Johann Gottfried Seume Miltiades Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen Veritatem Lieber Leser! Ich habe in dieser Arbeit versucht, ob wol etwas von dem bessern Geiste der Griechen in meine Seele übergegangen sei. Die Wahl des Gegenstandes, der ganz geschichtlich ist, rührt vielleicht von meiner Vorliebe für diese Periode und vorzüglich für die Katastrophe von Marathon her. Ich wage kein Urtheil, inwieweit mir die Unternehmung gelungen ist. Sie war mir seit einiger Zeit in meinen Mußestunden zum Bedürfniß geworden, und die Befriedigung desselben ist schon Belohnung genug. Wenn nun die Mittheilung Einigen einiges Vergnügen gewährt, so ist das meinige dadurch erhöhet. Ueber Anlage und Ausführung will ich mich weder rechtfertigen noch einlassen, da gewöhnlich Jeder seine eigenen Ansichten hat, die er nicht selten auch Andern aufzudringen sucht. Denjenigen, denen die Geschichte dieser Zeit nicht sogleich gegenwärtig ist, bin ich zur Einleitung wol einige Bemerkungen schuldig. Es ist zu bedauern, daß der Tag von Marathon bei Diodor von Sicilien und bei Dionys von Halikarnaß verloren gegangen ist. Ein sonderbarer Zufall, wie bei Livius der Verlust der Geschichte der römischen Triumvirate, über den vielleicht psychologisch und politisch Manches vermuthet werden könnte. Die beste und fast einzige Quelle ist also Herodotus. Plutarch hat hier und da auch Manches, das gebraucht werden kann. Cornelius Nepos ist hier mehr als gewöhnlich ein sehr magerer, unordentlicher Compilator; ein Urtheil, das er sich, gegen den Patriarchen Herodotus gehalten, wol gefallen lassen muß. In dem unglücklichen Zuge des Darius nach Thracien, wo alle ionischen kleinen Tyrannen und Republiken dem großen Könige Folge leisten mußten, war auch Miltiades, der damals in dem thracischen Chersones eine Art von Dynastie besaß, gezwungen, mit dem Strome zu gehen. Er wurde mit den übrigen kleinasiatischen Griechen zur Besetzung der Brücke über den Ister zurückgelassen und zeichnete sich schon damals durch seinen entschlossenen, republikanischen Muth aus, indem er den Vorschlag that, die Brücke zu zerstören und dadurch wahrscheinlich das ganze persische Heer zu vernichten. Die ionischen Dynasten, besonders Histiäus von Milet, verhinderten es, indem sie sehr offenherzig bemerkten, daß ihre kleinen Tyrannenschaften von der großen zu Susa abhingen und nur durch sie gesichert wären. Miltiades mußte nun vor den Persern flüchten und suchte mit seinen Landsleuten sein altes Vaterland Athen, wo seine Familie zu den ansehnlichen gehörte. Herodotus erzählt nach seiner Art weitläufig und nicht unangenehm, wie sie nach dem Chersones gekommen sei. Cornelius Nepos aber vermischt einigemal den ältern Miltiades mit unserm berühmteren. Auf seiner Fahrt nach Athen fiel ein Schiff seines Geschwaders, dessen Führer sein eigener Sohn Metiochus war, den Persern in die Hände, und Darius behandelte, theils aus natürlicher Güte, theils aus Staatsklugheit, den jungen Griechen mit ungewöhnlicher Freundlichkeit. Doch hatte Miltiades auch auf diesem Zuge das Glück, durch eine schnelle Kriegslist die Insel Lemnos für die Athener einzunehmen; ein Verdienst, das nachher seine Freunde bei dem Volke kräftig zu seiner Rettung benutzten. Darius, der sich mit großem Verlust nach Asien zurückgezogen hatte, schickte das folgende Jahr einen der besten Feldherrn, Datis, mit einem ausgesuchten Heere gegen Griechenland, um Alles zu unterjochen, was ihm widerstehen würde. Gegen die Athener war er vorzüglich aufgebracht wegen ihres Zuges mit den Ioniern nach Sardes, wo theils durch Zufall, theils durch Unordnung und Rohheit der griechischen Soldaten der größte Theil der Stadt in Asche gelegt worden war. Die daher entstandene Anekdote: »Gedenke der Athener!« ist bekannt genug; Worte, die sich der König täglich von einem vornehmen Hausbeamten zur Erinnerung an Rache zurufen ließ. Datis landete bei Marathon, ungefähr drei Meilen von Athen, der besten Ebene der Gegend zur Unternehmung für ein so zahlreiches Heer, wie er führte. Die Bundesgenossen der Athener hatten nicht Zeit, ihnen zu Hilfe zu eilen; nur 1000 Mann der kleinen Republik Platäa, einer der bravsten und wackersten in der ganzen griechischen Geschichte, stießen zu den Athenern. Das griechische Heer machte ungefähr zehentausend Mann, die Perser werden gewöhnlich auf hundertundzwanzigtausend angegeben. Die Athener hatten nach ihrer Gewohnheit an ihrer Spitze zehen Anführer, deren einer Miltiades war. Hier entstanden nun, wie leicht zu errathen, Streitigkeiten, ob man vertheidigungsweise oder angriffsweise verfahren solle. Miltiades erklärte sich mit vielen Gründen stark für den Angriff, und der Polemarch Kallimachus, als der Elfte, entschied durch seinen Beitritt für denselben. Alle ohne Ausnahme hatten so viel Zutrauen in die Kriegswissenschaft des Miltiades, der allein den Feind schon kannte, daß sie ihm, da der Befehl nach der Reihe ging, einstimmig ihre Tage übertrugen. Er hatte die Bescheidenheit, den seinigen abzuwarten, griff sodann mit furchtbarem Nachdruck an und erfocht den Sieg, unstreitig den schönsten, den die Geschichte aufzuweisen hat. Nie haben so Wenige so Viele geschlagen, sagt Herodotus, und das gilt noch jetzt; man müßte denn die Völkerausrottungen der Spanier in Mexico und Peru, die Schande der Menschheit und des Christenthums, mit unter die Kriege setzen. Die Athener stritten merkwürdig – αξίως λόγου εμάχοντο –, sagt der alte Herodot in seiner einfachen Würde. Der Polemarch und einer der Anführer blieben und ungefähr 200 Athener; von den Persern sollen gegen 6300 gefallen sein. Die Anekdote von dem Athenischen Krieger, der gleich aus der Schlacht bewaffnet mit der Siegesnachricht zur Stadt eilte, mit den Worten: Χαίρετε, χαίρομεν! hereinstürzte und todt zu Boden fiel, erzählt Plutarch in seinem Aufsatze über den Ruhm der Athener. Aristides und Themistokles zeichneten sich bekanntlich nachher bei Salamis aus; aber Herodotus nennt sie auch hier in diesem Treffen als vorzüglich wackere Männer. Aristides gehörte hier schon unter die zehen Anführer. Der Pisistratide Hipparch war in dem Auflauf des Harmodius und Aristogiton umgekommen; der andere, Hippias, hatte sich nach vielem vergeblichen Herumirren den Persern in die Arme geworfen, war jetzt bei ihrer Armee, sollte unter persischer Hoheit wieder eingesetzt werden und kam bei Marathon um. Von dem Dichter Aeschylus erzählt sein Lebensbeschreiber, daß er in allen drei Schlachten, bei Marathon, Salamis und Platäa, mitgefochten habe. Bei Marathon zeichnete sich sein Bruder Kynägirus und bei Salamis der jüngere Amenias aus. Die Perser schifften sich nach dem Verlust der Schlacht bei Marathon schnell ein und segelten um das Vorgebirge Sunium nach Athen, um die wehrlose Stadt zu überfallen; aber Miltiades war mit dem Heere sogleich dahin geeilt, und sie fanden auch hier wieder ihren Mann. Sie zogen also zurück, ohne etwas zu wagen. Bald darauf unternahm Miltiades den unglücklichen Zug nach den Inseln, wo er bei Paros gänzlich scheiterte. Schwer in den Schenkel verwundet, kehrte er, ohne weiter etwas gethan zu haben, nach Athen zurück. Vorher hatte der Neid sich nicht laut an ihn gewagt; aber nun wurde er von einer großen Partei des Hochverraths angeklagt und wirklich verdammt. Es waren allerdings Umstände da, die seinen Feinden Gelegenheit gaben, ihn höchst verdächtig zu machen; und dieses war den eifersüchtigen, unruhigen Republikanern genug, zumal nach der Katastrophe mit den Pisistratiden. Das Todesurtheil wurde zwar aufgehoben, und er sollte nur die fünfzig Talente bezahlen, die der Zug gekostet hatte; aber er starb im Gefängnisse an der Wunde, da er nicht bezahlen konnte. Sein Sohn Cimon blieb nach dem Gesetz für seinen Vater Gefangener und bezahlte nachher mit Unterstützung seiner Freunde. Geschichtlich strenge genommen, ist mir allerdings die Unschuld des Miltiades etwas problematisch; aber seine Strafbarkeit ist noch weniger erwiesen, und das Verfahren gegen ihn gehört unstreitig zu den republikanischen Härten, die nach ihm nur zu sehr in Unbesonnenheit ausarteten und nicht wenig zum Verderben des Staats beitrugen. Daß der Ankläger Xanthippus ein Alkmäonide war, wird im Herodot nicht bestimmt gesagt; es geht aber, däucht mich, ziemlich deutlich aus dem Zusammenhange der Erzählung hervor. Diese Aristokraten waren schon bei Vertreibung der Pisistratiden vorzüglich thätig gewesen, standen aber auch im Verdacht, gern ihre Nachfolger werden zu wollen, wie das bei Factionen gewöhnlich zu geschehen pflegt. Daß Aristides in dem Jahre, wo man Miltiades den Criminalproceß machte, Archon Eponymus war, hat Corsini ausgerechnet, und in einem Gedicht durfte ich ihm unbedingt folgen. Aristides und Themistokles darf ich füglich als Freunde des alten Heerführers annehmen; denn Herodotus würde nicht vergessen haben, zwei schon so wichtige Männer anzuführen, wenn sie zur Gegenpartei gehört hätten. Cimon war damals zwar im Staate noch unbedeutend, ist es aber in der Handlung nicht als der Sohn des Helden, und wenn man sich ihn als den nachherigen Sieger am Eurymedon denkt. Nepos übergiebt die Vertheidigung des Miltiades dessen Bruder Tisagoras; da wir aber von diesem übrigens sehr wenig wissen, habe ich sie, ich glaube nicht gegen den Charakter, Themistokles übertragen. Herodotus nennt im Allgemeine nur dessen Freunde. Die Geschichte mit dem blinden Epizelus erzählt auch Herodotus. Im Streite bei Marathon, sagt die Anekdote, schoß vor ihm wie der Blitz eine glänzende Göttergestalt vorbei, die den Athenern kämpfen half. Epizelus ward davon blind und blieb es. Die Erscheinung ist natürlich genug. Ein warmer, vollblütiger, patriotischer Enthusiast in der Gluth des Gefechts sieht leicht Gestalten. Daß ihm der heiße Tag, der Staub, die furchtbar heftige Anstrengung das Gesicht raubte, ist wol kein Wunder bei Kaltblütigen; aber man war damals noch weniger kaltblütig als jetzt. Demosthenes war ein ziemlich gewöhnlicher Name in Athen; und es wird nicht leicht Jemand in Gefahr kommen, meinen Demosthenes mit dem nachherigen General in Sicilien oder gar mit dem Redner zu verwechseln. Mein Kleon kann ganz leicht der Großvater des Aristophanischen Gerbers gewesen sein. Dieser hier ist ein gedichteter Charakter und untergeordneter Parteigänger. Daß ich den Gerber Kleon in Athen Bier trinken lasse, ist keine so ganz willkürliche Licenz. Herodotus sagt irgendwo, daß die Aegypter ein Getränk dieser Art gehabt haben. Aeschylus in seinen »Hiketides« läßt den Griechen in dieser Rücksicht sagen: ’Αλλ' άρσενας καὶ τη̃σδε γη̃ς οικήτορας Ευρήσετ', ου πίνοντας εκ κριθω̃ν μέθυ. Nun kamen bekanntlich oft ägyptische Kaufleute nach Athen, und die Schiffer lebten dort am Hafen nach ihrer Landessitte und zogen wahrscheinlich die geringere Volksclasse der Gegend nicht selten zu ihren Partien, wie jetzt die englischen Matrosen zu ihren Rumgelagen. Miltiades starb an der Entzündung seiner Wunde. Dies würde im Stück langweilig und fast ekelhaft sein, und es ist wol nicht gegen die Begriffe der Zeit, wenn ich ihn Schierling nehmen lasse. Themistokles traf nach der Erzählung nachher eine fast ähnliche Wahl. Die übrigen Abweichungen von der Geschichte sind, glaube ich, unbedeutend; und mich däucht, ich wollte meistens meine Belege aus den Alten für