Walter Scott Der Graf mit dem zweiten Gesicht, Hochländer-Ehre, Der Zauberspiegel Drei Erzählungen aus dem schottischen Hochland Inhalt Der Graf mit dem zweiten Gesicht Hochländer-Ehre Der Zauberspiegel Der Graf mit dem zweiten Gesicht Erstes Kapitel. Unsere Erzählung beginnt zur Zeit des großen blutigen Bürgerkrieges, der im 17. Jahrhundert das britische Reich erschütterte. Schottland war von den Greueln des innern Krieges noch nicht heimgesucht worden, obgleich die Einwohner in ihren politischen Ansichten sich in feindlich einander gegenüberstehende Parteien schieden. Viele waren unzufrieden über die Oberherrschaft der Stände, verwarfen die Kühnheit, daß das schottische Parlament dem englischen Heer ein Heer zur Hilfe ausgesandt hatte, und trugen sich vielmehr mit dem Vorsatz, auf die erste Gelegenheit hin auf Seite des Königs zu treten und zum mindesten dahin zu wirken, daß das Heer unter General Leslie aus England zurückgerufen würde, sofern es nicht möglich sein sollte, einen großen Teil Schottlands dem König zu erhalten. Diesem Plane huldigten vor allem die Adligen vom Norden, die sich aufs hartnäckigste geweigert hatten, dem sogenannten feierlichen Bunde beizutreten, und einige Häuptlinge der Hochlandsstämme, deren Interessen und Einfluß auf dem Bestand des Königtums beruhten und die schließlich noch in dem halbwilden Zustande lebten, wo man den Krieg lieber sieht als den Frieden. Die Leiter des Staates erkannten wohl die Gefahr der gegenwärtigen Lage und ergriffen mit großer Sorgsamkeit Maßregeln zur Abwehr. In Selbstzufriedenheit stützten sie sich jedoch darauf, daß vorderhand noch kein Führer oder einflußreicher Wann aufgetreten war, um die Königspartei zu einem Heere zusammenzuschließen, ja es hatte sich noch nicht einmal jemand gefunden, um die Banden, die vielleicht in ebendemselben Maße durch Liebe zum Raub, wie durch politische Grundsätze zu Feindseligkeiten sich hinreißen ließen, in zusammenhängenden Unternehmungen oder vorübergehenden Ausfällen anzuführen. Im allgemeinen rechnete man damit, daß man in den ans Hochland anstoßenden Grafschaften des Niederlandes nur eine genügende Masse Militär aufzustellen brauchte, um die Häuptlinge der Gebirge wirksam in Schach zu halten. In den westlichen Hochlanden hatte die hervorragende Partei zahlreiche Feinde; doch glaubte man, daß der Marquis von Argyle, auf den das Parlament mit Sicherheit zählen konnte, seinen umfassenden Einfluß dahin geltend gemacht habe, die Macht der unzufriedenen Clans zu brechen und den Mut ihrer Häuptlinge zu dämpfen. Seit dem letzten Friedensschluß war durch die dem König abgenötigten Zugeständnisse der überwiegende Einfluß dieses Edelmannes in den Hochlanden noch bedeutend gewachsen. Allerdings war man sich klar darüber, daß Argyle mehr der Mann war, eine politische Unternehmung geschickt zu leiten, als persönlichen Mut zu betätigen und daß er es besser verstände, einen Staatsstreich ins Werk zu setzen, als feindselig gesonnene Gebirgsbewohner im Zaum zu halten; doch glaubte man, was dem Häuptling fehle, werde durch die große Zahl seiner Stammesangehörigen und den Mut der tapferen Herren, die ihre Führer im Kriege waren, wieder wett gemacht. Da nun die Campbells schon mehrere ihrer Nachbarstämme ihre Übermacht bitter hatten fühlen lassen, so war man der Hoffnung, es würde sich wohl ein jeder Stamm hüten, sich einen so gewaltigen Clan zum Feinde zu machen. Na nun das schottische Parlament oder die Konvention der Stände mit Sicherheit auf den ganzen Westen und Süden Schottlands – den reichsten Teil des Königreichs – rechnen konnte und außerdem noch viele mächtige Freunde hatte, so war man der Meinung, daß man sich durch keinerlei Rücksicht auf drohende Gefahren bestimmen zu lassen brauche, die eingeschlagene Politik zu ändern oder die Hilfsarmee von 20000 Mann zurückzuziehen – die zur Unterstützung der Truppen des englischen Parlaments abgesandt worden war und die Königspartei mitten in ihrer Laufbahn zum Sieg und Erfolg aufgehalten und gezwungen hatte, sich auf die Verteidigung zu beschränken. Das Heer des englischen Parlaments, mit der schottischen Armee und den Streitkräften des Lord Fairfax und des Grafen von Manchester vereinigt, war stark genug, York zu belagern und die furchtbare Schlacht von Marston-Moore zu schlagen, in der der Prinz Ruprecht und der Marquis von Newcastle vernichtet wurden. Zweites Kapitel. Zu jener Zeit banger Spannung ritt ein junger Mann von Stande auf schmuckem Roß, und mit schmucken Waffen angetan, einen der stellen Pässe hinan, durch die man vom Niederlande Pertshires zum Hochlande gelangt. Zwei Diener folgten ihm, von denen einer ein Packpferd führte. Ihr Weg führte ein Stück lang an einem See hin, in dessen tiefem Wasser die Abendsonne sich purpurn spiegelte. Der unebene Pfad, der stellenweis ziemlich ungangbar war, war hie und da von alten Eichen und Birken beschattet, hie und da von gewaltigen Felsen überragt. Der Hügel, der den schönen Wasserspiegel begrenzte, stieg steil, doch nicht schroff an und war mit dem dunkeln Purpur der Heideblumen bekleidet. Soweit es im Walde möglich war, ritt der Herr neben einem seiner Diener oder neben beiden und schien sich angelegentlich mit ihnen zu besprechen – denn über den Unterschied des Standes sieht man hinweg, wenn es gilt, gemeinsam Gefahren zu bestehen. Sie waren vom See noch nicht halbwegs bergan, und der junge Herr zeigte seinen Dienern die Stelle, wo die Straße, die sie einzuschlagen hatten, vom Wasser weg nach Norden abbog und rechts durch eine Bergschlucht emporführte – da sahen sie einen einzelnen Reiter bergab kommen, so daß er ihnen begegnen mußte. An dem Widerschein der Sonnenstrahlen, den Helm und Harnisch zurückwarfen, war zu erkennen, daß er gewappnet war, und es lag im Interesse der Reisenden, ihn nicht ungefragt vorüber zu lassen. »Wir müssen wissen, wer der Mann ist,« sagte der junge Herr, »und wohin er will.« Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt so schnell, wie auf dem unwegsamen Pfade möglich. Die beiden Diener sprengten hinterdrein. So erreichten sie die Stelle, wo der Paß neben dem See und der Pfad, der nach der Schlucht hinunterführte, sich kreuzten, und hatte hiermit der Möglichkeit vorgebeugt, daß der Fremde ihnen auswich, indem er in den letzteren Pfad einbog. Als der einzelne Reiter bemerkte, daß die drei auf ihn zukamen, hatte er ebenfalls seinem Pferde die Sporen gegeben; als er aber sah, daß sie Halt machten und ihm zu dritt den Weg versperrten, zügelte er wieder sein Roß und kam mit großer Vorsicht näher. Der Fremde hatte ein schönes, für den Militärdienst gedrilltes Pferd, das stark genug war für die ihm aufgebürdete Last, und dem Manne sah man an der Weise, wie er in dem Kriegssattel saß, wohl an, daß er ein geübter Reiter war. Er trug eine blitzende, blank geputzte Sturmhaube, einen Brustharnisch, dem eine Flintenkugel nichts anhaben konnte, und einen Rückenpanzer von leichtem Metall. Unter dem Harnisch trug er ein Büffelwams. Er trug ferner ein paar Fechthandschuhe, deren Stulpen ihm bis an die Ellenbogen reichten und die wie seine Rüstung aus blankem Stahl waren. Vorm Sattel hing ein Pistolenfutteral; die Pistolen waren viel größer, als man sie sonst hatte, beinah zwei Fuß lang und von großem Kaliber. In einem Riemen von Büffelleder mit breiter Silberschnalle steckte ein langer zweischneidiger Degen mit wuchtigem Korbe und einer für Hieb und Stich gearbeiteten Klinge. Rechts hing ein Dolch, auf dem Rücken eine Stutzbüchse in einem Bandelier, das sich mit einem zweiten, welches Patronen enthielt, kreuzte. Stählerne Beinschienen, die bis an die Spitzen seiner hohen Stiefel reichten, vervollständigten die Ausrüstung, wie sie damals für gut bewaffnete Reiter üblich war. Das Äußere des Reiters paßte vorzüglich zu dieser militärischen Ausrüstung, an die er schon lange gewöhnt zu sein schien. Seine Gestalt war groß und kraftvoll. Er mochte etwas über 40 Jahre alt sein, und seine Züge verrieten den verwitterten Veteranen, der schon mehr als ein Schlachtfeld gesehen und mehr als eine Narbe davongetragen hatte. In einer Entfernung von etwa 30 Ellen machte er Halt und richtete sich in den Steigbügeln auf, wie um zu rekognoszieren, was die Leute ihm gegenüber im Schilde führten. Dabei nahm er die Büchse in den rechten Arm. Als sie sich ein Weilchen angeschaut hatten, stellte der junge Herr die Frage, die damals unter Freunden bei Begegnungen allgemein üblich war: »Zu welcher Partei gehört Ihr?« »Sagt mir zuerst,« entgegnete der Soldat, »zu welcher Ihr gehört. Ihr seid hier die stärkere Partei und müßt zuerst reden.« »Wir sind für Gott und König Karl«, sagte der junge Herr. »Nun nennt uns Eure.« »Ich bin für Gott und meine Fahne«, antwortete der eiserne Reiter. »Und für welche Fahne?« fragte der junge Herr weiter. »Für den König oder fürs Parlament?« »Meiner Treu, Herr,« erwiderte der Soldat, »ich will Euch keine Unwahrheit sagen, das wäre eines Glücksritters und Soldaten nicht würdig. Eure Frage aber kann ich nicht eher mit geziemender Wahrhaftigkeit beantworten, als bis ich mit mir selber darüber einig bin, zu welcher Partei ich treten will, und das ist vorläufig noch gar nicht entschieden.« Nachdem der junge Herr ein paar Worte mit seinen Bedienten gewechselt hatte, sagte er zu dem Fremden: »Ich hätte gern mit Euch über eine so interessante Frage gesprochen und wäre stolz, wenn es mir gelänge, Euch für die Partei zu gewinnen, der ich selber angehöre. Ich reite heute abend zur Wohnung eines Freundes, die nicht ganz drei Meilen von hier entfernt ist. Wenn Ihr mir dorthin folgen wollt, so sollt Ihr für die Nacht gut aufgehoben sein, und am Morgen soll es Euch freistehen, Eures Weges zu gehen, sofern Ihr keine Lust haben solltet, bei mir zu bleiben.« »Wer gibt mir sein Wort dafür?« fragte der vorsichtige Soldat. »Ein Mann muß wissen, wer ihm bürgt – sonst kann er in einen Hinterhalt fallen.« »Mein Name ist,« erwiderte der junge Fremde, »Graf von Menteith, und ich hoffe, meine Ehre ist Euch genügende Bürgschaft.« »Ein braver Edelherr,« antwortete der Soldat, »sein Wort ist gültig.« Und er warf den Stutzen wieder auf den Rücken, grüßte den jungen Adligen militärisch und ritt heran. »Auch meine eigene Versicherung,« fuhr er fort, »daß ich, solange wir beieinander sind, Eurer Lordschaft in Frieden und Gefahren ein bueno camerado sein werde, wird hoffentlich, in diesen Zeiten des Mißtrauens, wo, wie man sagt, der Kopf eines Mannes in einem eisernen Helme besser aufgehoben ist als in einem Marmorpalaste, doch einigen Glauben finden.« »Ist es mir erlaubt zu fragen,« sagte Lord Menteith, »welchem Herrn ich als Quartiermacher zu dienen das Glück habe?« »Gewiß, Mylord,« antwortete der Soldat, »mein Name ist Dalgetty – Dugald Dalgetty von Drumthwacket, zu Diensten. Es ist ein Name, den Ihr vielleicht im Gallo-Belgicus oder im schwedischen Intelligencer oder im fliegenden Merkur zu Leipzig, falls Ihr hochdeutsch könnt, gelesen habt. Nachdem mein Vater, Mylord, ein schönes Erbe verwirtschaftet hatte, blieb mir im Alter von 18 Jahren nichts anderes übrig, als meine im Marschall-Gymnasium zu Aberdeen erworbene Gelahrtheit, mein edles Blut und meine vereitelte Zukunft als Gutsherr von Drumthwacket mitsamt ein paar kräftigen Armen und dementsprechenden Beinen in die deutschen Kriege zu verpflanzen und die Laufbahn des Glücksritters einzuschlagen. Mylord, meine Arme und Beine haben mir mehr genutzt als meine adlige Herkunft und meine Büchergelehrsamkeit; und ich habe unter dem alten Ludewick Leslie das Kriegshandwerk gründlich gelernt. Es ziemt mir freilich nicht, Mylord, davon zu reden; aber wer die Schlachten bei Leipzig und bei Lützen mitgemacht hat, und wer bei Frankfurt an der Oder, bei Würzburg und bei Nürnberg mitgekämpft hat, der darf sagen, daß er etwas kennen gelernt hat vom Leben und Treiben des Krieges.« »Euerm Verdienst und Euern Erfahrungen gemäß habt Ihrs wohl auch weit gebracht?« »Sechs Jahre lang, Herr, war ich als Freiwilliger gemeiner Soldat und drei Jahre lang Gefreiter, weil ich als Adliger von Geburt es ausschlug, die Hellebarde eines Unteroffiziers anzunehmen, nachher wurde ich Fähnrich in des Königs Leibregiment der Schwarzen Reiter, dann Leutnant und zuletzt Rittmeister unter dem unüberwindlichen Herrscher, dem Bollwerk des Protestantismus, dem Löwen des Nordens, dem Schrecken Österreichs, Gustavus dem Siegreichen.« »Wenn ich Euch recht verstanden habe, Kapitän Dalgetty,« fragte Lord Menteith, »so seid Ihr aber doch außerdem Dienste dieses großen Fürsten ausgeschieden?« »Erst nach seinem Tode,« entgegnete Dalgetty; »als ich nicht mehr zu weiterer Anhänglichkeit verpflichtet war. Auch wäre ich nicht einmal solange geblieben, wenn nicht dieser große Feldherr und König in ganz hervorragender Weise Schlachten gewonnen, Städte erobert, ganze Länder eingenommen hätte, so daß der Dienst bei ihm einen ganz besonderen Reiz hatte. Aber als der große Herr und Meister auf dem Schlachtfeld von Lützen durch drei Kugeln niedergestreckt worden war, ging es mit dieser Herrlichkeit zu Ende, und ich nahm Dienst bei Wallenstein in Butlers irischem Regiment.« »Und darf ich Euch fragen, wie es Euch unter Euerm neuen Herrn gefiel?« »Recht gut«, antwortete der Kapitän. »Der Kaiser bezahlte zwar auch nicht besser als der große Gustav; aber ein Kavalier der Fortuna kann es dennoch im kaiserlichen Dienst ganz gut aushalten, denn es wird da nicht so genau wie bei den Schweden auf seine Nebeneinnahmen gesehen. Wenn ein Offizier im Felde seinen Mann stand, so fragte weder Wallenstein, noch Pappenheim, noch der alte Tilly danach, ob die Bürger und Bauern über ihn schimpften, weil er ihnen gar zu sehr das Fell über die Ohren gezogen hätte. Ein erfahrener Kavalier, der, wie das schottische Sprichwort sagt, den Schweinskopf zum Ferkelschwanz zu legen versteht, kann sich im kaiserlichen Dienst daher seinen Sold aus dem Lande holen, denn vom Kaiser kriegt er ihn ja doch nicht.« »Weshalb habt Ihr denn einen so einträglichen Dienst quittiert?« fragte Lord Menteith weiter. »Ein irischer Kavalier, namens Quilligan, ein Major in unserem Regiment,« antwortete der Soldat, »geriet eines Abends in Streit mit mir, und es kam zum Duell; da es' nun unserm Oberst Butler, der den Vorfall untersuchte, gefiel, seinem Landsmann eine leichte, mir aber eine schwere Strafe aufzuerlegen, so habe ich aus Ärger über solche Ungerechtigkeit mir einen Offiziersposten bei den Spaniern gesucht.« »Ich hoffe, es hat Euch dort auch gut gefallen?« bemerkte Lord Menteith. »Allerdings hätte ich wenig Ursache zur Klage«, antwortete der Rittmeister. »Der Sold wurde regelmäßig bezahlt, die Quartiere waren vorzüglich; das feine Weizenbrot in Flandern war besser als das Kommißbrot bei den Schweden, und Rheinwein bekamen wir mehr und reichlicher als jemals das schwarze Rostockerbier im Lager des Schwedenkönigs. Aber der Spanier ist ein eingebildeter Affe, und er erweist den fremden Kavalieren, denen es gefällt, bei ihm in Dienst zu treten, nicht die gebührende Ehrerbietung. Außerdem empfand ich Gewissensbisse wegen meiner Konfession.« »Ich hätte nicht geglaubt, Kapitän Dalgetty,« sagte der junge Edelmann, »daß ein alter Soldat, der so oft den Dienst gewechselt, hieran noch Anstoß nehmen könne.« »Das macht mir auch nichts weiter aus, Mylord,« erwiderte der Kapitän, »ich halte es für die Pflicht des Regimentskaplans, diese Angelegenheit für mich und jeden andern braven Kavalier ins reine zu bringen, um so mehr, als er ja für seinen Sold und all seine Vergünstigungen nichts weiter zu verrichten hat. Das aber war ein besonderer Fall, denn man verlangte von mir, daß ich die Messe besuchen sollte, wenn wir in der Garnison lagen, und davon wollte ich nichts wissen.« »So habt Ihr also abermals den Dienst gewechselt?« fragte Lord Menteith. »Allerdings, Mylord. Nachdem ich es eine Zeitlang bei einigen andern Mächten probiert hatte, trat ich in den Dienst Ihrer Hochmögenden der Generalstaaten der sieben vereinigten Provinzen.« »Und hat Euch der Dienst dort zugesagt?« »O Mylord,« entgegnete der Soldat im Tone der Begeisterung, »ganz Europa sollte sich ihr Benehmen am Löhnungstage zum Muster nehmen. Da gab es keine Abschlagszahlungen, keine Kürzungen, keine Rückstände – es wurde prompt und voll bezahlt, wie beim Bankier. Auch die Quartiere waren ausgezeichnet und die Verpflegung vorzüglich; aber, Herr, die Holländer sind genau und penibel. Wenn sich ein Bauer beklagt, daß man ihm den Kopf zerschlagen habe, oder wenn sich ein Bierwirt beschwert, daß ihm die Krüge zerbrochen worden wären, oder wenn ein fideles Weibsbild ein bischen laut kreischt, dann wird ein Ehrenmann nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, das doch seinen Fehltritt am besten beurteilen kann, sondern er kommt vor einen schäbigen Handwerker von Bürgermeister, der ihm Zuchthaus oder den Galgen androht, als gehörte man zu den gemeinen, froschigen, pluderhosigen Holländern. Bei dem undankbaren Pöbel konnte ich nicht bleiben, und ich verließ den Dienst der Mynheers, und da ich nun hörte, daß in meiner Heimat in meinem Handwerk etwas zu machen sei, so bin ich hierher gekommen, um meinen lieben Landsleuten die Erfahrungen zugute kommen zu lassen, die ich in fremden Ländern gesammelt habe. Eurer Lordschaft habe ich nun einen kurzen Umriß meines Lebenslaufes entworfen, bis auf meine Aufführung in Schlachten und Kriegstaten. Darauf einzugehen, würde aber ermüden, auch dürfte es eher einer andern Zunge als der meinen geziemen, hiervon zu erzählen.« Drittes Kapitel Der Weg war jetzt so eng und beschwerlich, daß die Reiter ihr Gespräch abbrechen mußten. Lord Menteith hielt einen Augenblick, bis seine Diener herangekommen, und sprach ein paar Worte mit ihnen. Der Kapitän ritt unterdessen voran, und nachdem er ein beschwerliches, steil ansteigendes Stück zurückgelegt hatte, gelangte er in ein Hochlandstal, das von einem Bergstrom durchzogen war. Die Rasenfläche am Ufer war breit genug, daß die Reisenden in bequemer Weise ihren Weg fortsetzen konnten. Nach kurzem Ritt lag ein Hügel vor den Reisenden, der mit einem Walde alter schottischer Föhren bestanden war. In der Mitte dieses Waldes ragten die Türme oder vielmehr Kamine des Hauses oder Schlosses – wie man es nannte – das das Ziel der Reiter war. Wie es zur damaligen Zeit üblich war, bestand das Wohnhaus aus zwei schmalen und hohen Bauten, die einander kreuzten; den wundervollen Titel eines Schlosses verdankte das Gebäude von Darlinvarach zwei vorspringenden mit kleinen Ecktürmen gezierten Zinnen. Umschlossen war es von einer niedrigen Hofmauer, innerhalb deren die Wirtschaftsgebäude lagen. Als die Reisenden näher kamen, erkannten sie, daß die Verteidigungswerke vervollständigt worden waren, ohne Zweifel in Rücksicht auf die gefahrvolle Gegenwart. An verschiedenen Stellen des Hauses und der Mauer waren Schießscharten angebracht. Die Fenster waren durch eiserne Stangen versichert, die in der Länge und Breite wie die Gitter eines Gefängnisses übereinander liefen. Das Hoftor war verschlossen und erst nach Austausch von Losungsworten wurde von zwei Bedienten geöffnet. Mehrere Diener kamen nun zugleich auch aus dem Hause herausgeeilt, die einen nahmen den Fremden die Pferde ab, die andern geleiteten sie in das Haus. Kapitän Dalgetty wies jedoch den ihm angebotenen Beistand zurück und brachte sein Pferd selber in den Stall, um es sorglichst mit allem nötigen zu versehen. Währenddes gingen Lord Menteith und seine Begleiter in das Haus, wo auf einem dunkeln, geräumigen Korridor unter anderem auch ein Faß Bier lag. Holzkrüge standen dabei, und Lord Menteith trat ohne Umstände an den Zapfen, trank und reichte seinem Diener Anderson den Becher, der dem Beispiel seines Herrn folgte, vorher aber die Neige ausschüttete und das Gefäß ausschwenkte. »Zum Teufel, Mann!« rief ein alter hochländischer Diener, der zum Hause gehörte, »könnt Ihr nicht nach Euerm Herrn trinken, ohne den Krug auszuspülen und das Bier wegzugießen? Hol Euch der Satan!« »Ich bin in Frankreich erzogen,« antwortete Anderson, »dort trinkt niemand nach einem andern aus demselben Becher, höchstens wenn eine Dame getrunken hat.« »Wer Teufel über solche Albernheit!« rief Donald. »Was schadets, wenn eines andern Mannes Bart im Kruge war, wenn nur das Bier gut ist!« Andersons Gefährte trank ohne die Umstände, über die Donald sich erbost hatte. Dann folgten die beiden Diener ihrem Herrn in die niedrig gewölbte steinerne Halle. Ein großes Torffeuer erhellte den Raum spärlich. Zwanzig bis dreißig runde Schilde, ebensoviel lange, hochländische Degen, Dolche und Mäntel, Flinten mit Lunten und Feuerschlössern, Bogen, Armbrüste, Streitäxte, stählerne Panzer, Helme, Pickelhauben und Kettenhemden mit Kapuzen und Ärmeln hingen in buntem Wirrwarr an den Wänden. In der Halle stand ein großer grober Tisch aus Eichenholz, auf dem der Diener Donald sogleich in Eile Milch, Butter, Ziegenkäse, eine Flasche Bier und eine kleine Flasche Branntwein zur Erfrischung für Lord Menteith auftrug, während ein anderer untergeordneter Diener am untern Ende der Tafel für die Bedienten Mylords auftrug. Die Gäste standen inzwischen am Feuer – der junge Edelmann am Kamin – die Diener in einiger Entfernung. »Anderson,« fragte der Lord, »was haltet Ihr von unserm Reisegefährten?« »Ein derber Kerl«, entgegnete Anderson. »Ich wollte, wir hätten zwanzig solche Gesellen, um unsre Irländer ein bißchen zu drillen.« »Ich denke anders,« sagte Lord Menteith, »ich glaube, dieser Talgetty ist einer jener Blutegel, die von dem Blut, das sie in fremden Ländern gesogen haben, nur noch hungriger geworden sind und nun zurückkehren, um sich am Blute ihres Vaterlandes zu mästen. Schande über dieses Gesindel, das seine Haut für Geld zu Markte trägt! Fast hätte ich die Geduld verloren über diesen verdingten Kriegsmann, und doch konnt ich mich kaum des Lachens enthalten über seine tolle Unverschämtheit!« »Eure Lordschaft werden entschuldigen,« sagte Anderson, »wenn ich den Rat gebe, unter den gegenwärtigen Umständen Euch nichts merken zu lassen. Leider können wir ohne den Beistand solcher Leute, obgleich sie sich von so erbärmlichen Beweggründen leiten lassen, nichts ausrichten.« »Ich muß mich also so gut wie möglich verstellen,« sagte Lord Menteith, »wie ich es ja auf Euern Wink hin bisher schon getan habe; aber ich wünsche den Kerl von ganzem Herzen zum Teufel!« In diesem Augenblick trat aus einer Seitentür ein Hochländer ein. Die hohe Gestalt und vollkommene Ausrüstung, die Adlerfeder auf der Mütze und die Selbstbewußtheit seines Benehmens ließen sogleich in ihm einen Mann von hohem Rang erkennen. Er trat langsam an den Tisch, gab aber Lord Menteith keine Antwort, als dieser ihn mit Allan anredete und nach seinem Befinden fragte. »Ihr dürft jetzt nicht mit ihm reden«, flüsterte der alte Diener. Der große Hochländer ließ sich in den leeren Sessel fallen, der beim Feuer stand, starrte in die glühenden Kohlen und schien völlig abwesend zu sein. Seine dunkeln Augen und wilden leidenschaftlichen Züge hatten jenen Ausdruck, den ein gänzlich in eigenes Sinnen versunkener und von der Außenwelt angewandter Mensch zeigt. »Halten zu Gnaden,« wiederholte der hochländische Diener, indem er dicht neben Lord Menteith trat und sehr leise sprach, »Euer Lordschaft darf jetzt nicht mit Allan reden; denn die Wolke lastet auf seiner Seele.« Lord Menteith nickte und bekümmerte sich nicht mehr um den finstern Schotten. »Sagte ich nicht,« fragte dieser plötzlich, indem er seine imposante Gestalt aufrichtete und den Diener ansah, »es würden vier kommen, und hier in der Halle sind nur drei!« »So sagtet Ihr in der Tat, Allan,« antwortete der alte Diener, »und eben kommt der vierte klirrend aus dem Stall, denn er ist wie ein Krebs mit einer Schale von Eisen auf dem Rücken, auf der Brust und auf Hüften und Schenkeln.« Viertes Kapitel Kapitän Dalgetty war in die Halle getreten und hatte sich an den Stuhl, neben Lord Menteith gestellt, die Arme auf die Lehne stützend. Anderson und sein Gefährte warteten unten an der Tafel in ehrerbietiger Haltung, bis ihnen erlaubt wurde, sich zu setzen. Ein Paar Hochländer liefen nach den Weisungen des alten Donald hin und wieder, um noch mehr Speise und Trank herbeizuschaffen, oder sie hielten sich zur Bedienung der Gäste bereit. Plötzlich fuhr Allan auf, riß einem der Diener die Lampe aus der Hand und leuchtete damit Dalgetty ins Gesicht, das er mit sorgsamer und ernster Aufmerksamkeit musterte. »Meiner Treu,« sagte Dalgetty verdrossen, als Allan mit einem geheimnisvollen Kopfschütteln seine Untersuchung einstellte, »ich stehe dafür, wir kennen uns wieder, wenn wir uns noch einmal treffen.« Inzwischen schritt Allan nach dem untern Ende der Tafel und betrachtete in derselben Weise Anderson und dessen Gefährten. Dann stand er einen Augenblick wie in tiefem Sinnen, faßte sich an die Stirn, packte Anderson am Arm und zog ihn, ehe er noch sich hätte wehren können halb mit Gewalt nach dem leeren Sitz am obern Ende. Er winkte ihm, daß er sich hier hinsetzen solle, und schleppte in derselben zufahrenden Manier den Soldaten an das untere Ende der Tafel. Der Kapitän geriet über diese Dreistigkeit in Wut und wollte Allan von sich abschütteln. Aber soviel Kräfte er auch besah, gegen den riesigen Hochländer war er zu schwach. Der riß ihn mit solcher Gewalt hinweg, daß er strauchelte und der Länge nach zu Boden stürzte. Laut erdröhnte die Halle von dem Geklirr der Rüstung. Als der Soldat sich wieder aufgerafft hatte, zog er gleich sein Schwert und stürzte auf Allan los, der mit gekreuzten Armen dastand und dem Angriff mit verächtlicher Seelenruhe entgegenzusehen schien. Lord Menteith und seine Diener legten sich ins Mittel, während die Hochländer Waffen von den Wanden rissen und ohne weiteres bereit schienen dreinzuschlagen. »Er ist verrückt,« flüsterte Lord Menteith, »er ist ganz und gar von Sinnen. Es hat keinen Zweck, mit ihm Streit anzufangen.« »Wenn Eure Lordschaft weiß, daß er non compos mentis ist,« sagte Kapitän Dalgetty, »so mag die Sache hiermit ihr Bewenden haben. Aber bei meiner Seele, wenn ich meine tägliche Ration und eine Flasche Rheinwein im Leibe hätte, so wäre ich ihm anders entgegengetreten. Es ist aber schade, daß er so schwach von Verstand ist, denn er hat gewaltige Körperkräfte und wäre wie geschaffen, die Pike oder sonstwelche militärische Waffe zu führen.« Der Friede war somit wieder hergestellt, und Allan war zu seinem Sitze am Feuer zurückgekehrt, von neuem in tiefes Sinnen versunken. Lord Menteith wandte sich an Donald und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. »Der Gutsherr ist, wie ich höre, Donald,« fragte er, »auf dem Berge mit einigen englischen Freunden?« »Er ist auf den Bergen, und zwei sächsische Caballeros, Sir Miles Musgrave und Christopher Hall sind bei ihm.« »Hall und Musgrave?« sagte Lord Menteith, seine Diener ansehend, »dieselben, die wir hier zu treffen wünschten.« »Es handelt sich um eine Wette«, sagte Donald. »Da Eure Lordschaft ein Freund und Verwandter des Hauses ist, so kann ich es Euch erzählen. Als unser Gutsherr das letztemal in England war, war er bei Sir Miles Musgrave zu Gaste; da wurden nun sechs Leuchter auf den Tisch gebracht, die doppelt so groß gewesen sein sollen wie die Leuchter in der Dunblane-Kirche, und sie waren von eitel Silber. Da fingen sie nun an, unsern Gutsherrn zu necken und sagten, so etwas Prächtiges hätte er nicht in seinem armen Lande, und der Herr wollte es nicht dulden, daß man sein Vaterland verunglimpfe. Da schwor er denn, wie ein guter Schotte, er habe mehr Leuchter und bessere Leuchter in seinem Hause, als je welche in einer Halle zu Cumberland Kerzen getragen hätten. Nun waren sie gleich mit einer Wette bei der Hand, und unserm Herrn blieb nichts weiter übrig als entweder sein Wort zurückzunehmen oder um 200 Mark zu wetten. Ehe er sich aber gegenüber solchen Leuten eine Blöße geben wollte, hat er lieber die Wette angenommen und nun wird er bezahlen müssen. Ich glaube, deshalb hat er geschworen, heute abend nach Hause zu kommen.« »Ich glaube allerdings, Donald,« sagte Lord Menteith, »soweit ich das Silbergeschirr Eures Hauses kenne, daß der Herr die Wette verlieren wird.« »Ich habe ihm schon geraten, die beiden sächsischen Herren mitsamt ihren Bedienten in den Turm zu werfen, bis sie freiwillig auf die Wette Verzicht leisten würden, aber der Gutsherr hört ja auf kein vernünftiges Wort.« Allan fuhr bei diesen Worten auf, trat herzu und unterbrach das Gespräch, indem er mit donnernder Stimme den Diener anschrie: »Wie könnt Ihr es wagen, meinem Bruder einen so schmählichen Rat zu geben, oder wie dürft Ihr nur sagen, er werde eine Wette verlieren, die zu schließen ihm beliebt hat!« »Meiner Treu, Allan Mac Aulay,« antwortete der alte Mann, »es geziemt nicht dem Sohne meines Vaters, dem Sohne Euers Vaters zu widersprechen, und so mag denn der Gutsherr die Wette getrost gewinnen. Bloß läßt sich dagegen anführen, daß nicht ein einziger Leuchter oder so etwas Ähnliches im ganzen Hause ist, ausgenommen die alten eisernen Armleuchter, die seit Laird Kenneths Zeiten hier sind, und die alten Wandleuchter, die Euer Vater von dem alten Klempner Willie Winkie hat machen lassen; und an Silbergeschirr ist nicht ein Stückchen im ganzen Hause, ausgenommen die alte Milchkanne der alten Gnädigen, und die hat keinen Deckel und keinen Henkel mehr.« »Schweig, Alter!« rief Allan unmutig. »Und Ihr Herren geht, wenn Ihr Euch erquickt habt, ich muß die Halle herrichten zum Empfang für die Gäste aus dem Süden.« »Geht nun,« sagte Donald, Lord Menteith am Arm zupfend, »er hat jetzt seine böse Stunde« – mit einem Blick auf Allan – »und es ist nichts mit ihm anzufangen.« Die Gäste verließen die Halle. Lord Menteith und der Kapitän wurden von dem alten Donald nach einem Gemach geführt. Ehe sie dort anlangten, begegneten sie dem Herrn des Gutes, Angus Mac Aulay, und seinen englischen Gästen. Alle waren über diese Begegnung sehr erfreut; denn Lord Menteith und die Engländer kannten einander schon. Nachdem aber die erste gastfreundliche Begrüßung vorüber war, fiel es Lord Menteith sogleich auf, daß ein Zug der Besorgnis auf der Stirn seines hochländischen Freundes ruhte. »Ihr habt jedenfalls gehört,« sagte Sir Christopher Hall, »daß aus der Sache in Cumberland nichts geworden ist. Da ich nun erfuhr, daß es hier flott zu tun gibt, so bin ich mit Musgrave hierhergekommen und wir wollen mit Euern Schurzfellen und bunten Mänteln einen Feldzug versuchen, damit wir nicht untätig und faul zu Hause Maulaffen feil halten.« »Da habt Ihr hoffentlich Leute, Waffen und Geld mitgebracht«, sagte Lord Menteith lächelnd. »Nur ein paar Dutzend Bewaffneter, die wir im letzten Dorf des Flachlandes gelassen haben,« entgegnete Musgrave, »und es hat Mühe gekostet, sie so weit zu bringen.« »Was das Geld betrifft,« setzte sein Gefährte hinzu, »so denken wir, unser Herr Wirt wird uns eine kleine Summe auszahlen.« Der Gutsherr errötete, nahm Menteith beiseite und sagte ihm, wie sehr leid es ihm täte, einen so albernen Fehler gemacht zu haben. »Donald hat mir's schon erzählt,« sagte Lord Menteith, nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. »Hol der Teufel den Alten!« sagte Mac Aulay, »er schwatzt alles aus, und sollte es ihm das Leben kosten. Allein, Mylord, die Sache geht auch Euch ernstlich an, denn ich baue auf Euer freundschaftliches Entgegenkommen als naher Verwandter unseres Hauses. Ihr müßt mir das Geld leihen, das ich diesen Puddingschlemmern schulde. Ich komme freilich schlecht genug weg; denn ich habe den Schaden und den Spott obendrein.« »Ihr könnt Euch denken, Vetter,« antwortete Lord Menteith, »daß ich selber nicht gerade in besten Verhältnissen bin, aber um unserer alten Verwandtschaft willen und weil wir Nachbarn sind und stets gut miteinander ausgekommen sind, werde ich bemüht sein, Euch beizustehen, soweit es mir möglich ist.« »Ich danke Euch – ich danke Euch,« antwortete Mac Aulay, »und da das Geld ja doch im Dienste des Königs gebraucht wird, so ist es ja schließlich einerlei, wer von uns es bezahlt – wir sind ja, hoffe ich, sozusagen eine Familie.« Während sie noch miteinander sprachen, trat Donald herein, und sein Gesicht strahlte in einer Freudigkeit, die wundernehmen mußte, wenn man des Mißgeschicks gedachte, von dem die Börse und der Kredit seines Herrn bedroht waren. »Edle Herren, das Mittagsmahl ist fertig, und auch die Kerzen brennen schon,« sagte er, die letzten Worte stark betonend. »Was zum Kuckuck will er damit sagen?« fragte Musgrave seinen Landsmann. Lord Menteith sah gleichfalls den Gutsherrn fragend an; Mac Aulay hatte nur ein Kopfschütteln zur Antwort. Ehe sie hinauskamen, stritten sie ein Weilchen, wer den Vortritt haben solle. Lord Menteith ließ es sich nicht nehmen, von seinem Anrecht auf den Vortritt zurückzustehen, in Anbetracht seiner nahen Beziehungen zu dem Hause und weil er hier in seinem Vaterlande war, und so wurden die beiden fremden Gäste als erste in die Halle geführt. Ein unerwartetes Bild bot sich ihnen. Der große eichene Tisch war überladen mit umfänglichen Fleischstücken, und die Sessel für die Gäste waren der Reihe nach gestellt. Hinter jedem Sessel stand ein riesiger Hochländer in der vollen Tracht und kriegerischen Ausrüstung seines Landes. Ein jeder hatte das gezogene Schwert in der Rechten, die Spitze zur Erde gesenkt, und in der Linken eine brennende Fackel von einem Span der Sumpffichte. Dieses Holz, das in den Morasten wächst, hat einen so starken Terpentingehalt, daß es im Hochland in kleinen getrockneten Scheiten häufig statt der Lichter verwandt wird. Beim roten Schein der Fackeln, der die wilden Züge, die absonderliche Tracht und die blitzenden Waffen malerisch beleuchtete, und in dem wallenden Rauche, der zur Decke emporwirbelte und die Gestalten in Dunstmassen hüllte, nahm sich das Ganze im höchsten Grade verwunderlich und imposant aus. Die Fremden hatten sich noch nicht von ihrem Erstaunen erholt, da trat Allan vor, wies mit seinem Schwert, das er nicht aus der Scheide gezogen hatte, auf die Fackelträger und sagte in tiefem, ernstem Tone: »Schaut her, Ihr Herren Ritter, dies sind die Leuchter in meines Bruders Haus, wie der Brauch unsers alten Geschlechts es erheischt. Keiner dieser Mannen kennt ein ander Gesetz als seines Häuptlings Geheiß – wagt Ihrs, ihren Wert mit dem kostbarsten Erz zu vergleichen, das je aus einem Bergwerk geschürft worden ist? Was sagt Ihr nun, Kavaliere, habt Ihr Eure Wette gewonnen oder verloren?« »Verloren«, rief Musgrave fröhlich. »Meine eigenen silbernen Leuchter habe ich eingeschmolzen, sie sitzen jetzt zu Roß. Wären diese Kerle nur halb so zuverlässig wie die hier! – Hier, Herr, habt Ihr das Geld,« setzte er hinzu, indem er sich an das Oberhaupt des Stammes wendete, »Halls und meine Kasse wird dadurch freilich etwas knapp, aber Ehrenschulden müssen bezahlt werden.« »Meines Vaters Fluch falle auf meines Vaters Sohn,« fiel ihm Allan ins Wort, »wenn er einen Heller von Euch nimmt. Es ist genug, wenn Ihr keine Forderungen geltend macht.« Damit waren alle einverstanden, und nach kurzem Widerstand aus Höflichkeit ließen sich die Engländer bestimmen, die ganze Sache als einen Scherz anzusehen und für abgetan zu betrachten. »Und nun, Allan,« sagte der Gutsherr, »schafft Eure Leuchter weg, denn die Herren haben sie nun gesehen und werden die Mahlzeit ebenso behaglich beim Licht der alten zinnernen Wandleuchter einnehmen – die machen nicht soviel Qualm.« Auf einen Wink Allans hoben die lebenden Leuchter die Schwerter und gingen hinaus. Fünftes Kapitel Die Liebhaberei der Engländer für gute Speisen ist sprichwörtlich – dennoch spielten an dieser Tafel die englischen Gäste eine untergeordnete Rolle gegenüber der erstaunlichen Gefräßigkeit des Kapitäns Dalgetty, der, solange das Essen auf den Tisch stand, mit niemand ein Wort redete und erst, als abgetragen wurde, seinen Tischgefährten die Gründe darzulegen begann, weshalb er so hastig und so ausdauernd esse. »Das schnelle Essen,« sagte er, »habe ich mir in Aberdeen angewöhnt, wo ich auf dem Marschall-Gymnasium in Freikost war. Wenn man da nicht die Kinnbacken so schnell wie ein paar Kastagnetten bewegte, bekam man nichts. Und warum ich soviel esse?« fuhr er fort, »Ihr müßt wissen, ehrenwerte Herren, jeder Kommandant einer Festung hat die Pflicht, an Munition und Proviant in Sicherheit zu bringen, was die Magazine nur irgend aufnehmen können, denn er kann nie wissen, ob er nicht eine Belagerung zu überstehen hat. Diesem Grundsatz getreu, tut ein Kavalier nur weise daran, wenn er sich gleich für drei Tage satt isst, sobald er was Gutes reichlich vor sich hat, denn er kann nie wissen, wann wieder einmal der Tisch für ihn gedeckt ist.« Der Gutsherr billigte diesen Grundsatz und empfahl dem Kriegsmann, auf die derben Speisen noch eine Tasse Branntwein und eine Flasche Rotwein draufzusetzen – ein Vorschlag, den der Kapitän mit Vergnügen annahm. Als die Gerichte abgeräumt waren und nur noch ein Knappe in der Halle zurückgeblieben war, um für den Dienst der Gesellschaft bereit zu sein und alles, was verlangt wurde, zu holen oder bringen zu lassen, kam das Gespräch auf die politischen Zustände des Landes. Lord Menleith erkundigte sich besonders angelegentlich nach der Zahl der Clans, auf die man bei der geplanten Musterung der Königstreuen rechnen könne. »Das hängt hauptsächlich davon ab,« antwortete der Gutsherr, »wer das Banner erheben wird. Ihr wißt ja, wir Hochländer ordnen uns nicht gern dem Befehl eines unserer Häuptlinge oder irgend eines andern unter. Es geht das Gerücht, daß der junge Colkitto oder Alaster Mac Donald von Irland mit einem Heer von den Leuten des Grafen von Antrim unterwegs sei und Ardnamurchan erreicht habe.« »So möchtet Ihr Colkitto zum Anführer haben?« fragte Menteith. »Colkitto!« erwiderte Mac Aulay wegwerfend. »Wer spricht von Colkitto! Es lebt nur ein Mann, dem wir uns unterordnen – das ist Montrose.« »Aber seit wir vergebens versucht haben, den Norden Englands zum Aufstand zu bewegen,« bemerkte Christopher Hall, »hat man nichts mehr von Montrose gehört. Es heißt, er sei zum König nach Oxford zurückgekehrt.« »Zurückgekehrt!« unterbrach ihn Allan mit verächtlichem Lachen. »Ich könnt Euch etwas andres sagen, doch verlohnt's nicht der Mühe, denn Ihr erfahrt es sowieso bald.« »Bei meiner Ehre, Allan,« sagte Lord Menteith, »meine Freunde werden die Geduld mit Euch verlieren, so eigensinnig und mürrisch, seid Ihr. Ich weiß aber auch weshalb,« setzte er lachend hinzu, »Ihr habt heute Annot Lyle nicht gesehen.« »Wen hab' ich nicht gesehen?« rief Allan finster. »Annot Lyle, die Feenkönigin der Lieder und der Poesie.« »Gebe Gott, daß ich sie nie wiedersähe,« rief Allan seufzend, »wenn nur auch Ihr sie nicht wiedersehen dürftet!« »Und warum ich auch nicht?« fragte Lord Menteith leicht hin. »Weil es Euch auf der Stirne geschrieben steht,« antwortete Allan, »daß Ihr einander zu Grunde richten werdet.« Mit diesen Worten erhob er sich und ging hinaus. »Ist es schon lange so um ihn bestellt?« fragte, Lord Menteith, sich an den Bruder wendend. »Drei Tage etwa,« antwortete Angus. »Der Anfall geht vorüber. Morgen wird's mit ihm besser sein. – Aber der Krug muß geleert werden, edle Herren! Auf das Wohl des Königs! Es lebe König Karl!« Darauf tranken alle und es hub ein gewaltiges Zechen an. Es gelang aber Lord Menteith, die Gesellschaft früher, als es sonst im Schlosse üblich war, zum Aufbruch zu bewegen, indem er vorgab, daß er müde sei und die Reise ihn arg mitgenommen habe. Mit diesem Aufbruch war freilich der Kapitän nicht einverstanden, der neben andern im Kriege erworbenen Gewohnheiten auch die Lust am Trinken mitgebracht hatte und in der Tat auch einen gewaltigen »Stiefel« vertragen konnte. Ihr Wirt führte sie selbst in eine Art Schlafsaal. »Ich brauche Euer Lordschaft nicht erst zu erklären,« sagte Mac Aulay zu Lord Menteith, »in welcher Weise wir hier im Hochland unsere Gäste zu betten pflegen. Ich bemerke nur, daß ich die Betten für Eure Diener mit in diesem Saale habe aufstellen lassen, denn ich möchte Euch nicht mit diesem deutschen Landstreicher allein schlafen lassen. Wir leben jetzt, weiß Gott, in Zeiten, Mylord, wo einer mit einer so gesunden Kehle, wie nur je eine Branntwein verschluckt hat, zu Bett gehen und doch am Morgen einen Hals haben kann, der wie eine Austernmuschel klafft.« Der Wirt verließ mit einem Abendgruß das Zimmer. Gleich darauf traten die beiden Diener Lord Menteiths herein. Der gute Kapitän, der etwas zuviel gegessen und getrunken hatte, hatte große Schwierigkeiten, seine Rüstung abzuschnallen, und wandte sich mit schwer lallender Zunge an Anderson: »Anderson, mein guter Freund,« sagte er, »ich glaube, ich werde in meinem Harnisch schlafen, wie mancher ehrliche Kerl, der nie wieder aufgewacht ist, wenn Ihr mir nicht diese Schnalle hier aufmacht.« »Schnallt ihm die Rüstung ab, Sibbald«, sagte Anderson zu dem andern Diener. »Beim heiligen Andreas!« rief der Kapitän und drehte sich erstaunt um. »So ein Kerl kriegt 4 Pfund jährlich und zu Weihnachten 'ne Livree und dünkt sich zu nobel, dem Rittmeister Dugald Dalgetty von Drumthwacket zu dienen, der im Marschall-Gymnasium zu Aberdeen humaniora studiert und schon unter der Hälfte von allen europäischen Fürsten gestanden hat!« »Kapitän Dalgetty,« legte Lord Menteith sich ins Mittel, »bedenkt doch gütigst, daß Anderson nur für den Dienst meiner Person bestimmt ist, es wird mir aber ein Vergnügen sein, Sibbald beim Abschnallen zu helfen –« »Zuviel Mühe für Euch, Mylord,« unterbrach ihn Dalgetty; »schaden könnte es Euch allerdings nichts, wenn Ihr lerntet, wie ein feiner Harnisch an- und ausgezogen wird. In meinem kann ich wie in einem Handschuh ein und aus, nur bin ich heute Nacht, um einen klassischen Ausdruck zu gebrauchen, vino ciboque gravatus wenn auch noch nicht ebrius .« Inzwischen hatten sie ihm die Rüstung abgenommen, und er stand vor dem Feuer mit einer Miene versoffener Nachdenklichkeit. Er dachte an die Ereignisse des Abends und schien besonders an dem Charakter Allans Interesse zu finden. »Daß er die Engländer mit den Hochlandsfackeln so genasführt hat!« brummte er. »Acht Kerle ohne Hosen statt sechs silberner Leuchter! – ein Prachtstück – ein echter Taschenspielerkniff! – aber verrückt ist der Bursche doch!« »Wenn Ihr noch so spät in der Nacht anhören wollt, so will ich Euch erzählen, unter welchen Umständen Allan Mac Aulay das Licht der Welt erblickt hat, und Ihr werdet dann seinen seltsamen Charakter verstehen.« »Eine lange Geschichte, Mylord,« sagte Kapitän Dalgetty, »ist neben einem guten Abendtrunk und einer warmen Nachtmütze das beste Mittel, zu tiefem Schlaf zu kommen. Da nun Euer Lordschaft sich die Mühe machen will, eine Geschichte vom Stapel zu lassen, so will ich ein geduldiger und dankbarer Zuhörer sein.« »Anderson und Sibbald,« setzte Lord Menteith hinzu, »Ihr hört gewiß auch gern etwas von diesem absonderlichen Manne. Ich glaube, ich muß Euch einige Aufklärungen geben, damit Ihr im Notfall wißt, wie Ihr Euch ihm gegenüber zu benehmen habt. Kommt mit an den Kamin!« Seine Zuhörer um sich versammelnd, setzte sich Lord Menteith auf den Rand des für ihn bestimmten Himmelbettes. Kapitän Dalgetty wischte sich ein paar Tropfen Branntwein aus dem Barte, brummte den ersten Vers des Liedes: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn,« und streckte sich dann auf einen der schlichtern für ihn und die Diener hergerichteten Lagerplätze aus. Seinen dicken Schädel aus den Bettüchern erhebend, hörte er in dem wohligen Zustande zwischen Schlafen und Wachen nur halb, was Lord Menteith erzählte. Sechstes Kapitel »Der Vater der beiden Brüder Angus und Allan Mac Aulay war ein hochangesehener Edelmann von gutem Hause; denn er war das Oberhaupt eines zwar nicht sehr zahlreichen, aber doch sehr berühmten hochländischen Stammes. Seine Gattin, die Mutter dieser Männer, war eine Edeldame aus altem Geschlecht. Ihr Bruder, ein ehrenwerter, beherzter Jüngling, bekam von Jakob VI. das Amt eines Försters mit dem Jagdvorrecht für ein königliches Revier in der Nähe dieses Schlosses. In der Übung seines Amtes und der Verteidigung seiner Vorrechte hatte er das Unglück, mit einigen unserer hochländischen Wilddiebe in Streit zu geraten. Davon habt Ihr, Kapitän Dalgetty, sicher gehört.« »Allerdings, antwortete der Kapitän, sich gewaltsam aufraffend. »Ich war noch auf dem Marschall-Gymnasium in Aberdeen, da triebens schon die Farquharsons am Dee und Dugald Garr in Garioch und die Chattans in den Ländereien der Gordons und die Grants und Camerons in Morayland so toll, daß es nicht zum Aushalten war. Seitdem hab ich die Kroaten und Panduren und Kosaken und die Barbaren, Banditen und Räuber aller Länder gesehen, und ich weiß genau, was ich von den Hochländern zu halten habe.« »Der Clan,« fuhr Lord Menteith fort, »mit dem der Oheim Mac Aulays mütterlicherseits in Streit geriet, bestand aus einer kleinen Sippe von Banditen, die keine Heimat hatte und beständig in den Tälern herumwanderte. Man nannte sie deshalb die Kinder des Nebels. Sie waren trotzige kühne Leute, die nicht gewohnt waren, sich in ihrer Reizbarkeit zu beherrschen oder ihren wilden Leidenschaften Zwang anzutun. Eine Abteilung dieser Sippe lauerte dem unglücklichen Förster auf, überfiel ihn und tötete ihn auf eine so gräßliche Weise, wie erfinderische Grausamkeit sie nur ersinnen kann. Den Kopf schnitten sie ab und beschlossen, ihn dem Schwager des Ermordeten zu zeigen. Der war aber nicht in seinem Schlosse zugegen, und die Schloßherrin getraute sich wohl nicht, diesen Leuten den Eintritt zu verwehren, und nahm sie mit Widerstreben auf. »Die Kinder des Nebels wurden gastlich bewirtet, und als sie einen Augenblick allein waren, wickelten sie den Kopf ihres Opfers aus dem Mantel, in den sie ihn gehüllt hatten, stellten ihn auf den Tisch und steckten ein Stück Brot zwischen die leblosen Kiefer. Die Dame, die im Haushalt zu tun hatte, trat herein, während noch die Gesellen zu dem toten Kopf sagten, er solle nur zubeißen, da er doch schon manch gute Mahlzeit an diesem Tisch gekaut hätte. »Sie erblickt den Kopf ihres Bruders und laut schreiend und jammernd flieht sie aus dem Hause und rennt in die Wälder. Die wilden grausamen Burschen freuten sich dieses Triumphes und zogen ihres Weges. »Als die bestürzten Diener sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, suchten sie ihre unglückliche Herrin in allen Himmelsrichtungen, fanden sie aber nicht. »Am nächsten Tage kehrte der Gatte zurück und stellte sofort in weitem Umkreis eine sorgsame Suche an, doch mit dem gleichen Mißerfolg. Nun glaubte man allgemein, die Frau habe in ihrem übergroßen Entsetzen sich von einem Abgrund herabgestürzt oder in einem See ertränkt. »Ihr Verlust wurde um so bitterer beklagt, als sie im sechsten Monat der Schwangerschaft stand; ihr älterer Sohn Angus war vor 13 Monaten etwa geboren worden. Aber Ihr seid müde, Kapitän Dalgetty, und wollt schlafen.« »Keineswegs,« entgegnete der Soldat, »ich habe noch keinen Schlaf. Wenn ich die Augen zumache, höre ich am besten. – Das habe ich mir vom Schildwachstehen angewöhnt.