Friedrich Rückert Die Makamen des Hariri Inhalt:         An die Leser Hariris Vorwort Die Bibliothek von Basra Die beiden Gulden Die Bittschrift Zahnstocher und Seife Nadel und Kamm Das Eidformular Die Grabrede Das alte Weib Die Pilger Dattel und Rahm, oder: der Erbfall Die Vase Das gestohlene Gedicht Das Frühlingsgelage Der Deckmantel Der Bettelbrief Die Hochzeit im Wirtshaus Die Bettlerhochzeit Die Gesetzfrage Der verkaufte Joseph Die Nonne Die zehn Reisenden Der Kadi von Saade Der großmütige Wali Das beschworene Kind Die Ehescheidung Die Rätsel Jungfrau und junge Frau Der gastfreie Wirt Der Perlensticker Der Schulmeister von Hims Das Lösegeld Das Testament Basras Ruhm Anhang: Der Rätselmann . Abfälle von Hariris Rätselmakamen Die Makamen des Hariri (Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug) . An die Leser. Der Gesetzgeber der arabischen Sprachlehre, Baron Silvestre de Sacy , hat im Jahr 1822 ein in der orientalischen Litteratur Europas Epoche machendes Buch herausgegeben, das, außer einer französischen Zugabe von 19 Seiten, auf 660 Folioseiten keinen anderen als arabischen Buchstaben enthält. Es sind die Makamen des Hariri . Makame bedeutet einen Ort, wo man sich aufhält und sich unterhält, dann eine Unterhaltung selbst, einen unterhaltenden Vortrag oder Aufsatz, nach unserer Art eine Erzählung oder Novelle. Mehrere dergleichen, über einen gemeinsamen Gegenstand und locker zu einem Ganzen zusammengereiht, bilden alsdann, was wir einen Roman nennen könnten, wie eben das genannte Werk einer ist. Dessen Verfasser, Hariri, ein Gelehrter aus Basra, ist geboren 446 und gestorben 515 oder 516 der mohammedanischen Zeitrechnung. Seine Lebensumstände sind unbedeutend, sein Werk aber im ganzen Orient höchst berühmt, seiner Schwierigkeit wegen von vielen glossiert und kommentiert . . . Meine Arbeit giebt sich für keine Übersetzung, sondern für eine Nachbildung. Die Grundsätze, nach denen man Homer und Shakespeare verdeutscht, sind, wie jetzt noch die Sachen stehen, auf einen arabischen Dichter kaum anwendbar. Dazu gehört eine nähere Verwandtschaft oder eine innigere Aneignung eines fremden Bildungskreises, als deren wir bis jetzt uns in Bezug auf den Orient rühmen können. Hoffentlich wird auch für die größeren orientalischen Kunstwerke einmal die Zeit kommen, wo sie in treuer Übertragung in unsere, jeder Erweiterung empfängliche Sprache angenommen werden können, ob aber so bald oder überhaupt jemals für Hariri, zweifle ich. Ich denke, er wird immer, wie jetzt, unübersetzbar bleiben, nicht wegen der Schwierigkeiten der Form, zu deren Überwindung eben hier ein Anfang gemacht ist, noch auch wegen mancher Einzelheit des Inhalts, die, vom jetzigen Bearbeiter unterdrückt oder verändert, gar wohl einmal einem zugewöhnteren Publikum ohne Anstoß würde geboten werden können, sondern weil der Kern selbst, der Mittelpunkt vieler seiner Makamen etwas ist, das an der Originalsprache haftet und mit dieser wegfällt. In solchen Fällen habe ich mir mit allerlei Stellvertretungen zu helfen gesucht, worüber man die Nachweisung in den Anmerkungen zu den einzelnen Makamen finden wird. Dasjenige aber, dem von keiner Seite beizukommen war, habe ich weggelassen. Die Ökonomie der Makamen ist die allereinfachste: jede ist ein für sich bestehender und in sich abgerundeter poetischer Haushalt, ohne Wechselbeziehung mit den übrigen, ohne Einwirkung auf sie und von ihnen. In jeder geht ein Abenteuer an und zu Ende, und das nächstfolgende entspringt nicht aus dem vorhergehenden, sondern mit diesem zugleich aus dem gemeinschaftlichen Mittelpunkt, dem Charakter des Helden, der dann im vollen Kreis der Makamen seine volle Entwicklung gefunden hat. Man sieht die Handlung nicht fortschreiten, und doch ist zuletzt das Ziel erreicht; die Darstellung geht nicht vorwärts, sondern dreht sich im Kreise. Die Anordnung ist also planetarisch, oder auch ausstrahlend wie die Blätter einer Palme. Und wie nicht jedes Palmblatt einen vollen Fruchtbüschel unter sich hat, so ist auch nicht jede einzelne Makame gleich wichtig für die Entwicklung des Ganzen; einige sind wesentliche Momente, andere Zugaben und Füllungen. Alle Makamen aber haben die gleiche Einkleidung, jede wird vorgetragen von einem Erzähler, Hareth Ben Hemmam , der zum Eingang berichtet, wie er von Reiselust, von Verlangen nach Bildung, oder auch von Geschäften da oder dorthin geführt, diesen oder jenen Vorgang gesehen, wobei dann immer Abu Seid so oder so handelnd eingreift und auf eine oder die andere Art thätig erscheint, meist anfangs vom Erzähler selbst unbemerkt oder unerkannt und erst zum Schlusse seiner Vorstellung hinter der Maske hervortretend, doch manchmal auch schon in der Mitte der Handlung oder gleich am Anfang. In Abwechslung dieses gleichförmigen Zuschnittes ist der Dichter unerschöpflich, immer neu, überraschend und unterhaltend. Es ist aber leicht zu erkennen, daß der Erzähler Hareth Ben Hemmam niemand anders als der Dichter ist, der in dieser Gestalt sich selbst außer sich und in sein Kunstwerk hineinstellt, gleichsam als Chorus, in welcher Bedeutung er sich besonders dadurch zeigt, daß er keinen eigenen Charakter entwickelt, sondern nur durch seine Zwischenreden dem Helden Gelegenheit zur Entwicklung des seinigen giebt, übrigens in die Handlung nicht eingreift und nur eine stete unwandelbare Teilnahme an den Schicksalen und an der Person des Helden zu Tage legt, eine schrankenlose Zuneigung wie durch Bezauberung, wodurch er, von jenem so oft geneckt, getäuscht, betrogen und in Verlegenheit gebracht, sich immer wieder zu ihm hingezogen fühlt, ihm überall hin folgt und dem Verschwundenen nachspürt, dabei sich vieles von ihm gefallen läßt und alles, was er thut, gern entschuldigt und nur, wo er es zu arg macht, eine sittliche Mißbilligung ausspricht . . . Die Form der Rede in allen Makamen ist gereimte Prosa, bei welcher im Deutschen zur Abteilung der Reimglieder die sonst ziemlich unnützen Gedankenstriche sind verwendet worden; eingeflochten sind zahlreiche Gedichte, wenigstens eins in jeder Makame, alle in der einförmigen orientalischen Reimweise, die unsere Leser vielleicht schon unter dem Namen Ghaselen kennen: jedes Gedicht, wie kurz oder wie lang es sei, ist auf einen einzigen Reim gebaut, der am Ende jeder aus zwei Zeilen bestehenden Strophe zum Vorschein kommt . . . Der Ausdruck Hariris ist überkünstlich, voller Wortspiele und Anspielungen, übertrieben, abenteuerlich, ausschweifend, kurz alles, was man da, wo es unbewußt ist und sich selber für die reine Schönheit hält, falschen oder verderbten Geschmack nennen kann. Hariri aber ist humoristisch und steht frei über dem, was er darstellt; und so wird man ihm die Schnörkel seiner Makamen für nichts andres, als wie die des Don Quixote dem Cervantes, anrechnen dürfen, nämlich für beabsichtigte und zweckgemäße Charakteristik. Von diesem Humor oder, wenn man will, Ironie in Hariri hat man vor der deutschen Bearbeitung in Europa nichts gewußt; und man könnte fragen, ob beides wirklich im arabischen Dichter liege, oder nicht erst durch seinen deutschen Umdichter in ihn hineingetragen sei? Doch das wäre dann die erste Parodie, die man zuwege gebracht hätte durch eine bloße Umfärbung des Ausdrucks, ohne Umsetzung der Motive; denn diese sind im Deutschen ziemlich unverändert geblieben. Und so wird doch wohl der Humor ursprünglich vorhanden sein, wenngleich vielleicht nur mehr unbewußt und erst durch die Übertragung zum Bewußtsein gebracht; mögen sich nun die Leser von ihm erfreuen lassen! F. R. Hariris Vorwort. So spricht der Scheich, der Preiswürdige, Einzige, Abu Mohammed Elkasem, Ben Ali, Ben Mohammed, Ben Othman, Hariri von Basra: (Gott kühle seine Ruhestätte!) Gott. Dir danken wir, wie für jede Habe, – also auch für die Redegabe; – wie für des Hauses Ausgang und Eingang, – so für des Geistes Ausklang und Einklang, – und wie für des Kleides An- und Ablegung, – so für des Sinnes Ein- und Auslegung. – Wir danken dir, wie für Tränkung und Speisung, – so für Lenkung und Unterweisung, – zu Zweck-Bedenkung und Kunst-Befleißung. – Wir flüchten zu dir vor des Sprechens Überfluß, – wie vor des Hörens Überdruß; – vor der Worte schädlichem Wucher – und dem Witz, dem Versucher, – wie vor dem Mangel an Sammlung – und der Zunge schmählicher Stammlung – in erleuchteter Versammlung. – Behüt' uns vor unbeholfener Unmündigkeit – und unbesonnener Unbündigkeit, – Zeit und Orts Unkündigkeit; – laß uns vermeiden die Schlappheit und die Steifigkeit, – die Knappheit und die Weitschweifigkeit, – die Leere und die Seichte, – das Überschwere und das Allzuleichte. – Lenke, wie unsern Schritt, – auch unseres Schreibekieles Tritt, – daß er nicht walle die Irrbahn – und nicht falle in Wirrwahn; – laß uns übers Ziel nicht ausschreiten – und im Spiel nicht ausgleiten, – unsere Knoten nicht verschürzen, – unsere Schüsseln nicht verwürzen – und durch Länge unsern Zweck nicht verkürzen, – Lob zu erlangen und Stunden zu kürzen. – Bewahr uns vor denen, die loben, – eh sie unsern Wert erproben, – wie vor denen, die schelten, – eh sie wissen, was wir gelten. – Schütz uns vor der Gönner Überschätzung, – wie vor der Mißgönner Heruntersetzung; – vor der stolpernden Stelze der Stolzen, – wie vor der Witzbolde stumpfen Bolzen. – Und laß uns, ohn' Anstoß und Anstand, – hinwandeln mit Anmut und Anstand – die Bahn, die zu wandeln uns anstand, – mit ruhiger Gelassenheit, – ohne Ausgelassenheit, – mit gewandter Fertigkeit, – ohne Eilfertigkeit. – Gieb uns Einsicht und Umsicht, – daß wir erreichen die Absicht, – und laß uns auftreten mit Vorsicht, – daß uns zu teil werde Nachsicht. – Gieb, daß wir nicht durch Reden vergiften, – noch Unheil stiften durch Schriften, – durch Worte deinem Wort nicht schaden, – noch Verantwortung uns aufladen. – Doch laß uns trotzen den Vorurteilen – und dem Verurteilen vor dem Urteilen. – Laß uns treiben mit Verstand – Prosaspiel und Vers-Tand, – und handhaben sauber – den erlaubten Redezauber. – Unsrer Dichtung Schmuck sei die Wahrheit – unser Ausdruck die Klarheit, – und die Begeisterung die Treibefeder – unsrer Schreibefeder. Um das bitten wir dich bei deinen hundert Namen – und bei allen Boten, die von dir kamen, – bei ihrem letzten und größten, – dessen Vertretung wir uns getrösten – der mit deinem Wort zum Welt-Heile – ist gesandt an die Weltteile; – der im Himmel genannt wird Ahmed , – aber auf Erden Mohammed – und unter der Erde Mahmud . – Segne ihn und seiner Flucht Gefährten – und seine Helfer, die bewährten, – seinen Stamm, den werten, verehrten, – die ganze Gemeinde der Muselmanen – und alle, die gehn auf rechten Bahnen. – Denn du bist der Allwaltende, – Uralte, niemals Altende. – Allschaffende, Allerhaltende, – der alles mit Lieb' Umfaltende, – und alles, dir zum Preis, Gestaltende. Nun denn! In vormaligen geselligen Zünften – und gebildeten Zusammenkünften, – deren Leuchte jetzt verglommen ist, – und deren Welle den Strom hinabgeschwommen ist, – hörte man sonst den Namen – und den Ruhm der Makamen , – die aufgezeichnet hatte der Bedi elseman , D. i. das neue Wunder der Zeit, ein Ehrenbeiname des folgenden. – der Ausgezeichnete von Hamedan , Der Dichter Abulfadhl Ahmed, Hamedani , d. i. aus der Stadt Hamedan , gestorben ungefähr hundert Jahre eher als Hariri, der Vorgänger Hariris, und Erfinder oder erster Ausbilder dieser Dichtungsart. – (ihm gnade Gott!) worin er die Geschichte des Ebulfeth Iskenderi Der Held der Hamedanischen Makamen, wie Abu Seid der Haririschen. zum Grund gelegt – und die Erzählung davon dem Isa Ben Hescham Der Erzähler der Geschichten, wie bei Hariri der Hareth Ben Hemmam . Man sieht hieraus, wie der äußere Zuschnitt beider Werke vollkommen derselbe ist. in den Mund gelegt; – zwei Personen, die nunmehr sind unbekannt – und ungenannt. – Mir aber winkte einer, dessen Wink Befehl ist, Es soll der Vezier eines abbassidischen Kalifen gewesen sein. – und dem zu gehorchen die Wohlthat der Seel' ist, – Makamen zu verfassen nach dem Vorbild des Bedi , – wenn auch ein Flinker von einem Hinker erreicht wird nie. – Da wandt' ich ein, was man sagt von der Gefahr des Schreibens – und dem Vorteil des Zuhausebleibens; – daß, wer einen Vers will dichten, – sich von Tausenden muß lassen richten, – und daß, wer viel bringt, nicht alles kann sichten; – daß er nicht immer den Honig von Wachs kann läutern, – noch die Nessel sondern aus den Würzekräutern; – gleich dem Viehhirten, der melkt aus kleinen und großen Eutern, – gleich dem Heerführer, der kommt mit Fußgängern und Reitern. – Wer sich auf den Markt stellt, der sei gefaßt, daß man prüfe – seines Wuchses Gradheit und Schiefe, – seines Wassers Seichtheit und Tiefe. – So lange man schweigt, kann man für weise gelten, – aber wenn man spricht, ist's lauter Weisheit selten. – Unter vielen Worten ist manch vergebliches, – unter vielen Gestirnen manch nebliges. – – Doch jener wollte der Einwendung nicht nachgeben, – noch des Unternehmens mich überheben. – Da stand ich, zu seiner Huldigung, – ab von meiner Entschuldigung, – und zum starken Geschäfte – bot ich auf meine schwachen Kräfte, – entwerfend, nach meiner Quelladern Sprödigkeit – und meiner Einsichten Blödigkeit, – nach meines geistigen Vermögens Beschränktheit – und meiner von Sorgen Gekränktheit, – einige und vierzig Makamen, gewebt aus Ernst und Scherz, – gegossen aus Gold und anderem Erz, – gedichtet aus dünnen Fäden und dichten, – geschichtet aus bunten und lockern Geschichten, – voll mannigfaltiger Ereignisse – und unvergleichlicher Gleichnisse; – versehn mit Anspielungen und Beispielen, – die überall herbeispielen, – und geschmückt mit Spielwörtern und Wortspielen, – die in einem fort spielen; – besetzt mit den Edelsteinen des Ausdrucks, – gestickt mit den Perlen des Gedankenausschmucks, – bereichert mit Rätseln und Sprichwörtern, – Redespitzen und Stichwörtern, – Schriftstellen und Gemeinplätzen – und besondern Sprachschätzen, – abwechselnd mit muntern Ausbrüchen – und feierlichen Aussprüchen, – mit Possen der Vertraulichkeit – und Glossen der Erbaulichkeit, – mit Witzreden, welche lachen, – und Strafreden, die weinen machen. – All das hab' ich auf die Person des Abu Seid von Serug gedichtet – und es durch den Mund des Hareth Ben Hemmam von Basra berichtet; – und habe mich unterzogen all dieser Mühe, – nur daß daraus dem Leser Lust und Belehrung erblühe, – und daß es dem Hörer diene zur Erheiterung – und zu seiner Kenntnis Erweiterung. – Ich habe mich in den Versen, den beigegebnen, – nicht halten wollen auf dem Weg, dem gar zu ebnen; – habe nicht wollen von fremdem Schatze borgen, – sondern meinen ganzen Haushalt selbst versorgen. – So sind denn alle Lieder, Mageres und Feistes, – die eingefleischten Kinder meines Geistes; – und ich tische hier nichts auf, als – mein eigenes Salz – und mein eigenes Schmalz, – mein Süßes und mein Saueres ebenfalls. – Bei dem allen bekenn' ich, daß der von Hamedan – bleibt mein Vortreter auf der Bahn, – der den Vorsprung gewonnen habende Reiter, – dem nicht nach und nicht nah kommt sein Nachschreiter; – und daß, wer nach ihm noch was thun will im Feld der Makame , – und hält' er auch die Beredsamkeit des Kodame , Der Name eines berühmten Redners. – immer nur wird schöpfen von seiner Neige – und sich halten müssen auf seinem Steige. – Göttlich hat der Dichter gesagt: Und was mich betrübt, ist, daß ich tief Schlummer atmend lag, Als hold ihr Geseufz anhob die Turtel im Laube. Denn hätt' ich geseufzt vor ihr um Soda, Ein weiblicher Name, die Geliebte. so hätt' ich wohl Geheilt diesen Gram, dem jetzt mein Herz bleibt zum Raube. Doch erst seufzte sie , dann ich, und ihr Seufzen weckte meins; Ich sprech': O der Nachahmung! der Preis bleibt der Taube. Nun hoffe ich, daß ich mit den Scherzen, die ich ersonnen, – und mit den Fäden der Unterhaltung, die ich gesponnen, – nicht sein möge wie der Hörnerträger auf der Aue, – der seinen Tod aufscharrte mit seiner Klaue; Ein Sprichwort, das folgende Erklärung hat: Ein Feldaraber fand einen Widder in der Wüste, den nahm er und hatte Lust, ihn zu schlachten; aber er hatte kein Messer bei sich. Da wühlte der Widder, sich sträubend, mit seinen Füßen den Boden auf, und es kam ein Messer hervor, damit schlachtete ihn der Araber. – noch den Verlorenen beigezählt, – denen die Gnade Gottes fehlt, – deren Mühe vergebens ist und eitel ihr Fleiß – und umsonst ihr Schweiß; – sie glauben es wohl gemacht zu haben, – doch ihre Arbeit wird mit ihnen begraben. – Aber wenn auch die Verständigen nicht erbarmlos – richten werden, was ich gedichtet harmlos, – und die Günstigen werden lieben und loben, – was ich geschrieben und gewoben; so werden doch die Mißwollenden, Grollenden, – die nicht Sehenden, und die nicht sehen Wollenden – geringschätzig blicken auf diese Sachen – und sich zwingen, an keiner Stelle zu lachen. – Ihr sei der Schaden, den sie sich selbst zufügen, – daß sie sich um ihren Part betrügen – an dem von uns aller Welt zugedachten Vergnügen. 1. Die Bibliothek von Basra. Hareth Ben Hemmam erzählt: Es trieb mich, seit ich die Kinder-Amulette abgebunden – und den männlichen Turban umgewunden, – ein Verlangen nach Bildung und Sitte, – die ich mit scharfem Ritte – ging suchen durch aller Länder Mitte, – daß sie mir würde zu einem Schmuck vor dem Volke, – vor Mittagsbrand zu einer Schattenwolke; – und so begierig war ich, auf ihrer Trift zu weiden – und mich in ihr Gewand zu kleiden, – daß ich fragte bei Hohen und Niedrigen, – Befreundeten und Widrigen, – wo ihre Spur mir möchte begegnen, – wo ihre Milde mich möchte segnen – mit Tröpfeln oder mit Regnen. – Und als ich nun kam nach Holwan – und hatte mich schon unter Menschen umgethan, – hatte gelernt, ihren Wert zu wägen – und sie zu erkennen nach ihren Geprägen; – fand ich daselbst den Abu Seid von Serug , der sich allerlei Stammbäume machte – und sich vielerlei Gewerbzweige erdachte, – bald sich gab für einen Sprößling von Sassan Sassan der ältere, der Ahnherr Sassans des jüngeren und somit der vierten persischen Dynastie, der Sassaniden, ist in der Volkssage zum Stammvater und Oberhaupt der Bettler und Landstreicher geworden, die davon Sassans Kinder heißen, weil er, in der Jugend von seinem Vater Bahman (aus der zweiten persischen Dynastie, der Keianier ) verstoßen, in die Gebirge zu den Kurden ging und mit einem Anhang von heimatlosem Gesindel, das sich um ihn versammelte, ein unstätes abenteuerliches Leben führte. , – bald für einen Schößling der Königswurzel, von Ghassan Eine Stadt in Syrien, von der ein volksberühmtes arabisches Königsgeschlecht den Namen trägt, das daselbst über vierhundert Jahre bis zum Anfang des Islams regierte. , – heut im Gewand eines Poeten auftrat, – morgen den Mund eines Propheten aufthat, – hier erschien mit der Würde des Emirs – und dort mit der Bürde des Fakirs; – nur daß immer – in seinem wechselnden Farbenschimmer, – in seiner Verwandlungen Truggeflimmer – er sich zeigte sagenmundig, –redekundig, – witzig und bündig, – spitzig und fündig; – den nimmer ein Unfall brachte in Not, – dem immer ein Einfall stand zu Gebot; – der mit Reden jeden beschämte – und sich nach Gefallen allen bequemte. – Wegen seiner artigen Sitten – war er mit seinen Unarten wohl gelitten, – mit Eifer und mit Eifersucht, – von allen gesucht, – die seine Frucht einmal versucht; – und es scheute – jeder Gescheite – seines Blitzes Schläge – und kreuzte ihm nicht die Wege. – Ich hing an seines Mantels Saum, – berauscht von seiner Lippen süßem Schaum; – durch seine zauberhaften Eigenschaften – mußt' ich an ihm wie leibeigen haften. Daß er lachte, war mein Licht, mir Aussicht war sein Angesicht; Weggehaucht mein Unmut, wo ich taucht' in seiner Anmut Tau. Lautenspiel sein Laut, Geselligkeit mit ihm Glückseligkeit, Seine Stirne mein Gestirn, sein fröhlich's Auge Frühlingsau. So blieben wir zusammen eine Frist – und er schuf jeden Tag eine neue Lust und eine neue List; – seine Bekanntschaft – war mir mehr als eine ganze Verwandtschaft; – so ward ich durch seinen Umgang belehrt, – meiner Kenntnisse Umfang vermehrt – und der Zweifel dunkler Umhang aufgeklärt. – Da fing er an, hier des Erwerbs zu mangeln, – er mußte gehn, am anderen Wasser zu angeln, – es trieb ihn der Ausgang der Nahrung – zu Auszug und Straßenbefahrung, – zu streichen in andern Strichen, – weil hier die Jagdzeit verstrichen – und sein Glücksstern erblichen; – er förderte die Abfahrt und entwich, – ließ mich und nahm mein Herz mit sich. Mir gefiel, seit er mir fehlte, nichts, worauf mein Auge fiel; Seit es litt, daß er entglitten, floß von Leid mein Augenlid. Wer zur Lust mich laden wollte, lud nur eine Last mir auf; O! von denen, die ich fand, wie unterschied sich er , der schied! So war er mir eine Zeitlang verschwunden, – ich hatte von ihm keine Kunden – und keine Bekannten gefunden. – Doch nach Jahren, als ich nun wandersatt – heimkehrte zu meiner Vaterstadt, – besuchte ich ihre Bibliothek, den Weisheitsschatz, – den Sammel- und Tummelplatz – gebildeter Männer, auserkorner, – fremder und eingeborner. – Da trat ein Mann ein, dessen Bart gesträubt war – und dessen Kleid bestäubt war; – der grüßte mit blitzenden – Augen die Sitzenden – und setzte munterst – sich ganz zu unterst. – Dann fing er an, herauszurücken – und die Versammelten zu entzücken – durch Redeschmuck – und Gewandtheit im Ausdruck. – Er begann seinen Nachbar zu fragen: – Welches Buch hast du da aufgeschlagen? – Dieser sprach: Den Diwan des Abu Obade Ein älterer arabischer Dichter, geboren 206 der Hedschra, der, wie es scheint, durch einen weichlichen, mehr persischen als arabischen Geschmack und besonders durch blumige weitgesuchte Schönheitsvergleichungen (erotische Kenningar) berühmt war, welche Liebhaberei hier Hariri gelinde verspottet. – der jetzt berühmt ist in hohem Grade. – Jener sprach: Und stießest du, so weit du lasest, auf etwas Rühmliches, – Neues, Blümliches? – Er sprach Ja! – der Vers da: Gereihte Perlen decket auf dein Lächeln; Aus Würzeblumen kommt des Odems Fächeln. Denn das ist neu gedacht – und schön gemacht. – Da rief jener: O Wunder! – so liegt die Kunst unter. – Siehest du Geschwulst an für Fettigkeit? – oder Abzehrung für Nettigkeit? – Hast du deinen Atem gestohlen, – daß du blasest in tote Kohlen? – Wo ist deine Belesenheit, – daß du nicht kennst das berühmte Beit , – das alle Gleichnisse von Mund und Zahn zusammenreiht? – Worauf er hersagte: Ich bin das Opfer eines Zahns, der duftig glänzt, Der Klippe gleich, in Morgentau getauchet. Die Perlenreihe lächelt, vom Rubin umgrenzt, Der frischen Ruch von Würzeblumen hauchet. Da lobten sie bis zur Übertreibung, – baten um Wiederholung und Niederschreibung, – fragten: Lebt oder ist erblaßt, – der das hat verfaßt?– Bescheiden sprach darauf der Gast: –»Die Wahrheit soll man bezeugen – und vom Rechte nicht beugen; – es ist der Mann, der mit euch spricht.« – Doch, als glaubten sie ihm die Vaterschaft nicht, – und als müss' er sich wahren vor Gefährde – und abwälzen des Argwohns Beschwerde, – ließ er den Koranspruch los: – » Mancher Verdacht ist ruchlos .« – Dann sprach er: O ihr edlen Lichter! – Dichterverdienstes Richter, – des Echten und Falschen Sichter. – Der Schmelztiegel bringt dem Gold nur Gewinst, – die Hand der Wahrheit zerreißt des Irrtums Gespinst. – Uns ist von den Alten – der Spruch aufbehalten: – Des Mannes Wert – wird durch Prüfung bewährt. – Ich geb' euch mein Reisebündel zur Schätzung, – mein Verborgnes zur Auseinandersetzung. – Da trat hervor – einer aus dem Chor – und sprach: Ich weiß ein Beit, so feines ward nicht gesponnen, – so reines geschöpft aus keinem Bronnen, – so ungemeines nie ersonnen. – Vermagst du von Vergleichungen gleiche Fäden zu spinnen – und sinnreiche Sinnbilder zu ersinnen, – so magst du hier den Preis gewinnen. – Und er sagte her: Aus der Narzisse Perlen regnend, nässet sie Die Ros' , und Traubenbeer am Demant presset sie. Da währte es keinen Augenwink, – und vortrug jener flink, – und sein Vortrag war nicht link: Sie stand verhüllt vom Schleier feuerfarbnen Flors; Ich sprach: Du sperrst den Zugang meines Lebensthors. Sie nahm die Abendröt' hinweg vom Mond, und leis Als Perle kam ihr Wort zur Muschel meines Ohrs. Da staunten die Versammelten – und zu seinem Lobe sie stammelten. – Doch als er sah, daß er ihr Herz getroffen – und von ihnen könnte Ehre hoffen, – blickte er zu Boden und rief im Nu: – Da habt ihr noch zwei Verse dazu: Der Abschied kam; sie stand im Schleier schwarzen Flors, Mit Perlenspitzen nagend Spitzen Zuckerrohrs . Die Nacht lag glänzend überm Tag , und beide trug Ein schlankes Schilf , und nicht das Gleichgewicht verlor's. Da erkannten sie an ohne Hadern – die Fülle seiner Quelladern; – ihre Zweifel waren entkräftigt, – und nur ihn zu ehren waren sie jetzt beschäftigt. – Sie wußten nicht seinen Ruhm genug zu verbrämen; – er mußte sich schon bequemen, – ein Ehrenkleid von ihnen anzunehmen. Der Berichter dieser Geschichte spricht: Wie ich sah seines Feuers Funken, – seiner Glanzlichter Prunken; – sucht' ich seine Mienen zu unterscheiden – und ließ meinen Blick auf seinem Antlitz weiden. – Und siehe, es war von Serug unser Scheich ,– den ich nicht hatte erkannt sogleich, – weil in der dunkeln Nacht von seinem Haar – inzwischen Mondlicht geworden war. – Da wünscht' ich mir Glück, daß ich ihn fand, – und reicht' ihm die Hand; – sprechend: Beim Herrn der Unendlichkeit! – Was hat dich so verwandelt bis zur Unkenntlichkeit? – Was hat deines Hauptes Wälder gelichtet – und deine Wangen in Felder geschichtet? – Hätt' ich dich nicht erkannt an der schlauen Art, – nimmer hätt' ich dich erkannt am grauen Bart. – Da hub er an: Grau macht die Zeit, die greuliche; Trau nicht auf die untreuliche! Sie lacht dir einen Augenblick Und grinst dann, die abscheuliche. Die Jahre führen übers Haupt Dir manches Unerfreuliche. Die Stürme rütteln dir am Haus, Baufällig wird das Bäuliche. Dein Auge trübt sich, ungetrübt Blickt droben nur das Bläuliche. Da hemmt' er sein Wort – und räumte den Ort – und nahm die Herzen mit sich fort. 2. Die beiden Gulden. Hareth Ben Hemmam erzählt: Mich hielt mit frohen Genossen – ein trauter Kreis umschlossen, – von welchem eingeschlossen war Geselligkeit – und Gefälligkeit – und ausgeschlossen Mißhelligkeit. – Und während wir nun die Fäden der Reden hin und wieder spielten – und im Schwanken der Gedanken uns unterhielten – mit Geschichten – und Berichten – und Gedichten; – trat herein ein Mann mit gebrechlichem Mantel – und schwächlichem Wandel, – der den einen Fuß schleifte – und auf einen Stab sich steifte; – der sprach: O ihr köstlichen Steine der Schreine! – o ihr tröstlichen Scheine der Reine! – Froh gehen euch auf die Tage – und unter ohne Klage. – Freundlich weck' euch der Frühschein, – und lieblich schmeck' euch der Frühwein. – Seht einen Mann, der einst besessen – Haus und Hof, Esser und Essen, – Weiden und Weidende, – Kleider und zu Kleidende; – Gabe, zu schenken, – Labe, zu tränken, – Äcker und Äste, – Feste und Gäste. – Doch es schnob der Sturm des Leides, – und es grub der Wurm des Neides, – und der Einfall der Unfälle – brach über des Glückes Schwelle; – bis mein Hof leer ward – und dünne mein Heer ward, – mein Brunnen erschöpft, – mein Wipfel geköpft, – mein Lager staubig, – mein Barthaar straubig, – mein Gesinde murrend, – meine Hunde knurrend; – im Stalle kein Rossegestampf, – in der Halle kein Feuerdampf; – daß mir der Neider – ward zum Mitleider, – und der Schadenfroh – vor meinem Schaden floh. – In des Unglücks Klammer, – in der Armut Jammer – ward unser Schuh die Schwiel' am Fuß – und unsre Speise der Verdruß. – Wir schnürten knapp den Leib zusammen, – um zu ersticken des Hungers Flammen. – Ausging uns des Stolzes Befiederung, – und wir wohnten in der Niederung. – Statt Rosse blutig zu spornen, – gingen wir uns wund auf Dornen. – Der Tod bleibt unsre Zuflucht vor Bedrängnis; – wir klagen an das säumende Verhängnis. – Oder ist hier ein Beirätiger, – Menschenfreundlicher, Gutthätiger, – der einen Kraftlosen, Haftlosen stütze, – ein Tröpflein der Milde auf einen Saftlosen sprütze? – Bei dem, der mich hat entsprossen lassen von Kaile! Ein arabischer Stammname, dessen sich hier Abu Seid gelegentlich bedient. – der den Mangel mir gab zu teile! – ich habe nicht, wo ich die Nacht verweile. Hareth Ben Hemmam spricht: Um seine Notdurft zu letzen – und zugleich seinen Witz auf eine Probe zu setzen, – nahm ich ein Goldstück und wies es – und sagte: Dein ist dieses, – wenn du uns in Versen sein Lob lässest hören. – Und auf der Stelle ließ er sprudeln seine Brunnenröhren: Gesegnet sei der Gelbe mit dem lichten Rand, Der wie die Sonne wandelt über Meer und Land, In jeder Stadt daheim, zu Haus an jedem Strand, Gegrüßt mit Ehrfurcht, wo sein Name wird genannt. Er geht als wie ein edler Gast von Hand zu Hand, Empfangen überall mit Luft, mit Leid entsandt. Er schlichtet jedes menschliche Geschäft gewandt, In jeder Schwierigkeit ist ihm ein Rat bekannt. Er pocht umsonst nicht an die taube Felsenwand, Und etwas fühlt für ihn ein Herz, das nichts empfand. Er ist der Zaubrer, dem sich keine Schlang' entwand, Der Schöne, welchem keine Schönheit widerstand, Der Held, der ohne Schwertstreich Helden überwand; Der Schwachen Kräfte giebt und Thörichten Verstand, Und Selbstvertraun einflößet, das mit Stolz ermannt. Wer ihn zum Freund hat, ist den Fürsten anverwandt, Wenngleich sein Stammbaum auf gemeinem Boden stand. Der trifft des Wunsches Ziel, dem er den Bogen spannt. Er ist des Königs Kron' und seiner Herrschaft Pfand, Er ist der Erde Kern, und alles sonst ist Tand. Und wie er war am Ende, – streckte er seine Hand nach der Spende – und rief: Wer verspricht, muß segnen; – die Wolke, die donnert, muß regnen. – Da gab ich ihm das Goldstück hin – und sprach: Sei es dir zum Gewinn. – Er schob es in seinen Mund – und sprach: Gott erhalte mir's gesund! – Dann macht' er sich auf, von dannen zu wanken, – mit Grüßen und Danken. – Doch der Duft des Geistes, den er verstreute, – berauschte mich so, daß ich nicht Aufwand scheute. – Ein zweites Goldstück nahm ich aus der Tasche – und sprach: Da, hasche. – Dieses ist dein, wenn du nach seinem Adel – uns nun auch hören lassest seinen Tadel. – Da ließ er auf der Stelle – noch einmal rauschen die Welle: Verflucht der Heuchler mit dem doppelten Gesicht, Dem kalten Herzen und dem Lächeln, das besticht. Er ziert sich wie ein Liebchen, und wer liebt es nicht? Und wie Verliebte schmachtet er, der Bösewicht. Er stammt vom Abgrund, aus den Finsternissen dicht, Doch überstrahlt sein falscher Schein der Sonne Licht; Die Wahrheit dringt nicht durch das Trugnetz, das er flicht, Er giebt der Welt in allem Bösen Unterricht, Lehrt, wie man falsche Eide schwört und Treue bricht. Er ist's, um den man streitet, tobt und kämpft und ficht, Er ist's, der aus des Richters Mund dein Urteil spricht, Um den der Dieb die Hand verliert am Hochgericht. Für ihn verkauft man seinen Glauben, seine Pflicht, Für ihn erkauft der Schlechte sich ein Lobgedicht. Er ist's, um den das Herz aus Furcht dem Geiz'gen bricht; Er ist's, um den des Neides Blick den Reichen sticht. Das schlimmste ist: Wer ihn bewahrt, dem nutzt er nicht; Und wer ihn nutzt, der thut dadurch auf ihn Verzicht. Darum verachtet ihn ein edler Mann und spricht: Du Taugenichts, hinweg von meinem Angesicht! Ich rief: Gott müsse deinen edlen Mund vergulden! – Doch er rief: Versprechen macht Schulden; – und ich gab ihm den zweiten Gulden – und sprach: Verwend ihn zum Erwerb von Gottes Hulden. – Er schob ihn mit Dankgeflüster – in den Mund zu seinem Geschwister – und hinkte ab am Stabe, – preisend Geber und Gabe. Hareth Ben Hemmam spricht: Mir sagte das Herz, es sei Abu Seid , – und seine Lahmheit ein angelegtes Kleid. – Ich hielt ihn an und rief: Bei Gottes Gnade! – dein Witz verriet dich; warum gehst du nicht grade? – Er sprach: Und bist du der Hareth? – so bleibe mir ewig schwarz gehaaret, – der Luft gepaaret, – den Frohen und Edlen gescharet. – Ich sprach: Ich bin der Hareth Ben Hemmam ; – wie geht es mit dir und deinem Kram?– Er sprach: Bald frisch, bald lahm; – ich segle mit zweierlei Winden, – gelinden und ungelinden. – Ich sprach: Du solltest dich schämen, – Zuflucht zu einem Gebrechen zu nehmen. – Da verfinsterten sich seine Mienen – und er sprach: Laß dir dienen! Ich hinke, doch nicht aus Vergnügen am Hinken, Ich hink', um zu essen, ich hink', um zu trinken. Ich hinke, wo Sterne der Hoffnung mir winken, Ich hinke, wo Gulden entgegen mir blinken. Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. Viel besser ist hinken, als völlig zu sinken. Die Schrift sagt: Es ist keine Sünde, zu hinken . Der Koran sagt bei Gelegenheit einer Aufmahnung zum heiligen Kampfe: Doch wer hinkt, für den ist 's keine Sünde (nämlich vom Kampfe zu Haus zu bleiben). 3. Die Bittschrift. Hareth Ben Hemmam berichtet: Ich besuchte in Meraghet die Staatskanzlei; – zwar war ich in Staatsgeschäften ganz Lai', – doch fand sich dort immer eine Konsession – von Leuten von allerlei Konfession – und Profession, – die sich besprachen über allerhand, – was ich verstand und nicht verstand. – Heute nun ergoß sich der Rede Brunst – über die Redekunst; – und einmütig, einmündig stammelten – alle die hier versammelten – Ritter des Schreibekieles – und Meister des Zungenspieles, – zum Lobe der Zeit, der vergangenen, – und zur Schmach der neu angefangenen: – daß der alten Meister scharfem Witze – kein neuer dürfe bieten die Spitze, – und keiner jetzt im Ost und West – sei so zügel- und bügelfest, – dem sein Roß nie bäume – und der den Sattel nie räume. – Wer breche noch neue Bahnen – und steche nach neuen Fahnen? – Wer könne sich mit eigenen Federn schmücken, – und brauche nicht fremde auszupflücken? – Jeder, und ob er ein Goldkleid hab' an, – stelle sich nur wie ein Bettelknab' an – gegen den Redner Sahban , – der, mit der Wortkraft Rüstigkeit – einst scheidend zweier Stämme Zwistigkeit, – stand und sprach, seit der Morgen hauchte, – bis die Sonne gen Abend tauchte, – und dabei ein Wort nicht zweimal brauchte. – – Es hatte sich aber unserm Kreis – angeschlossen ein Greis, – der an der Reihen äußerstem Anfang – dasaß als wie ein Anhang; – und wie nun die Reden sprudelten, – die Kugeln trafen und pudelten, – wie jeder seine Münzen gelten machte – und seine Waren zu Markte brachte, – Trauben und Herlinge, – Tauben und Sperlinge; – zeigte jener mit einem Blinzen – oder einem Grinsen, – einem Rasenrümpfen – oder Lippenstümpfen, – daß er einer sei, der da hält hinterm Busch, – bis er versieht seinen Husch; – der den Bogen schnitzt – und Pfeile spitzt, – bis das Glück ihm zuruft: Itzt! – und als nun jene verschossen ihre Bolzen – und ihr Vermögen eingeschmolzen, – als die Wogen sich geglättet – und die Stürme sich gebettet, – wendete er mit Sammlung – sich zur Versammlung – und sprach: Ihr spinnet wirren Faden – und rennet auf irren Pfaden; – die ihr Totengebeine – stellet in Heiligenschreine – und sie umgebt mit Heiligenscheine, – verachtend eure Lebendigen, – näher euch Zuständigen, – mit denen ihr doch allein euch könnt verständigen. – O ihr Präger und Wäger echter Gewichte, – o ihr Heger und Pfleger gerechter Gerichte! – vergesset ihr über das Hadern – um alt vernutzte Hadern – die frische Lebensfülle junger Adern? – daraus jetzt zu Tage wird gefördert, – was nie vor diesem ward erörtert: – Gedanken stark – und Worte voll Mark, – hochfarbige Schilderei, – tiefe Sinnbilderei, – Reime wie Blütenkeime – und Prosa wie Honigseime. – Was findet ihr bei den Alten, – wenn ihr es ans Licht wollt halten, – als erloschene Farben – und ausgedroschene Garben? – Sie haben der Zeit nach den Vorgang, – nicht der Trefflichkeit nach den Vorrang. – Und ich weiß noch jetzt den Mann; was er macht, das lacht;– was er schmückt, das glückt; – was er beginnt, das gewinnt; – wo er haucht, das raucht; – wo er spricht, das bricht; – was er schafft, das rafft; – was er dichtet, das vernichtet: – der, wo er rühmet, blümet, – und wo er tadelt, entadelt; – der, wo er lang ist, – wie eines Stromes Gang ist, – und wo kurz, – wie ein Wassersturz. – Da sprach der Kanzleivorstand, – der als Wortführer im Chor stand: – Und wer ist der so schwer Gerüstete, – hehr Gebrüstete? – Jener sprach: Hier dein Gespann, – dein Gegenmann. – Frag, ich stehe zur Rede; – fordere nur, ich stehe zur Fehde. – Da sprach jener: Höre du! Bei uns zu Lande verkauft der Habicht sich nicht für einen Falken, – noch der Rohrstab für einen Balken; – wir unterscheiden Spelt von Spelzen, – hohe Beine von Stelzen. – Wer sich unnütz macht, macht sich Verdruß; – wer zur Scheibe sich aufstellt, den trifft der Schuß. – Rege den Staub nicht im Feld, – oder klage nicht, wenn er dir ins Auge fällt. – Wo man früh nicht nimmt Freundesrat an, – da kommt Feindesspott spät an. – Doch jener sprach: Ein Mann kennt sein Hemde – besser als jeder Fremde. – – Da beratschlagten sie sich untereinander, – in welches Feuer der Prüfung man solle bringen den Salamander. – Einer von ihnen sprach: Gebt mir ihn her! – ich roll' einen Stein in den Weg ihm quer; – ich habe für seine Backen – eine derbe Nuß zu knacken. – Da übertrug die gesamte Mannschaft – für diesen Krieg ihm die Oberkommandantschaft; – und, sich wendend zum muntern Alten, – sprach er: Laß meine Geschichte dir entfalten. – Ich lebte von hier in ferner Gegend, – frisch und wacker mich regend, – und fand, weil klein war meine Schar, – daß groß genug mein Einkommen war. – Doch als sich mir mehrten die Zehrer, – und des Haushalts Bürde ward schwerer, – blieb ich kein träger Lastträger, – sondern wandte als ein rascher Hoffnungsjäger – meinen Blick hierher auf den Landpfleger; – und durch meiner Redegaben Nützung – fand ich bei ihm Beschützung und Unterstützung. – Auch konnte meinen Mut nicht beugen, – noch mir meines Gönners Ungunst erzeugen – ein Fehler in meinen Sprachwerkzeugen, – den mir deine Ohren bezeugen, – daß das R ist eine Klippe, – an der sich brechen die Ströme meiner Lippe. – Nun, sattgetränkt von seinem Gnadenregen – und bekümmert der Meinigen wegen, – bin ich bittend ihm angelegen, – mich zu den heimatlichen Gehegen – zu entlassen mit seinem Segen; – doch er sprach dagegen: – Versagt ist deine Bitte; – dir wird kein Roß zum Ritte, – zum Abschied keine Verehrung – und zur Reise keine Zehrung, – bis du schriftlich mir vorlegst – und mündlich selbst mir vorträgst – ein Bittgesuch, wohlgestellt, – das an Sinn und Spruch sich wohlverhält – und an Wohlgeruch mir wohlgefällt, – und in welchem ganz der Buchstab ist vermieden, – den auszusprechen dir nicht ist beschieden. – Nun hab' ich mich gemüht ein Jahr lang – und das Werk ist gerückt kein Haar lang; – ich rüttle meine Gedanken aus dem Schlummer, – und sie werden nur immer dummer. – Und auch die Gelehrten, – die hochverehrten, – die ich anruf' um Hilfe, ducken – sich alle mit Achselzucken. – Nun, wenn du der Mann bist, der du dich rühmest, – und dein Garten, wie du ihn blümest, – wenn dein Schimmer ist keine Blendung, – so bekräftige durch ein Zeichen deine Sendung! – Jener sprach: Zum Brunnen ist gekommen dein Schlauch – und zur frischen Kohle dein Hauch, – dein Pferd zu seinem Beschläger – und dein Schwert zu seinem Feger. – Drauf sann er ein Weilchen verschlossen, – bis die Wasser zusammengeflossen, – die Milch ins Euter eingeschossen; – dann rief er: Rüttle am Tintenfasse – und die Feder fasse, – daß sie bringe das schwarze Nasse – auf das trockne Blasse, – und schreib also: Milde ist eine Tugend, – ewig jung sei deine Jugend. – Geiz ist ein Schandflecken; – deines Neidenden Auge müsse Nacht decken! – Edle Hand giebt Spenden, – unedle läßt abziehen mit hohlen Händen. – Den Gebenden schmückt, – was den Empfangenden beglückt; – und das Gold, das Dank aufwägt, – ist wohl an- und ausgelegt. – Zufließt's von innen dem Quelle, – wenn außen abfließt die Welle; – und Ausfluß des Sonnenlichts – giebt uns und benimmt dem Himmel nichts. – Wessen Gemüt ist aus edlen Stoffen, – hält sein Haus dem Gaste offen, – seinen Schutz dem flehenden, – und seinen Schatz dem gehenden. – So lange dein Gast weilt, heiß' ihn nicht eilen, – noch weilen, wenn du ihn siehest eilen; – und laß ihn ziehn mit Tasch' und Stabe – nicht ohne Lab' und nicht ohne Gabe. – So sei von Lust dein Palast bewohnt, – mit des Glückes Besuch belohnt, – von des Unglücks Fuß gemieden, – vom anklopfenden Leid geschieden. – Dein Dach sei luftig, – dein Gemach sei duftig, – deine Matten weich, – deine Schatten denen von Eden gleicht – Dein Wipfel sei vom entlaubenden Hauch geschont, – und ewig sei im Wachsen dein Mond! – Dein Lampendocht sei gesättigt vom Öle – und von Wunschfülle deine Augenhöhle. – Was du beschauest, das lenz' und maie; – was du betauest, das glänz' und gedeihe. – Was du stützest, schwanke nie, – und wen du beschützest, wanke nie. – Sei geliebt von den Gemeinden – und gelobt von den Feinden; – schaltend mit Macht, – waltend mit Bedacht – Unmilde zähmend, – Unbilde lähmende – Dein Stab sei weidend, – deine Klinge schneidend – und dein Wille entscheidend – – Dich flehet an dessen Mund, – dessen Odem schloß mit deinem Befehl einen Bund; – dessen Fuß steht, wo du ihn stellest, – dessen Stolz fällt, wo du ihn fällest. – Deine Huld hat ihn satt gemacht, – deine Sonne hat bezwungen seine Nacht. – Du nahmest an seines Lobes Huldigung, – mit seines Fehls Entschuldigung. – Deine Begleitung blieb sein Gnadenkleid – und die Geschmeidigkeit sein Halsgeschmeid, – deine Befehle – seine Seele, – und dein Gebot – sein Leben und Tod. – In deinem Dienst ist beschneit sein Haupt, – seines Kinnes Wald ist dünn gelaubt; – und ihn ziehet ein Gelüste – aus deinem Luftgeheg in seine Wüste, – aus dem Gnadenlicht, das ihn umflammt, – in das Dunkel, das ihm ist angestammt; – von wo eine Heimatluft ihn anweht, – von wo ein Sehnsuchtsduft ihn angeht; – wo jetzt sein Haus steht ungebaut – und sein Feld liegt unbetaut, – wo sein Hauswesen öd' ist, – das Los seines Hänfleins schnöd' ist, – ohne Halt und Haupt sein Gesind – und ohne Heil und Hilfe sein Weib und Kind. – So entlasse du den Dankenden, – seinem Glück Entwankenden. – Halte die fliehende Seele nicht – und mit Wohlthaten quäle nicht. – Laß mich auf meines Stammes Hütten – den Abglanz deines Palastes schütten, – daß dein Lob, wie in diesen Hallen, – mög' in den einsamen Wüsten schallen. – Dein eigen sei Gottes Wohlgefallen – und sein Segen gemeinsam uns allen. So schloß er den Brief, – und das Wort im Munde seiner Tadler schlief; – seines Beifalls Gemurmel lief – durch die Versammlung, und sie rief: – Auf welchen Bergen ist dein Stamm entsprossen? – aus welchem Thal kommt dein Strom geflossen? – aus welchem Köcher ist dein Pfeil geschossen? – Da hub er an: Dieser Ton, den Abu Seid öfter und nie, ohne zu rühren, anstimmt, ist gleichsam der zurückgedrängte reine Grundton seines Innern, der von Zeit zu Zeit aus den moralischen Dissonanten hervorbricht und sie in sich aufzulösen strebt. Ohne diese einzige Wahrheit in seinem aus Lug und Trug gewebten Leben könnte er gar keine poetische Person vorstellen. Diese elegische Klage um ein verlorenes Jugendparadies und die Sehnsucht nach einem teueren Vaterland sind nicht erdichtet. Man fühlt das überall, wo dieser Ton anhebt, aber vollständigen Aufschluß darüber giebt der Dichter, sehr kunstgerecht, erst in der ehevorletzten Makame. Man kann sagen: Dieses gute Härchen am grauen Sünderkopf ist es, woran der Himmel ihn hält, um ihn zuletzt aus der Irre zur Heimat zurückzuführen. Von Ghassans Wurzeln bin ich geboren, Mir war zur Wohnung Serug erkoren, Ein Haus, an Schimmer der Sonne gleich, Ein Erdenhimmel mit goldnen Thoren, O welches Leben, das ich gelebt, O welches Eden, das ich verloren. Wo ich gewandelt in Füll' und Lust, Vom Most der Jugend und Rausch durchgoren, Des Wohlbehagens Gewand geschleift Durch Gärten, dicht wie das Haar des Mohren, Bereit, zu duften auf meinen Wink, Und auf mein Lächeln sich zu befloren. Wenn Kummer hätte zu töten Macht, Er müßte tödlich dies Herz durchbohren. Und ließ ein Glück sich zurückbeschwören, Mein Seufzen hätt' es zurückbeschworen. Der Tod ist besser für einen Mann, Als so zu leben, wie Vieh geschoren, Vom Nasenringe der Schmach geführt, In wunder Seite des Schicksals Sporen. Den edlen Löwen (verkehrte Welt) Zaust die Hyäne bei Mähn' und Ohren. Wenn eine Thörin das Glück nicht wäre, Würd' es mit Huld nicht beglücken Thoren; Und wenn's die Kleider nach Manneswert Verteilte, hätt' ich nie nackt gefroren. Nun ward der Ruhm von seinen Proben – vor des Landpflegers Ohren erhoben: – der gebot, ihm den Mund zu füllen mit Gold, – und bot ihm an, zu treten in seinen Sold. – Doch er ließ sich am Geschenke genügen – und wollte sich nicht zu dem Amte fügen. – Der Erzähler spricht: – Ich, aus alter Freundespflicht, – da ich also sah leuchten seines Glückes Licht – und ihn stehn vor der hehren Stufe, – wollt' ihm raten, zu folgen dem Ehrenrufe. – Laut wollt' ich verkünden seine Würdigkeit, – seines Geistes Ebenbürtigkeit. – Doch er gab mir einen Wink, mich zu bescheiden – und das Schwert zu lassen in der Scheiden. – Und als er mit der Beute nun abgezogen, – mit dem Fang zufrieden abgeflogen, – folgt' ich ihm nach, um ihn zu verklagen, – daß er die Bestallung ausgeschlagen. – Doch er lächelte stiller, – dann stimmte er an mit Getriller: Eine Stell' in dem Stall ist besser, Als Bestallung zur Ehrenstelle. So unsicher ist dieser Boden, Als beweglichen Sandes Welle. Knecht zu sein beim Herrn, ist beschwerlich, Und gefährlicher, sein Geselle. Wankelmütig ist stets ein Herr, Schnell Ergriffenes läßt er schnelle; Bäume pflanzt er und schält den Stamm, Baut ein Haus und zerbricht die Schwelle. Besser, daß du durch Wüsten fahrest, Oder flüchtest in eine Zelle, Als zu träumen von Hoheit, daß Nackt dich wecke des Morgens Helle. 4. Zahnstocher und Seife. Hareth Ben Hemmam berichtet: Seitdem die Luft der Reiselust – mir hatte geschwellt das Herz in der Brust, – daß ich, wie der Wind des Zufalls hauchte, – hier auf und dort untertauchte – und that, als ob ich nie mehr die Heimat brauchte; – jedes fremden Stromes Wasser trinkend, – mit jeder fernen Steppe Staub mich schminkend – und in jedem Weltteil – spannend mein Zeltseil, – so weit als wächst die Dattel – und man kennt den arabischen Sattel, – von Ferghane Hauptstadt und Provinz von Mawera'ilnehr oder Transoxanien. bis Ghane Hauptstadt des Negerlandes Sudan. , – von dem Tiger bis zum Niger: – da legt' ich einst, wie es das Glück beschied, – meine Barke an zu Barka'id. Ein Ort oberhalb Mosul. – Es war eben die schöne Jahrzeit, – der Vögel Sing- und Paarzeit, – des kahlgeschornen Haines Wiederbehaarzeit. – Doch die Gärten mit den grünen Ästen – und die Straßen mit den schönen Palästen, – die Plätze mit den springenden Bronnen – und der Lenz mit den umringenden Wonnen, – hatten für Augen und für Ohren – ihres Zaubers einen Teil verloren, – weil eben mit dem Frühlingsfestmond – war zusammengefallen der Fastenmond, Da die Araber bekanntlich Mondjahre haben, so kann jeder Monat wechselnd in jede Jahreszeit fallen. – und ich unterwarf als ein Gläubiger, – frommstrebender, nicht sträubiger, – mich den heiligen Beschwerungen, – den gesetzlichen Entbehrungen, – nicht benutzend den Vorwand des Reisestandes – zur Lockerung des strengen Bandes; – sodaß ich entrichtete mit trocknem Munde – die Gebetspflichten jeder Tagesstunde, – selbst den Duft der Salben mir hielt vom Haupte, – daß er mir nicht den Stand der Nüchternheit raubte, – und mir nur den Geruch der Blumen erlaubte. Überstrenge Muselmanen sollen sich auch daraus ein Gewissen machen, in den Fasten den Geruch der Blumen einzuziehen, gleichsam als sei diese Erquickung ein feineres Nahrungsmittel. – Ich machte mich nicht, ungeduldig, – der Sünde schuldig, – die Stunden des Tages zu zählen – und zu rechnen, wie viel Tag' am Monat fehlen. – Als ich nun so hatte verbracht – mehrere Tage, als ich selbst gedacht, – zwischen Andachtsübung und Reisegeschäftebeschickung – und einen Teil der Nächte mir zur Erquickung; – wollt' ich, da ich keinen Grund hatte, länger zu säumen, – mein Reisetier zäumen; – da erscholl die Kunde vom gesehenen Neumond, – der schließt den Reumond, – und bringt den Freumond. – Da wollt' ich doch diese Stadt nicht verlassen, – ohne das Festlicht leuchten zu sehn in ihren Gassen. – Und als der Tag nun angezogen kam mit Roß und Mann, – mit Troß und Gespann, – mit seinem Gefolge von frommen Gebräuchen – und seinem Geleite von Freudenzeichen; – legt' ich gesetzmäßig an ein neues Gewand – und ging, wo sich die Gemeinde versammelt fand, – wo sich die Bekannten, die Begegnenden, – Glück wünschten zum Feste, dem segnenden, – dann die Reihen sich dichteten – und die Glieder sich schlichteten – derer, die das Gebet verrichteten. – Als nun am vollsten der Drang war, – und am schmalsten der Gang war, – erschien ein Alter mit Lumpen an den Gliedern – und mit eingedrückten Augenlidern, – dem das Licht der Augen ersetzte – eine Führerin, eine alte, gesetzte, – die die Zucht der Versammlung nicht verletzte, In den Moscheen dürfen gewöhnlich keine Frauen erscheinen, nur die alten sind ausgenommen. Sonst beten die Frauen zu Hause. – da der Blick an ihrem Anblick sich nicht letzte, – sondern sich davor entsetzte. – Als es ihm nun mit ihrer Hilfe geglückt, – daß er sich zu einem Platze hindurchgedrückt; – grüßt' er rechts und links mit stillem Zagen – und stand wie einer, dem die Lebensgeister versagen. – Es war, ohne daß er kreischte, – zu verstehn, was er schweigend heischte. – Aber um den schrecklichen Fluch zu vermeiden, – den nach des Propheten Spruch sollen leiden – alle, die in den Moscheen betteln, Nach der Überlieferung: Es wird ausgerufen werden am Tage der Auferstehung: Es sollen aufstehen die Zornbeladenen Gottes des Höchsten! und es werden aufstehen die Bettler des Mesgid (der Moschee). – Aber Almosen zu geben in den Moscheen ist nicht verboten. – bettelt' er nicht mit dem Munde, sondern mit Zetteln, – die er aus einem Kober langte, – der ihm an Riemen um den Nacken schwankte; – Blätter, die, von ferne gesehn, schon Beifall erwarben, – weil sie glänzten beschrieben mit bunten Farben. – Der Alten er die einhändigte – und sie des Botengeschäfts verständigte; – die darauf durch die Reihen schlotterte – und, die Zettel verteilend, stotterte, – daß die Empfänger, die huldigen, – möchten die Mängel entschuldigen – der Schrift, die ein Blinder geschrieben, – dem aus der Zeit seines Sehens die Übung geblieben. – Er wünschet Glück mit einem Lied – jedem Gläubigen, der den Tag des Festes sieht. – So verteilte sie die stummen Zungen, groß' und kleine, – nach wohl geprüftem Augenscheine, – je nachdem sie Geblust auf einem Antlitz schaute, – oder Gebkraft einer Hand zutraute. – Und ich schien ihr wohl von den Kunden der beste, – denn mir ward von den Zetteln der größte. – Darauf fand ich geschrieben: Wohl dem, der unterm Fittiche des Glückes weilt Und in dem Schoß der Heimatruh' darf rasten! Wohl dem auch, der auf raschem Tier durch Länder eilt, Mit Füll' im Sack, um, wo er will, zu gasten. Doch wehe dem, dem Gott die Armut zugeteilt; Zu Haus und in der Fremde trägt er Lasten. Der Neumond hat, wie eine Spang' aus Gold gefeilt, Geblickt aus Abendwolken-Purpurquasten; Sein Anblick hat die Sehnsucht aller Welt geheilt; Was hilft es dem, der noch am Fest muß fasten? Die lichte Scheib' ist mir zu schauen nicht erteilt; O daß ich dürft' ein Scheibchen Brot betasten. Ist hier nicht einer, reich an Herden, welchem geilt Der wohlgenährte Hengst auf fetten Masten; Und sieht hier einen, der den Bauch hat eingeseilt, Den Hunger zu ersticken, den verhaßten? Ist hier nicht einer, reich an Waren, dem gezeilt Die Kleiderstoffe liegen in den Kasten; Und sieht hier einen, der zum Fest hat angekeilt Am Leib die Lumpen, die zu fallen hasten? Der gebe zeitig, eh' er dort mit denen heult, Die hier, weil ihre Brüder darbten, praßten. Hareth Ben Hemmam erzählt: Die Verse, die mir so die Hölle heizten, – verfehlten nicht, daß sie meine Neugier reizten, – indes ein kleiner Schauder meine Hand durchbebte, – daß sie, die von Natur nicht zusammenklebte, – noch freigebiger auseinanderstrebte. – Ich fragte mich selbst: wer ist der Mann, vom Glück verkürzt, – der so bündig den Knoten schürzt – und so derb den Ausdruck würzt? – und ich hoffte, den Aufschluß zu erhalten – von der Alten – wenn ich ihre Verschwiegenheit – bekämpfte mit Goldes Gediegenheit; – ich rechnete auf die weibliche Gebrechlichkeit – und die weltliche Bestechlichkeit. – Da lief sie wieder – Reih' auf und nieder, – um die Blätter zurückzuempfangen – samt dem, was etwa daran blieb hangen – von den reichen Händen, durch die sie gegangen. – Doch ihre Miene war mißliebig, – weil die Ernte war unergiebig; – sie nahm den Rückzug in Verstörung – und vergaß in der Gottesbethörung – das Blatt, das ihr am besten sollte tragen, – das in meine Hand war verschlagen. – Sie kehrte zum Alten voll Bekümmerung, – ihm klagend der Hoffnung Zertrümmerung, – der Zeiten und Menschen Verschlimmerung. – Doch er sprach: Wir sind in Gott! – und kommen her von Gott! – und kehren zurück zu Gott! – Dann hub er an: Es blieb kein Retter und kein Berater, Es lebt kein Freier und kein Freigeb'ger; Kein Herzenswarmer und kein Erbarmer. Kein Tröster Armer, als du, o Ew'ger! Drauf sprach er: Gieb dein Herz zur Ruhe, – zähle die Blätter und thue – sie zurück in die Truhe. – Sie sprach: Ich habe sie schon gezählt, – doch das größte fehlt. – Da rief er: Weh dir, Unsaubere! – so verhudelst du, was ich zaubere? – Schöpfest kein Wasser und zerbrichst den Henkel? – fängst nicht den Vogel und verlierst die Sprenkel? – Der Köder ist hin und fort der Lachs; – das ist zum Mißwachs der Zuwachs. – Gleich, eh' ich dir fluche, – geh und noch einmal suche! – Da kehrte sie zurück und lief – her und hin und quer und schief, – suchend in nicht kleiner Not – das verlorene Kleinod. – Und als sie auf ihrer Spähe – nun kam in meine Nähe, – legt' ich aufs weiße Blatt ein falbes – Goldstück und ein Groschenstück, ein halbes, – und sprach: Willst du auf dieses Ganze hoffen, – so sei ganz offen. – Doch willst du halb bekennen, halb lügen, – so laß dir an diesem halben genügen! – Sie verschlang den goldenen Vollmond – mit Blicken, des Glanzes ungewohnt, – und sprach: Wozu die Umschweife? – zieh! mein Geheimnis ist eine lockere Schleife. – Ich sprach: Nimm mir vom Auge die Binde! – Wer ist der alte Blinde? – Und ist dies Gedicht Faden von seiner Spule, – oder Gewirk von fremdem Webestuhle? – Sie sprach: Der Scheich ist von Serug , – und diese Kunst ist sein Acker und Pflug, – der aber jetzt geht schlecht genug; – Gott verleihe diesem spröden Boden – einen lockernden Frühlingsodem. – Dann stürzte sie auf den Gulden wie ein Geier – und schwang sich davon wie ein Reiher. – Doch ich sprach zu mir, mit trübem Blick: – O Weltgeschick! – So hat diese Glanzsonne des Gedichts – beraubt müssen werden des Augenlichts! – Und ich brannte vor Verlangen, beim Süßmundigen – mich über seinen Unfall zu erkundigen. – Doch mir war zu ihm der Zugang – gesperrt durch der Betenden Zudrang, – und ich bedachte, daß es nicht mag vorm Gesetz bestehn, – über die Nacken der Leute zu gehn. D. i. zwischen dem Erzähler und Abu Seid sind Reihen von betend Liegenden, über die jener schreiten müßte, um zu diesem zu gelangen, was unanständig und vom Religionsgesetz gemißbilligt ist. Mohammed sagt, zufolge der Überlieferung: Wer auf die Nacken der Leute tritt beim Freitags-Gottesdienst, der macht sich eine Brücke zur Hölle. – So behauptet' ich denn meinen Platz und schwieg, – während der Festredner die Kanzel bestieg – und nach dem Lobe Gottes und dem Preis des Propheten – für das Wohl des Fürsten begann zu beten, – dann die Hörer mit frommer Betrachtung – bestärkte zu Weltverachtung – und ewiger Güter Ertrachtung. – Als nun der Gottesdienst geschlossen war – und die Beterflut auseinandergeflossen war, – säumt' ich nicht, nach Abu Seid zu rennen; – und mit meines Namens Nennen – gab ich mich ihm zu erkennen. – Ich legt' ihm aus Liebe mein Kleid an, – und er nahm es ohne Leid an. – Dann lud ich ihn auf mein Brot und Salz, – und zusagte er ebenfalls. – Dann machte ich ihm meinen Arm zum Stabe – und führt ihn davon, wie einen Schatz, im Trabe – und die Alte ging drein als Zugabe. – Als ich so ihn gebracht in mein Quartier mit der Eilepost – und dort ihm vorgesetzt eine Eilekost; – sprach er: O Hareth! – sind wir vor Zeugen bewahret? – Ich sprach: Niemand ist hier als die alte Frau. – Er sprach: Vor ihr ist mein Geheimes zur Schau. – Dann that er auf seine beiden Sterne – und blitzte mit ihrem leuchtenden Kerne, – daß die Äpfel wie zwei feurige Kugeln rollten, – als ob sie die Zwillinge am Himmel beschämen wollten. – Erst wünscht' ich ihm Glück zu den gefunden Sinnen, – dann zeigt' ich mich ihm erstaunt über sein Beginnen – und fragt' ihn, warum er so entstellt und verstellt – umzieh' in der Welt? – Doch er stellte sich stumm – und verschlang das Frühstück mit hum und mum; – bis daß er sein Geschäft vollendet, – da hub er an, zu mir gewendet: Da blind ist die Mutter der Menschen, die Welt, Zudrückend ihr Auge vorm Guten geschwind; So drückt ich vorm Bösen das meinige zu, Damit seiner Mutter auch gliche das Kind. Doch hab' ich geschlossenen Auges gesehn, Daß andere blind mit geöffneten sind. Die einen verblendet der Haß und der Neid, Und dich macht die Liebe zum Seltsamen blind. Dann sprach er: Nun ich gespeist habe – und Mund und Hand noch feist habe, – regt sich in mir ein andrer Gelust, – den du als mein Wirt befriedigen mußt. – Geh und bringe mir dar – ein schönes Paar, – eines davon ein schlankes Knäbchen, – fein gedreht, ein geschnitztes Stäbchen, – glatt und fest, geschmeidig, süße, – der den Mund mir küsse – und es sich lasse munden, – wenn die Zähne ihn verwunden. – Dann ein reinliches Mädchen, – erzeugt in einem Kramlädchen, – und anzufühlen und weich, – den himmlischen Nymphen gleich, – leicht von Gewicht und luftig, – wohlriechend von Atem und duftig, – das aufwalle mit Schaumen, – wenn es mir küßt den Daumen, – und zugethan mir bleibe, – wenn ich's mit der Hand zerreibe. – Da sprach ich erstaunt: – Wie scherzest du wunderbar gelaunt! – Glaubst du, daß ich ein Harem von Mädchen und Knaben – hab' in meiner Fremdenwirtschaft vergraben? – Er sprach: Hast du so wenig mir abgelernt, – oder so viel vergessen, von mir entfernt? – Geh und begreife, – ich meine Zahnstocher und Seife . – Da sprach ich: Gott sei gepriesen, daß du dich so als guter Moslem beweisest – und dich der Reinlichkeit befleißest. – Dann ging ich eilends in die Kammer – und dachte an keinen Jammer, – langte aus dem Schrank die beiden Geräte – und kehrte zurück zur Stätte. – Aber das Nest war leer, – kein Abu Seid zu sehn noch zu hören mehr. – Es war, als wär' er versunken in die Wogen, – oder in die Wolken emporgeflogen. 