Walter Scott Das Kloster – Zweiter Band Erstes Kapitel. Zur damaligen Zeit war es nicht Sitte, daß sich gewöhnliche Leute an den Tisch von Vornehmen setzten, und so blieben auch die Bewohner Glendeargs von der Tafel fern, die in dem alten Turmgemach für den Lord-Abt und sein Gefolge hergerichtet worden war ... und selbst wenn diese Sitte nicht bestanden hätte, so hätte die kirchliche Regel dem Klosterabt es untersagt, seine Mahlzeiten in Gemeinschaft mit Frauen einzunehmen. Indessen sprach der geistliche Herr den Wunsch aus, daß sie ihm ihre Gegenwart während des Essens schenken möchten, und er unterließ nicht, ein paar freundliche Worte über den gastlichen Empfang, den sie ihm bereitet hätten, an die Frauen zu richten. Die Hirschkeule dampfte schon auf der Tafel, dem Abt wurde nun mit tiefer Ehrerbietung von dem Tafeldiener eine Serviette unter das Kinn gebunden, und alles war zur Tafel bereit, bloß der Ritter fehlte. Aber endlich erschien auch er, strahlend wie die Sonne, in einem fleischfarbnen, reich mit silbernen Tressen bedeckten Wams und einem Hute nach der neusten Mode mit einem Rande aus ziselierter Goldschmiedsarbeit, um den Hals trug er ein goldnes, mit Rubinen und Topasen so reich besetztes Band, daß man sich die Sorge, die er um sein Gepäck getragen hatte, recht wohl erklären konnte. Dieses prächtige Halsband, das ihm, wie die Ordenskette des edlen Ritters, tief auf die Brust herniederhing, endigte in einem Medaillon von gleich hohem Werte. »Wir hatten gemeint, auf Sir Piercie Shafton warten zu sollen,« bemerkte der Abt, indem er sich eilig auf seinen Platz in den großen Sessel setzte, den ihm der Küchenmeister ebenso eilig an den Tisch rückte. »Gewähret mir, bitte, Verzeihung, hochwürdiger Vater und gnädigster Herr,« erwiderte diese Blume der Galanterie, »ich mußte bloß zuvor mein Reisekostüm ablegen, um vor einer Tischgesellschaft von so vornehmer Art in anständigerer Tracht zu erscheinen.« »Ich muß Euch um Eures feinen Taktes willen wirklich alles Lob zollen, Herr Ritter,« antwortete der Abt, »aber jetzt bitte ich doch, freundlichst Platz an unsrer Tafel zu nehmen.« Hierauf wandte er sich an den Unterprior: »Vater Eustachius, sprecht das Benedicite und schneidet den Braten an!« Der Unterprior gehorchte willig dem ersten Teil der Weisung, aber beim zweiten äußerte er das Bedenken, daß doch heut Freitag sei, und zwar, um es den Laien unverständlich zu lassen, auf lateinisch. »Wir sind ja doch auf der Reise,« versetzte der Abt, »und viatoribus licitum est . diese Regel kennt Ihr doch selbst ... wer auf Reisen ist, muß, sich nähren von dem, was ihm sein schweres Los beschert. Ich verstatte heute Euch allen, Fleisch zu essen, meine Brüder, unter der Bedingung, daß Ihr vorm Einschlafen das Confiteor betet, daß der Ritter nach Maßgabe seiner Verhältnisse ein Almosen spende, und daß Ihr alle Euch dafür an einem Tage des nächsten Monats, wenn es Euch paßt und bequem ist, des Fleisches enthaltet. Also jetzt eßt nach Herzenslust und ohne Bedenken! Tafeldecker, tut Eures Amts!« Und während er noch die Bedingungen, unter denen heute von den Fastenregeln Abstand genommen werden könne, auseinandersetzte, hatte er schon ein tüchtiges Stück von dem köstlichen Wildbraten verzehrt und mit einer ganzen Flasche Rheinwein hinuntergespült. »Die Tugend lohnt sich selbst, das ist doch ein wahrer Spruch,« sagte, vom Tafeldecker noch ein Stück Braten fordernd, der Klosterabt, »denn wie schlecht es auch mit der Kost heut bestellt und so geschwind sie auch zurecht gemacht worden ist, und so ärmlich der Raum auch sein mag, worin wir sie verzehren, so muß, ich doch sagen, daß ich mich lange keines solchen Appetits entsinnen kann wie heute. Höchstens, als ich noch einfacher Klosterbruder in der Abtei Dundrennan war und von früh bis abends im Garten arbeitete, hats mir so gut geschmeckt wie heute. Da bin ich immer mit wahrem Vergnügen in das Refektorium gegangen und habe von Herzen gern mit allem fürlieb genommen, was mir der Bruder Küchenmeister auf den Tisch setzte, gemäß der Regel; und Fest- und Fasttag, caritas oder poenitentia , machte mir keinen Unterschied aus. Damals wußte ich auch noch nichts von Magenbeschwerden, aber heut muß der Wein und eine bessere Küche für leichtere Verdaulichkeit der Speisen sorgen.« »Wenn Ihr von Zeit zu Zeit einen Ritt über den Klosterbann hinaus machen wolltet, heiliger Vater,« bemerkte der Unterprior, »dann täte das wohl die gleiche Wirkung auf Eure Gesundheit wie die Gartenluft in Dundrennan.« »Vielleicht ist es an dem, daß solcher Ritt gut bei uns anschlüge,« antwortete der Abt, »sofern wir besondre Acht darauf geben, daß unser Wild recht geschickt und behutsam erlegt wird von einem Weidmann, der Meister in seinem Gewerbe ist.« »Wenn mir der Lord-Abt nach dieser Hinsicht eine Bemerkung erlauben will,« nahm der Bruder Küchenmeister das Wort, »so wäre meines Dafürhaltens ein gutes Mittel, den Wunsch Eurer Herrlichkeit zu befriedigen, wenn Ihr geruhen wolltet, den ältesten Sohn dieser braven Witfrau, der Frau Glendinning, als Jäger und Forstadjunkt anzustellen. Ich verstehe mich recht wohl darauf, was dazu von nöten ist, ein Stück Wildbret kunstgerecht zu erlegen, daß es in keiner Weise für die Tafel an Wohlgeschmack verliert; und ich darf ebenso wohl sagen, daß ich noch mein Lebtag nicht solchen brillanten Bolzenschuß gesehen habe, und wohl auch kein andrer Coquinarius neben mir, wie diesen hier. Der Bolzen sitzt mitten im Herzen des Bockes. »Was schwatzt Ihr so viel von einem einzigen Schusse, Pater Küchenmeister, der mal gesessen hat?« bemerkte Sir Piercie Shafton; »ein Schuß macht ebenso wenig einen guten Schützen, wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht. Den jungen Menschen, von dem Ihr erzählt, habe ich wohl auch schon gesehen, muß, aber sagen, daß wenn der Pfeil seines Bogens immer so gut sitzt, wie die Spitze seiner Zunge, ich nicht das mindeste Bedenken trage, ihn für einen Bogenschützen zu halten, so gut, wie es Robin der Rote nur je gewesen.« »Nun,« entschied der Abt, »wir erachten es für das Beste, die Frau selbst in dieser Sache zu befragen, denn es wäre töricht von uns, sie auf irgend welche Weise zu übereilen, denn wie leicht können bei so etwas die Geschenke des Himmels verunstaltet und untauglich gemacht werden für menschlichen Gebrauch. ... So tretet denn vor, Frau Glendinning, und sagt uns als Eurem Lehnsherrn und geistlichen Oberhaupt, ohne Furcht und Hehl, schlecht und recht, da uns diese Angelegenheit sehr am Herzen liegt: versteht sich Euer Sohn wirklich so gut auf die Bedienung der Armbrust, wie uns der Pater Küchenmeister versichert?« »Mit Eurer Herrlichkeit Verlaub,« erwiderte die Frau, indem sie einen Knicks bis auf den Erdboden hinunter machte, »von Armbrust und Bogenschießen hab ich schon was ausstehen müssen! denn seht, mein guter Mann, der ist auf dem Blachfeld von Pinkie durch einen Bolzen getroffen worden, als er unter dem Kirchenbanner focht, wie es Pflicht und Schuldigkeit ist für einen Kirchenvasallen. Mit Verlaub, Eure Herrlichkeit, er war ein gar beherzter und rechtschaffner Mann, mein Mann, und bis auf das eine, daß er von Zeit zu Zeit mal gern einen Wildbraten aß und sich, wie es die Leute an der Grenze alle tun, dann und wann ein Stück Wild aus dem Walde holte, wüßt ich ihm keine Sünde nachzureden. Und doch hab ich noch immer keine Gewißheit, daß er aus dem Fegfeuer los ist, trotzdem ich schon weit über vierzig Schilling für Messen entrichtet und acht Scheffel Weizen und vier Metzen Roggen noch extra ans Kloster geliefert habe.« »Wir wollen Euren Fall sorgfältig untersuchen und feststellen lassen,« vertröstete sie der Abt, »und wenn Euer Mann, wie Ihr sagt, in einer kirchlichen Fehde und unter kirchlichem Banner gefallen ist, so könnt Ihr Euch schon darauf verlassen, daß wir ihn aus dem Fegfeuer erlösen werden. Vorausgesetzt natürlich, daß er wirklich drin steckt. Aber jetzt ist es nicht unser Wille, uns über Euern Mann mit Euch zu unterhalten, sondern über Euern Sohn haben wir um Auskunft gebeten. Nicht von einem erschossenen Kirchenvasallen wollen wir etwas von Euch hören, sondern von einem geschossnen Stück Kirchenwild. Und darum wiederhole ich meine Frage und fordre Euch auf, ohne Umschweife und ohne Rückhalt zu antworten: Ist Euer Sohn ein geübter Schütze oder nicht?« »Ach, Euer Hochwürden, um meinen Acker möchts besser bestellt sein,« erklärte die Witfrau, »wenn ich auf Eure Frage mit Nein antworten könnte. Aber das kann ich nicht, so gern ich es wollte! denn mein Halbert schießt mit Armbrust und Bogen, mit Büchse und Flinte gleich gut. Sofern es unserm ehrenwerten Gaste belieben sollte, seinen Hut im Abstande von hundert Ellen zu halten, so kann er sicher sein, daß ihn mein Halbert mitten durchschießt, den Hut natürlich. Doch darf sich der Herr nicht rühren, sondern muß fein still halten, dann will ich wetten um einen Malter Gerste, daß ihm mein Halbert nicht einen Faden von seinen Bändern streift. Hab ichs doch schon oft ausprobieren sehen von unserm alten Martin, und wenn sich unser ehrwürdigster Unterprior zu erinnern geruhen will, so wird er zugeben müssen, daß er es mit eignen Augen schon gesehen hat.« »So leicht werde ich es nicht vergessen, meine liebe Frau,« erwiderte Pater Eustachius, »wüßt ich doch nicht, was mich mehr in Staunen setzte, die sichere Ruhe des jugendlichen Schützen oder die Festigkeit und zuversichtliche Haltung des greisen Zieles, und deshalb möcht ich dem ehrenwerten Gaste, Sir Piercie Shafton, auch nicht raten, seinen kostbaren Kastorhut und seine noch kostbarere Person einem derartigen Wagestück auszusetzen, es sei denn, daß er ein ganz besonderes Vergnügen daran fände.« »Nicht im geringsten,« erwiderte mit einiger Hast Sir Piercie, »seid überzeugt, heiliger Vater, nicht im geringsten! Die Eigenschaften, für die sich Euer Ehrwürden interessieren, will ich ja dem Jungen durchaus nicht streitig machen. Aber Bogen sind Holz, und Sehnen sind Flachs, und Schützen Menschen, Finger können gleiten, Augen können irren, und ein Stockblinder kann das Ziel treffen, während der beste Schütze um Bogenlänge vorbeischießen kann. Drum meine ich, wir lassen alle gefährlichen Proben.« »Ganz nach Belieben, Sir Piercie,« erklärte der Abt. »Inzwischen wollen wir jedoch den jungen Mann zum Bogenschützen im Bereich unsrer Waldungen ernennen, soweit uns der hochselige König David deren zuerteilt hat, zu dem Zwecke, daß das Fleisch der Tiere des Waldes der armen Brüderschaft zugute komme.« »Knie nieder, Weib! knie nieder!« rief der Pater Küchenmeister, zugleich mit dem Tafelaufseher, der Witwe zu, »und küsse Seiner Herrlichkeit für die Deinem Sohn erwiesene Gnade die Hand!« Und nun stimmten sie, als sängen sie Messe und Responsa, ob der Segnungen solches Dienstes die folgende Litanei an: »Einen grünen Rock und ein Paar Lederhosen zu jedem Pfingsten,« sagte der Küchenmeister. »Und zu Lichtmeß vier Mark in bar!« sagte der Tafeldecker. »Auf Martini ein Oxhoft Doppelbier und Dünnbier, je nach dem Durste, sofern er sich mit dem Kellermeister gut steht.« »Der doch ein sehr verständiger Bruder ist und keinen eifrigen Klosterbeamten darben läßt,« setzte der Abt hinzu. »An jedem hohen Feiertag eine Schüssel Fleischbrühe mit einem Stück Rind- oder Hammelfleisch,« begann der Küchenmeister seine Litanei von neuem. »Und auf der Wiese Unsrer lieben Frau zwei Kühe und ein Reitpferd,« ergänzte sein Amtsbruder. »Alljährlich eine Ochsenhaut zu Stiefeln, um durch Dornen und Disteln zu laufen,« betonte ein andrer wieder. »Und noch mancherlei andre Akzidenzien, quae nunc praescribere longum ,« fiel der Abt ein, mit gebietender Stimme alle Emolumente oder Einkünfte eines klösterlichen Bogenführers summarisch zusammenfassend. Die ganze Zeit über lag Frau Glendinning auf den Knien und wiegte, einem Uhrwerk nicht unähnlich, das von zwei Riesen flankiert wird, das Haupt bald nach dem einen, bald nach dem andern der beiden Kirchendiener hin. Als nach einer Weile die beiden Diener schwiegen, küßte sie mit tiefer Demut die Hand des freigebigen Abtes. Da sie aber den unbeugsamen Charakter ihres ältesten Sohnes in manchen Dingen nur allzu gut kannte, unterließ sie es nicht, natürlich unter wiederholten Dankesversicherungen, der Hoffnung Ausdruck zu leihen, daß es ihrem Sohne auch recht sein und daß er Ja dazu sagen werde. »Was höre ich?« sagte, die Brauen finster zusammenziehend, der Abt, »recht sein? Ja sagen? ... Weib, ist etwa Dein Sohn verrückt?« Verwirrt durch den Ton, in welchem diese Worte fielen, konnte die Witwe keine Antwort finden, und hätte sie eine finden können, so hätte sie sich nicht verständlich machen können, denn die beiden Amtsbrüder, der Küchenmeister und der Tafeldecker, fingen alsobald ihre zweistimmige Litanei wieder an. »Was? Nicht annehmen?« sagte der Küchenmeister. Und der Tafeldecker wiederholte in noch verwunderterem Tone: »Nicht annehmen?« »Vier Mark jährlich nicht annehmen?« fragte der eine. »Doppel- und Dünnbier, Suppe und Rind- und Hammelfleisch nicht annehmen? Weide und Kühe und Reitpferd nicht annehmen?« schrie der Küchenmeister. Und der Tafeldecker ergänzte wiederum, verwunderter und lauter als der andre: »Rock und Hosen nicht annehmen?« »Eine kleine Weile Geduld, Brüder!« nahm der Unterprior das Wort, »verwundern wir uns nicht eher, als bis wir Ursache zur Verwunderung haben. Die brave Frau kennt Anlagen und Neigungen ihres Sohnes am allerbesten. Ich meinesteils kann nur sagen, daß dieselben auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit nicht gerichtet sind, und daß ich mich vergeblich bemüht habe, ihm davon was beizubringen. Nichtsdestoweniger ist er ein junger Mann von ungewöhnlichem Geist, jedoch eher denjenigen ähnlich, nach meiner geringen Einsicht, die der Herr erweckt in einem Volke, wenn er ihm die Gnade erweisen will, es durch Kraft des Armes und Mut des Herzens zu befreien. Solche Menschen finden wir in der Regel mit einem unbesiegbaren Charakter ausgestattet, der gern für Geistesverstocktheit und Gleichgültigkeit gegen Bekannte und Freunde angesehen wird, bis sich endlich für sie eine Gelegenheit findet, dem Willen der Vorsehung gemäß das treffliche Rüstzeug für große Dinge zu werden.« »Du sprichst das rechte Wort zur rechten Zeit, Bruder Eustachius,« äußerte der Abt, »und wir wollen uns den jungen Mann erst mal ansehen, bevor wir über die Art seiner Anstellung das letzte Wort sagen. Was meint Ihr, Sir Piercie ist es nicht Brauch bei Hofe, den Mann für das Amt, nicht aber das Amt für den Mann in Aussicht zu nehmen?« »Mit Verlaub, Euer Ehrwürden,« nahm der Ritter aus Northumberland das Wort, »in gewisser Hinsicht möchte ich dieser Rede Eurer Weisheit beipflichten. Immerhin würden wir, bei aller Hochachtung vor dem Unterprior, nach tapfern Volksführern doch wohl nicht in der Volkshefe suchen. Ich will ja gelten lassen, daß sich in dem jungen Menschen ein paar Funken kriegerischen Geistes finden mögen, aber nur selten fand ich bisher, daß sich Anmaßung und Hochmut zuletzt durch Tat und Handlung gleichen. Jedenfalls genügt das nicht, um einen jungen Menschen von solch niedriger, beschränkter Sphäre auszuzeichnen, denn so wenig wie der Glühwurm, der sich im Wiesengrase allerliebst ausnimmt, oben im Leuchtturm am Platze wäre, so wenig wird solcher Jüngling sich bewähren auf der Höhe der menschlichen Gesellschaft.« »Gut, gut!« sagte der Unterprior, »da kommt der junge Jägersmann, um für sich selbst einzutreten.« Durch das gegenüberliegende Fenster konnte er Halbert sehen, wie er gerade den kleinen Berg, auf dem der alte Turm stand, emporstieg. »Ruft ihn vor unser Angesicht,« sprach der Lord-Abt, und gehorsam eilten die beiden diensttuenden Leute hinaus. Zu gleicher Zeit verschwand auch Frau Glendinning aus der Stube, einmal in der Absicht, ihrem Sohne Gehorsam gegen den Willen des Abtes ans Herz zu legen, zum andern Mal weil es ihr nicht gefallen mochte, daß der Sohn in der gewöhnlichen Alltagstracht vor dem Abte erscheine. Aber Küchenmeister und Tafeldecker hatten bereits den Jüngling unter den Armen gefaßt und brachten ihn im Triumph in das Gemach hinein, so daß der Witwe nur noch übrig blieb, sich mit dem Ausrufe zu entschuldigen: »Des Herrn Wille geschehe! hätte doch mein Junge bloß seinen Sonntagsstaat an!« Aber so unbedeutend dieser Wunsch an sich war, so fand er doch vor dem Schicksal keine Gnade, denn Halbert Glendinning wurde in seiner Werkeltracht vor den Abt geleitet; immerhin kam in seiner Erscheinung ein gewisses Etwas zum Ausdruck, das von der Gesellschaft Achtung für sich forderte, in die er so ohne alle Umstände eingeführt wurde, trotzdem die meisten geneigt waren, ihn mit Hochmut, wenn nicht mit unbedingter Verachtung zu betrachten. Zweites Kapitel. Bevor wir fortfahren, dieses Zusammentreffen des Abtes vom Sankt Marien-Kloster mit Halbert Glendinning in einer für den Lebenslauf des letztern so entscheidungsvollen Stunde zu schildern, müssen wir ein paar Worte über seine Gestalt und seine Aufführung einflechten. Halbert stand nun in seinem neunzehnten Lebensjahre. Er war behend und schlank, nicht stark, aber von jenem muskulösen Gliederbau, der bei voller Ausgewachsenheit und richtiger körperlichen Ausbildung große Stärke erwarten läßt. Er war streng ebenmäßig gebaut und besaß gleich vielen Männern, die sich solchen Vorzugs erfreuen, eine angeborne Grazie und Gewandtheit im Auftreten, die nicht zuließ, daß man seine Körpergröße, die volle sechs Fuß betrug, als das hervorragendste Moment seiner Erscheinung ins Auge faßte. Diese außerordentliche Größe im Verein mit dem vollkommenen Ebenmaß seiner Gestalt und der edlen Grazie seiner Haltung gaben dem jungen Glendinning ganz unbedingte Vorteile selbst vor dem Ritter Piercie Shafton, der von Figur kleiner war und dessen Gliederbau, wenn auch im einzelnen tadellos, doch im ganzen nicht das gleiche schöne Verhältnis aufwies. Anderseits hatte der Ritter durch seine chevalereske Haltung einen nicht unbedeutenden Vorteil vor dem jungen Schotten voraus, den er auch an Regelmäßigkeit der Züge und an Glanz der Haut übertraf. Die Züge des jungen Schotten waren mehr kräftig als schön gezeichnet, und die rot und weiße Färbung seiner Haut war durch den Einfluß von Luft und Himmel in völliges Nußbraun gewandelt, das nun Wangen, Nacken und Stirn gleichmäßig färbte, nur vielleicht auf letzterer noch um einige Grade tiefer glühte. Für den wirkungsvollsten Teil seines Antlitzes mußte man seine Augen halten, die groß waren und tiefnußbraune Färbung aufwiesen, aber in Augenblicken seelischer Erregtheit in einem so ungewöhnlichen Glanze funkelten, daß man tatsächlich den Eindruck gewann, als ob sie Licht ausstrahlten. Auch sein Haar wies dunkelbraune Färbung auf und war von Natur zu dichten Locken gekräuselt, die seine Gesichtszüge noch lebensvoller erscheinen ließen und einen weit kühnern und regern Geist verrieten, als sein sonstiges Wesen, das einen Eindruck von Blödigkeit und Unbeholfenheit machte, auf den ersten Blick erwarten ließ. Der Anzug, den der Jüngling trug, war auch nicht so beschaffen, daß er sein Wesen hätte anmutiger erscheinen lassen können. Die Jacke und Beinkleider, die er trug, waren von grobem Bauerntuch und ebenso auch seine Mütze. Um den Leib trug er einen Gurt, dessen Aufgabe war, das breite große Schlachtschwert zu tragen, von dem schon wiederholt die Rede gewesen ist, sowie etwa ein halbes Dutzend Pfeile und Bolzen und ein breites Messer mit Griff aus Hirschhorn, das für einen Dolch galt und an der rechten Seite steckte. Damit wir seinen Anzug vollständig schildern, sei noch der weiten Stiefel aus Hirschleder gedacht, die sich bis ans Knie heraufziehen oder bis auf die Waden niederfallen ließen, je nachdem es dem Träger paßte. Wer zu damaliger Zeit viel der Jagd oblag, dem waren solche Stiefel wegen der vielen Dickichte, durch die der Weg im Walde führte, unentbehrlich. Schwieriger fällt es, zu schildern, wie sich die Seele des jungen Glendinning Ausdruck durch die Augen schuf, als er sich so unvermuteterweise Personen gegenüber sah, die er von frühester Jugend mit Ehrfurcht zu behandeln gelehrt worden war. Aus seiner Haltung sprach ein gewisser Grad von Verlegenheit, doch lag in derselben weder ein knechtischer Sinn, noch eine auffällige Verwirrtheit. Sie war vielmehr nicht größer, als sie sich für einen Jüngling schickt, der mit Hochherzigkeit und Freimut einen kühnen Geist verbindet, aber nicht über das geringste Maß von Lebenserfahrung gebietet, und zum ersten Male sich in einer solchen Gesellschaft befindet und unter solchen für ihn doch recht ungünstigen Verhältnissen zum ersten Male selbständig denken und handeln soll. In seinem ganzen Benehmen kam nicht der geringste Grad von Voreiligkeit oder Schüchternheit zum Ausdruck. Er kniete nieder und küßte dem Abte die Hand, dann richtete er sich auf, trat ein paar Schritte zurück und verneigte sich respektvoll vor der versammelten Gesellschaft, ließ ein weiches Lächeln auf seine Lippen treten, als ihn ein ermutigender Blick aus den Augen des Unterpriors traf, und errötete, als er Mary Avenels besorgten Blicken begegnete, die der Prüfung, die ihr Pflegebruder bestehen sollte, mit einem gewissen Grade von Bangigkeit entgegensah. Er faßte sich aber bald, die Ergriffenheit infolge des Blickes aus diesem Mädchenauge schwand, und nun stand er gelassen und ruhig da und harrte der Anrede des Lord-Abts. Sichtlich machte er auf die geistlichen Herren einen günstigen Eindruck. Der Abt blickte um sich und tauschte mit seinem Berater, dem Pater Eustachius, einen befriedigenden Blick des Einverständnisses, wenngleich die Anstellung eines Forstadjunkten oder Bogenführers schwerlich zu jenen Dingen gehörte, bei denen er auf den Rat seines Unterpriors zurückgreifen mußte. Allein der günstige Eindruck, den die äußere Erscheinung des Jünglings machte, legte es ihm näher, sich zu dem Funde einer für solchen Posten so trefflich geeigneten Persönlichkeit zu gratulieren, als daß er sich zu andern Regungen hätte bestimmt fühlen sollen. Pater Eustachius empfand jene Freude, die in ein freundlich besaitetes Gemüt einzieht, wenn es sich dem Glück eines jungen Menschen gegenüber fühlt, denn da er dem Jüngling seit jenem Wechsel der Umstände, die in seine Anschauungen und sein Wesen solche Wandlung gebracht hatten, nicht mehr begegnet war, hegte er nicht den mindesten Zweifel, daß ihm das Amt eines Forstadjunkten im Dienste des Klosters als ein Glück erscheinen werde. Dem Küchenmeister sowohl als dem Tafeldecker gefiel der Jüngling dermaßen, daß sie zu meinen schienen, Sold und Einkünfte, Portionen, Weide, Rock und Hosen hätten keinem Bessern angeboten werden können, als dem Jüngling mit der muntern, lebensvollen Gestalt, die jetzt vor ihnen stand. Im Gegensatze zu ihm schien Sir Piercie das Interesse an dem Jüngling, vielleicht weil er zu tief in seine persönlichen Betrachtungen versenkt war oder auch, weil er den Gegenstand nicht für bedeutend genug hielt, sich mit ihm zu befassen, nicht zu teilen. Die Augen halb geschlossen, die Hände verschränkt über der Brust haltend, saß er da, wie in weit tiefere Betrachtungen versunken, als sich aus der gegenwärtigen Szene schöpfen zu lassen schienen. Indessen war, trotz der scheinbaren Versunkenheit und Zerstreutheit, ein Zug von Eitelkeit aus der Haltung des Ritters nicht verschwunden, wenigstens nahm er eine galante Stellung nach der andern an, wenn er sie auch vielleicht nur allein in diesem Sinne auffaßte, und heftete pausenweis verstohlene Blicke auf die Damen der Gesellschaft, in der Absicht, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, inwieweit es ihm glückte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die von diesem Teile in weit höherm Maße den wenn auch nicht so regelmäßigen, aber um so energischeren und männlicheren Zügen Halberts geschenkt wurde. Von den zur Glendearger Familie gehörigen Frauen war allein die Müllerstochter in der angenehmen Stimmung, die Posituren, in die der Ritter sich setzte, mit Muße zu betrachten, beziehungsweise zu bewundern; denn Mary von Avenel und Frau Glendinning sahen mit ängstlicher Besorgnis der Antwort entgegen, die von Halbert auf das Erbieten des Abtes erteilt werden würde, und erwogen voller Furcht die Folgen, die sich aus seiner etwaigen Weigerung, darauf einzugehen, für ihn und sie alle ergeben möchten. Ganz anders als Halbert benahm sich der jüngere Bruder Edward. Von Natur schüchtern, um nicht zu sagen blöde und scheu, hatte er bislang so gut wie unbeachtet in einer Ecke des Raumes gestanden, und der Abt, übrigens erst infolge einer unmittelbaren Anregung seines Unterpriors, hatte sich nur flüchtig bei ihm erkundigt, wie weit er im »Donat« und im » Promptuarium Parvulorum « vorgedrungen sei, ohne die Antwort des jungen Burschen übrigens abzuwarten. Aus diesem Winkel hatte sich nun Edward an die Seite des Bruders geschlichen und sich hinter ihn postiert, dann verstohlen mit der linken Hand nach seiner rechten gegriffen und ihm durch einen sanften Druck, den der andre gleich kräftig und frisch erwiderte, zu verstehen gegeben, daß er Anteil an der Lage nehme, in die er durch den Zufall geraten sei, und daß er willens sei, das Los, das ihn treffen werde, mit ihm zu teilen. In dieser Weise hatte die Gesellschaft sich gruppiert, als der Abt nach einer Pause von ein paar Minuten, die er brauchte, um behaglich seinen Becher auszuschlürfen, sich mit geziemender Würde anschickte, seinen Antrag zu stellen. »Mein Sohn,« hub er an, »wir, Euer rechtmäßiger Oberherr, und nach Gottes Willen und Beschluß Abt der Brüderschaft zur heiligen Jungfrau, haben von Euren mancherlei ... hm, hm ... geschickten Fähigkeiten, vornehmlich das Weidwerk anbelangend, Kunde erhalten, insonderheit von der echt jagdgerechten Weise, wie Ihr das Wild zu schießen versteht, ehrlich und recht, wie es sich für einen redlichen Freisassen schickt, ohne des Himmels Gaben und Geschenke zu mißbrauchen durch Schädigung des Fleisches, wie dies von seiten nachlässiger Jäger so häufig geschieht, ... hm, hm!