Der Bubenrichter von Mittenwald Kulturbild aus dem bayerischen Hochgebirge von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Meinem hochverehrten, treuen Jugendfreund Maximilian Freiherrn von Feilitzsch, k. b. Staatsrat und Staatsminister des Innern, Exzellenz \&c. mit herzlichem Gruße                                                       zugeeignet.     Zum Dialekte. Durch aa ist das hohe, helle a ausgedrückt. Die ursprünglich mit diesem Doppelvokale geschriebenen Wörter behalten jedoch ihre gewöhnliche tiefe Betonung. Dieses aa wird in der Regel statt auch, au und ä, oft auch für andere Doppellaute und Vokale gesetzt. So heißt es statt: Ich ging – i gaang. Das einfache a oder an' steht statt des unbestimmten Artikels ein oder einen und »da« statt des bestimmten der, wobei das a überall hochtönig ist. Die durch Apostroph gekürzten Wörter mei', dei', sei', scho', no', ma' \&c. \&c. (mein, dein, sein, schon, noch, man \&c.) sind mit einem Nasallaut auszusprechen, ähnlich wie das französische non . Alles übrige erklärt sich wohl von selbst oder ist eigens angeführt.     I. Mittenwald! Alle nur denkbaren Reize einer Hochgebirgsgegend vereinigen sich in diesem Namen. Auf grüner, von der schnellflutigen Isar durchrauschten Ebene in seiner unverfälschten, altehrwürdigen Bauweise gelegen, ist es fast rings umgeben von bewaldeten Vorbergen mit darüber emporragenden Felsengraten und Zinken, westlich vom schroffen Wetterstein, östlich von den steilen, bis zum Thale reichenden Abstürzen des Karwendels, südlich von den weißen Bergrippen des Solsteins und den himmelanstrebenden Reither- und Arnspitzen. Mittel- und Hochgebirge gruppieren sich in wunderbarer Harmonie. Alles, was die kühnste Phantasie träumen mag von Naturschönheit, es vereinigt sich hier, es schmilzt zusammen zu einem großen, wunderbaren Akkord, es ist ein Meisterstück des großen Bildners. Das menschliche Herz wird eigentümlich ergriffen von der gewaltigen Macht dieser herrlichen Schöpfung. Wenn da im Abendrot die Felsengipfel glühen und lodern und über die Waldgebirge duftige violette Schleier sich breiten, wenn das riesige Kreuz von der Karwendelspitze herniederglitzert ins grüne Thal, darüber die rosigen Wölkchen am lichtblauen Firmamente ziehen und allüberall die hellen Jodler fröhlicher Menschen ertönen, ja, dann erschließt sich das Herz gern all den beseligenden Eindrücken; Schmerz und Sorge verstummen, es zieht der 8 Friede ein, sei es auch nur für eine Stunde, für eine kleine Weile. Am heutigen Sommerabend jedoch, es war am Feste des heiligen Jakob im Jahre 1836, ging für die Mehrzahl der Mittenwalder das wunderbare Schauspiel in der sie umgebenden Natur fast spurlos vorüber; sie ergötzten sich an einem profanen menschlichen Werk, einer Komödie, welche außerhalb des Marktes, am Fuße einer steil ansteigenden Bergwiese, soeben vor sich ging. Hier auf dem terrassenförmig sich erhebenden Schauplatz unter freiem Himmel wurde soeben von Leuten aus dem Volke, welches für das Komödienspiel eine besondere Vorliebe, aber auch eine natürliche, ererbte Anlage hat, unter des Kargenjörgls trefflicher Direktion das Volksstück »Hirlanda« aufgeführt. Die ganze Leidensgeschichte dieser zweiten Genovefa ward seit Stunden der andächtig lauschenden Menge vorgespielt, und nun kam der Moment, wo die schuldlose Hirlanda unter Trommel- und Paukenschlag, begleitet von der Zuschauermenge, zum Richtplatze geführt wird, um lebendig verbrannt zu werden. Sie hatte das Gesicht mit einem Schleier bedeckt, der auf beiden Seiten bis zu den Füßen niederwallte; ihr folgte der Scharfrichter in rotem Gewand, umgeben von seinen Henkersknechten. Der verblendete Herzog, Hirlandas Gemahl, saß mit seinen Räten und Dienern bereits auf der Schaubühne; diesen gegenüber befand sich der Scheiterhaufen. Nun rief ein Herold mit lauter Stimme aus, daß Hirlanda wegen vieler von ihr begangener Verbrechen rechtmäßigerweise zum Feuertode verdammt sei, und forderte einen etwaigen Ehrenretter auf, gegen den Ankläger, der vom Kopf bis zu den Füßen in einen blinkenden Harnisch 9 gehüllt war, einen mächtigen schwarzen Helmbusch hatte und in der Hand einen starken Speer trug, in die Schranken zu treten, um für Hirlandas Ehre zu kämpfen. Zweimal schon hatte der Schall der Trompete ertönt, und kein Ritter zeigte sich. Schon ward der Scheiterhaufen entzündet, hochauf loderten die Flammen und dichte Rauchsäulen stiegen empor; Hirlanda war im Begriff, den Holzstoß zu besteigen. – Da erhob sich auf der Landstraße, welche von Partenkirchen herführt, eine Staubwolke; alles blickte bange und hoffend nach jener Gegend; Pferdegetrabe wurde hörbar, man erkannte einen Ritter, der mit seinem Gefolge auf schnaubenden Rossen herangesprengt kam. Am Schauplatz angekommen, schwang sich der Ritter vom Pferd, eilte mit entblößtem Schwerte zu Hirlanda und rief dem Henker zu: »Halt ein, halt ein, du Henkersknecht Und lösch' die Flammen aus, Und du, Hirlanda, ganz gerecht, Steig herab vom Scheiterhauf!« Der jugendliche Ritter im lichtgrünen, golddurchwirkten Gewande, mit dem Wahlspruch: »Nichts kann mich beflecken!« auf dem silbernen Schilde, kämpft nun mit Hirlandas falschem Ankläger und streckt ihn unter dem Jubel der Zuschauer, welche bei der Natürlichkeit des Spieles ganz vergessen, daß alles nur Komödie ist, zu Boden und giebt sich dann als den einst geraubten Sohn Hirlandas, Ritter Bertrand, zu erkennen. Der Jubel des Volkes über den Sieg der Unschuld gegen die Bosheit pflanzt sich nach Beendigung des Schauspieles bis in den Markt hinein fort. Bertrand und seine Ritter geben Hirlanda und ihren Frauen zu Fuß das 10 Geleite nach Hause. Sie trägt einen ihr am Schlusse der Vorstellung überreichten prächtigen Blumenkranz am Arm und einen Eichenkranz um die Stirn. Es ist überall freudiges Drängen; alles will die schöne Darstellerin, welche durch ihr herziges Spiel so viele Thränen entlockt, in der Nähe sehen, grüßen und ihr ein Wort des Lobes und der Bewunderung sagen. Aber die Gefeierte blickt mit ihren großen, schwarzen, träumerischen Augen ernst nach beiden Seiten, statt der vielen Hunderte sucht sie nur einen Gruß, aber einen Gruß von demjenigen, der ihr vor dem geistigen Auge schwebt. Das mittelgroße Mädchen mit dem runden, dunklen Gesicht und den üppigen, aufgelöst über die Schultern niederwallenden schwarzen Haaren war »die schwarze Liesl«, die Tochter und das einzige Kind des Geigenmachers Schändl, und mochte zwanzig und einige Jahre zählen. Trotzdem sie heute die Mutter eines jungen Ritters spielen mußte, ließ es ihre leicht verzeihliche Eitelkeit nicht zu, die Jugendfrische auf ihrem Gesicht etwas zu mildern. Zudem war ihr dunkelfarbiges Gesicht vor Erregung gerötet. Der Jubel der sie begleitenden Menge aber ließ sie kalt. Es war ihr das nichts Seltenes, sie war gewohnt, bewundert zu werden. Sie wußte selbst nicht recht, wie ihr das Spiel so leicht gelang, wie sie immer den richtigen Ton, den richtigen Ausdruck fand. Das Geheimnis ihrer Kunst war eben nichts anderes, als ihre Natürlichkeit, war die Herzlichkeit und Wahrheit, welche sie in das Spiel zu legen wußte. So hatte sie schon der Reihe nach in »Genovefa«, »Heinrich von Eichenfels« und anderen Volksstücken große Triumphe gefeiert. Für die Thränen, welche sie als 11 Hirlanda heute den Leuten entlockte, dankten ihr diese mit Lobsprüchen und Hochrufen; aber das Mädchen blieb ernst trotz des lebhaften Gesprächs ihres Ritters, in dessen Arm sie nur leicht ihre linke Hand legte. Dieser Ritter war der Krüner Ferdl, der Sohn eines vermöglichen Kaufmanns und auch als solcher herangebildet, ein ziemlich großer Mann mit hellblondem Haar und starkem Schnurrbart. Er wußte, daß er hübsch war, und seine blauen Augen schweiften siegesbewußt nach allen Seiten, vorzugsweise aber blieben sie auf seiner Begleiterin haften, der er viel Verbindliches sagte, wobei er manch zärtliches Wort einfließen ließ. Das Mädchen schien aber nichts davon zu hören. So gelangte der Zug an das bescheidene Haus von Liesls Eltern. Die Ritter verabschiedeten sich mit aller ihnen zu Gebote stehenden Galanterie, besonders Ferdl, der hierauf das ihm nachgeführte Pferd bestieg und unter einigen Kabriolen stolz von dannen ritt. Das Mädchen aber eilte in sein stilles Heim. Die Mutter, eine noch hübsche und rüstige Frau, erwartete sie an der Thüre. »Liesl,« sagte sie zu der mit ihr in die Wohnstube eintretenden Tochter, »du hast heunt alle Leut narrisch g'macht, so schön hast g'spielt. Alles hat di g'lobt und g'jubelt über di, und du machst so an' ernsthaft's G'sicht, trotz daß der Krüner Ferdl dir alle Ehr' erwiesen. Di g'freut's wohl gar nit?« »Was liegt mir am Jubel von all den Leuten und an dem G'red vom Krüner!« entgegnete die Tochter. »Der, von dem mi a Lob g'freut hätt, der Lautenspieler Jakl, der war ja nit da. Er is nit komma, hat drauf vergessen, daß heunt sei' Tag is; mei', er hat auf alles vergessen.« 12 Die Mutter war auf diese Klage von seiten der Tochter schon gefaßt. Auch sie machte sich schon den ganzen Tag über sorgende Gedanken, daß der Genannte, welcher als Instrumentenhändler schon Jahr und Tag in der Welt herumwanderte, heute, an seinem Namenstage, nicht, wie man allgemein erwartete, heimkam. Aber nicht wegen Liesls Herzensangelegenheit, anderer, triftigerer Gründe wegen erwarteten Liesls Eltern und mehrere Geigenmacher die Rückkehr des Hausierers, denn seit mehr als einem halben Jahre blieb das Geld für die ihm übersandten Instrumente ausständig, und dies machte die auf ihren Verdienst angewiesenen Leute bereits etwas unruhig. »I verhoff, er kommt no',« tröstete die Mutter, »andernfalls wär' doch a Botschaft kemma. Er hat ja g'schrieb'n, er kehrt am Jakobitag über Telfs und Luitasch hoam; warum sollt' er nit heunt no' kemma?« »Heunt no'?« fragte Liesl mit zweifelndem Ausdruck. »Heunt kimmt er nimmer!« »Dös macht a bös's Bluat im Markt,« sagte die Mutter; »da woaß ma dann nimmer, was ma denka muaß.« »Auf jeden Fall nix Schlecht's,« fiel Liesl, die sich mit Hilfe der Mutter umkleidete, rasch ein; »'n Jakl sei' Charakter is guat, und auf sein Schild steht aa: »Nichts kann mich beflecken!« »Dessel wern ma ja inna wern,« sagte die Mutter spöttisch. »Woaßt, Muatta, du tragst halt dein Haß, den's d' auf 'n Jakl sei' Muatta hast, auf 'n Suhn über. Was kann der dafür, daß 's enk ös nit leiden könnt's? Dafür hab'n wir Kinder uns gern fürs Leben, und der Vata hat 13 aa nix dageg'n. Der Jakl is ja brav und ehrli! Wär er denn sunst nit neuerdings einstimmi wieder zum Bubenrichter g'wählt worn von der Bubenbruderschaft? Dös beweist, daß er in Respekt steht im ganzen Markt bei jung und alt!« »No', was dös anbelangt, so is aa der Krüner Ferdl, bis der Jakl hoamkimmt, Bubenrichter,« warf die Mutter ein. »Der is nit nur ang'seh'n, sondern aa vermögli und braucht nit mit der Butt'n rumz'vagieren in der Welt, um a paar Groschen z'gwinna. Woaßt, Liesl, i red dir nit zua und nit ab, du hast dein' frei'n Will'n. Mei' Wunsch und 'n Vata der sei' is, daß d' glückli wirst, und Gott mög dös geb'n! Wie moanst aber, wenn wir vüri ganga in'n Postgarten? Der Vater erwart' uns, und der Kargenjörgel und alle Komödiespieler san durt. Du, die Hauptperson, solltest nit fehl'n bei dem Lätizl.« »Muatta, i bitt di, laß mi dahoamt,« sagte Liesl, »i mag heunt nirgends mehr hin. I bin müad vom G'spiel und –« »Und willst 'n Jakl dawarten!« ergänzte die Mutter. »No', in Gott'snam! Mir is aa nit drum z' thuan; es giebt no' viel herz'richten für d' Wiesmad. Rast di aus auf der Gredbank draus und denk an die Ehren, die 's d' heunt kriegt hast. I g'freu mi drüber, als wär'ns just mir widerfahr'n.« Damit verließ die Mutter die Stube. Liesl hatte ihr Kostüm mit einem blauleinenen Kleide vertauscht; die dunklen Haare ließ sie aufgelöst. Sie blickte durch das offene Fenster nach den Schroffen des Karwendels, die noch vor wenigen Minuten so zauberisch beleuchtet gewesen. Schon waren die lichten Farben 14 verblaßt, höher stiegen die Schatten, unerbittlich höher, das letzte Licht entfloh. Wo es vorhin leuchtete wie Gold und Silber, da starrten verwitterte, ausgezackte Karrenfelder herab und die Felsenzinken ragten kalt und unheimlich empor über die schwarzgrauen Tiefen. »Is mir dengerst, als wenn aa mei' Glück verblaßt wär' auf ewige Zeit,« sagte das Mädchen. »Auf ewi? Na', na'! Morg'n fruah leuchten d' Berg wieder, und – mir sagt's mei' Herz: mei' Bua is nimmer weit und mit eam's Glück, der Frieden, d' Seligkeit!« 15 II. Eine erquickende Bergluft streicht aus den engen Felsthälern und Schründen und verscheucht die drückende Schwüle des Julitages. Die Bewohner von Mittenwald sitzen auf der Gredbank ihrer Häuser. Ueberall herrscht laute Fröhlichkeit. Die meisten waren die ganze Woche über auf der Wiesmad, das ist, auf der Heuernte auf entlegenen Berglehnen, während der sie mit Kind und Kegel von Hause abwesend sind. Um so mehr fühlen sie sich angemutet in ihrem traulichen, wenn auch noch so einfachen Heim, in den kleinen, gemauerten, mit Legschindeldächern versehenen und bemalten Häusern mit durchweg großen Einfahrtsthoren und gewölbten Hausflötzen. Die letzteren dienten einst, als die Venetianer jahrhundertelang (1487–1697) den großen »Bozener Markt« hier abhielten, zur Niederlage der Waren. Mittenwald war damals der wichtigste Punkt auf der ganzen Handels- oder Rottstraße, die von Italien nach Augsburg führte und welche schon von den Römern als »Heerstraße« angelegt ward. Was aus der Levante und Italien an Kaufmannsgütern durch Tirol kam, wurde zu Mittenwald niedergelegt und durch die dortigen Fuhrleute, die sogenannte »Rott«, einen Verein bürgerlicher Fuhrleute, weiter verfrachtet. Die Verlegung des Bozener Marktes nach Mittenwald wurde veranlaßt durch einen Streit, den 16 Erzherzog Sigmund 1487 zu Bozen mit den Kaufleuten Venedigs begann. Diese Zeit bildet den Glanzpunkt in der Geschichte Mittenwalds und gab dem kleinen Orte eine gewisse internationale Bedeutung. Ausführlicheres zu entnehmen aus J. Baaders trefflich geschriebener »Chronik des Marktes Mittenwald«, welche auch als Quelle benützt wurde. Auf die sonnigen Tage, deren die Rottstraße seit alter Zeit sich erfreute, folgten aber dunkle, Unheil verkündende Wettertage. Der Bozener Markt wurde 1679 wieder verlegt; mit ihm verloren die Rottleute ihren Verdienst. Der dreißigjährige Krieg und andere widrige Schicksale halfen zusammen, daß der einst so wohlhabende Handelsplatz verarmte. Indessen hatte ein gütiges Geschick einen Ersatz für die versiegte Einnahmequelle vorbereitet. Im 16. und 17. Jahrhundert stand nämlich die Kunst des Geigenmachens in Welschland in der höchsten Blüte. In Brescia, Cremona, Treviso, Venedig und anderen Orten lebten berühmte Meister, die viele Schüler unterrichteten. Die Kunde von ihnen drang in alle Lande, auch Mittenwald hörte davon, denn es stand ja mit Welschland vielfach in Verbindung. Zudem lebte ja ein anderer berühmter Geigenmacher fast unmittelbar in der Nähe Mittenwalds, es war dies Jakob Stainer zu Absam, der im nahen Gleirschthal und in den anderen Thälern der bayerischen Alpen, wo die Wasser der Isar zusammenrinnen, sowie an den Sonnenbergen umherschweifte und nach Resonanzholz und Haselfichte für seine Geigen spähte, indem er mit einem Hammer an die Stämme schlug, um ihren Ton zu behorchen. Dies erweckte im Jahre 1663 in dem Mittenwalder Bürger 17 Urban Klotz den Gedanken, seinen zehnjährigen Sohn Mathias auch einen Geigenmacher werden zu lassen. Der Knabe kam nach Welschland in die Werkstätte des Nicolo Amati in Cremona und nach wenigen Jahren war er einer der besten Schüler dieses Meisters. Nach vielen Wechselfällen kam Mathias Klotz nach zwanzigjähriger Abwesenheit als vollkommen ausgebildeter Meister in die Heimat zurück und gründete hier die erste Geigenmacherschule; er schuf aus Mittenwald ein deutsches Cremona, freilich ohne Torazzo, ohne Kathedrale in lombardischem Sinn, und ohne Marmorpaläste, aber in der Fabrikation der besten Geigen bald so berühmt wie jenes Cremona am Po. Die weiten Waldreviere ringsum boten das vortrefflichste Material zu diesen Instrumenten. Die Mittenwalder verpflanzten mit der Zeit ihre Kunst auch nach auswärts, selbst über den Ozean hinüber, indem sie ihre Meister hinübersandten, um dort neue Werkstätten zu gründen, und so ward Mittenwald auch in fremden Weltteilen eine Pflege deutscher Kunst und deutschen Fleißes. Viele tausend Geigen und andere Instrumente schwimmen jetzt jährlich über den Ozean, welch unerhörter Aufschwung vorzugsweise dem Unternehmungsgeist einiger Familien wie der »Neuner« und »Bader« zu danken ist. Die Wiesmad ausgenommen, beschäftigt sich die Mehrzahl der Mittenwalder mit der Fabrikation von Geigen; fast in jeder Stube befinden sich eine oder mehrere Hobelbänke, an denen der Meister mit Söhnen und Lehrlingen emsig schnitzt, hobelt und schabt. Mädchen und Weiber firnissen und polieren die Instrumente. In einer anderen Stube verfertigen die Drechsler große und kleine Schrauben oder Wirbel, Bogen, Saitenhalter, Hälse und 18 Stege, wieder anderswo rasselt und schnurrt es, daß man sein eigenes Wort nicht versteht; hier überziehen die Saitenspinner mittelst ihrer Räder die Seidenstränge und Darmsaiten mit leonischem Silber- und Kupferdraht. Dieser leonische Draht wird im bayerischen Städtchen Schwabach verfertigt, aber nach England verkauft und kommt von da als »englisches Fabrikat« wieder zurück. In neuester Zeit wird endlich die »deutsche Firma« gebraucht. Auf den Dächern oben und zu den Dachluken heraus oder unten im Garten blitzt und blinkt, baumelt und dreht es sich allenthalben, indem die frisch lackierten oder gefirnißten Instrumente, groß und klein, Violas oder Bratschen, Cellos, Contrabässe von verschiedener Größe, Guitarren und Zithern in Sonne und frischer Luft getrocknet werden, wo sie, an Bindfaden hängend, ihren lustigen Tanz beginnen, dem ihr ganzes Dasein geweiht sein soll. Die Instrumente, welche die Geigenmacher das Jahr über verfertigen, verkaufen sie an die Verleger oder bringen sie selbst in den Handel. Im letzteren Falle füllen sie ihre Kraxen oder Butten mit so viel Instrumenten, als da hineingehen mögen, und hausieren im Lande herum. Die Butte trägt an der Rückseite das Bild einer Geige, des Namenspatrons oder eines andern Schutzheiligen. Viele haben sich auch in größeren Städten als Geigenmacher niedergelassen. Die meisten dieser Hausierer sind fröhliche Bursche, die ihr Instrument nicht nur zu fertigen, sondern oft auch meisterlich zu spielen verstehen, und was die Kunst oft nicht zustande bringt, ein gutes Geschäft, das bewirkt nicht selten ihr natürlicher Witz und ihr munteres Wesen. Ein solch hausierender Geigenmacher war auch der 19 Lautenspieler Jakl, der Sohn des Lautenmachers Blasi, eines der renommiertesten Meister, der sich, wie die längst ausgestorbenen Klotz, »Lautenmacher« nannte. Er zeichnete sich durch die Konstruktion einer eigentümlichen Gattung von Instrumenten, der sogenannten Laute, einer Art Mandoline, aus, welche er meisterlich spielte, deren Spiel er auch den Sohn lehrte und der deshalb den Namen »Lautenspieler« erhielt. Jakl führte nach dem Tode seines Vaters das Geschäft fort, bald aber gefiel ihm die Thätigkeit in der Werkstatt nicht mehr, er griff zum Wanderstabe, nahm die Butte auf den Rücken und erzielte damit sowohl für die Instrumente, die er selbst verfertigte, wie für jene, welche ihm mehrere andere Meister zum Verkaufe überließen, einen weit höheren Preis, als die Verleger dafür bezahlen konnten. Auf diese Weise stand er auch in Geschäftsverbindung mit Liesls Vater, dem Geigenmacher Schändl. Schändls und des Lautenmachers Häuser grenzten aneinander. Die beiderseitigen Nachbarskinder lernten sich schätzen und lieben, und Jakl versprach dem Mädchen, es zu heiraten, sobald er sich durch seine Handelschaft eine entsprechende Barschaft erübrigt habe, so sehr dies auch gegen den Willen der beiderseitigen Mütter war, die sich seit ihrer Jugend anfeindeten und sich behutsam aus dem Wege gingen. Die Ursache dieser jahrelangen Feindschaft war eine dramatische Vorstellung gewesen. In Mittenwald fand nämlich die Darstellung der heiligen Passion schon seit unvordenklichen Zeiten und früher als zu Oberammergau statt. Alljährlich am Karfreitag wurde das heilige Drama aufgeführt, und es galt als ein verdienstliches Werk, dabei mitzuwirken. Bei einer solchen Gelegenheit kamen Lisls 20 und Jakls Mutter, beide damals noch unverheiratet, wegen der Rolle der Claudia, der Gemahlin des Pilatus, in großen Streit, jede wollte die Claudia spielen; die eine, ein schwarzbraunes Mädel mit reichem schwarzem Haarschmuck und dunklen Augen, erhielt gegen ihre Rivalin, eine schlanke Blondine, den Vorzug, letztere fühlte sich dadurch tief gekränkt und entwarf gegen die Siegerin einen seltsamen Racheplan. Sie tunkte ihre Hände in Dachsfett, das bekanntlich die Haare grau färbt, um damit die Gegnerin unversehens zu überfallen, ihre Haare mit dem schädlichen Fett einzusalben und sie zur Uebernahme der Rolle untauglich zu machen. Aber das Attentat mißlang, die Bedrohte wurde gewarnt und konnte den Angriff parieren; jedoch gelang es der Attentäterin, einen kleinen Teil der Stirnhaare ihrer Feindin mit dem Fette zu berühren, diese ergrauten, und Liesls Mutter hatte zeitlebens ein Denkzeichen an die Mißgunst ihrer Rivalin. Die Passion wurde noch in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts nicht an einem festen Orte gespielt, sondern zog durch die Straßen des Marktes. Die Sprache war einfach, schlicht und edel, wie sie dem Charakter der Passion und dem Stand der Bildung der in dem Drama auftretenden Personen entsprach. Ein späterer Versuch, das Passionsspiel, wie in Ammergau, in geschlossenem Raum abzuhalten, war von keinem Bestand, weil die Sache gegen die frühere, natürliche Darstellung zu künstlich gemacht war. Es war daher ganz natürlich, daß die wegen ihrer dunklen Gesichtsfarbe sogenannte »schwarze Liesl« ebenfalls eine eifrige Darstellerin wurde; herrscht ja in Mittenwald noch heutzutage eine ganz besondere Vorliebe für das Komödienspiel. Die Akteurs sind lauter Leute aus dem Volk. Es giebt Familien, bei denen die natürliche Anlage zur Mimik sich erblich fortpflanzt, sie kennen kein 21 größeres Vergnügen, als sich ihren Mitbürgern auf den Brettern als Helden zu zeigen, durch ihr Spiel zu fesseln und zur Belehrung und Bildung auf diese Weise beizutragen; Gelegenheit hiezu giebt es zu jeder Jahreszeit, im Winter in der großen Stube eines Wirtshauses, im Sommer unter freiem Himmel. So unterhielten sich auch heute die Bewohner des Marktes in den Wirtsschenken und auf den Gredbänken vor den Häusern nur von dem großen Drama »Hirlanda« und lobten wiederholt die schöne Darstellerin, während diese selbst traurig und allein vor ihrem Hause saß und erwartungsvoll nach der Richtung blickte, von welcher der Ersehnte kommen mußte, wenn er sein Versprechen zur That machte. Jakls letzter Brief war vor ungefähr drei Monaten aus einem welschen Städtchen in die Heimat gelangt, er war an seine Mutter gerichtet und enthielt nur wenige Zeilen, die besagten, daß er am Jakobitag heimkommen und alles ordnen wolle und daß er hoffe, die Verzeihung seiner Mutter und Liesls zu erlangen. Dieser Brief hatte nichts Auffälliges für das Mädchen; der Geliebte verlangte Verzeihung für sein langes Ausbleiben, er konnte vielleicht nicht anders, er mußte die Reise weiter ausdehnen, das Geschäft verlangte dies, und zu Jakobi sollte sich ja alles aufklären. Sie zählte die Tage und Stunden, und jetzt war der Tag fast zu Ende und Jakl erschien noch immer nicht. Wieder stieg eine düstere Ahnung in Liesls Innerem auf. »Er wird do' nit g'storb'n sei'?« fragte sie sich plötzlich. »Oder is er mir untreu worn? Is er auf Abweg g'rat'n? Er war doch sonst so brav und ehrli, so treu und zärtli und is seiner Muatta alleweil a guata Suhn g'wesen. Ihr – mir z' liab wird er's blieb'n sein!« Da legte sich eine Hand auf Liesls Schulter, und das Mädchen war nicht wenig überrascht, die Blasin, Jakls Mutter, neben sich sitzen zu sehen. Es war das erste Mal, daß die Nachbarin auf der Gredbank des Schändlhauses Platz nahm, wenigstens so lange Liesl dachte. »Liesl,« sagte die schon alternde, mit rotem Kopftuch, Mieder, braunem Rock und blauer Schürze bekleidete Frau, »i kann's nimmer übers Herz bringa, i muaß dir guat sein, du hast heunt die Hirlanda g'spielt, grad so wia r i vor dreißig Jahr, und an dem Tag hat si mei' G'schick 23 erfüllt. Grad so wie du bin i auf der Gredbank g'sessen nach 'n G'spiel und hab' ausg'rast von dem Jubel. Da is der Blasi kemma und hat mir auf seiner Lauten was vorg'spielt und aa dazua g'sunga, so viel schö', gar so viel schö'! Und ehvor no' sei' G'spiel aus war, hat er mir's Herz abg'wunna und i bin sei' blieb'n bis zum Grab, bin sei' aa übers Grab außi. Heunt, wia r i di spiel'n g'sehgn hab', is mir d' Erinnerung so frisch kemma, daß i hellauf flenna hon müass'n vor Freud, vor Leid. Gieb ma d' Hand, liab's Deandl, du hast mein' Buam gern, i woaß 's; ös habt's enk z'amg'red't, daß 's a Paar werd'ts, i will von heunt an nix mehr dageg'n hab'n, mir is's recht; und d' Feindschaft mit deina Muatta, die soll aa z' End sei'; lang gnua hat's dauert.« »Vergelt's Gott, Frau Nachbarin!« erwiderte Liesl erfreut. »Du bringst mir ja da glei a doppelte Freud, d' Einwilligung giebst zu unsern Verspruch – und aussöhna willst di mit der Muatta! So geht ja heunt nix mehr ab zum Glück, als daß der Jakl z'ruckkimmt.« »Der kimmt scho' no' heunt,« entgegnete seine Mutter bestimmt, »er hat mir's ja g'schrieb'n; Zeit is 's! No' niermals is er so lang auswärts blieb'n, und daß eam ebbs passiert is, dessel hat mein Muattaherz scho' längst gschwant. (geahnt). Moanst denn, sunst hätt' er nit wie sunst die Gelder g'schickt? Mei', i hon so viel Sorg', daß er am End nix hoambringt. I wüßt nit, was anfanga! I müaßt 's Häusl verkaufa und betteln gehn, denn i bin schuld, daß eam d' Moasta die Instrumenten nachig'schickt hab'n, i bin verantwortli' dafür und i muaß Zahlung leisten, dös verlangt mei' ehrlicha Nam'.« 24 »Wenn er nur g'sund z'ruckkimmt, dös is ja d' Hauptsach',« meinte Liesl, »alles andere wird si scho' richten.« »Gott geb's!« seufzte die Frau besorgt. »I bin zu nimmer viel nutz, die Gicht steckt mir in die Füaß; dös Steh'n heunt bei der Komödie hat mi so müad g'macht, daß i kaum mehr an' Fuaß heb'n kann, und die alt' Nandl is aa nimmer viel z' brauchen. Es wär' scho' hart für mi, wenn i no' im Alter d' Not und 's Elend kenna lerna muaßt.« »Bin denn i nit da?« rief Liesl ermutigend. Die Nachbarin drückte dem Mädchen gerührt die Hand. Da kam ein ärmlich gekleidetes Weib die Gasse herab, und nachdem sie sich mit einer Frage an einen Vorübergehenden gewandt, schlug sie die gerade Richtung zum Hause der Blasin ein und wollte soeben in dasselbe eintreten, als sie Liesl bemerkte. »Aber bin i jetzt erschrocken!« rief diese; »und is bloß a Bettelweib –« Die Nachbarin folgte Liesls Blick und rief der Bettlerin zu: »'s is neamd dahoam! Kimm her zu mir, du kriegst scho' ebb's!« »Ich will zur Frau Blasin,« antwortete das Weib. »Die bin i!« rief erstere ihr zu. »Gottlob!« sagte die Fremde und näherte sich den beiden auf der Gredbank sitzenden Frauen. Es war ein noch junges, schlankes Weib von mehr als mittlerer Größe in ärmlichen, ausgewaschenen, lichten Kleidern, dessen Gesicht viel Aehnlichkeit mit demjenigen der schwarzen Liesl hatte; üppige, schwarze Haare, die aufgelöst über die Schultern hinabhingen, dunkle, große Augen, eine dunkle Gesichtsfarbe und regelmäßige, schöne Züge 25 waren auch dem jungen Weibe eigen. Auf dem Rücken trug die Fremde ein kleines Päckchen und um die Schulter hatte sie in einem alten ledernen Futteral eine Mandoline hängen. »Iatz erschreck i aa schier!« rief die Blasin, als sie dem Weib ins Gesicht geschaut hatte; »dös is ja die reinst Doppelganglerin von dir, Lisl; nur größer is's, und so blaß – und –« Sie konnte nicht vollenden. Die Fremde hatte einen Zettel hervorgezogen, und nachdem ihr Auge mit einem langen, prüfenden Blick auf dem Gesichte der alten Frau gehaftet, sagte sie: »Da – der Zettel für Sie!« »Für mi? Von wem?« »Ein Mann mir gegeben,« erklärte die Fremde in gebrochenem Deutsch. »Aber ich bitt – ich fühlen mich sehr krank – müd –« Die Frau wankte, Liesl kam ihr sofort zu Hilfe, hieß sie, sich auf der Bank ausruhen und sagte, sie wollte ihr zu essen und zu trinken bringen. »Ach, gutes Mädchen,« bat die Fremde, »ein wenig Milch!« »So kimm nur glei in d' Stub'n eina,« forderte Liesl sie auf, »du sollst krieg'n, was wir hab'n.« Ohne viel Umstände nahm sie die Kranke am Arm und führte sie ins Haus hinein und in die Küche. Die Mutter hatte soeben das Nachtessen fertig und teilte der Fremden gerne davon mit. Sie war nicht wenig überrascht, als die Tochter ihr erzählte, wer auf der Gredbank sitze und wie die Nachbarin, gerührt durch Liesls Spiel, sich mit ihr versöhnen wolle. 26 Frau Schändl war von dieser Nachricht ebenso freudig betroffen, wie es ihre Tochter gewesen, sie nahm sich jedoch nicht Zeit, zur Thür hinauszugehen, sondern rief der Nachbarin durchs offene Fenster der Wohnstube ein »Grüaß di Gott, Claudia!« hinaus; sie reichte ihr auf gleiche Weise die Hand, welche die Blasin mit Thränen in den Augen erfaßte. »Woaßt,« sagte die Schändlin, »dös graue Dachsfettfleckl is jetzt nimmer auffälli, weil mei' ganzer Kopf scho' grau is, und d' Eifersucht auf a guate Komödieroll'n plagt uns alle zwoa nimmer, so is's aa nit mehr als billi, daß ma die Feindschaft aufhör'n lassen und daß ma' die paar Jahrln, die uns unser Herrgott schenkt, in Frieden und Freundschaft hinbringen und guate Nachbarschaft halt'n.« »Grad a so soll's sei'!« erwiderte die Blasin. »Unsa Feindschaft soll aufhör'n, aber d' Liab von unsre Kinder soll an' festen B'stand hab'n; sobald der Jakl hoamkimmt, soll'n sie si heirat'n und glückli sei'. Aber schick mir d' Liesl außa, i kann den Zettl da nit lesen; es is scho' dämmeri und meine Aug'n san nix mehr nutz.« Liesl hatte inzwischen der armen Frau Speise und Trank gegeben und eilte nun auf das Geheiß der in die Kuchel zurückkehrenden Mutter sofort zur Nachbarin hinaus. Ihre guten, hellen Augen erkannten augenblicklich die Schriftzüge des Geliebten. »Gottlob,« rief sie, »der Zettel kimmt vom Jakl!« »Vom Jakl?« fragte die Blasin. »Warum schreibt er? Warum kimmt er nit selm? Was steht in dem Zettel?« Liesl hatte das Blatt durchflogen, sie erschrak sichtlich und ihre Stimme zitterte, als sie jetzt mit gedämpftem Tone dessen Inhalt der Nachbarin vorlas. Er lautete. 27 »Liebe Mutter! Ich bin im größten Elend in der Heimat angekommen und getraue mir in dem verlumpten Anzug nicht einmal zur Nachtzeit in den Markt hinab, denn wenn mich jemand sähe, wäre es um meinen Kredit geschehen. Bring mir eine Joppe, einen Hut und ein Paar Schuhe zum Höllkapellein herauf, wo ich mich verborgen halte. Die arme Frau, welche dir dieses Briefl bringt, mußt du gut beherbergen bei uns, ohne sie wäre ich auf der Landstraße liegen geblieben und zu Grund gegangen. Thu ihr alle Ehre an. Sag keinem Menschen etwas davon, daß ich komme, nicht einmal die Liesl darf es erfahren. Ich will nicht, daß man meine Ankunft schon heut erfahrt. Also komm und bringe die Sachen. Es grüßt dich dein dankbarer Sohn Jakob.« Die alte Blasin zitterte bei dieser schlimmen Nachricht am ganzen Leibe. Nicht das Mutterherz, sondern der Geschäftssinn gewann im ersten Momente die Oberherrschaft über sie, und so sagte sie erzürnt: »Also kimmt er als Lump hoam, als a verschuldta – is alles hin, was i zahlt hab' für eam, hat er mi zur Bettlerin g'macht! O, dös wenn mei' Blasi wüßt, der kehret si no' im Grab um über so an' ehrvergessna Suhn! Wär' er liaba ausblieb'n! Was thua i denn mit dem Lumpen? I trag eam nix entgeg'n – dös gaang ma grad aa no' ab! D' Mittenwalder soll'ns nur sehgn, daß 's a Lump is, die ganz Welt wird's ja eh bald inna wern!« »Aber Blasin!« fiel ihr Liesl in die Rede; »wie magst denn aufs Unglück schänden? Dös kann jeden Menschen treffen, uns so guat wie 'n Jakl. Grad im Unglück muaß man 'n Menschen nit verlassen, muaß ma eam helfen. Zu 28 was wär denn d' Liab auf der Welt? Freili bringst eam dös Gwandta; er hat ganz recht, daß er nit verlumpt hoam kemma mag; d' Leut san gar bös und der Kredit is glei weg.« »Der is freili weg, wenn er nix als Schulden hoambringt,« versetzte die Alte unwirsch. »Mein Gott, wie wird dös wern?« »Dös überlaßt's guatding unsan Herrgott, alles kann si no' zum Guaten schicken. Der Jakl is ja no' jung und kann arbeiten, er versteht sei' G'schäft und dahoam wird eam 's Glück wieda lacha.« »So? Schaamest du di nit, so an' runterkommena Menschen no' z' heiraten?« »Na', i schaamet mi nit. Weg'n sein' schlechten Gwandta? Zu was giebt's denn Schneider, als daß 's neue Kleider machen? Und weil eam 's G'schäft schlecht ganga, weil er um sei' Geld kemma is? Ja no', da müassen ma halt aa erst hör'n, wie dös kemma is; 's kann eam ja g'stohl'n worn sei', oder er is krank gwen, oder –« »Oder er hat's vertrunka und verspielt,« ergänzte die Alte. »Und nacha is's aa no' nit aus in alle Ewigkeit; nacha ziagn ma 'n uns halt wieder, du als Muatta, i als sei' Frau. Wir bringen 'n scho' wieder auf 'n rechten Weg. Ge zua, Muatterl, wirst jetzt am Jakl sein' Tag heunt so wüast sei'! Es is dir ja nit ernst, du stellst di nur so zwegn meiner. Hoaß'n willkomma, dein Suhn, und gwiß wird alles wieder recht wern!« Der Alten Augen füllten sich jetzt mit Thränen, der herzliche Ton des Mädchens hatte die Schleusen geöffnet. »Aber i bin nit im stand, bis aufs Höllkapellein auffi 29 z' geh'n, mir liegt's bleischwaar in die Glieder,« sagte die Alte. »Wenn i aa möcht, i kaannt nit.« »So schick ma 's eam durch ebban andern auffi,« schlug das Mädchen vor. »Aber hast's denn nit g'lesen, daß gar neamd was davon erfahr'n soll?« fiel die Alte ins Wort. »Ja, ja, er hat recht! Der Blasrjakl soll nit verlumpt im Mittenwalder Markt einziagn! Woaßt was, Liesl, geh du mit mir, alloa kann i's nit damache; du laßt mi scho' einhänga in dein' Arm. Wie moanst?« »Recht gern geh i mit dir,« antwortete Liesl erfreut; »i muaß ja dafür sorg'n, daß ma mein' Hochzeiter nit z' hart thuat.« Und zögernd und sinnend setzte sie hinzu: »Aber neamd soll's erfahrn, daß –« »So sag deiner Muatta, i hätt' an' Gang z' macha und hon di bitt', daß d' mit mir gehst, so hast nit g'log'n. Was dös Bettelwei anlangt, so schau, ob's d' Nacht über nit bei enk a Liegerstatt hab'n könnt, denn wenn's 'n Jakl in der Not beig'standen is, dös arm Leut, und is selber voll Elend, so is's nit mehr als billi, daß ma 's guat halt'n. Da, da, gieb ihr von mir dös Geld und morg'n kann's bei mir was z'essen hab'n. Oes seid's ja eh auf der Wiesmad. I geh jetzt und richt 's Gwanta zam für 'n Jakl aus sein' Kasten, und du hol mi ab. Wir genga glei hintnaus zum Garten, daß neamd ebbs spannt.« Die Frau entfernte sich hierauf in ihr Haus. Liesl teilte ihrer Mutter den Auftrag der Nachbarin mit und bat sie, die Fremde in ihrem Hause übernachten zu lassen. Dies wollte der Hausfrau zwar nicht passen, indessen konnte sie sich, wohl durch die auffallende Aehnlichkeit der Armen mit Liesl bestimmt, einer gewissen Teilnahme für 30 die Frau nicht erwehren und gestattete derselben, auf der Ofenbank, die sie mit Decken belegen wollte, zu übernachten. Die Fremde saß eben auf dieser Bank, als Liesl zu ihr trat; sie reichte ihr die Gabe der Blasin hin, indem sie sagte: »Dös soll i dir geb'n von der Blasin für dös Briefl und weil's d' ihrem Sohn beig'standen bist; morg'n kriegst scho' mehr.« »Von Frau Blasin?« fragte die Fremde, das Geldstück stolz zurückweisend. »Ich nehme kein Almosen von Blasin. Wird sie thun, was ihr Sohn verlangt?« »Bst!