Hančička das Chodenmädchen Ein Kulturbild aus dem böhmisch-bayrischen Waldgebirge von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Meinem lieben, treu bewährten Freunde Anton Wiener und dessen Gattin Kathinka verehrungsvoll zugeeignet                           vom Verfasser.     I. Zum Dialekte. Die Bewohner des Böhmerwaldes sprechen durchgehends den altbayerischen Dialekt, wenn auch in den verschiedensten Schattierungen. Soweit derselbe verständlich geschrieben werden kann und zur Charakterisierung der handelnden Personen nötig, findet er in dieser Erzählung Anwendung. Die slavischen Böhmen, welche die deutsche Sprache erst nach der czechischen erlernen, sprechen in der Regel hochdeutsch mit scharfer Accentuierung der Endsilben, jedoch mit unrichtiger Setzung der Zeitwörter. Zum richtigen Lesen des Dialektes beobachte man folgendes: a und an' steht statt des unbestimmten Artikels ein und einen, wobei das a hochtönig ist; da steht öfters statt des bestimmten Artikels der oder statt dir; aa (ebenfalls hochtönig) statt au auch, ä. Die durch Apostroph gekürzten Wörter mei', dei', sei', scho', no', ma', na' (mein, dein, sein, schon, noch, man, nein) sind mit einem Nasallaut auszusprechen, ähnlich wie das französische non . Alles übrige erklärt sich wohl von selbst oder ist eigens angeführt. D. V. Die breite Oeffnung im böhmischen Bergkranze zwischen dem doppelgezackten Osser und dem Czerkowberge bildet der altberühmte Paß von Taus und Neumark, einst 8 der blutgetränkte Schauplatz heißer Kämpfe und grimmiger Befehdung zweier feindlicher Nationen. Die etwa dreiundzwanzig Kilometer breite, hügelige Lücke ist jetzt dicht mit Ortschaften übersät und trägt ganz den Charakter eines anmutigen, kultivierten Hügellandes. Bayerischerseits breiten sich darin die Hauptorte Furth am Walde, Eschlkam und Neukirchen beim hl. Blut, böhmischerseits die Städte Taus, Neugedein, Neumark und Neuern nebst vielen Dörfern und Ortschaften aus, welche teils deutsche, meist an der Grenze angesiedelte, teils slavische Einwohner haben, die sich in ihren Sitten und Trachten, selbst im Bauwerk ihrer Wohnhäuser ziemlich scharf unterscheiden. Die deutschen Ansiedler stammen zumeist aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zu welcher Zeit man durch Anlage von Glashütten den dichten Urwald zu lichten begann; die slavischen Einwohner sind aber Nachkommen der sogenannten Choden, der Kriegsgefangenen, welche Herzog Bretislaw I. nach seinem siegreichen polnischen 9 Feldzuge (1039) mit nach Böhmen brachte und sie zum Teil in der Gegend zwischen Czerkow und Ossa in 14 Dörfern, teilweise der oberpfälzischen Grenze entlang bei Pfraumberg und Tachau, ansiedelte. Im Jahre 1040 zeichneten sich diese Fremdlinge in der in jener Gegend dem deutschen König Heinrich III. gelieferten Schlacht durch ihren Heldenmut und eine zähe Tapferkeit so sehr aus, daß sie der Sieger, Herzog Bretislaw I., der böhmische Achill genannt, mit dem Vorrecht begnadigte, daß sie niemals einem anderen Herrn als dem Landesfürsten unterthan sein sollten. Er übertrug ihnen die Bewachung des strategisch höchst wichtigen Landesthores, des Passes von Neumark und Taus, und da sie als Wächter die Grenze zu begehen hatten, erhielten sie den Namen Choden (von choditi – gehen). Ihr selbstgewählter Oberrichter hatte seinen Sitz in der Stadtburg zu Taus; später ward ein eigenes Chodenschloß in Trhanow, eine Stunde südwestlich von Taus, erbaut, das noch heute besteht. Volle fünf Jahrhunderte genossen die Choden ungestört ihre Freiheiten, bis ihnen diese gewaltsam genommen wurden, und sie in Leibeigenschaft verfielen, aus welcher sie das Jahr 1848 gleich allen andern Bauern befreite. Die Nachkommen dieser Choden haben bis heute Anzeichen einer gewissen Stattlichkeit behalten. Es ist dies ein kräftig gebauter Menschenschlag, stark abgehärtet, dabei aber mild und weichherzig. Die Choden sind zwar teilweise czechisiert, unterscheiden sich jedoch noch immer durch ihre Sitten und ihren Dialekt, durch die besondere malerische Tracht und durch eine eigentümliche Bauart ihrer Häuser von den übrigen Landesbewohnern Die Wohnungen der Choden deuten hie und da noch auf die ursprüngliche kriegerische Bestimmung. Sie sehen kleinen Festungen gleich, indem sie von einer Mauer umgeben sind, durch die kein Zimmerfenster nach außen geht. Im Innern, mit einem Seiten- und dem Hinterteil die Ringmauer selbst bildend, steht das Wohnhaus, die Fenster nach dem Hofe gekehrt, dem Wohnhaus gegenüber Scheune und Stall. Quellen: P. Hippolyt Randa's Denkwürdigkeiten aus dem westlichen Böhmerwalde, sowie dessen vortreffliches Werk »Die Choden« (Taus – Selbstverlag). – Joh. Wenzigs und Joh. Krejcis Böhmerwald, neubearbeitet von Dr. Moritz Willkomm. – Frd. Bernaus illustr. Prachtwerk »Der Böhmerwald.« – Mündliche und briefliche Mitteilungen des um die Geschichtsforschung im westlichen Böhmerwald hochverdienten P. Hipp. Randa, Pfarrer und Bürger der kgl. Stadt Taus, meines hochverehrten Freundes (†). Ihre Sprache 10 enthält Ueberreste aus dem Polnischen und Altböhmischen. Sie pflegen vorzugsweise die Viehzucht; ihre Lebensweise ist sehr einfach und genügsam. Gesang, Musik und Tanz lieben sie leidenschaftlich und den Mittelpunkt jeder Unterhaltung bildet der Dudelsack, zu dem sie ihre Volksweisen singen. Sie leben in guter Eintracht mit den Deutschböhmen und den bayerischen Nachbarn, mit welch letzteren sie durch Handel und Wandel in regem Verkehr stehen. Bei besonderen Gelegenheiten, wie Volksfesten, Wallfahrten und dergleichen kommen die Choden und andere Böhmen gerne mit Kind und Kegel nach Bayern, wobei die treu beibehaltene Nationaltracht der ersteren ein buntes, farbenreiches Bild gewährt. Das war auch heute der Fall, wo in der bayerischen Grenzstadt Furth am Walde das uralte Volksschauspiel des »Drachenstiches« abgehalten wurde. Ist dieses in dem Passe zwischen den zwei mächtigen Grenzpfeilern Czerkow und Hohenbogen reizend gelegene Städtchen 11 ohnedem schon der Zielpunkt vieler, die in der waldfrischen Luft nervenstärkende Erholung suchen und finden, so strömt zu jenem zwar sehr einfachen, aber trotzdem höchst originellen Schauspiele die Nachbarschaft zu Tausenden heran und belustigt sich an dem Gebotenen, zuerst an der auf dem Stadtplatze im Freien stattfindenden Komödie, dann an dem meist trefflichen bayerischen Biere, dem die böhmischen Nachbarn ganz besonders zugethan sind. Choden, Deutschböhmen und Bayern, alle vergnügen sich in schönster Eintracht, und die ersteren sehen es nicht ungern, wie sie ihrer althergebrachten Tracht wegen allenthalben mit Wohlgefallen betrachtet werden. So konnte sich der Sohn des Waldhofbauern von Bayerisch Prennet, eines nah an der Grenze gelegenen Gutes, nicht satt sehen an einem Paar in seiner Nähe stehender Chodinen, Mutter und Töchterchen, welche durch die Pracht ihrer Kleider, wie ihre Schönheit ganz besonders auffielen. Der alte Waldhofbauer bemerkte das schon einige Zeit. Endlich fragte er: »Franzl, gel, die g'falln dir?« »Meiner Seel! Is dös a kirnigs Deandl mit rösleter Wang' und d' Muatta – is dös sauberste Weib vom ganzen Böhmerland auf und ab.« »Dös muaßt ihr sagen!« versetzte der Alte lachend. »Kennst d' es ebba?« »G'wiß kenn' i's. Der Gschloßmeier von Trhanow, der Soukup vom Chodenschloß drin is ihr Mann. Hon scho' manchen Handel mit eam g'habt. A hochachtbarer Mann; er stammt vom Kozina ab, der als Martyrer 12 für die Choden g'storben is. Kimm hinzuwi; schwaatz ma (reden wir) mit eahna; sie verstehnga deutsch.« Franz war dies wohl zufrieden; im nächsten Augenblick standen sie bei den beiden Chodinen. Frau Soukup grüßte sofort den Waldhofbauern als einen alten Bekannten. »Is dös 's Tochterl?« fragte er, auf das etwa fünfzehnjährige Mädchen blickend. »Ja freilich,« entgegnete die Mutter mit einem gewissen Selbstbewußtsein, »mein einziges, Hančička.« Sprich: Hantschitschka. »Freut mi!« versetzte der Waldhofbauer, dem Mädchen die Hand reichend, und auf seinen Sohn zeigend, fuhr er fort: »Und dös is aa mei' oanziger, mei' Franzl.« Die beiden Chodinen begrüßten den hübschen, flotten Burschen freundlich, und die Mutter sagte: »Freut mich, Franzl.« »Und 'n Franzl freut's aa,« versetzte der Alte. »Is der Bursch erst achtzehn Jahre alt und macht schon allerhand Betrachtungen. So hat er's auf 'n ersten Blick heraus g'habt, daß 's ös zwoa – aber na', i will nix verraten. Is der Vata nöd mit groast?« »Der hat ein G'schäft in Fichtenbach, muß Geld einkassieren für verkaufte Ochsen. Wir sind mit vielen Nachbarsleuten zum Drachenstich. Is ja so schön heut!« »Ja, der Franzl find't dös aa,« neckte der Vater gutmütig. »Gel, Franzl?« Dieser hatte bereits mit dem munteren Mädchen ein Gespräch angefangen, das ihn mit seinen kohlschwarzen Augen freundlich anblickte. Franzl konnte sich an diesen so wenig satt sehen, wie an dem Anzuge des Mädchens, 13 den er immer aufs neue bewunderte. Das rosenrote kurze Röckchen, die grüngeblümte Schürze, die bauschigen, bis an den Ellenbogen reichenden weißen Pluderärmel, das hellseidene Brusttuch mit dem schwarzen gestickten Samtleibchen gefielen ihm gar zu gut. Um den Kopf hatte Hančička ein schwarzes Zanellatuch geschlungen, von welchem das eine der gestickten Enden vorne auf die Brust, das andere über den Rücken hinabhing. Das schöne Chodenweib dagegen trug ein weißes, gesticktes, unter dem Kinne zusammengefaltetes, rückwärts im Dreieck hinabhängendes Kopftuch, ein schwerseidenes Brusttuch, dunkelblauen, weit ausgeschnittenen Spenser mit bunter Bordüre und Maschen, einen roten gefältelten Rock, eine gelb und rot gestreifte seidene Schürze, rote Strümpfe und gestickte, weit ausgeschnittene Schuhe. Am Arme hatte sie einen mit vielen roten Mäschchen verzierten Zeger aus Bast; Mutter und Tochter hielten je ein gesticktes Taschentuch in der Hand. »Mutter,« sagte das Mädchen, »gieb dem Franzl einen böhmischen Lebzelten.« Die Mutter griff sofort in den Zeger und reichte dem Burschen einen sogenannten »böhmischen Wetzstein« hin, den dieser lachend entgegen nahm. Als sie auch dem Alten einen solchen reichen wollte, sagte dieser: »Schön Dank, schön Dank! Mir is a Schnüpfl Brisil liaba!« Dabei zog er sein Gläschen heraus und labte sich an einer tüchtigen Prise Schmalzler. »Dös is mei' Guatthat,« erklärte er. »Die junga Leut kinna schlecken, so viel's mögen.« Franzl konnte aber die süße Gabe auch nicht genießen, denn schon nahm das Schauspiel seinen Anfang. 14 Er verschaffte rasch dem Mädchen einen besseren Platz ganz vorne am Spalier, wofür ihm jenes freudig dankte. Der Festzug mit Musik, Rittern und Trabanten zog vorüber, gefolgt von mehreren Wagen, in welchen die Prinzessin, Ritterinnen und Burgfräuleins saßen, alle in möglichst treuen Kostümen. Im Hintergrunde aber erschien bereits der greuliche Drache und faßte am Brunnen Posto. Vorn am Brothaus deklamierte die Prinzessin und bat den Ritter, »sie vom Drachengreuel zu befreien.« Dieser ruft: »Ich als starker Rittersmann, Das grausam Tier macht mir nicht bang, Mit meinem Degen und Rittershand Will ich es räumen aus dem Land.« Dabei stößt er dem Pferde die Sporen in die Weichen und sprengt im Galopp auf das Ungetüm zu. Dieses hat seinen Rachen geöffnet, in welchem sich die mit Ochsenblut gefüllte Blase befindet, die der Ritter mit seiner Lanze durchstechen muß, damit zum Ergötzen des Volkes eine rote Blutwelle hoch aufspritzt. Wenn der flotte Ritt gelingt, wie es fast ausnahmslos der Fall ist, und der Drachentöter dann siegesstolz das Schwert schwingt, und dieses dem Drachen noch ein paar Mal um den Schädel schlägt, bis er sich zu Boden streckt, so umbraust ihn auf dem Rückwege ein tosender Beifallssturm der dichtgedrängten Menge, und es ist dies in der That ein schönes Bild. Heute aber war der Ritter weniger glücklich. Das Pferd scheute vor dem Ungetüme derart, daß es dem Helden nicht möglich war, auf dasselbe anzusprengen. Es bäumte sich so hoch auf, daß es im Begriffe war, sich rücklings zu überschlagen, wobei 15 der des Reitens wenig kundige Rittersmann sicherlich verunglückt wäre, wenn nicht Franz, noch ehe des Ritters Läufer zu Hilfe eilen konnten, in die Bahn gesprungen wäre, das Pferd am Zügel gefaßt und auf die Vorderfüße gerissen hätte. Es gelang ihm auch, das stützige Pferd zu beruhigen, so daß der schon etwas verzagte Rittersmann dennoch seiner Aufgabe, die Blutblase mit der Lanze zu durchstechen, gerecht werden konnte. Hančička hatte mit leuchtenden Augen dem entscheidenden Handeln des jungen Burschen zugeschaut, als er das scheue Pferd zum Stehen brachte und sich unter lautem Beifall des Volkes wieder an seinen Platz zurück begab. »Bravo, Franzl,« sagte auch sie, und sich an ihre Begleiterin wendend, bat sie: »Mutter, gieb ihm noch ein' Lebzelten.« »Und von mir kriegst a Schnüpfl Tabak,« sagte der Vater, ihm das Brisilglas hinhaltend. »Bedank' mi schön!« erwiderte der Sohn; »i schnupf nöd. Aber an' süaßen Wetzstoa' nimm i schon no' an, für d' Ahnl, die schleckt gern.« »Da, nimm gleich mehr, für sie und dich,« versetzte das Chodenweib und gab ihm eine Handvoll solcher Lebkuchen hin. »Ja, da bin i schon so grob,« lachte Franz. »Für mei' Großmuatterl is mir nix z'viel. Die is ja selm aus 'n Böhmischen, drent von die künischen Freibauern, Königlichen Freibauern. z'naachst Neuern. Heunt muaß i mit 'n Nachtzug ummifahrn.« 16 »Ja, d'rum is's Zeit, daß ma auf 'n Utzbräukeller kömma; da giebt's Musi, und die ganz Ritterschaft kimmt hin,« sagte der Bauer. »Därf i Enk einladen, Frau Soukup, daß 's mit uns kömmt's?« Das Chodenweib sagte gerne zu; sie wollte bis zu dem um sechs Uhr abgehenden Zuge verweilen, mit welchem sie bis zur Station Vollmau-Kubitzen zurückzufahren beschloß, wodurch der etwa zwölf Kilometer betragende Weg nach Trhanow fast um die Hälfte abgekürzt wurde. »Da roas'n ma ja mitanand,« meinte Franzl. »I muaß hoam, muaß mi zamrichten, damit i mit 'n Nachtzug furtkimm. Der Vetter im Künischen drent is krank, da muaß i eam aushelfen. Er braucht mi schon morgen in der Fruah.« »Ja, ja, mei' Franzl muaß furt auf etli Wochen,« versetzte der Alte. »Der Vetter kann si' auf eam verlassen. I muaß halt an' etli Zeit alloa' weiter hampern. Nu', es muaß's aa thoa'.« Sie waren inzwischen auf dem hübschen Utzbräukeller angekommen, und es kostete Franz keine geringe Mühe, noch einen guten Platz ausfindig zu machen. Auch für Speise und Trank sorgte er. Es hatte sich hier ein heiteres Leben entwickelt. Außer den bayerischen hatten sich auch viele böhmische Gäste eingefunden. Neben den alten Choden mit ihren großen, breitkrempigen Hüten, langen, dunkelblauen oder weißen Röcken und gelbledernen Hosen saßen die flott gekleideten Chodenburschen, die zumeist kurze, gestickte, mit vielen Silberknöpfen verzierte Jacken, kurze gelbe Lederhosen, Wadenstiefel und rote oder grüne, sauber mit Otterpelz verbrämte Mützen trugen. Die böhmischen lebhaften Laute 17 vermischten sich mit den deutschen zu einem unentwirrbaren Durcheinander. Dazu spielte die schon bei dem Drachenstich wirkende Musikkapelle in phantastischer Uniform, und allgemeine Heiterkeit bemächtigte sich der Anwesenden, jung wie alt, zumal auch »der Stoff« nichts zu wünschen übrig ließ. Alsbald begann der Rittertanz im oberen Saale, an welchem jedermann teil nehmen konnte, und woran sich auch Franzl erst mit der Mutter und dann sogar verstohlen mit dem Töchterchen Hančička beteiligte. Nur allzufrüh kam die Stunde der Abfahrt herbei. Die meisten Böhmen entfernten sich, und auch Frau Soukup und Hančička machten sich auf den Heimweg. Der alte Waldhofbauer fand es aber für zu gemütlich hier, um schon so bald dem prächtigen Platze den Rücken zu kehren. Er erklärte, abends zu Fuß heimkehren zu wollen und meinte, es wäre eine Beleidigung für den Wirt, wenn er ohne gänzliche Not sein Trinken einstellen wollte, zumal sein Durst noch lange nicht gelöscht sei. Franz jedoch fuhr auf der Bahn mit den Choden bis zur nächsten Station Vollmau-Kubitzen. Die Fahrt ging bei heiterster Unterhaltung vor sich und der junge Mann mußte versprechen, bald nach Chodenschloß zu kommen, was er auch mit Freuden zusagte. Er fühlte sich den erst heute zum ersten Male Gesehenen gegenüber wie ein alter Bekannter und trennte sich nur ungerne von ihnen nach Ankunft auf der Station, um in seinen etwa eine Viertelstunde entfernten Hof zu eilen. Hančička aber und ihre Mutter entfernten sich, nachdem sie sich im dortigen Einkehrhause überzeugt, daß der Vater noch nicht hier sei, mit den Nachbarn, um längs 18 des Sees von Babylon nach dem Chodenschlosse zu wandern. – – – Franz hatte, in seinem Hofe angekommen, eilig ein kleines Handkofferchen gepackt, von seiner alten Großmutter, der er durch Ueberbringen der Süßigkeiten eine große Freude bereitet, Abschied genommen und war alsbald nach der Station zurückgekehrt, denn er hoffte im stillen, die Choden vielleicht noch dort zu treffen. Diese aber waren bereits fort und da er bis zum Nachtzuge noch ein paar Stunden Zeit hatte, so gab er sein Kofferchen im Stationsgebäude in Verwahrung und richtete seine Schritte nach dem Wirtshause, aus welchem fröhlicher Gesang und Musik ertönten. Hier traf er viele Bekannte, unter ihnen auch einen Choden, der allgemein »Quistorenhansl« Von Conquistatores abgeleitet, wie die den Eroberern nach Mexiko gefolgten spanischen Truppen und auch die Freiwilligen hießen, welche Kaiser Maximilian 1864 dorthin begleiteten. genannt wurde, weil er unter Kaiser Maximilian in Mexiko als Trompeter Dienste genommen hatte, von wo er nach dem traurigen Ende des Kaiserreiches wieder glücklich in die Heimat zurückgekehrt war. Er wußte infolge seiner Erlebnisse vieles zu erzählen, und man hörte ihm gerne zu, wenn man auch fünfzig Prozent als Dichtung darein nehmen mußte. Er durfte sich mehr Spaß erlauben, verstand aber auch einen solchen, wenn er zur Zielscheibe genommen wurde. In der Heimat trug er stets chodische Tracht. Neben der Musik betrieb er auch den Handel mit Leinwand. »Tauhböhm« (Tuchböhme) heißen die Männer, welche, die gerollte, ungebleichte Leinwand an einem Stocke befestigt über der Schulter tragend, von Hof zu Hof wandern, um 19 diese Waren aufzukaufen und dann anderwärts wieder zu verwerten. Der Quistorenhansl war heute ausnehmend fidel. In der Ecke sitzend, entlockte ein alter Dudelsackpfeifer seinem Instrumente die schreiendsten Quitschtöne, und die ohnedem sehr angeregten Gäste wurden durch diese nervenerschütternde Musik noch mehr aufgeregt. Der Waldbauern Franz war überall gerne zugegen, wo es lustig herging, und er war auch hoch angesehen, weil er meist in der Lage war, mit den Thalern in der Hosentasche zu scheppern. Der Quistorenhansl verspürte gerade heute ein Gelüste nach diesen Thalern, und nachdem Franz etwas rasch zuerst eine ziemliche Quantität Kauter Lagerbier und später noch Ungarwein zu sich genommen hatte, forderten ihn der Chode und noch einige andere Bauernburschen zu einem beliebten Hazardspiele auf. Da Franz in einem solchen vor kurzem erst eine bedeutende Summe gewonnen, wollte er anstandshalber nicht »nein« sagen, und alsbald rollten die Thaler auf dem Tische. Heute aber hatte Franz fortwährend Unglück im Spiele; es währte nicht lange, so hatte er all sein Geld verspielt. Die Summe war nicht unbedeutend, und es war für ihn ein Glück, daß er sich die Fahrkarte nach Neuern schon vorher gelöst hatte. Der Quistorenhansl dagegen hatte alles gewonnen. »I setz mein' ganzen Gewinnst ein gegen dei' Uhr mit der silbernen Ketten,« sagte er zu Franz. »Vielleicht bist dös Mal glücklicher.« Franz, schon etwas berauscht, legte Uhr und Kette auf den Tisch und rief: »Es gilt!« 20 Aber er wurde von Hansl wieder übertrumpft, und Uhr und Kette wanderten in dessen Tasche. Das war dem jungen Burschen sehr ärgerlich, nicht wegen des Wertes, sondern weil es ein Andenken an seine Firmung war. Doch war heute daran nichts mehr zu ändern. Er hielt es an der Zeit, nunmehr zur Bahn zu gehen. Es war fast dunkel, als er sich auf den Weg machte; pechschwarze Wolken zogen am Himmel hin, Blitz und Donner folgten rasch aufeinander. Ein Bursche von Prennet folgte Franz nach und sagte zu ihm im Vorübergehen: »Franzl, 's letzt' Gspiel kann nöd gelten, i hab's gsehen, wie der Quistorenhansl hintnach drei Karten vom Boden aufklaubt hat, die eam wohl zuafälli awigfalln san. D' Karten waren also nöd voll, und somit is's Gspiel ungilti. Verlang dei' Uhr wieder zruck, er muaß dir's wieder geben. Er wird eh glei nachkömma, du kannst 'n erwarten. Bhüat di Gott – i mach, doß i hoamkimm. A bös's Wetter is im Anzug.« Franz eilte, seinen Haselnußstock in der Hand, nach der Station zu; doch besann er sich plötzlich der Rede des Burschen. Es schmerzte ihn doch, daß er die Uhr nicht mehr hatte und noch mehr, wenn er sie auf unrechte Weise verloren hätte. Er nahm sich deshalb vor, auf den Quistorenhansl zu warten und von ihm die Rückgabe des unrechtmäßig abgenommenen Gewinnes zu verlangen. Es währte nicht lange, so kam ein Mann den Fußweg herauf; beim Leuchten des Blitzes glaubte Franz an dem breiten Chodenhute und der hellen Hofe den 21 Quistorenhansl zu erkennen. Als der Ankommende ganz nahe war, rief er ihn an: »'s Gspiel war falsch. Wenn's mir d' Uhr und d' Ketten nöd freiwilli giebst, so –« »Oho!« unterbrach ihn der andere. »So moanst? Bei mir bist zum Unrechten kömma, Lump, elendiger!« Dabei holte er mit einem mächtigen Knittel zum Schlage aus. Franz sah trotz der Dunkelheit den auf ihn geführten, gefährlichen Hieb und sprang zur Seite, dabei mit seinem Stocke mit aller Wucht jenen des Angreifers zurückschlagend. Dabei mußte er diesen aus dem Gleichgewichte gebracht haben, denn er schien zu wanken und stieß einen Fluch aus. In diesem Augenblicke ertönte von der Station her das Zeichen, daß der Zug nahe. Franz durfte sich keine Sekunde länger verhalten, wollte er denselben nicht versäumen. »No', wart nur,« rief er, »i werd' mir die Uhr schon auf andere Weis' hol'n!« Und er eilte von dannen. Nachdem er etwa dreißig Schritte in raschem Laufe zurückgelegt, wendete er sich nochmals um. Ein Blitz erhellte auf einen Augenblick die ganze Gegend, doch sah er von dem vermeintlichen Quistorenhansl nichts mehr. Ohne weitere Zögerung eilte er nun zur Station, die er noch zur rechten Zeit erreichte. Wenige Minuten später fuhr der Zug ein. Als Franz in den Wagen stieg, zupfte ihn jemand. Es war der Quistorenhansl. »Franzl,« sagte dieser, »da nimm' dei' Uhr wieder und dei' Geld. 's letzte Kartenspiel war nöd ganz. 22 I bin erst später draufkömma. I will nix Unrechts.« Dabei drückte er ihm Uhr und Geld in die Hand. »Aber warum hast denn vorhin –« mehr konnte Franz nicht mehr sprechen. Der Kondukteur rief: »Vorwärts!« und schlug den Wagenschlag zu. Noch ehe Franz das Fenster öffnen und mit Hansl weiter verhandeln konnte, hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt. Franz wußte sich das widersprechende Benehmen des Choden nicht zu erklären. Endlich meinte er, seine letzte Drohung müßte ihn zu dieser anständigen Handlungsweise gebracht haben. Es freute ihn, daß nun wieder alles in Ordnung war, und müde von den verschiedenen Eindrücken und Erlebnissen des Tages schloß er bald die Augen und träumte – träumte vom Drachenstich und von Hančička, dem lieblichen Chodenmädchen. Hätte er geahnt, daß er statt des Quistorenhansl Hančičkas Vater angerufen, und dieser infolge seines kräftigen Gegenhiebes schwer verletzt und ohnmächtig noch am Platze der That lag: sein Träumen würde den gräßlichsten Empfindungen gewichen sein. 23 II. Der Schloßbauer von Chodenburg, Hans Soukup, Hančičkas Vater, hatte in Fichtenbach das Geld für ein paar dorthin verkaufte Ochsen einkassiert, und nachdem er im dortigen Wirtshause mit ein paar Bekannten tüchtig gezecht, den Heimweg angetreten. Er wählte den Weg über Vollmau, um von hier den letzten Zug nach Taus zu benützen, wo er zu übernachten gedachte, weil er zur Nachtzeit mit der schwer gepfropften Leibgurte nicht zu Fuß durch die Waldungen gehen wollte. Er fürchtete sich zwar nicht, denn er war ein kräftiger Mann, und sein hoher, dicker Haselstock mit der kleinen Axt am oberen Ende war ihm eine zur Beruhigung dienende Waffe. Mit Bezug auf diese sagte er oft: »Soll's einer nur probieren, mi anz'packen! I schlag'n nieder, wie einen Hund.« Gleichwohl hielt er es für besser, das Geld, welches der Gutsherrschaft in Kauth gehörte, auf sichere Weise heimzubringen. Er wäre freilich lieber heute mit Frau und Kind zum Drachenstich nach Furth gewandert, als nach Fichtenbach, doch war für heute der Zahltag bestimmt, und das Geschäft ging dem Vergnügen vor. Im Wirtshause zu Vollmau that er sich noch einmal gütlich und trank wohl einen Schluck, vielleicht auch mehrere, über sein gewöhnliches Debitat; dann trat er, als die Zeit zur Abfahrt nahe rückte, seinen Weg gen Kubitzen zu an, in dessen Nähe er 24 plötzlich von einem ihm völlig unbekannten Burschen angefallen ward. Bei dem heftigen Donner und in seinem etwas »begeisterten« Zustande hörte er nur von Uhr und Kette, die ihm abverlangt wurden und glaubte es jedenfalls auf einen Raub abgesehen. Da er kein Mann von langen Unterhandlungen war, gab er sofort mit seinem Prügel und der daran befestigten Axt die nötige Antwort. Doch der Unbekannte wich nicht, schlug dagegen und, wie ein eigentümliches Geschick es wollte, drang Soukup die Axt seines eigenen Stockes an die rechte Schläfe und verursachte eine klaffende Wunde. Während der andere davoneilte, taumelte Soukup zu Boden. Ein Blitzstrahl beleuchtete auf einen Moment den nochmals zurückblickenden Flüchtling, und der Chodenbauer sah deutlich das Gesicht des vermeintlichen Räubers. Dieses Gesicht war ihm nicht fremd, aber er wußte nicht sofort, wem es angehöre. Infolge des Blutverlustes bemächtigte sich seiner eine Ohnmacht. So fand ihn der von der Station Kubitzen nach seinem Chodendörfchen zuwandernde Quistorenhansl, da sich inzwischen das Gewitter verzogen hatte, und der Mond zwischen den dunklen Wolken soeben hervorgetreten war. »Schloßbauer!« rief er ihn an, »was ist g'scheh'n?« Der Angerufene erwachte aus seiner Betäubung. Sein erster Griff war nach der Geldgurte; sie hing unbeschadet an seinem Leibe. »Alle Teufel!« fluchte er. »Mir so was! 'n Soukup anfalln und ausrauben woll'n! Du bist es, Hansl? Helf mir auf, mir ist ganz schwach.« Jetzt sah der Hilfespender erst das von Blut überströmte Gesicht. 25 »Heiliger Nepomuk!« rief er. »Du bist ja verwundet. Ang'falln bist worn? Von wem?« »Von an' jungen Burschen; mein Geld und meine Uhr hat er wollen, der Lumpenhund. Dabei hat er mir an' Hieb versetzt – verbind' mi, Hansl, sonst verblut' i mi.« Der Quistorenhansl zog dem Bauer das Taschentuch aus dem Spenser und verband ihn damit, so gut es ging, die Wunde. Damit aber das Blut um so sicherer stocken sollte, sprach er den Spruch: »Blut, stehe still, Wie Richter und Schöppe in der Hüll (Hölle), Wenn dies nicht wahr ist, So laufe, bis es gar ist.« Hierauf half er dem Bauern auf die Füße und geleitete ihn, dabei kräftigst unterstützend, nach dem nahen Einkehrhause in Kubitzen. Hier verursachte der beiden Ankunft großen Schrecken und allgemeine Entrüstung. Soukup ward in eine Stube des ersten Stockes verbracht und auf ein Lager gelegt. Der Quistorenhansl, von seinem mexikanischen Militärdienste her mit Anbringung eines ersten Verbandes vertraut, gab Beweise seiner Kenntnisse, verabsäumte aber nicht, sofort nach dem Wundarzte in Vollmau zu schicken, der alsbald erschien und die nötigen Vorkehrungen traf. Der Kranke verfiel infolge der Erschöpfung bald in einen langen Schlaf, der allerdings von Fieberphantasieen öfters unterbrochen war. Der Quistorenhansl wachte bei ihm. Die im Einkehrhause noch anwesenden Gäste ergingen sich in allen möglichen Vermutungen, wer der Räuber 26 gewesen sein könne. Auf manch schuldlosen Burschen fiel da Verdacht, und als die Gendarmerie ankam, sich über den Vorfall zu unterrichten, ward manch ehrlicher Bursche auf die schwarze Liste gesetzt. An den Waldbauern Franzl dachte kein Mensch. Am nächsten Morgen ward aus einem Wagen ein Bett hergerichtet, und der Kranke nach dem etwa zwei Stunden entfernten Chodenschloß gebracht, wobei ihn der Quistorenhansl als Krankenwärter begleitete und keinen Schritt von ihm wich. Kein Chode verläßt den andern in Not und Gefahr. Ihre Treue ist seit den Tagen ihres Glanzes sprichwörtlich, und als sie noch bewaffnet gingen und ihre eigene Fahne hatten, war auf dieser der Kopf eines Hundes als Symbol der Treue abgebildet. Deshalb werden sie auch oft Psohlavci , d. i. Hundsköpfige, genannt. Der Krankenwagen durfte nur langsam fortbewegt werden. Die frische, würzige Morgenluft that dem Verwundeten wohl. Das nächtliche Gewitter hatte die Luft gereinigt, ein tiefblauer Himmel wölbte sich über das fruchtbare Gebiet der Choden, in welchem der Wagen, nachdem er ein äußerst liebliches, waldgrünes Thal, in dem die Häuser des Dorfes Babylon und ein kleiner, fischreicher See liegen, durchfahren hatte, anlangte. Linkerseits erhebt sich in aller Nähe der 1039 Meter hohe, tannenbestockte Tscherchow ( Czerchow ), der höchste Punkt des »Böhmischen oder Pfälzer Waldes«, welcher sich von hier bis gegen Eger hinzieht, sonst aber, so weit das Auge reicht, erblickt man nur fruchtbare Felder und saftige Wiesen, welche Zeugnis geben von dem Fleiße der chodischen Bewohner. Schon ihre Vorfahren, welche neben vielen andern Privilegien, die ihnen zu eigen waren, auch 27 den Landtagen beiwohnen durften, mußten, so oft der Regent Böhmens in ihre Gegend kam, bewaffnet vor ihm erscheinen und ihm ein Fäßchen mit Honig überreichen zum Zeichen, daß sie dem Sicherheitsdienste ebenso, wie der Bebauung ihrer Gründe gleich den arbeitsamen Bienen fleißig nachgehen. Auf und zwischen den gesegneten Hügeln erblickt man die Ansiedelungen der Choden, wie Klentsch, Aujezd, Trasenau, Meigelshof, Possighau und Trhanow mit dem Chodenschlosse. In der weiten Thalmulde der warmen Pastritz grüßen die Türme der uralten Grenzstadt Taus und vom höchsten Rücken der südlichen Hügelkette die vielbesuchte, dem heiligen Laurentius geweihte Kapelle herab. Auf Feldern und Wiesen sind die Landleute in voller Thätigkeit, die weiblichen Arbeiterinnen »ferneln« weithin durch ihre roten Röcke und weißen Kopftücher, und allenthalben hört man fröhlichen Gesang. Dieser verstummte aber, sobald man des Fuhrwerkes ansichtig wurde, und viele eilten neugierig herbei, um zu erfahren, wer der Kranke sei. Sie waren auf das schmerzlichste berührt, in demselben Soukup, den Nachkommen ihres angebeteten »Kozinas« zu erkennen, aber auch entrüstet über die ruchlose That des Räubers. Die Weiber schrieen laut auf vor Jammer über dieses Unglück. Langsam ging es jetzt den Berg hinab nach Trhanow oder »Chodenschloß« genannt. Es ist ein Pfarrdorf mit 56 Häusern und einem Schlosse, das zur Zeit dem Grafen Stadion gehört und 1670 von Maximilian Freiherrn von Lammingen, dem einst gefürchteten Zwingherrn der Choden, erbaut wurde. Nachdem nämlich die wackeren Choden über fünfhundert Jahre ihre Freiheiten genossen 28 hatten und oftmals ihr Blut und Dasein für die Sicherheit und Wohlfahrt des Landes eingesetzt hatten, wurden sie von Kaiser Maximilian II. (1569) verpfändet, und obwohl sie sich selbst auslösten, verpfändete sie Kaiser Rudolf II. (1584) wiederum an die Stadt Taus und gab sie später als Erbeigentum dem Freiherrn von Lammingen, dem Besitzer von Kauth. Volle sechzig Jahre währte der von den Choden unternommene, sogenannte »Chodenprozeß«, der ein unerwartetes Ende nahm. Der Erbe der Herrschaft Maximilian Wolfgang Freiherr von Lammingen verfolgte nämlich die Choden systematisch, kränkte und reizte sie und brachte sie durch verübte Gewaltthätigkeiten seiner kriechenden Beamten geflissentlich zu einem Aufstande, welchen er am 6. Juli 1693 mit Hilfe von militärischer Gewalt unterdrückte. Die am Aufstande meist beteiligten Choden wurden vom Kriminalgerichte in Prag zum Tode verurteilt. Als der Kaiser das Urteil auf einen derselben beschränkte, traf das Los den Richter von Aujezd, Jan Sladky, vulgo Kozina, einen der biedersten Chodenbauern, weil er der beredteste war und als der letzte um Pardon gebeten hatte. Am 28. November 1695 endete er mutig am Galgen dafür, daß die Choden versucht hatten, ihre Privilegien wieder zu erlangen, die ihnen seit Jahrhunderten von den böhmischen Herrschern bestätigt und verbürgt worden waren. Achtundsechzig Choden mußten von Amts wegen mit ihren Weibern und Kindern nach Pilsen kommen, um Kozinas Hinrichtung beizuwohnen. Als dieser auf der Leiter unter dem Galgen stand, erblickte er unter dem wogenden Menschenschwarme seinen Todfeind, den Freiherrn Maximilian von Lammingen, hoch zu Rosse. Kozinas 29 bleiches Antlitz färbte sich noch einmal, sein Auge glühte, und mit kräftiger Stimme soll er klar und deutlich gerufen Lammingen, Lammingen! ode dneška za rok budeme spolu státi před soudnou stolicí Boží, tam se to rozhodne, kdo z nás - - (Lammingen! Lammingen! von heute in einem Jahre werden wir vor dem göttlichen Richterstuhle mitsammen stehen, dort wird es entschieden, wer von uns – –).« Der Arme sprach's nicht mehr zu Ende, denn der Henker warf bereits den Strick um seinen Nacken, und Kozinas Beredsamkeit verstummte auf ewig. Am darauf folgenden Jahrestage der Hinrichtung starb Lammingen in der That plötzlich am Schlagfluß auf seinem neuen Schlosse in Thranow. Die Volkssage berichtet hierüber folgendes: Am Jahrestage von Kozinas Hinrichtung veranstaltete Lammingen im neuen Chodenschlosse ein großes Festgelage, zu welchem er viele der benachbarten Gutsbesitzer und Beamten eingeladen hatte. Da ging es lustig zu, Musik erschallte, die Gäste aßen und tranken, und alles war froh und heiter bis gegen Mitternacht. Am besten gelaunt aber war der Hausherr selbst, und in froher Stimmung füllte er seinen silbernen Pokal mit feurigem Wein und rief, ihn hoch erhebend: »Kozina! Kozina! du schlechter Prophet! Das Jahr ist vorüber, und noch bin ich da!« In diesem Augenblicke entstand ein heftiger Sturm, Thüren und Fenster wurden aufgerissen, alle Lichter erloschen, und zum Tode erschreckt sahen die Gäste eine Gestalt durch den Saal langsam daher schreiten. Als man sich nach einer Weile wieder gesammelt hatte, fand man den Freiherrn tot in seinem Lehnstuhle, den Becher noch 30 in der Hand. Der schuldlos hingerichtete Kozina hatte ihn vor Gottes Richterstuhl gefordert. – – Jene traurigen Begebenheiten leben noch immer im Gedächtnisse der Chodenbauern fort. Der harte Lammingen ward zur gerechten Strafe im Munde des Volkes zum Schreckgespenst, zu Kozinas Andenken aber pflegt der Chode heute noch den Hut mit schwarzen Binden zu schmücken. Ihrer stolzen Vergangenheit vergessen sie aber nimmermehr. Das Chodenschloß war seit langem unbewohnt, da der gräfliche Eigentümer im Schlosse Kauth residierte. Die Oekonomie des gräflichen Gutes aber war von der in jeder Weise gegen ihre Untergebenen und Pächter wohlwollenden Herrschaft zur Besorgung in die Hände eines Urenkels jenes unglücklichen Kozinas gegeben, jenes Mannes, der soeben als Schwerverwundeter an seiner Wohnung zunächst des Schlosses ankam. – – 31 III. Der Schrecken von Weib und Tochter über dieses unerwartete Ereignis und ihr Jammer waren rührend. Der Quistorenhansl half mit einigen herzugekommenen Männern dem Kranken aus dem Wagen, führte ihn in die Stube zu seinem Lager und richtete ihm im Vereine mit der Hausfrau alles nach Möglichkeit zurecht. Dabei machte sich ein alter Chodenmann höchst wichtig, der von den übrigen gemeinhin der »Doktorjirka« (Doktor-Georg) genannt wurde. Er war Vorsinger und Meßner in der Dorfkirche, nebenbei aber eine Art Wunderdoktor, der sich auf das »Besprechen, Messen und Abwenden« bei allen Krankheiten verstand und von seinen zu den verschiedensten Stunden bei Tag und Nacht gesammelten Kräutern die wunderwirkendsten Kuren zu erzielen hoffte und teilweise auch erzielte. Der Doktorjirka war von ungewöhnlicher Größe, dabei sehr hager, hatte scharf ausgeprägte Züge, ein vorstehendes, spitziges Kinn und trug stets eine Zwickbrille auf der gebogenen Nase. Die den Hinterkopf bedeckenden weißen Haare hingen ihm lang über den Nacken hinab. Zu Hause trug er einen alten Janker und eine schwarze Zipfelkappe, sonst aber stets den weißen, langen Chodenrock aus ungebleichter Leinwand. Er sprach sehr geziert, wodurch er jedenfalls weiser erscheinen wollte, als er in Wirklichkeit war. 32 »Wie's nur möglich ist – ein solcher Raubanfall in unserem kaiserlich königlichen Staate!« rief er auch jetzt aus. »Das muß gleich dem kaiserlich königlichen Kriminalgerichte in Taus gemeldet werden. Die Wunde ist lebensgefährlich! Ich halte es für nötig, daß dem Kranken sofort die kaiserlich königlichen Sterbsakramente verabreicht werden, und ich laufe zu Seiner Hochwürden. Nachher bestimme ich das weitere.« »Schafft's lieber 'n kaiserlich königlichen Wein bei,« sagte der Quistorenhansl, den die gezierte Art des Alten belustigte; »das ist für's erste die Hauptsach, und, Frau Soukup, laßt's schnell einspannen und den richtigen Doktor von Taus holen, damit der die Wunden in Ordnung bringt.« Beides wurde sofort besorgt. Hančička holte den Wein und die Mutter schickte einen Knecht mit dem Fuhrwerke nach Taus, um den Doktor zu holen. Der Doktorjirka jedoch ließ sich nicht so leichtweg abweisen, er fragte den Kranken, ob er damit auch einverstanden sei, daß man seine Hilfe so schnöde umgehe. Soukup wollte den Alten nicht kränken und meinte: »Schaden kann's nöd, wenn der Tauser Doktor kommt, aber i hab' auch Vertrauen in dich, Jirka; deine Trankln haben mir schon oft g'holfen.« »Ja, für'n verdorbna Magen,« meinte der Quistorenhansl, »oder wenn die Gedärm nöd in Ordnung waren, aber für eine off'ne Wunden hilft kein Griwes Grawes und kein Zaubertrank, ob er am Tag oder um Mitternacht fabriziert worden ist.« »Und so ein Lästerer will ein Christ sein!« rief Jirka entrüstet. 33 »Und dazu noch ein kaiserlich königlicher!« spottete der Quistorenhansl. Hančička brachte jetzt ein Glas Wein herbei. Der Doktorjirka aber nahm es ihr aus der Hand und überreichte es dem Kranken erst, nachdem er etwas Geheimnisvolles hineingeflüstert hatte. »So, und jetzt bekomm' es Euch im Namen aller Heiligen!« sagte er dabei. Der Kranke trank das Glas bis zur Neige leer. »Vater,« fragte Hančička, als sie das leere Glas wegnahm, »gelt, du stirbst mir nicht? Es ist nicht so gefährlich?« »Liebs Deandl,« entgegnete der Vater, »'s sterben hab' ich nöd vor. I muß ja bei euch bleiben, bei der Mutter und bei dir. Bet's nur, daß i wieder werd', aber auch, daß der Lump erwischt wird, der mich so elendig zug'richt' hat.« Das Mädchen weinte und legte sein Gesicht auf die Hand des Vaters. »Jirka,« sagte dieser jetzt, »der Wein war nöd uneben, er hat mir völli Lust g'macht zu einem Pfeiferl Tabak. Wie meinst?« »Darüber muß ich erst nachstudieren, und wenn auch, so werd' ich den Tabak erst besprechen.« »Warum nöd gar!« lachte der Quistorenhansl. »Der kaiserlich königliche Trafiktabak braucht kein Besprechen mehr. Frau Soukup, wo ist denn's Pfeiferl – her damit, d'ran hab' i schon längst denkt. Der Rauchtabak ist gut und d' Hauptsach ist, daß er gut schmeckt.« Die Chodenfrau hatte das Pfeifchen gestopft und auf Wunsch Hansls auch angebrannt, und da ihr das 34 Verlangen des Kranken ein gutes Zeichen dünkte, mit freundlichem Lächeln überreicht. Der Quacksalber war sehr ärgerlich, doch das Eintreten des Pfarrers verhinderte ein beginnendes Geplänkel der beiden Männer. Der würdige Geistliche drückte dem ihm sehr befreundeten Verwundeten sein Bedauern über das ihn betroffene Unglück aus. »Soll ich die Stolla und das heilige Oel holen, Hochwürden?« fragte Jirka. »Vorerst nicht!« entgegnete der Pfarrer. »Mir scheint, der Kranke bedarf der Ruhe.« Mit dieser sah es nun allerdings sehr schlimm aus, denn sämtliche Nachbarinnen waren nach und nach angekommen, die ganze Stube war mit Teilnehmenden gefüllt, und vor den Fenstern drängten sich die Neugierigen und suchten in die Stube zu blicken, um den Bauern sterben zu sehen und für ihn die üblichen Gebete zu verrichten. Sie waren aber alle nicht wenig überrascht, den vermeintlich im Todeskampfe Liegenden mit der Tabakspfeife im Munde zu erblicken. »Ja, ja, Leutln, entfernt euch,« sagte jetzt der Quistorenhansl. »Geht lieber in die Kirche und betet, daß der Kranke wieder gesund wird,« setzte der Pfarrer hinzu. »Jirka, sorge du dafür.« Und Jirka richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf und sprach gravitätisch: »Leute, folgt mir!« Den Außenstehenden rief er dasselbe zu und in der That folgten ihm die meisten zur nahen Schloßkirche, wo er ein geistliches Lied anstimmte, welches die anderen andächtig mitsangen. 35 Auch der Pfarrer wollte nicht länger stören. Er sprach dem Kranken, wie dessen Frau und Tochter Mut zu und meinte: »Ihr müßt euch halt in Verbindung mit den Himmelsleuten setzen, damit sie euch Beistand leisten.« »Gern will ich mit einer Prachtkerzen zur Mutter nach Neukirchen wallfahrten, daß mein lieber Jan wieder gesund wird,« versprach Frau Soukup. »Feierlich gelob ich's!« »Ich auch!« fügte Hančička hinzu. »Warum denn nach Ausland wallfahrten?« versetzte der Pfarrer. »Haben wir in Böhmen nicht auch eben so gute Mirakel? Warum soll die deutsche Muttergottes besser sein, als unsere böhmische?« »Grad zur Himmelsmutter in Neukirchen hab' ich mein besonderes Vertrauen,« bekannte die Frau Soukup. Der czechische Pfarrer getraute sich nicht, die Glaubensseligkeit des Weibes weiter zu erschüttern, so sehr es ihm auch gegen sein Nationalitätsgefühl ging, daß seine Pfarrkinder sich in religiösen Dingen gar nicht und in politischen blutwenig um die zunehmende Spannung zwischen Czechen und Deutschen kümmerten. »Thut, was Euch Euer Herz thun heißt,« sagte er nach einigem Zögern, »und Gott sei mit Euch, Vater Soukup!« Er reichte dem Kranken die Hand und entfernte sich dann. »Hans,« sagte Soukup zu seinem freiwilligen Krankenwärter, nachdem sie allein waren, »so lang i krank bin, besorgst du mein G'schäft. Du bist der Mann dazu. Du wirft sorgen, daß nichts fehlt, und Gnaden Herr Graf 36 unbesorgt sein kann.« Der Quistorenhansl sagte zu, und der Bauer war darüber sehr beruhigt. Diese Ruhe sollte aber bald wieder unterbrochen werden. Nicht nur der Doktor, sondern auch der Untersuchungsrichter, ein Aktuar und ein Gendarm kamen aus Taus angefahren, um über den Befund der Wunde sowohl, wie über die Einzelheiten des Raubanfalls ein Protokoll aufzunehmen. Der Notverband ward mit vieler Mühe abgenommen, und es zeigte sich eine weitklaffende, lange Wunde an der rechten Schläfe. Während der Abnahme des Verbandes hatte der Kranke erzählt, was ihm bekannt war. Er beschrieb den Räuber als einen jungen, bartlosen Mann von kräftigem Körperbau und mittlerer Größe. Mehr wußte er nicht. Die Waffe, mit welcher er verwundet worden, wußte er gleichfalls nicht näher zu bezeichnen. Daß es die kleine Hacke an seinem eigenen Stocke war, daran dachte er so wenig wie die andern. Nachdem alles zu Protokoll genommen, entfernten sich die Gerichtsbeamten wieder. Der Arzt aber waltete jetzt seines Amtes. Frau und Tochter hatten alles herbeigebracht, was er benötigte; dann aber mußten sie das Zimmer verlassen. Der Anblick der Wunde sollte ihnen erspart bleiben. »Bei mir ist's was anderes,« meinte der Quistorenhansl. »Unser einer hat sich an das auf dem Schlachtfeld gewöhnt.« Und er schickte sich an, dem Doktor hilfreiche Hand zu leisten. Als dieser aber daran ging, einige Arterien zu suchen und Nähte an der Wunde anzubringen, wurde es dem Hansl plötzlich schwarz vor den Augen. 37 »Hansl, was ist's?« rief der Bauer, »du wirst ja käsweiß.« »Hinaus in die frische Luft!« befahl der Arzt. »Schnell schickt mir jemand andern zur Hilfe.« Solch ein anderer trat gerade zur Thüre herein in der Person des Doktorjirka, eine Flasche mit brauner Flüssigkeit in der Hand. Er blickte auf den an ihm vorbeiwankenden Hans mit höhnischer Miene herab. »Aha!« sagte er. »Und das will ein Mann sein!« »Ah!« rief der Doktor halb im Spaß, »da kommt ja ein Kollega. Nun zeigen Sie, daß Sie einer wild klaffenden Wunde stand halten können. Helfen Sie mir. – Was enthält dieses Glas?« fragte er dann. »Kurpfuscherei, he? Hexenkräutleinmixtur?« »Oh!« machte Jirka. »Einfacher Absud und destilliert – von Arnikablum' aus unserer hochgräflichen Wies', wie sie jedermann zur Verfügung stehen, wie jedermann mixturieren und destillieren und ordinieren kann.« »Geben Sie,« sagte der Doktor und untersuchte die Tinktur. Er schien damit zufrieden. »Reichen Sie mir die Schüssel und das Wasser,« befahl er. »Zweifach verdünnt können wir sie zum Auswaschen der Wunde gebrauchen.« Jirka that nach seinen Worten, und der Arzt beschäftigte sich hierauf unter seiner Beihilfe mit der Wunde, bis er plötzlich durch ein eigentümliches Lallen Jirkas veranlaßt wurde, sich nach diesem umzusehen. Der Alte saß da, leichenblaß, und gab nur unerklärbare Laute von sich. Auch er war durch den grausigen Anblick geliefert. Der Arzt wußte nicht, sollte er lachen, oder sich ärgern, oder um Jirka besorgt sein. Er goß ihm einen Teil des 38 Arnikawassers über den Kopf und bewirkte sofort dessen Besserung. Dann nahm er ihn unter den Arm und führte ihn zur Stube hinaus. Der Verwundete selbst aber lachte trotz der Schmerzen, die er verspürte, laut auf. »Aber wer hilft mir denn?« fragte der Arzt ratlos. »Mein Weib,« entgegnete der Kranke zuversichtlich. »Ruft sie, sie ist gewiß in der Näh.« 39 »Glaubt Ihr, daß sie's kann?« fragte der Arzt. »Wird sie aushalten?« »O, ein Chodenweib hat starke Nerven,« meinte der Bauer. »Nun, so probieren wir's,« sagte der Arzt und rief Frau Soukup herbei. Diese leistete bereitwillig die verlangte Hilfe und wenn sie auch anfangs über die schlimme Wunde erschrak, so hielt sie doch standhaft aus und ermöglichte so, daß der Arzt die nötigen Nähte anbringen und den Verband anlegen konnte. Jetzt durfte auch Hančička eintreten und wurde belehrt, wie sie dem Vater unablässig kalte Ueberschläge zu machen hätte, bis ein Eisbeutel von Taus eintreffen würde. Der Arzt hatte sich soeben entfernt, als Jirka, der sich inzwischen wieder erholt, in die Stube gerannt kam und rief: »Die kaiserlich königlichen Gendarmen bringen den Räuber. Soukup, Ihr sollt sagen, ob's der richtige ist.