meine Darstellung aufbringen. Den Markt habe ich deswegen nicht zum Ort des Processes genommen, weil es doch wol vielleicht irgend einer Gesellschaft einfallen könnte, meine Arbeit auf die Bühne zu bringen; und dann würde sich eine ganze Volksversammlung, auch bei dem reichsten Personale, dürftig und ärmlich ausnehmen. Noch etwas sei mir zu erinnern erlaubt. Der Uebersetzer des Mitford behauptet mit Bayle, Miltiades sei nach Herodotus nicht ins Gefängniß gebracht worden. Herodotus sagt allerdings nichts vom Gefängniß, er sagt aber auch nichts vom Gegentheil; daß man aber einen solchen Mann in so einer Krise dahin wird gebracht haben, geht aus der ganzen Einrichtung der Athener hervor. Alle übrigen Schriftsteller erzählen es auch mit deutlichen Worten. Aus Herodotus läßt sich weder das Eine noch das Andere beweisen; aber consequent ist, was die Uebrigen sagen. Die Stelle aus Plato's »Gorgias« beweist nicht, was sie dem Uebersetzer beweisen soll. Βάραθρον so viel ich weiß, nie das Gefängniß, sondern immer das Barathron oder irgend ein anderes Surrogat für Todesstrafe. Plato scheint mir also zu sagen: Miltiades würde umgekommen sein, wenn ihn der Archon nicht gerettet hätte. Daß er an der Wunde starb, gehört nicht mehr zum Proceß. Die angeführte Stelle aus dem Aristophanes beweiset es auch nicht. Es verweiset daselbst eine komische Person die Penia in das Barathron, welches nichts weiter ist als εις κόρακας, abeas in malam rem . Die Anmerkung des Scholiasten dazu finde ich bis jetzt nur halb wahr. Die eigentlichen Bedeutungen der Wörter kann man wol selten rein aus komischen Dichtern nehmen, die schon ihres Zwecks wegen oft Verwirrung und Doppelsinn lieben. Für das Gefängniß findet man überall die Worte δεσμοί, ειρκτή, δεσμωτήριον, φυλακή und vielleicht noch andere; βάραθρον ist mir in diesem Sinne, so viel ich mich erinnere, nicht vorgekommen. Wo es steht, drückt es immer nur die Todesstrafe aus. Auch Barthélemy in seinem »Anacharsis« folgt Bayle nicht. Da ich übrigens nur Dilettant in der griechischen Literatur bin, will ich mich gern bescheiden, wenn man mir bessere Beweise giebt, als diese sind. Daß aber die Angeklagten, wenn die Sache capital ward, ins Gefängniß gebracht wurden, geht aus der Natur hervor, und wir sehen es factisch an Sokrates, der doch für den Staat bei Weitem kein so wichtiger Gefangener war als ein Heerführer, der des Hochverraths beschuldigt, und der wirklich verdammt war. Von Miltiades bis Sokrates ist der Zeitraum nicht sehr groß, und wir wissen in demselben von keiner Veränderung in den öffentlichen Gesetzen der Republik. – Die Elfmänner – οι ένδεκα – waren magistratus minores , die auch mit die Aufsicht über die Gefängnisse hatten. Alles Uebrige in dem Stück wird hoffentlich jedem Mann von liberaler Erziehung nicht fremd sein und meistens an dem Faden der Erzählung selbst deutlich werden. Ich habe gethan nach Vermögen und wünsche, der Versuch sei mir nicht mißlungen. Wenn nur Einige der Besseren dabei eine Stunde nicht unangenehmer, nützlicher Beschäftigung finden, ist die Hauptabsicht schon erreicht. Leipzig, 1808. Miltiades Personen Miltiades   Heerführer der Athener. Cimon ,   dessen Sohn. Themistokles   dessen Freund. Aristides ,   Archon. Xanthippus ,   Ankläger des Heerführers. Kleon ,   Bürger und Volksrädler. Demosthenes Aeschylus Lysikrates ,   Bürger. Philippus ,   Arzt. Epizelus ,   ein Blinder. Elpinice ,   Tochter des Miltiades. Mehrere Bürger.     Der Chor.     Die Scene ist in Athen, abwechselnd an verschiedenen Orten. Erster Aufzug Ein offener Platz nicht weit vom Hafen Erster Auftritt Kleon mit einigen Bürgern geht wartend umher. Epizelus, der Blinde sitzt auf einem Steine. Lysikrates kommt. Kleon. Ist der Verräther da, der Bösewicht, Der den Barbaren uns verkaufen will? Ich bin in Angst, ich sehe schon den Feind Dort auf der Burg, so lange dieser Mann Noch nicht den Elfen übergeben ist. Sprich, ist er da? Lysikrates. So eben lief er ein. Wie die geschlagne Hoffnung zog das Schiff Sich scheu ans Land, kein Päan wird gehört. Man schweigt am Ufer, schweigt auf dem Verdeck, Die Segler thun die Arbeit und sind stumm. Nur ein Gemurmel in der Ferne läuft Von Haus zu Haus, ein trauriges Gemisch Von Fluch und Mitleid. Kleon . Mitleid ist Gefahr. Des Fluches Wirkung ist hier Sicherheit. Den Weibern Mitleid, Männern strenges Recht. Wo ging er hin? Lysikrates . Es standen Aristid Und Einige, des Hauses Freunde, dort Am Ufer, die begleiteten ihn still Nach seines Wohnung. Kleon. Ins Gefängniß nicht? Lysikrates. Er kann nicht gehen; seine Wunde macht, Daß man den Kranken in der Sänfte trägt. Epizelus (der sich genähert hat) . Ihr Götter, ist das noch mein Vaterland? Athener sprechen von Miltiades In diesem Ton; von ihm, dem sie allein Verdanken, daß sie noch Athener sind, Daß noch ihr Name bei den Griechen steht! Kleon. Wer bist Du, Mensch? Epizelus. Das weißt Du nicht? Ich bin Ein Mann von Marathon; der bist Du nicht. Kleon. Wie weißt Du das? Epizelus. Es spricht in diesem Ton Kein Ehrenmann, der dort im Kampfe stand. Lysikrates (zu Kleon ) . Es ist der Blinde, Epizelus, der, Du hast ja wol gehört – – Kleon. Nun kenn' ich Dich. Du bist der Fasler, der durch ein Gesicht Dort sein Gesicht verlor und nun umher Am Markt, am Kynosarg und auf dem Pnyx Den Knaben lieblich die Geschicht' erzählt. Epizelus. Du, Du erzählst den Knaben freilich nichts, Und Dein Ruhm stört gewiß sie nie im Schlaf; Durch Dich wird kein Athener, was er soll. Damit Du gerben könntest, schlugen wir; Und frevelnd lästerst Du das Heiligthum, Das Deiner Seele fremd ist. Kleon. Guter Mann, Ereifere Dich nicht! Das Heiligthum Ist mir so lieb als Dir. Du thatest brav An jenem Tage Deine Pflicht; dafür Hast Du den Tisch im Prytaneum; den Sollst Du behalten, bis die Moere Dich Ins Elyseum ruft. Wir rechten nicht Mit dem Miltiades von Marathon. Dort war er gut; bei Paros war er schlecht, Hat dort vielleicht das Vaterland verkauft Wie Histiäus, Aristagoras Und Strattis und der andre feile Troß. Epizelus. Und wäre hier? Und Aristides gab Ihm seine Hand, als er ans Ufer stieg? Wem Aristides seine Rechte reicht, Ist losgesprochen vom Areopag. Kleon. Mein blinder Freund, Du siehst nicht die Gefahr. Epizelus. Doch, doch; ich sehe sie: ich seh', wie Ihr Das Vaterland, das kaum gerettete, Mit Euerm Wahnsinn ins Verderben stürzt. Ich traure laut, daß ihn mein Auge nicht, Den Mann, an dessen Seite mir die Schlacht Ein Opferfest, der letzte Tag des Lichts, Ein Tag der Flamme war, ihn nicht mehr sieht! Ich freue mich, daß Ihr, Verworfene, In tiefer Nacht unsichtbar vor mir steht, Ihr Undankbaren! Euer Anblick ist Dem Ehrlichen der Amphisbäne Gift. (Er geht fort.) Zweiter Auftritt Kleon, Lysikrates sehen ihm nach. Lysikrates. Der ist ein heißer Mann. Der Sturm der Schlacht, Die Gluth des Ehrentags der Rettung hat Ihn um das Licht gebracht. Sein frommer Wahn Ist unserm Volke heilig, daß ein Strahl Von einem Gott, der den Athenern half, Ihn weihend in dem Kampfe blendete. – Mir banget wirklich um Miltiades. Kleon. Und mir um uns. Lysikrates. Sollt' er denn in der That Der Feile sein, zu dem der Pnyx ihn macht? Kleon. Feil oder nicht, Tyrann ist er gewiß. Erwäge nur, hat Alles, was er that, Seit langer Zeit nicht dahin abgezweckt? Wär's mit den Inseln ihm gelungen, wir, Wir lägen schändlicher in seinem Netz Als in der Perser Joch. Lysikrates. Ist der Beweis Denn so vollendet überzeugend, daß Man gegen ihn mit Recht verfahren kann? Kleon. Wer sich so furchtbar in Gefahr gesetzt, Wer so viel Schritte hier zum Ziel gethan, Das er in Thracien einst schon erreicht, Ist Der Republikaner? Jeder Mann, Der unbedingt den Staat in Händen hat, Vor dem mit Ohnmacht das Gesetz verstummt, Ist schon Despot, führt er auch nicht das Wort. Lysikrates. Doch war er immer milde, sanft und gut. Kleon. Der Tiger auch blickt milde, bis der Raub Ihm in den Klauen liegt. Freund, ein Despot Ist nur gerecht, um ungerecht zu sein, Und wirft Obolen nach Talenten aus. Geh, frage nur, was war Pisistratus? Wie lange täuschte sich nicht Solon selbst? Despoten auszuspähn, ist nie zu früh, Fast immer nur zu spät. Geh die Geschichte durch! Willst Du denn warten, bis der Satellit Den Lanzenkreis um ihn gezogen hält? Bis seine Kataphrakten Dir den Weg Am Markt vertreten? Bis mit dem Gesetz Der Bürger schweigen muß? Bis Cekrops' Volk Um seinen Wagen sclavenähnlich steht? Lysikrates. Du malest Dir ein fürchterliches Bild. Kleon. Ob's wahr sei, frage die Akropolis! Kaum hat uns Marathon davon befreit, Ein zweites Marathon brächt' es zurück. Des Volkes öffentlicher Dank schweift oft Im Rausch vergessend bis zum Wahnsinn aus. Lysikrates. Sowie sein Undank. Kleon. Dieser Undank ist Nie so gefährlich als der Thoren Dank. Die Dummheit giebt das köstlichste Juwel Unwiederbringlich hin. Das Ungeheuer, Das tausendarmig uns sodann ergreift, Umgiftet uns mit Pesthauch, daß der Geist, Der bessere, bis in das tiefste Mark In schrecklicher Unendlichkeit verdirbt. Blick über See, sieh nur nach Susa hin, Wie dort sich hündisch ohne Menschenwerth Das Sclavenantlitz auf die Erde drückt! Lysikrates. Zum Glück erschreckt Dich der Empusenblick Umsonst; denn so tief sinken Griechen nicht. Kleon. Wer bürgt dafür? Hat nicht das Vaterland Der niedrigsten Verworfenheit genug? Du brauchst nicht erst nach Samos hinzugehn. Kaum ist die Burg vom Satellitentroß Der blutigen Pisistratiden frei. Was unser Mann im Chersones verlor, Das sucht er hier in der Akropolis Des alten Mutterlandes. Hat er nicht Mit stolzer Willkür seinen Inselzug, Als trüg' er schon das Strahlendiadem, Umher gemacht? Den Pariern sei Dank, Trotz ihrem Sclavensinn nach Osten, daß Sie nicht den neuen Dreizack fürchteten! Lysikrates. Du bist also gesonnen? – Kleon. Freund, ich will Noch mit dem letzten Tropfen meines Bluts, Mit meinem letzten Hauch die Tyrannei, Die uns bedroht, verfolgen; folge, was Dann will, für mich! Athener will ich sein! Und Freiheit ist Athen's Palladium. Lysikrates. Hier kommt Xanthippus. Dritter Auftritt Vorige. Xanthippus. Xanthippus. Habt Ihr ihn gesehn? Mit welchem Trotz im Blick er um sich schaut, Als folgt' ihm jetzt schon ein Trabantenheer! Nein, bei des Vaterlandes Göttern, nein, So wahr ich ein Alkmäonide bin, Und war' er zehnmal noch der erste Mann Von Marathon, Despot soll er nicht sein! Er soll zertrümmert werden, eh er's wird! Und daß er's will, das ist nur allzu wahr. Was kümmert ihn das alte Vaterland? Er schlug die Schlacht bei Marathon für sich. Er denkt vielleicht, er ist in Thracien; Er soll erfahren, er ist in Athen, Wo man nicht ungestraft Verräther ist! Will er nicht Bürger sein, so sei er nichts! Lysikrates. Der Mann wird stark, wenn ihn das Unglück schlägt. Ist's ein Verbrechen, muthig in den Sturm Zu blicken, der ihm hoch entgegenbraust? Der Trotz, der Dich beleidigt, ist vielleicht Der sich bewußten Unschuld Hochgefühl. Ein großer Mann, der mit dem Schicksal kämpft, Wenn Alles rund um ihn zusammenstürzt, Ist in der vollen Sammlung seiner Kraft Der Götter Lieblingssohn. Xanthippus. Pisistratus War ehmals ebenso. Ich zweifle nicht An seinem Muth und seiner Klugheit, Freund; Die ist uns Allen längst bewährt genug. Und desto schlimmer nur! – Ich will den Gang Für unsre Freiheit mit ihm wagen, will Dem Volk den Vorhang lüften, der