« machte Liesl, sich umschauend; »koa' Mensch därf's ja wissen. Verrat nix, aa meina Muatta nit! Morg'n wird dir d' Blasin scho' anders danken, heunt is koa' Zeit mehr.« »Kann ich nicht wohnen bei Blasin?« fragte die Fremde. »Heunt nit,« antwortete Liesl. »Es geht dir bei uns an nix ab; morg'n muaßt eh zu ihr, weil wir 's Haus abschließen und auf d' Wiesmad geh'n. Wenn's d' g'sund wärst, könntest mitgeh'n in d' Arnt (Ernte); wir braucheten so Leut', und für di waar's drauß aa g'sund in der frischen, würzigen Luft.« »Auf Ernte?« fragte die Fremde. »Ja, da will ich mitgehen, wenn ich morgen gesund bin.« »Und wenn's d' es nit bist, so wirst es auf der Wiesmad, da wird's dir g'fall'n, da wirst rote Back'n krieg'n.« »Du bist so gut mit mir, und weißt nicht, wer ich bin,« sagte die Fremde. »Geht mi aa nix an!« erwiderte Liesl. »Du brauchst a Hilf, und es is Christenpflicht, 'n Nächsten z' helfen, so 31 guat, als ma kann, zudem hast Anspruch auf unsern Dank, denn die Botschaft, die 's d' uns bracht hast, hat nit nur d' Blasin, sondern aa mi aus großer Sorg' g'rissen. Wir wern dir's vergelten.« »Bist du verwandt zu Lautenspieler?« fragte jetzt die Fremde, Liesl mit fast erschrockenem Blick betrachtend. »Verwandt nit,« erwiderte diese, »aber bekannt – recht guat bekannt. Und so laß dir's g'fall'n bei uns; brauchst was, so ruaf nur nach der Muatta, sie hampert in der Kuchl rum, weil's allerhand z'amricht für d' Wochen über, daß uns drauß nix abgeht. Und so b'hüat di!« Freundlich grüßend verließ sie dann, ein leichtes Tuch über den Arm nehmend, die Stube, um die Nachbarin abzuholen, welche ihrer harrte. Es begann bereits zu dunkeln. Schweigend schlichen die beiden durch den Garten und eilten, so rasch es anging, auf dem Leutascher Fußsteige dem Höllkapellein zu. Hatten sie auch ein solches Wiedersehen nicht erwartet, das Mutterherz, das Herz der Geliebten pochten doch freudig bei dem Bewußtsein, daß er endlich wiedergekehrt, der Langersehnte. Die welsche, arme Frau aber blickte sinnend hinaus zum Fenster, durch welches ihr mit hundert schwarzen Augen die Dunkelheit der Nacht entgegenstarrte; ein Fieberschauer rüttelte ihre schöne Gestalt, sie wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne und seufzend, sich selbst bemitleidend, klang es von ihren Lippen: »Arme Marietta!« 32 III. Die etwa eine halbe Stunde vom Markte Mittenwald entfernte Kapelle des heiligen Jakob wird vom Volke wegen ihrer wildromantischen Lage das Höllkapellein genannt, und in den Nöten des Lebens wallt mancher dorthin. Ein schmaler Bergpfad führt durch das steil abfallende Gelände des Burgbergs zu der Kapelle, sie liegt auf einer Terrasse des Berges, an welchem auf der einen Seite die dunklen Schlünde der Leutaschklamm gähnen, während an der andern der Berg fast senkrecht emporsteigt. Das Plateau, auf dem die Kapelle steht, ist mit dunklen Tannen und Fichten bewachsen, und diese Waldeinsamkeit erregt mit ihren Schauern mächtig das Gemüt. Das aus Holz geschnitzte, auf dem Altar stehende Bild des Apostels Jakobus in Pilgertracht und einige andere Heiligenfiguren sind die einzige Zierde der kleinen Kapelle. Man vernimmt hier nichts als das Rauschen der Tannen und das dumpfe Getöse, womit sich die brandenden Wellen an den Felsenwänden der Klamm brechen. In den Sturmjahren von 1805 und 1809 hat mancher Kriegsmann, getroffen von den Kugeln der Tiroler, hier seine Seele ausgehaucht. Gar vielerlei Erinnerungen knüpfen sich an diese einsame Kapelle. Sie ist aber auch ein Ort des Schreckens, denn in ihrer Nähe haust der Sage nach der Klamm- oder Burgberggeist in den schauerlichen Schlünden, in welchen sich die Leutasch durch hartes 33 Gestein ein Bett gegraben, das unzugänglich und wohl einige hundert Fuß tief in einer Länge von etwa zweihundert Metern sich hinzieht und deren Anfang ein hoher, wild tosender Wasserfall bildet. Die Leutaschklamm ist seit 1880 durch den Instrumentenverleger Mathias Neuner jun. zugänglich gemacht. Hinter dem Höllkapellein fällt der Burgberg wieder senkrecht abwärts in die Abgründe der Klamm, an deren Rand ein schmaler Steig, kaum einen Fuß breit, in die untere Leutasch führt. Von diesem Steig hat der Klammgeist schon manchen Wanderer zu sich hinab in das feuchte Grab seiner Gewässer gerissen. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem er nicht sein Opfer holt; man sieht ihn manchmal auf einer Felsenplatte stehen, oder er schwingt sich in ungeheurem Bogen herab auf die nahen Wiesen, da schüttelt er sich und sprüht wie eine Feueresse, daß der Boden glüht. Die Funken, die er zur Erde sendet, sind eitel Gold, denn er ist der Herr unendlicher Schätze, die er in den Klüften der Klamm verborgen hält. Sucht man an der Stelle nach, wo er gesehen worden, so findet man den Boden verbrannt, das Gold aber, das er zurückgelassen, ist auf einmal verwandelt in taube Schlacken, die in Asche zerfallen, wenn man sie aufheben will. In neuerer Zeit hat man vor dem Klammgeist weniger Furcht, man hält ihn in die wildschauerliche Klamm gebannt durch das am Ausgange derselben an einer Felsenwand angebrachte Kruzifix, gleichwohl meidet man bei Nachtzeit den Weg am Höllkapellein vorüber; nur die Pascher wählen ihn gern, da sich hier die Grenze zwischen Bayern und Tirol hinzieht. Obwohl diese Grenze diesseits und jenseits scharf bewacht wird, damit kein zollbares 34 Gut auf verbotenem Weg eingeschwärzt werde, reizt der Gewinn das abenteuerlustige Volk auf beiden Seiten zu den waghalsigsten Unternehmungen. Ganze Trupps Tiroler kommen nächtlicherweile auf heimlichen Steigen über die Bergjoche, um in Mittenwald Tabak, leonische Silber- und Goldwaren in ihre großen Weidsäcke zu verpacken und über die Berge zu schleppen, während andererseits die Mittenwalder in die Scharnitz und Leutasch schleichen, um Produkte des Südens in Bayern einzuschwärzen, bei welch gefährlichem Handel es an abenteuerlichen Ereignissen nicht mangelt. Die kranke, fremde Frau, welche Jakls Briefchen brachte, ward von der Blasin und Liesl für nichts anderes als eine zu einer Paschergesellschaft gehörige Person angesehen, weshalb man sie weder um Heimat noch Namen fragte. Das Fragen ist überhaupt in den Grenzorten nicht üblich, man begnügt sich mit dem, was der andere gern über sich sagt, und möchte oft lieber auch das nicht wissen. Trotzdem stand dieses Weib fortwährend vor Liesls geistigem Auge, und sie begann auch, nachdem sie den Markt im Rücken hatte, das Gespräch auf sie zu bringen. »I woaß nit, was 's is, daß mir dös Weib nimmer aus 'n Sinn will, 's is mir grad, als hätt's mir ebb's gnumma – ebb's von mein' Glück – und sie hat mir doch a Freud' bracht, a guate Botschaft.« »Möcht dei' Ahnung nix bedeuten,« entgegnete die alte Blasin. »I halt's für a Pascherin oder a Grottenzieherin.« Unter »Grottenzieher« versteht man einen Mann oder ein Weib, die, vor einen Karren gespannt, aus Tirol kommen, um in Bayern allerlei Waren zum Kleinhandel 35 einzukaufen; es sind wahre Nomaden, die in ihren »Grotten« gewöhnlich die ganze Familie und die Kinder mit sich schleppen, wovon die kleineren im Grotten verpackt sind, die größeren den Eltern als Vorspann dienen müssen; manchmal ist auch noch ein Eselein an den Karren gespannt. »Bei dene Leut kimmt's scho' oft vor, daß eam ebb's abgeht, wenn's wieder furt san,« fuhr die Blasin fort;»und alleweil is 's besser, du hast d' Schlüssel im Sack als am Kasten stecken.« »So was fürcht i nit,« sagte Liesl; »ihra G'schau is ehrli und sie hat an' Stolz. Für den Deanst, den 's 'n Jakl g'leist't hat, hat's koa' Geld gnumma, und sie siehgt wahrli nit darnach aus, als brauchet's koans.« »No', wir wern's ja bald hör'n, was dös für a Deanst war,« meinte die Alte. »Geb nur Gott, daß 's uns nix von der bösen Kranket mitbracht hat, die derzeit im untern Tirol regieren soll! Wern ja dengerscht wir davor verschont bleib'n!« »Du moanst die Ruhr – d' Cholera? O, die traut si nit eine in unsere g'sunden, schönen Berg!« entgegnete die Liesl. »Gottlob, daß der Mond auffakimmt über 'n Karwendel; jetzt siehgt ma dengerscht wieder 'n Steig,« meinte die Blasin. Die Sichel des Mondes war über das Gebirge heraufgestiegen, und sein Licht gleißte vom Felsen des Wetterschroffen wider. Vom Markte herauf hörte man den fröhlichen Gesang der jungen Burschen. »Hörst es singa, d' Komödiespieler?« fragte die Alte. »Der Kargenjörgl hat heunt a guats G'schäft g'macht mit 36 deiner Hirlanda, jetzt halt er d' Spieler zechfrei im Postgarten. Der Jakl is sunst aa dabei gwen. No', hoff ma', daß er wieder mitspielt, wenn nach der Wiesmad d' »Isarnixe« geb'n wird, die 's du no' viel besser machst wie d' Hirlanda. Und woaßt was? An den seln Tag soll enka Verlobungsfest sei', der Jakl muaß wieder dein Ritter machen wie vor etli Jahr, und wenn's d' mit eam in der Isar versunken bist, sollt's als richtigs Brautpaar wieder aufersteh'n, und grad lusti woll'n ma nacha sei' im Postgarten; i g'freu mi scho' heunt drauf.« Lisl hörte schweigend zu, als die Alte noch weiter ihre Träume für die nächste Zukunft ausspann. Je gesprächiger und aufgeregter diese wurde, je näher sie dem Höllkapellein kamen, desto bedrückender ward es Liesl in ihrem Herzen, und dies um so mehr, als sie in den Wald eingetreten waren, dessen hohe Fichten und Tannen dem Mondlichte, das nur auf den Gipfeln derselben flirrte, keinen Eintritt gewährten, so daß die tiefste Dunkelheit ringsum herrschte. Auch die Alte schwieg jetzt. Sie waren endlich auf dem Plateau angelangt. Mächtig und unheimlich brauste der Wasserfall in der nahen Leutaschklamm. Erwartungsvoll näherten sich die beiden Frauen dem Kapellein, und es ward ihnen unheimlich zu Mute, da sie den Ersehnten nicht sofort fanden. »Schrei nach eam,« sagte Liesl leise zu der Mutter ihres Geliebten; »er woaß sunst nit, wer wir san.« Die Alte rief jetzt nach ihrem Sohn, und da ihr keine Antwort ward, ein zweites- und drittesmal; aber nichts war hörbar, als das Tosen der Wasser aus der Klamm. Die beiden Frauen hielten krampfhaft die Hände in 37 einander verschlungen und lauschten eine Weile, ihre Herzen pochten mächtig; Jakl nicht hier, und die Frauen allein an dieser zur Nachtzeit so verrufenen und verhängnisvollen Stelle! Aengstlich rief die Alte nochmals nach dem Sohne; da war es ihr, als hörte sie unter einer der nächststehenden Tannen eine leise Stimme. Beide erschraken erst heftig, dann aber faßte sich Liesl und eilte zu dem nahen Baum, unter welchem sie nicht unschwer einen Mann am Boden liegend erkannte. »Jakl, dei' Muatta is da!« rief sie dem Liegenden zu. »Marietta, bist es du?« hastete der Mann hervor, wie es schien, soeben aus bösen Träumen aufgeschreckt. In 38 diesem Augenblick stieg der Mond so hoch, daß er die Kapelle und ihre Umgebung beleuchten konnte, und Liesl vermochte nun den Jugendfreund zu erkennen. Dieser aber, durch des Mädchens herabwallende Haare getäuscht, glaubte die Frau vor sich zu sehen, welche seinen Auftrag an die Mutter zu besorgen hatte. »Kimmt d' Muatta nit? Was bringst für a Botschaft?« Er hatte sich bei diesen Fragen erhoben. »Jakl,« rief ihm jetzt seine herbeigeeilte Mutter zu, »da is dei' Muatta! Grüaß di Gott, mei' Bua!« Mit einem freudigen Ausruf stürzte der Sohn in die Arme seiner Mutter. »Gel, bist mir bös?« fragte der etwa dreißig Jahre alte, mittelgroße Mann. Man sah beim Mondlicht sein langes Haar, seinen dichten Vollbart, beide von dunkler Farbe, und sein blasses, müdes Gesicht. Man ersah aus dem unbeschreiblichen Zustande seiner Kleider, aus seinen bloßen Füßen die Armut, das Elend, das ihn bedrückte. Die wenigen Worte, die er sprach, kamen heiser, krankhaft hervor. »Bös sein?« erwiderte die Mutter schluchzend. »Wie kaannt i dir – in dem Zustand – no' bös aa sei?« »So dank i dir's tausendmal,« sagte der Sohn gerührt. »Und mit ihr kimmst?« fuhr er, auf Liesl blickend, weiter. »Du woaßt es am End? Du hast dein' Seg'n geb'n?« »Ja, dös hon i,« antwortete die Mutter. »Als G'schenk zu dein' Namenstag gieb i dir dei' treu's Deandl. Dank's 'n heilin Jakobi da. No', Liesl, gieb eam d' Hand, dein' Hochzeiter, oder hab'n di dengerscht dö verlumpten Kloadn abg'schreckt?« 39 »D' Liesl?« fragte der Bursche erschrocken und starrte nach dem Mädchen. Jetzt erst erkannte er es; bisher glaubte er Marietta vor sich zu haben. »Jakl!« rief jetzt Liesl; »gel, du woaßt, daß 's ma' nur um dei' Herz, um dei' Liab z' thuan is? Grüaß di Gott, mei' Bua, von heunt an mei' Hochzeiter!« Sie schlang bei diesen Worten ihre Arme um Jakls Hals und küßte ihn auf Stirn und Mund. In ihrer Freude fühlte sie nicht, wie der Mann sich von einem gewissen Schrecken noch gar nicht erholt hatte und in keiner Weise des Mädchens Liebkosungen erwiderte. Jetzt aber raffte er sich auf, und mit zwar zitternder, aber doch entschiedener Stimme sagte er: »Muatta und Liesl, da muaß i enk ge glei ebbs erzähl'n, daß enk der g'freudige Grüaßgott reu'n wird –« »Nix sollst erzähl'n!« rief die Mutter. »Dort beim Höllkapellein lieg'n die Kleider, die ziehgst an und die verlumpten wickelst wieder eini ins Tuach; dann geh'n ma awi in 'n Markt, und wenn's d' ausg'rast't hast – morg'n, nacha erzählst mir alles. Morg'n kann i di aa wieder rechtsam schimpfen, heunt is's ma nit mehr mögli und g'schimpft wirst, gel, Liesl?« »Es wird nit gar z' streng wern,« meinte das Mädchen; »leider Gottes kann i nit dabei sein, wir genga scho' z' frühest auf d' Wiesmad; aber was's aa is, gel, Muatterl, du verzeihst eam alles, gar alles!« »D' Muatta vielleicht scho',« sagte Jakl zögernd, »aber du, Liesl – du – du verzeihst mir's nit.« »So laß ma's halt drauf ankemma!« erwiderte Liesl lachend. 40 Jakl eilte jetzt zur Kapelle, um die Schuhe anzuziehen und Joppe und Hut umzutauschen. Die Alte hatte sich an den Stamm der Tanne gelehnt und ihren Arm um des Mädchens Nacken geschlungen. »Du hast recht,« sagte die Frau leise zu Liesl, »i werd eams nit z' hoaß kocha; koa' Fäserl Zorn is mehr in mir, i könnt' nur grad woana, a so dabarmt er mi.« »Gieb eam koa' bös's Wort; was rum is, is rum,« bat Liesl. »So, i bin g'richt't,« sagte Jakl, herankommend, den Bund Kleider in der Hand und über der Schulter einen Sack mit seiner Laute tragend. In der andern Hand trug er einen gebogenen Stock. »'s is mir völli frischer z' Muat,« fuhr er fort, »daß i die Lumpen vom Leib hon und d' Füaß in feste Schuah stecken. O, Muatta, d' Armut thuat weh, i hon's kenna g'lernt an mir und – sag' mir, hast der Frau an' Unterstand geb'n für d' Nacht?« »Die is guat aufg'hob'n in unsern Haus,« antwortete Liesl statt der Alten. »Woaßt, wer die Frau is?« fragte Jakl. »Was geht dös mi an,« gab Liesl zur Antwort. »Sie hat uns a guate Botschaft bracht, und dafür will i 's gern hab'n, mei' Lebta.« »Mach ma, daß ma hoamkemma,« drängte Jakl. »Geh' nur voraus,« sagte Liesl, »i hab' dei' Muatta scho' am Arm; der Mond leucht't uns und bal san ma unt'.« »Laßt's mi z'erst no' an' Vaterunser beten zum heilin Jakobi,« sprach die Alte; »i möcht' eam danken, daß er uns den heutin Tag no' so schö' hat außigehn lassen. Und 41 dir, Jakl, wünsch i Glück und Seg'n zu dein' Tag, und um das bet i zu dein' heilin Schutzpatron.« Mit gemischten Empfindungen brachten dann alle drei an der Kapelle eine kurze Andacht dar und schlugen dann, meistenteils schweigend, den Heimweg ein. Niemand begegnete ihnen; durch den Garten gelangten sie zu ihren Häusern. Als Liesl Abschied nahm, sagte Jakl, der sich auf dem Herwege manches ausgedacht hatte: »Sag' neamd, daß i scho' z'ruck bin – laß's vorerst a G'heimnis bleib'n. Schön Dank für alles, Liesl und vergiß 's nit, daß d' g'sagt hast, du wirst mir alles wieder verzeih'n.« Er drückte dem Mädchen die Hand, und Liesl wünschte ihm herzlich gute Nacht, dann eilte sie in ihr Haus. Jakl aber trat mit der alten Mutter in sein freundliches Heim. Speis' und Trank berührte er nur wenig, er sehnte sich nach Ruhe – er fühlte sich krank an Leib und Seele. 42 IV. Stille war es im Ort geworden. Da mit frühestem Morgen wieder auf die Wiesmad gezogen wurde, suchten die Leute noch für wenige Stunden die Wohlthat eines Bettes zu genießen, und der pflichteifrige Nachtwächter sang seinen Stundenvers bereits in menschenleeren Gassen vor lichtlosen Häusern. Aber der Mondschein blickte träumerisch hernieder über dem alten Mittenwaldermarkt und mochte sich seine eigenen Gedanken machen über dessen wechselvolles Schicksal, über seine glücklichen und mißlichen Zeiten, welch letztere aber durch den Fidelbogen glücklich wieder in die Flucht geschlagen wurden. Und so beschien das milde Licht des wandernden Gestirns fast durchweg nur die Stätten braver, zufriedener Leute, wo er selbst gerne geweilt hätte, wenn er nicht rastlos seinen ewigen Bahnen hätte folgen müssen. Aber niemand achtete in Mittenwald mehr seiner, nur im Hause der Blasin saß in der obern Stube am Fenster ein alterndes Weiblein, das sinnend zum wandelnden Gestirn hinaufblickte, während sein Ohr der leisen Erzählung eines kranken, blassen Mannes lauschte. Das Weiblein war Jakls ehemalige Kindsfrau, die alte Nandl, die im Blasischen Hause schon über vierzig Jahre diente und als Familienglied betrachtet wurde; sie hatte Freud und Leid mit der Familie Blasi geteilt, welch letzteres zur Zeit der Kriegsjahre 1805 und 1809 furchtbar auf dem 43 Markt und all seinen Bewohnern lastete. Die alte Nandl diente aber nicht nur im Blasischen Hause, sie regierte auch da. Während die Blasin als junges Weib mehr über ihre Theatertriumphe und ihren Anzug nachdachte, führte Nandl die Zügel des Hauswesens, und die unselbständige Blasin vermochte es später und gar als Witwe nicht mehr, sich zur Herrschaft emporzuraffen. So hatte Nandl auch seinerzeit die Erziehung Jakls ganz allein übernommen, und ließ sich hierin weder von Vater noch Mutter etwas einreden. Nandl konnte die Laute spielen und war eine Freundin des Gesanges; sie dichtete wohl auch selbst manches Volkslied, und 's Jakele mußte alle ihre alten und neuen Lieder erlernen und sie auf der Laute begleiten. »Spiel lusti durch d' Welt, Kriegst a Glück und a Geld!« Das war ihr Wahlspruch, und 's Jakele freute sich schon auf jene goldenen Tage, wo er mit der Butte als Instrumentenhändler herumziehen und nebenbei seine lustigen Stücklein zum Besten geben konnte. Er war ja ein flotter Bursche mit offenem, lebensfrischem Sinn geworden; die dunklen Haare hingen ihm gelockt herab bis an die Schultern, und seine regelmäßigen Gesichtszüge, mit den klaren, dunklen Augen und dem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen machten, daß die Mädchen gerne nach ihm schielten. Er trug sich nach Mittenwalder Art: grünen Hut, Joppe, rotes Kamisol und grüne Hosenträger, dazu die Kniehose und die mit Pfaufedern abgenähte Leibbinde. So wanderte der lustige Fant, die bemalte Butte am Rücken und den Bergstock in der Hand, hinaus in die Welt, und »der Lautenspieler von Mittenwald« war überall ein freudig 44 bewillkommter Hoagast, und nach Hause zurückgekehrt, drückten ihm Mutter und Freunde herzlich die Hand; der schönen, schwarzen Liesl aber, der er stets auf seiner Wanderung in Liebe gedachte, seinem treuen Schatz, galt sein herzlichster Willkomm. Sonst währte seine Wanderzeit fünf bis sechs Monate, das letztemal aber blieb er mehr als ein Jahr vom Hause fern. Er trieb sich, wie schon das vorletztemal, unten im Welschland herum, an der tirolisch-italienischen Grenze. Sonst fehlte sich nichts; für die nachbestellten Waren traf das Geld jedesmal richtig ein, seit des Lautenspielers letzter Wanderung aber erfolgte eine solche Zahlung nicht mehr, und niemand konnte sich diese Unregelmäßigkeit, die manchem Absender sehr empfindlich war, erklären. Jetzt freilich erklärte sich das leicht den Frauen, welche ihn wiedergesehen, wie er bettelarm und krank die Grenze überschritt, nichts sein Eigen nennend als die Lumpen seiner Kleidung; doch die Laute, die in glücklichen Tagen sein treuer Gefährte war, sie war es auch in den Zeiten des Elends. Noch kannte niemand die nähere Geschichte seines Unglücks; seine Mutter mußte sich, erschöpft vor Aufregung und Müdigkeit, gleich nach der Heimkehr zu Bette legen, und die alte Nandl übernahm des Ankömmlings Bewirtung und Pflege. In der obern Stube lag er jetzt zu Bett; er hatte über Kopfleiden geklagt, und die Alte hatte ihm kalte Ueberschläge gemacht. Sie sprach ihm Mut zu, obwohl sie selbst ihr Herz beschwert fühlte vor Mitleid und Kümmernis um ihren Ziehsohn. Um ihn im Schlafe nicht zu stören, hatte sie sich ans 45 offene Fenster gesetzt, und, zu Mond und Sternen aufblickend, hatte sie wohl auch ein Gebetlein hinausgeschickt zum Himmel, daß wieder alles gut und recht und ihr Liebling nicht krank werden möge. Sie wurde in ihren Gedanken durch Jakls Zuruf gestört. »Was willst, Büawal?« sagte sie, zum Bette hineilend;»soll i dir an' nuin Ueberschlag machen?« »Na,' laß's geh'n, Nandl,« erwiderte der Bursche, »der Wehthoa hat aufg'hört; es is mir just frischer.« »Dös macht der Baldrianessenz, den i dir eingeb'n hon; der hilft allemal. Mei' Gott, ja. Halt di nur staad – alles wird wieder wern, daß's recht is. Gel, a Lump bist ja nit worn? Es is dir halt amal falliert, und so was kann an' jeden passiern, wenn's d' nur dabei rechtschaffen bleibst, mei' ja! Froh bin i grad, daß d' so schlau warst und nit zerlumpt in 'n Markt eina bist; dessel wär nit gschickt gwen, aber a so hat di neamd g'seh'n, bsunders nit in deine Fetzen, und so hoff ma halt, daß's Elend drauß blieb'n is und dei' Glück wieder aufblüaht im Mittenwalder Marktl.« »Nandl, i fürcht, mei' Elend geht iatz erst recht an.« »Fürcht di nit, Büawal – deine Ausständ an d' Moasta wern zahlt, und müaßt i mei' silberne Halsketten vokaafa. Dei' Muatta laßt di nit im Stich, und iatz bleibst nacha schö' dahoamt und führst's G'schäft von dein' Vata seli weiter, und schaugst di um an' Hausstand um. Höllseiten, Büawal, i woaß's ja von eh scho', daß die schwarz Liesl drent auf di hofft – i bin einverstanden, völli einverstanden, mei' ja! Dös is die richtige für di. Gelt, du führst es uns recht bal hoam als dei' Hausfrau?« 46 »Nandl,« entgegnete der Kranke mit unsicherer Stimme, »i muaß dir a G'heimnis anvertrau'n, aber versprich mir, verrat's vorderhand no' neamd.« »No', als wenn i pladeri (geschwätzig) waar!« versetzte die Alte verweisend. »Därfst mir's scho' sag'n, dös G'heimnis. Zum Daschrecka wird's wohl nit sei'. Magst ebba d' Nachbarnliesl gar nimmer?« »Mög'n thua i's scho', aber zu meiner Hausfrau kann i's nimma macha.« »Warum denn nacha nit? Sie is a sittsams G'schöpf und is dir mit koan Blick untreu worn; mei' Hand leg i für sie ins Feuer und gar niermals kriegst a bessere als d' Liesl, selm dei' Muatta hat heunt dösselbe g'sagt, wie's hoamkemma is von der Komödie. G'spielt muaß's ja heunt justament hab'n, daß alles narrisch worn is. No', so was kann an' Mo' scho' g'freu'n, wenn d' Leut über sei' Wei' narrisch wern! Dös is scho' a schön's Denka. I wünschet ma nix mehr im Leb'n, als daß i nomal jung weret und so sauber waar, und so schö' spiel'n kaannt wie d' Liesl; nacha, Jakoberl, lasset i di selm nit aus, nacha müassest mi zu dein' Wei' nehma, ob's d' wollst oder nit. Mei' ja, es is ja grad G'spoaß.« »Di kaannt i aa nit nehma zu mein' Wei', just so weni, wie d' Liesl, und warum? Weil i scho' oans hon, weil i scho' verheirat't bin.« »Hörst auf!« rief die Alte, vom Stuhl auffahrend, aber sofort wieder auf denselben zurücksinkend. »Is's ma iatz dengerscht durch d' Füaß g'fahr'n, als hauet mi ebba mit an' Tremmel drauf. Gel, is aber nit wahr, was d' da g'sagt hast? 47 »Völli wahr is's,« erwiderte Jakl; »und bei mir hon i's aa scho' glei'.« »Hör auf, du luigst –« »So luig i d' Wahret – drent beim Schändlnachbar is 's. »Ebba gar dös Weibats, die Grottenziehgerin, die 's Briefal von dir bracht hat?« fragte die Alte, vor Verwunderung ganz außer sich. Jakl nickte bejahend mit dem Kopfe. Die Alte schlug die Hände wie zum Gebet zusammen und starrte den Mann lange mit offenem Munde an, dann unterbrach sie das Schweigen mit der feierlich gehaltenen Frage: »Und dei' Wei' is's? Dei ankoplierts Wei'? Von an' Pfarrer eing'segnt?« »Wie 's d' sagst – alles in Richtigkeit,« antwortete Jakl. »Ja, du woaß i nacha nimmer, was i sag'n muaß!« rief die Alte. »A Wei bringst mit! Ja, is's denn nur mögli! Du bist halt dengerscht a Lump worn, Jakoberl, moanst nit aa? Mei' liabe Zeit! Da glaub i's schier selm, daß iatz 's Elend erst recht angeht. A Wei und koan Kreuzer Geld! Jakoberl, i verwoaß mi nit, i verwoaß mi nit! Wie hoaßt's denn nacha?« »Marietta hoaßt's.« »Und kopuliert bist worn mit der – wia hoaßt's?« »Marietta; 's is halt welsch und soviel wie Maria, d' Muatta Gottes.« »Aber wo is's denn in Gottsnam her? Von der Straß'n weg wirst es nit g'heirat't hab'n? Sie wird dengerscht aus an' Haus sein, und woher wird's denn sei'? 48 Is's a reputierlis Haus, müassen ma uns nit schaama? Red, i bitt' di da Gottswill'n! Aber wart, i gieb dir z'erst a Lemoniwasser z' trinka, dös kühlt di; und nacha dazählst ma alles, gar alles.« Jakl erzählte hierauf folgendes: Auf seiner Wanderschaft gelangte er ins Trientinische und Lombardische hinab. In jedem Orte suchte er die Musikalien- und Instrumentenhändler auf und ward da oft von einem zum andern empfohlen. So kam er auch in ein kleines Städtchen und war bei dem Besuch eines Instrumentenhändlers nicht wenig überrascht, die schwarze Liesl dort zu finden, nämlich Marietta, des Instrumentenhändlers an Kindesstatt angenommene Nichte, welche mit der Geliebten in der Heimat eine auffallende Aehnlichkeit hatte. Dies war die Ursache, daß er sich zu der Fremden hingezogen fühlte, und der Einladung des welschen Händlers folgte, einige Zeit bei ihm zu arbeiten und sich mit ihm zu associeren. Der Gewinn war ein großer, da die Mittenwalder Instrumente reißenden Absatz fanden. Das fortwährende Beisammensein mit Marietta, welche gleich ihm die Laute vortrefflich spielte und mit der er oft zusammen musizierte, mußte für Jakls Herz gefährlich werden. Wohl hielt er anfangs tapfer Widerstand, aber die feurigen Augen der Südländerin zogen ihn immer wieder an, sie spielte so schön, sie sang so entzückend und – die arme Liesl war so weit entfernt. Noch gedachte er der Jugendfreundin, die auf ihn hoffte und vertraute; da trat ein Ereignis ein, welches eine rasche Lösung herbeiführte. Ein Nebenbuhler Jakls, dem Marietta früher nicht abhold gewesen sein mochte, beschloß in seiner unbändigen 49 Eifersucht, sich an dem Deutschen und Marietta zu rächen; er wollte ihn, als letzterer abends lautenspielend im Garten saß, meuchlings erdolchen. Marietta erhielt davon Kenntnis, und im gleichen Momente, als der Meuchler auf sein Opfer zurannte, war auch sie am Platze, die gespannte Pistole ihm entgegenhaltend und ihn so zum Rückzuge zwingend. Die Sache wurde bekannt, und um alles müßige Gerede abzuschneiden, verlobte sich Jakl mit dem tapferen Mädchen. Der als ein vermöglicher Mann geltende Oheim betrieb sofort die Trauung, die ohne Hindernisse von seiten der Behörde vollzogen wurde. Bald darauf enthüllte es sich, daß dieser Onkel seinen Kredit nur durch den deutschen Teilhaber wieder heben wollte, daß er verschuldet war und sein Anwesen unter den Hammer kam. Alles, was Jakl eingelegt, das Geld sowohl, wie die Instrumente aus der Heimat, die ihm von seinen Landsleuten vertrauensvoll geschickt wurden, war verloren, er selbst als Schuldner in Verantwortung gezogen; dazu kam noch der italienische Aufstand gegen die österreichische Fremdherrschaft. Er galt als Oesterreicher und mußte bei einem beabsichtigten Massacre mit seinem Weib die Flucht ergreifen. Unterwegs suchte er überall Arbeit, aber vergebens. Nichts war mehr sein eigen, als seine treue Laute, die er so klug war, mitzunehmen; auch Marietta nahm ihr Lieblingsinstrument mit auf die Flucht. Da mußte denn die Laute helfen. Sie spielten und sangen vor den Thüren der Landleute, um einige Kreuzer zu verdienen und ihren Hunger stillen zu können. Doch Marietta konnte nicht mehr weiter. In einem tirolischen Dorfe ward sie längere Zeit durch eine 50 gefährliche Krankheit festgehalten. Da war es denn, daß Jakl wieder um Waren nach Hause schrieb, die ihm aber nur von wenigen Meistern gesandt wurden. Er hoffte, wenn er nur einmal wieder Glück hätte, sich abermals emporzuschwingen, ohne daß seine Mutter und seine Landsleute von dem ihn betroffenen Unglück erfahren sollten. Er hatte Arbeit bei einem Instrumentenmacher gefunden, und es hatte den Anschein, als ob sein Geschick einen Umschwung nehmen sollte. Damals schrieb er das letzte Mal an seine Mutter, an Liesl. Bis zum Jakobitag hoffte er sich wieder erholt zu haben, und wenn auch mit Weib, so doch als ehrlicher Mann wieder in Mittenwald zu erscheinen; aber die vielen Aufregungen hatten sein Nervensystem zerrüttet, er ward aufs Krankenlager geworfen, auf das er monatelang gefesselt blieb. Marietta wartete seiner, sie tröstete ihn, sie bettelte für ihn, indem sie mit der Laute vor den Häusern spielte; dadurch kam sie mit der Ortspolizei in Konflikt; unbeschreibliches Elend hatten sie und ihr Mann zu erdulden. Da entschloß sich Jakl, heimzuwandern, gehe es, wie es wolle; sein Weib durfte er nicht länger diesem Elend preisgeben. So kam er heute über die Grenze. Er schloß seine durch Ausrufe des Schreckens und des Mitleids von seiten Nandls oft unterbrochene Rede mit den Worten: »Bei alledem hon i mir denkt, d' Muatta wird wegen der Heirat wenger sirri sei', weil's ja d' Schändlleut eh nit leiden kunnt und oft g'sagt hat: »Bring mir, wen d' magst, als Schwiegertochta, nur nit d' Schändlliesl.« Und iatz san's ausg'söhnt, d' Muatta hat ma's heunt selm als Hochzeiterin zuag'führt, und der Liesl bin i recht, 51 trotzdem i verlumpt und elend bin! I hon glei alles sag'n woll'n, aber sie hab'n mi nit reden lassen. Iatz woaßt alles, Nandl, iatz denk drüber nach, wie 's z' richten is; i hon 's Denken verlernt.« »Und hast dei' Wei' gern?« fragte Nandl. »Wenn ma so viel Unglück mit ananda teilt, kriegt ma si gern. Mei' Leb'n kannt i geb'n für sie jeden Augenblick.« »Und iatz is's unterm Dach vom Schändl,« sagte Nandl kopfschüttelnd. »Z'wirrta hätt's scho' nit geh'n kinna,« versetzte Jakl. »Du muaßt schaug'n, daß 's glei morg'n in der Fruah ummakimmt zu uns.« »Was i thua, woaß i no' nit, so was denkt si nit auf amal firti! nur so viel is g'wiß, glei därf d' Muatta die G'schicht nit erfahr'n, dös kemmet ihr z' gaach. Woaßt, dei' Muatta hat an' Stolz – von dem Bettelwei' därf'n d' Mittenwalder nix erfahr'n. Vor allem muaß's besser gwandt (gekleidet) wern, und d' Leut brauchen nit mehr inna z'wern, als vonnöten is; mei' na'! Schlaf iatz ruhi, und Gott stärk di! 's best is's anemal gwen, daß d' kemma bist; load is ma grad um d' Liesl.« »Mei', wenn's mi am Tag siehgt, wird's koa' Verlanga mehr hab'n nach mir. Mi hat's bös herg'nomma, mei' Frischen is weg.« »Sei nur grad staad, die kimmt scho' wieder; bist ja no' jung. Du klaubst di scho' wieder zam, mei' ja. I lieg in der Kammer neben dir, brauchst mi, so schrei mir nur. No' Mal a ruahsame Nacht! Es wird scho' wieder – da hast an' Weihbrunn, schlaf g'sund und g'segnt.« Die Alte begab sich in ihre Kammer, aber nicht, um 52 auszuruhen, sondern um nachzudenken, wie diese kritische Sache für alle Teile möglichst begütigend eingerichtet werden könnte; aber sie konnte zu keinem vernünftigen Plan kommen. »Der arma Liesl drent wird's es 's Herz brecha!« sagte sie für sich. »Mir is's grad aa so ganga, i hon g'hofft und g'hofft, und im Umschaugn hat er si an' andere g'holt. O, die Manna! Die schreiten weg über an' arms Frauenherz und wissen nit, daß 's Glück zamtreten für die ganz Lebenszeit! Arme Liesl, möchst ebba du mei' Nachganglerin (Nachgeherin) wern als Muatta von die Rosenkranzdeandln. Ja, ja, morg'n müassen's mit mir in d' Kircha und mit mir beten, daß unser Herrgott die Bedrängnis von die zwoa Häuser wegnimmt. I alloa woaß ma da koan Rat.« Lange sann sie besorgt hin und her, bis ihr endlich ein unbezwinglicher Schlaf die müden Augen zudrückte. – Liesl aber schwelgte im gleichen Augenblick in den seligsten Gedanken. »Arm und elend is er wiederkemma,« sagte sie für sich, »iatz gilt's, daß i eam zoag, daß i 'n nit g'ringer acht und daß eam mei' Liab g'hört in Freud und Leid, wie 's G'schick aa spielt, in alle Ewigkeit.« 53 V. Wenige Stunden nach des Lautenspielers Erzählung bereitete sich der junge Tag vor. Mit dem ersten Morgengrauen ertönte vor Blasis Haus ein wunderbarer Gesang. Er kam von den Rosenkranzmädchen, welche ihrer »Mutter« Nandl das Namensfest, den St. Annatag, ansangen. In Mittenwald besteht ein uraltes Bündnis von sogenannten »Rosenkranzmädchen«, die unter Leitung einer alten Matrone, »Mutter« genannt, stehen. An gewissen Festen des Jahres und an den Vorabenden derselben verrichten sie in der Kirche ihre gemeinschaftlichen Gebete. Dieses Gebet wird auch von den Pfarrangehörigen in großen Bedrängnissen des Lebens oder bei schweren Leibeskrankheiten in Anspruch genommen. Da ziehen dann die Mädchen mit ihrer Mutter in die Pfarrkirche, um für ihre leidenden Mitmenschen zu beten. Das Gebet wird laut verrichtet; ein kleines Geldreichnis ist ihr Lohn. Sie sind bei dieser Gelegenheit ganz altmodisch, mit enganliegenden Jacken, Gollern, Röcken und Schürzen, wie man sie vor etwa zwei- bis dreihundert Jahren getragen, gekleidet und tragen in ihren Haaren zylinderförmige Kränze. Wie alljährlich, so sangen sie auch heuer ihrer Mutter den Tag an, und ihr schönes Lied, von Saiteninstrumenten begleitet und von deren Tönen getragen, hallte gar wunderbar und feierlich durch die Stille des Morgens. 54 Der Eingang des Liedes lautete: »Wachet auf, ihr Menschenkinder, Wachet auf in schneller Eil, Denn der Tag, er kommt schon wieder Zu unserm Seelenheil. Laßt uns die heil'ge Anna loben Hoch im Himmel droben« usw. Der »Angesungenen« kam diese Ehre nicht unerwartet, denn sie trat, völlig angezogen, zur Thüre heraus und lud die Mädchen ein, in das Haus zu kommen, woselbst in der Wohnstube denselben Kaffee und Gugelhupf vorgesetzt wurde. Es ward dann ausgemacht, die »Mutter« zum Frühgottesdienst abzuholen und für einen ganz besonderen Fall, wie die alte Nandl sagte, des Himmels und der heiligen Anna Schutz zu erflehen. Die Alte hatte, vor dem Hause stehend, auch sofort bemerkt, wie sich in Schändls Wohnstube ein Fenster öffnete und das fremde Weib neugierig dem Gesange der Rosenkranzmädchen lauschte. Während die Mädchen nun ihrem Kaffee wacker zusprachen, eilte sie zum Nachbarhause, um mit der Fremden einige Worte zu wechseln. »Bist du d' Marietta?« fragte sie die noch immer am Fenster stehende Frau. »Ja.« »I woaß alles vom Jakl; verrat di vorerst gen neamd.« »Wie geht es ihm? Er ist doch nicht krank?« »Es geht eam scho' recht; i richt 'n scho' wieder zam.« »So bist du Nandl?« fragte Marietta. »No', was denn! I richt enka Sach scho'; aber vordersamst muaß 's a G'heimnis bleib'n.« 55 »Liesl, die Tochter vom Haus, hat mich eingeladen, mit ihr auf die Heuernte zu gehen. Was soll ich thun?« »Mit gehst!« sagte jetzt Nandl. »I thua dir scho' Botschaft, wenn's Zeit is, daß d' wieder zu dein' Mann därfst. I hon aa r a bißl a Gwanta, Wäsch und Schuah für di herg'richt, glei lang i dir's eini durchs Fenster. Richt di guat zam und geh auf d' Wiesmad mit. Ueberlaß 'n Jakl und mir dös weitere.