Victor von Scheffel Episteln Säkkinger Episteln. Erste Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 6. Januar 1850. Also in Säkkingen! – Heute vor acht Tagen um Mitternacht habe ich meinen Einzug gehalten. Nachdem ich Sonnabend in Offenburg beim wackern Alexander, dem aber die Einquartierung und die Steuerlast schwer auf dem Herzen liegen, Mittag gemacht und abends von Langendenzlingen auf nach Waldkirch hinübergefahren war, wo ich schöne Simonswälder Strohhüte und Taillen, gutes Bier und den Rechtspraktikant Kamm ein Mitschüler und Freund des Verfassers, derzeit Oberlandesgerichtsrat in Karlsruhe. antraf, der mich mit germanischer Gastfreundschaft aufnahm, brachte mich der letzte sonntägliche Bahnzug durch die in trüber Schneebeleuchtung sich im Rheine spiegelnden Isteiner Felsen nach Efringen, und von da ward ich – ohne zu wissen wie – in verschiedenen Omnibus und Eilwagen nächtlicherweise nach Säkkingen befördert und in mitternächtlicher Stunde auf der Landstrasse vor dem Postgebäude an die Luft gesetzt. Das erste Wesen, was ich allhier ansichtig wurde, war ein biederer Hausknecht, der sich nach einigen Pausen meiner erbarmte und mich mit dem Koffer in die Stadt Säkkingen herein auf den Marktplatz vor das Gasthaus zum »Chnopf« führte. Hier hatte ich ebenfalls wieder eine Zeit in frischer Luft zu stehen, bis des Knopfes Pforten sich öffneten. Während dieser erwartungsvollen Pause erschien, nachdem von den Glocken der Stiftskirche der zwölfte Stundenschlag dumpf erklungen war, das zweite Wesen, das ich allhier erblicken sollte, – der schnöde Nachtwächter. »Loset, was i euch will sage! D'Glocke het zwölfi g'schlage,« sang derselbe krähend – oder krähte derselbe singend (ich lasse euch vollkommen freie Wahl), aber den schönen Zusatz »Un wo no in der Mitternacht E Gmüet in Schmerz und Chummer wacht, Se geb der Gott e rüeihige Stund Un mach di wieder froh und g'sund,« diesen sang der schnöde Nachtwächter nicht; er schien ihm nicht in sein System des Nachtwächterns zu passen, was ich ihm sehr verübelte. Allmählich fand sich auch noch ein fernernes Wesen, was mir ein kühles Gastzimmerchen im Knopf zur Verfügung stellte. Wenn einer einen Tag lang bei schneidender Kälte und tiefem Schnee teils Eisenbahn- teils Omnibusweise in der Welt herumgefahren ist, dann weiss er den tiefen Zauber des Spruches, den Marie leichtsinnigerweise auf den Oberflächen weisser Zipfelkappen anbringt, zu würdigen: – »Schlafe, was willst du mehr!« – Ich tat's. Geträumt habe ich übrigens sowohl das erste Mal dahier als seithero lediglich nichts; ist auch gar nicht nötig, hab' ich doch seit dem März 1848 so viel geträumt, dass ich noch geraume Zeit an dem Vorrat zu zehren haben werde. Wenn ich hier ein Tannenbaum wäre, in diesem ungeheuerlichen Schnee, dann würde ich es sehr passend finden, von einer Palme zu träumen im heissen Morgenland. – Nach dieser unjuristischen Abschweifung von Träumen komme ich in die realste Wirklichkeit zurück, nämlich aufs Amtshaus zu Säkkingen. Dorthin verfügte ich mich am Montagmorgen, ward vom Oberamtmann, meinem Herrn und Meister, günstig aufgenommen und gleich in meinen Geschäftskreis eingewiesen, den übrigen Beamten vorgestellt, bestehend aus einem Assessor Losinger und einem vorsündflutlichen, uralten Rechtspraktikanten Gamber, der einmal hier vergessen worden und seitdem auf der Amtsstube stehen geblieben ist; übrigens ein treffliches Gemüt; – den Neujahrs-Abend brachte ich sang- und klanglos bei den Honoratioren auf dem Leseverein zu und zog mich bald in meine Stube zurück und las noch im alten Hebel, der mir überhaupt noch manchmal eine Medizin sein wird. Von Freud' und Becherklang ist, glaube ich, in ganz Säkkingen nicht viel die Rede gewesen am Neujahrstag; die Schlussrechnung fürs Jahr 1849 war zur Hervorbringung anderer Stimmungen viel geeigneter. Den 1 ten Januarii 1850 ist Neujahr gewesen. An diesem Tag hab' ich mir eine Wohnung gesucht und selbe auch beim Bürgermeister Leo dahier gefunden, und ist sie auch kein Salon, so kostet sie hiergegen auch nur 4 fl. monatlich und ist, wie ich von allen Seiten versichert worden, eines der »nobelsten« Zimmer dahier. Alsdann hab' ich ein paar Besuche gemacht, – unter andern auch beim Posthalter Malzacher, der sich Vater bestens empfiehlt, – und nachmittags in Begleitung mehrerer Biedermänner und deren Gemahlinnen einen ehrsamen Spaziergang nach Steinen in der Schweiz unternommen, der zu allgemeiner Befriedigung ausfiel. Seit Mittwoch sitze ich nun »festgemauert in der Erden« d. h. in meiner Amtsstube, und helfe mit an der Weltverbesserung durch Vermehrung der Akten-Fascikel, und wenn mir hie und da ein Skrupel kommt, so denke ich an das alte Lied: Vorm Schreiber muss sich biegen Oft mancher stolze Held Und in den Winkel schmiegen, Ob's ihm gleich nicht gefällt. und schreibe wieder weiter im Gefühl meiner Würde, dass die Feber knarrt und das Papier rauscht und braust. In diesen Mittelpunkt meines hiesigen Lebens, in diese Schreibstube, wo alle Wurzeln meiner Kraft liegen, muss ich euch aber noch des nähern einführen. Gebt mir also euren Arm und folgt mir. Seitab vom Marktplatz in Säkkingen, von der Kirche weg nach dem Rhein hin, steht eine Reihe hochgiebliger alter Gebäude mit spitzbogigen Türen, vergitterten Fenstern etc. In diesen haust der Staat, das heisst: das Amtsrevisorat, die Bezirksforstei und das Bezirksamt. Das stattlichste der Gebäude, ein dreistockiges Haus, ist das Amthaus. Durch eine alte Bogentüre tritt man ein in die Vorhalle, die, mit Gewölbestellungen versehen und auf zwei Säulenpfosten ruhend, den Weg nach den verschiedenen Amtsstuben eröffnet. Wir gehen aber noch nicht so schnell weiter, sondern verweilen eine Zeitlang bei den sinnigen Inschriften der Halle. Bei den Türken ist's eine schöne Sitte, die Wände der Moscheen und öffentlichen Gebäude mit Sprüchen aus dem Koran zu versehen. Der deutsche bureaukratische Staat kennt nur einfach geweisselte Wände. Aber der biedere Sinn des Volkes hat hier glänzend gewirkt und mit zarten Sprüchen aus dem Hauensteiner Koran die kahlen Mauerwände geschmückt. Ich lege einige bei, wie ich sie aus der bunten Sammlung noch im Gedächtnis habe. Also z. B.: »Wenn doch nur ein heiliges Kreuzdonnerwetter das ganze Amthaus verschlüge!« oder »Allmächtiger Vater, schenk doch den Amtsherren einen besseren Verstand, dass sie bürgerliche Rechtspflege besser führen!« oder »Lange warten müssen macht zornig« – oder »Heute ist Johann N. von Herrischried hier gewesen und hat dem Amtmann tüchtig die Wahrheit gesagt!« – oder »Eine Republik wär' halt doch das allerbeste!« – oder »Wenn sich alles von selbst erledigte, dann wäre gut Oberamtmann sein!« u. a. m. Nachdem wir den Duft aus diesen Blüten des Volksgeistes eingesogen, treten wir links zur zweiten Tür ein. (Die Damen werden gut tun, beim Eintritt ihren Flaçon vorzuhalten.) Hier ist meine Höhle. Aber ich hause nicht allein in ihr. Das Bezirksamt Säkkingen hat sich jene Hauptregel der Historienmalerei, nämlich die möglichst »ökonomische Verteilung der Figuren im Raume« grünlich zu eigen gemacht. In dieser Stube gehört nur ein Schreibtisch, ein Aktenfach und ein geringer Flächenraum mir. In einem andern Drittel der Stube haust der eigentliche Herr und Gebieter derselben, der Amtsdiener, und im Reste derselben halten sich in Winterszeit die vorgeladenen Parteien auf, die Gerichtsboten gehen ab und zu, die Gendarmen pflegen der Privatunterhaltung mit Seiner Hochwürden dem Amtsdiener – kurz es geht hie und da äusserst gemütlich zu. Ich bin eigentlich mehr geduldet, als dass ich etwas zu befehlen habe; im Volksbewusstsein ist der Amtsdiener der Haupt-Insasse. Wenn einer hereinkommt, so heisst es zuerst mit einem Bückling: »'fel mich Ihnen, Herr Hauser, wie geht's?« u. s. w. Dann noch so beiläufig zu mir und dem Aktuar: »Guten Morgen, ihr Herren.« Das ist übrigens von jeher die soziale Position des Säkkinger Rechtspraktikanten gewesen – warum sollte ich's anders verlangen? Im Frühjahr hat mir der Herr Oberamtmann eine Übersiedelung versprochen; bis dahin tut mir's vielleicht leid, auszuziehen; denn die Gewohnheit bringt ja dahin, dass einer in einer Mühle Pandekten studieren kann und dass ihm etwas fehlt, wenn er das Geklapper der Räder nicht hört. Ebenso bin ich jetzt so vollständig in meine Umgebung eingebürgert, dass ich meine, es könne gar nicht anders sein. Dazu hat nicht wenig der Grundsatz des Aktuars beigetragen, den ich mir alsbald angeeignet habe. Der pflegt nämlich zu seiner Beruhigung bei jeder Tageszeit und bei jeder Gelegenheit, mag er nun ein und dieselbe Verfügung 33mal abzuschreiben haben, oder mag ihm ein biederer Gastfreund eine Flasche Rheinwein anbieten, den Spruch anzuführen: »Sei mir heute nichts zuwider!« und mit dieser Parole habe ich denn auch beschlossen, mich frisch und unbeirrt durch alles Liebsame und Unliebsame durchzuschlagen. In dieser Höhle nun pflege ich der Kriminal- und Polizeijustiz und sitze des Tags meine 7-8 Stunden, und wenn eine Untersuchung einzuleiten ist, weil einer sein Brot um 2 Lot zu leicht gebacken oder schnöder- und unbefugterweise in stiller Verborgenheit Schnaps ausschenkt – oder wenn einer seinen Hund ohne Maulkorb laufen liess, so denke ich: Sei mir heute nichts zuwider! und untersuche frisch darauf los, als wenn sonst die Welt aus ihren Fugen gehen müsste. – Ist dann das Tagewerk vorüber, so geht die arme Seele ins Gasthaus zum Knopf zu Herrn Broglie, trinkt ruhig ihr Bier aus und wenn die oktroyierte Polizeistunde um 10 Uhr abends eingebrochen ist, so geht sie mit ihrem Hausherrn, dem jungen Bürgermeister, nach Haus und legt sich aufs Ohr, um morgen da fortzufahren, wo sie heute stehen blieb. Von Elementen der Gesellschaft habe ich bis jetzt entdeckt: einen Assessor, einen preussischen Offizier, einen Advokaten, einen Bürgermeister und ein paar Schweizer Kaufleute, die hier eine Fabrik haben. Anderes bleibt vielleicht noch fernerer Entdeckung vorbehalten. Von Politik habe ich noch kein Sterbenswörtchen reden hören, es denkt hier wohl mancher dabei: »Vorüber, ihr Lämmer, vorüber, dem Schäfer wird's gar zu weh!« und schweigt. Dagegen bringt hier und da einer oder der andere Hebels Gedichte oder den rheinländischen Hausfreund mit, und dann wird ein Tisch an den Ofen gerückt, und alles lauscht den prächtigen alemannischen Weisen oder lacht sich bei den Zundelfrieder- und Zirkelschmieds-Geschichten den Buckel voll, so dass sich der alte Hebel im Grab noch vor Freude umdrehen würde, wenn ihm eine Portion des unsterblichen Gelächters daselbst zu Ohren käme. Das Amthaus und der Gasthof zum Knopf sind bis jetzt die beiden Pole gewesen, um die sich meine hiesige Existenz drehte; – dass ich noch nicht weiss, wie es 100 Schritte von Säkkingen in der Welt aussieht, das habe ich diesmal nicht mir selbst, sondern dem ungeheuerlichen Schnee zuzuschreiben. Wenn ich neue Entdeckungen an Land und Leuten gemacht haben werde, dann schreib' ich Euch meine zweite Epistel. Für heute ist der Stoff erschöpft. Ich hoffe, dass Ihr mir bald einen schriftlichen Gruss sendet und alle Briefe, die etwa an mich angekommen sind, vor allem aber die Münchener . Sodann bitte ich, für den langen Braun eine italienische Empfehlung auszuwirken. Ich selbst bedarf vor der Hand hier nichts weiter, als dessen, was ich mitgebracht habe, und erlasse Euch jede weitere Zusendung von Kleidern und Ähnlichem. Das ganze Haus wolle sich als herzlichst von mir gegrüsst betrachten. Ich schliesse mit der Versicherung meiner unveränderten Hochachtung und einem einfachen: Leben Sie gefälligst wohl! In treuer Liebe Joseph. Zweite Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 13. Januarii 1850. Wie der Doktor Scheffel seine erste Ausfahrt in den »Wald« gehalten und dabei den Balthes Nicker, mehrere Schneelandschaften und andere Hauensteiner Biedermänner, sowie den »Meysenharts Joggele« kennen gelernt hat. Heute ziehen wir ein doppeltes Paar wollene Socken an und suchen unsere wärmsten Handschuhe vor und leihen bei der Kellnerin im Knopf ein Paar Salbandüberschuhe, und der Amtschirurg Vogelbacher setzt seine alte Pelzkappe auf und zieht die grossen Pelzohren daran herunter; – denn es ist giftig kalt, und das Amt muss in den Wald fahren. Bekanntlich hat das Sprichwort »Lasst die Toten ruhen« keine juristische Bedeutung, im Gegenteil, wenn einer nur ein wenig auf abnorme Weise das Zeitliche gesegnet hat, so kommt er nicht eher zu seiner Grabesruhe, als bis Amt und Physikat ein riesenhaftes Protokoll über ihn aufgenommen haben, denn wozu wäre denn das viele Papier auf der Welt, wenn es nicht verschrieben werden sollte? Diesmal war einem armen Burschen von Schweighof, der von einem weiten Weg bei Nacht und Nebel nach Hause wollte, auf der Grünnenbacher Höh' oben der Lebensgeist und die Kraft zum Weitermarschieren ausgegangen, und er hatte sich aufs Ohr in den Schnee gelegt, um nimmer wieder aufzuwachen. Deswegen standen mittags 12 Uhr die Schlitten vor dem Amthause, leichte zweisitzige Fahrzeuge, und den einen bestieg das Bezirksamt, nämlich ich und mein schnöder Aktuar, und den andern bestieg eine grosse Pelzkappe, ein Mantel und ein paar Wasserstiefel, und das war das Physikat, nämlich der Amtschirurg Vogelbacher. (Dieser Biedermann würde eigentlich eine besondere Abhandlung verdienen; – z. B. hat derselbe die Bedeutung eines guten Schnapses zu jeder Tageszeit so tief erfasst und den Kultus des gebrannten Geistes so andächtig getrieben, dass auf 6 Stunden im Umkreis der durstigste Mensch, wenn ihn Kälte oder Überzeugung zu einem ähnlichen Schritt veranlassten, nicht mehr sagt: »Bringt mir einen Schnaps!« sondern, was zugleich viel plastischer klingt: »Bringt mir einen Vogelbacher!«) Und bald knallten die Peitschen und rasselten die Schellen, und fort sausten Amt und Physikat durch die glatte Schneebahn; und fuhren den Rhein entlang bis Obersäkkingen, dann ging's links ab, bergan in den Wald hinauf, und noch ein paar schöne Durchblicke durch die Baumgruppen nach dem Rheintal und den glatt abgeschnittenen Schweizerbergen gab's; dann fuhren wir einem duftigen Nebel entgegen, und bald war die Ferne verhüllt, und das Auge sah nur noch die weiten Schneeflächen, die unvermerkt und ohne bestimmbare Grenzlinie in den Horizont übergingen (– ganz dasselbe Bild in Weiss und Grau gemalt wie bei Meer und Himmel in Blau), und nur hie und da ragten ein paar schweigsame Tannen, deren Nadeln vom Reife so fein beeist waren wie der Bart meines Aktuars, zwischen durch, ober es tauchte ein einsam zugeschneites Strohdach auf, um zu erinnern, dass ausser den Füchsen, Raben und Rehen, an die uns die Fussspuren im Schneefeld gemahnten, auch noch der homo sapiens Linnäi in diesen Gefilden existiere. So ging's durch Rüppolingen und Harpolingen nach Willaringen. Dort stund ein stattlich Wirtshaus und »Balthes Nicker baut' mich« über der Tür geschrieben, und heraus trat er selber, der alte Balthes, eine Gestalt wie aus Erz gegossen, in dem roten, mit Sammet ausgelegten Hauensteiner Tschoben, mit dem feingefältelten Hemdkragen, kurzen Hosen und Strümpfen und breiten, geschnallten Schuhen. Und er lupfte sein schwarzes Käpplein und fragte nach der Herren Begehr. Und als wir ihn des Wegs nach dem Schweighof befragten, um den in sein elterliches Haus verbrachten Verunglückten dort zu besichtigen, da lächelte der alte Balthes und sprach: »Da hätten die Herren früher kommen müssen, heut früh hat ihn der Pfarrer von Rickenbach begraben.« Und der Stabhalter von Willaringen bestätigte es. Da wurde denn hier Halt gemacht und dem Stabhalter die Weisung erteilt, den Bürgermeister von Schweighof und die Angehörigen des Verunglückten hierher bestellen zu lassen. Wir traten in die Wirtsstube. Nach altem Brauch kam der alte Balthes zu jedem heran, schüttelte ihm kräftig die Hand und sprach: »Willkommen!« Und das kam mir so herzlich vor, dass ich mich fest veranlasst fand, es mit dem herzlichsten Gruss aus meiner Sammlung, nämlich einem kräftigen »Leben Sie gefälligst hoch!« zu erwidern; ich bedachte mich aber zur rechten Zeit, dass diese germanische Redensart vielleicht ebenso wenig Anklang finden würde als der griechische Gruss Chaire, den jener Storch auf dem Halsband geschrieben dem Schwarzwälder in Nordamerika zubrachte, und den dieser als »Kaibe« interpretierte. Und dann stand das »dunderschiessige Maidle«, das am Fenster beim Spinnrad sass, des alten Balthes Tochter, auf und kam ebenfalls mit »Gottwilche!« zu fragen, was uns gefällig sei; – und wenn sie auch nicht sylphidenartig durchs Zimmer schwebte, sondern handfest auftrat, und wenn auch ihres Mieders Taille keineswegs, um mit Dahlmann zu reden, »auf Grund und Mass der gegebenen Umstände zurückführt«, Anspielung auf den Titel des Dahlmannschen Werkes: »Politik, auf Grund und Mass der gegebenen Zustände zurückgeführt« (1835). sondern viel zu hoch war, so war doch die kurz aufgeschürzte Erscheinung mit ihren zwei langen, kastanienbraunen Zöpfen so ansprechend, dass selbst Vogelbachers, des Amtschirurgen, Antlitz sich verklärte, als wenn er ein altes Kirschwasser von 1822 vor sich geschaut hätte. Nachdem eine Herzstärkung genommen und mit dem alten Balthes mancherlei über schlechte Zeiten und Kriegsläufte und Schneebahnschlitten gesprochen worden war und sich dabei herausgestellt hatte, dass er kein leidenschaftlicher Verehrer der Gothaer Partei und ihm der Reichstag zu Erfurt ziemlich »Wurst« war, kamen durch den Schnee die anher vorgeladenen Männer anmarschiert; die Gäste verzogen sich aus der Stube, das Maidle nahm sein Spinnrad und verzog sich auch, und das Verhör begann. Zuerst der Bürgermeister von Schweighof. Er hatte es so natürlich gefunden, dass man einen Toten auch begrabe und nicht zu warten brauche, bis Amt und Physikat ihn besichtigt haben, – er kannte weder die betreffenden Ministerialverfügungen im Regierungsblatt vom so und so vielten noch die einschlagenden §§. aus Rettigs Polizeigesetzgebung, die das Gegenteil vorgeschrieben, dass alle Versuche, ihn eines Unrechts zu überzeugen, an ihm abprallten. Alter Bürgermeister, wenn du gewusst hättest, wie gross meine Freude über deine Gesetzesübertretung war, und was du mir damit selbst für einen Gefallen erwiesen, – der amtliche Verweis, den ich erteilen musste, hätte noch einige Lot von seinem ohnedies nicht schweren Gewicht bei dir verloren! Dann der alte Vater des Verstorbenen. Sein Bub war fortgegangen, um die in andern Ortschaften wohnenden Mitglieder der Familiensippschaft zum Begräbnis eines Verwandten einzuladen, – denn das Unterbleiben dieser Einladung, auch an den Entferntesten, gilt im Hauenstein als ein grosser »Affront«, – und wie er am selben Abend noch mit den Eingeladenen heimgehen wollte, verliessen ihn die Kräfte oben auf der Höh' bei Egg, und er blieb im Schnee liegen, und ehe seine Begleiter mit dem Schlitten zu Hilfe kamen, war er schon erstarrt. 's war ein braver Bursch von 24 Jahren, und dem Alten rann manche Träne die Wange herunter, bis er die Geschichte zu Ende erzählt hatte. Dann die übrigen Angehörigen desselben. Nachdem ich sie mit gutem Trost und Zuspruch entlassen hatte, wurde beschlossen, die Untersuchung in Egg fortzusetzen, wo die Leute waren, die den Erstarrten vom Berg herabgeholt und wieder zu beleben versucht hatten. Und der alte Balthes Nicker meinte, wenn ich einmal wieder zu ihm komme, dann werden die Matten grüner und die Einquartierungssteuern kleiner sein, und dann werde mir's besser im Wald oben gefallen. So hab' ich auch gedacht; – aber der Mensch denkt und der Meysenharts Joggele lenkt! An letzteren hatten wir beide nicht gedacht. Und wieder fuhren die Schlitten in gutem Trabe des Weges weiter und durch Duft und Nebel und weite Schneefelder in den alten Willaringer Tannenwald; das war eine Waldeinsamkeit, der Boden hoch mit Schnee bedeckt, und die Schwarzwaldtannen, gebückt und traurig unter der Schneelast, liessen ihre Äste hängen, und man sah's ihnen an, dass sie einen schweren Traum träumten, und ich hätte viel darum gegeben, wenn ich ein paar Minuten so ins innere Mark einer Tanne hätte hineinschauen und die Gedanken, die da langsam auf- und niederstiegen, herauslesen und entziffern können. Es muss eine eigene Welt sein, so ein »harziges Tannenbewusstsein.« – Ob der Amtschirurg Vogelbacher, als wir durch den Willaringer Tannenwald fuhren, dieselben Wünsche und Gedanken gehegt wie ich, habe ich nachmals nicht in Erfahrung gebracht. – In Egg liessen wir ihn ruhig weiter fahren und stiegen zur Fortsetzung der Untersuchung im Wirtshaus des Fridolin Thoma ab, wo die Eiszapfen Mann an Mann vom Dache bis auf den Boden herabhingen. Es liess sich jedoch Bahn durch dieselben brechen, und die warme Wirtsstube nahm uns auf. Hierher wurde nun männiglich vorgeladen, wer über den Unglücksfall Auskunft geben konnte, und ein paar Stunden inquiriert. Dann blieb ich noch eine gute Zeit bei den Leuten sitzen und trank und sprach mit ihnen über dies und das. Es war eine Hauensteiner Stube wie auf dem Kirnerschen Bilde, um den grossen Porzellanofen eine Ofenbank, die man sonderbarer Weise »Kunst« nennt, und die auch während der Winterszeit den Mittelpunkt der Tätigkeit manches Biedermannes bildet, indem er darauf den edlen und freien Künsten des Schnapstrinkens und Schlafens gleichmässig obliegt. Darauf sassen nun die Mannen, die Ellenbogen kräftig auf den Tisch gestützt, und erzählten mir, »dem Herrn Amtmann,« allerlei Geschichten, und es sprach sich ein so inneres mit sich und der Welt Imreinensein in allem aus, dass mir's recht behaglich zu Mut wurde. So viel ward mir ebenfalls klar, dass, wenn Proudhon oder Leroux oder irgend ein anderer Apostel des Sozialismus in eine Hauensteiner Stube einträten, sie fünf Minuten später bombenähnlich hinausfliegen, beziehungsweise gefuhrwerkt würden. Zum Entsetzen für jeglichen Humanisten stellte einer von den Leuten den Satz auf: »Bei uns hat's eigentlich der Bettler am allerbesten, er braucht für nichts zu sorgen, geht durch alle Weltläufte ohne Furcht, etwas dabei zu verlieren, wo er hinkommt, kriegt er ein Obdach und dort wieder eine Speckseite oder einen Schnaps, und wenn's ein alter Knabe ist, von dem man weiss, dass er sein Teil Leben schon gelebt hat, so geniesst er noch hohe Achtung, und sein Rat wird von alt und jung gesucht.« Ein anderer erzählte, wie er einmal in Basel bei einem reichen Herrn gewesen und habe einen schweren Kartoffelsack in den Keller getragen, und da sei er ihm gefallen und er habe den Herrn gebeten, ihm den Sack aufzulupfen, und da sei dieser so krumm und schwach und steif gewesen, dass er sich kaum habe bücken können, und habe vergeblich an dem Kartoffelsack sich abgezappelt, und da habe er zu dem Kaufmann gesagt: »Ihr seid ein armer Mann und ich bin ein Freiherr!!« Solche und ähnliche Ketzereien wurden vielfach aufgestellt, und es wurde mir dabei klar, dass man nicht nötig hat, mit Fallmerayer bis auf den Berg Athos zu gehen, um bei den Hagion Oros-Mönchen Friede und Weltüberwindung zu finden – dass dies auch noch anderswo als »hinterwärts von Trapezunt« gefunden werden kann. Der Hauptgegenstand der Unterhaltung war natürlich der im Schnee Verunglückte, und da erzählten sie mir, dass es vielfach vorkomme, dass einer bei Nacht im Schnee aus der Bahn verlaufe und so lang herum irre, bis er liegen bleibe; – und dass es auch sonst passiere, dass einer, auch ohne getrunken zu haben, eine ganz falsche Wegrichtung einschlage und hie und da, wenn er drei oder vier Stunden gelaufen, wieder da ankäme, von wo er ausgegangen – ohne zu wissen, warum und wie. Das habe aber seinen Grund gewöhnlich darin, dass es an solchen Orten »nit sufer sei« und dass dort »einer umgoht.« In der Nähe von Egg geht auch so ein Geist um, der die Leute irreführt. Da dies unbefugte Irrführen von Leuten im Polizeistaat unmöglich geduldet werden kann, so inquirierte ich alsbald genauer inbetreff dieses in meinem Amtsbezirk umgehenden Geistes, konnte aber nur so viel erfahren, dass derselbige den geisterhaften Namen »Meysenharts Joggele« führe, und dass seine amtliche Stellung im Geisterreiche darin bestehe, mit den Leuten von Egg und Umgegend – um einen Stetten schen Ausdruck zu gebrauchen – »Schindluder zu treiben.« Derselbe scheint also in der nämlichen Branche angestellt zu sein wie der Poppele von Hohenkrähen und der Rübezahl in Schlesien – ob er aber Unterstaatssekretär oder bloss vortragender Rat oder gar nur Assessor oder Volontär in diesem Departement ist, und woher er überhaupt stammt, und warum er seine soziale Position gerade dahier gefunden hat, darüber schwieg die Geschichte. – Gegen 8 Uhr abends nahm ich von den Hauensteinern unter Versicherungen gegenseitiger Hochachtung Abschied. Der Schlitten fuhr lustig von dannen; kurz vor Egg rasselten wir zwar an einen Feldstein an und brachen ein Stück von der Deichsel entzwei, allein das war bald repariert, und ich sah es als einen Tribut für den Meysenharts Joggele an. Allein das war dem schnöden Geist nicht genug. – Immer weiter fuhr der Schlitten in die nebelgraue Schneenacht hinein, und immer ging's gleichmässig eben fort, und der Postillion meinte, es gehe etwas lang, bis die Strasse bergabwärts nach Säkkingen führe, – und immer geisterhafter ragten die Tannen da und dort und knarrte die Schneedecke, aber es ging immer noch nicht bergabwärts, und Säkkingen erschien nicht. Und immer kälter pfiff die Abendluft, und selbst dem Postillion ward etwas problematisch zu Mut, wie jenem Mann an der Kanderer Strasse: »Er chunnt vom Weg, er trümmlet hüst und hott, Er bsinnt si: »Bin i echterst woni sott?« und ich selber dachte verdammt wenig mehr an Elfen und Schneegeister und an das Rauschen der Schwarzwaldtannen und die Poesie einer nächtlichen Schlittenfahrt, sondern vielmehr an ein warmes Nest und einen Schluck Vogelbacher zum Schutz gegen Erkältung. Und nach beinahe zweistündiger Fahrt war's noch immer nicht bergab gegangen! Endlich schimmerte ein fernes Licht. Columbus kann nach der Küste von San Salvador nicht sehnsüchtiger geschaut haben als wir nach dem Licht. Wir kamen vor der Behausung an, der Postillion trat heraus und randalierte, und wer kam hervor? Wer frage ich! Das war der nämliche rote Tschoben und die nämliche Gestalt wie heute mittag, – das war der ganze leibhaftige alte Balthes Nicker von Willaringen; und wir hatten durch gütige Vermittelung des Meysenharts Joggele das Kunststück aufgeführt, von Egg in einem weiten Umkreis statt nach Säkkingen wieder nach Willaringen zu fahren, und die Matten waren noch nicht grüner und die Steuern noch nicht kleiner geworden, als uns der alte Balthes sein zweites »Willkommen« entgegen brachte. Mir aber war's, als ob der Meysenharts Joggele mit stillem Gekicher sich auf der Deichsel unseres Schlittens aufrichtete und folgende Standrede hielt: »Ersehet hiermit, hochweiser und gelahrter Doktor, wie weit ihr Menschen-Geziefer mit all eurer Weisheit kommt; da kutschiert ihr mit aller Sicherheit durchs Leben, und nach langer Irrfahrt kommt ihr doch wieder dort an, von wo ihr ausgegangen seid; da macht ihr Revolutionen, aber während das Ziel gerade vor euch liegt, fahrt ihr den Weg links, und nach ein paar Jahren Irrfahrt seid ihr wieder am alten Fleck und habt euch höchstens noch eine gelinde Erkältung zugezogen. Ersehet hieraus ferner, dass es noch viel zwischen Himmel und Erde gibt, wovon nichts in euren Kompendien steht, z. B. mich, den Meysenharts Joggele, – und wenn euch eure Lebensbahn, was noch öfter vorkommen wird, wieder einmal ganz anders wohin verschlägt, als wohin euer Dichten und Trachten war, so denkt an mich und an die Logik von uns kleineren Geistern und jungen Teufeln, die auch ihre Berechtigung hat. Im übrigen nehmt jetzt ein Glas Kirschenwasser zu euch und gehabt euch wohl, Herr Doktor!« Ich meinerseits liess mich auf den ersten Teil dieser Meysenharts Joggele'schen Standrede im Gefühl meiner Souveränität nicht weiter ein, fand jedoch seinen schliesslichen Rat so vernünftig, als wenn ich mir ihn selbst erteilt hätte, trank in stillem Grimm einen Bittern, sagte dem Bürger Postillion noch einige Grobheiten, liess mir vom alten Balthes noch den germanischen Trost erteilen, dass es so trotz alledem besser gegangen sei, als wenn der des Wegs unkundige Postillion uns den Berg hinab nach Säkkingen gefahren hätte, da er auf der neuen Strasse noch leichter hätte aus der Bahn kommen und uns das Vergnügen eines Sturzes in die Tiefe bereiten können; – und nach kurzem gedachte ich der weissen Zipfelkappe und des »Schlafe, was willst du mehr?«, legte mich samt dem Aktuario aufs Ohr und entschlummerte. Des andern Morgens fuhren wir dann bei guter Stunde wieder weiter, mussten abermals zum Erstaunen unserer Freunde von gestern abend durch Egg, fanden diesmal den rechten Weg und hielten wohlbehalten nach herrlicher Bergfahrt unsern Einzug in der »getrewen und festen Waldstatt Säkkingen.« Wie wir aber des Abends im Wirtshaus zu Säkkingen unsere Irrfahrten erzählten und sämtliche Gäste einverstanden waren, dass das lediglich dem Bürger und Geist Meysenharts Joggele zuzuschreiben sei, da schmunzelte der Amtschirurg Vogelbacher, der trotz seines Kultus der gebrannten Geister ein grosser Rationalist ist, pfiffig und sagte: »Ach was Joggele! Was den Herrn Rechtspraktikanten nach Willaringen zurückgeführt hat, heisst nit Joggele, sondern Vreneli, und ist dem alten Balthes seine Tochter. Er hat sie am Mittag schon mit so grossen Augen angeguckt, samt ihren kastanienbraunen Zöpfen, – mir geht ein Licht auf wie eine Pechfackel. Herr Knopfwirt, noch ein Gläslein!« Und seit der schnöde Amtschirurg diese Hypothese aufgestellt hat, mag ich sagen, was ich will, so gibt's allerhand Biedermänner, die mit schlauem Lächeln die Achseln zucken, wenn von der Doppelfahrt nach Willaringen die Rede ist. Auch daran ist noch der Meysenharts Joggele schuld! – Dritte Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 2. Februar 1850. (wie der Doktor Scheffel auf die Entdeckung eines Vetters, beziehungsweise einer Cousine auszog, selbe aber für diesmal nit finden konnte. Ein Kapitel, worin auch einiges von sauren Gurken und von Jena vorkommt.) Wenn der Mensch so eine Woche lang nicht aus seiner Höhle herausgekommen ist, in welcher er zur Ehre des modernen Staates Polizei- und Kriminal-Akten zusammenschmiert, so stellen sich hie und da ganz seltsame Gedanken bei ihm ein, die kommen unangeklopft und ohne dass ihnen der Amtsdiener Hauser ein Herein! zugerufen; und es steht von ihnen weder im badischen Strafedikt noch in Rettigs Polizeigesetzgebung eine Silbe. So sitz' ich neulich bei meinen Akten und denk' über einen schweren Fall von Zolldefraudation nach, und wie ich weiter denke, wird mir selber irgend ein fremdes Bündel Gedanken in den Schädel eingeschmuggelt, und wie ich mich recht umsehe, denk' ich nimmer an Zoll und Akzise, sondern an meine verschiedentlichen Cousinen! Und da dacht' ich mit sonderbarer Hochachtung an die blonde Dame von Paris, der ich am Wolfsbrunnen zu Heidelberg im Rauschen des Quells und der Linden erklärt hatte, was das germanische Gemüt sich unter dem Begriff »träumen« für eine unendliche Welt vorstelle, und die mir darauf höchst naiver Weise geantwortet: »oh que je puisse rêver avec vous!« und dachte ferner an die kleine Cousine Ida mit grossen, brauen Augen und so weiter und hätte schliesslich beinahe folgenden Beschluss zu den Akten geschrieben: »In Erwägung, dass in Grosslaufenburg ein Onkel meiner Cousine Ida wohnt; – in Erwägung ferner, dass dieser Biedermann zwar Fürsprech und Grossrat, mir aber völlig unbekannt ist; – in Erwägung jedoch, dass dieser dann notwendigerweise eine schöne Tochter besitzen muss; in Erwägung, dass die Bekanntschaft dieser Tochter, die derselbe notwendigerweise besitzen muss, wesentlich zur Erweiterung meines Cousinensystems beitragen wird: beschliesst der Respizient für Kriminalsachen, heute nachmittag nach Grosslaufenburg zu gehen, um die Tochter zu entdecken, die der Fürsprech Heim notwendigerweise besitzen muss.« Dieser Beschluss wurde alsbald ausgeführt. Es wölbte sich gerade ein prächtiger, dunkelblauer Himmel über Berg und Tal und wehte ein halbes Frühlingslüftlein, dass selbst der gestrenge Oberamtmann die Versäumnis der Kanzleistunden für entschuldbar fand. Ein Begleiter war auch bei der Hand, nämlich der rotbärtige Militärarzt aus Westfalen, und also wanderten wir am Mittag des »schmutzigen Donnerstags« über die alte hölzerne Rheinbrücke hinüber gen Grosslaufenburg, er, um chirurgische Instrumente zu kaufen, und ich, um meine helvetische Cousine zu suchen. Und marschierten frisch zu, durch allerlei Maskenspuk im Dorfe Sisslen und durch einen grossen Tannenwald, und sprachen allerlei über deutsche Politik, wobei sich herausstellte, dass unsere Ansichten so gleichartig waren wie die Zwecke, die uns gen Laufenburg führten! Und nach zwei Stunden hatten wir die Türme des Städtleins vor uns, und liegt dasselbe gar stattlich in der Höhe des Rheinstrudels und bietet mit der alten gotischen Kirche oben auf dem Felsen und einem alten Stadtwall und mehreren Tortürmen einen gar stattlichen Anblick, von dem sich mein Skizzenbuch seinerzeit einen Abdruck nehmen wird. Nun haust aber in Grosslaufenburg ausser den mir unbekannten Grössen auch noch eine mir bekannte, nämlich der Professor an der Realschule, Clemens, Vgl. Jahrbuch des Scheffelbundes für 1892, S. 18: Sanitätsrat Dr. Chr. Fr. Clemens in Dortmund. mit dem ich so manches Stübchen Lichtenhainer in Jena getrunken, und der ein so lammfrommes Gesicht machen kann, dass ihm's niemand ansieht, dass er der Verfasser der famosen »Geschichten, wie man sie in Thüringen erzählt« in zu den fliegenden Blättern ist. Diesen wollt' ich zuerst aufsuchen, auf dass er mir wie ein Johannes in der Wüste die Wege bahne zum Herren Fürsprech. Einen Biedermann, der drei Jahre in Jena studiert hat, sucht man, und wenn er in dem entferntesten Nest von Europa wohnte, am sichersten zu jeder Tageszeit im besten Wirtshause dieses Nestes auf. Ich dämmere also in die Post. Richtig sitzt mein Krauskopf Clemens hinter seinem Schoppen. Ich stelle mich vor ihn hin und sehe ihn ruhig an, da macht er zuerst sein ernstes, lammfrommes Gesicht, als wenn er einen Generalsuperindententen vor sich hätte, aber die Mienen ziehen sich immer normaler und jenischer, und zuletzt schüttelte er mir mit einem herzlichen: »Ach so, du bist's, alte Jacke? wo führt dich der Teufel her?« die Hand. Und nun ging's los, und war ein förmliches Feuerwerk von Frag' und Antwort, und musste mancher Schoppen den Weg seiner Bestimmung wandern, und wer das alte Lied einmal gesungen hat: Nichts Schönres kannst du haben Und was das Herz mehr freut Als wenn zwei alte Knaben Sich sehn nach langer Zeit! der weiss, wie's uns zwei beiden zu Mut war. »O Lichtenhain und Jena, o Zeiten wundersam!« wer einmal auf dieses Thema kommt, der verlässt es so bald nicht mehr, und wenn ein Fass Bier in der Nähe steht, wo zwei Gesellen von Jena sprechen, da hat selbiges Bierfass hundert Prozent mehr Wahrscheinlichkeit, leer zu werden, als voll zu bleiben; zumal, wenn die Gesellen vom Schlag sind wie der biedere Clemens, von dem die Sage geht, dass er einstmals auf dem Markte zu Jena mit nur einem Genossen sich ein Fässlein Rudolfstädter Braunes angeschrotet hatte und einem unschuldigen Füchslein, das auch um einen Schluck hat, zur Antwort gab: »Geh zum Teufel, Fuchs; siehst du nicht, dass wir hier schon zu zweien sind?« Da stieg sie wieder auf in ihrer alten Pracht, die Zeit burschenschaftlichen Schwärmens und zertrümmerter Stacketen, die Zeit der Bummellieder und geraubter Gänse, die Zeit riesenhafter Entwürfe und noch riesenhafteren Durstes; und eine stille Wehmut, die aber dennoch ein solides Trinken nicht ausschloss, stellte sich ein beim Gedanken: wo sind sie hingeweht vom Sturm der Zeit, all die stolzen Himmelsstürmer, die damals den Schläger und den Steinkrug schwangen? – Die einen, die weinen; Die andern, sie wandern; Die dritten noch mitten In strudelnder Flut; – Und manche gestorben Und manche verdorben! – Ach, lieber Gott! und auch er war gestorben, Zottel, der Teutonenpudel, der so stolz einst auf dem Markte zu Jena seinem Herrn die Pfeife nachtrug und mit den Hunden der Korpsburschen sich herum biss; – und auch ihm weihten wir ein stilles Glas! – Und kaum waren wir über die ersten Einleitungen hinaus, und kaum hatten wir der Erinnerung an Jena nur das geringste Mass von pietätvollem Tribut gezollt, als schon die Sternlein am Himmel aufzogen, und wie mir allmählich der ursprüngliche Zweck der Laufenburger Fahrt wieder aufdämmerte und ich dem Bürger Clemens sagte, er solle mich jetzt zum Fürsprech Heim führen, und den Rheinwirbel wolle ich auch noch sehen, da machte er wieder sein lammfrommes Gesicht und sprach: »Dies kommt später!« Und der Orion war schon ziemlich hoch über der Rheinbrücke, und der grosse Bär trieb sich auch schon am Himmelszelt seit geraumer Zeit herum, als wir die Post verliessen. »Jetzt gehen wir zum Fürsprech Heim,« sprach Clemens, »dort gilt keine Visitenstunde, – aber vorerst muss ich dir meine Stube zeigen.« Und wie ich mit ihm heraufstieg, da war ein Tischlein in seiner Behausung gedeckt, und paradierte darauf ein germanischer Schwartenmagen und zwei grosse Flaschen Rotwein und – was bei einem spezifischen Jenenser Frühstück nie fehlt, aber auch ausserhalb dieses Kulturkreises nicht in Deutschland vorkommt – ein paar kürbisartige, riesenhafte, eingemachte Wassergurken. »Wassergurken! 's ist das einzige Trümmerstück Jenaischer Kultur,« sprach Clemens, »was ich nach der Schweiz verpflanzt habe. Lichtenhainer gibt's nicht, Köstritzer gibt's nicht, – da hab' ich wenigstens eine Erinnerung gross gezogen und mir ein Quantum Wassergurken nach Jenaischen Rezepten eigenhändig eingemacht.« O diese Wassergurken! es lag ein weltgeschichtlich erschütternder Inhalt in diesen Wassergurken. – Was blieb übrig, als in stiller Rührung dieses Jenaische Frühstück zu verzehren; – denn wer auf dortiger Hochschule seine Studien gemacht, der frühstückt zu jeder Tageszeit; – und der Rotwein lag auch nicht überzwerch in den Flaschen, und wieder stieg die Zeit von Jena in ihrer alten Pracht auf, und mit verhülltem Antlitz entflogen die verschiedentlichen Cousinen aus den Prachtsalons meiner Gedanken. – Wie wir aber endlich wieder hinabgestiegen waren, da sprach der wassergurkeneinmachende Clemens ganz trocken: »Wenn es dir jetzt genehm ist, so will ich dich jetzt zu deinem Fürsprech führen.« Aber da kamen mir die Häuser so wacklig und der Boden so sonderbar vor, und der Mondschein war so grell, und der Rhein rauschte bergan und jene Stetten 'sche Stimmung, wo dem Menschen klar wird, dass es keine Ideale gibt, bum! bum! ergoss ihren Zauber über mich, so, dass ich erwiderte: »Dies kommt später! vorerst führ mich nach Kleinlaufenburg zum Militärarzt mit dem roten Bart, und führe mich sorgsam, mein Sohn Hadubrand, und halt in allem Wechsel der Zeiten nur das eine fest, dass der ›Weltgeschichte faustisch promethisch Ringen nur ein Funke aus dem grossen Lavastrom des Absoluten ist.‹« Der wassergurkeneinmachende Clemens führte mich treu und sorgsam zu meinem Reisegefährten, der inzwischen einen Leiterwagen behufs der Heimfahrt aufgetrieben hatte. Wie's aber ans Abfahren ging und die Peitsche des schnöden Kutschers knallte, machte Clemens wieder sein lammfrommes Gesicht und sprach: »'s ist übrigens ein Glück für die schöne Tochter, die der Fürsprech Heim notwendigerweise besitzen muss, dass er keine hat, denn in deinem absoluten Zustand heut abend hättest du ihre Eroberung hoch schwerlich gemacht. Auf Wiedersehen!« Und also rasselte ich im Leiterwagen durch die mondhelle Nacht über Rhein und Murg nach Säkkingen zurück und hatte zwar keinen Vetter, aber doch auch keine Cousine entdeckt. Der rotbärtige Militärarzt aus Westfalen aber, der in seinen Musestunden Hebels Schatzkästlein zu lesen pflegt, sprach im Ton des rheinländischen Hausfreundes: Merke erstens: Du musst in der Schweiz keine schöne Cousine aufsuchen, wenn keine da ist. Merke zweitens: Wenn du sie aber, trotzdem sie nicht existiert, doch aufsuchen willst, so besuche vorher keinen alten Bekannten, mit dem du in Jena Studiert hatte der Verfasser zwar nicht in Jena, wohl aber zweimal zum Besuch seines Heidelberger Freundes Schwanitz dort geweilt. studiert hast, zumal, wenn selbiger eingemachte Wassergurken besitzt. Merke drittens: ein Glas frisch Wasser morgen beim Aufstehen wird gut für den Katzenjammer sein. Vierte Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 14. Februar 1850. (Wie der Doktor Scheffel nicht von Amts wegen, sondern Vergnügens halber nach Herrischried in Wald gefahren, und was mancherlei Gestalt von Vergnügen er dabei zu geniessen gekommen.) In der Fastnachtszeit treibt der Mensch allerhand Absonderliches und meint, es sei ein Vergnügen; – das Säkkinger junge Volk treibt sich in einem von Kunst wie von Schönheit gleichmässig entfernten Maskenkostüm in den Strassen herum; der Honoratior wandert bedachtsam nach Obersäkkingen zum herkömmlichen Schinkenfestessen, arbeitet sich durch riesenhafte Barrikaden von Kalbskeulen, Zungen und Schinken durch, singt mit hundertfachen Variationen neben, unter und auf dem Tisch das Lied »Freut euch des Lebens« und begräbt die Sorge um Belagerungszustand und um den nahen Krieg mit der Schweiz im Grenzacher und Markgräfler Weissen. Ich meinerseits war durch all diese Herrlichkeiten noch nicht vollständig beruhigt und beschloss deshalb, mit einer amtlichen Kommission, die am Fastnachtsdienstag weit hinten auf dem Wald zu Rütte nach ein paar Biedermännern fahnden wollte, die dem Staat bei dem schweren Geschäft des Münzprägens in liebevollem Anteil durch eigene Arbeit nachgeholfen hatten, als Volontär zu fahren. Also sassen des Morgens um acht Uhr wir drei, der Amtsverwalter Gamber, der Aktuar Steinmann, der den Spruch »Sei mir heute nichts zuwider!« erfunden hat, und ich im grossen Eliaswagen und fuhren waldeinwärts. Der Eliaswagen ist unter seinen Mitwägen seiner Abnormität halber fast ebenso berühmt wie der Amtschirurg Vogelbacher unter seinen Mitmenschen. Bei der Konstruktion anderer Equipagen geht der fachkundige Meister von dem Grundsatz aus: das Fahren ist die Regel, das Umwerfen ist die Ausnahme. Der Erbauer des Eliaswagens aber, der wohl wusste, welcher Unterschied zwischen einer Kunststrasse im Berliner Tiergarten und den Vizinalwegen im Wald besteht, baute seinen Wagen nach dem Grundsatz: das Umwerfen ist die Regel, das ungehinderte Fahren nur Ausnahme. Deswegen legte er als Gegengewicht gegen das Umwerfen alle Schwere in die Achse und die Räder des Wagens, und damit kein Gewicht von oben drücke, spannte er seitwärts und oben nur ein Spritzleder über, und des Gleichgewichts halber richtete er keine gewöhnlichen Sitze ein, sondern versah ihn mit einem sattelförmigen Bock, auf dem die Insassen des Wagens wie die vier Haimonskinder sitzen können. Wer einmal zwischen Merseburg und Treuenbrietzen oder bei Zwickau in einer Extrapostchaise gefahren, kann sich von der sonstigen eleganten Ausstattung unseres Eilwagens eine annähernde Vorstellung machen. Durch diese lobenswerten Eigenschaften aber hat sich der Eliaswagen den Ruhm erworben, dass, wie der Postillion sagte, zehntausend Teufel ihn nicht »umkeien« können. In sotanem Wagen ging's also waldeinwärts, und zwar zuerst den alten Weg nach Willaringen, und nach der ersten Viertelstunde wurde das Wetter so gemütlich, dass wir sämtliche Spritz- und anderen Leder aufzogen und wie die Familie Noah durch die sündflutlichen Regen weitersteuerten. Vor Willaringen war mir's fast, als sei der Meysenharts Joggele unter einer Tanne gesessen und hätte gekichert: »Wart, du vermaledeiter Doktor, wenn du dir einen Fastnachtsspass machst, so mach' ich mir auch einen; – und mit dir habe ich ohnedies noch darüber abzurechnen, dass du mir in deiner Epistel II so viel Spott angetan und mich beim Karlsruher Stadtvolk ins Geschwätz gebracht hast. Und trotzdem, dass dir dein biederer Vater, der mich übrigens auch nicht umsonst ins Lateinische übersetzt und den daemonibus malignioribus beigerechnet haben soll, einen vermeintlichen Schutzpatron Mit Bezug auf die in Ep. II. geschilderte Irrfahrt hatte des Verfassers Vater demselben eine Landkarte mit humoristischer, lateinischer Widmung übersandt. gegen mich übersendet, werd' ich heut noch und in der Zukunft ein Wörtlein mit dir reden.« Diesmal fuhren wir aber, ohne uns um den Meysenhart und meinen freund Balthes und sein Vreneli zu kümmern, weiter, und erst in Rickenbach ward Halt gemacht. Und hat mir's allda schier noch besser gefallen wie beim Balthes; denn der Rösslewirt von Rickenbach schüttelte uns grad so freundlich zum »Willkomm« die Hand, hatte aber andrerseits nicht nur ein Maidli im Haus, sondern drei, und war das Kostüm vons Balthes Tochter ohne konstitutionelles Gleichmass, so war es das vons Rösslewirts Maidlin noch viel weniger. Die waren nämlich schon im Ballanzug. Der bestand aus einem schwarzen Pechkäppli als Haube, einem gestickten kurztailligen Mieder und einem ins unendliche gefältelten Rocke, der aber den roten Strümpfen noch so viel Raum zu selbständiger Entwicklung gestattete, dass daraus hervorging, wie der Begriff eines »Volants« noch nicht nach Rickenbach gedrungen sei. Dazu kam ein System von unendlich aufgebauschten, reichfaltigen Ärmeln bis an den Ellenbogen, die wie eine Baubansche Sternschanze den übrigen Arm deckten. Durch die Anerkennung dieses Kostüms habe ich Unglückseliger mir leider keine Lorbeeren erworben. Wie ich in wohlgesetzter Rede das eine Maidli um die Ehre ersuchte, mein Skizzenbuch durch eine getreue Abschrift ihrer ganzen Erscheinung bereichern zu dürfen, und zufügte, es geschehe dies meiner Schwester zu lieb, die weit hinten am Landgraben wohne und heute wahrscheinlich auch tanzen werde, damit sie ersehen könne, wie man im Wald zu Balle gehe, da fielen die Aktien meines Kredits unter Null. Das gute Kind glaubte, ich wolle sie verspotten, und als ich ihr mein Skizzenbuch zeigte, in welchem bis jetzt leider nur ein slowakischer Mausfallenhändler, ein bassgeigespielender Bürgermeister und zwei Bettelbuben paradieren, wurde diese Überzeugung noch befestigt, und nachdem die sämtliche Damenwelt im Rössle noch einen Kriegsrat in der Küche gehalten, wurde einstimmig beschlossen: »Es sei sotanes Gesuch des Doktor Scheffel angebrachterweise zu verwerfen.« Nachdem ich hier auf dem Weg Rechtens abgefahren, fuhr der Eliaswagen auf dem Weg nach Hottingen allmählich auch wieder ab. Mühsam zogen uns die zwei Füchse und das Schimmele, dem der Postillion aus der reichhaltigen Registratur seiner Kernflüche die liebevollsten angedeihen liess, noch die Hottinger Steige hinauf. Dort oben aber hiess es immer mehr und mehr, wie einst der hauptumwickelte Phylax gesungen: »Schwieriger stets wird der Weg, und in der Tat choleratisch.« Da lag noch ein fusstiefer Schnee, und an manchen Stellen war er ganz mauerartig zusammengeweht, und war öfters nur noch ein Tannenreis ausgestreckt, um anzudeuten, wo in anderen Zeiten ein Fahrweg geführt; und oftmals wurde das Verhältnis des Eliaswagens zur Erdoberfläche noch viel schiefer als das des Königs von Preussen zur Demokratie. Wie's nun so mühsam durch den Totenbühl nach dem Wirtshaus zum dürren Ast hinging – für einen soliden Nebel und Schneegestöber hatte der Meysenharts Joggele auch gesorgt – vergass der Eliaswagen auf einmal, dass er uns nicht, wie weiland den Propheten, gen Himmel, sondern vorderhand nur nach Herrischried führen sollte – er wandte sich, er knarrte, ein Fluch des Postillions, – pladderadautsch! lagen wir seitabwärts im Schnee und der Eliaswagen wie ein toter Walfisch auf dem Rücken. »Sei mir heute nichts zuwider!« sprach zuerst der Aktuarius und schüttelte sich auf, und allmählich sammelten wir andern unsere Knochen auch wieder zusammen – und der Postillion zählte die Häupter seiner Lieben, und siehe, es fehlte kein teures Haupt, selbst der Pfeifenkopf des alten Amtsverwalters war ganz geblieben; – und es war uns pudelwohl, dass der Meysenharts Joggele an unserem homerischen Gelächter wohl ersehen konnte, wie wir an seiner Fastnachtsbescherung selber unser Wohlgefallen hatten. In einer halben Minute war der Eliaswagen wieder auf die Beine gebracht; aber der Meysenharts Joggele dachte: »Wenn die Herren noch nicht genug haben, können sie's noch besser bekommen; mir kommt's nicht darauf an« und legte sich an den Kreuzweg beim dürren Ast und deckte den Weg nach Herrischried zu mit seinem Nebel, und allmählich gerieten wir nach Segeten statt nach Herrischried, und allmählich sass der Wagen in pfadlosem Felde fest, und mochte der Postillion auch die saftigsten Flüche aus seiner Registratur hervorholen, es half nichts mehr; er musste zurückfahren, und wir mussten zu Fuss nach Herrischried hinüber. Das Vergnügen dieses kleinen Spaziergangs war aber wirklich ein ausgesuchtes. 3000' über der Meeresfläche am Fastnachtsdienstag pfeift die Natur eine andere Melodie als im kühlen Tal. Vor uns eine Schneefläche, ins Gesicht ein mit Regen untermischtes Schneegestöber, dazu ein Sturmwind, der ganz katzenmusikalisch in den Tannen herumheulte, – der Meysenharts Joggele hatte seine Satisfaktion, trotzdem der Aktuarius den Hebelschen Vers sang: Minen Auge g'fallt Herrischried im Wald. Woni gang, so denk i dra, 's chunnt mer nüt uf d'Gegnig a Z'Herrischried im Wald.« Ich vergass bei diesem Spaziergang wirklich, dass ich mich »vergnügungshalber« auf dem Wald befand; auf die Gegend kam mir's ohnedies nicht mehr an, und die Gedanken schweiften ganz polizeiwidrig nach dem goldenen Knopf zum warmen und herzstärkenden Wein des braven Herbergvaters Broglie. Item, die Füsse trugen uns noch über hohe, hohe Berge und tiefe, tiefe Täler, und durch allerhand Schnee- und Bergwasser-erfüllte Matten bis nach Herrischried. Dort aber »imme chleine Huus, wandlet i und uus« – nicht wie beim Hebel ein wundernettes Maidli, denn auf eine solche wäre es unseren Augen so wenig als auf die schönste Gegend damals irgendwie angekommen, sondern ein fürtrefflicher Pfarrer, dem dereinsten vergolten werden wird, was er an uns Geringen dieser Erde getan hat. Neben der im März vorigen Jahres abgebrannten Kirche, die jetzt als Ruine dasteht, erhebt sich das Pfarrhaus, und als wir die hohe Steintreppe, die ebenfalls mit fusstiefem Schnee zugedeckt war, mehr hinauf krochen als schritten und ich zuletzt noch, vergessend des Burgfriedens um den geweihten Ort, meinen Dankbarkeitsgefühlen gegen die Herrischrieder Natur mit einem Fluch Luft machte, der unserem Postillion zur Ehre gereicht haben würde, erschien das hochwürdige Pfarramt an der Türe und nahm uns mit einer Gastfreundschaft in seiner Behausung auf, wie sie nur auf germanischem Boden vorkommt. Da ersetzte des Pfarrers Schlafrock den durchnässten Mantel des Amtsverwalters; und des Pfarrers Pantoffeln traten an die Stelle der ketzerischen Stiefel des Rechtspraktikanten, und der grosse Steinkrug mit Bier, den der Pfarrer aus seinem Keller holte, und der den Gästen und dem Gastwirt gleich trefflich mundete, war ein Symbol dafür, dass es Punkte im Absoluten gibt, in welchem sich die feindlichen Kategorien von Kirche und Staat auflösen und ihr Versöhnungsfest feiern. Über die Stelle des geweihten Pfarrhauses hatte der böse Meysenharts Joggele keine Gewalt mehr, – und wenn er durchs Fenster hereingeschaut hat, mit welcher Behaglichkeit das Bezirksamt Säkkingen sich beim Pfarramt Herrischried atzte und labte, so sind ihm gewiss in seinem Geisterschädel verschiedene Skrupel darüber aufgestiegen, ob er seinen Zweck, »uns einen Tuck anzutun,« auch wirklich erreicht habe. – Nach erfolgter Auffrischung der Lebensgeister fuhr die amtliche Kommission noch nach Rütte und brachte natürlich nichts heraus. Ich aber verblieb im traulichen Gespräch beim gastlichen Pfarrer, und bei der Erinnerung an seinen warmen Ofen und an seine warmen Pantoffeln und seinen noch mehrmals gefüllten Steinkrug mit Bier wird mir's so behaglich zu Mut, dass ich gar nicht mehr beschreiben mag, wie auf unserer nächtlichen Heimfahrt der Meysenharts Joggele abermals einige Veranlassung zu zufriedenem Kichern fand; wie wir im Rennschlitten bei Nacht und Nebel nach Hottingen fuhren; wie der Eliaswagen dem dürren Ast bis Hottingen, aber ohne uns, die wir schon beim Kienspanfeuer des Akzisors in Hottingen sassen, noch zweimal umwarf; wie es unterwegs einmal scharf am Horizont geblitzt hat, und wie wir über Hännen und Laufenburg endlich müd und durchfroren nachts um ½11 Uhr in Säkkingen ankamen. Darüber, dass ich in selber Nacht trotz alledem noch in Frack und Handschuh auf den grossen Ball im Schützen ging und mit Sr. Wohlgeboren des Herrn Amtsrevisors Gemahlin pflichtschuldigst einen Polka getanzt, schweigt ohnehin die Weltgeschichte. – Fünfte Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 24. März 1850. (Worinnen vom Sankt Fridolinifest zu Säkkingen und dessen Ausgang, sowie von etzlichen anderen Dingen die Rede ist.) Diesmal seid Ihr aber selbst schuld, liebwerte Frau Mutter, dass Ihr bis jetzt kein Schreiben und keine solenne Gratulation zum Josephstag samt obligatem Dank von mir erhalten habt. Unter der Woche habe ich keine Zeit zum Briefschreiben; der praktische Jurist muss vor allem die Kanzleistunden einhalten (hat er ja sogar für die Liebe, wie's in jenem Liede heisst, nur Zeit von abends sechs Uhr an, und nachmittags von eins bis zwei); – und auf den schönen Feiertag am 19., wo ich Euch einen tiefgefühlten Gruss verfassen wollte, schickt Ihr selber mir eine wohlbestellte Wildbretpastete und schreibt dazu, ich solle sie mit einigen guten Gesellen zusammen verzehren. Was bleibt mir übrig? Getreu dem Wink meiner Mutter, organisiere ich ein solennes Frühstück, lasse ein Fässlein Bier dazu anschroten, und ein Wort gab das andere, und das Frühstück verlängerte sich bis tief in den Abend auf gründlich germanische Art, denn der weise Mann, sagt Börne, frühstückt zu jeder Tageszeit. Da war's mit dem Schreiben wieder nichts, sonst hätte ich an jenem Tag Dich versichert, wie diese zarte und einem tiefgefühlten Bedürfnis abhelfende Sendung mich von neuem nötige, Dir den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung zu Füssen zu legen. Zum Glück für die Fortsetzung meiner Episteln ist aber heute gerade ein so epistolarisches Wetter draussen, dass ich mich ganz behaglich in meinen vier Wänden dem Schreiben ergeben kann; der Winter, der vor ein paar Wochen geträumt und sich den Frühling mit Schneeglöcklein und Schmetterlingen ganz hat über den Kopf wachsen lassen, ist wieder wild geworden und schüttelt die Schneeflocken ganz stürmisch durcheinander. Drum will ich heut Euch wieder etwas erzählen, und da weiss ich für diesmal nichts Besseres, als Euch den letzten Sonntag vor 14 Tagen, wo in der hiesigen Stiftskirche und ausserhalb das grosse Fest des Schutzheiligen Sankt Fridolin gefeiert wurde, vor den Augen vorüberzuführen. Es war ein heller, blauer Sonntagmorgen übers Rheintal aufgegangen, als schon in der Frühe Böllerschüsse und Glockengeläute das Fest des Schutzpatrons verkündeten. Und allmählich füllten sich die Strassen von Säkkingen und vor allem der Platz vor der Stiftskirche; vom Wald herab kamen die Hauensteiner und andere Wäldler gestiegen, und was im Rheintal unten wohnt, und aus der Schweiz drüben, vom Fricktal und aus dem Aargauischen kam's herbeigeströmt, und in der fremdartigen Tracht manches Maidlis oder Biedermanns war zu erschauen, dass auch entferntere Bezirke, Lörrach, Müllheim etc. ihre Mannschaft stellten. Und in buntem Gewimmel wogte da die Menge auf dem Marktplatz auf und ab; – keine Offenburger Versammlung Anspielung auf die am 13. Mai 1849 zu Offenburg abgehaltene Volksversammlung, welche die Anerkennung der Reichsverfassung seitens der Bundesregierungen forderte und das Signal zum badischen Aufstand wurde. mit Bassermannischen Gestalten, Heckerbärten und die schwanke Hahnenfeder auf dem Schlapphut, lauter friedliches Landvolk im Sonntagsgewand. Da waren meine guten freunde, die Wäldler im roten Tschoben und schwarzen Sammtrock, und mancher schmucke Bursch war drunter, wie selbiger beim Hebel: Aber schöner als er isch Kein dur's Wiesetal gwandlet, Chrusi Löckli hat er g'ha un Auge wie Chole, Backe wie Milch und Blut un rundi, chräftige Glieder.