ihn deckt, Und noch vor der Geburt mit aller Kraft Die Hyderköpfe tödten. Wenn mich nicht Die Stimmung täuscht, so ist es eben Zeit. Kleon. Ich folge Dir, und mir der ganze Pnyx. Die mehrsten unsrer Viertelsmeister sind In meiner Hand. Man murrete schon laut, Als herrisch er mit dem Geschwader fuhr, Als wär' er unbedingt der Mann des Tags. Es läuft von Markt zu Markte das Gerücht: Seit Hippias dort in dem Treffen fiel, Sei der Pisistratiden Herrschsucht ganz In ihn gefahren. Jeder weiß etwas Zu sagen, das etwas zur Sache thut; Und sein Charakter bei den Bürgern gilt Jetzt als Gemisch von Löwen, Wolf und Fuchs. Xanthippus. Gilt, was er ist. Es sei! Ich klag' ihn an. Der Chersonesus macht ihn schon verhaßt, Und was er jetzt theils that, theils unterließ, Erweckt von allen Seiten Furcht. Die Furcht Giebt hier zu der Verdammung schon das Recht. Erwartung endlichen Beweises führt Zu dem Verderben. Bei Athenern braucht Es nur Verdacht, und ihre Scherben sind Zu dem Gericht bereit: und hier ist mehr. Lysikrates. Thut, was gerecht ist! Möge nie der Staat Bereuen, was Ihr jetzt, mit Leidenschaft Vielleicht, dem ersten Mann der Republik Zu thun bereit seid! Kleon. Sprich nicht Unsinn, Freund! Der Archon ist der erste Mann des Staats; Und nach ihm kommt die nächste Obrigkeit. Sonst ist ein Bürger Bürger, Keiner mehr, Und Keiner weniger, wie das Gesetz Dort in den Tafeln auf der Burg bestimmt, Und wie es die Natur der Sache heischt. Der erste Mann der Republik! Dies Wort Allein macht zu Verbrechern ihn und Dich! Gleichheit des Rechts und Ehrengleichheit sind Der Freiheit Grund und der Gerechtigkeit; Und ohne diese Göttergaben ist Es eins, ob er hier, ob Darius herrscht. (Geht mit Xanthippus ab.) Vierter Auftritt Lysikrates (allein). Lysikrates. Wer taucht empor aus diesem Zweifelmeer, Das uns umfluthet? Sieht der Demagog, Was wirklich ist? Spielt seine Leidenschaft Nur frevelnd mit des Volkes Heiligthum? Nur Ihr Olympier dort oben wißt, Was in der Seele tief verschlossen liegt; Wir greifen blind nur in die Finsterniß. Miltiades, vielleicht ist er der Mann, Der göttlich rein in seiner Würde steht; Vielleicht nur übertünchter Herrschergeist, Wie von Sesostris bis Pisistratus Wir Viele sahn. Ihr Götter, schützt Athen! Zweiter Aufzug. Wohnung des Miltiades. Erster Auftritt. Miltiades wird von Kriegern auf einem Sessel gebracht, schwer in den Schenkel verwundet. Elpinice . Miltiades. Hier setzt mich her an meines Vaters Herd! Hier vor den kleinen, stillen Hausaltar, Hier, wo der ältere Miltiades Die Thracier mit dem Orakelspruch In kaum bewußter Tugend zu sich lud! Das Glück und Unglück unsers Hauses kam Von dieser Stunde – (Zu den Kriegern.) Freunde, Eure Hand! Das ist jetzt Alles, was Miltiades Euch geben kann; verschmäht die Gabe nicht! Ihr wart bei Marathon? Ein Krieger. Wir waren, wir Sind Bürger von Athen. Miltiades. Für jenen Tag Dankt Euch das Vaterland und Euer Herz. Für diesen, ach, ich bin nun fast zu arm, Euch nur zu danken; dennoch dank' ich Euch. Lebt wohl, Ihr Bürger! (Die Krieger gehen ab.) (Zu Elpinice.) Meine Tochter, komm; Komm an mein Herz, mein liebes, liebes Kind! Du weinst? Gieb diese Thränen der Natur Und dann sei Tochter des Miltiades! Sei eine Griechin! Elpinice. Wärst Du nie mit Sieg Von Marathon gekommen, hätte nie Das Volk mit Jubel hoch Dir zugejauchzt! Das wird Dich tödten, Vater; Gott, das wird! Miltiades. Sei ruhig, Mädchen! sammle Deinen Muth Und sieh die Dinge, wie die Dinge sind! Wärst Du so klein gesinnt, daß Du den Tag Von Marathon dahin fürs Leben gäbst? Das bist Du nicht: Dich wiegt der Augenblick Nur etwas nieder. Ohne Marathon, Was wären wir? und was das Vaterland? Ich war Athener in dem Chersones; Es ist mein Stolz, daß ich Athener bin. Bei aller Narrheit unsers leichten Volks Ist es vielleicht doch noch das menschlichste, Das freundlichste von Hellas. Tapfer ist's, Wie es die Ebne dort bewiesen hat. Elpinice. Der Neid, die Mißgunst und der Undank wird Dich der Parteisucht opfern. Ach, mein Herz Bebt vor dem Markte, wo die Frechheit sich In Gruppen stellt und über Tugenden, Die ihren Seelen unerreichbar sind, Mit Scheelsucht urtheilt und die Eifersucht Für das, was ihre Horde Freiheit nennt – Miltiades. Mein Kind, Du urtheilst eben jetzt wie sie. Nicht unwahrscheinlich, daß Ihr Beide irrt. Doch welcher Irrthum wol verzeihlicher, Der Menschenwürde minder schädlich sei, Das, liebes Kind, enträthselt nur ein Gott. Nur gleiches Recht, nur gleiche Freiheit trägt Das Vaterland an des Verderbens Rand Durch Klippen hin, wo jeder Bürger sich Mit edlem Stolze zu dem Ganzen reiht Und Keinem Antwort giebt als dem Gesetz. Nur dieser Geist hebt unser Griechenland So hoch empor, daß es vor einer Welt Von Söldnern, die der reiche Orient Herübersendet, nicht erzittern darf; Nur dieser Geist schuf Marathon und schafft Der Flammentage mehr, wie dieser war. Dein Vater müßte ohne diesen Geist Vor dem Despoten, der in Susa thront, Den Fußtritt mit der Stirn berühren; Du, Du, liebes Kind, wärst ohne diesen Geist Ein Sclavenmädchen einer Perserin, Die, selbst halb Sclavin, nur in Pomp gehüllt, Den Werth der freien Seele nie begreift. Elpinice. Mein Vater, ach, wird nicht auch dieser Geist, Der Dich und Deine Freunde so durchglüht, Dich mit den Freunden ins Verderben ziehn? Der Sturm braust hoch, und Glück und Unglück wird Hier gleich Verbrechen; lauschender Verdacht Und Leidenschaft der Demagogen ist Genug zum Hingang in das Barathron. Miltiades. Wol möglich, gutes Kind! ich fürcht' es selbst. In Susa dort kennt man kein Menschenrecht; Hier in Athen bewachet Angst und Furcht Das Heiligthum, zum höchsten Mißbrauch oft Des Heiligthums. Soll keine Rose sein, Weil ihre Dornen stechen? Soll kein Kraut Der Heilung wachsen, weil es in der Hand Der Thorheit und der Bosheit Gift gebiert? Der Strom, der einem Tempe Fruchtbarkeit Und Nahrung giebt, durchbricht oft seinen Damm Und wälzet sich verheerend durch die Au'; Doch ohne seinen Segen wären auch Die Tempefluren nicht. Elpinice. O, könnten die Athener alle, die mit Mißtraun jetzt Vom Kynosarge bis zum Hafen hin Verderben raunend, ängstlich brütend stehn, Die große Seele schauen, wie sie ist, Dir und dem Vaterlande wäre wohl! ( Cimon erscheint. ) Hier kommt mein Bruder. Ach, mir wird die Last Mehr als zur Hälfte leichter, wenn er kommt. Zweiter Auftritt. Vorige. Cimon. Miltiades. Wie steht es draußen, Cimon? Cimon. Vater, schlecht. Miltiades. Von innen steht es gut, bis auf den Fuß, Der mich entsetzlich brennt. Cimon. So kamst Du nicht Vom Herakleum dort bei Marathon Zum Herakleum nah hier vor dem Thor, Wo von dem Kynosarge noch Dein Blick Die Perser schreckte, daß die Flotte schnell Die Höhe suchte – Miltiades. Recht, so kam ich nicht. Bin ich Dir jetzo minder werth, mein Sohn, Weil nicht der Lorbeer meine Schläfe schmückt, Weil nicht die Menge schwindelnd mich umjauchzt? Cimon. Kann in der fürchterlichen Stunde noch Mein Vater unsanft sein? Gewiß, so kennt Er seinen Cimon nicht. Ich bin so stolz Auf Dich noch jetzt, wie ich es damals war. Das Unglück erst bewährt den großen Mann. Miltiades. Stolz ist Gefühl des Werths. Ein Jeder sei Nur stolz auf sich und übertreibe nie Den wahren Werth, der wirklich in ihm ist! Dann ist der Staat auf seine Bürger stolz. Was Einer thut, giebt keinem Andern Werth, Und wäre dieser Andere der Sohn. Cimon. Mein Vater, zürne nicht! Du weißt es selbst, Das wollt' ich nicht. Dein Heldenantlitz weckt In mir das allgewaltige Gefühl, Den tiefen Feuerdrang, Dir gleich zu sein, Zu thun wie Du, und sei es auf Gefahr Des Lohns sogar, wie Du ihn jetzt erfährst. Miltiades. Ich glaube Dir. Mit solchen Bürgern steht Athen gewiß. Thu Deine Pflicht, mein Sohn, Mit allem Feuereifer Deiner Brust, Und was Du thust, sei Lohn, der Dir genügt! Die Tugend ohne Lohn ist doppelt schön. In Allem übertriff mich, wenn Du kannst, Und sei, wenn's sein muß, mir im Unglück gleich! Wie steht's im Volk? Mein Sohn, verbirg mir nichts! Ich war der Letzte nicht bei Marathon Und kann es hören, Cimon. Damals galt's Dem Vaterlande, jetzo gilt's nur mir. Cimon. Du weißt, Dein Aufenthalt im Chersones Giebt unsern Rädlern vielen reichen Stoff, Ihr Gift zu kochen, und die Mischung wirkt. Dein Ansehn in dem Staat, der Vorzug, den Dir alle Feldherrn gaben, dann Dein Sieg Und nun Dein Unglück, Alles, Alles wird Dir zum Verbrechen. Braucht das Volk noch mehr? Der Demagog ruft laut und hoch Verrath, Und aus dem Munde jedes Miethlings hallt's, Der sich für drei Obolen ihm verkauft. Von seiner feilen Seele schließt er stracks Auf Andere. Elpinice. Die Götter wissen das, Wie unaussprechlich thöricht und verkehrt Die Menge handelt. Bruder, sammle Dich, Gieb etwas von der strengen Tugend nach! Sieh, welche Angst mir fast das Herz zerreißt, Und welcher Schmerz mir von dem Auge glüht! Rett uns den Vater, thue, was Du kannst; Sprich, bitte, flehe, schmeichle; nimm den Schmuck, Den Du zuletzt mir gabst; mein letztes Gold Nimm, nimm, bestich! Was sich Miltiades Nie, nie erlauben wird, nie darf, das darf Sein Sohn für ihn, wo es den Vater gilt. Den Thoren fasse kühn nach seiner Art Und seinen Freund, den Schlechten: einst noch dankt Der Staat Dir für den freundlichen Betrug, Daß Du die große Tugend ihm erkauft! Miltiades. Du rührst mich, Tochter; Deine Zärtlichkeit Thut meinem väterlichen Herzen wohl. Ich danke Dir. Allein Du irrst, mein Kind, Das kann und soll nichts helfen; unser Haus Steht in der Götter und der Tugend Schutz. Kann es nicht sicher stehn auf diesem Grund, So fall' es gut und ehrlich. Liebes Kind, Wenn auch das Volk mein Unglück mir verzeiht Und meine Freunde siegen, fürcht' ich doch, Ich trag' unheilbar schon den Tod in mir. Die Wunde war bedenklich, und die See Hat sie verschlimmert; und die Unruh' hier Wird sie nicht bessern. Zweifelnd blickt der Arzt, Bekennet stumm die Ohnmacht seiner Kunst Und scheint den Ausgang mir zu prophezeih'n. Mich däucht, der Archon kommt. – Geh, geh, mein Kind, Sei ruhig, wie Du Deinen Vater siehst! Elpinice. Wär' ich ein Weib und Deine Tochter, wenn Ich ruhig könnte sein, in dem Moment, Wo meines Vaters Leben in Gefahr So fürchterlich von allen Seiten ist? Ich will versuchen, was die Kraft vermag; Nur, Cimon, sage mir – Miltiades. Entferne Dich! Er soll Dir Nachricht bringen. Männer nur, Und in dem engsten Sinne, brauchen wir Zu dem Geschäft, das jetzt hier vor uns liegt. ( Elpinice geht ab.) Dritter Auftritt Miltiades. Cimon. Aristides und Themistokles kommen. Miltiades. Das ehrt mein Haus, daß selbst der Archon kommt Und es besucht, jetzt, da das Wetter sich Rund um dasselbe thürmt; das thut mir wohl. Und Aristides selber ist der Mann, Der dieses thut; das ist noch mehr. Aristides. Mein Freund, Das wogende Getümmel unsers Volks Drängt sich von allen Straßen nach dem Markt Und ist voll Unmuths gegen Dich. Ich will Versuchen, was ich kann, Gerechtigkeit Dir zu verschaffen. Themistokles. Ha, Gerechtigkeit, Die schöne Göttin, Aristides, suchst Du bei Athenern, die für ein Gericht Aphyen sich zu Lanzenträgern bei Pisistratus verdingen? Suche nur! Wen die Gerechtigkeit hier retten soll, Der ist verloren. Aristides. Anders wollte sich Doch wol Themistokles nicht retten? Themistokles. Wenn Gerechtigkeit beschützen kann, so sei's; So bin ich froh, dann ist es, wie es soll. Doch selten