« Der Abt machte eine Pause, fuhr aber, als er wahrnahm, daß sich Halbert Glendinning, statt zu antworten, mit einer Verbeugung begnügte, in seiner Ansprache fort wie folgt: »Mein Sohn, Eure Bescheidenheit finden wir löblich, nichtsdestoweniger ist es unser ausdrücklicher Wunsch, daß Ihr Euch frei und unbehindert äußert zu der Beförderung, die wir Euch zugedacht haben, zu dem Amt eines Bogenführers und Forstadjunkten über sämtliche Jagden im Forste, mit denen unser Kloster ausgestattet worden ist durch Schenkungen frommer Könige und Adeliger, deren Seelen jetzund die Früchte ihres Edelmuts gegen die Kirche in wahrer Himmelsfreude genießen, wie auch über all jene andern Jagden und Forste, die uns nach dem ausschließlichen Eigentumsrecht auf alle Zeiten gehören. So kniee denn nieder, mein Sohn, auf daß wir Dich eigenhändig und ohne Zeitverlust in Dein Amt einweihen können.« »Kniee nieder!« sagte der Küchenmeister auf der einen und sagte zugleich der Tafeldecker auf der andern Seite des Abtes. Halbert Glendinning jedoch blieb stehen. »Wollte ich Euer Hochwürden und Herrlichkeit meine Dankbarkeit und Erkenntlichkeit bezeugen,« nahm nun er das Wort, »so läge der Boden nicht tief genug für mich zu knieen, und die Zeit wäre nicht lang genug, Euch meine Demut zu bezeugen. Allein ich kann weder das eine noch das andre tun, denn ich darf die Belehnung mit Eurer edlen Gabe nicht entgegennehmen, Mylord und Abt, weil ich bereits andre Entschlüsse, mein Glück in der Welt zu suchen, gefaßt habe.« »Was sind das für Reden, Freund?« versetzte, die Stirn runzelnd, der Abt: »habe ich richtig verstanden, was Ihr sagtet? Ihr, als Vasall unsers Klosters geboren, könntet in dem Augenblick, da ich Euch solch großmütiges Zeichen meines Wohlwollens gebe, statt in meine Dienste in fremde treten wollen?« »Mylord und Abt,« nahm Halbert Glendinning wieder das Wort, »es schmerzt mich, denken zu müssen, daß Ihr mich für fähig halten werdet, Euren liebreichen Antrag für gering zu achten oder fremden Dienst dem Eurigen vorzuziehen. Nein, Mylord und Abt, Euer edler und großmütiger Antrag beschleunigt nur die Ausführung eines Entschlusses, den ich schon seit langer Zeit in meinem Herzen gefaßt habe.« »Wirklich, mein Sohn?« erwiderte der Abt; »ei, Du hast ja beizeiten gelernt, Dich über den Rat derjenigen Personen hinwegzusetzen, von denen Du von Rechts wegen abhängig bist. Aber wie steht es denn im Grunde um den Entschluß, den Du in Deiner eignen Weisheit gefaßt hast?« »Mein Entschluß, heiliger Vater, geht dahin, allen Anteil, der von dem durch meinen Vater Simon Glendinning hinterlassenen Lehen mir gehört, an meine Mutter und meinen Bruder abzutreten, an Eure Herrlichkeit die demütige Bitte zu richten, Ihr möget beiden ein so gütiger und edelmütiger Oberherr bleiben, wie bisher und wie es Eure Vorgänger, die würdigen Aebte des Liebfrauenklosters, meinem im Kampfe für klösterliche Interessen auf dem Blachfeld gebliebenen Vater immer gewesen sind, und was dann mich Persönlich angeht, mein Glück auf dem besten Wege, der sich mir öffnet, zu versuchen.« Von mütterlicher Besorgnis gequält und angefeuert, wagte hier die Witwe das Schweigen, das sie bisher gewahrt hatte, zu brechen durch den Ausruf: »O, mein Sohn! mein Sohn!« und Edward, der sich an den Bruder klammerte, flüsterte ihm ängstlich zu: »Aber, Bruder! Bruder!« Der Unterprior meinte auf grund der Teilnahme, die er der Glendearger Familie allezeit bewiesen hatte, zu Worten herben Tadels berechtigt zu sein und sprach in strengem Tone: »Eigenwilliger Jüngling! welcher törichte Sinn kann Dich bestimmen, die Hand von Dir zu stoßen, die sich Dir zur Hilfe entgegenstreckt? Welches Ziel schwebt Dir vor, daß Du ein Anerbieten verächtlich von der Hand weist, das Dir eine anständige Stellung und unabhängige Zukunft sichert?« »Vier Mark jährlich auf den Tag!« bemerkte, zu seiner Litanei wieder ansetzend, der Küchenmeister. »Viehweide, Rock und Beinkleid!« setzte der Tafeldecker hinzu. »Still, meine Brüder!« sagte der Unterprior. »Eure Herrlichkeit möchte ich aber bitten, dem eigenwilligen Jüngling einen Tag zur Ueberlegung zu vergönnen. Ich will dann versuchen, ihn eines Bessern darüber zu belehren, was er auf solches Anerbieten seines Lehnsherrn seiner Familie und sich selbst schuldig ist.« »Eure große Güte, ehrwürdiger Vater, verpflichtet mich zu außerordentlichem Dank, ist sie doch die Fortsetzung einer ganzen Reihe von Wohltaten, deren sich unsre Familie von Eurer Seite zu erfreuen gehabt hat, Wohltaten, denen ich nicht das geringste als Gegenleistung zu bieten habe. Es ist das Mißgeschick, das sich an meine Fersen heftet, und nicht Eure Schuld, hochwürdiger Herr, wenn Eure Absicht vereitelt wird. Aber mein gegenwärtiger Beschluß steht fest und ist unwandelbar. Ich kann also den gütigen Antrag des Lord-Abtes nicht annehmen, denn mein Los ruft mich auf eine andre Stätte, wo ich entweder mein Leben anders gestalten oder beschließen werde.« »Bei der heiligen Jungfrau,« rief der Abt, »ich glaube, diesen jungen Menschen hat die Tarantel gestochen? oder er ist wirklich, wie Ihr vorhin sagtet, Herr Ritter Piercie, für solche Auszeichnung untauglich. Sagt mir doch, habt Ihr etwa seine verkehrte Art schon früher gekannt, als es uns beschieden ist, sie kennen zu lernen?« »Nein, nein, Mylord-Abt,« versetzte der Ritter mit der von ihm bei solchem Anlaß immer sehr geschickt gespielten Gleichgültigkeit, »ich taxiere ihn einzig und allein nach seiner Herkunft und Erziehung, denn aus einem gemeinen Habichtsei wird wohl nie ein Edelfalke herauskommen.« »Du bist selbst ein gemeiner Habicht!« rief dem Ritter der Jüngling zu, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. »Solche Rede in unsrer Gegenwart solchem vornehmen Herrn?« sprach der Abt, indem ihm das Blut die Wangen purpurn färbte. »Jawohl, hochwürdigster Herr,« erwiderte Halbert, »gerade in Eurer Gegenwart will ich diesem stattlich herausstaffierten Musje den Schimpf heimzahlen, den er in so grundloser Weise auf meinen Namen gehäuft hat. Ich bin solche Abfindung schon allein meinem braven Vater schuldig, der es durch seinen Tod in der Schlacht wahrlich nicht verdient, von solchem Hansdampf in seiner Ehre gekränkt zu werden.« »Unerzogener Knabe!« rief der Abt. »Hochwürdigster und gnädigster Herr Abt,« wandte sich der Ritter an den geistlichen Würdenträger, »werdet, bitte, diesem Bauernbub nicht böse! Und was meine Person in diesem Falle anbetrifft, so darf ich Euch versichern, daß eher der Nordwind einen Felsen aus seinen Grundfesten heben wird, als daß den Ritter Piercie Shafton irgend welches Wort aus solches Bauernflegels Munde, und sei es noch so flegelhaft, in seiner Ruhe zu stören vermöchte.« »So stolz Ihr auch tut, Herr Ritter,« erwiderte Halbert, »so solltet Ihr in Eurer eingebildeten Ueberlegenheit doch nicht allzu fest darauf bauen, daß Ihr absolut nicht verwundbar seiet.« »Von Deiner Seite,« entgegnete der Ritter, »kann mich nichts verwunden!« »Nun, kennst Du dieses Zeichen?« rief der junge Glendinning, indem er dem Ritter die silberne Nadel vor Augen hielt, die ihm die weiße Frau gegeben hatte. Solch jähen Uebergang aus einer Stimmung in die andre, wie sie sich jetzt bei dem Ritter vollzog, der aus dem Stadium hochmütigsten Frohsinns in das der unsinnigsten Leidenschaftlichkeit verfiel, dürfte noch kaum erlebt worden sein. Er erinnerte in diesem Augenblick an zwei Kanonen, von denen eine geladen in der Schießscharte steht, die andre von der Lunte unter Feuer gesetzt wird. Bebend vor Wut an allen Gliedern, stand er da wie außer sich, während in seinem vom Grimm verzerrten Gesicht ein Grad von Wildheit zum Ausdruck gelangte, der ihm mehr mit einem Besessenen als einem mit seinen fünf gesunden Sinnen ausgestatteten Menschen Ähnlichkeit gab. Er ballte die Fäuste, streckte sie weit vor sich und hielt sie dem jungen Glendinning vor die Augen, der über solchen Ausbruch von Wahnwitz und Raserei selbst ganz außer sich geriet. Auf einmal aber zog Sir Piercie die geballten Fäuste wieder an sich, gab sich mit der offnen Hand einen Schlag vor die Stirn und rannte im Zustande maßlosester Erschütterung aus dem Gemache. Dies alles geschah so plötzlich, daß sich kein Mensch hineinzumischen vermochte. Nach dem Verschwinden des Ritters trat auf einen Moment vollständige Stille ein. Dann wurde allseitig die Forderung laut, daß Halbert Glendinning ohne Säumen erklären solle, wie er imstande gewesen sei, eine so unbedingte Wandlung in dem Betragen des Ritters mit solcher Plötzlichkeit zu bewirken. »Ich habe nichts weiter mit dem Ritter gemacht,« antwortete er, »als was Ihr gesehen habt. Soll ich Rede und Antwort stehen für seine wunderlichen Grillen?« »Knabe,« entgegnete der Abt in dem strengsten Tone, den seine Würde ihm lieh, »mit dergleichen Ausflüchten wirst Du bei mir keinen Erfolg haben. Sir Piercie ist kein Mann, der sich durch eine augenblickliche Laune dermaßen aus der Fassung bringen ließe. Du allein bist die Veranlassung dazu gewesen, Du mußt also Aufklärung geben können über den Fall. Ich befehle Dir, mir auf der Stelle zu sagen, wie Du unsern Freund in solcher Weise aufzuregen vermochtest. Wir dulden nicht, daß unsre Gäste in unsrer Gegenwart durch unsre Vasallen in solche an Wahnsinn streifende Aufregung versetzt werden, während wir selbst nicht einmal die Mittel kennen, wodurch solches bewerkstelligt wurde.« »Bei meinem Leben, heiliger Vater,« rief Halbert Glendinning, »ich habe dem Ritter weiter nichts gezeigt, als dieses Ding hier,« erwiderte Halbert, indem er die Nadel dem Abte übergab, der sie mit aufmerksamen Blicken betrachtete und dann mit Kopfschütteln, ohne jedoch ein Wort hinzuzusetzen, dem Unterprior einhändigte. Pater Eustachius betrachtete das geheimnisvolle Ding ebenfalls auf das aufmerksamste, dann sprach er ernst und gemessen zu Halbert: »Junger Mann, sofern Du in dieser Sache nicht eines merkwürdigen Betruges verdächtig bleiben willst, so laß uns unverzüglich wissen, auf welche Weise Du in den Besitz dieses Gegenstandes gelangt bist, und wie es kommt, daß es auf den Ritter von solch merkwürdigem Einfluß ist?« Es wäre bei dem zur damaligen Zeit herrschenden Aberglauben eine sehr schlimme Sache für Halbert gewesen, wenn er auf solche verfängliche Frage die Antwort hätte verweigern, noch schlimmer aber, wenn er die Wahrheit hätte sagen wollen. Wäre er zu unsrer Zeit mit dem schlimmen Rufe eines gemeingefährlichen Lügners weggekommen, so wäre ihm damals der Brandpfahl im Falle, daß er die Wahrheit gesagt hätte, unbedingt sicher gewesen, während er sich, wollte er die Auskunft weigern, der peinlichen Befragung hätte versehen können. Zum Glück erlöste ihn die Rückkehr des Ritters aus dieser höchst gefahrvollen Lage. Derselbe hatte die Worte des Priors bei seinem Eintritt noch vernommen, und ohne abzuwarten, ob und was Halbert noch etwa antworten werde, flüsterte er diesem im Vorbeigehen zu: »Schweig! Die gewünschte Genugtuung soll Dir nicht vorenthalten bleiben.« Hierauf setzte er sich wieder auf seinen Platz, und wenngleich die Spuren seiner Verwirrung noch immer auf seiner Stirn zu lesen standen, so hatte er sich allem Anschein nach wieder gefaßt und beruhigt und entschuldigte sich, nachdem er sich umgesehen hatte, wegen des unmanierlichen Verhaltens, dessen er sich schuldig gemacht hatte, das er aber einem plötzlichen Unwohlsein heftiger Art, von dem er öfter einmal befallen werde, zuschrieb. Alle schwiegen und sahen einander voll Verwunderung an. Der Abt hieß nun alle bis auf den Ritter und den Unterprior das Gemach verlassen. »Habt acht auf den eigenwilligen Jüngling,« schärfte er den Klosterbrüdern ein, »daß er uns nicht entrinne, denn sofern er durch Zauberwerk oder auf irgend welche andre, wider kirchliches Recht verstoßende Weise der Gesundheit unseres vornehmen Gastes zu nahe getreten sein sollte, so schwöre ich bei dem Chorhemd und der Inful, die ich trage, daß er maßlose Strafe erleiden soll.« »Gnädiger Herr und hochwürdiger Vater,« sagte Halbert, indem er sich tief verneigte, »fürchtet nicht, daß ich gesonnen sei, mich dem Gericht zu entziehen, wenn es sein Urteil sprechen sollte über mein Tun und Lassen, hoffentlich wird Euer Gast selbst angeben können, was ihn in solche Unruhe versetzt hat, wie auch mir Zeugnis ausstellen darüber, wie gering meine Schuld bei dem ganzen Vorfall ist.« »Sei ohne Sorge,« erwiderte, ohne jedoch aufzublicken, der Ritter. »Ich werde dem Lord-Abt Erklärungen zufriedenstellender Art geben.« Nach diesen Worten zog sich die Familie Glendearg mit Halbert und den Klosterbrüdern zurück. Der erste, welcher das Wort ergriff, als der Abt allein war mit dem Ritter und dem Unterprior, war der letztere. »Klärt uns darüber auf, edler Herr,« begann er, »auf welche Weise dieses gebrechliche Ding im stande hat sein können, Euer Gemüt so aufzuregen und Eure Geduld so zu erschöpfen, was uns um so mehr befremden muß, als Ihr Euch doch gegen jede Herausforderung des eigentümlichen Jünglings so gänzlich unnahbar erwieset?« Der Ritter nahm die silberne Nadel aus der Hand des frommen Paters, beaugenscheinigte sie mit großer Ruhe und gab sie hierauf dem Prior mit den Worten wieder: »Ich muß mich wirklich wundern, ehrwürdiger Vater, daß die mit Eurem Silberhaar verbundne Weisheit auf falscher Fährte, entschuldiget bitte diesen Vergleich, anschlagen kann wie ein kläffender Hund. Ich müßte ja leichter in Bewegung zu versetzen sein wie Espenlaub im Windeshauch, wenn solche Lappalie mich aus der Fassung bringen sollte. Ich schere mich, das dürft Ihr mir glauben, hochwürdige Herren, nicht mehr darum, als wenn dieselbe Menge Silber zu Groschen geschlagen würde. Die ganze Sache liegt bloß an einer schweren Krankheit, der ich von Kindheit an unterworfen bin und die mich eben wieder vor Euren Augen befallen hat. Aber so qualvoll das Leiden auch ist, es geht glücklicherweise, wie Ihr ja selbst seht, schnell vorüber.« »Alles, was Ihr uns da sagt, Herr Ritter, kann den Jüngling nicht entschuldigen, der Euch dieses silberne Spielzeug in der Absicht, Euch an etwas, und wie wir annehmen müssen, etwas recht Unangenehmes, zu erinnern, vor Augen hielt,« bemerkte der Unterprior, sich niedersetzend. »Euer Ehrwürden mögen meinen, was Euch beliebt,« versetzte der Ritter. »Ich kann doch deshalb nicht Euch zu Liebe sagen, daß Ihr mit Eurem Urteil Euch auf der richtigen Fährte befändet, wenn es doch die falsche ist. Es liegt mir doch wohl nicht die Verpflichtung ob, Rechenschaft über das Beginnen eines naseweisen jungen Menschen zu geben?« »Keinesfalls wollen wir eine Untersuchung weiter ausdehnen,« erwiderte der Unterprior, »die unserm Gaste mißfällt. Immerhin kann aus diesem Vorfall,« fuhr er fort, sich an den Abt wendend, »für Eure Herrlichkeit sich die Notwendigkeit ergeben, für unsern ehrenwerten Gast einen andern interimistischen Aufenthalt ins Auge zu fassen, als diesen Turm, wenn es vielleicht auch seine Schwierigkeit haben wird, die beiden Bedingungen Verborgenheit und Sicherheit, die bei den zurzeit in England herrschenden Verhältnissen als Hauptsachen in Betracht kommen, ebenso gut zu erfüllen wie hier.« »Der Zweifel, den Ihr da aussprecht, lieber Amtsbruder,« erwiderte der Abt, »ist freilich am Platze; ich wünschte nur, er wäre ebenso rasch beseitigt wie aufgeworfen. Ich meinesteils kenne im ganzen Klostersprengel keinen Zufluchtsort, der so günstig gelegen wäre wie Glendearg, und doch möchte ich ihn unserm werten Gaste nicht weiter empfehlen, eben um des Betragens willen, das dieser eigenwillige Bursche an den Tag legt.« »Genug dieser Worte, Ihr hochwürdigen Herren,« nahm jetzt der Ritter das Wort; »wenn mir die Wahl freisteht, so bleibe ich hier in diesem Turme, das erkläre ich bei meiner Ehre. Mir ist der junge Mensch wirklich nicht deshalb zu wider, weil er einige Funken von Geist gezeigt hat, und weil sich diese Funken auf meinem Haupt entzündet haben. Im Gegenteil zolle ich dem Burschen deshalb einen gewissen Grad von Achtung. Deshalb spreche ich den Wunsch aus, hier zu bleiben und den jungen Menschen bei mir zu behalten. Er mag mir auf der Jagd behilflich sein. Da er solch guter Schütze ist, meine ich, werden wir uns bald zusammen befreunden. Mir wird es dann bald möglich sein, dem gnädigen Herrn Abt einen recht feisten Hirsch für seine Küche zu schicken, so kunstgerecht geschossen, daß selbst Euer Pater Küchenmeister kein Untätchen daran findet.« Dies alles wurde von dem Ritter mit solchem Anschein von Ruhe und guter Laune gesprochen, daß der Abt über den Vorfall nichts weiter mehr äußerte, sondern seinen Gast von all den Dingen, wie Teppichen, Decken, Gerätschaften ec., die er ihm zur Erhöhung seiner Bequemlichkeit nach dem Turme schicken wolle, vorplauderte, und zwar so lange, bis er geruhte, Befehl zum Satteln der Pferde für die Heimkehr zu erteilen. Dann befahl er dem Ritter noch alle Vorsicht, da ja die englischen Grenzreiter leicht bei der Hand sein könnten, Jagd auf ihn zu machen. Dann erfüllte er noch all die Pflichten der Höflichkeit, die ihm oblagen, dann setzte er sich mühsam, unter mancherlei Seufzern, die stark an Stöhnen erinnerten, auf seinen Zelter, dessen purpurne Decke bis auf den Erdboden reichte, und begann in mäßigem Trabe den Heimritt. Der Unterprior warf noch, ehe er dem Abte folgte, auf Halbert, der halb versteckt hinter der äußern Hofwand lehnte, ein paar strenge, warnende Blicke, dann hob er, ihm Lebewohl bedeutend, den Finger gegen ihn auf und ritt mit den andern Klosterbrüdern hinter seinem Obern her in das Tal hinunter. Drittes Kapitel. Halbert Glendinning ging der warnende Blick des Unterpriors tief zu Herzen, denn wenn ihm auch aus dem Unterricht des wackern Klosterherrn geringerer Nutzen erwachsen war als seinem Bruder Edward, so war doch sein Gemüt von der lautersten Ehrfurcht vor ihm erfüllt, und wenn ihm auch nur wenig Zeit geblieben war, die Lage, in die er durch die gegen den Ritter ausgestoßene Beleidigung geraten war, zu überdenken, so war ihm doch wenigstens das eine klar geworden, daß er den Ritter tödlich beleidigt hatte, und daß er alle Folgen dieser Handlung über sich ergehen lassen müsse. Um nun diese Folgen nicht durch unzeitige Erneuerung des Zwistes schneller über sich zu bringen, als es die Umstände notwendig machten, hielt er es für geraten, sich auf die Zeit von einer Stunde zu entfernen, und mit sich darüber zu Rate zu gehen, wie er sich diesem hochmütigen Gaste gegenüber hinfort am besten verhalte; und bei Ausführung dieser Absicht kam ihm der Umstand vorteilhaft zu statten, daß alle Glieder des kleinen Haushalts sich, sobald sich der Abt entfernt hatte, wieder an ihre Hausarbeit begaben, so daß es nicht den Anschein weckte, als ob er dem Fremden mit Vorsatz aus dem Wege ginge. Er machte sich also auf den Weg in die enge Ebene hinunter, die sich zwischen dem Hügel, auf dem der Turm stand, und der ersten Windung, die das Bett des Baches machte, hinzog. Hier meinte er, sich in einem kleinen Birken- und Eichendickicht vor beobachtenden Blicken eine Zeitlang schützen zu können. Aber er war kaum zu dieser Stelle gelangt, als er einen leichten Schlag fühlte, und, wie er sich umsah, den Ritter vor sich stehen sah. Es kann uns, wenn es mit unserm Mute, gleichviel ob aus Mangel an Vertrauen in unsre Körperkraft oder in die Gerechtigkeit der Sache, die wir vertreten, nicht sonderlich beschaffen ist, nichts in stärkerm Grade aus der Fassung bringen, als wenn wir unsern Gegner mit recht vergnügter Miene auf uns zutreten sehen. Das war der Fall so mit dem jungen Glendinning, als er so unvermutet des fremden Gastes ansichtig wurde, dessen Zorn er wachgerufen hatte, und der eine so friedliche Miene zeigte, als wenn gar nichts auf der Welt zwischen ihm und Halbert vorgegangen war. Wenn es auch Halbert an Mut und Geistesgegenwart nicht gebrach, so fühlte er sich doch über diesen unerwarteten Anblick des Ritters, und über seine so völlig unbeirrte Miene nicht wenig beunruhigt. Immerhin gelang es ihm, sich so weit zu beherrschen, daß er sich seine Bewegung nicht merken ließ und den Blick des Gegners mit vollständiger Ruhe aushielt. Ja, er fand sogar so viel Fassung, daß er die Frage an denselben stellen konnte: »Womit kann ich Euch gefällig sein, Sir Piercie Shafton?« »Gefällig? Du mir?« wiederholte Sir Piercie; »eine recht nette Frage nach der Rolle, die Du gegen mich gespielt hast! Ich bin wirklich im höchsten Maße verwundert über diesen Wahnwitz von Dir, Bursche, gegen einen Mann, der als Gast Deines Lehnsherrn in das Haus Deiner Mutter kommt und als solcher gerechten Anspruch auf alle gebührliche Höflichkeit hat, in solch unmanierlicher Weise aufzutreten. Ich will weder danach fragen, noch mich darum bekümmern, auf welche Weise Du Dich in Besitz des leidigen Geheimnisses zu setzen gewußt hast, was Dir den Mut gab, mir vor allen Leuten Hohn zu sprechen. Aber so viel darf ich Dir Wohl sagen, daß sein Besitz Dir Dein Leben gekostet hat.« »So lange ich es noch mit Hand und Schwert verteidigen kann, doch wohl nicht,« erwiderte Halbert keck. »Des Vorteils der Verteidigung denke ich Dich ja nicht zu entkleiden,« erwiderte der Engländer, »nur fürchte ich, daß Du infolge Deiner Jugend und bäuerischen Erziehung nicht viel dadurch gebessert sein wirst. Aber damit hast Du zu rechnen, daß ich in diesem Zweikampf keinen Pardon gebe.« »Und Dir, Du stolzer Mann, sei hierauf geantwortet, daß Du Dich eines Ersuchens um Pardon von meiner Seite nicht gewärtig zu halten hast, und daß ich auch nicht im geringsten befürchte, trotz Deiner Zuversicht, als läge ich bereits zu Deinen Füßen, solches Ersuchen von nöten zu haben.« »So bist Du also nicht gewillt,« sagte der Ritter, »das Schicksal, das Dir winkt, und das Du mit solch ungemessener Verwegenheit heraufbeschworen hast, von Dir abzuwenden?« »Wie sollte das möglich sein?« erwiderte Halbert Glendinning, mehr von dem Wunsche geleitet, sein Verhältnis zu dem Fremden besser zu erkennen als ihm irgend welche Nachgiebigkeit zu erzeigen. »Du brauchst mir bloß zu sagen,« antwortete hierauf Sir Piercie, »aber ohne Säumen und ohne Arg, wie Du dazu gekommen bist, mich in meiner Ehre so tief zu verletzen, und kannst Du mir hierbei einen meiner Rache würdigeren Feind namhaft machen, dann will ich Dir um Deiner Geringfügigkeit willen gern erlauben, über Deine Keckheit und Deinen Mangel an Schicklichkeit einen Schleier zu decken.