5. Nadel und Kamm. Hareth Ben Hemmam erzählt: Das Seltsamste, was ich auf Reisen sah, – war, was in Mearret Elnoman geschah, – wo sich stellte dem Richter dar – ein streitendes Paar, – ein Alter mit gestumpftem Zahne – und ein Jüngling, frisch wie ein Zweig der Myrobalane. – Der Alte sprach: Walte Gottes Gnad' hie, – halt und erhalte den Kadi, – daß er recht walte – und gerecht verwalte, – sich recht verhalte – und das Recht erhalte! – Ich hatte eine feine – allerliebste kleine, – glatte, nette, niedliche, – spitzige, doch friedliche, – schlanke, blanke, flinke, unermüdliche, – eine dienstfertige Dirne, – die sich lenken ließ an einem Zwirne; – zierlich, manierlich, – behend, hantierlich, – aus und ein schlüpfend, – hin und her hüpfend, – alles mit Fleiß verknüpfend; – die überall säumte, – doch nichts versäumte, – die überall steckte und stickte, – und der alles fleckte, was sie flickte. – Daß ihr Herz war stählern, – rechnete ich ihr nicht zu den Fehlern, – noch daß sie liebte Fehden – und führte Stichelreden. – Denn zwar unbiegsam, – war sie mir doch schmiegsam; – spitzzüngig wie ein Schlängelchen, – doch still und fromm wie ein Engelchen. – Sie hätte nur wandeln sollen auf Seiden – und an geblümten Borten weiden; – doch sie erging sich, vergnügt und bescheiden, – auf meiner Armut kahlen Heiden. – Nackt blieb sie, um Nacktheit zu bekleiden; – doch wo sie zog durch die Steppe, – da zog sie hinter sich her eine lange Schleppe. – Dieser Jüngling nun hat sich nach ihr gesehnt, – und ich habe sie ihm gelehnt, – sie sich zu nutz zu machen, – doch zu schonen der Schwachen – und keine Unbilligkeit – zuzumuten ihrer Willigkeit, – sie nicht anzustrengen über ihre Kräfte – und sie nicht zu mißbrauchen im Geschäfte. – Da bringt er sie zurück mir itzt, – und sie ist geschlitzt; – und vom Ersatz, den er mir bietet, – wird mein Schaden nicht gegütet. Der Jüngling sprach: Es ist gegründet, – was der Alte verkündet. – Doch schlecht hat sie sich aufgeführt; – ich hatte nur schief sie angerührt, – und mein Finger war ohne Hut, – da biß sie mich drein und leckte mein Blut. – Doch er hat von mir im Versatz – einen Schatz, – ein barsches Bürschchen, – als wie ein Hirschchen, – mit Zinken und Zacken – und elfenbeinblinkendem Nacken; – mutwillig und eitel, – will jedem über die Scheitel, – Jungen die Locken krausen, – Alten die Borsten zausen. – Er liebt Putzen und Zieren, – durch Wälder zu spazieren, – und fürchtet nicht den Weg zu verlieren, – bricht durch dünn und dicht, – und was sich sträubt, das macht er schlicht. – Den gab ich zum Unterpfande dem Alten, – doch der hat ihn nicht wohl gehalten; – ich weiß nicht, was mein Bürschlein hat verbrochen, – er hat einen Zahn ihm ausgebrochen. Da sprach der Richter: Erkläret euch näher ihr Streiter, – oder scheret euch weiter. – Und der Jüngling sprang auf und sang: Es verdient bemerkt zu werden, daß Hariri hier und in ähnlichen Fällen gerade da mit den Versen anhebt, wo die Poesie des Gegenstandes zu Ende geht, gleichsam um durch die neue und höhere Form der Darstellung einen neuen und höheren Schwung zu geben. Ohne diesen Kunstgriff würde die folgende Auflösung des Rätselstreites höchst langweilig geworden sein, statt daß sie uns jetzt durch das komische Pathos, womit die Bettlerlumpen aufgestutzt werden, gar anmutig vorkommt.   Eine Nadel , abgestumpft und abgenutzt, Schwarz gerostet und von keinem Nutze, Lieh er mir zu übler Kleider Besserung, Daß sie alte Lappen neu aufstutze. Brach sie aus Gebrechlichkeit, so ist kein Grund, Daß er ein Verbrechen mir aufmutze. Doch er hält dafür in seiner Haft zurück Meinen Kamm , Statt des Kammes ist im Original ein Gegenstand, dem die erforderliche doppelsinnige Beschreibung auf eine für uns anschauliche Weise nicht abzugewinnen war, nämlich der Augensalbestift , Mil genannt, d. i. dasjenige Instrument, womit die im Orient gebräuchliche schwarze Schminke an die Wimpern und Augenränder gebracht wird; ein ebenso notwendiges Toilettenstück jener Gegenden, wie bei uns der Kamm. Der Kamm ist nun freilich nicht ganz im Kostüm, wenigstens der Männer, die dort glatt geschoren sind und nichts zu kämmen haben. Doch bliebe auch bei diesen etwa noch eine Zuflucht für den Kamm der Bart. Aber unser Kamm gehört einem jungen Bürschchen zu, und diese tragen dort allerdings auch langes Haar, wie die Mädchen; zumal die von der Klasse der verrufenen Lieblinge halten ganz besonders auf diese weibliche Zierde. der mir gedient zum Putze. Sieh des Alten schmutz'gen Geiz, durch dessen Schuld Liegen muß mein junges Haar im Schmutze! Und daraus schließ auf den großen Druck der Not, Die Erleichtrung hofft von deinem Schutze. Da sprach der Kadi zum Alten: – Rück heraus ohne Umschweif' und Falten. – und er hob an: Bei der Wallfahrt und der Anhöh' Chaif Mina , Diese Anhöhe Mina , unweit Mekka , worauf ein Bethaus oder Mesgid errichtet ist, nimmt auf der Wallfahrtsscene eine Hauptstelle ein. Hier wird der Teufel gesteinigt, das Opfer geschlachtet und zuletzt das Haar geschoren, das während der Wallfahrt hat wachsen müssen. Doch wir haben es hier nur mit dem ersten Gebrauch zu thun. Nachdem das Pilgerheer zwei Tage vor dem Opferfeste feierlich aus Mekka ausgezogen ist, die erste folgende Nacht schon in Mina zugebracht hat, sodann, nach dem Betstand auf Arafat , die zweite Nacht in Musdelife , zieht es am dritten Tag, am ersten selbst des Festes, wieder nach Mina , und hier dann, beim Weggehen von der Station, ist es, wo jeder Pilger gegen eine Stelle hin, die Gemret elakaba , d. i. der kleine Kiesel des beschwerlichen Aufstieges, heißt, sieben Steine wirft mit den Worten: Im Namen Gottes! Gott ist groß! Zum Verdruß des Teufels und seiner Engel! u. s. w. Dieser Gebrauch ist eingesetzt zum Gedächtnis an den Stifter der Wallfahrt, Abraham, der, als er über diese Örter ging, um seinen Sohn zu opfern, den Teufel, der ihm eingab, Gott nicht zu gehorchen, mit Steinwürfen abtrieb. Die Steine aber, die der Pilger wirft, sollen nicht größer als eine Bohne sein, um durch das schwache Geschoß mehr Verachtung gegen den Feind zu bezeigen und auch um den Schaden zu verhüten, der bei der großen Menge der Pilgrime entstehen könnte. Man legt den Stein auf die innere Fläche des Daumens und schleudert ihn mit dem kleinen Finger. Man darf statt der Steine nichts anderes werfen, nicht etwa goldene oder silberne Münzen, um nicht die Gläubigen zu versuchen, sie aufzulesen. Nach diesem Steinwerfen kann der Pilger sein Opfer schlachten, sich scheren lassen, und nach Mekka zurückkehren, um dort andere Gebräuche zu verrichten. Aber am folgenden Tage, dem zweiten des Festes, muß er wieder nach Mina gehen und, wann sich die Sonne geneigt hat, das Steinwerfen erneuern, und zwar muß er dann dreimal sieben Steine werfen, je sieben an jeder der drei Stellen, die den gemeinschaftlichen Namen Gemret führen, zuletzt bei der Hauptstelle Gemret elakaba . Am dritten Tage wird dies wiederholt, und ebenso am vierten, dem letzten des Festes, nur diesmal früher, ehe der Tag sich neigt. An diesen vier Tagen wirft also jeder Pilgrim siebzig Steine, nämlich sieben am ersten Tag, und an jedem folgenden einundzwanzig. Man glaubt, daß alle Steinchen, die ein Gläubiger, der seine Wallfahrt würdig vollbringt, geworfen hat, sogleich von Engeln aufgehoben werden; und ohne dieses beständige Wunder wäre aus den Gemren gar nicht mehr fortzukommen, vor der Menge von Steinen, von den Pilgern seit so vielen Jahrhunderten dahin geworfen. Wo der Frommen Herr den Satan steinigt! Wäre nicht das Glück mir karg, ich hätte wohl Meine Großmut an dem Feind bescheinigt, Hätt', ohn' auf Ersatz der Nadel zu bestehn, Seines Kamms Herausgab' ihm beschleunigt. Doch vom Bogen des Geschicks fliegt Pfeil um Pfeil, Einer trifft, die Furcht des andern peinigt. Beide, die wir hier als Widersacher stehn, Durch der Armut Band sind wir vereinigt: Er, aus Dürftigkeit, kann nicht befrein sein Pfand, Ich, aus Mangel, kann es lassen frei nicht. Dieser Schicksalsknoten ist dir vorgelegt; Löse mild, und hau ihn streng entzwei nicht. Als der Kadi das angehört, – ward er ganz verstört, – und als wie bethört, – warf er ihnen hin einen Dinar. – Den erschnappte der Alte wie ein Aar; – und als er seinen Raub verschlungen, – sprach er zum Jungen: – Die eine Hälfte ist mein Anteil am Schatz, – die andere Hälfte nehm' ich an deinem Platz, – als Schadenersatz – für die zerbrochene Nadel, – so behalt' ich das Ganze ohne Tadel; – komm nun und nimm in Empfang deinen Kamm, – auf daß bestehe des Rechtes Stamm. – Da stand der Junge wie ein verkauftes Lamm. – Doch der Kadi, den sein Thaler verdroß, – gab seinem Mitleid noch einen Stoß – und warf, um den Jungen zu trösten, – ihm ein paar Münzen hin, nicht von den größten. – Dann sprach er: Nun geht und vertraget euch – und solcher Fehden entschlaget euch. – Ein Richter hat nicht dazu die Kassen, – um von den Parteien sie leeren zu lassen. – Darauf gingen sie bedächtiglich – miteinander einträchtiglich, – laut preisend des Richters Gütigkeit, – Großmut und Edelmütigkeit. – Er aber konnte noch nicht verschmerzen – den Thaler, der ihm gerissen war von dem Herzen; – er ächzte beweglich – und krächzte kläglich, – als steck' ihm die Brust voll Dolche, – und sprach zu seinem Gefolge: – Es ahnet mir – und gemahnet mir, – daß die beiden nicht zwei Parteien, – sondern eine, und zwei Betrüger seien. – Wer kann ein Licht mir zünden, – ihre Heimlichkeit zu ergründen? – Da sprach sein Hauptspürer – und Obermeuteführer: – Es giebt kein besseres Verständnis, – als ihr eigenes Geständnis – und kein sichreres Erkenntnis, – als ihr eigenes Bekenntnis. – Da ward ein Häscher, einer von den raschen, – gesandt, sie einzuhaschen. – Und als sie wieder vor dem Kadi erschienen, – sprach er zu ihnen mit ernsten Mienen: – Nun schenket mir reinen Wein aus dem Krug ein, – und geschenkt soll euch euer Betrug sein! – Da prallte zurück der Junge, – doch der Alte trat vor mit kühner Zunge: Ich bin der Seruger , und das ist mein Sohn. Es artet in Zeiten der Welf nach dem Leuen. In unserem Schatz ist nicht Nadel noch Kamm, In unserem Haus nichts zu kau'n noch zu käuen. Den Kummer der Armut, der Dürftigkeit Schutt Verwenden wir kunstreich zu Dichtungsgebäuen. Wir locken die Gab' aus geschlossener Hand, So gut wie aus offner, die Geben mag freuen. Wir tauschen Geschenk' ein für Täuschung mit Lust, Daß selbst nicht den Tausch die Getäuschten bereuen. Und wen, so wie uns, Not im Rücken bedroht, Der scheut nicht Gefahr, die ins Antlitz mag dräuen. Der Tod ist das Ende der Mühsal, und wen Er heut trifft, der braucht ihn nicht morgen zu scheuen. Da rief der Kadi: Gottes Segen dem Wohlduft, den deine Rede haucht, – und Heil dir, wäre dein Sinn nicht in Trug getaucht. – Doch ich werde vor dir mich wahren – und warne dich selber vor Gefahren. – Laß künftig die Richter ohne Beschwerden; – mancher verträgt es nicht, gefoppt zu werden. – Denke des zeitlichen und des ewigen Verderbes – und befleißige dich redlichen Gewerbes! – Das versprach ihm der Alte und schied, – und die Tücke saß ihm auf dem Augenlid. 6. Das Eidformular. Hareth Ben Hemmam erzählt: Nach Rahba , der Frühlingsros' an des Euphrats Wogen – ward ich von einem Verlangen gezogen, – dem ich folgte mit schnellem Tier – und rascher Begier. – Und als nun mein Landschiff, gerudert von den Sporen, – war eingelaufen zu den Thoren; – als ich Anker und Zeltplatz mir hatt' erkoren – und trat aus einem Bade gesalbt und geschoren: – sah ich einen Jüngling, gegossen in der Schönheit Form, – gegliedert nach der Vollkommenheit Norm, – gehalten an seines Mantels Falten – von einem Alten, – der ihn beschuldigte mit Wut, – er habe vergossen seines Sohnes Blut. – Der Jüngling aber, standhaft, – leugnete ab die Bekanntschaft – und führte mutig seine Verteidigung – gegen solchen Vorwurfs Beleidigung. – Ihres Streitfeuers Funken stoben, – und es hatte sich um des Kampfplatzes Toben – das Gedränge der Menge zusammengeschoben; – bis beide zuletzt sich verständigten, – daß sie ihren Streit, den sie nicht beendigten, – zur Entscheidung dem Wali des Orts behändigten. – Der war aber einer, von dem man sagte, – daß Knabenschönheit ihm mehr als andre behagte. – Und als sie nun mit beflügelten Hanken – waren gerannt in die Schranken, – brachte der Greis an die Sache – und beschwor des Richters Rache. – Dieser gebot dem Jüngling, zu sprechen, – und schon hatten begonnen ihn zu bestechen – die dunklen Locken um die hellen Flächen. – Der sprach: Es ist eines Lügners Lug – gegen einen, der keinen erschlug, – eine meuchlerische Hinterlist – gegen einen, der kein Meuchler ist. – Der Wali sprach zum Alten, – ungehalten: – Hast du zur Thatbescheinigung – zweier rechtgläubigen Zeugen Vereinigung? – wo nicht, so begnüge dich, ohne weitere Peinigung, – vom Beklagten mit dem Eide der Reinigung. – Der Alte sprach: Er hat schnöde – ihn erschlagen in der Öde, – wo ihm niemand hat zugesehn; – wer soll mir Zeugnis zugestehn? – Die stumme Wüste hat getrunken das Blut, – die es zu verraten nicht den Mund aufthut; – und nun birgt er Sinnes Unhuld – hinter der Mienen Unschuld. – Doch laß mir nur die Wahl des Eidformulares, – und du sollst sehn, ob ich Falsches red' oder Wahres. – Der Wali sprach: Das steht dir zu Gebot, – zum Trost um deines Sohnes Tod. – Da sprach der Alte zum Jüngling: Sprich: Bei dem, der die Stirne geschmückt mit dem Lockenkranz – und die Augen mit dem dunklen Glanz, – die Augenbrauen mit der leisen Scheidung – und die Wimpern mit der Saumbekleidung, – die Augenlider mit der Schwere, – die Nasenwölbung mit der Hehre, – die Wangen mit dem Tagesanbruch – und das Kinn mit dem Jugendanflug, – die Knospe des Mundes mit dem Aufsprung, – die Säule des Halses mit dem Aufschwung, – die Haltung des Hauptes mit dem Sinken – und das Lächeln mit dem Zahnblinken! – ich habe deinem Sohn nichts gethan zuleide, – noch seinen Busen gemacht zu meines Schwertes Scheide. – Wo nicht, so schlage Gott mein Auge mit Decken – und meine Wange mit Flecken, – meine Schläfe mit der Kahlheit, – meine Rose mit der Fahlheit, – meine süße Frucht mit der Schalheit, – meine Stirne mit den Falten, – meine Zähne mit den Spalten, – meinen Odem mit dem Dampfe, – meine Lippen mit dem Krampfe, – mein Feuer mit dem Froste, – meinen Spiegel mit dem Roste, – meinen Mond mit dem Schwinden, – meine Sonne mit dem Erblinden, – das Silber meines Kinns mit der Schwärze Das Silber des Kinns ist dessen jugendliche Glätte, und die Schwärze, womit es geschlagen werden soll, der gefürchtete Bart. – und das Elfenbein meiner Hüfte mit dem Schmerze! Da sprach der Jüngling: Eh'r alles Leid, – als diesen Eid! – eh'r das Leben verloren, – als schwören, wie noch kein Mensch geschworen! – Doch der Alte bestand darauf, um seine Unschuld zu verbürgen, – müss' er den Eid hinunterwürgen. – Das Ende des Streites war unabsehbar, – der Weg der Vereinigung ward ungehbar. – Doch des Jünglings edle Weigerung – diente seiner Schönheit zur Steigerung – und zur Schürung von des Richters Brunst, – der eine Rührung spürte ihm zu Gunst. – Sein Ohr war erfüllt vom Eidformular, – das ein Verzeichnis der Reize war, – und mit des Auges Geize – verschlang er noch einmal die Reize; – bis daß ihm der Empfindung Flammen – schlugen über die Besinnung zusammen – und die Thorheit ihm den Rat einflößte, – den Jüngling zu gewinnen, indem er ihn löste. – Wenn er dem Alten ihn risse aus den Krallen – würde er ihm in die Hände fallen. – Und er sprach: Willst du hören, was die Menschenliebe rät, – und thun, was der Frömmigkeit wohl ansteht? – Der Alte sprach: Und was rietest du? – Ich gehorche, was gebietest du? – Der Wali sprach: Mein Bescheid ist, das du diesen Jüngling scheidest von der Qual – und dich bescheidest mit hundert Miskal , – die ich zum Teil werd' aus Eignem erschwingen, – zum Teil von da und dort aufbringen. – Der Alte sprach: Du hast nur zu walten – und Wort zu halten. – Da zählte der Wali zwanzig bar auf – und wandte sich zu seiner dienenden Schar drauf, – von welcher er noch zusammenbrachte, – was voll das halbe Hundert machte. – Da hatte die Sonne sich verkrochen, – das Abendgebet sollte sein gesprochen, – und die Geldernte ward unterbrochen. – Der Wali sprach: Nimm, was da ist, – und erwarte, was nah ist; – morgen früh wollen wir zusehn, – daß dir zukomme, was dir mag zustehn. – Der Alte sprach: Auf den Beding, daß diese Nacht – dieser Jüngling bleib' in meiner Macht, – nur vom Manne meines Auges Der Mann des Auges, bei uns die Pupille, das Kindchen des Auges. bewacht; – und wenn ich morgen bin entschädigt, – sei er der Haft entledigt, – frei – wie der junge Vogel vom Ei, – und für mich unschuldig an Bös und Gut – wie der Wolf an Josephs Blut. Sprichwortlich der Wolf, der den von seinen Brüdern verkauften Joseph zerrissen haben sollte. – Der Wali sprach: Du forderst Billiges, – und ich bewillig' es. Hareth Ben Hemmam erzählt: Als ich sah des Alten Gewandtheit, – ging mir im Geist auf seine Bekanntheit. – Und als nun die Nacht die Sterne geboren – und das Geräusch sich hatte verloren, – durchschritt ich die Höfe des Wali und fand den Alten – Wache über den Jungen halten. – Ich beschwor ihn bei Gott: Bist du nicht Abu Seid? – Er sprach: Ja. beim Ordner der Jagdzeit! – beim hellsehenden Wächter der Nachtzeit; – Ich sprach: Und wer ist der Junge da, – dessen Locken ich heut im Schwunge sah? – Er sprach: Er dient mir dem Geschlecht nach zum Sohne – und dem Geschäfte nach zur Dohne. – Heute halfen mir seine Locken – diese fünfzig ins Garn zu locken. – Ich sprach: Und willst du nun den Morgen erpassen, – um die übrigen fünfzig zu fassen? – Er sprach: Nein, ehe die Vögel singen, – will ich mit diesem mich von hinnen schwingen. – Doch nun laß uns kosen bei der Sterne Kerzen, – um zu verscherzen des Abschieds Schmerzen. – Da verbracht' ich die Nacht mit ihm unter Reden, – köstlicher als Gewebe goldener Fäden, – blühender als die Gartenhaine von Eden; – bis daß nun der Wolfschweif Der Wolfschweif heißt der den Himmel überfahrende erste falbe Morgenschimmer, der wieder verschwindet und eine tiefere Finsternis hinterläßt, aus welcher dann erst der zweite, oder der wahrhafte Morgen hervorgeht, im Gegensatz zu welchem jener erste Schimmer auch der lügende Morgen heißt. über den Himmel strich, – da erhob er sich zum Strich – nach einem andern Himmelsstrich – und ließ an Abschiedsgeschenkes Statt – in meiner Hand ein versiegeltes Blatt, – sprechend: Das stelle du, – wenn es tagt, dem Wali zu – daß es ihm zum Trost möge frommen, – wenn unsre Flucht ihm die Ruh' genommen. – Das sagt' ich ihm zu zum Abschied, – doch er ging mit einem Blick, der mir's abriet. – Da achtet' ich es kein Verbrechen, – den Mutelemmis-Brief Der Brief des Mutelemmis ist, wie man ohne Not und Note errät, ein Uriasbrief. zu erbrechen, – und darin stand: So sprich zum Wali, welchen mein Verschwinden Geworfen in der Reue Feuerpein: Der Alte nahm dein Geld, dein Herz der Junge, Den doppelten Verlust, o streich ihn ein. Du hast den Beutel aufgethan, weil Liebe Dir zugehalten hat der Augen Schein. O lauf nicht dem nach, was du laufen ließest; Schleuß deinen Kummer in den leeren Schrein! Und wardst du heute durch der Liebe Großmut Ein größrer Märtyrer als einst Hoßein Das Martyrtum des Hoßein , des jüngeren Sohnes des Ali und der Fatime , der tragische Tod des Verdurstens, den er mit seinen Waffengefährten bei Kerbela gefunden, steht zwar, wie wir eben hier ein Beispiel sehen, auch bei den Sunniten in gutem Andenken, doch lange nicht in so lebhaftem, wie bei den Schiiten , die diesem ihrem Lieblingsheiligen ein jährliches Totenfest feiern, das mit seinen öffentlichen Wehklagen und ekstatischen Ausbrüchen der Trauer, mit der mimisch dramatischen Darstellung des Kampfes, Leidens und Todes, im offnen Widerstreit mit dem Geiste des Islams, einem heidnischen Mysterium viel ähnlicher sieht. ; Belehrung kauftest du dafür, die gerne Der Weise kauft um Gold und Edelstein. So stelle künftig ein die Jagd! Oft locket Das Reh den Jäger in des Löwen Hain. Ausritt schon mancher auf Erwerb und kehrte Nach Hause mit den Schuhen des Honein . Geschichte des Sprichworts: Er kommt nach Hause mit den Schuhen des Honein: » Honein war der Name eines Schusters; zu dem kam ein Araber aus der Wüste, um von ihm ein Paar Schuhe zu kaufen. Doch sie wurden über den Handel uneins; der Araber schimpfte den Honein und kaufte die Schuhe nicht. Als er nun wieder heimreiten wollte, lief Honein ihm voraus auf den Weg, warf einen Schuh hin, ging dann eine weite Strecke und warf den andern Schuh hin; worauf er sich an der Stelle hinter einem Strauch verbarg. Als nun der Araber an dem ersten Schuh vorüber kam, sprach er: Wie sieht doch dieser Schuh den Schuhen des Honein gleich! Wäre sein Kamerad auch dabei, so höbe ich ihn auf. So ritt er weiter und kam zu der Stelle, wo der andre Schuh lag. Da bereute er's, daß er den ersten nicht aufgehoben; ließ sein Pferd bei dem zweiten stehen und kehrte um, den ersten zu holen. Doch Honein kam hervor und ritt auf dem Tiere des Arabers davon; und als dieser zurückkam, sah er den Schuh, aber sein Tier nicht. Er nahm denn das Paar Schuhe und ging zu Fuß nach Hause. Da fragte man ihn: Was bringst du heim von deiner Reise? Er sprach: Die Schuhe des Honein ; und das ward zum Sprichwort.« Hareth Ben Hemmam erzählt: Da zerriß ich das Blatt in tausend Bitzchen und Fetzchen – und stellt' es dem Schicksal heim, ob ein Spätzchen oder Mätzchen – dem Wali zutrüge das Lied vom verlorenen Schätzchen. 7. Die Grabrede. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich spürte, da ich am Wanderstabe – kam nach Sawe Eine Stadt zwischen Rei und Hamedan. – an mir Herzenshärtigkeit – und Unbußfertigkeit; – und ich befolgte den Rat des besten der Ratgeber, – der den Gläubigen dagegen empfahl den Besuch der Gräber. – Als ich nun gekommen war zur Einkehr der Särge – und der Totengebeine Herberge, – um mein Herz zu heilen von der Verstockung – und meine Sinne von der weltlichen Lockung, – sah ich eine Versammlung um ein Grab, das man grub, – und einen Aufgebahrten, den man begrub. – Und ich gesellte mich zu ihnen, der Heimkehr denkend – und Thränen den Heimgegangenen meines Stammes schenkend. – Als nun der Tote bestattet war, – und die Klag' um ihn ermattet war; – bestieg eine Erhöhung am Grab – ein Scheich mit Pilgertasch' und Stab, – sein Haupt mit dem Mantel verhüllend, – und sprach mit Eifer erfüllt und mit Andacht erfüllend: Sehet und handelt danach, o ihr Handelnden! – und wendet euch, o ihr sorglos Wandelnden. – Raffet euch auf, o ihr Vergessenen, – und ermesset recht, o ihr Vermessenen. – Was ist euch? Fühlet ihr keine Betrübnis – bei Freundesbegräbnis? – könnet ihr sehn ohne hellen Jammer – euern Kameraden eingehn in die dunkle Kammer? – und erwachet euch im Herzen kein kurzer Kummer, – wenn ihr euern Freund übergebt dem langen Schlummer? – Atmet ihr ohne Schaudern die Moderlüfte – und schaut ohne Furcht die Furchen der Grüfte? – Vergesset ihr eurer Vorfahren, – oder denket nicht, daß ihr ihnen müsset nachfahren? – Lasset ihr nicht die Schicksale eurer Gespielen – euch geschickt sein zu Beispielen? – und gewahret nicht das Los eurer Gefährten, – um euch zu wahren vor Gefährden? – Doch weinende Augen mögt ihr nicht schauen, – und euer Ohr mag nicht hören die Klagefrauen. – Ihr begleitet die Bahre – und denkt dabei an das Bare; – ihr legt den Toten zur Ruhe, – und im Sinne liegt euch die Truhe; – ihr senkt ins Grab sein Gedächtnis – und denkt nur an sein Vermächtnis. – Euren Gesellen gesellt ihr dem stummen Wurme zum Schmaus – und schmauset bei Lautenklang in eurem Haus. – Ihr verschmerzt den Verlust eines Genossen – leichter, als den Verlust eines Groschen, – und beklagt einen zerbrochenen Hausscherben – schwerer, als eurer Verwandtschaft Aussterben. – Ihr fürchtet eurer Gewerbe Fall, – aber keinen Erb- und Sterbefall. – Ihr schreitet zwischen Gräberreihen – wie zum Reihen, – und wandelt auf den harten Betten – wie in Gartenbeeten; – lacht auf Schädel und Leichensteine, – als lachten euch an reiche Edelsteine, – und denkt bei einem Totenbein – nicht an die Todespein, – noch an die Totenpein; – gleich als hättet ihr einen Gewährmann – gegen des Grabes Fährmann, – oder eine Sicherschreibung – gegen des Schicksals Schuldeintreibung. – Habt ihr etwa gestellt einen Bürgen, – der sich für euch läßt würgen, – oder gedungen einen Beschwörer – gegen den alten Zerstörer? – Nein, sondern Thorheit ist euer Wahn, – und die Augen werden euch aufgethan – einst, wann ihr die Augen zugethan. – Drauf hub er an: Der du dich nennst verständig, Wie lange rennst unbändig Und deinem Herrn abwendig Du deinen Thorenlauf? Verachtest die Belehrung, Verweigerst die Bekehrung Und scheuest die Beschwerung Der Pflicht, die dir liegt auf. Und malmt dich nicht die Bahre, Und nicht die grauen Haare, Und nicht die Flucht der Jahre? Ist denn dein Ohr schon taub? Du stehst vor deiner Krippe Und siehst, wie das Gerippe Schwingt hinter dir die Hippe, Und zitterst nicht wie Laub? Gesäugt an Thorheits Brüsten, Gegängelt von den Lüsten, Irrgehend in den Wüsten, Wirst du des Todes Raub. O horch, der Löwe brüllet, Der seinen Schlund nie füllet. Doch du, von Wahn umhüllet, Willst füllen deinen Bauch. Wie lange willst du irren, Wie wilde Tauben girren, Wie Nachtgevögel schwirren In jedem dunklen Strauch? Wie lang in Frevel scherzen Und nicht bereun von Herzen? Wie lang dein Antlitz schwärzen Mit eklem Sündenrauch? Vor deines Herren Strafen Willst du nur sorglos schlafen; Und dann, wann sie dich trafen, Wachst du mit Winseln auf. Der Wahrheit ein Empörer, Der Mahnung trotz'ger Hörer, Bereit, mit dem Bethörer Zu schließen jeden Kauf; Wie lange willst du schnaufen Und Herzeleid dir kaufen? Zusammenscharren Haufen, Bis man dich scharrt zuhauf! Wie lange wird es währen, So wird es dir sich klären; Dann weinst du blut'ge Zähren Und seufzest Flammenrauch. Mir ist, als ob ich sähe, Wie ein dich schlingt die Jähe Des Grabs, und deine Zähe Wird mürb' an seinem Hauch. Da muß der Leib sich strecken, Daß ihn die Würmer schmecken; Dann wird man dich erwecken Und sammeln deinen Staub. O schaue nicht zurücke. Vor dir steht dort die Brücke, Die Brücke Sirat , feiner als ein Haar und schärfer als ein Schwert, worüber man zum jüngsten Gericht geht. Als ob ein Schwert sich zücke; Darüber geht dein Lauf. Und hier ist das Gefilde, Wo Gilde nicht der Gilde, Und Blutsfreund nicht zum Schilde Dem Blutsfreund dienet auch. O rüste dich beizeiten! Dort werden für dich streiten Nur deine Frömmigkeiten Und der Gebete Hauch. Verwende du, zum Frommen Dir selbst und allen Frommen, Das Gut, das zugekommen Von Gott dir zum Gebrauch. Sei aller Schwachen Steuer Und aller Armen Scheuer Und aller Kalten Feuer Und aller Durst'gen Schlauch. Sei gegen Güt'ge gütig, Nicht gegen Wüt'ge wütig, Und wiege übermütig Im Glücke nicht dein Haupt. Nicht fahre hoch in Lüften Und schwelge nicht in Düften, Bedenke, daß in Grüften Der Erde Luft verstaubt. Gieb, was du hast, zum Troste Und sammle nicht dem Roste. Schatte, bevor vom Froste Wird dein Gezweig entlaubt. O staple nicht und speichre, Versage nicht noch weigre, O gieb und dich bereichre Mit Segen, den nichts raubt. Gewöhne deine Hände, Zu geben Spend' um Spende, So giebst du leicht am Ende Dein Leben selber auf. Dies sind, die ich dir gebe, Die Lehren, danach lebe, Und dann vor'm Tod nicht bebe; Heil dem, der hört und glaubt! Dann streckte er aus seine Hände – und empfing der Gläubigen Spende; – und als die milden Gaben nicht mehr rannen, – begnügte er sich und zog von dannen. Der Erzähler spricht: Seines Vortrags reiche Zierde – erweckte in mir neben der Andacht die Neugierde, – daß ich ihm nachfolgte auf den Fuß – bis außer der Menschen Zusammenfluß; – da zog ich, um ihn anzuhalten, von hinten an seines Mantels Falten. – Er wandte sich um dienstfertig – und grüßte, wie eines Geschenks gewärtig; – ich aber sah, es war Abu Seid , – und es that mir leid. – Ich sprach:       O Abu Seid, wie lange Willst du noch sein die Schlange, Stets lauernd neuem Fange Und wechselnd Haut um Haut? Er aber antwortete ohne Bangen – und unbefangen: Mach dir mit Gottes Schutze Des Pred'gers Wort zu nutze; Ihm unter die Kapuze Zu schaun, ist unerlaubt. So ließ er mich stehn betroffen – und ging, wo ihm die Welt stand offen. 8. Das alte Weib. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich weilte in Bagdad in einem dichten Kreise – edler Dichtergreise, – die, wo sie mit ihrer Kunst hervortraten, – es den Kunstreichsten zuvorthaten, – so daß kein Gegner ihnen den Vortritt abstritt, – und kein Überlegner auf der Bahn den Vortritt abritt. – Wir ergingen uns, sitzend in der Morgenluft, – unter Redeblüten und Geistesduft, – in des Gesprächs verschlungener Windung, – Ernstes und Scherzes Verbindung, – bis daß der Tag, der sich halbete, Zu seiner Hälfte, dem Mittag gelangte. – das frische Laub der Unterredung falbete – und die muntern Augen mit Schläfrigkeit salbete. – Da sahn wir ein altes Weib heranwanken wie im Schwindel, – hinter ihr ein Kindergesindel, – jedes dünn wie eine Spinne und schmächtig wie eine Spindel, – armselig wie ein unflügges Täubchen, – verlassen wie auf dem dürren Zweig ein Räupchen. – Und kaum ward sie uns ansichtig, – so war es richtig, – daß sie uns anlief – und anrief: – Gottes Gunst den Gönnern! – eine Kunde sei den Kennern, – eine Mahnung der Menschlichkeit euch Männern! – O ihr, landflüchtiger Hoffnungen Zuflucht, – schiffbrüchiger Wünsche Ruhebucht, – ihr, dem Troste der Witwen und Waisen – gewidmeten Weisen! – wisset, daß der, die hier sich beugt, – sich einst jedes Haupt und Knie gebeugt, – eh' das Unglück sie gebeugt; – daß sie war vom Reichtum gezeugt, – von der Fülle gesäugt, – vom Überfluß ausgestattet, – nie vom Verdruß überschattet; – des Hauses Schlüssel führend, – des Herdes Flammen schürend, – in Wohlhäbigkeit – und Freigebigkeit – vertrauend auf des Glückes Ewigkeit, – schaltend und waltend über die Frauen, – wie der Mann in der Männer Gauen. – Denn mein einmal – war ein Gemahl, – der den Vorsitz führte beim Mahl – und in der Schlacht sich türmte ein Ehrenmal, – bis das Geschick uns ergriff bei den Armen – und uns schleuderte zu den Armen, – uns trieb aus den offenen Thoren – zum offenen Spotte der Thoren, – daß künftig im heimischen Hause – das Unheimliche hause. – Es zerbrach den Schlüssel und das Schlüsselbein – und wies uns von der Schüssel zum Schüsselein; – es stieß um des Herdes Kessel, – es stürzte um der Herrschaft Sessel, – es zerbrach des Dienstes Fessel – und warf die edle Rose unter die Nessel. – Es blies uns den Span aus – und zog uns den Zahn aus, – es fegte die Bahn aus – und trieb uns den Wahn aus. – Es brach die Krone dem Stamm ab – und nahm dem Huhne den Kamm ab, – die Satteldecke dem Zelter, – den Inhalt aus dem Hälter – und den Strom von der Kelter. – Es drängte und trieb, – es hetzte und hieb, – es raffte und rieb, bis nichts uns blieb, – keine Au' und keine Zeder, – keine Klau' und keine Feder – kein Schloß und kein Riegel, – kein Roß und keine Striegel, – kein Dach und keine Ziegel, – kein Gemach und kein Spiegel; – kein Halm und keine Tenne, – kein Bogen und keine Senne, – kein Riemen und kein Pfriemen, – kein Hammer und keine Klammer, – kein Haken und kein Laken; – kein Stahl und kein Stein, – kein Strahl und kein Schein, – keine Schal' und kein Schrein, – kein Thal und kein Hain, – kein Mahl und kein Wein, – als nur Qual und Pein. – Leer ist die Hand – und unstet der Fuß, – gebeugt das Haupt – und gekrümmt der Rücken. – Verdorrt ist die Lust, die grüne, – und fort ist das Gold, das gelbe; – geschwärzt ist der Tag, der weiße, – und geweißt das Haar, das schwarze; – für das Auge, das rote, – ist willkommen der Tod, der blasse. – Doch hier das verlassene Trüppchen, – wie zitternde Flämmchen am trockenen Lampenschnüppchen, – der Umfang ihres Wunsches ist ein Süppchen, – der Gipfel ihrer Sehnsucht ein altes Jüppchen; – etwas leicht Entbehrtes, – halb Verzehrtes, – etwas Abgelegtes – aus dem Hause Gefegtes; – Man hält auf des Bräutigams Gruft – nicht zu Rate Salbenduft Sprichwörtlich, für: zur Unzeit oder in der Not soll man sich nicht zieren oder schämen. ; – meiner armen Brut Entfiederung – zwingt mich zu der Erniederung. – Doch ich habe geschworen – bei dem Adel, der mit uns ist geboren, – bei der Ehre, die uns nie ging verloren, – eh'r zu sterben mit ihnen, – als mit demütigen Mienen – Ungroßmütigen zum Spott zu dienen. – Aber mir sagte das Herz, – eueres sei nicht von Erz, – und mir flüsterte die Seele, – daß euch eine nicht fehle. – Gott schenke dem Manne seine Schuld, – der mir Glauben schenkt und Huld. – – Und sie wandte zu mir sich mit einer Gebärde, – als ob Gewährung sie aufrichten werde – und Weigerung sie niederschlagen zur Erde. – Hareth Ben Hemmam erzählt: Wir raunten – unsere Verwunderung uns zu und staunten – über ihres Ausdrucks Blümlichkeit, – ihres Vortrags Eigentümlichkeit – und sprachen: Wenn du also die Rede stickest, – wie erst, wenn du Verse strickest? – Sie sprach dreister: – Ja, es beschämt die Meister. – Wir sprachen: Mach uns zu deinen Lehrlingen, – so wollen wir dich samt deinen Zehrlingen – dafür machen zu unseren Nährlingen. – Sie sprach: Seht erst meines Gewandes Undichten, – und dann meine Gewandtheit im Dichten! – Worauf sie uns ihre Lumpen hinhielt, – nun einen Augenblick schweigend inhielt – und dann vortrug, was sie im Sinn hielt: Ich klag' es Gott, des Schicksals falsche Kerze Versengt zum Scherz die Flügel armer Motten. Mein Volk! ich war einst zugezählt den Reichen Des Lands und schöpfte Füll' aus vollen Botten ; Im Wege stand nichts unserm Stolz auf Erden, Kein Fels im Meer entgegen unsern Flotten; Im dürren Hungerjahre grün der Garten Und unterm Sonnenbrande kühl die Grotten, Am Herde, dessen Flammen fröhlich blühten, War frisches Fleisch den Gästen stets gesotten. Da kam das Unglück und verschlang die Füllen Des Meers, das der Versiegung schien zu spotten. Die erzbeherzten Leu'n des Kampfs, die Ärzte Der Kranken, sind ein Raub der Würm' und Motten. Der rauhe Boden ist nun meine Sänfte, Da schreit' ich, wo ich sonst mein Tier ließ trotten. Und meine Kleinen, im Gedräng des Elends, Von dem ein jeder Tag führt neue Rotten, Flehn in der Stunde, wo nur Andacht wachet, In der Mitternacht. Indes die Thränen fließen, fluten, flotten: Herr, der du nährst im Nest die Brut der Raben, Die hungrigen und von Gott gespeisten Raben kennt der Araber so gut wie wir. Er hat aber dazu folgende Mythe: Wenn der junge Rabe, der Na'ab , d. i. der Kreischer, heißt, aus dem Ei kriecht und ihn seine Eltern sehen wie ein Fleisch (d. i. nackt und unbefiedert), so fliehen sie vor ihm aus Furcht, denn der Rabe ist der vorsichtigste Vogel. Da sendet nun Gott dem Jungen die Fliege, die stürzt auf ihn, öffnet ihm den Mund und kriecht hinein, daß er sie verschlucke. Und in diesem Zustand bleibt er vierzig Tage, bis ihm die Federn wachsen und er schwarz wird, dann kehren die Alten zu ihm zurück. – Sie haben sich also nur vor ihm gefürchtet, weil er nicht schwarz wie sie. Wehr' auch dem Mangel, der uns aus will rotten, Weis' einen Milden uns, der unsre Blöße Verhüll', und sei es auch mit rauhen Zotten, Und der das Feuer unsres Hungers dämpfe, Und sei es nur mit saurer Milch und Schotten. Der Erzähler spricht: Und bei Gott! sie sprengte mit ihren Versen der Herzen Deckel – und zog die Verborgenheiten aus Sack und Seckel, – so zwar, daß nicht nur gab, wer seines Glaubens ein Geber war, – sondern auch der sich mild bezeigte, der sonst spröder Leber war. – Und als ihr das Gefäß nun überschwoll – und jeder ihr hatte gemessen übervoll, – zog sie ab mit ihrem Geleit, – und von Dank war der Mund ihr weit. – Doch es fühlte nach ihrer Flucht – die Gesellschaft sich, sie zu versuchen, versucht, – um zu wissen, in welche Hände gefallen sei der Wohlthat Frucht. – Und ich verbürgte mich ihnen, es auszuforschen, – und schritt von ferne nach der Altermorschen; – bis sie nun kam in die Straßen voll Menschenmenge – und in die Enggassen voll Gedränge, – da tauchte sie in den Strudel – und machte sich los von ihrem Kinderrudel. – Dann hüpfte sie froh wie ein Reh – und schlüpfte in eine leere Moschee. – Ich blickte durch der Thüre Spalten – und sah sie sich wickeln aus ihren Falten – und, o Wunder, sich umgestalten – aus einer Alten in unsern Alten. – Da überlegt' ich, ob ich sollt' auf ihn einbrechen – und ihn züchtigen für sein Erfrechen. – Doch er streckte sich nieder und reckte den Nacken – und weckte den Wiederhall mit vollen Backen, – singend: O daß ich wüßt', ob auch die Welt, Nach meiner Müh', so tausendfacher, Mich nun nach meinem Wert erkennt Als Haupt der Ränk- und Schwänkemacher! Wie manchen Streich hab' ich geführt, Und unter allen war kein flacher. In welchem Forst ich je gejagt, Entging kein Raub, kein stark' noch schwacher. Bald rüttl' ich Schläfer wach, und bald Umnebl' ich die Besinnung Wacher; Bald für die Weiner predigend, Bald Lieder singend für die Lacher: Im Weiberrock und Manneskleid, Jetzt Chansa , dann ihr Bruder Sacher . Elchansa . d. i. die Stumpfnasige, eine Dichterin aus den letzten Zeiten des Heidentums, die noch den Islam erlebte, berühmt durch ihre zahlreichen Trauergedichte auf den Tod ihres Bruders Sachr , der an einer im Kampf empfangenen Wunde starb. Wenn ich bedenklich wollte sein, So stockte bald mein Lebensschacher. Was immer sei das Baugerät, Besser bebauter Grund, als bracher. Ein jeder treibt, was er versteht; Das sage meinem Widersacher! Hareth Ben Hemmam spricht: Wie ich also hörte sein edles Selbstgeständnis – und vernahm sein offenes Glaubensbekenntnis, – sah ich, daß in ihm ein Teufel steckte, – den keine Beschwörung schreckte. – So zog ich ab, ohne ihn zu stören, – und gab, was ich gesehn, der Gesellschaft zu hören. – Sie bereuten, was sie ausgegeben, vergebens, – und vermaßen sich, nie mehr zeitlebens – mit alten Weibern zu machen so viel Aufhebens. 9. Die Pilger. Hareth Ben Hemmam berichtet: Ich fuhr von Medinet Isselam , d. i. Stadt des Friedens oder Heiles, ein Ehrenname Bagdads, die arabische Übersetzung des persischen Namens Bagdad, der Garten der Gerechtigkeit oder des Heils bedeutet. – um zu begehn die Wallfahrt des Islam. – Als nun, nach Ertragung der heiligen Beschwernisse – und Unterziehung der gesetzlichen Entbehrnisse, – wieder erlaubt waren die sinnlichen Begehrnisse, – traf der Rückzug der Pilger zusammen – mit des Sommers Entflammen. – Da gebraucht' ich die Mittel in meinem Besitze, – um mich zu schützen gegen die Mittagshitze. – Und als ich nun war unter dem Zelt von Fellen, – mit einer Gesellschaft seltener Gesellen; – als der Glutofen der Sandwüste sprühte – und das Auge des Chamäleons glühte; – da überfiel uns ein Alter in der abnehmenden Kraft, – gefolgt von einem Jungen im zunehmenden Saft. – Und der Alte that seinen Gruß wie ein gewandter Gesandter – und begann sein Gespräch wie ein alter Bekannter, – nicht wie ein fremd Hergerannter. – Uns gab Vergnügen, wie er auslegte seinen Kram, – und nahm wunder die Freiheit, die er ungegeben nahm; – wir sprachen: Wer bist du, und was ist, das du bringst? – und woher dein Eintritt, eh' du Einlaß empfingst? – Er sprach: Was ich bin, ist ein Besuch, – und was ich bring', ist ein Gesuch; – das Geheimnis meines Notstandes ist offen – und darf auf des Blickes Fürsprache hoffen. – Daß ich aber hereingetreten, – eh' ich ward hereingebeten, – das geschah nach des Sprichworts Vorgang: – daß die Thüre der Großmut ist ohne Vorhang. – Wir fragten weiter, wie er zu uns gefunden den Weg, – und was ihn gewiesen zu unserm Geheg? – Er sprach: Freigebigkeit hat einen Odem, der sich verbreitet, – einen Blumenhauch, der zu ihrem Garten leitet; – mich führte die Spur eurer Gerüche – zur Flur eurer Küche, – und der stäubende Duft eurer Balsamstaude – meldete mir die Milde, die von euch taute. – Da erkundigten wir uns nach seinem Anliegen, – dem unsre Bereitwilligkeit sich möchte anschmiegen; – er sprach: Ich komme mit einem Anspruche – und mein Sohn mit einem Ansuchen. – Wir sprachen: Beide Forderungen sollen sein berichtigt – und beide Parteien beschwichtigt; – doch dem Alter gebührt der Vortritt. – Er sprach: Ja! bei dem, auf dessen Wink die Sonn' emportritt. – Dann nahm er seinen Anlauf zum Sprechen, – wie ein Hengst, dem die Koppelstricke brechen, – und trug vor: Ich bin ein Pilger, dessen Tier Erlegen ist den Wegbeschweren; Zum ferngesteckten Reiseziel Muß ich des Trabes hart entbehren. Und zum Ersatz ist mir von Gold Kein Senfkorn groß im Sack, dem leeren. Mein spottet die Verlegenheit, Der sich mein Rat nicht kann erwehren. Fahr' ich zu Fuß, so schreckt der Tod Mich zwischen den berittnen Heeren; Und lass' ich die Gefährten ziehn, Wird mich der Weg allein verzehren. Im Steigen ist mein Seufzen, und Im Niederströmen meine Zähren. Ihr aber seid ein Weideplatz Dem Hoffen, und ein Ziel dem Gehren. Der Aufguß eurer Mühle rinnt, Beschämend Wolken im Gewähren. Asyl ist eure Nachbarschaft, Und eure Füll' ist ohne Wehren. Noch kein Gescheuchter floh zu euch Und bebte vor des Unglücks Speeren; Noch lockt ein Wünscher euere Geschenke, dem versagt sie wären. So neigt euch meinen Kunden zu Und kehrt zum Besten meine Mären. Versuchet ihr mein Leben nur In Speis' und Trank, wie mich muß nähren, Verdrießen wird euch mein Geschick, Wie es mich schlug mit Kummerschwären. Und wenn ihr kenntet mein Geschlecht Und Recht, mein Sein und meine Ehren: Was meine Kenntnis hält umfaßt Von Wissenschaften, tiefen, hehren; Kein Zweifel blieb' euch, nur die Kunst Für meine Krankheit zu erklären. O hätte nie mich diese Kunst Gesäugt aus ihrer Brüste Meeren, Die jetzt mit Gunst mir kargt. Ja, that Mein Vater schlimm, mich das zu lehren. Da sprachen wir: Nun, was dich betrifft, deine Verse haben's uns erläutert, – daß dein Kamel gefallen und dein Glück gescheitert; – und du sollst uns beritten gelangen zu deinen Genossen. – Doch was ist nun das Gewerb deines Sprossen? – Da rief er: Auf Söhnchen! steh, wie dein Vater stund, – und thu deines Herzens Begehren kund, – kein Schloß sei an deinem Mund. – Da sprang der Junge, als ob ein Vorkämpfer ins Treffen springe, – und zückte eine Zunge wie eine scharfe Klinge; – so stimmt' er an: Ihr hohen Herrn auf den Höhen, Die in Gebäuden gebieten Und die in Krieges Gefahren Mit starkem Arme befrieden; Ihr, denen Schätzeverschwendung Wie Staubverstreun gilt hienieden! Ich wünschte etwas des Guten Aus eurer Küche Gebieten, Ein Küchlein, das sie gebacken, Samt einem Lamm, das sie brieten; Und ist es das nicht, ein Süpplein Samt einem Stück, das sie sieden. Und wo nicht dieses, so sei mir Ein Brei, der sättigt, beschieden; Und fehlt's an allem, so bin ich Mit Rahm und Datteln zufrieden. Laßt mir nur reichen, was da ist, Und seien's Schnitzel und Schnieden; Die Futtersäcke zu füllen, Die längst des Inhalts entrieten; Weil ohne Zehrung die Weisen Die weite Fahrt mir verbieten. O ihr, die besten Beschützer, Davor je Schützlinge knieten, Die vollsten Hände der Wohlthat, Die je den Mangel berieten; Nie von des Gebens Gewohnheit Sei eure Rechte gemieden! Was ich erbitt', ist ein Kleines In eurer Milde Gebieten. Und Lohn auch hab' ich für Edle, Wo sie von Kummer mich schieden: Erlesne Keime der Reime, Beschämend alle Kassiden. Hareth Ben Hemmam spricht: Da wir also gewahrten die gleiche Art – an des Jungen Locken und des Alten Bart – gaben wir dem Vater das Reittier schon – und die Reisezehrung dem Sohn. – Worauf sie die Gutthat nicht um den Dank verkürzten, – den sie mit dem Dufte des Lobes würzten, – und sodann sich zur Abfahrt schürzten. – Doch ich sprach zum Alten: War unser Versprechen wohl ein Versprechen Orkobs Orkob war ein Mann, der nicht hielt, was er versprach, und versprach, was er nicht halten wollte. – oder ist ein Wunsch noch zurück in der Seele Jakobs . Die Anspielung auf den Patriarchen ist für uns deutlich genug: Es ist kein Wunsch mehr in der Seele Jakobs, nachdem er seinen geliebten Sohn wiedergefunden. – Er sprach: Verhüt es Gott! nein und mit nichten; – sondern euer Edelmut gehört zu den Wundergeschichten. – Ich sprach: So gieb zur Belohnung – nun Kunde von deiner Wohnung. – Da seufzt' er wie ein Kranker in der Fremde – und hub an, indem ihn Schluchzen beklemmte: Serug ist meine Heimath, doch wie Soll ich gelangen dahin? Zum Lager hat sie genommen der Feind, Es ist ihr Prangen dahin. Beim Heil'gen Haus! (die Bürde der Schuld Trug ich mit Bangen dahin;) Mein Leben ist, seit ich schied von dort, In Schmerz gegangen dahin. Aber seine Augen quollen – und ließen die Thränen rollen; – er wollte die Wellen hemmen – und konnte den Strom nicht dämmen. – Da brach er seinen süßen Gesang ab – und ging mit beeiltem Gang ab. 10. Dattel und Rahm, oder: Der Erbfall. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich war besucht vom Kummer – und verlassen vom Schlummer – in einer Nacht, die sich schwarz verhängte – und Wolken über ihre Stirne drängte; – mir war zu Mut, – wie einem Verliebten in seiner Glut, – wenn ihm die Thür nicht auf sich thut. – Und in meiner Sinne Umdüsterung, – in meiner Gedanken Umflüsterung, – wünscht' ich mir zu des Grams Befehdung – einen Genossen der Nachtunterredung, – der das öde Wachen mir würzte – und die Längen der Nacht mir kürzte. – Ich hatte den Wunsch kaum ausgesprochen, – so hört' ich's an meiner Thüre pochen. – Ich sprach: Wie? soll der Baum des Wunsches mir Frucht tragen? – will Mondesglanz die Finsternis mir in die Flucht schlagen? – Ich sprang auf und säumte nicht länger, – rief: Wer ist draußen der Nachtgänger? – Er rief: Ein Fremder, den die Nacht überfallen, – den die Ströme des Himmels überwallen, – und der ein Obdach sucht, sonst nichts, – um wieder aufzubrechen mit Anbruch des Lichts. – Hareth Ben Hemmam erzählt: Mir versprach die Lieblichkeit des Spruchs – den Zuspruch angenehmen Besuchs, – wie eine Aufschrift den Inhalt des Buchs; – auf that ich die Pforten, die nicht sträubigen, – wie Riswan das Paradies den Gläubigen, – und sprach zum Durchregneten: – Gehet ein im Herrn, ihr Gesegneten! – Und einging einer, dem über die Haare – war gegangen der Regen vieler Jahre, – dem abgewelkt der Jugend Kraut war, – ob er gleich jetzt frisch betaut war. – Er grüßte mit Redegewandtheit – und sprach wie mit alter Bekanntheit, – dankend meiner Willfährlichkeit – und entschuldigend seine Beschwerlichkeit, – sein Kommen zur Unzeit und Nachtzeit. – Doch als ich die Leuchte ihm näher hielt – und spähend ihm ins Antlitz gezielt, – wie ein Wechsler prüfend ein Goldstück beschielt, – sah ich, betroffen, mein Hoffen – nicht eingetroffen, sondern übertroffen: – denn es war unser Alter mit Leib und Seel', – ohne Hehl und ohne Fehl. – Aufnahm ich ihn, mit meines Herzens Überdrang, – als meines Wunsches Überschwang, – als Übergang aus der Nacht der Sorgen – zum Freudenmorgen. – Ich sprach: Sag an! wie? und von wannen? – Doch er sprach: Von dort und von dannen. – Erst laß mich Speichel sammeln, – eh ich kann stammeln – und zu Atem kommen, – denn ich bin von Müdigkeit beklommen. – Da glaubt' ich, daß unterm Mantel der Mattheit – sich nur verberge die Lust nach Sattheit, – und stellte ihm vor, was man eben vorstellt – einem Gaste, der übernachts ins Thor fällt. – Doch er wandte sich blöde – und that, als sei der Magen ihm öde; – daß schier seine Sprödigkeit mich verdroß, – und ob seiner Schnödheit das Blatt mir schoß. – Ich war im Begriff, ein scharfes Wort zu ergreifen, – um des Gastes Ungeschliffenheit abzuschleifen. – Doch er las in meinen Kerzen , – was mir wurmte im Herzen, – und sprach: O welch ein Mißlaut, – wo Freund dem Freunde mißtraut. – Laß dein Mißtrauen und deine Mißlaun' – und höre mich, du Gefundener hinterm Zaun. – Ich sprach: Nun so führe das Ruder, – du Lügenbruder. – Er sprach: So wisse, ich hatte die vorige Nacht – im Gespräch mit meinen Sorgen verwacht, – bis mich der Morgen ausgelacht. – Da führte die Hoffnung, die neu mich stärkte, – mich hier auf einen der Märkte, – um irgend etwas einzufangen des Wilden, – oder etwas zu erlangen des Milden. – Da sah ich, aufs schönste vom Korb umzäunt, – Datteln, vom reifsten Sommer gebräunt, – in deren Farbe verschmolzen war Licht und Dunkel, – wie Purpurweinsgefunkel oder Karfunkel; – und aufgestellt war über denselben – ein Rahm, dessen Weißes eingekocht war zum Gelben, Eine italienische Ricotta oder süßer Käse. – der mit dreister und feister – Zunge lobte seinen Meister – und den Verkäufer verständig pries, – der dafür ein Stück von seinem Herzen ließ. – Dieser beiden verschiedene Zierde – erweckte mir eine gemischte Begierde, – und ich war bezwungen von ihren Reizen, – nach ihrem vereinten Besitz zu geizen. – Es war, als ob mich der Anblick behexe, – daß ich irre ward, wie die Eidechse, – und verfiel in Selbstvergessenheit, – wie ein Verliebter in seiner Besessenheit. – Ich sah keinen Weg zur Lust des Erringens – und zur Wollust des Verschlingens, – und die Füße verweigerten sich, zu gehn, – und ließen mich in den Flammen stehn. – Doch der Stachel, wider welchen hilft kein Lecken, – der Hunger, den allein ich hatte zu schmecken, – trieb mich endlich, auf andern Fluren – zu suchen meiner Nahrung Spuren; – und ich strich – umher auf den Strich, – bis darüber der lange Tag verstrich. – Ich hängte meinen Eimer in jeden Bronnen, – doch nicht ein Tröpflein ward meinem Durste gewonnen. – Als die Sonne nun war am Niedergang – und verloren mein Hin- und Wiedergang; – als ich müßig, – meines Dings unschlüssig – und meines Lebens überdrüssig, – einen Schritt mich vorwärts regte – und einen Tritt mich rückwärts bewegte – mich, wechselnd wie ein Wind, bald erhob, bald legte; – da erschien mir ein Greis, der ächzte mit Gestöhne, – wie eine Witwe um den letzten ihrer Söhne; – sein Odem war in der Klemme – und seine Augen in der Schwemme. – Doch die Wolfskrankheit, Sprichwörtlich arabisch für Hunger. die mich plagte, – und der Wurm, der mir am Herzen nagte, – hielten mich nicht ab, meinen Witz zu schärfen – und meine Angel auszuwerfen. – Ich sprach: O du! dein Weinen hat wohl seinen Grund, – denn niemand verzieht umsonst den Mund, – welcher Fleck am Herzen ist dir wund? – Zeige mir deinen Schaden – und vertrau auf Gottes Gnaden! – vielleicht kann mein Rat dir nützen, – oder doch mein Trost dich unterstützen. – Er sprach: bei Gott! ich klage nicht um Geld und Gut, – noch um des Glückes Wankelmut, – sondern um das Verfallen – der Gelehrsamkeit und ihrer Hallen, – um das Verfinstern ihrer Monde und Sonnen – und das Versiegen ihrer Quellen und Bronnen. – Ich sprach: Und welch Gesicht hat dich geneckt, – daß dein Seufzen ward erweckt – nach der Weisheit, die der Grabschutt deckt? – Da zog er ein Blatt aus seinem Ärmelfutter – und schwor bei seinem Vater und seiner Mutter, – er hab' es gezeigt den Lehrern jeder Schule, – doch leer gelaufen sei ihrer Gelehrsamkeit die Spule, – er hab' um Auskunft gebeten bei jedem Katheder, – doch die Weisheit sei vertrocknet in jeder Feder. – Ich sprach: Reiche es und zeige mir's, – vielleicht lese ich und löse dir's. – Er sprach: du vertraust dir viel, – doch wer weiß! mancher Schütze traf blind ans Ziel. – Da gab er mir das Blatt in die Hand, – darauf geschrieben stand: Der du dir auf Weisheit etwas thust zu gut Und dein Licht vor Leuten lässest scheinen! Gieb uns Aufschluß auf die Frag', auf welche wir Noch bei den Gelehrten fanden keinen. Einer starb, der einen Bruder nach sich ließ, Einen gläub'gen, freien, fehlerreinen. Und des Mannes Weib, das schon gestorben war, Hinterließ von Brüdern gleichfalls einen. Doch nach Erbrecht fällt des Mannes Erbschaft nun Auf des Weibes Bruder, nicht auf seinen. Sprich, warum nicht dieser, sondern jener erbt? Dunkel ist's, doch ist das Recht im reinen. Als ich nun vom Blatte – das Geheimnis gelesen hatte, – sprach ich: Du hast dich um Vormundschaft gewandt an keinen Unmundigen – und um Kundschaft an einen Landeskundigen; – nur daß mir brennen die Eingeweide, – und mir not thut eine Abendweide. – Tische mir auf etwas – und sei zum Nachtisch gewärtig meines Fetwas. Fetwa. die gutachtliche Entscheidung des Mufti in vorgelegten Rechtsfällen. – Er sprach: Du machst billige Bedingung – und forderst nichts über die Erschwingung. – Komm mit mir, daß dir werde Gewährung – und ziemliche Gastverehrung. – Da folgt' ich ihm und meinem Magen – und dem, was uns Gott ließ durch den Koran sagen: – »Wer euch einlädt, dem sollt ihr's nicht ausschlagen.« – Und wir traten in ein Haus, von Grund und Zinne – schwächer als das Haus der Spinne, – und so karg – an Raum wie ein Sarg; – doch ich vergaß des Hauses Gebrechlichkeit – über des Haushalts Gemächlichkeit. – Er gab mir die Wahl, – was ich wünschte zum Mahl – von des Marktes Leckerbissen. – Da sprach ich: Ich will nicht missen – den Herrn vom Euter, – den gelbweißen Reuter – auf dem braunroten Sattel – (ich meinte den Rahm auf der Dattel). – Ich will die Süße, die mit dem Fetten im Magen kämpft – und heilsam seine schädlichen Dämpfe dämpft. – Er besann sich ein Geraumes, – dann sprach er: Du meinst wohl die Tochter des Palmbaumes – und den Sohn des Milchschaumes? – Ich sprach: Ja, ich meine diese beiden, – von denen mein Verlangen sich nicht kann scheiden. – Und er stand auf rührig, – doch dann hockt' er sich nieder schwürig – und sprach: Wisse! (Gott sei dein Hort!) daß die Wahrheit ist eine Gnade –und die Lüge ein Schade; – und laß dich von dem Hunger, der ein Schmuck ist der Gottbeseelten – und ein Halsband der Auserwählten, – nicht verführen zu den meineidigen Rotten – und zu denen, die des Glaubens spotten. – Eine Freigeborne hungert, eh sie isset von ihren Brüsten, D. i. ehe sie als Säugamme auf eine unedle Art sich ernährt. Ein Sprichwort. – und ein Edler gehorcht nicht unedlen Lüsten. – Dann bin ich auch der Mann nicht, der sich Sprenkel stellen läßt, – oder im Handel sich prellen läßt. – Ich habe nun gewarnt, du magst dich wahren, – denn der Betrug ist einträglich, doch mit Gefahren. – Ich sprach: Bei dem, der verpönt hat, sich vom Wucher zu nähren, – aber vergönnt hat, Rahm und Datteln zu verzehren! – ich spinne keinen Lug – und sinne keinen Trug: – du wirst die Wahrheit erfahren mit Scham – und segnen den Aufwand von Datteln und Rahm. – Da war sein Glauben erstarkt, – und er rannte auf den Markt. – Und nichts war schneller als er wieder da, mit der Bürde der süßen Gerichte – und einem saueren Gesichte; – er setzte sie mir vor mit einem Wesen, – darin ein Vorwurf der Wohlthat war zu lesen, – und sprach: Da schling um die Wette – des Lebens Süße und Fette. – Doch ich streifte den Ärmel zurück und schritt – ans Werk mit Elefantenappetit; – und er sah mir zu mit Blicken, – die mir wünschten, zu ersticken, – bis ich nun verschlungen die beiden Fuhren, – und von ihrem Dasein nur zeugten die Spuren, – da ward ich stumm, wie die Nacht, die eben hereinbrach, – und sann auf meines Fetwas Zettel und Einschlag. – Er aber säumte nicht, aufzuspringen, – Feder und Tintenfaß herbeizubringen, – sprechend: Du hast nun gefüllt den Schlauch, – erfülle nun das Versprechen auch; – oder du sollst mir nicht vom Platz – ohne des angerichteten Schadens Ersatz. – Ich sprach: Nur auf die Wahrheit steht mein Blick; – schreib! und in Gottes Hand steht unser Geschick: Sage dem, der uns mit Rätseln necken will, Hier bin ich, der stutzt vor keinem feinen. Der Gestorbne, dessen Gut fällt nach dem Recht Auf des Weibes Bruder, nicht auf seinen, War ein Mann mit einem Sohn aus frührer Eh', Der schon längst nicht mehr war von den Kleinen. Als der Vater nun das Weib nahm, nahm der Sohn Deren Mutter, seltsam darf's nicht scheinen. Dieser Sohn nun hinterließ aus dieser Eh' Einen Sohn und ging nach Edens Hainen. Dieser letzte, jenes Mannes Enkel, ist Dessen Weibes Bruder, wie wir meinen. Da nun Bruder nicht vom Bruder erbt, so lang Sohn ist oder Enkel auf den Beinen, Hat der Bruder jenes Mannes, welcher starb, Keinen Anspruch, als um ihn zu weinen: Und der Bruder jenes Weibes, der des Manns Enkel ist, greift zu den vollen Schreinen. Dies der Ausspruch, über dessen Richtigkeit Alle Richter werden sich vereinen. Als er so nun aufgeschrieben und gutgeheißen den Ausspruch, – rief er mit plötzlichem Ausbruch: – Zum Aufbruch! zum Aufbruch! – eh der Finsternis Einbruch – thut deiner Reise den Einspruch. – Ich rief: die Finsternis ist schon eingebrochen – und ich bin hier in Freundeshaus eingesprochen; – ich bin ein Mann in fremdem Land: – weise nicht das verdienstliche Werk von der Hand! – Die Nacht hat ihren dunkeln Mantel um, – und der Donner in den Wolken feiert Gottes Ruhm. – Doch er sprach: In Gottes Namen, geh, wohin du's erachtest, – nur hoffe nicht, daß du bei mir übernachtest! – Ich sprach: Und warum giebst du keine Frist, – da doch dein Haus so geräumig ist? – Er sprach: weil ich sah, wie du schlucktest, – bis du alles nieder drucktest, – und merkte, daß du dein Heil nicht wahrest, – noch deine Gesundheit sparest. – Wer so sich stopft, wie du dich gestopft, – und den Magen pfropft, wie du ihn gepfropft, – der kann nicht entgehn dem Leibschneiden, – er trägt den Tod in seinen Eingeweiden. – Darum verschone mich mit deinem platzenden Wanst – und trag ihn von hinnen, weil du noch kannst. – Denn bei dem Gott der Lebendigen und der Toten! – dir wird bei mir kein Nachtquartier geboten. – Als ich nun vernommen seinen Eid – und bekommen meinen Bescheid, – ging ich hinaus – von seinem Haus, – nicht so voll – von Speis', als von Groll; – vom Himmel draußen begossen, – von der Nacht umhergestoßen, – von den Hunden angebellt, – von den Hausthüren abgeprellt, – bis mich das freundliche Glück zu deiner Schwelle gewiesen, – seine weiße Hand sei gepriesen! – Ich sprach: Gesegnet dein Anblick, der gottbeschiedene, – für mein Auge, das schlafgemiedene, – und für mein Herz, das nun zufriedene! – Dann hub er an aufzutischen – seine Geschichten, die immer frischen, – und mit Anmut, was Lachen erregt und was zu Thränen bewegt, zu mischen. – Die Lieblichkeit der Nachtgespräche sprießte, – bis daß der Morgen nieste, Zu sagen: der Morgen niest , möchte in unseren abstrakten Sprachen kaum anders erträglich sein, als nur in einer solchen Verbindung wie hier, in der schwankenden Haltung der Rede zwischen Ernst und Scherz, wo dann jeder Leser, nach den Schranken seiner Vorstellungen, sich den Ausdruck, ohne weitere Störung, mehr oder minder lächerlich vorkommen lassen darf. Aber im Arabischen ist er aufrichtig objektiv gemeint, und gewiß liegt ihm ein tiefes Naturgefühl zu Grunde, das allein den gärenden Prozeß und die erheiternde Explosion des Niesens so auf den Kampf in der Atmosphäre und den hervorbrechenden Sonnenstrahl anwenden konnte. – In der parsischen Religion wird das Niesen ausdrücklich als ein Sieg des Lichts über die Finsternis bezeichnet. – seine Odemzüge sich anfachten, – und der Rufer Der Gebetrufer, Mu'eddhin . rief zu den Andachten. – Da leisteten wir dem Ruf Folge nach Moslemenweise, – dann schickte sich Abu Seid zur Reise. – Ich hielt ihn und sprach: Drei Nächte, – so lauten die Gastrechte. – Doch er riß sich los und gewann den Ausgang – und sang, indem er hinaussprang: Besuche deinen Freund in jedem Monat Auf einen Tag, so wirst du teuer sein. Nur einen Tag im Monat ist der Aufgang Des neuen Monds ein Fest für groß und klein. Dann scheint er, unbemerkt von Menschenaugen, Und von den Hunden angebellt allein. Hareth Ben Hemmam erzählt: Wie erst sein Anblick mich hatte gelabt, – so ward ich von seinem Abschied mit Schmerz begabt, – und ich wünschte, meine Nacht hätte keinen Morgen gehabt. 11. Die Vase. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich zog ohne Gramm – mit der Karawane von Scham – gegen die Stadt des Heils am großen Tiger , – unterm Geleite der Söhne vom kleinen Panther, Des Stamms Benu Numeir . – in Gesellschaft Guter, Begüterter, – durch Eintracht in der Fremde Verbrüderter. – Und unser Trost im Leid, – unser Lustgeschmeid, – unser gemeinschaftliches Ehrenkleid, – unser wechselseitiger Neid – war der Seruger Abu Seid . – Als nun der Zug in Singar rastete, – traf es sich, daß ein Kaufherr des Ortes gastete, – der zu seinem Salz und Brot – ergehn ließ ein allgemeines Aufgebot, – ohn' Unterschied des Standes, – an das Volk der Stadt und des Landes; – sodaß sein Ruf auch an die Karawane kam – und sie mit Haupt und Gliedern in Anspruch nahm. – Als wir nun gefolgt seinen Boten – und betreten seinen gastlichen Boden; – ließ er auftragen Gerichte mancherhand, – wozu man langt mit einer Hand, Z. B. die Suppe. – und wozu mit beiden, Z. B. der Braten. – was Gaumen zu laben dient und Augen zu weiden. – Dann ließ er bringen eine Vase, wie aus Luft gesponnen, – oder aus Licht geronnen, – die, mit ihrem Geheimnis nicht karg, – durchsichtig, den Schatz im Innern nicht verbarg, – zeigend eine Fülle nasser – Konfekte, mit Zucker bestäubt und beträuft mit Rosenwasser. – Und als nun vom Anblick die Gaumen sich zu wässern – begannen den Süßessern; – als die Augen der Erwartung starrten – und die Zähne der Ungeduld knarrten – und harreten wie kampflustige Leute – des Losungsworts: Zum Angriff und zur Beute. – da ergriff den Abu Seid ein Koller, – daß er aufsprang wie ein Toller – und, als ob ihm ein Unheil träumte, – vor der Vase rückwärts bäumte – und weit das Feld vor ihr räumte. – Wir ermahnten ihn zur Vernunft – und baten ihn um Wiederkunft, – ihn beschwörend, er möge doch unter den Gläubigen – nicht allein vorstellen den Sträubigen. – Doch er vermaß sich: Bei dem, der das Gebein belebt, das verdorrt ist! – ich kehre nicht eh'r, bis die gläserne Vase fort ist. – Und wir mußten schon, um ihn zu stillen – und um seines Schwures willen, – den schönen Krystall wegräumen – samt allen unsern süßen Träumen. – Und als er nun, seines Eids entledigt – und eingethätigt, – zurückgekehrt war zu seiner Stelle, – befragten wir ihn in der Schnelle: – warum er denn also aufgesprungen – und auf die Hinwegnahme des Glases gedrungen? – Er sprach: Weil Glas ein Verräter ist, – obgleich sein Kleid von Äther ist, – ein Alleszeiger, – Nichtsverschweiger, – Allesoffenbarer, – Nichtsbewahrer, – dessen Schwatzsüchtigkeit – ist seine Durchsichtigkeit, – und dessen Untüchtigkeit – ist seine Undichtigkeit; – und ich habe mich vor Jahren vermessen, – mit keinem Ausschwätzer zu sitzen noch zu essen; – weil ich es noch nicht vergessen, – daß ich einst mit einem gesessen. – Wir sprachen: Berichte, – wie war die Geschichte? –Er sprach: Ich hatte einst einen Nachbar, – den ich achtete, weil er schien achtbar; – mit dem ich sorglos und arglos umging – und nicht dachte, daß er mit Arg bloß umging; – den ich erkieste und mit ihm koste – und dachte nicht, daß es mich meine Ruhe koste. – Ich vertraute auf seine Treue – und glaubte nicht, daß er mir Verderben dräue. – Ich wähnte nicht, noch argwohnte, – als ich mich an ihn gewöhnte und mit ihm wohnte. – Seine Mienen schienen mir zu verbürgen, – daß unter ihnen sich keine Minen verbürgen; – sein Lächeln war eine Himmelsmitgift, – doch sein Herz war geschwängert mit Gift; – sein Äußres war gar nicht arm an Anmut, – doch nur zum Bösen war sein Innres reich an Mut. – Sein Gefäß klang mit reinstem Tone, – doch war es geformt aus unreinem Thone. – Ich hielt sein Herz für einen lautern Palast, – doch es war ein Schiff mit lauter Ballast; – ich hielt seinen Sinn für eine Säule, – um die ich vertrauend schlang meines Zeltes Seile, – doch was ich mir dachte zum Heile, – schlug mir aus zum Geheule. – Aber in meinem Hause, – in meiner innersten Klause, – zu meiner Augen geheimstem Schmause, – hatte ich eine Dirne, – die mit dem Glanz ihrer Stirne – beschämte des Himmels Gestirne; – deren Augen Schwärzen – alle brennenden Herzen – füllten mit dunklen Schmerzen; – deren wallende Locken – dienten, die Morgenwinde zum Spiel zu locken. – Sie taute, wo sie lächelte, – und zertaute, wo ihr Odem fächelte. – Ihrer Zähne Blinken – und ihrer Lippen Winken – machte Milchperlen vor Scham Blutröte trinken – und Rubinen im Preise sinken. – Ihr Auge machte Sonn' und Mond zur Fabel – und zur Wahrheit die Sage vom Zauberbronnen zu Babel. Der Zauberbronnen zu Babel, mit dem die dunkle Tiefe des Auges schön verglichen wird, ist der, worin die beiden gefallenen Engel Harut und Marut wohnen und diejenigen, die sie dort befragen, Zauberei lehren. – Wenn sie rührte das Tambur, – oder führte das Sambur, Zwei musikalische Instrumente. – war es wie das Lautenspiel Anahids Anahid oder Sore, der weibliche Genius des Abendsterns. – und wie das Saitenspiel Davids. – Sie war Nachtigall, wenn sie flötete, – und Rose, wenn sie errötete. – Wenn sie tanzte, zog sie die Seelen in den Wirbel – und riß dem Ernste den Turban des Anstands vom Wirbel; – und über ihren Tanz vergaß der Zecher – selbst den Tanz der Perlen im Becher. – Sie beseelte mich – und entseelte mich, – sie beseligte mich – und befehligte mich; – ich achtete zu ihrem Befehle – gering, wie meine Seele, – mein rotes Gold und meine roten Kamele. – Ich verschleierte sie vor Mond und Sonne; – ich mißgönnte der Welt ihres Anblicks Wonne, – ja die Lust, ihren Namen zu hören, – oder sie zu ahnden hinter ihren Flören. – Nicht der Traum eines Wahrsagers – lüpfte den Vorhang ihres Lagers, – noch ein verräterischer Blitz – erspähte sie durch einen Ritz. – Doch an einem Tag, als mein Heil im Versiegen war, – als mein Glückstern vom Himmel gestiegen war, – machte Rausch mich zu meines Schweigens Verletzer – gegen meinen Nachbar, den Schwätzer. – Und als der Pfeil vom Bogen war, – das Wort dem Käfig entflogen war, – kam die Besinnung nach dem Wahn – und ließ mich sehn, wie übel ich gethan, – die Heimlichkeit meiner Liebe – einzugießen einem Siebe. – Doch ich nahm vom Nachbar ein heiliges Versprechen, – an meinem Vertrauen nicht zu verbrechen; – und er gelobte, mein Geheimnis so zu sparen, – wie Geizige ihren Schatz verwahren. – So ging vorbei – ein Tag oder zwei; – da ward der Emir jener Gegend, – der Fürst, jenes Landes pflegend, – Sinnes, zur Pforte des Königes – zu führen sein Heervolk, sein fröniges, – um zu gehorchen des Gebieters Winken – und seiner Gnade Regen zu trinken; – und er sah sich um nach rarem, – ausgesucht klarem – Geschenk für dessen Harem, – Lohn verheißend dem, der ihm könne deuten, – wo er ein solches möcht' erbeuten. – Da spitzte mein schlechter Nachbar die Ohren, – die Lohnverheißung gab seiner Gier die Sporen, – daß sie, von der Scham umsonst beschworen, – mit ihm rannte davon zu der Schande Thoren. – Er veruntreute, weh mir, – mein anvertrautes Geheimnis an den Emir. – Und als ich umsah, war der Harm mir da, – des Emirs Dienerschwarm mir nah. – Ich war betreten, – wie ich mich von ihm sah angetreten, – ihm mein Kleinod abzutreten. – Ich sollte das Unschätzbare schätzen, – einen Preis auf das Unersetzbare setzen. – Da bedeckte mich so viel Gram, als Meer – einst bedeckte Pharao und sein Heer. – Ich bat vor, und es nützte nicht; – ich schützte vor, und es schützte nicht. – Doch wie er sah meine Beharrlichkeit, – meiner Weigerung Halsstarrigkeit, – loderte er und brauste, – knirschte Die Zähne. er und krauste. Die Augenbrauen. – Aber ich wollte meinen Mund von meinem Mond nicht scheiden, – und nicht mein Herz aus meinem Busen schneiden, – bis endlich niederschmetterte, – was lange mich umwetterte – und ein Schlag den Ausschlag gab: – da zog ich mit dem Leben ab – und gab meines Auges Schwärze – hin für seine gelben Erze. – Doch ich gelobte des Tags beim Hochgelobten, – nach meinem Schaden, dem erprobten, – nie künftig mit einem Verschwätzer mich einzulassen – noch mit einem Geheimnisverletzer mich zu befassen. – Das Glas ist aber als solcher bekannt – und sprichwörtlich so genannt; – und weil eben seine Treue so schwächlich, – ist sein Glück so zerbrechlich. – Nun verzeiht, daß euch mein Schwur entzieht, worauf Stand gerichtet eures Appetits Affekt. Was ihr hört, entschuldigt mich; und gerne soll Euch mein ganz Vermögen decken den Defekt. Doch ich gab dafür zum besten euch den Scherz, Der Verständ'gen süßer mundet als Konfekt. Hareth Ben Hemmam erzählt: Wir verziehn ihm aus Herzensgrund – und küßten seinen süßredenden Mund, – sprechend: Litt doch der Beste der Sterblichen – auch von der Verschwätzerei, der verderblichen; – daher ihn Gott in seinem heiligen Buch – hat aussprechen lassen den Fluch – gegen die falsche Klägerin, – die Höllenbrennholzzuträgerin. Gegen Abuleheb , Mohammeds heftigsten Widersacher und nächsten Verwandten (er war sein väterlicher Oheim, einer von den zwölf Söhnen des Abd Elmutallib), und gegen dessen Weib, Mohammeds Verleumderin, ist eine eigene von den letzen kleinen Suren des Korans gerichtet; sie lautet: Verdorben Abulehebs Hand, und er verdorben! Nicht hilft ihm sein Gut und was er erworben. Hinab in die Flamme des Feuers geht sein Stolz, Und sein Weib ihm nach mit dem Holz, Einen Strick von Palmenbast um den Hals. Sie trägt hier das Holzbündel, um die Hölle für ihren Mann zu heizen, weil sie dessen Haß gegen Mohammed gehetzt, oder auch: sie trägt ein Bündel Dörner, weil sie ein solches einst nächtlicher Weile dem Propheten soll in den Weg gelegt haben. – Dann fragten wir ihn: Und was that nun dein Nachbar, die Schlange? – Er sprach: Er wand sich in Demut und Wehmut lange, – versuchte mich mit Windung und Wendung – und nachgesuchter Freundesverwendung; – doch ich war geheilt von meiner Verblendung. – Ich beharrte bei meiner Spröde – und wies den Schnöden von mir schnöde. – Doch seine Entblödung war nicht zu beschämen, – seine Erdreistung nicht zu lähmen. – Und nichts befreite mich von seinem Zudrang – und sperrte zu mir ihm endlich den Zugang, – als einige Verse, die mein Unmut hauchte – und mein Schmerz in Bitterkeit tauchte; – die zwangen ihn, sich zu verbergen vor seiner Schmach, – seufzend weh und ach, – verzweifelnd an meiner Liebe Zurückerflehung, – wie Gottesleugner an Totenauferstehung. – Da bestürmten wir ihn, daß er ohne Weile – uns mit dem Genuß der Verse heile; – doch er sprach mit Lächeln: »Ja. der Mensch ist erschaffen aus Eile.« – Dann trug er vor Zeil' um Zeile: Auch einen Nachbar hatt' ich, den mit Stetigkeit Ich liebt' als Freund, weil er mir schien ein steter. Doch abgesattelt jetzo steht und abgedankt Der Gaul der Freundschaft, denn es war ein steter. Ich war ihm zugethan mit Treue spät und früh; Es war zu früh, drum kam die Reue später. Ich spähte nur nach seines Auges Wunsch, das büßt Mein Schatz nun, mein vom Diebesaug' erspähter. Er war mir Auf- und Aushub aller Trefflichkeit, Jetzt ist er mir ein Auswurf, ein verschmähter. Was ich für einen Acker guter Saat ansprach, War ein von Satans Unkraut angesäter. Ein Vetter, der von fetter Weide mich vertreibt Und mir das Haus verödet meiner Väter; Ein Unheilbrüter unter Brüdern, der mein Brot Vergiftet und mir bohnt die schwarzen Breter; Der Bett und Bäder mir verleidet, gegen den Geboten sei zu beten jedem Beter. Er hat des Morgens Aufgang mir verhaßt gemacht, Weil ein Verräter ist der klare Äther; Und hat die Nacht mir lieb gemacht, weil sie verschweigt, Weil selbst ihr Dunkel nicht verrät Verräter. Nicht wohl thut, wer auch den verrät, der übel thut; Doch Unschuld nur verrät ein Übelthäter. Hareth Ben Hemmam spricht: Als nun der Herr des Hauses – und der Wirt unsres Schmauses – erkannte seines Gastes verborgenen Adel, – die Feinheit und die Spitze seiner Nadel; – ließ er den Schöpfer vom nie leeren Witze – sitzen zu oberst auf dem Ehrensitze. – Dann ließ er, gefüllt mit süßen Dingen, – vor ihn eine silberne Vase bringen – und sprach: Nicht gleich ist das Los der Seligen und der Verdammten, – der treuen und der ungetreuen Beamten. – Dieses Gefäßes verschwiegnes Metall – ist nicht wie der verrätrische Krystall; – du wirst dich nicht seines Umgangs schämen – und gern aus seiner Fülle nehmen. – Da hielt jener das Silber mit dem süßen Kern – empor und zeigt' es uns von fern, – sprechend: Aller Augen warten auf den Stern. – Danket Gott, der euch vor Schaden behütet – und euch jeden Verlust vergütet; – der eurer Sehnsucht Wunde heilet – und eurem Munde die Füll' erteilet. – Der Mensch klagt über ein Übel so leicht – und denkt nicht, daß es ihm zum Besten gereicht. – Doch schnell dachte er sich ein andres aus – und sprach zum Herrn vom Haus: – Gepriesen ist der Wirt, von dessen Schmause – der satte Gast trägt sein Gefäß mit nach Hause. – Der Herr sprach: Nimm und frage nicht! – Geh in Gottes Namen und klage nicht. – Und Abu Seid zog ab mit seinem Volke – stumm dankend wie ein Garten der Regenwolke. – Dann versammelte er uns ohne Verweilen – und sprach: Nun lasset uns wie Brüder teilen. – Und dem gemäß – langt' er ins Gefäß – und verteilte den Inhalt, Stück für Stück; – das Gefäß behielt er für sich zurück. – Dann sprach er: Kein Unfall mög' eure Weiterfahrt hindern! – Ich kehre jetzt um und sehe nach meinen Kindern. – Er bestieg sein Tier und verschwand, – die Silbervas' in der Hand, – und wir blieben zurück erblindet, – wie eine Nacht, deren Mond verschwindet. 12. Das gestohlne Gedicht. Hareth Ben Hemmam berichtet: Ich war noch ins Gewand meiner Jugend gekleidet, – als mir der Aufenthalt in der Heimat ward verleidet – durch einen Handel, der mich schreckte, – und eine Furcht, die mich bedeckte; – so daß ich die Schale des Schlummers ausgoß – und zum Nacht-Ritt spornte mein Grauroß. – Ich drang darauf durch ein wüstes Moor, – das kein Fußtritt hatte bezeichnet zuvor, – worin selbst der Kiebitz den Weg verlor; – bis daß ich nun gelangte zu der Glaubensherrschaft Pforte, – Bagdad, dem Friedensporte, – aller Bedrängten Zufluchtsorte. – Da legt' ich ab der Bekümmernis Schleier – und nahm das Gewand der Ruh' und Feier, – indem ich der Lust des Herzens nachhing – und dem Pfade des Scherzens nachging. – Da sah ich nun eines Tags auf dem Walle Reiter, die sprengten, – und Fußgänger, die sich drängten – um einen Scheich, der im Getümmel – sich zerrte mit einem jungen Lümmel, – den er am zerrissenen Kragen packte – und ihn scharf mit Worten zwackte. – Doch ich folgte dem Zuschauertrosse, – bis wir gelangten zu des Stadtpflegers Schlosse. – Da saß der Schirmherr breit auf seinem Sitze – mit ehrfurchtgebietendem Antlitze; – und der Scheich trat auf in der Rolle des Klägers – und sprach: Gott erhöhe den Knöchel des Landpflegers. – Hier dieser Jüngling, den ich erzog, – weil meine Zärtlichkeit mich betrog; – der von der Mutter Schoß zu mir kam, – den ich als vaterlos zu mir nahm; – den ich gut hielt und ihn zum Bessern anhielt – und ihm mein Bestes nicht vorenthielt; – er nun, nachdem die Federn ihm gekielt, – ist's, der gegen mich den Meister spielt, – der nach mir mit meinen eignen Waffen zielt, – mein Brot und meine Kunst mir stiehlt. – Ich hoffte nicht, daß es so mir fruchtete, – als ich mit meiner Weisheit ihn befruchtete. – Der Jüngling sprach: Was that ich, woran du dich stießest, – daß du solche Schmach über mich ausgießest? – Bei Gottes Gewissen und meinem Gewissen! – nie hab' ich den Vorhang der Ehrfurcht zerrissen, – noch das Antlitz der Dankbarkeit verhüllt – und dein Gebot gelassen unerfüllt. – Wann hab' ich das Siegel deines Hehls erbrochen, – oder den Stab deines Befehls zerbrochen? – Der Alte sprach: Weh dir! Welches Vergehn ist häßlicher, – welches Versehn ist gräßlicher, welche Sünd' ist unerläßlicher, – als daß du mir tratest auf die Ferse, – daß du mir stahlest meine Verse? – Wer einem einen Gedanken stiehlt, stiehlt ihm die Seele; – das ist ärger, als ob man Gold und Silber stehle. – Ein Dichter hegt auf seine Frucht – eine noch stärkere Eifersucht, – als ein Mann auf seines Weibes Zucht. – Der Landpfleger sprach: Wie hat er gestohlen? – verhohlen oder unverhohlen? – die Blüten oder die Pflanze, – das Halbe oder das Ganze? – Der Alte sprach: Bei dem, der Liedesruhm – gemacht hat zu Arabereigentum! – er hat ein Drittel weggestutzt – und das übrige für sich genutzt. – Der Landpfleger sprach: Sag deine Verse her mit Stumpf und Stiel, – daß wir sehn, wie er stahl und wie viel. – Und der Alte hub an: O Welt, du böser Zauberwald, wo jedes Wild Ein Netz umgarnt ; weh dem, der dich berühret. O Antlitz, das mit Lächeln heut, und morgen an Mit Weinen schaut , und dessen Herz nichts rühret. O Truggewölk, das Sommerau'n nur überfliegt Und nicht erlabt , nur Durstes Flammen schüret. O Kerker, des Gefangener viel tausendmal Vorm Tod erschrak , eh' man zum Tod ihn führet. Wie mancher Mann ward schwindlig, weil ihm deine Gunst Das Kleid gewirkt , und that, was nicht gebühret, Dann wandtest du den Spieß im Nu, und plötzlich lag Sein Stolz gefällt , und seine Kraft geschnüret. Schad' um dein beßres Leben, Herz, wenn es im Dampf Der Wüst' erliegt , wo keine Spur man spüret. O geh nicht diesem Irrschein nach. Der Herr hat dir Geleit' gesandt ; wohl dem, der es erküret. Und traue doch dem Feinde nicht; er wacht, ob auch Sein Auge zwinkt , bis er den Streich dir führet. Du bist das außen grüne Holz, in dem der Wurm Von innen nagt , und bleibst du ungerühret? Darauf sprach der Landpfleger: Her da! – was that nun der da? – Der Scheich sprach: Er hat ungeschliffen – meine sechstaktigen Verse angegriffen – und jedem einen Doppeltakt – abgezwackt, – daß meine Ehre ward fasernackt. – Der Landpfleger sprach: Erkläre dich deutlicher, was hast du gelitten? – und was hat er dir abgeschnitten? – Er sprach: Neige mir dein Ohr – und verschließe nicht deiner Aufmerksamkeit Thor; – ich trage dir nun sein Machwerk vor, – daß du sehest, wie er mit mir gewandelt, – und ermessest, wie er an mir gehandelt! – Worauf er anhob, – indes sein Seufzer himmelan schnob: O Welt, du arger Zauberwald, Wo jedes Wild ein Netz umstrickt . O Antlitz, das mit Lächeln heut Und morgen an mit Weinen blickt . O Truggewölk, das Sommerau'n Nur überfliegt, und nicht erquickt . O Kerker, des Gefangener Viel tausendmal vorm Tod erschrickt . Wie mancher Mann wird schwindlig, weil Ihm deine Gunst das Kleid gestickt . Dann wandtest du den Spieß im Nu, Und plötzlich lag sein Stolz geknickt . Schad' um dein beßres Leben, Herz, Wenn es im Dampf der Wüst' erstickt . O geh nicht diesem Irrschein nach; Der Herr hat dir Geleit' geschickt . Und traue doch dem Feinde nicht; Er wacht, ob auch sein Auge nickt . Du bist das außen grüne Holz, In dem der Wurm des Todes pickt . Da sprach der Landpfleger zum Knaben: – Du undankbarster der Raben. – bestiehlst du die Hände, die dir Futter gaben? – Der Jüngling sprach: Sei ich ausgestoßen – vom Schoß der Kunst und ihren Genossen – und gezählt zu den Rotten, – die des Heiligtums spotten, – wenn sein Gedicht mir bekannt war, – eh mein eigenes Licht entbrannt war: – sondern durch Zufall trafen die Geister zusammen, – wie zwei Rosse auf einer Bahn, die aus verschiedenen Ställen stammen, – oder wie zwei wandernde Stämme – zu einer Tränke und Schwemme. – Er sprach es, und der Landpfleger, – der Gegenbehauptungen Abwäger, – sann, wie er zur Klarheit – möchte bringen Falschheit und Wahrheit. – Da wußt' er keinen Rat, als beide Reimer – wettziehen zu lassen an einem Eimer; – er sprach: Wenn ihr wollt, daß der Würdige sei gekrönt, – und der Unebenbürtige verhöhnt; – so bereitet euch zu einem Wechselkampf, – auf der Taktbahn des Gedichts zu einem Wettgestampf, – daß, wer unterliege, lieg' offen dar, – und wer obsiege, sieg' offenbar. – Da sprachen sie mit einer Zunge, – der Alte und der Junge: – Wir sind die Probe zufrieden, – sei dein Befehl uns beschieden. – Er sprach: Ich halte das Wortspiel – für den Gipfel der Kunst und ihr höchstes Ziel; – daran mögt ihr euch mir in zehn Doppelzeilen erproben, – ganz mit solchem Schmucke der Rede durchwoben, – und in anmutigen Bildern – sollet ihr darin schildern – die feurige Liebe, die ich trage – zu einer , die meine Lust und meine Plage, – dunkelrot von Lippe, – hart wie eine Klippe, – gerade wie ein Bolz, – überschwenglich an Stolz, – im Versprechen vergeßlich, – im Gehorchen läßlich, – und ich ihr ergeben unermeßlich. – Er sprach's, und hervor der Alte brach, – und der Junge drängte ihm nach; – so wettrannten sie in Eile, – Zeile um Zeile: Das Haar um ihre Schläfe nahm den Schlaf von meinem Auge; Ich schmachte, weil sie mich verließ, in dem Verließ des Leides. Aus ihrem Wuchs erwächst mein Tod, mein Blut fließt um die Blüte Der Wang', ihr Auge weidet sich am Brand des Eingeweides. Mein Los ist hoffnungslos, bis mich die Mängellose löset; Doch ist mein hoffnungsloser Stand ein Gegenstand des Neides. Dem Gleichgewicht der Glieder war mein Auge gleich gewogen, Doch eben maß das Ebenmaß des Leibs mein Herz voll Leides. Es bindet sie kein Bund noch Band, doch soll mich nichts entbinden, Geschmeidig zu umschmiegen sie statt eines Halsgeschmeides. Sie schmäht den, der sie lobt, und sie verschmäht den, der sie liebet; Ich bitte und ich bet' um sie, doch sie verbeut mir beides. Ihr weih' ich mich, wie sich dem Weih die Taube, zum Zerfleischen; Und wenn sie mir mit Hohn vergilt, gilt mir für Gold und Seid' es. Sie meinet, einen Meineid wohl beschönige die Schönheit; Nicht bricht, was treulos sie verbricht, die Treue meines Eides: Und winde sie sich wie der Wind, und schlinge sich wie Schlangen; Doch sie umwind', umschling' ich, sie verleid' es oder leid' es. Bescheidentlich bescheid' ich mich mit dem, was sie beschieden; Von ihr nicht scheid' ich; ob ich soll verscheiden, sie entscheid' es! Wie die beiden dieses vorgetragen mit Brunst – staunte der Landpfleger ob ihrer Kunst – und sprach: »Ich bezeug es bei Gott, ihr seid des Himmels Zwillinge – und gleichet einer dem andern als wie ein Schilling dem Schillinge. – Der Jüngling hier giebt aus, was Gott ihm gegeben; – sollt' er betteln oder stehlen, da er hat zu leben? – Drum du, o Scheich, schlage deinen Argwohn nieder – und nimm ihn auf in deine Liebe wieder. – Der Alte sprach: Wie könnt' ich ihm noch trauen, – oder auf ihn mein Zutraun bauen, – da ich erfahren mußte seine Treulosigkeit – und gewahren seine sündliche Scheulosigkeit? – Der Jüngling entgegnete ihm und sprach: O du! ist nicht Schmollen schimpflich – und Grollen unglimpflich? – nicht Argwohnhegen ungerecht – und Unschuld verleumden schlecht? – Und gesetzt, ich habe mich vergangen – und ein Verbrechen gegen dich begangen; – erinnere dich, was du damals sprachst an dein eignes Gemüte, – als unsere Freundschaft stand in Blüte: Sei gegen deinen Bruder mild, Wenn gegen dich er selbst ist wild. Und dämpf in Demut deinen Sinn, Wenn ihm die Brust von Hochmut schwillt. Thu Gutes ihm und frage nicht, Ob er's mit Bösem dir vergilt. Und ward er gegen dich ein Schwert, Doch bleibe du für ihn ein Schild. Wer nicht, geschlagen, wieder schlägt Und nicht, gescholten, wieder schilt; Wer seine Macht nicht gelten macht, Gilt einst, wo keine Macht mehr gilt. Sieh deine Fehl'! Und deine Klag' Um fremde Fehler ist gestillt. Wenn du Vollkommnes suchen willst, Was suchst du es im Staubgefild? Kein Mensch ist, und du selber nicht, Ein reinbewahrtes Gottesbild. Du siehst, wie trüb im Tümpfel wird Die Flut, die rein dem Fels entquillt; Und am Gedörne stichst du dich, Wenn du die Datteln sammeln willt. So sprach er, und der Alte züngelte wie eine Schlange – und äugelte wie ein Falk zum Fange; – dann sprach er: Bei dem, der den Himmel besetzt mit Gestirnen – und den Tau läßt träufen von Wolkenstirnen. – ich neige mich nicht ab der Versöhnung, – als nur aus Furcht der Verhöhnung. – Denn diesem Knaben gab ich sonst die Kost, – er fand bei mir seinen Rat und Trost; – damals floß mir reichlich die Nahrung, – und ich dachte nicht an Sparung. – Jetzt aber sind die Zeiten arg, – und die Fülle des Lebens karg; – mein Kleid hier ist aus fremdem Schatze, – und in meinem Haus blieb weder Maus noch Katze. – So sprach er, und die Rede der beiden – rührte des Landpflegers Mitleiden; – er wollt' ihrer Armut greifen unter die Arme, – und sich zu entfernen gebot er dem Zuschauerschwarme. – Es spricht der Berichter dieser Geschichte: – Ich spähte schon längst nach des Alten Gesichte, – ob ich ihn nicht erkennte bei näherem Lichte? – doch er war mir durch das Gedräng entnommen, – und ich fand nicht Raum an ihn zu kommen. – Als sich nun getrennt die Haufen – und das Volk sich hatte verlaufen; – faßte ich ihn ins Aug', und sieh, es war Abu Seid und sein Knabe; – da merkte ich wohl, was er im Schilde habe. – Fast wollt' ich an ihn rennen – und mich ihm geben zu erkennen; – doch er wehrte mir mit einem Augenblink – und wies mich zur Ruhe mit einem Wink. – Da sprach der Landpfleger zu mir: Was ist dein Begehr, – daß du allein dich noch stellest hierher? – Schnell sprach der Alte: »Er ist mein Freund seit langem, – und er ist es, von dem ich dieses Kleid empfangen.« – Da wollte jener mich nicht beschämen – und erlaubte mir Platz zu nehmen. – Dann gab er jedem der beiden ein Ehrengewand, – drückte jedem ein Stück Geld in die Hand – und vermahnte sie, friedlich sich zu vertragen – bis zu dem jüngsten von den Tagen. – Da verließen sie die Sitzung eilig – und priesen ihren Wohlthäter heilig. – Ich folgte, denn ich wollte gern ihre Wohnung wissen, – um mich zu nähren von ihrer Gespräche Leckerbissen. – Doch als wir nun aus dem Schloßgeheg – gekommen waren auf den freien Weg, – kam ein dienstbarer Geist des Landpflegers nach, – der mich zurückrief in des Herrn Gemach. – Ich sprach zu Abu Seid: Er läßt gewiß mich holen, – um über dich mich auszuholen? – Auf welche Seite soll ich mich neigen? – was soll ich zeigen und was verschweigen? – Er sprach: Sag es ihm, wie seiner Weisheit ward mitgespielt, – und was seine Weisheit für eine Schlapp' erhielt; – daß er merke, sein Wind sei in des Sturmes Krallen – und sein Bächlein ins Meer gefallen. – Ich fürchte, Feuer fängt sein Stroh, – und dich erreicht die Loh', – oder sein Zorn zerreißt das Band, – und dich trifft die schwere Hand. – Er sprach: Stehenden Fußes geh ich ab nach Ruha, Ruha, eine Stadt in Mesopotamien. – und wie kämen zusammen Suheil und Suha? Suheil, ein südlicher großer Stern (der Kanopus), Suha ein sehr kleiner, nördlicher Stern (im großen Bären). – Ein gespielter Betrug ist wenig wert, – wenn ihn nicht der Betrogne erfährt; – ich mag, wo es geht ohne Schaden, – nicht am Braten die Würz' entraten. – Als ich nun vor dem Landpfleger erschienen, – der allein war und abgelegt hatte die Amtesmienen, – fing er an, zu rühmen des Scheiches Kunst – und zu schelten seines Schicksals Mißgunst. – Er sprach: Sage, bist du's, der ihn versorgt, – der ihm jenes Kleid hat geborgt? – Ich sprach: Bei deines Thronsitzes Prangen! – Er hat keinen Fetzen von mir empfangen; – du hast dich in einer Schlinge gefangen. – Da begann sein Auge zu funkeln, – seine Wange vor Zorn zu dunkeln; – er rief: Bei Gott! mir blieb noch kein Schelm versteckt – und kein Bösewicht unentdeckt; – doch nie hört' ich, daß betrüg' im Handel – ein Scheich in seinem Ordensmantel. – Weißt du, in welche Schluft – sich verkrochen hat der Schuft? – Ich sprach: Besorgt um seinen Unfug, – entwich er aus Bagdad ohne Verzug. – Er sprach: Gott gebe ihm keine gute Statt – und, wo er weidet, kein grünes Blatt! – Doch ich will nicht, daß hier es werde ruchbar; – die Welt ist an übler Nachrede fruchtbar; – daß mir's nicht schade beim geistlichen Oberhaupt – und ich werd' ein Gelächter überhaupt. – Er forderte mir ab ein Versprechen, – davon, solang ich in Bagdad sei, nicht zu sprechen; – das sagt' ich ihm zu mit gutem Mute – und hielt ihm Wort, wie Samel , der Jude. Man sagt: Treuer, oder worthaltender, als Samel. Diesem Samel Ben Adija, dem Juden, hatte Emru'ulkais Ben Hagr, als er zum griechischen Kaiser ziehen wollte, Panzer in Verwahrung gegeben. Als nun Emru'ulkais gestorben war, überzog einer von den syrischen Königen den Samel mit Krieg; dieser hielt sich in seinem festen Schlosse, doch jener fing einen Sohn von ihm, der mit seiner Amme aus der Festung gegangen war, dann schrie er dem Samel. Der erschien auf den Mauern, und jener sprach zu ihm: Dieser dein Sohn ist in meinen Händen: und du weißt, daß Emru'ulkais mein Vetter und Stammgenosse war und ich das beste Recht auf seine Erbschaft habe. Lieferst du mir nun die Panzer aus; wo nicht, so schlachte ich deinen Sohn. Da sprach jener: Gieb mir eine Frist! Und er gab ihm eine. Da versammelte er sein Hausgesinde und seine Weiber und fragte sie um Rat; und alle rieten ihm, die Panzer auszuliefern und seinen Sohn zu retten. Als es nun Morgen ward, erschien er auf der Mauer und sprach zu jenem: Die Panzer auszuliefern finde ich keinen Weg: ich bin nicht der Mann, eine Zusage zu brechen. Thue du, was du willst! Wahrlich, die Treulosigkeit ist ein Halsband, das sich nicht abnutzt (immer drückt); und dieser mein Sohn hat Brüder. Da schlachtete der König seinen Sohn, daß er zusah, und zog ab unverrichteter Sache. Als nun die Tage des großen Marktes kamen, stellte sich Samel daselbst mit den Panzern ein und überlieferte sie den Erben Emru'ulkais .. Dabei sprach er: Bewahrt hab ich des kendischen Mannes Panzer; Denn wenn das Volk sie bricht, wahr' ich die Treue. Gebaut hat Adija ein festes Schloß mir, Wo ich mich wehre, ob ein Feind mir dräue. 13. Das Frühlingsgelage. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich lebte in Kati'at Elrebi, – als der Frühling der Welt neuen Glanz verlieh, – mit einer Gesellschaft von Jünglingen, deren Angesichter – heller waren als seine Lichter, – und deren Sinn und Gemüte – holder als seine Blum' und Blüte; – deren Anmut süßer als der Morgen taute, – und deren Gespräch entbehrlich machte Flöt' und Laute. – Wir hatten aber geschworen, in treuer Gemeinschaft zu weiden, – jede Trennung zu meiden – und keine Sonderung zu leiden, – sodaß keiner ein Körnlein des Genusses für sich genösse, – noch die andern von einem Tröpflein der Lust ausschlösse. – Da beschlossen wir an einem Tage, dessen Jugend loderte – und dessen Frühglanz zum Frühtrunk auffoderte, – auszuwandeln auf der Freude Spuren – zu einer der grünen Fluren, – daß wir unsere Blicke klärten – an den verklärten Gärten, – und glätteten der Gemüter Falt' und Bruch – durch Regenduft und Blumenruch. – Wir zogen, den Monden gleich an Zahl, – den Trinkgenossen des Gadhime Die beiden Trinkgenossen des Gadhime, ein Bild der Eintracht und Unzertrennlichkeit. Gadhimet Elebresch, der König von Hira, verschmähte aus Stolz jede Trinkgenossenschaft und pflegte zu sagen: Ich bin zu groß, um andre Trinkgenossen zu haben, als die Ferkadan (die beiden Kälber, zwei Sterne im kleinen Bären). So trank er denn eine Schale, und zwei Schalen goß er jenen beiden aus. Dies währte so, bis sein Schwestersohn (und künftiger Nachfolger), Amru Ben Adi, genannt der Träger der Halskette, verloren ging (ihn hatten die Dschinnen entführt) und die beiden Männer Malik und Akil ihn wiederfanden. Als sie ihn nun zu dem König brachten, stellte er ihnen freie Wahl der Belohnung; und sie wählten seine Trinkgenossenschaft, so lange er und sie leben würden. Es wird gesagt, daß sie seine Gesellschaft vierzig Jahre lang teilten, bis der Tod sie schied. Andre setzen hinzu: Sie waren so unerschöpflich an Unterhaltung, daß sie in der langen Zeit nie eine Geschichte wiederholten. gleich an Wahl, – zu einem Geheg', das seinen Schmuck hatte angelegt – und den Glanz seiner Farben angeregt; – und mit uns zog der Kastanienbraune Der Wein, genannt Kumeit , das kastanienrote Roß, der Fuchs. Ein lustiger Geselle mit einer Brausche am Kopf ward gefragt, woher er diese habe? Er versetzte: der Fuchs ist mit mir durchgegangen. Darauf ward ihm gesagt: Du hättest den Schimmel dazu spannen sollen. Der Schimmel ist natürlich das Wasser. , – geführt von Schenken guter Laune, – samt dem Sänger, der erweitert des Hörers Brust – und jedes Ohr bewirtet mit Lust. – Als sich mit uns nun niedergelassen die Wonnen – und die Schalen hatten ihren Kreislauf begonnen, – kam uns ein Gast, ein ungebetner, – unumwundner, unbetretner, – vor dessen bejahrtem Mantel wir empfanden ein Grauen, – wie schwarzgelockte Mädchen vor einem Grauen, – und fanden getrübt die Lauterkeit unseres Tags – durch die Einmischung dieses Schattenschlags. – Doch er grüßte mit Annehmlichkeit – und setzte sich mit Bequemlichkeit, – öffnete lächelnden Gesichts – Würzeschachteln der Red' und des Gedichts; – und that nicht, als ob es ihm nicht behagte, – daß niemand Rede stand, wo er fragte, – und wo er nieste, niemand Gott helf sagte Teschmit oder Teßmit heißt: einen beim Niesen begrüßen. Die Überlieferungen vom Propheten sagen: Wer niest oder räuspert und sagt: Lob sei Gott in jedem Zustand! dadurch werden abgewendet siebzig Übel, deren das geringste der Aussatz ist. Ferner: Wenn einer von euch niest, sage er: Gott sei Lob! und wer ihn beglückwünscht, der sage: Dein erbarme sich Gott! und jener erwidere: Gott lenke euch und bestelle wohl euer Herz! Es ist also noch eine Umständlichkeit mehr, als bei uns, und eine nicht leicht abzulassende, weil dort der Religionsstifter selbst sich damit befaßt hat, dergleichen Gebräuche zu heiligen. . – Doch wir kamen seiner Freimütigkeit nicht entgegen – und gedachten schon seiner Freiheit das Handwerk zu legen, – als unser Sänger den Laut aufschlug und mit Gesang die Laute schlug: Wie lang verschmähst du meinen Bund, So'ad Ein Name für die Geliebte. ? Und achtest nicht dies Herz, für dich im Blut? Geduldet hab' ich, bis Geduld erlag, Mein Mut verzagt vor deinem Übermut. Nun gelte das Gesetz der Billigkeit, Daß eines thue, wie ihm eines thut: Und dünkt es dir, daß ich zu schlecht dir sei, So dünkt es mich, ich sei für dich zu gut. Da ward von uns der Zitherschläger gefragt, – warum er erst »dünkt es dir,« dann »dünkt es mich« gesagt? – Doch er schwor bei seinen Eltern im Grabe, – daß er es so von seinem Lehrmeister habe. – Da teilten sich die Stimmen der Gemeinde – und stritten für die zwei Kasus wie Feinde; – die einen behaupteten in beiden Fällen den Dativ, – die andern erlaubten an beiden Stellen nur den Accusativ. – Und es erhitzte sich die Kampflust der Streiter; – da lächelte unser Eingedrungener wie ein Eingeweihter, – ohne daß er die Lippe machte zur Rede weiter; – bis daß nun das Kampfgetöne des kriegerischen Geschlechts verstummt war – und das Waffengedröhne des Wortgefechts versummt war; – da sprach er: Mein Volk, laß dir verkündigen – die Regeln, die bindenden, bündigen, – gegen welche die Sinnigen nicht sündigen. – Der Dativ ist hier statuiert – und der Accusativ sanktioniert; – beide stehn in voller Eintracht und vollkommener Einheit – mit der grammatischen Reinheit; – doch zwischen beiden ist eines Unterschiedes Feinheit, – die sich nicht läßt erfassen von eines Gesetzes Allgemeinheit. – Sprach's, da wurden eins die Entzweiten, – um in Masse gegen ihn zu streiten; – da rief er, bedrängt von allen Seiten: – Heran, wenn ihr im Schilde führet Witze, – denn ich führ in der Rechten Blitze; – wer löst die grammatischen Rätsel, die ich besitze? – Zuerst hört und wenn ihr's wißt, – laßt mich hören, was das ist:     1. Das gestern war und heut gewesen, Und morgen wird zuerst es sein, Und merkt, gemeinschaftlichen Namen Mit einem trägt's von diesen drei'n. Nur ratet vereint, – was dieses meint: 2. Weil es eins ist, das zerfällt in vieles, Sagt man's billig in der Vielzahl aus; Die die Vielzahl dann für Einzahl halten, Bilden eine neue Vielzahl draus. Sag es, wenn du's weißt, so gehe nie dein Glück dazu, noch falle drein dein Haus. Nun saget genau, – was ist das für ein Bau: 3. Höher wird's nicht, aber edler, Wenn ihr setzet Ho davor. Doch das Ho war dran von Ursprung, Bis sich's durch Gebrauch verlor. Nun erkläret geschwind, – was die zwei Worte sind: 4. Wo die Lüfte des Frühlings hauchen, Um dich schlüpfen Vogel und Reh, Kannst du eines zum Pfühl dir machen; Und ein andres zum Dach, versteh; Jenes hat R oder W zum Anfang, Dieses zum Anfang G oder W. Nun zeiget an, – wo man das finden kann: 5. Es verändert die Farbe nicht, Wenn man ihm vorn ein L abbricht. Mit dem L war es irdisch noch, Ohne das L ist es himmlisch Licht. Nun suchet gelinde, – wo sich dieses finde: 6. Es ist der Name einer Frucht, Die zwar dem Gaumen wohl behagt; Doch wo sie sich dem Ohr vereint, Da wird darüber nur geklagt; Und wer sich die gefallen läßt, Der ist das, was der Name sagt. Nun versuchet kecke, – wie dieses schmecke: 7. Wenn's in einer Schale ist, Sind's der Teile zweie; Wenn's auf einem Haufen liegt, Sind es zwölf und dreie. Nun sprechet meisterhaft, – was ist das für eine Eigenschaft: 8. Vom Roß und sich rühmt's der Araber, Denn es ist rüstig und bequem; Doch ist am Boden und am Weibe Das Gegenteil ihm angenehm. Ein M hat's oder H zum Anfang, Dasselbe ist's mit dem und dem; Doch wenn du es vom Boden brauchest, Gieb ihm zum Anfang nur das M. Nun fasset weise – und löset leise: 9. Welch Wort verliert, wenn ihm ein Un Wird vorgesetzt, nicht die Bedeutung? Doch der verliert, der von ihm, mit Oder ohne Un, hat die Bestreitung. Nun alle herbei, – sinnet, was dieses sei: 10. Da meist es ist dem Fuß verbunden, So weiß, wenn man den Fuß ihm raubt, Fast niemand recht, wie er's soll brauchen, Mit oder ohne S am Haupt; Da einer das ihm zugehörige S ihm vom Fuß entzogen glaubt, Ein andrer meint, es sei vom Fuße Das fremde S ihm angestaubt. Nun wer ergründet, – was das verkündet: 11. Mit einer Silb' ist's abgethan; Was ist es? Flügel hat's am Leib. Mit einem A ist es ein Mann, Mit einem U desselben Weib. Doch wer dieses weiß, – dem geb' ich den Preis: 12. Zwei Wörter weiß ich, in jedem Worte Verschmolzen sind der Begriffe zwei. Im ersten Wort gilt eine Sache Mit ihrer Zeit dir für einerlei; Im andern eine Person zugleich mit Dem Raum, als ob sie nichts Eignes sei. So seltsam sind in ihrer Bedeutung Die beiden Wörter: es steht dir frei, Zu sagen, daß das erste im andern, Und daß das andre beim ersten sei. Hier hab' ich euch nun gegeben zwölf Rätsel nach eurer Zahl, – zu eurer Qual; – und wollt ihr mehr, so steht's in eurer Wahl. – Der Erzähler spricht: Unser Scharfsinn stand stutzend – vor seinem Rätseldutzend; – wir wußten seine Hehre nicht zu erklimmen – und in seinem Meere nicht zu schwimmen. – Statt der früheren Beschwerung über seinen Besuch, – beschworen wir nun ihn um Belehrung über seinen Spruch; und der vorigen Verunehrung zum Widerspruch, – unterstützen wir mit Verehrung unser Gesuch. – Und endlich war geschlossen der Kauf, – wir thaten die Hand und er den Sinn uns auf. Wir fügen hier die Auflösung unserer zwölf Rätsel bei, so wie Hariri die Erklärung der seinigen auch in einem Anhang zur Makame giebt: – Als er nun, was er wollte, erbeutet – und, was er sollte, uns gedeutet; da bereuten wir vor seines Geistes Glanz – erst unsres Sinnes Verblendung ganz; – wir reichten ihm, zur Versöhnung ob unserer Verhöhnung, die Schale, – und räumten für unseren Vorwitz ihm den Vorsitz beim Mahle. – Doch er bog sich zurück – und zog sich zurück, – wog das Haupt und zog den Atem lang, – schnob einen Seufzer und erhob den Gesang: Das Alter hat mich abgemahnt, daß ich mich zugeselle Der Lust, und mich gemahnt, daß ich mit Ernst mein Haus bestelle. Wie dürfte sich den Morgentrank des Weines der erlauben, Dem aufgegangen, in der Nacht des Haars, des Morgens Helle? Das Ergrauen der Haare ist ein Morgengrauen, das die Nacht des Sinnenrausches vertreibt und die Tagesklarheit der Besinnung herbeiführt. Geschworen hab' ich, daß mich nie das geist'ge Naß soll netzen, Solange wohnen wird der Geist in seines Leibes Zelle; Daß nie die Hand mir halten soll den schaumgekrönten Becher Und nie bewandeln Mostesduft der Lippen trockne Schwelle; Daß ich nie scheuchen meinen Gram will mit dem Gramverscheucher Und nie versenken meine Qual im süßen Schlummerquelle: Nie mit dem rauschenden Gewand des Rausches mich bekleiden Und aus dem Born der Nüchternheit nur schöpfen meine Welle. Das Alter hat mit blasser Schrift auf meinem Haupt geschrieben Das Weinverbot, dagegen nun der Trieb nicht widerbelle. Es hat im Meer der Sinnlichkeit erhöht die kahle Klippe, Daran der Nachen böser Lust, der gläserne, zerschelle. Und thörte ich mit greisem Haupt, verlieren würde unter Den Ehrenlichtern von Ghassan das mein'ge seine Stelle. Sie sind ein Volk, die machen sich's zur Pflicht, den Gast zu ehren; Das Alter ist ein schlimmer Gast, doch ehr' ihn, o Geselle! So sprach er, dann entwand er sich, wie sich eine Schlang' entwindet, – und verschwand, wie eine Sommerwolke verschwindet; – ich aber wußte, daß es war der serugische Ehrenpreis, – der poetische Mond, der durchwandelt den Sphärenkreis. – Und unseres Mahles letzte Frucht – war Betrübnis über seine Flucht; worauf unsere Lust sich zerstreute, – indem unser Verlust uns reute. 