteren Wälder zu beiden Seiten des Blockhauses in tiefe Schatten gehüllt, und nur an den Rändern von dem Vollmond aufgehellt; alle diese Umstände, verbunden mit dem feierlich gewordenen Benehmen des Alten, wirkten allmählich auf unsere Lebensgeister. Wir standen, ohne ein Wort zu erwidern. »Ja«, wiederholte er, auf seine Rifle gelehnt, »hier fielen fünfunddreißig Spanier gegen einen Hinterwäldler.« »Und dieser Mann hieß?« »Was fragt Ihr, wie er hieß? Was fragt Ihr nach Namen, als wäret Ihr Pferdedieben auf den Fersen? Fragt überhaupt nicht soviel. Schaut mit Euren Augen, hört mit Euren Ohren, aber haltet Eure Zunge im Zaum, denn die Bäume haben Ohren so gut wie die Wände in Eurem Lande.« »Vergebung, wir hatten keine Beleidigung im Sinne!«, besänftigte ich den Alten. »Beleidigung im Sinne«, versetzte der Alte hohnlächelnd. »Kalkuliere, daß Ihr die nicht im Sinne habt – kalkuliere, kalkuliere. Wollte auch den sehen, der den alten Nathan zu beleidigen oder zu beeinträchtigen, oder was immer in den Weg zu legen sich gelüsten sollte. Würde ihm das Gelüste bald vertreiben, der alte Nathan, solange er seine Rifle und seinen Dolch innerhalb Armeslänge hat. – Ist ein Fakt; so, wie ich sage, so ist's. Der Mann, der das Blockhaus da gebaut, und schaut es Euch recht an, denn es ist nur wenig verändert, bis auf das Dach, das eigentlich die Ursache seines Todes war – liegt jetzt in seinen eigenen vier Pfählen und war eine Zierde der Hinterwäldler. Haben aber die Spanier seinen Tod teuer bezahlen müssen, und ist ihnen die Lust vergangen, sich an Asas Niederlassung zu wagen. Ei, werden Asa Nolins nicht so leicht vergessen!« »Asa Nolins«, fiel ich ein; »mir deucht, ich habe von diesem Manne gehört.« »Also Ihr habt gehört von Asa, und was habt Ihr gehört?« »Könnte es Euch wohl nicht genau sagen«, versetzte ich. »Erinnere mich nur, den Namen des Mannes gehört zu haben, haben aber so vieles gehört und anhören müssen, daß wir die Hälfte aller dieser Geschichten wieder vergessen ...« »Verstehe«, versetzte der Alte. »Habe die Notion, wollt nicht recht mit der Sprache heraus, und mag vielleicht ebenso gut, auf alle Fälle klüger sein. Sag' Euch, wenn Ihr von hier in den Kottonwald hineinseht, so sieht es Euch schwarz vom Rande herüber aus; steigt Ihr aber herab und geht die sechzig Schritte hinüber, wird es Euch dort hell, und hier schwarz vor den Augen. Ist ein Fakt – kommt auf den Gesichtspunkt an, von dem Ihr ein Ding anschaut.« Und nach dieser Abschweifung hielt der Mann abermals inne, schaute uns prüfend an und fuhr dann gemächlich fort: »Will Euch sagen, was Ihr gehört habt. Ihr habt gehört, daß der Mann, dessen Todeshügel Ihr gesehen, in Eure Niederlassung eingebrochen und da Pferde gestohlen. Habt Ihr nicht? Und daß er ein blutdürstiger Rebelle gewesen?« »So etwas, die Wahrheit zu gestehen, obwohl ich mich nicht deutlich entsinne« »Und ich sage Euch«, fuhr der Alte heftig heraus – »möge ich erschossen sein, wenn, es nicht die v...ste Lüge ist. Hat nicht mehr Pferde gestohlen, Asa, als ich, der ich Regläter bin, und beauftragt von meinen Mitbürgern, Ordnung zu handhaben.« »Regläter?«, fragte ich. »Regläter«, wiederholte der Mann mit selbstgefälligem Nachdruck. »Wißt wahrscheinlich nicht, was das sagen will – ist ein Amt, das wir in den Hinterwäldern geschaffen, wo wir das Gesetz selbst in die Hand nehmen und es nicht von bezahlten Richtern und Lawyern um so und so viel per Dollar vermessen lassen. Werdet später mehr davon erfahren, aber zuvor sollt Ihr von Asa und seinem Blockhaus hören, das er da getauft das blutige, und welches da geworden ist das blutige.« »Ware es nicht besser, dies auf einen andern Zeitpunkt zu verschieben?« »Auf einen andern Zeitpunkt zu verschieben?«, wiederholte der Alte. »Merkt Euch das, Narren verschieben, Gescheite handeln, für alles ist eine Zeit, und jetzt ist die Zeit, von Asa zu reden, denn Ihr betrachtet seine Niederlassung und sollt hören, ehe Ihr seht – morgen ist nicht mehr Zeit dazu.« Des Mannes Sprache begann sehr unbequem zu werden, seine finstere Gemütsart brach inmitten seiner breiten Weitschweifigkeit wie unheilschwangere Blitze durch, und obwohl wir es noch immer nicht bereuten, uns den einigermaßen gefährlichen Schroffheiten dieser Hinterwäldlercharaktere anvertraut zu, haben, so wollte uns doch allmählich bedünken, daß weniger Entgegenkommen unsererseits gar nicht überflüssig gewesen wäre. Ohne jedoch weiteres Mißvergnügen blicken zu lassen, nahmen wir unsere Position in einer Weise, die unsere Willfährigkeit, die Geschichte Asas anzuhören, zu erkennen geben sollte. 2. »Habt ihr nie den Mississippisprung gemacht?«, fragte uns der Alte wieder. »Was versteht Ihr unter dem Mississippisprung?«, versetzten wir. »So eintausend Meilen von der Mündung des Ohio herab bis zum Redriver, oder ein acht- bis neunhundert.« »Nein, aber die Fahrt von New Orleans hinauf.« »Das ist nichts«, meinte Nathan; »der Strom ist da nicht den zehnten Teil so gefährlich wie oberhalb Natchez; ist auch zu tief, um Sandbänke, Snakes, Lawyers und wie die T...l alle heißen. Euch bei jedem Wurf unter die Beine zu bringen. Aber versteht Ihr, oberhalb Natchez, ehe der Atchafalaya und Lafourche und Plaquemine und Bayou Sarah und zwanzig andere Bayous den Mississippi abgezapft, und er sich so etwa fünfundzwanzig Meilen während der Flutzeit zu beiden Seiten ausbreitet, und Ihr keinen Fußbreit Land seht, und bloß Bäume, und nur wo diese nicht zu schauen, kalkuliert, daß der eigentliche Strom laufe – wenn Ihr so auf einem Flachboot der Wochen vier oder sechs auf diesem schmutzigsten süßesten, allmächtigsten aller Gewässer fahrt, und jede Stunde Euch Sawyers, Planters, Snakes, Wooden-Islands, und wie die Satanasse alle heißen, zwischen die Beine rennen und Ihr an ihnen vorbeischießt, wie ein Trotter, der zwanzig Knoten in einer Stunde geht, an einem Meilenstein, und jeder dieser v...ten Meilensteine Euch einhundert Fuß tief in dem allmächtigen Wasserstrudel zu begraben droht; dann, mag ich erschossen sein, wenn Ihr nicht froh seid, einmal in ein ruhiges Fahrwasser, sage den Arkansas oder Redriver, einzulaufen. Wohl, kamen endlich in ruhiges Fahrwasser, wollten anfangs in den Arkansas, trieb uns aber ab, und mußten noch Gott danken, daß wir ein paar hundert Meilen weiter abwärts zur Mündung des Redriver gelangten. War hohe Zeit, der Mississippi war Euch so voll, aber begann doch bereits ein weniges zu sinken, und waren in unserer Arche an der Mündung des Redriver angekommen, und war diese Arche so baufällig und leckig geworden, zog Wasser wie ein Schlauch, und war kein trockener Fleck in der ganzen Arche, und standen wir Männer und die Weiber bis an die Knie im Wasser, und schrien die Kinder und ein paar Ferkel, die wir mithatten, war ein jämmerliches Leben, zum Gotterbarmen. Wohl! War, wie gesagt, hohe Zeit, uns um festes Land umzusehen, war aber meilenweit kein festes Land zu sehen, und mit unserm Boot durften wir uns nicht mehr in die Mitte des Stromes wagen, hätte es zerrissen. So hielten wir uns deshalb dicht oberhalb der Mündung des Redriver in den Mississippi, hatten sich da ein paar hundert Baumstämme zusammengetürmt und geschichtet – da hielten mir. Hielten also an, obwohl es ein unsicherer Hafen war; denn die Baumstämme, so allmächtig lang und dick sie auch waren, so schaukelten sie doch so widerwärtig wie alte Weiber in ihren Kangaroosesseln. War aber keine andere Hilfe, und Asa schrie – holla, Nathan! Das ist der Platz, die Flut sinkt, wollen das Fallen des Stromes abwarten und uns trocknen, denn sonst verfault uns alles am Leibe und in den Kisten. Und seid hurtig mit den Kisten und Truhen und Kram, sie müssen heraus, je eher, desto besser. So schrie Asa, und Ihr hättet nur sehen sollen. Auf Meilen herum alles Wasser, und wir Kisten und Truhen und Balken auf die schaukelnde Inselbank hinauswerfend, denn es waren im Wasser durch die Strömung zusammengeworfene und geflutete und geschichtete Stämme, auf die wir zutrieben. Und wie wir auf einen Stamm traten, rollte er mit uns weg, und ein zweiter trieb es nicht besser, und war unter die tausend Stämme eine wahre Konfusion gekommen. Und war Asa zuerst ausgesprungen, und über die Stämme hin. Auf einmal schreit er: Holla, gut Glück, Nathan! Sage Euch, gut Glück, sind nicht allein hier, haben auch andere Gäste hier. Bringt die Kisten ans Land, die Weiber werden trocknen, wir wollen auf die Jagd. Asa, sage ich, du träumst, willst auf die Jagd – doch nicht die Alligatoren-Jagd? Keine Alligatoren, Nathan, ruft Asa herüber – Eichhörnchen, so gute, als du je auf dem Ohio sahst, die besten, die du je gesehen. Und wie wir das hören, springen wir, um die Tiere zu sehen, und sahen sie, und fingen ihrer wohl an die fünfhundert in weniger als einer Stunde denn waren so zahm, die armen Tiere, ließen sich wie junge Katzen fangen. Waren aber Eichhörnchen, die sich vor den Fluten auf die Baumstämme gerettet hatten. Und waren so sehr abgemagert, daß es eine ziemliche Anzahl brauchte, um ein Mittagsmahl für zehn hungrige Magen zu liefern, und Kinder dazu, aber war doch eine wahre Gottesgabe, obwohl wir viel Mühe hatten, unsern Herd da aufzuschlagen. War überhaupt unser Hafen auf dieser v..ten Holzinsel einer, um den wir, wäre nur ein Quadratschuh trockenen Landes zu haben gewesen, keinen Fiedelbogen gegeben hätten. Konnten nicht liegen, nicht stehen, nicht sitzen, von wegen des ewigen Herumwimmelns der Stämme in der Bucht. Kletterten wir auf einen obenan liegenden Burschen hinauf, so war zwei gegen eins zu wetten, daß sein Untermann nachgab und wir mit ihm ins Wasser kollerten. Das Ersaufen durften wir nun zwar nicht befürchten, denn es gab Alligatoren um uns herum, denen wir es an den Augen ansahen, daß sie uns nicht bis auf den Grund kommen lassen würden. Hatten so mit Achthaben, daß mir nicht ins Wasser plumpten, und Abziehen der Tiere, und Kochen, und unsere Weiber Halten, daß sie nicht über dem Kochen ins Wasser plumpten, und Abwehren der Alligatoren, die wie Katzen um uns herum lagen und schossen, alle Hände voll zu tun, hielten aber doch vier Stunden aus. Hilft nichts, schrie endlich Asa giftig, müssen von dieser v...ten Holzinsel weg, irgendwohin, wo unsere Schuhsohlen auf festem Land stehen und wäre der Fleck nicht größer als ein Schubkarrenrad. Müssen fort, sonst erwachen wir morgen im Magen irgendeines Alligators, sind gar zu hungrig, diese schäbigen Kerle. Das war nun ein Fakt, und ließ sich nichts dagegen einwenden, aber wie mit unserem lecken, halb geborstenen Flachboot, das zur Hälfte voll Wasser war, in den Strom einfahren? Wir hätten ebensowohl in den Mond einfahren mögen; hätte das Flachboot wie ein Spinngewebe zerrissen. Asa wußte jedoch Rat, hatte einen schmalen Kanal mitten durch die Holzinsel entdeckt, und dahin steuerten wir nun unsern Kurs, freilich hatten mir mit unseren Stangen erst etwa fünfzig Stämme auf die Seite zu schaffen und zu arbeiten ärger als Neger, auch trotz dieser hundischen Arbeit nicht viel ausgerichtet, kaum eine halbe Meile zurückgelegt, als die Sonne unterging und eine stockfinstere Nacht hereinbrach; aber eines hatten wir gewonnen, waren im Redriver, der im Vergleich mit dem Mississippi ein ganz liebes Wässerlein ist, obwohl es der T...l trinken mag. Zündeten unsere Laterne an, die wir an einer Stange aufhißten, und ruderten und schwitzten uns noch etwa fünf Meilen hinauf, bis wir endlich Land mit unsern Widerhaken fühlen und greifen konnten. Und als wir dieses fühlten und griffen, sprangen wir aus dem Boot heraus, warfen Ballen und Kisten und Truhen nach, unsere Männer sammelten dürres Holz zum Feuer, um die Moskitos, Alligatoren, Wölfe, Bären und derlei Gezücht in gehöriger Distanz zu halten; Asa riß mit dem Widerhaken eine Last Tillandsea von den Bäumen, und in einer halben Stunde schliefen wir alle wie Ratten – schliefen Euch – in meinem Leben hatte ich noch nicht so gut geschlafen. Und den folgenden Tag trockneten unsere Weiber ihre Wäsche, und wir schöpften das Boot aus und zogen es an das Land, und kalfaterten es wieder zusammen so gut es ging, und als wir fertig mit allem – nahm uns drei Tage –, gingen wir wieder auf das Wasser. Und fuhren den Redriver hinauf, bis wo rechts der Blackriver einmündet, und da angekommen, fuhren wir noch eine Strecke aufwärts, und dann in einen toten Arm ein, und in südlicher Richtung hinab, der Arm war ziemlich lang, und wir ziemlich müde und auch hungrig, denn unsere Mehlfässer ließen die Böden schauen, und unsere Schinken waren alle, und ein paar Dutzend Mackerels mit noch einem Kübel Welschkorn das einzige, das wir aufgestapelt; hatten aber noch ein sieben Gallon Magentrost, und der erhielt uns Herzen und Nieren warm. Wohl, fanden endlich einen Fleck, wo wir landen konnten, war fester Boden, obwohl noch halb Zypressensumpf. Waren aber an diese gewöhnt, und für Hinterwäldler ist derlei Zypressensumpf gar kein übles Ding. Habt immer ein weiches Bett, trefft immer auf Tillandsea, das euch die Matratzen erspart. Wohl, schafften also unsern Kram ans Land und stoppelten uns etwas weiter vom Sumpf eine Laubhütte zusammen, in die wir unsere Weiber einquartierten; es war die zweite Nacht, seit acht Wochen, dass wir, und unsere Frauen, ruhig schliefen. Den folgenden Tag machten wir uns zeitig auf die Beine. Waren zwei Dinge, die uns mächtig am Herzen lagen. Das erste war, Proviant für unsere zehn Mäuler zu schaffen: das zweite, ein Stück Land zu finden, auf dem sich ein ehrlicher Squatter ruhig hinsetzen konnte, ohne Furcht, von den Alligatoren zum Imbiss mitgenommen oder vom Sheriff ein Haus weiter gewiesen zu werden. Waren müde des Herumziehens mit Weibern und Kindern, sahen auch, daß nichts dabei herauskommt. Ein rollender Stein, sagt der alte Benjamin Franklin, setzt kein Moos an; wussten das, sahen auch, daß es hohe Zeit war – waren im August – unsere Schinken, Mehl, Mackerels auf der Neige –, mussten schauen, frischen Proviant einzulegen. Nahmen also unsere Äxte und Riflen, und teilten uns in zwei Parteien; die eine führte Asa, die andere ich, und gingen, er in westlicher Richtung, ich in südlicher. Zwei Männer blieben bei den Weibern: denn wir trafen schier mehr Spuren von Panthern, als in unserem Virginien von Gäulen und Rindern. War, wie gesagt, in südlicher Richtung vorgedrungen. Wenn ich Euch sage, vorgedrungen, so müßt Ihr darunter keine Lustreise verstehen wie Ihr sie mit uns gemacht, sondern ein wahrhaftes Buscheindringen, durch Schlingpflanzen mit Dornen ohne Maß und Ziel, die Euch ohne Messer und Axt in Fetzen zerrissen wo sich Euch bei jedem Schritt ein Dutzend Kongo- und Mokassinschlangen statt der Schuhriemen um die Knöchel gelegt hätten. »Wohl, Mann« fuhr der Alte fort; »drangen so tiefer und tiefer ein – schossen auch zwei Bären die wir ausweideten, und Righteous, mein Schwager, einer der Brüder Asas, schoss auch einen Welschhahn den wir sogleich rupften und säuberten und spießten und brateten. Hatten ein paar Hände voll Welschkorn in der Jagdtasche, und eine Kalabasse Magentrost, der uns trefflich zum Imbiss schmeckte. Und nachdem wir uns so an Leib und Seele erquickt, vergruben wir einen Teil unserer Bärenbeute, die besten Stücke mit dem Fett lud Righteous auf die Schultern und ging zurück zu den Weibern, ich aber drang weiter in die Wildnis ein. Hatte einen Kompass mit und wollte mir absolut das Land besehen, und womöglich einen Fleck ausfindig machen, auf dem sich ein honetter Squatter niederhocken und seine Rolle Virginia-Kautabak bauen könnte. Und wie ich so vordringe – war am vierten Tag –, kam ich auf eine Prärie, von der ich ringsherum einen Ueberblick hatte, das Herz hupfte mir vor Freude. Saht vor Euch die Prärie, die wohl zehn Meilen vom westlichen Abhang gegen Norden hinauslief – rechter Hand einen Kottonbaumwald – und im Rücken wieder Wald. War dieser letztere Wald derselbe, den Ihr vor Augen habt. Alles war hier beisammen für hundert der schönsten Pflanzungen, die sich denken ließen: Tabak-, Baumwoll-, selbst Zuckerland – herrliches Wasser!« Sprang wie ein Kind von zehn Jahren auf dieser Anhöhe herum, kalkulierend in meinen Gedanken, wo sich wohl am besten unsere Häuser hinsetzen ließen, und kalkulierte so den ganzen Tag in der Gegend herum, sah mir alles an, und kam in meinem Kalkulieren auch auf diesen Erdaufwurf oder Wall oder Indianerschanze, die just eine halbe Meile weit weg liegt. Sehe mir diesen Erdwürfel an und ruminiere, wozu er wohl dienen könnte, und was die Leute für eine Absicht hatten, als sie ihn so zusägten, und wie ich so kalkuliere, fällt mir ein, daß die Rothäute wohl da eine ihrer Verschanzungen gehabt haben könnten, denn der Wald war auf sechzig Schritte herum ausgehauen, und daß wir ihn gleichfalls dazu gebrauchen könnten, wenn die Not es geböte. Und sehe mir die Gegend weiter an, und komme zu dem Sumpf, und kalkuliere, daß der Sumpf, so arg ich sonst Sümpfe im Magen habe, ein glorioser Sumpf sei, und die Kreolen und Frenchers das Wasser nicht lieben, und wie ich so kalkuliere, kommt mir ein tüchtiger Hirschbock in die Quere, der in der Zeit von zehn Sekunden kein Hirschbock mehr war. Hielt das für ein gutes Zeichen, daß mir der Hirschbock gerade so in den Wurf kam, und hatte diesen Tag meine Mahlzeit ehrlich verdient, und machte mich über den Hirsch her, und zog ihm die Haut über den Rücken und zerlegte ihn und bratete mir ein Stück, das mir für ein paar Tage dauern sollte, und dann legte ich mich nieder. Und kehrte den folgenden Tag zurück, nachdem ich den Rest des Hirsches in Reisig gewickelt und aufgehängt hatte, so daß die Turkey Buzzards ihm nichts anhaben konnten, und schoß auf dem Herweg noch einen Bären, von dem ich den besten Teil mitnahm, das übrige vergrub, und kam nach sechs Tagen glücklich im Lager an. Und sagte zu Asa: Asa, hab' es – hab' es gefunden, was wir suchen. Habe die Notion: in den ganzen alten Staaten gibt es kein so prächtiges Stück Land, als ich dir in vier Tagen zeigen kann. Habe auch gesehen, sagt Asa, will mir aber nicht recht gefallen, was ich gesehen, sagt er. Kiefernwald mit leichtem Sandboden und Präries mit schwarzen Letten, auch Palmettoes, aber kein Holz darauf, um eine Welschkornkrippe zu bauen. Habe gefunden, was wir brauchen, Mann, sag' ich; alles gefunden, was wir brauchen, und mehr als wir brauchen, und unsere Kindeskinder dazu. Aber ist das Land auch frei? Hast du auch geschaut? Keine Einschnitte in den Bäumen, kein Axtschlag? Kein Einschnitt, kein Axtschlag zu sehen, so weit dich deine Füße tragen – eine Indianerschanze, um die herum Gestrüpp, ist alles. Habe die Notion: Muß seit sechzig Jahren kein zweibeiniges Menschenkind den Fuß dahin gesetzt haben. Aber die Kreolen?, sagt Asa. Weißt du auch, ob nicht die Kreolen – Vielleicht ist es von einem Kreolen genommenes Waldland? Ist ein Sumpf da, und den haben die Kreolen nicht überschritten. Komm, Asa, sollst sehen, weißt, bin nicht blind in solchen Fällen; ein Sumpf, ein gottlos prächtiger Sumpf, über den sich kein Kreole wagt. Und sagt Asa: Weiß es, daß du einen Walnussbottom von Kastanienland zu unterscheiden verstehst, und mögen ebensowohl unsere Hütte ein Haus weiter aufschlagen. Bären und Hirsche gäbe es zwar hier genug, haben bereits sieben Bären geschossen und ein halbes Dutzend Hirsche, und unsre Weiber wohl einhundert Pfund und darüber Bärenfett ausgekocht. Und gingen nun zu den Weibern und sagt' ihnen, was ich gesehen, und wie wir uns auf dem Lande niederlassen müßten. Wir beschlossen, den folgenden Tag schon den Anfang zur Uebersiedlung zu machen. Asa und Righteous und zwei von den vier Weibern zogen mit mir in den Busch ab und luden auf, was unsre Rücken tragen konnten, und kamen nach acht Tagen glücklich auf dem gelobten Lande an. Aber als Asa endlich das Land sah und herabschaute von der ersten rollenden Anhöhe, und dann sich wandte in die Prärie und schaute den herrlichen Baumschlag, da jubelte doch auch er – war sonst kein gerade zum Jubeln aufgelegter Mann, der Asa; aber er jubelte und schrie: Nathan, das vergelte dir Gott! Du bist ein wahres Sonntagskind! Hier wollen wir leben und sterben, habe in meinem Leben kein solches Land gesehen. Und wir nahmen sonach unsere fünf Sinne zusammen«, fuhr der Alte fort, »und kalkulierten, wo sich wohl unsere Häuser am besten hinsetzen ließen, begannen Bäume zu fällen und Anstalten zu machen, ein Blockhaus zu bauen. Ich aber ging zurück, um die übrigen nachzubringen. Wohl, Mann! Brauchten zu dieser Uebersiedlung volle drei Wochen, und nahm drei Wochen mehr, ehe wir uns in unserm Blockhaus ruhig niederlegen konnten, ohne befürchten zu müssen, daß eine Herde Wölfe oder eine Brut Panther uns ihre Besuche abstatteten. Aber nach diesen sechs Wochen waren wir fix und fertig. War aber kein Scherz, versichere ich Euch bei Jingo! Mußten Brücken und Flöße bauen, um unsere Kisten und Weiber über die Wasser und Sümpfe zu bringen, und Wege öffnen durch Dickicht, Wälder und Schlingpflanzen, kamen aber mit Hilfe unserer Aexte zuletzt doch, wo wir hin wollten. Freilich hatten unsere Häuser weder Türen noch Fenster; vor die viereckigen Oeffnungen in die sie mit der Zeit hineinkommen sollten, wurden einstweilen Wolldecken gehangen, aber reichere Leute als wir mußten sich oft knapper behelfen. Waren mittlerweile tief in den Oktober hineingeraten. Wunderschöne Zeit in diesem unserem Lande eben der Oktober und November – aber dauert doch nicht ewig, der indianische Sommer –, und handelte es sich darum, für zehn Mäuler den Winter hindurch etwas zum Zubeißen zu erlangen. An eine Ernte war nicht mehr zu denken, wenn wir auch Saatkorn gehabt hätten – Niederlassung keine, auf hundert Meilen ringsumher, und wenn auch eine gewesen wäre, so mangelte uns der Silberstoff. Was läßt sich tun, Nathan?, fragt mich Asa. Holla, Asa, sagt Rachel, meine Schwester – fragst, was sich da tun läßt, wenn die Bären herumlaufen wie die Schafe in Kentucky Territory, und mehr Hirschböcke zu sehen sind als bei uns im Kentucky Territory Opossums – pfui, schäme dich! Aber Rachel, sagt Asa – du weißt, der Boden deiner beiden Mehlfässer ist schon seit Wochen so anschaulich, und wir können doch nicht immer Hirsche und Bären essen? Aber es gibt Leute, die Euch für einen Hirsch gern ein und auch zwei Fässer Mehl verhandeln; und für ein Dutzend Töpfe mit Bärenfett ein paar Barrels mit Welschkorn. Weißt du das nicht, und nicht, wo diese Leute zu finden? Und du hast recht. Rachel, sag' ich, und wir ziehen auf die Jagd, Asa, sage ich, und schießen noch ein halbes Dutzend Bären und ein paar Dutzend Hirsche; denn Bären und Hirsche gibt es allmächtig viel, mehr als im ganzen alten Virginien und im Territory Kentucky, sag' ich. Und gingen auf die Jagd, schossen den ersten Tag zwei Bären, drei Hirsche und weideten sie aus, und trugen sie heim, und unsere Weiber kochten und brateten das Bärenfett aus und trockneten Schinken, und wir schossen weiter, bis wir ein volles Dutzend Bären und ein paar Dutzend Hirsche erlegt hatten, und als wir so weit gekommen, hielten wir ein, denn die Gabe Gottes muß geschont werden. Und während unsere Weiber kochten und brateten und Hirschziemer und Häute und Schinken trockneten, machten wir uns mit unseren Aexten hinüber ans Wasser, zogen unsere alte Arche ans Land und kalfaterten sie wasserdicht, und als wir fertig, beluden wir sie mit den Hirschkeulen, Schinken, Bärenfett und den Häuten und nahmen Abschied von den Weibern: nur Righteous blieb zurück, wir fünf aber machten uns auf den Weg. Und fuhren das Bayou hinauf in den Redriver ein, den Mississippi, der wieder vernünftig geworden war, hinab, und es war, habe die Notion, hohe Zeit für uns, denn auch das Whiskyfaß begann hohl zu klingen, und war die letzten Wochen unsere Ration pro Mann kaum mehr als ein Gill gewesen, und wo der Magentrost fehlt, da regen sich die Hände nicht gern. Und bangte uns recht sehr, wieder einmal einen erquicklichen Schluck dieses Magentrostes zu nehmen, und ruderten also frisch drauflos, in den Mississippi ein, und hielten nirgends an, bis wir vor New Orleans kamen, wo sie uns nach unseren Papieren fragten. Sagten aber, wir kämen vom Ohio, und zwar aus dem Territory Kentucky, was auch wahr war, denn wir kamen daher und wären wohl gar nicht gekommen, wenn der Sheriff uns nicht ein Haus weiter gewiesen, was uns giftig verdrossen, und weshalb wir auf den Mississippi gegangen und nach Louisiana herabgekommen, was wir aber, wie Ihr leicht ermessen könnt, wohlweislich für uns behielten. Und in New Orleans wußte Asa zum Glück Bescheid und schob ein paar Dutzend Bärentatzen dem glatzköpfigen Hafenaufseher ins Haus, und dieser drückte ein Auge zu, und wir verkauften an dreihundert Pfunde Bärenfell, das Pfund zu einem halben Dollar, und die Hirschziemer und Rücken und die Felle so gut, als wir sie anbringen konnten, und schier an dreihundert Dollar in der Tasche, zogen wir gegen Baton Rouge hinauf. Unser Boot verhandelten wir für zwei Dollar. Und riefen in Baton Rouge ein Flachboot an, das mit Mehl, Whisky und Kramwaren den Mississippi herabkam, und dieses sagt uns, daß ein Kielboot nachkäme, mit dem wir einen guten Handel machen konnten. Und kam das Kielboot richtig hinterdrein, und erhandelten uns ein Dutzend Welschkorn- und ein halbes Dutzend Mehl- und Whiskyfässer – mit allerhand anderen Waren; und kauften das Kielboot, das seine übrige Ladung auf das Flachboot überlud. Und waren Landsleute, denen wir sagten, sie sollten die Unsrigen am Saltriver grüßen, und sprangen in das Kielboot, gerade als die spanischen Zollbeamten herbeikamen, und ehe sie ihre Worte an den Mann gebracht, waren wir in der Mitte des Stromes und dem Gesindel aus den Augen. Hatten aber höllische Arbeit, das Kielboot den Strom hinauf und in den Redriver hinein zu bringen. Sage Euch, höllische Arbeit, kamen aber endlich doch hinein und gingen hinauf, bis wo der Blackriver, sein laugenfarbiges Wasser in den kaffeebraunen Redriver eingießt, und fuhren in das Bayou ein, und Asa und James Bill nahmen die erste Ladung und machten sich auf den Weg, und Jonas und ich blieben als Wache zurück. Volle vierzehn Tage hatten wir zu tun, bis wir alles an Ort und Stelle gebracht hatten. Das Kielboot schleppten wir ans Land, kehrten es um, bedeckten es mit Reisig, um es für künftige Fälle wieder zu haben. Waren also für den Winter versorgt und wohnten zu zwei Familien in einem Hause. Hätten gern noch drei Blockhäuser aufgerichtet, so daß jede Familie ihren eigenen Verschluß gehabt; mußten aber an das Lichten und Beurbaren der Felder denken – und das war keine Kleinigkeit, denn wir hatten auch nicht einen einzigen Pferdehuf; zwei Pflüge wohl, und Zubehör, aber die Pferde fehlten. Wohl, lichteten die Felder, und Asa und ich nahmen unsere Rifles, und wollten im Lande umherspähen, um zu sehen, ob wir nicht ein paar Gäule und auch Kühe auftreiben könnten, denn ohne Gäule, das sahen wir wohl, ließe sich nichts machen. Kühe waren uns etwa drei Stück vonnöten, und hatten noch fünfzig Dollar von den dreihundert, die wir in New Orleans gelöst. Und zogen wohl auf die fünfzig Meilen im Umkreis herum, trafen aber auf keine Pflanzung, wie wir sie suchten, und kehrten zurück, hatten aber ein paar Bären und Hirsche geschossen. Und lichteten unsere Felder zurecht, bis auf das Umpflügen, ringelten nämlich die Bäume, und rodeten das Unterholz aus, und richteten zehn Acker Kottonbaumwald zum Welschkorn zu, und sechs zum Tabakbau – alles fix und fertig, bis auf das Pflügen. Und fingen bereits unsere Weiber und Männer an, den Boden zu hacken, was unter allen Arbeiten eine ist, die wir Hinterwäldler am wenigsten vertragen. Stumpft Euch Geist und Leib gleich ab, wenn Ihr so Tag für Tag nichts als Schollen aufhackt – konnte es nie leiden; ist auch nur für Neger und weiße Sklaven. Hatten so ein paar Acker gehackt und ein Stück wahre Negerarbeit vollbracht und waren gerade wieder im Feld, als wir auf einmal Pferdegetrampel hören und vier Reiter die Prärie herangesprengt kommen, die, wie sie uns sehen, nicht wenig verwundert anhalten und miteinander parlieren. Hatten auch ein paar tüchtige Wolfs- und Hühnerhunde mit. Und sagt Asa: Das wäre jetzt eine herrliche Gelegenheit, ein paar Gäule zu erhandeln, und will schauen, ob sich nicht ein Geschäft machen läßt. Asa tritt an sie heran und grüßt sie – denn Asa hatte im Revolutionskrieg unter Lafayette gedient – und fragt sie, ob sie nicht absteigen und einkehren wollten. Und wie Asa so fragt, so nehmen wir unsere Rifles, die wir an die Baumstämme angelehnt hatten, zur Hand, denn ihr wißt, Hinterwäldler dürfen ihre Rifles nie weit von sich haben – sind ihre getreuesten Freunde, ihre Rifles, nebst einer guten Hand und einem scharfen Auge. Und wie die Kreolen unsere Rifles sehen, geben sie ihren Pferden die Sporen und waren doch so erschreckt. Fürchtet nichts, sagt Asa, seid unter friedlichen Leuten, haben die Rifles zur Hand gegen Bären, Wölfe und Rothäute, aber nicht gegen Christenmenschen. Diese Worte beruhigten sie augenscheinlich und galoppierten wieder näher an uns heran, und wir setzen unsere Rifles nieder, und sie steigen ab und treten in Asas Haus. Zuerst sahen sie sich um, nicht wenig verwundert, wie es schien, aber Asa setzte ihnen eine Bouteille mit trefflichem Monongahela vor, und als sie diesen versucht, wurde ihnen auf einmal das Herz leicht. Und Rachel bratete einen Hirschziemer, und wohl auch zwei, und wir luden die Jäger zum Essen, was sie auch annahmen, und während des Essens fragt sie Asa, ob sie nicht Lust hätten, ein paar ihrer Gäule für blanke spanische Dollar auszutauschen. Bei der Erwähnung der spanischen Dollar leuchteten ihre Augen vor Freude, denn das Geld war damals und ist auch noch ein seltener Artikel im Lande, und sie fragten, wieviele Dollar wohl Asa für einen Gaul gäbe? Für den Braunen, den Ihr reitet – er sprach mit dem Vordermann – zwanzig Dollar, für den Braunen mit dem weißen Fuß fünfzehn. Die Franzosen parlierten ihr Kauderwelsch und sagten endlich, Asa solle die zwei Gäule für vierzig Dollar haben. Fünfunddreißig, sagt Asa, keinen Picaillon mehr. Also fünfunddreißig, sagen die Spanier oder Franzosen, was sie waren, habe aber die Notion, waren beides, parlierten in beiden Sprachen und wollten das Geld aufgezählt haben, ehe sie die Gäule gäben, was wir aber wieder nicht wollten. Müssen zuerst die Gäule haben, sagten wir und gingen hinaus, und draußen wollte der erste nicht den Braunen geben, was uns böse machte; endlich, als sie Ernst sahen, nahmen sie das Geld. Sahen aber, daß sie nicht die Leute waren, mit denen ein dezenter Mann gern einen Handel schließt, und gingen wieder zurück mit uns in die Stube, um, wie sie sagten, den Kauf durch eine Bouteille Taffia zu besiegeln. Tranken eine Bouteille, und mehrere folgten nach, bis sie schier nicht mehr stehen konnten, und gaben mit lallenden Zungen uns zu verstehen, wie sie es eben nicht sonderlich gern sähen, daß wir uns hier eingenistet, und wie der Jäger zu viele würden. Wir sagten ihnen, es gäbe der Jäger nimmer zu viele, und die Bären, Wölfe und Panther und Hirsche obendrein, je eher