« Der junge Edelmann war gerade zum Erzählen aufgelegt, und ohne sich weiter um den schlummernden Kriegsmann zu kümmern, wandte er sich hauptsächlich an seine Diener: »Alle Barone des Landes,« fuhr er fort, »verschwuren sich jetzt, die furchtbare Untat zu rächen. Sie griffen zu den Waffen und standen den Angehörigen und dem Schwager des Ermordeten bei in der Verfolgung der Kinder des Nebels. Siebzehn Köpfe wurden als blutige Trophäen der Rache unter die Verbündeten verteilt und dienten über den Toren ihrer Schlösser den Raben zum Fraße. Die von den Kindern des Nebels dem Rachetod entronnen waren, flüchteten in eine entlegene Ödenei. »Im Sommer besteht der Brauch, das Rindvieh auf die Weide im Gebirge zu schicken, und die Mädchen aus dem Dorf und aus der Familie gehen morgens und abends hin und melken die Kühe. Als die Weiber des Hauses gerade hiermit beschäftigt waren, bemerkten sie zu ihrem Entsetzen, daß aus der Entfernung eine blasse, hagere Gestalt ihnen zusah, die ihrer verschollenen Gebieterin ähnelte und von ihnen natürlich für deren Geist gehalten wurde. Als einige der beherzteren sich der verfallenen Gestalt nähern wollten, flüchtete sie unter wildem Gekreisch in die Wälder. Der Ehemann wurde benachrichtigt und traf sofort Maßregeln, der Unglücklichen die Flucht abzuschneiden und sie einzufangen, wenn sie auch hoffnungslosem Wahnsinn anheim gefallen sein sollte. »Wovon sie auf ihren Irrfahrten durch die Wälder ihr Leben gefristet haben mochte, konnte man sich nicht erklären. Man meinte, von Wurzeln und wilden Beeren. Die Mehrheit im Volke glaubte aber, sie habe sich von der Milch der Hirschkühe ernährt, oder Feen hätten ihr Speise gebracht oder sie sei durch sonstwelche andre wunderbare Weise am Leben erhalten worden. Daß sie nun wieder auftauchte, war leichter zu erklären. »Sie hatte durch das Dickicht gesehen, wie die Kühe gemelkt wurden, und die Aufsicht hierbei war früher immer ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen. Diese Gepflogenheit machte nun in ihrem zerstörten Geiste ihren Einfluß noch geltend. »Die unglückliche Frau wurde von einem Sohne entbunden, der dem Äußern nach nicht unter dem Unglück seiner Mutter gelitten zu haben schien. Es war sogar ein außergewöhnlich kräftiger und gesunder Junge. »Nach dem Wochenbett stellte sich bei der Mutter die Vernunft wieder ein – doch die Gesundheit und ihre frühere Heiterkeit kehrten nicht wieder. »Ihr Knabe Allan war ihre einzige Freude. Sie lebte nur für ihn und pflegte ihn aufopfernd. Sicherlich hat sie seinem jugendlichen Gemüt viele der abergläubischen Vorstellungen eingeprägt, an denen sein finsterer, schwärmerischer Geist so sehr hängt. Als er zehn Jahre alt war, starb sie. Was ihre letzten Worte zu ihm gewesen sind, hat nur er gehört. Ohne Zweifel hat sie ihm ans Herz gelegt, Rache zu üben an den Kindern des Nebels – ein Geheiß, das er seither auch unermüdlich befolgt hat. Von der Zeit an wurde Allan Mac Aulay ein anderer. Bisher war er stets um seine Mutter gewesen; er hatte sich ihre Träume erzählen lassen und ihr seine eigenen erzählt, und seine Phantasie, die jedenfalls von den Umständen vor seiner Geburt her an sich krankhaft behaftet war, hatte sich völlig vollgesogen von dem schreckhaften Aberglauben, der den Bergbewohnern zur zweiten Natur geworden ist und dem seine Mutter nach ihres Bruders Tode sich ganz hingegeben hatte. »Von dieser Lebensweise her hatte der Knabe einen scheuen, wilden Blick, ging gern an einsame Stellen in den Wäldern und konnte sich über nichts so sehr entsetzen, als wenn andere Kinder gleichen Alters ihm nahe kamen. Aber als seine Mutter gestorben war, blieb er zwar ernst und nachdenklich wie zuvor und hatte wie zuvor langandauernde Anfälle völliger Geistesabwesenheit; aber er suchte jetzt doch den Verkehr mit den Jünglingen seiner Sippe, denen er vorher ängstlich aus dem Wege gegangen war. Er beteiligte sich jetzt an allen Körperübungen und übertraf bei seiner außerordentlichen Kraft bald alle seine Kameraden, auch die älteren – doch ich rede vor Ohren, die nichts hören,« sagte Lord Menteith, seine Erzählung unterbrechend, denn der Kapitän fing jetzt an laut zu schnarchen. »Wenn Ihr, Mylord,« sagte Anderson, »die Ohren dieses schnarchenden Schweines meint, so sind sie allerdings taub gegen alles, was Ihr sagen mögt; ich hoffe jedoch, daß Ihr zu meiner und Sibbalds Belehrung weitererzählen werdet, denn die Geschichte dieses armen jungen Burschen interessiert uns in hohem Grade.« »Bis zum 15. Lebensjahre,« fuhr Lord Menteith fort, »nahm Allan zu an Tüchtigkeit, doch auch an Eigenwilligkeit und Unbeugsamkeit. Oft war er ganze Tage und Nächte in den Wäldern, um zu jagen, wie er sagte, doch nicht immer brachte er Wild mit heim. Seinen Vater beunruhigte dies um so mehr, als mehrere von den Kindern des Nebels inzwischen in die Gegend zurückgekehrt waren. »Eines Tages war ich zu Besuch auf dem Schlosse. Allan war schon in aller Frühe in die Wälder gegangen, und ich hatte ihn vergebens gesucht. Die Nacht war stürmisch und finster, und er kam nicht heim. »Sein Vater äußerte uns gegenüber die lebhafteste Besorgnis. Er wollte gegen Morgen eine Anzahl seiner Mannen auf die Suche nach seinem Sohne schicken. »Als wir nun beim Abendtisch saßen, ging plötzlich die Tür auf und Allan kam herein, im Antlitz Stolz und Selbstzufriedenheit. Sein Vater nahm auf seine reizbare Stimmung und seine unberechenbaren Geisteszufälle die weitgehendste Rücksicht und er ließ sich daher nicht merken, wie ärgerlich er war. Er deutete nur an, daß ich noch vor Einbruch der Nacht mit einem fetten Rehbock wiedergekehrt sei, und daß Allan bis Mitternacht herumgestreift sei, ohne etwas mitzubringen. »Wißt Ihr das genau?« fragte Allan trotzig. »Hier ist der Beweis des Gegenteils.« »Wir sahen nun, daß an seinen Händen Blut war, und harrten gespannt, was er beginnen werde – da schlug er den Zipfel seines Mantels zurück und ließ ein frisch abgehauenes menschliches Haupt auf den Tisch rollen. »Liege du, wo der Kopf eines Bessern vor dir lag!« rief er. »An den hagern Zügen, dem roten Haar und Bart erkannten wir alle den Kopf Hektors vom Nebel. Der war ein Führer der Banditen gewesen, gefürchtet wegen seiner Kraft und Brutalität, und hatte an der Ermordung des unglücklichen Försters teilgehabt. »Wir waren alle überrascht, fast entsetzt, aber Allan weigerte sich, uns nähern Aufschluß zu geben, und wir konnten nur vermuten, daß er den Wilden nach heftigem Kampfe besiegt hätte, denn Allan war selber verwundet. »Nun wurden alle möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen, Allan gegen die Rache der Banditen zu schützen; aber weder seine Wunden, noch der ausdrückliche Befehl seines Vaters vermochten ihn zurückzuhalten; ja es half selbst nichts, daß man ihn in seinem Zimmer einschloß. Des Nachts entwich er, über die eitle Angst seines Vaters lachend, und zog wider die, die er am meisten zu fürchten hatte. Bald brachte er wieder einen Kopf, bald zwei von den Kindern des Nebels heim. Über so eingefressenen Haß und so große Tollkühnheit entsetzten sich schließlich selbst diese Räuber in ihrem wilden Gemüt und sie glaubten, ihr Verfolger sei gefeit gegen Büchse, Dolch und Speer und stände unter dem Schutze übernatürlichen Einflusses. Sie fürchteten ihn so, daß sie nun selbst zu fünft vor ihm ausgerissen wären. »Inzwischen ließen sie nicht nach, den Mac Aulays, ihren Verwandten und Verbündeten Schaden zuzufügen, wo sie nur konnten. So kam es, daß wir alle gegen die Sippe zogen, sie überfielen und völlig vernichteten. Selbst Weiber und Kinder wurden niedergemacht. »Nur ein kleines Mädchen blieb verschont, auf das Allan schon den Dolch gezückt hatte. Ich bat für sie, und er schonte ihrer. Sie wurde aufs Schloß gebracht und hier unter dem Namen Annot Lyle erzogen. Sie ist die schönste Elfe, die je im Mondlicht auf der Heide tanzte. »Mit der Zeit gewöhnte sich selbst Allan an sie; namentlich gefiel ihm an ihr, daß sie ausgezeichnet Harfe spielen kann. Das Harfenspiel hat auf Allans verstörtes Gemüt eine wohltätige Wirkung, die sich bei ihm in seinen düstern Stimmungen ähnlich äußert, wie einstmals bei dem König der Juden. »Annot Lyle ist ein so liebevolles Wesen, so keusch, heiter und bezaubernd, daß man sie eher für die Schwester des Gutsherrn halten möchte, als für ein aus Erbarmen angenommenes Mädchen. Man braucht sie nur anzusehen, so fühlt man sich ergriffen von ihrer Treuherzigkeit, Munterkeit und Sanftmütigkeit.« »Hütet Euch, Mylord«, meinte Anderson lächelnd. »Es ist nicht ohne Gefahr, so sehr für ein Mädchen zu schwärmen. Auch wäre Allan Mac Aulay ein Nebenbuhler, vor dem man sich vorzusehen hätte.« »Pah,« machte Lord Menteith lachend, »Allan kennt nicht die Liebe, und für mich selbst ist Annots Herkunft Grund genug, mich jeder Werbung zu enthalten.« »Solche Rede ziemt Euch, Mylord,« sagte Anderson, »aber ich hoffe, Ihr beendet noch Eure interessante Erzählung.« »Ich habe nur noch wenig hinzuzufügen«, fuhr Lord Menteith fort. »Die gewaltige Körperkraft und der kühne Mut, seine Tatkraft, Eigenwilligkeit und Widerspenstigkeit gegen irgendwelche Autorität, die Ansicht ferner, die er selber auch hegt und fördert, daß er mit übernatürlichen Wesen in Verkehr stünde und die Zukunft prophezeien könne – all dies hat ihm hohen Ruf und hohe Achtung eingetragen und er gilt mehr als sein Bruder, der wohl ein stolzer und kühner Schotte ist, sonst aber keine Eigenschaften besitzt, die dem außergewöhnlichen Charakter seines Bruders irgendwie zur Seite zu stellen wären.« »Ein solcher Mann,« sagte Anderson, »muß von hohem Einfluß auf ein schottisches Heer sein. Mylord, wir müssen Allan für uns gewinnen. Bei seiner Tapferkeit und seiner Eigenschaft des zweiten Gesichts –« »Still,« unterbrach ihn Lord Menteith, »die Eule dort wird munter.« »Sprecht Ihr vom zweiten Gesicht oder Deuteroskopia?« murmelte der Soldat. »Ich erinnre mich, Major Munro hat mir erzählt, Murdock Mackenzie aus Assint, ein Gefreiter unserer Kompagnie, hätte den Tod des Donald Tough aus Lochaber und einiger andern Soldaten bei der Belagerung von Stralsund vorhergesagt gehabt. Auch hat er prophezeit, daß Munro selber verwundet würde.« »Ich habe oft schon von dieser Fähigkeit gehört,« sagte Anderson, »habe aber immer geglaubt, daß die, die sie zu besitzen behaupteten, Schwärmer oder Schwindler wären.« »Für beides kann ich meinen Vetter Allan Mac Aulay nicht halten«, sagte Lord Menteith. »Er hat bei vielen Anlässen zu großen Verstand und Scharfsinn bewiesen – wie heute abend erst wieder – als daß man ihn Schwärmer nennen könnte. Sein hohes Ehrgefühl und seine Männlichkeit sichern ihn aber davor, daß man in ihm einen Schwindler erblicken könnte.« »Eure Lordschaft glaubt also an seine übernatürlichen Eigenschaften?« fragte Anderson. »Keineswegs«, erwiderte der junge Edelmann. »Meiner Meinung nach bildet er sich ein, die Prophezeiungen, die in der Tat nur Ergebnisse seiner Urteilskraft und des Nachdenkens sind, wären übernatürliche Eingebungen. Eine bessere Erklärung kann ich Euch nicht geben. Nun aber ist es Schlafenszeit.« Siebentes Kapitel Zu früher Morgenstunde erhoben sich die Gäste des Schlosses. Lord Menteith wechselte ein paar Worte mit seinen Dienern und wandte sich an den Soldaten, der in einer Ecke saß und seinen Harnisch mit Schmirgel und Leder putzte. »Kapitän Dalgetty,« sagte er, »die Zeit ist gekommen, daß wir uns trennen oder Kriegskameraden werden müssen.« »Hoffentlich nicht vor dem Frühstück«, sagte Kapitän Talgetty. »Ich sollte doch meinen,« entgegnete der Lord, »Eure Garnison hätte sich mindestens auf drei Tage mit Proviant versehen.« »Ich habe noch ein bischen Platz gelassen, wo noch eine Portion Rindfleisch und Haferkuchen hineingeht,« antwortete der Kapitän. »Ihr müßt Eure Absichten bekannt geben,« beharrte Lord Menteith, »Ihr sollt dann ein sichres Geleit erhalten und in Frieden scheiden und wenn Ihr bleiben wollt, sollt Ihr uns willkommen sein.« »Ich will Euch offen gestehen,« antwortete der Kapitän, »es kommt mir gar nicht darauf an, Euch den Fahneneid sobald als möglich zu leisten, wenn mir Euer Sold ebenso gut gefällt wie Euer Proviant und Euer Umgang.« »Der Sold,« sagte Lord Menteith, »kann vorderhand nur gering sein, denn er wird von dem Kapital gezahlt, das von den wenigen unter uns, die über Geld verfügen, zusammengeschossen worden ist. Ich kann dem Kapitän Dalgetty als Major und Adjutant bloß einen halben Taler pro Tag zusagen. Die rückständige zweite Hälfte könnt Ihr am Ende des Feldzuges bekommen.« »Ja, ja, die Rückstände!« rief der Kapitän. »Die werden versprochen und nie bezahlt. In Spanien, in Österreich, in Schweden, überall ist es dieselbe Leier. Da lob ich mir die Holländer! Soldaten und Offiziere waren sie freilich nicht, aber gute Zahlmeister. Doch, Mylord, wenn ich damit rechnen könnte, daß mein natürliches Erbe Drumthwacket in den Besitz eines schafsnasigen Covenanters übergegangen sei, der, falls wir siegen sollten, auf anständige Manier für einen Hochverräter erklärt werden könnte – an diesem fruchtbaren und lieblichen Stückchen Erde wäre mir in der Tat soviel gelegen, daß ich um diesen Preis mit Euch zu Felde ziehen würde.« »Ich kann auf Kapitän Dalgettys Frage Antwort geben,« mischte sich Sibbald, Lord Menteiths zweiter Diener, ins Gespräch. »Wenn sein Gut Drumthwacket das große wüste Moor dieses Namens ist, das fünf Meilen südlich von Aberdeen liegt, so kann ich ihm mitteilen, daß dies vor kurzem ein gewisser Elias Strachan gekauft hat, ein so übel beleumdeter Rebell, wie irgend einer von den Covenanters.« »Der Hund!« wetterte der Rittmeister. »Wie kann er sich erfrechen, das Erbe einer Familie zu kaufen, die vierhundert Jahre alt ist. – C ynthius aurem vellet , wie wir auf dem Marschall-Gymnasium sagten, das heißt, an den Ohren will ich ihn aus dem Hause meines Vaters hinausziehen. Mylord Menteith, nun bin ich der Eure, mit Hand und Schwert, mit Leib und Seele, bis der Tod uns trennt, oder bis zum Ende des Feldzuges!« »Und ich will die Sache festmachen,« sagte der junge Edelmann, »und zahle Euch den Sold für einen Monat im voraus.« »Das tut auch dringend not,« sagte Dalgetty, das Geld einsteckend. »Aber jetzt muß ich in den Stall, mein Reitzeug in Ordnung bringen und zusehen, daß es meinem Gustavus an nichts fehlt. Ich muß ihm auch sagen, daß wir in neue Dienste getreten sind.« Als Lord Menteith mit seinen Dienern in die Halle trat, kamen Angus Mac Aulay und die englischen Gäste ihnen zur Begrüßung entgegen. Allan saß an demselben Platz wie am Abend zuvor und kümmerte sich um niemand. In diesem Augenblick trat Donald herein und rief: »Eine Botschaft von Vich Alister More; er kommt heute abend.« »Wieviel bringt er mit?« fragte Mac Aulay. »Fünfundzwanzig bis dreißig seines Gefolges,« antwortete Donald. »Streu reichlich Stroh in die Scheuern,« befahl der Gutsherr. Ein anderer Diener kam herein und meldete, Sir Hektor Mac Lean sei im Anmarsch mit einem großen Gefolge. »Die bringt Ihr in der Mälzerei unter,« sagte Mac Aulay; »zwischen ihnen und den Mac Donalds laßt einen Raum frei so breit wie ein Misthaufen. Sie sind nicht eben gut Freund miteinander.« Abermals trat Donald ein und schnitt ein langes Gesicht. »Der Teufel steckt in dem Volk!« rief er. »Ist denn das ganze Hochland auf den Beinen? Evan Dhu von Lochiel wird in einer Stunde hier sein mit wer weiß wie vielen seiner Sippe.« »Die kommen in die große Scheune zu den Mac Donalds«, bestimmte der Gutsherr. Immer wieder wurden Häuptlinge angemeldet, von denen der geringste es unter seiner Würde erachtet hätte, mit weniger als einem halben Dutzend Mannen zu erscheinen. Für alle neu Ankommenden bestimmte Angus Mac Aulay einen neuen Platz, als er aber über alle Räumlichkeiten verfügt hatte und Pferdeställe, Kuhställe, Hausflur, Schuppen und sämtliche Wirtschaftsgebäude schon belegt waren, wurde noch Mac Dougald von Lorn angemeldet, und er wußte nicht, wo er ihn unterbringen sollte. »Was ist zu tun?« sagte er, »wenn sie dicht nebeneinander liegen wollten, gingen wohl noch ihrer fünfzig in die große Scheune; aber dann würden sie sich mit den Dolchen um die Plätze streiten und vorm Morgen noch hätten wir Blut genug, um Wurst zu machen!« »Wozu das alles?« rief Allan und fuhr in der ihm eigenen Raschheit seines Wesens dazwischen. »Sind die Galen jetzt weichlicher und weibischer als ihre Ahnen. Schlagt einem Branntweinfaß den Boden ein, das sei ihr Nachtlager – die Mäntel, ihre Decken, das Himmelszelt ihr Baldachin, und Heidekraut ihr Kissen! Und kämen ihrer noch Tausende, die weite Heide hat Raum genug!« »Allan hat Recht,« sagte sein Bruder, und zu Musgrave gewendet, fügte er hinzu: »Seltsam, es ist bei ihm nicht ganz richtig im Kopfe, unter uns gesagt, und doch zeigt er bisweilen mehr Verstand als wir alle. Betrachtet ihn jetzt.« Allan heftete die Augen mit furchtbar starrem Blick nach dem andern Ende der Halle. »Sie können so anfangen,« sagte er, »wie sie enden werden. Mancher schläft heute auf der Heide, und er wird steif und starr sein, wenn der Novemberwind pfaucht, doch klagt er nicht über Kälte, und daß ihm eine Decke fehlt, tut ihm nichts.« »Künde uns nicht die Zukunft, Bruder,« sagte Angus. Allans Augen wurden starr und schienen aus den Höhlen hervortreten zu wollen. Krampfhaft zitternd, sank er seinem Bruder und Donald in die Arme, die, mit der Art seiner Anfälle vertraut, ihn auffingen und zu einer Bank führten. »Hofft Ihr denn auf Glück?«, rief der Seltsame. »Um Gotteswillen, Allan,« bat ihn sein Bruder, der wohl wußte, wie tiefen Eindruck seine mystischen Worte auf viele Gäste machen würden, »sprich nichts, was uns entmutigen könnte.« »Bin ich es, der euch entmutigte?« versetzte Allan. »Jedermann soll seines Schicksals harren wie ich des meinen. Was kommen soll, kommt doch. Wir werden tapfer über manches Feld des Sieges gehen, ehe wir jenes Schlachtfeld des Todes betreten – ehe wir auf jene Schaffotte des Todes steigen.« »Was für ein Schlachtfeld? Was für ein Schaffott?« riefen mehrere. »Nur zubald werdet Ihr des inne werden,« antwortete Allan. »Sprecht nicht mehr mit mir, ich bin Eurer Fragen überdrüssig.« Er preßte die Hand gegen die Stirn, stützte die Ellbogen auf die Knie und versank in tiefes Grübeln. »Ruft Annot Lyle, sie soll mit der Harfe kommen!« sagte Angus leise zu seinem Diener, »Wer von den Herren ein hochländisches Frühstück nicht verschmäht, der folge mir!« Achtes Kapitel Sie gingen alle mit dem gastfreundlichen Gutsherrn, nur Lord Menteith blieb zurück, in eine der großen Fensternischen der Halle gelehnt. Kurz darauf schlüpfte Annot Lyle herein – eine Maid, die Lord Menteith sehr treffend geschildert hatte, als er sie die zierlichste Elfe nannte, die je im Mondlicht sich im Reigen geschwungen habe. Sie war so klein und niedlich, daß sie noch blutjung aussah, und obwohl sie schon 18 Jahre zählte, hätte jeder sie für vier Jahre jünger gehalten. Körperform, Hände und Füße stimmten in wundervollem Ebenmaß zu der Zierlichkeit ihrer Erscheinung, ihr Haar war dunkelblond und dichtgelockt und paßte herrlich zu dem zarten feinen Teint und ihren muntern, schlichten Zügen. Es war begreiflich, daß sie der Liebling aller war; sie übte oft auf die derbbesaiteten Insassen des Schlosses – wie Allan sich in poetischer Anwandlung ausdrückte – die Wirkung eines Sonnenstrahls auf ein finsteres Meer. Allen teilte sie die Heiterkeit und den Frohsinn mit, die ihre eigne Seele erfüllten. Als Lord Menteith aus seinem Versteck hervortrat und ihr freundlich einen guten Morgen bot, lächelte Annot und errötete. »Guten Morgen, Mylord,« erwiderte sie und reichte ihrem Freunde die Hand; »in letzter Zeit wart Ihr hier ein seltener Gast, und ich fürchte, daß Ihr jetzt hier seid, hat auch keinen friedlichen Zweck.« »Das braucht Euch in Euerm Frohsinn nicht zu trüben, Annot,« sagte Lord Menteith, »Mein Vetter Allan bedarf Eurer Hilfe. Singt und spielt.« »Mein Retter,« sagte Annot Lyle, »hat ein Anrecht auf mein bescheidenes Können, auch Euch, Mylord, nenne ich meinen Retter, Ihr habt das meiste getan, ein Leben zu erhalten, das keinen Wert hätte, wenn es nicht imstande wäre, meinen Beschützern in etwas von nutzen zu sein.« Mit diesen Worten setzte sie sich ein Stückchen von Allan ab auf dieselbe Bank, stimmte ihr Instrument und begann zu spielen und zu singen. Ihr Lied war eine alte gälische Weise. Noch während sie sang, verrieten einige Gebärden, daß Allan Mac Aulay allmählich wieder zu sich kam und seine Umgebung zu erkennen begann. Die tiefen Furchen auf seiner Stirn glätteten sich. Seine Züge, die im innern Kampfe sich verzerrt hatten, gewannen wieder natürlichen Ausdruck. Im Zustand der Ruhe war sein Gesicht zwar nicht schön, doch edel und mannhaft. Seine grauen Augen, die vorher unheimlich gerollt und gefunkelt hatten, nahmen jetzt einen festen, bestimmten Ausdruck an. »Gott seis gedankt,« sagte er nach kurzem Schweigen, als die letzten Harfentöne verklungen waren, »nicht länger mehr ist meine Seele verfinstert. Die Wolke ist von meinem Geist gewichen.« »Ihr müßt der Annot Lyle und dem Himmel danken, Vetter Allan,« sagte Lord Menteith herzutretend, »daß Ihr aus dieser Schwermut erlöst worden seid.« »Mein edler Vetter Menteith,« entgegnete Allan, indem er aufstand und ihn mit Ehrerbietung und Liebenswürdigkeit zugleich begrüßte, »ist schon so lange mit meinem Unglück vertraut, daß ich mich bei ihm nicht zu entschuldigen brauche, wenn ich ihn erst jetzt im Schlosse willkommen heiße.« »In der Tat kennen wir uns schon zu lange,« antwortete Lord Menteith, »und sind zu gute Freunde, um auf solche Äußerlichkeiten viel zu geben. Aber heute kommt das halbe Hochland her, und Ihr wißt, daß unsere Häuptlinge das Zeremonielle lieben. Was wollt Ihr der kleinen Annot schenken, daß sie Euch aufgeheitert und instand gesetzt hat, Evan Dhu und wer weiß wie viele Federn und Mützen zu begrüßen?« »Was wollt Ihr mir schenken?« fragte Annot lachend. »Das bunteste Band vom Jahrmarkt in Doune?« »Vom Jahrmarkt in Doune, Annot?« entgegnete Allan traurig. »Bis dahin wird noch blutige Arbeit verrichtet, und vielleicht erlebe ich den Tag nicht mehr. Aber Ihr habt mich an etwas erinnert, das ich schon lange tun wollte.« Mit diesen Worten ging er hinaus. Wenn er noch lange in diesem Tone weiterspricht,« sagte Lord Menteith, »dann müßt Ihr, liebe Annot, Eure Harfe gestimmt halten.« »Das hoffe ich nicht,« antwortete Annot in besorgtem Tone. »Diesmal hat der Anfall lange angehalten und wird vorderhand nicht wiederkehren. Es ist furchtbar, ein von Natur so edles und liebes Gemüt an solchem angebornen Leiden kranken zu sehen.« Da sie sehr leise sprach, trat Lord Menteith unwillkürlich näher an sie heran, um sie besser zu verstehen; als Allan plötzlich zurückkehrte, trat er in ebenso natürlicher Weise wieder von ihr weg, in keinem andern Bewußtsein als dem, sich in einem Gespräch überrascht zu sehen, dessen Inhalt sie vor ihm geheim halten wollten. Allan aber fiel das auf. Er blieb in der Tür stehen. Seine Stirn furchte sich und seine Augen rollten. Aber der Anfall jäher Leidenschaft währte nur einen Augenblick. Dann strich sich der junge Mann mit der breiten sehnigen Hand über die Stirn, als wollte er die Merkmale seiner Erregung wegwischen, und trat auf Annot zu, ein kleines Kästchen von Eichenholz und seltsamem Schnitzwerk in der Hand. »Euch nehme ich zum Zeugen, Vetter Menteith,« sagte er, »daß ich dieses Kästchen und was darin ist, Annot Lyle schenke. Schmucksachen sind drin, die meiner Mutter gehörten. Viel wert sind sie nicht, denn das Weib eines hochländischen Häuptlings hat selten kostbare Juwelen.« »Dieser Schmuck,« entgegnete Annot Lyle, das Kästchen sanft, fast furchtsam zurückweisend, »gehört der Familie, ich kann ihn nicht annehmen.« »Mir allein gehört er, Annot,« sagte Allan; »er ist das Vermächtnis meiner Mutter. Er ist alles, was ich mein nennen darf, außer noch meinem Mantel und Degen. Nehmt das Kästchen mit dem wertlosen Spielzeug drin – behaltet es um meinetwillen, – für den Fall, daß ich aus diesem Kriege nicht heimkehre.« Er machte das Kästchen auf und reichte es Annot. »Sollten die Sachen Wert haben,« fuhr er fort, »so braucht ihn zu Euerm Lebensunterhalt, wenn dies Haus von feindlichen Flammen vernichtet ist und Ihr nicht länger Schutz darin findet. Einen Ring aber behaltet zum Andenken an Allan, der zum Dank für Eure Güte alles getan hat, was er konnte, wenn er auch nicht alles tun konnte, was er gern möchte.« Annot Lyle vermochte die Tränen nicht zu unterdrücken. »Einen Ring, Allan, will ich von Euch annehmen,« sagte sie, »zum Andenken, daß Ihr so gütig gewesen seid gegen eine arme Waise. Dringt aber nicht in mich, daß ich mehr nehmen soll, denn eine Gabe von so großem Wert kann und darf ich nicht annehmen.« »So wählt Euch einen,« sagte Allan. »Die anderen Schmucksachen werde ich in eine Form umgießen, worin sie Euch mehr nützen werden.« »Das laßt nur,« sagte Annot, indem sie einen Ring auswählte, der ihr den geringsten Wert zu haben schien, »hebt nur das andere auf für Eure oder Eures Bruders Braut. Doch, gütiger, Himmel,« rief sie und starrte den Ring an, »was habe ich mir da ausgesucht!« Mit Blicken finsterer Besorgnis sah Allan den Ring an. Das Kleinod zeigte einen Totenkopf aus Emaille mit zwei gekreuzten Dolchen. Dieses Sinnbild erkennend, seufzte Allan so tief auf, daß der Ring dem Mädchen entfiel und über den Boden rollte. Lord Menteith hob ihn auf und gab ihn der erschrockenen Annot zurück. »Gott ist mein Zeuge,« rief Allan in feierlichem Tone, »daß Ihr, junger Lord, nicht ich ihr dieses nichts gutes verheißende Geschenk zurückgegeben habt. Es war der Ring, den meine Mutter zum Andenken an ihren ermordeten Bruder trug.« »Ich fürchte keine Vorbedeutungen,« sagte Annot, unter Lächeln; »was aus den Händen meiner zwei Beschützer kommt, kann mir armem Waisenkind nicht Unglück bringen.« Mit diesen Worten steckte sie den Ring auf. »Sie hat recht, Allan,« stimmte Lord Menteith bei. »Sie hat unrecht, Lord Menteith,« sagte Allan finster. »Freilich werdet Ihr, die Ihr die Euch erteilten Warnungen auf die leichte Achsel nehmt, vielleicht den Ausgang dieser Vorbedeutung gar nicht mehr erleben – lacht nicht so spöttisch,« fügte er hinzu, »oder vielmehr lacht meinetwegen so lang und so laut, als Ihr Lust habt; die Zeit, da Euch zu lachen vergönnt ist, wird ja bald ein Ende haben.« »Mich kümmern Eure Traumbilder nicht, Allan,« sagte Lord Menteith; »mag die Frist meines Lebens auch noch so kurz sein, so ist doch kein hochländischer Seher imstande, das Ende zu schauen.« »Ums Himmels willen!« flüsterte Annot hinzu »Ihr kennt ihn und wißt, wie sehr es ihn erregt –« »Fürchtet nichts von mir,« fiel Allan ihr ins Wort. »Meine Seele ist fest und ruhig. Euch aber, junger Lord,« und er wandte sich wieder zu Lord Menteith, »mein Auge hat Euch gesucht auf den Schlachtfeldern, wo die Kinder des Hochlands und des Flachlandes so dicht gesät lagen, wie je die Krähen auf diesen, alten Bäumen hockten« – er deutete auf einen Krähenhorst, den man vom Fenster aus sehen konnte – »mein Auge hat Euch gesucht, aber Eure Leiche war nicht dabei. Mein Auge hat Euch gesucht in einem Zuge entwaffneter ohnmächtiger Gefangenen in den Ringmauern einer alten Festung – Blitz auf Blitz – Salven – Kugelregen in die Reihen der Gefangenen – sie fielen wie dürres Laub im Herbst – aber auch unter diesen seid Ihr nicht gewesen. – Blutgerüste wurden aufgeschlagen – Richtblöcke aufgestellt und Sägespäne gestreut – und der Priester stand da mit der Bibel und der Scharfrichter mit dem Beil – aber auch dort hat mein Auge Euch nicht gefunden.« »So ist mir der Galgen beschieden,« sagte Lord Menteith, »ich wünschte freilich, der Strick bliebe mir erspart, da ich doch einmal ein Mitglied des Adels bin.« »Eure Todesart, Mylord, wird nicht Euers Ranges unwürdig sein. Dreimal habe ich gesehen, wie Euch ein Hochländer den Dolch in die Brust stieß – das wird Euer Schicksal sein.« »Beschreibt mir doch, wie er ausgesehen hat,« sagte Lord Menteith, »dann will ich ihm die Mühe ersparen, Eure Weissagung zu erfüllen, wenn nicht sein Mantel gegen Degenstöße oder Pistolenkugeln gefeit ist.« »Es wird Euch nichts helfen, daß Ihr Euch darauf vorbereiten wollt, auch kann ich Euch nicht sagen, was Ihr wissen wollt, denn das Antlitz der Erscheinung war jedesmal von mir abgewandt.« »Nun meinetwegen,« sagte Lord Menteith, »ich werde deshalb heute nicht minder vergnügt mitten unter den hochländischen Dolchen, Mänteln und Schurzfellen zu Mittag speisen.« »So mag es sein,« antwortete Allan, »vielleicht genießt Ihr auch voller Freude alle jene Augenblicke, die für mich dadurch, daß ich das Unheil der Zukunft kenne, vergällt sind; aber ich sage Euch nochmals, daß diese Waffe, das heißt eine Waffe wie diese hier« – und er legte die Hand auf den Griff seines Dolches – »Euch den Todesstoß geben wird.« »Alles Blut habt Ihr der armen Annot Lyle aus den Wangen gescheucht,« sagte Lord Menteith. »Laßt uns, Freund, diesem Gespräch ein Ende machen. Wir wollen lieber uns um etwas bekümmern, wovon wir beide etwas verstehen – nämlich um unsere militärischen Rüstungen.« Sie begaben sich zu Angus Mac Aulay und seinen englischen Gästen. Allan bekundete bei den nun anhebenden Erörterungen vollste Klarheit des Begriffs, Kraft des Urteils und Schärfe der Gedanken, in strengstem Gegensatz zu dem mystischen Halbdunkel, in welchem bis dahin sein Gemüt befangen gewesen war. Neuntes Kapitel Kriegerische Emsigkeit herrschte an diesem Morgen auf Schloß Darnlinvarach. Die verschiedenen Häuptlinge begrüßten den Schloßherrn und sich untereinander teils mit ausgesuchter Höflichkeit, teils mit stolzer Zurückhaltung, je nachdem ihre Sippen in letzter Zeit mehr oder minder in Freundschaft miteinander gelebt hatten. Die Versammlung dieser Häuptlinge hatte gewisse Ähnlichkeit mit jenen alten deutschen Reichstagen, wo der kleinste Freiherr, dem ein Schloß auf dem Felsen und ein paar hundert Acker Feld gehörten, Anspruch erhob, als souveräner Fürst zu gelten und geehrt zu werden und unter den Würdenträgern des Reiches den ihm gebührenden Platz zu erhalten. Das Gefolge der verschiedenen Fürsten war abgesondert untergebracht und versorgt worden, so gut Raum und Umstände es gestatteten. Bei jedem Häuptling war jedoch ein Leibdiener, der seinem Herrn wie sein Schatten folgte und alle Befehle seines Gebieters ausführte. Draußen vorm Schloß bot sich ein merkwürdiges Bild. Die Hochländer, die von verschiedenen Inseln, aus größern und kleinern Tälern stammten, maßen einander mit Neugierde oder offenkundiger Mißgunst. Am meisten aber mußte, wenigstens jedem Flachländer, der Wetteifer der Dudelsack-Pfeifer auffallen. Diese Kriegsmusikanten, die alle von der Überlegenheit ihres eigenen Stammes die höchste Meinung und von dem Vorzug ihrer Stellung den dünkelhaftesten Begriff hatten, spielten zuerst die Schlachtlieder ihrer eigenen Sippe. Allmählich aber kamen sie näher zusammen, indem sie sich in ihren gewürfelten Mänteln und Röcken triumphierend aufblähten. Sie gingen auf einander zu, warfen sich dünkelhafte, herausfordernde Blicke zu und schwellten und quetschten ihre kreischenden Instrumente. Dabei spielte jeder seine eigne Lieblingsmelodie mit so ohrenzerreißendem Getöse, daß ein italienischer Musiker – wenn einer im Umkreis von zehn Meilen hier unter der Erde gelegen hätte – von den Toten auferstanden wäre, um dieser gräulichen Musik zu entrinnen. Inzwischen hatten die Häuptlinge sich im großen Saale zur Beratung versammelt. Darunter waren mehrere hochbedeutende Personen; viele waren auch gekommen lediglich aus Eifer für die Sache des Königs, viele auch aus Groll über das harte Joch, das der Marquis von Argyle, seit er im Staate das Ruder in der Hand hatte, seinen hochländischen Nachbarn auferlegte. Dieser Staatsmann besaß zwar große Fähigkeiten und viel Vermögen – hatte aber doch einige Charakterfehler, die ihn bei den schottischen Häuptlingen sehr unbeliebt machten. Im Punkte der Religion war er unduldsam und fanatisch. Sein Ehrgeiz war unersättlich. Überdies schrieb man ihm oder dem Gillespie Grumach, d. i. dem schielenden Mißgestalteten – unter diesem Spitznamen, der vom Schielen seiner Augen herrührte, sprach man allgemein von ihm im Hochland, wo man niemand nach Titel und Würden nennt – mehr staatsmännische Fähigkeit als Feldherrntalent zu. Er und sein Clan waren vor allem den Mac Donalds und den Mac Leans verhaßt, zwei großen Stämmen, die schon von altersher zwar einander befehdet hatten, aber stets in einem alteingesessenen Haß gegen die Campbells oder die Söhne von Diarmid, wie man sie nannte, einig waren. Die versammelten Häuptlinge verharrten eine zeitlang in Schweigen und warteten, ob einer von ihnen die Beratung eröffnen werde. Endlich ergriff der Mächtigste unter ihnen das Wort: »Wir sind hier hergeladen worden, Mac Aulay, um über wichtige Fragen des Königtums und des Staates Rat zu pflegen. Wir möchten nun wissen, wer uns über diese Fragen zunächst Bericht erstatten will.« Mac Aulay, der kein sehr gewandter Redner war, forderte Lord Menteith auf, die Eröffnungsworte zu sprechen. Der junge Lord begann in bescheidener, doch energischer Sprache. Gern hätte er es gesehen, äußerte er, wenn ein bekannterer Mann, der sich schon einen ruhmvollen Namen erworben habe, die Vorschläge dargelegt hätte, die er jetzt der Versammlung unterbreiten wolle. Da man ihn jedoch gebeten habe, das Wort zu ergreifen, so müsse er zuvörderst den versammelten Häuptlingen sagen, daß alle, die danach trachteten, sich von dem schmachvollen Joch zu befreien, das der Fanatismus ihnen aufzubürden suche, keinen Augenblick zu versäumen hätten. »Für alle königstreuen Schotten,« fuhr er fort, »ist der günstige Zeitpunkt gekommen zu beweisen, daß der Vorwurf, der gegen ihr Vaterland ausgesprochen worden ist, nur durch den selbstsüchtigen Ehrgeiz von ein paar ränkesüchtigen aufrührerischen Menschen verschuldet ist. Dazu kommt noch der Fanatismus, der von fünfhundert Kanzeln herunter wie eine Hochflut über die Niederlande von Schottland ausgegossen worden ist. Ich habe Briefe von Marquis von Huntyle aus dem Norden in Händen, die ich den einzelnen Häuptlingen zeigen werde. Dieser königstreue und mächtige Edelmann ist fest entschlossen, sich aufs energischste der allgemeinen Sache zu widmen, und ebenso ist der mächtige Graf von Seaforth dazu bereit. De gleichen festen Zusicherungen habe ich vom Grafen Airly und den Olgivies in Angusshire. Wenn diese mitsamt den Hays, Leiths, Burnets und anderen königstreuen Herren rüsten, so sind wir sicher stark genug, den Covenanters im Norden die Spitze zu bieten. »Auch im Süden des Forth und Tay hat der König viele Freunde, die, durch schwere Steuern und harte Tyrannei erbittert, nur auf den Augenblick warten, daß das Banner des Königs erhoben wird, um auf der Stelle zu den Waffen zu greifen. »Douglas, Traquair, Roxburgh und Hume, die alle der Sache des Königs ergeben sind, werden im Süden die Covenanters im Schach zu halten vermögen. Zwei Herren von hohem Namen und Rang, die aus dem Norden Englands zugegen sind, bürgen für den Eifer von Cumberland, Westmoreland und Northumberland. »Was können die Covenanters so vielen tapferen Herren entgegenstellen? Nur rohes Soldatenvolk, Hirten aus den Grafschaften des Westens, Bauern und Handwerker des Flachlandes. Im Westen des Hochlandes haben die Covenanters keinen Anhänger bis auf einen Mann, den wir alle kennen und hassen. »Ich brauche nur noch hinzuzusetzen, daß bedeutender Vorrat an Geld und Munition für das Heer zusammengebracht worden ist, daß Offiziere, die in fremden Kriegen Erfahrung und Befähigung sich angeeignet haben, geworben sind – daß ein umfangreiches Korps irischer Hilfstruppen, das uns Graf Antrim aus Ulster gesandt hat, glücklich gelandet und hierher im Anmarsch ist. »Es bleibt nun weiter nichts zu tun übrig, als daß die edlen hier versammelten Häuptlinge unter Hintansetzung aller kleinlichen Rücksichten sich mit Herz und Hand für die gute Sache zusammentun. Sie müssen das feurige Kreuz in ihren Clans kreisen lassen und soviel Anhänger als möglich zusammenscharen. Die Streitkräfte müssen so schnell vereint werden, daß der Feind keine Zeit hat, sich von dem Schrecken zu erholen und Gegenmaßregeln zu treffen. »Ich selbst zähle zwar nicht zu den reichsten und mächtigsten Edelleuten Schottlands, aber ich bin mir doch der Pflicht bewußt, die Würde eines alten ehrwürdigen Hauses zu vertreten und für die Freiheit eines alten ehrwürdigen Volkes einzustehen, und ich bin fest entschlossen, Gut und Blut für diese Sache hinzugeben. Wenn die mächtigeren unter uns hierzu gleich freudig bereit sind, wird die Dankbarkeit des Königs und der Nachwelt Ihnen gewiß sein.« Diese Rede lohnte lauter Beifall, aus dem deutlich zu ersehen war, daß alle Versammelten mit den hier ausgesprochenen Gedanken vollkommen einverstanden waren. Als der Lärm sich gelegt hatte, sahen die Häuptlinge einander an, als ob noch eine Angelegenheit zu erledigen wäre. Nachdem sie ein Weilchen sich leise untereinander besprochen hatten, ergriff ein alter Mann, der zwar nicht zu den höchsten unter den Häuptlingen zählte, aber um seines grauen Haares willen hohe Achtung genoß, das Wort zur Erwiderung auf die Rede des jungen Lords. »Thane von Menteith,« sprach er, »alle, die wir hier sind, hegen wir die gleichen Gefühle im Busen, heiß wie Feuer; doch nicht die Kraft allein erringt den Sieg in der Schlacht; der Kopf des Befehlshabers ist ebenso unentbehrlich wie der Arm des Soldaten. Ich frage Euch, wer ist der, der das Banner aufrichten und tragen soll, unter dem wir uns zusammenscharen sollen? Wo ist das königliche Patent, laut welchem die Stämme zu den Waffen gerufen werden? Wenn wir auch schlichte Hochländer sind, so sind uns doch die bestehenden Kriegsbestimmungen und die Gesetze unseres Vaterlandes nicht ganz unbekannt. Wir wollen nicht den allgemeinen Frieden Schottlands stören, außer auf ausdrücklichen Befehl unseres Königs, und nur unter der Führung eines Mannes, der sich zum Befehlshaber solcher Herren wie der hier versammelten eignet.« »Wo wäre solch ein Führer zu finden,« fiel ein anderer Häuptling ein, »er sei denn unter den Vertretern des Herrn der Inseln, bei dem durch Geburt und Abstammung das Recht wohnt, alle Clans der Hochlande unter einer Fahne zu vereinen? Und wo wäre eine solche Würde zu finden, wenn nicht unter den Mitgliedern der Familie Vich Alister More?« »Das erste laß ich gelten,« versetzte ein anderer Häuptling, »den Schluß aber nicht. Wenn Vich Alister More für den Vertreter des Herrn der Inseln gelten will, so mag er zuerst beweisen, daß sein Blut röter ist als meins.« »Das kann leicht geschehen,« rief Vich Alister More, die Hand am Degenknauf. Lord Menteith trat zwischen beide und ermahnte sie, die höheren Interessen Schottlands, die Freiheit des Vaterlandes und die Sache des Königs im Auge zu behalten, und mehrere Häuptlinge legten sich gleichfalls ins Mittel, am nachdrücklichsten der berühmte Evan Dhu. »Ich bin von meinen Seen hergekommen,« rief er, »wie ein Strom sich ins Tal ergießt, nicht um wieder umzukehren, sondern um meinen Lauf zu vollenden. Wie können wir Schottland oder dem König Karl dienen, wenn wir um unsre eignen Interessen hadern? Ich gebe meine Stimme dem General, den der König ernennt und der sicher der rechte Mann für uns und die Unsern sein wird. Von hoher Geburt muß er sein, sonst schänden wir uns, indem wir ihm gehorchen – weise und tüchtig muß er sein, sonst bringen wir unser Volk in Gefahr – der Tapferste muß er sein unter den Tapfern, sonst könnten wir die Ehre einbüßen – nur solch ein Mann kann über uns befehlen. Könnt Ihr, Thane von Menteith, uns sagen, wo ein solcher Mann wäre?« »Es gibt nur einen, und der steht hier,« rief in diesem Augenblick Allan Mac Aulay, die Hand auf Andersons Schultern legend, der hinter Lord Menteith stand. Das allgemeine Erstaunen äußerte sich in zornigem Murren – Anderson aber warf den Mantel zurück, der sein Gesicht verhüllte, trat vor und rief: »Ich hatte nicht die Absicht, als stummer Zuschauer diesem Schauspiel beizuwohnen, allerdings zwingt mein vorschneller Freund mich, mich etwas früher zu offenbaren, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Ob ich der Ehre würdig bin, die mir dieses Pergament erteilt, werde ich erst im Dienste des Königs beweisen können. Hier ist das Patent mit dem Staatssiegel, und laut ihm bin ich, James Graham Graf von Montrose, zum Befehlshaber der Armee ernannt, die in diesem Königreich für den Dienst Sr. Majestät gebildet wird.« Lauter Beifall ertönte. Er war der einzige, dem die stolzen Bergbewohner sich bereitwilligst unterordneten. Seine tödliche, durch Erbschaft überkommene Feindschaft mit dem Marquis von Argyle war Bürgschaft, daß er mit vollster Energie sich der Sache widmen werde, und seine Feldherrngaben, die allbekannt waren, und die oft erprobte Tapferkeit ließen von vornherein die Hoffnung zu auf ein glückliches Ende des Unternehmens. Zehntes Kapitel Nachdem der allgemeine Jubel sich gelegt hatte, verlangten alle dringend nach Ruhe, damit das königliche Patent verlesen werden könne. Die Häuptlinge hatten bisher die Mützen aufbehalten, wahrscheinlich weil keiner als erster von allen das Haupt hatte entblößen wollen; jetzt aber nahmen sie sie alle ab, um dem königlichen Handschreiben Ehre zu erweisen. Der königliche Erlaß war in klarer bestimmter Form abgefaßt und verlieh dem Grafen von Montrose die weitgehendste Vollmacht, die bewaffneten Untertanen zu sammeln zum Widerstand gegen die herrschende Rebellion, die von mehreren Verrätern am König angezettelt worden sei, um den Frieden zwischen beiden Königreichen zu zerstören. Alle dem Befehlshaber untergeordneten Personen wurden strengstens angewiesen, dem Grafen Montrose zu gehorchen und ihn zu unterstützen; er erhielt Befugnis, Befehle auszugeben, Aufrufe zu erlassen, Vergehen zu bestrafen, Verbrecher zu begnadigen, Statthalter und Unterbefehlshaber zu ernennen und abzusetzen. Als der Erlaß verlesen worden war, tat allgemeiner Zuruf die Bereitwilligkeit kund, mit der die Häuptlinge sich ihrem Oberbefehlshaber unterwarfen. Montrose begnügte sich nicht damit, ihnen im allgemeinen für so herzliche Aufnahme zu danken, er wendete sich auch an die einzelnen. Die bedeutenderen unter den Häuptlingen waren ihm schon lange persönlich bekannt – er machte sich nun auch mit den weniger bedeutenden unter ihnen bekannt, und bei diesem Geschäft der Höflichkeit prägte sich scharf der Kontrast aus zwischen seinem anmutigen Wesen, seinem ausdrucksvollen Gesicht, seinem würdevollen Benehmen und der groben unansehnlichen Kleidung, die er trug. Das Antlitz und die Gestalt des Grafen von Montrose waren von jener Art, an der man auf den ersten Blick gar nichts besonderes findet, die aber, je länger man sie ansieht, um so stärker fesselt. Er war ein wenig über Mittelgröße, sein Körper war aber schön und regelmäßig geformt und man sah ihm an, daß ihm große Kraft und zähe Ausdauer innewohnte. In der Tat besaß er eine eiserne Natur, sonst hätte er nicht die Strapazen der zahlreichen schweren Feldzüge überstehen können, in denen er dieselben Entbehrungen auf sich nahm, wie sie dem gemeinen Soldaten zufielen. Er war ein Meister in allen Leibesübungen des Friedens und des Krieges. Daher war ihm auch jene graziöse Anmut der Haltung zu eigen, an denen man alle erkennt, die ihren Leib gewohnheitsmäßig schulen und üben. Nach dem Brauch, der unter den Adligen der königstreuen Partei bestand, war sein langes braunes Haar gescheitelt und fiel in langen Locken herab. Eine Adlernase, ein großes graues Auge, das beherzt, offen und flink dreinschaute, und eine frische Farbe hoben einen Zug der Rauheit und ein wenig Unregelmäßigkeit in den unteren Partien des Gesichts wieder auf, und man hätte das Gesicht des Grafen eher hübsch als rauh nennen können. Montrose berichtete nun, wie vielen Gefahren er ausgesetzt gewesen war, ehe er sein Ziel erreicht hatte. Zuguterletzt hätte er sich gezwungen gesehen, sich zu verkleiden, um sicher durch das Flachland zu kommen, und hierbei hätte sein Verwandter Menteith ihm geholfen. Wie Allan Mac Aulay ihn erkannt habe, könne er sich nicht erklären. Wer Allans prophetische Veranlagung kannte, lächelte geheimnisvoll. Allan selber aber sagte, Graf Montrose dürfe sich nicht wundern, wenn Tausende, deren er sich nicht erinnern könne, ihn sehr wohl kannten. »Bei der Ehre eines Kavaliers,« sagte Kapitän Dalgetty, als er endlich auch einmal zu Worte kommen konnte, »ich schätze mich glücklich und bin stolz darauf, unter dem Befehl Eurer Lordschaft das Schwert zu schwingen. Ich vergesse alles Grolls und Ärgers über Herrn Mac Aulay, daß er mich gestern an den untersten Platz an der Tafel geführt hat. Heute hat er gesprochen wie einer, der seine fünf Sinne vollkommen beisammen hat, und ich bin mir klar darüber, daß er das Privilegium der Verrücktheit nicht für sich geltend machen kann. Ich habe aber nur hinter meinem zukünftigen Oberbefehlshaber zurückstehen müssen, und das War völlig gerecht. Ich begrüße daher Allan von Herzen und werde ihm ein bueno camerado sein.« Nach dieser Rede, die wenig Beachtung fand, ergriff er Allans Hand, ohne seinen Fechthandschuh auszuziehen, und schüttelte sie, Allan aber erwiderte den Gruß mit einem Druck der wie ein Schraubstock die eisernen Schuppen des Handschuhs dem Kapitän tief ins Fleisch preßte. Fast hätte er dies als eine neue Beleidigung aufgenommen, und stand noch wutschnaubend da, die zerquetschte Hand schüttelnd, als Montrose sich plötzlich an ihn wandte. »Kapitän Dalgetty,« sagte er, »die Irländer, denen Eure militärischen Erfahrungen zu gute kommen sollen, müssen in wenigen Stunden hier sein.« »Unsere Jägerburschen,« sagte Angus Mac Aulay, »die wir nach Wild ausgesandt hatten, haben von einer Schar Fremden gehört, die unter der Führung von Alister Mac Donald, den man gewöhnlich den jungen Kolkitto nennt, hierhermarschieren.« Das sind die Unsrigen,« sagte Montrose, »es müssen ihnen Boten entgegen gesandt werden, die sie führen und mit allem Nötigen versehen müssen.« »Das wird seine Schwierigkeiten haben,« versetzte Angus Mac Aulay, »wie ich höre, haben sie nur ein paar Musketen und ein wenig Munition, sonst fehlt ihnen schlechtweg alles, was Soldaten haben müssen, und vor allein Geld, Schuhwerk und Kleidung.« »Es hat gar keinen Zweck, das so laut zu sagen. Die Weber von Glasgow werden sie reichlich mit Tuch versorgen, und die gottseligen Damen sollen ihre patriotischen Gaben auch in diesem Fall herausrücken und die spißohrigen Schufte, ihre Ehemänner, den Geldbeutel ziehen.« »Und was die Waffen anbelangt,« sagte Kapitän Dalgetty, »so wäre, wenn ein alter Kavalier seine Ansicht äußern darf, mir das liebste, ein Drittel würde mit Musketen und der Rest mit Piken ausgerüstet. So kann man einer Reiterattacke stand halten und auch Infanterie durchbrechen. Piken kann aber jeder Grobschmied 106 am Tag, machen, für die Schäfte ist Holz genug da. Ferner, möchte ich behaupten–« Des Kapitäns taktische Erörterungen wurden in diesem Augenblick durch Allan Mac Aulay unterbrochen, der ihm ungestüm ins Wort fiel und ausrief: »Platz für einen unerwarteten und unliebsamen Gast.« Elftes Kapitel. Die Tür öffnete sich, und ein grauhaariger hochgewachsener Mann trat ein. Sein Wesen hatte das Gepräge hoher Würde und starken Machtbewußtseins. Seine Gestalt überstieg das gewöhnliche Größenverhältnis, und seinen Blicken sah mans an, daß er gewohnt war, zu befehlen. Er warf einen strengen fast finstern Blick über die Versammlung, den die Häuptlinge höheren Ranges mit geringschätziger Gleichgiltigkeit erwiderten, während einige Herren aus dem Westen ein Gesicht schnitten, als wären sie lieber weit weg. »An welchen Herrn aus dieser Versammlung,« fragte der Fremde, »habe ich mich zu wenden, wenn ich mit dem Anführer sprechen will? Oder ist es noch nicht bestimmt, wem dieses ebenso gefährliche wie ehrenvolle Amt übertragen werden soll.« Montrose trat vor. »Wendet Euch an mich, Sir Duncan Campbell!« sagte er. »An Euch!« rief Sir Duncan Campbell und maß ihn mit verächtlichem Blick. »Ja, an mich,« war die Antwort, »den Grafen Montrose, wenn Ihr ihn noch nicht vergessen habt.« »In der Verkleidung eines Stallknechts hätte ich ihn nicht erkannt«, entgegnete Sir Duncan Campbell. »Doch hätte ich mir gleich denken können, daß nur ein so unheilvoller Einfluß wie der Eurer Lordschaft eine so voreilige Versammlung mißleiteter Männer zusammenrufen kann.« »Laßt jeden Streit beiseite, der nur uns beide angeht,« versetzte Montrose, »und entledigt Euch der Botschaft, die Euer Stammensoberhaupt Argyle durch Euch überbringen läßt, denn in seinem Namen, vermute ich, seid Ihr hier.« »Im Namen des Marquis von Argyle,« antwortete Sir Duncan, »im Namen der Konvention der schottischen Stände verlange ich zu wissen, was für einen Zweck diese merkwürdige Versammlung hat. Wenn Ihr die Absicht hegt, den Frieden des Landes zu zerstören, so habt Ihr als Nachbarn und Ehrenmänner die Pflicht, uns vorher wissen zu lassen, daß wir auf der Hut sein müssen.« »Seltsam hat sich alles in Schottland verändert,« sagte Montrose, sich von Duncan ab an die Versammlung wendend. »Schon dürfen schottische Männer von Rang nicht mehr im Hause eines gemeinsamen Freundes zusammenkommen, ohne daß die Herren, die uns regieren, einen hersenden, der untersuchen muß, was wir beginnen. Unsere Vorfahren hielten Jagden ab und versammelten sich auch zu andern Zwecken, ohne daß sie von Spionen belästigt wurden.« »So war es einst,« setzte einer der Häuptlinge aus dem Westen hinzu, »so wird es wieder sein, sobald erst die, die sich in unsern Grund und Boden eingedrängt haben, wieder zu Gutsherrn von Lochow herabgesetzt sind und sich nicht mehr über uns ausbreiten wie ein Schwarm gefräßiger Heuschrecken.« »Soll ich das so verstehen,« fragte Sir Duncan, »daß diese Rüstungen nur gegen meinen Namen gerichtet sind oder soll zugleich mit dem Haus der Diarmid die ganze Menge der friedfertigen Bewohner Schottlands leiden.« »Eine Frage,« rief ein Häuptling, der plötzlich mit wildem Blick auffuhr, »an den Ritter von Ardenvohr, ehe er in seinem tollkühnen Katechismus fortfährt: hat er mehr als ein Leben mit ins Schloß gebracht, daß er sich in dieser Weise unter uns drängt, um uns zu beleidigen?« »Edle Herren,« sagte Montrose, »ich bitte Euch, mäßigt Euch. Da Sir Duncan Campbell darauf besteht, so kann ich ihm, damit er sich danach richten kann, ja ruhig mitteilen, daß er eine Versammlung königstreuer Untertanen vor sich sieht. Diese Versammlung habe ich einberufen als Bevollmächtigter Sr. Majestät, auf Grund des mir von Allerhöchst demselben erteilten Patent.« »So haben wir den Bürgerkrieg in aller Form,« antwortete Sir Duncan Campbell;, »ich bin lange genug Soldat gewesen und sehe ihm mit Fassung entgegen. In Rücksicht auf die Ehre des Grafen Montrose hätte ich jedoch gewünscht, er hätte weniger sich von seinem eignen Ehrgeiz als von der Sorge für den Frieden des Landes leiten lassen. Es tut mir leid, einen solchen Bericht dem Marquis von Argyle bringen zu müssen. Ich habe ferner nun noch zu melden, daß der Marquis die blutigen Fehden vermeiden möchte, die ein Krieg in den Hochlanden stets mit sich bringt, und daß er einen Waffenstillstand für das Land nördlich von der Hochlandsgrenze anbietet.