« Marietta schloß seufzend das Fenster und that nach dem Wunsche der Alten. Auch im oberen Stocke des Hauses wurde infolge des Gesanges ein Fenster geöffnet und zwar von Liesls Vater, dem Schändl. Es war ein kleines Männlein mit schneeweißen, noch üppigen Haaren, die in einem künstlerischen Durcheinander über seine gewölbte Stirne hereinhingen. Er hatte ein rundes, gesund gerötetes und glatt rasiertes Gesicht mit regelmäßigen Zügen. Er war ein guter, ehrlicher Mann, der trotz oftmaliger Beweise vom Gegenteil nur gut von der Welt dachte. Er war geneigt, immer das Beste von seinen Nebenmenschen zu glauben, und setzte in jedermann ein unbedingtes Vertrauen. Wenn nicht sein Weib hin und wieder die Zügel in die Hand genommen hätte, wäre er mit seiner Vertrauensseligkeit längst ein Bettler geworden. Andererseits ward er wieder in der schönsten Weise für seine Werke der Barmherzigkeit belohnt. Er übte übrigens diese nicht des Lohnes halber, sondern aus wirklicher Nächstenliebe; ging etwas fehl, so beschwichtigte er den Tadel seines Weibes mit den Worten: »Es kann nit alleweil eben sein, hin und wieder muaß »art« wern,« und war seine Hilfe von gutem Erfolge, so freute er sich darüber aus vollem Herzen. Dann nahm 56 er seine beste Freundin, die Viola, die er einst als sein Meisterstück gefertigt, und entlockte ihr wunderbare Töne, so ganz seiner glücklichen, zufriedenen Stimmung entsprechend; es durfte aber dabei niemand in der Stube sein; so ein Phantasiespiel ist verschämt wie das Gebet und die Liebe; ungesehen, unbelauscht, im stillen muß es vor sich gehen, soll es die rechte Weihe erhalten. Wie alle Mittenwalder Geigenmacher, trug er kurze Kniehosen von Tuch, blaue Strümpfe, die bis über das Knie gehen, den grünen Schurz, der vom Hals über die Brust und den Unterleib herabfällt, und eine grüne Schlegelkappe, welche Kleidung die Geigenmacher nicht bloß in ihrer Werkstatt, sondern auch öffentlich und beim Besuche des Nachbars und Wirtshauses tragen. Als der alten Nachbarin Nandl der Tag angesungen wurde, öffnete er das Fenster der oberen Stube und lauschte mit Rührung dem schönen Gesang. Mit Freude hatte er schon gestern bei seiner etwas verspäteten Nachhausekunft vom Postgarten von der endlichen Versöhnung seiner Frau mit der Nachbarin erfahren, und daß nun der Verbindung seines einzigen Lieblings, der Liesl, mit Jakl nichts mehr im Wege stand. Er hatte dies längst im stillen gewünscht, und als er jetzt Liesl aus ihrer Kammer, die ebenfalls im ersten Stocke gelegen, gehen hörte, rief er sie herein und sagte, nachdem sie sich gegenseitig guten Morgen gewünscht: »Liesl, versäum nit, daß d' der Nachbarn-Nandl gratulierst, ehvor's d' auf d' Wiesmad gehst; d' Feindschaft is seit gestern vorbei und die Thüren wieder gegenseiti offen. Bring ihr aa mein' Glückwunsch und sag ihr, sobal a g'wisse Hochzeit is, tanz i mit ihr an' Allmodischen, wie er zu ihrem heutigen Gwand passet.« 57 Bei der noch geringen Tageshelle gewahrte er nicht des Mädchens Erröten. »Also du hast nix dageg'n?« fragte Liesl. »Du giebst mir 'n Blasijakl zum Mann?« »Was sollt i dageg'n hab'n? Der Krüner Ferdl möcht di freili aa, sei' Vata hat gestern lang mit mir drüber g'red't, aber i woaß 's ja, wie's d' g'stimmt bist, du willst koan andern als an' Jakl. No' ja, der jung Lautenmacher is g'schickt und brav, sunst hätten 'n seine Kameraden nit scho' mehrmals zum Bubenrichter g'macht von der Bubenbruderschaft, und er steht aa im Anseh'n bei uns Alten. Aber eins macht mi bedenkli, daß er uns im letzten Jahr alle sitzen laßt, daß er sei' Wort nit halt und gestern, als am Jakobitag, nit z'ruckkemma is aus der Fremd.« »Er hat sei' Wort g'halt'n,« erwiderte Liesl leise und rasch. »Warum sollt i dir's nit anvertraun, der Jakl is z'ruckkemma.« »No', dös g'freut mi!« rief der Alte; »hört doch amal dös Gejammer von die Moaster auf, wenn's ihr Geld krieg'n. Wo war er denn so lang? G'wiß is er im Glück g'sess'n und kimmt als wohlhabender Mann wieder z'ruck?« »Dös trifft nit ein, Vata,« antwortete Liesl etwas kleinlaut; »'s Unglück hat 'n verfolgt, und krank und arm is er gestern nachts hoamkehrt. Sei' Muatta und i san eam zum Höllkapellein entgeg'n ganga, und mir hat's es Herz fast brochen, wie i 'n so elendi wiederg'seh'n hon.« »Ja, was d' nit sagst!« rief der Meister schnell. »Was is eam denn passiert?« »Es is eam halt amal verkehrt ganga,« erwiderte Liesl. »'s best is, daß 'n in Mittenwald neamd hat sehgn kinna und i moan, ma sollt's aa neamd wissen lassen.« 58 »Hm, hm!« machte der Alte;»dös is a Malheur, dös is a rechts Malheur! Nix wissen lassen? Wenn d' Moasta ihr Geld nit krieg'n, wissen's eh gnua, und aufrichti g'sagt, mi scheniert dös ganz sakrisch, wenn mei' künftiger Schwiegersohn an seiner Reputation verliert.« »Aber Unglück kann do der bravste Mensch hab'n,« warf Liesl ein; »neamd is sicher davor; die best Absicht, der redlichste Will'n nutzen oft nix; 'n Charakter von Jakl kann neamd ebbas anhab'n.« »Schlimm, schlimm!« meinte der Alte, indem er gewohnheitsgemäß mit den Fingern schnalzte. »Sein Charakter, moanst, kinna d' Leut nix anhab'n? Wer was verliert, verzeiht's dem sei' Lebta nit, durch den er's verlor'n hat, ob iatz der ebbas dafür kann oder nit; da giebt's Feindschaften über Feindschaften. Dös is a böse G'schicht!« »So laß ma halt nix verliern!« versetzte Liesl. »Woaßt was, Vata, gieb du dös Geld her, dös der Jakl braucht, und koa' Mensch erfahrt's, daß er so elendi hoamkemma is.« »Aber, Deandl, da müaßt i ja dei' Heiratsguat angreifa und all' mei' Ersparts hingeb'n! Der Jakl is heunt no', i woaß 's ja genau, an die dreitausend Gulden schuldi, dös is a Numero! Sei' Muatta hat scho' etli große Posten wegzahlt und kann nix mehr leisten. Deandl, dös is a schlimme Sach! Natürli is's ja, sitzen lassen thun ma 'n nit. Oes habt's enk gern und werd's a glücklis Paar. Und wenn der Jakl wieder seine Lauten macht, geht's wieder aufwärts, b'sunders, wenn er a liabs Weiberl an der Seiten hat.« »Da fehlt si nix!« entgegnete Liesl. »Durch doppelten Fleiß bringt er alles wieder ein, und wir wern dir unser Lebn lang dankbarli sein, liabs, guats Vaterl!« 59 Dabei legte sie den rechten Arm um den Nacken des kleinen Männleins und strich ihm mit der linken Hand liebkosend die Wange. Ihr Gesicht war von heller Röte übergossen, denn es strahlte wider von dem glühenden Karwendel, auf dessen Spitzen und Zinken es hell aufzulodern schien. »Ja, ja, die Berg leuchten so schö', als wolltens dei' Bitt unterstützen,« sagte der Alte. »Gar selten siehgt ma's in solcher Pracht, wie grad iatz. I nimm's für a guats Wahrzeichen, für a Glücksbotschaft. Es is die Sprach vom Himmi, und so thua i nach dein' Will'n. I will ummigehn zur Blasin, will ihr so viel geb'n, als's braucht, und d' Achtung vom Jakl leid't koan Abbruch. Aber, wohlverstanden, d' Muatta därf nix davon wissen, die leidet so was nit, die is in Geldsachen gar mißtrauisch. I sollt's aa sei' – aber no', i hilf enk.« »Dank, tausend Dank, Vata!« rief Liesl. »Gelt, du richtst alles, du kannst ge auf d' Wiesmad nachkomma. Und oans versprichst mir, 'n Jakl red'st nit hart, wenn's d' 'n siehgst, gel?« »I thua eam nit weh,« versprach der Vater lächelnd. »Sorg di nit, der Himmi wird dir so freundli weiter leuchten durch's Leb'n, wie's dort die Berg thuan.« Liesl drückte des Vaters Hand. »No' was, Vata,« sagte sie; »hast was dagegn, wenn ma die jung, arm Frau für die Woch über mit auf d' Wiesmad nehma, die heunt in der Stub'n unt' übernacht't hat?« »Wer is denn die Frau?« fragte der Alte. »Ganz recht is's mir nit gwen, wie r i's gestern nacht erfahrn hon, daß 's ihr an' Unterschluf geb'n habt's; nit, als wenn 60 i'n ihr nit vergönnet, aber ma woaß nit, ob ma mit dene Leut nit mit 'n Zollamt oder Gricht z' thuan kriegt.« »Mei' Gott, sie is so matt gwen, und sie war's ja, die uns Botschaft vom Jakl bracht hat; für dös müassen ma ihr dankbar sei'.« »Woaßt aber aa, ob sie's wert is, daß wir mehr thuan, als vonnöten?« »Sie is arm und hat koa' Arbet; aber sie is aa brav; frag nur d' Muatta, die hat so viel Bedauernis mit ihr, sie hat g'sagt, ihra Mann is um all sei' Sach kumma und liegt krank im Leutaschthal draus, er kann's im Augenblick nit selber ernährn, und da suacht die arm Frau durch Singa und Lautenspieln vor die Häuser an' Vodeanst. Wir braucha ja eh a fremde Person auf der Wiesmad, denn woaßt, Vata, du därfst di nit mehr so anstrenga, du sollst di drauß erholn, und so kimmt uns dös Weib grad g'leg'n; und singa kann's und d' Lauten spieln, da giebt's dann auf d' Feierabend a Rekration. Gel, du laßt es mit?« »Ja, wenn's singa kann und d' Lauten spiel'n, g'hört's ja zu unserm Handwerk,« erwiderte der Geigenmacher. »So nimm's halt mit, gar z' schlecht wern wir ihr's nit macha.« »Die freudi Nachricht muaß i ihr ja glei' zum guaten Morgn bringa,« sagte Liesl vergnügt. »Gelt's Gott, Vata, in ihrem Nama; du bist halt alleweil guat, und i werd's scho' machen, daß 's ihr auf der Wiesmad gfallt.« Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedete sich die Tochter vom Vater; dieser blickte ihr wie segnend nach, dann sah er zu den leuchtenden Firnen hin, und unwillkürlich nahm er seine Viola zur Hand und spielte seine Morgenandacht so recht mit freudvollem Herzen. Sobald 61 dann seine Leute das Haus verlassen, begab er sich zur Nachbarin, die allein zu Hause, da die alte Nandl mit den Rosenkranzmädchen zur Kirche gezogen war, um für Jakls Wohl zu beten. Die Blasin war freudig überrascht, den Nachbar bei sich eintreten zu sehen. »Mei' Gott!« rief sie; »so hat dös Gebet von die Rosenkranzdeandln scho' iatz sei' Wirkung? Du kimmst mit ara guaten Botschaft, Schändl, d' Liesl hat mir's vorhin gsagt; aber i woaß nit, ob i's annehma därf; so viel is gwiß, der Jakl hat nit durch Leichtsinn sei' Geld verlorn, wie d' Nandl von eam g'hört hat, er is in an' politischen Wirrwarr einikemma, und wie's da geht, dös woaßt no' von unserer bösen Zeit her. Hart gnua kimmt's eam an, daß 's a so is; aber er denkt, durch doppelten Fleiß wieder alles in Ordnung z' bringa, und i laß 'n nit sitzen, ehnda verkauf i mei' Häusl, als daß a Mittenwalder durch uns an' Schaden hat.« »Du brauchst dei' Häusl nit z' verkaufa, Nachbarin. Vor all'm sag mir: is's richti, daß d' nix mehr geg'n d' Heirat hast zwischen 'n Jakl und meiner Liesl?« »Da hast mei' Hand, Schändl! I wüßt mir koa' größers Glück mehr auf der Welt; i bin völli blind gwen, daß i dös nit scho' längst dakennt hon.« »Wenn dem a so is, so hoaßt's, zamschaugn, Blasin. Woaßt, was der Jakl schuldi is an d' Moasta?« »Ob i dös woaß! 's Haus hab'n's mir scho' schier abgloffa, und heunt – no', Gnad Gott! – wird oana dem andern d' Thür in d' Hand geb'n, denn alle hon i's vertröst't auf Jakobi.« »Sie soll'n dir nimmer ins Haus kemma,« sagte der 62 Geigenmacher. »An' jeden tragst d' sei' Sach hin, i gieb dir 's Geld dazua, es is der Liesl ihra Heiratsguat, und ihra Will'n is's, daß 's dazua verwend't wird, 'n Jakl frei z' machen. Laß mi a paar Wörtl'n mit eam reden, i richt dir dann alles.« »Dös is a Freundschaftsstuck, Nachbar, wie's nit leicht vürkimmt; aber – i müaßt 'n Jakl nit kenna – dös nimmt er nit an.« »No', so soll er's erst inna wern, wenn's gschehgn is,« sagte Schändl. »Da hon i a paar Obligationen, laß's wechseln beim Verleger vorn oder beim Posthalter, und zahl nacha oan nach 'n andern, und da im Sackl san tausend Gulden in Napoleons – im ganzen wern's dreitausend Gulden sei'. Es wird dir nit viel über bleib'n. D' Leut' müassen aber moan, der Jakl hat dös Geld mitbracht. So, und nacha wirst d' sehg'n, was d' Leut für an' Respekt krieg'n.« »Mir is grad, als waar's d' a Zauberer, Schändl; i kann's schier nit glaub'n.« »Glaub's nur!« entgegnete glücklich lachend der gutmütige Mann. »Um 's Glück von meina Tochter z' gründen, gebet i 's Hemd vom Leib.« »Glückli wird's wern, dös trau i mir zu beschwörn. Mei' Jakl is brav, und er wird dir a dankbarer Sohn sein, so lang er lebt.« »Dessel glaub i ja aa,« antwortete der Geigenmacher. »Aber schau durchs Fenster, da kemma scho' a paar mit böse G'sichter. I geh' in d' Meß und bet, daß alles so wird, wie wir's wünschen. Schau, daß d' mit die Leut firti wirst.« Er schickte sich zum Gehen an. 63 »Mei' liawa Schändl, tausendmal vergelt's Gott!« rief die Blasin gerührt, und geleitete den Nachbar zur Thüre. Schändl hieß sie in der Stube bleiben und das auf dem Tische liegende Geld nicht gleich sehen zu lassen. Er wählte, um den Leuten nicht zu begegnen, den Weg nach dem Garten. Die beiden Gläubiger klopften bereits an die Thür und herein traten ein älterer, exaltiert aussehender Mann mit wirrem, zerzaustem, graumeliertem Haar und ein, wie man auf den ersten Blick merkte, zum Zungenkampfe gerüstetes Weib. Es waren dies der Klaslihannes und die Raßenpaulin. »Guaten Morg'n!« sagte die Blasin zu den ungestüm Eintretenden. »Dös waar a schöner guater Morg'n,« polterte der Klaslihannes. »Also auch und dabei! Was hon i vom Morg'n – so viel i von der Nacht hon, nix! Also auch und dabei! Gestern is Jakobi gwen, Blasin, sprich, is's nit so?« »So is's,« erwiderte die Blasin gelassen, »und heunt is Sankt Anna.« »Was geht mi d' Anna an?« rief der Mann. »Also auch und dabei! Morg'n is Sankt Pantalon und übermorg'n Sankt Innozenz, aber wann steht im Kalender der heilige Plimpes, Plampes, Plerum, Plorum?« Dabei machte er mit den Fingern das Geldzählen nach. »Laß mi reden!« rief die Raßenpaulin. »Der Steuerbot wird heunt kemma, weil i 'n auf Jakobi b'stellt hon.« »Ja wohl!« unterbrach sie der Klaslihannes. »Warum sollt ma 'n Steuerboten nit b'stell'n? Also auch und dabei – b'stellt hat uns d' Blasin scho' oft. Was hoaßt b'stellt! 64 Leer kemma und leer gehn ma. O, hätt i meine schön' Geigen wieder!« »Und i meine viel schönern Baßgeigen!« sekundierte die Raßenpaulin. »Was geh'n mi deine miserabeln Baßgeigen an!« schrie der Klasli. »Also auch und dabei! Meine Geigen –« »Was hast du an meine Baßgeigen ausz'setzen!?« schrie die Raßin. »Mei' Mann macht koa' miserable War, er macht an' g'setzten Baß und koa' so Kritzlkastl, wie du, die koan Pfenning wert san, die eam 's G'hör verderb'n für a Zeit lang.« »Was Kritzlkastl? Also auch und dabei! Weib, wärst du nicht das, was du scheinst,« sprach er, sich zum Hochdeutschen mühend, »dann wüßte ich nicht, nein, ich wüßte wahrlich nicht –« »Leutln, gebt's enk!« beruhigte die Blasin lachend. »Sie lacht!« rief der Klasli mit unnachahmlichem Hohne. »Freili lach i!« versetzte die Blasin. »I hab 's Geld für enk. Der Jakl is kemma und – da schaugt's nur grad her, da liegt 's Geld; dös glangt für enk zwoa und für alle.« Dabei hob sie das Tuch, welches sie vorhin über das Geld gebreitet halte, auf. Mit großen Augen sahen die Streitenden nach demselben. »Ja, warum soll denn der Jakl nit z'ruckkemma sei'?« rief jetzt der Klaslihannes. »Warum, frag i, soll er nit Geld mitbracht hab'n? Er hat ja aa r a schöne War g'habt, also auch und dabei! Und i für mein' Teil hab' nie dran zweifelt. Aber d' Raßenpaulin, die Baßgeigenverfertigerin, die hetzt und hat g'hetzt und – mei' liawa 65 Himmi, i wollt, i hätt' recht viel z' fordern, mir ständ's lang guat am Blasihaus.« »Hör auf, Großsprecher!« fiel die Raßenpaulin ein; du hast scho' die ganz Zeit vom G'richt g'sprocha, hast woll'n, daß mei' Mann a Klag macht –« »Schweig, Raßin!« schnitt ihr Klasli das Wort ab; »i hab nur dir z' G'fall'n so g'red't! Mein Herz, – also auch und dabei! – wenn ich sag, mein Herz, so ist das so viel, als – als – jetzt woaß i gar nimmer, was i hab' sag'n woll'n.«. »Du brauchst aa nix mehr z' sag'n,« versetzte die Blasin. »Da siehgst, da is dei' Guathab'n, und da, Raßin, is dös von dein' Mann. Seid's nit bös, daß 's es nit ehnda kriegt habt's. Aber bei den Unruhen drinnat in Welschland hat's der Jakl aa nit glei kriegt und mit der Post hat er's aa nit schicken woll'n.« »Aber warum soll er's mit der Post schicka, wenn er selber kimmt?!« rief Klasli, das Geld zählend und einsteckend. »Hat ja nit pressiert, also auch und dabei! Hätt' no' gern a halb's Jahr g'wart't. Grad deshalb bin i ja heunt herkemma, dös der Frau Blasin z' sag'n.« »Nit wahr is's!« fuhr die Raßin dazwischen; »Spektakel hat er machen woll'n!« »Ich, Spektakel, ha, ha, ha, ha! Ich, der sanfteste Mensch von der Welt! Wenn mich nicht die Freud, das Geld in der Taschen so wonniglich g'stimmt hätt', dann, Raßin, könnt i vielleicht no' raß wern, aber so: absolvo te. Also auch und dabei! Schön' Dank, Frau Blasin, bin jederzeit zu Diensten.« Er wollte gehen, aber schon unter der Thüre kehrte er nochmals um. »Wie hat's denn dem braven Jakl ganga?« fragte er. »Is er g'sund 66 z'ruckkemma? Grüaß ma 'n schö'. I hab's alleweil g'sagt, er is der Stolz von unsere jungen Burschen. Adis, adis!« Er verließ die Stube. Die Raßin zählte ihr Geld und wollte dann ebenfalls ihre zärtlichen Gefühle leuchten lassen, aber die Blasin fertigte sie mit kurzen Worten ab, worauf sie mit zuckersüßer Miene die Stube verließ; doch fragte sie noch ehvor: »Blasin, i hon vorhin 'n Schändl weggeh'n seh'n. Sollt's ebba ernst wern? Därf ma gratuliern?« »Ja, dös därfst!« entgegnete die Blasin. Innerhalb einer Viertelstunde wußte ganz Mittenwald, daß der Lautenspieler heimgekehrt, einen großen Haufen Geld mitgebracht und mit Liesl in Verspruch sei, und alle, welche die Blasin bis jetzt bedrängt, thaten ganz überrascht und fast beleidigt, als diese zu ihnen ins Haus kam, um Jakls Schuld abzutragen. Am überraschtesten aber war Jakl selbst, als er vernahm, was vorgefallen. Er bekam über diese Nachricht eine Art Ohnmachtsanfall. Die Mutter rief die soeben heimkehrende Nandl zur Hilfe. »Was is denn vorg'fall'n?« fragte letztere verwundert. »D' Freud hat 'n völli damisch g'macht,« erklärte die Mutter. »Denk dir nur, d' Liesl kriegt er zum Wei', und mit ihrem Heiratsguat san scho' heunt alle seine Schulden zahlt worn, alle, Nandl! Du hast es dabet't!« Die Alte schlug erschrocken die Hände zusammen und sank auf den Stuhl nieder. »Mit der Liesl ihran Heiratsguat hast zahlt?« rief sie. »Na', dös hon i nit dabet't! Die Freud macht mi aa damisch – gieb ma an' Baldrian!« 67 VI. Frische Bergluft streicht durch das Thal und über die grünen Hügel, der Himmel ist tiefblau, die Luft glänzend, duftig und frisch. Zwischen den schneeweiß zum Himmel starrenden Bergriesen des Wettersteinschroffen und der Karwendelspitze leuchtet noch die gelbblasse Mondsichel. Ueber den Hang hinauf wird scharenweise das Vieh zur Weide getrieben, Rinder und Geißen in zahlloser Menge. Die Holzhacker und Mäher, die mit Lebensmitteln gefüllten Rucksäcke und den Wettermantel am Rücken, steigen zu Berg. Ueberall ertönen freudige Juhus, die an der breiten Wand des Karwendels in langgezogenem Echo sich brechen. Frau Schändl, Liesl und Marietta stiegen den westlich vom Markte terassenförmig sich abstufenden Bergrücken hinan gegen den Lautersee zu. Der kleine Viehstand ist seit wenigen Wochen, von einer Dirne bewacht, auf ihrer Bergwiese bei den Heustadeln. Die drei Frauen schreiten meist schweigend dahin. Frau Schändl ist mit Liesls Neigung für Jakl nicht so ganz einverstanden; der Krüner Ferdl, der gestern so ritterlich spielte und Liesl das Geleite nach Hause gab, gefiel ihr nicht nur persönlich besser als Jakl, sie erwog auch die materielle Seite, und sie hätte es gerne gesehen, wenn Liesl die Werbung des vermöglichen Kaufmanns angenommen hätte. Indessen gab sie die Hoffnung in dieser 68 Richtung noch nicht auf. Sie wußte ja nicht, daß Jakl schon zurück sei, es sollte ihr dies erst mitgeteilt werden, wenn der Vater auf die Wiesmad nachgekommen und alle Ausstände des Lautenspielers berichtigt waren; denn das letztere mußte der äußerst sparsamen Frau als vollbrachte Thatsache mitgeteilt werden, da sie ihre Einwilligung dazu niemals gegeben hätte. Liesl dagegen war voller Munterkeit. Sie wußte den Geliebten daheim in guter Pflege seiner Mutter und der alten Nandl, deren Augapfel ja Jakl war. Von ersterer erfuhr sie, daß der Sohn nach einer großenteils schlaflosen Nacht gegen Morgen in einen gesunden Schlaf verfallen sei, der ihn jedenfalls kräftigen würde. Die Blasin sicherte Liesl zu, daß sein erster Ausgang zur Wiesmad, auf der sich das Mädchen befände, sein würde, und so freute sich dieses schon jetzt auf dessen baldiges Wiedersehen. Aber auch Marietta war heute wie umgewandelt, ihre achatschwarzen Augen glänzten wie Diamanten; gleich Liesl hatte sie ihre schwarzen Haare in dichten Zöpfen um den Kopf geschlungen, und das grüne Mittenwalder Hütchen, welches ihr Liesl gegeben, verlieh ihr einen besonderen Reiz; zudem hatte sie das ihr von Nandl übergebene hellfarbige Tuch mit dem Geschmack einer Südländerin übergeworfen, und der blaue, rotgestreifte Leinenschurz gab selbst ihren ärmlichen Kleidern wieder besseres Ansehen. Um die Schulter trug sie ihre im Futteral verwahrte Laute. Mit den am Wege blühenden Alpenrosen, auf deren frischem Rot der Morgentau perlte, hatte sie sich gleich Liesl Hut und Brust geschmückt. Die gestrige Ermüdung war aus ihrem Gesichte geschwunden, und freudige Hoffnung strahlte in all ihren Zügen. 69 Jakl hatte ihr nichts verhehlt von all den Verlegenheiten, die seiner in der Heimat warteten; auf die alte Nandl hatte er stets sein Hauptvertrauen gesetzt, und die wenigen Worte von dieser waren es, welche Marietta mit freudiger Zuversicht erfüllten. Von dem Verhältnisse zu Liesl aber hatte Jakl nie eine Silbe verlauten lassen; so ahnte die welsche Frau auch nicht, was im Herzen und im Kopf ihrer Begleiterin vorging. Merkwürdigerweise fühlten sich beide unwiderstehlich zu einander hingezogen, man hätte sie in der That auf den ersten Blick für Schwestern halten können, doch waren Mariettas Gesichtszüge feiner, schöner und entschiedener; es war vielleicht der leidende Zug, welcher trotz aller Heiterkeit in diesem Gesicht lag und die 70 immerhin noch merkliche Blässe, welche die Fremde so interessant erscheinen ließen; dabei verlieh ihre Stimme dem gebrochenen Deutsch, das sie sprach, einen großen Wohllaut, und wenn sie lächelte, zeigte ihr schön geformter Mund zwei Reihen prächtiger weißer Zähne. Durch einen stämmigen Buchenwald kamen sie jetzt, fröhlich plaudernd, am Lautersee, diesem reizenden kleinen Gebirgswasser vorüber, zu welchem im Halbkreise über grüne Buchen und Tannen die riesigen Bergwände und Spitzen von den Soyen bis zum Karwendel und den Wetterschroffen herniederschauen, und in dessen klarem Wasser sie sich heute wunderbar spiegelten. »So schön ist es bei uns nicht!« rief Marietta. »Wie glücklich muß machen, hier seine Heimat zu haben!« »G'wiß is's schö' bei uns,« meinte Liesl. »Drum verlangt si aa neamd furt von da, und is er in der Fremd, so ziagt's 'n hoam mit G'walt in seine schöna Berg, ohne die 's koa' wahre Freud, koa' Leb'n giebt für den, der da geborn is.« »Ja, ja, das weiß ich – das begreif ich jetzt,« erwiderte Marietta. »Bei ihm ist's so gewesen.« »Bei dein' Mann?« fragte Liesl. Marietta nickte schweigend mit dem Kopfe. »So is dei' Mann koa' Welscher?« »Nein, er ist ein Deutscher, und seine deutsche Heimat lieben über alles. Aber ich werde auch lieben diese Heimat, weil so schön und prächtig und die Menschen so gut, so liebhaft.« Dabei drückte sie dem Mädchen dankbaren Blickes die Hand. Nun ging es in einem wunderherrlichen Hochthale längs des lustig dahinsprudelnden Ferchenbaches und am 71 Fuße des Grünkopfes, an einem zweiten Gebirgssee, dem Ferchensee, vorüber, welcher hart an den Wänden des Wetterstein liegt und von einer großartigen Berglandschaft umgeben ist. Das herrliche Echo, welches hier von den Wänden schallt, verursacht, daß selten ohne einen fröhlichen Laut und dessen schönem Widerhall da vorübergezogen wird, und so ließ auch Liesl einen langgedehnten Juhschrei aus froh bewegter Brust hinaushallen über die dunkelgrüne Wasserfläche, hin zu den felsigen Wettersteinschroffen. Das fünffache Echo war noch nicht verhallt, als in der Nähe ein Schuß erdröhnte, der donnerähnlich sich fortpflanzte und dessen gewaltiges Echo mit grollender Stimme von den Felswänden widerhallte. Der Schuß kam von der Ferchenseewand, und der Jäger dort oben war niemand anderer als der Krüner Ferdl, der gestrige Ritter Bertrand, Hirlandas Sohn, der heute Liesl mit diesem Schusse seinen Morgengruß darbrachte. Frau Schändl hielt diesen Knall für eine sehr zarte Aufmerksamkeit, Liesl meinte aber lachend, sie wäre über diese Zartheit fast erschrocken, sie höre viel lieber Sang und Spiel als Flinten- und Böllerschüsse. Die Mutter dagegen stellte ihr vor, wie schön das von einem Mann wäre, mit der Flinte auf den Bergen herum zu revieren, die Gefahren zu mißachten und zu Hause doch des Vaters Kasten voll Geld zu haben, kurz, zu leben, wie der Vogel im Hanfsamen. Aber Liesl hielt den Grundsatz aufrecht, daß sie den Mann am meisten liebe, der sich sein täglich Brot selbst zu verdienen wisse, und nicht auf des Vaters Geldkasten angewiesen sei; der Vogel im Hanfsamen hätte für sie nichts 72 Neidenswertes. Was sich der Mensch selbst verdiene, meinte sie, schmecke am besten, aber als die Frau des reichen Krüner dürfte sie nicht einmal die Freuden der Wiesmad mehr genießen, und ohne diese hätte das Leben der Mittenwalderin seinen Hauptreiz verloren; kurz, sie wollte nicht über ihre Sphäre hinaus, die Mutter wisse schon, worin ihr Glück, ihr wahres Glück bestünde. Frau Schändl schüttelte den Kopf und schwieg. Des Vaters Grundsätze und Anschauungen sprachen aus der Tochter, sie wußte, daß sie vergebens dagegen anstrebte. Nun war die Wanderung bald vollendet. Eine kurze Strecke im Thale des Ferchenbaches aufwärts gegen Ellmau zu befanden sich nämlich an dem rechtseitigen, teilweise sehr steilen Thalabhange die dem Geigenmacher Schändl gehörigen Bergwiesen. Nahe am Fuße des Hanges standen die aus gezimmerten Baumstämmen hergestellten Städel. Die Bergwiesen geben prächtiges Futter, sind jedoch nur einmal im Jahre mähbar. Mittenwald besitzt auf einer Strecke von mehreren Stunden sehr ausgedehnte Bergwiesen solcher Art, gewöhnlich Wiesmad genannt, die im Hochsommer gemäht werden. In dieser Zeit scheint der Markt oft wie ausgestorben, denn die Mehrzahl seiner Bewohner befindet sich Tag und Nacht auf der Wiesmad. Die Nacht wird in den Städeln auf duftendem Heu zugebracht. Selbst das Vieh ist an schattigen Plätzen frei zur Weide gelassen. Auf jeder Wiese ist auch eine kleine Hütte, die zu einer provisorischen Küche dient, woselbst die Hausfrau für die Wiesmadleute kräftige Schmalznudeln und die hier übliche Polenta aus türkischem Weizenmehl (Mais) bereitet. Es fehlt auch nicht an geräuchertem Rindfleisch, Bier und Enzian. 73 Die Wiesmadarbeit ist gleichwohl wegen der hohen und hügeligen Lage der Wiesen sehr beschwerlich. Das Heu muß auf zweiräderigen Karren, den sogenannten Wiesmadkarren, zwischen deren Rädern eine sehr lange, gegen ihre Endpunkte stark geschweifte Leiter ruht, oder in Tücher gebunden und auf der Schulter getragen, in die Städel gebracht werden. Die Lage der meisten Wiesen ist so bergig, daß das Heu erst zur Winterszeit mittelst Handschlitten oder sogenannten Hornschlitten nach Hause gebracht werden kann. Die Wiesmad bildet aber trotz ihrer vielen Beschwerden die Erholung und gleichsam die Sommerfrische der Mittenwalder. Die das ganze Jahr über an ihren Werktischen in gekauerter Stellung sitzenden Geigenmacher betrachten diese Zeit als die langersehnten Feiertage. In Gottes freier Natur fühlen sie sich bald wieder gestärkt an Leib und Seele, und der Schlaf auf dem duftenden Heulager bekommt ihnen besser als der in ihren schweren Federbetten. Die jungen Burschen freilich schlafen auf der Wiesmad sehr wenig; besonders in schönen Mondscheinnächten revieren sie oft meilenweit herum, um bei Kameraden oder Mädchen, die gleichfalls auf der Wiesmad sind, einen Hoagast zu machen (Besuch abzustatten). Dabei bedienen sich viele langer Geißeln, mit denen sie auf den Höhen knallen, daß man es stundenweit hört. Des Jodelns und Jauchzens ist auf der Wiesmad kein Ende. Auch von seiten Liesls ward das ihrem Hause zueigene, wohl an die fünfzig Tagwerk große Bergterritorium mit einem frohen Jauchzer begrüßt. Hier hatte sie stets, als Kind, wie erwachsen, die glücklichsten Stunden verlebt. 74 Schändls Wiesmad glich einem prächtig angelegten Park, nur fehlten die bekiesten Wege. Herrliche Strauch- und Baumgruppen und einzelne Lärchen und Fichten standen dort zwischen weit ausgedehnten grünen Matten, auf denen die Region der Alpenkräuter bereits begonnen hatte. Ein munteres Wässerchen plätschert vom Berge herab, an welchem sich verschiedene Farnarten und die freundliche Saxifraga angesiedelt, überall oben blüht das Alpenmaßlieb und Hunderte von blauen Gentianen, an deren Ultramarin man sich nicht satt sehen kann. Ueber die Waldberge und Matten blicken die weißen Felsenkämme in das prächtige Gebirgsthal, über welches hin und wieder riesige Geieradler in majestätischem Fluge hinschweben. Dort zeigt sich ein Hochwild, das, überrascht in der gewohnten Waldesstille gestört worden zu sein, ungern in die höheren Regionen flüchtet und nur zur Nachtzeit sich wieder herabwagt in die Nähe der Eindringlinge, die ihm die beste Aesung hinwegnehmen. Wölbt sich ein freundlicher blauer Himmel über all dieser Herrlichkeit, so begreift es sich, wie in den Mittenwaldern selten ein Verlangen nach Luftveränderung, nach Bädern und Reisen auftritt. Sie haben die beste Stärkung ihrer Gesundheit auf ihrer Wiesmad. Hier spricht der Geist der Natur wunderbar erquickend aus den tiefen, frischen grünen Bergthälern, aus allen Alpenbächen, aus allen Matten und Wäldern, Felsen, Schneefeldern und Blumen, und deshalb lieben sie auch ihre Heimat über alles, denn sie halten dafür, daß die Welt nirgendwo schöner ist, als bei ihnen. Fühlte dies die glückliche Liesl heute mehr denn je, so wünschte sich der junge Lautenmacher in diesem 75 Augenblicke viele hundert Meilen weg von da; er verwünschte sein Hieherkommen, das schon nach wenigen Stunden so viel Unheil angestiftet, das allerdings bis jetzt nur ihm und der alten Nandl bekannt war. Sein erster Gedanke war, nachdem er sich von der Nachricht, die ihm die Mutter brachte, erholt hatte, sofort zum Nachbar Schändl hinüberzugehen und ihm alles zu enthüllen. Aber Schändl war bereits den Seinigen freudigen Herzens auf die Wiesmad nachgeeilt. Die Mutter glaubte, ihr Sohn wäre nur an und für sich gegen ein Darlehen, sie meinte, Jakls Stolz sei dadurch verletzt worden, und sie gab sich alle Mühe, ihm auseinanderzusetzen, wie sie, ohne Schändl zu verletzen, das freiwillige Anerbieten seines künftigen Schwiegervaters nicht zurückweisen konnte. Die alte Nandl gab dem Burschen durch Zeichen zu verstehen, er solle der Mutter vorerst nichts verraten, als sie aber wieder allein beisammen waren, beratschlagten sie, was nun weiter zu thun sei. »O mei' Gott, o mei' Gott!« rief Nandl; »i und die Deandln hab'n so schö' bet für di, daß dir sollt g'holfen wern. Die Himmelsleut müassen's netta falsch verstanden hab'n, denn – gholfa is dir gwen, ehvor i no' hoamkemma bin; g'schwinda hätt's wahrli nit gehn kinna! Aber halt vom Schändl hätt' d' Hilf nit kemma soll'n. Geh hin zu eam iatz und sag's, du kannst sei' Deandl nit heiraten, er soll's 'n Krüner Ferdl geb'n, der 's scho' lang möcht, sag, du hast scho' a Wei'; koa' Wunder waar's, wenn den guaten Mann der Schlag am Platz treffet. O mei' Gott, wie wird dös enden!« 76 »I geh auf und davon!« rief Jakl. »Trotz all dem Schrecken fühl i mi heunt wieder kräfti und g'sund.« »Ja mei', um dei' G'sundheit hon i ja aa bet', und daß 's ehnda nutzt, hon i dir a groß's Stuck Guglhupf und a Maß Kaffee und daneben an' Beutl mit etli Kronathaler fürs Bett hintho'; no' ja, i denk mir's ja von eh, daß dei' Hauptkranket der laar Mag'n und der laar Geldbeutl gwen is. Gelt, Büawal, dös hat dir nit schlecht tho'? Aber daß dei' Muatta mit 'n Schändl d' Heirat anbandelt und gar der Liesl ihra Heiratsguat schon im voraus für di vorausgabt hat, dös hon i nit dabet'n woll'n.« »So viel is g'wiß, der Schändl muaß sei' Geld wieder z'ruckkrieg'n, kimmt's her, wo's will,« versetzte Jakl entschieden, »und wenn i's stehlen müaßt.« »Hörst auf! A so a Schandthat sollst gar nit aussprecha!« rief Nandl. »Woaßt, i bet morg'n wieder mit meine Rosenkranzdeandln, leicht, daß uns unser Herrgott was G'scheits einfall'n laßt.« »Na', na'!« rief Jakl; »plag unsern Herrgott nit mit söllane Geldg'schichten, er is a so plagt gnua mit andere Sachen; 's Geld is 'n Teufi sei' Sach, und –« »Maria und Joseph!« schrie Nandl entsetzt; »du wirst di dengerscht nit 'n Fankerl verschreib'n?!« »Du bist dran schuld!« antwortete Jakl vorwurfsvoll. »Warum hast nit alles glei der Muatta g'sagt, warum hab'n ma a G'heimnis draus g'macht, wo 's dengerscht nimmer z' ändern is! Is's nit gnua, wenn d' Muatta durch mi ins Unglück kimmt, muaß aa der Schändl und sei' Tochter no' ums Ersparte kemma? Nandl, dös halt 77 i nit aus! I geh zu die Moasta und laß mir dös Geld wieder z'ruckgeb'n.« »Ja, die wern dir glei' aufwarten,« versetzte Nandl. »Dös wär a Dummheit. Halt di vor allem in Respekt; wir hab'n die ganz Wocha vor uns, eh d' Liesl wieder von der Wiesmad kimmt, bis dahin kann si viel auswachsen. I bitt di da Gottswilln, plan dir nix Schlechts aus, hör erst mein' Rat, ehst was anfangst.« »Natürli'!« sagte Jakl wegwerfend. »Was an' Altweiberrat nutzt, dös hab'n ma scho' gsehgn; iatz hoaßt's, mannbar sei' oder veracht't wern!« »Jakoberl, Jakoberl!« rief die Alte; »dös is a trutzige Red. Der guate Rat von an' alten Wei' hat no' so weng Unglück ang'richt't in der Welt als ihra Seg'n. An' alt's Wei' is oft g'scheita als a junger Fant, dem's rapidi kapidi umgeht in sein' Kopf, wie zum Beispiel iatz dir. Ans Davonlaufen und an 'n Teufel denkt unseroans freili nit glei', unseroans sinniert halt über a Sach nach, und manches Guate in der Welt is scho' von an' alten Wei' aussinniert worn.« »Muaßt ma nit bös sei'!« begütigte jetzt der Bursche, der sich verletzt fühlenden Matrone die Hand auf die Schulter legend. »Die ganz G'schicht is mir halt widerhaari; lieber wär i wieder auf der Landstraßen mit meiner Marietta, als in dem Wirriwarri.« »Sei staad!« warnte Nandl, sich mit der Schürze ein paar Thränen aus den Augen wischend; »i hör über d' Stieg'n auffagehn. Verrat di nit, folg mir!« Die Thüre öffnete sich und die Mutter erschien mit freudestrahlendem Gesicht, ihr folgten vier junge Männer. »Jakl,« rief die Mutter schon unter der Thüre, »da 78 bring i dir 'n Amtmann und d' Beiständer von der Bubenbruderschaft! Der ganz Markt g'freut si, daß d' wieder so glückli hoamkehrt bist, und deine Kameraden da bringa dir an' extrige Ehr.« Jakl begrüßte die Freunde; einer von ihnen, der sogenannte Amtmann, ergriff dann das Wort und sagte: »Im Namen unserer Bubenbruderschaft thu ich dir zu wissen, daß du bei der letzten Wahl einstimmig zu unserem Vorstand, zum Bubenrichter, gewählt worden bist. Der Krüner Ferdl hat einstweilen deine Stelle vertreten, von heut an aber sollst du, Junggeselle Jakob Blasi, Lautenmacher von Mittenwald, unser Bruderschaftsoberhaupt sein. Im Namen des Vereins, dem du seit vielen Jahren eine Zierde bist, heiße ich dich hochwillkommen und bringe dir mit den Beiständern das übliche Vivat: Unser ehrengeachteter und tugendsamer Bubenrichter soll leben. Vivat hoch, hoch, hoch!« Die Beiständer riefen wacker mit. Jakls Mutter weinte vor Rührung über diese Szene. Die alte Nandl und Jakl dagegen sahen sich in höchster Verlegenheit fragend an. »Aber, meine lieben Freund,« sagte Jakl ausweichend, »die Ehr kann i nit annehma.« »Du mußt sie annehmen!« entgegnete der Amtmann bestimmt;»so lautet unser Statut.« »Was soll i thuan?« fragte Jakl leise seine alte Pflegerin. »Soll i's sag'n, daß i koa' Jungg'sell mehr bin?« »Beilei' nit!« raunte ihm die Alte zu. »Die brauch'n erst no' gar nix z' wissen; iatz san ma scho' drin im Schwänkmacha, iatz geht's in oan hin.« Sonach erklärte sich Jakl mit etwas zitternder Stimme 79 bereit, die ihm angebotene Ehrenstelle anzunehmen, wenn auch, wie er hinzusetzte, voraussichtlich nicht auf lange. Einer der Beiständer erwiderte hierauf, daß sie schon wüßten, was dieses »nicht auf lange« zu bedeuten hätte, und gratulierte sofort zur Verlobung des Bubenrichters mit Schändls Tochter, seinem Beispiele folgten auch die übrigen. Jakl versicherte zwar, er wisse gar nichts von einer Verlobung und könne die Gratulation nicht annehmen, aber zum Schrecken Nandls und Jakls platzte die Mutter lachend mit den Worten heraus: »Er woaß's scho'! Geh iatz nur mit die Leutln, die dir so viel Ehr bracht hab'n, zum Neuner (Post) und traktiers mit an' guaten Wein, er thuat dir aa wohl nach deiner beschwerlichen Roas'.