« Denn der Wälder setzt seine Ehre drein, wenn er bei festlicher Gelegenheit auswärts erscheint, sich aufs feinste herauszustaffieren; und der elegante Mann im Hauensteinischen hat ausser dem Werktags- und Sonntagskostüm noch ein drittes, welches in der merkwürdigen Sprachweise das »Näumeshingewand« heisst, – das »Irgendwohinkostüm,« resp. das, was er anzieht, wenn er irgend wohin in die Stadt geht und sich sehen lässt; und der »Näumeshinrock« ist gewiss vom besten Sammt und darf kein Stäublein darauf sitzen, und das »Näumeshinhemd« ist am feinsten gefältelt und der krause Hemdkragen schmucker als alle andern. Und auch die Maidlin vom Wald schauten gar vergnüglich mit ihren Pechkäpplein, den langen Zöpfen, kurzen Miedern und vielfarbigen, vielfaltigen Röcken in die Welt hinaus und haben gewiss manche malitiöse Bemerkung über das abnorme Kostüm der andern Damen gemacht, denn da waren auch noch Müllheimerinnen und Fricktälerinnen mit der grossen Bandschleife an der Haube, von welcher, sowie von den Zöpfen aus, ein ganzes System von langen Bändern im Wind herumflog, wie bei einem Admiralsschiff, das alle Flaggen aufgezogen hat. Zwischen all den Gestalten ragte aber auch manche im verzwickten halbstädtischen Kostüm heraus, im ehrwürdigen, vorsündflutlichen Spitzfrack und im zylinderförmigen Filzhut, an denen ich mein Wohlgefallen weniger hatte. Um 9 Uhr läutete es mit allen Glocken, und da strömte die ganze Menge in die Stiftskirche, und Kopf an Kopf gedrängt stand alles in der weiten Fridolinikirche, und kaum merkte man, dass die Gesellschaft, die noch draussen hin und her wogte, abgenommen hätte. Als frommer Mann ging ich auch hinein auf die Emporkirche, wo die ganze Stadtmusik zum musikalischen Hochamt bereit war und mein guter Freund, der Bürgermeister von hier, gar schön die Orgel spielte. Zuerst kam eine gewaltige Predigt, – dazu hatten sie einen eigenen Festredner von weither verschrieben – der donnerte und blitzte gegen das Treiben der Welt und die Hoffart und Freischärlerei und zeigte am Exempel Fridolini, der seinen irländischen Prinzentitel und allen Ruhm und heidnisches Wissen an den Nagel gehängt hatte, um zu Säkkingen das Evangelium zu predigen, was wahre christliche Grösse sei, und polterte und lärmte und schlug die Kanzelbretter schier entzwei und sprach sich zuletzt ganz heiser; o Fridolinus, Friedensprediger, zu deinen Ehren ward mit Pauken und Trompeten Krieg gepredigt! Aber die Menge lauschte lautlos; der Redner wusste wahrscheinlich besser als ich, was man hiezulands für eine Sorte geistlichen Tabak rauchen muss. Dann kam das feierliche Hochamt, und gar lieblich rauschten die Töne der alten Kirchenmusik und der Gesang durch die hohen Räume; – und mancher verklungene Klang aus der alten Zeit ward wieder wach in mir; – trotz alledem und alledem bleibt's wahr, dass der katholische Kultur etwas Mark- und Beindurchschütterndes hat und behalten wird bis ans Ende der germanischen Weltgestaltung. Und gegen 11 Uhr wurde in feierlicher Prozession der Sarg mit den Reliquien Fridolini über den Platz und um die Stiftskirche herumgetragen, voraus die weissgekleideten Mägdlein von Säkkingen mit der grossen Madonna-Fahne, dann die Kirchenältesten und die Geistlichkeit in Pontificalibus, und der Bürgermeister, trotzdem er auch ein halber Ketzer ist, trug auch gar frömmiglich die weisse Kerze, und sogar die preussische Militärgewalt hatte 30 Jäger in Paradeanzug mit grossem, schwarzem Reiherbusch auf der Pickelhaube zur Begleitung der Prozession beigeordnet. Und langsam bewegte sich der Zug durch die dichtgescharten Massen des Volks, die so gedrängt auf dem Platze standen, dass man auf den Köpfen hätte spazieren gehen können; – und an der alten Fridolinslinde vorüber, wo sich einst Fridolinus trübselig unter freiem Himmel schlafen gelegt hatte, weil ihn der damalige Wirt zum goldenen Knopf, ein schnöder Heide, zur Herberge hinausgeworfen hatte, um die Kirche herum, und feierlich war's anzuschauen, wie alles mit entblösstem Haupte die Knie bog, als schliesslich der Segen erteilt wurde. Dann aber ward ein fröhlicher Tusch geblasen und man zerstreute sich. Wie sich die versammelte Menge die Weltentsagung zu Herzen genommen hat, die ihnen der gewaltige Prediger gepredigt, wird später noch erhellen; vorerst ging's nach germanischer Sitte nach allen Seiten in die Wirtshäuser. – Ich selber feierte den Fridolintag noch weiter. Den deutschen Grundrechten gemäss, welche die Kirche freigegeben haben, habe ich mir meine eigene Kirche gebaut und meinen eignen Kultus gestiftet, und der haust nicht innerhalb vier geweihter Wände allein, sondern weiter. Aus allem Menschengewimmel und törichtem Treiben gehe ich, wenn mir's zu bunt wird, hinaus in den Tannwald oder steig' auf Bergeshöhen und hör' dem Moos zu, wie es wächst, und der Lerche, wie sie in blaue Lüfte schmetternd steigt, und wer die Augen am rechten Fleck hat, der sieht in der Natur, in dem »Geist in seinem Anders sein« gar manches, wovon nichts in den Kompendien der Theologen geschrieben steht, und es kommt wieder Harmonie und ein Hauch des Absoluten ins zerrissene Herz. Und man braucht kein Nibelungen-Siegfried und mit Lindwurmblut gefeit zu sein, um zu verstehen, was die Tannen rauschen und die Vögel miteinander sprechen; das A-B-C kann jeder lernen, und wer mir's leugnet, den würde ich an einem blauen Abend von hier auf den Eggberg führen, wo die ganze Kette der Schweizer Alpenriesen vom Säntis an bis in die Berner Alpenhörner und Gebirgsstöcke hinein in glührotem Duft vor ihm steht und tief unten der grüne Rhein in ewig gleichem Rhythmus die Wellen weiter trägt – wer das gefunden hat, kann vieles missen, was andere zum Seelenheil für unentbehrlich halten! – So ging ich also am Sonntag Mittag wieder hinaus in den Wald; und am Fuss des Eggbergs liegt, im Tannendunkel versteckt, ein gar stiller, lauschiger Bergsee; an dessen Ufern setzte ich mich auf ein Felsstück und liess die Gedanken allerhand träumerische Sprünge machen. Jedoch, die Poesie hat ihre Zeit, das Biertrinken hat aber auch seine Zeit. Es kam des Wegs daher der biedere Aktuarius, der den Spruch »Sei mir heute nichts zuwider!« auf seinem Wappenschild führt, und meinte, das sei ein sonderbarer Ort, um den Nachmittag des Fridolinifestes zuzubringen; erstens sei's noch feucht, zweitens quakten die Frösche; – er seinerseits wallfahre nach Wehr in den grossen Bierkeller. Der Aktuar ist ein realer Mann; ich sprach deshalb: »Sei mir heute nichts zuwider!« und ging mit ihm nach Wehr. O du schöne Landstrasse am Abend des Fridolinifestes! Die lebte und wimmelte von heimwallenden Fridlinspilgrimen. Aber wehe! wehe! wo war die Weltentsagung? wo die christliche Askesis? Mancher war unter ihnen, der basislos und krumm nach Hause wankte, und von manchem hiess es wie in Schillers Glocke: Wehe, wenn er losgelassen, Wackelnd ohne Widerstand Durch die volksbelebten Strassen Wälzt den ungeheuren Brand. Aber alle waren sie noch erbaut von der gewaltigen Predigt. Der alte Schmied von Niederschwörstadt, der sich uns anschloss, und bei dem der Begriff auch ein weniges verwirrt war, meinte, das sei ein strenger Prediger, der könne es gut verkaufen, was er studiert habe (damit meinte er den energischen äusseren Vortrag), der neu Vikari in Säkkingen habe zwar des Nachmittags auch noch gepredigt, aber da habe ihn »ein bizzele Schlaf überkommen.« Und im Bierkeller zu Wehr erst! Da sass der alte Dekan von Wehr, ein Wessenbergianer, der mit den neuen Eiferern und Missionsstiftern nicht auf bestem Fusse steht, und herein kam gewankt – der leibhaftige Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, ein alter Gemeinderat von Wehr mit seinem Sohne, die förmlich auf allen Vieren heimkrochen; aber der alte Hildebrand setzte sich zum Dekan und erzählte ihm die ganze Predigt wieder und gab ihm gute Lehren, »so müsse er auch werden, und eine Mission müsse er in Wehr abhalten, und ein anderer Lebenswandel müsse geführt werden in der Gemeinde;« und der Alte sprach sich mit solchem Feuereifer wieder halbwegs nüchtern und erbaute noch die übrigen, sein Sohn Hadubrand aber sass in stiller Würde steifgetrunken da, und vergebens taten der Aktuar und ich das Gelöbnis, beim ersten Wort, das dieser fromme Pilgrim spräche, einen halben Schoppen zu trinken, – der Eindruck des festes hatte seine Zunge gelähmt, er konnte nur noch durch Nicken aussprechen, dass er seinem Vater in allem beistimme. In unserer Art ebenfalls erbaut, verliessen wir die Stätte. Aber unterwegs steht noch ein ander Wirtshaus, wo ich nie vorübergehe, ohne nachzusehen, wie's mit dem Grenzacher steht. Das ist das alte Brennetwirtshaus bei Öflingen, eine geschichtliche Kneipe, wo schon seit Jahrhunderten die Fuhrleute einkehren, wo schon vor Jahrhunderten, wie ich aus alten Akten ersehen habe, Nachtwächter geprügelt und fremde Bursche beim Tanz hinausgeworfen wurden. Für solche Räume habe ich eine angestammte Pietät –, in ihnen ist beim guten Trunk auch manch gutes Volkslied gewachsen und in die Welt hinausgejauchzt worden. Heute wollten wir auch dort noch die Friedenspilger schauen und Studien an Lebenden machen. O du schönes Brennetwirtshaus am Abend des Fridolinifestes! Da sassen sie in langen Reihen und freuten sich, wie homerische Helden, des Trunks und lieblich duftender Speisen; – und eine Prämie vom besten Fass Norsinger auf 10 nüchterne gesetzt, man hätte sie so wenig finden können als der Engel die 10 Gerechten in Sodom. An einem Tische sassen drei wackere Fuhrleute. – Fuhrleute, ein Schlag Menschen, die nächst den Hausknechten sehr hoch in meiner Achtung stehen! Prächtiges Leben, so auf der Heerstrasse landauf landab fahren, einen Strauss am Hut und bei den Kellnerinnen wohlgelitten und manchem Hausknecht innig befreundet; und des Abends in der Schenke, wenn sie's einander zubringen: Stallbruder mein! Du bist wohl wert, Dass man dich auf'm Altar verehrt, Hast ein paar Wängelein Wie ein Rubin, Augen wie Schwarzenstein, Zähne wie Elfenbein, Bist ein gar kluger Kerl, Wie ich es bin. – Wie gesagt, ich liebe die Fuhrleute! Und wie germanisch die drei ihren Abendimbiss verzehrten! Den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, vor ihnen eine Schüssel, riesenhaft mit Koteletts gefüllt, da stach jeder mit der Gabel hinein und sich ein ganzes Rippenstück heraus, und zum Mund geführt, die Gabel weg und am Knochen das Stück gehalten und abgenagt: – was ist alle Kultur und Form gegen diese primitive Fuhrmanns-Ursprünglichkeit? Am andern Tische sassen die ledigen Burschen mit den Maidlin, und da wurde gesungen, dass es eine Freude war, und aus viel modernem Geleier schaute da und dort noch eine rechte Metallstufe von Volkslied heraus, und mein polizeiliches Gemüt ward nicht bös, als einer sang: Hab' all mein Tag kein gut getan, Hab's auch noch nicht im Sinn; Die ganze Freundschaft weiss es ja, Dass ich ein Unkraut bin.« Und die andern dachten daran, dass nächstens die Ziehung zum Militär sei und sie vielleicht im nächsten Jahr in Prenzlau oder Neu-Ruppin sitzen müssen, wo es kein Fridolinifest und kein Brennetwirtshaus, keinen Grenzacher Weissen und keine kurzaufgeschürzten Wäldermaidli gibt, und ein anderer sang: Und mein Vater hat's g'sagt Und mein Mutter hat's denkt Und Soldat muss i werden Beim ersten Regiment – Und zwei Kreuzer den Tag! Dass ein Kreuzdonnerwetter Vom Himmel drein schlag! Dass bei Fuhrleuten und ledigen Burschen mit Sang und Trunk hoch herging und mancher sich ein gedoppeltes Selbstbewusstsein antrank, war erklärlich, trotz des Fridolinitages. Aber wer sass am dritten Tisch? wer brummte auch ganz vergnüglich zu all den Schelmenliedlein drein und blies ein Schöpplein Grenzacher nach dem andern trotz des Fridolinitages? Wehe! wehe! es war unser würdiger freund, der Herr Pfarrer von Öflingen; und auch er hatte dem ehrlichen Fridolin zu Ehren des Guten zu viel getan! Der See und der Fridolinitag muss seine Opfer haben! Und er wollte uns noch eine Sage vom Harpolinger Schlossfräulein erzählen, – aber er brachte sie nimmer zusammen, die Schlossmauern schwankten, die Berge bewegten sich – es blieb beim schwachen Versuch. – Was Wunder, dass am End' auch das Bezirksamt Säkkingen etwas angeheitert nach Hause ging, und wenn durch die mondhelle Nacht noch manches helle Juchzen heimkehrender Pilger vom Eggberg herab und weit hinten vom Wald her schallte, so hielten der Aktuar und ich es für unsere Schuldigkeit, den Gruss mit gleichem Juhuuuu – !! zu erwidern; was wir vielleicht an einem andern als am Fridolinitag nicht ebenso energisch getan hätten. Also verklang mit hellem Juhuuuu! der 10. Märzen 1850, der Tag des heiligen Fridolinus. Als wir aber ein paar Tage später mit dem Pfarrer von Öflingen zusammenkamen und ihn baten, die Geschichte vom Harpolinger Schlossfräulein fertig zu erzählen, und als er am schiefgezogenen Mund des Fragenden merkte, dass das ein Stich auf seinen Seelenzustand am Fridlinsfest sein sollte, da erwiderte er ernst und würdig: »Sie werden mir doch keinen Vorwurf machen wollen, bin ich doch weder mit der Fridoliniprozession gegangen, noch hab' ich eine so gewaltige Predigt gehalten wie einst der Herr am Sinai unter Sturm und Gewittern; aber dass der Säkkinger Festredner selber, der noch am selben Tag heimfahren wollte, sich in Kleinlaufenburg fest getrunken hat, das kommt mir ein bissel arg vor!« So viel vom Fridolinifest. Was bleibt auch viel anderes übrig, um sich daran zu erquicken, als unser Volk, wie es leibt und lebt, und die Natur draussen. Oder hätt' ich Euch erzählen sollen, wie die langweiligen Bürgermeister und Staatsbeamten hier zusammenkamen und so einmütig und stillzufrieden nach Erfurt wählten, als wenn dort der Lebensbalsam für Altdeutschland geschaffen würde? oder wie ich selber, eine wahre Ironie auf mich, in meiner Höhle hause und im Namen des Rechts und der Ordnung Leute einsperre? – das behalte ich lieber für mich und sag's niemand weiter. – Sechste Epistel in die Heimat. Säkkingen, den 28. April 1850. (Worin von einem sonderbaren Thema, nämlich von der Poesie der Polizei die Rede ist.) Es gibt allerlei sonderbare Wahlverwandtschaften; gewöhnlich meint man, dass Juristerei und Poesie nach verschiedenen Weltteilen hin auseinanderlägen; Jakob Grimm aber hat schon nachgewiesen, wie viel Poesie im Recht liegt, und wer die altdeutschen Rechtsbücher und Weistümer liest, der stimmt mit ihm überein. Über die Poesie in der Polizei dagegen hat bis jetzt die gelehrte Welt keine Aufschlüsse erhalten, vielleicht nichts davon geahnt; ich benutze den nebligen Sonntag heute, um diese fühlbare Lücke in der Literatur auszufüllen, – es dient zugleich als nähere Aufklärung über meine »gesellschaftlichen Umgangs- und sonstigen Verhältnisse,« für die sich Vater in seinem heutigen Schreiben näher interessiert. Ich hab' schon oft darüber nachgedacht, welcher Ironie des Schicksals ich antipolizeiliches Gemüt es zu verdanken habe, dass ein Hauptteil meiner hiesigen Tätigkeit in der Besorgung der Polizeigeschäfte besteht, – und hab' mich zuletzt dabei beruhigt, dass es eine diesseitige Nemesis gibt, und dass mir dadurch der grosse, polizeiwidrige Unfug vergolten wird, den ich als Heidelberger Student mit Nachtschwärmen, Laterneneinwerfen, Kirchhofmauerndemolieren, Leureerschrecken u. s. w. verübt habe. Wie ich aber neulich am Schluss des Vierteljahres die Tabelle über sämtliche Polizeiuntersuchungen aufstellte, da ward mir klar, dass auf der Schaubühne meiner Amtshöhle schon manches Stück realer Poesie an mir vorübergegangen ist, und warum sollte es nicht? Polizei und Poesie sind eigentlich in ihrem Gegenstand identisch, – beide haben es mit den Abnormitäten des Lebens, mit dem über die breite Heerstrasse des Gewöhnlichen Abschweifenden zu tun; nur ist die Behandlungsweise etwas verschieden; ein und derselbe Gegenstand kann vom polizeilichen Standpunkte bei Wasser und Brot in den Turm gesteckt und vom dichterischen mit lyrischen Flötentönen verherrlicht werden. Wenn ich Euch ein paar Gestalten aus meinem offiziellen Umgang vorführe, so wird Euch deutlich werden, in welch gewählter, poesiereicher Gesellschaft ich mich bewege. – Also – was bringt der Gendarm heute für ein »Subjekt?« Ach Gott, wie klaffen die Schuhe, wie ungeniert sehen die Zehen durch die Lücken des Schuhs und die Ellbogen durch die unfreiwilligen Öffnungen des Ärmels in die Welt hinaus! Und was für ein stillvergnügtes Gesicht macht das Subjekt! Was ist sein Verbrechen? »Zweckloses Umhertreiben!« Landauf, landab ist er gefahren und hat eigentlich selbst nicht gewusst, warum, – die weite Welt ist eben so schön – und wo unser Herrgott an einem Wirtshause mit dem Arm winkt, da ist er eingekehrt, und einen Heimatschein hat er nicht, den hat er dem schnöden Wirt als Pfand für die letzte Zeche, die er nicht zahlen konnte, zurücklassen müssen. Und was kann er dafür, dass ihm das Trinken besser schmeckt als das Arbeiten, und dass er dem Spruch folgt: »Lieber ein' leeren Darm als einen müden Arm!« – Zweckloses Umhertreiben! Wie oft hat sich der Polizeirespizient als fahrender Schüler selber aufs zweckloseste umhergetrieben und möchte jetzt lieber die Aussagen des Inkulpaten so zu Protokoll diktieren, wie es jenes liederliche Brüderlein ins Knaben Wunderhorn gesungen hat: Und weil ich nun gegessen hatt', da sollt' ich auch bezahlen, Da fragt' ich, was die Mahlzeit kost', da sprach der Wirt: ein Taler! Ei Mutter Gottes ja, Maienblümlein bla – Da hatt' ich keinen Taler. – Der Wirt der zog mein Röcklein aus; Und jagt mich in die Scheune. Ei Mutter Gottes ja, Maienblümlein bla, Wie lang ward mir die Weile! Und als ich gegen Morgen kam, da träufelt's von dem Dache Ei Mutter Gottes ja, Maienblümlein bla – Da musst' ich selber lachen. Und als es gegen Mittag kam, da zog der Wirt mein Käpple aus Und jagt mich auf die Strassen. Und als ich auf die Strasse kam, – die Schuh' war'n sehr zerbrochen, Ei Mutter Gottes ja, Maienblümlein bla – Da lief ich auf den Socken. – Leider muss das biedere Subjekt bei Wasser und Brot in den Turm, – die Poesie verhüllt ihr Antlitz und trauert. – Rrr – ein ander Bild! Ein anderes »Individuum« wird vorgeführt. Verbrechen? – Widersetzlichkeit gegen die öffentliche Gewalt. Das »Individuum« ist auf dem Markt zu Säkkingen gewesen, – und wozu ist denn der Markt in Säkkingen anders da, als dass man sich vor dem Nachhausegehen einen ungeheuren Brand trinkt? Und was kann das »Individuum« dafür, dass sich aus diesem Vordersatz die logische Konsequenz entwickelte, dass es im Strassengraben »ungern zwar, doch weichend dem schwarzen Verhängnis« liegen blieb? Und wie das »Individuum« vom Gendarmen herausgezogen ward, da hat es vom Gendarmen verlangt, jetzt solle er die Wohltat auch vollständig machen und ihm die Stiefel ausziehen, denn die seien voll Wasser, und mit Stiefelausziehen befasse er sich ebenso wenig als mit Marschieren in durchnässten Stiefeln. Und wie der Gendarm diese gerechte Anforderung mit Indignation abwies, da ward das »Individuum« auch von Indignation erfüllt und schlug seinem Lebensretter mit dem Stechpalmstock »eines« herüber: O weh, auch dieser trunkene Logiker muss ab in Turm und brummen! – Wer kommt jetzt? Da wimmelt's mit Gestalten: Männer und Frauen, ehrliche Vagabunden, Kesselflicker, Korbflechter, Geschirrhändler, Trödler, Zundelfrieder, Bürstenbinder und andere Strolche, die wollen ihre Passbüchlein visiert haben und Bewilligung zum Hausieren. Die haben so eine scheinbare Legitimation zum zwecklosen Umherziehen, eigentlich fahren sie auch, ohne zu wissen warum, in der schönen Welt herum. Und wenn sie erst ein Fuhrwerk bei sich haben, o ehrwürdiger Schimmel, Ei du bist noch wohlgestalt, Bist nit zu jung, bist nit zu alt, Du bist mit meinem Weib geboren, Hast erst den zehnten Zahn verloren, Zieh, Schimmel, zieh! Ab mit euch! Jetzt wird wieder einer vorgeführt. O du Gestalt voll Abgerissenheit und Durstes, voll ehemaliger Landstrassenpoesie und moderner, schiefgewickelter, sozialer Demokratie, – deutscher Handwerksbursche, alter Bruder Straubinger, müssen wir uns so wiedersehen?! Bin ich nicht dereinstmals mit dir auf gleicher Heerstrasse gezogen, hab' mit dir gesungen und getrunken, – und jetzt muss ich dein böser Dämon sein! Aber dir geht's wahrhaftig tragisch! und die Lyrik hört auf! Warum hast du dich ins politische Drama hineingeworfen und statt Rosen und Gelbveigelein die rote Feder an den Hut gesteckt? Warum bist du in der Schweiz bei den Arbeitervereinen gewesen? Du erliegst einem tragischen Geschick. Aus der Schweiz haben sie dich ausgewiesen, und aufs badische Gebiet lässt man dich nicht herein ohne gehörigen Ausweis; jetzt wirst du von Gendarmen wieder auf die Rheinbrücke zurückgeführt. – Aber das Drama hat mehrere Akte. Nach einer halben Stunde bringt dich der Schweizer Landjäger wieder und setzt dich auf der badischen Brückenseite abermals aus; – und der Gendarm wartet nur, bis es dunkel geworden, dann führt er dich abermals hinüber und setzt dich im Kanton Aargau an die Luft, – und so kann's bis an den jüngsten Tag gehen, du kommst nicht herüber und nicht hinüber, – armer Bursche, sie haben dich einmal von China bis Breslau auf dem Schub heimtransportiert, aber das ist eine Kleinigkeit gegen diese Situation! – Noch ein Arrestant! Auch der Wald liefert sein Kontingent. »Unter den Hauensteinischen Sitten, deren Heimat freilich nur noch das Hochland ist, trägt noch manche das Gepräge der mittelalterlichen Symbolik« (Badenia I, 28). Da bringen sie so einen Wäldler Symboliker. Johann Frommherz ist's, des grauen Hansen Langer von Bergalingen. An ihn kann man halt wiederum sehen, was falsche Liebe tut. Auf dem Wald oben wachsen die Prügel wild, wie die Rosen des Feldes. An jedem Sonntag wird geprügelt; wenn der Sohn heimkommt, fragt ihn der Vater: »Ist etwas gegangen,« d. h. hat's ordentlich Schläge abgesetzt? und wenn der antwortet: »Es ist nit gegangen,« so schüttelt der Alte das Haupt und sagt: »Zu meiner Zeit war's anders!« – Dies trägt allerdings das Gepräge der mittelalterlichen Symbolik, und Johann Frommherz ist ein Wälder von altem Schrot und Korn – auf der Amtsregistratur liegen Berge von Akten von ihm; leider haben sie nicht den Titel »Des Johann Frommherz symbolische Bücher,« sondern »In Untersuchungssache wegen Misshandlung, Verwundung etc.« Was hat denn der alte Streithahn jetzt wieder gefrevelt? Ach, es ist so einfach, so homerisch, dass nur die Poesie, die in der Polizei steckt, seine Arretierung veranlasst haben kann. Es sind die ledigen Bursche von Altenschwand alle Augenblicke nach Bergalingen gekommen und haben den dortigen Maidlin viel Schönes gesagt, und ein Altschwander Paris hat eine Bergalinger Helena auf dem Tanz ihrem einheimischen Menelaus abspenstig gemacht. Was ist natürlicher, als dass auf dem Wald ein Trojanerkrieg ausbricht? Da hat der alte Frommherz wie einst der gerenische Reisige Nestor die Bergalinger Burschen gesammelt, und mit Prügeln wohlbewaffnet zogen sie aus und lieferten den Altenschwandern eine Feldschlacht, an der die Götter im Olymp ihr Wohlgefallen haben mussten; – und keiner prügelte so wie der lanzenkundige Frommherz, und die Altenschwander entliefen, einige aber waren so zugerichtet, dass sie auf der Walstatt liegen blieben. Johann Frommherz – warum hast du nicht vor 3000 Jahren gelebt? Du hättest dann statt den Polizei-Inquirenten am Bezirksamt Säkkingen einen Homer gefunden! – Fortsetzung, den 2. Mai 1850. Nach diesem Stück Epos vom Wald kommt ein Stück Lyrik, ein Dorfgeschichtlein. Da steht ein Bürschlein von Wieladingen, das schaut so schüchtern drein, als wenn es eine Zentnerlast auf dem Herzen hätte; aber es »weiss von nüt,« es hat nichts gefrevelt. Wart, Bürschlein, man nimmt eine Konfrontation vor und stellt dir einen Zeugen zu deiner Überführung gegenüber! Und was für einen schmucken Zeugen; – ein rotwangiges Wäldermaidli mit kurzem Mieder und schwarzem Pechkäpplein. »So, Maidli, sag's ihm selber ins Gesicht, was er getan hat!« Und das Maidli schlägt die Augen nieder und wird rot, und will nicht recht mit der Sprache heraus. »Frisch, sag's ihm!« »Bist du nicht in der Nacht vom Fridlinsfest vor mein Fenster gekommen und hast mir einen gar schönen Gruss heraufgerufen, und bist du nachher nicht heraufgeklettert und hast zu meinem Fenster hereinsteigen wollen? Und hab' ich dir nicht gesagt, du sollest drunten bleiben, du böser Bub? Und wie du halt doch hast hereinsteigen wollen, hab' ich's Fenster zugemacht und dir die Finger eingeklemmt, so dass du hast müssen »abi keien« wie ein Mehlsack. Und hast du nachher nicht geflucht wie ein Türke und einen Bengel genommen und alle Scheiben am Haus eingeschlagen?« – O weh, o weh, das ist auch wieder eine Sitte, die noch ärger es ist als mittelalterliche Symbolik! 's es ist verdammt unchevaleresk von dem Burschen, aus gekränkter Liebe seinem Schatz alle Fenster einzuschlagen; – aber das Pärlein es ist so schön, und das Maidli selber hat gar keinen Zorn auf den bösen Buben – wie woll ihn der Polizeirichter strafen? Liebe geht ihren eigenen Weg, die Liebe sollte von rechtswegen auch an den Wänden hinaufklettern und Scheiben einschlagen dürfen! Zum Glück ist auch die deutsche Beweistheorie galant. Ein Zeuge liefert keinen vollen Beweis; folglich wird der Fenstereinschlager für klagfrei erklärt; und wie ihm der Richter das Urteil eröffnet, fügt er noch die strenge und gemessene Weisung bei, dass er hinfüro seinen Schatz nur bei Tag besuchen solle, und beruhigte sich bei dem Gedanken, dass er einen Schuldigen weniger in den Turm gesteckt hat, dadurch, dass sein Spruch vielleicht im Herzen eines Wälder Maidlis einen dankbar frommen Glauben an die Gerechtigkeit der Polizei befestigt. – Auch ein paar Bursche aus dem Rheintal stehen als arme Sünder vor den Schranken des Gerichts; 's sind sonst seltene Erscheinungen vor dem polizeilichen Forum, die Rheintäler, ein frischblutiges, philisterhaftes Geschlecht im Vergleich zu der waldursprünglichen Roheit der Hauensteiner. Aber die drei langen Gesellen von Oberschwörstadt sind diesmal dem schwarzen Verhängnis verfallen. Streng inquiriert der weise Doktor Josephus nach ihrem Verbrechen und sie bemerken nicht, dass er manchmal krampfhaft auf die Lippen beisst oder seitwärts schaut, um nicht hellauf zu lachen; – nein, sie erzählen ganz schwermütig ihr Unrecht und meinen am Ende selber, es sei eine Sünde gewesen. – Zu grösserer Erbaulichkeit der Gemüter haben die Militärbehörden im Verein mit den Bezirksämtern alle öffentlichen Aufzüge, Maskeraden etc. am Aschermittwoch aufs strengste verboten, und was haben diese Bummler zu Schwörstadt getan? Vom Fastnachtsdienstag abend bis Aschermittwoch früh sind sie gar nicht zu Bett gegangen, sondern haben getanzt und gejubelt wie die Lerchen, und am Aschermittwoch haben sie den Frühschoppen für permanent erklärt, und wie allmählich des Katzenjammers schönste Macht über sie kam und moralische Betrachtungen aus den vielfach geleerten Schoppen aufstiegen, da haben sie beschlossen, dem Aschermittwoch und seinem Memento mori einen wehmütigen Kultus zu veranstalten, und haben einen Strohmann angefertigt und haben sich lange Leintücher umgehängt und sind mit leeren Schoppengläsern unter Trauergesängen hinausgezogen durchs Dorf und haben dort den Strohmann, »die alte Fastnacht,« begraben oder verbrannt, und der Hauptschalk hat noch eine ergreifende Leichenrede dazu gehalten. Ihr armen Teufel, da gibt's keinen Pardon; ihr habt nicht gewusst, dass der Dienst der Fastnacht wie der der Freiheit ein harter ist; der Buchstabe will sein Recht, und Knoblauch, der Gefangenwärter, muss sein Opfer haben. Ab in Arrest! Möge euch der Gedanke versöhnen, dass um die Lippen des Richters, der euer Urteil sprach, ein gewisses Etwas schwebte, woraus ein sachkundiger Mann den Wunsch herauslesen konnte: »O wäre ich lieber bei euch und dem Begräbnis der alten Fastnacht und bei dem mir in Säkkingen fast zum Mythus gewordenen Frühschoppen gewesen, anstatt auf meiner Amtshöhle zu sitzen und geduldiges Papier mit schnöden Beschlüssen zu quälen!« – In bunten Reihen folgen die wechselnden Gestalten aufeinander. Jetzt hab' ich's wieder mit ein paar finsteren, trotzigen Gesellen vom Wald zu tun, bei denen jeder Blick und jedes Wort ein Protest gegen den Staat Baden im allgemeinen und die Polizeigewalt insbesondere ist. Das sind Salpeterer, die wie eine Erinnerung aus alter Zeit in die preussisch gefärbte Gegenwart hereinragen; – ein Stück fossil gewordener Bauernkrieg. Die Wälder haben harte und zähe Schädel; was sie einmal gefasst und sich zurechtgelegt haben, das bleibt Jahrhunderte lang sitzen. Deshalb sind ihre Vorfahren auch lange Zeit versteinerte Heiden gewesen, wie St. Fridolinus schon lange unten im Rheintal das Kreuz aufgepflanzt hatte, und deshalb gehen jetzt noch ihre alten Traditionen von der reichsunmittelbaren Grafschaft Hauenstein und dem Grafen Hannes von Hauenstein, der seiner Zeit wieder erstehen und die alte goldene Zeit, wo sie niemand über sich haben werden als den Kaiser im Weltlichen und den Papst im Geistlichen, herstellen würde, leibhaftig auf dem Wald herum, und die echten Salpeterer, so genannt vom ehemaligen Salpeterhans Fridolin Albiez, dem Anführer im Kampf gegen das Stift St. Blasien, erkennen die badische Staatsgewalt, Amt und Pfarrer nicht an; 's ist ihnen alles lediglich provisorischer Zustand! Freilich fechten sie nicht mehr in hellen Haufen wie in ihren früheren Salpeterkriegen, z. B. anno 1739, wo zum Schluss mancher harte Schädel am Wald bei Albbruck vom Scharfrichter abgeschlagen und auf den Galgen gesteckt, und manches Dutzend anderer ins Banat verbannt wurde; aber die Lehre vom passiven Widerstand hat noch heutigentags auf dem Walde ihre Anhänger, und hie und da wetterleuchtet's auch wieder wie ein Blitz aus den Gewittertagen der alten Salpeterer-Zeit. Im Jahre 1815 haben sich die Epigonen der Salpeterer wieder zusammengetan um den alten Ägid Riedmatter von Kuchelbach und in nächtlichen Versammlungen wieder an den alten Hoffnungen auf Gott und den Kaiser gebrütet und der Staatsgewalt den Gehorsam gekündigt. Und um sie von ihren hartgesottenen Ansichten abzubringen, sind damals und später scharfe Verordnungen ergangen, Strafen angedroht und ausgeführt worden, und unter anderem sind auch die Pfarrämter angewiesen worden, keiner Salpetererleiche ein christliches Begräbnis zu gestatten. Diese Verordnung ist schuld, dass ich auch noch ein paar Salpeterer vor mir habe. Da ist im Jänner eine alte Salpeterin gestorben, die alte Malzacherin, und wie nach Hauensteiner Brauch die ganze Familiensippschaft zum Begräbnisschmaus beisammen war, und wie der Pfarrer den Segen weigerte und das Glockengeläute bei der Beerdigung, da ist der alte Zorn über die Mannen gekommen, dass man ein christlich Salpeterweib begrabe »wie einen Hund,« und die Salpeterer Maidli haben die Bursche noch angefeuert, dass sie dem Unrecht steuern, und da sind die verwegensten nach der Kirche gezogen und haben den Glockenturm mit Gewalt aufgesprengt und haben alle Glocken geläutet, dass sie hell und lustig zusammentönten, bis die letzte Schaufel Erde auf den Sarg der alten Malzacherin geworfen war – und dem Pfarrer und Sigrist, die Einsprache erhuben, haben sie viel Schimpf gesagt, und nach ordnungsmässiger Beerdigung haben sie noch ein gar unchristlich Schnapsgelage gehalten. – Es ist ein schwer Stück Arbeit, diesen trotzigen Gesellen eine ordentliche Antwort abzuringen – und der Stoff ist ein Gutteil ernster als das Begräbnis der alten Fastnacht zu Schwörstadt. – Damit schliesslich auch noch ein Stück Humor in den verschiedensten Arten polizeilicher Poesie vertreten sei, kommt auch noch der preussische Hauptmann und Platzkommandant dahergerannt und macht ein Gesicht, als wenn er eine Kreuzspinne gefressen hätte. Donnerrrwetterrr, was ist jetzt los? Haben sie etwa in Paris losgeschlagen? Ist der Kaiser Nikolaus über die preussische grenze? Hat Österreich den Krieg erklärt? Ist in Erfurt durch Rast und von Gerlach die Republik proklamiert worden? – Nichts von alledem, aber das Unerhörte, Himmelschreiende ist geschehen, dass ein hiesiger Kaufmann Tabakspäckchen verkauft hat, die auf der Innenseite das Bild des grossen, kanonenbestiefelten Schutzheiligen aller Freischärlerei, das Bild – Heckers trugen! »Schleunige Untersuchung! Dem Kerl den Laden schliessen!! Meldung ans Generalkommando!!! In die Kasematten abführen!!!« – O du lieber Gott! und der beispiellose Frevler ist ein so gutmütiger konservativer, von Reaktion und Anarchie gleich entfernter badischer Staatsbürger und so unschuldig als ein neugeborenes Kind zu der Heckervignette gekommen. Er hat einfachen Portorikoknaster in Ulm bestellt, und der Ulmer Fabrikant hat, wahrscheinlich weil auch in Ulm der Heckertabak der Polizei etwas zu scharf war, die Etiketten mit Heckers Bild umdrucken und mit der Portorikovignette versehen lassen, so dass nur im tiefsten Innern, auf der Rückseite, von des Knasters Wellen begraben, das Heckerbild sein kümmerliches Dasein fristete, – und hat ein paar von diesen verwandelten Tabakspäckchen seinem Geschäftsfreund in Säkkingen geschickt und nicht daran gedacht, dass ein preussischer Soldat sotanen Portoriko rauchen und das Päckchen einmal umwenden würde, um die grauenhafte Entdeckung zu machen, dass dieser Hecker unvermeidlich ist und sogar im Innern von schlechten Tabakspäckchen noch im Jahre 1850, bei vollendeter Restauration, wiederhergestelltem Papst und von Österreich zusammenberufenem Bundestag zum Vorschein kommen muss! Schmerz, lass nach! 's ist schade, dass ich nicht Zeit genug habe, um Euch noch ein paar Dutzend weitere Stücklein aller Art zu erzählen, zum Beleg dafür, welche reiche Quelle von Poesie jeder Art in der schnöden Polizei fleusst. – Trotz dieses poetischen Duftes aber, der meine Polizeihöhle umschwebt, ist mir's nie wohler und melodischer zu Mute, als wenn ich ihr Valet sage und hinausziehe in den grünen Tannenwald oder an den alten Vater Rhein. Und es gibt Momente, wo der Polizeirespizient sich lediglich in Poesie auflöst, und wo sich dann doch zeigt, dass Poesie und Polizei nicht ganz identisch sind, indem er sich dann durchaus polizeiwidrig aufführt. Ein solcher Moment war neulich am ersten Mai. Da sind wir junges Volk von Säkkingen hinausgezogen an den stillen Bergsee im Tannenwald und haben – dem tiefinnersten Zuge germanischen Wesens getreu – ein paar Stückfass Bier mit hinausgenommen, dann einige tüchtige Züge Hechte und Karpfen gefischt und uns auf einer prächtigen Felskuppe gelagert, um dem Frühling und seinem geliebten Sohne, dem Mai, ein frisches Fest zu feiern. Und ein grosses Maifeuer ist angezündet worden, darin wurde der Fischfang gebraten, und ein jeder verzehrte seinen Anteil an selbst vom Gezweige der Tannen geschnitzter Gabel, und die Lieder und die Gläser klangen, und die Frühlingssonne schien so innerlich und warm drein, als könnte sie nicht genug ihr Wohlgefallen an diesem Häuflein getreuer Frühlingsjünger ausdrücken, – und zuletzt ward ganz vergessen, dass Volksversammlungen, Reden und Demonstrationen im Kriegszustand verboten sind, und sogar er, der Wächter des Gesetzes, der Respizient in Polizeisachen, stieg auf einen Felsblock und hielt, an eine alte Tanne gelehnt, eine Frühlingspredigt über den Text: Darum lob' ich den Sommer, Dazu den Maien gut, Der wendet allen Kummer Und bringt viel Freud und Mut. Der Zeit will ich geniessen, Dieweil ich Pfennig hab', Und den es tut verdriessen, Der fall' die Stiegen herab! – Und wenn auch diese Standrede lediglich den Prinzipien der Ordnung – in der Natur – und der legitimen Erbfolge auf den Thron – in betreff der Jahreszeiten etc. gewidmet war, so weiss ich doch nicht, ob die ungebundene Heiterkeit derselben den Beifall sämtlicher Zivil- und Militärpolizeibehörden gefunden hätte, wenn sie dabei gewesen wären. Ich tröste mich aber damit, dass andere sachkundige Leute sie anhörten, die lediglich davon erbaut waren, – wenigstens haben am Schluss die alten Schwarzwaldtannen in ihren Wipfeln beifällig gerauscht, und der Bergsee unten murmelte, und hinten am Fels stand mein werter Freund, der Meysenharts Joggele, und lachte ganz seelenvergnügt und drohte mit dem Finger: »Wart, du vermaledeiter Doktor!!« Siebente Säkkinger Epistel. Säkkingen am Rhynstrom, den 11. Mayen 1851. Myn lieb und frumm Schwesterlin Maria! Dermalen dir ein sunderbarlich Bruder durch unserer lieben Himmelskunigin Maria und dyner Eltern Fürsicht bescheeret worden, muesst du's auch hinnehmen, so er dir sunderbarlich Brieff und Zügs gen Carlesruhe schrybt. Und war es neulich eyn kuehler Mayentag, und war allerhand Gruenes an Strauch und Studen hervorgebrochen, und es rauschete der alte Rhyn vergnueglich durch's wyte Land und sprach zue sich selbsten: »Sintemal Fruehling heryngezogen ueber Gottes wyte Welt, ist's ein fein lustig Geschäft, die Wellen und Wasserströmung talab zu fuehren, und kümmert's mich nit eines Nixenhaares Breyte, was der Schwyzer im Aargaue schimpfirt und der Saekkinger Burgersmann fuer Späne hobelt: Hui-joh! vorwärts« und trieb syne Wellen, als wär er von altersher ein Flossknecht von Basel gewesen. Stand dazumalen der Dr. Scheffel an synem Fenster, von wannen er schon oftmalen in den Rhyn gelueget und syne Gedanken als wie eyn Fischreyher über die Wasserfluet hinfliegen und kreyschen gelassen, und sprach auch zue sich selbsten: »Menschenkind, du bist wiederumb zu lang by dynen rauhen Frynden, den Waeldern, gewesen und hast dir eytel Schnee um den Bart wehen lassen und bym biedern Pfarrherrn ze Herrischried viel kuehlen Biers getrunken und manch rechtschaffenen Auerhahn, so auch noch lieber im Tannenwald syner Liebsten nachgezogen waer und sich an Tannzapfen muehsamblich geletzet haett', ohn Erbarmen zum Vesperimbiss aufgezehret, und hast nit vermerket, dass im Thal der Hollunder lustig Blattwerk und Knospen getryben, und es sich sonder Gefaehrde auf Heerstrassen spazieren lasset. Von dessentwegen, altes Menschenkind, das zu Zyten als fahrender Schuehler in dütschen Landen vagabundiret, nimm dynes Stechpalmstocks und zeuch aus, dass dir die Maiensonne des Schaedels erwärme.« Also zog selbiger Dr., so aygentlich eyn Schryber bym Ambt gewesen und selbigen Mittages von Rechts wegen uff syner Canzeleyen des Dienstes haett pflegen sollen, von Säkkingen us, ohne zu wissen, warum und wohin. Selbiges ist eben die wunderspreissliche Kraft des Fruehlings, dass mit Sonnenschyn und warmen Lenz des Menschen Trachten gelenket wird, ohne zu wissen, warumb und wohin. Und kam derselbige gen Wallbach und zum alten Brennetwyrtshus, so an der Heerstrass gen Basel stehet, und wo ein biederer Fuhrmann syt Alters her noch niemalen vorüber gefahren, ohne Augenschyn zu nehmen, ob der goldgelb Grenzacher Wyn noch im Fass liegt oder nit. Und wann es nit im wunderschoenen Mayen gewesen, so waer benamster Dr. an selbiger Trinkstube nit vorüber gezogen. So aber sprach er zue sich selbsten: Heut sollt du nur by dir selber einkehren, so lang die Sunnen schynet, und wann dir's by dir selber langwylig wird, so ist am Abend noch lang Zyt, umb in ein christlich Wirtshaus ynzubrechen und anderwyt Kurzwyl zu suchen. Also zog der Dr. mannhaft am Brennet vorüber, und zog mit gliecher Mannhaftigkeit durch Wehr durch, wo nit nur die Fryfräulein von Schoenaw hausen, sondern auch an mannigfalt Schenken eyn Arm herausgestreckt wird, umb des Wanderers zue fahen. Kam endlich in eyn gruen Wiesenthal, so sich gen Hasel hin ziehet, und war dort viel Kraut und Gras in den Wiesen aufgesprosset, und war ein nit gewaltiges Hygelland und sang der Guguk im Wald, als wenn er von des Doctoris leerer Geldtasche Kunde und noticiam gehabt. An eynem Platz aber, wo etzliches Gefels mit allerhand Spalt und Riss sich ins Wiesenthal hervorgeschoben, und Wo der weyse Dr. kecklich durch Staud und Gestrüpp marschiret, trat derselbige auf was Weyches, als wann er eynen Eidechsen oder salamandrum beruehret, oder auf einen Gansfuss gestossen waere. Und rief es unter ihm: »Ihr Flegel kunntet auch besser zuschauen, so ihr in unserem Geländ herumtappet, ohne zu wissen warumb und wohin!« Der Dr. aber, so bey Schimpfreden auch eynen scharpfen Trumpf auszuspielen weiss und by synen Fründen ze Willaringen und Hogschür vyl grauser Flüche mit »Gott strof mi« und »Gott verdamm mi« gelernet, wollte dem Rufer mit Reden und Stechpalmstock eynige Bildung beybringen, als es in dem Buschwerk zue synen Fuessen merksam raschelte und eyn kleyn Geschöpf herauskam. Und ward dasselbige von Figur nit übel anzuschauen, und wie wohl es seyner Hoehen nach keyne zwey Schueh vom Erdboden entwachsen war, doch sauber proportioniret und hatte eyn grauen Kapuzen an, so ihm bis über die Fuesse reichte, zog auch selbige zimpferlich zusammen, also dass vom Fuesswerk nüt ans Sonnenlicht hervorluegte, und schnitt dazue eyn grimmig Gesicht, also wie der edle Dr. sich erinnerte, selbiges am Hofrat Gervinus zue Frankfurt gesehen zu haben, wann andere Menschenkind von der dütschen Republik anhueben zu spintisieren. So aber auch schon lang her vorgefallen. Wie der Dr. aber des seltsamen Gesellen ansichtig geworden, verdruckte er die Schimpfreden, so ihm auf der Zunge gelegen, und redete fründlich zu ihm und sprach: »Ei so leben Sie gefälligst hoch, deutscher Reichsbürger!« Sothanermassen verzog sich des Männleins Antlitz etwas heiterer und antwortete: »Erstens leb ich nicht gefälligst hoch, sondern zum guten Glück eyn lützel tiefer, als ihr mit eurer Nasen schon gefahren, und zweitens bin ich kein deutscher Reichsbürger, sonst haett ich am gruenen deutschen Erdboden noch weniger Freud als jetzt, wo ich an frischen Mayentagen hinaus luege, ob die Himmelsbläue noch so fern ist, wie heut vor 6000 Jahren. Inzwischen scheynt ihr mir eyn guet Gesell, so syner Red eyn bessere Wendung zu geben verstaht, als syner Fuesssohl, und erschau auch an eurem Habitus und durstigen Mundwinkeln, dass ihr in leichter Jugendzyt wohl moeget eyn fahrender Schüler seyn, wie sie von Halle, allwo myn menschlicher Vetter, der gross Erdmann die philosophiam dociret, und Jena zum Kyffhäuser aufsteigen, und wie sie zue Altheidelberg auf unserer Frau Hertha Bühel den Maidlin viel Lueg und Trueg zuschwatzen. Und das ist kein schlecht Glück für euch, sonst könntet ihr jetzo für euern grossen Fusstritt allhiero zu eyner Tropfsteinsäulen versteinert im Hasler Thal stehen – gerad wie das Eheweib Lots des Gerechten, so myne Collegen, die Salzmännlein, bei Sodom neulich zu eyner Salzsäulen praepariret, dieweil sie sich sonder Gebühr aufgeführet.« Auf das hin hat der Dr. zwar kein absonderlich Hochachtung vor dem Graumännlein gespüret, dieweil er sich noch bei frischen Knochen und nichts Tropfsteinsäuliges an ihm fühlete, auch parlamentarische Drohungen bass verachten gelernt hat; gedachte vielmehr, um syner Wanderfahrt eyn vernünftigen Zweck zu geben, wo ihm eyn gut gehopfter Trunk Bieres geschenket werden könne, brummte in Bart und sprach: »Schon guet, graues Insekt, so ihr mir aber nit in kurzer Frist eyn rechtschaffen Herberg anzeiget, wird unser Bekanntschaft eyn schnell End nehmen.« Sprach das Erdmännlein: »Eyn fahrend Schueler findet überall Unterschlupf, ohne zue wissen warumb; schüttelt den Saekinger Staub von euren Sohlen und folget mir, und so ihr mir nimmer auf den Fuess tretet, könnt ihr noch allerhand erschauen, wovon euch der Pater Zobel bei der letzten Mission nichts gepredigt hat.« Also klopfte das Erdmännlein an eyn mächtig Felsstück, so eynem Spalt vorgeschoben war, und wich das Felsstück zurück, und tat sich ein Gang auf, von dem keyn End abzusehen war. Sintemal der Dr. schon solche Gaeng manigfalt beobachtet, wie sie von wysen Herbergsvätern an kuehle Berghalden eingehauen werden und man sie Felsenkeller nennet, fassete er ein merklich Zutrauen und folgete dem Männlein. Selbiges aber schleppte zween grosser Kienspäne bey, und zündeten sie an, und fuhren schwygsam in den Gang yn. Und war der Gang kaum von des Dr. Hoehen, und stiess selbiger das Haupt oftmals an. Und so oft er an dem Felsgestein seinem Schädel Weh zufügete, lachte das Männlein und sprach: »Ihr wisset halt nit, wozu das Haberbrod und der kleine Kostets gut ist.« (Bader p. 18.) Waren schon tief yngefahren, und wurde dem Dr. der Gang bald zu eng, und stieg mehrmalen der boes Gedanken in ihm auf, ob er nit mit synem Stechpalmstock dem Männlein eyn ansehnlich Tracht Säkkinger Prügel als Recompens für sothane Führung aufmessen wollte, da wich wiederumb eyn Felsstück auf des Männleins Klopfen zurück und kamen in eyn gross fürnehm Hallen. Und war es eyn majestätisch Pracht, wie das Gefels übereinander gefüget war und im Kienspanlicht erglänzete; und war wie eyn Wald von Säulen, so das schwere Gestayn an der Decken gar zierlich stützeten, und wann das Männlein an die Säulen klopfete, gab jedwede eyn hell lustigen Ton von sich und stimmeten allineinand, so dass es ein fein zart harmoniam zusammentoenete als wie von eyner Aeolusharfen oder Maultrommel. Und von der Hallen giengen zwey wyte, wyte Gaeng nach rechts und links ab, und ausserdem viel Spalt und Riss in des Erdrychs Tiefe. Und wie die Hallen im grossen von Tropfstein uffgerichtet war, so war jedwed Spältlin im Boden auch conftruiret, und giengen kleine Tropfsteinroehrlin, wie eyn Schnydersnadel so fyn, von oben nach unten, und an viel Orten war das Gebäud noch gar nit fertig uffgericht't, und war erst ein Ansatz zu eyner Säulen oben an der Decke und eyn glycher Ansatz unten am Boden, und waren aber noch nit zusammengetroffen zu eynem Ganzen, sondern luegten sehnsüchtiglich eynand zu, und die Thränlin, so das ober Staynrohr waynete, fielen auf das untere an, und satzten sich fest und wuchsen in die Hoeh – also dass es volle 100 Jahr von den Thraenentropfen um eines Fingers breit nach der Decke aufschiesst. Und dieweil sie am End doch zusammenkommen, ist nit ohne Grund anzunehmen, dass die Tropfstein länger umb einand weynen als die Menschenkind, so eynand lieb haben und nit beyfamen syn können; – und ferners, dass ein lang und hartnäckig Weynen untereinsmalen auch zu was guet ist. Und dem Doctori so jetzund merkete, dass er nit in eyn Felskeller, sondern in eyn gross unterirdisch Prachtwerkstatt gefahren, zogen viel schöne Gedanken im Kopf herum, dieweil es ihm von der Decke auf den Schädel getropfet und er eynen Hauch Tropfsteingeist verspüret. Das Erdmännlein aber sprach: »O homo sapiens Linnäi, nit wahr, an myner Kienfackel und dieser Höhlen Gewaltsamkeyt ist euch eyn Licht uffgegangen, dass ihr Gesellen da draussen das Gross in der Welt nit allyn gepachtet, – und was ist aller Lärm und Rumorens und Himmelstürmens, so fürnehmlich ihr fahrende Schueler in die Welt gebracht, gegenüber der stillen Herrlichkayt, der wir Erdmännlein im tiefen Bergschacht theylhaft sind! Und was in unserer Hoehlen schafft und waltet, und dem Stayn die Thraenen schenket, und den Bach aus unterirdischen Klüften vorbrausen und die Säulen erklingen lasset, und wir graue Männlein selber sind all ein Stück der Gotteskraft, und in jedwedem, es mag von Stein und Bein, oder von Fleisch und Blut genaturet sein, arbeitet der Weltgedanke, und ihr habt nit allayn mit Löffeln davon gefressen. Und weil ihr vernagelte Doctores da draussen eure Menschen- und Buchweisheit für's höchst gehalten und euch in eure ledernen ideas so hineingelebet, dass ihr der Natur fremd geworden, und nit mehr zu lesen versteht, was in tiefen Erdritzen und auf Bergeshöhlen und an den Ysgletschern wie in des Vesuvii Lava geschrieben staht, – und weil ihr dadurch eure so nah anverwandten Schöpfungsgenossen, den Fels im Berg, den Bach im Thal, den Tannenbaum auf der Hoeh so grausamlich vernachlaessigt habt, und weil diese guten Gesellen auch eyn gut Wartung und Pflege und Kurzweil haben müssen, so sind wir kleine Männlein und unsere ganze Zunft, die Kobold und Zwergen und Nixen und Elfen und Gnomen und Irrlichter nachgewachsen, und ist unser Dienst und Aufgab, die Sück' wieder auszufüllen, die ihr Menschenkind in eurer Einseitigkeit in die Welt habt einreissen lassen. Wer würd' die Hoehl' da innen sauber halten und den Tropfsteinen bey ihrem langen Weynen auf ihren klingenden Säulen hie und da ein lustig Liedel vorspielen, wenn nit wir Erdmännlein hingesatzet waeren? Und so lang ihr nit da draussen zum ganzen und vollen Verstandnuss der Natur zurückkehret, so lang seyd ihr nit allein Mayster in der Schöpfung und müsst euch gefallen lassen, wenn ihr den Schaedel noch manchmal da anstosset, wo eyn bieder Erdmännlein besser Beschayd wayss, als ihr.« Und wie das Erdmännlein sein Sermon vollendet, da kicherte es aus allen Bergspalten herfür, und aus den Tropfsteinsäulen kam ein gewaltig Getön, wie spöttisch, und die Tropfen an der Decke erglänzeten und zwinkelirten in allen Regenbogenfarben, und der Dr. hörte unter ihm was munkeln, wie wenn ein ander Erdmännlein spräche: »Der hat's dem grossen Menschenkind ordentlich gesagt!« – Des Doctoris kleiner Führer aber zündete eyn newen Kienspan an und führte denselben wyters und zaygete ihm die ganz Hoelenpracht. Und kamen in eynen Gang, da verengete sich das Gefels so merklich, dass der Dr. auf allen Vieren des Weges kroch und doch noch mannigfach Kopf- und Rippenstoesse vom Tropfgestein zu erlyden hatt. Dann aber traten sie wieder in eyn hoch gewölbten Raum, wo die Säulen mächtig an die Decke aufstiegen, und war hier alles gefüget als wie in eyner Kirchen! Und war deutlich an eyner Säule eyne wohlgestaltet Kanzel wahrzunehmen, und war am Boden eyn gross viereckig Felsplatten, wo an vier Seiten regelmässig feine Säulen standen, als wie ein fürnehmb Grabdenkmal von eynem Erdmannskönig, und war an eynem andern Platz der Tropfstein also merkwürdig in einander gewachsen, dass es nit ander's darstellete als eyn gross steinern Standbild der Himmelskönigin Maria mit dem Heiland auf dem Schooss, so wie frumme deutsche Maister und Staynmetzen an alten Kirchen oftmals sie ausgemeisselt. Und schritten fürbass und erschaueten noch allerhand sonderbare Gestaltung. Und war ein Tropfsteingeäst, so beim Kienspanschein eynem alten Kriegsmann glich, so sich auf sein Schwert stützete und das Haupt wie zue ewigem Schlaf an den Felsen neigete. Und waren noch viel solche comparationes anzustellen. Hernachmals stiegen sie viel Stufen hernieder und kamen an ein still klar Bergwasserlyn, so zu eynem See zusammengerunnen ist. Und war in dem Wasser viel wunderfeines Gebild wie von Korallen und steinernen Moosen, so zart und fleissig erschaffen, als wenn es aus eyner Juwelierswerkstatt von Augsburg oder Nürnberg herfürgegangen waer. Und sprach das Erdmännlein: »Hier holen wir unfern Kindern manch anmutig Spylzüg.« Und lag eyn gross ausgehöhlt Tropfsteinhorn am Boden, daraus schöpfete das Männlein dem Doctori eyn kuehlen Trunk Bergwassers, und dieser trank ihn auf einen Zug aus – und vermerkete daran wohl, dass er im Erdmännleins Revier war, wo alles anders ist denn oben, dieweil ihm zu Säkkingen im güldenen »Chnopf« und landauf landab im Rhynthal eyn solcher Trunk Wassers zeitlebens nit gelungen waer. Krochen sodann mannigfalt herum und wieder zurück und stiegen auch noch in den andern Gang, so rechts von der grossen Hallen sich ins Tiefe der Erd eynstrecket. Und war dort von zierlichem Tropfgestein nit mehr viel wahrzunehmen, vielmehr eyn gross Wildniss von aufeinand gestürztem Felsgestein, und tief unten rauschete und brauste ein Bach; von wannen er in diese Höhlen einfleusst, weyss niemand, und kunnt auch das Erdmännlein, so ihm schon weyt nachgekrochen war, nit bekunden; behauptet aber, dass er unten im Rhyntal bei Riedmatt, wo die fürnehmb Comthurey derer deutsch Ordensritter zue Beuggen in der Naehe steht, ans Tageslicht hervorbreche und in Rhyn fliesse. – Und in selbigem Hoehlenthayl war viel Schlamm und Erdreich bis an die Decke hinaufgeschwemmet und alles Tropfgestein darmit überzogen, und erzaehlete das Erdmännlein, dass newlich, als drauss im Thal die Gewässer wild geworden und die Wehra die ganz schoen steinern Strass, so von der heiligen Mutter Gottes von Todtmoos gen Wehr führet, zusammengerissen, auch sothaner Hoehlenbach angeschwollen und eyn ungattig Rumoren begonnen, und viel Erdreichs emporgewirbelt haette, so dass ein Donner und Gebraus in der Hoehlen gewesen, wie es den ältesten Erdmännlyn nit gedenket; – seyen auch ein Erdmännleyn und ein Weyblein, so in einem Ritzen zärtlich geplaudetet und der Wasserflueth nit rechtzytig wahrgenommen, elendiglich vertrunken. Am End von selbem Gang kamen sie in eyn gross hoch Gelass, von wannen ein tief Schlund hinabgieng, und sah es dorten im fahlen Kienspanschein schauerlich aus, als wenn die Welt eyn End haett' oder mit Tropfstein zugenagelt waer. Und sagte das Erdmännleyn, dass hier Das Höhlenverliess sey, wo sie schon manchen von ihren Feinden, den Eggberggnomen, so hie und da in die Hoehl einzubrechen trachten, in sicheren Gewahrsam verbracht. Dann führete das Männlein den Dr. wieder in die erst Hallen zurück, und als es ihm befremdlich vorkam, dass er keyn von synen Gefaehrten erfchauet, sintemal der Dr. auch gern eynem rechtschaffenen Erdweyblein etzlich Schmeychelei gesaget und nit darwider gehabt haett, so ihm eyne eyn schoen Tropfstaynbluemlin verehret, befragete er das Männlein. Der sprach: »Du leichtsinniger fahrender Schueler, der du von deyner Canzeleyen durchgebrennet, vermaynest du, dass wir Erdmännlyn auch die schlecht Kunst des Blaumontagmachens tryben oder an Werktagen dem Bummeln nachziehen? Myne Genossen, die Erdlyt, sind all' tief unter uns in die Schachten eingefahren, wo kein Raum für eyn gross Lümmel wie dich ist, und pochen und schaffen viel koestlich Gold und Silber heraus, so sie aber nit, wie du, wenn du's haettst, vertrinken!« Da neigete der Dr. syn Haupt zur Erden und hoerte eyn merkwürdig Hämmern und Pochen tief unten, das Männlein aber fuhr auch in eyn Spalt yn und rief ihm zue: »Wann du mich nit uf den Fuss getreten, so haetteft du mich auch nit so lang zu eynem Fuehrer in unserer Hoehlen gehabt. So dir's aber gefallen, so hoff ich, dass du als Dank auch Niemand verlautbaren wirst, wasmassen der Fuess, auf den du getreten, beschaffen ist. Und wozu das Haberbrod und der kleine Kostets gut ist, hab ich dir auch nicht gesagt. Fahr wohl!« Da verschwand das Männlyn, und der Dr. verzog sich durch den Gang gen dem Hasler Thal zu; und hatte noch ein lützel Kienspan und beschwerliches Kriechen. Durch des Männlins Red ufmerksam gemacht, dachte er allerhand über die Naturung von desselbigen Fuesswerk, als ihm aber einfiel: Der klein Mann wird doch nit mit eynem Gansfuess behaftet syn, da verlosch auf einmal der Kienspan, und der Dr. schmetterte seyn Haupt zu dreymalen an die Felszacken an, dass ihm all' Denken über des Erdmanns Gansfuess verging. Sah aber schon das Tageslicht fern als wie ein Morgensternlyn in den dunklen Hoelengang einblynken, und ward der Schyn immer groesser, so dass der Glast dem Aug beginnentlich gar blendsam war, – und schliesslich stand der Dr. wiederumb im grünen Hasler Wiesenthal, und war ihm, als wann er eyn langen Traum geträumet. Gieng aber mit merklicher Hochachtung von dem Erdmännlin und seiner Hoehlen heimwärts, und der Brennetwirt schüttelte das Haupt, als er vorbeizog, dieweil er wiederumb nit einkehrte. Satzte sich vietmehro zu Hause an synen Tisch und schryb syner Schwester Maria zum Gedächtnuss diesen Brieff. Will aber keineswegs behauptet haben, dass das Männlein von der Hasler Höhl mit eynem Gaensfuss behaftet gewesen! Da sey Gott für. – Ein Bericht aus der Schweiz. Am 20. August früh 8 Uhr, nach frostiger, nebelgrauer Fahrt über den Vierwaldstättersee See, stiegen wir in Flüelen ans Land und marschierten dem Gotthard entgegen. In dem nach einer halben Stunde erreichten Altdorf drängt sich bei jedem Schritt und Tritt die Tellensage dem Ungläubigen entgegen. Da ist ein Brunnen mit Tells Standbild – angeblich an Stelle der alten Linde, an welcher des Tellen Sohn den Schuss bestand. Dort am Kirchturm ist in plumpen Fresken neben der Schlacht von Morgarten noch die Tellengeschichte gemalt. – Noch ein ander Denkmal steht da – ein Rest von jenem Bauernhochmut, den die östreichischen und burgundischen Spottliedersänger ihrer Zeit so scharf an den biedern Eidgenossen geisselten; – neben dem Tellenbrunnen steht eine alte, gewaltig dreinschauende, plumpe Statue im Ritterornate, der Dorfvogt Besler, der sich auf seine eigenen Kosten dem Tell zu Seite stellen liess. Warum soll nicht auch der Dorfvogt Besler auf die Nachwelt übergehen – seine Mittel erlauben es ja! Im übrigen sieht man eine Reihe schmucker alter Herrenhäuser in Altdorf. In jedem sitzt ein Z'graggen und eine Z'graggin; – wenigstens darf man's mit Grund vermuten. Was bei uns der celebre Namen Maier oder Müller, das ist unter den Urner Patriziern der Z'graggen; und wer nicht Z'graggen heisst, der heisst Z'berg. Über Altdorf ist der Bannwald, eine lebende Schirmmauer gegen Steinfall und Lawine, in welchem bei Todesstrafe kein Baum gefällt werden durfte. Dass die Todesstrafe im Lande Uri noch blüht, daran mahnt der pompöse steinerne Galgen in der Feldgemarkung von Altdorf, nicht weit von Bürglen. Dort mündet auch das Schächental, durch welches der alte Suwarow im Jahr 1799 seine Russen auf fabelhaften Gebirgspässen ins Graubündten hinüberfädelte. Ob nicht naturwissenschaftliches Interesse für Gletscher und wilde Gebirgsgruppen diesen strategischen Operationen zu Grunde lag? Freilich war ihm nach der Schlacht von Zürich jeder andere Ausgang mit Brettern vernagelt, und Suwarow hat gezeigt, dass, wenn einer nur ernstlich will, er mit dem Kopf nicht nur durch die Wand, sondern selbst durch die Alpen rennen kann. Wenn wir in Deutschland auch einmal in ähnliche Enge getrieben sind wie die Russen im Schächen- und Muottatal, dann lernen wir vielleicht das Bergsteigen, – aber ein fester Wille gehört dazu. Die Strasse führt, langsam steigend, durch das noch ziemlich breite und Vegetation entwickelnde Reusstal. Rechts und links steigen hohe, fortlaufende Felswände, an die Martinswand bei Innsbruck erinnernd, auf. was da an der Strasse herumlungert, erinnert nicht an die Sieger von Morgarten. Krüppliges Kretinengeschlecht, aufs Betteln dressiert, das hier in mannigfachen Formen betrieben wird. Da schiesst ein junger Tellen-Enkel mit der Armbrust und ein andrer schwingt ein Fähnlein und fordert seinen Batzen, dort schleppt einer Bergkrystalle bei u. s. w. »Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles.« Gegen Klus und Ansteg hin wird's schon wilder. Die hohe Windgälle und andere konsiderable Honoratioren der »haute volée« recken ihre Häupter empor; auf melancholischer Felswand, grün umwachsen, schauen hinter Silenen ein paar alte Mauertrümmer in die Reuss herunter, die Reste von Gesslers Sitz Zwing-Uri. Hier ist eine Episode nötig, um geschichtliche Vorurteile zu beseitigen. Wer in dieser öden Gebirgswelt zu Fuss marschiert, der hat die rechte Stimmung, um ins Gemüt derer hineinzuschauen, die auf diesen Burgen hausten und als Zwingherren verschrieen sind. Wir beide, der Professor der Geschichte und der fahrende Schüler von Säkkingen, wurden geneigt, milder zu urteilen. Schade, dass die Zeit der deutschen Romantik vorüber ist, unsere Auffassung würde Aufsehen erregen. Man denke sich den germanischen Freiherrn – Gessler oder Landenberg oder wie er heissen mag, – unter ein zweifelhaftes keltisches Volk und in diese Felseinsamkeit hereingesetzt, ein tugendhaftes, nüchternes, sinniges Gemüt. Aber hier hört aller Anklang auf. Der Fels starrt ihn an, die Reuss braust langweilig gleich zu ihm herauf, die Menschen verstehen ihn nicht, kein Sang, keine Minne – nichts. Es überfällt ihn eine ungeheure germanische Melancholie. Er sitzt in stillem Schmerz beim Humpen und trinkt den welschen Landwein mit tiefer Innerlichkeit. Auch das hilft nichts. Ist's da ein Wunder, dass zuletzt eine Saite oder zwei in seinem Seelenleben reissen? Er bedarf etwas Pikantes, die Natur, Erde und Wolken sind hier barokk – er verfällt auch aufs Barokke und treibt Unsinn, steckt seinen Hut auf eine Stange, lässt einen Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiessen – bereitet sich ein Bad, wie der Herr von Landenberg – oder macht's gar, wie der Burgherr von Fardün im Schamsertal, der um Mittagszeit von seiner Burg herabzusteigen und den Bauern beim Mittagsmahl in die Suppe zu spucken pflegte. Man nenne das Melancholie, man nenne es Katzenjammer – aber man spreche nicht von Despotismus oder Tyrannei. Diese Burgherren waren gewiss selber deutsche Romantiker vom besten Korn: man muss nur bedenken, dass in diesen Bergen und in diesem Nebel der psychologische Massstab ein anderer sein muss als draussen in Leipzig oder Berlin, wo die Leute Geschichte schreiben. Nach dieser – stark an eigenen Katzenjammer gemahnenden Episode traten wir vom Zwing-Uri weg in das stattliche Wirtshaus in Amsteg ein. Dass die Melancholie der Gegend noch jetzt Barokkes erzeugt, wurde uns noch am Fuss des Zwing-Uri klar: Ein Wagen mit 4 Engländern kam gefahren; was taten sie, angesichts der Gebirgswelt, angesichts der tobenden Reuss, angesichts dieser historischen Trümmer! Sie spielten Whist im Wagen. In Amsteg lachte uns, wie der erste Gruss aus Welschland, ein braungelber, süssherber piemonteser Landwein entgegen, von dem wir mit Gesslerischer Wehmut und zum Schreck von 4 feinen, allein reisenden Bremer Damen mehrere Flaschen vertilgten. Dann ging's, am Ausgang des wilden Maderanertals vorüber, von dem der tobende Kerstelenbach in die Reuss strömt, vorwärts. Eine schmucke, zweibogige Brücke führt über die Reuss, und dann geht die Strasse, – in prachtvollen Windungen längs der Reuss, oder vielmehr hoch über ihr, scharf bergan. Die Mannigfaltigkeit der einzelnen Partien ist überraschend – Stoff für monatelange landschaftliche Studien. An eine im Tannendunkel verborgene Gebirgsmühle, über der ein Wasserfall den Rädern die Triebkraft zuführt, mit sprühendem Wasserschaum umflort – und dabei ein Blick in die Tiefe der Reuss und in die Höhe, wo kahle Felsgipfel in blauen Himmel ragen, erinnere ich mich lebhaft als an eines der prächtigsten landschaftlichen Bilder. Mehrmals geht die Strasse auf kühn gesprengten Brücken wieder über die Reuss, die in fortlaufender Kette kleiner Wasserfälle bergab rennt. Vor dem Dorf Wasen arbeitet sich die Reuss durch eine mächtige Felskluft mühsam durch; oben auf der Strassenbrücke stehen Bettler in Masse und werfen Felsstücke in die Schlucht hinunter. Die Wildheit der Szene nötigt abermals zu einem herzstärkenden Trunk piemonteser Landweines. Hinter Wasen und Wattingen verschwinden allmählich auch die letzten einsamen Tannen und Sträucher, und in dem Engpass der Schöllinen hört so zu sagen alles auf. Hier war der Natur alles Beiwerk überflüssig, hier hat sie nur in Stein gearbeitet, aber in Formen und Dimensionen, die etwas herzzerpressend auf den homo sapiens Linnäi einwirken, der durchmarschiert. Riesenhafte Felsblöcke liegen in wilder Unordnung herabgestürzt im Tal, andere schauen halb abgelöst von den Höhen der Felswände herunter, unten kracht und tobt die Reuss. Auch hier ist eine Episode nötig, um naturgeschichtliche Vorurteile zu beseitigen. Warum liegt so mancher Block, der hoch oben als Kuppe gethront, lebensmüde und gebrochen im Tal? Ist's bloss das Schneewasser, das, in seinen Ritzen wühlend, ihn herabgestürzt hat – oder ist's der Föhn? Über das Seelenleben der Pflanzen hat ein Tübinger Doktor ein grosses Buch geschrieben; aber an das Seelenleben der Felsen hat noch keiner gedacht. Ich bin überzeugt, dass dieselben Ursachen, die den germanischen Menschen in dieser Teufelsnatur zu Gesslerischen Taten trieben, auch den Fels in die Tiefe stürzten. Die Melancholie wirkt gar gewaltig. Man denke sich so einen Felsriesen oben auf seiner nebelumwölkten Höhe, nichts als gleiches Gestein um sich; – ein Fels hat zwar ein etwas schwer zugängliches Gemüt, nicht jeder momentane Eindruck regt ihn auf, aber wenn einer einen jahrtausendelangen Schmerz auszubrüten hat wie ein solcher Fels, – oder an einer jahrtausendelangen Liebe zehrt, etwa nach dem Haidekraut, das unten in dem Schaum der Reuss noch seine roten Glöcklein lockend aufspriessen lässt – oder nach dem unstät fortbrausenden Wasser, das täglich höhnend an ihm vorüber eilt, dann muss es endlich auch bei einem alten, harten Felsengemüt zum Durchbruch kommen. Er seufzt schweigend, löst sich los von seinen Banden und stürzt sich – ein Opfer der Melancholie – talabwärts, und hat er etwa das Haidekraut erdrückt, oder sprudelt das Reusswasser nach wie vor höhnisch an ihm vorüber, so bricht das alte Herz und stirbt. Beim Eingang ins Schöllinental lag ein ungeheurer Felsmelancholiker herabgestürzt, der turmhohe Teufelsstein. Wir hielten in stiller Rührung und tranken ihm aus der Feldflasche einen teilnahmsvollen Schnaps zu. Aber die Felswand schien's nicht gut aufzunehmen, dass wir die Herzensgeheimnisse ihres Kollegen aufgedeckt. Immer drohender und enger wurde der Pass, lauter krachte die Reuss, und ein feiner Nebel kam hinter uns drein, so dass die Ungewissheit der im Nebel verschwimmenden Formen das Gewaltige des Eindruckes bis zu einem Grade erhöhte, der an Unbehaglichkeit grenzte. So mitten auf früheren Schlachtfeldern elementarischer Kräfte fühlt der Kulturmensch, dass er eigentlich nicht mehr hieher passt. Den Schluss des Schauerlichen bildete die Teufelsbrücke. Senkrechte Felswände, deren Umrisse sich im Nebel verloren, auf beiden Seiten; – dazwischen die neue Brücke und unter dieser die alte, einst von den Österreichern 1799 nach blutigem Gefecht gesprengt, alles in schweigsamem Nebel, durch welchen silberhell der Schaum des Reussfalls, der mehr als 100 Fuss in die Tiefe hinab tobt, vorglänzt: der Wanderer schwieg, und selbst der Schnaps aus der Feldflasche, mit welchem wir sonst grosse Szenen zu begrüssen pflegten, schien profan. Seltsam ist's, wie die äussersten landschaftlichen Gegensätze gleiche Wirkungen erzeugen. Ich erinnere mich, bei abendlichen Märschen auf der Insel Rügen gleichen Naturschauer davongetragen zu haben. Was hier das unendlich Enge, Abgeschlossene, das wirkte dort das unendlich Breite; der Blick von den Dünen des Meeres, wenn Meer und Himmel im Abendduft in einander verschwammen, – oder oben auf dem Quolditzer Totenfeld bei den Hünengräbern der Blick in die weite Moorheide hin, die vom Jasmunder Meerbusen abgeschlossen wird – es hatte für mich ebenfalls etwas Deprimierendes. Hier an der Teufelsbrücke schien nichts mehr unmöglich; wäre der Erlkönig im Nebel dahergerauscht, oder hätten uns Elfen und Hexen und Lemuren in wildem Reigen mit fortgezogen, ich glaube, wir hätten's hingenommen, als ob's von Rechts wegen geschähe. Und doch huschte eine Erscheinung an uns vorüber, die wir genötigt waren, unter die vollkommen fabelhaften zu zählen. Durch den Nebel kam eine einsame Dame an uns vorüber geschritten, mit flatterndem Schleier, den Shawl malerisch umgeschlungen, eine Reisetasche auf dem Rücken und den Alpstock in der Hand. Die Gestalt war zu mystisch, als dass ein hausbackenes Ansprechen und die Bemerkung, dass es bereits Nacht und das nächste Dorf und Wirtshaus reussabwärts 2 Stunden entfernt, am Platze schien. Wir liessen sie ihrem Schicksal entgegenziehen. Dass das Schicksal dem fahrenden Schüler von Säkkingen etzliche Tage später diese einsame Romantikerin aus den Steppen von Ungarn 6000 Fuss über der Meeresfläche noch an den Arm führen, ihm in Wind und Nacht vor Sonnenaufgang ein fabelhaftes Gedankensystem vorgaukeln und ihn, als die Sonne aufgestiegen war und die wirklichen Gesichtszüge der Donna beleuchtete, schnöd enttäuschen wollte, das fiel ihm damals nicht entfernt ein, aber – fata viam invenient. Durch den stattlichen Felstunnel des Urner Lochs schritten wir noch, dann wurd's wieder breit und weich vor dem Blick; wir waren im Urserental, einem reichen Weideland, freilich schon 4000 Fuss hoch. Im Hospital fanden wir Unterkommen für die Nacht, ein komfortables Souper nach unserem Gebirgsmarsch, und neben viel unerträglichem Engländervolk auch die vier bremischen Damen, mit deren einer ich mich in norddeutschem Salonstil über Schiller und Goethe – sowie über Jean Pauls Titan und den ewigen Frühling der borromäischen Inseln zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit, meinerseits aber mit etwas ironisch verzogenen Mundwinkeln unterhielt. Am andern Morgen war das Urserental in gelinden Regen eingehüllt, so dass uns weder der alte Longobardenturm, der über dem Hospital aus einigen Felsblöcken vorragt, noch die moderne Kellnerin, die im Pariser Hut das Frühstück servierte, in gute Wanderstimmung versetzen konnten. Wir zogen zuletzt doch ab, entschlossen, wie einst Suwarow den Gotthardübergang zu forcieren. Die neue Strasse windet sich in mannigfachen Biegungen in die Höhe, das Gebirg selbst wird öd und kahl, die Vegetation hört auf; – da und dort Trümmer von Steinlawinen und Felsstürzen von den Bergwänden; schön ist die Landschaft keineswegs, auch nicht grossartig im Stil der Teufelsbrücke. Vor uns lagerten dichte Nebelwolken auf den Kuppen der Berge, rückwärts war blauer Himmel, und die Gipfel des Urirotstockes und anderer Häupter prangten in hellem Sonnenblick. Ein Stück weit zogen wir den mit Gras überwachsenen Spuren der frühem Strasse nach, längs der Reuss hin, die im See oben beim Hospiz entspringt; Menschen waren keine mehr in dieser Region zu ersehen; zwei grosse, schnuppernde Bernhardinerhunde kamen uns entgegen und gaben ein Stück weit das Geleite. Aus der Höhe des Berges pfiff ein scharfer Wind, und bald fiel ein penetranter Nebel nieder, der bis auf die Haut durchnässte. Auf der Fläche des Berges – oder eigentlich der Gebirgskette, denn der Gotthard ist kein einzelner Berg – liegt das Hospiz bei zwei kleinen Seen, deren einer die Reuss nach dem Vierwaldstätter See, der andere den Tessin südwärts ausgiesst. Massen von altem, hartgewordenem Schnee lagen auf der Strasse; endlich befanden wir uns wieder vor menschlichen Wohnungen – das Hospiz war erreicht. Die Wasserscheide hier oben ist zugleich auch die Sprachgrenze. Die Menschen auf dem Hospiz sind schon welsch, – wir sollten gleich hier die Vollkommenheiten italienischen Charakters kennen lernen. Das eigentliche Hospiz, wo früher der Reisende bei den Kapuzinern gastliche Pflege fand, ist in Verfall geraten, man kehrt im Wirtshaus – in der dogana ein. Bei prasselndem Kaminfeuer wurde der erfrorene Mensch getrocknet und mit rotem Tessinerwein ausgewärmt; es kehrte allmählich, während draussen der Sturmwind heulte und der Regen an die Fenster schlug, ein behagliches Gefühl zurück. Zwei Züricher Fussreisende wärmten sich mit uns, – dass ich einstmals mich auf einen infam alten Stohstuhl ans Kamin setzend, durch diesen durchbrach und unter den Trümmern des Stuhls rückwärts zu Boden fiel, erregte nur Heiterkeit. In angenehmem Beisammensein warteten wir Wanderer das Ärgste des Wetters ab. Zuerst gingen dann die Züricher, der Sprache und Behandlungsweise der Leute sehr kundig, weiter. Auch wir wollten bald nachfolgen. Als aber die Zeche bezahlt war und wir uns zum Abmarsch rüsteten, kam noch die signora padrona und hielt eine zierliche Rede, aus der mir nur die Worte sedia rotta und trenta bazzi hervorklangen. Nach näherer »Verständigung« ergab sich, dass ich für den zerbrochenen Stuhl, der widerstandslos unter mir zusammengesackt war, 30 Batzen zahlen sollte. Dies empörte mein Gemüt, das die Vorstellung germanischer Gastfreundschaft auch an das Hospiz auf St. Gotthard knüpfen wollte, gewaltig. In zierlichem Rotwelsch schlug ich's der durchaus keltischen Wirtin ab. Ein zweiter und dritter Sturm, zu dem noch die Kellnerin als Adjutant beigezogen wurde, ward ebenfalls abgeschlagen. Als wir nun quasi re bene gesta, abziehen wollten, stand die padrona im Hausgang. Mit deutsch chevalereskem Sinn ging ich noch auf sie zu, erklärte ihr, wir wollten Frieden schliessen und mit gegenseitiger Hochachtung Abschied nehmen und bat sie, zwei Zwanziger zu nehmen, als Zeichen, dass mir's leid sei, dass ihr Stuhl so empörend alt und morsch war. – Aber mit Indignation wies die welsche Weiblichkeit meine Hand zurück. Dunque, non volete pagare? war ihr letztes Wort, und sie verschwand durch eine Hintertüre. Die Dinge rückten aus dem Stadium parlamentarischer Entwicklung in das Stadium der nackten Tatsachen vor. Als wir – im Innern darüber einig, dass dies Hospiz seinen Namen wie lucus a non lucendo abzuleiten habe – auf die Strasse traten, war ein ganzes Kollegium keltischer Biedermänner, Hausknechte, Eselstreiber u. s. w. versammelt. Es war ein Moment gekommen, wo mir mein prügelartiger Hakenstock mehr wert war als ein Königreich. Mit starrer Verachtung schritten wir mitten durch, als aber zwei welsche Biedermänner auf mich zukamen und mich als gute Prise mit fortnehmen zu wollen schienen, da brach unsrerseits die ganze Flut italienischer Schimpfwörter und Flüche los, die wir vorrätig hatten, und zwischenein liess ich ein »Heilig Chrüzdonnerwetter« und »Gott verdamm euch« in Hauensteiner Tönen an die italienischen Ohren klingen, und der erste Kerl, der Hand anlegen wollte, flog seitwärts wie eine Bombe, und mein Hauensteiner Hakenstock pfiff lustig durch die Luft, und der Professor schritt mit gefälltem Regenschirm vorwärts, so dass das ganze Kollegium, ob dieses urgermanischen Verfahrens betroffen, mit abgesägten Hosen zurücktrat. Dann hielt ich ihnen meinen Pass entgegen und sagte, wenn sie etwas wollten, sollten sie zum podestà von Airolo mit mir herabsteigen, im übrigen seien die Prügel bei uns wohlfeil zu haben. Die Versammlung schien überzeugt, der vorgeschlagene Rechtsboden vor dem podestà d'Airolo war vermutlich für sie etwas ungenügend – wir zogen ohne weiteren Skandal ab. Es stand freilich noch zu vermuten, dass hinter einer Strassenecke ein paar Gestalten vorbrechen oder uns mit geworfenem Felsstück oder Messer den Dank für die Schläge zurückerstatten würden – aber die Natur freute sich ob uns und hüllte alles ringsum in einen Nebel ein, der uns wie Siegfrieds Tarnkappe unsichtbar weiter marschieren liess. Keine drei Schritte ringsum liess sich die Gegend erkennen, in grauer Unermesslichkeit lag alles vor und unter uns, nur die grossen Granitpfeiler zur Seite der Strasse liessen den Weg verfolgen – oder ein dumpfes Rauschen des Seitwärts bergab eilenden Tessin warnte vor falschem Pfad. Da wo die neue Strasse rechts ab ins Val Bedretto führt, trafen wir eine menschliche Behausung und einen halbwilden Hirtenknaben, der misstrauisch unter seiner mit Adler- und Geierfedern ausstaffierten Kappe hervorlugte. Nach geflogener Zeichensprache aber, bei der ein Zwanziger die Hauptrolle spielte, fand er sich bereit, uns auf näherem steilen Fusspfad nach Airolo hinabzuführen. Bald waren wir unten; für die möglichen grossartigen Punkte waren wir freilich unempfindlich, Wasserfälle und Felsen blieben durch uns unberücksichtigt, Herz und Sinn der abermals bis zur Haut Durchnässten war nach einer Herberge gerichtet. Diese und zwar eine gastlichere als auf dem Hospiz fand sich denn auch im albergo Camossi zu den 3 Königen, wo sich der müde Mensch soweit tunlich restaurierte. – – – Ein Bericht aus Welschland. Mediolani, den 2. Juni 1852. In der Herberg des Vater Reichmann. Ein Bericht des Doctoris Scheffel, so derzeit im Welschland herumfährt, an den wohllöblichen Engeren in Heydelberg, von verschiedentlicher Trinkung in Helvetia und Lamparter Land, – item von seltsamlichen Handelsgeschichten im Walliser Land, so dem Meister Kiesselbach noch nit bekannt, aber förderlich sein werden. Caput I. Was die Schweiz anbelangt, so hört im Kandertal die Kultur ziemlich auf. Und wie ich mit meinem Freund Martinus, dem Steinhauer von Delsberg, in Kandersteg angelangt, wohin uns der spitzbübisch Wirt in seinem gelben Camelotfrack nur desswillen nächtlicher Weil gratis in seinem Fuhrwerk mitgenommen, dass er uns als unfreiwillige Gäste in der Mausfallen fangen könnt' – (NB. und da der Weg bergan ging, war die Wohltat die, neben dem Fuhrwesen einherzuschreiten) – da sprach ich zu Martino dem Steinhauer: In dieser Spelunk bleib' ich nit Übernacht. Also wurd' ich zu des Wirts Bruder in eine Kandersteger chambre garnie gelegt. Ganz hat aber die Kultur dort noch kein End, massen sich auf meinem Nachttisch Herrn Brockes, weiland Amtmann zu Ritzebüttel »irdisch Vergnügen in Gott,« bestehend in »moralisch physikalischen Gesängen de 1740« vorgefunden und mir daraus über die gewaltige Statur der Schweizer Alpen noch in später Mitternacht folgendes notieret: Welcher Mensch kann wohl begreiffen, Wie sich wohl an Einem Ort So verschiedne Felsen häuffen, Und woher bald hier bald dort Solche Häuffen Stein entstehn? Denn sie sind, wie leicht zu sehn, Nicht gebracht – weil sie zu gross Nicht gewachsen – weil sie los. Des andern Morgens früh 3 Uhr, als kaum die Hörner der Alpen und die Schneefelder der Blümlisalp vom grauen Morgenhimmel deutlich sich abhuben, sind nachstehende Personen berganwärts nach dem Schwaribacher Mordwirtshaus geklommen, um über den Gemmi zu steigen: Matthias Flury, ein Kupferschmied von Thun, dessen Tochter in einer bernerischen Florhaube, Johannes Zen-Reiffenen, ein Kupferschmiedsknecht von Fruttigen, so einem alten Bekannten von mir, dem versoffenen Ritzibeck von Öflingen im Säkkinger Amt, auf ein Haar glich, nur dass er einen grösseren Kropf und ein noch keltischeres Antlitz besass, item 3 schmucke Weibsbilder aus dem Berner Oberland, item Martinus, der Steinhauer von Delsberg, und ich. Und abgesehen von mir, – der nit ganz in Kupferschmiedsgeschäften reist, und von Martino dem Steinhauer, der aus Siders im Walliserland gebürtig, und nun heimkehren wollt, um nachzusehen, ob ihm seine Frau, dieweil er zu Delsberg im Bergwerk schaffete, treu geblieben sei, – war dieser Zug eine Handelskarawane. Und geht der Handel im Berner Oberland und Wallis auf sonderbaren Pfaden, – so von dem glühenden Wüstensand des Orients merklich differieren. Hatte nämlich Matthias Flury in Thun viel Kupfergeschirr gefertigt, – allein da selber seine Studien schon vor langer Zeit beendiget, konnte er den neuen Stil nit ganz einhalten, und wurde ihm seine Ware zum Ladenhüter. Also sprach Matthias Flury: Was zu Thun im Bernerland altmodisch ist, das muss im Oberwallis noch immer das Modernste sein – und packte seine Waren, seine Tochter und Johannes Zen-Reiffenen, seinen Knecht, auf und zog mit ihnen nach Kandersteg und dem Wallis zu. Und die 3 Weibervölker aus dem Berner Oberland, so sich im Lenker Bad und in Sion als rechtschaffene Dienstboten einteilen wollten, wurden von Matthias Flury auch ins Mitleid gezogen – und schiergar hätt' er mir selber auch noch was zum Tragen aufgehängt. Und wie die Sonn allmählich über die Schneefelder am Daubensee aufging, da schien sie über die Gestalten, deren eine in die tiefen Fussstapfen der andern trat, mit folgendem Beiwerk: Matthias Flury trug sein Hauptmeisterstück, auf das er so stolz war, wie Hephaistos auf den Schild des Achilles, einen ungeheuren Teekessel samt Unterplatte, seine Tochter 2 Kochpfannen und 2 Löffel, Johannes Zen-Reiffenen aber hatte 2 grosse kupferne Kochkessel mit einem Waschlumpen zusammengefügt, selben wie ein Diadem um sein Haupt geschlungen, also dass die Kessel hinabhingen – und sprach: Ich muss das Schwerst tragen, weil ich meinen Kropf schon hab und nit mehr vom Überlupfen kriegen kann; – item die Berner Maidli eine ganze Traglast kleinerer Geschirr, die 2 andern je einen Kessel, so gross wie eine Pauken, auf dem Rücken. Und wie die Walliser Grenz erreicht war, – hoch oben, wo der Blick nur auf Felstrümmer und Schneefelder streift, da wurde die erst Rast gehalten; und die Berner Maidli jodelten vergnüglich der Sonn entgegen, und Johannes Zen-Reiffenen wurde dadurch bass ergötzt, schüttelte seinen Kropf im Morgensonnenschein und trommelte auf seine 2 Kupferkessel, und das Beispiel fand einen starken Anklang, also dass sofort auf allem vorhandenen Kupfergeschirr mit Stiel und Becken ein solch Kling-Klang und förmlich Katzenmusik erhoben ward, dass ich, der des Kriegszustands noch ganz jung entwöhnt war, schier befürchtet, es möcht' hinter dem Lammerngletscher her ein Gendarm kommen und die ganz Gesellschaft arretieren. Auch ward schliesslich ein gross Schneeballwerfen angehoben, wobei mir von dem einen Berner Maidli mein neuer Pariser mechanischer Hut zweimal hart vom Kopf geschossen worden. Und nach mannigfacher Fährlichkeit des Wegs – so in der Früh noch ziemlich gut über den hart gefrorenen Schnee ging – kamen wir im Schwaribacher Mordswirtshaus an, allwo Zacharias Werner seinen 24. Februar hin verlegt, trafen aber einen braven Oberwalliser Wirt, so sich weder um die antike, noch um die Müllner-Houwald-Wernersche Schicksalsidee kümmerte, hingegen ein ungeheures Frühstück richtete. Und wiewohl es erst morgens 8 Uhr war, hab ich – nach 5stündigem Marsch im Alpenschnee – doch an Schinken, Käse, Eier, Butter, Brot, Kaffee und Martinacher Wein so viel verzehret, dass ich nach italienischem Landbrauch füglich 3 Tage davon leben könnt. War dies das grösste Frühstück, so mir, wiewohlen ich zu Heidelberg, Jena und Bonn gefrühstückt, je vorgekommen. Hernachmals ergab sich aber ein schlimmes Marschieren; denn der Schnee war inzwischen weich geworden, und brach man oft bis an die Knie und noch tiefer ein. Und zogen wir eines hinterm andern, und getreulich in die Fussstapfen tretend, vorwärts, und hab ich auch meiner Vorgängerin, wiewohl sie mir vorher mit Schneeballen den Hut abgeworfen, doch, wenn sie allzu tief in Schnee sank, allerhand christlichen Beistand im Herauslupfen und Unterstützen geleistet. Wie wir aber uns langsam durch Schnee und frischen Lawinensturz nach den Höhen der Gemmi vorwärtsgearbeitet, da sahen wir von Welschland her einen Kerl durch den Schneepfad ansteigen, so unter die »Gestalten« erster Klasse zweifelsohne zu rechnen war. Trug derselbe einen Schlapphut und einen ganz blitzroten Rock – wie ich erst später in Italia erschauet, dass ihn die Sakriftane und sog. Schweizer in den Kirchen tragen – dazu einen Knorrenstock und einen geflickten Reisesack, (wo er selben expropriieret, ist mir nit kund geworden), sein Gesicht aber war pockennarbig, und brach derselbe alle Augenblick in den Schnee ein, sang aber ganz lustig italienische Weisen dazu – und erglänzte dieser rote Kerl auf dem weiten, wüsten Schneefeld so absonderlich, dass ich dem Berner Maidli nur mühsam ausreden konnt, dass es nit der Teufel selbst sei, massen es diesem zu einem Schneespaziergang zwischen Schwaribach und Gemmi itzt zu kalt sei. Wie der rot Kerl aber in dem einzig tretbaren Pfad uns entgegenkam, da stockte der Zug, denn Ausweichen war nit möglich. Also wollte sich derselb zwischen uns durchwinden – brach aber ein und versperrte alles, und versuchte lästerlicherweise, und ohne ein Wort Deutsch zu reden, beim Vorwärtsgehen unter vorgeblicher besserer Wegsteuer die Berner Maidli zu umarmen. Also war uns dies zu dick, traten Johannes Zen-Reiffenen und Martinus der Steinhauer vor, fassten den roten Kerl, wie er wieder in den Schnee gesunken war, und setzten ihn seitab von unserm Pfad in Schnee, allwo er bis zum Nabel hereinfiel und sich abzappelte, bis wir vorüber waren. Und Johann Zen-Reiffenen sprach mit sittlicher Entrüstung: »Ihr welsche Kuh verstöhnd jo nüt einmal uf ebenem (!!) Weg zu laufen.« Und wie wir an eine lichte Stelle kamen und dem Kerl nachsahen, wie er unter einsmalen wieder in Schnee sank, da brach die ganz löblich Gesellschaft in ein unsterblich Gelächter aus, und wurden wiederum sämtliche Kupferkessel und Becken angeschlagen, also dass ein greulich Musizieren dem roten Welschländer nachklang. Und hat noch 3 Stunden gedauert, bis wir in Bad Leuk eine Herberg fanden. Und wie Matthias Flury sein Kupfergeschirr in Wallis verhausieret, hab ich nit mehr erfahren, ich selber aber hab ein Zeichen von der Gemmi davongetragen, massen mir die ganze Gesichtsoberfläche sich ein wenig gehäutet, und ich noch zu Mailand mich einer merklich geröteten Nase zu erfreuen hab. Caput II. Item, wie ich vom Leuker Bad ins Rhonetal hinabgestiegen, ist mir ein anderweit Stück Oberwalliser Handelsgeschichte begegnet, so mir schier eine Gemütsaffektion zugefüget. Hab indes hier die Sach nur in ethnographischer Hinsicht, zu Frommen der Heidelberger Handelswissenschaft zu beschreiben. Waren lauter hohe, kahle Felsen und ein merkwürdig Wildnis von Höhen und Abgründen, also dass z. B. vom Dorf Albinen die Leut nur auf Leitern herabsteigen zu Tale. Marschier ich so ganz allein daher – item so kommt ein sauber Jungfräulein desselbigen Weges gezogen, so ein schmuck Gewand und eine Mantilla trug, und schier mit gleichem Fug nach Notre Dame des Lorettes als auf diesen Alpenpfad gepasst hätt. Also geh ich eine Zeitlang schweigsam daher und kombiniere, was dies für ein Bewandtnis haben möcht. Kam aber eine gross Windsbraut über die Berg her und ging mit Locken und Gewand des Jungfräuleins unbarmherzig um. So fass ich mir ein Herz und sag im zierlichsten Französisch, so ich verfügbar hatt: Mademoiselle, le vent est si impoli, qu'il paraît avoir l'intention de vous emporter. J' ose vous offrir mon bras. Und dass mit so zierlicher Anred die Brück zu einem Gespräch gebauet war, ist deutlich. Also erfuhr ich, dass selbiges Mägdlein die Modistin von Sion war, so in Sommerszeit ein magasin de nouveautés, broderies et dentelles im Leuker Bad etablieret, und war dieselbe mit ihren Waren auf einem Maultier über die Berge gen Leuk geklommen und hatte sich eingerichtet und ging nun zu Fuss auf schwindelndem Alpenpfad nach Sion zurück, um weiteres zu holen. Somit geht auch der Oberwalliser Modehandel zu Fuss; – aber so zierlich, dass mir der Weg nit lang geworden – und bin dem grossen Wind sehr obligieret gewesen. Und wie wir gen Inden kamen, wo Vater Goethe anno 1779 ein Glas Roten getrunken, sind wir beide schon ziemlich intim gewesen, – und wird lang dauern, bis die Felsen und Schlünde dort herum wieder eine so feine conversationem zu hören bekommen. Und war weit und breit kein Mensch – als der Oberwalliser Modehandel, und ich, und an der hohen Brücke bei Inden, wo der Walliser Handelsweg rechts ab wieder in die Höhe ging und ich auf dem andern Ufer fortzuklimmen hatte, gab's einen schweren Abschied, und war hier noch mancherlei zu erzählen, wie ich der Modistin das Prinzip des Fräulein Fleischmann exponieret, dass alles auf die Lage ankomme und die Lage hier so aussergewöhnlich sei, dass sogar das ius osculi nit ohne Grund in Anwendung kommen könne. Und war froh, dass ich solide principia besass, massen ich mir dachte, dass wenn der sehr ehrenwert Meister Meder oder Papa Mays , der alte, zu dieser Stund auf den Pfaden des Oberwalliser Handels gezogen wären, die Lag noch viel verwickelter hätt werden können. Item, ich bin noch desselben Tags allein weiter gestiegen und hab noch in weiter Fern – die Felsgalerie gegen Varen zu – den Oberwalliser Handel sich verziehen gesehen, auch mit dem Tuch grüssend übers Tal hinübergewinkt, und so ich Vollmacht besessen, hätt ich gern zur Erweiterung der Handelsbeziehungen des Engem einen Traktat mit Wallis abgeschlossen, dass gleiche Zoll- und Mautvergünstigung jedem Mitglied des Engern, so er von Lenk gen Siders zög, vergönnt und grundrechtlich eingeräumt werde. Caput III. Item, über den hohen Berg Simplon bin ich bei grossem Donnerwetter gestiegen und ist mir recht schwindlich und einsam zu Mut gewesen, also dass ich schier reflektieret hätt: O sässest du doch in einem stillen Wirtshaus am Rhein oder Neckar, statt so pudelnass bei Blitz und Donner der italienischen Grenzscheid zuzuklimmen. Kehr also im refugium Nro. 2 ein und trockne meine Kleider und trink einen schlechten Wein. Und waren ein paar italienische Wandersmänner da, und der Wirt trug einen alten Frack und eine blaue Brill, – und war alles so verdächtig, dass ich im stillen mein Terzerol spannte und mein Stilet bereit hielt. Item, so kam ein alter Italiener, signor Androsetti von Borgomanero, so schon in Paris und London gewesen und mir als Zweck seiner Reis auseinandersetzte, dass er sich im Ausland um die principia der Humanität und Freiheit umgesehen, und da er kinderlos und vermöglich sei, in Italien nun was Verdienstvolles beginnen wollt, und zwar, da man ab ovo anfangen müsst, mit der Stiftung eines Vereins gegen Tierquälerei. Schimpfte auch über Pfaffen und Tyrannen und verriet viel piemonteser Aufklärung. Hatte aber sonderbare Bräuch; und da ich noch ein paar gute Bremer Zigarren befass, so sprach derselbe jedesmal, so ich eine anstecken wollt, »scusa, signor« nahm ein Federmesser, schnitt den dritten Teil meiner Zigarren ab und begann selber zu kauen. Exponierte dabei, dass er im Hafen von St. Malo dies von einem Schiffskapitän als Mittel gegen den Skorbut gelernet und seither nit mehr lassen könnt. Also dacht ich: »Wenn nur ein Kreuzdonnerwetter dich mit samt deinem Schiffskapitän von St. Malo verschlagen wollt, willst du einen Verein gegen Tierquälerei stiften und quälst und verunginierst meine guten Bremer Zigarren!« Schritt daher zum Äussersten, was einem Biedermann in den Grenzen christlicher Notwehr erlaubt ist, und kaufte in der Grenzstation Isella ein halb Dutzend piemonteser Rattenschwänze, so noch ärger waren als jener von Ponte im Engadin und die Zigarre von Brennbichel in Tirol, und gab selbe stufenweise dem künftigen Präsidenten des ersten Vereins gegen Tierquälerei in Italien zu kauen. Bin übrigens sonst mit signor Androsetti gut ausgekommen und bis über domo d'Ossola mit ihm marschieret. Item auf dem Simplon-Hospitio sind brave Leut. Wie ich mit dem besagten Präsidenten in spe am Kaminfeuer des hospitii sitz und mich trockne, kam der Pater Küchen-Inspektor und unterhielt sich mit uns, und wiewohlen signor Androsetti ihm ungemein viel vorschwadronierte, also dass das proverbium des Herrn Springer »Hier wird viel Dreck geschwätzet,« auch hier oben 6000 Fuss über dem Meer in Erfüllung ging, so achtete er doch den müden Menschen in ihm und liess eine Kollation und eine Flasche schweren roten Santa Christina anschroten. Selbe war aber bald leer, und wie signor Androsetti schwere Phrasen über den italischen Krieg losliess, und wie alles anders gegangen wäre, wenn der König von Neapel und Durando nit manquiert hätten, und kein Verrat gewesen und die Italiener »reifer für die Freiheit« – da sah ich schwere Zweifel im Gemüt des Pater Küchen-Inspektor aufsteigen, ob er diesen künftigen Präsidenten des Vereins gegen Tierquälerei noch mit einem weitern Tropfen Rotwein erquicken wollt. Da ich aber selber mit einem grossen Durst bei dieser Sache beteiligt, also lenkte ich mit ein paar objektiven Bemerkungen des Paters Gemüt zum Besseren, und er holete noch einen grossen Steinkrug Santa Christina, und wenn Meister Androsetti wieder recht parlierete, schenkte er mir und sich einen guten Tropfen ein und stiess mit einem Seitenblick auf meinen Gefährten mit mir an – und war dieser Blick so bedeutsam, dass ich aus demselben das proverbium meines Freund's Springer ins Italienische übersetzt sonder Müh herauslesen konnt. Item bin ich mit merkwürdiger Hochachtung vom Simplon-Hospiz geschieden. Caput IV. Item, so hab ich mich lang in Mailand umgetan, viel alter Kunst und Kirchenbau angesehen und schliesslich Durst bekommen. Find auf der piazza d'armi, wo das Kastell mit seinen alten Mauern der Stadt dominiert, einen Schild »Deutsches Bierhaus.« Wie ich eintret, sitzen ein paar Österreicher Offizier da und eine Gestalt, wie ich solche noch nie erschauet. Trug einen schwarzseidenen Rock bis an die Knöchel, streng zugeknöpft, darüber einen schwarzen Kaftan mit Schlappärmeln, so ganz mit roter Seide gefüttert war, item einen breiten schwarzen Hut mit goldenen Quasten, war auch mit einer grossen Medaille geschmückt und hatte ein Brevier bei sich. Also war dies der nicht-unierte griechische Feldkaplan, so zu Nutz und Fromm der Raizen und Oguliner erst vor ein paar Tagen angekommen war und nun, gerade von einer Amtshandlung zurückgekommen, im vollen Ornat in dieser Kneipe einen Frühschoppen aufsuchte. Scheint aber das griechische Dogma mit sich zu bringen, dass der Frühschoppen sehr kombiniert ausfällt. Frug ihn ein Offizier: Herr Feldprediger, was trinken S' heut? Also erwiderte derselb ernst und gemessen: »Der Feldprediger trinkt erst einen Slivovitz, hernachmals ein Seidell und darauf ein Glas Erlauer gesetzt, ist gut gegen Hitz und Kolik.« – Der Mann fing an, mir Hochachtung abzunötigen, und abstrahierte mir, dass an der Ostgrenze wenigstens gute Keime künftiger Kultur aufkeimen. Wie derselbe aber vollends die Italienerinnen abfertigte, stieg meine Hochachtung zum Gipfel. Hatte sich nämlich eine Gruppe Italienerinnen versammelt, so mit gewaltiger Neugier den signor prete forestiere musterten, und drängten sich an ihn heran, prüften seinen prächtigen Anzug und tasteten sein Gewand nach allen Richtungen durch, um zu sehen, wie viel Seide verwendet sei. Und der Kapellan liess sich selbes ruhig gefallen, wie sie aber gar zu zudringlich wurden und ihn eine fragte, ob denn alles mit Seide gefüttert sei, da hob er langsam und würdig sein schwarzes Untergewand über die fein gefirnissten Stiefel hoch auf – und stand da in blanken, knappen Unterhosen und sprach: Questo no, illustrissime!! Wie aber das mailändische Weibervolk diese nicht-unierten Unterhosen ansichtig wurde, da ergriff sie ein jäher Schreck, und sie verschwanden mit hellem Geschrei. – Der Kapellan aber sagte zu einem österreichischen Offizier, der ihm ob dieses Hosenmangels sein Erstaunen ausdrückte, »Glauben S' denn, dass i bei der Hitz für die Italiener auch noch ein paar schwarze Oberhosen anziehen werd?« Also trank derselb ruhig sein Seidel weiter. Caput V. Hier schliesst der erst Bericht des Doctoris Scheffel. Und sitz ich zur Zeit in Genua und schau vergnüglich aufs blaue Meer hinaus und hab noch kein Heimweh nach Bruchsal. Dort war Verfasser vor Antritt dieser Reise als Sekretär am Hofgericht beschäftigt. Bitte zu entschuldigen, dass ich unfrankiert schreib, aber Piemont gehört nicht zum Briefmarkenverein. Von Rom wird frankiert. Und werd' ich heut noch nach Livorno steuern, und wenn ich in Rom, café greco, einmal eine Epistel des Engern vorfinde, so soll mir das eine grosse Freude sein, und hoffe zuversichtlich darauf, denn ein Gruss aus germanischen Landen tut in dieser welschen Fremde doppelt wohl. »Der Wein in Genua taugt nicht viel.« Förster Reisehandbuch pag. 248. Mit vielen herzlichen Grüssen an Alt-Heidelberg. Römische Episteln. Roma, den 2. Novembris, – uff Aller Seelen Tag 1852. via delle 4 fontane ¹ 17, 1° piano. Ein grosser Bericht des Dris. Scheffel an den wohllöblichen, festen und – so die Zeyten sich nit geändert – jetzt wie ehedem und allweg durstigen »Engeren« zu Alt-Heydelberg am Neckar. Schier hab ich zu fürchten, dass meine lieben und ehrenwerten Freunde in der Heimat mich zu den Toten und Begrabenen rechnen, massen ich seit frühem Sommer, wo die Sonn noch hoch am Himmel stund und ich aus der Seestadt Genua weiters gen Welschland gefahren, kein Lebenszeichen mehr von mir gegeben. Inzwischen ist viel Wasser den Rhein ab, – auch viel Weines halsabwärts geflossen, und steht zu hoffen, dass der Engere sein Winterquartier bezogen, dass der Wildbader Fascikel sub. Lit. M. \& K. Rubr.: »Fremdenpolizei, Sittenwidriges Zusammenleben betr.« längst reponiert, und dass der würdige Vorfand von seiner Fahrt zu den oberbaierischen Brunnhäusern mit heiler Haut und unangetriebenem Felber zurückgekehret, – auch bereits ergötzliche Fata auf den Tisch des Hauses niedergelegt – und sollte mir bass zur Freud gereichen, wenn er etwannen in oder um Rosenhaim von einer sicheren Jungfrau Theresia Aschenlocher, bürgerlicher Zimmerbaliers- und Hausbesitzerstochter eyn näheren Bericht erkundet hätte und mir mitteilen wollt. Anspielungen auf scherzhafte Vorkommnisse im Engeren. Auch ich hab mich wieder ins Winterquartier heimgezogen – und nachdem ich vier Monat lang weder eyn Tintenfass gesehen, noch eyne »Allgemeine« gelesen, dagegen meine Stiefel auf steinigen Bergpfaden in albanischen, sabinischen und volskischen Regionen namhaft krumm getreten, mit samnitischen Autochthonen in dunkeln Spelunken den roten Landmein herausgespielt, mit Honoratioren, die sich später als calzolaji demaskierten, nach welschem Schusterbrauch hab trinken müssen, auch von der Schweinhirtin Filumena zu Civitella eynen rührenden Abschied genommen – bin ich glücklich und von Räubern unangefochten, so vielleicht Wind davon bekommen, dass ich in der casa Baldi zu Olevano nit nur den letzten bajokk hab sitzen lassen, sondern auch noch etzliches schuldig geblieben, mit Hülfe des schnöden Vetturin Raganelli von Genazzano gen Rom gefuhrwerkt worden und steige seit zwölf Tagen mit einem frischgewaschenen Vatermörder – stolz, wie man den Spanier liebt – die spanische Treppe zum Corso hinunter. Hab mich überhaupt wieder so zivilisiert, dass ich gestern zum erstenmal wieder angebettelt worden, was mir in den letzten Monaten des Landlebens nit mehr passierte, denn wenn Schachleiter wüsste, in welch äusserem Habitus und Aufzug sein jüngerer Kollega in den paësen am Monte Cavo und anderwärts herumgestiegen, – er würde zu seinem Hund Pfeffer sagen: »Guck, Feffer, wie sich eyner in den Menschen irren kann; so wenig Wohlanständigkeit war dem jungen Mann, wie er noch in Bruchsal unter gebildete Leut war, kaum zuzutrauen.« Hier in Rom, wo sich der Mensch nach langem Landaufenthalt erst wieder erinnert, dass er in jungen Tagen Lesen und Schreiben gelernt, ist es aber meine erste Pflicht und Schuldigkeit, dem Engeren für seine epistola encyclica meinen Dank abzulegen, denn die hab ich erhalten – erhalten mit Freud und mit Not, und war eyne grosse Geschichte – denn in Italien kommt's nicht alle Tag vor, dass der Mensch eynen Brief erhält, und ist darum eyn Ereignis; – so zum Beispiel meine Freundin, die braune Lala in Olevano, wie die von einem pittore aus Frankfurt eynen Brief zugesendet bekam, so ist derselbig nit nur zum mindesten siebenmal an verschiedenen Gegenden verlesen worden, sondern auch des nächsten Sonntags ging sie mit dem Brief zur Kirche, als wie man anderwärts eyn Gebetbuch trägt, und zwar die Adresse nach aussen gekehrt. Also, wie mich böser scirocco im August nach Albano vertrieben hatte, kamen erst dunkle Gerüchte an mein Ohr, es läg zu Rom im café greco was Namhaftes für mich. Dauert auch keine zwey Tag, so kommt ein sicherer Meier ins Gebirg und vermeldet, es sey eyn Brief da und ausserdem eyn Avisschein, dass auf der Post was Bedeutendes angekommen sey oder liege – und es werd eyn Wechsel oder bar Geld sein, denn derlei wird in Rom nit an die Adress abgegeben, sondern muss am uffizio persönlich geholet werden, mit Pass und carta di soggiorno und für viel bajokk. Des näheren wusst aber auch selbst Meier nichts, was in dem Aviso stünd. Also dacht ich scharf hin und her, von wannen mir eyn Stück Geld oder Geldeswert als wie eyn Meteorstein vom Himmel gen Rom hätt fallen mögen; simulierte auch, ob etwa die »Augsburger« für nicht abgedruckte historia nigrae silvae eyn Schmerzensgeld spendierte, – oder ob irgend eyn unbekannter Freund, der sich zu mir, wie Ernst Förster zu seinem Bruder, dem Unvermeidlichen »seit seiner frühen Kindheit Tagen mit eyner grossen Schuld getragen« selbige ex improviso abzahlen wollt – und wie wohlen ich auf kein sichere Spur kommen konnt, beschloss ich doch auf Rat guter Freunde, jählings nach Rom zu fahren, und fuhr auch an eynem hellen Sommertag mit dem Friedensrichter von Ariccia durch die Campagna und hatt unterwegs noch das Vergnügen, demselbigen vier Stück Hühner, so er den Bauern abgeschunden, die aber die Gelegenheit wohl erfahren, vom Dach des Wagens sich aufzuschwingen und lieber gen Tivoli zu fliegen, als in Rom von der Frau Friedensrichterin verspeist zu werden, wieder eynfangen zu helfen, worauf er zum Dank eine conversationem mit mir anhub, aus der ich ersah, dass er von Deutschland nit Anderes wusste, als dass dort eyn berühmter Professor des juris ecclesiastici gelebet, dessen Name 12 ober 15 Silben habe und beiläufig auf Weichsel- oder Wanzelgrueber endige – was er aber ebensowenig aussprechen konnt, als mir jemals ein solcher Canonist zu Gesichte gekommen. Wie ich nach Rom einfuhr, war grad viel Aufregung, und standen Gruppen an den Strassen, eine proclamationem der hohen Polizey gegen die ladri malvolenti, sgrassatori, infestatori delle strade etc. zu lesen, massen in diesem Jahrgang auch die Räuber auf verschiedenen Heerstrassen des Kirchenstaats mannhaft an der Restauration des status quo arbeiten. Komm aber endlich ins café greco – frag nach dem grossen unbekannten Aviso und erhalt folgendes Aktenstück: Karlsruhe, 20. Aug. 52. Nro. 13077. Die O. P. Direktion des Grossh. Baden benachrichtigt Sie, dass sich auf dem Postamt zu Heidelberg ein an Sie adressierter Brief befindet, welcher wegen unterlassener Frankatur nicht befördert werden konnte. Man ersucht Sie, denselben durch einen Ihrer Korrespondenten in Heidelberg frankieren zu lassen etc. Taxe 15 Kreuzer. Nachdem ich diese Taxe, die inzwischen um mehrere bajocchi angeschwollen war, entrichtet und nach dem Brief gefragt, erhalt ich – neben besagtem Aviso, und gleichzeytig in Rom angekommen, den betreffenden encyclischen Heidelberger Brief, aus dessen doppeltem Poststempel zu schliessen, – dass neben dem geordneten Geschäftsgang, der mir schliesslich eynen Plenarbeschluss Nro. 13077 zuzog, noch eyn mündliches Verfahren im Engeren, oder beim l'hombre, etwa zwischen Herrn Postrat Eberlin und »eynem meiner Korrespondenten« stattgefunden, so den gordischen Knoten schneller löste als besagte Nro. 13077. War somit zwar die Hoffnung auf eynen Wechsel jäh verschwunden, und sobald ich die Worte »epistola encyclica« gelesen, beschloss ich, deren Inhalt am geeigneten Ort mir zu eigen zu machen. Faltete das Schreiben zusammen, ging die via condotti hinab auf den Corso, und stieg den Corso hinunter, bis nahe an kapitolinischen Hügel. Dort, wo eyn grosser Schwibbogen über eyne Seitenstrasse sich spannt, schlug ich mich links. In selbiger Gasse steht weder Torlonias noch Kolbs Bankhaus, wohl aber – über bescheidenem Türraum gross »Facchino« angeschrieben. Es war vormittags 11 Uhr. Ich trat in die geweihte Weinspelunk zum »Pacchino« (das deutsche »Hausknecht« gibt den vulgären Begriff des Worts wieder) – dort, wo ich dem bottega auf seine Frage ob ich eyn halbe foglietta bianco oder nero befehle, eyn stolzes »un fiasco d'Orvieto« entgegengeschmettert, und er mit eynem seltsam fragenden ma chè??! sie angeschrotet und – nicht entkorkt, sondern entölt hatte, – dort hab ich des Engeren Encyclischen gelesen, iterumque relegi – und in dem dreymal gesegneten Orvieto, so dem Montefiasconer an Gewürz, Blum und Duft völlig gleich kommt, aufs Wohl der Getreuen in partibus infidelium, der Oberpostdirektion mit Nro. 13077 und der Jungfer Kneisler von Wittischweiler still gerührt getrunken. Und wiewohlen schon in der zehrenden Hitz und dem scirocco Welschlands eyne innere Ursach liegt, dass der deutsche Mensch allhiero sträflich viel Weines tilgt, so glaub ich, dass auch dieser encyclinische Brief dazu beigetragen, mich in sotanem schweren Beruf durch alle Zeytläufte bis anhero zu stärken und zu »festigen,« denn trotz ausgedehnter Wirksamkeit an schwierigen Plätzen (vide Foerster pag. 259 s. v. Genzano und p. 567 s. v. Velletri), bin ich bis anhero an Leib und Seele frisch geblieben – und eyn leiser Anflug von südlicher Färbung auf der Nase mag nach Foerster p. 494, eher zu den wunderbaren Lufterscheinungen bei Sonnen-Auf- und Untergang in der Umgegend Roms als zu eynem testimonio allzuscharfer Trinkung zu zählen sein. Ist daher nit mehr als billig, dass ich dem Engeren Rechenschaft ableg von dem Wichtigsten, was ich auf meinen Fahrten seithero erschauet und erlebet, – und wiewohlen bei der graziosen Ungeniertheit, mit der in Italien das Dasein abgesponnen wird, auch vieles über den Weg lag, so sich nit näher beschreiben, sondern nur inter alia apogrypha mündlich referieren lasset, so lieget doch eyne so reiche materia scribendi vor mir, dass ich nur auf Gradwohl, wie es Zeyt und Gang der Fahrt mit sich gebracht, hineynzugreifen brauch. Gedenk daher des Abends, beim Schein der dreyarmigen römischen Lampe, hier mannigfache ethnographische notitias aufzusetzen, – woraus der Engere zugleich sich überzeugen mag, dass ich allhier in Rom die Abendstund mit Verbreitung nützlicher Kenntnis ausfülle. Rom, den 8. Novembris 52. Wie in Welschland so vieles hinterfür instituieret ist, also auch die Jahreszeyt. Bin ich im Monat Octobris aus dem Sabinergebirg heimgezogen, weil daselbst eyn so scharfer Wind zu blasen anhub, dass selbst Meister Zielke aus Düsseldorf, so sonst ein hartgesottener Landschaftsmaler ist, von erklecklicher Sehnsucht nach seinem alten Flausrock befallen ward, den er, sowie seine Liebe, in der Heimat gelassen; und hat mir dazumalen der Wein, so uns die brave Regina zur Erquickung beim Zeichnen auf den Berg von Civitella schickete, nit mehr gemundet, vielmehro mich kältlich angefröstelt – und wie ich anfang, mich in Rom für den Winter zu bereiten, kommt die alt Sonn mit wahrer Frühlingswärme aufzugehen und scheint so vergnüglich auf die alt Weltstadt, dass kein Bleibens daheim ist. Derohalb hab ich auch meine epistolam nit continuieret, sondern bin weit umhergestiegen in der Campagna, und ist dieselb mit ihrer weiten, toten Fläch, mit ihrem grossen Trümmerwerk und mit den Bergen im Hintergrund eyn gar feiner Anblick, wiewohlen ich die »Wurzel des Heimwehs,« die, wie Ernestus Förster p. 494 erwähnt, »dem nordischen Wanderer daselbst regelmässig zu verdorren pflegt,« dort noch nit vorgefunden. Gedenk aber, wann ich sie einmal aufbotanisier, dem Erfinder dieses tropi unfrankieret gen München zu schicken. Also bin ich exempli causa draussen gewesen am Thybris, so noch immer seine blonden Wogen gen Rom wälzet, aber sehr träg, als wann er die ganz Geschicht satt hätt – und steht in einem Buschwerk dort eyn Sauerbrünnlin, so die Römer aquam acetosam nennen, und die Franzosen haben dort eyn grossen Spektakul mit Heeresübung und scharfem Schiessen verübet, als wenn das imperium schon morgen die Welt wieder eyn bisslein durcheynand schütteln sollt. Und ist der alt Thybris sehr verdriesslich daneben her geflossen, gleichsam als wenn er sagen wollt: Ihr braucht kein so Lärm zu machen, ihr werdet auch noch auf die Köpf kriegen wie viel ander Leut, so ich hierlands bereits mit und ohne Schiessgewehr rumoren gehört hab. – Ist auch eyn alter Turm am Ufer des Thybris, torre del Quinto, von wo aus man weit umschaut im Land – über die feinen Täler der Campagna bis zum monte Soracte, als welcher jetzt noch so stolz aus der Ebene aufsteigt wie zu Horatii Zeyt, und auf seinem Gipfel immer noch kahl ist, also dass zwey Reisende von Karlsruhe vor etzlich Jahren mit Grund in ihr Tagebuch notieret, er glich dem Schädel ihres Freundes »Ziesel,« der wohl itzt wie allweg beim Tafernwirt Cappler in der Kreuzstrass sein Bier trinkt. – Bin sodann an den Ponte Mole gewandert, wo eynst Constantinus, der römisch Kayser, den Maxentium schlug und itzt eyne rechtschaffene Herberg steht, also dass die deutschen Maler in früheren Tagen dort grosse Zusammenkünft und schwere Trinkungen hielten – aber die Zeyten sind vorbei und in dem eleganten Saal in palazzo Simonetti, wo itzt der Verein der deutschen Künstler aufgeschlagen ist, wird abends Whist gespielet und den Fremden von Distinktion der Hof gemachet, und wenn eyner von den guten alten Zeyten am Ponte Mole erzählet, so rümpfet mancher Vornehm die Nas, als wie der Pharisäer über den armen Zöllner. Ich inzwischen hab dort eyne gute Flasch Orvieto geblasen und an den wackern Maler Reinick gedacht, so dort wie anderwärts manch gutes Lied gesungen und itzt schon in kühler Erden schläft, und hab die Wagen gemustert, so von Florenz her nach der porta del popolo eynfuhren und hab eyn Stück »italienischer Zustände« mit angesehen, so mich sehr erfreute. Sassen nämlich zwey Gefeiten hinter eynem Verschlag der Osteria und tranken eynige Korbflaschen zu ihrem Salat und waren wie im Hinterhalt, und wie eyn Wagen herfuhr, ergriff der eyne sein Krückenstock und wurde plötzlich hinkfüssig, wackelte hinaus und bettelte für den povero vecchio – und richtete sich der Grad seines transitorischen Fussleydens nach Beschaffenheyt der Kutschen, massen er bei eynem gemeinen Vetturin noch notdürftig laufen konnt, wie aber eyn Kardinal mit seinen drey galonierten Dienern angefahren kam, ward er von totaler Lahmheit befallen und schleifte sich gotteserbärmlich über die Strassen; schund aber nur zwey bajokk heraus, was seinen Kollegen, dem er die Ausbeut an Weintisch zurückbracht, zu der unziemlichen Bemerkung veranlasste: due bajocchi! O quell' ladro! – Item eyn andermal hab ich eyne Pilgerfahrt gethan in das Tal der Nymphe Egeria, so bekanntlich eyne Freundin des Königs Numa war, bei welcher Gelegenheyt selber als erster römischer legislator sich über den Begriff des concubinatus, wie es eynem frommen Juristen ziemet, aufklärte. Und ist eyn weiter Weg durch das alte Rom, am Colosseo und an den Thermen Caracallae vorüber, bis zur porta S. Sebastiano, deren Mauern weyland Narses gegen unsere Landsleut, die Gothen, hat bauen lassen. Scheinen auch schon andere gute Landsleut desselben Wegs gezogen zu seyn, massen ich draussen an der via Appia eyn Kirchlein gesehen, so an seinem alten Portal die Inschrift traget: S. Leodegarius et Sa. Hermenegild Altimannia, und hat mich dies alte longobarder Kirchlein mehr gerühret als alle Pracht von Sankt Peter, wo sie mir, als ich den heiligen Vater zu schauen, pflichtschuldig im schwarzen fracco mich eyngestellet, mein gross seiden Taschentuch gestohlen und nur den Hausschlüssel gelassen haben. Und wiewohl mich eyn Römer zum Trost versichert, es seyen keine Bürger von Rom, so solch Handwerk treiben, sondern »scuola Napolitana«, so soll doch eyn Heiligkreuzdonnerwetter drein schlagen, dass die Spitzbuben mich, der mit Paul Baumgartner von Harpolingen und dem Strittmatter Fridli von Hogschus fertig geworden, in der Sankt Peterskirche zu Rom so dran gekriegt. Item, so zogen wir an der heiligen Hermenegildis vorüber – und kamen, an vielerley Ruinen von Columbarien und kleinen Tempeln vorbei, in das Tal der Egeria; und ist selbes eyn schöner stiller Platz, wo mächtige, immergrüne Eichen wachsen, und der Blick gar fröhlich ausschweift nach den Trümmern ringsum, und den Hügeln und grossen Aquädukten der Campagna und nach den wohlbekannten albanischen Bergen. Und bei dem heiligen Steineichenhayn, in welchem eyn epigonischer Jurist auch jetzt noch, im Fall der Not, mit eyner Nympha oder andern anständigen Person recht angemessen promenieren könnt, ist eyne Grotte anmutig im Felsen gebauet und rieselt itzt wie ehdem der geweihete Quell der Egeria. Und ist das Wasser recht lind und kühl und von wohltätiger Wirkung. Gleichet nämlich nit im mindesten denen Quellen von Korsika, von denen eyn sicherer Gregorovius, so auch eyn sauberer Patron sein mag, in die Allgemeine Zeitung geschrieben, dass man bei ihnen aller Gedanken an deutschen Wein vergesse, – vielmehro stellet sich nach eynem Trunk aus dem Quell Egeria eyn eigentümlich starker Durst in der Kehlen eyn, also, dass trotz Natur und Altertum das Gemüt dessen, so sich an gesagtem Quell geletzet, sofort darauf gelenket wird, sich nach eynem guten Trunk Weines umzuschauen. Und waren wir vier gute Karlsruher beisammen, so gleichmässig von diesem Durst befallen wurden, warteten deshalb nit ab, bis wir zum Facchino nach Rom kamen, sondern brachen in die erst Herberg, so am Weg stund. Und wurde die Vermutung aufgestellt, dass wohl König Numa der Alte auch nit umsonst aus dem Born der Egeria wird getrunken, sondern sich gleich uns auf dem Heimweg in eyn benachbartes latinisches Wirtshaus verfügt haben. Konnten somit bei unserem Vorhaben uns auf eine longaeva consuetudo berufen. Die Kneipe aber hiess osteria dei pupacci, aus welchem Namen wir mit Grund konjunktiereten, dass hier eyn Eynkehr für Marionettenspieler und ander fahrendes Volk sey, so im Weichbild von Rom kein Unterkommen findet. Und hatte der Wirt seinen Wein in die Erde vergraben, um ihn frisch zu halten; der Tisch aber ruhete auf eynem antiken Säulenkapitäl, und glich das ganze eyner grossen Spelunke. Item, der Egeria Durst zeigete sich sehr wirksam, und wurde von uns versammelter, badischer Landeskraft scharf getrunken; – also dass wir der Heiligkeit des Orts zu Ehren schliesslich nur noch in gewähletem lateinischem Sermon uns bewegeten, wobei es an gelehrten Zitaten aus denen klassischen Autoren nicht fehlete; – und Dank denen studiis, so wir viere unter Leitung des Hofrat Süpfle am Lyceo Carolsruhensi gemacht, wehte ein Ciceronischer Hauch durch unsere disputationes, und versetzeten wir uns im Geiste ganz in graues Altertum; – und da der Engere eyn Freund malerischer Zitate ist, so frommt es wohl, eynige herzusetzen, wie ich sie von meinen gelehrten Landsleuten des Abends in der osteria dei pupacci vernommen: »Manum de capello!« sprach Tibull, als ihm sein Freund Propertius den Hut antreiben wollte. »Ne in Facchinum!« sprach Atticus, als er morgens mit Kopfweh erwachete. »Valde à propos!« Cicero zum Laternenanzünder am Appischen Tor, als er seine Zigarre an dessen Licht ansteckte. Jacet ingens litore truncus. Es liegt eyner am Strassengraben, der ungeheuer betrunken ist, Vergilius u. s. w. Item, wurde auch von meinen lieben Landsleuten auf dem Heimweg das Lied vom Jäger aus Kurpfalz so klangvoll abgesungen, dass der Torwart an porta Sebastiano eyn seltsam schiefes Antlitz machte. – Item in solcher Weis nützlichen Studien (cf. Zell, Ferienschriften, die Wirtshäuser der Alten) sind mir die Tag verflossen, und hab erst gestern wieder in der Palombella am Pantheon mit eynem schleswig-holsteinischen Rittmeister eynen harten Strauss in Orvieto zu bestehen gehabt – also dass mich der Engere für rite excusatum ansehen mag, dass mein Bericht noch gar nicht begonnen ist. Denn all dies ist nur eyne introductio. Kann aber heut nit mehr ernst und chronologisch beginnen, massen eben meine deutschen Hausgenossen kommen und trotz aller sententia des Atticus sagen, es sey Zeyt in Facchino zu gehen. Rom, den 10. Novembris 52. Allhie hebt an der Bericht selbst – von allerhand Fahrt, Erlebnis, Zehrung, Trinkung, Herberg und sonst – in welschen Landen, seyt May dieses Jahrgangs. Caput I. Von Florenz im Toscanischen und diversem etruskischem Wesen und Landbrauch. So eyner es vermeiden kann, seinen Fuss in der Hafenstadt Livorno ans Land zu setzen, so soll er es kecklich tun und wird es nit bereuen. Denn es ist zwar kein Kleines, eyne Nacht bei unruhiger See auf dem mittelländischen Meer herumzufahren, und wie ich in die Kajüt eyntrat, sprach ich denselben Spruch, den bereyts eyn märkischer Graf Itzenplitz in das Beschwerdenbuch auf der Post zu Langensalza mit Unterschrift seines Namens eyngetragen: »Pfui Teufel, wie stinkt's hier!« – lieh mir also eynen rauhhaarigen Schiffermantel und legte mich die Nacht auf das Verdeck und schaute zu den Sternen, und wurde mir sehr klar, dass die Erd sich um die Sonne drehe und nit still stehe, und wurde mir auch das alte Lied von Hennecke dem Knecht klar, wie selber in Bremen Schiffsdienst genommen, aber gar balde sich zurückgesehnet nach dem festen Land, »wohl zwischen Distel und Leine.