« »Es wäre ein Unrecht, wollte man Deinem Uebermut solch hohen Flug gestatten ohne alles Hemmnis,« erwiderte Glendinning. »Du bist in meines Vaters Haus gekommen als Flüchtling und Verbannter, so weit ich vermuten kann, und der erste Gruß, den Du seinen Bewohnern sagtest, war Beleidigung und Verachtung. Wie ich nun dazu gekommen bin, Dir auf solches Verhalten zu antworten, wie ich es getan habe, das mach mit Deinem Gewissen ab. Für mich ist das Vorrecht jedes freien Schotten genügend, sich jeder Beleidigung zu wehren und kein ihm angetanes Unrecht auf sich sitzen zu lassen.« »Gut also!« rief Sir Piercie Shafton; »morgen früh entscheiden wir unsern Zwist durch das Schwert. Als Zeit wollen wir den Tagesanbruch festsetzen, den Ort magst Du bestimmen. Wir begeben uns in den Wald, wie wenn wir vorhätten, auf die Jagd zu gehen.« »Mir recht,« erwiderte Halbert Glendinning, »und ich will Dich an einen Ort führen, wo an die Hundert fechten und fallen können, ohne daß sie die geringste Störung oder Unterbrechung zu befürchten brauchen.« »Einverstanden,« versetzte der Ritter, »und nun laß uns auseinander gehen. Es wird freilich wohl nicht ohne die Nachrede für mich abgehen, daß ich mich einem die Scholle brechenden Bauern gegenüber meines edelmännischen Rechts müßigerweise begeben hätte und zu einer tiefern Sphäre herniedergestiegen wäre, etwa der Sonne gleich, wenn sie sich dazu erniedrigen wollte, ihre goldnen Strahlen mit dem bleichen Schein eines flackernden Talglichts zu vergleichen. Indessen soll mich Rücksicht auf Rang nicht daran hindern, die mir von Dir erwiesene Kränkung zu ahnden. Und nun merke Dir, mein Sir Villaggio, daß, wir uns vor den Bewohnern jenes Turmhauses, das Du die Stätte Deiner Geburt nennst, nicht das geringste merken lassen, sondern so harmlos uns benehmen, als läge zwischen uns nicht das geringste mehr vor. Und das Weitere dann morgen bei Tagesanbruch!« Mit diesen Worten schritt der Ritter dem Turme zu. Halbert folgte ihm langsam und konnte sich jetzt des Gedankens nicht erwehren, daß ihm sicherlich jede Neigung, ihm eine Kränkung anzutun, ferngelegen hätte, wenn sich der Ritter immer eines so edeln Betragens und ritterlichen Tons befleißigt hätte, wie bei dieser letzten Begegnung. Indes war die Sache nun nicht mehr zu ändern, die tödliche Beleidigung war auf beiden Seiten gefallen, und ihrem Ausgleich durch Entscheidung auf Tod und Leben ließ sich nun nicht mehr ausweichen. Beim Abendtisch entfaltete Sir Piercie Shafton gegen sämtliche Mitglieder der Familie eine solche Liebenswürdigkeit und beteiligte alle so gleichmäßig an der Unterhaltung, wie noch nie bisher. Die meiste Aufmerksamkeit erwies er freilich seiner göttlichen und unvergleichlichen, »Protektion«, wie er Mary von Avenel noch immer zu nennen liebte; er unterließ aber auch nicht, Müllers Mysie, die er gern als »anmutige Demoiselle«, und der Hausfrau, die er als »Matrone« zu titulieren liebte, manche Blume seiner Rhetorik zu spenden. Ja, um sich ihrer Bewunderung noch mehr zu versichern, stimmte er sogar einen Gesang an, wobei er dem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß ihm seine Viola di gamba fehle; trotzdem brachte er es auf fünfhundert Verse eines »unsterblichen Liedes«, wie er sagte, »aus dem Munde des unsterblichen Sängers Asphodel, unter welchem Namen wir Sterbliche den göttlichen Sir Philipp Sidney zu nennen liebten, der diesen Gesang an seine holde Schwester, die einzige Parthenope, bei Hofe und in der Welt als »Gräfin von Pembroke« bekannt, gerichtet habe; und da Sir Piercie immer mit halb geschlossenen Augen zu singen pflegte, entdeckte er nicht eher, als bis er zum Schlusse gelangt war und die Augen aufschlug, daß seine Zuhörer zum weitaus größten Teile eingeschlummert waren. Mary von Avenel hatte wohl Takt genug besessen, sich die süßen Fadaisen des göttlichen Asphodel bis zum Schlusse anzuhören; Mysie dagegen kam sich vor, als sei sie wieder in Vaters Mühle und schlummerte schon beim Anbruch des zweiten Versdutzends, während Edward es wohl eine kleine Weile länger aushielt, die Nase der braven Hausfrau hingegen alles Zeug dazu verriet, zu der ersehnten Viola einen tiefen Baß als Begleitung zu schnarchen. Halbert war der einzige, der keine Neigung zum Schlummer verriet, sondern, den Blick auf den Sänger geheftet, wach blieb, freilich wohl nicht, weil ihn der Inhalt der Verse sonderlich unterhalten oder die Vortragsweise sonderlich entzückt hätte, sondern nur, weil ihm die Fassung Bewunderung, vielleicht auch Neid, abgewann, mit der der Ritter am Abend vor einem Zweikampf endlose Lieder zu singen im stande war. Indessen entging es seinem Scharfblick auch nicht, daß hin und wieder der Ritter auch auf ihn einen heimlichen Blick warf, wie wenn er hätte erspähen wollen, wie Halbert seine Kaltblütigkeit aufzunehmen scheine. »In meiner Haltung,« dachte Halbert stolz, »soll er nicht das geringste lesen, was ihm die Meinung wecken könnte, als sei ich auch nur ein Körnchen weniger gleichgültig als er.« Und dann trat er an einen Wandsims und nahm einen Beutel herunter, der mit allerhand Gerätezeug angefüllt war, und machte sich eifrig an die Herrichtung von einigen Angeln. Als er etwa ein halbes Dutzend fertig haben mochte, sang Sir Piercie die letzten Strophen seines Gesanges von Asphodel. Auf diese Art bekundete er seine Kaltblütigkeit gegenüber dem am nächsten Tage zu erwartenden Ereignisse. Inzwischen war es spät geworden, und die Hausgenossenschaft ging auseinander. Sir Piercie wandte sich zu der Frau vom Hause mit dem Anfang einer Unterhaltung: »Ihr Sohn Albert –»meinte er. »Halbert,« verbesserte ihn mit Nachdruck die Witwe, »nach seinem Großvater Halbert Brydone ...« »Na, auch gut,« antwortete Sir Piercie, »ich habe Euren Sohn Halbert gebeten, morgen bei Sonnenaufgang mit mir auf die Jagd zu gehen. Wir wollen einen Hirsch vom Lager scheuchen, und Euer Sohn will mir den Beweis erbringen, daß er wirklich ein so tüchtiger Weidmann ist, wie die Leute sagen.« »O, Herr Ritter, das ist er freilich,« erwiderte die Frau, »und Ihr sagt ihm doch bei dieser Gelegenheit, daß er dem Herrn Abt, unserm gnädigen Herrn, Gehorsam schuldig ist, und redet ihm zu, die Stellung eines Bogenschützen im Dienste der Abtei anzunehmen. Nicht wahr?« »Verlaßt Euch nur auf mich, liebe Frau,« versetzte Sir Piercie, »ich werde ihm schon beibringen, wie er sich gegen feine Leute und Vorgesetzten zu benehmen hat.« Dann wandte er sich zu Halbert. »Also bei Tagesgrauen treffen wir uns?« sagte er wieder. Halbert nickte zustimmend, und der Ritter fuhr fort: »Indem ich noch meiner allerschönsten Protektion all jene fröhlichen Träume wünsche, die das Lager schöner Huldinnen umgaukeln, dieser anmutigen Demoiselle Mysie hingegen süße Ruhe in Morpheus' Armen und allen übrigen Herrschaften die im allgemeinen übliche gute Nacht, suche ich für mich selbst um die gütige Erlaubnis nach, mich nach meiner Ruhestatt verfügen zu dürfen, wenngleich ich mit dem Dichter sagen darf: Ach Ruh! nur Lag' und Ort getauscht, doch Ruh' nicht – Ach Schlaf! nur Ohnmacht der Natur, doch Schlaf nicht – Ach Bett! nur Pfühl von Steinen, doch nicht Bett – Bett, Schlaf und Ruhe kennt nicht der Verbannte! Darauf ein anmutiges Kompliment, und der Ritter war aus dem Gemache verschwunden. Frau Glendinning gab nun das Zeichen zum Auseinandergehen, befahl noch Halbert, den Ritter ja pünktlich bei Tagesgrauen zu erwarten und begab sich dann zur Ruhe. Halbert, der neben seinem Bruder auf dem Strohlager ruhte, konnte keine Ruhe finden. Der Zwist mit dem Ritter nahm seinen Geist noch immer rege in Anspruch, und je mehr er sann, desto deutlicher wurde ihm, was der Geist dunkel angedeutet hatte, daß er, wenn er ihm die Gabe bewillige, die von ihm ebenso unvorsichtig und ungestüm begehrt werde, mehr zu seinem Schaden handle als zu seinem Nutzen, und er erkannte nun zu spät, welche Gefahren und Schwierigkeiten seinen liebsten Freunden durch diesen Zweikampf drohten, gleichviel, ob er als Sieger aus demselben hervorginge oder den Tod dabei fände. Welches traurige Vermächtnis von Kummer und Wirren mußte sein Tod für seine Mutter werden! Und Mary von Avenel? So gewiß er über das Haus, in welchem sie seit ihrer Kindheit Schutz und Zuflucht gefunden hatte, und über sie selbst unnötigerweise Unheil und Unfrieden brachte, ebenso gewiß konnte er ihr, wenn er in dem gegenwärtigen Kampfe unterlag, weder Hilfe noch Beistand noch Schutz mehr gewähren! So verzweifelt aber seine Aussichten waren, im Fall er den kürzeren zog, so winkte ihm anderseits, wenn er als Sieger aus dem Zweikampfe hervorging, auch keine andre Aussicht, als daß er das Leben rettete und seinem Stolze Befriedigung schuf. Seiner Mutter und seinem Bruder hingegen, desgleichen auch Mary von Avenel, mußten, wenn er siegte, weit schwierigere Verhältnisse erwachsen, als wenn er in dem Zweikampfe den Untergang fand, denn der englische Ritter konnte im letztern Falle recht wohl sich für verpflichtet erachten, ihnen seinen Schutz fernerhin angedeihen zu lassen. Fiel hingegen der Ritter, so konnte wahrscheinlich nichts die Rache hintanhalten, die der Abt und das Kloster an den Vasallen nehmen würden, in deren Haus ihr Gast statt Beschützer Mörder gefunden hatte! Dieser Gedanke, daß den Seinigen auf jeden Fall, gleichviel, welchen Ausgang der Zweikampf für ihn nähme, Not und Verderben erwachsen müßten, wandelte jeden Strohhalm seines Lagers zu einem scharfen Dorn und jagte allen Frieden aus seinem Gemüt und allen Schlaf aus seinen Augen. Und nur ein einziger Weg zeigte sich ihm aus diesem Wirrsal, aber es war ein Weg herber Erniedrigung, und ein Weg, nicht frei von Gefahr, selbst wenn er ihn wandelte. Er mußte dann dem englischen Ritter bekennen, durch welche seltsamen Umstände er bestimmt worden war, ihm die silberne Nadel zu zeigen, und von wem er sie bekommen hatte. Aber zu solchem Bekenntnis konnte sich sein Stolz nicht herablassen, und dann mußte er sich auch sagen, wenn er seinen Verstand dabei zu Rate zog, – und Verstand ist in solchen Fällen doch immer gar zu sehr geneigt, Stolz zu beraten – daß solche Erniedrigung ebenso unnütz wie überflüssig sein würde; »denn erzähle ich,« dachte er bei sich, »solch seltsame Geschichte, so werde ich doch unfehlbar entweder als Lügner gebrandmarkt oder als Zauberer bestraft, und wenn Sir Piercie Shafton so großmütig und edel wäre wie die Kämpen in Romanen, dann ließe sich vielleicht sein Ohr gewinnen und aus der Lage gelangen, in der ich stecke, ohne daß ich mich erniedrigen müßte, aber er ist doch so eingenommen von sich, so eitel und anmaßend und hochmütig, daß ich mich ganz ohne Frage vergeblich vor ihm beugen würde ... nein,« rief er plötzlich energisch und war mit einem Satze aus dem Bett, »ich beuge mich nicht!« und er packte sein großes Schlachtschwert und schwang es in dem Mondschein, der sich durch die offne Nische ergoß, die als Fenster diente ... als er zu seinem namenlosen Entsetzen dicht vor sich ein luftiges Gebilde erblickte, dessen flüchtig und leise wie ein Hauch zu ihm herüber dringende Stimme ihn im Nu dahin aufklärte, daß er die weiße Frau wieder vor sich hatte. Um so grausiger war ihm ihr Anblick, als sie diesmal ihm ungerufen erschien; es war ihm, als wecke sie Ahnungen in ihm von einem unmittelbar bevorstehenden Unglück, und der Gedanke, daß er sich mit einem Dämon verbrüdert habe, über dessen Macht und Eigenschaften er sich vollständig im unklaren befand, war von so furchtbarer Wirkung auf ihn, daß er vom Schreck wie gefesselt war und wie entgeistert die Gestalt anstarrte, die den Vers hersang oder im rhythmischen Maße hersprach: Nicht vor Blutvergießen beben Darf, wer Rache sinnt, denn eben Knoten, die die Zunge fitzte, Löst man nur mit Schwertes Spitze. »Hebe Dich weg von mir, Du falscher Geist!« rief Halbert, »hab ich Deinen Rat doch schon so teuer erkauft! ... Fort, fort von mir, Du trügerisches Gebilde! fort, fort im Namen Gottes!« Das Gespenst schlug eine gräßliche Lache auf, und ihr schriller Klang hörte sich weit grausiger an, als der sonstige so melancholische Laut seiner Stimme: Du riefst mich einmal, riefst mich zweimal zu Dir, Und ungerufen steh ich jetzund hier. Du kamest ungebeten, unbegehrt ins Tal, Und ungebeten, unbegehrt komm ich nun mal. Vor Schreck schier außer sich, rief Halbert seinem Bruder zu: »Edward, Edward! wache auf, wache auf! Siehst Du denn niemand in der Stube?« Edward richtete sich auf und sah sich um. »Nein,« sagte er, »ich sehe nichts.« »Was? nichts auf dem Boden vor Dir im Mondschein?« fragte Halbert. »Nein, ich sehe nichts, nichts als Dich, gestützt auf Dein bloßes Schwert. Glaub mir, Halbert, Du solltest mehr Deinen geistigen Waffen vertrauen als den Waffen von Stahl und Eisen, die Du so liebst. In so mancher Nacht schon bist Du aus Deinem Schlafe aufgefahren und hast laut gesprochen von Schlachten und Gespenstern und Kobolden, hast keine Erquickung im Schlafe gefunden, hast Dich gewälzt von einer auf die andre Seite. Glaub mir, Halbert, bete Dein Vaterunser und Dein Credo, gib Dich in Gottes Obhut, und Du wirst gesund schlafen und gestärkt erwachen.« »Das kann schon sein,« antwortete Halbert langsam, aber sein Blick wich nicht von der weißen Gestalt, die in voller Sichtbarkeit vor ihm stand, »das kann schon sein. Aber, Edward, sag mir bloß eins: siehst Du wirklich nichts auf dem Boden als mich?« »Nichts als Dich,« wiederholte Edward, indem er sich auf die Ellbogen stützte, »Bruder, leg Deine Waffe beiseite, sprich Dein Gebet und leg Dich zur Ruhe.« Während dieser Worte Edwards stand auf dem Gesichte des Geistes dasselbe verächtliche Lächeln wie vordem, und bevor dieses Lächeln schwand, war zuvor die bleiche Wange in dem Mondlicht geschwunden, und Halbert erblickte die Erscheinung jetzt selbst nicht mehr, um derentwillen er sich so ängstlich an die Aufmerksamkeit seines Bruders gewandt hatte. »Gott bewahre mir meinen Verstand!« sagte er, indem er sein Schwert abgürtete und sich wieder auf das Lager warf. »Amen, mein Bruder, Amen!« erwiderte Edward; »wir dürfen jedoch den Himmel nicht herausfordern in unsrer Anmaßung, wenn wir auch zu ihm flehen in unsrer Not. ... Zürne mir nicht, lieber Bruder! ... Aus welchem Grunde hältst Du Dich seit einiger Zeit so fern von mir? Freilich, Du bist von Kind auf stark und beherzt gewesen, ich aber nicht, doch hattest Du bis vor kurzem noch immer ein paar Augenblicke tagsüber für mich. Warum ist das mit einem Male so ganz anders geworden, Bruder? Glaub mir, Halbert, ich habe manche Träne deshalb geweint, wenn ich es auch immer vermied, mich in Deine Geheimnisse zu drängen. ... Wirf doch die Arme nicht so wild um Dich, Bruder!« fuhr Edward fort, »Du hast, scheint es, seltsame Träume! Ich fürchte, Deine Nerven sind erschüttert. Rück näher an mich heran! Ich will Dich mit meinem Mantel zudecken.« »Laß mich in Ruhe, Edward,« versetzte Halbert, »Deine Sorge ist unnütz. Deine Klagen sind grundlos, Du brauchst Dich wahrlich nicht solchen Befürchtungen hinzugeben um meinetwillen.« »Bruder Halbert,« nahm da Edward das Wort, »gib mir ein paar Augenblicke Gehör! Wenn Du im Schlafe sprichst oder in wachen Träumen liegst, dann weilst Du bei Wesen, die nicht von dieser Welt sind und nicht zum Menschengeschlechte gehören. Unser frommer Pater Eustachius sagt, wir sollten freilich nicht uns mit Sagen von Kobolden und Gespenstern abgeben, denn es sei eitler Kram, aber wir müßten anderseits der heiligen Schrift gemäß für wahr halten, daß der böse Feind in Wüsten und an einsamen Stätten sich gern einnistet, und daß, wer sich allein dorthin wagt, auch leicht solchem schweifenden Satan in die Hände gerät. Darum, Bruder, bitte ich Dich, geh nicht wieder allein in das einsame Tal hinunter, sondern nimm mich mit. Wenn Du auch meinen Schutz nicht brauchst, so weißt Du doch, wie übel berüchtigt viele Stellen dort unten sind, und daß solchen Gefahren der besonnene Mensch besser gewachsen ist als der verwegene. Ich habe gewiß noch keinerlei Recht, mir auf meine Weisheit etwas einzubilden, aber was uns aus gelehrten Büchern der verwichnen Zeiten darüber zu Gebote steht, das ist mir doch bekannt geworden.« Fast hätte Halbert sich versucht gefühlt, seinem Bruder, als er diese freundlichen Worte aus seinem Munde vernahm, alles zu vertrauen, was sein Herz so seltsam schwer bedrückte. Aber im nächsten Augenblick erinnerte Edward daran, daß doch eben ein hoher Festtag angebrochen sei, daß er alles andre beiseite lassen und eilen müsse, nach dem Kloster zu gelangen, da er beim Pater Eustachius für die Beichte vorgemerkt sei. Da regte sich Halberts Stolz wieder, und er nahm sich vor, seinen Entschluß nicht mehr zu ändern. »Nein,« sprach er bei sich, »ich mag nicht fliehen vor diesem Engländer, denn sein Arm und sein Schwert können nicht besser sein als mein Arm und mein Schwert. Meine Väter haben schwereren Kampf bestanden, und daß er wirklich ein so guter Fechtmeister ist, als wie er von sich sagt, das mag er nur erst mal beweisen.« Stolz, sagt man, behütet Mann und Weib vorm Falle, Stolz erweist sich aber noch von stärkerm Einfluß auf die Seele, wenn er sich auf die Seite der Leidenschaft schlägt, denn dann siegt er über Vernunft und ertötet das Gewissen. So auch bei Halbert, der nun, wenn auch zum Schlimmern, entschlossen war. Zuletzt aber überkam auch ihn der Schlaf, und er wurde erst mit Tagesanbruch wieder munter. Viertes Kapitel. Kaum graute der Morgen, so war Halbert auf den Beinen und fuhr geschwind in die Kleider. Dann gürtete er sein Schwert um und griff nach seiner Armbrust, ganz so, wie wenn er seinem gewöhnlichen Zeitvertreib nachgehen wollte. Er tappte die finstre Wendeltreppe hinab, schob behutsam von dem innern Tor die Riegel zurück und stand auf dem Hofe. Als er nun sich umsah und auch zum Turme hinauf blickte, bemerkte er, daß jemand mit einem Schnupftuch aus dem Fenster winkte. Er dachte im ersten Augenblick, sein Widersacher sei es, und blieb stehen, um auf ihn zu warten. Aber es war Mary Avenel, die wie ein Geist unter dem niedrigen, grob gezimmerten Torwege hervorschlich. Halbert schreckte zusammen. Es war ihm ganz so zu Mute, wie einem, der sich auf einem verbotenen Wege ertappt findet. Noch nie zuvor war ihm die Gesellschaft des jungen Mädchens so peinlich gewesen wie in diesem Augenblicke. Und um so peinlicher wurde sie ihm, als in dem Tone, in welchem sie ihn anredete, sich Besorgnis mit Vorwürfen zu mischen schien. Sie fragte ihn ernst und eindringlich, was er zu beginnen gedächte. Halbert zeigte auf die Armbrust, und wollte eben eine Ausflucht machen, als Mary ihm ins Wort fiel. »Laß doch das sein, Halbert!« sagte sie; »Deine Rede war immer bisher ja ja, nein nein, und strenge Wahrheit. Ausflüchte sind eines rechten Mannes unwürdig. Deine Gedanken sind heut nicht auf Wild gerichtet, das unsre Wälder belebt. Du suchst nach anderm Ziele ... Du willst einen Zweikampf ausfechten mit dem Fremden!« »Und aus welchem Grunde sollte ich Händel suchen mit unserm Gaste?« fragte Halbert, während tiefe Glut in seine Wangen stieg. »Du hast mehr denn einen Grund dazu, Halbert, aber noch mehr Gründe ließen sich für Dich finden, solchem Vorhaben nicht nachzugehen!« versetzte das Mädchen, »und jeder dieser letztern wöge für sich allein die sämtlichen andern auf. Und doch begibst Du Dich jetzt auf den Weg, solchen unseligen Zwist auszufechten?« »Wie kannst Du bloß solche Dinge vermuten, Mary?« erwiderte Halbert, eifrig bemüht, sein geheimes Vorhaben zu verbergen, »der Ritter ist der Gast meiner Mutter, genießt den Schutz des Abtes und der gesamten Klosterbrüderschaft, er ist von hoher Geburt, und Du kannst trotz alledem meinen, ich wollte mir herausnehmen, ein hastiges Wort aus seinem Munde, das vielleicht mehr im Uebermut seines Witzes gefallen ist, als daß es die wirkliche Meinung seines Herzens gegen mich wäre, zu ahnden?« »Halbert, Halbert!« rief das Mädchen, »diese letzte Frage macht mir, was ich ahnte, zur Gewißheit. Du warst von Kind auf verwegen. Du hast immer die Gefahr gesucht, statt ihr aus dem Wege zu gehen, hast Dich allezeit gefreut über alles, was waghalsig und gefahrvoll war! Du wirst auch, was Du jetzt vorhast, nicht aus Furcht aufgeben. Aber, Halbert, tu es aus Mitleid, aus Mitleid mit Deiner bejahrten Mutter, die Dein Tod des Trostes und der Stütze beraubt, und Dein Sieg nicht minder.« »Meine Mutter,« erwiderte Halbert, sich abwendend, »hat ja doch noch meinen Bruder Edward!« »Allerdings bleibt ihr noch der sanftmütige, edelgesinnte und besonnene Edward,« antwortete Mary, »der Deinen Mut besitzt, Halbert, doch ohne Dein Feuer, ohne Deinen Wagemut, der den gleichen hohen Sinn hat wie Du, aber ihn mit bessrer Vernunft zu regieren weiß. Er hätte seiner Mutter schon sein Ohr geliehen, er hätte seine Pflegeschwester nicht umsonst bitten lassen, wenn sie ihn beide gebeten hätten, sich nicht in solches Verderben zu stürzen, nicht all ihre Hoffnungen zu vernichten!« Mit herber Unruhe im Herzen erwiderte Halbert auf diese Worte: »Nun wohl, Mary! was ist der Sinn all dieser Reden? Ihr behaltet ja doch denjenigen von uns beiden, der in Euren Augen der Bessere ist, der Klügere, der Mutigere ... wenn Ihr beide diesen Beschützer behaltet, was braucht Ihr dann mich? was schert Ihr Euch dann noch um mich?« Er wandte sich zum Gehen, aber Mary Avenel legte ihre weiche Hand so sanft auf seinen Arm, daß er den Druck kaum fühlte, wohl aber, wie schwer, wie unmöglich es ihm sei loszukommen. So stand er denn, mit einem Fuß bereit, den Hof zu verlassen, und doch so unschlüssig, daß er den Eindruck eines Menschen machte, der von einem Platz weg will, den aber ein Zauber an den Boden bannt, so daß er den Fuß nicht weiter zu setzen vermag. Mary Avenel nahm seine Unschlüssigkeit wahr und drang weiter in ihn. »Höre mir zu, Halbert,« sagte sie, »bloß ein paar Worte noch! Ich bin eine Waise, und selbst der Himmel erhört die Waisenkinder ... ich war die Genossin Deiner Kindheit, und wenn Du mir nicht solche Liebe erweisen willst, mich einen Augenblick anzuhören, wer anders soll mir dann solche geringfügige Gabe gewähren? wen anders soll ich darum angehen?« »Ich höre Dir ja doch zu,« erwiderte Halbert, »aber, liebe Mary, fasse Dich kurz! Du bist im Irrtum darüber, was ich heut vorhabe. Es handelt sich um nichts weiter zwischen uns beiden Männern als um einen einfachen Frühspaziergang an dem schönen Sommermorgen.« »Sprich nicht so zu mir,« erwiderte Mary, ihn unterbrechend, »nicht so zu mir! Andre kannst Du ja zu täuschen versuchen und täuschen, aber nicht mich! Seit meiner frühesten Jugend regt sich, wenn ich mich einer Falschheit gegenüber sehe, in meinem Herzen eine Stimme, die mich warnt, vor der aller Trug zerstiebt, vor der alle List zu nichte wird. Zu welchem Zweck mir das Schicksal solche Kraft verliehen hat, weiß ich freilich nicht; aber trotzdem ich in diesem weltfremden Tale in Unwissenheit erzogen worden bin, erkennen meine Augen doch gar häufig, was die Menschen sich bemühen zu verheimlichen. Auch unter der heitersten Stirn bleibt mir das düstre Vorhaben nicht verborgen, das der Mensch in seinem Herzen brütet, und ein einziger Blick meines Auges sagt mir mehr, als andern Menschen Eide und Versicherungen.« »Ei, ei, liebe Mary,« erwiderte Halbert, »bist Du solche Herzenskünderin, dann sage mir, was liest Du wohl in meinem Herzen? Sag mir nur eins, daß, was Du hier in diesem Busen liest, Dich nicht kränkt. Bloß dieses eine sag mir, und Du sollst hinfort meines Herzens Lenkerin und meines Tuns und Lassens Seele sein, sollst mich, ganz nach Deinem Gefallen und Willen, leiten können zu Ehre oder Unehre.« Bei diesen Worten des Jünglings schoß in Marys Wangen zuerst eine jähe Röte, die aber ebenso schnell einer Leichenblässe wich. Als er sich aber dann umdrehte in der Absicht, ihre Hand zu fassen, antwortete sie, indem sie sich sanft von ihm losmachte: »In den Herzen, Halbert, kann ich nicht lesen; ich möchte auch in Deinem Herzen nichts lesen, als was sich für uns beide geziemt; bloß auf Zeichen, Worte und Handlungen von geringerer äußerer Bedeutung verstehe ich mich besser als meine Umgebung, wie ja auch meine Augen, wie Du weißt, Dinge gesehen haben, die andern niemals sichtbar geworden sind.« »So richte sie denn auf jemand, den sie nimmer wieder sehen werden!