« Auch der Quistorenhansl trat etwas beschämt wieder ein und meldete das Gleiche. In der That näherte sich eine lärmende Menschenmenge; man hörte laute Verwünschungen und Scheltworte. Zwei Gendarmen führten einen jungen Burschen, die Hände auf dem Rücken gefesselt, daher. Sie hatten ihn auf der Fahndung nach dem Räuber in der Waldung bei Maxberg aufgegriffen. Sie zweifelten nicht, daß es der richtige sei. – 40 IV. Der etwa neunzehnjährige Bursche war von mittlerer Größe, etwas schmächtiger Gestalt, hatte dunkle Haare, schwarze Augen und ein von der Sonne gebräuntes Gesicht. Sein Anzug, aus blauer Zwilchjacke und ebensolcher Hose bestehend, war ärmlich, aber nicht unsauber. Ein schwarzes, weiches Hütchen bedeckte seinen Kopf. Er war sehr bleich und sah ganz entsetzt nach der ihn bedrohenden Menschenmenge, deren Sprache er nicht zu verstehen schien. Die ihn begleitenden Gendarmen konnten nicht verhindern, daß er von einigen besonders erzürnten Weibern thätlich angegriffen wurde, und hatten alle Mühe, ihn bis zur Wohnung des Schloßbauers zu bringen. Noch knapp vor derselben ward ihm von einem Buben ein Stein an die Stirne geworfen, auf welcher sich sofort eine blutunterlaufene Stelle zeigte. Der Arrestant konnte sich nicht wehren, aber Thränen über die ihm widerfahrene Unbill flossen aus seinen Augen. Endlich war Soukups Haus erreicht, und während der eine Gendarm den Arrestanten im Hausflur bewachte, trat der andere in die Stube und fragte an, ob der Bauer glaube, seinen Angreifer wieder zu erkennen, wenn er ihn vor sich sehe. »Ganz gewiß,« versetzte Soukup;»i seh'n vor mir, daß i 'n malen könnt', wenn i ein Maler wär'. Er soll mir nur nicht zu nah kommen, i könnt' vergessen, daß 41 i mich ruhig verhalten muß, und hätt' i 'n beim Kragen, dann gnad ihm Gott!« Frau Soukup suchte den sichtlich in Aufregung Kommenden zu beruhigen. Sie kannte seinen Jähzorn nur zu gut, sie wußte, so verständig ihr Mann auch sonst war, wenn er in Zorn geriet, wußte er nicht mehr, was er that und sagte. Der Quistorenhansl hatte sich inzwischen den Burschen angesehen und meinte: »I glaub mein Lebtag nicht, daß dies der Rechte ist. Der sieht keinem Räuber gleich. Laß'n nur vor dich, Soukup; mit dem hast du nichts z' thun.« Ohne eine weitere Erlaubnis abzuwarten, öffnete er die Thüre, und der Kommandant hieß den Arrestanten eintreten. Soukup warf einen prüfenden Blick nach ihm, dann sagte er: »Was fallt euch denn ein? So ein Krippenmannl sollt den starken Soukup zum Fall bracht haben? Ihr seid ja doch nicht bei Trost!« »Beleidigt die kaiserlich königliche Gendarmerie nicht!« raunte ihm der alte Jirka warnend zu. »Also Ihr wißt gewiß, daß dieser Bursche nicht der Thäter ist?« fragte der Kommandant. »Bei meiner Seligkeit beschwör' i's, der ist's nicht!« beteuerte der Bauer. »Da seht's, wie viel Unrecht mir g'schieht!« rief jetzt der Gefangene und brach in heftiges Weinen aus. Frau Soukup empfand mit dem Burschen herzliches Mitleid und sagte zu dem Kommandanten: »So nehmt ihm doch die Handketten ab. Es ist ja 42 ein Jammer, wie Ihr einen Unschuldigen habt zurichten lassen.« »Vergelts Gott, Bäurin!« versetzte der Gefangene mit einem unendlich dankbaren Blicke auf das schöne Weib. »In mein' Leb'n hab i nix unrechts tho'; aber die Gendarm glauben mir nöd. Fragt's grad nach in meiner Hoamat, z' Großaigen drent bei Eschlkam, dort könnt's alles über mi erfahrn.« »Ein richtiger Gendarm glaubt nie an die Unschuld, ehvor's erwiesen ist,« sagte der Kommandant, »und verdächtig warst; so herumzuvagabundieren im Böhmischen herin, ohne einen Kreuzer Geld in der Taschen. Weil aber der Verdacht wegen dem Raubanfall unbegründet ist, sollen dir die Handschellen abgenommen werden.« Er machte dem Burschen die Hände frei. Der erste Gebrauch, den derselbe davon machte, war, daß er Frau Soukups Hand ergriff und ihr nochmals »Vergelts Gott« sagte. »Mutter, gieb ihm doch was zu essen und zu trinken,« bat Hančička mitleidig. »Ja, du hast recht,« erwiderte die Frau. »Laß uns in die Küche gehen. Die Herrn Gendarm werden auch was mögen, und dort in der Stuben könnt ihr ja das weitere verhandeln.« »Daß mir ja dem armen Bürschl nichts mehr g'schieht!« versetzte der Kranke. »Frau, gieb ihm etliche Gulden, daß er wieder heimzu kann und hilf ihm, wo's not thut.« »I hab' koa' Hoamat mehr,« versetzte der fremde Bursche mit schmerzlichem Tone. »Dann soll er bei uns bleiben, wenn er arbeiten mag,« 43 entschied der Bauer. »Der Hansl soll die Sach in die Hand nehmen.« Der Quistorenhansl war sofort dazu bereit, aber der Kommandant sagte: »Das geht nicht, der Bursch muß wegen Landstreicherei ans Tauser Gericht geliefert werden. Dort wird das weitere bestimmt.« »Ich bin koa' Landstreicher!« rief der Bursche. »Was hast dann im Wald von Maxberg z' thun g'habt?« fragte der Kommandant. »Warum hast keine Antwort geben auf die Frag?« »Jetzt sollt's es hab'n!« erwiderte der junge Bursche. »Mei' Muatta hab' i gsuacht, sie is in der Verzweiflung auf und davon, Maxberg zun. Mei' liaba Gott, sie hat si' g'wiß was antho', während i von Enk packt bin worn!« »Deine Mutter?« fragte Frau Soukup. »Ja was ist denn gschehn?« »Wer ist dei' Mutter?« fragte auch der Quistorenhansl. Der Bursche schien erst jetzt den Fragenden zu erkennen. »Du bist ja der Tauböhm, der oft in unser Dorf kimmt und aa in unsern Hof kömma is? Mei' Muatta, d' Hansgirgl Bäurin is 's. Der Vater hat gantiert, um Haus und Hof san ma kömma, der Vater is aus lauter Kummer g'storben, und gestern ham's no' 's letzte gnumma, alles, selm mei' Feiertagsgwand. – Da is d' Muatta auf und davon, sie hat 'n Verstand verlorn – i hab's suachen woll'n, und jetzt wißt's alles. Wo wird's sein? Was wird's mit ihr sein?« Und er fing bitterlich zu weinen an. 44 Der Quistorenhansl bestätigte, soweit er davon Kenntnis hatte, die Aussagen des Burschen. »Ja, ja,« sagte er, »es ist schon so. So a Lump von an' Güterzertrümmerer hat sich an den braven Bauern ang'setzt, wie ein Blutegel, und hat 'n nimmer auslassen, bis er ihm 's letzte Tröpferl Blut ausg'saugt hat. So was kommt im stolzen Reich draus alle Tag vor, und schließlich kommen die Gerichtsvollzieher, die den armen Leuten noch d' Seel aus 'n Leib herauspfänden. 's G'setz hilft selber mit, die Leut von Haus und Hof z' treiben, anstatt daß die vermaledeiten Wucherseelen, wie's ihnen g'hört, mit Haut und Haar verbrennt werden.« »Armer Bub,« sagte Frau Soukup gerührt, »du erbarmst mich schon recht. Aber jetzt kommt 'nüber in d' Stuben, daß i euch was aufwarten kann.« »Und mir laßt's jetzt a bissel a Ruh!« versetzte der Kranke. »Den Rechten wenn's mir bringt's, Gendarm, werd' i Euch ein gehörigs Trinkgeld geben; aber solch arme Burschln laßt's laufen! Willst aber bei uns bleiben,« wandte er sich an den fremden Burschen, »so ist's mir recht.« Der Kommandant war zufrieden. »Weil'n der Hansl kennt, und er auch Geld und Arbeit bekommt, gebe ich ihn frei,« entschied er. »Nichts für ungut, junger Mann – wir werden gar viel ang'logen, und der gestrige Raubanfall hat uns übereifrig gemacht. Aber jetzt nehmen wir eine kleine Leibesstärkung an, sie thut uns allen not. Gute Besserung, Herr Soukup.« Bis auf den Quistorenhansl verließen nun alle das Krankenzimmer und begaben sich in die Wirtschaftsstube 45 zu gedachtem Zweck; selbst der Doktorjirka folgte händereibend, denn eine leibliche Stärkung im gastlichen Hause des Schloßbauern war ihm zu jeder Zeit hochwillkommen. Alle saßen an dem großen Tische zusammen. Der junge Bursche, Aloys mit Namen, wollte zwar anfangs nichts zu sich nehmen, aber die Bäuerin sprach ihm so freundlich zu, daß er endlich etwas Weniges genoß. Die Erinnerung an seine Mutter ließ ihn zu keiner Ruhe kommen, und nach kaum einer Viertelstunde erklärte er, es leide ihn nimmer hier, so gut man auch hier mit ihm sei, er müsse fort, das Schicksal der Mutter auszukundschaften. Frau Soukup hielt ihn nicht länger zurück. Sie gab ihm einige Guldenstücke, die Aloys auch dankbar annahm, um nicht wieder in eine ähnliche Lage zu kommen, wie die soeben erlebte. »I werd's abverdeana, sobald i mei' Muatta versorgt weiß,« versprach er. Hančička stopfte die Taschen des Burschen mit »gerbern Nudeln.« Der Doktorjirka aber faßte, sobald er gesättigt, die von dem Steinwurf herrührende Geschwulst an des Burschen Stirn ins Auge. Er begab sich gravitätisch zu ihm hin und sprach: »Damit dir diese Geschwulst keinen Schaden bringt, bete abends und morgens ein Vaterunser, alsdann kehre den linken Hemdärmel um und sprich: Es gingen drei reine Jungfrauen, Sie wollten eine Geschwulst beschauen. Die erste sprach: es ist heisch! Die andere sprach: es ist nicht.« 46 Und als er schwieg, fragte der Kommandant lachend: »Und die dritte, war die stumm?« »Die dritte, die sprach nichts,« entgegnete Jirka gereizt. »Wie schön wär's auf der Welt, wenn ihr das recht viele nachmachten, dann gäb's weniger unnütze Fragen zu beantworten.« Der Kommandant fühlte sich durch diesen Seitenhieb nichts weniger als verletzt. Er brannte sich eine Virginia an und lachte dem Alten ins Gesicht. Aloys aber richtete sich zum Gehen. Die vor dem Hause stehenden Leute waren bereits in Kenntnis gesetzt, daß der Bursche unschuldig sei, und bei allen Dingen leicht erregbar, wie dieses Völklein ist, schlug der vorige Haß der Chodinen sofort in größtes Mitleid um; sie legten Geld zusammen, um es dem Burschen bei seinem Abgange zu geben, und als dieser, begleitet von Frau Soukup und Hančička, aus dem Hause trat, streckten sich viele Hände nach ihm aus und man suchte auf alle erdenkliche Weise das Bedauern über die ihm zugefügte Unbill zum Ausdruck zu bringen. Aloys aber nahm das ihm dargebotene Geld nicht an. »I hab' wieder freie Arm,« sagte er, »i kann arbeiten und außerdem bin i mit allem reichli verseh'n. Gelt's Gott für alles, was 's mir zuadenkt habt's.« Frau Soukup und ihrem Töchterlein aber drückte er nochmals die Hand und sagte: »I werd' wiederkömma und dankbarli sein, so lang i leb. Gelt's Gott, ös brave Leut!« Raschen Schrittes entfernte er sich. An der Biegung des Weges angekommen, wendete er sich nochmals um und schwang seinen Hut zum Zeichen des Grußes. 47 Die Zurückbleibenden winkten ihm mit den Tüchern nach und riefen: S pánem Bohem! S Bohem! (Fahr wohl! Mit Gott!) Der Gegensatz seines schmachvollen Einzuges und dem so unerwartet freundlichen Abschiede erfüllte den Burschen einigermaßen mit einer freudigen Genugthuung. Das auftauchende Freudengefühl ward aber sofort wieder zurückgedrängt durch den Gedanken, welchem er in den Worten Ausdruck gab: »Arm's Muatterl, wo werd' i di finden!« 48 V. Einige Wochen sind ins Land gezogen seit jenem für die Familie des Chodenschloßbauers denkwürdigen Tage. Die Heilung von Soukups Wunde ging dank der Fürsorge, welche ihm von seiten des Arztes und der Seinigen und zum Ueberflusse noch vom Dorfquacksalber zu teil wurde, gut von statten. Er konnte an den schönen Augusttagen bereits in einem Lehnstuhle vor dem Gebäude sitzen und ausschauen nach den mit schweren Aehren gefüllten, goldgelben Feldern, auf welchen bereits mit der Sichel die ergiebige Ernte begonnen hatte. Der Quistorenhansl regierte statt seiner überall auf das eifrigste, und der Bauer konnte vollständig beruhigt sein. Die Nachforschungen nach dem Räuber waren bis jetzt vergebens gewesen. Nach der übereilten Arretierung des Aloys waren die Gendarmen an der Grenze etwas vorsichtiger. Von diesem hatte man bis jetzt nichts erfahren, so sehr sich auch die Familie des Schloßbauern mit seinem Schicksale beschäftigte. Nachdem die Ernte glücklich unter Dach gebracht und die Sichelhäng in gebräuchlicher Weise gefeiert worden, – das ist ein Schmaus mit Tanz für die Dienstboten am Tage der letzten Getreideeinfuhr – dachte Frau Soukup daran, ihrem Gelöbnisse gerecht zu werden und die Wallfahrt der Choden am Maria-Himmelfahrtsfeste nach Neukirchen beim heiligen Blut mitzumachen. Der Bauer hatte 49 nichts dagegen, daß Hančička die Mutter begleite; er hoffte, die zwei Tage ihrer Entfernung würden ihm keinen Nachteil bringen, und überhaupt sagte es seinem religiösen Gefühle zu, daß das versprochene Gelöbnis richtig eingehalten werde, zumal sich sein Befinden, sei es nun infolge seiner kräftigen Natur, sei es durch die Gnade der Himmelsfrau wider Erwarten rasch zum Besseren geneigt hatte. Die Choden kommen ihren religiösen Bedürfnissen mit Eifer nach und sind insbesondere ihre Wallfahrtszüge nach den geweihten Stätten ein beredtes Zeugnis ihrer Glaubenstreue. Zu diesem Zwecke scharen sich die Bewohner der nahe bei einander liegenden Chodendörfer zusammen und wandern unter Singen und Beten, einen älteren Mann als Vorsinger oder Vorbeter an der Spitze, zum Wallfahrtsorte hin und zurück. So bewegte sich ein solcher Zug am Tage vor dem Frauenfeste in früher Morgenstunde vom Chodenschlosse aus, wo den Wallfahrern vom Geistlichen der Segen gespendet worden, in der Richtung auf Neukirchen zu. Frau Soukoup, eine Opferkerze im Arme, und Hančička befanden sich im Zuge, dessen Vorsinger der Doktorjirka war. Angethan mit dem großen Chodenhute und dem langen, weißen Rocke, ein dickes Gebetbuch in der Hand und die Brille auf der Nase, schritt er trotz seines Alters rüstig dem Zuge voran und sang die Marienlitanei und andere Gebete, selbstverständlich in böhmischer Sprache, vor, worauf die Volksmasse nachsang. Dieses geschah regelmäßig, so oft es durch eine Ortschaft ging, oder wenn eine längere Rast vorüber war. Eine solche ward auf der Höhe von 50 Böhmisch-Kubitzen genommen, woselbst sich die Wasserscheide zwischen Donau und Elbe befindet, und sich eine herrliche Aussicht gegen die Gebirge des Bayerwaldes und in die saftig grünen Thäler des Champ und Freibaches, der kalten und warmen Pastriz eröffnet. Nebst vielen anderen Ortschaften erblickt man hier auch zum erstenmale den Turm mit Kirche und Kloster von Neukirchen beim heiligen Blut, welcher Gnadenort von den Wallfahrern mit einem weithin klingenden Ave Maria-Gesang begrüßt wurde. Von dieser Anhöhe zeigte sich auch in nicht allzuweiter Entfernung der Hof des Waldbauern von Bayrisch-Prennet, Franzens Heimat. Frau Soukup kannte diesen Hof und zeigte ihn ihrem Töchterlein. Das Besitztum lag sehr einladend da, und Hančička meinte: »Mutter, wir sollten besuchen da. Ich freue mich sehr, Franz wieder zu sehen und seine Großmutter zu kennen.« »Vielleicht am Heimweg,« meinte die Mutter, »wenn wir uns vom Zuge so lange entfernen können.« Hančička war über diese Zusage sehr erfreut. »Jetzt ist mir die Wallfahrt doppelt so lieb,« sagte sie, »und ich will dir den prächtigsten Frauenbüschel brocken (pflücken), den es im ganzen Zuge giebt.« Der Maria-Himmelfahrtstag (15. August) ist auch der sogenannte »Kräutelfrauentag,« der im Böhmer- und Bayerwalde hoch gefeiert wird. Am Vorabend desselben werden die für den Frauenbüschel bestimmten Kräuter und Blumen aus Feld, Wald, Wiese und Garten zusammengesucht, um zur »Würzweihe« am Festtage gebracht zu werden. Diese Büschel bestehen aus Getreideähren, Bandgras, Gartham, Kornblumen, Haselstrauch mit Nuß, Schafgarbe, Tausendguldenkraut, Ginster, Feldmünze, 51 Königskerze, Baldrian, Kalmus u. s. w. Jede ländliche Familie entsendet zur Würzweih einen solchen Büschel, und es ist ein hübscher Anblick, wenn die Leute mit den oft mannshohen Riesensträußen den weihenden Priester im Halbkreise umstehen. Diesen geweihten Himmelfahrtskräutern wohnt nach dem christlichen Volksglauben eine geheimnisvolle Kraft inne, in Bezug auf die Gesundheit des Menschen sowohl als jener der Haustiere, sowie gegen Geister und bösen Zauber, ganz im Sinne des uralten Kräuterglaubens des germanischen Volkes. So sammelte auch mit Eifer jeder Wallfahrer seinen Strauß, wozu ihm die Wanderung durch Wiesen und schattenspendende Wälder die reichlichste Auslese gestatteten. Selbstverständlich war der Doktorjirka der eifrigste von allen. Er füllte den alten Lederranzen, den er umhängen hatte, mit duftenden Kräutern voll und trug außerdem einen Riesenbüschel im Arm. Für seine Medikamente sollten ja diese durch die morgige Weihe besonders wirksam gemacht werden und einen wahren Schatz bilden. Er erklärte auch den neben ihm marschierenden Landsleuten mit größter Wichtigkeit die Heilkräfte, welche die verschiedenen Blüten und Pflanzen auszeichneten, und worüber er genaue Kenntnis hatte. – Der Zug der Choden mit ihren hellfarbigen Anzügen und den Blumenbüscheln im Arm bot ein überaus reizvolles Bild, das malerisch abstach gegen das Grün des Waldes und der Fluren, sowie von den goldgelben, mit rotem Mohn untermischten Getreidefeldern ringsumher. Auf dem Marktplatze des hoch gelegenen vormaligen Grenzschlosses Eschlkam, im Mittelpunkte einer von nahen 52 und fernen Gebirgen umrahmten herrlichen Gegend, ward die letzte Rast gemacht, und aus den über dem Rücken befestigten weißen Bündeln der nötige Proviant, fast nur in Schwarzbrot und Topfen bestehend, genommen. Hier suchte Frau Soukup Erkundigungen über Aloys und dessen Mutter einzuziehen und erfuhr, daß der im allgemeinen gut beleumundete Bursche seine infolge des Unglücks tiefsinnig gewordene Mutter ausfindig gemacht und zurückgebracht habe und zur Zeit mit ihr nach Deggendorf gereist sei, wo sie in der Kreisirrenanstalt Aufnahme fände. Ferner erfuhr sie, daß der nunmehrige Besitzer des Hansgirgelhofes, jener Wucherer, bis jetzt kein Glück gehabt habe. Nicht nur habe ihm eine Seuche die Mehrzahl des Viehes zu Fall gebracht, sondern seine Felder hätten auch durch den Pilmasschnitt Unter Pilmas-, Bilmez- oder Bilwißschnitt, zuweilen auch Bockschnitt, versteht man den als Teufels- oder Hexenwerk betrachteten Durchschnitt im Getreide. Dieser Durchschnitt rührt wohl von den Rehen her, die auf ihrem Gang zu dem Platze, wo sie ihre Jungen setzen, die ihnen in die Augen stechenden Aehren abzubeißen pflegen. Der Bauer hält das aber hier und da für ein Werk des Bösen oder neidischer, mit dem Satan und seinen Künsten vertrauter Nachbarn, dem Bilmesschneider. Man nennt es auch Bockschnitt, weil man annimmt, daß diese Erscheinung von einem Bock herrührt, auf welchem ein Gespenst durch das Getreidefeld reitet, daher auch Pilmas- oder Bilbeyreiter genannt. gelitten. Das Volk erblickte darin eine gerechte Vergeltung des Himmels. Eine menschliche Vergeltung aber sei ihm bereits dadurch zu teil geworden, daß er unlängst von den über ihn erbitterten Nachbarn tüchtig durchgeprügelt worden sei. 53 Frau Soukup hinterließ Aloys die Nachricht, daß er nach seiner Rückkehr sofort in Chodenschloß erwartet würde. Bald gelangten sie, längs des prächtigen Gebirgszuges des Hohenbogens hinwandernd, nach dem vielbesuchten Gnadenorte Neukirchen beim heiligen Blut. Nebst vielen anderen Wallfahrern trugen hier auch die Choden ihren religiösen Gefühlen Rechnung. Sie fühlten alsbald ihre gläubigen Herzen erleichtert und voll froher Hoffnung schlagen, denn im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung besteht ja oft das einzige Glück, die schönste und lebendigste Poesie des Volkes. Hančička und ihre Mutter dankten gerührten Herzens der Himmlischen für die Errettung des Mannes und Vaters. Sie wohnten am Festtage der Kräuterweihe und dem Hochamte bei und traten dann mit den übrigen gegen Mittag den Rückweg in ihre Heimat an. Hančička hielt sich mit ihren Altersgenossinnen meist an der Spitze des Zuges, während die Mutter mit ein paar Nachbarsweibern sich fast am Ende desselben befand, der sich durch das reizende Danglesthal bewegte und nach einem längeren Marsche in einem Tannenwalde hart an der Grenze Rast machte, wo der Rest des Proviantes verzehrt wurde. Auch Hančička hatte das letzte mit der Mutter geteilt und begab sich dann wieder zu den Kindern, mit denen sie in der Nähe nach Erdbeeren suchte. Sie fühlte sich aber so ermüdet, daß sie sich unter einer Tanne niederlegte, um ein wenig auszuruhen. Die Ruhe auf dem kühlen Rasen that ihr wohl, sie streckte sich behaglich und schloß, die Arme unter dem Kopfe gekreuzt, die Augen. Ein paar Minuten später lag sie in tiefem Schlafe. – 54 VI. Der Chodenzug hatte sich wieder auf die Wanderung gemacht, ohne weiteren Aufenthalt ging es Böhmisch-Kubitzen zu. Auf der aussichtsreichen Höhe ward beim Erblicken des nun fernen Wallfahrtsortes der Himmelsmutter nochmals ein andächtiger Gruß zugesandt, und inbrünstig wurden die Amulette und Bildchen geküßt, welche die Angebetete darstellten. Der doppelkuppige Osser und der langgestreckte Hohenbogen standen in herrlicher Abendbeleuchtung, namentlich prangte der letztere in einem wunderbar dunkelvioletten Kleide. Aus der Ferne grüßte der König des Waldes, der Arber. Ueber dem zur Seite gelegenen Gebirgszuge des Czerkow hatten sich bereits die Schatten gelegt, während der Himmel in allen Tönen von rot und gelb erglänzte. Es war ein bezaubernder Anblick, der manchem der Wallfahrer einen freudigen Ausruf entlockte. Nur eine der Chodenfrauen hatte für die Herrlichkeit der Natur keinen Blick, besorgt durcheilte sie die verschiedenen Gruppen, überall fragend, wo ihre Hančička sei. Die Mutter hatte sich seit dem Aufbruche von der letzten Rast nicht mehr um ihre Tochter umgesehen, da diese meist mit den übrigen Kindern hinter dem Vorsinger Jirka marschierte. Frau Soukup war eine der letzten gewesen, die sich mit einigen anderen Frauen auf den Weg 55 machte, und sie hatte keine Ahnung davon, daß das Töchterchen nicht mit den anderen fortmarschierte, sondern schlafend im Walde zurückgeblieben war. »Hančička! Hančička!« hallte es jetzt von ihrem Munde. In stets wachsender Angst durcheilte sie die Reihen; niemand wußte von dem Mädchen. Nun fing es bereits zu dämmern an. – Wo war das Kind? Mehrere ihrer Bekannten trösteten die Mutter und erboten sich, zurückzugehen, um Hančička zu suchen. Da aber berichtete Jirka, einige der Wallfahrer hätten auf der Wasserscheide nur kurze Rast gemacht und wären dann nach Trhanow vorangeeilt. Bei ihnen wären mehrere Kinder gewesen, und Hančička sei sicherlich unter diesen. Die Mutter beruhigte sich ein wenig durch diese Aussage. Vielleicht hatte die Sehnsucht nach dem Vater des Mädchens Schritte beflügelt. Andere Mütter gaben ihr überdies die trostreiche Versicherung, daß ihre Kinder ebenfalls nach dem Heimatsdorfe vorangeeilt wären. So ging Hančičkas Mutter denn mit den andern weiter, obwohl ihr das Herz unendlich beschwert war. Sie hatte nun keinen Sinn mehr für die goldenen Abendwolken und den im Osten heraufsteigenden Vollmond, sie beteiligte sich nicht mehr am Gesange, selbst nicht, als er am Eingange ihres Pfarrdorfes zum letztenmale angestimmt wurde, und die Kirchenglocken den Wallfahrern zum Willkommen entgegentönten. Im Gegenteile löste sie sich jetzt vom Zuge und lief mit wieder wachsendem Bangen ihrem Heim zu. Eine Magd kam ihr bestürzt entgegen. »Ist Hančička daheim?« war ihre erste Frage. »Noch nicht,« antwortete die Magd. »Aber der Bauer 56 ist letzer (kränker) worn, die Wunden ist wieder aufbrochen und hat stark geblutet. Jetzt ist der geistliche Herr bei ihm.« Der Bäurin brachen vor Schreck die Kniee. »Himmlischer Vater!« rief sie und eilte, so schnell sie es vermochte, dem Hause zu. »Schau dich um Hančička um,« rief sie der Magd noch zu, »bring sie heim, aber schnell! Sie ist vielleicht in der Kirche beim Segenspenden. Laus, bring sie heim!« Dann eilte sie in die Krankenstube, um hier neuem Jammer entgegen zu gehen. Der Geistliche erhob sich bei dem Eintritte der Frau und gab ihr ein Zeichen, leise zu sein. »Wie steht's mit meinem Manne, Hochwürden?« fragte sie zitternd vor Erregung. »Gut, daß Ihr endlich da seid!« erwiderte der Pfarrer. »Schlecht ist's ihm gegangen. Heute Mittag hat sich der Stier im Stalle losgemacht, und weil der Hansl, den der Bauer nach Kauth geschickt hatte, nicht da war, machte sich Soukup selbst daran, das Tier wieder an die Kette zu legen. Dabei hat er sich aber zu sehr angestrengt, sodaß an der Wunde die Nähte rissen und er sich beinahe verblutet hätte. Gottlob! der Doktor hat die Sache wieder repariert, so gut es ging. Das Wundfieber hat sich nun auch wieder gelegt, und seit einer Viertelstunde schläft er. Weckt ihn nicht!« mahnte er, als die Bäuerin Miene machte, in lautes Weinen auszubrechen. »Ihr wäret besser zu Hause geblieben.« »Mein Gott, wie konnt' ich das ahnen!« jammerte die arme, gequälte Frau. »Die Himmelsmutter in Neukirchen hat mein Verspruch g'habt, sie allein hat g'holfen und – sie wird auch weiter helfen!« 57 »Liebe Frau, die Himmelsmutter will nicht, daß man seine heiligsten Pflichten darüber versäumt und eine mehrtägige Reise zu einer entfernten Gnadenstätte macht, wenn der Mann daheim krank liegt und der Pflege bedarf. Euer Gebet im stillen Kämmerlein, Euer Glaube und Euer Vertrauen findet überall Erhörung, wenn es im Willen des Höchsten nicht anders bestimmt ist. Aber wo ist Hančička?« fragte er jetzt, sich umschauend. »Der Vater fragte schon wiederholt nach ihr.« »Weiß nicht!« entgegnete die Frau, hastig Atem holend. »Die Dirn sucht nach ihr in der Kirche.« Sie hatte sich inzwischen ihres Kopftuches und des Packes entledigt, den sie am Rücken getragen, und sich sachte dem Bette des Schlummernden genähert. Sein Antlitz war totenbleich, der Atem kurz und stoßweise, hin und wieder drang ein undeutlicher Laut aus seinem Munde. Es war klar, er lag noch im Fieber. »Jan!« rief die Frau in ihrem Schmerze – »mein Jan!« Der Bauer schlug die Augen auf, sein Blick traf sein Weib. »Wo ist Hančička?« fragte er. »Sie wird kommen! Aber wie ist dir?« »Schlafen,« lautete die Antwort. »Wenn Hančička kommt, wecke mich.« Und er schloß die Augen wieder. »Weckt ihn nicht mehr,« versetzte der Pfarrer. »Der Schlaf wird ihm gut thun; er bedarf der Ruhe. Unser Herrgott wird's zum Guten ändern!« Er entfernte sich. Die Bäurin gab ihm das Geleite bis an die Hausthüre. Eben kam die nach Hančička ausgeschickte Magd zurück. 58 »Hančička?« fragte die Mutter. »Nirgends zu finden!« lautete die trostlose Antwort. »Sie war doch bei den Kindern!« »Sie wollen sie seit der letzten Rast im Grenzwalde droben nicht mehr gesehen haben,« berichtete die Dirn. Die Mutter mußte sich an dem Thürpfosten anklammern, um bei dieser neuen Schreckensbotschaft nicht umzusinken. »Heilige Mutter von Neukirchen!« rief sie, »auf dich hab' ich gehofft und du schickst mir ein Unglück größer, als das andere!« »Laßt die Heilige aus dem Spiel,« versetzte der Pfarrer. »Da ist jetzt nichts zu machen, als Boten auszuschicken und das Mädchen suchen zu lassen. Es hat sich wahrscheinlich im Walde verirrt. Wir haben keinen Urwald, und Bären giebt es auch nicht mehr; sie wird sich herausfinden und vielleicht, wenn auch auf Umwegen, bald heimkommen.« »Aber es ist ja schon Nacht!« rief die Mutter verzweiflungsvoll. »Auch in der Nacht wacht der Herr über uns!« tröstete der Geistliche. »Ihm wollen wir vertrauen und das unsere dazu thun. Geht jetzt zu Eurem Manne. Ich sorge, daß Hančička gesucht wird, und frage später nochmals an.« Die Bäuerin küßte dem würdigen Manne unter heftigem Schluchzen die Hand, und während dieser dem Dorfe zuging, wankte sie ins Haus zurück. Es waren qualvolle Stunden, die nun folgten. So oft der Bauer erwachte, fragte er nach Hančička. Man gab vor, das Mädchen sei sehr ermüdet und schon zu Bette. Noch in später Stunde erschien der Pfarrer, um sich zu 59 erkundigen, ob Hančička zurückgekehrt sei, denn auch bei ihm war keine Nachricht von ihr eingelaufen. Die Mutter war trostlos. Aber der Priester tröstete, so gut er es vermochte und bat sie, auf den morgigen Tag zu hoffen und vor allem auf den Himmel zu vertrauen. Zwischen Furcht und Hoffnung ließ er die Aermste zurück am Lager des Schwerkranken, voll namenloser Angst um ihr geliebtes einziges Kind. 60 VII. Hančička wurde durch den Klageruf eines von einem Habicht verfolgten Vogels plötzlich aus ihrem festen und gesunden Schlummer aufgeweckt. Es dämmerte bereits im Walde, und mit Entsetzen gewahrte sie, daß sie allein sei und die Wallfahrer längst fortgezogen sein mußten. Eine namenlose Angst überfiel sie. Ohne sich lange zu besinnen, lief sie auf dem Waldpfade der Richtung zu, welche die andern genommen haben mußten. Doch bemerkte sie in [ihrer Verwirrung nicht,] 61 daß sie in einen Seitenpfad eingelenkt hatte, auf welchem sie zu einer Anhöhe gelangte, die einen weiten Ueberblick über einen Strich wilden, öden, sumpfigen Moorlandes gewährte, in welchem steinige Hügel mit moosigen Flächen wechselten und hie und da dunkle Pfützen sich zeigten. Ein kaum erkennbarer Weg wand sich schlangenartig durch diese Wildnis. Hančička folgte diesem. Sie schrie oft laut um Hilfe, aber niemand antwortete ihr; nur das Echo ihrer eigenen Stimme tönte manchmal schaurig zurück. Die darauf folgende Grabesstille war nur um so entsetzlicher. Schon war die Dämmerung der hereinbrechenden Nacht gewichen, aber der Mond leuchtete am Himmel und zauberte phantastische Gebilde in die nächtliche Waldlandschaft. Das Mädchen glaubte nach langer, hastiger Wanderung endlich einen breiten Waldpfad vor sich zu haben und eilte, so schnell als möglich, denselben entlang. Er führte in der That aus dem Walde hinaus, und Hančička stieß einen Freudenruf aus, denn in der Nähe erblickte sie das erleuchtete Fenster eines Hauses. Das Mädchen eilte darauf zu. Aus der Richtung desselben näherten sich zwei Männer in eifrigem Gespräch, denen in einiger Entfernung ein dritter folgte. Hančička atmete erleichtert auf. Nun konnte sie Auskunft und Hilfe erlangen. Aber neuer Schrecken erwartete sie. Die vom Wein etwas bekneipten Burschen waren erst überrascht, von einem allein daher eilenden, böhmischen Mädchen um Auskunft angegangen zu werden, dann aber glaubten sie sich unziemliche Spässe mit der Kleinen 62 erlauben zu dürfen, und einer wagte sich an sie, um ihr mit Gewalt einen Kuß zu rauben. Hančička schrie vor Angst laut auf. Sie entwand sich dem Angreifer und lief auf den herankommenden dritten zu, ihn um Hilfe zu bitten. »Deandl, wem g'hörst denn?« fragte dieser. »'n Schloßbauern von Trhanow,« erwiderte das Mädchen. »Ich bin mit meiner Mutter wallfahrten gangen. Aber ich bin vom Wallfahrtszug abkommen und hab' mich verirrt. Helft mir heim, meine Eltern werden's Euch danken. Um Gotteswillen, steht mir bei!« »Hellseiten!« rief der Bursche. »Ja kennst mi denn nöd, Hančička? I bin ja der Waldbauernfranzl, mit dem's d' beim Drachenstich beisamm gwen bist.« »Franzl, du?« rief Hančička und sandte einen dankbaren Blick zum Himmel, der ihr zur rechten Zeit den Helfer geschickt. »Verlaß di nur auf mi; es g'schieht dir nix!« sagte dieser und wandte sich dann zu den Burschen mit den Worten: »Laßt's dös Deandl in Fried. Sie is unter mein' Schutz. Macht's, daß's weiter kömmt's!« Die Burschen lachten und machten einige lustig sein sollende Bemerkungen, dann gingen sie aber doch ihrer Wege. »Fürcht di nöt, Deandl,« sagte Franz, »mei' Hof is ganz in der Näh. Da fehlt dir nix d' Nacht über und morgen früh wirst richti hoambracht. Brauchst di nöd z' fürchten.« Hančička hatte die Hand des Burschen erfaßt. »Aber ich möcht' heut noch heim,« rief sie. »Meine Eltern wissen gar nicht, was es mit mir ist.« 63 »'s Hoamgehn mußt dir für heut aus'n Kopf schlagn,« meinte der Bursche; »aber deine Eltern lassen ma Botschaft zuakömma – wenn's nöd anders geht, mach i selm no' den Weg, 's wern guatding zwoa Stunden sein. Z'erst aber führ i dich hoam zu meiner Ahnl. Da bist guat aufg'hoben. Siehgst, dort leucht' uns 's Liacht schon entgegen von mein' Hof, also verhalt ma uns nöd länger.« Hančička hatte keine andere Wahl, als dem Burschen zu folgen. Die beiden andern Burschen hatten sich noch in der Nähe gehalten. Es ärgerte sie, daß ihre Landsmännin sich der Obhut eines Bayern anvertraute. Dazu hielten sie das Chodenmädchen für eine Czechin, und als Deutschböhmen hatten sie eine Abneigung gegen alles, was czechisch war. Sie wagten es zwar nicht mehr, dem Mädchen nahe zu kommen, sondern folgten nur in kurzem Abstande dem rasch voranschreitenden Paare. Doch konnten sie es nicht unterlassen, laut ihre Glossen zu machen und Franz den Spottnamen »Bayernfack!« zuzurufen. Sie waren in bester Laune, noch einmal mit ihm anzubinden, Aber der junge Bauer that einen gellenden, weithin hallenden Pfiff, auf welchen hin sofort aus seinem Hofe ein großer Fanghund mit freudigem Gebell herangesprungen kam. Um sich seiner Liebkosungen zu erwehren, rief ihm Franz ein »Kusch dich, Sultan!« zu, worauf der Hund gehorsam auf dem Fuße nachfolgte. Hančička schmiegte sich furchtsam an ihren Begleiter, aber Sultan belästigte sie nicht. Dagegen waren ihre beiden Verfolger verschwunden. Sie schienen einen andern Weg eingeschlagen zu haben. »Kennst du die Burschen?« fragte das Mädchen. 64 »Es scheinen Leut von der Dampfsäg drent z'sein,« meinte Franz. »G'merkt hon i mir's, daß i's wieder erkenn'. No', mei' Ahnl wird schaug'n,« fuhr er dann fort, »wenn ma unverhofft glei zu zwoat kömma. Woaßt, i kimm' grad aa erst wieder hoam. I war die ganz' Zeit drent im Künischen, seit wir uns in Furth gsehgn ham.« Hančička erzählte nun auch ihrerseits, was sich seitdem zugetragen, von der Verwundung ihres Vaters und von dem Wallfahrtsgange nach Neukirchen. Franz war über den angeblichen Raubanfall auf Soukup sehr empört und meinte: »Wird ja dengerst so a Lump nöd frei ausgehn! Dös is ja a Schand für unser ganze Gegend.« Sie waren inzwischen beim Waldbauernhofe angekommen. Die alte Großmutter, welche unter der Eingangsthüre stand, rief erfreut: »Ui Gottes! Ui Gottes! Bist es denn, Franzl?« »I bin's scho', Ahnl,« rief der Bursche entgegen;»und da bring i glei no' wen mit, 's Deandl vom Schloßbauern z' Trhanow, dös si' vergangn hat. Sie wird für d' Nacht unser Gast sein, d' Hančička. Woaßt, die hat dir die süßen Zelten g'schickt, die dir so g'schmeckt hab'n.« »Ja, Deandl, grüß di Gott!« sagte die Alte, das Mädchen bei der Hand nehmend. »Kimm nur glei eina in d' Stuben. Du zitterst ja förmli – unter unserm Dach hast nix z'fürchten. Dein' Vatern und dei' Muatta kenn' i guat. Wie geht's eam denn, dein' Vatern? Gel, er is wieder auf der Besserhand? Wenn's 'n nur kriegeten, den Schandbuam, der 'n so herg'richt' hat! Aber nix is so fein g'spunna, es kimmt an d' Sunna!« Sie hatten während dieses Gespräches den Hof 65 durchschritten und waren in die Wohnstube eingetreten. Nun erkundigte sich die Alte bei Franz nach dem Befinden des Vetters und berichtete, daß der Waldhofbauer in Kubitzen sei und wahrscheinlich, wie gewöhnlich, spät heimkomme. Hančička hatte inzwischen wieder zu weinen angefangen. Sie dachte an die Angst der Eltern; die Sehnsucht nach Hause quälte sie. Sowohl die Großmutter, als Franz suchten das Mädchen, dessen Gesichtszüge sie jetzt erst beim Scheine der Lampe erkennen konnten, zu beruhigen und zu trösten; die Großmutter hieß Hančička auf dem alten, mit Leder überzogenen Sofa Platz nehmen und ging in die Speisekammer, um einen kleinen Nachtimbiß herbei zu holen. Mit demselben zugleich stellte sie eine Flasche Bier auf den Tisch, die Franz sofort entkorkte und den beiden Frauen einschenkte. Auch für sich füllte er ein Glas. Dann stieß er mit denselben an. »Daß d' nur wieder da bist, mei' Franzl,« sagte die Großmutter, vergnügt dem Enkel die krausen Haare streichelnd; »'n Vater wird's aa g'freun. Hat di scho' irr gangen, meiner Seel!« Das gutmütige und vergnügte Wesen der alten Frau wirkte äußerst beruhigend auf das fremde Mädchen. Es zeugte überhaupt alles hier im Hause von Wohlhabenheit und Zufriedenheit. Die Stube war sehr reinlich gehalten, selbst der in dieser Gegend meist schwarzgetäfelte Holzplafond war hier weiß übertüncht. An den Wänden hingen auf Glas gemalte Heiligenbilder, der Hausaltar in der Ecke über dem großen Tische war wohl mit Blumen gepflegt und über dem Tische selbst schwebte in einer Glaskugel der heilige Geist. Das Mobiliar zeigte buntgemalte 66 Blumen auf blauem Grunde. Tisch, Bänke und Boden waren tadellos blank. Den ersten Knecht, der nach Hause kam, rief der junge Bauer in die Stube und trug ihm unter Ueberreichung eines namhaften Trinkgeldes auf, sofort und ohne Aufenthalt nach dem Chodenschlosse zu eilen und dort anzuzeigen, daß Hančička hier am Hofe wohl geborgen sei. Es ward ihm erlaubt, dort zu übernachten und mit dem Fuhrwerke, welches Hančička morgen hinüberbringen würde, zurückzukehren. Letztere gab ihm Grüße an die Eltern mit und der Bote machte sich ungesäumt auf den Weg. Jetzt war Hančička getröstet und ihre natürliche Fröhlichkeit kehrte zurück. Aufmerksam lauschte sie den Worten des jungen Bauers, der, nachdem er seinen Janker ausgezogen, nun in schneeweißen Hemdärmeln am Tische saß und der Großmutter erzählte, wie's drüben bei dem künischen Freibauern stünde. Die Ahnl stammte selbst aus jenem Freibauernhofe, darum interessierte sie alles, selbst das kleinste und unbedeutendste Vorkommnis. Ihre Tochter hatte den Waldhofbauern, Franzens Vater, geheiratet und seit dem Tode derselben führte sie auf dem Hofe die Wirtschaft. So war sie ins Bayerische gekommen und nun ward sie des Fragens nicht müde nach den Zuständen in der alten Heimat. Aber während Franz die Wißbegier der Alten befriedigte, vergaß er auch nicht, den kleinen Gast nach Möglichkeit zu unterhalten. Er brachte dem Mädchen lange Schnüre mit Glasperlen, die er sich als kleiner Bub gesammelt, und da es Wohlgefallen daran fand, schenkte er ihm dieselben. Dann machte er mit Hančička ein paar Spiele auf der Zwickmühle und da sie immer heiterer wurde, 67 holte er sein Röhrlpfeiferl und spielte manch heiteres Stückchen auf. Dies führte zum Gesang, das Röhrlpfeiferl wurde mit der Zither vertauscht. Franz sang zuerst allein einige Lieder und als er bemerkte, daß Hančička in den Refrain leise mit einstimmte, forderte er sie auf, ebenfalls etwas zum besten zu geben. Das brachte sie durchaus nicht in Verlegenheit und sie sang mit sehr klangvoller Stimme erst mit czechischem, dann mit deutschem Texte folgendes Lied: »Flog ein Täubchen ob dem Hofe Herrenlos daher, Und es weinte, und es klagte, Daß ich dich verlör'! Ruhig, wein' nicht, Aennchen mein, Finde bald mich wieder ein, Ja, will's Gott, freu'n wir uns wieder Im Beisammensein.« Franz sang die letzten Zeilen des deutschen Textes mit. Das schöne Lied schien ihm zur gegenwärtigen Lage des Mädchens sehr zu passen und wäre dieses um etliche Jahre älter gewesen, er würde in der That die Versicherung eines baldigen Wiedersehens mit Freuden gegeben haben. Aber dennoch sang er nochmals sehr warm und deutlich: »Ruhig, wein' nicht, Aennchen mein, Finde bald mich wieder ein, Ja, will's Gott, freu'n wir uns wieder Im Beisammensein!« »Höllsaxendi!« rief jetzt der von ihnen unbeachtet eingetretene Waldhofbauer, »dös is ja grad a Pracht! Da kann ma' si' ja gar nöd gnua lusen (hören)! Aber aa nöd gnua schau'n!« 68 »Du brauchst nöd übel vom Bauern z' denken, wenn er ebba a bißl antrunken is,« sagte die Ahnl zu dem jungen Mädchen. »Beim Viehhandel wird viel g'red't und viel trunken; aber er is dabei alleweil kreuzfidel. Kümmer di also nöd drum, wenn er mehr red't, als er verantworten kann. Wir gehn eh bald mit anand ins Bett. I hab' dir in meiner Kammer a Liegerstatt herrichten lassen, da kannst ruhig schlafen, und morgen früh fahrt di der Franzl zu deine Eltern hoam.« Franz war in den Stall gegangen, um das Pferd zu versorgen, mit welchem der Vater gekommen. Dieser aber trat zum Tische und rief: »Meiner Seel, da is ja dös verflogne Vögerl, dös in der ganzen Gegend g'suacht wird! In Kubitzen sitzen zwoa Abg'sandte drent, die di suachen soll'n, aber alle zwoa ham's auf (zu viel getrunken) und leg'n si' lieber aufs Heu, als daß 's Kind vom Bauern suachen. Ueberhaupts, die ganz' Welt is heunt b'soffen – a liaderliche Welt! Nu, mi gfreut's, daß d' bei uns aufg'sessen bist, da bist guat aufg'hoben. Also grüß di Gott tausendmal!« Hančička war von ihrem Platze aufgestanden und reichte dem Bauer die Hand zum Gruße. »Und woaßt denn, wie's 'n Vater geht?« fragte dieser. »Gottlob, es geht ihm wieder ganz gut,« erwiderte das Mädchen. »So, so? Hm, hm! Na ja –« der Bauer schnupfte, nochmals dabei überlegend, ob er die schlimme Nachricht, die er von den Leuten vernommen, der ahnungslosen Tochter mitteilen solle. »Deshalb sind wir ja nach Maria Neukirchen gewallfahrtet, weil es dem Vater so gut geht,« erklärte diese. 69 »Von mir braucht's es nöd zu erfahren,« dachte er; dann fragte er: »Hast fein aa bet', daß 's an Tag kimmt, wer dös Verbrechen begangen hat?« »Darum nicht,« bekannte Hančička. »Nu,« meinte der Bauer, »wenn's a Gerechtigkeit giebt, so därf der Lump nöd leer ausgeh'n!« »Dazua sag' i Amen,« versetzte Franz, der soeben wieder in die Stube trat. Jetzt mahnte die Großmutter, daß es an der Zeit sei, zu Bette zu gehen. Hančička war sofort dazu bereit. Sie dankte Franz noch einmal für seinen Beistand, sagte dem Bauern gute Nacht und folgte der alten Frau in die Schlafkammer, wo sie für sich ein gutes, frisch überzogenes Bett vorfand, in welchem sie bald der Ruhe pflegte. Die Erlebnisse des heutigen Tages waren so mannigfaltiger Art gewesen, daß sie noch jetzt nicht klar war, ob die angenehmen oder die schreckenerregenden die Oberhand behielten. Sie hatte ihr Nachtgebet verrichtet und war im Einschlafen begriffen, als sie unter ihrem Fenster die Melodie des von ihr gesungenen Liedes auf dem Röhrpfeiferl nachblasen hörte. Aber während sie noch lauschte, übermannte sie der Schlaf; doch das Bild des jungen Burschen, der sie so männlich in Schutz genommen, begleitete sie hinüber in das Zauberreich der süßen Träume. 70 VIII. Das Gezwitscher der Schwalben vor Hančičkas Fenster weckte diese aus einem gesunden und erquickenden Schlafe. Wußte sie im ersten Augenblicke nicht, wo sie sich befand, so standen im nächsten die Ereignisse des vergangenen Tages wieder lebhaft vor ihrem Geiste. Das Bett der Großmutter war bereits leer und auch schon wieder geordnet. »Heim! heim!« rief sie und warf sich sofort in ihre Kleider. Eine balsamische Luft strömte in die Stube, als sie das Fenster geöffnet. Ein wolkenloser tiefblauer Himmel wölbte sich über das herrliche, tannenbestockte Gebirge des nahen Czerkow. Im Garten unter dem Fenster perlte der Tau auf den frisch-grünen Blättern der Obstbäume, unter denen die mit dunkelroten Weichseln überfüllten eine herrliche Abwechselung darboten, während im kleinen Blumengärtchen neben Nelken, Rosen und anderen auch die Lieblingsblumen des Bauers, ausnehmend hohe Malven, in schönster Blüte standen. Hančička begab sich alsbald in die untere Stube, wo sie von der Großmutter freundlich begrüßt wurde. Sie mußte sich sofort zum Frühstück setzen, das in Kaffee, Butterbrot und Honig bestand. Der Bauer war schon aufs Feld gegangen, Franz aber richtete Wagen und Zaumzeug zurecht, damit er mit seinem Einspänner im Böhmischen mit 71 Ehren bestehen könne. Als er mit seiner Beschäftigung zu Ende war, kam auch schon Hančička, die sich mit dem Frühstücke beeilt hatte, aus dem Hause, um Franz einen guten Morgen zu wünschen. Dieser war in Feiertagskleidung. Er erkundigte sich, wie sie geschlafen und führte sie dann, bis das Pferd ganz abgefüttert, in den Stallungen herum. Sowohl im Vieh-, wie im Pferdestalle war die größte Sorgfalt zu erkennen. Das Mädchen hatte große Freude an allem, streichelte die Tiere, welche die Fremde mit scheinbar klugen Augen musterten und fand besonderen Gefallen an den jungen weißen Königshasen, von welchen ihr Franz zu ihrer großen Freude ein Paar zum Geschenke machte. Er führte sie dann auch in das Blumengärtl und pflückte ihr einen prächtigen Buschen von Nelken, Rosen und »wohlschmeckenden« Kräutern, von welchem das Mädchen ein Sträußchen ablöste, um es dem Burschen auf den Hut zu stecken. Auch ein mit Weichseln gefülltes Körbchen hatte die Großmutter im Wagen für dasselbe untergebracht. Der Bauer war inzwischen nach Hause gekommen und überbot sich nun auch in Freundlichkeiten gegen das Mädchen. »Möcht'st 'n g'sund antreffen, dein' Vatern!« sagte er bedeutungsvoll, als er ihr beim Einsteigen in den Wagen half. »Grüß mir'n, und d' Muatta extra. So, und jetzt roas' mit Gott. Franzl, bring's guat hoam!« Gleich darauf fuhr Hančička mit dem jungen Bauern zum Thore hinaus. Im flotten Trabe ging es dahin. Es war zum erstenmale, daß Hančička auf so flottem Fuhrwerke die breite, gut gehaltene Straße dahinfuhr. Sie plauderte mit Franz in der fröhlichsten Weise und dieser 72 fand an seiner munteren Begleiterin großes Wohlgefallen. Sie erzählte ihm von dem Leben und Treiben in Thranow, berichtete von dem vollständig unbewohnten Chodenschlosse, in dessen Räumen es so unheimlich sei, die sich aber Hančička und ihre Freundinnen gleichwohl mit Vorliebe zum Spielplatze erkoren hätten. Sie erzählte, wie sie da oft beim Versteckenspielen bis auf den Boden hinaufgekommen, wo sie sich freventlich in den Fahrstuhl des Freiherrn von Lammingen gesetzt hätten, in welchem der Tyrann aus Schreck über Kozinas Gespenst gestorben sei. Am Tage, meinte sie, hätten sie das schon gewagt, bei Nacht aber sei es in diesen Räumen grausig, denn der Lammingen, so sagten die Leute, gehe dort um, er setze sich in seinen Stuhl und rufe: »Kozina! Kozina! Wer wird mich erlösen?