« Dennoch ist aber im Seehafen von Livorno der erst Wunsch nit nach eynem festen Frühstück und sonstiger Atzung eynes seemüden Leichnams – vielmehr nach eynem knorrigen Hagedornstock, um all den Tagdieben, so dort wie eyne ägyptische Landplag über den fremden »Gastfreund« herfallen, eynen verdienten Rekompens auszuzahlen. Und wannen eynmal die gross Rechnung in der Welt abgetragen wird, so wären in Livorno mit Hagedorn zu berücksichtigen: der Gondolier, so vom Dampfschiff bis in Hafen rudert, – die Facchini, so den Reiseranzen von dort in die dogana tragen, die ganz Zollwächterei in selbem »Freihafen,« die Facchini, so den Reiseranzen von der dogana an den Fiaker tragen, die Fiaker selber, der Wirt zum albergo reale samt seinem Oberkellner und dem vornehmen Hausknecht, so die Päss in der Welt herumträgt, – die ganz Zollwächterei am andern End desselben »Freihafens«, so eynen zum zweyten Mal visitieren, – item die Plombierer vor dem Eisenbahnhof, so eynen zum drittenmal molestieren, item die Facchini, so von dort das Gepäck auf die waggones tragen. Und hab ich schliesslich nit anderes mehr gesprochen, als was der Engere als Gruss nach Frankfurt geschickt hat, und bin schleunigst nach Pisa gefahren; und sassen allerhand Passagiere in dem Wagen, so man zwischen Weingarten und Untergrombach nit anzutreffen pflegt, z. B. eyn armenischer Geistlicher mit langem Bart, ein Griech mit Frau und Kind und eyner Abyssinerin, item zwey Türken, so sich als echt auswiesen und nit wie der königlich sächsische Hoftürk auf der Industrieausstellung aus der Gegend von Leitmeritz waren. In Pisa ist eyn schiefer Turm, teures Fuhrwerk und alles öd; auch halten sich in den Cascinen grosse Trampeltier, Dromedar, Dragomänner und anderes afrikanisches Getier auf, so auf dem heissen, ausgebrannten Erdreich sich sehr wohl befindet. Bin darum bald weiters gen Florentia gefahren, allwo ich mich dreyer Wochen sehr stolz umhergetrieben, viel Schönes erschauet, und viel güldene Dukaten und silberne Francesconi eingebüsset habe. Item ist Florenz die sauberste Stadt, so mir in Welschland vorgekommen, und liegt noch eyn Hauch aus der kunstreichen Medizäerzeyt über dem ganzen Wesen, und hat mit seinen burgartigen Palästen und dem bildnisgezierten Platz am Stadthaus und den alten Brücken am Arno eine Erinnerung an kraftvolles Mittelalter und Gedeyhen städtischen Lebens, im Streit mit Signorien und andern Republiken. Und ist viel Merkwürdigkeyt alter Kunst und Wissenschaft und viel schöner Frauengesichter mit feurigen Augen in Florenz – und tragen die Florentiner Töchter grosse, niedere Strohhut, so eynem wie zum Gruss entgegen nicken, und hab ich am lung Arno und draussen in den Cascinen zu Fuss und zu Wagen so mannigfaltiger Frauen und Jungfrauen vorbeipassieren geschauet, dass mich schier bedünken wollt, die italienisch Sonn verstünd das Auskochen der Menschenkinder besser als die deutsch. Und als wie eyn sinniger Gruss derer florentinischen Weibervolke an den Fremden sind an den namhaftesten Plätzen der Stadt artliche Jungfrauen, so eynem unverhofft und ohne Erwartung eynes Entgelts eynen Blumenstrauss zuwerfen, – tragen selbe auch die grossen, wackelnden Strohhut und heissen fiorajen. Und wie ich überhaupt in Florentia stolz und wie eyn Engeländer umhergegangen, auch das toscanisch Geld nit zu schätzen verstanden, also hab ich mannigmal in die Westentasch gegriffen und eyner fioraja eyn oder zwey paoli zugeworfen – und hat mich dies in ihrer Affektion sehr hoch gestellt – massen mich auch eynstens eyne gar feine fioraja, wie ich vor dem café Donay gesessen, teilnahmvoll angeredet, warum ich stets mit der faccia severa und melanconica mich trüg, und hat ihr gesagt: gravi pensieri seyen schuld daran, worauf sie eynen langen und sachverständigen discursum de amore anhub, welcher insgemein die giovanotti ernst und nachdenkend mache – und konnt ihr nit in allem Unrecht geben. Wurde mir aber seit selbigem discursu grosse Aufmerksamkeit geschenkt, also dass ich mannigmal eyn Seitengässlein am Palazzo Strozzi eingeschlagen, um nit mit allzuviel Reiten und Lavendelsträuss behelligt zu werden. Item, wie ich endlich früh morgens in Vetturin steig, um gegen Rom zu fahren, so sind schon drey meiner blumenspendenden Freundinnen auf der Strass, um dem »forestiere melanconico inammorato« Addio zu sagen, und werfen eynen ganzen Hagel von Blumen in den Wagen, so dass ich nit ohne Rührung von dannen zog, massen es gar wohltuend in wildfremden Land ist, beim Abschied auch noch was anderes – als trinkgeldfordernde Spitzbuben vor Augen zu haben. Von eygentlicher Trinkung ist in Florenz nichts vorgefallen, dieweilen es mir an fachkundigen Notizen über die richtigen Ortschaften und Tafernen gänzlich gemangelt, bin somit darauf eingeschränket gewesen, mit dem Küster der alten, merkwürdigen Kirch San Miniato eynes Abends etzliche Korbflaschen auszustechen, so schier bis gen Mitternacht gewähret. Und sind damals viel Leuchtkäfer auf dem Berg von San Miniato herumgeflogen. Hab auch aus alter Pietät eyn sauren Gang zu Florenz gemacht; begab mich nämlich in den grossen, gewölbten Büchersaal des Klosters San Lorenzo, allwo auf schnitzwerkgezierten Pulten viel seltener manuscripta und Codices gleich wie wilde Tier an Ketten liegen; alldort hab ich der alten Pandektenhandschrift, um die weiland die Pisaner mit Amalfi und die Florentiner mit Pisa gerauft, meine reverentiam erwiesen, so sich aber auch nur auf eyn kurzes Zitat aus Goethes Dichtungen reduzierte; – hab auch im Original den Titel de regulis juris aufgeschlagen und den Satz meines Freundes Strümpell von Schöppenstedt: »quod ab initio vitiosum est tractu temporis convalescere nequit,« mit Rührung nachgelesen, in summa aber eyne wehmütige contemplationem über dies und das, womit sich die Jugend in Altdeutschland beschäftigen muss, angestellet. Hat mich die alt Handschrift noch ein namhaft Trinkgeld an den custode gekostet, so ich vielleicht auch besser irgendwo selbst vertrunken hätt. Caput II. Von eyner Fahrt durch Etruria und Umbria gen Rom, – so sechs Tag angedauert. Über die Schlechtigkeit derer Landkutscher in Italien, so man Vetturini nennet, ist schon von namhaften Gelehrten so viel Papier verschrieben worden, dass ich allhier kein Wasser ins Meer tragen will. Genügt zu sagen, dass Sergio Rochetti, so mit mir den contractum in 15 Artikeln über meinen Weitertransport gen Rom abgeschlossen und mit Handzeichen bekräftiget, gleichfalls eyn ganz schlechter Hallunk gewesen, – seine Versprechungen so wenig gehalten wie Ludovicus Napoleon seinen Eid auf die Konstitution, uns behufs grösserer Ersparnis, dieweilen er die Verköstigung übernommen, an namhaften Städten vorbeigeführt und in Dorfkneipen eynquartieret, allwo bei saurem Landwein und giftigem Flohstich wir Passagier dasassen, gleich Hiob und seinen Freunden. Benahm sich übrigens mehr als »Freund« und Direktor der Reise und hatte das gewöhnlich Fuhrmannsgeschäft eynem Untervetturin übertragen, so ebenfalls eyn würdiger Biedermann war. War dieser letztere eyn stolzer Römer, so behauptete, Roma sey caput mundi, Florenz aber nur eyn elend Nest, hatte eyn durchtrieben Gesicht, eyn schwarzen Zwickelbart und den Hut schief auf dem Kopf sitzen; und waren in seiner Vergangenheyt etzliche Jugendfehler und errores in politicis vorgekommen, also dass die Rückkehr nach Rom für ihn mit eyniger Schwierigkeyt verbunden, hatte nämlich dorten seyner Zeyt, wie eyn stolzer römischer Fuhrmann, Anteil am republikanischen Wesen genommen und den Grund des Übels in den goldbesetzten Kardinalskarossen gefunden, also dass er an deren Verbrennung eifrig mithalf; hernachmals unter Garibaldi gedient und trug noch eyn Stammbuchblatt an sich, so ihm die Franzosen an der Bresche des Tors Pancrazio geschrieben, nämlich eynen Bajonettstich im Knie und eynen Schuss im Arm. Führte den Wagen deshalb nur bis zur Grenz am Trasimener See, war aber in seinem toskanischen exilio noch nit auf anderweyt Ansicht verfallen, sondern trieb als Fuhrmann die politicam in alter Weis weiter, also dass er die zwey alten Rösser am Wagen Carlo Alberto traditore und Pio nono getauft hatte und mit der Peitsch auf deren Rücken den ganzen Groll eynes Verbannten ausliess. Ist aber zu bemerken, dass er am letzten Tag, als es der Grenz des Kirchenstaats zuging, seinen Rössern andere Namen aus dem gewöhnlichen Pferdskalender gab, auch seinen krächzenden Gesang aus weiland Garibaldis Lager nit mehr anstimmte. Item, so war noch eyne Signora im Wagen, so Sängerin am Theater zu Livorno gewesen und schön sang als wie eyne Nachtigall; und vergass der arciprete von Urbino, so gleichfalls mitfuhr, öfters sein Brevier ob deren Getriller. War dieselbig aus Rimini, wo schon zu Dantes Zeyt allerhand unglückliche Lieb sich zugetragen und bekanntlich der Francesca da Rimini es sehr übel von ihrem Ehgemahl vermerket worden, dass sie mit ihrem Hausfreund das Buch von Lancelot und Ginevra alleyn, zur Nachtzeyt und mit Unterbrechung zu lesen versuchte. (Dante Inf. V.) War zwar unserer Signora das Schicksal dieser ihrer Landsmännin nit näher bekannt, also dass ich in eyner gelehrten Exposition, zu der der arciprete von Urbino moralische Anmerkungen machte, ihr dasselb des breiteren darlegte: schien aber dieselb auch etwas von der Statur besagter Francesca inzuhaben, massen sie eynes Engelländers, Sir Alfred Mitchell, in ihrem Gespräch so oftmalen und ganz ex improviso erwähnte, mir auch eynen Brief vorzeigte, den ihr selber auf englisch geschrieben und den sie nit verstehen könnt, also dass zu vermuten stand, sie mög denselben zu Livorno ebenso freundlich aufgenommen haben wie die Frauenspersonen zu Padua eynst Herrn Schwertlein, unseren Landsmann. Item, so kam gleich am ersten Tag der Reisen eyn sehr difficiler Punkt vor. Hatte uns der spitzbübisch Vetturin statt nach der feinen etruskischen Stadt Arezzo zum Nachtlager in das eynsame Haidewirtshaus Poggio bagnoli geführt, so in eyner rauhen Hochebene, unter zwergigen Eichen, gar öd und wie eyne Räuberherberg daliegt. Wurden inzwischen eyn paar magere Hühnlein geschlachtet und sassen wir beim Vesperimbiss noch lang plaudernd beisammen, und hatten sich die Wirtsleut schlafen gelegt. Wie aber der arciprete von Urbino durch grossmächtig Gähnen das Zeichen zum Aufbruch gab, so war weder für ihn noch für die Signora eyn besonder Licht oder candela vorhanden, vielmehr hatte der versimpelt Wirt von Poggio bagnoli eyne Lampe hergesetzt, so zwar drey Armleuchter befass, aber an eynem eynzigen und unteilbaren Stück. Also warf sich die nicht zu beseitigende Frag auf: Was ist zu beginnen, wann durch Fügung des Schicksals und Unverstand derer Wirtsleut in eyner eynsamen etruskischen osteria der arciprete von Urbino, die zweyt Sängerin vom Theater in Livorno und eyn deutscher Doktor genötigt find, mit eyner eynzigen dreyarmigen Lamp in Bett zu gehen? – Und war diese Frag so difficil, dass ich nit umhin kann, sie als quaestio Poggio bagnolensis dem Engeren zur Erwägung in pleno zu unterbreiten und mir eyne instructionem für ähnliche Vorkommnis auszubitten, sintemal als schon die mannigfach Lösung, so wir damals selber versuchten, eyn argumentum dafür ist, welch verschiedentlicher combination dieser casus unterlieget. Schlug nämlich die Signora vor, der arciprete, als der sprach am besten kundig, solle mit der Lamp ins untere Gebäud gehen, sehen, ob er in eyne Kammer der Wirtsleut eynfallen vermocht und dort anderweyte Beleuchtungsinstrumente beschaffen. Allein hiegegen opponierte der arciprete mit Grund: abgesehen von der sehr wahrscheinlichen Möglichkeyt, dass gar keine anderweytigen Lichter in dieser elenden Herberg seyen, könne er pro primo ohnmöglich dazu beitragen, die Signora mit eynem giovane professore, so ihr soeben die Geschicht der Francesca da Rimini erzählet, im Dunkeln zu lassen, pro secundo aber könne eyn ungefährer Luftzug oder Wind ihm in währender Expedition auch noch das eynzige und letzte Licht ausblasen, und pro tertio wisse er kein Bescheyd in dieser Spelunken, also dass er, mit der Lamp durchs Haus schleychend, missgeschickterweise an eyne Magdkammer und in böse suspiciones geraten könne. – Worauf er, um seyn eigenen weysen Rat ersucht, proponierete, man soll ihm die gross Lamp geben, damit er sich selber könnt zum Schlafen rüsten, er woll dieselb sodann vor die Tür seiner camera zu dispositionem der andern stellen, so sehen möchten, wie sie damit weiter fertig würden; wurde aber ex argumento primo seyner eygenen vorigen Red und als grober egoïsta, so keine Rücksicht auf Damen nähme, widerlegt. Also erläuterte ich selber (und bin begierig, zu erfahren, ob der Engere meine Ansicht approbieret): Die Rücksicht auf die Signora erheische, dass sie nit im Dunkeln bleibe, anderseits sey es aber zu hart, wenn zwey Biedermänner, wie der arciprete und ich, wegen ihr in Finsternis zu Bett tappen müssten, sey vielmehr eyn Gebot der Menschlichkeit, diese calamitatem auf eynen eynzigen zu beschränken, wogegen die Signora sich auch wieder in die consequentias zu fügen habe, so die Eygenheit des Falls mit sich brächt. Solle daher die Signora entscheiden, wem von uns beyden sie eyn Anteil am Schlafengehen mit der Lamp wollt zukommen lassen; und wen es eben traf, der mög es als Fügung des Schicksals von Poggio bagnoli hinnehmen. – Und wiewohlen eyn leis Lachen über das Antlitz der Sängerin von Rimini flog, so bin ich doch ausser stand, zuzufügen, wie etwannen bei ähnlichen controversiis derer alten Juristen: »Et Neratii sententia magis placuit,« massen der arciprete von Urbino, so wohl die Eventualitäten eynes solchen Wahlrechts erwogen, sehr grob sich dagegen expektorierete und zu wiederholtenmalen ausrief: »O che pensieri etruschi!« woraus ich mit Befremdung ersah, dass in Urbino und ganz Umbrien eyn etwas leichtfertiger Gedanke »un pensiero etrusco« geschimpft wird, und woraus ich auf die alte Geschichte derer Etrusker und ihr Verhältnis zu ihren anderweytigen italischen Nachbarn und Nachbarinnen belehrende Schlüsse zog. Item die zweyt Nachtherberg war zu Passignano am Trasimener See, – so eyn schön, felsig Städtlein, und ist der Trasimener See gar anmutig, dem Chiemsee im Bairischen zu vergleichen, liegt auch eyn Klösterlein auf eyner Insul wie dorten. Und ist in der ganzen Gegend noch viel vom alten Hannibal die Red, als wenn denen jetzigen Italienern die Köpf noch wackelten von denen Hieben, so ihre Vorfahren von den Puniern darauf erhalten, und wusste mir sogar eyn Zollgardist am monte Gualandro das Schlachtfeld strategisch zu beschreyben, – dort, wo am Bach Sanguinetto das römisch Lager stund, dort an der torre d'Annibale, wo die Elefanten herüberstiegen, und dort das Dorf Tuori, wo der alt karthagisch Feldherr den Göttern nach dem Sieg eyn Stieropfer brachte. Scheint überhaupt der Karthager das Italien gründlicher verrunginiert zu haben als der Goth und Vandal und Normann, massen ich auch später in den Albanerbergen, auf den campi d'Annibale am monte Cavo gefunden, dass er jetzt noch selbst bei Bauersleuten, Ziegenhirten etc. in gutem, frischem Andenken steht, wie der Schwed bei uns. Und hatte sogar der Wirt von Passignano auf eyner grossen Wand noch eyn Monument in breslauischer Malerart aufpinseln lassen, »den heldenmütigen Gefallenen, die hier durch »tradimento« und karthagisches Schwert den Tod fanden, der trauernde Trasimenus.« Item, so waren zwar hinlänglich Lichter in Passignano, also dass jedwedes separatim in seine Schlafkammer abgehen konnt, aber so schlechte Herberg und Flohstich, dass die Sängerin von Rimini den Text: o indegno vetturin – »o unwürdiger Lohnkutscher« durch verschiedentliche Tonarten mit schöner Modulation der Stimm und heftiger Leydenschaft absang. Und musst ich mit eynem andern Passagier in eyner Stuben schlafen; vermied zwar den arciprete und gesellete mich zu eynem Caméenhändler aus Rom, der inzwischen zur Reisegesellschaft gekommen. War aber aus der Scylla in die Charybdis geraten, weil selber so gewaltig schnarchte, als wenn eyn karthagischer Elefant ihm als Alp über dem Hals läge. Item am dritten Tag sind wir mit eynem Vorspann von drey weissen Ochsen in Perugia eyngefahren, so eyne merkwürdige Stadt ist und guten Rotwein hat. Verfügte mich sofort nach dem Frühtrunk in das etruskische Museum und hab dort benebst viel andern antiquitates und alt etruskischer Haken- und Keilschrift eyn kolossalen sarcophagum angeschauet, so erst kürzlich gefunden worden. Ist auf demselben eyne Emigration des ganzen etruskischen Stammes dargestellt, in uralten Typen gleich denen ägyptischen, und ziehen König und Priester, Krieger, Weib und Kind, Gefangene und Stiere – alle fort, »nix wie 'naus« – und ward mir sofort klar, dass dies eyn Denkmal des Auszugs nach Graubünden sey, und dass die ganze Bande sich Berninawärts bewege. Hab auch eynigen professoribus der Akademie von Perugia dies exponieret, so aber weder von Ardeez noch von Fuldera jemals eyn Wort gehöret und mir kein Glauben schenkten. Mir aber hat die Sach um so mehr geschienen, als auch die alten Stadt der Etrusker, insbesondere Cortona und Perugia mit ihren Cyclopenmauern ganz so auf Bergabhängen da liegen wie die Flecken im Unter-Engadeyn, und behalt mir vor, hierüber meinem lieben Begleiter auf rhätischen Fahrten näheres mitzuteilen, so nit in diesen Bericht gehöret. Item die dritt Nachtherberg war zu Toligno, und hat uns dort die Signora von Rimini verlassen, und hab ich ihr zum Abschied gesagt, wenn sie eynsmalen ihren Triumphzug auf deutschen Bühnen halten wollt, so würde es mir eyne angenehme Erinnerung sein, meinen Landsleuten zu erzählen, dass ich ihre Nachtigallenstimm schon in eynem schnöden Vetturinwagen so schön hätt erklingen hören. Und wiewohl mein Sermon nit fehlerfrey aufgefasst war, so wurde er doch in Gnaden aufgenommen. Und tauschten wir dafür eynen Inspektor der administratione cointeressata de Sali \& Tabacchi eyn, so eyne Dienstreise gemacht hatte, um zu sehen, ob nirgends anderweyter Tabak fabrizieret würde, als der, womit der schnöde Torlonia die italischen Raucher und Schnupfer als Monopol heimsucht. Hatte sogar eyn paar armen Kapuzinerklösterlein das Handwerk geleget, ihren Schnupftabaccum künftig selber anzufertigen. Rauchte aber persönlich eyne tadellose defraudierte havannam, wie solche den employés dieser Gesellschaft zukommt. Und soll eyn Donnerwetter die ganze società cointeressata verschlagen, denn in meinen ersten Tagen zu Rom, wo ich bona fide eynen zigaro forte gerauchet, ist mir so schwindlig geworden, dass die Zigarre von Brennbichel sich in der Erinnerung ganz verkläret hat, und konnte mein eygen Haus nit mehr finden, wurde vielmehr von eynem mitleidigen Cafetier, so vornehm bemerkte, conosco – è ubriaco , in seine bottega aufgenommen und mit alten Mitteln, so man bei eynem Trunkenen anwendet, café nero und Schnapseynreibung wieder zur Lebenskraft zurückgerufen und war dazumal kein Tropfen Weines über meine Lippen gekommen. Item so fuhren wir noch drey Tag – kamen bei Terni und Narni über fährliche Apenninenpäss und verrufene Gegend, also dass wir eynen Räuberangriff für nit unwahrscheinlich zu halten hatten – kamen aber wohlbehalten durch, mit Ausnahme schmaler Kost und Atzung – und bei Castel Borghetto hab ich zum erstenmal den caeruleus Thybris begrüsset – ertönete auch in eyner Scheuer eyne Art Musika, wie wenn man eynen kupfernen Hafen abschlaget, und wurde von denen Bauersleuten eyn fremder Tanz aufgeführt, so aber der italienische Haupt- und Nationaltanz saltarello war. Und hat mir dazumals auch nit geahnet, dass ich wenig Monat später oben im Sabinergebirg mit der dicken Regina und der schwarzbraunen Geltrud und der rosenwangigen Pepina mich desselbigen keltischen Tanzes emsig würde befleissen. Und waren wir von da ab schon in der römischen Campagna, so vulkanischer Natur ist, und wo die Weibspersonen als wie die Männer überzwerch auf dem Pferd sitzen. – Am sechsten Tag wurd noch in eyner wilden und schlechten Kneipe, zugenannt la storta, Station gemacht, und hatt alles eynen gar fremden Charakter, kamen grosse Ziegenherden, Ochsen und Büffel gezogen und wilde Campagnolen mit ihren Spiessen angeritten, und war eyn eynfacher Trinksaal daselbst – und fand an dessen Wand zwey inscriptiones, so entschieden auf deutsche Herkunft wiesen: war eyn Gesicht hingemalt mit der Unterschrift »Saupeter« – und stund an eynem Pfeiler: »O Heidelberg.« Ging sodann noch über etzlich Hügel und Flächen, so streckt sich wie eyn ferner Punkt die Kuppel von Sankt Peter herfür – und glänzete noch ferner das Meer – und »evviva Roma!« rief die ganz Vetturingesellschaft, und der arciprete von Urbino, bei auch noch nie die heylig Stadt gesehen, drohete mich zu umarmen. Und war der eynzig gut Vorschlag, den ich je von ihm gehöret, auf der nächsten osteria anzuhalten und zum Gruss der Weltstadt eyns zu trinken. Und wie wir dem monte Mario näher kamen, so bot sich auch im schon erwähnten Ponte-molle-Wirtshaus eyn schickliche Gelegenheyt, und hab ich also – was der Engere gewiss billiget – angesichts von Rom eyn gross, voll Glas Orvieto hinabgestürzt und gesprochen: Quod felix faustumque sit. Flogen auch eyn paar Geyer zur Rechten auf, was ich als gut augurium angenommen – und also ging's zur porta del popolo hinein, – evviva Roma! Caput III. Von meiner allerersten That in der Roma. Item so stieg ich mit meinen Habseligkeyten in dem Gasthofe des Franz Roesler in der via Condotti ab, und wiewohl ich das ganz Gepäck dem germanischen Hausknecht anvertrauet, gesellete sich doch eyner von den welschen Tagdieben, so an der Ecke des spanischen Platzes herumlungern, dazu und bemächtigte sich eynes Mantelsacks, so er in mein Zimmer trug; und achtete ich desselben nit viel. Als aber Wirt und Kellner sich verzogen hatten, stand derselb immer noch in der Stub, und fragte ich ihn endlich, was er begehre. Also schien er mich für eynen Engelländer zu halten, so ganz frisch von Civitavecchia her eyngefahren und in welschem Brauch keyn Bescheyd wisse, und verlangete 8 paoli – so nach rheinischem Geld 2 Gulden macht – für die Herauftragung besagten Mantelsackes. Stellete sich bei mir eyn Gefühl eyn, als wenn ich noch in Livorno wäre, frug denselben daher noch eynmal präzis und scharf: »Wie viel?«, und wie er seine Forderung von 8 paoli wiederholete, sprach ich keine Silben mehr, öffnete die Tür, so auf eynen schmalen Gang und eyne abschüssige Treppe führet, drehete obigen Kerl eynmal um seine eygene Achsen und warf ihn also akkurate zur Kammer hinaus, dass er nit sehr senkrecht in der Hausflur anlangete; – und ward mit seiner Forderung von 8 paoli nit mehr gesehen. Hat besagte Spedition dem alten Türsteher im Gasthof, so von bairischer Herkunft ist, eyn gross Gefallen erreget, mir selbiger aber eynen Wink erteilet, dass es nämlich in Italien im Fall solenner Hinauswerfung sehr indiziert und sachdienlich sey, das individuum ejiciendum auch noch mit eynem Tritt zu honorieren, – wie ich solches später in mannigfachen Fällen hab anwenden sehen, und bedauer, in casu concreto hievon noch kein Kenntnis besessen zu haben. Geschah dies in der ersten halben Stund meines römischen Aufenthalts. Rom, den 18. Novembris 52. Caput IV. Eyne Zwischenred, worinnen die Gründ dargelegt werden, aus denen die Fortsetzung dieses Berichts inner acht Tagen brach gelegen. Eyne genaue und gelahrte Besichtigung von Roma ist eyn hart Stück Arbeit, massen die puncta memorabilia, mit Einschluss derer osterien auf viele Miglien Entfernung von eynand liegen und unsere frummen Vorväter das alt Rom so verruiniert haben, dass die neu Stadt an ganz anderen Plätzen angelegt worden. Ist daher, so sich eyner bei guter Tageszeyt aufmachet und Umschau haltet, hernachmalen aber sachgemäss eyne Herberg aufsuchet, nit möglich, des Abends rechtzeytig an seinen Schreibtisch zu kommen. Und hab ich die letzt Wochen viel namhafter Arbeit durchgemacht, also dass der Bericht in Stockung geraten, was eyn löblicher Engerer zu gut halten wird, wann ich die Hauptergebnis notier. Hab also, seyt caput III niedergeschrieben wurd: 1) Eyn Entdeckungsreisen, der via Appia entlang, unternommen, wo die Begräbnissplätz der alten Römer in schöner Ordnung aufgedecket sind und viel namhafter Monument an der alten Heerstrassen stehen; – auch alldort zwey bedeutende inventiones gemachet, nämlich die Familiengrabstatt der berühmten gens der Cacurier, mit den Laren der berühmtesten des Namens, in Sonderheyt des Cacurius Cacus; sodann eyn merkwürdig Marmorplatten, so eyn sicherer Valerius drey freigelassenen Frauenzimmern, der Baricha, der Zatcha und der Akiba gesetzet; und ist aus denen hebräischen Namen dieser Liberten zu schliessen, dass besagter Valerius nach der Erstürmung Hierosolymas sich selbige zugeleget und nach Italien transferieret, in spätern Tagen aber wegen erwiesener Treu und Anhänglichkeyt manumittieret und sie nach ihrem Abscheyden sehr betraueret, – und wäre die Geschicht dieser drey Hebräerinnen und des toleranten Valerii eyn guter Stoff für eynen deutschen Schreibersmann. Item in der Osterie »zu den zwey schwarzen Kettenhunden«, mit Campagna-Fuhrleuten und Schäfern etzliche Foglietten getrunken. Item desselben Abends mit viel braven deutschen Malern eyn Erinnerungsfeyer an die harte Zeyt, so wir im Juli und August in Albano durchlebet, abgehalten – so sich bis Morgens 3 Uhr verlängert hat. Wurde eyn Fässlein Landwein und 12 Korbflaschen »Est est« getilget. 2) Des andern Morgens aus Zweck derselbigen Feyer eyn Frühstück abgehalten. Item des Nachmittags eynen Doctorem Böblingensem, so wild frembd nach Rom gekommen, an die Tyber hinausgeführet, demselben den montem sacrum gezeiget, wo die Plebejer eynst eynen blauen Montag gemachet, aber durch Menenii Agrippae eindringliche Red und Gleichnis vom verdorbenen Magen zu ihren Meistern zurückgeführet worden. Item denselben an den Anio geführet, wo Narses den pontem nomentanum gegen die Goten aufgerichtet, und in der Osteria bei derselben Brücken mit besagtem doctori eynige Kapitel aus der Geschicht derer Ostgoten und Byzantiner abgehandelt; so lang anhub, massen der Wein dort in eynem alten Grabmal kühl und frisch aufbewahrt wird. 3) Die Pyramiden des Cestius genau besichtiget, und massen es in der Grabkammer sehr feucht gewesen, sofort an den montem Testaccium gegangen. Und ist dies eyn sehr löblicher Berg, so von lauter Scherben und Schutt seyt den römischen Königszeyten sich angehäufet und derohalben von sehr fester substantia, so eyn besseren Schutz gegen Eyndringen des scirocco und schlimmer Luft gewähret, als eyn poroses Erdreich. Sind daher auch viel tiefer Gäng in besagtem Scherbenberg gegraben und eyn ganze Fortifikation von Weinschenken ringsum angeleget, geleget, und heisst man selben Wein vino delle grotte, und geniesst derselb mit Recht eyn ganz vorzügliches Ansehen unter dem römischen Getränk. Darum am Testaccio ein weit längeren Aufenthalt gemacht als an der Pyramid des Cestii. 4) Die Villa Farnesina besichtiget, allwo Meister Rafael die Sääl mit kunstreichen Malereyen geschmücket und die Geschicht von Amor und Psyche, item die Galatheam mit Meermännern und Meerweiblein in wundersamer Anmut geschildert. Und ist auf selbem Thybrisufer auch die Stell, wo Sankt Petrus den Martyrtod erlitten, und in den Gärten oben, bey der Villa Spada eyne sonderbare Osteria; – sind nämlich die Weg zur Zeyt der Belagerung Roms, so dort und an porta Pancrazie namhaft getobet, verruiniert und seyther nit reparieret worden, als dass man in selbe Osteria, so tief unten in eynem Garten liegt, nur mittelst eyner hohen Leiter hinabsteigt; – was kein vorteilhafte Konstruktion ist, da, wie eyn fachkundiger Architekta bemerkte, es dadurch unmöglich wird, auch in den dringendsten Fällen eynen unbequemen Gast hinauszuwerfen. Wein gut, und von goldgelber Farb, so selten. Item, solcher perlustrationes hab ich noch etzlich vorgenommen, massen noch immer warm, frisch Wetter, und es von Nöten, die guten Tag zu nutzen, denn der schändlich Scirocco wirkt oft taglang auf den germanischen Menschen, als dass ihm der Wein wie Tinten schmecket und er in seinem Dichten und Tun vermeinet, es sey ihm ein schwer Brett vor den Kopf genagelt, jetzt aber schreit ich zur continuatio des Berichts selber. Caput V. Von beschwerlichem Aufenthalt in Rom zur Sommerszeyt, – item von lebensgefährlichem Besuch derer Wirtshäuser vor den Thoren. In der ersten Zeyt nach meiner Ankunft allhier hat mir's nit recht behagen mögen. Ist nämlich die Stadt an eyn ungesunden Platz in der Ebene gebauet, und steckt noch immer viel Sumpfluft rings umher. Dazu kommt der Scirocco, so oft bleyschwer – plumbeus auster hat ihn schon Horatius benamset – über eynem lastet, und dann stinkt's in Rom an und für sich schon – massen der Mensch hier ohne polizeyliches Ärgernis allen Unrat zum Fenster hinaus wirft und niemand für Reinigung der Gassen sorget. Und hab ich manchmal, wenn ich am alten Säulengang des Pantheon vorüber ging, – auf selben Plätzen, wo der Fisch- und Viktualienmarkt abgehalten wird, wo die Sonn die faulen Merluzzen und Sardellen in ihren Urstoff auflöst und aus den Käse- und Wurstbuden der pizzicarolen eyn wunderbar gemischter Geruch hervordringt – eyn solches Konzert verschiedentlicher und gradatim sich steygernder Düft riechen müssen, dass ich gewünscht, es möcht kölnisch Wasser regnen. Und diese schwer Luft benimmt eynem alle Lebensfreud, verursacht auch obstructiones, und hat zwar mein Hausherr sorgsam bemerket, zwey Lot cremor Tartari in eyner Flasche Wassers aufgelöset und des Morgens nüchtern getrunken, sey gut gegen alle bös Luft – ich hab aber gedacht: krieg du die Kränk mit samt deinem cremor Tartari. War damals das Weintrinken in der Stadt sehr flau, – massen auch die deutschen Maler bereits – wie die Bienen – ausgeflogen in die Berge, um nützliche studia zu machen; hab mich daher darauf beschränket, hie und da mit dem alten Meister Lotsch, so eyn badischer Bildhauer ist und viel schöner Marmorgestalten schon gemeisselt hat, in eyne Vigne vor der porta Salara zu wandern; und war dies eyn anmutig still Wirtshäuslein, allwo es Sonntags oft ganz echt und volkstümlich zuging – und die trasteveriner Burschen mit ihren Schärpen und spitzen Hüten sich manchmal eynen saltarellum aufspielen liessen. Und führt der Weg dahin durch Gärten und Weinberg, so rechts und links durch hohes Gemäuer eingeschlossen sind – was keyn Eyngang oder Seitengässlein hat. Wachset auch die edel und zur Zubereytung eynes Salats überaus nützliche Pflanz, deren Beer man Capern heisset, an selben Mauern, und hab ich manche Hand voll davon gepflücket. Item so hat uns die Beschaffenheit des Wegs und Mauerwerks ringsum eynmal schier zum Bösen ausgeschlagen; denn wie wir eynmal unsern eynsamen Gang zu selber Vigne machen, so kommen auf einmal etzliche Italiener atemlos hinter uns gerennet und schreyen, dass wir springen sollten, was das Zeug hielt, dieweil eyne Herd wilder Campagnaochsen hinter uns dreyn käme. Werden nämlich diese Herden an Rom vorbeigetrieben und dürfen wegen ihrer Gefährlichkeyt die Stadt nit passieren, ist auch streng vorgeschrieben, dass eyn oder zwey Hirten eyne Viertelstund vorausreiten und die Leut warnen, massen diese Ochsen in wildem Trab vorwärts drängen und alles niederrennen, so ihnen in Weg kommt. Item so waren die Hirten diesmal eyn falschen Weg geritten, und erhob sich hinter uns bereits eyne mächtige Staubwolk, und kam die ganz Herd durch den engen Hohlweg dahergebraust, und war nirgends eyn Unterschlupf noch eyne Gelegenheyt, über die Mauer zu klettern. Also sprach der alt Meister Lotsch: »Landsmännle, jetzt gilt's!« und setzte sich in eynen wilden Galopp, und ich sprang hinterdreyn wie das helle Donnerwetter, und hörten wir schön des Schnauben des Getiers und hatten zum Glück vor scharfem Rennen nit Zeyt, uns die anmutig Perspektiven, von eynem Campagnaochsen zertreten oder am Horn gespiesset zu werden – wie es eynem französischen Hauptmann vor kurzem ergangen – näher auszumalen. Kamen auch atemlos, aber rechtzeitig an unserer Vigna an, wo der padrone schon die Tür geschlossen und den Eyngang verrammelt hatte, hat uns aber, um Gottes willen und als gute Freund, noch hereyngerissen, und ist gleich darauf die ganz wild Schar, bei der sich auch namhafte Büffel befunden, vorüberpassieret, – und waren alle Leut innen versammelt, um die Thür mannhaft zuzudrücken, falls es eynem der Ochsen eynfallen sollt, dawider zu rennen. Und war dies in Wahrheyt mehr als ein Spass, also dass wir hernach sonder Scherz und gar andächtig unsere Fogliette getrunken – und haben viel schlimme Geschichten von solchermassen angerichtetem Unglück erzählen hören. Und pfleg ich seither eyner Ochsen- und Büffelherd sorgsam auszuweychen – also dass ich später eynmal auf der Heerstrass bei Velletri mein ganz Malergerät im Stich gelassen und mich in eyn Cannafeld geflüchtet, dabei aber, wie Marius bei Minturnae, elend in eynen Sumpf geraten bin. Beschloss aber nach jener Aventur, Rom zu verlassen, dieweil da zu Sommerszeyt nichts Gedeihliches herauskommt. Caput VI. Von eyner anmutigen Villeggiatur, io ich in Albano abgehalten, – von dem schlechten Wirt Calpini – item von allerhand Fahrt und Lebensweis in dortigem Gebirg. Im Monat Julius bin ich auf der neuen appischen Strass durch die öd Campagna gen Albano gefahren, so fünfzehn Miglien von Rom entfernt in dem Gebirg liegt. Ist eyn sauber Städtlein und spürt man die frisch Bergluft allsogleich, so dass die Lung beim Atmen sich förmlich ausweitet und man froh ist, dem Dunstkreis von Roma Valet gesagt zu haben. Hat sich dort allmählich eyn Häuflein deutscher Maler angesammelt, und bin ich mit selben in Berg und Thal vergnüglich umhergezogen – und ist ringsum gar schön Land – und war mir jedesmal von neuem wohl ums Herz, wann ich des Abends heimkam und die Sonn im Meer, fern über dem monte Savello und der weiten Ebene hab untergehen sehen. Sind auch viel anderer Städtlein und paësen dort im Gebirg, Ariccia, so schon der König Porsenna mit etruskischer Heeresmacht überzog, aber nit erobern konnt, Genzano, so eynen ganz vorzüglichen Wein pflanzet, Civita Lavinia, wo der Trojaner Aeneas um die latinisch Prinzessin gefreiet, – item nach der andern Seit Castel Gandolfo mit merkwürdig schönen Frauenzimmern, Rocca di Papa, Frascati und viel anderweit gute Ortschaften; und kann hier nit näher beschreiben, wie ich mich in jeder derselbigen herumgetrieben, massen es zu weitläufig wäre. Genügt zu sagen, dass einem die wundersam Schönheyt des Lands Italia hier überall leibhaftig vor Augen gestellet ist, und dass eyn gut deutsch Gemüt hier Horatii Spruch »carpe diem« sich leicht eynzuprägen vermag. Ist auch viel Altertums ringsum zerstreut – und lässt sich in dem vulkanischen Wesen des Gebirgs und der Campagna auch manch guter Blick in die alt Werkstatt der Natur thun. Und hab ich mich hier so zu sagen leiblich und geistig gehäutet, denn wie ich eynmal unten am Albaner See bad, so erschau ich eynen grossen, ganz runden Seekrebs, so in schiefem Zickzack sich unter den Steinen promenierte, und bin demselben lang, ausgezogen und sonder Kleidung, nachgestiegen, und hat mir damals die welsch Sonn so scharf auf den Rücken gebrannt, dass ich eynen Sonnenstich davongetragen, der sich so weit verbreitet, dass mir mein Zimmernachbar nach drey Tagen die ganze Haut am Rücken stückweis wie eyner Schlangen abgezogen hat. Bin übrigens sonder Molesten von diesem Sonnenstich davongekommen und hab hernach, mit eynem Zwilchrock bekleidet, eynen grossen Rachezug gegen die verfluchten Seekrebs abgehalten, der so erfolgreich ablief, dass ich eyn ganz Dutzend derselbigen zum Mittagimbiss heimgebracht. Item, auch mit Schlangen, grossen Eidechsen, Unken und sonst allerhand Kurzweil erlebet. Und ist unter das bös Geziefer auch der Wirt Calpini zu rechnen, so uns die Herberg gab. Denn dieweilen wir als lang anwesende Gäst eynen contractum mit ihm abgeschlossen und uns für 6 paoli täglich eyne Stuben, eyn Mittagessen und eyne cena, item bei jeglicher Mahlzeyt eyne Flaschen Wein auf den Kopf ausgedungen und somit dem Wirt die Gelegenheyt, uns wie reisende Engelländer zu prellen, von vornhereyn abgeschnitten, so behandelte uns derselb so miserabel und zwackte uns die Bisslein am Mund ab, gab auch sonderbare exempla aus der höhern Geometrie zu lösen, z. B. wie 2 elende Hühnlein als Braten unter 7 Personen zu verteilen wären, und zeigte sich bei Heraufschaffung der kontraktmässigen Flaschen Weines so träg und saumselig, also dass eyn guter Humor und erklecklich Grobheyt zu Ertragung erforderlich war. Wurde ihm aber nichts geschenket, – und dieweil, wenn auf eyner Platten nur eyne arme Kartoffel übrig blieb, er das nächst Mal gewiss eyn Dritteil weniger aufstellete, waren wir genötigt, jedesmal alles wurzweg aufzuzehren – und sprach eyn kleiner Berliner namens Schlegel jeweils: »Es muss alles verruiniert sein.« Item, um unsern contractum grundsätzlich aufrecht zu halten, wurde auch jeweils die per Kopf bedungene Flasche Weines getilgt, und weil eyn paar kranke Genremaler dabei waren und später auch etzlicher deutscher Damen der Kolonie sich anschlossen, so hatten wir andern redlich zu arbeiten, um den contractum, quoad vinum, dem Calpini zum Spott und zum Verdruss zu wahren. Geschah dies aber so accurate, dass, wann je aus Versehen eyn Quantum Weines übrig blieb, solches in eyne grosse Kürbisflaschen gefüllet und behufs eynes Frühtrunks mit fort genommen wurde. Item, war eyn biederer deutscher Maler Willers bei uns, so auf vierzehnjährigem Aufenthalt in Rom gelernet, wie man den Italiener traktieret, auch eyne vollständige Kollektion sämtlicher Flüch auf italienisch inhatte; und wann die Beschwerden über schmale Zehrung sich gehäufet, so sagte derselbig – als wie eyn Patriarch, so für die Seinen sorgt: »Ich werde eynmal mit dem padrone reden.« Kam aber dann eyn solch Donnerwetter über besagten Calpini, und gewürzt mit den besten Grüssen, z. B. che vi piglia un accidente: »mög Euch die fallend Sucht in die Glieder fahren!« oder: figlio d'un cane oder: cazzo matto etc. also dass derselb wieder etzlich Tag lang eyn ganz copiose Mahlzeyt herrichtete. Und ist überhaupt der Italiener nie höflicher und redlicher, als wann man ihm eynen Fusstritt ad posteriora applicieret – so man ihn aber lobet oder die Herberg preist, so glaubt er, er hätt zu viel gethan und der forestiere sei es so gut nit gewöhnet – und setzt das nächst Mal alles um eyn Namhaftes schlechter her. Item so hat mir obenerwähnter Calpini beim Abschied eyne gedruckte Kart verehret und mich gebeten, ihn anderwärts zu empfehlen, was ich hiemit, unter Beilegung der Kart, pflichtschuldigst will gethan haben. Dennoch aber hat uns allen die Sommerszeyt zu Albano so bass behaget, dass wir uns lang in selbiger Region aufgehalten. Und sind auch viel stolzer Ausritt gemacht worden; – und wurde eynsmals eyn grosser Heereszug auf den montem Cavum und an den See von Nemi unternommen. Und zogen wir die andern Maler, so in Ariccia beim Vater Martorelli, so übrigens auch eyn Dujon ist, hausten, und etzlich italienischer pittori, mit denen eyn gut Eynverständnis herrschte, an uns, also dass der gesamte Haufen sich auf 18 oder 20 Mann belief. Und ritten wir alle zu Esel, und war eyn stolzer Zug, hatten auch die Malerspiess mit – und eyn gross Hifthorn, so mächtig durch den Wald schallete. Also ging's frisch durch den grünen Wald, dem Albaner See entlang nach Rocca di Papa und über das Hannibalsfeld auf die von grauem Altertum her noch mit gewaltigen, vieleckigen Steinen gepflasterte Strass, so weiland zum Tempel des Jupiter latiaris führete, und wo die Konsuln ihre Triumphzüg auf eygene Faust abhielten, wann der römisch Senat es nit verstatten wollte. Steht aber itzt auf den Fundamenten des Tempels eyn Kloster der Passionisten, so eyne Art Trappisten sind und sechs Tag in der Woch nit reden dürfen. Halten auch strenge Klausur – und ist nur eyn klein Stüblein aussen am Kloster zu notdürftiger Bewirtung der fremden Pilgersleut hergerichtet. Item so stossen wir dreymal ins Horn, und erscheint eyn stummer Klosterbruder – und wird selbem bemerklich gemacht, dass unser Sinn auf ein namhaft Frühstück gerichtet stund. Also winkt der Klosterbruder, in das ausser Stüblein zu treten. Und ist dort eyn Schiebfenster, so nach eynem Klostergang führt, und dauert auch nit lang, so wird dasselb geöffnet und eyne Platt mit Schinken, item eyne mit Sardellen, item eyn massiger Steinkrug Weines stumm herfürgeschoben. Und war dies eyn rechtschaffen Frühstück; wie aber der Krug leer geworden, so wurd ans Fenster geklopfet und gerufen: altro vino! So erschien aber der Mönch und winkte mit der Hand, indem er zweymal mit erhobenem Zeigefinger langsam und würdig unter dem Kinn horizontal auf- und abfuhr – und dies bedeutet auf italienisch: es wird nit mehr verzapft; ist auch für alle andern Fäll, wo man eynem »abwinkt« – eyn verständlicher gestus, und seither von mir, so eyner eyn Trinkgeld begehret, oft mit Erfolg angewendet. Item so ritten wir durch hohen Ginsterwald gen Nemi hinunter, und ist dort eyne Osteria mit eyner offenen Loggia und wunderfeinem Blick auf den stillen, grünen See und das Meer, wo schon der englische Poëta Lord Byron sich lange aufgehalten, auch deren Lob in eyner schönen Strophe celebrieret hat. Und hat der Wirt eyn ungeheures pranzo hergerichtet – und haben die Italiener den alten Brauch, beim convivium zwischen jeder Schüssel eyns zu singen – und sangen auch – aber sehr unflätiger Lieder – und erhub sich eyn scharfes Trinken, und hat der Lärm vom Singen und das hitzig Getränk bewirket, dass etzliche, sowohl deutscher als italienischer Nation, unter den Tisch zu liegen kamen. Und hab ich mich damals an der Seit des wackern Meister Willers mannhaft gehalten, – und da selbiger bei solcher occasion gewöhnlich an eynem gewissen »Nachdurst« zu leiden hat, so sind wir wie alte Recken auf der Totenwach gesessen, also dass unsern jungen Leuten, so dem Wein erlagen, von denen Italienern kein Leids widerführe, – und haben miteynand die letzt Flaschen getrunken, als kein Welscher mehr Bescheid thun wollte. Item so war das Heimreiten sehr beschwerlich, massen eynige der Leitung ihres Esels nit mehr mächtig waren und überhaupt eyn gross rumorem durch Berg und Wald verführeten. Und war dies die schärfste Trinkung, so ich seit meiner Abfahrt aus Deutschland erlebet – hab mich aber tapfer durchgefochten und bin – mit Ausnahm eynes kleinen erroris, nämlich dass ich aus der Schenke zu Genzano, wo wir noch in später nächtlicher Weil eynen Vespertrunk nahmen, auf der Strass eyn Stück weit gen Neapolis anstatt gen Albano fortgeritten, – ohne Fährlichkeyt wieder in Albano angelanget. Item, so seh ich, dass mein Bericht sich über die Massen aisdehnet, – und hab ich die feinsten puncta, z. B. eyn Besuch bei den Franziskanern in Palazzuola, und eyn vierwöchentlichen Aufenthalt in dem Bergstädtchen Olevano, bei der fürtrefflichen Regina, item eyne Fahrt in das steile, flohreiche Cervasa, – item allerhand Zoologica noch gar nit berühren können. Dieweil aber inzwischen das Briefporto in die Heimat sehr ermässigt worden, auch eyn regelrecht End so bald nit abzusehen, so brech ich hier ab, hoffend, dass dem löblichen Engeren dies Papier nit als unnütz verschrieben erscheint, und dass er daraus absieht, wie ich in welschem Land an Erweiterung von dessen relationes gewirfet. Und so er aus obigen datis eynige Kurzweil schöpfet, so bitt ich mir eyn baldigen aviso über Empfang und etwaige continuation aus, wünsch, dass alle Mitglieder sich eynes fröhlichen Wohlseins erfreuen und mich seithero nit vergessen haben, und dass es mir vorbehalten bleib, im nächsten Winter durch persönliche Interpretation allerhand weitern Aufschluss zu erteilen. Und so mein biederer Freund, der Meister Willers, der gegenwärtig nach Deutschland gereist ist, auf seiner Rückkehr im Februario oder Maerzen Heydelberg berühren sollt, so will ich ihn dem Engeren angelegentlich empfohlen haben. Also schliess ich mit eynem herzlichen »Bhüet Gott« das 6. Kapitel und vorläufig diesen Bericht; – und werd in der Neujahrsnacht, allwo ich mit andern guten Gesellen in Olevano eynen deutschen Trunk zu thun gedenke, der lieben Stadt Heydelberg und ihrer Inwohner nit vergessen. Addio. Roma, den 6. January 1853. Anderweyter Bericht des Doctoris Scheffel, wie derselbige umb Weyhnachtszeyt in das Sabinergebirg gewandert, item mit eyn paar guten Gesellen hoch oben in Olevano eyne Neujahrsfeier celebrieret, item nach diverser Fahrt und Abenteuer die Stadt Tivoli beaugenscheinigt hat. Als das seltsamlich Jahr 1852 sich zu seinem Untergang neigete, geschah es, dass zu Rom im Facchino etzliche deutsche Biedermänner beim Vespertrunk sassen. Der Wein, so der brave Antonio ihnen vorsetzte, war von eyner neuen Qualität und hiess vino di Martha, aus der Region vom monte Fiascone, und schmeckte lieblich als wie Sirenensang und erste Lieb; dazu verzehrten sie eyne mortadella, so ungefähr dem germanischen Schwartenmagen gleichzustellen ist. Und wurden allerhand Klagen und motivierte Beschwerden über die Stadt Rom laut, als z. B. dass die Besichtigung der unendlich vielen antiquitates, Kirchen und Bilder den Menschen müd mache als wie eyn Lasttier, item, dass die Franzosen eyn sehr strenge Polizeistund kommandiereten, massen man schon zwey Stund nach Ave Maria unchristlicherweis' in dieser Adventszeyt aus den Osterien vertrieben werd, item dass auch das Aufsuchen eynes guten Getränks vor den Thoren mit viel Beschwerlichkeyt verbunden sey, massen uns neulich bei der Heimkehr von ponte molle die porta del popolo vor der Nasen zugeschlossen ward, und wann ich nit aus gelehrten studiis über die römischen Stadtmauern und diverse Belagerungen aus der Gotenzeyt eyn Schleichweg an der Thybris und eyn schwache Stell der Befestigung gekannt hätt, durch die eyn nächtlich eynsteigen ermöglicht ward, so hätten wir selbige Nacht vor Rom können liegen bleiben wie unser frommer Landsmann Totilas; item dass der schlecht Scirocco Husten verursache, – und dergleichen mehr. Und wiewohlen auf den Neujahrsabend eyn grosse Festivität im Verein der deutschen Maler angesagt war, allwo zierliche Darstellungen von Gruppen und Schildereyen, so man lebende Bilder benamst, veranstaltet, auch in üblicher Weise eyn solennes Symposium abgehalten werden sollte, wobei eyn jeder conviva in eyner toga und mit eynem Eppichkranz auf dem Haupt erscheint: so wurden doch etzliche eyns, um diese Zeyt aus Rom auszuziehen und auf dem rauhen Sabinergebirg sich frischer Luft, eynes unverfälschten Weines und freundlicher Menschen zu erfreuen. Und wird eyne nähere Beschreibung der Männer, so diesen Beschluss fassten, unten nachgetragen werden. Mir selber aber war mein Sinn und untadlig Gemüt schon lang gen Olevano gerichtet, und war ich auch wohl ganz eynsam wieder zu meinen sabinischen Freundinnen hinausgewandert, denn so weit ich auch seithero in welschen Landen umhergefahren, so hab ich doch nirgends eyn fürtrefflichere Herberg gefunden als auf selbigem Felskamm in der casa Baldi, wo der Mensch wie aus eynem Adlerhorst hinausschaut gen der Kampagne von Valmontone, und nach den Hügeln von Paliano und den hoch getürmten, fernen Bergen der Volsker und den vulkanischen Albaner Rücken, und hob dort im Monat Oktobris bei der dicken Regina schier die besten Tag und die besten Gedanken gehabt – also dass nit viel gefehlet, so war damals die poësia wieder über mich gekommen, so ich schon lang verabschiedet hab. Derohalb hatt ich auch heim Abschied, wie wir mit dem alten Sang: »Muss i denn, muss i denn zum Städtele naus?« den olivenbeschatteten Felsweg zum letztenmal hinunterstiegen, derselbigen Regina hoch und ernst versprochen, dass ich auf Neujahr mich wiederum bei ihr eynstellen werd; und es hätt somit bei mir der schlechten Kost und Atzung von Rom nit bedurft, um mich von der »weltschuttführenden« Thybris südwärts zu lenken. Also stand am Morgen des 28. Dezembris eyn wohlgerüsteter vetturino auf dem barberinischen Platz, wo der steinerne Triton das Wasser durch seine Meermuschel bläst, und zwar nit der ordinare Vetturin Raganelli von Genazzano, denn diesen schlechten Cujon, der uns im Oktobris wie die Häring in eyne Tonne eingepackt, hatten wir selbesmal schwer offendieret, dieweil, als er die übliche buona mano forderte, sämtliche acht Passagier eynen Kreis um ihn formiereten, eynen Ringeltanz anhuben und dazu das keltische Lied: »Ha – Ha'm – Ha'mmer dich emol, an bei'm verrissenen Kamisol, du schlechter Kerl!« ohnablässig und mit unzweydeutigen Gesten absangen, also dass er trinkgeldlos und sehr fluchend abzog. War diesmal der »grosse Rotbart« – il gran Barbarossa der padron der Lohnkutsche. Die vier deutschen Männer aber, so mit diesem Barbarossa gen Palestrina verakkordiert hatten und eynstiegen, waren: Herr Wilhelm Heydt, ein Doctor der Gottesgelahrsamkeit und Repetent am Stift zu Tübingen – und ist damit genug gesagt. Ist dieser zur Zeyt der eynzig Vertreter des schwäbischen Stamms in Rom, – zwar nit aus Böblingen, aber aus Markgröningen, eyn fester, ehrenwerter und schwerfälliger Herr, so Italien also gründlich bereist, als wär jede Stadt eyn paragraphus in eynem compendio und wörtlich auswendig zu lernen, – und steigt derselbe in Rom, bis an die Kravatte zugeknöpft, und mit eynem grossen Rohrstock, den ihm bereits im Fuchsensemester eyn Kollega verehrt hat, so ernsthaft eynher, als ging er aus eynem philosophischen Kollegio in die Eyfferthei zu Tübingen zum Braunbier. Hat aber viel Kenntnis von alten und mittelalten Dingen – und sind ihm die preussischen Theologi »scheisslich zuwider« – was auch eyn gute Eigenschaft ist. Der zweyt war Herr Andrée aus Frankfurt, so weiland beim Kollektivknab in Weinheim zum Mensch herangebildet worden – und war derselbig nach allerhand fatis eyn Maler geworden und mit eynem kecken und leichtfertig salisch-ripuarischen Wesen begabt, so der Bücherweisheyt schnurgerad entgegenstrebt. Hatte deshalb auch der schwäbisch Magister viel Unrecht von ihm zu leiden. Derselbig Andrée war erst kurz in Welschland – fresco, wie man zu sagen pflegt – und hatt derohalb noch mannigfach unklare Begriff von Land und Leuten, und war sein Hauptstreben, eynmal »tief in die Abruzzen« hineynzuschauen – denn alle Berg hinter Rom hiess er Abruzzen, wiewohl ihn Meister Heydt mannigfach zu belehren suchte, wo die Sabiner, und wo die Aequer und Hernici und die rauhen Volsker gehauset. Der dritt war mein junger Landsmann Klose, eyn stiller, sinniger Landschaftsmaler, so schier eyn halb Jahr in Olevano gelegen und Berg und Wald fein abgeschrieben hat, ohne jedoch des Landweins und Saltarelltanzens zu verachten. Der viert war ich selber; und hatt wieder meinen grauen Schlapphut aufgesetzt und meinen steineichernen Malerspiess zu Händen genommen, und war mir – wiewohlen mich in Rom schon mancherlei Melancholey beschlichen – wieder so wohl und frisch ums Herz, wie immer, wann ich hinauszieh in die weite Welt. Item so fuhren wir an der lateranischen Kirch vorbei und zur alten porta maggiore hinaus, wo der Bäcker Marcus Vergilius Eurysaces durch seyn plumpes, zunftstolzes Grabdenkmal auf die Fachwelt übergegangen ist, – und waren sofort in der öden Campagna. Von der Campagna hab ich eyn andermal zu berichten, wann ich auf ernstere Ding zu reden komm, denn dies weit Stück Land, so durch vulkanische Kräft dem Meer abgezwungen ward, mit seinen Cannafeldern, Rissen, Schwefelseen, mit seinen Tuff-Felsen und ohnzähligen alten Trümmerstücken, heidnischen Gräbern und labyrintisch unterirdischen Katakomben ist mir schier grossartiger wie die ganz Stadt Rom – und hab deshalb; zu Tag- und auch zu Nachtzeyt schon manchen festen Gang hinaus gemacht. Diesmal war nit viel zu schauen – als etwannen das Mausoleum der heiligen Helena in eyner Vigne draussen – und hernachmals eyn von basaltigen Felsen umschlossener, alter und längst pensionierter Krater, so, nachdem er ausser vulkanischen Dienst gekommen, auch eynmal als See Karriere gemacht, und hiess damals lacus Regillus und war an ihm, als die Römer noch mehr Strauchdieb und Heckenreuter als Weltherrscher waren, eyne Bataille mit ihren Gebirgsnachbarn, worüber indes eyn sicherer Niebuhr des Näheren nachgelesen werden kann. Elf Miglien von Rom, wo die letzten Ausläufer des Albanergebirgs zur Ebene niedersteigen, steht eyn eynsam Wirtshaus, la Colonna, wo ich früher einmal eyne Gesellschaft »Gestalten« mit Flinten angetroffen, mit denen ich keine Prisen Tabak zusammen hätt schnupfen mögen. In selben »Haidekrug« fielen wir diesmal eyn; und war eyne charaktervolle Spelunke, also dass, wenn ich nit schon an Tor di Metze via an der appischen Strass und in eyner Kneipe zu Marino, wo noch eyn umgestülpter Heuwagen, dessen Fuhrmann die Zech nit zahlen konnt, in der Stuben pfandrechtlich aufgepflanzt war, noch Absonderliches erschaut hatt, ich sie schon eynem näheren Beschrieb unterziehen möcht; denn da eyne solche Stuben zugleich der Durchgang zum Stall ist, und da Hühner und Katzen und grosse Hund eynträchtig mit den Menschenkindern darin hausen, auch Bank und Stuhlwerk eynes primitiven Zustands sich erfreuen, so sind hier allerhand kulturgeschichtliche contemplationes anzustellen. Das Frühstück bestand aus eynem Hammelbraten und Büffelkäs, und die Unbekanntheyt des Meister Andrée mit Italienischen Genüssen bewirkte, dass er zum Nachtisch zwey Bündel Lauch oder Sellerie bestellte, so allerdings vom Campagnolen roh aufgezehret wird, für eynen germanischen Magen aber nit wohl passt, abgesehen von der symbolischen Bedeutung dieser schätzenswerten Pflanz in der italienischen Blumensprach, – denn so eynem die Wirtin eyn solch Sträusslein kredenzt, so heisst das so viel, als was die Gräfin in dem schönen Volkslied zum jungen Zimmermann gesungen – und hat sie deshalb eynen bösen italienischen Zunamen, den ich hier nit hersetzen kann. Wurde übrigens unserem Frankfurter Gefährten hierüber eyne naturgeschichtlich und allegorisch durchgreifende Belehrung erteilt und demselben, da er aus Hartnäckigkeit diese vegetabilische Atzung verschlang, ascetische Grundsätz eingeprägt, auf dass sich in Palestrina kein conflictus erhebe. In dieser Bergstadt Palestrina nämlich ist kein Gasthaus, – kommen auch nit viel Reisende hin – sondern ist Brauch, dass, so man dorten eynreitet, man eynen der honoratiores um Gastfreundschaft anspricht, so dann anständig vergütet werden muss. Und bin ich aus früheren Fahrten bereits dort bekannt worden und hab im Hause Nino des capellaro oder Hutmachers eyn Unterschlupf gefunden und wusste, dass es zur Erhaltung von gutem Imbiss und Trank sehr förderlich ist, so man sowohl der alten, geizigen capellara als ihrem schönen Töchterlein mit feinen und schmeichelnden Redeweysen begegnet; – dürft aber gefährlich sein, die Grenzlinie eynes Gastfreunds bei besagter Tochter zu überschreiten, massen das Haus eyne Schar autochthonischer Hutmachergesellen beherbergt, und man nit nur rauhe Bergweg hinabgeworfen, sondern auch schwqarz und blau gefärbt werden könnt. Item, so zogen wir des Abends in Praeneste eyn – und ist eyne merkwürdige Stadt, von der schon Hannibal und Pyrrhus gen Rom hinübergeschaut haben, ob sich's wohl packen liess oder nit. Und trotz des ungeheuren Tempels der Fortuna ist des Unglückes eyn reiches Füllhorn über dies Nest ausgeschüttet worden, seit die Kerntruppen des Marius mit samt den Bürgersleuten dort von den Syllanern zusammengehauen wurden – und ist Palestrina immer auf der Oppositionsseit gegen Rom gestanden und hat sich weder von den Päpsten noch vom Cola Rienzi kommandieren lassen, weshalb es aber auch mit Feuer und Schwert ruiniert worden, und sind die Palestriner wilde und trotzige Leut, so noch an ihren alten Geschichten nagen – und wie ich im vorigen Herbst dort mit den Hutmachersleuten am Herd gesessen, haben sie mir gar böse Sachen erzählt von alter Treu zu ihren Herren, den Colonnas, und wie der Kardinal Vitelleschi gekommen und ihnen schlecht gelohnt, und vom grausamen Papst Bonifacius, und wussten auch noch, wie selbiger zu Anagni von französischem Stahlhandschuh eyne schwere Ohrfeige erhalten, worüber sie gar kein Kummer oder Beileid trugen, – stellte sich auch heraus, dass die Palestriner zu Garibaldis Zeiten eyn sehr unpäpstlich Wesen getrieben. Im bekannten Hause, wo der rote Kardinalshut von Blech für uns der Wirtsschild war, fanden wir auch diesmal gute Herberg, wiewohl in Winterszeyt keine fremden Zugvögel dort streichen – und die alt Capellara war nit daheim, also dass ich mit leichter Müh der Tochter ans Herz legen konnt, uns eyne gute cena zu bereiten; ging dieselb auch über die Strass zu eyner Freundin, deren sposo der Vogeljagd mit Erfolg oblag; und brachte acht grosse Drosseln als Auszeichnung für die fremden Gastfreunde. Wie aber kaum die insalata auf dem Tisch stand, kam das Eheweib Nino des Capellars nach Hause und trug sich an diesem Tag mit eynem grossen Schmerz, massen vor Jahren unter diesem Datum ihr Sohn gestorben; und hielt ich derohalb eynen weichen und frommen Zuspruch, als wenn ich selber hätt eynen Feldwebel begraben helfen; – allein die alt Capellara vergass darob die Sorg für das zeytliche Gut so wenig, dass ich trotz aller Salbung nit nur keine bessere Qualität Weines erlangen konnt, sondern auch das tragische Geschick erlebte, dass die Capellara, als ihre Tochter die 8 gebratenen Drosseln, das Zentrum der ganzen Mahlzeyt, aus der Küch bringen wollt, selbiger unter unklaren, im Dialekt gesprochenen Worten die Platt abnahm und 4 der Vögel auf die Seit praktizierte, – was den doctorem Heydt zu der ethnographischen Bemerkung veranlasste, dass in Bezug auf Drosseln bei den sabinischen Bergbewohnern das Prinzip des »Selberfresso« das der patriarchalischen Gastfreundschaft verdrängt zu haben scheine. – Item, so übte Meister Andrée an dem Tübinger Doktor noch eyne Bosheit aus, massen er unter dem Prätext des Losziehens über die Schlafgemächer demselben den kürzesten Halm zuschusterte, also dass selbiger eyn schlimmes, kaltes Dachkämmerlein beziehen musst, dieweil wir in eyn grosses, ausgemaltes Gemach zu liegen kamen. Des andern Tages schritten wir frisch marschierend weiter, gen Cari und Genazzano. Zu Genazzano haben die Colonnas Schloss und Herrschaft, und muss eyn keck ritterlich Geschlecht gewesen sein, und steht der hohe Palazzo mit seiner Loggien-Reihe und Säulenhalle, Hof und Waffenplatz und eynem Park mit stolzen Steineichen als tüchtig monumentum vergangener Zeyten da; sind auch an Kirch und Rathaus und anderweit Gebäu viel reich verzierte Spitzbogen, so man sonst in Mittelitalien nit sieht, und ist anzunehmen, dass der Widerstreit derer Colonna gegen päpstlich und ander Autorität sogar in ihre architectura eyn Weg gefunden. Führte uns aber mein brav Landsmännlein durch allerhand eng Berggassen in eyn Gebäuw, so ein grossen Lorbeerbusch ausgesteckt hatte – und sassen dort mannigfalt sabinische Trinker ums Ofenfeuer und grüsseten uns freundlich, massen unser junger Genoss dort in Sommerszeyt mit eynem Holländer manche Fogliette mit ihnen ausgestochen und im Morraspiel auch verloren hatte. Der Wirt aber steckte eyn Dutzend salsiccie an den Spiess und briet sie am Kaminfeuer, und waren diese Genazzaner Würstlein so schmackhaft, als wären sie zu Nürnberg in dem blauen Glöcklein oder zu Ulm im schwarzen Ochsen angefertigt, – und nötigten uns insgesamt eyne Hochachtung ab, an die wir die notitia knüpften, dass dieses territorium der Colonna nit nur in seiner Architektur, sondern auch in seinen Würsten eynen ghibellinisch-germanischen Geschmack habe. Zogen sodann gemach fürbass, und war uns die Sonn schier beschwerlich, und nach drey Stunden waren wir den steilen Bergrücken, so Olevano trägt, in allerhand Windung und Kreuzweg, durch Vignen und Olivenwälder hinangeklommen; und wie wir oben an die fontana vor dem Städtlein kommen, so war die dick Regina und die klein Lala zufallshalber dorthin spazierengegangen, und auf einmal erhebt sich eyn scharf Rufen: Sir Giuseppe! Sir Guglielmo, – und kommt unser freundliche, dicke Wirtin, schier wie eyne Windsbraut daher gesprungen, und war des Händedrückens und Begrüssens kein End – und drohte mir schier eyne Umarmung; – und oben auf der casa Baldi stund die dienende Magd Geltrude und rief ihr sabinisches; »-' rella mi!