« erwiderte Halbert, wandte sich von ihr und stürzte, ohne sich noch einmal umzusehen, zum Hofe hinaus. Mary von Avenel stieß einen matten Schrei aus und preßte die Hände an die Stirn. Kaum eine Minute mochte sie so gestanden haben, als hinter ihr sich eine Stimme vernehmlich machte: »Es ist sehr edelmütig von meiner gütigen Protektion, diese leuchtenden Augen vor jenen um so vieles gemeineren Strahlen zu verhüllen, die eben den östlichen Horizont mit ihrem Golde säumen wollen. Freilich könnte es wohl geschehen, daß Phöbus, außer stande, den stärkern Strahlenglanz zu ertragen, mit beschämtem Angesicht seinen Wagen umlenkte und lieber die Welt in Dunkelheit ließe, als die Schmach solcher Begegnung auf sich nähme. Glaubt mir, meine liebwerte Protektion ...« Als nun aber Sir Piercie Shafton, denn der Leser wird an dieser blumenreichen Rede sicher den Sprecher erkannt haben, die Hand der jungen Dame ergreifen und seine Ansprache fortsetzen wollte, da machte sie eine flinke Wendung beiseite und eilte, mit einem Blicke, aus dem Schrecken und Bewegung zugleich sprachen, an ihm vorbei und in den Turm zurück. Der Ritter blickte ihr nach mit einer Miene voll Verachtung und gleichzeitig auch Verdruß, und rief dann: »Bei meiner Ritterschaft! ich habe an diese bäurische Phidele eine Rede weggeworfen, die von der erhabensten Schönheit an Felicias Hofe ... so möge man mir hinfort das Elysium zu nennen erlauben, aus dem ich verwiesen worden ... als Cupidos Frühmesse bezeichnet worden wäre. Ja, mein Piercie Shafton, das Schicksal hat sich recht herbe gegen Dich erwiesen, indem es Dich hierher bannte in diesen einsamen Winkel, wo Du Deinen herrlichen Witz vergeuden mußt an Bauerndirnen und Dich messen mußt mit vierschrötigen Gesellen. Aber für solchen Schimpf, und wär er mir zugefügt worden von dem gemeinsten Plebejer, gibt es keine andre Remedur als den Tod. Von meiner Hand soll er sterben, der Wicht, die Maßlosigkeit der Beleidigung gleicht den Unterschied im Stande hier vollständig aus. Zudem glaube ich, daß sich der Flegel und Prahlhans zu Hieben wohl ganz ebenso bequemen wird, wie zu Spott und Hohn.« Unter solchem Selbstgespräch eilte der Ritter nach dem kleinen Birkengebüsch, das zwischen den beiden Widersachern als Stätte des Rendezvous gewählt worden war. Als er dort hinkam, fand er den Gegner schon anwesend. Er grüßte ihn höflich und begleitete den Gruß mit den Worten: »Ich ersuche Euch, mein junger Herr, nicht unbeachtet zu lassen, daß ich vor Euch den Hut ziehe, trotzdem Ihr mir an Rang so tief nachsteht. Indessen hat die Ehre, die ich Euch dadurch erwiesen habe, daß ich Eure Herausforderung annahm, uns nach dem besten Urteil aller Kämpen gewissermaßen, wenigstens für die Zeit unsres Zwistes, auf gleiche Stufe miteinander gestellt. Diese Ehre muß Euch, meine ich, höchst wohlfeil dünken, selbst wenn sie Euch das Leben kosten sollte, was im bevorstehenden Kampf allerdings hohe Wahrscheinlichkeit für sich haben dürfte.« »Diese Gnade von Eurer Ehren,« versetzte Halbert, »habe ich wohl lediglich dem geringfügigen Dinge aus Silber zu verdanken, das ich Euch zeigte?« Im Nu verfärbte sich der Ritter und knirschte vor Wut mit den Zähnen. »Heraus mit der Klinge!« schrie er grimmig. »Nicht hier, Herr Ritter,« versetzte Halbert, »denn hier könnten wir gestört werden. Seid so freundlich, mir an einen Ort zu folgen, wo wir mit Ruhe und Sicherheit vor jeder Störung unsern Zweikampf zu Ende führen können.« Er schritt das Tal hinauf, in der Absicht, die unter dem Namen Corrinan-Shian bekannte Schlucht aufzusuchen, weil sie als Aufenthalt von Gespenstern und Geistern verschrieen war und zufolgedessen von den Leuten der Umgegend gemieden wurde. Aber als er am Eingange der Schlucht angelangt war, legte ihm die geringe Breite des ebnen Bodens den Gedanken nahe, daß es unklug von ihm wäre, einen Platz zu wählen, der ihm nicht Raum genug böte, seine Gewandtheit zu voller Entfaltung zu bringen, da er doch lediglich dadurch die ihm mangelnde Kenntnis der Fechtkunst einigermaßen ausgleichen könnte. Einen solchen Platz fand er nun aber nicht früher, als bei der wohlbekannten Quelle, an deren Rande sich, gegenüber von dem gewaltigen Felsblock, aus dessen Schoße sie entsprang, eine weite Rasenfläche ausdehnte, die Raum genug bot für das Vorhaben, das sie hierher geführt hatte. Die finstre, einsame Lage dieser Oertlichkeit machte sie zum Schauplatz eines Kampfes auf Leben und Tod in ganz besonderm Maße geeignet. Aber eine höchst seltsame Ueberraschung wurde ihnen hier zu teil, denn dicht am Fuße des Felsens war mit äußerster Sorgfalt und Akkuratesse ein Grab geschaufelt worden. Der grüne Rasen lag auf der einen, die Erde auf der andern Seite aufgeschüttet, und am Rande lagen Hacke und Schaufel. Sir Piercie Shafton heftete auf Halbert Glendinning einen Blick des tiefsten Ernstes und fragte in strengem Tone: »Soll das Verrat bedeuten, Jüngling? Habt Ihr etwa vor, mich hier wie in einer Imboscata, einem Hinterhalte, zu überfallen?« »Nicht ich, Herr Ritter, beim Himmel! nicht ich!« rief entrüstet der junge Glendinning. »Ich habe keinem Menschen von unserm Vorhaben etwas erzählt und möchte auch um den Thron von Schottland nicht gegen einen Feind mich solches Vorteils bedienen.« »Ich glaube so etwas auch nicht von Dir, mein Sohn,« erwiderte der Ritter, »aber das Grab ist mit solcher Akkuratesse ausgehoben, daß es dreist als Meisterstück des letzten Bettmachers der Natur, ich meine des Totengräbers, gelten könnte. Aber danken wir hierfür dem Zufall oder einem unbekannten Freunde, der es sich nicht hat nehmen lassen mögen, für einen von uns ein schickliches Begräbnis vorzubereiten, und lassen wir uns dadurch nicht abhalten, die Entscheidung darüber zu suchen, wem von uns beiden das Glück beschert sein wird, sich an diesem einsamen Plätzchen einem ungestörten Schlummer überlassen zu dürfen.« Mit diesen Worten legte er Wams und Mantel ab, legte sie mit äußerster Sorgfalt zusammen und auf einen Felsblock. Nicht ohne Unruhe folgte Halbert Glendinning seinem Beispiel, denn da er die Behausung der weißen Frau hier in der Nähe wußte, kam er wider Willen auf mancherlei Vermutung in betreff des hier aufgeworfnen Grabes. »Von ihr muß es herrühren,« dachte er bei sich, »und von niemand sonst! der Geist sieht den verhängnisvollen Ausgang voraus. ... Ich kann den Platz bloß verlassen als Mörder, oder muß in dies Grab hier steigen.« »Da wir,« nahm nun Sir Piercie das Wort, »ohne Sekundanten unsern Zweikampf ausfechten, so möchte es wohl gut sein, Ihr befühltet meine und ich Eure Körperseite, wenn ich auch keineswegs meine, als könntet Ihr einen verborgnen Panzer auf dem Leibe tragen, sondern einzig und allein einem alten, löblichen, bei solcherlei Fällen vorgeschriebnen Brauche zu Ehren.« Halbert Glendinning schickte sich in diese Grille seines Widersachers, und Sir Piercie verfehlte unterdes nicht, die Aufmerksamkeit des Jünglings auf das feine, kunstvoll gestickte Hemd zu lenken, das er auf dem Leibe trug. »In diesem Hemde,« erzählte er, »in welchem ich jetzt mit einem Bauern aus Schottland, denn was anders bist Du nun doch einmal nicht, zu kämpfen mich anschicke, war mir das beneidenswerte Los vergönnt, in jenem herrlichen Ballspiel, das zwischen dem göttlichen Asphodel, unserm unvergleichlichen Sidney, und dem höchst ehrenwerten und liebreichen Lord von Oxford stattfand, die von Sieg gekrönte Partei zu führen. Alle Huldinnen unsrer Felicia, unter welchem Namen ich mein geliebtes England meine, befanden sich auf der Galerie, und bei jeder Wendung, die das Spiel nahm, schwenkten sie mit den Tüchern und spornten die Kämpfer durch ihren Beifall. Auf das Ballspiel folgte ein unvergleichliches Bankett, wobei es der herrlichen Urania – der Gräfin von Pembroke – gefiel, mich durch Ueberreichung ihres eignen Fächers zu beglücken, damit ich mir das lebhaft gerötete Antlitz ein wenig kühle. Ich aber legte, um diese Artigkeit zu erwidern, mein Angesicht in trübe Falten und spracht: O, göttliche Urania! nehmet doch Eure huldvolle Gabe wieder an Euch, denn mir bringt dieser Fächer keine Kühlung, sondern übergießt mich gleich dem Hauch eines glühenden Sirokko mit Feuerbrand ... worauf sie mich mit höhnischen Blicken maß, ohne jedoch einen gewissen Grad von Wohlwollen dabei zu verbergen, der jedem Höfling von einiger Erfahrung ohne weiteres offenbar geworden wäre ...« Hier aber fiel Halbert dem Ritter ins Wort, denn es kam ihm so vor, als ob Sir Piercie die größte Lust hätte, statt zu einem Schluß mit diesen Erinnerungen zu kommen, sich vielmehr aus dem Hundertsten ins Tausendste zu begeben. »Ich meine, Herr Ritter, daß solche Erzählung für das, was wir hier vorhaben, nicht unbedingt von nöten ist, und so wäre es wohl auch geraten, sich nicht länger damit aufzuhalten. Wenn Ihr so gern die Zeit mit Reden verbringt, hättet Ihr meiner Meinung nach klüger gehandelt, in England zu bleiben, denn in Schottland zieht man Streiche den Worten vor.« Die Schwerter fuhren aus der Scheide, und der Kampf nahm seinen Anfang. Halbert sah bald ein, daß seine Befürchtung begründet gewesen und daß er seinem Gegner in der Führung der Waffe bedeutend unterlegen war. Sir Piercie Shafton hatte wahrlich nicht geprahlt, als er sich einen hervorragenden Fechter nannte, und Halbert erschien es von Minute zu Minute zweifelhafter, ob es ihm gelingen werde, gegen einen solchen Meister im Fechten aufzukommen. Sir Piercie war mit allen Schlichen in der Führung von Schwert und Degen wohlvertraut und war auch im Besitze einer sehr beträchtlichen Körperkraft. Halbert hielt sich demzufolge zunächst in der Defensive, um seinem Gegner die Schliche und Schwächen abzugewinnen, und die unausbleibliche Folge hiervon war, daß auch der Ritter, nach ein Paar kräftigen Angriffen, die Halbert abgewiesen oder auf geschickte Weise vermieden hatte, sich auf die Defensive beschränkte, aus Furcht, bei stetigem Angriff sich zu leicht Blößen geben zu können. Halbert seinerseits war vorsichtig genug, einen Gegner nicht zu drängen, dessen Gewandtheit ihn mehr denn einmal in den Sand gestreckt hätte, wäre er nicht so außerordentlich auf seiner Hut gewesen. Nach ein paar weitern Gängen trat eine Pause ein, und beide Kämpfer senkten, wie wenn sie es verabredet hätten, gleichzeitig die Spitzen ihrer Schwerter, um einander, ohne daß einer ein Wort gesprochen hätte, mit den Blicken zu messen. Endlich nahm Halbert, der wegen seiner Angehörigen wohl allmählich von stärkerer Unruhe befallen werden mochte, nachdem er Gelegenheit gehabt hatte, die Stärke und Gewandtheit seines Gegners zu erproben, das Wort zu der Frage: »Ist denn, Herr Ritter, der Gegenstand unsers Zwistes wirklich so ernster Natur, daß einer von unsern Leibern dieses Grab unbedingt füllen muß? sollten wir nicht besser tun, als Freunde heimzukehren, nachdem wir die Stärke unsrer Waffen beiderseits gemessen haben?« »Mein tapfrer Junker,« antwortete Sir Piercie, »keinem Erdensohne hättet Ihr solche Ehrenfrage schicklicher vorlegen können, der die gleiche Fähigkeit besessen hätte wie ich, sie zu beantworten. Laßt uns um einen Stoß pausieren, damit ich Euch sagen kann, wie meine Meinung über den Streit ist, in welchem wir beide liegen. Denn soviel ist gewiß, daß sich tapfre Männer nicht in den Tod stürzen wie wilde Bestien, sondern einander mit Raisen, unter Wahrung von Anstand und Schicklichkeit, umbringen sollen. Treten wir also mit Kälte und Ruhe an diese Untersuchung unsers Zwistes heran, so wird sich leichter ermessen lassen, ob einer von uns, und welcher, durch die drei Schwestern verurteilt worden ist, den Zwist mit seinem Blute zu büßen. Verstehst Du den Sinn meiner Rede?« »Ich habe den Pater Eustachius von den drei Furien sprechen hören,« antwortete Halbert nach kurzem Besinnen, »die mit Faden und Schere arbeiten.« »Genug, genug!« fiel ihm Sir Piercie grimmig ins Wort, »Dein Lebensfaden ist gesponnen.« Mit diesen Worten warf er sich mit äußerstem Ungestüm auf den Jüngling, dem kaum Zeit genug blieb, sich in Verteidigungsstand zu setzen. Aber wie so häufig bemerkt wird und bemerkt worden ist, infolge der unbesonnenen Wut des angreifenden Teiles kam der angegriffene in unvermuteten Vorteil, denn gerade als der Ritter einen verzweifelten Stoß führte, beugte Halbert sich vor und versetzte, ehe der Ritter sich seiner Waffe wieder bedienen konnte, ihm eine, um in seiner Blumensprache zu reden, Stoccata par excellence , die ihm mitten durch den Leib fuhr, so daß er wie eine Planke zu Boden schlug. Fünftes Kapitel. Halbert wurde, als er den Ritter auf den Rasen hingestreckt sah, aus dessen Leib das dunkelrote Blut hervorquellte, wie wenn ein Pumpwerk darin arbeitete, von so wildem Schreck gepackt, daß er sein Schwert auf den Boden und sich auf die Knie warf, um dem Verwundeten beizustehen und die Wunde zu verstopfen, die allem Anschein nach mehr äußerlich als innerlich ihren Sitz zu haben schien. In den Zwischenräumen der Ohnmacht, die den Ritter befiel, sprach derselbe in der ihm eignen affektierten Weise, die jetzt mehr als sonst auf seine eitle, wenn vielleicht auch nicht unedle Seele schließen ließ: »Du bäurischer Knabe, Deine glückliche Hand hat über ritterliche Kunst obgesiegt, Kühnheit hat Herablassung überwunden. Es kommt ja vor auch im Leben der Natur, daß der gemeine Habicht den Edelfalken überfällt und zerreißt. Fliehe, Knabe, und rette Dich! Nimm aus der untern Tasche meines Beinkleids meine Börse und bring Dich in Sicherheit! Was Du an Geld darin findest, ist für einen Bauern nicht zu verachten. Aber eines vergiß nicht! meine Koffer sollen mit meinen Kleidern ins Liebfrauenkloster geschafft werden.« Hier wurde seine Stimme schwächer, und es schien, wie wenn Gedächtnis und Besinnung von ihm schwänden. »Seid guten Muts, Herr Ritter,« sagte Halbert, der außer sich war vor Gewissensbissen; »ich glaube bestimmt, es wird noch alles gut gehen ... ach! wäre doch nur ein Wundarzt zur Stelle!« »Und wären zwei Dutzend Aerzte zur Stelle, so wäre ich doch nicht mehr zu kurieren, denn sieh, mein Leben entflieht ja in Strömen. Grüße die ländliche Nymphe noch bestens von mir, die ich meine Protektion nannte ... o, Du wahrhaftige Kaiserin dieses nunmehr im Ernste blutenden Herzens! Aber Du, bäurischer Sieger, lege mich lang auf den Boden! wer hätte es Dir wohl an der Wiege fingen sollen, daß es Dir beschieden sein sollte, den Stolz alles flammenden Lichts am Hofe Felicias auszulöschen! ... o, ihr Heiligen und Engel! ihr Ritter und Edeldamen! Masken und Schaubühnen! witzige Sinnsprüche! Kettenwerk und Stickerei! Liebe, Ehre und Schönheit!« Dieweil der ritterliche Sir Piercie Shafton diese letzten Worte lispelte, die ihm ohne allen Zweifel unwillkürlich entschlüpften, als er der Herrlichkeit des englischen Hofes gedachte, streckte er die Glieder aus, stöhnte tief auf, schloß die Augen und lag regungslos da. Der Sieger raufte sich das Haar vor Schmerz, als er das bleiche Antlitz seines Schlachtopfers erblickte. Wenn auch das Leben noch nicht ganz aus dem Körper gewichen war, so sah er sich doch ohne andre Hilfe außer stande, es zu erhalten. Er verwünschte sich und die blutige Tat; er fluchte dem unheilkündenden Platze, den er, trotzdem er wußte, daß er einer Hexe oder dem Teufel selbst als Aufenthalt diente, als Stätte für die Austragung des Zweikampfes erwählt hatte; an jedem andern Orte, mußte er sich sagen, hätte er Hilfe herbeischaffen können, entweder durch die Schnelligkeit seiner Füße oder durch die Macht seiner Stimme; aber hätte er hier gerufen, wen anders hätte er erreichen können als den bösen Geist, der ihm dieses Unheil angeraten? ... Und nun rief er und schrie den dem Leser bekannten Zauberspruch ... aber nichts ließ sich hören oder sehen, weder eine Erscheinung noch ein Laut oder Zeichen. »Hexe! Zauberin! böser Feind!« erklang es aus seinem Munde; »bist Du taub? und doch warst Du so bereit, meinem Worte zu gehorchen und auf den Ruf nach Rache zu antworten? ... Nun, auf und rede! rede, wenn Du es nicht erleben willst, daß ich Deine Quelle verstopfe, Deinen Dornbusch ausreiße und Deine Behausung zur Wüstenei wandle!« Da! was erklang dort aus der Ferne? vom Eingange der Schlucht her? Ein Ruf war es, der sich ähnlich anhörte, wie ein Halloh! »Heilige Jungfrau, sei gepriesen!« rief der Jüngling, »ich höre die Stimme eines lebendigen Menschen, der mir in dieser furchtbaren Not raten und helfen kann.« Und der Stimme von Zeit zu Zeit durch ein Halloh antwortend, stürzte er, wie ein gehetztes Reh, den rauhen Pfad hinunter, und in einer Frist, unglaublich kurz für jeden andern, als einen Bewohner schottischer Berge, erreichte der Jüngling den von einem kleinen Bache durchströmten Eingang zur Schlucht Corrinan-Shinan. Hier blieb er stehen und ließ den Blick nach allen Richtungen hin durch das Tal schweifen, war aber außer stande, ein menschliches Wesen zu entdecken. Schon verlor er den Mut, aber im andern Augenblicke sagte er sich, daß ja die Krümmungen, die das Tal bildete, den Blick hemmten, und daß der Mensch, dessen Stimme er gehört habe, noch gar nicht bis zu ihm gelangt, geschweige schon sichtbar für ihn sein könne. Dicht neben ihm reckte eine Eiche ihren kräftigen Stamm empor. Mit einem Sprunge hatte der Jüngling den niedrigsten Ast erfaßt und kletterte, wie ein Eichkätzchen so flink, an dem Baum empor. Und von dieser hohen Warte aus konnte er ganz deutlich eine menschliche Gestalt sehen, die das Tal herab geschritten kam. Sie sah weder aus wie ein Schäfer noch wie ein Jäger, und doch pflegte sonst niemand durch diese Oedenei zu wandern, besonders nicht auf dem Pfade von Norden her, denn der Bach entsprang aus einem in dieser Richtung gelegnen weiten und höchst gefahrvollen Moraste. Halbert Glendinning hielt sich nicht auf mit Erwägungen, wer der Wanderer sein könne und was ihn in diese unwegsamen Ländereien führe. Ihm war es genug, zu wissen, daß ein Mensch, der ihm vielleicht helfen könne, in der Nähe sei. Im Nu war er wieder unten auf dem Erdboden und wieder in einem Nu war er um die Biegung herum gerannt, die das Tal hier bildete; und als er nun am Ende desselben stand und von neuem den Blick hinausschweifen ließ, und wiederum nichts erblickte, da war es ihm zu Mute, als sei er vom Schicksal genarrt worden, als sei die Gestalt, die er gesehen zu haben meinte, ein leeres Luftgebilde gewesen, oder die Ausgeburt seiner überhitzten Phantasie. Aber als er sich jetzt um den Fuß eines gewaltigen Felsblocks herum wand, da sah er zu seiner ganz unsäglichen Freude auf dem schmalen Pfade, der kaum einem Wanderer Raum bot, plötzlich vor sich einen Mann stehen, dessen Tracht auf einen Pilgrim zu deuten schien. Es war ein Greis, schon ziemlich hoch an Jahren, mit langem Bart, mit breitem Hut mit niedergeschlagner Krempe auf dem Haupte, in einem Kittel aus schwarzer Sersche, mit einem die Arme verdeckenden Oberteil, das im übrigen ganz ohne Falten auf den Leib herniederfiel. An der Seite trug er eine kleine Flasche und eine Tasche, in der Hand hielt er einen derben Stock. Er ging langsamen Schrittes, wie jemand, der bereits eine lange Wanderung hinter sich hat. »Grüß Gott, Vater!« sprach der Jüngling, »Gott und die heilige Jungfrau haben Euch hergesandt, mir zu Beistand und Hilfe.« »Und wie könnte solch schwaches Geschöpf wie ich Euch eine Hilfe sein?« erwiderte der Greis, der nicht minder überrascht war, einen so rüstigen Jüngling vor sich zu sehen, dessen Züge von Angst erfüllt und dessen Hände mit Blut besudelt waren. »Es verblutet sich ein Mensch hier unten im Tale!« sagte Halbert. »Hier ganz in der Nähe! Kommt mit, kommt mit! Ihr seid ein erfahrner Mann, Ihr seid im Besitz Eurer fünf gesunden Sinne, mich haben die meinigen so gut wie vollständig verlassen.« »Ein Mensch verblutet sich? hier im Tale?« wiederholte der fremde Greis, »hier in dieser öden Gegend?« »Verzieht nicht, guter Vater!« erwiderte Halbert, »die Zeit entflieht, und mit ihr das Leben jenes Aermsten! Kommt, folgt mir, Vater, und ohne einen Augenblick zu säumen!« »Aber mein Sohn, wer wird denn so im Handumdrehen einem fremden Menschen folgen, den er zum ersten Male im Leben sieht, obendrein in einer Gegend wie dieser?« wandte der Greis ein. »Wenigstens mußt Du doch, ehe ich Dir folgen soll, mir Deinen Namen sagen und Deine Absicht künden!« »Hier, guter Vater, ist nicht Zeit zu Auseinandersetzungen. Ich sage Euch doch, es steht ein Menschenleben auf dem Spiel. Ihr müßt helfen, sage ich Euch, Ihr müßt, oder ich bringe Euch mit Gewalt so weit, daß Ihr Ja sagt und mitgeht.« »Nun, mein Sohn, der Gewalt bedarf es nicht,« erwiderte der Greis, »sofern es sich wirklich so verhält, wie Dein Mund mir kündet, denn in solchem Falle folge ich Dir gern willig, und um so eher, als ich in der Heilkunde nicht ganz unerfahren bin und ein Mittel in meiner Tasche trage, das Deinem Kranken gewiß wird nützlich sein können. Geh aber langsamer, mein Sohn, denn solchen Schritt kann ich nicht halten, bin ich doch von langer Wanderung stark entkräftet.« Ungeduldig wie ein feuriges Roß, das von seinem Reiter gezwungen wird, mit einem langsamen Klepper auf einer Hochstraße gleichen Schritt zu halten, mit dem verhaltnen Ungestüm eines Wanderers, der einem Ziel entgegenjagen möchte, aber auf seinen Kameraden Rücksicht nehmen muß, weil ihm dieser noch nicht traut, lief Halbert an der Seite des Pilgers einher. Endlich hatten sie die Stelle erreicht, wo sie aus dem weiten Tale in die Schlucht hineinbiegen mußten. Hier aber blieb der Greis unschlüssig stehen, wie wenn er den Fuß nicht von der offnen Straße hinweg setzen möchte. »Junger Mensch,« sprach er, »sofern Du gegen diese grauen Haare Schlimmes im Schilde führen solltest, so laß Dir wenigstens das eine sagen, daß Du wenig dabei wirst gewinnen können, denn ich trage keine Schätze bei mir, die Räuber und Mörder locken könnten.« »Und ich, guter Vater,« entgegnete Halbert, »bin weder das eine noch das andre ... und doch, allmächtiger Gott im Himmel! kann ich zum Mörder werden, wenn Ihr nicht zeitig genug zu dem Verwundeten mehr kommt, ihm Hilfe zu bringen.« »Verhält es sich wirklich so?« fragte der Greis. »Können menschliche Leidenschaften den Busen der Natur auch in ihrer tiefsten Einsamkeit bedrängen? Aber wieso sollte ich mich wundern, daß da, wo Finsternis herrscht, auch ihre Werke gedeihen? Ihr sollt den Baum erkennen an seinen Früchten ... heißt es nicht also in der Schrift? ... Geh voran, unglücklicher Jüngling! ich folge Dir.« Und eifriger als bisher strengte der fremde Greis sich an, die Erschöpfung zu meistern, die sich seiner bemächtigt hatte, und mit seinem ungestümen Führer gleichen Schritt zu halten. Endlich hatten sie die verhängnisvolle Stelle erreicht. Aber wie groß war das Erstaunen des jungen Schotten, als er keine Spur mehr von Piercie Shafton entdeckte! Daß ein Kampf hier stattgefunden hatte, dafür gaben noch deutliche Spuren Zeugnis. Und wenn auch der Mantel des Ritters zusammen mit seinem Leibe verschwunden war, so war doch sein Wams noch dort, wo er zuvor gelegen hatte, und der Rasen, auf den er gestreckt worden war, zeigte noch deutliche Blutspuren. Als Halbert, von Schreck und Staunen wie gelähmt, um sich blickte, fielen seine Augen auf die Stelle, wo sich das Grab befunden hatte, und nun erst sah er, daß dasselbe nicht mehr offen, sondern zugeschüttet war. Die Erde schien also ihren neuen Gast bereits aufgenommen zu haben, denn der gewohnte Grabhügel war bereits errichtet worden und die Schollen lagen so akkurat aneinander gefügt, wie es kein Totengräber besser hätte machen können. Halberts bemächtigte sich unwiderstehlich der Gedanke, daß unter dem Erdhügel jener Mensch begraben liege, der vor kurzen noch geatmet hatte, aber durch seine grausame Handlungsweise einem frühzeitigen Grabe entgegengeführt worden war. Jene selbe Hand, die das Grab bereitet hatte, hatte nun auch das Werk vollendet und die Leiche darin geborgen! und wessen andre Hand konnte es sein, als die jenes geheimnisvollen Wesens, das er in seiner Waghalsigkeit angerufen, dem er vergönnt hatte, in sein Schicksal mit einzugreifen? Und als er so dastand, die Hände ineinander geschlungen und den Blick empor zum Himmel gerichtet, da wurde er aufgeschreckt durch die Stimme des fremden Greises, dessen Argwohn sich wieder regte, als er die Szene so völlig anders erblickte, als der Jüngling sie ihm geschildert hatte. »Jüngling,« sprach er, »hast Du Deine Zunge mit dem Köder der Falschheit befleckt, um vielleicht wenige Tage von dem Leben eines Mannes abzuschneiden, den die Natur bald heimrufen wird, ohne daß Du es notwendig hättest, die Schuld auf Dich zu laden, daß Du ihm nach dem Leben getrachtet hast?