« »Ein Vorschlag zur Güte!« lächelte Montrose. »Wenn die Bedingungen zu einem solchen Waffenstillstand sich in einer beide Teile zufriedenstellenden Weise festsetzen ließen und wenn wir die feste Gewißheit hätten – denn das, Sir Duncan, ist vor allem erforderlich – daß Euer Marquis die Bedingungen auch hält, dann wäre es mir für mein Teil lieb, den Frieden in meinem Rücken zu lassen, da ich den Krieg vor mir hertragen muß. Ihr aber, Sir Duncan, seid für uns ein zu gewiegter Kriegsmann, als daß wir Euch gestatten können, längere Zeit in unserm Lager zu verweilen und mit anzusehen, wie es bei uns zugeht. Wir legen Euch daher nahe, wenn Ihr Euch erfrischt habt, auf schnellstem Wege nach Inverary zurückzukehren, und werden Euch von unsrer Seite einen Herrn mitgeben, der über die Bedingungen eines Waffenstillstandes im Hochland verhandeln soll, sofern es der Marquis mit diesem Vorschlag ernst meint.« Sir Duncan Campbell verneigte sich zum Zeichen seines Einverständnisses. »Mylord von Menteith,« fuhr Montrose fort, »habt die Güte, einstweilen Sir Duncan Campbell von Ardenvohr Gesellschaft zu leisten. Wer ihn auf der Rückkehr begleiten soll, werden wir sogleich bestimmen. Mac Aulay wird uns die Bitte nicht verübeln, die Herren gastfreundlich zu bewirten.« »Ich werde sofort das nötige veranlassen,« sagte Allan Mac Aulay, vortretend. »Ich liebe Sir Duncan, denn wir waren Gefährten.« »Mylord von Menteith,« sagte Sir Duncan Campbell, »Ihr seid noch jung und es tut mir leid, Euch an einer so hoffnungslosen Verschwörung teilnehmen zu sehen.« »Jung bin ich freilich,« antwortete Lord Menteith, »aber doch auch alt genug, um zwischen Recht und Unrecht, um zwischen Gesetzmäßigkeit und Verschwörung unterscheiden zu können.« »Und auch wir, mein Freund Allan Mac Aulay,« sagte Sir Duncan, ihm die Hand reichend, »müssen wir uns nun Feinde nennen, die wir oft selbander gegen einen gemeinsamen Feind gefochten haben?« Dann wandte er sich zu der Versammlung. »Lebt wohl, edle Herren,« sagte er, »es sind viele unter Euch, denen ich alles gute wünsche. Zwischen den Beweggründen, die uns leiten,« schloß er, mit einem Blick nach oben, »und den Beweggründen derer, die diesen Bürgerkrieg anstiften, möge der Himmel entscheiden!« »Amen!« rief Montrose. »Dem Gericht Gottes unterwerfen wir uns alle.« Zwölftes Kapitel Von Allan Mac Aulay und Lord Menteith geleitet, verließ Sir Duncan Campbell die Halle. »Dort geht ein Campbell, ders ehrlich meint,« sagte Montrose, als der Abgesandte hinaus war, »die andern sind alle falsch.« Und sich an Angus Mac Aulay wendend, setzte er leise hinzu: »Jetzt aber ist er das Werkzeug des Marquis und des falschesten Mannes, der je geatmet hat. Sendet ihnen Musik ins Zimmer, daß Sir Duncan nicht auf Menteith, der doch noch unerfahren ist, und auf Euern Bruder, der ein Sonderling ist, einzuwirken versucht. Wenn Musik spielt, kann er sich nicht so eingehend mit ihnen unterhalten.« »Einen Musikanten habe ich nicht,« antwortete Mac Aulay, »aber ich kann Annot Lyle mit der Harfe zu ihnen schicken.« Inzwischen wurde eifrig beraten, wem der gefährliche Auftrag erteilt werden solle, Sir Ducan nach Inverary zu folgen. Die höheren Häuptlinge, die sich für ebenbürtig mit Mac Cullum More ansahen, konnten nicht dazu erwählt werden; die andern aber bekundeten den lebhaftesten Widerwillen, nach Inverary zu gehen, ganz als wäre dieser Ort das Reich des Todes. In seiner Verlegenheit kam Montrose, der den Vorschlag eines Waffenstillstandes nur für eine Kriegslist Argyles hielt, auf den Ausweg, die gefahrvolle Würde Kapitän Dalgetty zu verleihen, da dieser weder einen Clan noch ein Besitztum in den Hochlanden hatte, gegen die Argyle seinen Groll hätte wenden können. »Aber einen Hals habe ich,« meinte Dalgetty, »und wenn er an dem Rache nimmt, was habe ich davon? Ich habe es aber schon einmal selber erlebt, daß ein ehrenwerter Gesandter einfach als Spion aufgehängt wurde. Die Römer bei Capua haben die Gesandten auch nicht viel besser behandelt, haben ihnen Hände und Nasen abgeschnitten, die Augen ausgerissen und sie dann in Frieden ziehen lassen.« »Bei meiner Ehre, Kapitän Dalgetty,« sagte Montrose, »wenn der Marquis Euch jedem Kriegsgesetz zuwider so scheußlich behandeln sollte, so steh ich Euch dafür, daß ich furchtbare Rache nehmen werde.« »Davon hat Dalgetty nachher verdammt wenig,« entgegnete der Kapitän, »aber corazon! wie der Spanier sagt. In der Hoffnung auf das gelobte Land, das heißt das Moor von Drumthwacket, mea paupera regna , wie wir auf dem Marschall-Gymnasium uns ausdrückten – will ich mich dem Auftrag Eurer Gnaden unterziehen.« »Ein tapfrer Entschluß!« sagte Montrose. »Tretet mit mir zur Seite, so will ich Euch sagen, was für Bedingungen Ihr Mac Cullum More zu stellen habt, wenn er einen Waffenstillstand für seine Besitzungen im Hochland von uns gewährt haben will.« Als Montrose dem Kapitän die nötige Unterweisung erteilt hatte, gab er ihm einen Wink, wieder vorzutreten. »Einem Offizier,« sagte er, »der unter dem großen Gustav Adolph gedient hat, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, daß von einem Abgesandten mehr verlangt wird, als die buchstäbliche Ausführung des Auftrags und daß der General bei der Rückkehr des Abgesandten einen Bericht über die Verhältnisse beim Feinde, soweit er sich darüber hat unterrichten können, erwartet. Also, Kapitän Dalgetty seid un peu clairvoyant . Und nun lebt wohl. Wie man sagt, daß der Brief eines Frauenzimmers das wichtigste erst im Postskriptum bringt, so wünsche auch ich, daß Ihr das, was ich Euch jetzt zuletzt gesagt habe, für den wichtigsten Teil Eurer Sendung anseht.« Dalgetty ging, um sich und seinem Pferde für die Strapazen, die der ihm gewordene Auftrag im Gefolge haben mußte, Stärkung zu verschaffen. Als er sich entfernte, sagte Sir Miles Musgrave zu Angus Mac Aulay: »Der ist der Kerl danach, sich durch die ganze Welt zu schlagen.« »Das glaube ich auch«, sagte Angus. »Wenn er nur den Fingern Mac Cullum Mores ebenso leicht entschlüpft wie unsern.« »Meint Ihr denn,« fragte der Engländer, »der Marquis würde gegenüber Kapitän Dalgetty außer acht lassen, was die Gesetze des zivilisierten Krieges vorschreiben?« »Er wird sich genau so wenig drum kümmern, wie ich mich um eine Proklamation des Hochlandes kümmern würde«, antwortete Angus Mac Aulay. Dreizehntes Kapitel In einem kleinen abgesonderten Gemach wurde Sir Duncan aufs gastfreundlichste bewirtet, wobei Lord Menteith und Allan Mac Aulay ihm ehrerbietig Gesellschaft leisteten. Er unterhielt sich mit letzterem über einen Streifzug gegen die Kinder des Nebels, an dem sie beide teilgenommen hatten, denn der Ritter von Ardenuohr war ebenso wie die Mac Aulays ein unversöhnlicher Todfeind dieser Räuber. Sir Duncan war indessen bemüht, das Gespräch bald auf den Gegenstand seiner Sendung zu lenken. »Es schmerzt mich herzlichst,« sagte er, »daß Freunde und Nachbarn, die Schulter an Schulter stehen sollten, sich in gegenseitigem Zwist in eine Sache einlassen, die sie so wenig angeht. Den hochländischen Häuptlingen kann es doch ganz gleich sein, ob der König oder das Parlament die Oberhand hat.« Und er erinnerte Allan daran, daß die Art und Weise, wie im Hochland der Friede abgeschlossen worden sei, in Wirklichkeit berechnet gewesen wäre, die patriarchalische Gewalt der Häuptlinge zu beeinträchtigen. »Und dennoch,« sagte er, »hat jetzt eine so große Anzahl hochländischer Häuptlinge beschlossen, gegen ihre Nachbarn, Verbündete und alten Freunde zu Felde zu ziehen, um einem Despoten neue Gewalt zu verschaffen.« »Der Ritter von Ardenvohr,« antwortete Allan, »muß dies meinem Bruder, dem ältesten aus meines Vaters Hause, vorhalten. Ich bin freilich Angus' Bruder, aber ich bin damit nur der Erste seiner Sippschaft und habe an erster Stelle die Pflicht, seinen Befehlen unbedingt mich zu unterwerfen.« »Auch ist die Streitfrage,« mischte sich Lord Menteith ins Gespräch, »weit umfassender, als Sir Duncan Campbell zu glauben scheint; sie beschränkt sich nicht auf Sachsen oder Galen, auf Berge oder Täler, auf Hochland oder Niederland, die Frage ist, ob wir uns durch Leute, die sich unumschränkte Gewalt willkürlich angemaßt haben und in keiner Hinsicht über uns stehen, nach Gutdünken regieren lassen wollen.« »Ich will Euch nicht antworten, Mylord,« sagte Sir Duncan Campbell; »Eure Vorurteile kenne ich, weiß auch, wer sie Euch eingegeben hat. Darüber mit Euch zu reden, würde nichts fruchten. Ihr habt die Würfel selber geworfen.« Er machte eins Handbewegung, als wolle er jede weitere Erörterung abschneiden. »Nur tief betrübt,« setzte er hinzu, »bin ich über das unheilvolle Verhängnis, in das das unglückselige Ungestüm Angus Mac Aulays und Eurer Lordschaft meinen wackern Freund Allan mitsamt dem Stamme seines Vaters und noch manchen andern tapfern Mann rettungslos hineinreißt.« »Für uns alle sind die Würfel geworfen,« sagte Allan mit finstern Blicken. »Das eiserne Schicksal hat in unsre Stirn das Brandmal des Loses gegraben, das uns beschieden ist; lange vorher schon, ehe wir noch imstande sind, einen Wunsch zu bilden oder einen Finger für uns zu heben.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Annot Lyle, die Harfe in der Hand, trat ins Zimmer. Sie trug heute etwas altertümliche Kleidung. Um den Hals hatte sie eine antike Silberkette geschlungen, an der der Schlüssel zu ihrem Instrument hing. Auch trug sie eine Brosche, die ihr einst Lord Menteith geschenkt hatte. Unter ihren vollen hellen Locken verschwanden fast die lachenden Augen, als sie errötend sagte, Mac Aulay habe sie gebeten anzufragen, ob die Herren ein wenig Musik wünschten. Sir Duncan Campbell betrachtete ein wenig überrascht das liebliche Wesen, dessen Eintritt sein Gespräch mit Allan unterbrochen hatte. »Ist es möglich,« fragte er leise, »daß dieses schöne und zierliche Geschöpf als Harfenspielerin zur Dienerschaft Eures Bruders zählt?« »Keineswegs,« erwiderte Allan eilig, »sie ist eine – eine nahe Verwandte und wird wie eine Adoptivtochter gehalten.« Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Sitze und bot ihn mit einer Höflichkeit, die jeder Hochländer zeigen kann, wenn er will, dem Mädchen an. Zugleich reichte er ihr, was von Erfrischungen auf dem Tische stand. Sir Duncan hielt indes die Blicke mit einem Ausdruck tiefster Teilnahme und lebhaftesten Interesses auf Annot geheftet. Unter dem unverwandten Blick des alten Ritters ward das Mädchen fast ein wenig verlegen; und erst nach unbehaglichem Zaudern stimmte sie ihre Harfe und begann, von einem ermunternden Blick Allans und Lord Menteiths aufgefordert, eine alte schottische Ballade zu singen. Während sie sang, fiel es Lord Menteith auf, daß das Lied einen weit tieferen Eindruck auf Sir Duncan Campbell machte, als man bei seinem Charakter und Alter hätte vermuten mögen. Wohl war ihm bekannt, daß die Hochländer jener Zeit für Gesänge und Erzählungen weit empfänglicher waren als ihre Nachbarn vom Flachland; aber selbst dieser Umstand genügte nicht zur Erklärung für die Verlegenheit, mit der der alte Mann die Augen von der Sängerin abwandte, als wollte er es ihnen verwehren, solange auf einem so anziehenden Gegenstand zu haften. Die Stirn des alten Häuptlings umwölkte sich, tief senkte er die großen rauhen Augenbrauen, bis sie seinen Blick völlig verbargen, während an den Lidern etwas wie eine Träne schimmerte. Als der letzte Ton verklungen war, verharrte er noch ein paar Minuten schweigend in derselben Stellung, dann hob er den Kopf, sah Annot Lyle an, als wollte er sie anreden, besann sich aber plötzlich eines andern und schien etwas zu Allan sagen zu wollen – da öffnete sich die Tür und der Schloßherr trat herein. Vierzehntes Kapitel Angus Mac Aulay hatte sich eines Auftrags zu entledigen, der ihn in große Verlegenheit zu setzen schien. Erst nach verschiedentlichen Umschweifen brachte er es zuwege, Sir Duncan Campbell anzukündigen, daß der Ritter, der ihn begleiten sollte, zur Abreise bereit sei und daß seiner Rückkehr nach Inverary nichts mehr im Wege stände. Voller Zorn sprang Sir Duncan Campbell auf. Die Beschimpfung, die diese Eröffnung in sich schloß, hob jeden weicheren Eindruck, den die Musik gemacht haben mochte, wieder auf. »Das hätte ich nicht vermutet,« rief er, mit einem Blick des Grolls auf Angus Mac Aulay. »Nie hätte ich geglaubt, daß im westlichen Hochland ein Häuptling lebe, der unhöflich wie ein Sachse den Ritter von Ardenvohr aus seinem Schloß weisen könne, wenn die Sonne kaum über den Mittag hinaus und der zweite Becher noch nicht eingeschenkt ist. Doch gehabt Euch wohl, Herr, was ein Grobian vorsetzt, stillt nicht den Hunger. Komm ich wieder nach Darnlinvarach, so wird meine Rechte ein blankes Schwert und meine Linke einen Feuerbrand halten.« »Und wenn Ihr mir so naht,« erwiderte Angus, »so will ich Euch gebührenden Empfang bereiten und Ihr sollt Euch, brächtet Ihr auch fünfhundert Campbells mit, nicht wieder über Mangel an Gastfreundschaft in Darnlinvarach beklagen!« »Leute, denen gedroht wird,« entgegnete Sir Duncan, »leben lange. Ihr seid bekannt als Prahlhans, Mac Aulay, und Männer von Ehre achten nicht Euers großen Maules. Euch, Mylord und Allan, danke ich, daß Ihr die Stelle meines groben Wirtes vertreten habt, und Ihr, holde Maid,« und er wandte sich, an Annot Lyle, »nehmt dies zum Andenken dafür, daß Ihr einen Quell in mir neu geweckt habt, der lange Jahre versiegt war.« Mit diesen Worten ging er hinaus und gab Befehl, seine Diener zu rufen. Zornig über den Vorwurf, daß er es an Gastlichkeit habe fehlen lassen – die schwerste Kränkung, die einem Hochländer zugefügt werden kann – begleitete Angus Mac Aulay ihn nicht nach dem Hofe hinunter. Sir Duncan Campbell stieg zu Roß, seine sechs Diener saßen auf und die Kavalkade mitsamt Kapitän Dugald Dalgetty verließ das Schloß. Die Reise war lang und mühsam, doch Sir Duncan Campbell vermied die näheren, versteckten Pässe und Pfade und wandte sich mehr dem Flachlande zu, in der Richtung auf den nächsten Seehafen, wo ein paar Boote für ihn bereit lagen. In einem dieser Fahrzeuge schifften sie sich mit Dalgettys Gustavus ein, der, an Abenteuer jeder Art gewöhnt, ebenso gern zur See fuhr wie zu Lande trabte. Das Wetter war günstig und die Fahrt ging schnell von statten. Am nächsten Morgen schon wurde dem Kapitän kund getan, daß das Boot an den Mauern des Campbellschen Schlosses angelegt habe. Als der Kapitän auf Deck trat, sah er vor sich Ardenvohr – einen düstern, hohen viereckigen Turm, der auf einer Landzunge sich erhob. Nach dem Lande hin war das Schloß von einer mit Ecktürmen besetzten Mauer umschlossen. Nach der See zu stand es so dicht am Rande des Abgrunds, daß nur für eine Batterie von sieben Kanonen Platz vorhanden war. Diese sollten gegen Angriffe von der Seeseite Schutz gewähren, ihr Standort war jedoch zu hoch, als daß sie dem neuern Kriegssystem gemäß zu wirksamer Verwendung hätten kommen können. Sir Duncan Campbell befand sich schon im Schloß, und bald darauf wurde der Befehl überbracht, daß der Gesandte Montroses sich in das Schloß begeben solle. Die Entfernung zwischen der Galeere und dem Strande wurde in einem Kahn mit fünf Ruderern zurückgelegt. Sie war so kurz, daß man kaum von Bord abgestoßen war, so landete man auch schon in der kleinen Bucht, die der übliche Anlegeplatz war. Zwei der Ruderer hoben den Kapitän trotz seines Sträubens empor und setzten ihn rittlings auf den Rücken eines dritten, der mit ihm durch die Brandung watete und ihn trocken an den Strand unter dem Felsen brachte, auf dem das Schloß lag. Vor dem Felsen lag eine Art Höhle mit niedrigem Zugang und vor diesem zeigte sich jetzt Sir Duncan Campbell. Wenige Minuten später befand sich der Kapitän auf einer stockfinstern Treppe, die sich durch das Innere des Felsens wie ein Wendelgang emporschlängelte. Bald gelangten sie an eine Tür, durch die ein wenig Licht hindurchschimmerte; ein eisernes Gittertor führte hinaus auf einen sechs bis acht Meter breiten freien Gang, der aus dem Felsen geschlagen war. An der andern Seite führte ein eisernes Gitter abermals in den Felsen hinein. »Ein vortrefflicher Durchgang«, äußerte der Kapitän. »Ein Geschütz und ein paar Musketen reichen hin, den Platz hier gegen den Ansturm eines ganzen Heeres zu halten.« Als sie vor dem jenseitigen Tor standen, schlug Sir Duncan mit dem Stock an beide Seiten der Pforte, und der dumpfe Schall, den diese Schläge weckten, gab dem Kapitän kund, daß in der Tat auf jeder Seite eine Kanone stand, deren Schießscharten nur von außen nicht auffielen, weil sie durch Rosen und locker eingesetzte Steine maskiert waren. Als sie die zweite Treppe hinaufgestiegen waren, befanden sie sich abermals in einem Gange, von dessen Plattform aus auf etwa weiter vordringende Angreifer wirksames Musketenfeuer hätte eröffnet werden können. Eine dritte Treppe, die wie die andern in den Felsen geschlagen, aber nicht überdeckt war, brachte sie endlich zu der Batterie am Turme des Felsens. Auch diese letzte Treppe war schmal und steil und konnte von oben unter Feuer gehalten werden. Außerdem hätten zwei beherzte Kerle mit Piken und Äxten den Durchgang gegen Hunderte halten können. Auf der Treppe konnten nämlich nur zwei nebeneinander gehen, und vor dem tiefen Abgrund, an dessen Fuße sich die Flut donnernd brach, bot kein Geländer und kein Gitter Schutz. Kapitän Dalgetty, als alter Soldat, hatte kaum den Hof betreten, so nahm er Gott zum Zeugen dafür, daß die Verteidigungswerke des Schlosses Ardenvohr ihn aufs lebhafteste an die berühmte Festung Spandau in der Mark Brandenburg erinnerten, die er auf seinen Reisen kennen gelernt habe. Er tadelte jedoch die Art, wie die Geschütze der Batterie aufgestellt wären. Er habe immer die Erfahrung gemacht, bemerkte er, wo Kanonen wie Seemöven hoch auf einem Felsen ständen, da schreckten sie mehr durch blinden Lärm, als daß sie wirksamen Schaden anrichteten. Fünfzehntes Kapitel Sir Duncan antwortete nicht und führte den Soldaten in den Turm, der durch ein Gitter und eine eichene, mit Eisenbeschlag versehene Tür versichert war. Als der Kapitän in der mit Tapeten behangenen Halle angelangt war, setzte er seine militärische Kritik fort, die er nur unterbrach, um ein ausgezeichnetes Frühstück mit großer Gier zu verschlingen. Nachdem er so seinen Magen befriedigt hatte, durchschritt er das Zimmer und betrachtete von jedem Fenster aus das Gelände aufs angelegentlichste. Dann warf er sich wieder der Länge nach in seinen Lehnstuhl, streckte eins seiner robusten Beine aus, klatschte mit der Reitpeitsche an die hohen Stiefel, wie ein halbwegs gut erzogener Herr, der in der, Gesellschaft von Vornehmeren durch zwangloses Gebühren imponieren will, und gab dann ungefragt seine Meinung zum besten. »Euer Haus hier, Sir Duncan, ist eine kleine Festung, die sich vorzüglich verteidigen läßt; aber auf mehrere Tage sie zu halten, dürfte doch schwer fallen. Denn von dem runden Hügel dort drüben wird es, wie wir Militärtaktiker sagen, völlig beherrscht. Dort könnte ein Feind eine Batterie auffahren die Euch in 48 Stunden in Grund und Boden schießen würde.« »Es gibt keine Straße,« versetzte Sir Duncan etwas kurzab, »auf der sich Kanonen gegen Ardenvohr heranbringen ließen. Durch die Sümpfe, die rings um mein Haus her liegen, könntet nicht einmal Ihr mit Eurem Pferd, und die andern Wege sind in wenigen Stunden ganz unzugänglich gemacht.« »Sir Duncan,« erwiderte der Kapitän, »so mögt Ihr freilich ruhig denken, wir aber, die wir etwas von der Kriegstechnik verstehen, sagen, daß ein Ort, der an einer Seeküste gelegen ist, immer eine offene Seite hat. Wenn man Kanonen und Munition nicht über Land transportieren kann, so lassen sie sich auf dem Seewege in die Nähe des Platzes bringen, wo sie in Tätigkeit kommen sollen. Wenn ein Schloß noch so günstig gelegen sein mag, so darf man es doch nie für unüberwindlich oder, wie man es nennt, uneinnehmbar halten. Ich kann Euch sagen, Sir Duncan, ich habe es selber erlebt, wie fünfundzwanzig Mann durch bloße Überrumpelung und einen kühnen Handstreich mit der Pike einen Platz gestürmt haben, der ebenso fest war wie dieses Ardenvohr. Die Verteidiger, zehnmal mehr wie sie, wurden niedergemetzelt oder zu Gefangenen gemacht.« Sir Campbell war ein weltgewandter Herr, der seine inneren Regungen wohl zu verbergen verstand; dennoch merkte man es ihm an, daß diese Betrachtungen ihn verletzten. Kapitän Dalgetty trug seine Weisheit mit dem größten Ernst und ohne weitere Nebengedanken vor; denn er hatte dieses Thema sich nur gewählt, weil er sich darin hervortun und, wie man sagt, das große Messer führen konnte. Daß der Gegenstand seinem Wirt peinlich sein könnte, bedachte er nicht. »Um der Sache ein Ende zu machen,« sagte Sir Duncan in deutlich merklicher Verdrossenheit, »Ihr braucht mir nicht zu erzählen, Kapitän Dalgetty, daß ein Schloß zu erstürmen ist, wenn es nicht tapfer verteidigt wird, oder daß es zu überrumpeln ist, wenn die Mannschaft schläft. In solche Lage, hoffe ich, wird dies mein armes Haus nie geraten, selbst wenn es einmal von Kapitän Dalgetty in eigener Person belagert werden sollte.« »Nichts destoweniger,« beharrte der halsstarrige Rittmeister, »möchte ich als Freund Euch den Rat geben, auf dem runden Hügel dort eine Schanze anzubringen. Das ist eine Kleinigkeit, Ihr braucht bloß die Bauern aus der Gegend zur Arbeit heranzuholen. Der große Gustav Adolf hatte nämlich die Gewohnheit, nicht bloß mit Schwert, Pike und Muskete, sondern auch mit Spaten und Schaufel zu kämpfen. Auch möchte ich Euch ans Herz legen, diese Schanze nicht nur durch einen Graben, sondern auch durch Pallisaden –« Bei diesen Worten verließ Sir Duncan ärgerlich das Zimmer. Der Kapitän ging ihm nach bis zur Tür und fuhr mit laut erhobener Stimme fort: »Eben diese Pallisaden müßten nach allen Regeln der Kunst angelegt werden, und wenn dann der Feind – dies alte hochländische Rindvieh,« unterbrach er sich, »allesamt sind sie stolz wie die Pfauen und dickköpfig wie die Hornochsen, läßt da eine Gelegenheit aus der Hand, sein Haus zu einer famosen regelrechten Festung zu machen, an der sich eine ganze Armee die Zähne ausbrechen müßte! Doch wie ich sehe,« setzte er hinzu und sah zum Fenster hinaus nach dem Abgrund hinab, »ist Gustavus heil ans Ufer gebracht worden. Ein Prachtkerl! An dem hochgetragenen Kopf würde ich ihn aus einer ganzen Schwadron herauskennen. Ich will nachsehen, was sie mit ihm machen.« Er ging hinunter; als er aber im Hof war und die Treppe nach dem See hinabsteigen wollte, gaben ihm zwei hochländische Posten, die Streitäxte vorstreckend, deutlich zu verstehen, daß er sein Vorhaben nur mit Gefahr seines Lebens ausführen könne. »Diabolo!« murmelte der Kriegsmann. »Ich kenne die Parole nicht; von ihrem unflätigen Kauderwälsch kann ich auch nicht eine Silbe!« »Ich will Euch geleiten, Kapitän Dalgetty,« rief ihm Sir Duncan zu, der, ohne von dem Rittmeister bemerkt zu werden, zu ihm getreten war, »wir wollen zusammen nachsehen, ob Eurem Pferde an nichts fehlt.« Er führte ihn zum Strande hinunter und bog um die scharfe Ecke eines massiven Felsens, hinter dem die Ställe und Wirtschaftsgebäude verborgen lagen. Hier bemerkte Kapitän Dalgetty, daß eine von Natur tiefe, künstlich erweiterte Schlucht, die nur auf einer Zugbrücke zu überschreiten war, den Zugang vom Lande her verwehrte. Indem Sir Duncan Campbell mit triumphierender Miene auf dieses neue Verteidigungswerk hinwies, führte er den Kapitän in die Ställe, wo er sich mit seinem Gustavus nach Belieben beschäftigen konnte. Als der Rittmeister hier seiner Pflicht gegen seinen treuen Begleiter genügt hatte, machte er den Vorschlag, ins Schloß zurückzukehren. Er wolle die Zeit bis zum Essen, das, wie er annehme, um die Mittagsstunde stattfinde, benutzen, um seine Rüstung zu putzen, die von der Seeluft ein wenig gelitten hatte, so daß er vor Mac Cullum More keinen Staat damit machen könne. Auf dem Rückweg aber konnte er sich nicht enthalten, Sir Duncan Campbell abermals zu warnen, wie groß die Gefahr eines plötzlichen Überfalles sei und wie vernichtend ein solcher wirken müsse, da das Vieh und die Scheuern von jeder Verteidigung abgeschnitten werden könnten und rettungslos verloren wären. Aufs nachdrücklichste beschwor er den Schloßherrn wiederum, auf jenem runden Hügel eine Verschanzung anzulegen, und erklärte sich nochmals aufs freundschaftlichste bereit, bei dieser Arbeit Sir Duncan sachkundig an die Hand zu gehen. Sir Duncan gab auf diesen uneigennützigen Rat weiter keine Antwort, als daß er seinen Gast ins Zimmer führte und ihm mitteilte, daß die Schloßglocke zur Essenszeit läuten und ihn zu Tische rufen werde. Sechzehntes Kapitel Der tapfere Reitersmann hätte gern in seiner freien Zeit die äußere Lage des Schlosses besichtigt und seine eigenen militärischen Ideen dabei dargelegt, aber eine robuste Schildwache mit blanker Streitaxt war vor der Tür seines Gemachs aufgezogen und gab ihm in nicht mißverständlicher Weise zu wissen, daß er sich ohne jede Beeinträchtigung seiner persönlichen Ehre sozusagen als Gefangener zu betrachten habe. »Eigentümlich,« dachte der Rittmeister, »wie genau diese Barbaren die Gebräuche des Krieges kennen. Wer hätte erwarten mögen, daß ihnen der Grundsatz des großen göttlichen Gustav Adolph bekannt ist, nach welchem ein Abgesandter halb ein Bote, halb ein Spion ist?« Als er seine Rüstung geputzt hatte, setzte er sich geduldig hin und versank in allerlei Betrachtungen. Der willkommene Schall der Mittagsglocke weckte ihn aus seinem Sinnen. Der Hochländer, der ihn bisher bewacht hatte, übernahm nun die Rolle seines Kammerdieners und führte ihn in eine Halle, wo eine Tafel mit vier Gedecken beredtes Zeugnis von der Gastfreundschaft eines Hochländers ablegte. Sir Duncan Campbell trat ein, seine Gemahlin, eine große blasse Dame, die Trauer trug, am Arme führend. Hinter ihnen kam ein presbyterianischer Geistlicher mit Genfer Rock und schwarzem Seidenkäppchen, das sein Haar völlig bedeckte und seine Ohren unverhältnismäßig groß hervortreten ließ. Sir Duncan stellte seinen militärischen Gast vor. Die Dame verneigte sich steif und schweigend – ob sie aus Stolz oder aus Trauer nichts sprach, ließ sich schwer sagen. Der Geistliche musterte den Kriegsmann halb mit Abscheu, halb mit Neugierde. An schlimmere Blicke gefährlicherer Menschen gewöhnt, kümmerte der Kapitän sich nicht weiter um die Dame und den Geistlichen und trachtete mit ganzer Seele danach, sich über ein gewaltiges Stück Rindfleisch herzumachen, das am Ende der Tafel dampfte. Aber er mußte sich bis zum Schluß eines schier endlosen Tischgebets vertrösten, indem er nach jedem Absatz von neuem Messer und Gabel zur Hand nahm, um sie unwillig wieder wegzulegen, wenn der zungenfertige Kaplan mit einem neuen Abschnitt seines Segens anhub. Das Mahl verlief unter karthäuserhaftem Schweigen. Kapitän Dalgetty hatte freilich sowieso nicht die Gewohnheit, sich aufs Sprechen zu verlegen, wenn es für den Mund vorteilhaftere Arbeit gab. Sir Duncan sprach nicht ein Wort. Die Dame und der Geistliche unterhielten sich nur ab und zu ein Weilchen, leise und unverständlich. Als aber die Schüsseln abgetragen worden waren, hatte Dalgetty nicht mehr so gewichtige Gründe zum Schweigen, und es fing ihm an, langweilig zu werden. Er fing daher an, seinem Wirt nochmals mit seinen vorherigen Ideen zuzusetzen. »Was den runden Hügel dort anbelangt,« begann er, »so möchte ich gern noch ein Wort reden mit Sir Duncan, wie die Schanze dort anzulegen wäre, ob die Winkel stumpf oder spitz sein sollten – ich habe nämlich über diesen Punkt einmal eine sehr gelehrte Besprechung zwischen dem Feldmarschall Banér und General Tiefenbach mit angehört.« »Kapitän Dalgetty,« versetzte Sir Duncan trocken, »in den Hochlanden pflegt man über militärische Dinge nicht mit Fremden zu Rate zu gehen. Dieses Schloß kann sich gegen eine stärkere Macht verteidigen, als selbst die Unglückseligen, die wir in Darlinvarach verlassen haben, dawider aufbringen können.« Nach diesen Worten ihres Gatten seufzte die Dame tief auf, wie erinnert an einen schmerzlichen Vorfall. »Der Herr hats gegeben,« sagte der Geistliche in salbungsvollem Tone zu ihr, »der Herr hats genommen, möget Ihr, geehrte Frau, noch lange loben können: gesegnet sei sein Name!« Zur Antwort auf diese Mahnung, die ihr allein zu gelten schien, neigte die Dame demütig das Haupt. »Kapitän Dalgetty,« setzte Sir Duncan hinzu, »ich muß Euch mitteilen, daß ich heute Nacht noch, mehreres zu erledigen habe, damit ich morgen mit Euch nach Inverary reiten kann. Deshalb –« »Morgen wollt Ihr mit diesem Manne reisen!« rief die Dame dazwischen. »Das kann Euer Ernst nicht sein! Habt Ihr denn vergessen, Sir Duncan, daß morgen ein trauriger Tag ist, der einer traurigen Feier geweiht ist.« »Das hatte ich nicht vergessen«, versetzte Sir Duncan. »Wie wäre das möglich? Indessen drängt die Zeit und ich muß diesen Mann nach Inverary schicken.« »Aber Ihr wollt ihn doch nicht selber begleiten?« fragte die Dame. »Das wird besser sein«, antwortete Sir Duncan. »Ich kann ihm aber auch einen Brief an den Marquis von Argyle mitgeben. Mit diesem Schreiben, Kapitän, werdet Ihr Euch dann morgen nach Inverary begeben.« »Sir Duncan Campbell,« erwiderte der Rittmeister, »darüber könnt Ihr verfügen, wie Ihr wollt.« »Ihr steht unter dem sichern Geleit meiner Ehre, Kapitän,« sagte Sir Duncan Campbell; »und nun muß ich das Zeichen zum Aufbruch geben.« Dalgetty blieb nichts weiter übrig, als diesem Winke Folge zu leisten, obgleich es noch früh am Tage war. Als geschickter Feldherr gebrauchte er jedoch noch einen kleinen Vorwand, den Aufbruch zu verzögern, indem er noch einmal seinen Becher füllte und ausrief: »Ich baue auf Euer Ehrenwort, Sir Duncan, und trinke auf Euer Gesundheit und auf das Gedeihen Euers edlen Hauses!« Sir Duncan antwortete nur mit einem Seufzer. »Ich trinke ferner,« fuhr der Kriegsmann fort, in größter Eile den Becher wiederum füllend, »edle Frau, auf Euer Wohlergehen und mögen alle Eure tugendhaften Wünsche in Erfüllung gehen, – und Ehrwürden, ich fülle diesen Becher,« er säumte nicht, den Worten die Tat folgen zu lassen – »um alles Unbehagen zwischen Euch und Kapitän Dalgetty zu ertränken – ich wollte sagen, Major Dalgetty – und da in dieser Flasche gerade noch ein letzter Becher ist, trinke ich zum Schluß auf das Wohl aller ehrenwerten Kavaliere und tapfern Soldaten. Und nun ist die Bouteille leer, Sir Duncan, und ich bin bereit, mich von Eurer Schildwache in mein Schlafgemach führen zu lassen.« Er erhielt die förmliche Erlaubnis zu gehen, und die Versicherung, daß ein zweiter Krug desselben Tropfens sogleich auf sein Zimmer geschickt werde. Da der Wein ihm sehr zu munden scheine, möge er sich die Einsamkeit damit versüßen. Siebzehntes Kapitel. Der Kapitän war kaum in seinem Zimmer angelangt, als in der Tat auch schon die Erfüllung dieser Zusage folgte. Kurz darauf kam noch eine Pastete von Rotwild und ließ ihn darüber hinwegsehen, daß er eingeschlossen, und jeglicher Gesellschaft entzogen sei. Derselbe Diener, der diese Leckereien ins Zimmer gebracht hatte übergab ihm auch eine Rolle, die, nach damaliger Sitte versiegelt und mit silberner Schnur umwunden, ein mit vielen förmlichen Wendungen der Ehrerbietung abgefaßtes Schreiben an den hohen und mächtigen Fürsten Archibald, Marquis von Argyle, Lord Lorne usw, enthielt. Gleichzeitig benachrichtigte der Diener den Kapitän, daß er am kommenden Morgen in aller Frühe die Reise nach Inverary anzutreten habe. Der Rittmeister ließ nicht außer Acht, daß er nicht bloß Gesandter war, sondern auch Erkundigungen einzuziehen hatte. Er wollte nun erfahren, aus welchem Grunde ihn Sir Duncan nicht persönlich begleite. Mit aller ihm durch seine Erfahrung gegebenen Geschicklichkeit fragte er nun, weshalb Sir Duncan auf seinem Schlosse zurückbleiben müsse. Der Bediente, der, vom Flachland stammte, antwortete, Sir Duncan und seine Frau pflegten diesen Tag in Fasten und Beten zu begehen, er sei der Jahrestag, an welchem das Schloß von einer Bande hochländischer Räuber Überfällen und ihre Kinder, vier an der Zahl, getötet worden seien. Sir Duncan sei zu jener Zeit beim Marquis von Argyle gewesen auf einem Kriegszug gegen die Mac Leans auf der Insel Mull. »Meiner Treu,« sagte der Kriegsmann, »da hat Eure Herrschaft wahrlich Ursache zu beten und zu fasten. Dennoch behaupte ich nach wie vor, er muß eine Schanze auf dem Hügel dort anlegen. Er sollte nur auf den Rat eines erfahrenen Soldaten hören, der in, allen möglichen Methoden, wie ein Platz, vorteilhaft befestigt werden kann, Geschicklichkeit besitzt. Das kann ich Euch ganz einfach ad oculos demonstrieren, mein ehrlicher Freund, nehmen wir an, diese Pastete sei das Schloß – wie ist Euer Name, Freund?« »Lorimer, Herr,« war die Antwort. »Euer Wohlsein, Lorimer! – positus , wie gesagt, Lorimer, diese Pastete wäre das Schloß, das heißt der Platz darin, auf dem die Verteidigung zu konzentrieren wäre, und positus , dieser Markknochen wäre die Schanze, die als vorgeschobenes Schutzwerk errichtet werden soll –« »Zu meinem Leidwesen,« unterbrach ihn der Diener höflich, »kann ich nicht hier bleiben und Euch zuhören, denn es wird gleich läuten, da hält Seine Ehrwürden, Herr Graneangowl, der Kaplan des Schloßherrn, den Familiengottesdienst und es darf niemand fehlen. Hier sind Pfeifen und Tabak, wenn Ihr rauchen wollt. Wenn Ihr sonst etwas braucht, so bin ich in zwei Stunden wieder hier, sobald die Andacht vorüber ist.« Mit diesen Worten eilte er hinaus. Am andern Morgen in der Frühe wurde Kapitän Dalgetty geweckt. Als er sein reichliches Frühstück verzehrt hatte, wurde ihm mitgeteilt, daß Führer und Pferde bereit ständen. Der Soldat begab sich ohne weiteren Verzug zu seinem Pferde. Während er die Halle durchschritt, bemerkte er, daß die Diener emsig damit beschäftigt waren, die Wände mit schwarzem Tuch zu beschlagen – die gleiche Feierlichkeit, meinte er, habe er schon einmal im Schlosse zu Wolgast gesehen, als der Leichnam des unsterblichen Gustav Adolf auf dem Paradebette gelegen habe; sie sei in seinen Augen das sicherste Zeichen für strengste und tiefste Trauer. Als Dalgetty zu Pferde gestiegen war, sah er sich begleitet oder wohl vielmehr bewacht von fünf bis sechs wohlausgerüsteten Campbells. Der Führer war allem Anschein nach ein höherer Stammesgenosse, nach der Feder auf seiner Mütze und seinem würdevollen Benehmen zu schließen. Der Kapitän ritt, und seine Begleiter gingen zu Fuß. Aber sie waren so flink auf den Beinen und die Hindernisse für eine Reise zu Pferde bei der Geländebeschaffenheit dieses Landstriches so erheblich, daß der Kapitän, statt durch sie aufgehalten zu werden, vielmehr seine Not hatte, mit ihnen mitzukommen. Es fiel ihm auf, daß sie ihm ab und zu forschende Blicke zuwarfen, als wollten sie jeden Fluchtversuch vereiteln. Als sie über einen Bach setzten und er ein Stück zurückblieb, machte sofort einer der Burschen seine Flinte fertig und gab ihm zu verstehen, daß, wenn er sich von ihnen zu trennen versuchte, er es auf eigene Gefahr täte. Daß er so scharf bewacht wurde, ließ Dalgetty nichts gutes ahnen. Es blieb ihm jetzt aber nichts weiter übrig als zu folgen; denn es wäre Wahnsinn gewesen, in einem unwegsamen und obendrein ihm unbekannten Lande einen Fluchtversuch zu machen. Geduldig ritt er daher durch eine wüste, wilde Ödenei auf Pfaden, die nur die Viehhirten kannten, und jene erhabenen Gebirgslandschaften, nach denen jetzt aus allen Ecken und Enden Englands Reisende herbeiströmen, bereiteten ihm weit mehr Unbehagen als Genuß. Endlich erreichten sie den Südrand des Sees, an dem Inverary liegt. Der Führer des Zuges stieß ins Horn, daß Felsen und Wälder widerhallten, und auf dieses Signal hin kam aus einer Bucht, in der sie verborgen gelegen hatte, eine Galeere hervor, die die ganze Gesellschaft, den wackern Gustavus mit, an Bord nahm. Auf der Fahrt über das Loch Fine hätte Kapitän Dalgetty eins der herrlichsten Naturbilder betrachten können. Er hätte die Ströme Aray und Shiray, die den See speisen, bewundern können, wie sie aus den dunkeln Wäldern hervorbrechen. Auf dem vom Ufer sanft ansteigenden Hange hätte er das in edler Gotik erbaute Schloß sehen können, das mit all seinen Zinnen, Türmchen und Höfen einen malerischen imposanten Eindruck macht, wie ihn jetzt keines der massiven regelmäßigen Wohnhäuser mehr machen kann. Sein Auge hätte sich laben können an den finstern Wäldern, die meilenweit die fürstliche Wohnstätte umgaben; sein Blick hätte rasten können auf dem pittoresken Gipfel des Duniquoich, der schroff aus dem See aufsteigt und sein kahles Haupt bis in die Wolken reckt. All dies und manche andere reizvolle Zutat der schönen Landschaft hätte Kapitän Dalgetty bewundern können, wenn er Sinn dafür gehabt hätte. Wenn wir jedoch bei der Wahrheit bleiben wollen, so wurde das Interesse des Kapitäns, der seit dem Morgen keinen Bissen mehr genossen hatte, vor allem durch den Rauch gefesselt, der aus dem Kamin des Schlosses quoll und in ihm die Zuversicht erweckte, daß er eine genügende Menge »Proviant« vorfinden werde, wie er alles Eßbare nannte. Das Boot näherte sich dem Damme, der sich von der kleinen Stadt Inverary in den See erstreckte. Damals war die Stadt nur ein unansehnliches Beieinander von Hütten und einigen Steinhäusern vom Ufer bis zum Schloßtor. Vor diesem Tor bot sich jetzt ein Anblick, bei dem selbst dem Ritter Dugald Dalgetty von Drumthwacket, der doch gewiß ziemlich feste Organe im Leibe hatte, das Herz sank und der Magen sich umdrehte. Achtzehntes Kapitel Auf dem Markte, einem unregelmäßigen freien Raum zwischen dem Damm und dem finstern Schloßtor, das mit seiner Wölbung, seinem Fallgitter und seinen Türmen die Aussicht versperrte, stand ein rohgezimmerter Galgen, an dem fünf Leichname hingen, von denen zwei, nach der Kleidung zu urteilen, aus dem Flachlande gewesen zu sein schienen. Unter dem Galgen saßen ein paar Weiber, die den Gerichteten die Totenlieder sangen. Offenbar war dies ein gewohnter Anblick, denn die Einwohner schienen sich gar nicht darum zu kümmern. Vielmehr drängten sie sich herbei, die kriegerische Gestalt, das große Pferd und die gleißende Rüstung des Kapitäns zu betrachten. Der Abgesandte des Grafen von Montrose blieb jedoch dem grausigen Schauspiel gegenüber nicht so gleichgültig, und als er einen Hochländer ein paar Worte in englischer Sprache reden hörte, hielt er seinen Gustavus an und wandte sich an diesen Mann mit der Frage: »Hier hat der Henker seines Amtes gewaltet. Darf ich Euch fragen, weshalb diese armen Schächer hingerichtet worden sind?« Er sah nach dem Galgen, und der Mann, der die Frage mehr durch die Gebärde als in den Worten begriff, antwortete:. »Drei Räuber, Herr, Gott sei ihnen gnädig –« und, er bekreuzte sich – »und zwei sächsische Schufte, die Mac Cullum Mores Befehle nicht befolgt haben.« Dalgetty zuckte die Achseln und ritt weiter. Am Schloßtor selbst bot sich ein zweites abschreckendes Schauspiel feudaler Willkür. Im Innern einer Umzäunung, die zur weiteren Befestigung des Tores erst vor kurzem errichtet zu sein schien und durch zwei Geschütze besetzt war, stand ein großer Block, auf dem ein Beil lag. Block und Beil zeigten frische Blutspuren, auch frisch gestreute Sägespäne deuteten darauf hin, daß hier vor kurzem eine Hinrichtung stattgefunden hatte. Als Dalgetty noch auf diesen neuen Gegenstand des Grausens sah, zupfte ihn der Führer seiner Begleitmannschaft am Saume und deutete auf einen Pfahl der Umzäunung, auf welchem ein Kopf steckte, ohne Zweifel der des eben hingerichteten Mannes. Der Hochländer schnitt ein schadenfrohes Gesicht, als er auf dieses gräßliche Bild wies, in welchem sein Reisegefährte keine gute Vorbedeutung zu erblicken vermochte. Vorm Tore stieg Dalgetty vom Pferde und mußte, ohne daß er sich seiner Gewohnheit gemäß um Gustavus hätte kümmern können, seinem Führer in eine von bewaffneten Hochländern angefüllte Wachtstube folgen. Man gab ihm zu verstehen, daß er hier bleiben müsse, bis er dem Marquis gemeldet worden sei. Der wackere Kapitän überreichte seinem Führer die Rolle Sir Duncans und machte ihm durch Zeichen begreiflich, daß er diese Papiere in die Hände des Marquis persönlich legen müsse. Der Mann nickte und ging. Der Kapitän hatte etwa eine halbe Stunde gewartet, von den teils neugierigen teils feindseligen Blicken der Wachtmannschaft gemustert, die er mit Gleichgültigkeit erwiderte – da trat ein in schwarzem Sammet gekleideter und mit goldener Kette gezierter Mann – der Haushofmeister des Marquis von Argyle – herein und forderte mit feierlichem Ernst den Kapitän auf, ihm zu seinem Gebieter zu folgen. Beide durchschritten eine Reihe von Zimmern, in denen es von Bediensteten wimmelte. Vielleicht war es prunkende Absicht, daß diese dort aufgestellt waren. Der Gesandte des Grafen Montrose sollte vielleicht einen Begriff bekommen von der überlegenen Macht des feindlichen Hauses Argyle. In einem Vorzimmer stand ein Spalier von Lakaien, die in Braun und Gelb, die Farben des Fürstengeschlechtes, gekleidet waren und Kapitän Dalgetty schweigend anstarrten, als er zwischen ihnen hindurch schritt. In einer andern Antichambre saßen hochländische Herren und Häuptlinge kleinerer Sippschaften herum beim Schach oder Tricktrackspiel. Kaum hoben sie den Blick von ihrem Zeitvertreib, den Fremdling neugierig anzuschauen. In einem dritten Vorsaal standen Herren und Offiziere des Flachlandes, die ebenfalls dem Marquis dienstbar zu sein schienen. Und dieser selbst war in seinem Empfangszimmer ebenfalls wieder umgeben von einer Schar hoher Herren zum aufdringlichen Zeichen seiner hohen Wichtigkeit. Dieses Zimmer, dessen Flügeltüren für Kapitän Dalgetty geöffnet wurden, war ein langes mit Tapeten behangenes und mit Familienbildern geschmücktes Gemach, über dem sich eine hölzerne Decke wölbte, mit Schnitzwerk verziert. Namentlich zeigten die Balken wunderbare Kerbarbeit und prachtvolle Vergoldung. Das Licht fiel herein durch lange, lanzettförmige Fenster in gotischem Stil. Die Scheiben zeigten Glasmalereien, und die Sonnenstrahlen brachen sich hier in Eberköpfen, Schiffsbildern, Schwertern und Wappen des hohen Hauses. Am obern Ende des Prunkzimmers stand der Marquis selber – der Mittelpunkt eines glänzenden Cercle von reichgekleideten Herren des Hoch- und Flachlandes, unter denen sich auch einige geistliche Würdenträger befanden. Der Marquis hatte die Tracht jener Zeit, wie sie Van Dyk so oft gemalt hat. Sein Anzug war dunkel und monoton, eher kostbar als prunkvoll. Die dunkle Gesichtsfarbe, die hochgewölbte Stirn und der gesenkte Blick ließen in ihm einen Mann erkennen, der sich oft mit wichtigen Fragen befaßt und dem ein geheimnisvoller Ernst zur Manier geworden ist, die er auch bei Anlässen, wo gar nichts zu verheimlichen ist, nicht mehr ablegen kann. Er schielte, und daher rührte der Spitzname Gillespie Grumach, wie er im Hochland allgemein genannt wurde – doch fiel dies weniger auf, wenn er den Blick niederschlug. Daher kam es vielleicht, daß er es sich angewöhnt hatte, stets die Augen zu senken. Seine Gestalt war lang und hager, doch fehlte seinem Äußern nicht die Würde, die sein hoher Rang verlangte. Bisweilen hatte seine Redeweise etwas kaltes und sein Blick etwas unheimliches, wenngleich er im übrigen ebenso gefällig sprechen und sich ebenso graziös benehmen konnte, wie es gewöhnlich Männern von hohem Stande zu eigen ist. Seine Sippschaft vergötterte ihn, da es stets sein Bestreben war, seinen Clan in die Höhe zu bringen. Ebenso bitter wurde er von den Hochländern anderer Clans gehaßt; da er mehrere schon um ihre Besitzungen gebracht hatte und andre sich durch seine Zukunftspläne für gefährdet hielten. Alle aber waren von Besorgnis erfüllt, daß er sich auf eine so hohe Stufe der Machtvollkommenheit geschwungen hatte. Wie schon erwähnt, hatte Marquis von Argyle dem Kapitän Dalgetty vielleicht damit imponieren wollen, daß er sich vor ihm im vollen Gefolge seiner Räte, Vasallen, Untertanen und dienstbaren Geister zeigte. Dieser wackere Herr aber hatte schon mehrfach in einem Lager sich mit dem Schwert einen Weg gebahnt, im dreißigjährigen Krieg in Deutschland, zu einer Zeit also, wo ein Soldat, der tapfer war und Glück hatte, im beständigen Umgang mit fürstlichen Personen lebte. Kapitän Dalgetty konnte sich rühmen, mit Fürsten an einem Tische gezecht zu haben, an Banketten teilgenommen zu haben, die zu Ehren von Königen veranstaltet worden waren. Er war nicht der Mann, sich durch den Pomp imponieren oder gar einschüchtern zu lassen, mit dem Mac Cullum More sich geflissentlich umgeben hatte. Er war von Charakter keineswegs bescheiden und hatte eine so hohe Meinung von sich, daß jede Gesellschaft, in die der Zufall ihn geraten ließ, umsomehr seinen eignen Dünkel steigerte, je vornehmer sie war. In der höchsten Gesellschaft fühlte er sich ebenso zu Hause wie unter seinesgleichen. Daß er vom Soldatenhandwerk, das, nach seiner eignen Ausdrucksweise, jeden tapfern Kavalier zum Kameraden eines Kaisers machte, einen so hohen Begriff hatte, war nur dazu angetan, den Stolz auf seinen Rang noch beträchtlich zu erhöhen. Neunzehntes Kapitel. Als Kapitän Dalgetty in das Audienzzimmer eingelassen wurde, schritt er weniger mit Anstand als voll Selbstbewußtsein geradeswegs durch alle Anwesenden hindurch und wäre ohne Umstände direkt bis zu dem Marquis hingegangen, wenn dieser ihm nicht durch eine Handbewegung bedeutet hätte, stehen zu bleiben. Kapitän Dalgetty hielt daher inne, grüßte militärisch und voller Ungezwungenheit und redete den Marquis mit folgenden Worten an: »Wünsche Euch, Mylord, einen guten Morgen, oder vielmehr, sollte ich sagen, einen guten Abend und beso a usted los manos , wie der Spanier sagt, das heißt, küß die Hand Euer Gnaden.« »Wer seid Ihr, Herr, und was wollt Ihr?« unterbrach ihn der Marquis in einem Tone, der den Soldaten wegen seiner dreisten Vertraulichkeit zurechtweisen zu sollen schien. »Das ist eine runde Frage, Mylord,« erwiderte Dalgetty, »die ich a tempo beantworten werde und zwar peremtorie , wie wir auf dem Marschall-Gymnasium zu sagen pflegten.« »Neal, wandte der Marquis sich finster an einen der neben ihm stehenden Herren, »seht nach, wer und was er ist.« »Ich will dem ehrenwerten Herrn die Mühe des Nachsehens sparen,« fuhr der Kapitän fort; »ich bin Kapitän Dugald Dalgetty von Drumthwacket – das heißt, von rechtswegen gehört dieses Gut mir zu – bin seit kurzem Rittmeister unter mehreren Feldherrn gewesen und jetzt Major, ich weiß nicht, in welchem irischen Regiment oder unter welchem Oberst. Ich bin als Bevollmächtigter wegen eines Waffenstillstandes abgesandt von einem hohen und mächtigen Herrn, nämlich dem Grafen James von Montrose, der eine Schar von edlen Männern für Seine Majestät versammelt hat. Und somit: Gott schütze König Karl!« »Wißt Ihr, wo Ihr seid, Herr, und wie gefährlich es ist, uns herauszufordern?« herrschte der Marquis ihn an. »Ihr gabt mir eine Antwort, als sei ich ein Kind oder ein Narr. Der Graf von Montrose ist bei der Partei der Mißvergnügten und Ränkestifter, und in Euch vermute ich einen jener irischen Renegaten, die zu uns gekommen sind, um zu brennen und zu morden, wie einst unter Sir Phelim O'Neale.« »Mylord,« versetzte Kapitän Dalgetty, »ich bin kein irischer Renegat, wenn ich auch Major in einem irischen Regiment bin. Eure Beschuldigung weise ich von mir und berufe mich auf den unbesieglichen Gustav Adolf, den Löwen des Nordens, auf Baner und Oxenstierna, auf den kriegerischen Herzog von Sachsen-Weimar, auf Tilly, Wallenstein, Piccolomini und andre große Feldherren, lebende und tote. Was den edlen Grafen von Montrose betrifft, so ersuche ich Euer Lordschaft, dieses Dokument zu lesen, das mich bevollmächtigt, im Namen dieses hohen Befehlshabers mit Euch Unterhandlung zu führen.« Der Marquis warf einen verächtlichen Blick auf das unterfertigte und gesiegelte Pergament, das Kapitän Dalgetty ihm reichte, warf es mit geringschätziger Gebärde auf einen Tisch und fragte die Umstehenden, was ein Mann verdiene, der sich selbst zum Abgesandten eines Verräters am Staate, eines Empörers, bekenne. »Einen langen Galgen und eine kurze Beichte!« antwortete sogleich einer der Anwesenden. »Dem ehrenwerten Herrn, der eben gesprochen hat,« sagte Dalgetty, »lege ich es nahe, weniger vorschnell Entschlüsse zu fassen. Was die Frage anbetrifft, ob dieser Vorschlag anzunehmen sei, so rate ich Eurer Lordschaft zur größten Vorsicht; denn solche Drohungen darf man nur gegen gemeines Gesindel aussprechen, nicht aber gegen Männer von Mut und Tatkraft, die, ob sie nun zum Dienst des Unterhändlers herangezogen werden, oder bei Angriffen, Belagerungen und Schlachten mitfechten, in gleich unbedenklicher Weise ihr Leben aufs Spiel setzen müssen. Ich habe freilich keinen Trompeter mit weißer Fahne bei mir, aber die ehrenwerten Kavaliere und Eure Lordschaft müssen mir doch zugeben, daß die Unantastbarkeit eines Parlamentärs nicht in einem Trompetenstoß, der doch ein bloßer Schall ist, und auch nicht in einer weißen Fahne liegt, die doch weiter nichts als ein alter Lappen ist, sondern daß sie beruht auf der Zuversicht der Absendenden und des Abgesandten in die Ehre derer, denen die Sendung gilt, und in dem festen Vertrauen, daß das Jus gentium oder Völkerrecht in der Person des Beauftragten heilig gehalten werde.