« Die arme Seele aber werde nicht erlöst, so lange das Geschlecht der Choden lebt. Auf jenem Schloßboden, erzählte sie weiter, habe auch der alte Doktorjirka, der ganz allein ein unteres Stübchen im Schlosse bewohne, seine Wunderkräuter zum Trocknen ausgebreitet. Er habe sie samt Gespielinnen immer rechtzeitig davongejagt und ins Freie getrieben, wo sich im Schloßgarten der schönste Spielplatz darbot. Sie erzählte auch von ihren Verwandten in Aujezdl, wo sich Kozinas Höfel befand, das noch im Besitze eines Urenkels von ihm sei, von der schönen Stadt Taus und der stolzen Chodenveste auf dem Riesenberg. Franz hatte dem frohen Geplauder des Mädchens mit sichtlichem Wohlgefallen zugehört, und nur zu bald kam das Fuhrwerk an die Stelle, wo der Weg von der Tauser Hauptstraße nach Chodenschloß abzweigt. Unwillkürlich mäßigte Franz die Gangart des Pferdes, gleichwohl währte es 73 nicht mehr lange, bis er mit der sehnlichst Erwarteten im Hofe einfuhr. Es gab nun ein freudiges Begrüßen. Das Pferd wurde dem Knechte übergeben und Franz in die Wirtschaftsstube geführt, wo Frau Soukup ihm in der herzlichsten Weise dankte für die Fürsorge, die er ihrem Töchterchen hatte angedeihen lassen. Hančička erzählte flüchtig, wie es gekommen, daß sie sich vom Wallfahrtszuge getrennt; dann mußte sie sich umkleiden und den Vater aufsuchen, der von der Abwesenheit seines Töchterleins nicht unterrichtet worden war. Die Mutter belehrte sie darüber, wie sie sich zu benehmen hätte, und verschwieg ihr auch nicht, daß sich der Zustand des Vaters wieder verschlimmert habe, daß es ihm aber heute schon wieder viel besser gehe. Dem Mädchen kam es schwer an, dem Vater die Wahrheit verschweigen zu müssen und über eine Müdigkeit zu klagen, von der sie in Wirklichkeit gar nichts verspürte. Auch daß sie ihm von den schönen Königshasen, die sie mitgebracht, nichts erwähnen durfte, that ihr leid. So erzählte sie ihm denn von Neukirchen und der Gnadenmutter dortselbst, zeigte ihm die Paternalien, welche sie von dort mitgebracht, und berichtete von vielen anderen Dingen, von denen sie annehmen konnte, daß sie den Vater interessierten. Das Eintreten des Knechtes, welcher in Abwesenheit des Quistorenhansl vom Bauer wieder direkt Befehl erholte, beendete vorerst Hančičkas Besuch an des Vaters Krankenbette. Sie verließ die Stube mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen. Nun zeigte sie Franz alles auf dem herrschaftlichen Gute, was sie von Interesse für ihn hielt; sie öffnete eine 74 kleine Seitenpforte und führte ihn ins Schloß, wo sie ihm alle Gemächer zeigte, so auch den Saal, in welchem an Lammingens Sterbetage das Bankett gehalten worden, bei welchem ihm Kozinas Geist erschienen. Schließlich führte sie ihn sogar noch auf den Boden hinauf, um den Stuhl des Genannten zu besichtigen, in welchem er vom Schlage gerührt worden, oder, wie Hančička wahrhaftig glaubte, durch den Geist ins Jenseits geholt wurde. Endlich kam die Zeit heran, daß Franz an die Heimfahrt denken mußte. Franz hätte gerne mit dem Schloßbauer gesprochen, ihm Grüße von seinem Vater entrichtet, aber da derselbe die Ursache seines Hierseins nicht erfahren sollte, war es schwierig, ihn bei dem Kranken einzuführen. Schließlich aber meinte Franz, er könne ja vorgeben, des Viehhandels wegen hier zu sein und so seinen Besuch zu maskieren. So ging er denn, um den Bauern zu besuchen. Er ahnte nicht, von welchen Folgen dieser Besuch für ihn sein sollte. – 75 IX. Im Zimmer des Kranken befanden sich zur Zeit, als Franz bei ihm eintrat, zwei Knechte in Geschäftssachen. Er war etwa bis in die Mitte der Stube gekommen, als der Bauer nach ihm aufsah. Plötzlich vergrößerten sich dessen Augen, die Franz zu durchbohren schienen, er richtete sich hastig auf und mit beiden Händen nach dem Burschen weisend, schrie er: »Der ist's beim wahrhaftigen Gott! Halt's 'n fest! Das ist der Straßenräuber!« »Moant's mi?« fragte Franz, aufs höchste überrascht und zugleich besorgt, denn er glaubte, der Bauer spreche in Fieberphantasie. »Packts 'n, Knecht!« befahl dieser jetzt wieder. »Packts 'n, den Hund, den Padouchu (Schuft), oder ich jag euch zum Teufel!« Bevor sich's Franz versah, hatten ihn die Knechte mit fester Hand erfaßt. »Aber Bauer, Oes irrt's Enk,« sagte Franz. »I bin der Sohn vom Waldbauern z' Boarisch Prennet –« »A Lump bist!« schrie der Bauer, »a Mörder! Du bist's g'wesen, der mi am Fronleichnamstag nachts bei der Station Kubitzen ang'falln und mir d' Uhr abverlangt hat. Du hast mi ausrauben wollen und hast mir den Hieb da versetzt, der mir fast 's Leben kost' hätt'. Leugn's, wenn's d' es kannst!« 76 »Heiliger Gott!« rief jetzt Franz, dem es wie Schuppen von den Augen fiel. »So hätt' i mi g'irrt – nöd der Quistorenhansl war's?« »Du warst es!« klagte ihn Soukup wiederholt an. »I moan – Bauer, auf Ehr und Seligkeit, dös war ja a Mißverständnis!« »Dös wär' mir das rechte Mißverständnis!« meinte Soukup. »Da schau her, wie 's d' mi zuag'richt' hast. Thut's mir 'n aus den Augen!« rief er den Knechten zu; »ich könnt' mi dran vergreifen. Sperrts 'n in d' Kammer nebenan und schickt's um d' Gendarm nach Klentsch. Auskommen wenn er euch thut, jag i euch aus'n Dienst mit Weib und Kind!« »Aber Bauer!« wehrte Franz, »nehmt's doch Vernunft an –« »Fort aus meine Augen!« schrie der Kranke. Franz wehrte sich zwar gegen die beiden starken Knechte, aber diese hatten ein Tuch vom Tische genommen und es gelang ihnen, damit Franzens Hände auf den Rücken zu binden. Dann stießen sie ihn in die Nebenkammer, wo sie ihm rasch einen Strick um die Füße schlangen und ihn zu Boden warfen. So an Händen und Füßen gebunden, drohten sie ihm, ihn auch noch tüchtig durchzuprügeln, wenn er sich nicht ruhig verhalten würde. Das alles hatte sich so rasch abgespielt, daß weder die sich in der Küche befindende Bäurin, noch ihr Töchterchen, welch beide damit beschäftigt waren, das Mittagessen herzurichten, etwas davon vernahmen. Sie waren daher nicht wenig überrascht, als einer der Knechte von dem 77 Geschehenen Mitteilung machte und hinzufügte, daß er sich beeile, die Gendarmerie zu holen. Mutter und Tochter glaubten im ersten Augenblick, der Vater sei wahnsinnig geworden, aber der Knecht versicherte, der Bursche habe es selbst halb und halb eingestanden, und nun wußten sie nicht mehr, was sie denken sollten. Sie eilten daher ins Krankenzimmer, um sich von der Wahrheit des Vernommenen zu überzeugen. »Jetzt ist er selbst ins Garn gangen!« rief ihnen der Kranke zu. »Nöt umsonst habt's zur Mutter Gottes bet't. Der kommt mir nimmer aus.« Frau Soukup erlaubte sich sehr kräftige Gegenvorstellungen und bemühte sich, ihren Mann zu überzeugen, daß hier ein Irrtum unterlaufen müsse und daß es nicht angehe, den Sohn eines allbekannten und treubewährten Ehrenmannes auf solche Weise zu beschimpfen. Sie wollte selbst mit Franz sprechen, aber der Bauer verbot es bestimmt. »Wenn d' mir jemand mit dem G'fangenen reden laßt,« rief er dem mit einem großen Prügel vor der Kammerthüre wachehaltenden Knechte zu, »weißt, was 's dir eintragt.« Die Frau wandte neuerdings all ihre Beredsamkeit auf, ihren Mann ruhiger zu stimmen. Hančička aber hatte, nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt, rasch einen Entschluß gefaßt. Sie begab sich unbemerkt aus dem Zimmer und eilte hinter das Haus zu dem Fenster jener Kammer, in welcher Franz eingeschlossen war und das in einen kleinen, verschlossenen Hof des Schlosses führte. Ein Ruck, und der Fensterflügel öffnete sich. Schnell entschlossen stieg sie ein, schnitt 78 mit dem Messer, das sie aus Franzens Seitenbesteck entnahm, Strick und Binde durch und bat den nun seiner Hände und Füße wieder mächtigen Burschen, ihr rasch zu folgen. Beide stiegen sie nun aus dem Fenster, und es gelang Hančička, da die alten, morschen Fensterrahmen ohnedem nicht gut schlossen, dasselbe mittelst ihrer kleinen, schmalen Finger wieder zuzuziehen. Dann führte sie Franz zu einem kleinen Pförtlein, das aus dem Hofe ins Schloß führte und das sie zu öffnen verstand. Sie wies den Flüchtling an, über eine schmale Wendeltreppe emporzusteigen. Sie sagte ihm, er würde gleich zur Haupttreppe gelangen und dann den Weg auf den Boden des Schlosses von selbst finden. Dort sollte er sich unter dem alten Gerümpel versteckt halten, bis sie ihn hole, und er das Weite suchen könne. All dies war das Werk weniger Minuten. »Deandl, i bin unschuldi,« versicherte Franz, als sie an der Treppe standen. »Der Quistorenhansl woaß's, es is a unglücklicher Irrtum.« »Ich glaub dir's, Franzl,« antwortete Hančička; »aber jetzt b'hüt dich Gott – bis auf später.« Damit schloß sie schnell das Pförtchen ab und eilte zurück in ihres Vaters Haus. Franz war allein in dem großen, öden Schlosse. Die Stufen der Treppe knarrten unter seinem Tritt, so leise er auch aufzutreten versuchte. Bald hatte er die Haupttreppe erreicht und nun schlich er in gräßlichster Aufregung hinauf zum Boden auf demselben Wege, den er vor kaum einer Stunde mit dem Chodenmädchen in fröhlichster Laune zurückgelegt hatte. Um des Schloßbauers Wohnung hatten sich alsbald 79 wieder die neugierigen Nachbarn versammelt, um den richtigen Missethäter kennen zu lernen. Der Doktorjirka aber war selbst in die Stube gekommen, um alles aus erster Hand zu erfahren. Frau Soukup hatte inzwischen ihrem Manne doch gebeichtet und ihm von dem Verschwinden ihrer Tochter und deren Wiederauffindung Mitteilung gemacht. Sie rühmte die außerordentliche Gastfreundschaft, deren Hančička im Hause des Waldbauern teilhaftig geworden; aber es fruchtete alles nichts. »Das mag alles sein, wie 's will,« entgegnete der Kranke; »deshalb ist der Bursch doch ein Räuber, und er muß der öffentlichen Gerechtigkeit übergeben werden.« Auch Hančička bat für Franz; aber der Vater blieb hartnäckig und unbeugsam. »Du hast kein Recht, einen braven Burschen, gebunden wie ein Stück Vieh, liegen zu lassen,« rief die Frau. »Das ist unbarmherzig und deiner unwürdig. Du machst dich deines stolzen Urahn unwert. Die Choden waren niemals grausam gegen ihre Feinde.« Das wirkte. »So nimm ihm den Strick von den Füßen!« befahl er dem Knechte, »damit er sich setzen kann. Aber die Händ' bleiben gebunden, bis die Gendarmen kommen.« Der Wächter drehte den Schlüssel der Kammerthüre um und öffnete diese. Frau Soukup drängte sich hinzu, während der alte Quacksalber sich hinter die Thüre flüchtete, denn er glaubte nicht anders, als daß der Räuber sofort herausspringen werde. Hančička aber harrte mit einem etwas schelmischen Lächeln der nun folgenden Ueberraschung. 80 Diese gab sich zuerst durch einen Schreckensruf des böhmischen Knechtes kund, mit dem sich der Freudenausruf der Bäurin vermischte. »Was ist's?« fragte der Schloßbauer. »Nix sein!« stotterte der Knecht. »Verschwunden! Verschwunden!« »Verschwunden?« schrie der Bauer. »Mensch sein fort,« berichtete der Knecht mit zitternder Stimme, »aber Hut sein da. Er wird kommen wieder, sein Hut holen.« »Das müßte ein Esel sein!« meinte der alte Jirka, der sich nun auch wieder hervorwagte und mit Kennermiene in die leere Stube blickte. Er durchsuchte dann, als er sicher war, daß sie wirklich leer sei, alle Ecken und Winkel, blickte unter den Tisch und öffnete in seinem Eifer sogar die Tischschublade. Dann stürzte er zum Fenster, das er zu seiner Ueberraschung geschlossen fand. »Er muß noch hier sein, das Fenster ist geschlossen,« rief Jirka. Der Knecht aber hob die am Boden liegenden, zerschnittenen Stücke von Franzens Banden auf und sagte nicht ohne ein gewisses Gruseln: »Da hat der Teufel sein Spiel!« »Das sag ich auch!« pflichtete Jirka bei. »Oder ein Engel,« versetzte Frau Soukup. Zufällig traf ihr Blick Hančička, deren ganz umgewandeltes, sorgloses Wesen ihr sofort aufgefallen war. Hančička drückte der Mutter zum Einverständnis die Hand. Vor dem Hause entstand jetzt eine Bewegung. Ein Gendarm, den der nach Kleutsch geschickte Knecht 81 unterwegs getroffen, war mit diesem sofort nach Trhanow geeilt. Mit gezogenem Säbel trat er rasch in die Stube und fragte: »Wo ist der Verbrecher?« »Verduftet! Destilliert! Herr kaiserlich königlicher Gendarm,« antwortete Jirka. »Sie finden nichts, als Luft. Der Kerl hat sich aufgelöst – er war mit dem Teufel im Bunde!« »Unsinn!« entgegnete der Mann des Gesetzes. »Ihr habt ihn entwischen lassen. Man muß ihn sogleich verfolgen.« Er begab sich in die Kammer und untersuchte vor allem das Fenster. Seinem geschärften Blicke entging es nicht, daß der Riegel an dem wackeligen Fensterrahmen von außen wieder leicht geschlossen worden war. Der Flüchtling war also da hinaus und jedenfalls über die Gartenmauer ins Freie geklettert. »Wie lang kann das her sein?« fragte er. »Vielleicht eine Viertelstunde,« meinte Soukup. »Dann heißt es eine Streife veranstalten!« entschied der Gendarm. »Herr Soukup schickt Eure Knechte sofort nach allen Richtungen aus. Ich biete die Bauern im Dorfe auf. Es ist keine Zeit zu verlieren.« In kürzester Zeit war eine Anzahl bewaffneter Männer aufgeboten, die nach allen Richtungen hin eilten, um auf den vermeintlichen Verbrecher zu fahnden. Mit fieberhafter Aufregung aber wartete Soukup das Ergebnis ab. Es war alles vergebens. Niemand hatte etwas gesehen; keine Spur von dem Flüchtlinge war zu finden. Die Leute kamen gegen Abend alle unverrichteter Sache zurück. 82 Der alte Jirka aber war jetzt seiner Sache sicher. Er kam mit Weihrauch und geweihtem Wasser und räucherte die Kammer aus, denn daß hier der böse Feind im Spiele war, mußte jedes Kind erkennen. »Das begreift selbst Hančička, ein unerfahrenes Kind!« meinte er. Diese aber lachte und erwiderte ihm: »Seid unbekümmert, Jirka; ich glaub schon das Rechte!« 83 X. Daß der so eifrig in der Ferne Gesuchte noch ganz in der Nähe sei, ahnte niemand. Mit Sehnsucht erwartete Hančička das Hereinbrechen der Nacht, um die Flucht des noch immer auf dem Schloßboden Versteckten zu ermöglichen. Franz war zwar sicher dort oben unter dem alten Gerümpel, denn außer Jirka kam niemand dorthin, und er wäre wohl der letzte gewesen, der ihn entdeckt hätte. Auch war es dem Mädchen gelungen, etwas Wein und Speise hinauf zu schmuggeln, aber Franz war aller Appetit vergangen. Er hatte Zeit genug, über seine Lage nachzudenken und er mußte sich eingestehen, daß sie kritisch war. Es war ihm nun klar, daß er sich in der Person geirrt und statt des Quistorenhansl an den Schloßbauer geraten war. Wie es kam, daß der ihm zugedachte Schlag den anderen getroffen, konnte er sich freilich nicht erklären. Um so besser aber sah er ein, daß ihn Soukup wirklich für einen Räuber halten mußte. Mit einer einfachen Entschuldigung war es also nicht abgethan, denn die böhmischen Gerichte würden ihm so wenig glauben, wie der Schloßbauer; er bedurfte eines Zeugen für seine Unschuld, und wo hätte er einen solchen finden sollen? Jedenfalls stand ihm eine lange Untersuchungshaft bevor. Er mußte deshalb suchen, sobald als möglich über die Grenze zu kommen. 84 In sein Elternhaus zurückzukehren, durfte er vorerst nicht wagen; man würde ihn dort am ersten suchen. Sein Plan war daher, über das Czerkowgebirge ins Bayerische zu flüchten und mit seinem Vater dann an irgend einem verborgenen Ort eine Zusammenkunft zu verabreden. Fände es dieser für gut, so wollte er sich selbst dem bayerischen Gerichte stellen und seine Unschuld beweisen. Es handelte sich nur darum, wie der Waldhofbauer verständigt werden könnte, denn daß auch dessen Schritte von seiten des Gerichts bewacht würden, war selbstverständlich. Einen Boten mit einem Briefe zu schicken, wäre geradezu Unsinn gewesen, und eine verlässige und ausrichtsame Person zu finden, war unter den obwaltenden Umständen kaum möglich. Zudem war Franzens Vater keiner von denen, die schnell begriffen, noch weniger vermochte er seine Zunge im Zaume zu halten, wenn er, wie das häufig der Fall war, dem braunen Naß über Gebühr zugesprochen hatte. So fand ihn denn Hančička recht betrübt und entmutigt. Er besprach mit ihr den gefaßten Plan, und Hančička bedauerte jetzt lebhaft, daß Franzens Knecht auf die Nachricht von seines Herrn Gefangennahme und Flucht sofort eingespannt hätte und davongefahren wäre. Dadurch war ihr und der Mutter die Möglichkeit benommen, eine Botschaft nach dem Waldbauernhof zu schicken. Franz wollte dies selbst besorgen, sobald er über die Grenze wäre. Hančička hatte aber für jetzt nur den einen Gedanken, wie sie ihn befreien und ihm zur Flucht verhelfen könne. »Sobald es Nacht ist, komme ich, dich zu holen,« versprach sie. 85 Der Bursche konnte die Selbständigkeit und Aufopferung des Mädchens nicht genug bewundern. »Hančička,« sagte er, »dös kann i dir niemals vergelten.« »Du hast schon vergolten – gestern,« meinte sie. Dann ließ sie ihn wieder allein. Langsam strichen ihm die Stunden dahin. Endlich war die Sonne untergegangen, und das Zwielicht des Sommerabends ging in das Helldunkel einer heiteren Nacht über. Franz hatte sich's einstweilen im Stuhle des Chodentyrannen Lammingen bequem gemacht und harrte der Stunde der Erlösung. Durch das Dachfenster, dem er sein Gesicht zugewendet, schien das Licht des Vollmondes, das silbern auf seinem Gewande gleiste. Er begrüßte dieses freundliche Licht aus ganzer Seele, das ihm leuchten sollte auf seiner Flucht über das von ihm bis jetzt nur spärlich begangene Gebirge des Czerkow. Da hörte er Schritte die Treppe herauf; die Bodenthüre öffnete sich. Es war aber nicht Hančička, die eintrat, sondern eine lange Gestalt in weißem Gewande, die sich gemessenen Schrittes näherte. Jetzt tauchte die Erinnerung an den Spuk im Schlosse im Gehirne des jungen Mannes auf, und so unerschrocken er auch sonst war, so fühlte er doch ein gewisses Gruseln, das sich mit jedem Schritte des Herannahenden steigerte. Und als dieser ihn fast zu überschreiten Miene machte, rief er unwillkürlich: »Halt!« Der Ankommende prallte auf dieses »Halt« ein paar Schritte zurück. 86 »Alle guten Geister!« stotterte er mit zitternder Stimme – »Lammingen! Lammingen!« Franz war aufgesprungen. Im gleichen Augenblicke hatte sich der alte Jirka, denn dieser war es, auf die Kniee geworfen, den Kopf bis zur Erde geneigt und böhmische Beschwörungsformeln gelallt. Ueber ihn hinweg erblickte aber jetzt Franz das Chodenmädchen in der offenen Thüre. Sofort eilte er hinzu und folgte ihr schweigend die Treppe hinab. Unten angekommen, reichte sie ihm den Hut und einen festen Stock. »Hat dich der alte Jirka gesehen?« fragte sie leise. »Wir haben uns alle zwoa für G'spenster g'halten,« sagte Franz lächelnd. Jirka war vor dem Mädchen die Treppe hinaufgestiegen, um seine Heilkräuter beim Mondenscheine umzuwenden, und Hančička fürchtete schon, Franz möchte verraten werden. Aber die Furcht des Alten begünstigte die Flucht. Hančička führte Franz eilends zur Thüre und gab ihm die Richtung gegen Hochofen an, die er zu nehmen hätte. Sie sprach hastig, aber doch klar und verständlich, dann schob sie ihn zur Thüre hinaus. »Hančička, du bist mein guter Engel!« sagte er. »Bst!« machte das Mädchen. »Ich höre den Jirka die Treppe herabstolpern – fort – Gott b'hüt dich!« Franz entfernte sich mit einem letzten Dankesblicke. Hančička lauschte noch eine Weile. Einige Haushunde gaben im Dorfe Laut, sie mochten wohl den nächtlichen Wanderer gehört haben; bald aber war wieder vollständige Ruhe. Sie schlich nun beruhigt über das Ergebnis in ihr 87 Haus zurück. Die Mutter wachte beim Vater; man hatte sie nicht vermißt. Rasch entkleidete sie sich und begab sich zu Bette. Sie dankte dem Himmel für den ihr verliehenen Schutz, der ihr gestattete, den schuldlosen Freund zu befreien. Jirka aber wußte kaum, wie er die Treppe herabgekommen. Daß der Geist Lammingens im Stuhle gesessen und auf seine Beschwörung hin verschwunden sei, darauf schwor er einen »kaiserlich königlichen Eid!« und er wurde später nicht müde, von der gräßlichen Erscheinung und seinem Heldenmute zu erzählen. Seine Kräuter aber setzte er von nun an nicht mehr auf dem Schloßboden dem Mondlichte aus, er suchte dafür einen andern Platz, wo er vor bösen »Weitzen« sicher war. 88 XI. Der Gebirgsstock des Czerkows, mit welchem der nördliche Böhmerwald beginnt, bildet einen Knoten, von dem aus nach allen Richtungen hin strahlenförmig kurze Gebirgsketten auslaufen, welche tief eingeschnittene romantische Waldthäler mit steilen, zum Teil felsigen Hängen, durchströmt von rauschenden Bächen, geschieden sind. Der Paß vom Nepomuk, den die von Taus und Chodenschloß nach Waldmünchen in Bayern führende Staatsstraße passiert, trennt diesen von dem nördlicher gelegenen Gebirgsteile des »böhmischen Waldes.« Auf dieser bequemen Straße die Grenze zu gewinnen, war für Franz nicht ratsam, da dieselbe von Grenzwächtern hüben und drüben bewacht war; er mußte auf sicheren Pfaden den Gebirgsrücken übersteigen, und da schien ihm die Richtung über den »böhmischen Brunnen« und Voithenberg am geeignetsten. So marschierte er erst auf einem schlechten Wege gegen »Hochofen« zu und dann auf einem gut ausgetretenen Fußpfade in der ihm wohlbekannten Richtung gegen den »böhmischen Brunnen« Nach einstündiger Wanderung gelangte er an die am Nordabhange des Czerkow entspringende, warme Pastritz, über welche ein hölzerner Steg führt. Ehe er weiter ging,. überlegte er nochmals, ob er es nicht wagen solle, dennoch auf seinen heimatlichen Hof zu eilen und mit dem Vater 89 Rücksprache zu nehmen. Er erwog hin und her, und es erging ihm gerade so, wie dem Gebirgsbache, vor dem er stand, und der mit sich nicht einig war, ob er nord- oder südwärts weiter fließen solle und schließlich nach beiden Richtungen hin seinen Lauf einschlug. Die warme Pastritz bildet hier die seltene Erscheinung einer Gabelteilung dar, durch welche eine Verbindung des Elbe- und Donaugebietes hergestellt wird. Sie spaltet sich nämlich noch vor dem Austritt aus dem Gebirge in zwei Bäche, welche beide denselben Namen behalten. Der eine nach Süden abfließende mündet bei Furth in den Chambbach und fließt mit dem Regen in die Donau, der andere geht durch die Stadt Taus hindurch und mündet in die Radbusa, einen Nebenfluß der Moldau. Franz konnte sich nun freilich nicht in gleicher Weise nach zwei Richtungen hin bewegen, und seine Sicherheit ließ ihm den bereits sich vorgesetzten Weg weiter verfolgen. Somit überschritt er den Steg, und der Vollmond leuchtete ihm auf seiner unfreiwilligen Bergwanderung. Nach einem beschwerlichen Aufstiege kam er an den von ihm schon öfter besuchten und wohlbekannten »böhmischen Brunnen«, einen reichlich fließenden Quell frischen, köstlichen Wassers, unter einem Holztempel brunnenartig gefaßt, woselbst Bänke zum Ausruhen angebracht sind. Hier machte Franz Rast und stärkte sich mit dem ihm von Hančička mitgegebenen Proviant. Die Aussicht von hier über einen großen Teil des Bayer- und Böhmerwaldes ist am Tage entzückend; der Vollmond und die sternenhelle Nacht gestatteten eine solche auch um diese Zeit und schufen ein geradezu zauberhaftes Bild. Franz hatte sich bislang wenig um die Schönheiten 90 einer Gegend bekümmert; heute war das anders. Sei es nun, daß er befürchtete, diese Schönheit würde ihm bald auf kürzere oder längere Zeit entzogen, oder war es sein heutiger, erregter Zustand, der ihn empfindsamer machte: die Zauberwelt, welche der Vollmond in dem Waldgebirge schuf, schien ihn voll und ganz gefangen zu halten. Das Getöse des Brunnens ließ ihn das hastige Herankommen eines jungen Burschen überhören, der auf dem von Fichtenbach herführenden Steig sich genähert hatte. Er erblickte ihn erst wenige Schritte vor sich und seinen Stock fester fassend, rief er unwillkürlich ein lautes »Wer da?« Der Ankommende erschrak sichtlich, erholte sich aber sofort von seinem Schrecken, als er in dem Rufenden einen Bauernburschen, gleich ihm, erkannte. »Gut Freund!« gab er zur Antwort, und gemütlich setzte er hinzu: »Saxendi, bin i aber jetzt erschrocken. Hab' scho' gmoant, an' Aufseher sitzt da.« »Ah!« erwiderte Franz. »San Pascher unterwegs? Vor mir braucht's Enk nöd z' fürchten.« »Fürchten?« antwortete spöttisch der Angekommene. »Is mir recht, so bist du der Waldbauern Franzl? I moan, 's Fürchten is an dir. D' Gendarm suachen di und wenn's di erwischen, nacha machen sie's dir so, wie sie's vor sechs Wochen mir g'macht ham, den's für di g'halten ham und der für di mehr leiden hat müssen, als du dei' ganz's Leben lang verantworten kannst.« »Bist du nöd der Hansgirglbauern Alysi von Großaigen?« fragte jetzt Franz. »Leider Gottes, ja!« lautete die Antwort, und dann auf die Stirne deutend, fuhr er fort: »Siehgst den grean 91 Fleck auf mein' Hirn da? – von an' Stoa'wurf kimmt er, für di hon i'n kriegt.« »I versteh di nöd,« entgegnete Franz. »Wie so für mi?« Aloys erzählte ihm nun von seiner Gefangennahme, da man ihn für den Räuber hielt, der aber in diesem Falle, wie er sarkastisch bemerkte, nicht ein abgehauster, sondern ein hoch angesehener Bauernsohn war, dem's nicht genügt, daß er schon, wie man zu sagen pflegt, im Hanfsamen sitzt, sondern auch noch anderer Leute Hab und Gut dazu möchte. Franz drückte dem gereizten Burschen sein Bedauern aus und versprach, ihn für die ausgestandene Unbill nach Kräften zu entschädigen. Er unterließ aber auch nicht, ihn von seiner Unschuld zu versichern, und ihm mitzuteilen, daß er willens sei, sich den bayerischen Gerichten zu stellen, um die Sache aufklären zu lassen. »Ja, wenn's d' dös kannst, mir is's recht,« entgegnete Aloys. »Wer a Geld hat, kimmt anemal leichter durch, dem glaubt ma's ehnda, als unser oan, der nix hat und der, damit er si wieder a Feiertagsgwand kaufa kann, die Pascher Beistand leisten muaß. Auf ehrliche Weis' dauerts ja z' lang, und so lang i koa' guats Gwandta hon, bin i a Lump, wenn i aa nix dafür kann, daß ma's der G'richtsvollzieher g'nomma hat.« »Na', Aloys, du bist koa' Lump, aber wenn's d' es Paschen anfangst, so – no', so kimmst halt mit'n G'setz überanand.« »Was is's nacha?« entgegnete der andere bitter. »Hon i vom G'setz schon was g'habt? 's G'setz hat mi um mei' letzt's Stückl bracht, 's G'setz hat mir mei' Hoamat gnumma, daß i umanand vagabundiern muß, wie r a Lump, und 92 dös alles, damit der Wucherer, der Leutschinda, wie's sag'n, zu sein Recht kimmt. 's G'setz macht an' Lumpen aus mir.« »Aber Aloys, du bist do sunst so ordentli gwen!« »Ordentli kannst nur sein, wenn's d' a bißl a Geld und a richtigs G'wand hast; i daleb's ja alle Tag an mir. Jeder Gendarm hat mi no' ang'halten und hat mi nach mein' Geld g'fragt. Ja no', mei' Geld is in andere Leut ihre Taschen. I vermoan, dei' Vater hat aa r an' Teil davon, dem hat der mei' sei' schönst's Holz verkauft um an' Pfifferling, weil er a Geld braucht hat für den Blutsauger, der an eahm g'hängt is. Andere Leut ham mei' Geld und i hon nit amal a richtigs Gwandta! Dös is mir z' dumm! D'rum schaff i mir jetzt a Geld.« »Durch's Paschen?« fragte Franz halb mitleidig, halb verächtlich. »Warum nöd? Es wird nöd anemal so dumm gehn, wie heunt, wo ma an' Trieb Ochsen über d' Grenz ham bringa woll'n. Aber unten bei die drei Wappen Die drei Wappen stehen am südlichen Ende des Czerkow an der bayerischen Grenze. Dieselben zeigen das kur-bayerische, böhmische und vormalige pfalz-sulzbachische Wappen. san wir versprengt worn, und i bin da aufa verschlag'n worn. No', an' anders Mal wird's besser glücken. So viel Geld hon i scho', daß i mir a neues Klüftl kaufa kann, denn wenn i einsteh drent beim Schloßbauern in Trhanow, möcht i nöd wie r a Bettelbua daher kömma.« »Beim Schloßbauer in Chodenschloß willst einstehn?« fragte Franz, etwas unangenehm berührt. »Ja. I hätt' glei drent bleib'n soll'n, wie mei' Unschuld außakömma is. Aber mei' Muatta – no' ja, die 93 arm' Frau hon i erst versorg'n müssen. Vorgestern bin i z'ruckkömma und in Eschlkam ham's ma g'sagt, daß si d' Schloßbäurin nach mir erkundigt hat und mir sag'n hat lassen, i soll bald ummi kömma. Dös hat mi g'freut in mein' Elend und weil 's grad si' g'schickt hat, daß i bei dem Ochsenschmuggel was vadeana hon kinna, hab' i mir denkt, dös nimmst mit und g'wandt'st di dafür, damit die sauber Bäurin und ihra schwarzaugigs Deandl an' G'falln an dir finden.« »Was für a Deandl?« fragte Franz. »No', die kloa' Hex vom Schloßbauern. Saxendi, dös Deandl wenn a bißl älter waar, mit der könnt i mi über gar viel wegtrösten.« »Von der wirst d' Hand lassen, dös will i dir g'raten haben!« versetzte Franz rasch, dabei über und über errötend. »Oho!« that Aloys überrascht. »Geht's di was an?« »D' Hančička is a brav's Deandl, schier no' a Kind, und wer ihr was anhaben will, der hat's mit mir z' thuan,« sagte Franz in strengem Tone. Aloys kam das komisch vor. »O je!« entgegnete er spöttisch, »da weret ma' di frag'n und viel Umständ machen.« »Ganz g'wiß wirst Umständ machen, und wenn i nomal so was hör von dir, so wirf i di awi über'n Brunna, daß d' deina Lebtag an mi denkst!« »Gieb dir koa' Müah,« antwortete Aloys jetzt auch gereizt. »Daß du d' Leut anpackst bei der Nacht, dös is ja eh scho' bekannt. Bei mir aber kimmst zum Unrechten.« Er zog rasch einen Revolver aus der Tasche und hielt ihn gegen Franz. »Rühr mi an,« rief er, »und es is um di gschehgn!« 94 Franz machte rasch einen Seitensprung und packte den Gegner von der Seite. Bei dem kurzen Ringen, das nun folgte, ging der Revolver los, ohne zu treffen. Franz riß dem Burschen die Waffe aus der Hand, und indem er sie ergriff und weit über den Brunnen hinweg in ein Dickicht schleuderte, rief er: »Sag jetzt, ob's d' nachi flieg'n oder um schön's Wetter bitten willst?« Aloys sah, daß er an Franz seinen Mann gefunden. »Laß mi gehn!« sagte er trotzig. »Geh!« sprach Franz, »und wenn i dir guats Rats bin, so vergiß, daß's an' Schloßbauern in Chodenschloß giebt.« »Gelts Gott für dein guaten Rat!« höhnte der andere und eilte bergan; sobald er weit genug war, um sich sicher zu fühlen, rief er Franz zu: »Für di wär's aa guat, wenn's koan Schloßbauern gäb', oder wenn's d'n vergessen könntst. Aber 's G'richt wird schon sorgen, daß 's nüd der Fall is.« Franz würdigte den Flüchtling keiner Antwort mehr. Die Fieberhitze seines Zornes suchte er durch einige Handvoll Quellwassers zu löschen, mit dem er sich die Stirne wusch; doch dauerte es geraume Zeit, bis das Mittel anschlug. Dann setzte er sich auf die Bank. Er fühlte sich sehr ermüdet nach all den aufregenden Erlebnissen des Tages. Seine Augen wurden ihm allmählich schwer, die Erschöpfung trug den Sieg davon, und er verfiel in einen festen Schlaf. Aloys hatte den ihm wohlbekannten Steig gegen die bayerische Grenze verfolgt. Seine Gefühle waren nach der für ihn so demütigenden Behandlung von seiten seines 95 Gegners die der Sehnsucht nach Wiedervergeltung, nach Rache. Er sah sich von dem Burschen mißachtet, der ihn sogar für unwürdig hielt, um an Hančička Gefallen finden zu dürfen. Das sollte er ihm büßen bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit. Es hatte zu tagen begonnen, als er die Höhe und mit ihr die Grenze erreichte. Ein ältliches Weib mit einer »Spitzkirbe« (Tragkorb) auf dem Rücken und einem Korbe am Arm begegnete ihm da. Es war eine »Holbabrockerin« (Himbeerpflückerin). Diese Beeren kommen hierorts massenhaft und in besonderer Güte vor und bilden für die ärmeren Leute einen nicht unbeträchtlichen Verdienst. Sie werden an ein Haus in Furth geliefert, das ganze Wagenladungen davon in das In- und Ausland, namentlich nach Paris, verfrachtet. Bei dieser Himbeersammlerin erkundigte sich Aloys, ob kein Aufseher unterwegs, und wo die nächste Gendarmeriestation sei. Ohne sich weiter aufzuhalten, eilte er dann weiter. Das Weib sah ihm kopfschüttelnd nach und ging dann den Steig hinab in der Richtung, von welcher der Bursche gekommen. – Franz hatte am böhmischen Brunnen einige Stunden ruhig geschlafen. Die kühle Morgenluft machte sich aber allmählich so empfindlich geltend, daß er fröstelnd erwachte. Er wußte nicht sofort, wo er sich befand, doch nach wenigen Augenblicken ward er sich seiner Lage bewußt. Er war ein Flüchtling. Das Gefühl seiner Unschuld gab ihm aber jetzt die nötige Seelenstärke. Er wollte sich nicht länger von dem nächstbesten als einen Verbrecher beschimpfen lassen, sein Entschluß wur gefaßt, sich selbst und zwar ohne Verzug, den bayerischen Gerichten zu stellen. 96 Ueber die Spitzen des Ossagebirges, welche die Choden »die Brüste der Muttergottes« nennen, stieg der feurige Sonnenball herauf, und sein Licht verklärte wie mit einem Zauberschlage das ganze Waldgebirge. In den Thälern wogten schneeweiße Nebelmassen, so daß man von grünen Waldbergen umschlossene Seen und riesige Ströme zu schauen wähnte. Allmählich glitzerten über den wogenden Massen die Kreuze auf den Kirchturmspitzen naher Ortschaften, und von einem leisen Ostwinde getragen, klang bis hierher das harmonische Geläute zum Morgengebet. Mit dem Höhersteigen der Sonne zerteilten und verflüchtigten sich die weißen Schleier, und Franz konnte jetzt deutlich das Chodenschloß erkennen. Mit ihm stand auch Hančičkas, des mutigen und besonnenen Mädchens, Bild vor seiner Seele. Der Gedanke an sie erfüllte ihn mit Rührung, und er gelobte es sich selbst, daß er ihr zeitlebens dankbar bleiben wolle. Aber nein, nicht dankbar allein. Es stahl sich noch ein anderes Gefühl in sein Inneres. Bis jetzt hatte er das Chodenmädchen als ein Kind betrachtet – die Bemerkungen seines nächtlichen Gesellschafters ließen ihm aber plötzlich dieses Kind in einem anderen Lichte erscheinen. Nunmehr ward es ihm klar, daß er Hančička gern habe, und er gelobte sich, sie sein Leben lang beschützen zu wollen. Fast vergaß er über dieser Entdeckung seines Herzens die augenblickliche, schlimme Lage. Ein glückliches Gefühl durchströmte ihm Herz und Sinn und mit dem Hute in der hocherhobenen Hand winkte er der Fernen seinen Morgengruß zu. Nun durfte er aber nicht länger mehr säumen. Eilig stieg er den Berg hinan. Er traf bald mit der 97 Himbeersammlerin zusammen, die er nach dem kürzesten Wege nach Voithenberg fragte. Die Frau erzählte ihm bei dieser Gelegenheit ihr Begegnen mit dem anderen Burschen, und daß sie diesen auf seine Fragen ebenfalls nach Voithenberg verwiesen habe. Franz genügte das, um zu wissen, daß der rachsüchtige Bursche ihn verraten wolle. Dieser fragwürdige Triumph sollte ihm vereitelt werden. Eilig schlug er den Waldweg gegen Voithenberg zu ein, wo er sich freiwillig zu stellen gedachte. Dort angekommen, traf er keinen der Gendarmen zu Hause an, erfuhr aber von der Haushälterin, daß schon ein Bursche vor ihm angefragt habe und auf die Gendarmen warte. Vor dem Wirtshause stand eine geschlossene Chaise, welche einen Holzhändler hierher gebracht, und deren Lenker sich soeben anschickte, mit dem leeren Wagen nach Furth zurückzufahren. Franz nahm sofort das Gefährt gegen gute Bezahlung für sich und trug dem Kutscher Eile auf, weil er angeblich als Zeuge bei einer Verhandlung im Further Amtsgericht erscheinen müsse. Aloys, der im Wirtshause der Zurückkunft der Gendarmen harrte, hatte durchs Fenster gesehen, wie sein Widersacher im Wagen davongefahren war, wie er von der Wirtin hörte, nach Furth zum Amtsgericht. So blieb ihm die beabsichtigte Schandthat eines Verrates erspart, und mit gemischten Gefühlen trat auch er den Weg zur nahen Grenzstadt an. Sein besseres Inneres sagte ihm jetzt, daß nur in der ehrlichen Arbeit Segen sei, und noch heute wollte er die sich ihm dargebotene Gelegenheit aufsuchen. Nachdem 98 er sich in Furth mit einigen besseren Kleidungsstücken versehen, band er die alten in ein Tuch und fuhr mit dem nächsten Zuge nach Kubitzen, um sich von dort nach Chodenschloß zu begeben und bei Soukup in den Dienst zu treten. Franz aber langte, ohne in dem geschlossenen Wagen von jemand bemerkt zu werden, am Amtsgerichtsgebäude an, und nachdem er den Kutscher beauftragt, nunmehr auch den Waldhofbauern von Bayerisch-Prennet herbei zu holen, begab er sich zum Vorstande des Gerichtes. Dieser war von Taus aus bereits telegraphisch über die Sachlage verständigt worden, behandelte aber Franz doch in wohlwollender Weise, da ihm des Burschen Aussagen sehr glaubwürdig erschienen. Gleichwohl mußte er die Untersuchungshaft über ihn verhängen, bis nähere Prüfung der Sache und die Vernehmung der von Franz erbetenen Zeugen erfolgt sein würde, was der Amtsvorstand in Bälde zu bethätigen versprach. So ward Franz nach aufgenommenem Protokolle in das Untersuchungsgefängnis abgeführt, wo ihm auf Befehl des Amtsvorstandes die möglichste Berücksichtigung zu teil werden sollte. Aber auch hier waren es die dunklen Augen Hančičkas, die ihm entgegenleuchteten, wenn er seine Augen schloß und die unwürdige Lage, in der er sich befand, vergessend, seine Gedanken hinüber sandte zu dem mutigen Chodenmädchen. 99 XII. Der Waldhofbauer war über Land, als der Knecht mit Franzens Fuhrwerk aus Chodenschloß zurückgekehrt war. Die alte Großmutter glaubte, der sonst als mäßig und ordentlich bekannte Dienstbote wäre betrunken, da er von des jungen Bauern Gefangennahme und deren Ursache erzählte. Bald erkannte sie jedoch, daß der Knecht treu berichtete. Wie aber jener Raubanfall auf den Chodenbauer mit ihrem Enkel in Verbindung gebracht werden konnte, der doch am Abend der That fortgereist war, das begriff sie nicht. Sie hielt es für ein Mißverständnis, über welches sie um so mehr empört war, wenn sie der Gastfreundschaft gedachte, welche ihr Haus dem Hilfe suchenden Chodenmädchen hatte zu teil werden lassen und des Umstandes, daß Franz wieder nur als Gast bei Soukup geweilt. Sie konnte kaum erwarten, bis ihr Schwiegersohn, der Waldhofbauer, heimkehrte. Aber leider hatte derselbe wieder bedeutend eingekehrt und kam in einem Zustande nach Hause, der es ihm unmöglich machte, den Ernst der ihn erwartenden Nachricht zu begreifen, und er sagte daher zu der händeringenden Alten, deren Erzählung er für eine Strafpredigt hielt: »Muaderl, sei staad – schau, 's Further Bier is oa'mal z'guat, und beim Handel giebt oa' Maßl dös ander. Dös Luderg'süff, dös verfluachte! Koan Tropfen trinket 100 i mehr, ausschütten thaat i's, – wenn's halt nöd gar so guat waar! Aber regard, regard, was wahr is, bleibt wahr. Schmaatz (red) koa' Wörtl mehr – i geh in d' Kammer und leg mi nieder. Der Franzl, mei Franzl is gar nöd dahoam? Er wird dengerst nöd ins Wirtshaus sein? Heunt an an' Werktag? Dös thaat mi scho' kränken, denn Mäßigkeit war von jeher mei' Grundsteuer – Grundstoa' hab' i sag'n woll'n – no' ja, 's Muaderl woaß 's scho', was i moan. Guat Nacht!« Mit diesen Worten schwankte er zu der an die Stube angrenzenden Kammer und lag alsbald in tiefstem Schlafe. So mußte die Alte bis zum nächsten Morgen warten, um ihre erschütternde Nachricht dem Schwiegersohne mitteilen zu können. Die Nacht dünkte ihr eine Ewigkeit zu dauern. Endlich war es Zeit zur Morgensuppe für die Ehehalten . Alle waren erregt über die Kunde, alle hatten sie den jungen Bauern gern, und sie konnten ihren Mitknecht nicht begreifen, daß er sich in Chodenschloß so »a'zwacken« (fortschleichen) konnte, ohne erst versucht zu haben, seinen jungen Bauern zu befreien. Aber dieser verteidigte sich damit, daß die Gegner in bedeutender Ueberzahl gewesen, und er gefürchtet habe, Pferd und Wägelchen könnten auch noch konfisziert werden; darum wollte er wenigstens das Gefährt in Sicherheit bringen. Jetzt erschien der Waldbauer. »I hon mein' Rausch ausg'schlafen,« sagte er zu der alten Frau, als sie ihm die Nachricht beigebracht, »aber der Gschloßbauer von Chodenschloß kimmt aus'n Suff nimmer außa. Dem will i's zoagn, wo der Bartlmä 'n Most her hat. Einspannen!« befahl er dem Knecht. »I fahr g'raden Wegs eini auf Taus ans G'richt, und wenn dös 101 nöd aa b'soffen is, wern's mir mein' Franzl frei lassen, oder sie soll'n mi kenna lerna.« »Dös is a dumm's G'red!« meinte die Großmutter. »Mit G'walt richt ma' da nix aus. Erst hör a mal, was's dir drin sag'n, und darnach hast di z'richten.« »Was? I soll mir erst sag'n lassen, daß mei' Franzl a Straßenräuber is? Wer dös sagt, den kaannt i ja glei umbringa.« »Ja, da hab'n ma's scho',« versetzte die Großmutter. »Nacha b'haltens di glei aa drin als an' Mörder. Heiliger Wendelini! Unser Hof is ja die reinste Räuberherberg.« »Hoisakra!« schrie der Bauer aufgeregt. »Alle Kreuzteufel Millionen no'amal –!« »Hör 's schelten auf, Girgl, oder i lauf auf und davon!« unterbrach ihn die Alte, sich bekreuzend. »No', wenn i nimmer schelten därf bei solchene Umständ – wenn i nimmer tuifeln kann, nacha – nacha – Muaderl, nacha muaß i's Flenna anfanga, 's Flenna, Flenna über dös Unglück, dös uns betroffa hat. Ui Jesses! Ui Jesses, was is dös!« Und er weinte wirklich wie ein Kind. Jetzt war es an der alten Frau, dem Bauern Mut zuzusprechen, und sie that dies, so viel sie es in ihrem eigenen Jammer vermochte. Es bedurfte langer Zeit, bis der sich ganz seinem Schmerz hingebende Mann wieder ruhiger wurde. Der Wagen war angespannt. »Ahnl, fahr mit!« bat der Bauer. »Woaßt, mir is, als wenn i scho' wieder an' Rausch hätt'. I denk nöd dran, was »Hot« und »Wista« is, i muaß grad an oans denken, an mein' Franzl, dem's so viel Schand und Spott 102 anthuan – fahr mit, wenn's d' nöd willst, daß i schon in der ersten Viertelstund mit samt 'n Wagl im Straßengraben lieg.« Die Alte war bereit, dem Wunsche des bedauernswerten Vaters Folge zu leisten. Als er schon auf den Wagen saß, und die Alte eben aufsteigen wollte, sagte er: »Mir is, als hätt' i was vergessen.« »Hast leicht dei' Brisilglas nöd eing'steckt?« »'s Brisilglas? Meiner Seel! Heunt hon i no' gar nöd g'schnupft. So was is mir nöt vorkömma, so lang i denk; i hon aa koan Gusto darnach. Wenn's G'schick vom oanzigen Kind auf'n Spiel is, vergißt ma' selm auf dös. Aber na', na', was anders is's. A Geld will i mitnehma, an' etli Tausender in Papier, mit dem i guatstehn kann, daß 'n Buam frei geben – mit mein' ganzen Hof steh i guat, wenn's sein muaß. Ge, du woaßt, wo die Papier san. Hol's außa, nimm, was d' find'st.« Die Großmutter eilte in das Haus und kam alsbald mit einem Zeger, aus welchem eine ziemlich dicke, mit einer Schnur umwickelte Papierrolle hervorragte, wieder zurück. Dann rollte das Fuhrwerk mit den beiden von dannen. Etwa zehn Minuten später trafen zwei Gendarmen ein, um nach Franz zu fahnden. Sie untersuchten Haus und Hof, mußten aber natürlich unverrichteter Sache wieder weiter wandern. Die beiden Waldbauernleute fuhren meist schweigend, aber innerlich mit sich beschäftigt und aufs schmerzlichste bewegt, auf der zu beiden Seiten mit Obstbäumen 103 bepflanzten Straße dem inmitten einer breiten, von der warmen Pastritz durchflossenen Thalmulde gelegenen Taus (böhmisch Domažlice Domažlice soll herrühren von » domažli « d. i. »zu Hause schlimm.« So sollen die Tauser von den benachbarten Deutschen in alter Zeit genannt worden sein, weil letztere in so manchen Kämpfen, Scharmützeln und Gefechten schlimme Niederlagen erlitten haben. Nach einer mündlichen Ueberlieferung soll der Name Domažlice abstammen von der Wortbildung » domaž-lice « d. h. »schminke zu Ende die Wange.« Man erzählt sich hierüber folgendes: Als einmal der böhmische Herzog Bretislaw I. in der Stadt Taus seinen feierlichen Einzug hielt, bemerkte er an einem Fenster eine eitle Dame, welche so unvorsichtig gewesen, beim Schminken ihres Gesichtes die eine Wange gänzlich vergessen zu haben. Dieser unglücklichen Dame soll nun der Regent laut zugerufen haben: » Domaž-lice! « (schminke noch die andere Wange) und seit dieser Zeit habe die ganze Stadt den Namen Domažlice bekommen. Die Stadt zählt z. Z. über 9000 Einwohner. In der Stadtburg zu Taus wurden s. Z die Gerechtsamen und Handvesten der Choden aufbewahrt. Zu den Hussitenzeiten spielte Taus eine wichtige Rolle. ) zu, welche eine der ältesten, interessantesten und wohlhabendsten Städte Böhmens ist. In einem auf dem weitgedehnten Stadtplatz gelegenen Gasthause ward das Fuhrwerk eingestellt, und ohne Verzug begab sich dann der Bauer in Begleitung der alten Frau nach dem Bezirksgerichte. Sie wurden indessen durch einen den Platz quer überschreitenden Leichenzug aufgehalten. Es war ein verunglückter Knabe aus guter Familie, der beerdigt wurde. Die Klagetöne des Trauermarsches, den die voranschreitende Musikbande spielte, wirkten ergreifend auf das erregte Gemüt des Waldbauern, noch tieferen Eindruck aber machte auf ihn eine hier zu Lande bei Begräbnissen junger Leute herrschende Sitte. Ein 104 weißgekleidetes, tief verschleiertes Mädchen trägt auf seidenem Polster eine abgebrochene Wachskerze dem Sarge voran, welche dann mit ins Grab geworfen wird. »Mei' Franzl,« sagte er weinend, »is aa r a solchene abbrochene Kirzen. Mitten in Glück und Frieden is sei' Lebenskirzen abbrochen, weil's eam sei' Ehr, sein ehrlichen Nama gnumma hab'n.« Die alte Großmutter stimmte weinend bei, aber sie setzte hinzu: »I konn's nöd glauben.« »An' abbrochene Kirzen!« murmelte der Bauer wiederholt für sich hin. – Am Bezirksgericht angekommen, erfuhren sie zu ihrer Ueberraschung, daß sich Franz gar nicht hier befände, daß er sich geflüchtet habe und auf ihn gefahndet werde. Sie erhielten nun nicht nur alles bestätigt, was ihnen der Knecht erzählt, sondern die Sache wurde noch viel schlimmer hingestellt, als sie bis jetzt annahmen. Wo möglich noch trauriger, als sie in die Stadt gekommen, entfernten sie sich wieder nach kurzem Aufenthalt, um nach dem Chodenschlosse zu fahren und an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen. »Er wird si' dennast nix antho' hab'n?« sprach die Großmutter besorgt. »Unser Herrgott wird dös nöt zualassen. I bau fest auf eam!« »I bau auf gar nix mehr,« entgegnete der Bauer verzagt; »an' abbrochene Kirzen wird nimmer ganz.« »Glaubst an koana Wunderthaten?« fragte die alte Frau. »I verhoff, daß 's dennast besser ausgeht, als 's 'n Anschein hat. Verlob di zur an' guaten Werk; wer woaß's, wie's hilft.« »Ja, dös will i!« erwiderte rasch der Bauer; »a guats 105 Werk will i ausführn – will an' Unglücklichen helfen, und woaßt, wem? 'n Hansgirglbuam von Großoagen, dem arma Bürschl, helf i. I hon sein Vater beim Holzhandel aa knapp g'halten. Dafür schenk i sein' Buam an' Fünfhunderter, daß er wieder 's Hampern anfanga kann. Und grad fallt's mir ein, der Bursch is ja z'weg'n der Sach in falschen Verdacht gwen und aa gfanga gnumma worn. Dafür soll er a Pflaster kriegn, moanst nöd, Ahnl? Was sagst?« »Amen sag i. Ja, ja, dös is a guat's Werk.« Schweigend legten sie den weiteren Weg zurück. Nachdem sie im Einkehrhause in Trhanow das Fuhrwerk untergebracht, begaben sie sich zur Wohnung des Schloßbauern. Hančička sah die Ankommenden vom Fenster aus und eilte ihnen sofort entgegen, um sie in die Stube zu geleiten, wo dieselben auch von Frau Soukup in herzlicher Weise begrüßt wurden. Die Veränderung, welche in dem ganzen Wesen des Mädchens seit gestern morgen vorgegangen, fiel selbst den nur mit ihrem Jammer beschäftigten Waldbauernleuten auf. Eine für ihr jugendliches Alter seltene Entschiedenheit machte sich in ihren Reden und ihrem Thun bemerkbar und spiegelte sich in ihrem Gesichte wieder. Sie gestand jetzt, was sie der Mutter bereits gestern anvertraut, auch Franzens Verwandten unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein, daß sie es gewesen, welche den Burschen befreit habe, an dessen Unschuld sie nicht den geringsten Zweifel hege. Durch den gestern abends zurückgekehrten Quistorenhansl habe sich die Sache insoweit aufgeklärt, daß Franz den Schloßbauer mit ersterem in der Dunkelheit verwechselt haben müsse. Wie aber der Vater den Hieb auf den Kopf bekommen, sei unbegreiflich, 106 da Franz keine schneidige Waffe, sondern nur seinen Haselnußstock zur Abwehr gebraucht habe. Der von Hančička herbeigerufene Quistorenhansl bestätigte das Gesagte und teilte den Anwesenden mit, daß er es bereits herausgebracht, daß die Wunde Soukups von der Hacke seines eigenen Stockes herrühren müsse. Diese Nachricht war wie Balsam auf eine Wunde für den Waldbauern und seine Begleiterin. Sie atmeten erleichtert auf; zum ersten Male am heutigen Tage fühlte der Waldbauer, als der Quistorenhansl eine Prise Schmalzler nahm, auch das Verlangen nach einer solchen, und er sagte zu ihm: »Ge, laß mi aa schnupfen!