« Dagegen war nichts einzuwenden. Jakl zog schweigend seine Joppe an, und Nandl reichte ihm mit einem unaussprechlichen Blicke den Hut hin. Dann verließen die Burschen mit ihrem Bubenrichter das Haus, um mit ihm die Freude dieses Tages bei einigen Flaschen echten Tirolers zu feiern. 80 VII. Die Bubenbruderschaft in Mittenwald ist eine uralte und hochinteressante Stiftung. Der einstige große Handelsverkehr von Süden nach Norden brachte ein reges Leben in den Ort, aber auch manches Unheil, da die mit ihren Waren durchreisenden Ausländer ansteckende Krankheiten einschleppten, infolge deren um das Jahr 1480 eine große Sterblichkeit im Markt einriß, welche neun Jahre dauerte und viele Einwohner hinwegraffte. Namentlich grassierte die Krankheit unter der Jugend und forderte unter dieser viele Opfer. Zur Abwendung dieses Unglücks wurden mehrere Gelübde gemacht und unter anderem auch die sogenannte Buben- oder Junggesellenbruderschaft zur »Einpflanzung größerer Zucht und Ehrbarkeit« mit gar sonderbaren Statuten gegründet. Die jungen Burschen sind hienach verpflichtet, von Ostermontag bis zum Sonntag Nativitatis Mariae (Mariä Geburt) jeden Sonntag morgens nach dem Ave-Marialäuten in der Pfarrkirche sich einzufinden, wo ihnen der Meßner alsbald nach dem Gebetläuten ein fingerlanges Lichtlein aufsteckt. Hier müssen sie auf den Segen warten. Die Ausbleibenden oder Säumigen, welche vor dem Erlöschen des aufgesteckten Lichtleins nicht in der Kirche erscheinen, werden bestraft. Ein eigener Richter, der sogenannte Bubenrichter, diktiert für die verschiedenen Vergehen 81 die Strafe, welche entweder in Zahlung in die Bruderschaftsbüchse, in der Anschaffung von Wachs oder im Einlegen in das Wasser des durch Mittenwald fließenden Baches besteht. Hiebei wird der Fällige der ganzen Länge nach in den Bach gelegt, wobei diejenigen, die ihn hineinlegen, sich den Fuß netzen müssen, wenn sie nicht selbst die gleiche Strafe über sich ergehen lassen wollen. Die nicht zur Bruderschaft gehörigen Burschen nennt man »Bachbuben«. Die einverleibten Brüder sollen bei Tag und Nacht sich eines ehrbaren Wandels befleißen und sowohl unter sich selbst als gegen andere mit Worten und Werken sich züchtig verhalten, bei Strafe und Buße, die ihnen dafür werden soll, was durch die Statuten der Bubenbruderschaft für alle denkbaren Fälle festgesetzt ist. Ein Bubenrichter, sechs Beisitzer, ein Schreiber und ein Amtmann, letzterer auch Ratsdiener genannt, werden aus ihrer Mitte erwählt, welche über die genaue Befolgung der Statuten zu wachen haben und vor allem in Zucht, Ehr- und Gottesfurcht, in guten Sitten und Tugenden mit gutem Beispiel vorangehen sollen. Namentlich werden nächtliches Poltern auf der Straße, Raufhändel, gegenseitiges Beschimpfen, unsittliches Betragen mit empfindlichen Strafen belegt. Die Strafgelder, sowie Wachs, kommen dem Gotteshause in Mittenwald zu Gute. In den Bach wurden früher die Buben gelegt: 1) Wenn einer drei Sonntage nach einander nicht bei der Lade der Junggesellen erschien, 2) wenn einer den andern kotig gemacht und mit dem Schuh getreten, 3) wenn der Richter in einer Anklage mit einem Wort gefehlt, so ist er samt seinen sechs Ratsherren in den Bach gelegt worden, 82 4) wenn einer aus dem Bach aufgestanden und noch einen trockenen Fleck am Leibe gehabt, so wurde das ganze Gericht in den Bach gelegt, 5) wenn einer unsaubere Reden geführt und so weiter. In einer alten Aufzeichnung über die Junggesellenbruderschaft findet sich außerdem folgende Spezifikation der Bestrafungen: »Was die jungen Gesellen allhier zu Mittenwald in ihrer habenden Bruderschaft abzustrafen haben – doch dem hochlöblichen Pfleg- und Marktgericht unvergriffen – damit nun unter ihnen alle kunitze (schlechte) Reden abgebracht und entgegen die Zucht und Ehrbarkeit gebraucht wird, welche sie nun selbsten angeben: 1) Erstlich wann einer den andern ungefährer Weis oder in der Vexation einen Schelm, Narren oder Bärnhäuter tituliert. So dieses und andere Nachfolgende, aus dessen Widersprechen, mit zwei ehrlichen jungen Gesellen erwiesen werden, wird gestraft: per vier Kreuzer. 2) Wann einer den andern einen Dieb tituliert, sechs Kreuzer. 3) Wenn einer den andern einen Lappen: dito zwei Kreuzer. 4) Falls nun einer den andern einen Hundsfott tituliert, oder mit Kot oder sonsten mit unsauberen Worten angreift, wird mit keiner Geldstraf belegt, sondern muß wegen seines unflättigen Mauls gewaschen (in den Bach gelegt) werden. 5) Ingleichen auch wann einer den andern bei seinem rechten, ehrlichen Namen nit nennt und sonsten einen Spitznamen giebt, wird gleichfalls per ein Kreuzer gestraft. 6) Item wann einer auf beschehenes Bot (Gebot) drei 83 Sonntage nach einander nit erscheint und freventlicher Weis ausbleibt, und dem heiligen Segen, aber jetziger Zeit der heiligen Frühmeß nit beiwohnt, haben sie Macht, solchen auf öffentlichen Gassen anzugreifen und in den Bach zu legen. 7) Und schlüßlichen, wann sich einer in der Kirchen ungebührlich verhält, es seye mit Drucken oder Stoßen, wird selbiger um ein Vierling Wachs gestraft. »Solche Bruderschaft ist erdacht worden, als man zählt hat 1480 zu Ehren der Himmelskönigin Maria und St. Johannis Evangelisten, auch St. Sebastiani und aller Heiligen, weilen selbige Zeit die leidige Sucht der Pest grassierte. »Von unseren Voreltern haben wir allzeit gehört, daß die Bruderschaft erdacht sollte sein worden, daß es allhie sollte neun Jahr kontinuierlich gestorben haben, dessenthalb die Bruderschaft samt dem Tenebrae , so alle Freitag neben einem gesungen Amt aufkommen, ist gestiftet worden. Richter und Rat der Junggesellenbruderschaft zu Mittenwald.« Späterhin wurden neue Satzungen der Bubenbruderschaft vereinbart, in welchen zwar manche Auswüchse der herkömmlichen Ordnung ausgemerzt, aber auch der ursprüngliche, kernhafte Charakter dieses ganzen Bruderschaftswesens mehr oder weniger abgeschwächt, verwischt und unkenntlich gemacht. Die Bubenbruderschaft wurde im Jahre 1860 in eine kirchliche umgewandelt. Ihre Statuten bestehen noch heute zu Recht, doch ist ihre Jurisdiktion außer der Kirche eingegangen. Von dieser altherkömmlichen Vereinigung war nun Jakl Vorstand oder Bubenrichter, und im wohlgepflegten Postgarten, in welchem man eine entzückende Aussicht nach den weißen Schroffen des Karwendels hat, traktierte der Geehrte seine Freunde und Kameraden. Es waren zu den ursprünglichen vieren noch einige andere herbeigekommen. Er selbst trank nur mäßig, gleichwohl spürte er bald die Wirkung des echten Rebensaftes und geriet in eine etwas durchgeistigte Stimmung. Da auch der Krüner Ferdl, von seinem Birschgange heimgekehrt, die Bundes-Brüder im Garten besuchte, kam jedoch ein Mißton in den fröhlichen Kreis. Fürs erste ließ sich dieser seinen Wein selbst bringen und wies Jakls Einladung, gleich den anderen sein Gast zu sein, stolz zurück. Auch ihm war bereits zu Ohren gekommen, daß der Wiedergekehrte nun in der That der Verlobte der schwarzen Liesl sei, des Mädchens, um dessen Neigung er sich vergebens bemüht hatte. Er stammte aus einem der reichsten Häuser, und überall, wo er angeklopft hätte, würde man ihm freundlich aufgethan haben, nur für Liesl hatte Ferdls Reichtum so wenig Reiz wie seine hübsche Figur selbst. Das kränkte den jungen Burschen, er vergönnte dem Nebenbuhler den Sieg nicht und ebenso zuwider war es ihm, demselben die provisorisch inne gehabte Ehrenstellung des Bubenrichters abtreten zu müssen. Zudem hatte er sich über den mitgebrachten Reichtum des Lautenspielers auch seine Meinung gebildet. Jakls Mutter hatte nämlich, da der Verleger nicht zu Hause war, bei Ferdls Vater die Obligationen Schändls umwechseln lassen. Nun aber hatte gerade der alte Krüner dem Schändl diese Obligationen vor mehreren Jahren vermittelt und erkannte sie heute sofort wieder. Somit ward es dem alten Kaufmann klar, daß 85 Schändl der Blasin das Geld geliehen, und er teilte dies auch seinem Sohne mit. Und noch etwas hatte heute der junge Mann in Erfahrung gebracht, das er durchaus nicht glauben wollte, das aber durch die Umwechslung von Schändls Obligationen immerhin an Bedeutung gewann. Der Zundermichl war ihm nämlich auf dem Birschgang begegnet, und der hatte ihm gesprächsweise über Jakls gestrige Heimkehr aus der Fremde berichtet. Der Zundermichl war ein alter Lump, früher Wildschütz und Pechler, jetzt Sammler von Buchenschwämmen, aus welchen der Zunderschwamm oder Zundel bereitet wird. Seine kleine Handelschaft hatte ihn gestern ins Leutaschthal geführt, woselbst er beim Bruckerwirt mit einigen Gläsern Schnaps sein miserables Erdendasein hinwegträumte. Da kamen denn Jakl und Marietta ganz erschöpft heran und suchten durch ihr Lautenspiel vom Wirt etwas zu ihrer Leibesstärkung zu erhalten. Es ward ihnen auch ein Krug matten Bieres hingestellt, und hier verabredete Jakl mit seinem Weib, erst die Nacht abwarten zu wollen, um unter ihrem Schutze, mit besseren Kleidern versehen, in den Markt zu kommen. – Der Zundermichl, welcher unter einem Baume lag, und den die Gäste für schlafend halten mochten, hörte diese Abmachung, so leise sie auch geführt war, denn so ein früherer Wildschütz hat sein Gehörorgan ganz besonders gezogen, und er erkannte auch den Lautenspieler, der, um völlig unkenntlich zu sein, ein Tuch um sein Gesicht gebunden, an seiner Stimme wieder. Als nach dem Abgange der Bettelmusikanten der Zundermichl dem Bruckerwirt Mitteilung von dem machte, 86 was er soeben gehört, lachte ihn dieser aus, und als der Michl auf seiner Behauptung beharrte, versprach ihm der Wirt eine ganze Flasche Enzian, wenn er seine Behauptung beweisen könne, und dazu gehöre vor allem, daß der Lautenspieler Jakl wirklich zurückgekehrt sei. Und um dies zu erfahren, kam der Zunderer heute gen Mittenwald, und er ward nicht wenig überrascht, unter den auf die Wiesmad gehenden Schändlleuten auch die Lautenspielerin von gestern zu bemerken, die er trotz der heutigen, besseren Kleidung wieder erkannte. Als sich ihm dann der von seinem Birschgang heimkehrende Krüner Ferdl in der Nähe des Lautersees zugesellte, war es sein erstes, nach Jakls Rückkehr zu fragen, über welche aber Ferdl keine Auskunft geben konnte. Dagegen erzählte ihm der Zunderermichl, was er gestern erspäht und erlauscht und wie er heute die fremde Lautenspielerin in Gesellschaft der Schändlleute gesehen. Der Krüner Ferdl gab nichts auf die Erzählung des Schlemmers; erst zu Hause angekommen, ward auch ihm die große Neuigkeit von Jakls glücklicher Zurückkunft berichtet, und als ihm dann sein Vater von dem Verkaufe der Obligationen erzählte, gewannen des Zunderers Aussagen feste Gestalt. So abstoßend Ferdl auch gegen Jakl war, so freundlich begegnete ihm dieser. Vor einem Jahre wäre dies freilich anders gewesen, wenn ihm schon damals Ferdls Absichten auf Liesl bekannt gewesen wären. Jetzt aber würde er es für das größte Glück betrachtet haben, wenn Liesl den reichen Kaufmannssohn ihm vorgezogen, und sein durch den Wein erhitztes Gehirn ließ ihm auch den Gedanken erstehen, das Mädchen in dieser Richtung 87 umzustimmen. Es sollte ihm die Neigung entziehen und sie auf Ferdl übertragen. Um dieses zu erreichen, mußte er in Liesls Augen im Werte sinken, Ferdl dagegen steigen. Die Jugendfreundin mußte seinen Verlust weniger schmerzlich empfinden oder gar froh werden, von ihm erlöst zu sein. Er dachte, es würde am besten sein, wenn er sich Ferdl, mit dem er sonst nie am besten gestanden, jetzt zum Freunde und Vertrauten mache. Ihm konnte er ja wohl sein ganzes Geschick anvertrauen und ihm dadurch sogar zu seinem Glücke verhelfen. Ehrlich und offen, wie es in seinem Charakter lag, wollte er mit ihm alles besprechen und dazu die nächste Gelegenheit benützen. Aber Ferdl sah in dem freundlichen Gesichte des Nebenbuhlers nur das Bewußtsein des vermeintlichen, glücklichen Siegers und wartete seinerseits nur auf die erste beste Gelegenheit, um seinem Aerger gegen Jakl Luft machen zu können. Diese Gelegenheit fand sich sehr bald. Als nämlich Ferdl sein Fläschchen geleert und ein neues begehrte, sagte Jakl: »Ge zua, thua mir die Ehr an und trink mit mir wie alle anderen Kameraden.« »I dank für die Ehr,« entgegnete Ferdl, auf das »die« einen ganz besonders beleidigenden Nachdruck legend. »Was willst damit sag'n?« fragte Jakl errötend. »Daß i bei an' zambettelten Geld so weni zu Gast sei' will, wie bei an' z' leiha gnummena.« Jakl erblaßte jetzt; er geriet in größte Verlegenheit und wußte nicht gleich, was er dem Gegner antworten sollte. Wie konnte dieser wissen, daß das Geld ein geliehenes war? Das war doch ein Geheimnis zwischen seiner Mutter und Schändl. Was das »erbettelt« anlangte, 88 so konnte Ferdl dies wohl auch nur auf Schändls Kapital beziehen. Oder sollte ihn gestern im Leutaschthal jemand erkannt haben trotz dem verbundenen Gesicht und der schlechten Kleidung? Wohl sah er dort beim Bruckerwirt den unter einem Baume schlafenden Zundermichl. Sollte sich dieser nur schlafend gestellt und sein Gespräch mit Marietta erlauscht haben? Daß ihn der Wirt nicht erkannt hatte, wußte er gewiß. Forschend blickte er nach Ferdl. »Was hat's dir iatz d' Red verschlag'n?« fragte nach einer Pause der reiche Bürgerssohn. »Weil i di nit versteh,« erwiderte Jakl gefaßter. »Wie i zu mein' Geld kemma bin, ßel geht di nix an; auf jeden Fall auf so ehrliche Weis wie du und dei' Vata zu dem enkan. I frag di aa nit drum, wer bei enk aus und ein geht.«. Jakl hatte dabei die Pascher im Sinne, welche oft zur Nachtzeit in des Krämers Lager kamen, um Waren über die Grenze zu tragen. Ferdl merkte auch sofort, auf was Jakl anspielte, und konnte nun seinerseits eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen. Der Lautenspieler benützte dies, um wieder festen Boden zu gewinnen, und rief: »Der Schiedunter zwischen dir und uns is, daß du in dein Vatan sein Fuatta stehst, der sei' Geld zamscharrt, so oder so – wir aber san Arbeiter und verdiena unser Geld uns selm, is's in der Werkstatt oder draußen in der Welt durch d' Handelschaft, in jedem Fall so ehrli wie dei' Vata, von dir gar nit z' red'n, der wie r a Herrischer lebt, ganze Tag auf die Berg rumjagt und unsern Herrgott an' guaten Mo' sei' laßt.« »Der Jakl hat recht!« riefen nun dessen Freunde einstimmig, für den Kameraden Partei nehmend. Jeder fühlte 89 durch Jakls Rede den Stolz des Arbeiters und Künstlers in sich erwachen; es waren ja lauter brave, ehrliche, arbeitsame Burschen, die alle gegenseitig für einander einstanden und in Ferdls Angriff nur eine gewisse Geringschätzung des Geigenmacherstandes von seiten des vermöglichen Kaufmannssohnes erblickten. Wirr schwirrten die Stimmen durcheinander; einige, denen der Wein bereits den Kopf heiß gemacht, riefen unbedachte Worte, andere mahnten zur Ruhe. – Ferdl erkannte die Situation, er stand allein erregten Köpfen gegenüber, zudem war ihm die Sache mit den Obligationen ein Dunkel, und des betrunkenen Zundermichls Aussagen waren doch auch nur unsichere Anhaltspunkte. Mit den Geigenmachern durfte er es auf keinen Fall verderben, mit Jakl aber hoffte er zu gelegenerer Zeit und sobald er seiner Sache besonders wegen des fremden Mädchens gewiß sei, abrechnen zu können, deshalb sagte er: »Fried! Mei' Wort drauf, daß i niemals an' Geigenmacher oder an' andern ehrlichen Arbeiter veracht. Was aber 'n Blasijakl da anlangt, so will i am Sonntag bei der Sitzung vor unserer Bubenbruderschaft mi rechtfertigen oder 'n Bubenrichter zur Rechenschaft auffordern. Es wird si da bald entscheiden, ob's ehrlicha is, taglang auf die Berg rumz'jag'n oder mit fremde Weibspersonen im Thal rumz'vagabundieren. Unsa Bruderschaft wird Recht sprecha, sie soll leb'n! Hoch!« In diesen Ruf stimmte sofort die Mehrzahl der Gäste ein, andere sahen Jakl erstaunt an; dieser aber sprang auf und wollte soeben wütend auf Ferdl losstürzen, als der Zundermichl, ein verkommen aussehender Mann in verlumpter Joppe, abgenützten Kniehösln, Wadenstrümpfen, 90 zerrissenen Schuhen und verwittertem Hute mit Gamsbart, zur Gartenthüre hereinkam. Er war ein magerer, etwas gebückt gehender Mann mit langem, schwarz und weiß meliertem Vollbart und langen, zottigen Haaren. Er hatte gerötete Augen; Brust und Hals trug er bloß. In der Hand hielt er einen Bergstock. Jakl starrte entsetzt nach dem Schlemmer, dessen erster Blick auch ihn getroffen hatte. »Juche!« rief der Zunderer; »der Jakl is z'ruck! D' Flaschen Enzian is gwunna! Schlakarawall, dös is a Glück!« Außer Ferdl wußte niemand, was diese Worte zu bedeuten hatten, Jakl jedoch ahnte es. Einige der Kameraden hatten ihn an der Schulter gepackt, um zu verhindern, daß es zwischen ihm und Ferdl zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kam. Der Amtmann der Bruderschaft aber rief: »Fried für heunt! Am Sunnta soll jedem sei' Recht wern! Mittag läut'ts, Zeit is's, daß ma hoamgehn, koa' Wort soll mehr g'red't wern!« Vom Turme tönte das feierliche Geläute der großen Glocke. Alle hatten die Hüte abgenommen und das Kreuz zum Gebete gemacht. Der Amtmann entfernte sich still mit Ferdl, den er unterm Arm nahm, zwei andere thaten dasselbe mit Jakl; die übrigen folgten gleichfalls mit entblößtem Haupte. Beim Gartenthor, in dessen Nähe der alte Schlemmer Platz genommen, und aus dessen Lippenbewegung man annehmen konnte, daß er sein Ave Maria betete, begegneten sich nochmals seine und Jakls Blicke. Der Zunderer blickte dem Burschen glückselig lächelnd zu. 91 Vor dem Posthause verabschiedeten sich die Freunde, und Jakl eilte seiner Behausung zu. Gestern, als Bettler heimgekehrt, fühlte er sich glücklich im Vergleich zu heute, wo er sein Herz beschwert fühlte mit Lug und Trug. Sein ehrliches Gemüt bäumte sich gegen diese plötzliche Wandlung, in die ihn unvermutete Verhältnisse gebracht. Nur ein Schritt vom Wege der Wahrheit ist der Anfang zu unabsehbaren Irrpfaden, leicht ist's, den erstern zu verlassen, schwer und oft unmöglich, ihn wieder zu finden. Dieser Gedanke drückte sich in Jakls Ausruf aus: »Der Teufl hol alle die Schwänk! I war ehrli alleweil und will's aa bleib'n mei' Lebta'!« 92 VIII Jakl stürmte wie außer sich die Treppe zu seiner Kammer hinan. Die Mutter war gerade vom Hause abwesend, die in der »Kuchel« beschäftigte alte Nandl aber folgte ihm, den Kochlöffel in der Hand, sofort nach. »No', Büawal, wie weit san ma iatz?« fragte sie mit einer Art Galgenhumor den jungen Mann. »So weit,« entgegnete Jakl, Hut und Joppe von sich werfend, »daß i willens bin, auf und davon z' gehn.« Und sich auf sein Bett setzend, fuhr er fort: »Fürs erst: Woher spannt der Krüner Ferdl, daß dös Geld a gliehas is, mit dem heunt d' Moasta san zahlt worn? Wer hat da plauscht?« »Neamd hat plauscht,« versicherte die Alte; »aber dei' Muatta hat die Sach nit schlau gnua g'macht, sie hat die Papier, die ihr der Schändl geb'n hat, beim Krüner wechseln lassen. No' ja, der wird's halt wieder kennt hab'n; er is ja 'n Schändl sei' Geldwechsler. Aber was is da dran? G'stohl'n hab'n ma dös Geld nit und 's ander geht 'n Ferdl nixi an.« »Aber es fuxt mi dengerscht sackrisch,« versetzte der junge Mann. »So viel is g'wiß, der Schändl muaß sei' Geld z'ruck krieg'n, so eili, als 's sei' kann, und müaßt i's aus 'n Erdboden außastampfen. I bin a Betrüaga, so lang i 'n Schändl sei' Geld hon. Und i will nit ehrlos sei', i bin's niemals gwen, selm nit, wie r i der Liesl 93 untreu worn bin und d' Marietta zum Weib gnumma hon. I hon's wahrli nit g'wußt, daß d' Liesl so mit ganzer Seel an mir hängt, und es mag leichtferti von mir gwen sein, daß i's aufgeb'n hon, aber so viel is g'wiß, i bin ihr mehr nur guat Freund gwen von Jugend auf, und dös bleib i ihr mei' Lebta'. Aber d' Marietta – o mei' alte Nandl, wenn i dir dös sag'n kunnt, wie viel gern als i's hon, da wärest schaug'n! Und wenn i's nit heunt oder morg'n z' sehgn krieg, geh i z' Grund aus lauter Sehnsucht nach ihr.« »No', mei', dös is scho' recht,« entgegnete Nandl, die Hände in den Schoß legend und ihren Pflegling treuherzig ansehend; »mir wär just aa so an deiner Stell, aber d' Liesl will ma halt nit aus 'n Kopf, dös Deandl dabarmt mi so viel.« »D' Liesl wird mi bal verachten statt liaben,« versetzte Jakl. »Am nächsten Sunnta is's Bubeng'richt, der Krüner Ferdl wird mi verklag'n, mi, 'n Bubenrichter, weil mi oana gestern beim Bruckerwirt in der Leutasch mit der Marietta gsehgn und dakennt hat. Sie wern's außi spiel'n, daß i mit ara fremden Dirn im Land rumzog'n bin, da drauf werd i mit Schand und Spott als Bubenrichter abg'setzt und no' dazua in Bach eing'legt. Auf so was hin muaß mi d' Liesl verachten, und 's wird ihr nimmer schwer fall'n, d' Liab zu mir aus ihran Herzen z' reißen.« »Dös moanst?« fragte Nandl mit seltsamem Ton, und ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, fuhr sie fort: »Nit wahr is's! Die wahre Lieb in an' Frauenherzen is durch nixi in der Welt umz'bringa, und wenn ganze Lawina voll Elend und Jammer drüber stürzen, d' Liab 94 lischt nit aus, die schmilzt 's Eis wieder weg und brennt furt und brennt furt, denn d' Liab kimmt vom Himmi, und was vom Himmi kimmt, dös dauert ewi.« »Du red'st, als ob's d' es selm dafahrn hätt'st,« sagte Jakl, sich zu einem Lächeln zwingend. »Hon's aa dafahrn,« entgegnete die Alte rasch. »Bin ja aa nit schon als alt's Wei' auf d' Welt kemma, bin aa jung gwen und sauba, bin a ang'sehne Bürgerstochter gwen im Mittenwalder Markt; wir hab'n aa r a bißl a Geld g'habt; aber bei den Kriegsläuften is's mehra z' Grund ganga und d' Eltern san bal g'storb'n. An' Floßmann hon i mei' Herz g'schenkt, es war a brava, sauberer Bursch, d' Heirat hat er mir versprocha, und daß er ehnda 'n Heiratskonsenz und d' Aufnahm in Markt kriegt hätt', hon i eam mei' ganz Geldei geb'n zum Spekuliern auf 'n Wassa. Er is auf Münka mit eigne Flöß und hat Baam und anders verhandelt, hat d' Passeirer mit eanare Kraxen mitgnumma und gar lusti is's zuaganga auf 'n Michl sein' Floß. Da hat eams a so a Passeirer Obsthändlerin antho', mit der is er furt ins Tirol eini und hat's g'heirat. – Dös is schnell dazählt; aber was i ausg'standen hon, dös alles z' sag'n, reichet koa' Menschenleb'n aus, und wenn's no' so lang dauern thaat. Arm und elend bin i alloa' g'standen auf der Welt; i begreif's selm nit, wie r i's überlebt hon.« »No', den Burschen wirst do' in d' Seel eini veracht't hab'n?« fragte Jakl beklommen. »D' Treu hat er dir brochen und dei' Geldei hat er dir gnumma, dös wird wohl a Schlechtigkeit sei'!« »'s war a Schlechtigkeit, und veracht't hon i'n aa – 95 aber d' Liab hat furtdauert – ja, ja, dö hat furtdauert Jahr und Tag – und heunt no' hon i 'n nit vergessen.« »So lebt er no'?« »Im Elend lebt er. Sei' jung's Wei' is g'storb'n, und drauf is er wieder z'ruckkemma und hat geg'n mi ehrli' sei' woll'n; er hat tracht, mir mei' Geldei wieder z'ruckz'geb'n. Ernstli hat er's woll'n, aber auf unrechte Weis' hat er sei' Vorhab'n ausg'führt. Er hat pascht. Wie's heunt no' der Fall, san die leonischen Waren aa durtmals in Tirol drent teurer zahlt worn, dös hat 'n ang'lockt und – i hon nix g'wußt drum – so is er in ara Mondnacht über d' Berg aus; aber 's Unglück hat's woll'n, daß er die Tiroler Grenzwächter grad in d' Händ einigrennt is, mit dene hat er g'rauft und is unterlegen. Drauf is er um viel g'straft worn, und weil er nit zahl'n hat kinna, hab'ns 'n eing'sperrt an' etli Jahr z' Innsbruck draus. Wie r er wieder hoam kemma is, war der Lump firti. Paschen und Wildern, Pechschab'n, Zundermachen – und i woaß nit mit was er weiter sei' Leb'n g'frist't hat, d' Hauptsach war aber der Schnaps. Kurzum, heunt is's der größt Bazi im ganzen Werdenfelser Landl.« »'s wird dengerscht nit der Zundermichl sei'?« fragte Jakl erregt. »Du hast es daraten, der is's!« »Und für den kannst no' a Fäserl Liab im Herzen hab'n?« »I denk's gar nimmer, daß i mit eam g'sprochen hon, und sehgn thua i'n alle Jahr oamal, an mein' Namenstag – also heunt wiederum, wenn i nachmittags in d' Pfarrkirch geh', steht er vor der Thür und –« »Und da giebst eam an' Sechser?« 96 »Na', an' Weihbrunn gieb i eam, sunst nix. Wohl hon i eam frühers a Geld geb'n woll'n, aber er hat nix angnumma. Er will nix mehr von mir, als mit mir a paar Vaterunser lang in der Kircha sei'; i bin vorn im Stuhl, er steht hinten an der Thür. Dös is's oanzigmal 's ganz Jahr über, daß er in a Kircha geht. Und so wird's aa heunt wieder der Fall sein.« »Und du hätt'st 'n wirkli no' gern, den Lumpazi?« »Den iatzigen freili nit, aber 'n Michl, wie r er vor vierzig Jahr gwen is, wie r er no' mir g'hört hat, den hon i gern und b'halt 'n gern; dös is mei' liabst's Denken. Der Holzapfel im Hirgst is wohl nit g'acht't, aber sei' Blüten is dengerscht so viel schö' gwen im Lanks. Was soll um's der entgelten lassen, daß d' Frucht so hanti wird?« »Und beim Paschen hätt' er viel Geld gwinna kinna?« fragte Jakl. »Die leonischen Waren san heutzutag grad no' so begehrt.« »Er hat's probiert. Aber unrecht Guat gedeiht nit, und statt ebbas z' gwinna, hat er alles verlorn, und sei' Freiheit dazua.« »Er hat's halt dumm anganga,« meinte Jakl, und sein Auge leuchtete, denn ein Gedanke durchzuckte sein Gehirn. Das war ja ein Weg, rasch zu Geld zu gelangen, um sich der Schuld gegen Schändl zu entledigen. Und der Zundermichl, der alle Steige im Gebirge wußte, sollte ihm dabei behilflich sein. Doch bevor er diesem Gedanken Ausdruck gab, fragte er noch die Alte: »Nandl, du woaßt, wie d' Muatta g'stellt is – kann's wirkli nix mehr auftreib'n?« »Koan Kreuzer mehr; auf 'n Haus san aa scho' gnuag 97 Hypotheken. Du därfst scho' recht fleißi sein, wenn's d' di wieder außareißen willst. Aber mit Gottes Seg'n wird si alles wieder zum Bessern richten. Mit etli hundert Gulden bin i an scho' bei der Hand. Die kannst hab'n von mir, wann's d' willst, mei' ja! San lauter Frauenbildthaler, wie r i's g'schenkt hon kriegt als Muatta von die Rosenkranzdeandln, sitta mehr als zwanzig Jahr.« »Moanst, i möcht dei' Letzt's, dei' Zamg'spart's, nehma? Bewahr mi Gott davor; 's wird si wohl ebbas anders finden. Geht's nit auf natürliche Art, muaß's auf übernatürliche gehn.« »Du denkst dengerscht nit an' 'n Klammgeist ob'n auf der Klamm beim Höllkapellein oder aber ans Erzfraaln (Erzfräulein) in der Erzgruabn hint im Karwendel?« rief Nandl, vor Schrecken die Hände zusammenschlagend. »Bua, so was laß ja nit aufkemma in dein' Kopf. Kennst die G'schicht mit 'n Studenten?« Und da Jakl sinnend ins Blaue starrte, erzählte sie ihm, wie der Klammgeist einmal einen Studenten verführt habe. Jener ließ sich eines Abends auf einem Felsen nieder. Der Student, ein Müllerssohn, erblickte ihn von der einsamen väterlichen Mühle aus und folgte kecken Mutes der Richtung, die der Geist in seinem Strahlenglanze nach aufwärts genommen und die ihn in die Nähe der Klamm führte. Am Rande derselben fand man den Studenten andern Tages bewußtlos liegen. Zum Leben und Bewußtsein zurückgekehrt, erzählte er, der Geist habe ihn plötzlich angefallen, um ihn in die Tiefe zu ziehen, da habe er in seiner Todesangst noch Zeit gefunden, sich seinem heiligen Schutzengel inbrünstig zu empfehlen, und dieser habe ihn 98 mit unsichtbarer Macht gerettet und beschützt, so daß der Geist ihm nichts mehr anhaben konnte. Die Alte schloß ihre Erzählung mit den Worten: »Aber woaßt, alle Leut haben halt koan söchan Schutzengel, der glei bei der Hand is, und – mei' liawe Zeit! was fanget ma an, wenn's d' in der Klamm z' Grund gaangst! I waar unglückli, und d' Muatta, vor allen aber dei' arm's Weiberl und – d' Liesl waar's aa.« »So probier i mei' Glück in der Erzgrubn,« sagte Jakl. »Höllseiten! I kenn koa' Furcht, und um aus dem Wirriwarri außi z' kemma, scheu i vor nix z'ruck. Aber mei', i hon koan Glaub'n drauf.« »Weil's d' halt scho' oana von da nuia Zeit bist,« versetzte Nandl. »I woaß 's guat, daß's nix mehr drauf gebt's auf dös, was wir alte Leut glaubt hab'n und no' glaub'n.« »Also glaubst du richti ans Erzfraaln?« »G'wiß glaub i dran. Aber i möcht's dengerscht neamd raten, da sei' Glück z'suachen, denn woaßt, i halt dafür, daß si der Mensch sei' Glück selm und auf natürliche Weis' gründen kann, wenn er brav is und arbeitsam; da is nacha der Seg'n von unserm Herrgott g'wiß dabei. In all die andern G'schichten hat anemal der bös Feind sei' Hand im G'spiel, dem's d' aus 'n Weg gehn sollst, wo's d' 'n nur vermut'st. Aber was sinnierst a so? Büawal, sei g'scheit und denk an nix als an d' Arbet. Heunt schaugst dir no' um a Holz um, und kloaweis suachst di wieder aufz'richten. Dös is mei' Rat. Hörst d' Muatta schrei'n? Kimm, 's Mittagessen is längst firti, laß dir's schmecken. I hon scho' ebbas Extrigs g'macht, dein' und mein' Namenstag z' ehrn, und daß d' es woaßt, d' Muatta is 99 beim Zuckerbäcker gwen und hat was Guat's für di machen lassen. Mei', dös Wei g'freut si so viel; verderb'n ma ihr d' Freud heunt no' nit, laß ma's im besten Glauben, 's Schlimme hört's eh no' fruah gnua. Mei' ja!« So verdarben Nandl und Jakl der heute überaus glücklichen Blasin nicht den schönen Tag. Wohl an die zwanzigmal sagte sie: »Wenn nur d' Liesl aa da wär, da wär 's Glück vollkommen.« Jakl meinte dann. »I wollt aa, daß ebba neb'n meina sitzet!« Sein Blick fiel dabei auf die alte Nandl, die ihm durch Kopfnicken andeutete, daß sie ihn verstehe. Gleich nach Tisch ging Jakl fort, um sich von einem Verleger, der große Holzvorräte für die Fabrikation von Instrumenten besaß, seinen Bedarf zu kaufen. Es kann hiezu nur völlig ausgetrocknetes Holz verwendet werden. Je älter dasselbe ist, desto besser eignet es sich, und so haben die Verleger Holz auf Lager, das schon vor fünfzig und mehr Jahren gefällt und geschnitten worden ist. Man gebraucht geflammtes Ahorn und Fichtenholz; ersteres zum Kasten, dies zu Deckel, Hals und Seitenteilen. Zum Griffbrett und den Schrauben wird Ebenholz verwendet. Aber nicht nur das nötige Werkholz, sondern auch mehrere fertige Instrumente, als Violas und Guitarren, verschaffte sich der Lautenspieler vom Verleger, der ihm mit großer Freundlichkeit in jeder Weise entgegenkam, sich teilnahmsvoll über seine Wanderung erkundigte und sich darüber freute, daß Jakl trotz der politischen Unruhen in Welschland mit so befriedigenden Resultaten nach Hause gekommen sei. Als der wackere Verleger beim Abschiede dem jungen Mann herzlich die Hand schüttelte, wurden 100 diesem die Augen naß. Es rührte ihn, vor diesem Ehrenmann wieder als ehrlicher, braver Mann zu gelten; einen Moment war er willens, sich ihm zu enthüllen, seinen Rat zu erbitten. Er war nicht darnach angethan, als Schwänkemacher im Markte herumzugehen. Bubenrichter zu sein, nachdem er kein Junggeselle mehr war, als Liesls Bräutigam zu gelten, nachdem er bereits verheiratet, und mit Schändls erspartem Gelde sich in Ansehen zu erhalten. Deshalb sagte er auch: »Herr Verleger, i möcht Enk ebbas anvertrauen, nämlich –« Aber der Alte unterbrach ihn mit den Worten: »I will nix anvertraut. Du hast bei mir Kredit, Jakl, so viel als d' willst. Wer so viel durchg'macht hat, wie du, und trotzdem allen g'recht worn is, der steht hoch in 101 mein' Ansehgn. Zahl mir's Holz und d' Instrumenten, wann's d' willst und kannst, und brauchst mehr, so hol dir's. Bhüat di Gott. Richt di wieder zam in der Hoamet; siehgst eh nit guat aus, und i muaß di scho' recht anschaugn, will i in dir den lustigen Lautenspielerjakl wieder dakenna. Bhüat di Gott und Glück auf!« Er entfernte sich rasch, um Jakl aus der Verlegenheit zu reißen, die sich auf seinem Gesichte ausdrückte. Jakl sah ihm seufzend nach. Es sollte nicht sein, daß er sein Herz, sein Gewissen erleichterte. Traurig wandte er sich zur Thüre. »I muaß mei' verfahrene Sach selm z' End führ'n,« sagte er bei sich. »Vielleicht is's besser, es woaß neamd drum.« Doch fühlte er, wie ihm der Mut gesunken war. Liesls Eltern, das Mädchen selbst und seine eigene Mutter standen wie Schreckgespenster vor seinem geistigen Auge; aber über dieselben blickte ein liebes Antlitz hervor mit treuherzigen Augen. Es war, als ob ein goldener Sonnenstrahl die dunklen Wolkenschichten durchbrochen hätte, denn Mariettas Bild stand vor ihm. »Du g'hörst mir,« sagte er, »und wenn i alles verliern sollt. Du bleibst mei' Stern in der Nacht, und was aa über mi kimmt, Schand und Spott, alles will i trag'n, dir z' liab, mei' herzigs Weib!« Von der Pfarrkirche tönte das Geläute zur Vesper, die zu Ehren der heiligen Anna heute abgehalten wurde. Unwillkürlich lenkte der Lautenmacher seine Schritte dahin. Er kam als einer der letzten Kirchenbesucher. Zunächst dem Eingange, beim Weihbrunnkessel, sah er den Zunderermichl stehen. Durch die Erzählung der alten Nandl war ihm dieser 102 verkommene Mensch plötzlich von Interesse geworden. Er stellte sich in dessen Nähe, und es währte nur wenige Minuten, als die alte Nandl, ein dickes Gebetbuch unter dem Arme und einen schweren Rosenkranz in der Hand, zur Kirchenthüre hereintrat, zum Weihbrunnkessel schritt und den zunächst daran stehenden alten Zunderer mit dem geweihten Wasser besprengte. Einen Moment sahen sich die beiden alten Leute, die einstigen Verlobten, in die Augen – dann schritt Nandl durch das Gitter in das Schiff der Kirche und nahm in einem der vorderen Stühle Platz. Der alte Michl sah ihr mit zitterndem Kopfe nach, und einige Thränen rannen über sein runzeliges Gesicht in den schmutzig weißen Bart herab. Kamen sie infolge des reichlichen Schnapsgenusses aus den geröteten Lidern zum Vorschein oder flossen sie aus Rührung über das Wiedersehen der einst so schnöde Verlassenen? Der in das Verhältnis eingeweihte Lautenmacher machte sich seine eigenen Gedanken. Er hielt sich nicht für viel besser als dieser alte Tropf. Er hatte mit sträflicher Leichtfertigkeit der Jugendfreundin die gelobte Treue gebrochen und gleich dem Schlemmer dort sie auch um ihr Vermögen gebracht. Aber nein, das sollte und mußte anders werden! Eine unbezwingliche Unruhe überfiel ihn, er suchte vergebens, sich im Gebete zu beruhigen. Da folgte er einer plötzlichen Eingebung. Er näherte sich dem Zunderer und sagte leise zu ihm: »Michl, i hon mit dir z' red'n; kimm außi mit mir hinter d' Kirch, aber glei'.« »Nit um a G'schloß!« erwiderte der Alte. »Die Vesper heunt is ja die oanzige glückselige Viertelstund, die i 's 103 ganz Jahr über hon. Woaßt, 's ganz Jahr über bin i der Lump, aber die Viertelstund thuat ma wohl da drin,« dabei legte er die Hand aufs Herz; »'s is mei' G'heimnis – neamd schwant's (ahnt es). Bal d' Kircha aus, kimm i, iatz kann's nit sein.« Jakl drang nicht weiter in ihn. Dieser sonst von ihm verachtete Schlemmer gewann ihm jetzt fast Respekt ab, und nicht ohne Rührung gedachte er der Erzählung der alten Nandl. Nachdem der Segen vorüber, traf es sich wieder, wie verabredet, daß Nandl als eine der letzten die Kirche verließ. Wieder besprengte sie den Michl mit dem geweihten Wasser, wieder trafen sich beider Blicke, versöhnenden Ausdrucks von seiten der alten Matrone, reumütig und erfreut von der des alten Mannes. Gesprochen ward nichts, aber jedes von ihnen dachte sich wohl, wie schon so manches Jahr, daß dieses die letzte Begegnung in diesem Leben gewesen. – Hinter der Kirche harrte jetzt Jakl des Alten. – »Also, was willst von mir?« fragte dieser. »I kann mir's wohl denken; gel, willst mi abschmiern, daß i 'n Ferdl nit Wort halt, daß i di gestern drent beim Bruckerwirt g'seh'n hon mit an' saubern Deandl?« »Von mir aus kannst sag'n, was d' willst,« erwiderte Jakl. »I will's sogar hab'n, daß d' es behaupt'st.