« »Ihr seid nicht hierher gekommen,« versetzte der Marquis, »uns eine Vorlesung zu halten über das Gesetz des Krieges, das auf Rebellen und Aufständische überhaupt keine Anwendung findet, sondern Ihr seid hierher gekommen, um die Strafe zu erleiden für die Unverschämtheit und Torheit, mit einer verräterischen Botschaft vor den höchsten Würdenträger Schottlands zu treten, dessen Würde es ihm zur Pflicht macht, eine solche Beleidigung mit dem Tode zu strafen.« Die Wendung, die jetzt seine Sendung zu nehmen drohte, wurde dem Kapitän unbehaglich. »Meine Herren,« entgegnete er, »ich bitte Euch, bedenken zu wollen, daß für jede Tätlichkeit gegen mich oder auch nur gegen mein Pferd vom Grafen von Montrose an Euch und Euern Besitzungen empfindliche Rache und Vergeltung geübt werden wird. Außerdem bitte ich zu bedenken, daß mir ein sehr ehrenwerter Mann Euers Stammes, Sir Duncan Campbell von Ardenvohr, sein Ehrenwort dafür gegeben hat, daß mir kein Leid zugefügt werden soll, und wenn Ihr Euch an mit vergreift, so fällt die Schmach auf seine Ehre und auf seinen guten Namen.« Die Herren umringten den Marquis und besprachen sich leise mit ihm. Kurz darauf verließ der Marquis den Kreis und gab Befehl, den Kapitän einstweilen in sichern Gewahrsam zu bringen. »Was? Ich wäre Gefangener!« rief Kapitän Dalgetty. Zwei Hochländer hatten sich dicht an seinem Rücken aufgestellt, und er hätte sie bald über den Haufen geschlagen, so wuchtig fuchtelte er um sich. Aber sie griffen ihn und waren zu stark, als daß er sie hätte abschütteln können. Die Waffen wurden ihm abgenommen, und er wurde fortgeschleppt. Sie führten ihn durch mehrere finstere Gänge nach einer kleinen, mit eisernem Gitter versehenen Tür, hinter der sich eine zweite Pforte von Holz befand. Ein alter grimmer Hochländer mit langem weißen Bart schloß ihnen auf. Eine schmale steile Treppe, die hinunter führte, tat sich auf. Die Männer, die den Kapitän führten, stießen ihn ein paar Stufen hinunter und ließen dann seine Arme los. Er war allein und mußte sich den Weg die Treppe hinuntersuchen, so gut es ging – eine schwierige und sogar gefährliche Arbeit, denn die beiden Türen waren geschlossen worden und tiefe Finsternis umgab den Gefangenen. Zwanzigstes Kapitel Auf solche Weise des Lichts beraubt und in so gefahrvolle Lage versetzt, tastete sich Kapitän Dalgetty mit möglichster Vorsicht die enge schadhafte Treppe hinunter. So vorsichtig er aber auch dabei verfuhr, machte er zuguterletzt doch einen Fehltritt und nahm daher die letzten vier bis fünf Stufen in zu großer Eile, als daß er sich im Gleichgewicht hätte halten können. Auf dem Boden stolperte er über eine weiche Masse, die sich mit Stöhnen bewegte. Dadurch geriet der Kapitän noch mehr ins Straucheln, stürzte nach vorn und fiel nun, mit Händen und Knien auf den Boden eines feuchten, mit Steinen gepflasterten Kerkers. Als Dalgetty sich erholt hatte, war es sein erstes, daß er sich an den Klumpen wendete, über den er gestolpert war. »Was ist das hier?« fragte er. »Vor einem Mond noch war es ein Mensch,« antwortete eine tonlose Stimme. »Und was ist es jetzt?« fragte Dalgetty. »Rollt sich da auf der untersten Stufe zusammen wie ein Igel, daß ehrbare Kavaliere, die zufällig in solche Not geraten sind, über ihn fallen und sich die Nase brechen.« »Was es jetzt ist?« erwiderte die Stimme. »Ein elender Stamm, dem die Zweige abgehauen sind und dem es einerlei ist, wie bald man ihn ausreißt, um ihn zu Brennholz für den Ofen zu zerhacken.« »Guter Freund,« sagte Dalgetty, »es tut mir leid um Euch, aber paciencia , sagt der Spanier. Hättet Ihr Euch so ruhig und regungslos verhalten wie ein Holzklotz – da Ihr Euch einmal selber so nennt – so wären mir ein paar Schürfungen an Händen und Knien erspart geblieben.« »Ihr seid ein Kriegsmann,« antwortete der Mitgefangene, »und klagt über einen Fall, um den ein Knabe nicht das Maul auftun würde.« »Wie könnt Ihr in dieser verfluchten finstern Höhle erkennen, daß ich ein Soldat bin?« fragte der Rittmeister. »Ich habe Eure Rüstung klirren hören, wie Ihr fielt, und jetzt sehe ich sie schimmern. Wenn Ihr erst so lange wie ich in dieser Dunkelheit seid, wird Euer Auge die kleinste Eidechse erkennen, die über den Boden schlüpft.« »Eher wünschte ich, der Teufel risse es mir aus!« rief Dalgetty. »Ehe ich solchem Schicksal verfiele, nähme ich lieber den kurzen Strick, spräche ein kurzes Soldatengebet und machte den Todessprung von der Leiter herunter. Aber, mein Bruder in der Not, was für Proviant habt Ihr – das heißt, was habt Ihr zu essen da?« »Ich kriege einmal am Tage Brot und Wasser,« war die Antwort. »Ich bitte Euch, Freund, laßt mich Euer Brot kosten,« sagte Dalgetty, »wir werden hoffentlich gute Kameraden sein, solange wir in diesem verfluchten Loche zusammen hausen.« »Das Brot und der Krug,« entgegnete der andere Gefangene, »stehen zwei Schritte rechts von Euch, genießt davon und seid willkommen. Ich habe fast nichts mehr mit irdischer Nahrung zu tun.« Dalgetty ließ sich das nicht zweimal sagen, er holte sich tastend seinen »Proviant« und biß ebenso herzhaft in das harte schwarze Haferbrot, wie wir ihn bessere Gerichte haben vertilgen sehen. Bald war er fertig mit dem Proviant, den ihm sein Leidensgenosse aus Erbarmen oder in seiner Gleichgiltigkeit überlassen hatte. Dann hüllte er sich in seinen Mantel, setzte sich in eine Ecke des Kerkers und begann seinen Mitgefangenen auszufragen. »Mein ehrlicher Freund,« sagte er, »da wir jetzt Kameraden von Tisch und Bett sind, so müssen wir uns näher kennen lernen. Ich bin Dugald Dalgetty von Drumthwacket, Major in einem Regiment königstreuer Engländer und außerordentlicher Gesandter des hohen und mächtigen Grafen James von Montrose – bitte, sagt mir nun Euern Namen.« »Es kann Euch nichts dran liegen, den zu erfahren,« versetzte sein wortkarger Gefährte. »Das ist meine Sache,« antwortete der Soldat. »Nun denn, Ranald Mac Eagh heiße ich – Ranald, Sohn des Nebels.« »Sohn des Nebels!« rief Dalgetty, »Sohn gänzlicher Finsternis sage ich. Aber, Ranald – da Ihr einmal so heißt – wie seid Ihr hierher geraten?« »Durch mein Unglück und mein Verbrechen,« antwortete Ranald. »Kennt Ihr den Ritter von Ardenvohr?« »Den ehrenwerten Herrn kenne ich wohl,« erwiderte Dalgetty. »Wißt Ihr, wo er jetzt ist?« fragte Ranald weiter. »Er hält heute ein Fasten in Ardenvohr,« antwortete der Gesandte, »damit er sichs morgen in Inverary ordentlich wohl sein lassen kann. Sollte er zufällig daran verhindert sein, so dürfte es ein wenig unbestimmt sein, ob ich hinfüro noch auf Erden Kriegsdienste tun werde.« »Gebt ihm zu wissen, daß ihn jemand um Vermittlung bittet, der zugleich sein schlimmster Feind und bester Freund ist.« »Da möchte ich ihm doch lieber eine weniger unverständliche Botschaft bringen. Sir Duncan ist kein Freund von Rätseln.« »Feigherziger Sachse,« sagte der Gefangene, »so verkünde ihm, ich sei der Rabe, der vor fünfzehn Jahren auf seinen festen Turm und die Pfänder seiner Liebe, die er dort zurückgelassen hatte, hinabgestoßen ist – ich sei der Jäger, der in die Höhle des Wolfes auf den Felsen hinaufkletterte und seine Jungen mordete – denn ich bin der Führer der Bande, die gestern vor fünfzehn Jahren Ardenvohr überrumpelt und die vier Kinder des Schloßherrn getötet hat.« »Wahrlich, ehrlicher Freund,« sagte Dalgetty, »wenn Ihr keine bessere Empfehlung bei Sir Duncan habt, so möchte ich über diesen Umstand lieber hinweggehen, falls ich ein Wort für Euch einlege. Aber sagt mir, bitte, habt Ihr das Schloß angegriffen von jenem kleinen runden Hügel aus, der meiner Überzeugung nach für die Offensive wie geschaffen ist, sofern er nicht durch eine Schanze verteidigt wird?« »Auf Leitern aus Weidenruten sind wir hinaufgestiegen,« antwortete der Gefangene; »ein Mitschuldiger und Stammesgenosse hat sie hinaufgezogen. Ein halbes Jahr hatte der im Schlosse gedient, um sich diese eine Nacht vollgiltiger Rache zu verschaffen. Als wir zwischen Himmel und Erde schwebten, schrie die Eule. Die Brandung donnerte am Fuße des Felsens, daß unser Kahn zerschellte. Noch nicht einem von uns sank der Mut. Und wo am Morgen Ruhe und Freude gewesen war, da war am Abend Blut und Asche.« »Ohne Zweifel, Ranald Mac Eagh, war das ein famoser Überfall, ein vortrefflicher Sturmangriff – ich aber hätte das Schloß von dem kleinen Hügel aus attackiert. Eure Kriegsführung ist die regellose Manier der Scythen und ähnelt der Art und Weise, wie es die Türken, Tataren und andere Völker Asiens machen – aber was hattet Ihr für Grund zu diesem Streifzug, Ranald?« »Die Mac Aulays und andere Stämme des Westens bedrängten uns, bis wir in unsern Besitzungen nicht mehr des Lebens sicher waren. Sir Duncan ist wider uns gezogen. Mein Bruder ist erschlagen worden, sein Kopf ist verdorrt auf den Zinnen, die wir erklettert haben – da schwur ich Rache – und noch immer habe ich einen solchen Schwur gehalten.« »Das mag wohl sein,« sagte Kapitän Dalgetty, »und jeder Soldat, der eine gute Schule durchgemacht hat, weiß, wie süß Rache schmeckt. Daß aber Sir Duncan sich dadurch veranlaßt fühlen soll, für Euch als Vermittler aufzutreten, will mir nicht recht einleuchten, höchstens wird er sich dafür verwenden, daß Ihr, statt an den Galgen zu kommen, gerädert werdet. Ich an Eurer Stelle, Ranald, täte, als ob ich Sir Duncan nicht kennte, bewahrte mein Geheimnis und ließe mich hängen, wie es Eure Vorfahren gewöhnt waren.« »Hört mich weiter an, Fremdling,« fuhr der Hochländer fort. »Sir Duncan hatte vier Kinder, drei sind unter unsern Messern verblutet, das vierte lebt; er würde mehr drum geben, dieses vierte noch lebende Kind auf seinen Knien zu schaukeln, als diese alten Knochen aufs Rad zu flechten. Ich brauchte nur ein Wort zu sprechen, und dieser Tag des Fastens und der Trauer würde zu einem Fest des Dankes. Das fühle ich im eignen Herzen selber. Mein Sohn Kenneth, der den Schmetterling jagt an den Ufern des Avon, ist mir teurer, als die zehn Söhne, die in der Erde modern oder in der Luft von den Vögeln zerfleischt werden.« »Ich glaube, Ranald,« unterbrach ihn Dalgetty, »die drei hübschen Burschen, die ich auf dem Marktplatz wie Räucherheringe habe hängen sehen, sind verwandt mit Euch.« Nach kurzem Schweigen rief der Hochländer im Tone wildesten Grimmes: »Meine Söhne waren es, Fremdling – meine Söhne! – Blut von meinem Blut – Fleisch von meinem Fleisch! – flinkfüßig – treffsicher – nie besiegt von einem Feinde, bis die Söhne von Diarmid sie durch Übermacht bezwangen. Weshalb ich wünsche, sie zu überleben? Ich will meinen Sohn Kenneth zur Rache erziehen. Der junge Adler soll von dem alten lernen, auf seine Feinde herabzuschießen. Um seinetwillen will ich Leben und Freiheit erkaufen, indem ich dem Ritter von Ardenvohr mein Geheimnis enthülle.« »Den Zweck könnt Ihr leichter erreichen,« fiel eine dritte Stimme ein, sich ins Gespräch mischend, »wenn Ihr mir vertraut.« Einundzwanzigstes Kapitel Die Hochländer sind alle abergläubisch. Mac Eagh sprang sogleich empor mit dem Rufe: »Der böse Feind ist unter uns.« Seine Ketten klirrten laut, als er sich erhob und soweit wie möglich von dem Platz, von wo die Stimme klang, sich entfernte. Seine Furcht wirkte ansteckend auf Kapitän Dalgetty, der in einem Mischmasch mehrerer Sprachen alle Geisterbeschwörungen, die er je vernommen hatte, ohne jedoch von irgend einem mehr als zwei bis drei Worte zu kennen, sprudelnd herausstieß. » In nomine Domini , wie wir im Marschall-Gymnasium sagten – santissima madre de Dios , wie der Spanier sagt – alle guten Geister loben den Herrn –« »Unterlaßt Eure beschwörenden Formeln,« unterbrach ihn die Stimme; »ich trete zwar auf etwas absonderliche Manier unter Euch, bin aber ein sterblicher Mensch wie Ihr, und mein Beistand kann Euch in Eurer Not vonnutzen sein, wenn Ihr nicht zu stolz seid, Rat anzunehmen.« Mit diesen Worten schlug er die Klappen einer kleinen Blendlaterne zurück, und bei ihrem schwachen Licht erkannte Dalgetty, daß der Mann, der so geheimnisvoll unter sie getreten war, die Livree eines Lakaien des Marquis trug. Er fragte ihn sogleich, auf welche Weise er zu ihnen gekommen sei. »Das ist mein Geheimnis,« entgegnete der Fremde, »das ich Euch gern verrate, wenn Ihr mich in einige von Euern Geheimnissen einweiht. Vielleicht bin ich dann bereit, Euch da hinauszulassen, wo ich hereingekommen bin.« »Dann seid Ihr wenigstens nicht durchs Schlüsselloch gekommen,« sagte Dalgetty, »denn da würde ich mit dem Harnisch stecken bleiben. Ich selber aber habe keine Geheimnisse, und von andern auch nur wenige. Aber sagt uns doch, was für Geheimnisse Ihr von uns wissen wollt.« »Mit Euch habe ich vorderhand noch nicht zu reden,« entgegnete der Fremde und ließ den Schein seiner Laterne auf die wilden welken Züge des Hochländers fallen, der sich dicht an die Mauer des Kerkers drückte, als bezweifle er noch, daß sein Gast ein lebendiges Wesen sei. Der Fremde fuhr in sanfterm Tone fort: »Ich habe Euch etwas Besseres zu essen mitgebracht. Wenn Ihr morgen sterben müßt, so liegt kein Grund vor, weshalb Ihrs Euch nicht heute abend noch einmal wohl sein lassen sollt.« »Solch einen Grund gibts überhaupt nicht aus der Welt,« rief Dalgetty, der nicht säumte, den Inhalt eines kleinen Korbes auszupacken, den der Fremde unter seinem Mantel hervorlangte, indes der Hochländer aus Mißtrauen oder aus Verachtung die Leckerbissen unbeachtet ließ. »Euer Wohlsein, Freund!« rief der Kapitän, der eben einen Bissen Lammbraten verschlungen hatte und jetzt einen Zug aus der Weinflasche tat. »Wie heißt Ihr, guter Freund?« »Murdoch Campbell, Herr,« versetzte der Diener, »ich bin Lakai beim Herzog von Argyle und muß ab und zu den Gefängniswärter, vertreten.« »Nochmals Eure Gesundheit, Murdoch!« wiederholte der Kapitän. »Ihr habt gezeigt, daß Ihr ehrliche Leute im Unglück besser zu behandeln versteht als Euer Herr. Hol ihn der Satan! Brot und Wasser? Das hätte genügt, das Loch des Marquis für immer um allen Kredit zu bringen. Doch ich sehe, Ihr wollt mit meinem Freunde Ranald Mac Gagh reden. Tut, als wäre ich nicht da, ich werde mich still mit dem Korbe in die Ecke dort setzen.« Dabei lauschte der Veteran aber mit großer Aufmerksamkeit und hörte nun folgendes Gespräch mit an: »Wißt Ihr, Sohn des Nebels,« sagte Campbell, »daß Ihr diesen Ort nur verlassen werdet, um zum Galgen geführt zu werden?« »Die mir die liebsten waren,« antwortete Mac Eagh, »sind vor mir dieses Weges gegangen.« »Ihr wollt nichts tun, um vor diesem Gange bewahrt zu bleiben?« Der Gefangene wand sich in seinen Ketten, dann antwortete er: »Viel würde ich tun,« sagte er, »nicht um meines Lebens willen, sondern für das Pfand meiner Liebe im Tale von Strath-Avon.« »Und was würdet Ihr tun, die bittere Stunde von Euch abzuwenden?« fragte Murdoch. »Was ein Mensch tun kann, so daß er sich nachher noch Mann nennen kann.« »Mensch nennt Ihr Euch,« sagte der Lakai, »und tatet doch die Greuel eines Wolfes.« »So nenne ich mich,« rief der Verbrecher. »Ich bin ein Mensch wie meine Ahnen. Wir waren in den Mantel des Friedens gehüllt und Lämmer – er ward uns entrissen, da nennt Ihr uns Wölfe. Gebt uns die Hütten, die Ihr uns verbrannt habt – die Kinder, die Ihr uns gemordet habt – die Witwen, die ihr des Hungers habt sterben lassen – nehmt vom Galgen und vom Pfahl die zerfleischten Leichen und gebleichten Schädel unserer Angehörigen – ruft sie ins Leben zurück, daß sie uns segnen, dann wollen wir Euch Vasallen und Brüder sein – bis dahin aber soll Tod, Blut und Untat den dunkeln Schleier breiten zwischen uns beiden!« »So wollt Ihr nichts tun für Eure Freiheit?« fragte Murdoch. »Um Euch in Freiheit zu setzen, will ich nur von Euch wissen, wo die Tochter und Erbin des Ritters von Ardenvohr zu finden ist. Sie ist unser eigen Blut und keine Fremde, und wer besäße ein so gutes Recht, zu erfahren, was aus ihr geworden ist, als Mac Cullum More, das Oberhaupt ihres Stammes?« »So fragt Ihr mich in seinem Namen?« fragte der Verbrecher. Der Bediente des Marquis bejahte. »Und Ihr wollt dem Mädchen kein Leid zufügen?« »Kein Leid, beim Worte eines Christen.« »Und zum Lohn schenkt Ihr mir Leben und Freiheit?« »Das ist ausgemacht.« »So wisse,« sagte der Sohn des Nebels, »das Kind, das ich selber aus Erbarmen rettete, als wir seines Vaters Feste zerstörten, ist als Adoptivtochter unseres Stammes aufgezogen worden, bis wir am Paß von Ballenduthil von dem Teufel in Menschengestalt und unserm Todfeinde, Allan Mac Aulay mit der blutigen Hand, und den Reitern aus Lennox unter Menteiths Erben niedergemetzelt wurden.« »Fiel sie in die Gewalt Allans mit der blutigen Hand, der sie für eine Tochter Euers Stammes hielt? So hat ihr Blut seinen Dolch gefärbt!« rief Murdoch. »Sie lebt,« entgegnete Ranald Mac Eagh. »Im Schlosse von Darlinvarach lebt sie unter dem Namen Annot Lyle. Es ist noch nicht lange her, daß meine alten Augen sie gesehen haben.« »Ihr!« rief Murdoch erstaunt. »Ihr, ein Häuptling der Kinder des Nebels habt Euch so nahe zu Euerm Todfeinde gewagt?« »Noch mehr habe ich getan, Sohn von Diarmid,« antwortete der Räuber. »Als Harfner war ich in dem Schlosse; und mit meinem Dolch wollt ich ihn erstechen, den Allan mit der blutigen Hand, vor dem unser Geschlecht bebt. Doch als meine Hand eben nach dem Messer griff, sah ich Annot Lyle, und sie sang zur Harfe ein Lied der Kinder des Nebels, das sie bei uns gelernt hatte. Da ließ meine Hand den Dolch fahren, die Augen gingen mir über, und dahin war die Stunde der Rache. Und nun, Sohn von Diarmid, habe ich das Lösegeld für mein Haupt gezahlt?« »Ja,« erwiderte Murdoch, »wenn es wahr ist, was Ihr sagt. Was für Beweise habt Ihr dafür?« ».Himmel und Erde seien meine Zeugen,« rief der Räuber, »schon sucht er nach einem Vorwand, daß er sein Wort nicht zu halten braucht!« »Das Versprechen soll Euch gehalten werden,« fuhr Murdoch fort, »wenn ich mich von der Wahrheit Eurer Worte überzeugt habe. Jetzt aber muß ich ein paar Worte mit Euerm Gefährten wechseln.« »Schöne Worte und lauter Falschheit!« rief der Gefangene und warf sich wieder auf den Boden seines Kerkers. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Kein Wort dieses Gespräches war dem Kapitän entgangen, der seine eigenen Bemerkungen daran knüpfte. »Mag er nur kommen,« schloß er bei sich selber; »er wird lange manöverieren können, ehe er einen alten Soldaten in die Flanke faßt.« »Ihr seid ein Weltbürger, Kapitän Dalgetty,« redete Murdoch Campbell ihn an. »Sicherlich kennt Ihr das Sprichwort: Wie du mir, so ich dir, das bei allen Nationen und Armeen gilt. Ein Mann von Euerm vorurteilsfreien Geist wird mich verstehen, wenn ich meine Meinung dahin äußere, daß Eure Freiheit davon abhängt, ob Ihr der Wahrheit gemäß und in möglichster Ausführlichkeit Antwort geben wollt auf ein paar unbedeutende Fragen betreffs der Herren, von denen Ihr kommt, nämlich wie sie gerüstet haben, wie viele sie sind und was sie für Entschlüsse gefaßt haben.« »Wohl nur um Eure Neugierde zu stillen, zu keinem andern Zweck,« sagte Dalgetty. »Zu keinem andern Zweck«, entgegnete Murdoch. »Wie sollte ein armer Teufel wie ich sich für die Maßnahmen dieser Leute interessieren?« »So stellt nur Eure Fragen,« sagte der Kapitän, »ich will sie peremtorie beantworten.« »Wie viel Irländer sind unterwegs, um zu dem Verräter James Graham zu stoßen?« »Wohl gegen 10 000,« antwortete Dalgetty. »Zehntausend!« rief Murdoch erzürnt; »wir wissen, daß kaum 2000 in Ardnamurchan gelandet sind.« »So wißt Ihrs besser,« versetzte Dalgetty mit größter Seelenruhe. »Wie viel Mann aus den hochländischen Clans erwartet man?« »So viel man irgend auftreiben kann,« antwortete der Kapitän. »Ihr gebt keine Antwort, wie sie auf die Frage gehört,« sagte Murdoch. »Sprecht deutlich! Wird man 5000 Mann aufbringen?« »Ungefähr so und so viel,« erwiderte der Kapitän. »Ihr spielt mit Euerm Leben, Herr, so Ihr meiner spottet!« rief Murdoch Campbell. »Ein Pfiff von mir, und in ein paar Minuten hängt Euer Kopf an der Zugbrücke! Wenn Ihr aber aufrichtige Antworten auf meine Fragen gebt, so will ich Euch aufnehmen in meinen Dienst – in den Dienst Mac Cullum Mores.« »Gibts guten Sold?« fragte der Kapitän. »Der Eure soll verdoppelt werden, wenn Ihr zu Montrose zurückkehrt und dort im Interesse des Marquis tätig seid.« »Und ist der Marquis von Argyle – positus , ich wäre, willens, bei ihm in Dienst zu treten – ist er ein gütiges Herr?« fragte Dalgetty. »Es hat noch keinen gütigeren Herrn gegeben,« war die Antwort. »Und ist er spendabel gegen seine Offiziere?« »Er hat die offenste Hand in ganz Schottland.« »Hält er, was er verspricht?« »So gewissenhaft, wie je ein Edelmann.« »So viel Gutes habe ich noch nie von ihm gehört,« sagte Dalgetty, »Ihr müßt den Marquis sehr genau kennen – oder vielmehr! Ihr müßt der Marquis selber sein! Lord von Argyle« – und er warf sich plötzlich auf den verkleideten Edelmann – »im Namen des Königs Karl, Ihr seid mein Gefangener! So bald Ihr Hilfe schreit, dreh' ich Euch den Hals um.« Er warf den Marquis zu Boden und hielt ihn fest, während er mit der Rechten ihn am Halse packte, bereit, ihn auf der Stelle zu erdrosseln. »Jetzt bin ich es, der die Kapitulationsbedingungen festsetzt,«, rief er, »wenn Ihr mir den geheimen Gang zeigt, auf dem Ihr hergekommen seid, so will ich Euch das Leben schenken, und Ihr könnt hier bleiben, bis Euer Gefangenenwärter kommt. Wo nicht, so erdroßle ich Euch erst und suche mir dann selber meinen Weg.« »Schont mein Leben, und ich will tun, was Ihr verlangt,« murmelte Argyle. Dalgetty behielt die Faust an der Kehle des Marquis; wenn er eine Frage stellte, drückte er ein wenig fester zu, und wenn der Marquis antworten sollte, ließ er ein wenig locker. »Wo ist die geheime Tür, die hierher führt?« »Haltet die Laterne an die Ecke rechts neben Euch, so seht Ihr das Eisen, unter dem die Feder versteckt ist.« »Das stimmt. Wohin führt der Gang?« »Nach meinem Kabinett.« »Wie kann ich von dort zum Tor kommen?« »Durch die Halle, die Vorsäle, die Wachtstube –« »Alle voll von Soldaten, Posten und Dienern? Das paßt mir nicht, Mylord. Habt Ihr keinen geheimen Gang nach dem Tore? – in Deutschland habe ich so etwas gesehen.« »Ein geheimer Gang führt nach der Kapelle.« »Was ist die Parole, nach der am Tor gefragt wird?« »Das Schwert Levis,« antwortete der Marquis. »Wenn Ihr aber Euch auf mein Ehrenwort verlassen wollt, so will ich Euch sicher durch die Wachen geleiten und Euch einen Paß mitgeben, der Euch volle Freiheit gibt.« »Gern würde ich Euch trauen, Mylord, wenn nicht Euer Hals schon vom Druck meiner Finger schwarz wäre. Einen Paß könnt Ihr mir aber trotzdem geben – Ihr habt doch Schreibzeug in Euerm Bureau?« »Gewiß, auch fertige Pässe, in die nur der Name einzuschreiben und die Unterschrift einzufügen ist. Ich gehe gleich mit Euch dorthin.« »Zuviel Ehre für mich,« antwortete Dalgetty. »Euere Lordschaft wird hier bleiben, und mein ehrlicher Freund Ranald Mac Eagh wird Euch bewachen. Ihr seht, Ranald, wie die Sachen stehen. Es wird mir sicher gelingen, Euch in Freiheit zu setzen, nur tut, was Ihr mich tun seht. Haltet die Hand unter der Halskrause fest auf der Gurgel dieses hohen und mächtigen Fürsten, und sobald er sich losreißen oder schreien will, so drückt stark zu. Wenn er dabei ohnmächtig wird, so schadet das gar nichts, er hat Eurer Kehle eine noch weit niederträchtigere Behandlung zugedacht.« Nachdem Dalgetty den edlen Herrn in der Hand seines neuen Spießgesellen zurückgelassen hatte, drückte er auf die Feder, und die geheime Tür tat sich auf ohne das geringste Geräusch. An der Außenseite waren starke Riegel und Eisenstangen angebracht, daneben hingen ein paar Schlüssel, mit denen jedenfalls die Fesseln gelöst wurden. Eine Treppe führte, wie der Marquis angegeben hatte, nach seinem Kabinett. Der Kapitän überzeugte sich erst davon, daß die Luft rein war und trat dann ein, nahm vom Schreibtisch ein paar Paßformulare nebst Tinte und Feder, steckte einen Dolch des Marquis zu sich, nahm von den Fenstervorhängen eine seidene Schnur mit und stieg wieder hinunter. An der Tür horchte er und vernahm wie der Marquis mit halberstickter Stimme dem Gefangenen hohe Belohnung versprach, wenn er ihm erlauben wolle, das Signal zum Alarm zu geben. »Nicht um einen Wald voller Rotwild,« versetzte der Räuber, »nicht um alles Land, das je ein Sohn von Diarmid sein eigen nannte, breche ich das Wort, das ich dem Mann mit dem eisernen Kleide gegeben habe.« »Der Mann mit dem eisernen Kleide,« sagte Dalgetty eintretend, »ist Euch dankbar, Mac Eagh. Nun aber soll dieser edle Lord in den Paß hier die Namen des Majors Dugald Dalgetty und seines Gefährten einschreiben, sonst will ich ihm auf der Stelle einen Paß in die bessere Welt ausstellen.« Beim Schein der Blendlaterne schrieb der Marquis seinen Namen und was der Soldat ihm aufgetragen hatte. »Und jetzig Ranald,« fuhr Dalgetty fort, »lege deinen Kittel ab – ich meine deinen Hochländermantel. Damit will ich Mac Cullum More vermummen und auf kurze Zeit zu einem Sohn des Nebels machen – nur ruhig, Mylord, ich muß Euch den Mantel so um den Kopf wickeln, daß Ihr uns durch Euer Geschrei, das hier gar nicht am Platze wäre, keinen Schaden zufügen könnt. So, nun seid Ihr hinreichend geknebelt. Die Hände laßt unten, sonst beim Himmel! Euern eignen Dolch stoß ich Euch ins Herz. – Ja, ja, mit nichts geringerm als Seide sollt Ihr gefesselt werden, ganz Euerm Stande entsprechend. So, nun seid Ihr unschädlich, bis jemand kommt und Euch erlöst. Wann kam gewöhnlich der Wärter, guter Ranald?« »Erst wenn die Sonne in der Flut im Westen versunken war.« »Dann haben wir drei Stunden Zeit, Freund,« sagte der Kapitän. »Die wollen wir uns zu nutze machen.« Nun untersuchte er Ranalds Fesseln und löste sie durch einen der hinter der Tür hängenden Schlüssel. Der Räuber reckte die Arme und sprang vom Boden des Kerkers auf, entzückt über die wiedererlangte Freiheit. »Zieh die Livree des edeln Gefangenen an,« sagte Dalgetty, »und folge mir auf den Fersen.« Der Räuber gehorchte. Sie riegelten die Tür hinter sich zu, stiegen die geheime Treppe hinauf und gelangten in das Kabinett des Marquis. Dreiundzwanzigstes Kapitel »Sucht Ihr den geheimen Gang, der in die Kapelle führt, Ranald,« sagte der Kapitän. »Ich will inzwischen in aller Eile die Sachen hier untersuchen.« Mit diesen Worten ergriff er mit der einen Hand einen Stoß geheime Akten, mit der andern eine Börse voll Gold. Beides lag in einer Schublade eines prachtvollen Schrankes, die in einladender Weise offen stand. »Ein ehrenwerter Kavallier,« sagte er, die Sachen zu sich steckend, »muß dafür sorgen, daß er Kundschaft und Beute mitbringt; eins für seinen General, eins für sich selber. Dieser Degen und die Pistolen sind weit besser als meine, und ein guter Tausch ist kein Raub – aber sachte, sachte, Ranald, weiser Mann des Nebels, was tust du?« Es war hohe Zeit, Ranald Einhalt zu tun; denn da dieser den geheimen Gang nicht gleich finden konnte, hatte er die Geduld verloren, Schwert und Schild von der Wand genommen und wollte eben frischweg in die Halle hineinrennen, um sich mit der Waffe in der Hand einen Weg durch die Bewaffneten zu bahnen. Kapitän Dalgetty suchte nun selber nach dem geheimen Gange und fand schließlich hinter der Tapete eine Tür, die nach einer Wendeltreppe führte. Am Ende dieser Treppe lag abermals eine Tür, die ohne Zweifel in die Kapelle mündete. Allein das Erstaunen Dalgettys war nicht gering, als er jenseits der Tür die dahlende Stimme eines predigenden Pfaffen vernahm. Er öffnete mit größter Vorsicht die Tür, die in die vergitterte Loge führte, welche für den Marquis persönlich bestimmt war und deren Vorhänge dicht geschlossen waren. Sie war völlig leer, und er riegelte die Tür hinter sich ab. Als die Predigt beendet war, entfernte sich die Dienerschaft mit großer Eile, allein der Geistliche blieb zurück und schritt in seiner Kapelle auf und ab. Kapitän Dalgetty wußte sich trotz seiner Verwegenheit im ersten Augenblick keinen Rat. Die Zeit drängte jedoch, denn es war nicht ausgeschlossen, daß der Gefängniswärter schon vor der üblichen Stunde den Kerker revidieren und die vorgenommene Veränderung entdecken könnte. Er flüsterte Ranald zu, ihm ruhig und gefaßt zu folgen, und stieg kurz entschlossen in die Kapelle hinab. Ein weniger erfahrener Abenteurer hätte den Versuch gemacht, schnell an dem Prediger vorbeizukommen, ohne gesehen zu werden. Dalgetty war sich aber sofort klar, daß dieser Versuch mißlingen und ihn in große Gefahr bringen könne; er trat daher würdevoll dem Kaplan entgegen, entblößte das Haupt und wollte nach diesem Gruße weitergehen, als er zu seiner Verblüffung in dem Geistlichen denselben erkannte, mit dem er auf Schloß Ardenvohr zu Mittag gespeist hatte. Er faßte sich jedoch schnell ein Herz, gewann seine Kaltblütigkeit wieder und redete den Geistlichen an, so daß dieser selber gar nicht erst zu Worte kam. »Ich hätte es nicht übers Herz gebracht« sagte er, »dieses Haus zu verlassen, ohne Euch, Ehrwürden, für Eure Predigt demutsvollen Dank auszusprechen. Nun, mein Herr, möchte ich Euch noch einen guten Abend wünschen; denn ich muß weg, mit einem Paß Mac Cullum Mores versehen.« »Kann ich einem so gottesfürchtigen Kriegsmann einen Dienst erweisen?« fragte der Prediger. »Das schon,« antwortete der Kapitän, »zeigt mir doch den nächsten Weg zum Tor, und wenn Ihr so gut sein wollt,« setzte er dreist hinzu, »schickt einen Diener nach meinem Pferde, dem großen braunen Wallach. Er soll ihn nur Gustav rufen, da spitzt mein Fuchs schon die Ohren – ich weiß nämlich nicht, wo der Stall liegt, und mein Geleitsmann –« dabei blickte er auf Ranald – »ist der englischen Sprache nicht mächtig.« »Ihr geht am besten durch diesen Durchgang,« wies der Geistliche ihn zurecht. »Euern Auftrag will ich sogleich erfüllen.« Wirklich wurde Dalgettys Pferd herbeigebracht, während er noch dem Posten an der Zugbrücke den Paß zeigte und die Parole nannte. An jedem andern Platze hätte das unvermutete Auftreten des öffentlich verhafteten Kapitäns Verdacht erregt, hier aber war man so sehr an die geheimnisvolle Politik des Marquis von Argyle gewöhnt, daß man in dem Glauben, der Kriegsmann habe einen geheimen Auftrag erhalten, nur nach Paß und Losung fragte und ihn frei hindurch ließ. Vierundzwanzigstes Kapitel Durch die Stadt Inverary ritt Dalgetty langsam, während der Räuber als Diener zu Fuß dicht hinter ihm drein schritt. Als sie an dem Galgen vorbeischritten, sah der Greis nach den Leichen und rang die Hände. Im Vorübergehen flüsterte er einer der Frauen, die die Toten bewachten und beweinten, ein rasches Wort zu. Das Weib hob beim Klang der Stimme den Kopf, faßte sich aber sogleich und nickte zur Antwort nur unmerklich mit dem Kopfe. Außerhalb der Stadt ging Dalgetty im Weiterreiten mit sich zu Rate, ob er ein Boot mieten und über den See fahren solle, oder ob es vorteilhafter wäre, sich in die Wälder zu schlagen. Zu Wasser war er jeden Augenblick der Verfolgung durch die Galeeren des Marquis ausgesetzt, die zur Abfahrt bereit lagen. Aber auch die wüsten und bekannten Wildnisse der Wälder kamen ihm wenig geheuer vor. Die Stadt hatte er hinter sich, aber er erkannte schon jetzt, daß er mit der Flucht aus dem Kerker – so gefahrvoll sie auch gewesen war – erst den leichtesten Teil einer schweren Aufgabe gelöst hatte. Wenn er wieder in Gefangenschaft geriet, so war sein Schicksal besiegelt. Daß er sich an einem so mächtigen und rachsüchtigen Manne tätlich vergriffen hatte, hätte er unwiderruflich durch augenblicklichen Tod büßen müssen. Während er solchen Betrachtungen nachhing, fragte ihn Mac Eagh plötzlich, welchen Weg er einschlagen wolle. »Darauf kann ich Euch keine Antwort geben, ehrlicher Kamerad,« antwortete Dalgetty. »Könnt Ihr mich sicher durch dieses Gebirge zum Heer des Grafen Montrose zurückführen?« »Das kann ich,« erwiderte der Sohn des Nebels. »Niemand kennt die Pässe, Höhlen, Täler und Schluchten besser als ein Sohn des Nebels. Alle Bluthunde Argyles können die Gebirgsfesten nicht finden, durch die ich Euch geleiten kann.« Er führte den Kapitän in den Wald, der sich rings mehrere Meilen weit um das Schloß ausdehnte. Dabei schritt er so schnell aus, daß Dalgetty Trab reiten mußte, und schlug so viele Kreuz- und Querwege ein, daß der Reiter bald keine Ahnung mehr hatte, wo er sich befinden könne. Endlich brach der Pfad in dichtem Unterholz ganz ab. Ein Gießbach rauschte in der Nähe, und der sumpfige rissige Boden machte das Reiten ganz unmöglich. Ranald Mac Eagh gab einen leisen Pfiff von sich, und es erschien ein Knabe, der halb nackt und dürftig in kariertes Zeug gehüllt war. Kopf und Gesicht waren durch nichts vor Sonne und Wetter geschützt als durch eine Mähne struppigen Haares, die von einem Lederriemen zusammengehalten wurde. Der Junge war mager und, wie es schien, halb verhungert. Seine Augen waren geisterhaft groß. Er kroch wie ein wildes Tier aus seinem Dickicht von Brombeeren und Hagebutten hervor. »Wenn Euch Euer Leben lieb ist,« sagte Ranald Mac Eagh, »so gebt dem Burschen da Euer Pferd. Sorgt Euch nicht um das Tier, Ihr sollt es bald wieder haben.« Dem Kapitän blieb in der Tat nichts weiter übrig. »Behandle mir meinen Gustavus gut, mein kleiner Freund ohne Hosen,« sagte er zu dem Knaben, »ich will es Dir lohnen.« Dann folgte er von neuem seinem Führer. Das hatte aber große Schwierigkeiten und erforderte größere Behendigkeit, als der Kapitän besaß. Er hatte sich kaum von seinem Pferde getrennt, so galt es, mit Hilfe einiger überhängender Zweige und vortretenden Baumwurzeln sich in das Bett eines acht Fuß tiefen Gießbaches hinabzulassen, in dem der Sohn des Nebels stromaufwärts voranging. Über große Steine mußten sie klettern – durch Dornengestrüpp sich schlagen – und all diese Hindernisse überwand der flinkfüßige Bergbewohner mit einer Leichtigkeit, um die der Kapitän ihn beneidete, der, belastet mit seinem schweren Rüstzeug und seinen hohen Stiefeln, von den Mühseligkeiten des Weges bald so erschöpft war, daß er sich auf einen Stein setzen mußte, um sich zu verschnaufen. Gleich darauf legte der Bergbewohner ihm die Hand auf den Arm und wies in der Richtung, aus dem der Wind kam. Der Rittmeister sah und hörte nichts; denn es wurde schon Abend, und sie befanden sich im Grunde einer finstern Schlucht. Endlich aber hörte er doch deutlich dumpfes Glockenlauten aus der Ferne. »Das bedeutet Alarm,« sagte er. »Das läutet Sturm, wie sie es in Deutschland nennen.« Fünfundzwanzigstes Kapitel »Die Glocke läutet die Stunde Euers Todes ein,« versetzte Ranald, »wenn Ihr mir nicht weiter folgen könnt. So oft diese Glocke klang, so oft hat schon ein braver Mann sein Leben verloren. Wenn aber Eure Füße so schnell laufen können wie Eure Zunge, so sollt Ihr noch heute Nacht das Haupt auf ein Kissen legen, das frei von Blut ist.« Wieder schritt der Sohn des Nebels voran mit nie irrender Sicherheit durch die wild zerklüftete Landschaft. Der Kapitän schleppte sich mit seinen mächtigen Stiefeln, seinen Beinschienen, Handschuhen, Panzern und Büffelwams ein gutes Stück mühsam hinter ihm drein und schwatzte ohne Unterlaß von seinen früheren Taten, obwohl sein Führer seinen Anekdoten keine Aufmerksamkeit schenkte. Auf diese Weise hatten sie eine weite Strecke zurückgelegt, da wurde das laute Gebell eines Hundes, der die Spur seines Wildes gefunden zu haben schien, vom Winde herübergetragen. »Schwarzer Hund,« rief Ranald, »bist du uns schon auf der Fährte? du kommst zu spät! der Hirsch ist schon bei seinem Rudel!« Mit diesen Worten pfiff er leise, und sofort kam die gleiche Antwort vom Gipfel eines Passes, zu dem sie schon ein gutes Stück hinaufgestiegen waren. Schnellern Schrittes erreichten sie den Gipfel, und nun sah Kapitän Dalgetty im hellen Glanz des aufgehenden Mondes eine Schar von zehn bis zwölf Hochländern mit Weibern und Kindern, die Ranald Mac Eagh mit so großer Freude begrüßten, daß der Kapitän nicht im Zweifel sein konnte, Kinder des Nebels vor sich zu haben. Ranald sprach ein paar hastige Worte zu seinen Stammesgenossen, die nun herbeikamen und Dalgetty die Hand drückten, während die Weiber ihn umringten und ihm dankbar den Saum seines Rockes küßten. Sie verpfänden Euch ihre Treue,« sagte Ranald Mac Eagh, »zum Lohne für die edle Tat, die Ihr heute dem Stamme erwiesen habt.« »Schon gut, Ranald,« entgegnete Kapitän Dalgetty, »gib ihnen zu verstehen, daß ich kein Freund von diesem Händeschütteln bin. Sagt mir lieber: wollt Ihr hier Euerm Feinde die Stirn bieten? Eine sehr schöne Stellung – wer hier heran will, läuft direkt ins Geschütz- und Musketenfeuer hinein. Aber ich sehe, guter Freund, Ihr habt gar kein Geschütz, auch hat keiner Eurer Kerle eine Muskete! Womit wollt Ihr denn, bis es zum Handgemenge kommt, den Paß hier verteidigen?« »Mit den Waffen und dem Mute unserer Ahnen!« antwortete Mac Eagh, und er machte den Soldaten darauf aufmerksam, daß seine Leute mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren. »Pfeil und Bogen!« rief Dalgetty. »Ha, ha, ha! ist Robin Hood wieder auferstanden? Seit hundert Jahren, meiner Treu, hat man so etwas in der zivilisierten Kriegsführung nicht wieder erlebt. Pfeil und Bogen! Warum nicht gar Weberbäume wie zu Goliaths Zeiten? Muß Dugald Dalgetty von Drumthwacket noch mit eigenen Augen sehen, wie Leute mit Bogen und Pfeilen kämpfen! – der unsterbliche Gustavus hätte sich das nicht träumen lassen – Wallenstein auch nicht – der alte Tilly oder der Oberst Buttler ebensowenig. Meinetwegen, Ranald, eine Katze hat auch weiter nichts als ihre Klauen, und da wir bloß Bogen und Pfeile haben, so wollen wir sie brauchen, so gut es geht!« Das Gebell des Bluthundes kam naher und näher. Schon hörte man die Stimmen mehrerer Männer, die sich offenbar von ihm führen ließen und einander zuriefen, wenn sie das umliegende Gebüsch genauer durchsuchten. Mac Eagh machte dem Kapitän den Vorschlag, die Rüstung abzulegen; doch fand sich dieser nur dazu bereit, die schweren Stiefel auszuziehen und dafür ein Paar hirschlederne Schuhe anzulegen. Auf dem Gebirgspasse herrschte jetzt tiefes Schweigen. Der Mond beschien den zerklüfteten Pfad. An den vorspringenden Felsblöcken, um die der Weg sich schlängelte, hielt ab und zu das Gezweige des Gestrüpps, das in den Felsenspalten gedieh, den Glanz des Mondes auf, den Rand des Abgrundes überschattend. Unten lag dichtes Unterholz, das einem in tiefem Dunkel wogenden Meere glich. Aus dieser Finsternis am Fuß des Abgrundes herauf tönte hin und wieder das Gebell des Hundes und weckte lautes Echo in den Felsen und Wäldern. Dann wieder herrschte tiefes Schweigen, unterbrochen nur vom Rieseln eines Quells, der vom Felsen zu Tal sprang. Dann wieder erklangen menschliche Stimmen; und es schien, als ob sie den Gebirgspfad nicht gefunden oder sich nicht klar wären, ob sie ihn bei der Finsternis ersteigen sollten. Endlich kam eine schattenhafte Gestalt zum Vorschein, die aus dem tiefen Dunkel ins blasse Mondlicht hineintauchte, langsam und vorsichtig den Felsenpfad erklimmend. Der Mann hatte eben einen vorspringenden Block erreicht und blieb stehen, um den andern zu winken, daß sie ihm folgen sollten – da pfiff ein Pfeil vom Bogen eines Schützen unter den Söhnen des Nebels, und tödlich getroffen, stürzte der Mann von dem Felsenvorsprung kopfüber in die Tiefe. Unten krachten die Zweige, und schwer dröhnte sein Fall herauf, begleitet von einem Geschrei des Entsetzens, das die Söhne des Nebels mit gellendem Freudengeheul beantworteten. Sie zeigten sich am Rande des Abgrundes, um ihre Feinde zu erschrecken, und selbst Kapitän Dalgetty stand auf und trat vor. »Corazon, amigo! wie der Spanier sagt,« rief er laut Ranald zu. »Mut, Kamerad. Es lebe der Bogen! Meiner Meinung nach müßt Ihr jetzt vorrücken und eine Stellung nehmen.« Da rief eine Stimme von unten: »Der Sachse! zielt auf den sächsischen Kriegsmann! Ich sehe seinen Harnisch blitzen.« Im selben Augenblick wurden drei Musketen abgefeuert. Eine Kugel prasselte gegen den Harnisch, dessen Dicke schon öfters dem Kapitän das Leben gerettet hatte. Eine zweite durchschlug die Rüstung vorn am linken Schenkel und streckte ihn nieder. Während Ranald ihn auffing und vom Rande der Schlucht wegriß, rief der Kapitän jammernd aus: »Ich habe es dem unsterblichen Gustav Adolf, dem Wallenstein und andern Feldherrn immer gesagt, die Beinschienen müßten nach meiner bescheidenen Meinung auch kugelsicher sein.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wir müssen Kapitän Dalgetty seinem Schicksal überlassen, um in Kürze die militärischen Operationen Montroses wiederzugeben, die freilich eines umfänglicheren Buches und eines besseren Geschichtsschreibers würdig wären. Mit dem Beistand der früher erwähnten Häuptlinge und nach dem Bündnis mit den Morays, Stewarts und andern Sippschaften von Athole hatte er bald ein Heer von zweitausend bis dreitausend Hochländern zusammengebracht, zu denen noch das irische Korps unter Colkitto kam. Die ganze Streitmacht war bei Strathearn, am Rande der Hochlande von Perthshire vereinigt. Sein Gegner hatte sich gerüstet, ihn zu empfangen. Argyle zog an der Spitze seiner Hochländer dicht hinter den Irländern, die auf dem Marsch von Westen nach Osten begriffen waren, her und hatte eine Armee vereinigt, die stark genug war, mit Montrose eine Schlacht zu wagen. Zuvörderst kam es zu einem Zusammentreffen zwischen Montrose und dem Heere Lord Elchos auf der Ebene von Tippermuir – einer offenen Heide. Niemals ist eine Schlacht, die von großer Wichtigkeit war, mit so großer Leichtigkeit entschieden worden. Montrose schlug das feindliche Heer völlig aufs Haupt. Die Sieger besetzten Perth und erbeuteten bedeutende Geldsummen und Vorräte an Waffen und Munition. Diese Vorteile wurden jedoch aufgewogen durch einen unüberwindlichen Übelstand, der sich stets bei einem hochländischen Heere einstellte. Die Sippschaften waren nicht dahin zu bringen, sich als reguläre Soldaten zu betragen. Wenn eine Schlacht geschlagen war, so war ihrer Meinung nach auch der Feldzug zu Ende. War die Schlacht verloren worden, so flüchteten sie in die Berge, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, war sie gewonnen worden, so kehrten sie ebenfalls dorthin zurück, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Ein andermal wieder mußten sie heim, um die Herden zu versorgen, die Felder zu bestellen, die Ernte herein zu holen, da ihre Familien sonst verhungert wären. In beiden Fällen taten sie keine Kriegsdienste mehr. Sie waren wohl durch die Aussicht auf neue Beute zur Rückkehr zu bewegen; bis dahin aber war der günstige Zeitpunkt des Erfolges verpaßt, der später nicht wieder kam. Hieraus erklärt es sich, weshalb Montrose ungeachtet seiner glänzenden Erfolge nie festen Fuß im Flachlande fassen konnte und weshalb er oft sich zu plötzlichem Rückzug vor demselben Feinde gezwungen sah, den er vor kurzem geschlagen hatte. Auf eben dieselbe Ursache war es zurückzuführen, daß Montrose nicht imstande war, einem zweiten Heere Argyles die Spitze zu bieten, das unter dem Marquis selber von Westen aus ihm entgegenrückte. Was ihm an Stärke fehlte, wollte er durch Schnelligkeit wieder gut machen, und er zog von Perth nach Dundee. Als ihm aber diese Stadt die Tore nicht öffnete, marschierte er nach Aberdeen in der Erwartung, daß dort die Gordons und andere Royalisten zu ihm stoßen würden. Diese aber wurden durch eine etwa 3000 Mann starke Abteilung Covenanters unter Lord Burleigh in Schach gehalten. Dieses Korps nun griff Montrose kühn an, obgleich er ihm um die Hälfte unterlegen war, und siegte wieder. Es war aber das Mißgeschick dieses Feldherr, das er immer nur den Ruhm, selten die Früchte des Sieges ernten konnte. Kaum konnte er seinem kleinen Heer in Aberdeen Ruhe gönnen, da mußte er erkennen, daß er auf Vereinigung mit den Gordons nicht rechnen durfte, und Marquis von Argyle rückte ihm entgegen mit einem weit stärkeren Heere, als ihm bisher eines gegenübergestanden hatte. Nur ein Rückzug blieb dem Grafen von Montrose, und er schlug ihn ein: er zog in die Hochlande. Dort war er vor Verfolgung sicher und konnte auch die Wehrpflichtigen wieder sammeln, die ihn verlassen hatten. So konnte er sich furchtbarer als je dem Feinde wieder entgegenwerfen, dem er vor kurzem noch nicht hatte widerstehen können. Das Parlament sandte wiederholt Befehl an Argyle, das Heer Montroses anzugreifen und zu zersprengen. Dieser Befehl entsprach weder dem stolzen Sinn noch der vorsichtigen zögernden Politik dieses Staatsmannes, und als Montroses Heer durch mehrere Verstärkungen zu gewaltiger Zahl angewachsen war, behagte es Argyle nicht länger, an der Spitze der gegen ihn ausgesandten Armee zu stehen. Er kehrte nach Edinburgh zurück und legte den Oberbefehl nieder unter dem Vorwande, daß sein Heer in ungenügender Weise verstärkt und nicht ausreichend mit Proviant versehen worden sei. Von Edinburgh begab sich der Marquis zurück nach Inverary, um in voller Sicherheit über seine eigenen Lehensleute zu herrschen. Siebenundzwanzigstes Kapitel Ein glänzender Weg lag jetzt dem Grafen von Montrose offen, wenn seine tapfern, aber unregelmäßig kommenden und gehenden Truppen und die unabhängigen Häuptlinge sich bereit erklärten, ihm zu folgen. Das ganze Flachland war ihm freigegeben, denn es war kein genügend starkes Heer da, ihm in den Weg zu treten. Er brauchte sich nur dort zu zeigen, und der schlummernde Geist der Ritterlichkeit und Königsliebe, der die Edelleute im Norden des Forth beseelte, würde neu erwachen. Auch wäre es dann möglich gewesen, eine Verbindung mit den noch nicht unterworfenen Streitkräften des Königs herzustellen. Dieser Plan, der glänzenden Ruhm verhieß, entsprach dem kühnen ehrgeizigen Geiste des Feldherrn. Die westlichen Häuptlinge aber sahen alle in dem Marquis von Argyle das unmittelbare und einzige Ziel ihrer Feindseligkeiten. Für sie war es daher wichtiger und wünschenswerter, Inverary einzunehmen, als Edinburgh zu erobern. Sie wollten sich für die Vergangenheit rächen und für die Zukunft sichern. Diese Absichten berührten eine entsprechende Saite im Herzen Montroses, die nicht ganz dem Edelsinn seines Wesens entsprach. Zwischen den Häusern Argyle und Montrose herrschte von früher her bittere Feindschaft, die zwischen den gegenwärtigen Repräsentanten beider Geschlechter infolge ihrer eifersüchtigen Nebenbuhlerschaft auf den Höhepunkt gestiegen war. Trotzdem es nun Montrose innerlich sehr danach verlangte, nach Argyleshire zu rücken, wollte er doch seinen glänzenden Plan zu dem Feldzug ins Flachland nicht so leicht aufgeben, und mehrmals schon hatte er mit den höchsten unter seinen Häuptlingen Kriegsrat abgehalten. Eben hatte abermals ein solcher Rat getagt, und Montrose war in die Hütte gegangen, die ihm zum Zelte diente, und hatte sich auf seine Schütte trockenen Heidekrautes ausgestreckt – da meldete der Soldat, der vor seinem Zelt auf Posten stand, zwei Männer wünschten Se. Exzellenz zu sprechen. »Wie heißen sie?« fragte Montrose, »und was führt sie zu so später Stunde her?« Der Mann, ein Ire von Colkittos Leuten, konnte hierüber keine Auskunft geben, und Montrose hatte sich kaum von seinem Lager erhoben, als die beiden Männer auch schon hereintraten: Der eine in einem Kleide von Gemsleder, das fast ganz zerfetzt war, der andere, ein großer, alter, hochaufgerichteter Hochländer, dessen eisengraues Gesicht in Frost und Sturm verwittert war. »Womit kann ich Euch dienen, Freunde?« fragte der Graf und legte unwillkürlich die Hand an eine seiner Pistolen, denn die Zeit überhaupt wie auch die nächtliche Stunde ließen einen Verdacht, den obendrein ein nicht gerade harmloses Aussehen seiner Gäste verstärkte, durchaus als gerechtfertigt erscheinen. »Mein edler General und ehrenwerter Lord,« sagte der im Gemskleide, »ich möchte Euch Glück wünschen zu den großen Siegen, die Ihr errungen habt, seit ich das Glück hatte, von Euch zum Abgesandten erkoren zu werden. Das Treffen von Tippermuir war eine sehr hübsche Bataille – dennoch aber möchte ich Euch den Rat geben –« »Ehe Ihr das tut,« unterbrach ihn der Graf, »laßt mich doch bitte wissen, wer mich mit seinen Ratschlägen beehren will.« »Meiner Treu, Mylord,« war die Antwort, »ich hätte nicht geglaubt, daß dies vonnöten sei, da ich doch vor gar nicht langer Zeit erst als Major mit einem halben Taler Sold pro Tag bei Euch in Dienst getreten bin. Hoffentlich hat Eure Lordschaft nicht ebenso meinen Sold wie meine Person vergessen.« »Mein guter Freund, Major Dalgetty,« rief Montrose, sich jetzt des Mannes vollkommen erinnernd. »Bedenkt, wieviel sich inzwischen ereignet hat, daß ich wohl die Gesichter einiger Freunde habe vergessen können. Auch ist die Beleuchtung sehr schlecht. – Was bringt Ihr neues aus Argylshire? Ich gab Euch schon verloren und wollte eben nachdrücklichste Rache an dem alten Fuchs nehmen, der das Kriegsrecht in Eurer Person verletzt hat.