wird es sein. Das Gute wird Nur selten rein gethan, und das Gewühl Der Leidenschaften ist der Hebel, den Der Kluge braucht. Aristides. Ich weiß es schon, In welchem Werth bei Dir die Tugend steht, Und welche Mittel Du zum Zwecke wählst. Themistokles. Ich nehme meine Leute, wie sie sind. Der Mensch ist hier ein Gott und dort ein Vieh, Durchkreist die Schranke jeder Wirklichkeit. Die Meisten sind, was die Umgebung will: Das Instrument in einer klügern Hand. Miltiades. Nur zu wahr oft, und traurig, daß es ist! Wie steht es aber? Hoffentlich werd' ich Doch wol nicht unverhört verdammt? Ich bin Doch wol noch in Athen? Athener noch, Und habe mit dem Gerber gleiches Recht? Aristides. Xanthippus klaget Dich des Hochverrats Bei der Versammlung an, und Kleon hat Mit seinem Anhang alle Viertel schon Zu hoher, schlimmer Gährung aufgerührt. Themistokles. Die Schuster und die Stockfischhändler ziehn Von Platz zu Platz, als ob sie Griechenland Befreien müßten, blicken mächtig dumm Und werfen Apophthegmen wider Dich. In Dir steckt hundertmal Pisistratus, Wenn man den Gerber Kleon rasen hört. Miltiades. Das fürchtet' ich. Der Kataraktensturz Wird, muß mich niederwerfen, und kein Freund, Kein Aristid als Archon rettet mich. Ich bin in der Alkmäoniden Hand. Sie prahlen stolz mit dem Verdienst, das sie Durch der Pisistratiden Sturz im Staat Sich einst erwarben, ob der böse Ruf Gleich ihrer nicht geschont, als nach der Schlacht Der Perser Flotten über Sunium Herüberflogen. Um nun den Verdacht Von sich zu wälzen, wälzen sie ihn kühn Auf mich zurück. Ihr Einfluß ist zu groß, Die listige Beschönigung zu schön: Mein Unglück macht mich ganz zu ihrem Raub. Themistokles. Was willst Du thun? Miltiades. Was kann ich thun? Ich muß, So wie ich lebte, sterben. Aristides. Götter, soll Mit uns es dahin kommen? Soll Athen Die Schande tragen, seinen Retter selbst Zu morden? Nein, so wahr ich Archon bin, So wahr noch kein Athener es gewagt, Mich einer Ungerechtigkeit zu zeihn, Ich will Dich retten, lieber, alter Freund! Ich bin von Deiner Unschuld überzeugt Und überzeuge das verführte Volk. Miltiades. Hier übernimmst Du mehr, als Du vermagst; Doch dank' ich Dir. Wenn Aristides nur Mich losspricht, ob mich jetzt die Welt verdammt, So leb' ich bei der Nachwelt ohne Schuld. Themistokles, ich denke so wie Du, Doch fürcht' ich weiter nichts; der Tod ist uns Ja wohl bekannt. Wer unter uns hat nicht Ihm oft schon in das Angesicht geschaut? Du kennst das Volk, und, Freund, Du kennest mich; Du sollst mein Anwalt vor den Schranken sein. Ich lege gern mein Loos in Deine Hand; Ich weiß, daß Du der Würde nichts vergiebst, Die mir und Euch gebührt. Mir mangelt Kraft, Für mich zu sprechen, und vielleicht geziemt Es mir auch nicht. Es würde Stolz und Trotz Mich übereilen vor dem Blutgericht. Themistokles. Du ehrst mich damit mehr, Miltiades, Als würde mir im Feld der schönste Sieg. Ich will versuchen, was die Seele kann, Wenn sie nach ihrem besten Wunsche ringt. Mein Lehrer, Freund und Vater warest Du Und sollst mir's doppelt sein, erkämpf' ich Dich. Der Archon wird mich unterstützen. Aristides. Ja, Hier kann ich das mit meiner ganzen Kraft, Themistokles; oft kann ich's leider nicht. Miltiades (zu Themistokles ) . Du Feuereiferer fürs Vaterland, Wir ehren Deinen Sinn; nur ehre Du Die Art, wie Aristides ihn bestimmt! So werdet Ihr in brüderlichem Bund Des Vaterlandes Dioskuren sein. Jetzt laßt mich ruhen! Aristides. Deine Gegenwart Vor der Versammlung wünscht' ich aber doch. Wenn Du erscheinen kannst – Miltiades. Ich werde, Freund. Die Götter geben mir noch so viel Kraft. Nur vor dem Lärm des Marktes banget mir. Ich bin nicht mehr an Körper und an Geist, Was ich noch war, als Datis vor uns stand Und Ihr mir Eure Tage übergabt. Kämpft Ihr mich los, wahrscheinlich ist es nur Für mich noch wenig Frist, was Ihr erringt. Aristides. Der Brandfleck wäre desto schwärzer, wenn Nur eine kleine Stunde früher wir Den Mann zum Hades sendeten, der uns Davon befreit. Wenn ich etwas vermag, Soll Deiner Krankheit wegen nicht der Markt, Das Prytaneum soll Gerichtsort sein. Wir gehen jetzt; ermanne Dich durch Ruh', Die fürchterliche Stunde zu bestehn, Auch jetzt vorzüglich für das Vaterland! Denn was gewonnen wird, gewinnt Athen, Die treue Freundschaft führet nur das Wort. Themistokles. Miltiades, mir banget zwar um Dich, Doch neid' ich Dir nicht minder diesen Tag Als den bei Marathon. Miltiades. Ich kenne das; Du bist Dir immer gleich. Ein andermal ( Aristides und Themistokles gehen ab.) Vierter Auftritt Miltiades. Cimon. Miltiades. Mein Sohn, Du sprichst kein Wort? Cimon. Ich geh' und handle mit. Es tröstete Mich mächtig dieser Anblick, Vater, jetzt Von diesen Männern so verschiedner Art So innig einig Dich geliebt zu sehn. Miltiades. Das ist es, was die Tugend sich erwirbt, Daß, wenn Gefahr ihr furchtbar näher rückt, Die gleiche Tugend sich zu ihr gesellt. Bleib jetzt bei mir, mein Sohn! ich brauche Dich. Du siehst, ich bin ein armer, kranker Mann Und fühle jetzt den Trost, daß so ein Sohn Und solche Freunde mein sind. In der Stadt Ist meine Sache, glaub' ich, gut bestellt; Bestelle Du nunmehr mein Haus! es ist Das Deinige nun bald. Cimon. Mein Vater, ach, Mein Vater, kennte Dich das Volk wie wir, Es würde dankbar um Dein Lager stehn Und zu den Göttern beten. Miltiades. Sohn, das Volk Thut wie das Volk, zu wenig und zu viel. Es sieht mit Leidenschaft und handelt so; Du thust ihm Unrecht, wenn Du mehr verlangst. Die Demagogen und die Könige Sind oft auch um kein Haar gemäßigter. Die Rede hat mich sehr entkräftet, und Der Schmerz brennt heftiger. Geh, lieber Sohn, Und sende mir den Arzt! sonst tödtet mich Vielleicht die Wunde, eh man mich verdammt. Cimon. Wirf doch noch nicht, nicht alle Hoffnung weg! Geduld und Muth und Kraft! Vielleicht wird noch Das Ende besser. Miltiades. Junger Mensch, Du sprichst Mit Deinem Vater, mit Miltiades. Gut wird es enden, end' es, wie es will. Zum Leben hab' ich freilich wenig Kraft, Zum Tode Kraft und Muth genug. – Mein Sohn, Geh, schicke mir den Arzt! ich brauche Ruh'. Und geh und tröste Deine Schwester dann! Vor Allen braucht wol sie am Meisten Trost. Geh, lieber Cimon! ( Cimon geht ab.) Fünfter Auftritt Miltiades (allein). Miltiades. Ach, Metiochus, Mein Sohn, mein Sohn, der hinter Susa jetzt Der Perser Ketten trägt! Wärst Du bei mir! Könnt' ich nur einmal noch Dich an mein Herz Mit Vaterliebe drücken! Cimon, Du, Themistokles und Aristides, was Was würdet Ihr dem Vaterlande sein! Ich Glücklicher im Tode, wärst Du hier! Nun wirst Du mir zum Vorwurf. Vaterland, Es wird mir schwer, nicht bitter gegen Dich Zu werden; Deinen Undank fühl' ich tief, Und fast setzt sich Verachtung mir ins Herz. Doch nein, das Göttliche, das in mir glüht Hält fest sich an das Göttliche in Dir. Die Sclaven nur sind ohne Vaterland, Die Aermsten aller Sterblichen, wär' auch Die Kette, die sie tragen, Seid' und Gold. Des Vaterlandes schönes Heiligthum, Ich war so glücklich – – ach, Metiochus Dort in der Knechtschaft, diese Wunde schmerzt Mich brennender als die von Paros. Du Hast jetzt vielleicht im Taumel süßes Wahns Vergessen, daß Du je ein Grieche warst. Mein Cimon tröste mich für den Verlust! – Noch kommt der Arzt nicht. – Nur ein Wenig Schlaf, Nur etwas Stärkung, gütige Natur, Daß mich ein heller Sinn begleite, wenn Man mich zu dem Gericht des Todes trägt! (Er schlummert ein.) Dritter Aufzug Erster Auftritt Gruppen von Bürgern, nach ihrer politischen Stimmung. Xanthippus. Kleon. Ihr Anhang. Demosthenes, Aeschylus, Bürger und Freunde des Miltiades. Lysikrates, gemäßigt. Kleon. Die Klage soll im Prytaneum sein, Sagst Du, Xanthippus? Wieder Neuerung. Seit Theseus' Zeiten war der Markt der Platz, Wo man die öffentliche Sach' entschied. Hier soll Gericht sein! Was hat er voraus? Die Halle dort ist klein. Er hat am Volk Gesündiget: er soll sich vor dem Volk Vertheidigen, wenn er es kann! Denkt er Der freien Untersuchung zu entgehn? Das soll er nicht! Demosthenes (zu Aeschylus ) . Wenn man den Menschen hört, Man kommt doch fast zu glauben in Gefahr, Er sei der Mann, der die Unsterblichen Des Perserheers allein geschlagen hat, So hoch spricht er; und dennoch ist er nur Der Gerber Kleon unten an dem Pnyx, Der mit Aegyptern sich zuweilen laut In Gerstenwein berauscht, nicht weiter kam Als bis zum Kynosarge, wo er sieht, Wie seine Lederarbeit uns den Fluß verderbt. Kleon. Demosthenes, ich kenne Dich. Demosthenes. Da kennst Du einen Mann, den kein Athener noch Mit einer Klage hier verfolgte, der Dort in dem Feld und auf dem Markte hier Stets seine Pflichten that. Kleon. Wir wissen, Du Bist des Tyrannen Freund. Demosthenes. Wär' er Tyrann, Das glaube mir, Du sprächest längst nicht mehr Und hieltest nicht Gericht jetzt über ihn. Denn wäre ja Miltiades so schlecht, Als Du ihn lügst, denkst Du, er wäre hier, Wo man Aristogiton Hymnen singt? Er will dem Volke wohl; das wollt Ihr nicht. Die Eupatriden und die Wucherer Säh'n gar zu gern den Laurischen Gewinn Ohn' allen Abzug in die Säcke gehn, Die sie besitzen. Daß er Unglück hat, Daß Paros so nicht war wie Marathon, Ist das Verbrechen? Perser fochten hier, Dort fochten Griechen. Xanthippus. Freund Demosthenes, Das wird sich zeigen, wenn's zur Sache kommt. Demosthenes. Ich hoff', es wird. Denn bei Minervens Schild, Nie soll der Oelbaum unsrer Polias Mich mehr beschatten, wenn ein Mann wie er Nicht sicher an des Vaters Herde sitzt! Kleon. Du kannst ja mit ihm gehen. Demosthenes. Allerdings. Viel lieber in dem Barathron mit ihm, Als dort in der Akropolis mit Dir! Kleon. Wir wissen, daß ein Mann von Marathon Nicht sehr bescheiden redet, wenn er spricht. Aeschylus. Wir dürften schweigen, Marathon spricht selbst; Wenn nur die schlimmeren Athener nicht Das Werk zerstörten, das wir dort gebaut! Kleon. Auch Du warst dort, ich weiß es; überdies Schriebst Du noch Verse, die ich nicht verstand. Aeschylus. Ich glaub' es wohl. Kleon. Und das zusammen macht Dich nicht erträglicher. Aeschylus. Das ist mir lieb. Den Thoren zu gefallen, wünscht der Thor. Xanthippus. Erbittert Euch doch nicht! Was recht ist, wird, Muß Jedem werden in Athen. Du wirst Es doch nicht tadeln, daß wir einen Mann, Der so viel Bürger in den Tod geführt, In einem so geheimnißvollen Gang, Wovon noch jetzt das Volk nur wenig weiß, Der so viel Schätze stolz verschwendet hat, Als wären's Feigen, nun zur Rechenschaft Nach dem Gesetz in Untersuchung ziehn! Hier ist der Eupatrid', der Idiot Und Jeder gleich: die Frag' ist nur das Recht; Und es ist der Gerechtigkeit Natur, Daß sie für Alle gleich sei. Demosthenes. Alles dies Klingt schön und gut, und Alles ist sehr wahr. Wenn nur des Unmuths Gährung nicht voraus, Durch Euch emporgerüttelt, überall Das Volk mit blindem Undank angefüllt, Zur Wuth entflammet hätte. Wird Vernunft Wol je gehört im Sturm der Leidenschaft? Xanthippus. Auch er ist Eupatrid', und die Partei, Die ihn beschützt, hat ihrer noch genug. Auch sitzen keine Lästrygonier Hier zu Gericht; es sind Athener, die Mit ihm gelebt, und die von Solon her, Von Kodrus und von Theseus Menschlichkeit Mit Freiheit und Gerechtigkeit vereint. Demosthenes. Ich fürchte Deine Klage nicht so sehr – Ob Du gleich fein genug sie drehen wirst – Als Deine Schleicher hier und dort am Pnyx Und an dem Hafen unten, mit dem Gold Von den