« »Nacha sag i halt vergelt's Gott für die Flaschen Enzian, die der Bruckerwirt verspielt hat. Mei' Gott, wenn i vom Enzian red, verschmacht i schier darnach. Moanst ebba, i hon heunt scho' a Tröpferl übers Maul bracht? Heunt kimmt aa koan's drüber; woaßt, heunt is mei' brava Tag, da trinket i mir koan Rausch, und wenn 104 i oan zahlt krieget. Hart is's scho', dös, weil's grad anemal eintrifft, daß mir am heuntin Tag Ehr auf Ehr passiert. Aber na', ehnda sauf i an' Kübel Bachwasser, als daß i mein' G'löbnis untreu werd. Also woaßt, wie r i g'stimmt bin. Iatz sag, was d' von mir willst.« »I möcht mit dir ganz im Vertrauen ebbas abmacha. Du kennst die Steig alle ins Tirolische ummi. I hätt' a G'schäft – woaßt, a G'schäft, dös neamd z'wissen braucht. Möchst mir an' söchan Steig weisen? Du kriegst a guate Zahlung.« »Jakoberl, Jakoberl!« sagte der Schlemmer leise, mit dem Finger drohend; »gel, möchtst paschen? Und zu mir hast es Vertraun? Woaßt was – wer verdeant denn heutin Tags nit gern ebbas, aber halt grad heunt möcht i nix mit dir ausmacha – heunt nit, denn 's Paschen sagen's, is ja aa r a Sünd, und heunt möcht i wissentli', woaßt, wie der Pfarrer sagt, koa' Sünd auf mi laden, weil ja heunt, wie 's d' g'hört hast, mei' brava Tag is. Aber wenn's d' magst, – morg'n, da is wieder an' ordinari Tag, du kannst mi zu allem hab'n, nur nit zum Stehl'n und Leut umbringa.« »Wo triff i di morg'n?« fragte Jakl. »Wo? 's liabst waar ma draus am Ferchensee z' naachst 'n Franzosensteig. Bringst d' Waar glei mit?« »Dös woaß i no' nit. Dawart mi im Zwielicht durt, und woaßt, durt in der Näh is 'n Schändl sei' Wiesmad.« »Woaß's. Und auf dera Wiesmad is dös welsch, schwarzauget Deandl, dös gestern so schö g'sungn hat drent beim Bruckerwirt. Jesses, jesses! I glaub's gern, daß d' in dera ihre kohlschwarzen Augen einig'fall'n bist.« »Lus auf!« gebot Jakl. »Auf d' Wiesmad gehst 105 vorher hin und schaugst, daß d' mit der Marietta, so hoaßt dös welsch Deandl, alloa reden kannst; sag ihr an' Gruaß von mir und daß i am Eingang beim Franzosensteig auf sie wart. Aber neamd därf ebbas spanna, verstanden?« »I woaß's nit, ob i heunt an mein' braven Tag zu so ebbs beihelfen därf! Oder aber es müaßt sei', daß nix Unrechts bei der Sach is.« »G'wiß is nix Unrechts dabei,« versicherte Jakl. »Aber Michl, du muaßt di morg'n aa no' brav halten, du muaßt nüchtern bleib'n.« »Morg'n aa no'? Ja, Bua, wie bring i denn dös wieder eina? Zwoa' Tag ohne Rausch – dös is z' viel verlangt, dös waar die reinst Marter! Woaßt, Jakoberl, z'viel därfst nit von mir verlanga. Dir z' liab thua i scho' was übrigs, i woaß, warum; di geht's nix an; aber halt gar z' viel kann i dir aa nit g'hoaßen.« »Dös verlang i von dir, daß d' morgen deine Sinn beinand hast. Da gieb i dir im voraus a Dousseur. I verlaß mi auf di; neamd därf's g'ringst erfahr'n!« Der Alte blickte vergnügt nach den zwei Zwanzigern, welche ihm Jakl auf die Hand gelegt hatte. »Saxendi!« rief er, sich hinter den Ohren kratzend; »hon i's nit g'sagt, daß mir heunt alles nur a so zuafallt. Sunst hon i an' Durscht und koa' Geld, und heunt bin i reich und därf mein' Durscht nit löschen von wegen mein' G'löbnis.« »No', an' Spitz roten Tiroler wirst dir dengerscht vogunna, oder a Maß Bier?« »O mei', Bua, was is a Tiroler und a Bier? A Tropfen Wassa auf a glühends Eisen. Mei' Leben is nur der Schnaps, a guata Schnaps, a scharfa.« 106 »So kauf dir halt a Glasl! Oans is koans. Aber morg'n, wohlverstanden, morg'n trinkst nix, nit amal an' oanzigs, bis unser G'schäft vorüber is. Also bhüat di!« Der Lautenmacher entfernte sich rasch und schlug den Weg nach Hause zu ein. Die alte Nandl drängte ihm in der That ihre ersparten Frauenbildlthaler auf; sie sollten ihm Glück bringen. Er kaufte dafür Gold- und Silberdraht in großen Quantitäten, indem er Nandls Spargeld als Anzahlung benützte. Die Waren legte er in die leeren Räume der Instrumente, von denen er erst vorsichtig die Deckel abgenommen und dann wieder darauf befestigt hatte. Niemand im Hause erhielt hievon Kenntnis, da er alles bei verschlossener Thür that. Seiner Mutter sagte er nur, daß er schon morgen abend wieder auf zwei Tage mit der Butte fort müsse, da er mit einem Händler in Telfs zusammenkomme, der ihm mehrere Geigen und Guitarren abkaufen wolle. Dies hatte nichts Auffälliges an sich, und die alte Nandl freute sich von Herzen über den neuen geschäftlichen Sinn ihres Lieblings, der sich nun doch dazu entschlossen, wieder kleinweis und auf redliche Art Geld zu erwerben, statt übernatürlichen Dingen nachzujagen. Daß Jakls morgiges Geschäft eine Schmuggelei sei, an das dachte die Alte nicht. Ihre einzige Sorge war jetzt nur noch die arme Liesl. – Der Zundermichl schlich nach seinem Kirchengange einigemale um eine berüchtigte Schnapskneipe herum. »Heunt is mei' brava Tag,« sagte er immer für sich hin, »apage Tuiffi – heunt kriegst mi nit! Höchstens,« gab er nach langem innerem Kampfe zu, »höchstens könnt 107 i oa' Glasl riskiern, im voraus für morg'n, weil i ja morg'n wieder brav sein soll. I hon nur für den heuntin Tag g'lobt, nix z' trinken; wenn i also für den morgin Tag trink, so hon i mei' G'löbnis nit brocha. I kann ja grad so guat die morgig Arbet scho' heunt verrichten. Dös is sogar tugendhaft, wenn i's recht bedenk. Also grad so guat kann i ja aa für den morgigen Tag scho' heunt trinka. Dös is aa tugendhaft. Aber na', na' – die Sach is dengerscht a bißl anders.« »Was sinnierst denn, Michl?« fragte ihn jetzt der soeben des Weges kommende rabiate Klaslihannes, der heute morgen sein Geld von Jakls Mutter geholt. »Hast ebba koan Kreuzer zu an' Glasl Schnaps? Also auch und dabei – kimm eina mit mir, i zahl dir a Glasl.« »O, i bin guat g'stellt,« erwiderte der Zunderer. »Aber sag mir, Klaslihannes, is dös a Verbrecha, wenn i heunt a etli Glasln für morg'n trink?« »Was soll denn dös a Verbrecha sei'?« antwortete der Klaslihannes. »Warum sollst denn nit für morg'n scho' heunt trinka kinna? Schau mi an, i trink für gestern, denn gestern war in mein' Beutel Luft, heunt hat 'n der Blasijakl mit Goldfüchsen g'spickt. Warum soll i nit nachholn, was i gestern versäumt hon? Also auch und dabei, kannst du dir's aa heunt scho' wohl sei' lassen für morg'n.« »Geh nur eini – i kimm scho' nach,« sagte Michl, noch immer in seinem Entschlusse schwankend. »Ja, warum soll i denn nit eini geh'n!« rief der Klaslihannes. »Von mir aus thust, was d' willst.« Und er verschwand im Hausflur der Kneipe. »Ja, warum soll i denn nit thuan, was i will?« spottete der Zunderer dem Abgehenden nach. Schon hatte 108 er sich einige Schritte vom Hause entfernt, da plötzlich kehrte er um und schritt rasch durch die verhängnisvolle Thür in das schnapsduftende Lokal. »Es bleibt dabei, grad für morg'n,« sagte er. – Es dämmerte schon, als er wackelnden Schrittes durch die Straße ging, um in einem der vor dem Markte gelegenen Häuser seinen Unterschlupf aufzusuchen. Beim Krünerhause vorübergehend, rief ihn der unter der Thüre stehende Ferdl an und fragte: »Hast di gestern nit täuscht im Leutaschthal, kannst es beschwörn, daß 's der Blasijakl gwen is, der mit dem welschen Deandl durt war?« »No' was denn?« antwortete der infolge des Schnapsgenusses ganz unzurechnungsfähige Lump. »Beschwör'n kann i's, und morg'n – morg'n im Zwielicht – draus beim Franzosensteig – ja so, 's is ja 's strengste G'heimnis. O, i halt, was i 'n Jakl versprochen hon – i bin a Mann, a brava Mann bin i heunt. Der Rausch heunt g'hört grad für morg'n, heunt bin i tugendhaft, drum suach i mein' Lager auf. Guat Nacht!« Wackelnd entfernte er sich. Ferdl aber sah ihm lachend nach und sagte halblaut: »Da hat der Jakl grad die richtige Vertrauensperson dawischt. Morg'n im Zwielicht beim Franzosensteig. I woaß ebban, der morg'n sein' Birschgang dorthin macht, und der bin i!« 109 IX. Liesl und Marietta fühlten sich schon nach wenigen Stunden ihres Beisammenseins zu einander hingezogen. Helle Freude leuchtete aus beider Augen. Liesl wußte ihren Bräutigam und Marietta ihren erschöpften Gatten zu Hause in lieber Pflege. Beide beschäftigte nur dieser eine Gedanke, während der Tagesarbeit und am Feierabend, wo sie treulich beisammen saßen und teils dem prächtigen Violaspiele des alten Schändl lauschten, teils selbst einige Volkslieder unter Mariettas Lautenbegleitung sangen. Liesl gestattete der fremden, jungen Frau, in ein und demselben Heustadel mit ihr das Nachtlager zu nehmen, denn sie betrachtete dieselbe nicht als Dienstboten, sondern als Gast, zum Hause gehörig. Der Mutter wollte dies allerdings nicht passen, aber der Vater war, wie immer, ganz der Ansicht seiner Tochter, denn das Lautenspiel und der Gesang der Fremden flößten ihm großen Respekt ein. Nach einem gemeinsamen Nachtgebet suchten sie ihr Lager auf. Der hoch am Himmel stehende Mond war ihre Leuchte. Millionen Sterne strahlten hernieder und der Himmel meinte es gut mit der Erde. Ermüdet von der ungewohnten, anstrengenden Arbeit, lag bald alles im tiefsten, gesündesten Schlaf, der die ganze Nacht hindurch währte und nur allzu bald durch die so sanft klingenden Töne von Schändls Violaspiel unterbrochen wurde. 110 Der alte Mann hatte sich beim ersten Schlag der Bergamsel erhoben und war alsbald hinausgetreten in den taufrischen Morgen. Rosige Wölkchen schwebten ober den felsigen Bergriesen und rings am blauen Firmamente. Von den Firnen leuchtete der Schnee; duftiges dunkles Grün bedeckte die Wände der Vorberge und ein leichter Morgenwind strich durch das Thal und bewegte die Blätter an den nahen Baumgruppen. Bald erstand über den Soyen und der ganzen Karwendelgruppe ein rosiger Hintergrund, die aschgrauen Spitzen und Schroffen rings umher erschienen in weißrötlichem Lichte. Die Schatten zogen von der Höhe zu Thal, lichter und lichter wurden die Felsenwände, und die Waldberge färbten sich mit bläulichem Duft. Das Gold im Westen wurde intensiver und aus der feurigen Lohe hinter dem Wörnergebirge stieg majestätisch die Sonne empor, begrüßt mit lautem Jubel von den gefiederten Sängern der nahen Waldberge und mit freudigen Juhus von den Mittenwalder Wiesmadleuten, die auf ihrem unermeßlichen Weidgebiete rings herum wie auf den Hochalmen leben. Alles ist voll Leben; Rauch steigt überall auf, und nach eingenommener Morgensuppe und vorausgegangener Andacht beginnt mit fröhlichem Sinn die Arbeit mit der Sense und Sichel. Bei der Kühle des Morgens geht es flink von statten. Je höher die Sonne steigt, desto mehr Schweißtropfen fordert sie von den Schnittern und Trägern, die das getrocknete Heu, in Tücher gebunden, auf dem Kopfe tragend, in die Städel verbringen oder es auf den Wiesmadkarren dahin fahren. Zum Jausen, Mittagessen und Interbrot versammeln sich alle an der Feldküche, und da schmeckt das einfache, ländliche Mahl besser, 111 wie der ausgesuchteste Tisch zu Hause oder im besten Gasthause. Ganz besonders ist dies am Abend nach gethaner Arbeit der Fall, wenn die Gunst der Witterung der Arbeit Vorschub geleistet und man recht viel Futter unter Dach und Fach gebracht. Dies war auch heute der Fall. Aber nicht nur Schändls Leute und Marietta hatten wacker zugegriffen, sondern auch ein während des Nachmittags angekommener, freiwilliger Arbeiter, der Zundermichl. Er war heute wirklich nüchtern, denn zu seinem Leidwesen hatte er schon gestern all sein Hab und Gut verzehrt. Als er nun herbeikam, und im Scherz fragte, ob es Arbeit für ihn gebe, antwortete ihm der Geigenmacher im Ernst, daß er sofort das Heu im Stadel eintreten könne und dafür Speis und Trank und auch ein Trinkgeld bekäme. »Wenn da Tuifi in Not is, frißt er Fliag'n,« sagte der Schlemmer, »und i sehg nit ein, warum i mi nit nützli machen soll auf der Welt für Mensch und Vieh, denn d' Arbeit würzt's Leb'n, wie r da Kalk 'n Brisil.« Und so ging er sofort an die Arbeit und stampfte, so gut er es vermochte, das Heu zusammen, wodurch es ermöglicht wurde, im Stadel ein viel größeres Quantum unterzubringen, was bei der heurigen reichlichen Ernte sehr wünschenswert war. Als dann »Feierabend!« gerufen wurde, wischte er sich den Schweiß von der Stirne und lagerte sich vergnügt in der Nähe der anderen zum Abendbrot. Er hatte seine Botschaft an Marietta, ohne von den anderen beachtet zu werden, angebracht, und die Augen der jungen Frau strahlten vor Freude über das baldige 112 Wiedersehen ihres Gatten. Nur hatte ihr der Zunderer nicht mehr genau erklären können, wo der Franzosensteig sei, da Liesl in die Nähe kam. Der schlaue Fuchs suchte deshalb, sobald sich hiezu Gelegenheit bot, das Gespräch darauf zu bringen. Dies war der Fall nach dem Gesang eines Tiroler Volksliedes, welches Liesl angestimmt hatte und wobei sich besonders Resei, Schändls Dirn, eine Tirolerin, und ehemalige Sennerin, mit prächtigen Jodlern hervorthat. Aber auch der alte Schändl sang mit großem Wohlgefallen, so gut er es vermochte. Das Lied hieß »Der Jäger von Tirol«, und dessen erster Vers lautete: »Schaut der Jäger in das Thal Und sieht den gold'nen Sonnenstrahl, So denkt er an die Sennerin Und singt mit frohem Herzenssinn: Mei' Deandl, wie wird's mir so wohl, In Tirol, Auf dem Gebirge von Tirol Wird mir's so wohl. Tralala, juh, juh, juh, Tria holdrium, tria holdrium, Tralala, juh, juh, juh, Tria holdrium!« Der prächtige Gesang hallte in wunderbarer Klarheit durch das Thal, und sein Echo tönte von den Bergen wider, auf denen sich, gleich wie am Morgen, ein violetter Duft ausgebreitet hatte, während die rings darüber ragenden Felsenhäupter in feenhaftem weißrotem Lichte prangten. Besonders herrlich leuchteten die entfernten Tirolerberge in einem förmlichen Alpenglühen. »Ja, ja,« sagte der Geigenmacher, »auf dem Gebirge 113 von Tirol wird's eam freili wohl, wer's no' vermag, auffi z' kraxeln. Bei mir is's tralarum, aber 's Herz geht mir auf, wenn's so herrli reinleucht zu uns ins Boarnland, als wollt's uns grüaßen und sagen: »D' Boarn- und d' Tirolerberg halten in Freundschaft zam, so lang d' Welt steht, und so lang d' Welt steht, soll aa d' Leut nix mehr ausanander bringa, und in Frieden soll'ns neb'nanand leb'n in guata, treua Nachbarschaft.« »Glaub's gern, Moasta,« versetzte der Zunderer, »daß's d' Tiroler schätzt's; Oes seid's ja der oanzige gwen anno Neune, dem die Tiroler Landstürmler 's Haus nit plündert hab'n; hab'n sogar an' extrige Schildwach vor Enka Thür g'stellt. I woaß's no' guat, warum dös g'schehn is. Weil's 'n Schmied von Seefeld draus, 'n Gruber Toni, der anno Fünfe als Schützenhauptmann vom Landsturm ganz Mittenwald hat auffressen woll'n, in Enkan Kuhstall versteckt habt's, wie die boarischen Chevaulegers kömma san und d' Tiroler verjagt hab'n.« »Damit hat's sei' Richtigkeit,« entgegnete der alte Schändl, »und i g'freu mi no' heunt drüber, daß i mein' Freund damit 's Leb'n g'rett't hab. Er is halt aa in die Verhältnis einitrieb'n worn, da muaß ma 's oa und 's ander bedenken. Und doppelt g'freut mi dös Freundschaftsstuck, weil infolg davon anno Neun nit nur mei' Haus vor der Plünderung verschont blieb'n is, sondern der Gruber Toni deshalb aa 'n Mittenwalder Markt vor'm Einäschern bewahrt hat. A jede guate That find't sein' Lohn früher oder später. Dös war mein' Vata sei' Wahlspruch, und dös is der mei' aa, gel, Liesl?« »Ja, wohl, Vata,« erwiderte das Mädchen, recht wohl wissend, auf was der Alte anspielte, da er ja erst heute 114 morgen eine solche gute That vollbracht. Und da sie wußte, wie gern der Vater von jener für Mittenwald so verhängnisvollen Kriegszeit erzählte, so bat sie ihn, über die vom Zunderer berührte Angelegenheit Näheres mitzuteilen. Der alte Geigenmacher war mit Vergnügen hiezu bereit und erzählte ungefähr Folgendes: Als nämlich im Jahre 1805 der Krieg zwischen Oesterreich und Frankreich, mit welch letzterem Lande sich der Kurfürst von Bayern verbunden hatte, aufs neue ausbrach und der österreichische General Mack sich mit der ganzen Armee in Ulm ergeben mußte, gelang es einer Abteilung, der Gefangenschaft zu entgehen und sich durch Bayern über Mittenwald und den Paß Scharnitz Der Engpaß von Scharnitz, etwa zwei Stunden von Mittenwald, an der Grenze zwischen Bayern und Tirol, ward schon von den Römern befestigt. Zur Zeit des dreißigjährigen Krieges ließ hier Claudia von Medici, die Witwe des Erzherzogs Leopold V., eine starke Festung, die Porta Claudia, aufführen, die damals den Schweden wie Franzosen Widerstand leistete. Im spanischen Erbfolgekrieg kam sie in den Besitz der Bayern, die sie zerstörten. Von den Oesterreichern wieder aufgebaut und 1796 verstärkt, fiel sie 1805 durch Umgehung in die Hände der Franzosen und wurde von ihnen und den Bayern so gründlich zerstört, daß jetzt außer einigen Mauern an den Bergabhängen und einer grasbewachsenen kleinen Schanze im Thal nichts mehr zu sehen ist. nach dem zwei Stunden von da entfernten Dorfe Seefeld zurückzuziehen. Scharnitz war damals ohne Besatzung, nur der Major und Festungskommandant Swinnburne, ein geborener Engländer, und drei Kordonisten lagen in der Festung. Sie hatten nicht eine einzige Kanone zur Verfügung. Als die 115 flüchtigen Oesterreicher hindurchgezogen waren, ließ Swinnburne die Brücke aufziehen und das Wasser in den Graben laufen; zugleich schickte er nach Innsbruck um Geschütze und Mannschaft. Es kamen auch alsbald tausend Mann und zehn Kanonen, welche auf die Pässe Scharnitz und Leutasch verteilt wurden. An der Spitze zweier Schützenkompagnien standen der Chirurg Anton Seeger und der Schmied Anton Gruber von Seefeld. Dieser letztere, dem seine Würde als Hauptmann alsbald zu Kopf gestiegen war und dem das Soldatenspiel besser gefiel als das Hufnägeleinschlagen bei den Fuhrmannsgäulen, unternahm sogleich einen Streifzug nach Mittenwald und mancherlei andere Dinge. Der Posthalter Schorn berichtete diese Bedrängnis nach München, und es kam sofort Hilfe. In den letzten Tagen des Oktobers sprengte früh morgens um fünf Uhr plötzlich ein Kommando bayerischer Chevaulegers gegen Mittenwald heran. Hauptmann Gruber schlief noch ruhig in seinem Quartier, als bereits einige österreichische Soldaten und Milizen mit den Bayern scharmützelten. Durch diesen Lärm erwachte endlich Gruber aus seinem Schlaf, und Säbel, Stutzen, Geld und Stiefel zurücklassend, flüchtete er eiligst aus seinem Quartier zu seinem früheren Freunde, dem Geigenmacher Schändl, ihn um Gottes willen um Hilfe bittend. Als dieser nicht sofort einen Ausweg wußte, wies ihn dessen Sohn, nunmehr Liesls Vater, nach dem Kuhstall, in welchem sich der tapfere Hauptmann unter einer Kuh so lange versteckt hielt, bis ihn der junge Schändl durch die hintere Thüre hinaus ließ, worauf er den Bergen zulief, und so glücklich entkam. Für seine 116 glückliche Rettung aus Feindeshand ließ er in der heiligen Blutskapelle zu Seefeld einen feierlichen Gottesdienst halten. Nun aber rückte auch Marschall Ney mit großen Massen heran und schlug am 3. November die Richtung gegen die Festung Scharnitz ein, die von ihm vergeblich zur Uebergabe aufgefordert wurde. Die Besatzung machte sogar einen Ausfall und drängte die Franzosen nach Mittenwald zurück. In allen Thälern am obern Inn ertönte die Sturmglocke, um den Landsturm aufzubieten. Im Eilmarsch kamen sechs Kompagnien Militär und sechs Kanonen aus Innsbruck zur Verstärkung des Passes. Der Landsturm der Oberinnthaler zog in einer Stärke von sechshundert Mann unter Kommando des Hauptmanns Seeger, des Baders von Seefeld, von hier in die Leutasch, wo Major Kraus und zwei Geistliche, Kurat Johann Nepomuk Müller und Frühmesser Bartholomäus Glatz, kommandierten und sich zwei Kompagnien Militär, drei Kanonen und eine Haubitze befanden. Am Alpelberge, auf dessen Kamm die Grenze zwischen Bayern und Tirol sich hinzieht, stand ein aus vierzehn Mann bestehendes Piket des Tiroler Landsturms. Dieses schickte um neun Uhr morgens eine Ordonnanz von der Spitze des Berges zu Major Kraus mit der Meldung, der Feind ziehe in großer Anzahl von Mittenwald gegen den Fußsteig, welcher gegen das Alpel führe, und bat um Verstärkung. Aber Kraus hielt einen Angriff von dieser Seite nicht für möglich und glaubte, der Feind müsse den Paß von der Front angreifen. Auf eine abermalige Bitte um Verstärkung entgegnete er zornig: »Verstehen denn die Bauern den Krieg besser als ich? Ich schicke keinen Mann und werde die nächste Ordonnanz, 117 die wieder mit einem solchen Gesuche zu mir kommt, auf der Stelle erschießen lassen!« So mußte sich das Piket feuernd vor den einzeln heraufklimmenden Franzosen zurückziehen. Eine einzige Kompagnie wäre imstande gewesen, auf diesem Posten eine ganze Armee auszuhalten, denn der Weg, auf dem die Franzosen heraufkamen, war so steil, enge und abschüssig, daß eine entsprechende Anzahl Verteidiger, die auf dem Kamme des Berges eine günstige Stellung einnehmen konnten, den nur mühsam aus der Tiefe heranrückenden Feind in leichter Weise vernichten konnten. Als Führer auf diesem Steig, seit jener Zeit »Franzosensteig« genannt, dienten den Franzosen Forstleute von Mittenwald. So kamen jene unter dem Befehle des Generals Loison den vor der Leutasch postierten Truppen in den Rücken, die nach langer und heftiger Gegenwehr in der Schanze kapitulierten. Loison stellte dann seine Truppen im Leutaschthal auf, um mit ihnen über Oberleutasch und Seefeld der Festung Scharnitz in den Rücken zu fallen. Inzwischen rückte Marschall Ney mit seiner ganzen Armee und zahlreichem Belagerungsgeschütz von Mittenwald gen Scharnitz, um die Festung mit Sturm zu nehmen. Die tapfere Besatzung schlug den Sturm dreimal ab, und mit großem Verlust, der besonders durch die am sogenannten Brunnensteineck herabgeschleuderten Steine und Schüsse verursacht wurde, wobei die Weiber den Tirolern ausgiebige Dienste leisteten, mußte sich der Marschall wieder nach Mittenwald zurückziehen. Swinnburne suchte sich, als er die Vorfälle in der Leutasch erfuhr, mit seinen Leuten durch Loisons Armee 118 durchzuschlagen, was aber mißlang. Er wurde mit den Seinigen bei Seefeld gefangen. Loisons Truppen öffneten hierauf dem Marschall Ney die Thore der Festung, vor welcher er wieder am frühen Morgen mit zwölftausend Mann erschienen war. Zu den Gefangenen in Seefeld sagte er: »In Scharnitz habt ihr euch tapfer gewehrt, aber ihr seid wohl dumme Bauern. Was geht denn die Bauern der Krieg an? Damit ihr aber seht, daß wir besser sind als ihr, so habe ich Befehl gegeben, die Gefangenen freizulassen.« Die Festungswerke in Scharnitz wurden zerstört, und damit war die Insurrektion anno 1805 in Tirol unterdrückt. 1809 wiederholten sich die Kriegsdrangsale in Mittenwald und die Kämpfe an der notdürftig wieder hergestellten Befestigung des Scharnitzpasses, dessen Kommandant der Gruber-Toni, der Schmied von Seefeld, war und welcher sich mit seinen Leuten flüchtete, als die Bayern anrückten. Der Marsch über den Franzosensteig hatte wohl am meisten zur raschen Beendigung des opferreichen, blutigen Kampfes beigetragen, und er bildet noch heutigen Tages für die beiden Länder ein großes, historisches Interesse. Aber auch für Marietta hatte dieser Gebirgspfad jetzt ein hohes Interesse, und sie fragte, sobald der alte Geigenmacher seine Erzählung beendet, ob der Steig weit entfernt sei. »Bewahr Gott!« antwortete der Zunderer rasch. »Am Ferchensee draus, ganz unt', dann rechta Hand auf die hohen Tannen zua, in der Richtung gen 'n Grünkopf, durt, der Berg, der so blau herschaugt – ebba a 119 Viertelstund von da.« Und da Marietta aufmerksam nach der angezeigten Richtung blickte, glaubte der heute überaus pfiffige Alte die Aufmerksamkeit der anderen von Marietta ablenken zu müssen, indem er rief: »Höllseiten! Ueber die durtmalige G'schicht in der Leutasch und Scharnitz und aa über 'n Gruber-Toni existiert ja no' an' alt's Liad, dös i kann. Es is dös oanzige, dös i no' nit vergessen hon. I woaß's an, wer's g'macht hat, seinerzeit: die alt Blasi-Nandl. Is's nit a so, Moasta?« »Ja freili',« rief der Geigenmacher, »der alten Nandl ihra Liad, wer sollt dös nit kenna? Dös paßt grad auf unsern Dischkurs über diesel Kriegszeit. Dös wird g'sunga mit Violabegleitung.« Und alle stimmten in das Mittenwalder Volkslied vom Jahre 1805 ein, dessen Text lautet: Mittenwalder .         O Jammer, o Elend und Schricken, Jetzt rucken die Franken schon an Mit Bomben, Kartätschen und Stücken, Mit zwanzigtausend Mann. Und steht ihr auch wacker auf den Mauern, Und machet euch fertig zum Streit, Tyroler, ihr seid zu bedauern – – Die Franken sind rüstige Leut!   Tiroler . O, lasset die Franken nur kommen! Wir Tiroler, wir sind auch nicht lahm, Wir haben auch Stücke und Bommen, Wir schießen sie alle zusamm'. Dann holen wir unsere Weiber, Stellen sie aufs Brunnensteineck, Wir wehrn uns wie gen Mörder und Räuber, Die Franken, die müssen uns weg. 120   Mittenwalder . So g'schwind wird die Sache nicht gehen, Tyroler, das bild't euch nicht ein. Leicht kann es wohl noch geschehen, Daß ihr schleicht in die Seitenweg' ein. Dann seid ihr ja alle gefangen, Die Franken, die sind wohl nicht feig, Tyroler, es wird euch bald bangen: Die Bayern, die wissen den Steig.   Tiroler . Was kann es den Bayern auch nützen? Es wird ihnen kosten viel Müh'. Wir sind doch die tapferen Schützen Und verstecken uns gleich hinter d' Küh'. Den Hauptmann, den sieht man schon laufen, Weil Kugeln jetzt kommen daher. O Himmel, jetzt geht es zum Raufen, Wir haben kein' Hauptmann nicht mehr.   Franken . Ihr Bayern, seid fröhlich und munter, Wir Franken, wir haben's vollend't. O, Schützen, euer Prahlen geht unter, Das Blättl, das hat sich gewend't. Gleich zu Anfang des Gesanges hatte sich Marietta entfernt. Man achtete nicht auf sie und glaubte, sie hätte sich, ermüdet von der Arbeit, in den Heustadel begeben. Sie aber eilte gleich einem flüchtigen Reh, sich möglichst hinter Baumgruppen und Gesträuch deckend, der Richtung gegen den Franzosensteig zu, wie sie ihr der Zunderer gezeigt. Sie hatte alsbald den Ferchensee erreicht, in welchem das Abendrot wie flüssiges Gold schimmerte, und als sie denselben hinter sich hatte, und nun dem rechtsseitigen Berge zueilte, erblickte sie alsbald den mit Sehnsucht ihrer harrenden geliebten Mann. 121 Weinend und lachend zugleich warf sie sich an seine Brust, und sie vermochte nichts zu sprechen als: »Jakobo, mein Jakobo! Du mich holen zu deiner Mutter, nicht wahr? Mich nicht mehr verlassen?« Der Lautenmacher drückte sie gerührt an sich und blickte mit unendlicher Liebe in die ihm so teuren Züge. Dann ließen sich beide auf einen Baumstamm nieder. Die zweitägige Trennung dünkte beiden eine Ewigkeit gewesen zu sein. »Ach, Jakobo, lieber im Elend bei dir sein, als im Ueberfluß ohne dich leben!« rief Marietta. So war es auch dem Mann ums Herz. Die Wanderung mit dem geliebten Weib auf der Landstraße erschien ihm golden gegen die Aufregungen der zwei Tage in der Heimat. Aber noch konnte er seinen und Mariettas Herzenswunsch nicht erfüllen. Er wollte seine Verehelichung so lange als Geheimnis betrachtet wissen, bis er seine Schuld an Schändl wenigstens teilweise abgetragen. Er hoffte dieses aus dem Gewinn, den ihm seine Schwärzerei eintrug, bewerkstelligen zu können. Außerdem versprach er sich von dem nächsten Bubengericht als Resultat, daß ihn die schwarze Liesl ohnedem nicht mehr als Hochzeiter begehren würde und so die Trennung von selbst erfolgen müßte. Er teilte demnach Marietta seinen Plan mit, demgemäß sie diese Woche über noch auf der Wiesmad verbleiben, Samstag abends aber ins Leutaschthal gehen solle, vorgeblich, um ihren kranken Mann dort zu besuchen. Er wolle in der Leutaschmühle bei der ihm befreundeten Müllerin das weitere veranlassen. Am Samstag gegen Abend würde wieder ein Bote erscheinen, um sie auf dem 122 wenigst beschwerlichen Weg in die Leutasch zu bringen. Er selbst werde am Sonntag nachmittag zu ihr kommen und das Nötige mit ihr besprechen. Das war nun freilich nicht nach Mariettas Sinn. Sie weigerte sich anfangs geradezu, nochmals von ihm zugehen. »Du willst mich verleugnen!« rief sie; »du dich schämen über mich! Aber ich werde nicht überleben, ich werde Tod suchen im Wasser dort.« »Dös ging mir grad aa no' ab!« entgegnete Jakl. »I hon eh nimmer weit zum narrisch wern, Marietta, sei g'scheit! Mei' Vorteil verlangt's, daß d' no' bis zum Sunnta von mir entfernt bleibst. Is dir d' Arbet z' viel auf der Wiesmad, so kannst glei morg'n in d' Leutasch – i werd alles für di richten.« »O nein, mir nie Arbeit zu viel! Arbeit freut mich, besonders mit Liesl; sie spricht so schön von dir, nennt dich den besten, schönsten Mann und lobt dich, daß ich werde bald eifersüchtig.« »Dazua hast koan Grund,« versetzte Jakl, »g'wiß nit. Nur den G'fall'n thua mir und verrat der Liesl nit, daß du mei' Wei' bist. Gar neamd därf bis zum Sunnta davon wissen, gar neamd! Vertrau mir nur, i mach's scho' recht. I woaß mir ja aa koa höhers Glück, als wieder bei dir z' sein und der ganzen Welt sagen z' dürfen, daß du mei' liab's Weiberl bist.« Bei diesen Worten drückte er die Weinende zärtlich an sich. Da war es ihm, als hörte er oben auf der nahen Ferchenseewand ein schallendes Gelächter. Aber während er noch aufmerksam zu den Felsen aufschaute, ließen sich von Schändls Wiesmad her mehrere Rufe vernehmen. Liesl und die Dirn waren nämlich, sobald sie 123 Mariettas Abgang bemerkten, ausgezogen, sie zu suchen, denn sie konnte, unbekannt mit der Gegend, leicht verunglücken. Sie erfuhren durch einen Holzarbeiter, daß er die Frau in der Richtung gegen den Franzosensteig gesehen, und sofort nahmen auch sie den Weg dahin und huppten, um durch Mariettas Gegenruf auf ihre Spur zu kommen. Jakl nahm deshalb Abschied von seinem Weibe, veranlaßte sie, zur Wiesmad zurückzueilen und bat sie, diese Zusammenkunft geheim zu halten. Er versprach ihr, daß dies der letzte Abschied sein solle und daß sich in der nächsten Woche alles anders gestalten werde. Es fiel diesmal dem jungen Weibe unendlich schwer, dem Manne gehorsam zu sein, aber sie konnte seinen Bitten nicht widerstehen. Schmerzbewegt riß sie sich von ihm los und suchte, wie taumelnd, den Weg zu Schändls Wiesmad zurück. Jakl sah ihr nach, bis sie seinen Augen entschwunden war. Da hörte er hinter sich ein Geräusch, und er erschrak fast, die schwarze Liesl vor sich zu sehen. Auch Liesl erschrak, aber aus Freude über dieses unerwartete Wiedersehen des Freundes. »Jakl,« rief sie, »grüaß di Gott! Hat's mir heunt scho' den ganzen Tag g'ahnt, daß wir di als liaben Hoagast auf unser Wiesmad krieg'n. Du bist do' auf'n Weg zu uns, gel? Und wie prächti daß d' aussiehgst heunt, weil's d' die langa Haar und den langa Bart nimmer hast.« Jakl, erst verlegen, fand durch diese Ansprache des treuen Mädchens seine Fassung wieder; doch fiel es ihm schwer, den treuherzigen Blick desselben auszuhalten. »I bin dir so viel Dank schuldi, Liesl,« versetzte er, »daß i schier nit woaß, wie r i damit firti werd'.« 124 »Ge zua, wer red't denn von Dank? 's Best', was d' hast, dös hast mir ja scho' geb'n, und selm der Himmi könnt mir nix Bessers geb'n als a liab's Menschenherz, als dei' Herz. Und gel, dös g'hört mir in alle Ewigkeit?« »Liesl,« entgegnete der junge Mann, »i bin di ganz g'wiß nit wert. I steh so tiaf unter dir, daß –« »So tiaf,« fiel Liesl lachend ein, »daß die schwarz Liesl nix Schöners wünscht, als in die Tiafen von dir awisinken; oder kehr'n ma 'n Stiel um und sag'n ma, du stehst so hoch für mi, daß i mir einbild, i bin im Himmi ob'n, wenn's d' mi zu dir auffihebst.« »O, Liesl, wenn 's d' wüßt, was mir im Kopf umgeht –« »Dös kann i mir denken. Es taugt dir nit, daß der Vata die Sach g'richt hat. Aber i bitt di – dei' Ehr is mei' Ehr, und dei' Schand is mei' Schand.« »Na', na', Liesl, a so is 's nit.« »Grad a so is's!« erwiderte das Mädchen bestimmt; »aber geh jetzt mit zu die Eltern.« »Für heunt nit, Deandl; i muaß heunt no' über'n Steig in d' Leutasch ummi. Durt hintern 'n Baam steht mei' Butten. I hon an' kloan Handel.« »So fangst schon wieder an, di z' plag'n?« versetzte das Mädchen; »statt daß d' a weng ausrast und di erholst. So wärst nit meinthalb'n daher kemma an 'n Ferchensee, um mir Grüaß Gott z' sag'n?« setzte sie etwas verstimmt hinzu. Das Huppen der Dirn in nächster Nähe ersparte dem Manne die Antwort, um welche er ohnedies verlegen war. »Es kimmt wer,« sagte er ausweichend. »'s is nur unser Dirn, 's Resei; wir suachen d' 125 Marietta. Sie is alloa furt, da awa, glaub i, und leicht kunnt sie si vergehn; es fangt scho' an, dämmeri z' wern. Gehst nit mit zu die Eltern?« »Heunt nit; es wird mir z' spät; an' andersmal.« »Wann? Morg'n?« »I woaß 's nit, wann mei' G'schäft firti wird, aber i kimm. B'hüat di Gott für heunt, Liesl.« »Liesl!« rief jetzt die Dirn abermals. »Bin scho' da!« antwortete diese. Zu Jakl aber sagte sie: »B'hüat di Gott! 's war mir a große Freud, daß i di g'sehn hon. Kimm bald zu uns. Glück auf 'n Weg!« Einen Moment verharrte sie noch. Sie meinte, es müßte sie der Geliebte an sein Herz ziehen; aber dieser sagte nur mit zärtlichem Ausdruck: »B'hüat di Gott!« Liesl eilte nun zu der Dirn, welche keine Ahnung von der Nähe Jakls hatte. Sie teilte ihr mit, daß sie Marietta auf die Wiesmad habe zurückkehren sehen. Schweigend und in Gedanken vertieft, schlug Liesl mit der Begleiterin nun ebenfalls den Weg dorthin ein. Jakl aber setzte sich auf einen Baumstamm und verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen. So fand ihn der herankommende Zundermichl. Gleich darauf wanderten beide, der eine als Führer, der andere als Pascher, auf dem Franzosensteig über die Grenze von Tirol. 126 X. Vom Turme der Mittenwalder Pfarrkirche tönte am darauffolgenden Sonntage das feierliche Geläute zum Morgen-Ave-Maria. Die Witterung hatte seit gestern umgeschlagen, und die meisten Wiesmadleute waren in den Ort zurückgekehrt. Die Berge ringsumher waren in dichte Nebel eingehüllt, und schwere Regentropfen fielen auf die wenigen, den Markt durcheilenden und ihre Schritte zur Kirche lenkenden Leute hernieder. Diese bestanden zunächst nur in den Buben der Junggesellenbruderschaft. Sämtliche erschienen in ihrer kleidsamen Sonntagstracht, mit grünem Hute, kurzer Joppe, rotem Kamisol, Kniehösln und Wadenstrümpfen. Sie hatten alle frische und gesunde Gesichter. Im Gotteshause angelangt, nahmen sie sofort die ihnen zugehörigen Plätze auf der Emporkirche ein. Bereits hatte der Meßner an die dreißig Wachskerzchen an die Kirchenbänke angeklebt und angezündet, und bevor sie noch verbrannt, standen neunundzwanzig Buben an ihren Plätzen. Nur ein Kerzchen brannte ab, bevor der Eigentümer erschien. Dies fiel besonders auf, weil es sich am Platze des Bubenrichters befand, des Blasi Jakls, der heute zum erstenmal wieder sein Ehrenamt auszuüben hatte, aber beim Segen vor der Frühmesse noch nicht in der Kirche anwesend war. Der Krüner Ferdl machte den Beiständern und dem Ratsdiener bedeutungsvolle Zeichen, ein triumphierendes Lächeln spielte um sein Gesicht. 