« »Meiner Treu, mein edler Lord,« antwortete Dalgetty, »ich verdanke es auch keineswegs der Gunst oder Gnade des Marquis von Argyle, daß ich jetzt vor Euch stehe, und es sei ferne von mir, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Daß ich mit dem Leben davon gekommen bin; verdanke ich zunächst Gott, dann meiner eignen Geschicklichkeit als erfahrener Krieger und schließlich der Hilfe dieses alten Hochländers, den ich der besondern Gunst Eurer Lordschaft empfehle. – Knie nieder, Ranald, und küsse Sr. Exzellenz die Hände.« Da diese Ehrerbietung nicht der in Ranalds Vaterland üblichen Sitte entsprach, begnügte er sich, die Hände über der Brust zu kreuzen und das Haupt tief zu neigen. »Was ist Euer Name, Freund?« fragte Montrose den Hochländer.« »Mein Name darf nicht genannt werden,« antwortete der Bergbewohner. »Das heißt,« setzte Major Dalgetty erläuternd hinzu, »er wünscht seinen Namen geheim zu halten, weil er nämlich früher mal ein Schloß überfallen, ein paar Kinder getötet und noch andere Streiche verübt hat, wie es eben im Kriege so zugeht.« »Ich verstehe,« sagte Montrose, »dieser Mann liegt mit einigen meiner Anhänger in Fehde. Er mag auf die Wachtstube gehen, und wir wollen uns überlegen, wie wir ihm am besten Schutz gewähren können.« »Hört Ihr, Ranald,« sagte Major Dalgetty mit großtuerischer Miene, »Se. Exzellenz wünscht mit mir einen Kriegsrat abzuhalten. Ihr müßt so lange auf die Wache gehen – er weiß nicht, wo das ist, der arme Kerl – er ist zwar ein alter Mann, aber noch ein sehr junger Soldat. Ich will ihn unter die Obhut eines Postens bringen und bin sofort wieder bei Eurer Lordschaft.« Die ersten Fragen, die Graf von Montrose an Kapitän Dalgetty richtete, betrafen die Gesandtschaft nach Inverary. Als die Papiere ihm übergeben worden waren, die Dalgetty im Kabinett Argyles sich angeeignet hatte, riß Montrose eine Fackel von der Wand und vertiefte sich eine zeitlang in diese Akten, die anscheinend etwas enthielten, das seinen Ingrimm gegen seinen Rivalen Argyle erregte. »Er fürchtet mich nicht!« rief er, »so soll er meine Macht fühlen. Schloß Murdoch will er in Brand stecken! – vorher sollen in Inverary die Rauchwolken aufsteigen! hätte ich nur jemand, der mich durch den Forst von Strathfillan führte!« Dalgetty begriff sogleich, worauf Montrose hinaus wollte, und erwiderte: »Wenn Eure Exzellenz einen Angriff gegen Argyleshire plant – dieser arme Mann Ranald und seine Gefährten kennen jeden Weg und Steg in diesem Landstrich.« »Wirklich?« rief Montrose. »Woher glaubt Ihr das zu wissen?« »Ich bin eine zeitlang bei dieser Sippe gewesen, bis meine Wunde geheilt war, und da hatte ich reichlich Gelegenheit, ihre ganz ausgezeichnete Kenntnis dieses Landes zu bewundern. Diese biedere, schlichte Kreatur, Ranald Mac Eagh, hat mich und meinen edeln Gustavus auf sichern Pfaden hergeführt und ich habe mir selber gesagt, wenn man Führer oder Kundschafter auf einem Streifzuge durch dieses Gebiet braucht, kann man keine bessern finden, als ihn und seine Genossen.« »Könnt Ihr dafür bürgen, daß der Mann zuverlässig ist?« fragte Montrose. »Wie heißt er und was treibt er?« »Von Beruf ist er Räuber und Dieb, ab und zu auch ein bißchen Mörder und Totschläger,« antwortete Dalgetty, »und heißt Ranald Mac Gagh, das bedeutet Ranald, Sohn des Nebels.« »Ich erinnere mich dieses Namens,« erwiderte Montrose. »Aber es ist sehr fatal, daß zwischen dieser Sippe und den Mac Aulays tödliche Feindschaft herrscht. Allan war sehr tapfer im Kriege und hat durch seine Wildheit und sein geheimnisvolles Wesen großen Einfluß auf seine Landsleute. Es könnte unangenehme Folgen haben, ihn irgendwie zu kränken. Wie könnten wir uns aber davor sichern, daß diese Fehde wieder zum Ausbruch kommt?« Er schwieg und setzte dann hinzu: »Ich vergaß, daß ich schon zu Abend gegessen habe, Ihr aber habt einen Ritt bei Mondschein gemacht.« Er ließ durch einen Diener Wein und Erfrischungen bringen, über die sich Kapitän Dalgetty mit dem Appetit eines Rekonvaleszenten hermachte. »Noch liegt mir Argyles schwarzes und schimmliges Brot im Magen, und die Gerichte der Kinder des Nebels haben so wenig bei mir angeschlagen, daß ich in meiner Rüstung saß, wie ein verschrumpfter Kern in einer Nuß. Ich werde auch nicht eher das verlorene Gewicht wieder ersetzen können, als bis ich allen rückständigen Sold ausbezahlt bekommen habe.« »Laßt uns nur erst noch eine Schlacht gewinnen, nur einen Sieg noch, Major, und alle Eure Wünsche sollen erfüllt werden! Inzwischen trinkt noch einen Becher Wein!« »Auf Euer Wohlsein, Exzellenz!« rief Dalgetty. »Mögt Ihr siegen über alle Eure Feinde und besonders über Argyle!« »Schon gut!« versetzte Montrose. »Was aber die Kinder des Nebels anbelangt, so muß es selbstverständlich ein Geheimnis zwischen uns beiden bleiben, daß wir diese Sippe bei uns haben, und wozu wir sie gebrauchen.« Der Major, über dieses Zutrauen seines Generals entzückt, gab durch ein Kopfnicken sein Einverständnis kund. »Wie groß an Zahl ist Ranalds Sippschaft?« fragte Montrose. »Soviel ich weiß, sind es nur noch ihrer acht oder zehn und ein Paar Weiber –« antwortete Major Dalgetty. »Wo halten sie sich jetzt auf?« fragte Montrose. »In einem Tale drei Meilen von hier,« erwiderte der Soldat. »Sie harren dort der Befehle Eurer Exzellenz, denn ich hielt es nicht für angebracht, sie in Euer Lager zu bringen.« »Das war sehr vernünftig von Euch,« sagte Montrose. »Die Leute mögen nur bleiben, wo sie sind. Ich will ihnen Geld schicken – allerdings habe ich jetzt selber herzlich wenig.« »Wie Euer Exzellenz beliebt.« »Ranald Mac Eagh soll zwei seiner Leute aussuchen, auf die er sich verlassen kann. Er selbst und diese Männer sollen dann unsere Führer sein. Morgen bei Tagesanbruch sollen sie vor mein Zelt kommen. Hat der alte Mann noch Kinder?« »Die haben alle im Kampfe oder am Galgen ihr Ende gefunden,« versetzte der Major, »er hat aber noch einen vielversprechenden Enkel –« »Dieser Knabe soll mein Leibpage werden, ich glaube er wird soviel Verstand haben, daß er seinen Namen geheim halten kann. Der Knabe soll mir eine Geisel für die Treue seines Vaters sein. Und nun, Major Dalgetty, muß ich Euch für heute abend entlassen, morgen führt mir diesen Mac Eagh unter irgend einem Namen vor. Mein Kammerdiener wird Euch Euer Quartier anweisen.« Achtundzwanzigstes Kapitel Bei Morgengrauen empfing Montrose den alten Mac Eagh. Die Antworten, die Ranald ihm auf seine vielen Fragen erteilte, schrieb er sich auf und verglich damit die Antworten der beiden Männer, die ihm Mac Eagh als die gewandtesten und erfahrensten zuführte. Obgleich die verschiedenen Aussagen völlig übereinstimmten, befragte er doch noch zur Vorsicht die Häuptlinge, deren Besitzungen Argyleshire am nächsten lagen, und verglich nun auch deren Bescheid mit der Auskunft der Söhne des Nebels. Nunmehr fest überzeugt von der Richtigkeit der Angaben, beschloß er, vertrauensvoll darauf einzugehen. Nur in einem Punkte wich er von seiner Absicht ab. Er hielt es nicht für angebracht, den Burschen Kenneth zu seinem Pagen zu machen, er bat daher Major Dalgetty, den Knaben in seinen Dienst zu nehmen, womit dieser einverstanden war. Zur Frühstückszeit besuchte Major Dalgetty seine alten Bekannten, Lord Menteith und Allan Mac Aulay, denen er seine Abenteuer mitzuteilen wünschte. Das Wiedersehen bereitete ihnen natürlich Vergnügen, denn jede Abwechslung in ihrem gleichförmigen Soldatenleben war ihnen willkommen. Nur Allan Mac Aulay benahm sich etwas zurückhaltend, worüber Major Dalgetty natürlich ein wenig pikiert war. Ranalds Tracht aus gewürfeltem Zeug war inzwischen mit einem Anzug vertauscht worden, der, aus einem Stück verfertigt und von oben bis unten mit Schnüren besetzt, aus einer Ärmelweste mit Schößen, einer gewirkten Hose und einer Mütze aus kariertem Stoff bestand. Den Blick auf Allan Mac Aulay heftend, stellte Major Dalgetty den Sohn des Nebels vor unter dem erfundenen Namen Ranald Mac Gillihuron von Benbecula, mit dem er zusammen aus dem Kerker Argyles entronnen sei. Er lobte die Künste des Mannes im Harfen- und Zitherspiel, auch sei ihm die Gabe des zweiten Gesichts verliehen. Bei diesen Worten geriet Major Dalgetty in Verlegenheit, er stammelte und stockte, was sonst bei seiner Zungenfertigkeit gar nicht seine Art war. Hierdurch hatte er Allan Mac Aulay mißtrauisch machen müssen, hätte dieser nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwendet, gespannten Blickes in den Zügen der ihm vorgestellten Person zu lesen. Dieser feste Blick brachte Ranald derart aus der Fassung, daß er, eines Angriffs gewärtig, die Hand an seinen Dolch legte – da kam Allan Mac Aulay plötzlich auf ihn zu und reichte ihm die Hand zum Gruß. Sie setzten sich nebeneinander und unterhielten sich leise und geheimnisvoll. »Tritt das Gesicht finster vor Euern Geist?« fragte Allan seinen neuen Bekannten. »Finster wie der Schatten vor den Mond,« erwiderte Ranald, »wenn er sich auf seiner Bahn verdunkelt und Seher böse Zeiten prophezeien.« Während die beiden in ihr mystisches Gespräch vertieft waren, traten die beiden englischen Ritter in das Zelt und meldeten Angus Mac Aulay, daß sich alles für einen baldigen Marsch nach Westen bereit halten sollte. »In diesem Falle,« sagte Angus, »muß ich Befehl erteilen, daß Annot Lyle sicher transportiert wird, denn bis ins Gebiet Mac Cullum Mores ist es ein weiter und beschwerlicher Marsch.« »Ist denn Annot Lyle beim Heere?« fragte Major Dalgetty. »Gewiß,« antwortete Sir Miles Musgrave, »wir können nicht marschieren noch kämpfen, nicht vorrücken noch zurückgehen ohne diese Königin der Harfe.« »Würdet Ihr ein unschuldiges Mädchen, die Gespielin Eurer Kindheit, in Not und Elend umkommen lassen? Kein Dach ist jetzt auf der Stätte meiner Väter – unsere Ernte ist vernichtet – unser Vieh hinweggetrieben – Ihr Herren könnt Gott danken, daß Ihr nicht in einem Lande wohnt, wo unbarmherziger Krieg beständig Euer Leben und die schutzlosen Pfänder Eurer Liebe gefährdet!« Die Gesellschaft zerstreute sich, und ein jeder ging seinen besonderen Verrichtungen nach. Allan blieb einen Augenblick zurück, um Ranald Mac Eagh über eine Vision zu befragen, die ihm große Unruhe bereitete. »Öfters hatte ich die Vision eines Galen,« sagte er, »der seine Waffe in Menteiths Leib zu stoßen schien – dies ist der junge Edelmann im scharlachroten Mantel. Ich starrte hin, und meine Augen traten fast aus ihren Höhlen, aber wie sehr ich mich auch anstrengte, das Angesicht dieses Hochländers habe ich nicht sehen können. Auch kann ich mir nicht denken, wer es sein mag, obzwar mir Haltung und Gestalt bekannt vorkamen.« »Habt Ihr Euern Mantel umgekehrt?« fragte Ranald Mac Eagh. »Erfahrne Seher machen es so.« »Das tat ich,« entgegnete Allan leise, vor innerm Seelenschmerz erschaudernd. »Und wie erschien Euch dann der Schemen?« »Er hatte auch den Mantel umgedreht,« antwortete Allan leise und krampfhaft. »Dann könnt Ihr überzeugt sein, daß Ihr selber und niemand anders die Tat vollbringen werdet, die Ihr als Spukbild gesehen.« »Was habe ich voller Angst oft selber vermutet,« entgegnete Allan. »Aber das ist unmöglich! Wenn ich es selbst lesen könnte im ewigen Buche des Schicksals, ich würde es für unmöglich erklären! Wir sind Blutsverwandte und durch engste Freundschaft mit einander verknüpft – wir haben in Schlachten nebeneinander gefochten – unsere Schwerter haben gedampft vom Blute derselben Feinde – es ist unmöglich, daß ich gegen ihn den Dolch zücken sollte!« »Es steht fest, daß Ihr es tun werdet,« antwortete Ranald Mac Eagh, »wenn auch die Ursache im Dunkel der Zukunft liegt. Ihr sagt, Ihr wäret Seite an Seite mit Bluthunden Euerm Wilde gefolgt? Saht Ihr noch nie, wie Bluthunde die Zähne gegeneinander fletschten und um den Kadaver eines erwürgten Hirsches sich stritten?« »Es ist nicht wahr,« rief Allan, »nicht die Vorbedeutung des Schicksals ist es, sondern die Versuchung eines bösen Geistes der Hölle!« Mit diesen Worten ging er hinaus. Der Sohn des Nebels sah ihm mit verzückten Blicken nach. »Ha!« rief er aus. »Der Widerhaken des Pfeiles sitzt in deiner Hüfte! Freut euch, ihr Geister der Erschlagenen! Die Schwerter eurer Mörder werden sich baden im eigenen Blute!« Neunundzwanzigstes Kapitel. Am nächsten Morgen war alles bereit. In Eilmärschen erreichte Montrose den Tayfluß und überflutete mit seinen Streitkräften das romantische Tal des gleichen Namens. Die Bewohner waren Vasallen des mit Argyle nah verwandten Hauses Glenorchy. Sie vermochten keinen Widerstand zu leisten und mußten die Verwüstung wehrlos mitansehen, der ihre Häuser und Herden anheimfielen. Selbst für ein Heer unserer Zeit wäre der Marsch durch diese weite Wildnis eine schwere Aufgabe gewesen. Damals aber war noch gar keine Straße vorhanden, und die Schwierigkeit war dadurch noch gesteigert, daß schon Schnee auf den Bergen lag. Erhaben sah die in glänzendem Weiß erstrahlende Masse aus, während die dahinter liegenden Höhen in rosigem Abendrot erstrahlten. Weit über alle hinweg ragte der Ben Cruachan, die Feste der Berggeister dieser Gegend, mit seinem leuchtenden Gipfel viele Meilen weit sichtbar. Montroses Mannen ließen sich durch den erhabenen, aber doch auch furchtbaren Anblick nicht abschrecken. Hinter dem Schneegebirge winkte Raub und Rache, und das flößte ihnen Eifer ein, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Mit der Schnelligkeit von Bergbewohnern rückten die Truppen vor, und hatten bald den gefahrvollen Paß erreicht, auf dem Ranald sie führen sollte. Die schwache Menschenkraft erscheint am allerverächtlichsten im Kontrast zu erhabenen und furchtbaren Naturszenen. Montroses überall siegreiches Heer, vor dem ganz Schottland erbebte, erschien nur noch wie eine Handvoll elender Nachzügler, als der erste schauerliche Paß überwunden war. Jeden Augenblick konnten sie in den Schluchten des Gebirges versinken, deren Abgründe unter ihnen klafften. Montrose selbst bereute fast die Tollkühnheit seines Unternehmens, als er vom Gipfel der ersten erklommenen Höhe herab sein auseinander gezogenes Heer übersah. Schon waren in der Marschkolonne weite Lücken, die Verwirrung hervorriefen und Gefahr mit sich brachten. Später äußerte er oft, 200 beherzte Kerle hätten die Pässe halten und sein Heer zurückwerfen können. Um einer weitern Panik vorzubeugen, teilte Montrose sein Heer in drei Abteilungen; das erste führte der alte Ranald, das zweite Colkitto, das dritte Montrose selber. Nun konnte er von drei Seiten in die Grafschaft Argyleshire einrücken. Das erste Zeichen dieses furchtbaren Überfalls war, daß die Schäfer von den Bergen flüchteten. Ehe noch die Mannen des Clans aufgeboten waren, hatte der Feind, ihren Bewegungen zuvorkommend, sie schon niedergemacht, entwaffnet oder zerstreut. Argyle konnte sich nur durch rasche Flucht vorm Tode oder der Gefangenschaft retten. Wenn aber Argyle auch dem Gericht entging, so wurde sein Land und seine Sippe umso schwerer heimgesucht, und die Verwüstung dieses unglücklichen Landes ist oft mit Recht als ein Flecken auf dem Ehrenschild Montroses bezeichnet worden. Der Marquis war nach Edinburgh geflüchtet, um beim Parlament Klage zu erheben. Im Drang des Augenblicks war eine zahlreiche Armee unter dem gewandten und zuverlässigen General Baillie aufgeboten worden. Auch Argyle hatte in seinem Rachedurst eine beträchtliche Anzahl von Streitern gesammelt. In Dunbarton vereinigte er sich mit Baillie und rüstete sich zum Anmarsch gegen seinen Feind. Inzwischen war noch ein drittes Heer unter dem Grafen von Seaforth zusammengetreten, das Montrose von Invernesshire aus bedrohte. Nun schien Montroses Untergang gewiß, denn er war von allen Seiten von überlegenen Streitkräften eingeschlossen. Allein gerade in solchen Gefahren riß die Tatkraft und Unternehmungslust des großen Mannes seine Freunde zur Bewunderung, seine Feinde zu erstauntem Schrecken hin. Wie mit einem Zauberschlage hatte er seine verstreute Macht aus dem verheerten Lande geführt und sich nach Norden in die Gebirge von Lochaber zurückgezogen. Scharfsinnig erkannten die gegen Montrose entsandten Generäle sofort, daß ihr tatkräftiger Gegner beabsichtige, dem Grafen Seaforth eine Schlacht anzubieten, um ihn womöglich zu vernichten, ehe ihm noch Hilfe gebracht werden konnte. Sie änderten nun ihre Maßnahmen entsprechend. Baillie trennte sich von Argyle, zog an der Südseite der Grampianberge hin, rückte in die Grafschaft Angus und wollte von dort bis nach Aberdeenshire vorgehen, um Montrose aufzufangen. Argyle marschierte hinter Montrose her, um ihm, wenn er sich mit Seaforth oder Baillie in einen Kampf einließ, in den Rücken zu fallen. In diesem Zweck rückte Argyle wieder nach Inverary. Hier stand er nun an der Spitze von 3000 mutigen Kriegern. Er hatte den Oberbefehl, seine Unterbefehlshaber waren Sir Duncan Campbell von Ardenvohr und Sir Duncan Campbell von Auchenbreck – ein erfahrener, alter Soldat, aber bei Argyles unzugänglichem Wesen war es unmöglich, daß die Ratschläge seiner unerschrockenen Kommandeure zur Ausführung gelangten. Trotzdem er die Übermacht hatte, blieb er dabei, hinter Montrose herzumarschieren und ein Gefecht vorläufig zu vermeiden. Dreißigstes Kapitel Obwohl die zur Verfügung stehenden Wege schon schlecht genug waren, schlug Montrose doch noch schlechtere ein, und wie ein Rudel wilder Hirsche zog seine Schar von Gebirg zu Gebirg, von Forst zu Forst. Dabei wurden Argyles Operationen scharf überwacht, und jede Kunde über sein Verhalten dem General sofort übermittelt. Von den Strapazen des Tages erschöpft, hatte Montrose sich in einer Mondnacht zum Schlafe in einem Schuppen niedergestreckt. Kaum hatte er ein paar Stunden geschlummert – da faßte ihn jemand an der Schulter. Er sah auf und erkannte an der hohen Gestalt und der tiefen Stimme den Häuptling der Camerons. »Ich bringe Euch wichtige Meldung,« sagte der Häuptling, »steht auf und hört!« »Mac Ilduy bringt nur Wichtiges,« sagte Montrose. »Ist es gute oder schlechte Kunde?« »Wie Ihrs nehmt,« antwortete der Häuptling. »Und zuverlässig?« fragte Montrose. »Ja, sonst hätte sie Euch ein andrer Bote gebracht,« antwortete Mac Ilduy. »Hört! Mit sechs meiner Leute bin ich voraus gegangen nach Inverlochy zu, und ich stieß auf Jan von Glenoy, der als Kundschafter ausgeschickt war. Argyle ist auf dem Marsche nach Inverlochy mit 3000 auserlesenen Kriegern – dies ist meine Nachricht, sie ist zuverlässig, was sie wert ist, mögt Ihr selber abschätzen.« Er ließ sich Licht bringen und überzeugte sich bald, daß er über nicht mehr als 1200 bis 1400 verfügte, denn seine Anhänger hatten sich wieder zum größten Teil zerstreut, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen. »Ein Drittel von dem, was Argyle hat,« sagte Montrose. »Hochländer gegen Hochländer! Mit Gottes Segen für die Sache des Königs würde ich nicht zaudern, wären wir nur bloß zwei gegen einen!« »Wohl, so zaudert nicht!« sagte Mac Ilduy. »Gebt das Zeichen zum Angriff gegen Mac Cullum More, und niemand in den Tälern wird taub bleiben gegen Eure Mahnung. Ich selber würde mit Feuer und Schwert die erbärmlichen vernichten, die zurückbleiben sollten. Morgen oder übermorgen soll der Tag der Schlacht für alle sein, die sich Mac Donell oder Cameron nennen!« »Mutig gesprochen, edler Freund, wir wollen also die Häuptlinge so rasch wie möglich zusammenrufen. Ihr selbst, Mac Ilduy, sollt uns auf dem nächsten Wege dem Feinde entgegenfahren!« Bald darauf war Alarm im Lager, und alles erhob sich von der rauhen Lagerstatt. »Ich hätte mir nie träumen lassen,« sagte Major Dalgetty, als er sich von einer Schütte von Heidekraut erhob, »daß ich von einem Bette, das so hart ist wie ein Stallbesen so mißmutig aufstehen würde!« Mit diesen Worten ging er in den Kriegsrat. Hier stimmte auch er dafür, daß man zurückmarschieren und Argyle die Spitze bieten sollte. Die Häuptlinge von Glengarry, Keppoch und Lochiel sandten das feurige Kreuz ihren Vasallen, um jeden kampffähigen Mann zu dem Heere Montroses zu rufen, das nach Inverlochy vorrücken sollte. Der nachdrücklich gegebene Befehl wurde schnell und willig befolgt. Während Montrose seinen Marsch ausführte, war Argyle an der Spitze seines Heeres bis zum Fluße Loch–eil vorgerückt. Das alte Schloß Inverlochy, früher eine königliche Festung, bot ein geräumiges Hauptquartier für Argyles Heer. Im Kriegsrate äußerte Argyle seine feste Überzeugung, daß Montrose so gut wie vernichtet wäre, daß seine Truppen sich lichten mühten, sobald er auf so rauhen Pfaden weiter gen Osten rückte, daß er, wenn er weiter gen Norden rückte, dem Heere Seaforths nicht entrinnen könne; wenn er aber Halt machen würde, so wäre er dem Angriffe von drei Heeren auf einmal ausgesetzt. »Ich kann keinen Geschmack an dem Plane finden, daß wir so wenig bei der Vernichtung James Grahams mitwirken sollen, mich verlangt danach, Blutstropfen gegen Blutstropfen mit ihm abzurechnen. Mir paßt es nicht, daß für solche Schulden ein dritter Abrechnung halten soll.« »Da nehmt Ihrs zu genau,« sagte Argyle, »was hat es zu sagen, durch wessen Hand Grahams Blut vergossen wird? Vor allem ist es Zeit, daß keines mehr von den Söhnen von Diarmid fließe. Was meint Ihr dazu, Ardenvohr?« »Ich meine, Mylord, Auchenbreck wird Gelegenheit erhalten, persönlich mit Montrose abzurechnen. Unsere Vorposten haben gemeldet, die Camerons zögen ihre ganze Macht am Rande, des Ben–nevis zusammen. Daraus geht nicht hervor, daß sie den Rückzug zu decken, sondern daß sie sich dem Heere Montroses anzuschließen beabsichtigten.« »Jedenfalls verfolgen sie den Plan, uns anzulocken,« sagte Argyle. »Montrose beabsichtigt sicher, unsere Vorposten anzugreifen oder sich morgen mit uns in Plänkeleien einzulassen.« »Ich habe Kundschafter nach jeder Richtung ausgesandt,« sagte Sir Duncan, »und wir werden bald hören, wo und in welcher Absicht der Feind sich zusammenziehen, wird.« Einunddreißigstes Kapitel In später Stunde erst, als der Mond schon aufgegangen war, trafen die Nachrichten ein. Gleich darauf war Alarm im Lager und im Schlosse. Von den Kundschaftern, die Ardenvohr ausgesandt hatte, brachten einige nur unverbürgte Mitteilungen über Truppenbewegungen im Lande der Camerons. Andere, die sich weiter gewagt hatten, waren in einen Hinterhalt gefallen und erschlagen worden. Die Vorhut Montroses stieß mit den Vorposten Argyles zusammen, beide tauschten ein paar Musketenschüsse aus und zogen sich dann auf ihr Gros zurück, um Meldung zu erstatten und weiteren Befehl zu empfangen. Sir Duncan Campbell und Auchenbreck revidierten unverzüglich die Vorposten, und Argyle als Oberbefehlshaber machte seiner Stellung einigermaßen Ehre, indem er seine Truppen geschickt in der Ebene aufstellte, weil ein Überfall bei Nacht oder ein Angriff am frühen Morgen sicher zu gewärtigen stand. Montrose hatte sich so vorsichtig in den Schluchten verborgen, daß Sir Duncan und Auchenbreck trotz aller Bemühungen keine genauen Erkundigungen über die Zahl seiner Streitkräfte einziehen konnten. Das jedoch konnten sie erkennen, daß er bedeutend schwächer sein mußte als sie. Sie teilten Argyle ihre Beobachtungen mit, der aber gar nicht glauben wollte, daß Montrose selber zugegen wäre. Dies wäre seiner Meinung nach eine Anmaßung, die selbst James Graham in seinem wahnwitzigen Dünkel nicht zuzutrauen wäre. Er glaubte, nur seine alten Feinde, Glenco Keppoch und Glengarry vor sich zu haben. Argyles Anhängen dürsteten nach Rache für das Ungemach, das ihrem Lande zugefügt worden war. Die Nacht verbrachten sie in der gespannten Hoffnung, mit Tagesanbruch Vergeltung üben zu können. Die Vorposten beider Heere hielten sorgfältig Wacht, und Argyles Streiter schliefen in Gefechtsbereitschaft. Kaum rötete das erste Dämmerlicht die Gipfel der riesigen Berge, da rüsteten sich schon die Führer beider Heere zum Kampfe. Es war am zweiten Februar. Argyles Heer stand in zwei Treffen zwischen dem Fluß und dem See in gewaltiger Schlachtordnung. Auchenbreck war dafür, den Angriff selber zu eröffnen; aber Argyle in seiner vorsichtigen Manier entschloß sich, abzuwarten. Bald verkündeten Signale, daß der Feind zum Angriff vorging. Von der Schlucht des Passes her erscholl ein lauter Trompetenstoß – jenes alte Signal, womit nach schottischer Sitte des Königs Banner begrüßt wurde. »Nun hört Ihrs, Mylord,« sagte Sir Duncan Campbell, »daß jener Mann, der sich zum Stellvertreter des Königs aufwirft, selber dabei ist.« Argyle antwortete nicht; er sah auf seinen Arm, den er in der Binde trug; denn er war am Tage vorher mit dem Pferde gestürzt. »Ihr selbst, Mylord,« fiel Ardenvohr sofort beflissen ein, »seid allerdings nicht imstande, Degen oder Pistole zu führen. Ihr müßt an Bord Eurer Galeere zurückkehren; denn Euer Leben ist uns kostbarer als das eines Häuptlings.« »Nein,« versetzte Argyle, im Zwiespalt zwischen Stolz und Unschlüssigkeit, »nie soll man sagen können, ich sei vor Montrose geflüchtet. Wenn ich auch nicht fechten kann, so will ich doch inmitten meiner Kinder sterben.« Auch andere Häuptlinge beschworen ihr Stammesoberhaupt, den Oberbefehl an diesem Tage an Ardenvohr abzutreten, und diesem Drängen gab Argyle schließlich nach. Es soll ihm nicht der Vorwurf der Feigheit gemacht werden, denn wenn er sich auch in seinem Leben durch keine Tat der Tapferkeit ausgezeichnet hat, so hat er doch bei seinem Tode auf dem Schafott Fassung und Würde bewahrt. Hier möge seine Handlungsweise nur aus Unschlüssigkeit erklärt sein; denn in der Geschichte hat man viele Beispiele weit tapferer Männer, die für ihre Selbsterhaltung sorgten, wenn die Versuchung zu nahe an sie herantrat. Auchenbreck trat unter die Soldaten und ermahnte sie, ihres alten Ruhmes, ihrer Überlegenheit und der Schmach, die sie zu rächen hätten, eingedenk zu sein. So flößte er ihnen ein wenig von dem Feuer ein, das in seinem eigenen Herzen glühte. Argyle ließ sich inzwischen langsam und scheinbar mit Widerstreben an Bord einer Galeere führen, von wo aus er wohlgeborgen dem nun sich abspielenden Kampfe zusehen konnte. Jetzt erklang ein lauter Schlachtruf. Es war dem Feinde nicht entgangen, daß Argyle selber sich zurückgezogen hatte. »Sie bringen ihr kostbares Oberhaupt in Sicherheit,« sagte Montrose mit bitterem Lächeln. »Es soll sogleich zum Angriff geblasen werden! Glengarry, Keppoch, Mac Vourigh, auf zum Kampfe! Major Dalgetty, reitet zu Mac Ilduy, er soll so heiß angreifen, wie er Lochaber liebt! Ihr selbst bringt die Reiterei zu meiner Fahne, sie soll mit den Irländern zur Reserve!« Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Trompeten und Dudelsäcke, die lärmenden Vorboten von Blut und Tod, gaben vereint das Zeichen zur Schlacht, das in den Gebirgsschluchten lautes Echo fand und von mehr als 2000 Kriegern wiederholt wurde. In drei Treffen drangen Montroses Truppen aus den Pässen hervor und warfen sich tollkühn auf den Feind. Hinter diesen Angriffskolonnen marschierten als Reserve die Irländer unter Colkitto. Dort befand sich die Fahne des Königs und Montrose selbst. Fünfzig Reiter unter Dalgetty standen an den Flanken. Die Hochländer griffen mit der sprüchwörtlichen ingrimmigen Tollheit ihrer Clans an, aber der Feind widerstand ihrem Angriff mit größter Tapferkeit. Die königstreuen Clans gingen zum Handgemenge über und es gelang ihnen, an zwei Punkten die Stellung des Feindes zu erschüttern. Für eine reguläre Truppe wäre hiermit der Sieg errungen gewesen. Hier aber standen Hochländer gegen Hochländer, die einander an Ausrüstung und Streitbarkeit ebenbürtig waren. Es entspann sich ein verzweifelter Kampf. Schwerter, Streitäxte und Schilde krachten widereinander, dazwischen erscholl das kurze wilde Jauchzen, das der Hochländer in jedem Kampfe anstimmt. Viele von denen, die sich hier als Feinde gegenüberstanden, kannten einander persönlich und suchten sich nun durch haßerfüllte Zurufe zu überbieten. Niemand wollte auch nur einen Zoll weichen, und wo einer stürzte – und deren waren viele auf beiden Seiten – da sprang sofort ein anderer an den gefährdeten Platz. Ein Dampf wie aus einem Kochkessel stieg in die dünne frostige Luft und schwebte über den Streitern. Auf dem rechten Flügel gewann Sir Duncan von Ardenvohr durch militärische Gewandtheit sowie durch seine Übermacht ein wenig Terrain. Er hatte bei Beginn des Kampfes den äußersten Flügel seiner Stellung schräg vorwärts geschoben und hatte so die Angreifer in der Front und von der Flanke zugleich in Feuer genommen. Sein Vorteil wurde ihm aber wieder entrissen, indem die irische Reserve in die gelichteten Reihen einrückte und ihn durch wirksames, gut unterhaltenes Feuer wieder zurückwarf. Inzwischen war es Montrose gelungen, mit der Reiterei die rechte Flanke des Feindes zu umfassen und ihm in den Rücken zu fallen. Die Wirkung der jähen Trompetenstöße und der galoppierenden Pferde läßt sich nicht beschreiben. Als der Feind plötzlich seine Reihen durchbrochen und den Gegner in seiner Mitte sah, entstand eine allgemeine Panik. Der Anblick des Majors Dalgetty allein, der mit seiner undurchdringlichen Rüstung angetan, sein Pferd hin und her springen ließ, jagte die Leute in Schrecken, die noch nie einen derartigen Reiter erblickt hatten. Der Kampf war für Argyles Heer nicht länger zu halten, die Reihen lösten sich in Flucht auf. Auchenbreck selbst fiel bei einem tapferen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen. Mit fruchtlosem Heldenmute versuchte der Ritter von Ardenvohr mit 200 bis 300 Mann – sämtlich Herren von hohem Stande – die wilde Flucht zu decken. Ihr Mut wurde ihnen zum Verhängnis, sie wurden auseinandergeworfen und schienen schließlich dem Heldentode nicht mehr entrinnen zu können. »Ergebt Euch, Sir Duncan,« rief Major Dalgetty, seinen Wirt erkennend, und ritt mit erhobenem Schwerte auf ihn zu. Sir Duncan antwortete mit einem Pistolenschüsse, der zwar nicht den Reiter, aber sein edles Schlachtroß Gustavus traf, das ins Herz getroffen zu Boden stürzte. Ranald Mac Eagh, der gleichfalls Sir Duncan angegriffen hatte, benutzte die Gelegenheit, als dieser sich, um die Pistole abzufeuern, von ihm wegwandte, und schlug ihn mit einem Schwertstreich nieder. In diesem Augenblick kam Allan Mac Aulay herzu. »Schurken!« rief er. »Wer hat dies getan? Gab ich nicht ausdrücklich Befehl, den Ritter von Ardenvohr lebendig zu fangen?« Ein halb Dutzend Kerle, die damit beschäftigt waren, den gefallenen Ritter zu plündern, ließen von ihrem Treiben ab und bezeichneten Ranald als den Täter. »Hund von einem Inselbewohner!« rief Allan aus. »Folgt den andern und laßt ab von dem Gefangenen, wenn Ihr nicht von meiner Hand sterben wollt!« Sie waren jetzt beide allein, denn Allans Drohungen hatten Ranalds Genossen verscheucht. Der günstige Augenblick ließ Mac Eaghs Rachsucht auflodern. »So gut Ihr mir droht, ich solle von Eurer Hand fallen, die freilich schon rot ist vom Blute meiner Anverwandten,« rief Ranald herausfordernd, »so gut könnt Ihr durch meine Hand fallen!« Mit diesen Worten hieb er auf Allan ein, daß dieser kaum Zeit hatte zu parieren. »Schurke!« rief Allan erstaunt, »was soll das?« »Ich bin Ranald, ein Sohn des Nebels!« war die Antwort, und ein zweiter Schwertstreich folgte. Nun entspann sich zwischen beiden ein wilder Zweikampf. Das Schicksal schien es so bestimmt zu haben, daß Allan Mac Aulay seine Mutter an dem wilden Stamme vollgiltig rächen solle. Nach wenigen gewechselten Klingen erhielt Ranald eine tiefe Kopfwunde und stürzte. Allan Mac Aulay setzte ihm den Fuß auf die Brust und wollte ihm eben das Schwert in den Leib stoßen, als die Spitze seiner Waffe von einem Dritten weggestoßen wurde, der in diesem Augenblick herzutrat. Dies war niemand anders als Major Dalgetty, der, erst vom Sturze seines Pferdes betäubt, inzwischen seine Besinnung wieder erlangt hatte. »Hebt Euer Schwert auf!« sagte er zu Allan Mac Aulay, »und fügt diesem Manne kein Leid weiter zu! Er steht unter meinem Geleit und unter dem Schutze und im Dienst Sr. Exzellenz!« »Narr!« rief Allan, »geht und wagt Euch nicht zwischen den Tiger und seine Beute!« Dalgetty ließ sich nicht abschrecken, schritt über Mac Eagh hinweg und gab Allan zu verstehen, wenn er sich einen Tiger nenne, so könne er leicht einem Löwen begegnen. Eine Handbewegung und diese herausfordernden Worte genügten, die Kampfeswut Allans auf ihn zu richten. Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Kampf zwischen Allan und Mac Eagh war nicht aufgefallen, denn den letztern kannten nur wenige; der Kampf zwischen Allan und Dalgetty jedoch, die jedermann genau kannte, erregte sofort Aufsehen. Glücklicherweise kam auch Montrose herbei, und als er Mac Eagh auf dem Boden liegen und Dalgetty mit Allan fechten sah, sprengte er herbei, um dem Zwist ein Ende zu machen. »Schämt Euch, Ihr Herren!« riet er aus. »Auf einem so glorreichen Felde des Sieges Händel zu treiben! Seid Ihr von Sinnen? oder seid Ihr berauscht von dem Ruhme dieses Tages?« »Es ist nicht meine Schuld,« sagte Dalgetty; ich bin als bueno camerado in allen Heeren Europas bekannt; wenn aber jemand den Mann antastet, der unter meinem sichern Geleit steht –« »Und wenn einer,« fiel Allan ihm ins Wort, »mich an einer gerechten Rache zu hindern wagt –« »Schämt Euch, Ihr Herren!« wiederholte Montrose. »Ich habe wichtigeres für Euch beide zu tun. Ihr, Major Dalgetty kniet nieder –« »Was! Ich soll knien?« rief Major Dalgetty. »Im Namen des Königs und seines Stellvertreters!« rief Montrose. Als Dalgetty sich mit Widerstreben fügte, berührte ihm Montrose die Schulter mit der flachen Degenklinge und sprach: »Im Namen und in Vollmacht unsers Königs und zur Belohnung für Eure Tapferkeit in dieser Schlacht gebe ich Euch den Ritterschlag! Seid tapfer, treu und glücklich! Und nun, Sir Dugald Dalgetty, verseht Euern Dienst! Sammelt Eure Reiter und verfolgt den Feind, wagt Euch aber nicht zu weit! Aufs Pferd, Sir Dugald!« »Was für ein Pferd soll ich besteigen?« rief der neugebackne Ritter. »Mein Gustavus liegt auf dem Felde der Ehre.« Montrose stieg ab. »Mein eigenes Pferd schenke ich Euch,« sagte er. »Führt nur die Aufträge aus, deren Ihr Euch in so vorzüglicher Geschicklichkeit entledigt.« Unter Danksagungen bestieg Sir Dugald das ihm so freigiebig überlassene Pferd und ritt davon. »Und Ihr, Allan Mac Aulay,« wandte sich Montrose an den Hochländer, der mit zur Erde gesenktem Schwert der Feierlichkeit des Ritterschlags mit Hohn zugesehen hatte – »Euch, der Ihr den gewöhnlichen Menschen weit überlegen seid – der Ihr bei Eurer tiefen Wissenschaft mir ein wertvoller Ratgeber seid – Euch finde ich im Kampfe mit einem Manne wie Dalgetty. – Dieser Sieg soll ausgenutzt werden, um Seaforth für unsere Partei zu gewinnen. Er ist nicht aus Untreue, sondern weil er an der guten Sache verzweifelt, zu den Gegnern übergegangen. Jetzt ist er vielleicht zu bestimmen, sich mit uns zu vereinigen. Ich will meinen tapferen Freund, den Oberst Hay, zu ihm entsenden; aber ein Edelmann aus den Hochlanden von hohem Range muß mit ihm gehen. Dieser Mann muß Fähigkeit und Einfluß besitzen, um Eindruck auf ihn zu machen. Ihr seid die geeignetste Person, Ihr kennt jeden Paß und jedes Tal im Hochland und auch die Sitten jedes Stammes. Geht daher zu Hay, er hat seine Unterweisung und harret Eurer. Seid sein Führer, Dolmetsch und Gefährte.« Allan Mac Aulay sah den Grafen finster und durchdringend an, wie um zu erforschen, ob er aus geheimen, nicht angegebenen Gründen zu dieser Sendung bestimmt wurde. Montrose, der es wohl verstand, andre Beweggründe zu durchschauen, war ebenso ein Meister darin, seine eignen Absichten zu verbergen. In diesem Moment der entflammten Leidenschaft mußte Allan auf jeden Fall auf eine zeitlang aus dem Lager entfernt werden, damit Montrose, wie seine Ehre es gebot, die Männer in Sicherheit bringen konnte, die ihm zu Führern gedient hatten. Den Zwist Dalgettys mit Allan hoffte er dann leicht ausgleichen zu können. Allan empfahl nur noch Sir Duncan Campbell der Sorge Montroses. Dieser ließ den Verwundeten in Sicherheit bringen und sorgte auch dafür, daß Mac Eagh unter die Obhut einer Abteilung Irländer kam. Dann bestieg er ein neues Pferd und ritt fort, um sich am Anblick seines Sieges zu weiden, der entscheidender war, als seine kühnsten Hoffnungen es erwartet hatten. Argyles Heer von 3000 tapfern Kriegern war in der Schlacht und auf der Flucht auf die Hälfte reduziert worden. Die Flüchtlinge waren auf jenen Teil der Ebene gedrängt worden, wo zwischen dem See und dem Fluß jeder weitere Rückzug versperrt war. Hunderte wurden in den See getrieben und ertranken. Von denen, die mit dem Leben davon gekommen waren, hatte ein Teil sich schwimmend über den Fluß gerettet, ein andrer Teil hatte sich in das alte Schloß Inverlochie geflüchtet. Da sie aber keine Vorräte hatten, mußten sie sich ergeben auf die Zusicherung freien Abzuges. Waffen, Munition, Fahnen und Bagage fielen den Siegern zur Beute. Dies war der schwerste Schlag, von dem der Stamm von Diarmid – wie die Campbells in den Hochlanden genannt wurden – je betroffen wurde. Aber der schwere Verlust war nach Ansicht vieler Häuptlinge nichts gegen die Schande, die in dem schimpflichen Benehmen ihres Oberhauptes gelegen habe. Als die Schlacht verloren war, lichtete die Galeere die Anker und fuhr, so schnell Ruder und Segel sie zu bewegen vermochten, den See hinab. Vierunddreißigstes Kapitel Montrose selber hatte seinen glänzenden Sieg über seinen Rivalen gleichfalls mit Verlusten bezahlen müssen, wenn sie auch nicht den zehnten Teil der gegnerischen betrugen. Manchem tapfern Manne hatte die zähe Tapferkeit der Campbells das Leben gekostet. Mehr noch waren verwundet, darunter Lord Menteith, wenn auch nicht schwer. Mit froher, wenn auch etwas leidender Miene überreichte er seinem Feldherrn das Banner Argyles, das er mit eigner Hand dem Fahnenträger entrissen hatte. Montrose liebte seinen edeln Vetter, dessen angeborne Ritterlichkeit er hochschätzte. »Mein edler tapfrer Vetter!« rief er und drückte ihn an die Brust. Und diese schlichten Worte innig empfundenen Lobes erfüllten Menteith mit wärmerer Freude, als es die Anerkennung am Throne eines Fürsten vermocht hätte. »Ich habe nun nichts weiter zu verrichten, Mylord,« sagte er. »Nur eine Pflicht der Menschlichkeit gestattet mir zu vollbringen – wie ich höre, ist der Ritter von Ardenvohr schwer verwundet und gefangen?« »Und da ist ihm durchaus nach Verdienst geschehen«, sagte Dugald Dalgetty, der in diesem Augenblick herzutrat, »denn er hat meinen armen Gustavus erschossen.« »Wir müssen Euch also unser Beileid über Euern Verlust aussprechen,« sagte Lord Menteith. »So ist es, Mylord,« erwiderte der Soldat, tief seufzend. »Und ich will jetzt den Resten meines alten Waffengefährten einen Besuch abstatten.« »Wollt Ihr ihm ein feierliches Begräbnis zuteil werden lassen?« fragte der Marquis. »Das freilich nicht,« antwortete Dalgetty; »ich verfolge dabei einen weniger romantischen Zweck. Ich will mich mit den Vögeln des Himmels in die Erbschaft des armen Gustavus teilen und ihm die Haut abziehen, die ich in liebevoller Erinnerung zu Wams und Beinkleidern verarbeiten lasse, da es um mein Unterzeug zurzeit sehr schlecht bestellt ist.« »Dann möchte ich Euch raten,« sagte Lord Menteith, »Euch nach der Bagage des Feindes zu begeben. Ich selber habe gesehen, wie einer dort einen prächtigen Anzug aus Büffelleder, mit Seide und Silber gestickt, herausgenommen hat.« »Voto, a dios , wie der Spanier sagt!« rief Ritter Dugald aus. »Und irgend ein Bettelbube wird sich ihn aneignen, während ich hier stehe und plaudere.« Er gab seinem neuen Pferde die Sporen und jagte über das Schlachtfeld. »Da reitet er hin, der Hund!« sagte Menteith, »und zerschmettert manchem Manne, der zehnmal mehr wert ist als er, mit seinen Hufschlägen das Gesicht und zerstampft die Leichen. Er ist so erpicht auf seine schmutzige Beute wie der Geier auf Aas. Aber die Welt, nennt diesen Menschen einen Soldaten – und Ihr, Mylord, haltet ihn für würdig der Ehre der Ritterschaft und hängt die Kette des Rittertums um den Hals eines Bluthundes.« »Was blieb mir übrig?« entgegnete Montrose. »Knochen, die ich ihm hätte vorwerfen können, hatte ich nicht; und irgendwie mußte ich ihn bestechen. Außerdem hat der Hund auch seine guten Eigenschaften. Es hat auch seinen Vorteil, Soldaten unter sich zu haben, auf deren Beweggründe und Triebfedern man mit mathematischer Gewißheit rechnen kann.« Nach diesen Worten sprang er plötzlich von seinem Gegenstande ab und fragte, wann Menteith zum letztenmal Annot Lyle gesehen habe. »Gestern abend,« antwortete der junge Lord errötend. »Und dann nur einen flüchtigen Augenblick kurz vor der Schlacht.« »Mein teurer Freund,« sagte Graf Montrose in wohlwollendem Tone, »wir sind hier im Lande der Verzauberung, wo aus den Haarflechten der Frauen Netze, fest wie Stahl, geflochten werden. Und Ihr seid ein Ritter, wie geschaffen für solche Fesseln. Dieses arme Mädchen ist sehr schön und begabt und macht Eindruck auf Euer romantisches Empfinden. Ihr könnt nicht daran denken, ihr weh zu tun – aber Ihr könnt auch nicht daran denken, sie heimzuführen.« »Mylord, Ihr habt schon öfters so gesprochen – ich kann es nur für Scherz halten –«, antwortete Lord Menteith. »Annot Lyle ist von unbekannter Herkunft – wahrscheinlich die Tochter eines Räubers – sie lebt von der Gastfreundschaft der Mac Aulays.« »Verübelt mirs nicht, Menteith,« fuhr der Graf fort. »Ich würde Euch vielleicht gar nicht damit behelligen, wenn es sich nur um Euch und Annot Lyle handelte. Aber Ihr habt einen sehr gefährlichen Nebenbuhler in Allan Mac Aulay, und man kann nicht wissen, wie weit er in seinem Groll gehen könnte. Es ist meine Pflicht, Euch zu sagen, daß jeder persönliche Zwist für den Dienst des Königs von Nachteil ist.« »Ich weiß, Mylord, daß Ihr es gut mit mir meint,« antwortete Menteith, »und ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch die Versicherung gebe, daß ich, mit Allan Mac Aulay hierüber gesprochen habe. Ich habe ihm erklärt, irgendwelche schnöden Absichten inbezug auf diese Name wären meinem Charakter nicht entsprechend. Jeder ernste Gedanke aber sei infolge ihrer niedern Herkunft völlig ausgeschlossen. Freilich will ich Eurer Lordschaft nicht verhehlen, daß Annot Lyle meinen Namen und Rang teilen würde, wenn sie von hohem Stande wäre. So aber ist es unmöglich. – Doch Eure Lordschaft muß entschuldigen, ich habe da eine kleine Schramme.« Mit diesen Worten blickte er auf seinen Arm, den er mit einem Schnupftuch verbunden hatte. »Eine Wunde?« fragte Montrose ängstlich; »laßt mich sehen. Ich hätte wohl nichts davon erfahren, wenn ich nicht eine tiefere schmerzlichere Wunde berührt hätte. Menteith, Ihr dauert mich – auch ich habe es kennen gelernt – doch was hülfe es, den alten Schmerz zu wecken, der sich schon lange nicht mehr geregt hat?« Mit diesen Worten drückte er seinem edeln Vetter die Hand und begab sich ins Schloß. Fünfunddreißigstes Kapitel. Wie das in den Hochlanden nicht zu den Seltenheiten gehörte, verstand Annot Lyle mit Arzeneien umzugehen und war in der wundärztlichen Tätigkeit bewandert. Wie begreiflich war die Arzneikunde oder die Medizin als Wissenschaft und Kunst für sich ganz unbekannt. Die ärztliche Behandlung, die geübt wurde, lag in der Hand der Frauen. Bei ihrer Sorgfalt und Aufmerksamkeit war Annot Lyle mit ihren Dienerinnen und den ihr unterstellten Personen während dieses Feldzuges mit großem Erfolg tätig gewesen. Wo sie nur immer von nutzen sein konnte, ließ sie ihre Hilfe Freunden und Feinden bereitwillig zuteil werden. Augenblicklich weilte sie im Schlosse, wo unter ihrer Leitung Arzeneien aus Kräutern gegen Verwundungen angefertigt wurden. Während sie sich von ihren Frauen über die ihrer Sorgfalt anvertrauten Verwundeten berichten ließ und alles verteilte, was zu deren Heilung vorhanden war, trat plötzlich Allan Mac Aulay ins Zimmer. Sie fuhr auf; denn sie hatte gehört, daß er als Gesandter abgeschickt worden sei. Obgleich sie es gewöhnt war, bei ihm ein finsteres Gesicht zu sehen, so schien doch auf seinen Zügen jetzt ein noch tieferer Schatten zu liegen als sonst. »Ich glaubte,« sagte sie mit mühsamem Tone, »Ihr wäret schon fort.« »Mein Reisegefährte wartet auf mich,« sagte Allan. »Ich gehe gleich.« Dennoch blieb er vor ihr stehen und erfaßte ihren Arm mit einem Griff, der ihr zwar keinen Schmerz bereitete, an dem sie aber doch seine große Kraft verspüren konnte, denn seine Hand hielt sie wie die Klammer einer Zange. »Soll ich die Harfe holen?« fragte sie furchtsam. »Senken sich wieder die Schatten auf Euch nieder?« Er antwortete nicht, sondern führte sie ans Fenster des Gemaches, von dem aus das Schlachtfeld mit all seinen Greueln zu übersehen war. Es war besät mit Toten und Verwundeten, und Marodeure waren damit beschäftigt, den Opfern des Krieges die Kleider vom Leibe zu reißen. »Gefällt Euch das Bild?« fragte Allan. »Es ist entsetzlich,« entgegnete Annot, die Hände vor die Augen schlagend. »Wie könnt Ihr mich auffordern, dorthin zu schauen!« »Ihr müßt Euch abhärten, da Ihr doch bei diesem dem Untergange geweihten Heere weilt. Auf solchem Schlachtfelde werdet Ihr den Leichnam meines Bruders suchen – auch den Menteiths – auch meinen – doch dies wird Euch einerlei sein – Ihr habt mich doch nicht lieb?« »Es ist das erstemal, daß Ihr mich der Lieblosigkeit zeiht,« sagte Annot weinend. »Ihr seid mein Bruder – mein Erretter – mein Beschützer – muß ich Euch nicht lieb haben? Noch die Stunde der Finsternis kommt über Euch – soll ich die Harfe holen?« »Bleibt,« sagte Allan und hielt sie noch immer fest; »ob nun meine Visionen aus dem Himmel oder der Hölle oder aus der Sphäre körperloser Geister stammen – oder mögen sie nichts sein als die Täuschungen einer überhitzten Phantasie – ich bin jetzt frei von ihrem Einfluß und rede die Sprache der sichtbaren Naturwelt. Ihr habt mich nicht lieb, Annot – Menteith liebt Ihr – und er liebt Euch wieder – Allan aber gilt Euch nicht mehr als die vielen Leichen, die dort auf der Heide liegen.« Es ist nicht anzunehmen, daß was diese seltsamen Worte enthielten, dem Mädchen etwas Neues war. Es hat noch nie ein Weib gegeben, das nicht unter den gleichen Umständen den Zustand ihres Verehrers erkannt hätte. Indem Allan aber plötzlich den Schleier – so dünn er auch gewesen sein mochte – hinwegriß, sah sie schon die Folgen vor sich, die bei dem Ungestüm seines Wesens furchtbar sein mußten. Sie versuchte, seinen Verdacht zurückzuweisen. »Ihr vergeht,« sagte sie, »was ihr Euerm Seelenadel selber schuldig seid, indem Ihr ein so hilfloses Mädchen beleidigt, das vom Schicksal Euch ganz in die Hand gegeben worden ist. Ihr wißt, wer ich bin und wie unmöglich es ist, daß Menteith oder Ihr die Sprache der Liebe zu mir reden dürftet. Ihr wißt, aus welchem unglückseligen Stamm vermutlich ich bin.« »Ich kann das nicht glauben,« sagte Allan. »Nie floß ein Kristalltropfen aus unreiner Quelle.« »Und selbst wenn Ihr daran zweifelt, dürft Ihr so nicht zu mir reden.« »Ich weiß, daß dadurch eine Schranke zwischen uns ist – ich weiß aber auch, daß Ihr deswegen doch nicht von Menteith getrennt seid – hört mich denn, geliebte Annot, verlaßt diesen Platz der Gefahr und des Greuels – ich will Euch in das Haus der edeln Dame Seaforth geleiten –« »Wie könnt Ihr solches von mir verlangen?« versetzte Annot. »Nein, ich will hier bleiben unterm Schutz des edeln Montrose, und wenn wir uns dem Flachlande nähern, so werde ich Gelegenheit finden, Euch vom Anblick eines Mädchens zu befreien, das Euch ein Dorn im Auge geworden ist – obgleich es nicht weiß, weshalb?« Allan stand zwischen Mitgefühl und Zorn seltsam bewegt. »Annot,« sagte er, »Ihr, wißt selbst am besten, wie sehr das, was Ihr sagt, im Widerspruch steht zu dem, was ich für Euch empfinde. Ihr freut Euch aber darüber, daß ich abreise, denn nun könnt Ihr ungestört mit Menteith verkehren, ohne daß ein Spion Euch bewacht. Noch seid beide auf der Hut!« setzte er in finsterem Tone hinzu. »Denn wer hatte je gehört, daß Allan Mac Aulay geschmäht worden sei, ohne daß er zehnfache Buße dafür gefordert hatte.« Mit diesen Worten drückte er ihr heftig den Arm, zog die Mütze in die Stirn und ging hinaus. Sechsunddreißigstes Kapitel Annot Lyle sah jetzt den Abgrund vor sich, den die Liebeserklärung Allans und seine glühende Eifersucht vor ihr aufgetan hatte. Ihr war, als taumle sie am Rande ihres Unterganges, jeder Rettung und jeder menschlichen Hilfe entrückt. Schon lange Zeit wußte sie, daß sie Lord Menteith inniger als einen Bruder liebte. Allein ihre Zuneigung war von jener stillen, schüchternen, sinnigen Art, die sich mehr am Glück des geliebten Mannes freut, als für sich selbst große Ansprüche und Hoffnungen stellt. Durch Allans Erklärung wurde ihr romantischer Plan, im geheimen ihre Liebe zu hegen, ohne nach Erwiderung zu trachten, vereitelt. Schon lange fürchtete sie Allan – jetzt betrachtete sie ihn voller Entsetzen; denn sie kannte ja seinen Charakter. Wie edelmütig er sonst auch war, so wußte sie doch nur zu gut, daß er sich in seinem Ungestüm nie Zwang antat. Wie ein gezähmter Löwe, dem niemand zu widersprechen wagte, schritt er im Hause seiner Väter umher. Wie viele Jahre waren dahingegangen, seit ihm je einmal nicht der Wille geschehen war, oder seit irgendwer einen Wortwechsel mit ihm begonnen hatte. Und hätte er nicht – abgesehen von den Zeitpunkten, wo die mystische Stimmung ihn befiel – gesunden Menschenverstand besessen, so hätte er die Plage und der Schrecken seiner ganzen Umgebung sein müssen. Annot Lyle hatte jedoch nicht Muße, ihren Gedanken nachzuhängen; denn in diesem Augenblick trat Sir Dugald Dalgetty bei ihr ein. »Annot Lyle,« begann der alte Kriegsmann, »ich möchte Euch bitten, daß Ihr einen meiner Brüder im Rittertum, der in der heutigen Schlacht schwer verwundet worden ist, einmal aufsucht und ihm durch Eure Magd Arzeneien bringen laßt, denn die Wunde scheint – wie die Gelehrten sagen – ein damnum totale zu sein.