sie verschwänden, desto besser sei es für das Land, sei nicht zu Jagdgründen erschaffen, das Land, sondern um Baumwolle, Zucker und Welschkorn zu geben. Das sei das Wahre. Murmelten aber untereinander in ihrem französisch-spanischen Kauderwelsch und brummten, als sie zu zweien auf einem Gaul abtrollten, sie würden uns bald wiedersehen. Und sagt Asa, der ihnen kopfschüttelnd nachsah: Hört, Männer, das sind sogenannte Kreolen, das heißt, ein Drittel Spanier, ein Drittel Franzosen, und der Rest Indianerblut. Haben alle die Tücken der drei Nationen, und gebt acht, sie bringen uns irgendeine Teufelei hinterdrein. Aber was sollten sie uns für eine Teufelei bringen?, fragt Rachel. Das weiß ich noch nicht, doch so gewiß es Sheriffs gibt in den Staaten, so gewiß gibt es auch hier solche Landplagen, obwohl sie andere Namen haben mögen. Aber wenn nun unser Land von keinem als Eigentum genommen ist, und wir zuerst unsere Hütte darauf aufgeschlagen? So gehört es von Rechts wegen uns, sagt Asa, aber mir munkelt etwas. Gib acht, die bringen nichts Gutes. Wohl, sage ich, Asa, und bringen sie nichts Gutes, so holen sie sich auch nichts Gutes. Können auch böse sein, wir, sage ich, Asa, giftig wie Kongoschlangen, und fürchte mich nicht vor zehn solcher Kreolen, und habe es wohl gesehen und mit meinen eigenen Ohren gehört, daß sie schäbige Kerle sind, die ihr Wort so wenig in Ehren halten, als unsere Neger oben im Kentucky. Aber wir haben die Gäule und können nun unsere Felder staatsmäßig herrichten. Das können wir, sagt Asa, und wollen auch sogleich daran, sind aber noch jung, die Gäule, und auch noch halb wild, nicht lange von ihren Präries eingefangen. Und das war wirklich der Fall. Hatten vorerst die beiden Gäule ein paar Tage einzuspannen und einzujochen, ehe sie eine gerade Furche ziehen lernten, ging aber dann um so rascher und hatten wir wohl etwa fünfzehn Acker zur Welschkornsaat vorbereitet, und etwa zehn für Viginiakraut, und waren wir daran, noch ein paar hundert Kottonbäume zu ringeln und das Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen auszuroden, um noch einiges Welschkorn und Virginiakraut anzubauen, als mir in diesem Vorhaben ein wenig irre gemacht wurden. Asa hatte richtig gemunkelt. Das kreolische Gewürm war uns eher wieder auf dem Nacken, als wir es erwartet. Waren gerade in dem Busch beschäftigt ein Stück von etwa zehn Morgen abzumessen und mit der Axt in Bekanntschaft zu bringen, als Jonas gesprungen kommt: Männer, hört ihr nichts? Die Rothäute! Die Rothäute!, sagen wir; was, Teufel, wollen die, doch nicht unsere Skalpe? Wollen sie die, dann müssen sie zeitig aufstehen. Nahmen aber sofort unsere Rifles zur Hand und stiegen den Kamm hinauf, auf welchem weiter zurück unsere Häuser standen, und hörten auch bald darauf die Bande, die aus einigen vierzehn oder fünfzehn Reitern bestand, alle mit lauten Huzzas und Hurras auf unsere Niederlassung zusprengend. Nathan, jagt Asa, das sind keine Rothäute, es sind die v...ten Kreolen, die mit ihrem Schweif ankommen. Und scheinen mir ein wahres Gesindel zu sein, treiben es, als wenn sie betrunken wären. Als sie noch etwa fünfzig Schritte von uns waren, trat Asa vor. Sogleich war einer bei der Hand und schrie: Da ist er, der Pferdedieb, der Betrüger, der mich um meinen Braunen gebracht. Asa gab keine Antwort auf eine solche grobe Rede, sondern schaute sie an und wartete, bis sie näher kommen würden. Und sie kamen näher, und einer fragte von ihnen: Wer ist hier der Vorgesetzte? Asa schüttelt den Kopf und erwidert: Hier ist kein Vorgesetzter, hier sind Mitbürger, und die sind alle gleich. Sagt der Mann: Ihr habt diesem Gentleman, Monsieur Groupier, sein Pferd gestohlen, Ihr müßt es herausgeben. Ist das alles?, sagt Asa. Nicht alles, sagt der Mann. Dann müßt Ihr Euch ausweisen, wer Euch die Befugnis gegeben, hier auf diesem Land zu jagen. Wahrscheinlich derselbe, der sie Euch gegeben hat, sagt Asa zu dem Mann, der sich recht patzig anstellte. Und waren die Kreolen über diese Antwort schier verwundert, und schrien einige: Wir haben unser Jagdrecht und unsere Schenkungen von Seiner Exzellenz dem Gouverneur. Andere: Und wir von Seiner Majestät dem großen König von Frankreich und Navarra. Und wir wollen nicht, schrien alle, daß Fremde uns hier beeinträchtigen in unserm Jagdrevier; die Bären werden immer seltener, und auch die Jaguare und Hirsche, die Büffel haben sich ganz weggezogen. Dabei sprangen die Kreolen auf ihren Pferden herum, als wenn sie besessen wären. Und Asa sagt: Je eher die Bären und Wölfe und Jaguare weggeschafft werden, desto besser für das Land, ist nicht für Bären und Wölfe, das Land, sondern für Menschen. Und sagten die Kreolen: Wir hätten kein Recht, hier zu jagen, und sollten uns wegpacken. Und fragte sie Asa, welche Autorität sie hätten, ihn wegzuweisen. Darüber stutzten sie und murmelten untereinander, und Asa sah wohl, daß sie keine Autorität hätten, auch keine Magistratspersonen wären, sondern zusammengelaufene Nachbarn, die ohne Autorität kämen und uns ins Bockshorn zu jagen kalkulierten. Ob wir eine Befugnis hätten, fragten sie wieder, uns hier niederzulassen und Wohngebäude aufzurichten und Felder zu bestellen. Und sagt ihnen Asas sie sollten sich deshalb kein graues Haar wachsen lassen, er habe mit seinen Mitbürgern sich hier niedergelassen und werde auch dafür sorgen, daß die Befugnis nicht fehle. Darauf sagten sie, wollten es dem Kommandanten von Natchitoches und dem Syndikus, und weiß der Himmel, wem, anzeigen, daß wir uns unberufen hier niedergelassen hätten, und wir möchten dann nur zuschauen. Und sagte ihnen Asa: Sie möchten gehen und es seinethalben dem Teufel anzeigen, sollten es aber bald tun: denn so sie ihn toll machten, so wolle ihnen heimleuchten, daß sie ans Wiederkommen nicht mehr denken würden. Er müsse sein Pferd haben, schrie der Kreole, dessen Name Groupier war. Und sagt Aja: Er solle es haben, und beide, wenn er das Kaufgeld zurückgäbe, fünfunddreißig Dollar. Es sei nicht so viel gewesen, bloß fünfzehn. Da ruft Asa uns herüber, die wir etwa dreißig Schritte hinter den Kottonbäumen gehalten hatten, und wir schritten, die Rifles im Arm, auf die Rotte zu; wie sie uns schuß- und trutzfertig erblickten, waren sie ein wenig herabgestimmt, sahen es, schauten sich einander an und zogen sich zurück. Asa aber sagte ganz gelassen: Gentlemen, Ihr seid nicht artig gekommen, sehe aber, Ihr habt Euch von diesem Manne da, der nicht besser ist, als er sein sollte, etwas auf die Nase binden lassen. Hier stehen fünf meiner Mitbürger, und fragt sie alle, ob nicht die Gäule regelrecht verkauft, das Geld, nämlich fünfunddreißig Dollar, zwanzig für den einen, fünfzehn für den andern, wie es sich gehört und gebührt, ausbezahlt, und alles in Ordnung geschehen ist. Larifari, schrie der Kreole, Larifari. Und Ihr sollt uns hier nicht unsere Jagd verderben und sollt nicht hier Häuser bauen, Ihr habt kein Recht dazu, und ich will es Seiner Exzellenz dem Gouverneur und dem Kommandanten von Natchitoches, überall will ich's anzeigen. Und wieder wurden die Kreolen, die vernünftig und ruhig werden zu wollen schienen, währenddem Asa sprach, so rappelköpfig, und schrien und gestikulierten und galoppierten vorwärts und rückwärts, und schwenkten ihre Jagdflinten so indianisch, und schrien so greulich: wir sollten uns aus dem Lande packen, sie könnten das Wild selbst jagen, und fort sollten mir, sogleich – oder ... Jetzt wurden aber auch Asa und wir wild, und Asa schrie, sie sollten sich auf der Stelle fortscheren, seien keine Gentlemen, sondern Lumpenpack, das er mit der Peitsche sich vom Hals schaffen wolle, und sollten gehen und ihn nicht giftig machen, sonst würden sie es alle Tage ihres Lebens bereuen. Indem er so zornig wurde, warf Asa seine Rifle schußfertig vor, und wir auch, und als die Kreolen das sahen, gaben sie ihren Pferden die Sporen und galoppierten davon. Als sie aber aus dem Bereich unserer Kugeln etwa fünfhundert Schritt waren, erhoben sie ein solches kauderwelsches Geschrei, fünfzigtausend Wildgänse am Redriver oder Mississippi sind Stumme dagegen, schossen auch mehrere ihre rostigen Gewehre auf uns ab. Wir lachten herzlich über diese Maulhelden, aber Asa lachte nicht. Sagte ich's nicht, sagt er, daß diese Kreolen uns eine Teufelei auf den Hals bringen würden? Teufelei?, sag' ich; sollten sich schämen, in die Seele hinein, da herzukommen auf fremder Leute Land, und ihr Kauderwelsch auszuleeren, daß unsere Weiber selbst sich schämen müssen, und ruhige Bürger in ihrem eigenen Haus so zu traktieren, sollen wir das so einstecken? Das wäre noch nicht das Schlimmste, sagt Asa, aber die schäbigen Kerle erzählen es weiter, und kommt es zu den Ohren eines ihrer Kommandanten oder des Gouverneurs, daß wir uns in ihrem Lande so mir nichts dir nichts zu Hause gemacht, und ehe wir einen Monat älter sind, kommt eine Kompanie oder zwei ihrer Musketiere angezogen, und dann ...? Und wenn sie angezogen kommen, Asa, was dann?, sag' ich. Kommen sie angezogen, so kommen wir ihnen entgegengezogen, und hast du die Indianerschanze vergessen? Habe nicht vergessen, sagt Asa, denke eben daran, ob wir uns da nicht ein Blockhaus bauen könnten, das auch aushielte. Habe die Notion, sage ich, kalkuliere, daß wir uns da ein Blockhaus bauen können, das aushalten wird. Das ist alles recht, sagt Asa, alles recht, aber ob wir auch das Recht dazu haben Nathan, das ist eine andere Frage, sagt er. Der Gedanke plagt mich, Tag und Nacht seit den drei Wochen, daß diese verfluchten Kreolen zuerst angerückt, Tag und Nacht, sag' ich dir. Und will nichts Unrechtes, Nathan, sagt er – will das Rechte, Mann, sagt er, das Rechte geht über alles. Asa, sage ich, habe auch darüber nachgedacht und bin der Meinung, daß wir auf das Land so gerechten Anspruch haben, als kein Sheriff in den Staaten leugnen kann, und kein Franzose und Spanier, sie mögen herkommen, wo sie wollen. Was sagst du da, Nathan?, sagt Asa. Hast du nicht gehört, Asa, sag' ich, und weißt du nicht, sag' ich, daß der Vater Mississippi in unserem Lande entspringt? Und nimmt er dir nicht, der Mississippi, hier einen Brocken Landes von einem Schock Quadratmeilen, mit den Bäumen dazu, mir nichts, dir nichts weg, dort einen andern Brocken, und führt ihn fort, verschlingt ihn, oder wirft ihn von da etwa zwanzig oder hundert Meilen weiter unten aus. Das tut er, sagt Asa, habe es selbst gesehen. Asa, sag' ich: ist nicht das ganze Louisiana ein aus solchen Brocken und Fetzen zusammengesetztes Land? Sage mit das. Das weiß ich nicht, kalkuliere, es mag so sein, weiß aber nicht, bin nicht ganz gewiß, sagt Asa. Aber davon bist du doch gewiß, Asa, und hast es wohl öfter auch gehört und selbst gesehen, daß dieses Louisiana nichts ist als Mississippi-Bottom? – Purer Mississippiboden – Niederschlag des Flußschlammes vom Mississippi, und daß dieser Flußschlamm von unserm Land herabkommt? Das weiß ich, sagt Asa. Und daß aus diesem Flußschlamm Louisiana entstanden ist, aus unserm Schlamm, Mann, auf den die Franzosen und Spanier keinen Strohhalm Anspruch haben? Das wäre?, sagt Asa. Wohl, Mann! Und wenn der allmächtig trübe Mississippi oben unser Land wegführt, und wie der Bär die Sau verzehrt, und darüber dick und schmutzig geworden, und diesen Schlamm wieder ausgeworfen – so wie der Bär auswirft, was stinkt und schmutzig ist, wem gehört der Auswurf, Asa? Sage mir das, sage ich, wem anders als dem, dem der Bär gehört, und der Bär, gehört er nicht dem, in dessen Land er ist? Sage mir das, Asa, sag' ich, gehört der Bär, der Mississippi, nicht uns? Das behaupte ich auch, sagt Asa, und wollte ihn sehen, der da anders sagte. Wollte ihm die fünf Knöchel in die Weichen drücken, daß ihm die Lust verginge. Und wenn der Mississippi unser ist und unser Land verzehrt, gehört nicht sein Auswurf auch uns, und haben wir nicht das Recht auf diesen Auswurf?, sage ich; ein so gutes Recht und besseres Recht, als die Frenchers und Spanier haben?, sage ich. Aber sie waren eher da, Nathan, die Frenchers und Spanier, eher da als wir, sagt er. Und wir sind später da, Asa – später, sind zur elften Stunde gekommen, wollen den Frenchers und Spaniern nicht ihr Recht nehmen, kein Pferdehuf soll ihnen verlorengehen, aber wollen uns unser Recht auch nicht nehmen lassen und wollen dieses Recht behaupten, Asa, sage ich. Aber sagt, Asa, wir sind unserer bloß sechs, und wie können wir es mit Hunderten aufnehmen? Sechs, und wenn wir ein tüchtiges Blockhaus auf die Indianerschanze hinaufstellen, zählt das sechzig, und können es mit hundert solcher spanischer Musketiere aufnehmen, sage ich. Und haben jetzt eine so schöne Gelegenheit, uns ein Stück Landes zu erobern, sag' ich, und lassen wir uns vertreiben, so sollte man unsere Rifles zerbrechen und uns statt ihrer Welschkornbesen in die Hand geben. Aber wenn nun so etwa hundert spanische Musketiere anrücken?, sagt Asa, und ich glaube, sie kommen. Darum wollen wir das Blockhaus bauen, sagt Rachel, und uns da wehren um unser Eigentum, und sage dir, Asa, sagt sie, erfahren unsere Leute am Saltriver und am Kentucky und Cumberland, daß die Spanier gegen uns ziehen, werden sie die Hände gewiß nicht in den Schoß legen. Und, sag' ich, wenn die Männer in den westlichen Territorien erfahren, was wir hier für schönes Land haben, und wie uns die Franzosen und Spanier die Sporen in die Weichen zu setzen gedenken und uns tyrannisieren, dafür, daß wir unser Recht verteidigen, werden sie nicht lange ausbleiben. Ist aber weit, vom Redriver hinauf zum Saltriver und Kentucky und Cumberland, sagt Asa – gute fünfzehnhundert Meilen und darüber, und mögen leicht unsere Gebeine, ehe sie Wind erhalten, bleich genug sein, um ihnen zu Gabel- und Messerheften zu dienen. Ist mir nicht um mich zu tun, sagt er, habe den Kanonenschlünden oft genug in die feuersprühenden Rachen geschaut, und die englischen Musketiere oft genug knallen gehört, hab' aber Weib und Kind. Sorge du nicht für Weib und Kind, sagt Rachel; sorge nicht für Weib und Kind, wo die Ehre auf dem Spiel steht, und das Recht – müßten uns ja in Ewigkeit schämen, wenn wir vor diesen Maulhelden abzögen. – Wenn es noch Indianer waren, haben aber keinen Tropfen Blutes von den Rothäuten, sind ja so feige, ärger als Neger. Sage dir, Asa, sagt sie, sage dir's im voraus, gehe nicht auf den schmutzig omnipotenten Mississippi zurück, will nichts mehr mit dem groben Gesellen zu tun haben, hab' ihn satt für alle Tage meines Lebens. Ist ein ungeschliffener Geselle. Willst du dich mit ihm abgeben, so magst du gehen, aber laß mir eine Rifle, und will mein Blockhaus verteidigen, und wenn mich die Spanier skalpieren, so werden die Leute am Saltriver doch sagen, die Rachel war eine echte Tochter vom Hiram Strong, und hat sich gewehrt. Und dieses gab den Ausschlag, und war nun Asa überzeugt, daß er mit Fug und Recht sich gegen die Spanier wehren und behaupten könne, und machten wir sogleich Anstalten, uns zu behaupten. Auch kitzelte uns der Gedanke nicht wenig, die ersten zu sein, die das Panier der Hinterwäldler in Louisiana aufpflanzten, und was unsere Leute am Saltriver dazu sagen würden. Nachdem der Alte uns so die Beweggründe, die ihn und die Seinigen bestimmten, der spanischen Regierung den Krieg zu erklären, eines breiteren erklärt, hielt er inne und schaute uns ungemein ernst an. Wir schwiegen, denn – aufrichtig gesagt – wir hatten die Sprache verloren; und es gab Momente, während welcher wir eine Parodie zu hören glaubten. Hätte uns das ein Europäer gesagt, wir würden ihn unfehlbar für einen Tollhäusler genommen haben, und selbst hier hatten wir Mühe, unseren Ohren zu trauen. Wir waren Europäer, soeben angekommen, hatten einen Thron stürzen, in seinem Sturz eine halbe Welt erschüttern, und zertrümmert diese halbe Welt noch in Zuckungen erhalten sehen – und hier standen wir gegenüber einem Hinterwäldler, der, auf sein halbes Recht gestützt, dem mächtigsten Reiche der Neuen Welt mit fünf seiner Gefährten den Krieg erklärt. Der alte Squatter begann wieder: 3. »Nachdem wir so beschlossen hatten, unser Recht mit unserem besten Blut und unseren besten Kräften zu verteidigen, machten wir auch Anstalt zu dieser Verteidigung. Und fällten Bäume, meistenteils junge Zypressen, und schleppten sie hinüber, und hauten sie zu, und dann zogen wir sie mit Stricken herauf, und blockten sie auf, ganz wie Ihr seht – ein Viereck, vierzig Fuß lang, bei vierzig breit, und in die Mitte stellten wir einen Kamin. – War aber das noch nicht alles. Asa ließ uns Palisaden schlagen und spitz zuhauen, und Löcher in den Wall graben, und sie in diese einrammeln und sie verbinden mit Zweigen, so daß sie nicht leicht ausgerissen werden konnten – und nachdem wir das Blockhaus aufgeblockt, errichteten wir, wie gesagt, die Staketen, und nachdem wir mit diesen fertig, deckten wir das Blockhaus. Nachdem die Schindeln von Schwarzkiefern, die Jonas und Righteous eine halbe Meile von hier fällten, und spalteten, und dann auf einem Schlitten herüberschleiften. – War sehr gefehlt, das – denn Schwarzkiefern brennen Euch, wenn sie ein paar Tage in der Luft ausgetrocknet sind, wie Zunder weg, war uns aber die Zeit zu kurz, festeres Holz zu nehmen. Hatten bloß sechs und sieben Fuß dicke Zypressen, und die lassen sich nicht so leicht spalten – so mußten wir zu den verteufelten Schwarzkiefern greifen, die uns aber in eine heillose Klemme brachten, wie Ihr zu seiner Zeit hören werdet. Hatten also das Blockhaus aufgerichtet, und die Dachbalken darüber, und belegten diese mit den Dachdauben, und nagelten und hämmerten das Ganze zusammen, und auch den Kamin, so daß unsere Weiber zur Not kochen konnten, und füllten die Whisky- und Mehlfässer, und Geschirr, soviel als vorrätig, mit Wasser, und brachten unsere Gerätschaften und Schinken, Pflüge und Mehl, Welschkorn und alles und alles herein ins Blockhaus, und waren schier Tag und Nacht beschäftigt, ohne daran zu denken, daß uns die heillosen Schindeln von Schwarzkiefern in eine so verdammte Teufelei bringen würden. Wir kalkulierten, daß die spanischen Musketiere vor einem Monat oder auch zweien nicht kommen würden, denn wir wußten so ziemlich genau die Stärke der Besatzung des Forts von Natchitoches, betrug beiläufig zweihundert Mann, und alle konnte sie der Kommandant nicht gegen uns schicken, kalkulierten wir, und ehe er Verstärkung von den Forts am Mississippi oder von New Orleans herausbringen konnte, mußten wenigstens acht Wochen verlaufen, kalkulierten wir. Wir eilten also, das Blockhaus fix und fertig zu machen, was die Hauptsache war, und die Palisaden dazu zuzuspitzen und einzugraben, alles, wie Asa es haben wollte, und stellten alles, so wie Ihr es hier seht, fünf Schritte vom Blockhause, so daß ein Zwischenraum war, in dem wir uns frei bewegen konnten, und die Palisaden zuerst genommen werden mußten, ehe sie dem Blockhause etwas anhaben konnten. Und nahm uns das Ganze vier Wochen. Und nach vier Wochen waren Blockhaus und Palisaden in Ordnung, und unsere Weiber schafften die Vorräte, die wir in Baton Rouge eingehandelt, ins Blockhaus und ließen nur das nötigste in den Häusern, und war uns um vieles wohler und weit fröhlicher bei dem Gedanken, daß unser Blockhaus in Ordnung, und wir in der Verfassung zur Behauptung. – Nur Asa blieb schwermütig betrachtete das Blockhaus oft, und sagte: Wird ein blutiges Blockhaus in kurzer Zeit werden, und sage Euch, daß einer ein blutiges Grab finden wird, und wer es ist, weiß ich am besten. Sage ihm: Stille, Asa! Was sind das da für Reden? Wozu uns das Herz schwermachen? Brauchen leichte Herzen, Asa. Und schien Asa wieder heiter, und ging wieder ruhig an die Arbeit, die wir ausgesetzt hatten, aber da wir nicht immer die Gäule brauchten, so patrouillierte abwechselnd einer um den andern so zehn Meilen vorwärts und rückwärts, um zu sehen, ob die ungebetenen Gäste noch nicht uns zu besuchen kämen. Auch bei Nachtzeit waren wir auf unserer Hut, und jede Nacht hatten zwei abwechselnd die Wache, die auf und ab patrouillieren mußten. Und wie wir eines Morgens im Busch arbeiten und Bäume ringeln, kommt Righteous dahergesprengt. Sie kommen, ihrer wenigstens hundert, schreit er. Jetzt gilt es, sagt Asa so gelassen, als ob er seine Rifle auf einen Hirschbock anlegte – jetzt gilt es. Sind sie noch weit weg? Sie kommen gerade auf die Prärie zu, in einer halben Stunde mögen sie da sein, sagt Righteous. Wie kommen sie? Vorhut, Nachhut? Wie stark mögen sie sein? Nichts von alledem. Marschieren in einem Haufen. Mögen ihrer wohl einhundert sein, sagt Righteous. Dann haben wir gewonnenes Spiel – verstehen nichts vom Militärwesen, wissen nichts vom Buschkrieg. Jetzt fort mit euch Weibern, fort!, schreit Asa. Fort, laßt alles liegen und stehen, und fort, wir folgen, und decken euch den Rücken, zwei voraus, um zu sehen, ob sie unser Versteck nicht ausgewittert. Righteous galoppiert sogleich, wie er war, dem Blockhause zu, um, falls sie es ausgewittert, vor ihnen da zu sein; war aber keine Gefahr – ahnten nicht mehr vom Blockhause, als unsere wilden Truthühner. Und nahmen noch die Weiber das Rumpelzeug, das zurückgeblieben war, mit; viel gab es nicht, denn Hinterwäldler, wie ihr wißt, befassen sich nicht damit, ganze Schiffsladungen unnützen Zeuges mitzuschleppen. Nahmen aber, was noch da war, und marschierten ab, und zogen uns am Rande dieses Waldes unserer Zitadelle zu, in der Righteous bereits war. Er hatte die verborgene Pfostentür geöffnet und die Staffelleiter herabgelassen, die wir hinaufstiegen, nachdem wir unsere Gäule gegen den Sumpf zugetrieben, und ihnen die Füße eingehenselt, auf daß sie sich nicht verliefen, und zogen dann die Leiter nach und rammelten die Pfostentür zu, und da waren wir. War uns doch ein wenig sonderbar zumute, als wir eingeschlossen zwischen den Palisaden, und nur durch Ritzen, so groß, daß Ihr Eure Rifle durchstecken konntet, schauen konnten, was draußen vorgeht. Wurde uns schier bange, waren das Eingeschlossensein nicht gewohnt. Wurden so still, mausestill, und verlief uns eine Minute nach der andern, und war höchstens ein Gewisper zu hören. Rachel zerschnitt alte Hemden, und strich Fett auf die Stücke, und zerschnitt sie zu Kugelhülsen, wir setzten frische Steine an unsere Rifles, und putzten sie fix und fertig, und die Weiber schliffen die Aexte und Waidmesser, alles in der Stille. War uns so eine ganze Stunde vergangen, hörten endlich Lärmen und Geschrei, und auch Musketenschüsse, und sahen endlich durch die Ritzen die spanischen Musketiere, wie sie auf dem Kamm, auf dem unsere Häuser standen, die wir aber nicht sehen konnten, hin und her liefen. Aber auf einmal wurden wir Euch alle doch so bleich. Stieg zuerst eine Rauchsäule auf, dann eine zweite, eine dritte. Gott gnade uns, sagt Rachel, die Mordbrenner haben unsere Häuser in Brand gesteckt. Und wir zitterten alle vor Wut. Hört! Wenn Ihr Euch so vier bis fünf Monate abgeschunden habt, ärger als das unvernünftige Vieh, und Euch für Eure Weiber und die armen Würmer, die sie getragen, eine Blockhütte zusammengebaut, und ein höllischer Feind kommt, und brennt sie weg, als wären es Stoppeln in einem Welschkornfeld, hört, da müßtet Ihr keine Menschennatur mehr haben wenn Euch da nicht die Zähne klapperten und sich die Fäuste ballten. Und klapperten uns die Zähne, standen aber still, die Wut ließ uns nicht reden. Und wie wir so schauten und starrten, kommt es auf einmal ganz schwarz und blau da herein zwischen den beiden Waldesrändern. Dabei deutete der Alte auf die Perspektive, die sich in den Strahlen des Mondes wie eine Bucht zwischen zwei Vorgebirgen in die weite Präriesee hinaus öffnete. »Und kamen die Spanier«, fuhr der Alte fort, »wohl an die hundert, herangesprungen. War Mittagszeit – wir zählten sie, konnten aber anfangs nicht recht ins reine kommen, denn sie schwärmten ab und zu, wie wilde Tauben, mußten gar zu wenig von uns denken, sonst hätten sie sich klüger benommen; aber als sie auf fünfhundert Schritte herangekommen, ordneten sie sich einigermaßen in Reih und Glied, und wir zählten zweiundachtzig Mann mit Musketen und Karabinern und drei ohne – die entblößte Degen in der Hand hatten, und zu Pferde saßen, von denen sie aber jetzt abstiegen. Und waren noch sieben andere zu Pferde die gleichfalls abstiegen und ihre Gäule anbanden, erkannten unter ihnen drei der verräterischen Kreolen, die uns in die Klemme gebracht, und den einen, den sie Groupier nannten. Die anderen waren sogenannte Akadier oder Kanadier, mit deren Landsleuten wir bereits am oberen Mississippi Bekanntschaft gemacht. Sind tüchtige Jäger, diese Akadier, aber verwilderte, liederliche, versoffene Barbaren. Und es waren diese Akadier, die den spanischen Musketieren den Weg zu unserem Blockhause zuerst gezeigt, denn die Spanier stellten sich so dämlich an, daß sie wohl ein paar Stunden wie weiße Nachteulen bei hellem lichten Tag herumgepußt hätten, ehe sie ausgefunden, wo wir hingeraten. Und kamen endlich die Akadier, wie gesagt, zuerst, und erhoben ein lautes Geschrei, als sie das Blockhaus und die Palisaden sahen, und stutzten, wie sie merkten, daß wir zu ihrem Empfang gerüstet, und traten zu dem Hauptkorps. Dort rapportierten sie den Offizieren, die sie zwar anhörten, aber die Köpfe schüttelten, und dann setzte sich der ganze Trupp in Bewegung. Jetzt gilt es, raunte uns Asa zu, als sie blau und weiß und braun und in allen Farben, einer aber schmutziger als der andere, herankamen. Sie marschierten jetzt in besserer Ordnung, der Kapitän in der Front, an den Flanken die Akadier, die sich aber näher an die Kottonbäume hielten, und bald ganz hinter diesen verschwanden. Als Asa dies sah, raunte er mir zu: diese wären eigentlich die gefährlichsten, von wegen ihrer schußfertigen Hand und ihres scharfen Auges – auf diese müßten wir es vorzüglich anlegen. Die übrigen verständen nichts vom Buschkrieg, sagte er, mit denen würden wir wohl fertig werden. Die Spanier marschierten und kamen näher, waren nur noch einhundert Schritt vom Blockhaus, und gerade zum Schusse! Da fragt Righteous: Sollen wir knallen lassen gegen die Mordbrenner ...? Gott behüte!, sagt Asa, uns geziemt das nicht; wollen uns wie Männer verteidigen, aber warten, bis sie uns angreifen, dann kommt ihr Blut über sie; und fallen wir, so fallen wir im Kampf für unser Leben und unserer Weiber Leben; wollen aber auf dem Rechtsgrund stehenbleiben. Und als nun die Spanier bis auf hundert Schritt vom Blockhause herangekommen, und deutlich sahen, daß sie erst die Palisaden nehmen müßten, um zu uns zu gelangen, hielten und besprachen sich die Offiziere. Asa rief ihnen ein Halt zu. Und rief der Kapitän wieder ein Messieurs entgegen. Was gibt es? fragte Asa durch die Palisadenritze. Und steckte der Kapitän ein schmutziges Sacktuch auf die Spitze seines Degens, während er lachend zu seinen Offizieren sprach, und trat dann etwa zwanzig Schritt vor – hinter ihm drein seine Leute. Und rief abermals Asa aus der Palisade Halt heraus. Das ist nicht Kriegsgebrauch, rief er; der Parlamentär mag kommen, aber so seine Mannschaft folgt, geben wir Feuer. Müßt wissen, die Spanier, die doch sonst wohl hinter den Wällen und Bäumen zu fechten wissen, standen alle in einem Klumpen. Mußten verdammt wenig von unseren Rifles halten, oder schier die Notion haben, daß wir es gar nicht wagen würden, uns um unsere Haut zu wehren, sonst wären sie klüger gewesen, und hätten es wie die Akadier gemacht, die sich hinter den dicken Kottonbäumen hielten; riefen auch diese dem Kapitän zu, er solle sich in den Wald ziehen, aber schüttelte verächtlich den Kopf. Wie er aber Asa nochmals Halt rufen hört, und schreien, daß er Feuer gebe, wurde ihm doch ein wenig Angst, sahen es, und mochte wohl die Notion haben, daß unsere Kugeln ihn nicht fehlen würden. Und schrie er Halt, und schießt nicht, bis ich euch eröffnet habe. Dann macht es kurz, schrie Asa zurück. Wenn ihr etwas zu eröffnen hattet, dann solltet ihr es, wenn ihr Kriegsgebrauch versteht, vor Eröffnung der Feindseligkeiten getan, nicht aber wie Mordbrenner unsere Häuser niedergebrannt haben. Wahrend Asa so sprach, knallten drei Schüsse hintereinander aus dem Wald herüber. Waren die Kreolen, die zwar Asa nicht sehen konnten, aber wohl durch die Ritzen der Palisaden einen seiner Knöpfe oder die Rifle blinken sahen, und in dieser Richtung und der Stimme nach anlegten und krachen ließen. Und sprangen die beiden Verräter ebenso schnell wieder hinter den Raum, und lugten vor, um zu hören, ob nicht ein Wimmern ausbräche. Sah sie aber Righteous und ich ihre verräterischen Köpfe vorstrecken, und ließen wir zusammen krachen, und im nächsten Augenblick taumelten sie nieder, um nicht mehr aufzustehen. Waren zwei der Kreolen, mit denen wir den Pferdehandel hatten, einer davon der Verräter, Groupier genannt. Und wie die Musketiere die Schüsse hören denn sehen konnten sie nichts wegen der vorspringenden Waldesecke, lief der Offizier über Hals und Kopf zurück und schrie: Vorwärts zum Angriff! Und die Spanier sprangen und liefen wie närrisch etwa dreißig Schritte vorwärts, und als glaubten sie, wir seien wilde Gänse, die sich vom bloßen Büchsenknall vertreiben lassen, schossen sie ihre Musketen auf das Blockhaus los. Jetzt ist die Zeit, sprach Asa – sie wollen es nicht besser. Habt Ihr geladen, Nathan und Righteous? Ich nehme den Kapitän, du Nathan, den Leutnant, Righteous den dritten Offizier, James den Sergeanten. Versteht Ihr, daß nicht zwei einen nehmen, dürfen unsere Kugeln nicht umsonst verschießen. Und waren die Spanier noch sechzig Schritte entfernt, aber wir waren auf hundertundsechzig unseres Schusses gewiß, und wenn sie Eichhörnchen gewesen wären, und ließen krachen, und jeder Schuß nahm seinen Mann, – Und der Kapitän und Leutnants und der dritte Offizier und die beiden Sergeanten, und noch einer lagen da und krümmten sich, bald hatten sie ausgekrümmt. Unter den achtzig Musketieren, oder wie viele ihrer waren entstand ein totaler Wirrwarr die einen liefen hin die andern her; die meisten liefen dem Wald zu; aber ein Dutzend oder auch mehr blieben und hoben den Kapitän und ihre Offiziere auf, um zu sehen, ob noch Leben in ihnen wäre. Wir aber nicht träge, und ohne erst auf Asa zu hören, der uns zuraunte frisch zu laden, hatten schnell die Kugeln in unseren Büchsen, und liefen abermals krachen, und fielen abermals sechs. – Jetzt ließen, die noch standgehalten hatten, alles liegen, wie es fiel und lag, und liefen, als ob ihnen die Schuhsohlen brennten. Wir aber putzten so schnell, als es ging, unsere Rifles, wohl wissend, daß mir es später nicht mehr würden tun können, und daß ein einziger versagender Schuß uns alle verderben könne. Waren zwar die Offiziere gefallen, aber von den Akadiern waren noch fünf am Leben, und diese gerade am meisten zu fürchten. Die Turkey buzzards hatten sich bereits gesammelt, und kamen immer mehrere und mehrere. Zu Hunderten kamen sie angeflogen, uns umkreisend und die Gefallenen. Und wie wir so auf der Lauer stehen, auf allen Ecken hinaus in den Wald lugend, winkt mir Rightheous, der ein prächtiges Auge hat, und deutet da hinunter