« »Nein! bei der himmlischen Jungfrau, Vater! solches liegt nicht in meinem Sinne und hat nicht in meinem Sinne gelegen!« »Schwöre nicht, Jüngling,« antwortete der Greis, »weder beim Himmel, denn er ist der Thron Gottes, noch bei der Erde, denn sie ist sein Schemel, noch bei den Geschöpfen der Erde, denn sie sind seine Gebilde. Deine Rede sei: Ja, ja, Nein nein! was darüber ist, das ist vom Uebel. Sage mir mit einfacher, klarer Rede: weshalb und zu welchem Zweck hast Du solche Mär ersonnen, die einen verirrten Wanderer in eine noch größere Irre hat leiten müssen?« »So gewiß ich ein Christ bin, guter Vater,« erwiderte Halbert, »so habe ich den Mann hier in seinem Blute verlassen, und doch sehe ich ihn nun nicht mehr, und das Grab, das Ihr hier seht, hat, so fürchte ich, seine sterblichen Reste schon aufgenommen!« »Und wie heißt der Mann, um dessen Schicksal Du in solcher Bange bist?« fragte der Greis, »und wie ist es möglich, daß der auf den Tod verwundete Mann von hier weggeschafft oder an solch einsamer Stätte sollte beerdigt worden sein?« »Er heißt,« antwortete Halbert nach einer kurzen Weile, »Piercie Shafton ... aber wer ihn von dieser Stelle, wo ich ihn auf den Tod verwundet liegen ließ, weggeschafft hat, das zu sagen ist mir ein Ding der Unmöglichkeit.« »Piercie Shafton?« wiederholte der Greis, »Sir Piercie Shafton von Wilverton? ein Verwandter des großen Piercie von Northumberland, wie es heißt? ... Jüngling, wenn Du ihn erschlugst, und wenn Du nach solcher Tat zurückkehrst in die Abtei des Abtes, dann kannst Du ebenso gut Deinen Hals in den Knoten stecken, den der Henker um den Hals seines Opfers schlingt. Sir Piercie Shafton ist gar wohl bekannt als unbedingter Schildträger des Papstes, der von Politikern, als Werkzeug klügerer Ränkeschmiede sowohl wie aber auch solcher, die lieber Böses sinnen als Gefahren bestehen, mit Vorliebe auf sogenannte verlorne Posten geschoben wird. Ich sage Dir, Jüngling, ziehe mit mir und rette Dich vor den schlimmen Folgen dieser Tat! geleite mich nach dem Schlosse Avenel, und Schutz und Sicherheit soll Dir hierfür zum Lohne werden.« Halbert stand schweigend und ging mit sich zu Rate. Daß die Rache des Abtes nicht gelind sein werde an dem Mörder des Freundes und Gastes, war ihm freilich klar und war ihm von vornherein klar gewesen; allein bei den verschiedenen Möglichkeiten, die er vorher erwogen hatte, war ihm doch entgangen, zu erwägen, was er dann begänne, wenn Sir Piercie der unterliegende Teil sei. Wenn er nach Glendearg zurückkehrte, dann war mit aller Sicherheit anzunehmen, daß sich die Rache der Klosterbrüderschaft auf seine ganzen Angehörigen erstrecken werde; dagegen konnte es, wenn er entfloh, den Anschein gewinnen, als habe er ganz ohne Wissen der Seinigen von Anfang bis zu Ende in der Angelegenheit gehandelt und habe die Flucht ergriffen, um auch mit ihnen allen Auseinandersetzungen darüber enthoben zu sein. Halbert erinnerte sich auch der Gunst, die der Unterprior den Seinigen zuwandte, vor allem seinem Bruder Edward, und er sagte sich, daß er wohl am ehesten auf dessen Verwendung zu gunsten der Seinigen bei dem Abte zu rechnen haben dürfte, wenn er diesem würdigen Herrn seine Schuld erst von einer gewissen Entfernung von Glendearg aus unumwunden bekennte; und infolge weiterer reiflicher Erwägung dieses Gedankens entschloß er sich zur Flucht. Bestärkt wurde er hierin durch die Gegenwart des Pilgers und den Schutz, den ihm derselbe verhieß. Immerhin aber war er nicht im stande, sich darüber Klarheit zu schaffen, wie sich die Aufforderung des Greises, ihn zu seiner Sicherheit nach Avenel zu begleiten, zu dem gegenwärtigen Eigentümer der Herrschaft, Julian von Avenel, verhalten möchte. »Frommer Vater, Ihr irrt Euch, fürchte ich,« sagte er, »in dem Manne, bei dem Ihr mir Unterkunft verschaffen wollt. Julian von Avenel war es doch gerade, der Sir Piercie Shafton nach Schottland geleitete, und sein Reisiger Christie von Clinthill hat doch diesen Südländer zu uns nach Glendearg gebracht.« »Das ist mir sehr gut bekannt,« erwiderte der Greis; »allein, wenn Du Dich ebenso auf mich verlassen willst, wie ich mich Dir ohne Widerstreben anvertraut habe, so wirst Du bei Julian Avenel freundliche Aufnahme, zum wenigsten Sicherheit finden.« »Nun denn, wackrer Vater,« erwiderte Halbert, »wenn ich auch Eure Aussage mit Julian Avenels Verhalten nicht in Einklang zu sehen vermag, so will ich doch, da mir Eure Worte treu und redlich erscheinen und mich meine persönliche Sicherheit wenig bekümmert, sowie nicht zum wenigsten aus Rücksicht darauf, daß Ihr Euch so unbedingt meiner Leitung anvertraut, Euer Vertrauen erwidern und Euch nach dem Schlosse Avenel geleiten, und zwar auf einem Pfade, den Ihr selbst wohl kaum gefunden haben dürftet.« Mit diesen Worten ging er voran, und der Greis folgte ihm, lange Zeit in Schweigen versenkt. Sechstes Kapitel. Es war ein schmerzliches Gefühl, das Halberts Brust erfüllte, als er neben dem Greise einherschritt in dem Bewußtsein, daß dieser Weg ihn auf immer entfernte von seinem Heim und von Mary Avenel, weit schmerzlicher als es zu sein pflegt zu einer Zeit und in Ländern, wo ein Menschenleben wenig gilt, wie es in jenen Jahrhunderten vorwiegend der Fall war in Schottland; und lange Zeit ging der Greis neben dem Jüngling her, aber endlich brach er das Schweigen. »Mein Sohn,« sprach er, »es heißt im Sprichwort, der Kummer, der sich keine Luft mache, sei tödlich. Sage mir, weshalb befällt Dich eine solche Niedergeschlagenheit? Erzähle mir das unglückliche Los, das Dich getroffen hat; es ist mir doch vielleicht möglich, Deinem jungen Leben Rat und Hilfe zu schaffen.« »Ach,« klagte Halbert, »könnt Ihr Euch wohl wundern, daß Ihr mich bekümmert seht? Ich bin jetzt ein Flüchtling, der Mutter, Bruder und Freunde hinter sich läßt, auf dessen Seele das Blut eines Menschen lastet, der mich wohl beleidigte, aber doch nur mit eitlen Reden, die ich ihm aber blutig heimzahlte. Mein Herz sagt mir, daß ich Böses getan habe, und es müßte ja auch härter sein als diese Felsen, wenn es den Gedanken, daß ich diesen Menschen ohne Testament und Beichte zu schwerer Rechenschaft sandte vor den Herrn, seinen Gott, ertragen könnte, ohne herbe Reue darüber zu empfinden.« »Fasse Dich, mein Sohn,« erwiderte der Wanderer, »freilich ist es eine Todsünde, Gottes Ebenbild in der Person Deines Nächsten zu vernichten, in eitlem Zorn und eitler Hoffart Staub zu Staube gesellend, einem Mitmenschen die Frist abzukürzen, die ihm der Himmel zur Reue vergönnt hat; und grade dies macht die Sünde freilich um so schlimmer. Indessen, mein Sohn, für dieses alles ist Balsam gewachsen in Gilead.« »Ich verstehe Eure Worte nicht, frommer Vater,« sagte Halbert, ergriffen von dem feierlichen Tone, den der Greis angeschlagen hatte. »Du hast Deinen Feind erschlagen, mein Sohn,« fuhr der Greis in seiner Rede fort, »das ist eine grausame, schlimme Tat. Du hast ihn vielleicht erschlagen in seiner Sünde, und das macht Deine Missetat noch schlimmer. Handle jetzt nach meinem Rate und befleißige Dich mit Eifer, statt der Seele, die Du vielleicht dem Reiche des Bösen zugeführt hast, eine andre Seele aus der Macht des Bösen zu erretten.« »Jetzt verstehe ich den Sinn Eurer Rede, Vater,« erwiderte Halbert, »ich könnte, so meint Ihr, meine unbesonnene Handlung dadurch wieder gut machen, daß ich der Seele meines Widersachers einen Dienst erwiese? Aber wie soll das geschehen können? Um Messen lesen zu lassen, dazu habe ich kein Geld; gern aber wollte ich barfuß nach dem heiligen Lande pilgern, um seine Seele aus dem Fegfeuer zu erlösen, wenn nur ...« »Mein Sohn,« fiel ihm der Greis ins Wort, »der Sünder, um dessen Errettung Du Dich bemühen sollst, befindet sich nicht unter den Toten, sondern wandelt unter den Lebenden. Nicht mahnen will ich Dich, für die Seele Deines Widersachers zu beten, denn ihm wurde von einem milden und gerechten Richter bereits sein letztes Urteil gesprochen, und könntest Du Gold prägen aus diesem Felsen, es möchte der abgeschiedenen Seele nichts frommen. Denn wohin der Baum fällt, dort bleibt er liegen. Doch die Gerte, in der noch Kraft und Saft ist, läßt sich biegen nach dem Punkte, wohin man sie wenden will.« »Bist Du ein Priester, Vater?« fragte der Jüngling, »oder in wessen Auftrage redest Du von so hohen Dingen?« »Im Auftrage meines Gottes und Herrn, des Allmächtigen über Himmel und Erde!« erwiderte der Wanderer, »unter dessen Banner ich kämpfe und streite.« Halberts Wissen in religiösen Dingen gründete sich einzig und allein auf den Katechismus des Erzbischofs von Sankt Andreas und auf ein Büchelchen, das »Der Zehnpfennigsglaube« hieß und gleich dem andern durch die Klosterbrüder der Abtei zu Sankt Marien unter dem Volke verbreitet wurde. Aber so gering sein Wissen in dieser Hinsicht zufolgedessen war, so beschlich ihn jetzt der Argwohn, daß er sich in Gemeinschaft eines Evangelischen oder Ketzers befände, die damals in Schottland umherzogen und die alte Religion in ihren Grundfesten zu erschüttern suchten. Erzogen in frommem Abscheu vor diesen schrecklichen Sektierern, trug der Jüngling in seinem Herzen tief eingewurzelt die Ueberzeugung eines treuen und unterwürfigen Kirchenvasallen. »Wärest Du fähig, alter Vater, die Worte mit Deiner Hand zu verfechten,« sprach Halbert, »die Deine Zunge gegen unsre heilige Mutterkirche ausgestoßen hat, so wollten wir hier auf diesem Moor erproben, welche von unsern Glaubenslehren den besten Kämpfer für sich habe.« »Ei, bist Du ein rechter Söldner Roms,« erwiderte der Greis, »dann darfst Du Deinem Vorsatze nicht entsagen, denn Du hast den Vorteil der Jahre und Stärke auf Deiner Seite. Höre mich an, mein Sohn! Ich habe Dir gezeigt, wie Du Dich mit dem Himmel versöhnst, und Du hast meinen Vorschlag von Dir gewiesen. Nun will ich Dir weiter zeigen, wie Du Dich mit den Mächten dieser Welt aussöhnst. Trenne dieses hinfällige Haupt von dem hinfälligen Leibe, der es trägt, und bringe es dem hoffärtigen Abte Bonifacius, und sofern Du ihm beichtest, Du habest Sir Piercie Shafton erschlagen, dann lege ihm dieses Haupt vor die Füße und sage ihm, es sei Heinrich Wardens Haupt, dann wird er Dir nicht allein Absolution erteilen, sondern Dich unter die Kandidaten für den nächsten Heiligenspruch aufnehmen.« Halbert Glendinning schreckte zurück. »Was?« rief er, »Ihr wäret Heinrich Warden? der Ketzer, der so berühmt ist unter seinesgleichen, daß sogar oft der Name des großen Knox vor ihm verbleicht?« Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Der wäret Ihr, und getrautet Euch, den Fuß zu setzen in das Gebiet des Sankt Marien-Klosters?« »Jawohl, ich bin Heinrich Warden,« antwortete der Greis, »doch bin ich nicht würdig, neben Knox genannt zu werden, wenn ich mich auch freudig jeder Gefahr unterziehe, zu der mich der Dienst meines Herrn beruft.« »Dann höre jetzt Du mich!« sagte Halbert; »Dich zu töten, gebricht es mir an Mut. Dich in Gefangenschaft zu führen, brächte gleichfalls Blut über mein Haupt. Dich in dieser Wildnis ohne Führer zu lassen, wäre nicht viel anders. Ich werde Dich also, wie ich es Dir versprach, nach dem Schlosse von Avenel begleiten. Aber nur unter der Bedingung, daß Du, so lange wir unterwegs sind, kein Wort über die heilige Kirche redest, als deren unwürdiges und unwissendes, aber eifriges Mitglied ich mich bekenne. Wenn Du im Schlosse bist, dann mußt Du Dir selbst helfen. Es steht ein hoher Preis auf Deinem Kopfe, und Julian Avenel, das laß nicht außer acht, ist ein großer Verehrer unsrer schottischen Goldstücke.« »Willst Du damit sagen, er könnte um schnöden Goldes wegen das Blut seines Gastes vergießen?« »Nein, sofern Du zu ihm kommst als Fremder, der von ihm geladen wurde und auf seine Treue baut, wird Julian, ein so schlimmer Herr er auch ist, es nicht wagen, die Gesetze der Gastfreundschaft zu brechen, die uns in Schottland, so schlaff auch alle andern Bande sein mögen, aneinander ketten, die für heilig im höchsten Sinne dieses Wortes gehalten werden. Seine eignen Verwandten würden es für ein unverbrüchliches Gesetz ansehen, sein Blut zu vergießen, um den Schandfleck zu tilgen, den der Bruch der Gastfreundschaft auf ihren Stamm und ihren Namen brächte. Kommst Du hingegen zu ihm, ohne daß Du Anspruch auf Gastrecht hast, dann sei versichert, daß Du bei einem Julian von Avenel alles riskieren wirst!« »Ich stehe in der Hand meines Gottes,« erwiderte der Prediger, denn ein solcher war Heinrich Warden, »bloß auf sein Geheiß pilgre ich durch diese Wildnis und setze mich allen Gefahren solcher Pilgerschaft aus, und so lange ich im Dienste meines Herrn und Meisters noch wirken kann, so lange soll nichts mich schrecken. Kann ich aber, gleich dem verdorrten Feigenbaume, keine Frucht mehr tragen, was mag dann liegen daran, wann und von wem die Axt an die Wurzel gelegt wird?« »Solcher Mut und solche Hingabe,« rief Halbert, »wären einer bessern Sache würdig.« »Das ist nicht wohl möglich,« versetzte Warden, »denn eine bessere Sache denn meine gibt es hienieden nicht.« Die beiden Wanderer setzten schweigend ihren Weg fort, und Halbert Glendinning suchte sich mit äußerster Behutsamkeit einen Weg durch die Wirrnis der gefährlichsten und unbegangensten Moräste zu bahnen, die den heiligen Klosterbann von dem Landbesitze des Schlosses Avenel trennten. Hin und wieder mußte er inne halten und seinem Begleiter über den schwankenden Boden des Moors hinweghelfen. »Mut, Alter!« sagte Halbert, als sein Gefährte allmählich ans Ende seiner Kraft gelangt war. »Bald stehen wir auf festem Grunde.« Die Verheißung sollte sich auch schnell erfüllen, denn bald hatten sie nun das Ende des Sumpfes gewonnen und schlugen den Pfad längs dem Abhange ein, über frischen Rasen hinweg, der, von weitem gesehen, die braune Heide wie ein schmales grünes Band durchzog, während man in der Nähe diesen Unterschied der Färbung bei weitem nicht so deutlich bemerkte. Der Greis hatte einen verhältnismäßig leichten Gang und sprach, da er keine Neigung verspürte, von neuem den Eifer des mannhaften Jünglings für die katholische Religion zu wecken, über gleichgültige Dinge. Er war weitgereist und vertraut mit Sprache und Sitten andrer Völker, und so war es wohl begreiflich, daß Halbert Glendinning, der um seiner Tat willen damit rechnen mußte, das Ausland aufzusuchen, ihm mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte, als er auf diese Dinge zu sprechen kam. Nach und nach wurde er von dem Greise durch die so anregende Unterhaltung gefesselt; die Furcht, die er vor ihm als einem Ketzer gehegt hatte, schwand, und mehr als einmal hatte er ihn wieder mit dem trauten Worte »Vater« angeredet, ehe ihnen die Türme der Burg von Avenel in Sicht kamen. Die alte Feste lag auf einem kleinen Felseneiland mitten in einem Bergsee, die man in der dortigen Gegend mit dem Namen »Tarn« zu nennen liebt. Der See mochte etwa eine Meile im Umfange haben und war von ziemlich hohen Hügeln eingeschlossen, die bis auf die wenigen Stellen, wo alte Bäume und Buschholz die Schluchten, die sie von einander schieden, bedeckten, kahl und nackt waren und zufolge ihrer Granitfärbung eine fast täuschende Aehnlichkeit mit der braunen Heide aufwiesen. Die Umgebung war weniger romantisch und großartig als vielmehr wild und grausig, jedoch nicht ohne Reiz. Zur Sommerszeit, wenn die Sonne ihre glühenden Strahlen auf den See sandte, erschien sein Wasser tiefblau, und wenn zur Winterszeit auf den Hügeln um den See herum blendender Schnee lag, dann schimmerte die Wasserfläche wie ein trüber, zerbrochner Spiegel um die Mauern der grauen Burg auf dem schwarzen felsigen Eiland. Sie bedeckte mit ihren Baulichkeiten und mit den Außen- und Seitenmauern jede aufragende Felsspitze und jeden vorspringenden Felshang, so daß es den Eindruck erweckte, als sei sie gänzlich von Wasser umschlossen, gleich einem Wildschwanhorste, und bloß ein schmaler Damm, der das Eiland mit dem Uferlande des Sees in Verbindung setzte, störte diesen Eindruck. Die Insel nahm sich auch übrigens weit größer aus, als sie in Wirklichkeit war, und von den Gebäuden, die auf ihr standen, war manches bereits baufällig und unwohnlich geworden. Zu jener Zeit, als das Haus Avenel noch in seinem vollen Glanze dagestanden, hatte eine beträchtliche Anzahl von Dienstmannen darin gehaust; zurzeit standen sie aber öde und leer, und Julian dürfte wohl, wenn er nicht dem Felseneiland um seiner persönlichen Sicherheit willen den Vorzug gegeben hätte, sich in manch anderm Asyl lieber aufgehalten haben als in diesem einsamen, von allem Verkehr mit Menschen so streng abgeschlossenen Burgwesen. Aber die mancherlei Fehden, die Julian ausfocht, seine Verwicklung in fast alle dunklen Unternehmungen, die in solchem wilden Grenzgebiet an der Tagesordnung waren, auch allerhand persönliche Abenteuer andrer Art, die er liebte, machten es gewissermaßen zum Gesetz für ihn, daß er einem so sichern Aufenthalt, wie ihn die alte Burg bot, vor jedem andern Domizil den Vorzug gab, zumal seitdem er sich mit beiden am Ruder befindlichen Parteien eingelassen hatte, und bald mit der einen, bald mit der andern in engere Beziehungen trat, je nachdem es seinen Zwecken am besten diente. Als sich jetzt die alte Burg den Blicken der beiden Wanderer zeigte, blieb der Greis, auf seinen Pilgerstab gestützt, stehen und ließ die Blicke über die Landschaft schweifen. Wie bereits gesagt, war die Burg stellenweis bereits verfallen, und sogar auf die Entfernung hin, in welcher sich die Wanderer noch befanden, fielen die schadhaften Stellen an den Außenflächen der Mauern ins Auge. Eine dunkle Rauchsäule stieg aus den Essen auf, die sich in langen Dunststreifen über den klaren Aether zog, zum Zeichen dafür, daß die alte Burg nicht unbewohnt war. Aber sie wies doch erhebliche Unterschiede gegen die andern herrschaftlichen Behausungen auf, selbst der geringern Barone im Lande. So zeigten weder die Getreidefelder noch die eingehegten Weideplätze von der Seeseite her jene sorgsame Bewirtschaftung, welche man in Schottland vorwiegend antrifft. Auch die kleinen mit Ahornpfählen eingezäunten Hütten suchte man hier vergebens, die den Hörigen zur Wohnung dienen; auch keine Kirche sah man im Tal, und auf den Hügeln weideten so wenig die sonst überall vorhandenen Schafherden, wie in den Gründen Hornvieh; kurz, nichts war vorhanden, was auf irgend welche Uebung friedlicher Gewerbe schließen ließ. Augenscheinlich galten die Bewohner, so weit welche vorhanden waren, lediglich als Besatzungsmannschaft für die Burg, die in dem Schutzbereich derselben hauste und ihre Nahrung sich in andern als friedlichen Erwerbszweigen suchen mußte. »Man könnte sich zu der Meinung versucht fühlen,« meinte der Greis, als er sich dem Anschein nach an der alten Burg sattgesehen hatte, »die der König von einer andern Burg seines Landes gewann, als er ihr einen Besuch machte oder einen Feldzug gegen sie führte, daß ihr Erbauer ein Erzspitzbube gewesen sein müsse.« »Was jedoch hier nicht zuträfe,« erwiderte Halbert, »denn die Burg ist von den ersten Lords von Avenel erbaut worden, die im ganzen Land zu Friedenszeiten ebenso beliebt wie in Kriegszeiten gefürchtet waren. Der Mann, der sich auf räuberische Weise jetzt in den Besitz ihres Erbteils gesetzt hat, hat keine größere Ähnlichkeit mit ihnen, als die räuberische Eule mit dem Falken hat, wenn sie auch auf den gleichen Felsen horsten.« »Also ist Julian Avenel bei seinen Nachbarn nicht gut angeschrieben?« fragte der Greis. »So schlecht angeschrieben ist er,« erwiderte Halbert, »daß ich mit Ausnahme der Wamsmänner und Reisigen, mit denen er gemeinsame Sache zu machen pflegt, kaum noch jemand kenne, der sich mit ihm abgeben möchte. Zu wiederholten Malen schon ist er in England wie in Schottland geächtet worden, seine Güter sind für verfallen erklärt und über ihn selbst die Acht verhängt, ja auf seinen Kopf sogar ein Preis gesetzt worden. Aber in Zeiten, wie den unsrigen, findet ein Mann von solcher Verwegenheit, wie Julian Avenel, immer ein paar gute Freunde, die ihn mit Freuden gegen die Strafe des Gesetzes in Schutz nehmen, vorausgesetzt daß er im stillen zu Gegenleistungen sich bereit finden läßt.« »Du schilderst ihn mir als einen recht gefährlichen Menschen,« meinte Heinrich Warden. »Das könnt Ihr leicht selbst erfahren,« antwortete der Jüngling, »sofern Ihr nicht ordentlich auf Eurer Hut seid. Indessen kann es ja doch auch sein, daß er sich unsrer Kirchengemeinschaft entfremdet hat und auf dem Pfade der Ketzerei wandelt.« »Was Du in Deiner Verblendung so nennst,« belehrte ihn der Reformator, »ist einzig und allein der richtige Weg zum wahren Glauben. Gebe der Himmel, der Mann wäre von keinem andern schlechten Geiste beseelt als diesem! Mir persönlich ist der Baron von Avenel völlig unbekannt. Er gehört weder zu unsrer Vereinigung noch zu unserm Rat. Und doch habe ich Schreiben an ihn von Personen, die er, wenn nicht fürchten, so doch achten muß, und im Vertrauen darauf begebe ich mich zu ihm in seine Behausung ... Kommt, wir wollen weiter gehen. Die kurze Pause, die wir uns gegönnt haben, hat mich hinreichend gestärkt.« »Laßt Euch wenigstens noch folgendes raten, frommer Vater,« sagte Halbert, »Ihr dürft wohl glauben, daß das, was ich Euch sage, sich auf den Brauch gründet, der in diesem Lande und bei seinen Bewohnern herrscht. Könnt Ihr es aber wagen, den Fuß in die Burg zu setzen, dann versucht wenigstens, sichres Geleit von ihm zu erreichen, und laßt nicht eher ab, als bis ers Euch zuschwört beim schwarzen Kreuze. Achtet auch darauf, ob er mit Euch zusammen an der gleichen Tafel ißt und ob er Euch zutrinkt. Unterläßt er es, Euch diese Zeichen des Willkomms zu bieten, dann will er Euch auch nicht wohl, und Ihr tut gut, auf Eurer Hut zu sein.« »Leider habe ich zurzeit keine bessre irdische Zukunft als diese drohenden Türme, aber im Vertrauen auf jenen andern Beistand, der nicht von dieser Erde ist, setze ich den Fuß hinein. Du aber, mein wackrer Jüngling, mußt denn auch Du Dich den Gefahren dieser Höhle aussetzen?« »Ich bin nicht in Gefahr,« erwiderte Halbert Glendinning, »denn ich bin gut bekannt mit einem Reisigen Julians, mit Christie von Clinthill. Und was mich persönlich am besten schützt, ist der Umstand, daß ich nichts an mir habe, was Bosheit wecken und Raubgier locken könnte.« Vom See her wurden in diesem Augenblick Hufschläge laut, und als sie sich umdrehten, erblickten sie einen Reiter, dessen Stahlhelm und Lanzenspitze im Schein der untergehenden Sonne glitzerten. Er kam rasch auf sie zugeritten, und Halbert erkannte auf der Stelle Christie von Clinthill in ihm. Er unterrichtete geschwind seinen Kameraden, daß es Julians Reisiger sei, der auf sie zukäme. »Ei, ei, mein Bürschchen,« rief Christie dem jungen Glendinning zu, »hast Du Dich nun doch noch besonnen und kommst, Dienst bei meinem edlen Herrn zu nehmen? Als wir letzt zusammen sprachen, warst Du ja noch recht widerhaarig! Aber sollst an mir einen treuen Kameraden finden, und noch vorm Sankt Barnabas-Tage alle Schleichwege zwischen Millburn Plain und Netherby so genau kennen, als wärst Du mit dem Wams auf dem Leibe und mit der Lanze in der Faust auf die Welt gekommen. ... Was bringst Du uns denn aber für einen alten schwarzen Knaben mit ins Haus? Zu der Brüderschaft vom Liebfrauenkloster gehört er doch nicht, denn ich sehe ja das Brandmal dieser schwarzen Biester nicht an ihm.« »Es ist ein Pilger, der mit dem Ritter von Avenel etwas zu erledigen hat, geschäftlicher Natur, also brauchst Du Dich nicht so zu haben! Und was mich selbst angeht, so will ich nach Edinburg hinunter, um mich mal bei Hofe umzusehen. Wenn ich wieder heimkomme, will ich zusehen, was sich zu Deinem Vorschlag sagen läßt. Für heute nacht jedoch will ich von Deiner häufigen Einladung, Dich mal auf der Burg zu besuchen, Gebrauch machen und um Unterkunft für den Greis und mich bitten.« »Du bist willkommen, junger Kamerad,« sagte hierauf Christie, »aber für Pilger oder Leute, die wie Pilger aussehen, haben wir auf der Burg kein Gelaß.