« Der Quistorenhansl reichte ihm bereitwilligst sein Brisilglas und mit unendlichem Wohlbehagen nahm er das bis jetzt verabsäumte Labsal für seine Nase. Es war, als ob auf diese Weise auch sein Gehirn wieder neu gestärkt und sein Verstand geschärft würde, denn er sprach mit weiser Miene: »Ja, da bleibt nix übrig, als daß si' der Bua selm stellt und 'n Quistorenhansl als Zeugen ruaft.« »Freili!« sagte Hans. »Sie wern uns zwar strafen wegen Hazardspiel, aber das macht nix.« »Dös schad't Enk alle zwoa nöd,« versetzte die Großmutter. »Aber wo wird der Franzl sein?« Frau Soukup beruhigte sie durch die Versicherung, daß sie gewiß bei ihrer Rückkehr daheim Nachrichten von Franz vorfinden würden. »Deandl,« sagte der Bauer, Hančičkas Hände ergreifend, »du hast di ja um mein' Franzl ang'numma, grad wie sei' Schutzengel. Hundert Jahr, wenn er alt wird, 107 kann er dir nöd danken gnua. Und i und sei' Großmuaderl sag'n dir halt aa Vergelts Gott tausend Mal.« Hančička lächelte und errötete. »Nur nichts verraten,« bat sie, »sonst werd' ich auch eing'sperrt, weil ich zur Flucht verholfen.« »Mirk dir's,« sagte die alte Frau zu ihrem Schwiegersohn, »daß 's di nöd verplauscht, wenn 's d' wieder amal an' Tampes hast.« »Beilei! Beilei!« wehrte der Bauer ab. »Aber i gelob's, daß i nimmer über d' Zeit hocken bleib im Wirtshaus, so lang die Sach nöd aus und gar is. Da hast mei' Hand drauf, Deandl.« Der Quistorenhansl, der sich inzwischen zum Schloßbauer begeben und ihn von dem Besuche unterrichtet hatte, meldete jetzt, daß Soukup bereit sei, den Waldbauern zu empfangen, daß er sich in ganz ruhiger Stimmung befände und nur wünsche, daß die Begrüßung nicht zu lange währe. Soukup reichte dem Besuchenden die Hand und meinte: »Dumm is's gangen. Die Sach wird si wieder richten lassen. I bin aufklärt.« »Und i aa,« entgegnete der Waldbauer. »Wer woaß 's, zu was dei' Loch im Kopf no' guat is.« Er gab mit diesen Worten einem Gedanken Ausdruck, der ihm soeben durch den Kopf geschossen war. Er dachte an Franz und Hančička. »Moanst, a Loch im Kopf könnt' auch zu was gut sein?« fragte lächelnd Soukup. »Laß 's ma's erst heil wern, nacha reden ma weiter.« »I versteh di nöt; i bin halt a Böhm,« meinte Soukup. »Dös, was i vermoan, macht auf böhmisch und deutsch 108 koan Schiedunter. Für heunt pfüat di Gott. Und wenn's d' an mein Franzl denkst, so denk nöd schlecht von eam. Sei staad; i woaß eh, was d' sag'n willst. Und also no'mal, pfüat di Gott. I wünsch dir a guat's Besserwern.« »Ja, das hat schon manchem g'holfen,« versetzte Soukup lächelnd, und gab dem Waldbauern die Hand zum Abschied. Während der Waldbauer sich anschickte, sich auch von Frau Soukup und ihrem Töchterlein zu verabschieden, trat der Hansgirgl Aloys von Großoagen in die Stube. Er wurde von der Schloßbäurin freundlich begrüßt. »Di schickt unser Herrgott zur rechten Zeit,« meinte der Waldhofbauer. Aloys war in sichtlicher Verlegenheit. Er blickte fragend von einem zum andern. »I hon's heut g'lobt, daß i a guats Werk thuan will,« sagte der Waldbauer erklärend; »da hon i an di denkt, weil 's d' unrechter Weis' für mein Buam leiden hast müassen. Ahnl, thua die Papier außa aus dein Zeger – so, – da schaug her, da kriegst an' Fünfhunderter. Laß 'n als Anfang von deine Ersparnis gelten, und unser Herrgott vermehr dir's hundertmal.« Aloys wußte vor Ueberraschung kaum, was er sagen sollte. Frau Soukup nahm für ihn das Geld in Empfang und versprach, es ihm aufzubewahren. »Und jetzt roas'n ma!« sagte der Waldbauer zu seiner Schwiegermutter. »Möcht dennast a Botschaft vom Franzl dahoam sein!« »Da kann Enk i Auskunft geb'n,« versetzte Aloys. »Enkan Buam find'ts draus in Furth am Amtsg'richt. Er hat si selm g'stellt; i woaß 's g'wiß.« 109 »No' schau,« antwortete der Waldbauer, »mit dera Nachricht hast mir schon an' Teil Danks abtrag'n fürs Gschenk. Weil i nur woaß, wo er is! Ahnl, kimm; i fahr di hoam und kutschier' nacha glei eini auf Furth. B'hüat Enk Gott alle mitanand,« wendete er sich zu den übrigen Anwesenden, »und dir, liab's Deandl,« sagte er zu Hančička, »vergelts Gott für alles.« Die Großmutter aber tunkte die Fingerspitzen in das zinnerne Weihwasserkesselchen neben der Thüre und besprengte mit dem geweihten Naß segnend die Stirne des jungen Mädchens. Der Quistorenhansl, der bei dem Fuhrwerke des Waldbauern vor dem Hause stand, versprach diesem, morgen nach Furth zu kommen und am dortigen Gerichte das Seinige zu Franzens Befreiung beizutragen. Unter gegenseitigem Gruße fuhren die Waldhofbauernleute von dannen. Aloys blickte ihnen beschämt nach. Er wußte ja nicht, daß Franzens That nahezu eine erklärende Lösung gefunden, und in seiner Bitterkeit gegen alle Welt nahm er an, das Geld, und nur immer wieder das Geld sei der Anlaß zu aller Ungerechtigkeit in der Welt. Daß er aber heute morgens daran war, den Verräter zu machen, ärgerte ihn noch am meisten. Aus seinen Gedanken störte ihn der Quistorenhansl mit den Worten: »I werd' dich einweisen in dein' Dienst, 's giebt Arbeit über Arbeit; wenn dir die nüd z'wider is, wird's dir g'falln bei uns. Also Glück auf im Böhmerland!« 110 XIII. Der Waldhofbauer war, nachdem er die Ahnl nach Hause gebracht, eiligst nach Furth gefahren, wo er durch den Gerichtsbeamten erfuhr, daß eine Untersuchung auf freiem Fuße selbst gegen Kaution nicht geführt werden dürfe, und Franz in Haft bleiben müsse, bis die Zeugen vernommen und darüber an höherer Stelle berichtet worden. Doch tröstete der Beamte den Bauern mit der Aussicht, daß der Fall wahrscheinlich als ganz unbeabsichtigte Körperverletzung angesehen werde und die Möglichkeit vorliege, daß die Untersuchung bald eingestellt und der Gefangene in Freiheit gesetzt werde. Er gestattete dem betrübten Manne auch, in Begleitung eines Aufsehers bei dem Sohne einen kurzen Besuch machen zu dürfen, was sofort von dem Waldbauern ausgeführt wurde. »Franzl! Ja was waar dös?« rief er ihn an, sobald er seiner ansichtig ward. »Grüß di Gott, Vater,« antwortete der Sohn. »Gel, da schaugst – eing'sperrt als a Räuber! Aber i verhoff, du woaßt, wie's d' mit mir dran bist?« »No', was denn! I woaß eh alles. Von der Dummheit schwaatz ma gar nöd. D' Hančička hat mir schon alles erzählt.« »So bist bei ihr gwen?« »Grad kimm i her davon. Sie lassen di schö' grüaßen 111 allezam, d' Ahnl aa. Du sollst dem' Kuraschi nöd sinka lassen, hat's g'sagt. Sie bet scho' für di, und kurzum, wir alle stehnga hinter dir.« »Wie geht's 'n Soukup?« »Es geht eam nöd schlechtinger. Und denk dir nur, der Quistorenhansl hat's außastudiert, daß 'n Bauern sei' Wunden von der kloan Hacken an sein' Stock herkimmt. No', schö' dumm muaß's zuaganga sein! Also, nenn' 'n G'richt deine Zeugen und nacha wird's scho' recht wern. I sorg scho' dafür, daß ins Blattl glei die richtige Wahret kimmt. Abgehn brauchst dir nix z' lassen. Und somit Gott befohlen, mei' liaba Bua. I schau mi scho' recht oft um um di. Und wenn's d' wieder frei bist, fahr'n ma eini nach Chodenschloß. Aha – warum wirst denn so rötli im G'sicht? Kann mir's schon denken. Ja, ja – schnupf ma amal zum Abschied.« Franz aber dankte; doch drückte er dem Vater die Hand. »Grüß ma d' Ahnl!« sagte er. »Und daß fein d' Knecht recht auf d' Roß acht hab'n, bsunders auf die braun' Stuatn.« »Sei unb'sorgt,« sprach der Alte, »und also b'hüt di Gott!« Beiden, Vater und Sohn, gewährte die kurze Unterredung eine Erleichterung. Während der Gefangene an seine Verteidigung und wohl nebenbei auch an Hančička dachte, sorgte der Bauer dafür, daß im Further Zeitungsblatt die Aufsehen erregende Nachricht gleich in richtiger Fassung gebracht werde. Selbstverständlich ward ihm von allen Bekannten die aufrichtigste Teilnahme ausgedrückt, denn der Waldhofbauer war eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Er hielt es auch für nötig, von einem Wirtshause ins andere zu gehen, um den üblen Gerüchten die Spitze abzubrechen und Stimmung für seinen Sohn zu machen. Bald wäre er seinem Versprechen, das er heute morgen Hančička gegeben, untreu geworden. Rechtzeitig erinnerte ihn der 113 Knecht, der ihn hergefahren, von der Ahnl hierzu ermächtigt, noch daran. »Saxendi!« rief der Bauer, »d' Ahnl hat recht! I bin scho' an der Schneid – koan Tropfen will i mehr awilassen. Knecht, trink aus und spann ein; Zeit is's zum Hoamkömma.« – Die folgenden Tage gingen nun freilich zwischen Hangen und Bangen dahin, sowohl am Waldbauernhofe, wie im Chodenschlosse. Hančička wurde nicht müde, dem Vater immer aufs neue wieder von der gastfreundlichen Aufnahme in Bayerisch-Prennet und von dem männlichen Schutze, den ihr Franz damals angedeihen ließ, zu erzählen, so daß Soukups bisherige Erbitterung auf seinen Gegner nach und nach ganz verschwand und er nun selbst anfing, das unglückliche Mißverständnis seinem voreiligen Dreinschlagen zuzuschreiben. Der alte Jirka fand sich täglich mehrere Male bei dem Kranken ein und verordnete seine Kräutersäfte, von welchen es besonders der von dem Quacksalber »Adalbertslikör« genannte Trank war, der Soukup außerordentlich zusagte und auf welchen Jirka seine größte Hoffnung setzte. Letzterer bereitete dieses Heilmittel mit dem wunderthätigen Wasser aus dem etwa zwei Stunden entfernten St. Adalbertsbrunn in Milawetsch, welches demselben auch seinen Namen gab. Infolge zu reichlichen Gebrauches war dem Quacksalber dieses kostbare Wasser ausgegangen, und Hančička erbot sich, solches wieder von dem heiligen Orte zu holen. Der Quistorenhansl, der noch immer das Regiment auf dem Hofe führte, beorderte den jüngst eingestandenen Knecht Aloys, von dem er wußte, daß er mit Pferden gut 114 umzugehen verstand, das Mädchen nach dem vielbesuchten Wallfahrtsorte zu fahren. Aloys hatte sich in seinen neuen Dienst rasch hineingefunden. Die Stockböhmen, welche kein deutsches Wort verstehen, waren zwar anfangs mißtrauisch gegen den jungen Burschen, indessen wußte sich dieser durch sein freundliches und gefälliges Wesen allenthalben einzuschmeicheln. Er richtete auch jetzt Wagen und Pferd aufs beste zusammen, um Hančička nach dem gewünschten Orte zu fahren. Als er aber nach echt gemütlicher, bayerischer Wäldlersitte auf dem Sitze neben der Tochter seines Herrn Platz nehmen wollte, bedeutete ihm Frau Soukup, die nebenan stand, kurz: »Bitte, Kutscher gehört vorn.« So mußte er sich bequemen, seinen Sitz auf dem sogenannten Spritzleder einzunehmen. Es mißstimmte den vormaligen Bauernsohn einen Augenblick, so kurzweg als Knecht behandelt zu werden, indessen suchte er es bald nach der Abfahrt zu vergessen, indem er sich bemühte, Hančička nach Kräften zu unterhalten. Das Gesprächsthema war nicht schwer zu finden; was lag näher, als über jene Angelegenheit zu sprechen, die ja die ganze Gegend in Aufregung gebracht. »Wie moanst du, daß die G'schicht mit dem Waldbauern Kunten ausgeht? No', schaden thuat's eam grad nöd, wenn sei' Haumuat (Hochmut) an' kloan Deuter kriegt.« »Hochmut?« fragte Hančička; »den kennt Franz nicht. Aber – bei Gelegenheit – ich bin die Tochter des Chodenbauern und werde mit »Sie« angesprochen.« 115 Aloys war verblüfft über diese neue Zurechtweisung, dann entschuldigte er sich in etwas ungeschickter Weise. Im weiteren Verlaufe der Fahrt ward die Unterhaltung eine sehr spärliche. Erst als Aloys das Mädchen fragte, was die Wallfahrt von Milawetsch Wunderbares enthalte, wurde dieses wieder gesprächig und teilte ihm mit, was sie wußte. Als das Merkwürdigste führte Hančička an, daß in Milawetsch kein Gemeindehirt beim Austreiben und Weiden des Viehes, wie es sonst in der Gegend üblich, auf dem Horn bläst, aus Furcht, taub zu werden. Er begnügt sich, mit der Peitsche zu »schnalzen« und so den Hauswirten das Zeichen zum Loslassen und Austreiben des Viehes zu geben. Und das kam so. Einer Sage nach ruhte der heilige Adalbert, Bischof von Böhmen, bei seiner Rückkehr aus Rom im Jahre 996 bei Milawetsch (böhmisch Milaveč ) auf einem Rasen aus und schlief ein. Da kam ein mutwilliger Hirte und blies dem schlafenden Bischof recht derb ins Ohr. Zur Strafe dafür wurde der Hirte sofort taub. Zum Andenken hieran haben hierauf die Bewohner des Dorfes Milawetsch jedem ihrer Hirten das Blasen auf dem Horn streng verboten, was bis zum heutigen Tage befolgt wird. Einige Hirten, die absichtlich gegen dieses Gebot handelten, sollen ebenfalls der Strafe, taub zu werden, verfallen sein. Auf derselben Stelle aber, wo der heilige Adalbert geruht, ist eine klare, frische Quelle entsprungen. Die Quelle wurde zu einem ordentlichen Brunnen hergerichtet und mit einer Kapelle überwölbt und ihm der Name des heiligen Adalbert (böhmisch » Vojtěška «) gegeben. Diesem frischen, guten Wasser wird von den Wallfahrern, welche 116 aus der ganzen Umgegend in starken Prozessionen zu dem Gnadenorte zu kommen pflegen, eine besondere Heilkraft zugemutet, in welche auch der alte Jirka sein Vertrauen hatte. – In Milawetsch angekommen, begab sich Hančička sofort mit ihrem Kruge zur Kapelle des Adalbertbrunnens und von da zu der in Mitte des Dorfes sich befindenden Pfarrkirche, in der sie nach verrichtetem, kurzem Gebete die Freskomalereien an der Wand betrachtete, wo jene Szene, wie der boshafte Hirte dem heiligen Bischof ins Ohr bläst, bildlich dargestellt ist. Vor Zeiten bestand bei diesem St. Adalbertsbrunnen auch eine förmliche Heilanstalt. In historischer Beziehung ist von Interesse, daß hier im Jahre 1467 die deutschen Kreuzfahrer durch den böhmischen König Georg von Podebrad eine blutige Niederlage erlitten. Als Hančička nach dem Einkehrhause zurückkehrte, in welchem das Fuhrwerk eingestellt worden, war Aloys nicht zugegen. Dafür wartete ihrer der Quistorenhansl. Als nämlich der Schloßbauer erfahren, daß Hans dem jungen Burschen sein Kind anvertraut, den man nicht genauer kenne, machte er ihm darüber Vorwürfe, so daß Hans, dem das Mißtrauen seines Herrn einleuchtete, sich sofort entschloß, eiligst nach Milawetsch zu folgen. Aloys hatte bei der Ankunft dortselbst das Pferd dem Hausknecht übergeben und sich nicht weiter um dasselbe gekümmert. Schon bei der Einfahrt ins Dorf hatte er einen der Schmuggler erblickt, denen er damals geholfen, als er nach dem böhmischen Brunnen versprengt wurde. Er sah denselben in eine Weinkneipe nahe des Einkehrhauses eintreten und zog es vor, bis Hančička 117 aus der Kirche zurückkäme, dortselbst ebenfalls zuzusprechen. Es war eine niedere, düstere Stube, in welche er eintrat. Ein dichter Tabaksqualm erfüllte den kleinen Raum, in welchem sich nur wenige Tische befanden, von denen nur einer besetzt war, und zwar von den ihm wohlbekannten beiden Paschern. Der Wirt, in Hemdärmeln, roter Weste und brauner Zunderkappe, saß bei ihnen. Der Eintretende ward freudig begrüßt, aber, nachdem er Platz genommen und ein Seidel Wein bestellt, auch sofort zur ausschließlichen Zielscheibe ihrer zumeist derben Witze gemacht. Sie spöttelten darüber, daß er sich, ein ehemaliger Bauernsohn, zur Stellung eines Knechtes herabwürdige gegen schlechten Lohn, nachdem er als ihr Helfershelfer bei einem einzigen guten und gelungenen Zuge mehr verdienen könne, als so in einem ganzen Jahre. Dabei tranken sie ihm fortwährend zu, und Aloys trank sich in eine gewisse Aufregung hinein. Daß er hier nur der armselige Knecht sei und bleibe, das hatte er schon recht lebhaft empfinden müssen und den Schlemmern gelang es nicht unschwer, ihn zu sich auf eine abschüssige Bahn zu locken. Der eine der Pascher hielt ihm die Plage und den schlechten Verdienst eines Ehehalten vor und sang mit klangloser Stimme, nachdem er soeben sein Goulasch mit Appetit verzehrt, von der schlechten Kost der Dienstboten im Böhmerwalde, mit dem Endreim: »Koa' Bröckl Schmalz drauf, Koa' Bröckl Schmalz drein, So tunkt ma halt d' Rogganudl In d' Kraut Suri ein.« 118 Und den Lohn derselben bespöttelte er mit den Versen: »Die Kost, die habt's g'hört. Wie steht's mit'n Lohn? 's kriegt oana drei Gulden Und zwoa Gulden dron. (Darangeld, Dinggeld.) Zwoa Strümpf und zwoa Fäustling, Zwoa Pfoaden, zwoa Schuah, Is dös nöt als Lohn Für an' Bauernkned gnua? Kimmt nacha der Sunnta, So bringt ma 's Geldl ein, So hoaßt's drauf auf Liachtmeß Soll i schuldi no' sein. Dö Viere san schuld dran, I selba dakenn's, Da Spielmann und d' Kellnerin, Da Maßkrug und 's Mensch.« Gleichwie in den österreichischen Alpen wird auch im Böhmerwalde dieser Ausdruck ohne allen verächtlichen Nebenbegriff gebraucht für Mädchen, Liebchen. In Aloys erwachte die Erinnerung an die guten Tage in seinem Vaterhause, wo er Aussicht hatte, einst den Herrn spielen zu können, während er jetzt in der That, wie ihm die anderen vorschwatzten, nur ein Sklave war. Daß er seine Lage durch leichten Gewinn verbessern könne und müsse, leuchtete ihm bei jedem neuen Glase, das er leerte, mehr ein, um so mehr aber, als er seinen ledernen Geldbeutel hervorzog und kaum im stande war, die Zeche zu bezahlen. Aber von dieser Sorge befreiten ihn die andern, indem sie unter Aufmunterung zum Trinken erklärten, daß er ihr Gast sei. Es lag ihnen viel daran, den Burschen, der alle Wege und Stege an der Grenze kannte, besonders 119 aber im Bayerischen drüben, wo sie weniger ortskundig waren, für ihre Unternehmungen zu gewinnen und ihn zu bewegen, so rasch als möglich seinen Dienst beim Schloßbauern wieder aufzugeben. Aloys war schon daran, sein Einverständnis zu erklären, als der Quistorenhansl in die Stube trat und ihn ein paar Mal über den Rücken schlagend, rief: »Verfluchter Bursch, ist das Manier, Herrschaft warten zu lassen, Pferd vernachlässigen und hier mit solchen Lumpenkerl beisammensitzen?« Aloys war aufs höchste beschämt. Im ersten Augenblicke sprang er auf und machte Miene, den Quistorenhansl anzupacken, aber der Wirt, ein stämmiger Mann, riß ihn zurück mit den Worten: »Er hat recht. Einem nachlässigen Knecht gehören Schläg, viel Schläg. Schlag nur zu, Hansl, schad't nix dem Bürschl.« Aloys wollte sich in Schimpfereien über die czechische Flegelei ergehen, da kam er aber schlimm weg. Der Wirt packte ihn an der Schulter und warf ihn zur Thüre hinaus. Schallendes Gelächter der vorigen Zechgenossen begleitete diese Prozedur. Mit etwas unsicheren Schritten eilte nun Aloys zum Einkehrhause, vor welchem Hančička und der Hausknecht mit dem angespannten Wagen seiner harrten. Aber ihm nach kam der Quistorenhansl, der ihm bedeutete, daß er selbst den Wagen lenken werde, da man die Tochter des Herrn Soukup keinem Betrunkenen anvertraue. Aloys solle ihnen nur zu Fuße folgen. »Da geh i lieber ganz fort,« sagte er trotzig. »Wär' nicht schad,« meinte der Quistorenhansl. »Aber der Schloßbauernhof ist kein Taubenschlag; kannst 120 aufkünden Michaeli, ausstehen Lichtmeß. Werden dir's schon zeigen, nachlässiger Bursch!« Diese Zurechtweisung vor Hančička machte Aloys schnell wieder nüchtern. Er sah sein Unrecht ein und bat, Hans möchte ihm heute sein Vergehen nachsehen; so etwas käme nicht wieder vor. Auch Hančička legte nun ein gutes Wort für ihn ein, aber der Böhme sagte: »Lern erst treu sein; so lang das nicht bewiesen, verdienst du kein Vertrauen mehr.« Er bat dann das Mädchen, aufzusitzen, und fuhr in rascher Gangart mit ihr von dannen. Der Hausknecht lachte Aloys, der sprachlos dem Wagen nachstarrte, weidlich aus und meinte in gebrochenem Deutsch: »Das sein Böhmerart! Schläg oder Ehr – Mittelding giebt's nicht.« Aloys hatte nicht lange die Wahl. Es wäre für ihn zu demütigend gewesen, zu den Paschern zurückzukehren, die ihn so rücksichtslos ausgelacht, als er hinausgeworfen wurde. Dagegen klang ihm Hančičkas teilnehmende Fürbitte besänftigend in den Ohren. Er hoffte, sie würde ihn auch bei den Eltern in Schutz nehmen, und da ihm keine andere Wahl blieb, als seinen Dienst weiter zu versehen, so schritt er eiligst die Landstraße dahin, dem Chodenschlosse zu. Es drängte ihn ein unbestimmtes Etwas, der bösen Versuchung der Pascher zu widerstehen, zu seiner Dienstherrschaft zurückzukehren, selbst auf die Gewißheit hin, daß er dort wieder Schmach und Schande ausgesetzt sein würde. Durch seine feige Flucht hätte er ja im ganzen Grenzgebiete als ein nachlässiger und schlechter Mensch gegolten, dem künftig jeder weitere Eintritt in einen Dienst erschwert 121 gewesen, es wäre ihm damit auch eine, freilich bislang nur schwache Hoffnung versiegt, die in den Feierstunden sein liebstes Denken bildete. Die Hauptstrafe für seinen Leichtsinn war wohl die Angst, mit der er sich dem Chodenschlosse näherte, doch dort wurde von seiten des Quistorenhansls auf dringendes Bitten Hančičkas ein Gnadenakt ausgeübt und der Chodenbauer von dem Vorfalle gar nicht in Kenntnis gesetzt. Nur Frau Soukup erfuhr davon. Sie konnte aber dem Burschen nicht ernstlich böse sein, weil sie sich noch zu lebhaft der Ungerechtigkeit erinnerte, welche er in ihrem Hause erduldet. Außerdem sah sie in ihm einen armen, vom Unglück Verfolgten, der vom Schicksal ohnedem genug geschlagen sei. Zu ihm selbst aber sagte sie, als er sich ihr sichtlich verlegen nahte: »Aloys, in Milawetsch muß man Wasser trinken, das ist heilsam und – man bleibt dabei nüchtern. Nüchtern sein, das ist die erste Regel für den Kutscher. Merk dir's, Aloys!« Und als ihr dieser für die gnädige Strafe danken wollte, unterbrach sie ihn mit den Worten: »Die Sache ist begraben; es liegt an dir, daß wir die Alten bleiben.« »Und bei der Hančička kannst di bedanken, daß der Herr nix erfahren,« setzte der Quistorenhansl hinzu. Hančička! Das Wort klang ihm wie Musik in den Ohren. Rasch entgegnete der Bursche daher: »I müaßt a Schuft sein, wenn i Enk nöd dankbarli wär. Oes sollt's Enk nöd in mir täuschen, g'wiß nöd. Auf Ehr und Seligkeit!« 122 XIV. Die sorgsam gesammelten gerichtlichen Erhebungen ergaben für Franz das erfreuliche Resultat, daß die Untersuchung gegen ihn eingestellt, und er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Diese Freiheit sollte aber alsbald wieder, allerdings in anderer Weise, ihr Ende nehmen. Franz wurde konskribiert und der schweren Reiterei in München zugeteilt. Da war nun freilich neuer Jammer auf dem Waldbauernhofe. Der Bauer schimpfte über die neue Einrichtung, daß man sich nicht mehr, wie früher, um einige hundert Mark einen Ersatzmann kaufen könne. Freilich hatte ihn selbst seiner Zeit das gleiche Los getroffen, denn damals war Krieg in Aussicht gewesen, und der Preis für den Einstandsmann kaum mehr zu erschwingen; sein Vater war auch gar nicht in der Lage, solch ein großes Opfer zu bringen, denn der Waldbesitz, den die Neuzeit erst in die Höhe brachte, hatte zu jener Zeit noch wenig Wert. So tröstete er auch den Sohn, so viel er es vermochte, mit dem Hinweise auf seine eigenen, dem Vaterlande geleisteten Dienste, denn wie er sich getreulich notiert, war er innerhalb seiner zwei Jahre Dienstzeit gerade 1500 Stunden Posten gestanden, indem ihn jeden dritten oder vierten Tag dieser Dienst getroffen hatte. »Und dazua g'hört nüd weni!« meinte er. »Hätt' 123 i nöd alleweil an mei' zuakünftige Hochzeiterin, woaßt, an dei' Muatta, Gott tröst's! denkt, i glaub, i wär nöd so g'scheit blieb'n, als i, Gott sei Dank, bin. No', und du wirst aa scho' die richtigen Gedanken Audienz geben – i moan schon. Aber daß d' koan Offenzier übersiehgst, oder gar d' Jour – mit dene is nöd guat Kerschen essen, und drin bist im Loch, eh's d' es vermoanst.« So tröstete und plauderte der alte Waldhofbauer und schnupfte dabei in, wie es schien, froher Erinnerung an sein so »schildwachreiches« Militärleben. Franz selbst machte sich aus seiner Einberufung nicht viel. Bei seiner großen Vorliebe für Pferde mußte der Dienst bei der Reiterei nur von Nutzen für ihn sein, wo er die Behandlung des Pferdes und das Reiten gründlich erlernen konnte. Was die Gedanken betraf, auf welche der Vater anspielte, so brauchte er dazu nicht erst Posten zu stehen, er hing diesen schon jetzt mit möglichstem Eifer nach. Noch immer betrachtete er Hančička als ein Kind, wenn sie auch körperlich und geistig ihren Jahren erheblich vorausgeeilt war, doch, meinte er, sie würde ja alle Tage älter, und wenn seine Militärzeit vorüber, würde es sich ja entscheiden, ob sie auch an ihm Gefallen fände. Die schlimme Behandlung, welche er von seiten des Chodenbauern erfahren, war ihm in zu lebhafter Erinnerung, als daß er sich hätte entschließen können, in Chodenschloß, wenigstens vorderhand, einen Besuch zu machen, so gern das der Vater auch gesehen hätte. Es sollte sich aber doch eine Gelegenheit ergeben, daß sich die beiden jungen Leute nochmals sahen. Am Michaelitag war »Kirta« in dem nahen, hart an der Grenze 124 gelegenen, böhmischen Städtchen Neumark, und hier fand zugleich das alle drei Jahre sich wiederholende Fischen des etwa 32 Joch messenden, gräflich Stadionschen Teiches statt. Zu beiden Gelegenheiten strömen von nah und fern die Landleute, namentlich holen sich die bayerischen Hausfrauen auf dem Markte ihren Bedarf an Geschirr, welches hier in vorzüglicher Güte fabriziert wird. Auf den durchwegs vorzüglichen Straßen mit den prächtigen Alleen aus edlen Obstbäumen, die über und über von Früchten strotzten, kamen zu Wagen und zu Fuß die Leute heran, und das inmitten fruchtbarer Aecker und anmutiger Wiesengelände längs des Weihers hingebaute, freundlich gelegene Städtchen, war heute von Menschen geradezu überfüllt. In das Gesumme der Stimmen mischten sich die Töne der Mund- und Zugharmonikas, sowie des Röhrlpfeiferls, deren sich die Burschen sehr gerne zu ihren nächtlichen Serenaden unter dem Fenster ihrer Auserkorenen, oder auch in Ermangelung einer andern, zur Tanzmusik bedienen. Heute aber wird der Schatz zu einer der Lebzelterbuden geführt und vom Burschen mit einem buntbemalten, mit Blumen und Sprüchen verzierten, zuckernen Herzen oder mit anderen in den verschiedensten Formen feilgebotenen Süßigkeiten beschenkt. Das Gegengeschenk des Mädchens bildet ein aus Flittergold und künstlichen Nelken gebundenes Sträußchen, das der Bua als Schmuck für den Hut erhält. Heute war aber nicht nur der Marktplatz gedrängt voll Menschen, sondern auch die Ufer des bis zum Fuße des »Tannaberges« sich erstreckenden Weihers umstanden viele Hunderte, um dem höchst interessanten Schauspiele des Fischfanges zuzusehen. Arme Leute waren zu hunderten 125 mit Körben und allen möglichen Gefäßen zur Stelle, um, sobald das eigentliche Fischen zu Ende, auf ein gegebenes Zeichen des Gutsherrn das Nachfischen zu beginnen. Die Ernte an prächtigen, sogenannten »böhmischen« Karpfen ist meist eine großartige und von allen, auch den entferntesten Gegenden, erscheinen Händler, um die beliebte Ware in großen, weiten Kufen weiter zu verfrachten. Die Gutsherrschaft selbst mit ihren geladenen Gästen sieht dem Schauspiele von einem eigens hierzu hergerichteten Platze aus zu und freut sich mit dem Volke der Lustbarkeit, welche der reichliche Fang mit sich bringt. Soukup machte heute hierher seine erste, weitere Ausfahrt, da er von dem Meier des gräflichen Meierhofes, wie immer bei dieser Gelegenheit, mit seiner Familie eingeladen wurde, an diesem kleinen Volksfeste teilzunehmen. Der Quistorenhansl kutschierte und that sich nicht wenig darauf zu gute, daß er ein so hübsches Fuhrwerk lenken durfte. Aber auch Franz hatte sich mit seinem Vater in einem flotten Einspännerwagen auf die Fahrt gemacht, und so fügte es sich, daß beide Parteien in Maxberg, wo der Chodenbauer etwas anhalten ließ und ins Gasthaus gegangen war, um sich durch einen kleinen Imbiß zur Weiterfahrt zu stärken, zusammentrafen. Die beiden jungen Leute waren sichtlich aufs freudigste überrascht. Franz vergaß ganz, Hančičkas Hand, die ihm diese zum Gruße gereicht hatte, wieder auszulassen, bis der Vater sagte: »Ge zua, Neidkragen, laß mir dös Patscherl aa r an' Augenblick.« 126 Nun fand er erst Zeit, auch Frau Soukup zu begrüßen. Aber kaum hatte sich der alte Waldhofbauer zu dieser gewendet, stand Franz wieder neben dem Mädchen. »So lang, so lang hast nichts hören lassen,« meinte dieses. »I trau mir halt no' nöt eini zu Enk,« sagte Franz; »woaßt, wegen dein' Vater.« »Von dem hast du nichts zu fürchten.« »Fürchten? Na', um dös is's nöd. In deiner Näh verlernt si dös.« »Ich hab' schon recht viel ausg'standen um dich,« bekannte das Mädchen; »aber daß nur alles so gut hinausgangen und du wieder zu Haus bist, da bin ich schon recht froh.« »Ja mei', dös z' Haus sein dauert nimmer lang,« entgegnete Franz. »Warum?« fragte Hančička erschrocken. »Du wirst doch nicht nochmal eing'sperrt?« »Ja, und na'. Der Küni von Bayern braucht mi; zum Militär muaß i, auf Münka auffi zu der Kavallerie.« »Schon bald?« fragte Hančička sichtlich bestürzt. »In drei Tag.« »Warum bist denn so erschrocken?« fragte Frau Soukup ihre Tochter. »Ach denk nur, Mutter, Franzl muß Kavalier werden bei König von München.« »Grad hat mir's sein Vater erzählt,« versetzte die Frau. »Aber das trifft ja alle jungen Männer, die tauglich sind.« »Ja, ja, taugli is mei' Franzl,« meinte der Waldhofbauer mit einem gewissen Stolze. »G'wachsen is er 127 ja grad wie r a Kirzen, und sein Mann wird er aa machen. Da wern si d' Franzosen b'sinna, wieder amal anz'fanga. Wir Waldler san koane Guaten.« »Dös hab' i g'spürt!« ließ sich jetzt eine Stimme vernehmen. Es war der Schloßbauer, der lachend dem jungen Burschen die Hand zum Gruße reichte. »Seid's mir nimmer bös?« fragte dieser den Chodenbauer. »Ei was!« entgegnete dieser. »Ich b'halt mein' Denkzettel, weiter reden wir nimmer davon. Hoffentlich sehn wir uns nochmal in Neumark beim Weiherfischen. Jetzt aber heißt's: aufsitzen.« Man verabschiedete sich. Der Chodenbauer fuhr voraus. Der Waldhofbauer folgte mit seinem Fuhrwerk in kurzer Entfernung. Franz sah fleißig nach dem Mädchen, das gleichfalls oft nach ihm zurückblickte, was den Waldhofbauern zu der Bemerkung veranlaßte: »Dös arm' Hascherl draaht si dennast no' 'n Hals um z'wegen dir.« »'s hat koa' G'fahr,« gab Franz lachend zurück, und der Alte lachte mit ihm. In Neumark angekommen, fuhr der Chodenbauer dem Meierhofe zu, der Waldbauer aber stellte im Einkehrhause ein, wo er nur mit Not noch Unterstand für sein Pferd erhielt. Dann aber war der Alte vor allem darum besorgt, daß er nicht verschmachte, denn er behauptete, Durst zu haben »wie ein Fisch«. Franz aber begab sich zu den Marktständen, welche die lange, breite Straße des Städtchens anfüllten. Es waren zumeist Lebzelter, Spielwarenhändler und Schuhmacher, die da feilhielten; zur Seite 128 hatten die »Holzpizler« (Holzschneider) aus dem Böhmerwalde ihre landwirtschaftlichen Gerätschaften, und auf kleinen Tischen verkauften Weiber das schöne böhmische Weißbrot. Aus Wagen und Körben wurde das prächtige böhmische Obst, namentlich Zwetschgen, verkauft, oder vielmehr nahezu verschenkt, denn man kaufte da nicht pfund- oder stückweise, sondern die Kappe voll kostete einen oder zwei Neukreuzer. Die ganze übrige lange Straße nahm aber das Töpfergeschirr ein, das hier eine Spezialität bildet. Auf dem Markte herrschte ein Lärmen, ein Schreien und Musizieren, daß man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Franz suchte bei einem Lebzelter ein für Hančička passendes Geschenk aus. Es war ein mit buntem Papier umwickelter feiner Lebkuchen, auf dessen Oberseite das Bild des heiligen Schutzengels angebracht war. Auch für Frau Soukup wählte er ein mit einem Heiligenbilde verziertes Stück. Er bezahlte soeben, als er an demselben Stande Aloys erblickte, der nach einem großen roten Herzen suchte. Fast zu gleicher Zeit begegneten sich beider Augen. Aloys schien im ersten Augenblick etwas verlegen, dann aber blickte er Franz fest und beinahe herausfordernd ins Gesicht. Franz war es unbekannt geblieben, daß der Bursche nun wirklich im Dienste des Chodenbauern stand. Er kümmerte sich deshalb auch nicht weiter um ihn. Erst als Aloys den Krämer fragte, ob unter den mit Bildern geschmückten Süßigkeiten nicht »eine heilige Anna« (Hančička) zu finden sei, ward seine Aufmerksamkeit rege, und seine Wangen färbten sich mit flüchtigem Rot. Aber er ließ sich dadurch seine gute Laune nicht verderben. 129 »Weiß der Himmel, wem das mit Mandeln gespickte Herz zugedacht ist,« dachte er und ging seiner Wege, die ihn an den Stand eines Silberarbeiters brachten, wo er ein goldenes Ringlein mit echten Steinen aussuchte, welche in ihren Farben »Glaube, Liebe und Hoffnung« versinnbildlichten. Franz feilschte nicht um den Preis, im Gegenteile ließ er den Ring noch in ein hübsches Etui legen und ging dann, die Tochter des Chodenbauern aufzusuchen. Daß sie mit der Mutter den Markt ebenfalls besuche, hielt er für selbstverständlich. Doch bedurfte es einiger Zeit, bis er sie in dem Gedränge aufzufinden vermochte. Frau Soukup stand mit ihrer Tochter an dem Stande eines Seidenwarenhändlers und suchte soeben ein buntes Brusttuch aus. Hančička hielt in ihrem linken Arm ein riesiges, lebzelternes Herz, das Franz auf den ersten Blick als jenes erkannte, welches Aloys vorhin gekauft. Siedend heiß stieg es ihm auf, und er wollte sich eilig entfernen, als ihn das Mädchen erblickte. »Da ist ja Franzl!« rief sie in frohem Tone der Mutter zu. Nun mußte der junge Bauer stand halten. »Schau nur, das schöne Herz!« sagte sie und zeigte ihm dasselbe. »Von wem is's denn?« fragte Franz nur so leichthin. »Mein Gott, von dem armen Burschen, der so viel für dich ausgestanden, du weißt ja – der Aloys von Großoagen draus.« »Hättest nicht annehmen sollen,« sagte die Mutter; »ist mir gar nicht recht. Wenn wir kommen heim, werde ich 130 ihm geben einiges Geld dafür. Du darfst durchaus nichts mehr annehmen; weißt ja, daß es der Vater nicht will.« »Is denn der Bursch in Chodenschloß eing'standen?« fragte Franz, seine Erregung mit Gewalt unterdrückend. Frau Soukup bestätigte dies nicht nur, sondern lobte ihn auch als einen tüchtigen Arbeiter und erzählte, daß Aloys hergekommen, um die Karpfensetzlinge aus dem Neumarker Weiher nach dem Teiche in Chodenschloß zu verbringen. Hančička aber berichtete mit kindlichem Eifer, daß sie dem Burschen als Gegengeschenk für das schöne Herz eine Mundharmonika geben möchte, die derselbe ebenfalls zu blasen verstände, wenn auch nicht so gut, wie Franz ihr damals vormusiziert, als sie in seinem Hofe übernachtet hatte. Besonders aber hob sie den Eifer und die Sorgfalt des jungen Burschen hervor, mit welchen er die schönen Königshasen pflege, welche ihr Franz damals geschenkt. Der herzlich kindliche Ton, in welchem das Mädchen sprach, verscheuchte allmählich Franzens eifersüchtige Regung. Er schämte sich beinahe vor sich selbst und würde wahrscheinlich über sich selbst gelacht haben, wenn er sich nicht immer wieder der Szene am böhmischen Brunnen hätte erinnern müssen. »I möcht' dir zum Abschied schon a kloane Freud machen, wenn's d' Muatta erlaubt?« sagte er mit etwas unsicherer Stimme. Und als Frau Soukup nichts dawider hatte, fuhr er fort: »Aber nöt da herin im Gedräng.« Er schritt den beiden Frauen voraus und führte sie aus den Reihen der Marktstände hinaus auf einen ruhigeren 131 Platz. Hier zog er das Etui aus der Tasche und zeigte dem Mädchen den Ring. »Magst 'n als a kloans Andenken an den großen Dienst, den 's d' mir g'leist' hast, annehmen, so machst mir a große Freud damit,« sagte er. Hančička sah mit leuchtenden Augen auf den schönen Ring. Sie sah die Mutter bittend an, und als diese, mit dem Kopfe nickend, die Erlaubnis gab, steckte sie ihn voll Freude an den Finger. Sie dankte in herzlichen Worten dem Geber, der ihr und der Mutter nun auch die für sie bestimmten Lebkuchen überreichte. Das Gegengeschenk Hančičkas, ein prächtiger Hutschmuck in Gestalt des üblichen, mit Flittergold untermischten Blumensträußchens, ließ nicht lange auf sich warten. »I möcht aa r an' Buschen auf mein' Huat!« rief der Waldhofbauer, der soeben herzukam, um seinen Sohn zu dem beginnenden Fischfang zu holen. »Wer kauft mir denn an' Buschen?« »Ich!« erwiderte die Schloßbäuerin. »Gebt nur den Hut her – den schönsten sollt Ihr haben.« Und sie schmückte auch des Bauern Hut. »No', dös laß i mir g'fall'n!« rief dieser, ihn keck aufstülpend. »Vergelt's Gott! dös macht mi ja völli wieder jung. Aber jetzt schlaunts (eilt) enk, daß ma nöt z'spät zum Fischen kömma.« Und in heiterstem Gespräche eilten sie nebst vielen hundert anderen dem Teiche zu. 132 XV. Das Zeichen zum Beginn des Fischfanges ward gegeben. Die große Fläche des Sees enthielt nur mehr wenige Stellen mit Wasser, meist sah man nur Schlamm, aber es wimmelte überall von großen und kleinen Fischen. Ein Teil derselben wurde mittelst eines großen, langen Netzes gefangen, ein anderer mit großen Handnetzen, womit versehen, Hunderte von Fischern im Schlamme wateten. Allgemein war der Jubel über die reiche Ernte. Nach Hunderten von Zentnern wurden die prächtigen Spiegelkarpfen ans Land und in die bereitstehenden Wagen verbracht. Ebenso wurden die jungen Fische, welche in andere Weiher versetzt oder wieder ins Wasser zurückgeworfen werden sollten, in großen Massen ans Ufer gebracht. Das war ein Zappeln, ein Springen und Plätschern, daß man nicht satt wurde, dem interessanten Schauspiel zuzuschauen. Es war ein wahres Volksfest. Eine besondere Eigentümlichkeit aber bildet die Nachlese, welche den armen Leuten in der Kauther Herrschaft gestattet ist. Ein ganzes Heer von Männern, Weibern und Kindern harrt auf dem für sie bestimmten Platze auf das ersehnte Zeichen, welches ihnen Erlaubnis giebt, die Nachlese zu beginnen. Die Buben hatten ihre Hosen bis ans Ende der Schenkel hinauf gestülpt; Czechen und Deutschböhmen waren 133 bunt durcheinander gemengt. Fast alle trugen sie schmutziggraue Kleider aus ungebleichter Leinwand, denn zu dieser Arbeit zieht jeder das schlechteste an. Wenn sonst auch in der ganzen Umgebung die Beziehungen der Czechen und Deutschen zu einander die allerbesten waren, so fand gerade unter der ärmeren Klasse eine gewisse Spannung statt. Die Czechen dünkten sich berechtigter und sahen mit Mißgunst auf die deutsch sprechenden Landsleute. So war es unter dem harrenden Volke bereits zu kleinen Wortgefechten gekommen, und es drohte ein allgemeiner Streit und Kampf zu entstehen, als mit dem Rufe »Horschi!« ( Hoři ) das Zeichen zur Nachlese gegeben wurde. Nun war plötzlich aller politische Hader vergessen und nur mehr die Gewinnsucht oben auf. Unter lautem Geschrei stürzten Männer und Buben hinein in das schlammige Bett, einer suchte dem anderen zuvorzukommen, und es entstanden die possierlichsten Szenen. Sobald einer sein Gefäß mit Fischen gefüllt, trug er es den am Ufer harrenden Frauen zu, um dann eiligst wieder hinein zu waten in die schlammige Flut. Die Zuschauer lachten und waren vergnügt dabei. Plötzlich aber änderte sich die Sachlage. Der schon am Ufer angesponnene Streit begann im Teiche aufs neue. Die flinken, czechischen Buben mochten es besser verstehen, die größeren Fische einzufangen, als die deutschen, was ihnen diese neideten. Trotz der reichlichen Ernte erfaßte alle eine fieberhafte Habsucht, keiner gönnte dem andern seinen Gewinn. Es bedurfte keines wesentlichen Grundes, so brach der Streit von neuem los. Das Publikum hatte jetzt ein neues interessantes Schauspiel. Während die Weiber sich am Ufer befehdeten 134 und sofort handgreiflich wurden, balgten sich die Buben im Weiherschlamm herum, bewarfen sich gegenseitig mit Fischen und emporgerafftem Unrat, sodaß sie bald alle ein gräuliches Aussehen erhielten und einer Herde sich im Kote wälzender Schweine glichen. Die czechische und deutsche Jugend war im heftigsten Kampfe. Vergebens eilten ältere Männer herbei, um Ruhe 135 zu stiften, es gelang ihnen nicht. Ein paar Buben, welche kämpfend etwas von den andern abgekommen waren, zerrten sich an den Haaren hin und her, bis sie plötzlich beide im Schlamme versanken, und nichts mehr von ihnen zu sehen war. Das Gelächter der Zuschauer unterbrach ein allgemeiner Schreckensschrei, czechische und deutsche Hilferufe wurden laut, und beide Sprachen vermengten sich in einem Jammergeschrei der beiden Mütter der Versunkenen. Einige beherzte Männer suchten den Buben zu Hilfe zu kommen, aber noch ehe sie die Unglücksstelle erreichten, waren sie ebenfalls so weit eingesunken, daß sie ihre ganze Kraft aufwenden mußten, um sich wieder herauszuarbeiten. Die Buben gab man für verloren; sie mußten bereits erstickt sein. »Hundert Gulden Ehrenpreis dem, der die Rangen rettet!« hatte der Graf gerufen, und rasch ward es am Ufer entlang bekannt. Da warf ein Bursche Joppe und Stiefel von sich und eilte auf einem andern Wege, als den, welchen die meisten bis jetzt eingeschlagen, der verhängnisvollen Stelle zu. Es war Aloys, der schon oftmals beim Weiherfischen zugegen gewesen, auch sonst oft darauf herumgefahren war, sich einige Kenntnis der Untiefen zutraute und gereizt durch den hohen Preis es wagte, sein eigenes Leben in die Schanze zu schlagen. Er wußte zudem, daß er von der Familie Soukup beobachtet werde, daß die Tochter seines Brotherrn, die ihn heute schon durch Annahme seines Geschenkes geehrt, ihn bewundern würde, und daß sich Franz über seinen Triumph ärgern müsse. Kurz, es waren lauter persönliche Beweggründe, welche ihn zu dem gefährlichen 136 Wagnis antrieben. Die Hauptsache jedoch war, daß er die beiden Schlingel, die sich noch gegenseitig an den Haaren gefaßt hielten, zwar dem Tode nahe, aber doch noch lebend ans Tageslicht und mit Beihilfe anderer ans Ufer brachte. Ein brausendes Bravo schallte dem kühnen Retter von allen Seiten entgegen. Aller Streit war vergessen. Ein Deutscher hatte das Rettungswerk vollbracht, und die Czechen schrieen am lautesten: Bravo Deutscher! Bravo Deutscher!« Während man sich bemühte, den geretteten Buben den Schlamm aus Nase und Ohren zu waschen und dieselben wieder zu sich zu bringen, ward Aloys, der sich rasch Gesicht und Hände gereinigt, sonst aber die Spuren seiner That vollständig an sich trug, vor den Gutsherrn gerufen. Ueberall auf seinem Wege spendete man ihm lautes Lob. Dabei kam er auch an dem Platze vorüber, wo Soukup mit seiner Familie und die Waldbauerischen standen. Sie alle stimmten in die Beifallsbezeugungen der andern mit ein, bis auf Franz, der übrigens seinen Groll gegen den Burschen auf einige Augenblicke zurückdrängte und es nicht ungern hörte, daß man überall betonte, daß der wackere Retter ein Bayer sei. Soukup war mit Aloys zum Gutsherrn gegangen und stellte denselben als seinen Knecht vor. Der Graf belobte den jungen Menschen und ließ ihm sofort den versprochenen Preis auszahlen. Auch versprach er ihm einen neuen Anzug. Einstweilen aber wurde Aloys nach dem nahen Meierhof geführt, wo ihm der Meier von seinen eigenen Kleidern Passendes zur Verfügung stellte. Das Schauspiel am Teiche hatte ein rasches Ende genommen. Alles begab sich in das Städtchen zurück und 137 verteilte sich in den Einkehrhäusern, um das verspätete Mittagsmahl einzunehmen, das heute fast ausnahmslos in verschiedenartig zubereiteten Karpfen und anderen Fischspeisen bestand, worin die böhmische Küche so Vorzügliches zu leisten versteht. Als sich nach einiger Zeit der Waldhofbauer und sein Sohn bei dem Chodenbauer und seiner Familie verabschiedeten, bemerkte Franz ein Hutsträußchen in Frau Soukups Hand, dessen Bestimmung er leicht zu erraten vermeinte. Beinahe war er versucht, sie vor Aloys zu warnen, aber ein Blick auf das heute wieder so kindlich aussehende Mädchen ließ ihn vorerst schweigen. Mutter und Tochter wünschten Franz alles Glück in seinem Militärstande und Hančička versprach ihm, seinen Ring getreulich zu tragen. Franz sah dem herzigen Mädchen lange in die dunklen Augen, dann sagte er: »I werd' oft an di denken, Hančička, recht oft. B'hüt di Gott!« Eine halbe Stunde später, während Franz vor dem Einkehrhause stand, fuhr der Wagen des Chodenbauers an ihm vorüber. Auf dem Bocke saß neben dem Quistorenhansl Aloys in böhmischer Kleidung; auf seinem Hute prangte der Nelkenstrauß mit Flittergold. Triumphierend sah er auf Franz herab. Man grüßte sich gegenseitig. Hančička hielt die Hand empor, an welcher sein Ring glänzte und winkte zurück, so lange sie ihn sehen konnte. »Vater,« entgegnete der Bursche, »i fürcht, dös geht nöt guat außi.« »Was?« fragte der Alte. »Nix!« erwiderte Franz, sich besinnend, »es is nix.« »Freili is's nix, wenn der Mensch nöt ißt und no' 138 wen'ger trinkt. Mach, kimm eina in d' Stuben; wir bringa sunst koa' Zech zam, und da müaß si' der Waldhofbauer dennast schaama. 's geht lusti zua drin. Woaßt, heunt san d' Boarn oben auf, weil der verflixte Kerl, der Hansgirgl Aloys sein' Mann so schön g'macht hat. Ueber den därfst mir nix Unrechts mehr sag'n. Alles trinkt heut im schönsten Harmonium, Czech und Deutsch, denn im Rausch san wir alle gleich. Kimm eina!« »I möcht hoam, Vater,« sprach Franz entschieden, »und d' Ahnl hat mir's auftrag'n, daß i di als a ganza hoambring. Es is morgen der letzt' Tag, daß i da bin, und was soll i da no' lang in die Wirtshäuser rumhocken; moanst nöt aa?« »Du red'st grad wie der Pfarrer z' Maxberg,« versicherte der Alte mit einer gewissen Hochachtung. »G'scheit is's, was d' sagst. Hoam gehn ma, extra! Laß anspanna. I zahl d' Zech daweil. Hast für d' Ahnl ebbas süß's? Sie halt viel auf an' böhmischen Ofenknödel (ein dicker Lebkuchen zum Aufreiben).« »Dafür hab' i schon g'sorgt,« erwiderte Franz. »Also verhalt ma uns nöt länger.« Es kostete aber noch eine Stehmaß, ehe sich der Waldbauer von der lustigen Gesellschaft trennen konnte. Franz atmete leichter, als er endlich die Zügel erfassen konnte, um mit dem Vater nach Hause zu fahren. Er sprach wenig, des Vaters durchgeistigter Reden achtete er kaum. Dagegen murmelte er öfters leise für sich hin: »I fürcht, i fürcht, dös geht nöt guat außi.