auf die Waldesecke, wo sich das Unterholz anschließt. Und ich winke Asa, der gerade geladen, und wir schauen und sahen deutlich, daß zwei Akadier voran waren, und zwanzig Musketiere hinterdrein oder mehr. Nimm du, Nathan, sagt Asa, und du, Rightheous, die Akadier, wir nehmen die Musketiere, wie sie herankriechen, der Reihe nach. So nahmen wir sie, und ließen krachen, und die zwei Akadier mit vier Musketieren krümmten sich und blieben liegen, aber einer der Akadier, den wir übersehen hatten, sprang auf und schrie: Mir nach, haben ausgeschossen; ehe sie geladen, sind wir im Wald. Wollen es doch noch haben, das Blockhaus. Und sprang der Akadier auf, und die anderen hinterdrein, und ehe wir geladen hatten, waren sie im Wald drüben. Wir knirschten vor Wut, daß uns der Akadier entgangen. Merkten bald, daß noch drei Akadier oder Kreolen, was sie waren, übriggeblieben, denn sie übernahmen nun den Befehl über die Soldaten, die einsehen gelernt hatten, daß ihre Offiziere nichts vom Buschkrieg verstanden. Unsere Lage war nicht um vieles besser, als gleich anfangs, wie sie noch alle beisammen waren; kamen ihrer noch immer zehn auf einen von uns. Aber uns war der Mut nicht gesunken, ganz und gar nicht. Nur hatten mir jetzt schwereres Spiel, weil wir unsere Aufmerksamkeit und Kräfte teilen mußten und der Feind gewitzigt war. Und hatten wir bald darauf alle Hände voll zu tun, und es war hohe Zeit, die Augen offen zu behalten, denn wo sich nur einer von uns an einer Ritze zeigte – die Kugeln hatten Späne aus den Palisaden gerissen und Löcher gemacht –, da knackten Schüsse lustig darauf los. Hatten zwar einige Male Gelegenheit, unsere Büchsen knallen zu lassen, und vier oder fünf Musketiere mußten nieder, aber wurde uns die Zeit schier lang. Und hatten die Spanier sich, merkt Ihr, auf beiden Seiten des Waldes geteilt, und schossen herüber, und achteten, mir nicht viel darauf – gaben uns aber auf einmal ein lautes Hurra. Hatten verdammtes Werg zu ihren Ladungen genommen, und einer ihrer Schüsse gezündet – wir merkten es nicht sogleich, aber begann zu knistern und zu prasseln im Dach, in den Schwarzkiefer-Schindeln. Und wie die Spanier das sehen, geben sie ein dreimaliges Hurra, und dann hielten sie sich abermals still. Wir aber schauen hinauf auf das Dach, konnten bereits das Flämmchen sehen, das immer leckender den Dachstuhl zu ergreifen drohte, und die Spanier hörten wir wieder mehr und mehr jubeln, und sagte Asa: Dem Ding muß ein Ende gemacht werden, sonst braten wir hier wie Hirschkeulen zusammen; muß einer hinauf in den Kamin, mit einem Kübel Wasser – will selbst hinauf. Ist jetzt, wie ihr seht, das Blockhaus leer«, sprach der Alte, »war aber damals voll von uns und unserer Rumpelkammer. Asa nahm einen Tisch, und stellte darauf einen Stuhl, und Rachel reicht ihm den Kübel mit Wasser, und er zieht sich an den Haken, die wir in den Kamin eingeschlagen, und darauf unsere Hirschschinken gehängt, hinauf, und zieht dann den Kübel nach. Und wurden auch die Spanier immer toller, und ihr Geschrei immer ärger, war hohe Zeit, dem Feuer Einhalt zu tun. Und hatte Asa nun den Kübel hinaufgezogen, und schüttete den Kübel Wasser aus, und Righteous sagt: Mehr links, Asa, mehr links frißt die Flamme am stärksten. Und wir reichen ihm den zweiten Kübel mit Wasser, und Asa streckt den Kopf hinaus aus dem Kamin, nur um zu schauen, wo das Feuer eigentlich lecke, und dann schüttet er das Wasser drüber hin, aber in dem Augenblick knallen wohl ein Dutzend Schüsse, hatten ihn gesehen, die Spanier. Halt!, ruft Asa mit ganz veränderter Stimme, halt, ich habe es. Laßt sie schreien und springen, die Teufel. Und in demselben Augenblick kommen Schinken und Hirschziemer herab aus dem Kamin, und ein Gepolter, und gleich darauf Asa – ganz blutig. Um Gottes willen, Mann, du bist erschossen. Stille, Weib! Stille, sage ich dir, sagt Asa. Hab' genug für alle Tage meines Lebens, die kurz genug sein werden, aber wehrt euch, Jungens, und schießt ja nicht zwei auf einen, verschwendet keine Kugel, werdet sie brauchen. Versprecht mir das! Asa, mein liebster, bester Asa, du tot, dann mag ich nicht mehr leben, ich will dir folgen, schreit Rachel. Stille, törichtes Weib – vergiß, daß ein Asa zurückbleibt, und du einen zweiten im Leibe trägst. Stille, sage ich dir, hört die Spanier – wehrt euch, und schützt mein Weib und Kind, und Nathan sei an Vaterstelle, versprich mir das. Hatten aber keinen Augenblick mehr Zeit, dem sterbenden Asa zu versprechen oder die Hand zu drücken, denn die Spanier, die erraten haben mußten, was vorgegangen, waren wie wütende Kobolde auf unsere Palisaden losgesprungen. Wohl etwa zwanzig kamen von jener, etwa dreißig und drüber von dieser Seite. Und ruhig!, schrei ich, ruhig! Du, Righteous, her zu mir, und Rachel, jetzt kannst du zeigen, daß du Asas Weib bist, du ladest Asas Rifle, sowie ich abgeschossen. Gott, o mein Gott, o mein Asa!, schreit Rachel – o mein Asa, den die Höllenhunde verräterisch erschossen. Und sie hing an ihres Mannes Leichnam, und war nicht wegzubringen. Ein Trupp kam, von einem der beiden übriggebliebenen Akadier angeführt, mit Flinten und Aexten auf meiner Seite heran und herauf. Ich schoß ihn nieder, gerade wie er oben war, aber ein anderer Akadier, der sechste und vorletzte, springt an seine Stelle. Rachel, jetzt das Gewehr! Mein Gott, Rachel, die Rifle, um Gottes willen die Rifle, eine Kugel mag soviel wert sein, als das Blockhaus und unser Leben!, schrei' ich. War aber keine Rachel da, und der Akadier mit den Musketieren, die aus dem Aussetzen unseres Feuers errieten, daß wir entweder nicht geladen, oder unsere Munition verschossen, die sprangen nun wie höllische Feinde lachend heran, und einer den andern hebend, klettern sie den senkrecht aufsteigenden Rasen herauf, ein halbes Dutzend mit ihren Aexten, voran der Akadier, der tüchtig auf die Palisaden ein- und das Flechtwerk auseinanderhaut. Waren ihrer nur drei gewesen, wie dieser Akadier, so war es um uns geschehen, denn auf der anderen Seite waren gleichfalls ein Dutzend mit dem siebenten dieser verdammten Akadier, und von dorther also keine Hilfe möglich. Aber die Musketiere hämmerten zwar auch tüchtig darauf los, waren aber Kinderschläge; aber der Akadier, gerade wie Righteous geladen, und wieder einen niedergeschossen, reißt er die Palisade, wie, weiß ich noch zur jetzigen Stunde nicht, mußte auswärts ein Ast stehengeblieben sein, reißt sie wurz heraus, hebt sie wie einen Schild vor sich gegen mich, schleudert sie auf mich, wirft mich zurück, daß ich taumle, und springt herein. – Jetzt war es um uns geschehen. Righteous gab zwar dem nachkommenden Spanier mit seiner Rifle eins auf den Kopf, den nächsten stach er mit seinem Waidmesser nieder, aber dieser Akadier war Mann genug, uns alle in die Teufelei zu bringen; da fällt ein Schuß, der Akadier taumelt, im nächsten Augenblick springt mein zehnjähriger Bube Godsend mit Asas Rifle auf mich zu, hatte sie aufgerafft, die Rifle, wie er sah, daß Rachel es nicht tat, und sie geladen, der herzige Bube, und ihn flink niedergeschossen, den Akadier, der gloriose Bube. Und, jetzt besinne ich mich, greife nach der Axt, und diese wieder in der Hand, stürze ich mich auf die Musketiere los, und schmettere in sie hinein, in der rechten Hand die Axt, in der linken das Waidmesser. War ein wahres Metzeln, das eine gute Viertelstunde und darüber dauerte, verging ihnen endlich die Lust, und wäre ihnen früher vergangen, hätten sie gewußt, daß der Akadier gefallen, und wehrten sich wohl nur, weil sie oben waren, und sich um ihre Haut wehren mußten, und in der Verwirrung nicht wußten, wie sie wieder hinunter sollten. Sprangen aber endlich alle über den Rand hinab, und liefen, die nämlich laufen konnten, und hatten wir Ruhe auf dieser Seite. Und springe ich mit Rightheous, um die Palisade einzusetzen, und sage meinem Buben, er soll acht haben auf die Soldaten, dann laufe ich auf die andere Seite, wo der Kampf ebenso verzweifelt vor sich ging. Waren da drei unserer Männer und die Weiber, die mit Spießen und Pockers und Aexten mithalfen, mehrere verwundet, bluteten wie angeschossene Stiere, aber Rachel war wieder zu sich gekommen von ihrem Schmerz um Asa, und riß sie und die Weiber den Spaniern die Bajonette durch die Palisaden aus den Händen, und die Musketen dazu, und beide Teile, indem sie hin und her zerren, zerren sie die Palisaden so weit auseinander, daß die dünnleibigen Spanier, von ihren Hintermännern gedrängt, hereinkommen. Kamen gerade herbeigesprungen, als ein paar dieser olivengrünen Dons sich hereingezwängt hatten, statt ihrer Musketen nun ihre kurzen Säbel in der Hand, kürzeres Werk mit uns zu machen. Sprang einer auf mich zu, und ohne mein Waidmesser war es um mich geschehen, denn es fehlte an Raum, um die Axt zu schwingen, gab ihm aber zuerst einen Faustschlag, der ihn schier zu Boden warf, und stach ihm dann das Waidmesser in den Leib, und sprang vor, und riß Rachel eine der Musketen aus der Hand, und sie umkehrend, schlug ich so die Spanier auf die Köpfe, links und rechts, und schrie den Weibern zu, sie sollten ins Blockhaus, und uns nicht im Wege sein, und alles andere liegen und stehen lassen; den Akadier müßten wir noch haben, war der letzte – und Godsend lud meine Rifle, und die Weiber luden die andern, und während wir kämpften, stellten sich um uns herum die braven Weiber auf, und schießen in die Musketiere drein – und das wirkte. Fielen ihrer drei oder vier, darunter, zum Glück, der Akadier. Wie sie das sehen, springen sie da hinab, und laufen, als wenn eine Granate unter sie gefahren wäre.« Der Alte hielt inne und holte tief Atem, denn er war während der Schilderung der letzten Szenen ungemein lebendig geworden. Erst nachdem er wieder Luft geschöpft, fuhr er fort: »Ja, diese halbe oder ganze Stunde, wie lange sie gedauert, könnte ich Euch unmöglich sagen, mir war sie kurz und lang, tödlich lang zugleich. Waren Euch doch so hunds- und todesmüde, daß wir gerade wie übertriebene Ochsen oder Kälber niederfielen, ohne aufs Blut zu achten, das so dick rann, als ob es Blut seit dem Morgen geregnet hätte. Waren zu nichts mehr nütze, aber erfuhren jetzt, wozu unsere Weiber nütze sind. Hatten unsere Schuldigkeit getan, jetzt taten sie unsere Weiber. Kamen mit Fetzen und Bandagen, und Rachel, die etwas von der Medizin versteht, die kam mit ihren Zangen und Scheren, und zog Righteous und Bill und James die Kugeln aus dem Fleisch, dann verband sie ihre und meine Wunden. Die übrigen Weiber machten Feuer und kochten zuerst eine Suppe, denn zu etwas anderem hatten wir keinen Appetit, und schleppten uns ins Blockhaus, um nur aus der geronnenen Blutlache zu kommen, und da legten sie uns sanft auf Tillandsea-Matratzen. Und die Weiber sagten, wir sollten nur ruhig schlafen, und sie wollten wachen. Und wachten sie abwechselnd, war aber und blieb alles still, bis auf die Geier und weißköpfigen Adler, die einen heillosen Lärm schlugen. Wie der Tag anbrach, sagt Jonas, der am wenigsten davongetragen: Will doch hinaus, und Godsend soll mit mir, um zu sehen, ob sich noch etwas zeigt. Und er ging mit Godsend hinaus – fand draußen an die dreißig Tote und einige tödlich und leicht Verwundete, die ihn um Gottes willen um einen Trunk Wasser baten. Und sagt ihnen Jonas, sie sollten alles haben, müßten ihm aber sagen, ob die anderen noch da wären, oder ob sie abgezogen. Sind abgezogen, sind fort, die Bösewichte, und haben uns zurückgelassen, die Bösewichte, fort sind sie, fort, sagen sie. Traute aber Jonas doch dem Landfrieden nicht ganz, und rief eine der Weiber, und sagt ihr, sie möchte etwas Suppe bringen und Wasser, um den Armen einen Labetrunk zu geben. Jonas nahm einen Kübel mit Wasser, einen mit Suppe und Löffeln und Becher, und ging, und schüttete den armen Tröpfen, die gegen uns gefochten – warum wußten sie selbst nicht – den Labetrunk ein, und sagte ihnen, sobald wir imstande wären, wollten wir sie ins Blockhaus nehmen, und verbunden sollten sie gleichfalls werden. Was sollen wir aber mit den Toten anfangen? Die Turkey Buzzards und Getier aller Art kommen zu Tausenden, sagt Rachel, als sie wieder zurück war. Sag' ich, Rachel, sag' ich, den Toten können wir zum Leben nicht mehr helfen, aber zu einem ehrlichen Grab, zu dem können wir ihnen verhelfen. Wohl, so geht, ihr Weiber, und ihr versteht mit Schaufeln und Grabscheiten umzugehen, und öffnet ein Grab, und Jonas wird die Toten hineinwerfen. Und sie öffneten ein großes Grab drüben, und Jonas schleppte die Leichname zusammen. Einunddreißig Leichen warf er hier in das Grab, über dem sich der Hügel, den eben jetzt die Mondesscheibe beleuchtet, erhebt, und vier, die in der Nacht starben, sind auf der andern Leute begraben. Unsere trefflichen Weiber hatten den folgenden Tag alle Hände voll zu tun, um zwölf Verwundete zu pflegen, zu kochen und unsere Schmerzen zu lindern, die, kann ich Euch sagen, höllisch waren. – Und waren unter den nicht gefährlich Verwundeten zwei Akadier, die mit Schußwunden im Schulterblatt davongekommen. Und schienen uns diese Akadier anständige Gesellen, wimmerten jämmerlich und jammerten, daß sie gezwungenerweise gegen uns mitmußten, und wollten alle Tage ihres Lebens des Guten nicht vergessen, das wir ihnen widerfahren lassen, und bedauerten, sagten sie, daß sie gegen uns gezogen. Und wir sagten, wir bedauerten es auch, da wir aber die Bekanntschaft gemacht, so hofften wir, wir würden künftig gute Freunde bleiben, denn, sagt unser Sprichwort: Freundschaft, auf dem Schlachtfeld geschlossen, wahrt bis in den Tod. Am dritten Tag war uns ein wenig besser. Und ich konnte mich bereits von meinem Tillandsealager erheben, obwohl mit vielen Schmerzen. Und ich rief Rachel und die Weiber, und sage zu ihnen: Unsere Lage ist nicht die am weichsten gebettete, unsere Häuser niedergebrannt, wir niedergeworfen, daß wir nicht aufstehen können, alles um uns herum Blut und Leichname, kalkuliere, wir müssen Rat halten, was nun zu tun ist. Kalkuliere, das ist eine schwere Lache, sagen Jonas und Righteous. Haben aber getan, was wir tun mußten, sagte James. Kein Hinterwäldler hatte in unserer Lage braver getan. Und was mit Asa?, sage ich. Lag aber Asa in dem Waschkübel Rachels mit weißer Leinwand angetan, und lag in der Ecke, wo er begraben ist. Asa!, sagt Rachel, mein geliebter Asa, und brach das Weib abermals in Tränen und Schluchzen aus. Und Asa, sagt sie, soll da ruhen, wo er gefallen ist. Seine Lagerstätte soll sein in dem Blockhause, das er selbst gebaut, dem blutigen Blockhause. Rachel, du wirst doch nicht hier sein Grab graben wollen?, sag' ich. Nicht jetzt, Nathan, sagt sie; für jetzt will ich unterdessen draußen ein Grab graben, aber wenn wir aus diesem Blockhause heraus sind, dann soll er hier seine Ruhestätte haben, wie sich's gehört und gebührt. Also willst du aus dem Blockhause, Rachel?, sag' ich. Können doch nicht drei Familien zusammen im Blockhause wohnen, wirst doch das nicht wollen?, sagt sie. Und wohin sollen wir, Rachel?, sag' ich. Wohin?, sagt Rachel erstaunt; wohin anders, als dahin, wo wir hergekommen. Und sie deutete auf den Präriekamm, auf dem unsere abgebrannten Häuser standen. Dorthin ziehen!, sage ich. Rachel vergißt, daß wir bereits einmal von dort vertrieben worden, und daß die jetzt zehnmal mehr Ursache haben, und den Weg leichter finden werden, als das erstemal auch nicht mehr bloß fünfzig oder achtzig kommen werden. Und sage dir, Nathan, der du ein Sohn deines Vaters bist, sagte sie, daß ich diesen Ort und dieses Land, das meines Mannes Blut getränkt, nimmermehr meiden will, nicht, wenn zehntausend kämen, und willst du gehen, so gehe, ich will bleiben; Asa hat das Land mit seinem Blut errungen, und Rachel will es behaupten. Das sind eitle Reden, Rachel, sage ich; du weißt wohl, daß wir dich nicht allein hier lassen werden, aber wenn nun die Soldaten kommen? Das sind noch eitlere Reden, sagt Rachel, wir haben das Unglück nicht verschuldet, was gekommen ist, müssen wir ertragen, und kommen die Soldaten wieder, so helfe uns Gott, er wird helfen. Wären die Staaten einen Steinwurf weit weg, oder über dem Redriver drüben, sagt sie, möchten wir einstweilen dahin, bis eure Wunden geheilt sind, aber da dies nicht der Fall ist, so müssen wir abwarten, bis ihr wieder hergestellt seid, aber das Land verlasse ich nun und nimmermehr. Und wir kannten Rachel vollkommen, um zu wissen, daß, was sie sagt, sie auch halten würde, war aber jetzt nichts weiter zu tun, als in Geduld unsere Heilung abzuwarten. Nach Verlauf von vier Wochen waren mir so ziemlich wieder bei Kräften, obwohl wir weder eine Axt schwingen, noch eine Rifle halten konnten. Nach Verlauf dieser langweiligen vier Wochen schoben und krochen mir eines Morgens aus unserem Blockhause und stiegen die Leiter herab, und unser erster Gang war natürlich zu dem Kamm, wo unsere Häuser gestanden, und wohin wir jetzt auch gehen wollen.« 4. Der Alte war unter diesen Worten die Leiter hinabgestiegen. Unten angekommen, warf er nochmals einen bedenklichen Blick hinauf auf Palisade und Blockhaus, und dann gingen wir der breiten Allee, die die Waldesränder bildeten zu. Unsere Gefährten waren bis auf einen, der die Umzäunung schloß bereits voran. Wir waren schweigend in tiefes Nachdenken versunken, auf einer wellenartigen Anhöhe angekommen auf deren Kamm wir Gruppen von Bäumen im Mondschein gewahrten. Eine halbe Meile mochten wir gegangen sein als aus einer der Baumgruppen uns Lichtstrahlen entgegenschimmerten, und Hundegebell von mehreren Seiten her sich hören ließ. Wir waren in der Niederlassung angekommen, und der Alte hielt. Auf das Licht deutend, das hinter den Bäumen hervorflackerte – für uns eine wirklich trostreiche Erscheinung – hob er wieder an: »Seht das Haus hier oder Hütte, wie Ihr es nennen wollt – das war stehengeblieben; die Wände nämlich sind von Zypressenstämmen, und das Zypressenholz brennt nicht gern – bloß das Dach war abgebrannt, und die zwei anderen Häuser bis auf den Grund, die Wände aber waren stehengeblieben. Standen so auf unseren Krücken gestützt, war gerade vier Wochen nach der blutigen Hochzeit und betrachteten den Greuel der Zerstörung, dabei kalkulierend, was am nächsten zu tun märe. Und kalkulierten, daß das Dach mit leichter Mühe wieder aufgesetzt, und so die Hälfte von uns Unterkunft finden möchten, denn im Blockhause waren wir wie Heringe zusammengeschichtet. Sagt aber Rachel, die mitgegangen war: Das beste, was wir tun können, wäre, einstweilen im Blockhause zu bleiben. Sage ich: Im Blockhause bleiben, in der faulen Luft und den erstickenden Dünsten! – Wo denkst du hin, Rachel! Sind ja ärger zusammengepackt als auf unserer Mississippi-Arche. Aber Rachel sagt, immer besser, zusammengepackt zu sein, als auseinandergerissen werden von den Feinden. Und kommen sie, und finden uns beisammen und zusammenhaltend, so werden sie nicht leicht ihr Spiel von vorn anfangen – hat ihnen zu viel gekostet, das Spiel, habe aber was ganz anderes sagen wollen lange schon darüber gebrütet. Und Rachel deutet hinauf gegen Nordost, wo das liebe Kentucky liegt, deutet hinauf, und sagt: Mir wird ganz weh um das Herz, wenn ich so denke, wie wir hier stehen, und derjenige, der die Seele von allem war nicht mit uns ist. Wird mir ganz weh, und wollte, wir sähen wieder eines unserer fröhlichen Kentuckygesichter, und unsere Landsleute am Saltriver wüßten, was hier mit uns vorgeht, und wie wir das mächtig schöne Land mit unserem Blut und Asas Leben erworben! – sag' euch, würden nicht lange säumen, ihren Gäulen das Gebiß anzulegen. Das denke ich auch, sagt Rightheous. Habe darüber kalkuliert und gebrütet, sagt Rachel. Wenn du hinaufschriebest, Nathan, und ihnen das alles fein säuberlich schriebest, und ihnen schriebest, sie sollten kommen, ein Dutzend Familien oder so viele als wollen, und Land hätten wir genug, auch Holz genug zum Häuser aufblocken und Zäune machen, ohne daß wir einen Cent zu bezahlen brauchten. Rachel, sag' ich, Rachel, das ist ein guter Einfall, den du da hast, ein ganz transzendenter Einfall. Und will tun, was du sagst, und schreiben, und bin der Meinung, daß, wenn die Unsrigen am Saltriver hören was wir hier für einen blutigen Spaß hatten, obwohl er uns teuer genug zu stehen gekommen, sie alles liegen und fahren lassen, und ihren Gäulen die Sporen in die Flanken setzen, ohne erst viel zu fragen, ob das Land schön oder ein Alligatorsumpf ist. Gott behüte, sagt Rachel, das nicht! Nichts von Fechten mehr und blutigen Scherzen, wenn wir anders helfen können. Nichts mehr davon, wenn wir es vermeiden können; darfst kein Wort darüber schreiben, sondern bloß, daß wir mächtig schönes Land gefunden, denn merkst du nicht, sagt sie, das schöne Land wird respektable Leute anziehen, aber der blutige Spaß Raufbolde und derlei Volk, das können wir nicht brauchen. Rachel sag' ich, du hast recht, und bist wahrlich deines Vaters Tochter, die weiter sieht, als wir Kentucky-Leute es in der Regel tun, und ich will schreiben, wie du es haben willst, und ihnen alles schreiben; aber wie ihnen das Geschreibe zukommen lassen? Du weißt, am Mississippi sind keine Posten, und es sind gute sechzehnhundert Meilen hinauf bis zum Saltriver. Auch an das habe ich gedacht, sagt Rachel; wir haben hier die Akadier, und einer von ihnen kommt aus den Kanadas, und redet unsere Sprache, und scheint ein Mann zu sein, der sich gern unter uns mit seiner Familie niederließe, und hat mir versprochen, einiges zu tun, uns seine Dankbarkeit zu beweisen. Traue den Franzosen nicht, Rachel, sag' ich, traue ihnen nicht, sind alle höfisch und falsch, und reden anders und denken anders. Kalkuliere, das beste ist, ich gehe selbst hinüber nach Natchez, und wenn der Akadier uns ja einen Gefallen tun will, so mag er mitgehen, und eine Hand zum Rudern leihen. Kalkuliere, das beste ist, schreibe zwei Briefe, und bestelle sie durch kentuckische Bootsleute und kann auch nicht schaden, wenn ich drei schreibe, im Fall einer oder der andere verlorengehen sollte, obwohl ich es vorzöge, einen Acker der dicksten Immergrüneichen zu ringeln, als drei Schreiben zu machen. – Aber wenn ich nun gehe, und die Feinde kommen? Habe die Ahnung, sagt Rachel, die kommen nicht so bald. Die Soldaten sagen, daß sie von der Besatzung von Natchitoches sind, und daß nicht mehr als hundert im Fort zurückgeblieben, und daß es drei Monate nehmen würde, ehe Soldaten von New Orleans heraufkommen können. Ja, aber, sag' ich, bis unsere Landsleute ankommen, dauert es gute sechs, und wenn nun die Regierung die Kreolen und Akadier gegen uns aufhetzt? Glaube, das wird sie nicht tun, sagt Rachel, habe darüber auch mit dem Mann gesprochen, sagt sie – müßt wissen, ist aber nicht laut zu sagen, die Akadier und Kreolen sind einander spinnefeind, und der Akadier sagt, wenn wir zu den Seinigen halten, so sollen alle Kreolen und Soldaten uns nichts anhaben, und die beiden Akadier wollen sich auch unter uns niederlassen, und nach andere mitbringen. Das ist gut und schlecht, Rachel. Wäre mir lieber, wir könnten unter uns bleiben, ohne die Akadier, die besser ihre Hängematte woanders aufschlagen. Sind nicht unsere Leute, Rachel, und wollte, wie gesagt, sie gingen ein Haus weiter. Aber sind in einem freien Land, oder vielmehr sind in ihrem Land, und mögen wir es ihnen nicht wehren. Und wie wir so hin und her reden, wird Righteous, dessen Auge so scharf ist, wie das eines Adlers, auf einmal aufmerksam, und schaut starr in der Richtung da hinauf.« Nathan bezeichnete die Richtung mit ausgestreckter Hand und fuhr dann fort. »Und wir schauen gleichfalls und spähen, und sehen in den Strahlen der Morgensonne zwei Gestalten, aber von einem solchen Glanz umgeben, waren doch gleichsam überirdisch in ihrem Glanz, und erschienen sie uns wie Boten des Friedens und Engel des Lichtes, die beiden Gestalten. Ist eine wunderbare Eigenschaft die unsere Präries haben«, unterbrach sich der Alte: »Seht oft ganze Städte, Felsengebirge, Seen, Landhäuser, oft glaubt ihr Armeen gegeneinander kämpfen und wieder Cherubinen vom Himmel herabsteigen zu sehen, und kommt Ihr näher, so findet Ihr statt der Städte Gras und Gräser statt der Cherubinen Jäger in Hirsch- oder Bärenfellen. Tatsache. Und wie wir schauen, erkennen wir endlich, daß es zwei Männer sind, und Righteous, der, wie gesagt, ein wahres Indianerauge hat, schreit: Sind Kentuckier, oder wenigstens aus dem Westen der Old-Domion. Wollte darauf meine Rifle wetten, kenne sie an ihrem fröhlichen Gang und ihrem muntern Wesen. Kommen einher, als ob sie hier zu Hause wären. Könnt es gar nicht glauben, wie gespannt wir waren. Verlangte uns das Herz, wieder einmal in eines unserer fröhlichen Kentucky-Gesichter zu schauen, hört! Wenn man so sechzehnhundert Meilen von den Seinigen ist, würde der Teufel selbst, käme er aus der Heimat, willkommen sein. Und es waren richtig Männer aus dem Westen, erkannten sie an den Jagdhemden, wie sie näher kamen. War uns doch so sonderbar zumute – wußten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten vor Freude, unsere Landsleute zu schauen. Waren auch wegen unseres ausgestandenen Siechenlagers in einer so weichen Gemütsstimmung. War aber stark im Dezember, gegen das neue Jahr zu, und der Morgen frisch, und mir, durch das lange Liegen in Windeln und ewige Suppentrinken, so weich und empfindlich gegen die kühle Morgenluft geworden, hatten uns in unsere Hirschwämser eingetan, und sahen aus, wie große, in Windeln gewickelte Kinder, hatten noch Wolldecken über uns geworfen, und Rachel sah in ihrer Wolldecke aus wie eine Indianer-Squaw. Und wie die zwei Männer so an uns herankommen, stieren sie uns schier verwundert an, und dann schauen sie einander an, und schütteln die Köpfe, und legen ihres Rifles in den Arm, und so kommen sie an uns heran. Die beiden Männer kamen bis auf fünfundzwanzig Schritte heran, und endlich ruft uns der Vordere zuerst an: Frischer Morgen das, ruft er, ein frischer Morgen. Und wie er uns so anruft, war uns doch, als ob mir gerade auf ihn zuspringen und ihm um den Hals fallen müßten, erkannten ihn nämlich sogleich, und sahen, daß es nicht bloß Kentuckier waren, sondern auch, was mehr sagen will, vom Saltriver, und nahe Blutsverwandte, der eine so wie der andere. Also wir sagen! Wohl ist das ein frischer Morgen, und guten Tag ihr Männer! Und wo kommt denn ihr her, und was bringt denn euch einen so weiter Weg her? Und Rachel, der die Tränen in die Augen kommen, schreit: So möge sich Gott meiner erbarmen, und wenn das nicht George ist, der George, der Bruder meines Asa. Oh, George, lieber Schwager, mußtet ihr zu einer so betrübten Stunde kommen? Und George schaut auf, konnte Rachel in ihrer Wolldecke nicht gleich erkennen, erkannte sie aber jetzt an der Stimme. Was, schreit er, was, Rachel? Und möge ich erschossen sein, wenn das nicht die Rachel meines Bruders Asa, und meine liebe Schwägerin ist. Gott segne Euch, Schwägerin! Und grüße Euch vielmals und was treibt Ihr? Und was treibt Asa? Wird wohl den Bären auf der Fährte sein, der Asa, oder ist er zu Hause? Mann!, sagt sie, oh, Mann, was fragt Ihr da nach Asa! Wohl ist er zu Hause – aber Gott erbarme es, in einem engen Hause! Und nun verstand George, was das enge Haus für ein Haus war, und er sagt: Hätte vieles darum gegeben, es wäre anders. – Mußten also die englischen Kugeln und die hessischen Bajonette ihn verschonen, bei Trenton und Saratoga und bei Colwpens, und eine elende kreolische Muskete ihm den Rest geben! Haben gehört von eurem Kampf, und das ganze Land ist voll davon, hätte aber nicht gedacht, daß mein armer Bruder Asa ihn mit seiner Haut würde haben bezahlen müssen. Es waren George und Dan, der Dan vom alten Splash«, fuhr der Alte recht treuherzig fort. »Und waren sie mit einer Ladung Schinken und Welschkorn und Mehl, auch einem halben Dutzend Gäule und kräftiger Burschen, alle am Saltriver zu Hause, den Ohio herabgekommen, und den Mississippi, um ihre Sachen in New Orleans auf den Markt zu bringen, und sich bei der Gelegenheit auch das Land anzusehen, und wenn wir nicht zu weit aus ihrem Wege wären, bei uns anzurufen. Bis Natchez waren sie gekommen, wo sie anhielten, weil einer ihrer Ruderhaken zerbrochen, und sie den Hufschmied brauchten. Und während ihnen der Hufschmied den Nagel wieder zusammenschweißt, erzählt er ihnen auch von der gewaltigen Fehde, die einer, namens Asa Nolins, irgendwo im Westen gehabt. Und sagte George kein Wort dazu, horcht aber weiter herum in den Tavernen, und an den öffentlichen Orten. Und man sprach schier von nichts anderem. Sagten, daß der Gouverneur, wie er es hörte, im bloßen Hemd auf die Gasse hinausgesprungen, weil er dachte, wir kämen schon den Mississippi hinab, gerade auf New Orleans zu. Er speie Feuer und Flammen, der Gouverneur, und habe einen harten Eid geschworen, er wolle uns alle hängen, spießen und braten lassen, wie sie die Türken und Heiden und Juden in den alten barbarischen Zeiten hingen und spießten, und kein Kind im Mutterleib verschonen. Und hatten die Leute in Natchez ihnen auch die französische Zeitung gegeben, wo alles darinnen stand, bis auf das Aus-dem-Bett-springen des Gouverneurs. Und die Leute rieten ihnen, nicht nach New Orleans zu gehen. Und endlich sagte ihnen ein Pflanzer von Natchez: Wenn er sie wäre, so sattelte er seinen Gaul, und gäbe ihm die Sporen, und machte einen Abstecher zu Asa Nolins – habe gewiß prächtiges Land gefunden, der Asa Nolins, habe sich gewiß nicht wegen eines Alligatorsumpfes herumgeschlagen. Er kenne beiläufig die Gegend, wo Asa sich aufhalten müßte, und gäbe da prächtiges Zucker- und Baumwollenland, und wenn er ihnen raten dürfe, so rate er ihnen, von ihren Waren so viel zu verkaufen, als sie an den Mann bringen könnten, und mit dem Ueberrest sich in den Redriver hineinzuschiffen, und an Asa anzuschließen. Und wenn sie gehen wollten, würde er, von wegen des gemeinsamen Besten, auch gern ein Uebriges tun. Georg und Dan dachten darüber nach, und ihre Männer, die sie mithatten die kalkulierten gleichfalls, daß, wenn das Land so schön sei, und umsonst zu haben, der Handel nicht schnell genug geschlossen werden könnte. Hatten sich aber zu einer Ansiedlung nicht vorbereitet, und wohl ein paar Aexte und Rifles mitgenommen, aber alles andere zu einer Ansiedlung gehörige zu Hause gelassen. Deshalb gingen George und Dan zum Büchsenschmied, und wählten sich ein halbes Dutzend Riflen aus, zwei hatten sie, so daß jeder, Mann seine Rifle hatte, und der Pflanzer versah sie mit Aexten, Pflügen, Riemengeschirr, Wolldecken und allem, nahm ihnen dafür einen Teil ihrer Ladung ab, und waren auch andere Pflanzer zur Hand, die, als hörten sie, was vorginge, und daß es im Plan sei, festen Fuß in Louisana zu fassen, das ihrige beisteuerten und sich der Sache annahmen, und ganz Natchez nahm lebhaften Anteil daran. Und als sie mit allem fertig, fuhren sie den Mississippi herab, und rechts in den Redriver ein. Der Pflanzer hatte ihnen beiläufig angedeutet, wo herum wir unser Blockhaus aufgerichtet haben müßten, ihnen auch vom Flußarm oberhalb der Einmündung des Blackriver in den Redriver gesagt. Georg und Dan gingen sogleich mit Jonas, und sahen sich das Land von allen Seiten an, und nachdem sie alles gesehen und kalkuliert, kamen sie zurück ins Blockhaus. Und nun wollten wir gern ihre Absichten hören. Und George sagt: Habt gefochten wie glorreiche Kentuckier, und das Land ist euer, und wenn ihr nichts dagegen habt, so will ich kommen mit den Meinigen. Was sagt ihr da?, sagt Rachel schier giftig. Wenn wir's erlauben und nichts dagegen haben – was sind das für Reden, Schwager, von einem Blutsfreund und dem Bruder Asas? Gut, sagt George. Will euch vier der Burschen hier lassen, oder auch alle sechs, sind ordentlicher Leute Söhne, des Jims und Waddys und Stickfast und Skulls und Davys Söhne, just die echte reelle Kentucky-Brut – vom Saltriver und Kentucky. Sie mögen euch unterdessen helfen eure Häuser aufblocken und einrichten, so daß, wenn wir kommen, unsere Weiber Obdach finden, obwohl, wenn sie es nicht finden, sie sich die Haare nicht ausreißen werden. George und Dan blieben bis zum nächsten Tag, und wir besprachen alles. Und gerade fünf Monate nach dem Aufbruch Georges sahen wir sie mit ihren Weibern anrücken. Nun machten wir uns daran, eine reelle Niederlassung zu gründen, und ging es über Ausmessen der Ländereien und Fällen der Bäume und Aufblocken her, hörten fast nichts anderes, als den Knall der Aexte. Und dieses war bloß der Anfang; die Hauptsache kam erst, als dreißig Familien nachrückten – dreißig so reelle Familien, als je aus der alten Dominion ins neue Kentucky ausgezogen – und mit ihnen Kühe und Kälber, und Gäule, und alles, und tüchtige Zimmerleute und Schreiner. Kamen aber auch die beiden Akadier mit ihren Familien, um sich in unserer Nähe anzusiedeln; sagten, es gefiele ihnen bei uns besser als unter ihren wilden Nachbarn und trägstolzen Altadeligen.