« »Mit Verlaub, mein Lieber,« nahm Heinrich Warden das Wort, »ich habe von einem vertrauten Freunde Empfehlungsschreiben an Euren Herrn, und darf wohl annehmen, daß er sich demselben durch ernstere Dinge gefällig erweisen möchte, als daß er mir auf kurze Zeit Schutz und Unterstand gewährt. Ich bin kein Pilger, im Gegenteil den Wallfahrten mit ihren abergläubischen Bräuchen streng abhold.« Mit diesen Worten reichte er dem Reisigen die Papiere, der sie wohl nahm, aber den Kopf schüttelte und sagte: »Damit muß sich mein Herr selbst befassen. Er wird sie wohl lesen können. Für mich sind Schwert und Lanze Buch und Psalter und sind es schon seit meinem zwölften Jahre. Aber in die Burg hinauf führen will ich Euch, der Baron von Avenel mag Euch selbst bescheiden, ob er Euch aufnehmen will oder Euch lieber den Laufpaß gibt.« Inzwischen hatte der kleine Trupp den Damm erreicht, der die Verbindung zwischen dem Felseneiland und dem Ufer des festen Landes herstellte. Er trabte Christie voraus und meldete den Burgwächtern seine Ankunft durch einen schrillen Pfiff. Die vordere Zugbrücke wurde niedergelassen, der Reiter trabte hinüber und verschwand auf der andern Seite unter der finstern Pforte. Glendinning und sein Kamerad folgten ihm langsam zu Fuße, denn der Weg über den holprigen Damm war beschwerlich, aber auch sie kamen bald unter den düstern Torweg, über welchem sich, in tiefrote Quadern gehauen, das alte Wappen des Geschlechtes der Avenel zeigte. Dasselbe stellte eine weibliche Gestalt vor in dichter Vermummung durch eine Art Schleier oder Umhang oder beides, die das Wappenfeld vollständig einnahm. Warum das Geschlecht derer von Avenel zu solch seltsamem Wappenbilde gekommen war, entzog sich der Betrachtung ebenso, wie was dasselbe bedeuten sollte; aber die Rede ging allgemein, daß die Wappenfigur die weiße Frau darstellte, jenes geheimnisvolle Wesen, dem in allen Wandlungen, die das alte Geschlecht betroffen hatte, eine weissagende, zum Teil sogar tätige Rolle beigemessen wurde. Halbert dachte beim Anblick dieser wunderlichen Wappenfigur an die mancherlei Umstände, die sein Schicksal und das der Mary von Avenel mit dieser Erscheinung in Beziehung gesetzt hatten, und es fiel ihm ein, daß er diese Figur schon auf dem bei der Plünderung des Schlosses nach Walter von Avenels Tode geretteten und von seiner Witwe mit nach Glendearg gebrachten Siegelringe dieses letzten direkten Sprossen des berühmten schottischen Geschlechts gesehen hatte. »Warum seufzest Du so schwer, mein Sohn?« fragte der Greis, der den Eindruck, den die Figur auf das Gemüt des Jünglings gemacht hatte, wohl bemerkte, aber den Grund dazu mißverstand; »wenn Du Dich fürchtest, den Fuß hinein zu setzen, so können wir ja noch immer umdrehen.« »Das müßt Ihr nun schon bleiben lassen,« meinte Christie von Clinthill, der eben aus einer Seitentür unterhalb des Gewölbes wieder zum Vorschein kam, »denn guckt Euch doch um! entweder müßt Ihr wie ein paar Wildenten durch das Wasser paddeln oder wie ein paar Regenvögel durch die Luft streichen, denn was andres bleibt Euch, wenn Ihr zurück wolltet, wohl nicht übrig.« Als sie sich umdrehten, sahen sie, daß die Zugbrücke schon wieder aufgezogen war und mit ihren Planken die im Untergang begriffne Sonne halb verdeckte, wodurch natürlich die Finsternis, die in dem Gewölbe herrschte, noch erheblich vermehrt wurde. Christie lachte höhnisch, dann forderte er sie auf, ihm zu folgen, und als Halbert ihm in die Nähe kam, flüsterte er ihm zu: »Antworte nur dreist und flink auf jede Frage des Barons, ohne zu stocken und ohne nach schönen Worten zu suchen. Vor allen Dingen zeige keine Bange, denn kein Teufel ist so schwarz, wie ihn die Leute malen.« Mit dieser Mahnung geleitete er sie in die große steinerne Halle, an deren einem Ende ein mächtiges Holzfeuer brannte. Der Sitte gemäß wurde die Mitte des Raumes von einem großen eichnen Tische eingenommen, auf welchem das Abendbrot für den Baron und seine vornehme Hausdienerschaft gedeckt war. Etwa ein halbes Dutzend Mannen, große, herkulisch gebaute Figuren mit wild blitzenden Augen, schritten im hintern Teil der Halle auf und ab, mit so schweren Tritten, daß die ganze Halle dröhnte. Stahlwämser oder Koller von Büffelhaut machten den vornehmsten Teil ihrer Kleidung aus, während ihre Kopfbedeckung aus Stahlhauben oder breitkrempigen Hüten mit wallenden spanischen Federn bestand. Der Baron von Avenel war selbst eine jener schlanken, muskulös gebauten, an den alten Kriegsgott Mars erinnernden Figuren, wie sie Salvator Rosa mit Vorliebe gemalt hat. Er trug einen Mantel, der einmal mit äußerst feiner Stickerei besetzt gewesen sein mochte, aber derb strapaziert worden und durch den Einfluß von Wind und Wetter stark verschossen war. Unter einem Koller von Büffelhaut blitzte stellenweis das helle Panzerhemd vor, das er statt der schärfer in die Augen fallenden Rüstung zum Schutz gegen hinterlistige Anfälle auf dem Leibe trug. In einem ledernen Gurt steckte an der Seite ein breites schweres Schwert, an der andern jener kostbare Dolch, der einst dem Ritter Piercie Shafton gehört hatte, dessen Zierat jedoch stark ruiniert war, entweder weil unvorsichtige damit umgegangen worden war oder weil man nie daran gedacht hatte, ihn zu putzen oder zu erneuern. Trotz der groben Tracht, die er trug, verriet das Benehmen und die Haltung des Ritters doch weit mehr Noblesse als Benehmen und Haltung der Mannen, die seine Umgebung bildeten. Er mochte etwas über fünfzig Jahre alt sein, denn sein ehedem schwarzes Haar war stark mit Grau vermischt, aber das Feuer seiner Augen war durch das Alter noch nicht getrübt, sein reger Geist noch nicht geschwächt worden. Er war ehedem ein schöner Mann gewesen, denn Schönheit war dem Hause Avenel eigentümlich, aber Wind und Wetter hatten seinen Zügen einen Ausdruck von Rauheit und Derbheit gegeben. Er ging in einigem Abstande von seinen Untergebenen im Hintergrunde der Halle auf und ab, dem Anschein nach in tiefes Sinnen versunken, blieb von Zeit zu Zeit stehen, um einen auf seiner Hand sitzenden Falken zu streicheln oder zu füttern, und der Vogel, für diese Liebkosungen seines Herrn offenbar nicht unempfindlich, schlug hin und wieder mit dem Schnabel nach der Hand seines Herrn oder plusterte sich auf. Dann spielte um die Lippen des Barons ein Lächeln, gleich darauf aber versank er wieder in dasselbe mürrische Nachdenken wie zuvor, und schien ein auffälliges Etwas, an dem wenige so oft wie er vorbei gegangen wären, ohne den Blick darauf zu werfen, gar nicht zu sehen. Dieses Etwas war eine Frau von wunderbarer Schönheit in einer weniger reichen als geschmackvollen Kleidung, die auf einem niedrigen Schemel dicht neben dem mächtigen Kamine saß. Nach dem güldnen Geschmeide zu schließen, das ihren Hals und ihre Arme zierte, sowie weiter nach dem schmucken grünen Gewand, das bis auf den Boden hinunter fiel, und dem mit Silberfiligran gestickten Gürtel, an dem als Zierat ein Schlüsselbund an silberner Kette hing, endlich dem seidnen »Couvreche«, der um ihren Kopf geschlungen war, die Fülle ihres dunklen Haares nur zum Teil bedeckend, hätte man meinen müssen, die Hausfrau des Barons zu erblicken. Vor allem aber hätte darauf ein andrer Umstand deuten müssen, der in irgend einer alten Ballade höchst sinnig angedeutet wird durch die Worte, daß für die jetzige Figur der Frau, beziehungsweise den damaligen Zustand derselben, der Gürtel zu prall, das Kleid zu kurz geworden sei. Aber der niedrige Sitz, der ihr zugewiesen war, sowie der Ausdruck einer tiefen Schwermut, der sich nur dann zu einem schmerzlichen Lächeln wandelte, wenn sie gewahr wurde, daß Julian von Avenel einen flüchtigen Blick auf sie warf, nicht minder der Blick des sinnigen Auges, das ihren Gram zu verhüllen suchte, und die hervorquillende Träne, sobald sie sich unbemerkt meinte, dies alles wiederum schien bei der Frau nicht auf die Eigenschaft einer Gattin zu deuten, sie hätte denn gerade zu denen gehören müssen, die der Mann verschmäht, und die betrübten Herzens es lieben, sich auf sich selbst zu beschränken. Julians Verhalten hätte zu solchem Vermuten berechtigen können, denn er erwies ihr, während er in der Halle auf und nieder schritt, nicht die geringste jener Aufmerksamkeiten, die ein Mann, sei es aus Zuneigung oder Galanterie, fast jeder Frau erweist. Er schien weder von ihrer noch von der Anwesenheit der andern Personen etwas zu wissen, sondern bloß der Falke auf seiner Faust schien für ihn Bedeutung und Interesse zu haben. Auf den Falken schien auch die schöne Frau ihr Augenmerk zu lenken, vielleicht weil sie dachte, auf diese Weise am ehesten einen Anlaß zu einem Gespräch mit dem Baron zu gewinnen, oder weil sie meinte, in den Worten, die er zu dem Vogel sprach, etwas herauszuhören, was ihr für dies oder jenes ein gewisses Verständnis eröffnen könne. Die beiden fremden Männer hatten Zeit genug, dies alles wahrzunehmen, denn kaum waren sie mit dem Reiter, der sie führte, in die Halle eingetreten, als dieser sie bedeutete, an der Tür stehen zu bleiben, während er selbst sich in der Mitte der Halle aufstellte, beflissen, eine Haltung einzunehmen, die dem Baron, sobald es ihm einfiele, sich einmal umzudrehen, sofort ins Auge fallen müsse. Die Aufmerksamkeit seines Herrn und Gebieters auf andre Weise zu wecken, schien er nicht für geraten zu erachten; überhaupt fiel es sofort auf, in welcher sonderbaren Weise sich das Benehmen dieses dreisten und groben Menschen in Gegenwart des Ritters änderte; er war der unterwürfigste, kriechendste Wicht geworden, den man sich denken konnte, und erinnerte stark an einen rebellischen Köter, der den Schwanz einzieht und sich ängstlich in einen Winkel verkriecht, wenn er die Peitsche seines strengen Herrn wittert, oder wenn er vor einem stärkern Kameraden retirieren muß. So neu für Halbert Glendinning die ganze Situation und Szenerie auch war, so fühlte er sich doch mit allen Fasern seines empfindsamen Gemüts von dem schönen Frauenbild angezogen, das sich seinen Augen hier bot. Er sah recht gut, wie ängstlich sie acht gab auf die Worte, die der Ritter an seinen Falken richtete, und wie sich ihr Blick zu ihm stahl, um bei dem leisesten Anzeichen, daß er es gewahre, sich wieder von ihm abzuwenden. Der Ritter plauderte und scherzte noch eine ganze Zeitlang mit seinem Falken, bis schließlich die wilde Natur desselben sich geltend machte und er, als ihn der Ritter mit einem Stück Fleisch neckte, auf denselben einzustürmen versuchte. »Narr du!« lachte der Ritter, »vergißt wohl, daß du die Riemen an den Klauen hast? ... nimm dich in acht, du Biest, und bessre dich, sonst dreh ich dir mal nächster Tage den Hals um! Da, nimm den Happen und friß! das ist bei euch Kanaillen doch die Hauptsache. Damit kann man eure ganze Sippe kirre kriegen. ... Holla, Jenkin! schaff das Luder in seinen Käfig, ich habs satt mit ihm. Er soll sich baden, und morgen soll er steigen. Verstehst Du? ... Oho, Christie! so geschwind zurück?« Christie erstattete Bericht von seiner Mission, wie ein Polizeibeamter einem Vorgesetzten gegenüber, nämlich durch Zeichen und Gebärden sowohl als durch Worte. »Edelster Gebieter,« hub der würdige Trabant an, »der Laird von ...« er nannte den Ort nicht, sondern wies mit der Hand gen West ... »kann auf den festgesetzten Tag Euch sich nicht entschließen, weil der Lord-Landrichter gedroht hat, ihn ...« Er sprach nicht weiter, machte aber mit der Hand ein deutliches Zeichen nach seinem Halse, das seinen Zweifel über die Drohung des Landrichters bestehen ließ. »Der gemeine Feigling!« zischte Julian zwischen den Zähnen, »beim Himmel! die ganze Welt hat sich gedreht. Sie verdients nicht mehr, daß ein braver Mann darauf lebt. Tag und Nacht kann man reiten, ohne daß man einen Federbusch wallen sieht oder ein Roß schnauben hört. ... Der Geist unsrer Väter ist von uns gewichen, die wilden Tiere sogar entarten, unsre Falken sind Sperlinge, unsre Hunde Schwänzler, unsre Männer sind Weiber, und unsre Weiber sind ...« Da sah er zum ersten Male die schöne Frau an, und da hielt er mitten in seiner Rede inne, wiewohl in seinen Blicken eine solche Geringschätzung zum Ausdruck kam, daß sich das, was er verschluckte, ohne Mühe dahin ergänzen ließ: »Unsre Weiber sind so, wie die da.« Und doch verschwieg er das Wort, und die schöne Frau, von dem Wunsche erfüllt, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, möge auch vorgehen, was wolle, erhob sich und trat mit einer Miene erheuchelter Lustigkeit, hinter der sich aber ihre Schüchternheit recht unvorteilhaft versteckte, auf ihn zu und stellte ihm die Frage: »Unsre Weiber, Julian? Nun, was lag Dir denn auf der Zunge, Julian, von den Weibern?« »Was denn sonst, als daß sie gutmütige Dinger und barmherzige Schwestern sind wie Du, Käthe?« Tief errötend kehrte sie auf ihren Sitz zurück. Darauf wandte der Baron sich mit der Frage an Christie: »Na, und was bringst Du denn für ein Paar fremde Kerle mit?« »Der lange ist einer mit Namen Halbert Glendinning, und ist der ältere von den beiden Söhnen der Witwe von Glendearg.« »So? was führt ihn zu uns?« fragte der Baron, »etwa eine Botschaft von Mary Avenel?« »Soviel ich weiß, nicht,« erwiderte der Gefragte, »der junge Kerl schweift herum im Lande und war wohl immer ein wilder Sprößling, denn ich hab ihn ja schon gekannt, wie er erst kaum bis an sein Schwert heraufreichte.« »Was kann er leisten?« fragte der Baron. »Wohl alles, was man ihm auferlegt,« erwiderte der getreue Knappe, »er schießt einen Rehbock aufs Blatt, spürt das Wild auf, läßt den Falken steigen, hetzt den Hund, schießt mit Bogen und Armbrust wie ein Freischütz, schwingt Lanze und Schwert kaum schlechter als ich und tummelt den wildesten Gaul ... kurz, ich wüßte nicht, was er nicht verstünde, um ein wackrer Gesell zu werden.« »Und der alte Bärbeiß neben ihm? wer ist das?« »So etwas, wie ein Priesterknecht wohl, der Empfehlungsschreiben an Euch zu besitzen angibt,« antwortete Christie. »Laß die beiden Kerle herantreten,« befahl der Baron; aber kaum waren sie der Aufforderung gefolgt, als er, verwundert über die stattliche Gestalt des jungen Glendinning, denselben also anredete: »Ich höre, mein Junge, daß Du Dich in der Welt herumtreibst, ohne festes Ziel, auf der Suche nach dem Glück? Nun, wenn Du bei Julian Avenel in Dienst treten willst, dann brauchst Du weder nach Ziel noch nach Glück länger zu suchen.« »Mit Verlaub,« erwiderte Halbert, »es ist mir etwas passiert, das es mir geratner erscheinen läßt, das Land überhaupt zu meiden und mich nach Edinburg zu begeben.« »Was Du sagst!« rief lachend der Baron, »hast wohl königliches Wild weggeknallt? oder Dir von den Klosterwiesen ein paar Rinder gefangen? ... oder etwa gar eine Streife über die Grenze unternommen?« »Keineswegs, Baron. Mein Fall liegt durchaus anders,« erwiderte der junge Glendinning. »Dann möcht ich wetten, daß Du einen Bauernjungen um einer Dirne willen um die Ecke gebracht hast,« rief der Baron weiter; »Du siehst mir ganz aus nach so etwas, Junge!« Verdrießlich über die Art und Weise, wie der Baron ihn behandelte, schwieg Halbert, dachte jedoch bei sich, was wohl der Ritter sagen möchte, wenn er erführe, daß der Zwist, den er mit solch leichtfertiger Rede abzutun suchte, um seine eigne Bruderstochter entstanden war! »Gleichviel, was Dich zur Flucht getrieben hat,« sagte Julian Avenel wieder, »bis auf dies Eiland her verfolgt Dich kein Gesetz und kein Vollstrecker eines solchen! Dazu ist der See zu tief und das Gebäude zu stark und der Damm zu lang, der Land und Eiland verbindet! Da, sieh meine Mannen an, als ob sie aussehen, als litten sie, daß einem Kameraden ein Leid geschehe! sieh mich an und sage mir, ob ich der Mann sein könne, der einen Knappen im Stich ließe, im Guten wie im Bösen! Ich sage Dir, Jüngling, ewiger Friede wird zwischen Dir und dem Gesetz bestehen, vom selben Augenblicke an, da Du Dich entschließest, meine Farben an Deinen Hut zu stecken. Dem Lord-Landrichter kannst Du an der Nase vorbeireiten, und kein Hund von seiner Meute wird Dich anzubellen wagen.« »Für Euer Anerbieten, edler Herr, danke ich Euch,« antwortete Halbert, »ich muß Euch jedoch kurz darauf erwidern, daß es sich nicht für mich schickt, denn mein Schicksal ruft mich anders wohin.« »Du bist ein eigensinniger Narr, der seinen Vorteil nicht kennt,« erwiderte Julian, indem er ihm den Rücken wandte und Christie zu sich heranwinkte. »Der Bursche hat in seinem Blicke etwas, das außerordentlich anspricht. Wir brauchen Leute von kräftigen Gliedern und zähen Sehnen. Was Du mir letztmals gebracht hast, gehört zum Abschaum der Menschheit, es sind durchweg Schufte, die keinen Pfeilschuß wert sind. Der Jüngling ist ja gebaut, wie ein Sankt Georg! Setz ihm recht zu mit Wein, verstehst Du? und laß auch ein paar Dirnen auf ihn los, daß sie ihn fangen! wie Spinnen die Fliege im Netz ... verstehst Du?« Christie nickte verständnisvoll und zog sich hierauf in ehrerbietige Ferne zurück. Der Baron wandte sich jetzt an den Greis. »Na, und Du, Alter,« fragte er, »treibst Du Dich auch in der Welt herum? Bist Du auch auf der Suche nach dem Glück? Siehst aber nicht so aus, als ob das Glück Dich suchte!« »Mit Verlaub,« versetzte Heinrich Warden; »wer weiß, ob ich nicht tiefer zu beklagen wäre, wenn mir das Glück zu teil geworden wäre, das ich, wie so viele Altersgenossen von mir, in der Jugend eifrig gesucht habe!« »Versteh mich recht, Mann!« sagte der Baron, »läßt Du Dir genügen an Deinem steifleinenen Kittel und Deinem langen Stabe, solls mir auch recht sein, daß Du so arm und verächtlich bleibst, wie es sich für Dein leibliches und seelisches Heil schicken mag. Jetzt aber will ich nichts weiter von Dir wissen, als was Dich auf meine Burg führt, denn für Krähen von Deinem Kaliber soll es sich hier nicht gerade gut horsten. Bist wohl ein verjagter Mönch aus einem aufgehobnen Kloster, der nun im Alter den üppigen Müßiggang seiner jungen Jahre büßen muß? oder ein Pilger mit einer Tasche voller Lügen? oder ein Ablaßkrämer mit Reliquiensack aus Rom, der alle Sünden vergibt, das Dutzend für einen Pfennig und darüber? Aha, was der Junge in Deiner Gesellschaft macht, darüber geht mir jetzt ein Licht auf: er soll Dir Deinen Quersack tragen, daß Du Deine faulen Schultern schonst? aber, das merk Dir! aus diesem Plane von Dir wird nichts! Bei Mond und Sonne schwöre ich Dir, daß ich nicht dulde, daß solch schmucker Junge mit solchem alten Gauner im Lande herumstrolcht. Hinweg mit Dir!« schrie er, vor Wut auffahrend und so schnell sprechend, daß man die Absicht merkte, den ältern Gast an jeder Antwort zu verhindern und statt dessen zu schleuniger Flucht zu bestimmen, »fort mit Dir und mit Deinem Kittel, Deiner Tasche und Muschel ... oder so wahr ich ein Avenel bin, ich laß meine Hunde auf Dich hetzen!« Warden wartete mit größter Geduld, bis Julian, verwundert darüber, daß seine heftigen Worte und Drohungen gar keinen Eindruck auf seinen Gegner machten, verstummte. »Was soll das heißen, zum Teufel, daß Ihr keine Antwort gebt?« fragte Avenel in einem weniger herrischen Tone nach einer Weile. »Wenn Ihr fertig seid mit Eurer Rede,« erwiderte Warden, in dem ruhigen Tone, der bisher seine Worte ausgezeichnet hatte, »dann ist es ja Zeit genug für mich, Euch zu antworten.« »Dann rede, Mönch, ins Teufels Namen! aber nimm Dich in acht, daß Du nicht bettelst, sei es auch bloß um einen Bissen, den kein Hund von mir möchte!« »Ich bin kein Bettler und auch kein Mönch,« erwiderte Warden, »und wär Euch um keines Wortes willen wider Mönche gram, wenn Ihr reden möchtet um christlicher Liebe willen.« »Nun, was bist Du anders?« rief Avenel, »und was hast Du hier in unserm Grenzlande zu suchen, wenn Du es weder als Mönch noch als Soldat und Bettler betrittst?« »Ich bin ein Prediger des heiligen Wortes, und dieses Schreiben hier von einem sehr vornehmen Herrn wird Euch über den Grund meiner Anwesenheit unterrichten.« Mit diesen Worten übergab er dem Baron einen Brief, und dieser betrachtete nicht ohne Ueberraschung das Siegel und las mit immer wachsenderer Verwunderung den Inhalt. Dann heftete er einen grimmigen Blick auf den Greis und rief in warnendem Tone: »Du nimmst Dir hoffentlich nicht heraus, mich zu täuschen oder gar zu hintergehen?« »Ich bin der Mensch nicht, der solches im stande wäre,« versetzte kurz der Prediger. Julian trat ans Fenster und las den Brief noch einmal oder stellte sich wenigstens so, denn sein Blick schweifte verstohlen von dem Brief auf den Fremden, wie wenn er den Inhalt mit dem Gesicht desselben vergleichen wolle. Endlich rief er der schönen Frau zu: »Käthe, hol mir doch einmal geschwind den Brief, den Du in dem Kästchen aufheben solltest, weil es mir an einem geeigneten Orte, ihn aufzuheben, fehlte.« Katharina stand schnell auf, und nun wurde jener veränderte Zustand, der einen weiteren Rock und Gürtel forderte, in welchem die Frau eine erhöhte Sorgfalt und Liebe vom Manne zu erwarten hat, noch sichtbarer als bisher. Sie war zwar schnell mit dem geforderten Papiere wieder zur Stelle, aber der ganze Dank, den sie dafür erhielt, bestand in den Worten: »Ich danke Dir, Weib; Du bist ein gewissenhafter Sekretär.« Auch dieses zweite Papier las er mehr denn einmal durch und warf auch während dieser Lektüre von Zeit zu Zeit einen vergleichenden Blick auf den Prediger, der aber trotz aller Gefahr seiner Lage die Ruhe wahrte, wie bisher, und vor dem Geierblick des Barons unentwegt standhielt. Zuletzt faltete der Baron die Papiere zusammen und schob sie in die Rocktasche. Dann sagte er mit einem fröhlichen Anstrich zu seiner Gefährtin: »Käthe! ich habe den guten Mann verkannt; ich habe ihn für einen von den römischen Faulpelzen gehalten, aber er ist ein Prediger von ... von der neuen Lehre der Kongregation.« »Von der Lehre der heiligen Schrift,« erwiderte der Prediger, »die geläutert worden ist durch menschliche Erfindungen.« »Ja, so ist wohl die Bezeichnung,« antwortete Julian von Avenel, »meinetwegen nenne es, wie es Dir beliebt! mir ists recht, weil wir dadurch die albernen Träumereien von Heiligen, Engeln oder Teufeln los kriegen, und die mönchischen Tagediebe überflüssig werden, die uns mit ihren Leichenmessen und Opfern und Zehnten das Geld aus der Tasche und mit ihren zehn Geboten und Psalmen den Mut aus dem Herzen holen! Die neue Lehre räumt ja auf mit all dem Kram von Taufen und Bußen und Beichten und Ehen, und was es an sogenannten Sakramenten sonst noch gibt!« »Mit Verlaub,« sagte Warden, »nicht gegen die Grundlehren der Kirche kämpfen wir, sondern gegen die Verderbnis der Kirche; nicht abschaffen wollen wir die Grundlehren, sondern vielmehr festigen.« »Ruhig, Pfaffe!« rief der Baron, »uns Laien ists ganz gleichgültig, was Ihr macht und wie Ihrs macht. Unser Beruf ists, die Welt von oben nach unten zu kehren, denn wenn alles drunter und drüber geht, dann leben wir am lustigsten.« Warden wäre ihm die Antwort hierauf wohl kaum schuldig geblieben, aber der Baron ließ ihm keine Zeit dazu, sondern schlug mit dem Dolch auf den Tisch und rief: »Heda, ihr langsamen Schufte! tragt das Essen auf! Seht Ihr denn nicht, daß der fromme Mann ganz ausgehungert ist? Habt Ihr je von einem Pfaffen gehört, der nicht fünfmal am Tage gefuttert hätte?« Die Diener brachten mehrere dampfende Schüsseln herein, in denen große Stücke Rindfleisch, teils gebraten, teils gekocht, lagen, aber ohne alle Zutat, ohne Gemüse sowohl als Brot, bloß ein paar Haferkuchen wurden in einem Korbe auf die Tafel gesetzt. Der Ritter hielt es für angemessen, sich bei Heinrich Warden deshalb zu entschuldigen. »Ihr seid von jemand, den wir außerordentlich achten und schätzen, unsrer Fürsorge empfohlen, Herr Prediger, da dies nun doch einmal Euer Titel ist,« sagte Julian von Avenel. »Ich bin der Zuversicht, daß der edle Lord ...« sagte Warden. »Pst, pst!« fiel ihm der Ritter in die Rede, »was brauchen Namen genannt zu werden? Wir verstehen einander ja doch! Ich wollte bloß erwähnen, daß er Euch unsrer Hut empfiehlt. Nun, was diesen Punkt anbetrifft, so braucht Ihr ja bloß auf unsre Mauern und auf den See um unsre Burg herum zu blicken; aber der Lord legt uns auch ans Herz, für Eure Bequemlichkeit zu sorgen. Und da muß ich Euch denn sagen, daß wir selbst kein Korn bauen, und daß sich Mehlsäcke aus dem Süden nicht so leicht wegschaffen lassen wie Rindvieh, denn Rindvieh hat Beine und läßt sich treiben, und Mehlsäcke wollen geschleppt sein. Aber einen Becher Wein sollst Du haben, Pfaffe, und sollst auch zwischen mir und meiner Käte obenan am Tische sitzen. Du aber, Christie, nimmst den jungen wilden Schößling in die Schere, verstehst Du? Es soll ihm an nichts fehlen; laß Dir vom Kellermeister auch eine Flasche vom besten für ihn geben.