« 139 XVI. Der Abschied von Franz fiel der alten Ahnl und dem Waldbauern gleich schwer; er selbst machte sich weniger daraus. Was andere erleiden konnten, das durfte auch ihn nicht schrecken, meinte er. Nur eines machte ihm Sorge, nämlich daß während seiner Abwesenheit der Waldbauernhof nicht in gleich guter Weise bewirtschaftet werden könnte. Die Ahnl war alt und der Vater gar zu oft abwesend, dabei dem Bierkruge sehr ergeben. Deshalb gab der Sohn vor seinem Abgange dem Vater weise Lehren, mit dem Holzschlage haushälterisch zu sein, nicht mehr zu fällen, als der Wald vertragen könne und das dafür erlöste Geld jedesmal sofort in guten Papieren anzulegen. Dem Oberknecht Gregori aber versprach er eine gute Belohnung, wenn er sich um die Sache gewissenhaft annehme und den Bauer mit Rat und That unterstütze. Bei seinem Regiment angekommen, fügte sich Franz sofort mit allem Eifer in die neuen Verhältnisse und ward der gute Wille und seine Anstelligkeit von seinen Vorgesetzten alsbald erkannt und gewürdigt. Da er von Jugend auf eine besondere Vorliebe für die Pferde hatte, verrichtete er auch im Stalle freudig seinen Dienst und pflegte das ihm zugeteilte Pferd, als ob es sein eigenes wäre. Die anstrengende Zeit des Abexerzierens ging allmählich vorüber, und die neue Mannschaft wurde zum 140 Dienste zugelassen. So oft, wie es seiner Zeit bei dem alten Waldhofbauer der Fall, traf nun die Wache und das Postenstehen Franz nicht mehr, aber es nahm immerhin in der verschiedensten Art einen großen Teil des Dienstes in Anspruch. Da hatte er denn oft Zeit, stundenlang seine Gedanken in die Heimat zu schicken. Diese weilten dann besonders gern auf dem Chodenschlosse bei seiner mutigen Befreierin. Er konnte mit diesen Gedanken gar nicht fertig werden, bis sie die Erinnerung an Aloys trübte, der sich stets störend zwischen ihn und Hančička drängte. Wie beneidete er in solchen Augenblicken diesen Burschen, dem es vergönnt war, stets in der Nähe dieses lieblichen Kindes zu sein! Und wenn Aloys auch nur ein Dienstbote im Hause war, so glaubte Franz in seiner Eifersucht in demselben doch einen gewissenlosen Streber erkennen zu müssen, der mit aller Gewalt aus seiner niedrigen Lage emporzukommen trachtete. Wenn er seine Stellung im Hause mißbrauchte? Wenn es ihm gelänge, Franz in der Gunst des Chodenmädchens zu schmälern oder sie ihm ganz zu entziehen? Solche Gedanken quälten ihn oft, und er sehnte dann die Zeit herbei, wo er in die Heimat zurückkehren und zu Hančička ein freies Wort sprechen könne, denn bis dahin hatte sie ein Alter erreicht, das eine Erklärung wohl gestattete. Von zu Hause erhielt er nur spärliche Nachrichten, wohl aber Geld, so viel er verlangte. Von der Familie Soukup erfuhr er gar nichts mehr, denn da sein Vater nicht schreiben konnte, mußte dieses Geschäft der etwas schreibkundige Oberknecht versehen, der sich in seinem 141 Berichte nur auf die Vorgänge im Hause beschränkte und wahrscheinlich von der anderen Angelegenheit nichts wußte. In Trhanow ereignete sich indessen auch nichts besonderes. Aloys war in seiner dienenden Eigenschaft von der Schloßbauernfamilie streng fern gehalten, so sehr er sich auch bemühte, ihr näher zu kommen. Er kleidete sich, um die Zuneigung Soukups zu erringen, an den Feiertagen nach Chodenart. Der blaue, verzierte Janker, die gelbe Lederhose mit den Wadenstiefeln, das rote Halstuch und die grünsamtene, mit Otterpelz verbrämte Mütze standen ihm sehr fesch. Zugleich suchte er seine Kenntnisse in der böhmischen Sprache möglichst zu erweitern, namentlich verstand er es bald, die vielen czechischen Volkslieder in ihrer Originalsprache wiederzugeben und dazwischen auf der ihm von Hančička geschenkten Mundharmonika manch hübsches Stückchen zu blasen. Aloys wußte ganz genau, daß er sich auf diese Weise bei den ihn umgebenden Czechen einschmeichle. Nichts wirkt ja auf die böhmischen Dörfler so eindringend, als Musik und Gesang. Wenn die Glockentöne des Ave Maria verhallt sind, dann beginnt hier ein eigentümliches Leben. An lauen Sommerabenden begeben sich alle Hausbewohner auf die Gredbank vor dem Hause. Junge Burschen ziehen durchs Dorf, um am Hause ihrer Erkorenen mittelst Mundharmonika und Röhrpfeiferl das Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben. Dann setzen sie sich mit den »Herausgeblasenen« auf die Gredbank zu den andern und singen und musizieren einzeln oder zusammen. Da werden im Duett Lieder gesungen und dazu gejauchzt, daß es weithin hörbar ist. Aus allen Richtungen her klingen frohe 142 Töne durch die sternenhelle Nacht, die von alt und jung begrüßt und erwidert werden. Auf der Gredbank vor des Schloßbauern Hause war es dem Doktorjirka und dem Quistorenhansl gestattet, neben der Familie Soukups »Feierabend« zu halten. Die Männer dampften aus ihren kurzen hölzernen Tabakspfeifen, Frau Soukup und ihre Tochter aber strickten gewöhnlich an roten Strümpfen und lauschten den Gesängen der Burschen und Mädchen, in welche sich der Schlag der Nachtigallen mischte, welche sich mit Vorliebe in den Akazienbäumen des nahen Schloßparkes aufhielten. Hančička ließ an solchen Abenden oft ihre Gedanken über das Heimatdörfchen und das Chodengebiet hinausschweifen, München zu, nach dem jungen Soldaten. Wurde sie ja stets an diesen erinnert durch den Ring, den sie an ihrem Finger trug. Es war ihr zur lieben Gewohnheit geworden, an ihn zu denken, doch war es nur das Gefühl schwesterlicher Zuneigung, dessen sie sich bis jetzt bewußt war. Aber so oft eine Sternschnuppe niederfiel, hielt sie es für ein Zeichen, daß der ferne, vielleicht auf Wache Stehende eben jetzt gleich ihr hinaufblicke zum Himmelszelt und dabei ihrer gedenke. Und wenn dann von der Gredbank des Oekonomiegebäudes herüber zufällig die Melodie zu jenem Lied ertönte, das sie damals auf dem Waldbauernhofe mit Franz gesungen und das, allgemein bekannt, auch von Aloys öfters angestimmt wurde, dann sang sie leise die Worte für sich hin: »Flog ein Täubchen ob dem Hofe Herrenlos daher, Und es weinte, und es klagte, Daß ich dich verlör! 143 Ruhig, wein nicht, Aennchen mein, Finde bald mich wieder ein, Ja, will's Gott, freun' wir uns wieder Im Beisammensein.« Die Mutter ahnte in solchen Stunden wohl, was in der Seele des Mädchens sich allmählich entwickelte. Aloys aber fuhr ahnungslos fort: Ackersmann, Ackersmann, komm doch heim! Bin noch nicht fertig, fahr noch nicht heim, Hab' noch zu ackern den Pfad, den ich flog, Wenn es zu meinem Aennchen mich zog. Daraufhin klang von einem der Nachbarhäuser im Duett gleichsam als Antwort die sanfte Weise: »Gingst du so oft zu uns, Als die Nacht kurz noch war, Warum in der längren nicht Stellst du dich ein? War in der kurzen ich Zärtlich stets gegen dich, Möcht ich es noch weit mehr In der längren sein.« – Allmählich, wenn es Zeit zur Ruhe wird, ziehen sich die älteren Leute mit den Kindern und Dienstboten zurück. Die Burschen aber ziehen, einen Harmonikabläser an der Spitze, durchs Dorf und halten vor dem einen oder andern Hause, um ihren Schätzen noch ein Ständchen zu bringen, welches zunächst in scherzhaften Schnadahüpfln besteht. Niemals arten in den friedlichen Chodendörfern diese sangreichen, schönen Abende in Unfug aus. Ueberläßt man sich auch abends oft ziemlich lange diesem harmlosen Vergnügen, so ist doch schon wieder am frühesten Morgen alles frisch und fröhlich bei der Arbeit. 144 Rasch fliegen die schönen Tage dahin, und der ungastliche Winter ist vor der Thüre, ehe man sich's versieht. Schon der zweite Winter war herangekommen, seit Franz beim Militär stand. Hančička war zu einem hübschen und stattlichen Mädchen herangewachsen. Mit sichtlichem Stolze blickten Vater und Mutter auf sie, aber auch die Burschen von Trhanow und den benachbarten Chodendörfern. Soukup galt als ein vermöglicher Mann, und die voraussichtlich reiche Mitgift machten das Chodenmädchen vielen nur um so begehrenswerter. Aber dieses schien für alle derartigen Annäherungen kein Verständnis zu haben. Gegen das Frühjahr zu kam endlich eine längst erwartete Nachricht von Franz, die dessen Vater überbrachte und die dahin lautete, daß der Sohn zum Osterfeste auf sechs Tage in Urlaub heim dürfe. Darüber freute sich Hančička über alle Maßen, was dem Waldhofbauer ein ganz besonderes Vergnügen bereitete. Es ward ausgemacht, daß er mit Franz am zweiten Osterfeiertage nach Trhanow »Emaus gehen« »Emaus gehen« heißt man im Walde die Ausflüge am Ostermontag in Erinnerung an die Wanderung der Jünger, welche an diesem Tage von Jerusalem nach dem Flecken Emaus gingen, wo ihnen bekanntlich der Auferstandene erschien. sollte. Der Waldhofbauer sagte unter fleißigem Schnupfen freudig zu, und nun begannen für Hančička die Tage froher Erwartung. Franz traf am Gründonnerstag nachmittags mit dem Bahnzuge in Furth ein, woselbst ihn der Vater sehnlichst erwartete. Nachdem der Zug eingefahren, sah er sich vergebens nach dem vermeintlich in Bauerntracht 145 Ankommenden um, als Franzl plötzlich in der Uniform der schweren Reiter, den Mantel und ein kleines Kofferchen tragend, vor ihm stand und »Grüß di Gott, Vater!« rief. »Ja – ja – ja – Franzl, bist es denn?« rief der Vater, ihn vom Kopfe bis zu den Füßen musternd. »Ja, grüß di Gott tausendmal, herzliaba Bua! Jesses, i hätt' di gar nöt kennt, rein gar nöt! Ja du hast ja an' martialischen Schnurrbart!« »Gelt, der macht si?« lachte Franz. »Wie geht's der Ahnl?« »Guat geht's ihr. Ihra oanzige Krankheit is, daß 's halt alleweil älter wird. Sunst is's gottlob frisch und g'sund.« »Und am Hof is alles in Richtigkeit?« »Alles! alles! Jetzt kimm nur, daß ma schnell a Maßl trinka. No', d' Leut wern weiter nöt schaugn!« »Mir is's lieber, Vater, wenn ma glei hoamfahrn.« »So fahrn ma halt hoam. Därf grad einspanna. Trink ma halt a Stehmaßl; kimm nur! Beim Prosl drin hab' i eing'stellt.« Nachdem der Wagen angespannt und die Stehmaß richtig eingenommen war, machten sich beide auf den Weg. Es war ein prächtiger Frühlingstag. Franz blickte in fröhlicher Stimmung rings umher; die alten, bekannten Berge schienen ihn freudig zu begrüßen. Der Ossa, der Hohenbogen, der Cherkow: auf jedem verweilte sein Auge wie auf dem Gesichte eines lieben Freundes. Des Waldbauern Blicke waren aber stets nur auf den Sohn gerichtet, an dem er sich nicht satt sehen konnte. Ganz besonders flößte ihm die feine Uniform desselben Respekt ein. 146 »Frühers, zu meiner Zeit, san ma halt in Kommißspenser und Kommißschuah, a Packl in der oan und 'n Haselnußer in der andern Hand, hoamkömma. Koa' Katz hat uns nachi g'schaut und wir ham uns so schnell als mögli hoamzun druckt, indem daß wir uns g'schaamt ham. Hellseiten! jetzt is 's freili anders. Du siehgst ja fredi aus in deina fein Uniform, 'n Sabel an der Seiten, mit die weißen Handschuh und die flotten Reitstiefel, wie r an' Offenzier. Ja, jetzt will i nöt sag'n, jetzt schaugn enk alle Leut nach und freu'n si', daß 's so flott seids, und grad a Stolz is's jetzt, a Soldat z' sein.« »Vater, dös is alles no' gar nix,« unterbrach ihn Franz. »Aber in Parad zu Pferd wenn's d' uns sehgest mit 'n weißen Roßhaarbuschen und 'n Kartousch, d' Lanzen mit 'n Fahnerl anhänga, da werest schaug'n!« »Hätt'st es dennast alles mitbracht, da hätt' ma weiter koan Wind g'macht die ganz Graniz (Grenze) entlang! No', es muaß 's so aa scho' thoa'. I g'freu mi nur auf d' Ahnl, was die für Augen machen wird. Und no' wer! Spannst, wen i moan?« »Hančička?« fragte Franz errötend. »No', was denn! Da fahr'n ma ja eini auf Emaus. Da kriegst böhmische Kollatschn und Flöcken, daß 's a Freud is.« »No', just z'wegn 'n Essen geh i nöt ins Chodenschloß,« meinte Franz. »Du kriegst scho' was z' trinken aa,« fiel ihm der Vater schelmisch lächelnd ins Wort. »'s Kauther Bier is alleweil rechtschaffen guat und beim ung'rischen Wein 147 fehlt si' aa nix. Jetzt i halt's lieber mit 'n Bier, denn woaßt –« »Ge, Vater, plag di nöt,« unterbrach ihn Franz. »Sag mir lieber, wie 's drent auf mi g'stimmt sein?« »Guat sein 's g'stimmt! I hon mir hin und wieder drent z' schaffen g'macht, denn woaßt, i bin gar schlau. Moanst, grad oa'mal hätten's z' erst g'fragt, wie 's mir geht? Na' – wie geht's dem lieben Franzl, hat d' Frau Soukup g'fragt. Hobt's eine gute Nachricht? Wann kommt er in Urlaub? und halt a so furt nachananda.« »No', und 's Deandl?« »'s Deandl? dös hat um nix g'fragt, aber glust (gehorcht) hat's auf dös, was i sag, grad als wenn's an' Evangeli wär und rot is's anemal worn, grad wie r a Pfingstrosen. Woaßt, i bin koa' Heuriger, so a Rotwein hat sein' Grund. Spitzbua! Du woaßt eh, wie 's d' dran bist. Oder nöt?« »Und der Chodenbauer?« fragte Franz statt einer Antwort, »wie stellt si' der?« »Ja no', dös is halt a Stockböhm, der sagt nöt gick und nöt gack; aber d' Hauptsach san d' Weiber, und die hast auf deiner Seiten. Schnupf ma amal! – Was? alleweil no' nöt schnupfig? Ja, ja, hast recht, es is a Lasta, aber unser Herr Pfarrer schnupft aa und is a gweihta Mo'.« Alsbald hatten sie den heimatlichen Hof erreicht. Die alte Ahnl weinte vor Freude, als sie Franz begrüßte. Mit Tannenguirlanden war die Thür geschmückt, durch welche der Ankommende eintrat, und nun kamen auch alle Ehehalten herbei, den künftigen Erben des Hofes freudigst willkommen zu heißen. 148 Franz durchging die Stallungen und war hocherfreut, alles in bestem Zustande zu finden. Dann machte man sich an die Mahlzeit – Forellen und Kücheln mit Kletzen wurden aufgetragen. »Mei', solchene Fisch wern dir nix Seltsams sein in Mänka oben,« meinte die alte Frau, »aber wir hab'n halt heunt nix anders, weil Fasttag is.« »O, da sei unbekümmert,« entgegnete der Soldat lachend, »in unserer Menage hat's die anderthalb Jahr koane Forellen geben. Woaßt, die wär'n z' kostspieli für die schweren Reiter.« »Was? die Pfifferling?« rief die Alte verwundert. »No', da hon i glei gar koan Respekt aa mehr vor enkera Kocherei. So iß halt, und laß dir's schmecken!« Das befolgte Franz getreulich. Des Fragens und Erzählens war kein Ende. Es war Franz unendlich behaglich in dem so lang entbehrten Heim und mit den glücklichsten Gefühlen sah er den nächsten Tagen entgegen, die in seinem Leben eine entscheidende Wendung herbeiführen sollten. 149 XVII. Im Hause Soukups war am zweiten Osterfeiertage alles zum Empfange der bayerischen Gäste hergerichtet, nicht nur was die Ordnung der Stube und die Reichhaltigkeit der Küche betraf, sondern auch bezüglich des Anzuges glaubten Mutter und Tochter den Erwarteten alle Aufmerksamkeit erzeigen zu müssen. Namentlich war Hančičkas Anzug sorgsam gewählt. Zu dem roten Rock trug sie eine gelbseidene Schürze, hellblaue Strümpfe, ein mit glänzenden Geldmünzen geschmücktes und mit einem Bändchen roter Korallen verziertes Leibchen, weiße Pluderärmel und ein dunkelrotes, mit weißen Blumen versehenes, schwerseidenes Brusttuch. Den Kopf hatte sie mit einem schwarzen, an den Ecken mit bunten Blumen gestickten Tuche zierlich umwunden. Das nun siebzehnjährige Mädchen war eine stattliche Erscheinung geworden. In den schönen Gesichtszügen lag ein gewisser Ernst, der dieselben äußerst interessant machte. Die Mutter betrachtete mit Wohlgefallen ihr Kind, sie sah sich in demselben verjüngt wieder und wünschte nur, daß dasselbe recht glücklich werden möchte. Sie hoffte, daß dies durch eine Verbindung mit Franz der Fall sein würde. Noch hatte sie nicht darüber ernstlich mit Hančička gesprochen. Sie meinte, das müßte sich von selbst ergeben und heute könnte in dieser Hinsicht wohl ein entscheidender erster Schritt geschehen. – 150 Der Waldhofbauer hatte für die zum laufenden Fuhrwerk bestimmten zwei Pferde neue Geschirre anfertigen lassen, denn auch er wollte, daß die erste Fahrt Franzens nach dem Chodenschlosse möglichst flott vor sich ginge. »Zoagn ma's eahna, die Böhmischen,« sagte er, »daß d' Boarn aa wissen, wie r a flott's laufend's Fuhrwerk aussehgn muaß.« Franz lenkte, natürlich in Uniform, das schöne Zwiegespann alsbald auf der breiten Straße gegen Chodenschloß zu. Er fühlte sich unendlich behaglich bei dem Gedanken, daß er heute sein eigener Herr sei und nicht auf Kommando zu achten brauche. Heute hatte er wieder einen Blick für die Natur und mehr als einmal sagte er zu seinem vergnügt neben ihm sitzenden und stets die neuen Geschirre der flotten Pferde betrachtenden Vater: »D' Welt is halt bei uns herin dennast recht schön!« Es wölbte sich aber auch ein wunderbar blauer, wolkenloser Himmel über sie hin. Im Walde, durch welchen erst die Straße führte, zwitscherte es auf allen Zweigen und das Gurren der Wildtauben mischte sich darein. Hin und wieder stand ein Reh vertraut am Saume des Gehölzes und äste ruhig weiter. Zwischen dem dürren, am Boden liegenden Laube guckten rote und blaue Leberblümchen, weiße Anemonen und blaue Veilchen hervor. Franz konnte nicht umhin, die Zügel dem Vater zu geben und rasch ein Sträußchen zu pflücken, welches er sich zwischen zwei Knopflöcher an die Brust steckte. Der Alte lachte und schnupfte. »Aha,« meinte er. »kann ma schon denka, für wen.« Außerhalb des Waldes erblickte man, so weit das 151 Auge reichte, grüne Saaten. Ueber denselben und hoch in den Lüften jubilierten die Lerchen, welche hier in auffallender Menge vorhanden waren. Noch niemals hatte Franz ihrem Sange mit so großer Freude gelauscht, wie heute, und seine frohe Stimmung vermehrte sich noch, da die Gebäude von Trhanow und Chodenschloß sichtbar wurden. Bei Nachtzeit, als Flüchtling, im Verdachte eines Straßenräubers, hatte er jenen Ort das letzte Mal verlassen. Wie anders näherte er sich ihm heute wieder! Es schlug ihm das Herz vor freudiger Erwartung auf das Wiedersehen jenes Mädchens, das ihm damals zur Freiheit verholfen und gleichzeitig sein Herz gefangen nahm fürs ganze Leben. Im Soukupschen Hause erwartete man mit gleicher Ungeduld die Ankunft der Gäste. Hančička war schon einige Male in den oberen Stock des Hauses hinaufgestiegen und hatte von dort Ausschau gehalten nach dem Fuhrwerke des Waldhofbauern, denn es ging schon nahe an die Mittagszeit. Auch sie war aufs höchste begierig, den so lange entfernten Burschen wieder zu sehen. Wohl sah sie einen Zweispänner herankommen, der von einem Herrn in Uniform gelenkt wurde, aber sie dachte, es sei dies ein Fuhrwerk, das nach Klentsch fahre und achtete seiner weiter nicht. Sie spähte noch immer auf die Landstraße hinaus, als Franz mit seinem Vater schon vor Soukups Hause anfuhr. Demnach mußten Herr und Frau Soukup die Gäste allein begrüßen. Franz sah sich etwas enttäuscht nach allen Seiten um. Frau Soukup, die das bemerkte, sagte lächelnd: »Ihr seht Euch nach Hančička um? Die späht droben in der schönen Stube nach Euch aus. Sie muß das 152 Fuhrwerk übersehen haben. Wie wär's, wenn Ihr sie überraschtet?« Franz war gleich dazu bereit und stieg eiligst die Treppe hinauf. Im gleichen Augenblick öffnete Hančička, welche seine Schritte auf der Treppe vernommen, die Thüre. Verlegen prallte Franz zurück, da er im ersten Augenblicke eine Fremde vor sich zu sehen glaubte. Hančička machte die Uniform gleichfalls irre; sie blickte fragend auf den jungen Mann. »Verzeihens,« begann dieser mit unsicherer Stimme, »i wollt nur – i hab' schaug'n woll'n – i bin –« »Der Franzl! Der Franzl!« rief das Mädchen und eilte auf den Ueberraschten zu. »Ja is's denn mögli!« rief dieser jetzt, »Hančička – Sie – du – Sie – du bist d' Hančička?« »Freilich bin ich's,« antwortete sie, ihm die Hand zum Gruße reichend. »So groß, so – so sauber! Na', is's denn die Möglichkeit – sich so verändern in anderthalb Jahr!« »Du siehst auch anders aus, wie sonst,« entgegnete Hančička, ihn wohlgefällig betrachtend. »Und die schöne Uniform – gefällt mir sehr.« »Woaßt, daß i heunt zum erstenmal wieder da bin seit denseln Tag –?« »Du erinnerst dich noch?« fragte das Mädchen lächelnd. »Schier alle Tag – so oft i halt an di denk,« bekannte Franz treuherzig. »An mich? Du denkst an mich?« »No', nöt weni. Aber, i hab' di no' vor Augen g'habt als dessel herzi Deandl, dös si' vom Wallfahrtszug 153 verirrt und z'erst g'flennt, nacha aber glei wieder g'lacht und g'sunga hat, und andern Tags mei' Schutzengel worn is. Dös Deandl, meiner Sixt! bist jetzt nimmer und dennast glanzen deine Aeugerln no' grad so schö', und so stattli bist worn, und so sauber – Hančička, von dera Stund an denk i an nix mehr, als an di.« Er hatte bei diesen Worten des Mädchens Hand ergriffen, das errötend einen Moment die Augen zu Boden senkte, dann aber frisch zu ihm aufblickte und fragte: »Franzl, glaubst an Prophezeihungen?« »Ja und na'; es kommt drauf an, ob's guat sein.« »Der alte Jirka hat mir vor kurzem d' Karten g'schlag'n und draus g'lesen: Es kommt ein galanter Mann in schöner Kleidung –« »Dös bin i!« unterbrach sie Franz. »Mei' Uniform wird wohl a schöne Kleidung sein und – siehgst, die Bleameln hab' i für die brockt, also steck's an dei' Herzl und erzähl weiter. Was is's mit dem Mann?« »Der wird mich haben sehr lieb –« »No' siehgst, dös bin i nacha schon.« »Aber nicht immer,« fuhr Hančička fort. »Dös is falsch!« »Ein falscher Mann wird dazwischen kommen.« »Glaub dös nöt! Der Alt' siehgt nix als G'spenster.« »Und es geht nicht gut aus.« »Ah, was woaß denn der Alt' und sei' dumm's Kartenspiel. Freili geht's guat aus, wenn was der Fall is.« »Was ist das?« fragte Hančička. »Wenn du mi' aa r a bißl gern ham könnt'st.« »Gern haben, ein bißl? Nein, Franz, das kann nicht sein,« entgegnete das Mädchen mit glückstrahlenden Augen. 154 »No', was denn hernach?« fragte Franz, ihre beiden Hände erfassend und an sich ziehend. »Was? Dich muß ich viel gern haben, wie noch keinen Menschen auf der Welt –« »Deandl! Mei' liebs Deandl!« jubelte Franz, sie an sich ziehend. »Sonach g'hörst mir, mir fürs Leben, und nix auf der Welt kann di mir nehma!« »So is's, Franzl!« erwiderte Hančička. »Dein für alle Zeit!« »Hoho!« rief jetzt der Waldhofbauer an der offenen Thüre. »Soll ma' nöt glei 'n Pfarrer hol'n lassen?« Neben ihm wurde Frau Soukup sichtbar. Die jungen Leute hielten ihre Hände in einander geschlungen und aus dem Glücke, das aus beider Augen leuchtete, erkannten die Alten, daß hier ein weihevolles Ereignis vor sich gegangen, das selige Geständnis gegenseitiger Liebe. »Unser Herrgott geb seinen Segen dazu!« sagte Frau Soukup, den jungen Leuten die Hände reichend. Der Waldbauer aber preßte sich eine Thräne aus den Augen, indem er sagte: »Und i gieb den mein' aa! A schöners Paarl, moant's nöt, Bäurin, giebt's auf und ab nöt im Böhmerwald. Jetzt kommt's aber awa in d' Stub'n. Auf so was g'hört si' a kräftiger Trunk und so viel i schon verspürt, is's Bier sakrisch guat.« – Hančičkas Vater war trotz seiner äußeren Freundlichkeit doch innerlich mißgestimmt. Er hatte von der letzten Fahrt eines seiner schönsten Pferde, von der Rotzkrankheit angesteckt, nach Hause gebracht. Es wurde sofort in einem abgesonderten Stalle der besonderen Pflege von 155 Aloys übergeben, und der alte Jirka bereitete alle möglichen Tränke, darunter den unfehlbaren »Salzburgertrank.« Es gewährte Soukup einigen Trost, daß die übrigen Pferde bis jetzt vollkommen gesund geblieben und dieselben mit dem kranken Tiere in gar keine Berührung gekommen waren. Die Sache wurde ganz geheim gehalten, da man glaubte, das Pferd würde bald wieder genesen und der Bauer würde umsonst mit unnötigen Plackereien von seiten des Gerichts heimgesucht. Deshalb hütete er sich wohl, den Gästen von dem Vorkommnis Mitteilung zu machen. Jetzt wartete Soukup, bereits an dem gedeckten Tische sitzend, der anderen. Wohl ahnte er, was sich in der letzten Viertelstunde zwischen den beiden jungen Leuten abgespielt, aber er betrachtete die Sache mehr vom geschäftlichen Standpunkte. Lieber wäre es ihm freilich gewesen, wenn seine Tochter einen Choden erwählt hätte, denn daß der ganze Stamm nicht sonderlich darüber erbaut sein würde, wenn das einzige Kind eines der hervorragendsten Chodenabkömmlinge aus dem Gebiete hinaus und noch dazu über die Grenze, nach Bayern, sich verheirate, war selbstverständlich. Auf der andern Seite war der Sohn des Waldhofbauern eine der besten Partieen weit und breit und es schmeichelte ihm, seine Tochter auf solche Weise als Großbäuerin versorgt zu wissen. Demnach meinte er auch, als der Waldhofbauer jetzt in Begleitung des jungen Paares ins Zimmer trat und auf eine Verlobung anspielte: »D' Hančička is noch zu jung zum Verspruch und der Franz muß ja auch noch anderthalb Jahr beim Militär dienen; da steht eine Heirat noch in weitem Feld. Wenn 156 er einmal frei is und er denkt noch, wie heut, so steht ihm nichts im Weg von unserer Seit und, wie i's wohl erkenn', auch nicht von Hančička. Und also, setzen wir uns zum Mahl.« »Z' erst aber schnupfen ma,« versetzte der Waldbauer, da nach seiner Meinung jede gute That mit einer Prise Schmalzler begonnen werden mußte. Die Liebenden aber aßen vorerst zusammen ein rotes geweihtes Ei, wie es hier zu Lande Sitte ist, damit die Liebe kräftig und fest bleibe. Das Gesinde, welches in der Wirtschaftsstube das Festmahl verzehrte, hatte von den Vorkommnissen in der Herrenstube bald Kenntnis. Alle freuten sich darüber, nur Aloys erblaßte bei der Nachricht von diesem ersten Schritte, den Franz gethan. Dadurch waren alle seine schönen Zukunftspläne mit einem Male zerstört. Und er hatte die Sache doch so gut eingeleitet. Durch Fleiß und Uuterwürfigkeit hatte er sich in der That das Vertrauen Soukups in hohem Grade erworben. Bei den verschiedenen Pferdemärkten in Pilsen und Klattau hatte er auch Gelegenheit, für seinen Säckel zu sorgen und Frau Soukup gefiel es gar wohl, wenn die Ersparnisse des Burschen, welche er ihr in Verwahrung gegeben, so allmählich anwuchsen. Aloys aber rechnete sicher darauf, daß er auch das Herz Hančičkas, die ihm stets so freundlich entgegenkam, zu gelegener Stunde für sich gewinnen könnte. Nun sollten plötzlich alle diese Hoffnungen zu nichte werden. »Natürli,« sagte er sich in seiner Bitterkeit, »'n Geld fliegt ja alles zua. Wär' i koa' arma Teufel, so braucht i mi gar nöt lang z' plag'n. 's Geld strebt wieder 'n Geld 157 zua; der Arme muaß si's Maul abwischen, er muaß bleib'n, was er is – a Tropf, so viel er si' aa plagt.« So über diesen Gedanken brütend, erwachte in seinem verbitterten Herzen der Neid. Er beneidete seinen Nebenbuhler um alles, was diesem einen Vorrang vor ihm gab, in erster Linie um sein Vermögen. Während sich sein Vater Tag und Nacht abgearbeitet und abgemüht hatte, war er doch dem Wucherer verfallen, der all seinen Fleiß zu nichte machte und endlich die Früchte einheimste, welche jener seit langen Jahren gesäet. Franzens Vater dagegen kam sein Geld gleichsam im Rausche zugeflogen. Wo der Waldhofbauer »hin tappte«, hatte er Glück. Aloysens Vater waren innerhalb weniger Tage sämtliche Rosse der Rotzkrankheit zum Opfer gefallen, der Waldbauer hatte daran nicht ein Stück verloren, obwohl damals die fürchterliche Seuche in der ganzen Umgebung geherrscht. Aloysens Vater mußte in der Not den schönsten Wald verkaufen, der Waldhofbauer erwarb ihn um billiges Geld. Der Waldbauernhof schien überhaupt gefeit zu sein gegen jegliches Unglück. »Wenn's Unglück sein' Weg nur oa Mal aa dorthin findet!« Dieser Wunsch war die richtige Folge seiner bitteren Gefühle. Da schoß ihm plötzlich ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Jetzt lag es in seiner Macht, dem Unheil einen Weg in den verhaßten Hof zu bahnen. Er brauchte nur den beiden schönen Pferden, mit welchen Franz so stolz angefahren kam, Schaden zuzufügen; sie sollten von der üblen Seuche befallen werden. Es war nicht schwer, das auszuführen. Alles war noch im Hause bei der Festmahlzeit 158 versammelt, er konnte seine That ungestört zur Ausführung bringen. Rasch eilte er in den Krankenstall, warf Haber und Gsott in den Trog des kranken Pferdes, wischte ihm damit Nase und Maul und brachte dann dieses Futter zu des Waldbauers Pferden, mit denen er in gleicher Weise verfuhr. Er glaubte, daß ihn niemand gesehen und rieb sich zufrieden die Hände, vergnügt darüber, daß ihm die böse That gelungen. Doch ein Bettelweib, mit einem Säugling im Arm und ein kleines Bübchen neben sich, saß unfern von den Stallungen und wartete, bis drinnen im Hofe abgegessen wäre, um von dem Uebriggebliebenen etwas zu erbitten. Dem Weibe kam das ängstliche Umherspähen des Burschen und die Raschheit, mit der er von einem Stalle zum anderen eilte, verdächtig vor. Doch dachte es nicht weiter darüber nach, auch dann noch nicht, als nach einer Weile der Chodenbauer im Hofe mit Aloys zusammentraf und diesen fragte: »Wie geht's? Daß d' mir nöt schnaufst von der Sach!« Beide verschwanden hierauf im Krankenstalle, aus welchem sie erst nach längerer Zeit wieder heraustraten. Soukup klopfte Aloys auf die Schulter und sagte: »I bin zufrieden mit dir. Es soll dein Schaden nöt sein!« – 159 XVIII. Franz hatte keine Ahnung davon, daß, während er voll Wonne und Glück an Hančičkas Seite saß, sich draußen zu seinem Schaden ein solches Bubenstück vollzog. Es sollte aber mit den Tafelfreuden allein noch nicht Genüge gethan sein. Der Chodenbauer hatte auf Wunsch seiner Frau die gesamte Jugend der Nachbarhäuser zu einem Tänzchen eingeladen, welches sofort nach der Vesper beginnen sollte. Diese wurde selbstverständlich von allen besucht. In der prächtigen, schmuckreichen Kirche ertönte alsbald ein wunderbarer Volksgesang. Die schönen Stimmen, besonders der Frauen, verbanden sich ganz wie von selbst zu wohlklingenden Akkorden, und der böhmische Text brachte eine ungemein lebhafte Färbung in die frischen, nichts weniger als ernsten und getragenen Melodien. Die meisten dieser Stimmen, so weit sie der Jugend angehörten, erklangen aber kurz darauf wieder in der großen Stube des Schloßbauers, teils als Lied für sich, teils als Begleitung zum Tanze. Auf einem erhöhten Platze in der Ecke saß das Orchester, bestehend aus einem Dudelsackbläser, dem Klarinettisten, als welcher der Quistorenhansl sich erboten hatte, und einem Geiger, welch letzteres Instrument der alte Jirka mit großer Wichtigkeit spielte. Ein Teil der Burschen sang dazu Tanzlieder, während die anderen tanzten. 160 Die Texte zu diesen Tanzweisen sind meist Scherzgedichte, sogenannte Schnadahüpfeln. Sie wurden meist in böhmischer Sprache gesungen, wechselten aber auch öfters mit deutschem Texte in deutsch-böhmischem Dialekte ab. » Ho mö so long scho' gmeiht , Doß i a Deanal heit , Bis ma' r an Deanla gfollt, Wird ma z' lötzt olt. Immer hübsch Gald im Lö'm , Schotzerl, und di danö'm, Owa nöt krok dabei Deaffat ma sei'. Juche! Du frischa Bua, Knöpf dir dei' Tascherl zua, Wenn a mol 's Tascherl springt – 's Galdl voklingt. Golta, i gfollat dia, Golta, i tauget dia, Golta, i wa dia recht, Won a di möcht. Wisset i goa so gean, Wer ihra Schotz wird wean; Wia r 's is von Herzen guat – Sogt mia ma Bluat. S, C, H, schnaid dö nöt, Durt liegt a Stoa' – und koa' Trois Schotzerl krieg ö nöt, Bleib' ö alloa' .« So und anders klang es von den Lippen der Anwesenden. In dem engen Raume tummelten sich die 161 Tanzpaare ganz dicht gedrängt und langsam herum; sobald ein Paar abtrat, wurde es rasch durch ein anderes ergänzt. Alles ging in schönster Ordnung, häufig wurde dokola (ins Rad) getanzt, d. h. der Tänzer dreht sich mit seiner Tänzerin auf der Ferse des rechten Fußes an einer und derselben Stelle im Kreise und hebt sie zuletzt jauchzend in die Höhe. Je öfter er sich rasch nach einander dreht und je höher er dann sein Mädchen hebt, desto schöner und besser gilt sein Tanz. Dem lustigen Tänzerpaare rinnt freilich dabei der Schweiß von der Stirne, aber das wird nicht geachtet. Haben sie sich ja doch auf dem Felde beim Schneiden und Ernten schon an Hitze genugsam gewöhnt. In der Pause wurde den Gästen Bier und Wein, sowie Geselchtes und Flöcken Flöcken sind eine Art Käskuchen, mit Weinbeeren und Mandeln gespickt, die in großen runden Formen als Osterkuchen gebacken und mit dem Schinken und den roten Eiern am Ostertage geweiht werden. verabreicht, und alles war guter Dinge. Auch der Pfarrer war als Soukups Gast anwesend und nahm den Ehrenplatz an der Tafel ein. Er drohte zwar hin und wieder der Tochter des Hauses mit dem Finger, daß sie sich so jung schon dem Tanzvergnügen überlasse, aber diese meinte lächelnd, der geweihte Herr möge ihr das nicht so schwer anrechnen, sondern lieber mit ihr einen langsamen Tanz wagen. Das ließ sich der lustige Herr nicht zweimal anbieten und er tanzte zur Freude aller Anwesenden mit dem schönen Mädchen ein paarmal herum. Inzwischen kam auch Aloys, in echte Chodentracht gekleidet, in die Stube. Franz sah ihn heute zum erstenmale, aber er bemerkte sogleich dessen feindseligen Blick. 162 Zugleich erkannte er die Absicht, die ihn hergeführt: er wollte mit Hančička tanzen. Deshalb sagte Franz leise zu dem Mädchen: »Wenn's d' mi lieb hast, Hančička, so tanzt nöt mit dem Burschen dort.« »Aber warum?« fragte diese. »Er ist doch ein Landsmann von dir?« »Aber koa' guata,« lautete die Antwort. Aloys schien zu ahnen, was die beiden mitsammen sprachen, denn er wandte sich jetzt direkt an den Schloßbauern mit der Bitte: »Herr, i hätt' a Bitt. Macht's, daß i mit Enkera Tochter oa'mal tanzen kann. I trau mir nöt anz'frag'n.« Der Bauer sah erst Aloys groß an, dann aber überlegte er, daß nicht der richtige Augenblick dazu sei, ihm diese Bitte abzuschlagen, und so sagte er kurz: »So komm mit!« Er führte ihn zu Hančička und sagte ihr: »Mach mit'n Aloys an' Tanz.« »Aber Vater« – wollte das Mädchen einwenden, doch dieser sagte kurz und bestimmt: »I will's!« Gegen diesen bestimmten Befehl ließ sich nichts machen; Hančička mußte mit Aloys tanzen. Einen entschuldigenden Blick auf Franz werfend, ließ sie sich von dem andern zum Tanze führen. Aloys tanzte mit ihr do kola , und zwar so hübsch, daß alles erfreut zusah: dann nachdem er sie ein paar Mal in die Höhe geschwungen, führte er sie dankend an ihren Platz zurück. Mit einem gewissen Hohn sah er dabei in das sichtlich erzürnte Gesicht Franzens, und einmal im Zuge, machte er sich durch Singen und Jauchzen ganz besonders bemerkbar. 163 »Der g'fallt mir, der Aloys,« sagte der alte Waldhofbauer und ging zu ihm hin, ihm sein Wohlwollen auszudrücken. Franz aber war mißstimmt. Hančička begriff den Grund nicht und gab sich alle Mühe, den Burschen wieder aufzuheitern, was ihr auch so ziemlich gelang. Doch fand er es für angemessen, an die Nachhausefahrt zu denken. Er kannte sich und wußte, daß es nur eines kleinen Anlasses bedurfte, um seinen Zorn gegen Aloys zum Ausbruch gelangen zu lassen. Das friedliche Fest aber durfte heute in solcher Weise nicht gestört werden. Er hoffte, daß sich eine passendere Gelegenheit zur Abrechnung finden würde. Der Waldhofbauer trennte sich zwar ungern, aber Franz drängte zur Heimfahrt. So verabschiedeten sich die beiden von ihren Gastfreunden und Hančička fand nochmals Gelegenheit, dem Geliebten zu versichern, daß sie ihm gehöre fürs Leben. Das machte Franz wieder heiter. Unter fröhlichem Abschiedswinken der Zurückbleibenden fuhren Vater und Sohn der Heimat zu. – »Franzl,« fragte der Waldhofbauer, nachdem sie eine Weile schweigend so dahingefahren, »g'steh mir's ein, dir is was über's Leberl gloffa – hon ebba i nöt mein Mann g'macht und mit'n Herrn Pfarrer g'red't, wie no'mal a Gstudierter?« »Warum nöt gar!« entgegnete Franz. »Mir hat's halt nöt paßt, daß d' Hančička außer mir aa no' mit wem tanzt hat.« »Ah so! – Wirst dennast nöt eifersüchti sein?« »Eifersüchti? Alle Teufel, dös gaang mir grad ab!« »No', dumm waar's von dir, wenn's d' auf'n geistlin 164 Herrn eifern thaatst z'wegn die paar Schrittln, die er tanzt hat.« »Sei staad, Vater, i bitt' di – dös waar freili dumm.« »No', nacha is's mir schon wieder recht, wenn d' dös einsiehgst. Schön is's gwen; g'segens uns Gott! Aha! Hörst, die zwoa Roß beniasen's, daß 's wahr is. Schnupf ma a Mal!« 165 XIX. Jenes »Beniesen« der Pferde auf dem Heimwege von Chodenschloß sollte keiner so freundlichen Deutung entsprechen, wie sie ihm von seiten des Waldbauers zugeschrieben worden, denn es wiederholte sich in kürzeren Zwischenräumen in auffallend starker Weise, so daß die Männer befürchteten, die Gäule könnten den Tag über in einem zugigen Stall gestanden haben. Weder Vater noch Sohn hatten sich um die Tiere umgesehen. Der Alte glaubte, »es feit si eh nix,« und der Sohn hatte keine Minute Zeit gefunden, sich von Hančička zu trennen; er hatte überhaupt in ihrer Nachbarschaft auf alles andere vergessen. Zudem hielt auch er die Pferde, welche der Quistorenhansl selbst mit in den Stall verbracht hatte, aufs beste versorgt. Daß dieser späterhin zur Tanzmusik aufspielte, ließ freilich die Vermutung aufkommen, seine Sorgfalt für die anvertrauten Tiere möchte keine allzu große gewesen sein. Der Waldbauer, wie Franz hielten es indessen nur für eine katarrhalische Reizung, die sich über Nacht oder doch sehr bald wieder heben würde. Dem war aber nicht so, und da sich andern Tages das Uebel verschlimmerte, wurde der Kurpfuscher des nächsten Dorfes geholt, der indessen zum Schrecken der Waldbauerischen sofort die»Rütz« erkannte. 166 Nun erging man sich in allen möglichen Vermutungen, wo die Pferde diese Krankheit geholt haben könnten. Daß dies im Chodenschloß gewesen, hielt man für ausgeschlossen. Bürgermeister und Bezirksamt wurden sofort in Kenntnis gesetzt; keines der Pferde durfte mehr den Hof verlassen und Franz mußte; da sein Urlaub abgelaufen, von Kubitzen aus die Bahn benutzen. Der Abschied war unter solchen Umständen für Franz doppelt schwer. Er wußte zwar, daß sein Vater in dem Oberknecht Gregori einen verlässigen Ehehalten hatte, aber wider diese gefährliche Krankheit anzukämpfen, war nur dem Veterinär möglich und dessen Urteil konnte er nicht einmal abwarten. So mußte er in größter Ungewißheit über das Schicksal der armen Tiere von dannen gehen und Hančička mußte es sich wohl oder übel gefallen lassen, wenn neben der Erinnerung an sie Franzens Gedanken hauptsächlich bei seinen Pferden weilten. Schon nach wenigen Tagen mußten die kranken Tiere auf Befehl des gerichtlichen Veterinärs nach der Wasenmeisterei geführt werden, wo sie durch den Bruststich getötet wurden. Dieses Los stand auch den übrigen Pferden des Waldhofbauers bevor, welche sich im gleichen Stalle befanden und von der heimtückischen Krankheit mehr oder weniger angesteckt worden waren. Doch trat bei diesen noch rechtzeitig eine Wendung zum Bessern ein und es unterblieb die schon über sie verhängte Tötung. Das war ein schwerer Schlag für den Waldhofbauern und er versuchte auch nicht, den Jammer darüber zu vertrinken oder zu verschnupfen. Es war in der That das erste Mal, daß er von einem derartigen Unglück so unvermutet heimgesucht wurde, und er wollte es gar nicht 167 in der Ordnung finden, daß er aus seiner gewohnten Gemütlichkeit so unsanft aufgerüttelt worden. Dagegen war die alte Ahnl gegen diesen Streich des Schicksals gewappnet. »Ma' muaß alles nehma, wie's kimmt, 's Guate, wie's Schlechte,« sagte sie. »Alleweil geht's nöt ebenaus in der bucklichten Welt; und kimmt mitunter ebbas Schiach's, so woaß ma's guate wieder um so besser z' schätzen.« »Recht hast scho',« meinte der Waldhofbauer, »aber dernthalben braucht ma aa koan Purzelbaam z' schlagen vor lauter Vergnüglichkeit, daß eam d' Roß umstehnga. No', der Hof geht drüber nöt z' Grund. I kauf ma halt a frisch's Paar und trag dös Malheur in Gottsnam!« – Aloys hatte natürlich von dem Ergebnis seiner Büberei bald erfahren. Doch fühlte er darüber keine Schadenfreude, im Gegenteile machte er sich jetzt Gewissensbisse. Aber nach einem alten, im Walde üblichen Sprichwort bezahlt man mit tausend Kümmernissen keinen Pfennig Schulden, und so suchte er sich lieber wieder einzureden, es sei das nur ein ganz kleiner und entschuldbarer Racheakt dafür gewesen, daß ihm Franz seine schönsten Lebenshoffnungen zerstört. Daß dieses Bubenstück die Sachlage nicht im geringsten zu verändern imstande war, das mußte sich Aloys freilich eingestehen, aber um daraus dennoch Nutzen ziehen zu können, legte er sich einen Plan zurecht, von dessen Gelingen er überzeugt war. Das ihm zur Warte anvertraute Pferd Soukups befand sich auf dem Wege der Besserung und sobald es ganz außer Gefahr, sollte der Waldhofbauer erfahren, woher 168 seine Pferde die »Rütze« bekommen hatten. Das mußte Veranlassung geben zu einem Streite der beiden Bauern, und bei dem Jähzorn Soukups war es leicht möglich, daß ein Freundschaftsbruch zwischen den beiden Familien herbeigeführt würde. Stundenlang studierte er oft darüber nach, wie er es einleiten müßte, daß seine eigene Person aus dem Spiele bliebe. Während er diesen unsauberen Gedanken nachhing, erschien noch eine andere seinen Plänen drohende Gefahr in Gestalt eines gräflich Stadionschen Verwalters, der häufig nach Chodenschloß kam, um Nachschau zu halten und Abrechnung zu pflegen und bei dieser Gelegenheit der Tochter des Schloßbauers besondere Aufmerksamkeit erwies. Hančičkas gewinnende Freundlichkeit gegen den Vorgesetzten ihres Vaters, ihre hübsche Erscheinung und ihr anmutiges Wesen flößten diesem eine große Zuneigung für sie ein, welche zwar Hančička vollkommen zu übersehen schien, die aber ihren Eltern desto mehr erkennbar und schmeichelhaft war. Der Beamte war ein hochachtbarer und vermöglicher Mann und infolge seiner Stellung befähigt, dem Schloßbauern große Vorteile zu verschaffen, was bei diesem sehr in die Wagschale fiel, besonders wenn er ihn mit dem Waldbauernsohne verglich, gegen den er im stillen doch immer noch einen gewissen Groll hatte. Als Chode und Abkömmling eines der Gefeiertsten dieses Stammes glaubte er sich zu einem gewissen Stolze berechtigt und sah nicht ein, warum seine Tochter, deren Vorfahren gleich den königlichen Freibauern das Prädikat »Hochwohlgeboren« zu führen berechtigt waren, nicht aus der bescheidenen, bäuerlichen Stellung heraus und in eine höhere treten 169 solle. Der ganze Chodenstamm aber müßte sich durch eine solche Standeserhöhung eines seiner Glieder geehrt fühlen. Es war bislang von seiten des Beamten nur bei leicht hingeworfenen Fühlern geblieben. Hančička ward erst aus ihrer Unbefangenheit, mit der sie stets den Herrn empfing, herausgerissen, als sie von ihm bei seinem jedesmaligen Kommen mit einem prächtigen Blumenstrauß aus dem gräflichen Garten zu Kauth beschenkt wurde. Dann aber erklärte sie auch der Mutter sofort, daß sie nie und nimmer von Franz lassen würde, und wenn der Schloßherr selber käme, um ihre Hand anzuhalten. Frau Soukup gab ihrer Tochter den Rat, ganz ihrem Herzen zu folgen. In anderthalb Jahren, meinte sie, könne sich ja vieles ereignen und ändern. »Aendern nicht,« erwiderte Hančička bestimmt. »Ereignen könnte sich's höchstens, daß Franzl oder ich stürben; aber wir bleiben uns auch treu im Tode – sonst wäre ich keine Chodin.« – Aloys merkte auch bald, daß ihm von seiten des Beamten keine Gefahr mehr drohe und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder allein dem Waldbauernsohne zu. Der Verkehr Soukups mit dem Vater desselben mußte auf irgend eine Weise gestört werden. Die Gelegenheit war ihm günstig, denn eines Tages traf Aloys im Wirtshause zu Kubitzen mit dem Waldbauern zusammen, der sich freute, den Burschen wiederzusehen, an dem er ein besonderes Wohlgefallen fand. Selbstverständlich ward das Gespräch bald auf das Unglück mit den Pferden gebracht und der Bauer meinte, er könne sich die Ursache hiervon gar nicht erklären. »Rein ang'flogen is's eahna,« sagte er, »grad als 170 hätt's a böser Blick troffen, nur kann i mir nöt denken, wo, wann und warum?« »I moan, i könnt' Enk da auf'n rechten Weg weisen, Bauer,« entgegnete der Bursche. »Du?« fragte der Waldhofbauer überrascht. »Wie so?« »Ja no', Oes habt's mir a große Wohlthat erwiesen, also bin i Enk dankbarli – aber – aber –« »No' so red!« »Aber Oes müaßt's mir a Jurament schwörn, daß 's mi nöt verrat's, daß 's i gwen bin, der Enks g'steckt hat.« »Zu was denn dös?« fragte der Bauer. »I moan, es wär' dei' Schuldigkeit, daß d' mir's sagest, aa r ohne Jurament. I bin Mann gnua; wenn i dir d' Hand drauf gieb, so hat's B'stand.« »Na', i muaß a Jurament haben. Sagt's: so wahr i will seli wern – i verrat'n Aloys nöt!« Der Waldbauer schüttelte zwar den Kopf, aber er wiederholte die Worte doch und lauschte dann mit angehaltenem Atem, was ihm der Bursche wohl zu erzählen hätte. »So sollt's es wissen: beim Schloßbauern im Chodenschloß ham Enkere Roß d' Rütz kriegt. Der Chodenbauer hat zur selben Zeit a rützigs Roß g'habt und hat's verschwiegen. Grad in den Stall san Enkere Roß kömma. 'n Waldbauer schadt's nix, hat er g'sagt, wenn eam a paar Rößln umstehnga. Hon i nacha dennast a Zeitlang a Ruah vor eam; is mir a so zwider, der Schnapsgirgl und sei' Bua dazua.« 171 »Du bist a Tropf!« rief der Bauer. »Was d' sagst, is a Lug.« »No', so luig i d' Wahret,« entgegnete Aloys. »Wörtl für Wörtl stimmt.« »Dös kann nöt sein! So schlecht is koa' Chodenbauer. Grob is der Schloßbauer, fetzengrob, aber a grader und a ehrlicher Mann, dös mirkst dir. Du bist a Verleumder, und der Schloßbauer sollt' di mit der Hundspeitschen aus sein' Hof jagen.« »Ja no', sehgt's, zu was dös Jurament guat war? Wenn aber i an' heilin Eid schwör, daß am Ostermontag wirkli a rützis Roß beim Schloßbauern gwen is? Glaubt's mir's dann? Der Teufel soll mi hol'n, wenn's nöt wahr is.« »Da steht oan ja dennast der Verstand staad!« meinte der Waldbauer. »Und du moanst, aus Absichtlichkeit hat er's tho', der Schloßbauer – 'n Schleim hat er auf mi? Aber warum denn?« »Warum? Denkts nur an dös Loch im Kopf, dös eam der Franzl zum Präsent g'macht hat – und i glaub halt fest, daß's eam nöt paßt, wenn sei' Deandl mit'n Franzl wirkli in Verspruch kömma sollt.« »Ah so! No', dernthalben braucht er mir meine Roß nöt rützi z'macha. Aber d' Hančička, die halt dennast zu mein' Franzl wie Stahl und Eisen?« »D' Hančička? Ja, wißt's Oes no' gar nöt, daß si a gräflicher Verwalter um sie umthuat? Moant's, a Chodendeandl wird nöt aa lieber a gnä Frau, als wieder a Bäurin, wo's furthampern muaß 's ganz' Leben?« »Jetzt will i dir was sag'n, Aloys. Du bist a rechta 172 miserabler Kunt, daß d' mir da oan Floh um den andern ins Ohr setzt.« »Soll i Enk a Jurament schwörn?« »I brauch koans. Aber sobald i mit'n Soukup zamkimm, werd i a rechtschaffens Wörtl mit eam reden – sei unb'sorgt, i verrat di nöt. Jetzt hast mir aber scho' mein' ganzen Gusto zum Bier gnomma. Du hätt'st mir dennast nix sagen soll'n. Was ma' nöt woaß, macht eam nöt hoaß. Da dran muaß i jetzt Tag und Nacht denken. Kimm i mit dein' Herrn zam, so soll's 's erst Wörtl sein, daß er mir frisch und offen sagt, was er sinnt, und 's weiter wird si' scho' zoagn.« Aloys entfernte sich, nicht ohne den Bauern nochmals an seinen Eid zu erinnern; und um wenigstens etwas antworten zu können, solle er nur sagen, durch ein Bettelweib hätte er die Sache erfahren, da ein solches in der That an dem fraglichen Tage sich in der Nähe des Stalles befunden hatte. »Dös war a Druck ins Wachs!« sagte er sich dann; »wenn's da koa' Feindschaft absetzt, will i Hans hoaßen!« Wenige Tage später trafen der Waldhofbauer und Soukup in Neugedein zusammen, einem am Fuße des Riesenberges gelegenen, freundlichen Fabrikstädtchen, dessen Pferd- und Viehmärkte weit und breit berühmt sind. Auch die beiden Bauern waren aus diesem Anlasse hier und Soukup fragte den Waldhofbauern: »Wirst wieder a Paar Rößln kaufen?« »Kann schon sein,« versetzte der andere, »aber in Chodenschloß stell i's nimmer ein.« »Wie so?