« Wenn es den Dienst der Barmherzigkeit galt, zauderte Annot Lyle nie. Sie fragte schnell nach der Beschaffenheit der Wunde, und da sie Anteil an dem würdigen alten Häuptling nahm, den sie in Darnlinvarach kennen gelernt hatte, und dessen sie sich noch aufs lebhafteste erinnerte, so bemühte sie sich, ihren eigenen Schmerz über der Aufgabe, andern zu helfen, wieder auf kurze Zeit zu vergessen. Sir Dugald führte Annot Lyle in das Zimmer, wo der Kranke lag. Dort fand sie zu ihrem Erstaunen auch Lord Menteith. Sie errötete unwillkürlich – aber um ihre Verwirrung zu verbergen, untersuchte sie schnell, die Wunde des Ritters von Ardenvohr und erkannte sogleich, daß es hier mit ihrer Kunst nicht mehr getan sei. Sir Dugald ging inzwischen in ein großes Nebengebäude, wo auf dem Fußboden unter andern Verwundeten Ranald Mac Eagh lag. »Mein alter Freund,« sagte der Ritter, »ich will, wie ich Euch schon sagte, gern alles tun, um Euch gefällig zu sein, damit ich Euch für die Wunde entschädige, die Ihr empfangen habt, während Ihr noch unter meinem sichern Geleit standet. Ich habe daher Annot Lyle hergesandt, damit sie nach Sir Duncans Wunde sehen soll, obgleich es mir nicht ganz einleuchtet, was Ihr davon haben solltet. Und nun, guter Sohn des Nebels, könnt Ihr mir nicht sagen, was aus Euerm hoffnungsvollen Sprößling geworden ist? Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er mir vor der Schlacht die Waffen anlegen half. Der bummlige Schlingel verdient die Peitsche.« »Er ist nicht weit,« antwortete der verwundete Räuber – »hebt nicht die Hand wider ihn, denn er ist Mannes genug, Euch für eine Elle lederner Geißel einen Fuß harten Stahles zurückzugeben.« »Nehmt nur das Maul nicht gar so voll,« sagte Sir Dugald. »Da ich Euch aber für einige Gefälligkeiten Dank schuldig bin, so will ich darüber hinwegsehen.« »Wenn Ihr mir Dank zu schulden meint,« entgegnete Ranald, »so könnt Ihr mir einen Gegendienst erweisen. Sorgt dafür, daß ich in das Zimmer getragen werde, wo Annot Lyle bei dem Ritter von Ardenvohr weilt. Ich habe beiden etwas Wichtiges zu sagen.« »Es verstößt freilich gegen die Standesordnung,« sagte Dalgetty, »einen verwundeten Räuber zu einem Ritter zu bringen; denn die Ritterschaft war früher schon und ist auch heute noch die höchste militärische Würde; da aber der Gegendienst, den ihr verlangt, an sich gering ist, so will ich ihn erfüllen.« Mit diesen Worten befahl er drei Kriegern, Mac Eagh auf den Schultern in Sir Duncans Zimmer zu bringen. Er selbst ging voraus, den seltsamen Besuch anzukündigen. Die Soldaten waren aber so flink, daß sie ihm dicht auf den Fersen folgten. Sie traten mit ihrer unheimlichen Last herein und legten Mac Eagh auf den Boden des Zimmers. Seine an sich schon wilden Züge waren vom Schmerz verzerrt, das Hemd und die wenigen Kleider, die er anhatte, vom eignen Blute und dem anderer befleckt, das keine milde Hand abgewischt hatte, obgleich die Wunde verbunden worden war. Mühsam hob er den Kopf und sah nach der Lagerstatt des Mannes, der ihm vor kurzem noch als Feind gegenüber gestanden hatte. Siebenunddreißigstes Kapitel »Seid Ihr der Häuptling,« fragte er, »den die Leute den Ritter von Ardenvohr nennen?« »Der bin ich,« antwortete Duncan. »Was habt Ihr zu schaffen mit einem Manne, dessen Stunden gezählt sind?« »Für mich sind nicht nur die Stunden, sondern die Minuten gezählt,« versetzte der Räuber. »Um so mehr von mir, wenn ich die wenigen Minuten noch dem Manne erweise, dessen Hand stets gegen mich erhoben war – wie meine gegen ihn.« »Deine gegen mich! – erbärmliches Gewürm!« rief der Ritter, auf seinen jammervollen Feind herabsehend. »Jawohl,« erwiderte der Räuber mit fester Stimme, »und höher war mein Arm über ihn gereckt! In dem hartnäckigen Kampfe zwischen uns beiden habe ich die tiefsten Wunden geschlagen, wenn auch die, die Du schlugest, nicht leicht und schmerzlos waren – wisse, ich bin Ranald Mac Eagh – Ranald, der Sohn des Nebels – die Nacht, in der ich dein Schloß als hohe Feuersäule den Winden preisgab, ist ebenbürtig diesem Tage, an dem du fielest vom Schwerte meiner Väter. Gedenke des Unglücks, das Du über unsern Stamm gebracht hast – nie tat uns ein andrer außer Dir schweres an bis auf einen – doch der ist vom Schicksal, wie man sagt, gegen unsre Rache gefeit. Das wird sich zeigen.« »Mylord Menteith,« sagte Sir Duncan, sich in seinem Bette aufrichtend. »Dieser Mann ist ein Schurke, ein Feind des Königs und des Parlaments zugleich, ein Abscheu Gott und den Menschen – einer der geächteten Banditen des Nebels, ein Feind Euers Hauses, der Mac Aulays und meines Hauses. Ich hoffe, Ihr werdet es nicht dulden, daß die wenigen Augenblicke, die mir vielleicht noch vergönnt sind, mir durch den Triumph dieses Barbaren vergällt werden.« »Er soll seine wohlverdiente Strafe empfangen,« sagte Menteith, »bringt ihn auf der Stelle weg.« Sir Dugald wollte sich ins Mittel legen – allein der Räuber überschrie ihn mit seiner rauhen Stimme. »Nein!« rief er. »Möge die Folter oder der Galgen mein Lohn sein! Laßt mich verwesen zwischen Himmel und Erde, gebt mich den Geiern und Adlern des Ben–Nevis zum Fraße – nun so soll dieser Ritter und der siegreiche Thane nie das Geheimnis erfahren, das nur ich enthüllen kann. Ein Geheimnis, bei dem Ardenvohrs Herz laut aufjauchzen würde vor Freude, läge er auch im Todeskampfe – ein Geheimnis, für das Lord Menteith seine weite Grafschaft hingeben würde – komme hierher, Annot Lyle!« setzte er hinzu, sich mit einer Kraft aufrichtend, die ihm niemand Mehr zugetraut hätte; »fürchte Dich nicht vor meinem Anblick – hattest Du Dich doch als kleines Kind an mein Knie geklammert. Sage diesen stolzen Herren, die Dich verachten als Sproß eines alten Stammes – sage ihnen, daß Du nicht aus unserm Blute bist. Du bist keine Tochter vom Geschlechte des Nebels, Du bist geboren in einem Schlosse, Du hast in einer Wiege gelegen auf so weichen Kissen, wie nur je das verzärteltste Kind im stolzesten Paläste.« Menteith bebte vor Erregung. »Im Namen Gottes,« rief er »wenn Ihr etwas, von der Herkunft dieser Dame wißt, so entlastet Euer Gewissen von diesem Geheimnis, ehe Ihr aus der Welt scheidet.« »Nicht wahr?« entgegnete Mac Eagh mit einem boshaften Blick. »Segnen soll ich meine Feinde noch mit meinem letzten Atemzuge. Das predigen Euch Eure Geistlichen, aber wann richtet Ihr selber Euch danach? Erst sagt mir, was Euch mein Geheimnis wert ist, ehe ich es preisgebe – was würdet Ihr geben, Ritter von Ardenvohr, um die Gewißheit zu erlangen, daß Euer abergläubischer Fastenstag unnütz ist und daß ein Sproß Euers Hauses noch lebt? – ich warte auf Antwort – sonst spreche ich kein Wort weiter.« »Dafür könnte ich,« begann Sir Duncan, und seine Stimme schwankte zwischen Zweifel, Haß und banger Hoffnung – »dafür könnte ich – doch ich weiß ja, Dein Geschlecht ist dem bösen Feinde gleich – Lügner und Mörder von Kindesbeinen an – wäre es aber wahr, so könnte ich dafür Dir fast das Ungemach verzeihen, das Du mir angetan hast.« »Hört nur,« sagte Ranald, »für einen Sohn von Diarmid hat er viel geboten – und Ihr, edler Thane, es heißt ja, Ihr würdet Gut und Blut dafür hingeben können, erführet Ihr, daß Annot Lyle keine Tochter eines geächteten Stammes sei, sondern daß sie aus einem Hause sei, das für ebenso vornehm gilt wie das Eure. Wohlan, nicht aus Freundschaftlichkeit gegen Euch sage ich, es – sondern weil die Zeit dahin ist, wo ich dieses Geheimnis für die Freiheit verkaufen könnte: Annot Lyle ist das jüngste, und das einzige am Leben gebliebene Kind des Ritters von Ardenvohr, das allein gerettet wurde, als alles andere in seiner Halle den Untergang in Blut und Feuer fand.« »Ist es möglich, daß dieser Mann die Wahrheit spricht?« murmelte Annot Lyle fast unbewußt. »Mädchen,« sagte Ranald, »hättest Du länger bei uns gelebt, so hättest Du besser erkennen gelernt, wie Wahrheit klingt. Dem Lord hier und dem Ritter werde ich für das, was ich sage, Beweise geben, die jeden Zweifel ausschließen. Geh Du inzwischen – ich habe Dich geliebt als Kind – ich hasse Dich nicht als Maid – kein Auge haßt die Rose, die im Aufblühen ist, wenn sie auch, über einem Dorne prangt. Deinetwegen nur bedaure ich etwas, das in Bälde sich ereignen wird. Wer aber Rache nehmen will an einem Feinde, darf nicht darauf achten, ob ein schuldloses Wesen mit leiden wird.« »Der Rat ist gut, Annot,« sagte Lord Menteith, »geht in Gottes Namen!« »Ich will nicht weg von meinem Vater, den ich endlich gefunden habe,« sagte Annot Lyle. »Ich will ihn nicht in so furchtbarer Lage allein lassen.« »Und ein Vater will ich Euch immer sein«, sagte Sir Duncan. »Nun denn,« sagte Menteith, »so will ich Mac Eagh ins Nebenzimmer bringen lassen und dort seine Aussage zu Protokoll nehmen lassen – Sir Dugald Dalgetty wird mir dabei Hilfe leisten.« »Mit Vergnügen, Mylord, antwortete Sir Dugald. »Da könnt Ihr keinen bessern finden, zumal ich die ganze Geschichte schon vor vier Wochen etwa im Schloß von Inverary gehört habe – aber bei so viel Angriffen und Stürmen ist es in meinem Gedächtnis allerdings etwas kunterbunt geworden, wo man ohnedies an so viel Wichtigeres zu denken hat.« Achtunddreißigstes Kapitel Lord Menteith hielt genaue Nachforschungen betreffs der Aussagen Ranalds. Die zwei Begleiter, die als Führer im Lager waren, bestätigten sie. Er verglich die Erklärungen sorgfältig mit dem Bericht, den Sir Duncan über die Zerstörung seines Schlosses noch zu geben vermochte. Es war natürlich äußerst wichtig, den Beweis zu liefern, daß die Erzählung keine Erfindung des Räubers sei, die derselbe angebracht habe, um eine falsche Person zur Erbin von Ardenvohr zu machen. Vielleicht war Menteith nicht der geeignete Mann, die Nachforschungen über den wahren Tatbestand anzustellen, da es in seinem eigenen Interesse lag, der Erzählung Glauben beizumessen. Ein Muttermal wurde genannt, von dem man wußte, daß es bei dem Kinde Sir Duncans vorhanden gewesen sei – und es fand sich auf der linken Schulter von Annot Lyle. Während Menteith das Ergebnis der Untersuchungen den am nächsten dabei beteiligten Personen mitteilte, begehrte der Räuber, sein Enkelkind zu sprechen – das er seinen Sohn, zu nennen pflegte. Man werde ihn nebenan finden, sagte er, wo er selber zuerst gelegen habe. Wirklich entdeckte man nach längerem Suchen den jugendlichen Wilden in einer Ecke, in verfaultes Stroh eingewickelt. Man führte ihn zu seinem Großvater. »Kenneth,« sagte der alte Räuber, »höre die letzten Worte, die der Ahn deines Vaters zu dir spricht. Ein Kriegsmann aus dem Flachland und Allan mit der blutigen Hand sind vor kurzem aus dem Lager aufgebrochen, um nach Caberfä zu reisen. Folge ihnen, wie der Bluthund dem verwundeten Hirsch nachgeht – schwimme durch den See – klettre auf den Berg – ziehe durch den Wald – ruhe nicht eher, als bis du sie erreicht hast.« Die Wangen des Knaben röteten sich bei den Worten seines Großvaters, und er griff nach einem Messer, das er in einem ledernen Riemen trug, der seinen zerschlissenen Mantel zusammenhielt. Der Alte sah die Gebärde. »Nein,« sagte er, »nicht durch deine Hand soll er fallen; aber sie werden dich fragen, was es Neues im Lager gebe. Sage ihnen, Annot Lyle, die Harfenspielerin, sei als Tochter Duncans von Ardenvohr erkannt worden, Thane von Menteith wolle sich mit ihr trauen lassen, und du seist abgesandt, die Gäste zur Hochzeit zu laden. Warte nicht auf ihre Antwort, sondern verschwinde wieder wie der Blitz, den die schwarze Wolke verschlingt. Und nun geh, geliebtes Kind meines geliebtesten Sohnes! Nie wieder werde ich dein Antlitz erschauen, noch deines Fußes Schritt vernehmen – noch einen Augenblick warte und höre meine letzte Mahnung: sei eingedenk des Schicksals unsers Stammes – halte inne die alten Bräuche der Söhne des Nebels. Wir sind jetzt nur eine Handvoll Heimatloser, die aus jedem Tal mit dem Schwerte vertrieben worden sind – und andre Stämme hausen in den Besitzungen, wo unsre Ahnen Holz fällten und Wasser trugen. Doch auch im Dickicht der Wildnis, Kenneth, Sohn Erachts, bewahre dir die Freiheit fleckenlos, die ich als einzig Erbteil dir hinterlasse. Gib sie nie hin um ein reiches Kleid, noch um ein Dach von Stein, noch um einen gedeckten Tisch, noch um ein Daunenlager! – in Berg und Tal – in Überfluß und im Hunger – im grünen Sommer und im eisernen Winter – Sohn des Nebels, bleib frei, wie deine Ahnen! Nenne niemand deinen Herrn – laß dir kein Gesetz schreiben – nimm keinen Lohn an und zahle auch selber keinen Sold – baue keine Hütte, noch einen Zaun um eine Weide und säe auch kein Korn! – Die Hirsche des Berges laß deine Herde sein! –Die Söhne von Diarmid das Geschlecht von Darnlinvarach –die Ritter von Menteith – Kind des Nebels, mein Fluch falle auf dein Haupt, so du einen dieses Namens verschonst, wenn sich Gelegenheit bietet, ihn niederzuhauen! Die Gelegenheit aber wird kommen, denn sie werden sich selber mit ihren Schwertern zerfleischen und in den Nebel flüchten und durch dessen Söhne umkommen! – Noch einmal geh! Leb wohl, geliebtes Kind! Mögest du sterben wie deine Ahnen, ehe Krankheit und Alter dir den Mut zerbricht! – Geh! – Bleib frei! – Vergelte alles Gute, was dir getan wird – und räche das Ungemach, das deinem Stamme angetan worden ist!« Der jugendliche Räuber beugte sich hernieder und küßte seinem sterbenden Großvater die Stirn. Von Kindheit daran gewöhnt, jede Gefühlsregung nach außen hin zu verbergen, ging er ohne Tränen, ohne Gruß und war bald weit vom Lager weg. Ranald Mac Eagh aber richtete sich auf, so daß er aus dem Fenster des Schlosses hinaussehen konnte. Der dichte Nebel, der auf den Spitzen der Berge gelastet hatte, rollte jetzt in die zerklüfteten Gründe und Schluchten hinab, und die schwarzen Rücken der Berge ragten wie Inseln aus einem Dunstmeer hervor. »Geist des Nebels,« sagte Ranald Mac Eagh, »von unsern Ahnen Vater und Retter genannt, nimm mich hin, wenn der Todeskampf vorbei ist. Nimm mich, dessen Leben du so oft beschütztest, nimm mich auf in dein Zelt von Wolken!« Er sank in die Arme derer, die ihn hielten, und drehte das Gesicht der Wand zu. »Den unbesiegbaren Feind,« murmelte, er, »an dessen Händen das Blut klebt, das mir das Teuerste ist, gegen den alle Waffen nutzlos waren, den die Kugel verfehlte, und an dem der Pfeil zersplitterte– diesem Manne habe ich Seelenschmerz, Eifersucht, Verzweiflung und jähen Tod oder ein Leben jämmerlicher als der Tod hinterlassen. Dies wird das Los Allans mit der blutigen Hand sein, wenn er hört, daß Annot die Gemahlin Menteiths wird – nur die Gewißheit möchte ich haben, so wäre mein Tod, den seine Hand mir gab, mir noch versüßt!« Bald darauf hauchte Ranald Mac Eagh, der Sohn des Nebels, seinen Geist aus. Neununddreißigstes Kapitel Inzwischen hatte sich Menteith mit Montrose in ein eifriges Gespräch eingelassen. »Mein lieber Menteith, ich habe bemerkt und auch erkannt, daß die Euch interessante Entdeckung in enger Beziehung mit Eurem Glück steht. Eure Liebe zu der vornehmen Dame findet Erwiderung. Gegen ihre Geburt und ihre großen Vorteile ist auch nicht das geringste einzuwenden. Aber übereilt Euch nicht; denn Sir Duncan ist Fanatiker und ist ein Feind des Königs, als dessen Gefangener er in unseren Händen ist – denn ich glaube, es gibt einen Bürgerkrieg. Habt Ihr keine Aussicht auf anderem Wege zum Ziele zu gelangen, so sucht den Ritter durch gute Vorschläge zu gewinnen!« Jedoch der leidenschaftliche Charakter veranlaßte den jungen Edelmann zu mancherlei Einwendungen. Er machte Montrose klar, von Ardenvohr sei gegen Religion und Politik gleichgiltig, erwähnte seine eigne Tätigkeit dem König gegenüber und wies auf die einflußreichen Folgen hin, die eine Heirat mit der Erbin von Ardenvohr auf seine eigene Person ausüben würde. Er befürchtete eine Verschlimmerung der Wunde Sir Duncans, ferner daß die Übersiedelung der jungen Dame nach dem Campbellschen Gebiete alle seine Hoffnungen vernichten könnte. Er berief sich auf die Gefahr, daß nach dem Tode ihres Vaters sicher Argyle die Vormundschaft übernehmen würde und daß dann alle Hoffnung verloren wäre; er müßte denn seine königliche Partei aufgeben. Montrose sah ein, daß die Angelegenheiten trotz aller Schwierigkeiten so schnell wie möglich erledigt werden müßten, da man damit dem König einen Dienst erweise. »Möge alles zu unserer Befriedigung ausfallen, nachdem sich die schöne Briseis aus unserem Lager entfernt hat, bevor Allan Mac Aulay zurück ist. Es wird das beste sein, Ihr fordert Sir Duncan das Ehrenwort ab und entlaßt ihn und seine Tochter. Macht die Reise zu Wasser, damit Eure Wunde sich nicht verschlimmert. Da Ihr selbst auf einige Zeit abwesend seid, werdet Ihr von mir ehrenhaft entschuldigt.« »So lange die königliche Fahne über Euer Exzellenz Lager weht,« entgegnete Menteith, »bleibe ich. Möge immerhin dadurch mein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, aber des Königs Angelegenheiten gehen vor, sonst wäre ich es wert, daß mein Arm auf immer lahm bliebe.« »Dies ist also Euer Entschluß?« »Er ists, so wahr Ben Nevis steht!« sagte Menteith. Dann,« erwiderte Montrose, »verhandelt mit dem Ritter von Ardenvohr. Hattet Ihr Glück, so werden Mac Aulay und ich schon einen Ausweg finden und seinen Bruder einfach fortschicken, bis er nicht mehr daran denkt. Möge durch einen Traum jede Spur der Annot Lyle verschwinden! Denkt Ihr, das ist unmöglich, Menteith? Nun gut, gehe jeder seinem Dienste nach – Ihr an den des Cupido, ich an den des Mars! Sie nahmen Abschied voneinander; am nächsten Morgen nach diesen Erörterungen warb Menteith bei dem verwundeten Ritter um die Tochter. Trotzdem Sir Duncan von der Zuneigung der beiden wußte, kam ihm die Erklärung des Grafen Menteith doch zu früh. Zuerst entgegnete er, daß er seinen Gefühlen in einer Zeit freien Lauf gelassen habe, in der sein Geschlecht so großen Verlust und so tiefe Demütigung ertragen mußte; in einer derart unglücklichen Zeit wollte er zunächst dafür Sorge tragen, daß sein Geschlecht sich von den schweren Schicksalsschlägen erhole und vor weiterm Ungemach gesichert werde. Als der Brautwerber heftiger in ihn drang, bat er ihn um einige Stunden Frist, damit er eine so wichtige Angelegenheit reiflich erwägen und mit seiner Tochter besprechen könne. Diese Unterredung und Beratung fiel für Menteith günstig aus. Sir Campbell erkannte, daß seine neugefundene Tochter nur mit ihrem Geliebten glücklich werden könne; Menteiths Charakter war so tadellos, und der Rang, den er durch Abkunft und Vermögen inne hatte, so bedeutend, daß nach Sir Duncans Meinung der Zwiespalt in ihrer politischen Überzeugung keine Rolle spiele. An sich hatte es etwas Demütigendes, daß die Erbin von Ardenvohr als Waise und Harfenspielerin in Darlinvarach aufgewachsen war. Wurde sie aber eingeführt als Braut oder Gemahlin Menteiths, zumal ihr Liebesbund schon entstanden war, als sie noch ein armes Mädchen gewesen war – so war für die Welt der Beweis geliefert, daß sie sich des hohen Ranges, den sie jetzt innehatte, allezeit würdig gezeigt hatte. Auf Grund dieser Betrachtungen erklärte Sir Duncan sich einverstanden, daß die Trauung durch Montroses Kaplan in der Kapelle des Schlosses insgeheim vollzogen werden sollte. In wenigen Tagen war der Befehl zu erwarten, daß Montrose von Inverlochy aufbrechen solle; dann sollte die junge Gräfin sich mit ihrem Vater in ihr Elternhaus begeben und dort bleiben, bis eine günstigere Lage des Staates ihrem Gatten einen ehrenvollen Rücktritt aus dem Kriegsdienst ermöglichte. Nach einmal gefaßtem Entschluß wollte Sir Duncan nichts hören von den mädchenhaften Einwendungen seiner Tochter, die einen Aufschub der Hochzeit wünschte, und es wurde beschlossen, das Fest am nächsten Abend, dem zweiten nach der Schlacht, zu feiern. Vierzigstes Kapitel Alle Vorbereitungen waren getroffen, und Braut und Bräutigam sollten der Sitte des Landes gemäß erst vor dem Altare zusammenkommen. Schon stand die Stunde bevor – der Bräutigam wartete in einer kleinen Sakristei neben der Kapelle auf den Marquis, der der Brautführer sein sollte. Begreiflicherweise erwartete Menteith ihn mit Ungeduld – und als die Tür sich öffnete, rief er lachend: »Ihr laßt lange auf Euch warten!« »Vielleicht komme ich Euch noch zu früh!,« rief Allan Mac Aulay – denn er war es, der ins Gemach stürzte. »Zieht, Menteith, und verteidigt Euch wie ein Mann, oder sterbt wie ein Hund!« »Ihr seid von Sinnen, Allan,« erwiderte Menteith, verblüfft über sein plötzliches Auftreten und die furchtbare Wut, in der er sich gebürdete. Allans Wangen waren totenblaß – die Augen traten ihm fast aus den Höhlen – vor den Lippen stand ihm Schaum – seine Gebärden waren die eines Irrsinnigen. »Ihr lügt, Betrüger!« war die Antwort, »Ihr lügt hierin wie in allem, was Ihr mir sagt. Euer ganzes Dasein ist eine Lüge!« »Hätte ich nicht schon gesagt, was ich denke, indem ich, Euch verrückt nannte?« entgegnete Menteith zornig, »so könnte Euer eignes Leben jetzt ein rasches Ende nehmen. Was berechtigt Euch zu dem Vorwurf, ich hätte Euch betrogen?« »Habt Ihr mir nicht gesagt, Ihr würdet Annot Lyle nicht heiraten?« entgegnete Allan – »und jetzt, falscher Verräter, erwartet sie Euch vor dem Altare!« Menteith wies die Beschuldigung von sich. »Ihr sagt die Unwahrheit! Ich habe nur gesagt, ihre niedrige Herkunft sei das einzige Hindernis, weshalb ich sie, nicht zur Frau nehmen könnte. Dies Hindernis ist jetzt aufgehoben. Für wen haltet Ihr Euch denn, daß ich Euretwegen zurücktreten sollte?« »Zieht!« rief Allan. »Wir verstehen einander.« »Nicht jetzt,« antwortete Menteith, »und nicht hier, Allan!« Ihr kennt Mich – wartet bis morgen, und ich will Euch harte Arbeit machen!« »In dieser Stunde – in diesem Augenblicke – oder nie!« entgegnete Allan. »Nicht länger als bis zu dieser Stunde soll Euer Triumph über mich währen! Menteith! bei unserer Verwandtschaft, bei den Kämpfen und Mühsalen, die wir zusammen bestanden haben, fordre ich Euch, auf – zieht das Schwert und verteidigt Euer Leben!« Mit diesen Worten ergriff er Menteiths Hand und preßte sie so heftig, daß das Blut aus den Nägeln hervortrat. Ungestüm stieß ihn Menteith von sich mit dem Rufe: »Hinweg, Verrückter!« »So erfülle sich denn mein Schicksal!« rief Allan. Und er zog den Dolch und stieß ihn mit seiner ganzen riesenhaften Kraft dem Grafen gegen die Brust. Die Waffe glitt an dem stählernen Harnisch hinan, aber dennoch wurde der Graf zwischen Hals und Achsel schwer verletzt, und die Kraft des Stoßes streckte ihn nieder. Im selben Augenblick trat Montrose in die Sakristei. Über den Lärm erschrocken, war die Hochzeitsgesellschaft in Angst und Bestürzung. Ehe jedoch Montrose flüchtig übersehen konnte, was sich ereignet hatte, war Allan wie der Blitz an ihm vorbeigesprungen und die Treppe hinuntergeeilt. »Wachen!« rief Montrose, »schließt die Tore! – ergreift ihn! stecht ihn nieder, wenn er Widerstand leistet – er ist, des Todes, und wäre er mein eigner Bruder!« Allein Allan stach mit einem zweiten Dolchstoß eine Schildwache nieder, durchflog das Lager wie ein Hirsch, sprang in den Strom, schwamm ans andre Ufer und war bald in den Wäldern verschwunden. Es geht von ihm das Gerücht, in wunderbar kurzer Zeit nach der Untat sei er in ein Gemach des Schlosses Inverary getreten, wo Argyle zu Rate saß, und habe den blutbefleckten Dolch auf den Tisch geworfen. »Ist das James Grahams Blut?« fragte Argyle – und ein abscheulicher Ausdruck der Hoffnung paarte sich mit der Miene des Entsetzens über den unvermuteten Anblick. »Das Blut seines Lieblings ists!« entgegnete Mac Aulay. »Es war mein Schicksal, es zu vergießen – obgleich ich lieber mein eigenes vergossen hätte!« Mit diesen Worten verließ er das Schloß, und von diesem Augenblick an weiß man nicht mehr mit Bestimmtheit, was aus ihm geworden ist. Da man bald darauf den Knaben Kenneth über den Lochfine setzen sah, so vermutet man, sie wären seinen Spuren gefolgt und er wäre in unbekannter Wildnis von ihrer Hand gefallen. Einem andern Gerücht zufolge hat Allan das Land verlassen und ist als Kartäuser gestorben. Für beide Ansichten ist ein Beweis nicht erbracht worden. Seine Rache war nicht so vollgiltig, wie er selbst wohl gedacht hatte. Menteith war zwar schwer verletzt worden und schwebte lange zwischen Leben und Tod. Für Montroses Dienst war er verloren. Man hielt es für das beste, daß er mit seiner künftigen Gattin, die jetzt eine trauernde Braut war, und mit seinem gleichfalls verwundeten Schwiegervater nach Schloß Ardenvohr gebracht würde. Nach einigen Wochen war Menteith so weit wiederhergestellt, daß er sich mit Annot im Schlosse ihres Vaters trauen lassen konnte. Der Vater überlebte die Verlobung nur um wenige Wochen. Menteith war noch zu schwach, als daß er sich Montrose auf dessen kurzer und ruhmreicher Laufbahn ferner hätte anschließen können. Als dieser heldenmütige Feldherr sein Heer entließ und selber Schottland verließ, lebte Menteith bis zur Wiedereinsetzung des Königtums völlig für sich. Nach diesem glücklichen Ereignis erhielt er eine seinem Range angemessene Stellung im Lande und lebte lange, beglückt durch Ansehen im öffentlichen Leben und durch häusliche Liebe – bis er hochbetagt starb. Der handelnden Personen in unsrer Erzählung sind so wenige, daß wir – abgesehen von Montrose, dessen Leben und Taten der Geschichte angehören – nur des Ritters Dugald Dalgetty zu erwähnen haben. Dieser Herr empfing auch fernerhin mit größter Pünktlichkeit seinen Sold und verrichtete seinen Dienst – bis er auf dem Schlachtfelde von Philipphaugh in Gefangenschaft geriet. Er wurde wie seine Mitgefangenen zum Tode verurteilt. Mehrere Offiziere des Flachlandes legten nun für Dalgetty Fürsprache ein, indem sie ihn als einen Mann bezeichneten, der bei seiner Gewandtheit dem Heere von Nutzen sein könne und der leicht zu bestimmen wäre, in andre Dienste zu treten. Aber Ritter Dugald Dalgetty zeigte sich hier unerwarteterweise sehr hartnäckig: er habe sich auf eine bestimmte Zeit für den Dienst des Königs anwerben lassen und seine Grundsätze erlaubten ihm nicht, an eine Änderung zu denken, ehe dieser Termin vorüber sei. Mit einiger Schwierigkeit erlangten seine Freunde einen Aufschub für den Zeitraum von vierzehn Tagen, um den es sich hier handelte. Nach dieser Frist fanden sie Sir Dugald ohne weiteres bereit, auf ihre Bedingungen einzugehen. Er trat nunmehr in den Dienst der Stände und brachte es bis zum Major in Gilbert Kers Korps, welches man gemeinhin das Leibregiment der Kirche nannte. Wie es ihm weiter ergangen ist, wissen wir nicht. Nur das ist uns bekannt, daß er in den Besitz seines väterlichen Gutes Drumthwacket gelangte – freilich nicht durchs Schwert – sondern indem er Hannah Strachan heiratete, eine schon etwas bejahrte Dame und die Witwe des Covenanters aus Aberdeenshire. Vermutlich hat Sir Dugald Dalgetty sogar die Revolution überlebt; denn Überlieferungen, die nicht sehr weit zurückreichen, geben an, er sei als alter tauber Kerl im Lande umhergestolpert und habe endlose Geschichten erzählt vom unsterblichen Gustavus, dem Löwen des Nordens und dem Bollwerk des protestantischen Glaubens. Ende Walter Scott Hochländer-Ehre Erstes Kapitel Meine Erzählung beginnt mit dem Tage nach dem Douner Jahrmarkt. Der Markt war sehr gut gewesen. Aus den nördlichen und mittleren Grafschaften Englands hatten sich allerhand Händler eingefunden, und das gute englische Geld hatte so flott kursiert, daß den Bauern im Hochlande das Herz im Leibe lachte. Eine ganze Reihe stattlicher Herden zogen unter der Aufsicht von Händlern oder Obertreibern, denen das beschwerliche Geschäft obliegt, das auf den Märkten erstandene Vieh oft hunderte von Meilen auf die Triften oder in die Meierhöfe zu schaffen, wo es für die Fleischbänke gemästet werden soll. Außerordentlich kundig darin sind die Hochländer; sie scheinen diesem Geschäft ganz ebensoviel Sympathie entgegenzubringen wie dem Kriegshandwerk, wohl weil es an Ausdauer, Körperkraft und Rührigkeit die gleichen Ansprüche stellt.« Ein solcher Viehtreiber muß die »Viehwege« im Lande genau kennen, die gewöhnlich durch die wildesten Gegenden führen, weil die großen Heerstraßen, die den Füßen der Tiere, und die Schlagbäume, die den Geldbeuteln der Händler stark zusetzen, gemieden werden müssen. Auf dem breiten, grünen oder grauen Pfade über das Moor zieht die Herde nicht allein bequem und abgabenfrei, sondern findet auch, wenn der Treiber sich einigermaßen auf die Sache versteht, unterwegs ihr Futter. Nachts schläft der Treiber unter seinem Vieh, ohne Rücksicht auf die Witterung, und gar manchem dieser wetterharten Gesellen passiert es, daß auf der langen Strecke von Lochaber bis Lincoln er kein einziges mal unter Dach kommt. Ein solcher Treiber bekommt sehr guten Lohn, denn das Kapital, das ihm anvertraut ist, macht eine stattliche Summe aus, und von seiner Umsicht, Wachsamkeit und Ehrlichkeit hängt es viel ab, daß das Vieh den Markt in gutem Zustande erreicht und den gehofften Vorteil abwirft. Außer seinem Dolch oder Skene-dhu (schwarzes Messer), den er unter dem Arm oder in den Falten seines Plaid verborgen trägt, und dem Knüttel, den er für das Vieh braucht, führt solcher hochländische Treiber keine Waffen. Nie fühlt sich der Hochländer wohler als auf solcher »Tour«, die ihm zufolge der mannigfaltigen Abwechslung, die sie bringt, Gelegenheit über Gelegenheit zur Befriedigung der jedem Kelten angeborenen Wißbegierde und Wanderlust bietet. Ort und Umgebung wechseln alle Augenblicke. Hierzu kommen die bei solchem Beruf unausbleiblichen kleinen Abenteuer, der Verkehr mit Bauern- und anderem Treibervolk, hin und wieder gewürzt durch einen frischen fröhlichen Trunk, der um so besser mundet, als er nichts kostet, denn jeder Treiber hat auf seiner »Tour«, gleichviel wohin sie führt, freie Zeche. Von allen Treibern, die an dem Morgen auf ihre »Tour« gingen, an welchem diese Erzählung anhebt, setzte keiner die Mütze kecker auf das Ohr und schnallte keiner die Beinkleider fester am Knie, als Robin Oig M'Combich, gewöhnlich Robin Oig genannt, was soviel wie Robin der Jüngere oder Kleinere bedeutet. Freilich war er klein, Robin Oig, aber so schnell und flink wie die flinkste Geiß auf seinen Bergen, und manch größerer und kräftigerer Mann neidete ihm den leichten Tritt, den er an sich hatte, und die flotte Weise, wie er sein Plaid umschlug und seine Mütze aufsetzte. Haltung und Wesen Robin Oigs verrieten deutlich, daß er recht gut wußte, wie es ein schmucker Hochländer anfangen muß, die Blicke der Dirnen im Unterland auf sich zu lenken. Sein gesundes, kraftstrotzendes Gesicht mit den vollen Wangen, den roten Lippen und weißen Zähnen, dem alle Witterungseinflüsse keinen Abbruch tun konnten, war ihm hierbei gewiß kein Hindernis. Wenn auch Robin Oig, nach dem Brauch seiner Landsleute, weder viel lachte noch häufig lächelte, so blitzten doch seine hellen Augen so lustig unter seiner Mütze, daß sich jeder zur Fröhlichkeit gestimmt fühlte, der ihn ansah. Robin Oigs Aufbruch, war für die kleine Stadt kein geringfügiges, denn er besaß dort und in der Umgegend manchen Freund und auch manche Freundin. Angesehen in seinem Fach, machte er ziemlich große Geschäfte auf eigene Rechnung und genoß bei den reicheren Bauern im Hochlande mehr Vertrauen, als manch anderer seines Standes. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, seinem Geschäft eine größere Ausdehnung zu geben, sobald er sich hätte entschließen können, fremde Leute bei sich zu beschäftigen. Aber Robin Oig mochte hiervon nichts wissen und beschränkte sich auf die Beihilfe einiger Söhne seiner Schwester. Es läßt sich wohl annehmen, daß er recht genau wußte, wie sehr sein Ruf auf seinem persönlichen Ansehen und seinem persönlichen Arbeiten beruhten; und darum ließ er sich an dem hohen Lohne genügen, der Leuten seines Standes bezahlt wurde, und tröstete sich mit der Hoffnung, daß ihn ein paar Reisen nach England in den Stand setzen würden, später auf eigene Rechnung zu arbeiten und in solcher Weise, wie sie sich mit seiner Geburt und seinen Anschauungen vertrug. Robin Oig war aus vornehmem »Clan«, denn sein Vater M'Combich, mit dem Zunamen M'Gregar, führte diesen Namen von dem berühmten Rob Roy und hatte ihn bekommen auf Grund des innigen Freundschaftsbundes, der zwischen Robins Großvater und diesem berühmten Häuptling bestanden hatte. Manche wollen sogar wissen, Robin Oig führe seinen Vornamen nach einem Manne, der in den Wildnissen von Lochlomond ganz dieselbe Berühmtheit genossen habe wie sein Namensvetter Robin Hood in der Gegend des lustigen Scherwalds. »Welcher Mensch möchte,« wie Jakob Boswell sagt, »nicht stolz auf seine Ahnen sein?« Robin Oig war auch wirklich stolz, aber auf seinen häufigen Märschen nach England und ins Unterland hatte er die Einsicht gewonnen, daß er sich mit dem, was ihm in seinen abgelegenen Bergen noch ein bißchen Ansehen geben konnte, anderswo nur lächerlich machen oder in Mißkredit setzen konnte. Ihm war der Ahnenstolz dasselbe, was dem Geizhalse sein Geld ist: ein Ding, an dem er sich heimlich weidete, mit dem er sich aber Fremden gegenüber niemals großtat. Viele Glückwünsche wurden Rubin Oig mit auf den Weg gegeben. Kenner lobten seine Herde, besonders den besseren und schöneren, Robin selber gehörigen Teil. Manche boten ihm eine Prise zum Abschied, andere einen Abschiedstrunk, und alle riefen: »Glückliche Ausfahrt und frohere Heimfahrt! Viel Glück auf dem sächsischen Markte! Bringt die Brieftasche recht dick mit Papiergeld und die Geldtasche bis zum Rande voll englischen Goldes mit nach dem Hochlande wieder!« Von den Dirnen, die ihm ein sittsames Lebewohl sagten, war mehr als eine, die bei sich dachte, die beste Busennadel gebe sie hin, wenn sie wissen könnte, sie sei die letzte gewesen, die sein Auge gegrüßt habe, als er in die große Heerstraße bog. Zweites Kapitel Robin Oig hatte eben mit dem ersten Huhu-Schrei die saumseligen Tiere seiner Herde angetrieben, als er hinter sich den Ruf hörte: »Halt, Robin! Wart ein wenig! Hier ist Jannet von Tomahourich, die alte Jannet, deines Vaters Schwester!« »Hol der Henker die alte Hochlandshexe!« rief ein Bauer aus Stirling, »sie bringt uns bloß Krankheit über das Vieh!« »Das läßt sie wohl bleiben,« sagte ein anderer, »denn Robin Oig ist nicht der Mann, eins seiner Tiere mit auf den Marsch zu nehmen, dem er nicht den Mungos-Knoten in den Schweif gebunden hätte. Ein solcher Knoten kann die schlimmste Hexe abhalten, die je auf einem Besen über Dimajet geritten ist.« Das Vieh im Hochlande ist, wie hier gesagt sein mag, dem Behexen in hunderterlei Fällen ausgesetzt. Kluge Leute wissen es dadurch zu verhindern, daß sie ihrem Vieh unten am Schweif eine besondere Art Knoten in das Haarbüschel knüpfen. Aber das alte Weib, das den Bauern zu solchen Bemerkungen Anlaß gegeben hatte, schien sich um das Vieh nicht im geringsten zu bekümmern, sondern ihre Aufmerksamkeit allein dem Treiber zu schenken. Robin dagegen schien sie nicht gern hier zu sehen. »Muhme, was fällt Euch denn ein,« fragte er, »so früh am Morgen Eurem Kamin den Rücken zu wenden? Ich habe Euch doch gestern Lebewohl gesagt und Euren Glückwunsch mit auf den Weg genommen.« »Ja, du Vogel meines Herzens,« antwortete die Sibylle, »hast mir ja auch Geld dagelassen mehr, weit mehr, als solch unnützes altes Weib brauchen kann. Aber wenig möchte mich die Speise, die mich nährt, und das Feuer, das mich wärmt, ja, auch Gottes Sonne kümmern, geschähe meines Vaters Enkel anders als Gutes! Also laß mich den Kreis um dich her ziehen, damit du wohlbehalten das ferne Land erreichst und wohlbehalten den Weg in deine Heimat zurückfindest.« Halb verlegen, halb verdrießlich blieb Robin Oig stehen, dann lachte er und gab den anderen durch eine Gebärde zu verstehen, daß er es der alten Frau bloß zu Gefallen tue. Inzwischen zog sie unsicheren Schrittes den zauberischen Kreis um ihn, der nach einigen aus der Druidenzeit herstammen soll und auf die Weise gebildet wird, daß die Person, die den Kreis zieht, dreimal um die Person, der die feierliche Handlung gilt, herum schreitet, und zwar in der Richtung des Sonnenlaufs. Auf einmal aber blieb sie stehen und schrie voll Entsetzen: »Enkel meines Vaters! Du hast Blut auf der Hand!« »Um Gotteswillen, Muhme, seid still!« rief Robin Oig; »mit diesen eingebildeten Ahnungen bereitet Ihr Euch mehr Unruhe, als Ihr in langer Zeit wieder loswerden könnt.« Aber die Alte sah ihn an mit gräßlichem Blicke und schrie wieder: »Blut hast du auf der Hand, Enkel meines Vaters, und zwar englisches Blut, denn das Blut eines Galen ist voller und röter. Laß sehen! Laß –!« Und ehe Robin es hindern konnte – was auch nur unter, Aufbietung von Gewalt möglich gewesen wäre, so energisch und schnell waren ihre Bewegungen – hatte die Alte aus, den Falten seines Plaid den Dolch, hervorgezogen und hielt ihn in die Höhe. Obgleich der Stahl hell in der Sonne blitzte, rief sie: »Blut – Blut – wieder Sachsenblut! Robin Oig M'Combich, heute zieh nicht nach England!« »Pah!« versetzte Robin Oig, »das geht nicht mehr, denn da könnte ich ebenso gut aus dem Lande gehen! Schämt Euch, Muhme, und gebt mir den Dolch! Ihr könnt nicht das Blut eines schwarzen vom Blut eines weißen Ochsen unterscheiden und wollt sächsisches Blut vom gälischen herauskennen? Muhme, alle Menschen haben ihr Blut von Adam. Gebt mir mein schwarzes Messer her, und dann gebt mir den Weg frei! Ich könnte schon halbwegs bis Stirling sein. Gebt mir den Dolch her und den Weg frei!« »Ich gebe ihn dir nicht,« rief die Alte, »und laß auch, dein Plaid nicht eher los, als bis du mir versprichst, diese unselige Waffe nicht bei dir zu tragen.« Da Robin sah, daß die Bauern vom Unterland dem Auftritt mit finsterer Miene zusahen, hielt er es für geraten, ihm ein Ende zu machen. »Nun gut,« sagte er und reichte Hugo Morrison die Scheide des Dolches, »ihr Unterländer gebt auf solchen Kram nichts. Hebt mir den Dolch auf! Schenken kann ich ihn Euch nicht, denn er stammt von meinem Vater. Aber Eure Herde zieht mit der unsrigen und mir soll es recht sein, wenn Ihr ihn mir aufhebt. Seid Ihr es zufrieden, Muhme?« »Das muß ich wohl,« antwortete die Alte, »das heißt, wenn der Mann töricht genug ist, dein schwarzes Messer zu nehmen!« Der kräftige Westländer lachte laut auf und sagte: »Liebe alte Frau! Ich bin Hugo Morrison von Glenä und stamme von den uralten Manly Morrisons, die nie in ihrem Leben eine kurze Waffe wider einen Mann führten. Sie hatten es ja auch nicht nötig, denn sie hatten ihre breiten Schwerter, während ich bloß solchen Spazierstock habe« – bei diesen Worten schwenkte er einen furchtbaren Prügel durch die Luft – »denn das Stechen über den Tisch, das überlasse ich meinem lieben John dem Hochländer! Schnaubt nur nicht, Ihr Burschen vom Hochland, besonders Ihr nicht, Robin Oig! Wenn Euch das Geschwätz der alten Hexe bange macht, Kamerad Robin, so will ich Euch gern das schwarze Ding aufheben und geb's Euch wieder, sobald Ihr's braucht.« Robin paßte mancherlei in diesen Worten Hugo Morrisons nicht so recht, allein er hatte auf seinen Marschen und Zügen sich mehr Geduld angewöhnt, als einem Hochländergemüt von Haus aus eigen war. Deshalb nahm er das Angebot Morrisons an, ohne sich an die geringschätzige Art und Weise zu kehren, auf die es gemacht wurde. »Hätte er nicht seinen Morgentrunk im Kopf, so würde dieses Dumfrieser Schwein ganz sicher so ungezogen nicht geschwatzt haben. Aber von einem Schwein läßt sich ja nichts Besseres erwarten, als daß es grunzt. Eine Schande ists aber doch, daß ein solcher Saukerl wie der meines Vaters Dolch tragen soll!« Mit diesen Worten, die er aber auf gälisch sprach, trieb Robin sein Vieh an und winkte allen Zurückbleibenden ein Lebewohl zu. Dann eilte er um so schneller hinweg, als er in Falkirch einen Kameraden und Handwerksgenossen zu finden hoffte, mit dem er die Wanderung weiter zu machen gedachte. Drittes Kapitel Robin Oigs Freund war ein junger Englischer, Harry Wakefield mit Namen, auf allen nordischen Märkten wohlbekannt und in seinem Lande ebenso bekannt und angesehen, wie unser hochländischer Treiber. Er war sechs Fuß hoch und in Leibeskünsten, wie Rennen, Ringen und Boxen, wohlerfahren. In Doncaster beim Pferderennen setzte er immer seine Guinee und gewann sie in der Regel. In Yorkshire wurde kaum einmal ein Faustkampf ausgefochten, bei dem er nicht dabei gewesen wäre, wenn es ihm seine Geschäfte irgend erlaubten. Harry Wakefield war aber nicht bloß ein lustiger Bursche, der gern mal »was mitmachte«, sondern auch ein Bursche, der was auf sich hielt, der auch gesetzt sein konnte, wenn es am Platze war, und Robin Oig M'Combich, bei aller ihm eigenen Vorsicht, konnte wirklich nicht besser ankommen. Wenn Harry Wakefield auf Feiertage hielt, so war er an Werktagen auch tüchtig hinterher. Da rechnete er mit der Minute. Von Aussehen und Gemüt war Harry Wakefield das Muster eines altenglischen Bauern, deren Spieße in so vielen hundert Schlachten anderen Völkern Englands den Sieg abgewannen und deren gutes Schwert auch zu unserer Zeit noch Englands wohlfeilster und sicherster Schutz ist. Es brauchte nicht viel, so ging sein fröhlicher Sinn mit ihm durch. Kräftigen Körpers und ziemlich wohlhabend, fand er sich leicht mit allen Situationen ab und sah Schwierigkeiten mit keckem Blick und frischem Selbstvertrauen ins Auge. Indessen war er bei allem sanguinischen Temperament keineswegs ohne Fehler. Leicht zum Zorn geneigt, nicht selten zänkisch, liebte er es, jeden Zwist mit einem Faustkampf zu schlichten, weil er selten einen Gegner fand, der es im Boxerkampfe mit ihm aufnehmen konnte. Es läßt sich schwer sagen, auf welche Weise Harry Wakefield und Robin Oig miteinander bekannt wurden. Aber fest steht, daß ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen ihnen bestand, wenn es auch dem Anschein nach nur wenig Dinge gab, die sie gemeinsam interessierten und gemeinsam besprechen konnten, sobald es sich um andere Dinge als um ihr Vieh handelte. Robin Oig sprach nur unvollkommen Englisch, im Grunde ging sein Wortschatz in dieser Sprache nicht über die Ausdrücke hinaus, die sein Stand und Geschäft notwendig machten; wohingegen Harry Wakefield seine breite yorkische Zunge nie dazu bringen konnte, ein einziges gälisches Wort zu sprechen. Umsonst bemühte sich Harry auf einer Wanderung über das Minch-Moor ganze vier Wochen lang, das gälische Wort für Kalb, Lluh, richtig auszusprechen. Es war für ihn das richtige Schiboleth. Von Traquair bis nach Murder-Cairn hallte das Gebirge von den Versuchen des Sachsen, den schweren Einsilber zu radebrechen, und von dem herzlichen Gelächter, mit welchem jede dieser vergeblichen Anstrengungen von den Engländern und Schotten begleitet wurde, wider. Indessen kannten sie auch bequemere und bessere Mittel, dies Echo zu wecken. Wakefield hatte manches Liebeslied zum Lob und Preise von Molly, Suschen oder Eilchen im Gedächtnis, und Robin Oig war die Gabe zu eigen, alte Heldengesänge in Menge zu pfeifen und, was dem Ohre des Südländers noch genehmer klang, gar manches nordisches Lied, wozu Wakefield den Baß pfeifen lernte. Mochten auch für Robin Erzählungen von Wettrennen, Hahnenkämpfen und Fuchsjagden, wie sie sein Kamerad zum besten gab, kaum viel Interesse haben, anderseits von Wakefield die Sagen von den Kämpfen der schottischen Clans oder Sippen, vermischt mit den Märchen von Kobolden und Feen, vielleicht kaum richtig verstanden werden, so fanden sie doch gelegentlich an ihrer Gesellschaft ein Vergnügen, das sie nun schon drei Jahre lang bestimmt hatte, ihre Wanderungen miteinander zu machen, sobald sich ihr Wegziel in gleicher Richtung befand. Einer fand im Umgang des anderen seinen Vorteil, denn wo hätte der Engländer einen besseren Führer durch das westliche Hochland finden können als Robin Oig, und wenn sie, wie Harry Wakefield sich ausdrückte, sich »rechts von der Grenze« befanden, wo hatte dann Robin Oig einen besseren Gefährten finden können als diesen »Südländer« mit seinem ausgebreiteten Ansehen und der wohlgefüllten Börse, die dem schottischen Freunde allezeit zu Gebote gestanden hätte? Viertes Kapitel Die beiden Freunde hatten zusammen die grasreichen Halden von Liddesdale durchwandert und befanden sich nun in dem gegenüberliegenden Teile von Cumberland, der in der Regel mit dem Namen »die Wüste« bezeichnet wird. In diesen abgelegenen, wenig bevölkerten Strichen ließ sich das Vieh mit geringen Mitteln unterhalten; es fand sein Futter bald am Wege, bald auf den angrenzenden Weiden, zu denen ein munterer Seitensprung es brachte. Nun aber veränderte sich die Szenerie. Sie gelangten in eine fruchtbare, gutbestellte Gegend, wo man das Vieh nicht weiden lassen durfte, ohne daß man sich zuvor mit den Eigentümern verständigt hatte. Das galt zumal jetzt, da im Norden ein großer Viehmarkt gehalten werden sollte, auf welchem Schotten sowohl als Engländer Vieh zu verkaufen rechneten, und deshalb darauf sehen mußten, es gut genährt, wenigstens nicht abstrapaziert, auf den Markt zu bringen. Kein Wunder also, daß Weiden nur schwer erhältlich waren und viel Geld kosteten. Dieser Umstand legte den beiden Freunden zeitweilige Trennung auf, indem jeder für seine Herde sich nach Unterkunft umsehen mußte. Unglücklicherweise fügte es sich nun, daß beide, ohne daß einer vom andern wußte, den gleichen Weideboden suchten, den ein in der Nähe wohnhafter Gutsbesitzer zu verpachten hatte. Der englische Treiber wandte sich an den Verwalter, der ihm von früher her bekannt war. Nun hatte aber der cumbrische Squire, Mr. Ireby, der feit einiger Zeit Ursache zum Mißtrauen in die Ehrlichkeit seines Verwalters gefunden zu haben meinte, demselben untersagt, Weideboden ohne sein Wissen an Viehhändler abzugeben. Tags zuvor hatte jedoch Mr. Ireby eine Reise nach dem Norden unternommen, die ihn mehrere Meilen von seinem Besitztum entfernte, und so meinte der Verwalter, den Abschluß mit Harry Wakefield auf eigene Faust machen zu dürfen. Mittlerweile wurde Robin Oig, ohne Kenntnis von dem, was sein Kamerad vorhatte, von einem stattlichen Herrn in langen engen Beinkleidern, kurzer Jacke, mit langen Sporen an den Hacken, eingeholt, der auf einem nach damaliger Mode an Schweif und Ohren gestutzten Klepper angeritten kam. Der Herr begann ein Gespräch mit Robin und erkundigte sich über den Stand des Viehpreises, über die noch fälligen Märkte usw. Robin kam er als ein verständiger artiger Herr vor, er nahm sich deshalb die Freiheit, die Frage an ihn zu stellen, ob ihm vielleicht in der Gegend ein gutes Stück Weideland bekannt sei, auf das er sein Vieh eine Zeitlang treiben dürfe. Seine Frage hätte kein willigeres Ohr finden können, denn der Herr war Gutsbesitzer und war ebenderselbe, mit dessen Verwalter Harry Wakefield bereits abgeschlossen hatte oder eben abschließen wollte. »Du hast Glück, Schotte,« antwortete Mr. Ireby, »bei mir anzufragen, ich sehe ja, dein Vieh ist müde, und im Umkreise von drei Meilen habe ich das einzige Feld, das zu vermieten ist.« »Hm, ein paar Meilen hält mein Vieh schon noch aus«, antwortete der verschmitzte Hochländer. »Indessen was begehrt Ihr für das Feld, wenn ich mein Vieh zwei bis drei Tage lang darauf weiden lasse?« »Wir wollen nicht lange feilschen, schmucker Jungmann,« entgegnete der Gutsherr, »ich bin einverstanden mit deinem Vorschlag, wenn du mir ein halbes Dutzend Stiere für die Stallfütterung ablassen willst. Das ist gewiß nicht viel.« »Und welche Tiere wünschen Euer Gnaden?« fragte Robin Oig. »Hm – laß sehen – die zwei schwarzen hier – dann den braunen – den falben – den dort mit dem gewundenen Horn, und den mit dem schwarzen Fleck – was gilt das Stück?« »Ei, ei,« machte Robin Oig, »Euer Gnaden sind Kenner, echter Kenner – ich hätte mir selber keine besseren aussuchen können und kenne meine Tiere so genau, als wenn es meine eigenen Kinder wären.« »Nun, Jungmann, was gilt das Stück?