Alkmäoniden in der Hand. Xanthippus. Du, Lästerer, beschimpfst das ganze Volk Und seine Edelsten. Ich werde die Verleumdung ahnden, wenn die Stunde kommt. Demosthenes. Ich glaub' es freilich wohl. Was werden dann Nicht Alles die Alkmäoniden thun Durch Dich und Kleon und die Sippschaft, die Ihr um Euch zieht! Allein noch hoffe nicht Zu zuversichtlich! Wenn's Euch auch gelingt, Das Volk im Taumel zu des Mannes Mord Frech zu empören – noch sind Männer da Von Marathon, die dort den Feinden und Den Schwindelgeistern hier gleich furchtbar sind: Und das sind die Alkmäoniden nicht! Xanthippus. Du drohst wie Einer, der des Hinterhalts Bewußt sich ist; das Volk wird aber frei Und kühn, was recht ist, thun. Zwar sind nun die Pisistratiden fort, doch wuchert der Pisistratiden Geist noch in Athen. Und diesen endlich auszurotten, sei Die Arbeit jedes Redlichen im Staat! Demosthenes. Hier kommt der Archon; macht dem Archon Platz! Zweiter Auftritt Vorige. Aristides und Themistokles erscheinen mit einigem Gefolge. Aristides. Ihr Bürger, höret mich! Xanthippus klagt Miltiades des Hochverrats beim Volk Gesetzlich an. Es hat nun der Senat Das Prytaneum zum Verhör bestimmt. Kleon. Der Markt und nicht das Prytaneum ist Der Ort, wo nach dem ältesten Gebrauch Man dieser Art Gerichte hält. Es soll Hier keine Neuerung gestattet sein. Aristides. Der Angeklagte ist ein kranker Mann, Ist schwer verwundet in dem Dienst des Staats, Ist alt und schwach; die Witterung ist rauh. Der Saal ist groß; das Prytaneum ist Zu dem Verhör bestimmt. Xanthippus. Mir gilt es gleich. Kleon. Die Neuerung kann nur gefährlich sein! Der alte Brauch gilt hier wie ein Gesetz. Aristides. Hier auf dem Markte kann der kranke Mann Unmöglich jetzt erscheinen, wenn Ihr ihn Nicht vor den Schranken wollet sterben sehn. Kleon. So sei es denn! Allein der Volksbeschluß, Der ihn verurtheilt oder losspricht, wird Dann hier gefaßt; das kann nur hier geschehn, Nach Vierteln, wie die alte Ordnung heischt. Aristides. Das wird sich finden, Kleon. Glaube mir, Wol kein Athener kann in ganz Athen Für Ordnung und Gesetz und Recht und Pflicht Besorgter sein, als Aristides ist. Jetzt gehe Jeder, dessen Gegenwart Dort nöthig ist! Der Thesmothet besorgt Die Anstalt schon, und die Versammlung wächst. Ich gehe selbst, den fürchterlichen Tag Für unser Vaterland zu ordnen, der In aller Griechen Augen uns vielleicht Mit Schande zeichnen wird. (Er geht mit seinem Gefolge ab.) Dritter Auftritt Vorige , ohne Aristides und Themistokles. Kleon. Der Archon giebt Sich heute viele Müh' um das Gericht, Als wär' es eben jetzt das erste Mal, Daß so ein Mann in Untersuchung kommt. Lysikrates. Daß so ein Mann in Untersuchung kommt, Ist allerdings das erste Mal, mein Freund. Von Cekrops bis zu Solon war kein Tag Wie Marathon. Demosthenes. Kein Mann, wie dieser ist. Selbst die gigantische Heroenwelt Hat ihrer wenige. Kleon. Wir zweifeln nicht An seinem großen Geist. Er reißt mit sich Wie ein Koloß die kleinen Seelen fort. Um desto fürchterlicher ist, was er In seines Geistes Tiefe kühn beginnt. Das Schicksal nur hat seinen Lauf gehemmt, Sonst, fürcht' ich, war er zehnfach in Athen, Was er vorher im Chersonesus war. Xanthippus. Ihr Bürger, kommt! Wir müssen diesmal wol Dem Archon folgen, der das Hochgericht Vom Markt ins Prytaneum trägt. Es soll Dem Angeklagten wenig helfen, daß Man alle Mittel sucht, ihn vor dem Zorn Des aufgebrachten Volks zu decken. Nichts Als der Beweis von seiner Unschuld kann Ihn retten, und ich glaube, der ist schwer. Er wird das Opfer seines Frevelsinns. (Er geht mit seinem Anhang ab.) Vierter Auftritt Demosthenes. Aeschylus. Lysikrates. Lysikrates. Dergleichen Tage sah Athen noch nie. Demosthenes. Ich fürcht', es ist der Anfang mehrerer. Gelinget dieser, dann wird das Verdienst Die Loosung zu des Pöbels Allgewalt. Die Scherben werden schon das Vaterland Von Männern säubern, deren Werth etwas Emporsteigt aus den Hefen an dem Pnyx. Des Gerber Kleon's Enkel werden dann Noch stärker reden, als ihr Ahnherr spricht, Der doch an Unverschämtheit Keinem weicht. Lysikrates. Doch kommt mir vor, man thut Miltiades Auch nicht so Unrecht, wie Ihr, Freunde, meint, Ist er gleich nicht das Ungeheu'r, zu dem Ihn seine Gegner machen. Das Gericht Des ganzen Volks muß, wird den Ausspruch thun, Was von dem Mann, der unser Retter war, Das Vaterland jetzt auch zu fürchten hat. Des Bürgers Pflicht war, was er ehmals that, Tilgt aber kein Verbrechen. Aeschylus. Ständen nur Hier um den Löwen die Hyänen nicht Von allen Seiten her! Wohin er blickt, Blickt er auf Haufen Undankbarer, die Durch ihn allein nur sind, was sie noch sind. Lysikrates. Ob dies ganz Wahrheit sei, beweise Du! Wir wollen gehn. Der große Kampf beginnt. Ich wünsche heiß des Vaterlandes Heil Und will mich freun, wenn er durch Unschuld siegt. Mein ganzes Haus sei dann ein Opferfest Für jeden Bürger, welcher kommen will. Doch muß er fallen – der Gedanke greift Mir durch das Mark –, so sei mein nasser Blick Ein Zoll dem großen, wunderbaren Mann! Demosthenes. Verleiht mir Fassung, Götter, daß der Zorn Mir nicht das Herzblut durch die Schläfe jagt! Die nächste Stunde sagt bestimmt, ob wir Athener oder Lästrygonier, Ob Hellas' Ehre oder Schandfleck sind. Von unsern Richtern fürcht' ich Alles; kommt! (Sie gehen zusammen ab.) Vierter Aufzug Das Prytaneum Erster Auftritt Archonten, der Eponymus Aristides an der Spitze. Andere obrigkeitliche Personen. Xanthippus , Ankläger. Bürger beider Parteien. Aristides. Hier ist der Platz des Angeklagten, hier Der Deinige, Xanthippus! Bürger, hört Mit Ruhe jedes Wort; laßt Leidenschaft Und Vorurtheil in Euern Seelen nicht Den Ausschlag geben! Nur Gerechtigkeit, Durch welche nur allein die Staaten stehn, Sei Eurer Stimmen feste Leiterin! Bedenkt, der Tag, den Ihr jetzt halten wollt, Bleibt frei und offen vor ganz Griechenland. Olympiaden werden untergehn: Er kehrt zurück mit seinem großen Schluß, Liegt ewig in der Weltgeschichte da. Man wird die Richter richten ohne Furcht, Mit unbestochnen Gründen; nicht allein An dem Ilissus; bei den Indiern Und hinter des Herakles Säulen wird Von Volk zu Volk mit strenger Wage man Das Urtheil wieder wägen. Wohl dann Euch, Wenn jeder Bessre für Euch unterschreibt! Die Völker scheiden von dem Erdball weg Wie Einzelne; nur was sie waren, bleibt: Der Geist, der sie in ihrer Zeit gebar Und ihre Ehr' und ihre Schande hält. Und seid Ihr Griechen, wie ich glaub', Ihr seid's, So faßt in dem Moment der Gegenwart Zugleich Vergangenheit und Zukunft auf! Des Jünglings Preis ist Schönheit, Kraft und Muth, Der Männer Würde, Licht, Vernunft und Recht. Hier kommt der Mann, dem jüngst Ihr mit Vertraun Für Eure Freiheit in den Arm Euch warft, Als Hippias hoch mit Tyrannenzorn Vom Tigris her Verwüstung, Sclaverei Und Untergang auf Eure Fluren trug! Zweiter Auftritt Einige Krieger tragen Miltiades auf einem Sessel und setzen ihn auf die angewiesene Stelle. Themistokles und Cimon folgen ihm. Der Chor . Miltiades. Hier bin ich; klagt, Athener! Richtet mich, Eh Euch der Tod die Beute raubt! Seid kurz! Ich bin nicht sehr geduldiger Natur, Das wißt Ihr noch von Marathon. Nicht mehr, Als recht und nöthig ist! Und jetzt ist nicht Viel Zeit; das sehet Ihr. Xanthippus, sprich! Ich habe kaum noch Kraft zu hören, kaum Noch Hauch genug, den Freund zu bitten, mir Mit seiner Rede freundlich beizustehn. Aristides. Xanthippus, rede, sprich nach dem Gesetz! Du klagst ihn an; was willst Du gegen ihn? Xanthippus (nach einer feierlichen Pause) . Athener, hört! Den Göttern dank' ich erst Mit heißem Danke und der Göttin, die Die Burg bewacht, daß so ein Tag noch ist, Daß unsre Stimme frei noch reden darf, Daß kein Pisistratus, kein Hippias Und kein Miltiades bis jetzt es wagt, Den Gang zu hemmen, der das Vaterland Mit gleichem Rechte schützt! Aristides. Den Göttern Dank! Sprich weiter, was zur Sache nöthig ist! Xanthippus. Ich klage rechtlich hier Miltiades, Den Sohn des Cimon, an des Hochverrats An seinem Volk, an seinem Vaterland. Aristides. Sprich und beweise! Xanthippus. Geht sein Leben durch! Sein Leben ist ein redender Beweis, Daß Ehrgeiz, Willkür, Herrschsucht, Tyrannei In seiner Seele liegt. Sein ganzes Haus Ist ähnlich den Pisistratiden und Wird endigen wie diese, wenn Ihr nicht Noch, weil es Zeit ist, es zu hindern sucht. Der ältere Miltiades war sonst, So sagt man, dem Pisistratus verhaßt. Ich glaub' es wohl; denn wie kann ein Tyrann Den andern lieben? Einer nur hat Statt Im Staate. Was die Machtvollkommenheit Des Einen sichtet, ist verbrecherisch. Wie künstlich weise, daß Apollo kam Und diesen Männern aus einander half! Miltiades, der Alte, war schon stark Genug hier in Athen, daß der Tyrann, Der wirklich herrschte, ihn mit Furcht nur sah. Bei solchen Spielern ist ein Götterspruch Der Würfel, welcher immer herrlich trifft. Was sagt der Pythier nicht Alles, wenn Man ihn nur sprechen läßt! – Miltiades Fuhr mit dem Anhang in den Chersones. Die Halbbarbaren wollten einen Mann Zum Schutz im Felde gegen ihren Feind, Voll Kraft und Wissenschaft, wie sie Athen Nicht selten zeugt. Der Mann kam an und ward – Der Stempel seines Geistes trat hervor –, Ward schnell, was hier bei uns Pisistratus. Nachdem nun er und dann Stesagoras, Der Neffe, klug das Werk getrieben, ging Nach ihrem Tode dieser unser Mann, Von den Pisistratiden abgeschickt, Und übernahm dort die Tyrannenschaft. Sprecht, sag' ich nicht die Wahrheit? Alles ist Selbst den Aphyenhändlern wohl bekannt. Hemichor. Es ist, wie Du sagest; ich glaube fast Die Sache steht schlimmer, als ich gedacht. Xanthippus. So waren die Pisistratiden seiner los Hier in Athen; dort in dem Chersones Könnt' er den Herrschern hier behilflich sein. Geht hin und fragt, ob er es nicht versteht, Das Volk nach seinem Zweck zu leiten! Er Ist, trotz Pisistratus, Ihr saht es schon, Als er von Marathon nach Paros zog, Der Mann, der klug und kühn durch Wogen bricht. Als hier wir unsre Rettung feierten, War er in seinem Thracien Hipparch, Der unsern Namen dort zur Schande trug. Gewiß, er hätte seinen Chersones So bald nicht aufgegeben, hätt' er nur Dort vor Darius freie Hand gehabt. Ein Mann wie er kann nie der Zweite sein. Durchs Meer getrennt, sich seiner Kraft bewußt, Voll kühnen Muthes, wie er immer war, That er den Vorschlag an dem Ister dort, Die Brücke zu zertrümmern, um das Heer Der Morgenländer der Verzweiflung preis- Zugeben. Er allein, er konnt' ihn thun. Doch die Ionier, sie wagten's nicht, Ihm beizutreten, weil die Rache nah Um ihre Häupter war. Miltiades, Was er gewesen in Milet, was er Im Chersonesus war, er hätte klug, Was Histiäus that, gethan. – Er floh zu uns, Als alle Aussicht dort verloren war. Ein Bürger von Athen nahm sich ein Weib Aus den Tyrannentöchtern Thraciens. Auch diese neue Sippschaft half ihm nichts; Selbst die Barbaren fühlten, was er war. Die Feinde nahmen auf der Fahrt ein Schiff Von seinem Zug; der Führer war sein Sohn Metiochus: nicht unwahrscheinlich war Es weiser Vorbedacht. Darius nahm Den Jüngling auf, so freundlich, wie man nur Den Freund bewillkommt; und dort lebt er noch, Geliebt, in Weichlichkeit und Pomp und Pracht. Nun war er Bürger hier; wer aber bürgt Uns ganz für ihn? selbst als bei Marathon Er uns die Feinde schlagen half? Er war Darius schon vorher bekannt genug; Und trotz der