« »Wie so? No', i denk, du woaßt, was i vermoan, 173 dir hon i's zu verdanken, daß i um zwoa Roß ärmer worn bin.« »Mir? Laß di auslachen!« »Lach nur! I woaß von wem, den du gar nöt kennst, von an' Bettelwei', daß z' Ostern d' Rütz in dein' Stall war, und du hast es duld't, daß meine Roß in den Stall kömma sein, wo just vorher kranke Roß war'n.« »Das is a Lug!« rief Soukup. »A Lug?« fragte der Waldhofbauer mit erleichtertem Herzen. Wie froh machte ihn dieses Wort; aber das folgende beschwerte ihn wieder in seinem Innern. »Ja, a rechtschaffene!« fuhr Soukup fort. »Der Stall, in dem i deine Roß unterbracht, war g'sund. Es is wahr, i hab a kranks Pferd g'habt, aber das war abseits in an' andern Gebäud und gar niemals können deine Roß bei mir ang'steckt worden sein.« »Also dennast, der Aloys hat nöt g'logen!« dachte der Waldhofbauer, und er glaubte nun auch keine Ursache mehr zu haben, ihm im andern Falle zu mißtrauen. »Ja woaßt, Soukup, i kann glauben, was i will,« sagte er deshalb etwas gereizt. »A groß's Freundschaftsstück war's grad nöt, daß d' mir an dem Tag, wo unsere Kinder so glückli warn, an' solchen Schaden hast zufügen mögen. Dös gfallt mir nöt von dir – und wenn's d' es mit Fleiß tho' hast, no', so bist der nöt, für den i di, seit i denk, g'halten hon.« »Was!« rief Soukup. »I will doch nöt denken, daß du Zweifel setzen kannst in mein Wort? Waldhofbauer, das giebt's nöt bei mir, das leid i nöt, is's, wer da will!« 174 »No', no',« lenkte der andere ein, »wirst dennast nöt mit'n Vater von dein' künftigen Schwiegersuhn an' Streit anfanga?« »A was!« rief der Schloßbauer ärgerlich. »Das is noch in weitem Feld, kann auch gar nöt zur Ausführung 175 kommen. Mei' Tochter braucht nur d' Hand ausz'strecken, sind alle Finger voll.« »'s kommt halt drauf an, ob's ihr g'falln. A Großbäurin wern, is nöt zum Verachten,« meinte der Waldbauer. »D' Hančička paßt für jeden Stand,« versetzte ihr Vater. »Aha!« lachte der Waldhofbauer geärgert. »Möcht'st wohl a Frau Verwalterin aus ihr machen?« »Und wenn's so wär'?« entgegnete der Schloßbauer. »Da is nix zum Lachen.« »Zum Lachen grad nöt,« gab der andere zu. »Aber du wirst dir doch nöt einbilden, daß d' Hančička mein' Franzl lassen kunnt, um a gnä' Frau z'wern. Dös giebt's ja gar nöt!« »Man sollt schon meinen, dei' Franzl is a Wundertier!« fuhr jetzt der Chodenbauer auf. »Laß mi in Ruh mit deine Faxen.« »Faxen?« rief jetzt der Waldbauer, in Zorn geratend. »Mit dene kannst du besser umgehn, du böhmischer Grobian, du! Wenn's nöt z'wegen unsere Kinder wär, so klaget i di, weil's d' es vertuscht hast, daß a rützigs Roß in dein' Stall gwen is; nacha wärest schon sehgn, wie 's dir's kocheten.« Diese Worte wurden so laut gesprochen, daß ein in der Nähe stehender Sicherheitsmann sie hörte und sofort herbeikam, um die Namen der beiden Bauern zu notieren. »Alle Teufel!« sagte der Chodenbauer, »da hast's jetzt mit dein' dummen G'schwätz. Jetzt kann i mir Straf g'nug zahlen, und nur wegen dir! Und du bild'st dir ein, i soll di in mei' Verwandtschaft nehmen?« 176 »Dös hon i nöt woll'n. Soll i dran schuld sei', so zahl i d' Straf aa no'; hon i d' Roß einbüaßt, kimmt's mir auf den Pfifferling aa nimmer an.« »Dazu brauch i di nöt,« entgegnete der Chodenbauer. »'s Geld für deine zwei Häuter sollst auch kriegen. I will nix von dir.« »Und i nix von dir!« schrie der Waldhofbauer erzürnt. »Häuter? I hon koane Häuter. Der Waldhofbauer is so stolz auf sein Stall, wie der Herr Soukup auf den sein'. Und extra kauf i mir jetzt zwoa Roß zum Laufen, daß 's koa' Graf schöner ham könnt – extra deinethalben, denn aus dir spricht grad der Neid. So, und jetzt ham ma ausg'red't!« Er ging wutentbrannt von dannen. Aber der Mann des Gesetzes folgte ihm und hieß ihn mit aufs Gericht gehen. Dort sollte er bestätigen, was er vorhin dem Schloßbauer vorgehalten. Vor allem ward er gefragt, von wem er das wisse. Da stand er schon an der ersten Klippe. »Mei', i hon's halt g'hört,« wollte er sich ausreden. »Vom Hörensagen lügt man gern,« meinte der ihn vernehmende Beamte. »I will nix g'sagt haben,« erklärte der Waldbauer. »G'sagt hat er nix,« versetzte der Gendarm, »aber g'schrien hat er, daß 's alle Leut g'hört ham.« Der Waldhofbauer mußte trotz seiner Weigerung, trotzdem, daß er sich als einen Menschen hinstellte, der nicht wisse, was er spreche, das ihm vorgelegte Protokoll unterschreiben. Darüber ärgerte er sich derart, daß ihm der Ankauf neuer Pferde zuwider wurde. Es war ja ganz gewiß, daß der Chodenbauer die 177 Sache nicht leugnete, wenn er gerichtlich darum befragt würde, aber eben so gewiß dünkte es ihm, daß dadurch eine Feindschaft zwischen beiden Häusern entstehen müsse, die so leicht nicht mehr zu beseitigen war. »No', no',« sprach er für sich hin, »was wird da der Franzl und d' Ahnl sag'n? I woaß nöt, wo mir der Kopf steht. Am besten wird's sein, i kauf mir an' Rausch, daß i auf d' Roß, auf'n Böhm und auf mi vergiß. Glei wollt i, daß 's drei Tag schnib und raang (schneite und regnete), nacha gaab's an' Tratsch, grad so oan, wie r a jetzt in mein' Hirn drinn is. Hoisakra nomal! Wenn nur den Aloys der Tuifi mit'n Schürhackl holet!« 178 XX. Jenes unerquickliche Vorkommnis war nun freilich nicht geeignet, dem innigen Verhältnisse der beiden weit von einander entfernten Liebenden besonderen Vorschub zu leisten. Dem Franzl ließ sein Vater nichts mitteilen; er meinte, bis dessen Dienstzeit vorüber, hätte er sich mit Soukup schon wieder »zusammengerauft«. Anders stand es im Chodenschloß. Soukup war erzürnt darüber, daß er wegen des Waldbauern vor Gericht geladen wurde. Es wäre ihm zwar leicht gewesen, sich von Strafe frei zu machen, wenn er behauptet hätte, daß man über die Krankheit seines Pferdes nicht im Reinen gewesen sei. Aber sein Stolz erlaubte es nicht, eine Unwahrheit zu sagen und so wurde er zu einer sehr empfindlichen Geldstrafe verurteilt. Dabei hielt er es für ganz unwahr, daß des Waldbauern Pferde in seinem Stalle von der bösen Krankheit angesteckt worden und dessen versicherte ihn auch Aloys, der eine eigentümliche Befriedigung darin empfand, die Kluft zwischen den beiden Bauern immer mehr zu erweitern, und sie so auch für die Liebenden geschaffen glaubte. Daß die wahre Liebe jede auch noch so weite Kluft zu überbrücken imstande ist, davon hatte der nur auf seinen materiellen Vorteil bedachte, eigennützige Bursche keine Vorstellung. So war Franz nicht wenig verwundert, als er eines Tages von Hančička folgenden Brief erhielt: 179 »Liebster Franzl! Gelt, du machst dir keine Sorge darüber, wenn unsere beiden Väter gekommen sind in bösen Streit wegen der armen Pferde? Aber du darfst dir auch keine machen, wenn gesagt hat mein Vater, ich soll dem Verwalter unseres Herrn Grafen, welcher sich in sehr anständiger Weise um mich bewirbt, entgegenkommen. Nie und nie wird untreu mein Herz meinem Franzl, dem liebsten Freund meiner Jugendzeit. Das glaubst du deiner Hančička doch? Und was du auch hören magst, glaube nur, was ich dir schreibe. Ich bin oft sehr traurig. Es ist mir eine Ahnung, daß gegen unsere Liebe ein grausiger Sturm wütet, aber wir stehen fest in Not und Gefahr, nicht wahr? Wenn du nur wieder zu Hause wärest, wenn ich dich nur wieder sprechen könnte, nur eine Stunde lang! Aber wenn es auch noch so lang dauert, bis wir uns wiedersehen, du wirst mich finden, wie du mich verlassen, als deine bis in den Tod getreue Hančička.« So sehr dieses Schreiben den Soldaten einerseits erfreute, so sehr mußte ihn dasselbe auch beunruhigen und es war nicht zu verwundern, wenn er an jenem Tage, da er es erhielt, beim Exerzieren öfters statt linksum rechtsum machte und wohl zum erstenmale während seiner Dienstzeit einen Verweis nach dem andern von seinen Vorgesetzten empfing. Am liebsten wäre er sofort nach Hause gereist, aber an einen Urlaub war vorerst nicht zu denken. Da die beiden Väter, wie Hančičkas Brief meldete, in Streit geraten waren und er, wie er ebenfalls aus diesem Briefe ersah, einen Nebenbuhler hatte, so machte ihm der letztere nicht wenig Sorge. Er hatte zwar nicht den geringsten Grund zur Eifersucht, aber er vermochte es 180 dennoch nicht, derselben sein Herz zu verschließen. Daß sein Mädchen stark und treu sei, daran zweifelte er nicht, aber eben so gut wußte er, wie rücksichtslos der stolze Chodenbauer war, und daß es nicht ausgeschlossen sei, daß er die Tochter zu einer Verbindung zwingen könnte, so sehr sie sich auch dagegen sträuben würde. Das waren böse Stunden, in denen er diesen Gedanken und Befürchtungen Raum gab. Natürlich schrieb er seinem Vater und erbat sich Aufklärung über seinen Streit mit Soukup, und als er hierauf Antwort erhielt, wuchs seine Unruhe nur noch mehr. Hančičkas Ahnung war gerechtfertigt, es lag etwas dazwischen, das Unheil schuf. Und wie von selbst stand Aloys vor seinem Geiste. Der feindliche und zugleich spöttische Blick, den er ihm bei jeder Begegnung zuwarf, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Seine Nerven zuckten und die Hände ballten sich krampfhaft zusammen, wenn er jenes Blickes gedachte. Dazu trug besonders auch die Aeußerung eines Kameraden bei, der, mit Aloys in der gleichen Pfarrei beheimatet, sich einmal über dessen Chodenanzug lustig machte, aber zugleich behauptete, derselbe diene nur dazu, sich Herz und Hand eines vermöglichen Chodenmädchens zu erringen. Wer damit gemeint sei, war für Franz kein Geheimnis, aber der Landsmann ahnte nicht, wie nahe seine Erzählung den Kameraden berühre. Dieser aber war innerlich empört über die Großthuerei des ihm so verhaßten Burschen und schon der Gedanke, daß es derselbe wage, sich in solcher Weise zu äußern, bewirkte, daß ihm das Blut zu Kopfe stieg und er erachtete es als durchaus geboten, alles anzuwenden, daß Aloys aus dem Chodenschlosse entfernt werde. – – 181 Der Winter war herangekommen, mit ihm die Arbeit in der Bauernstube bei Spinnrad oder Federschleißen. Während es außen stürmt und haushohe Windwehen entstehen, finden sich die Mädchen täglich in bestimmten Häusern zusammen mit Spinnrad und Rocken, und die Burschen gehen ab und zu, je nachdem es ihnen ihre Arbeit erlaubt. Die älteren Leute setzen sich auf die Ofenbank und unterhalten sich an dem heiteren Treiben der jungen. Da wird geplaudert und gesungen, oder es werden Märchen und andere Geschichten vorerzählt, an welchen der Böhmerwald so reich ist, von Waschweiblein, von Holz- und Burgfräuleins, von dem Schlangenkönig mit der goldenen Krone, von versunkenen Städten und Burgen und von eingemauerten Rittersfrauen. So erzählte man sich unter andern von der nahegelegenen Ruine »Herrenstein«, welche im fünfzehnten Jahrhundert durch Albrecht, Herzog in Bayern, belagert und in Brand gesteckt wurde, daß der damalige Burgherr seine drei schönen Töchter mit allen seinen Schätzen in einem Turme – der Jungfernturm genannt, hatte vermauern lassen, wo sie bis heute noch in der Nacht vor jedem Palmsonntage als irrende Geister, auf Erlösung harrend, erscheinen und herumwandeln sollen. Nur ein reiner Jüngling, der alle Erlösungsbedürfnisse zu erfüllen imstande wäre, könnte diese drei Jungfrauen befreien, wofür ihm sodann alle dort verborgenen Schätze als Lohn zufallen sollten. Bis jetzt hat sich noch kein solcher Jüngling gefunden, und niemand bedauerte es mehr, als der alte Jirka, daß er in seiner Jugend nicht ein solch beherzter Jüngling gewesen, denn seit er dem Gespenste des Freiherrn von Lammingen gegenüber gestanden, hielt 182 er sich zu allem fähig. Daß er vor demselben geflohen sei, wie der Gottseibeiuns vor dem Kruzifix, das freilich sagte er niemand. Und wenn Hančička bei dieser Erzählung immer von neuem laut auflachte, begriff er nicht, warum ihm gerade diese im Gegensatze zu allen andern Zuhörern den gebührenden Respekt für seine Tapferkeit versagte. Ganz besondere Fröhlichkeit herrscht aber in den Chodendörfern zur Zeit des Faschings. Musik und Tanz, meist auch Vermummung sind da an der Tagesordnung. Die Böhmen lieben es, sich zu maskieren, und wenn die Maskerade auch nur aus einer häßlichen, grell bemalten Larve oder einer entsetzlich langen Nase vor dem Gesichte besteht. Die drei letzten Faschingstage bilden natürlich den Höhepunkt der tollen Zeit. Am »feisten Sonntag«, am »blauen Montag« und dann am Dienstag, der eigentlichen Fastnacht, nehmen Schmauserei und Trinkgelage kein Ende, wobei die größte Freiheit herrscht für Tanz und Lied und Lustbarkeiten aller Art. Die Dorfschenken sind den ganzen Tag voll Leben und Gedränge; die Musik spielt fast ohne Unterbrechung auf, alles trifft im Wirtshause zusammen, wobei die tollsten Späße und komischsten Einfälle zu Tage treten. Wie der Dudelsack vor Zeiten das allbeliebte und allerorts gebräuchliche Musikinstrument war, so ist er es auch jetzt noch vielfach in den Chodendörfern. Dazu singen die Burschen die sogenannten Tanzlieder, welche sie oft sehr gewandt aus dem Stegreife machen. Alt und jung maskiert sich und sucht die Nachbarn zu überraschen oder zu erschrecken. Züge von Masken wandern durch die Dörfer, und am Faschingsdienstag muß jedes Liebchen irgend ein Gebäck in Bereitschaft halten, 183 um den Liebhaber, der es zum Bier führt, damit zu beschenken. Für diesen Tag entschloß sich auch der Schloßbauer, mit Frau und Tochter zum Balle ins Wirtshaus zu gehen. Letztere verspürte zwar wenig Lust dazu, denn sie nahm sich fest vor, mit niemand zu tanzen, da Franzl nicht anwesend war. Doch dem Befehle des Vaters war nicht entgegen zu treten. Als sie dort ankamen, herrschte schon ein ungemein fröhliches Treiben auf dem Tanzboden und in den nebenan liegenden Stuben. Dudelsack, Klarinett und Baßgeige machten das Orchester aus. An diesem Tage gebührt den Mädchen die Vorhand. Sie wählen sich selbst die Tänzer und zahlen Musik und Getränk, indem man die Geldsteuer folgendermaßen aus ihnen herauspreßt. J. Rank »Aus dem Böhmerwald.« Man stellt einen Sessel in die Mitte der Tanzstube, darauf einen Teller. Jeder Bursche ergreift eine Tänzerin und tanzt mit ihr um den Stuhl, bleibt dann mit ihr vor demselben stehen und fordert Geld. Er drängt wiederholt und so stürmend in sie, bis er bei reichen Mädchen oft bis zu zwei Gulden herausgelockt hat. Wenn das Geld gesammelt ist, wird damit die Musik bezahlt, Getränke gekauft und jeder Anwesende damit bewirtet. Hančička konnte nicht umhin, sich zu diesem Zwecke ebenfalls zum Tanze um den Stuhl von einem Burschen wählen zu lassen, da sie den Hauptbeitrag zur Bewirtung geben wollte und auch wirklich gab. Der ganze Saal hatte sich alsbald mit den verschiedenartigsten Masken gefüllt und das Singen, Jauchzen und 184 Musizieren war fast ohrenbetäubend. Der Schloßbauer gab seiner Tochter den Wunsch kund, sie möge, soweit sie in ihren Masken erkennbar waren, einen nach dem andern der anwesenden Söhne von hervorragenden Chodenbauern zum Tanze holen. Aloys trieb sich fortwährend in Hančičkas Nähe herum. Seine Maske bestand nur in einem hohen, altmodischen Zylinder und langen Rock. »Du solltest dem Burschen auch die Ehr erweisen und einmal mit ihm herumtanzen,« sagte Soukup zu seiner Tochter, als er ihn bemerkte. »Er ist unserm Hause treu gleich einem Choden.« Aber das Mädchen weigerte sich heute mit aller Entschiedenheit dagegen, wußte sie ja, daß es Franz nicht lieb sein würde. Den Grund hiervon konnte sie sich zwar nicht erklären, sie glaubte ihn auf ein Geheimnis aus früheren Jahren zurückführen zu müssen. So stand inmitten des Gewühles und Lärmens das Bild des fernen Freundes vor ihrer Seele und unwillkürlich regte sich in ihr der Wunsch: »Wenn er doch auch da wäre!« Da setzte sich, als ihre Eltern eben einen Besuch an einem Nachbartische machten, eine in eine schwarze Kutte (Domino) gehüllte Gestalt, die eine einfache Larve vor dem Gesicht hatte, neben sie und sprach sie mit verstellter Stimme an. »Hančička, erschrick nöt,« sagte die Maske, »und verrat mi aa nöt – i bin der Franzl.« »Wie?« rief Hančička, »der Franzl, du? Das ist verlogen.« »I bin's, du därfst es glauben!« versicherte er. Und dann erzählte er ihr eiligst, daß er während der Fastnacht auf zwei Tage Urlaub erhalten, daß er sich aber 185 nur kurze Zeit hier aufhalten könne und mit dem Nachtzuge um 12 Uhr von Taus weg direkt nach München fahren müsse. Der Quistorenhansl, mit dem er unterwegs zusammengetroffen, habe ihm erzählt, daß er eines Streites wegen nicht mehr im Schloßbauernhof sei, sondern nun wieder seinen Leinwand- und Federnhandel betreibe. Er hätte ihm den Rat gegeben, vorerst nicht mit dem Chodenbauern zusammenzutreffen und sich Hančička nur maskiert zu nähern. Er habe den Quistorenhansl auf dem Schlitten mit hergenommen und dieser habe ihm dafür die Kutte verschafft, um unerkannt hierher kommen zu können. Der Zweck sei, sie zu sehen und ihr mitzuteilen, daß sein Vater bereit sei, sich mit Soukup auszusöhnen und zu diesem Zwecke morgen nach Chodenschloß kommen werde. Wenn dann in einem halben Jahre seine Dienstzeit beendet, würde hoffentlich alles wieder in schönster Ordnung sein. Hančička, die hocherregt nach den aus den schmalen Schlitzen der Larve hervorfunkelnden Augen des Geliebten spähte, fragte jetzt: »Franzl, ich kann's kaum glauben, daß du's bist?« »Glaub's nur!« entgegnete der Mann, »und daß's 'n Leuten nöt z' auffallend wird, so tanz mit mir; da sollst dös Weiter hör'n.« Hančička wußte nicht, sollte sie glauben oder zweifeln. Doch bemächtigte sich ihrer eine unendlich freudige Stimmung und als jetzt die Maske ihre Hand ergriff und drückte, da war es ihr, als strömte ein beseligendes Gefühl durch ihren ganzen Körper. »Laß uns zum Tanz gehn, Hančička,« bat der andere 186 mit weicher Stimme. »Deine Eltern brauchen mi nöt z'kenna.« Beide hatten bemerkt, daß Soukup und seine Frau sich erhoben, um an ihren Tisch zurück zu kommen. Wie berauscht ließ sich das Mädchen von dem Fremden zum Tanze führen. Es war ein großes Gedränge, alles tanzte durcheinander, keiner achtete auf den andern. Der Tänzer drückte daher mehrmals, ohne daß es die andern bemerkten, Hančička an seine Brust und sagte dabei: »Mei' liabs, liabs Deandl!« »Franzl, laß mich dein Gesicht sehen, nur einen Augenblick!« bat das Mädchen. »Da nöt,« entgegnete der Mann. »Aber schaug, daß d' ummi kannst zum alten Jirka, nur auf an' Augenblick – laß di von deiner Muatta begleiten, – du find'st mi bei eam; er wird mi nöt verraten. Kimmst?« Er drückte sie bei dieser Frage fest und leidenschaftlich an sich. Hančička wußte nicht, that sie recht oder unrecht, aber sie sagte zu, ihn beim alten Jirka treffen zu wollen. Der Tanz war aus. Der Mann führte Hančička in die Nähe ihres Platzes und verschwand dann im Gedränge. – Aloys hatte den Fremden keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Ihm war die Zärtlichkeit, mit welcher derselbe das Mädchen an sich drückte, nicht entgangen. Er mußte dahinter kommen, wer die Maske sei und als diese nun eiligst den Tanzplatz verließ, schlich er ihr nach und sah, daß sie an Jirkas Laden klopfte und der Alte ihr sofort öffnete. Rasch eilte der Späher nun auch zur Wohnung Jirkas 187 und lauschte. Er konnte die Worte nicht genau verstehen, welche die beiden drinnen sprachen, aber er erkannte in einem der Sprechenden sofort den Waldbauern Franz. Sein Entschluß war gleich gefaßt. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die Liebenden hier eine Zusammenkunft verabredet. Wenn er dies Soukup mitteilte, ward ihr Vorhaben leicht vereitelt. Auf das Befragen Hančičkas, wer ihr Tänzer gewesen, erhielten die Eltern von derselben die Antwort, daß er ihr selbst zwar unbekannt, aber jedenfalls ein guter Bekannter gewesen sein müsse. Sie ahnten auch nichts, als Hančička bald darauf meinte, man solle dem alten Jirka, der sich heute sehr vereinsamt fühlen müsse, doch auch eine kleine Freude machen. Sie wolle ihm vom Fastnachtsball etwas hinüberbringen, die Mutter möchte sie zu diesem Zwecke begleiten. Frau Soukup war damit einverstanden. Sie füllte einen Teller mit Eßwaren, nahm eine Flasche Wein und machte sich mit ihrer Tochter auf den Weg. Kaum aber hatten sich die beiden entfernt, als Aloys zu Soukup herantrat und ihm mit geheimnisvoller Miene sagte: »Herr, im Vertrauen, wißt's, wer beim alten Jirka drent is, und wer der Tänzer in der schwarzen Kutten war? Der Waldhofbauern Franz is's; i woaß's g'wiß.« Soukup war hoch überrascht. Doch er besann sich nicht lange, sondern eilte den beiden Frauen nach und hieß Aloys ihm folgen. Er konnte die ersteren noch durch Zurufe aufhalten, ehe sie Jirkas Wohnung erreicht hatten. Zu Aloys aber sagte er: »Du gehst zum Jirka und sagst dem Franz, ich leid's nöd, daß meine Tochter mit ihm zusammenkommt, am wenigsten zur Nachtzeit. Er soll 188 machen, daß er weiter kommt; von uns kriegt er keine Audienz.« »Aber Oes sagt's nöt, Herr, daß i's verraten hab?« fragte Aloys ängstlich. »Sei unb'sorgt!« lautete die Antwort. Frau Soukup kam eben zurück und fragte, was er wünsche. »Ich hab mir die Sach überlegt, dös Essen und Trinken soll der Aloys dem Jirka bringen,« sagte er; »es paßt mir nöt, daß ihr bei Nacht so rumlauft.« Die Mutter, welche durch Hančička unterdessen unterrichtet worden, war von diesem strengen Befehl aufs unangenehmste überrascht. Sie wollte Einwendungen machen, aber der Bauer nahm ihr Teller und Flasche ab und gebot Aloys, beides dem Jirka zu bringen, was denn auch geschah. Hančička war in der peinlichsten Lage. Sie sah ein, daß ihr Vater, der schon etwas über den Durst getrunken, keinen Widerspruch dulde. Deshalb sprach sie schüchtern den Wunsch aus, nicht mehr ins Gasthaus zurückkehren zu wollen, sondern sich nach Hause zu begeben, aber auch das gestattete der Vater nicht. Er wollte, daß man bleibe, bis der Fasching begraben würde. Es blieb nichts übrig, als der Sache ihren Lauf zu lassen und dem Vater ins Gasthaus zurück zu folgen. So hatte Hančička bald wieder, freilich mit den peinlichsten Gefühlen, ihren Platz im Saale eingenommen. Daß sie den so nahen Geliebten gar nicht von Angesicht sehen sollte, war ihr sehr schmerzlich. Sie wußte, daß er um zwölf Uhr in Taus sein müsse und jetzt war es bereits 189 elf Uhr; er mußte also fort, ohne daß sie sich nochmals gesprochen. Und wird ihn Aloys bei Jirka entdecken? Diese bange Frage legte sich ihr schwer aufs Herz. Sie hoffte, daß es nicht der Fall sein möchte. Ihr einziger Trost war es, daß sie ja morgen früh von Jirka alles erfahren würde. So saß sie still und in Gedanken versunken da; die Mutter redete ihr zu, sie schien aber nicht darauf zu hören. Als sie aber nach einiger Zeit aufblickte, sah sie Aloys vor dem Tische stehen. Sie suchte in seinem Gesichte zu lesen, ob er etwas von Franz wisse, aber er war ganz unbefangen und sagte, er habe den alten Jirka erst aus dem Bette trommeln müssen, um ihm durchs Fenster den »Bschoad« übergeben zu können. Der Alte lasse tausendmal »Vergelts Gott« sagen und er behaupte, im ganzen kaiserlich königlichen Staate gäbe es keine so aufmerksamen und barmherzigen Leute, wie im Chodenschloß. Durch diese Rede fühlte sich Hančička etwas erleichtert; das Geheimnis war also nicht aufgedeckt worden. Daß Aloys dann längere Zeit mit ihrem Vater sprach, fiel ihr gar nicht auf. Schon ging es auf Mitternacht zu, und es wurden Anstalten getroffen, den Schluß des Karnevals » Voračky « zu feiern, welcher im »Begraben des Faschings« – » pochovati masopust « besteht. Die Baßgeige wurde in Weiberkleider gesteckt und, mit Bändern geschmückt, auf zwei Stühle gelegt. Die Burschen flennten und heulten und bejammerten den Tod des edlen Instrumentes. Dabei fungierten von drei Musikanten der eine als Celebrierender, die beiden andern als Ministranten, Mörser statt der 190 Rauchfässer schwingend, wozu ein de profundis gesungen ward. Mit dem Schlage der Mitternachtsstunde hatte die Mummerei und der tolle Spaß ein Ende und alles begab sich ruhig und ernst nach Hause. Siehe näheres: Frhr. von Helfert »Die Čečho -Slaven.« Auch der Schloßbauer mit Frau und Tochter war heimgekehrt, jedes von ihnen mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Hančička konnte mit der Mutter nicht mehr sprechen, sie begab sich aus ihre Stube im oberen Stock, dessen Fenster gegen Taus zu gingen; sie öffnete eines derselben. Es war eine wundervolle Winternacht. Ein Meer von hellglitzernden Sternen, deren Glanz in den Krystallen des Schnees widerfunkelte, erfüllte das Firmament. Die kalte Luft erquickte das hocherregte Mädchen. Eine unendliche Sehnsucht nach dem so plötzlich gekommenen und so rasch wieder verschwundenen Geliebten erfüllte ihr Herz. Nur einen Blick hätte sie in sein Gesicht werfen mögen, damit sie sich seine Züge wieder neuerdings hätte einprägen können. Beinahe ein Jahr hatte sie dieses Anblickes entbehren müssen, und jetzt war er bei ihr und – Ein heller Pfiff der Lokomotive tönte durch die stille Nacht. Der Schnellzug war in Taus angelangt. Bei seiner Weiterfahrt nach Furth kam er in geringer Entfernung an Chodenschloß vorüber. Das wollte sie abwarten. Es währte nicht lange, so hörte sie den Zug herankommen. Unwillkürlich winkte sie mit der Hand nach jener Richtung hin. »Gott nimm dich in seinen Schutz, liebster, liebster Franzl!« lispelte sie. Da fuhr ein Meteor am Himmel hin und Hančička 191 nahm dies als ein glückverheißendes Zeichen. Lange lauschte sie noch, so lange sie das Brausen des sich rasch entfernenden Zuges hören konnte. Endlich war es ruhig. Nichts störte mehr die heilige Stille der Winternacht. Hančička schloß das Fenster und begab sich zur Ruhe. Sie mußte weinen, aber während ihre Thränen flossen, kam ihr der Text des Liedes in das Gedächtnis, welches ihr Franz als erstes Ständchen dargebracht: Ruhig, wein' nicht, Aennchen mein, Finde bald mich wieder ein, Ja, will's Gott, freu'n wir uns wieder Im Beisammensein. 192 XXI. Der nächtliche Reisende dachte in jener Stunde selbstverständlich auch an nichts anderes, als an Hančička. Daß sie mit ihrer Mutter nicht Verabredung gemäß in Jirkas Wohnung gekommen, beunruhigte ihn zwar anfangs; indessen ließ sich das durch die vorgerückte Stunde entschuldigen, da ja die Choden ihre strengen Grundsätze haben und jeden Anlaß zu müßigem Gerede vermeiden. Aber einige Worte waren es, welche Aloys gesprochen, als er dem Jirka den Bschoad durchs Fenster reichte, die ihm zu denken gaben. »Jirka,« hatte jener gesagt, »da schickt Enk der Herr und d' Frau ebb's z'essen. Sie lassen Enk an' guaten Appetit wünschen. Andere, die nix kriegen, könna si's Maul abwischen.« Wen meinte er unter diesen »andern«? Sich selber oder –? Der alte Jirka hatte mit einem »Vergelts Gott« die Sachen in Empfang genommen und Aloys hatte sich vergebens bemüht, in der dunklen Stube etwas von Franz zu erspähen. Er wußte wohl, daß derselbe sich irgendwo verborgen halten und jedes Wort hören müsse, aber er wagte es doch nicht, die Botschaft des Schloßbauern auszurichten. Er kannte sowohl Franzens Kraft, als dessen Mißtrauen gegen ihn und war sich wohl bewußt, daß er 193 bei einem etwaigen Zusammenstoß den Kürzeren ziehen würde. Außerdem war es die Schuld, die ihn drückte, denn er mußte sich sagen, daß es ein erbärmliches Werk gewesen, Feindschaft zwischen den beiden Bauern zu stiften und Franzens Vater, der gegen ihn stets so wohlgesinnt gewesen, so großen Schaden zuzufügen. Mit einem Worte, er war noch nicht ganz so verdorben, um zu der Schuld auch die Frechheit des Spitzbuben zu gesellen. Franz hatte nicht lange Zeit gehabt, über die Worte des Burschen nachzugrübeln, obwohl es ihm in allen Gliedern gezuckt, den Frechen zu züchtigen. Aber er war seiner Sache ja nicht gewiß und durfte sich durch eine Rauferei nicht bemerkbar machen. Jirka zündete, nachdem Aloys fort war, das vorher verlöschte Licht wieder an und setzte seine Kauwerkzeuge in Bewegung. Von jetzt ab war er für die Welt verloren. Für das Gefühl der Liebenden hatte er ohnedies nicht das geringste Interesse mehr. Nur als ihm Franz einen Thaler auf den Tisch gelegt, fielen ihm Messer und Gabel aus der Hand und er starrte mit großen Augen bald nach dem Geldstück, bald nach dem Geber. »Das ist keine königlich kaiserliche Münze,« sagte er, »aber ich liebe auch Silber von Němec (Deutsche) und die gehören mein selbst?« Franz bejahte es und trug dann dem Alten auf, der Tochter des Chodenbauers auf heimliche Weise seine in einem Kouvert verschlossene Photographie zuzustellen, welcher ein Zettel beilag mit den Worten: »Halt aus! halt aus! Bald komm ich am lichten Tag und hol dich heim als Regentin auf mein Hof!« Dann verabschiedete er sich von dem alten Choden 194 und begab sich ins obere Wirtshaus, wo ihn der Quistorenhansl erwartete. Dieser hatte sich infolge einer Schwätzerei mit Soukup entzweit. Es war wieder Aloys gewesen, welcher allein die Gunst des Schloßbauers besitzen wollte und die Schläge nicht vergessen konnte, welche er seinerzeit vom Quistorenhansl zu Milawec empfangen. Durch seine wohlberechnete Ohrenbläserei hatte er es auch wirklich dahin gebracht, daß Soukup auf Hansl mißtrauisch wurde, obwohl der Chode dem Bauern seit Jahren in der uneigennützigsten Weise zu Diensten stand. Und mit dem Schwinden des Vertrauens hörte auch die Freundschaft auf. So ein feiges Unterminieren vermag Berge der Freundschaft und Dankbarkeit umzustürzen, seinem geheimnisvollen Wirken im Finstern gelingt es, den ehrlichen Namen des Unbescholtensten zu verdächtigen und sich dem Verleumdeten gegenüber selbst in ein erborgtes, schönes Licht zu stellen. Der Quistorenhansl ahnte wohl, daß Aloys es gewesen, welcher sein gutes Verhältnis zu dem Schloßbauer gestört hatte, er wußte indessen nichts Gewisses und hielt die Zeit der Abrechnung noch nicht für gekommen. Als ihm aber Franz jetzt von seiner Vermutung sprach, daß Aloys von seiner Anwesenheit Wind bekommen und ein Zusammentreffen mit Hančička absichtlich vereitelt habe, da stimmte ihm Hansl sofort bei und bestärkte ihn nur noch mehr in seiner Meinung. Franz mußte aufbrechen, um den Nachtzug nicht zu versäumen, aber er nahm vorher dem Quistorenhansl noch das Versprechen ab, über seine Angelegenheit zu wachen und ihm von Zeit zu Zeit Nachricht zukommen zu lassen, da er sich, wie er wohl einsah, auf seinen Vater ja doch 195 nicht verlassen konnte. So fuhr er denn, wenn auch zum Teil ein wenig mißmutig, im ganzen doch nicht unbefriedigt von dannen. Hatte er ja doch die Geliebte in seinem Arm gehalten, sich an ihrem Anblicke erfreut und die Gewißheit mitgenommen, daß sie ihm unentwegt treu geblieben und treu bleiben werde auf immerdar. Ihr Bild war es, das ihm während der Fahrt vor Augen schwebte und das ihn nicht mehr verließ, bis er wieder in seiner Garnison angekommen. – Andern Tags schon in aller Frühe fand sich Soukup in Jirkas Stube ein und befahl ihm, zu erzählen, was er von des Waldbauern Sohn wisse. Der Ahnungslose zeigte ihm vor allem den deutschen Thaler, dann übergab er ihm Franzens Brief und Photographie mit der Bitte, beides Hančička zuzustellen, aber nur »verstohlens« dürfte es geschehen, das habe ihm der Bayernfranz streng aufgetragen. Der Chodenbauer mußte unwillkürlich lächeln, als er dem Alten versprach, den Auftrag auszurichten. Dieser wußte ja nicht, daß das gute Einvernehmen zwischen den beiden Familien gestört sei und wünschte dem Bauern alles Glück zu einem so hübschen Brautpaare. Soukup aber fand sich nicht bemüßigt, den Alten aufzuklären. Kaum hatte der Schloßbauer den alten Jirka verlassen, kam Hančička zu demselben, um sich nach Franz zu erkundigen. Der Bescheid, den sie hier erhielt, machte ihr großen Aerger, aber es reifte sofort der Entschluß in ihr, das, was ihr gehörte, von ihrem Vater zurückzufordern. Deshalb suchte sie ihn auf und bat ihn höflich, aber bestimmt um Franzens Brief. Die hoch aufgerichtet vor ihm stehende Tochter mit 196 dem entschiedenen Ausdruck im Gesicht flößte selbst dem etwas rauhen Bauern eine Art von Respekt ein. »Zu was soll's gut sein?« fragte er. »Du hast es nicht nötig, verstohlens in der Nacht mit einem Burschen zusammenkommen. Wenn der si nicht am Tag zu dir traut, so is er nichts nutz. Dem Herrn Verwalter is's noch nie eing'fallen, zur Nachtzeit zu kommen, und du, Hančička, wie du so vor mir stehst, siehst nicht aus, als ob 's d' für ein Bauernhaus passest.« »Vater, ich paß nur für 'n Franzl; ob er jetzt Bauer, oder Baron, oder Verwalter, das ist mir gleich.« »Wenn i's aber nicht erlaub?« »Dann geschieht's ohne deine Erlaubnis.« »Dann enterb i di!« schrie der Bauer erregt. »Das kannst du, Vater,« entgegnete Hančička. »Ich verzichte auf dein Hab und Gut; Franzl nimmt mich auch so. Aber besser ist's,« meinte sie einlenkend, »du söhnst dich mit seinem Vater aus. Er wird heut kommen –.« »Mit dem Grobian?« unterbrach sie der Chodenbauer. »Das g'schieht nicht!« »Du bist auch nicht fein,« bemerkte Hančička. »Er hat mi in d' Straf bracht.« »Es geschah nicht mit Absicht. Der Waldbauer ist seelengut –.« »Ein gscheerter Bauer is's,« rief der Vater. »Laß gut sein, Vater,« wehrte Hančička. »Jetzt gieb mir das, was mir gehört, den Brief von Franz, sonst klag ich dich auch, weil du zurückbehältst mein rechtmäßiges Gut.« »Das wird ja immer schöner!« rief der Bauer, aufs 197 höchste erstaunt. »I will mi nöt ärgern heut, am Aschermittwoch,« fuhr er fort, »wo i gleich in der Kirchen d' Aschen aufs Hirn g'streut krieg.« Hančička lächelte. »Wir sind alle nichts als Asche,« philosophierte sie, »über kurz oder lang, nichts als Asche. Aber bis ich das werde, will ich leben glücklich mit Franzl, und will beten zum Himmel, daß er meine lieben Eltern leben lasse, recht lang und in Zufriedenheit. Gelt Vater, das ist vernünftig? Und jetzt gieb mir meinen Brief.« Sie hatte während dieser Rede ihren Arm um den Nacken des Vaters geschlungen und ihm, ohne daß es dieser wehrte, das Kouvert aus der Seitentasche seines Jankers gezogen. »So, jetzt kannst du gehen, dich einäschern lassen,« sagte sie schmeichelnd. Sie wollte allein sein. Der Schloßbauer aber, der etwas weich geworden, wollte sich's nicht anmerken lassen, deshalb entgegnete er: »Wenn d' nöt mein einzigs Kind wärst, so – so –« »So hätt' ich noch Brüder und Schwestern,« lachte Hančička. »Aber es ist auch so recht. Und dein einzig's Kind wird dem Franzl sein Weib. Aber geh jetzt, laß mich allein.« »Kommandier halt rechtsum und linksum, wie dein bayerischer Dragoner.« »Da wird kommandiert: Trab marsch!« sagte das Mädchen lachend. »Natürlich, laufen werd i auch noch, daß d' das dumme Bildl sehn kannst. – Ja, wer kommt denn da ang'fahr'n?« rief er, aufs neue erstaunt. »Der Waldhofbauer? Da soll ja doch gleich 's Donnerwetter –« 198 »Nichts Donnerwetter!« unterbrach ihn Hančička schnell. »Du gehst jetzt mit Franzls Vater in die Kirch, da laßt ihr euch alle zwei Asche aufstreu'n aufs Haupt.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie zur Thüre hinaus und begrüßte den Ankommenden, bei dem die Mutter bereits stand. Die beiden Frauen führten sodann den Ankömmling in die warme Stube, während ein Knecht das Fuhrwerk versorgte. »I woaß nöt, wie mir g'schieht,« bekannte der Waldhofbauer nach der ersten Begrüßung. »Der Franzl hat mi herkummandiert, und da bin i.« »Ihr sollt geben meinem Vater die Hand zur Versöhnung,« sagte Hančička, und als sie bemerkte, wie der Vater vor dem Spiegel stand, um sein Halstuch zu ordnen, fuhr sie fort: »Seht, er putzt sich schon zusammen, damit er Euch gefällt.« Jetzt wendete sich der Chodenbauer um und fragte: »Was hat dei' Sohn kommandiert?« »Trab marsch nach Chodenschloß! hat er g'sagt, wie's bei die Reiter hoaßt. Just hab i'n um Mitternacht no' auf an' Augenblick in Furth gsehgn. Und so bin i halt in aller Früah in Trab hergfahrn, und da bin i jetzt.« »Das sieht ja aus, als wenn unsere Kinder die Herren wären,« entgegnete Soukup, sich zu einer strengen Miene zwingend. »Sie sans aa!« antwortete der Waldhofbauer. »I gieb mein' Franzl über, sobald er zruckkimmt vom Militari. Der Vetter im Künischen drent hat eam aa sei' ganz's Hab und Guat verschrieben, da feit si nix. Und was wir zwoa mit ananda g'habt ham, geht d' Kinder nix an. Die san mit anander einverstanden, da nutzt nix mehr, 199 als ja und Amen sagen. Schnupf ma amal, damit die Sach richti is und bleibt.« Der Schloßbauer sah den Sprechenden jetzt freundlich an. »Aber a Grobian bleibst doch!« behauptete er. »Meinthalben, wenn's durchaus nimmer anders geht, so – da hast mei' Hand!« Jetzt erklang die Glocke, welche zum Gottesdienst einlud. »Gehn wir einaschern,« versetzte der Schloßbauer. »Einverstanden!« erklärte der andere. »Aber z'erst gebt's mir a Glasl Bittern, wenn i bitten därft; die Fahrt war sakrisch kalt.« Hančička brachte sofort das Gewünschte zur Stelle. »Und nach der Kirch giebt's schon ein Frühstück, wenn auch ein Fasttag ist,« versprach Frau Soukup. »Da bin i schon dabei,« entgegnete der Waldhofbauer. »Gehn ma, daß wir bald wieder zruck san.« Und ausgesöhnt schritten die Männer zum Gotteshause, die Mutter und Hančička folgten. Mitten auf dem Wege aber blieb der Schloßbauer stehen und lachte laut auf, indem er sagte: »Das is was Neues: Trab marsch!« »Ja, dös is die neu Zeit,« meinte der Waldhofbauer. »Gschwind muaß 's gehn, wenn a Sach richti wern soll, und um dös gehn ma unsern Herrgott beten.« Der Kirchengang schien gesegnet gewesen zu sein, denn alle waren den Tag über in heiterster Stimmung und als der Waldbauer gegen Abend wieder heimfuhr, verabschiedete sich Soukup in der freundlichsten Weise von dem künftigen Schwiegervater seiner nunmehr wieder glücklichen Hančička. 200 XXII. Nur einer im Hause sah mit großem Verdrusse, daß sein böses Werk nicht von dauerndem Bestande war. Aloys kam allmählich zu der Einsicht, daß er einem unerreichbaren Ziele zustrebe. Es war nicht das Vermögen Hančičkas allein, das ihn anzog, von dem er geträumt, daß es mit der Zeit sein Eigentum würde und das er nunmehr für verloren geben mußte, – es war Hančička selbst, die er sich einredete, mit aller Gewalt zu lieben, so hoffnungslos ihm eine solche Liebe auch selbst erschien. Er konnte es immer noch nicht vergessen, daß er der Erbe eines nicht unbedeutenden Bauerngutes gewesen wäre, wenn sein Vater nicht durch eigene und fremde Schuld den Ruin der Familie herbeigeführt hätte. Er hielt sich zu etwas Besserem geboren, als sein Lebtag einen Knecht zu machen, und da er mit aller Gewalt die ihn beengenden Fesseln lösen wollte, verabscheute er zur Erreichung seines Zweckes auch nicht den Gebrauch von schlechten Mitteln, wenn sie ihm nur einigermaßen von irgend einem Erfolge schienen. Sein Verhältnis zum Schloßbauer war stets das beste, auch Frau Soukup und Hančička sahen in ihm einen redlichen, aufopferungsfähigen Burschen und konnten ihn wohl leiden, obwohl das Mädchen wußte, daß Franz ihm nicht günstig gesinnt sei. Es war ein eigentümliches Geschick, das die Stellung des Burschen im Chodenschlosse immer noch mehr befestigte. Dazu gab das große 201 Erinnerungsfest an die siegreiche Schlacht im Passe bei Neumarkt (22. und 23. August 1040), welche den Ruhm der Choden begründete, neue Gelegenheit. Dasselbe wurde bei der St. Wenzelskapelle bei Fürthel eingeleitet. Von jeher verehrten die Böhmen den heiligen Wenzel (gest. 28. September 935) als ihren Schutzheiligen und vorzüglichsten Fürsprecher im Himmel, zu dem sie sich in ihren Anliegen mit besonderem Vertrauen flüchteten und den sie auf ihren Kriegsfahnen abgebildet hatten. Ihn riefen sie auch singend um Beistand an vor der großen Schlacht und schrieben der Fürbitte dieses Heiligen den Sieg zu. Die böhmischen Krieger pflegten damals die Schlacht mit andächtigen Liedern zu eröffnen, und mit gehobener Stimme im Chore zu singen: » Kdož jste boží bojovnici = die ihr da seid Gottes Krieger.« Herzog Břetislaw I. von Böhmen wurde vom deutschen König Heinrich III., weil er sich weigerte, die besetzten polnischen Länder und die daraus weggeführten Schätze zurückzugeben, bekriegt, und ward die Gegend um Neumark der Schauplatz eines furchtbaren Kampfes. Am 15. August 1040 stand das deutsche Heer an Böhmens Grenze. Das eine, stärkere, unter Heinrichs eigenem Befehl, sollte von Cham her über Furth und Eschlkam durch den Böhmerwald eindringen, das andere von der Burg Dohna über das Erzgebirge hereinbrechen. Břetislaw teilte daher ebenfalls seine Macht. Mit dem einen Teil zog er dem König Heinrich in den Böhmerwald entgegen. Bei Heinrich befand sich die Blüte des deutschen Adels, auch Markgraf Otto von Schweinfurt, der Bruder der schönen Jutta, der Gemahlin Břetislaws. Břetislaw hatte die Vorteile der natürlichen Lage 202 Böhmens wohl benutzt, durch die Choden Verhaue an den Pässen angelegt und ihnen gegenüber Verschanzungen errichtet, in welche er einen Teil seiner Kriegsvölker legte, während die anderen als Hinterhalt in den Wäldern lagen. Das deutsche Heer rückte am Chambbach über Furth, Eschlkam und Neumark gegen Neugedein vor. Am 22. August stürmte Heinrichs Bannerträger, Graf Wernher, ebenso ungestüm als voreilig die Verschanzungen der Böhmen, aber er sank, von einem Pfeilregen empfangen und vom Hinterhalte gedrängt, samt dem Grafen Reinhard und den Seinigen, und das königliche Banner wurde eine Beute der Sieger. Und als am 23. August Markgraf Otto vor jene Verschanzungen drang, wurde auch er geschlagen und ließ die Grafen Gebhard, Wolfram und Dietmar nebst vielen Edlen tot auf dem Schlachtfelde. Die Niederlage des deutschen Heeres wurde nun vollständig, nur wenige fanden ihr Heil in der Flucht, zu welcher ihnen der heilige Günther Der heilige Günther war ein thüringischer Landgraf, und soll mit dem Ungarnkönig, Stefan dem Heiligen, nach anderen aber mit dem deutschen Kaiser Heinrich blutsverwandt gewesen sein. Er trat in schon vorgeschrittenem Alter als Novize in das Benediktinerstift Niederaltaich bei Deggendorf, verließ es aber mit einigen gleichgesinnten Ordensbrüdern nach einiger Zeit wieder, um sich in die Wildnis des Nordwaldes zurückzuziehen. Am Flüßchen Rinchnach schenkte ihm Kaiser Heinrich den umliegenden Forst, den er mit seinen Genossen auszuroden begann, wo er dann im Jahre 1012 ein Kirchlein und einige Zellen erbaute und so zu dem späteren Kloster Rinchnach den Grund legte. Als die Gegend durch den Fleiß der Mönche wirtlicher geworden war und sich einiger Verkehr entwickelte, flüchtete sich Günther, nachdem er beim Kaiser für den Fortbestand des Klosters gewirkt, abermals in die Wildnis und lebte dort auf einem Felsen, aus dem ein Brünnlein entsprang, nunmehr St. Günthersfelsen genannt. Von hier aus leistete er zweimal dem deutschen Kaiser Heinrich sehr ersprießliche Dienste und zwar am 23. August 1040, wo er den Rest des aufs Haupt geschlagenen deutschen Heeres vom Schlachtfelde bei Neumark weg den Ausweg durch den Eisensteiner Engpaß zeigte, und am 15. August des nächstfolgenden Jahres 1041, als er die Deutschen durch denselben Paß auf geheimen Wegen nach Böhmen führte, so daß Heinrichs Heer auf diese Art die Böhmen umgehen und zum Rückzug zwingen konnte, worauf am 8. September der Friede zwischen den beiden Herrschern zu stande kam, der durch die schöne Jutta, Bretislaws Gemahlin und Schwester des Markgrafen Otto von Schweinfurt vermittelt wurde. Es dürfte von Interesse sein, zu erfahren, wie durch die List Juttas die beiden mächtigen Fürsten in ihrem Handeln gelenkt wurden. Kaiser Heinrich hatte nämlich nach seiner ersten Niederlage geschworen, nicht eher zu ruhen, bis er mitten im Böhmerlande sich auf freiem Felde niedersetzen und behaglich ausruhen könne. Bretislaw dagegen gelobte, an den Deutschen Rache zu nehmen und im feindlichen Lande sengen und brennen zu lassen, daß die Flammen der brennenden Häuser die Nacht in Tag verwandeln und er sich an diesem Anblick weiden könne. Die beiden Schwüre mußten dem Wortlaute nach gehalten werden, und Jutta sorgte dafür, daß dies geschehen konnte. Sie veranlaßte, daß Heinrich vor Prag kam, ließ einen bequemen Stuhl aufs freie Feld hinausbringen und den Gast bitten, darin Platz zu nehmen. Bretislaw aber mußte die Landesgrenze überschreiten, wo auf deutschem Boden ein paar elende Hütten angekauft und angezündet wurden, so daß die Nacht weithin erhellt ward und der Böhmerherzog sich an dem grellen Flammenschein ergötzen konnte. So fühlten sich die beiden nun befreundeten Herrscher in ihrem Gewissen beruhigt, und der Himmel hatte gegen diese lustige und harmlose Lösung ihres Eides gewiß auch nichts einzuwenden. den Ausweg zeigte. Die Böhmen 203 aber erbauten an der Stelle, wo sie den großen Sieg erfochten, zu Ehren ihres Landespatrons, des heiligen 2041 Wenzeslaus, eine Kapelle bei Fürthel, unsern Neumark, inmitten von Zdemil , Zdemil kommt von Zde milo – hier lieb, d. h. hier liebte – erbarmte sich – erhörte Gott auf die kräftige Fürbitte seines heiligen Wenzeslaus, böhmischen Herzogs und Landespatrons, das heiße Gebet Bretislaws und seiner tapferen Krieger, indem er ihnen einen vollkommenen Sieg verlieh. wie die allererste und ursprünglichste Benennung dieses denkwürdigen Schlachtfeldes war. – Am Jahrestage dieses Sieges, zu welchem die Choden sehr viel beigetragen und der ihnen die seinerzeitigen großen Privilegien eintrug, besuchten diese mit Vorliebe das berühmte Schlachtfeld und die St. Wenzelskapelle und zwar mit all dem Prunke, den sie in Erinnerung an ihre stolze Vergangenheit noch jetzt bei Festen beibehalten. Mit dieser politischen Wallfahrt verbinden sie dann eine Art Nationalfest auf der etwa eine Stunde von Viertl entfernten Bergruine »Riesenberg«. So kamen sie auch heute in den Vormittagsstunden in geschmückten Wägen mit reichgeschirrten Pferden, begleitet von Vor- und Nachreitern, gegen Fürthel. Alle vierzehn Chodendörfer waren vertreten und jedes einzelne zeichnete sich durch die Pracht der Nationaltracht aus. Die Choden von Aujezdl, der Heimat Kozinas, brachten die Chodenfahne mit dem Hundskopfe mit, welche ein Reiter den Fahrenden vorantrug. Der Schloßbauer von Chodenschloß kam auf einem Vierspänner heran, der von Aloys, zu Pferd sitzend, gelenkt wurde. Hančička mit Vater und Mutter befanden sich im Wagen. Die Männer trugen 205 Eichenzweige aus den Hüten und Kappen, die Frauen und Mädchen Blumensträuße an der Brust. Es war ein farbenprächtiges Bild, das sich dem Beschauer von allen Seiten darbot. In der Nähe der Wenzelkapelle hielten die Wagen; die Insassen entstiegen denselben und begaben sich zu dem alsbald beginnenden Dankgottesdienste. Das kleine Kirchlein konnte die Andächtigen selbstverständlich nicht alle fassen, und so hielten sich die meisten Choden vor der Kapelle auf. Es war ein wundervoller Sommertag. Die gründunklen Berge des Böhmerwaldes tönten sich klar vom blauen Himmel ab und schienen alle hin zu blicken zu dem sich so treu gebliebenen Chodenvölkchen, dessen schöne, heilige Lieder weithin in feierlicher Weise erklangen. Nach dem Gottesdienste setzte sich ein nunmehr geordneter Zug gegen Neugedein und den Riesenberg in Bewegung. Zwischen den Wagen verteilten sich die Reiter, und allen voran fuhr auf einem geschmückten Leiterwagen die Musikbande, welche meist nationale Weisen zum Vortrage brachte. Der Zug bewegte sich durch das an der Wasserscheide der Nordsee und des schwarzen Meeres gelegene Terrain, allwo der Sage nach die letzte Schlacht geschlagen wird. Dieser Sage nach wird das Bayerland verheert und verzehrt und der Böhmerwald mit dem Besen ausgekehrt. Nach anderen soll es die Neuerntrad sein, welche sich auf dem Wege nach Neuern befindet. Dann ging es dem nördlich von Neugedein sich erhebenden Riesenberge zu, dessen majestätische Burgruine aus frischem Waldesgrün freundlich den Ankommenden entgegengrüßte. 