« herab – und hängten sich die zwey Frauenzimmer uns an Arm, und wurden wir als wie in eynem Triumphzug am Städtlein vorbeigeführt, dieweil dies eyn grosse Ehr war, dass die amici forestieri in so ungewohnter Zeyt aus Rom, wo der Papst wohnt und alle Herrlichkeyten der Erd beisammen sind, in das verlassen Nest herausgezogen waren. – Und wie wir oben in der casa Baldi unsern Eynzug hielten, da war noch alles, wie wir's verlassen; da kam der Hund Joly und die schwarzgefleckte Rondina und sprangen wedelnd an uns hinauf, da hing noch das Bild des Kardinals Borghese und der schwarzäugigen Signoras, die hier eynst Villegiatur gehalten, – da stund noch der Amor mit der zerbrochenen Nase und die wurmstichigen Prachtsessel aus guter Zopfzeyt – und wie wir beim Mahl sassen, da kam auch er geritten auf seinem somaro – er, der Düsseldorfer Landschafter Sir Giulio, dem die Wechsel ausgeblieben, und der statt römischer Studien seit fünf Monaten oben festsitzt, als fressendes Unterpfand, und noch kein schief Gesicht von den Leuten gesehen hat; – und war er an diesem Tag nach dem Berg Serrone geritten, um sich das seltene Vergnügen zu machen, mit eynem kultivierten Menschen wieder eynmal zu plaudern, und hatte den arciprete von Roiate besucht und war nit übel erstaunt ob seiner Landsleut. Und kamen sofort unsere ragazzini, die uns im Herbst so oft die Mappe getragen und die Mahlzeyt auf die Felsen der Serpentara und in die Schlucht von San Quirico gebracht, und die wir scherzweise unsere »Sklaven« hiessen, und machten ihre Aufwartung; und holte die Regina ihr grosses Tamburin aus der Küche und schlug die schellenklingenden Töne des saltarello, die auch dem germanischen Menschen seltsam elektrisch in die Knochen ziehen, und wurden wir all in den Wirbel des Tanzes gezogen, und auch der zugeknöpfte Repetent von Tübingen ward von der »Kêr und vom schwarzen Verhangnus« ergriffen und drehte sich – aber in strenger, pastoralisch langsamer Würde, als wie der Planet Uranus, der 84 Jahr zu seinem Sonnenkreislauf braucht, um die braune Geltrud – und Meister Andrée zog sich eynen Schurz an und hüpfte wie eyn verrucktes Irrlicht um die sabinischen Damen, die ihn ob seines frankfurtischen Wesens für mezzo matto erkläreten – und dann wechselten sie die Art des Tanzens und huben den sospiro d'amore an, und wie eyn Höllenrichter sass wiederum der Gastfreund von Markgröningen auf dem alten Lehnstuhl des Kardinals, während ihn das welsche Kind Lala in schlangenhaften Sprüngen lachend umkreiste, und auch unser Landesfreund, der caprar von Olevano, war den Berg heraufgekommen und renkte seine Füsse in antiker Tanzform; und so mir eyn Wunsch ans Schicksal freigestanden, so hätt in instanti sub no. 20317 mein Collega Schachleiter im Bureaufrack von zwey Engeln aus Bruchsal entführt und auf unsern Berggipfel getragen werden müssen, – und auch er wär dem Kirkezauber des Tamburins nicht entgangen und hätt eynen saltarellum getanzt, wie ihn die sabinische Erde seit den Schöpfungstagen nicht erschaute. Item am letzten Tag des alten Jahres ritten unser schwäbischer und unser Frankfurter Genoss auf steinigen Bergpfaden hinüber ins Thal des Anio gen Subiaco, wo die zwei Benediktinerklöster Santa Scholastica und San Benedetto wundersamlich von ihren Felsen in die Schluchten des Anio herunterschauen, – und hatten wir anderen, die bereits sattsam dort oben herumgestiegen, dem Gelehrten von Tübingen sehr eyngeschärfet, seinem Begleiter die Stell gehörig zu demonstrieren, wo Sanct Benedictus die grosse tentatio carnalis ausgehalten und zur Abwehr gen schlimme Teufelsgedanken sich nackten Leibes in Distel und Dornen gestürzet, die in späteren Zeyten Sanct Franciscus in dienstfreundschaftlicher, frommer Erinnerung zu Rosen umwandelte, deren eyn jegliches Blatt die Schlange der Versuchung eyngepräget hat; und brachten uns dieselbigen auch als Wahrzeichen ihrer Pilgerfahrt eynen Rosenstrauss mit, von dem ich eyn schlangengezeichnetes Blatt zur sachdienlichen Nachahmung des Beispiels Sanct Benedicti, so eyner meiner Heydelberger Freund im Wildbad oder anderwärts von gleicher tentatio heimgesucht werden sollt, beilege. Wir selber suchten jenes Tages viel altbekannte schöne Plätz auf und schauten vergnüglich ins weite Land, und wie wir in die Vigne des Belvedere, so gen Paliano zu gelegen ist, eintraten, so war der padrone dort, – und der Bauersmann ist allerwärts gastfreundlich, wann eyn fremd Menschenkind seinen Grund und Boden betreten hat; also sprach er: favorisca! und führete uns in seinen Keller, wo auf behauenen Steinplatten, die er von eyner alten Römerstrasse ausgeführt, mannhafte Fässer lagen, stülpte seinen Spitzhut eynwärts, stach eyn Fass neuen Weines kunstgerecht an – und kredenzte uns eynen Frühtrunk, so mir sehr eynleuchtete; dabei setzte er uns wehmütig die vielen metamorphoses auseynander, die der sabinisch Landwein zu erdulden hat, bis er in Rom auf den Wirtstischen wieder zum Vorschein kommt, wie der carettiere, so ihn auf dem zweyrädrigen Ochsencaretto abführt, die Brunnen an der Heerstrass nit unbenutzt lässet, um das, was er mit dem Cannarohr aus dem Spundloch unterwegens herausgezogen, wieder zu supplieren; wie dann der gross Weinkäufer in Rom ihm die solenne Wassertauf erteilet, als wenn er eyn Heid wär, – und wie des Bleyzuckers und Schnapses mannigfalt dem Sohn der Provinz zugekuppelt wird; und ist mir schier die Frag aufgestiegen, ob unser gepriesene Kultur und Kirch und Staat auf den Menschen nit auch eynwirken, wie die carettieri und osti auf den Sabinerwein – hab aber solche dem braven vignerol nit zur Beantwortung vorgelegt. Item, wie wir des Abends bei warmer Kohlenpfanne im Saal sitzen, kommen unsere zwey subiacentischen Männer auf ihren Eseln mitten hereyngeritten, und wurde mit ihnen, beritten wie sie waren, unter Vortragung des Kohlenbeckens und Tamburinschall eyn solenner Umzug um den grossen Tisch gehalten; und wie die erst Ausruhung und Atzung vorüber war, entspann sich eyne gelinde, aber ausdauernde Trinkung, und brachte die preiswürdige Regina eyne schwere Pfann vino caldo, dessen Zubereitung, so früher in diesen Regionen unbekannt war, sie vor langen Jahren der alte Meister Willers von Oldenburg kunstreich gelehret. Und zog eyne heitere Stimmung in unsere Gemüter, wie sie sich ziemt, wann germanische, des Trinkens kundige Männer auf eynem fernen welschen Berggipfel beisammen sitzen, und wurde im Lauf verschiedentlichen Diskurses eyne Vergleichung angestellet, ob der gross Haufen deutscher Genossen, so heut im palazzo Simonetti zu Rom den letzten Abend des Jahres erschlüg, sich grösserer Kurzweil zu freuen hab. Und weil selbige an kunstfertig gestellten lebenden Bildern sich zu ergötzen beschlossen hatten, entstand allhier die Proposition, desgleichen zu tun. Also ward der Saal geräumet, aus grossen Tischen eyne Schaubühne errichtet, das ganz Kleidwerk derer Weibspersonen aus Schränk und Kasten unbarmherzigerweis beigeschleppet, item von Bettdecken, Vorhängen eyn starker Vorrat, auch der Lorbeer- und Olivenbäum vor dem Haus viel Gezweiges abgerissen; – und übernahmen der Düsseldorfer Maler, der jung Meister Klose und der Tübinger Repetent die erst Darstellung. Wir andern aber setzten uns hinaus in die Küchen ans warme Kohlenfeuer des Herds und schwatzten mancherlei, und war eyn schwer Ding, die sabinischen Frauenzimmer zu belehren, dass wir nit samt und sonders übergeschnappt seyen, massen sie von so tollem apparatus und der ganzen Bedeutung solchen Bildwesens sich keine klare idea formieren konnten. Und nach eyner Viertelstund wurden wir in Saal gerufen, da stand auf hohem Tisch, als wie aus parischem Marmor gehauen, der Böblinger Magister und schaute regungslos nach der Decke und krampfte in seiner Faust eyn schlangenartig Gewind, so aus sabinischen Schärpen und Kopftüchern geflochten war, und rechts und links suchten sich in gebückter Stellung die zwey Genossen der Schlangen zu entledigen, – und lag eyn antiker Schmerz über der ganzen Gruppe, wiewohlen die Wirtin Regina ihr judicium aestheticum in den schlimmen Worten aussprach: ma che brutta cosa ? Und hatten wir zwey andern erst eyn stummes Ansehen, bis die Erschütterung des innern Lachens mächtig herausplatzte, und erklärte ich sofort dem Frauenzimmer, dass dies der alt Laocoon sey, der arciprete von Troja – nit zu verwechseln mit dem arciprete von Roiate – und dass damals die Schlangen noch grösser gewesen, wie hier, wo sie auch schon zu sechs Fuss Länge anwachsen, und diesen Laocoontem samt seinen zwey Söhnen aufgezehret, weil er die Götter gekränket, – und konnt nit fortfahren in der Erklärung vor Übermass des Lachens, dieweil jedwede Betrachtung ergab, dass die zwey Maler, so sich jetzt als Söhne im Schlangenkampf wanden, den Vater Laocoon scheusslich ausstaffieret hatten, – hatten ihm nämlich das rot Mieder der Regina über den schwarzen Leibrock als wie eynen Panzer geschnürt und aus schwerem Leintuch eyn lang nach hinten abfallenden Priestermantel formiert, item trotz der germanischen, schwarzen Hosen eyn Gewind von Lorbeer und Ölzweig um seine Hüften gelegt, – und so stand er trotz Mieder und Lorbeer in der Brandung des Gelächters starr und schmerzlich und verzog keine Miene. Ille simul manibus tendit divellere nodos perfusus sanie vittas atroque veneno. Er nun ringet zugleich mit den Händen, die Knoten zu lösen, Ganz durchströmt an der Binde von Eiter und schwärzlichem Gifte. (Vergil, Aeneis II, 220-221) bis dass er unter Darreichung eynes Schluckes Glühwein herabgezogen ward in Kreis der tollen Trojaner. Item, so schickten der Meister Andrée und ich den Laocoon mit samt seinen Söhnen in die Küchen und formiereten eyne zweyte Gruppe, so auch der Plastik des Altertums entnommen war, den Amorem und die Psychen, – und mag auch eyn heiter Werk gewesen sein, massen der Amor Bruchstücke vom Gewand des olevaneser Ziegenhirten und die Psyche eynen landesüblichen Unterrock trug. Item pro tertio kamen wieder die Ersten an die Reihen, und zu Beurkundung des studii neuer Meister ahmten sie das Bild des Meisters Riedel nach, so unter dem Namen »die napoletanisch Fischerfamilie« männiglich bekannt ist. Und war wiederum eyn herzschneidend anmutiger Blick, wie die zwey losen Maler den Vater Laocoon umgewandelt hatten, denn itzund sass er als italienisch Fischerweib am Strand, mit farbigem Kopftuch und Schurz, und hatten ihm das gypserne Engelsbild mit der zerbrochenen Nasen, so von altersher die Stuben ziert, als Säugling an die Brust gelegt, und schaute nun mit unverrücktem Mutterblick auf selbes herunter, dieweil sich vorn der lang Lazzaroni reckte und das Tamburin schlug, – und unsere Hausdamen erklärten die Darstellung für molto bella, vermeinten aber, es sey die Grossmutter, so ihren Enkel hielt, und nit die säugende Mama. Pro quarto ward noch der alt Belisarius aufgeführet, so seinen jungen, erstorbenen Führer auf den Schultern träget; war aber die Mitternachtsstund nah herangerücket und der Scherz zu Ende, dieweil um solche Zeit eyn ernst Insichgehen und Schauen in Vergangenheyt und Zukunft sich gebühret. Also hülleten wir uns geisterhaft in weisse Leintücher, nahm jeder stumm sein Glas Glühwein zur Hand, und schritten hinaus in die Winternacht. Und wie wir auf der Felsplatten stunden, lag tief und still die Welt unter uns, massen es in Italien nit üblich, in dieser Nacht ein besonderen rumorem anzuheben – und eyn funkelnder Sternenhimmel war ausgespannt über den dunkeln Bergen, und hub ich eynen Spruch an, so sich an die Sentenz des türkischen Gesandten in Berlin anknüpfte: wai Mohamed! demonstratione scandalorum! omnia futsch! und hab sicherlich viel Schönes und Tiefes gesprochen, so aber die Winde verweht haben, und wurd um Mitternacht hell mit den Gläsern zusammengeklungen und auch nordwärts eyn Gruss in die Heimat, ins liebe Altdeutschland hinübergerufen, – und mög uns allen das neu Jahr Glück und Gedeihen bringen! – Item so war an zerbrochenem Hausrat, so in diverser Art diese Nacht ruiniert worden, zu bezahlen: 1 Teller, 1 Flasche, 2 Gläser, 1 vaso nocturnale und 3 Stühl. – Item so ritten wir am 1. January auf Eseln über den Felsberg von Civitella nach dem Klösterlein San Francesco und gedachten bei denen Mönchen, so wir in früheren Zeiten bereits um eyn paar Steinkrüg Weines gekränkt, wenn thunlich eyn Frühstück zu erpressen. Zogen auch die Glocken scharf an und harreten in kalter Luft, dass aufgetan werde; – ward aber nit aufgetan, also dass wir schier dastanden wie Kaiser Heinrich im Hof von Canossa; – und waren nüchtern und froren, stellete sich auch eyn linder Jammer eyn, also dass sehr unziemliche Redensarten laut wurden und wir mit eynem wohlgemeinten »Kreuzdonnerwetter!« zum Klosterhof hinausritten. Und so ich an meine guten Freund, die Franciskaner in Palazzuola am Albanersee denk, mit denen ich manch Krüglein geleeret und manch Schelmenliedlein Gesungen, so möcht ich diesen sabinischen Thorverschliessern schier die Kränk auf den Hals wünschen. Kommen sodann in das Felsnest rocca di san Stefano eyngezogen, so führt uns das gut Glück den pizzicarol von San Stefano in die Händ, und hatt derselbig in Vorahnung der Dinge eyn paar Tag zuvor am Meer unten eyn paar Fässlein gesalzener Meerfisch heraufgeholet, und stand eyn lieblich Fass Sardellen, so strahlenförmig eynmariniert waren, in seiner bottega, also dass Meister Andrée, so vom Jammer am schwersten molestiert war, dem pizzicarol eyn dreymaliges, feierliches Heil! zurief und ihm mit seinem roten Seidentuch, so er an eynen Spiess gebunden, grüssend zuwinkte. Und auch Laocoon der Alte zehrte sechs schwer gesalzner Fisch auf und sprach: »non c'è male!« Und war der Körper- und Seelenzustand der fünf Männer in kürzester Frist gebessert, und ritten in scharfem Eselstrab heimwärts, so im Sabinerland bei dem schlechten Zustand von Sattel und Riemen und gänzlichem Abmangel des Steigbügels schier eyn halsbrechend Stück ist. Hatte aber die Regina zum Abschied eyn herrliches Mittagsmahl bereitet und mir und dem Sir Guglielmo aus besonderer Hochachtung eynen zweyjährigen Rotwein, eynen wirklichen vino capitale vorgesetzt, und werd ich ihr diese Aufmerksamkeit zeytlebens gedenken. Item so frag ich die braun Lala, was ich ihrem Freund, dem Sir Otto in Rom ausrichten soll, so sagt sie, wie sie's oft im Ritornel gesungen hat: Quante stelle stann' al cielo Tanti bacci ti darò, Non abbasta uno solo Per poter mi consolar. So viel Sterne stehn am Himmel So viel Küsse geb' ich dir – Nur ein einz'ger bringt ja doch nicht Trost in meiner Liebe mir. und damit ich's nicht vergesse, will sie anheben, mir selber eyn paar herzhafte Küss zu geben, die ich dann wieder geeygneten Orts abgeben sollt. Hat mich aber diese naive welsche Manier schier gerühret, und hab daraus meinem Tübinger Freund die ethnographische Notiz abstrahieret: dass die Sabinerinnen, beim Abmangel der erforderlichen Schulkenntnis zur Abfassung von Liebesbriefen, sich seltsamer Surrogate zu bedienen wissen, also dass etwannen der Bot von Schwetzingen fragen könnt: Schreibt man hierzuland den Leuten die Brief ins Gesicht? Des andern Tags hat Scherz und Spiel eyn End genommen und sind wir insgesamt von dannen gezogen und haben eyn grossen Gebirgsmarsch gemacht. Und stiegen durch die Schlucht von San Vito und liefen eyn Stück in der Irr herum, und war schlimme Bergwildnis und schlimme Bauernjagd, und wie wir an etzlichen Sabinern mit ihren verrosteten Flinten vorbeikommen, knallt's von weitem, wo so eyn welscher Petermann nach eynem Waldspecht oder eyner Drossel geschossen, und fahrt der Schrotschuss neben uns in die Hecken, also, dass es nit sehr geheuer aussah und Meister Andrée erklärte, er könne sich jetzt bald vorstellen, wie es »tief in den Abruzzen« zuging. Verzogen uns darum schleunigst aus deren Bereich und gingen über den Bergkamm von San Vito und das elend Dörflein Pisciano in eyn Seitenthal des Anio hinunter, – und war zwar die Gegend wildschön und ragten die hohe Menturella, wo der Einsiedel haust, und von der andern Seit die kahlen, steilen Mamellen stolz in die Niederung herab – der Weg aber hörte auf, und war morastig Erdreich, so am Stiefel hängen blieb; und machte uns so unwirsch, dass Meister Andrée schier dem Pfaff von Pisciano, so mit seinem Brevier am Weg stand und über die fremden Wandersmänner, die »zu ihrem Vergnügen« am 2. January des Wegs kamen, lachte, seinen Hut angetrieben hätt; war auch von itzt an über die Abruzzen völlig beruhigt, zumal da er, ob unkundigen Eselsritts am Tag zuvor, sich mit eynem Wolf zu schleppen hatte, und gab ihm der württembergisch Gelehrt mit naturgeschichtlicher Zergliederung von Wesen und Art »des Wolfs tief in den Abbruzzen« die erlittene Unbill mannigfach zurück. Besserte sich hernachmals unter dem hohen Nest Siciliano die Strass merklich, und ergingen wir uns in vielfach archäologischer Betrachtung über Trümmer am Weg, massen hierlands die Villa des Horatius ungefähr gelegen, tauften auch eynen Brunnen »zum bandusischen Quell«, war aber die Pietät für den alten poetam nit so gross, dass wir aus gesagtem Quell getrunken hätten. Erschauten auch auf den Hügeln am Anio viel grosse cyclopische Grundmauern und Ruinen, die Rest der Städte Empulum und Sassulae, und stand eyne eynsame Osterie am Weg, mit antikem Gemäuer und eynem Grabaltar, das Casal von Ampligione, und war die Strass öd und menschenleer, und sassen am schmalen Eichtisch drinnen etzliche wüste Gesellen, und wiewohl Ernst Förster so schön sagt: »Selten oder nie wird man in Italien eynen Betrunkenen finden,« so hatte der Wirt doch bereits eynen grossen Brand, und wie er das Brot auf den Tisch stellt, fahrt er mit seinem spitzen Boviemesser eynem von uns am Leib vorbei, mit dem unzweydeutigen Gestus des Aufschlitzens und sagt: così si ammazza la gente . Wurde durch diesen Gruss die Gemütlichkeit also erhöht, dass wir uns in gedeckter Stellung an die Wand rückten, die Malerspiess zur Hand nahmen, im Sack nachfühlten, ob der Dolch noch gute Springfeder habe, und den sauren Wein mit eyner gewissen Schnelligkeit austranken. Zahlten auch die Zech nit in Silber, sondern in halben Baiokstücken, und machten uns baldigst fort. Item so kamen wir durch das grossartig schöne Thal der Aquädukte, deren alt, zerstört Gemäuer im letzten Abendsonnenstrahl erglänzte, gen Tivoli und nahmen im Hotel »de la Sibylle« Einkehr. Und hier war bald zu vermerken, dass eyn rechtschaffen Wirtshaus wie das in Olevano in Welschland so selten ist wie der Diamant Cohinur unter den Gesteinen; – sammelte sich bald viel Gesindel, so sich für morgen zum Führer anbot, vetturini, so sich Konkurrenz machten, item so war der erst Wein, so auf den Tisch kam, nit zu trinken und wurde mit Indignation zurückgewiesen, desgleichen der zweyt, weil der, in anderer Art und Farb, gleich schlecht sich erwies; erst der dritt, nachdem mit dem Wirt nach dem Vorbild des alten Meisters Willers »geredet« worden, war besser; – und wie der schlecht Ziegenbraten abgenagt war, kommt der Hausknecht und fragt, ob die Herren Fremden vielleicht eyne kleine Illumination des Sibyllentempels draussen mit bengalischem Feuer befehlen? Jetztund war aber das Mass voll, und griff ich eynen Feuerbrand aus dem Kamin und erklärte dem facchino, hiemit liesse sich, wenn wir's wollten, nit nur der Tempel illuminieren, sondern ihm selber auf eyne Weise zum Saal hinausleuchten, dass er morgen seinen culo mit Essig reiben könnt – worauf der Tempelerleuchter spurlos verschwand. Und hat dieser eygentlich Unrecht von mir leiden müssen; denn an all der Verhunzung von Italien sind die verdammten Engländer schuld, die continent travellers und die reisenden Evelinen, die sich derley dumm Zeug in ihr Tagbuch notieren wollen; und es soll mir nit leid tun, wenn ich Zeyten des nächsten Carnevals eyn paar scudi los werd für Orangen und Zitronazzen, denn ich gedenk diesen Insulanern trotz ihres germanischen Ursprungs meine Hochachtung in ganz absonderlicher Weis an ihre harten Schädel zu werfen. – Wurde darum in unfeinen Reden von diesem Tibur, wo Horatius seine Lebenstage zu beschiessen wünschte, gesprochen; da hub zum Trost Meister Heydt an, dass mir nit die eynzigen seien, denen zu Tivoli schlecht mitgespielt werd, und hatten schon die römischen »Stadtzinkenisten« in grauem Altertum hier Unrecht leiden müssen. Es begab sich nämlich, als Rom noch eyn starke heidnische Republik war, dass der Senat sämtlichen musicis von Rom, den tibicinibus, symphoniacis und cymbalistis ihr herkömmliches grosses Festmahl im Tempel des Zeus weigerte; mutmasslich weil damals schon der bekannt Musikantendurst eyn Loch im Staatshaushalt verursachte. Also packten alle Flautisten Cimbalspieler ihre Instrument zusammen und hielten, als grosse und übliche Demonstration, eynen Auszug nach Tibur, und soll damals in Tibur auf den Strassen eyn Gedudel entstanden sein wie jetzt hier im Dezember, wenn der Pifferaro anrückt. Sprach der Gemeinderat von Tibur: »Wie schaffen wir die Kerl wieder hinaus?« und liess die Sibylle kommen! Sprach die Sybille: »Gebt ihr ihnen das Festmahl, das die Römer weigern, und so ich recht in die Schicksalsbücher schaue, so wird eyn jeglicher rechtschaffene römische Stadtmusikant so viel Landweines tilgen, dass er nimmer weiss, wie ihm geschieht. Dann fuhrwerkt sie gen Rom.« Also geschah es; und am Morgen nach besagtem Festmahl standen etzlich Dutzend zweyrädriger Ochsenwagen auf dem Forum zu Rom, und lagen auf jedem zwey tibicines, und hatte keiner von ihnen das Basaltpflaster der via Tiburtina knarren gehört; und lag eyne Rechnung an den römischen Senat dabei, und wurden statt des notwendigen Frühstücks und salzenen Harungs mit Ruten gestrichen – und ergab sich allerhand Moral heraus. – Item so wurden wir durch diese wehmütig Stadtzinkenistengeschicht merklich getröstet; und hielten des andern Tags eyn grosse Umschau in und ausser Tivoli; und hätt ich noch allerhand zu erzählen von Wasserfällen und Höhlen und Klüften des Anio, und von Tempeln und antiken Villen und alten Olivenbäumen und herrlichem Blick auf Gebirg und in die Campagna, von dem Gartenpalast derer von Este mit seinen gewaltigen Cypressen, mit seinen Laubgängen und Fontänen, unter denen sich eynstmals Ariosto vergnüglich erging und neuerdings der Franzos gehaust hat – aber ich sorg, die Epistel werd zu lang, – und feiern heut die Römer ihre befana, und ziehen nit nur die jungen, sondern auch die alten Kinder mit eynem Gepfeif und Geblas aus hölzernen Trompetlein in den Gassen herum, dass dagegen auch die normalste Katzenmusik, so eyner vor vier Jahren in der Heimat hören könnt, zu eynem leisen Seufzer zusammenschwindet. Will deshalb schliessen und mir auch eyn Trompetlein kaufen und den Welschen eyns blasen. Bhüet euch Gott all zusamm in Heydelberg, – und den Neckar und das alt Schloss lass ich auch schön grüssen. Venetianische Epistel. Venedig, den 18. Juni 1855. riva degli Schiavoni 4161. 3° piano. Gruss und Handschlag zuvor all den getreuen und festen Männern, die an den grünen Ufern des Neckars auch im Monat Juni noch ihren Maiwein trinken. Und wenn ich seit langen Wochen nichts von mir und meinen Fahrten in Welschland hab verlauten lassen, so bitt ich einen hochwürdigen Engeren, selbes nicht einer böswilligen Vergessung alter Versprechen zuzuschreiben, denn Altheidelberg wird nimmer aus meiner Seele getilgt, sondern steht mit Sang und Klang und Paukenschlag drin festgetrommelt bis ans Ende der Tage – aber die erste wieder eratmete Sommer- und Sciroccohitze macht bei willigem Geiste das Fleisch schwach, und zweitens ist dieses alte Venetia ein so verrücktes und verzwicktes Nest, dass ein solider deutscher Biedermann Zeit braucht, um sich die konträren Eindrücke zurechtzulegen – was ein löblicher Engerer begreiflich finden wird, wenn ich ihm sage, dass, was in Heidelberg die Hauptstrasse ist, hier Canal-Grande heisst, was dort ein Fiaker, hier gondoliere, und zwar höflich – was dort eine Hauskatze, hier eine zahme Schildkröte (tartaruga), die Salat frisst, was dort Maiwein, hier sorbetto, und dass von jenen Stoffen, die anderwärts die Fundamente eines löblichen Früh- oder Vespertrunks bilden, hier wenig oder nichts zu finden ist. Jedennoch aber ist's eine feine Seestadt, so an altem Gebäu und Kunstwerk viel kostbare Schätze für unsereins birgt, und nachdem es uns auch gelungen, in einem traulichen Winkel des Marcusplatzes einen annehmlichen Unterschlupf zu finden, wo der Mensch bei einem Glas cyprischen Weines tief in die dunkle Sternennacht hinein träumen mag, haben wir es einstimmig für ein »auf unbestimmte Zeit« bewohnbares Wasserrattennest erklärt, und wenn wir auch spät erst die Entdeckung machten, dass die schlanke, blasse Inhaberin jenes Winkels in ihrem schwarzen Spitzenhäubchen nicht die von vielen ehrenwerten Reisehandbüchern und von dem langen Archäologen Dr. J. Braun rühmlichst erwähnte Frau Mendel ist, sondern die Ehegattin des Cafétiers und Conditors Riess von Pfullendorf, Gr. bad. Bezirksamts gleichen Namens im Seekreis, und dass die Firma Mendel gleich der des Dogenpalastes und der Republik Venedig nur noch darum fortgeführt wird, weil sie den Fremden von altersher besser bekannt ist, so hat uns dies an der übrigen Feenmärchenillusion des heiligen Marcusplatzes nichts benommen, und wandeln wir tagtäglich noch mit dem gleichen Seelenvergnügen über das alte Marmorpflaster wie an jenem ersten Abend, wo sich zuerst die wundersamen Rundbogen und Kuppeln der Kathedrale über unfern Häuptern wölbten und der eherne Löwe auf seiner Granitsäule mit seinem schweren Metallschweif seinen Gruss entgegen wedelte. Da aber von venetianischen Dingen notwendig eines Breiteren die Rede sein muss, und ein hochlöbl. Engerer auch von der vorvenetianischen Periode seines auswärtigen Mitgliedes Kenntnis erhalten soll, so sei diese heutige Epistel bloss den Fahrten und Ergebnissen von Karlsruhe bis Venedig gewidmet und werde denn, unter Beistand eines kühlenden Meerwindes, der über die Insel San Giorgio her erfrischend in meine Bleikammer weht, ab ovo begonnen. Item am 23. Mai 1855, des gleichen Tages, an dem ich vor drei Jahren meine erste Pilgrimschaft in welsche Lande mit Gottes gnädigem Schutz angetreten, hab ich, Josefus Scheffel vom dürren Ast, mein elterliches Haus wiederum verlassen. Und war mir geziemend ernst und betrübt zu Sinne, massen meine gute Mutter viel Tränen zum Abschied geweint, und sass noch herzbeklemmt im Fiaker, als das Ettlinger Tor schon durchfahren war, da ersah ich unter den Bäumen des Bahnhofes ein Standbild in die Höhe ragen, so meine Augen früher noch niemals geschaut, und wie ich näher zuschaute, war's ein unbekannter, eherner Mann mit einem Antlitz, das jährlich sicher seine 20 000 Geschäftsnummern erledigt, und sein metallner Frack kam mir bekannt vor, massen in einem gewissen tintenfass- und aktenerfüllten Gemach zu Bruchsal einst dieses Fracks leiblicher Bruder als Panzerhemd eines älteren Kollegen tagtäglich die Lüfte durchrauschte, und der eherne Mann machte ein griesgrämig Gesicht, als wenn ihn die Zeit daure, die er hier auf seinem Postament abstehen muss, statt zu gewohnter Kanzleistunde ins Ministerium zu gehen, und reckte seine Hand mit vornehmem Bedauern wider mich aus, als wollte er sagen: »Sie qualifizieren sich täglich schlimmer,« – da lagerte sich jenes fröhliche Lächeln um meinen Mund, das nur in ganz guten Stunden erscheint, und das Herz schlug bewegt wie Ruderschlag eines in volle See steuernden Schiffes, und ich schwang meinen grauen Hut und rief: »Leben Sie wohl, Herr Minister Winter! Es geht dem Frühling entgegen, evviva l'Italia!« Und rief's so laut, dass ein Expeditor von der Finanzkammer, der soeben mit einem Registrator der Kreisregierung in stiller Verklärung das leuchtende Vor- und Standbild bewunderte, mit gerechter Indignation nach mir herüberschaute. Da sie aber aus meinem grauen Schlapphut erkannten, dass die Ruhestörung von einem Subjekt ausging, das nicht einmal in subalterner Stellung zum Staatsganzen sich befinden konnte, so nahmen sie keine weitere Notiz von mir, was umgekehrt, in Betreff meiner zu ihnen, ebenfalls in vollstem Masse stattfand. Item so fuhr ich noch desselben Tags auf der Eisenbahn von dannen; und habe auf dem Weg bis München drei Abenteuer bestanden, beziehungsweise nicht bestanden, die ich einem löblichen Engeren unmöglich vorenthalten darf. Das erste aber war, von Stuttgart nach Ulm, eine versäumte und nie wieder gutzumachende Gelegenheit. Denn wie ich jenseits des dunklen Stuttgarter Bahnhofes meine Augen über die verschiedenen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gleiten liess, mit denen ich im gleichen Coupé befördert zu werden die Ehre hatte – auch im Vorübergehen dem umsichtigen Walten der Direktion der württembergischen Verkehrsanstalten meine Anerkennung dafür gezollt, dass sie überall durch Anschlag vor der Lebensgefahr warnt, in die der Reisende verfallen kann, der den Kopf, oder Arm »oder andere beliebige Teile des Körpers«, zum Wagenfenster hinausstreckt, – bemerkte ich rückwärts schauend ein feines Mädchenantlitz, welchem ich auf württembergischer Eisenbahn und sonst allhier nicht zum erstenmal begegnet. Da aber die Vorgeschichte dieser Geschichte ausser den Archiven des Engeren liegt, auch keine schriftlichen Quellen vorliegen, als vielleicht einige vergilbte Tagebuchblätter aus früheren Jahren, deren eines mit dem Datum »Markgröningen« und den Zeilen schliesst: Und als wir uns zum letztenmal Die Hand gereichet hatten – Da warf der Asberg übers Tal Einen dunkelspöttischen Schatten – So möge die Andeutung genügen, dass besagtes Mägdlein schön war und zwischen Mutter und Tante, deren Bekanntschaft mir noch nicht zuteil geworden, eingekeilt sass, und wir – nach württembergischen System, uns die Rücken zukehrten, etwa nach folgendem Situationsplan, wobei die Pfeile die ordnungsmässig aus den eingenommenen Plätzen entspringende Richtung der Augen bezeichnen. Dennoch aber – während wir zwischen den grünen Baumalleen Cannstatts durchfuhren, trafen sich unsere Blicke flüchtig – und ebenso flüchtig wandte sie den ihren wieder – und da für mich entscheidende Gründe vorlagen, mich weder der Mutter noch der Tante, deren Halskrause dann und wann drohend in die Landschaft nickte, vorzustellen, war's ein stummes Wiedersehen. Sie war etwas blasser als damals, da sie mit ungerechter Spröde von mir Abschied nahm und ich vergebens um einen Kuss als Zehrgeld für die Weiterreise von Markgröningen gebeten. Sie trug einen breitrandigen Strohhut nach Art der Florentinerinnen und einen Strauss Rosenknospen drauf. Sie brach das Gespräch mit ihren Begleiterinnen ab und sass stumm, mir zu Rücken. Nachdem wir eine Weile gefahren, pfiff die Lokomotive, so dass ich unwillkürlich meinen Blick zum zweitenmal nach dem ihren wandte. Da schaute sie mich durchbohrend an und lächelte süss und warf eine Knospe ihrer Rosen wie spielend zu dem Fenster hinaus und deutete unmerklich mit dem Zeigefinger nach der Bergwand, die sich mir zur Rechten hob, und schaute mich abermals scharf an – und ich erkannte, dass Blick und Rose was zu bedeuten habe, und war ein Esel, der zu wenig Topographie studiert, sonst hätt' ich wissen müssen, dass im Moment der Zug in den Rosensteiner Tunnel einfahre, und dass, nach solcher Augensprache, in eines Tunnels Dunkel trotz Mutter und Tante mancherlei geschehen kann – und ich Mitleidswerter beugte, trotz der Warnung der Direktion der Verkehrsanstalten mein Haupt zu dem Fenster hinaus, durch das sie die Rose geworfen, und starrte der Blume nach und dachte an alte Zeiten und vergass die Gegenwart, – und die Lokomotive pfiff abermals und es ward dunkel um uns, – was ging mich der Tunnel an? – und ich achtete kaum, dass eines breitrandigen Strohhutes äusserste Spitzen während der Dunkelheit sich bis zu meines grauen Hutes Krempe herüberneigten und nickten – und es wie ein Hauch unsäglicher Jugendblüte von jenseits zu mir herüberwehte, und es ward wieder Licht, und der Tunnel war passiert, da wandte ich mich wehmütig um, da wölbte sich ihr breiter Strohhut wie ein Palmendach über meinem Haupt, und ihr Auge flammte auf kaum drei Zoll Entfernung in das meine – und ihre Lippen hatten die meinen gesucht und nicht gefunden, und – es war zu spät, und kaum mochte sie ihren Schwanenhals wieder zurückwerfen, so war alles im Tageslicht wie vorher, und die Tante glänzte im Sonnenschein wie der Berg Ararat zwischen ihr und mir, und die ganze rauhe Alp empor kam kein zweiter Tunnel mehr, und in Ulm stieg sie aus und verschwand im Gedränge der Reisenden, und es wird zeitlebens kein Tunnel mehr für mich kommen, wo ich das Antlitz statt zum Fenster hinaus ihren honigsüssen Lippen entgegen wenden darf ... Und bleibt mir nichts übrig, als diese Geschichte mit dem tiefgefühlten Wort eines Mitreisenden zu schliessen, der in Göppingen einstieg, und Rock und Regenschirm im Wartsaal hatte stehen lassen, welche Entdeckung er, als der Zug schon im Fahren war, mit dem breitgesprochenen schwäbischen Wunsch begleitete: »Da soll doch gleich ein Mordmillionen-Hutschachtel-Nachtsack- und allgemeines Effekten-Donnerwetter dreinschlagen.« Item so stieg ich in Ulm in ein abgelegenes Coupé zum Schnellzug und wollte allein sein und hüllte mich in meinen Shawl und sass in einer Ecke, regungslos wie eine Bildsäule. Stiegen aber dennoch, und ohne irgend sich um mich zu kümmern, noch vier Personen ein, die drei verschiedene soziale Gruppen repräsentierten, – ein reicher Bauersmann von Kriegshaber bei Augsburg mit seiner Tochter, die eine eng anliegende schwarze Kappe auf dem Haupt trug, gleich einer Frauengestalt aus Holbeins Bildern; ein Mann in einem druckkattunenen Frack, darüber er eine Bluse gezogen, vorerst ohne besondere Kennzeichen, als dass er in Ulm viel Braunbier getrunken, denn er schickte sich sofort zu schnarchendem Schlaf an; der vierte aber war Gregorius Niederwurzler aus der Vorstadt Giesing bei München, der in Ulm auch nicht wenig Braunbier getrunken, aber ausserdem noch durch verschiedene besondere Kennzeichen die hervorragendste Stellung in unserem Coupé einnahm. Besagter Gregorius trug eine städtische Kleidung, einen grossen Paletot mit Schnüren drüber, einen antiken Filzhut kühn auf dem rechten Ohr, eine riesige Tabakspfeife samt Beutel in der Seitentasche, einen gedrehten Ziegenhainer mit eiserner Zwinge, wie ich solchen mich 1848 für aus der Welt getilgt wähnte, einen Reisesack, daraus zwei in Papier gewickelte Weinflaschen die Hälse emporreckten, dabei einen Tornister im älteren Stil samt mannigfach anderem Gepäck. Sein Antlitz aber erfreute sich einer maliziös die Oberlippe überragenden Unterlippe, eines kniffigen Zuges, der bis zu den mit goldnen Ringlein versehenen Ohren hinüberreichte, eines mit Selbstgefühl gedrehten Bocksbartes und war mir aus den »Fliegenden Blättern« schon holzschnittlich aus dem Gespräch jener beiden, die von Rechtswegen auch noch die Einbalsamierung nach dem Tod auf Staatskosten fordern zu können glauben, des Näheren bekannt. Und wie er in Wagen stieg, kamen zwei Mägdlein auf ihn zu, mit Apfelkuchen die eine, mit Biskuit und Limonade die andere; der aber sprach beidesmal: »Nix für uns, Amen!« im Ton einer alten Kirchenlitanei – und fuhr, ins Coupé eintretend, in gleichem Ton fort: »Aber drei Pfund Kalbfleisch und das fette vom Schinkenbein und sechs Mass bairisch, darum bitten wir, o Herr!« Dabei war er dem Mann im druckkattunenen Frack samt Bluse auf den Fuss getreten, ohne ihn um Entschuldigung zu bitten, und klopfte der Jungfrau von Kriegshaber auf die Schulter, indem er fragte: »Was meinen S' zu dem Kirchengebet, Sie?« Das Mägdlein in der schwarzen Kappe aber antwortete: »Sie müssen schon recht weni' Gottesfurcht haben, Sie, lassen S' mi aus!« worauf er in ein stiermässig Gelächter ausbrach und rief: »Gottesfurcht? Mit den Faxen is es aus bei uns in Mannheim, glauben S' der Gregorius käm' so dumm aus der Fremde heim, als er vor elf Jahr nein gangen is? Sie?!« Und dabei legte er seinen Arm um seiner Nachbarin Hüfte, als wenn sich das von selbst verstünde. Unterdes war der Zug über die Donau gefahren, als sie ihm, sich los ringend, ein ernstes: »Schamen S' si'!« zugerufen – im Bahnhof zu Neuulm aber stunden drei barmherzige Schwestern in ihrem ernsten Ordenskleid, da wollte Gregorius Niederwurzler seine Landsmännin von seiner Seelenstärke überzeugen und sprach: »Wissen S', was denen g'sagt g'hört? Geben S' einmal acht! ...« und er öffnete das Fenster und rief den Nonnen zu: »Hurrah die Gäul!« und wie sie unklar herüberschauten, wiederholte er: »Jawohl, hurrah die Gäul!« und fügte den frommen Wunsch zu, dass sie doch gleich unters Pflaster versinken möchten, bis tief ins höllische Feuer! An letzterem schien er trotz seiner geläuterten Begriffe keinen Zweifel zu hegen. Ich schlug indes ruhig einen Zipfel meines Shawls über die Schulter und gedachte im stillen: diesen Edeln hat mein Freund v. Preen wohl auch schon hinterwärts gebunden – und musterte ihn flüchtig, da seine Manieren für die eines Schneiders zu entschieden und prononciert, für die eines Schusters zu handfest waren. Da ersah ich denn bald am Daumen und Mittelfinger seiner Rechten, wo bei andern viel Nadel- und Ahlstiche sitzen, eine feste Hornhaut und Schwielen und wusste, dass mein Mann ein Zimmermann oder Tischler war. Er aber hielt dem Frauenzimmer von Kriegshaber noch einen längeren Vortrag über Konstitution und Gewissensfreiheit und »Saupfaffen« und anderes, was er in Mannheim erlernt, der mit solchen Brocken von »Lästerung« und »frechem, unehrerbietigem Tadel bestehender Einrichtungen« gewürzt war, dass ihm ein geübter Kriminalist schon halbwegs vor Augsburg über anderthalb Jahr Kreisgefängnis oder Arbeitshaus hätte nachrechnen mögen. Seine Landsmännin aber hielt zuletzt den Schurz vor ihr Antlitz und sprach: »Jetzt hat's mi schon ganz siedig heiss überlaufen mit Ihrem Malefiz-Mannheim!« Unterdes war der Unbekannte im druckkattunenen Frack unter der Bluse aus seinem bleiernen Schlaf erwacht, schaute sich gähnend um und sprach: grüez 'i! worauf ihm jedoch keine geeignete Antwort zu teil ward, da man ihn nicht verstand und ich in meiner Ecke keine Lust hatte, zwischen den Männern von Isar und Lech und einem von »Zürisee« den Dolmetsch zu machen. Darauf fragte er, ob in München wohlfeil ein Privatlogis zu bekommen sei, und ward abermals nicht verstanden, und nach zweimaliger Wiederholung der Frage sprach der Mann von Kriegshaber, der in seiner Jugend in Algier gewesen: »Ah so – logement, vous cherchez un logement?« – so dass hier der vollständigste Gegensatz zu jenem Vossischen Idyll stattfand »wo der dänische Pflüger den deutschen, dieser jenen versteht«, und mir zur Evidenz erwuchs, dass die ins Helvetische hinüberragenden Alemannen an den bojoarisch-keltischen Nachbarn keine Stammverwandten und Vettern besitzen. Der Mann im Frack unter der Bluse wurde aber, je weniger er sich deutlich zu machen vermochte, mit um so grösserer, mitleidiger Teilnahme behandelt, auch durch Anbietung einer Prise Tabak seitens des Alten und eines halben Weckst seitens der Tochter ihm die Aufmerksamkeit erwiesen, die dem fremden Gastfreund gebührt. Einen muckerischen Zug um die Lippen hatte er ohnedies schon, einen stillen Brand wohl auch; nun ward's ihm entschieden zutraulich zu Mut, und er fasste den Entschluss, in die allgemein menschliche Zeichensprache überzugehen, zog seinerseits eine rotpolierte Dose hervor und bot der Jungfrau eine Prise, hielt ihre Hand fest, als wolle er aus ihren Fingern schnupfen, und erlaubte sich auch einige dem alten Telegraphensystem entsprechende Kniebewegungen gegen sein vis-à-vis, so dass sich Gregorius Niederwurzlers Unterlippe immer malitiöser gegen die Nase emporkniff. Wie er aber seine rotpolierte Dose der Nachbarin als Geschenk anbot und Miene machte, sie ihr in Schurz zu stecken, da richtete sich Gregorius auf wie ein Leu, fasste den Helvetier um beide Knie, hob ihn mit dem Oberleib zum Coupéfenster hinaus und rief: »Da wenn wir Sie jetzt hinausschmeisseten, Sie Unflat!?« Die Jungfrau schüttete die Dose bis aufs letzte Tabakkörnlein fort, und ihr Vater schlug auf den Zürcher Unbekannten so scherzhaft kräftig ein, dass ihm ganz elend zumut ward und er demütig um Gnade flehte, worauf er nach deren Gewährung nichts Besseres zu tun wusste, als scheinbar wieder in seinen bleiernen Schlaf zurückzuverfallen, der auch andauerte bis Augsburg. Gregorius aber hatte viel Vorwürfe zu erleben von seiner Landsmännin, die der Ansicht war, der Fremde hätte das »unter Umständen auch übel nehmen können«, allein er sagte: »Ich fürcht' mich weder vor Gott noch dem Teufel.« Dies veranlasste ein allgemein Gespräch übers Fürchten, und sie frug ihn weiter, ob er schon bei einem Toten gewacht? Wer das nicht getan, könne nicht sagen, er fürchte sich vor nichts. Da lachte Gregorius Niederwurzler und strich seinen Bocksbart und erzählte eine grausam schöne Geschichte von seiner ersten Meisterin, wie die ihm den Bissen im Löffel und den Trunk im Glas vergönnt habe und endlich gestorben sei. Da hab ihm der Meister die Wahl gelassen, ob er ihren Sarg schreinern oder bei ihr wachen solle, er aber hab gesagt: »wachen!« und sei mit einem Steinkrug Bier und einem Laib Brot hinaufgezogen in die Totenkammer und hab ihr zugerufen: »Gelt Frau Meisterin, jetzt müsst Ihr's doch geschehen lassen, dass der Gregor sich satt isst und satt trinkt,« und hab sich ein riesiges Stück vom Laib geschnitten – und wie's ihm nach geleertem Krug geschienen, als ob sie mit ihren gläsernen Augen ihn anschaue, sei er an die Totenbahr gegangen, hab ein Kreuz geschlagen, und gesagt: »Nix für ungut, Frau Meisterin,« und ihr die Augen herzhaft zugedrückt, und dann hab's ihm erst recht geschmeckt. Hiemit schien des Giesinger Altgesellen Bravour ausser allen Zweifel gestellt; der Mann war mir unterdes interessant geworden, darum rührte ich mich in meiner Ecke, steckte eine Cigarre an, wandte mich mit der verbindlichsten Höflichkeit zu ihm, bot ihm gleichfalls eine Cigarre und mühte mich, ihm mit eigenem Streichholz Feuer zu reichen. Er aber, der mich seither systematisch ignoriert, geriet hiedurch in eine zweifelhafte Verlegenheit, blies seine Wolken, rückte auf und ab, so dass ihm gelegentlich sein Hut zu Boden fiel, was er mit der Bemerkung begleitete: »ich glaub der Hut will wahnsinnig werden, dass er München wieder zu schauen kriegt.« »Es hat Ihnen gefallen in Mannheim?« sprach ich gleichgültig. Er aber schaute nach meiner goldenen Brille und war noch verlegener als vorher. Das Gespräch ging langsam vorwärts. »Haben Sie nicht einmal eine Geschichte mit der Mannheimer Polizei gehabt?« fragte ich harmlos weiter. Da rückte er noch unruhiger hin und her und sagte kleinlaut: »O ja, mehr wie eine ... aber ins Wanderbuch haben sie mir doch das beste Zeugnis geschrieben, und wer was anders von mir sagt, soll herkommen.« »Übrigens,« fuhr er fort, »was heut gesprochen ward, ist alles »zum Spass« gewesen, und der »Herr« braucht nicht zu glauben, dass ich's nicht mit der »Ordnung« hatte. Alles muss nach der Ordnung gehen, und wenn ich damals den Überrheiner schon hätt' vertragen wie später, wär' die Geschicht' mit dem Polizeidiener nicht passiert ... Aber woher können Sie das wissen?« »Ich meinte nur so,« sprach ich. Darauf verstummte Gregorius der Furchtlose gänzlich. Aber dass er auf Kohlen sass, bewies mir der Umstand, dass er seine Cigarre ausgehen liess und zu Ende kaute, so dass ich zur Satisfaktion meines Freundes v. Preen die Überzeugung gewann, dass es für Mannheimer Kunstschreiner ausser Gott und dem Teufel doch noch Dinge giebt, bei deren Erwähnung es ihnen nicht ganz geheuer wird. Die zwei Flaschen Wein übrigens hatte der Gregorius mitgenommen, um seiner alten Mutter in Giesing eine Magenstärkung aus der Pfalz zu bringen; und die diesseitige Vergeltung für seine geistlichen Kraftsprüche blieb auch nicht aus, denn in der vorletzten Station vor Augsburg stiegen über ein Dutzend geistliche Herren ein, die dort ein Ruralkapitel gehalten, und da sass er, eingerahmt wie ein Juwel von lauter Klerisei, und die Erinnerung an die Mannheimer Polizei als Stachel im Herzen – ein boioarischer Leu mit eingezogenem Schweif, und wenn ich ihn einst wiedersehe, wird er ein ehrsamer bürgerlicher Schreinermeister sein ... Genug davon! Item so wurden in Augsburg die Wagen gewechselt, und ich stieg als ein homo semper novarum rerum cupidus in ein ander Coupé, in dem sich ein ziemlicher Gegensatz zu meinem Freund Gregorius niedergelassen. Dieser Gegensatz war eine Dame in seidenem Gewand und einem hermelinbesetzten Mantel, und verbreitete einen süssen Patschuli-Duft, hatte auch den einen Fuss anmutig der Länge nach auf der Bank ausgestreckt und einen grossen Apparat von feinsten Hutschachteln und sammtenen Reisetaschen um sich, das Antlitz aber blass, und im clair obscur eines nächtlichen Schnellzugs nicht näher nach Alter, Nation und sonstigen Personalien zu entziffern. Sah aber das Ganze fein aus, so dass ich mich mit einigem Behagen in dem einsamen Raum festsetzte. Und ist zu meiner näheren Schilderung zu bemerken, dass ich im malerisch umgeschlagenen Reiseshawl, einem neuen, chocoladenfarbigen Touristenanzug und mit der leichten Goldbrille auf der Nase wohl auch eine erträgliche Staffage im besagtem Halbdunkel zu bilden imstande war. So fassen wir einand vergnüglich gegenüber und waren wohl gegenseitig mit Recognoscierung beschäftigt, wobei zwar der Blick von jenseits entschieden vornehm blasierter war denn der meinige, ich hingegen durch würdevoll schweigende Haltung imponierte. Und war so weit alles in Ordnung, so will's nach fünf Minuten langer Einsamkeit ein böser Stern, dass noch zwei Nachzügler gesprungen kommen und wie Meteorsteine in dies in der Entwicklung begriffene Genrebild hereinfallen – und mögen die beiden samt ihrem lebhaften Gespräch übers Bier im Augsburger Bahnhof und die Germersheimer Garnisonsverhältnisse zwar sehr ehrenwerte Männer gewesen sein – aber hierher passten sie nach der ganzen Sachlage durchaus nicht. Diesen Gedanken schien auch die Trägerin des Hermelinmantels noch entschiedener zu hegen als ich – denn nachdem sie mir gegenüber seither in marmorner Ruhe verharrt war, erhob sie sich itzo, winkte einem Kondukteur und sprach mit fremdartiger Betonung: »Haben Sie nicht ein Coupé, wo man allein sein kann?« Diese Frage war nun, in Anbetracht der mit Germersheimer Statistik beschäftigten Ehrenmänner, durchaus unverfänglich und verdient auch nicht zur Cognition des löblichen Engeren zu kommen, wiewohl dessen philologisch-grammatikalische Sektion mit Erläuterung des in der Frage vorkommenden unpersönlichen Fürworts »man« vielleicht auf abschüssige Hypothesen zu kommen veranlasst sein möchte – allein gleichzeitig war mit der veränderten Stellung der Fragestellerin auch deren rechter Fuss dem Boden nah gekommen und senkte sich auf den meinigen und berührte ihn so entschieden, wie der eines geübten Klavierspielers die untern Tasten, welche bekanntlich eine Mollharmonie in die Töne bringen – und zog sich langsam und mit dem ganzen Bewusstsein der verübten Tat wieder zurück, ohne dass pardon! dazu gesagt wurde, was bei der der Inhaberin des Fusses entschieden zu Gebot stehenden Kenntnis der französischen Sprache wohl hätte gesagt werden können. Der Kondukteur aber schnitt mit dem rauhen Wort: »Allein wenn S' sein wollen, hätten S' erster Klass' nehmen müssen, aber eben pfeift's!« alle Auswanderungsmöglichkeiten und weiteren Kombinationen ab, sie lehnte ihren Fuss wieder in malerischer Nonchalance über die Bank, ich verharrte in egyptischem Schweigen, und die gegenseitige Stellung blieb unverändert dieselbe bis München, mit Ausnahme, dass mein Fuss in einer Weise berührt worden, die alle Rückerinnerung an den Rosensteiner Tunnel vertilgte, vielmehr mein Gemüt einer gründlichen Untersuchung folgender Hauptfragen zuwandte: 1) Ist und streitet im Fall einer solchen, unter erschwerenden Umständen stattgehabten Berührung des Fusses eines unbekannten, aber nicht uneleganten Mitreisenden die Vermutung überhaupt für Zufall oder für Absicht? 2) Wenn für Absicht, findet dann das Recht der Retorsion statt, so dass der Mitreisende ermächtigt ist, auch seinerseits dem Gegenüber inhaltsvoll auf den Fuss zu treten, ohne pardon zu sagen? 3) Wenn die durch Retorsion etwa anzubahnende weitere Erörterung durch gleichzeitig im Wagen anwesende Dritte, die sich über Germersheimer Garnisonsverhältnisse unterhalten, unmöglich geworden, ist der unbekannt getretene Reisende ermächtigt, beim Aussteigen im Bahnhof dem Gegenüber den Fiaker, in dem er selbst zur Stadt fährt, zur Verfügung zu stellen mit der Bitte, ihm anzugeben, wohin er zu fahren habe? – Da indes die Dame im Hermelinmantel ihr Haupt in die Ecke geneigt und dem Schlummer sich ergeben, was sie durch ein eigentümlich graziöses Schnarchen kund gab, neigte sich meine Seele wieder zur Vermutung, die Frage an den Kondukteur möge auf klarer Selbsterkenntnis dieser Eigenschaft melodischen Schnarchens, somit im Wunsch einer zu Frommen aller Mitreisenden zu bewerkstelligenden Isolierung beruht haben, wodurch die übrigen Hypothesen in sich zusammenfielen – so dass ich sie dem hochwürdigen Engeren als annoch ungelöste Probleme übergeben muss ... Wie ich mir, selbst ein schlaftrunkener Manu, im Münchner Bahnhof die Augen rieb, war ich auch bereits in einen Omnibus geschoben, und sie, die Ursacherin all dieser Erwägungen, stand auf dem Perron und hatte weder Gardedame noch eigenen Wagen zu ihrer Verfügung, sondern einen einfachen Fiaker – und mein Nachbar tat seinen weissen Kastorhut ab und wandte wie ich sein Haupt nach dem Hermelin des Mantels und sprach wohlwollend wie alle Münchner, die einen Fremden über ihre Merkwürdigkeiten aufklären wollen: »Sie, wissen S' wer des is? des is die berühmte N...« Aber wer die berühmte N. wirklich war, darf ich eynem löblichen Engeren aus schuldiger Diskretion und im Interesse objektiver Prüfung meiner Fragen, die ansonst wesentlich getrübt werden könnte, nicht verraten, um so mehr, als es nicht undenkbar sein könnte, dass ich selber, wenn die Offenbarung des Manns mit dem Kastorhut früher sich zu mir herabgesenkt, wohl mit Rücksicht auf Frage 3) nicht an seiner Seite im Omnibus über den Karlsplatz gefahren wäre. – »Sie haben wohl erfahren, dass heute das Maifest hiesiger Künstlerschaft gefeiert wird?« sprach mein Freund, der Meister Anselm ,wie ich ihm des andern Morgens die Hand zum Willkomm schüttelte. »Nein,« sagte ich, »aber mit geh' ich,« und begann von neuem an meinen guten Stern zu glauben, der mich ohne Vorbedacht und quälende Absicht schon so manchem Frühstück und anderweiter Trinkung entgegengeführt, zu der ich nicht eingeladen war. Item eine Stunde drauf fuhren wir in hellen Haufen, die silberne Medaille an roter Schleife im Knopfloch, und von viel anmutigen Frauengesichtern umstrahlt, der Isar entgegen. In Hesselohe ordneten sich die Scharen – aber so manches Gedräng und Ankämpfen an einer Einschenke ich im Lauf eines bewegten Lebens schon erschaut, ein heftigeres kann nirgends gekämpft worden sein als an jenem Morgen neun Uhr um die steinernen Masskrüge zu Hesselohe – und hatte ich selber einen Sturm zu bestehen, der mit dem um die Vorwerke des Malakoffturmes sich messen kann, bis der schäumende Krug im Morgensonnenschein in meiner Hand glänzte, und war derselbe schneller leergetrunken, denn erobert, massen manche befreundete Gestalt aus den Zeiten, wo der Orvieto am ponte molle unsere tägliche Arznei war, aus den Reihen der Festteilnehmer grüssend und anstossend auf mich zuschritt. Aber bald klang heller Hornruf durchs Gewimmel, die Standarten und Paniere hoben sich und flatterten lustig, und mit rauschender Musika zog die Menge durch den sonnig grünen Buchwald zu Schwanthalers Burg empor – ein Wogen und Senken von Köpfen wie Wellen des Meers und blauer Himmel und Frühlingsluft drüber, und ward mir schier andächtig zu Sinne, trotzdem ein solcher Waldauszug nichts anderes ist als altgermanisches Heidentum und durchaus ketzerisch Unterfangen. Item so ragten bald die Zinnen von Schwanthalers Burg leuchtend vor uns empor, und der Zug stockte, und auf weitem Wiesenplan stellen sich die herausgepilgerten Menschenkinder in geordnetem Halbkreis, und die Musik schwieg, und ging eine bange Ahnung durch die Reihen, dass hier etwas »los« sei zu fröhlicher Überraschung. Da tönte es wie Posaunenstoss und hob sich jenseits des Torturmes wie Flitter einer Königskrone und Purpurmantel – und herauf trat strahlend der König Franz mit der Dame seines Herzens – und verkündete selber, dass er da sei, das Kampfspiel zu erwarten, und winkte mit einem furchtbaren, wohl eine Elle langen Finger, und der Zwinger tat sich auf, vierfüssig wälzte sich der Leu heraus und sah sich brummend die Menge an und fasste seinen langen Schweif und schwang ihn mit unanständigem Vergnügen im Kreise und legte sich nieder; und wieder winkte der König mit seinem Riesenfinger, da kam auch das Tigertier und, der Vorschrift gemäss, die zwei Leoparden, und fletschten die Zähne und knurrten einander an und strichen katzenbuckelnd umher, bis sie schliesslich in unsäglichen Tönen mit Leu und Tiger fraternisierten und, die Beine türkisch übergeschlagen, im Wiesengrund Platz nahmen. Da stachelte die Königin ihren Gemahl zu kühner Tat und warf einen Handschuh hernieder, gegen den der grösste Fechthandschuh in Richheimers Trödelbude zu einem Glace zusammenschrumpft, und die Getiere wälzten ihn knurrend in ihre Mitte – und er stieg hernieder, der König, den Ritterpreis zu verdienen, und hatte Angst wie ein Nachtwächter, und die Füsse zitterten ihm, und die greulichen Katzen erhoben sich, furchtbar war das Dräuen der geringelten Schwänze, – da stürzte der König in Burghof zurück und erschien wieder, ein Paar Bockwürstel reichte er jedem der Ungetüme, da sänftigte sich die Wut, unzweifelhafte Töne des Wohlgefallens entknurrten dem Rachen der Bestien, und sie verzehrten die Gabe, derweil er den Handschuh fasste und ihn wohlgezielt der Dame auf dem Söller ins Antlitz warf, dass sie leblos hinabstürzte in Hof. Aber auch der König brach in die zitternden Knie, ohnmächtig ob der ungeheuren Heldentat, und die Getiere holten einen Schubkarren herbei und legten den sterbenden Ritter darauf und schwangen höhnisch ihre Wedel und führten ihn durch die Reihen und verschwanden in der Tiefe des Tores ... Und ein hochwürdiger Engerer wird hienach gerechtfertigt finden, dass, nachdem der Beifallsjubel verrauscht war, ich mich gerührt in die Burg verfügte und einem der Leoparden, der sich eben hemdärmlig aus seines Fells Umhüllung herausarbeitete, die Pfote drückte und zu ihm sprach: »Es giebt doch noch brave Menschen auf dieser Welt!« Item so zog man hernach in den Pullacher Wald, der die eigentliche Wahlstatt des Festes sein sollte, und lagerte sich im Moos und grünen Gras, unter schützendem Zeltdach oder auch nicht, und erkämpfte sich Mass um Mass, und gruppierte und entgruppierte sich wieder, wie es die Zeit brachte, und weiss ich von weiterem Verlauf nicht allzuviel zu berichten, da ich mit einem Kern alter Genossen aus dem »Facchino« in Rom in einem stillen Schwedengraben die Tranchéenwacht bezogen und das Gewimmel des Festes seitwärts verhallen liess. Und weil an Viktualien wenig zu erringen war, ward den Steinkrügen desto mehr Pflege gewidmet, was ich, den Charakter altgermanischer Opferfeste erwägend, ohne Einwand geschehen sah. Des Nachmittags aber kam neues Gewimmel von Münchner eleganter Welt und solchen, deren Kanzleistunden mit morgendlichem Frühlingsgenuss im Widerspruch stunden, – und mochte mancher mit dem Lorgnon im Aug auf die im Gras Gelagerten mit dem Pharisäergebet herabschauen: Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene dort ... und König und Hof und Flügeladjutanten kamen, und Böllerschüsse gaben ein Zeichen, dass wieder etwas »los« sei. Aber dies zweite war etwas »Exquisites«, »Feines« – Kultur der Empfindung, genüber dem bojoarischen Bier – und ein allegorischer Wagen wurde angefuhrwerkt mit allegorischen Personen, worunter der »Sonnenschein« und der »Frühling« und der »Waldmeister« und Gott weiss was für fadenscheiniges Volk, das aus einer nachgelassenen Gerümpelkammer der Pegnitzschäfer zusammen gestoppelt war – und hielten in korrekten Versen eine korrekte Lobpreisung des Mai und des Maiweins ab und enthüllten ein riesiges Fass Maiwein ... und wurde mir altem Soldaten, dem Jungmanns Rechnungen bezeugen können, dass er in Maiwein das Seinige zu leisten weiss, und trotz meiner tiefen, stillen Liebe zur Pflanze asperula doch so flau und miserabilon zu Mut, da ich sie hier als Treibhauspflanze dem legitimen Hopfen den Boden seiner Väter streitig machen sah, dass ich beschoss, keinen Tropfen aus dem Fass dieser Symboliker zu trinken. Und weil sich der Wald immer mehr mit fremden Gestalten füllte, und mir an einem kleinen Geviertraum über ein Dutzend »berühmter Männer«, und an einem andern über ein halb Dutzend »Dichter der Zukunft« u. s. w. gezeigt wurden, war's eine gute Fügung, dass ich des Engeren lieben auswärtigen Freund, den Meister Ludovikus Steub traf, der mir verwundert die Hand schüttelte, und wie ich ihm sagte: »schön hier!« da sprach er: »sehr schön – aber 's wär doch nicht übel, nach Pullach hinunter zu gehen und eine stille Halbe zu trinken«; und wir verstanden uns und wandelten hinab und tranken nicht bloss die eine, und sassen noch, als die Musik der Heimkehrenden erschallte, und wenn ich vielleicht auch einiges Zweckwidrige an jenem Abend gesprochen, derweil die bairischen Alpen im Abendrot über die Dächer von Grünwald und die rauschende Isar herüberglänzten, so wird der Meister Ludovikus eine billige Einsicht genommen haben, dass ich bereits eines Tages Länge »im Dienst des Frühlings« gearbeitet – und keineswegs war's so zweckwidrig als das, was der Lordmajor von London neulich in Fontainebleau seinen Pariser Gastfreunden zum Besten gab ... Item so hab ich in München des andern Tages nur noch einen flüchtigen Blick nach dem besten »Bock« geworfen, und selben im »Kapplerbräu« gefunden, allwo auch die Accidentien in primitiver Urform verabreicht werden, indem man, so man ein Messer mitbringt, um wenig Geld einen roten Radi erstreiten mag, das Salz aber »um Gotteswillen« aus einem Krug auf den Tisch geschüttet wird, und von Tellern überhaupt keine Rede ist. Und muss die Herzlichkeit erwähnen, mit der bei jenem Bock der Meister Steub und sein poetischer Freund Medicus des Engeren gedachten, und hoffe, dass das nach Heidelberg gesendete Fass seithero in forma solenni seinen Untergang erlitten. Ein flüchtiger Blick galt den Leistungen der modernen Malerei an den Wänden der neuen Pinakothek, der mir aber ein bedenkliches Schütteln des Kopfes einbrachte – aus was für Gründen, gehört nicht hieher ... Item so darf ich bei einem löblichen Engeren die Kenntnis des bairischen Gebirges und des Bräuwastels zu Murnau und der Zugspitze von Partenkirch und der MartinSwand etc. voraussetzen; übergehe die Merkwürdigkeiten von Innsbruck und warne vor der Sammlung im Schloss Ambras, die darin besteht, dass einem die Schubladen der Schränke gezeigt werden, mit dem Anfügen, dass der Inhalt in Wien verwahrt wird, ebenso die Pferde von Holz, auf denen ehmals Rüstungen waren, ein Garten, der ehmals mit Statuen verziert war, und anderes mehr. Und an einem Rest ehrenfester deutscher Kunst zu erquicken, statteten wir dem Mausoleum des braven Kaisers Max in der Hofkirche einen Besuch ab und waren ehrerbietig vor dem sonntäglichen Beten der Innsbrucker und stellten unsere Stöcke an einen Pfeiler des Portals; der Stock meines Freundes Anselm aber war eleganter denn der meine und trug einen elfenbeingeschnittenen Knopf mit silbernen Plättchen. Und der Eindruck war gar feierlich, massen die ehernen Bildsäulen der Helden deutscher Geschichte und Sage als ehrenwerte Grabhüter des Kaisers Sarkophag umstehen, und dem Namen der braven Stückgiesser Gregorius Loeffler und Johannes Lendenstreich zu einem ewigen Ruhm gereichen – und musterten wir sie lange Zeit, vom träumerisch eleganten Ostgoten Theoderich an bis zu des heiligen römischen Reichs Stiefvater Friedrich III. in seinem brokatenen Schlafrock, und war ich im Vorüberstreifen von eines kroatischen Soldaten Andacht sehr erbaut, der vor Chlodoväus des Merovingers Erzbild kniete und aus vergriffenem lateinischem Gebetbuch Gebete stammelte, und tat uns schier leid, ihn gestört zu haben; denn wie wir dem Chor entgegenschritten, stand er auf und schlich demütig von dannen, während ich die hochmütige Reflexion anstellte, dass bei näherem Studium des Gregorius von Tours und anderer dieser kroatische Kriegsmann sich vielleicht veranlasst sehen dürfte, einen anderweiten Schutzpatron zu erwählen ... Wie wir aber von der trefflichen ehernen Grabgesellschaft uns verabschiedet hatten, siehe da stand am Portal mein schwarzer Hakenstock noch intakt, wie ich ihn dereinst aus Freudenbergers Hand empfangen, aber des Meisters Anselmus Elfenbeinstäbchen war verschwunden und vertragen, und ward nicht mehr gesehen. Es hat sonach doch etwas zu bedeuten, wenn ein Kroat zwischen Licht und Dunkel zu Chlodoväus dem Merowinger betet. Ich tröstete meinen Freund, dass gottlob keine Statuen von Brunhilde und Fredegunde und den andern Merowinger weiblichen Heiligen vorhanden seien, denn die würden ihren Anbetern jedenfalls in dem Masse gnädig sein, dass wir leichtlich ohne Rock und Hosen zu unserm goldenen Stern heimkehren könnten. Innsbruck aber nahm an jenem Pfingstsonntag Abend allmählig eine bedenkliche Physiognomie an. Denn andern Tags begann das grosse Kaiserschiessen, – und die Fähnlein flatterten schon vielfarbig vom Schützenhaus, der alte Erzherzog Johann war eingefahren zu des Schiessens Eröffnung, die Preise und das »Kaiserbeste« standen ausgestellt, und von allen Strassen her wälzten sich die Tiroler Schützen nach ihrer Hauptstadt, den Hut mit der Spielhahnfeder auf dem linken Ohr und den Stutzen in schwerem Lederfutteral umgeschlagen. Nun hab' ich zwar einen anständigen Respekt vor den Männern von 1809 ... aber ein paar taufend friedliche Gamsjäger an einem Fleck war mir doch etwas zu viel, und die Aussicht, diese paar tausend Gamsjäger am Montag Abend insgesamt voll und illuminiert zu sehen, war um so weniger verlockend, als aus L. Steubs Werken genugsam zu ersehen, wie der Pfingstsonntag z. B. im Hinterdux gefeiert wird, und hier zu erwägen stand, dass die Blüte und Auslese aller einzelnen Neben- und Seitentäler hier zu einer einzigen, grossen Festfreude vereinigt sein werde. Ein löblicher Vorsitzender des Engeren wird, wenn er sich der zwei Männer erinnert, mit denen wir einst die Ehre hatten, im Rattenberger Stellwagen zu fahren, und bedenkt, dass diese zwei itzo verhundert- und vertausendfacht auf Innsbruck anrückten, diese Gefühle würdigen. Da nun mein Hut noch ganz neu und nicht sehr elastisch war, bestellte ich sofort den Stellwagen nach Brixen. Item so fuhren wir ohne alles Abenteuer den Brenner hinauf, während sich die Scharen der Schützen in blumengeschmückten Stellwagen, mit grossen Musiken etc. gen Innsbruck niederwälzten. Der Brenner aber als Alpenpass ist in seinem Charakter ebensowohl einförmig als langweilig. In dem von wildem Bergwasser durchrauschten Örtlein Gossensass hatte ich aus besondern Gründen einige Nachforschungen anzustellen, von denen hier nur die Resultate angegeben seien: 1) Die Etymologie »Gotensitz« scheint unzweifelhaft, massen ich im Wirtshaus zwei ortseingeborne Fuhrleute mit einem alten Gastfreund beobachtete, die ihre Masskrüge so eigentümlich schnell austranken, während sie ihre Tabakspfeifen so eigentümlich langsam stopften und beim Feuerschlagen eine phlegmatische Ruhe entwickelten, wie solche nur den Germanen reinsten Stammes charakterisiert und mit dem Gebaren zweier schwedisch-gotischer Matrosen, dem ich einst im Hafen zu Livorno Zeuge war, vollkommen übereinstimmte. 