Herrschsucht war Darius stets Ein Feind voll Großmuth und ein Freund, wie ihn Selbst Hellas selten zeigt. Miltiades War endlich doch gewiß, in Susa noch Gewürdiget zu werden, was er hier Bei den Athenern galt. Sein Geist ist kühn, Und kühner ging er nun mit Riesenschritt Gemessner weiter vorwärts. So ein Mann Sucht erst Charakter und mit diesem Macht. Als der Pisistratide Hippias Noch bei dem Heere war und der Monarch Sein Ehrenwort verpfändet hatte, ihn Mit seiner Macht zurückzuführen, war Für unsern Mann noch keine Hoffnung hier Zur Herrschaft. Dieser fiel bei Marathon, Und aus dem Oriente stieg nunmehr Ein neuer Strahl. Wer mit dem Diadem Des Mederkönigs nur Athen beherrscht, Wie wäre der nicht Herr von Griechenland In kurzer Zeit? Die Aussicht ist zu schön, Ist zu verführerisch für einen Geist, Wie wir den seinen kennen. Daß der Druck Den Unterkönig nicht zu sehr beschränkt, Zu schwer nicht wird, dafür hat die Natur Durchs Meer gesorgt; und die Erfindungskraft Des neuen Meisters wird das Werk für sich Bald zu vollenden wissen. So geschah Auf seinen Rath der schöne Inselzug. Wer wird es glauben, daß ein Mann, der jüngst Der besten Krieger zehn mit einem schlug, Der Mann des Tags, den man in Griechenland Mehr als Herakles' Kraft zu ehren schien, Mit einer großen, selbstgebauten Macht An einem Inselstädtchen scheiterte? Wenn ihn nicht Säcke mit Dariken schon Voraus bezahlt, wie ich kaum glauben kann, So sind wir für die Zukunft hier verkauft Dem großen Mäkler in dem Orient. Was hat der Mann mit seinem Zug gethan, Der gegen eine Welt in Waffen stand? Nun braucht Darius nicht der Saker Speer; Habt nur Geduld, es wirkt Metiochus! Der Unterhändler schickt versteckt sein Gold, Kauft Satelliten sich in unserm Volk, Hebt unsre Knaben zu Eunuchen aus, Und unsre schönsten Töchter sendet er Den Lieblingsköniginnen oder weiht Der morgenländischen Astarte sie. Hemichor. Weh, wehe dem Manne, der dieses wagt! Fort, fort den Verräther ins Barathron! Xanthippus. Mir ist von ihm die Bosheit ganz gewiß, Die That sei Heil, die That sei Hochverrath. Ein Mann wie er thut niemals etwas halb. Auch die geheimnißvolle Wunde schon Macht ihn verdächtig. Fragt, woher sie kam! Kein Krieger weiß es, wie er sie erhielt, Weiß nicht, wohin er in der Mitternacht Allein oft ging; was fordert Ihr nun noch? Verlangt Ihr den Beweis vollendeter, So wartet, bis er die Akropolis Mit Persersöldnern eingenommen hat, Wo kein Aristogiton retten kann! Hemichor. Weh, wehe dem Manne, der dieses wagt! Fort, fort den Verräther ins Barathron! Xanthippus. Ins Barathron mit ihm, eh er sich dort Mit seinen neuen Satelliten setzt Und stolz herab auf unsre Ohnmacht schaut! Eh er es wagt, mit ihm ins Barathron! Nun sprich, vertheidige Dich, wenn Du kannst, Und hebe die Beschuldigungen weg, Die man sonst murmelnd nur, jetzt aber laut Mit Ueberzeugung durch die ganze Stadt In unverhaltener Verwünschung sagt! So spricht Athen; ich bin nur das Organ. Miltiades (nach einer Pause) . Wie Du vorher sprachst, spricht Athen, nun sprichst Du wieder nach. Xanthippus, ich gesteh', Du bringst mich in Erstaunen über mich. Die schlechten Menschen kennest Du sehr gut; Doch nimmst Du hier mich falsch nur aus Dir selbst. Wär' ich noch Der an Körper und an Geist, Der ich noch kürzlich war vor Marathon, Ich würde sprechen hier, wie ich dort schlug, Und Deine Seele würde Scham und Angst Ergreifen über meiner Rede Sinn. Jetzt bin ich schon halb todt und brauche noch Zu bessern Worten meinen Rest von Kraft. Miltiades soll hier sich in Athen Vertheidigen; wird man in Susa wol Den Unsinn glauben? – Doch ich bin zu schwach. Ist Jemand ein Tyrannenhasser, so Ist es Themistokles; ich lege mich In seine Hand. Er sage, was er kann, Und was er will! Mir ist nunmehr der Tod Mehr Ehre als das Leben, das Ihr gebt. Doch wird mir's schwer, mit Eurer Schande schwer, Zu Hades' Thor hinabzusteigen. Du Hast nun gesehen, wie ich Dich gehört, Xanthippus; was von mir ein Besserer Nun sagen wird, und auch vielleicht zu viel, Das kann, das will ich nicht mehr hören. Bringt Mich fort nach Hause, daß ich wenigstens An meines Vaters Herde sterben kann! Mir bleibt mein Selbstgefühl. Thut, was Ihr wollt! Kleon . Nach Hause will der Mann, hier auf den Tod Des schrecklichsten Verbrechens angeklagt Und nicht vermögend, die Vertheidung Zu führen? Das Gesetz verweiset ihn In das Gefängniß, uns zur Sicherheit. Soll er die Burg besetzen, während wir Hier richten, was mit ihm geschehen soll? Ist's denn unmöglich? Wißt Ihr denn gewiß, Was er für Anhang hat, was noch für Kraft? Den Elfen übergiebt ihn das Gesetz, Und das Gesetz sei heilig in dem Staat! Demosthenes. Der Kerker dem Erretter? In Athen? Kleon. Nicht dem Erretter, dem Verderber nur; So will es das Gesetz. Ist das Gesetz Schon stumm vor ihm? Dann war es schon zu spät. Hemichor. So lange das Vaterland unser ist, Ehrt, ehrt die Gesetze mit Heiligkeit! Miltiades. Bringt mich, wohin es das Gesetz befiehlt; Wohin Ihr wollt: nur bitt' ich, bringt mich fort! Ich bin ein Mensch; sonst zwinget mich der Schmerz Vielleicht zu mehr, als meiner Würde ziemt. Verurtheilt bald! sonst thut es die Natur, Wenn ich dem Spruch des Arztes glauben darf. Aristides (zu einigen geringeren Magistratspersonen) . Begleitet ihn dahin und sorget für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zugleich! ( Miltiades wird weggetragen. Cimon und Einige folgen ihm.) Dritter Auftritt. Vorige, ohne den Angeklagten. Aristides. Themistokles, der Angeklagte trug Dir die Vertheidigung mit Worten auf, Die seiner und die Deiner würdig sind. Das Vaterland denkt, hoff' ich, gleich mit ihm Von Deinem Werth. Erhältst Du uns den Mann, Thust Du den Bürgern seine Unschuld dar, So hast Du heute einen höhern Preis Gewonnen als im Feld bei Marathon, Wo Du an Tapferkeit der Erste warst. Verdammen ist ein schreckliches Geschäft; Erspar' es den Athenern, wenn Du kannst! Themistokles (nach einer kleinen Pause). Ihr Männer von Athen, besinnet Euch! Habt Ihr gehört, daß je Themistokles Den freien Nacken bog, wo es den Werth Des Bürgers galt? Es soll Miltiades Hier keine Stimme haben. Ganz Athen, Ganz Griechenland, wo man von Marathon, Wie es der Tag verdiente, spricht, bezeugt Euch, wer ich war. Noch bin ich, wer ich war, Und werd' es sein, so lange dieses Blut Vom Herzen mir zum Herzen wieder strömt. Der Mann, den Ihr verklagt, verdammen wollt, Er ist der erste Mann von Marathon; Und als der erste Mann von Marathon Ist er zugleich der erste Mann der Welt: Das fühlt der Stolz des Griechen ganz gewiß, Und doppelt des Atheners. Wär' er, was Der böse Geist der Lästerzunge sagt, So wahr auch ich ein Mann von Marathon Und Grieche bin, ich würde nicht ein Wort Für ihn verlieren; wie ein Krebsgeschwür Würd' ich ihn hassen und der Erste sein, Gerechten öffentlichen Rächern ihn Zu überliefern! – War Themistokles Als Knabe nicht hinlänglich schon bekannt, Daß seine Seele keinen Herrn ertrug? Und an der Burg Athen's sollt' er als Mann Die Proskynese dulden? Glaubt Ihr das? Wen Aristides, wen Themistokles Der Herrschaft nicht beschuldigen, dem könnt Ihr sicher folgen; es ist nicht Gefahr. Er bleibet Bürger, und Ihr bleibet frei. Sein Haus war dem Pisistratus verhaßt. – Und das mit Recht, sag' ich. Haßt der Tyrann Denn nur Tyrannen? Ist der Bürger nicht, Der des Tyrannen Unfug untersucht Und zu beschränken wagt, ihm gleich verhaßt? Es wären also alle Die, die wir Vom Beile der Tyrannen sterben sahn, Mit gleichem Schluß der Freiheit Feinde nur. Er ging nach Thracien. – Was konnt' er sonst? Er war dort selbst Tyrann. – Er erbte nur Die Macht, vor den Barbaren Euch Von dort zu sichern. Gehet hin und fragt, Wie er sie brauchte: ob ein Grieche dort Von seinem Werth verlor, ob Menschenrecht Durch ihn gelitten hat, ob nicht sein Haus, Heroen gleich, noch dort verehret wird! Als Der von Susa stolz mit einer Welt Von Söldnern über See herüberkam Und einen Troß von Griechen mit sich zog, Halb Griechen nur, was that Miltiades? Er mußte folgen; wie er folgte, that Sein kühner Muth bald an dem Ister kund. Die Sicherheit gebot ihm, still zu sein, Wie den Ioniern; er aber war Der Einzige, der wie ein Grieche sprach. Und hätte man dort seinen Rath befolgt Und kühn die Isterbrücke nur zerstört, Die Perser kamen nie nach Marathon. Das Schicksal aber wollte seinen Ruhm Und unsre Schande nun vielleicht. Er floh Zu uns, zu seinem väterlichen Herd. Daß er auf seiner Fahrt den Sohn verlor – Den Vater schmerzt noch täglich der Verlust –, Legt nur die Bosheit als Verbrechen aus. Er brachte Lemnus mit von seinem Zug, Dem Vaterland ein wichtiges Geschenk, Das er durch Klugheit, durch Entschlossenheit Und schnellen Muth den Feinden abgewann. Ist dies Verrath, was wäre Bürgersinn? Ob er uns Bürger war, das frag' ich Euch! Wo war das Gold, womit Tyrannen sich Und ihren Troß zu decken pflegen? wo Der Zug von Söldnern vor und hinter ihm? Wo war die Herrlichkeit, die ein Satrap Pon Susa zeigt? Sein Haus ist alt und klein, Noch, wie es ehmals unter Solon war, Bescheiden bürgerlich; und Bürger nur Besuchten es in alter Traulichkeit Und saßen mit dem Hausherrn gleich und gleich Am freundlichen Kaminstrahl oder dort Am Oelbaum der Athene Polias Und dachten auf des Vaterlandes Wohl. Hat er nach Macht gegeizt, um Gunst gebuhlt? War er nicht Jedes brüderlicher Freund? Und ernst dabei und strenge? Half er nicht Ohn' alle kleinliche Hetärenkunst? Hat mancher Bürger nicht durch seinen Rath Sein Glück im Sinken wieder aufgebaut? Hemichor. Sein Haus war den Guten ein Zufluchtsort; Er war uns ein Vater, er war uns Freund. Themistokles. Ihr wißt, was Ihr bei Sardes thatet, wißt, Daß täglich ein vergoldeter Trabant Den großen König in Ekbatana Erinnern mußte, wenn er bei dem Mahl Den letzten feierlichen Becher hob: »Gedenke der Athener!