127 Erst nach Beginn der Messe erschien endlich der Lautenmacher in der Kirche, ohne jedoch, zur Ueberraschung aller Buben, von dem Platze des Bubenrichters Besitz zu nehmen. Er begab sich vielmehr in einen Seitenstuhl, entfernt von den anderen. Er sah blaß und angegriffen aus, sein Gesicht zeigte etwas Verstörtes, ein wilder Zug war in demselben erkenntlich. Man sah es ihm an, seine Gedanken waren nicht zur Stelle. Waren sie bei Marietta, die er gestern abend in die Mühle im Leutaschthale geleitete und wohin er heute zu kommen versprach? Waren sie bei der schwarzen Liesl, deren innige Liebe zu ihm er mit Verrat und Undank lohnen mußte? Oder waren sie auf den geheimen, gefährlichen Pascherwegen, welche er in dieser Woche zu öfterem in verbrecherischer Absicht begangen, unter steter Furcht, entdeckt und zur Verantwortung gezogen zu werden? Hinüber und herüber hatte er Kontrebande gemacht, namentlich in teuren Seidenwaren, welche er in Innsbruck holte. Wenn man ihn auch sah mit der Butte auf dem Rücken, die Grenzwächter kannten den Lautenspieler, alle waren ihm gut Freund und keiner dachte daran, seine Butte, in welcher sie die Instrumente sahen, einer näheren Durchsicht zu unterziehen. Alle vertrauten dem ehrlichen Burschen. Und das war es, was den wilden Zug in seinem Gesichte hervorrief. Alle vertrauten ihm, und er betrog sie alle. Darüber konnte er sich nicht freuen, im Gegenteil, er verachtete sich selbst, er wollte aus dieser ihn so beklemmenden Lage heraus, er fühlte, daß er heraus müsse, und dennoch wies er das einfachste Mittel hiezu von der Hand, nämlich die Wahrheit. Durch diese und jene Bedenken, die teils in seinem Kopf, teils in dem der guten, aber kindischen und 128 wankelmütigen alten Nandl entstanden, hatte er sich bereits auf sehr gefährliche Bahnen verrannt. Trotz des fortwährenden Vorsatzes, ein ehrlicher Mann zu sein und zu bleiben, wich er einen Schritt nach dem andern vom Pfade des Rechts, und er war bereits nicht viel mehr als ein Spielball seiner Schwäche. Vom heutigen Tag erwartete er, daß sich die Jugendfreundin von ihm abwenden werde. Einen, wenn auch sehr kleinen Teil seiner Schuld an den alten Schändl konnte er glücklicherweise schon abtragen. Die sauer ersparten Groschen des alten Mannes zahlte er mit Sündengeld zurück. Aber so verdorben war er noch nicht, daß er sich nicht gescheut hätte, in der Kirche den für ihn bestimmten Ehrenplatz als Bubenrichter einzunehmen. Deshalb kam er lieber zu spät, um sich einen andern Platz auswählen zu können. Mit Schrecken sah er den Gottesdienst zu Ende gehen, denn nun sollte er ja wieder neuen Trug zum alten häufen. Sobald das Weihwasser ausgeteilt war, schritt er zur Kirche hinaus. Der Ratsdiener gesellte sich ihm sofort zu und rasch folgten die übrigen jungen Gesellen. Auf dem Platze vor der Kirche standen dann alle zusammen, und da der Bubenrichter keinerlei Miene zu einer Erklärung machte, so trat der Ratsdiener vor und sprach zu ihm: »Laß mich die Buben nachher bieten – in einer unverschieblichen Sache zur offenen Lade.« Jakl antwortete kurz: »Biet die Buben nachher in mein Haus!« was der Ratsdiener sofort that. Der Richter begab sich nun in seine Behausung, ihm 129 folgten alle nach. Hier setzte er sich mit den Beiständern, Ratsdiener und Schreiber an den Tisch und sagte: »Welcher ein Handel hat, der mag ihn vürbringen, oder etwas zu klagen.« Sofort erhob sich der Krüner Ferdl, indem er sagte: »Herr Richter, erlaubt mir, ein Redner.« »Ich erlaub dir, was du Recht hast,« entgegnete der Bubenrichter vorschriftsgemäß. »Es gilt den Richter selm zu eigen,« versetzte Ferdl. »So soll der erste Beistand mein Amt übernehmen, bis der Handel fertig,« sagte Jakl, seinen Platz räumend und sich unter die andern Burschen begebend. Der erste Beiständer übernahm sofort das Richteramt und wiederholte dem Krüner Ferdl: »Ich erlaub dir, was du Recht hast.« Nun ergriff Ferdl das Wort. »Laut unserm Bruderschaftsgesetz,« sagte er, »heißt es im Artikel 21: »Sollt jemand aus der Bruderschaft an seinem Mitbruder was erfahren oder sehen, so den Artikeln zuwiderhandelt, dieses aber bei der Versammlung verschweigt und nit andeutet, sollt ein solcher in jene Straf verfallen sein, welche der Beklagte oder Schuldige hätte erlegen müssen, wenn dieses anders kann erwiesen werden, daß er davon Wissenschaft gehabt habe.« »So is's g'halten worn seit unvordenklichen Zeiten,« entgegnete der stellvertretende Richter. »Traust du dir den Handel selbst auszuführen, so magst du's thun, wo nit, so magst du einen Redner nehmen in der Stuben, der dir gefällt.« »Herr Richter,« erwiderte Ferdl, »erlaubt einem guten Gesellen, sein Wort selbst vorzubringen.« 130 Hierauf lautete die Antwort des Richters wieder: »Ich erlaub dir, was du Recht hast.« Nun rückte Ferdl mit seiner Anklage gegen den Lautenmacher hervor. Er klagte ihn an, daß er mit einer verdächtigen Weibsperson aus Welschland, als Bettelmusikant verkleidet, in Tirol, und, wie er beweisen könne, im Leutaschthal herumgezogen sei und letzten Dienstag abend mit derselben am Franzosensteig wiederholt eine längere Zusammenkunft gehabt, was er von der Ferchenseewand mit angesehen habe. Außerdem hätte sich heute der Bubenrichter dadurch verfehlt, daß er nicht rechtzeitig zum Morgensegen gekommen sei, und als er endlich erschien, nicht den ihm zugehörigen Platz eingenommen habe. Jakl hörte bleich und mit zuckenden Lippen dem Ankläger zu. Als dieser der »verdächtigen Weibsperson« erwähnte, da schoß aus seinen Augen ein wilder Blick, und er machte eine rasche Bewegung, als wollte er auf den Verleumder losstürzen, aber sofort besann er sich. War es nicht sein eigener Wille, daß ihm eine verächtliche Handlung aufgebürdet werde? Und er schwieg. Als nun der Ankläger geendet, fragte der Richter: »Jakl, giebst dich ein?« Und dieser antwortete zu aller Ueberraschung mit fester Stimme: »Ja, ich gieb mich ein!« Und der Richter fragte wieder: »Wo setzt es hin, in Rat oder in die Gemein? Ich will euch darum fragen.« Und alle antworteten: »In den Rat.« Jetzt mußte sich Jakl aus der Stube entfernen, da 131 über sein Vergehen abgeurteilt werden sollte. Er benützte diese Gelegenheit, um in seiner Kammer seine Sonntagsjoppe mit einer schlechtern zu vertauschen, denn er wußte, was seiner harrte. Nandl trat ihm hier entgegen und fragte: »Jakerl, was siehgst so verhetzt aus?« »Glei wirst es erfahra,« antwortete ihr dieser bitter. »Der Ferdl hat mi mit der Marietta gsehgn, die er für a verdächtigs Weibsbild halt; dafür werd i in Bach g'legt. Heunt is mir d' Zung no' bunden. Aber dös is eam nit g'schenkt, dem Spion; der soll an mi denken!« »In Bach leg'n?« rief die Alte. »Die Schand laß i dir nit anthuan! Heunt, bei dem schlechten Wetter, und wo's d' a so nit g'sund bist – dös leid i nit! Dös leid i nit! Wenn d' Liesl dös siehgt, dös Deandl verkimmt vor Schand.« Jakl, dem der Mut etwas gesunken war, richtete sich jetzt rasch wieder auf. »Verachten wird 's mi, ganz g'wiß!« rief er. »Dös will i ja grad! Mach nix dazwischen, Nandl, es is mei' Will'n, daß i g'schänd't werd.« Und er eilte hinab in den Hausflur, wo der Ratsdiener bereits seiner harrte, um ihn in die Stube zu rufen. Hier empfing er nun sein Urteil, welches lautete: »Sintemalen die Anklage des Ferdinand Krüner gegen Jakob Blasi von diesem als zu Recht bestehend anerkannt worden ist, so beschließt der Rat der Buben, daß der Angeklagte wegen der ihm zur Last gelegten Vergehe zur Bacheinlage verurteilt sei, welche Strafe an ihm sofort und ohne Verzug vollzogen werden solle. Außerdem aber sei der Bubenrichter seiner Ehrenstelle verlustig und habe 132 der Krüner dieselbe wieder zu übernehmen, da es Pflicht des Bubenrichters sei, mit gutem Beispiel voranzugehen, dies aber von Jakl in höchst bedauerlicher Weise verletzt worden sei.« Da Jakl hierauf nichts einzuwenden hatte, erhob sich alles, und man geleitete den Abgeurteilten auf die Straße. Der Ratsdiener machte hierauf in dem den Markt durchlaufenden Quellbach ein »G'schwell«, um den Verurteilten hineinlegen zu können. Eine Menge Leute waren alsbald herangekommen, um dieser Prozedur beizuwohnen, und sie waren alle aufs höchste überrascht, als es laut wurde, daß der Bubenrichter selbst der Verurteilte sei. Auch in Schändls Haus eilte man an die Fenster. Die Schändlleute waren am Sonnabend von der Wiesmad zurückgekommen, und Liesl hoffte, heute ihr Verlobungsfest mit Jakl zu feiern. Der alte Schändl rief einen Buben an, um zu fragen, wer bestraft würde, und als er Jakl nennen hörte, forschte er erschrocken nach der Ursache. »Weil er si mit ara welschen Dirn rumtrieb'n hat und mit ihr am Franzosensteig zamkemma is,« lautete die Auskunft. »Wann?« fragte Liesl, die hinter ihrem Vater stand und mit stockendem Atem alles anhörte. »Am Irda (Dienstag).« »Wer hat's g'sagt?« rief das Mädchen, dem eine Blutwelle in die Wangen schoß. »Der Krüner Ferdl hat's g'sehn und der Jakl hat's eing'standen.« Liesl erbleichte. Aber ohne sich zu besinnen, rief sie: 133 »Dös is a Lug! I bin mit eam am seln Abend beim Franzosensteig zamtroffen, i bin's gwen. Er will mi schona und lieber Schand und Straf erdulden. Dös leid i nit!« Und ohne daß es ihr Vater verhindern konnte, eilte sie aus dem Hause, an den Ort der Exekution. Aber auch die alte Nandl war bereits dort erschienen. »Dös leid i nit,« schrie sie, »daß's bei dem kalten Weda mein' kranken Buam in 'n Bach legt's, dös ruiniert sei' G'sundheit; dös kinnt's thuan, wenn's wieder warm wird!« Aber der Krüner Ferdl erwiderte lachend: »Natürli, die alten Weiber nehma ma aa no' auf im Rat bei uns! 's G'setz hat sein' Lauf; ob kalt oder warm, dös geht uns nix an.« Jetzt kam auch Jakls Mutter hergerannt, nachdem sie sich von ihrem Schrecken über die ihr von Fremden gebrachte Nachricht einigermaßen erholt hatte. Auch sie wollte den Vollzug der Strafe an ihrem kranken Sohn nicht dulden. Aber der Rat kümmerte sich nicht darum. Das Geschwell war hergestellt und man legte Hand an Jakl, ihn in den Bach zu legen. Da brach sich die schwarze Liesl Bahn durch die Menge. »Halt's ein!« schrie sie. »Auf 'n Jakl haft't koa' Schuld, der Krüner da is a falscher Verrater! Hört's auf mi, i kann Auskunft geb'n! Daß er in der Leutasch mit ara Welschen rumzog'n is, sel is nit wahr. Die Welsch is a ehrlis Weib, die für ihren kranken Mann Geld verdiena will. Der Jakl is unterwegs krank worn, und die Welsch hat eam Beistand g'leist't und hat dann seina 134 Muatta Botschaft tho'. Für dös Wei steh i guat. Sie hat mit uns g'arbeit't auf der Wiesmad, sie is brav und ehrli.« »Dös Zeugnis muaß ma ihr geb'n,« pflichtete der alte Schändl, der seiner Tochter nachgeeilt war, bei. »Aber am Irda warn's wieder beinand,« versetzte Ferdl. »Da war der Jakl nit krank, denn er is no' nachts über'n Franzosensteig g'stieg'n.« »Wollt's wissen, mit wem der Jakl am Irda beim Franzosensteig zamkemma is?« rief Liesl. »Mit mir, der schwarzen Liesl, seiner Hochzeiterin. Dös wird in enkere Artikel wohl nit verboten sein, daß d' Brautleut mit anand diskriern, wenn sie si treffen. Er aber hat mi nit verraten woll'n und hätt' lieber d' Straf ausg'halten. Jetzt wißt's, wie's dran seid's, jetzt laßt's mein' Buam aus und werft's den verlogna Kunten, den Krüner eini in Bach, wenn 's bei der Buambruderschaft no' Manna und nit grad Buam giebt.« »Brav, brav!« riefen die sich massenhaft angesammelten Zuschauer. »Glei laßt's 'n aus, 'n Jakl, oder wir leg'n uns drein!« Dieser Drohung folgte auch sofort die That. Im nächsten Augenblicke hatten mehrere Männer, darunter auch der rabiate Klaslihannes, den Verurteilten aus dem Kreise seiner Richter gerissen, die auf Liesls Rede hin keinen Widerstand entgegensetzten. »Ja, warum soll denn der Jakl nit mit seiner Hochzeiterin diskriern?« rief der Klasli gereizt. »Wie kann ma denn a so an' zünftigen Bubenrichter a so malträtiern? Also auch und dabei – dös grenzt ja dengerscht an Barbarei!« 135 Liesl aber reichte dem Jakl zum Gruße die Hand. »Du dummer Patschi,« sagte sie, »hast g'wiß gmoant, es paßt mir nit, wenn 's d' mi nennst? I thua koa' Unrecht. Was i thua, därfen d' Leut wissen. An' anders Mal sagst d' Wahret und laßt dir von so an' Ehrabschneider nix auffibelzen. Jetzt aber mach, daß d' hoamkimmst, du kannst di ja kaum mehr auf die Füaß halten.« Ein unaussprechliches, überwältigendes Gefühl drückte bei diesen Worten den jungen Mann fast zu Boden. Er konnte sich in der That nur mit aller Mühe aufrecht erhalten. Thränen füllten seine Augen, er beugte sich nieder und drückte auf Liesls Hand einen heißen Kuß. »Liesl, du verwend'tst di für an' Unwürdinga, für an' Schelm, den's d' verachten muaßt,« sagte er leise zur Freundin. »Ja, ja, i veracht di so viel, daß i's vor alle Leut sag, wie gern i di hab,« erwiderte das Mädchen lächelnd. Nandl, der die Thränen über die runzeligen Wangen rannen, drang jetzt in Jakl, heimzugehen. Sie nickte dem Mädchen zu und zog den jungen Mann mit sich fort, der ihr folgte, einem Träumenden gleich. Die Blasin aber begleitete Liesl nach Hause und dankte dem mutigen Mädchen mit rührenden Worten für die schöne, offene That. Der Rat der Buben begab sich jetzt wieder mit allen Mitgliedern auf Geheiß des Richter-Stellvertreters in die Stube, und es meldete sich ein neuer Ankläger und zwar gegen den Krüner, der aus Haß und Abneigung gegen Jakl, dessen Braut er gern selbst heimgeführt hätte, wissentlich falsche Anzeige gegen seinen Nebenbuhler erhoben habe. Ferdl dagegen erklärte, daß er den Vorgang in der 136 Leutasch durch einen Zeugen erhärten könne. Der Zundermichl habe ihm das erzählt und dieser sei bereit, seine Aussagen vor dem Rat zu wiederholen. Das Mädchen, das er selbst aber von der Ferchenseewand aus bei Jakl erblickt, habe er bestimmt für die Welsche gehalten, um so mehr, da ihm der Zunderer schon im voraus von dieser Zusammenkunft gesagt. Es wäre ja möglich, daß ihn seine Augen betrogen hätten, aber den Vorgang in der Leutasch könne er bezeugen lassen. Der Rat genehmigte, daß der Zeuge erscheine. Der Zundermichl saß schon lange auf einer der Gredbänke in der Nachbarschaft, da ihm Ferdl gesagt hatte, er möge sich für heute in der Nähe der Bruderschaft aufhalten. Er hatte im Laufe der Woche durch Jakl, dem er die geheimen Steige wies, guten Verdienst gehabt. Und heute, erst vorhin, sah und hörte er, wie Nandl, seine frühere Verlobte, mit mütterlicher Wärme sich um Jakl angenommen hatte, und er war »gespannt« auf seine Vernehmung. Als er nun vom Richter gefragt wurde, was ihm von der Welschen und Jakl bekannt, lachte er demselben geradezu ins Gesicht. »Nix is mir bekannt,« sagte er, »gar nix.« »Aber der Krüner Ferdl behaupt't, du hätt'st 's eam verraten.« »Was,« schrie der Zunderer, »i verraten? I, der Zundermichl! Pfui Teufl! Dös kann der noblige Kaufherr, der Krüner Ferdl, thun, aber unseroana, an' armer Tropf, verrat't neamd auf der Welt, und wenn er 's beste G'schäft damit machet.« 137 »Du Lump, du!« rief Ferdl; »hast mir nit am Monta alles erzählt?« »I?« rief der Zunderer. »Am Monta hon i mein' Rausch g'habt für 'n Irda. Schlakarawall! Was i im Rausch sag, dös is koa' Evangelium. Pfui, an' rauschigen Tropfen zum Zeugen aufruafa! I woaß von nix. Wie d' Liesl g'sagt hat, so is's; grad so – und der Jakl is a Ehrenmann, is a braver Mann, so an' Bubenrichter habt's no' gar nit g'habt und kriegt's aa koan mehr – und iatz wißt's, was i woaß. So, 'pfehl mich!« Und er schritt zur Thüre hinaus, der nächsten Schnapsschenke zu. Der Rat und die Buben aber beschlossen sofort einstimmig, daß der Jakl als Bubenrichter wieder eingesetzt und nur wegen Zuspätkommens in die Kirche mit einem Vierling Wachs bestraft werden soll, hierauf aber, daß der Krüner Ferdl wegen boshafter Anklage zur Strafe des Bacheinlegens verurteilt werde. So sehr sich der stolze Kaufmannssohn auch dagegen wehrte, an dem Richterspruche war nichts zu ändern, und zum Gaudium der Zuschauer, welche noch immer vor dem Hause standen und die alle für Jakl Partei genommen hatten, sollte die Exekution sogleich an ihm vorgenommen werden. Einige handfeste Buben hatten ihn bereits bis zum Bache gebracht. Da brach sich Jakl, der auf Ferdls Wutausbrüche hin aus seiner Stube geeilt war und des Nebenbuhlers Lage sofort erkannte, Bahn durch die Menge und befreite ihn mit aller Kraftanstrengung aus den Händen der Buben, welche eben im Begriffe waren, den Widerstrebenden unter dem Gelächter der Anwesenden der Länge nach in das Geschwell des Baches zu legen. 138 »I bin heunt no' enka Bubenrichter,« schrie er, »und ohne meina is koa' Urtel von enk zu Recht! I hon 'n Ferdl sei' Anklag für richti ausgeb'n, und alles andere kimmt gen eam nit in Betracht. Zamläuten thuat's ins Hochamt und 's Bubeng'richt erklär i für heunt g'schlossen. Probier's koana, 'n Ferdl nur a Haar z' krümma, der hat's mit mir z' thuan. Und iatz macht's, daß's alle weiterkömmt's; Spektakel hat's scho' g'nua geb'n heunt. Adies!« Diesem Befehle war nicht zu widersprechen. Meist sehr unwillig entfernten sich die Buben, denen Jakls Benehmen ein Rätsel war. Ferdl war einer der letzten am Platze. »So bist du nit mei' Feind, nachdem i dir hon Schand und Spott antho'?« fragte er den Lautenmacher verwundert. 139 »G'wiß nit,« entgegnete dieser, dem Burschen die Hand reichend. »Du hast di in mir g'irrt, so guat, wie in der Welschen. Wie 's aa wern mag, wirf koan Stoa' auf mi; oft hat der ehrlichst Mensch sei' G'schick nit in der Hand. Es treibt 'n furt und furt und hat mit eam sei' G'spiel. Und d' Freund fall'n von eam ab wie d' Blattln von die Baam im Hirbst. Dös wird no' mei' Los wern, i sehg's scho' kemma.« »Na', Jakl,« versetzte Ferdl ausgesöhnt, »i fall nit von dir ab. Wir ham uns heunt zam g'rauft! Schlag ein – betracht mi von heunt an als guaten, wahren Freund.« Die beiden drückten sich die Hände und sahen sich in die Augen; dann trennten sie sich schweigend. Ehe Jakl in sein Haus trat, sah er am offenen Fenster die schwarze Liesl. Mit unendlicher Liebe, mit Bewunderung ruhte ihr Blick auf ihm. Jakl meinte, dieser Blick dringe hinein in sein tiefstes Inneres. Auch sein Auge ruhte wie gebannt auf ihr. Doch plötzlich ermannte er sich, und nach einem flüchtigen, freundlichen Gruß eilte er in sein Haus. Aber Liesls Blick verfolgte ihn, er trug ihn mit sich in seine Kammer; hier stützte er den Kopf in die Hand, er dachte an Marietta und träumte – von der Jugendfreundin, die lebendig vor seinem Geiste stand. Da legte sich eine weiche Hand auf sein Haupt, und überrascht aufblickend, sah er in Begleitung seiner Mutter vor sich in Wirklichkeit die ihm zugedachte Verlobte – die schwarze Liesl. 140 XI. Im nächsten Momente hielten sich beide umfangen. Mit unwiderstehlicher Gewalt riß es Jakl zu dem mutigen Mädchen hin, dessen Arme sich geöffnet hatten und sich nun zärtlich um den Nacken des Geliebten schlangen. Sein ganzes Wesen war verändert. Das früher so düstere Antlitz zeigte den glücklichsten Ausdruck, aus seinen Augen blitzte die Kühnheit erwiderter Liebe. Die Mutter sah einige Augenblicke mit gefalteten Händen und Thränen in den Augen auf das vermeintliche Glück der jungen Leute, dann machte sie sich in der Nebenkammer zu schaffen; sie wollte ihnen Gelegenheit geben; sich ohne Zeugen gegenseitig herzlich aussprechen zu können. Jakl war sich in diesem Momente seines Fehls nicht bewußt. Wenn der Himmel auf ihn herabgefallen wäre, wenn sich die Erde unter ihm geöffnet und ihn verschlungen hätte, er konnte nicht anders. Es war die Macht der Liebe, die ihm Sinn und Herz gefangen nahm, jener gewaltigen Liebe, die dem Menschen den Himmel aufbaut, aber auch gleich der plötzlichen Hochflut dahinrauscht, allen Hindernissen trotzend, alles mit sich reißend, zerstörend, vernichtend – tötend. Was er von jeher für die Jugendfreundin gefühlt, aber seit einem Jahre gewaltsam zurückgedrängt, was er die letzten acht Tage mit aller Macht zu vergessen sich zwang, das heutige Erscheinen Liesls beim 141 Bubengericht, ihr brennender Blick hatten den erkünstelten, morschen Damm, den er seinen Gefühlen entgegengesetzt, mit einem Streiche vernichtet, und Jakl war sich in diesem Augenblick nur des einen bewußt: der Seligkeit, die geliebte Jugendfreundin an sein Herz drücken zu können. »Mei' liaba Bua,« begann endlich Liesl, »iatz is mei' Glück wieder ganz. Die ganz Woch über und grad auf unser Zamsein am Franzosensteig is mir's gwen, als wenn dei' Herz dem mein' ausweicha wollt. Es hat mir's Herz oft preßt und hat mi trauri g'stimmt, aber d' Marietta hat mir wieder Muat zuag'sprocha und hat mir a Liadl g'sunga aus ihrer Hoamat, und alls war wieder guat.« »D' Marietta?« fragte Jakl mit stockendem Atem. Er war wie aus einem Traum erwacht. Seine Arme lösten sich von dem Mädchen und er führte Liesl zu einem der altertümlichen Lehnsessel, welche an dem Ecktisch in seiner Kammer standen. »Du kennst do d' Marietta,« entgegnete Liesl, »die welsch Frau, die sich um di so angnumma hat und weg'n der di heunt der Ferdl in Bach hat leg'n woll'n?« »Die kenn i freili',« antwortete Jakl gedrückt. »Was is's mit der?« »No', sie moant, d' Manna san alle nit viel nutz, wenn's drauß san in der Welt.« »Und was moanst du?« fragte Jakl, sich zu einem Lächeln zwingend. »I? I glaub's nur teilweis. Di zum Beispiel nimm i aus. Gel, du warst drauß so brav wie in der Hoamat und warst dein' Deandl treu?« »Und g'setzt, es wär nit a so? G'setzt, i wär leichtsinni und wär dir untreu gwen?« 142 »So muaßt mir's halt nit sag'n,« entgegnete Liesl herzlich; »denn so lang, als d' es du nit sagst, glaub i nit dran.« »Und wenn's dengerscht so waar, dann müaßt'st mi verachten und di wegwenden von mir, weil i dei' Lieb verraten hon?« »Verachten? O na'!« sagte Liesl. »I betrachtet di als an' Kranken, den i wieder kurieren müaßt, und i lasset mir die Kur scho' ernstli ang'leg'n sei'.« »Wie machest denn dös?« fragte Jakl, halb neugierig und sich zwingend, auf den heitern Ton des schönen Mädchens einzugehen. »I trachtet, daß der Pfarrer recht bald sein' Segen über unsere Händ machet, daß d' mir ewige Treu schwörest am Altar; nacha fürchtet i nix mehr, denn du bist nit der Mann dazua, an' heilin Schwur z' brecha, du halt'st 'n in der Näh, wie in der Fremd. Is's nit a so? Ja, ja, Jakl, für dei' Treu leget i mei' Hand ins Feuer jede Stund.« Der junge Mann gedachte bei diesen Worten jenes Schwures, den er Marietta am Altare geleistet; sein Gesicht bedeckte tiefe Röte. War er nicht soeben im Begriffe, diesen Schwur zu brechen? Hatte er ihn nicht schon gebrochen? Verriet er nicht in diesem Augenblick auch das herrliche Mädchen, dessen Liebe zu ihm jeden Fehl zu beschönigen, zu verzeihen wußte, das in heißer Liebe für ihn glühte, selbst wenn er ein Verbrecher geworden wäre, gerade wie es die alte Nandl gesagt und prophezeit hatte? »An was denkst denn?« fragte jetzt Liesl, dem jungen Mann mit der Hand über die Stirne streichend, als wollte sie die soeben entstandene Falte von derselben wegwischen. 143 »An mei' Schlechtigkeit denk i,« antwortete Jakl rasch und mit Nachdruck. »Denk nit dran, mei' liaba Bua!« sagte Liesl mit zärtlichem Ton. »Drückt di d' Reu über Sachen, die nimmer z' ändern san, so laß mi dei' Pfarrer sei', der dir alles vergiebt, ohne daß er verlangt, daß d' eams beichtst. Absolvo te!« schloß sie komisch ernst ihre Rede, das Kreuz über ihn machend. »Alles wolltst mir vergeb'n? Alles?« »Alles! Was d' aa leichtsinni in der Fremd tho' hätt'st, durch dei' Aufopferung heunt für mei' Ehr, durch dei' mannhafte That 'n Ferdl gegenüber, der von jeher dei' Feind war und dem's d' Hand zur Freundschaft boten hast: durch dös hast in meine Augen hundertfach alles aufg'wogen, was d' in der Fremd auch Unrechts beganga hätt'st.« »Und du verzeihst mir alles – was 's aa sein mag?« »Alles! mei' Hand drauf. Red' ma iatz nimmer davon! Nit an deine Fehler, an unser Lieb laß uns denken, und vergnüagt woll'n ma heunt sei' bei unserm Verlobungsmahl.« »Verlobungsmahl?« stotterte Jakl erschrocken, sich rasch vom Stuhl erhebend. Die Mutter trat eben zur Thüre herein. »Ja, heunt is's Verlobungsmahl!« rief sie ihm erfreut zu. »Alle san ma' g'laden zum Schändl ummi, aa d' Nandl. Und denk dir nur, Jakoberl, alle deine Leibspeisen wern kocht; Zwetschgenbavesen kriegst und an' Wein dazua, an' süaßen. Der alt' Schändl sagt, du bist der ausgezeichnetste Bua auf der ganzen Welt; er hat g'sagt, jeder muaß 'n Huat vor dir awaziag'n, und heunt no' 144 will er d' Heirat zwischen dir und der Liesl ausmacha. No' gel, dös is a Freud? Hörst, d' Wandlung läut'ts. Der Himmelvata schick enk sein' Segen zu an' glücklin Hausstand!« Vom nahen Turme tönte das Geläute mit der großen Glocke. Die Mutter und Liesl ließen sich auf die Kniee nieder und bekreuzten sich andächtig. Tiefe, feierliche Stille herrschte in der Stube, im ganzen Markte. Da, beim zweiten Zeichen, sank Jakl plötzlich wie bewußtlos in den Stuhl zurück, und sein Gesicht bedeckte Totenblässe. Die beiden Frauen schrieen entsetzt auf. »Heilige Muattagottes!« schrie Liesl; »was is's mit 'n Jakl?« »Schnell a Wasser! Tropfen!« rief die Mutter; »helft's, helft's!« Liesl stürzte nach dem Wasserkrug, der auf dem Nachttischchen stand. Die Mutter war in Nandls Kammer geeilt und kam mit einem Fläschchen Karmelitengeist wieder zurück. Aber schon war dem Sohne das Bewußtsein zurückgekehrt, und er schlug die Augen auf. »Gott sei's gedankt, er erholt si!« rief Liesl. »Mei', Jakl, was machst du uns für Schrecken!« sagte die Mutter. »Du bist krank. Nüchtern bist no', und die Anstrengung dazua die ganze Wochen, und heunt die Aufregung, es is ja koa' Wunder. Leg di ins Bett, rast aus; i bring dir was z' essen. Jesses, i woaß nit, wo mir der Kopf steht; wenn nur d' Nandl scho' aus der Kircha zruck waar!« »Bringt's 'n Jakl ins Bett, Muatterl,« sagte Liesl, zitternd vor Aufregung; »i hol a guate Suppen und was 145 sunst nöti. Glei bin i wieder da. Jakl, mei' liawa Bua, i bitt di, werd mir nit krank! Glei bring i dir a Stärkung.« Und sie eilte davon. Jakl aber wollte vom Bettgehen nichts wissen; er zog es vor, sich auf das lederne Sofa hinzustrecken. Die Mutter schob ihm ein Kissen unter den Kopf und sprach ihm ermutigende Worte zu.. Liesl aber lief, nachdem sie zu Hause eine stärkende Suppe für den Kranken bestellt, zum Arzte, den sie bat, schleunigst zu Jakl zu kommen. Des Arztes erste Frage war: »War er drüben im Tirolischen?« »Ja,« entgegnete Liesl; »erst heunt nacht is er zruckkemma.« Und nun mußte sie ihm über Jakls Krankheit berichten. Der Arzt aber meinte hierauf: »Gottlob, das ist nicht gefährlich. Ich fürchtete schon, er hätte uns die Ruhr ins Land gebracht.« »D' Ruhr?« rief Liesl erbleichend und an allen Gliedern zitternd. »Is's wirkli im Anzug?« »Leider ja!« erwiderte der Arzt; »sie steht schon vor der Thüre; aber es werden sofort die strengsten Maßregeln dagegen ergriffen. Gebe Gott, daß unser Mittenwald davon verschont bleibt!« Als der Arzt dann Jakl besuchte, fand er sein Befinden ohne alle Gefahr. Er hielt dessen Nerven infolge körperlicher Ueberanstrengung für geschwächt und ordnete ihm die größte Ruhe für die nächsten Tage an, das einzige Mittel, das sich sofort wirksam bei ihm erweisen würde. Liesls Mutter hatte dem Kranken inzwischen eine 146 kräftige Fleischbrühe gebracht, und nach dem Weggehen des Doktors fragte auch Liesl wieder an, ob sie zu dem Freunde dürfe. Ihre Mutter aber meinte, sie solle es bei einem flüchtigen Abschied bewenden lassen, damit der junge Mann in seiner Ruhe nicht mehr gestört würde. So reichte sie dem Geliebten nur noch herzlich die Hand und wünschte, daß er sich so rasch, als es nur immer möglich sei, erholen möchte. Lebhaft bedauerte sie, daß nun das heutige Freudenmahl nicht stattfinden könne, aber sie hoffte, daß dies schon in den nächsten Tagen nachgeholt werde. Jakl sah dem Mädchen mit einem unaussprechlichen Blick in die schönen Augen und drückte ihm die Hand. Sein Blick verfolgte das Mädchen bis zur Thüre; sobald sich aber diese hinter demselben geschlossen hatte, schloß er auch seine Augen und – wieder war es die Jugendfreundin, von der er weiter träumen mußte. Die alte Nandl war inzwischen von dem sonntägigen Gottesdienste nach Hause gekommen. Sofort übernahm sie die Pflege Jakls, kommandierte selbst die Mutter aus ihres Sohnes Stube und setzte sich leise auf einen Stuhl zu Füßen des scheinbar Schlafenden. Dieser schlug jetzt die Augen auf, und da er sich mit Nandl allein in der Stube sah, flüsterte er: »Nandl, i muaß dir was sag'n.« »Sag mir iatz nix,« antwortete diese, »verhalt di ruhig, schaug, daß d' wieder einschlafen kannst.« »I hon nit g'schlafen,« versetzte Jakl, »i hon grad denkt, und an wen moanst, daß i denkt hon, daß i denken muaß mit aller Gewalt?« »No', halt an d' Marietta, an dei' Wei'.« 147 »Na', na', dös is's ja!« sagte Jakl voll Unruhe. »An die schwarz Liesl muaß i denken. Es is mir grad, als wenn's lichterloh brinnet in mir, seit i's in meina Arm g'halten hon. Nandl, i verkenn mi nimmer, i hon dös Deandl gern über die Maßen – zum Narrischwern!« Die Alte stand einen Moment sprachlos und mit vor Staunen weit offenem Munde vor dem jungen Manne. Dann aber rief sie, die Hände zusammenschlagend: »Heilige Muatta Anna! Dös is ja a Sünd – a Todsünd! Jakoberl, dös därfst nit!« »A Todsünd? Und wenn mei' Seligkeit drüber z' Grund gaang – i woaß nit, was 's is – i kann nit anders.«. »Was 's is?« sagte Nandl. »O, mei Buawerl, was wird's sei'? I woaß's wohl. Wenn da Himmi d' Liab anzünd't hat in an' Menschenherzen, so kann's wohl diermal verbrenna bis auf an' kloan Funken, aber ganz lischt's nit aus. Und wie r bei an' Kohlhäufl 's Feuer durch an' leichten Luftzug wieder ang'facht kann wern, so lodert's zu Zeiten wieder hell auf und brennt lichterloh. Jakoberl, dös Feuer muaßt löschen, sunst brennt 's dir d' Seligkeit zam« »Mit was willst d' es löschen? Alle Wasser reicheten nit hin, nit amal 's Meer, nit amal d' Sintflut.« »Dös braucht's alles nit; du brauchst grad dei Marietta dazua. Denk an dei' arm's Wei', dös ihra Hoamet verlassen hat, und dir g'folgt is, d' Not und 's Elend mit dir teilt hat, die dir vertraut als Mann. An sie denk und vergiß dein' frühern Schatz wieder, so viel als d' es vermagst. Du hast di heunt als Mann zoagt; bleib's. Geh zu der Marietta!« 148 »Dös wird wohl 's Beste sei,« erwiderte der junge Mann, einige Augenblicke nachsinnend. »Aber no' heunt geh i zu ihr – glei – ohne Verschub, sunst kann i nit für mi guatsteh'n. Ja, ja, bei der Marietta kimm i wieder zu mir selm. Glei iatz geh i zu ihr!« »Glei kann's nit sei',« wehrte die Alte. »Morg'n is aa no' Zeit dazua; heunt muaßt di erhol'n, heunt bist krank.« »O, mei', Nandl, die Verhältniss' macha mi krank, bringa mi no' um. I bin dera G'schicht nit g'wachsen. Aber für iatz is's scho' vorbei. Es is nur wieder so a dummer Anfall gwen; i gspür nix mehr.« »Na', na', Jakoberl, dös geht nit. Mit der G'sundheit därfst koan Spaß treib'n, die hitzi Ruhr regiert in Tirol drent, d' Leut sag'n, scho' morg'n kimmt 's Militari und sperrt d' Grenz ab; neamd därf mehr umma, daß d' Kranket nit eing'schleppt wird.« »Morg'n scho'?« rief Jakl sich erhebend. »So is's um so nötiger, daß i no' heunt mei' G'schäft abmach. Koa' Stund is zu verliern.« »Was für a G'schäft?« fragte Nandl beunruhigt. »Himmlischer Vata, du hast nix Guats vor. Jakoberl, wo hast dös Geld her, dös d' mir heunt geb'n hast für 'n Schändl als Abzahlung für dei' Schuld? Red! I will's wissen. Du sagst nix?« Und ihn fest ins Auge fassend, und jedes Wort langsam betonend, fuhr sie fort: »Solltst es durchs Paschen gwunna hab'n?« Der junge Mann wurde erst rot, dann blaß und kämpfte sichtlich mit sich selbst. »Dir kann i's ja anvertrau'n,« sagte er dann leise und mit unsicherer Stimme. »Du hast 's erraten. 's 149 Hauptg'schäft geht aber erst heunt nacht vor sich. In der Leutasch is d' War; bring i die no' glückli umma, so bin i reich, so vermag i 'n Schändl sei' Geld wieder z' geb'n, und ehnda hab' i koan Fried. Auf ehrliche Weis' kunnt i nit in zehn Jahrn dös Geld zamscharrn und wenn i mi z' totrackern wollt. I kann d' Liesl nit um ihr Heiratsguat bringa. Da wär i ja dengerscht a Tropf, wie d' Welt koan mehr tragt. Drum muaß i mir dös Geld verschaffa, und pascht is nit g'stohl'n.« »O mei', Bua, steh ab von dein Vorhaben – i bitt di um Gottswilln! Du, der Blasijakl, und a Schwärzer! Schaamst di nit?« »I woaß, daß's unrecht is, aber heunt nacht soll's letztemal sei'. Suach ma's nit ausz'reden, alles is g'richt, es kann si nix fehln, und d' Hauptsach is, daß der Schändl sei' Geld kriegt. Und i muaß zu der Marietta ummi in d' Leutasch – zu der Marietta muaß i! Hast es nit selm g'sagt?« »Zu dera sollst scho'. Aber i bitt di auf die Knie, laß's Paschen geh'n! Du wirst auf ehrliche Art aa dei' Schuld zahln kinna mit der Zeit. I bitt di, folg mir, i moan's guat mit dir.« Und sie ließ sich wirklich vor dem jungen Mann auf die Knie nieder, die gefalteten Hände zu ihm erhebend. Jakl sah die vor ihm Knieende einige Augenblicke wie geistesabwesend an, dann besann er sich. »Steh auf, Nandl,« sprach er tröstend. »Wenn's d' gar a so dagegen bist, no', so will i's Paschen geh'n lassen. Aber zu der Marietta geh i glei', ohne Aufschub.« »No', meinthalben,« seufzte die Alte; »iatz is's mir scho' wieder leichter ums Herz. So geh halt in Gottsnam! 150 Mach dei' brav's Wei nit trauri; handl ehrli und brav mit ihr.« »Dös will i!« sagte Jakl entschieden. »I bring's mit, i erklär's öffentli als mei' Weib. Sag du der Liesl daweil alles, i vermag's nit. Sie wird mi verfluchen, wird mi verachten, in Gottsnam, es is iatz nimmer z' ändern.« »I will sehg'n, wie i ihr's beibringn kann,« meinte die Alte. »Es is a schwer's G'schäft, aber dir z' lieb will i 's unternehma.« »Und du wirst mir zum guaten reden, gelt, Nandl, und wirst ihr sagen, wie mir heunt z' Muat war?« »I werd scho' sag'n, was recht is,« versprach die Alte. »Laß 's neamd wissen, daß i furt geh, selm nit meina Muatta. Halt's g'heim.« »Wie kann i dös?« fragte Nandl. »Du laßt neamd in mei' Stub'n. Sag, i lieg im Bett, i schlaf, sag, was d' willst. I schleich mi hintnaus und kimm in der Nacht wieder. Laß d' Thür auf in Garten außi – und es bleibt dabei, neamd erfahrt, daß i no' nit da bin.« »Probiern will i 's ja. Wenn aber d' Muatta sagt, sie will zu dir, sie is d' Muatta?« »So sagst, du bist d' Nandl und leid'st es nit. Du woaßt scho', daß dir d' Muatta folgt, als waarst du ihra Herrin.« »No' ja, dös wird si scho' geb'n. Aber no' was! Bei der Nacht därfst mir d' Marietta nit ins Haus bringa. Laß 's lieber no' drent in der Leutasch, bis der Weg eben is. Stärk di no' mit an' Glasl Wein. Recht bangt mir, es kaannt dir unterwegs ebbs zuastoßen; es san netta 151 anderthalb Stunden zur Leutaschmühl, und dös grob Wetter!« »Grad dös Wetter paßt mir. Schau, daß d' Muatta nit spannt, daß i furtmach, und sperr nacha d' Stub'n ab. Verleug'n mi!« »Mei' Gott, da därf i ja dengerscht 'n ganzen Sunnta nix als luign (lügen) – nix als luign! O Jakoberl, was machst du aus mir no' in meine alten Tag! G'setzt aber, es kimmt der Doktor no'mal?« »Den laßt aa nit eini.« »Dös wird 'n aber beleidigen.« »So beugst vor. Du gehst zu eam, bedankst di bei eam und sagst, daß mir wieder pudelwohl is. Es is aber iatz Zeit, daß i geh. Verhalt i mi no' länger, so ziagt's mi wieder ummi zu der Liesl. I moan a so schier –« »Moan nix!« unterbrach ihn die Alte rasch. »Geh furt, Büawerl, mach, daß d' zu der Marietta kimmst, und bi (sei) a Mann! I seg'n di im Namen der heilin Dreifaltigkeit.« Sie besprengte ihn mit einigen Tropfen Weihwasser und verließ die Stube. Jakl aber warf einen Wettermantel um, nahm einen alten Hut und den Bergstock, stieg leise die Treppe hinab und trat durch die hintere Thür ins Freie. Noch einmal blickte er nach des Nachbars Haus, es zog ihn wie mit unwiderstehlicher Gewalt dahin, aber noch klang ihm Nandls Mahnung in den Ohren: »Geh zur Marietta!« Und unter strömendem Regen schlug er den Weg nach der Leutasch ein. 152 XII. Es überraschte in Schändls Haus durchaus niemand, als die Blasin die Mitteilung machte, ihr Sohn sei infolge seiner Unpäßlichkeit nicht im stande, dem Verlobungsschmause beizuwohnen. Auch die alte Nandl mußte dafür danken, da sie angeblich die Pflege des Lautenmachers übernommen hatte, dessen Stube sie abgesperrt und zu welcher man nur durch ihre Kammer gelangen konnte. Sie gab vor, Jakl hätte selbst nach Ruhe verlangt und wäre nun in einen gesunden, stärkenden Schlaf verfallen. So nahm Jakls Mutter ganz allein an dem Mahle teil, wobei sie ein über das andere Mal bedauerte, daß Jakl die Bavesen nicht mehr frisch und warm bekäme und nicht mit seinem Bräutchen und seinen künftigen Schwiegereltern »auf einen gesegneten Haushalt« mit dem guten Wein anstoßen könne. Dafür stieß man fleißig auf des Bräutigams Gesundheit an und auf eine glückliche Zukunft. Liesls Augen wurden freilich dabei immer naß, und ihre Mutter, die von heute an ebenfalls ganz für den Lautenmacher eingenommen war, suchte der Tochter durch liebende Worte Mut zuzusprechen. Aber des Mädchens bemächtigte sich mehr und mehr eine unbezwingliche Traurigkeit. »I kann dir's nit verdenken, Liesl,« sagte der alte Schändl, »daß 's dir nit paßt, a Verlobungsfest ohne Bräutigam z' feiern. Aber mei', es kommt gar viel vor 153 auf der Welt; ma' muaß 's halt nehma, wie 's kommt. Am nächsten Sunnta sitz ma g'wiß alle vergnügt beisamm und deine Augen wern wieder naß wern, aber nit aus Traurigkeit, sondern aus Freud.