« fragte Mr. Irbey. »In Doune und in Falkirch sind diesmal hohe Preise gezahlt worden«, versetzte Robin. So ging das Gespräch weiter, bis sie zu einem bestimmten Preis für die Ochsen gelangt waren. Der Squire nahm dafür, daß er die Weide für Robins Herde hergab, die sechs Stiere in Kauf, und Robin schloß seiner Meinung nach einen ganz guten Handel ab, wenn auch das Gras nur mittlerer Güte war. Der Squire ritt neben dem Vieh her, weil er Robin nicht allein den Weg zeigen, sondern zugleich zusehen wollte, wie sich derselbe auf der Weide einrichten würde, auch wohl, weil er neugierig war, zu hören, wie es auf den letzten Märkten im Norden zugegangen war. Man kam auf der Wiese an. Robin fand die Weide vortrefflich. Nicht wenig erstaunt waren die beiden Männer aber, als sie dort den Verwalter des Squire antrafen, der gerade die Herden von Robins Kameraden, Harry Wakefield, auf denselben Weideboden eintreiben wollte, über den sein Herr soeben mit Robin Oig sich geeinigt hatte. Mr. Ireby setzte seinem Pferde die Sporen in die Seiten und sprengte zu seinem Verwalter. Nun erfuhr er, was zwischen den beiden Parteien vorgegangen war. Ohne weiteres erklärte er Harry Wakefield, dem englischen Treiber, sein Verwalter habe die Wiesen ohne sein Vorwissen und wider seine Instruktion verpachtet; Harry Wakefield müsse also anderswo sich Gras für sein Vieh suchen, denn hier könne er keins bekommen. Zugleich bekam der Verwalter einen derben Denkzettel für sein selbständiges Vorgehen und der Squire wies ihn an, das müde und ausgehungerte Vieh des Engländers, das sich gerade das lang entbehrte Futter wohl schmecken zu lassen anfing, von der Wiese zu treiben, um für das Vieh des schottischen Treibers, mit welchem das allein gültige Abkommen getroffen worden sei, Weideplatz zu schaffen. Recht wohl erklärlich, daß der englische Viehhändler den schottischen, trotzdem es sein alter Kamerad war, mit schelen Augen ansehen lernte. Nicht minder erklärlich war, daß er sich im ersten Moment stark versucht fühlte, sich der Entscheidung des cumbrischen Squire zu widersetzen. Da jedoch jedem Engländer ein ziemlich scharfes Gefühl für Recht und Gerechtigkeit innewohnt, und da John Fleecebumpkin, der Verwalter, eingestehen mußte, seine Gewalt überschritten zu haben, blieb Wakefield zuletzt doch nichts weiter übrig, als mit seinem hungrigen Vieh anderswo Unterkunft zu suchen. Robin Oig sah mit Verdruß, was sich zugetragen hatte und suchte eilends den Freund auf in der Absicht, ihm Teilung der Weide vorzuschlagen. Aber Harry Wakefield fühlte sich in seinem Stolz gekränkt und antwortete verächtlich: »Nimm es nur ganz! Nimm es ganz! Wer beißt denn eine Kirsche in zwei Hälften? Du hast es eben heraus, die Leute zu beschwatzen und kannst einem alten ehrlichen Bauern auch wohl ein X für ein U vormachen! Schäme dich was, Kerl! Ich danke dafür, einem anderen die dreckigen Hände zu lecken um der Erlaubnis willen, bei ihm backen zu dürfen.« Robin Oig tat der Verdruß, den der Freund litt, von Herzen leid, er ließ es sich aber nicht merken. Dagegen bat er denselben, sich doch nur eine Stunde zu gedulden, bis er sich von dem Squire das Geld für die verkauften Stiere geholt habe; dünn wolle er ihm helfen, sein Vieh auf einen guten Platz zu bringen, und ihm über das leidige Mißverständnis Aufklärung geben. Aber der Engländer rief mit wachsendem Zorn: »So? Verkauft hast du auch schon? Sieh da! Du verstehst es ja brillant, die Zeit abzupassen, wo sich ein Handel machen läßt. Es kommt dir auch dabei nicht drauf an, anderen vorzugreifen! Scher dich zum Kuckuck! Mir ist deine Galgenfratze zuwider, schon lange zuwider. Schämen solltest du dich, einem ehrlichen Kameraden in die Augen zu sehen!« »Ich brauche mich nicht zu schämen, jemand vor die Augen zu treten,« versetzte Robin Oig, dem nun auch der Zorn aufzusteigen begann, »auch dir nicht, Wakefield! Das laß dir gesagt sein, und wenn du im Wirtshaus auf mich warten willst, will ich's dir vor den Leuten zeigen, daß ich mich dessen nicht schäme.« »Es wäre am Ende gerade so gut, wenn du wegbliebst«, antwortete der Kamerad und kehrte Robin den Rücken. Dann trieb er mit Hilfe des Verwalters mühsam sein Vieh zusammen und suchte anderswo unterzukommen. Der Verwalter ließ es sich eifrig angelegen sein, mit den Bauern in der Nachbarschaft zu verhandeln. Aber es konnte oder wollte keiner von ihnen Weideland abtreten. Schließlich wandte sich Wakefield an den Schenkwirt, bei dem er sich mit Robin Oig für die Nacht hatte quartieren wollen, ehe sie in solchen Zwiespalt gerieten. Der Schenkwirt erklärte sich bereit, sein Vieh auf ein paar Tage auf dürres Heideland zu treiben, stellte aber hierfür keine niedrigere Forderung, als vordem der Verwalter des cumbrischen Squire gestellt hatte für das ihm durch Robin Oig vorgepachtete Gehege. Das steigerte bei Wakefield den Groll gegen den, wie er den Fall ansah, wortbrüchigen Freund noch weiter. Der Verwalter, ebenfalls gegen Robin Oig ergrimmt wegen des von seinem Gutsherrn bekommenen Verweises, trug auch nichts dazu bei, ihn zu beruhigen, sorgte im Gegenteil im Verein mit dem Schenkwirt und einigen anwesenden Gästen, die teils aus Schadenfreude, den Menschen, Gott seis geklagt, in allen Ständen eigen, teils aus dem auf der Grenze noch immer glimmenden Haß wider alle Schotten und alles, was schottisch ist durch allerhand Stichelreden dafür, Harry Wakefield noch stärker aufzubringen. Auch das starke englische Bier, bekanntlich immer ein Förderer der Leidenschaften, und zwar der schlimmen ebensowohl als der guten, tat in dem Falle auch seine Wirkung, und mit einer Kanne nach der anderen wurde der Trinkspruch »Verderben den falschen Freunden und harten Herren« begossen. In der Zwischenzeit fand Mr. Ireby seine Freude daran, den »schmucken Schotten«, der ihm gefiel, in seinem alten Herrensaale zu bewirten. Er ließ ein tüchtiges Stück Ochsenfleisch auftragen, dazu eine Kanne schäumenden Hausbiers, und ergötzte sich an dem kräftigen Appetit, den Robin Oig entwickelte, um diese ihm ungewohnten Leckerbissen zu verschlingen. Der Squire steckte sich eine Pfeife an und spazierte mit edelherrlicher Würde, ohne aber den Bauer verleugnen zu können, in seinem Herrensaale auf und ab während er sich mit seinem Gaste, von herablassender Höflichkeit überschäumend, unterhielt. »Ich bin noch an einer anderen Herde vorbeigekommen, Schotte,« sagte der Squire, »die auch von einem Landsmann von dir getrieben wurde. Die Tiere waren aber schwächer und geringer als unsere. Es war ein langer Mensch da, der aber keinen Schurz trug wie Ihr, sondern ein hübsches Beinkleid. Ist er dir bekannt?« »Gewiß, das muss Hughie Morrison gewesen sein! Ich hätte nicht gedacht, dass er schon wieder auf den Beinen sei. Er war einen Tag bei uns. War er weit hinten?« »Ich schätze, etwa ein halbes Dutzend Meilen,« versetzte der Squire, »denn ich habe ihn beim Christenbury-Cragg getroffen und dich beim Hollan-Busch eingeholt. Wenn sein Vieh läuft, verkauft er vielleicht.« »Nem, nein! Hughie Morrison ist keiner, der was verkaufen kann! Aber ich muss Euch nun gute Nacht wünschen, Squire, denn ich muss nach der Schenke, um zu sehen, ob sich Harrys Zorn inzwischen gelegt hat.« Fünftes Kapitel. Im Wirtshaus saß alles in voller Unterhaltung über die von Robin Oig an seinem Freunde Wakefield begangene Falschheit. Wie es bei solchen Anlässen zu sein pflegt, so trat auch hier, als Robin Oig eintrat, plötzlich Stille ein. Das Gespräch, das sich um ihn gedreht hatte, wurde abgebrochen. Es herrschte jene Stille in der Schenkstube, die dem Eintretenden deutlicher als Tausende von Worten sagt, dass man ihn lieber gehen als kommen sieht. Verwundert und gekränkt, aber nicht verlegen über solchen Willkommen, im Gegenteil unverzagt und stolz, setzte sich Robin Oig, in einiger Entfernung von dem Tische, an welchem außer Harry Wakefield noch John Fleecebumpkin, der Verwalter und zwei andere Männer saßen. Freilich war die Schenkstube groß genug, dass er sich weitab hätte setzen können; und besser wäre es schließlich wohl auch gewesen, er hätte sich mit einem Gruße, wenn auch einem kurzen, hingesetzt, statt darauf zu pochen, daß ihm kein Wort des Grußes vergönnt würde. Er steckte sich die Pfeife an und forderte einen Krug Bier von der Sorte zu zwei Penny. »Zwei Penny-Bier führe ich keins,« versetzte Ralph Huskett, der Wirt, »da du aber deinen eigenen Tabak führst, bringst du dir wahrscheinlich auch eigenes Getränk mit. Bei Euch ist es wohl, glaube ich, Brauch so im Lande.« »Pfui doch, Mann! Schäme dich!« rief die Wirtin, eine dralle rührige Hausfrau, indem sie sich beeilte, dem Gaste vorzusetzen, was er begehrte; »du weißt recht gut, was der Fremde will, und als Wirt ist es doch Wohl deine Pflicht, höflich zu sein. Wenn der Schotte eine kleine Flasche lieber hat als eine große, so geht daraus noch nicht hervor, daß er seine Zeche nicht bezahlen wird!« Ohne auf diese Unterhaltung der Eheleute zu achten, nahm der Hochländer den ihm von der Wirtin gereichten Krug und trank der Gesellschaft zu mit dem Spruche: »Auf guten Markt!« »Besser möchten sie schon sein, unsere Märkte,« meinte einer von den Pächtern, »wenn uns nicht gar so viel Wind von Norden her bliese und ein paar Viehherden weniger aus dem Hochlande herunterkämen, uns das Gras von den Wiesen zu fressen.« »Ich meine, Freund, damit habt Ihr nicht recht«, erwiderte Robin gelassen; »wer frißt denn unser armes schottisches Vieh anders als ihr fetten Engländer?« »Mir wäre es schon lieber, es fände sich was ein, das alle Viehtreiber fräße!« meinte ein anderer; »denn kein ehrlicher Engländer mehr kann den Bissen Brot schlucken, der ihm im Munde steckt, sobald er solches Subjekt bloß von weitem sieht.« »Und kein ehrlicher Diener mehr rechnen, sich bei seinem Herrn in Gunst zu halten, so stehlen sich diese Kerle zwischen den Herrn und das Sonnenlicht«, rief der Verwalter. »Wenn das Späße sein sollen,« sagte Robin Oig noch immer mit Ruhe, »so sind es ihrer wohl zuviel für einen!« »Von Spaß ist keine Rede,« rief der Verwalter, »was ich sage und was hier gesprochen wird, ist voller Ernst. Denn wir sind der Meinung, Robin Oig oder wie Ihr sonst heißen mögt, wohlverstanden, alle die wir hier sitzen – der Meinung Robin Oig, daß Ihr Euch gegen unseren Freund, Mr. Harry Wakefield hier, benommen habt, wie sich kein Kamerad elender und erbärmlicher benehmen kann.« »Ganz sicher, ganz sicher,« entgegnete Robin mit großer Gelassenheit, »und für Richter in solcher Sache wie euch – wohlverstanden euch alle zusammen hier – gebe ich keine Prise Tabak! Wenn Mr. Wakefield weiß, wer ihn beleidigt hat, dann weiß er auch, an wen er sich zu wenden hat!« »Recht hat er gehabt, wenn er das sagte!« rief nun Wakefield, der im Widerstreite zwischen seinem Unmut über Robins kürzliches Benehmen und der wiederauflebenden früheren Freundschaft dem Wortwechsel zugehört hatte. Mit diesen Worten stand er auf und trat zu Robin, der seinerseits aufstand und ihm die Hand hinhielt. »Recht so, Harry!« erklang es von allen Seiten; »gib es ihm tüchtig!« »Haltet euer Maul und schert euch zum Teufel!« rief Wakefield. Dann drehte er sich zu seinem Kameraden herum und nahm mit einer Miene, in der Trotz und Achtung zugleich lagen, seine Hand. »Robin,« sprach er, »du bist heute schlecht mit mir verfahren, aber wenn du mir als ehrlicher Kerl die Hand geben und einen Gang mit mir auf dem Rasen draußen machen willst, so will ich dir dein Benehmen nicht nachtragen, und wir wollen bessere Freunde sein als je.« »Wäre es nicht aber besser, Harry,« wandte Robin ein, »wir würden die alten wieder ohne solchen Umweg? Ich sollte meinen, die neue Freundschaft müßte besser halten, wenn wir sie mit ganzen Knochen schlössen, statt daß wir uns vorher die Knochen zerschlügen?« Harry Wakefield stieß die Hand des Freundes von sich. »Daß ich drei Jahre mit einer Memme umgegangen bin, habe ich doch nicht gedacht«, sagte er. »Memme lasse ich mich nicht heißen«, rief Robin mit blitzenden Augen, ohne aber sich aus der Fassung bringen zu lassen. »Als du vom schwarzen Felsen abgestürzt warst und die Fische im Schlunde unten sich schon auf die leckere Beute deines Fleisches freuten, da waren es keiner Memme Beine oder Hände, Harry, die dich aus den Fluten des Frew in die Höhe arbeiteten. »Das ist freilich wahr, Robin, das ist nur allzuwahr!« sagte der Engländer, des ernsten Ereignisses jetzt auch wieder eingedenk. »Wie?« rief der Verwalter, »Harry Wakefield, der stärkste Kerl von Carlisle Sands und Stagshaw-Bank, wird sich doch nichts vormachen lassen? Aber so geht es jedem, der lange mit den Kerlen in Kilts und Mützen umgeht. Darüber vergessen wir Männer den Gebrauch unserer Hände.« »Ich könnte Euch bald zeigen, Mr. Fleecebumpkin,« sagte Harry Wakefield, »daß mir der Gebrauch der Hände noch nicht abhanden gekommen ist!« Dann wandte er sich aber zu Robin! »Wir müssen einen Gang miteinander machen, wenn wir nicht zum Gerede im Lande werden wollen. Des Teufels will ich sein, wenn ich dir die Knochen zerschlage, und meinetwegen ziehe ich schließlich auch Handschuhe an! Aber laß dir's nicht noch einmal sagen, sondern komm und stell dich als ein Mann!« »Um mich prügeln zu lassen wie einen Hund?« antwortete Robin; »liegt darin Verstand? Wenn du der Meinung bist, unrecht von mir erlitten zu haben, so will ich mit dir vor den Richter, wenngleich es mir an Verständnis gebricht für sein Gesetz wie seine Sprache.« »Nein, nein!« schrien jetzt alle drei wie aus einem Munde, »kein Gesetz, keinen Richter! Einen Buckel voll Prügel, und ihr seid wieder Freunde.« »Aber ich verstehe mich nicht darauf,« wandte Robin ein, »mit Fäusten und Nägeln zu balgen.« »Wie denkst du dir denn die Sache sonst?« fragte sein Gegner; »es wäre doch Grobheit, wollte ich dir eine Schramme aufzeichnen!« »Mit dem Schwerte will ich mich schlagen und fallen beim ersten Hiebe, der Blut gibt – wie es sich geziemt für – Edelleute!« Helles Gelächter folgte auf diesen Vorschlag, den Robin Oig weniger sein Verstand als sein aufsteigender Grimm eingegeben hatte. »Edelleute!« hallte es von allen Seiten wider – »Viehtreiber und Edelmann!« Und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. – »Schockschwerenot! ein stattlicher Herr, das muß wahr sein! Heda, Ralph Huskett, kannst du nicht ein paar Schwerter auftreiben für Mr. Robin Oig, Edelmann von Ochskopfs Gnaden« – alles brüllte vor Lachen – »daß er sich mit dir duelliert?« »Nein,« antwortete Ralph Huskett, »das geht nicht an! Aber zum Waffenschmied nach Carlisle kann ich schicken oder einstweilen mit einem Paar Gabelzinken aushelfen.« »Ei,« sagte wieder ein anderer, »es heißt ja immer, in Schottland kommen die Menschen mit der blauen Mütze auf dem Kopfe und mit Dolch und Pistol im Leibgurt auf die Welt?« »Am besten wird es sein,« meinte Mr. Fleecebumpkin, der Verwalter, »man schickt zum Squire von Schloß Corby, daß er sich herbemüht und für unseren Viehtreiber-Edelmann den Sekundanten macht!« Instinktiv griff der Hochländer, umtobt von diesem Gelächter und Spott, unter sein Plaid. »Nein,« sagte er, aber in seiner Muttersprache, »besser nicht! Hundert Flüche lieber gegen diese Ferkelfresser, von denen keiner weiß, was Anstand und Höflichkeit ist.« »Platz da, Gesindel!« rief er trotzig und schritt auf die Tür zu. Aber sein einstiger Freund vertrat ihm den Weg und wollte ihn nicht weglassen. Als Robin die Tür mit Gewalt zu gewinnen suchte, warf ihn Wakefield zu Boden, und zwar so leicht, wie ein Junge einen Kegel. »Einen Kreis! Einen Kreis!« rief es von allen Seiten, und so laut, daß die Balken mitsamt den dran hängenden Schinken zu wackeln und die Teller auf dem Küchenbrett zu klirren anfingen; »gut gemacht, Harry! Zahl's ihm heim, Harry! Jetzt faß ihn aufs Korn, Harry! Er sieht Blut!« So schrien die Engländer um den Hochländer her, dessen Kaltblütigkeit und Ruhe sich jetzt in Grimm und Zorn verwandelten. Er sprang vom Boden auf und stürzte mit der Wut und Rachgier einer gereizten Wildkatze auf den Gegner los. Aber Grimm und Raserei sind schlechter Einsatz gegen Gewandtheit, wenn sie sich mit Bedacht und Ruhe paart. Robin Oig unterlag von neuem. Ein schrecklicher Faustschlag streckte ihn zu Boden. Die Wirtin lief herbei, um dem Gefallenen zu helfen. Aber der Verwalter wehrte ihr und ließ sie nicht zu Robin heran. »Laßt den Kerl liegen,« sagte er, »der rappelt sich schon allein wieder auf. Es geht doch noch einmal los, denn der hat doch noch nicht genug.« »Er hat nun weg, was ich ihm zugedacht habe,« sagte Harry Wakefield, dessen alte Freundschaft für Robin nun wieder zum Vorschein kam, »den Rest möchte ich am liebsten Euch geben, Fleecebumpkin, denn Ihr tut, als wenn Ihr alles am Schnürchen hättet. Der dumme Kerl von Robin war nicht einmal so gewitzt, daß er sich vorher das Plaid abtat, sondern hat mit dem Lappen über der Schulter gekämpft. Steh auf, Robin! Hörst du? Nun sind wir wieder die alten. Es soll nun einer kommen, der noch ein Wort redet wider dich oder dein Land!« Robin Oig erhob sich. Aber erbitterter wie vordem und bereit, den Kampf von neuem zu beginnen. Die Wirtsfrau jedoch mischte sich ein und zog ihn zurück, und da er zudem sah, daß Harry keine Lust hatte, noch einmal zu kämpfen, so wandelte seine Wut sich in finsteren Trotz. »Ach geh doch!« redete Wakefield ihm wieder zu mit der seinem Volke eigentümlichen Versöhnlichkeit, »so etwas mußt du dir nicht so zu Herzen nehmen!« und mit den Worten: »Komm, schlag ein, wir sind jetzt bessere Freunde als je.« »Freunde?« rief Robin mit seltsamer Betonung – »wir Freunde? Nimmermehr! – Sei auf der Hut, Harry Wakefield!« »Dann fahre dir Cromwells Fluch in den stolzen Schottenmagen! wie der Held im Schauspiel sagt – tu mir dein Schlimmstes an und fahr zum Teufel! Mehr als nach dem Kampfe sagen, daß es einem leid sei, kann kein Mann.« Hiermit trennten sich die Freunde. Robin Oig sprach nicht mehr, sondern langte ein Geldstück aus der Tasche, warf es auf den Tisch und ging aus der Schenke. Aber unter der Tür blieb er stehen und schüttelte, zum Zeichen der Drohung oder der Warnung, die Hand gegen Wakefield. Dann verschwand er im Mondeslicht. Sechstes Kapitel. Als Robin Oig aus der Schenke war, entspann sich zwischen dem Verwalter, der sich gern als Eisenfresser aufspielte, und Harry Wakefield, der jetzt, in wunderlichem Widerspruch, starke Lust verspürte, einen neuen Strauß zu wagen zur Verteidigung von Robin Oigs Ehre, »dem er es nicht weiter anrechnen wolle, daß er die Fäuste nicht so gut zu gebrauchen verstehe wie ein Engländer, denn es sei ihm nun einmal nicht angeboren.« Aber Frau Huskett, die Wirtin, verhinderte diesen zweiten Zank. In ihrem Hause, sagte sie solle keine Schlägerei mehr vorfallen; es sei nun schon arg hergegangen – »und Ihr, Mr. Wakefield,« setzte sie, zu dem Engländer gewandt, hinzu, »Ihr könnt es Euch hinter die Ohren schreiben, was es heißt, sich aus einem guten Freunde einen Todfeind zu schaffen.« »Ach, reden Sie doch nicht, Frau Huskett! Robin Oig ist ein guter Kerl und wird mir die paar Faustschläge nicht nachtragen.« »Rechnet nicht so stark darauf, Mr. Wakefield! Ihr kennt den Schotten nicht, wenn Ihr auch, noch so oft mit ihm zu schaffen hattet. Aber ich kenne ihn, kenne ihn gut, denn meine Mutter war auch eine Schottin.« »Man siehts an ihrer Tochter«, sagte Ralph Huskett spöttisch. Durch diese Reden nahm die Unterhaltung eine andere Wendung. Neue Gäste traten in die Schenke, während andere sie verließen. Man unterhielt sich von den Märkten, die in die nächste Zeit fielen, kam auf die Preise, die erzielt werden dürften, und auf die Abschlüsse zwischen Schotten und Engländern zu sprechen. Es wurden auch neue Abschlüsse gemacht, und Harry Wakefield fand für einen beträchtlichen Teil seiner Herde einen Großkäufer und erzielte ein hübsches Stück Geld als Gewinn. Bald dachte infolgedessen keiner der Anwesenden mehr an den ärgerlichen Auftritt, der sich eben zugetragen hatte. Einer indessen war noch immer da, einer, dem der Besitz alles Viehs zwischen Esk und Eden den Auftritt nicht aus dem Gedächtnis hätte bringen können. Dieser eine war Robin Oig M'Combich. »Daß ich keine Waffe bei mir trug!«sprach er vor sich hin; »zum erstenmal in meinem Leben! Verflucht sei die Zunge, die dem Hochländer befiehlt, sich von seinem Dolche zu trennen! – Der Dolch! Ha, das englische Blut an meiner Hand! – Ha, was die Muhme sagte! – Wann hat sich ihr Wort je als nichtig erwiesen?!« Die Erinnerung an die unselige Prophezeiung vor seinem Aufbruche bestärkte ihn noch mehr in dem Vorsatz, der in seiner Seele keimte. »Ha! Weit kann doch der Morrison von hier nicht mehr sein! Und mag er hundert Meilen noch fern sein – was tut's?« Sein ungestümer Geist hatte jetzt ein sicheres Ziel erhalten, und mit einer Schnelligkeit ohnegleichen stürmte Robin Oig zurück nach den wilden Einöden, durch die, nach Mr. Irebys Reden, Hughie Morrison gezogen kommen mußte. Das Gefühl, unrecht gelitten zu haben, unrecht von einem Freunde, schmerzte ihn tief. Es dürstete ihn nach Rache an einem, den er jetzt für seinen bittersten Feind hielt. Seine Vorurteile von Geburt und Ahnenstolz standen ihm um so höher, als er diese eingebildeten Vorrechte nicht mehr verwerten konnte. Sein Schatz war geplündert worden, geplündert von Freundeshand; die Götzen, die er im stillen angebetet hatte, waren entheiligt und entweiht. Beschimpft, geschmäht und geschlagen, hielt er sich des Namens, den er trug, nicht mehr für wert, des Stammes nicht mehr für ebenbürtig, dem er angehörte. Nichts blieb ihm mehr – nichts als die Rache! Dieser Gedanke reizte seinen Zorn bei jedem Schritt mehr. Die Rache sollte dem Schimpfe gleichwertig sein – die Rache sollte dem Schimpf auf dem Fuße folgen. Sieben bis acht Meilen betrug die Strecke zwischen dem Wirtshause und dem dermaligen Aufenthalte Morrisons wenigstens, denn Morrison konnte des Viehs wegen, das er trieb, nur langsam vorwärts kommen. Über Stoppelfeld und Baumhecken, über Felsen und finstere Halden, über Raine und über Wiesen rannte Robin Oig – und alles war in dem Mondlicht einer Novembernacht vom starren Reif beglänzt. Sechs Meilen lief er in der Stunde, und endlich drang aus der Ferne Gebrüll von Vieh an sein Ohr – Morrisons Vieh – und endlich sah er es, klein wie Maulwürfe und langsam wie Schnecken, über die weite Heide kriechen – und endlich, endlich erreicht er die vordersten Reihen und stürzt, einem Rasenden gleich, durch die Herde hindurch zu ihrem Treiber. »Was ist denn los?« rief der Südländer – »bist du es, Robin M'Combich, oder ist es dein Geist?« »Es ist Robin Oig M'Combich,« versetzte der Hochländer, »und nicht sein Geist. Aber laß das und gib mir meinen Skene-dhu!« »Dein schwarzes Messer? Was? Willst also ins Hochland zurück? Sackerment! Hast du alles verkauft schon vor dem Markte? Das gäbe ja für alle Märkte des Jahres einen schlimmen Preisdruck!« »Rede nicht so viel! Ich habe noch kein Stück meiner Herde verkauft, außer was mich das Weideland gekostet hat. Ich geh auch nicht nach Norden. Ich geh vielleicht überhaupt nicht mehr nach Norden. Meinen Dolch gib mir, Morrison, und schnell – oder du sollst es mir büßen!« »Ich kenne dich zu gut, Robin Oig, als daß ich dir den Dolch geben dürfte – denk an die Worte deiner Muhme, die noch keine Ahnungen hatte, die sie trogen! Der Skenedhu ist eine schlimme Waffe in Hochländers Hand – du hast gewiß wieder was Schlimmes vor!« »Rede nicht so viel!« rief Robin Oig, von Ungeduld übermannt, »sondern gib mir meinen Dolch!« »Halt ein, Kamerad, und besinne dich!« sagte wohlmeinend der Freund; »ich will dir sagen, was besser ist als diese Dolchaffären. Ich weiß, Hoch- und Unterländer und Grenzvolk sind alle eines Mannes Kinder, wenn du über dem Schottenkanal bist. Sieh, die Jungen von Eksdale und Charlie von Liddesdale, der Raufer, und die Buben von Lockerby und die vier Dandies von Lustruther und noch andere Grauröcke in Menge kommen hinten – und wenn mir unrecht von jemand widerfuhr, nun, so hat doch der mannhafte Morrison noch eine Faust und, bei Gott und dem Teufel! Ich will dir beistehen, will zusehen, daß ich dir Recht schaffe, wenn Carlisle und Stanwix mir beide standhalten wollen!« »Was soll ich noch länger hinter dem Berge halten, Morrison,« versetzte Robin Oig, um den Verdacht des Freundes zu beseitigen – »ich habe mich zu einer Abteilung vom schwarzen Korps anwerben lassen und muß morgen in aller Frühe mit auf den Marsch.« »Du dich anwerben lassen? Bist du toll gewesen oder betrunken? Kauf dich wieder los, Robin! Das mußt du, unbedingt! Ich kann dir zwanzig Kassenscheine geben zu je hundert und zwanzig andere noch, sobald ich mein Vieh los bin!« »Vielen Dank, Hughie, vielen Dank! Aber ich geh den Weg, den ich gehe, aus freien Stücken. Also den Skene-dhu her! Den Skene-dhu her!« »Na, dann hast du ihn, wenn alles Reden nichts helfen mag. Aber denk an meine Worte, Robin, denk dran! – Ach, schlimme Kunde wird es sein auf den Märkten von Balquidder, wenn verlauten sollte, Robin Oig von M'Combich sei auf schlimme Bahn geraten und habe sich anwerben lassen, anwerben lassen bei den Rotröcken!« »Schlimme Kunde für Balquidder und seine Märkte, ganz recht, Morrison!« wiederholte der arme Robin; »aber Gott geleite dich, Hughie – ich wünsche dir guten Markt. Mit Robin Oig triffst du auf keinem Viehmarkt mehr zusammen.« Mit diesen Worten schüttelte Robin Oig seinem Kameraden die Hand und rannte mit der gleichen Schnelligkeit wie er gekommen war, den gleichen Weg zurück. »Der Robin hat doch wieder Händel«, brummte Hughie Morrison vor sich hin. »Nun, morgen werden wir ja besser wissen, wie es hierum steht.« Siebentes Kapitel. Aber lange noch, bevor der Morgen graute, war unsere Geschichte zu ihrem Ende gelangt. Zwei Stunden waren seit der Schlägerei verstrichen, und kaum dachte noch jemand daran, als Robin Oig in Ralph Husketts Schenke zurückkehrte. Die Stube war mit Leuten verschiedener Art gefüllt und alles redete oder lärmte durcheinander, jeder nach seiner Art: diejenigen, die ein Geschäft zusammen vorhatten, ernst und leise; andere, die sich bloß vergnügen wollten, lachten, schrien und sangen oder gaben sich allerhand Jux und Witz hin. Zu den letzteren zählte auch Harry Wakefield, der zwischen Weiberröcken und fidelen Gesichtern saß und eben das alte Volkslied trällerte: »Roger heiß ich bei den Leuten, Führe Pflug und Wagen –« Da ward er unterbrochen von einer ihm wohlbekannten Stimme, die ihm in hohem, ernsten Tone, mit dem scharfen Akzent des Hochländers zurief: »Harry Wakefield! Sofern du ein Mann bist, so stehe auf!« »Was ist denn los? Was ist denn los?« schrien die Gäste durcheinander. »Was denn sonst, als daß sich ein Hund von Schotte,« lallte Fleecebumpkin, der jetzt total betrunken war, »dem vorhin Wakefield das Fell tüchtig geschoren hat, nach einer zweiten Tracht umsieht?« »Harry Wakefield,« rief zum andernmale die gleiche unheimlich drohende Stimme – »sofern du ein Mann bist, so stehe auf!« In der Sprache jener tiefsten Leidenschaftlichkeit, die alles, was Empfindung im Menschen heißt, in sich zusammenballt, liegt etwas von Grauen. Schon der Tonfall verursacht Schauder. Die Gäste fuhren auf allen Seiten zurück und starrten den Hochländer an, der zürnend wie der Rachegott mit zusammengezogenen Brauen, aufeinandergepreßten Lippen, mit all der kalten, starren Entschlossenheit des Menschen, der für das Leben abzurechnen vorhat, zwischen ihnen stand. »Lieber Robin, ich stehe herzlich gern auf – warum auch nicht?« sagte Harry Wakefield – »aber bloß, um dir die Hand zu reichen und allen Groll, der etwa noch zwischen uns besteht, hinunterzutrinken. An deinem Herzen liegt es ja doch nicht, daß du die Faust nicht zu ballen verstehst.« »Laß dir sagen, Freund Robin,« sagte Harry Wakefield, »daß es doch deine Schuld wahrlich nicht ist, nicht als Engländer geboren zu sein, und daß es doch dann auch kein Wunder ist, wenn du nicht besser zu kämpfen verstehst als ein Schulmädel.« »Kämpfen kann ich, Wakefield und du sollst es erfahren!« versetzte mit finsterer Ruhe Robin Oig; »Wakefield, du hast mir heute gezeigt, wie sächsische Flegel kämpfen – ich will dir jetzt zeigen, wie der Dunniewassle Name des eingeborenen Bergschotten in Schottland. (Anm. d. Ü.) des Hochlandes kämpft!« Mit diesen grausigen Worten stieß er dem englischen Landmann seinen Skene-dhu in die breite Brust mit so tödlicher Kraft und Sicherheit, daß das Heft dröhnend gegen das Brustbein stieß und die doppelschneidige Spitze dem Unglücklichen das Herz spaltete. Harry Wakefield fiel mit einem Röcheln um und war tot. Sein Mörder packte nun den Verwalter am Kragen und hielt ihm den blutigen Dolch an die Kehle. Schrecken und Bestürzung raubten dem Manne alle Kraft zur Verteidigung. »Recht und billig wäre es, wenn ich dich ihm zur Seite legte«, sagte er; »aber auf meines Vaters Dolch soll sich kein Fuchsschwänzerblut mit dem Blute eines braven Mannes mischen.« Mit diesen Worten schleuderte er den Mann mit einem einzigen Fußstoß bis an die andere Zimmerecke – und die tödliche Waffe in das lodernde Feuer. »Da!« sprach er; »greife mich, wer mag – das Feuer mag das Blut lecken, wenn es das Feuer vermag!« Noch stand alles, von Entsetzen übermannt, in Todesschweigen da, als Robin Oig nach einem Konstabler rief. Ein solcher trat aus der Menge und ihm übergab sich der Mörder. »Eine blutige Tat ist's, die Ihr begangen habt!« sprach der Konstabler. »Mit Eurer Schuld!« versetzte der Hochländer; »denn hättet Ihr vor zwei Stunden seine Hände von mir gehalten, so wäre er noch so gesund und munter wie vor zwei Minuten.« »Eine schwere Verantwortung ist's, die Ihr vor Euch habt«, sagte der Konstabler wieder. »Laßt Euch solches nicht kümmern! Der Tod tilgt alle Schuld und wird auch diese tilgen!« Achtes Kapitel. Das Entsetzen, das über allen, die diesem Auftritt beigewohnt hatten, lagerte, fing nun langsam an, sich in Empörung und Zorn zu verwandeln, und wenig fehlte, so hätten sie den Tod eines beliebten Kameraden – der um einer Beleidigung willen, mit der solche Rache, ihrem Empfinden nach, im grellsten Widerspruch stand, in ihrer Mitte ermordet worden war – an dem Täter auf der Stelle gerächt. Aber der Konstabler erfüllte seine Pflicht in diesem Falle aufs gewissenhafteste und brachte, unterstützt von einigen vernünftiger denkenden Männern, Pferde herbei, um den Mörder nach Carlisle ins Gefängnis zu überführen, wo er bis zum nächsten Gerichtstag in Verwahrsam bleiben sollte. Der Mörder verhielt sich während dieser Vorbereitungen teilnahmslos und sprach kein Wort. Aber als man ihn aus dem Zimmer führen wollte, äußerte er den Wunsch, die Leiche zu sehen, die vom Estrich aufgehoben und auf den langen Schenktisch gelegt worden war, denselben, an welchem Harry Wakefield noch vor wenigen Minuten in der Vollkraft und Ausgelassenheit seiner Jugend den Vorsitz geführt hatte – denselben, auf welchem ihn jetzt die Ärzte untersuchen sollten, um den Tod festzustellen. Das Gesicht der Leiche war mit einem Tuche verdeckt. Zum Erstaunen und Entsetzen aller Anwesenden hob Robin Oig das Tuch auf und betrachtete das starre Gesicht, das noch vor wenigen Augenblicken so voll Leben gewesen war, daß die freudige Zuversicht in seine Körperstärke, das verächtliche und doch mitleidige Lächeln über das Ansinnen seines Feindes noch seine Lippen kräuselte, mit wehmütigem, aber festem Blicke. Während die Umstehenden meinten, die Wunde, die das ganze Zimmer mit Blut getränkt hatte, werde von neuem zu bluten anfangen zufolge dieser Berührung durch Mörderhand, legte Robin Oig das Tuch wieder auf das Gesicht und sprach die wenigen Worte: »Schade! Es war ein hübscher Mensch und ein netter Kerl! –« Neuntes Kapitel Die kurze Geschichte ist zu Ende. Der Hochländer wurde zu Carlisle prozessiert. Anfangs war Gericht und Publikum gegen den Verbrecher, der den Freund aus Rache ermordet hatte, stark eingenommen. Bald aber machte sich die Rücksicht auf die eingewurzelten Vorurteile des hochländischen Bergvolkes geltend, die jede körperliche Mißhandlung als unauslöschlichen Schandfleck hinstellen, und als man die Langmut und Mäßigung in Erwägung zog, die der Mörder bei der Entwickelung des Vorfalles an den Tag gelegt hatte, da fühlten sich die Richter gedrungen, das Verbrechen als eine Verirrung aus falschem Ehrbegriff, nicht als die Tat eines von Natur rohen oder durch Laster verhärteten Gemüts aufzufassen. Die Geschworenen fällten, ihrer Pflicht und Instruktion gemäß, das Urteil. Es lautete auf schuldig des Mordes, begangen mit Vorsatz und Überlegung. Zufolge dieses Spruches wurde der Stab über Robin Oig M'Combich, sonst als Mac Gregor bekannt, gebrochen und der Mörder zum Tode geführt. Er ertrug sein Schicksal mit musterhafter Standhaftigkeit und erkannte das Urteil als gerecht an. Aber mit Unwillen wies er Bemerkungen zurück, durch die ihm zum Vorwurf gemacht wurde, einen unbewaffneten Menschen angefallen zu haben. »Ich gebe mein Leben für jenes Leben, das ich genommen habe,« sagte er – »was kann ich mehr tun?« Ende. Walter Scott Der Zauberspiegel Meine Tante Margarete war eine Dame von jener ehrenwerten Schwesternschaft, die sich mit all jenen Mühen und Bekümmernissen trägt, welche der Besitz von Kindern mit sich bringt, mit Ausnahme allein jener Beschwernisse, von denen ihr Eintritt in die Welt begleitet ist. Wir waren eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedener Veranlagung des Gemüts und des Körpers. Die einen waren einfältig und verschlafen – sie wurden zur Tante Margarete geschickt, damit sie dort Unterhaltung finden sollten; die andern waren roh und zänkisch und machten gern Spektakel – sie wurden zur Tante Margarete geschickt, damit sie dort zur Ruhe angehalten würden oder vielmehr weit genug weg wären, um nicht mehr gehört zu werden. Die Kranken wurden zur Pflege und Genesung zu ihr geschickt; die Unfolgsamen wurden in der Erwartung zu ihr gebracht, daß ihre milde Zucht ihnen Gehorsam beibringen möchte. Kurz, der Tante Margarete lagen alle Pflichten einer Mutter ob, nur daß ihr die Achtung und der Respekt, die dem mütterlichen Charakter gebühren, nicht entgegengebracht wurden. Die emsige Betätigung ihrer vielfältigen Sorgsamkeit ist vorüber – ob sie kränklich waren oder robust, ob sie sanftmütig waren oder zanksüchtig, ob sie tölpelhaft waren oder anmutig – von all den Kindern, die sich von früh bis spät in ihrem Stübchen herumtrieben, ist keines mehr am Leben als ich allein; und gerade ich litt oft an Kinderkrankheiten, war einer der schwächlichsten ihrer Zöglinge und habe doch alle andern überlebt. Noch jetzt besuche ich meine liebwerte Tante zweimal in der Woche und werde es immer tun, so lange ich noch meine gesunden Glieder habe. Sie wohnt etwa eine halbe Meile außerhalb der Vorstädte, wo meine Wohnung liegt; ich kann sowohl auf der Chaussee, wo ich allerdings einen kleinen Umweg mache, als auch auf einem durch schöne Wiesen führenden Fußsteig in ihr Haus gelangen. In meinem Leben ereignet sich jetzt so wenig, was mir zur Qual wird, daß einer meiner größten Schmerzen in der Gewißheit liegt, daß diese Felder bebaut werden sollen. Auf dem der Stadt am nächsten gelegenen sind ein paar Wochen lang Schubkarren in solcher Anzahl tätig gewesen, daß ich tatsächlich glaube, die ganze Oberfläche bis zur Tiefe von wenigstens achtzehn Zoll, hat zu einundderselben Zeit auf diesen einrädrigen Beförderungsmitteln gelastet und ist von einem Flecke zum andern geschleppt worden. Desgleichen sind große Bretterhaufen hier und dort aus diesem dem Untergange geweihten Stückchen Erde aufgestapelt worden, und ein niedliches Beieinander von Bäumchen, das den sanftansteigenden Ostausgang jetzt noch ziert, hat auch schon durch eine Schmiererei von weißer Farbe die Kündigung bekommen, daß es den Platz zu räumen hat und einem absonderlichen Haine von Schornsteinen weichen muß. Vielleicht würde mancher in meiner Lage Schmerz empfinden bei der Erinnerung, daß dieses Stückchen Weide meinem Vater gehörte, der eine angesehene Stellung in der Welt bekleidete, daß dieser Grund und Boden stückweis veräußert worden ist, um die schweren Verluste wieder wettzumachen, die er erlitten hatte, als er mehrere Vermögenseinbußen durch kaufmännische Spekulationen wieder hatte ausgleichen wollen. Während die neuen Häuser dort im Bau waren, wurde ich daran oft von jener Sippe von Freunden erinnert, welche dafür sorgen zu sollen glaubt, daß man auch nicht einen Teil seines Unglücks vergesse. Daß aus diesem Stückchen Erde etwas andres geworden ist, tut mir nur deshalb weh, weil dadurch Gedankenketten zerrissen worden sind, und weit lieber würde ich den Park in den Händen Fremder sehen, wenn er dabei nur seinen Waldwuchs behalten hätte, als daß ich ihn mit dem Pfluge beackert oder mit Gebäuden bedeckt sehen müßte. Ich hoffe jedoch, die angedrohte Verwüstung wird zu meinen Lebzeiten nicht mehr vollendet werden. Der Geist der Zeit ist nicht mehr so arg auf Spekulation versessen wie damals, als die Unternehmung begonnen wurde, und ich habe jetzt Ursache anzunehmen, daß infolge der Ereignisse der letzten Zeit die Lust zu angeblich gewinnbringenden Unternehmungen bedeutend nachgelassen hat. Der Fußsteig nach der Wohnung meiner Tante Margarete, der noch erhalten ist, wird also wohl, solange sie und ich noch am Leben sind, auch erhalten bleiben. Daran allerdings hänge ich sehr, denn jeder Schritt, den ich auf diesem Wege über die schon erwähnte Wiese gehe, erweckt in mir Jugenderinnerungen. Dort ist die Sonnenuhr, und bei ihrem Anblick denke ich daran, wie eine unfreundliche Amme mich meiner Lahmheit wegen schalt und mich die steinigen Stufen, die zu der Uhr hinaufführen und die meine Brüder lärmend emporsprangen, grob und unvorsichtig emporriß. Ich erinnere mich, wie tief es mich schmerzte und wie bittern Neid ich empfand, als ich mit dem Bewußtsein meines Gebrechens die leichten Bewegungen und elastischen Sprünge meiner glücklicher gestalteten Brüder betrachtete. Ach, diese schön gebauten Schiffe sind alle auf dem weiten Meere des Lebens untergegangen, und gerade nur das, welches der See am wenigsten Trotz bieten zu können schien, ist nach überstandenem Sturme in den Hafen eingelaufen. Dort ist auch der Teich, auf dem mein Bruder eine kleine aus Schwertlilienblättern gebaute Flotte schwimmen ließ. Er fiel hinein und wurde nur mit knapper Not gerettet, und dann ist er später im Dienst der britischen Flotte unter Nelsons Flagge gestorben. Dort ist auch das Haselgestrüpp, wo mein Bruder Henry Nüsse zu suchen pflegte – und auch er hat damals nicht gedacht, daß er einst in einer indischen Dschungel bei der Suche nach Rupien sterben würde. Auf dem kleinen Spazierwege drängen sich mir so viel Erinnerungen auf, daß ich jetzt, indem ich, auf meinen krückenartigen Spazierstock gestützt, daran denke, was ich war und was ich bin, – fast mich von Zweifeln erfüllt fühle, ob ich denn auch noch derselbe bin – bis ich vor dem Hause meiner Tante stehe, dessen Eingang mit Gaisblatt umrankt ist. An dieses Haus – das ehemalige Lusthaus des Parkes – haben wir noch geringen Anspruch. Laut einem Familienkontrakt war es nämlich der Tante Margarete auf Lebzeiten überlassen worden. An diesem kleinen Besitztum haftet sozusagen der letzte Schatten des Hauses Bothwell von Earl Closes. Der letzte Vertreter des Geschlechts wird alsdann ein alter, schwacher Mann sein, der sich nur zu gern dem Grabe nähert, das bereits all seine Lieben verschlungen hat. Wenn ich ein Weilchen derartigen Gedanken nachgehangen habe, trete ich in das Wohnhaus, das ursprünglich nur die Behausung eines Parkaufsehers gewesen sein soll. Dort finde ich eine Person, auf die die Zeit wenig gewirkt zu haben scheint, denn die Tante Margarete von heute steht zu der Tante Margarete meiner Kindheit in demselben Verhältnis der Jahre wie der zehnjährige Knabe zum sechsundfünfzigjährigen Manne. Die alte Dame kleidet sich noch immer so wie früher, und daher stammt wohl die Meinung, daß die Zeit, was Tante Margarete anbetrifft, stillgestanden ist. Das chokoladenfarbene Seidenkleid mit seidenen Spitzen am Ellbogen – die schwarzseidenen Handschuhe – das weiße, zurückgekämmte Haar – die fleckenlose Battisthaube, die das ehrwürdige Antlitz umschließt – all dies war 1780 ebensowenig Mode wie 1820, es war vielmehr nur der Tante Margarete Eigenart, sich so zu kleiden. Noch wie vor dreißig Jahren sitzt sie dort mit dem Spinnrad oder dem Strickstrumpf – im Winter am Kamin, im Sommer am Fenster; des Sonnabends, wenn das Wetter sehr schön ist, wagt sie sich wohl auch vor die Haustür. Ihr Körper verrichtet noch wie ein gutgebauter Automat die Tätigkeit, zu der er bestimmt schien. Die Maschinerie macht ihren Kreislauf in allmählich schwächer werdendem Laufe, aber es ist noch kein Grund zu der Annahme, daß sie bald zum Stillstand kommen werde. Wenn ich mit Tante Margarete plaudere, so reden wir wenig von Gegenwart und Zukunft; für die Vergangenheit aber haben wir alles übrig, und sie ist uns das liebste. Was die Zukunft anbelangt, so hegen wir für unsre Zeitspanne diesseits des Grabes weder Hoffnungen noch Befürchtungen noch bange Wünsche. Unser Sinnen gilt daher begreiflicherweise lediglich der Vergangenheit, und wir vergessen, daß unsre Familie ihr Vermögen eingebüßt hat und in ihrem Ansehen verloren hat, und denken nur an die Zeit des Reichtums und des Glückes. Als ich in der vergangenen Woche an einem Sommerabend die alte Dame besuchte, wurde ich von ihr mit der üblichen Güte und Liebe empfangen. Sie schien aber ein wenig zerstreut und nicht zum Plaudern aufgelegt. »Sie haben die alte Kapelle ausgeräumt,« sagte sie, als ich nach der Ursache fragte. »John Clayhudgeons ist, wie es scheint, dahinter gekommen, daß die Asche dort – ich glaube, es ist der Staub unsrer Ahnen – sich vorzüglich dazu eignet, unsre Wiesen zu düngen.« Ich fuhr so heftig empor, wie ich es seit Jahren nicht mehr an der Gewohnheit hatte. Ich setzte mich aber wieder, als meine Tante mir die Hand auf den Arm legte und hinzufügte: »Die Kapelle, lieber Neffe, gilt lange als Gemeindegrund und ist als Hühnerhaus in Benützung – es läßt sich also gar nichts dagegen einwenden, daß der Mann sein Eigentum verwertet, wie es ihm am nützlichsten dünkt. Ich habe überdies mit ihm gesprochen, und er hat mir bereitwillig und liebenswürdig die Versicherung gegeben, daß Gebeine oder Grabmäler verschont bleiben sollten – wo welche ausgeworfen würden, sollten sie sorgsam wieder an ihren Platz gelegt werden. Konnte ich mehr von ihm verlangen? Der erste Stein, der gefunden wurde, trug den Namen Margarete Bothwell und die Jahreszahl 1585. Ich ließ ihn sorgsam bei Seite legen, wie man es meiner Meinung nach den Toten schuldig ist. Dieser Stein, der meiner Namensvetterin 200 Jahre gedient hat, ist gerade noch zur rechten Zeit gefunden worden, daß er auch mir noch den gleichen guten Dienst erweisen kann. Ich habe ja mein Haus längst bestellt, soweit es mein kleines Anwesen hier auf Erden erfordert. Wer aber kann sagen, daß die Rechnung mit dem Himmel in gleicher Weise geordnet sei?« »Zu jeder Zeit, liebe Tante, ist es unsre Pflicht, des Todes zu gedenken. Es wäre aber ein Aberglaube, wollte man daraus, daß man einen alten Grabstein gefunden hat, den Schluß ziehen, daß der Tod deshalb nahe bevorstünde. Dich aber, die du dank deinem starken Verstande so lange Zeit die Stütze einer Familie im Verfall gewesen bist, hätte ich am allerwenigsten einer solchen Schwäche für fähig gehalten.« »Dein Verdacht träfe mich auch unverdient, lieber Vetter,« erwiderte Tante Margarete, »wenn hier die Rede wäre von einem Vorgang im tatsächlichen Laufe des Menschendaseins. Aber trotz alledem bin ich in einem Gefühl des Aberglaubens befangen, dem ich mich nur ungern entringen möchte. Es ist eine Empfindung, die mich von der Zeit hinieden trennt und mich mit der verknüpft, der ich jetzt entgegeneile. Und wenn diese Empfindung mich sogar wie jetzt eben an den Rand des Grabes zu führen scheint und mich darauf zu blicken zwingt, so ist es mir doch nicht lieb, wenn sie verscheucht wird.« »Sie sind da, liebe Tante, wie ein Wanderer, der vom Wege abweicht!« »Schone meiner, ich bitte dich,« versetzte meine Tante, »erinnre dich des alten galischen Gesanges, der mit der Lehre beginnt, daß man den, der in Träume versunken sei, nicht wecken dürfe. Glaube mir auch, Vetter, diese wachenden Träume, die meine Phantasie spinnt, bereiten mir eben solchen Genuß wie mein tägliches Leben. Anstatt daß ich vorwärts schaue, wie ich in der Jugend pflegte, und mir am Rande des Grabes noch Luftschlösser baue, wende ich den Blick rückwärts auf die Tage meiner bessern Zeit. Dann überkommen mich die schwermütigen und doch so erheiternden Erinnerungen so zahlreich und so anregend, daß ich es fast für eine Entweihung erachten möchte, wenn ich klüger oder vernünftiger oder weniger von Vorurteilen erfüllt sei, als selbst die Kinder, die mich in meiner Jugend umgaben.« »Ich glaube dich jetzt zu verstehen,« antwortete ich, »und es ist mir klar, weshalb du manchmal die Dämmerung des Wahnes dem Tageslicht der Vernunft vorziehst.« »Wenn wir keine Arbeit vorhaben,« erwiderte sie, »können wir im Dunkeln sitzen, sobald es uns paßt; wenn wir aber arbeiten wollen, müssen wir uns Licht bringen lassen.« »Und bei so schattenhaftem Zwielichte,« sagte ich, »hat die Phantasie ihre bezaubernden Visionen, die sich oft den Sinnen als etwas Wirkliches aufdrängen.« »Du brauchst deshalb nicht die schmerzhaften Schrecken zu empfinden, die ein inniger Glaube an das Wunderbare erweckt – solchen Glauben hegen heutzutage übrigens nur noch die Kinder und die Narren. Es brauchen dir auch nicht die Ohren zu klingen oder die Wangen zu erblassen, wie es bei Theodor war, wenn der wilde Jäger kam. Wenn du die sanftere Wonne übernatürlicher Eindrücke genießen willst, so brauchst du nur des leichten Schauders fähig zu sein, der dich bei einer gruseligen Erzählung beschleicht. Das zweite Zeichen dafür, daß so etwas bei dir so wirkt, wie es soll, ist, daß du in dem Augenblick, wo die Spannung der Erzählung ihren Höhepunkt erreicht hat, dich nicht getraust, dich umzuschauen, und das dritte Zeichen ist, daß du darauf bedacht bist, ja nicht in einen Spiegel hineinzusehen, wenn man abends allein im Zimmer ist. Dies sind die Merkmale, an denen man erkennt, ob eine zarte Phantasie in der richtigen Stimmung ist, eine Geistergeschichte richtig zu genießen.« »Das Zeichen mit dem Spiegel,« sagte ich, »scheint indessen bei dem schönen Geschlecht selten einzutreffen.