14. Der Deckmantel. Hareth Ben Hemmam erzählt: Eine Schuld, die ich hatte einzutreiben, – zwang mich, über den Winter in Kereg Zwischen Aserbeidschan und Hamedan . zu bleiben, – wo ich von der Jahreszeit schneidendem Ost – und des Landstrichs zähneklappendem Frost – Ungemach litt, zu dessen Steuerung – kaum hinreichte die Feuerung. – Und ich verließ meinen Hinterhalt – mit seiner Wärmanstalt – nur, wenn ich ein Bedürfnis mußte beschwichten, – oder eine Andacht wollte verrichten. – So war ich an einem Tage von scharfer Luft – und rauhem Duft – hervorgekommen aus meiner Schluft. – Siehe da einen Alten, wie ihn Gott erschaffen, – der mit dem Frost kämpfte ohne Waffen, – nackt an jeder Faser – und bloß an jeder Zaser, – nur um die Schläfe gewunden ein kahles Schleifchen – und um die Hüfte gebunden ein schmales Streifchen; – um ihn ein dichter Kreis von Leuten geschlossen, – er aber trug vor unverdrossen: Mein Volk! die Nacktheit in der kalten Stunde Giebt von der Armut euch die beste Kunde. Zu schließen auf die innerste Empfindung, Vermögt ihr aus dem äußeren Befunde. Dies äußre Leid ist nur ein äußerst kleines Vorm äußersten in meines Herzens Grunde. O seht und führt euch zu Gemüt den Wechsel Des Glücks! Denn es war einst mit mir im Bunde; Als ich die Hülle und die Fülle hatte, Und meine Feuer wärmten in die Runde; Die Lanzen scharf, die Messer blank geschliffen Zum Schmaus, zum Trunk die Schläuche ohne Spunde. Fraß meiner Herden waren alle Triften, Und alles Wild die Beute meiner Hunde. Da ließ auf mich die Meute los das Unglück, Als zu verdrießen es mein Glück begunde. Es setzte mir das Messer an die Kehle Und ließ mich gehn verblutend an der Wunde. Mein Haus zerrüttet und mein Brunn' verschüttet, Mein Schatz geschatzt, gepfändet meine Pfunde; Mein Preis gefallen auf dem Markt der Menschen, Befallen meine Füllen mit dem Schwunde, Der nackte Nacken, den der Mangel magert, Ist hart gelagert auf gefrornem Schrunde. Mein Wärmestoff die Sonne, wenn nicht Wolken Mißgönnen, daß mein Fieberfrost gesunde. Wohlan! wer giebt ein Kleid für einen Segen Von Gott und einen Dank aus Bettlermunde? Dann rief er: O ihr Herrn, die ihr wandelt, – vom behaglichen Wohlstand ummantelt. – Ist hier einer, der ein Wohlthatenmeer – trägt im weiten Ärmel umher? – so gieß' er aus seinen reichen Falten – ein armes Tröpflein auf einen armen Alten. – Denn, wer hat, soll geben; – wer in Freuden lebt, soll mit Trost beleben; – weil die Welt ist vergänglich – und das Glück ist verfänglich, – der Besitz ein Morgentraum – und der Genuß ein zerrinnender Schaum. – Denn ich habe auch mich einst gebrüstet – und war mit Gerät auf den Winter gerüstet, – und jetzt bin ich verwest und verwaist und verwüstet: – mein Kleid das Leid, – meine Kammer der Jammer, – mein Schlummer der Kummer – meine Kost der Frost, – mein Feuer und Rauch – mein Seufzerhauch. – Beglückt aber ist, wer fremdes Unglück sich lässet warnen – und zeitig sein Herz zieht aus der Weltlust Garnen. – Da ward ihm gesagt: Deines Wortes Art – hat deinen Wert uns offenbart; – nun ist es recht. – daß du uns auch sagest dein Geschlecht. – Da rief er: Wehe dem Stolze, der zur Stütz' erfodert – Gebein, das vermodert; – des Mannes Stolz ist in seines Herzens Mitte, – seine Frömmigkeit und edle Sitte. – Dann sagt er her: Wer du immer seist, o Mensch, du bist das Kind Deines Heut allein, nicht deines Gestern. Warum bist du lüstern nach erlauchtem Stamm, Des Verdienst nur deine Laster lästern? Hochgeboren ist, wer auch sein Vater sei, Wer der Tugend Töchter hat zu Schwestern. Dann duckte er sich kauernd – und druckte sich schauernd, – rufend: O Gott, der du die Nahrung bescherest – und bitten heißest, auf daß du gewährest, – segne Mohammed – und alle, die ihm entstammet, – und gieb, daß ein Herz sich entflammet – mir zum Trost – gegen den tödlichen Frost; – dessen Milde stumpfe meines Mangels Schärfe, – und sei es nur mit einem Scherfe. – Als er so nun gemacht seinen Stolz und seinen Mangel – zu der Herzen Doppelangel, – suchte ich mit meiner Blicke Pfeilen – die umgebende Menge zu teilen. – Und meine ausgesandten Kundschafter – kamen mir zurück mit grundhafter – Kunde, daß es sei Abu Seid , – und seine Nacktheit ein Verstellungskleid. – Als mein fester Blick es ihm nun bestärkte, – daß er nicht unbemerkt wirkte und werkte; – rief er: Beim Feuerschürer des Firmaments! – beim Steuerführer des Regiments! – dem Erleuchter des Orients – und Befeuchter des Occidents! – des Menschen Seelengröße – ist, daß er zudecke die Blöße und nicht aufdecke das Böse. – Da verstand ich, worauf er deute, – obgleich es nicht verstanden die Leute. – Mich dauerte, – wie er schauerte; – und ich gab ihm, worauf er lauerte: – einen Mantel, der am Tage mein Putz – und zu Nacht war mein Schutz, – warf ich ihm hin – und sprach: Nimm hin, – daß du nicht erfrierest die Glieder; – bist du warm, so gieb mir ihn wieder! – Da säumte er nicht, ihn umzuschlagen – und in Versen Dank zu sagen: Der die Hüll' um meine Lenden mir verliehn, Die ihr Zittern hemmt; Gott mög' ihm lohnen! Wie mein Leben er gesichert, sicher sei Seines vor dem Bösen aller Zonen. Hier bekleidet ihn mein Ruhm, und drüben das Kleid der Seligen, die in Gärten wohnen. Als die Herzen nun hatte angestochen – die Kunst, mit der er sie angesprochen, – und auch mein Beispiel die Bahn gebrochen, – da war sein Erntetag angebrochen. – Sie warfen ihm zu von Mantel und Kragen – mehr, als seine Schultern konnten tragen; – und unter seiner Bürde wankend, – schritt er von dannen dankend, – empfehlend dem ewigen Belohner – Kereg und dessen Bewohner. – Ich folgt' ihm, bis wo das Feld von Spähern rein war – und nicht länger zu wahren der Schein war; – da sprach ich, als ich mit ihm allein war: – Der Frost hat dich hart gezwackt, – stelle dich künftig lieber nicht mehr nackt. – Er sprach: Wen beschirmen Gottes Gnaden, – dem kann die Hitz' und der Frost nicht schaden. – Fastet man doch zu Gottes Preise, – daß einem besser munde die Speise, – so verlohnt es sich wohl auch nackt zu gehn, – um sich so mit Kleidern bepackt zu sehn. – Dann erhob er zur Flucht den Fuß – und rief mit Verdruß: – Du weißt, meine Art ist, zu wandern – aus einem Jagdrevier zum andern; was hältst du mich auf – und stellst meinen Lauf – und vergällst meinen Kauf? – du thust meinem Handel mehr Abbruch, – als dein Mantel mir eintrug. – Doch ich hielt ihn herzhaft – und versetzte scherzhaft: – Hab' ich dir nicht gedeckt den Rücken – und gedient zum Deckmantel deinen Tücken? – Und wäre nicht mein Mantel vorangeschwommen, – was wäre dir wohl ins Netz gekommen? – Du wärest noch nackter als eine Spindel, – und bist jetzt reicher an Häuten als eine Zwiebel. – Weil ich denn so edel an dir gehandelt, – dich bemäntelt und dich bemantelt; – so gieb als entbehrliches Stück von deinem Gefieder – und höchste Notdurft meiner Glieder – mir meinen geliehenen Mantel wieder. – Doch er blickte mit Staunen – und sprach mit gefurchten Augenbraunen: – Was man dem Grab, – und was man in fromme Stiftung gab, – nimmt man beiden nicht wieder ab. – Schlage dir den Mantel aus dem Sinn; – er ist wie das Gestern, das heute ist dahin. – Ich sprach: Und soll ich leer gehn vom Feste? – Er sprach: Nein, ich gebe dir zum besten das Beste, – die Verse, berühmt im Ost und Weste, – von den Winterwehn und Winterwonnen; – daran mögest du dich diesen Winter sonnen: Wenn die wüsten Winterwinde wütend wehn, Weißt du, was zur Wehre wählt ein Weiser? Warme Wohnung, weiche Watt und wollnes Wams, Weiter: würz'gen Wein und will'ge Weiber. Dann sprach er: Vier Verse für einen Mantel – ist ein guter Handel; – geh mit Gott, und dein Glück sei ohne Wandel. – Drauf ging er mit meinem Mantel ohne Bedauern, – und ich hatte dafür den ganzen Winter zu schauern. 15. Der Bettelbrief. Hareth Ben Hemmam berichtet: Mir fehlt in der Heimat etwas, – das ich suchen ging in Ehwas . Eine Landschaft zwischen Braska und Persien; ihr wird der Zucker und das Fieber sprichwörtlich zugeschrieben. – Doch ich ward dort kein Schlecker, sondern blieb ein Schlucker, – ich bekam nicht zum schmecken des Landes Zucker, – sondern es schüttelte an jeder Fiber – mich der Armut Fieber. – Nachdem ich nun dort, als niemands Gast, – nur mir selbst gelegen zur Last – und ohne Ruhe gehalten Rast, – verdroß mich zuletzt das Aufliegen, – und ich entschloß mich zum Auffliegen. – Ich nahm mit dem frostigen Blick des Hassers – Abschied von dem Brunnen seichten Wassers – und verließ ohne Dank die trocknen Tränke-Rinnen, – durstend nach milderen Tränkern und Tränkerinnen. – Als ich nun zwei Tagereisen gemacht – und zwei Nachtfahrten hatte vollbracht, – erschien mir ein Zelt, ein blinkendes, – und ein Feuer, ein winkendes, – und ich sprach wie Mose, da er sah den Strauch – brennen ohne Rauch: – Ich will hingehn, ob man mir meine Fackel zünde, – oder den Weg mir künde. – Als ich nun erreichte das Zelt, das gespannte, – erblickte ich Diener, geschickte, gewandte, – und gestickte Gewande, – dann einen Alten, mit kostbarem Stoff geschmückt, – vor ihm eine Tafel mit Früchten, frischgepflückt. – Es war wie eine Zaubererscheinung – in der Wüste der Paradieseswonnen Vereinung. – Ich bot erst meinen Gruß – und zog dann scheu zurück meinen Fuß; – doch er, indem er nickend sein Haupt erniederte – und meinen Gruß mit einem schönern erwiderte, – sprach: Willst du nicht den Saft meiner Früchte schmecken, – oder hier den Duft der Unterhaltung wecken? – Da ließ ich mich nieder, daß ich koste, – nicht seine Kost, sondern was er kos'te. – Und wie nun das Gespräch seinen Geist entfaltete – und seinen Mund das Lächeln spaltete, – erkannte ich den Abu Seid an seinem Witze, dem feinen, – und an seinen Zähnen, den unreinen. – Da holt' ich vor Überraschung tief Ach, – und meine Freude war zwiefach, – einmal, daß ich ihn wiedergefunden, – dessen Spur mir lange war geschwunden, – dann daß ich ihn wiedersah als reich, – den ich verlassen hatte einem Bettler gleich. – Ich vergaß, wie das Glück mich selber bedrückte, – und dankte ihm, daß es ihn beglückte. – Denn fragte ich: Von wannen des Weges? – und wo hinaus des Steges? – und woher die Auffrischung deines Gepräges, – die Anfrischung deines Weidegeheges? – Er sprach: Mein Kommen ist von Tus – und mein Gang nach Sus ; – die Herrlichkeit aber, in der du mich siehest thronen, – kommt von den Geistern, die in der Öde wohnen. – Sie haben mich gewiesen zum Platz, – wo ich gehoben den Schatz. – Ich rief: Bei Gott, dem Schatzgeber! – bist du geworden ein Schatzgräber und Schatzheber? – Willst du mich nicht führen zu deinen Dschinnen? – denn mir thäte not, auch einen Schatz zu gewinnen. – Doch er sprach: Das schlage dir aus den Sinnen. – Die Geister sind alle verreist; – und es blieb nur zurück der Geist. – Ich sprach: So ist es wohl dein Geist, der gewandte, – der der Kunst Netze spannte, – in die des Glückes Beute rannte? – Er sprach lächelnd: Ja, das war das Mittel. – Ich sprach: Doch welches war sein Titel? – Er sprach: Der Mund, der stumme, rief – diesmal zu Hilfe einen Bettelbrief. – Da beschwor ich ihn mit Entzücken, – mit dem Brief herauszurücken. – Doch er sprach: Ich kann dich nicht beglücken, – wenn du nicht auf den Fuß – mir folgen willst nach Sus.– Da mußt' ich mich wohl entschließen, ihn zu begleiten; – und ich weilte dort einen Monat an seiner Seiten, – während er mein Herz mit Versprechungen – und mein Ohr mit Bestechungen – von einem Tag zum andern hinhielt, – Alles auskramend, was er im Sinn hielt, – und nur mit seinem Bettelbrief innhielt; – bis die Brust mir ward zu enge, – und die Geduld mir kam ins Gedränge, – daß ich ausrief: Nun bleibt dir nichts mehr zu plaudern – und mir nichts mehr zu zaudern. – Morgen, nach deines Truges Erkennung, – will ich krächzen lassen zwischen uns den Raben der Trennung Der Rabe gilt, wie anderwärts, für einen Unglücksboten, insonderheit der bei den Dichtern berühmte Rabe des Abschieds oder des Aufbruchs. Dieses soll ursprünglich derjenige sein, der, wenn die Zeltbewohner nach einem anderen Weideplatz aufbrechen, auf die verlassene Wohnstelle niederfällt, um zu suchen und zu scharren. Sie halten ihn deswegen für eine üble Vorbedeutung, weil er ihre Wohnungen nicht besucht, außer wenn sie dieselben verlassen haben. Gleich als ob sein Zuspruch an ihrem Aufbruch schuld sei, da umgekehrt dieser nur jenen veranlaßt. Doch vielleicht glaubte man, daß er den bevorstehenden Aufbruch wittere und die ihm bald anheimfallende Wohnstätte umkreise und umkreische. Wodurch er dann bei den Dichtern zum Herold des Abschieds und der Trennung überhaupt geworden. – und abziehn mit den Schuhen des Honein . – Doch er sprach: O nein! – Stelle deinen Argwohn ein! – Ich habe dich nicht zurückgehalten, – um dir vorzuenthalten, – sondern um dich zu erhalten und zu unterhalten. – Ist denn bei mir so arg wohnen?–warum willst du so argwohnen? – Doch daß du meine Lügenscheue schauest – und künftig meiner Treue trauest – und auf mein Versprechen dein Gebäue bauest; – so laß dir nun den Vorhang – lüpfen von jenem Vorgang, – und laß dich in die Vorhalle – führen von jenem Vorfalle. – Er dient als ein Elixir zu des Gemütes Erweiterungen – und verdient einen Platz im Buche der Erheiterungen. Elferag bade-lschiddet , d. h. die Erheiterung (Erweiterung) nach der Bedrängnis, ist der Titel eines Buches voll unterhaltender Geschichten, in vierundzwanzig Kapiteln, verfaßt von Abu Ali Elmohsin Ben Ali Eltenuchi; wonach dann Meda'ini ein ähnliches mit gleichem Namen geschrieben. – Ich sprach: Gott! wie bist du so verschieden gefunden, – bald so kurz angebunden, – bald so lang gewunden. – Wie unendlich sind deine Umstände, – und wie umständlich kommst du zum Ende. – Da erzählte er: Wisse, daß das bittere Muß – mich zwang, meine Nahrung zu suchen in Tus: – Meine Flügel waren damals von knappem Kiel – und schlappem Spiel, – ich hatte keinen Besenstiel und keinen Pappenstiel. – Da trieb mich die Leere im Kasten – zur Schwere von Schuldenlasten, – und es führte mich das harte Geschick – zu einem Gläubiger von hartem Genick. – Ich hoffte inzwischen auf Absatz meiner Waren Der Poesie und Redekunst. – und machte keinen Ansatz zu sparen; – ich träumte, durch meiner Künste Aufwand – noch zu decken meinen Aufwand: – bis sich zerstreute die Verblendung – und ich bereute die Verschwendung. – Die Schuld war fällig, – und ihr Forderer war ungefällig; – er wollte nicht hören Beschwichtigung, – sondern drang auf Berichtigung; – er nahm nicht vorlieb mit Abspeisung, – sondern bestand auf Anweisung; – und wenn ich sprach von Stündung und Vertagung, – sprach er nur von Aufkündung und Abtragung: – er spottete meiner Klage – und drohte mit einer Klage. – Ich wußte aber, daß keine Gnad' hie – sei zu finden vorm Kadi, – daß hingegen der Chef der Polizei – ganz polit sei; – um nun den Handel aus der Hand zu spielen einem Leidigen – und vor einem Leidlichen mich zu verteidigen, – fand ich es rätlich, – mich an meinem Dränger zu vergreifen thätlich. – Als er nun, gestoßen mit Hand und Fuß, – mich schleppte vor den Befehlshaber von Tus; – las ich auf den ersten Blick – in dessen Mienen mein gutes Geschick. – Doch fürchtete ich, mir möchten Worte nicht helfen – gegen des Gegners Gelfen ; – und um sichrer meines Richters Herz zu rühren, – wollt' ich meinen Streich mit der Feder führen. – Drum, als mein Feind tobte wie ein Ungetüm, – blieb ich stumm vor seinem Ungestüm, – deutend mit Gebärden und Zeichen, – mir Tintenfaß und Papier zu reichen. – Da dachte wohl der Herr bei meinem Lallen, – mir sei vor Schrecken die Sprache verfallen, – und er rief: Verteidigen muß sich jeder; – wenn ihm die Zunge versagt, so gebt ihm die Feder. – Als ich nun war des Gerätes Meister, – schrieb ich, was mir eingaben meine Geister: – Stumm ist die Treue, – stumm die Ehrfurcht und die Scheue; – stumm macht die Armut, die die Seele engt – und die Kehle zwängt, – die Brust beklemmt – und den Odem hemmt, – im Munde den Speichel macht trocken – und den Zug in der Lunge stocken. – Aber die milde Hand – löst der Zunge Band; – sie mache stumm meinen Tober, – und nie sei stumm ihr Lober! Herr des Glückes! deines Neiders Auge müsse Blindheit decken, Und das Ohr, das du bedräuest, Mächtiger, sei taub vor Schrecken. Dessen Hand sei lahm, der gegen dich sie waget auszustrecken, Und der Mund stumm, der sich dir zu widersprechen will erkecken. Das Auge der Welt ist gegen Verdienste blind, – ihr Ohr ist gegen Bitten taub, – ihre Hand ist zu geben lahm, – und ihr Mund ist zuzusagen stumm. – Aber der Reichtum ist ein Licht, das sehen die Blinden, – ein Himmelsgruß, den hören die Tauben, – eine Stütze, an der sich aufrichten die Lahmen, – ein Zauber, der reden macht die Stummen. Blind ist das Auge, das nicht schaut der Sonne Glanz; Doch das nicht glänzen sieht das Gold, ist blind vor Scham. Taub ist das Ohr, das nicht den Gruß des Liebsten merkt; Doch das nicht hört des Silbers Klang, ist taub vor Gram. Lahm ist die Hand, die nach dem Freunde sich nicht streckt; Doch die den Thaler nicht befühlt, ist kummerlahm. Stumm sei der Mund, der nicht des Edlen Lob erhebt, Das zu erheben selbst ein Stummer unternahm. Doch um den zu loben, den keine Gunst des Zufalls blendet – und keine Macht des Unfalls lähmet, – den kein Ruf des Beifalls täubet – und kein Ungestüm des Abfalls stümmet; – dazu ist des Geistes Sehkraft erblindet – und der Feder Schnellkraft erlahmet, – der Vorstellung Fassungskraft ertaubet – und der Dichtung Schöpfungskraft erstummet. Stumm ward in meiner Väter Haus die Freude, Und ich begab mich auf die Reise stumm. Das Glück, wo ich und wie ich es beschworen, Blieb, ob ich laut rief oder leise, stumm; Bis es zuletzt mir deutet' auf den Hohen, Vor dessen Antlitz wird der Weise stumm. Die Kunst, die zu Unwürd'ger Lobe laut ist, Wird billig zu des Würd'gen Preise stumm. Doch den zu rühmen, der ein Frühlingsregen An Mild' ist, sei kein Blatt am Reise stumm; Und dem zu danken, dessen Sonnenblick ist Sein Lächeln, sei kein Aug' im Kreise stumm. Auf unzählbaren Tugendspuren wandelt Der Griffel im beredten Gleise stumm; Anflehend einen, der erhört das Schweigen, Daß er den Stummen ab nicht weise stumm, Der, wenn den Mund ihm Wohlthat wird erschließen, Nicht wird verzehren seine Speise stumm. Als der Emir nun empfing den Bettelbrief, – und sein Blick wohlgefällig über den Zettel lief, – säumte er nicht, meine Schuld abzutragen – und die Klage meines Gegners niederzuschlagen. – Dann mußt' ich in seine Dienste treten – und mich beizählen lassen seinen Prunkgeräten; – und ich lebte ein Stück, ein geraumes, – von den Früchten seines milden Baumes, – kleidete mich in Gold und weichliche Seide – und hatte reichliche Weide: – ich sang dazwischen meine Danklieder, – bis mir gewachsen war das Gefieder; – da ward mir zuwider der Ruhstand, – und ich zog ab, wie du siehst, in diesem Zustand. – So sprach er; ich rief: Gott gebe dem nun Bestand! – Er sprach: Diese Welt besteht aus Unbestand. – Doch was wählest du dir zur Gabe, – den Brief oder den Zehnten meiner Habe? – Ich sprach: Die Abschrift des Briefes ist mir begehrlicher. – Er sprach: Und bei Gott, mir ist sie entbehrlicher; – denn leichter giebt sich, was eingeht ins Ohr, – als was geht aus dem Beutel hervor. – Doch dann war's, als ob er sich schämte, – wenn er den nackten Brief nicht verbrämte; – und er ließ mich ziehn mit einem doppelten Maße von Wonnen, – mit dem Brief und einem vollen Eimer aus seinem Bronnen. – Da sprach ich zum Abschied: Gott behüte deinen Atem! – in ihm ist die Seele von Hatem . Hatem Ta'i, der freigebige. – Du bist ein besserer Tränker im Durst, als Kaab Ben Mame ; Kaab Ben Mame war ein Mann vom Stamme Benu Eja Ben Ma'add. Einst reiste er mit einer Truppe, worunter sich ein Mann vom Stamme Nemir Ben Kaßet befand, in einem heißen Monate; sie verloren den Weg und teilten ihr Wasser nach dem Kiesel. Dieses war nämlich eine Gewohnheit der durch die Wüste Reisenden, wenn das Wasser, das sie mit sich führten, auszugehen anfing; dann warf man einen Kiesel in das große Trinkgefäß und goß so viel Wasser darüber, daß es gerade den Kiesel bedeckte, so bekam jeder das gleiche Maß zu trinken. Als nun das Gefäß in der Reihe an Kaab kam, blickte der Mann von Nemir mit geschärften Blicken auf ihn; da dachte er ihm seinen Trunk zu und sprach zum Tränkenden: Tränke deinen Bruder, den von Nemir! So trank der von Nemir den Anteil Kaabs an diesem Tag. Und als sie am folgenden Tag wieder Rast hielten und den Rest ihres Wassers nach dem Kiesel teilten, blickte der von Nemir wie gestern, und Kaab sprach auch wie gestern. Dann brachen die Leute auf und sprachen: Brich auf, o Kaab! Doch er hatte keine Kraft mehr, sich aufzumachen. Und sie waren schon in die Nähe eines Wassers gekommen, da sprachen sie zu ihm: Steig ein zum Wasser, o Kaab! denn du bist ein Einsteiger. Doch er war zu schwach, um zu antworten. Da sie nun sein Leben aufgaben, deckten sie ein Tuch über ihn, um die wilden Tiere von ihm abzuwehren, daß sie ihn fräßen, und ließen ihn an seinem Orte, da verkam er. – – sei nie getränkt noch bedrängt von Grame. – Du warst mir ein besserer Umgang als Kaka Ben Schaur ; Über ihn ist das Sprichwort geblieben: Nicht übel dran ist, wer mit Kaka umgeht. Denn wenn jemand sich zur Unterredung zu ihm setzte, und er merkte dessen Absicht auf ihn, so gab er ihm einen Antheil von seinem Gute, leistete ihm Beistand gegen seinen Feind und vertrat ihn in seiner Angelegenheit. Dann kam er des andern Morgens zu dem Mann und dankte ihm (statt sich danken zu lassen). – Gott bewahre dich vor der Schur und vor dem Schau'r! – Er rief: Gott mehre deines Geistes und deines Leibes Vorrat, – daß du seiest wie die Benu Forat Vier edle Brüder, von denen die beiden ältesten die Wesirstelle beim abbassidischen Kalifen Moktadir-billah bekleideten. – und wie das Wasser Forat! Der Name des Euphrats, auch überhaupt bedeutend: süßes Wasser. – Worauf ich abzog mit Freuden, – und er blieb, um zu vergeuden. 16. Die Hochzeit im Wirtshaus. Hareth Ben Hemmam erzählt: Weil ich in der Heimat war schlecht begraset – und mein Weideland dünne beraset, – zog ich nach Waßet , ohne doch zu kennen eine Seele, – der ich das Heil der Meinigen dort empfehle. – Als ich nun hineinfiel, wie der Fisch aufs Trocken', – oder wie ein weißes Haar in schwarze Locken, – steuerte das Unglück meinen Kahn – in einen Chan, – wo einzukehren pflegten die Zerstreuten des Landes, – die gemischten Brüder des Fremdlingsstandes; – doch wo Reinlichkeit und Zierlichkeit – und der Leute Manierlichkeit – dienten, das Herz des Gastes zu gewinnen – und die Heimat zu entrücken seinen Sinnen. – Als ich nun, allein zu sein mit meinem Jammer, – mir hatte gemietet eine eigne Kammer, – die nicht größer war als das Nest einer Ammer; – stand es an nicht länger, als man sagt »Amen« – oder »in Gottes Namen«, – daß ich hörte, wie im nächsten Gemach – mein Wandnachbar zu einem, der bei ihm war, sprach: – Auf! mein Sohn; auf den Beinen sei dein Heil, – und Sitzen sei deiner Feinde Teil. – Geh hier mit dem Vollmondrundlichen, – Fettlichen, Mundlichen, – der auf der Welt nichts verschuldet hat, – aber vieles geduldet hat; – der eingesenkt ward, um aufzustehn, – und eingetränkt ward, um aufzugehn; – der sich mußte lassen schneiden und treten, – malmen und kneten – und ins Feuer schieben, bis er war erstarkt; – mit ihm geh auf den Markt – und hole von dort den Schmächtigen, – Schwängernden, Trächtigen, – Nutzens und Schadens Mächtigen, – Gluten Schwitzenden, – Funken Spritzenden, – Donnernden, Blitzenden, – Geschlagnen, Schlagenden, – nicht Versagenden, – Lust zu Lumpen Tragenden, – Knatternden, Knitternden, – nicht unnütz auf dem Feld Verwitternden, – sondern in seinem Beruf Zersplitternden. – Als nun verstummt war des Sprechens Gedröhne, – hört' ich noch des Fortgehens Getöne; – dann sah ich aus dem Hause schreiten – einen Jüngling, doch ohne zweiten. Nämlich aus den gehörten Worten: Geh mit dem Vollmondrundlichen u. s. w. hatte er geschlossen, daß zweie fortgehen würden. – Da fand ich es ein Rätsel, den Verstand zu äffen, – zu Vermutungen einladend, um fehl zu treffen; – und ich ging den Schritten des Gesendeten nach, – um zu erfahren, wovon sein Sender sprach. – Doch er wandte sich und rannte wie ein unsteter Geist, – bis er hatte den ganzen Markt durchreist – und alle Buden ausgekreist; – da trat er zuletzt an eine, – wo feil waren Feuersteine ; – er reichte dem Verkäufer einen Kuchen Kuchen und Feuerstein sind die Auflösungen der beiden vorhergehenden Rätsel. Vergleiche Zahnstocher und Seife am Ende der vierten Makame, und Nadel und Kamm in der fünften. , und der ließ ihn dafür einen Stein aussuchen. – Dann verschwand er mit seinem Besitz; – doch ich bewunderte den Aufwand von Witz, – und mir fuhr durch die Seel' ein Blitz, – ich erkannte hieran den Seruger so klar, – daß mir zu fragen nicht nötig war. – Doch um meine Vermutung zu bestätigen – und meinen Scharfsinn mir selbst zu bethätigen, – eilt' ich zurück zum Chan, – was man nur eilen kann; – und die Sache hatte ihre Richtigkeit; – meine Scharfsicht übertraf Zerkas Zerka , die blauaugige, war ein Weib vom Stamme Gedis in Jemame, die sah einen Gegenstand in der Entfernung von drei Tagereisen. Hassan, der Sohn des Tobba von Hemjar, führte einst gegen Gedis ein Heer, und als sie von Jemame noch drei Nachtreisen entfernt waren, stieg Zerka auf einen Wachtturm, Hund genannt, und schaute nach dem Heere. Dieses hatte aber Befehl, daß ein jeder Mann Baumzweige tragen sollte, darunter sich zu verbergen, um die Zerka zu täuschen. Da rief sie: O Volk! es kommen euch die Bäume fürwahr, Oder es kommt euch der Feind von Hemjar. Doch sie glaubten ihr nicht; da sprach sie: Ich schwör' es bei Gott, die Bäume kommen gegangen, Oder Hemjar hat sich mit etwas behangen. Doch sie glaubten ihr nichts und merkten nichts, bis Hassan sie überfiel und ausrottete und die Zerka gefangen nahm, der er die Augen ausstach. – Der Birnamwald im Macbeth ist uns bekannt genug, weniger vielleicht die deutsche Volkssage vom König Grünewald, mit dem Reime: König, gieb dich gefangen! Der grüne Wald kommt gegangen. Scharfsichtigkeit: – Denn siehe, da saß er selbst, Abu Seid, in vollster – Wirklichkeit auf dem Gästepolster. – Wir begrüßten uns wie Bekannte – und umarmten uns wie Verwandte; – dann sprach er: Was ist dir begegnet, – daß du die Heimat hast gesegnet? – Ich sprach: Schicksals Drang – und Drangsals Überschwang. – Er sprach: Bei dem, der Regen preßt aus der Wolken Kleide – und die Dattel zieht aus der Fruchtscheide, – ja, die Zeit ist verdorben ungemein, – und das Verderbnis ist allgemein; – doch die Nahrung kommt von Gott, – sie zu errennen frommt kein Trott. – Aber wie fuhrest du auf deinen Pfaden? – ledig oder geladen? – Ich sprach: Die Nacht war mein weites Gewand, – und der Mantel mein ein enges Gürtelband. – Da blickt' er nachdenklicher Gebärde – und schrieb mit dem Finger an der Erde, – als sinn' er, wie er helfen werde. – Dann fuhr er auf, wie wem ein Wild aufstieß, – oder die Gelegenheit sich wies, – und sprach: Du sollst unter meinem Beirat – hier schließen eine Heirat – mit Leuten, die deinen Schaden heilen – und deiner Mause neues Gefieder erteilen. – Ich sprach: Soll ich meinem Wehstand – noch hinzuthun den Ehstand? – Und wer sind denn die Leute, die irgend heim – geben ihr Kind einem Habenichts von Nirgendheim? – Er sprach: Ich bin bei ihnen dein Mittler, – dein Bürge, dein Adler und Betitler. – Im übrigen sind es Leute vom alten Glauben, – nicht klug wie die Schlangen, doch ohne Falsch wie die Tauben; – die sich zum Beruf machen die Lösung der Gefangenen – und die Leitung der Irrgegangenen, – und die, haltend an der rechten Satzung, – nicht verlangen eines Eidams Brandschatzung. – Ob bei ihnen würbe Ibrahim Ben Edhem, – oder Gebelet Ben Eihem, – sie begehrten eben zum Mahlschatz fünfhundert Dirhem, – weil der Prophet so viel für seine Weiber gab – und nicht mehr nahm für seine Töchter ab. – Übrigens genügt ihnen ein Versprechen, – und vom Baren ist nicht zu sprechen. – Dazu werd' ich, wann du schließest den Ehevertrag, – für dich halten einen Werbvortrag, – desgleichen der Mund nie geboren, – noch empfangen haben die Ohren. – Hareth Ben Hemmam spricht: Da reizte mich mehr der gedachte Vortrag, – als die zugedachte Braut, daß ich einging den Vorschlag – und sprach: Ich geb' in deine Hand des Schwertes Heft, – führ als Freund und als verständiger Mann das Geschäft! – Da schritt er fort großprahlend, – dann kehrt' er zurück siegstrahlend – und sprach: Wünsche dir Glück zu deines Glückes Besserung – und deines trockenen Grundes Wässerung, – erkennend mit Dankespflichtigkeit – meiner Dienstbemühungen Wichtigkeit, – denn die Sach' ist in Richtigkeit. – Dann lud er auf die Nacht alle Leute des Hauses – und beschickte selbst die Süßigkeiten des Schmauses. – Als nun die Finsternis zog ihr Zelt von Flor – und jeder der kein Thor war, schloß sein Thor; – rief er bei Kerzenscheine – zur Versammlung die geladene Gemeine. – Da kam, was nur im Chan war, dem Rufe nach – und sammelte sich in sein Gemach. – Als nun der Brauterzeuger mit Gefolg war erschienen, – samt dem Volke derer, die zu Zeugen sollten dienen, – wies er rings die Polster zum Sitz an ihnen; – worauf er ein Astrolab erhob, – einen Kalender hin und wieder schob – und so lange stellte an einem Horoskop, – bis die ganze Gesellschaft nickte, – und Schläfrigkeit jeden bestrickte. – Da rief ich: Wann legest du endlich die Axt an den Stamm? – Wie lange lassest du zappeln das Opferlamm? – Doch er that einen Schiefblick; – dann sprach er mit einem Tiefblick: – Ich schwör' es beim Berge Tur , – und groß ist dieser Schwur, – und beim aufgeschlagenen Buch, Das Schuldbuch, das der Richter beim jüngsten Gericht aufschlägt. – dieser Schwur leidet keinen Bruch: – die Heimlichkeit dieses Dings wird sich offenbaren – und das Gedächtnis davon sich bewahren – bis zu dem Tag, wo sich versammeln die Scharen. – Worauf er auf die Knie sich hockte – und die Ohren zur Weide lockte, – indem er nicht im Vortrag stockte, – sprechend: Gelobt sei Gott, der gelobte, der zu lobende, – der erprobte, der erprobende, – der Erschaffer aller Erschaffnen, – der Erwecker aller Entschlafnen; – der mit seinem Segen regnet – und mit seinem Regen segnet; der die Abgründ' ergründet – und die Strommünder mündet – und die Sünder entsündet; der den Bund der Weltseiten bündet – und das Rund der Jahreszeiten ründet; – der von den Wolkenfirsten wettert – die Gipfel der Forsten blättert – und die Giebel der Fürsten schmettert; – der Urheber und der Wender, – der Anheber und der Ender, – der Ratgeber und der Vollender; – der Vater der Schwarzen und Weißen, – der Begnader der Thoren und Weisen, – der Berater der Witwen und Waisen; – der Entlader der Beladenen, – der Einlader der Ungeladenen; – der die Wünsche gewährt – und die Hoffnungen bewährt – und die Bitten nicht wehrt; – dem die Verachteten sind wert – und dessen Gnade ewig währt. – Ich lob' ihn, wie ihn lobten die Altväter, – und bet' an, wie angebetet Abraham der Anbeter. – Kein Gott ist außer dem Gott der Welt; – was er hält, das hält, – was er fällt, das fällt. – Er hat gesandt den Mohammed Aleihisselam, d. i. über ihn sei Frieden. – vor der Welt aufzurichten den Islam, – die Übermütigen zu demütigen – und zu trösten die Wehmütigen; – daß er machte zu Schutt und zu Spott – die Götzen Suwaa und Wodd. Zwei Götter der heidnischen Araber, deren im Koran erwähnt ist. – Er richtete und unterrichtete, – berichtete und verrichtete, – vermahnte und bedrohte, – bahnte den Steig der Gebot' und Verbote. – Und Gott hat ihn ausgezeichnet mit Lohnung, – seinen Geist aufgenommen in die Friedenswohnung – und seinem Geschlecht verheißen Gnad' und Schonung, – solange die Luft am Mittag flimmert – und der Strauß in Wüsten wimmert – und der neue Mond im Westen schimmert. – Wirket (Gott schirm' euch) im besten der Werke – und wandelt ohne Wandel in des Glaubens Stärke, – hasset das Böse und lasset es, – höret das Gute und fasset es, – entringet euch den Banden der Schuld und der Schande – und schlinget des Bluts erlaubte Bande, – verschwägert auch mit Reinheit und mit Zierde – und entschlaget euch unreiner Begierde. – Hier euer Eidam ist von Herkunft der klarste, – von Einkunft der Barste, – von Auskunft der Offenbarste, – von Verheißung auf die Zukunft der Wahrste. – Er steht vor euch hier auf dem Wahlplatz, – die Perl' eures Hauses ist sein Wahlschatz, – für die er euch bietet zum Mahlschatz – so viel, als weiland der Prophet – bot für Ummu Selemet . – Sie passen zusammen wie Stahl und Stein, – wie Schal' und Wein; – ferne von ihnen sei Qual und Pein. – Keinem Feineren als ihm ward noch ein Kind vertraut, – von einem Reineren ward nie entschleiert eine Braut. – Sein Schwäher ist mit ihm unbeschwert, – und sein Gewährer ist mit ihm gewährt. – Ich bitte Gott, daß er ihn euch lasse gelieben – und daß sein Glück sei durch euch beklieben. – Gott segne eure Aus- und Einkehr – und bereite euch zu sich die Heimkehr. – Ihm ist der Preis, der ewig flammet, – und das Lob seinem Gesandten Mohammed. Als er so mit seinem Vortrag die Hörer verwundert, – auch den Vertrag geschrieben über die fünfhundert; – sprach er, das Werk zu krönen: – »Zu Eintracht und zu Söhnen!« Zu Eintracht und zu Söhnen ist eine Einsegnungs- oder Beglückwünschungsformel bei Verlobungen. Man sagt auch: zu Eintracht und Bestand in Geschlechtern, zu Söhnen, nicht zu Töchtern. – Dann bracht' er die bereiteten Süßigkeiten – und stiftet' ein Gedächtnis auf ewige Zeiten. – Als ich begierig krümmte die Krallen, – um vor den andern darüber herzufallen; – hielt er mich zurück und bedeutete mich, daß mir vom Feste – nichts zusteh' als die Bedienung der Gäste. – Das that ich denn flink; – doch es währte einen Augenwink, – da fielen sie auf ihre Kinne, – und weg waren ihre Sinne. – Als ich sie sah liegen, – wie die toten Fliegen, – merkt' ich, daß es sei von verruchter Tück' – ein ausgesuchtes Stück, – und sprach: O du Feind deines Lebens – und Knecht deines bösen Strebens, – hast du ihnen gereicht süßes Brot – oder bittern Tod? – Doch er sprach unkummerhaft: – Nichts weiter als einen Schlummersaft. – Ich rief: Ich schwör' es bei derer Der Sterne Reigen, – die dem Nachtwandler die Wege zeigen, – du hast hier aufgerichtet ein Schandmal – und dir aufgedrückt ein Brandmal. – Dann dacht' ich an der Folgen Erstreckung – und die Gefahr der Ansteckung, – bis mir die Gesinnung in Funken stob – und die Rückenhaut ein Schauder hob. – Doch als er sah meiner Furcht Bewegungen – und die Unruhe meiner Regungen, – sprach er: Woher deiner Besorgnisse Flut – und wozu deiner Befahrnisse Glut? – Wenn um meinetwegen, – so laß den Sturm sich legen; – denn im Augenblick werd' ich hier packen und sacken – und diesen Ort ansehn mit meinem Nacken. – Wie manchen schon hab ich geräumt, der nach mir leer blieb wie Schlacken! – Doch siehst du auf deine Bedrängnis – und besorgst für dich das Gefängnis; – so genieße hier den Rest und fürchte kein Leid, – als daß ich dir ausziehe das Kleid. – Dann kannst du hier sicher bei den andern bleiben – und morgen deine Hochzeit betreiben. – Doch willst du das nicht, so fliehe, – ziehe fort, eh man fort dich ziehe! – Dann fing er an, auszuräumen in den Gemächern, – was sich fand in Schreinen und Fächern, – und erlas den Aushub von allen Waren – wiegbaren oder meßbaren, – bis, was er zurückließ, war ein Quark, – wie ein Knochen, aus dem man genommen das Mark. – Als er nun gerührt und geschnürt, was er für gut befunden, – die Ärmel gestülpt und den Gurt gebunden; – wandt' er sich zu mir mit Vermessenheit, – mit aller Freundschaft Vergessenheit – und sprach: Willst du mit? Ich ziehe – in die Sümpfe von Batihe Zwischen Waßet und Basra, das ausgetretene Wasser von Euphrat und Tigris. , – und ich finde dort wohl noch Zeit, – dir zu sorgen für eine andre Hochzeit. – Doch ich sprach: Bei dem Herrn Jesus, der auf den Gassen gelehrt, – doch keine Gasthäuser ausgeleert! – mein Kopf braucht keine zwei Nachtkappen, – und ich habe genug an einer Schlappen. – Gehe mit Gott und wandre – und frei' einem andern deine andre. – Da lächelt' er vergnügt und wollte mich umfangen, – doch ich wandt' ihm ab die Wangen – und entzog mich seinem Liebesverlangen. – Als er nun sah meine Sprödheit – und erfuhr meine Schnödheit, – sang er mich an ohne Blödheit: Der du von mir dich wendest ab, Als wie die Reinheit von der Räude, Und tadelst, was ich hier gethan; Was weißt du denn, was es bedeute? Du schimpfe nicht und rümpfe nicht Die Nas', ich kenne meine Leute. Ich bin bei ihnen eingekehrt, Es ist das erste Mal nicht heute, Und habe keinen Menschlichen Gefunden in der ganzen Meute, Kein Herz, in welchem Großmut wohnt Im ganzen weiten Wohngebäude. Ich sah, wie sie mißhandelten Mit Hohn die armen fremden Leute, Wie keiner einen Bettler sich Zu prellen noch zu schnellen scheute. Ich sah, wie meine Herde, Hier stellt sich der Seruger dar als derzeitiger Oberhirt und König des Volks der Landstreicher, der Kinder Sassans. die Verlassen durch die Welt zerstreute, In diesen Rachen rannte, wie In eines Löwen Bau die Beute. Darob ergrimmt in hohem Mut Ich ihnen längst die Rache dräute, Bis heut zu Ehren deiner Braut Ich ihnen süßen Schlummer bräute, Um ihnen scheulos auszuziehn Die andern ausgezognen Häute Und ihren Zahn zu stumpfen, der Am Fleische meiner Brüder käute. Daher mich diese That nun freut, Wie keine ähnliche mich freute; Denn dies Volk verdient es, daß Sie Gott mit Stumpf und Stiel ausreute. Wie manches hab' ich sonst vollbracht, Als ich nicht Gott noch Menschen scheute; Wodurch ich zeigte, daß vermag Mehr als der Starke der Gescheite; Wenn mehr durch List ich that, als wer Mit Schwertern schlug, mit Stöcken bleute. Das alles macht mein Herz verwirrt, Wie die Erinnrung mir's erneute; Doch hab' ich Zuversicht, daß Gott Mir wird verzeihn, wenn ich bereute. Der Erzähler spricht: Da hub er an ein Wehklagen – und stellte an ein Brustschlagen, – bis mein abgewandtes Herz ihm wieder war zugeneigt – und ich für ihn hoffte, was man hofft für einen Sünder, der Reue zeigt. – Doch er dämmte seinen Thränenlauf, – achselte sein Bündel und machte sich auf – und rief seinem Sohne: Komm mit dem Reste. – Gott ist unsere Feste. – Als ich nun abziehn sah den Drachen und sein Drächlein, – rafft' ich zusammen meine Sächlein; – denn ich sah, das ich mich selbst nicht hätte lieb, – wenn ich länger an der Stätte blieb; – so zog ich in der Nacht gen Tib Eine Stadt in Chusistan. – und nahm Gott zum Zeugen gegen den Dieb. 17. Die Bettlerhochzeit. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich reiste von der Stadt des Elmansur Bagdad, erbaut von Elmansur, dem zweiten Kalifen vom Hause Abbas. – nach dem Gefilde von Sur ; – und nachdem mich hier gehabt ein Wohlhabender – und gelabt ein Gastlabender, – Reichbegabter, Gleichbegabender: – hatt' ich nicht Lust an längerer Weilung, – sondern sehnte mich nach Kahiras Kairo in Ägypten. Die gute Strecke von Bagdad hervor bis Tyrus, und von da hinab bis Kairo, ist nur ein Spaziergang für die arabische Wanderlust des Erzählers. Ereilung, – wie sich ein Kranker sehnt nach der Heilung; – oder wie ein Freigebiger nach Spendeverteilung. – Als ich nun abgeworfen hatte, was mich gesäumt, – und, was mich aufhielt, aus dem Wege geräumt, – dann meine Sohle als Reittier gezäumt; – eilt' ich durch Busch und Strauß – mit schnellem Husch wie ein Strauß. – Und als ich mit der Zeit und mit der Schwiele – war gelangt zu meinem Reiseziele, – erquickt' ich mich daran, wie am Frührot ein Nachtverirrter, – oder am Frührausch ein Sinnverwirrter. – Während ich nun dort schon weilte länger – und einst mich umtrieb im Getümmel der Straßendränger, – unter mir einen stattlichen Paßgänger; – erblickt' ich auf schönen Stumpfschwänzen – einen Reiterzug, schimmernd gleich Sternetänzen. – Da fragt' ich, begierig auf eine Vergnügung – das Volk nach dem Aufzug und dem Ort der Verfügung. – Man sprach: Es sind geladene Zeugen des Tags, – die sich begeben nach dem Ort eines Heiratsvertrags – und Hochzeitsgelags. – Da trieb es mich, ihnen nachzureiten, – um miteinzunehmen des Festes Süßigkeiten. – Und wir gelangten nach einem langen und schweren Traben – hinaus zu einem Schlosse mit Wall und Graben, – hoch und erhaben, – das Macht und Reichtum schienen erbaut zu haben. – Als jene nun gestiegen vom Rosse – und eingegangen waren zum Schlosse, – und ich im Begriffe stand nachzugehn, – wollt' ich mir doch erst den Eingang besehn: – den fand ich, in seltner Verzierung – und wunderbarer Staffierung, – von zerrissenen Mänteln umfangen – und von Bettelsäcken umhangen. – Mich machte stutzen des Buches Titel, – und ich sah kein Mittel, – mir zu erklären die Säck' und die Kittel; – bis daß ich dahinter einen Mann gewahrt, – der dasaß nach Pförtnerart; – zu dem trat ich mit meinem Anliegen frei – und beschwor ihn bei dem, der den Vogel erschafft im Ei, – mir zu sagen, wer der Herr des Hauses sei? – Er sprach: Der Herr ist ungenannt – und der Gebieter ungekannt; – das Haus ist der Port der unbehausten Hausierer, – der Ruhort der pausierenden Hantierer. – Da sprach ich bei mir, wir stehn in Gottes Hand – auch im schlimmen Stand, – an des Abgrunds Rand. – Dann gedacht' ich, dem Unheil auszuweichen – und das Feld zu räumen vor den üblen Zeichen; – doch es schien mir schimpflich die Umkehr vor den Schwellen – und mißlich die Rückkehr ohne Gesellen: – und ich ging, doch es ward mir sauer, – ins Hans wie der Vogel ins Bauer. – Siehe, da war drinnen geschmückt ein Saal, – wie ein Frühlingsthal, – hell wie vom Paradies ein Strahl, – von Vorhängen bunt umzirket, – von Tapeten reich umwirket, – Polster umhergespreitet – und Thronsessel bereitet. – Aber hereingewandelt kam – nun der Bräutigam; – in wallenden Gewanden, – Aufwärter zu seinen Handen; – er sah sich um – und siegprangte stumm: – so schritt er zu seinem Sitz, und da saß er – als wie ein Sohn der Königin Himmelswasser; Himmelswasser ist der, höchste Schönheit bezeichnende, Zuname der Mutter des älteren Mundher, Königs von Hira. – gegenüber aber, ihn zu beaugenscheinigen, – saß der Brautvater mit den Seinigen – und ringsumher mit Gepränge – aller Zeugen Gedränge. – Da rief vom Bräutigam und seinem Haus – ein Herold ans: – »Beim Frieden Sassans, Hier sehen wir nun den glänzenden Verein dieser weltbürgerlichen Freileute, unter ihrem derzeitigen Oberhaupt oder Scheich bei einer feierlichen Gelegenheit versammelt, und zwar in Kairo, wo, nach den Reisebeschreibern, die Diebe wirklich ihren eigenen Vorsteher haben, an den man sich um Zurückgabe des Gestohlenen wenden kann; eine Einrichtung, die aber nicht von islamischer Barbarei, sondern von altägyptischer Kasteneinteilung herzuleiten sein möchte, denn Diodor (I, 91) berichtet schon dasselbe. des Gründers unseres Grundes, – des Bünders unseres Bundes! – An dieser Statt, der gefreiten, – und an diesem Tag, dem geweihten, – hier vorm Antlitz der freien Wanderer, – soll unsre Brautwerbung thun kein anderer, – als der Scheich, der da gereist und gekreist – und im edlen Beruf ist ergreist.« – Der Antrag gefiel den Brautverwandten, – und sie bewilligten Eintritt dem hohen Ungenannten. – Da schritt mit Preis – herein ein Greis, – dem gebogen hatten den Stamm die Jahre – und die Tage mit Blüten bestreut die Haare, – der trug den Stab majestätisch – und die Tasche gravitätisch; – und die Gemeinde jauchzte ihm entgegen – und drängte sich, zu empfangen seinen Segen. – Als er nun sich gesetzt auf seinen Thron – und vor seinem Ernste verstummt war der Jubelton, – legt' er die Hand an den Kober, – und die Stimm' erhob er: – Gepriesen sei Gott, der Geber, der Schenker, – der Gefallnen Heber, der Verirrten Lenker, – der Erhörer der Bettler und Beter, – der Unvertretnen Vertreter, – der Zertretnen Hilf' und der Schrecken der Übertreter; – der erleuchtet die schwächlich Sehenden – und leitet die gebrechlich Gehenden; – der eingesetzt hat den Almosenzehenten Die gesetzlich bestimmte Abgabe jedes Moslems von seinem Vermögen zum Besten der Armen, deren sich der Koran überall aufs nachdrücklichste gegen die Reichen annimmt; woraus denn hier unsre Leute ihr eigenes Rechtsprinzip ableiten. Die ganze obige Rede aber ist ein Gewebe von Anspielungen auf – oder Anwendungen von – Stellen des Korans und der Überlieferung. – und verboten, abzuweisen den Flehenden; – der ermahnt hat, den Lahmen und den Krummen kein Haar zu krümmen – und zu speisen den Stummen und den Ungestümen. – Er hat seinen Knechten, den gerechten, – in seinem Buche, dem echten, – gesagt, und er ist für die Fragenden – der Wahrste der Wahrheitsagenden: – »Heil denen, die einen Teil ihrer Habe verwandten – für die verstoßnen heimatlosen Verbannten.« – Ich preis' ihn für der Güter verliehenen Nießbrauch – und bitt' ihn, abzuwenden den Mißbrauch; – ich fleh' ihn, zu behüten vor dem Fehltritte – und zu bewahren vor der Fehlbitte, – und bezeuge, daß kein Gott ist als er , – und keiner mehr, – ein Gott, der belohnt die Almosenspendenden – und beschämt die ihr Antlitz Wendenden, – die mit leerer Hand Entsendenden; – der verpönt hat Zins und Wucher – und erlaubt das Gewerbe der Wohlthatensucher. – Ich bezeuge, daß Mohammed ist sein werter Bot', – in die Welt gesandt wie das Morgenrot, – um die Finsternis durch das Licht zu scheuchen – und den Armen zu helfen gegen die Reichen. – Er war (Gott sei ihm gnädig) den Dürftigen mild – und der Unterdrückten Schild; – er hat die Güter der Begüterten besteuert – und der Not der Notleidenden gesteuert. – Gott stell' ihn höher als die Höchsten – und näher dem Thron als die Nächsten! – Ihn speisen des Paradieses Äste, – wie er einst gespeist aufs beste – die Leute der Soffas, des Islams Gäste. Die Leute des Soffas sind die armen und verbindungslosen Fremdlinge, die sich in den ersten Zeiten des Islams an Mohammed in Medina anschlossen, und denen er ihren Unterhalt zukommen ließ, zum Teil aus dem vorerwähnten Almosenzehnten und den eingehenden Geschenken, zum Teil dadurch, daß er mehr oder weniger von ihnen seinen einzelnen reicheren Gefährten wechselweise auf die Verpflegung für einen Tag zuwies. Sie haben ihre Namen vom Soffa , einem Gerüst oder Flechtwerk aus Palmzweigen, das der Prophet in der Moschee ihnen zur Wohn- und Schlafstelle einrichtete. – Nun aber, Gott der höchste hat die Ehe eingesetzt zu einer Zucht – und Heiles Frucht, – als Mittel zu des bösen Triebes Gewältigung – und als Weg zu eurer Vervielfältigung. – Er sagt: O ihr Menschen, wir haben euch geschaffen Mann und Weib, damit ihr einander überkleidet, Ein Koranausdruck zur bildlichen Bezeichnung der innigsten Lebensgemeinschaft zwischen beiden Gatten. – und haben euch gemacht zu Stämmen und Geschlechtern, auf daß ihr euch voneinander unterscheidet. – Hier nun ist Abu Derradsch, – Welladsch Ben Cherradsch, – Fänger, Sohn des Gängers, – Sohnes des Drängers; – Herr vom unverschämten Gesicht, – Habegern von Fürchtenicht, – der preisliche, freisliche, – unabweisliche, unabspeisliche, – mit allen Wassern gewaschen – und Meister von allen Taschen; – der begehrt die Zierde ihres Stamms, – die Begierde ihres Bräutigams, – die Kambas, – Bint Ebi Ambas, – Krauselind, – Tochter von Brausewind, – wegen dessen, was er vernommen von ihrer Übsamkeit – und unbetrübsamen Betriebsamkeit, – von ihrer Abrüchtigkeit, – Gabsüchtigkeit und Trabflüchtigkeit; – und bestimmt ihr zum Mahlschatz einen Rock und eine Tasche – einen Stock und eine Flasche. – So gewähret denn dem Freier, der freit nach seinem Stand, – und verschlinget dem seinigen euer Band; – »und wenn ihr fürchtet die Armut, Gott wird euch aufthun seine milde Hand.« Der Koranspruch: und wenn ihr fürchtet einen Mangel, so wird euch Gott versorgen mit seiner Gnadenfülle, steht Sure 9, 28, doch ohne Bezug auf Ehe und Ehesegen, vielmehr in Bezug auf ein eben ergangenes göttliches Gebot, die Ungläubigen von dem Besuche der Kaaba auszuschließen, wodurch die Vorteile, die aus deren bisherigem Verkehr für die Stadt Mekka entsprangen, verloren gingen. Aber Sure 24, 32 steht: Lasset heiraten die Ledigen unter euch, und die Frommen von euren Knechten und Mägden; wenn sie arm sind, wird sie Gott versorgen mit seiner Gnadenfülle. Und an einer andern Stelle: Tötet eure Kinder nicht (der Gebrauch der heidnischen Araber) aus Furcht der Armut; wir werden euch ernähren und sie. – Und nun beug' ich mich vor Gott als sein demütiger Knecht, – ihn bittend, daß er mehre in den Herbergen euer Geschlecht – und wahre gegen die Schergen euer Recht. – – Als so der Scheich den Vortrag beschlossen – und der Bräutigam des Jaworts genossen; – da ward ein Hochzeitsspenderegen Die Verstreuung von Münzen, Flittern, etwa auch Süßigkeiten, ein gewöhnlicher Gebrauch bei Hochzeit und anderen Festen. ergossen, – dessen Strom die Wünsche der Begehrlichkeit deckte – und im Geize Nacheiferung der Großmut weckte. – Darauf erhob sich der Scheich und wandelte hindannen mit Schlendern – und zog alles Volk sich nach gleich seinen Gewändern. – Hareth Ben Hemmam spricht: Um voll zu machen des Tages Lustausbeute, – folgt' ich dem Rückzug der Leute. – Da führte sie ihr Führer, um sie zu erfrischen, – in einen Saal mit gedeckten Tischen, – auf denen hatten die Meister der Küche – gleichmäßig verteilt die Gericht' und Gerüche. – Als nun jeder gefaßt seinen Posten – und bereit war, zu kauen und zu kosten, – wollt' ich aus den Reihen der Schlacht entweichen – und fliehn, als man zum Angriff gab das Zeichen. – Da machte der Alte nach mir eine Wendung, – und mein Auge traf von seinem Blick eine Blendung; – er rief: wohin willst du, Mucker? – und wo hin zielst du, Ducker? – bist du nicht hier in Gesellschaft Schmucker? – Ich rief: Bei dem, der die Sphären rollt – und die Himmel auslegt mit Gold! – keinen Bissen werd' ich versuchen, – noch anrühren einen Kuchen, – du sagest denn, woher du stammest, – woher du wehest, wohin du flammest? – Da schnob sein Seufzer dem Himmel entgegen, – dann stob nieder sein Thränenregen; – dann brach aus seiner Trübe das Licht an, – er nahm ein mir bekanntes Gesicht an – und hub so den Bericht an: Mein Geburtsland ist Serug, Wo mein Glück einst Wogen schlug; Ein Gefild, in welchem du Alles findest all genug; Dessen Brunn' ist Selsebil, Selsebil, eine der Quellen des Paradieses. Fülle, die erschöpft kein Krug. Auf der Weide geht das Lamm, Zwischen Blumen geht der Pflug. Durch die Häuser wandeln Söhne, Wie durch Lüft' ein Sternenzug. O des Anblicks dieser Flur, Deren Duft macht jung und klug; O der Blüten, wann der Schnee Schmilzt vom sanften Hügelbug! Wer es sieht, der spricht: das Eden Dieser Erden ist Serug; Und des Grams versieget nie, Den das Glück daraus verschlug; Wie mir's ging, seit nackt von dort Mich vertrieb das Volk Olug. Olug , Barbaren, hier die Griechen. Die Eroberung von Abu Seids Vaterstadt, Serug, durch die Griechen, bildet die historische Grundlage des Romans. Durch jene Eroberung ist er aus blühendem Wohlstand vertrieben und zu dem unsteten Wanderleben gezwungen, dessen einzelne Scenen nun die Makamen schildern; aber die Erinnerung an seinen ursprünglichen Zustand begleitet ihn durch alle seine Verwandlungen und bricht hier und dort, oft mitten aus der possenhaftesten oder unwürdigsten Vermummung, in einem Liede, wie das obige, rührend hervor. Ein andermal aber sehen wir ihn diese seine wahre Geschichte selbst, mit Verleugnung eines Gefühls, als eine Lüge benutzen. Seitdem ungehemmet ging Meines Seufzers Odemzug; Und die Thräne fließt, wie mich Heimwärts trägt Gedankenflug. Trösten kann mich nicht für das, Was mir raubte Schicksalstrug, Daß ich seitdem vor der Welt Bettlerkönigs Krone trug. Der Erzähler spricht: Als nun sein Gedicht mir gegeben des Rätsels Schlüssel, – begrüßt ich mit Lust den Bekannten und aß mit ihm aus einer Schüssel. – Worauf ich, solang ich in Kahira weilte, – beständig seine Gesellschaft teilte, – stets pochend an seiner Geistesschatzkammern Pforte – und meines Ohres Muschel füllend mit den Perlen seiner Worte; – bis daß der Rabe der Trennung zwischen uns krächzte – und meine Seele beim Abschied ächzte. 18. Die Gesetzfrage. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich faßte nach der Opfergebräuche Schluß, – nachdem ich dem heiligen Hause gebracht meinen Gruß – und dem schwarzen Stein meinen Kuß, – den Entschluß, zu besuchen Taiba Ein Ehrenname von Medina , bedeutend: die gute, liebliche. – mit einer Gesellschaft von den Benu Schaiba , – um zu beten – am Grabe des Propheten – und nicht zu gehören zu den Leidigen, – die, indem sie wallfahrten, beleidigen. Nach der Überlieferung des Propheten: Wer wallfahrtet (nach Mekka) und mich (mein Grab in Medina) nicht besucht, der beleidigt mich. – Doch das Gerücht kam, der Wegfriede sei gestört – und die arabischen Stämme gegen einander empört. – Da schwankt' ich zwischen Bangen, das mich zügelte, – und Verlangen, das mich beflügelte; – bis in mein Herz kam der Mut der Erhebung – und die Ruhe der Gottergebung, – daß in mir der Sieg ward entschieden – für den Besuch des Grabes dessen, über den sei Frieden. – Worauf ich ein Tier belastete – und mit der Gesellschaft hastete, – die zog, ohne daß sie rastete, – bis erreicht waren die Benu Herb Ein kriegerischer Stamm, damals zwischen Mekka und Medina wohnend. – die den Gästen milde sind und den Feinden herb; – die hatten eben gelöscht das Feuer der Schlacht – und die Gastfeuer wieder angefacht; – so daß wir beschlossen, den Schatten unseres Tages – hinzubringen am Ort ihres Hages. – Als wir nun beschäftigt waren, die Tiere zu stellen – und zu schöpfen die frischen Quellen, – sahen wir den Stamm ausreiten in hellem Haufen, – als sollten ihre Rosse ein Wettrennen laufen. – Uns verwunderte der Bienenschwarm der Leute – und wir fragten, was es bedeute? – Da ward uns gesagt, es sei erschienen in ihrem Kreise – der arabische Weltweise, – und ihre Eile sei ihm zum Preise. – Da sprach ich mit Zucht – zu meiner Gesellschaft: Sollen wir nicht ernten Weisheitsfrucht? – Auf! ihre Versammlung sei von uns besucht. – Sie sprachen: Was du redest, ist zu hören, – und was du rätst, ist ohne Thören. – Drauf wir uns aufmachten ohne weiteres Wort – und zogen mit dem Zuge fort, – bis wir kamen zu des Stammes Versammlungsort. – Als wir dort nun eingetreten waren – und den Weltweisen sahen, das Ziel der Scharen, – erkannt' ich in ihm Abu Seid , den Herrn des Lugs und Trugs, – den Meister des Fugs und Unfugs, – jetzt als Schriftforscher aufgeputzt – und als Gesetzgelehrter aufgestutzt, – den Turban tragend nach der Art Kafdaa , – das Kleid umschlagend nach der Weise Sammaa , – dasitzend in der Stellung Korfosaa ; –die Häupter des Stammes um ihn gepaart – und das Gemische des Volkes um ihn geschart; – er aber sprach: Befraget mich über Leichtes und Schweres – und forschet von mir Niedres und Hehres. – Denn bei dem, der ausspannt des Himmels Rahmen – und der dem Adam gelehrt der Dinge Namen, – ich bin der Weltweise der Araber vom reinen Blut – und der Weiseste unter dem goldgestickten blauen Hut. Des Himmels. – Da trat auf ein Mann, dem die Zunge nicht versagte – und das Herz nicht verzagte, – der sprach: Ich habe die Weltweisen – aufgesucht in den Weltkreisen – und habe von ihnen eingetragen – siebenundsiebzig Gesetzfragen. – Nun, wenn du nicht bist von den leeren, nichtigen Prahlern, – sondern von den schweren, gewichtigen Zahlern, – und wenn du wünschest von uns gesegnete Nachhauskunft, – so hör und gieb Auskunft. – Jener sprach: Gott ist groß! – Führe deinen Stoß – und laß deine Streitkräfte los, – daß sich zeige, wem hier fällt des Sieges Los. – Worauf der eine fragte – und der andre die Antwort sagte. Darf ich Springwasser zur Abwaschung brauchen? – Nicht einen Finger kannst du drein ohne Verunreinigung tauchen. Zur gesetzlichen Abwaschung beim Gebete. Über die verschiedenen Arten von teilweiser und ganzer Abwaschung des Leibes hat der Moslem die genauesten und kleinlichsten Vorschriften zu kennen und sorgfältig zu beobachten; sonst verunreinigt er sich, statt sich zu reinigen, und muß von vorn anfangen. – Ein Springwasser machen, sein Wasser abschlagen. Darf man sich waschen in dem, was speiet ein Drache? – Ja, so gut wie in jedem Bache. Der Drache, im Arabischen (wie in der Schweiz) ein Bergstrom. Wie, wenn ein Krämer sich abwusch und vergaß dabei seine Elle? – Er fange von vorn an auf der Stelle. Die Elle, der Ellbogen, der mit abgewaschen werden muß. Oder ein Töpfer und vergaß seine Scheibe?– Vergebens wusch er sich am übrigen Leibe. Die Scheibe, die Kniescheibe. Oder ein Schlosser und vergaß den Schlüssel? – Er fülle nur noch einmal die Schüssel. Der Schlüssel, das Schlüsselbein. Oder ein Schreiber und vergaß sein Blatt? – Er ist unrein, wenn er's nicht mitgewaschen hat. Das Blatt, das Schulterblatt. Ist dem Moslem rauschendes Getränk untersagt? – Nein, wenn ihm aus dem Bache zu trinken behagt. Darf ein Moslem sich laben an des Christen Bache? – Nein, ihr Fleisch ist ihm eine verbotene Sache. Die Bache, das Mutterschwein. Darf ein Moslem sich wenden zu den Heiden? – Ja, um seine Herden darauf zu weiden. Darf ein Gläubiger sich wahrsagen lassen? –Ja! das Lügenreden soll er hassen. Mag uns ein Einsichtiger zum Imam taugen? – Nein, er soll sehn auf beiden Augen. Der Einsichtige, der nur aus einem Auge Sehende. – Der Imam soll ohne körperliche Mängel sein. Darf der Imam sein, wer irgend einen Flecken hat? – Ja, oder ein Dorf oder eine Stadt. Darf der Imam einen Bruch haben? – Ja, zum Steingraben. Darf der Imam ruchlos sein? – Das Gebrechen ist klein. Ruchlos, geruchlos. Darf unser Imam Mädchen nöten? – Ja, und auch Maden töten. Mädchen, kleine Maden. Wie, wenn er hat den Koller? – Auch gut, doch der Leibrock ist würdevoller. Koller, Waffenrock. Der Imam darf in jedem Gewande, auch einem kriegerischen, der Gemeinde vorbeten. Darf ein Richter die Rechte biegen? – Ja, so gut als die Linke schmiegen. Ist er wacker, wo man ihn besticht? – Ja, im Kriege, wo man mit Lanzen ficht. Darf von Gerichts wegen verstrichen werden eines armen Schuldners Kopf? – Ja, und sein Topf, doch nicht sein Schopf. Kopf (Kruppe, Kumpe), Schüssel, Becher. Ist's ein gutes Werk, arme Schuldner zum Gerichte zu laden? – Ja, durch die Einladung verdienst du Gottes Gnaden. Soll ich falsch Zeugnis ablegen? – Jawohl, alles Böse sollst du ablegen. Darf man etwas Geschwornes brechen? – Ja, oder aufstechen. Geschwornes, ein Geschwür. Ist es gut, den Schein einer Schuld zu tragen? – Jawohl, um sie einzuklagen. Darf man mit Hadern vorm Richter stehn? – Nicht jeder Arme kann in reichen Kleidern gehn. Hadern, Lumpen. Soll der Richter nach Ansehen der Person richten? – Ja, vorher mit nichten. Muß der Richter sein unbefangen? – Nein! er darf anhaben Gewand und Spangen. Darf er unschlüssig sein? – Ein fester Schluß ist nötig dem Reiter allein. Wann reden weise Männer, ohne daß sie sich besonnen? – Nachts, wann sie Mondscheingespräche begonnen. Sich besonnen, sich sonnen. Ist Afterrede eine Schändlichkeit? – Nein, aber eine Unanständigkeit. Soll man Eingang wünschen guten Sitten? – Nein! daß sie nie eingehn, soll man Gott bitten. Darf man einer Häßlichen geradezu den Hals abdrehn? – Ja, du bist durchaus nicht verbunden, sie anzusehn. Abdrehen, abwenden. Darf man einem Ohrenbläser das Ohr abschlagen? – Allerdings soll man ihm Gehör versagen. Ist Nachsicht zu empfehlen? – Nein! Vorsicht ist zu wählen. Wie, wenn ich sehe, mein Bruder ist unbedacht? – Er werde von dir unter Dach gebracht. Darf auch ein Vormund seine Pupille drücken? – Ja, oder mit der Hand sie jücken. Darf ich den ins Antlitz schlagen, der nach meiner Drossel greift? – Nein, wenn es die ist, die pfeift. Darf ich meine Ammer würgen? – Du darfst nicht deine Amm' erwürgen. Darf ich eine Steintaube schießen? – So wenig als eine Stockblinde spießen. Wie, wenn ich eines armen Mannes Maus verletze? – Wird er lahm davon, so büßest du's nach dem Gesetze. Was geschieht aber dem, der mir die Knöchel zerbrach? – Nichts! denn das Spiel ist eine Schmach. Doch, wer meine Ferse verwundet hat? – Er gebe dir eine heile Kuh an deren Statt. Und wer meine Kiefer zerbricht? – Lad ihn als Baumfrevler vor Gericht. Doch, wenn meine Frau ihr Becken zerbrochen? – Wenn du willst, die Scheidung sei gesprochen. Darf man eine Geschiedene frein? – Man freit die Lebenden allein. Darf ein Oheim die Neffen ausrotten? – Ja, wie die Wanzen und Motten. Neffen, mundartlich: Blattläuse und ähnliches Geschmeiß. Wenn dem Großvater sein Enkel wehethut? – Halt er ihn weich beschuht! Darf ein Ehewirt schonungslos Frauenhaar raufen?– Ja, und Bocksbart und Hahnenkamm zu Haufen. Soll mein Weib daheim den Rocken anlegen? – Nein! der Mann soll des Feldbaus pflegen. Sind Weiber als reinlich zu loben, die gerne waschen? – Nein, sie sind Plaudertaschen. Ist häuslich, die sich in Steppen ergeht? – Ja, die das Nähen versteht. Steht's ihr fein, die Krätz' an der Hand zu haben? – Ja, um zu sammeln des Baumes Gaben. Krätze, mundartlich: Korb. Darf eine Gärtnersfrau verkaufen ihre Frucht? – Nein! doch ihre Zucht. Frucht, Leibesfrucht; Zucht, was im Garten gezogen wird. Ist's rätlich, im Feld unter Rüstern zu ruhn? – Nein! rüste dich, eh' sie dir Schaden thun. Darf ein Lahmer fechten? – Ja, nach Bettelrechten. Ist ein Gelddieb, wer eine Katze stahl? – Ja, eine gespickte zumal. Katze, Geldgurt. Ist ein Viehdieb, wer raubt von der Weide ein Betzchen? – So wenig, als wer nimmt von der Pappel ein Kätzchen. Die Weide, der Weidenbaum. Betzchen (Lämmchen) und Kätzchen, die männlichen Blüten verschiedener Bäume. Oder im Tannenwald eine Kuh? – Nein, und nähm' er vom Fichtenwald einen Zapfen dazu. Tannenkuh, Tannenzapfen. Wie bestraft man einen Milchdieb? – Man läßt ihn fliegen, wohin es ihm lieb. Milch- oder Molkendieb, Schmetterling. Was verdient, wer mir einen Löffel stiehlt? – Er hat den Arbeitslohn erzielt. Stielen, mit einem Stiele versehen. Aber wer in meinem Garten raubt? – Gieb ihm zum Lohn fürs Raupen ein Krauthaupt. Doch wer mein Haus am hellen Mittag sprengt? – Du dankst ihm, daß die Glut dich weniger sengt. Sprengen, mit Wasser besprengen. Ist es Sünd', einen Leib zu verbrennen? – Nein! doch schade, man wird ihn nicht essen können. Ein Laib, Brotlaib. Ist ein fester Platz gut in der Not? – Ja, doch besser ist lockeres Brot. Platz, mundartlich: Fladen, platter Kuchen. Darf man in der Not Menschen speisen? – Ja, sie werden dafür dich preisen. Darf man einem Bettler geben Schilling' oder Stüber? – Weh' dem Armenbetrüber. Schilling und Stüber, Püffe und Knüffe. Ist ein Betrüger, wer andern zu leicht gewogen? – Nein, sondern er ist leicht betrogen. Darf ein Edler wohl den Fuchsschwanz streichen? – Ja, und die Rappenmähne desgleichen. Darf ich die Feinde im Krieg gegen meinen Stamm anführen? – Den Feind zu hintergehn, mag sich schon gebühren. Darf ich meinen Stamm oder meine Horde verderben? – Ja; doch schadest du dir und deinem Erben. Baumstamm und Viehhorde (Hürde). Darf ich fortgehn heißen, wem ich Quartier gegeben? – Ja, und er danke dir das Leben. Quartier, Pardon. Darf unser Feldoberster reiten im Zelt? – Ja, oder im Schritt und Trab, wie's ihm gefällt. Der Zelt, Gang des Pferdes (Zelters) zwischen Schritt und Trab. Kann uns im Kampf auch helfen ein Wunder? – Besser hilft uns ein Gesunder. Darf man Feinden den Rücken kehren in der Schlacht? – Ja, ihn fegen und klopfen mit aller Macht. Wem hat ein Bedienter zu befehlen? – Allen Bedienenden, die seinen Dienst erwählen. Darf ich meinem Vorgesetzten entgegenhandeln? – Ja, du darfst deinen Vorsatz verwandeln. Darf ich schelten, die schalten? – Nein, die Schaltenden laß walten. Ist zu ehren ein Weisheitslehrer? – Sei du des Weisheitsvollen Ehrer. Da rief der Fragende: Gottes Preis. – wie hoch ist gewachsen deines Ruhmes Reis, – und wie gedehnt deines Meeres Kreis, – Dein Lob ist von Worten unerreichbar – und deine Einsicht von Bild unvergleichbar. – Dann stockte er wie ein Beschämter – und starrte wie ein Zungengelähmter. – Doch Abu Seid rief: Nun voran, voran! – woran hält es, woran? – Jener sprach: In meinem Köcher ist kein Pfeil mehr, – und nach deinem Sonnenaufgang ist für die Nacht kein Heil mehr. – Doch bei Gott, dessen Huld dich geleite von dannen, – sage, wer bist du und von wannen? – Da hub er an mit vollen Tönen – und mit hohlem Dröhnen: Ich bin das Wunder des Tages Und das Erstaunen der Welt, Der Weisheit Kibla , Kibla, der Richtungspunkt des Betenden, nach Mekka und Kaaba hin. nach welcher Gekehrt die Blicke man hält; Nur daß ich stets, wo ich raste, Gleich wieder räume das Feld Und bleibe keinem Gefährten Als meinem Kummer gesellt. Ja, wenn am Baume von Eden Ich sollt' aufschlagen mein Zelt, Von Heimweh bliebe, von Heimweh, Auch dort die Rast mir vergällt. Dann rief er: O Gott, gleichwie du hast gemacht – meinen Sinn zu der Weisheit Schacht, – also mache nun diese Herzen umher – zu der Großmut Meer. – Das Gebet drang in des Volkes Seele, – und sie stellten voll Ehrfurcht zu seinem Befehle – eine kunstfertige Magd und ein halb Dutzend Kamele; – baten ihn auch angelegentlich, – sie wieder zu besuchen gelegentlich. – Und nachdem er die Wiederkehr zugesagt, – zog er ab mit Tieren und Magd, – ohne daß er mit einem Blick nach mir gefragt. 19. Der verkaufte Joseph. Hareth Ben Hemmam erzählt: Als ich durch der Wüste Gebiet – zog nach Sebid , – begleitete mich ein Sklave, dem ich hold gesinnt war, – weil er meines Hauses Kind war – und dem ich wie ein Vater war gewogen, – weil er von mir selber war erzogen. – Er aß mit Dankbarkeit mein Brot – und hielt mit Unwankbarkeit mein Gebot; – er kannte mich von außen und innen – und wußte die Wege, mein Herz zu gewinnen, – that keinen Fehltritt, wo er trat, – und keine Fehlbitte, wo er mich bat; – zu Haus und auf Reisen unbeschwerlich, – treu, bescheiden und unbegehrlich, – war er mir immer unentbehrlich. – Doch als uns aufnahm Sebid , – ging er ins Totengebiet. – Und ein Jahr lang, nachdem er geschieden, – blieb der Schlaf von meinen Augenliden – und die Speise von meinem Mund gemieden; – und ich konnt' es nicht bestehn, – nach einem andern Diener mich umzusehn, – bis zuletzt der Einsamkeit Unannehmlichkeiten – und des Stehns und Gehns Unbequemlichkeiten – mich bewogen, für die Perle Glas zu nehmen – und zu einem Lückenbüßer mich zu bequemen; – daher ich ging und mich beriet – mit den Sklavenhändlern von Sebid , – sprechend: Ich such' einen Sklaven, der von außen gefällt – und der von innen die Probe hält, – solch einen von edlem Kern, den gefeilt hat die Anmut – und feil gemacht seinem Herrn nur die Armut. – Da rührten sie sich alle auf mein Begehren – und versprachen, in Kürze mich zu gewähren. – Doch es kreiste der Monde Tanz, – und ab nahm und wieder zu ihr Glanz, – ohne daß von den Verheißungen eine trug Frucht, – noch ich hatte, was ich gesucht. – Da erkannt' ich, daß mir niemand die Haut – so gut wie mein eigner Nagel kraut; – und, dem Wege der Aufträge mich entschlagend, ging ich nun selber, – versehn mit weißer Münz und gelber, – auf den Markt, daß ich mir ließe weisen – die Sklaven, und fragte nach ihren Preisen. – Da trat ein Mann auf im Schleier, – der hielt an der Hand einen Jüngling, wie eine Taube der Geier, – und rief: Wem ist ein Sklave lieb, der auf dem Haupt die Krone Der Schönheit trägt und sitzt hoch auf der Tugend Throne; Der still ist wie der Mond, sanft wie die Anemone, In dem mehr Gutes ist, als Körner sind im Mohne, Der dir durchs Feuer geht, dich liebt gleich einem Sohne, Der deinem Winke lauscht und horchet deinem Tone; Und wenn du Schweres ihm auflegst, nicht rufet: Schone! Nie müßig im Geschäft, nie lässig in der Frone, Die Arbeitsbien' im Haus vorstellend, nicht die Drohne. Begnügsam, wenn du ihm reichst täglich eine Bohne; Des Herrn Zufriedenheit dient ihm zum vollen Lohne, Von Kunst geschmückt, als wie Orion von der Zone, Hat er doch nicht gelernt, zu trotzen dem Patrone, Und stellet seinen Witz nicht gegen dich als Dohne. Er ehrt die Heimlichkeit, die deinem Mund entflohne, Und hegt im Busen sie, als ob im Grab sie wohne, Bei Gott, und sähe nicht das Glück mich an mit Hohne, Und hungerten mir nicht die Kinder; zweifelsohne, Ich hätt' ihn nicht verkauft um die Chosruenkrone. Hareth Ben Hemmam spricht: Wie ich betrachtete des Jünglings Wohlgestalt – und seiner Schönheit Vollgehalt, – schien er mir von Gebärde – nicht wie einer der Erde, – und ich sprach bei mir: das ist ein Bewohner der Gärten von Eden, – nicht einer der Menschen, geformt aus Leden. Leden (in vergröberter Aussprache Letten ) mundartlich für Thon , lateinisch lutum , arabische Wurzel lat . – Da bat ich ihn, mir seinen Namen zu nennen, – nicht um den Namen zu kennen, – sondern um aus seiner Rede seine Geistesbildung zu sehn, – ob sie gegen seine Gesichtsbildung möchte bestehn. – Doch er sprach weder übel noch gut, – er stand wie ein Bild, das nicht den Mund aufthut. – Ich rief: Schade, daß du stumm bist, – oder mehr noch schade, wenn du dumm bist. – Da lacht' er auf mit hellem Klang, – wiegte das Haupt und sang: Du, dessen Zorn entbrannt ist, weil den Namen ich Verschwieg, wohin ist deine Billigkeit entflohn? Wenn nur des Namens Nennung dich zufrieden stellt, So höre: Joseph bin ich, Joseph, Jakobs Sohn. Nun hab' ich dir es klar gesagt, und bist du klug, So merkst du's; doch du merkst es nicht, ich seh' es schon. Der Erzähler spricht: Da schmolz mein Zorn vor seinem Gesang, – und mein Herz ward bestrickt von seinem Zauberklang, – daß ich in der Beschämung nichts ermaß – und die Geschichte des verkauften Josephs vergaß; – auf nichts bedacht, als von seinem Herrn das Gebot zu erfahren, – und entschlossen, kein Geld zu sparen. – Ich war darauf gefaßt, er würde nehmen einen starken Schwung – und hoch spannen seine Forderung; – doch er verstieg sich nicht, wohin sich meine Meinung verstieg, – sondern gab mir leichten Kaufs den Sieg, – sprechend: Wenn der Preis eines Knechts ist niedrig – und der Aufwand für ihn nicht widrig, – so freut es seinen Herrn, – und er hat ihn gern. – Ich möchte diesen Jüngling dir machen wert – dadurch, daß ich gering ansetze den Wert. – Bist du's zufrieden, daß du zweihundert Drachmen gebest – und mir dankbar seiest, so lange du lebest? – Da schlug ich schnell ein, wie einer einschlägt – bei einem Handel, der ihm einträgt, – und bezahlte auf der Stelle das Geld, – wie man gern bezahlt, was wohl gefällt, – und was man für wohlfeil hält; – ich bedachte nicht, daß zu jeder Frist – Wohlfeilgekauftes teuer ist. – Als nun nach des Handels Beendigung – es ging an des Guts Aushändigung, – hob der Jüngling die Augen, aus denen brach – ein Thränenbach – indem er zu seinem Verkäufer sprach: O Schmach! verkauft man den als eine Ware, Der es verdient, daß man als Schatz ihn wahre! Und ist's gerecht und billig, daß zum Tragen Du, ach, mir legest auf das Untragbare: Daß du von Schrecknis mich zu Schrecknis führest! Doch nicht erschrickt ein Edler, wo er fahre. Hast du mich nicht geprüft? Und hast du etwas Erprobt an mir als nur das Lautre, Klare? Wie oft, wenn du zum Fangnetz aus mich stelltest, Kam ich dir mit dem Löwen oder Aare. Wie oft, daß du aufs Spiel mein Leben setztest! Und niemals dacht' ich dran, daß ich es spare. Ja, Gott sei Lob, du hast an mir nie Fehler Entdeckt, geheime oder offenbare. Und wird dir's nun so leicht, mich hinzuwerfen, Wie man den Abfall wegwirft seiner Haare? Um niedriges Bedürfnis satt zu machen, Führst du mich wie ein Schlachtvieh zum Altare; Entblößest mich, zur Deckung deiner Blöße, Machst mich der Ehre bar fürs Geld, das bare. Wie? willst du meiner Heimlichkeit nicht schonen, Und siehst, wie ich die deinige bewahre! Sekabi war ein Roß, doch die Temimer Bewahrten es vor dem, was ich erfahre; Die zu dem Kön'ge, der drum feilschte, sprachen: Anspielung auf ein Gedicht der Hamasa, das den angegebenen Inhalt hat. Ein Kleinod ist's, nicht wird verkauft das rare. Unedler bin ich nicht, du bist unedler, Der du verkaufst die Blüte meiner Jahre. Ja, linder, als von dir zu Markt geschleppet, Sah' ich mich fortgetragen auf der Bahre. Doch was du auch an mir verbrachst, nicht fürchte, Daß mir ein Laut, der dich verdürb', entfahre. Der Erzähler spricht: Als der Alte hörte des Jünglings Liedesgruß – und sah seines Augenlides Thränenguß, – stöhnt' er gleich einem Vergehenden – und weinte, bis mit ihm weinten die Umstehenden. – Dann sprach er zu mir: Ja, dieser Jüngling ist mir als ein Sohn, – er ist mein Herz oder ein Stück davon; – und thäte nicht die Kahlheit meines Hauses – und die Schmalheit meines Schmauses, – nicht hätt' ich mich getrennt von meines Alters Stabe, – bis ich wäre an ihm gegangen zum Grabe. – Du siehst, wie wild – sein Herz vom Weh der Trennung schwillt; – der wahre Gläubige aber ist gut und mild: – willst du drum nicht, zur Linderung seinem Herzen – und zur Minderung meiner Schmerzen, – mir versprechen, daß, ohne dich zu betrüben, – ich dürfe den Wiederkauf ausüben – und den Handel rückgängig machen, – wenn sich verbessern meine Sachen? – weil ja die Glaubensüberlieferungen verkünden: – Wer einem, den es reut, erläßt einen Handel, dem erläßt Gott seine Sünden. – Hareth Ben Hemmam spricht: Da gab ich ihm die Zusage mit dem Mund, – doch andres dacht' ich im Herzensgrund. – Er aber zog den Jüngling zu sich heran, – küßt' ihn zwischen die Augen dann – mit fließenden Thränen und begann: O unterdrück (dein Opfer sei mein Leben!) Den Schmerz der Trennung, trag ihn ohne Beben. Die Nacht wird nicht die Schatten ewig weben; Des Wiedersehens Karawanen streben, Im Morgenrot, bald wird ihr Staub sich heben, Wenn Gottes Hilfe uns will Beistand geben. Dann sprach er zu ihm: Ich überlasse dich einem Muster von Herrn. – Damit schürzte er sich und enteilte fern. – Und der Jüngling fuhr fort mit Gewinsel und Gewimmer, – bis jener dem Blick war entschwunden auf immer. – Dann, nachdem er sich gefaßt – und sein Angesicht entnaßt, – sprach er: Weißt du, was ich gemeint, – und warum ich geweint? – Ich sprach: Ich denke, der Abschied von deinem Herrn – machte thränen deinen Augenstern. – Da sprach er: du gehst in diesem und ich in jenem Thal, – und zwischen unsern Meinungen ist die Kluft nicht schmal. – Dann hub er an: Bei Gott, nicht wein' ich einem fliehenden Freunde nach, Noch wein' ich um ein schönes Glück, das mir zerbrach; Nur einzig strömet meiner Augenlider Bach Um einen, des Verstandesblick war heut so schwach, Daß aus Begierd' er sich verfing in Ungemach Und, ach, sein blankgemünztes Geld verlor mit Schmach. Warum verachtet hast du jene Warnung, ach: »Ich bin ein Freier, des Verkauf nicht gilt, sei wach.« Denn dieses war der Sinn, als ich von Joseph sprach. Der Erzähler spricht: Da achtete ich erst für Scherz seine Rede – und für Spiel seine Fehde; – doch er beharrte fest auf seinem freien Stande – und wies standhaft von sich der Knechtschaft Schande. – Da tummelten wir uns erst mit Worten, guten und bösen, – und dann mit Stößen, – bis es kam zum Berufen – vor des Gerichtes Stufen. – Als wir nun dem Richter traten vors Gesicht, – und unser Bericht – ihm aufsteckt' ein Licht; – sprach er: Wahrlich, wer warnt, – hat nicht umgarnt; –wer einen aufmerksam macht, – hat ihn nicht in Schaden gebracht. – Aus eurem Vorbringen seh' ich, daß dieser Jüngling dich weckte und du nicht erwachtest; – daß er dir ein Zeichen steckte und du dir's zu nutz' nicht machtest. – So verbirg nun deiner Thorheit Schaden, – ohne deine Schuld ihm aufzuladen; – zieh ab deine Hand – von seinem Gewand, – denn er ist frei von Haut und Haaren – und gehört nicht zu den käuflichen Waren. – Gestern eine Stunde vor der Nacht – hat ihn sein Vater vor mich gebracht – und erklärt zu Protokoll, – daß er sein einziger Sohn ist, der ihn erben soll. – Ich sprach zum Richter: Bei Gott, dem Berater! – kennst du seinen Vater? – Er sprach: Wie kennte ich nicht Abu Seid, den frechen, – von dem jeder Richter im Lande weiß zu sprechen, – der einen Freibrief hat auf unstrafbare Verbrechen. – Da brannte ich auf, tobte und schwur – und war nun, doch zu spät, auf der Spur, – erkennend, daß sein Schleier war ein Netz des Truges – und dieses Stück das Meisterstück seines Luges. – Doch die Scham schlug mir die Augen nieder, – ich schwor, nie mit Verschleierten zu handeln wieder. – Dann gelobt' ich, mich aufs Leben von Abu Seid zu scheiden – und auf ewig seinen Umgang zu meiden, – auszuweichen von ihm jeder Berührung, – aus Verdruß über seine Verführung – und aus Furcht vor neuer Umschnürung. – Ich ging ihm aus dem Weg – und floh sein Geheg; – doch einst stellt' er mich an einem engen Orte, – und durch ein paar seiner losen Worte – erschloß er wieder meines Vertrauens Pforte. 20. Die Nonne. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich machte durch Schiras einen Wandelgang, – da fand ich eine Gesellschaft wie einen Perlenstrang, – die jeden, der vorbeiging, stehn zu bleiben zwang; – ich wollte vorüberschreiten gebührlich, – doch mein Fuß stand unwillkürlich, – und ich gesellte mich ihnen, – um zu erforschen das Gold in ihren Minen – und zu kosten die Frucht von ihrem Baum; – ich fand ihren Geschmack nach meinem Gaum: – die Leute waren auserlesen; – wer bei ihnen war, war von Gram genesen. – Während wir nun Scherze trieben, süßer als Girren der Tauben – und lieblicher als Milch der Trauben, – trat zu uns ein übel geschmückter, – seinen besten Jahren entrückter, – in seinen Mantel gedrückter, – der grüßte mit gelöster Zunge – und mit eines Wohlberedten Schwunge. – Dann nahm er Platz und sprach: Das walte Gottes Gnade, – und führe uns alle zum rechten Pfade! – Da wollten sie gering ihn schätzen, – weil ihm der Mantel hing in Fetzen, – vergessend den Spruch, – daß nicht das Gewand den Mann macht, und nicht der Einband das Buch. – Sie führten zierliche Reden stolz – und schossen auf ihn jeden Bolz; – sie hielten sein Aloe für Brennholz. – Er aber ließ sich kein Wort entschlüpfen, – er wollte nicht seinen Schleier lüpfen, – bis er geprüft hätte ihrer Wasser Tiefe und Seichte, – ihrer Wagschalen Schwere und Leichte. – Als er nun ergründet ihren Schatz im Kasten – und wußte, wie viel ihre Köcher faßten, – sprach er: Mein Volk! wenn dich nicht irrte der Spund, – daß du sähest dem Wein auf den Grund, – du hättest nicht, von meinen Hadern betrogen, – mir die verdiente Achtung entzogen. – Dann fing er an, zu sprudeln Witz – und zu sprühen Blitz um Blitz, – in die Herzen sprengend Ritz um Ritz, – bis er war in aller Besitz; – worauf er sich rührte, – seinen Bündel schnürte – und ab sich führte. – Doch die Gesellschaft hing sich an seinen Saum – und warf ihm über einen Zaum, – sprechend: Du hast uns den Finger gereicht – und entziehst uns nicht die Hand so leicht; – wir kennen die Schale deines Ei's, – zeig uns seinen Dotter und sein Weiß! – Da schwieg und stutzt' er, – wie ein Verdutzter, – dann schluchzt' er, als ob er trauerte – und tiefes Leid ihn durchschauerte, – bis ein jeder ihn bedauerte. – Der Berichter dieser Geschichte spricht: Ich sah an ihm des Abu Seids Art und Weise, – seine Fährten und sein Geleise, – seine Schliche und Pfiffe, – seine Striche und Kniffe; – da schaut ich ihm unter die Falten des Bettlertalares, – und siehe da! er war es. – Doch ich behielt für mich allein den Faden – und verbarg meine Entdeckung, wie man verbirgt einen heimlichen Schaden; – bis er nun war von Schluchzen frei – und merkte, daß ich ihm auf der Fährte sei, – da er mir mit lachendem Auge blinzelte – und anhub, indem er winselte: Verzeih mir's Gott, verzeih mir's Gott, Was ich im Jugendrausch verbrochen. Wie vielen Alt' und Jungen, ach, Hab' ich vordem den Hals gebrochen! Wie viele Augen, hell und feucht In Perlen schwimmend, ausgestochen Und niemand hat die That gewehrt, Und niemand hat den Mord gerochen. Getrunken hab' ich schuldlos Blut, Bis ich mir's fühlt in Adern kochen. Ich ward davon im Haupt verstört, Und mürbe wurden meine Knochen. Der Bettelstab des Alters hat Der bösen Lust den Stab gebrochen. Doch hat ein junges, frisches Blut In meinem Hause sich verkrochen; Kein Bronnenstrahl hat sie besprengt, Kein Sonnenstrahl hat sie gestochen. Sie lebt der Nonn' im Kloster gleich, Doch ist zur Ehe sie versprochen. Gewittert haben Freier sie, Sie haben ihren Duft gerochen. Sie melden sich am Kämmerlein Der Braut mit ungestümem Pochen. Sie will nicht länger Jungfrau sein, Denn ihre Reif' ist angebrochen; Und zu vermählen denk' ich sie, Sobald vorbei die Fastenwochen. Doch zu dem Hochzeitfeste – zur Bewirtung der Gäste – fehlet mir leider das Beste. – O ihr Herren der irdischen Wonne, – ihr lichten Strahlen der Wohlthätigkeitssonne, – ihr hellen Tropfen aus des Edelmuts Bronne, – erbarmt euch mein und meiner Tochter, der Nonne! – Bei ihrem duftigen Schleier, – bei ihrem begierigen Freier! – daß bei der Vermählungsfeier – euch zu Ehren möge tönen Laut' und Leier: – legt ins Nest meiner Armut eurer Großmut Eier! – werft in den Schoß mir jeder einen Dreier! – Da hielt er sein Gewand auf, – und die Münzen regneten ihm wie Sand drauf. – Als er nun seine Ernte gesammelt – und seinen Dank gestammelt, – zog er ab mit Verbeugung – und tiefer Ehrfurchtsbezeugung; – und ich eilte ihm nach, – um zu erfahren, welche Häls' er denn brach, – und welche Nonne er hab' im Gemach. – Aber, als ob er mir am Gang – schon ansähe der Neugierde Drang, – nahm er mich auf die Seite – und sprach: Hör und sei gescheite! Ein Mann, wie ich, der mit des Lebens Kummer ficht, Der Hals der Flasche ist der einz'ge, den er bricht, Das feuchte Aug' ist nur der Wein, den aus er sticht. Und jede Nonne, die nicht sieht der Sonne Licht, Und die mit Bronnenwasser sich befasset nicht, Daß es die Tonn' ist, wer's nicht rät, der ist ein Wicht. Aber ich bin ein Schlemmer, – und du bist ein Wasserschwemmer, – zusammen gehören nicht Wolf und Lämmer. – So ließ er mich stehn und ging gemach, – und ich schickt' ihm ein Ach, – wie ein Verliebter seinem Abgott, nach. 21. Die zehn Reisenden. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich kam nach Melita mit leichter Seele – und schwer geladnem Kamele; – dann nach niedergelegtem Reisestabe – war ich nur bedacht auf meines Gelds Ausgabe, – hörte nicht auf, dem Wilde der Freude nachzujagen – und den Bronnen der Lust nachzufragen, – und es ging mir niemals aus – Augenweide noch Ohrenschmaus, – noch Ergötzung und Vergnügung – und anmutige Zeitbetrügung. – Als mir nun dort weiter blieb – zu längerem Aufenthalt kein Trieb, – verwandt' ich, was noch nicht war verlaufen – von des Goldes Haufen, – dazu, um Reisegerät zu kaufen. – Und als ich wohlgeschmückt, – von keinem Kummer gedrückt, – war zur Reise ins Feld gerückt, – sah ich einen Trupp von neun Mann, – dessen Aussehn den Blick zog an – und dessen Ansehn das Herz gewann, – die hatten Wein geladen in Schläuchen – und ließen eben ihre Tier' auskeuchen, – gelagert an einem grasigen Bühl, – um zu erwarten das Abendkühl. – Da stieß ich zu ihnen, nicht aus Lust zu zechen, – sondern aus Lust zu sprechen, – nicht gelockt von den Düften ihres Weins, – sondern von den Lüsten ihres Vereins. – Als ich nun eingetreten in den neuen Orden – und der neune zehnter geworden, – fand ich, daß sie nicht waren einer Mutter Kind, – noch eines Hauses Gesind, – sondern zusammengeweht von des Zufalls Wind; – nur daß die Bildung und die Bekanntschaft – zwischen ihnen geschlungen ein Band der Verwandtschaft, – daß sie leuchteten als ein Bild der Eintracht, – wie der Gürtel Orions bei der Nacht. – Als ich nun im stillen den Stern gepriesen, – der mir zu ihnen den Weg gewiesen, – mischte ich meine Unterhaltung in ihre – und mein Tier unter ihre Tiere. – Da ergingen wir uns in des Gespräches Windungen – und durchliefen des Witzes Erfindungen, – bis wir anlangten bei den versteckten Wortverbindungen, – wie wenn einer Heuschrecken im Sinn hat und dich fragt: – wie wird Gräser-Furcht mit einem Wort gesagt? – oder: wie sagst du mit einem Wort gehäbe Röhren? – wenn er Dichterinnen von dir will hören. – Da ließen wir die Pfeile spielen – und sorgten nicht, wohin sie fielen, – vor oder hinter den Zielen; – reihend auf gut Glück an einen Faden – Sonn' und Plejaden, – erntend Datteln und Dörner, – sammelnd Spreu und Körner, – zum besten gebend Spelzen und Spelt, – falsche Münzen und gutes Geld: – die Gabel langte in den Kessel um die Wette – und spießte bald das Magere, bald das Fette. – Da hatte sich unvermerkt unserem Kreis – angeschlossen ein Greis, – dem ausgegangen schien die Behaarung – und eingegangen dafür Erfahrung; – er war wie ein Mann, der hört und sieht, – was um ihn geschieht. – Als er nun merkte, daß uns der Speichel versiegte im Mund – und der Brunnengräber kam auf den Felsengrund, – wandt' er sich spöttisch und ließ uns sein Hinterhaupt schaun, – indem er ausrief: Traun! – nicht alles ist Honig, was braun. – Doch die Gesellschaft sich erhob – und hing an ihm, wie die Eidechs am Baum Thundob; – rufend: Was du zerrissest, das flicke, – oder zur Buße dich schicke. – Du sollst nicht von dieser Stätte, – du bietest denn von deinem Geräte – Bess'res, als das unsre von dir verschmähte. – Als er so sich sah den Weg verrannt – und sich in den Beschwörungskreis gebannt, – sprach er: Lasset das Getöse – und höret, wie ich mich löse. – Da wandt' er sich zum Hauptmann der Gesellschaft und sprach:   1. Du, in der Rennbahn des Geistes tummelnd Mit Sporn des Scharfsinns des Witzes Gaul, Nimm dich zusammen in einem Worte Zusammen fasse mir: Löwen-Maul . Dann lachte er auf den zweiten und sprach: 2. Du, dessen feiner Hand die Lösung Macht nicht des feinsten Knotens bang, Wie hilfst du dir, wenn du sollst sagen Mit einem Worte: Gleich dem Klang? Dann blickte er den dritten an und rief: 3. Du, auf dessen Gartenbeeten Wuchert ew'gen Lenzes Grünheit, Kannst du mit dem Wort mir dienen, Das in sich hält: Adler-Kühnheit? Dann winkte er dem vierten zu und sagte: 4. Du, dessen Glücksgebäude Gott schirme den Verfall! Welch Wort ist, das gebietrisch Stets ruft: Herbei Metall? Dann nickte er gegen den fünften und begann: 5. Du! wenn deine schöne Sklavin Dich bedroht mit einem Grimmchen; Weißt du wohl mit einem Worte Ihr zu sagen: Halt ein, Immchen? Dann trat er den sechsten an und sprach: 6. O du, auf dessen Wangen Der Freude Wiederschein ist; Kannst du ein Wort mir sagen, Eines, das zweimal rein ist? Dann deutete er auf den siebenten und rief: 7. Du, dem das Kleid der Bildung Den Nacken schön umfloß, Kannst du mit einem Worte Mir sagen: Nackt und bloß? Dann lächelte er den achten an und sprach: 8. Du, des Geist in Fülle Blühnder Gärten wohnt, Sag mit einem Worte: Klinge, Frühlingsmond! Dann betrachtete er den neunten und rief: 9. Du, dessen Mut nicht schaudert Vorm Dröhnen der Bedränger; Wie kann mit einem Worte Man sagen: Klare Sänger? Der Erzähler spricht: Als an mich nun die Reihe kam, klopfte er mich auf die Schulter und sprach: 10. O, der du schätzest nach Würden, was Man Schönes schreibet und Schönes spricht: Wie kann man einfach mit einem Worte: Feld-Narren sagen und anders nicht? Dann rief er: Ich bin noch nicht auf des Fasses Grunde, – ich muß noch einmal tränken in die Runde. – Worauf er von vornen anfing – und fragend den ersten anging: 11. Kluger. wenn du irgend Träger Ohne Trage sähest, sage, Welch ein Wort du brauchen würdest Statt der beiden: Ohne Trage? Worauf er heranbrach – und den zweiten anstach: 12. Edler. wenn dein Vatersbruder Ging im schlechten Wetter aus, Könntest du mit einem Worte Ihm nicht sagen: Ei! nach Haus! Worauf er sich wandte – und auf den dritten spannte: 13. Reicher! wer in deinem Hause Ist's, der lange dir zuvor war? Nenn ihn mir mit einem Namen, Welcher sagt: bejahrt und Vorfahr! Worauf er seitwärts schielte – und auf den vierten zielte: 14. Weidereicher. dessen Thäler Stehn von Bergen fest umhagt; Sage, was in Bergesklüften Nennt sich: Muhme wohlbetagt? Worauf er blinzte – und es auf den fünften münzte: 15. Frommer. schmachtet das Land nach Regen, Wie viel wert ist ein Tropfen dort! Betend sage zum Himmel: Feuchte Schicke! sag es mit einem Wort. Worauf er sich anließ – und den sechsten anblies: 16. O Schöner! mögest du mit Glück, Bestehen alle Fehden! Nenn einer Schönen Namen, der Bedeutet: wählte jeden! Worauf er sich rührte – und den siebenten in Versuchung führte: 17. Freigebiger! dem teuer Nicht seine Herden sind; O sag mit einem Worte: Schafräuber, komm geschwind! Worauf er sich bückte – und den achten mit dem Gruß beglückte: 18. Will denn der Lust des Lebens Sich mischen Gram ach immer? Komm, laß mit einem Worte Uns sagen: Gram ach nimmer! Worauf er vor dem neunten haltend, – ausrief, die Hände faltend: 19. O ihr, vor und hinter denen Liegen Länder unbezirket; Eh' ihr auseinander scheidet, Sag ein Wort euch: Freunde, wirket! Worauf er mich begrüßte – und den Abschied versüßte: 20. Hast du mit der Sonne Blicken dich geletzt, Sag mit einem Seufzer: Niederwärts zuletzt! Da brach die Gesellschaft aus – in Entzückungsbraus, – rufend: Sprich aus, sprich aus! – wer bist du? und wo bist du zu Haus? – Doch er stöhnte wie eine Söhneberaubte – und sprach mit gesenktem Haupte: Jeder Gebirgsweg ist mein Weg, Jedes Geheg' ist mein Revier; Aber Serug ist, wo sich hin Wendet mein Herz mit Schmerzbegier, Meiner Erinnerung Jugendbraut, Von ihr wehet der Wind zu mir. Von den Abendfliegen durchtönt, Ihrer geschmückten Gärten Zier; Was einst dort ich an ihr geschaut, Zeugt im Auge nun Thränen hier. Nichts des Lieblichen war mir lieb, Und nichts Süßes mir süß nach ihr. Der Erzähler spricht: Da sprach ich zu den Genossen: – das ist Abu Seid, von Serug entsprossen, – des Geistes ewig wechselnder Farbendunst, – der Schönheit immer wallende Feuersbrunst; – Rätselspiele sind das Geringste seiner Kunst. – Worauf ich anhob mit Brunst, ihnen sein Wert zu rühmen – und sein Verdienst in ihren Augen zu blümen. – Dann wandt' ich mich, siehe, da war er verschwunden, – und seine Spur ward nicht gefunden. Erklärung der Rätselworte. Frage: Wie sagt man mit einem Worte:         Antwort: 1. Löwen-Maul Leumund (Leu-Mund). 2. Gleich dem Klang Wiederhall (wie der Hall). 3. Adler-Kühnheit Armut (Aar-Mut). 4. Herbei Metall Kommerz (Komm Erz). 5. Halt ein, Immchen Rubinchen (ruh, Bienchen). 6. Zweimal rein Purpur (pur pur). 7. Nackt, bloß Barbar (bar bar). 8. Klinge, Frühlingsmond Schalmei (schall Mai). 9. Klare Sänger Hellebarden (helle Barden). 10. Feld-Narren Autoren (Au-Thoren). 11. Ohne Trage sonderbare (sonder Bahre). 12. Ei, nach Haus Oheim (o heim). 13. Bejahrt, Vorfahr Altan (alt Ahn). 14. Muhme wohlbetagt Basalt (Bas' alt). 15. Feuchte schicke Tausende (Tau sende). 16. Wählte jeden Koralle (kor alle). 17. Schafräuber, komm geschwind Wolfeile (Wohlfeilheit). 18. Gram ach nimmer Harmonie (Harm o nie). 19. Freunde, wirket Brüderschaft (Brüder schafft). 20. Niederwärts zuletzt abendlich (ab endlich). 22. Der Kadi von Saade. Hareth Ben Hemmam erzählt: Als meine Jugend stand im Saft, – mein Wuchs war wie der Lanze Schaft – und antilopengleich meiner Läufe Kraft; – führten die wechselnden Wanderpfade – mich einst nach Saade . Elsada , eine Hauptstadt in Jemen , 60 Parasangen von Sana . – Und als ich mich ergötzt an ihrer Au – und mich geletzt an ihrem Tau, – erkundigte ich mich bei den kundigen Kennern – nach irgend einem Ausbund von Männern, – der ein Edelstein wäre von reiner Glut – und ein Schacht von Edelmut, – daß er mir in Bedrängnis dienen möchte zum Horte – und gegen drohendes Verhängnis zum Porte. – Da ward mir gepriesen – und angewiesen – ein Kadi des Orts, dessen Erbschaft Adel – und dessen Erwerbschaft war Untadel, – ein Temimer Temim , ein edler und um seinen Edelmut gepriesener Volksstamm. wie von Geblüte – so von Gemüte. – Da säumte ich nicht, mich mit ihm zu verbinden; – und versäumte nichts, um ihn mir zu verbinden; – und so durch meiner Dienste Emsigkeit, – wie durch meiner Besuche Seltenheit Den Freund nicht so oft zu besuchen, ist eine den Arabern sehr geläufige Klugheitsmaxime. – sucht' ich ihm mich zu machen so unentbehrlich – als unbeschwerlich; – bis ich ward der Schatten seiner Säle – und das Echo seiner Seele, – der Gesellmann seines Schmauses – und der Selman seines Hauses . Selmanu beitihi , der Selman seines Hauses, eine sprichwörtliche Bezeichnung für vertrautester Freund. Selman, der Perser, von Ramahormus, kam zu Mohammed und bekehrte sich zum Islam, im ersten Jahre der Hedschra. In der Überlieferung heißt es: Der Prophet sprach: Ich bin der Vorgänger der Araber zum Paradies, und Selman der Vorgänger der Perser. Desgleichen: Gott geruht bei Selmans Geruhn und zürnt bei seinem Zürnen. Und wieder: das Paradies ist sehnsüchtiger nach Selman, als Selman nach dem Paradies. – Er starb in Madain, im Jahre 36 der Hedschra. – Während nun mein Gaumen süß war von seinem Bienenstock – und mein Geruch gewürzt von seinem Blumenstock, – pflegte ich beizuwohnen den Parteienzwisten – und zu vermitteln zwischen Moslemen, Juden und Christen. – Als der Kadi nun saß und der Geschäfte pflag – an einem drangvollen, gedrängvollen Gerichtstag, – trat auf ein Scheich mit dürftigem Gefieder, – dem zu zittern schienen die Glieder; – der, nachdem er die gedrängten Haufen – hatte mit Wechslerblicken Prüfend, ob, wo und wie für ihn hier ein Geschäft zu machen sei. durchlaufen, – äußerte gegen den Kadi, es folg' ihm ein Gegner, – ein verstockter, verwegner. – Und es währte keinen Augenblick, – keinen Wimpernick, – da trat herein mit stolzem Genick – ein Bürschchen gleich einem Hirsche, – zart von Flaum wie eine Pfirsche. – Und der Scheich sprach: Gottes Macht stütze – den Richter, daß er das Recht schütze. – Hier, mein Pflegesohn, ist ein stöckiges Pferd, – ein eingestocktes Schwert, – ein Bogen, ein unbiegsamer, – ein Zögling, ein unfügsamer, – ein Schreibekiel, ein knarriger – und scharriger, – ein störriger Bursch und starriger, – starrsinniger, trotzköpfiger, hartnäckiger, halsstarriger, – mir unwillfährig und fahrig, – widerspenstig und widerhaarig. – All seine Art ist Unart – und jede seine Fahrt eine Unfahrt; – Widerwart ist sein Kleid – und Widerpart sein Geschmeid, – mein Verdruß ist sein Genuß und meine Lust sein Leid. – Wenn ich vor will, hüfet er, – wenn ich befehle, prüfet er; Den Befehl, statt ihm zu gehorchen. – was ich eingebe, stößt er aus, – was ich anblase, bläst er aus; – was ich rate, steckt er in die löcherichte Tasche, – was ich brate, wirft er mir in die Asche. – Und ich hab' ihn gezogen und gepflogen doch, – von dem an, da er auf den vieren kroch, – bis nun er fliegt in den Lüften hoch, – und war ihm mit früher und spater – Vorsorg' und Fürsorg' ein Rater und ein Vater. – Dem Kadi schien die Klage schwer, – er blickt' im Kreise seiner Leut' Der Amtsgehilfen und Gerichtsdiener, die den Kadi umgeben. umher, – und sie zeigten sich erstaunt wie er. – Dann sprach er: Ich bezeuge beim höchsten Throne, – Söhne sind des Vaters Ehrenkrone; – aber Kinderlosigkeit ist minder – und Kinderverlust gelinder – als Ungehorsam der Kinder. – Kühleres Auges Das kühle Auge ist eine Bezeichnung für Lust, Befriedigung, Wohlbehagen; sein Gegensatz ist das heiße Auge, das von Krankheit oder Begierde entzündete. ist Unfrüchtigkeit Mangel an Leibesfrucht. – als der Leibesfrucht Untüchtigkeit. – Da sprach der Jüngling, von dem Worte verletzt: – Bei dem, der die Richter eingesetzt – und sie zu Fug und Macht hat befugt und ermächtigt. – zu welcher Klag' ist er berechtigt? – Wenn er betete, sprach ich Amen; – wo er säte, trug ich Samen; – er streute kein Körnlein, das mein Vogel nicht klaubte, Das Herz ist ein wilder oder freier Vogel, dem man Körner streut, um ihn zu kirren oder zu fangen. – und sagte kein Wörtlein, das mein Herz nicht glaubte. – Wo er verwehrte, war ich nicht schwierig, – wo er begehrte, war ich begierig; – er deutete keinen Weg, den ich nicht ging, – und schlug keinen Funken, der bei mir nicht fing. – Nur daß er gleich den Unzufriednen – sich nicht bescheidet mit dem Beschiednen; – er sucht vom Hahne Eier – und am Kamele Flügel wie am Reiher. – Der Kadi sprach: Womit hat er dich gedrängt – und deinen Dienstgehorsam überangestrengt? – Der Jüngling sprach: Seit die Hand ihm leer ist – und der Kasten ihm nicht mehr schwer ist, – mutet er mir zu, mich auf den Bettel zu legen, – bei des Reichtums Wolken zu flehn um Regen, – um seine Vertrocknung zu wässern – und seinen Schaden zu bessern. – Und doch, als er einst mich in die Lehre nahm – und mir einflößte die Grundsätze der Sitt' und Scham, – prägte er mir ein, daß Begehrlichkeit – sei für das Gemüt eine Fährlichkeit, – das Heischen eine Beschwerlichkeit – und das Betteln eine Unehrlichkeit. – Damals gab er aus diesem seinem Munde – mit seinen Reimen mir diese Kunde: Begnüge dich mit Kleinem und sei dankbar; Genügsamkeit vergrößert kleine Späne. Vermeide Gier. Der Geier ist verachtet, Unedel ist die fräßige Hyäne. Bewahr' des Mundes Anstand, dem es wohlsteht, Daß er sich schließ', und übel, daß er gähne; Sich aufsperre, schnappe; hiare, inhiare . Nicht schänd' um Großmutstau von fremden Händen Mit des Verlangens Wasser deine Zähne. Sich den Mund wässern lassen vor Begierde. Erniedrigst du, daß dich erheb' Erhörung, Dich erst zur Bitt'? – O bleib in deiner Pläne! In der Mitte zwischen Erhöhung und Erniedrigung. Verteid'gend deine Ehre mit des Stolzes Gefühl, als wie der Löwe seine Mähne. Drück zu dein Auge, wenn dich drin was drücket, Daß selbst dein Augenkind Die Pupille des Auges. nicht seh' die Thräne. Dein Kleid, zerrissen sei's, nur deine Ehre Sei fleckenlos wie das Gewand der Schwäne. Er sprach's, doch der Alte murrte, – fuhr den Sohn an und knurrte: – Schweig, Ungeratner. Du harte Stirn und steifer Rücken, – du Vaters Halswürgen und Herzdrücken. – Was? willst du deine Mutter das Gebären – und deine Amme das Säugen lehren? – Wahrlich, das Schlängelchen will an den Drachen – und das Fohlen an den Hengst sich machen. – Dann, als ob ihn gereute sein Wüten – und seine Liebe ihn triebe zu vergüten, – sah er ihn an mit dem Blicke der Zärtlichkeit – und neigte ihm zu den Fittich der Väterlichkeit, – sprechend: O weh, mein Söhnlein! Wem Genügsamkeit ist empfohlen – und Bewahrung der Ehre befohlen, – das sind die Herren vom reichen Erbe, – die Besitzer von Gewerb und Erwerbe. – Aber die nichts haben zu speisen, – denen erlauben alle Weisen, – in der Not zu brechen das Eisen. – Und wie hast du nun diese Lehre vergessen, – da du selbst einst, vom Geiste besessen, – deinem Vater zu Gemüt führtest dein Ermessen? – oder wessen sind diese Verse, wessen? Kannst du leugnen, daß sie von dir sind? Sitze nicht im Hunger und im Kummer still, Daß die Welt sag': o welch edler Weiser! Sieh doch selber, ob ein baumentblößtes Land Besser sei als eins voll grüner Reiser! Achte die Bedenklichkeit der Thoren nicht; Dürrer Fruchtbaum ist ein kahler Speiser. Treibe dein Kamel von da, wo Durst dich plagt, Hin, wo's regnet lauter oder leiser. Flehe von der Wolken Füll', und wenn der Mund Feucht dir ward, sei er des Segens Preiser; Und versagt man, nicht entehrt Versagung dich; Alles ist gewährt selbst nicht dem Kaiser. Als nun der Kadi sah des Jünglings ungebührliche Zwiefalt, – zwischen seinen Worten und seinen Werken die Zwiespalt; – sah er ihn an mit Blicken vom Zorne heiß – und rief: Wie? bist du hüben schwarz und drüben weiß? – hier von Temim und dort von Keiß? Keiß Ailan , der Stammgegensatz zu Temim . Beide Stämme sind meist miteinander in Streit und Feindseligkeit. Das Sprichwort sagt also: Auf beiden Achseln tragen. –Pfui dem Manne, der eidechselt, Chamäleonisiert. – nach der Sonne Stand die Farben wechselt. – Wie zerbrichst du die Worte, die du gedrechselt. – Da sprach der Jüngling: Bei dessen Macht, – der dich den Menschen zum Schlüssel des Rechts gemacht. – mein Gedächtnis verging in der Not, – und mein Geist ward stumpf vom Mangel an Brot. – Übrigens, wo ist auch noch ein offenes Thor, – aus dem sich streckt eine offene Hand hervor? – wo lebt noch jetzt, – wen es ergötzt, wenn er letzt, – und wer sich glücklich schätzt, wann er vorsetzt? Nämlich Speise einem Gaste. – Der Kadi sprach: Gemach! – dein Wind geht zu jach. – Unter der Spreu ist wohl ein Korn, – oder eine Rose ist am Dorn. – Nicht alle Sommerwolken trügen, – und nicht alle Blitze der Hoffnung lügen. – Du mußt lernen unterscheiden – und nicht absprechen unbescheiden. – Als der Scheich nun sah, – was dem edlen Kadi geschah, – wie er der Wohlthätigkeit Sache mit Eifer verteidigte – und der Angriff auf sie ihn sehr beleidigte, – dachte er sofort, wie es ihm möchte gelingen, – die temimische Großmut zu zwingen, – das Wort des Mundes mit der That der Hand zu unterstützen, – und verfehlte nicht die Zeit zu nützen, – daß er, weil es Flut war, sein Netz ausspannte – und seinen Fisch briet, weil das Feuer brannte. – So hub er an: O Kadi, dessen Edelmut und Adel Fest gleich dem Berge Radhwa steht gegründet! In seinem Unverstand behauptet dieser, Kein Milder sei, so weit die Welt sich ründet; Und weiß nicht, daß du bist von jenem Stamme, Des Gabenfüll' als Manna sich verkündet. So gieb, daß mit dem Spunde der Beschämung Der Lügenmund des Leugners sei verspündet! Gieb, daß ich froh von deinem Antlitz gehe, Zum Loblied deiner Hilf' und Huld entzündet. Sprach's, und den Kadi freute sein Wort, – und er spendete ihm aus seinem Hort; – wandte sich dann zum Sohne – und sprach mit verweisendem Tone: – Siehst du nun, wie dein Vorwurf war unrecht – und deine Beschuldigung unecht? – Sei künftig nicht vorschnell zu richten und zu bezüchten, – und verwirf keinen Baum als nach geprüften Früchten. – Und hüte dich vor Widersetzlichkeit – gegen deines Vaters Unverletzlichkeit. – Wo du noch einmal wirst widerstreben, – so werd' ich, was du verdienst, dir geben. – Da schickte sich der Jüngling zur Buße – und fiel seinem Vater zu Fuße, – dann hüpfte er auf und entsprang, – und der Alte folgte ihm und sang: Wen irgend betroffen ein Leid und ein Schade, Der möge nur kommen zum Kadi von Saade! Durch Weisheit vernichtet er alle Gewesnen, Die Künftigen alle beschämt er durch Gnade. Der Erzähler spricht: Mein Sinn lag in Zweifelsfalten – über den Jungen und den Alten, – so lang' ich sie hörte ihre Reden halten; – doch wie sie weg waren, ward mir's klar, – daß es der Seruger und sein Sprößling war. – Obgleich mir nun ging das Licht auf, – doch steckt' ich dem Temimer es nicht auf, – und bis zu unserer Bekanntschaft Ende – verdarb ich ihm nicht die Freude an seiner Spende. 23. Der großmütige Wali. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich liebte, seit mein Gefieder trieb – und meine Feder schrieb, – die Bildung zu machen zu meinem Wege – und Entwildung zu meinem Weidegehege, – mich einzuflüren auf der Sitte Fluren – und nachzuspüren ihrer Tritte Spuren, – mich nach ihren Kunden zu erkundigen – und Kundschaft zu halten mit ihren Kundigen, – mit ihren Siegelführern und Schatzwahrern, – ihren Ausspendern und Aufsparern, – ihren Aufsehern und Schachtfahrern. – Und fand ich deren einen, der mir ein Licht aufsteckte, – oder mir einen Gasttisch deckte, – so neigt' ich ihm meine Flügel – und gab ihm meine Zügel, – oder hielt ihm den Bügel; – wiewohl ich nie einen fand, der dem Seruger mochte gleichen, – oder ihm durfte das Wasser reichen, – ihm, dessen Wolke führte Regen und Hagel, – dessen Schlag traf auf den Kopf jeden Nagel, – dessen Pflaster stets deckte das wunde Fleck – und dessen Mittel nie verfehlte den Zweck; – nur daß mehr noch, als seiner Füllen, – waren seiner Hüllen – und er dabei schneller kreiste – und unversehner reiste, – als ein Sprichwort Scharid. ein Landflüchtiger, nennt man ein Wort oder Lied, das schnell von Mund zu Mund, von Ort zu Ort läuft. durch die arabischen Nationen, – oder der Mond durch die himmlischen Stationen. – Und ich, aus Begierde, ihm zu begegnen, – scheute nicht von den Orten die entlegnen, – noch von den Zeiten die ungelegnen – und machte mir zu einem Genusse – das Reisen, das Gott gemacht hat zu einer Buße. – Als ich nun gelangte nach Merw , – war es mir nicht herb, – als mir's ein Vogel sagte im Flug – und ein Orakel ohne Trug, – daß ich ihn finden sollte ohne Verzug. – Und ich suchte ihn, wo nur Menschen gasteten, – oder Karawanen rasteten, – doch fand ich von ihm weder Tapfe noch Stapfe, – noch einen, der mit ihm getrunken aus einem Napfe; – bis daß die Spitze des Verlangens sich stumpfte, – die Knospe der Hoffnung verschrumpfte – und das Korn der Begierde verdumpfte: – da war ich eines Tages bei dem erlauchten Wali von Merw, – der reinen Adel hatte zum Erb – und keinen Tadel zum Erwerb; – siehe, da trat Abu Seid herein im Gewande eines Bedürftigen – und mit der Gewandtheit eines Unterwürfigen – und grüßte den Wali, wie die Fronenden – grüßen einen thronenden, – dann sprach er: Wisse (mögest du vor Scham bewahrt sein – und vor Gram gespart sein!) – daß, die sich befinden in den hehren Würden, – gesucht sind von denen mit den schweren Bürden – und daß, die da stehen auf den hohen Stellen, – bei ihnen die Hoffnungen sich einstellen – und ihren Tritten und Schritten – nachstellen die Wünsch' und die Bitten. – Der Glückliche aber ist, der, weil sich ihm hold das Glück weist, – keinen Unglücklichen zurückweist, – der gern von der Fülle seiner Güter steuert – und dem Kummer der Gemüter steuert – von dessen voller Scheuer – leer ausgeht kein Scheuer, – der von sich abwendet den Überdruß, – indem er ausspendet den Überfluß, – der ausschließlich in sein Erbarmen – einschließet alle Erb-Armen, – der alle, die ohne Haus und Hof sind, – rechnet zu seinem Haus und Hofgesind – und so, als ob er für sein edles Harem stritt', – aller Edlen Harm vertritt. – Du bist nun, Gott sei gepriesen, der Fürst der Zeit – und der Fürst des Landes weit und breit, – der Port der Bitten, – der Hort der Sitten, – das Mark, von dem die Hoffnung erstarkt, – der Wünsche stark besuchter Markt, – die Tränke, zu der die Reiterscharen – lenken und preisend weiter fahren, – der Hof, wo zum häufigen Besuche – zuhauf sich drängen die Gesuche: – Und Gottes Gnad' ist groß über dir, – und seines Segens Hand ist bloß über dir. – Er mache hoch die Säule deines Rauches – und tief die Fülle deines Schlauches. – Er lichte nie deines Baumes Schatten – und lasse dein Kamel nie ermatten. – Ich aber bin ein Alter, Armer, – jetzt so kalter als einstmals warmer, – dessen Jugend-Aar-Mut – ausschlug in Greisen-Armut. – Ich komme her vom versiegten Bronnen, – von der Wohnung der siechen Wonnen, – um aus deinem Meer zu schöpfen, – unter dem Heere von deiner Gnade Geschöpfen. – Die Hoffnung im Beter – ist bei Gott sein Vertreter, – und des Flehenden Zuversicht ist Beschwörung – von des Angeflehten Erhörung. – So thu an mir, wie dir's wohlsteht, – und laß es mir nicht übel gehn, wie dir's wohlgeht. – Gott hat es gut gemacht mit dir, – so mach es gut mit mir. – Thu deine Hand nicht zu vor meiner aufgethanen – und laß sich einthun bei dir den vom Glücke Ausgethanen. – Denn, bei Gott, nicht bereichert – sich, der da speichert; – nichts aufrichtet, – wer aufschichtet; – wer scharrt, erstarrt; – wer häuft, ersäuft; – der Fromme aber ist, der da giebt, wo er hat; – und liebt da, wo er Gutes that. – Dann hielt er inne und spähte in den Zügen, – ob die Zweige seiner Rede Wurzel schlügen – und Früchte trügen. – Der Wali aber, daß er mehr die Tiefe – und Untiefe des Geistes seines Gastes prüfe, – daß er probe die Güte seines Feuerstahls – und die Gewalt seines Wasserstrahls, – blickte zu Boden nachdenkend, – doch sein Schweigen war dem Abu Seid kränkend; – er sprudelte auf und sprühte – und sang aus zürnendem Gemüte: Verachte nicht (Gott schütze dich vor Frevel!) Verdienst, ob es in Lumpen sich vermumme. Und schmälre nicht des Ehrenwerten Ehre, Ob ihm die Zunge lallt sei, ob erstumme. Wirf Frucht herab, o Baum, wenn man dich schüttelt; Und lösche Durst, wenn du bist voll, o Kumme! Kumme, Kumpe, Gumpe: Schale, Schöpfgesäß. Des Mannes bestes Gut ist, was er hingiebt Für Lob und Lieder, die ein Reiter summe. Und niemals übervorteilt war der Käufer, Der hellen Ruhm gekauft für Gold, das stumme. Wär' Ehre nicht, wie dürft' ein Edler trachten Nach mehr Besitz als des Bedarfes Summe? Er sammelt, um zu streun; um es der Milde Zu eignen, strebt er nach dem Eigentume. Und wo er riecht des Dankes Duft, viel süßer Ist's ihm, als ob im Feuer Aloe glumme. Die offne Hand allein erwirbt sich Herzen, Nur Schmutz erwirbt der Finger sich, der krumme. Du sei ein Mensch und wirb um Lieb' und Achtung, Und laß das Vieh, daß es nach Futter brumme. Sei klug und hauche Leben deinem Gut ein; Im Grabe hütet toten Schatz der Dumme. Da sprach der Wali: Bei Gott, würdig des Lohnes bist du, – doch sprich, der Sohn welches Menschensohnes bist du? – Da schaut' Abu Seid ihn schief an – und hub tief an: Frage nach des Mannes Wert und nicht nach seinen Eltern, Ob sie wohnten unter Zelt und ritten auf den Zeltern. Schmeckst du Süßigkeit des Weins, des jüngern oder ältern; Ist er klar, was ist's, ob er entfloß gemeinen Keltern? Sprach's, und der Wali war von Ohr kein Tauber, – um zu widerstehn seinem Redezauber; – er erhob ihn über alles Gesinde – und stellte ihn sich näher, als der Beschneider dem Kinde. D. i. zu allernächst, sprichwörtlich, von der Stelle, die der Beschneider bei seiner feierlichen Operation einnimmt. – Er ließ den Schatzmeister hereinkommen, – bei dem er ihm anwies ein Einkommen, – das ihm erlaubte, lang zu machen seinen Schurz – und sein Nächte kurz. – So ging er von dannen schwer von Erzen – und leicht von Herzen, – doch ich folgte ihm auf dem Tritte, – haltend das Maß seiner Schritte, – und als wir uns wie Bekannte begrüßt hatten, – blieb ich in Merw sein Schatten, – so lang es das Glück mir wollte gestatten. – Und als mich das Schicksal von ihm schied, – gab er zum Abschied mir dieses Lied: Achte hoch die Kunst der Rede, Denn sie schlichtet jede Fehde. Hier zum Ruhm und dort zum Gute Von den Straßen weiß sie jede. Von den unfruchtbaren Wüsten Grünt ihr zu Gebot jedwede; Und an unbefahrnster Küste Findet sie wohl eine Reede. 