« »Aber was sagte die Regierung zu eurem Treiben?«, fand ich endlich Gelegenheit einzuschalten. »Was sie sagte«, versetzte der Alte kopfschüttelnd, »was sie sagte, wissen wir nicht, führten aber einen allmächtigen Krieg in ihrer Zeitung, und klagten über völkerrechtliche Verletzung ihres Gebietes. Ließen uns ihre Klagen wenig anfechten, versuchten aber, uns das Leben sauer zu machen, was ihnen jedoch mittlerweile zu stark geworden. »Aber«, unterbrach sich der Alte, über die Stirn fahrend, wie einer, der sich besinnt, »lassen wir das für jetzt, habt einstweilen genug von der Geschichte des Blockhauses gehört und der Niederlassung Asas, und mögt nun einen Begriff haben, wo Ihr seid, und daß wir, schlicht, wie Ihr uns seht, nicht die Leute sind, uns ins Bockshorn jagen zu lassen, und das ist einstweilen genug. Werdet das weitere später hören – bis wir mehr Salz miteinander gegessen haben.« Wir hätten vieles darum gegeben, mehr über die künftigen Pläne und Absichten dieses seltsamen Menschen zu hören, aber sein Wesen und eine plötzliche Bewegung gegen das Licht zu hielten unsere Zungen gefesselt. Er ging mit großen Schritten einer rohen Umzäunung zu, durch deren Pfostengitter wir zum Hause gelangten. Auf ein leises Tappen ging die Haustür auf; der Alte ergriff unsere Hände, und uns im Finstern eine Treppe hinaufführend, brachte er uns in eine Dachkammer, in der sich ein gewaltiges Ehebett mit Moskitovorhängen, mehrere Sessel und ein weiß gedeckter Tisch befanden; auf letzterem eine Flasche mit Gläsern und das Licht, das uns bisher als Lotse gedient hatte. Der Alte nahm die Flasche, und die drei Gläser vollschenkend, stieß er auf unsere Gesundheit an. Wir versuchten das Getränk – es war ein feiner East-India-Madeira. »Wo habt Ihr diesen köstlichen Madeira her?« fragten wir überrascht. »Schmeckt er euch?«, versetzte er. »Habe ein Dutzend Demijohns von New Orleans heraufkommen lassen.« »Von New Orleans? Ihr steht also, trotz Eurer Kriegserklärung gegen die Regierung, mit New Orleans in Verbindung?« Der Mann lächelte zufrieden. »Pshaw, eine Art Waffenstillstand, der vielleicht wieder in Krieg ausbricht, vielleicht die Friedensratifikation bringt. Hoffe das letztere – ist unser beider Interesse.« »Euer beider Interesse!«, wiederholten wir. Der Ton unserer Stimme hatte – wie man sich leicht vorstellen kann – einen stark ironischen Nachklang. Der Mann schaute uns mit einem schlauen Lächeln von der Seite an. – »Ei, so etwas dergleichen. Eure Regierung, versteht Ihr, sind Menschen so wie mir, um kein Haar besser – im Gegenteil; – doch genug davon, morgen ist auch ein Tag, wollen etwas auf morgen versparen, bis wir mehr Salz miteinander gegessen haben. Jetzt trinkt Euren Madeira aus; werdet ihn nicht besser in New Orleans treffen, ist von meinem Kommissionär, einem Monshur Laplace.« »Wie, Monsieur Laplace ist Euer Kommissionär?« fragten mir zweifelhaft. Wir hatten Empfehlungsschreiben an ihn, der Franzose von Geburt, mit Lassalle verwandt, und Bankier der Regierung war. »So ist's«, sprach bei Alte' »Monshur Laplace besorgt meine Geschäfte und nimmt unsere Baumwolle und Tabak.« »Also Ihr baut Baumwolle und Tabak?« fragten wir mehr und mehr erstaunt. Der Alte lächelte wieder. »Wundert Euch das? Freilich! Habe schier vergessen, daß Ihr aus den Attakapas kommt, wo sie Euch eben nicht die beste Meinung von uns beigebracht haben mögen.« »Die Wahrheit zu gestehen«, fielen wir lachend ein, »so haben sie eine weniger schlimme Meinung von Euch, als Ihr gegen Louisiana, nach Eurem eigenen Geständnisse zu schließen.« Der Alte lächelte wieder. »Sind seltsame Leute, eure Attakapaer«, fuhr er uns überhörend fort; »seltsame Leute, denen es ernstlich not tut, aus ihrem sündhaften Faulleben aufgerüttelt zu werden. Werden aber aufgerüttelt werden ...« »Glaubt Ihr?« fragten wir. »Pshaw! Habe Euch schon gesagt, daß morgen auch ein Tag ist. Wenn Ihr in allem so tüchtig wäret, wie im Mundstück! Seid gefährliche Leute.« »Ich glaube Alter, wir könnten noch etwas von Euch lernen.« »Kalkuliere so« meinte er, in unseren Ton einstimmend. »Jetzt gute Nacht und trinkt Euren Madeira, und deckt Euch warm zu.« Und wir sahen dem Alten nach, eine merkwürdige Erscheinung war uns in unserem ganzen bewegten Leben noch nicht vorgekommen. Da stand er, der Bauer. Lederwams Republikaner, Hinterwäldler, Holzhauer, der mir nichts dir nichts gegen die Regierung das Schild erhebt, ihre Truppen schlägt, sich gegen ihren Gouverneur im Kriegszustand befindet, sich mit Hunderten seiner Landsleute in einem feindlich-fremden Lande festsetzt, und das alles so ruhig, so gemächlich, als wenn er einen Nachbar Hinterwäldler durchgebläut den Rechtstitel dazu in seiner Faust und Tasche führte. Wir starrten ihm nach, ein solcher Charakter war uns noch nie vorgekommen. Natürlich leerten wir die Flasche, warfen dann die Fragmente unserer Garderobe – die mehr an uns klebten als hingen – weg, und uns in das Bett, in dem wir bald von einem Schlaf umfangen wurden um den uns wohl ein König beneiden konnte. 5. Unser Erwachen bot eine komische Szene dar. Wir lagen in einem gewaltigen Ehebett, mit Moskitovorhängen, und einem Himmel, so groß, daß er zur Billardtafel dienen konnte, Unsere Dachkammer begann heiß zu werden. Sowohl Lassalle als ich hatten nur selten zu zweien geschlafen – eine sonderbare Empfindung kam über mich. Mir war als ob ich in einem Dampfkessel läge und die Dünste, die um mich herum aufstiegen wurden immer beengender, so daß ich, nicht mehr imstande, ihren Druck auszuhalten, mich weiter zurückschob. Etwas Hinderndes fühlend, wurde plötzlich meine Angst so groß, daß ich erwachte und ausrief was, weiß ich nicht mehr. Das Etwas neben mir antwortet mit einem Parbleu ! Wer ist da? Ein Mann! »Wer ist da?«, schreie ich zurück. »Ein Mann!« » Morbleu! Was ist das?«, schreit mein Gegenpart und prallt an mich an. Ich wieder zurück, so schießen wir aneinander, und im Bett herum, und reiben die Augen, und erkennen uns, und brechen in ein lautes Gelächter aus. »Wo sind wir?« fragt Lassalle. »Wo sind wir?« frage ich. Und abermals reiben wir die Augen, und Lassalle schlägt die Vorhänge zurück. » Ma foi! In der Residenz Seiner republikanischen Exzellenz, die Sr. katholischen Majestät beider Indien den Krieg erklärt.« »Und fünfunddreißig Soldaten in die andere Welt gesandt.« »Und Besitz von ihrer getreuen Provinz Louisiana ergriffen.« »Weil sie ein purer Abfall vom schmutzig-groben Gesellen Mississippi ist.« Und wieder brachen wir in ein gellendes Gelächter aus. Und wir schauten aus unserem Käfig, in dem wir wie ein paar reißende Tiere eingesperrt lagen, in die Kammer hinaus. Und wieder Gelächter. Sie war, wie die Kammern und Stuben der Hinterwäldler es häufig sind, mit einer ganzen Familiengarderobe ausstaffiert. Wohl an die zwanzig Weiberröcke und Röckchen an der einen Wand, an der andern lederne Jagdhemden, Westen und Röcke in allen Farben des Regenbogens. Was uns aber als das Interessanteste erschien, das waren die Tapeten. Die Wände waren wirklich tapeziert. Aber womit? Mit Pflügen mit Stühlen mit Tischen, Sesseln, Schiffen, Stiefeln, Schuhen, Rindern, grinsenden Negern und Negerinnen, mit Bündeln unterm Arm, trabend und im Entlausen begriffen, mit Waschzubern, alles zum Sprechen getreu, in Holzstichen abtkonterfeit. Es waren Zeitungen, mit denen die Wände von oben bis unten überklebt waren. Da gab es Angriffe gegen George III. und das englische Ministerium, gegen den Kongreß, Washington, Adams, der damals Präsident war die politischen Tagesneuigkeiten Europas, von Anno 76 herab in amerikanischem Zuschnitt dem republikanischen Publikum aufgetischt; – die Mehrzahl der Kolonnen war jedoch mit besagten Dingen ausgefüllt: – Hüten, Stiefeln, Schuhen, Mehl- und Whiskyfässern, alles recht anschaulich in Figuren den Lesern und Nichtlesern vor Augen gerückt. Im Eifer und der Hitze unserer Lektüre hatten wir es ganz vergessen, daß wir noch im bloßen Hemd standen. Wir wurden daran erinnert, als es auf einmal stark an der Kammertür klopfte. Ins Bett zurückzuspringen, war es zu spät, so ergriffen mir das nächste beste, das uns von der Familiengarderobe in die Hände kam, und warfen es ohne weiteres über uns. Die Tür ging auf und Nathan trat herein, in Eile, wie es schien, und mit gerunzelter Stirn. Wie er uns in dem Hinterwäldlerinnen-Aufzuge erblickte, stand er wie erstarrt, und sah uns mit großen Augen an. Eine Weile hielt er inne, wie um sich zu fassen, nahm aus seiner blechernen Büchse ein Röllchen Virginiakrautes, schnitt ein Stück ab, und es zwischen die Backen schiebend, betrachtete er uns kopfschüttelnd nacheinander. Wir hatten Mühe das Lachen zu verbeißen. »Wohl nun!«, hob er an. »Das heißt, was ich einen Mordsspaß nenne, beim lebendigen Jingo! Und will ich nicht Nathan Strong heißen, wenn es nicht so ist!« »Ist wohl so«, erwiderten wir mit entsprechendem Ernst. »Vermute, es ist so«, wiederholte der Alte, indem er das Tabakklümpchen von der linken auf die rechte Backenseite translozierte. »Sage euch, Monshurs, sage Euch, vermute, Ihr seid in einer glorreich fröhlichen Laune.« »Vermuten, wir sind«, erwiderten wir. »Hat je einer in seinem Leben so etwas gesehen, sich in die Pettikoats der Mary und Elisabeth zu vermummen. My!«, rief er wieder. »Das ist ja geradezu Tollheit!« »Freund!«, hob Lassalle an, mit der einen Hand Elisabeths Unterröckchen haltend, die andere in die Seite gestemmt: »Ihr seid ein gewaltiger Mann, und ein gescheiter Mann dazu, der, wenn er gleich die Straße nach Amerika nicht entdeckt, doch die nach Louisiana gefunden, und Seiner katholischen Majestät von Spanien und beider Indien darüber den Krieg erklärt.« Die Miene Nathans verzog sich greulich, aber Lassalle ließ sich nicht irremachen. »Jedoch trotz Eures bonapartischen Feldherrngenies«, fuhr er fort, »das die Pässe von Louisiana forciert, so wie jenes die Alpenpässe, dürfte es Euch schier schwer werden, die Eingängspässe in diese Soidisant- und Cidevanthosen zu finden.« Und so sagend, hob Lassalle mit dem einen Fuß die fragmentarischen Reliquien unserer Kleidung auf. Nathan langte nach den Bruchstücken, und besah sie mit prüfendem Auge von allen Seiten. »Will Euch meine Ansicht auf einmal sagen«, sprach er kopfschüttelnd, die Bruchstücke wieder fallen lassend, »will sie Euch sagen. Kalkuliere daß diese Hosen da nichts weniger als tragbar sind.« »Getroffen« fielen wir ein. »Nichts weniger als tragbar sind« wiederholte er, ohne sich stören zu lassen, »und daß es schwer werden dürfte, die Stücke, die ihr in dem Busch und Sumpf und auf den Präries verloren, wieder zusammenzufinden. Kalkuliere, daß hier«, er deutete aus die Wand, »Stoff genug ist, zwei solche Monshurs, wie ihr seid, in dezentes Geschirr zu bringen, und daß Mistreß Strong noch Linnen genug haben wird, euch ein honettes Hemd zu überlassen.« »Kalkulieren, gegen gute Bezahlung.« Er überhörte die Worte und stampfte einigemal mit dem Fuß. »Das macht mit dem alten Weibe und James und Godsend ab. Mische mich nicht in ihre Sachen, aber schaut, daß Ihr aus den Pettikoats herauskommt, denn sehen euch Mary und Elisabeth in ihrem Geschirr, so bringt sie in ihrem Leben nichts mehr darein.« Unter diesen Worten ging die Tür auf, und es trat ein ... Ein kompaktes, rundes Weibsstück, stark koloriert, mit einer einigermaßen großen roten Nase, die einige nähere Bekanntschaft mit Madeira oder Magentrost verriet, zusammengezogenen Lippen, eingezogenem Kinn, vollen Backen und scharfen, kleinen blauen Augen, die zeitweilige gute Laune offenbarten, obwohl ihre Miene jetzt totale Sonnenfinsternis verriet, oder vielmehr jene Apathie, die, wie ich vermute, einer der Grundzüge des hinterwäldlerischen Charakters ist. War das Erstaunen Nathans bei unserem Anblick groß gewesen, so war das der Dame übergroß. Eine Weile sah sie ihren Eheherrn an mit fragendem Blick – ob es auch in unseren Köpfen richtig sei, dann wieder uns. »Haben wir die Ehre Mistreß Strong zu sehen?«, begrüßten wir die Dame, einen Knicks schneidend. » My! « rief sie Nathan zu. »Sage dir, altes Weib – sage dir – ist ganz richtig. Hat sie nicht, sind aber, vermute ich, Franzosen – weißt du.« » My! «, rief die Dame wieder. »Ist ein Fakt«, versetzte er, »aber hat sie nicht«, fügte er beruhigend hinzu. Sie schaute uns, abermals ihn an. – »Wohl nun, Nathan, das ist konsiderabel quer.« »Ei, so ist es, hat sie aber nicht – altes Weib – ist aber quer, das ist ein Fakt. – Nun, will dir sagen, ja, und kalkuliere, daß du den beiden Monshurs da Wäsche bringst, und daß sie sich hier auswählen, was sie brauchen. Ist ihr Geschirr schier so zerfetzt, als wenn es zwei wilden Prärierossen auf dem Rücken gelegen wäre; aber hat sie nicht.« »Und es hat sie nicht?« fragte sie, offenbar etwas beruhigter. »So wenig als es dich und mich hat.« »Und es hat sie nicht«, wiederholte sie. »Nun, haben es aber gottlos getrieben mit Reden und Schreien und Lachen und Springen; sind quere Leute bei alledem, und die Pettikoats der Elisabeth und Mary!« »Ist so ihre Weise, altes Weib, bin aber froh, daß es sie nicht hat. Waren ob dem Blockhause, weißt du, und erzählte ihnen, und sagte ihnen, und weißt ist der Sumpf keine tausend Schritte davon, und stagniert jetzt der Sumpf, und ist gerade die gefährlichste Jahreszeit, und verbreitet seine Ausdünstungen des Morgens und Abends, die, weil sie leichter sind, als die Atmosphäre, sich gern in die Höhe ziehen. Sah das Nachtgespenst herüberkommen und kroch deshalb auf, und führte sie ins Haus. Weißt, nehme in solchen Fällen immer ein paar Gläser Madeira, und decke mich warm zu, und schwitze die bösen Dünste aus, und vertreibt den Ansatz, der Madeira, und wenn er sich wie Blutegel in die Poren eingesetzt hätte.« »Würde es dir nicht gedankt haben. Nathan«, versicherte sie ihn; »gar nicht gedankt haben, mir da Gäste mit Fieber ins Haus zu bringen.« »Sage dir, altes Weib, hier sind sie. Ist ein Fakt, altes Weib, sind hier. Wie und warum ist nicht die Frage, und geht niemanden etwas an. Habe aber die Notion, sie sind just hier, weil ich es so haben will, und sage dir, hier sollen sie bleiben, so lange als sie Lust haben. Kalkuliere, würde nicht allzu reputierlich sein, zwei derlei Mannsgesellen in angebrochenem Geschirr im Hause umhertrollen zu lassen, wenn es Lachen genug gibt, sie fix und fertig herzustellen. So kalkuliere ich denn, das beste, was sich tun läßt, ist just, ein paar Hemden fix und fertig herauszubringen, und unter den Hosen und Wämsern von James und Godsend auszulesen, und sie in dezentes Geschirr zu bringen.« »Kalkuliere«, versetzte die Dame mit bewundernswertem Gleichmut auf dieses Probestück hinterwäldlerischer Argumentation, »kalkuliere, will die Hemden fix und fertig herausbringen, und magst du unterdessen unter den Lumpen da von James und Godsend auswählen, und wird das beste sein, was sich tun läßt, sie so in dezentes Geschirr zu bringen.« »Kalkuliere, kalkuliere«, fiel Nathan ein: »kalkuliere, das wäre soweit in Richtigkeit und will ich auswählen, und wirst du ein gutes Weib sein, und dem Plodern und Plaudern ein Ende machen. – Was, du, eines Hinterwäldlers Frau, da Alarums und Tantarums wegen ein Paar zerlumpter Hosen – und Franzosen ...!« Dieses letzte Kompliment, unseren armen Cidevanthosen und ihren respektiven Besitzern gespendet, kam zu sehr überraschend, als daß wir, die wir nur mit großer Mühe unsere Lachorgane zu zügeln vermochten, länger hätten zurückhalten können. Wir platzten zugleich heraus, und lachten so unmäßig, daß Nathan selbst gewissermaßen angesteckt wurde, und die im Abgehen begriffene Dame verwundert noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckte. Aber wer hätte es auch aushalten können! Da standen wir, Lassalle in Elisabeths, ich in Marys Pettikoat mit der linken Hand besagtes Pettikoat haltend, mit der rechten den Mund, während die beiden Eheleute, so ungeniert trocken, grob, und wieder neckisch naiv über die zerrissenen Hosen und zerlumpten Franzosen debattierten. Sie kamen uns ganz so vor, wie ein paar Bären, die miteinander spielen, und über deren drollig linkischem Tappen wir ganz vergessen, daß ihre Tatzen derb auffallen und wehe tun. »Wohl kalkuliere«, fuhr der Alte fort, »das wäre abgetan, und will euch sofort euer Geschirr auslesen. Habt sie aber erschreckt, die Mistreß Strong, mit euren Quer- und Kreuzsprüngen, und Phantasieren, und Alarums, und dachte nicht anders, als es hat Euch das Dunstgespenst gestern nacht erfaßt, wie wir drüben standen am Blockhause. Kommt hinübergesprungen in unsere Versammlung, gab gerade meine Stimme ab, und raunt mir schier verstört zu, wie Ihr es treibt.« Und mit diesen Worten ging der gute Nathan, uns, wie er sagte, unser Geschirr auszulesen. »Glaube wohl« hob er wieder an, indem er ein Paar lederne Beinkleider herabnahm, und uns wechselseitig maß, »diese ledernen Konvenienzen da werden es tun. Sind nagelneu, kalkuliere ich; hängen noch draußen die Schinken von dem Bock, dem die Haut angehörte, und hat sie der Leather-Ned gegerbt. Kalkuliere ...« Er hielt plötzlich inne, horchte, tat einen gewaltigen Schritt gegen die Dachluke zu, und hatte kaum hinausgesehen, als er mit den Worten: »D...n! Ueber den tollen Frenchern da ganz die drüben vergessen!«, zur Tür eilte. »Aber Nathan! Unser Geschirr«, rief ich, ihm den Weg vertretend. »D...n euer Geschirr!«, brummte er, mich auf die Seite schiebend und durch die aufgerissene Tür mit großen Schritten die Treppe hinabeilend. Wir sahen ihm einen Augenblick nach, und brachen wieder in ein lautes Gelächter aus. Aber was fiel ihm auf einmal ein? »Etwas muß draußen vorgegangen sein«, bemerkte Lassalle. Und er steckte sofort den Kopf durch das Dachfenster oder vielmehr die Luke. »Wohl, Lassalle! Was siehst du?« »Die Niederlassung scheint stark zu sein«, gab Lassalle zur Antwort. »Ich zähle bereits dreißig Köpfe.« »Wohl, was sind es für Leute.« »Wetter- und sonnenverbrannte Gesichter, athletische Formen, aber darunter einige schöne junge Männer.« »Was tun sie? Was wollen sie?« »Das ist schwer zu sagen, sie kommen noch immer aus dem Blockhause, bereits zähle ich an die Vierzig. Morbleu! Was soll das? Einer im bloßen Hemd.« »Im bloßen Hemd! Was soll der? Doch nicht Kirchenbuße tun, oder wollen sie ihn gar wie Kannibalen zum Gabelfrühstück? – Laß doch schauen, Lassalle, täuschst du dich nicht?« Und ich zerrte Lassalle ungeduldig an Elisabeths Unterröckchen von der Dachluke zurück und schob meinen Kopf hindurch. Es war, wie Lassalle gesagt hatte. Vor einem Blockhause, das etwa zweihundert Schritte von uns am Abhang des Kammes in einer Gruppe von Katalpabäumen stand und zu Gemeindeversammlungen bestimmt zu sein schien, waren an die vierzig Squatters, umgeben von einer zahlreichen Brut kleiner Squatter und Squatterinnen versammelt, in der Mitte ein Geselle im bloßen Hemd. Der Wicht schien sich nicht ganz behaglich zu fühlen, seinen Grimassen und wütenden Gebärden nach zu schließen. Er schlug heftig um sich, sprang bald an den einen, bald an den anderen Hinterwäldler heran, drohte mit den Fäusten, ohne jedoch bei den apathischen Seelen einen sichtbaren Eindruck hervorzubringen. Einige rauchten, andere besprachen sich, keiner schien eine besondere Eile bei dem vorliegenden Geschäft zu haben; doch brachte die Ankunft Nathans einige Bewegung in die phlegmatische Masse, der Knäuel formte sich in einen Kreis, und horchte seinen Worten, die wir aber wegen der großen Entfernung nicht verstehen konnten. Zwei der Squatters legten ihre Tabaksröhre auf die Fenster des Blockhauses, und auf den Hemdemann zugehend, versuchten sie sich desselben zu bemächtigen. Er retirierte, schlug um sich, wurde aber, trotz seiner verzweifelten Gegenwehr, bald festgenommen und an eine der Katalpas mit Stricken gebunden, den Rücken gegen die Versammlung gekehrt. Der Bursche schrie, als ob er am Spieß stecke. Die zwei jungen Hinterwäldler, die den Mann im Hemd angebunden, entledigten sich nun ihrer Jagdwaffen, streiften die Hemdärmel auf, und ergriffen jeder eine Rute, die, wie wir später erfuhren, Ochsenziemer waren, und begannen zugleich auf den Rücken des Wichtes loszuhauen – Schlag auf Schlag, die Hiebe fielen hageldicht, ich habe nie eine Exekution in kürzerer Zeit abgetan gesehen und mit mehr Wirkung. In weniger denn einer Minute war das Hemd in Stücke gehauen, und der Mann stand mutternackt, mit blutigem Rücken – bloß um die Lenden noch ein Stück Kotton gebunden. Der Bursche brüllte vor Schmerzen; aber bei alledem zeigte er noch eine Unbändigkeit, eine Wut, die nichts weniger als Mitleid einflößten. Nathan winkte endlich den beiden, einzuhalten. Während dieser Exekution hatten die Squatters ganz ruhig gleichmütig dagestanden, einige aus ihren Tabakspfeifen, andere Zigarren rauchend, eine dritte Partie war mit der jungen Brut auf die abgelegene Seite des Hauses abgetrollt, wohin die beiden Zuschläger, nachdem sie den Züchtling vom Baum losgebunden, nun gleichfalls abgingen, Nathan und die übrigen folgend. Ich zog den Kopf aus der Fensterluke zurück, da ein vorspringender Giebel des Daches mir die Aussicht auf dieser Seite nahm. Lassalle hatte mittlerweile einen der strohgeflochtenen Sessel auf den Tisch gestellt, sich auf den Querbalken des Daches heraufgearbeitet, eine der Dachdauben losgemacht, und so die Hinterwäldler wieder zu Gesicht bekommen. »Willst du nicht herauf?« rief er mir zu. »Es ist der Mühe wert, eine gloriose Aussicht – wirklich mächtig transzendentes Land.« »Ja, aber was treiben die Buschmänner?« »Sie haben ihn auf die andere Seite gezerrt, er schlägt noch immer wie ein Alligator um sich.« »Wohl, was haben sie weiter mit ihm vor?« »Was sie vorhaben? Was sie vorhaben?«, erwiderte Lassalle, und bricht auf einmal in ein lautes Lachen aus. »Was gibt es?« »Komm doch ums Himmels willen! Sieh nur – so wahr ich lebe, sie haben den Wicht rabenschwarz gefärbt.« Ich sprang auf den Tisch, den Sessel, schwang mich auf den Dachbalken, hob eine zweite Dachdaube auf, und schaute – einen Augenblick das gloriose Panorama überfliegend, im nächsten die Squatters, die wieder in einem Knäuel standen. Der Haufen war in großer Bewegung, die junge Brut heulend, schreiend, die Alten um zwei mannshohe Fässer herum gruppiert. Aus einem dieser Fässer ragte ein menschlicher Kopf heraus, den ich aber nicht mehr zu erkennen vermochte, denn Hals und Kopf waren rabenschwarz, oder vielmehr bronziert schwarz, wie unsere alten Negerköpfe. Um ihn herum mehrere Hinterwäldler mit langen, hölzernen Löffeln, die sie ins Faß eintunkten, und dann auf dem Kopf des Wichtes leerten – er schreiend, tobend. Die Szene war eine seltsame. Jetzt kamen ein paar Squatters mit Stangen, schoben sie zwischen die Arme des Negrisierten, hoben ihn aus dem Fasse und transferierten ihn in das zweite, in das sie ihn unter lauten Hurras plumpen ließen. Eine Wolke von Federn verhüllte uns einen Augenblick die ganze Horde. Das Faß, in dem der Wicht steckte, war mit Federn gefüllt, zehn Hinterwäldler rieben ihm nun die Federn auf Kopf, Schultern, Armen, allen Teilen, die aus dem Fasse herausstanden, ein. Bald war es ganz und gar befiedert – eine gräßliche Karikatur auf das zweibeinige Geschlecht, die uns ein hysterisches Lachen auspreßte. – Der Aufruhr, das Toben wurden immer ärger, die Hurras brüllender. Einige Squatters hatten sich auf die Rücken ihrer Pferde, die an dem Gebäude angebunden standen, geworfen, andere den geteerten und befiederten Wicht aus dem Fasse gehoben, die Stricke, mit denen ihm die Arme gebunden waren, losgeschnitten, und auf ein Zeichen, von Nathan gegeben, setzte sich der ganze Knäuel in Bewegung, den Abhang hinab, gegen die Prärie zu, unter brüllenden Hurras. Der Befiederte schaute einen Augenblick um sich, stieß einen gellenden Schrei aus, und begann im Kreise umherzutanzen. Der Teer, obgleich heilend, mußte ihm wütenden Schmerz verursachen, denn er wurde wie rasend, sprang hoch auf, brüllte entsetzliche Flüche, und mit den tollsten Rundsprüngen kapriolte er den Abhang hinab, so, daß seine Verfolger kaum Schritt halten konnten. Es war etwas so wild Aufregendes in diesem Schauspiel, etwas so rasend mutwillig Tolles! – Das scheußlich befiederte Zerrbild, mit seinen koboldischen Sprüngen – hinter ihm drein die Brut der jungen Squatters und eine Herde hemdeloser kleiner Neger – Wechselbälge beiderlei Geschlechts, Hunde, Katzen, alle heulend, schreiend, bellend, die Reiter mit ihren Peitschen knallend. Die Squatters selbst hatten am Abhang der Kammer gehalten, von wo aus sie die wilde Jagd dirigierten, der jungen Brut zubrüllend, den Befiederten ja nicht zu schonen, sondern zu hetzen und zu jagen und zu schlagen. Aber es bedurfte dieser Aufmunterungen nicht, denn die Hetzjagd hatte einen so wilden Charakter angenommen – es war eine Jagd auf Leben und Tod geworden, wir erwarteten jeden Augenblick den Elenden in den Klauen seiner Verfolger, und zerfleischt und zerrissen zu sehen. Er war mit verzweifelten Sprüngen, wie blind – denn Teer und Federn hatten ihm ohne Zweifel die Augen verklebt – den Abhang hinab gerade auf die Prärie zugesprungen, bald aber, durch das ellenhohe Gras aufgehalten, wieder zurückhopsend, hatte er sich rechts gewendet, eine Umzäunung übersprungen und sich in ein Welschkornfeld geflüchtet. Aus diesem vertrieben, war er wieder links gelaufen, die ganze Brut seiner zwei- und vierbeinigen Verfolger hinter ihm. Der Spektakel wurde peinlich, empörend, wir waren nicht imstande, den Anblick auszuhalten und mußten uns abwenden. – Unser Blick fiel in die Dachkammer hinab. Mistreß Strong war in der Kammer, und stand am Tisch, die für uns bestimmten Linnen so gleichmütig ausbreitend, als wenn es zu einer Methodistenpredigt gehen sollte. – »Um Gottes willen, Frau! Was soll der entsetzliche Auftritt, diese unmenschliche Treibjagd?«, schrien wir hinab. » My! «, rief sie, schier verwundert zu uns aufschauend, aber im nächsten Augenblick die Hand vor die Augen haltend, und uns den Rücken wendend. » My! «, rief sie wieder. »Kalkuliere nichtsdestoweniger, ist nicht richtig in euren Köpfen, was auch Mister Strong dagegen sagen mag, und hat euch das Fieber oder etwas noch Aergeres.« »Um Gottes willen, Weib! Tut Einhalt diesem entsetzlich grausamen Spiel!«, schrien wir abermals. »Spiel nennt ihr das?«, versetzte die Mistreß. »Spiel? Ei, wollte das Spiel nicht oft sehen, ist ein grausames Spiel.« Und sie verließ die Kammer. Abermals schauten wir hinaus. Der Gejagte war wie ein Stier mit verbundenen Augen links fortgerannt, von der ganzen Horde verfolgt, die Reiter hinterdrein, ihre Peitschen knallend und laute Hurras brüllend. Er hatte abermals eine Umzäunung erreicht, aber nicht mehr imstande, hinüberzukommen, sie krampfhaft erfaßt, und, mit den Zähnen wütend in die Zaunriegel einbeißend, diese zugleich mit beiden Armen umklammert. Die ganze Horde strömte an ihn heran, und wir erwarteten jetzt den gräßlichen Beschluß. Die Reiter ließen ihre Peitschen stärker knallen, hieben links und rechts auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen ein, und nachdem sie sich so einen Weg zu dem Schlachtopfer gebahnt, umringten sie ihn. Einer warf ihm eine Schlinge über die Schultern, und mit demselben plötzlichen Ruck, mit dem der Lassoreiter sein Pferd auf die Hinterbeine bringt, wendet, und das gefangene wilde Roß in seinem Lauf zurückwirft, warf er den Elenden vom Zaunriegel, und zu Boden, riß ihn wieder mit der Schlinge empor, und ihn an dieser nachschleppend, schlug er mit den anderen Berittenen die Richtung gegen den westlichen Waldessaum zu ein. Wir schauten einen Augenblick der wilden Rotte nach, wie sie unter den Bäumen verschwand, und dann auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen, die bei diesem letzten Auftritt plötzlich stumm geworden – ja mit einer Art Schauder den im Waldesdunkel Verschwindenden nachstierten. Es war uns kein Zweifel übrig, daß die Unmenschen ihr Schlachtopfer in den Wald schleppten, um ihm da den Garaus zu machen. Wir hatten zur Genüge vom Hinterwäldlerleben gesehen, so zur Genüge, daß wir, ohne ein Wort zu sagen, die Oeffnung im Dach wieder verschlossen, den Sessel und Tisch herabstiegen und unsere zerrissenen Kleider zur Hand nahmen, fest entschlossen, diese wilden Squatters unverzüglich zu verlassen. Lassalle war bemüht, den Eingang in die Bruchstücke seiner Beinkleider zu finden; ich hatte die meinigen in der Hand, als – Nathan eintrat. Seine Miene hatte etwas von amtlicher Würde und verriet hohe Zufriedenheit. – Einen Augenblick schaute er uns beide fragend an, und dann trat er zur Familiengarderobe an die Wand, und mehrere Kleider herablangend, hob er wieder an: »Kalkuliere, diese ledernen Konvenienzen da werden es also für Euch tun, und diese da für Euch.« Die letzteren Worte waren an mich gerichtet. »Ich glaube, wir wollen uns mit den unsrigen behelfen, so arg sie auch mitgenommen sind«, gab ich zur Antwort. »Wollt Ihr uns ja einen Gefallen erweisen, so mögt Ihr uns einen Wegweiser zur Pflanzung des nächsten Akadiers verschaffen.« Nathan sah uns mit großen Augen an, ohne daß sich jedoch ein Zug in dem gefühllosen Ledergesicht verändert hatte. »Einen Wegweiser zum Hause des nächsten Akadiers wollt Ihr? Ei, den könnt Ihr haben, ist keine hundert Meilen, kalkuliere ich, aber doch – werdet Euch doch zuvor dezent machen, und ein Frühstück nehmen.