« Der Baron nahm seinen gewohnten Platz zu oberst der Tafel ein, Frau Käthe saß weiter unten, zeigte aber dem Gaste höflich einen Platz zwischen ihnen. Warden jedoch weigerte sich, trotz Durst und Hunger, der Aufforderung Folge zu leisten. Siebentes Kapitel. Julian Avenel nahm mit Erstaunen wahr, daß der fremde Greis an der Tafel nicht Platz nehmen wollte. »Zum Henker!« rief er aus, »haben unsre neumodischen Pfaffen etwa auch Fastenzeit? Fast möcht ich drauf wetten. Unsre alten Schwarzkittel überließen solche Faxen den Laien, fraßen sich selbst aber die Hucke voll.« »Wir kennen dergleichen Gesetze nicht,« erwiderte der Prediger. »Unser Glaube schreibt keine Fastenzeit vor; aber wenn wir fasten und Buße tun, dann zerreißen wir nicht unsre Kleider, wohl aber unsre Herzen.« »Gut für Euch, doch schlimm für Euren Schneider,« erwiderte der Baron; »nun aber komm her und setz Dich! Mußt Du uns aber von Deinem Amt ein Pröbchen geben, dann murmle Deinen Spruch her!« »Herr Baron,« versetzte der Prediger, »ich bin in fremdem Lande, wo man weder mein Amt noch meine Lehre kennt, ja, wo beide, wie es scheint, falsch aufgefaßt und mißverstanden werden. Mir liegt die Pflicht ob, mich so zu benehmen und so zu verhalten, daß die Würde meines heiligen Herrn in meiner Person, so unwürdig sie auch sein mag, geachtet werde, und daß die Zügel der Ordnung nicht erschlaffen und die Sünde sich nicht überhebe und breit mache.« »Laß das! laß das!« erwiderte der Baron; »Du bist hierher geschickt worden um Deiner Sicherheit willen, aber wohl nicht, damit Du mir die Moral liest oder den Aufseher über mich spielst. Was hast Du, Pfaffe, denn im Sinn? Laß nicht außer acht, daß Du mit einem Manne sprichst, der nicht viel Geduld hat, dem jede Minute, die ihm seinen Genuß verkürzt, leid tut.« »Nun, dann seien wir kurz!« erwiderte in strengerem Tone der Prediger ... »diese Frau hier ...« »Was willst Du von der Frau?« fuhr der Baron grimmig auf, »was willst Du von dieser Dame wissen?« »Ist sie Deine Hausfrau?« fragte der Prediger nach kurzem Schweigen, nach dem passendsten Ausdruck auf der Suche zur Bezeichnung dessen, was er zur Sprache bringen wollte, »ist sie Dein Eheweib?« Die unglückliche junge Frau bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, wie wenn sie versuchen wollte, die Röte ungesehen zu machen, die ihr in die Wangen schoß, aber die durch ihre schmalen Finger hervorbrechenden Tränen verrieten ihren Schmerz sowohl als ihre Scham. »Bei meines Vaters Asche!« schrie der Baron, aufspringend und seinen Schemel mit solcher Gewalt von sich wegstoßend, daß er bis an die entgegengesetzte Seite des Zimmers flog ... aber ebenso schnell tat er seinem Grimm Einhalt und rief lachend: »Was soll ich mich um eines Narren willen aufregen?« Dann setzte er sich wieder und erwiderte kalt und voll Verachtung: »Nein, Pfaff, oder Herr Prediger, Katharina ist mein Eheweib nicht, ... hör doch auf, albernes Weib, mit Deinem Geflenne ... aber versprochen sind wir zusammen, und dadurch ist sie grade so gut mein rechtschaffnes Eheweib, als wenn wir zusammen vor dem Altar gestanden hätten.« »Versprochen?« wiederholte Heinrich Warden. »Weißt Du, frommer Mann, denn nichts von diesem Brauch?« erwiderte Julian Avenel im gleichen höhnischen Tone. »Na, dann will ich Dir es sagen. Paß auf! Wir Grenzer sind vorsichtigere Leute als Eure Bauern drin im Lande von Fife und Lothian. Wir tappen nicht gern im Dunkeln und schmieden uns nicht gern früher Fesseln, als bis wir wissen, daß sie uns auch sitzen ... und darum nehmen wir uns auch ein Weib erst auf Probe, genau so, wie wirs machen mit unsern Pferden. Wenns bei uns heißt, es haben sich zwei Leute zusammen versprochen, so heißt das, daß sie zusammen eins geworden sind, es auf ein Jahr lang mit dem Ehestande zu probieren. Ist dies Jahr vorbei, dann kann das Paar wieder auseinander gehen oder weiter zusammen bleiben, in welch letzterm Falle aber dann in der Regel die priesterliche Kopulation eintritt. So, nun wißt Ihr, was bei uns unter versprochen bei den Eheleuten zu verstehen ist.« »Dann darf ich Dir, edler Baron,« versetzte der Prediger, »aus Bruderliebe und um Deines Seelenheiles willen nicht verbergen, daß dies ein heidnischer, roher, verderblicher Brauch ist, denn er bindet Dich, den stärkern Teil, an den schwächern Teil, das Weib, bloß so lange, als Du Befriedigung bei ihr findest für Deine Begierden, und gibt dem tierischen Triebe alles, während für die edle, zarte Neigung nicht das geringste Recht verbleibt. Wer aber solches Band zerreißen, wer ein beschimpftes Weib mit seinem hilflosen Sprößling im Stiche lassen kann, der ist schlimmer als ein Raubvogel, denn der Raubvogel bleibt doch mit seinem Weibchen, wenigstens so lange zusammen, bis die Nestlinge ausfliegen können. Vor allem aber sage ich Dir, solcher Brauch ist der Christenlehre vollständig zuwider, denn sie gesellt das Weib dem Manne in Freud und Leid für alle Zeit, nach dem Worte der heiligen Schrift, als Balsam für seine Leiden, als Helferin in seinen Mühen, als Freundin in seiner Trübsal, nicht aber als Spielzeug für müßige Stunden, oder wie eine Blume, die er nach Laune und Belieben aus der Hand werfen kann, wenn er sie abgebrochen hat von ihrem Stengel.« »Eine recht tugendsame Predigt, Pfaffe,« erwiderte der Baron, »fein ausgeklügelt und mit unvergleichlichem Geschick vorgetragen, obendrein vor exquisiter Gemeinde! Nun aber ein paar Worte meinerseits, Pfaffe! Meinst Du etwa, Du habest einen Esel vor Dir? meinst Du, ich wüßte nicht, daß Deine Sekte bloß um deswillen vom Heinz Tudor im Lande gelitten worden ist, weil Ihr ihm dazu verholfen habt, von seiner Käthe loszukommen? Ei, und warum sollte ich der gleichen christlichen Freiheit mich nicht ebenso bedienen dürfen? Also kein Wort mehr von dem Kram! setz Dich an den Tisch und stopf Dir den Schnabel! Im übrigen scher Dich nicht weiter um Geschichten, die Dich keinen Dreck angehen. In Julian Avenel hast Du keinen Strohkopf vor Dir, der sich ein X für ein U machen ließe.« »Für sein U hat der sich selbst sein X gemacht,« erwiderte der Prediger kühn, »denn kann er die arme Genossin seiner häuslichen Sorgen jetzt noch zum Range einer reinen unbefleckten Hausfrau erheben? kann er das Kind freimachen von dem Jammer, daß es sein Dasein einer Mutter verdankt, die einen Fehltritt auf dem Gewissen hat? Freilich, er kann sich die Frau nachträglich antrauen lassen und zu seiner rechtmäßigen Gattin machen, er kann den Sohn zu seinem rechtmäßigen Kinde erklären lassen; aber das kann er nicht ändern, daß an dem Weibe und an dem Kinde in der öffentlichen Meinung ein Flecken haftet. Und doch, Baron, unterlaß nicht, dem Weibe und dem Kinde diese letzte, wenn auch noch unvollkommne Gerechtigkeit anzutun! Befiehl mir, Euch ehelich zusammen zu tun, aber feiert das Fest Eurer Hochzeit nicht mit Festlichkeit und Schmauserei, sondern mit Herzeleid und Trübsal über begangne Sünde und mit dem Vorsatz, hinfort ein besseres Leben zu führen. Dann kann ich sagen, daß mich ein glücklicher Zufall in diese Burg geführt hat, wiewohl ich den Fuß in sie setzte als ein vom Unglück verfolgter Mann, der nicht weiß, wohin er sich wenden solle!« Vielleicht zum ersten Male in seinem ganzen Leben hatte der wilde Baron, der gewohnt war, alles Gesetz zu verhöhnen und allen Zwang religiösen und sittlichen Gebots zu verwerfen, die Empfindung, daß er sich vor einem höhern Geiste als dem seinen beugen müsse. Stumm und unschlüssig saß er auf seinem Schemel, schwankend zwischen Zorn und Scham und niedergedrückt durch die Wucht gerechten Tadels, der ihm mit solcher Festigkeit und Kühnheit ins Gesicht geschleudert wurde. Das unglückliche schöne Weib aber meinte, Schweigen und Unschlüssigkeit ihres Tyrannen so deuten zu dürfen, als fühle er sich zur Nachgiebigkeit gestimmt. Und Furcht und Scham außer acht setzend, heftete sie die Augen bittend auf ihn und rückte näher und näher zu seinem Sitze heran, bis sie endlich die Hand auf seinen Mantel legen konnte. Sie tat es zitternd und bebend, und zitternd und bebend sprach sie leise zu ihm: »Ach, edler, edler Julian! leih den Worten des guten Mannes Herz und Ohr!« Aber Wort und Bewegung der schönen Frau waren übel angebracht und bewirkten in seinem harten Gemüte das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollten. Ingrimmig fuhr der Ritter empor und schrie die Frau an: »Was? Verrückte Vettel! hast Dich wohl mit dem Landstreicher unter einen Hut gesteckt, mich in meinem eignen Hause zu schmähen? Hinweg mit Dir! und laß Dir gesagt sein, daß Julian Avenel gefeit ist gegen alle Heuchelei, mag sie vom Manne oder vom Weibe kommen!« Bleich wie der Tod fuhr das arme Wesen zurück und suchte seinem Befehle Folge zu leisten, aber ehe sie die Tür gewonnen hatte, verließen sie die Kräfte, und sie schlug auf den steinernen Boden nieder. Das Blut rann ihr von der Stirn, und Halbert Glendinning, außer stande, solche schändliche Szene länger mit anzusehen, sprang von seinem Schemel und fuhr mit der Hand nach seinem Schwert; aber Christie von Clinthill erriet sein Vorhaben und hielt ihn fest. Avenel war selbst schwer betroffen über die Folgen seiner Heftigkeit, eilte zu der schönen Frau hin, hob sie vom Boden auf und sprach ihr auf seine Weise Trost zu. »Sei doch bloß ruhig, Du einfältige Närrin!« sprach er, »wahrlich, Käthe, wenn ich auch dem zudringlichen Pfaffen kein Gehör schenke, so könnte am Ende doch sich was zwischen uns im Sinne seiner Worte ereignen, falls Du mir einen Jungen bescheren solltest. Aber nun gut, hörst Du? wisch Dir Deine Tränen ab und laß Deine Weiber kommen! Heda, wo steckt denn die Brut? ... Christie, Rowley, Hutcheon! schleppt die faulen Kanaillen an den Haaren herbei!« Ein halbes Dutzend auf den Tod erschrockner Weiber, mit verstörten Blicken, stürzte in die Halle, um Käthe hinauszutragen, die man ebenso gut ihre Gefährtin hätte nennen können wie ihre Gebieterin. Sie gab kein Lebenszeichen, außer daß sie unter leisem Wimmern die Hand gegen die Seite preßte. Sobald das unglückliche Weib aus der Halle getragen worden war, trat der Baron an den Tisch und goß einen Humpen voll Wein ein. Dann wandte er sich um und rief dem Prediger zu, der von Entsetzen über den Vorfall ergriffen worden war: »Pfaffe, Du hast uns derb zugesetzt, aber da Du mit so wuchtiger Empfehlung zu uns kommst, wollen wir annehmen, daß Du in guter Meinung gehandelt habest. Doch laß Dir noch einmal sagen, wir in unsern Bergen sind ein wilderes Volk als Ihr drunten im Tale. Drum rat ich Dir, laß Dir den alten Sekt schmecken und uns von andern Dingen reden.« »Ich bin gekommen, Euch zu befreien von böser Leidenschaft ...« hub der Prediger wieder an. Aber ungestüm fiel ihm Avenel in die Rede. »Setz Dich!« schrie er, »oder bei meines Vaters Helmbusch und bei der Ehre meiner Mutter ...« »Wenn er sich jetzt nicht setzt,« flüsterte Christie dem jungen Glendinning zu, »dann gebe ich keine sechs Dreier für seinen Kopf!« »Lord Baron,« nahm Warden wieder das Wort, »Du hast mich aufs äußerste gebracht. Aber das sage ich Dir: lieber werde ich das Licht der Welt einbüßen, als daß ich mich im geringsten dazu verstehen werde, das Licht, dessen Verbreitung Gebot meiner Mission ist, zu verstecken. Gleichwie der heilige Täufer zu Herodes sprach: Es ist nicht recht, daß Du dieses Weib hast, so spreche ich auch, und wenn mich Ketten und Tod erwarten, zu Dir: Es ist nicht recht, Julian Avenel, daß Du dieses Weib hältst!« Von rasender Wut gepackt über die feste, entschiedne Art, wie der Prediger zu ihm sprach, schleuderte Julian den Becher, mit dem er dem Gaste hatte zutrinken wollen, in die Ecke. Sein nächster Griff war nach dem Dolch an seiner Seite. Aber er besann sich ebenso schnell eines andern und schrie mit Donnerstimme: »Heda! Ihr da, in den Kerker mit dem frechen Wicht von Landstreicher! Und daß mir niemand das Wort für ihn einlegt! Wenn sich der Heuchler nicht gutwillig wegführen läßt, denn schleppt ihn weg!« Ohne die geringste Furcht und ohne das leiseste Zeichen von Widerstand ließ sich Heinrich Warden von den beiden Trabanten, die sich auf ihn stürzten, wegführen. Dann schritt Julian Avenel in düsterm Schweigen noch ein paarmal durch die Halle, dann winkte er einen seiner Trabanten zu sich heran, flüsterte ihm einen Auftrag zu und setzte sich hierauf wieder an die Tafel. »Diese Hundsfotte von Pfaffen, die sich in alles mischen, machen uns, beim Henker! schlimmer, als wir ohnehin schon sind!« In diesem Augenblick kam der Trabant wieder herein, und der Bescheid, den er ihm brachte, schien sein erregtes Gemüt zu besänftigen; und nun forderte er auch die Dienerschaft auf, ihre Plätze wieder einzunehmen. Alle kamen der Aufforderung schweigend nach und fingen an zu essen. Christie gab sich alle Mühe, seinen jugendlichen Kameraden zum Zechen zu animieren, aber nicht einmal sprechen mochte Halbert. Er sagte, er sei müde, und wolle nichts andres genießen, als ein bißchen Heidelbeermeth, der damals das gewöhnliche Tischgetränk für die Dienerschaft bildete. Er bat auch Christie bald, ihn in seine Kammer zu bringen, und dieser ließ sich nach einiger Zeit bereit finden, ihm seinen Wunsch zu erfüllen; aber nie mag wohl ein Korporal von einem Werbekommando schärfer aufgepaßt haben, daß ihm ein Mann, den er »auf dem Rohre« hat, nicht entrinne, als Christie von Clinthill auf Halbert. Zwar brachte er Halbert in eine Kammer, die nach der Seeseite hin lag; aber ehe er den Fuß wieder hinaus setzte, unterließ er nicht, das äußere Gitter vorm Fenster nachzusehen und den Schlüssel zweimal im Schlosse umzudrehen. Halbert erkannte hieraus, daß man nicht gewillt sei, ihn ruhig seines Weges vom Schlosse weiter ziehen zu lassen. Er hielt es jedoch für klüger, diese Wahrnehmung, so beängstigender Natur sie für ihn war, für sich zu behalten. Doch schwächte die Empfindung, daß er selbst sich als Gefangenen dieses wilden Häuptlings anzusehen habe, seine Teilnahme am Schicksal seines Leidensgefährten in keiner Weise ab; vielmehr nahm er sich vor, der Unerschrockenheit desselben nachzueifern und sich weder durch Drohungen noch Leiden in die Dienste eines solchen Mannes zwingen zu lassen. Sein nächster Gedanke war, zu untersuchen, welche Aussicht sich ihm für Flucht böte. Er eilte an das Fenster und sah, daß die Kammer, in der man ihn untergebracht hatte, nicht im ersten Stockwerk der Burg und nicht so weit entfernt von dem Felsen, auf dem sie erbaut war, lag, daß ein behender, kühner Mann sich nicht auf ein Felsstück unmittelbar unter dem Fenster hätte schwingen können, von wo aus es nicht unmöglich sein konnte, in den See hinunter zu klettern oder zu springen, dessen helle, blaue Flut sich in dem stillen Lichte des Sommervollmondes vor seinen Augen dehnte. Wenn aber auch das Fenster groß genug war, um einem Menschen Durchgang zu gewähren, so schienen doch die Eisenstäbe des Gitters ein unbezwingliches Hindernis zu bieten. Als Glendinning jetzt zum Fenster hinausblickte, drangen von unten herauf Laute an sein Ohr, an denen er die Stimme des Predigers erkannte, der eben seine Andacht verrichtete. Der Plan, sich mit ihm in Beziehung zu setzen, reifte auf der Stelle in ihm, aber ebenso schnell sagte er sich, daß ihm kein andres Mittel dazu verfügbar sei, als die eigne Sprache, und so wagte er endlich, den Prediger laut beim Namen zu rufen. Er erhielt auch schnell die Antwort von unten herauf: »Bist Du es, mein Sohn?« Warden hatte sich der kleinen Oeffnung genähert, die seinem Kerker, freilich in sehr geringem Maße, Licht und Luft zuführte und grade zwischen Mauer und Fels befindlich war, und zwar ziemlich unmittelbar unter Halberts Kammer, so daß es den beiden Kameraden möglich war, sich leise zusammen zu verständigen. Halbert flüsterte nun dem Prediger zu, daß er sich mit der Absicht zu entfliehen trage, und daß es ihm recht wohl möglich erscheine, diese Absicht auch auszuführen, sobald es ihm gelänge, das Gitter zu ...« »Probiere es, mein Sohn,« fiel ihm Warden in die Rede, »ob es Deiner Stärke gelingen kann, es zu bezwingen.« Halbert leistete diesen Worten Folge, jedoch mehr infolge der Verzweiflung, die ihn erfüllte, als von der Hoffnung getrieben, daß es ihm gelingen werde. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Gitterstab, an dem er seine Kraft zuerst versuchte, mitten durchbrach und die obere Hälfte, wahrscheinlich weil die Fugen gelockert waren, ihm entgegen rutschte. »Beim Himmel!« flüsterte er dem Prediger zu, »der Gitterstab hat nachgegeben.« »Sage dem Himmel Dank, mein Sohn,« versetzte Warden aus seinem Kerker, »statt bei ihm zu schwören.« Halbert zwängte sich nun durch die auf so wunderbare Weise entstandne Oeffnung und ließ sich an dem ledernen Gurte seines Schwertes wie an einem Seile nieder auf das Felsstück; gleich darauf öffnete sich das Fensterloch in dem Verließe des Predigers. Dieses aber ließ sich nicht zu einem Durchschlupf erweitern, denn es war nicht viel breiter, als eine Schießscharte für Musketen zu sein brauchte, und hatte wahrscheinlich auch nur die Bestimmung einer solchen. »Läßt sich Eure Rettung auf keine Weise bewerkstelligen?« fragte Halbert den Prediger. »Ich wüßte nicht, wie sie sich bewerkstelligen ließe,« antwortete Warden, »indessen steht es in Deiner Macht, mich zu retten.« »Ich werde es an ernstlichem Bemühen nicht fehlen lassen,« versetzte Halbert. »Gib diesen Brief hier auf Deinem Wege nach Edinburg dem Anführer der Reiterschar, der Du begegnen wirst. Sie ist auf dem Ritte nach dem Süden begriffen, und Du kannst sie unmöglich fehlen. Benachrichtige den Anführer von der Lage, in der ich mich befinde, und es kann wohl geschehen, daß die Begegnung mit dem Herrn zu Deinem Glück ausschlägt.« Als er Halbert den Brief durch die enge Oeffnung gereicht hatte, setzte er hinzu: »Und nun, mein Sohn, ziehe mit dem Segen Gottes weiter und vollende das Werk, das er mit seiner unendlichen Güte in die Wege geleitet hat.« »Amen!« sprach Halbert und schritt ohne weiteres Säumen zur Ausführung seines Planes. An dem Felsen hinunter zu klimmen bis zum Seespiegel, erschien ihm bei der herrschenden Finsternis zu gefahrvoll; er besann sich deshalb schnell eines andern und schlug die Hände über den Kopf, um mit einem kühnen Sprunge von dem Felsen in den See hinunter zu tauchen. Das Wasser schlug hoch über ihm zusammen, aber solcher Uebung gewohnt, tauchte er wie ein Wasserhuhn wieder empor und schwamm, wenngleich das Schwert ihn hinderte, mit kräftigen Stößen in nördlicher Richtung durch den See. Am Lande angelangt, warf er noch einen Blick nach der Burg zurück. Da ward er inne, daß dort Lärm entstand; er hörte, wie die Zugbrücke niedergelassen wurde, dann Pferdegetrappel über den Damm hinüber, dann sah er, wie die Fenster eins nach dem andern hell wurden. Aber vor einer Verfolgung in der Finsternis hatte er wenig Bange, er wand das Wasser aus den Kleidern, watete durch den Morast, der sich zwischen dem Seeufer und der Heide dehnte, und eilte, vom Polarstern geleitet, in nordöstlicher Richtung von dannen. Achtes Kapitel. Im Turme von Glendearg war es mittlerweile auch seltsamlich hergegangen. Das Mittagessen war mit aller Sorgfalt hergerichtet worden. Die Witwe war hierbei von Tibb und Mysie eifrig unterstützt worden. »Ob sie wohl bald wieder da sein werden?« fragte Frau Elspath nach einer Weile. »Du warst doch vorhin draußen, Mysie?« »Freilich, aber ich hab bloß nach der jungen Lady geguckt, die ist nicht recht wohl und hat sich hingelegt.« »Aber Ihr wart doch auch am Brunnen,« sagte die Tibbie. »Habt Ihr auch dort nichts gesehen?« »Nicht das geringste,« antwortete Mysie; »wären sie auf der Rückkehr, hätt man die weiße Feder des englischen Ritters doch über dem Buschwerk sehen müssen.« »Dem Englischen seine weiße Feder?« fragte Frau Glendinning; »Du einfältiges Ding Du! da sieht man doch früher von meinem Halbert den Kopf, als von dem kleinen Gernegroß die Feder! und wenn sie auch noch so weiß ist!« »Na, wenn sie nicht bald wieder da sind, dann müssen sie eben alles essen, wie es ist,« sagte die Tibbie; »der Küchenjunge kann ja kaum noch den Spieß drehen. Geh, Junge, schöpf ein bißchen Luft! ich will den Spieß so lange drehen, bis Du wieder da bist.« »Lauf auf die Zinne hinauf, Bursche,« sagte Frau Glendinning, »dort ist die Luft frischer als drinnen vorm Tore. Halt Ausschau und sag uns, wenn mein Halbert mit dem Ritter ins Tal hinunter kommt.« Der Knabe blieb so lange, daß die Tibbie es bitter bereute, ihn weggeschickt zu haben. Endlich kam er aber mit dem Bescheide wieder, daß nicht das geringste sichtbar sei, so weit man sehen könne. So verging unter allerhand Mutmaßungen darüber, was die Jäger wohl aufhalten möge, die Zeit bis etwa zur vierten Stunde. Die Turmleute hatten hastig ein paar Bissen zu sich genommen, alles aber so weit zugerichtet, daß das Essen jederzeit aufgetragen werden konnte. Da kam statt der erwarteten Jäger ein andrer Besuch, und zwar einer, dessen man sich am allerwenigsten versehen hätte, der Unterprior Pater Eustachius. Der Auftritt vom vorigen Tage war ihm nicht aus dem Sinne gekommen, das Schicksal der Familie zu Glendearg ging ihm sehr zu Herzen, zudem mußte der Klosterbrüderschaft daran liegen, daß es zwischen Sir Piercie Shafton und dem jungen Glendinning nicht zu einem ernstlichen Konflikte käme, denn alles, was die Aufmerksamkeit der äußern Welt auf den Ritter lenken konnte, mußte dem Kloster unfehlbar zum Nachteil sein, das sich ohnehin von schwerer Gefahr bedroht sah. Der Prior traf die Familie in der Halle beisammen, bloß Mary Avenel fehlte, und nun erst erfuhr er, daß Halbert Glendinning mit dem Ritter auf die Jagd gegangen sei, daß sie aber noch nicht zurückgekehrt seien. Zu Beunruhigung konnte dies aber kein sonderlicher Anlaß sein, denn wann pflegten Jugend und Weidwerk sich an Zeit und Stunde zu binden? ... Der Prior ließ sich mit Edward in ein Gespräch ein über die Fortschritte, die er letzterzeit in seinen Studien gemacht habe, und dieses Gespräch mochte wohl ein halbes Stündchen gedauert haben, als aus dem Zimmer, das von Mary Avenel bewohnt wurde ein lauter Schrei ertönte. Alles stürzte erschrocken dorthin. Mary lag ohnmächtig in den Händen des alten Martin, der sich in herbem Schmerz anklagte, Ursache zu ihrem Tode geworden zu sein. Und es sah auch wirklich ganz danach aus, als ob der Tod hier Einkehr gehalten habe, denn die junge Dame lag starr auf dem Boden, alle Farbe war aus ihrem Antlitz gewichen und ihre Augen waren geschlossen. Edward trug sie an das Fenster, um die frische Luft auf sie wirken zu lassen. Der Prior, der, wie viele seiner Amtsbrüder, einige Kenntnisse in der Heilkunde hatte, suchte soviel wie möglich zu helfen, und die erschrocknen Frauen suchten, während sie sich dabei oft hinderlich wurden, allerhand Weisen vor, die Dame wieder zu sich zu bringen. »Das ist wieder einer von den vielen Geistern gewesen, die in ihr das Wesen treiben,« meinte Frau Glendinning. »Sie zittert genau so am Leibe, wie manchmal auch ihre selige Mutter,« bemerkte die Tibbie. »Sie muß wohl eine schlimme Neuigkeit gehört haben,« meinte die Müllerstochter; indes die Weiber mit gebrannten Federn und kaltem Wasser versuchten, die stockenden Lebenskräfte wieder in Gang zu bringen, jedoch ohne sichtlichen Erfolg. Da tauchte ein neuer Helfer auf der Bildfläche auf, und zwar kein andrer, als Sir Piercie Shafton, der unbemerkt an die Gruppe herangetreten war. »Ei, ei,« hub er in seiner gewohnten Weise an, »was geht denn mit Euch vor, meine allerhuldvollste Protektion? Welche Ursache hat den roten Strom des Lebens zur Zitadelle des Herzens zurückgejagt, wo er doch hätte ewig weilen sollen? Tretet hinweg und laßt mich zu ihr!« sprach er. »Diese Krone aller Essenzen, destilliert von der göttlichen Urania, besitzt die Kraft, das entweichende Leben zu bannen, selbst wenn es schon im Scheiden begriffen ist.