« »Heunt über acht Tag?« fragte Liesl. »Is mir 's dengerscht, als waar dös so lang, daß i's nimmer daleb'n könnt.« »No', dös is scho' zum Daleb'n,« versetzte die Mutter lachend, und auch die Blasin lachte mit, indem sie der Nachbarin verständnisvoll zunickte. Die beiden Frauen blieben nach dem Mahle beisammen sitzen und beratschlagten über die Hochzeit, über die Mitgift und darüber, wie es sich in Zukunft zwischen den Nachbarhäusern gestalten solle, deren alleinige Erben die zwei Verlobten waren. Liesl dagegen zog sich gleich ihrem Vater in den obern Stock zurück, wo ihre Zimmer aneinander stießen. Der alte Schändl fühlte das Beben im Herzen seines Kindes in seinem eigenen Herzen nachzittern. Des Mädchens innerste Seele sprach zu ihm aus ihren Augen. Blickte Liesl heiter, so war es auch er; aber wenn ihr Blick umdüstert und traurig war, so bemächtigte sich auch seiner eine tiefe Traurigkeit. Die bösen Ahnungen, welche Liesls Herz wie mit düsteren Schatten umzogen, senkten sich auch in das Herz des Vaters, und da war es denn wieder seine beste Freundin, seine Viola, die ihm für Freud und Leid hörbaren Ausdruck gab, ihn ergötzte oder tröstete, je nachdem er ihr sein Innerstes anvertraute. Ihm war es kein totes Instrument, das er im Arme hatte, ihm war es die treueste Busenfreundin und er stellte öfters darüber seine Betrachtungen an. Ihm kam die Geige wie das 154 menschliche Gemüt vor, wie der Spieler sie behandelt, so dankt sie ihm. Sie kann zart und milde sein, aber auch wild, schreiend und stürmisch. Sie kann jubeln und tönen, so fein, daß es dem Gesange der Seraphime ähnlich, sie kann aber auch traurig sein, grollen und klagen. Der tiefste Schmerz hallt aus ihr so gut wieder wie die höchste Lust. Wer nur recht versteht, was sie zum Ausdruck bringen kann, dem erst erschließt sich ihre Seele, sie spricht zu ihm und zu seinen Hörern. So wird sie dem Spielenden die beste Freundin, und erst, wenn er sie als solche kennen gelernt, tönt sie voll und rein und entzückt ihn durch ihre Töne. Die Geige will angefaßt sein wie das Gemüt; wer sie linkisch und rauh anfaßt, wird nur rauhe und schlechte Töne hervorbringen; sie will auch gestimmt sein zu reinem Akkorde. Wie das Gemüt nur dann, wenn es harmonisch und rein gestimmt, den Menschen froh und lebensfreudig macht, so erklingt auch die Geige nur dann schön, wenn ihre Saiten zusammenklingen und passen. Wie die Saite reißt, wenn sie überspannt wird, so vermag auch das menschliche Gemüt nur einen gewissen Grad von Anstrengung zu ertragen. Je mehr die Geige gespielt wird, desto besser wird ihr Ton, gleichwie der Mensch durch körperliche und geistige Arbeit gestärkt und veredelt wird. War es die trübe, regnerische Witterung oder die Ereignisse des Tages, die schlimmen Nachrichten über die heranrückende Seuche, es wollte ihm heute nichts Heiteres gelingen; fortwährend drängte es ihn zum Spielen des Beethovenschen Trauermarsches, bis er endlich dieses wundervolle Tonwerk ganz und mit aller Weihe durchführte. Liesl hatte leise die Thüre ihrer Kammer geöffnet 155 und lauschte mit gefalteten Händen und mit Thränen in den Augen dem Spiele des Vaters. Nachdem er geendet, legte sie die Hand auf die Schulter des kleinen Männleins und sagte: »Vata, du spielst so lebendi und wahr, daß ma förmli 'n Sarg siehgt, dem die Trauermusi vorangeht.« »Was für an' Sarg?« fragte der Alte zerstreut. »'n Jakl sein' Sarg hon i g'sehgn im Geist,« erwiderte Liesl, »wie 'n d' Bubenbruderschaft zum Grab g'leit't.« »Liesl!« rief jetzt der Vater verweisend und aufs höchste erschrocken; »wie kannst so was ausdenken! Freili, i bin selm dran schuld, warum spiel i solch traurigs Zeug! No', wart, i wer ge iatz ummi schaug'n zum Jakl und nachfrag'n, wie's eam geht. I will di scho' wieder lachat machen; ans Leb'n, nit ans Sterb'n sollst denken. Glei bin i wieder dahoam.« Er setzte seine Hauskappe auf und eilte ins Nachbarhaus. Nandl gab ihm die beste Auskunft über Jakl, der so ausgezeichnet gesund schliefe, daß sie ihn unmöglich wecken könne. Dagegen wolle sie ihm die dreihundert Gulden, welche ihr Jakl für Schändl eingehändigt, als Abschlag an seiner Forderung übergeben. Der Geigenmacher konnte sich gar nicht genug wundern, wie es Jakl möglich geworden, schon in den wenigen Tagen einen solchen Verdienst erzielt zu haben. Er wies aber das Geld zurück mit den Worten: »Was dös Geld anlangt, so wern wir bald quitt sein mitanand. Er soll si nur recht erhol'n. Heunt in acht Tag is d' Verlobung, und in sechs Wochen – dös sagst eam extra – is der Hochzettag von mir ang'setzt. Da soll's 156 fidel wern, Nandl, da tanz'n ma aa no' mitanand 'n Polsterltanz – nit a so?« »Meiz, Nachbar, i hon's Tanzen verlernt,« gab die Alte ausweichend zur Antwort. »Aber 's Singa hast no' nit verlernt, gel?« lachte Schändl; »und 's Liadl dichten, wie's d' es so schö' kinna hast. Erst vor etli Tag hab'n ma dei' Liad von anno Fünfe g'sunga auf der Wiesmad draus.« »Ge, du tribulierst mi! Wer denket no' an dös Liad?« »Oana, auf den's d' nit rat'st: der Zunderer Michl. Und schö' hat er's g'sunga, völli d' Aug'n san eam überganga vor lauter Begeisterung.« »Is's mögli? Der alte – Mensch?« »In no', dös därf di nit verdriaßen; du hast es ja seinerzeit dicht't für die ganz Welt und für 'n Michl hast koa' Ausnahm g'macht. Is's nit a so? Grüaß ma 'n Jakl schö', wenn er aufwacht, von mir und der Liesl. Dös Deandl wird ma ganz trauri. O mei', Nandl, Zeit is's, daß 's amal zamkemma, unsere Kinda.« »O, waar 's scho' ferden (voriges Jahr) der Fall gwen!« seufzte Nandl. »I hon's nit verzögert,« beteuerte Schändl; »'n Jakl sei' Muatta hat si halt nit geb'n woll'n, und mei' Alte hat aa gern »na« g'sagt; aber heunt san ma alle unter oan Huat. Und so b'hüat di, alte, treue Seel, und schau auf unsern Jakl, daß eam nix abgeht.« Nachdem Schändl das Haus verlassen, setzte sich die Alte in einen Lehnstuhl und dachte darüber nach, was ihr der Nachbar von ihrem Volkslied gesagt und wie der Zundermichl dasselbe mit Begeisterung gesungen habe. Dies berührte sie ganz eigentümlich. 157 »Er hat dengerscht no' a Fäserl a Herz,« sagte sie sich mit Befriedigung. »I werd eam dös vergelten, so bald si a Glegnat find't.« Dann schloß sie die Augen und wand die spärlichen Blüten ihres Lebens sorgsam zu einem lieblichen Kranze der Erinnerung. Schändl aber heiterte durch seine gute Nachricht über Jakls Befinden die arme Liesl wieder auf, und bald war sie nicht mehr wie vor einer Stunde voll düsterer Ahnungen, sondern sah sich mit der Brautkrone geschmückt, glücklich, selig. Und der Vater fand dieser glücklichen Stimmung entsprechende Weisen auch auf seinem treuen Instrumente. Den nachmittägigen Gottesdienst besuchten Vater und Tochter, diese in der kleidsamen Mittenwalder Tracht mit grünem Bandhütl, zusammen; und da der Regen inzwischen aufgehört, kehrten sie nicht sofort wieder heim, sondern machten einen Spaziergang auf der prächtig gehaltenen Straße gegen Scharnitz zu. Da kam aus dem zunächst dem Zollamte gelegenen Wirtshause der Zundermichl, wie es schien, noch in ziemlich nüchternem Zustande. Er grüßte ehrerbietig den Geigenmacher und seine Tochter und letztere rief ihn heran, um ihm ein Trinkgeld zu geben, denn sie wußte wohl, wie er heute beim Bubengericht zu Gunsten Jakls ausgesagt, trotzdem er vom Ankläger als Zeuge herbeigebracht wurde. »O, bitt schö',« sagte er, »dös hon i nit verdeant. Heunt hon i nit Heu g'stampft; aber auf Abschlag für künftige Arbet nimm i's. Vergelt's Gott!« 158 »Wo steuerst denn no' hin heunt?« fragte ihn der Geigenmacher. »Am liabsten bleibet i dahoami,« meinte Michl, »denn mir is nit gar extri heunt. Aber unseroana hat halt seine eigna Gaang.« Und leise fügte er bei, dabei nach dem Zollamt schielend: »In d' Leutasch muaß i no' ummi. Braucht's aber neamd z' hör'n.« »Ah so!« entgegnete Schändl. »Der Zunderhandl führt di g'wiß nit ummi, und der Mittenwalder Schnaps, moan i, waar grad so guat, wie der vom Bruckenwirt drent. No' ja, mi geht's nix an. B'hüat di der Himmi.« »Aa so viel – aa so viel!« gab der Alte zurück. »Gelt's Gott! I werd' scho' trinken auf Enka Wohl und der Jungfer 's ihra, g'wiß is's wahr. B'hüat Gott!« Und er stieg gegen die Schießstätte zu. Am Zollamtsschlagbaum stand der Einnehmer mit einem Grenzaufseher, welche dem Schlemmer nachsahen, und Liesl glaubte genau zu vernehmen, wie der letztere zum erstern sagte: »Mit dem red'n ma' heunt nacht aa no' a Wörtl am Franzosensteig.« Dann sprachen beide leise mit einander. Liesl knüpfte daran seltsame Vermutungen, über die sie auch mit dem Vater sprach. Aber dieser meinte, da der Zunderer nachts meistens betrunken von seinen Gängen heimkehre, möchte wohl die Aeußerung des Grenzwächters, der bei seinen nächtlichen Patrouillen sicher oft mit dem alten Lumpen zusammentreffe, darauf Bezug haben. Liesl dagegen glaubte aus den Mienen des Grenzwächters und seinem Geflüster mit dem Einnehmer entnehmen zu müssen, 159 daß man den Zunderer auf verbotener Thal ertappen wolle, und dies konnte nur eine Pascherei sein. »Geh'n ma dem Alten nach und warna ma 'n,« meinte Liesl gutherzig; »s 'kost't uns nix und leicht bringt's den arma Mo aus ara G'fahr.« »Ja, dös thuan ma'!« pflichtete der Vater seiner Tochter bei; »dös is nit mehr als christli', wenn ma' 'n von a schlechten That abhalten, weil er sunst dawischt wird.« Sie gingen also dem Zunderer nach und holten ihn auch bald auf dem steil ansteigenden Bergweg ein, den er sich auffallend mühselig hinanschleppte. »Michl,« sagte der Geigenmacher, »du därfst mir scho' vertraun, du kennst mi. Also hör mi an: wenn du heunt auf der Leutasch über'n Franzosensteig ebbas ummapaschen 160 wollt'st, so laß 's lieba gehn. Es muaß beim Zollamt verraten sei'; d' Aufseher passen dir auf.« »Wahrhafti?« fragte der Zunderer erschrocken. »Dös waar zwida. Oes habt's nit unrecht, es is was dran. Meinoad, es is was dran.« »No', so laß 's bleib'n,« versetzte Schändl. »G'warnt bist; sei g'scheit.« »Höllseiten!« sagte der Alte leise;»wenn's nur grad der ander aa wüßt, den i nachts droben am Alpelberg erwarten und an' extrig'n Steig weisen muaß. Es handelt si da um mehr als tausend Gulden Seidenwar – Höllseiten!« »So wirst wissen, wie's d' eam's beibringst,« meinte der Geigenmacher. »Dös woaß i nit,« entgegnete Michl. »Mir is woltern unguat heunt, mei' Magen is nit in Richtigkeit, nit amal d' Sulz hat ma g'schmeckt im Wirtshäusl unt, und der Schnaps kimmt ma vor, als hätt' er mir d' Freundschaft aufg'sagt. Wenn's nit oana waar, für den i mei' Leb'n lasset, machet i a so heunt koan Schritt mehr; 's is ma a so in die Füaß, als müaßt i alle Bot umsinka. Aber da fallt mir was ein! Schickt's Oes ebban ummi in d' Leutaschmühl zum –« »Na', na', sei staad!« unterbrach ihn rasch der Geigenmacher; »wir woll'n nix wissen von deine G'heimnis. Du bist g'warnt, der ander geht uns nix an.« »Dös is's eben, der geht Enk mehr an, als mi,« versetzte Michl. »I soll's freili nit verraten, aber i fürcht, i kann's nimmer damachen in d' Leutasch ummi, und er muaß g'warnt wern. Was saget d' Nandl dazua, wenn i 'n Jakl warna kunnt und thaat's nit.« 161 »Nandl? Jakl?« fragten Schändl und seine Tochter verwundert. »No' ja, der Blasi Jakl is der ander,« erklärte Michl einfach. »Dös is a schamlose Lug!« rief Liesl empört. »Schänd's mi nur, es is dengerscht a so,« behauptete der Zunderer. »Du hast an' Rausch,« meinte der Geigenmacher. »Dös Mal nit, g'wiß nit!« versicherte der Alte. »Der Jakl thuat Nummer oans so was nit,« fuhr der Geigenmacher fort, »und Nummer zwoa is er krank und liegt dahoam im Bett.« »Da seid's g'schlenkt (getäuscht)!« antwortete der Zunderer schmunzelnd. »Nummer oans hat der Jakl die ganz Wocha über mit mir pascht und Nummer zwoa liegt der Jakl nit dahoam, dös kann i enk beschwörn.« »Du abscheulicher Verleumder!« rief Liesl erzürnt. »Abscheuli bin i scho', aber verleumden und verraten thua i neamd; i sag's grad enk, weil i woaß, daß's ös 'n Jakl nix gschehgn laßt's, denn i hon 'n Jakl gern. Um mi waar's nit schad. Was liegt mir dran, ob's mi dawischen oder nit. Nehma könna's ma nix, weil i nix hab', und wenn's mi einsperr'n, nacha müassen's ma z' essen geb'n. Aber 'n Jakl is viel z' nehma: d' Reputation und 's Vermögen. Den därf ma nit sitzen lassen. I brauch enk nit dazua. I schick halt ebban andern ummi in d' Leutasch. Aber nacha woaß 's halt wieder oana mehr, und 's waar halt scho' guat, wenn's nit weiter bekannt weret.« »Ge, Vata, geh' ma hoam!« bat Liesl. »D' Nandl 162 muaß uns zum Jakl einilassen, und nacha wern wa's ja hör'n, ob uns der Michl zum Narr'n g'halten hat.« »Ja, dös thuat's,« versetzte der alte Schlemmer. »Und nacha schimpft's recht über den alten Lumpen. Aber vorher wart's es ab, wie si die Sach g'stalt't. Kimm i nimmer weiter, so bleib i drob'n am Höllkapellein lieg'n, bis's mir Botschaft thuat's, daß der Jakl dahoam is, was i selm um meisten wünschet. Aber er is nit dahoam. I hon 'n selm um Mittag g'sehg'n, wie r er si furtg'schlichen hat, auf Ehr und Seligkeit! B'hüat Gott! Nix für unguat!« Und er stolperte mühselig weiter. Der Geigenmacher und seine Tochter aber schlugen doch eiliger, als sie es sonst gethan hätten, den Weg nach Hause ein. »So is's,« sagte Schändl unmutig, »söchane Lumpen soll ma laufen lassen. Wir hab'n 'n g'warnt aus Barmherzigkeit und er macht si dafür mit uns an' Spaß.« Auch Liesl äußerte sich in der schärfsten Weise über den alten Verleumder. Aber zu Hause angekommen, war doch ihr erster Gang ins Blasi-Haus zu Nandl, um sich nach Jakl zu erkundigen. Nandl erzählte die alte Geschichte, that, als ob sie sich freue über Jakls gesunden Schlaf und seine sicher baldige Genesung. Liesl aber trat rasch zur Thüre, die in Jakls Kammer führte, und öffnete dieselbe. »Deandl, was machst?« schrie Nandl erschrocken. Aber Liesl hatte sich bereits überzeugt, daß Stube und Bett leer waren. Wie gebannt blieb sie auf der Schwelle stehen. 163 »Nandl,« sprach sie mit bebendem Lippen, »du hast mi ang'log'n. Wo is der Jakl?« »No', so in Gottsnam, i kann's nit ändern, und luign mag i nimmer. Drent in der Leutasch is er.« »Also doch!« rief Liesl. »I woaß aa, was er drent thuat – paschen will er heunt nacht.« Nandl, die bei den ersten Worten heftig erschrak, beruhigte sich wieder etwas. »Ja, so is's, so hat er's vorg'habt,« bekannte sie. »Es is verraten worn. Mei' liawa Himmi, wie eam nur so was eing'fall'n is?« »Dös is eam eing'fall'n, weil er mit aller G'walt sei' Schuld dein' Vatan zahl'n will; dös laßt eam koa' Ruah mehr Tag und Nacht.« »O, mei' liawa Bua, wie kommst auf so was!« rief Liesl händeringend. »Aber da is koa' Zeit mehr zu verlier'n, er muaß g'warnt wern, geht's, wie 's will. Er därf nit in Schand und Straf kemma weg'n meina.« »Is dös alles, was d' woaßt?« forschte Nandl. »Is's nit gnua?« gab Liesl zurück. »Jeder Augenblick kann 'n in G'fahr bringa. B'hüat di Gott, Nandl; i werd sorg'n, daß eam nix passiert.« »Wie willst dös macha?« fragte Nandl besorgt. »Mei' Lieb wird mir scho' 's rechte finden lassen,« versetzte das Mädchen. »In der Not bewährt si 's Herz, und mei' Herz g'hört 'n Jakl.« Damit eilte sie aus der Stube. Nandl aber machte ihr das Zeichen des Kreuzes nach und sagte: »Gott stärk dei' Herz, du brav's, arm's Deandl.« 164 XIII. Jakl war, ohne einen Rückfall in seiner Gesundheit zu erfahren, in das so prachtvolle Wiesenthal der Leutasch gewandert, welches durch den Südabsturz des Wettersteins, die nördlichen Abhänge des Arngebirgs und andere ebenbürtige Felsenmassen gebildet wird und ein volles, unverfälschtes Hochalpenbild in dieser Riesenwelt veranschaulicht. Heute nun freilich sah man nichts als dichte Wolken und Nebelmassen, und ohne Unterlaß strömte auch hier der Regen. Die Häuser in diesem Thale liegen meist zerstreut umher und ihre Bewohner sind in mancherlei Weise verschieden von den Leuten in den Nachbarthälern. Sie haben sämtlich blonde Haare und dunkle Augen, und sowohl die Männer wie die Frauen rauchen hier Tabak aus kurzen Pfeifen. Die Männer tragen einen kleinen schwarzen Hut, kurze Joppe und lange Hosen nebst Bundschuhen, die Weiber schwarze Filzhüte mit aufgebogener Krämpe, enge Mieder und kurze Röcke. Am Höllkapellein vorüber gelangt man von Mittenwald in einer Stunde über die alte Schanze in das Leutaschthal und zu dem hier sich befindenden Bruckenwirt. Eine halbe Stunde weiter aufwärts ist die Leutaschmühle, die nicht nur wegen der guten leiblichen Stärkung, welche hier zu haben, sondern auch wegen der höchst originellen, resoluten Müllerin, rühmlichst bekannt war. Hier befand sich seit gestern abend Marietta und 165 harrte mit Sehnsucht des geliebten Mannes, und als er endlich kam, begrüßte sie ihn mit lautem Jubel. Jakl hatte sich auf dem Herweg einen Plan zurechtgelegt. Er wollte für die nächsten Jahre in das Instrumentengeschäft eines Freundes zu Innsbruck treten, der ihm schon öfters einen derartigen Antrag gemacht. Es schien ihm unmöglich, mit Marietta in unmittelbarer Nachbarschaft der schwarzen Liesl leben zu können, und so nahm er sich fest vor, sofort diesen Plan in Ausführung zu bringen. Dies war in Bezug auf Marietta umso leichter zu bewerkstelligen, als die Müllerin, eine für Jakl wegen seines schönen Lautenspiels sehr eingenommene Frau, ohnedies an einem der nächsten Tage über Telfs nach Innsbruck reiste und sich gern bereit erklärte, die junge Frau mitzunehmen, und zu dem Instrumentenmacher, den die Müllerin wohl kannte, zu verbringen. Jakl versorgte Marietta hinreichend mit Geld, damit sie sich mit besseren Kleidern versehen könne und in jeder Weise gesichert sei. Er wollte in ein paar Tagen, nachdem er zu Hause seine Sachen geordnet, nachkommen. So sollte die Marietta stets so schwer fallende Trennung von ihrem Gatten endlich ein Ende nehmen. Sie konnte freilich nicht begreifen, warum sie Jakl nicht in sein Vaterhaus führe, und obwohl ihr dieser hierauf nur ausweichende Antworten gab, war sie doch erfreut, in Innsbruck wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen, und von ihrer Freude, von ihrem Glück teilte sie auch dem Manne mit, besonders da sie ihm eine Entdeckung machen konnte, die seine Augen freudig aufleuchten ließ und wofür er sie zärtlich an sein, wie er sich wohl eingestehen mußte, so treuloses Herz preßte. 166 Diese glückliche Nachricht schlug ihn auch sofort wieder ganz in die Bande seines Weibes und erheiterte sein in letzter Zeit herabgestimmtes Gemüt. Die Müllerin, angethan mit einem weißen Janker und einer weißen Zipfelkappe, die Unterröcke in eine weite blaue Hose gebauscht, Kleider und Gesicht mit Mehl bestaubt, hatte das glückliche Ehepaar in die untere Stube geladen, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Die Müllerin versah nämlich in geschäftlicher Hinsicht die Stelle ihres Mannes. Sie war »der Müllermeister,« ihr Mann, ein willenloses Geschöpf, besorgte die Oekonomie und die nötige Handelschaft und hielt sich zumeist in den Wirtshäusern im Thal auf. War die Müllerin verhindert, selbst beim Mahlwerke zu sein, so stand das Werk still. Dies war hauptsächlich der Fall, so oft ein neuer Weltbürger auf der Mühle eintraf, und die kräftige, heitere Frau kannte keine größere Freude, als ihre elf gesunden, pausbackigen Kinder Freunden und Bekannten vorzustellen und bewundern zu lassen. Das that sie auch jetzt wieder mit demselben Vergnügen, nachdem sie Jakl und sein junges Weib in die untere Stube geleitet hatte, in welcher acht Sprößlinge sich herumbalgten, während zwei in der Wiege lagen und das jüngste Kind von einer Wärterin auf den Armen getragen wurde. »Laßt's enk durch den Kinderspektakel nit scheniern,« sagte sie; »z'weg'n 'n Reg'n kinnas heunt nit außi und da hab'ns halt herin ihra Freud. Was theat's denn, Kinder?« »Fangaspieln!« hieß es von seiten der Kleinen. »So spielt's nur zua, aber ordentli, und macht's nit 167 z'viel Lärm,« mahnte die Mutter, und da die Glocke in der Mühle ertönte, fuhr sie fort: »I muaß in d' Mühl und aufschütten; glei werd i wieder da sein.« Die Kinder aber bildeten, wie sie es vielleicht schon seit einer Stunde gethan, einen Kreis, in dessen Mitte ein Kind herumgeht, einen Reim sprechend und bei jedem Worte die Umstehenden der Reihe nach mit der Fingerspitze betupfend. Das Kind, bei welchem der Spruch endet, muß der Fanger sein. Wer vom Fanger erwischt wird, tritt an dessen Stelle. Ein solcher Spruch lautet: »Anderli, Wanderli, Schlag mi nit, Kraut und Ruam mag i nit, Backne Fisch eß i gern, Du muaßt der Faher (Fanger) wern.« Oder: »Edelmann, Bettelmann, A Burger, a Bauer, A Wirtin, a Gräfin, A herrische Frau, Burgermoasta, außi thaan.« Oder: Eins, zwei, drei, Tippet, tappetei, Tippet, tappet Besenstiel, Geht a Mannl auf der Mühl, Hat a staubigs Hüatl auf, Und an' Vierazwanz'ger d'rauf. Eins, zwei, drei, Du bist frei, Der Naachst muß 's sei'!« Marietta sah diesem Spiele der heitern, frischen Kinder mit großem Vergnügen zu. Nun kam auch die Müllerin 168 wieder in die Stube und gebot ihren Sprößlingen, vor den Tisch des jungen Ehepaares zu treten und im Chor ein lustiges Tirolerlied zu singen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und die Kinder postierten sich um sie herum, und nun begann der Gesang. Mit kräftigen, frischen Stimmen sangen die Kleinen, Diskant und Alt wohl beachtend, ein hübsches Lied mit Jodlern zur Verherrlichung der Tirolerheimat. Die Müllerin sang mit und auch Jakl hatte nach der an der Wand hängenden Guitarre gegriffen und begleitete damit den Gesang, dem noch mehrere andere Lieder folgten. Später sang auch Marietta ein Lied, und Jakl wurde von alledem so erheitert, daß er sich nur des Augenblicks freute, und er sang soeben selbst eines seiner heiteren Lieder, in welches alle, alt wie jung, am Schluß jedes Reims mit einstimmen mußte, als diese Unterhaltung auf ganz unerwartete Weise plötzlich unterbrochen wurde, denn in der offenen Thüre erschien – die schwarze Liesl. Jakl war es zu Mut, als ob der Racheengel erschiene, ihn zu Gericht zu fordern. Doch saß auch er regungslos vor Schrecken da, so erhob sich sofort Marietta mit dem Ausdruck der Freude und eilte auf die Ankommende zu; desgleichen die Müllerin. »Dös is a seltna Hoa'gast!« rief die letztere; »d' Jungfer Liesl giebt ma die Ehr! Grüaß Gott, liabs Deandl.« »Du kommst, mich aufsuchen?« fragte nun Marietta, indem sie Liesl zu einem Stuhle führte;»und bei die schlechte Wetter!« Jakl hatte Zeit gefunden, sich zu sammeln. Auch er kam jetzt herbei, getraute sich aber nicht, der Freundin 169 die Hand zum Willkomm zu reichen. Diese aber that es ihrerseits und sagte: »Der Vata is vorn beim Bruckenwirt, er laßt dir durch mi a Botschaft thuan weg'n an' Handel.« Sie entfernte sich einige Schritte von den anderen, trat ans Fenster und winkte Jakl zu sich heran, dieser aber versetzte: »Sag glei', was 's is, Liesl. I will koa' G'heimnis mehr machen. Hat d' Nandl g'red't?« »Der Zundermichl hat's uns g'sagt, daß d' heunt nacht schwärzen willst,« erklärte Liesl; »aber es is verraten worn. Am Franzosensteig passen dir d' Aufseher auf. Der Zundermichl is krank, sunst wär er selm zu dir kemma. Also laß's bleib'n, nit nur heunt, sondern für alleweil, und geh mit uns hoam.« Sie sprach dies mit leisen, aber eindringlichen Worten, dann wandte sie sich wieder zu den übrigen. Es war ihr eine Zentnerlast vom Herzen, sie wußte nun, daß dem Geliebten keine Gefahr mehr drohe. »Wie geht's denn dein' Mann?« fragte sie jetzt ganz überglücklich Marietta. »Du singst und spielst, da fehlt' si's nimmer weit, nit wahr?« »Mein Mann?« fragte Marietta, verwundert auf Jakl blickend, aber dieser machte ihr ein Zeichen, das auch die Müllerin verstand, die ja von ihm bereits unterrichtet war, daß seine Ehe vorerst noch geheim gehalten werden müsse. Und als Marietta auf ihre Frage keine weitere Antwort gab, fuhr Liesl fort: »Wo is er denn, dei' Mann?« »Der is furt gen Innsbruck,« gab die Müllerin statt 170 der Fremden zur Antwort, »und d' Marietta fahrt mit mir übermorg'n nach.« »Also is's nix mehr mit der Wiesmad?« entgegnete Liesl. »Es wird aa bei uns ausg'setzt, bis's Wetter wieder ganz schön worn is; dös is's, was i dir sag'n hab' wolln. Und, Jakl, wie geht's denn dir? Du bist do' heunt fruah sterbenskrank gwen? Verstellt hast di g'wiß nit; du siehgst aber iatz so guat aus, daß i mi nit gnuag wundern kann.« Und leise fügte sie hinzu: »Recht falsch war's scho' von dir, 's Verlobungsessen zu versäuma und ans Paschen z' denka. D' Nandl hat mir's g'sagt, was di dazua treibt; da drüber red'n ma no'. Dös waar a dumme G'schicht. Mei' Vata will dös Geld nimmer, er wird dir's scho' selm sag'n. Und iatz möcht i aa mit enk lusti sei', möcht mit enk singa und enka Spiel hör'n.« »Und essen und trinka sollst,« sagte die Müllerin; »da setz di nur her zum Tisch, und meine Kinder singa dir a Tafellied, wie's d' es nit schöner hör'n kannst. Weiter, Kinderln, fangt's nur wieder an. D' Liesl singt aa mit, die kann's besser wie wir alle mitanand.« Die Kinder begannen wieder ihren heitern, gemütvollen Gesang, an dem sich Liesl mit Freuden beteiligte. Jakl war nun freilich in einer recht sonderbaren Lage. Er fühlte, wie Liesls Blicke zärtlich an ihm hingen, er mußte an Nandls Worte denken; selbst jetzt, da das Mädchen wußte, daß er auf verbrecherischem Wege wandle, verachtete sie ihn nicht. Ihr Blick war noch so liebevoll, so feurig wie am Morgen, aber bezaubern konnte er ihn doch nicht mehr. Das Geheimnis, welches Marietta ihm heute entdeckt, fesselte ihn mit tausend Banden an dieses 171 Weib, dem er nie wieder, selbst nicht in Gedanken, untreu werden wollte. »Ge, Mariett, spiel uns an' Tanz auf dein' Instrument,« bat jetzt die Müllerin; »d' Kinder möcht'n tanzen, und i sehg's aa so gern, wenn si was draaht; für was waar i denn a Müller. Und der Jakl hat's ja aa kinna sunst, er wird's wohl nit verlernt hab'n im Welschland. Ge zua, tanz mit der Liesl, und wenn's d' magst, aa mit mir; g'fälliger Verlaub! Und wird enk d' Stub'n z' eng, so is's Flötz aa no' da.« Und während sie noch über ihren Einfall lachte und die Stubenthür öffnete, begann Marietta schon eine Tanzweise, bei deren Klängen die Kleinen sofort paarweise zu tanzen begannen. Jakl zwang sich zur Heiterkeit und bat Liesl um einem Tanz, wozu diese mit Freuden bereit war. »So mach ma heunt dengerscht no' unsern Verlobungstanz,« flüsterte sie ihm glückselig zu. Aber Jakl hätte es jetzt nicht mehr übers Herz bringen können, sein falsches Spiel dem edlen Mädchen gegenüber noch länger fortzusetzen. Für den Verlobungstanz hielt sie, was das Ende ihres Liebesglückes bilden sollte. Jakl tanzte mit ihr durch die offene Stubenthür in das geräumige, mit Tisch und Bänken versehene Flötz hinaus. Hier hieß er das Mädchen, sich ausruhen. »Wer hätt' dös heunt fruah denkt!« sagte Liesl. »O mei', Jakl, wie is mir leicht, daß i di außer G'fahr woaß, daß i bei dir bin! Es is Zeit, daß wir bald ganz beisamm san, gel, mei' liaba Bua? Was schaugst mi so groß an?« »Liesl,« entgegnete Jakl, »i halt's für a Verbrecha, wenn i di no' länger im Ung'wissen laß. I moan schier, 172 mei' Zung bringt's nit für, i moan, es druckt mir 's Herz ab, i muaß in 'n Erdboden einisinka vor dein' Blick, aber es is feig gwen von mir und schlecht, daß i dir's nit mit G'walt hon z' wissen tho'.« »No', was wer i da hör'n?« fragte Liesl, sich zum Lächeln zwingend. »Du red'st ja daher, als wenn's d' mir a groß's Unglück verkünden müaßt, und i kenn auf der Welt bloß oa Unglück, dös mi niederdrücken kunnt, und dös wär, wenn's d' mir sterbest.« »I bin so viel als g'storb'n für di, Liesl – heb auf dein' Arm und verfluach mi –« »Jakl,« rief jetzt Liesl, »was wirst so blaß? Du bist krank; setz di nieder, erhol di, du kannst nimmer stehn –« »So werf i mi nieder auf d' Kniee vor dir und bitt dir ab, du heilis Deandl. Liesi, mit uns muaß 's aus sein auf dera Welt, denn d' Marietta is mei' antrauts Weib.« Das Mädchen war entsetzt aufgesprungen, doch faßte es sich rasch wieder und sagte in verweisendem Tone: »Aber, Jakl, was magst so a Komödie aufführ'n? Steh dengerscht auf! Gel, du willst mi grad prüfen z'weg'n meina Red heunt fruah, daß i dir alles verzeihn kunnt, was d' aa verbrochen hätt'st? No', dös kannst dir wohl selm denken, daß i alles vertrag'n könnt, Schand und Schmach, grad oans nit: wenn's d' mir mei' Herzensglück zerstörest, wenn's d' – aber steh dengerscht auf, i mag dös nit leiden, mit söchane Sachen is nit z' spassen.« »Es is Ernst, Liesl!« antwortete der junge Mann, aufstehend. »I kimm mir in dem Augenblick so elendi für, daß koa' Stolz in mir mehr aufkemma kunnt, so lang i leb; scho' vor acht Tag hon i dir's sag'n woll'n, 173 aber die Schuld an dein' Vata wollt i z'erst abtrag'n. Heunt hätt' dir's d' Nandl entdecken soll'n, weil's mir z' hart ankemma is; länger kann i nimmer 'n Falschen geg'n di spieln, und wenn mi a Blitz zamschlaget – i muaß d' Wahret enthüll'n: d' Marietta is mei' Weib. Da kimmt's selm, sie soll's bestätigen.« Marietta hatte sich, von einer gewissen Unruhe getrieben, nach dem Paar im Hausflur umsehen wollen, und hörte soeben Jakls Worte. Liesl, das Ungeheuerliche in Jakls Worten nach und nach erkennend, eilte gleichwohl auf die Welsche zu, und sie bei der Hand nehmend, rief sie, zitternd und erbleichend, als würde jetzt ihr Todesurteil gesprochen: »Marietta, is's wahr, was der Jakl sagt, bist du sei' Weib?« »Ich es sein seit einem halben Jahr,« erwiderte Marietta. Ein gellender Schrei hallte durch den Hausflur. Liesl wankte. Marietta schlang den Arm um sie und brachte sie zu der Bank, auf welcher sie wie gebrochen niedersank. »Was geschehen?« fragte Marietta, erschrocken ihren Mann anblickend. Dieser hatte sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt. »Was geschehen?« rief die Welsche wieder, sich an Liesl wendend, deren Busen hoch aufwogte und deren stierer Blick auf Jakl gebannt war. »Was gschehgn is?« versetzte diese jetzt mit klangloser Stimme, »nit viel – 's Herz von an' treu'n Deandl is brocha; was liegt da viel dran!« Die Welsche erkannte sofort die Sachlage. Sie erinnerte sich, wie Liesl auf der Wiesmad manchmal glückselig 174 ihres Bräutigams erwähnte, doch forschte Marietta nie nach dessen Namen. Jetzt aber fragte sie das Mädchen, indem sie nach Jakl deutete: »Der dort dein Bräutigam gewesen? Dich betrogen?« Liesl blickte einige Augenblicke in Mariettas treue Augen, die unaussprechliche Angst ausdrückten. Diese Frau trug keine Schuld an dieser Verräterei. In liebender Sorgfalt hielt Marietta noch den Arm um sie geschlungen, ihr Herz klopfte hörbar, ihr Blick war auf Liesls Lippen gerichtet, von denen sie Antwort auf ihre Frage erwartete. Doch diese schüttelte verneinend den Kopf. In dem Augenblick, in dem all ihr Erdenglück zertrümmert, gestattete ihr edles, bis in die letzte Faser erbebendes Herz nicht, das Glück dieses armen Weibes ebenfalls durch ein bejahendes Wort zu vernichten. Sie suchte sich mit Gewalt zu fassen. »Mei' Vaterl erwart't mi vorn beim Bruckenwirt,« sagte sie, sich erhebend, »es is höchste Zeit, daß i mi auf 'n Weg mach.« Die Müllerin, welche, inzwischen in der Mühle beschäftigt, nichts von dem Vorfall ahnte, kam in diesem Augenblick herzu, und Liesls Worte vernehmend, sagte sie. »Liesl, du kannst mit unserm Knecht fahr'n, der hat grad eing'spannt, um 'n Müller hoamz'hol'n, sunst kriegt er wieder sein' Rausch, wenn i 'n z' lang oben laß beim Bruckenwirt. Da – er fahrt grad furt. Setz di auf, du siehgst eh nit guat aus – bist dengerscht nit krank?« Liesl raffte all ihre Kraft zusammen, und es gelang ihr einigermaßen, sich beherrschen zu können. »Laß mi mitfahr'n!« rief sie dem Knecht zu, und zu der Müllerin sagte sie: »I bin grad müad – vom 175 Tanzen.« Dann näherte sie sich Jakl und flüsterte ihm zu: »Unsa Verlobungstanz is halt der Totentanz worn für mei' Liab. Pfüat di Gott!« »Liesl!« rief jetzt Jakl, die Gegenwart Mariettas ganz vergessend, »i hon dein' Fluach vodeant und koan Pfüat Gott –« Noch einmal blickten sich beide in die Augen, es war ein Abschiedsblick fürs Leben. Dann eilte das Mädchen dem vor der Thüre stehenden Wagen zu und schwang sich, jede Beihilfe verschmähend, schnell auf den Sitz hinauf. »Fahr zua!« befahl sie dem Knechte. Dieser hieb auf das Pferd ein, und in raschem Trabe ging es von dannen. Die Kinder schrieen ihr ein freudiges: »Vivat hoch!« nach. Liesl sah sich nicht mehr um. Sie mußte ihr Gesicht mit dem Taschentuche bedecken, denn aus ihren Augen ergoß sich jetzt ein Strom von Thränen. 176 XIV. Beim Bruckenwirt saß der alte Schändl in einem sehr gemütlichen Kreise von Gästen, bestehend aus Jägern und Finanzwächtern, dem Schullehrer, Benefiziaten, dem Klaslihannes und dem Leutaschmüller. An den übrigen Tischen waren Leute von verschiedenem Erwerbsbetriebe: Bauern, Holzarbeiter, hausierende Händler und Pascher, welch letztere ganz traurige Gesichter machten, da sie von einer Grenzsperre hörten, denn um diese drehte sich vorzugsweise die Unterhaltung an dem Herrentische. Eine solche Maßregel war den Tirolern höchst unangenehm, zumal viele glaubten, man mache aus der auftretenden Krankheit mehr Wesens, als nötig sei. Nur der Klaslihannes sagte in seiner gewohnten Manier: »Ja, warum soll denn grad zu uns die Ruhr nit kömma? Warum soll uns der Militärkordon scheniern? Warum solln ma die tirolisch Kranket ins Boarische ummi lassen? B'halt's es nur herent, wir brauchen's nit.« »Aber unsern Wein braucht's!« rief der Leutaschmüller, der gleich den andern schon manchen Schoppen »Roten« vertilgt hatte. »Warum soll'n ma denn enkan Wein brauchen, enkan roten Essig? Also, also auch und dabei! Hab'n wir denn koa' Bier, koan Gerstensaft?« »O ja!« versetzte der Müller. »Aber mir is der Wein roacher (roh) liaba, als wie 's Bier g'sotten!« 177 Die Leute lachten, und bald war das unerquickliche Krankheitsthema einer heitern Unterhaltung gewichen, und Guitarre und Zither ertönten auch hier in der vom Tabaksqualm erfüllten Stube. Größere und kleinere Lieder wechselten, und als endlich das Schnadahüpfel an die Reihe kam, ward ihm die Herrschaft ganz allein zu teil. Helles Gelächter erschallte oft bei den witzigen Einfällen, und selbst der alte Geigenmacher, der vor Zeiten als ein Meister in den Schnadahüpfeln galt, mußte zur allgemeinen Erheiterung das Seinige beitragen. So sang er denn einige frohe, von ihm selbst verfaßte Reime, in welche beim Schlusse der Chorus stets lachend einfiel: »Schätz hab i allerhand, Oar is vom Schwabenland, Oar von Tyrol, Und der g'fallt mir so wohl, Der is der schönst Bursch drobn am Platz, (: Und der ander in der Untergaß, der is mei' Schatz! :) Heunt gehn ma' zum Kirta, Zum Tanzen voll Stolz, Und morgn tanzt 's Wieserl Da auß'n im Holz. Da geh i mit der Buttn hoch auffi im Grabn, (: Da thua i dena grüna Tannabaam d' Rinden abschabn. :) Mei' Bua is im Wirtshaus Und mi laßt er z'ruck, Wie lang is 's scho' her, Daß i zum Fenster nausguck! I hör scho' d' Trompeten und d' Geign' und d' Flöt, (: Ob er aber ebba umma kimmt, dös woaß i nöt. :) Hansl, schütt 's Bier nöt aus' Kreuzsapperlot! 