« »Danken Euch für Euer Frühstück, wollen sehen, ob wir nicht im Hause des Akadiers eines bekommen.« »Habe nicht die Absicht, Euch aufzuhalten«, versetzte Nathan in demselben kalten Ton, »werdet Euch aber doch zuvor in dezentes Geschirr werfen, und ein Frühstück nehmen, ist zwar keine Tagereise, aber doch etwa sechs bis sieben Meilen zum Blockhause des nächsten Akadiers; haben auch noch ein Wort miteinander im Gemeindehause darüber zu reden.« »Danken Euch für Euer Frühstück und Euer Geschirr; wüßten wahrlich nicht, was wir miteinander zu verhandeln hätten«, entgegneten wir etwas vornehm. »Danken Euch für Euer Frühstück und Euer Geschirr, und wüßten wahrlich nicht, was wir miteinander zu verhandeln hätten«, murmelte Nathan in sich hinein. »Psahw! Hielt Euch für sensible Franzosen, für Leute, die Dezenz im Leibe haben und Manieren, und nicht in einem Geschirr hinaustrollen, das ein Neger mit seinen Fußtatzen wegstoßen würde, und das so angebrochen ist; wie ein zertrümmertes Boot mit Rippen und Seiten, die im vollen Reißausnehmen begriffen sind. – Hat kein Geschick, Fremdlinge, sage es Euch, angebotene Gastfreundschaft so schnöde wegzuweisen; sage es Euch, und nehmt es.« Die letzten Worte waren rauh, ja drohend gesprochen. Wir sahen den Mann stolz an. – »Sag' Euch, was es ist, Fremdlinge. – Will es Euch sagen. Habt wohl ein Haar gefunden an dem, den Ihr da drüben teeren und befiedern gesehen habt?« »Und Ihr fragt!« brachen wir aus kaum imstande, unsere Entrüstung zu meistern. »Ihr fragt, nach diesem unmenschlich rohen teuflisch mutwilligen Spiel mit Menschenleben und Würde? Dieser Schandszene, die Kannibalen entehrte, um so mehr Christen und Republikaner, wie Ihr zu sein Euch brüstet?« Wir waren nicht imstande, uns zurückzuhalten, es mußte heraus, und folgte, was wollte. Nathan jedoch stand unbewegt, kaum daß ein leichtes spöttisches Lächeln seine harten Züge überflog. »Ah, die Republikaner! Die Republikaner! Guckt endlich der Pferdehuf da hervor! Eine gewisse Freude, nicht wahr Hinterwäldlern so etwas abgelauert, abgepaßt zu haben, was Ihr einen Schandfleck nennt für Kannibalen! – Ei, ei!« Und er hielt lächelnd inne. »Kennen Euch Franzosen und Kreolen seit den sieben Jahren. Ei, Ihr Franzosen«, fuhr er mit dem trockensten sardonischen Lächeln fort, »seid quere Leute, kalkuliere ich, zu Zeiten so empfindsam weich daß Ihr, lasse ich mir sagen, über alte Geschichten in Euren Komödienhäusern wie alte Weiber Zähren vergießt, und wieder so mächtig stark und hart daß Ihr das Blut Eurer eigenen Landsleute wie Wasser verschütten könnt, und ihnen die Köpfe abhacken, so methodisch, die Axt tut es nicht mehr bei Euch, müßt Maschinen haben, betreibt es recht systematisch das Gewerbe, und ersäuft Eure Schwestern, Weiber, Töchter, Mütter und tanzt dazu lustige Tänze – Karmagnolen nennt Ihr sie; kalkuliere ich, steht da in den angeklebten Zeitungen an der Wand – könnt es lesen ...«, lächelte der Mann, auf die angeklebten Zeitungen deutend. »Das sind auch Republikaner, Mister Nathan«, versetzten wir, »Republikaner, denen Ihr immerhin brüderlich die Hand reichen könnt nach dem Heldenstück, wie Ihr es heute produziert.« »Ei, und wer hat sie dazu gemacht, Mann?« fragte Nathan. »Wer sie? Wer uns zu Republikanern gemacht? Wer, als Eure Aristokraten und unsere englischen Tories?« Diese Logik des Hinterwäldlers kam uns so unerwartet, daß mir ihn starr ansahen. »Sage Euch« fuhr er fort, »wollen nicht über diesen Punkt streiten. Gehen uns Eure Angelegenheiten nichts Euch unsere nichts an. Jeder kehre vor seiner Tür. Und laßt Euch, was Ihr gesehen nicht anfechten, ist ganz in der Ordnung, was Ihr gesehen – ja, will Euch mehr sagen, und sage Euch keine Lüge, wenn ich sage, daß wir expreß gestern hinabgegangen an die Cote gelée, und unter Eure wilden Akadier, Euch Botschaft zu senden, heraufzukommen.« »Ihr hinabgegangen an die Cote gelée, uns, die Ihr nicht kennt, Botschaft zu senden?« fragten wir, ungläubig die Köpfe schüttelnd. »Das ist etwas ganz Neues.« »Mag Euch neu sein, ist aber nichts destoweniger ein Fakt. Sind hinabgegangen, und hatten die Absicht, Euch durch einen der Akadier sagen zu lassen, Ihr, oder einer von Euch, möchte heraufkommen. Gehen sonst nicht leicht hinab zu den rohen Akadiern.« »Kennt Ihr uns?« fragten wir etwas vornehm. Nathan gab keine andere Antwort, als daß er seine Backen des ausgesogenen Kautabaks entledigte, einen frischen abschnitt, einen Strahl brauner Jauche durch die Dachluke hindurchspritzte und dann einen frischen Abschnitt einschob. »Ihr habt aber doch gestern abend den ganzen Abend keine Silbe geäußert, die uns auf die Vermutung bringen konnte?«, bemerkte Lassalle. »Ob wir Euch kennen, das wird sich zeigen«, versetzte er endlich; »wozu und weswegen wir Euch hier haben wollten, das werdet Ihr sehen und hören. Hab' Euch schon einmal gesagt, alles hat seine Zeit, der Narr redet vor – der Gescheite zu seiner Zeit.« »Und Ihr habt uns also zu diesem gräßlichen Schauspiel haben wollen?« »Ei, so wollten wir, ist ein Fakt, solltet sehen mit Euren Augen, hören mit Euren Ohren, und die Freiheit haben, zu sagen, was Ihr gesehen, wo und wann Ihr wollt, halten nicht hinterm Busch. Ist der alte Nathan nicht der Mann, der hinterm Busch hält. Darf sich nicht scheuen, der ganzen Welt zu zeigen, was er getan als Regläter. Sage Euch« nahm er abermals das Wort, »ist ein Fakt. Sind expreß gestern hinabgegangen an die Cote gelée, um einem von Euch, Vignerollis, Botschaft zu senden; waren auf den jungen Akadier gestoßen, der uns sagte, Ihr wäret selbst da, und am Fluß schier verhungert und verdurstet.« Wir schauten den Alten an, einander; jetzt konnten wir wohl an seinem Vorgeben nicht mehr zweifeln, so seltsam dieses auch klang. Aber dieses starre Hinhalten, dieses brütende Verschlossensein, es kam uns unheimlich, beinahe grausenhaft vor. Der Mann dünkte uns ein furchtbarer Charakter. Er war zum Inquisitor geboren, und würde unter den rasendsten Zuckungen seines Schlachtopfers eben so gleichgültig seinen Kautabak abgebissen haben, als er es vor uns tat. Was hatte er vor mit uns? Was sollten wir hier? Diese Fragen schwirrten durch uns, verwirrten uns die Köpfe. »Aber was sollen wir hier?« fragte endlich Lassalle. »Wir kennen Euch nicht. Ihr uns nicht. Ihr seid ein seltsamer Mann!« »Wer ich bin werdet Ihr sehen und hören«, versetzte Nathan trocken. »Jetzt bringt Euch in dezentes Geschirr, daß Ihr den Meinigen und meinen Nachbarn, ohne Aergernis zu geben, unter die Augen treten könnt. Wollen zum Frühstück, und werdet dann sehen und hören.« Und unter diesen Worten verließ er die Kammer. Wir schauten einander abermals an. Der Mann hatte etwas so unheimlich zäh Hin-, Hinter-Nachhaltiges, etwas so starr allen Widerstand Niederbeugendes, das gewissermaßen erdrückte. Was konnten wir tun, in seiner Gewalt wie wir waren! Nichts Besseres, als uns in die Linnen der Mistreß Strong und die ledernen Konvenienzen und Wämser und Jagdhemden James' und Godsends einzutun, und das weitere abzuwarten! Wir waren fertig bis auf die Mokassins, als Nathan wieder eintrat. Er half uns diese anlegen und führte uns dann die Treppe in den Hof, und aus diesem einige zwanzig Schritte den Abhang hinab einem sogenannten Quellhause zu, wo er ein Becken voll Wasser schöpfte und uns reichte. Nachdem wir auf diese patriarchalische Weise unsere Toilette beendet hatten, folgten wir ihm zum Hause zurück und traten in die Wohnstube ein, die wir stark gefüllt fanden. 6. Sollte etwas imstande gewesen sein, uns den Squattern in gutem Humor zu produzieren, so war es unser Kostüm. – Lassalle steckte in einem Hemd, mit einem Kragen, der wohl einen halben Schuh über die Ohren hinaufstand und aus Fäden gewoben war, nicht ganz so dick wie einjährige Weidenruten; war ferner eingehülset in die ledernen Konvenienzen James', wie Nathan so passend diese Beinkleider bezeichnet – an den Knien mit Riemen zusammengebunden, eine solche Weste, und ein Kaliko-Jagdhemd, den Blusen unserer Fuhr- und Landsleute ähnlich, nur reichlicher mit Fransen und Bändern verziert. Meine Uniform war eine treue Kopie. Wir glichen auf ein Haar dem Bartolo im »Barbier von Sevilla«, bis auf die liebenswürdige Laune des quecksilbrigen Bartscherers, die – wir nicht hatten. – Wir waren in der Tat bitterböse. Unsere Eigenliebe fühlte sich so empört über die Rolle, die uns der alte Squatterdespot abspielen machte – die wilde Treibjagd wollte uns so wenig aus dem Kopf; wir würden den trockenen verschmitzten Tyrannen auf eine ganz andere Weise abgefertigt haben, wenn uns nicht bei alledem ein gewisser Respekt, eine heilsame Scheu zurückgehalten hätte. – Aber die Wahrheit zu gestehen, so imponierte uns das starre, verschlossene Lederwams; der Freche, der sich in unserem Lande einen solchen Spektakel erlauben konnte – er konnte sich auch mit zwei zerlumpten Franzosen, wie er uns in seiner naiven Grobheit taufte, einen derlei wilden Spaß gelüsten lassen! Es war nicht zu spaßen, wenigstens nicht, bis wir eine gute Anzahl Meilen zwischen ihm und uns wußten, dann ließe sich schon kräftiger auftreten. Und auftreten wollten wir, und das vor ganz Louisiana. Neben einer solchen Nachbarschaft konnte der gute Ruf unseres Louisianas, die Ehre des Landes als einer zivilisierten Provinz – die Ehre unsrer Regierung – selbst unsere eigene, nun und nimmermehr bestehen. Es dünkte uns hohe Zeit, diesem Squatterunfug Schranken zu setzen. Mistreß Strong und ihre Töchter waren mit dem Auftragen der Speisen beschäftigt; eine Unzahl kleiner Schüsselchen, mit Konfitüren von in Zucker eingemachten Trauben, Pflaumen, Kirschen, Parsimons, wie sie die Wälder im Ueberfluß geben und die Squatters in der höchsten Vollkommenheit einzulegen verstehen. Mehrere junge und ältliche Männer standen um einen Tisch, aus rohen Mahagonibrettern gezimmert, den Gläsern mit Magentrost gefüllt, zusprechend. Vornehm leicht durch die Squatters und Squatterinnen hinstreichend, eilten wir zum Fenster, unsere üble Laune durch die Aussicht auf die entzückenden Fluren der Naturwiesen niederzuhalten. Die alte Squatterin hatte uns im Vorbeigehen behaglich gemustert, uns eine Weile nachgesehen, und schier verwundert ließ sie sich gegen Nathan also vernehmen: » My! Nathan! Sind das sie – die oben in den Pettikoats?« »Kalkuliere, sie sind es«, versetzte Nathan lakonisch. » My! « ließ sich die Dame eines weiteren hören. » My! Wie doch die Kleider Leute machen! Wohl nun! Kalkuliere nichtsdestoweniger, mögen bei alledem ganz elegant – ja, geradezu kapitale Mannsbursche sein. Wie!« »Pshaw!«, versetzte Nathan mit wahrer Squatter-Nonchalance. »Pshaw, altes Weib! Pfeifst du jetzt aus einem anderen Ton! – Hat sie das Fieber noch? Der alte Nathan kennt seine Leute. Sage dir, obwohl nur Franzosen, sind sie, kalkuliere ich, doch so kapitale Burschen, als irgendein dezenter Squatter, der je im Busch sich niederließ. Ist ein Fakt, altes Weib.« »Fremdlinge!«, wandte er sich an uns. »Wollt Ihr Euch an uns anschließen? Seht Nachbarn und Mister Gale von Tennessee. Kommt, einen Morgentrunk zu nehmen, bis das Weibsvolk aufgetragen hat.« »Danken Euch«, versetzten wir kurz. »Wohl, wohl! Ist kapitaler Monongehala nichtsdestoweniger, geradezu kapital eleganter. Ein Glas Monongehala des Morgens, zwei Madeira des Abends oder Nachmittags, sage Euch, nichts Besseres, das Fieber niederzuhalten.« Er hatte uns unter diesen Worten bei den Armen erfaßt. »Mister Nathan!«, bedeuteten wir ihm, uns vergeblich abmühend, dem Griff seiner Eisenhände zu entgleiten. »Ihr könnt uns in der Tat keinen größeren Gefallen tun, als wenn Ihr uns so bald wie möglich einen Wegweiser zum Hause des nächsten Akadiers verschafft.« »Wird nicht vonnöten sein«, versetzte er, uns fahren lassend, »wird nicht vonnöten sein, werdet bald in der Gesellschaft Eurer Akadier sein.« Der Alte schaute uns einen nach dem andern an und wandte sich dann zu seinen Nachbarn, die ruhig über dem Magentrost ihre Angelegenheiten besprachen. – Wir schwiegen betroffen. – Unsere Mißstimmung hatte uns zu einer Unartigkeit verleitet, die Blöße, die wir gegeben, ärgerte mich. Meine Aufmerksamkeit wurde jedoch bald durch die Konversation der Männer angezogen, deren stolze, unabhängige Haltung mich nicht wenig frappierte. – Sie hatten uns kaum bei unserem Eintritt beachtet und auch jetzt nur zuweilen einen Blick auf uns geworfen; kein Muskel verzog sich in diesen apathischen Gesichtern, bloß um die Augenwinkel ließ sich ein leichtes Zucken bemerken. – Ein ältlicher Mann sprach über die kommerziellen Verhältnisse des Westens – von den an den Mississippi grenzenden Staaten mit vieler Einsicht, und die Bemerkungen Nathans und seiner Lederwämser verrieten genaue Bekanntschaft des Gegenstandes. Der wilden Forlic wurde auch nicht mit einer Silbe Erwähnung getan. – » Morbleu! Was ist das?«, raunte mir Lassalle zu, der unterdessen durch das Fenster hinausgeschaut hatte. Aus einer der nächsten, gegen den Abhang zu stehenden Baumgruppen, die auf der kammartig von Osten gegen Westen schwellenden Anhöhe so wunderlieblich hingezaubert standen, kam eine seltsame Kavalkade hervorgetrabt. – Sie schaukelte im kurzen Trab heran und sah sonderbar aus. Vorn ein Reiter mit dreieckigem Hut, mit einem Federbusch, und in der Uniform eines unserer französischen Musketier-Regimenter aus den früheren Regierungsjahren Louis XV., eine wahre Riesengestalt – zu seiner Seite eine Figur. » Parole d'honneur! Das ist eine Regimentstrommel. – Ma foi! Eine Regimentstrommel zu Pferde!«, meinte Lassalle. »Eine Regimentstrommel!«, erwiderte ich unwillkürlich lachend. »Nein, das nicht, aber eine Frau im Reifrock zu Pferde.« Und es war so. Lassalle hatte den großgeblümten Reifrock, wie wir deren von Anno 1789 zu Hunderten durch unsere Pariser Kirchtüren drehen gesehen, für eine Regimentstrommel genommen, aber der Irrtum war verzeihlich. – Es war die drolligste Figur, die sich sehen ließ. – Wem würde es auch außerhalb diesem barocken Lande eingefallen sein, im Reifrock zu Pferde zu steigen. Die Figur kam wie ein Schoner im Wellentroge hin und her rollend heran. Wir unterschieden allmählich den Kapuchon, der das Haupt – die Pantoffel mit hohen Absätzen, die die Füße zierten. Hinter dem seltsamen Paar kam ein Zug von etwa zehn Männern in blauen Röcken, der gewöhnlichen Kleidung der Akadier. Gern hätten wir Nathan über die seltsame Kavalkade befragt, allein unser Stolz verbot es, und der Alte schien jetzt seine ganz hinterwäldlerische Starrheit angelegt zu haben. – Einen und den andern Blick warf er durch das Fenster, ohne daß jedoch ein Muskel in seinem Ledergesicht sich verzogen hätte. Die Kavalkade war vor dem Hause angekommen. Der uniformierte Riese, in dem wir ohne viele Mühe einen Veteranen der in den fünfziger Kriegsjahren nach Kanada und Louisiana gesandten Truppen erkannten, stieg vom Pferd und hob mit militärischer Galanterie die Dame von dem ihrigen. Er war eine wahre Don-Quichotte-Figur, die, um mich eines Hinterwäldler-Ausdrucks zu bedienen, wohl ihre sechs Fuß und ebenso viele Zoll in den Schuhen stand; seine Dulzinea wieder ein so drollig winziges gespreiztes Dämchen – gegenüber dem langen, hageren Knochenmann sah sie aus wie ein sich blähender Truthahn. Sie reichte ihm ungemein pretentiös die Hand, die er zärtlich mit den Fingerspitzen ergriff, und sie der offenen Stubentür zu galantierte. - Ihre Begleiter waren gleichfalls abgestiegen, blieben aber draußen. Wir waren nicht wenig gespannt auf das zärtliche Pärchen. Im Menuetpas und der zierlichsten Tänzerhaltung schwebte sie, im Grenadierschritt marschierte er durch die offene Stubentür, jedoch nicht eher, als nach dreimaligem Anklopfen; dann vortretend berührte er militärisch seinen Dreizack und begrüßte Nathan und Kompanie ganz in der steif zierlichen Manier unserer Büttel, wenn sie samt Ehegesponsen ihre submissen Gratulationen Seiner Gestrengen, dem Gerichtsherrn, darbringen. – Uns hatten derlei Spießbürgereien zu Hause oft amüsiert, aber hier ärgerten wir uns, wir fühlten, ordentlich beschämt über den alten Narren, der, gegenüber den stolzen Republikanern, seine altmodischen Kratzfüße noch nicht verlernt hatte; – sie erschienen uns wie eine Parodie auf unser Land und unsere Manieren. Nathan seinerseits empfing die Huldigungen ganz mit den Airs eines Mannes, der sich seiner Autorität bewußt ist – eine Weile besah er die beiden mit einem kalt lächelnden Blick, dann wandte er sich mit den Worten: »Mounshur Lecain, setzt Euch mit Eurem alten Weibe nieder«, dem debattierenden Mister Gale aus Tennessee zu. Monsieur Lecain und Madame dankten mit Verbeugung und Knicks und – blieben stehen. Die Gesichter der letzteren hatten sich bei dem ›alten Weib‹ einigermaßen verzogen, aber sogleich wieder aufgehellt. Sie war ein ungemein bewegliches altes Weibchen, und hatte, trotz Runzeln, etwas so Kokettierendes, daß wir sie ohne weiteres für eine Pariserin niedersetzten. Nacheinander fielen ihre Blicke auf die Squatters, die aufgetragenen Schüsseln, die ab- und zugehende Wirtin, ihre Tochter, wieder – auf uns; – an uns blieben sie haften. Unser Squatterkostüm derangierte sie offenbar, man sah ihr die Begierde an, etwas mehr von uns zu wissen. Sie wisperte, stieß ihren Alten, der wieder unverwandten Blickes an dem Mister Regwillähtair, wie er Nathan stilisierte, hing; so groß schien aber ihre Scheu vor dem gewaltigen Squatterpotentaten zu sein, daß sie trotz Beweglichkeit und Neugierde es nicht wagte, den gewaltigen Buschpotentaten zu unterbrechen. Die Gewalt, die er über seine französischen Nachbarn erlangt, mußte in der Tat außerordentlich sein. Ich war im Begriff, unsere unruhige Landsmännin aus ihrer qualvollen Ungewißheit zu erlösen, als Mistreß Strong, die am unteren Ende der Tafel Platz genommen, den Ruf erschallen ließ: »Männer, wollt Ihr Euch nicht setzen?« Die Männer nickten und blieben, der Debatte Mister Gales horchend. Der Tennesseer hatte zuvor noch das halbe Budget des neuen Staates zu beleuchten – dann erst traten alle gravitätisch zum Tisch. Nathan wies uns unsere Plätze neben Mister Gale an und wandte sich dann zu Monsieur und Madame Lecain: »Mounshur Lecain, habt Ihr gefrühstückt?« » Mille pardons! «, hauchte Monsieur Lecain, sich erhebend und verneigend. »Kalkuliere, laßt besser Eure Komplimente«, versetzte Nathan trocken, »setzt Euch mit Eurem alten Weibe, und helft Euch zu, was Eurem alten Magen gut tut. Ihr habt einen langen Ritt getan, und sind Eure mürben Knochen nicht daran gewöhnt. Habe Euch nicht so bald erwartet. – Setzt Euch, seid willkommen.« Lecain und Konsortin zögerten noch immer, sich verneigend und knicksend. »Was in T...ls Namen gickt und gackt Ihr da wie ein Paar Truthühner im Märzmonat?«, fuhr Nathan ungeduldig heraus. »Vermute, Ihr hört, und habt Eure Ohren offen, setzt Euch. – Doch halt, kalkuliere, dürfte Euch schwer werden, in Eurem Takelwerk Anker zu werfen – mit all dem Kram. Wißt, geht kein Schiff vor Anker mit Royal- und Mainseil und Topseil und all seinen Segeln. Helft ihr aus dem Segeltuch«, bedeutete er Elisabeth und Mary, die bereits an der Dame beschäftigt waren, sie aus einem Teil ihres Krams, wie Nathan ihre Toilette nicht unpassend bezeichnete, auszuhülsen. Das Frühstück bestand aus Schweinsfüßen in Pfeffer und Essig eingelegt, Welschkornkuchen in Molasses getränkt – Outards, einem gebratenen Welschhahn, Hirschziemer, Schinken, Eiern, nebst einer Unzahl in Zucker oder Essig eingemachter Früchte, Parsimons, den delikaten Louisianakirschen, Pflaumen, wilden Weintrauben, die, wie man weiß, die Hinterwäldler unvergleichlich einzumachen verstehen. – So verschiedenartig jedoch die Bestandteile, alle mußten sie ein in die Alligatorsmagen der Squatters. Wir sahen sie in Pfeffer und Essig eingelegte Schweinsfüße zu Welschkornkuchen, von Molasses triefend, verschlingen – türkischen Pfefferkapseln, in Essig eingelegt, zu Schinken; zuweilen fuhr einer der Squatters mit seinem Messer in das Parsimons- oder Pflaumenkompott, schob die Ladung in den Mund, und stieß uns dann den Dessertteller hin, ein gleiches zu tun. Die Gabel mußte ihnen ein ganz überflüssiges Werkzeug dünken. – Von diesen Unsitten abgesehen, herrschte wieder viel Anstand und jene Ruhe, die dem durch nichts aus der Fassung zu bringenden Hinterwäldler gewissermaßen angeboren ist. – Insbesondere benahm sich das weibliche Geschlecht mit einer natürlichen Grazie, die ich nimmermehr erwartet hätte und die uns wieder von dem haushälterischen Regime Nathans einen sehr vorteilhaften Begriff gab. – Bei jeder Schale, die uns die anziehende Elisabeth reichte, schwand unser Widerwille mehr und mehr. – Wir waren eben in der vollen Prüfung eines Schnittes von dem vortrefflichen Hirschziemer begriffen, als ein plötzlicher Lärm vor dem Hause uns innehalten machte. Es waren laute Stimmen, die sich hören ließen – Stimmen, die uns bekannt an die Ohren schlugen. Wir horchten, bald blieb uns kein Zweifel übrig. Es war die hellkreischende Stimme Amadees, mit den rauhen Kehlentönen Martins, die sich vor dem Eingang hören ließen. – Wir hörten unsere Namen rufen. Die Tischgesellschaft stutzte einen Augenblick. Wir sprangen auf und eilten zum Fenster. Und wen sahen unsere Augen? Wen anders als unsere Freunde Lacalle und Hauterouge, die, umgeben von Amadee, Jean und Martin, auf ihren Pferden hielten. Ein Ausruf der höchsten Ueberraschung entfuhr uns. – Lacalle mich zu erschauen und mit dem lauten Ruf: » Vive le Roi! le Roi ne meurt pas! «, vom Pferde auf das Haus zuspringen, mit einem zweiten Satz durch das Fenster in die Stube – an mir, der ich zurückgesprungen war, vorbei – der gerade aufschnellenden Elisabeth in die Arme, einen Kuß auf die schwellenden Kirschlippen der lieblichen Squatterin zu drücken – sie fahren zu lassen, mir jubelnd an den Hals zu fliegen: Oberst, alle Teufel, wo stecken Sie? – Worin stecken Sie? – zurückzuprallen – wieder vorzuspringen – mich im Kreise zu drehen, mit einem lauten Vive la France, l'amour et la patrie! einen Pas de deux zu hüpfen – das alles war schneller getan als gesagt. In demselben Augenblick kommt Hauterouge in gleich unzeremoniöser Manier durch das Fenster hereingesprungen. » Morbleu Colonel! Lassalle! Wo steckst du? Wie siehst du aus! – Alle T....l Was treibt Ihr?« Und Hauterouge und Lacalle fliegen uns abermals in froher Ueberraschung mit all dem stürmischen Jubel wiedergefundener Kriegskameraden an den Hals, umarmen uns, wenden uns drehen uns brechen in lautes Gelächter aus, hüpfen wie närrisch in der Stube herum, tanzen pas de deux, enfilieren, L'amour et la patrie singend, ein Menuett. – Währenddem kam der alte Knabe Amadee, aber durch die Tür, ihm nach unser Jean und der alte Martin. »Herr Graf, Herr Oberst, ums Himmels willen, sind Sie es? St. Denis und alle Heiligen seien gelobt! Sind Sie es wirklich, Herr Graf? Oh, Herr Graf! Oh, mein geliebter Oberst!« Und mit Tränen in den Augen küßt mir der gute Alte die Hand, und das Beispiel Hauterouges und Lacalles vor Augen, springt auch er, und tanzt und jubelt vor Freude: »Suchen Sie seit zwei Tagen, Herr Graf, überall, bei Martin, den Akadiern, auf der brennenden Prärie. – Oh, Herr Graf! Unsere Angst, unser Jammer! – Ueberall haben wir Sie gesucht.« Der plötzlichen Rührung folgte wieder ein lautes, schallendes Gelächter. »Weißt du aber, Oberst, daß die Allains wirklich ganz divine Kreaturen sind?« »Ihr wart also bei Allains?« »So waren wir, glaubten, Euch da aufzustöbern, als Ihr nach zwei Tagen noch immer nicht kamt. Sahen die deliziösen Mädchen. Parole d'honneur! Sind allein die Reise nach Louisiana wert.« »Und was sagt mein sittenrichterlicher Lacalle?« fragte ich lachend. Lacalle war rot geworden und schwieg. – Mir fiel dies damals unter den Rundsprüngen weniger auf – aber doch fiel es mir auf – obwohl Amadees Frohlocken mich bald wieder auf andere Gedanken lenkte. – Es waren Briefe von Hause von New Orleans, vom Gouverneur, vom Leutnant-Gouverneur, allen Notabilitäten der Provinz eingelaufen. Amadees Freude, uns wiederzufinden, wollte kein Ende nehmen. Hätte er uns auf dem Schlachtfelde unter einem Haufen Toter hervorgezogen oder aus dem Rachen eines Alligators, sein Frohlocken hätte nicht ungestümer sein können, waren wir doch nicht, seine einzige Angst und Sorge, in den Sirenennetzen des horriblen Allains verstrickt. – Er sprang, tanzte um uns herum, schrie uns abwechselnd die Neuigkeiten in die Ohren, Hauterouge und Lacalle hüpften pas de deux, lachten zur Abwechslung über unsere Kostüme; – es war ein Spektakel, wie wohl selten nur in einer Squatterstube je getrieben wurde; für sie waren die Squatters wie gar nicht vorhanden – und auch wir hatten ganz unsere Wirte vergessen. – Wir schauten uns um, und ... Ah, diese Squatters und ihre Gesichter! Sie lassen sich unmöglich beschreiben. Wäre aber der Himmel geborsten oder die sieben Meilen lange Seeschlange der Yankees statt Lacalle und Hauterouge zum Fenster hereingesprungen, ihr Starren hätte nicht größer sein können – was sage ich, Starren – es war wahrer Schrecken. Angst in den Gesichtern der Weiber und Töchter, eine Angst, die uns anfangs komisch vorkam, uns aber bald ernsthaft genug erschien, als wir auf Nathan blickten. Er saß, die beiden Hände auf den Tisch festgedrückt, wie einer, der sich zurückhalten will, aber seine erzenen Gesichtszüge schwollen, seine Augen stierten und starrten – seine ganze Physiognomie nahm einen unbeschreiblich unheilschwangeren Ausdruck an. Lacalle hatte kaum einen Blick auf ihn geworfen, als er, an mich zurückprallend, mir zuflüsterte: Ums Himmels willen! Wer ist der Mann? Welch eine furchtbare Physiognomie! Lacalle hatte nicht allein unheilschwangere Symptome aus des Mannes Gesicht gelesen – Hauterouge, Amadee, der alte Lecain, seine Ehehälfte gruppierten sich um uns, Mistreß Strong und ihre Tochter hatten sich mit gerungenen Händen an die Seite des Mannes gezogen, ihn von uns abzuhalten. »Mann, um Gottes willen, Mann, bedenke!«, rief Mistreß Strong; »Vater, um Gottes willen, Vater!«, die Töchter. Wir waren nun allen Ernstes erschrocken, denn wir sahen, daß die Freiheit, die sich unsere beiden Freunde in ihrem Ueberschwang genommen, den Stolz des starren republikanischen Buschmannes am empfindlichsten Fleck getroffen. – Sie konnte uns teuer zu stehen kommen. – Die Gäste saßen schweigend, mit zurückstoßender Miene und Gebärde. »Mister Nathan!« rief ich, auf ihn zugehend, »Mister Strong! – Vergebt die Freiheit, die sich unsere Freunde genommen – in ihrer Ueberraschung, uns so plötzlich wiederzufinden dachten sie nicht daran Euch zu beleidigen: .. Major Baron Hauterouge, Kapitän Ducalle, De la Calle.« – Nathan saß mit zusammengepreßten Lippen ohne ein Wort zu erwidern, einen Augenblick fixierte er seine Nachbarn, dann warf er einen durchdringenden Blick auf uns – auf einmal Weib und Tochter abschüttelnd erhob er sich. »Stille, altes Weib! Friede deiner Zunge! – Waffenstillstand! Hörst du? Ich bin Herr in meinem Hause, und habe nicht umsonst geschafft und geblutet, kalkuliere, will es bleiben, und dir zeigen, was ich will.« Und so sagend, trat er an Lacalle heran, und seine gewichtige Hand auf des Freundes Schulter legend, sprach er mit starker Stimme: »Seid willkommen, Fremdling! Willkommen!, sage ich. – Stille, altes Weib! Friede mit deiner Zunge! – Hört, was ich sage. – Kalkuliere, ist jetzt die Zeit an mir, zu reden – habe Euch gehört und gesehen, sollt mich hören!« Er pausierte. – »Ist bei Euch etwa der Gebrauch, Eure Besuche den Leuten durch das Fenster zu machen? Mag sein, es ist so – habe nichts dagegen – seid bekannt als leichtfüßig. – Seid Ihr nicht?« Abermals eine Pause. – Lacalle sah den Mann an, aber sowohl er als wir konnten vor Erwartung kein Wort hervorbringen, in seinen Zügen war eine so grimmige Entschlossenheit. »Bin aber der Meinung«, fuhr er mit stärkerer Stimme fort, »ist bei uns nicht die Sitte, den Leuten durch das Fenster hereinzuhopsen; ist ein Fakt, Mann – ist nicht Sitte bei uns, kalkuliere ich, so vermute ich denn, werdet ein guter Junge sein und unsere Sitten respektieren und Euern Weg zurücknehmen und ihn da nehmen, wo ihn andere Leute vor Euch genommen haben – zur Tür herein.« Die Worte würden einem Stocktauben verständlich geworden sein, denn sie waren mit einem Ruck begleitet, der Lacalle, stark wie er war, zum Fenster brachte, durch das er, wie, wußte er gewiß selber nicht, mit einem Satz retirierte. »So, mein guter Junge! – Gleich drüben ist die Tür und der Eingang.« »Und Ihr?«, wandte er sich an Hautrouge. Hauterouge hatte geschaut, gestarrt: – bei all dem furchtbaren Ernst, der in des Mannes abstoßendem Gesicht lag – lauerte wieder ein Zug guten Humors hervor: – gute Miene zum bösen Spiel machend, sprang er mit einem Satz dem Freund nach. »Jetzt erlaubt aber auch uns zu folgen«, sprachen Lassalle und ich. »Mitnichten«, versetzte Nathan. – »Seid durch die Tür auf rechtem Wege gekommen – seid meine Gastfreunde, bleibt hier.« »Und Ihr, Mounshurs?!«, wandte er sich zu den draußen stehenden zweien, »Ihr seid willkommen, aber zur Tür herein.« » Eh bien «, riefen Lacalle und Hauterouge, in die Laune des bizarren Alten eingehend, – » Eh bien – da sind wir!« Und beide waren lachend wieder in der Stube, im Gesicht einige Verlegenheit, die aber Nathan wenig kümmerte. »Sehe, läßt sich etwas aus Euch machen«, sprach er trocken, ein kaum merkbarer ironischer Zug um die Augenwinkel spielend. – »Sehe, sehe – sehen, wen wir vor uns haben, leichtes französisches Blut, das sich keinen Fiedelbogen darum kümmert – wie andere den beliebigen Spaß aufnehmen. – Will Euch aber sagen, ei, so will ich: – Laßt fürs Künftige derlei luftspringerische, spaßhafte Mißgriffe, wenn Ihr wieder in eines Bürgers Wohnung eintretet. Mögen in Eurem Lande tun solche luftspringerische, spaßhafte Mißgriffe, das Fenster für die Tür anzusehen, tun aber nicht bei uns, könnte einem von uns leicht auch ein Mißgriff begegnen, Euch, statt tanzenden Franzosen für Tanzbären oder springende Panther zu nehmen, und Euch etwa drei Viertel Unzen Blei in den Leib zu jagen, oder ein sechs Zoll kalten Eisens. Und könnte einem für solchen Mißgriff das Gesetz nicht einmal etwas anhaben. Mögen bei Euch tun, derlei Familiaritäten, aber bei uns sind sie gefährlich, kalkuliere ich, und laßt sie besser weg. Pshaw! Hab' mitunter das Gefühl, werdet Appetit haben nach eurer Tanzerei – habt Ihr nicht? Altes Weib, frische Gedecke!« Das starre, mit einem leicht ironischen Lächeln überflogene Gesicht Nathans wurde nun etwas freundlicher, und der Kopfruck, der Mistreß Strong zugeworfen, setzte Mutter und Tochter in Bewegung, der Friede mit dem Buschpotentaten war abgeschlossen. – Die Gesichter unserer beiden Freunde hatten sich erst während des gegebenen guten Rats verlängert, jetzt erst schienen sie etwas von Nathans Charakter zu kapieren; Hauterouge sah darein, als ob er, an der Spitze seiner Eskadron einzuhauen im Begriff stände, seine Schnurrbartenden aufkräuselnd, schoß er abwechselnd grimmige Blicke auf Nathan und wieder auf uns; der leichtblütigere Lacalle schien noch unschlüssig, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Glücklicherweise hatte die lieblich gerundete Miß Elisabeth ein frisches Gedeck für ihn zurechtgelegt, und sanft errötend darauf gedeutet. Einer solchen Einladung ließ sich wohl nicht widerstehen. Er setzte sich. – Hauterouge zauderte noch. » Parbleu! In welche Gesellschaft sind wir geraten, Vignerolles?