24. Das beschworene Kind. Hareth Ben Hemmam erzählt: Seit meine Wange sich bräunte, und meine Mannheit blühte, – stand immer dahin meine Gemüte, – durch Wüsten zu fahren – auf Rücken von Dromedaren, – Bergkämme zu überklimmen, – durch Thalwindungen mich hinzukrümmen, – bis durchforscht war Gebahntes und Ungebahntes – und gesehen Geahntes und Ungeahntes, – kennen gelernt alle Furten und Tränken, – Straßen, Herbergen und Schenken, – bis die Hufe bluteten – und die Schweißlöcher fluteten, – die Renner und die Trager – müde waren und mager. – Als ich nun der Landreis' überdrüssig war – und ein Geschäft mich rief nach Sohar, Sohar , eine Handelsstadt auf der Küste von Oman . – dacht' ich das Meer zu wählen, – mein Heil dem schwebenden Schiff zu empfehlen. – Ich gesellte mir zu den Futtersack, – trug zu Schiffe meinen Pack, – stieg ein mit Vorsicht – und empfahl mich der himmlischen Vorsicht – mit Gebet und frommem Gelübd, – wie ein Mann, den seine Sünde betrübt. – Doch als im Schiff alles bereit nun war – zur Fahrt und zur Fahr, – hörten wir her vom Ufer – durch die finstere Nacht einen Rufer: – O ihr Herren vom starken Schiffe, – das schwebet über des Meeres Riffe, – durch die Weisheit des Allweisen! – wollt ihr nicht den Pfad euch lassen weisen, – daß ihr gelanget zum Hafen, – geborgen vor den Strafen? – Wir riefen: Zeig uns deinen Feuerbrand, Ein Zeichen der Leitung und Zurechtweisung. – reich uns deine Führerhand! – Er rief: Wollt ihr euch bequemen, – einen Sohn des Weges aufzunehmen, – dessen Tasche leer ist, – dessen Schatten nicht schwer ist, Dessen Nähe nicht belästigt. – dessen einziges Begehr ist, – daß er sein Haupt niederlege – irgend, wo es euch nicht ist im Wege? – Da lenkten wir ihm zu und nahmen – ihn auf in Gottes Namen. – Und als er nun betreten die Bretter, – sprach er: Ich flüchte zum Helfer, zum Retter, – vor des Todes Wind und vor des Verderbens Wetter. – Wir wissen aus der heiligen Geschichte, – aus der Glaubensväter Berichte: – Gleichwie Gott der höchste wollte, – daß ein Unwissender lernen sollte, – also hat er auch gewollt, – daß ein Wissender lehren sollt'. – Ich aber weiß einen Segenspruch, – gezogen aus dem heiligen Buch, – einen Rat, – bewährt durch die That, – ihn euch vorzuenthalten wäre Verrat; wenn ihr ihn höret und merket, – seid ihr gegen Furcht gestärket. – Dann schwieg er eine Frist, und dann mit lauter Stimme – rief er wie im Grimme: – Wißt ihr, was das ist? – Das ist der Hort der Reisenden, – der Meeresflut-Durchkreisenden, – vor jeder Gefahr ein Schutz, – gegen jeden Sturm ein Trutz; – durch ihn war Noah wohlbehut – am Tage der Flut – und das ganze Heer der Lebendigen, – wie uns des Korans Zeichen Die Verse des Korans werden Zeichen genannt. verständigen. – Drauf stimmt' er in höherem Chor an – und sprach den Vers aus dem Koran, – mit der Stimme des Gebetes: – »Steiget ein! in Gottes Namen steht es und geht es.« Nämlich das Schiff oder die Arche Noahs; ein bewunderter Koranvers. Aus solche Weise werden allerlei Fetzen dieses Buches, die man mehr oder minder passend anwendet und deutet, mit buntem Redeprunk verbrämt und schriftlich oder mündlich als Bann- und Schutzformeln gebraucht. Unser Mann aber führt hier diese geistliche Posse, die zwar die müßigen Hörer erbaut, aber dann bei eintretender Gefahr gar nicht weiter in Betrachtung kommt, er führt sie nur wie zu einer eigenen Unterhaltung auf, gleichsam als eine Übung in seiner Kunst, oder als Vorspiel zu dem wichtigeren Beschwörungsakt, der weiterhin den eigentlichen Inhalt dieser Makame ausmacht. – Dann seuft' er einen Seufzer wie ein Verliebter, – oder wie ein in Gott Betrübter – und sprach: Ich habe nun überliefert die Sendung, – bei euch steht die Nutzanwendung, – und ich nehme Gott zum Zeugen gegen eure Verblendung. Eine Nachäffung des im Koran in mannigfaltigen Wendungen Wiederholten: daß der Prophet seine Schuldigkeit gethan habe, die ihm anvertraute Sendung oder Mahnung zu überliefern, und für deren Nichtannahme nicht verantwortlich sei. – Und (fuhr Hareth Ben Hemmam fort) – uns erstaunte seiner Wohlredenheit Wort, – und mit ehrfurchtsvollem Herzpochen – sprachen wir den Vers nach, wie er ihn gesprochen; – worauf wir, furchtbeschwichtigt, – alles glaubten berichtigt – und uns hielten so sicher in unserm Boote, – wie die Kicher in ihrer Schote. – Mir aber war es bei seiner Stimme Laut, – als hätt' ich schon einst sein Antlitz geschaut; – ich sprach: Bei dem, der das Trockne beherrscht und das Feuchte! – bist du nicht Abu Seid , die serugische Leuchte? – Er sprach: Ja, der Morgen – bleibt der Welt nicht verborgen. – Da pries ich glücklich die weite Reise, – die mich vereint mit dem edlen Reise, – und entdeckte mich ihm gleicherweise. – Wir ließen das Schiff nun schweben, – das Meer blieb eben, – die Luft ohne Beben – und herrlich und in Freuden unser Leben. – Ich war ihm so hold, – wie ein Reicher seinem Gold, – und sah mit Lust sein Angesicht, – wie ein dem Kerker Entsprungener das Licht. – Sein Wort war mir Erquickung, – daß ich vergaß jeder Schickung,– und hangend am Zauber seiner Lippen, – dacht' ich nicht an Sturm und Klippen. – Bis plötzlich der Himmel wollte, – daß ein Donner rollte – und ein Südwind stürmte, – der Wolken und Wogen türmte. – Wir vergaßen im Munde den Bissen Brot, – von jeder Seite klopfte ans Schiff der Tod. – Da erschien uns, wie ein Heiland – in der Not, ein Eiland; – dem beschlossen wir zuzulaufen, – vorm Schnaufen des Sturms dort auszuschnaufen. – Und da lagen wir in verlassener Bucht, – harrend, mit unsers Schiffleins Wucht. – Doch lange blieb der Wind verkehrt, – und der Reisevorrat war aufgezehrt. – Da sprach Abu Seid zu mir: das Lungern – führt zum Verhungern; – Früchte sammelt man auf den Zweigen: – willst du mit mir zu Lande steigen, – ob sich uns mög' ein Glückstern zeigen? – Ich sprach: Wie dein Schatten schweb' ich an dir, – wie deine Sohle kleb' ich an dir. – Da sprangen wir miteinander – ans Land als wie zwei Panther, – mit frischem Mut und welkem Magen, – um eine Beute uns aufzujagen. – Wir durchschnoberten alle Ecken – und durchstoberten alle Hecken, – bis wir standen vor einem hohen Schloß, – mit ehernen Pforten, weit und groß, – davor ein stattlicher Bediententroß. – Wir wendeten zu ihnen uns heiter, – glaubten gefunden zum Baum eine Leiter – und hofften für uns gewonnen – einen Eimer zu dem Bronnen. – Aber wir sahn an ihnen – der Bekümmernis Mienen, – wie Schafe, denen des Wolfes Klau' im Felle war. – Wir sprachen: O du Dienerschar! – woher ist dieser Kummer? – Doch sie starrten wie im Schlummer, – und keiner gab mehr Antwort als ein Stummer. – So war uns das Feuer als Irrlicht geschwunden, – und wir hatten statt Wassers Dampf gefunden. – Wir sprachen: Schwarz werde das Angesicht – dem kargen Wicht – und dem selber, der ihn um Huld anspricht! – Aber da trat hervor – einer aus dem Chor, – von Jahren gebeugt, – von Zähren feucht, – und sprach: O wollet uns nicht fluchen, – nicht mit Leid uns noch mehr heimsuchen. – Wir haben vollauf genug an dem Gram, – durch den uns die Lust zu reden verkam. – Abu Seid sprach zu ihm: Hauch aus, was dich enget, – sprich aus, was dich dränget. – Ich bin ein Arzt, der alles heilt – und jeder Krankheit einen Namen erteilt. – Jener sprach: Der Herr dieses Schlosses – und Gebieter dieses Dienertrosses – ist der glänzende Himmelspol, – um den sich dreht dieser Insel Wohl. – Er ist dieses Schachbrettes König, – dem wir als Läufer und Springer sind frönig; – nur daß er selber nimmer kummerfronlos war, – weil er immer sohnlos war. – Er bestellte aufs beste sein Frauengemach – und ließ nicht mit frommen Gelübden nach; – bis es nun hieß: Es wird dir ein Sprößling, – von der schönsten Palme des Harems ein Palmenschößling. – Da ward kein Opferbrauch verfehlt, – Tag' und Monate wurden gezählt; – und als es nun an der Zeit war, – Wieg' und Wickelband bereit war – und man hoffte, daß ihrer Hoffnung Bürde – die Trägerin erledigt würde; – da verließen uns des Himmels Gnaden, – sie kann sich der Bürde nicht entladen, – wir fürchten, Kalb und Kuh nimmt Schaden. – Seitdem hat keiner den Schlaf geschmeckt, – und die Tafeln werden umsonst gedeckt. – Da brach er aus in Thränen und in Gewinsel – und erfüllte mit Anrufungen Gottes die Insel. – Doch Abu Seid sprach: Gieb dich zufrieden. – ein Gruß des Heils ist euch beschieden: – ich bring' ein Angebinde, – das hilft jeder Mutter von ihrem Kinde. – Da rannten die Diener zu ihrem Herrn – und brachten ihm Kunde vom aufgegangenen Stern. – Und wie man umkehrt die Hand, – kam ein Herold gerannt, – in das Schloß uns einzuführen, – und wir traten in die Thüren. – Da rief der Herr dem Abu Seid entgegen: – Gottes Segen auf deinen Wegen – und all mein Gut – in deine Hut, – wenn dein Wort nicht lügt, – und dein Hort nicht trügt! – Fertige uns deine Zauberschrift! – Da forderte Abu Seid einen Schreibestift – und von Meerschaum eine feine Scheibe, – berührt von keinem unreinen Weibe, – auch aufgelösten Saferan; – alles das bracht' ihm ein Sklav' heran. – Da neigte er sich zu Bodem, – zog in Demut an den Odem, – dann haucht' er einen Seufzerstrom – zum Himmelsdom, – drauf ergriff er den Stift, und ich sah ihn schreiben – mit Safrantinten auf Meerschaumscheiben: Ungeborner! laß dir Gutes raten; Guter Rat ist eines Gläub'gen Pflicht. Wohlgeborgen bist du, wohlberaten, Hinterm Schlosse, das kein Mensch erbricht. Was du thust, kein Lauscher kann's erraten; Wo du schläfst, da wacht kein Bösewicht. Nicht von Freunden siehst du dich verraten, Und dich schreckt kein Feindesangesicht. Willst du doch nicht unsrer Welt entraten? Willst du sehn der Sonne falsches Licht? Bleib! es möchte dir nicht wohlgeraten; Gieb nicht Wirklichkeit hin für Gedicht! Nun, dein Bestes hab' ich dir geraten; Doch ich wette drauf, du thust es nicht. Darauf zerrieb er das Beschriebene, – spuckte dreimal aufs Zerriebene, – drehte daraus ein Klümpchen – und wickelte es in ein Lümpchen,– worauf er sprengte Ambradüfte – und befahl, an die Hüfte – es zu hängen der Kreißenden – im Namen des ewig zu Preisenden. – Da währte es nicht eines Trinkers Zug, – nicht eines Pulses Flug, – nicht einen Blitz der Gedanken, – da brach das Kind aus den Schranken – durch des Meerschaums Eigenschaft – und durch des Allbarmherzigen Kraft. – Das ganze Gebäude – geriet in Freude, – daß vor Lust die Leute wankten – und die Pfeiler schwankten. – Sie umringten den Abu Seid, – den Retter aus Leid, – stritten sich um seine Hand – und rissen sich um sein Gewand. – So verehrten sie ihn, – daß es mir schien, – er sei der Karanide Oweis – oder der Asadide Dobeis. – Dann ward ihm aus Hab' und Wohnung – solche Gab' und Lohnung, – daß Genüge ihm war beschert – und seines Wunsches Antlitz verklärt. – Und nie ging ihm aus diese Einkunft, – seit dem Tage der Niederkunft, – bis daß nun ruhig das Meer ward – und rätlich für uns die Weiterfahrt. – Da es nun sollte gehn nach Oman , – sah Abu Seid der Gaben Strom an, – und es schien ihm für einmal genug, – er schickte sich an mit uns zum Zug. – Aber der Herr wollt' es ihm nicht erlauben, – er wollte seinem Hause nicht lassen den Segen rauben; – er sollte bei ihm bleiben an Freundes Platz, – mit einer freien Hand in seinem Schatz. – Da sah ich wohl, wie er sich neigte – zur schönen Aussicht, die sich ihm zeigte, – und ich verwies ihm den Wankelmut, – daß er wollte um Geld und Gut – aufgeben seine Genossen – und die Rückkehr ins Land, dem er entsprossen. – Doch er sprach im Grimm:– Laß ab von mir und vernimm: Ein Thor, wer nach der Heimat strebt, Wo er verbannt, verachtet lebt. Verlasse du ein Land, wo sich Das Flache über Berg' erhebt. Erniedrige dich selbst nicht dort, Wo nur dein Fuß im Kote klebt. Durchzieh die Welt! dein Vaterland Ist da, wo dir das Herz nicht bebt. Schad' um den Wunsch, der heimwärts zieht, Schad' um den Seufzer, der entschwebt! Du weißt es, daß im Vaterland Der Edle niemals Ehr' erlebt, Der Perle gleich, wenn sie im Haus Der Muschel ihren Wert vergräbt. Dann sprach er: Du weißt genug; – thue danach, so bist du klug. – Da gestand ich meine Schuld – und bat um seine Huld. – Doch er entschuldigte mich – und entschuldigte sich; – dann gab er mir noch Reisezehrung, – und versagte mir auch nicht des Geleites Gewährung, – mich führend, wie ein lieber Verwandter thut, – bis das Schiff mich nahm in seine Hut. – Doch der Abschied von ihm war mir ungelind, – ich verwünschte die Mutter samt dem Kind. 25. Die Ehescheidung. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich stand im Begriffe, mit vielen andern – aus Tebris zu wandern, – weil die Lust dieser Stadt versiegt war, – die eben vom Hunger bekriegt war. – Während ich nun mit eiligem Schritt – die Straßen durchschnitt, – beschäftigt mit Reisevorbereitung – und mit Aufsuchen einer Begleitung, – begegnet' ich Abu Seid von Serug , den bedrängte ein Harm, – weil an ihn sich hängte ein Weiberschwarm, – wie Bienen an des Zeidlers Arm. – Und ich fragt' ihn, wohin er sich schleppe – mit seiner unbequemen Schleppe? – Da seufzte er schwer – und deutete auf eine im Heer, – in deren Gebärden zu sehn war die Widersetzlichkeit – und aus ihrem entschleierten Antlitz die Unergetzlichkeit; – und sprach: Die hab' ich gefreit, – daß in der Fremde sie mir sei zur Bequemlichkeit – und von mir nehme des ehelosen Lebens Grämlichkeit; – doch sie macht mir Unannehmlichkeit. – Sie spielt gegen mich den Mann – und sinnt mir mehr an, als ich leisten kann; – ich bin wie ein abgetriebnes Tier vermagert – und auf Distel und Dorn gelagert. – Nun gehn wir zusammen zum Richter, – daß er werd' unsres Handels Schlichter, – sei's nun gütliche Entscheidung, – oder die Scheidung, die Scheidung. – So sprach er, da dacht' ich doch, ich könnte nicht aus Tebris gehn, – ohne den Verlauf dieser Sache zu sehn, – und ich schob mein Geschäft auf die Seiten, – um sie zum Richter zu begleiten. – Der war nun einer, der schwer herausruckte – und der vor Sparsamkeit nicht ausspuckte, – der wegwarf keinen zerbrochenen Zahnstocher – und seine Herzensthür verschloß vor dem Anpocher. – Doch Abu Seid, als er vor ihm erschien, – hockte sich nieder auf den Knien – und rief: Gott erleuchte den Kadi und segne ihn! – Mein Reittier hier ist bockig, – muckig und stockig, – ob ich gleich ihr thue, was billig, – und ihr zu Willen bin willig. – Da sprach der Kadi zu ihr: – Wehe dir! – weißt du nicht, daß Störrigkeit den Herrn beleidigt – und verdient, daß man sie mit Streichen schmeidigt? – Doch sie sprach: Er ist ruchlos und gnadlos, – geht nebenhinaus pfadlos – und hält sich beim Nachbar schadlos; – er läßt mich allein haushalten, – wie soll ein Weib das aushalten? – Da sprach der Richter zu ihm: Schmach über dich! Bist du einer von den Leckern, – die da säen auf fremden Äckern – und hecken außer dem Neste? – pfui, dein Ding steht nicht aufs beste. – Doch Abu Seid sprach: Beim Schöpfer der Quellader – in der Felsquader, – sie ist verlogener als Ummo Sader . Geschichtlich sprichwörtlich. Aber im Texte steht hier Sedschahi , die liederliche Lügenprophetin, die zu ihrem Genossen in der folgenden Note gehört. Sie reimt im Arabischen, wozu sie im Deutschen nicht taugte. Ich weiß nicht, wo ich ihre Stellvertreterin, die Ummo Sader , hergenommen habe, doch wird sie wohl irgendwo im Hariri selbst stehen. – Sie rief: Nein, bei dem, der den Strauß beschwingt – und den Hals der Ringeltaube beringt, – der die Milch bekrönt mit dem Rahme, – er ist lügenhafter als Abu Thumame , – als er faselte in Jemame . Sprichwörtlich. Dieser Abu Thumame ist der geschichtlich bekannte Morseilama , der Gegenprophet in Jemame, der dem neugepflanzten Islam viel zu schaffen machte. – Da zischte Abu Seid, wie eine Flamme zischt, – und sprudelte des Zornes Gischt, – rufend: Schweig, Anbrüchige, – Übelrüchige, – Schandenrüchige, – du ihres Mannes Marterpfahl – und der Nachbarschaft Qual; – lässest du zu Haus mich nicht ruhig schlafen – und willst noch vor den Leuten mich Lügen strafen? – Und weißt doch, daß, als ich dich bekommen – und dich in Augenschein genommen, – ich dich fand beschaffen – häßlicher als einen Affen, – ausgetrockneter als einen Riemen, – hartleibiger als einen Pfriemen, – schwärzender als Tinten, – verbitternder als Koloquinten, – unwillkommner als eine Eule, – unbequemer als eine Beule, – lästiger als den Dumpf, – fauler als einen Sumpf, – dummer als das Kraut Ridschlet Eine Pflanze, die auch Hamka , die dumme, heißt, weil sie so nah an den Rand der Flüsse sich stellt, daß sie der Strom mit fortreißt. – und weitläufiger als den Fluß Didschlet . Der arabische Name des Tigris. – Doch ich deckte deine Blößen – und stieß mich nicht an deinen Verstößen. – Aber nun, und wärst du Schirin mit ihrer Pracht – und Zobeide Die Gemahlin des Kalifen Harun Alraschid , die jedermann aus tausend und eine Nacht kennt, nur dort viersilbig statt dreisilbig, mit eï statt ei geschrieben, was die deutschen Übersetzer den französischen nicht hätten nachthun sollen. Die letzteren haben einen guten Grund zu dieser Schreibung, weil ihr ei nicht wie unseres und das arabische klingt. mit ihrer Macht, – Bilkis Bilkis , die Königin von Saba. mit ihrem Witze, – Buran Buran ist doppelt vorhanden, einmal eine Tochter des Chosru Perwis , die nach ihres Vaters Tode etwas über ein Jahr regierte, sodann die hier gemeinte, deren Vermählung mit dem Kalifen Almamun eine Erzählung von Tausend und eine Nacht ausmacht (Bändchen 13, S. 37. Hagen), wo aber die Beschreibung der Pracht und des Reichtums bei der Hochzeit, was eigentlich der historische Kern ist, ziemlich undeutlich ausgefallen. Sie saß dabei auf einem sagenhaft berühmt gewordenen, von Goldfäden gewebten Teppich, worüber ihre Großmutter Perlen ans goldenen Schüsseln ausgoß. Seltsamerweise hat man dort aus des Kalifen verwunderndem Ausruf: » Katalanillah «, d. i.: »Gott verdamme mich!« einen Poeten Katel-Allah gemacht. mit ihrem Sitze, – Zabba Zabba , die kriegerische Königin von Mesopotamien. Ihren Namen hat sie selbst von ihren langen Haaren, oder diese in der Sage von ihrem Namen. mit ihrem Haar, – Zerka Zerka, die Fern- und Scharfsehende. mit ihrem Augenpaar, – Rabiat Rabiat, die Tochter Ismaels aus Basra, die berühmteste aller durch Frömmigkeit berühmten Frauen. Glaubwürdige Zeugen sagen, daß sie in einem Tag und einer Nacht 1000 Rukets gebetet, und als man sie fragte: Warum thust du das? sprach sie: Nicht als gutes Werk um der Belohnung willen, sondern daß es den Propheten Gottes freue, am Tage der Auferstehung, daß er spreche zu den andern Propheten: Sehet hier ein Weib von meinem Volke! Sie pflegte auch zu sagen: Ich hörte nie den Gebetrufer, ohne daß ich an den Herold des jüngsten Gerichtes dachte, und sah nie einen Heuschreckenzug, ohne daß ich an die Auferstehung (das dortige Gedräng und Gewimmel der Scharen) dachte. mit ihrer Andacht gar, – Chindaf mit ihrem Stolz und ihren Söhnen, – Chansa mit ihren schönen – ihres Bruders Tode geweihten Trauertönen; – und hättest du alles Gute und keinen Fehler, – doch möcht' ich dich nicht zur Stute für meinen Beschäler – noch zum Schrank für meine Gerätschaft, – noch zum Siegelwachs für mein Petschaft. – Sprach's, doch sie zum Kampfe stürzte sich, – streifte den Arm auf und schürzte sich – und rief: O du, schmutziger als Madir Madir war ein Mann, der seine Brunnentränke mit Unrat verschmierte, damit kein anderer seine Kamele mit dem Reste des Wassers tränken möchte. – und unseliger als Kaschir Kaschir war ein Beschäler, der keine Stute besprang, ohne daß diese davon starb. Man sagt auch, damit sei ein unfruchtbares Jahr gemeint, so benannt von Kaschar , schälen, weil es den Erdboden von Pflanzen schält. – und verzagter als Safir Sasir , d.h. der Pieper, ein Vogel, der sich nachts an einen Ast mit den Füßen, den Kopf unterwärts, anhängt und so die ganze Nacht durch piepet, um nicht einzuschlafen, aus Furcht vor Raubvögeln und Tieren. – Aber wird er nicht gerade diese herbeipiepen? – und unsteter als Tamir Ben Tamir . Ein mythischer Mann von besonderer Flüchtigkeit, oder auch ein Floh; Tamir Ben Tamir bedeutet Hupfer oder Hupfersohn. – Schießest du nach mir deinen Pfeil – und legst an die Wurzel meiner Ehre dein Beil? – und weißt doch, daß du unnützer bist als eine Schote ohne Same – und gebrechenreicher als das Maultier des Abu Dulame , Abu Dulame , Hofpoet und lustiger Rat des Kalifen Almansur . Er ritt ein Maultier, das war blind, lahm, stöckig, schlug vorn und hinten aus, biß die Leute, ließ sich nicht zäumen noch beschlagen; wenn es pißte, nahm es den Schwanz zwischen die Beine und spritzte dann damit die Leute. Wenn es Abu Dulame ritt, liefen die Jungen ihm nach und lachten ihn aus. Er ritt es aber im feierlichen Aufzuge der Kalifen und der Großen, um sie lachen zu machen; er dichtete auf dasselbe auch eine Kasside, worin er dessen Fehler aufzählte. – zäher als ein Filz, – schwächer als ein Pilz, – ungebetner als Stechen in der Milz; – gefräßiger als der Rost, – unerquicklicher als ein Frost; – unanständiger als in Gesellschaft ein Wind, – unverständiger als ein Rind, – kahler als räudige Füchse, – verirrter als eine Mistfliege in eines Würzkrämers Büchse. – Doch gesetzt, du wärest Hassan im Predigen – und Koß im Zweifelsfragen Erledigen – und Schabi an Gedächtniskraft – und Chalil an Sprachwissenschaft – und Gerir im Liebesgedicht – und Abd Elhamid im Redegewicht – und Abu Amru an Schriftauslegung – und Ben Koreib an Geschichtenprägung – und arabischer Kunden Hegung; – meinst du, daß ich dich möchte zum Roß meiner Weide, – oder zum Schwerte meiner Scheide? – Nein, bei Gott, noch zum Imam meiner Kapelle, – noch zum Pförtner meiner Schwelle. – Da sprach der Richter zu beiden in der Kürze: – Ich seh', ihr paßt zusammen wie Topf und Stürze. – Du Mann, laß deine Unhuldigkeit – und thu ferner deine Schuldigkeit; – und du Weib, steh ab von deinem Schimpf – und die Last, die er dir auflegt, trage mit Glimpf. – Da sprach das Weib: Bei Gott, ich werde nicht weichen, – er werde mir denn Kleider reichen; – und ich ergebe mich nicht in seinen Willen, – oder er muß erst meinen Hunger stillen. – Da vermaß Abu Seid sich hoch und teuer, – er habe nichts zu ihrer Bedürfnisse Steuer, – als einen leeren Sack – und kummerschweren Pack. – Doch der Richter, der sich auf seine Leute verstund, – sah mit einem scharfen Blicke der Sach' auf den Grund; – er wandte sich zu ihnen mit Stirnekrausen – und sprach mit Brausen: – Ist's nicht genug, vor meinem Angesichte zu thören, – mit eurer Geschichte den Ernst der Gerichte zu stören, – daß ihr noch wollet von den Worten des Unfuges – ansteigen zu den Werken des Betruges? – Bei meinem Eid! euer Steiß hat die Grube verfehlt, – und euer Pfeil hat die Halsgrube gefehlt. – Der Emir Elmumenin Der Fürst der Gläubigen, der Kalife. – (Gott erhalt' ihn und den Glauben durch ihn) – hat mir meine Stelle verliehn, – um die Rechte der Parteien zu schützen, – nicht um Betteleien zu unterstützen. – Und bei seiner Gnade, die mich bekleidet – mit der Gewalt, die fügt und scheidet! – gebt ihr nicht sogleich Auskunft von dem Zweck eures Handels – und von den Winkelzügen eures Wandels; – so lass' ich euch im Land ausschrein – und mach' euch zu einem Beispiel für groß und klein. – Da blickte Abu Seid starr, als ob er Geister beschwöre, – dann rief er laut: Höre! Höre! Ich bin der von Serug , und dieses ist mein Weib; Der Mond nur ist der Sonne Spießgeselle. Nie kam in mein' und ihre Zärtlichkeit ein Bruch, Der Mönch ward untreu niemals seiner Zelle; Noch ward die Anstalt meiner Landbewässerung Vergeudet, daß sie fremden Boden schwelle. Doch seit fünf Tagen teilen wir das Los der Stadt, Und unsrer Nahrung ist versiegt die Quelle. Wie fest wir ihn geschnürt, wir konnten nicht dem Hund Des Hungers wehren, daß er widerbelle. Als wir vergessen, wie ein Schluck, ein Brocken schmeckt, Und trocken war der Mörtel unsrer Kelle; Als guter Rat so teuer, und so wohlfeil uns Das Leben war, entschlossen wir uns schnelle, Vom Haus zu gehn halb Leichen, eh wir Leichen ganz Uns tragen ließen über seine Schwelle. Das lecke Schiff lief aus mit der Verzweiflung Mut, Daß es erwerbe oder gar zerschelle; Und einem Groschen nachzustellen, stehn wir nun In der Verstellung Kleid an dieser Stelle. Die Armut kann wohl einen, der mit Heldenmut Geprahlt hat, dazu bringen, daß er prelle. Dies ist mein Zustand nun, und dies ist mein Gewerb': Du von der Schuld zieh ab die Unglücksfälle! Und gieb mir Kerker oder Tod, gieb Leben mir, Zumiß mir, was du willst, du hast die Elle. Da sprach der Richter; Mache frei deinen Odem – von der Verzweiflung beengendem Brodem! – Ich will dir deine Ränke schenken – und mit einem Geschenke dich bedenken. – Da rüttelte sich das Weib und richtete sich empor – und auf die Zuschauer deutend, trug sie vor: O Volk von Tebris , einen Kadi gab dir Gott, Der bünd'ger ist als einer, den man je pries; Nur daß er von den Schalen der Gerechtigkeit Heut eine füllte und die andre leer ließ. Als unsrer Not gemeinschaftliches Schifflein hier Die Luft der Hoffnung seiner Großmut herblies, Hat er ein Paradies dem Alten aufgethan, Doch aus dem Himmel mich verbannt wie Eblis . Eblis , diabolus , Teufel. Er weiß wohl nicht, daß auf der Reitkunst Webstuhl ich Allein dem Alten Faden und Geweb' wies? Und daß, wenn ich im Stich ihn wollte lassen, er Wär' ein Gelächter jetzt dem Volk von Tebris . Der Erzähler spricht: Als der Kadi sah, wie ihrer beider Herzen Verwogenheit – glich ihrer beider Zungen Verlogenheit, – merkt' er, daß ein Unheil klopf' an seinen Laden – und ihn treff' ein unheilbarer Schaden; – daß, wenn er den einen der Gatten wollte beschwichten, – ohne sich zugleich den andern zu verpflichten, – sich seine Mühe würde so vernichten, – als wollt' er ein Gebet ohne Abwaschung Ohne vorhergegangene Abwaschung ist das gesetzliche Gebet des Moslems ungiltig. verrichten. – Da brustete er und brummte, – hustete und hummte, – rüstete sich zum Sprechen und verstummte, – drehte sich links und drehte sich rechts, – mit Gestöhn und mit Geächz, – und schmähte auf die Kadiwürde – und die Anhängsel ihrer Bürde, – den verachtend, der sie für etwas achtete, – und als Thoren betrachtend den, der nach ihr trachtete. – Dann ächzte er wie ein Geplünderter – und lechzte wie ein Entkinderter, – rufend: O Schicksal ohnegleichen! – will man mich mit doppelten Ruten streichen? – soll ich die Parteien mit meinem Geld vergleichen, – und es bei keiner lassen fehlen? – Woher nehmen und nicht stehlen? – Dann wandt' er sich zu seinem Thürsteher – seiner Geldgeschäfte Fürsteher, – und sprach: Befrei mich von den zwei Prahlern – und stopf ihnen den Mund mit zwei Thalern. – Dann entferne den Chor – und schließe das Thor – und laß ausrufen: Heut ist ein Unglückstag, – wo den Kadi traf ein Schlag, – daß er keine Parteien mehr hören mag. 26. Die Rätsel. Hareth Ben Hemmam erzählt: Mich zog einer Neigung Hang – und eines Verlangens Drang, – zu werden der Sohn jedes fernen Weges – und der Bewohner jedes fremden Geheges; – wobei ich doch nie durchritt ein Thal, – oder trat in einen Gesellschaftssaal, – ohne daß mein Wunsch war befeuert – nach Bildung, die der Unlust steuert – und den Wert des Mannes teuert; – bis an mir davon die Farbe geblieben – und die Eigenschaft davon mir ward zugeschrieben, – und ihre Art fester an mir haftete, als die Liebe am Stamme der Benu Odhra , Ein arabischer Volksstamm, der, wenn man den Sagen glaubt, aus lauter auf den Tod Verliebten bestanden haben muß. Seine Jünglinge starben ganz gewöhnlich an Liebesverzehrung, und darum ist er wohl ausgestorben. – oder die Tapferkeit an dem Hause des Abu Sofra . – Als nun mein Reisekamel sich gelagert in Negran – und ich dort Freunde und Bekannte gewann, – wählt' ich ihre Gesellschaften zu meinen Weideplätzen, – und zu meinem Tag- und Nachtergötzen; – wo ich früh und spät verweilte – und Frohes und Trauriges teilte. – Während ich mich nun befand in einem besuchten Kreis – von ausgesuchtem Preis, – ließ sich bei uns nieder ein Greis, – dessen Gewand war verwittert – und seine Kraft zersplittert; – der grüßte mit dem Gruß eines Süßmundigen – und der Zunge eines Wortkundigen, – sprechend: O ihr Monde der Geselligkeit, – ihr Meere der Gefälligkeit. – der Morgen ist für den, der zwei Augen hat, klar, – und der Augenschein ersetzt ein Zeugenpaar; – für meine Sache spricht mein Kleid und mein graues Haar. – Wie ist euch nun ums Gemüte? – erweist ihr einem Bedürftigen Güte – oder weist ihr ihn ab, daß Gott verhüte? – Sie riefen: Du hast hier Störung gebracht – und den Brunnen, wo du schöpfen wolltest, versiegen gemacht. – Da beschwor er sie um Gott, was sie denn bewege, – ihm so schnöde zu weisen die Wege? – Sie sprachen: Wir haben hier aufeinander mit Rätseln gezielt, – wie man am Tage der Schlacht mit Geschossen spielt. – Da enthielt er sich nicht, von dergleichen Fehden – gering zu reden – und diese Kunst – für nichts Besseres zu erklären als Dunst. – Doch die Sprecher des Volks begannen auf sein Erfrechen – mit den scharfen Lanzen des Tadels einzustechen, – sodaß er bereute zur Gnüge – seinen Vorwitz und seine Rüge. – Sie aber, wie gegeben war das Zeichen zum Streite, – drangen auf ihn ein von jeder Seite, – bis er sprach: Mein Volk! die Milde behauptet den Thron; – stehet ab von eurem wilden Drohn. – Kommt heran, daß wir Rätsel spielen – und bestimmen, wer zuerst soll zielen. – Da verstummte das Schlachtgeheul – und löste sich der verworrene Knäul;– sie nahmen an den Antrag – und willigten ein in den Anschlag, – mit der Bedingnis Anhang, – daß er selber mache den Anfang. – Da hielt er inne nicht länger, als bis man ein Schuhband – aufband oder zuband, – dann rief er: So hört, und Gott baue fest eures Wohlstandes Steinwand, – und euer Preis vor der Welt sei ohne Einwand! – worauf er anhub zu rätseln über die Luftfache von Leinwand: Eine Leinwand, in der Höhe des Daches über den offenen Raum des Hauses ausgespannt, die, an einem Seil gezogen, sich durch die ganze Länge des Raumes hin und wieder bewegt, um Kühlung zu verbreiten, insbesondere wenn man die Mittagsruhe halten oder auch zu Nacht schlafen will. Sie wird natürlich nur in der heißen Jahreszeit gebraucht und dann mit Wasser benetzt, auch wohl mit Rosenwasser besprengt. Die Magd, die durch das Haus von einem Ende Zum andern läuft und umkehrt ohne Stocken; Leicht, ohne aufzufußen, schwebt sie nur; Ihr Amt ist, mit Erfrischungen zu locken. Ihr Kleid ist, wenn sie dient, im Sommer feucht, Im Winter aber, wenn sie feiert, trocken. Dann rief er: Vernehmet, und grün sei euer Heil, – Überfluß euer bestimmtes Teil! – worauf er rätselte vom Palmenseil: Ein Seil von Palmbast, das man gebraucht, um die Palme zur Ernte der Datteln zu ersteigen. Der Sohn, der, seiner Mutter Entnommen, längst verschmachtet, Und nun der Mutter Nacken Neu zu umschlingen trachtet. Wann ihr der Mutter Schätze Zu plündern Anstalt machtet, Dient euch der Sohn zum Helfer Und wird dafür geachtet. Dann rief er: Merkt auf, ihr, deren Witz trifft das Ziel – und deren Geist die Schwierigkeit macht zum Spiel! – worauf er rätselte vom Schreibekiel: Es geht ein unvernünftiges Geschöpf, Geführt von kund'ger Hand auf glatten Flächen, Und sein gespaltner Huf drückt Spuren ein, Worüber Denker sich den Kopf zerbrechen; Und wenn's auf seinem Gange durstig wird, Tränkt man dazwischen es an trüben Bächen. Dann rief er: Nun, o ihr Blumen der Weisheitstrift, – hört, was alles Gehörte übertrifft. – worauf er rätselte vom Augensalbestift: Ein feiner metallener Stift, womit man die schwarze Schminke oder Salbe ans Auge bringt, die nicht nur den Glanz des Auges erhöht, sondern auch die Sehkraft stärkt, insbesondere aber im Alter den grauen Wimperhaaren ein jugendliches Ansehen geben mag. Ein schmächt'ger Mann hat zu bedienen Zwei sich in allem gleiche Fraun, Die frischer sind nach der Bedienung Und jugendlicher anzuschaun. Er giebt den Vorzug keiner Schwester Sie teilen also sein Vertraun Daß er von der zu der sich wendet, Sie wechselweise zu betaun. Die Liebesopfer, die er sparte, Als beide waren jung und braun, Vermehrt' er, als sie grau geworden; Das ist bei Männern selten, traun. Dann rief er: O ihr Goldmünzen vom echten Schlage, höret, und Gott verschlag' euch nicht am jüngsten Tage! – worauf er rätselte von der Zung' an der Wage: Welche Zunge, die nicht spricht, Giebt verlässigen Bericht? Schlichtet anders kein Geschäft, Als mit Nachdruck und Gewicht, Gold und Silber gilt ihr gleich, Doch das Mehr und Minder nicht. Sie befriedigt die Partein, Wo sie sitzet zu Gericht, Ob sie gleich im Ausspruch schwankt: Eben das ist ihre Pflicht. Wie die fünfe waren entflogen, – legt' er nieder den Bogen – und sprach: Mein Volk! nun nehmet diese fünfe zur Hand, – wie die fünf Finger einer Hand, – überleget wohl – und erwäget euer Wohl! – Seid ihr mit dem Beschiednen zufrieden, – so sind wir in Frieden geschieden; – doch verlangt ihr die zweite Hand, – so bin ich bei der Hand. – Sprach's, und die Leute, hingerissen vom Verlangen, – wie ihnen der Rätsel Sinn war verhangen, – riefen: Unsere Schwinge ist zu schwach, – uns zu tragen deinem Adler nach; – doch willst du die zehn voll machen, so mach! – Da trat er auf im Triumph, – wie ein Sieger auf der Feinde Rumpf, – dann mit nachlässigem Ermatten – sprach er das Rätsel vom Schatten: Ein starker Baum, der giebt es, Ein schwacher Mann, der scheint's. Das Glück auf Erden ist es, Mit jedem sich vereint's. Und es vergeht, o Wunder, Beim Untergang des Feinds. Dann that er, als ob er gähne, – worauf er rätselte über die Zähne: Ein innerhalb der Pforte Gereihter Doppelchor, Die einer nach dem andern Sie richteten empor, Bis einer nach dem andern Sich wiederum verlor. Sie sind der Schmuck der Pforte, So lang sie stehn im Flor, In solchem Kleid, wie Lilie Und Perle sich erkor; Ein Mißstand ist's, wenn zwischen Den Weißen steht ein Mohr. Von ihren Hellebarden Ist nicht gesperrt das Thor; Sie schmeid'gen nur, was eingeht, Und prüfen es zuvor, Doch dienen zur Verstärkung Dem, was da geht hervor. Dann lacht' er unmäßig – und sprach rätselnd von Wein und Essig: Geboren ist's von reinem Stamm, Bösartig ward's im Haus von Scherben. So lang es gut ist, taugt es nichts, Es droht, o Moslem, dir Verderben; Wenn's in Verderbnis übergeht, Wird es die Reinheit erst erwerben. O Wunder, wer als Sünder lebt Und als ein frommer Mann kann sterben. Dann that er wie einer, der sich erschöpft hat, – und rätselte vom Schöpfrad: Ein Wesen zwischen Luft und Wasser, Halb Fisch, halb Vogel, sich bemühnd, Stets von sich selbst hinabgezogen, Wie's aufzustreben sich erkühnt; In seiner Arbeit kläglich stöhnend Und unablässig Thränen sprühnd, Es darf in seiner Qual nicht rasten, Als bis dadurch der Boden grünt. Dann schnürt' er zum Abzug sein Bündel – und rätselte von der Spindel: Ein altes Weib, das flink sich dreht, In dessen Fleiß sich kleidet Der Araber, der Städte baut, Wie der Kamele weidet, Doch, wie es jede Blöße hüllt, An Nacktheit immer leidet, Weil es um andrer willen stets Von seinen Füllen scheidet. Dem dieses Weibs gleicht mein Geschick, Wer ist, der es beneidet? So hab' ich meines Geistes Schätz' In Rätseln hier vergeudet. Sprach's, da trieb sich das Nachdenken durch die Irrgänge des Wahns, – und die Vermutung stumpfte sich die Spitze des Zahns, – bis der Zeitverlauf war erheblich – und der Kraftverbrauch vergeblich. – Als er nun sah, daß sie schlugen, Nämlich Feuer. und es nicht fing, – daß sie Lust trugen, und es nicht ging – sprach er: Mein Volk, wie lange wollet ihr passen, – oder auf euch passen lassen? – Ist es nicht Zeit, die Fahnen aufzustecken, – oder aber das Gewehr zu strecken? – Da sprachen sie: Bei Gott! du hast es scharf gewürzt – und hart geschürzt, – alles Wild ist in deine Netze gestürzt. – Verfüg' über uns als dein Eigentum, – hinnehmend die Beute samt dem Ruhm. – Da setzt' er auf jedes Rätsel einen Satz, – den er sie zahlen ließ auf dem Platz, – dann brach er die Siegel – und löste die Riegel – und enthüllte ihnen der Einsicht Spiegel. – Und wie er befriediget ihre Gelüste, – den Pfad ihnen bezeichnet in der spurlosen Wüste – wandte er sich zum Fliehn; – doch der Obmann des Volkes hing sich an ihn, – rufend: Nach Sonnenaufgang ist kein Hehlen, – du sollst dich von uns hinweg nicht stehlen, – du entschädigest uns denn für die Trennung – durch deines Namens Nennung – und deines Stammes Bekennung. – Da blickt' er starr, als sei ihm was zugestoßen, – dann sang er, und seine Thränen flossen: Serug ist meiner Wonne Gebäud', Wo ich des Lichts zuerst mich gefreut; Doch, ausgeschlossen von meiner Lust, Mein Schmerz ist nun durch die Welt verstreut. O Angedenken, das tausendmal Im Kelche die Bitterkeit erneut. Kein Ort giebt Ruhe mir, keiner giebt Rast meinem Tiere, das wiederkäut. In Irak heut und morgen in Negd , Und traurig bin ich morgen wie heut. Ich friste mit Gram den Geist, und den Leib Mit Speise, wie man dem Hund sie beut. Ich übernacht', und kein Deut ist mein, Und auch kein Freund, der mir galt' einen Deut. Wer lebt, wie ich, der verkauft um Spott Sein Leben, ohne daß er's bereut. Dann nahm er unter den Arm sein Geld – und suchte das Feld. – Wir beschworen ihn mit Lobpreisung, – zu bleiben, und machten ihm hohe Verheißung, – doch bei Gott, er floh, und vergebens war unsre Befleißung. 27. Jungfrau und junge Frau. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich ward vom ungestümen Ritte – und vom Unglück, das verhängt war über meine Schritte, – verschlagen in einer Wüste Mitte, – worin ein Spürhund irre ging – und einen Schnapphahn wirre Furcht umfing. – Da empfand ich, was ein einsamer Verirrter empfindet, – und sah, wovor einem die Sehlust schwindet; – nur daß ich mein Herz ermutigte, das beengte, – und mein Tier antrieb, das angestrengte, – und ritt wie ein Mann auf Tod und Leben, – in die Hand des Geschicks gegeben. – Und ich ließ nicht nach mit Trott und Trab – und ritt eine Meile nach der andern ab, – bis der Tag löschte sein Licht, – und die Sonne verhüllte ihr Angesicht; – da schauderte ich, in die Nacht verloren, – unter dem Hereinbruch des Heers der Mohren: Der nächtliche Schatten. – Ich wußte nicht, sollt' ich in der Oede rasten, – oder durch die finstre Nacht hintasten. – Während ich so zweifelnd überlegte – und den Entschluß hin und wieder bewegte, – gewahrt' ich zwischen Busch und Fels – wie den Schatten eines Kamels. – Gleich dacht' ich, daß es sein könnt' ein Reittier, – dem freie Weide gönnte sein schlafender Reiter hier; – und behutsam und keck – wandt' ich mich hin nach dem Fleck. – Siehe da, mein Traum war ein Wahrsager, – es war eine Kamelstute derb und hager, – und daneben ihres Herrn Lager, – dem der Mantel umfaltete die Glieder – und der Schlummer salbte die Augenlider. – Da saß ich nieder zu Häupten – des vom Schlummer Betäubten; – bis er im Schlafe sich rührte, – das Augenband entschnürte – und meinen Überfall spürte. – Er zog sich scheu zurück – und rief: Glück oder Unglück? – Ich sprach: kein andrer – als ein verirrter Nachtwandrer. – Ich bringe dir keine Gefährde, – bringe du mir keine Beschwerde. – Er sprach: Gutes Muts, Freund. – Gutfreund ist besser als Blutsfreund! – ein Mensch findet manchen Bruder, – den nicht geboren seine Mutter. Sprichwörter. – Worauf aus meinem Herzen die Unruh' wich – und mein Auge Schlaflust beschlich. – Doch er sprach: Am Morgen lobt man die Nachtreise; – willst du dich bequemen meiner Weise? – Ich sprach: Ich stehe dir zu Gebot wie der Stern seinem Pole, – oder wie seinem Fuß die Sohle. – Da pries er laut meine Freundschaft – und jauchzte ob meiner Gemeinschaft. – Dann sattelten wir unverdrossen – und brachen zur Nachtfahrt auf entschlossen. – Und wir ließen nicht nach, mit dem Ritt uns zu rütteln – und die Schläfrigkeit abzuschütteln, – bis die Nacht war an der Grenz' ihrer Bahnen – und der Morgen erhub seine Fahnen. – Und als die Morgenröte die Sterne vertrieb – und nur der Morgenstern blieb, – sah ich beim ersten Licht – in meines Nachtgefährten Angesicht, – und siehe da, es war Abu Seid , der Erkorne, – das gesuchte Kleinod, das verlorne. – Und wir begrüßten uns, wie nach langer Trennung – zwei Liebende sich begrüßen bei ihrer Wiedererkennung; – dann tauschten wir Kund und Gegenkunde – und berauschten uns aus Freundesmunde. – Doch mein Kamel stieß Seufzer der Ermattung aus – und seines schwebte wie ein junger Strauß; – ich bewunderte seine Geduld im Rennen – und die Ausdauer seiner Sennen, – ich prüfte mit Blicken seine Eigenschaft – und fragte seinen Herrn, wo er es aufgerafft? – Doch er sprach: Ja, diese Kamelstute – hat eine Geschichte, die dem Ohre kommt zu gute – und zur Erquickung gereicht dem Mute. – Willst du sie hören, so laß uns hier Frührast halten, – wo nicht, so will ich sie für mich behalten. – Da hielt ich an mein mageres Tier – und schärfte mein Ohr mit Hörbegier. – Er aber sprach vertraut: – Wisse, daß ich sie erfeilschte in Hadhramaut – und mir um sie mehr Mühe gab als um meine Braut; – da fand ich an ihr, als ich sie erprobt, – mehr als der Verkäufer an ihr gelobt. – Ich reiste mit ihr nördlich und kreiste mit ihr südlich – und fand sie unerschöpflich und unermüdlich; – ich tummelte sie zwischen Ost und West, – und sie blieb mein Trost und mein Fest, – unzugänglich für Hitz' und Frost, – zulänglich war ihr die schmalste Kost; – sie begnügte sich ohne Klage, – zu trinken am dritten Tage; – unhalsstarrig – und ausharrig, – im Maule zart – und von Fersen hart, – deren Huf sich nicht klüftete – und deren Haut sich nicht rüftete, – unbedürftig des Pechpflasters, Das wunden oder räudigen Kamelen aufgelegt wird. – bar jedes Fehls und jedes Lasters. – Stet segelnd wie ein Schiff – durch des Sandmeers Riff, – stark regend beide Hüften, – wie ein Vogel die Fittiche in Lüften, – über die spitzigen Kiesel – hüpfend als wie ein Wiesel, – über Stock und Steinblock – setzend wie ein Steinbock, – von ihresgleichen unerreichbar, – nur dem Ur an Kraft vergleichbar. – Da ward ich vom Unglück heimgesucht, – und sie nahm die Flucht. – Aus ihrem Verlust kam mir Kummer, – der mir raubte die Lust zum Schlummer, – und um ihr Ausbleiben schmeckt' ich Gram, – der mir den Geschmack an der Nahrung benahm. – So blieb ich drei Nächte verlassen, – ohn' einen Entschluß zu fassen. – Dann ging ich aus, zu suchen auf allen Wegen, – an allen Lagerstellen und Weidegehegen; – doch ich fand kein Hoffnungslicht – und auch die Ruhe der Verzweiflung nicht. Nach dem Sprichwort: die Verzweiflung (Ausgebung der Hoffnung) ist eine der beiden Ruhen. – Die andre bessere ist die Erlangung des Wunsches. – Und so oft ich gedachte ihres Sprunges, – ihres vogelgleichen Schwunges, – entseelte mich der Gedanke, – und quälte sich mein Herz, das kranke. – Während ich nun an der gastlichen Flamme – mich wärmte von einem wandernden Stamme, – hört' ich von weitem einen Mann, – der den Ausruf begann: – Wer hat eine edle Reisegefährtin verloren, – die in Hadhramaut ist geboren? – Das Zeichen, an dem sie wird erkannt, – ist ihrem Hinterteil eingebrannt. – Sie ist von derbem Gestelle – und wohlgegerbtem Felle; – ihr Wesen ist sanft und weich ihr Rücken; – den, der sie drückt, wird sie wund nicht drücken. – Sie geht sich keine Schwiele, – jeder Gang gereicht ihr zum Spiele; – auf Wegen, welche holpern, – läßt sie ihren Herrn nicht stolpern. – Anhänglich und unterthänig, – gehorsam, nicht widerspänig, – ist sie schmiegsam am Riemen – und fügsam nach Geziemen, – eine treue Reisebegleiterin, – eine unermüdliche Schreiterin, – ein Schmuck jedem Reiter und jeder Reiterin. – Abu Seid erzählt: Der Ruf war mir zu hören so lieb, – daß ich dem Rufer nicht lange fern blieb; – ich trat ihn grüßend an und verehrt' ihn, – sprechend: Gieb mir meine Reisegefährtin! – Doch er sprach: Gott leite dich im rechten Gleise, – wer ist deine Gefährtin der Reise? – Ich sprach: Eine Kamelstute wie ein Bergeshaupt, – die vor edlem Mute schnaubt, – hochragend wie ein Hausgiebel, – und ihre Milch die Fülle der Kübel. – In Jebrin bot man dafür mir zweihundert, – doch ich wandte mich ab, ob der Ungebühr verwundert. – Wie der Mann hörte die Schilderung aus meinem Mund, – trat er zurück und erklärte rund: – Du bist nicht der Herr zu meinem Fund. – Doch ich fing an auf ihn zu keifen, – mich gegen ihn auf mein Recht zu steifen, – und gedachte beim Kragen ihn zu ergreifen. – Er aber sprach: Guter Freund! es ist dein Tier nicht; – der Zorn ziemt mir nicht und dir nicht. – Doch willst du, so komm vor den Richter dieses Stamms, – den Sichter des Lautern und des Schlamms, – den Schlichter in Sachen des Wolfs und des Lamms; – und schlägt er das Ding dir zu, so nimm es, – wo nicht, so entschlage dich deines Grimmes. – Da sah ich keinen Rat, um aus dem Kot zu bringen den Fuß – und hinunter zu schlingen den Verdruß, – als zum Richter zu lenken flink, – möcht' er nun recht sein oder link. – Da kamen wir vor einen gesetzten Alten, – der seinen Turban legte in wohlstehende Falten – und so sich hielt mit Gleichmute, – daß wohl ein Vogel ihm auf dem Haupte ausruhte. Das wird sprichwörtlich Vogelruhe genannt. – Anhub ich meine Beschwerden und Klagen, – und meine Gefährte schwieg, ohne ihm zu sagen: – bis ich meinen Köcher hatte geleert – und ausgelassen, was mein Herz beschwert; – da zog er hervor eine starke Sohle, – die auf schlimmem Wege gereicht dem Fuß zum Wohle, – und sprach: Diese hat mein Ausruf bezeichnet, – und ihren Eigenschaften war mein Lob geeignet. – Wenn es die ist, für die man ihm bot zweihundert, – so bin ich verwundert; – und entweder er hat übertrieben, – oder er spricht von zweihundert Hieben; – dann mög' es ihm den Rücken zu entblößen belieben, – ob dort der Beweis steht eingeschrieben. – Doch der Richter sprach: Gottes Wunder! – (und wendete die Sohle hinauf und hinunter) – diese hadhramautische Sohl' ist die meinige, – und unter den Kamelen in meinem Stall ist das deinige;– geh und nimm's in Empfang guten Mutes – und thue dein Lebenlang Gutes. – Da sprang – ich auf und sang: Ich schwör' es bei der Kaaba gottgeweihtem Rund, Bei der umkreisenden Besucher frommem Bund! Du bist der Ausbund der arabischen Richter und Der Bündigste, der je ums Haupt sich band den Bund. So lebe hundert Jahr als wie der Strauß gesund! Da erwiderte er ohne Umschweif – aus dem Stegreif: Hab Dank, mein Vetter, für den Dank aus deinem Mund, Weil rechtlich mir von dir kein Dank zu fordern stund. Der schlechtste Mann ist, dessen Wort das Recht macht wund, Dann der, des Hand veruntreut anvertrautes Pfund; Ganz gleich an Wert sind diese beiden und ein Hund. Dann fertigt' er einen Diener ab, – der mein Kamel mir übergab, – ohne Kostenvergütung – für Fütterung und Hütung, – und ich ritt von dannen in der Freude Trott, – sprechend: Groß ist Gott. – Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich rief: Beim Himmel, du hast mich entzückt; – wie kunstreich hast du dein Wort geschmückt. – Ich beschwöre dich bei den Namen Nämlich 99 oder 100. des Herrn, – sprich, hast du wohl nah oder fern – gefunden einen Beredtern als dich und einen Wortzauberkundigern? – Er sprach: Bei Gott, ja. – Höre, was mir geschah. – Ich ging, als ich kam nach Jemen , – damit um, ein Weib zu nehmen. – Als nun der Zeitpunkt heranrückte, – daß ich zum Werben mich anschickte, – nahm ich die Sache noch einmal in Überlegung – und zog die Folgen in Erwägung. – Ich verbrachte die Nacht im Schwanken – der hin und her bewegten Gedanken, – bis ich mit mir eins ward, früh aufzustehn – und auszugehn, – um dem ersten, der mir begegnen würde, – vorzulegen meine Herzensbürde. – Und als nun die Nacht ihr Zelt abbrach – und das Heer der Sterne floh mit Schmach, – stand ich früh auf vom Lager – wie ein Vogelflug-Befrager – und ging aus aufs Suchen, wie ein Hirt, – dem sich in der Nacht ein Vieh hat verirrt. – Da trat mir in den Weg ein junges Blut, – dem aus den Augen sah der Übermut; – doch die Schönheit, die alles macht gut, – stand auf seinen Wangen in Glut. – Einer seinesgleichen – schien mir ein gutes Zeichen, – und ich erbat mir seinen Beirat – über die Heirat. – Er sprach: Suchest du eine junge Frau, – oder eine Jungfrau? – Ich sprach: Ich geb' in deine Hand das Heft, – gieb du den Ausschlag im Geschäft. – Er sprach: Bei mir ist der Rat, – doch bei dir ist die That; – höre und laß dich erlösen – aus den Fesseln des Bösen. – Zuerst die Jungfrau ist wie in der Muschel die Perle, – wie im frischen Wasser die Schmerle, – das unberührte Ei im Neste, – die ungepflückte Frucht der Äste, – der Most im Fasse verschlossen, – dessen Süßigkeit niemand genossen, – und dessen Duft nur sich ergossen. – Sie ist die mängellose – unaufgeblätterte Rose, – der unbenagte Frühlingsstrauch, – der ungetrübte Morgenhauch, – das reine Feuer ohne Rauch; – eine unbeweidete Flur, – das Lamm vor der Schur, – ein neues Geschmeid', – ein ungetragenes Kleid, – ein Spiegel, vor dem sich niemand geschmückt – und dem noch kein Bild ist eingedrückt. – Kein Scherzender hat sie umscherzt, – kein Herzender hat sie geherzt, – kein Schmerzender hat sie geschmerzt; – ihre Sonne hat kein Gewölk überschattet, – und kein Traum hat sich ihrem gegattet. – Schamrot ist ihr Angesicht, – und verzagt ist, was sie spricht: – ihr Gemüt ist verhohlen, – und ihr Blick ist verstohlen. – Sie ist das neue Spiel, – das ungetroffene Ziel, – mit dem Knoten der Schwierigkeit geschürzt, – mit dem Reize der Neuheit gewürzt, – eine Schüssel ohne Sättigung, – ein Bett, das nicht alt macht, sondern jung. – Hinwieder die junge Frau ist ein gezähmtes Wild, – ein gebautes Gefild' – ein zugerittenes Tier, – eine bequeme Zier, – ein Kern ohne die Schalen, – ein Genuß ohne die Qualen, – eine Frucht, zu schütteln in der Reife, – eine leicht zu lösende Schleife. – Sie ist nicht spröde – und ist nicht blöde; – sie hat gelernt die Haushaltungskunst – und versteht, zu schüren die Brunst; – sie ist die Thür, die ist aufgethan, – wie du klopfest an; – sie ist der leicht zu ersteigende Baum, – das Roß, das schon gewohnt ist den Zaum, – das Maultier, das schon getragen den Saum, – der gemächliche Zelter – für den Reiter, der schwächer ist und älter; – die Suppe, die man nicht zu blasen braucht, – der