2) Vom Schmied Weland weiss kein Mensch was, und dürfte daher die auch in ein neueres Werk »Ekkehard« Kap. 20 aufgenommene Sage gänzlich erlogen sein. Überhaupt scheint es sehr zweckmässig, dass der Schmied Weland und all die fabelhaften Zwerge und Waldschmiede sich ins Dunkel zurückgezogen, massen, wenn heut auf der Pariser Industrieausstellung ein »Mr. Weland, marchand en ferreries et articles de cuivre et d'acier« seine Produkte einreichte, er die Konkurrenz mit den Belgiern und der westfälischen Firma Cropp u. Cie. oder Knecht in Solingen schwerlich zu bestehen vermöchte, sein Standpunkt vielmehr als ein antediluvianischer zurückgewiesen würde. 3) Der Metzger von Gossensass, der einstmals im Hinterdux gleichzeitig die Bekanntschaft L. Steubs und des Brunnhäussers machte, lebt noch. – In Sterzing wird die Landschaft etwas interessanter. »Hier ist auch das Sterzinger Moos,« sprach die freundliche Kammerjungfer der Gräfin Trapp, die bei uns im Coupé sass, »wo die alten Jungfern zur Straf hineinverzaubert werden; die müssen tief unten da kochen und schaffen und beten, und müssen gar lange Zeit haben.« In dem Ausdruck, mit dem sie von diesem Moos sprach, lag eine Art fester Zuversicht, dass ihre eigene Zukunft sie niemals in diese sumpfigen Tiefen führen werde. Da mir in ihrer Andeutung ein Stück alter, noch unbekannter Volkssage zu liegen schien, forschte ich nach den Quellen dieser Tradition, worauf sie mir das Innsbrucker Wochenblatt nannte, in dem hie und da so »gspassige Gschichten« stünden. Jenseits Sterzing bezeichneten zwei umgerissene Strassensteine, einige Fetzen eines Wagenrades und viel Glasscherben den Ort, wo der Stellwagen der Meraner Schützen einen gänzlichen Untergang gefunden, wozu bei der nicht gefährlichen Beschaffenheit der Strasse der Umstand mitgewirkt haben mag, dass die edeln Etschtalmänner ein grosses Quantum Lebenberger als Herzstärkung mit sich im Reisewagen führten. Über Brixen lag ein Ausdruck schwerster Versimplung, der auch dadurch nicht gemildert wurde, dass der Gasthof zum Andenken an den ersten in Brixen durchgeführten Elefanten anno 1566 seinen Namen hienach erhalten, und dass der Wirt zur Bequemlichkeit der durchreisenden Herren Geistlichen im zweiten Stock eine Kapelle hat bauen lassen. Da das Reisen im Stellwagen die Annehmlichkeit hat, dass der Mensch vor vier Uhr in der Frühe aufstehen muss, somit den Vormittag wieder im Wagen schläft, ist vom weitern Verlauf des Eisacktals bis Bozen nichts zu vermelden, als dass dasselbe viel rauhe, felsige Partieen enthält, und dass zur Zeit viel über die dereinst hier durchzuführende Eisenbahn gespottet wird. So aber je ein Mitglied des Engeren durch jene Felsschluchten gen Bozen pilgert, möge er seinen Stab in dem nahen Dörflein Otten in die Erde stossen und sich dort einen Trunk Roten vorsetzen lassen, und wenn er ihm also mundet wie mir selber, wird er sich nicht zu beklagen haben, wiewohl ich hier eine schlimme Geschichte erlebt. Hatte nämlich in Deutschland ein feierlich Gelübde getan, den ersten Menschen italienischen Stammes, der mir auf dieser Reise begegnen würde, in solenner Weise zu begrüssen, und zwar wenn es ein Wesen weiblichen Geschlechtes wäre, sie zu umarmen und küssen, was, wie ich glaube, als ein der Madonna geweihtes voto nicht verübelt werden kann, – wenn aber ein Mann, ihm sofort eine Mass vom Besten zu bezahlen und mit ihm anstossend zu rufen: evviva l'Italia! Und hat dieses Gelübde seinen Grund in vielen, mir seitens der Eingeborenen des bel paese dove il »si« suona , zugeflossenen Wohltaten bei meinem ersten Aufenthalt, und stellte ich mir vor, dieser erste Italiener werde etwa auf einsamer Gebirgshöhe auftauchen, wie damals, da wir den Splügen überschritten und ihn in Gestalt eines jungen Hirten trafen, der sein entflohenes Zicklein auf dem Rücken trug. Diesmal aber kam's anders. »Ah, signor Gerolamo!« rief der Kaufmann Ringler aus Bozen, dem wir die Notifikation des Ottener Weines verdankten, einem blassen Mann mit rotem Bart zu, »come stà?« Der Manu hatte sein Haupt auf beide Hände gestützt und sass im Schatten des Ottener Wirtshäusleins, und stand eine grosse Wasserflasche vor ihm. Er gab aber keinen Appell, und wie ihn sein Bozener Freund am Kragen schüttelte und ihm sein Glas Roten entgegenhielt, schüttelte er schmerzlich sein blasses Antlitz und sprach: »O Schluppwirt, maledetto Sluppwirt ... impossibile!« Und seinen weiteren, im starken Dialekt gemachten Mitteilungen war – ausser der allgemeinen Tatfache, dass gestern Pfingstmontag gewesen – zu entnehmen: Sluppwirt ... 25 bottiglie di vino rosso e 12 Asti spumante ... musica e ballo sino alle 3 dopo mezzanotte ... grog americano al café ... und das Vorhandenseins eines Jammers in solcher Ausdehnung, dass ihm heute jeder Tropfen Wein wie Gift vorkam ... Und somit war die Lösung meines Gelübdes vereitelt, denn der blasse Mann war wirklich der erste Italiener, der mir bei diesmaliger Fahrt begegnete, und war Ingenieur beim Bozener Eisenbahnbau und hiess Gerolamo Pescatore, was dem deutschen »Hieronymus Fischer« etwa entsprechen würde, und war sonst ein recht respektabler Mann, aber in einem alle Möglichkeit des Weintrinkens ausschliessenden Zustand von Elendigkeit, dass wir ihm mitleidig einen Platz im Stellwagen einräumten und mir nichts übrig blieb, als mir von ihm die Lage jenes Schluppwirts beschreiben zu lassen, um dort allein die ihm zugedachte Flasche ex voto zu trinken. Der Schluppwirt aber liegt jenseits der Eisackbrücke vor Bozen an einer Bergwand und ist eine so vergnügliche Herberge mit herzwärmendem Rotwein, dass ich niemals in jenem Landstrich mehr durchpassieren werde, ohne meinen Fuss zu ihm hinüberschlüpfen zu lassen. Aber so angenehm es mir auch war, die Bekanntschaft des Herrn Gerolamo Pescatore zu machen, so hätt' ich doch beinah mit dem Schicksal gegrollt, dass es mir als erste Versinnbildlichung Italiens nicht das reizende Bild entgegengeführt, das ich tags darauf vor Trient zu erschauen die Ehre hatte. Da hielt ein eleganter Reisewagen auf der Heerstrasse, und drinnen sass neben einem ältlichen Herren eine verschleierte Dame, und ich weiss nicht wie es kam, aber ich rückte meine Brille zurecht, und mein lockiger Freund Anselm schoss aus freiem Aug seine Blicke nach dem Schleier ... siehe da hob sie majestätisch ihren elfenbeinweissen Arm und lüftete den Schleier und schaute in strahlender Schöne zu uns herüber und lächelte, als wolle sie sagen: »Sehet euch nur recht satt an mir, ich weiss, dass ich schön bin!« Und nach zwei Minuten zog sie den Schleier wieder zusammen, als sollten wir nicht gänzlich geblendet werden, und ihre Pferde fuhren dem Brenner entgegen, und wir hatten, die Türme von Trient vor uns ... Ein löblicher Engerer hätte es mir gewiss nicht vergönnt, wenn ich hier mein Gelübde zu lösen gehabt, und wäre hinausgesprungen aus dem schundigen Stellwagen und hätte mich emporgeschwungen bei der schönen Unbekannten und ihren Schleier zitternd zum zweitenmal emporgehoben und gesagt: Scusi, Madonnina, non è per me e non per lei, ma per un voto fatto alla bellezza, fatto all' Italia ...! und ich bin überzeugt, sie hätte gelächelt, wie jetzo, da sie im gütigen Reichtum der Schöne den Schleier vor uns hob, und hätte auf die Bitte um den Votivkuss geantwortet: piglia pur' due, se c'è un voto!  ... Dank und Segen auf deinen Weg, schleierlüftende Tochter des Südens! Als hätt' aber die deutsche Heimat noch einen tüchtigen Gedenkstein für alle die aufrichten wollen, die gen Welschland fahren, auf dass ihnen die Traulichkeit und stille Poesie und der Traum alter Zeit in deutschen Lettern lebhaft ins Herz geschrieben bleibe, steht im felsigen Thale der Talfer bei Bozen die Feste Runglstein aufgebaut, und es verlohnt sich wohl, dass uns die Mitglieder des Engeren auf einem Gang nach jenen ehrwürdigen Mauern begleiten. Also verliessen wir nach einem tapferen Mittagsmahl die solide Herberge »zum Mondschein« in Bozen und schritten unter Führung eines demütigen Studentleins, das bei den Franciskanern dort Latein lernte, durch die rebumrankten Gelände, aus denen schon einzelne Cypressen als italische Schildwachen aufragen, und kamen am Hause des unter die Heiligen, unbekannt warum, aufgenommenen »Armen Heinrich« vorüber und freuten uns des Blickes hinab in das reiche Etschtal und auf die hohe Mendola, und seitwärts nach den zackigen Kuppen und weiten Schneefeldern des hohen Schlärn, und bogen in ein enges, liebliches Seitental ein, ähnlich dem der Passer, wo sie an der Zenoburg vorüber den Mauern Merans entgegenströmt. Und war schon allerhand Schlinggewächs und südliche Vegetation um die Felsen, die deutsche Eiche zu unansehnlichem Strauch zusammengeschrumpft, aber üppig blühender Flieder und wilde Rosen rings umher, und die Talfer brauste lustig in grünweisschäumenden Wellen in der Tiefe. Auf senkrecht aufsteigendem Felsen hob sich der Runglstein mit Turm und Mauern, die zumeist noch überdacht sind, vor uns empor, während genüber der alte Ravenstein hoch in die Lüfte ragt und in der Tiefe noch manch ein ander schlossartig Gebäu sein Haupt aufstreckt. Ein verfallen Thor mit Brücke öffnet den Eingang, und schon im Hof schauen verwitterte Gestalten den fremden Gästen entgegen; da zieht sich ein Söller mit hölzerner Galerie um die Wand des Wohngebäudes, riesige Rittersmänner sind dort in Fresko gemalt, Helden der Geschichte und Dichtung, der alte Hagen stützt sich grimmig auf sein Schwert, und Dietrich von Bern und Dietlieb von Steyer und fabelhafte Riesen und Ungetüme des Heldenbuchs ... und wenn man eintritt in den verrauchten Saal und sich zur Linken wendet, tut sich ein Gemach auf, dort scheint die Sonne durchs Rundbogenfenster auf wohlerhaltene, graugrün gemalte Schilderungen zu Gottfried von Strassburgs trefflichem Sang von Tristan und Isolt – hier die Werbefahrt Tristans nach Island, dort der König Mark, wie er dem Schiff entgegengeht und aus seines Neffen Hand die Gemahlin empfängt ... und Tristan mit Isolden im Wald schlafend, das Schwert zwischen ihnen, und die Vermummung als Pilgersmann, wie sie zu dem Gottesgericht ziehen muss – und die treue Brangäne ... und neben diesem Gemach, das einst zugleich die Bücherei der Burg war, eine trauliche, mit altem Gewaffen und Rüstung geschmückte Trinkstube ... und dann wieder ein umfangreicher Saal mit prächtigen Erkerfenstern senkrecht über der Talfer und grossen, farbigen Darstellungen ritterlichen Lebens und Treibens – ernst und reich wie die Miniaturen in Tschachtlans Chronik auf der Wasserkirche zu Zürich – und säulengetragenem Kamin und prächtiger kleiner Seitenkapelle mit einem Flügelaltärlein und bemalten Glasscheiben und einer unaussprechlich wehmütigen Stimmung ... Alles zusammen ein Platz wie gemacht für Menschenkinder unseres Schlages, und würd' ich mir's gern gefallen lassen, vom Bischof zu Trident, dessen itzt die Burg ist, zur Strafe für meinen Ekkehard auf Jahr und Tag im Runglstein eingesperrt zu werden, um mit etlichen alten Chroniken und altem Wein, mir zur Busse und Gott zur Ehr, einen besseren historischen Roman zu verfassen, als jenen ersten. Und auch dem Meister Anselm schwebte es wie grosse Historienbilder – und einsam betende, schwarze Frauen und reiche Hochzeitszüge vor dem Sinn, und während er das schmucke Altärlein seinem Skizzenbuch einverleibte, setzte ich mich in einem Erkerfenster fest und liess einen Trunk Weines kommen, nachdem mir das Studentlein zum Abschied für eine Gabe von zehn Kreuzer Münz die Hand hatte küssen wollen – und trank einen mächtigen Schluck zu ehrendem Angedenken des Ritters Conrad Vintler, der kurz vor des Mittelalters Torschluss sich hier das Köstliche und Unvergängliche der Vergangenheit in stattlichem Denkmal erhalten und seinen Geist am Sang der alten Meister erquickt – und wenn er, durch sie angeregt, vielleicht selber auch einige schlechte Minnelieder gemacht, so mögt's ihm verziehen sein in alle Ewigkeit. Und hat nicht viel gefehlt, so hätt' ich mir um Herrn Conrad Vintler herum gleich die Gestalten eines ganzen Romans ersonnen, denn er war ein Freund Herrn Oswalds von Wolkenstein, dessen trutzige Lieder und Abenteuer in aller Herren Landen mir wohl bekannt sind, und Herzog Friedrichs mit der leeren Tasche, dessen Kostüm ich aus eigener Erfahrung auch genau kennen gelernt, und auf seinen Besitzungen brach, wie es bei einem poetisch gesinnten Rittersmann ganz naturgemäss ist, das »Pfandübel« aus, das schliesslich die schöngemalten Hallen in ganz nüchternen Kreditorenbesitz brachte ... und für Tracht- und Bewaffnungsstudien war noch eine ganze wohlgefüllte Rüstkammer vorhanden, in welcher ein zur Vexierung der Feinde schlau ersonnener Helm mit doppeltem Kopfe (dem also in Hitze des Gefechts der leere gespalten werden konnte) an das Hereinbrechen Don Quixotischer Ideen ins alte Rittertum gemahnte ... aber schon warf die Abendsonne ihr warmes Licht in den gebräunten Saal, und der Wein ging zu Ende, und wir mussten notwendig den Abend noch beim Schlupfwirt sein, so dass der edle Runglsteiner vor der Hand vor der Gefahr sicher ist, durch meine Feder aus seiner Grabesruhe wieder heraufbeschworen zu werden. Item einen halben Tag nach den Runglsteiner Träumen standen wir in der Kirche Maria Maggiore in Trient vor einem Bild, das der grossen Konziliums letzte Sitzung darstellt, wobei mir jedoch nur der eine Gedanke kam, wie es sich etwa ausgenommen haben würde, wenn hier, wie vor etlicher Zeit im Kloster S. Agnese fuori le mura, der Fussboden hätte einbrechen können und die ganze Versammlung um eines Stockwerks Tiefe landabwärts befördert worden wäre. Der Charakter von Trient ist schon ganz südlich, was wir bei der Abfahrt aus der »Europa« deutlich wahrzunehmen Gelegenheit hatten, denn eine grössere Heerschar trinkgeldfordernden Gesindels hätte sich kaum in Neapel auftreiben lassen. Ich aber rief dem facchino di piazza, der für das Zeigen eines Caféhauses noch seine nachträgliche buona mano wollte, und dem, der die Pässe gebracht, und dem, der den Staub vom Rock ohne Auftrag gebürstet, und dem, der zwischen uns und dem Kutscher den Kuppler gemacht, und dem, der den Koffer, und dem, der den Regenschirm in Wagen getragen, und den drei Bettlern und selbst ihm, dem Tiroler Hausknecht, ein grimmiges anathema sit! zu – und avanti cocchiere! und fröhlich ging's über das Steinpflaster durch den trinkgeldlosen Haufen, der in einem wahrhaft konziliumsartigen Skandal seiner Indignation über die fremden Reisenden Luft machte. Der welschtirolische Fuhrmann aus Riva, der es 1848 mit den Österreichern gehalten, »weil die Deutschen ihre Pferde menschlicher behandeln als die Italiener,« tat seine Schuldigkeit und führte uns die Klause des heiligen Vigilius hinauf in das wunderbar schöne und grossartige Sarcatal, das man seit kurzem auf bequemer Strasse durchfährt. Da wär' denn viel zu erzählen von riesigen, kahlen Bergwänden und wild übereinander gehäuften Trümmerstürzen, die wie Hobelspäne vom ersten Schöpfungstag herumliegen, von grünen, stillen Seen, deren schönster der lago di Doblino mit seinem finstern, schilfumwachsenen Kastell, von ächt italienischen, steingemauerten Dörfern mit schlanken Glockentürmen und trotzig aussehenden Menschen drin, von der durch die Einöden tosenden Sarca und von der abenteuerlich hohen Form, mit der die Berge von Arco das Tal sperren, bevor's dem Gardasee entgegengeht ... genug, das war wieder ein echtes, nobles Stück Italien, und wie wir in stiller Mitternacht auf dem Balkon des albergo del Sole zu Riva standen und der Mond das leise Gewölk, das auf den Spitzen des Monte Baldo sich lagerte, in Duft zerküsste, und seine flimmernden Strahlen in den dunklen See herabzitterten, und aus ferner Barke der Gesang des Fischers herübertönte ... da jauchzte die Seele einen Gruss dem wiedergefundenen Land ihrer Sehnsucht entgegen ... und wenn sie auch alle zusammt auf uns einstürmen werden, die hohen Zechen und die bösen Insekten und die unsäglichen Gerüche und die schreckerregenden Cigarren und die unabtreibbaren Facchini – sie sollen uns die Freude nicht verderben an der Heimat der Schönheit und Kunst! Die Fahrt über den schönen Gardasee war durch Regen und Sturm verdüstert, ein Witterungswechsel, den der östreichische Steuermann lediglich dem Umstand zuschrieb, dass wir zwei barfüssige Kapuziner an Bord hatten, was mich veranlasste, ihm zu bemerken, dass dies Wetterzeichen nicht überall zutreffe, indem man anderwärts die Erfahrung gemacht, dass die Männer in Kutten und langen, schwarzen Röcken erst dann recht zum Vorschein kommen, wenn der Sturm vorüber ... In Peschiera muss der Mensch fünf Stunden auf die Eisenbahn warten, was dazu dient, ihn die oft über die Achseln angesehenen heimischen Zustände von Rastatt oder Germersheim hochschätzen zu lehren, denn wie in diesem, von den sumpfigen Niederungen des Mincio umdufteten Nest die Zeit mit Anstand vertötet werden könne, ist mir annoch ein ungelöst Problem. Und nachdem das über alte Massen scheussliche Gabelfrühstück eingenommen und die reaktionäre Brescianer Zeitung von vorn nach hinten und dann hinwiederum von hinten nach vorn durchgelesen war, und der Schlaf durch Mücken und Schnaken unmöglich gemacht, blieb nichts übrig, als mit langen, spitzen Schilfrohren in einem zum Tanzvergnügen der Garnison eingerichteten Saal sich des Speerwurfs zu üben, was auch soweit gelang, dass bis zu Ankunft des Omnibus sämtliche Transparente über der Musikantenbühne, vom »Walzer« bis zur »Mazurka« durchbohrt in Fetzen hinabhingen. – Verona erstreckt sich mit seinen alten Architekturen und schlanken Türmen und der zertrümmerten Dietrichsburg stattlich längs der mächtigen Etsch dahin und erinnert beinahe an das prächtige Florenz. Was wir im Gegensatz zu allen reisenden Engländern nicht besuchten, war die Casa Capuletti, wo Romeo einst Julien fand; es war mir aus dem Tagebuch des Engländers Box erinnerlich, dass er dort lärmende Vetturini antraf, die sich mit schmutzigen Markrkärrnern um den Besitz des Hofes stritten, und eine Herde Gänse, die durch knöcheltiefen Kot watschelte – was mit des trefflichen Ernst Foerster einfach plastischer Notiz: »Casa Capuletti itzt eine Fuhrmannsherberge,« völlig übereinstimmt. Und da mir ein gütiges Schicksal im Lauf eines bunten Lebens vielleicht wenige seiner Gaben so reichlich gewährt als die Kenntnis von Fuhrmannsherbergen, gedachte ich, dass es wahrhaft eine Beleidigung für den ehrenwerten Ritterwirt zu Heidelberg sein möchte, so man nie bei ihm einen Schoppen getrunken, hingegen in der ersten Stunde veronesischen Aufenthalts zur Casa Capuletti gestiegen, und wandte meinen Fuss anderwärts. Und da meine Phantasie gottlob auch noch in so leidlichem Zustand, dass sie sich ohne Beschwer einen steinernen Wassertrog zu vergegenwärtigen vermag, blieb auch die tomba di Giulietta la sfortunata gänzlich unbesichtigt. Aber Romeos Sehnsucht und ungestillter Liebeswunsch schwebt immerdar noch träumerisch über dem alten Verona, denn wie wir in später Nachtstunde von der ehrwürdigen piazza dei Signori heimschritten, wandelte ein einsamer Fähndrich melancholifch über den Gemüfemarkt und spitzte die Lippen seines pausbackigen Antlitzes so romeoartig und sang die Arie »dein Geliebter harret dein! dein Ge-e-e-liebter ha-a-a-arret dein!« so schmelzend, dass der alte Carové selig an ihm seine Freud' gehabt hätte und wir nicht umhin konnten, ihm zu wünschen, er möge in der Casa Capuletti eine handfeste friulaner Stallmagd entdecken, die des alten Zwistes der Väter vergessend sein sehnsüchtiges Lied erhöre. Wer aber wirklich einen Hauch aus den Zeiten der Montecchi und Capuletti verspüren will, der muss vom alten Platz der Signori weg zur Kirche S. Maria l'Antica sich wenden, wo die Grabdenkmale der Skaliger mit ihren riesigen Sarkophagen und Reiterstatuen und heiligenbildgeschmückten Spitzbogen in marmorner Pracht emporragen. Dort, vor dem Mausoleum des Cangrande, bei dem Dante dereinst das Brot der Verbannung gegessen und empfunden, wie schwer es einem Sänger wird, fremder Leute Treppen auf- und abzusteigen – und bei dem üppigen, vier Stockwerke hohen Mal des Cansignorio steht eine verklungene, längst zu den Toten und Vergessenen geworfene Zeit leibhaftig vor uns, und es würde kein Staunen erregen, wenn sich der enge Raum wieder füllte mit Gepanzerten und mit ernsten Gestalten im roten Faltentalar, und wenn er selber zu uns träte, der Mann aus Florenz, der die Schatten des Inferno einst durchwandelt, und uns auf die Schulter klopfte und fragte: »Was singt ihr gegenwärtig in Deutschland?« ... In der colomba d'oro, wo wir uns der süssen Nachtruhe zu freuen hofften, rächten die Infekten Veronas den dem Angedenken der Julia angethanen Unglimpf; knatternd zog's heran, geflügelte und ungeflügelte, ... quis cladem illius noctis, quis funera fando explicet?  ... Und mit bittersüsser Erinnerung an jenen Tag, dessen aufgehende Sonne mich statt im Bett schmerzlich in Shawl eingehüllt auf dem backsteingepflasterten Fussboden vorfand, sei denn diese Epistel beschlossen, und mögen mit ihr meine herzlichsten Grüsse ins Heidelberger Museum wandern und der Engere mir itzt und fürderhin seinen Segen und ein freundschaftliches Angedenken bewahren, so wird, so Gott will, auch die Cholera der Fortsetzung meiner Berichte keinen Eintrag tun. In alter Freundschaft Giuseppe. Ein Bericht aus Meran. Meran in Tirol, Oktober 1855. Ein kurzer Bericht über das Städtlein Meran im Etschland und einiges in dortigem Weichbild und auf umliegenden Bergen und Schlössern Erlebtes. Item in den ersten Tagen Septembris 1855 bin ich, Josephus Scheffel vom dürren Ast, in Meran eingerückt. Und hätt mich von Herzen erfreut, so ich den weisen und fürsichtigen Vorstand des Engeren mit seiner liebenswürdigen Ehegemahlin nach alldorten hätt begrüssen können, – war aber schon abgereist, jedoch, als wie die nordländischen Schiffer ehdem an den Felsen der Küsten eine Runenschrift eingruben, um den Nachkommenden Kurs und Fährlichkeit des Weges anzudeuten, also hinterliess mir derselbige eine sachkundige Epistel, dass ich in Betreff von Unterschlupf, Atzung und Trank sofort wusste, wo aus und wo ein. Und das erste, nachdem ich diese Epistel auf der Post erhoben und gelesen, zwanzig Minuten nach meiner Ankunft, während der dicke Postmeister Johann Alois Wenter mich noch mit seinen triefenden Blicken abwog und als ihm verfallenes Opferlamm taxierte, war, dass ich einen Hausknecht rief und mit Sack und Pack wieder auswanderte, eh dass ich noch den Reisestaub von den Füssen geschüttelt; denn in selbiger Epistel stand geschrieben: »Winke für den Kenner: »Post vornehmer. Essen teurer, heringegen schlechter. Wein schauderhaft.« Hab jedoch nicht versäumt, dem Postmeister beim Abgang herzlich dafür zu danken, dass er mir besagte Epistel so prompt und schnell zu Händen geliefert. – Darauf hab ich mich in einem Haus in der Steinacher Vorstadt bei redlichen Bürgersleuten eingenistet und bin seither wohlzufrieden daselbst verweilet. Ist aber nit viel Besonderes davon zu vermelden, dieweil da alles seinen wohlgemessenen, seit Jahrhunderten gleichen Gang geht; sind den Fremden freundlich, halten unverzagt an alter Sitte und altem Brauch, beten über eine Viertelstunde lang laut zu Nacht und kümmern sich um der grossen Welt Lauf nit viel; sorgen aber für ihre Gäst nit bloss des Gewinns halber, sondern mit Herzensfreudigkeit – und bin ich manchmal nach Haus gekommen, so hatte meine dicke Hausfrau für mich ein seltenes Birkhuhn oder ein Steinhuhn, oder ein Dutzend vorzügliche Pfirsiche eingekauft, weil sie vermeinte, dass solches dem »fremden gnädigen Herrn« gebühre. Hernachmals bin ich etlichemal zur table d'hôte in die Post gegangen, zu sehen, was für welche homines sapientes Linnäi der Zufall und ärztliche Verordnung diesmal gen Meran geführet – hab aber nach kurzer Recognoszierung für immer genug gehabt. Denn die Gesellschaft par excellence bestand aus östreichischen Kavallerieoffizieren und Berliner Referendaren – was zusammen eine gute Mischung giebt ... aus schwindsüchtigen, norddeutschen Judenknaben, heiratsfähigen, abgestandenen siebenbürgischen und wallachischen Gutsbesitzerinnen, einem Münchener Damenabbé, halbblinden und ganztauben Engländern – item es braucht ein rechtschaffener Mensch viel Glauben an die Menschheit, um ihn nicht zu verlieren, wenn er mit solchen Ehrenmitgliedern derselben zusammentrifft. Nach solcher Erfahrung hab ich beschlossen, mich ganz auf mich selber zurückzuziehen – was bei der Schönheit des ringsum sich auftuenden Etschlandes und der Güte des weissen Terlaners und des roten Weins von Kalten keine allzuschwere Aufgabe ist. Ist mir solches Einsiedelleben auch so gut bekommen, und hab ihm so manchen guten Gedanken und Frieden des Gemüts zu verdanken, dass ich selbes über sechs Wochen lang wohlgemut fortgesetzt, ohne in dieser Zeit mit einem einzigen Menschen ein unnütz Wort zu reden. Ist aber trotz meines unverbrüchlichen Schweigens rings um mich her grausam viel Mist geredet worden, und will ich – statt vieler – nur ein einzig Exempel einer Konversation hieher setzen, wie ich solche im »Grafen von Meran« des Mittags öfter zu erdulden Gelegenheit hatte: Erster Fremder (jung, emporstarrende Vatermörder, Zwicklorgnon im Aug, elegante Rückwärtsbewegung, mit Zahnstochern verbunden): Fanny! (Es kommt niemand.) Fannnnnnnnny! Die Kellnerin: Was moanen S'? Er: Zum Teufel, warum lassen Sie mich so lange warten? Sie: I hob Sie eben nicht verstanden – i heiss nicht Fanny. Er: Jede gebildete Kellnerin muss Fanny heissen, oder auf den Ruf Fanny gehen! Merken Sie sich das, Sie Unschuld vom Lande, und bringen Sie mir noch eine Portion Bratensauce zum Reis. (Nachdem er den Reis verzehrt und zwei Stück Brot in der Sauce aufgetunkt hat, zum Nachbar:) Sie sind wohl auch Preusse? Zweiter Fremder (ältlich, Kahlkopf, Mantel von Wachsleinwand): Zu dienen. Der Erste: Berlin? Der Zweite: Frankfurt an der Oder. Der Erste: Brustleidend? Der Zweite: Lunge. Der Erste: Haben Sie sich schon in der Umgegend umgesehen? Schöne Punkte – das heisst, man muss nicht in Interlaken gewesen sein. Haben Sie die Schlösser besucht, Tirol, Lebenberg? Der Zweite: Ich muss gestehen, diese alten Burgen haben für mich durchaus keinen Reiz. Sie liegen zu steil. Das Steile ist mir penibel. Ich bewundere die Natur lieber von meinem Schloss in der Tiefe. Der Erste: Wo wohnen Sie? Der Zweite: Bei Dr. Mazegger in Obermais, chambre garni zu zwölf Silbergroschen. U. s. w. Nachdem ich aber eines Tags in gleichem Gasthof noch die Lamentation eines quieszierten Intendanturbeamten angehört hatte, der sich über die »Infamie« beklagte, dass das Wirtshaus im Dörflein Marling, wohin er gepilgert war, weil Sonntag nachmittags dort »Tanzvergnügen« stattfinden sollte, »nur für Tiroler« eingerichtet sei, beschloss ich auch den guten dortigen Terlaner im Stich zu lassen und alle Gelegenheit des Zusammentreffens mit gebildeter Menschheit gänzlich zu vermeiden, und hielt von da an – was in sozialer Beziehung freilich eine gänzlich absteigende Linie war – meine Einkehr beim »Raffl«. Meine besten Stunden aber hab ich, wie billig, auf den Bergschlössern der Umgegend verlebt und dabei gern vergessen, dass ich eigentlich gen Welschland wallfahren sollt und hier Lands gar nichts zu schaffen hab. Ist hiebei vor allem des Schlosses Lebenberg zu gedenken, von dem ich nichts weiter sag, als: wenn der Engere je in Folge schlechten Lufts und Wetters gezwungen würde, der Heimat und den Heidelberger Penaten Valet zu sagen, so wär hier der Ort zu einer Immigration resp. Occupation für ihn in corpore, und würde sich aus den reichen Sälen und Kellern dieses braven Schlosses ein phalanstère für sachverständige Männer herrichten lassen – des Neides der Mitwelt würdig. Hab auf Lebenberg – ausser vielen vorübergehenden Besuchen und tagweisen Einlagerungen, drei grosse, solenne Trinkungen abgehalten, und zwar: Die erst im grossen Rittersaal, wo die alten Ahnenbilder der Grafen Fuchs hängen und die wunderschöne Aussicht ins Etschtal und nach der hohen Mendel sich vor den Fenstern auftut – als ein Dank- und Brandopfer, wie es einst Noah abhielt, nachdem die Sündflut verlaufen, der göttlichen Fürsehung zum Preis und Ehr, dass sie mich in Not und Fährlichkeit der Cholera gnädig beschützet und in ein sicheres Asyl geleitet. Die zweit im »bayrischen Stübl«, wo der Spruch über dem Eingang steht: O quam bonum et jucundum, fratres habitare in unum! als ein Requiem zu ehrendem Gedächtnis des tapfern Mannes Friedrich Lentner, so bis vor kurzem auf diesen Räumen gehaust und sie mit den Zeugnissen seines fröhlichen, sinnigen Künstlergeistes geschmückt hat. Dazu hab ich mir vom freundlichen Burgfräulein die Chronik ausgebeten, die besagter Friedrich Lentner über Geschicht und merkwürdige Vorkommnis auf Lebenberg aufgesetzt und mit zierlichen Gemälden ausstaffieret hat. Und war mir rührend, drin zu ersehen, wie auch in diesen fernen Burgfrieden im Etschland die Wogen der Zeit mit vernehmlichem Rückschlag angebrandet ... und wie das Trinken der wackern Gesellen da oben im Jahr 1840 – 47 ein harmloses, 1847 ein von Pfaffen und Polizei gestörtes, 1848 ein jubelnd ungebundenes, 1849 ein bedenkliches und 1850 ein sehr bedenkliches war, bis sie 1851 ihren Wappenschild einzogen, ihre Fahnen vergruben und das letzte Glas mit Flor verhüllt übers Grab des guten alten » Stehweins « gossen. Denn es ist seither wieder recht regendüster in Tirol worden, die schwarzen Gesellen sind hoch und üppig ins Kraut geschossen und haben alle Lebensheiterkeit bei Sang und Becherklang als Atheismus und Hochverrat verpönt. Und wer's nicht vom Herrn des Schlosses selbst hört, wird es schwerlich glauben, dass sogar nach Friedrich Lentners Chronik, in der nichts aufgezeichnet steht, als was unbedenklich den Archiven des Engeren einzuverleiben wäre, z. B. die Schnadahüpfl, die der Reichstagsmann Zerzog oben gesungen: Und von Peterwardein Kann nit jedermann sein, Un a diemol muss einer Schon wo anders her sein! oder die Villeggiatur, die der alte Stehweinist Grill oben abgehalten, der den Spruch gehabt: »im Bier ist keine Überzeugung!« (»ist acht Tag oben eyngelagert gewest und während dieser acht Tag »nix than als drunkhen und drunkhen und wieder drunkhen«) ... dass nach dieser Chronik von der Geistlichkeit eine Haussuchung angestellt und später ein eigener Kommissär zur Fahndung von Innsbruck her zitiert worden, so aber auch nichts erwischen konnt. Item, was mich betrifft, so hab ich mich beim Burgfräulein dermassen als ein unverdächtiger Mann legitimiert, dass sie mir die Chronik sonder Furcht zu Händen gab ... und hab sie nach Tilgung zweier Flaschen Ausbruchs nur mit Wehmut aus den Händen gelegt, ... mit Wehmut, dass die Zahl der wenigen Gerechten, die noch an die lebensverlängernde und seelerquickende Kraft eines fröhlichen Trunks glauben, von Tag zu Tag schwindet und von der falschen, meineidigen Welt immer mehr verkannt wird. Bei solcherlei Erwägung hab ich es denn als ein glückverheissend Zeichen begrüsst, dass, nachdem der »Stehwein« zu Meran eingegangen, welcher zweifelsohne der »südlichste Engere« in deutschen Landen gewesen, doch noch am Neckar dieselbe Fahne unverzagt aufgepflanzt steht ... und hab darum auf Wohl und Gedeihen meiner lieben Freund und Gönner zu Heidelberg einen scharfen Schluck, ihnen zum Gruss mir zum Trost, getan. Die dritt Trinkung aber hab ich angestellt, als ich eines Morgens die Triester Zeitung zur Hand bekam mit der ersten telegraphischen Nachricht, dass der Malakoff erobert sei. Bin damals schnurstracks von der Zeitung hinweg gen Lebenberg gewallfahrtet, und wenn dem Fürsten Gortschakoff jenes Tags nicht das linke Ohr erklungen, so bin ich nit schuld daran. Vollbrachte dieselbe im freskogemalten Gelass des sogenannten »Fuchsbaus« neben dem Hauptturm, allwo die »Abenteuer des Degen Fuchs und seines Freundes Hans von Greifen« in sinnigen Schildereien zu erschauen sind. Wie ich aber in dunkler Nacht bergab stieg, bin ich zweimal gestolpert und dann in den Wiesen fehlgegangen, und hab aus diesem Omen, in Verbindung mit dem, was ich in den Sternen gelesen, die Schlussfolgerung gezogen – dass wir in Deutschland noch immer keinen Grund haben, uns zu freuen. Auf Schloss Tirol, wo ich ebenfalls manchen Nachmittag mich festgesetzet, ist nichts von Erwähnungswürdigkeit vorgefallen. Der neue Schlosshauptmann, so sich zwar einen mordmässigen, eisgrauen Schnurrbart à la Haynau gezogen, aber der gutmütigste Mensch von der Welt ist, wird sich erst später so einrichten, dass mau eine zweckmässige Trinkstube oben vorfindt. Das anmutigst und frohsamst Abenteuer unter allen, die mir dieses Jahr beschert hat, hab ich auf dem alten Schloss Fragspurg erlebt, so auf einem hohen Plateau des Porphyrgebirgs am linken Etschufer ungefähr genüber von Lebenberg liegt. Bin dort hineingetappt, als wär offene Herberg, alles ist stumm und schweigsam wie in Dornröschens verzaubertem Schloss ... und bin in einen Salon getappt ... und fand Dornröschen ... Heiligkreuzmillionendonnerwetter, der Engere möge mir einen Adelsbrief und viertausend Gulden C. M. erwirken als jährliche Revenüe, oder folgende Fragen beantworten: Warum muss ein deutscher Poet auf tirolischem Porphyrgebirg mit der Tochter eines edeln Polen zusammentreffen? Warum haftet auf diesem Porphyrgebirg ausser dieser Tochter auch noch eine dreifache Hypothek, die derjenige ablösen muss, der um die Tochter werben will?? O Fragspurg, Fragspurg! – Gedenkbuch über stattgehabte Einlagerung auf Castell Toblino im Tridentinischen. Juli und August 1855. 1. Von der Stadt Venetia und Gründen, dieselbe zu verlassen. Sofern der Mensch nur Inhaber einer Seele wäre, die aus Betrachtung der Denkmale alter Zeit und Vertiefung in preiswürdiges Kunstwerk vorhergegangener Meister ihre beste Nahrung schöpft, so wäre es schwierig, Gründe dafür zu erdenken, dass einer, der nicht muss, der ehrenwerten Stadt des heiligen Marcus mit Wohlbehagen den Rücken zuwenden kann. Denn so mannigfalt Grosses auch anderwärts in weiter Welt zu finden ist, etwas Schöneres und Absonderlicheres wüsst' ich doch nicht aufzuzählen, als einen mondscheinumglänzten nächtlichen Gang durch die Säulenhallen des Marcusplatzes, wenn der seltsam verzieratete Dom mit seinen Rundbogen und Kuppeln und Säulenbündeln und Mosaiken wie ein Traum des Orients emporragt, die langen Kolonnaden des Dogenpalastes mit ihrem einfach-schweren Oberbau sich hinausstrecken bis zu dem marmorgemauerten Ufer der Lagune, wo der geflügelte Löwe und Sanct Theodor mit dem Drachen auf ihren einsam stolzen Säulen Hinausschauen in den Silberflimmer des Mondes auf dunkelnder Salzflut, und wenn der grelle Schimmer moderner Gaslaternen auf dass Gewoge spazierenwandelnder Venetianerinnen fällt, die mit ihren blassen, grünfahl leuchtenden Wangen und dem herzversengenden breiten Blick einherschreiten wie Töchter des Meeres. Und in solchen Momenten – oder bei abendlicher Gondelfahrt durch den canal grande, wenn die üppigen Gestalten, wie sie Tizian und Paul Veronese dereinst gemalt, lebendig in Fleisch und Blut und mit hörbarem Schäkern auf den melancholischen forestiere niederschauen – oder bei stillem Gang durch das Labyrinth von Mosaik und Marmorschätzen, die die heilige Marcuskirche in ihrem Innern birgt, – oder bei luftigem Hinausrudern nach einer der Laguneninsel, die gleich silbergefasstem Edelgestein sich emporheben aus dem barkendurchwimmelten schimmernden Gewässer – in solchen Momenten wär' es ein Verrat an der ewigen Schönheit, sich auf die Zeit zu freuen, wo all diese Pracht in fernem Nebel rückwärts eines davonreisenden Mannes verschwindet. Aber sofern es die Natur geordnet, dass der Mensch auch Inhaber eines sündigen Leibes, als dessen Hauptbeschäftigung die Naturgeschichte in guter Schulzeit die Funktionierung der fünf Sinne, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen angiebt ... und sofern der konkrete Inhaber eines solchen Leibs ein Deutscher, und die Zeit, wo er dessen Funktionen ausüben soll, der Monat Juli, so mag es doch zutreffen, dass auch in Venedig sich eine Stimmung in ihm festsetzt, die ihren Ausdruck nur in dem bekannten Ruf: »Naus! und nix wie naus!« finden kann. Denn was zu viel ist, ist zu viel! Und was wir in dieser Sommerhitze zu Venedig erleben mussten, war zu viel. Die Cholera war als ein schwarzer Würgengel eingezogen und fügte ihre Schrecknisse zu den Bedrängungen der heissen Jahreszeit. Und was ein Tag venetianischen Lebens inklusive der Nacht an leiblichen Annehmlichkeiten dem Menschen gewährt, mag aus folgender fragmentarischer Schilderung entnommen werden: »Item am 12. Juli morgens nach schlafloser Nacht müd und schweren Hauptes aufgestanden. Vom palazzo Canal längs des stagnierenden Lagunenwassers in einer Schwefelwasserstoff- und stickstoffdurchschwängerten Atmosphäre zum traghetto des campo San Barnaba gewandelt, um in der Gondel nach dem Marcusplatz zu fahren. Unterwegs einer Frau begegnet, die jammernd nach einem Arzt für ihren erkrankten Mann lief. Am traghetto mit dem Gondolier wegen Fahrpreises einen gröblichen Wortwechsel bestanden, der Veranlassung war, trotzig zu Fuss nach San Marcus zu gehen. In dem engen Gewinkel zwischen San Barnaba und der eisernen Brücke über den canal grande eine solche Fülle verschiedener pestilenzialischer Wohlgerüche bestanden, dass ich eine Orange einkaufen musste, um die Nase zuzuhalten. In der calle della misericordia der schmale Durchpass durch eine Gruppe sich laufender Damen gesperrt, denen ein Fischer von Burano etliche Körbe halbverwester Meerfische zu billigen Preisen feilbot. »Im Café Mendel am Marcusplatz von der schönen Frau Mendel mit der Nachricht empfangen, dass gestern die Magd an der Cholera erkrankt. Um dem Geist anderweite Ideen zuzuführen, Gespräch mit einem österreichischen Leutnant angefangen, der erzählt, dass heute nacht ein Piket Soldaten, die in der Giudecca im feuchten Gras geschlafen, sämtlich die Cholera bekommen. Dem auszuweichen, nach dem Giornale di Venetia gegriffen, um nach telegraphischen Depeschen zu sehen. Statt dieser auf die Rubrik gestossen: Bolletino del cholera. Casi nuovi 36, morti 20, guariti 6 u. f. w. ... Hierauf ärgerlich von dannen gegangen, um in der Münsterschen Buchhandlung etwas Neues zu lesen zu holen. Auf gut Glück ein Buch mitgenommen, betitelt: »Aus Venedig. Vom Verfasser des Naëmann.« Beim Fortgehen darin geblättert und schon auf dem Marcusplatz die Entdeckung gemacht, dass der Verfasser ein Basler Pietist. Sofort zurückgetragen. Einen Spaziergang ans Ufer der Schiavoni gemacht und mit Befremden wahrgenommen, dass das triestiner Dampfboot, was sonst regelmässig leer, heute über hundert Passagiere bringt. Nachricht, dass in Triest die Cholera so wütend ausgebrochen, dass man Hals über Kopf von dannen fliehe. Einer Prozession verschleierter Frauen und barfuss gehender Kinder mit Wachskerzen begegnet, Abwendung der Krankheit bezweckend. Schweissgebadet wieder zu Haus angelangt und wegen schwüler Sonnenglut etliche Stunden tatlos auf dem Sopha verträumt. Abends im vapore das vorschriftsgemässe diätetische Mahl, bestehend in Reis und einem Fragment Kalbfleisch, nebst einem Minimum von Rotwein eingenommen. Nach dessen Genuss die seit etlicher Zeit sich regelmässig einstellende Übligkeit verspürt und ein Knurren im Magen, als hätt' ich ein Buch von Oskar v. Redwitz verschluckt. »Eine Gondelfahrt an Strand des adriatischen Meeres gemacht, um im Seebad Erquickung zu suchen. Angekommen am Lido keine Badeanstalt mehr getroffen und vom marinaro in Kenntnis gesetzt, dass die Sanitätsbehörde alles Baden für gefährlich erklärt. Die ganze Luft mit elektricitätsschwangern Sciroccowolken gefüllt, draus ein blaues, dunstiges Wetterleuchten unheimlich hervorblitzt. Verstimmt heimgefahren. Wegen unartikulierten Gesangs in der Nachbarschaft, wo zum hundertsten Mal der venetianische Refrain andar in gondola per respirar ... misstönig misshandelt wird, und wegen Knistern des statt einer Matratze untergeschobenen Laubsackes Unmöglichkeit zu schlafen. Die Nacht mit Rauchen eines Rattenschwanzes gekürzt. Erst lang nach Mitternacht Versuch einzuschlummern ... Schauerlicher Traum – am Eck des inneren Zirkels in Karlsruhe dem Ministerialrat F. begegnet, der in wohlklingendem Italienisch sprach: »felicissima notte!« und sofort aufgewacht, von den leissummenden Schnaken, die in Venedig »zanzale« heissen, durchstochen, dass Schulter und Arm aussehen als wären sie dem aussätzigen Lazarus entlehnt. Betrachtungen über die Unterschiede von Idealem und Realem, angeknüpft an frühere Vorstellung von »venetianischen Nächten«. ... Und wer in wiederkehrender Reihe der Tage solches fortwährend erdulden muss, dem wird alle byzantinische Kunst und alle Handschriften der Marcusbibliothek und alle Malerei der Venetianischen Meister und alle Poesie und Prosa des genialen Strolchen Pietro Aretino, mit dem ich dazumal des Näheren beschäftigt war, gänzlich gleichgültig und er denkt, seinen Bündel zu schnüren. Und wiederum eines Morgens schaute ich mich im Spiegel an, da war mein Antlitz hohläugig und eingefallen und blassgrün, und zuckte ein ganz fremdartig böser Zug um die Backenknochen. Da ging ich schleunigst hinunter und nahm eine Gondel und fuhr auf die Polizei, deren Beamte mit einer rühmenswerten Artigkeit fremde Männer behandeln, und forderte meinen Pass. Dieweil aber meine Studien mannigfach auf den alten Tizian zielten und es mich sehr gefördert hätte, einen Augenschein seiner Heimat in den cadorischen Alpen zu gewinnen, die ich so oft in duftiger Ferne abendlich jenseits der Insel Murano begrüsst, liess ich als Ziel der Fahrt »Pieve di Cadore« drauf schreiben und ging mich zu rüsten. Und wie ich von Dr. Richetti Abschied nehmen wollte, sprach er: »Pieve di Cadore? Dort ist die Cholera viel heftiger als hier, in Belluno sind ganze Strassen ausgestorben – was fällt Ihnen ein?« Da ward mir's zumute wie dem Kaiser Maximilian, als er den venetianischen Gesandten zurief, jetzt könnten sie mit ihrer ganzen Republik ihm u. s. w. und ich ging als ein ratloser Mann nach meinem palazzo und wusste nicht, wohin mich wenden. Und in solchen Zuständen körperlicher Abspannung wird auch der Geist versimpelt und träg und ist keines Entschlusses mehr fähig und dem Verwelken nah. Der Weg nach Rom auch durch Cholera versperrt, Padua, Verona u. s. w. nicht minder choleratisch, Triest desgleichen, östlich das adriatische Meer, und der Zweck meiner Reise: »Vergnügen«; – es war, um einen Salat von Akanthusblättern und Disteln zum Frühstück zu verzehren. Aber wenn ein Feldzug in Oberitalien misslingt, bleibt immer noch der Rückzug ins Tirol offen, und wie ein Stern in der Nacht stieg ein Bild vor meinen Augen auf, das ich in flüchtigem Vorbeifahren einst erschaut – – da waren riesige Bergwände und ein stiller tiefgrüner See und ein altersgraues Schloss, auf schmaler Landzunge dem Gewässer entsteigend ... und langsam vermischte sich alle Sehnsucht nach schlafgesegneten Nächten und guter Luft mit dem Bild jenes Schlosses. »Sie sind noch hier?« fragte mich mein Reisegefährte, der treffliche Meister Anselmus. »Ja wohl,« sagte ich, »ich geh' nicht nach Cadore, sondern nach Castell Toblino.« »Castell Toblino? Aber wissen Sie auch, wer dort haust, ob der Mensch dort wohnen kann, was dort los ist?« »Nein,« sagte ich. »Ich gehe mit,« sprach er. Denn es war auch für ihn die höchste Zeit, den schnakenstichbesäeten Leichnam dem tückischen Lagunennest zu entrücken; und wiewohl ihn die tizianische Assunta mächtig fesselte, beschloss er, der Akademie der Schönen Kunst Valet zu sagen, – und dass wir vom Ziel unserer Fahrt nichts Näheres wussten, war ein Grund mehr, schleunigst hinzugehen. Also liessen wir die Pässe nach Riva am Gardasee visieren. 2. Von der letzten in Venedig zugebrachten Nacht. Und alles war gepackt und besorgt, wie solches bei eines Junggesellen fahrender Habe nur allzuschnell vollendet zu sein pflegt; und blieb mir von niemand Abschied zu nehmen übrig, denn wiewohl die Venetianerinnen mit einer eindruckmachenden Schönheit begabt sind, war mir doch nicht zu teil geworden, in dem Spinngeweb meergrüner Blicke als armes Mücklein gefangen zu werden, so dass die Losreissung Mühe und Thränen gekostet. An diesem lieblosen Zustand in Venetia war aber niemand schuld als ich selber, denn wer mit ungewichsten Schuhen über den Marcusplatz ins abendliche Gewimmel schreitet anstatt mit gefirnissten Stiefeln, wer sein schlichtblondes Haar unadonisiert über die Schläfe hangen lässt und schweigend drein schaut, anstatt die Gaben des Friseurs mit denen des Schöpfers an seinem Haupt zu vereinen, wer endlich die Stunden der Nacht lieber bei einem Glas cyprischen Weines sitzt, als in einer Loge des Theater Fenice, der muss sich's gefallen lassen, wenn Venedigs Töchter mit mitleidiger Fächerbewegung an ihm vorüberstreifen. Die grosse Signora Antonini aber, die einmal einen starken Anflug nahm, es lieb und gut mit ihm zu meinen, hatte ein leises Schnurrbärtlein ... und soll überhaupt hier von jener am Ufer der Schiavoni bestandenen Tentation nicht weiter die Rede sein. Darum schritt ich mit gleichmässigem Herzschlag im leeren Saal des palazzo Canal auf und nieder, und war niemand, der mein Herz rührte beim Fortgehen, als die breiten Schildkröten, die getreulich die Einsamkeit der Region San Barnaba mit mir geteilt. »Wie vergänglich ist alles Irdische,« sprach ich zu ihnen – »kaum 3 Wochen, dass Ihr der niederen Behausung entrückt seid, in der Luigi Perisotti, der Stiefelwichser und Schildkrötenhändler und Kuppler, Euch schnöden Gewinns halber erzog, kaum 3 Wochen, dass Ihr in diesen Saal versetzt wurdet, wo einst venetianische Nobili auf dem mosaikgezierten Fussboden wandelten und jetzt ein deutscher Meister lobesamer Kunst seine Zeit zwischen Nichtstun und Tabakrauchen harmonisch einteilte. Welche Welt von Gefühlen mag in Euch aufgestiegen sein, da er zum erstenmal Euch pfeifend den grünen Salat als Atzung in Euren Winkel brachte, da er mit zartem Strohhalm Euch unter dem Krokodilhals kitzelte und Euch Euer langsam sich vorstreckendes Antlitz im Krystallspiegel von Murano zur Selbstbeschauung vorhielt – und was habt Ihr geträumt, da Euch das schlanke Menschenbild liebevoll in seine Rocktaschen steckte und mit Euch spazieren ging durch die hohen Gemächer?! Die Zeiten neigen sich ihrem Ende zu ... und morgen vielleicht schon kommt der Tag, da die böse padrona, die längst einen Groll auf Euch brave tartarugen hegt, Euch ergreift und hinausschleudert in die stinkende Flut des canalazzo, wo in finstern Löchern die scheusslichen Spinnen und Krebse hausen und Strassenjungen den Fischfang treiben. Aber wähnet nicht, dass ich undankbar sei wie Bacchos, da er die Ariadne heimlich verliess auf Naxos. Mein Weg geht nordwärts ... dort welkt alles, was im Süden lustig aufwächst, und wie Fernows schöne Angiolina in Weimar würdet auch Ihr sagen, wenn ich Euch hinübertrüge, über die Alpen: »es ist so dunkel und so kalt hier!« Glück und Unglück, es muss nebeneinander sein. Das Fatum schütze Euch! Addio Skindlödra, Skindâsa addio!« Die beiden Schildkröten krochen wehmütig und schweigend wie immer ihren wälzenden Gang um mich herum und ihrem Winkel zu ... ich habe sie nie wiedergesehen. Wie ein Nachtwandler kam indes in weisses Linnen gehüllt der Signor Hugo durch die Vorhalle geschritten. »Könnet Ihr auch nicht schlafen?« frug er. »Nein.« »Dann wollen wir die letzte Nacht zusammen verplaudern.« – Der Signor Hugo war ein deutscher Architekt, der neben uns wohnte; er lebte so still, dass wir erst in der dritten Woche nach dem Einzug entdeckt hatten, dass er vorhanden, und in der vierten, dass er ein Deutscher! Er war bei der Preisbewerbung um die gotische Votivkirche in Wien durchgefallen und seitdem leidenschaftlicher architektonischer Theoretiker und Kritiker geworden. Er wohnte in einem freskogeschmückten Saal – an der Wand war Horatius Cocles gemalt, wie hinter ihm die marmorne Tiberbrücke mit Holzäxten abgehauen wird, und Ähnliches ... des Tags über lag er auf seinem Sopha und schrieb Bemerkungen über die Philosophie der Baukunst in sein Tagbuch, die ihm dereinst viel gute Freunde und Gönner erwerben werden, wenn sie gedruckt sind. Er hatte die Gewohnheit, diese Bemerkungen regelmässig am Abend ihrer Entstehung seinen Bekannten vorzulesen, ohne dazu aufgefordert zu sein. Daher hatte ich gegründete Besorgnis, des Signor Hugo nächtliches Wandeln bezwecke, uns noch schleunigst von einigen neuen Ideen über den Baustil der Zukunft in Kenntnis zu setzen! Aber es war in jenen Tagen so heiss gewesen, dass er selbst das Philosophieren unterlassen hatte. Und wir richteten ein grosses Matratzenlager in einem unsern Säle und erzählten uns Geschichten. Und die eine Geschichte des Signor Hugo, wie er als Bauaufseher auf des Baron Sina Zuckerfabrik bei Raab unter die ungarische Nationalgarde gekommen, den Feldzug mitgemacht und, als Spion gefangen, vors Kriegsgericht gestellt, von den Magyaren nach der Schlacht bei Acs wieder befreit, wie er dann in die deutsche Heimat zurückgerufen von Wien nach Prag gefahren, im Elbedampfschiff, das ungarische Kostüm tragend, zu Dresden am Abend des 5. Mai 1849 ankam und dort, ohne zu wissen warum, noch die Dresdener Revolution mitgeniessen musste ... diese Geschichte war ein so vortreffliches Stück von Abenteuern eines Friedfertigen, dass ich mir vorbehalte, sie in spätern Tagen einmal des Nähern zu erzählen, auf dass man ersehen möge, was alles einem Untertan des Ministers Hassenpflug und Kf. hess. Baupraktikanten passieren kann. Aber es wurde noch unendlich mehr erzählt, und war mir auffallend, dieselbe Erscheinung zu beobachten, die mich bei den Märchen von 1001 Nacht wie bei Boccaccios Novellen schon zum Nachdenken veranlasst ... dass nämlich im Lauf des Erzählens die Geschichten immer saftiger und der Tabak immer stärker wird. Und wurde mit zunehmender Schwüle und Schnakenbedrängnis ein so klingender Glockenton angeschlagen, dass alles, was in den Archiven des Engeren zu Heidelberg über verwandte Fächer aufbewahrt liegt, zu puritanischem Choralgesang zusammenschrumpft, was ich seiner Zeit mit einer Geschichte von einem Kutscher, der sich bei seinem Herrn wieder einschmeicheln wollte und a. m. darzutun mich getraue ... Ob nun diese Wendung in der Tonweise des Erzählens, die ganz organisch und sozusagen von selbst eintrat, mit demselben Gesetz zusammenhängt, was auch der Völkerentwicklung zu Grund liegt, dass nämlich vor dem Ende notwendig der Verfall kommen muss ... darüber ward ich nicht klar! – Item, auch diese venetianische Nacht ging glücklich herum, und wie ich eben die Erzählung vom Bankier Hohenemser und der Überreichung des Kreditbriefs in seiner Einfahrt beendet, war die Sonne schon aufgegangen, und ein Mann im blauweissgestreiften Kittel war leise heraufgekommen, und weil er glaubte, wir schliefen, stampfte er in der Vorhalle dreimal mit dem Fuss aufs Pflaster, uns zu wecken, und sprach: »Signori, è tempo!« 3. Von dem einzigen Menschen in Venedig, dem unsere Abfahrt weh that. Der Mann in dem blauweissgeStreiften Kittel war der Gondolier Valentino, und wenn von einem Menschen mit Grund behauptet werden kann, dass er tief innerlich betrübt war ob unseres Scheidens, so ist's von ihm. Ja, ich bin überzeugt, dass er zur Stunde, wo dies geschrieben wird, noch an seiner Barke bei der riva degli Schiavoni liegt und nach der Brücke Hotel Danieli schaut, sehnsüchtig wie eine Jungfrau, die des Geliebten harrt, ob ihm ein gut Geschick nicht seine zwei forestieri wieder zuführe, die so lange Zeit regelmässig wie die Gestirne dort allabendlich ihre Bahn wandelten, und ins Geschrei lungernder Gondoliere: »barca, Signori! andiamo al lido Signori!« mit lächelnder Ruhe sprachen: »no! niente! prendiamo Valentino;« und die in seine Barke stiegen, trotzdem sie weder die sauberste noch die eleganteste war, und mit ihm hinausfuhren, ohne zu wissen wohin, und ihm oftmals, wenn er fragte: »dove commandano i Signori?« zur Antwort gaben: »dove volete.« Denn in diesem verpesteten Sommer, wo die Fremden in Venedig so selten waren wie die Philosophen in Tirol, war's für ihn keine Kleinigkeit, seine sichern Leute zu haben, und an manchen Tagen, wo alles luftscheu in seiner Höhle verborgen lag, war Valentinos Barke die einzige, die sich auf schaukelnder Lagune tummelte, und er konnte mit Recht sagen, dass er ein Drittel oder gar die Gesamtheit aller in Venedig hausenden forestieri in seinem Schiffe geleite. Und er erhielt regelmässig des Abends seine Zwanziger, und wer ihn im Juli sah und sein Bild mit dem verglich, was er des Monats vorher noch der Welt bot, der mochte füglich schliessen, dass seine Umstände den Einflüssen fester Revenüen ausgesetzt waren ... denn häufig und häufiger glimmte der unendliche sigaro lungo in seinem Munde, und wenn eine Meerfahrt von weiterem Umkreis bevorstand, nahm er auf eigene Kosten einen Untergondolier, und wie er gar eines Sonntags im neuen blauen Sammetwams einherstolzierte, die seidene Halsbinde um den breiten weissen Hemdkragen und die Granatblüte am Hut, da war's die helle Pracht, und mir ahnt, dass er mit Beistand unserer Zwanziger auch eine Liebste gewonnen, wie wir ›seine Herren und Gebieter‹, sie vergeblich ersehnten. Dafür war aber Valentino auch ein musterhafter und aufmerksamer Mann in seinem Fach und wusste die vielverschlungenen Wasserstrassen seiner Lagunen so gut wie ein Fisch, der drin aufgewachsen – und fuhr unverdrossen zu jeder Tageszeit, und sagte nie ein Wort, wenn der ihm gereichte Lohn nicht dem Tarif entsprach ... und wenn ein Schiff mit geschmuggeltem türkischem Tabak heimlich im Hafen eingelaufen war, kam er pünktlich und brachte uns eine Provision zum Rauchen; wenn wir abends gegen neun Uhr in der Nähe waren, fuhr er pünktlich auf kurze Entfernung zum österreichischen Kriegskutter hinaus, weil er glaubte, es müsse uns besondere Freude machen, den zapfenstreichstellvertretenden Kanonenschuss zu hören und zu sehen, wie mit Gedankenschnelle die grosse Laterne auf des Mastbaums Spitze hinaufgehisst ward ... und wenn Fremde in lyrischer Begeisterung für venetianische Nächte sich die grosse compagnia der cantatori bestellt hatten, um mit Sang und Klang und alten Fischerliedern hinauszufahren in canal grande, da ruderte Valentino uns leise, leise im Schatten der Nacht mit zur Seite, dass kein Ton verloren ging, wenn der wunderliebliche Refrain »o Venetia benedetta non ti voglio mai lasciar!« ertönte oder unter dem dunkeln Bogen des Rialto ihr lomm! lomm! lomm! widerhallte, und legte seine Gondel lauschig der der Besteller zur Seite und blitzte wieder ab und lachte wie ein Student, der mit Erfolg ein Collegium geschossen hat, wenn er dann nachrechnete, wie viel die Organisatoren der Sängerfahrt für dieselbe zu zahlen hätten und wie billig sie uns gekommen war. Und allmählich hatte sich der Gute so daran gewöhnt, uns zu fahren, dass er es für eine Art von Rechtsanspruch hielt, und wenn wir je länger auf uns harren liessen, kam er bis auf den Marcusplatz zum Café militare, wo sich selten ein Gondolier hinwagt, und sah nach, wo seine Signori steckten ... und wenn wir je mit einem andern von anderen Stadtregionen gefahren kamen, machte er noch Tags darauf ein verstimmt Gesicht und rief seinen Ausweichruf höh-primiöh! wenn's um ein Eck ging, mit ganz anderem Ton denn sonst. Und das sollte itzt alles ein Ende nehmen! Mit wirklicher Trauer im Antlitz trug Valentino der Biedre unsre roba in die Barke ... addio padrona! addio palazzo Canal! zum letztenmal ging's den bekannten Wasserpfad entlang in canal grande, im Frührotschein glänzten die altersgrauen Prachtgebäude, ... meinem Liebling, dem feinsten aller venetianischen Paläste, der cà d'oro mit ihren schlanken Bogen und zierlich gotischen Balkonen und Fenstern und Zinnen noch ein Blick ... weiter wie im Traum ging's bis an die Eisenbahn. Wie aber Koffer und Sack und Pack hineingeschafft war, da stand Valentino noch eine Weile vor uns, er wollte was sagen und wusste nicht was, oder wie es ausdrücken, denn ein venetianischer Gondolier kann besser mit dem Ruder umgehen als mit der Sprache. »Ebben Valentino, a riveder!« sprach ich. Und sein Antlitz heiterte sich: »'tornano i signori?« frug er. – »Sicuro!« – da zog sich ein frohsames Lächeln über seine Lippen, und er lupfte die Mütze und schwang sie noch in der Barke zum Gruss auf Wiedersehen. Fahr wohl, du braver Gondolier, Gott geb' dir noch manch gutes Jahr und padroni, deren Börse mit schwereren Talern gefüllt ist als die unsere. 4. Über den Gardasee nach Riva. Seit dem August 1849, wo allerdings auch manch ein Biedermann mit dem unbestimmten Gefühl »Nix wie naus!« aus Venedigs Toren gezogen sein mag, hat die lombardisch-venetianische Eisenbahn wohl selten zwei Männer mit negativerem Reisezweck westwärts befördert, denn uns. »Gottlob dass wir draussen sind!« sprach ich, als die riesige Lagunenbrücke hinter uns lag, und wiewohl die sumpfige verfieberte terra ferma bei Mestre noch keineswegs so aussieht, dass ein meergeprüfter Mann, wie einst Anchises der Alte beim ersten Anblick der Italia humilis, sie mit Geschrei und Austrinkung eines gebauchten Mischkruges begrüssen möchte, so tat ich doch einen lufteinsaugenden langen Atemzug, wie einer, dem ein böser Alp vom Hals sich gelöst. Aber schwach und krank waren wir allbeide noch, gleich dem verlorenen Sohn in der Ballade eines neueren Dichters: Und wie er endlich Abschied nahm von Babylon Da war's ihm wirklich ziemlich miserabilon. ... Sie war in Mestre mit andern Damen eingestiegen. Sie war allerdings von einer eigentümlichen Schönheit ... regelrechte antike Züge, blasses, interessantes Antlitz, auf dem von jener dummen Impertinenz rotbackiger Gesundheit kein Atom zu finden war, ein klares, tiefes, unendlich wehmütig durchschneidendes Auge, schwarzes, reiches Haupthaar. Und die melancholifch ernsten Frauenköpfe, nach denen ein Künstler das Madonnenideal gestalten mag, sind in Italien wie anderwärts selten. Sie sprach italienisch und ein fremdartig klingendes Deutsch und reiste mit ihrer Mutter. Im Bahnhof zu Verona stiegen beide aus. »O weh!« sprach der Meister Anselm, der eine kühle Limonade trank, »es ist schon zu Ende!« Dasselbe hatte ich soeben schweigend gedacht. Aber sie nahmen ein neues Billett und stiegen wieder ein. »Donner und alle Wetter,« sprach ich, »sie fahren vielleicht mit uns über den Gardasee ...« »Eben denk ich daran,« sprach der Meister Anselm. Und wir versanken beide in Gedanken, jenseits Verona kam ein Herr mit flachsblondem Haar neben mich zu sitzen, auf dessen Hutschachtel stund: Wasserberger. Passagiergut. Meissen. »Ein unangenehmes Land, das Italien,« bemerkte er, »wenn man die Sprache nicht kann.