«, brummte er mir in die Ohren. »Bären das – habe große Lust.« »Tue das ja nicht«, versetzte ich, »du kämst zu kurz – das ist ein Original – alle sind es. Du siehst, man war daran, dich selbst für einen Bären zu halten. – Besser, du setzest dich.« Hauterouge sah mich erstaunt an, schnitt eine Grimasse, setzte sich aber. Unser guter Hauterouge war den Morgen bereits zwanzig Meilen geritten, und hatte also einen Appetit, so scharf, wie ihn ein Eskadronchef eines Dragonerregiments nur haben konnte; auch Lacalle ließ der Kochkunst der Mistreß Strong alle Gerechtigkeit widerfahren. Doch, um wieder zum alten Nathan zurückzukommen, so schien er an Lacalle Wohlgefallen zu finden. – Man konnte ihm aber auch nicht gram sein. Seine ausgezeichnete männliche Schönheit, verbunden mit einem leichten, gefällig sorglosen Wesen, gewann ihm im ersten Augenblick aller Herzen. Die Blicke der Squatterinnen hingen ordentlich an ihm. Mistreß Strong hatte sich zu ihm gesetzt, und, ihn vertraulich anschauend, entspann sich folgendes Zwiegespräch: »Seid also, vermute ich, aus Eurem alten Land herübergekommen.« Lacalle nickte. »Habe die Notion, wird Euch wunderbar vorkommen bei uns. – » My! , sagen die Leute, daß drüben jung und alt in Holzschuhen einhergehen, nichts als Frösche und Suppe essen.« Lacalle nickte abermals. »Eßt Euch nur immer voll, lieber Junge«, redete Mistreß Strong zu – »haben die Fülle davon.« Hier sahen Lacalle und Hauterouge hoch auf. – Wir hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen. – Sie fuhr fort: » My! Kalkuliere, Ihr seid nicht verheiratet?« Lacalle sah wieder auf und nickte. – »Bitte um Vergebung, Mistreß Strong«, versetzte ich, »Monsieur Lacalle ist verheiratet, und zwar an die Tochter des Herrn von Morbihan.« Die Lippen, die ganzen Kinnladen der Mistreß Strong und ihrer Töchter fielen, ihre Gesichter verlängerten sich, die Miß Elisabeth zog sich drei Schritte zurück. – Wir konnten es kaum mehr aushalten; zum Glück kam der alte Nathan, der, ohne eine Miene zu verziehen über seinem Schinken gesessen, uns zu Hilfe. »Und seid also zusammen herübergekommen«, hob er nun an. »Mit dem Obersten«, versetzte Lacalle, auf mich deutend, und wieder im Mastumsgeschäft fortfahrend. »Mit dem Obersten«, setzte er mit weniger vollen Backen hinzu, »und dem Major Lassalle, und Hauterouge.« »Und seid durch das Plaquemine-Fließ gekommen?«, fuhr Nathan nach einer Weile in seiner Examination fort. »Wie wißt Ihr das?«, entgegneten wir verwundert. »Ei, wie wissen wir das! – Wissen mehr, als Ihr glaubt, sollt mehr hören vom alten Nathan.« »James!«, wandte er sich an eines der jungen Lederwämser: »ist Zeit, du stoßest in das Horn zur Gemeindeversammlung!« James ging hinaus und blies in eine Seemuschel; der Ton, den diese von sich gab, glich ganz den Tönen der Schweizer Alpenhörner. Während der langen Pause, die eintrat, hatten unsere beiden Freunde ihr Frühstück vollendet. Nathan stand auf, und mit gewichtiger Miene sich zu uns wendend, hob er an: »Ist an der Zeit, das Geschäft abzutun, und wollen hinüber ins Gemeindehaus.« »Bin der Ansicht, guter Mister Strong«, versetzte ich, in seinen Ton einfallend, »wollen uns aus Eurem Geschirr heraus, und in das unsrige, das Amadee in seiner Vorsicht mitzubringen bedacht gewesen, eintun. – Kalkuliere, wollen Euch hierauf für Eure Gastfreundschaft danken, und uns mit unseren Freunden und dem alten Martin auf den Heimweg machen.« »Ist doch erstaunlich« fiel Nathan ein, »erstaunlich, was für kurzsichtige Leute Gott der Allmächtige in Euch Franzosen geschaffen hat. Will einen Quid Kautabak gegen ein ganzes Faß wetten, daß Ihr rein vergessen habt, was ich Euch von wegen des Gemeindehauses und der Akadier gesagt.« Lacalle und Hauterouge lachten laut auf. »Nicht vergessen, lieber Nathan. – Aber was sollen wir in Eurem Gemeindehause?« »Werdet sehen, hören, und macht mich nicht giftig mit Euern ewigen Fragen.« Hauterouge sah mich an. Alle T....l, was hast du mit dem alten Grobian? – Das ist das seltsamste Tier, das mir je in meinem Leben aufgestoßen. » Bon Dieu! « wisperte mir Lecain zu. »Oh, Himmel!«, bat Madame. »Gehen Sie, gehen Sie. Herr Graf, Herr Baron!« Wir standen noch unentschlossen. Ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, häkelte Madame ihren Arm in den meinigen, Lecain schob Hauterouge zur Tür hinaus, Mistreß Strong, Lassalle und Lacalle, und so zogen wir denn dem alten Nathan nach. – »Sind doch verdammt quer, diese Franzosen«, brummte uns die Mistreß Strong nach, »küssen ledige Mädchen und haben Weiber.« »Lacalle, du könntest hier dein Glück machen«, lachte Hauterouge. »Habe das Gefühl, Sie könnten«, versetzte Lassalle. Laut lachend zogen wir dem Gemeindehause zu. 7. Das Gemeindehaus war zugleich Tabak-, Baumwollen- und Teerniederlage. Fässer mit Tabak und Tran – Baumwollenballen mit Bären- und Hirschhäuten lagen auf allen Seiten im Innern aufgeschichtet; in der Mitte, neben der Waage stand ein roher Tisch, mit einem Substitut für eine Bank, nämlich ein Brett über zwei Blöcke gelegt, um den Tisch herum lagen Hausmöbel, Kleidungsstücke und Warenballen. Wir waren an dem Einfahrtstor stehengeblieben, die Squatters beschauend, die von allen Seiten her angestiegen kamen, mit stolz musternden Blicken uns maßen, und dann in die Niederlage traten, wo sich Nathan, Mister Gale und die übrigen Tischgenossen befanden, die Tabaks- und Baumwollensorten prüfend. Diese Unterhaltung währte, bis die Anzahl der Squatters auf etwa sechzig gestiegen war; – jetzt trat Nathan mit einem andern ältlichen Mann vor den Tisch, legte Feder, Tintenbehälter und Papier darauf, und beide setzten sich mit Mister Gale, dem sie den Ehrenplatz in der Mitte einräumten. So grotesk und seltsam uns die Manieren der Squatter vorkamen, so hatte doch ihr Wesen auch wieder etwas so Republikanisch-Starres, es spiegelte sich darin eine so ruhige Selbstachtung, daß wir mit wahrem Verlangen der Eröffnung ihrer Verhandlungen entgegensahen. Nach einigen Minuten wechselseitiger Beschauung erhob sich endlich Nathan und winkte uns, vorzutreten. – Wir traten also vor. – »Haben Euch berufen, Fremdlinge, in diese unsere Versammlung; – ist, kalkuliere ich, an der Zeit, Euch wissen zu lassen, warum wir Eure Gegenwart geheischt; haben aber zuvor noch einiges und anderes zu verhandeln, und ersuchen Euch, in Geduld abzuwarten.« Wir nickten unsere Bereitwilligkeit zu. in Geduld abzuwarten, übrigens eine harte Zumutung bei unserer Ungeduld. Nathan übersah noch einmal die Jagdblusen und Lederwämser, und begann: »Ist nun sieben Jahre, Mitbürger, und eine Spanne darüber, daß wir hier auf diese Erdscholle Fuß setzten, und das Land ausfanden, das seitdem Asas Niederlassung getauft wurde. – Ist jetzt nicht die Zeit und der Ort, ein Langes und Breites zu sagen über das, was wir getan: – ist, denke ich, genug, zu sagen, daß das Land, das Ihr nun als eine Niederlassung schaut, mit Welschkorn- und Tabaks- und Baumwollenfeldern, und Fencen, und Häusern, und Hütten, und Gärten, und Quellhäusern, als wir zuerst ankamen, just war, wie es Hinterwäldler am besten lieben, und wie es Gott der Allmächtige geschaffen; Wald und Prärie, und Sumpf und Dickicht, und Busch und Dorn, ohne Weg und Steg, mit keinem anderen Dach, als dem Zelt des blauen Himmels, keinem andern Licht, als dem der sengenden Sonne bei Tage und dem des grünschillernden Mondes und der Gestirne bei Nacht: keiner Stimme, als der des Bullfrosches, des heulenden Wolfes, des brummenden Bären und derlei Gezüchtes. Seid freie Männer, Mitbürger! – Seid freie Männer, aufgewachsen in den Prinzipien der Freiheit und des Selfgouvernements – und geziemt es sich nicht für solche Männer, sich mit Leuten abzugeben, die – doch, wollen schweigen. – Sage Euch aber, Mitbürger, und sage es im gerechten Stolz, kann nicht helfen, muß es sagen, erfüllt mich immer noch mit gerechtem Stolz, wenn ich an Euer aller Benehmen gegen diese armseligen Kanadier, und wie sie heißen, denke. Sage Euch dies mit um so gerechterem Stolz, als es keine gerade leichte Sache war, sich unbefleckt von diesen Leuten zu erhalten, die zuerst schmeichelnd und niederträchtig wie Katzen um uns herumkrochen, und dann, wie sie sahen, daß Ihr über solche Dinge erhaben wäret, zu knurren anfingen. War keine leichte Sache bei der unverschämten Zudringlichkeit, mit der diese unwissenden Menschen behaftet sind, diese verwilderten Menschen, die nicht so viele Ahnung von der Heiligkeit des Eigentums haben als Ebony-Neger. – Hatten sehr bald Beweise darüber. – Hätte ihr ewiges Tanzen und Trinken uns wenig gekümmert, waren weit genug von ihnen, den Lärm nicht zu hören, fanden aber bald, daß sie ihre Fiedler auf unsere Unkosten aufspielen ließen. Verschwand eine Sau nach der andern, und merkten wir dieses natürlich bald, da das Borstenvieh damals, wißt Ihr, schier rar bei uns war. Wollte uns dieses nicht gefallen, und ließen einige der älteren Kanadier rufen, und sagten ihnen, was das für Manieren wären? – Demonstrierten aber und gestikulierten, und lachten, was das uns tue? ›Was tut Euch das, ein paar Säue, die Ihr so viele habt?‹ Sagten ihnen, das tue viel, und wenn sie sich noch einmal Schinken von fremder Leute Borstenvieh gelüsten ließen, dann sollten es ihre eigenen Schinken büßen. Schnitten Gesichter darüber, und lachten, und in den nächsten vier Wochen waren richtig wieder eben so viele Säue verschwunden. – Wißt, was geschah. Erschienen bei ihren Vergnügen und nahmen die Saudiebe und banden sie an ihre eigenen Türpfosten, und maßen jedem neununddreißig auf seine Schinken. Und das war ein Hopsen, und ein Treiben, habt Eurer Tage kein solches Hopsen und Treiben gesehen. Und war drüben großer Lärm, und schrien über verletzte Ehre, und Genugtuung, und müsse ihre Obrigkeit ihnen Genugtuung verschaffen. – Und richtig kam ihr Syndikus mit seinen Huissiers, um ihnen Genugtuung zu verschaffen. Und wurden wir vorgeladen, zu erscheinen, und uns zu verantworten. – Und erschienen wir auch, aber fünfzig Rifle-Männer mit Pulverhörnern und Schlachtmessern – ihnen Genugtuung zu geben. Und verging dem Syndikus und seinen Huissiers alle Lust, Genugtuung zu heischen. – Ist aber ein so schlauer Franzose, als es je einen gab, der Syndikus. Und war so charmiert, wie er sagte, uns zu sehen, außerordentlich scharmiert, daß so tüchtige Bürger sich in seines königlichen Herrn Lande niedergelassen, und Kultur und Industrie verbreitet, und wisperte und schmeichelte, und gab uns zu verstehen, wie wir recht getan, die Akadier und Kanadier so auszupeitschen, und wie sie faules, diebisches Gesindel wären, und sei er sagt' er, so erfreut, daß wir ihm die Arbeit erspart hätten, und wollte er uns zum Dank in unserer Niederlassung besuchen. Hätten ihm den Dank gern erspart, sahen gleich, daß er ein Franzose war, der warm und kalt aus demselben Mund blies, konnten ihm aber den Besuch nicht wehren. Kein freier Mann tut dies. – Und taten wir es auch nicht. Und kam er, und gefiel ihm alles außerordentlich – sowohl unser hartes Schaffen, als die Wege, die mir angelegt, und die Sagemühle, und die Baumwollkämmerei. – Gefiel ihm alles außerordentlich. Und gefiel ihm so wohl, daß er ein halbes Jahr darauf wiederkam, mit einer Schenkung von tausend Ackern in der Tasche, die ihm das Gouvernement verliehen hatte. War diese Schenkung ein wahrer Sattel, von dem herab er unsere Niederlassung auf der einen Seite, die der Akadier und wilden Kanadier auf der andern – zur Seite hatte, und in deren Flanken er die Sporen nach Belieben zu setzen gedachte. Sahen das sehr wohl, sahen den Streich, den uns der Franzose gespielt hatte und noch spielen wollte, ließ sich aber nichts dagegen tun, als wie Männer das weitere abzuwarten, mahnten Euch auch, wie Männer das weitere abzuwarten obwohl Ursache genug vorhanden war zur Ungeduld und einige unter Euch der Meinung waren, dem Ding auf einmal ein Ende zu machen und den Syndikus ein Haus weiter zu weisen. Waren nicht der Ansicht, und stimmte die Mehrheit mit uns überein; sahen in die Karten des Franzosen, sahen sein Spiel, mit dem er uns in der öffentlichen Meinung ruinieren, und uns als gesetzlose Leute verderben wollte; denn waren wir bisher noch immer auf Rechtsgrund gestanden, waren in unserem Recht, als wir uns gegen die mutwilligen Angriffe der fünfundachtzig Musketiere gewehrt, die uns ohne alle Aufforderung überfallen. Sah das der Franzose, und daß er uns auf offenem Weg nichts anhaben konnte, und schlug deshalb einen versteckten ein, und war es unsere Pflicht als Regläters ihm auf diesem versteckten Weg entgegenzuarbeiten. Sahen die Falle, die er uns stellte, und mußten sie vermeiden. Und baute der Syndikus ein Haus auf seiner Schenkung, und errichtete einen Kramladen, in den er seinen Neffen setzte, der zugleich Huissier war, und der, mit Amtsautorität ausgestattet, eine Art Leutnant war. Und ging so, wißt Ihr, ein Jahr vorüber, und kam der Syndikus zuweilen, um seinen Substituten nachzusehen und seinen Kramladen, und die Irrungen zu schlichten deren schier zu viele wurden. Und baute der Syndikus nach einem andern Jahre ein zweites Haus, und richtete ein Botenschiff ein das nach New Orleans fahren, und Produkte dahinführen und Güter von da abholen sollte. – Und war dieses ein neues Netz, sahen es wohl, sagten aber nichts. Hatten unser eigenes Schiff, durch das wir unsere Verbindung mit New Orleans unterhielten, und brauchten den Syndikus und sein Schiff nicht. Und stellte er als Patron des Schiffes den Mann an, der endlich Gelegenheit gab, den fein geknüpften Knoten zu zerhauen. – War dieser Patron der Terzeroon, den ihr alle kennt, und mit dessen einer Schwester der Syndikus lebt, mit der andern der Mann, den sie Vidal nennen; und war die ganze Sippschaft eine Brut, so arg, als es je eine farbige gab. – Und erfuhren wir bald einen der Kniffe dieser sauberen Sippschaft. – Lagen die Güter für uns in New Orleans bereit, und warteten auf diese Güter, kamen aber nicht, die Güter. Und wurde uns endlich von unserem Kommissionär geschrieben, daß die Güter bereits abgesandt wären. – Und waren wir darüber schier verwundert. – Hatten keine Güter empfangen, und doch hatten wir den Frachtbrief, Weiß auf Schwarz, in den Händen. – Fragten bei dem jungen Sorrel an – der schüttelte aber den Kopf, und wollte von allem nichts wissen. Und wurde unser aller Geduld schier auf eine harte Probe gestellt. – Und war das Ganze um so schlimmer als wir selbst nicht hinab nach New Orleans durften, sahen wohl, daß uns ein Streich gespielt worden, aber ließ sich die Ochsensenne nicht anwenden: denn hatte der Patron die Vorsicht gebraucht, die Güter bei unserem Kommissionär durch einen zweiten übernehmen zu lassen, wußten also nicht, wer uns den Streich gespielt. Und ging in derselben Zeit Joe sein brauner Hengst verloren. Und die Woche darauf Abi sein Schweißfuchs. Und nächste Woche Righteous sein Rappe und James sein Schimmel. Und folgten wohl der Spur der Pferdediebe, waren aber ausgelernt in ihrem Handwerk, und hatten die Gäule an den Redriver gebracht, zehn Meilen oberhalb der Fähre, wo das Boot des farbigen Patrons lag. Und machten uns die Pferdediebe schier grausam giftig, und kostete es uns nicht wenig Mühe, in Geduld abzuwarten, und den Ausbruch zu verhindern, und war unser Reglätersamt wahrlich keine Sinekure. Ging noch der Neger Zampa des Mister George Rolins, unseres Mit-Regläters, verloren. Und war dies ein arger Verlust, schier zu arg, und sahen wohl, dem Unwesen müsse ein Ende gemacht werden; und es war doch schwer, ein Ende abzusehen. – Waren wie blind in der ganzen Sache, und wußten nicht, wie es anzufangen, um einen Faden zu finden, der uns den Knoten zu lösen Gelegenheit gäbe. Und blieben alle unsere Versuche lange vergebens; – trafen aber endlich auf einen Faden. – Wurde uns von unserem Kommissionär berichtet, daß zwei unserer Gäule in New Orleans von einem Mann verkauft worden, der der Beschreibung nach der Patron sein mußte, und daß sie für Rechnung des jungen Sorrels verkauft worden. – Und hatten jetzt den ersten Faden, wollten aber nachwarten, brauchten mehrere, um hinter das Gespinst zu kommen. Und verfolgten den Faden weiter, und fanden Mittel, einen zweiten zu finden, und war dies ein zweiter Kramladen, den der Syndikus an der Cote gelée halten ließ, und fanden da Ballen und Güter, die aus der Niederlage unseres Kommissionärs und aus einer der Manchesterfabriken waren, aus der nur er Waren bezog. – Und hatten somit einen zweiten Faden. Und fanden den dritten Faden, fanden, daß der gestohlene Neger in die Pflanzung des Syndikus gebracht und von da in eine Zuckerpflanzung verkauft worden. Und hatten so der Fäden genug. Und nachdem wir sonach alle diese Fäden in Händen hatten, war es Zeit, zu handeln, und handelten wir, und das rasch und entschlossen. Brachen auf, holten den Syndikus und seinen Neffen, und seinen zweiten Ladenhalter, und brachten sie in das Blockhaus Asas und examinierten sie da. Leugneten eine lange Zeit, waren aber die Fäden in unseren Händen. Und bekannten endlich der Syndikus und der Neffe und sein zweiter Ladenhalter, und bekannten und baten um aller Heiligen willen und versprachen, den Neger wieder herzuschaffen, und die Warengüter, und alles und alles. Und gab der Syndikus Vollmacht und ging sein Neffe mit uns, die Waren auszuliefern, und holten wir die Güter ab und zogen auch den Neger aus dem Moor. War entlaufen der Neger konnte es nicht mehr aushalten in der Zuckerpflanzung, der Neger behandelten ihn ärger als ein Stück Vieh den Neger, und war entlaufen und schier erstickt in dem Sumpf, und schier verhungert, hatte sich vom Point-Coupé herübergeschleppt. Und waren wir sonach im Besitz des Negers und der Güter, bis auf die, die bereits verkauft waren, und beschlossen, sonach zu handeln, wollten aber warten, fehlte uns noch jemand. Und während wir so warteten, fingen wir glücklich den farbigen Patron mit seinen Bootsknechten und den Akadiern und Kanadiern, die Hand geliehen, und hatten wir sonach die ganze Sippschaft beisammen. – Ihr kennt die Mittel und Wege, die wir eingeschlagen, um die ganze Brut in unsere Hände zu bekommen. Ist nicht nötig, sie nochmals zu wiederholen. Will aber sagen: Hatten einige von Euch die Meinung, wir sollten nach Squatters-Gesetz mit dem Syndikus und dem Huissier verfahren, so wie mit dem Patron und den Bootsknechten; sind aber kraft der uns von Euch übertragenen Gewalt unserer eigenen Ansicht gefolgt und wollen Euch sagen, warum. Hatten zwar den Syndikus in unserer Gewalt, und würde keine Macht auf Erden uns verhindert haben, ihm die Züchtigung widerfahren zu lassen, die ihm als Urheber der Schandtaten auch gebührte, haben aber kalkuliert, daß es uns nicht anstehe, die Regierung eines Landes in einem ihrer Instrumente zu beschimpfen, und durch diese das Land, und das ganze Volk zugleich, und daß es klüger getan sei, auf Rechtsgrund stehenzubleiben, um so mehr, da uns die Regierung nicht beleidigt. Haben daher«, sprach Nathan langsam und feierlich, »in Anbetracht des Prinzips, unser Recht und Eigentum zu wahren, und auch das persönliche Recht anderer nicht zu verletzen, beschlossen und getan: Haben den Patron, die Bootsleute, die Kanadier, die sich persönlich an unserm Eigentum vergriffen, auch persönlich gezüchtigt, haben sie, fünf Kanadier und drei Bootsleute und den Patron, körperlich gezüchtigt, sie geteert und befiedert und über unsere Grenzen also geteert und befiedert gebracht; haben das mit den Werkzeugen getan, sind aber mit dem Urheber anders verfahren. Haben uns drei Schriften aufsetzen lassen, in denen der Syndikus und sein Neffe und Ladenhalter ihre Untaten bekannten und die Waren als gestohlenes Gut erklärten und den Neger. Haben eine zweite Schrift aufsetzen lassen, in der uns Schadenersatz geleistet wird für die Verluste und die unterschlagenen Güter, und die Waren, die in der Zwischenzeit verkauft worden, haben diesen Schadenersatz in gültigen Wechseln an unsern Kommissionär ... Haben endlich, und dies ist die Hauptsache, eine dritte Schrift aufsetzen lassen, durch die der Syndikus nicht nur sein Botenschiff und seinen Kramladen, sondern seine Schenkung aufgibt, und diese Schenkung mit der Zession uns übermacht, auf daß der Betrag, der durch die Versteigerung gelöst wird, als Schadenersatz für die Versäumnis an Zeit und Arbeit unter die Geschädigten verteilt werde. Waren einige von Euch der Meinung, daß dem Syndikus nach Squatter-Gesetz geschehen solle. War aber dies nicht nötig, Mitbürger! So wenig nötig, als es nötig ist, den Bären mit einer Kanone zu erschießen, wenn eine Riflekugel ihn ebenso sicher in unsere Hände bringt, und seinen Balg dazu. War uns nicht nur um den Tod des Bären, sondern auch um das Fleisch und den Balg zu tun, und haben wir den Balg und das Fleisch, und nicht nur den Balg und das Fleisch, sondern haben auch das ganze Gezücht in unsere Gewalt bekommen, haben den Patron und seine Sippschaft, die Akadier und Kanadier, ausgepeitscht, und wird ihnen die Lust vergehen für alle Tage ihres Lebens, Fuß zu setzen auf unsere Niederlassung. Haben die Niederlassung gesäubert von dem Gesindel, haben das Land in unsern Besitz gebracht und, kalkuliere, haben so alles erreicht, was nur immer Konstablers, Sheriffs, Richter, und wie der ganze Train heißt, hätten erreichen können. Und legen Euch unser Tun nun vor, auf daß Ihr entscheiden möget, ob wir gehandelt, wie wir sollten, nach Pflicht und Gewissen, und die uns von Euch übertragene Gewalt nicht verletzt.« Es entstand eine lange Pause, während welcher sich ein dumpfes Gemurmel erhob, das stärker und stärker wurde. »Habe die Notion«, hob endlich ein alter Hinterwäldler an, »seid nicht über Eure Vollmachten gegangen, sondern innerhalb der angewiesenen Grenzen geblieben, habt als tüchtige Regläters gehandelt.« »Mitbürger!«, nahm der Major Gale das Wort, »kann nicht umhin, Euch Glück zu wünschen zu der Art und Weise und Klugheit und Mäßigung, mit der Eure Regletärs sich benommen bei ihrer schwierigen Aufgabe. Euer Eigentum zu schützen, ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten.« »Ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten«, brummte einer der jüngeren Squatters, mürrisch und wie erstaunt. »Ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten?«, wiederholten mehrere der ihn Umstehenden. »Ei, ohne einer fremden Regierung zu nahe zu treten«, bekräftigte der Major mit Nachdruck. »Das ist meine Ansicht, Mitbürger! Und habt Ihr mich früher mißverstanden, so sollte es mir leid tun; bin aber nicht der Mann, der seine eigenen Worte zu verschlucken gewohnt ist, obwohl Ihr wieder am besten zu beurteilen wissen werdet, ob Eure öffentlichen Diener ihren Vollmachten treu geblieben, oder sie übertreten haben. Sage Euch aber, hat Euch nicht beleidigt die Regierung, und wäre es von Euch gefehlt, sie zu beleidigen. Sag' Euch dies, kann nicht mehr sagen.« Es entstand ein Gemurmel, aus dem nur einzelne Worte an unsere Ohren drangen, die aber, weit entfernt, schmeichelhaft für den Major zu lauten, ihn einer gewissen diplomatischen Verdrehung zu beschuldigen schienen. »Kalkuliere nichtsdestoweniger, Major, Ihr seid der Mann, Eure eigenen Worte zu verschlucken, wenn das Gedächtnis von zwanzig Männern treu ist, und unsere Ohren uns gestern nachmittag keine Possen gespielt haben. Waret gestern ganz anderer Ansicht.« Nathan schaute verwundert den Sprecher wider den Major an, der sich verfärbte; einer der älteren Lederwämser nahm jetzt das Wort: »Kalkuliere, lassen das alles, und sind zufrieden, daß die schmutzige Geschichte so abgelaufen, haben alle Ursache, zufrieden zu sein, und werden alle, die ein ruhiges Leben dem ewigen Umhertrollen vorziehen, mir beistimmen, wenn ich sage: Mister Strong und Nolins haben getan wie wahre Regläters. Verstehe auch etwas vom Regläterwesen, ich, der ich nun die siebenundzwanzig Jahre im Busch hause. Verstehe etwas, und sage nicht, daß der Syndikus nicht geteert und befiedert werden konnte, sage aber, wäre so unnütz, grausam, schmutzig gewesen, als schier Indianern schlecht angestanden. Sage es Euch, wären über die Indianer gewesen, hätten wir dem Syndikus so mitgespielt, und uns für nichts und wieder nichts die ganze spanische und französische Sippschaft an den Hals gebracht.« »Bin derselben Meinung«, fiel ein zweites altes Lederwams ein, dem ein drittes und viertes und endlich die Mehrzahl folgte, aber so zaudernd bedächtig kam die Beistimmung aus den Kehlen der Hinterwäldler, sie schlugen wie im Sturm fallende Regentropfen an die Ohren. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, bis sich die Mehrzahl der Squatters billigend ausgesprochen hatte. Nathan schien während dieses Zwischenaktes auf glühenden Kohlen zu stehen, seine Muskeln zuckten, seine Lippen preßten sich zusammen – sein ganzes Wesen drückte peinliche Spannung aus. Die Mehrzahl hatte sich endlich zugunsten des Verfahrens der beiden Regläter ausgesprochen, und der alte Squatter nahm abermals das Wort. »Hat die starke Mehrzahl entschieden, Männer! Die starke Mehrzahl, und tue ich den Vorschlag, Mister Nathan Strong und George Nolins den öffentlichen Dank auszusprechen, in Anbetracht der Klugheit, der Mäßigung und Festigkeit, mit der sie diese schmutzige Geschichte zu glücklichem Ausgang gebracht, und die Ehre der Bürger und ihr Eigentum geschützt.« Wieder trat eine gewichtige Pause ein, und dann stimmten die Squatters zu, aber in einem Ton, dem man die Ueberwindung ansah, die es ihnen kostete. Nathan war wie im Traum gestanden. Jetzt aber schien die schmerzhafte Spannung von seinen Zügen weichen zu wollen. »Danken Euch, Mitbürger!«, sprach er langsam: »danken Euch für die Anerkennung unserer schwachen Dienste, die aber, bürge Euch dafür, kein Honiglecken waren. Danken Euch nichtsdestoweniger, obwohl Euer Dank weniger unumwunden sich ausgesprochen, als wir erwartet hatten. War unser Wunsch, Eure Zufriedenheit zu erlangen, haben alles in unseren Kräften zu tun kalkuliert, aber ...« Er fuhr mit der Hand über die Stirn und hielt sinnend inne. »Pshaw! Ist wohl nun Zeit, das Geschäft mit den Fremdlingen abzutun.« Jetzt fielen die Blicke der Squatters auf uns, mehrere, die vor uns gestanden, traten zu beiden Seiten zurück, so daß uns Nathan und sein Mitregulator zu Gesicht bekamen. »Fremdlinge!«, hob er an, »ist an der Zeit, zu Eurem Geschäft überzugehen und Euch nicht länger in Spannung zu lassen. Ist ein beengendes, pressendes Ding, so eine Spannung.« Er fuhr abermals über die Stirn. »Wollte lieber mit fünfundachtzig Musketieren – als – besonders – wenn man kalkuliert, alles getan zu haben ...« Des Mannes abgebrochenen Sätze verrieten den nachhaltenden Schmerz. Wir sahen ihn teilnehmend an. »Wollt Ihr uns wohl sagen, welcher von Euch der Mann ist, Comte de Vignerolles genannt?« »Das ist mein Stand und Name«, sagte ich. »Ihr seid also ein französischer Graf?« »Der bin ich.« »Und auch Oberster?« »Im Regiment, Monsieurs, des Bruders Seiner Majestät.« »Haben aber Eure Majestät um einen Kopf kürzer gemacht!«, riefen zehn junge Squatters. Nathan fiel streng ein: »Sind in einem freien Lande, Männer! Ist unser Land ein Asyl, wo jeder, kalkuliere ich, seine Meinung und Neigungen bekennen kann; ist uns der Franzose deshalb nicht weniger wert, weil er seinem König treu anhängt. Ist sein König unser treuester Alliierter gewesen, und soll er keine Anhänglichkeit frei aussprechen können. Hoffe, wird keiner unter uns die Selbstachtung so sehr außer Augen setzen.« Diese Worte waren mit einer Würde gesprochen, einem Ton gesprochen, so vorwurfsvoll und zugleich gebietend, daß er die zehn Squatters zum gänzlichen Schweigen brachte. Er fuhr fort: »Seid angekommen in ...?« »New Orleans, vor beiläufig zwei Monaten, eine Schenkung in Besitz zu nehmen« »Weiter, Oberst!« fuhr Nathan ermunternd fort; »weiter, Oberst Vignerolles! Scheut Euch nicht, Eure Geschichte, insofern sie Eure Reiseabenteuer in diesem Lande betrifft, zu erzählen. Seid ein Waffengefährte Lafayettes und Rochambeaus, und habt nichts von uns zu befürchten.« »Gingen« fuhr ich fort, »am Tage nach unserer Ankunft von New Orleans ab, in einem Boot, das einen gewissen Balot zum Patron hatte.« Nathan nickte. »Wißt Ihr etwas von diesem Balot?«, fragte ich. »Wißt Ihr von diesem Balot?«, schrien Hauterouge und Lacalle und Lassalle und Amadee hinterdrein »Wißt Ihr von dem Bösewicht?« »Still, Fremdlinge! Unterbrecht nicht den Bericht des Obersten, werdet bald hören, was wir wissen und wissen wollen. Ihr fuhret also mit Balot?« »Fuhren mit ihm den Mississippi hinauf, wo der Bösewicht Veranlassung zu dem Umschlagen eines Kahnes gab, das drei Menschen das Leben kostete.« »Drei Menschen das Leben kostete?«, riefen wieder mehrere Squatters. »Wie? Was? Laßt hören. Wie war das?« »War auf dem Mississippi. Männer! Geht uns nichts an«, fiel Nathan trocken ein. »Geht den Spanier an, nicht uns; könnt es Euch später erzählen lassen, wenn der Oberst so gut sein will, es zu tun.« »Fuhren in das Plaquemine-Fließ ein«, berichtete ich weiter, »wo der Bösewicht an einen Baumstamm anrannte und uns sitzen ließ und sich mit seiner Bande und einem Ballen unserer Güter davonmachte.« Die Squatters sahen einander an und lächelten. »Mit einem Ballen Eurer Warengüter? Hatte wohl eine Adresse, dieser Ballen? Und wißt vielleicht, was er enthielt?« »Hatte meine Adresse und enthielt Nankings, Musseline, Leinen und einige Seiden- und Kamelotstoffe.« »Richtig«, bejahte Nathan. »Männer!«, wandte er sich an die Squatters, »kann kein Zweifel mehr obwalten, daß dieser Fremdling der rechtmäßige Besitzer des Güterballens ist. Hat jedoch einer von Euch Einrede dagegen zu tun, so tue er es, und zeige Ursache und Grund, warum der Güterballen nicht ausgeliefert werde.« Keiner regte sich. »Fremdling, oder vielmehr Oberst Vignerolles!«, hob Nathan wieder an. »Da Ihr Euer Eigentumsrecht erwiesen, so setze ich Euch hiermit in Besitz Eures Eigentums.« Mit diesen Worten deutete er auf einen mit Stroh bedeckten Ballen, auf dem einer der Squatters Platz genommen, und den wir nun als den meinigen erkannten. »Nehmt Euer Eigentum«, fuhr Nathan zu mir, dem nicht wenig Ueberraschten, sich wendend, fort, »und seid künftighin vorsichtiger, ehe Ihr Euch fremden Leuten auf einer Mississippi-Fahrt anvertraut; hat mancher da sein unbezahltes und ungerächtes Grab gefunden, unter solchen Händen, wie die waren, die Euch gerudert. Seid künftig vorsichtiger in solchen Fällen, und auch vorsichtiger, ehe Ihr ein Urteil fällt über Hinterwäldler. Habt hart geurteilt, weil wir diesen Balot gezüchtigt.« »Wie, also Balot war es, den Ihr heute geteert und befiedert?