Bissen, der nicht raucht, – der Löffel, der ist eingetaucht. – Sie ist der zugängliche Bronnen – der leicht zu schöpfenden Wonnen, – der gebahnte Steg, – der befahrne Weg. – Nun hab' ich dir die beiden gemalt, – wie jede in ihrer Weise strahlt; – auf welche geht nun deine Lieb' – und auf welche steht dein Trieb? – Abu Seid erzählte: Da merkt' ich wohl, daß er sei der scharfe Stein, – auf den zu treten bringt Schwielen ein; – doch ich sprach zu ihm: Ich habe gehört, Jungfrauenliebe sei wärmer – und ihr Herz an Verstellung ärmer. – Er sprach: Jawohl, das ist, was man spricht, – – doch was spricht man nicht! – Siehst du nicht? sie ist das unzugerittene Fohlen, – die unangeblasenen Kohlen; – sie ist die verdeckte Schüssel, – das Schloß ohne den Schlüssel, – die harte Nuß, die aufzuknacken – man anstrengen muß den Kinnbacken. – Sie ist das ungegerbte Leder, – die unabgeschriebene Feder, – die ungebeugte Ceder, – der neue Weg, auf welchem knarren die Räder. – In deinem Herzen erregt sie Aufstand, – in deinem Hause fordert sie Aufwand; – sie wird begehrlicher, je mehr du ihr giebst, – und gefährlicher, je mehr du sie liebst; – sie wird, weil sie reizt, sich spreizen – und mit ihren Reizen geizen – und dich zum Zorne reizen. – Ich sprach: Und was sagst du nun von der jungen Frau, – o du junger Pfau? – Er sprach: O weh, kann deine Begierde locken – ein von fremdem Zahn angebissener Brocken? – eine abgeschüttelte Krume, – eine abgefallene Blume, – eine abgedroschene Tenne, – eine abgespannte Bogensenne, – eine abgetretene Henne, – ein ausgebrannter Zunder und ein – abgeschlagener Feuerstein? – Ihr Herz ist ein Schrein, – einen Mann thut sie aus und den andern ein; – wie sie ist von dem einen geschieden, – wird sie beim andern nicht sein zufrieden; – sie ist reich an Vergleichen, – die dir zum Nachteil gereichen; – sie wird um ihren ersten stöhnen, – um ihren zweiten zu verhöhnen, – und um den zweiten sich nicht grämen, – um den dritten zu nehmen. – Ich sprach: Nun was rätst du mir dann, – o verständiger Mann? – Soll ich etwa ein Mönch werden, – um zu entgehn den Frauenbeschwerden? – Da hub er an, sich zu gebärden – wie ein Meister mit dem Schulstabe, – wenn sich vergeht ein Schulknabe, – und rief: Weh dir, willst du gehn auf den Spuren – derer, die zum Verderben fuhren? – Dein Verstand ist gewiß lahm, – sonst wüßtest du, daß »kein Mönchtum ist im Islam« Ein Hauptspruch der Überlieferung, der gleichwohl nicht allgemein gilt. – War dein Prophet, dem Gott gegnadet, – nicht geheiratet? – Und hast du nicht gehört, daß ein frommes Weib, – ist ein edler Zeitvertreib – und eine Wohlthat an Seel' und Leib? – die in den Augen wohlthut – und im Herzen macht wohlgemut, – ein Würze der Lebenskost, – eine Kühlung in der Hitz' und eine Wärm' im Frost; – die gehorchet ihres Mannes Worten – und schließt seines Hauses Pforten, – seine Begierden beschränket, – seinen Sinn zur Begnügsamkeit lenket, – daß er seinen Haushalt wohlbestellt – für diese und die künftige Welt. – Willst du werden zum Verräter – an der Satzung deiner Väter? – Willst du wie die Thoren verderben – und nicht wie die Frommen sterben, – die Gottes Segen erwerben – und hinterlassen Erb' und Erben? – Hui! wie bist du geblendet. – Pfui! wie hast du dich in meinen Augen geschändet. – Da wandt' er sich ab mit Grollen – und ließ mich stehen wie einen Tollen. – Doch ich rief: Gott verdamme dich! gehst du davon mit leichtem Mut – und lässest mich stehn in der Zweifel Flut – und in der Verzweiflung Glut? – Er rief: Ich denke, der Teufel – ist der Vater deiner Zweifel; – du scheinst dir nur nicht zuzutrauen, – deinen eigenen Acker zu bauen, – weil dir's dünkt bequemere Sache, – dich zu ernähren auf der Brache. – Da verschwand er, und ich stand beschämt, einen Knaben – in solchen Dingen um Rat gefragt zu haben. – Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich sprach: Beim Morgengeblök der Kälber! – Beim Segen aller roten Kamel' und gelber! – gesteh's, den Streit hast du mit niemand geführt als dir selber. – Da platzt' er in eine Lache – und schnauft' als wie ein Drache, – dann rief er: laß dir den Honig munden – und frage nicht, wo er ist gefunden. – Da hub ich an, herauszustreichen Kunst und Witz – und beiden den Preis zu reichen vor Geld und Besitz; – doch er blickte dazu, als versteh' er nicht, – und blinzte mich an, als seh' er nicht. – Dann, als sich breit meines Eifers Strom ergossen – für die Ehre der Kunst und ihrer Genossen, – sprach er: Still! – Höre was ich dir sagen will: Die Kunst ist, sagen sie, der Schmuck des Mannes; Ich bin ein unter diesem Schmuck Ergreister. Es ist ein Schmuck, der nur den Reichen schmücket; Wer hungrig ist, der wird davon nicht feister. O welche Ehre, daß von dir man sage: Das ist der Ausbund aller schönen Geister. Und wenn darauf nun wird gefragt: was ist er? Heißt es: ein Schreiber oder ein Schulmeister. Dann sprach er: Laß uns nur weiter gehn, – und du sollst die Beweise sehn. – Worauf wir die Tiere zäumten – und davonsprengten, daß sie schäumten; – bis wir wurden getragen vom scharfen Ritte – vor ein Dorf, wo ausgewandert war die Sitte – und wir wollten dringen in seine Mitte, – weil, da unser Futtersack leer war, – ihn zu füllen unser Begehr war. – Da kam, tragend ein Bündel Reiser, – ein junger Range, dem eben die Stimme ward heiser. – Ihn grüßte Abu Seid mit dem Gruß der Muselmanen – und begann, den Weg des Gesprächs zu bahnen; – doch der Junge sprach: Was begehrst du? geleite dich Gott! – Abu Seid sprach: Verkauft man hier etwa Rahm – für ein Epigramm? – Er sprach: Nein, bei Gott! – Oder eine Schote – für eine Ode? – Er sprach: Wahrlich nein, bei Gott! – Oder ein Fleischgericht – für ein Preisgedicht? – Er sprach: Nein, verhüte Gott! – Oder Grütze – für Witze? – Er sprach: Mitnichten, schweig, um Gott! – Oder eine Brotkrume – für eine Redeblume? – Er sprach: Wo denkst du hin? geh mit Gott! – Oder einen Topf voll Schmalz – für einen Kopf voll Salz? – Er sprach: Du faselst, behüte dich Gott! – Oder einen Dattelstiel – für einen guten Stil? – Er sprach: Was soll's? verdamm dich Gott! – Und Abu Seid gefiel sich, die Fragen zu mehren, – und ließ sich die Antworten nicht beschweren; – da merkte der Junge, daß es hab' einen Haken – und daß dem Alten ein Teufel sitz' im Nacken, – und sprach: Nun zur Genüge! – erspare dir deine Züge; – ich bin hier zu Haus – und weiß, wo du willst hinaus; – nimm die Antwort in Bausch und Bogen – und bleib mir gewogen! – In diesem Orte kauft man keine Witze für Weizen – und keinen Dünkel für Dinkel, – keine Prosa für Brosamen – und keine hochtrabende Verse – für eine trabende Färse; – keine neue Märe für eine alte Mähre, – keine Reden für ein Ried, – noch für Thon und Leden einen Ton und ein Lied. – Lokmann Ein im Koran gepriesener Weiser, auch der Äsop des Morgenlandes. kann mit seiner Weisheit Brocken – hier keinen Hund aus dem Ofen locken. – Hier ist keiner, dessen Gold klingt, – wenn man hold singt, – noch der da Honigseime bietet, – wenn man Reime schmiedet. – Hier gilt der Grundsatz: Kunst und Verstand – ist ein trockenes Weideland; – wenn das Land hat keinen Regen, – so bringt es keinen Segen, – und das Vieh wird's nicht mögen; – und also Weisheit und Kunst – ohne Geld und Gut ist umsunst, – bei der Welt ohne Gunst. – Worauf er den Rücken wandte – und seines Weges rannte. – Da sprach Abu Seid : Nun siehst du, die Kunst ist am Erblassen, – von ihren Beschützern verlassen. – Und ich rühmte seinen richtigen Blick – und beklagte der Kunst Geschick. – Doch er sprach: Lassen wir die gelehrten Fragen – und hören auf das, was heischt der Magen; – du wirst es mir bestätigen – das die Reime nicht sättigen: – welcher Rat ist also, den Brand zu dämpfen – und gegen das Verhungern anzukämpfen? – Ich sprach: ich gebe das Ruder in deine Hand, – siehe, wie du das Schifflein bringest vom Sand. – Er sprach: Mir fällt ein, hier dein Schwert zu versetzen – und dafür dich und deinen Gast zu letzen; – gieb, und mögest du inzwischen die Zähne wetzen, – bis ich komme, dich zu ergötzen. – Mir kam nichts Böses in den Sinn, – und ich reichte mein Schwert ihm hin; – da trieb er sein Kamel und ritt ohne Scheue – davon mit meinem Schwert und seiner Treue. – Ich wartete erst eine Weile, – dann setzt ich ihm nach in Eile; – doch ich war wie einer, dem im Sommer die Milch ausgegangen, Ein Sprichwort. – ich konnte weder ihn noch mein Schwert erlangen. 28. Der gastfreie Wirt. Hareth Ben Hemmam erzählt. Ich richtete in einer Nacht, kohlschwarz von Haar – und pechschwarz von Talar, – meine Fahrt nach einem Feuer auf einer Anhöh' entzündet, – von welchem Gastlichkeit ward verkündet. – Es war eine Nacht von kalter Luft – und rauhem Duft, – ihre Stirne verhangen – und ihre Gestirne gefangen. – Und mir war's kühler im Blut, – als einem Fisch in der Flut, – und luftiger um des Herzens Klause – als einem Vogel in der Mause; – nur daß ich mich mit Entschlossenheit befeuerte – und mein Kamel mit Unverdrossenheit steuerte, – bis der Feuerschürer mich spürte – und sein Ohr mein Hufschlag rührte; – da rannt' er heran in vollem Lauf – und sang hell auf: Gegrüßt, o Wandrer, der im Finstern schweift, Dein Auge hat der Feuerglanz gestreift Solch eines Manns, der sich auf Wohlstand steift, Der mit den Zehrern seines Guts nicht keift, Dem Kargheit nicht die Hand zusammenkneift, Der mit Begier den Ärmel aufgestreift, Nach Gästen, wie der Geiz nach Thalern, greift; Solch eines Manns, dem, wenn der Winter pfeift, Des Winters Frucht Das Feuer. in heller Halle reift; Der in dem Jahre, wo kein Brunnen läuft, Und wo die Wolke keinen Segen träuft, Für fette Gastkamele Messer schleift Und auf den Herd den Aschenhaufen häuft. Dann empfing er mich mit dem Gruß eines Demütigen – und bewillkommte mich mit dem Handschlag eines Grundgütigen, – führte mich zu einem Hause, dessen Euter sprudelten – und dessen Töpfe brudelten, – dessen Aufwärter flogen – und dessen Tische sich bogen; – wo an den Wänden Gäste saßen, die mein Fänger gefangen – und denen es wie mir ergangen, – die sich an der Wintersonne wärmten – und wie junge Mücken in Wonne schwärmten. – Doch ich fügte mich zu ihnen – und vergnügte mich an ihren vergnügten Mienen. – Als nun aufgetaut war der Frost – und aufgeschaut ward nach der Kost, – wurden die Tische uns vorgesetzt, wie Monde rund, – von Gerichten wie Frühlingsgärten bunt. – Da war uns bescheert die Gnüge, – unverwehrt von Tadel und Rüge. – Wir vergaßen, was gesagt wird zur Empfehlung der Mäßigkeit, – und hielten für wohlanständig die Geäßigkeit; – bis wir, folgend unsres Wirts Einladung, – nach eingenommener voller Ladung, – streiften an den Rand der Überladung; – da ward uns gereicht das feine Tuch, an dem wir uns reinigten vom Speisegeruch; – und nachdem das Geschäft des Unterhalts war abgestellt, – saßen wir zur Nachunterhaltung gesellt. – Worauf nun jeder seine Zunge rührte – und hervorholte, was er im Sacke führte,– von Seltsamem, was er gesehen, – und Wunderbarem, was geschehen; – bis auf einen Alten, dessen Schläfe grau – und dessen Gewand war flau, – der hielt sich in seiner Ecke – und zog sich vom Gespräche zurück eine Strecke. – Uns verdroß seine unerklärte Sprödheit – und tadelnswerte Schnödheit, – nur daß wir ihn nicht wollten hart ansprechen, – aus Furcht, in das Wespennest zu stechen. – Doch so oft wir ihn einluden, herauszurücken – und mit uns gemeinsam den Strauß zu pflücken, – wandt' er sich ab mit Hohn, – als spräch er: Diese Possen kenn' ich schon. – Dann aber, als ob sich sein Gewissen rührte, – oder er eine Anwandlung von Großmut spürte, – rückte er näher, neigte seinen hohen Mut – und machte das Geschehene gut, – indem er berauschte die Lauschenden, – Nachtgesprächtauschenden, – anschwellend gleich einem Strom, einem rauschenden: Mein Volk! in meinem Munde sind Kunden wunderbar; Was ich gesehn mit Augen, vernehmt und nehmet wahr. Am Morgen sah ich einen sich schwer Bemühenden, Der auf dem Felde allein war mit einer ganzen Schar. Anmerkung: Schar, Pflugschar. Dann sah ich auf dem Acker auch manchen faulen Knecht, Der vor dem halben Morgen bereits am Abend war. Anmerkung: D. i. eh er einen halben Morgen Landes umgepflügt, war es Abend. Manch armen Schlucker sah ich und hört' ihn schlucken auch; Der doch bei seinem Schlucken blieb hungrig wie ein Aar. Anmerkung: Ich schlucke, ich habe den Schlucken. Ich sah, wie mancher Brave zu Feigen Zuflucht nahm, Die schirmten ihm das Leben, als Not im Lande war. Anmerkung: Feigen, die Früchte. Auch manchen Edlen sah ich, der wollt' ein Gastgebot Anrichten, dazu lud er zuerst ein Eselpaar. Anmerkung: Er lud, er belud mit den zum Gastgebot herbeizuschaffenden Bedürfnissen. Auch manche Hausfrau sah ich, die Wellen schüttete In ihres Herdes Feuer, das brannte davon klar. Anmerkung: Wellen, Reisholz. Auch sah ich eine Schöne, die eine Rose trug, Die dient' ihr, statt zur Zierde, zur Unzier offenbar. Anmerkung: Die Rose, der Rotlauf. Ich sah von einem Schützen die rechte Scheibe so Getroffen, daß er lahm ward, am rechten Fuße zwar. Anmerkung: Die Scheibe, die Kniescheibe, die rechte, die des rechten Fußes. Von einem Schützen die Scheibe. d. i. die Scheibe eines Schützen. Auch einen Fischer, welchem vom schweren Zug das Netz Zerriß, darauf erklärt' ihn der Arzt für unheilbar. Anmerkung: Das Netz des Unterleibs. Ich sah den Fuchs ausschlagen, der ab den Reiter warf, Doch, wenn zu ihm den Schimmel man spannte, ruhig war. Anmerkung: Wein und Wasser. Dann sah ich Tiere säumen, die hatten keine Rast, Und Weiber sah ich säumen, die wirkten immerdar. Anmerkung: Ich säume mein Tier, ich lege ihm den Saum, den Saumsattel oder die Saumlast auf. Ich säume, ich ziehe nähend einen Saum. Mit Sporen sah ich einen, der doch zu Fuße ging, Der einen Kamm auch führte und hatte doch kein Haar. Anmerkung: Der Hahn. Auch einen mit zwei Hörnern, die wuchsen über Nacht So lang, bis eine Scheibe daraus geworden war. Anmerkung: Der Mond. Und eine, die, je früher sie auf am Morgen stand, Am Abend um so später zur Ruh' ging, sonderbar. Anmerkung: Die Sonne. Dann sah ich auch den Müden, der auf den Matten lag Und dachte, drunter liegen sei besser noch fürwahr. Anmerkung: Die Matte, die Wiese, der Rasen. Wie manchen sah ich schleppen ein ausgeweidet Schaf, In dem kein Tropfen Blutes und nur Kamelmilch war. Anmerkung: Ein Schlauch aus der Haut eines Schafes, zur Aufbewahrung von Kamelmilch. Auch einen Schlanken sah ich, der auf dem Haupt zum Schmuck Gewichte trug, die einmal er ab nur legt' im Jahr. Anmerkung: Der Hirsch. Gewichte, Geweihe. Ich sah auf einer Heide den hohlen vollen Stock, In welchem tausend Stachel und eine Süße war. Und hört' in Zellen singen die fleiß'gen Mönche, die Zu ihrem Abte hatten ein Weib, das stets gebar. Und sah die Waffenträger, die ernteten im Feld Am Tag, wovon im Hause die Nächte wurden klar. Anmerkung: Bienenstock, Bienen, Wachs. Ich sah in mancher Ecke manch runzeliges Weib, Das spann aus seinem Nabel den Fliegen zur Gefahr. Anmerkung: Die Spinne. Ich sah ein Heer gepanzert, das schamlos rückwärts ging: Gefangen drauf und sterbend errötete die Schar. Anmerkung: Die Krebse. Ich sah den Weggefährten, der, als ich westwärts zog, Am Morgen weit voran mir, weit nach am Abend war. Er bebte vor der Sonne, vor deren Glanz er floh; Und als er war verschwunden, verschwand er unsichtbar. Anmerkung: Der Schatten. Dumpf hört' ich einen schelten, weil einer grell gelacht; Darob, die's nicht hörten, weinten zur Lust der grünen Schar. Den Schoß der feuchten Mutter zerriß der hitz'ge Sohn; Eh deren Schmerz ward Segen, war seine Lust Gefahr. Anmerkung: Donner und Blitz und Wolken. Manch Stolze, Schlanke sah ich, die jung war, kühl für mich; Geknickt im Alter, starb sie für mich in Flammen gar. Anmerkung: Eine Palme. Auch manchen sah ich geizen: da sprachen, die es sahn: Es müssen seine Bäume dafür gedeihn aufs Jahr! Anmerkung: Geizen, den Geiz, d. i. den Auswuchs der Bäume abbrechen. Und manchen, der mit Liedern sein täglich Brot erwarb, Der konnte weder schreiben noch singen, das ist wahr. Anmerkung: Liedern, Leder zubereiten, gerben. Ich sah auf einem Baume ein Schiff behende gehn, Von Frauenhand gesteuert, das Segel stets gebar. Anmerkung: Der Weberbaum und das Webeschiff. Ich sah ein Haus, das schwankte und fest blieb, wo der Grund Ihm fehlte; wo es Grund fand, ging es zu Grunde gar. Anmerkung: Das Schiff. Dann hört' ich welche beten: Gieb, Herr, in unser Haus Das Mehl, auf unsre Fluren den Tau uns immerdar; Doch gieb die zwei zu einem verbunden unserm Feind, Daß er von beiden keines in Haus und Flur erfahr'. Anmerkung: Mehl und Tau, Mehltau. Hareth Ben Hemmam erzählt: Da versuchten wir unsre Gescheitigkeit – an seiner Sprüche Zweideutigkeit – und vertieften uns mit Innigkeit – in seiner Rätsel Doppelsinnigkeit. – Doch er lachte uns aus, wie ein Gesunder den Kranken, – und sprach: Zieh die Hand ab, zu hoch sind die Ranken. – Als wir nun im Kampfe mit Phantomen uns müde gefochten – und umsonst an die verschlossenen Thüren pochten; – da senkten wir ihm die Flügel – und gaben ihm hin die Zügel, – ihn bittend um die Erklärung, – doch hielt er uns schwebend zwischen Versagung und Gewährung, – sprechend: Man macht sich erst mit dem Kamel bekannt, – eh man es zu melken ausstreckt die Hand. – Da merkten wir, daß er einer sei, der aufs Empfangen ist geil, – und dem seine Weisheit nicht umsonst ist feil. – Doch unsern Gastvater verdroß es, daß unter seinem Zelt – wir sollten gefoppt werden oder geprellt, – und er stellte ihm zu ein Kamel, ein idisches , – und ein Gewand, ein sa'idisches , – sprechend: Nimm dieses mit gutem Gewissen, – und meinen Gästen hier sei nichts entrissen. – Da rief er: Ich schwör' es, diese Sinnesart ist die achsemische – und diese Großmut die hatemische . – Dann wandt' er sich zu uns mit einem Angesicht, – durchsichtig von der Freude Licht, – und sprach: Mein Volk! die Nacht ist schon vorgerannt, – und die Schläfrigkeit hat übermannt; – so verfügt euch nun an eure Statt ohne Kummer – und genießt den labenden Schlummer, – auf daß ihr Munterkeit einsauget – und aufstehet hell geauget, – dann vernehmet, was ich erkläre, – daß leicht euch werde das Schwere. – Da ward sein Vorschlag von allen gebilliget, – und dem Schlafe ward sein Recht bewilliget. – Als nun das Thor der Wimpern schloß der Augen Feste – und die Gäste schnarchten aufs beste, – ging er zu seinem Kamel und zäumte, – bestieg es und sang, indem er reimte: Wohlauf, mein Kamel, nach Serug mich zu tragen! Nicht raste mir, stampfend den Boden zu schlagen, Zu trotten, zu traben, zu laufen, zu jagen. Nicht laß es an deinem Gewissen dich nagen, Daß hier nun dein Herr bis zu künftigen Tagen Blieb schuldig die Antwort auf einige Fragen. Ich trage, so magst du dem Fragenden sagen, Das lebende Rätsel, an welchem verzagen, Die klüger als ich sich zu dünken behagen. Der Erzähler spricht: Da wußt' ich klar, – daß es der Seruger gewesen war, – der, wo er geerntet, sich entfernt, – und wegwirft, was er ausgekernt. – Als nun der Tag sich aufmachte, – und die Gesellschaft der Schläfer aufwachte, – unterrichtet' ich sie, was sie in der Nacht verloren – und wie sie der Alte gehabt zu Thoren. – Da gedachten sie sein voll Grimmes – und vergaßen sein Gutes über sein Schlimmes. – Dann zogen wir weiter, jeder auf seine Verrichtung, – und zerstreuend nach jeder Himmelsrichtung. 29. Der Perlensticker. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich hörte von Männern der Erfahrung, – das Reisen sei ein Mittel der Geistesnahrung, – ein Spiegel der Gewahrung – und Offenbarung. – Und ich säumte nicht, alles Beschwerliche zu begehn – und Fährliche zu bestehn, – um in Nähen und Fernen – zu sehen und zu lernen. – Als ich nun kam nach Ramle , – daß ich Erfahrungen sammle, – sah ich zum Kadi kommen einen Alten, – dessen Feuer war zum Erkalten, – und mit ihm ein schönes junges Blut – von frischer Glut. – Da wollte der Alte das Wort ergreifen – und das Schwert der Rede schleifen, – doch das Weib fiel in die Zügel seinem Gaul – und verhielt seinem Gebell das Maul, – dann schlug sie ohne Scheu zurück des Schleiers Umfaltung – und trug vor ohne Zurückhaltung: O Kadi Ramlas, der vereinigt In seiner Hand hält Leid und Labe, Dir klag' ich meines Mannes Frevel, Der ganz versäumt den Dienst der Kaabe; Der nie zur auferlegten Wallfahrt Sich stellt mit Pilgersack und Stabe, Noch seine Andacht pflichtgemäß Verrichtet am Prophetengrabe: Und dieses zwar, da den Gehorsam Ich ihm noch nie gebrochen habe. So heiß ihm denn, daß er erfülle, Was ausspricht der Gesetzbuchstabe, Wo nicht, daß er mich von sich lasse Mit Wittum samt der Morgengabe. Da sprach der Kadi: Du hörst, wes sie dich bezichtigt; – nimm dich zusammen, daß du nicht werdest berüchtigt. – Doch der Alte setzte sich zurecht – und schickte so seine Worte ins Gefecht: Vernimm, o Richter, unsres Dings Entfaltung, Und richte gnädig zwischen unsrer Spaltung, Bei Gott, aus Haß nicht bin ich ihr entfremdet, Ans Abgeneigtheit oder aus Erkaltung. Allein aufs Haupt hat mir den Staub der Armut Gesammelt des Geschicks feindsel'ge Waltung. Und wie Korall' und Perl' an ihrem Halse, Fehlt Salz und Schmalz in unsrer Haushaltung. Sonst war ich beigezählt den Benu Odhra , Von deren Brunst in Brand gerät die Waldung; Doch seit mein Wohlstand stumpf ward, mahnt zu strenger Enthaltsamkeit die Pflicht der Selbsterhaltung, Und unbesät lass' ich mein Land, weil Mittel Mir fehlen zu des Anflugs Unterhaltung. Doch das Weib rief mit erglühtem Angesicht: – O Bösewicht! – so machst du Gottes Wort zunicht – und fürchtest seinen Segen als ein Strafgericht! – Und doch weißt du, daß, wo ein Häschen ist, – auch ein Gräschen ist, – daß die Luft Raum für jeden Odem hat – und daß jedes Handwerk einen goldnen Boden hat, – als nur deines, du Pfuscher, – du bunter Täuscher, du falscher Tuscher. – Der Richter sprach: Kein ehrliches Handwerk – ist ein Schandwerk: – wie steht es denn mit dem seinigen? – Da rief das Weib: Das will ich dir bescheinigen: Ich bin die Tochter unbescholtner Eltern, Der Tau des Himmels mög' ihr Grab erquicken. In Zucht und Eingezogenheit erzogen, Wuchs ich versteckt vor Sonn' und Mondes Blicken. Mein Vater pflegte, wann die Freier kamen, Sie alle mit dem Vorwand heimzuschicken, Er hab's gelobt, sein Eidam solle werden Nur, wer ein Handwerk wisse zu beschicken; Bis dieser Lugschmied, dieser falsche Münzer, Kam, mit des Truges Garn ihn zu bestricken, Der im versammelten Familienrate Beschwor, es sei sein Handwerk Perlen sticken. Ein Perlensticker sei er und ein Sticker (Hätt' er gemußt an seiner Lüg' ersticken!), Der Gold auf Seide stick' und seine Arbeit In ferne Gegend pflege zu verschicken, Wo Leute von Geschmack darum sich rissen, Mit ihrem Gold den Beutel ihm zu spicken. Und als er mich nun heimgeführt, die Blume Der Jugend mir durch Not und Gram zu knicken, Sah ich aus dem zerrissnen Jungfraunschleier Des Schicksals Wolken sich ob mir verdicken. Er war ein Müßiggänger, Winkelschläfer, Ein Tagedieb, einer von den faulen Stricken; Der mein Vermögen niederschlug und schluckte, Bis nichts mehr blieb zu schlecken und zu schlicken. Als nun geblieben in des Hauses Kehricht Kein Körnlein, das ein Hühnlein wollte picken, Sprach ich zu ihm, aus seiner Trägheit Schlummer Ihn rüttelnd: Auf! nicht Zeit mehr ist's zu nicken. Nun hol hervor dein Handwerk, unsres schadhaft Gewordnen Glücksstands Blößen auszuflicken. Er aber sprach, sein Handwerk sei verfallen, Und niemand kaufe Perlen mehr um Wicken. Herb sei's dem Manne von Verdienst, zu darben, Doch nicht zu hadern sei mit den Geschicken. Der Richter sprach: Wie wohl hast du gesprochen – und wie schwer hat er an dir verbrochen! – Oder (indem er sich wandte zu dem Alten) – was hast du ihr entgegenzuhalten? – Der Alte sprach: Höre meine Kunde, sie ist staunenswert, Kann zugleich mit Lust und Weh durchdringen. Solch ein Mann bin ich, zu dessen Würdigkeit Tadel nicht noch Zweifel sich erschwingen. Von Serug geboren rühm' ich mich zu sein, Und von Ghassans Kön'gen zu entspringen. Mein Geschäft ist Wissenschaft und mein Beruf Forschung; Ehre sei den edlen Dingen! In die Meeresstrudel der Wohlredenheit Tauch' ich, Perlenfüll' hervorzubringen. Alle grünen Redezweige brech' ich ab, Andre mögen dürre Reiser bringen. Worte kommen mir zu Hand als Silber und Werden Gold, wie sie hindurch mir gingen. Und so melkte Wohlstand mir und Überfluß Einst die Kunst herbei mit Wohlgelingen, Und den Tritt von meiner Ferse ließ ich stolz Auf des Ruhmes höchsten Scheiteln klingen. Die Geschenke zogen in mein Haus, und nicht Jedem gönnt' ich es, Geschenk zu bringen. Aber jetzt ist Kunst von dem verschmäht, an dem Ihrer Hoffnung letzte Blicke hingen; Eine Leiche liegt sie im verlassnen Haus, Deren Anhauch fliehn auch die Geringen. Unterging da die Besinnung mir im Gram, Den die Nächte über mich verhingen. Ausgegangen fand ich aus der leeren Hand Alle Gulden samt den Silberlingen. Mich zu betten, blieb der Pfühl des Mangels nur Und der eigne Hunger zum Verschlingen. Da verkauft' ich erst, was mein war, häufte dann Schulden, bis sie übers Haupt mir gingen. Meine hohlen Eingeweide schnürt' ich ein; Und als sich die Flamme nicht ließ zwingen, Griff ich meiner Frauen Eingebrachtes an, Während mir die Augen übergingen. Zürnt sie drum, daß sie mein Schicksal mit ergriff Und zwei Herzen einen Streich empfingen, Oder grollt sie in des Handwerks Anbetreff, Daß ich nicht entsprochen den Bedingen? Nein, bei jenem schwör' ich's, dessen Hause zu Pilgernde Kamele sich beschwingen: Frauen zu verhöhnen, ist nicht meine Art, Noch mein Werk, zu legen Truges Schlingen; Doch von Jugend auf nie anders lernt' ich als Verse schreiben oder Lieder singen. Solche Perlenohrgehänge sind mein Werk, Nicht die Schnüre, die den Hals umringen. Sprach's, und der Kadi, als er vernommen die Verse, – war Rührung von dem Scheitel bis zur Ferse; – dann wandt' er sich vom edlen Stier zur jungen Färse, – sprechend: Es ist ausgemacht bei allen Kennern – und bekannt bei allen unterrichteten Männern, – daß in des Eigennutzes Brodem und des Geizes Dunst – verkommen ist auf der Welt die Achtung für Kunst – und verglommen für das Schöne die Liebesbrunst, – daß abgenommen hat nicht die Kunst ihrer Könner, – sondern die Gunst ihrer Gönner, – und das Verdienst muß dienen – und findet nichts zu verdienen. – Dein Mann aber hat bewiesen seinen Adel, – und es trifft nicht ihn, sondern die Zeit der Tadel, – daß ohne Einfuhr ist sein Stadel. – Wenn leer ist sein Köcher und kalt seine Küche, – so ist doch sein Mund voll kräftiger Sprüche – und seines Geistes Garten voll guter Gerüche. – So mögest du denn ihn entschuldigen – und dich finden lassen unter den Geduldigen, – nicht unter den Begehrlichen, – ihren Gatten Beschwerlichen. – Geh und sei deines Mannes Hausehre – und ihn als Herrn im Haus ehre. – Sittsamkeit sei deine Zierde – und Enthaltsamkeit deine Begierde. – Und hast du an den Mann ein Anliegen, – so schmeichl' es ihm ab durch Anschmiegen – und meide das öffentliche Ankriegen. – Da schlug das Weib die Augen nieder beschämt, – und ihre Zunge war gelähmt. – Sie nahm den Schleier vor und weinte dahinter, – und der Alte stand daneben wie der Winter, – geschüttelt von des Kummers Frösten, – und suchte umsonst sie zu trösten. – Da gab ihnen der Kadi einige Gulden – und sprach: Nehmt und vertrauet auf Gottes Hulden – und erlasset einander eure Schulden. – Sie empfingen dankbar den Freudenschein – und gingen, verträglich wie Wasser und Wein. – Als sie nun waren aus der Augen Kreis, – sprach der Kadi noch viel zu ihrem Preis – und fragte: Ist keiner, der mehr von ihnen weiß? – Da sprach der oberste seiner dienstbaren Geister, – den die Gunst seines Herrn machte dreister: – Der Alte, der sich selbst den Seruger nannte, – ist Abu Seid der weltbekannte, – und des Weibes Klag' ist wohl ein Netz, das er spannte, – in welches die Großmut des Kadi rannte. – Da verdroß den Kadi, daß er gefoppt sich sah, – er sprach zum Berichtgeber: Geh und fah! – hole sie ein und bringe sie nah! – Da schoß dieser fort mit verhängten Zügeln – und kehrte drauf zurück mit hängenden Flügeln, – Der Kadi sprach: Nun, was hast du ausgespürt – und ausgeführt? – oder wie bist du an- und abgeführt? – Er sprach: Ich verfolgte sie durch Gassen und Straßen, – doch sie wollten sich nicht fassen lassen; – sie liefen, nicht einzuholen, – wie mit Flügeln an den Sohlen, – als hätten sie gestohlen, – oder gingen über Kohlen. – Und ich erreichte sie erst im freien Feld, – wo ihnen offen stand die weite Welt. – Da versucht' ich sie zurückzulocken – mit Hoffnungsbrocken – und Verheißungsglocken, – doch der Alte sprach trocken und heiter: – Wer den Schlauch gefüllt hat, geht weiter. – Das Weib war schon geneigter, sich versuchen zu lassen, – sie sprach: Was sich darbietet, soll man fassen, – und »besser als der erste Gang ist der zweite,« hat Chedasch gesagt, als er freite. Das Sprichwort heißt eigentlich: die Wiederkehr ist geehrter; und seine Geschichte ist folgende: »Der, von dem sich das Sprichwort herschreibt, ist Chedasch Ben Habis , der Temimer, der zuerst um ein Mädchen vom Stamme der Benu Duhl gefreit, dann um eines vom Stamme der Benu Sedus , Namens Rebab , die er eine Zeitlang liebte; dann kam er und warb um sie. Doch ihre Eltern weigerten sich wegen ihrer vorzüglichen Schönheit und wiesen den Chedasch ab. Da ließ er von ihr eine Zeitlang, dann kam er in einer Nacht geritten und sang: Ach, daß ich wüßte, o Rebab , wann endlich Mir werden soll gelingen oder Heil? Lang hast du mich gekränkt und weggestoßen, Doch du allein bist mein erwähltes Teil. Die Seele schelte Gott, die strebt nach Gute Und beut den unbefleckten Adel feil, Die nimmt den reichen Knecht und läßt den Mann stehn, Wie keiner einem Mädchen ward zu teil. – Doch da der Alte sah, wie es stand in ihrem Kopf, – faßte er sie beim Schopf – und sprach: Vernimm du Tropf! Willst du, daß dich niemals treff' ein Schade, So mißbrauche nie des Himmels Gnade. Zweimal erntet man nicht einen Acker, Zweimal sitzt man nicht im selben Bade. Wenn der Vogel sich im Dattelgarten Satt gepickt, such' er die luft'gen Pfade, Hüte sich, dahin zurückzukehren, Ob der Hüter selbst dazu ihn lade. Dann sprach er zu mir: Danke deinem Herrn für seine Güte – und vergieb ihm, daß er dich umsonst bemühte; – doch, daß du ganz leer nicht gehst, so hüte – in deinem Geiste diese Verse und führe sie ihm zu Gemüte: Gemach! und schicke nie der Wohlthat auf dem Fuß Die Übelthat nach; solches bringt nicht Frieden. Wenn dir ein Teil des Deinigen entzogen wird, So danke Gott, der dir viel mehr beschieden; Und zürne nicht, wenn dich ein Flehender betrog; So mancher log, der's nicht gebraucht hienieden. Ist dir die Täuschung bitter? Denke, bittrer noch War, die erfuhr der Scheich der Eschariden . D. i. Abu Musa Abdallah Eleschari , der aus der Geschichte bekannte Anhänger Alis , der, nach der Schlacht von Saffein einer der beiden Schiedsrichter zwischen Ali und Moawia war; der andre, für Moawia , war Amru Ben Elas . Und jener ließ sich von diesem bethören durch den Vorschlag, beide Gegenherrscher der Würde zu entkleiden und dann zu neuer Wahl zu schreiten. Das that nun zuerst Abu Musa mit Ali , aber Amru that es ihm nicht nach mit Moawia , sondern bestätigte diesen in der Würde. Da rief der Kadi: Bei Gott, er hat recht; – Herr, vergieb deinem sündigen Knecht! – Jetzt hat er solch einen Vorsprung genommen, – daß mein Dank ihm nicht nach kann kommen; – doch erscheint er jemals wieder in diesen Thalen, – so will ich ihm mit Gold seine Lehre bezahlen. 30. Der Schulmeister von Hims. Hareth Ben Hemmam erzählt: Mich zog ein Verlangen, bergauf und thalab, – nach Halab , – und ich war damals munter und aufgeräumt, – wohlgesattelt und aufgezäumt, – rasch wie ein Vogel auf seinem Gefieder, – so ließ ich in den Lustgärten dort mich nieder, – in der Mitte von Wonnen und Freuden, – Bronnen und Gebäuden, – und begann die Tage zu vergeuden, – um meinen Wunsch zu letzen – und meinen Durst zu netzen. – Als nun des Herzens Begierde nachließ – und der Sturmwind des Genusses gemach blies, – schwang nach kurzer Rast – auf dem grünen Ast – der ungeduldige Rabe des Zuges – sich auf zur Lust des Weiterfluges, – und ich schritt mit Tagesanbruch zum Aufbruch, – zum Abzug mit gutem Anzug und Aufzug. – Ich war vom Übermute versucht, – mein Wanderschiff zu steuern in die Bucht – von Hims, Emessa, die uns wohlbekannte Stadt in Syrien, von der wir eben hier erfahren, daß sie ein arabisches Schilda, Schöppenstedt oder dergleichen vorstellt. das berühmt ist durch die Zucht – von Thorheitsgewächs und Narrheitsfrucht. – Als ich nun abgestiegen vor ihren Thoren – und mich umsah nach einer Probe von ihren Thoren, – erblickte ich nebenaus auf einer Grüne – aufgeschlagen eine Lehrbühne – von einem Scheich, der, zu schließen nach seinen Schläfen, – über den Schaum hinaus war gelangt zu den Hefen, – umgeben von einem Rudel Knaben, – durcheinander wie Tauben und Raben – wie kleine und große Buchstaben. – Ich nahte mich und führte im Schilde nichts Schlimms, – als nur die Absicht, zu erforschen die Weisheit von Hims; – er aber war keiner von den Gastverhöhnern – und erwiderte meinen Gruß mit einem schönern, – hieß mich niedersitzen in der Mitte der Heerrunde – und fuhr mit Würde fort in der Lehrstunde, – indem er deutete mit dem schwanken Stäbchen – nach einem schlanken Knäbchen, – rufend: Du Rehkälbchen, – du Seeschwälbchen, – auf! und zeige mir Glied für Glied – zwischen G und Ch den Unterschied! – worauf jener anhob ohne Zaudern – und vortrug ohne Schaudern: Zeichen sind des Korans Verse Gläubigen, Doch was an dir ist, mußt du uns zeigen. Teichen süßen Wassers fehlt's an Fischen nicht, Guten Öfen fehlt es nie an Teigen. Reichen dünken sich die Bettler gleich, wenn sie Trunken sich die Hand gereicht zum Reigen. Eichen haben feste Wurzeln tief im Grund, Nur dem Schilfrohr ist das Schwanken eigen. Der Lehrer sprach: Brav, mein Paviänchen, – mein Silberfasänchen und Goldhähnchen! Ich finde keinen Unterschied zwischen deiner Eigenschaft – und einem Eichenschaft, – du versprichst zu werden kein schwacher Schwager, – sondern ein wacher Wager – und jacher Jager, – an den sich wagt kein Widersacher und Widersager. – Dann rief er: Maikätzchen, – Schreimätzchen. – und Antwort gab ihm ein Junge wie ein Schätzchen. – Der Lehrer sprach: Komm und entwickle mir gescheit – zwischen D und T den Unterscheid. – Und heranstob jener wie ein Düftchen, – und anhob er wie ein Lüftchen: Beiten ist ein Wort für weilen, alt und gut; Wähle nach Gefallen zwischen beiden. Leiten sollst du die Verirrten auf den Pfad Und mitleidend trösten, die da leiden. Weiten Ländern ziehet zu ein Stamm, wann eng Werden für sein Vieh der Heimat Weiden. Saitenspiel und Wein stell auf die Seit', und fromm Kleide dich in Wolle, Wie ein Sofi. nicht in Seiden. Der Lehrer sprach: Du Witzzunge, – du Blitzjunge! – ich sehe, daß du bist von den Gescheitern, – die unterscheiden zwischen Prügeln und Scheitern. – Dann rief er: Ringlöckchen, – Springböckchen, – mit dem Klingglöckchen! – und ihm gab Antwort ein Junge frisch wie ein Funke, – wie ein Vogel, der auffliegt vom Trunke. – Der Lehrer sprach: Du in der Wissenschaft kein Lai, – sondern ein Leu, – sage mir den Unterschied zwischen ei und eu! – Und jener räusperte sich gründlich – und äußerte sich bündig: Eitern muß die Wund', in welcher steckt der Pfeil; Herbes Gras giebt süße Milch in Eutern. Leitern dienen zu besteigen hohen Baum, Noten, dunkle Texte zu erläutern. Heitern Sinnen ist die Schöpfung angenehm, Und verdrießlich dumpfen Bärenhäutern. Reitern muß der Bauersmann das Korn, der Fürst Führt den Krieg mit Reitern oder Reutern. Der Lehrer sprach: Trefflich, mein Lämmchen! – vortrefflich, mein Stämmchen! – übertrefflich, unübertrefflich, mein Flämmchen! – Dann rief er: Neuntöter! – Leuntöter! – Da stellte sich ein Knabe wie ein Baumschröter. – Der Lehrer sprach: Du, den ich mir erkür' und erkor, – dessen Verstand sprengt Thür und Thor, – sage mir den Unterschied von für und vor. – Worauf sich jener zurechtsetzte – und seine Zunge zum Gefecht wetzte: Vorsprach' halt im Vorübergehn vorm Nachbarsthor, Fürsprache such im Himmel dir und im Palast. Vorliebe für die eignen Kinder ziemt dem Mann, Fürlieb mit dem ihm Vorgesetzten nimmt ein Gast. Vorwitz ist lächerlich, wenn er für Witz sich hält; Vorsicht und Fürsicht ist des Schiffes Steu'r und Mast: Gott sieht für dich, wo du nicht siehst, und sieht vor dir; Heil dir, daß du den Für- und Vorherseher hast. Da rief der Lehrer: Heil dir, mein Stolz, – du grader Bolz – aus gutem Holz. – Du brauchst für deinen Mund keinen Vormund; – für dich geschart stehn Engel im Hintergrund und im Vorgrund; – ich fürchte nicht für dich, – denn vor dir fürchten die Furchtbaren sich. – Dann rief er: Bitterkorn, – Rittersporn. – Da erschien ein Knabe wie ein Gewitterzorn. – Der Lehrer sprach: Nun du Weisheiteinschwärzer, – du Buchstabenausmerzer, – du Weinwässerer – und Sprachbesserer, – auf! und sprich deinen Grabspruch – über den Buchstab, der verwirkt hat den Stabbruch – und verdiente den Lebensabbruch und Abspruch! – Worauf jener bloßzog – und so gegen das S loszog: Ja, sieghoffnungtrunken schwör' ich Hilfgenoß Mich zur Kriegfahn' aller Eßverheerer. Künftig sei mein Lebenslauf ein Lebenlauf, Und ein Todstoß aller Eßverehrer. Nie mehr wandeln will ich zwischen Frühlingssaun, Die sind unrein, Frühlingsaun sind hehrer, Glücklos sei mein Glückslos, meine Liebesnot Liebe Not, die ohne S ist schwerer. Auch mein Blutsfreund mög ein Blutfreund sein, und mein Glaubenslehrer sei ein Glaubenleerer. Und zu essen gebe künftig niemand was Mir und jedem edlen Eßverzehrer. Der Lehrer sprach: Wohl, mein Knappe!– nicht scheue dir dein Rappe! – Denn der Krieg ist schwer, – und der Sieg ist hehr. – Dann rief er: Nun, du Friedfertiger, – Blutwangiger, Milchbärtiger, – der du gerne dein Schulliedchen – machest zu einem Buhlliedchen, – sprich die Verse, deren jeder mit »gethan« hebt an – und jeder ausgeht mit »gethan«! – Da erhob sich ein zierliches Sträubchen – wie ein girrendes Täubchen – oder wie ein tauiges Läubchen, und begann: Wohlgethan ist sie an jedem Glied des Leibs, Deren Anblick mir im Auge wohlgethan. Angethan hat sie mir's ganz, die ganz und gar Ist mit dem Gewand der Anmut angethan. Zugethan bin ich mit allen Sinnen ihr, Die ein Ohr nie meinen Bitten aufgethan. Abgethan hat sich der Hoffnung mein Gemüt, Weil ihr Blick sich hat nach andern umgethan. Aufgethan hab' ich aus meinem Herzen sie, Weil sie heimlich einen andern eingethan. Der Lehrer sprach: Tölpel! du hast wohlgethan, – du hast Würze an deinen Kohl gethan. – Dann rief er: Tugendkämpfer, – Jugenddämpfer! – thue hervor mit Ruhe, – was du gethan hast in deine Truhe. – Da kam ein Wichtchen – wie ein Irrlichtchen – und sprach mit verzogenem Gesichtchen: Wenn du nicht der Gier die Augen zugethan, O so ist's um deines Herzens Ruh' gethan. O wie lang' oft und wie langsam wird bereut Manches, was da war in einem Nu gethan. Pilger, übel gehest du den weiten Weg, Wo du nicht das Steinchen aus dem Schuh gethan. Wer beizeiten aufbricht, kehrt beizeiten ein; Was einmal muß sein, wird nie zu früh gethan. Seele, mach dich leicht! denn dort, wo jede trägt, Nimmt dir keine andre ab, was du gethan. Nach dem im Koran immer wiederkehrenden Spruche: An jenem Tage wird keine Lastträgerin (schuldbeladene Seele) die Last der andern tragen. Der Lehrer sprach: Recht so, mein Lümmel, – kein Muff ist an deinem Kümmel. – Drauf rief er: Rohrdommel, – der Schultruppe Vortrommel! – Du Starkschäftiger! – Markkräftiger! – du Wohlrüstiger! – nicht Hohlbrüstiger! – Rühr dich und setze mir in Handlung – eines Zeitworts Selbstlautwandlung. – Da sprang ein Bürschchen – hervor wie ein Hirschchen – und begann, – ohne daß es sich besann: Gelungen ist mir, was noch keinem je gelang; Daß jedem Wünscher nun sein Wunsch gelinge! Verdungen hatt' ich mich um Lohn, den ich bedang, Allein die Liebste hielt nicht die Bedinge. Gedrungen war ihr nicht ans Herz, was mich durchdrang; Wer hofft, daß einen Stein ein Ach durchdringe? Umschlungen war ich, ohne daß ich selbst umschlang; Um meinen Geist war ihrer Locken Schlinge. Erklungen war mein Sein von ihrer Stimme Klang Und zitterte, daß es mit ihr verklinge. Entsprungen ist, doch weiß ich nicht, wie es entsprang, Mein Glück; wer weiß, wie Lieb' und Lenz entspringe? Gerungen hab' ich lange, bis ich das errang, Vor dem das Ringen nur mir scheint geringe. Bezwungen hab' ich sie, von der mich sonst bezwang Ein Blick; nicht fürcht' ich mehr, daß Gram mich zwinge. Erzwungen hab' ich meines Wunsches Überschwang; Zur Sonne trug den Adler seine Schwinge. Der Lehrer sprach: Gut, mein Bengel, – mein Lilienstengel! – hoch hast du geschwungen deinen Schwengel. – Mein rühriges Püppchen, – rührendes Zuckerlippchen, – schön hast du eingerührt dein Süppchen. Gesungen hast du nicht, wer ist es denn, der sang? Mir war's, als ob aus dir die Liebe singe. Dann rief er: Meister Klingklang! – Geistersingsang! – nun, ihr beiden, – die ihr nicht seid zu scheiden, noch zu unterscheiden, – gleich aus einem Korn entsprungenen Zwillingshalmen, – oder aus einem Kern entschwungenen Zwillingspalmen, – singt eure doppelt geschlungenen Zwillingspsalmen, – deren Anfang ist wie ihr Ausgang – und ihr Anklang wie ihr Ausklang, – nur daß in denselben Tönen – sich andre Gedanken verschönen. – Da traten die zwei auf – und sangen frei auf, – der eine: Mein Eid ist pures Gold und gilt dir wenig; Doch giltig meiner Lieb' ist selbst dein Meineid. Mein Neid allein nicht ist des Mundes Lächeln, Auf diese Knosp' empfindet selbst der Mai Neid. Der andre: Wo labend das Bewußtsein frohgenützten Tags Zur Seite ruht, da machest du wohl Abend. Soll Abend kühl erquicken, scheu nicht Mittagsglut! Nach früher Müh' ist späte Ruh' so labend. Der eine: Mit der Nacht kam wie der Mond mein Liebster, Weilte lächelnd bis nach Mitternacht. Mitternacht war hell wie Tag; da tagt' es, Und mein Glück entfloh mir mit der Nacht. Der andre: Wohn im erwählten Friedensport, Fern eitlem Glück wohn immer! Wo nimmer dich der Neid erblickt, Erblühe dir Wonn' immer. Der Lehrer sprach: Heil euch, ihr Doppler! – mein Segen werde zu teil euch, ihr Koppler! – Zuerst, du Edeldreister, – Vielversprecher und Mehrleister, – merke das von deinem Lehrmeister: Wenn du wirst das Frühlingsblühn der Au verstehn, Wirst du wissen, wie die Toten auferstehn. Dann, du Mondreiner, – du Durchschienener und Durchscheiner – behüte das von deinem Wohlmeiner: Wohin du rufst, gereut mich nie der Gang; Wink, und ich bin bereit, als wie die Sonne Auf deinen Wink, zu Auf- und Niedergang. Dann ihr beiden selbander – und ihr alle miteinander, – bewahret dies von eurem alten feueratmenden Salamander: Ans Auge Des Liebsten fest mit Blicken dich ansauge! Zur Au Des Paradieses blicke! der Erde Grund ist zu rauh. Zu Rauch Wird werden der Erde Schmelz und das Himmels Azur auch. Thu nimmer, Was die meisten thun immer. O nähre Dich lieber ohn' Ähre als ohn' Ehre. Ruh' mehr Sollst du lieben als Ruhm-Ehr'. Der Reu schloß Sein Herz und Haus, wer lebt geräuschlos. O dem, Der an tote Kohlen verschwendet seinen Odem! Eh'r Geiz Ist zu sättigen als Ehrgeiz. Die Leidenschaft Meide, die Leiden schafft. Forsch, ob Man dir kein Trugbild vorschob. Dürst eher, Als daß du werdest fremder Milde Thürsteher. Baumann Gottes! pflanze des Glaubens Baum an! Satan Sät Unkraut; du, lege gute Saat an! Wir sterben, Und du wirst erben; Erblassen Wirst du dann auch und andern dein Erb' lassen. Zum Essen Wird Gott jedem sein Maß zumessen. Frisch immer Bet und arbeit im Frühschimmer! Schau munter Ins Morgenrot! bald geht der Lustschaum unter. Bau munter Dein Nest, o Vogel! bald geht der Lustbaum unter. Doch was macht mich denn abwendig?– Zwei von der Schar sind noch rückständig. – Geschwind, mein Reitgäulchen, – mein Schreitsäulchen, – mein Streitmäulchen! – wickle mir ab dein breit Knäulchen! – sag her ohn' Anstand, – doch mit Anstand, – die Verse vom Anstand! – Da kam ein Range – wie eine Stange – und sprach mit Gesange: An Stand ist sie ein Hirtenkind, doch eine Königin von Anstand. Anstand es lange Zeit, bis ich eröffnet ihr, wie sie mir anstand. Anstand sie mit Gespielen einst zum Tanz, da stand ich auf dem Anstand; Anstand ich nicht, bot ihr die Hand, und ihre gab sie mir ohn' Anstand. Der Lehrer sprach: Schön, du Buntscheckiger! – du Rundbäckiger! – dein Pfund besteht die Probe, – ich besiegle deinen Mund mit meinem Lobe. – Dann rief er: Nun, du Spitzfund! – du Witzmund, – du Blitzkund! – Flußader meiner Freude, – Schlußquader am Gebäude! – du Simpel, du Gimpel, du Gelbschnabel! – warst du bei der Sprachverwirrung von Babel? – so sag es unerblödlich, – was ist der Unterschied zwischen redlich, rätlich und rötlich? – Da reckte sich ein Männchen, – streckte sich um ein Spännchen, – steckte sich hin wie ein Tännchen, – erkeckte sich und leerte so sein Kännchen: Redlich kommt von Reden her, Doch im Handeln sei du redlich. Rätlich ist von Rat genannt; Thoren raten, ist nicht rätlich. Rötlich ist nicht weit vom rot; Meines Meisters Bart ist rötlich. Da rief der Lehrer: Wie ordentlich! – außerordentlich – meisterhaft! – musterhaft! – du Flegel! – du triffst die Kegel nach der Regel, – ich streiche vor dir die Segel. – Du hast dem Werke die Kron' aufgesetzt – und deines Lehrers Augen mit Freudenthränen genetzt. – Du lügst, um zu leimen; – und rügst, um zu reimen; – du gehörst zu den Philologen, – die so heißen, weil viele logen. – Und so hab' ich nun dir und deinen Genossen – die Schreine mit den Perlen des Wissens erschlossen – und die Wolken mit dem Strome der Weisheit ergossen, – auf daß ihr, vom Himmel begnadet, – mit Lust darin gebadet, – des Staubes und Schmutzes der Unwissenheit euch entladet. – Ich habe nach dem Maße meiner Kräfte – euch poliert wie Lanzenschäfte – und wie Schwerter versehn mit dem Hefte, – daß ihr brauchbar seiet zu jedem Geschäfte. – Ihr habt die Blüten der Sitte gepflückt – und euch mit dem Schmuck der Bildung geschmückt; – das gedenket mir und vergesset es nie auf der Erde, – wie ich euer gedenken und nie vergessen werde, – und feste stehe in Unwankbarkeit – in euren Herzen gegen euren Lehrer die Dankbarkeit. – Jetzt singet, zu der Lehrstunde Schlusse, – die Vaterstadt an mit dem Gruße – des Liedes, das auf jedem Tone – zur Ehre von Hims trägt von H eine Krone! – Da verschlang sich der ganze Rudel – in einen Strudel, – und sie sangen mit feierlichem Gedudel: Heil'ge, hohe Himmelsheimat, hehre Hims, Heil! du hast den Herrn zum Huldverheißer. Heitre Hügel, heimlich hohles Haingeheg! Höhn' euch herb kein harscher Hauch noch heißer! Holder Hirsche Herde hütet hier der Hirt, Hoffnungshalm' erhabner Herrscherhäuser. Heisa, hussa, hurra, hu, hihi, haha, Halle hell, bis Herz und Hals ist heiser. Dann stob der Schwarm auseinander, – und ich blieb mit dem Scheich selbander; – der zog aus seinem Gesicht hinweg eine Falte – und war Abu Seid, der alte. – Ich war verwundert und erstaunt, – er aber sprach munter und frohgelaunt: – Steck ein deines Schwertes Schärfen – und behalt für dich, was du mir vor willst werfen. – Denn vernimm – und denke von mir nicht schlimm: So gethan ist diese Zeit, Daß die Weisheit büßt die Starrheit Ihres Kopfes, wenn sie nicht Gehn will in den Dienst der Narrheit. Übrigens was ist hehrer – als ein Lehrer, – der ein Vater ist, nicht des Fleisches und Geblütes, – sondern des Geistes und Gemütes? – und wo ist anmutiger ein Stand, als dessen, der steht – in der Mitte von der Jugend Rosenbeet, – dessen Anhauch den Greis erfrischt – und in seinen Frost sanfte Wärme mischt? – oder welcher Beruf – ist förderlicher zu des Ruhmes Behuf, – als, der Weisheit Korn, das unvergängliche, – zu streun in das Land, das frischempfängliche? – daß es aufgeh' und Ernte trag' überschwengliche, – wenn die Jugend den Klang deiner Rede bewahrt in tiefern – Herzen, wie die Züge deiner Schrift aus Schiefern, – um sie der Nachwelt zu überliefern, – wann der Tod zerbrochen hat deines Mundes Kiefern. – Das schreib' auf und leg' es auf dein Gesims, – was ich zu dir gesprochen vor den Thoren von Hims! – So sprach er und hielt sich das Ohr zu – vor allem, was ich ihm schwor zu; – er wandte den Rücken und schritt mit Würde dem Thor zu, – wo ihm eilte der Bürger Chor zu, – und vor meinen Blicken fiel des Kummers Flor zu. 31. Das Lösegeld. Diese Makame ist die Mutter aller übrigen, dem Dichter aus einem äußeren Anlaß entstanden, da er wirklich in der Hauptmoschee seiner Vaterstadt eine ähnliche Person, wie Abu Seid, eine ähnliche Geschichte, wie die den Anhalt dieser Makame ausmacht, erzählen hörte und sie darstellte, wohl ohne damals noch den in ihr liegenden Lebenskeim zu der reichen Schöpfung, die sein befruchtender Geist daraus hervorrufen sollte, zu kennen. Die Einkleidung ist auch etwas abweichend, darin, daß hier Hareth Ben Hemmam (d. i. unser Dichter) nur erzählt, was ihm Abu Seid erzählte, nicht diesen selbst, wie sonst, handelnd auftreten läßt. Hareth Ben Hemmam erzählt: So erzählte mir Abu Seid, der Seruger: Ich hatte, seit ich mein Wandertier gezäumt – und mein Vaterquartier geräumt, – in keinem anderen Wunsche gewacht noch geträumt, – als nach Basra Die Vaterstadt des Dichters, deren Verherrlichung, ein Nebenzweck des Kunstwerks, hier in der vorvorletzten Makame eingeleitet, in der letzten aber vollständig ausgeführt wird. zu kommen, zur Beaugenscheinigung – dessen, was laut der Zeugenvereinigung – von allen bewährten Männern – und gelehrten Kennern, – die Stadt enthält an Schätzen und Labsalen, – an geweihten Plätzen und Grabmalen, – an Gebäuden, Stiften und Zünften, – weisen Leuten, Schriften und Zusammenkünften; – und hatte Gott angelegen mit Gebeten, – daß ich dürfte ihren Staub betreten, – um mich zu erquicken an ihren Gartenbeeten, – zu riechen den Duft ihrer Blume, – den ich erfahren vom Ruhme, – und zu kosten ihre Früchte, – die mir gepriesen das Gerüchte. – Und als ich nun das Glück umfing, – und sich an ihr mein Blick erging, Sah ich an ihr, was Augen lieblich kühlet Und macht, daß dort kein Fremdling Heimweh fühlet. Da, in einer Frühe, als der Tau frischte – und die dunkle Schminke der Nacht abwischte, – als jedem, der noch schlief, – der Warnvater Der Hahn. rief, – macht' ich mich auf, in der Stadt herumzugehn – und nach meinem Bedürfnis mich umzusehn. – Und das Durchstreichen ihrer Straßen – und Durchkreuzen ihrer Gassen – brachte mich zum Quartier, das seinen Namen nahm – von den Benu Haram Ein Stadtviertel von Basra, wo bei der Anlegung der Stadt unter dem Kalifen Omar sich der arabische Stamm der Benu Haram ansiedelte; das Viertel, worin Hariri selbst wohnte, der davon den Zunamen Harami führt. – wo man sieht hohe Gebäude – und Wohnungen der Freude, – Moscheen, geweiht der Feier, – und vielbesuchte Weiher; – wo man gewahr, – gepaart und geschart, – Merkwürdigkeiten aller Art. Da wohnen Heiligkeit und Weltlichkeit, Die wie zwei Nachbarinnen sich vertragen. Da schlägt des Buches Seiten einer um, Den andern hörest du die Saiten Musik ist nicht weniger, als der Wein, eine unerlaubte weltliche Lust. schlagen; Der eine löst der Flasche Siegel hier, Ein andrer dort entsiegelt Zweifelsfragen. Der will im Geist die Fülle Gottes fassen, Der hat am vollen Fasse sein Behagen. Wie mancher Koranleser, Voranesser, Verdirbt sich hier die Augen, dort den Magen. Du bist geladen, Gast. An welchen Laden Du pochen magst, du wirst dich nicht beklagen. Hier kommst du wie gebeten zu Gebeten, Und recht gelegen dort zu Gastgelagen. Du magst nun Bücher oder Becher suchen, Nach weisen Leuten oder Lauten fragen. Als ich nun (sprach Abu Seid) so herumspazierte – und revierte, – Sehenswertes betrachtend – und Spähenswertes beachtend, – erblickte ich, da der Tag schon war an seiner Neige – und die Sonn' an ihrer Niedersteige, – eine Moschee, durch ihren Glanz berühmt – und durch ihrer Besucher reichen Kranz geblümt; Die Moschee ist der Versammlungsort für die gebildete Gesellschaft, die sich dort in der Zwischenzeit der Gebetstunden unterhält. Einen Hauptgegenstand der Unterhaltung macht, für Araber überhaupt, Sprache und Grammatik aus, besonders aber für die Bewohner von Basra, dem Hauptsitz grammatischer Gelehrsamkeit. – und hörte, wie eben die Versammelten – durcheinander redeten und stammelten, – begriffen, zu der Wissenschaft Förderung, – in einer sprachlichen Erörterung. – Da stand ich stille, – und es war mein Wille – nicht, zu profitieren von ihrem Grammatikum, – sondern von ihnen zu profitieren ein Viatikum. – Doch es währte nicht länger, als man braucht, um brennende Kohlen – vom Nachbarshause zu holen; Bei einer solchen Gelegenheit geht man schnell, damit die Kohlen nicht unterwegs verlöschen; und die Eile des Feuerholenden ist im Arabischen sprichwörtlich. – als das Gespräch unterbrochen ward, – weil der Gebetruf gesprochen ward, Der Ruf des Mueddhins (Muezzins) von der Höhe der Moschee, wodurch er die eingetretene Gebetstunde, fünfmal des Tages, anzeigt. – und dem Ruf auf dem Fuß nach – der Imam Der öffentliche Vorbeter oder Leiter der gemeinschaftlichen Andachtsübungen. folgte, der vortrat und den Gruß sprach. – Da bargen sich die Schneiden – des Wortes in die Scheiden, – und die von den Polstern der Sitzung Wo sie, sich unterhaltend, gesessen hatten. erhobenen Glieder – beugten sich auf den Teppichen der Andacht nieder. Jeder Moslem führt einen Teppich mit sich, um die zum feierlichen Gebete gehörigen Knieungen und Niederwerfungen darauf zu verrichten. – Ich vergaß auf eine Weile, im Werk der Erhebung – und Gottergebung, – die auf den Unterhalt gerichtete Bestrebung. – Als nun dem Gesetze genügt war, – der Frömmigkeit Acker gepflügt war, – und die Kette sich trennte, die von der Andacht gefügt war; – trat hervor aus der Menge ein wohlgestalter – Mann von mittlerem Alter, – der sich zeigte als des Wortes Walter – und der Wohlredenheit Entfalter, – sprechend: Ihr achtbaren – Nachbaren! – deren Näh' ich aus der Ferne kommend erwählt, – um euretwillen von meinem Ursprung losgezählt – und als fremder Zweig eurem Stamme vermählt; Der Sprechende ist ein Eingewanderter. – die ihr seid meine Kammer und mein Schrein, – wie sollt' euch meine Heimlichkeit verborgen sein? – Ihr wisset, daß Wahrheit ist der Schmuck der Vernünftigen – und daß die Schande dieser Welt ist leichter als die der künftigen; – dann: daß guter Rat ist eins der guten Werke – und Unterweisung eine Urkunde der Glaubensstärke; – daß der Fragende verdient Unterrichtung – und der Ratende übernimmt eine Verpflichtung; Nämlich die Verpflichtung, nach bestem Wissen und Gewissen zu raten. – daß mein Freund ist, der mich schilt, – nicht der mir hält der Entschuldigung Schild; – und daß, wer mich recht liebt, – mich zurechtweist, nicht mir recht giebt. – Da sprachen die Versammelten: Trauter Genoß! – und vertrauter Herzenssproß! – Was ist das Geheimnis von deinen Rätselworten – und der Schlüssel zu deines Redegebäudes Pforten? – Sage, was du verlangst? daß du es erlangest, – ob du Großes auch verlangest. – Denn bei dem, der uns gemacht zu deinen Brüdern – und unsre Lieb' und Treue zu deinen Hütern! – wir werden dir den Rat nicht abschlagen – und die That nicht absagen. – Er sprach: Gottes Güte mög' es euch güten – und seine Hut euch behüten. – Ihr seid von denen; mit denen ohn' Ungemach – sich wohnen läßt unter einem Dach; – an denen kein Fehl ist – und vor denen kein Hehl ist. – So will ich euch entfalten, was mich engt, – und eurem Urteil vorhalten, was mich drängt und zwängt. – Wisset: daß einst in des Glückes Verkümmerung – und des Wohlstands Zertrümmerung – ich mit Gott gemacht einen Anschlag – und ihm gegeben des Gelübdes Handschlag, – nie starkes Getränk zu erhandeln, – noch mit Zechern zu wandeln, – noch mich mit Wein zu erfüllen – und mit Rausch zu verhüllen. – Dann verführte mich die Lust – und der Feind in der Brust, – mit Schlemmern zu verkehren – und Maße zu leeren, – die Würde zu verletzen – und den Gaumen zu netzen, – zu taumeln und den Tummler Großer Becher. zu tummeln; – und zu schwärmen mit den wilden Hummeln, – ohn' Erröten zu schlürfen den Roten, – mein Gelübde vergessend wie einen Toten. – Und so weit ging meine Vermessenheit – in des Teufels Besessenheit, – daß ich auch am Feiertag – im Schenkenfeuer lag – und in der Fastnacht – war vom Rausche festgemacht. – Doch nun bin ich in der Betrübnis – um das gebrochene Gelöbnis, – in der Reue Haft – durch den Sündensaft – am Herzen wund – um den verletzten Bund, – zerknirscht und ermangelnd des Trostes – über die Verschlingung des Mostes. – Nun, o mein Volk, welche Sühnung wisset ihr mir, die mich der Sünde fern – und wieder nahe bringe meinem Herrn? – Wie er nun so (sprach Abu Seid) den Knoten der Red' entschürzte – und sein Anliegen mit Seufzern würzte; – sprach die Seele zu mir: Abu Seid! – Hier ist Fangezeit; – halte Hand und Netz bereit! – Und als er geendet, sprang ich auf vom Sitz, – drang durch die Reihen wie ein Blitz – und trug vor: O Frommer, dessen Edelmut Weit übersteigt Gedanken, Und der du suchest Rat, um zu Bestehn vor Gottes Schranken! Ich hab' ein Mittel gegen das, Was dich an Gram macht kranken; Du magst das Leid, das mich betraf, Vernehmen und mir danken. Der Männer von Serug, die fromm An ihrem Glauben hangen, Bin einer ich und wohnte dort In hohen Wohlstands Prangen, Geehrt, gehorcht, gewohnt, Befehl Zu geben, nicht zu empfangen. Mein Haus war ein Zusammenfluß Der Gäst' aus allen Landen; Wo offen weit die Thore stets Und frei die Güter standen. Einkauft' ich durch Freigebigkeit Die Ehren, ab die Schanden, Und achtete Kleinode klein, Die durch Verschwendung schwanden. Nach meiner Halle steuerten Die nächtlichen Verbannten; Denn meine Feuer, wenn der Geiz Die seinen löschte, brannten, Gleich einem Leitstern, welchen sie Als Truglicht nie erkannten. Und also grünte lang mein Glück Und blühten meine Flammen; Bis Gott die Huld, die er ob mir Entfaltet, schlug zusammen. Da ließ aus einem Zwietrachtskorn Er einen Kriegsbaum stammen, Und Griechenheere kamen, die Im Blut der Gläub'gen schwammen, Die unsre Stadt verwüsteten Und raubten Kind und Ammen. Geplündert ward mein Gut, und ich Als Bettler ging von dannen, Von Fremden jetzt gewinnend, was Sie einst von mir gewannen. Doch in der Armut Wirbeln, die Mein ganzes Glück verschlangen, Beklag' ich nichts wie den Verlust Der schönsten meiner Spangen, Der einz'gen Tochter, welche fiel In Feindeshand gefangen; Sie löst' ich gern mit meinem Blut, Sie wollen's nicht empfangen; Und was sie wollen, Gold und Gut, Ist mir durch sie entgangen. Nun weißt du, welchen Kummer Gott Hat über mich verhangen; Und wenn du heilen willst zugleich Die Blässe meiner Wangen Und deines durch der Sünde Schuld Zerstörten Herzens Bangen; So hilf mir, daß mein Kind befreit Werd aus der Haft der Schlangen. Dein Sühngeld sei ihr Lösegeld, In Gefangenschaft, besonders der Ungläubigen, Gefallene loskaufen, ist das größte der verdienstlichen Werke eines Moslems. Verachte nicht das Mahnen! Zu Gottes Wohlgefallen kannst Du so den Weg dir bahnen, Verzeihung findend, daß du hast Verlassen seine Fahnen, Und machend, was du Böses hast Gethan, zum Ungethanen. Daneben wirst du vor der Welt Erhöht auf Ruhms Altanen, Weil meines Dankes Größe wird Entsprechen dem Empfahnen. Abu Seid sprach: Als nun ausgebraust war mein Redeschwall – und jener baute auf meiner Worte Wall, – trieb ihn die böse Lust zum guten Werke, – und der Sündenhang gab ihm zum Opfer Stärke. – Er zahlte mir eine Summ' aus auf dem Platz – und sicherte mir durch Verschreibung einen zweiten Satz. – Doch ich ging heim, – zufrieden mit dem angewandten Vogelleim, – und konnte nun, dank meinem blauen Dampfe, – mir den Bauch füllen mit Pframpfe Dicker Mehlbrei und dergleichen. – und, Preis meinen tönenden Glocken, – mir den Mund stopfen mit Brocken. – Da fragte ich (erzählt Hareth Ben Hemmam): – Und empfindest du über deinen Betrug keine Scham? – Doch er sprach unbeklommen: – Ich fühle mich vielmehr in Freudigkeit entglommen, – daß ich ein frommes Werk gefördert zu meinem Frommen; – denn jenem ist die Sünd' abgenommen – und ich bin zu Gelde gekommen. – Dann sang er: Diese Welt, die Mördergrube, Voll von Löw- und Tigerkatzen, Siehe, wie du ungezaust Kommest zwischen durch die Tatzen. Spähe, was du haschen mögest, Merke, was du kannst erschwatzen; Schatze! denn die Zeit ist stets Auf der Lauer dich zu schatzen. Hetze, statt gehetzt zu werden; Welt ist all ein Wald für Hatzen. In die Schlingen locke Schlangen, Aus den Ritzen locke Ratzen. Wenn der Falke dir entgangen, Nimm fürlieb nur mit dem Spatzen; Und erhältst du nicht den Thaler, So begnüg dich mit dem Batzen. 