« und er that's. Was Ihr den Boten thatet, die von Euch Für ihn hier Erd' und Wasser forderten, Wer weiß das nicht? Ihr fühltet nur den Schimpf, Das Ungeheure des Tyrannenrechts, Daß Ihr darüber selbst das Recht vergaßt. Als nun aufs Neue sich verstärkt der Strom Herüberwälzte von dem Orient Und des beleidigten Monarchen Stolz Die Griechen alle schon in Ketten sah: Athener, denkt Ihr noch daran, es ist Die Zeit so lange nicht vorbei, wie Ihr, Halb Angst, halb Heldenmuth, entgegen ihm Euch stürztet mit dem heiligen Entschluß, Zu sterben in des Vaterlands Ruin, Nicht knechtisch zu ertragen fremdes Joch? Es ruhte damals auf Miltiades Mit kindlichem Vertrauen jeder Blick. Er forderte den Kampf mit Jugendgluth Und männlicher Vernunft; der Polemarch Trat seiner hohen Feuerrede bei. Man gab die Schlacht, und so errangen wir Vielleicht der Weltgeschichte Flammentag. Es waren keine Lydier, die dort Mit Knechtschaft uns bedroheten, es war Das Heer, das stolz das Morgenland bezwang, Vom Nil hinauf bis an den Kaukasus, Vom Strom des Indus bis nach Ilion. Wir schlugen die Unsterblichen, die sich Zu Weltbezwingern Cyrus selber schuf. Miltiades hat Euch zum ersten Volk Der Völker, die die Sonne sehn, gemacht: Er war der Geist, Ihr waret nur der Arm; Ihr wäret ohne ihn vielleicht vertilgt. Glaubt Ihr die Führer Eurer Heere denn So feige, feile Seelen, daß sie Euch Und sich der Willkür eines Einzigen Blind anvertrauten, wenn der Einzige Nicht auch ein Mann von Bürgertugend war? Könnt Ihr Themistokles und Satellit In einem Mann zusammen denken? Nein, Bei der Aegide unsrer Göttin, nein, Das könnt Ihr nicht! So bin ich nicht bekannt. Er unternahm den Seezug. Dieser war, Ich weiß, das Gegentheil von Marathon. Athener sind der Wogen nicht gewohnt; Sie werden's werden, wenn das Schicksal will; Jetzt schwingen sie nur mächtig Schild und Speer Auf festem Boden. Wenn Miltiades Sich hierin irrte, war es Menschlichkeit. Er rechnete für Euch als Patriot; Hat Jemand mehr Verlust dabei als er? Er war kein Gott, die Zukunft durchzuschaun. Die Absicht sprach für ihn, und der Entwurf, Die Inselvölker für das Vaterland Zurückzubringen, war der Griechen werth, War Euer werth und seiner. Daß er nicht Wie ehemals mit Sieg nach Hause kam, Nimmt seinem Werthe nichts. Es zeiget nur, Mit Stolze sprech' ich's, noch den Unterschied, Der zwischen Griechen und Barbaren ist, Noch zwischen Paros und Ekbatana. Wo wäre denn das Gold, das er bekam? Von wem erhielt er's? Und sodann, wozu? Kann er wol mehr sein als der erste Mann Von Marathon, vor welchem Susa bebt? Glaubt Ihr, daß Zeus mit Plutus tauschen wird? Der Stahl beherrscht das Gold, der Muth den Stahl, Und die Vernunft den Muth; ist dieses nicht, So taumeln Mann und Staat zu ihrem Sturz. Ich bitt' Euch, fleh' Euch, Männer von Athen – Bedenkt, es ist Themistokles, der spricht –, Bei den Erschlagenen in Marathon, Bei Eurer großen Thaten Ewigkeit Beschwör' ich Euch, beschließet nichts im Sturm Der Leidenschaft, die Euch gewiß verführt! Der alte Mann hat nur noch einen Hauch Zu leben; bringt die Schande nicht auf uns! Verdammt Ihr ihn, Beweise habt Ihr nicht, So gebt Ihr dadurch ihm des Ruhmes mehr, Als er sich dort bei Marathon erwarb. (Er schweigt. Pause). Aristides. Du hast gesprochen wie für Deinen Freund, Wie Deinem bessern Geist es ziemt, als Mann, Der mit dem Vaterland es redlich meint. Die Götter schauen jetzt auf Euch herab, Athener, vom Olymp, und zeichnen ernst Des Tages Ausspruch zur Berechnung auf. Athener, denkt, die Nachwelt richtet Euch! Und dem Athener ist die Nachwelt mehr Als in dem Flug die Gegenwart. Xanthippus. Hinaus! Fort auf den Markt, daß man die Stimmen dort Gehörig sammle! Jetzt hab' ich gethan, Was Ihr gewollt; nun sollt auch Ihr, was ich Und das Gesetz will. Draußen sag' ich kurz, Was ich gesagt, dann spreche, wer noch will. So geh' es in der Ordnung vor dem Volk; Das Volk ist Richter, und das Volk allein In öffentlicher Sache. Das Gesetz Bestimmt es so, und weise, wie mich dünkt, Wie Solon und die Alten wohl gewußt. Herrscht hier Pisistratus? Ich frage nur Das Volk und sage weiter dann kein Wort. (Er geht ab. Sein Anhang folgt ihm. Aristides. Der Strom reißt furchtbar, Freunde, folget ihm Und suchet dort den Sturm zu bändigen, Den er erregt! ich thue, was ich kann. (Alle verlassen den Saal bis auf Demosthenes .) Vierter Auftritt Demosthenes (allein). Demosthenes. Mein Bruder Eukles focht bei Marathon Merkwürdig mit, das sagt die ganze Zunft; Und als die Perser flohen, floh er schnell Im Waffenkleide heiß den Weg zur Stadt Mit voller Brust, der frohen Botschaft voll, Der erste Freudenbringer hier zu sein. Die Götter halfen ihm; er kam ans Thor Und stürzte schweres Athemzugs herein Und rufte: »Freuet Euch, ich bringe Sieg!« Dann fiel er hin und starb. – Ein solches Wort Dem Vaterlande zuzurufen, wer Erwählte sich nicht einen solchen Tod? Hätt' ich den Sieg vom Herakleum dort Bis an das Herakleum vor der Stadt Zuerst hierher gebracht und wäre dann Mit dieser Freudenbotschaft hingestürzt In Hades' Thor, wie glücklich wär' ich jetzt! Miltiades verliert am Leben nichts, Sein Ruhm ist ewig in der Welten Buch. Doch wer nimmt uns den Schandfleck wieder ab, Den sich Athen jetzt einzubrennen eilt? Erhabene Beherrscherin der Burg, Der Cekropiden große Göttin, gieb Dem Volke Weisheit, daß es sehe, was Dem Vaterlande frommt, und was sich ziemt! Fünfter Aufzug Das Gefängniß Erster Auftritt Miltiades (allein). Miliades. Jüngst bebte Susa noch vor diesem Mann, Nun trägt er Ketten in Athen, das ihm Noch für die Rettung dankt; und bald vielleicht Bringt man das Urtheil auch, er sei verdammt. Das ist der stolze Mensch! die Handlung sei Mit jedem Grund, der sie ans Licht gebar, Die nämliche: hier lohnet ihr ein Kranz Der Jauchzenden und dort das Barathron. Nicht was man ist, nur was man scheint, bestimmt Der Menge Meinung, die man dann sofort Verfälschter in die Weltgeschichte trägt. Wer hier nichts hat, der ist ein armer Mann. (Die Hand aufs Herz legend.) Die Volksgunst, von des Indus Fabelwelt Bis zu Herakles' Säulen, ist ein Dunst, Vom Hauch geweckt und von dem Hauch verweht. Wer in sich nichts ist, wird durch Opferduft, Den man für ihn den Göttern raubet, nichts. Der Ruf ist noch kein Ruhm, und Ruf und Ruhm Sind lange noch nicht Ehre. Ehre nur, Wie sie Vernunft und Recht und Freiheit prägt, Ist eines Mannes Stempel, welcher oft, Sehr oft die Schuld hat, daß kein Ruhm gedeiht. Mein Vaterland! Des Herzens letzter Puls Schlägt bei dem theuern Namen hoch und heiß. Mit tiefer Wehmuth denk' ich nur an Dich, An Dich, an Dich allein, mein Vaterland. Des Vaters Schmerz ist vor des Bürgers Angst Ein Tropfen nur in einem Wogenstrom. Der Gott des Lichts, der unsern Geist durchschaut, Sah, was ich dachte, als ich meine Kraft Erhöht und ganz und rein dem Staate gab. Zweiter Auftritt Voriger. Aristides, Cimon und Demosthenes kommen traurig schweigend herein. Miltiades. Ich sehe, was Ihr bringt, in Euerm Blick. Es fromme nur dem Vaterlande! Mir Soll es Erlösung sein; ich bin gefaßt. Am Ister war ich's und bei Marathon Und unter Paros' Wall. Der schöne Tag Lag in der Mitte; und das Schönste war, Das Ihr ihn mit mir theiltet. Dieser ist Für mich nicht minder schön, nur nicht für Euch. Doch keinen Vorwurf! Meiner Freunde sind Sehr viele von den Besten. Aristid, Sprich Du das Wort des Todes! Zwar ein Wort, Wie dieses ist, ist nicht für Deinen Mund; Doch sprich es aus! ( Aristides schweigt.) Cimon. Mein Vater, ach, man hat Den Wahnsinn und die Grausamkeit – Miltiades. Es ist Das Volk, mein Sohn; ein Sturm der Felsenkluft, In dem Gewitter schwarz herangewälzt. Ich bin verdammt. Das fürchtet' ich sogleich, Als ich den Namen hörte und den Bund, Der wider mich geschlossen war. Aristides. Mein Freund! Was wird das Vaterland, wenn so ein Mann, Wie Du uns warest, solchen Lohn erhält? Das schlägt mich nieder, meine Kraft ist fort. Miltiades. Das muß sie nicht. Ließ denn der Pädagog Erst heute meinen Aristides los? Sei Du gerecht, wie Du es bist, und greif, So viel Du kannst, ins Rad des Schicksals ein! Du hemmst es freilich nicht; doch Deine Kraft Ist eingerechnet in den großen Lauf. Im Buch der Welt ist nichts als nur ein Kampf Der Leidenschaften und des bessern Sinns, Des blinden Irrthums und des Strahlenlichts, Das in uns leuchtet. Nur ein Funke fährt Oft in die Höhe, sonst ist Alles Nacht. Die Ungerechtigkeit ist überall, Der nämlichen Natur, verübe sie Kambyses dort und hier der Demagog; Der Letzte macht der Schuldigen nur mehr. Tyrannensprüche oder Volksgericht Sind beide Ungeheuer gleicher Art, Wenn Unvernunft und wilde Selbstsucht stürmt. Demosthenes . Das that sie ganz. Noch eh Xanthippus sprach, War schon sein böser Geist in jedem Blick Der Menge rund umher. Man rufte laut Von allen Seiten: »Fort, ins Barathron! Stürzt alle Säulen um, wo obenan Vor bessern Bürgern noch sein Name steht! Auf dem Gemälde streicht sein Bildniß aus! Straft Polygnotus, seinen Schmeichler, daß Er als Despoten dort ihn schon gemalt! Er ist Tyrann; gebt ihm dem Schierlingskelch!« So tönt' es tief und dumpf wie Wogensturz Durch hohle Felsen rund umher im Volk. Die Freunde standen stumm vor dem Orkan, Der jeden andern bessern Laut verschlang. Cimon . Themistokles, mein Vater, sprach für Dich Mit allem Feuer, wie bei Marathon Er in des Vaterlandes Feinde drang. Der Gluthstrom seiner Rede goß mit Macht Durch die Versammlung sich; schon ward umher Die Rührung sichtbar, als der Troß vom Pnyx Und von dem Hafen wie ein Donnersturm Auf Deine Freunde brach. Man drohte hoch Dem Redner und dem Archon, sie mit Dir Zugleich zu opfern, und der ganze Markt War wilder Aufruhr, wie wenn dumpf und hohl Um eine Bergschlucht tief die Erde bebt; Und was ich im Getümmel hörte, war, Mein Vater, ach – Miltiades . War Tod und Barathron. Mein Sohn, ist denn der Ton so fürchterlich Für einen Mann, der oft dem Dinge selbst Ins Auge sahe? Nicht die Todesart Bringt Ehr' und Schande: wie man sie verdient, Prägt einst den Stempel bei den Bessern aus. Nicht selten fällt mit Wuth des Henkers Beil, Wo die Gerechtigkeit den Lorbeerkranz Zu fordern hatte, Freund, und umgekehrt. Dritter Auftritt Vorige. Elpinice. Elpinice. Mein Vater, ach, ich unglückseligste Der Töchter Griechenlands! Sie tödten Dich! Miltiades, die Ungeheuer ziehn Mit Blutdurst durch die Stadt und jauchzen hoch, Als hätten sie die Heldenthat gethan, Die sie vergöttert. – Cimon, konnte nichts, Nichts unsern Vater retten? Mich ergreift Entsetzen und Vernichtung. Ach, ich will, Will mit Dir sterben, Vater; ganz Athen Ist Barathron für mich. O, wehe mir, Mein Vater, wehe mir, sie tödten Dich! (Sie sinkt neben ihm nieder.) Miltiades (zieht sie zu sich) . Ich bitte, fasse Dich, mein liebes Kind; Sei meine Tochter! meine Tochter muß Ein Heldenmädchen sein. Es ist für uns Ein Ehrentag; Geliebte, habe Muth! Elpinice. Du Schützerin, Athene Polias, Der Mann, durch dessen Arm noch Deine Burg Dort auf dem Felsen steht, der große Mann Wird hingewürgt von einer wilden Schaar. Ihr Allbarmherzigen dort im Olymp, Sie tödten meinen Vater – Miltiades. Gutes Kind! (Zu seinen Freunden.) Das macht die Trennung auch für Männer schwer. Komm, fasse Muth! Du bist in meinem Arm. Als Deine Mutter Dich mir zum Geschenk, Die liebe, kleine Neugeborne gab, Ich weiß, ich zog so eben in den Krieg, Da sah ich Dir ins liebliche Gesicht, Wie Du dem Vater freundlich blicktest, und Ich nannte Dich die Siegeshoffnung. Kind, Dein schöner Name hat mich nicht getäuscht; Oft bracht' ich Dir den Kranz, den ich erwarb. Erquickung war mir Deine Kindlichkeit, Wenn ich ermüdet aus den Schlachten kam. Auch bracht' ich Dir den Kranz von Marathon, Eh ich den Göttern ihn zur Weihe gab. Elpinice. Die Wehmuth und der Jammer – Vater, ach, Ich werde das verlassenste Geschöpf, Das ärmste, traurigste von Griechenland! Miltiades. Das, meine Tochter, nein, das sollst Du nicht. Noch bin ich nicht so freundlos in Athen, Nicht so verlassen, daß mein Kind so ganz Verwaiset sollte sein. Der Archon selbst, Der Guten viele, liebes, liebes Kind, Dein Bruder Cimon, der Dich zärtlich liebt – Elpinice. Die Mutter starb mir, eh ich den Verlust Empfinden konnte; meine ganze Welt War nur des Vaters Liebe. Dieses Herz Sah nur den Vater, nie den großen Mann, Nie den Gepriesenen von Griechenland. Ich war so unaussprechlich selig, war Wie Göttertöchter; und ich sinke nun Hinab, hinab in undenkbares Graun. – Sind das die Griechen, die der Weisheit sich, Der hohen Bildung rühmen und der Kunst? So blutig ist man bei Barbaren nicht; Das hätten meiner Mutter Freunde nie gethan. (Sie spricht gebrochener.) Bei dem Gedanken wird es Mitternacht; Das Auge dunkelt mir, mein Geist vergeht. Ihr unterirdischen Erbarmer, nehmt, Nehmt mich hinab, eh ihn, eh – (Sie verliert die Besinnung.) Miltiades (sucht