«, rief ich, mehr und mehr überrascht. »Ei, Balot war es, den wir gezüchtigt und geteert und befiedert, und also gezüchtigt, geteert und befiedert über unsere Grenze gebracht, nach alter Squatterweise. Hat Euch nicht gefallen, unsere Squatterweise, sah es; haben aber weder Courthaus, Perücken oder Richterstuhl, ohne die der Brite nun mal nichts tun kann. Seht, daß wir Gerechtigkeit gepflegt, ohne Sheriffs, Konstablers und Galgen, und brauchen nicht einmal dem Advokaten Gebühren zu bezahlen. Hätten ihn oben aufgeknüpft, den Bösewicht, haben ihm bloß neununddreißig aufgemessen, vielleicht ein Dutzend darüber, mag sein, haben es nicht so genau genommen; aber Teer und Federn werden ihm die Haut schon wieder heilen.« Von allem diesem verstanden Hautrouge und Lacalle, wie man leicht erachten kann, wenig oder nichts. Alle ihre Gedanken waren nur auf Balot gelichtet. »Was mit Balot? Was gibt es? Was war das?«, fragten beide ungestüm. Wir erklärten ihnen mit wenigen Worten, was am Morgen vorgefallen. »Also Ihr habt Balot gezüchtigt?«, riefen sie, im Jubel befriedigter Rache. »Ei, so haben wir, wild noch nach Jahren an Asas Niederlassung denken, kalkulieren wir.« Das Frohlocken unserer beiden Freunde wurde so ungestüm – sie rissen uns zu dem Tor hinaus und stürmten auf uns ein, um nur so schnell als möglich den ganzen Vorgang mit Balot zu hören. Wir mußten alles erzählen und hatten dadurch in dem Augenblick ganz den Weitergang der Gemeindeversammlung vergessen; Lecain, der mit seiner Ehehälfte an uns herangestiegen und getrippelt kam, schaute und starrte – die beiden mochten schöne Dinge von uns denken. » Mon Dieu! O ciel! O, mon colonel! Quel plaisir! «, so cielten und quelplaisierten sie wohl mehrere Minuten fort, bevor wir wußten, was sie wollten. »Wer, Teufel, sind diese Originale?«, fragten Hauterouge und Lacalle. » Bon Dieu! O ciel! Herr Graf!«, brachen sie endlich beide auf einmal los – »die Schenkung! Die Schenkung! Sie kommt in die Hände der Squatter, bieten Sie auf die Schenkung.« »Auf die Schenkung bieten! Was fällt Euch ein, Alter?« »Auf die Schenkung bieten! Squatter werden!«, lachte Hauterouge. »Dreihundertfünfzig!«, rief jetzt eine starke Stimme in der Niederlage, von einem Hamerschlag begleitet. »Dreihundertfünfzig!«, wiederholte der Ausrufer, »für eintausend Acker des besten, schönsten Landes in den Attacapas und Opelousas, vom Cocrodille bewässert – eine Wasserkraft, die das ganze Jahr zehn Mühlen treiben kann – mit dem Atchafalaya, und so mit dem Mississippi zu jeder Jahreszeit in Verbindung – das schönste Zuckerland mit einem zweistöckigen Haus und einem Store« »Dreihundertfünfzig und ein Dollar!«, rief ein Squatter. »Dreihundertfünfzig und ein sind geboten«, fiel der Ausrufer ein. – »Dreihundertfünfzig und ein Dollar für das schönste Zuckerland!« Mir kam jetzt der Gedanke in den Sinn, dieses Land zu ersteigern – so plötzlich, so unwiderstehlich – der Entschluß stand auf einmal fest. Ich sprang zu dem Tor vor und rief in die Versammlung hinein: »Vierhundert!« »Oberst! Was fällt dir ein?«, schrien Hauterouge und Lassalle. Die Squatters schauten, starrten! Nathan streckte sich vor, wie einer, der seinen eigenen Ohren nicht traut. Aber das Wort war heraus. »Vierhundertundzehn Dollar!«, schrie Major Gale. »Fünfhundert!«, sagte ich. »Fünfhundert!« rief mir der Ausrufer nach. »Fünfhundert vom französischen Obersten geboten – kommt der Acker nicht höher als einen halben Dollar, ist unter Brüdern zweihundert wert. – Fünfhundert sind geboten, fünfhundert das erste Mal!« »Fünfhundertundfünfzig!«, schrie der Major. »Tausend!«, fiel ich ein. Die Tausend wirkten wie ein Donnerschlag auf die Squatters – Nathan stierte uns an –, sein Hals verlängerte sich, aber es schien nicht Unwille, was sich in seinen Zügen malte – im Gegenteil, etwas wie Zufriedenheit schien in ihm aufzudämmern. »Tausend sind geboten!«, schrie der Ausrufer. »Wer gibt mehr? Das schönste Land im ganzen Westen, frei vom Fieber, mit einer laufenden Quelle, das schönste Bauholz keine zehn Meilen davon, Magnolien-Land, herrlicher Boden – Verbindung mit New Orleans.« Keine Antwort. – Die Tausend hatten alle eingeschüchtert. »Tausend das zweite Mal. – Prachtvolles Land. Keiner mehr? Tausend das ... Keiner mehr? Herrliches Land, immerwährende Wasserverbindung, ist unter Brüdern zehntausend wert. – Tausend – das dritte M... Tausend das dritte – das dritte M... das dritte Mal. Der französische Oberst, den Gott verdammen möge ...«, murmelte der Ausrufer, »ist«, rief er laut, »Besitzer des Landes, vorausgesetzt, daß er seine Zahlungsfähigkeit erweisen kann.« »Ist kein Zweifel wegen Zahlungsfähigkeit«, fiel Lecain ein, der sich nunmehr vorschob: »kein Zweifel, Gentlemen! – Bekommt einen Herrn zum Nachbar, den der Gouverneur und der Leutnant-Gouverneur mit eigenem Handschreiben beehrt, und der – ein großer Seigneur ist, ein Mylord, wie Ihr sagt, und der ...« Er zuckte und stockte, der gute Lecain, in seiner Suade; denn die finsteren Gesichter der einen und ein spöttisch verachtungsvolles Lächeln der andern belehrten den guten Mann, daß seine Ueberredungsgabe einen üblen Eindruck hervorgebracht. Sie wandten ihm und uns, ohne ein Wort zu erwidern, den Rücken. – »Vergebung, Männer!«, fiel ich ein, denn ich sah die dringende Notwendigkeit, den üblen Eindruck, den des alten Kriegskameraden Aeußerung hervorgebracht, zu beseitigen, – »Vergebung, Männer! – Aber ich hoffe, wir werden miteinander zufrieden sein, und ich gratuliere mir, so solide Männer, die nach Prinzipien handeln, zu Nachbarn zu bekommen.« »Wünsche es, hoffe es, Oberst« versetzte Nathan trocken, »und wird für Euch gut sein, so Ihr ein guter Nachbar seid – und schlimm, nehmt mein Wort darauf so Ihr ein schlimmer seid. Stehen bei unserm Recht, und bleiben dabei stehen und daß wir dabei stehenbleiben, seht Ihr aus dem, daß wir Euch gleiches Recht geben – und nicht mehr noch weniger. Wird wohl für Euch sein, so Ihr Euch nicht mehr herausnehmt. – Lieber wäre es uns freilich gewesen, Ihr schlüget Eure Hütte um ein Haus weiter auf; dürfte besser für uns und Euch sein, Ihr tätet das; aber sollt Euer Recht haben, wenn Ihr darauf besteht, und kein Jota mehr, und wird Euch Euer Gouverneur und Leutnant-Gouverneur zu keinem Jota mehr verhelfen, verlaßt Euch darauf« Und mit diesen Worten wandte er sich von uns, die wir eilig genug ins Freie retirierten. 8. Hauterouge und Lacalle brachen in ein schallendes Gelächter aus, als wir wieder draußen vor dem Hause waren. »Eine Abfertigung – so bündig, so deutlich, der Mann ist zum Herrscher geboren!« schrie lachend Hauterouge. »In der Tat, polierte liebe Leute!«, fiel Lacalle ein. »Herrliche Aussichten zu einer angenehmen Nachbarschaft, Vignerolles!«, hob wieder Hauterouge an. »Und zur Abwechslung das Vergnügen des Teerens und Befiederns«, fügte Lassalle bei. »Und neununddreißig, und damit holla! – Ich ...!« Und alle lachten wir wieder aus vollem Halse«. Unterdessen, trotz des Mitlachens, ärgerte mich die schier zu unverblümte Geradheit des neuen hinterwäldlerischen Solons, und das um so mehr, als ich zu meinen Freunden in Ausdrücken über ihn gesprochen, die ihnen, und besonders Lacalle, ein wenig exzentrisch klangen und mit meiner noch vor wenigen Stunden so unverhohlen geäußerten Antipathie stark kontrastierten, aber die Debatten der Gemeindeversammlung und die Festigkeit, mit der er seine Grundsätze gegen die schwierigen Squatters gerechtfertigt, hatten mir die Größe seines Geistes in so schimmernden Farben vor die Augen gerückt. Nur schien es mir jetzt auch wieder an der Zeit, ein wenig mehr Ernst zu zeigen, und die einigermaßen klägliche Rolle, die mir gegenüber dem Eisenkopf gespielt und noch spielten, mehr imponierend werden zu lassen. Ein festes Auftreten konnte und mußte Nathan und den Seinigen zeigen, daß wir nicht die Leute waren, die sich als Bagatellen in ihrem eigenen Lande behandeln ließen. Zu dieser Sprache forderte uns zudem das Interesse, die Ehre dieses unseres Landes auf. Bereits in den Attacapas hatten wir von den mannigfaltigen Versuchen der amerikanischen Regierung vernommen in Louisiana festen Fuß zu fassen; von geheimen Agenten, die das Land und die westlich gelegenen spanischen Provinzen in allen Richtungen durchkreuzten. Mehrere dieser Agenten, darunter ein gewisser Ingenieur Stille, waren namentlich bezeichnet; es hatten Expeditionen, den Missouri, den Redriver hinauf, stattgefunden. Mir schien es keinem Zweifel unterworfen daß auch der Major Gale eines dieser geheimen Werkzeuge sei, dazu bestimmt, die verschiedenen Niederlassungen der eingeschlichenen Amerikaner nach den Plänen seiner Regierung zu lenken. Daß hier Klugheit und Wachsamkeit mit der nötigen Festigkeit und militärischen Kenntnis verbunden, und von dem Gouvernement unterstützt, vieles verhindern könne, war keinem Zweifel unterworfen. Ich rief meinen Freunden die Aeußerungen der Squatters ins Gedächtnis zurück, die mich zum Teil auch bewogen, an der Versteigerung teilzunehmen. Sie erkannten die Gefahr und stimmten meiner Ansicht bei. Wir kamen überein, die Niederlassung sogleich zu verlassen, nach Hause, von da nach der Hauptstadt zu eilen, wo ich mit dem Gouverneur sprechen und dann weitere Maßregeln nehmen wollte. Mit diesem Entschluß kehrten wir in das Blockhaus Nathans zurück. Unsere Pferde waren während der Gemeindeversammlung von Joe eingebracht und eingestellt worden, wir befahlen Amadee, sie füttern zu lassen während wir uns aus unserem Squatteranzug austun und Vorkehrungen zu unserer Abreise treffen wollten. – In einer Stunde waren wir zum Aufbruch gerüstet. Ich hatte zwei Stück Merinos, zu Sommeranzügen für mich bestimmt, aus dem Ballen genommen, um sie den Misses Elisabeth und Mary als Entschädigung für die Pettikoats zu präsentieren. Als wir den Vorbau betraten, der zur Stube fühlte, kamen uns Nathan und der Major Gale aus der Gemeindeversammlung entgegen. Der Alte schien uns nicht zu bemerken, allein der Major hatte uns kaum erblickt, als er mit einer Zuvorkommenheit auf uns zueilte, die gegen sein früheres steifstarres Wesen sehr abstach. Er trat mit einer leichten Verbeugung auf uns zu und gab uns sein Vergnügen zu erkennen, die Bekanntschaft so ausgezeichneter Offiziere machen zu können. Wir erwiderten natürlich das Kompliment, obgleich nicht mit unserer gewöhnlichen Wärme. Er schien dieses zu bemerken und fuhr fort, zu bedauern, daß er uns nicht sogleich bei unserm ersten Zusammentreffen ans unserm Inkognito herausgefunden und so einem gewissen Mißtrauen Raum gegeben habe, das aber natürlich sei in einem Lande, wo kein Bartscherer, kein Krämer aus dem schönen Frankreich ankomme, ohne da ein paar Hofchargen oder Grafschaften zurückgelassen zu haben. Hauterouge versetzte trocken, das Inkognitospielen sei nun einmal zur Mode geworden, einige gäben sich für mehr aus, als sie wären, andere für weniger. Der Major wandte sich befremdet, und ich, um der Unterhaltung, die ernst zu werden und zu unangenehmen Erörterungen zu führen drohte eine andere Wendung zu geben, bedauerte, daß wir nicht langer die Ehre seiner Gegenwart haben könnten, indem wir abzureisen im Begriff ständen. Dann wandte ich mich an Nathan, dem ich eröffnete, daß es nun an der Zeit sei, ihm für die genossene Gastfreundschaft zu danken und uns wieder auf den Heimweg zu machen. »Seid willkommen zum Bleiben, wenn Ihr aber gehen wollt, können wir Euch nicht aufhalten«, versetzte Nathan. »Die Art und Weise, wie Ihr Euch gegen uns und überhaupt benommen«, fuhr ich in einem etwas höheren Ton fort, »verdient unsere volle Anerkennung und zeugt von einem Charakter, der fest auf seinem Grundsatz beharrt. Fahrt fort auf diesem Wege, und wenn, wie ich erwarte, mir uns wiedersehen, so hoffe ich, unser Zusammentreffen wird ebenso freundlich sein.« »Hoffe es gleichfalls«, entgegnete Nathan gelassen; »hoffe es, obwohl, aufrichtig gesagt, ich die Notion habe, hättet besser getan, Euch ein Haus weiter zu machen; haben aber den Grundsatz angenommen, und soll der Grundsatz, obwohl er für uns unangenehme Folgen haben kann, Euch zum besten kommen.« »Wie versteht Ihr dies?«, fragte ich, der ich des Alten Meinung wohl begriff, aber ihn sich deutlicher aussprechen lassen wollte. »Habt uns da mit Eurem Kauf einen kleinen Streich gespielt – einen kleinen Franzosenstreich –, seid aber in Eurem Recht, habt so gut das Recht, zu ersteigern, als einer von uns, obwohl ich nicht recht weiß, wo es hinaus will.« »Kalkuliere so«, versetzte ich ironisch. »Wollte eben wegen dieses Kaufes noch mit Euch reden, wollte Euch fragen, ob Ihr den Güterballen, der tausend Limes im Fabrikpreis kostet, hier aber fünftausend wert ist, einstweilen als Bürgschaft annehmt?« »Mögt einen Wechsel ausstellen und den Ballen für den Fall als Einsatz lassen, daß Euer Wechsel nicht akzeptiert wird«, versetzte Nathan trocken. »So sei es, will Euch einen Wechsel auf Euren Kommissionär ausstellen und hoffe, wenn ich zurückkomme, das Geld in Euren Händen und in Euch einen guten Nachbarn zu finden.« »Das wird auf Euch ankommen, obwohl die Nachbarschaft mit Euren Landsleuten uns bisher nicht die erfreulichste war. Seid aber in Eurem Recht, und soll Euch verbleiben, Euer Recht, werden aber auch darauf sehen, daß wir in unserm bleiben. Sind einen Aufhetzer und Zwischenträger los geworden, hoffe nicht ...« Nathan hielt inne. »Hoffe nicht«, ergänzte ich, »daß ein ärgerer dafür eingekehrt. Nicht wahr, Nathan?« Nathan sah mich mit einem Blick an, der zwar nicht beistimmte, aber zweifelhaft schien. Hauterouge und Lacalle begannen ungeduldig zu werden. »Wollte das nicht sagen, Oberst!«, versetzte Nathan. »Wollte sagen: hoffe nicht, daß wir mit Euch ebenso fahren werden.« »Wollen aufrichtig sein, Mister Strong! Aufrichtig, wie es Männern wohl ansteht«, sprach ich, bemüht, so gut als ich es vermochte, seine Sprache wiederzugeben. »Seht hier Männer von Stand vor Euch. Männer, die bei dem bloßen Gedanken an das, was Euer Blick nun verriet, Euch, um mich eines Eurer Ausdrücke zu bedienen, die Sporen in die Flanken setzen würden. Habe meinem angeborenen Monarchen treu seit zehn Jahren gedient, aber nicht in der Rolle, auf die Ihr hingedeutet. Verbieten mein Stand und Rang eine solche Rolle, die dem Syndikus zusagen mochte, aber einem Kavalier und Obersten schwerlich je zugemutet werden dürfte – aber würde, gestehe aufrichtig, es noch für weit unloyaler halten, still zu schweigen wenn gewisse Pläne und Projekte in Anregung gebracht werden sollten, mit denen die Ohren loyaler Männer wenigstens in Louisiana, kalkuliere ich, verschont werden sollten.« »Welche Pläne und Projekte meint Ihr?«, fragte Nathan aufmerksam. »Ich sollte glauben, es wäre nicht nötig, Euch darauf hinzuweisen«, fiel Hauterouge heftig ein, »denn sie verraten sich in jedem Eurer Worte nur zu deutlich für loyale Ohren.« »Ah«!, versetzte Nathan lächelnd. »Verstehe jetzt, was Ihr meint.« Diese Worte waren an Hauterouge gerichtet; jetzt wandte er sich an den Major Gale und fuhr fort: »Stehe Euch dafür, sind bei alledem tüchtige Jungens, die nicht mehr darum geben würden, mit einem ganzen Regiment Dons anzubinden, als auf eine Bärenjagd zu gehen. Sage Euch, würden eine Tollheit begehen, wenn sie von dem oben auch nur das mindeste hoffen könnten. Kennen aber zum Glück den droben durch und durch, wissen, daß, wenn er die Sklavenstaaten alle nach Kap Horn hinabschieben könnte, er es lieber heute als morgen täte. Kennen seine Abneigung gegen die Vergrößerung des Gebietes unter Masons- und Dixons-Linie. Sage Euch, Major! Sage es Euch, könnte der alte Tory sich und seine Yankees von den Bürgern, die südlich von der Masons- und Dixons-Linie wohnen, mit einem einzigen starken Riß losreißen und an sein altes England anflicken, würde es tun, und würde darüber der größte Jubel sein.« Der Major stand mit verschränkten Armen, nicht ja und nicht nein sagend, in Gedanken versunken; wie mit zorngeröteten Wangen über die beispiellose Frechheit des Alten, der, was wir anzudeuten Anstand nahmen, uns nun in einer unverblümten Nacktheit ins Gesicht zu sagen wagte. Mit Mühe vermochte ich Hauterouge von einem Ausbruch zurückzuhalten, der uns in neue Verdrießlichkeiten bringen mußte. »Aber wißt Ihr, Mister Strong«, versetzte ich in strafendem Ton, »daß eine solche Sprache unziemlich, ja Aufruhr predigend ist, und daß sie Euch in Gefahr, ja, in die mexikanischen Bergwerke bringen kann!« »Redet, wie ein Franzose reden kann und darf, Oberst, und nehme es Euch deshalb nicht übel. Seid kein Bürger, seid ein Franzose, der es nicht besser versteht, eingemauert, wie er ist, in die Bastille seiner Vorurteile und engen Begriffe.« »Mister Strong!«, versetzte ich heftiger. »Ich muß Euch bemerken, daß diese Sprache, die Ihr hier führt, ungeziemend für das Land ist, das Euch duldet, und daß mir als Lehnsmänner Seiner katholischen Majestät sie nicht anhören dürfen, und Euch als Männer, die Euch einige Verbindlichkeit für genossene Gastfreundschaft schuldig sind, raten, eine andere zu führen.« »Genug, Fremdling!«, sprach Nathan mit einer stolzen Bewegung. »Genug! Müßt Euch wieder nicht übernehmen. Seid Franzosen, die allezeit an der Stange geführt werden müssen, wenn sie nicht Kapers machen sollen. Müßt Euch wieder nicht übernehmen, Oberst! Lassen Euch Eure Meinung sagen, weil wir die Herren auf unserm Grund und Boden sind, müßt aber deshalb nicht kalkulieren, daß Ihr die Herren seid. Nun, lassen Euch freies Feld bei uns, weil es nichts schaden kann, und Ihr schwerlich je einen Konvertiten zu Eurer Meinung machen werdet – aber versteht mich recht. Wir sind nicht die Männer, die vom Spanier oder irgendeinem Potentaten Gunst brauchen oder ansuchen oder angesucht haben. Stehen auf eigenen Füßen in eigenen Schuhen, wissen das Euer Gouverneur und Eure Regenten, und will Euch jetzt etwas sagen, allen vier, und merkt es Euch, kann Euch vielleicht ein neues Licht anzünden. – Seid Offiziere in der königlichen Armee gewesen, und Hofleute, und Barone, und Grafen – sehe aber, müßt noch vieles lernen, ehe Ihr ausgelernt habt. Sehe, seid Franzosen, und haltet uns für Republikaner, so wie Ihr sie in Eurem Lande habt, die, statt sich selbst zu regieren, sich vom ersten besten Gassentyrannen am Gängelband herumführen lassen; Tollköpfe, die, wenn ihnen ein solcher Ohnehosen ein Wort sagt, den Feuerbrand in das Haus des Nachbars schleudern, und dann wie böse Buben sich über das Unheil freuen, und rauben und plündern. – Haltet uns für ähnlichen Stoff, kalkuliere so, für Rasende, die mit hundertundzwanzig Rifles ein ganzes Land zu erobern ausgehen. Sage Euch, das ist Tollheit, geradezu Tollheit, daran zu denken, ein Land gegen seinen Willen freizumachen, und einen in Müßiggang und Trägheit versunkenen Haufen von Sklaven und seine Treiber mit einem Schlage in Bürger, die sich selbst zu regieren imstande sind, umwandeln zu wollen. Ist das nicht unsere Absicht, ist unsere Absicht eine andere, will sie Euch sagen, und wird das, was wir tun und wollen, Louisiana sicherer den Staat gewinnen, und uns und Louisiana zu dem machen, wozu es Gott der Allmächtige bestimmt.« »Wenn Ihr darunter versteht, daß es Euch je gelingen werde, die Bevölkerung von Louisiana ihrem Beherrscher abwendig zu machen, dann strafe ich Eure Vorhersagung, der Vermessenheit und freventlichen Vertrauens auf das Wesen, das Ihr so ungeziemend mit Euren verruchten Plänen in Verbindung bringt«, sprach ich erzürnt. »Ruhig, Mann!«, versetzte Nathan kalt. »Ruhig! Wollen uns nicht ereifern, werdet Ihr, werden wir die Sache nicht anders machen, noch den Gang des Schicksals aufhalten. Will Euch aber sagen, ei, und eine Wette niederlegen und zwar alles, was ich wert bin – hier vor dem Major, und sollte gewonnen haben, wenn binnen zehn Jahren Louisiana nicht den Bürgern gehört.« Wir schüttelten unwillig die Köpfe, ließen aber den Alten fortfahren. »Glaubt Ihr, die Bürger oben, denen die dreizehn Staaten bereits zu enge sind, und die auf allen Seiten ausbrechen, über die Alleghanies, gegen die See hinauf, hinab gegen die spanischen Floridas, herab gegen Euer Louisiana, die schier jedes Jahr einen neuen Staat gründen und sich zu hunderttausenden in dem großen Mississippi-Tal niedergelassen haben, glaubt Ihr diese Bürger, die Kentuckier, Tennesseer, die Bewohner des nordwestlichen Gebietes werden lange ruhig sitzen bleiben und ihre Hände in den Schoß legen, wenn ihre Augen ein Land schauen, das ihr Herz erfreut, und das Zucker, Baumwolle und Reis und das herrlichste Virginiakraut im Ueberfluß erzeugt, statt Buchweizen und mageren Roggen?« »Die spanische Regierung wird ihre Rechte zu verteidigen wissen gegen Eingriffe, verlaßt Euch darauf.« »So lange sie es kann, ohne Zweifel«, fiel Nathan ein. »Wie lange sie es aber können wird, ist eine andere Frage, und noch eine andere, wie lange sie es wollen wird. Man verteidigt nicht gern in die Länge das, was uns keinen Nutzen bringt, und Louisiana ist nicht das Land, das dem Spanier Nutzen bringt. Im Gegenteil kostet Louisiana dem Spanier jedes Jahr blanke zweimalhunderttausend Dollar.« Hauterouge wurde feuerrot vor Zorn, kaum, daß wir ihn mehr von einem Ausfall gegen Nathan zurückhalten konnten, der ruhig lächelnd unsern hitzigen Freund vom Kopf bis zu den Füßen maß. »Ihr scheint die Finanzen des Landes genau zu kennen«, bemerkte ich, nicht wenig über die kalte Ruhe des Mannes empört. »Kalkuliere, kennen sie, und eben weil wir sie kennen, wissen wir uns in Geduld zu fassen. Warum uns übereilen, da Louisiana früher oder später unser werden muß?« Diese Sprache war wirklich empörend für Franzosen – kaum, daß ich meinen Zorn unterdrücken konnte. »Ihr sprecht sehr bestimmt, Mister Strong!« »So bestimmt wie einer, der die Sache versteht, nur reden kann«, versetzte Nathan, unbekümmert. Ich wußte ihm auf diese offene Kriegserklärung kein Wort zu erwidern, ja, ich mußte ihm im Herzen recht geben. »Mister Strong! Ohne mit Euch und Euern Gesinnungen rechten zu wollen, mache ich Euch nur darauf aufmerksam ...« Er unterbrach mich. »Laßt das, laßt das; weiß, was Ihr sagen wollt. Nicht Ihr, nicht ich werden den Gang des Schicksals hemmen, das Louisiana bestimmt ist von dem, der droben über den Steinen die Schicksale der Menschen sowie der Länder lenkt. – Und jetzt kommt, ist Mittagszeit und das Essen fertig, wartet die Alte auf uns.« »Mister Strong! Wir müssen scheiden; die Freunde, seht Ihr, warten ungeduldig.« »Wie Ihr wollt, dachte, Ihr wolltet Eure künftigen Nachbarn kennenlernen, und das Grundstück, das Ihr ersteigert. – Dachte, Ihr wolltet das, wäre vielleicht das beste, das Ihr tun könntet. – Seid freundlich willkommen zu bleiben; mögt aber tun, wie Ihr wollt, nur, kalkuliere ich, werdet lange auf eine zweite Einladung warten müssen.« »Ich bin von Eurer Freundschaft überzeugt, aber ...« Hauterouge und Lacalle standen abseits, heftig miteinander debattierend, um keinen Preis wollten sie bei dem alten Verruchten bleiben, um keinen Preis – das war der Refrain, der zu meinen Ohren drang. – Ich war in nicht geringer Verlegenheit. Ging ich, so stieß ich einen Mann vor den Kopf, der mir wichtig geworden, und dessen Rat und Beistand für das Gedeihen meiner Pläne unentbehrlich war; blieb ich, so verletzte ich bewährte Freunde. In dieser Verlegenheit kam Jean mit der Nachricht, daß unsere beiden Pferde von der Anstrengung des vorigen Tages so erschöpft wären, daß ans Nachhausereiten gar nicht zu denken sei. »Wohl!«, riefen Hauterouge und Lacalle, »so wollen wir zu einem Akadier; lieber in der schlechtesten Hütte, als einen Augenblick länger hier bleiben.« Ich widersprach. – Nathan, bemerkte ich, wäre von mir zu dem Meinungskampf herausgefordert worden, und wir hätten nicht das Recht, ihn wegen seiner ausgesprochenen Meinung zu verdammen. »Was!«, schrie Lacalle. – »Was, Oberst! Sie verteidigen die Grundsätze dieses Rebellen, dieses Barbaren?« Nathan, obwohl er zum Teil verstand, was wir debattierten, verzog Keine Miene; aber jetzt nahm der Major Gale das Wort. »Pardon, junger Mann! – Pardon! Wenn ich Euch in Eure Rede falle – aber die Meinung, die Mister Nathan ausgesprochen, ist die Meinung, zu der sich Millionen Bürger mit Stolz bekennen, und unter diesen Major Henry Gale.« »Und mit denen wir nichts zu tun haben, und die wir bekriegen und bekämpfen wollen«, fuhr Hauterouge heraus. »Das steht Euch frei, Messieurs. – Steht Euch frei, zu sagen, was Ihr gehört, in New Orleans, in den Attakapas, überall. Weiß Euer Gouvernement unsere Meinung, machen kein Geheimnis daraus.« Ich suchte zu vermitteln, aber mir fiel Nathan in die Rede: »Stille, Fremdlinge! Sage Euch, bin hier auf meinem Grund und Boden, und zwar so lange, bis mich eine stärkere Gewalt als die Eurige vertreibt. – Bin darauf, und spreche meine Meinung aus, vor Gott und vor der Welt und Eurem Gouvernement; mögt wieder sagen, was Ihr gehört und gesehen, und gehen, habe die Notion: Ihr seid nicht die Männer, mit denen ich lange verkehren wollte.« Lacalle schäumte vor Zorn. Ich hatte ihn nie so gesehen. Hauterouge am Arme fortreißend, schrie er: »Ich sehe, daß der alte Regläter die Aussicht hat, die Zahl seiner Schutzbefohlenen mit unserem Oberst zu vermehren!« Dies waren die letzten Worte; ohne auf unsere Vorstellungen zu achten, schwangen sich unsere hitzköpfigen Freunde auf ihre Pferde und galoppierten wie im Sturm davon (zu unserer »Schenkung«). Nathan war ganz ruhig stehengeblieben und hatte gelassen von Martin und den Akadiern Abschied genommen, die nun den beiden nacheilten. »Werden ihnen die Kopfe bald leichter werden, wenn sie bei den Akadiern einkehren«, lachte der Alte in sich hinein. »Ein einziges Nachtlager wird sie heilen. Sind – die Umwege mit in Anschlag gebracht – fünfundvierzig Meilen von Hause, werden sehen, was es heißt, die Gastfreundschaft eines Akadiers gegen die eines Hinterwäldlers zu vertauschen.« »Habt aber wohlgetan, zu bleiben«, wandte er sich an uns – »wohlgetan, seid willkommen – sehe an Eurem Entschluß daß Ihr ein Mann seid, der Welt gesehen. Liebe es, mit solchen Männern zu sein.« »Sie haben wohlgetan, zu bleiben. Oberst«, sprach Major Gale, unsere Hände ergreifend. »Sie werden sehen, was es heißt die Freundschaft eines Mannes wie Mister Strong gewonnen zu haben.« Im ganzen genommen, war ich froh, daß ich geblieben, und selbst, daß Hauterouge und Lacalle gegangen; denn die Attakapas waren mir zuwider, von ganzem Herzen zuwider, und das loyale Ungestüm Hauterouges würde ein ewiger Zankapfel geworden sein. Hier, das fühlte ich war der Schauplatz, wo meine Tätigkeit sich entwickeln konnte, obwohl ich gewünscht hätte, das Scheiden von unseren Freunden wäre auf eine für sie weniger verletzende Weise vor sich gegangen. 9. Nachmittags des folgenden Tages machten wir Besuche bei Nachbarn, und den Abend brachten wir bei Regulator Nolins zu. Den folgenden Tag wollten wir das ersteigerte Land und die Gebäulichkeiten besichtigen. Nathan, hatten wir gehofft, werde sich als Begleiter antragen; die Arbeiten waren jedoch so dringend, daß sich nicht daran denken ließ. Das einzige, was er tun konnte, war, uns seinen Sohn Joshua mitzugeben. Wir hatten im Sinne, von dem ersteigerten Land uns sogleich in die Attakapas zu begeben, dort unsere Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und die Uebersiedlung zu veranstalten. Nathan jedoch schüttelte den Kopf und meinte, wir würden wohl zu Mittag wieder zurück sein, doch möchten wir tun, wie wir es am besten fänden; sein Haus stehe uns immer offen, wenn wir auch ein Jahr blieben. Wir dankten ihm für sein Anerbieten und ritten gleich nach genossenem Frühstück mit Amadee und Jean ab. Der Major, dessen Begleitung uns sehr lieb gewesen wäre, war auf einer Tour durch die Niederlassung. Die Entfernung von der Pflanzung Nathans betrug zwölf Meilen. In einer Stunde und einer halben hatten wir Sorrels Pflanzung, wie sie genannt wurde, vor uns. Die Lage war entzückend. Eine Creek lief durch sie hin, etwa fünfzig Fuß breit, aber, was bei uns ein seltener Fall ist, flüssig das ganze Jahr hindurch. Sie kommt aus den Kieferwaldungen der oberen Opelousas. Das eine Ufer war etwa fünfzig Fuß höher als das andere und hatte schöne Gruppen von Immergrüneichen und Magnolien, das andere war undurchdringlicher Urwald von Peccans und Bohnenbäumen. Im Vordergrund, auf einer Lichtung, die etwa einen Acker betragen mochte, stand eine Hütte. »Aber wo ist das Haus?«, fragten wir Joshua. »Das ist es!«, sagte der Junge. »Das ist es? – Dieses – das zweistöckige Haus?« Uns wurde grün und blau vor Augen und trostlos im Herzen, und so wurde es Amadee und Jean. Zwanzig Fuß hohe Zypressenpfähle in die Erde eingerammelt, so ein Viereck bildend, dreißig Fuß lang und ebenso breit; diese palisadenartig in die Erde eingerammelten Zypressenpfähle, durch kleine Balken und Sparren verbunden, die Zwischenräume mit Lehm und spanischem Moos ausgefüllt, die Türen und Fenster gleichfalls aus diesen rohen, acht Fuß langen Schindeln, mit Querhölzern zusammengehalten, der Schornstein, vier lange Bretter, mit Lehm überworfen – das war das zweistöckige Haus. Kein eiserner Nagel, kein Schloß, Fenster oder Riegel am ganzen Bauwerk zu sehen. Wir lachten laut auf vor Aerger. Hätten wir das Land und alles zusammen in die Hand ballen und dem Versteigerer und seinen Hinterwäldler-Kumpanen an den Kopf werfen können, mit Lust hätten wir es getan. »Aber in dem Haus können wir doch nicht wohnen, Herr Graf?«, meinte Amadee. »Wohnen in dieser Bärenhöhle?«, lachte ich. »Der T....l mag da wohnen.« Noch vor zwei Stunden schien es uns so leicht, eine Pflanzung anzulegen, ein wahres Kinderspiel. Jetzt – ich stand wirr. – »Ich denke«, sprach der Junge, der uns kopfschüttelnd angesehen, »Ihr geht wieder heim mit mir, Vater wird wissen, was zu tun ist.« Abermals schauten wir einander an. Es war das klügste, was wir tun konnten. Wir taten es. Ohne Verzug ritten wir zurück. Viel weniger Zeit nahm es uns, heim- als herzukommen. Als wir vor Nathans Haus abstiegen, schaute er aus dem Tabaksfeld herauf: »Habe wohl kalkuliert, Ihr würdet bald wieder zurück sein – wußte, daß Euch das Ding so, wie es ist, nicht zweimal gefallen wird.« »Aber, um Himmels willen, Nathan! Das Ganze ist ja eine so furchtbare Wildnis, das Haus!« »Ja, für tausend Dollar müßt Ihr leicht erwarten, ein Schloß zu finden, und wer hat Euch geraten, tausend Dollar zu bieten? Solltet geschaut und gehört haben, wie weit andere gehen. Aber nichtsdestoweniger glorreiches Land!« »Glorreiches Land!«, versetzten wir. »Wollten, es wäre ...« »Glorreiches Land!«, bekräftigte Nathan, »und mögt Ihr da eine Pflanzung herstellen, die Euch in drei Jahren dreitausend Dollar abwirft.« »Das ist leichter gesagt, als getan.« »Habe die Notion« versetzte Nathan. »Kalkuliere aber nichtsdestoweniger, könnt, wenn Ihr die Sache recht anfangt, mit einem Kapital von zehntausend Dollar in zehn Jahren zehntausend Dollar jährliche Einkünfte erringen, und wenn Ihr so schlecht anfangt, in zwei Jahren einem Barbierladen irgendwo in New York oder Baltimore vorstehen – wie viele Eurer Landsleute.