206 Eine gute Straße ermöglicht es, bis zu der Höhe hinanzufahren, wo in den großartigen Ruinen für Unterkunft und Bewirtung der Gäste gesorgt war. Die Veste Riesenberg war einstens eine Grenzhut, welche die so häufig bedrohte Umgegend beschirmte. In den Hussitenkriegen spielte Riesenberg eine bedeutende Rolle. Auf dem Schlachtfelde bei Riesenberg siegte 1431 der Hussitenführer Prokop der Große gegen die deutschen Kreuzfahrer, worauf die Hussiten das Bayernland verwüsteten, bis sie von dem heldenmütigen Pfalzgrafen Johann mit Hilfe der oberpfälzischen Bauern und der tapfern Bürger von Cham bei Hiltersried aufs Haupt geschlagen wurden (1433). Auch später, unter Böhmens König Georg von Poděbrad waren Riesenberg und der nachbarliche Herrnstein Zeuge öfterer Kämpfe, bis beide von den Schweden überwältigt und zerstört wurden. Riesenberg war zu jener Zeit Eigentum der Freiherren von Lammingen, deren Erbe der bekannte Maximilian von Lammingen, der Zwingherr der Choden, geworden. Dieser erbaute nach der Zerstörung von Riesenberg um das Jahr 1670 im Dorfe Trhanow sein neues Schloß, das jetzige Chodenschloß. Das alte Chodenschloß in Taus überließ er der Tauser Gemeinde, wofür er von ihr den Babyloner Teich bekam. Mit diesem kam später auch Riesenberg und Kauth an die Reichsgrafen von Stadion, in deren Besitz es noch heute ist. Auf den Trümmern der Burg ihres einstigen Tyrannen tummelten sich jetzt die Abkömmlinge jener Vorfahren, welche durch ihre Klugheit und Tapferkeit ihrem Herzoge Břetislaw zum Siege verhalfen und von ihm zum Danke zu freien Bauern erhoben wurden. Jener goldenen Tage 207 gedachten sie heute in Wort und Lied. Besonders aber war es das Andenken an Kozina, welches die dankbaren Enkel begeistert feierten. Der grüne Plan innerhalb der Ruine ward alsbald von der Jugend zum Tanzplatze ausersehen, und in fröhlichster Weise verflossen dem treuen Völkchen die Stunden. Auch Hančička war heute recht fröhlich gestimmt. Sie hatte von Franz die erfreuliche Nachricht erhalten, daß er sofort nach den Herbstmanövern ständig beurlaubt werde, und dann ihrer Verbindung nichts mehr im Wege stände. So waren allerdings ihre Gedanken mehr bei dem fernen Freunde, als bei ihren Landsleuten, und um sich diesen glücklichen Gedanken ganz ungestört hingeben zu können, 208 bestieg sie den Wall, von dem sich eine unermeßliche Aussicht nach allen Richtungen hin dem entzückten Auge eröffnet. Vom Gipfel des Riesenberges übersieht man das ganze Angelthal bis zur Seewand am Osserberge, überhaupt das ganze Böhmerwaldgebirge und den böhmischen oder Oberpfälzerwald bis hinauf zum Dillenberge und zu den Höhenzügen bei Königswart. Hier öffnet sich auch dem Auge am vollständigsten jene bedeutende Gebirgslücke, welche den Paß von Taus und Neumark bildet, und man überzeugt sich deutlich, wie so diese Gegend militärische Wichtigkeit erlangen mußte. Schon von alter Zeit her war Böhmen im Westen gegen feindliche Einfälle durch sein waldreiches Gebirge geschützt, durch das nur wenige Pässe führten, die erst in neuerer Zeit fahrbar gemacht wurden. Hier jedoch eröffnet sich zwischen dem Czerkow und Ossergebirge, hinter welchem Berge der »hohe Bogen« in Bayern emporsteigt, ein großes, drei Meilen weites Thor, hinlänglich geeignet, daß große Heeresmassen durchziehen können. Und in der That war dieses Thor zwischen Taus und Neuern, wie schon im Kontexte erwähnt, ein oftmals mit Blut getränktes Schlachtfeld. Auf diesem ältesten Verkehrswege wanderten schon die Bojer und Markomannen. In geringer Entfernung erblickt man die uralte Stadt Taus, die ehemalige Wogatisburg, in deren Nähe im Jahre 630 König Samo, der Gründer des Slavenreiches, über die vom Rhein her nach dem Böhmerwalde feindlich vorgedrungenen Franken unter dem Merovinger Dagobert siegte. In den Jahren 805 und 806 rückte durch diesen Paß der fränkische, sächsische und bayerische Heerbann in Böhmen ein und machte die slavischen Herzoge tributpflichtig. Im Jahre 872 war es ein aus Franken bestehendes Heer unter der Führung des Erzbischofs Liutbert von Mainz, das die böhmischen Herzoge an der Moldau in die Flucht schlug. 976 kam Kaiser Otto II. mit seinem Heer durch diesen Paß nach Böhmen gezogen, um erst auf der Pilsener Ebene durch Boleslaw den Frommen eine blutige Niederlage zu erleiden. 1040 fand hier, wie schon oben beschrieben, die Schlacht zwischen König Heinrich III. und Herzog Bretislaw I. von Böhmen statt. Von 1074–1105 schlug hier Graf Aswin von Bogen die Böhmen in drei Feldschlachten und erwarb sich dadurch den Titel »Der Schrecken der Böhmen«. 1347 fand in der Nähe von Furth ein Treffen zwischen Bayern und Böhmen statt, in welchem Peter von Egg der Junge feldflüchtig wurde und dafür mit dem Leben büßte. Dann wüteten die Hussiten und die Schweden hier. Im spanischen und österreichischen Erbfolgekriege diente dieser Paß gleichfalls zu feindlichen Einfällen ins Bayernland und nach der für Oesterreich unglücklichen Schlacht bei Eggmühl 1809 zog sich Erzherzog Karl mit der ganzen österreichischen Armee über Furth und Eschlkam nach Böhmen zurück. (Siehe J. Wenzig und J. Krejcis Böhmerwald; Führer durch den Böhmerwald, vom Deutschen Böhmerwaldbund; Adalbert Müllers bayerischer Wald.) Wie Böhmen seiner Zeit seine Grenzen durch die Festungen Taus, Riesenberg und Herrnstein, sowie durch die Choden und künischen Freibauern schützte, so that dies Bayern durch die befestigten Orte Furth, Eschlkam und Neukirchen (sämtliche Vesten hüben und drüben wurden durch die Schweden zerstört), durch stundenlange Verschanzungen auf der sogenannten Kampfhaide (von Schachten bis Rittsteig), und die lebendige Wehr, die Grenzwache in Furth. Zu dieser Grenzfahne von Furth, die täglich zum Kampf geschickt werden konnte, gehörten nebst den Bürgern von Furth auch die der Märkte Eschlkam und Neukirchen, dann die am Fuße des Hohenbogen wohnenden Seligmacher Bauern, so genannt, weil sie von Ludmilla von Bogen durch Erbschaft an das Kloster Seligenthal in Landshut kamen. Die Grenzfahne zählte im 16. Jahrhundert 550 Mann zu Fuß und 50 Reiter, welche der Pfleger von Furth als »Grenzhauptmann« befehligte. Die aus jener Zeit des Grenzdienstes herrührende Fahne ist im Armeemuseum zu München aufbewahrt. Es dürfte wohl selten eine Gegend mit solch großartiger geschichtlicher Vergangenheit zu finden sein, wie dies im Passe von Neumark und Taus der Fall. Doch auch hier sollte sie nicht allein sein. Aloys lag, an ein Felsenstück gelehnt, an eben jenem Platze und blickte sinnend hinaus ins Bayernland. Sein Auge war gegen Eschlkam zu gerichtet, dessen hoch gelegene Kirche den Mittelpunkt dieser prächtigen Landschaft bildet. Er hatte in Fürthel während des Gottesdienstes von einem Kameraden erfahren, daß seine Mutter aus dem Irrenhause als 209 geheilt entlassen sei und seit wenigen Tagen in Eschlkam bei einer mildthätigen Bürgersfrau Unterkunft gefunden habe, bis die Heimatsgemeinde, der sie ja jetzt zur Last falle, weitere Maßnahmen getroffen. Sonach ward sie als ein Bettelweib behandelt, die vormalige vermögliche Regentin eines der schönsten Bauernhöfe. Der junge Bursche konnte von hier aus den ehemaligen, väterlichen Besitz überschauen; die Waldungen und Felder und selbst der schöne Bauernhof war deutlich erkennbar. Ueberkam ihn erst eine schmerzliche Rührung, die ihm die Thränen aus den Augen preßte, so machte sich 210 allmählich eine Bitterkeit über die Mißgunst seines Schicksals in seinem Herzen geltend, die sich bis zur Wut steigerte. Er sah seine kühnen Hoffnungen vernichtet. Weder seine guten Thaten, noch seine Schurkereien hatten ihn seinem erträumten Ziele näher gebracht. Hančička war, wie er sich vernünftiger Weise eingestehen mußte, für ihn verloren; – er war und blieb der Knecht im Hause Soukups. Es blieb ihm nicht erspart, mit anzusehen, daß das schöne Chodenmädchen das Weib des ihm verhaßten Erben des Waldhofbauers würde. Das konnte, das wollte er nicht; er mußte fort, fort aus der Nähe der Glücklichen, wenn er sich nicht von seinem rachsüchtigen Temperamente zu einer Unthat sollte hinreißen lassen. Aber wohin? In der Heimat, wo seine Mutter im 211 Turnus von Hof zu Hof das Gnadenbrot erhielt, konnte er nicht bleiben. Kein Mensch würde ihn da achten. Der einzige Ausweg schien ihm die Auswanderung nach Amerika zu sein. Seine Ersparnisse reichten aus zur Ueberfahrt, und jenseits des Ozeans lächelte ihm vielleicht das Glück, das ihm in der Heimat gänzlich den Rücken gekehrt. Was mit seiner Mutter geschehen sollte, wollte er sich noch überlegen. Sie durfte nicht vom kargen Almosen der Gemeinde leben. Er entschloß sich, sie gleich morgen aufzusuchen und das Nötige, soweit es in seiner Macht stand, zu veranlassen. In solchen Gedanken traf ihn Hančička. Sobald er sie erblickte, sprang er vom Boden auf und grüßte die Ankommende. Seine Augen hingen leidenschaftlich an dem schönen Mädchen. »Ach, wie ist es schön hier!« rief dieses, die großartige Rundschau bewundernd. »Wie ist so herrlich die Welt! Zeig mir, wo ist der Hof des Waldbauern. Kann man ihn sehen hier?« »I glaub nöt,« entgegnete Aloys, ärgerlich über diese Frage. »Aber dort rechts vom Eschlkamer Turm liegt mei' Hof – i moan, der mir g'hört hätt'.« »Armer Aloys!« sprach Hančička leise, des Burschen bitteres Gefühl wohl verstehend und würdigend. Dieser blickte jetzt mit leuchtenden Augen nach der Tochter seines Herrn. Der warme Ton, in welchem sie die beiden Worte sprach, machte ihn verwirrt. »I werd wohl arm sein, werd arm bleiben,« sagte er nach einer kleinen Pause. »I bin vom Schicksal b'stimmt, an' elender Mensch z' bleib'n, und über dös, was oan b'stimmt is, kann der Mensch nöt außi.« 212 »Glaub das nicht, Aloys,« sagte das Mädchen. »Kennst du nicht das Sprichwort, daß jeder ist der eigene Schmied seines Glücks –« »Dös is grundfalsch!« unterbrach sie Aloys. »Man muß nur nicht geben nach,« meinte Hančička. »Mit Ausdauer erreicht man alles.« Sie dachte dabei an ihr Liebesverhältnis zu Franz. »Alles?« fragte Aloys zweifelhaft. »Wenn man nicht ist zu unbescheiden,« versicherte sie. »Es ist schon oft genug, wenn man erreicht die Hälfte von dem, was man anstrebt. Deshalb mußt du haben Mut, und alles wird noch gut werden. Geh jetzt und sieh dich nach den Pferden um. Wir werden bald heimfahren.« Der Bursche sah Hančička fragend an. Sie hatte mit so freundlicher Stimme zu ihm gesprochen. Sollte er aus ihrer Rede entnehmen können, daß er halb erreichen würde, was er – sollte sie ihn endlich nach Jahren verstanden haben? »Was schaust du so?« fragte Hančička lächelnd. »Geh jetzt. Ich weiß, daß mein Vater dich sucht.« Aloys ging. Das Mädchen hatte seiner vergessen, noch ehe er um die Ecke gebogen. Es blickte mit unnennbarer Sehnsucht hinaus über das weite, weite Land, dessen Herrlichkeit demjenigen doppelt verständnisvoll ist, dessen Herz warmes Gefühl durchströmt. Dieses läßt neben den herrlichen Empfindungen beim Anblicke einer großartigen oder anmutigen Landschaft auch die Erinnerung erstehen an die unserem Herzen Nahestehenden. Man wünscht sie zu sich, um mit ihnen das Entzücken, die Freude teilen zu können und teilt sie so zunächst geistig mit den Lieben in der Ferne. 213 Südwärts blickend, erkannte Hančička sofort den Turm der Klosterkirche von Neukirchen zum heiligen Blut, und sie konnte den Weg verfolgen, welchen damals der Wallfahrtszug der Choden eingeschlagen und von dem sie in so eigentümlicher Weise getrennt worden. Es war das der erste Schritt, mit dem sie in das ihr bestimmte Lebensschicksal eintrat. Die Richtung aufmerksam verfolgend, glaubte sie jetzt den Wald zu erkennen, in welchem sie eingeschlafen, und jetzt die Gebäulichkeiten des Waldbauernhofes selbst, welche künftig ihre Heimat werden sollten. Sie waren soeben von der Sonne hell beleuchtet und Hančička betrachtete dieses als ein glückverheißendes Zeichen. Lange saß sie da auf dem Felsenblock und konnte ihre Augen nicht trennen von dem künftigen Heim. Durch die Mutter ward sie in ihren Träumen gestört. Diese holte die Tochter zurück nach dem Festplatze, auf welchem soeben von den getreuen Choden dem Andenken Kozinas eine Huldigung dargebracht wurde, bei welcher die Nachkommen jenes gefeierten Märtyrers nicht fehlen durften. Ein alter, würdiger Chodenbauer hielt eine Ansprache, in welcher er jenes leuchtende Vorbild des Chodenvölkchens rühmte und den Vorschlag machte, demselben an seinem Geburtshause in Aujezd eine Gedenktafel zu errichten, was mit unbeschreiblichem Jubel begrüßt wurde. Rasch zogen dann die frohen Stunden auf der luftigen Bergeshöhe dahin, ohne jeden Mißton, in schönster Eintracht. Zum Schlusse stimmten die Choden noch ein Nationallied an und bestiegen dann in gehobener Stimmung die Wagen zur Heimfahrt. 214 XXIII. Am Fuße des Berges teilten sich die Gefährte nach den verschiedenen Richtungen, in welchen die Chodendörfer lagen. Die meisten wählten die Straße nach Kauth und Taus, um im ersteren Orte dem allbeliebten Reichsgrafen von Stadion eine Huldigung darzubringen. Er war einst ihr Herr und Gebieter, aber er sowohl, wie seine Vorfahren hatten sich durch ihre Milde und Volksachtung die Liebe und Anhänglichkeit des Chodenvölkchens zu erwerben gewußt. Dies zeigte sich in der herzlichen Kundgebung, wie in den von einem musikalischen Tusch begleiteten, brausenden Vivatrufen, welche so mächtig erschallten, daß sie im Vereine mit dem Trompetengeschmetter das Gespann des Schloßbauers so sehr erschreckten, daß der letztere Aloys zu Hilfe kommen mußte, um die durch das lange Stehen auf dem Riesenberge ohnedies unruhig gewordenen Pferde wieder zu beruhigen. Der herbeieilende Gutsverwalter meinte, es wäre vorsichtshalber gut, zur Heimfahrt nur ein Paar Pferde am Wagen zu belassen, aber der Schloßbauer war zu stolz auf seinen Viererzug, um ihn zu teilen. Und als der Verwalter, um Hančička und ihre Mutter besorgt, eindringlichere Einwendungen machte, schnitt Soukup dessen Ermahnungen kurz ab mit den Worten: »Allen Respekt vor ihnen, Herr Verwalter, aber die 215 Ross' gehören mir und da hat mir niemand was dreinz'reden.« Damit gab er das Zeichen zur Weiterfahrt, welche unter klingendem Spiele vor sich ging. Die Stadt Taus war passiert, und nur wenige Wagen zweigten bei schon eintretender Dämmerung gegen Chodenschloß zu ab. In der Nähe dieses Ortes, wo sich die Straße stark abwärts senkt, befindet sich zunächst der Landstraße ein tiefer Weiher, welcher seinen Zufluß durch die warme Pastriz erhält. An der Straße bilden, wie überall in Böhmen, edle, Frucht tragende Obstbäume die Alleen. Hinter einem dieser Bäume saß ein in ärmliche Kleidung gehülltes Weib zusammengekauert, nach den Heranfahrenden angestrengten Blickes starrend. Als Soukups Wagen herankam, schnellte das Weib plötzlich empor und schrie: »Alys! Alys! I bin's, dei' Muatta!« Genügte die rasche Bewegung des Weibes und ihr Geschrei, oder hatte Aloys beim Anblick seiner Mutter eine rasche und unvorsichtige Bewegung mit den Zügeln gemacht, genug, die Pferde wurden scheu und Aloys vermochte sie nicht mehr zu halten. Als die beiden Frauen die Gefahr erkannten, sprangen sie sofort vom Wagen, was ihnen glücklich gelang, ohne daß sie sich dabei verletzten. Die Pferde sausten die Straße entlang am Rande des Weihers hin, und weder Aloys, noch der Schloßbauer hatten mehr Macht über sie. Letzterer dachte nun daran, sich gleichfalls durch einen kühnen Sprung zu retten, aber er wählte unglücklicherweise die unrechte Seite zum Abspringen und sprang so gerade in 216 den Weiher hinein. Gleich darauf aber brachte Aloys die Tiere mit aller Gewalt dennoch zum Stehen. Der des Schwimmens unkundige Schloßbauer befand sich in höchster Gefahr. Er hielt sich nur mit Mühe über dem Wasser und schrie laut um Hilfe. Frau Soukup und Hančička eilten herbei, aber sie wußten sich nicht anders zu helfen, als daß sie ebenfalls laut um Hilfe riefen. Da ließ Aloys die Pferde los, warf den Janker von sich und sprang in die Flut. Der Bauer war bereits am Untersinken, als ihn Aloys erreichte. Er ergriff ihn und schwamm mit ihm unter eigener Lebensgefahr dem Ufer zu. Hier waren inzwischen auch die Insassen der folgenden Wagen angelangt, und nun half man mit vereinten Kräften den beiden ans Land. Des Schloßbauers Kräfte waren erschöpft, er war einer Ohnmacht nahe. Man führte ihn zum nächsten Wagen und brachte ihn sofort nach Hause. Frau und Tochter wichen nicht mehr von seiner Seite. »Der Teufel soll die Hex holen!« waren Soukups erste Worte. »Dank lieber dem Himmel, daß er dich uns erhalten hat,« sagte die Frau, »und dann vergiß auch nicht, Aloys zu danken –« »Der Aloys – ja, das is ein ganzer Kerl!« versetzte Soukup. Aber er konnte ihm nicht sofort danken, denn Aloys war schon fort, den Pferden nachgeeilt. Zu Hause angekommen, legte sich Soukup sofort zu Bette und wurde durch Wein gestärkt, so daß er sich alsbald wieder besser fühlte. Als dann Aloys mit den Pferden nach Hause kam, die keinen Schaden genommen, ward ihm 217 von der ganzen Familie der wärmste Dank ausgesprochen. Hančička sogar drückte ihm die Hand und sagte: »Du hast mir gerettet meinen Vater vom Tode, sag, wie ich dir danken kann?« Aloys triumphierte. »Und wenn i ebbs begehret?« fragte er. »Aber na' i krieget's do nöt –« »Wenn es nichts Unrechtes ist, ganz gewiß,« versicherte sie. Aber in diesem Augenblick unterbrach Frau Soukup die Unterredung der beiden durch die Frage, wo des Burschen Mutter geblieben und gestattete demselben, sie her zu holen, da sie für dieselbe sorgen wolle. Aloys hatte über den aufregenden Vorfällen ganz seine Mutter vergessen. Jetzt eilte er, sie aufzusuchen. Es dunkelte bereits, als er aus dem Hause trat. Er fragte zuerst überall in den am Wege liegenden Häusern, ob man das Weib nicht gesehen, das am Abhang an der Straße gesessen, aber er fragte lange vergebens. Endlich berichtete ihm ein Bauer, der etwas deutsch verstand, er hätte die Gesuchte gesehen. Sie hätte ihn angerufen, aber er habe nicht verstanden, was sie wolle. Sie hätte von Aloys gesprochen, der im Weiher sei, wo sie ihn suchen wolle, kurz, es sei ihm vorgekommen, als ob das Weib nicht bei Sinnen gewesen sei. Aloys verstand die Sache besser und diese Nachricht erfüllte ihn mit größter Angst. Eine unheilvolle Ahnung bemächtigte sich seiner, während er zu dem Weiher hin eilte, aus dem er kurz vorher seinen Herrn gerettet. Er hoffte, die Mutter dort am Ufer zu finden. Doch konnte er bei der Dunkelheit der Nacht – der Himmel hatte sich 218 mit Wolken überzogen – trotz aller Anstrengung seiner Augen nichts entdecken. Er eilte wieder ins Dorf zurück und suchte und fragte dort neuerdings, doch wollte ihm die Rede des Böhmen nicht mehr aus dem Sinn. Deshalb zündete er ein Laternenlicht an und nahm einige Männer mit sich, mit denen er zum Weiher zurückkehrte. Der erste Lichtschein, welcher auf die Wasserfläche fiel, zeigte ihm einen nahe dem Ufer schwimmenden, menschlichen Körper. Es war jener seiner armen, irren Mutter. Entsetzen ergriff den jungen Burschen. Er warf sich zu Boden und schrie laut auf vor Schmerz und – Wut. Er lästerte den Himmel ob des Unglücks, das er fortgesetzt auf ihn häufe. Seine Begleiter machten sich nun daran, mittelst Stangen den Leichnam des unglücklichen Weibes ganz ans Land zu ziehen. Alle Wiederbelebungsversuche waren vergebens; der Körper war bereits kalt und starr. Einer der Männer war ins Dorf geeilt, um Soukup von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Dieser gab sofort Befehl, daß die Leiche auf seinen Hof gebracht werde, was denn auch mittelst einer Tragbahre geschah. Er wollte, daß der Mutter seines Retters alle Ehren erwiesen würden, wie es bei einer Großbäuerin gebräuchlich sei. Aloys wurde von der Familie Soukup auf tiefste bedauert. Als seine Mutter am übernächsten Tage ins Grab gesenkt wurde, da segnete sie nicht nur der Geistliche des Ortes ein, sondern alle Choden der Umgegend nahmen an dem Leichenbegängnis teil, als wäre sie eine der ihrigen gewesen. Aber nicht der Toten allein ward so ehrend gedacht, sondern auch dem wackern Erretter 219 ihres hochangesehenen Genossen ward Dank und Anerkennung gebracht, indem sie unter sich eine erkleckliche Summe Geldes sammelten, die sie ihm zum Geschenke machten. Mehr als je ward dessen Stelle im Hause Soukups jetzt wieder befestigt und er fing abermals an, zu hoffen, – das Unerreichbare zu erhoffen. Das überstandene Unglück konnte sich ihm ja zum Glücke gestalten, der Weg zum Glücke ist ja stets ein unberechenbarer, so meinte er, und warum sollten die Bäume nicht in den Himmel wachsen? Noch gehörte ihm das Feld, und er wollte seine Zeit nützen. 220 XXIV. Aloys sollte aber seine Zeit nicht mehr nützen können, denn schon einige Wochen früher, als man erwartet, kam Franz in die Heimat zurück und zwischen den beiden Familien wurde sofort das Nötige besprochen und die Vorbereitung zur Hochzeit getroffen. Hätte der Schloßbauer nicht so bestimmt seine Einwilligung zur Verbindung seiner Tochter mit Franz zugesagt, so wäre er beinahe versucht gewesen, Aloys als Schwiegersohn den Vorzug zu geben, denn seit ihm dieser das Leben gerettet, überhäufte er ihn mit Wohlthaten aller Art, und der Bursche verstand es meisterlich, sich seinem Herrn immer unentbehrlicher zu machen. Ja einmal hatte ihn Soukup sogar durchblicken lassen, daß er wohl Aussicht gehabt hätte, sein Tochtermann zu werden, wenn er nicht dem Waldbauern Franz bereits sein Wort gegeben. So war also Aloys in der That seinem kühn gesteckten Ziele ganz nahe gekommen, und wieder war es Franz, der ihm den Vorrang abgelaufen. Dieser Gedanke wurmte ihn ohne Unterlaß. Haß und Neid verbanden sich gegen den vermeintlichen Zerstörer seines Glückes. Doch war er zu machtlos, das Glück des Brautpaares aufzuhalten, so sehr er auch auf Mittel sann, dazwischen zu treten. Die Hochzeit war auf die Woche nach dem Dreikönigsfeste angesetzt. Der Hochzeiter fuhr bereits in Begleitung 221 des Hochzeitladers auf einem flotten Schlitten bei allen Verwandten und Bekannten vor, sie zum Hochzeitsfeste einzuladen, welches am ersten Tage in Chodenschloß, am zweiten aber auf dem Waldbauernhofe gefeiert werden sollte und wozu beiderorts große Vorbereitungen getroffen wurden. An die Thüre der Geladenen ward vom Hochzeitlader mit Kreide ein in einer Zitrone steckender Rosmarinstrauß gezeichnet, statt des sonst üblichen Mahlpreises aber angeschrieben: Ehrenmal. Am Vorabende der Hochzeit erhielt Hančička von den Burschen der nächstliegenden Ortschaften ein Ständchen gesungen und wurden diese dann in Soukups Hause reichlich bewirtet, wobei es an Scherzen und lustiger Unterhaltung nicht fehlte. Am Festtage selbst ging aber der Spektakel schon am frühesten Morgen an. Pistolen- und Böllerschüsse dröhnten durch die Luft. Die Musik stand bereit, den Bräutigam mit seinen Gästen zu empfangen, welche in zahlreichen, meist gezierten Schlitten aus Bayern herangefahren kamen. Die Bewohner des Ortes standen alle in Feiertagskleidung vor den Thüren, um den Hochzeiter vorüberfahren zu sehen. Pistolenschüsse und helle Juchzer tönten ihm entgegen. Im Hause der Braut hatten sich bereits die Kranzljungfern eingefunden, welche in lauter bildschönen Chodenmädchen bestanden. Der Bräutigam wurde mit Musiktusch und darauf folgendem Marsch empfangen und in das Haus geführt, wo Hančička auf ihn zueilte und ihn, strahlend von Glück, begrüßte. »Gelt Franzl,« rief sie, »jetzt werden wir halt doch ein glückliches Paar?« 222 Der Bräutigam sah ihr gerührt in die Augen und faßte sie an beiden Händen. »Woaßt no,« sagte er, »wie r i 's erst Mal in Enkan Haus gwen bin, da bin i bunden worn mit festen Stricken; die hast du zerschnitten. Die Ketten aber, mit der i heunt mit dir verbunden werd, die z'reißt neamd mehr, nöt i, nöt du, koa' Mensch auf dera Welt, so wahr i will seli wern!« Der Waldhofbauer flennte (weinte) in einem fort, er hielt auch eine Ansprache an seine künftige Schwiegertochter, deren Schluß lautete: »G'falln thuast ma, Tochter, daß i's gar nöt sagen kann. I moan, i sehg mei' Bäurin wieder vor mir als Hochzeiterin. So schö' zwar, wie du, war's freili nöt, aber guat is 's aa gwen, und scho' sauba aa, dös siehgst ja an mein' Franzl!« Hančička sah in der That auch reizend aus. Eine haubenähnliche Blumenkrone, in der Gestalt eines umgedrehten Vogelnestes, vermischt mit roten Bändern und Flittergold, bedeckte ihren Kopf. Zu dem wertvollen seidenen Brusttuch, dem gestickten, kurzen, mit Marderfell besetzten Jäckchen und schwarzem Rock trug sie eine lange, breite, weiße Spitzenschürze. Der Bräutigam trug einen langen, blauen Tuchrock und einen hohen, mit Rosmarin und Blumen geschmückten Hut, dazu eine buntseidene Weste, schwarze, enge Lederhose und Wadenstiefel. Er hatte ein goldenes Kränzlein am linken Arm. Den mit Rosmarin und roten Bändern geschmückten Gästen wurde das Frühstück, die sogenannte »Gacklhenne« vorgesetzt, worauf man einige Touren tanzte. Nach 223 erbetenem und erhaltenem elterlichen Segen, wobei der Hochzeitlader, » plampač « = »Plapperer« genannt, die Hauptrolle spielt, bewegte sich der bunte Zug in die Kirche zur Trauung mit Musik und Gesang. Die buntgeschmückten Brautjungfern – družička – gingen vor den Musikanten her, wobei sie sich drehend, hüpfend und jauchzend, die gewöhnlichen Hochzeitlieder vorsangen, deren Melodie die Musikanten stets nachspielen mußten. So sangen sie unter anderem: »Meine Liebe wird geführt zur Trauung, Schon sind's dorten auf der Höh'. Gieb dir Gott der Herr sein Glück Du mein schönes Mädchen, Geb es Gott, mein liebes Kind. Juchhe!« Nach der feierlichen Trauung wurde das junge Ehepaar vor der Kirchenthüre mit Musik und Pistolenschüssen empfangen. Der Hochzeitlader machte seinen Glückwunschspruch; dann zog man in das Einkehrhaus zum Mahle, welchem das sogenannte »Ofenschüsselrenna«, ein Wettrennen, voranging. Unterwegs von der Kirche zum Wirtshause sangen die frohgestimmten, bildschönen družičky (Brautjungfern), ihre schneeweißen und buntgestickten Taschentücher hochschwingend, das obligate Liedchen den Musikanten vor, welches auf deutsch wörtlich lautet: »Ach unser – Herr Pfarrer – schön predigt, Verschenket – Bilderchen – Hände bindet – Ich will auch – in diese – Predigt gehen – Ein Bildchen – und einen – Mann begehren. Juhuhu!« Auch der alte Jirka wurde zum Mahle geladen, ebenso Aloys, der aber nicht erschien. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, das Glück der Neuvermählten mit anzusehen. 224 In fröhlichster, oft ausgelassenster Stimmung vergingen die Stunden; der Braut wurde von den Burschen der Schuh gestohlen, welchen sie vor dem Brauttanz durch Geld und Wein auslösen mußte. Gegen Abend führte dann der Bräutigam unter Musikbegleitung seine Braut in ihr Vaterhaus zurück, um sie samt ihrem Kammerwagen von dort am nächsten Tage auf seinen Hof abzuholen. Die Gäste entfernten sich und die lange Schlittenreihe, welche die bayerischen Verwandten in ihre Heimat zurückführen sollte, setzte sich in Bewegung, nachdem alle herzlichen Abschied von des Waldbauern nunmehrigem jungen Weibe genommen. Pistolenschüsse begleiteten die Abreisenden auf einer langen Strecke ihres Weges. Aber letztere waren nicht alle zu festlichem Zwecke bestimmt. In der Nähe des babylonischen Sees, wo der Wald bis zur Straße hinanreicht, ward aus ganz geringer Entfernung ein Pistolenschuß abgefeuert, eine Kugel drang durch den Gupf von Franzens hochzeitlichem Hut und riß ihm diesen vom Kopfe. Sofort hielten die Schlitten. Wer es vermochte, eilte in den Wald hinein, um den Missethäter abzufangen, aber bei der bereits zunehmenden Dunkelheit war es ein vergebenes Beginnen. Die Besonneneren unter den Hochzeitsgästen meinten daher, man solle die Fahrt ohne Aufenthalt fortsetzen, um möglichst bald aus dem Walde hinauszukommen, und so geschah es auch. Der Bräutigam, dem ohne Zweifel das tötliche Blei zugedacht, war gottlob unversehrt geblieben. Man erging sich in allen möglichen Vermutungen und ging sogar so weit, es nicht für unmöglich zu halten, daß es eine Rache der Choden sein möchte, weil eine ihrer reichsten Töchter aus dem Stamme 225 hinausgeheiratet habe. Aber Franz erklärte, daß er seine Hand für die Choden ins Feuer lege, daß keiner eines Meuchelmordes oder überhaupt einer feigen That fähig wäre, daß er aber einen Verdacht habe, dem er vorerst noch keine Worte verleihen wolle. In unbestimmten Umrissen stand Aloys vor seinem Geiste. Er wußte selbst nicht, warum er geneigt war, ihm jede schlechte That zuzuschieben, aber er hielt ihn nun einmal für einen Heuchler und Verräter, trotz all des Guten, was er schon gethan. Er hoffte sich Gewißheit darüber zu verschaffen, indem er sich mit dem Quistorenhansl in Verbindung setzen wollte, der trotz Franzens Bitte ebenfalls nicht zur Hochzeit gekommen war. – In Kubitzen wurde noch ein Abschiedstrunk gehalten; dann zerstreuten sich die Gäste nach verschiedenen Richtungen. Die beiden Waldbauern fuhren nach ihrem Hofe, der bereits für den morgigen Empfang der neuen Regentin mit Tannenguirlanden aufs festlichste geschmückt war. Die alte Ahnl segnete den ankommenden jungen Ehemann, indem sie ihn mit Weihwasser besprengte. Ihre Freude wurde nur durch die Erzählung, in welcher Gefahr er auf der Heimfahrt geschwebt, ein wenig getrübt. »Siehgst es, siehgst es,« sagte sie, »mei' Segen heunt fruah hat die bös' Kugel von dein' Kopf abg'halten. Der Herr nimm di in sein Schutz für alle Zeit!« Am anderen Tage fuhr der Bräutigam wieder mit einigen Freunden in einem geschmückten Schlitten nach Chodenschloß, um die Braut zu holen. Alle seine Hochzeitsgäste waren zu einem Mahle auf den Hof geladen, das nach Ankunft der Braut eingenommen werden sollte. 226 Im Chodenschlosse war das Attentat auf den Bräutigam bereits bekannt geworden und alles war darüber empört. Doch wurde es dem Wunsche des Schloßbauern gemäß der Braut verschwiegen. Man erging sich auch hier in Mutmaßungen aller Art, aber niemand kam auf die richtige Spur. Nur der Quistorenhansl glaubte, als er davon hörte, Aloys im Verdacht haben zu müssen. Er forschte auch sofort nach, ob dieser der Abfahrt des Hochzeitszuges beigewohnt und erfuhr, daß derselbe zu dieser Zeit schon im Bette gelegen und ein kleines Fieber vorgeschützt habe. Aloys lag aber in Wahrheit nicht zu Bette. Er hatte an seiner Stelle eine jener ausgestopften Figuren hineingelegt, wie sie bei der eben beginnenden Fastnacht so gerne Verwendung finden, hatte ihr seine Kappe aufgesetzt und das Gesicht mit einem leicht übergeworfenen Tuche verhüllt. Dann stieg er durchs Fenster aus, um sein Rachewerk zu vollbringen. Nach vollbrachter That kehrte er auf demselben Wege zurück in die Kammer, wo er den Popanz versteckte und sich dafür ins Bett legte. Mancher von den Dienstboten hatte flüchtig die Kammer betreten und sie versicherten den Quistorenhansl hoch und heilig, Aloys habe um die fragliche Zeit in seinem Bette geschlafen. Unter solchen Umständen mußte jeder Verdacht schwinden und auch Franz konnte auf diese Mitteilung hin nicht länger an demselben festhalten. Bei seiner biederen Gesinnung that es ihm nun sogar leid, dem Burschen unrecht gethan zu haben. Nach einem ausgiebigen Frühstück in Chodenschloß sollte die Abfahrt der Braut erfolgen. Da setzte es noch viele Thränen und auch noch manche Hindernisse ab, die 227 zu überwältigen waren. Erst der Abschied von den Eltern, den Jugendfreundinnen und allen Bekannten des Dorfes, dann der Loskauf von den Weghindernissen, welche ihr die Burschen des Ortes bereiteten, denen es gar nicht gefiel, ein so schönes Mädchen über den Chodenboden hinaus zu lassen, indem sie die Straße mit Hölzern und allen möglichen Dingen unpassierbar machten und nicht eher Abänderung schufen, als bis sich die Braut von ihnen losgekauft. Der Kammerwagen folgte dem vorausfahrenden Brautpaare nach. Er war von prächtig geschirrten Pferden gezogen und mit buntem Hausrat, Kästen, Tischen, Bettgestellen, dem Brautbett, einer Wiege und dem Spinnrocken beladen. Hinter dem Kammerwagen folgten die Eltern Hančičkas in einem Schlitten, den heute Soukup selbst lenkte. Den Schluß bildeten die Kranzljungfern und einige Freundinnen Hančičkas, die sie über das Dorf hinaus begleiteten und ihr beim Abschied Glück und Segen wünschten. Nachdem die Grenze passiert und der Eingangszoll für die Hausgeräte entrichtet war, ging es dem Waldbauernhofe zu, wo die Gäste und Musikanten schon der Ankommenden harrten. Selbstverständlich wurde die junge Frau von allen auf dem Hofe Anwesenden, auch den Dienstboten, mit Jubel empfangen. Von Franzens Vater und der Ahnl wurde das junge Ehepaar an der Schwelle mit Weihwasser besprengt und dann feierlich in die Stube geleitet. Nun begann sogleich ein Tanz, dem später die Mahlzeit folgte, welche des vermöglichen Hofbesitzers würdig 228 war. Nachdem sich abends die Gäste entfernt, fühlten sich die Neuvermählten erst ungestört in ihrem ganzen Glücke. Nun war Hančička die Regentin des Bauerngutes, in welchem sie einstmals vor Jahren als Hilfesuchende so liebevolle Aufnahme gefunden, und beide gedachten mit freudiger Rührung jenes Ereignisses, welches den Grundstein zu ihrem jetzigen Glücke gebildet. – – – 229 XXV. Die junge Bäurin regierte alsbald in Haus und Hof, daß Franz seine Freude daran haben mußte. Dieser hatte alles nach militärischer Anordnung eingerichtet. Eine solche Reinlichkeit in den Stallungen ward weit und breit nicht angetroffen, wie auf dem Waldbauernhofe, ebenso herrschte die größte Ordnung in allen Wirtschaftsräumen und damit in der ganzen Wirtschaft. Der alte Waldhofbauer erkannte darin wieder einen neuen Vorteil der allgemeinen militärischen Wehrpflicht, die Ordnung in das häusliche Leben hinein verpflanzt und mit ihr den Segen und die Zufriedenheit. »Schaugt's nur eini zu uns, ös Gscheerte,« sagte er oft in der Bierkanne zu seinen Nachbarn; »da werd's sehgn, daß 's koa' Unglück is, wenn unsere Bauernbüabeln in der Kaserne ordentli zamg'richt wern. Als Gscheerte gengas eini und als richtige Manna kömmas z'ruck. Vor allem aber Respekt vor die schweren Reiter. Auf dene ihr Wohlsein trink i alleweil no' a Maßl extra!« Infolge des tiefen Schneefalls gegen das Frühjahr zu war nun dem Alten freilich der Besuch der nachbarlichen Wirtschaften erschwert, ja oft unmöglich gemacht und war ihm solch unfreiwillige Fastenzeit sehr zuwider. Das Bier im Hause mundete ihm nun einmal nicht so, als dasjenige im Wirtshause. Dafür ergötzte er sich an 230 dem ungetrübten Glücke seines Franzl und wenn dieser, vom Holzfahren ermüdet, abends nach Hause gekehrt, mit Hančička an dem großen Tische saß und beide lachten und plauderten, so hockte er vergnügt neben der alten Ahnl auf der Ofenbank und meinte dann öfters: »Grad oa'mal wenn i wieder an' etli Stund so jung sein könnt, grad daß i wieder wüßt, wie's waar!« Aber nicht nur die Bauernfamilie, auch die Ehehalten befanden sich sehr wohl unter Hančičkas Regiment. Da wurde das Schmalz nicht gespart und die von der Holzarbeit angestrengten Knechte erhielten täglich bei ihrer Mahlzeit geräuchertes Fleisch und Bier. Das stimmte alle sehr zufrieden und heiter und an Samstagen, an welchen sie wegen des darauf folgenden Rasttages länger wach bleiben konnten, erklangen im einsamen Waldbauernhofe frohe Gesänge, an denen sich Herrschaft und Ehehalten gemeinsam beteiligten. Namentlich war es ein neues Volkslied mit hübscher Melodie, das mit Vorliebe von den Wäldlern gesungen wurde. Es lautete:         Im Wald, im grünen Wald! Im Wald, im Wald, im grünen Wald Da jauchzt mein Herz voll Wonne, Da ist mein liebster Aufenthalt, Wo 's Vöglein singt, deß' Lied erschallt. Im Wald, im grünen Wald! Da möcht ich einst begraben sein Wohl in des Waldes Mitten. Ein Eichstamm sei mein Leichenstein, Mein Name eingeschnitten. Im Wald, im grünen Wald! Da kommen dann die Vögelein Geflogen hin zur Stelle, 231 Wie flötet da die Nachtigall! Ihr Lied, es klingt so helle! – Im Wald, im grünen Wald! Hančička gab dann auch ihre böhmischen Volkslieder zum besten, und nur allzu rasch schwanden die schönen Stunden dahin. – – So war der Frühling herangekommen, der neuerdings dazu beitragen sollte, Hančička die neue Heimat am Waldessaume lieb gewinnen zu helfen. Ihr Heimatdörfchen war nur von Feldern umgeben und sie hatte bislang nicht Gelegenheit gehabt, sich an der Herrlichkeit des Waldlebens im Frühlinge zu erfreuen. Wie frohlockte es da drinnen aus tausend Kehlen dem holden Mai entgegen, während am Waldessaume zwischen dürrem Laube die roten, blauen und weißen Frühlingsblümchen grüßend hervorsahen. Die hundertjährigen Buchen hatten sich durch Lenzesschmuck verjüngt, und wanderte man unter ihrem Rauschen zwischen Waldmeisters zartem Grün, das sich unter hohen Farren barg, dahin, so erstanden Sagen und Märchen, an denen der Böhmerwald so überaus reich ist, wie von selbst. Hančička war glücklich. Sie neidete keinen König, denn am eigenen stillen Herde blühte ihr ein Himmelreich. Die vielen Obstbäume um das Haus her prangten gleichfalls in einem Blütenmeere. Im weißen und rötlichen Festgewande standen sie wie in süßem Wonneschauer und strömten ihren balsamischen Duft in die leicht bewegten Lüfte. Franz wanderte mit Hančička, den Arm um ihren Nacken geschlungen, durch all diese Herrlichkeit. Sie hätten 232 es für unmöglich gehalten, daß das Glück ihres innigen Einverständnisses jemals gestört werden könnte; sie sahen ein ewiges Paradies vor sich und blickten lächelnd und sorgenlos der Zukunft entgegen. – – Doch diese schöne Zuversicht sollte das Herz des jungen Bauers nicht lange erfreuen. Hančičkas Eltern kamen öfter an Sonntagen auf dem Waldbauernhofe angefahren und freuten sich des glücklichen Einverständnisses des jungen Ehepaares. In ihrer Begleitung war aber meistens auch Aloys, der Soukups Leibkutscher zu sein schien, und dem das innige Verhältnis der jungen Leute wenig Freude, desto mehr aber Groll und Neid verursachte. Für Franz war dessen Anwesenheit stets sehr peinlich, denn er glaubte den falschen Burschen zu durchschauen, der stets seiner Bäurin mit so viel Vertraulichkeit begegnete, welche den jungen Ehemann geradezu verletzen mußte. Je öfter sich Soukups Besuche wiederholten, desto unruhiger wurde Franz. Zwar hielt er mit der Sprache zurück, doch hoffte er, daß sowohl Hančička, als deren Eltern an seinem Benehmen erkennen sollten, wie unangenehm ihm die Anwesenheit dieses Burschen war, der nicht den Knecht, sondern den Sohn Soukups zu spielen schien. Hančičkas Lieder, welche sie besonders gerne in der schönen Maienzeit sang, erheiterten zwar Franz wieder auf Stunden, aber er konnte nicht mehr so recht froh werden, wie er es sonst gewesen. Es erfaßte ihn plötzlich ein böser Gedanke, der ihn sichtlich beunruhigte und seinem sonst so freundlichen Wesen eine unverkennbare Schroffheit aufdrückte. Dies war regelmäßig der Fall, so oft 233 er die Schwiegereltern mit dem kutschierenden Aloys ankommen sah. Hančička begrüßte letzteren jedesmal mit einer Freundlichkeit, die nach Franzens Meinung dem Knechte ihres Vaters gegenüber nicht am Platze war, wenn derselbe auch zehnmal der Erretter desselben gewesen. Dabei blickte Aloys die junge Bäurin auf eine Art an und hielt ihre dargereichte Hand so lange in der seinigen, daß auch ein weniger heißblütiger Ehemann, als Franz es war, darüber in eine gewisse Erregung gekommen wäre. Die Aeußerungen, die der Bursche früher öfters gemacht, klangen ihm fort und fort in den Ohren. Die feindlichen Blicke, welche dieser ihm bei jeder Gelegenheit zuwarf, erweckten in ihm den Verdacht, daß er sich von jenem nichts Gutes zu versehen habe, daß er sich gegen ihn vorsehen müsse. Er hegte zwar nicht den leisesten Zweifel in die Treue seines Weibes, aber die Freundlichkeit, welche sie bei jeder Gelegenheit für den Burschen an den Tag legte, machte ihm manche sorgenschwere Stunde. Diese Zuneigung war ja auch fremden Leuten aufgefallen. Wie hätte sonst das Gerücht entstehen können, daß Aloys mit dem Plane umgegangen war, die Tochter des Chodenbauern zu freien, ja nach anderen schon seine Braut gewesen sei. Diese Gerüchte waren nun freilich verstummt, als Franz das schöne Chodenmädchen zum Altare geführt. Aber sie warfen doch ihre Schatten auf das Glück des jungen Bauers, sobald er davon Kenntnis erhalten hatte. Vergebens zwang er sich zu der Annahme, daß es nur das Dankgefühl sei, welches Soukup und seine Familie dem Burschen schuldete und dem ja auch er sich nicht 234 entziehen durfte, denn ohne das mutvolle Rettungswerk wäre ja sein Schwiegervater verloren gewesen. Und daß Aloys diese Rettung mit dem Tode seiner Mutter bezahlte, trug ihm nur noch mehr Sympathie ein. So war es also auch an ihm, dem Burschen in jeder Weise erkenntlich zu sein. Er wollte dies auch sein, und doch – und doch hatte er gegen denselben eine Abneigung, ein Mißtrauen, das er nicht zu unterdrücken vermochte. Wer einmal fähig gewesen, eine schlechte That zu begehen, einen Verräter zu machen, der konnte auch ein zweites Mal dazu fähig sein. Durch keine edle That, und wäre sie noch so groß, konnte seiner Meinung nach jener Fleck auf der Ehre verwischt werden, und so sah auch Franz in dem Burschen fortwährend nur den Verräter, erst an ihm, und das Blut stieg ihm heiß zu Kopfe, wenn er dem Gedanken Raum gab, daß derselbe sich auch an sein Weib mit verräterischer Absicht wenden könnte. So war der reine Himmel des Glückes, der noch vor wenigen Wochen sich über dem jungen Ehepaare wölbte, plötzlich verdüstert worden. Franz hatte zwar seinem Weibe gegenüber kein Wort über die ihn quälenden Zweifel geäußert und Hančička schrieb den hin und wieder auftauchenden Mißmut ihres Mannes auf Rechnung der Geschäfte. Daß Franz jemals fähig wäre, in ihre treue Liebe Zweifel zu setzen, daran hatte sie niemals gedacht. 235 XXVI. Zu Jakobi ist im Walde ein sogenannter abgeschaffter Feiertag, der aber noch allenthalben in Ehren gehalten wird. Auch am Waldbauernhofe hatten die Dienstboten arbeitsfrei und durften in die Nachbarorte gehen, wo an diesem Tage kirchlicher Gottesdienst und selbstverständlich in den Wirtshäusern kleine Unterhaltungen mit Musik stattfinden. Franz hing gerade heute mehr, als ihm zusagte, seinen trüben Gedanken nach. Es litt ihn nicht zu Hause, er wollte nach Kubitzen hinüber gehen, um sich dort mit einigen Bekannten zu unterhalten, damit er auf andere Gedanken käme. Hančička fiel das nicht besonders auf. Franz begab sich oftmals dorthin, teils des Geschäftes wegen, da sich dort stets Viehhändler einfanden, mehrmals aber auch, um seinen dort weilenden Vater nach Hause zu bringen, der gern über Gebühr im Wirtshause sitzen blieb, dem Sohn aber stets willig folgte, wenn dieser ihn mahnte, daß es Zeit zur Heimkehr sei. Im dortigen Einkehrhause ging es immer sehr lebhaft zu. Das Leben und Treiben an der Grenze ist ja stets ein viel regeres, als im Binnenlande. Auch die Leute sind dort anders geartet, denn Handel und Wandel macht sie besonnener und unternehmender, als anderwärts, 236 wo sie ihre Thätigkeit nur in einem kleinen Wirkungskreise entfalten können. Kubitzen hat auch einen guten Ruf als vortreffliche Weinschenke und wird deshalb auch mit Vorliebe von Touristen und Sommerfrischlern aufgesucht, da sich ihnen von hier aus zugleich eine wunderbare Rundschau über das Gebirge des Bayer- und Böhmerwaldes, sowie in die beiden Hauptverkehrsadern des Passes, Furth-Taus, und Eschlkam-Neumark-Neugedein eröffnet. Auch heute ging es in dem Einkehrhause sehr lebhaft zu. Beim Eintritte sah sich Franz von einem Bettelweibe um eine Gabe angegangen. Der junge Bauer unterstützte die Armut gerne und da er neben dem Weibe zwei kleine Kinder erblickte, die sehr verhungert aussahen, gab er sofort Auftrag, daß sie auf seine Rechnung Essen und Trinken erhielten. Kurze Zeit später ging Aloys an dem Hause vorüber und er fragte das am Eingange sitzende Bettelweib, ob der junge Waldhofbauer in der Zechstube wäre. Das Weib konnte die Frage bejahen. Ein eigentümlich hämischer Zug glitt über des Burschen Gesicht. »Nix sagen, daß i g'fragt hab,« sagte er zu dem Weibe, »ja nix schnaufen davon!« und vorsichtig sich umsehend, entfernte er sich nicht auf dem gewöhnlichen Wege, sondern geradewegs durch die Waldung in der Richtung nach dem Waldbauernhofe. Dem Weibe kam das verdächtig vor. Es war derselbe Bursche, den sie an jenem Ostermontage im Hofe des Schloßbauers zu Trhanow beobachtet, und der so heimlich that, als er sich von einem Stall in den anderen schlich, und 237 jetzt stieg in dem Weibe der Verdacht auf, ob er damals nicht ein Schelmenstück verübt. Sie hatte wohl von dem Unglück gehört, das der Waldbauer zu jener Zeit mit seinen Pferden gehabt. Und in jener Nacht, als der Schuß auf den von der Hochzeit heimkehrenden Bräutigam abgegeben wurde, da hatte sie eben demselben Burschen auf geheimen Wegen begegnet. Jetzt hatte aus seinen Zügen ebenfalls nichts Gutes gesprochen. Die arme Frau hielt es für ihre Pflicht, den wohlthätigen jungen Bauer von ihrem Verdachte in Kenntnis zu setzen und sie beauftragte deshalb ihr kleines Mädchen, ihn aus der Stube zu holen. Franz war über die Enthüllungen der Bettlerin aufs höchste erregt. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; Aloys war daran schuld, daß seine Pferde krank geworden, von ihm kam das tötliche Blei, das ihm auf der Heimfahrt von der Hochzeit zugesendet worden, und jetzt – hatte er es auf die Ehre seines Weibes abgesehen, – zu Hančička schlich er sich während seiner Abwesenheit in nächtlicher Stunde. – Er drückte der Bettlerin einen Thaler in die Hand, gebot ihr Schweigen und eilte in die Wirtsstube zurück, wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte. Dem Vater sagte er, er werde vorausgehen und ohne dessen Antwort abzuwarten, stürmte er davon. Seine Blicke sprühten Wut und seine Faust ballte sich krampfhaft zusammen. Wie in einem Taumel eilte er durch den Wald auf dem kürzesten Wege seinem Hofe zu. 238 XXVII. Hančička stand in jener Nacht an einem Fenster des Gehöftes, welches einen Blick in die freie Landschaft gewährte. Der Mond stieg in voller, runder Scheibe über dem Ossagebirge herauf und goß sein helles Silberlicht über die Waldberge rings umher. Feierliche Stille herrschte in weitem Umkreise. Hančička blickte anscheinend gedankenlos in die Gegend hinaus. Es waren auch keine zusammenhängenden Gedanken, es war ein unbestimmtes Brüten, ein unklares Ahnen, das sie befangen hielt. Es giebt solche Ahnungen, deren man sich oft unklar bewußt ist, die aber in vielen Fällen die Einleitung zu einer nachfolgenden Begebenheit bilden. Zufällig wandte sie den Blick vom Wege ab, dem Walde zu, auf dessen Tannenwipfeln das Mondlicht flirrte, während es aus den nahen Stauden und Sträuchern phantastische Gestalten schuf. Kam dort nicht ein Mann aus dem nahen Walde? Sie täuschte sich nicht; doch war es auffallend, daß der Ankommende an jedem einzelnen Baume wie lauernd stehen blieb. Franz konnte das nicht sein, auch der alte Waldhofbauer nicht, denn beide blieben stets auf dem gebahnten Wege. Von den Knechten war es auch keiner. Sie hatten beide des Feiertags halber Erlaubnis erhalten, nach Prennet zu gehen, um sich dort mit andern Kameraden vergnügt zu machen; und der Hüterbub lag längst auf seinem Lager. 239 Während Hančička das alles überdachte, kam die nächtliche Erscheinung immer näher heran. Sollte es ein Schmuggler sein? Oder einer, den eine böse Absicht hierher führte zu einer Zeit, wo zufällig alle männlichen Personen abwesend waren? Die junge Frau war ganz schutzlos. Schnell ergriff sie die kleine Baumhacke, mit welcher Franz gestern in der Waldung die zum Fällen bestimmten Bäume bezeichnet und dann neben dem Ofen aufgehangen hatte. Diese in der Hand, eilte sie abermals ans Fenster, dieses Mal in der Absicht, es zu schließen. Da erschrak sie heftig, denn in diesem Augenblick stand sie einem Manne gegenüber, den sie jetzt sofort erkannte. »Aloys!« rief sie, »was thust du hier um diese Zeit?« »Bst!« machte dieser. »Es braucht neamd z' wissen, daß i da bin.« »Und warum das? Warum bist du so herangeschlichen? Droht dir Gefahr? Weiß Vater und Mutter –« »G'wiß wissen sie's,« unterbrach er sie. »I hab ja a Botschaft. Der Verwalter von Kaut kimmt morgen in aller Fruah wegen der Pachterneuerung. Es san aber a paar andere da, die schon lang drauf spitzen und 'n Vatern drucken möchten. Und also, da sollts Ihr nur a paar Zeilen kritzeln an Herrn Verwalter, aber verstohlens, daß Enker Bauer nix merkt, denn Oes wißts ja, daß er auf'n Verwalter eifersüchti gwen is.« »Ich ein paar Zeilen schreiben?« fragte sie. »In, a kloans Briafl. D' Muatta moant, dös könnt was nutzen. Der Vater woaß nix davon. So bin i hoamli außa, daß neamd was merkt.« 240 »Ja, wenn's nur mein' Franzl recht ist, wenn ich schreibe,« meinte sie. »Es handelt si ja ums Wohl von die Eltern,« redete ihr Aloys ein. »Nachdem der Vater so lang Schloßbauer gwen is, wär's dennast hart für eam, jetzt plötzli abtrumpft z'wern.« Hančička leuchtete das ein. Sie glaubte nichts Unrechtes zu thun, wenn sie an den Verwalter schrieb. Sie lud Aloys daher ein, ins Haus zu treten. »I därf nöt gsehn wern, sonst kriegt der Franz Wind, und der erlaubet's nöt,« meinte der Bursche. »Drum plagt's Enk nöt. I steig glei durchs Fenster ein.« »Nein, nein,« rief Hančička. »Es is ja Nacht!« entgegnete Aloys. »Eben darum!« erwiderte Hančička. »Man könnte denken Schlechtes von mir. Gleich bin ich mit Brief fertig. Warte!« Sie eilte zum Tische, entnahm aus der Schublade Schreibzeug und Papier, schraubte das hörnerne Tintengefäß am Tische fest und fing an, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, an den Verwalter einige Zeilen zu schreiben, in welchen sie ihn bat, beim Herrn Grafen dafür zu sorgen, daß ihrem Vater wieder der Pacht für die nächste Zeit belassen würde. Sie war mit ihrer Arbeit so sehr in Anspruch genommen, daß sie gar nicht bemerkte, wie Aloys sachte in die Stube stieg und sich ihr leise näherte. Noch niemals hatte sich ihm eine solch günstige Gelegenheit geboten, Hančička seine seit Jahren unterdrückte Neigung zu offenbaren. Diese war mit dem Briefe zu Ende 241 und sprang jetzt erschrocken auf, als sie den Burschen plötzlich neben sich sah. »Aloys,« rief sie, »was hast du gethan. Denkst du nicht, meine Ehre –« »I denk an nix, Hančička, als an mei' Lieb zu dir,« rief der Bursche leidenschaftlich, »an mei' Lieb, die mir am Herzen frißt, seit i di gsehn hab zum erstenmal, g'schlossen als Verbrecher –« »Du bist jetzt wieder Verbrecher, wenn –« Der Bursche ließ sie nicht weiter zu Worte kommen. In überstürzender Rede stellte er ihr vor, was er für sie und um sie gethan, und daß er auch ihren Vater nur um ihretwegen gerettet. »Und seit dem Augenblick,« fuhr er fort, »hat si aa dei' Herz mir zuagwend't, und du hast mir durtmals versprochen, daß d' mir geben willst, was i begehr. No' ja, und i begehr jetzt als Lohn an' Schmatz von dir, an' oanzigen –« »'s Leben vom Vater dank ich dir, das weiß ich; aber meine Ehre opfere ich nicht dafür,« sagte Hančička, und in bittendem Tone fuhr sie fort: »Ich bitt dich, Aloys, geh – thu's mir z'lieb. Wenn jetzt Franzl kommt – allmächtiger Gott, ich vergehe vor Angst.« Noch nie war ihm Hančička so schön vorgekommen, wie in dieser Hilflosigkeit. Er betrachtete die Bittende mit sinnlichen Blicken. »I geh,« sagte er, »aber nöt, ohne daß d' mir mei' Bitt erfüllt hast. Nur aan' oanzigs Bußl gieb mir; an dem wil i zehrn mei' ganz's Leb'n lang – nur an' oanzigs!« Und ohne ihre Antwort abzuwarten, suchte er sie zu umfangen. 242 Hančička versuchte ihn abzuwehren. In diesem Augenblicke erschien Franz mit geisterbleichen Zügen am Fenster, sprang durch dasselbe herein, raffte die Hacke vom Boden auf und stürzte auf Aloys zu. »Franz! Um Gotteswillen, Franz!« schrie Hančička auf. Aloys wandte sich rasch um und wollte sein Messer ziehen. Aber bevor ihm das gelungen, hatte Franz zum Schlage ausgeholt und streckte den Eindringling zu Boden. 243 Ein dumpfer Schrei, ein Fall – Hančička sah und hörte nichts mehr. Die Sinne schwanden ihr und bewußtlos stürzte auch sie zu Boden. Das war ihr Glück, denn schon hatte der seiner Sinne nicht mehr mächtige, wuterfüllte Mann auch zu einem Streiche nach ihr ausgeholt. »Falsche! Elende!« schrie er und warf die Hacke neben sie auf den Boden. Durch den Lärm wurden die Mägde herbeigerufen. Auch die alte Großmutter wankte zitternd und nur mit dem Notdürftigsten bekleidet, herbei. Ein allgemeines Wehgeschrei erhob sich bei dem Anblicke, der sich dem Auge darbot. Franz hatte sich auf die Fensterbank gesetzt und hielt seinen brennenden Kopf in den Händen; er atmete nicht, er schnaubte gleichsam nach Luft. »Franzl, was is g'schehn? Allmächtiger Gott, was is g'schehn?« schrie die Großmutter. »Was is's mit'n Wei? Wer is der Bursch da? Franzl, was is g'schehn?« Die Ehehalten hatten sich um Hančička zu schaffen gemacht. »Was wird g'schehn sein?« entgegnete jetzt Franz mit tonloser Stimme. »Der Aloys is's – beim Wei hab i 'n troffen und – da liegt er, wie r i's eam gschworn hab.« Der alten Frau brachen die Knie, sie mußte sich setzen. Hančička hatte, als ihr die Mägde den Kopf in die Höhe hoben, die Augen aufgeschlagen. Als wäre sie aus einem bösen Traum erwacht, blickte sie um sich und ein Entsetzensschrei drang über ihre Lippen. »Fort! fort!« rief sie. »Bringt sie ins Bett!« befahl die Großmutter. Jetzt war sich Hančička wieder ihrer Sinne bewußt. 244 »Franz,« rief sie, »du hast schreiend Unrecht begangen! Aloys hat nur einen Brief geholt; dort liegt er auf dem Tisch. So wahr ich will selig werden, nie, auch nur mit einem Gedanken, war ich dir untreu. Das solltest du wissen. Ich bin eine Chodin!« Franz wehrte ihr ab und wies nach der Thüre, damit sie sich entferne. Von ein paar Mägden begleitet, begab sie sich in ihre Schlafstube, wo sie sich, allein gelassen, auf ihr Bett setzte. Der Uebergang vom Glück zur Trübsal war zu unvermittelt erfolgt, sie war wie betäubt. Vergebens besann sie sich, wodurch sie ihrem geliebten Mann Grund zu solchem Mißtrauen gegeben. Sie war sich keines Fehls bewußt. Ihr Stolz erwachte. Sie fühlte sich als einen Sprößling vom Stamme der Choden, Kozina war ihr Ahne, und nun sollte sie sich das höchste, was sie besaß, ihre Ehre, so ungestraft rauben lassen? Sie schickte eine Magd zu ihrem Manne und ließ ihm sagen, sie verlange eine Zusammenkunft mit ihm, sie habe mit ihm zu sprechen. Die Knechte waren unterdessen heimgekommen und auch der alte Waldhofbauer. Alle erfüllte die Blutthat des jungen Bauers mit Entsetzen. Aloys war der Schädel eingeschlagen. Er war sofort tot gewesen. »Bauer, geht's außer Lands!« riet der Oberknecht. »Wie lang geht's her, wern d' Gendarm kömma.« »Laß 's kömma!« entgegnete Franz. »No' eh's Tag wird, spannst ein und fahrst mi eini auf Furth zum G'richt. Bin schon amal dort gwen,« setzte er bitter hinzu. Der alte Waldhofbauer hatte Sankt Jakobi zu Ehren so viel getrunken, daß ihn selbst das blutige Ereignis nicht 245 ganz nüchtern zu machen vermochte. In seinem Rausche sah er statt des einen Erschlagenen deren zwei auf dem Boden liegen, und er fragte fortwährend, wer denn der andere sei. Er war überhaupt heute nicht mehr imstande, die Sachlage zu erfassen. Er gab sich auch gar keine Mühe dazu, sondern wankte mit unsicheren Schritten nach seiner Kammer. Bei der Leiche blieben zwei Knechte zurück; alle übrigen entfernten sich. Franz war in die obere Stube hinaufgegangen, um noch einiges zu ordnen. Der Magd, welche ihm Hančičkas Wunsch meldete, sagte er, daß er die Bäurin dort erwarte. Ihre letzten Worte hatte sie mit solcher Feierlichkeit gesprochen, daß Franz in der That in seinem Verdachte wankend gemacht wurde. »Da bin i. Was willst?« sagte er, als Hančička zu ihm eintrat. »Was ich will? Franz, kennst du denn deine Hančička nicht mehr? Deine treue Hančička, die kein größeres Glück weiß, als dich lieben. Seit jenem ersten Begegnen beim Drachenstich in Furth, schon als Kind, hab ich nichts Höheres gewußt. Du warst mir alles. Ich dachte nicht daran, dem Aloys mehr zu sein, als dankbar. Ich habe nicht erlaubt, daß er zu mir gestiegen ins Zimmer, habe ihn fortgeschickt, und als er verlangt von mir einen Kuß, wär ich schon allein fertig geworden, wenn nicht du so wütend dazu gekommen.« »Der Kuß hat eam 's Lebn kost, und mir – no', 'n Kopf wird 's wohl nöt kosten!« »Franz! Franz!« rief Hančička, »sage mir, daß du mich nicht hältst für schuldig.« Und sie erklärte ihm mit 246 fliegender Hast, wie die ganze Sache gekommen. Sie schwur ihm bei allem, was heilig, daß sie nicht Verrat an ihm geübt und daß sie niemals anders, als in Liebe seiner gedacht. »Das mußt du mir glauben!« drang sie in ihn. »Wäre es nicht so, so würde ich bekennen mein Unrecht, denn ich bin gewohnt, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie mir den Todesstreich brächte, zu dem du schon die Hand gegen mich erhoben hattest.« Franz blickte die neben ihm Knieende lange schweigend an. Dann öffnete er seine Arme und hob sie empor an seine Brust. »Ja, i glaub's, du bist mei' treus Weib,« sagte er. »Aber den falschen, ehrlosen Buam hat sei' Schicksal erreicht. I fahr mit Tagesanbruch nach Furth. Was 's mit mir anfanga, dös laßt si leicht denka. Trag dei' G'schick, Hančička; vielleicht kommt no'mal a Zeit, wo wir wieder glückli beisamm sein könna. Für jetzt is's vorbei!« Hančička schwamm in Thränen. Der Abschied von dem geliebten Manne war ihr namenlos schwer. Auch sämtliche Ehehalten weinten, als der Bauer schied, und die Großmutter jammerte laut auf. Nur der Waldhofbauer war nicht aus dem Schlafe zu erwecken. Als er aber andern Tages beim Erwachen die traurige Wahrheit erkannte, war auch er gebrochen an Leib und Seele. Er vergaß in seinem Schmerze auf das Schmalzlerglas und den Maßkrug. Er vergaß darauf auch in den nächsten Tagen, denn Gerichtskommission, Pfarrer, Meßner und dann der Besuch Soukups und seiner Frau, welch letztere zum Troste bei Hančička verblieb, ließen ihn zu gar keinem richtigen Gedanken kommen. 247 Am schmerzlichsten war es aber allen im Hause, als Franz von Gendarmen zur Konfrontation mit dem Erschlagenen herbeigebracht wurde. Er gab alles wahrheitsgetreu zu Protokoll und nannte das Bettelweib als Zeugen für die Missethaten des Erschlagenen. Nach dem Verhöre gestattete ihm der Gerichtsbeamte eine Unterredung mit seinem jungen Weibe. Dieses schien aber ganz trostlos zu sein. Franz allein blieb gefaßt. »Mei' G'wissen sagt mir, daß eam recht tho' hab,« sagte er; »und 's G'setz wird mit mir g'recht und gnädi sein.« 248 XXVIII. Das waren traurige Sommermonate, die nun folgten. All die Pracht in Feld und Garten, der Sang der Vögel, die herrliche, unbeschreiblich schöne Herbstzeit im Walde, sie waren für Hančička verloren. Ihr Sinnen war nur nach dem Gefangenen gerichtet, der leider erst zu einer im Oktober stattfindenden Schwurgerichtsverhandlung nach Amberg verwiesen worden. Hančička dünkte es eine Ewigkeit bis dahin. Auch sie war neben vielen anderen als Zeugin vorgeladen. Der Knecht Gregori mußte die Bäurin mit ihrem eigenen Fuhrwerke nach Amberg fahren, da sie auf der Eisenbahn ein Zusammentreffen mit Personen fürchtete, die ihr nicht angenehm gewesen wären. Es war ein trüber, nebliger Tag. Der Herbstwind fegte die Blätter von den Bäumen und mahnte an das Nahen der sonnenlosen Monate, die nun folgen würden. Mit Wehmut sah Hančička die vergilbten Blätter längs des Weges liegen; sie verglich sie mit ihren Freuden und Träumen, die nun auch so unerwartet ein böser Sturm verweht. Sie konnte manchmal das Weinen nicht unterdrücken. Der Knecht glaubte trösten zu müssen, und er that es auf seine Art. »No', Bäurin, tröst's Enk nur,« sagte er; »ans Leben 249 wird's 'n Bauern nöt gehn und im Zuchthaus geht's eam ja nöt schlecht.« »Hör auf!« rief die Bäurin, auf's neue in Thränen ausbrechend. »Red nichts mehr davon.« Nachdem Gregori gesehen, wie seine Tröstungen wirkten, schwieg er während der weiteren Fahrt ganz still. Als Hančička in dem Gasthof angekommen, der ihr als Absteigequartier empfohlen worden, sagte man ihr, der Quistorenhansl habe sich schon mehrmals nach ihr erkundigt und richtig fand er sich auch nach kurzer Zeit abermals ein. »I hab mit Enk z'reden, Bäurin,« sagte er. »Hast du Franz gesprochen?« war ihre erste Frage. »Na', Aber mit an' Gstudierten hab i g'red't und der hat mir 'n Ausweg für 'n Franzl zoagt.« »Einen Ausweg?« fragte Hančička begierig. »Ja, zu dem Oes helfen müßts.« »Ich? Mein Gott, ich bin ja zu allem bereit,« versicherte Hančička. »Dem Franzl weret wenig g'schehn, wenn er Grund g'habt hätt' zu seiner Eifersucht.« »Wenn er Grund gehabt hätte? Er hat aber keinen Grund gehabt. Hansl, du kennst mich von Kindheit auf, nicht wahr, du traust mir nichts Schlechtes zu?« »Ja, no', es handelt sich darum, ob der Franz auf etli Jahr eingsperrt, oder frei g'sprochen wern soll.« »Freigesprochen?« rief Hančička. »Mein Gott, wenn das wäre!« »Dös könnt schon sein,« berichtete der Quistorenhansl. »Wenn der Franz nachweisen kann, daß er wirkli im Recht war, daß si sei' Frau verfehlt hat mit'n Aloys – und er 250 is ja grad dazua kömma, wie er Enk an' Schmatz geb'n hat – so muß 's G'richt einsehn, daß er Ursach g'habt hat, rabiat z'wern, und er wird frei g'sprochen.« Hančička schien ihn nicht gleich zu verstehen. »Er wird frei gesprochen, wenn sein Weib, wenn ich –« »Wenn 's Enk schuldig bekennt's,« ergänzte Hansl. Hančička wankte. »Mit meiner Ehr soll ich Franzens Freiheit erkaufen? Gelt Hansl, das hast du gesagt?« fragte sie mit beinahe brechender Stimme. »Es handelt sich drum – er wandert halt sonst vier bis fünf Jahr ins Zuchthaus.« »Zuchthaus!« schrie Hančička auf. »O mein Gott, mein armes Kind!« »Oes müßts Enk nacha schon ohne Vater durchhelfen,« meinte Hansl. »I hab Enk dös Mittel zeigt, wie g'holfen könnt werden. Dös ander steht bei Enk. Aber in vielen Fällen in der Welt heißt's: Hilf, was helfen mag!« »Aber meine Ehre! Meine Ehre!« jammerte Hančička. »Lieber Gott, die g'scheiten Leut kenna's, daß nix dran is, und daß 's dem Mann nur außahelfen wollt's, und die Dummen – was liegt an die Dummen!« »Aber mein Franzl? Was wird der sagen? Wenn ich Schuld bekenne, das wird ihm gewiß weher thun, als seine Strafe.« »Fünf Jahr Zuchthaus unter allem möglichen G'sindel, unter Räuber und Mörder, fünf Jahr, Bua, dös is a Wort! Und was 'n Franzl anlangt, dem werd i 's schon sagn, was d' Wirklichkeit ist.« »Ich soll also im Ernst bekennen, daß ich –« 251 Sie stockte. Sie wagte nicht einmal die That mit Worten zu nennen, deren sie sich anklagen sollte. »Es is der oanzige Rat, den mir der Winkeladvokat geben hat können. Nach die Leut braucht's Oes gottlob, nix z' fragen –« »Aber meine Ehr ist das Höchste, was ich besitze!« »Muß Enk d' Lieb zum Mann und sein Glück nöt heiliger sein? Soll nöt a brav's Weib jedes Opfer bringen? Wenn Enk d' Leut aa im ersten Augenblick schänden, sie laufen Enk wieder zu, sobald's 'n Schinken aushängt's. Dös werd's erfahrn, verlaßt's Enk drauf. Und wenn's, wie 's vorhin andeut' habt's, Mutter werd's, so wird's halt dennast schöner sein, wenn der Vater beim Kindl steht, als wenn er in Zuchthaus sitzt. Und Oes därft's Enk sagen, Enk hat er's z' danken, daß er nöt drin sitzt, daß er bei Enk is und si mit Enk freut.« »Mein Gott, die Schand! die Schand!« jammerte Hančička; »vor meine Eltern, vor den Dienstboten, vor der Ahnl –« »Wenn i Enk aber sag, daß i 's recht und richtig mach.« »Aber Hansl, es geht ja nicht! Ich darf doch kein falsches Zeugnis geben, einen Meineid schwören –« »Oes werd's ja gar nöt beeidigt, als Ehefrau werd's es nöt. Vom Schwören is ja koa' Red! Drum seid's gscheit und helft's eam außa. Er is a so g'straft g'nug, für an' Alp auf sein Herzen is lebenslängli g'sorgt.« »Ich werd drüber nachdenken,« sagte Hančička. »Bis morgen früh habe ich einen Entschluß gefaßt. Am liebsten wär mir's, wenn ich schon auf dem Totenbrett läge, erlöst von allen Uebeln.« 252 »Dazu sag i nöt Amen,« entgegnete Hansl. »Nur Mut! Oes seid's doch sonst so resolut gwen.« »Ja, sonst – sonst –« Sie fing abermals heftig zu schluchzen an. Hansl fand für gut, sie allein zu lassen, allein im Kampfe zwischen Liebe und Ehre. Es waren qualvolle Stunden, die nun folgten. Auf der einen Seite sah sie den geliebten Mann, den Vater ihres Kindes, als Sträfling eingekerkert, auf der andern Seite sah sie ihn frei – frei, wenn sie es nur wollte. Aber um welchen Preis! Doch durfte sie zaudern? War sie nicht vom Stamme der Choden, war nicht Treue ihr erstes Gebot? Treue! Und ein Chode hatte ihr diesen Rat gegeben! 253 XXIX. Die schwurgerichtliche Verhandlung hatte in vorgeschriebener Weise begonnen. Der des Totschlags Angeklagte wurde vorgeführt. Franz trug seine besten Kleider und machte auf alle Anwesenden durch sein ernstes, selbstbewußtes und sicheres Auftreten einen gewinnenden Eindruck. Sein Gesicht umrahmte ein schöner Vollbart und seiner ganzen Haltung merkte man die militärische Dienstzeit an. Er antwortete auf alle Fragen kurz und bestimmt und mit überzeugender Wahrheit. Er legte sein ganzes Verhältnis zu Aloys dar, von jener ersten Begegnung am böhmischen Brunnen an bis zu jenem Momente, da er ihm den tötlichen Schlag versetzte. Er erklärte aber auch, daß er vor leidenschaftlicher Wut seiner Sinne nicht mehr mächtig gewesen. Auf die Frage des Präsidenten, ob er dabei die Absicht gehabt habe, den andern zu töten, antwortete er ohne Bedenken, er habe in jenem Augenblicke nichts weiter gewollt, als dem Eindringling die verdiente Züchtigung zukommen zu lassen. Der Verteidiger benützte das sofort, um darzulegen, daß Franz in jenem Momente überhaupt nicht fähig gewesen sei, zu überlegen, in wie weit er den Gegner verletzen wolle. Als dann die Zeugen eingeführt wurden, um über die Bedeutung des Eides belehrt zu werden, ereignete 254 ich eine ergreifende Szene. Kaum hatte Hančička ihren Gatten erblickt, stürzte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Mein Franzl!« rief sie. »Mein armer Franzl!« Franz drückte sie liebevoll an sich und sprach ihr dann zu, sich zu beruhigen und die Verhandlung nicht aufzuhalten. Zögernd trennte sie sich von ihm. Und als die Zeugen ins Nebenzimmer treten mußten, um von dort einzeln vorgerufen zu werden, blickte sie nochmals mit unaussprechlicher Liebe nach Franz. »Ja,« sagte sie sich, »ihm muß ich die Freiheit geben und wenn ich sie mit meinem Herzblute bezahlen müßte.« Die Vernehmung der Zeugen erforderte mehrere Stunden. Belastend für Franz war, daß er schon einmal wegen Gewaltthätigkeit gegen Soukup in Untersuchung war, so harmlos damals auch die Ursache gewesen. Auf die Vernehmung Hančičkas wurde vorerst verzichtet; diese durfte sich auf die Zeugenbank begeben, und sie verfolgte mit höchster Spannung den Gang der Verhandlung. Sie schien über alles befriedigt zu sein. Als aber der Staatsanwalt die Anklage zu begründen begann, bemächtigte sich ihrer eine nicht zu bewältigende Erregung. Der Beamte suchte mit allem Eifer die Schuld des Angeklagten zu erhärten, er bestand darauf, daß ein Totschlag mit Vorbedacht vorliege, auf den Franz schon während des Heimweges von Kubitzen gesonnen, und er hielt sich an des Angeklagten eigenes Geständnis, daß er beabsichtigte, den Eindringling zu züchtigen. Er legte dar, daß Franz zur Eifersucht nicht im entferntesten Grund gehabt, sondern daß die Blutthat aus jahrelang genährtem 255 Haß entstanden, und er beantragte, die ganze Strenge des Gesetzes gegen den Angeklagten in Anwendung zu bringen. Hančička gedachte der Worte des Quistorenhansls, sie sah ihren Mann schon verurteilt, und die Angst beklemmte ihr das Herz. Deshalb erhob sie sich und bat den Präsidenten, eine Erklärung abgeben zu dürfen. Der Präsident forderte sie auf, vorzutreten und zu sprechen, aber nur für den Fall, daß sie etwas Neues vorzubringen hätte. »Ja, es ist etwas Neues,« erwiderte Hančička, über und über errötend. »Der Herr Staatsanwalt hat mich nicht richtig geschildert.« »Wie so?« fragte der Präsident. »Indem daß er gesagt hat, Franz habe nicht Grund gehabt zur Eifersucht. Er hat ihn wohl gehabt, denn – denn –« »Nun?« fragte der Präsident. »Erklären Sie sich schuldig, daß Sie die eheliche Treue verletzt haben?« »Ja!« hauchte Hančička, kaum hörbar. Sie glaubte bei diesem Geständnisse in den Erdboden versinken zu müssen vor Scham. »Dös is a Lug!« schrie Franz. »Haben Sie gehört, was Ihr Mann gesagt?« fragte der Präsident die tieferregte Frau. »Er hat das eine Lüge genannt.« »Es ist Wahrheit!« erwiderte Hančička. Sie war dem Umsinken nahe und der Präsident forderte sie auf, sich zu setzen. Im Saale war infolge dieses Geständnisses eine große Erregung entstanden. Franz hatte einen Wutschrei ausgestoßen und wollte sich auf sein Weib stürzen, aber die 256 neben ihm sitzenden Gendarmen hielten ihn zurück, während ihn sein Verteidiger zu beruhigen suchte. Nachdem der Präsident die Ruhe im Saale wieder hergestellt, erklärte der Staatsanwalt, daß er die Beeidigung Hančičkas beantrage. Er mochte wohl die Ursache dieses Schuldbekenntnisses durchschauen. Der Verteidiger hingegen protestierte lebhaft gegen diese Beeidigung, und der Gerichtshof zog sich zurück, um hierüber zu beraten. Jetzt ergriff Hančička auch noch eine fürchterliche Angst, vor die Frage gestellt zu werden, einen Meineid zu schwören, oder als Lügnerin entlarvt zu werden. Das erstere war von selbst ausgeschlossen und mit letzterem hatte sie dem geliebten Manne keinen Nutzen gebracht. Die Schande blieb in jedem Falle an ihr hängen. Sie konnte Franz nicht sehen. Der Verteidiger stand vor ihm und sprach eifrigst in ihn hinein. Sie wollte eine Frage an eine neben ihr sitzende Zeugin richten, aber diese wandte ihr verachtungsvoll den Rücken. Allgemein war jetzt die Stimmung für den Angeklagten, und was die Hauptsache, besonders bei den Geschworenen. Nach kurzer Beratung erschien der Gerichtshof wieder im Saale, und der Präsident verkündete, daß der Antrag des Staatsanwaltes abgewiesen sei und die Ehefrau des Angeklagten nicht beeidigt werden dürfe. Nun gab sich der Staatsanwalt Mühe, die Aussage Hančičkas hinfällig zu machen, und in den Zügen und den bewundernden Blicken mancher Richter war deutlich zu lesen, daß auch sie an des jungen Weibes Schuld nicht glaubten. Der Verteidiger dagegen erwiderte jetzt in glänzender Rede. Er rühmte die Ritterlichkeit seines Klienten, 257 der selbst in dieser Lage, auf dem Scheidewege zwischen Zuchthaus und Freiheit, die Ehre seines Weibes ihrer eigenen Aussage gegenüber verteidigt. Er legte ein besonderes Gewicht auf das Schuldgeständnis Hančičkas, so sehr auch sein Klient darüber empört sei. Er erkenne darin nur den Charakter eines echten Mannes. Wer hätte im gleichen Falle, wenn er zur Nachtzeit den Buhlen bei seiner Frau getroffen, wenn dieser das Messer nach ihm gezückt, nicht ebenso gehandelt, wie der Angeklagte? Wer käme da nicht außer sich vor Zorn und Wut und – wer außer sich ist, der ist nicht in sich, der weiß nicht, was er thut. Aber in jenem Augenblicke mußte der Angeklagte thun, was er gethan, wenn er nicht von der Welt verachtet und als ein Feigling betrachtet werden sollte. Schließlich beantragte er, auf Körperverletzung mit nachgefolgtem Tode zu erkennen und unter Annahme mildernder Umstände die geringste zulässige Strafe, eventuell Freisprechung auszusprechen. Der Präsident fragte hierauf den Angeklagten, ob er der Rede seines Verteidigers noch etwas beizufügen habe, worauf Franz erwiderte: »Herr Präsident, mir is jetzt alles oans.« Den Geschwornen wurden die verschiedenen Fragen vorgelegt, und sie entfernten sich zur Beratung. Nicht lange währte es, kehrten sie wieder in den Saal zurück, und der Obmann verkündete den Wahrspruch, wonach der Angeklagte der »Körperverletzung mit nachgefolgtem Tode,« jedoch unter mildernden Umständen, schuldig befunden sei, worauf der Vorsitzende nach kurzer Beratung des Gerichtshofes das geringste Strafausmaß in Anwendung brachte, welche übrigens durch die lange Untersuchungshaft als 258 verbüßt erachtet wurde, so daß der Angeklagte den Saal frei verlassen konnte. Ein allgemeines Bravo von seiten der Zuhörer folgte diesem Urteile. Der Verteidiger und mehrere Zunächstsitzende beglückwünschten den jungen Bauer. Dieser aber schien ganz teilnahmslos zu sein. Wohl standen Thränen in seinen Augen, aber es waren nicht Thränen der Rührung, sondern Thränen des Schmerzes über die selbst zugestandene Untreue seines so heiß geliebten und angebeteten Weibes. Als er jetzt den Saal verließ, stürzte im Nebenzimmer Hančička mit einem Freudenruf auf ihn zu und wollte sich in seine Arme werfen. »Franz, gottlob, du bist frei!« Dieser Ruf kam aus ihrem innersten Herzen. Aber Franz trat einen Schritt zurück. Er maß sie mit einem unsäglich traurigen, aber zugleich zornigen Blick und sagte in hartem Tone: »Wir zwoa san fertig mit einand. Zwischen uns is's aus!« »Franzl,« rief Hančička, »was sagst da?« »Wie mir mei' Ehr vorschreibt, sag i: Geh hin, wohin d' willst; aa i geh mein' eignen Weg. I will nix mehr von dir wissen, du falsch's, du untreus Weib!« Hančička wurde es bei dieser Rede schwarz vor den Augen. Sie wollte Franz mehrmals unterbrechen, ihm sagen, daß er ihr unrecht thue, aber der Blick des jungen Mannes und der verächtliche Ton, in welchem er sprach, brachten sie ganz außer Fassung und plötzlich fühlte sie sich einer Ohnmacht nahe. Sie sank auf eine nahestehende Bank. 259 Als sie sich wieder etwas erholt hatte und die Augen aufschlug, war das Zimmer leer. Sie war allein. Franz hatte sie verachtet, verstoßen. Er dachte nicht groß genug, ihr Opfer zu begreifen. Sie schickte sich zum Gehen an. Totenbleich, aber stolz erhobenen Hauptes schritt sie durch die Gänge und über die Straße dem Gasthause zu, wo ihr Fuhrwerk eingestellt war. Sie achtete nicht auf die höhnischen Blicke, die sie überall empfingen, sie achtete nicht der oft lauten und frechen Bemerkungen, die ihr aus Gruppen Neugieriger entgegentönten. Sie schritt im Gefühle ihrer Unschuld achtlos dahin und erweckte dadurch bei vielen Erstaunen, ja eine Art Bewunderung. Ihre erste Frage war nach dem Quistorenhansl. Er mußte ihrem Manne sofort die Sache erklären. Der Knecht ging, ihn zu suchen. Hančička begab sich auf ihr Zimmer und jetzt ließ sie den so lange verhaltenen Thränen freien Lauf. Nun war er frei – und sie – von ihm verkannt, verachtet, verstoßen! Eine Ewigkeit dünkte es ihr, bis endlich der Quistorenhansl ankam. »Nun,« fragte sie, »was ist's?« Sie hoffte, er würde, er mußte bereits mit Franz die schmähliche Sache besprochen und sie als sein Werk ausgegeben haben. Aber der Landsmann that sehr klug. Er sagte, es dürfe vorerst nichts zurückgenommen werden, denn bei der geradezu empörenden Geradheit des jungen Waldhofbauers, der sich mit seiner Wahrheitsliebe und Offenheit geradezu ins Zuchthaus hineinschwätzte, wäre die größte Vorsicht angezeigt, damit der Staatsanwalt nicht 260 etwa eine Revision beantrage und schließlich das große Opfer Hančičkas umsonst gewesen wäre. Der alte Freund suchte ihr das so viel als möglich begreiflich zu machen, aber Hančička fragte immer wieder: »Wann wirst du sprechen, Hans? Er darf mich nicht länger verkennen.« Der Quistorenhansl erklärte endlich energisch, daß er das jetzt nicht thun könne und dürfe, Franz zuliebe nicht, sobald aber die Frist zur Revisionseinlage verstrichen, solle Franz sofort die Wahrheit erfahren, und er werde dann die Aussöhnung der Ehegatten bethätigen. »Wie lange ist das?« fragte Hančička. »Acht Tag,« entgegnete der Gefragte. »So lang ertrag ich den Zorn von Franzl nicht,« erklärte die junge Frau. »Ich kann nicht erdulden seine Verachtung so lang, kann nicht täglich sehen, wie er –« »Der Franz fahrt mit'n nächsten Zug zu sein Vetter im Künischen, der ihm schon bei Lebzeiten sei' groß's, schön's Bauerngut verschrieben hat,« unterbrach sie Hansl. »Dort will er etliche Zeit bleiben und sich erholen von der Untersuchungshaft. Enk bring i mit'n Nachtzug hoam. 's Fuhrwerk soll der Knecht leer hoamfahrn. Z' Haus ruht's Enk aus und i sorg, daß d' Mutter Soukup zu Enk auf'n Hof kimmt und Enk beisteht. Damit is mei' Weisheit z' End. Bessers weiß i nöt.« Hančička blieb nichts anderes übrig, als den alten Freund ihres Hauses für sich denken zu lassen, und überzeugt von seiner Treue, ließ sie ihm freie Hand. Hansl schickte eine Depesche nach Kubitzen, damit dort bei Ankunft des Nachtzuges ein Wagen nach dem Waldbauernhofe in Bereitschaft stünde. Er befürchtete, die beständige Aufregung möchte Hančička schaden und könnte 261 so ein Unglück herbeiführen. Damit die erregte Frau ganz ungestört sei, hatte er für sie ein eigenes Koupee besorgt und sorgte auf der etwa vierstündigen Fahrt in der besten Weise für sie. Hančička sprach wenig. Es kam ihr die jüngste Vergangenheit vor wie ein böser Traum. Der Landsmann störte sie nicht. In Kubitzen stand das Fuhrwerk bereit. Nach kurzer Wagenfahrt trafen die beiden auf dem Waldbauernhofe ein. Der alte Bauer und die Großmutter erwarteten sie trotz der späten Nachtstunde. »Was is's mit'n Franzl?« fragten sie beide zugleich. »Frei!« Mehr konnte Hančička nicht sagen. Die Ahnl fiel bei diesen Worten auf die Knie nieder und dankte laut den Himmelsleuten. »Aber warum bringst 'n denn nöt mit?« fragte der alte Bauer seine Schwiegertochter. »Warum?« rief diese, in Thränen ausbrechend. »Weil – weil er mich verachtet – weil er mich verstoßen hat.« Und laut und heftig schluchzend eilte sie auf ihre Stube. Der Quistorenhansl erzählte hierauf den beiden Alten soviel, als er jetzt für gut befand. So hielten sich Freude und Sorge freilich die Wagschale. Am folgenden Tage ward Hančička und mit ihr das ganze Haus von der Geburt eines Knaben überrascht. Sie konnte infolgedessen ihren Entschluß, zu ihren Eltern zurückzukehren, nicht zur Ausführung bringen. Das erste Gefühl der Mutterfreude ward ihr nun freilich vergällt durch die Abwesenheit des zürnenden 262 Gatten und Vaters. Aber der alte Waldhofbauer meinte: »Es is an' alt's Sprichwort: Alles geht vorbei! Und dem Büabl sein' Vater werd' i zuawibringa. I bin jetzt a Ehnl worn und verschaff mir schon Respekt. Ganz g'wiß is's wahr. Und an' Taufschmaus soll's geb'n, daß der Graf Stadion aa nöt mehr essen und trinka kann; dessel is mei' Sach. Und drauf wird gschnupft!« 263 XXX. Der alte Waldhofbauer mußte gar viele Brisilglasln leer schnupfen und ungezählte Krüge leeren, bis in der Sachlage eine Wendung eintrat. Verschiedene ungünstige Umstände verhinderten es. Der Quistorenhansl begab sich nach der festgesetzten Zeit und nachdem er durch seinen Gewährsmann in Erfahrung gebracht, daß eine Revision gegen das Urteil des Schwurgerichts nicht eingelegt wurde, nach dem künischen Bauernhofe. Er wollte nunmehr dem jungen Bauern reinen Wein einschenken; aber dieser glaubte ihm nicht mehr. Er glaubte dagegen um so fester an die Untreue Hančičkas, welche diese selbst öffentlich zugestanden. Er hatte sie als so unnahbar und stolz gekannt, sie war so hoch gestanden in seiner Meinung, daß er es eher für möglich gehalten hätte, den Himmel einstürzen zu sehen, als daß sich sein stolzes Weib zu einer so erniedrigenden Handlung mit einem so verächtlichen, gleißnerischen Burschen, als welchen er nun Aloys erkannte, herabwürdigen würde. Das konnte er Hančička nicht mehr vergeben. Es liegt im Charakterzuge des Wäldlers, daß seine Freundschaft, wie sein Haß unentwegt fortdauern. Er kann eine Wohlthat ebenso wenig vergessen, wie eine Beleidigung, und Hančička mußte er jetzt hassen. Selbst die Nachricht, daß sie ihm einen Erben geschenkt, konnte Franz nicht weicher stimmen. 264 Zudem war der Quistorenhansl zu sehr ungelegener Zeit gekommen, indem der künische Vetter gerade im Sterben lag und Franz mit Pfarrer und Doktor zu thun hatte. Der Chode glaubte deshalb, eine spätere, günstigere Zeit erwählen zu müssen und machte für jetzt eine Reise wegen seines Federnhandels. Dabei erkältete er sich und mußte im Krankenhause zu Nürnberg einige Wochen Aufenthalt nehmen. Der künische Freibauer ging mit Tod ab, und Franz ward als Besitzer des prächtigen Gutes eingesetzt, gegen welches der Waldbauernhof nur ein Kleinbesitz war. Künische (königliche) Freibauern hießen die im »Künischen Gebirge« ansässigen und von den Regenten Böhmens seiner Zeit mit eigenen Privilegien und Freiheiten beschenkten Bauern. Sie wurden mit »Herr« angesprochen und war ihnen das Prädikat »Hochwohlgeboren« zuerteilt. Der künische Wald erstreckt sich mit seinem scharfen, 4000 Fuß erreichenden Rücken, dem Ossagebirge, von Eisenstein bis gegen Neuern, wo er sich sodann mit seinem Fuße zu dem großen Passe zwischen Neugedein und Eschlkam, beziehungsweise zwischen Riesenberg und Hohenbogen absenkt. Waren zwischen Czerkow und Ossa die Choden von Herzog Bretislaw I. zur Verteidigung der Grenze aufgestellt, so siedelte er weiter südwärts andere Kolonisten zu gleichem Zwecke an. Sie erhielten von den böhmischen Herrschern, gleich den Choden, wertvolle Privilegien, wurden aber späterhin ebenso hart bedrückt. Die Freibauern hatten durchwegs herrliche Besitzungen, und noch heutigen Tages, wenn auch ihre Privilegien längst erloschen, zeichnen sie sich durch 265 Wohlhabenheit und einen gewissen aristokratischen Zug in ihrem Wesen aus. Das ganze vom Ossa bis Klein-Zdikau sich hinziehende, künische Gebiet wird in neun Gerichte geteilt: St. Katharina, Hammern, Eisenstraße, Seewiesen, Haidler-, Kocheter-, Altstadler-, Neustadler- und Stachauer Gericht. Franz beabsichtigte, ganz nach diesem ererbten Hofe überzusiedeln und sich der Waldwirtschaft zu widmen. Schon jetzt galt dem Holze all seine Sorge. Infolge eines frühen, ergiebigen Schneefalles konnte das im Spätherbste gefällte Holz aus den Waldbergen herabgeschafft werden und Franz hatte den ganzen Tag über vollauf zu schaffen und zu kommandieren. An Hančička mußte er wohl beinahe ohne Unterlaß denken, aber es geschah dies stets mit einem nicht zu unterdrückenden Groll. Es kam ihm zwar vor, als ob dieser Groll von Tag zu Tag im Abnehmen begriffen wäre. Je länger die Trennung von Hančička währte, um so freundlicher trat wieder ihr Bild vor seine geistigen Augen und er sah sie stets vor sich mit dem Kinde in ihrem Arm. Aber plötzlich tauchte dann wieder das Bild des von ihm Erschlagenen auf und die freundliche Stimmung verflüchtete gleich einem Nebelschleier. Franz hatte nicht verabsäumt, für die Seele des Verräters an dessen Begräbnisorte Messen zu stiften und glaubte auch dadurch seinem edelherzigen Sinne Rechnung getragen zu haben. Trotz wiederholten Schreibens von seiten seines Vaters und des Quistorenhansls war es ihm aber nicht möglich, vorerst zu seinem Weibe zurückzukehren. Hančičkas Eltern waren erzürnt über das Benehmen ihres Schwiegersohnes. Sie hatten vom ersten 266 Augenblicke an in dem Geständnisse der Tochter nichts anderes erblickt, als ein großartiges Opfer, das sie dem geliebten Manne gebracht. Vom ganzen Chodenvölklein wurde das so aufgefaßt und keiner ließ sich einfallen, einen Stein nach dem wackeren Weibe zu werfen, das die Liebe höher gestellt, als ihre Frauenehre. Der Quistorenhansl hatte bei seinen Landsleuten für die richtige Auffassung mit allem Eifer gewirkt. Soukup, dessen Pacht im Chodenschlosse mit Ende des Jahres ablief, indem er einem anderen, dem Verwalter mehr zusagenden Pächter weichen mußte, hatte sich im nahen Aujezd ein Höfel gekauft, das er mit Anfang des Jahres beziehen wollte. Er bot Hančička an, mit ihrem Kinde dorthin zu ziehen, da er es ihrer unwürdig hielt, getrennt vom Gatten in dessen Besitztum länger zu verweilen. Ihr Stolz riet ihr, des Vaters Vorschlag anzunehmen und sie war entschlossen, sofort nach Weihnachten in das neue Heim überzusiedeln. Der alte Waldhofbauer und die Großmutter waren über diesen Entschluß ganz außer Rand und Band und ersterer reiste trotz des eingetretenen, strengen Winters zu seinem Sohne, um ihm in der ernstesten Weise Vorstellungen zu machen, wie schweres Unrecht er an seinem treuen Weibe, das sich so hochherzig für ihn aufgeopfert, begehe. Der Alte erzählte ihm in seiner Weise von seinem herzigen Kinde, das ihm sprechend ähnlich sehe und das schon so gescheit sei, daß es immer nach seinem Vater schreie, nach seinem Rabenvater, der es gar nicht der Mühe wert fände, es auch nur anzuschaun. Auf ein paar faustdicke Lügen kam er bei dieser Sache dem Alten 267 gar nicht an. Ferner berichtete er, wie er schon jetzt für den nahenden Christabend einen prächtigen Baum in seinem Walde ausgesucht, um ihn dann schön aufzuputzen, daß sich an seinen Lichtern der junge Waldhofbauer erfreuen könne, und daß er selbst, so oft er nach Furth komme, ganze Taschen voll Spielzeug und Näschereien kaufe; besonders habe er ein prächtiges Roß mit einem schweren Reiter ausgesucht, um dem zwei Monate alten Buben gleich den nötigen Respekt vor seinem Vater einzuflößen, der »koa' bißl Liab für eam und sei' Muatta hat.« Franz mußte über den Eifer des selbst zum Kinde gewordenen, alten Vaters lächeln, geradeauf lachte er aber, als dieser, um seinen höchsten Trumpf auszuspielen, eine Photographie aus der Tische zog, welche ein hausierender Photograph von dem kleinen Weltbürger aufgenommen und die nach des Alten Versicherung aufs Haar getroffen sein sollte, während man von dem Kinde auf dem Papier nichts weiter sah, als einen weißen großen Flecken, der das Wickelkissen vorstellte und an Stelle des Kopfes einen dunklen Batzen. Wie dem aber auch immer war, die Mission des Alten war nicht ganz ungünstig ausgefallen. Franz wurde von Stunde zu Stunde wärmer und weicher gestimmt und beim Abschiede des Alten versprach er, er wolle nochmals mit sich zu Rate gehen und wenn er es über sich gewinnen könne, so wolle er den schönen Weihnachtsbaum auch mit ansehen und sich von dem Wunderkinde überzeugen. Der Alte machte zwar alle Anstrengung, daß Franz sofort mit ihm heimkehren solle, aber dies konnte schon aus geschäftlichen Gründen nicht geschehen, da gerade die Holzarbeit im besten Betriebe war und außerdem sich 268 noch Holzhändler angemeldet hatten, deren Ankunft Franz abwarten mußte. »Also kimmst am Christabend g'wiß?« fragte der Vater, schon zur Abfahrt bereit. »Ja!« erwiderte Franz. »So sag: auf Ehr und Seligkeit!« »Meinthalben, es gilt!« versetzte Franz. »No', so will i nöt sag'n – daß nöt wieder alles eben wird – und – magst a Schnüpfl?« »Dank schön, Vater. Kimm guat hoam, grüaß ma d' Ahnl und –« »Und dei' Wei samt 'n Kindl, gel?« »Von mir aus!« »No', dö wern lacha! I g'freu mi schon. B'hüt di Gott, du Trutzkopf! B'hüt di Gott!« Die Thränen standen ihm in den Augen. Franz sah dem Abfahrenden lange nach. Es reute ihn beinahe, daß er dem Wunsche des Vaters nicht gefolgt und gleich mitgefahren sei. Der Gedanke an sein Söhnchen wollte ihn nicht mehr verlassen, und Hančička – ihr Bild fing wieder an, sich freundlicher vor ihm zu zeigen. Jetzt stieg endlich doch auch die Vermutung in ihm auf, daß er ihr Unrecht gethan haben könnte. Bei einem wiederholten Besuche des Quistorenhansls leistete ihm dann dieser einen heiligen Eidschwur, daß Hančičkas Anklage nur auf seinen Rat hin erfolgt, und er nannte ihm auch den Namen jenes Mannes, der ihm denselben erteilt und Franz dadurch zur Freiheit verholfen. Seine Auseinandersetzungen trugen so sehr den Stempel der Wahrheit, daß der junge Bauer nicht länger mehr zweifeln konnte. Aber nunmehr scheute er sich, dem so schwer 269 beleidigten Weibe wieder unter die Augen zu treten. Er mußte sich selbst bekennen, daß er diesem großen Charakter gegenüber unendlich klein erscheine und er meinte, er müßte bei der ersten Zusammenkunft mit ihr vor Scham und Schande vergehen. Der treue Quistorenhansl suchte ihn auch hierüber zu beruhigen. Er bat, sich keine unnützen Gedanken zu machen. Die Choden seien groß in allem, auch im Verzeihen. Er solle nur heimkehren, das übrige würde sich schon von selbst ergeben. – – 270 XXXI. Der Weihnachtsabend war herangekommen. In der Stube des Waldbauernhofes stand der grüne, reich gezierte Christbaum. Hančička hatte ihn aufgeputzt. Es war zum erstenmale, daß sie diesen schönen Brauch – das Symbol des wieder erwachenden Tages – mitfeierte, und dieser erste, hellstrahlende Baum sollte auch Zeuge ihres wieder erwachenden Glückes sein. Der Knecht war zur Station Kubitzen gefahren, wo Franz mit dem Abendzuge ankommen mußte. Die Ahnl und der Waldhofbauer saßen erwartungsvoll in der Stube und blickten bald nach dem in der Wiege sanft schlafenden Kinde, bald nach Hančička, welche in geschäftiger Weise herumhantierte, zur Abendmahlzeit herrichtete und die verschiedenen Geschenke ordnete, welche auf dem Tische unter dem Weihnachtsbaume ausgebreitet lagen. Die Ehehalten waren alle in freudiger Stimmung, ihren Herrn wieder begrüßen zu können und horchten vor dem Thore, ob man den Wagen noch nicht herankommen höre. Endlich war dies der Fall. Der hierzu beauftragte Knecht gab das Zeichen mit einem helltönenden Glöckchen. In anderen Einödhöfen wird solcher Art das Christkindl angemeldet, das mit »goldener Hand« den Kleinen die Weihnachtsgeschenke zur Thüre hineinreicht – hier meldete es die Ankunft des für Hančička liebsten und ersehntesten Christgeschenkes, des heißgeliebten Gatten. 271 Eine Magd zündete rasch die Lichter auf dem Baume an, der alte Waldhofbauer nahm sein »Eni« aus dem Bettchen und stellte sich mit demselben in Positur, Hančička aber riß die Thüre auf – im nächsten Augenblicke lag sie in Franzens Armen. »Franz! Hančička!« Ueber diese beiden Worte kamen die Wiedervereinigten lange nicht hinaus, bis endlich der alte Bauer herzutrat und rief: »No', san nacha mir gar neamd mehr? Da schau her, da siehgst dein' Prinzen – aber dadrucka därfst 'n nöt. I bin dafür verantwortli.« Der glückliche Vater nahm die »Fatschen« und blickte mit seligen Gefühlen nach dem kleinen Sprößling. Hančička hatte ihren Arm um seinen Nacken geschlungen und sah mit unaussprechlicher Wärme nach dem Antlitz des geliebten Mannes. Alles, was sie gelitten, war vergessen, und als er sie um Verzeihung bitten wollte, hielt sie ihm rasch den Mund zu und sagte: »Alles ist vergessen!« – – – Franz konnte aber im Waldbauernhofe doch nicht alles vergessen, was sich hier Unheilvolles ereignet und sein Vorschlag fand bei all den Seinigen Anklang, den Hof zu veräußern und ganz nach dem Freibauernhofe bei Neuern überzusiedeln. Die alte Ahnl war vor allen damit einverstanden, denn sie kam ja wieder in ihre Heimat, die sie ohnedem nie ganz vergessen konnte. Der alte Waldhofbauer aber meinte, ihm sei es einerlei, wo er die paar Jahre seines Lebens noch verbringe, wenn er nur seine Kinder glücklich sehe und – der Trunk stets ein passabler sei, was bei dem Bier in Neuern glücklicherweise als gesichert angenommen werden könnte. 272 Es war auch nicht schwer, für den Waldbauernhof bald einen guten Käufer zu finden und zum Frühjahre zog Franz auf dem prächtigen Freibauernhofe auf. – Hančičkas Eltern jedoch konnten die Unbill, welche ihrer Tochter durch Franz widerfahren, nicht so leicht verwinden und hielten sich fern von diesem. Doch auch hier sollte die Zeit der Versöhnung kommen, und zwar, als in Aujezd am 25. August 1885 die Gedenktafel des tapferen Chodenmärtyrers Kozina enthüllt wurde. Die Gedenktafel am Hofe Nr. 3 zu Aujezd trägt folgende Inschrift (wörtlich übersetzt): Johann Sladky (Kozina), unerschrockener Verteidiger der alten Rechte der Choden, gerichtet den 28. November 1695. Hier geboren und gelebt auf dem Gute seiner Väter. Hančička, als eine Urenkelin jenes wackeren Volksvertreters, durfte bei diesem Feste des biederen Chodenvölkchens nicht fehlen und ward auf ihren Wunsch von Franz begleitet. An diesem Ehrentage schlugen alle Herzen höher und waren zur Versöhnung geneigter. Und versöhnt mit Hančičkas Eltern zog Franz mit dem geliebten Weibe wieder zurück nach dem neuen, schönen Heim im grünen Angelthale. Hančička versüßte ihm manche Stunde durch ihren schönen Gesang, und ihr Lieblingslied blieb stets dasselbe, welches sie als Kind zum erstenmale auf dem Waldbauernhofe gesungen, nur änderte sie den Endreim in die Worte Ja, will's Gott, freu'n wir uns ewig Im Beisammensein.