« »Du weißt nicht Bescheid in Toilettenangelegenheiten, lieber Vetter, alle Frauen befragen ängstlich den Spiegel, ehe sie in Gesellschaft gehen. Wenn sie nach Hause kommen, hat der Spiegel für sie allerdings nicht mehr denselben Reiz. Ich will dich indessen nicht in die Geheimnisse des Toilettentisches einweihen, ich kann nur sagen, wie viele andre habe auch ich nicht gern den leeren schwarzen Hintergrund eines großen Spiegels in einem düster erhellten Gemache, wo es den Anschein hat, als ob sich der Widerschein der Kerzen eher im tiefen Dunkel des Glases verlöre, statt daß er ins Zimmer zurückstrahlte. Die pechschwarze Fläche scheint so recht ein Spielplatz zu sein für die Ausgeburten der Phantasie. Sie gaukelt uns andre Züge als die unsern entgegen, oder eine unbekannte Gestalt sieht uns über die Achsel, wie in dem Zaubermärchen, das wir als Kinder erzählen hörten. Wenn ich in solcher Stimmung des Geistersehens bin, dann lasse ich das Dienstmädchen die grünen Vorhänge vor den Spiegel ziehen, ehe ich ins Zimmer trete, damit auf die Magd der erste Schrecken der Erscheinung fällt, sofern eine da ist. Um dir aber die Wahrheit zu sagen, beruht die Abneigung, die ich zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten vor Spiegeln hege, eigentlich auf einer Geschichte, die ich von meiner Großmutter habe; sie selbst hat bei den Ereignissen, von denen ich dir jetzt erzählen werde, eine Rolle gespielt. Erstes Kapitel. »Du hörst ja gern die Schilderungen aus jener Zeit, die längst von der Bühne verschwunden ist. Ich wollte, ich könnte dir den Philipp Forester beschreiben, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts der ausgemachteste Wüstling der höchsten schottischen Kreise war. Ich habe ihn nie gesehen, aber meine Mutter hat mir oft von seinem Witz, seiner Galanterie und seiner Verschwendung erzählt. Dieser fidele Ritter spielte gegen Ende des siebzehnten und zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts eine hervorragende Rolle. Er war der Lovelace oder der Don Juan seiner Zeit und seines Vaterlandes, dem die von ihm ausgefochtenen Zweikämpfe und seine großen Erfolge in Liebesangelegenheiten einen hohen Ruf verschafft hatten. Er hatte eine unumschränkte Herrschaft in der vornehmen Welt erlangt. Wenn man sich ein paar von seinen Taten vergegenwärtigt, für die er den Galgen verdient hätte, wenn es für alle Stände einunddasselbe Gesetz gäbe, so geht wirklich aus der Beliebtheit eines solchen Mannes hervor, daß man heutzutage weit mehr auf Anstand und Tugend gibt, als früher. Kein Geck von heute könnte sich eine so niederträchtige Affäre wie die Geschichte mit der schönen Müllerstochter in Sillermills erlauben, ja es hätte da sogar der Staatsanwalt ein Wort mitgeredet. Sir Philipp Forester hatte aber dadurch gar keine Unannehmlichkeiten, er war in der Gesellschaft ebenso gern gesehen wie zuvor, und er war beim Herzog A. zu Gaste an demselben Tage, an welchem das unglückliche Mädchen beerdigt wurde. An gebrochenem Herzen ist sie gestorben, das hat aber mit meiner Geschichte nichts zu tun. Du mußt jetzt eine kurze Auslassung über Verwandtschaft mit anhören, ich verspreche dir aber, daß ich mich so kurz wie möglich fassen werde. Damit du aber auch glaubst, daß meine Geschichte wohl verbürgt ist, mußt du wissen, daß Sir Philipp Forester dank seiner hübschen Gestalt, seinem graziösen Benehmen und seinem vornehmen Wesen die junge Miß Falconer of Kings-Copland zur Braut gewonnen hatte. Die ältere Schwester dieser Dame hatte vor einiger Zeit meinen Großvater, Sir Geoffrey Bothwell, geheiratet und unserer Familie ein stattliches Vermögen gebracht. Miß Jemima oder Jemmy Falconer, wie sie schlechtweg genannt wurde, hatte ebenfalls 10000 Pfund – eine ansehnliche Mitgift für die damaligen Zeiten. Die beiden Schwestern waren sehr verschieden, hatten aber alle beide als ledige Mädchen ihre Verehrer gehabt. Lady Bothwell hatte etwas von dem alten Blute der Kings- Copland. Sie war tapfer, doch dabei nicht tollkühn, ehrgeizig und bedacht, ihrem Hause und ihrer Familie eine immer höhere Stellung zu erringen. Meinen Großvater, einen sonst phlegmatischen Mann, soll sie scharf angespornt haben. Wenn man Klatschereien glauben soll, die über ihn umliefen, so ist er durch seine Frau in politische Händel verwickelt worden, in die er sich nicht hätte einlassen sollen. Sie war eine Frau von hohen Grundsätzen und mannhaftem Verstand, was aus einigen ihrer Briefe hervorgeht, die ich noch in meinem Schranke habe. Jemmy Falconer war das gerade Gegenteil ihrer Schwester in allen Stücken. Ihr Verstand ging nicht über das Durchschnittsmaß hinaus, wenn er nicht gar darunter stand. Ihre Schönheit – so lange sie währte – lag in sehr zarter Gesichtsfarbe und regelmäßigen Zügen, die jedoch jedes kraftvollen Ausdrucks entbehrten. Selbst diese schwachen Reize verzehrte das Elend, das eine Heirat zweier nicht zueinander passender Wesen mit sich brachte. Sie hing leidenschaftlich an ihrem Gemahl, der sie mit hartherziger, wenn auch höflicher Gleichgültigkeit behandelte, die für ein Weib von zartem Gemüt und schwacher Urteilskraft vielleicht verhängnisvoller war, als es eine offenkundig schlechte Behandlung hätte sein können. Sir Philipp war ein Wollüstling, das heißt ein großer Egoist, dessen Gemüt und Charakter dem Degen glich, den er trug – glatt, scharf, blank und geschliffen, aber unbiegsam und ohne Erbarmen. Da er seiner Frau gegenüber die herkömmlichen Formen nicht außer acht ließ, so wußte er sogar durch sein wohlberechnetes Benehmen ihr das Mitgefühl der Welt zu entziehen, und die Klatschereien der Gesellschaft taten ihr möglichstes, den sündhaften Mann als besser hinzustellen als seine leidende Frau. Einige nannten sie ein elendes schwächliches Ding und meinten, wenn sie nur halb soviel Courage hätte wie ihre Schwester, so hätte sie schon aus Sir Philipp einen vernünftigen Mann machen können. Die Mehrzahl ihrer Bekannten urteilte dahin, daß der Fehler auf beiden Seiten läge, und solche Kritiken lauteten dann etwa folgendermaßen: »Gewiß wird kein Mensch Sir Philipp in Schutz nehmen wollen, wir alle kennen ihn ja, und Jemmy Falconer hätte also vorher wissen müssen, was sie von ihm zu gewärtigen hatte. Warum hat sie sich auch absolut auf Sir Philipp kapriziert? Wenn sie sich ihm nicht mit ihren lumpigen 10000 Pfund an den Hals geworfen hätte, wäre es ihm nie eingefallen, sie auch nur anzusehen. Sicherlich hat er ein schlechtes Geschäft dabei gemacht, wenn es ihm um Geld zu tun war. Bei der und jener wäre er weit besser gefahren. Wenn sie aber durchaus ihn zum Manne haben wollte, dann mußte sie auch versuchen, ihm das Haus angenehmer zu machend. Statt ihn mit Kindergeplärr zu peinigen, mußte sie seine Freunde öfter einladen und dafür sorgen, daß im Hause alles hübsch gemütlich war. Ich glaube bestimmt, Sir Philipp wäre ein sehr häuslicher Ehemann geworden, wenn er eine Frau bekommen hätte, die ihn zu nehmen verstanden hätte.« Die dieses Urteil fällten, hatten nur den einen Umstand vergessen, daß der Schlußstein dabei fehlte; wenn sie nämlich Gesellschaften hätten geben sollen, so hätte Sir Philipp die Mittel dazu hergeben müssen. Sein Vermögen war aber durch sein verschwenderisches Leben sehr verringert worden und reichte nicht mehr aus, ein gastfreies Haus zu halten, da der gute Ritter ja doch seinen kleinen Vergnügungen nicht entsagen mochte. Trotz aller weisen Ermahnungen seiner Freundinnen amüsierte sich Sir Philipp außer dem Hause und ließ seine Frau dort in Einsamkeit sich grämen. Zuletzt faßte Sir Philipp den Entschluß, nach dem Festlande zu gehen, und als Freiwilliger den damaligen Krieg mitzumachen. Er dachte auf diese Weise am besten den Geldschwierigkeiten, die sich jetzt einstellten, und der Langweiligkeit seines Heims zu entrinnen. Seine Frau war über diesen Entschluß völlig entsetzt, und ihre Trostlosigkeit war dem würdigen Baronet so zuwider, daß er ganz gegen seine Gewohnheit sich bemühte, sie ein wenig gutes Mutes zu machen. Lady Bothwell bat nun Sir Philipp, während seiner Abwesenheit ihre Schwester mit ihrer Familie zu sich nehmen zu dürfen, und Sir Philipp war hiermit gern einverstanden, da dadurch erstens ihm die Kosten erspart wurden und zweitens jedem etwaigen übeln Gerede, er hätte Frau und Kinder verlassen, vorgebeugt wurde. Zweites Kapitel. Ein paar Tage vor Sir Philipps Abreise nahm Lady Bothwell sich die Freiheit, ihm im Beisein ihrer Schwester die Frage vorzulegen, die diese selbst oft an ihn zu richten gewünscht hatte, nur daß ihr stets der Mut dazu gefehlt hatte. »Wohin wollt Ihr gehen, Sir Philipp, wenn Ihr das Festland erreicht habt?« »Ich reise mit dem Dampfer von Leith nach Helvoetsluys.« »Das kann ich mir denken,« sagte Lady Bothwell trocken, »ebenso, daß Ihr nicht lange in Helvoetsluys bleiben werdet. Ich will aber wissen, welches das weitere Ziel Eurer Reise ist.« »Verehrte Lady,« sagte Sir Philipp, »Ihr stellt mir da eine Frage, die ich mir selber noch nicht gestellt habe. Die Antwort bleibt dem Kriegsglück überlassen. Ich gehe natürlich ins Hauptquartier, wo sich das nun gerade befinden mag, gebe meine Empfehlungsschreiben ab, lerne von der edeln Kriegskunst soviel, als für einen armen Pfuscher von einem Dilettanten ausreicht und sehe mir dann mit eignen Augen all das an, wovon in den Zeitungen soviel zu lesen steht.« »Und ich hoffe auch, Sir Philipp,« sagte Lady Bothwell, »Ihr werdet stets dessen eingedenk sein, daß Ihr Ehegatte und Vater seid, und wenn Ihr es auch für am Platze haltet, Euern militärischen Neigungen nachzuhängen, so werdet Ihr Euch doch nicht in Gefahren begeben, in die sich nur Leute von der Zunft einlassen dürfen.« »Lady Bothwell erweist mir zuviel Ehre,« antwortete der auf Abenteuer ausziehende Ritter, »wenn sie sich in dieser Hinsicht auch nur die geringste Sorge macht. Damit jedoch Eure Ladyschaft sich in der mir so schmeichelhaften Angst beruhigt, so hoffe ich, Ihr werdet bedenken, daß die ehrwürdige und väterliche Eigenschaft, an die Ihr mich in so liebenswürdiger Weise gemahnt, nicht dem blinden Zufall preisgegeben werden kann, ohne daß dabei auch ein ehrlicher Kerl, Philipp Forester genannt, in Lebensgefahr gerät – und mit dem Kameraden lebe ich nun schon dreißig Jahre zusammen, und ich habe gar keine Lust, mich von ihm zu trennen, obgleich ihn manche Leute für einen Gecken halten.« »Nun wohl, Sir Philipp, Ihr müßt am besten zu beurteilen wissen, was Ihr zu tun und zu lassen habt. Mir steht es nicht zu, mich da hineinzumischen – Ihr seid nicht mein Mann.« »Verhüts Gott!« fiel Sir Philipp hastig ein, doch er setzte sogleich hinzu: »Verhüts Gott, daß ich meinem Freunde Geoffrey ein so unschätzbares Kleinod rauben sollte!« »Aber Ihr seid der Mann meiner Schwester,« setzte die Dame hinzu, »und ich glaube, Ihr habt gemerkt, wie untröstlich sie ist.« »Sofern etwas, was man den ganzen Tag über vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu hören kriegt, gemerkt werden kann,« entgegnete Sir Philipp, »so bin ich allerdings etwas davon gewahr geworden.« »Ich nehme innigen Anteil an meiner Schwester, und daher erklärt sich die Besorgnis, mit der ich etwas von den Plänen Sir Philipp Foresters zu erfahren wünsche. Ich habe ja auch Ursache, mir um einen Bruder Sorge zu machen.« »Ihr meint den Major Falconer, Euern Bruder mütterlicherseits, was hat jetzt der mit unserm sehr angenehmen Gespräch zu tun?« »Ihr seid mit ihm zusammengekommen,« sagte Lady Bothwell. »Selbstverständlich, wir sind ja Verwandte,« erwiderte Sir Philipp, »und als solche haben wir stets miteinander in dem herkömmlichen Verkehr gestanden.« »Ihr antwortet mir ausweichend,« entgegnete die Dame, »ich meine, Ihr seid hart aneinander geraten wegen der Art und Weise, wie Ihr Eure Frau behandelt.« »Wenn Ihr, Lady Bothwell,« erwiderte Sir Philipp, »den Major Falconer für so einfältig haltet, daß er mich in meiner Häuslichkeit mit seinen Ratschlägen belästigt, so habt Ihr allerdings Ursache anzunehmen, daß ich mir seine Einmischung nicht gefallen lassen und ihn ersuchen würde, seinen Rat solange für sich zu behalten, bis er danach gefragt würde.« »Und trotzdem Ihr so mit ihm steht, wollt Ihr doch in demselben Heere, wo er steht, Kriegsdienste nehmen?« »Niemand weiß besser als Major Falconer, wie der Ehre Genüge zu tun ist,« sagte Sir Philipp. »Ein Mann, der wie ich sich erst Ruhm erwerben will, kann keinen bessern Führer finden, als wenn er genau in seine Fußstapfen tritt.« Lady Bothwell erhob sich und ging zum Fenster, Tränen traten ihr in die Augen. »Mit so herzlosen Scherzen,« sagte sie, »fertigt Ihr uns ab und uns preßt es fast das Herz ab, daß dieser Zwist so verhängnisvolle Folgen haben kann. Guter Gott, aus was muß das Herz eines Mannes sein, der so mit dem Schmerze andrer spielen kann?« Sir Philipp Forester war ergriffen, er gab den ironischen Ton auf, in dem er bisher geredet hatte. »Werte Lady Bothwell,« sagte er und ergriff trotz ihres Sträubens ihre Hand, »wir haben beide unrecht; Ihr nehmt es zu ernst und ich vielleicht zu wenig. Der Zwist, den ich mit Major Falconer hatte, war völlig belanglos. Wäre etwas Ernstes zwischen uns vorgefallen, so sind wir beide nicht die Männer danach, die Genugtuung lange zu verschieben. Ich weiß, daß Ihr gesunden Menschenverstand habt, Lady Bothwell, Ihr werdet es also begreifen, wenn ich Euch sage, meine Verhältnisse erfordern es, daß ich auf einige Monate außer Landes gehe. Jemima kann das nicht verstehen, von ihr höre ich nur immer wieder die Fragen: warum ginge das nicht so oder so oder noch anders? Und wenn ich ihr auseinandergesetzt habe, daß alle ihre Vorschläge nichts helfen können, so fängt sie doch dieselbe Leier immer noch einmal von vorne an. Nun aber sagt ihr, werte Lady Bothwell, daß ich Euch beruhigt habe. Bringt mir nur ein wenig Vertrauen entgegen, und Ihr sollt sehen, daß ich es reichlich vergelte.« »Wie schwer ist es,« antwortete Lady Bothwell kopfschüttelnd, »Vertrauen zu schenken, wenn die Grundlage, worauf es beruhen sollte, so sehr erschüttert ist. Ich will aber tun, was in meinen Kräften steht, um Jemmy zu beruhigen. Indessen kann ich aber nur sagen, ich mache Euch vor Gott und den Menschen dafür verantwortlich, daß Ihr von Euerm Vorhaben nicht laßt.« »Seid unbesorgt, ich schenke Euch reinen Wein ein,« versetzte Sir Philipp. »Briefe erreichen mich am besten durch das Generalpostamt in Helvoetsluys; dort werde ich Sorge tragen, daß mir die Briefe nachgeschickt werden. Was Falconer anbetrifft, so macht Euch keine Sorge, wir werden bei einer Flasche Burgunder Wiedersehen feiern.« Ich kann leider nicht genau das Jahr angeben, in welchem Sir Philipp nach Flandern reiste, es war aber gerade damals der Feldzug in seiner blutigsten Phase, und viele mörderische Schlachten waren zwischen den Franzosen und den Alliierten geschlagen worden, ohne daß eine Entscheidung herbeigeführt worden wäre. Unter allen Fortschritten der Neuzeit ist vielleicht der der bedeutendste, daß jetzt Nachrichten mit Sicherheit und Schnelligkeit befördert werden können, so daß die Angehörigen der Offiziere und Soldaten sofort nach einem Gefecht über ihr Befinden Mitteilung erhalten. Zur Zeit der Feldzüge Marlboroughs jedoch hatten die vielen Menschen, die Verwandte beim Heere hatten, am allerschlimmsten unter der Ungewißheit zu leiden, in der sie wochenlang schwebten, wenn eine Schlacht stattgefunden hatte, in der die, um die ihr Herz sich bangte, aller Wahrscheinlichkeit nach mitgekämpft hatten. Zu denen, die unter dem Schmerz der Ungewißheit litten, zählte auch die verlassene Gattin des leichtfertigen Sir Philipp Forester. Ein einziger Brief hatte ihr mitgeteilt, daß er glücklich auf dem Festlande angekommen sei, sonst erhielt sie keine Nachricht. Nur eins laß sie in den Zeitungen: es wurde von dem Freiwilligen Sir Philipp Forester erzählt, er habe einen ihm aufgetragenen, gefahrvollen Patrouillengang mit Todesverachtung und Klugheit und Geschicklichkeit ausgeführt und habe die öffentliche Anerkennung des kommandierenden Generals erhalten. Vorübergehend färbte sich die blasse Wange seiner Gemahlin, als sie so die bestimmte Nachricht bekam, daß er sich rühmlich hervorgetan hatte, aber gleich darauf dachte sie an die Gefahr, und die Röte wich einer fahlen Blässe. Hiernach trafen weder von Sir Philipp noch von seinem Schwager Falconer Nachrichten ein. Die Ungewißheit war für Lady Forester, ein einsam lebendes, empfindsames, mutloses und jeglicher Seelenstärke entratendes Weib, die bitterste der Martern. Drittes Kapitel Als Lady Forester von Sir Philipp nichts mehr erfuhr, weder durch Boten noch durch Briefe, begann sie sogar einen Trost zu suchen in der Leichtfertigkeit, die ihr früher so zur Pein geworden war. »Er ist so gedankenlos,« sagte sie immer wieder zu ihrer Schwester, »daß er überhaupt nicht ans Schreiben denkt, sobald es ihm gut geht. Das ist so seine Manier. Wäre ihm etwas zugestoßen, bekämen wirs gleich zu erfahren.« Lady Bothwell hörte ihre Schwester an und versuchte nicht, sie zu trösten. Vielleicht meinte sie, selbst die schlimmste Nachricht, die aus Flandern hätte kommen können, hätte tröstend wirken müssen. Lady Forester als Witwe – sofern ihr dieses Unglück bestimmt war – hätte eine Quelle des Glückes finden können, die sie als Gattin des leichtsinnigsten und schönsten Mannes in Schottland nie kennen gelernt hatte. Diese Überzeugung bestärkte sich, als auf im Hauptquartier eingezogene Erkundigungen der Bescheid kam, Sir Philipp sei nicht mehr beim Heere. Aber keiner seiner Landsleute im Lager der Alliierten konnte angeben – sei es auch nur als Vermutung – ob er in einem der beständig stattfindenden Scharmützelgefechte, worin er sich mit Vorliebe auszuzeichnen pflegte, gefallen sei oder ob er aus einem unbekannten Grunde oder infolge launenhafter Abänderung seiner Pläne den Kriegsdienst aufgegeben habe. Inzwischen drängten seine Gläubiger immer ungeduldiger, setzten sich in den Besitz seines Eigentums und drohten sogar, ihn in den Schuldturm werfen zu lassen, sofern er so unvorsichtig sein sollte, nach Schottland zurückzukehren. Dieses neue Ungemach steigerte noch Lady Bothwells Erbitterung gegen den flüchtigen Ehegatten. Ihre Schwester wurde nur noch trauriger und trostloser; denn ihre Phantasie stellte ihr den abwesenden Gemahl wie vor der Ehe als tapfer, lustig und liebevoll dar. Um diese Zeit kam ein Mann nach Edinburgh, – eine eigenartige, sonderbare Erscheinung. Sie hießen ihn gewöhnlich den Doktor von Padua, weil er in dieser berühmten Universität der Republik Venedig seine Erziehung genossen hatte. Es ging die Rede von ihm, er sei im Besitz seltener Rezepte, mit denen ihm sehr merkwürdige Kuren geglückt seien. Die Ärzte von Edinburgh schalten ihn zwar einen Kurpfuscher, aber es gab auch viele und darunter vor allem Geistliche, die zwar an der Tatsächlichkeit seiner Heilungen und der Heilkraft seiner Mittel nicht zweifelten, zugleich aber behaupteten, Doktor Baptista Damiotti treibe Zaubereien und verbotene Künste, um in seiner ärztlichen Praxis Glück zu haben. Es wurde sogar von der Kanzel herab feierlich gegen ihn agitiert. Doch mehrere hochstehende, einflußreiche Gönner gewährten ihm Schutz und so konnte er diesen Bezichtigungen die Stirn bieten. Er konnte sogar in der Stadt Edinburgh – obgleich sie wegen ihres Hasses gegen Hexen und Zauberer bekannt und gefürchtet war – den gefahrvollen Charakter eines Weissagers und Zukunftsdeuters annehmen. Schließlich lief auch noch das Gerücht um, Doktor Baptista Damiotti sei imstande – allerdings gegen ein nicht unbeträchtliches Honorar – das Schicksal fernweilender Personen zu verkünden, ja er vermöchte sogar die Erscheinung des Abwesenden zu berufen und zu zeigen, was die Person im Augenblick gerade beginne. Dieses Gerücht kam der Lady Forester zu Gehör, und sie war jetzt auf dem Höhepunkt des Seelenschmerzes angelangt, daß sie alles zu tun und zu ertragen willens war, wenn nur die peinvolle Ungewißheit durch sichere Kunde aufgehoben würde. Bei all ihrer Sanftmut und Furchtsamkeit stimmte sie doch ihr jetziger Seelenzustand starrsinnig und leichtsinnig. Nicht wenig überrascht und besorgt war daher Lady Bothwell, als sie vernahm, daß ihre Schwester sich entschlossen habe, diesen Mann der Kunst zu besuchen und ihn nach dem Schicksal ihres Gemahls zu befragen. Lady Bothwell versuchte, ihr klarzumachen, daß so übernatürliche Leistungen, wie ihrer der Fremde sich rühmte, nicht gut etwas anderes als purer Betrug sein könnten. »Das ist mir einerlei,« war die Antwort der verlassenen Gattin, »wenn ich nur hoffen kann, daß unter hundert Mitteln eines mir Gewißheit geben könne, was aus meinem Mann geworden ist, so will ich es nicht unversucht lassen.« Lady Bothwell machte zunächst darauf aufmerksam, daß es gegen das Gesetz verstoße, solche Quellen verbotener Kenntnis zu benützen. »Schwester,« entgegnete die Leidende – »wer vor Durst verschmachtet, läßt sich selbst hinreißen, vergiftetes Wasser zu trinken. Wer unter steter Ungewißheit vergeht, muß Nachricht zu erlangen suchen, selbst wenn unheilige höllische Mittel ergriffen werden müssen. Ich will allein gehen, mein Schicksal zu hören, noch heute Abend muß ich es wissen. Und wenn die Sonne morgen sich rötet, werde ich, wenn auch nicht glücklicher, so doch ruhiger sein.« »Schwester,« versetzte Lady Bothwell, »wenn du fest entschlossen bist, diesen unbedachten Schritt zu tun, so sollst du nicht allein gehen. Sollte dieser Mann ein Schwindler sein, so bist du vielleicht zu aufgeregt, um hinter seine Taschenspielerei zu kommen. Wenn aber an dem, was er zu können sich anmaßt, etwas Wahres ist, was ich nicht glauben kann, so sollst du eine Nachricht so außergewöhnlicher Art nicht allein vernehmen. Ich komme mit dir, wenn du wirklich gehen willst. Überlege es dir aber noch einmal und verzichte lieber auf eine Nachforschung, die sich nicht ohne Schuld und vielleicht auch nur mit Gefahr anstellen läßt.« Lady Forester warf sich ihrer Schwester in die Arme, drückte sie an ihre Brust und dankte ihr herzlich, daß sie sie begleiten wolle; den freundschaftlichen Rat, den sie ihr gab, lehnte sie jedoch mit einer Gebärde der Traurigkeit ab. Als die Dämmerstunde herangekommen war, – die Zeit, zu der der Doktor von Padua stets von denen aufgesucht wurde, die ihn um Rat bitten wollten – verließen die beiden Damen ihre Wohnung in Canongate zu Edinburgh, verkleidet als Frauen niedern Standes und wie diese die Köpfe in Mäntel eingeschlagen. Lady Bothwell hatte es für geraten gehalten, sich in dieser Weise zu verkleiden, um einerseits das Haus des Beschwörers unauffällig aufsuchen zu können, andererseits um diesen selber auf die Probe zu stellen, ob er scharfsinnig genug sei, ihren Mummenschanz zu durchschauen. Der Diener der Lady Forester war vorher zu dem Doktor geschickt worden – ein Mann, dessen Treue erprobt war. Er hatte durch eine angemessene Belohnung die Gunst des Gelehrten gewinnen müssen und ihm angedeutet, daß die Frau eines Soldaten zu wissen wünsche, was aus ihrem Manne geworden sei, ein Gegenstand, über den der Weise sicherlich sehr oft gefragt würde. Die Uhr im Schlosse schlug acht. Bis zum letzten Augenblicke hatte Lady Bothwell ihre Schwester beobachtet und gehofft, sie werde ihr unbesonnenes Vorhaben noch aufgeben. Manchmal vermag jedoch selbst die Sanftmütigkeit und die Beschränktheit leidenschaftlich auf bestimmten Entschlüssen zu bestehen, und so war auch Lady Forester unerschütterlich, bis es Zeit war zu gehen. Verdrossen über ein solches Beginnen und doch fest entschlossen, ihre Schwester in solcher Gefahr nicht allein zu lassen, schritt nun Lady Bothwell mit Lady Forester durch manche düstre Straße und Gasse, während ein Diener, den Weg weisend, voranging. Plötzlich bog ihr Führer in einen engen Hof ein und pochte an eine gewölbte Tür, die zu einem anscheinend schon sehr alten Gebäude zu gehören schien. Die Tür ging auf, ohne daß ein Pförtner sich gezeigt hätte. Der Diener trat vor dem Portal zur Seite und bat die Damen einzutreten. Dies taten sie, und die Tür schloß sich wieder, während der Führer draußen blieb. Die beiden Damen standen nun auf einem schmalen Korridor, der, durch eine Lampe matt erhellt, mit dem Licht und der Luft draußen nicht in Verbindung zu stehen schien. Am Ende des Korridors befand sich eine Tür, die halb offen stand. Viertes Kapitel »Wir dürfen jetzt nicht zaudern, Jemima,« sagte Lady Bothwell und trat in das Gemach, wo inmitten von Büchern, Karten, physikalischen Instrumenten und anderm Gerät der Mann der Wissenschaft saß. Das Äußere des Italieners hatte nichts Auffallendes. Er hatte die dunkeln Wangen und die scharfen Züge seiner Rasse, sah aus wie ein Fünfzigjähriger und war etwas geziert, doch einfach gekleidet in jene schwarze Tracht, die damals bei den Ärzten allgemein üblich war. Große Wachskerzen in silbernen Leuchtern erhellten das nicht eben ärmlich ausgestattete Gemach. Als die Damen hereintraten, erhob er sich. Trotzdem sie so unscheinbar gekleidet waren, empfing er sie mit all der Achtung, die ihrem Stande zukam. Lady Bothwell gab sich Mühe, sich ihrer Verkleidung gemäß zu betragen, und machte eine ablehnende Gebärde, als der Dokter sie nach dem obern Ende des Zimmers führte, wie um anzudeuten, daß solche Aufmerksamkeit ihr nicht gebühre. »Wir sind arme Frauen,« sagte sie, »nur der Gram meiner Schwester führt mich hierher, wir wollen Euer Gnaden um Rat bitten –« Lächelnd unterbrach er sie. »Mylady,« sagte er, »ich weiß um den Gram Eurer Schwester und kenne auch den Grund dazu. Ich weiß auch, daß ich mit dem Besuch zweier Damen des höchsten Standes, der Lady Bothwell und der Lady Forester, beehrt werde. Wenn ich sie nicht von derjenigen Klasse der Gesellschaft zu unterscheiden vermöchte, deren Tracht sie augenblicklich angelegt haben, so wäre ich wohl schwerlich in der Lage, ihnen die Auskunft zu erteilen, die sie von mir begehren.« »Ich verstehe sehr wohl –« begann Lady Bothwell. »Verzeiht, daß ich so kühn bin, Euch zu unterbrechen,« fiel ihr der Italiener ins Wort, »Ihr wolltet sagen, Ihr verstündet sehr wohl, daß ich durch Euern Bedienten wisse, mit wem ich es zu tun habe. Wenn Ihr aber so denkt, so tut Ihr ein doppeltes Unrecht, indem Ihr an der Treue Eures Dieners zweifelt und an der Klugheit eines Mannes, des Baptista Damiotti, der auch nichts andres ist als Euer ergebener Diener.« »Ein solcher Zweifel liegt nicht in meiner Absicht,« antwortete Lady Bothwell in gefaßtem Tone trotz ihrer Überraschung. »Dies alles ist nur etwas Neues für mich. Wenn Ihr wißt, wer wir sind, so wißt Ihr auch, was uns herführt.« »Das Begehr, das Schicksal eines schottischen Herrn von hohem Range zu erfahren, der auf dem Festlande weilt,« erwiderte der Seher. »Er heißt il Cavaliero Philippo Forester und ist ein Herr, der die Ehre hat, der Ehegatte dieser Dame zu sein, eine Ehre, die er – sofern ich mit Eurer Ladyschaft Erlaubnis ganz offen reden darf – unglücklicherweise nicht nach Gebühr schätzt.« Lady Forester seufzte tief, und Lady Bothwell antwortete: »Da Ihr somit wißt, ohne daß wir es Euch bekannt haben, in welcher Absicht wir gekommen sind, so habe ich nur noch die eine Frage an Euch: seid Ihr imstande, meine Schwester von ihrer Angst zu befreien?« »Wohl ist mir dies gegeben, Mylady,« versetzte der Gelehrte von Padua, »doch zuvor muß ich selber Euch noch eine Frage vorlegen: habt Ihr Mut genug, mit eigenen Augen zu schauen, was Sir Forester in dieser Stunde tut oder wollt Ihr den Bericht aus meinem Munde hören?« »Auf diese Frage muß meine Schwester selber Antwort geben,« sagte Lady Bothwell. »Ich will es mit eignen Augen sehen, was Ihr mir zu zeigen imstande seid,« antwortete Lady Forester mit der gleichen Entschiedenheit, mit der sie ihren Entschluß ausgeführt hatte. »Es ist mit Gefahren verknüpft.« »Falls die Gefahr mit Gold zu beseitigen ist –« sagte Lady Forester, die Börse ziehend. »Ich tue das nicht um Gewinn,« unterbrach sie der Fremde; »wenn ich von den Reichen Gold nehme, so geschieht es nur, um es den Armen zu geben. Auch nehme ich nie mehr, als was ich von Euerm Diener erhalten habe. Steckt Eure Geldtasche also wieder ein, Mylady, ein Adept braucht Eures Geldes nicht.« Daß der Mann das Anerbieten ihrer Schwester zurückwies, hielt Lady Bothwell lediglich für den Kunstgriff eines Quacksalbers, der nur noch eine größere Summe herauszulocken beabsichtigte. Um zum Ende zu kommen, bot sie ihrerseits dem Italiener Geld an, das er zu dem Zweck verwenden solle, seine Wohltätigkeit vielfältiger ausüben zu können. »Möge Lady Bothwell ihre eigne Barmherzigkeit in größerm Maße üben,« sagte der Paduaner, »und zwar nicht nur im Austeilen von Almosen, sondern auch in der Beurteilung andrer. Sie möge den Baptista Damiotti dadurch sich zu Danke verpflichten, daß sie ihn solange für ehrlich hält, bis sie herausbekommt, daß er ein Gauner ist. Wundert Euch nicht, Mylady, daß ich auf Eure Gedanken mehr eingehe als auf Eure Worte, und sagt mir noch einmal, ob Ihr wirklich den Mut habt, anzuschauen, was ich Euch zeigen werde.« »Ich muß gestehen, Herr, Eure Worte machen mir bange,« sagte Lady Bothwell; »was aber meine Schwester sehen will, werde auch ich ohne Bedenken mitansehen.« »Die Gefahr liegt lediglich darin, daß der Mut Euch verlassen könnte. Was Ihr schauen werdet, kann sich nur sieben Minuten zeigen. Wenn Ihr die Vision auch nur mit einem Worte stört, so ist nicht allein der Zauber vernichtet, sondern auch die Zuschauer können in Gefahr geraten. Wenn Ihr aber diese sieben Minuten lang das unverbrüchlichste Schweigen wahren könnt, so wird Eure Wißbegier befriedigt werden, ohne daß Ihr das geringste dabei zu befürchten braucht, dafür verbürge ich mich mit meiner Ehre.« Im Innern glaubte Lady Bothwell sich nicht vor Gefahr gesichert, sie verbarg jedoch ihre Befürchtungen, denn es schien ihr, als ob der Adept, in dessen dunkeln Zügen ein leises Lächeln spielte, selbst ihre heimlichsten Gedanken durchschaute. Eine feierliche Pause trat ein, bis Lady Forester sich ein Herz gefaßt hatte und dem Arzt – wie er sich nannte – erklärte, daß sie fest bleiben wolle und schweigen werde und daß sie nun der Vision gewärtig sei, die er ihnen zu zeigen versprochen habe. Der Gelehrte verneigte sich hierauf tief und ging hinaus mit den Worten, er werde Vorkehrungen treffen, ihren Wunsch zu erfüllen. Die beiden Schwestern setzten sich auf zwei Stühle dicht nebeneinander und hielten sich bei den Händen, als wollten sie durch dieses enge Zusammenschließen die Gefahr, die ihnen vielleicht drohte, von sich wenden. Jemima suchte eine Stütze in der mannhaften Art der Lady Bothwell, und diese wiederum war aufgeregter, als sie sich selbst gedacht hatte, und suchte sich an der verzweiflungsvollen Entschlossenheit zu stärken, mit der ihre Schwester zu ihrem Plane gegriffen hatte. Nach einer kleinen Weile wurden beider Gedanken durch eine so seltsam liebliche und feierliche Musik abgelenkt, daß die ernste Stimmung, die das vorhergehende Gespräch wachgerufen hatte, nur noch erhöht wurde. Die Musik schien gleichzeitig darauf angelegt, jede der Harmonie zuwiderlaufende Empfindung zu verscheuchen. Sie war von einem Instrument, das beiden unbekannt war. Als die himmlischen Töne verstummten, tat sich eine Tür am obern Ende des Gemaches auf, und sie sahen Damiotti ein paar Stufen hoch auf einer Estrade stehen und ihnen winken, näherzutreten. Er war jetzt so ganz anders gekleidet als vorhin, daß sie ihn kaum wieder erkannten. Der etwas spöttische Ausdruck, mit dem er beide und besonders Lady Bothwell betrachtet hatte, war einer Totenblässe und jener finstern Spannung aller Muskeln gewichen, wie man sie bei jemand beobachten kann, der vor einer außergewöhnlichen und kühnen Handlung steht. Er war barfuß und trug Sandalen antiker Form; die Beine waren bis an die Knie nackt. Er hatte ein Beinkleid und ein enganliegendes Wams von karmoisinroter Seide an, darüber einen Mantel von schneeweißem Linnen, der wie ein Chorhemd aussah. Der Hals war frei, und das lange, straffe, schwarze Haar war lang und sorgfältig herabgekämmt. Als die Damen, seinem Winke folgend, nähertraten, unterließ er jede Gebärde der höflichen Form, worin er doch vorher so freigebig gewesen war. Im Gegenteil gab er den Wink näherzutreten mit einer Miene des Befehls; als die Schwestern Arm in Arm auf den Fleck zukamen, wo er stand, legte er den Finger auf die Lippen und warf ihnen einen finstern Blick der Warnung zu, wie um sein Gebot unbedingten Schweigens zu wiederholen. Dann ging er voran und führte sie ins nächste Zimmer. Fünftes Kapitel. Dieses Gemach war geräumig und mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, wie zu einem Begräbnis hergerichtet. Am obern Ende stand ein Tisch, oder vielmehr ein Altar, der mit einem Tuch von der gleichen Farbe bedeckt war und auf dem verschiedene Gegenstände zu sehen waren, in denen man das übliche Handwerkszeug der Zauberei erkannte. Das Zimmer war nur matt erhellt von zwei Lampen, die im Verlöschen waren. Der Maestro – um die italienische Bezeichnung für Männer dieser Art anzuwenden – schritt nach dem obern Ende des Gemaches, indem er die Knie beugte, wie die Katholiken vor dem Kruzifix zu tun pflegen, und sich dabei bekreuzte. Die Damen gingen Arm in Arm schweigend hinter ihm her. Ein paar niedrige Stufen führten zu einer Plattform vor dem Altar, hier stellte sich der Maestro auf und ließ die Damen neben sich treten, nochmals durch Winke sein Gebot zu schweigen ernsthaft wiederholend. Dann streckte er den nackten Arm aus dem Mantel hervor und deutete auf fünf große Fackeln, die rechts und links neben dem Altar standen. Als seine Hand oder vielmehr sein ausgestreckter Zeigefinger ihnen nahe kam, fingen sie an zu brennen und verbreiteten nun helles Licht. Jetzt erkannten die beiden Damen, daß auf dem Altar kreuzweis zwei große Schwerter lagen, ein dickes Buch lag aufgeschlagen, sie hielten es für die heilige Schrift, nur in einer ihnen unbekannten Sprache. Daneben stand ein Menschenschädel. Am meisten aber war den Schwestern ein großer, breiter Spiegel aufgefallen, der den ganzen Hintergrund ausfüllte und das Licht der brennenden Fackeln und das Bild der davor liegenden geheimnisvollen Dinge zurückwarf. Der Maestro trat nun zwischen beide Damen, zeigte auf den Spiegel und nahm beide bei der Hand, doch ohne ein Wort zu reden. Sie blickten starr auf die düstere, strahlende Fläche, worauf er ihre Aufmerksamkeit gelenkt hatte. Plötzlich zeigte sich in ihr ein neues wundersames Bild. Nicht länger spiegelten sich darin die davor liegenden Gegenstände, es zeigten sich Bilder für sich in dem Spiegel. Zuerst erschienen die Dinge in Unordnung und buntem Wirrwarr, dann zeigten sie sich deutlich und bestimmt in Formen und Ebenmaß. Nachdem auf der Fläche des zauberischen Spiegels ein paarmal Licht und Schatten gewechselt hatten, wurde ein langer, doppelseitiger Durchblick von Säulen und Bogen sichtbar, und ein Dach wölbte sich darüber. Nach einem vagen Vibrieren kam Festigkeit und Bestimmtheit in die ganze Vision: es war das Innere einer fremden Kirche. Die stattlichen Pfeiler waren mit Wappenschildern geschmückt, die Bogen waren hoch und prachtvoll, der Fußboden mit Grabinschriften bedeckt. Besondere Sakristeien waren nicht da, es hingen weder Bilder an den Wänden, noch stand auf dem Altar ein Kruzifix oder ein Kelch. Es war also eine protestantische Kirche auf dem Kontinent. Ein Geistlicher in Talar und Beffchen stand an dem Abendmahltische, die Bibel lag aufgeschlagen vor ihm, im Hintergrunde harrte ein Küster. Es schien alles hergerichtet zu sein für eine kirchliche Zeremonie. Zuletzt trat in die Kirche ein Hochzeitszug, wie es schien, denn ein Herr und eine Dame gingen Hand in Hand voran, und eine große Zahl von Personen beiderlei Geschlechts kamen hinterdrein in festlicher, prachtvoller Tracht. Die Braut, deren Gesicht deutlich zu erkennen war, schien höchstens sechzehn Jahre alt zu sein und von großer Schönheit. Der Bräutigam drehte ihnen ein Weilchen den Rücken zu, aber seine zierliche Gestalt und sein graziöser Gang versetzte beide Schwestern plötzlich in die gleiche Angst. Als er dann sein Gedicht rasch ihnen zukehrte, sahen sie ihre Furcht entsetzlich bestätigt, denn sie erkannten in dem geschmückten Bräutigam Sir Philipp Forester. Seine Frau vermochte nicht völlig einen Aufschrei zu unterdrücken, und bei diesem Laut schien die ganze Szene in Unordnung zu geraten und sich aufzulösen. »Ich kann dies,« sagte Lady Bothwell, wenn sie später die wundersame Geschichte erzählte, »nur damit vergleichen, wie eine stille Wasserfläche, die ein Bild widerspiegelt, plötzlich von einem hineingeschleuderten Stein in Aufruhr gebracht wird und die Umrisse der Spiegelung sich verwirren und auseinander fahren.« Der Maestro drückte beiden Damen heftig die Hand, wie um sie an ihr Versprechen und an die Gefahr zu gemahnen, der sie sich aussetzten. Der Schrei erstarb der Gattin auf der Zunge, ohne deutlich auszuklingen, und nachdem das Bild im Spiegel flüchtig geschwankt hatte, nahm es wieder die Bestimmtheit eines tatsächlichen Auftrittes an, der innerhalb des Spiegels sich abzuspielen schien. Das Ganze war sozusagen ein Gemälde, nur daß die Gestalten sich bewegten, statt regungslos zu sein. Das Bild Sir Philipp Foresters war jetzt in Gestalt und Gesichtszügen deutlich erkennbar. Sie sahen ihn das schöne Mädchen zu dem Geistlichen führen, in ihrem Gang lag zugleich Zaghaftigkeit und liebevoller Stolz. Inzwischen trat eine zweite Gruppe, worunter sich einige Offiziere befanden, ebenfalls in die Kirche. Der Prediger war gerade im Begriff, die Trauung zu vollziehen. Die Neuhinzugekommenen kamen zuerst nur näher, als wollten sie bloß zusehen. Plötzlich aber sprang einer der Offiziere, der den Zuschauern den Rücken zukehrte, aus der Mitte seiner Gefährten heraus und stürzte auf die Hochzeitsgesellschaft zu, deren Mitglieder sich alle nach ihm umdrehten, wie entsetzt über einen Ruf, den er beim Vorspringen ausgestoßen hatte. Indem der Mann sich hereindrängte, zog er den Degen, der Bräutigam riß das Schwert aus der Scheide und stürzte auf ihn zu. Auch andere, sowohl von der Hochzeitsgesellschaft als auch von denen, die zuletzt hereingekommen waren, zogen blank. Allgemeine Verwirrung entstand. Der Prediger und einige gesetzte ältere Herren schienen bemüht zu sein, Frieden zu stiften, die Ungestümen zückten drohend die Degen gegeneinander. Inzwischen war die kurze Zeitspanne verflossen, in der der Wahrsager nach seiner eigenen Erklärung seine Künste betätigen durfte. Das Gebilde zerfloß und zerging, so daß nichts mehr zu erkennen war. Die Gewölbe und Säulen der Kirche rollten auseinander und verschwanden, und der Spiegel warf wieder den Schein der Fackeln und die düstern Dinge auf dem Altar oder auf dem Tische zurück. Der Doktor geleitete die Frauen, die seiner Stütze sehr bedurften, zurück in das Gemach, aus dem sie gekommen waren. Hier hatte er Wein, stark duftende Essenzen und andre Mittel, ermattete Lebenstätigkeit wieder aufzufrischen, während seiner Abwesenheit herbeibringen lassen. Er forderte die Damen auf, sich zu setzen, was sie schweigend taten. Lady Forester rang die Hände und schlug die Blicke gen Himmel. Aber als ob sie noch jetzt das Zauberspiel vor Augen hatte, sprach sie auch jetzt noch kein Wort. »Was wir eben gesehen haben,« fragte Lady Bothwell, mit Mühe sich wieder fassend, »geschieht das jetzt gerade?« »Das,« erwiderte Baptista Damiotti, »kann ich nicht bestimmt behaupten. Was Ihr gesehen habt, geschieht entweder eben jetzt oder ist vor ganz kurzer Zeit geschehen, jedenfalls ist es das letzte nennenswerte Ereignis, bei dem der Cavaliere Forester eine Rolle spielte.« Lady Bothwell sagte sodann, sie fürchte für ihre Schwester, die so gar kein Bewußtsein von dem, was um sie her vorginge, zu haben scheine, daß es vielleicht unmöglich sein werde, sie wieder nach Hause zu bringen. »Für diesen Fall habe ich gesorgt,« antwortete der Adept, »ich habe Euern Diener beauftragt, Euern Wagen so nahe an das Haus heranzufahren, als es bei der Enge der Straße mögliche ist. Sorgt Euch nicht um Eure Schwester, zu Hause aber gebt ihr diese beruhigende Medizin, es wird ihr dann am Morgen besser gehen. Nur wenige,« setzte er im Tone der Schwermut hinzu, »gehen so gesund, wie sie gekommen sind, aus diesem Hause wieder fort. Lebt wohl und vergeßt nicht den Trank.« »Ich möchte ihr nichts geben, was von Euch ist,« sagte Lady Bothwell, »ich habe schon genug von Eurer Kunst gesehen. Ihr würdet vielleicht uns beide vergiften, damit Eure Gaukelei nicht ruchbar wird. Wir aber haben nicht nur die Mittel, ein uns zugefügtes Unrecht bekannt zu machen, sondern auch Anhang genug uns dafür schadlos zu halten.« »Ich habe Euch' kein Unrecht zugefügt, Mylady,« sprach, der Adept. »Ihr seid zu einem Manne gekommen, der Euch für die Ehre, die Ihr ihm damit erwiesen habt, keinen Dank weiß. Dieser Mann geht selber zu niemand und gibt nur denen Auskunft, die zu ihm kommen und ihn darum ersuchen. Im übrigen habt Ihr das Unglück, das Euch bevorsteht, nur ein wenig früher erfahren. Ich höre Euern Diener an der Tür und will Euch nun nicht länger aufhalten. Die nächste Post vom Kontinent wird Euch bringen, was Ihr zum Teil schon gesehen habt. Wenn ich Euch einen Rat geben darf, so gebt diesen Brief nicht sogleich Eurer Schwester.« Mit diesen Worten wünschte er Lady Bothwell gute Nacht. Die beiden Damen gingen, der Gelehrte leuchtete ihnen hinaus, indem er rasch einen Mantel umwarf, die Tür öffnete und die Frauen der Sorge des Dieners anvertraute. Als Lady Forester zu Hause angekommen war verfiel sie sogleich in eine Art Irrsinn, der sich als Folge des abergläubischen Schreckens und der furchtbaren Nervenerschütterung einstellte. Plötzlich trafen aus Holland Nachrichten ein, die die Verwirklichung ihrer schrecklichsten Ahnung enthielten. Es kam die traurige Kunde, daß zwischen Sir Philipp Forester und dem Halbbruder seiner Frau, dem Kapitän Falconer von den Schottisch-Holländischen Truppen, wie man sie damals nannte, ein Zweikampf stattgefunden habe. Kapitän Falconer war gefallen. Die Nachricht von der Ursache des Zwistes gestaltete die Meldung nur noch um so betrübender. Allem Anschein nach hatte Sir Philipp plötzlich das Heer verlassen, weil er nicht imstande war, eine bedeutende Geldsumme zu bezahlen, die er im Spiel an einen andern Freiwilligen verloren hatte. Er hatte einen andern Namen angenommen und war nach Rotterdam gegangen, wo er sich bei einem alten reichen Bürgermeister in Gunst zu setzen und zugleich durch sein schönes Äußere und sein anmutiges Wesen die Liebe seiner Tochter zu gewinnen wußte – eines einzigen Kindes, das jung und schön und Erbin eines großen Vermögens war. Der reiche Kaufherr, der eine viel zu hohe Meinung von englischer Ehrenhaftigkeit hatte, um Erkundigungen über seinen künftigen Schwiegersohn einzuziehen, war von seinem gefälligen Wesen sehr eingenommen und gab mit Freuden seine Einwilligung zu der Heirat. Sie sollte eben in der ersten Kirche der Stadt gefeiert werden, als das Fest durch ein unerwartetes Geschehnis unterbrochen wurde. Kapitän Falconer war nach Rotterdam entsendet worden, um einen Teil der dort einquartierten schottischen Brigade dem Heere des Herzogs von Marlborough zuzuführen. Ein angesehener Einwohner, mit dem er von früher her bekannt war, machte ihm den Vorschlag, mit ihm nach der Kirche zu gehen und dort der Trauung eines seiner Landsmänner mit einer reichen Bürgerstochter beizuwohnen. Mit einigen Offizieren der schottischen Brigade und mit seinem holländischen Freunde ging Kapitän Falconer in die Kirche. Man kann sich denken, wie groß sein Erstaunen war, als er seinen eignen Schwager, einen verheirateten Mann, dort im Begriffe sah, das unschuldige schöne Mädchen zum Altar zu führen, das er in so schändlicher, eines Mannes unwürdiger Weise betrogen hatte. Sofort gab er die Schurkerei öffentlich kund, und die Vermählung wurde natürlich infolgedessen aufgehoben. Entgegen der Ansicht besonnener Männer, die Sir Philipp Forester für einen Schuft erklärten, der nicht mehr auf die Rechte eines Ehrenmannes Anspruch hätte, gestand ihm Kapitän Falconer doch noch das Vorrecht eines solchen zu und nahm die Herausforderung zum Zweikampf an, in welchem er tötlich verwundet wurde. So waltet und wirkt geheimnisvoll die Vorsehung. Lady Forester hat sich von dem Schreck dieser Trauerkunde nie wieder erholt. Sechstes Kapitel »Ereignete sich der traurige Vorfall,« fragte ich, »genau zu der Zeit, als das Bild im Spiegel gezeigt wurde?« »Es ist verdrießlich, die Wirkung einer Erzählung in etwas abzuschwächen. Um jedoch bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich sagen, daß das Ereignis einige Tage vor der Erscheinung im Spiegel sich zugetragen hatte.« »Mithin ist auch die Möglichkeit vorhanden,« sagte ich, »daß der Schwarzkünstler durch geheime und schnelle Botschaft rechtzeitig Nachricht von dem Vorfall erhalten hatte.« »So sagten alle, die nicht daran glaubten,« erwiderte meine Tante. »Und was ist aus dem Adepten geworden?« fragte ich. »Ein Haftbefehl wurde gegen ihn erlassen, aber er verstand das Wahrsagen viel zu gut, als daß er nicht das tragische Schicksal vorausgesehen hätte, das seiner warten würde, wenn er dem Manne des Gesetzes nicht aus dem Wege ginge, er schlug sich daher, wie man so sagt, seitwärts in die Büsche, und man hat nie wieder von ihm gehört, noch ihn je wieder gesehen.« »Und ist auch Sir Philipp Forester für immer von der Bildfläche verschwunden?« fragte ich weiter. »Nein,« versetzte meine liebe Erzählerin, »bei einem seltsamen Anlaß hat man wieder von ihm gehört. Es heißt, wir Schotten – sofern wir uns als ein besonderes Volk für sich bezeichnen können – haben unter unsern vollen Scheffeln von Tugenden auch einige Gerstenkörner von Lastern. Besonders macht man uns den Vorwurf, daß wir Schmähungen und Unbilden selten oder nie verzeihen und daß wir unsern Groll gehörig hegen, damit er hübsch heiß bleibt. Auch Lady Bothwell hegte solchen Grimm, und ich glaube, nichts hätte ihr mehr Entzücken verursacht, als wenn sie an Sir Philipp für die doppelte Untat, durch die er ihr einen Bruder und eine Schwester geraubt hatte, vollgiltige Rache hätte nehmen können. Aber erst nach vielen Jahren hörte man wieder von ihm. An einem Fastnachtsabend, als die ganze vornehme Gesellschaft von Edinburgh versammelt war, trat ein Bedienter zu Lady Bothwell und sagte ihr leise, ein Herr wünsche sie insgeheim zu sprechen. »Insgeheim? und hier in einer Gesellschaft? der muß nicht recht bei Sinnen sein. Sagt ihm, er solle morgen früh zu mir kommen.« »Das habe ich ihm schon gesagt,« entgegnete der Diener. »Er hat mir aber aufgetragen, dieses Billet an Euch abzugeben.« Sie öffnete das seltsam gefaltete und versiegelte Schreiben. Auf der Adresse standen nur die Worte: In Sachen über Leben und Tod – und zwar in einer Handschrift, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Sie folgte dem Boten in ein kleines Nebenzimmer, wo Erfrischungen zubereitet wurden und wohin die Gesellschaft sonst nicht Zutritt hatte. Dort fand sie einen alten Mann, der, als sie näher kam, sich erhob und sich tief verneigte. Er sah körperlich völlig zerrüttet aus, seine Kleider, die er der Etikette des Balles entsprechend sorgfältig angelegt hatte, waren fadenscheinig und verschossen und hingen faltenreich um seine hagre Gestalt. Lady Bothwell zog bereits die Börse, um mit einem Almosen den Bittsteller loszuwerden, aber im selben Augenblick hatte sie doch das Gefühl, daß sie sich irren könne, und sie hielt die Hand zurück. Indessen ließ sie dem Manne Zeit, seine Sache vorzutragen. »Habe ich die Ehre, mit Lady Bothwell zu sprechen?« »Ich bin Lady Bothwell, ich muß Euch aber sagen, daß hier nicht der Ort und auch nicht die Zeit zu einer längern Auseinandersetzung ist. Was ist Euer Begehr?« »Eure Ladyschaft,« sagte der alte Mann, »hatte einmal eine Schwester.« »Allerdings, und ich liebte sie wie mich selber.« »Auch einen Bruder.« »Den tapfersten und liebevollsten Bruder.« »Diese beiden Lieben habt Ihr verloren durch die Schuld eines Elenden,« fuhr der Fremde fort. »Durch das Verbrechen eines unnatürlichen, blutgierigen Mörders,« sagte die Dame. »Ich habe nun meinen Bescheid erhalten,« versetzte der alte Mann und verneigte sich zum Abschied. »Halt, Herr! ich befehle es Euch!« rief Lady Bothwell. »Wer seid Ihr, daß Ihr an solchem Ort und zu solcher Zeit so furchtbare Erinnerungen in mir wachruft? Das will und muß ich wissen.« »Ich bin einer, der nichts Böses gegen Lady Bothwell im Schilde führt, der es ihr im Gegenteil ermöglichen will, eine Tat christlicher Barmherzigkeit auszuüben, um die die Welt sie bewundern und der Himmel belohnen würde. Ich sehe aber, daß sie nicht in der Stimmung ist, um zu solchem Opfer, das von ihr zu erflehen ich mich gerüstet hatte, fähig zu sein.« »Sprecht Herr, was begehret Ihr?« »Der Elende,« begann der Fremde wieder, »der Euch so bittern Kummer zugefügt hat, liegt auf dem Totenbett. Seine Tage gehörten dem Jammer, seine Nächte der schlaflosen Angst. Er kann nicht sterben, ohne daß Ihr ihm verziehen habt. Sein Leben war ununterbrochener Buße geweiht, er hat aber nicht den Mut, sich von dem ihm so qualvollen Dasein zu trennen, so lange noch Euer Fluch auf seiner Seele lastet. Eure Verzeihung ist sein letzter innigster Wunsch. Aus ihr kann er auf eine Begnadigung hoffen, die er dann von seinem Schöpfer, Mylady, und von dem Eurigen erflehen kann. Bedenkt, Lady Bothwell, auch Euch steht ein Totenbett bevor. Auch Eure Seele muß den Schrecken spüren, der keiner Menschenseele erspart bleibt, mit der frischen, brennenden Wunde eines nicht ausgeheilten Gewissens vor das jüngste Gericht zu treten. Wie wird Euch dann das Bewußtsein quälen: Ich habe keine Gnade gewährt – wie darf ich um Gnade bitten?« »Mensch, wer du auch sein magst,« versetzte Lady Bothwell, »dringe nicht so grausam in mich ein. Heuchelei, ja Gotteslästerung würde es sein, wollten meine Lippen die Worte sprechen, gegen die jede Fiber meines Herzens sich auflehnt. Spräche ich solche Worte, die Erde täte sich auf – und die hingemarterte Gestalt meiner Schwester – die blutüberströmte Gestalt meines Bruders stiege herauf –! ich ihm vergeben – nimmermehr!« »Großer Gott im Himmel!« rief der Alte, die Hände emporreckend, »so also, so also befolgen die Würmer, die du aus dem Staube erschufst, die Gebote ihres Schöpfers! Fahr wohl, stolzes, erbarmungsloses Weib! Freue dich, denn zu einem Ende in Not und Elend hast du die Qual religiöser Verzweiflung hinzugetan. Nie aber wage es, den Himmel zu höhnen und ihn um die Verzeihung zu bitten, die du selber zu gewähren dich geweigert hast.« Mit diesen Worten wollte er von ihr gehen. »Halt!« rief sie. »Ich will es versuchen, ja, ich will versuchen, ob ich ihm verzeihen kann.« »Edle Frau,« sagte der alte Mann, »Ihr erleichtert die schwerbelastete Seele, die sich von ihrem sündigen Genossen hinieden nicht zu trennen wagt, ehe sie nicht mit Euch Frieden geschlossen hat.« »Ha!« schrie die Dame, der plötzlich alles klar wurde, »es ist der Schurke selber!« Sie packte Sir Philipp Forester – denn er war es selbst – beim Gewand und rief: »Mörder, Mörder, nehmt den Mörder fest!« Auf diesen an solchem Orte ganz unvermuteten Schrei stürzte die ganze Gesellschaft herein, allein Sir Philipp Forester war verschwunden. Er hatte sich von Lady Bothwell losgerissen und war aus dem Zimmer geeilt, dessen Tür auf die Haupttreppe mündete. Hier schien jedoch eine Flucht unmöglich, denn es kamen mehrere Personen die Treppe hinauf, den Unglücklichen aber hatte die Verzweiflung erfaßt, er sprang über das Geländer und tat einen Fall von mindestens fünfzehn Fuß auf die Hausflur hinab, von wo er auf die Straße flüchtete und sich im Dunkeln verlor. Ein paar Mitglieder des Hauses Bothwell verfolgten ihn und hätten ihn vielleicht niedergeschlagen, wenn sie ihn eingeholt hätten, denn damals rann das Blut heiß in den Adern der Schotten. Die Polizei mischte sich nicht ein, da das Verbrechen vor langer Zeit und in einem fremden Lande verübt worden war. Im übrigen war man immer der Ansicht, der seltsame Auftritt sei nur ein heuchlerischer Versuch Sir Philipps gewesen, der nur habe wissen wollen, ob er vor der Rache einer Familie, der er so schwere Schmach angetan hatte, sicher sei, und nach Schottland zurückkehren könne. Da der Erfolg nicht seinen Wünschen entsprochen hatte, so ist er aller Wahrscheinlichkeit aufs Festland zurückgekehrt und dort im Exil gestorben. Ende.