« Wir wußten das. Wir hatten solche trostlose Begegnungen in London mehrere gehabt. – Marquise, Viscounts, die in den Theatern für John Bull die Geige spielten – selbst einen, der ihm inkognito den Bart abnahm; das war es eben, was uns so gefügig gemacht, und noch macht. »Will Euch sagen, was, kalkuliere ich, sich tun läßt. Will Euch meine Meinung auf einmal sagen: Bleibt alle vier hier bei mir, und seht Euch die Wirtschaft an, und geht in die Lehre, und ist das der beste Weg, den Ihr einschlagen könnt, sehen dann, ob sich etwas mit Euch anfangen läßt.« »Was, in die Lehre gehen?«, lachten wir. »Ei, jeder muß in die Lehre gehen, der Meister werden will«, versetzte Nathan. »Kommt nur auf den Anfang an.« Wir fanden nach einigem Ueberlegen den Vorschlag doch so gar übel nicht, aber zu einem Hinterwäldler in die Lehre gehen, zwei kurfähige Kavaliere – das war ein bißchen stark! »Kommt jetzt bis zum Mittagessen herunter in das Tabaksfeld«, meinte Nathan. Und wir gingen zu Nathan in das Tabaksfeld. Es dürfte wohl nicht allgemein bekannt sein, daß der bedeutende Ruf, den unsere Deckblätter, und die von Natchitoches sowie vom Redriver überhaupt, genießen, von dieser Zeit her datiert, und daß ich alle Ursache habe, zu glauben, daß dieser Ruf vorzüglich dieser Niederlassung, und insonderheit Nathan und Nolins zu verdanken ist. Die Sorgfalt dieser beiden in der Auswahl des Bodens, des Anbaues, der Wässerung, und besonders der Blätter, war außerordentlich. Sie waren geborene Virginier, die Arbeiten folglich für sie ein Lieblingsgeschäft. Als solches betrieben sie es. Man konnte wirklich nichts Feineres genießen als eine Zigarre von diesen herrlichen Blättern. Nathan war gerade mit dem Pflücken der Blätter beschäftigt. Natürlich ergriffen wir diese Gelegenheit, um uns in einem der wichtigsten Zweige der Pflanzerwirtschaft zu unterrichten, und halfen nach seiner Anleitung mit. »Amadee und John!«, meinte er mit einem Kopfruck in das angrenzende Baumwollenfeld, in dem die Familie sammelte, »habe die Notion, Mistreß Strong schielt zu Euch herüber.« Amadee und John verstanden den Wink und hatten in der nächsten Viertelstunde jeder einen Korb, in dem sie von nun an täglich ihre hundert Pfund Baumwolle einsammelten. Alles das gab sich durch Rucke, durch Winke so leicht weg, in einer gewissen vertraulich befehlenden und doch wieder bescheidenen Weise. Nur wenig wurde während der Arbeit gesprochen; Nathan war der Mann von Taten, nicht von Worten, obwohl er wieder zu Zeiten wahrhaft parlamentarisch weitschweifig werden konnte. Unsere Dilettantenarbeiten hatten unterdessen seine volle Zufriedenheit. »Sehe, habt den Takt« entfuhr ihm es am Abend. Den folgenden Tag wieder Blättersortierung, den folgenden wieder, so ging es acht Tage fort. Wir verstanden nun die Behandlung des Tabaks so gut wie ein Sohn der alten Dominion. Nach Verlauf der Woche ging es ans Baumwollepressen. Die damaligen Baumwollenpressen waren noch sehr unvollkommen; die Zylinder, mit Haken versehen, ließen einen großen Teil der Körner in der Wolle, eine Verbesserung im Mechanismus mußte den Flaum reiner und schneller liefern. Wir machten Nathan auf die Mängel seiner Kottonpresse aufmerksam. Er ließ sich von uns erklären, mit dem Pressen innehalten, und wir machten uns an die Verbesserung der Maschine. Es gelang uns, durch eine einfache Vorrichtung die Baumwolle reiner zu liefern, und das Pressen ging um so vieles leichter, daß wir unsere Vorrichtung am Ende der Woche auch auf der zweiten Presse, die noch in der Gemeinde war, anbringen mußten. Nun beaufsichtigte Lassalle die eine der Pressen, ich die andere. So verging wieder eine Woche. Wir standen nun mit der ganzen Gemeinde in einem Verhältnis, so gastlich freundlich, so ungeniert, und doch wieder so anhaltend beschäftigt, daß uns die Wochen wie Tage, die Tage wie Stunden verflossen. Die Abende brachten wir in Nathans Familie oder bei den ausgezeichneteren Gemeindegliedern zu, erzählten unsere Abenteuer, sie die ihrigen. Wir waren nun die geachteten Lieblinge der ganzen Gemeinde geworden; von deren zunehmendem Wohlstand man sich eine Idee durch die einzige Bemerkung machen kann, daß mehr denn achthundert Ballen Baumwolle in diesem Herbst gepreßt wurden, von denen auf Nathan und Nolins allein hundertachtzig kamen. – So waren wir bis in die letzten Tage des Oktober gekommen, die Pflanzerwirtschaft war uns nun eine Lust, wir hatten ganz die Attakapas, selbst unsere eigene Niederlassung vergessen. Es war eines Abends, bei einer Bouteille Madeira, daß uns Nathan eröffnete, wie er nun der Ansicht sei, daß es Zeit wäre, auch an uns zu denken. Die wichtigste Arbeit sei nun getan, und er halte es für Pflicht und Schuldigkeit, auch für uns etwas zu tun. Die Gemeinde sei einverstanden. Wir erwiderten ihm, daß der Genuß seiner Gastfreundschaft ja ohnehin Entschädigung und wir eigentlich seine Schuldner wären. »Will Euch sagen, will Euch meine Meinung auf einmal sagen«, meinte er. »Habt uns einunddreißig Tage geholfen, mit vier Händen, sind Euch dafür hundertvierundzwanzig Hände schuldig.« Wir verstanden nicht, was er mit seinen Händen meinte. »Ist Sitte bei uns«, fuhr er fort, »wenn ein Ankömmling sich bei uns niederläßt, der für die Zukunft etwas verspricht, ihm einen Spaß zu veranstalten.« »Doch keinen Teer- oder Befiederungs-Spaß, hoffen wir.« »Nein, das nicht«, meinte Nathan mit einem trockenen Lächeln. »Ist eine andere Gattung Spaß. Ist ein Spaß, der Euch ein Haus aufblockt, und wozu die Gemeinde geladen wird. Und habe die Absicht, Ihr tut das morgen.« »Aber was sollen wir eigentlich tun?« »Je nun, nichts weiter als bei jedem Haus anrufen und die Männer freundlich ersuchen, ihre Aexte mitzubringen, und bei einem Dutzend Weibern mögt Ihr Eure Angelegenheit gleichfalls anbringen. Sie werden schon wissen, was Ihr meint.« »Und das ist alles?« »Alles, das Weitere werdet Ihr sehen. Doch, wie groß wollt Ihr eigentlich Euer Haus haben? Wohl so fünfzig bei vierzig Fuß.« »Und die Gemeinde will uns wirklich ein Haus aufblocken?« »Ei, sie will das, und übermorgen abend soll es dastehen, soweit Aexte es bringen können. Wollen übermorgen daran, ist bereits abgemacht, aber müßt die Nachbarn einladen, und vergeßt die Frauen nicht.« Und wir ritten am nächsten Tag herum, die Nachbarn einzuladen, und vergaßen die Frauen nicht. Noch immer wußten wir nicht, was das Ganze solle, obwohl wir im Hause große Vorbereitungen treffen sahen. Eine Kuh wurde nämlich geschlachtet, Pfannen, Kessel zurechtgerichtet, im ganzen Hause war alles auf den Beinen. Das Muschelhorn gab am folgenden Morgen das Zeichen zum Aufbruch; sein weittönender, posaunenartiger Schall hallte aus dreißig Pflanzungen zurück. Als wir unsere Pferde bestiegen, war die ganze Niederlassung auf den Beinen – Nathan mit Mistreß Strong und Miß Mary waren reisefertig; der erstere zu Pferde, die beiden anderen auf dem Wagen, auf dem Fleisch, Brot, Whisky, Kessel, Pfannen, alle möglichen Geräte wie zu einem Auszug aufgepackt waren. Wir bildeten mit Nathan und seinen zwei älteren Söhnen den Vortrab. Wir waren etwas mehr als die Hälfte des Weges gekommen, als uns bereits die scharf knallenden Schläge zahlreicher Aexte an die Ohren gellten. Als wir näher kamen, wurden diese Schläge lauter und stärker; wir ritten rascher und sahen endlich an die fünfzig Hinterwäldler im Walde beschäftigt, Bäume zu fällen. Noch immer kamen Reiter mit ihren Aexten von allen Seiten heran. »Sind uns zuvorgekommen«, meinte Nathan, »ist Zeit, daß wir endlich auch dabei sind.« Und es war hohe Zeit. Die unbarmherzigen Squatters hatten in ihrer Wut einige der schönsten Magnolien und Immergrüneichen auf der Anhöhe, auf die wir unser Haus hinzustellen gedachten, gefällt. Eine Stunde später, und sie wäre so kahl gewesen, daß sich kein Kaninchen mehr verbergen konnte. Wir taten natürlich Einhalt, was sich die Squatters um so lieber gefallen ließen, als die Bäume bloß des Platzes wegen umgehauen worden waren. Diesen Platz, auf den das Haus nun zu stehen kommen sollte, bestimmten wir vereint mit Nathan. Er befand sich auf dem Scheitel der Anhöhe, die sich, wie gesagt, etwa fünfzig Fuß über der Creek erhob und die umliegende Gegend beherrschte. Das Treiben wurde nun immer lebendiger. An die fünfzig Nachbarn waren mit Umhauen der Stämme beschäftigt, fünfzig andere mit dem Zuhauen. Im ganzen Wald hallte es wider. Auf der Prärie zu unsern Füßen weideten über hundert Pferde, denn alle waren zu Pferde gekommen, und nicht bloß Männer, auch Frauen, Mädchen; an die dreißig Frauen und Mädchen rollten teils auf Wagen, teils galoppierten sie auf Pferden einher, schüttelten uns die Hände und begannen, sobald die Männer die Küche aufgeschlagen hatten, ihr Kochgeschäft. Drei Stangen pyramidenartig in die Erde eingetrieben, von der Spitze herab der Kessel, darunter das angezündete Feuer – in weniger denn einer Stunde prasselte und knisterte es aus zwanzig Pfannen, Kesseln; Roastbeefs, Beefsteaks, Puddings, Cakes bräunten in den Pfannen – Whiskyfässer rollten im Grase. Es war eine Szene, so malerisch, aufregend, der fröhliche Tumult war so überraschend. Um vier Uhr stand das Gebäude aufgeblockt – sechzig Fuß lang, fünfzig breit – ein viereckiges Bauwerk auf fußdicken Zypressen, dreißig Fuß hoch aufgezimmert. Die Arbeit war eine ungeheure, unglaubliche. Hätten wir sie nicht mit eigenen Augen geschaut, wir hätten uns die Möglichkeit nimmer träumen lassen. Als alles soweit fertig war, wandte sich Nathan an uns und die Umstehenden: »Habt jetzt das Haus – das Dach mag später folgen, und die innere Einrichtung und Einteilung müßt Ihr selbst besorgen. Damit Ihr dies aber könnt, wollen wir Euch das Ding da«, auf die Hütte des Syndikus Sorrel deutend, »heraufbugsieren. Könnte Euch sonst das Fieber da unten einen Streich spielen. Wollen aber zuerst eine Brücke haben.« Und gesagt, getan. Die hundert oder, buchstäblich zu reden, zweihundert Hände ergriffen die von dem Aufblocken übriggebliebenen Zedernstämme, brachten sie über die fünfzig Fuß breite Creek, legten darüber Querbalken, und nachdem die Brücke so fertig war, legten sie das Bauwerk Sorrels auseinander, brachten Balken, Sparren von dem jenseitigen Ufer auf die Anhöhe herauf, rammelten sie wieder ein, und in zwei Stunden stand die Hütte fix und fertig. Jetzt ging es über das Essen. Obwohl die Squatters während ihrer Arbeit der Schlucke manche versucht, und allenfalls ein Beefsteak oder einen Kuchen zur Gesellschaft mitgenommen, so war das Hauptessen doch bis zum Ende aufgespart worden. Wir waren die Gastgeber, denn die Lebensmittel waren auf unsere Rechnung vorgeschossen worden. Und ein fröhlicheres, vergnügteres Waldmahl wurde nie genossen. Zwanzig Wachfeuer, um diese unsere Squatters und Squatterinnen, wir die geschäftigen Gastgeber. Es war eine einzige Szene. Seelenvergnügt trennten wir uns; der Mond stand schon hoch über den Bäumen, als wir mit Nathans Familie die Pferde bestiegen. Von dem Hause standen zwar bloß erst die hölzernen Wälle, die die Squatters aufgeblockt, ohne Dach, Fenster, Kamin, Fußboden; für dies alles mußten erst wir sorgen. Aber diese Sorgen waren nun vergleichsweise leichte. Akadier wurden gemietet, um uns das Dach zu decken; andere, um den Kamin aufzubauen; fünf Meilen oberhalb uns befand sich die Sägemühle der Gemeinde, die der Sohn des Majors Gale gebaut, der zugleich Zimmermann und Schreiner war. In acht Wochen konnten wir aus unserer Hütte in das Haus einziehen und unsere Effekten endlich von den Attakapas heraufbringen lassen. Wir hatten noch immer nicht die Zeit, unsere Freunde oder unsere gepachtete Pflanzung (die »Schenkung«) zu sehen. Wir mußten Amadee senden, der die Heranschaffung unserer Effekten besorgte. Hauterouge hatte den Wunsch geäußert, die von uns gepachtete Pflanzung zu übernehmen. Wir traten sie ihm ab, um unsere Aufmerksamkeit ganz auf unsere neue Wirtschaft lenken zu können. Wir dachten an nichts als an diese neue Wirtschaft: Musik, Lesen, Billard Freunde – unsere Squatter-Nachbarn ausgenommen –, selbst unser schönes Frankreich hatten wir vergessen, und seine Leiden und Freuden. Kaum, daß wir dazu kommen konnten, unseren Lieben von unserem Treiben Nachricht zu geben. Unsere liebste Unterhaltung war, abends die Arbeiten des Tages zu besprechen. Was wir getan, wie wir es getan, jeder Baum, den wir gefällt, jeder Zaunriegel, den wir gelegt, wie wir ihn gelegt, alles das wurde erörtert. Ich erinnere mich noch, bei einer Gelegenheit, wo wir zehn bis fünfzehn Akadier gedungen hatten, um Zaunriegel für unsere Felder zu spalten, mit welcher Umständlichkeit wir die Geschichte einer seltsam geformten Zypresse, die wir gefällt, besprachen. Wir hatten beide zusammen einen halben Tag damit zugebracht, den sieben Fuß im Durchmesser haltenden Stamm zu fällen, und zwei Aexte zuschanden gearbeitet. * Ein Jahr war so vergangen – dieses Jahr hatte uns den Frieden von Amiens gebracht, uns erlaubt, an die Herüberbringung unserer Lieben zu denken. Mir war es nicht möglich, nach Europa zu gehen, die Arbeiten auf der Pflanzung, die Sorge für vierundzwanzig Schwarze, ließ es nicht zu, wenn auch unsere schwächer gewordene Kasse uns hätte zusammen reisen lassen: so ging denn Lassalle ab. Ich zählte unterdessen die Wochen, Tage, Stunden, die mich von meiner Eleanor trennten. Sie verflossen, und am Ende von vier Monaten schloß ich sie endlich in meine Arme. Alles ließ sich zu glücklichen Tagen an. Und glücklich wurden sie – glücklich, wie wir sie nie zuvor gesehen. Unser Heimwesen begann unter unserer herrlichen Frauen Aegide zu blühen; unsere Schwarzen, die eine Mutter gefunden, begannen den Menschen mehr und mehr anzuziehen; wir waren geliebt von den Akadiern, geachtet von unseren Squatter-Freunden, unsere Bedürfnisse nicht nur befriedigt, wir konnten an das Bequeme, allmählich an Luxusgegenstände denken. Wochen, Monate, Jahre verflossen, im heitersten, ungetrübtesten Still- und doch wieder regen Leben. Ich würde jeden nur gewünscht haben, Nathan und Madame Vignerolles zu sehen, zu hören, sie in ihrer fröhlich-freundlichen Grazie, die denn doch wieder einen leicht mutwilligen Anstrich hatte, ihn kalkulierend und die Notion habend, Mistreß Vignerolles sei die lieblichste Hinterwäldlerin, die je in Pettikoats und ihren eigenen Schuhen stak. So waren drei Jahre wie so viele Stunden verstrichen, da kam die Nachricht, daß Louisiana infolge des letzten Friedens mit Spanien an Frankreich zurückgegeben werden würde; eine Nachricht, die uns Briefe aus der Hauptstadt bald als offiziell bestätigten, mit dem Zusatz, daß der Uebernahmekommissionär der französischen Regierung jeden Tag erwartet werde. Wir beschlossen daher, nach New Orleans hinabzugehen und uns von der Lage der Dinge an der Quelle zu unterrichten. Ohnedem, sahen unsere Frauen ihrer Niederkunft entgegen, und man weiß es ist Modesache in Louisiana, diese in New Orleans abzuwarten. Den Tag vor unserer Ankunft war Monsieur Lauzat, der Präfekt, eingetroffen. Zwei Stunden nach unserm Aussteigen wurden wir ihm bereits vorgestellt. Wir fanden an ihm einen Mann von Ehre, einen Franzosen durch und durch, und das war alles, was wir wünschten. Trotz der vielen und gehäuften Geschäfte fand er noch Zeit, uns unsere Schenkungen, die wohl in allen Punkten richtig und gültig, aber von der lässigen spanischen Regierung nicht fest ausgemittelt worden waren, gehörig zu fixieren und so jedem künftigen Anstand zu begegnen. Am dreißigsten November übernahm er die Kolonie von den spanischen Kommissären, dem Marquis de Caza Calvo, und Gouverneur de Salcedo, um die zwanzig Tage darauf, am zwanzigsten Dezember, an Messieurs Clayborn und Wilkinson, die amerikanischen Bevollmächtigten, zu übergeben. Den für Franzosen allerdings sehr empfindlichen Umstand abgerechnet, daß unsere schöne Hoffnung, gewissermaßen auf französischem Boden zu leben, getäuscht worden, fanden wir keine Ursache, uns über die Veräußerung Louisianas zu beklagen. Der Erste Konsul hatte mehrere für uns sehr günstige Artikel in dem Abtretungsvertrag stipuliert. Die Schenkungen sowohl der französischen als der spanischen Regierung sollten respektiert, die Einwohner Louisianas ohne Unterschied den geborenen Bürgern der Union in jeder Hinsicht gleichgestellt werden; mit einem Wort, alles war getan worden, die bürgerliche sowohl als politische Existenz der Verkauften zu sichern. Gern wären wir unserm lieben Asyl zugeeilt, ja, der Aufenthalt in der Hauptstadt wurde uns allmählich drückend; denn das Gerücht brachte uns seltsame Dinge von dem Treiben unserer neuen Landsmänner und Regenten im Lande zu Ohren. Ganze Schwärme von Abenteurern und sogenannten Landsharks, wie sie die Landspekulanten nennen, waren aus dem Norden wie Heuschrecken angekommen, waren in Gehöfe, Pflanzungen, Hütten und Häuser gedrungen, kalkulierend nach Ländereien, und darunter Männer von großem politischen Einfluß. Dann gab es wieder junge, Whisky trinkende Leutnants, jetzt Kommandanten der Forts, Tischler, Gerber und derlei ehrenwerte Leute, die zu Sheriffs und Richtern avanciert waren, und Gerechtigkeit verwalten sollten, in einem Lande, dessen Sitten, Gebräuche und Gesetze sie nicht kannten, von dessen Sprache sie kein Wort verstanden. Mehrere Wegweisungen von Ländereien, wo die Besitztitel nicht gehörig befunden worden waren, sollten gleichfalls stattgefunden haben. Amadee bat dringend, unsere Nachhausekunft zu beschleunigen; wir würden in der Niederlassung seltsame Veränderungen finden. Diese wiederholten Aufforderungen hatten uns unruhig gemacht. Inzwischen hatten die Entbindungen stattgefunden, so daß wir mit Frauen und Kindern an die Heimreise denken konnten. Amadee war benachrichtigt worden, uns Pferde an den Redriver entgegenzusenden. Unsere Ungeduld, Nathan zu sehen, war so groß, daß wir die Frauen und die beiden Kinder nach Hause fahren ließen und Amadees und des ihn begleitenden Negers Pferde bestiegen, um den drei Meilen langen Abstecher zu Nathan zu machen. Wir ritten, was die Pferde laufen konnten. Es war, als ob eine Ahnung uns sagte, daß wir zu spät kamen. Eine tiefe, unheimliche Stille herrschte in der Niederlassung, wir trafen keine lebendige Seele in der ersten, zweiten, dritten Pflanzung, die Nathans war die vierte. Uns wurde nun wirklich bange; wir spornten die Pferde und fanden uns endlich vor dem so wohlbekannten Blockhaus. James, der älteste Sohn Nathans, kam uns entgegen. Er war ungemein ernst, ja düster, als er uns die Hand schüttelte: »Wo ist Freund Nathan?« »Weit von hier zu dieser Zeit, Oberst.« »Weit von hier zu dieser Zeit? Seid so gut, ihm zu sagen, daß wir zurück sind.« »Das dürfte einem guten Gaul manchen harten Tagritt nehmen, ihm das zu sagen« versetzte der junge Squatter; »Vater ist weggezogen.« »Weggezogen!«, rief ich. »wie meint Ihr dies, Mister Strong?« »Wegezogen mit Weib und Kind – Mutter und Schwester Mary, und Bruder Joshua, und Neger und Vieh und allem, und zwanzig Familien mehr. Seht ja, daß ein Wegziehen gewesen ist«, sprach der junge Mann, auf den nackten Flur deutend. »Weggezogen!«, riefen wir. Mir wurde beinahe übel bei dieser Nachricht. »Weggezogen, ohne ein Wort zu sagen!« »Das nicht, hat Aufträge hinterlassen, schriftlich und mündlich, und versieht sich, daß Ihr uns in Ausrichtung derselben freundlich beistehen werdet.« »Weggezogen!«, rief ich abermals. »Weggezogen!«, wiederholte James. »Kalkulierte, es wäre Zeit, zu gehen, als das Gesetz und der Sheriff sich zu melden begannen.« »Aber was hat Euer Vater mit dem Gesetz, dem Sheriff zu tun? Er hat doch keinen Mord noch Diebstahl begangen?« »Ei, kalkuliere er hat nicht; aber ist den Gesetzmännern nicht um Mord und Diebstahl zu tun, ist ihnen um das Land zu tun, und haben für unser Land, wißt Ihr keine Besitztitel, keine Schenkungen, die wir vorzeigen könnten, und kam vor sechs Wochen eine Schar, die die Niederlassung von allen Seiten abmaß, und wieder maß, und zwei Wochen darauf ein Sheriff, mit Amtsstab der das Land als Kongreßland ansprach und uns ein Haus weiter wies, weil wir von der spanischen Regierung keinen Besitztitel aufzuweisen hätten.« »Und Euer Vater ließ sich wegweisen?« »Was konnten wir gegen das Gesetz?«, sprach der junge Mann. »Vater sah, daß nichts helfe als das Land zu kaufen, hat mir deshalb Auftrag gegeben und ein Schreiben hinterlassen; scheint, es gefällt einem der Regierungskommissare der die gute Gelegenheit gern nützen möchte.« James zeigte mir das Schreiben oder, besser zu sagen die Vollmacht, denn dies war sie. Ich wurde darin mit Lassalle ermächtigt das von ihm in Besitz gehabte Land für seine Familie und Freunde, nämlich James, Geoffroy, Jonathan, Mistreß Barclay, die gewesene Miß Elisabeth, usw., die es vorzogen, in Louisiana zu bleiben, zu ersteigern, und dazu die in meinen Händen befindlichen Gelder, beiläufig sechstausend Piaster, anzuwenden. Sollten wir nicht imstande sein, das Land zu ersteigern, so ersuchte er mich, die zurückgebliebenen Mobilien und Immobilien, worunter die beiden Kottonpressen, bestmöglich anzubringen. Gleiches ersuchte er für seine Freunde Nolins und Barclay, deren Kinder es gleichfalls vorzogen, in Louisiana zu bleiben. »Aber ums Himmels willen, warum schrieb mir Euer Vater nicht, warum wartete er nicht? Mir wäre es möglich gewesen, in New Orleans die Sache auszugleichen.« »Kennt bei alledem, Oberst, den Vater nicht«, meinte James kopfschüttelnd, »wenn Ihr der Ansicht seid, er würde das erst kaufen, was er für sein Eigentum hält, und wofür er keinem Menschen auf Erden ein gutes Wort geben würde; aber Gesetz ist ein anderes. Wollte nichts mehr mit Louisiana zu tun haben; wollte ein Land suchen, wo kein Sheriff, kein Gesetz ihn ein Haus weiter weisen kann.« »Dann wird er lange suchen müssen, in irgendeinem erst zu entdeckenden Weltteil suchen müssen«, versetzte ich unmutig; »aber ich sehe, Euer Vater zieht vor, es lieber mit spanischen Musketen als mit dem amerikanischen Gesetz aufzunehmen.« »Ei, wer wird es mit dem Gesetz aufnehmen«, erwiderte der junge Mann. »Lieber mit fünfundachtzig spanischen Musketen, als dem Gesetz. Der Himmel verhüte.« Der junge Mann sprach die Worte mit einer Art Scheu, die uns, die wir damals das Grauen der Hinterwäldler vor dem Gesetz noch nicht kannten, notwendig auf den Gedanken hätte bringen müssen, daß der alte Nathan mit diesem Gesetz in seinem Lande zerfallen sein müsse, wenn wir vom Gegenteil nicht vollkommen durch den Umstand überzeugt gewesen wären, daß er zu wiederholten Malen seine frühere Heimat nicht nur besucht, sondern auch in fortwährender Verbindung mit ihr gestanden. »Ei« sprach der junge Mann der unsere Gedanken erraten mochte. »Ei war eine trübe Stunde, mögt es glauben wie der Vater das Blockhaus zum letzten Male so ansah und Asas Gebeine herausnahm, ohne die die Muhme Barclay, die gewesene Mistreß Strong, wißt Ihr, nicht gehen wollte.« »Und sie haben Asas Gebeine aus dem Blockhaus mitgenommen?« »Ei, so haben sie« Wir standen schmerzerfüllt halb schaudernd, Tränen entquollen unseren Augen. Was muß der eiserne Mann nicht gefühlt haben als er denselben Landsleuten weichen mußte, aus demselben Lande weichen mußte das für sie zu erobern er alle seine Geisteskräfte angestrengt, zehn Jahre hindurch angestrengt hatte! »Sehe, Ihr seid der Mann, Oberst, für den Euch Vater gehalten. Vielleicht kommt die Zeit ...« »Wo wir ihn wiedersehen, nicht? Sagt, junger Mann, er kommt zurück. Nicht wahr?« riefen wir beide zugleich. Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Wollte das nicht sagen. Wollte sagen, daß Vater sich nicht in Euch getäuscht hat, als er uns sagte, daß Ihr seine Aufträge ausrichten würdet.« »Das wollen wir, so gewiß, als wir Männer von Ehre sind. Jetzt lebt wohl, morgen sehen mir uns.« Wir ritten ab, unserer Sinne kaum mächtig, so hatte uns der Schlag betäubt; denn Nathan war uns mehr als Freund, er war uns Wegweiser, Führer, Bedürfnis geworden, uns ans Herz gewachsen, die ganze Niederlassung erinnerte an ihn, unser Haus, alles erinnerte an ihn, aus allen Ecken sprach er. Nichts war ohne seinen Rat, seine Zustimmung getan worden. Als wir unser Haus betraten, kamen uns die Frauen jammernd entgegen, sie wußten jetzt gleichfalls den Verlust, den wir, sie erlitten. Dieser Abend, und noch viele nachher, gehörten zu den traurigsten, die wir in Louisiana verlebten. Nathan fehlte uns, den Frauen, Amadee, den Dienern, allen. Immer sich gleich, war er allen alles in allem geworden, geblieben. Er war die Würze unseres Hinterwäldlerlebens gewesen, das durch ihn erst seinen rechten Geschmack erhalten hatte. Am folgenden Morgen kamen Nathans zurückgebliebene Söhne mit ihren Freunden, um sich in ihrer Eltern Namen über die uns anvertrauten Kommissionen Rechenschaft ablegen zu lassen und zugleich die Maßregeln wegen des zu ersteigernden Landes zu besprechen. Wie James angedeutet hatte, so war es einer der Regierungsbeamten, durch die Nathan sowohl als einige der übrigen Glieder weggewarnt worden. Doch waren diese Landsharks, wie sie so passend genannt werden, nicht mit allen Squatters gleich verfahren. Einigen, die sich williger fanden, hatten sie ihren Beistand zur Behauptung ihrer Pflanzungen angeboten, andern wieder angetragen, sie als Lehensleute zu belassen, wieder andere weggewarnt. Man kennt ja die Kunstgriffe, die sich diese Gattung von Menschen, die an Härte und Selbstsucht oft den abgefeimtesten Seelenverkäufern nicht weichen, so gern erlaubt. Mit Nathan waren sie gleich beim ersten Zusammentreffen so hart aneinandergestoßen, daß sie eilig die Niederlassung verließen. Die Folge war Wegwarnung – oder Wegweisung. Sehr schlau hatten, wie wir später erfuhren, die Spekulanten in New Orleans die Niederlassung als bloß von einigen unruhigen Squatters usurpiert vorgestellt. Wir sahen wohl ein, daß wir es mit ebenso mächtigen als gewissenlosen amerikanischen Feinden zu tun haben würden, und schlugen daher einen anderen Weg ein. Wir setzten sogleich eine Petition in englischer und französischer Sprache auf, in der wir die Territorialregierung angingen, so bald als möglich zur Versteigerung des von Nathan und seinen Freunden beurbarten Landes zu schreiten und so seine zeitweiligen Besitzer, mehr denn achtzig achtbare Familien, aus dem Zweifel zu reißen. Wir beriefen uns auf die vielen Opfer, die diese Ansiedler gebracht, auf die Wege, die sie angelegt, das Gute, das sie dem Lande getan, und machten es so der Regierung gewissermaßen zur Pflicht, Gerechtigkeit zu üben. Die Petition ließen wir mit so vielen Unterschriften in den Attakapas und Opelousas versehen, als unserm Einfluß nur möglich war. Es waren ihrer an die Tausend. Das Resultat war günstig. Die Regierung, die vor allem die öffentliche Meinung, und besonders die Kreolen und Franzosen in dem neu erworbenen Territorium zu schonen hatte, bestimmte den Tag, an dem die Versteigerung stattfinden sollte; die Landspekulanten, die ihre fein gesponnenen Netze, die Squatters zu fangen, entdeckt sahen, wurden durch die ominösen Symptome des allgemeinen Mißfallens eingeschüchtert und erschienen nicht, und unsere Freunde ersteigerten ihre Ländereien zu dem gewöhnlichen Kongreßpreis. Sie besitzen sie großenteils bis auf diese Stunde und gehören zu den rechtlichsten und reichsten Familien Louisianas. Wir hatten noch immer gehofft, Nathan möchte, wenn er das Resultat erfahren würde, mit seinen Freunden zurückkommen, allein – unsere Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Jahre verliefen; oft dachten wir des rauhen und doch wieder so originell herzig trefflichen Regläters, unter dessen Schutz und Schirm wir in den Hinterwäldern flügge geworden. Der Strom der Zeiten und Begebenheiten, Familienverluste, Sorgen, die uns die allmählich groß gewordene Pflanzung verursachte, stellten sein Andenken nach und nach in den Hintergrund, verwischt wurde es nie. – Acht Jahre verliefen so nach dem Verschwinden Nathans. Es war im Herbst 1811, jenem unglücklichen Herbst, der mir das Teuerste entriß, meine Eleanor. – Dieser Verlust, der dritte und größte, den mir Louisiana gekostet, hatte mein physische und moralische Kraft auf eine Weise gebrochen, die nur derjenige begreiflich finden wird, der in den Hinterwäldern gelebt, und da seine letzte Ressource sich entrissen sieht. Das Leben hatte für mich allen Reiz verloren. Mit Widerwillen betrachtete ich selbst die unschuldig lächelnde Genievre, das letzte Pfand unserer Liebe, das mich ein so großes Opfer gekostet. Lefebvre schlug, um mich diesem Zustand zu entreißen, eine Exkursion in die westlichen Präries vor. James, der nun Kongreßmitglied geworden war, unterstützte, obwohl die Kottonernte im Gange war, freudig den Vorschlag. Einige Söhne angesehener Nachbarn schlossen sich an, und als wir am Fort von Natchitoches hielten, bat auch der Kommandant, uns mit mehreren seiner Leute begleiten zu dürfen. Bald drangen wir in das spanische Gebiet ein. Wir waren zu einem solchen Zug sehr gut gerüstet, und da alle Vorkehrungen durch unsere Freunde dazu getroffen waren, so genossen wir das Vergnügen mehrerer Büffel- und Pferdejagden, ohne jenen Entbehrungen, die dergleichen Exkursionen in der Regel mit sich führen, unterworfen zu sein. Wir hatten uns gegen Rio del Norte hingezogen und befanden uns in der mexikanischen Provinz Texas, wohl an die fünfhundert Meilen von unserem Heim entfernt. Es war an einem Abend nach einer solchen Büffeljagd, daß wir an einen Hügel kamen, von dem herab wir eine herrliche Aussicht auf einen bedeutenden Fluß hatten, der, sich krümmend, eine große, wohl an die zehn Meilen lange und breite Halbinsel bildete. Wir standen überrascht über die außerordentliche Schönheit des herrlichen Landstriches, dem wir selbst in Louisiana nichts Vergleichbares aufzustellen hatten. Noch mehr aber wurden wir es, als wir zwischen den Gruppen der kolossalen Bäume Wohnungen, Pflanzungen – kurz, eine förmliche Niederlassung erblickten. Ich riß das Fernrohr heraus und hatte es noch nicht vor die Augen gebracht, als unsere indianischen Führer bereits »Amerikaner!« riefen. Es war eine amerikanische Niederlassung. Man kann sich leicht vorstellen, daß wir nicht lange stehen blieben. Mit einem Ausruf der Ueberraschung eilten wir alle, so schnell wir es vermochten, den Hügel hinab, drangen durch den Wald und kamen am Ufer an. Einige Schüsse machten die Bewohner der dem jenseitigen Ufer nächstgelegenen Pflanzung auf uns Aufmerksam. Ein Boot kam herüber mit zwei jungen Männern. Die Männer mich sehen: Oberst! schreien, ans Ufer springen: wir ihnen entgegen, das war eins. Es war Joshua, der jüngste Sohn Nathans. In einer halben Stunde darauf schlossen wir den alten Regläter, unsern lieben, lieben, unvergeßlichen Nathan, in die Arme. Er war wieder mit Nolins Regläter, hatte wieder ein Blockhaus, das aber mehr Fort genannt werden konnte, erbaut, und endlich hier, vor allen Landspekulanten, Sheriffs und Landoffizen Ruhe gefunden. Und lebt da als Regläter, Präsident, Gouverneur, kurz: als Oberhaupt von nahe an tausend Ansiedlern. Oestlich von seiner Niederlassung hat ein gewisser Oberst Austin eine zweite Kolonie gegründet, aber den eigentlichen Nerv des werdenden Staates bildet die seinige.   ENDE