178 Gelt, die neu Kellnerin, Die g'fallt dir guat. Moanst, sie g'hört dei', es braucht sonst nix mehr? (: Wart, da werd da Wirt dreinred'n, der laßt's nit her. :) Wenn si' oane gar sö blaaht (bläht) Links und rechts 's Köpferl draaht, Steckt oft im ganzen Kind Nix als wie a Wind. Sagt's, sie kann Muster sticken, voller Triumph, (: So kann sie, kann sei', koa Sackl flickn, nit amal an' Strumpf. :) Z' Murnau is Markt, Da siehgt ma's grad gnua, A rotseidens Tüacherl, Dös kaaft mir mei' Bua. Aber wenn er's vergißt, aber wenn er mi stimmt, (: Na' will i wohl a Weil a wulles trag'n, bis er amal kimmt. :) 'n Müller sei' Stasi, Die tauget mir scho', Aber zahnlucket is 's, Drum beißt's aa nit o'. Iatz fahrt's bal in d' Stadt, da kaaft sie si' Zähn, (: Drum paß i, bis sie besser beißen kann, na' wird's scho' gehn. :)« Der alte Schändl hätte eine halbe Stunde so fortsingen können, die übrigen Gäste wurden nicht müde, immer wieder neue witzige Strophen zu hören. Aber die Kellnerin meldete dem Sänger, daß Liesl seiner harre, und er schickte sich nach kurzem Abschiede zum Bedauern aller sofort zum Gehen an. Draußen fand er Liesl. Der Alte, vom Weine etwas angeheitert, war so vergnügt bei diesem Anblick, daß er einen Juhschrei kaum zu unterdrücken vermochte. 179 »Hast eams g'sagt, dem Sapperloter?« rief er lachend. »Macht der Jakl koa' dumme G'schichten?« »Ja, warum sollt denn der Jakl koane G'schichten machen?« fragte der nacheilende Klasli. »Halt's, halt's, laßt's mi aa mit! Nacht wird's bald und d' Wolken lassen koan Stern awa.« »Fürchtst di ebba?« fragte Schändl. »Warum soll denn i mi fürchten? Also auch und dabei! Dös giebt's nit bei mir, also auch und dabei; aber halt mit enk möcht i hoamgehn.« »Wenn's d' nit alleweil dei' dumms Sprichwort sagest, und nit in oan Trumm fragest, waar's d' mir scho' recht, aber du kimmst mir vür, wie r a lebendigs Fragezeichen.« »Ja, warum soll denn grad i um nix frag'n?« rief der Klasli. »Also auch und dabei, dös möcht i wissen?« Man gab ihm keine Antwort mehr und suchte so schleunig als möglich den Waldgang zurückzulegen, bevor die Nacht weiter vorschritt. Liesl, in deren Arm sich der Vater eingehängt, schritt selbst wie berauscht dahin, und ihre verwirrten Antworten fielen dem Alten nicht auf. Wegen Klaslis Anwesenheit konnte ja über die wichtigen Fragen des Tages nicht disputiert werden, was Liesl recht lieb war. Nach einstündiger Wanderung kamen sie zum Höllkapellein hinaus. Liesl dachte an heute vor acht Tagen. Dort unter dem Baum hatte sie ihn zum erstenmal wieder gesehen! Wie war sie damals reich, trotzdem sie ihn als Bettler wieder fand. Und heute gab es vielleicht keinen Bettler in der ganzen Welt, der sich ärmer dünkte als sie. Ein lautes Wimmern war jetzt unter dem Baume zu 180 vernehmen, unter welchem vor acht Tagen Jakl in dieser nächtlichen Stunde lag. »Was is dös?« fragte Liesl. »Am End is gar der Klammgeist unterwegs,« spaßte Schändl. »Warum soll denn der nit unterwegs sei'?« rief der Klaslihannes. Zögernd näherten sie sich der Stelle, von welcher das Wimmern kam, und trotz der Dunkelheit erkannten sie in dem am Boden liegenden Manne den Zundermichl. »Michl,« rief Schändl, »was is 's mit dir? Hast an' Rausch?« »I wollt, i hätt' oan!« antwortete der am Boden liegende Michl, »nachher gspüret i nit den Wehthoa'. Schändl, seid's z'ruck? Habt's eam's g'sagt? No', Gott sei's gedankt! Mit mir is's aus – i stirb.« »Ge, laß di auslacha!« sagte Klasli. »Was hast denn? Steh auf und geh mit uns hoam.« »I kann nimmer – es is gar mit mir – i glaub, i hon die Kranket in mir, von der's sitta etli Tag so viel reden.« »Den kinna ma dengerscht nit da liegen lassen,« sagte Schändl. »Helf ma eam auf. Sei' Kranket kenna ma scho'. Aber oa' Ehr is der andern wert. Ge zua, Klasli, hilf zua!« Die Männer halfen dem Schlemmer auf die Beine, auf denen er sich kaum halten konnte, nahmen ihn unter den Arm und halfen ihm den Berg hinab. Hier ward ihnen ein mehrfaches »Halt!« entgegengedonnert. Zwei Grenzaufseher harrten ihrer. »Was habt's über d' Grenz bracht?« fragten sie. 181 »Ueber d' Grenz hab'n ma an' kloan Weintampes bracht,« antwortete Schändl, »und beim Höllkapellein ob'n hab'n ma den Zunderer da aufpackt – alles zollfrei!« »Passieren!« hieß es von seiten der Aufseher, nachdem sie sich überzeugt, daß alles in Ordnung sei. Der Zundermichl wurde in einem der ersten Häuser, wo er seinen Unterschlupf hatte, abgegeben. Er jammerte wie ein kleines Kind, sprach immer vom Sterben und erschreckte in der That die ihn Begleitenden, besonders Liesl, die ihm in Eile sein schmutziges Lager zurecht machte. Schändl versprach, den Arzt und jemand zur Pflege sofort auf seine Kosten herauszuschicken, da die noch im Hause wohnenden Leute sich um den »Besoffenen«, wie sie ihn nannten, nicht kümmern wollten. »Moant's, es geht nit dahin mit mir?« fragte Michl ängstlich. »Ja, warum soll's denn mit dir nit dahingeh'n?« antwortete Klasli. Aber Schändl setzte ermutigend einige Trostesworte hinzu und dann verließen sie unter seltsamen Gedanken die schmutzige Hütte. Die Männer fühlten sich niedergedrückt, selbst Klasli hatte mit seinem Fragen aufgehört und verabschiedete sich mit kurzem Gruße vor Schändls Wohnung. Liesl dagegen fürchtete nichts mehr, weder für Gesundheit noch Leben war ihr bange, denn nach dem Verluste des Geliebten erschien ihr alles wertlos, und nur eines war ihr erwünscht – der Tod. Die alte Nandl hatte durch den Geigenmacher kaum gehört, wie der Zundermichl in der denkbar schlimmsten Lage, ohne jede Hilfe, lebensgefährlich krank in seiner Kammer liege, als sie auch schon entschlossen war, ohne 182 Verzug mit stärkenden Tropfen, einem Fläschchen Wein und einigem Bettzeug zu dem verkommenen Manne zu eilen. Sie traf ihn noch so, wie er nach Hause gebracht worden war, in einem bedauernswerten Zustand. Er atmete hoch auf, als er bei dem schlechten Licht einer Laterne Nandl erkannte, und gierig nahm er die ihm gereichten stärkenden Mittel ein. »Is's denn mögli,« sagte er, »mir is no' in der letzten Stund so a Glück vogunnt? Du, Nandl, die mir fluachen sollt, du nimmst di no' an um mi alten Lumpen? Dös thuat wohl, wohler als die Tropfen, als alles in der Welt.« »Halt di nur ruhi!« mahnte die Alte, »leicht wirst wieder. I hör 'n Dokta kemma; iatz wern ma's glei hör'n.«. Der Arzt trat ein und war nicht wenig überrascht, die alte Nandl hier als Pflegerin zu finden. »Das ist brav,« sagte er. »Ich habe nach mehreren geschickt und gute Bezahlung angeboten, aber niemand will das Geld verdienen. Ihr freilich übt hier nur ein Werk der menschlichen Barmherzigkeit aus, das macht Euch Ehre. Wie steht's mit unserem Kranken? Michl, hast halt an' Rausch, gelt?« »O na', Herr Dokta; die ganz Welt verkennt mi. Vom Trinka kommt die Kranket nit.« Der Arzt hatte dieselbe auch sofort erkannt. »Wo hast dich denn rumtrieben in der letzten Zeit?« fragte er den Alten. »Halt drüben in Tirol, nicht wahr?« »Ja, ja.« »Und hast verschiedene lumpige Schlafkameraden g'habt?« 183 »A so is's, ja, ja!« antwortete Michl, dem plötzlich ein Licht aufging; »'n kranken Mitschlafer hon i naachst g'habt. Und viel umanander trieb'n hat's mi halt in der letzten Zeit in die Steig. Da wirst halt lauta müad und matt.« »Und dazu nichts gegessen, grad trunken, gelt?« examinierte der Doktor weiter. »Ja, ja, – o, der Wehthoa'!« Der Arzt hatte die nötige Medizin schon mitgebracht, denn er ahnte nach Schändls Beschreibung bereits, um was es sich handle. Er gab dem Kranken davon und ordnete verschiedenes an. »Dokta, sagt's ma's, geht's z' End mit mir?« fragte Michl. »Sollt i nit 'n geistlin Herrn kemma lassen? I möcht halt dengerscht gern in Himmi kemma, damit i durt mit ebban zamkemma kunt, der mir 'n Himmi scho' auf dera Welt g'macht hätt, wenn i nit selm der Höll zua waar.« »Wenn dir's ein Trost ist, kannst 'n geistlichen Herrn kommen lassen,« erwiderte der Arzt; »ich selbst werd ihn dir schicken. Gute Besserung jetzt! Morgen komme ich wieder.« »Gelt's Gott, Dokta; morg'n, moan i alleweil, is 'n Zundermichl sei' Zunder ausbrunna.« Der Arzt that, als hörte er das nicht, und verließ die Stätte des Elends. Nandl geleitete ihn bis vor die Thüre. »No', was is's?« fragte sie da. »Ein Elend ist's,« antwortete der Doktor;»jetzt haben wir d' Ruhr schon da in Mittenwald. Er lebt keine drei Stunden mehr. Wenn Ihr Euch vor der Krankheit 184 fürchtet, bleibt lieber weg. Ich schicke einen Krankenwärter vom Spital.« »Na', na',« erwiderte Nandl, »i hon koa' Furcht, i bleib scho' bei eam. Schickt's nur an' geistlin Herrn, daß sei' Seelenheil g'rett' wird in der letzten Minuten.« Der Arzt versprach dies und entfernte sich eiligst. Als Nandl wieder in die kleine Kammer getreten war, und mit der Hand dem alten Michl über die Stirne fuhr, da fragte er: »Gel, Nandl, du hast mir alles verzieh'n?« »Gewiß!« bestätigte die Alte. 185 »No', so wird mir aa unser Herrgott verzeihn. I sehg di als jungs Dirndl, so liabli, so guat und – iatz is ma, als führet mi dös Dirndl ins Paradies – was is denn dös?« »Dös is die treu Liab,« erwiderte Nandl gerührt und mit Thränen in den Augen, »die treu Liab, die ewi jung bleibt und die oan ins Paradies führt scho' auf dera Welt.« Michl hatte die Augen geschlossen und atmete tief. Der alsbald mit dem Meßner ankommende Geistliche spendete ihm die heiligen Sakramente. Nandl betete ein Vaterunser, doch noch ehe sie damit zu Ende war, hatte der Alte aufgehört zu atmen. Sein Leben war ein verdorbenes, voll Schmach und Schande, doch um die letzte Stunde konnten ihn manche beneiden, denn ein treues Herz wachte bei ihm, und die müden Augen drückte ihm die Liebe zu, die unsterbliche. – 186 XV. Nach Liesls Abfahrt von der Leutaschmühle drang Marietta in ihren Mann, ihr alles zu enthüllen. Dieser that es auch. Nichts verhehlte er ihr, er klagte sich selbst an, daß er Liesl nicht schon aus der Fremde Mitteilung von seiner Verheiratung gemacht oder nicht wenigstens dies seit seinem Hiersein gethan habe. Er sah ein, wie verfehlt es von ihm war, sich wegen der Schuld an Schändl, die von seiner Mutter ja ohne sein Wissen gemacht wurde, abhalten zu lassen, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Aber was nützte ihm jetzt die Reue! Nichts war mehr ungeschehen zu machen. Marietta war aufs tiefste erregt. Sie fühlte es wohl, daß Jakls Herz noch im Banne der schwarzen Liesl festgehalten war, so viel er sich auch Mühe gab, ihr dies zu verbergen. So sehr sie auch Liesl liebte, konnte sie sich doch einer quälenden Eifersucht nicht erwehren, das Glück ihrer Liebe, das sie in Not und Elend aufrecht erhalten, sie fühlte es schwinden. Erst jetzt wußte sie, wie elend sie war, da sie das Herz des geliebten Mannes für sich verloren und sich verlassen wähnte, alleinstehend in der Fremde. Und es waren bittere Thränen, die ihren schönen Augen entquollen. Jakl gab sich Mühe, sie zu trösten, ihre Zweifel zu verscheuchen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Er versprach ihr, schon morgen mit ihr nach Innsbruck zu reisen 187 und auf Jahre hinaus nicht mehr nach Mittenwald zurückzukehren. Noch heute wollte er seine Mutter von allem in Kenntnis setzen, und sich mit den nötigen Mitteln versehen. Er beschwor sie, ihm zu vertrauen wie bisher und heiter in die Zukunft zu blicken, die ihr nun Glück und Freude bringen würde. Aber es gelang ihm nur teilweise, Mariettas aufgeregtes Gemüt zu beruhigen. Kam es ihm doch selbst nicht von Herzen, da er von Glück und von der Freude der Zukunft sprach. Der Leutaschmüller war mit dem Gefährt bereits zurückgekehrt, auf welchem die schwarze Liesl von dannen gefahren. Die aus dem Thal aufsteigenden Nebel waren Ursache, daß die Dämmerung rascher hereinbrach, als es bei hellem Wetter der Fall gewesen wäre, und es war Zeit, daß der Lautenmacher sich an seine Heimkehr machte, wenn er schon morgen in aller Frühe wieder, wie er versprach, zur Reise nach Innsbruck gerüstet, am Platze sein wollte. Marietta gab ihm noch eine kleine Strecke das Geleite. Immer und immer wieder mußte ihr Jakl versichern, daß es ihn nicht gereue, sich mit ihr verbunden zu haben, und daß sie noch an seine Liebe glauben dürfe. Doch als er sie zum Abschiede an sich zog, schauderte er vor sich selbst. An diese Brust preßte er heute morgen auch Liesl voll überwältigender, seliger Gefühle. Jener Moment däuchte ihn der Höhepunkt seines irdischen Glückes gewesen zu sein, und dieses Momentes gedachte er jetzt, als er Marietta an sich preßte – dann ging er schnell von dannen. Marietta grüßte ihm nach, so lange sie noch in der Dämmerung seine Gestalt erkennen konnte. Hierauf kehrte 188 sie langsam in die Mühle zurück, das Herz beschwert von düsteren, unheilvollen Ahnungen. Jakl aber begab sich nicht sofort nach Mittenwald. In einiger Entfernung von der Mühle lenkte er vom Weg ab und schlug die Richtung nach einem einsamen Bauerngehöft ein. Dies war bald erreicht. Er ward dort von dem Eigentümer der Einschichte, dem sogenannten Springersepp, und von sechs handfesten Männern, die teilweise den Nachmittag beim Bruckenwirt zugebracht, in einer schmutzigen, dunklen Stube erwartet. »Mit 'n Ummipaschen is 's heunt nix,« sagte Jakl. »Zum ersten is der Zundermichl krank worn und kann uns nit über die Steig führ'n, und zum zwoaten hab i Botschaft kriegt, daß 's verraten worn is und daß d' Aufseher am Franzosensteig aufpassen.« »Dös wär sauber!« rief der Springersepp. »Z'weg'n 'n Zundermichl bin i nit verleg'n um an' sichern Steig, und wenn d' Aufseher am Franzosensteig auf uns passen, so san die andern Steig sicher. Alles is vorbereit't wie d' es b'stimmt hast, die Kraxen san alle vollpackt, 's Mondliacht verrat uns heunt nacht nit, und in etli Stund is 's Hexenwerk vorbei.« »Aber i will nimmer paschen!« rief Jakl; »die War kimmt wieder z'ruck auf Innsbruck. I hon's verred't heunt, und kurzum, – in mein' Belieb'n is's, was i thuan will; die War hon i auf Rechnung.« »Aber, Blasi, willst ebba gar dös schöne Geldei nit verdeana, nach dem's d' grad d' Hand hinhalten därfst?« antwortete der Springersepp. »Wir hab'n die War von Spruck (Innsbruck) bis in d' Leutasch bracht, ohne daß a Seel drum woaß, wir wern's aa ummibringa ins Boarische 189 und bis in dös bewußte Haus z' Mittenwald, wie's verakkordiert is.« »Ja no',« sagte ein anderer, »ob iatz 's G'schäft g'macht wird oder nit, wir verlanga unsern ausg'machten Lohn fürs firtige G'schäft.« »Ja, ja, dös verlanga ma'!« riefen alle. Dieser Lohn war ein ziemlich bedeutender, und Jakl sollte ihn auszahlen, ohne daß er den gewissen Nutzen davon hatte? Auf der andern Seite lächelte ihm ein großartiger Gewinn. Der Zoll auf Seidenwaren war ein bedeutender, und er wußte in Bayern einen großen Mehrerlös für die Ware zu erzielen, auf welche bereits der Käufer wartete. »A ganz's Heiratsguat is z' g'winna,« versetzte der Springersepp.. »I wollt, die War g'höret mir!« »A Heiratsguat!« rief Jakl. »Ja, so oans möcht i verdeana – i brauchet oans! I muaß oans hab'n!« setzte er mit Entschiedenheit hinzu. »Also, wer woaß an' sichern Steig!« »I woaß oan,« erwiderte rasch der Springersepp. »Außer der Schanzen schlag'n ma' uns über'n Burgberg und dann ins Lainthal zua oder gen Kalvariberg. I find die Weg mit zuag'machte Augen, also feit si nix. Und morg'n soll ja 's Militari d' Grenz sperr'n z'weg'n der Ruhr, dann is 's tralarum mit der ganzen Schwärzerei. Die heuti Nacht g'hört no' uns; von morg'n ab is uns der Handl verdorb'n, der Teuxl woaß, auf wie lang.« »No', in Gottsnam!« versetzte Jakl mit einem Seufzer. »Richt's enk zam! Wenn's Zeit is, so sagt's mir's. I leg mi dort auf d' Ofabank und rast aus – i bin müad. Macht's ja koa' Liacht, daß neamd ebbs spannt.« 190 »Wir rasten aa no' aus,« sagte der Springersepp. »I wer enk a Stroh einatrag'n, nach Mitternacht mach ma' uns nacha auf 'n Weg.« Bald schnarchten die Pascher auf dem in der Stube ausgebreiteten Stroh. Jakl hatte wohl auch die Augen geschlossen, aber er wachte. Die Begebenheiten des heutigen Tages standen vor seinem Geiste. Liesls letzte Worte: »Unser Verlobungstanz is heunt der Totentanz worn für mei' Liab. Pfüat di Gott!« wollten ihm nicht mehr aus dem Sinn. Aber wieder erinnerte er sich seiner Pflichten gegen Marietta und wie nötig es sei, seinen Wohnsitz anderswo aufzuschlagen als in Mittenwald, wo die Nachbarschaft der schwarzen Liesl stets sein Gewissen beschweren müßte. So machte er sich seine Pläne für die nächste Zukunft. Aber so sorgsam er dieselben auch überdachte, die Zukunft zeigte sich ihm umdüstert, gleichwie heute das mit dichten Wolken bedeckte Firmament; nicht ein freudiger Sonnenstrahl brach durch die dunkle Schichte. Und doch – ein Stern erschien ihm jetzt bei dem Gedanken an das, was ihm Marietta heute so selig vertraut. An diesen einzigen Stern klammerte er sich fest, es war, als beruhigte sich der tobende Wellenschlag in seiner Seele, neue Hoffnung griff darin Platz, und träumend ward er der qualvollen Wirklichkeit entrückt. »Auf, Zeit is's!« rief jetzt der Springersepp. Ein Buchenspan brannte im eisernen Leuchter und beleuchtete die schmutzige Stube und die düsteren Gesellen. Jakl sprang erschreckt auf. Aus den schönsten Träumen sah er sich wieder in die erbärmliche Wirklichkeit versetzt. Nochmals nahm er sich einen Anlauf, von dem verpönten 191 Werk abzustehen, aber wieder war es die seine guten Vorsätze in die Flucht schlagende verlockende Aussicht auf Gewinn, die ihn bethörte, und mit der Selbstberuhigung, daß es seine letzte schlechte That in diesem Leben sei, begab er sich mit den anderen auf den Weg. Doch duldete er nicht, daß auch nur ein einziger eine Büchse mitnahm. Sämtliche Männer, auch Jakl, trugen vollgepackte Kraxen, die ihnen über den Kopf hinausragten. In der Hand den Bergstock, dessen Eisenspitze mit Werg umwickelt war, um den Aufstoß nicht zu hören, schlugen sie sich alsbald dem Abhange des Grünkopfes zu, überschritten den Franzosensteig und suchten dann den Uebergang über den Burgberg. Es wurde kein Wort gesprochen. Einer ging hinter dem andern, sorgfältig auf jedes verdächtige Geräusch lauschend. Der Springersepp fand den Steig in der That trotz der dichten, besonders im Walde herrschenden Finsternis mit aller Sicherheit. An zu beschwerlichen Stellen hielt er seinen Stock zurück, an welchem sich der nächste anhielt, und so die ganze Reihe, immer der Folgende am Bergstock des Vorangehenden. So gelangten sie durch die unwegsamsten Bergschluchten auf immer wechselnden, nur wenigen bekannten Paschersteigen über die Grenze am Burgberg. Da brach sich der Vollmond Bahn durch die Wolkenschichte und weniger beschwerlich wurde der Weitermarsch hinab gegen den Lautersee fortgesetzt. Schon hatten sie den Fahrweg, der von Mittenwald nach dem Ferchenthale führt, erreicht, als ihnen ein plötzliches »Halt!« zugerufen wurde. Die beiden Aufseher, welche schon den heimkehrenden Geigenmacher gestellt hatten, patrouillierten auf diesem 192 Wege, während ein verstärkter Posten am Eingang des Franzosensteiges stand. »Auseinander!« rief der Springersepp den Männern zu. »Jeder für sich!« Die Pascher wußten wohl, was in diesem Falle zu thun; sie liefen in verschiedenen Richtungen in den Wald hinein und wieder aufwärts gegen den Burgberg. »Halt!« riefen die Grenzwächter wieder, »halt oder Feuer!« und dieser Drohung folgte auch schon die That. Ein Schuß hallte durch die Nacht und dröhnte in vielfachem Echo wieder. Dabei verfolgten sie die Flüchtigen den Berg hinan, allerdings nur in kleinen Sätzen, da der Mond wieder hinter den Wolken verschwunden und die Verfolgung im Walde sehr gefährlich war. Jakl eilte gleich den anderen, so gut er es vermochte, nach aufwärts. Indessen konnte er es mit der schweren Kraxe am Rücken nicht lange aushalten; auch glaubte er, einen der Verfolger nahe hinter sich zu hören. So hielt er es für das beste, die Kraxe von sich zu werfen, um leichter vorwärts zu kommen. Wieder dröhnte ein Schuß durch die Nacht, nahe am Kopfe Jakls pfiff die Kugel vorüber. Unwillkürlich warf er sich zu Boden. Die Aufseher waren ganz in seiner Nähe. Sie waren über die Kraxe gestolpert und schienen vorerst mit dem Fange der Waren zufrieden zu sein. Es waren qualvolle Momente für Jakl. Trat der Mond aus den Wolken hervor, mußte man ihn sehen, er ward arretiert und alle Pläne für die Zukunft waren zunichte. Und die Aufseher blieben immer auf derselben Stelle, keine hundert Schritte von ihm. Er getraute sich kaum zu atmen. Er hörte alles, was sie zu einander 193 sprachen, wie sie sich beratschlagten, was sie nun weiter thun sollten. Eine weitere Verfolgung, meinten sie, könnte von keinem Erfolg mehr sein, da ja die Pascher jedenfalls schon wieder über die Grenze geflüchtet waren. Sie konnten höchstens bei Tagesanbruch im Walde revieren, um zu sehen, ob nicht noch einer oder der andere seine Kraxe von sich geworfen. Jakl hörte, wie sie sich über den reichen Fang freuten, der auch ihnen einen großen Gewinn bringen würde. Aber immer verhängnisvoller ward Jakls Lage, schon säumten sich wieder einige Wolken goldigrot, jeden Augenblick konnte der Mond hervorbrechen. Jakl suchte nun, auf Händen und Füßen kriechend, sich weiter von diesem gefährlichen Standpunkt zu entfernen. Es gelang ihm auch eine kleine Strecke, aber der verräterische Mond hatte die Wolken geteilt, in wunderbarer Schönheit, umsäumt von purpurgoldenen Wolken, erschien er am Firmament und sein silbernes Licht erhellte die Nacht.. »Dort, dort! Halt!« rief jetzt der Grenzwächter, der Jakl erblickt; »halt oder i schieß!«. Aber der Flüchtling hatte schon ein Unterholz gewonnen und war den Augen der Wächter entrückt. Wieder verkroch er sich in einem Fichtengestrüppe, die beiden Grenzwächter eilten dicht an ihm vorüber den Berg hinauf, denn sie waren sicher der Meinung, der Flüchtige habe sich gegen die Grenze gewandt. Dies benützte Jakl und suchte so vorsichtig als möglich gegen den Lautersee zu entkommen. Von hier aus konnte er ohne Beschwerde weiter gegen das Lainthal zu flüchten. Es war die höchste Zeit, denn die am Franzosensteig postierten Grenzwächter waren auf die Schüsse hin hieher geeilt, 194 und es handelte sich nur um wenige Minuten, so wäre er diesen in die Hände gefallen. Gleichwohl eilte er wie ein gehetzter Hirsch dem Lainthal zu, um hier nach Mittenwald abzusteigen. Nun hatte sich hier infolge des abstürzenden Terrains die Wegrichtung seit einem Jahre geändert. Jakl betrat heute zum ersten Male wieder den Saum dieser romantischen Schlucht, in welche ein prächtiger Wasserfall hinabstürzt. Er sah in seiner Aufregung nicht, daß der Abstieg sich an einer andern Stelle wie früher befand. Als er sich dem vom heutigen Regenguß erweichten Rande näherte, gab das Erdreich plötzlich nach und unter einem Schreckensschrei stürzte er mit dem losgelösten Sandbrocken hinab in die Tiefe der Schlucht. Bewußtlos, aus vielen Wunden blutend, blieb er da liegen. – Bald glühten die Spitzen des Karwendels, der ganze Himmel war goldigrot. Den regungslosen Körper Jakls umkreisten hungrige Raben, hoch in den Lüften aber jubilierte die Lerche, als wollte sie den Bewußtlosen ins Leben zurückrufen, damit er sich mit ihr des herrlichen Morgens erfreue, mit ihr den Schöpfer preise all dieser Herrlichkeit. 195 XVI. Nicht der Gesang der Lerche, wohl aber der kalte Umschlag, den der Krüner Ferdl auf Jakls Kopf legte, bewirkte, daß der Verunglückte die Augen aufschlug. Ferdl war, wie vor acht Tagen, auf dem Weg in sein Jagdrevier und wollte soeben durch das Lainthal und den Steig hinauf, als er den Bubenrichter in bewußtlosem Zustand und schwer verletzt, zwischen Sand und Trümmern liegend, erblickte. Sobald er sich überzeugt, daß der Abgestürzte noch am Leben sei, netzte er sein Taschentuch im 196 Lainbach und legte es dem Kranken auf den Kopf, was zur Folge hatte, daß dieser sofort aus seiner Betäubung erwachte. »Gott sei's gedankt!« rief Ferdl; »du kimmst zu dir. Kennst mi, Jakl?« Dieser wußte nicht gleich, wo er sich befand und was mit ihm vorgegangen, erst nach und nach erinnerte er sich an das Geschehene. Aber er fühlte auch zugleich die heftigsten Schmerzen am ganzen Leibe, zumal am Kopfe. »I lauf schnell zum Müller vüri um Beistand,« sagte Ferdl, »daß wir di ins Haus bringa kinna.« »Na', na',« bat Jakl, »laß mi glei hoambringa zu meina Muatta; i gspür's, daß i's nit lang mehr treib. Und, Ferdl, laß dir sag'n, thua schnell Post ummi in d' Leutaschmühl, dort is mei' Weib, d' Marietta – laß's glei ummakemma zu mir.« »Dei' Weib?« fragte Ferdl, als wollte er seinen Ohren nicht trauen. »Du bist verheirat't? Und no' gestern hat di d' Lisl als ihren Hochzeiter erklärt!« »I hon's auf 'n Glauben lassen bis Nachmittag – da hon i ihr's g'sagt, wie 's is. I hätt ihr's glei' sag'n soll'n, dem liaben arma G'schöpf, aber mei', i wollt z'erst mei' Schuld abtrag'n an ihren Vata, denn woaßt, du hast scho' recht g'habt, i bin als Bettler hoamkemma und dös Geld war vom Schändl, war der Liesl ihra Heiratguat. Mei' Muatta hat's ohne mei' Wissen gnumma – i hab's durchs Paschen wieder gwinna wolln – d' Aufseher hab'n uns versprengt, i bin g'flücht't, iatz woaßt es, wie's is.« »Sei ruhig,« tröstete Ferdl; »du sollst di in mir nit täuscht hab'n, aber jetzt halt di ruhig. Vom Paschen sagst zu neamd ebbas. Koa' Mensch hat auf di Verdacht. I hab' 197 am Herweg mit an' Aufseher g'sprochen, ma moant, lauta Tiroler sans gwen, die über'n Burgberg wieder z'ruck san; an' oanzige Kraxen, sagt er, hab'ns z'ruckg'lassen.« »Dös is die mei',« versetzte Jakl. »Thua mir die Freundschaft und b'sorg's, daß der Springersepp die War dem Innsbrucker Kaufmann wieder zruckstellt und –« »Dös kannst mir alles später sag'n,« unterbrach ihn Ferdl. »I hol d' Leut von der Mühl und sorg, daß d' hoamg'fahrn wirst, und wenn's grad mit a Paar Ochsen wär.« Schnell eilte er zur nahen Mühle und kam mit dem Müller und einem Knecht alsbald wieder an Ort und Stelle. Eine Dirn eilte auf Ferdls Geheiß nach der Leutaschmühle, um Marietta zu holen. Die Männer trugen nun den Verwundeten, der vor Schmerz laut stöhnte, zum Hause und legten ihn da auf einen Wagen, dem der Knecht sofort ein Paar Ochsen vorspannte, und auf welchem dann der Kranke nach Mittenwald in sein Haus verbracht wurde. Trotz der frühen Morgenstunde hatte sich eine Menge Leute dem Wagen angeschlossen und laut bejammerte man das Unglück des allbeliebten Bubenrichters. Die alte Nandl war von der Totenwache des Zundermichl heimgekehrt und war soeben bemüht, Jakls Mutter zu beschwichtigen, die gestern erst nach Nandls Entfernung die Abwesenheit ihres Sohnes bemerkt hatte, und die ganze Nacht über in Sorge und Kummer um ihn war. Nandl konnte und wollte jetzt keine Lüge mehr über den Mund bringen, und so erzählte sie der überraschten Frau alles, was sie wußte. Diese hatte sich von ihrem Schrecken über das 198 Gehörte noch nicht erholt; sie zankte, weinte, erklärte, diese Schmach nicht überleben zu können und wünschte, daß ihr Sohn lieber gestorben oder gar nicht mehr heimgekehrt sein möchte, als ihr so viel Leid, so viel Schande anzuthun. Aber Nandl tröstete sie. Sie war ja heute nacht am Lager eines Sterbenden gewesen, sie wußte, wie das menschliche Leben ein steter Kampf mit dem Schicksal, eine Reihe von Tugenden, Fehlern und Schwächen sei und daß es nichts Schöneres in diesem Erdenleben gebe, als zu verzeihen. Und sie hatte die empörte Mutter gerade dahin gebracht, daß sie mit den Thatsachen zu rechnen begann, da stürzte Ferdl zur Thüre herein und brachte den Weibern die traurige Botschaft von Jakls Verunglückung. Nun war freilich jeder Groll aus dem Herzen der Mutter rasch verschwunden. Unter Jammern und Schreien eilte sie mit Nandl den Männern entgegen, die den Kranken soeben durch den Garten in das Haus und dann hinauf in seine Stube trugen. »O, mei' Jakl,« rief die Mutter, »i bitt di, stirb mir nit – bleib da bei mir – i will ja g'wiß dei' Wei auf 'n Händen trag'n, und koa' schlimm's Wörtl sollst hör'n von mir dei' Lebta!« Jakl sah die Mutter mit einem dankbaren Blick an und ein zufriedenes Lächeln flog über seine Lippen. »Verzeihst mir?« fragte er leise. »Alles, alles!« rief die Mutter unter Schluchzen, sich vor dem Bette des Kranken auf die Kniee niederlassend. Arzt und Chirurg begannen jetzt ihre Thätigkeit, niemand außer Nandl durfte in der Stube bleiben, selbst die Mutter wurde vom Arzt ersucht, sich bis nach Anlegung der verschiedenen Verbände zu entfernen. 199 Im Nachbarhause hatte Jakls Unglück nicht weniger Aufregung hervorgerufen, als in dessen eigenem. Noch gestern nacht hatte Liesl ihrer Mutter unter Thränen entdeckt, was ihr Jakl in der Leutaschmühle mitgeteilt. Die dem Verhältnisse mit Jakl ohnedem nie hold gewesene Frau ließ ihrem Aerger freien Lauf, sie schimpfte auf Jakl und seine Mutter, wie auf Marietta, und Liesl mußte alle ihre Beredsamkeit anwenden, um zu verhindern, daß sie nicht nachts noch zur Nachbarin hinüberging und ihr, wie sie vorhatte, »die Leviten las.« Dem Vater sollte die unerwartete Nachricht erst heute morgen beigebracht werden. Wie gewöhnlich war er bei Sonnenaufgang aufgestanden, und die herrliche Morgenbeleuchtung brachte ihn, wie so oft, auch heute in eine gehobene Stimmung, der er mit der Viola warmen Ausdruck verlieh. Da trat Liesl zu ihm heran. Sie sah blaß aus und ihre Augen waren vom Weinen hochgerötet. »Vaterl,« sagte sie, »dei' Spiel thuat mir wohl, mir is, als setzet dös Weh aus, so lang i di geigen hör –« »Kind, wie siehgst du aus?« rief der Geigenmacher erschrocken. »Was fehlt dir? Bist krank? Dös is koa' Aussehgn für a Hochzeiterin.« »G'wiß nit!« entgegnete Liesl, bitter lächelnd. »I bin aa koa' Hochzeiterin mehr. Es is besser, i sag dir's, als d' Muatta, die so hitzi drein geht. Der Jakl kann mei' Mann nit wern, weil er in Welschland drent scho' g'heirat't und sei' Wei mitbracht hat – d' Marietta.« »Und dös soll i glaub'n?« rief der Alte. »Dös kann nit sei'! So schlecht kann der Jakl nit sei'! Na', na', dös 200 kann a Mittenwalder Bursch nit ausführ'n, so was giebt's nit!« »Es is so, wie i g'sagt hon,« erwiderte Liesl. »I hab's aa nit glaub'n woll'n, aber der Jakl und d' Marietta hab'n mir's selm bestätigt.« »Und er is nit in 'n Erdboden einig'sunken?« rief der Alte. »Er hat dei' Heiratsguat angnumma und –« »Na', Vata, dös hat sei' Muatta tho', die in dera Stund no' nix von der Sach woaß. Die Schuld war aa d' Ursach, daß er si nit glei entdeckt hat, er hat dir erst dös Geld wieder z'ruck geb'n woll'n, und damit 's ehnda sei' kann, hat er si aufs Paschen verlegt. Weg'n dera Schuld sollst 'n aa nit lang sekiern.« »Was? Dei' Heiratsguat, dös i g'spart hon mei' ganz's Leb'n lang, dös soll verlor'n sei'?« »Er wird dir's wieder hoamzahl'n, Vaterl, nach und nach. Dös Geld is's wenigst, was mir 's Herz beschwert. Es giebt an' andern Verlust, der nimmer z' gwinna is.« »Arm's Hascherl!« versetzte der Vater; »i versteh di. Aber i werd di aa rächen. Schand und Spott soll eam wern, für a solche That. Glei geh i ummi zu eam, und wenn er nit zamsinkt vor mir, wenn 'n sei' Schuld nit niederdruckt in Staub, so is er's nimmer wert, daß er's Sonnenlicht siehgt, so trifft 'n mei –« »Vater, halt ein!« rief Liesl. »Er is nit so schlecht, als d' moanst. 's Herz hat's eam schier abdruckt, wie er mir gestern alles eing'standen hat. Jed's Wort von eam zittert no' in mein' Herzen nach. Er is halt in die Verhältnis einikemma, ohne daß er's ändern konnt. Fluach eam nit, i bitt di drum, Vata, er is nit so schuldi, als d' moanst.« 201 »Natürli, du machst 'n no' schö' aa, trotzdem er dir 's Herz brocha hat. Mei' liab's, arm's Deandl! O, i kenn di, i kann mir denken, wie 's ausschaugt in dein' Innern! Der schö' Altar, den dir d' Liab drin aufbaut hat, der liegt in Trümmer, und 's Glück is furt aus dein Herzen.« »Aus die Trümmer bau i mir den Altar wieder auf, Vata; dir g'hört von nun an wieder all mei' G'fühl, dir und der Muatta, und kann i beitrag'n, daß's glückli seid's, so werd i 's aa wieder, so 's Gott's Willn is.« »Mei' Herzensdeandl!« sagte der Alte gerührt, indem er die Tochter herzlich küßte. Jetzt hörte man Lärm von der Straße her, und der Geigenmacher begab sich ans offene Fenster, um die vor dem Nachbarhause sich ansammelnden Leute zu fragen, was es gäbe. »'n Bubenrichter hab'ns tot hoambracht, er hat si im Lainthal draus dafall'n,« lautete die Antwort. Ein Schrei des Entsetzens löste sich von Liesls Lippen. Als der Vater sich nach ihr umwandte, sah er sie am Boden liegen, scheinbar tot, ähnlich der geknickten Rose im schönsten Frühlinge ihres Lebens. Die Mutter kam herbeigeeilt; auch sie hatte bereits Kenntnis von dem Unfall Jakls, doch wußte sie auch, daß derselbe wohl lebensgefährlich verletzt, aber noch am Leben sei. Die tief bekümmerten Eltern hoben die Ohnmächtige auf das Sopha, und es gelang ihnen, sie alsbald wieder zum Bewußtsein zu bringen. »Arm's Deandl,« sagte der alte Vater zitternd, »'s is ja koa' Wunder, wenn's d' zambrichst unter die wuchtigen Schicksalsschläg, über den gaachen Umschwung. Aber sei stark, sei stolz, Deandl, trag dei' G'schick; der Himmel 202 schickt Freud und Leid, er woaß's warum. Trag dei' G'schick mit Christenmuat!« »Is der Jakl wirkli tot?« fragte das Mädchen. »Na',« antwortete die Mutter, »er lebt no'; er hat si stark verletzt, aber er lebt no'.« »Gott sei Dank!« versetzte das Mädchen. »Grüaßt's mir 'n schön. I wunsch eam, daß eam nix Schlimm's passiert is fürs Leben.« Der Vater wollte es selbst übernehmen, im Nachbarhause nähere Erkundigungen einzuziehen. Ferdl begegnete ihm da und gab ihm von allem Kenntnis, und der Geigenmacher nahm ihm das Versprechen ab, über die Geldgeschichte nichts verlauten zu lassen. Wieder heimgekehrt teilte er der Tochter dann mit, was er von Ferdl erfahren. Das Mädchen hatte sich etwas erholt und sandte heiße Bitten zum Himmel, daß Jakl seinen Wunden nicht erliegen möge. In banger Sorge vergingen ihr die nächsten Stunden. Drüben aber im Nachbarhause hatte unterdessen der Priester dem Schwerverwundeten die Sterbsakramente gereicht und Marietta war erschienen, das arme, unglückliche Weib. Jakl hatte schon oft nach ihr gefragt, und die Mutter selbst führte ihm jetzt zum Zeichen, daß sie die Schwiegertochter anerkenne, die Ersehnte zu. Es war ein erschütterndes Wiedersehen. Nach einer Weile sagte der Kranke: »I woaß, wie's mit mir steht; mei' Bleibens is nimmer lang auf dera Welt. Aber i tröst mi, weil i di versorgt woaß, mei' liab's Weib, weil i ausg'söhnt bin mit 'n Himmel und der Welt. Nur oans wenn i no' wüßt, 203 oans – daß i ruhi sterben kunnt – ob mir d' Liesl nit nachifluacht in d' Ewigkeit.« Die alte Nandl drückte sich bei diesen Worten aus der Stube und eilte ins Nachbarhaus, um dem Mädchen die Rede des Sterbenden mitzuteilen. Liesl besann sich nicht lange. Ohne daß es die Eltern hindern konnten, verließ sie das Haus und eilte nach der Stätte, an welcher sie gestern einen ganzen Himmel empfunden. Hastig hatte sie die Thüre aufgerissen. Einen Moment blieb sie auf der Schwelle stehen. Jakl, dessen Augen erwartungsvoll auf die Thüre gerichtet waren, hatte sie erblickt. Ein Freudenruf löste sich aus seiner Brust. Sie war erschienen, – sie hatte ihm vergeben! Der nächste Atemzug war sein letzter. Entseelt sank der erhobene Kopf wieder zurück auf die Kissen. – Marietta und Liesl, sowie die beiden alten Frauen ließen nun ihrem Schmerz, ihren Thränen freien Lauf. Erstere umarmten sich schmerzbewegt. »Jetzt g'hört er wieder mir!« war Liesls Gedanke. »Dem Toten därf i mei' Herz und mei' Liab weih'n, sie g'hört dei', arma Jakl, für Zeit und Ewigkeit!« Und sie hielt ihm Wort. – Einige Monate später vertrat der alte Schändl Patenstelle an Mariettas Söhnchen, und die schwarze Liesl überschüttete dasselbe mit Zeichen werkthätigster Liebe jetzt und fürderhin. Ein heiterer Friede folgte ihr durchs Leben, oft verklärt durch weihevolle Stunden der Kunst beim wohlgepflegten Mittenwalder Volksschauspiel. Und als die alte Nandl hochbetagt gestorben, ward Liesl, wie jene 204 ahnungsvoll vorausgesehen, zur Mutter der Rosenkranzmädchen erwählt. Dem Jugendfreunde aber blieb ihr treues Herz. Noch in späten Jahren pflegte sie die Blumen auf seinem Grabe und weilte oft in süßen Träumen dort. Sie fühlte ja die Wahrheit von der alten Nandl frommem Glauben: »D' Liab kimmt vom Himmi, und was vom Himmi kimmt, dös dauert ewi!«   Mittenwald , 1886.