« Ich gab ihm keine Antwort. Als die hohen Berge des Gardasee in blauer Ferne aufstiegen, machte er einen zweiten Versuch: »Ob's dort wohl schon Gemsen gibt?« fragt er. Da sprach ich wie ein Geistesabwesender: »höh-primiöh!« Es war der Warnruf Valentino des Gondoliers, der bedeutet, dass Barken, die ums Eck fahren, schleunigst ausweichen sollen, sonst gibt's ein Unglück! ... Es muss etwas Bedeutsames im Ton gelegen haben. Herr Wasserberger machte keinen dritten Versuch, sondern wandte sich einem Manne zu, der zwei Eulen in einem Käfig auf dem Schoss trug und ihm in kroatisch gefärbtem Deutsch einige Antworten gab, aus denen mit Evidenz hervorging, dass er die Fragen nicht verstanden. »Peschiera!« rief der Kondukteur. Wir erhoben uns, als wenn wir noch etwas zu erwarten hätten. Und siehe! die graue Mantille, an der unsere Blicke schon so lange hafteten, erhob sich auch ... Wir fuhren zusammen über den Gardasee. »Ein schönes, blaues Wasser,« sprach ich zur Kammerjungfer, »Sie reisen wohl nach Deutschland?« »Verzeihen S',« sprach sie, »die gnädige Herrschaft hat nach Venedig gewollt, aber wegen der Cholera hat sie beschlossen, umzukehren und geht nach Rütte bei Botzen in die Sommerfrische.« Warum ist die erste Wirkung der Lieblichkeit die, dass man sie flieht? dass man sich fern hält wie ein Abgestossener, während man angezogen ist? Und sie stand inmitten des Verdecks mit ihrer Mutter, und ich bot ihnen meinen gepolsterten Feldstuhl an und ging schleunigst nach des Schiffes Hinterteil zum Steuermann, wie einer, der eine böse Tat verübt. »Sie geht nach Rütte bei Botzen,« sprach ich zu meinem Gefährten Anselmus. »Wie weit ist Botzen vom Castell Toblino?« fragte er. Und wir sassen wieder in Gedanken versunken, er am Schiffsgeländer mit blassem Antlitz in die Flut starrend, ich auf einem Bündel Tauwerk, den Shawl umgeschlagen. Die Insel Catulls mit ihren niedern Linien zog an uns vorbei, und wiewohl ich im Vorbeifahren flüchtig überdachte, welch ein Unterschied zwischen der Lyrik des römischen Sängers der Lesbia und der Emanuel Geibels stattfinde, war mir's doch schier zu Mut, als wollt' ich selber ein recht süsses Lied anfertigen. Wem zu Ehren? ... Aber eine Welt von Bildern stieg auf ... Berge bei Botzen und sinnige Spaziergänge und leise Begegnung, Fussfall und Seufzen, sprechen Sie mit der Mutter ... es reimte sich nichts. »Woran denken Sie?« fragte ich barsch den Meister Anselmus. »Ich überlege,« sagte er, »dass ein Künstler eigentlich nur eine Frau haben darf, die als der Ausdruck und die Vollendung der Schönheit ihn umschwebt wie ein stetes Ideal, immer neue Gluten anfachend, wenn der Funke der Begeisterung im scharfen Luftzug des Lebens zu erlöschen droht. Und Sie?« »Ich habe überdacht, ob die bekannten unsichern Revenuen eines Manns mit der Stahlfeder ihm gestatten, sich zu verheiraten.« Ob sie wohl herübersah, wie wir uns mit trübsinnig abgesägten Blicken gegenseitig anschauten, gleich zwei kleineren Propheten, die Klagelieder anheben? Die venetianische Sommerluft macht wirklich nervenleidend und krank. Goethes Werther hätte in diesem Augenblick herantreten und mit Schillers Worten sprechen können: »Ich sei, gewährt mir die Bitte« ... ich wäre zu schwach gewesen ihn auszulachen. Und die Limonenpflanzungen der Ufer entrückten sich dem Auge, die mächtigen Felswände, die des Sees oberes Ende umschliessen, kamen näher – wir sassen in mitleidswertem Schweigen. Fünfzehn Schritte Entfernung – und die einzige Gelegenheit sich zu nähern ... und unbenutzt! – Sie hatte uns bemerkt. Aber in Riva ging sie mit der Mutter ins albergo del Sole. Im Sole sind Kellner im Frack mit weisser Weste, und Marmorinschriften in den Zimmern, wo Majestäten übernachtet haben; »Künstler,« würde Foersters Reisehandbuch sagen, »ziehen den Giardino vor.« Wir gingen in Giardino. Nach Rütte bei Botzen sind wir seither nicht gekommen. Des andern Morgens sahen wir einen schweren Reisewagen landaufwärts fahren. Wenn der Wirt des Sole wüsste, was wahrhafte Majestät ist, müsste er in dem Zimmer, das ihr Fuss berührt, auch eine Marmorinschrift aufrichten lassen. Die Geschichte ist aus. – 5. Von beginnender Wiedergenesung und von Ponal. Im bairischen Gebirg bei Lermoos ward mir's seiner Zeit zu teil, fünf Knechte zu Mittag essen zu sehen, und ich lachte über die Schnelligkeit, mit der sie ihre riesenhaften Schüsseln getilgt hatten, ohne die drüber hingebeugten Häupter zu erheben. Wenn die fünf Knechte mich über dem späten Mittagsmahl in Riva erblickt, sie hätten Grund gehabt, mir das Lachen heimzubezahlen. Monate lang im Cholerahalbsold gefastet ... und jetzt, der bösen Atmosphäre entronnen, bei einströmender gesunder Seeluft, reichliche Gelegenheit, einzuhauen ... Die Mahlzeit von Riva hätte mich in Venedig drei Tage lang ernährt. Und wie wir des andern Morgens mit dem Haussohn des Giardino in stattlichem Kahn hinausruderten in die wundersam blaue Flut, da kam's über uns, als hätten wir einen langen bösen Traum geträumt und kämen itzt erst nach Italien, und wir warfen uns in die läuternde Woge und plätscherten angesichts der schauerlich hohen, schöngezackten Berge und der mit wahrhafter Frechheit in die schwindelnde Höhe hineingebauten Felsstrasse mit fischhaftem Behagen umher. Und die Sonne war so warm und die Ufer so unnahbar und die Kultur so fern, dass wir, wieder eingestiegen ins Schiff, gar keine Anstalten machten, unsere Toilette auf das Niveau europäischer Verhältnisse zurückzuführen. Und fuhren von dannen, ich im Hemd, Unterhosen und Stiefeln, der Meister Anselm lediglich im Hemd, der Haussohn des Giardino aber, wie ihn die Natur erschaffen. Und wiewohl er noch ein gar junger, tölpelhafter 17jähriger filius familias war, so waren doch schon gewisse Entwicklungen sehr stark und hausknechtsmässig an ihm vor sich gegangen, also dass es eines kolossalen Feigenblatts bedurft hätte, ihn für einen Antikensaal zu kostümieren. Da wir jedoch der Ansicht waren, dass ihm als Landeseingeborenem zukommen müsse zu wissen, wie weit das Minimum an Gewandung bei einer Fahrt auf dem Garda herabgestimmt werden dürfe, so unterliessen wir, ihm Bemerkungen über die Gesetze des Anstands zu machen, und liessen ihn in seiner grande tenue gewähren. Und wie sich in Italien so vieles von selbst macht, ohne dass es planmässig vorgesehen wird, so ruderten wir, statt nach Haufe, vorwärts längs dem felsumdämmten Ufer. An einem kleinen gestrüppbewachsenen Abhang stand ein behauener Stein wie ein Meilenzeiger. Weil nirgendwo Gelegenheit eines Weges ersichtlich, befragte ich, was der Stein bedeute. – »Von dort an,« sprach der nackte Haussohn und deutete südwärts, »darf man Singvögel fangen und totschiessen, bis hieher ist's streng verboten.« »Warum das?« fragte ich weiter. »Weil hier die Grenze zwischen Deutschland und Italien ist,« sprach er. Ich dachte an das Schicksal so manches deutschen Poeten, und fand es sonderbar, dass man es hierlands als Kennzeichen Deutschlands betrachte, dass auf deutschem Boden die Singvögel nicht gefangen werden dürfen ... »Wir wollen noch bis zum Ponal fahren,« sprach der Jüngling von Riva und ruderte mit Macht ins italienische Seegebiet. Der Ponal ist eine verlassene Uferstation, wo einst die Männer aus dem Ledrotal ihre Schiffe in kleiner Höhlenbucht anlegten und ihre Bergpfade hinaufklommen, eh die neue Strasse gezogen ward ... jetzt steht das Haus und die Schiffslände verlassen, die Mauern in Trümmern, üppiges Strauchwerk und Feigenbäume wuchern drüber, enges Tal gleich einer Kluft spaltet die senkrecht himmelanstürmenden Kalksteinwände, ein Bergstrom braust hervor und stürzt, von braunen Felsen überdämmt, in schäumendem Wasserfall in den See. Und ohne an weiteres zu denken, sprang ich aus der Barke und stieg hinauf in das wildgewaltige Schauspiel der Natur, und beugte mich hinab, den Wassersturz zu erschauen, da stand ein Regenbogen, wie ihn die Göttin Iris mir einst in sonniger Jugend am Fall des Velino beim ersten italischen Pilgerzug schimmernd aufgebaut, und alles glänzte im tauigen Flimmer schief einfallender Sonnenstrahlen ... dieweil ich drunten jubelndes Geschrei der Gefährten hörte, die mit der Barke einlaufen wollten in den tosenden Kessel des Falles und vergeblich mit kräftigem Ruderschlag ankämpften wider die entgegen brausende Flut. Aber ein klagender Aufschrei weiblicher Stimme schreckte mich aus meiner schweigenden Freude auf; hoch oben auf selten beschrittenem Saumpfad ward, getragen von sicherem Maultier, ein gewürfeltes Damengewand sichtbar und ein breitrandiger Florentiner Strohhut ... andere Maultiere, andere Gestalten, noch ein Schrei und ein dritter, und alles wandte sich und verschwand. Ich schaute empor und schaute zum See und beschaute mich selber ... eine furchtbare Ahnung stieg in mir auf; die Ahnung ward zur Gewissheit; ich mass das Terrain mit sicherem Blicke – der Ponal steht in Murrays rotem Buch – von oben haben sie heruntergeschaut – ein Mann fröhlich in Unterhosen und Stiefeln an den Trümmern des Stationshauses – in See haben sie geschaut, da kommt die Barke aus dem Felsenkessel hervor, ein Mann im blossen Hemd sitzt auf der Ruderbank ... die Barke gewinnt das Freie, der Jüngling aus dem Giardino blank wie ein Meergott am Steuer ... Unglückselige Tochter Albions, was magst du an jenem Tage in dein Tagbuch eingetragen haben?! Unglückselige Tochter Albions, ich begreife die drei Schreie. – 6. Castell Toblino. »Es war an einem heissen Sommernachmittage,« würde eine Novelle im alten Stil beginnen, »als zwei junge Männer in einem einfachen einspännigen Fuhrwesen auf staubiger Heerstrasse in die Gebirge einfuhren, die sich zu beiden Seiten des wilden Sarcatales als letzte Ausläufer südtirolischer Alpen der lombardischen Ebene entgegenstrecken. Der Sommernachmittag war noch fortdauernd heiss, als die Strasse, die Sarca zur Linken lassend, an einen See führte, der in massigem Umfang die Breite des Tales ausfüllte. Aus diesem See stieg auf felsig emporragendem Terrain, das durch schmale Landzunge mit der Strasse verbunden ist, ein wohlerhaltenes Castell mit Turm und hochaufgebautem vielstockwerkigem Wohnhaus sonnenbeschienen empor zu den fahlen oder mit spärlichem, ewigem Grün bewachsenen Bergwänden, die sich senkrecht über ihm emportürmten, einen pittoresken Seevordergrund bildend. Der unterste Bergabhang war von einer reichbebauten Vignenanlage mit Maulbeerbäumen und Oliven ausgefüllt, ein halb Dutzend schwarzgrüner alter Cypressen hob sich als finstere Zierrat aus dem freundlichen Grün des Gartens. Die zwei jungen Männer bogen mit ihrem Fuhrwesen von der Strasse ab und fuhren auf der Landzunge längs schilfbewachsenen Seeufers dem Castell entgegen. Eine mit Zinnen und Schiessscharten wohlversehene Ringmauer umschloss den Burgfrieden; ein offener, nicht allzuhoher Torbogen gestattete die Einfahrt. Das Fuhrwerk hielt im Hofe. Auf den Zügen der Neuangekommenen drückte sich eine ungewisse gespannte Erwartung aus. »Werden wir hier das gewünschte Obdach und Gelegenheit erfrischender Villeggiatur finden? Wer wird der Herr und Meister dieses mittelalterlichen Anwesens sein? Ein alter Landedelmann, der mit vorsündflutlicher Verachtung auf landfahrend fremdes Volk niederschaut? Eine junge Witwe? Ein mit Welschkorn und Olivenöl grosse Geschäfte machender possidente, wie sie in diesen Regionen so häufig vorkommen und in ihren kurzen Camisolen und abgebrannten Kostümen eine so eigentümliche Mitte zwischen galantuomo und Strolch darzustellen wissen? ... »Chi lo sa!« »Wir wollen rekognoscieren!« sprach der eine der beiden. Und sie schritten den schiefrigen Felspfad empor und standen bald vor dem Portal des Castells. Verblichene Malerei eines Wappens war unter einem einfachen Erker sichtbar. Ein finsterer Gang führte ins Innere der Behausung; alte, rauchgebräunte Säulen, denen als Fussboden der unzugehauene, verwitterte Felsboden diente, standen als Träger einer geschwärzten russigen Halle vor einem offenen inneren Hofe; an der einen Wand eine rissige römische Inschrift eingemauert, an der andern Reste von Arabesken und freskogemaltem heraldischem Getier, eine luftige leichte Loggia, von zierlichen toskanischen Säulchen und Rundbogenstellungen überbaut, zog sich um das zweite Stockwerk ... ein Stück blauer Himmel schaute sparsam auf den dunkeln Geviertraum. Und die jungen Männer sprangen fröhlich die breite Treppe hinauf, denn solch ein Gebäu schien lediglich für sie und mit Beziehung auf sie in den grünen See hineingestellt ... und sie stiessen einander an und sprachen: »die Sache macht sich!« In der Loggia oben sass allerhand fremdartig aussehendes Volk, und ein neugierig schmuckes Frauenantlitz schaute ihnen entgegen. »Dove il padrone di casa!« fragten sie, und man wies sie in einen hohen, luftigen Saal, zu dessen Fenstern glänzte der See in tiefgrüner Farbe herein, am einfachen Tisch waren Messinstrumente gelagert und tranken etliche vorüberstreifende Geometer ihren Wein, und bei ihnen ging, die Hände auf den Rücken gekreuzt, im weissen, hausväterlichen Negligéekittel der Alte, von dem unser Schicksal für die nächsten Wochen abhängen sollte. Der Alte hatte ein dunkel gefärbtes Antlitz, das weniger von südlicher Sonne gebräunt als von südlichem Wein gerötet schien ... halb Schlauheit und halb Wohlwollen lag auf seinen Zügen ... um den Mund aber ein Vertrauen erweckendes Schmunzeln. Die zwei jungen Männer nahmen eine prüfende Position ein und bestellten einen Trunk vino santo, den man ihnen als der Gegend preiswürdigstes Erzeugnis gepriesen. Wie aber der vino santo mit seinem goldbraunen Feuer ihre Lippen erwärmt, da waren sie im Innern eins, dass hier nur im Fall evidentester Unmöglichkeit an einen Rückzug zu denken sei – und eröffneten dem Alten ihr Begehr und Absicht der Einlagerung. Und Giacomo Sommadossi der Alte musterte sie mit einem sachverständigen Blicke und sprach das grosse Wort »hm! hm?!« und ging mit rückwärtsgefalteten Händen und grossen Schritten im Saal auf und nieder. Da glaubte einer der beiden, ihm noch nähere Aufklärung über Zweck und Art ihres Lebens geben zu müssen und sagte: »wenn auch keine forestieri hier beherbergt zu werden pflegen, wir werden keine Störung ins Haus machen, siamo artisti ...« »Pittori?« sprach Sommadossi der Alte, »ah! hm?!« es klang sehr bedenklich. Er fand nicht für gut, einen Bescheid zu erteilen und wandelte hinaus in die Loggia. Es trat eine lange Pause ein; die beiden jungen Männer hatten ihren vino santo getrunken, der Vetturin kam herauf um nachzusehen, ob er das Gepäck zu bringen habe, da ging der eine wieder auf Suchung des padrone. Er stand in einem Eckfenster und schaute in den See. »Ebben, Signor padrone, come sta la nostra combinazione?« »Un caso singulare,« sprach Sommadossi der Alte. »Singulare ... perchè?« »Figliuole in casa ... donne giovinette in casa!« sprach er, »e pittori?!« Sommadossi der Alte schien seine eigenen Ansichten über den Fall zu haben, da Maler und junge Mädchen unter ein und demselben Dach zu leben kommen ... Aber wie noch ein grosser Sturm auf sein zweifelndes Gemüt gemacht und erklärt war, dass deutsche Maler und Jünglinge überhaupt die brävsten Leute der Welt seien und keinem Kind, geschweige einem im Castell Toblino wohnenden Mägdlein das geringste Leid zuzufügen imstande ... da erweichte des Alten Herz und er sprach »vedremmo!« – Nach fünf Minuten sahen die jungen Männer, dass in einem grossen Zimmer neben erwähntem Saal eine Anzahl Kisten mit gelber roher Seide, die herumhing, verpackt und geschlossen wurden ... nach zehn Minuten stand ihr Gepäck und sonstige fahrende Habe in diesem grossen Zimmer, und sie waren Bewohner des Castell Toblino. »In pochi giorni saremmo come figli di casa,« sprach des Abends einer der beiden zu Sommadossi dem Alten. »Ringrazio!« sprach er schmunzelnd. – Ringrazio kann in diesem Fall bedeuten 1) ich danke für das Kompliment. 2) ich danke dafür! – In welcher Bedeutung Sommadossi der Alte es nahm, war nicht zu ermitteln. 7. Castell Toblino des weiteren. In der grossen Stube stand ausser den Kisten mit Rohseide auch ein altertümlicher Schrank, den ein grüner Vorhang geheimnisvoll überdeckte. Ich lüftete den Vorhang; es war ein Bücherschrank. Ich tat einen Griff hinein; aber wer in einen Bücherschrank greift, teilt das Schicksal des Fischers, der auf Gratewohl seine Angel in den See taucht: es kommt auf den Zufall an, ob er eine Forelle herauszieht oder einen Weissfisch. Ich zog Ahrens Naturrecht heraus. Corso di diritto naturale, o di filosofia del diritto privato e publico, di E. Ahrens, versione eseguita del Professore Vincenzo de Castro. Milano 1851. Ich schlug den ersten Band auf und las: »Das öffentliche Recht wird in Hinsicht auf seine Quellen eingeteilt in philosophisches öffentliches Recht und in positives öffentliches Recht ... Das philosophische öffentliche Recht entwickelt die Fundamentalgrundsätze des sozialen Lebens, indem es übereinstimmend mit ihnen eine ideale politische Organisation darstellt, die zwar noch nicht existieren kann, die aber, weit entfernt ein einfaches Erzeugnis der Einbildungskraft zu sein, das unverrückbare Endziel ist, welchem allmählich, wenn auch mit Langsamkeit, alle vorhandenen Organisationen entgegenstreben ...« (p. 139). Ich schellte heftig mit einem vorhandenen Glöcklein. Ein alter Knecht des Hauses, der, seinem Dunstkreis nach zu schliessen, mehrfach der Stallarbeit oblag, erschien. »Cosa commanda il Signore?« frug er. »Noch ein Glas vino santo,« sprach ich und reichte ihm Ahrens Naturrecht, übersetzt von Vincenz de Castro, »und stellen Sie dieses Buch dort an seinen Platz.« Sommadossi der Alte begann, uns ein interessantes Problem zu werden: Besitzer eines Schlosses am schönsten, grünen Alpensee, Pflanzer eines vino santo, der dem cyprischen an Glut gleichkommt, Menschenkenner von Distinktion, der über den internationalen Verkehr der Mädchen seines Castells und der fremden Maler gegründete Bedenken hegt ... und Anhänger von Ahrens Naturrecht!! Ich dachte an die langen Winterabende, die den Menschen diesseits wie jenseits der Alpen zu mannigfachen Extravaganzen verleiten ... es blieb mir unklar. Es war noch lang bis zum Abendimbiss. Darum griff ich ein zweites Mal in den Bücherschrank, aber diesmal nicht ohne Vorbedacht. Es ist immer löblich, zu wissen, wo man ist, wenn man auch nicht immer weiss, warum man da ist. Statistica del Trentino hiess das Buch, das ich diesmal herausholte. Und ich las mit Befriedigung unter dem Buchstaben T: »Toblino, altes römisches Castell auf einer Halbinsel des gleichnamigen SceS, der eine Länge von 1500 pertiche hat und in der südlichen Ebene des Tals von Vezzano zwischen den Ortschaften Padergnone und Sta. Massenza und dem Fluss Sarca liegt. Eine römische Inschrift bezeugt die Existenz dieses Ortes in jenen Zeiten. Es kam im Verlauf an eine Familie, die sich nach dem Castell selber benannte. Ein Odorico di Toblino wird in einer Urkunde von 1124 erwähnt, im Jahr 1161 kommt ein Otto mit seinem Neffen Federigo und in den Urkunden von 1204-1233 häufig Herr Turiscendo di Toblino vor. Dies Schloss fiel sodann an das Haus derer di Campo, die es mehrere Jahrhunderte durch inne hatten, und ist gegenwärtig ein possedimento rurale derer von Wolkenstein zu Trient. Die ruhige Einsamkeit dieses Castells, welches seine Türme in den durchsichtigen Gewässern eines Sees spiegelt, die von Oliven und immergrünem Gebüsch bewachsenen Hügel, die ihn umgürten, die kolossalen Felsen des Monte Casale, die sich im Westen des Sees erheben, bilden ein landschaftliches Ganzes, das zu den anmutigsten und eigentümlichsten des Trentiner Gebiets gehört. Toblino bildet einen Teil des Territoriums von Fraveggio, Gerichtsbezirk Vezzano, Landhauptmannschaft (capitanato) von Trient.« Wiewohl ich nun aus einer Notiz der dieser Statistik vorausgeschickten Geschichte der Gegenwart, wonach im April 1848 das badische Heer 8000 Insurgenten verloren, die im Elsass das Volk mit republikanischen Drohungen beunruhigten ... (le truppe badesi disperdone 8000 insorti, i quali nell' Alsatia agitavano il popolo con mene republicane, St. del Trento I. 197) genügenden Aufschluss über die Präcision erhielt, mit der besagte Statistik gearbeitet ist, legte ich sie dennoch mit einem Gefühl historischer Pietät aus den Händen. Von den römischen Kriegstribunen, die hier dereinstmals den Ausgang des Tals Judicaria bewachten, bis auf Oderich von Toblino ... von Oderich di Toblino bis auf Ahrens Naturrecht ... welch eine Fülle von Geschichten! Die Weltgeschichte wird ja nur dann reich, wenn sie im engumschriebenen Rahmen bestimmter Örtlichkeit betrachtet wird. Ich ziehe das kleine Detail dem grossen Nebel vor ... . »La cena!« sprach das Mädchen, welches inzwischen den Tisch gedeckt hatte, und brachte eine mit weissem Tuch verhüllte Platte. Nach feierlicher Enthüllung erschien eine gelbe, zusammenhängende, schneidbare Masse, deren Geschmack undefinierbar bleibt. Es war polenta. In diesem Fall wäre mir trotz meiner Vorliebe für Traditionelles und Lokales doch ein Stück universalen Kalbsbratens lieber gewesen. 8. Sonntag. In der Früh des andern Morgens weckte ein Glöcklein mit hellem Klang aus dem Schlummer. »La messa!« rief das dienende Mägdlein Carolina zur Tür herein. Und wie wir geruhig die müden Gebeine weiter strecken wollten, kam sie ungeduldig herein und rief zum zweiten: »ma presto Signori, la messa!« Und ich besann mich, dass wir in Südtirol waren, dem Land der Wunder und stigmatischen Heiligen, und besann mich auf das, was Heinrich IV. einst gesagt, da sich's drum handelte, ob Paris sein werden sollte, und fuhr in die Kleider, um der Einladung Folge zu leisten. »Vi abbiam aspettato,« sprach Sommadossi der Alte, da ich in den Saal kam. Er wandelte mit einem Kapuziner auf und ab und sprach's mit einem Ton des Vorwurfs. »E 'l vostro compagno?« – »E protestante,« sagte ich. »Hm? ... hmmm!« murmelte Sommadossi der Alte. Seine Beziehungen zu Ahrens Naturrecht wurden mir mehr und mehr rätselhaft. Das Castell Toblino hat, angebaut ans Portal, eine einfache Kapelle. Jeden Sonntag schickt das Kloster von Arco einen Kapuziner, der Schlossbewohnerschaft Gottesdienst zu halten. Wer hier keinen Kalender hat, kann die Zeit nach den Gestalten der Mönche berechnen, die ihm sonntäglich erscheinen. Wenn der fünfte Kapuziner kommt, ist wieder ein Monat dahingeschwunden. Der ländliche Kultus, in welcher Form auch immer er auftritt, hat etwas Rührendes, Einfach-Grossartiges, das keine Funktion in St. Peter zu Rom mit all ihrem Prunk und Glanz erreicht. – Nach der Kirche sass ich im grossen Saat. Der Kapuziner von Arco fing ein Gespräch an; er war ein feiner Kopf, unterrichtet in dem, was ihn anging, alles andere existierte nicht für ihn, ausser als Teufelswerk; eine Überzeugung, hart wie das Gestein seiner Berge – und eine plebejische Kraft ... mit solchem Material ist etwas auszurichten. nach kurzem Eingang war er bald bei der Sache. »Ihr reiset mit einem Gefährten, der einer Sekte angehört, die zur Hölle verdammt ist,« sprach er. »Wir haben in Deutschland 30 Jahr Krieg geführt, als man dachte wie Ihr,« sagte ich, »jetzt ziehen wir den Frieden dem Krieg vor und lassen einander gewähren.« »So redet der Teufel, der die Gemüter lau macht,« sprach er. »Möglich,« sagte ich. Wir kamen auf Trient zu reden. »Wenn die Väter, die dort zum Concil versammelt waren, vor 300 Jahren mehr an die Liebe als an die Scholastik gedacht, und nicht nach Einflüsterungen der römischen Legaten und ganz seltsamen Motiven ihre Aufgabe gelöst hätten, könnte viel anders sein,« sagte ich. Leider hatte ich in Venedig des gewaltigen Historikers Sarpi Geschichte des Concils studiert und konnte ihm mit schlimmen Details aufwarten. »Woher wisst Ihr das?« fragte er. »Es hat mich interessiert.« »Ihr seid auch ein Ketzer,« sprach der Mönch, »man muss nicht zu viel wissen.« – »Was werdet Ihr später sein, wenn Ihr in die Heimat zurückkommt,« frug er im Verlauf des Gesprächs. – »Ich weiss nicht,« sagte ich, »am liebsten Professor.« »Ah so,« sprach der Kapuziner, »professore d' encyclopedia, professore d' universalità, professore di toleranza ... e poi con Voltaire nell' Inferno.« »Warum das?« fragte ich. »Weil Ihr von allem etwas wisst und von der Hauptfache nichts,« sagte er. Er war weit entfernt, zu glauben, dass er mir Grobheiten gesagt; er sprach, weil es so seines Amtes war. Ich versicherte ihn meiner Hochachtung. Wie ich mich bei ihm verabschiedete, murmelte er ein Gebet zur Madonna, dass sie alle armen Seelen erleuchten möge zur Umkehr, die den Pfaden der Verdammnis entgegenschritten. Warum ich dem Frate von Arco nicht bös sein konnte? ... Weil ich in diesen Zeiten der wechselnden Passatwinde und Interessenrechnungen und diplomatischer Haarspalterei an allen meine Freude habe, die ihrer Sache so sicher sind wie dieser Kapuziner. »Was wollt Ihr,« hatte er zu mir gesagt, »tut Gott nicht heutzutag noch ebenso sehr seine Wunder wie ehdem? Wir Kapuziner alle sind ein Wunder Gottes; wir haben nichts als unsre Sandalen am Fuss und die Kutte am Leib, und den Glauben an ihn, und er sorgt für uns und schafft uns Speise und Trank und Obdach, und wiewohl wir die Ärmsten der Schöpfung sind, sieht uns jedermann gern über seine Schwelle treten und setzt uns zu oberst an seinen Tisch! Maraviglia di Dio!« Nach 14 Tagen kam derselbe Fra Serafino wieder ins Castell. Er hatte mit dem, an dem die Reihe war, getauscht. Er kam schon Sonnabends und brachte eine riesige Angel mit; ein weisses Schnupftuch ums Haupt gebunden, stand er in seiner braunen Kutte trotz Sonnenglut und Mittagshitze am See und fischte, dass Stefano der Knecht griesgrämig sagte: »benedetto questo frate, wenn unsereins die Angel stundenlang auswirft, kommt gewiss das miserabelst kleinste Fischvolk von weit und breit, und ihm schwimmen die Karpfen und Forellen zu, als müssten sie ihre Andacht bei ihm verrichten.« Des Abends klopfte es auf unserer Stube, und er trat herein ... es habe ihn getrieben, nach dem Befinden der fremden Signori zu sehen, sagte er. Er war freundlich und wohlwollend in seiner Art. Wir luden ihn zu einem Glas vino santo ein. Er trank, aber nur, um höflich zu sein. Wir zeigten ihm Bilder und Photographien von Venedig und erzählten ihm von welschen und deutschen Dingen. »Eines ist wahr,« sagte er, »man lernt viel bei Euch in der Jugend.« Wir stiessen mit ihm an. Er begann, gemütlich zu werden. »Ich hege nur den einen Wunsch,« fuhr er fort, »dass wir dereinst selbdritt im Paradies zusammen sitzen könnten, so einmütig und herzlich, wie hier auf dieser Stube.« »Hoffen wir es!« sprach ich zu ihm. »Es ist nicht möglich,« sagte er und setzte sein Glas ab. Die Leute im Castell hatten ihm zu seiner Erquickung ein Bad bereitet und riefen ihn ab ... Seine Mitbrüder, die vor und nach ihm sonntäglich allhier erschienen, mag ich nicht des Näheren beschreiben. 9. Von den Bewohnern des Castells. Herr und Meister des Schlosses ist der Graf Pius Wolkenstein in Trient. Wie es aber überall zu gehen pflegt, wo das Auge des Herren nicht selbst wacht, und wo ein rechtschaffener Verwalter seine Pflichten gegen seinen Mitmenschen mit denen gegen sich selbst in gehörigen Einklang zu setzen weiss, ist auch hier besagter Graf Wolkenstein in Hintergrund gesetzt, und sozusagen auf seinem eigenen Schloss Hintersass geworden, während sein Administrator Sommadossi sich drin eingenistet und ausgebreitet hat, wie der Golem in der arabischen Sage. Daher ist der eigentliche Padron des Castells Sommadossi der Alte, und dem Grafen sind sozusagen um Gotteswillen noch etliche Zimmer freigelassen für den Fall seines Besuches. 1. Von Sommadossi dem Alten. Wer ihn so sieht zum ersten Male, wenn er in seinem linnenen Frackwams schmunzelnd die Halle auf und nieder schreitet, das rötliche Antlitz mit den klugen Augen und den Ohrringen etwas zu Boden gesenkt, der ahnt nicht, welch ein schlauer weltgetriebener Geschäftsmann in dieser harmlosen Hülle steckt. Aber wer auf dem Markt des Lebens ein reicher Mann werden will, der muss bei diesem alten Knaben in die Schule gehen ... er hat's verstanden, Land und Leute abzugrasen. Administrator des Grafen Wolkenstein, Besitzer grosser eigener Campagnen, Inhaber eines Poststalls, Aktionär bei der Omnibuswirtschaft und dem Gasthof Europa in Trient, Mitunternehmer beim Bau der Sarcastrasse, Eigentümer einer Sägmühle und zweier Locanden in Padergnon, wo er seinen selbstgepflanzten Wein absetzt, Direktor der im Castell etablierten Seidenspinnerei, ... kein Wunder, dass einer vergnüglich lächelnd in die Welt schauen kann. Mit den Kapuzinern von Arco steht Sommadossi der Alte auf einem ausgezeichneten Fuss ... er setzt sie oben an seinen Tisch und hängt ihnen das Messgewand in der Kapelle persönlich um und schickt ihnen jährlich seinen Tribut an Rotwein ... das schafft Kredit bei Gott und den Menschen. Seit wir seinem vino santo die gebührende Ehre erzeigt und den conto zweimal in Gold bezahlt haben, ist auch seine Anficht von den Repräsentanten der freien Künste eine bessere geworden. 2. Von Sommadossis Söhnen,. a) die auswärtigen: aa) Der Theolog ist Kurat im Gebirgsdorf Aransch, wo die Füchse und Eulen einander gute Nacht sagen, und kommt wöchentlich auf seinem Maultier herabgeritten, um sich beim Alten ein weniges herauszufressen. bb) Der Soldat war ein Taugenichts und ist von wegen falscher Liebe unter die Kroaten gegangen. Von seiner Hand steht ein Vers an der Saaltür angeschrieben: addio mia bella addio! l'armata se ne va. Se non partissi anch' io Saria una viltà! Monatlich regelmässig eintreffende Briefe aus der Garnison Bregenz, Zuschuss von 20 bis 50 Gulden zur Kadettenlöhnung betreffend, erinnern Sommadossi den Alten an die Existenz dieses Sohnes, b) Die Anwesenden. aa) Candidus der Postverwalter hat eine schöne junge Frau aus Drô; bei der Hochzeit wurde ihm ein auf Velin gedruckter Festgesang überreicht, der den feierlichen Wunsch enthält: »E fia la tua vita un solo amplesso!« und da ein Postverwalter im Sarcatal noch mehr Musse hat als einer im Reich draussen, so bestrebt er sich, in Erfüllung seiner Menschenpflichten diesen Wunsch zur Realität zu machen. bb) Emiliano. Wie oft sah ich ihn wandeln, den blassen Jüngling mit dem wehmütigen Lächeln um die unschönen Lippen, in seiner breiten Sommerkappe und mit dem eleganten Stöckchen – und ward mir nicht klar, was in dieser weiten Natur einen Menschen so betrübt und seelenleidend machen kann. Und der Chirurg von Calavin kam eines Tages von seinen Gebirgen niedergeftiegen und setzte ihm ein Dutzend Blutigel an die Nordseite des sterblichen Leichnams, da blieb er etliche Tage zu Bett, aber das Leiden war nicht gehoben und er geht wieder so verstört niedergeschlagen einher, wie ehedem ... Aber wie ich ihn eines Abends ansprach, und er mir mit dem unnachahmlichen Lächeln der Wehmut mitteilte, dass er ... Rechtskandidat sei und im Herbst nach Innsbruck ins Examen müsse: da war mir alles, alles erklärt ... Ahrens Naturrecht und unheilbare Schwermut und innerliche Hämorrhoiden ... und ich suchte ihn zu trösten und sprach: »niente paura! Wenn's auch jetzt Mühe und Not kostet, Signor Emiliano, desto schöner ist der Lohn. Sie müssen erst in die Praxis kommen, Signor Emiliano!« Und er drückte mir die Hand und grüsst mich seitdem viel freundlicher als sonst ... aber der Umstand, der Umstand ... 3. Von Sommadossis Tochter. Sie heisst Pedronilla und ist neunzehn Jahre alt; an Werktagen trägt sie ein rotbraunes Kleid, an Sonn- und Feiertagen ein grünes mit drei Volants und dazu einen Sonnenschirm. Im Anfang kam des Abends unsere Cameriera und sprach: »a detto cosi la Pedronilla: che godano d'una felicissima notte i dui Signori« ... und wir fuhren sie in der Barke über den Toblinosee. Jetzt richtet die Cameriera abendlich keinen Gruss mehr aus, und wir fahren ihre Herrin nicht mehr in der Barke ... Varium et mutabile semper femina! 10. Von den Bewohnern des Castells. Fortsetzung. Nachdem von den Herren gesprochen worden, ist billig, auch der Diener zu gedenken. Welch ein neckisch Schicksal musste mich auch an diesen Ort verschlagen, wo eine Trias von Hausknechten in friedlich abgeteilten Sphären der Tätigkeit sinnig waltet! ... Sei's denn! 1) Der lombardische Hausknecht. Respekt vor der Würde! In blauer Bluse wandelt ein Mann allabendlich mit der Stalllaterne über die Landzunge, die das Castell mit der Heerstrasse verbindet. Der Mann trägt das Haupt hoch und ernst, ein grauweisser langer Bart umschattet sein kluges Antlitz ... wie aus dem Bild eines alten Meisters herausgeschnitten steht er in der modernen Welt; Tintoretto wird er von uns genannt, denn seine Züge gleichen aufs Auffallendste denen des farbengewaltigen Venetianers, wie sie auf dem grossen Werk in der Akademie, das Wunder des heiligen Marcus an einem zum Martertod verdammten Sklaven, im Vordergrund abkonterfeit sind. Der Graubart stammt aus Verona; er war zu besserem Lose bestimmt und trägt der Verbannung Leid und Sommadossis Knechtschaft zugleich ... er meidet die Gemeinschaft der andern, in der Kirche wird er nie gesehen. Wir grüssen uns achtungsvoll. Respekt vor ihm! 2) Der welschtirolische Hausknecht. Er trägt in hoher Butte das Trinkwasser aus der Schlucht des Monte Gazza nach dem Castell und fegt und reinigt die Seifenfabrik, sieht auch wegen angestrengter Dienstleistung bei den Seidenspinnerinnen sehr angegriffen aus, trägt eine militärische Holzkappe als Erinnerung an früheres Soldatenleben bei den österreichischen Jägern, küsst den Kapuzinern die Hände und ministriert in der Messe. Sein Latein in den Responsorien hat etwas dialektischen Anhang. Sein Name ist Pietro. 3) Wer aber ist der blondbärtige, spitznasige einsame Träumer, der so wehmütig über die Schiessscharten der Hofmauer in den See hinabschaut, oder sich im Schatten des Stalles eine Streu schichtet, um mit unmutvollem Schnarchen seine müden Glieder darin zu begraben? Mitgefühl ergreift mein Gemüt, da ich Von ihm erzählen will, – von ihm, den die Ker und das schwarze Verhängnis in welsche Grenzmark verschlugen, von ihm, dem kein befreundet Echo antwortet, wenn er im schönen Land, dove il »Si« suona, sein zürnendes »Heiligkreuzmillionensternsak« ...! in teilnahmslose Lüfte erklingen lässt, von Johannes Bartolomäus Candlperger von Leifers, dem germanischen Hausknecht! Es war an einem heissen Nachmittage, da ich ihn im Schlosshofe ersah. Er trug einen roten griechischen Fes, die blaue Quaste nach hinten abfallend, und sah sich prüfend wie ein Feldherr an dem felsigen Terrain um. Kopfschüttelnd ging er von mehreren Punkten wieder weg. Endlich am Fuss der alten Rüster machte er Halt, die warf just einen Schatten, wie er ihn brauchte ... und er beugte sich nieder zur unsterblichen Mutter Erde und reckte seine Arme häuptlings und neigte sein Haupt und sprach ein so seufzend betrübtes »u ... aah! ...« dass es bis zu meinem Fenster herauftönte. Darum nahm ich aber auch Anteil an seinen Mussestunden, und nachdem er ausgeschlafen, winkte ich ihm vom Fenster und machte ihm durch Gebärden meine Absicht kund, ihm einen Rattenschwanz als Trost-Einsamkeit zu verehren. Diesen Rattenschwanz wickelte ich in ein Stück »Wiener Fremdenblatt« und warf ihn mit einem herzlichen »buon divertimento!« hinab, wähnend, einem welschen Mann eine Freude zu machen. Wie er aber das umhüllende Blatt unten loslöste, da verklärte sich sein Antlitz, und er steckte die Cigarre in Busen und ging mit dem deutschen Zeitungsfetzen an das Seeufer und las ihn mit Andacht und mit schwerfälligem Buchstabieren, und sein Antlitz strahlte ... Odysseus, wenn ihm auf der Calypsoinsel der »Landbote von Ithaca« in die Hände gefallen, hätt' ihn nicht sehnsüchtiger verschlungen ... Johann Bartolomäus Candlperger ist ein geprüfter Dulder, wenn er sich's oder andern auch nicht in vollem Umfang zugesteht, denn wenn ich ihm hinabrufe: »Wie geht's?« da lacht er regelmässig und sagt »gutt! gutt!« Aber ich hab ihn manchmal belauscht, dass er den Fes schief gerückt hatte und die blaue Quaste nach vorn gedreht; dann ist Sturm im Anzug ... und er kommt aus seines Stalles Tiefe und geht mit einem einzigen fortgesetzten murmelnden Fluch wohl vierzig Schritte weit bis ans äussere Hoftor ... oder er hat die Hände in die Hosentaschen gesteckt und bläst aus einem krummem Holzpfeiflein Wolken eines tirolischen Knellers in die erzürnenden Lüfte ... der Mann von Leifers kennt den Schmerz. Einsam und unverstanden mit tiefem Gemüt unter diesen Welschen ... und der einzige Mann, den ihm das Schicksal zum Kollegen gab, ist der lombardische Hausknecht, der wendet ihm verachtungsvoll den Rücken und hat sich zu seinem Vorgesetzten emporgeschwungen und ist Ober-stalliere und rächt sich an ihm für die Schlacht von Vincenza, wo er beim Landsturm war und Johann Bartolomäus bei den Kaiserjägern! ... Eines Abends kam ich in der Barke vom See zurück. Im Hofraum war niemand sichtbar, aber wagrechte Schichten eines Tabaks, wie ich ihn selbst zwischen Herrischried und Wehrhalden nicht grausamer errochen, standen unbeweglich wie Nebelwolken in der Luft, die sich weigerte, ihn anzunehmen. Da wusste ich, dass Johann Bartolomäus Candlperger heut einen bösen Tag gehabt. Ich schaute mich um. Endlich sah ich ihn an einem Rain sitzen, die Fesquaste war richtig nach vom gedreht. Er hat in langer Stallfreundschaft die zwölf Enten des Hofes so an sich gewöhnt, dass sie auf seinen Ruf in langem Windungsmarsch heranrücken und sich um ihn schmiegen, wie Küchlein um ihre Alte. Jetzt sass er am Abhang, und die Enten spielten um ihn herum, und er streichelte sie alle und fluchte zwischenein wie ein Heide und rauchte weiter. »Komm zü zü,« sprach er gerade, wie ich herantrat und schaute nach dem Schloss, »die Sauschw .. da drüben.« Ich trug Bedenken, sein abendliches Selbstgespräch zu unterbrechen ... »Die Enten haben Euch gern, Johann Bartlmê,« sagte ich des andern Tages zu ihm, »wie wär's, wenn's statt Enten Mädel wären?« »Do tät i ganz verzagt werden!« sprach er, »'s tät sich kaum!« 11. Don Stefano Basetti. Was wären wir im Castell Toblino und seiner Umgebung, was auf dem grünen See, was auf den kahlen Gebirgspfaden ohne Stefano Basetti? ... Nichts! Was sind wir mit ihm? Ortskundige Schiff-, Esel-, Wagerlebeförderte Signori mit stets frischen Cigarren, landauf landab bekannt wie falsche Sechser, ... Alles! – Die Geschichte von Stefano Basettis Verhältnis zu uns verdiente eine ausführliche Bearbeitung: wie ein homo sui juris ohne zu wissen wie, alieni juris wird, wie zwei Herren ohne zu wissen wie, einen Diener bekommen, einen Gondolier, Eseltreiber, Sendboten, wie ein ländlicher Colon, ohne zu wissen wie, zwei Herren bekommt ... alles steckt in dieser Geschichte. Sie kann nur von solchen begriffen werben, die Sinn für das organische Werden des Rechts haben. Zwischen uns und ihm ward kein Wort verabredet, kein Vertrag geschlossen, keine Handfeste niedergeschrieben: das Verhältnis kam – und wuchs – und war da – jetzt können wir ohne einander nicht mehr leben, wir befehlen, er gehorcht, wir gehen, er ist der Schatten, der uns folgt, wir winken, er fliegt; – ja er schwänzt sogar die Kirche für uns! An den sonnigen Abhängen des Monte Gazza ist eine reiche Vigne, wo türkisch Korn, Maulbeerbäume, Reben in üppigem Wachstum gedeihen. Im einfachen Häuslein, dessen eine Wand noch vom Frühjahr 48 her von Kugelspuren übersät ist, versteckt unter Obstbäumen, hat Stefano Basetti gehaust, von seiner Geburt bis zu unserer Ankunft, im ganzen 57 Jahr; er ist Colon und gehört zum Castell; an Haltung und Lebensart ein Bauersmann höheren Schlages. Sieben Töchter und zwei Söhne sind seinem Stillleben entsprossen. In den heissen Juli- und Augusttagen hat der welsche Bauer in der Campagna nichts zu schaffen und überlässt, ruhig auf der faulen Haut ausruhend, der Mutter Natur die Arbeit. Für Stefano Basetti kamen wir somit zu rechter Zeit in diesen Landen an. Am zweiten Tag nach der Ankunft fuhren wir in der lecken Barke, die unter zierlich gebautem, mit Zinnen versehenen Mauerverschlag im seeumspülten Schlosshof liegt, hinaus in die Abendkühle. Stefano ruderte. »Werden die Signori morgen wieder fahren?« sprach er als wir zurückkamen. »Ja.« Um dieselbe Stunde war er wieder an der Barke. Nach kurzer Frist begannen wir uns nach verschiedenen Richtungen in die Umgegend auszubreiten. Meister Anselm hatte Plätze ausgesucht, wo er seine venetianer Leinwanden mit kräftigen Landschaftsstudien zu decken gedachte ... ich hatte einen schattigen Winkel an unzugänglichem Seeufer gefunden, der mir zu vormittäglicher Meditation und Brütung alter Geschichten wie gemacht erschien. »Wer wird uns alles besorgen, Staffelei, Malkasten, Leinwand ins Gebirg, wer über den See?« fragten wir unfern Fährmann. »Mi,« sprach Stefano. »Mi« heisst hierlands: Ich. Damit vervielfältigte sich sein Geschäftskreis ins Unendliche. Aber er kam pünktlich und schleppte den Malapparat in die Berge, und fuhr mit mir über den See, und kam vor Mittagszeit und schleppte alles wieder heim, und kam zu mir herübergefahren und setzte mich wieder über und hatte seine Bauernfreude an unserer Hantierung, und wenn wir von der Barke in die kühle Flut sprangen und ihm davonschwammen, da rief er ein übers andermal sein staunendes »höh höh ...« und sprach: so brav im ins-Wasser-gehen sei hierlands niemand. Wie die nähere Umgegend erschöpft war, fragten wir ihn nach etlichen Wegen in weitere Ferne. »Ich gehe mit,« sprach Stefano. Und wir sind nach Calavin gegangen und nach Padergnon, nach Madruzz und nach Molwen, nach Comano und an den See von Cavedine, Stefano ging mit, ohne dass ihm ein Pfennig Honorars verabreicht ward. Aber wir hielten ihn dafür auch als wie ein Stück von uns, und bewunderten mit ihm das grosse Welschkorn in den Feldern des Bischofs von Trient, und die Reben oben bei der hl. Rochuskapelle, die den vino santo tragen, und tranken mit ihm tapfer Wein, und bestellten extra für ihn noch ein paar Stücke Brot weiter, denn was er nicht verzehrt, das steckt er ein für später. Und allmählich verzog sich Stefano Basetti mehr und mehr von seinem Häuslein im Grün der Obstbäume zu uns ins Castell herüber ... »ho trovato gusto di questi Signori,« sprach er, als ich ihn eines Tags ob der Vernachlässigung seines Herdes und seiner ehrwürdigen Bettgenossin zu Rede stellte. Stefano Basetti hat zu Haus sich manch einen Vorwurf ob seiner vita nuova zu erdulden; seit er mit uns geht, trägt er seinen sonntäglichen Kattunkittel und seine sonntäglichen schwarzen Hosen auch des Werktags ... was ihren Fall um sechs Jahre beschleunigt; er kommt hie und da leicht angegriffen heim, hie und da bleibt er ganz aus ... es war ein rührend Bild, wie wir einst vom Bad Comano in später Nacht heimkehrten und seine Alte samt Kind und Kegel mit einer grossen Laterne auf der Landstrasse trafen; sie waren ausgezogen, den nachtschwärmenden Hausvater zu suchen ... Aber es lässt sich nichts dagegen machen, Stefano Basetti hat gusto an uns gefunden, er weicht nimmer ... So sich als die Sonne aufgeht, kommt es jeden Morgen mit schweren Tritten durch den Vorsaal getappt, dann bleibt's eine Weile still, als wenn ein Mann lauschend den Kopf ans Schlüsselloch hielte, dann erhebt sich ein eigentümliches Geräusch an der Stubentür, was aus Scharren mit dem Fuss, Klopfen und mit der Faust dem Holz entlang fahren zusammengesetzt ist und mir vom Anklopfen der Hauensteiner Bauern an der Amtskanzlei zu Säkkingen noch wohl bekannt ist ... Dann erscheint eine Gestalt unter der geöffneten Tür, die wie sie uns ansichtig wird, einen Schritt zurücktaumelt, weil ihr jetzt erst einfällt, dass sie den Hut noch auf dem Haupt trägt ... und sie reisst den Hut mit krampfhaft gebogenem Arm nieder und öffnet den breiten Mund zu einem Lachen, aus dem eine unendliche Fülle von Wohlwollen herausklingt, und fragt: »vanno in nissun' luogo oggi, i Signori? ...« Das ist Stefano Basetti, unser Sklav. Seit er die schüchtern vorgebrachte Bitte verwilligt erhielt, dass die Überreste unserer Mittagsmahlzeit nicht in die Küche des Castells zurück, sondern in seine casa hinüberwandern, hat sich sein Eifer gesteigert, und er ist neulich sogar auf dem Bock neben dem Kutscher mit nach Terlago gefahren, ohne eine Silbe der Andeutung verstehen zu wollen, dass dieser Ausflug auch ohne ihn bewerkstelligt werden könne. Stefanos Tochter Carolina ist unsere Aufwärterin und cameriera; noch fast in jedem Dorf, durch das wir mit ihm wanderten, hat da oder dort eine Frau zum Fenster herausgeschaut und ihn gegrüsst, und er hat mit Stolz gesagt, es sei eine verheiratete Tochter. Es wäre noch viel zu erzählen ... aber eben reisst sich die Tür wieder auf und er ruft: »sono pronti gli animali!« Wir sollen nach den Höhlen von Lasine reiten ... Mög es uns am jüngsten Gericht nicht angerechnet werden, wenn Stefano Basetti, der Mann von 57 Jahren und Vater von 9 Kindern durch seinen Gusto an den zwei fremden Signori zum Bummler geworden! 12. Von den Seidespinnerinnen. Sommadossi der Alte hatte nicht ohne Grund gegen unsere Einlagerung ins Castell das Bedenken erhoben, es seien viel junge Mädchen im Haus u. s. w. Denn dazumal war die filanda di sete im Seitenflügel des Schlosses noch im vollen Gang, aus den vergitterten Fenstern schauten junge gelbbraune Gesichter mit blitzenden Augen auf den See herunter, in einförmigem Taft knarrte das Tretrad und sausten die Spindeln, und bis spät in die Nacht ertönte wilder Gesang, mit dem sich die Töchter des Gebirgs, wie einst Kirke die Zauberin, die Weile des Spinnens verkürzten. Seither ist die Spinnerei – wie alle Filanden in Welschtirol »aus Gesundheitsrücksichten« geschlossen worden, es schwimmen keine toten Seidenwürmer mehr im Gewoge des Sees; auf den Gerüsten der Säle, wo sonst die Cocons mit ihrer zarten Umhüllung geschichtet lagen, ist Hafer und Reis ausgebreitet, und wenn wir den finstern Burgweg entlang schreiten, schallt kein Gelächter bäuerlicher Dirnen mehr den fremden Männern entgegen. Unsere Beziehungen zu den Spinnerinnen waren so musterhaft, dass selbst Sommadossi der Alte in der Folge der Zeit ihnen seine Anerkennung nicht versagen konnte. Denn wenn wir auch manchmal einen Gruss hinüberwinkten, oder vom Fenster herab in ihren Gesang beim spätabendlichen Gang einen Strauss warfen, der sofort von einer oder der andern aufgehoben und mit bäuerlicher Grazie hinters Ohr gesteckt wurde ... so beobachteten wir im übrigen eine viel zu imposante Haltung, als dass durch uns Zerstreutheit und fahriges Wesen in den Ernst der Filanda hätte eingeführt werden können. Es lag zwischen ihnen und uns eine ästhetische Kluft. Denn das eine Bild, was sie uns allzuoft nach Ave Maria vor die Augen führten, wo sie in malerischer Gruppierung auf dem Steingeländer der Schlosskapelle herumsassen, die eine der andern das Haupt in den Schoss gelehnt, und die andere der einen mit geschäftigen Fingern im Haar wühlend, in Untersuchungssachen gegen gewisses zwecklos dort herumziehendes Getier ... dies eine Bild, so in sich abgerundet und realistisch durchgeführt es auch war, genügte, um das Gefühl gegenseitiger Achtung für immer davor zu bewahren, in feinere Neigung umzuschlagen. Da ferner aus den Zeiten Oderichs von Toblino her im Schloss sich keine Spur der erst von der modernen Zeit ersonnenen Bauwerke vorfindet, die über dem Portal die Inschrift »für Damen« tragen, da vielmehr in diesem Betreff hierlands die liebevolle Hingabe an die Natur noch durch kein Raffinement der Civilisation verdrängt ist, so gewährte das mit dichtem Schilf bewachsene Ufer des Sees unter dem Flügel der Spinnerinnen oftmals ein zweites Bild, zu dem die Staffage im Geröhricht nicht durch Wildenten gebildet ward und das in seiner blanken Totalwirkung nur dazu beitragen konnte, die Einbrücke des ersten zu verstärken ... Und doch war der Gesang dieser Halbwilden so echt, oftmals an den Ernst des alten Kirchenliedes anstreifend, oft kräftig derb wie lärmendes Rekrutenjauchzen – und das Laufen der Spindeln war uns ein so vertrauter Ton, dass wir mit Teilnahme eines Tags die Kunde vernahmen, die Filanda werde geschlossen und die Arbeiterinnen in ihre Heimat entlassen. Darum liessen wir aber auch zum Polenta-Abschiedsdiner, das den 18 Halbwilden in der Säulenhalle gegeben wurde, als Zeichen der Hochachtung germanischer Männer ihnen einen Trunk von 3 »Môsa« alten Weines verabreichen, und bevor sie abends von dannen zogen, ertönte noch einmal unter unserm Fenster das bekannte quando noi scontreremo, io ed il mio caro u. s. w., diesmal speciell den Signori forestieri zu Ehren, und wenn wir heutzutag durch Calavin oder Padergnon gehen, schaut da und dort ein schwarzbrauner Mädchenkopf heraus und grüsst wie ein alter Bekannter, und man besinnt sich, bis es klar in der Seele wird, dass man auch sie dereinst in seidezerzausender Arbeit ... oder bei stillem Schilfvergnügen belauscht. 13. Von Spuren eines rätselhaften altertümlichen Kultus unter den Seidespinnerinnen. Im Hofe des Castells ist folgende römische Inschrift eingemauert: FATIS. FATABVS. DRVINVS. M. NONI. ARRI. MVCIANI ACTOR PRAEDIORVM TVBLINAT. TEGVRIVM. A. SOLO. IMPENDIO. SVO. FE CIT. ET. IN. TVTELA EIVS. H. SN. CC. CON LVSTRIO FVNDI. VETTIANI. DEDIT. Aus dieser Inschrift geht hervor, dass man zur Zeit, als der antike Schlossverwalter Druinus für die Ländereien von Toblino das war, was itzt Sommadossi der Alte, in diesen Revieren sich das Schicksal nicht als geschlechtsloses Neutrum, als Fatum schlechtweg dachte, sondern als eine gemischte Gesellschaft männlicher und weiblicher Gottheiten. Es liegt auch etwas Tiefsinniges in dieser Anthropomorphisierung eines kalten Begriffes ... da ich jedoch nicht unterrichtet bin, wie viel Passendes und Unpassendes schon in Creuzers Symbolik und anderwärts hierüber gesagt ist, so genüge die einfache Erwähnung. Als ich an dem Mittag, da die Seidenspinnerinnen ihr Abschiedsfest feierten, hinaustrat in die offene Halle, um Zeuge ihrer Tafelfreuden zu sein, erblickte ich neben ihrem Tische ein gedecktes Tischlein. Vor diesem sass auf erhöhtem und geschmücktem Lehnstuhl eine fremdartige untersetzte Gestalt, das Haupt mit einem ehrwürdigen alten Filzhut verdeckt und auf den Arm gestützt, die Beine schlapp herunterhängend ... die Spinnerinnen bedienten sie mit Polenta und Suppe und lachten, dass die Halle dröhnte und meine Neugier aufs höchste gespannt war. Wie ich aber näher hinzutrat, verblieb die Gestalt in ihrer selben unehrerbietigen Stellung. Und ich schaute ihr ins Antlitz ... da war das Antlitz von einem Tuch umhüllt, und das Ganze eine lebensgrosse Puppe, der Kern des Leibes Heu und Stroh, das Gewand das eines Hausknechts. Das Gelächter der schmausenden Damen wurde so unmässig, dass ich in erster Indignation nicht umhin konnte, diesem Gegenstand ihrer Verehrung unter einem verächtlichen »Buon appetito, Signore!« mit einigen Hochquarten den Hut noch tiefer ins Antlitz zu treiben und mich geräuschlos zu verziehen. – Wie aber das Mahl zu Ende war, da hob sich ein stürmisch jubelnder Festgesang, auf seinem Lehnstuhl erhöht wurde das Hausknechtsphantom die Treppe hinabgetragen, unten ein feierlicher Umzug mit ihm bis an das äussere Thor gehalten, dann eine Kutsche vorgeschleppt und die Mumie, in stiller Grösse auf dem Bock thronend, von den rasenden Weibern mänadenartig an Pferdesstelle umhergefahren bis an das Portal, das in den Nebenhof der Fabrik führt. Dort teilten sich die festfeiernden Jungfrauen in zwei Chöre, die einen waffneten sich mit Besen, Ruder und Mistgabel und besetzten das Portal; – die andern nahmen das immer geduldige Götterbild in ihre Mitte und suchten mit ihm den Eingang zu erzwingen ... es war ein Kampf, würdig in Marmor verehrt zu werden; dreimal stürmten sie an, ein Mistgabelstich durchbohrte ihr Idol, die Verteidigerinnen machten einen Ausfall und entrissen ihn den schützenden Händen der Stürmer, mit Tritten ward er misshandelt, mit Besen von hinten gezüchtigt, dann wiedererobert ... der Hausknecht blieb sich gleich wie ein Unsterblicher ... Die Wangen der Kämpfenden erglühten um ihn, wild flatterte gelöstes Haar im Winde ... endlich kam auch ihm die Stunde der Vernichtung, die Reihen schlossen sich und fielen gemeinsam über ihn her, und rissen ihn in Stücke, wie die thrakischen Weiber den Orpheus, ... unter erneutem Gesang wurden die Trümmer dessen, der an ihrem Mittagstisch gethront, den alten Hut voran ... in die Wogen des Sees geschleudert ... und nichts als ein Paar zerfetzte leere Hosen, die am Gestade liegen blieben, gaben Kunde von seinem Dasein. Einen Rattenschwanz unter meinem Fenster rauchend, war ich Zeuge dieses furchtbaren Mysteriums gewesen. Tiefes Nachsinnen ergriff mich. Ich vergegenwärtigte mir im Geiste alles, was die germanische Mythologie von ähnlichen Kulten berichtet. Vergeblich. Ich fand keinen lösenden Schlüssel ... Endlich dämmerte es in meinen Gedanken. Ich erinnerte mich, dass ich hier auf einem Boden stehe, wo der römische »Cameral- und Gefällverwalter« Druinus den fatis fatabus einst ein tegurium gewidmet hat. Sollte sich etwa der Begriff des männlichen Schicksalsgottes im Gemüt seidespinnender Epigoninnen des XIX. Jahrhunderts mit dem des Hausknechts identificiert haben? Sollte unter diesem fremdartigen Kultus die tiefsinnige Symbolik des Kampfes der Menschen mit dem Schicksal verborgen liegen? unter dem tragischen Ausgang die Andeutung, dass die Jungfrauen am Toblinosee des Glaubens leben, mit ihrem männlichen Schicksal dereinst in gleicher erschreckender Art fertig werden zu können? ... Meine Seele ist seit jenem Tag um ein ungelöstes Problem reicher geworden. Ich werde über diesen Gegenstand tiefere Untersuchungen anstellen! 14. Der See von Toblino. Es ist arg heiss heute, die Mücken summen unverschämt und setzen sich mit lästiger Vertraulichkeit auf fremder, gerechter Männer Nasen. Die Luft zittert in Sonnenglut und legt einen leisen, dunstigen Schleier um die Häupter der ins matte Himmelblau hinaufragenden Berge; weissgebrannt strahlen die fahlen, kalkigen Abhänge, die Landstrasse liegt verlassen im Staub, die Leute im Schloss haben die Läden geschlossen und halten Siesta. Bei solchem Stand der Dinge ist es billig, dass ich Dein gedenke, der Du seit Wochen mich mit erquickender Frische gelabt, der Du mich auf geduldigem Rücken hinaustrugst ins fresco der Abendkühle, Dein, der Du mir vertraut geworden in allen Winkeln und Enden und vertraut in Deinen Tiefen, soweit ein sterblicher Mensch hinabtauchen kann in ihre unergründliche Klarheit, Dein, Du grüner Schild und Schirm unseres Castells, alpenummauerter, braver, flutender See von Toblino! Wenn ich abwäge, was alles daran gearbeitet hat, in dieser Thaleinsamkeit den müden Menschen wieder frisch und gesund zu machen, so fällt das grösste Verdienst Dir zu ... auf Deinen ruhigen Wogen, die ausser den gebräunten Mauern des Castells keines Sterblichen Wohnung bespülen, von den Höhen südlicher Alpen umtürmt und vom weiten prächtigen Himmelsgewölb überspannt, mag sich die Seele wieder einträumen in einfache grosse Gedanken, und vergessen, dass draussen eine Welt liegt voll böser, kleiner Getiere, die sich nagend und beissend aufeinander herumtummeln und abhetzen, als ob's keine anderen Ziele mehr gäbe als die des erbärmlichen Hochmuts und vielgeschäftiger Beschränktheit. Und es lässt sich ein Stück lernen an Dir, Du stilles, unergründliches Gewässer, wenn das Auge frei umherschweift über alles, was rings geschaffen steht, statt sich zu fesseln an Geschriebenes und Gedrucktes. Oft bin ich hinausgefahren und hab den Kahn angelegt zwischen den Wasserrosen und Binsen der waldumschatteten Ufer, und hab emporgeschaut zu den Berggipfeln ... da sind die horizontalen, wie Streifen Mauerwerks übereinander gelegten Kalkschichten früherer Formationen emporgehoben durch die unter ihnen aufgestiegenen senkrechten Wände ... und der rote Sandstein hat auch mit empor müssen und liegt in ungehöriger schiefer Stellung angeschmiegt an das Neugewordene ... ein paar Ruderschläge weiter, da liegt die Barke dem monte Casal genüber, der ist bei allzu hitzigem Aufsteigen geborsten und starrt in schauerlicher, von keiner Fläche und keinem Grün unterbrochener Wand wie ein mit starkem Schwerthieb mitten auseinander gehauener Mensch etliche 1000 Fuss hoch auf den See, in dessen Tiefen wohl seine Vorderseite begraben liegt ... und alle Ufer fallen in senkrechter Steile ab in die dunkle Flut und haben keine Ahnung von dem, was man anderwärts seicht heisst ... All das sind auch Urkunden und Aktenstücke für den, der sie zu entziffern versteht, und wenn ich auch kein Eingeweihter bin in die Geheimnisse des Alluvium und Diluvium und des Tertiären, so lese ich doch in meiner Art die Gesetze heraus, nach denen es im Grossen zugeht, und es fasst mich ein höhnisches Mitleid, wenn ich Angesichts der Umwälzungen und Vernichtungen und des ewigen flutenden Wechsels der Menschenkinder gedenke, die, selbst erst von gestern, ihre mühselig erzeugten Fehlgeburten für die Ewigkeit heranzupflanzen wähnen! Der starre Ernst der Natur aber schafft dem Gemüt Ruhe und Zufriedenheit ... hier aussen lernt sich's, dass, wer vom Weibe geboren, nicht dazu berufen ist, den Himmel zu stürmen, und dass es ganz einerlei bleibt, ob einer auf der vermeintlichen Himmelsleiter 2 oder 10 oder 20 Sprossen empor klettert. Darum hab ich mir auch noch keinen einzigen Vorwurf darüber gemacht, wenn ich Tage lang in süssem Nichtstun verträumt, verraucht, verangelt, verkahnt habe ... laetus in praesens animus, quod ultra est oderit curare ... Und Du, befreundeter See, wirst's nicht verplaudern, dass sogar die Arbeit oftmals nur darin bestand, mit spitzgeschnittenem Stab im Schilf zu stehen und die fetten, schlammvergnügten Malermuscheln zwischen die breit klaffenden Schalen zu tupfen, dass sie, erzürnt ob der Störung, sich schliessen und in den Stock verkneifen und herausgezogen werden können, wie Fische an der Angel. Und wolltest Du's auch verplaudern, und wollte einer der Hochweisen, die dafür bezahlt sind, dass sie die Splitter in anderer Augen sehen, bedenklich das Haupt schütteln, so würd ich ihm lachend sagen, er möge erstens sich dreimal eintauchen in die läuternde Flut, und zweitens im Cicero nachlesen, dass schon Laelius und Scipio der Alte als süssestes Geheimnis des Landlebens das repuerascere ergründet, zu deutsch: als alter Knab wieder zum Kind werden, und dass, wie Cicero zwar »nicht selbst von so ausgezeichneten Männern zu behaupten wagt, ihm aber von glaubwürdigen Zeugen erzählt worden,« man die beiden oft stundenlang am Meerufer von Gaëta und Laurentum wandeln sah und nichts anderes treiben als Muscheln lesen. Warum bist du auch so schön, See von Toblino! Was mag der Mensch noch anderweit treiben, als höchstens ein Glas vino santo trinken, wenn er in abendlichen Stunden mit kräftigem Ruderschlag sein Fahrzeug auf Dir tummelt! ... Alle, die mir mit liebreichem Wort und Blick einst beigestanden auf meinem Lebensweg, möcht' ich hier haben, und sie hinaussteuern, wenn die Schlagschatten des Doscardol und Monte Casal kühl über den Seespiegel fallen, und das Abendrot den südlichen Himmel färbt, der sich so weit und offen und anziehend aufthut hinter dem fernen Bergklotz von Arco über der lombardischen Ebene ... und möcht's ihnen zeigen, wenn der Monte Baldo jenseits am Gardasee im blauen Duft schwimmt, und nahe grüngoldene Reflexe vom waldigen Ufer hereinzittern in die Wogen, und möcht ihnen sagen: »lebet schön, denn die Welt ist schön!