32. Das Testament. Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich hörte: Als Abu Seid nun hinaus war über die neunmal neun – und dünner wurden die Mähnen dem alten Leun, – dachte er, in einem Anfall von Schwächlichkeit, – an des menschlichen Lebens Zerbrechlichkeit – und befand, es sei das best' am End' – auch zu machen ein Testament. – So ließ er denn seinen Sohn vor sich kommen, – nachdem er seine Sinne zusammengenommen, – und sprach: Mein Söhnlein! ich werde nun bald ziehn mit den Schwalben – und mein Auge mit der schwarzen Schminke des Todes salben. – Du aber warst durch Gottes Gnade meines Alters Stab – und wirst nach mir bleiben die Blum' auf meinem Grab. – Du warst mein Schildhalter und Handreicher – und bleibst mein Stammhalter und Nachfolger auf dem Throne der Landstreicher, – der fechtenden Sassansbrüder Vorfechter – und ihrer Ehrenburg Thorwächter, – der Leitstier ihrer vielzerstreuten Herde – und der Leitstern ihrer Wanderungen über die Erde. – Du bist nun zwar nicht der Thor, – den die Mahnung muß zupfen beim Ohr; – doch Gott hat gesagt: Mahn in alle Wege, denn du bist ein Mahner; Worte des Korans, von Gott an Mohammed gerichtet. – und bahne die Stege, denn du bist der Bahner. – Und die Ermahnung ist der Gemütesfalten Plätt- und Glättstein – und der Geistesscharten Wetzstein. – So will ich denn um deines Besten willen – dir überliefern meinen letzten Willen – mit Lehren, dergleichen nicht Seth Das Testament von Seth , Adams Sohn, der als allgemeiner Stammvater der Menschen und zugleich als erster Gründer des Islams und der Kaaba betrachtet wird, ist im Morgenlande nicht bloß mythisch und sprichwörtlich berühmt, sondern der Geschichtschreiber Elmokanna führt es wörtlich an; es enthält allgemeine Lehren der Gottseligkeit in ziemlich koranmäßigem Tone. Es wird wohl durch die Patriarchen-Geschlechtsfolge, über die Flut hin und weiter, mündlich überliefert worden sein; oder warum nicht auch schriftlich? da ja derselbe Seth schon 50 Blätter voll Offenbarungen von Gott empfangen haben soll. hinterließ, – und mit Segen, wie ihn nicht Jakob verhieß. – Und wie du in treuem Gedächtnis – wirst behüten mein Vermächtnis – und dich vor Übertretung hüten, – so behüten dich Gottes Güten, – daß grün sei dein Strauch – und voll dein Schlauch – angenehm geachtet dein Hauch – und hochsteigend deines Feuers Rauch. – Doch wie du verschmähest meine Suren Suren heißen die Kapitel des Korans. – und nicht gehest auf meinen Spuren, – so sei leer deine Flasche – und löcherig deine Tasche – und wenig deiner Herdesasche. Reich an Asche ist eine sprichwörtliche Bezeichnung für reich überhaupt, weil der Reiche gastfrei ist oder sein soll, für die Gästebewirtung aber der Aschenhaufen des Herdes zeugt. – Mein Söhnlein! ich habe versucht meine Schwinge – und geprobt meine Klinge – und mir geprüft die menschlichen Dinge, – habe schätzen lernen den Mann nach seinem Stadel, Nach seiner (vollen) Scheune, seinem wirklichen Gehalt und wahren Vermögen. – nicht nach seinem Adel, – nach seinen Kasten und Kisten – nicht nach seinen Ahnenlisten, – und befunden, daß es ankommt auf den Verstand, – nicht auf den Stand, – auf die Drittel Drittelstücke, wie Dreier, für Geld überhaupt. und die Mittel, – nicht auf den Kittel und den Titel. – Eingeteilt hat, wer sich verstand auf Leute, – die Welt in vier Stände: der Raufleute , – der Kaufleute , Schnaufleute und Laufleute . – Die Raufleute sind die zum Leuteraufen – berufenen Kriegs- und Friedensbeamtenhaufen. – Doch ich fand, daß, wenn sie ihren Strauß gerauft, – sie selber werden ausgerauft. – Sie schweben auf den grünen Matten – als der Gnadensonne Des obersten Herrschers. Schatten, – die sich lassen von ihrem Blick regieren – und, wenn sie untergeht, sich in die Nacht verlieren. – Ich lernte: Was gefällt, das fällt, – und was angestellt wird, wird auch wieder abgestellt; – und es schreckt mich von der Süßigkeit der Angewöhnung – ab die Verdrießlichkeit der Abgewöhnung. Die Entwöhnung des Säuglings ist ein häufiges Bild für die Schmerzlichkeit der Entsagung, besonders bei den erotischen Dichtern. – Die Kaufleute aber haben keine Ruhe der Gemüter, – sowie keine der Güter; – alle Stürme und Riffe – lauern auf ihre Schiffe, – und auf ihre Karawanenkameltriebe – alle Zöllner und Gaudiebe. – Wie schlimm ist, daß sie selber kein Teil haben – an den Schätzen, die sie für andre feil haben; – und wie übel, daß sie verkaufen müssen, – was andre erkaufen zu Genüssen. – Die Schnaufleute aber sind die Feldbauer, – denen wird Gottes Welt sauer, – und ihr Ruhm ist nicht weit erschollen, – weil sie haften an ihren Schollen, – wo sie kämpfen mit Schnecken – und Heuschrecken, – düngen mit ihrem Schweiß ihren Acker – und ernten ihren Fleiß für ihre Placker. – Die Armen gleichen den Lasttieren – und die Reichen den Masttieren, – die man aufspart zum Gastieren. – Endlich die Laufleute sind die Beispringer, – die Handlanger und Herbeibringer, – die da Künste treiben und Handwerke, – ernste Geschäfte und Tandwerke. – Von diesen allen fand ich kein ersprießliches, – unverdrießliches, nutznießliches, – kein gnügliches und vergnügliches, – überall fügliches, niemals trügliches, – als das Handwerk, das Sassan gegründet – und zunftmäßig geründet, – seine Ordnung der Welt verkündet – und seine zerstreuten Glieder zu einem Leib verbündet, – als eine Genossenschaft freier, standgleicher, – unter sich verbandreicher Handreicher, – Landstreicher und Landschleicher. – Ich habe sie kennen gelernt nach ihren Standesarten – und mich ausgezeichnet unter ihren Standarten – und habe gefunden, daß dieses das Handwerk ist, das überall geht, – die Mühle, die nie stille steht, – der Brunnen, welcher nie versiegt, – der Handel, der nie darnieder liegt, – der in allen Nächten fliegende Leuchtwurm, – der von jedem Orte sichtbare Leuchtturm, – die Fackel der Leitung, die leuchtet den Blinden, – das Panier, zu dem sich die Lahmen finden. – Ihre Verbindung ist die weiteste – und ihr Stamm der ausgebreitetste, – überall gastend – und nirgends rastend, – bald nah, bald fern, – sie wandeln in den Lüften wie der Stern – und haben auf Erden keinen Herrn. – Sie fürchten nicht den Sultan, – doch nehmen sie seine Huld an; – sie fürchten nicht der Beamten Donner und Blitz, – denn sie haben keinen Sitz – und keinen Besitz als ihren Witz. – Sie sind es, die nirgends zu Hause sind. – weil sie überall beim Schmause sind, – sie, die ohne ein Körnlein zu streuen, – sich des täglichen Brotes erfreuen, – wie die Vögel, die in der Frühe hungrig aufstehn – und abends satt in die Wipfel hinaufgehn. Ein Wort Mohammeds, augenscheinlich nach dem Evangelium. – Da sprach der Sohn: Mein Vater! – du hast gesprochen als ein treuer Berater, – doch hast du dich nur gefasset kurz; – mache länger der Rede Schurz, – mich unterrichtend, wie ich das Geschäfte soll fassen beim Schopf, – mich belehrend, wie man am Fische isset den Kopf. Im Arabischen: Wie oder von wo man das Schulterstück am Kamel isset, d. i. wie man ein schweres, kitzliches Geschäft angreift. – Er sprach: Das Hauptstück der Kunst ist Regsamkeit – und Bewegsamkeit, – und ihre Hilfsmittel sind Durchtriebenheit – und Abgeriebenheit, – behende Schmächtigkeit ohne Feistigkeit, – kurze Bedächtigkeit und große Dreistigkeit, – dann ein quecksilbernes Gehirne – und eine eherne Stirne. – Denn wer sich scheut – ist nicht gescheit; – und wer nicht ist ruhlos und rastlos, – dessen Schiff ist mastlos, – dessen Baum astlos und bastlos. – Dein Rock soll heißen Gramlos – und dein Stock Schamlos – und dein Name Namlos. – Sei rascher als Wolkenzug – und überraschender als Heuschreckenflug, – muntrer als das Reh im Mondschein Dem Reh schreibt das arabische Sprichwort eine besondere Munterkeit beim Mondschein zu, ein lustiges Hüpfen und Tanzen. worin es sich oft so sehr vergißt, daß es den Raubtieren zur Beute wird; daher ein zweites Sprichwort: Bethörter (oder unvorsichtiger) als das Reh im Mondschein. – und lebhafter als die Eidechs' im Sonnschein. – Scheue nicht Mühe und Stäte – frühe oder späte! – Denn schürst du dein Feuer, so wird es brennen, – rührst du dein Steuer, so wird dein Schifflein rennen, – und führst du in deine Scheuer, so wirst du haben auf deiner Tennen. – Du sollst deinen Eimer hängen in jeden Bronnen – und an jedem Zaun deine Wäsche sonnen; – jeden Strauch sollst du rütteln – und jeden Baum im Vorbeigehn schütteln, – dir Pfeifen schneiden aus jedem Rohre – und vorbeigehn keinem offnen Thore. – Denn am Stab unsres Ältesten Sassan stand geschrieben: »Wer langt, erlangt; – wer säumt, versäumt,« – Und fliehe die Trägheit wie eine häßliche Schramme! – denn sie ist die Wurzel zu der Armut Stamme, – der Hilfsbedürftigkeit Mutterwamme, – der Ratlosigkeit Stillamme, – der Dämpfer der Geistesflamme; – jeder Funken erstickt in ihrem feuchten Schwamme, – und jeder, der wandelt auf ihrem Damme, – versinkt im Schlamme. – Drum plaudre nicht – und schlaudre nicht, – und zaudre nicht – und schaudre nicht. – Zage nicht, sondern wage!– frage nicht, sondern jage! – Denn der Zweifel erörtert nicht, – und die Bedenklichkeit fördert nicht. – Wer lange sinnt, beginnt nicht behende, – und wer nicht beginnt, gewinnt nicht das Ende. – Und das Sprichwort sagt: Wer wagt, macht Kehraus, – wer zagt, geht leer aus. – So sei nicht träge wie ein Faultier, – sondern unermüdlich wie das Maultier, – kühn wie der Aar, – beredt wie der Star, – listig wie der Fuchs, – scharfsichtig wie der Luchs, – behend wie das Wiesel, – unverwüstlich wie der Kiesel, – gewandt wie die Schlange, – packend wie die Zange, – glatt wie der Aal – und fest wie der Stahl. – Sei nicht spröde – und nicht blöde! – denn Blödigkeit bleibt mager, – und Sprödigkeit hat ein kaltes Lager. – Sondern sei keck wie die Ziege, – unabweislich wie die Fliege, – unentfliehbar wie die Bremse, – unverfolgbar wie die Gemse – und unermüdbar wie die Ämse , – habgierig wie der Geier, – hochfliegend wie der Reiher, – wanderlustig wie die Störche, – stets frohen Muts wie die Lerche, – wie der Hahn früh und spät auf der Wacht, – wie der Adler im Sonnenlicht und wie der Kauz in der Nacht. – Sei stets auf den Beinen wie ein Kreisel, – stets im Schwung wie eine Geißel, – stets mitten im Schwarm wie ein Weißel. – Sei in der Luft wie ein Pfeil – und in der Kluft wie ein Keil, – allwärts rund wie die Kugel, – stets auf dem Flug wie ein Vogel, – und an jedem Flecke – in deinem Haus wie die Schnecke. – Wechsle Farben wie der Hals der Taube – und schillere wie die Traube, – und schlage deiner Rede bunten Reif – wie einen Pfauenschweif.– Lerne Worte schmücken – und Ohren entzücken – und Herzen berücken. – Scheue keine Lüge – und fürchte keine Rüge. – Richte dein Glockenspiel nach dem Wind – und dein Puppenspiel nach dem Kind. – Es giebt einen Brocken für jeden Köter – und für jeden Fisch einen Köder. – Lerne, wie man den Igel anfaßt, ohne sich zu stechen, – und das Siegel löst, ohne es zu zerbrechen, – wie man die Nessel angreift, ohne sich zu brennen, – und die Fessel abstreift, ohne sie zu trennen. – Halte den Aal nicht beim Schwanze – und nicht bei der Spitze die Lanze. – Eh du melkest, streichele; – und eh du bittest, schmeichele. – Komm nicht nach dem Schmaus – und nicht, wann der Markt ist aus. – Sattle das Pferd, eh du reitest, – und schnalle den Schuh, eh du schreitest. – Schwimme nicht stroman;– fürchte dich vor keinem Strohmann. – Vortritt ist besser als Nachtritt, – Frühritt besser als Nachtritt. – Schaue nach dem Ziele – und scheue nicht die Schwiele. – Gehe nicht schräg – nach dem, was dir liegt auf dem geraden Weg; – aber wo es nicht geht auf dem graden, – da geh getrost auf den Seitenpfaden. – Denn nicht umgeht die gute Krümme, – aber krumm geht's dem Ungestüme. – Du sollst dich keinen vergeblichen Gang lassen reuen – und keinen zweiten scheuen; – denn nicht auf einen Hieb fällt ein Stamm, – und der Wolf holt auf einmal nur ein Lamm. – Darum nimm fürlieb wie ein Taubenkröpfchen, – das vom Platzregen nur schluckt ein Tröpfchen, – und sei begnügsam wie das Zeischen, – das sein Nest baut aus kleinen Reischen. – Nimm für Grünes das Fahle – und für Breites das Schmale; – nimm für Frisches das Schale – und für Neues das Kahle, – und danke dem Geber auch für eine Nußschale. – Auch laß dich Abschlagung nicht grämen – und Abweisung nicht lähmen; – gieb die Hoffnung nicht auf, daß in Felsquadern – sich verbergen Quelladern, – und verzweifle, so lang ein Weg dir frei stand, – nicht an Gottes Beistand! – »denn an Gottes Beistand verzweifeln allein die Ungläubigen.« Worte des Korans. – Doch wo du zu wählen hast zwischen morgen und heut', – zwischen dem, was man verspricht, und dem, was man beut', – so wisse: besser ist jeder Handel bar; – denn Menschensinn und Geschick ist wandelbar. – Zwischen heut und morgen sind Grüfte – und zwischen Versprechen und Erfüllen Klüfte. – Du aber gehe nicht tiefer ins Wasser, als fester Sand ist, – und lange nicht höher, als deine Hand ist; – mische Wasser unter den Saft der Reben – und Sparen unter das Ausgeben: – und da, wo dir die Nahrung ausgeht, gehe geschwindest; – denn dein Vaterland ist da, wo du Weide findest. – Sei überall gewandt und verschlagen, – so kann es dir nichts verschlagen. – wohin dich die Winde verschlagen; – niemand wird dich verschlagen. Hier nimm ein Testament, desgleichen Sich nie ein Erbe durft' erfreuen; Das, tadellos und mängelfrei, Mag keines Richters Auge scheuen; Gewürzt mit Sinnes Trefflichkeiten, Ein lautrer Mischtrunk echter Treuen. Lab dich daran und thu danach, Um mein Gedächtnis zu erneuen; Auf daß von dir die Welt einst sage: Seht dieses Welflein jenes Leuen. D. i. wie herrlich artet er seinem Vater nach. Welflein, Löwenjunges. Dann sprach er: Mein Söhnlein – hier ist mein Rat, – bei dir steht die That; – bist du gehorsam, wohl geschehe dir! – doch bist du ungehorsam, wehe dir! – Ich stelle dich mit dieser Kundschaft – unter Gottes Vormundschaft – und hoffe, du wirst nicht täuschen über meinem Grabe – die gute Meinung, die ich von dir habe. – Da sprach der Sohn: Mein Väterchen! nie sei abgebrochen dein Zelt, – noch von dir geräumt die Welt. – Aber deine Worte – sind mir Horte, – deine Sprüche – Wohlgerüche, – deine Reden – goldne Fäden. – Und sollte nach dir atmen diese Brust – (nie müsse ich kosten deinen Verlust!), – so werde ich handeln nach deiner Handlungen Richtschnur – und wandeln auf deines Wandels Richtspur, – daß man sagen soll: O wie zeigt sich der Sauerteig im Brot! – wie kehrt das Morgenrot wieder im Abendrot! – Da freute sich Abu Seid, lächelte und sprach: – Seinem Vater zu gleichen ist keine Schmach. Ein Sprichwort. – Hareth Ben Hemmam erzählt: Ich erfuhr, daß alle Kinder von Sassan, – als sie hörten dies Testament, es nahmen zum Maß an, – dessen Lehren sie über die Lehren Lokmans Des, unter uns nur als Fabeldichter bekannten, Lokmans Weisheitslehren und Ermahnungen an seinen Sohn sind im Koran (Sure 31) vorgetragen, und eben daraus sind im obigen Testament mehrere Stellen angewandt oder umgewandt. schätzten – und neben die Mutter des Korans So wird die erste Sure des Korans genannt, weil man sie als Inbegriff und Wurzel des ganzen Buches betrachtet. Sie enthält gleichsam einen schwachen Nachklang des Vaterunsers und wird auf ähnliche Art als Gebet gebraucht. setzten, – sodaß sie noch jetzt es einprägen ihren Kindern, – es ihnen für nützlicher haltend als goldene Flindern. 33. Basras Ruhm. Hareth Ben Hemmam erzählt: Mein Herz war eines Tags von Kummer befangen, – der mir widerschien von den Wangen; – und ich hatte gehört, daß so sehr nichts dient, den Geist zu erfrischen, – als in geistige Gesellschaft sich zu mischen: – darum sah ich, um meine Dumpfheit zu heilen, – kein Mittel, als zur Hauptmoschee von Basra zu eilen, – die damals von Kennern war allgemein besucht, – wie eine Perlenbucht, – oder wie ein Garten voll Blüt' und Frucht; – man hörte auf ihren Sitzen, zu denen man drängte, – und in ihrem Raum, den man verengte, – nichts als gebildeter Zungen Geflüster, – oder gelehrter Griffel Geknister. Die Moschee, als Versammlungsort der Gelehrten und Gebildeten. Es wird daselbst nicht bloß gesprochen, sondern auch geschrieben, schon deswegen, weil so manche Spiele des Sprachwitzes, die einen Hauptgegenstand der Unterhaltung ausmachen, fast mehr für das Auge als für das Ohr da sind, wie z. B. Zeilen, die man buchstaben- oder wörterweise rückwärts lesen kann, Verse aus lauter punktierten oder lauter unpunktierten Buchstaben, oder aus einer regelmäßigen Abwechslung von beiden zusammengesetzt und andre Künsteleien mehr, wovon die Anmerkungen zum deutschen Hariri die Proben geben. – Dahin steuerte ich mit Macht – und hatte auf nichts andres acht. – Doch als ich nun eintrat in den äußern Rand – und im Vorhof stand, – zeigte sich mir ein Mann im zerfaserten Rocke, – sitzend auf einem Marmorblocke, – um ihn her ein Heer, – mehr als Sand am Meer, – ein Haufen gedichtet und geschichtet, – dessen Zahl nicht berechnet wird noch berichtet. – Da ließ ich mich es nicht verdrießen, – zu drängen durch die, die drängten und stießen, – bis ich ihm gegenüber hatte den Platz, – wo ich konnt' ins Auge fassen den Schatz. – Und siehe da! es war unser Held, – der Seruger, unvermummt und unverstellt; – der, als er im Kreis umhergeblickt – und einen Strahl des Auges auch zu meinem Orte geschickt, – sprach: O Volk von Basra! hüte Gott und weide euch! – wie schön steht der Frömmigkeit Geschmeide euch! – Wie frisch ist eures Geistes Duft – und wie süß eurer Heimat Luft. – Wie hoch ist eure Gesinnung – und wie edel eure Innung. – Euer Gebiet ist das glaubensreinste – und sittenfeinste, – an Umfang nicht das kleinste, – und an Inhalt das ungemeinste; – wo der Tigris ist am breitesten – und die Landschaft am weitesten – und die Palme am höchsten – und Gottes Näh' am nächsten. – Es ist der Gipfel eures Ruhms, – zu schaun gegen die Thüre des Heiligtums Alle Mosleme richten sich im Gebete gegen die Kaaba, welche Richtung die Kibla heißt und in den Moscheen durch eine Blende in der Wand bezeichnet ist. Diese Richtung ist natürlich von den verschiedenen Himmelsgegenden her eine verschiedene. Von Basra ist die Dichtung westlich gegen die Ostseite der Kaaba, wo diese ihren Eingang hat und wo auch der Betort Abrahams sich befindet. – und gegen die Stelle hinzubeten, – wo Abraham getreten. – Eure Stadt ist gesetzt zu des Islams Vorwalle – und zu des heiligen Hauses Vorhalle, – nicht auf des Heidentums Trümmer gegründet, – sondern neu am neuen Licht entzündet. Hariri läßt es seiner Vaterstadt zum Vorzug anrechnen, daß sie eine neue, erst im Islam erbaute sei. Der Kalif Omar hat sie, in einiger Entfernung vom persischen Meerbusen, als eine Vormauer gegen das persische Reich gegründet. – Das ist ihrer Reinheit Stempel, – daß in ihr nie flammte ein Feuertempel, Der persischen Feueranbeter. – nie in ihr eine Glocke Der Christen. getönt ward, – noch einem Götzenbilde gefrönt ward, – und zu keinem gebetet als mit warmer – Erhebung zum Allerbarmer; Der Hauptname Gottes im Koran. – wo die Betörter sind voll Betender – und die Moscheen voll Betretender, – die Schulen voll Lehresuchender – und die Gräber Hier sind die andächtig verehrten Gräber eines Talha, Zubeir Abu Bekr, Ins Ben Malik und anderer ersten Anhänger des Islams. Überhaupt aber ist, die Gräber zu besuchen, eine gewöhnliche Andachtsverrichtung der Mosleme. voll Besuchender; – wo die Denkmale sind und die geweihten Plätze, – und die Reichtümer und die Weisheitsschätze. – So ist eure Stadt gesegnet, – daß in ihr sich begegnet – des Meerschiffes Mast – mit der Landkarawane Rast, – der Löwe mit dem Seelöwen – und die Taube mit der Möwen; Im Arabischen: der Fisch mit der Eidechse ; die, nach dem Sprichwort, nie zu Wasser geht. – der Stier mit dem Stöhr, – der Luchs mit dem Lachs, – der Fischer mit dem Jäger, – der Kameltreiber mit dem Ruderschläger. – Und euer Zeichen ist die Flut im Walle – und die Ebb' im Falle. Bagdad, obgleich in beträchtlicher Entfernung vom Meer, hat Ebbe und Flut. – Über euren Preis sind uneins nicht zwei aus der ganzen Gemeinde, – und euren Wert leugnen selbst nicht die Feinde. – Euer Volk ist das friedfertigste, – dem Oberhaupte treu gewärtigste, – gegen Wohlthaten dankbarste, – in Anhänglichkeit unwankbarste. – Euer Frommer Hassan von Basra . ist der frömmste der Erschaffenen, – der erste auf dem Wege zum Unerschaffenen; – und euer Weiser Abu Obeida . ist der Weiser der Zeit – und Weisel der Wissenschaftlichkeit. – Von euch ist, der das Licht der Grammatik angezündet Abu-l-aswad soll die erste arabische Grammatik geschrieben haben. Nachher ist Basra der Sitz der einen von beiden grammatischen Schulen, in welche sich die ganze Gelehrtenwelt teilt; der Sitz der andern ist Kufa. – und der den Bau der Metrik gegründet. – Und es ist keines Verdienstes Blume, – die nicht geblüht eurem Ruhme, – und kein Ehrenreis, – das nicht gesproßt zu eurem Preis. – Eure Gebetrufer Die Mueddhins (Muezzins), die von den Türmen der Moscheen die fünf Tagesstunden des Gebetes ausrufen. sind die zahlreichsten – und an Stimme den Engeln gleichsten – und eure Herzen die für die Andacht weichsten; – die ihr erfunden habt in eurer Stadt – das Nachbild der Feier von Arafat Den Gebetstand auf dem Berg Arafat bei Mekka während der Wallfahrt feiern die nicht auf der Wallfahrt Begriffenen daheim in ihren Städten durch besondere Gebete in den Moscheen, durch Flurumgänge u. s. w., welchen Gebrauch Ibn Abbas in Basra zuerst soll aufgebracht haben. – und im Ramadhan des Frühmarkts Beschickung – zu der Fastenden Erquickung. Den Monat Ramadhan hindurch muß bekanntlich von Sonnenaufgang bis -untergang in höchster Strenge gefastet werden. Dieses zu erleichtern, hält (oder hielt) man in Basra in der Frühe, d. h. vor Sonnenaufgang, einen Markt mit Lebensmitteln, zur Stärkung und Vorbereitung auf den Fasttag. – Bei euch, wann die Nacht kühl ist – und zum Schlaf einladend der Pfühl ist, – tönen Gebete, die den Schlafenden ermuntern – und den Wachenden lieblich wundern; – und nie blinkte des Morgens Zahn im Ost, – in der Hitze oder im Frost, – ohne daß euer Frührufer Chor – in der Dämmrung säuselt empor, – wie das Gesäusel des Winds im Rohr; – und das wird von Ohr zu Ohr gesagt, – was der Prophet (Heil über ihn) von euch zuvor gesagt, Der Prophet hat, laut der Überlieferung, vorausgesagt: es wird einst eine Stadt sein, Namens Basra, die wird die geradeste Kibla haben und die meisten Gebetrufer, von ihren Einwohnern wird Gott abwenden alles, was sie verdrießt. Und der Kalif Omar (er selbst der Gründer von Basra), als er einst mit einem Kriegsheere vor die Stadt kam, sprach bei der Musterung: Ihr kommt hier zu Leuten, deren Korangesumme ist wie das Gesumme der Bienen auf der Weide; beleidigt sie nicht mit der Erzählung weltlicher Kunden, sondern preiset den Koran und führet Überlieferungsworte vom Propheten an. – daß euer Gesumm' in der Nachtscheide – sein werde, wie das Gesumme der Bienen auf der Heide. – O ewiger Preis eurer Stadt um das – Wort Mustafas, Mustafa, ein Ehrenname Mohammeds, bedeutet Auserwählter. – womit der Erles'ne sie erlas, – und wenn von ihr kein Stein mehr steht, – der Wind ihre Spuren hat verweht – und von ihr nur die Sage geht. – – Worauf er seinen Mund versiegelte – und sein Wort mit Schweigen verriegelte, – bis mit Blicken nach ihm ward gespäht – und er über die Verkürzung Verkürzung seiner Rede, oder Verkürzung der hörbegierigen Zuhörer. ward geschmäht. – Da seufzte er auf wie ein zur Blutrach' Abgeführter, – oder ein von Löwenklauen Umschnürter, – dann sprach er: O Volk von Basra! eure Weise ist es beständig, – weise zu sein und in allem Guten beständig; – ich aber, wer mich kennt, der weiß, – niemand macht leicht das Schwarze weiß; – und wer mich nicht kennt, dem will ich mich schildern, – ohne zu übertreiben noch zu mildern. – Ich bin der, der südlich reiste – und nördlich kreiste, – der ostwärts irrte – und westwärts schwirrte; – der Wüsten durchstreifte – und Meere durchschweifte, – der Nächte durchritt – und Tage durchschritt. – In Serug war es, wo ich entsproß, – und auf dem Sattel wuchs ich groß; – dann stürzt' ich mich in Fährlichkeiten – und schürzte mich zu Beschwerlichkeiten, – brach in Schlachten der Lanze Schaft – und des ungebrochenen Rosses Kraft, – die widerspenstigen zähmt' ich – und die widerwärtigen lähmt ich, – die gefrornen schmelzt' ich, – und die steinernen wälzt' ich. – Fraget nach mir den Auf- und Niedergang, Der Sonne. – der Karawanen Hin- und Wiedergang, – Kameles Hufe und Rücken, – Steige, Tränken, Furten und Brücken, – Städter und Wüstenbewohner, – Bettler und Throner, – Reiter und Freibeuter, – Meuter und Wegedeuter; – und erkundigt euch nach mir bei den Kundespürern – und bei den Nachtgesprächeführern Das Nachtgespräch ist eine ordentliche Nationalanstalt der Araber, die einen Teil des heißen Tages verschlafen und dafür einen Teil der kühlen Nächte verplaudern. , – daß ihr hört, wie manche Kluft ich durchkrochen – und wie manches Schloß durchbrochen, – wie manchen Riegel gesprengt, – wie manchen Flügel versengt, – wie manchen Strauß gekämpft, – wie manchen Stolz gedämpft, – wie manche List überlistet, – aus wie mancher Fahr mich gefristet; – wie manchen neuen Trug ich geschliffen, – und der Gelegenheit Schwert ergriffen, – Löwen entrissen den Raub, – Hochfliegende geworfen in den Staub, – Laurer entlockt der Lauer, – Schadenfrohe gebracht in Trauer, – Sturm und Wellen besprochen, – Schlangen den Giftzahn ausgebrochen – und harte Steine beschworen, – daß sie, zerberstend, Ströme von Milde geboren. – Doch das war, als die Zweige standen im Saft – und das Herz in Kraft, – und der Jugend Gewand war glänzender Taft. – Jetzt aber hat sich das Grade gekrümmet – und das Ungestüme gestümmet; – in der Nacht des Haares ist der Mond aufgegangen – und die Blüt' abgefallen von den Wangen; – die herbe Frucht ist gezeitigt, – der starre Sinn geschmeidigt, – und verleidet ist mir und leid, womit ich den Herrn beleidigt. – Mir bleibt nur der Reue Wässerung – und der Sünde Besserung, – deren Riß so weit ist, – daß der Abhilfe hohe Zeit ist. – Nun hab' ich gehört aus bewährtem Munde – und vernommen aus sicherer Kunde: – Gott , in dessen Hand ist der Welt Geschick, – thut jeden Tag auf Basra einen Blick ; Ein Wort Mohammeds: Gott der höchste thut an jedem Tag zwei Blicke, einen Blick auf die Bewohner der Erde vom Aufgang bis zum Niedergang und einen Blick auf Basra . – dann auch: Aller andern Menschen Waffen ist Stahl und Eisen, – aber euer Waffen ist Gebet und Lobpreisen . Ein ähnliches Wort der Überlieferung. – So hab' ich nun mein Tier durch den Ritt gemagert, – bis ich es hier bei euch gelagert; – was ich mir nicht rechne gegen euch zum Verdienst, – denn mein allein ist der Gewinst. – Ein Flehender steh' ich in eurer Mitte, – bittend, nicht um euer Geld, sondern um eure giltige Vorbitte, – nicht um euer Gerät, – sondern euer Gebet, – nicht um die Beisteuer eurer Güter, – sondern die Beihilfe eurer Gemüter. – So bittet Gott, den Höchsten, daß er mich zur Umkehr leite – und zur Heimkehr zu ihm bereite. – Denn er ist der Erhabne von Stufen, – der Hörer derer, die rufen; – er ist es, der die Reue nimmt an – und ab das Böse, das sein Diener gethan. – Dann stimmte er an: Gott bitt' ich um Verzeihung aller Der Sünden, die ich je vollbracht. O welches Meer des Irrtums hab' ich Durchschifft in der Bethörung Macht! Wie hab' ich blindlings meinen Lüsten Gehorcht am Tag und in der Nacht; Gebiß und Zügel des Verbotes Getrotzt und das Gebot verlacht; Wie jedes Frevels Höh' erklommen, Durchwühlt jedweder Bosheit Schacht! O daß ich nicht geboren wäre, Und meiner würde nicht gedacht! Denn besser wäre Tod dem Sünder, Als Gott beleidigen mit Bedacht. O Gott! Verzeihung! denn verzeihn Kannst du auch dem, der's arg gemacht. Der Berichter spricht: Die Gemeinde fing an, ihn zu unterstützen mit ihrem Gebet, – und er hielt die Augen gen Himmel gedreht, – bis ihm thränten die Augenlider – und ein Zittern ergriff seine Glieder;– da rief er laut: Gott ist groß! sichtbar ist das Zeichen der Erhörung, – und gehoben ist die Decke der Bethörung; – o ihr Einwohner von Basra, seid gepriesen, – ihr habt einem Verirrten den Weg gewiesen. – Da blieb keiner im Volke, der nicht mit seiner Freude sich freute– und milde Gab' an ihn verstreute. – Er sammelte ihren Segen – und gab überschwenglichen Dank dagegen, – dann verließ er seinen Stand – und schritt abwärts gegen des Flusses Strand. – Doch ich folgt' ihm auf der Ferse, bis wo wir waren allein – und das Feld war von Spähern rein; – da sprach ich: Wie nachdrücklich hast du's gemacht! gieb Belehrung, – was meinst du mit deiner Bekehrung? – Doch er sprach: Ich schwör' es beim Ergründer des Verdeckten, – dem Entsünder des Befleckten, – ja! mein Zustand ist wunderbar, – und das Gebet deines Volkes hat Kraft fürwahr. – Ich sprach: Aufschließe mir dieses, – Gott schließe dir auf die Pforten des Paradieses. – Er sprach: Bei deinem Vater! ich stand vor ihnen als Heuchler mit Lügendunst – und ging von ihnen als Bekehrter mit Reuebrunst. – Der Paradiesesbaum mit seinen Zweigen – ist dessen, dem ihre Herzen sich neigen, – aber die Qual wird versuchen – jener, dem sie fluchen! – Dann verabschiedet' er mich und ging – und ließ mich im Zweifel, der mich umfing. – Ich hörte nicht auf, mich in Gedanken zu versenken – und seinen wunderbaren Worten nachzudenken; – doch so oft ich dann nach Kunde von ihm fragte bei den Reitern – und Landdurchschreitern, – war ich wie einer, der ein stummes Tier befragt, – oder sein Wort einem tauben Steine sagt; – bis ich endlich nach langem Verzug – und vergeblichen Mühen genug – eine heimkehrende Karawane fand – und fragte: was giebt es Neues im Land? – Sie sprachen: Eine Neuigkeit, wunderbarer, – als was Sinbad berichtet, der Seefahrer. – Da bat ich, meine Neugier zu heilen – und ihren Schatz mir mitzuteilen. – Sie erzählten, daß sie rastend in Serug gesäumt, – nachdem es die Heere der Ungläubigen wieder geräumt, – und dort gesehen den Abu Seid, – der angezogen das wollene Kleid, Das gewöhnliche Gewand der Asceten und der Sofis. – getreten in der Weltentsager Orden – und Imam der Gemeinde geworden. – Ich sprach: Meint ihr den Helden der Makamen? – Sie sprachen: Der trägt jetzt eines Heiligen Namen. – Da ergriff mich die Neugierde, – zu sehn die neue Glaubenszierde, – und ohne eine Stunde zu versäumen – begann ich mein Tier zu zäumen; – dann ließ ich nicht nach mit Trott und Trab, – bis ich an seiner Moschee stieg ab. –Da hatte er eben die Gemeinde entlassen, – um sich in Andacht zu fassen; – und ich sah ihn in der Niedrigkeit Hülle, – in der Frömmigkeit Fülle – und trat zu ihm mit solchen heiligen Scheuen, – wie man in die Höhle träte zu einem Leuen. – Er war einer, den die Spuren der im Gebet verwachten – Nächte im Antlitz kenntlich machten. Koran, Sure 48, 29. – Und als er nun seinen Rosenkranz vollendet, – grüßt' er mich, den Betefinger nach mir gewendet, – ohn' ein Wort zu sagen, – oder mich nach Altem noch Neuem zu fragen. – Dann wandte er sich zurücke – an seine Lesestücke Aus dem Koran. – und vertiefte sich ernstgelaunt, – doch ich blieb ob der Strenge seiner Andacht erstaunt, – im Herzen gerührt – vom Glücke derer, die Gott zum Glauben führt. – Und er ließ nicht nach mit Gebetübung und Kniebeugung, – mit Herzbetrübung und Demutsbezeugung, – bis die Reihe der Tagesgebete vollbracht war – und der Tag geworden zur Nacht war. – Da führte er mich heim in seine Höhle Zelle, die sich dergleichen Leute neben der Moschee bauen. – und bewirtete mich mit seinem Brot und seinem Öle. Die Nahrung der Frommen und Büßer. – Dann begab er sich an seine Betestelle, – daß er im Herzensgespräche sich seinem Gott geselle – bis zu der Morgenröte Glanz, – wann des Nachtwachers Verdienst wird ganz; – da beschloß er die Nachtwache mit dem Rosenkranz, – und dann aufs Lager der Erholung sich streckend, – sang er mit lauter Stimme sich erweckend: Man bemerke, daß der fromme Mann gar nicht schläft, sondern zwischen der Nachtwache im Gebet und dem neuen Andachtstagewerke sich nur, vor Sonnenaufgang, eine kurze Ausruhe vergönnt, diese selbst aber zu einem geistlichen Liede benutzt. Laß deiner Freuden Aufenhalt, Der ird'schen Lockungen Gewalt, Die Lustgenossen mannigfalt Gieb auf und laß sie fahren. Wein' um die Zeit, die dir verstrich, Worin dein Schuldbuch füllte sich, Als Thaten du geflissentlich Gethan, die übel waren. Wie manche Nacht hast du vollbracht, Wo du zu Frevel nur gewacht, Von bösen Lüsten angefacht, Die Reue dir gebaren. Wie manchen Schritt hast du gethan Mit Willen auf der Schande Bahn Und der Gewissensbisse Zahn Verlacht mit Spötterscharen. Wie oft verbrochen hast du nicht An deinem Herrn im Himmelslicht, Wie oft entweiht sein Angesicht Mit Sünden, offenbaren. Und seinen Zorn und seine Huld Verhöhnend, hänslest du die Schuld, Warfst sein Gebot mit Ungeduld Von dir gleich schlechten Waren. Wie oft gesprochen hast du Lug, Wie oft verübt List und Betrug, Wie oft verletzt, was Pflicht und Fug Geboten zu bewahren. Nun kleide dich in Reuemut Und weine lautre Ströme Blut, Eh du, verschlungen von der Glut, Verlornen dich mußt paaren. Demütige dich vor deinem Herrn Und deine Schuld gesteh ihm gern; Beu' Trotz der bösen Lust, und lern Vor deinem Feind dich wahren. Wie lange gehst du müßig so? Des Lebens bester Teil entfloh, Und trug dir ein nur Ach und O; Willst du nicht endlich sparen? Das Alter hat dich weiß bestaubt Und deiner Scheitel Wald entlaubt; Wem erst von Silber glänzt das Haupt, Der liegt schon auf der Bahren. Wohl, Seele. sieh nach einem Hort Dich um, nach einem Zufluchtsort! Was dich belästigt, wirf es fort, Und schwimm aus den Gefahren. Laß die Geschlechter, die voran Gegangen sind, dich mahnen an Den Schritt, den jeder noch gethan, Schwarz oder grau von Haaren. Blick um nach einem Weggeleit, Blick auf den Tod, er steht nicht weit, Dein Ort wird sein drei Ellen breit Des Bloßen, Nackten, Baren. O Haus, das eng behausende, Herberg', unheimlich grausende, Einkehr, zu welcher Tausende Einander nachgefahren! Nicht ist zu fürchten, daß dein Thor Wird sprengen Weiser oder Thor, Nicht wer die Bettlermütz' aufs Ohr Gesetzt, noch wer Tiaren. Dann das Gefild, das scheidende, Wo Frevelnde und Leidende, Geweidete und Weidende, Sich vor dem Richter scharen. Da wird der Preis fromm Lebender, Vor ihrem Schöpfer Bebender, Nach seinem Antlitz Strebender, Sich glänzend offenbaren. – Da wird der ewige Verlust All derer, die gefolgt der Lust Und sich versenkt in Sündenwust, Auch furchtbar stehn im klaren. O du, auf den steht mein Vertraun, Um meine Schuld empfind' ich Graun, Wie ich mit Reu' muß rückwärts schaun Nach den vorlornen Jahren. O nimm dich an des Knechts im Harm, Und seiner Thränen dich erbarm, Erbarmungsreicher! ich bin arm, O laß mich Gnad erfahren. Und er ließ nicht nach, dieses herzutönen – und dazwischen oft und schwer zu stöhnen, – bis daß ich mein Weinen dem seinen vereinte, – jetzt weinend mit ihm, wie ich sonst über ihn Über seine Gottlosigkeit und die mir gespielten Streiche. weinte. – Dann wusch er sich mit reinem Naß die Nachtwache ab, – worauf er sich wieder in seine Moschee begab; – doch ich schritt ihm nach und betete gesellt – mit denen, die sich hinter ihn als ihren Vormann D. i. Imam, dem Vorbeter der Gemeinde, der vor ihr steht, ihr den Rücken, das Gesicht aber der Kibla zugewendet, indes die Gemeinde seine Bewegungen nachmacht. gestellt. – Und als das Gebet zu End' war – und die Versammlung getrennt war, – begann er wieder Seine Privatandacht. murmelnd die Lippen zu bewegen – und sein Heute nach dem Modell seines Gestern zu prägen, – ächzend und weinend lind, – wie Jakob um sein geliebtes Kind. – Da merkt' ich, daß er sei von den Auserwählten, – Weltlosgezählten – und Gottvermählten; – und ich erwägte, daß es mir zustand, – ihn allein zu lassen in seinem Zustand. Zustand heißt in der Sprache der Beschaulichkeit vorzugsweise der Zustand der Erhebung oder Versenkung der Seele in Gott. – Er aber, als ob er meine Gedanken gewahrte – und der Geist ihm mein Inneres offenbarte, – that einen frommen Seufzer und sprach: – Was du vorhast, vertrau auf Gott und thu danach. – Da unterschrieb ich den Bericht meiner Späher D. i. überzeugte mich von der Wahrheit der durch die Reisenden erhaltenen Nachrichten, daß er ein gottbegabter Wunderthäter geworden. – und wußte, daß es noch giebt im Islam Seher. – Ich trat zum Abschied zu ihm heran – und sprach: Gieb mir deinen Segen, frommer Mann. – Er sprach: Laß den Tod dir vor Augen stehn; Memento mori! ist sein Ordensgruß. – wir werden uns hier nicht wiedersehn. – Da verließ ich ihn mit einem Thränenfluß – und Seufzererguß, – und das war unserer Bekanntschaft Schluß. Anhang. Der Rätselmann. Abfälle von Hariris Rätselmakamen.                           Da runzelte der Rätselmann die Brauen     Und sprach das Rätsel vom Grauen:         Wenn das des Morgens angeglommen; Wird das der Nächte dir benommen; Doch das des Lebensabends siehst du, Wenn das ist auf dein Haar gekommen. Drauf blickte er kraus     Und sprach das Rätsel vom Strauß: Einen sah ich wie den Wind Rennen durch die Wüsten; Einen seh' ich an der Brust Sich des Liebchens brüsten; Einen werd' ich keck bestehn, Wen danach wird lüsten. Nun gab er seinem Geistesspiegel die Glätte     Und sprach das Rätsel vom Bette: Es ist, worin das Wasser fließt, Es ist, worauf die Blume sprießt; Es ist, worauf bei Tag und Nacht Der müde Mensch die Ruh' genießt; Und gleichnisweise nennst du so Auch das, was dich im Tod umschließt. Dann sprach er mit sanftem Laute     Das Rätsel der Laute: Eine Mutter, die man benennt Nicht anders als ihre Söhne; In einfacher Zahl ein Instrument, Und in vielfacher Töne. Dann lacht' er mehr als einmal     Und rätselt über ein Mal: Es wird ein Mal gegessen, Es wird ein Mal gebaut, Es wird ein Mal im Antlitz Des Liebchens gern geschaut; Was ist's? Ich hab' es dreimal Genannt in einem Laut. Da begann er in die Hände zu klopfen     Und rätselte vom Pfropfen: Wenn du den ziehst, wird der Most Dir entgegen schäumen; Wenn du das thust, reift dir einst Edles Obst an Bäumen. Wieder ließ er seine Funken stieben     Und sprach das Rätsel von Sieben: Korn wird in ihnen rein gemacht, Und eines giebt mit ihnen acht: Doch wer mit ihnen Wasser schöpft, Der hat Erstaunliches vollbracht. Weiter drehte sein Rad der Töpfer     Und sprach vom Schöpfer: Die Schöpfung hat nur einen, Doch jeder Schöpfbrunn' seinen. Wieder spornt' er seinen Gaul     Und sprach das Rätsel vom Maul: Renn' es mit dir oder red' es, Halte du im Zaume beedes! Dann wandt' er seinen Redezauber     An das Rätselwort Tauber: Welcher Vogel ist es, den, so laut er girrt, Doch ein Gleichgenannter schwerlich hören wird? Dann spann er weiter den Faden     Und sprach das Rätsel Geladen: Ein – hast du dir manchen Gast, Auf – hast du dir manche Last; Sag, was hinter beide – – paßt. Noch hatt' er an Rätseln keinen Mangel     Und sprach das von der Angel: Was bewegt man, um Fische zu fangen, Und in die Stube zu gelangen? Doch seine Hörer erbaut' er     Nun mit dem Rätsel von lauter: Klar und hell als Wein und Quell, Als ein Ton ist's mehr denn hell. Nun zog er aus seinem Plunder     Auch noch das Rätsel Wunder: Was geschlechtlos in Staunen setzt, Ist als Mann am Leib verletzt. Nun sprach er geschwinde     Das Rätsel über die Winde: Eine nennt im Garten sich Wie am Himmel die vielen, Nickt und neigt sich, wenn mit ihr Die Gleichgenannten spielen. Dann sprach er als ein Philosoph     Das Rätsel vom Hof: In ihm gebellt wird und gekaudert, An ihm Langweiliges geplaudert: Darum vor ihm wie auf dem Lande So in der Stadt ich stets geschaudert. Ich seh ihn selbst am Mond nicht gerne, Weil dann der Regen niemals zaudert. Dann sprach er ohn' Ermatten     Das galante Rätsel vom Schatten: Sag, wie heißt, den nie das Licht Deiner Schönheit kannte? Unterm Laube, das ihn giebt, Sitzt der Gleichgenannte, Der dazu geworden, seit Ihn dein Blick verbannte. Dann rupft' er aus seinem Felde noch eine Ähre     Und sprach das Rätsel von der Mä[h]re: Angehört, ist's lieb und wert, Angesehn, ein schlechtes Pferd. Nun lächelt' er schlau     Und sprach das Rätsel von Tau und Thau: Aus drei Teilen ist's geflochten, Ist es stark, so hält es. Doch es kommt ein Hauch dazwischen, Und vom Himmel fällt es. Dann sprach er wie zum Hohn     Das Rätsel von Ton und Thon: Mit drei Lauten schreibt man es, Daß ein Laut es werde; Schieb einen vierten stummen ein, So wird's zu stummer Erde. Nun kam an die Reih'     Das Rätsel Weih': Sie ist eine Feier, Er ist ein Geier, Und noch ein er, So wird's ein Weiher. Nun piept er wie ein Zeisig     Das Rätsel Reisig: Bist du's, so magst du zum Kampfe reiten; Hast du's, so kannst du ein Feuer bereiten. Dann bracht' er dar     Das Rätsel vom Star: Man läßt ihn sprechen, Man läßt ihn stechen; Es ist ein Vogel Und ein Gebrechen. Dann gab er zu lesen     Das Rätsel vom Verwesen: Es ist mehr als Veralten Und so viel als Verwalten; Es erhält uns die Güter Und zerstört die Gestalten. Wie konnt' er Schönres bringen nur,     Als jetzt das Rätsel von der Schnur: Sie hält fest zusammen, Was sie hält umwunden, Und durch ihre Dehnung Wird das Maß gefunden; Neugebornes Leben Ist an sie gebunden; An ihr hangen Meeres- Töchterchen, die runden; Mit dem Vater ist sie Durch den Sohn verbunden. Nun taucht' aus seiner Weisheit Meer als Insel     Das Rätsel vom Pinsel: In geschickter Künstlerhand Macht er schöne bunte Sachen; Als ein ungeschickter Mensch Läßt er alles mit sich machen. Nun warf er unter die horchende Schar     Das Rätsel Bar: Am Haupt ist's ohne Hut, Am Fuß ist's ohne Schuhe, Besonders ist es gut Am Geld in deiner Truhe. Nun fragt er umher, wer riete     Das Rätsel von der Niete: Sie stammt aus Erdenschacht Und aus des Glückes Topf; Wer etwas will befestigen, Der schlägt sie auf den Kopf; Doch wer sie zieht, gewinnt nichts Und bleibt ein armer Tropf. Nun kam durch ihn ans Leben     Das Rätsel von vergeben: Die Karten sind's, das Spiel gilt nicht; Die Schuld ist's, weg ist ihr Gewicht; Das Amt ist es, und wer sich drum Bewirbt, ist sein Bemühn es nicht? Nun, ohne sich zu bedenken,     Sprach er das Rätsel vom Schenken: Fürsten, die es sonst gethan, Sind nun längst gestorben; Thut es ein gemeiner Mann, Ist er dran verdorben; Nur der Weinwirt, der es thut, Hat dadurch erworben. Dann sprach er mit Feier     Das Wort des Rätsels Freier: Einer ist es, der kein Knecht ist Und es nie will sein auf Erden; Einer ist es, der kein Mann ist Und es eben wünscht zu werden. Dann that er, als blickt er     Nach Schönen, und sein Spruch war ein Geschickter: Einer ist es, der gesandt ist, Einer ist es, der gewandt ist; Meiner Liebsten Blick ist beides, Der von ihr zu mir gerannt ist So verstohlen, daß es keinem Auf der Welt als mir bekannt ist. Dann macht' er sich den Spaß     Und sprach das Rätsel vom Paß: Das Gebirg hat einen, Wo hindurch ich muß, Und mein Pferd geht seinen Mit geduldigem Fuß. Willst du sehen meinen? Wächter, Gott zum Gruß! Anders hab' ich keinen Als der mir am Schluß Langer Dienstespeinen Ohne Lohngenuß Ward zum Lauf vom feinen Liebchen voll Verdruß. Dann trug er vor im hohen Chor     Das Rätsel Thor: Als der Weise saß beim Wein, Rief er: Knabe, höre! Das hier darf nicht offen sein, Daß uns der nicht störe, Der ein Weiser glaubt zu sein, Wenn er sieht, ich thöre. Schließ es, daß nicht er herein Dring' in unsre Chöre, Und sein Blick den Sonnenschein Meiner Lust umflöre, Da ich heute dir allein Und dem Wein gehöre. Dann gab er zu als schmalen Streif     Das Rätsel Reif: Der vom Himmel fällt, Der die Fässer hält, Wenn die Traub' es ist, Die die Fässer schwellt. Dann sprach er kecker     Das Rätsel Lecker: Wer es ist, der ißt Gern das, was es ist. Nennt mir's, wenn ihr's wißt. Dann bracht' er im einfachen Kleide     Das Rätsel von der Weide: Sie trägt ein bittres Laub, Sie trägt viel süße Kräuter; Auf ihr geht, unter ihr, Die Kuh mit vollem Euter. Dann trieb er mit Hast     Auf die Weide das Rätsel Mast: Sie machet feist Nur solche meist, Die speisen, bis Man sie verspeist. Er wuchs und stand Auf Bergen dreist, Auf Wassern steht Er jetzt und reist. Du magst mir sagen, Wie er heißt, Wenn sie dir nicht Benahm den Geist. Dann fiel unterm übrigen Hagel     Auch das Rätsel vom Nagel: Gleichen Stamms mit Schwert und Lanze, Gleicher Art mit Klau' und Horn, Ist geschmiedet, ist gewachsen, Wie am Rosenzweig der Dorn, Wie der Sporn am Reiterfuße, Wie am Hahnenfuß der Sporn; Seine Spitze hat er unten, Seine Schärfe hat er vorn; Kluge treffen auf den Kopf ihn, Mädchen brauchen ihn im Zorn, Und der Trinker prüft an ihm Den geleerten Nektarborn. Dann quoll aus seinem vollen Born     Das Rätsel vom Sporn: Den sich der Ritter Legt bei zum Ruhme, Gehört 'nem Vogel Zum Eigentume Und wächst im Garten Als eine Blume. Dann drückt' er aus seinem Schwamm     Auch das Rätsel vom Kamm: Einen trägt das Bergeshaupt Auf der höchsten Scheitel; Mädchen als wie Vögel sind Auf den ihren eitel; Und dem Hitz'gen vor der Stirn Schwillt er wie ein Beutel. Er war noch nicht am Ziel,     Da sprach er das Rätsel vom Kiel: Sieh, welch ein Dreister Und Weitgereister! Mit Vögeln fliegt er, Mit Schiffen kreist er; Sodann beschreibend Die Welt dir weist er, Wenn auf den Blättern Ihn lenkt ein Meister. Den Westen kennt er, Den Osten preist er; Mit Süd umglüht er, Mit Nord umeist er. Bald rührt und schmelzt er, Bald scherzt und beißt er; Mit Wundern spielt er, Mit Rätseln speist er. Er schafft Gestalten Und wecket Geister; Wenn eure wach sind, So sagt, wie heißt er? Hier ward er unterbrochen –     Von Klatschen oder Pochen? –     Sonst hätt' er Jahr und Wochen     In Rätseln fortgesprochen.