sich zu sammeln) . Bringt sie fort! (Man führt sie ab.) Vergebt mir alten Mann! Das Mädchen war Der Erdenfreuden beste für mein Herz, War, wenn der Bürger seine Pflicht gethan, Des Hauses Charis für den Vater. – Komm, Mein Sohn, mein Cimon! Du bist Mann und ehrst, Es täuscht mich nicht, mich einst in Griechenland; Ich gebe Deiner Bruderliebe ganz Das Mädchen hin; sei ihr, was ich nicht kann! Cimon. Mein Vater, unaussprechlich fürchterlich Ist der Gedanke mir; allein ich will, Will mich ermannen, Deiner werth zu sein, So lange noch ein Athem in mir ist! Vierter Auftritt Vorige. Themistokles. Themistokles. Die Fassung reißt. Die Kechenäer sind Gesindel, unwerth, daß ein Fuß sich nur Für ihre Narrheit hebt. Gigantensturm Ist in dem Zwerggeschlecht, das kocht und braust, Als ob die Hefen den Cyklopenberg Zersprengen wollten, und dann gehn sie hin Und bitten sich die drei Obolen aus. Miltiades. Dir bleibt mein Dank, mein Freund, als hättest Du Mich im Triumph hinauf zur Burg geführt. Du thatest, was Du konntest, und ich sah Voraus, Du würdest gegen diesen Sturm Der wild empörten Fluthen nicht bestehn. Gieb nach wie ich! sie haben nur sich selbst Gericht gesprochen. Aristides. Eben dieses ist Das Tödtendste für uns. Die Hoffnung stirbt, Wenn Alles, Alles in dem Vaterland Mit solchem Unsinn sich am Abgrund dreht. Miltiades. Der Wahnsinn wird verfliegen, wie er kam. Er ist nur Täuschung um das Heiligthum. Geh auf den Grund! es ist noch Göttliches In der Verirrung selbst. Nicht Alle sind Obolensöldner; Viele treibt die Furcht Vor Tyrannei zur Ungerechtigkeit. Themistokles. Das sagest Du? Um desto größer ist Die Schande, die uns trifft, daß so ein Mann Durch des Gesindels Wuth zu Grunde geht. Miltiades. Sehr schlimm für sie, wohl wahr; allein Du willst Deswegen doch nicht, ich soll schuldig sein? – Der Ausspruch ist gethan. Ich glaube, nun Wird es auch zur Vollendung Zeit. Man stürzt Buchstäblich doch mich nicht ins Barathron? Ich bin bereit; die Hüfte mahnt mich heiß, Euch um Erlösung anzuflehn. Den Schmerz Hab' ich bestanden wie ein Mann; nun gebt Mir schnell den Tod! mein Geist sehnt sich hinaus. Der Kerker ist dem freien Mann der Tod Und mehr als Tod. Wie soll ich sterben? Sprecht! Aristides. Du hast die Wahl; doch die Gewohnheit ist – Miltiades. Ich kenne sie und folg' ihr. Aristides. Du hast Zeit; Man übereilt Dich nicht. Miltiades. Ich aber bin Des Zauderns müde, sehne mich nach Ruh'. Die Augenblicke, die die Freunde noch Mir schenken, sollen mir noch Wohlthat sein; Dann geh' ich, mit dem Ziele meines Laufs Zufrieden, zu dem Erebus hinab. Fünfter Auftritt Vorige. Aeschylus, Epizelus und mehrere Bürger kommen. Aeschylus (froh) . Der Sturm hat sich gelegt, die Woge sinkt, Und das Getümmel ordnet nach und nach Sich zur Besinnung. Hoffnung bring' ich, mehr Als Hoffnung schon, gewisse Rettung Dir. Es kamen Männer noch von Marathon In großer Zahl, mit mächtigem Gewicht, Die sprachen, wie sie schlugen, Jeder ein Themistokles; die Ueberlegung kam; Sie wirkten allgewaltig. Der Beschluß Ist aufgehoben, und das Volk verlangt Nur fünfzig attische Talente zum Ersatz, So viel der Seezug sie gekostet hat. Miltiades. So gönnen sie mir die Erlösung nicht! Ich soll im Kerker kümmerlich vergehn. Talente! Fünfzig! Freunde, könnt ich die Bezahlen, gäb' ich fast dem Volke Recht. Beseht mein Haus, fragt, was mir sonst gehört, Und kommen zehn Talente nur heraus, So unterschreib' ich jeden Klagepunkt Der Feinde wider mich! Themistokles. Bei Marathon Erfochten wir der reichen Beute viel; Dort nehmt Ersatz, und Glück und Unglück kommt Ins Gleiche wieder! Sage das dem Volk! Aristides. Jetzt, wie es ist, hofft keine Aenderung! Es giebt sich Alles, habet nur Geduld! Der Irrthum schwindet, und die Wahrheit siegt, Und Dankbarkeit behauptet noch ihr Recht. Miltiades. Das glaub' ich selbst; nur daß ich dieses nicht Erwarten kann. Mich ruft das Schicksal ab Und hätt' es jetzt auch ohne Volk gethan. Ich fühle, wie der Tod schon in mir sitzt Und immer weiter greift; ruft mir den Arzt! Ich sterbe, Freunde, sterbe ganz gewiß; Die Rechnung ist geschlossen. Dieser Tag Ist mir nur traurig für Athen und Euch; Ich kann nicht besser enden. Themistokles. Habe Muth! Miltiades. Sprach das Themistokles? Ich habe Muth, Auch wo die Kraft mich schon verlassen hat. Sechster Auftritt Vorige. Philippus , Arzt. (Pause, während sich der Arzt naht.) Miltiades. Arzt, bei dem Heiligsten in Dir und uns, Kann ich genesen? Sprich! Philippus. Das kannst Du nicht. Miltiades (sieht seine Freunde an) . Sprich bei den Göttern laut und feierlich Für Diese hier! ich brauche keinen Spruch. Philippus. Dich rettet selbst nicht Podalirius. Miltiades. Schon gut. Es ist genug, wenn Du nicht kannst, Du bist hier Podalirius für uns. Und sterb' ich bald? Philippus . Sehr bald. Miltiades. Sehr bald also, So bald als möglich. Philippus. Die Zerstörung hat Für uns schon ohne Rettung Dich gefaßt. Miltiades. Genug! nicht weiter! Reiche mir den Trank! (Alle sind betroffen.) Themistokles. Miltiades, ist dies Dein letztes Wort? Miltiades. Für mich; für Euch noch nicht. Das erste ist Bei mir das letzte, wenn der Mann beschließt; Doch hier vollstreck' ich nur den Volksbeschluß. Cimon. Mein Vater, wehe mir, mein Muth verläßt Mich in dem fürchterlichsten Augenblick! Kannst Du so grausam sein? Miltiades. Du hast gehört. Mein Sohn, komm, sammle Deinen Muth! Du wirst Ihn nöthig haben in dem Leben. Cimon. Nie, Nie mehr als jetzt. Miltiades. So hab ihn also jetzt! Cimon. Du selbst, mein Vater, willst mit eigner Hand – Miltiades. Wie lange greif' ich vor? Zwei Tage kaum. Geduldet hab' ich furchtbar schon; Ihr habt Es nicht gesehn; der Mann erstickt den Schmerz; Nun kocht die Gluth mir zu dem Herzen auf. Soll ich denn meinen Leichnam vor mir sehn, Wie er verwest? und wie der Ekel Euch Bei meinem Anblick faßt? Ich leide, wie Herakles auf dem Oeta litt. Aristides. Ich seh', Mit Schrecken seh' ich die Notwendigkeit Und wag' es nicht, die kalte, eiserne Mit der Vernunft zu zwingen. Themistokles. Dunkel wird's Um meinen Blick, als ob zum Erebus Ich so auch gehen müßte. Miltiades. Freunde, schließt Euch dichter an! Ich sammle meine Kraft, Die letzte, noch für Euch. Die Stunde sei Euch feierlich; vergessen könnt Ihr nicht! Ich sterbe, meiner Ewigkeit gewiß; Das bürg' ich mir. Hört einen alten Mann, Der immer Euer Freund und Vater war! Mein Aristides, mein Themistokles, Das Göttlichste für einen freien Mann, Der Erde Himmel, ist das Vaterland; Den Sclavenseelen nur ist das Gefühl, Das heiligste der bessern Seelen, fremd. (Zu Cimon.) Mein Sohn, sei ruhig! lebe so wie ich, Und Alle leben wir zusammen einst Im Strahlenkranz des unbestochnen Ruhms! Seid Männer, wie Ihr waret! die Gefahr Wächst fürchterlich; prophetisch seh' ich das. Der Tage kommen mehr wie Marathon. Seid einig, bei den Göttern Griechenlands Beschwör' ich Euch, bei Eurer Väter Herd, Bei Euerm Namen in dem Buch der Zeit, Seid einig in dem Kampf fürs Vaterland! Vereinigt trotzen Griechen einer Welt, Woher sie auch die Sonne schickt. Nur Zwist Und blinde Selbstsucht gräbt der Freiheit Grab, Des Ruhms, der Ehre und des bessern Sinns. Ein Volk, das fällt, fällt immer nur durch sich. Gerechtigkeit und Freiheit sind der Grund, Nur sie allein, zu festem, steten Wohl; Doch sichtet ernst! es ist nicht Alles ächt, Was man Gerechtigkeit und Freiheit nennt. Die Sclaverei ist durchaus kein Begriff, Was auch Sophistendünkel sagen mag. Es dämmert dunkel in der Seele mir; Vielleicht hellt nach Jahrtausenden die Nacht Sich Andern besser auf. – Ich werde schwach; Hier glühet es und tobt. (Auf die Wunde zeigend.) Gebt mir den Trank! (Man zaudert. Er wiederholt stark.) Gebt mir den Trank! Wollt Ihr mich foltern? Gebt! (Ein Sclave bringt den Becher, den er nimmt. Zu dem Sclaven) Du armer Mann! Ich danke Dir. Ich bin Nicht Zeus, sonst sollten keine Sclaven sein. Geh, geh hinaus! ich brauche weiter nichts. (Der Sclave geht furchtsam ab. Alle stehen stumm um ihn her. Eine Pause. Er gießt einige Tropfen zur Libation.) Den Unterirdischen, zu denen ich Hinuntergehe! (Er trinkt den Trank. Cimon verhüllt sich schmerzlich das Gesicht. Aristides und Themistokles sehen traurig standhaft zu. Die Uebrigen nach ihrer verschiedenen Stimmung.) Nun ist der Zug gethan. Was hier war, weiß ich; was dort drüben ist, Werd' ich sogleich erfahren. Epizelus. Könnt' ich's auch! Was ich von hier weiß, nimmt mir den Verstand. Warum verlor ich statt des Lichts nicht ganz Bei Marathon, was zu verlieren war, Und der Verlust war herrlicher Gewinn! Miltiades . Ha, Epizelus! Alter, alter Freund, Ich danke herzlich Dir für den Besuch. Nein, Du mußt leben, mußt die Knaben noch Zu Männern bilden durch der Rede Gluth. Athen wird besser werden, als es ist, Und schöner auch. Epizelus. Es scheint, verderbter nur; Von Besserung hör' ich vom Hafen bis Zum Kynosarge nichts. Dein Hiersein war Doch wol der Anfang nicht. Miltiades, Das Prytaneum ekelt nun mich an; Ich mag nicht essen, wo man Dich verdammt. Miltiades. Du Feuerkopf, Du bist der Alte noch! Geduld, und lebe wohl! – Mein Aristid! Aristides. Besorge, was Du noch zu ordnen hast! Gewissenhaft soll, was Du sagst, geschehn. Miltiades. Ich danke; das erwart' ich von dem Freund. – Mein Sohn, mein Cimon, Cimon, sei ein Mann! Cimon. An meiner Stelle, wer vermag es hier? Mein Vater, ach, mein Vater! Miltiades. Aristid, Sei Du sein Freund! ich weiß gewiß, er hat Einst großen Werth noch für sein Vaterland. Ich weiß, ich sollte wandeln auf den Trank; Das kann ich nicht. Ich fühle, daß sich Eis In meinen Adern setzt; daß Hand und Fuß Mir von dem Schierling stockt. – Entfernet Euch Ein Wenig! schon der Hades haucht um mich. Begrabt mich draußen an dem Hohlweg, wo Mein Vater Cimon liegt! Ihr wisset, die Pisistratiden haben ihn erwürgt; Und mich erwürgte – Nein, das Vaterland Soll keinen Vorwurf hören – – Freunde, wir leben in Ruhm vereint Zusammen im Glanze der Zeiten fort. Muster ist unsere That für den Mann, Welchen einst besserer Geist glühend beseelt. (Er sinkt ermattet zurück.) Themistokles. Sein Tod ist, wie sein ganzes Leben war. Athen, Athen, und Diesen opferst Du! Die Reue kommt zu spät. Miltiades. Das Schicksal that's, Der Stahl des Pariers gab mir den Tod. Metiochus! – Ihr Götter, rettet ihn! Der Schierling und der Stahl des Pariers Sind gegen diese Bilder Linderung. Mein Sohn, mein Sohn! Er ist in Susa Knecht! (Er ermattet und spricht dann schwächer und langsamer.) Ich dank' Euch, Freunde; grüßt von mir das Volk! (Eine Trauermusik von Flöten wird in der Vorhalle gehört.) Sagt, daß ich keinen Groll zum Hades trug! Grüßt die Platäer von dem Waffenfreund, Und lebet wohl, und liebt das Vaterland, Und lebt und sterbt ihm! Götter, schützt Athen! Mein Cimon, Deine Schwester – Erebus, Ich komme schon. – Mein Sohn, das Vaterland! Das Vaterland, Athener – (Er bedeckt sich mit dem Mantel.) Chor. Gehe zu Kodrus und Solon hin! Die Seligen nehmen Dich freundlich auf. Götter, gebt Männer wie er Griechenland, Und es steht gegen den Sturm Asiens fest! (Die Musik schweigt.) Cimon (kniet neben dem Leichnam nieder) . Jetzt darf ich Mensch sein; seht es, wenn Ihr wollt, Und hört mich weinen! Hat wol je ein Sohn So einen Vater so verloren? – Nun Bin ich gesetzlich Erbe seiner Schuld Und bin an meinem Ort und bleibe hier!