« ... Und wenn sie wohl nicht ersättigt wären, dann würd ich sie noch einmal hinauslocken, wenn längst das Ave Maria geläutet hat und die Menschen Felice notte! zu einander sagen ... hinaus in der Barke auf die wenig Geviertschuh breite Insel im See, wo die Fischergarne hangen und ich so gern begraben läge, wenn die Cholera mich zu raffen käme in diesen Thälern – wer dort hinausschaut, wenn der Mond in einsamer Schöne über dem Felskäppchen des Berg Cornisello aufgegangen ist und Berg und Schloss und See in seinem geheimnisvollen Dunst und Glanz zittern und selbst das Ruder silbern angeblitzt aufleuchtet, wenn es da einschlägt, wo er sich spiegelt ... der lässt beruhigt seinen Blick südlich nach dem offenen Horizont gleiten und denkt: »Du Italien dort unten liegst mir lang gut; lass mich hier meinen Schatten noch oft in die Fluten werfen!« Und wenn mit nachlässigem Ruderschlag die Barke im Kreise herumgetrieben wird, dass Berge rechts und Berge links und Schloss und Wald und Thal in schnellem Rundblick das Auge streifen, wenn dann die ersten Sterne aufleuchten, die nächtlichen Hirtenfeuer auf Monte Casal drein lodern und selbst der Leuchtkäfer sich nicht scheut, mit seinen bescheidenen Mitteln in das grosse Konzert lichtschaffender Körper einzutreten ... So möchte wohl manchem eine weiche, lyrische Stimmung auch in verknöchertem Gemüte aufdämmern, und wer weiss, um wie viel säuselnde Reime zum Preis italienischer Nächte die Tagbücher reicher würden! Du lächelst, Nymphe des Sees, in Deiner unbetretenen Tiefe und nickst bejahend. Haft Du doch selber aus der Barke der zwei fremden Männer, aus der sonst nur helles Lachen und Jodelschrei zu Dir hinunterklingt, an einem Mondscheinabend das schwermütig ernste: Ich weiss nicht was soll es bedeuten? ... erlauschen müssen ... und wie die letzten Töne verhauchten, haben die beiden nicht mehr gelacht, und auch nichts mehr gesprochen, und sind heimgerudert, stumm und schweigend ... und des einen Ruder hat schärfer denn sonst eingegriffen in die Wogen, schärfer und schier heftig, wie wenn etwas das Herz dessen presste, der es gelenkt ... In drei Tagen ist meine Zeit vorbei. Es wird lang dauern, Du Kleinod aller Alpenwässer, bis wieder einer kommt, der Dich so lieb hat wie ich. Dafür sollst Du aber auch meiner nicht vergessen, See von Toblino! Und wenn ich wieder draussen bin in der falschen Welt, und wenn mir's recht schlecht ergeht und böse Träume den Schlummer der Nacht stören: dann schick Du mir einen Deiner Wassergeister, dass er zu Füssen meines Lagers sitzend Dein Bild wieder aufsteigen lasse vor der gequälten Seele, Dein schönes, farbenreiches und doch ruhiges Bild ... und dass er mir ins Ohr raune, was Dich so frisch und erquickend macht und vor allem Stagnieren bewahrt ... Dich und andere, die keine Seen find: l'aria tedesca, sorpassata dall' aria italiana! – 15. Ave Maria. Und weil ich auch heute wieder die Barke treiben liess im vollen Mondenschein, und itzt in einsamer Nacht, wo mir zu Häupten der Abendstern über den Berg Doscardol herüber in die Stube glänzt und die Grillen melancholifch dazu summen, das Herz weich ist und die Hände sich segnend breiten möchten über alles, was still und schön, so sei Dein hier gedacht, Perle des Sees von Toblino, blasses Kind Maria, die Du in Knechtsgestalt wandelst unter den Leuten des Schlosses und doch nichts mit ihnen gemein hast als den Dienst und die Mühen der Arbeit. Sei bedankt, Du dunkeläugige schwermütig blickende Waise, dass Du in mir den Glauben wieder angefacht an die Macht liebevollen Herzens; es hat Dir's niemand zugeflüstert, dass ich Mitleid um Dich hege, tiefes Mitleid, weil Deine Eltern gestorben und verdorben sind und die Gläubiger Dein Erbteil genommen, dass ich weiss, wie man in früher Jugend Dich als Signora erzogen ... und doch hast Du alles erfahren, was ich von Dir denke und sagst mir mit der unnachahmlichen Hebung des Hauptes und dem wehmütigen Lächeln, dass Dir alles bekannt ist und dass Du mir dafür dankst. Maria, blasse gute Maria, wer hat Dir das alles verraten? Und wer hat Dir's eingegeben, dass Du an jenem sonnigen Sonntagmorgen, da der fremde Gast lesend im Saal draussen sass, ihm Deine zwei Tauben zuwarfst ... still und schweigsam ... und sie ihm auf die Schulter flogen? Und wer hat Dich hinuntergerufen in die Kapelle an jenem Abend, da das Gewitter aus der Sarcaschlucht vorbrach, und die Barke mit den drei Männern im niederhagelnden Regen vor Euren Blicken schwinden wollte, dass Du die Glocke zogst, die ihnen wie Stimme eines Engels hinüberklang in ihre fährliche Fahrt? Maria, ich danke Dir. Aber wenn ich Dich frage, wie Dir's geht, sollst Du nimmer stumm nach meinem Messer greifen und es nach Deinem Herzen zücken ... das thut mir weh, bitterlich weh. Willst Du mir weh thun, Maria? – 16. Molweno. Es werden wenig Menschen draussen in der civilisierten Welt etwas von Molweno und seinem See und seinem Gletscher wissen. Dass wir Sonntag den 12. August in jenem unbekannten Landstrich eingeritten, sagt mir ausser der Erinnerung noch ein gewisses unnennbares Gefühl, was nur der zu würdigen weiss, der 8 Stunden im strohgepolsterten Sattel eines Gebirgsesels ausgehalten hat. Es war aber merkwürdig. Stefanus der Sklav, der im Lauf einer dreiwöchentlichen Karriere bereits zum Reiseintendanten und maître de plaisir avanciert ist, hatte viel zu laufen, bis er die Tiere zum Bergritt aufgetrieben, denn in diesen gesegneten paësen ist für den Fremdentransport in seitwärts gelegene Thäler zum Glück noch keinerlei Fürsorge getroffen. Endlich gelang's ihm; der Müller von Padergnone stellte ein tadelloses Grautier mit einem unsäglichen Sattelwerk, ein anderer persönlicher Freund Stefans ein feuriges Pferdlein, das sich in ausdauerndem und kundigem Beschreiten der Bergpfade mit jedem hochschottischen Pony messen konnte. In stiller Sonntagsfrühe ward dem Kapuziner oben an seinem Fenster noch ein freundlicher Gruss zugewinkt, dieweil heute die messa geschwänzt ward, ebenso der Pedronilla, die nicht versäumte, als gänzlich verfehltes Burgfräulein am Söller zu erscheinen ... dann zog's geordnet hinaus: Meister Anselm auf dem cavalloto, ich als gesetzterer Mann und Denker, wie sich's gebührt, auf dem Esel, der hier schlechtweg das animal genannt wird, und als reisiger Knappe zu Fuss Stefanus der Sklav im sonntäglichen Kattunkittel. Zwischen dem mächtigen Berg Doscardol und dem Monte Gazza zieht eine Schlucht landeinwärts nach Judicarien; eine alte, noch stellenweis gepflasterte Römerstrasse führt über Trümmer und Geröll empor, bis zu dem rauhen und gottverlassenen Nest Aransch oder Laransch, dessen rauchige Strohdächer und steinbesäte Felder jeden Gedanken daran tilgen, dass unten im Thal Italien beginnt. Da Stefanus der Sklav versicherte, bis nach Aransch sei's ein leidliches stradone (Strässlein), das Beschwerliche fange erst nachher an, so durften wir, als die Höhe von Aransch erreicht war, nach dem bereits Erduldeten mit Grund einem Weg entgegensehen, dessen blosse Vorstellung einem Wasser- und Strassenbaurespicienten im flachen Deutschland draussen das Haar sträuben könnte. Der Weg kam auch. Jenseits Aransch sahen wir über den Gipfeln des Doscardol, der im Thal unten wie ein Riefe erscheint, fast hinweg, das Strässlein krümmte sich zu einem Saumpfad zusammen, der wie ein kaum sichtbarer Faden sich um die Aussenseite unseres in senkrechte Tiefe abfallenden Berges zog, ... an einem Punkt schauten wir etliche tausend Fuss unter uns die Sarca durch ihre Schluchten brausen und tief unten die neue Judicariastrasse südwärts ziehen gen Stenico ... genüber türmte sich ein dem Kalkgebirg entpresster breiter roter Sandsteinrücken, dessen letzter Vorsprung die Trümmer des Castell Mann trug, als Mittelgrund vor einer Kette ferner blauer Berge, die westlich vom Gardasee als letzte Mauer vor der lombardischen Ebene stehen ... wir aber kehrten der Sarca den Rücken und ritten schwebend über einer zerklüfteten Thalwildnis, durch die ein unbekannter Wildbach seine weissen Gewässer der Sarca zuwälzt. Und der Pfad gieng in seinen meist in Fels gehauenen Windungen oftmals steil auf und steil wieder ab; zur Linken, wo ein civilisierter Mensch sofort an schützendes Geländer denkt, war blaue Luft und unabsehbarer Abgrund ... oft auch war ein Stück Strässlein seinerzeit den Berg hinabgerollt und durch querübergelegte Tannenstämme mit überschüttetem Geröll ergänzt, und zu innerer Beruhigung dann und wann ein Kreuz in Fels gehauen, zum Andenken an solche, die vor uns gen Molweno gezogen. Das Cavalott aber wie das animal giengen grundsätzlich immer auf des Pfads äusserster Linie beim Abhang ... media vita in morte sumus! hat mein sanctgallischer Freund Notker bei ähnlichem Anlass gesungen. Zum Glück hatte ich aus andern Thatsachen die Gewissheit gewonnen, dass von Mazzinis Theorien auch nicht der leiseste Widerhall seinen Weg nach Padergnone in die Stalleinsamkeit meines animal gefunden, sonst ... als blondhaariger Barbar und Bedrücker auf dem Rücken eines revolutionierten Getiers, das nur eine Bewegung machen darf, um seinen Reiter zu ewiger Ruhe hinabzuschütteln ... geübtere Politiker mögen die Situation ergründen. Wie wir aber an die puntera di San Wili kamen, d. h. an das Pünktlein des heiligen Vigilius, da rieselte auch mir ein Gefühl durch die Adern, was von Schwindel nicht mehr viel verschieden war. Da ich auf südlichen Alpenpfaden kein Neuling bin, und dies Gefühl mich erst zweimal beschlichen, das eine Mal bei einer Kletterung zu den Felswänden über dem Inn, da wir von Ardeez im Bündnerland einen Pfad suchten nach dem Heilbrünnlein von Tarasp, das zweite Mal, da ich vom Wildkirchlein im Appenzell auf senkrechtem kahlem Hang hinabstieg zum Seealpsee, so überlasse ich dem geneigten Leser, sich die Aussicht vom Pünktlein des heiligen Vigilius vorzustellen. Genug, ich ging zu Fuss weiter. Nach etwa einer Stunde schloss sich die Schlucht, der wir entlang zogen, breite, hüglige Bergrücken verbanden wie ein Sattel die dies- und jenseitigen Höhen; seltsame Vegetation ... Zwergfichte, verkrüppelte Tannen, Cyclamen und rankendes Geissblatt auf gleichem Boden beisammen; es nahm den Charakter einer wilden Hochebene an, und Felsblöcke lagen wie gesäet in häufigen Stürzen inmitten des Grüns. Menschen hatten wir auf dem ganzen Ritt nur zwei begegnet. Am Fuss einer mächtigen senkrechten Kalksteinwand, durch die sich einmal in schmaler Spalte der rote Sandstein bis zum Gipfel emporarbeitet, wie ein bürgerlicher Mensch und Parvenü zu einer Ratsstelle im Ministerium des Auswärtigen (nämlich mit Erduldung unendlicher Quetschungen), liegt der See von Nembia. Der See von Nembia gehört zu den zahlreichen Wesen, von deren Existenz man nichts weiss, bis man mit der Nase auf sie gestossen wird. Schweigsam und versteckt glänzt der Wasserspiegel zwischen den Felsblöcken und Schutthügeln durch, die ihn umgeben, scheu weideten etliche Pferde im Gebüsch, ... aber aus den Tiefen dunkelten seltsame Farben wie aus dem Gemüt eines Einsamen; reichverschlungene Schichten von Wasserpflanzen deckten den grössten Teil seines Bodens mit ihrem dunkeln Grün, an andern Stellen ward der gelbe Grund sichtbar, unbewegt lag das niedere Gewässer drüber ... es war wie ein grosser geschliffener Malachitstein ... seltsam ineinand verwebte Schlingungen von Schwarz, Grün und Gelb ... und über dem Ganzen ein Hauch ungekämmter Nonchalance, die sattsam verriet, dass man in diesen Höhen die koketten Effekte, mit denen sich andere italische Gewässer schmücken, nicht kennt. Ein Kreuz mit Inschrift gab Kunde, dass Wandersmänner allhier, ohne irgend Aufsehen zu erregen, ermordet werden können. Aber wie ich so hinunterschaue in diesen verwilderten Nembiasee, kam eine Art Rührung über mich bei dem Gedanken, dass wieder manch ein Felsstück thalab stürzen und manches hundert neuer Kapuziner im Castell Toblino die Messe lesen kann, bis allhier so wie heute ein Stück Kulturmensch mit Schlapphut und Plaid vorüber reitet; und damit er eine annähernde Vorstellung erhalte, wie es unter dem Hut solcher Reitersmänner zugeht, fang ich, in sicherer Voraussetzung, dass weder vor noch nach mir besagtem Nembiasee die Anwesenheit eines deutschen Lyrikers zu teil werden wird, ihm zum Abschied folgendes, was allhier aufgezeichnet wird, weil Fremdenbücher dort unbekannt sind: O zürne nicht, See von Nembia, Im felsstarr schweigenden Thale, Dass ein Mensch dich zu besuchen kam Auf graulichem Animale. Ich kenne dich, See von Nembia, Ich lese aus deinen Zügen: In ungekannter Schöne willst Du nur dir selber genügen! Fahr wohl drum, See von Nembia, Und mög dich der Himmel bewahren Vor allen Töchtern Albions Und Berliner Referendaren! Von diesem, nunmehr in die Zahl der besungenen gehörenden See ist's nimmer weit zum grossen lago di Molweno, der sich im Umfang von mehr denn zwei Stunden längs grüner Bergabhänge ausdehnt. Auch ist ein Pass mit starken Befestigungen verschanzt, zur Erinnerung daran, dass die Heere des französischen Direktoriums dereinst auf diesen Pfaden nicht ins Tirol eindrangen. Man reitet lang am Ufer hin; dann erscheint endlich der Kirchturm und die schindelgedeckten Steinhäuser von Molweno, die in der Zahl 56, nach der neuesten Statistik zu einem Gesamtwert von 14764 Gulden 10 Kreuzer veranschlagt sind. Aber bevor man ins paëse einreitet, steht in einer geröllüberdeckten Niederung beim See eine Sägmühle; ein Wildwasser kommt aus engem, dem Blick seither versteckten Thal hervor, in diesem Thal ragen finster und trotzig hinter den tannumsäumten Vorbergen viel zerklüftete kahle Hörner und Spitzen empor, ewiger Schnee glänzt in ihren Spalten, dunkle Eismassen umpanzern ihre Rücken, und hinter diesen Hörnern ragt eine zweite, noch wilder zerrissene Schicht Gebirges in unzugänglicher Höhe ... die Nebel kochen und wallen und weben unheimlich um die verhüllten Gipfel, ... das ist der Gletscher von Molweno ... wer Lust hat, mag in jene Wildnis emporklettern; wenn man drin ist, sagte Stefanus der Sklav, geht's zwanzig Stund lang so fort und fort, dann kommt die alte Holzbrücke und dann die Schweiz ... wer schon fünf Stunden in animalischem Sattel versessen, der ruft »vorbei! vorbei!« und reitet ins Wirtshaus. Von der männlichen Jugend des Dorfes unaufgefordert geleitet, kamen wir daselbst an. In der rauchgebräunten Vorhalle, angesichts dieser schwerfälligen steinernen Häuser, angesichts der scharfkantigen Gesichter mit ihren Zipfelkappen unterm Hut, angesichts der ausgebuchteten Frackformen, die an den Molwener Strassenecken auftauchten, fliegen befreundete Erinnerungen in mir auf. Dies Gebirgsdorf in südlicher Alpenwildnis hat keine Spur italischen Charakters mehr, wohl aber gleicht es wie ein Ei dem andern den rhätischen Niederlassungen in den Bündner Alpen, und wie ich mir die Sprache dieser Biedermänner näher ins Auge fasste, fand ich, dass sie einem Mann von Camogask und Guardavall oder hinten bei Disentis wohl ebenso verständlich ist, als einem Bewohner der Arnoufer, ... der Gletscher heisst hier wie in Bünden il vedrett und nicht ghiacciajo, nehmen heisst ciappare und nicht prendere, ein junger Mensch un pütell (puellus?) und nicht giovinotto u. s. w. u. s. w. und das Germanische ist lustig eingedrungen und schaut trotz der italischen Zustutzung schatthaft hinter seiner Maske hervor . . Als ich vernahm, dass auch hier zwei Flaschen eine mosa ( Mooss ) bilden, dass unser Cavalott gut für il wagerle, und dass die Mühle beim Gletscher una säga sei, da freute sich mein Gemüt ... also auch in Molweno deutsche Kultur über dem rhätisch-etruskischen Urzustand segenbringend aufgewuchert! Da blüht die Möglichkeit, dass in abertausend Jahren auch »il selbstbewusstsein« und »la weltanschauung« am Fuss dieser Gletscher eine neue Heimat finden ... Ueber die neuangekommenen Fremden und ihren Reisezweck schienen sich seltsame Gerüchte im Ort verbreitet zu haben. Ein galantuom im bekannten ausgebuchteten Frack trat ein und knüpfte ein ausforschendes Gespräch an, das von der Besorgnis durchleuchtet war, wir möchten im Auftrag des österreichischen Tabakmonopols hier erschienen sein; denn wiewohl es zu allgemeinem Verdruss der Tiroler streng untersagt ist, dass der Mensch sich seinen Hausbedarf an edelm Kraut selber pflanze, war es ihm seither gelungen, hinter dem Rücken von Gendarmerie und finanza seinen Tabakgarten in gutem unkonfisciertem Stand zu erhalten. »Ist's nicht unverantwortlich,« sagte er, nachdem er uns über allen Verdacht erhaben befunden, »dass das governo uns, die es in allen Fällen der Not i bravi e fedeli Tirolesi heisst, untersagen will, uns auf eigenem Grund und Boden diese Kopf- und Herzstärkung zu bereiten?« Er zog eine altertümliche Dose mit einer staubartigen rötlichen Substanz, von der ich seither gewähnt, dass sich ihr Vorkommen auf süditalische Kapuzinerklöster beschränke, und bot sie mir an. »Es ist unverantwortlich!« sagte ich, nachdem ich seine Prise gekostet. – 17. Comano. Die Sarca ist ein wildes unbändiges Kind der Tiroler Alpen. Wenig Schritte vom Südende des Toblinosees entfernt bricht sie sich Bahn durch versperrende Gebirgsschluchten und strömt in gewendetem Lauf dem Gardasee entgegen, ohne vom See von Toblino, den sie mit ihren Gewässern schier streift, die geringste Notiz zu nehmen. Sie wälzt Felsstücke und Geröll aller Art mit sich, und hat Das breite Thal bei Dro oft ganz mit Trümmern übersäet, bis man ihr durch löbliche Dammarbeiten einigen Zwang angelegt. Da die Sarca als Mincio aus dem Gardasee weiter strömt, ist von ihr in der Paulskirche zu Frankfurt, als der Herr von Radowitz seine tiefsinnige Strategie von der Minciolinie entwickelte, mehrfach die Rede gewesen. Bis dahin, wo sie in das Gebiet unseres Sees und Thales eintritt, strömt sie durch das Thal Giudicaria. Diesem beschloss ich eines Tages einen Besuch abzustatten. Wenn man in Südtirol alles so gut verstünde, wie die Anlage von Gebirgsstrassen, so müsste es ein wahres Musterland sein. Die Judicariastrasse zieht in stattlichem Zickzack über einen Schuttabhang des monte Casal und ist dann mit wahrer Keckheit in die senkrecht abfallende Felswand gesprengt. Man sieht in schwindelnde Tiefe hinunter ... rechts und links stehn dunkle Klippen, die nur einen schmalen Spalt zwischen sich frei lassen und gleich den Symplegaden jeden Augenblick wieder zusammen zu klaffen drohen ... dort hat sich die Sarca durchgenagt und braust als schäumendes Forellenwasser durch die sie pressenden Gebirge ... an manchem Vorsprung der Felsstrasse thun sich Blicke auf, so wild, so schauerlich, so herzbeklemmend wie irgend einer an der via mala ... wenn man laut spricht, giebt die genüber ragende Wand Antwort, und thut man einen Schrei oder Jodelruf, so hallt und schallt es drüben hervor, als säss' eine ganze Bande Gnomen in stiller Spalte verborgen. Ich war auf vieles gefasst in der Einsamkeit dieser Alpenstrasse, die nur selten durch das Knarren eines Holzbauernfuhrwerks unterbrochen wird ... aber den Mann hier anzutreffen, den ich antraf, unfern von der Krümmung der Strasse am Wasserfall ... darauf war ich nicht gefasst! Dort, wo das enge Thal sich etwas ausbiegt, ragt eine Kette grotesker unzugänglicher Felskuppen der Quere nach durch die Schlucht, sie als natürliche Riesenbarrikade gleichsam zumauernd. Auf einer dieser Kuppen aber stand unbeweglich ein Mann in welscher Tracht, den Spitzhut keck auf das Haupt gedrückt, die Flinte im Anschlag nach der Strasse herüber ... und der Mann stand so energisch und fest dort droben, gleich einer Silhouette in die blaue Luft emporragend, dass man als unparteiischer Wanderer sich zwar sagen musste, er passe entschieden in diese Landschaft, im Geist aber zugleich die Eventualitäten eines geeigneten Rückzugs in gedecktere Positionen überlegte. Ich warf einen fragenden, zweideutigen Blick auf Stefano, meinen Schatten. »Niente paura,« lachte Stefano und zeigte mit dem Finger nach dem Bewaffneten, »è uno del quaranta otto!« »Das sind gerade die Rechten, die vom Jahr 48,« sagte ich und sah mich um ... »ma di paglia!« sprach Stefano und stimmte sein roheres Bauerngelächter an. Von Stroh! ... Es hat etwas sehr Beruhigendes, von einem Mann, der mit der Flinte nach der Heerstrasse im Anschlag liegt, zu erfahren, dass er von Stroh ist. Ich steckte mir einen Rattenschwanz an und liess mir die Geschichte dieses bewaffneten Strohmannes aus dem Jahr 1848 erzählen. Als man in jenem denkwürdigen Frühjahr gleichzeitig zu Frankfurt die Entdeckung gemacht hatte, dass das Lombardisch-Venetianische eigentlich Territorium des Deutschen Bundes sei, im Heerlager der italienischen Bewegung aber, dass der Brenner der natürliche Grenzstein Italias, ... da wurde auch im Sarcatal an der Lösung dieser controversen Probleme eifrig gearbeitet: die Kaiserjäger standen an der Mündung unweit des Toblinosees, die welschen Freischaren – corpi franchi – brachen ins Judicariathal, setzten sich im Castell von Stenico fest und warfen die Österreicher bis hinter die Mauern des Castell Toblino. Dort wurde zwei Tage lang im Scharfschützengeplänkel weiter debattiert, bis der Oberst Zobel von Trient seine Bataillone zum Entsatz der Jäger sandte. In jenen Apriltagen nun, wo der italische Freischärler darauf denken musste, sich zur Deckung des Rückzugs nach Stenico eine feste Position in den Schluchten der Sarca zu schaffen, entstand, als denkwürdige Probe der Schlauheit, mit welcher man dazumal den Barbaren zu imponieren gedachte, besagter Strohmann, und zwar damals nicht als einsamer Wegelagerer, sondern im Verein mit einem Dutzend Gefährten, die seitdem der Unbill der Zeit unterlagen. Man gedachte sich hinter jenen Felsen wider die Verfolger zu setzen, und improvisierte auf die unzugänglichsten Höhepunkte die Männer von Stroh, um den österreichischen Kugeln falsche Ziele zu geben. Wenn sie alle so kunstreich gearbeitet waren wie der, der jetzo noch herniederschaute, so waren feine künstlerische Köpfe bei jenen Freischärlern ... ein gespaltener Baumast in die Felsspalte gekeilt, die Form des Körpers mit Stroh darum modelliert, das Kostüm ganz, gut und echt, die Stellung voll von Pathos, die Flinte eines gefallenen Kameraden in den Händen, alles innerlich durch feste Umhüllung von Sackleinwand und Nähte zusammengehalten ... Gott segne die Bildhauer von Pavia oder Mailand oder Florenz, die hier bei nächtlichem Bivouacfeuer an der statuarischen Verzierung der Sarcastrasse gearbeitet! Der itzt noch stehende Mann konnte nur durch kühnes Klettern von Bäumen, die itzt nicht mehr stehen, auf seine unnahbare Felsspitze gebracht werden ... es ist keine Möglichkeit mehr, ihm beizukommen, wenn man den Fels nicht sprengen oder ihn mit Kanonen herunterschiessen will ... und so muss selbst der österreichische Gendarm im Jahr des Heils 1855 dort passieren, ohne ihn arretieren und dem nächsten Amt abliefern zu können ... Ich blies meine Rauchwolken wie ein Büsser in die Luft ... in bunten Bildern zog's an mir vorüber ... ich sah sie, die Gestalten von damals mit der grünrotweissen Trikolore, hoffnungstrunkene Studenten und alte Landstrassenpraktiker, Pfaffen und Frauen mit der Büchse um die Schultern – auch sie ritt vorüber auf ihrem weissen Zelter, die hier so wenig fehlte wie anderwärts, die grosse Amazone contessa Pallavicini di Brescia ... ich sah sie alle wieder, ich konnte ihnen nicht böse sein, denn es sind schlechtere Kerls nach ihnen gekommen, schlechtere, aber gescheitere, die keine Strohmänner bauten. Ein russiger finsterer Gesell, der in den Tiefen dort seinen Kohlenmeiler geschürt hatte, war heraufgekommen, mich zu beschauen. »Come sta il vostro galantuomo la sopra?« fragte ich ihn. »Sta poco bene in questi tempi!« sprach er und schüttelte das Haupt und gieng von dannen. Der Mann schien eine Ahnung zu haben, dass jene Zeiten für uns und Kind und Kindeskind vorbei sind ... Ich nahm von dem Phantom Abschied. »Leb wohl,« sprach ich, »Du einzige Gestalt, die Du seit jenen Tagen ausgedauert, ohne Deine Waffen abzuliefern, – ich wollte, Du stündest anderwärts so unnahbar und trotzig wie hier, anderwärts im Respiciat meines Freundes, des gelbgesichtigen Ministerialrats! Der würde nimmer schlafen, so lang Du noch existiertest ... wahrlich, er würde nimmer schlafen, und würde keine Söhne mehr zeugen, die wieder Ministerialräte werden ... ich glaube, er bekäme Dich herunter! – Oder – er würde wahnsinnig und nähme seinen grossen Rohrstock und erkletterte den Felsen neben Dir und versteinerte dort wie Niobe ... Unseliger, verhängnisvoller, schändlicher Strohmann!« Zwei Stunden nach dieser Begegnung sass ich im Bad Comano. Das Bad Comano lag bis in unser Jahrhundert verschüttet unter einem Bergsturz, und die Quelle verlief sich im Schutt. Als aber 1807 ein Bauer von Soja, der, krätzig bis ins Herz hinein, seinen Hanf in jenem Wasser rösten wollte, selber hineinfiel und gesund und reinlich wieder herausstieg, da grub man nach und fand viel Backsteingemäuer von alten Thermen und eine antike Fassung der Quelle und viel Kaisermünzen, die nach altem Votivbrauch hineingeworfen waren. Comano ist itzt eine elegante Anstalt ... Seit 4 Wochen habe ich hier wieder den ersten Kellner im Frack und in Glanzstiefeln gesehen. Dass dies in den Wildnissen des Sarcatals doppelt wohl tut, brauche ich kaum zu erwähnen. Wegen der Cholera in der Nachbarschaft stand alles öd und leer; der Kellner hatte daher eine solche Freude an mir, dass er fast Gewalt anwendete, um mir ein Bad aufzuzwingen, nachdem er mir auseinandergesetzt, welche Art von Kranken in diesen Wannen gewöhnlich bade ... seine Höflichkeit verminderte sich in dem Masse, als ich ihm bestimmt versicherte, dass ich an keinerlei Hautkrankheit leide. Er setzte mir sodann ein omelette aux confitures vor und schmunzelte, als ich ihm versicherte, dass ich dies in solchen Gebirgen kaum erwartet. Hierauf lud er mich zu einer Partie Billard ein. »Es ist schade,« sprach er später, als ich sein Anerbieten abgelehnt, »dass Sie nicht in einem andern Jahr gekommen, wenn alles besetzt ist. Da ist's schön bei uns; bis in die benachbarten Bauernhäuser ... alles von Kurgästen bewohnt« ... »Und alle hautkrank!« fügte ich hinzu und stellte eine Reihe Betrachtungen an über die verschiedenen Gründe, die den Kulturmenschen veranlassen, den Aufenthalt der Städte mit der Abgeschiedenheit der Alpentäler zu vertauschen. Da ich aber bei dieser Meditation von den Hautkrankheiten auf die Civilisation im allgemeinen überzugehen im Begriff war ... begann es mich zu schauern und ich machte, dass ich von dannen kam. Die chemische Analyse der Badquelle von Comano ergibt Bestandteile von Ammoniak, Magnesia, Schwefel, Steinkohle und einen bedeutenden Zusatz eines organischen Öles. Sie wirkt wohltätig auch auf das »sistema orinario«. 18. Madruzz. Das Schicksal scheint zu wollen, dass ich diesmal an Welschlands nördlichen Grenzmarken mich in unbekannten Winkeln umhertreibe. Aber diese Winkel sind so schön und so merkwürdig wie irgend etwas, was in den roten Büchern der Touristen mit doppeltem Stern bezeichnet ist. Madruzz ist ein Wort, das mystisch um die Seele klingt, bis sie weiss, was dran und drin steckt. Was ist Madruzz? ... Da ich mich nicht gern von der Mystik des Unbekannten stören lasse, fuhr ich eines Tags in der lecken Barke mit Stefanus dem Sklaven über den Toblinosee. Stefanus der Sklav muss alles wissen, dafür ist er da. Er legte die Barke an einem waldigen, unzugänglichen Uferplatz an des Sees östlichem Rand an, dann kletterten wir durch Gebüsch und über ausgewaschene Bergrücken empor; oben steht eine Kapelle und ragt keck hinaus in das Dunkel des Alpenhintergrunds, das der wohlbekannte Monte Casal und der Doscardol und der Berg Gazza und wie sie alle heissen, an des Sees entgegengesetztem Ufer bilden. Von dieser Kapelle stiegen wir wieder bergab; reiche Vignen und Welschkornfelder umschliessen ein grosses Dorf mit emporragendem palazzo. Das Dorf heisst Calavin. Und von Calavin ging's wieder bergan, um einen langgestreckten Berg herum, über scharfkantiges, fusswerkzerstörendes Geröll, dann durch eine Strasse mit zerfallenen Häusern und zerlumpten Menschen, über denen sich fröhlich Feigenbüsche und Reben in die Felsspalten angesiedelt; dann auf einen von weissglänzender Mauer umfriedeter Gipfel; ein verschlossenes Tor sperrte den Eingang, aber Stefanus der Sklav stieg hinauf und löste den eingerammelten Baum ... endlich standen wir vor weitschichtigem, wohlerhaltenem Gebäu; – Torturm mit Schiessscharten, riesige Mauern mit Fenstern und Balkonen, alte Wappenschilde, und stille Bergeinsamkeit rings umher, etliche Ziegen zwischen den Felsen weidend, rauher Luftzug und ein scheuer Bauersmann, der lauernd auf den fremden Bergsteiger sah ... das war Madruzz. Der Mann, der diese Trümmer hütet, hat grosse Räume zu seiner Verfügung, aber kein Wasser, keinen Wein und kein Brot. Er führte uns in den noch von einem Dach überdeckten Rittersaal, durch dessen leere Fensterreihen ein scharfer Wind pfiff, in Gemächer und Stuben mit reichverzierten steingehauenen Portalen und Kaminen, in die rauchgeschwärzte Kapelle, die mit rohen Malereien geschmückt war, in tiefe Verliesse und Kasematten ... Madruzz war ein festes mächtiges Schloss, und die Madruzzen waren Ritter und Kardinäle, wie's die Zeit brachte, und hielten 119 Jahre lang das Fürstbistum von Trient in ihrer Hand. Es ging eine sehr feudale Luft durch diese Räume; in weitem Kreis zieht sich eine Mauer um den Schlossberg, die umgab ihrerzeit den grossen, weit im Land berühmten Wildpark des Kardinal Christoph Madruzz, unter dessen Krummstabführung das Bankett in Trient gehalten ward zur Feier von Carolus des Fünften Sieg bei Mühlberg an der Elbe; die tridentiner Hofpoeten haben's in langen Reimen besungen, wie prächtig alles zuging, und wie elegant die Damen der Bischofstadt dabei erschienen ... Und wie ich wieder im Rittersaal stand, da malte ich, während meine Fusstritte dröhnend durch die öde Halle klangen, mir im Geiste aus, wie's hier einst gehallt und gejubelt haben mag, wenn die hochweisen Prälaten vom Tridentiner Konzil herüberritten, um bei ihrem Kollegen von den Mühen des Dogmenaufstellens und Anathemafluchens sich zu erholen, und wie manch ein Pokal vino santo unter gröblichen und feinen Witzen über die Reformgelüste germanischer Nation die orthodoxen Kehlen hinabrieselte, ... und ich sah sie alle dasitzen, hagere, scheiterhaufenfrohe, verkniffene Gestalten schauten zwischen wohlgenährten, fettleibigen hervor, und glatte Kanonisten und Sekretäre, Kriegsmänner im spanischen Mantel und Kammerherrn ... mög ihnen seiner Zeit ihr Trunk wohl bekommen sein! Es ist schon lang her, dass der letzte Madruzz zu seinen Vätern versammelt ward, im Wildpark des Schlosses weiden Ziegen, in den Gemächern liegt Staub und Schutt, und in der Fensterbrüstung lehnt ein germanischer Mann mit einer Brille und einem dubiösen Zug um die Lippen, und der Mann hat erst vor kurzem den Hegel und den Strauss und Ludwig Feuerbach dem Antiquar Wolff in Heidelberg verkauft ... Aus den Fenstern schweift der Blick weit in die Niederungen des Sarcatals, unten der grüne See von Toblino, weiter südlich, zwischen Hügeln und Pflanzungen versteckt, der See von Cavedine, in der Ferne die massigen ausgezackten Seifen von Arco ... es ist weit und schön dort droben. »Jetzt ist's vorbei mit der alten Herrlichkeit,« sprach ich zu Stefanus dem Sklaven, »alles ruiniert, roba vecchia!« »Höh ... höhh!« lachte Stefanus der Sklav, »und sie kommen nimmer herunter von ihrem Castell, um bei den Bräuten des Landes drei Nächte vor der Hochzeit zu schlafen.« Ich weiss nicht, ob die gangbaren Handbücher des deutschen Privatrechts mit ihren Controversen über das jus primae noctis je dem Sklaven Stefanus zu Gesicht gekommen sind ... aber das vergnügte »Höh ... höhh!« mit dem er im 19. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung über das Verschwundensein dieses Rechtes lachte, scheint darauf zu deuten, dass es auch einmal wirklich und saftig existiert hat. »Es wird nichts mehr zu sehen sein,« sprach ich im Schlosshof, als wir von dem Hüter von Madruzz Abschied nahmen. »Nichts mehr,« sagte er mit einem Blick auf meine Brille, »als vielleicht i libri antichi!« »Libri antichi, Mann Gottes, schnell, wo sind sie, die alten Bücher?« »Verschlossen in einem Gewölb,« sagte er, »der Padrone in Calavin hat den Schlüssel.« Wie Stefanus der Sklav merkte, dass ich mich für die alten Bücher in den Trümmern von Madruzz interessierte, bemächtigte sich auch seiner ein löblicher Eifer. »Wir werden den Schlüssel bekommen,« sprach er, »wir werden die Bücher sehen!« Und er warf seinen kattunenen Kittel über und stieg hinunter gen Calavin. Dort im stattlichen palazzo wohnt der alte Albertini, der reichste Mann der Gegend, der nebst andern Eigenschaften auch Administrator der Güter des Marchese del Caretto von Genua ist. Der Marchese del Caretto aber ist derzeit der Erbe und Rechtsnachfolger der Madruzzen. Ich verbrachte eine erwartungsvolle Stunde am Abhang des Schlosses, bis Stefanus wieder kam. Aber er kam gesenkten Hauptes und meldete, dass ihm der Padron die Schlüssel nicht ausgeliefert; sie seien verlegt ... oder einem prete aus der Nachbarschaft geliehen ... auch wisse man derzeit in Calavin nicht, wer so geradezu vom Toblinosee herübergestiegen komme und die Schlüssel von Madruzz verlange ... Wir zogen ab, ohne das Büchergeheimnis ergründet zu haben. Aber Stefanus der Sklav nahm's für eine Ehrensache, dass er und sein fremder Herr die Bücher der Madruzzen zu sehen bekämen, und arbeitete mit mehr Leidenschaft dafür denn ich selber, wiewohl über seine anderweiten Verhältnisse zu Gedrucktem und Geschriebenem gegründete Zweifel erhoben werden könnten. Nach drei Tagen kam er strahlend wie ein Unsterblicher: »Heut werden wir die Schlüssel erhalten!« – Stefanus der Unermüdliche hatte beim alten Sommadossi ein Empfehlungsschreiben erwirkt an Albertini den Meister der Schlüssel, ein bolletino, wie er sagte, und Sommadossi der Alte hatte geschrieben, die zwei signori prussiani, die bei ihm wohnten, seien zuverlässige Männer und galantuomini, denen man alles Inschriftliche und Monumentale des Schlosses Madruzz ohne Risiko vor Augen stellen könne, da sie es nicht um Geschäfte zu machen, sondern lediglich zu ihrem divertimento besichtigen würden. Da Sommadossi der Alte in einem P. S. zugefügt hatte: »NB. Mit der bewussten Zahlung vom Seidengeschäft her hat es noch Zeit,« so hatten sich die Schlüssel auch vorgefunden, und ich trat meine zweite Wanderung nach den Trümmern des Bischofsschlosses an. Stefanus der Sklav war nach Calavin gegangen, um die nötigen Einleitungen zu treffen. Ich stieg allein den sonnenglühenden Gipfel hinan und stand bald vor den hohen weissen Mauern des Castells. Diesmal waren nur die Kinder des Bauern oben, die ihre Ziegen im Schatten weideten und scheu davonliefen, wie die fremde Gestalt sie freundlich ansprechen wollte. Das innere Tor war mit einem Querbalken gesperrt. Ich musste lange warten, bis endlich vom Tal von Calavin 3 Männer bergauf schritten. Der eine öffnete das Tor; wir traten in Schlosshof ein, und die Untersuchung der alten Bücher und Handschriftensätze von Madruzz begann. Die zu diesem Behuf nunmehr vollständig versammelte Kommission bestand 1) aus dem Schlossbauer von Madruzz, als derzeitigem Aufseher und einzigem Bewohner der mit dem Archiv zusammenhängenden Gebäude, 2) aus einem gnomenartigen, mit Säbelbeinen versehenen, vier Fuss rheinisch messenden, freundlich lachenden Individuum, welches die Schlüssel trug und von Albertini dem Padron gemessenen Auftrag hatte, dem Akt anzuwohnen, die Schlüssel nie ausser Händen zu geben, und dem Fremden scharf auf die Finger zu sehen, 3) aus Stefanus Basetti meinem Sklaven, 4) aus mir selber. Von dieser Kommission waren die Mitglieder 1. und 3. des Lesens und Schreibens nicht erfahren und auch in früheren Zeiten niemals erfahren gewesen! Die Operationen nahmen ihren Anfang. Im Erdgeschoss des Gebäudes, welches den Rittersaal trägt, war ein mit riesigem Eisenschlosswerk verschlossenes Gemach, welches als Verwahrungsort bezeichnet wurde. Das Mitglied Nro. 2 probierte sämtliche Schlüssel, aber ... waren die Türen eingerostet, oder anderweite Riegel vorgeschoben, ... es gelang nicht zu öffnen. Da holten die Mitglieder 1. und 3. eine grosse Hühnerleiter herbei, und wir stiegen in gemessener Ordnung und dem der Feierlichkeit des Akts entsprechenden erwartungsvollen Schweigen zu einer von keinem Fenster mehr verschlossenen Wandöffnung hinein. Es war eine kahle, spinnweb- und staubüberzogene Stube; zwei alte, gebräunte, schnitzwerkgezierte Schränke standen einsam an den Wänden! Die übrigen Mitglieder der Kommission waren noch viel neugieriger als ich selber; als der erste Schrank aufgeschlossen war, fielen sie mit dem hierlands bei allen wichtigeren Geschäften unentbehrlichen Ausruf »Höh ... höhh« ... drüber her, wie etwa die englischen Matrosen und tartarischen Altertumsforscher über das Museum von Kertsch, ... eine Reihe ehrwürdiger, in weisses Pergament gebundener Folianten stand drin, und viel kleinere Bücher; in Frist einiger Minuten war alles herausgeworfen und betastet und aufgeschlagen, und ich hatte zu tun, um den Eifer Stefanus des Sklaven und des Schlossbauers von Madruzz in den gebührenden Schranken zu halten. Es war die Bibliothek des Kardinal Madruzz. ... Theologie, Kirchengeschichte, Polemik gegen die Lehren der Reform, scholastische Philosophie, viel namhafte Geschichtswerke des XVI. Jahrhunderts, de rebus Angliae et Scotiae, historia Turcarum, historia Theoderici regis Ostrogothorum, Geschichte von Holland, Flandern und Brabant, deutsche Chroniken, auch die crême vornehmer Platoniker des XIV. Jahrhunderts, Marsilius Ficinus de immortalitate animarum, Picus von Mirandola, dann die Byzantiner vom Niketas bis zur Anna Comnena in schöner venetianischer Ausgabe, alles wohlerhalten und mehr als hinreichend, das Leben eines Mannes auszufüllen, der ein ernstlich Studium drauf verwenden gewollt. Der wahrhaft intakten Jungfräulichkeit vieler dieser Bände war aber schier der Verdacht zu entnehmen, dass ihnen das horazische: nocturna versate manu, versate diurna, nicht allzu oft zu teil geworden. Da ich das System der Durchsicht von Stefanus des Sklaven und des Schlossbauers Anordnungen abhängen liess, wurden mir die Bücher der Grösse nach ans Fenster geschleppt, erst die Folianten, dann etwas in Quart, und so abwärts. Ich erklärte ihnen einiges vom Inhalt der alten Scharteken, was mit Befriedigung aufgenommen wurde; wie sie mir das erste deutsche Buch, eine Relation über die Belagerung Wiens durch die Türken unter Soliman II. 1529, brachten und ich auch diese fremdartigen, anders geformten Lettern lesen konnte, stieg ihre Hochachtung; und Stefanus begann, mit der Gelehrsamkeit seines Herren zu renommieren: »sa leggere tutto,« sprach er, »vedete, sa leggere tutto! Höh ... höhh« ... Darum liess ich ihn aber auch nicht im Stich, wie sie mir die Quartbände beischeppten, und nach zwei hebräischen Bibeln einige ganz dubiöse Druckwerke an die Reihe kamen, die wahrscheinlich aus der Presse der Propaganda zu Rom hervorgegangen, eine durchaus uneuropäische Haken- und Keilschrift aufwiesen. »Aha,« sagte ich, »quest' è lingua asiatica, ... buona per trovare tesori,« fügte ich mit gewichtiger Miene bei. Der Schlossbauer verstand mich und legte das semitische Buch bei Seite. Mög es ihm gedeihlich sein, wenn er etwa durch meine Andeutung auf nächtliches Schatzgraben in seinen Schlosstrümmern verfallen sollte ... es wird gegenwärtig so viel auf das Assyrisch-Babylonische hingewiesen und so wenig dabei gewonnen! Die Musterung ging zu Ende. Die Kommission war begierig auf meinen Urteilsspruch über das Ganze. Ich erhob mich: »tutto,« sprach ich, »roba di Cardinale, niente per noi altri!« Ich liess alles säuberlich an seinen Platz zurückstellen und den zweiten Schrank öffnen. Aber wie die Türen dieses zweiten Schrankes aufgingen, da ward es auch mir in meinem antiquarischen Gemüt wohl ums Herz, und mit einer gewissen ehrfurchtvollen Spannung begann die Untersuchung. Nur wenig Bücher lagen zerstreut umher, aber in langen Bündeln glänzten und gleissten die Dokumente, siegelbehangene Urkunden, ganze Pergamentfascikel ... ein Archivrat wäre in Ohnmacht gefallen! Ich hatte einen Teil des Haus- und Familienarchivs der Madruzzen vor mir, samt den Protokollen der Schlosshauptleute und Rentamtmännern, den Statuten des Territoriums u. s. w. Schaben, Käfer, Mäuse, Ratten und andere Insekten hatten ihre Schuldigkeit gethan. »Höh, höhh,« rief der Schlossbauer, da er einen Griff hinein that und eine Handvoll in Schnipfel und Fetzen zernagter Papiere vorzog, die auseinanderfielen wie Staub, »si potrebbe far polenta di queste cartaccie!« Der Gnom mit den Schlüsseln wollte wieder schliessen. Ich aber bemerkte ihm, dass man diese roba nicht bloss ansehen könne wie Tiere einer Menagerie, und um sein Gemüt zu sänftigen, liess ich durch Stefanus einen gewaltigen Steinkrug roten Weines und einen Laib Brot beischaffen. Unter diesen Verhältnissen konnte die Sitzung fortgesetzt werden. Der Gnom aber war argwöhnisch geworden und tat seine Hüterpflicht mit rühmenswerter Treue; und wie ich einmal den Heiratsvertrag Herrn Ludwigs von Madruzz mit der ehrsamen Jungfrau Helena von Lamberg in die Fensternische gelegt statt in den Schrank zurück, sprang er bei wie ein Teufel und sprach »scusi, Signore!« und legte das Dokument zurück. Es waren bunte Bilder vergangener Zeit in diesen Urkunden. Ein riesiges Kopialbuch auf Pergament, in der langgedehnten Mönchsschrift begonnen und später lesbar fortgesetzt, enthielt die Abschrift sämtlicher Urkunden über den Erwerb der unzähligen Liegenschaften, die das Territorium der Madruzzen bildeten, über Bau und Restauration des Schlosses etc., es mag gegen 1000 Seiten enthalten. Eine Masse Notariatsakte geben Ausschluss über Ehverträge, Testamente und Inventarbestände im XVI. und XVII. Jahrhundert. Gerichtliche Akten, von Abwandlung der Forst- und Waldfrevel an bis zu schweren Kriminalprozessen die Hülle und Fülle; auch etliche Privatkorrespondenzen des Kardinal Christoph Madruzz mit Fürsten und Herren seiner Epoche ... es kam eine starke Versuchung über mich, ein Originalschreiben eines Pfalzgrafen Wilhelm bei Rhein, Kurfürst von Baiern, an den Kardinal, Einladung zu einer Besprechung in Innsbruck, da er propter morbi et medicorum vexationes ihn nicht in Trient besuchen könne, auszuführen; das Siegel mit dem Löwen und den Feldern samt der eigenhändigen Unterschrift »Guglielmus« war gar zu verlockend, es dem Geschichtschreiber der Pfalz als Wahrzeichen der Studien des Meister Josephus vom dürren Ast zu überschicken ... aber es bedurfte des Blicks auf den Gnomen nicht, um mir zu sagen, dass ich kein Recht hatte, es dem Zahn der Ratten zu entreissen. Die Kommission verlangte auch über diesen Schrank nähere Aufklärung. Da versammelte ich die drei Männer am Tisch um den Weinkrug ... Es war ein seltsames Bild, wie solches wohl bei wenig archivalischen Untersuchungen sich wiederholen wird; der Schlossbauer auf eine Sense gelehnt, der Gnom mit seinem schauerlichen Schlüsselbund, Stefanus mit broterfüllten kauenden Backentaschen ... und ich griff das Protokollbuch des ehrenwerten Schlosshauptmann Scratimperger und sprach: »itzt gebt Acht, wie es zu Zeiten der grossen principi Madruzz zuging,« und las ihnen vor, wie der seine Bauern gezwiebelt; wegen Fällung eines Bäumleins im Schlosspark so viel Gulden, wegen Fischen in der Sarca so viel, wegen Laub- und Streusammeln so viel, und wenn ein bekannter Name kam, ein Pison oder Naneto von Madruzz oder ein So und So von Calavin, da lachten die drei Männer laut auf und freuten sich seines vorzeitlichen Geleimtwerdens mit einstimmigem »Höh, höhh!« ... »Und jetzt wollen wir drauf anstossen, dass die Zeiten vorbei sind!« fuhr ich fort, und sie hatten ihre Gläser gefüllt und tranken sie aus, aber mit der Bemerkung, dass es zwar hier oben vorbei sei, aber drunten in Bezzano noch nicht ganz. Zu Bezzano ist das Bezirksamt. Die Sonne war untergegangen und Lichter keine in des Schlossbauers Besitz. Da stand ich im Dämmerschein prüfend vor dem Madruzzenschrank und sprach zu mir selber: »Sollst du dich nicht etliche Wochen ganz still hinsetzen und in Gegenwart dieser Ehrenmänner oder auch ohne sie excerpieren, dass die Haare vom Kopf fliegen, um dann vor die erstaunte Welt zu treten und die Madruzzen »urkundlich belegt« und mit diplomatischer Genauigkeit vorzuführen? Aber ich gedachte der vielen Folianten im ersten Schrank und der Befriedigung, mit der ich sie wieder an ihren Platz gestellt, – und gedachte an das, was im Gebiet des Geistes bleibend – und das, was Schwindel ist, und dass bereits mehr gedruckte alte Urkunden in der deutschen Welt sind, als Augen um sie zu lesen, und ich rief: »Unentdecktes Archiv von Madruzz, ich will an dir kein Columbus werden!« und winkte dem Gnomen, dass er den Schrank schliesse. Die Kommission verzog sich mittelst derselben Hühnerleiter, auf der sie hereingestiegen. Aber ein Aktenstück hatte ich doch fortgenommen und dem Gnom übergeben, dass er bei seinem Padron anfrage, ob ich's nicht des Nähern studieren könne. Die Protokolle des praetor Horatius Sacratus und seines Schreibers Melchior de Riccus über die Ermordung des Grafen Terlago »cum archebusatis VI« am 28. Juli 1572, sollten mir die Freude verschaffen, ein Stückchen welschen Banditenwesens im Stil des XVI. Jahrhunderts aktenmässig kennen zu lernen ... Ich verspreche feierlich, auch hierüber nichts zu publicieren. Die deutsche gelehrte Welt wird mir hoffentlich für meine Entschlüsse erkenntlich sein. – 19. Die Grotte von Lasine. Das Beste kommt zuletzt. Stefanus der Sklav war zwar unermüdlich, neue Wege und Stege aufzufinden, nachdem er gemerkt, dass seine Signori Geschmack dran fanden, die Kreuz und die Quer in unbekannten paësen herumzustreifen ... aber nachdem bis zur Klause des heiligen Vigilius nordwärts und bis zu den Bergen von Arco südwärts alles so zu sagen abgegrast war, ging ihm der Stoff allmählich aus. Eines Tages jedoch kam er geheimnisvoll, er hatte etwas Neues entdeckt: die Grotte von Lasine. Eine schöne Grotte, eine wundersame Grotte, sprach er, er selbst sei noch nie dort gewesen, aber er habe es von andern gehört, das sei etwas für Signori, die von weit her kämen. »Bene,« sprach ich, »lasst die Esel satteln, wir reiten nach Lasine!« Und wir ritten wohl zwei, wohl drei Stunden auf unbekannten steilen Gebirgswegen; ein Gewitter brach über uns los und hüllte die Berge von Arco in Düster und Schwarz; das strohgefüllte Sattelwerk des Animal that seine Schuldigkeit ... endlich ritten wir in dem mit schlankem Kirchturm gezierten Nest ein, um den Lohn der Strapazen zu pflücken. Meine Seele, die so viel Neigung für Höhlen und Höhlenleben hat, war erfüllt von den Wundern der alten Mutter Natur, die sie zu erschauen hoffte, von Erdmännlein, Gnomen und Kobolden, von farbenschimmernden Kristallen und unterirdischen Strömen ... wir hielten an einem an Berg gelehnten Landhaus. Ein sehr verdächtiger neuer Torbogen »in Gothisch« gewährte den Eingang in einen Garten. Ein Mann mit leuchtender roter Nase bemächtigte sich unserer, als wir nach der Grotte fragten. Wir stiegen bergan und hatten unterwegs zwei Anstalten zu bewundern, die eine zur Gewinnung hydraulischen Kalks, die andere zur Pressung von Olivenöl. Der Mann mit der roten Nase war unerschöpflich im Lob seines Padrons, des Eigentümers der Villa, der in Trient von seinen Renten lebt und deren Überschuss zu so trefflichen, die Gegend verschönernden Anlagen benutzt. Nachdem wir einen von Regenwasser gebildeten See, drauf eine Barke in Miniaturformat im Schlamm festsass, passiert hatten, standen wir vor einem gemauerten Unterbau, durch den ein sechs Schritte langer dunkler Gang zu einer Art Eiskeller hinabführte. Ich begann ungeduldig zu werden. »Ma quando al fine vedremmo la vostra grotta?« unterbrach ich den Manu mit der roten Nase, der seine Erklärung des Sees noch nicht vollendet hatte. »Ecco la!« sprach er und deutete auf den Eiskeller. Am Ende des Gangs waren die Steine so ausgehauen, dass sie die Silhouette Napoleons des Alten im leeren Luftraum bildeten. Auch das noch! ... Der Mann mit der roten Nase hat kein Trinkgeld von mir bekommen. Auch Stefano der Sklav nicht ... An jenem Abend fand ich, dass es Zeit sei, allmählich an die Abreise zu denken! ... 20. Von vielem was noch zu erzählen wäre, aber nicht mehr erzählt werden mag. 1) Von den Plätzen, wo der Meister Anselm gemalt hat. Von dem Naturatelier am Wasserfall in der Judicariaschlucht. Von dem grossen Granitblockmotiv. Von der untermalten Madonna, die Sommadossi der Alte als Geschenk für seine Kapelle erhalten sollte. Von derselben Madonna, die Sommadossi der Alte als Geschenk für seine Kapelle nicht erhielt, die vielmehr als Leinwand für die Granitblocklandschaft verwendet wurde. Wie wir mit derselben Madonna in der Barke über den See fuhren. Wie etliche Tage darauf im ganzen Tal erzählt wurde, dass einem Hirtenknaben von Calavin die Madonna erschienen sei. Von der Flucht nach Ägypten, die ebenfalls mit einem Granitblockmotiv zugedeckt wurde. Von der Landschaftsmalerei überhaupt und ihrem Verhältnis zur Historienmalerei im Sarcatal. Wie Candidus der Postverwalter sich ein Herz fasste und mit seiner jungen Frau gemalt sein wollte. Wie der Meister Anselm den Postverwalter und seine junge Frau nicht, dagegen einen alten Waldhüter gemalt hat. 2) Von dem Poetenwinkel, wo der Meister Josephus die Geschichte von der Irene von Spielberg zuweg bringen wollte. Von Herrn Dietrich von Rodenstein und seinem Freund Christoph Langenmantel von Augsburg. Von intendierter Beraubung des Bischofs von Torcello. Wie der Meister Josephus stecken blieb und den Herrn Dietrich nicht einmal bis nach Venedig brachte, wo er die Irene erst kennen lernen sollte. Von Pietro Aretino dem Dichter. Wie der Meister Josephus einen zweiten Anlauf nahm, bis zur Irene vorzuschreiten, ihm aber von einem grossen Seeschmetterling das Tintenfass umgeworfen ward. Wie die Wildentenfänger von Calavin ihm auch noch seinen Stuhl im Poetenwinkel gestohlen und zu Jagdzwecken verwendet. Was Stefanus der Sklav gesagt, da er den Meister Josephus jeden Morgen in den Poetenwinkel hinüber fahren und jeden Mittag wieder über den See zurückbringen musste. Wie der Meister Josephus zur Einsicht kam, dass dieser Winkel auf felsigem Vorsprung des Toblinosees nicht dazu bestimmt sei, mit der Schule Homers auf Chios in Wettkampf zu treten, und seine Arbeiten gänzlich eingestellt hat. Von dreitägigem hierauf gefolgten vino santo-Trinken. 3) Von des Meisters Anselm und des Meister Josephus Abendgesprächen über die Kunst heutiger Tage in ihrem Verhältnis zum Kunstideal, wobei schöne Kapitel zur Sprache kamen, als da sind: Von den Spiritualisten und ihrer Impotenz. Von den Dreckschwätzern. Von den Glanzlackierten. Von den Trödeljuden. Vom Schwindel überhaupt. Von der Naturerscheinung, dass die edleren Kräfte das wenigere Geld besitzen u. s. w. 4) Wie nach des Meister Anselm Rückfahrt nach Venedig der Meister Josephus noch einsam auf dem Castell verblieben. Wie ein ehrwürdiger weisslockiger Pilgergreis im Castell ankam und Verlangen trug, sich in des Meister Josephus Stube neben ihn einzuquartieren. Wie der Meister Josephus diesen Pilgergreis in Anbetracht seines schwarzen Talars, seines Rosenkranzes und seiner weissen Socken mit gebührender Achtung aufgenommen und bewirtet hat. Wie sich dem Meister Josephus bei näherer Unterhaltung mit dem Pilgergreis einige Runzeln auf der Stirn einstellten, die ihn an die Zeiten erinnerten, da er Respicient eines gewissen Bureau am Oberrhein gewesen. Wie der Pilgergreis dem Meister Josephus sagte, es käme ihm immer vor, als habe er ihn schon irgendwo gesehen. Wie der Meister Josephus den Pilgergreis fragte, ob er nicht auch schon durch Basel gekommen? Wie der Meister Josephus den Pilgergreis nach der hierauf erfolgten Antwort als den 62jährigen Barbier und Chirurgiegehilfen Bucher von Innsbruck, den sie einst aus Frankreich nach dem Bodensee »zurückgeschoben«, entlarvt hat. Wie der Meister Josephus mit Stefano dem Sklaven und Johann Bartolomäus dem Hausknecht hierauf dem Pilgergreis tatsächlich dartaten, dass diese Abendzeit die geeignetste sei, auf der Heerstrasse weiter zu pilgern. Wie der Pilgergreis alle drei dafür vor den Richterstuhl Gottes geladen. – 5) Wie der Meister Josephus, damit dieses Gedenkbuch zu einem Schluss und Ende komme, endlich selber von dannen gefahren. Explicit feliciter! Anmerkung: Dieses Gedenkbuch, vom Dichter zur Ergötzung der Freunde im Heidelberger »Engeren« verfasst, wurde von ihm am 29. August 1855 aus Castell Toblino an Dr. Ludwig Knapp in Heidelberg zum Vorlesen in einer der nächsten Plenarsitzungen des »Engeren« gesandt. Scheffel hatte vor der Abreise nach Venedig seinem Freunde Otto Müller Beiträge für das von ihm und Theodor Creizenach redigierte »Frankfurter Museum« versprochen und arbeitete nach der Heimkehr auf dessen Drängen das »Gedenkbuch« zu den Reisebriefen »Aus den Tridentinischen Alpen« um, die dann 1856 in den Nummern 11–13 der genannten Zeitschrift erschienen. (Vergl. die Biographische Einleitung in Bd. I dieser Ausgabe, Seite 65.) Aus dem »Frankfurter Museum« gingen diese Aufsätze nach Scheffels Tod in den Sammelband der »Reisebilder« über, der 1887 mit der Einleitung von J. Proelss im A. Bonz'schen Verlage erschien. In der Ausgabe von Scheffels Gesammelten Werken konnte natürlich das Werk nur einmal gedruckt werden, wozu sich die ursprüngliche Fassung als »Gedenkbuch« für den »Engeren« empfahl und wodurch sich der Ausfall der Aufsätze »Aus den Tridentinischen Alpen« im III. Bande erklärt, der die übrigen von Dichter selbst in Zeitschriften veröffentlichten »Reisebücher« vereinigt. Näheres über die Tridentiner Briefe findet der Leser in Proelss' »Scheffels Leben und Dichten«, S. 350 u. f. und »Scheffel; Volksausgabe«, S. 204 u. f. Von den in ersterem Buch enthaltenen oder erwähnten kürzeren »Episteln« an den »Engeren« gelangt hier noch die folgende wegen ihres Humors und als biographisch bedeutsam zum Abdruck. Epistel aus Donaueschingen. »Hochwirdigster Engerer! Civ. Nr. 240. Schädigung durch Klosterleute betreffend Leider ist Schreibens nicht viel, wegen viel Schreiben, sonst stünd Zahlreiches zu berichten, da nicht ohne Erfolg zahlreiche Feldzüge in Hegäuw, Wutachtal, so ich sogar in einem lateinischen Poem verherrlicht habe, Schwarzwald und Neckarböblingisches unternommen wurden. Und ist eben dies die strategische Bedeutung Donauöschingens, dass der Mensch, auf zwei, drei Stunden Entfernung sich ausbreitend, verschiedenster Formationen und Gebiet Bier trinkend erreicht. Und behalte ich mir vor, zur Kenntniss des hochwirdigen Engeren in mündlichem Vortrag mehrere ausgezeichnete Stationsorte zu bringen, wo auch Leumundszeugnisse über mein seitheriges pflichttreues Verhalten eingeholt werden mögen. Aber im Kloster Rheinau, hochwirdigster Engerer, habe ich hartes Unrecht leiden müssen. Und das war so: Setze mich eines schönen Junitages, am Sonntag ante Petrum et Paulum auf einen langen Waidling und fahre am Schaffhauser Wasserfall weg auf dem grünen Rhein – an dessen Ufer das ausgegangene aber noch trümmerumwallte Schwabeneck und der keltische Landeplatz Nohl liegt – talabwärts. Lande auch richtig auf der Insel, die das alte Kloster trägt, und heische Einlass; drei Gründe der Einlagerung entschieden vorhanden: 1) altkeltische Sympathien für Sanct Fintanum, der hier sich eingeschlossen und furchtbar keltische Beschwörungsworte, ataich, okysel u. farkysel in die Nacht hinausgebrüllt, wenn die Teufel ihn plagten, 2) die überirdische Bibliothek, 3) die unterirdische Bibliothek. Geht überhaupt dem Orte ein guter Leumund voraus, wie denn auch die württembergischen Ulanen, die in badischen Occupationszeiten auf Besuch oft hinüberritten, jedesmal ihre vollkommene Zufriedenheit aussprachen. Also lande ich mit meinem langen Rheinschiff und heische Einlass und Gastfreundschaft ... und war mein Hauptaugenmerk auf den Rheinauer Schlaftrunk gerichtet, der seinerzeit auch dem Leutnant von Zeppelin als eine ganz vernünftige Einrichtung erschien. Besagter Schlaftrunk findet sich nämlich in Gestalt einer Massflasche, gefüllt mit Auslese aus den Rebbergen, genannt zum Korb, auf des Gastes Kemenate vor .... Wer aber einmal den Rebensaft, der auf dem Korb gedeiht, mit Überlegung gekostet, der vergisst sein nicht wieder. Darum ist der Rheinauer Vespertrunk ein Wahrzeichen des Orts, – wie der Tod zu Basel, der Unnoth in Schaffhausen und der Caplan mit dem roten Regenschirm in Löffingen bei Neustadt. Item war der Empfang zu Rheinau wie es einem peregrinus honestus gebührt ... und gab man mir gar ein lieblich hohes Schlafzimmer in einem Erkerturm, vor dessen Fenstern der Rhein kräftig und stolz vorbeiströmt, so dass mir eine Mondscheinnacht mit Beihilfe dessen, was im Korb gedeiht, ein liebsam Ziel der Fahrt erschien. Hab mich auch anständig betragen, mit dem Prälaten getafelt, mit dem pater Ambrosius und meinem Kollegen dem pater leodegari im Klostergarten einen tapferen Rambo gekegelt und Spuren auf Heidelberger Museumsbahn gemachter Studien zurückgelassen, hab sodann in der unterirdischen Bibliothek eine gründliche topographische Untersuchung vorgenommen, und viel dortige Codices probirt – aber nicht alle, denn es waren zweimal 40 Stückfässer und die Gewalt des Siebenundfünfzigers eine grosse. Wolbemerkt, hochwirdigster Engerer, damals wusste keiner, wess Namens und Geistes ihr Gast. Bei der Abendtafel aber musst ich mich nach Geschlecht, Herkunft und früherem Standort namhaft machen. Bemerke, dass Einer den Andern ein Weniges an der Kutte zupft. Item, halte mich wiederum fest ... und rücke gegen 10 Uhr in meine Schlafkemenate, der Überraschung fröhlich entgegen gehend. Hochwirdigster Engerer: da stand auf meinem Tisch das hohe Stengelglas, umgestülpt, die Massflasche lag schlotternd und leer auf dem Bauch, der Teller verkehrt und neben dem Ganzen stund ein lebensgrosser Pferdefuss von Holz! Des Ganzen Anblick aber war folgender: Man muss Symbolik studiert haben, um zu wissen, dass solcher plastischen Gestaltung stets eine Bedeutung unterliegt. Diesmal war sie keine mystische. Hochwirdigster Engerer ... des anderen Tages dankte ich für genossene Gastfreundschaft, gab den Köchen und Dienern ein anständig Douceur, sprach okysel na farkysel! und verzog mich zu den eidgenössischen Förstern nach Schaffhausen. Im Kloster Rheinau hatten sie den Ekkehard gelesen, und besagter Schlaftrunk war des Cellerarius Rache! Hochwirdigster Engerer, ich bitte um stilles Beileid! Ad fontes Danubii. 18. Juli 1858. Josephus vom dürren Aste.