« Mit diesen Worten kniete Sir Piercie Shafton neben der in Ohnmacht liegenden Dame nieder, um ihr ein zierliches Büchschen unter die Nase zu halten, das ein mit der so hochgepriesenen Essenz getränktes Schwämmchen enthielt. Jawohl, mein lieber Leser, es war Sir Piercie in Person, der so gänzlich unvermuteterweise hier seine Dienste anbot! Wohl waren seine Wangen bleich und seine Kleidung stellenweis von Blut befleckt, im übrigen zeigte sein Aussehen und seine Haltung jedoch keinen Unterschied gegen sonst. Aber kaum hatte Mary Avenel die Augen aufgeschlagen, kaum einen Blick auf die Gestalt des dienstfertigen Höflings geheftet, als sie von einer neuerlichen Ohnmacht befallen wurde und jählings wieder zurück sank. Dann machte wieder ein heftiger Aufschrei ihrem beklommenen Busen Luft, dann richtete sie sich empor und schrie mit schrecklicher Stimme: »Haltet ihn fest; den Mörder! den Mörder Halbert Glendinnings!« Wie versteinert stand die ganze Gruppe da, keiner aber war mehr von Entsetzen geschlagen als der Schönredner selbst, der sich so jäh und so seltsamerweise von der ohnmächtigen Dame unter so schwere Anklage gestellt sah, während er sich doch so eifrig bemüht hatte, ihr Hilfe zu bringen. »Hinweg mit ihm!« schrie sie wieder, »hinweg mit dem Mörder!« »Nun, bei meiner Ritterschaft,« nahm Sir Piercie wieder das Wort, »die herrlichen Gaben Eures Geistes wie auch die köstlichen Vorzüge Eures Leibes, o, meine schönste Protektion, sind von wunderlicher Verblendung umnebelt, denn entweder erkennen Eure Augen nicht, daß Sir Piercie Shafton, Eure alleruntertänigste Affabilität, hier vor Euch steht, oder Euer Geist zieht, falls Eure Augen mich erkennen, ganz irrige Folgerungen und beschuldigt jemand, dessen Hände rein sind, eines grausen Frevels. Nein, meine so maßlos erzürnte Protektion, es ist kein Mord heute verübt worden, als höchstens der, den eben Eure bösen Blicke an Eurem untertänigsten Gefangnen begehen.« In seinem Redefluß wurde er aber jetzt von dem Pater Eustachius unterbrochen, der inzwischen sich mit dem alten Diener Martin unterhalten und von demselben Kunde bekommen hatte, durch welche unvermutete Mitteilung Mary von Avenel in diesen erregten Zustand versetzt worden war. In feierlichem Tone und mit auffälliger Langsamkeit sprach derselbe: »Herr Ritter, es sind so ungewöhnliche Dinge mir zu Ohren gebracht worden, daß ich mich, ohne Rücksicht darauf, daß Ihr der Gast unsrer ehrwürdigen Gemeinschaft seid, gezwungen sehe, darüber eine Erklärung von Euch zu verlangen. Ihr habt heut morgen diesen Turm verlassen in Gesellschaft eines Jünglings, des ältern Sohnes dieser wackern Frau, und kehrt nun ohne ihn zurück. Wo habt Ihr Halbert Glendinning gelassen, und wann habt Ihr ihn verlassen?« Der englische Ritter schwieg einen Augenblick. Dann antwortete er: »Es muß mich Wunder nehmen, daß Euer Ehrwürden solch ernsten Ton anschlagen, um solch belanglose Frage zu stellen. Ich habe mich ein paar Stunden nach Sonnenaufgang von Halbert Glendinning getrennt.« »Und wo, wenns beliebt?« fragte der Pater weiter. »In einer tiefen Schlucht, in der am Fuß eines mächtigen Felsens eine Quelle entspringt,« hub der Ritter an, »ein erdgeborner Titan, der sein graues Haupt erhebt ...« »Erspart uns die weitre Schilderung,« versetzte der Pater,«denn wir kennen die Oertlichkeit. Von dem Jüngling ist seitdem aber nichts mehr vernommen worden, und an Euch ist es nun, Rechenschaft über ihn zu geben.« »Mein Sohn, mein Sohn!« schrie jetzt Frau Glendinning auf, »jawohl, heiliger Vater, fordert Rechenschaft von dem Schelm über mein Kind!« »Ich schwöre bei Brot und Wasser, den Stützen unsers Lebens, gute Frau ...« hub der Ritter wieder an. »Schwöre bei Wein und Semmel,« rief Frau Glendinning, »denn das sind Deines Lebens Stützen, Du verhungerter Mann aus dem Süden! So ein Hundsfott von Fresser kommt zu uns ins Haus, verlangt die besten Bissen, räsonniert noch, daß ihm nichts fein genug sei, und während wir das unsrige tun, ihm sein Leben zu erhalten, tut er das Seinige, uns nach dem Leben zu trachten!« »Ich sage Euch doch, Frau,« erwiderte Sir Piercie, »ich bin mit Eurem Sohne einfach auf die Jagd gegangen.« »Für unsern armen Jungen ist es eine traurige Jagd geworden,« bemerkte Frau Tibbie; »ich habe doch gleich gesagt, als ich den falschen Mann aus dem Süden gesehen habe, daß von dem nichts Gutes zu erwarten stehe. Wann hats wohl eine gute Jagd gegeben, sobald ein Piercie mit hinauszog?« »Still, Frau,« verwies ihr der Unterprior das Wort, »noch haben wir keine Gewißheit, sondern nur Verdacht ...« »Sein Herzblut gehört uns!« schrie Frau Glendinning, und stürmte so wild auf den Schönredner ein, daß es wohl ein schlimmeres Ende mit ihm genommen hätte, wäre nicht der Pater ihr zusammen mit Müllers Mysie in den Arm gefallen. Edward, der gleich nach der Frage des Paters aus dem Gemache geschritten war, trat jetzt wieder herein, mit dem Schwert in der Faust und gefolgt von Martin und Kaspar, die mit Jagdspeer und Armbrust bewaffnet waren. »Besetzt die Tür!« befahl er seinen beiden Begleitern, »und versucht er durchzubrechen, dann stoßt oder schlagt ihn nieder ohne Gnade! denn beim Himmel, sobald er zu entwischen sucht, so muß er sterben!« »Was hast Du im Sinne?« fragte der Prior; »wie kannst Du Dich so vergessen, gegen einen Gast Gewalt zu brauchen, in Gegenwart von mir, dem Stellvertreter Deines Lehnsherrn?« Mit dem bloßen Schwert in der Faust trat Edward einen Schritt vor und rief: »Verzeiht, ehrwürdiger Vater, hier spricht die Stimme der Natur lauter und gebieterischer als die Eurige. Ich kehre meines Schwertes Spitze gegen diesen Mann und fordre von ihm das Blut meines Bruders, das Blut von meines Vaters Sohne, der unsers Namens Erbe und Träger ist. Weigert er mir Rechenschaft über meines Bruders Verbleib, so soll er meiner Rache nicht entrinnen!« Aber Sir Piercie Shafton, so groß auch seine Verlegenheit war, äußerte doch keine Furcht für sein Leben. »Steck Dein Schwert ein, Jüngling,« sagte er, »an einem Tage schlägt Piercie Shafton sich nicht mit zwei Bauern!« »Höret Ihr es, heiliger Vater?« rief Edward; »er bekennt die Tat.« »Geduld, mein Sohn, Geduld!« sagte der Pater, »besser wirst Du Dir durch meine Vermittelung als durch Deine Gewalttätigkeit Recht verschaffen. Ihr Frauen aber, verhaltet Euch ruhig! Tibbie, führt Eure Herrin und Mary Avenel beiseite!« Als die Frauen aus dem Raume verschwunden waren, forderte der Unterprior den Ritter von neuem auf, alles mitzuteilen, was er über Halbert Glendinnings Verbleib wisse. Edward Glendinning schritt, mit dem Schwert in der Hand, vor der Tür auf und nieder, um jede Flucht unmöglich zu machen. Der Ritter befand sich in einer höchst bedrängten Situation, denn was er vom Ausgange des Zweikampfes mit Bestimmtheit zu erzählen wußte, war für seinen Stolz so empörend, daß er sich zu einem ausführlichen Bericht unmöglich entschließen konnte, zumal er obendrein annehmen mußte, daß man ihm schwerlich Glauben schenken, sondern alles für eine absonderliche Mär, die bloß erzählt werde, um Ausflüchte zu machen, halten werde. Das stand doch um so eher zu erwarten, als er, wie dem Leser ja bekannt ist, von Halberts weiterm Verbleib nicht das geringste wußte. »Ihr könnt doch nicht in Abrede stellen,« nahm der Pater wieder das Wort, weiter in den Ritter dringend, »daß Ihr gestern, wie es den Anschein hatte, von dem Jüngling beleidigt wurdet, aber zu unser aller Verwunderung so tatet, als ginge Euch die Beleidigung nicht nahe. Nun habt Ihr gestern dem Jüngling plötzlich eine Jagdpartie in Vorschlag gebracht und seid mit ihm bei Tagesanbruch in den Wald gegangen. Nun sagt Ihr, Ihr hättet Euch an der Quelle von ihm getrennt, unweit von dem Felsen, und ein paar Stunden nach Sonnenaufgang. Das läßt doch alles Ernstes vermuten, daß Ihr Euch, ehe Ihr auseinander ginget, zusammen geschlagen habt.« »Das ist doch von mir gar nicht gesagt worden,« erwiderte der Ritter. »Wie kann denn bloß solcher Lärm erhoben werden darüber, daß ein Bauer und Leibeigner auf und davon gelaufen ist ... jawohl, das behaupte ich ... um sich der ersten besten Freibeuterschar anzuschließen? Ich, ein Ritter vom Geschlecht der Piercie, soll Euch Rede und Antwort stehen um eines so unbedeutenden Flüchtlings willen? Sagt mir, welchen Preis Ihr fordert für seinen Kopf, und ich will ihn an Euern Bruder Schatzmeister bezahlen, Herr Pater.« »Also räumt Ihr ein, meinen Bruder erschlagen zu haben?« fragte Edward mit drohender Gebärde. »Gut, dann sollt Ihr aus meinem Munde die Antwort vernehmen, wie hoch wir Schotten das Leben eines Blutsverwandten anschlagen.« »Still, Edward, ich bitte Dich darum, und ich befehle es Dir,« nahm der Unterprior wieder das Wort, »Ihr aber, Herr Ritter, denkt besser von uns, als daß Ihr meint, schottisches Blut lasse sich vergießen und dann bezahlen, wie eine Rechnung vom Weinküfer für das, was man bei einem Gelage verschüttet oder getrunken hat. Halbert Glendinning war kein Leibeigner, wie Ihr wohl gewußt habt, und daß Ihr im eignen Vaterlande auch gegen den geringsten Untertan das Schwert nicht zücken dürftet, ohne Euch den Gesetzen verantwortlich gemacht zu haben, das wißt Ihr ebenso gut. Wenn Ihr Euch einbilden wolltet, daß es hierzulande anders sei, würdet Ihr Euch in einem schweren Irrtume befinden.« »Ihr stellt meine Geduld auf eine schwere Probe,« erwiderte der Schönredner, »aber was soll ich Euch sagen können über den Verbleib eines jungen Menschen, den ich seit zwei vollen Stunden nach Sonnenaufgang nicht mehr gesehen habe?« »Aber unter welchen Umständen Ihr ihn verließet, darüber könnt Ihr doch Auskunft geben?« fragte der Pater. »Was für Umstände, zum Henker, sollen denn das sein, die Ihr erklärt haben wollt?« rief der Schönredner heftig; »denn so lebhaften Widerspruch ich auch erheben muß gegen diese ungeziemende Behandlung eines Gastes, so möchte ich doch alles versuchen, diesen Zwist friedlich zu beendigen, sofern er sich durch Worte irgend beendigen läßt.« »So, erkläret mir, Sir Piercie,« drang der Unterprior weiter in ihn, »warum der Boden am Rande der Quelle von Corrinan-Shilan mit Blut getränkt gewesen ist, da Ihr selbst einräumt, Euch dort von Halbert Glendinning getrennt zu haben?« Darauf der Ritter trotzig: »Es sei doch nichts Ungewöhnliches, den Rasen dort blutig zu finden, wo Jäger ein Stück Wild zur Strecke gebracht hätten!« »Und habt Ihr Euer Wild ebenso gut verscharrt, wie Ihr es geschossen habt?« fragte der Mönch. »Wir verlangen Auskunft von Euch, wer in dem Grabe liegt, das neben der Quelle ausgeschachtet worden ist! ... Ihr entrinnt mir nicht, Sir Piercie, wie Ihr wohl seht. Drum rate ich Euch, seid aufrichtig und erzählt uns, was dem unglücklichen Jüngling geschehen ist, dessen Leiche doch sicher unter dem blutgetränkten Rasen ruht.« »Dann müßte ihn grade jemand lebendig begraben haben,« erwiderte Sir Piercie, »denn ich schwöre Euch, heiliger Vater, daß der Bauernbub ganz fidel und munter war, als er sich von mir trennte. Laßt doch das Grab öffnen und durchsuchen, und falls Ihr die Leiche, die Ihr vermutet, darin finden solltet, dann mögt Ihr mit mir schalten nach Belieben.« »Ueber Dein Schicksal zu bestimmen, Herr Ritter, ist nicht meines Amtes, das wird dem hochwürdigen Abt und dem hohen Kapitelstuhle anheimfallen. Mir liegt lediglich die Pflicht ob, die Voruntersuchung des Falles zu führen.« »So möchte ich noch zuvörderst Angeber und Zeugen wissen, die solchen unsinnigen Verdacht gegen mich wachgerufen haben,« sagte Sir Piercie Shafton. »Das wird gleich geschehen,« antwortete der Unterprior, »es soll ja auch nichts Euch vorenthalten bleiben, was Ihr zu Eurer Verteidigung wahrnehmen könnt. Das hier im Turme aufhältliche Fräulein Mary von Avenel hat Euch, weil sie Schlimmes argwöhnte, den alten Martin Tacket nachgeschickt mit dem Auftrage, Unglück, das vielleicht im Werke sei, zu hindern. Indessen scheint Ihr Eurer Leidenschaft sehr schnell die Zügel freigegeben zu haben, denn als der Mann den Platz erreichte, wohin ihn Eure Fußspuren führten, da hat er weiter nichts mehr gefunden als blutigen Rasen und ein zugeworfnes Grab. Er hat noch geraume Zeit nach Euch und dem jungen Glendinning gesucht, aber weder von ihm noch von Euch etwas entdecken können und ist dann, die Erfolglosigkeit weiterer Mühe einsehend, hierher zurückgeeilt, um der Jungfrau, die ihn ausgeschickt hatte, die schmerzliche Kunde zu bringen.« »Hat er denn mein Wams nicht gesehen?« versetzte Sir Piercie Shafton; »denn als ich meine Besinnung wiederfand, da sah ich, daß ich in einen Mantel gewickelt war, aber mein Unterkleid nicht mehr anhatte, wie Euer Ehrwürden sich ja überzeugen können.« Mit diesen Worten riß er seinen Mantel auf, ohne bei der ihm eignen Unvorsichtigkeit daran zu denken, daß er auf diese Weise sein blutiges Hemd zeigte. »Wie? Du grausamer Mensch!« rief lebhaft erzürnt der Mönch, als er diese Bestätigung seines Argwohns wahrnahm, »Du willst Deine Schuld in Abrede stellen und trägst das vergossne Blut an Deinem Leibe? ... Du willst noch leugnen, daß Deine überschnelle Hand eine Mutter ihres Sohnes, unsre Gemeinde eines Vasallen und die Königin von Schottland eines Untertanen beraubt hat? Wessen kannst Du Dich sonst gewärtig halten, als daß wir Dich zum wenigsten, als unsers weitern Schutzes unwert, an England ausliefern werden?« »Bei allen Heiligen!« rief da der Ritter, aufs äußerste drangsaliert, »sofern dieses Blut Zeugnis wider mich ablegt, so ist es rebellisches Blut, denn es ist diesen Morgen noch, so wahr mir Gott helfe, in meinen Adern geronnen.« »Wie sollte dies der Fall sein können, Sir Piercie Shafton?« entgegnete der Mönch; »sehe ich doch keine Wunde an Deinem Leibe, aus der es geflossen sein könnte!« »Das ist die geheimnisvolle Seite dieses Ereignisses,« versetzte Sir Piercie. »Seht hierher!« Sein Hemd aufreißend, wies er die Stelle, die Halberts Schwert getroffen hatte, die jedoch schon vernarbt war und wie eine längst geheilte Wunde aussah. »Das, Herr Ritter, muß meine Geduld erschöpfen,« rief der Unterprior, »denn Ihr fügt zu Gewalttat noch Kränkung durch Spott! Haltet Ihr mich für ein Kind oder für einen Tropf, daß Ihr mir zumutet, ich solle glauben, das frische Blut, das Euer Hemd befleckt, rühre von einer Wunde her, die seit Wochen und Monaten schon vernarbt ist? ... Unseliger Spötter, meinst Du uns dergestalt zu blenden? Laß ab von diesem Lug, denn wir wissen nur allzu gut, daß dieses Blut herrührt von Deinem Schlachtopfer, das in verzweifeltem Kampfe mit Dir rang, und das Du erschlagen hast in unehrlichem Zweikampf.« Der Ritter nahm jetzt einen andern Ton an und wandte sich in ruhigerer Stimmung zu dem Prior: »Ich will offen sein, Pater. Laßt diese Leute so weit zurücktreten, daß sie uns nicht hören, und ich will Euch alles mitteilen, was mir von diesem geheimnisvollen Vorgange bekannt ist. Aber zürnet mir nicht, guter Vater, wenn Euer Beistand es nicht zu deuten vermag, denn ich muß bekennen, daß es für den meinigen zu dunkel ist.« Der Mönch winkte hierauf Edward und den beiden Hörigen, aus dem Gemache zu treten, aber er mußte Edward die Erlaubnis geben, vor der Tür stehen zu bleiben, weil sich derselbe nur unter der Bedingung dazu verstehen wollte, daß er sicher sein könne vor jedem Fluchtversuch des Ritters. Der Mönch versicherte ihm, daß seine Unterhaltung mit dem Gefangnen nur kurz sein werde, und gab ihm die verlangte Erlaubnis. Draußen aber besann sich Edward eines andern und schickte an ein paar Familien des Klosterbannes, deren Söhne mit seinem Bruder und ihm öfter verkehrt hatten, Boten ab mit der Nachricht, daß Halbert Glendinning von einem Engländer erschlagen worden sei, und daß er sie auffordern lasse, sich ohne Aufschub im Turme von Glendearg einzufinden. In solchen Fällen galt die Pflicht der Rache für so heilig, daß Edward keine Sekunde im Zweifel war, sich dieses weitern Beistandes versichert halten zu dürfen. Darauf untersuchte er die Türen des Turms nebst dem Hoftor, und begab sich dann zu den Frauen des Hauses, um sie zu trösten wie auch zu versichern, daß er für den gemordeten Bruder heilige Rache nehmen werde. Neuntes Kapitel. »Wie Ihr wißt, ehrwürdiger Vater,« begann Sir Piercie Shafton die Unterhaltung, »hatte jener Bauernbursche mir in Gegenwart Eures verehrten Obern und Eurer selbst und andrer würdigen Männer, der jungen Dame von Avenel nicht zu vergessen, die ich mit aller Ehrerbietung als meine Protektion bezeichnen darf, eine so bittre Kränkung zugefügt, daß ich mich in Rücksicht auf Zeit und Ort wohl der mir zustehenden Rache auf eine gewisse Zeit enthalten konnte, zuletzt aber zu dem Entschlusse kommen mußte, ihm das Vorrecht eines Ebenbürtigen einzuräumen, ihm also die Eigenschaft der Satisfaktionsfähigkeit zuzusprechen.« »Ihr laßt zwei Umstände dabei unaufgeklärt, Herr Ritter,« fiel ihm der Mönch ins Wort, »erstens, warum das kleine Ding, das der Jüngling Euch zeigte, Euren Grimm in solch maßloser Weise wachrufen konnte, und zweitens, woher der Jüngling, mit dem Ihr doch erst ein paarmal höchstens zusammengewesen sein konntet, von Eurer Vergangenheit so viel wußte, daß er Euch solcherweise zu erregen vermochte?« Der Ritter wurde von tiefer Röte übergossen. »Eure erste Frage, ehrwürdiger Vater,« antwortete er, »möchte ich, als zur Sache nicht gehörig, übergehen, und in betreff der andern beteure ich, daß ich die Mittel und Wege, wie er zu solcher Kenntnis gelangt ist, ebenso wenig begreife wie Ihr selbst, ja daß ich mich fast geneigt fühle zu der Annahme, er müsse es mit dem Satan halten. Indessen davon nachher ein Weiteres. ... Zur Sache denn, Herr Prior! An jenem Abend habe ich, wie es bei uns Kriegsleuten so Brauch ist, meine Absicht hinter allerhand Tändelei mit meiner schönen Protektion versteckt, die für ihre unerfahrenen Ohren köstliche Musik sein mußten. Am Morgen darauf habe ich meinen Gegner getroffen, von dem ich übrigens sagen muß, daß er sich für einen ungehobelten Villaggio so wacker benommen hat, wie man nur eben wünschen kann. . . . Als es nun zum Zweikampfe ging, maß ich den Wert seiner Klinge durch ein Halbdutzend simpler Stöße, und hätt ihn mit einem jeden derselben auf den Rasen strecken können, wenn mir daran gelegen gewesen wäre, mich solch verabscheuenswerten Vorteils zu versichern. Ich dachte statt dessen Gnade für Recht ergehen lassen zu sollen und suchte ihm bloß einen geringfügigen Denkzettel zu erteilen. Er aber häufte, während ich so gelind mit ihm verfuhr, weitere Beleidigungen auf mich und jagte mich in Wut. Ich mache eine Parade, gleite dabei aus, aber nicht durch einen Fehler meiner- oder einen Trick seinerseits, sondern weil, wie gesagt, der Teufel sein Spiel dabei haben mußte, vielleicht den Rasen genäßt oder sonst was angestellt hatte, so daß der Bursche, ehe ich meine Stellung wiedergewinnen konnte, mir das Schwert so entgegenhält, daß ich mit dem Unterleib hineinrenne, und, wie es mir vorkommt, mitten durch gestochen werde. Ganz außer sich über diesen ihm selbst höchst unvermuteten Ausgang unsers Kampfes, reißt der Bursche aus und läßt mich in meinem Blute liegen, so daß ich infolge starken Blutverlusts in Ohnmacht falle. Als ich hierauf endlich wieder zu mir komme, da sehe ich, daß mich jemand in meinen Mantel gewickelt und an den Fuß einer der Birken getragen hat, die unfern von der Quelle in einer Gruppe stehen. Ich drehe mich um und lege meine Hand an die Wunde, ich fühle wenig Schmerz, aber große Schwäche, die Wunde ist, wie ich merke, schon wieder zugeheilt und vernarbt, genau so, wie ich sie Euch vorhin zeigte; ich stehe auf und komme hierher ... und was dann hier noch geschehen ist, das wißt Ihr ja!« »Auf solch seltsame Erzählung, Herr Ritter, kann ich nichts weiter sagen,« antwortete der Unterprior, »als daß es wohl kaum jemand zugemutet werden kann, sie zu glauben.« »Ehrwürdiger Vater,« erwiderte der Ritter, »ich bitte zuvörderst gelten zu lassen, daß ich mich auf eine nochmalige Erörterung dessen, was ich bereits als wahrhaftig verbürgt habe, nur eingelassen habe aus geziemender Rücksicht auf Eure Ordenstracht, und daß ich vor niemand anders als einem Geistlichen oder einer Edeldame oder meinem Landesfürsten einmal Bezeugtes anders als mit der Spitze meines Schwertes bekräftigen würde. Nach dieser Erklärung habe ich bloß noch hinzuzufügen, daß ich meine Ehre als Edelmann und als katholischer Christ zum Pfande dafür setze, daß die Dinge sich genau so zugetragen haben, wie ich sie Euch erzählt habe, und kein Jota anders.« »Das ist gewiß eine feierliche Versicherung, Herr Ritter,« antwortete der Unterprior, »bedenkt aber, daß es doch immer nur eine Versicherung ist, und daß Ihr keinen einzigen Grund dafür nennen könnt, daß man Dinge für wirklich annehmen soll, die aller Vernunft so gerade entgegengesetzt sind. War das Grab, das man auf Eurem Kampfplatze antrifft, bedeckt oder offen?« »Offen,« versetzte Sir Piercie, »ich bin dessen so gewiß, wie wenn ...« »Laßt, bitte, alle Gleichnisse beiseite und gebt acht! Gestern abend war dort noch kein Grab vorhanden, denn der alte Martin ist zufällig auf der Suche nach einem verirrten Schafe, dort vorbeigekommen. Bei Tagesanbruch dagegen ist, nach Eurer Aussage, das Grab ausgeschachtet gewesen, dann hat ein Zweikampf stattgefunden, nur einer der beiden Kämpfer kommt wieder zum Vorschein, und der ist mit Blut befleckt und dem Anschein nach verwundet –-« hier machte Sir Piercie eine Gebärde der Ungeduld – »Nur einen Moment noch, bitte!« sagte der Unterprior, »das Grab ist voll geschüttet, mit Rasen bedeckt ... was läßt sich da anders annehmen, als daß es den Leichnam des andern Kämpfers aufgenommen habe?« »Unmöglich, beim Himmel, ganz unmöglich!« rief der Ritter, »es müßte denn sein, daß der Jüngling sich selbst umgebracht und in das Grab gebettet habe; um mich als seinen Mörder zu brandmarken.« »Das Grab soll nachgesehen werden, sobald der Tag graut,« sagte der Mönch. »Ich selbst will es in Augenschein nehmen.« »Nachdem ich nun hiermit Euer Ehrwürden,« nahm der Schönredner wieder das Wort, »einen vollständigen und ungekünstelten Bericht über alles gegeben habe, was mir in dieser Angelegenheit bekannt ist, überlasse ich es Eurer Weisheit, dasjenige daraus zu entnehmen, was Euch nützlich und verwendbar zu sein scheint. Ich selbst gedenke morgen in aller Frühe mich nach Edinburg zu begeben.« »Ich bedaure, Herr Ritter,« erwiderte hierauf der Mönch, »Euren Plan stören zu müssen, aber es ist nicht gut möglich, ihn zur Ausführung zuzulassen.« »Wie, ehrwürdiger Vater?« rief der Ritter mit der Miene des höchsten Erstaunens, »wenn ich es mir vorgenommen habe abzureisen, dann wird es Wohl möglich sein müssen, zu reisen!« »Ich wiederhole, es wird nicht möglich sein, Euch diesen Plan ausführen zu lassen, so lange wenigstens nicht, bis über die Entscheidung des Lord-Abtes das Nähere bekannt geworden ist.« »Ehrwürdiger Herr,« rief der Ritter, eine Miene höchster Würde annehmend, »ich bin dem Lord-Abt gewiß auf das tiefste verpflichtet, aber in diesem Falle habe ich mit seinem liebwerten Willen nicht das geringste zu schaffen, sondern bin einzig und allein gesonnen, mich nach meinem und nicht nach seinem Willen zu richten.« »Bitte um Verzeihung,« versetzte der Unterprior, »dem Lord-Abt in dieser Angelegenheit vorzugreifen ist durchaus unzulässig.« Sir Piercie Shafton wurde blutrot. »Was?« rief er, »Euer Ehrwürden wollen mich um des eingebildeten Todes eines gemeinen Grobians willen in meiner Freiheit beschränken, mich, einen Verwandten des ritterlichen Geschlechtes der Piercie Shafton?« »Herr Ritter,« erwiderte der Unterprior höflich, aber fest, »Eure hohe Abkunft wird Euch in diesem Falle so wenig nützen, wie Euer wieder aufsteigender Zorn. Ihr hättet hier nicht Zuflucht suchen sollen, wenn Ihr hier bloß Blut vergießen wolltet wie Wasser.« »Ich sage Euch nochmals, daß kein Blut vergossen worden ist,« rief Sir Piercie, »außer meinem eignen.« »Den Beweis hierfür seid Ihr uns aber noch schuldig geblieben,« antwortete der Prior, »und wir von der Klosterbrüderschaft zu Sankt Marien von Kennaqhueir sind nicht gewohnt, schöne Redensarten für das Leben unsrer Vasallen in Tausch zu nehmen.« »Und wir vom Hause Piercie Shafton lassen uns weder Drohungen bieten, noch fügen wir uns Zwangsmaßregeln. Ich wiederhole hiermit, daß ich morgen abreisen werde, geschehe, was wolle!« »Und ich dagegen,« versetzte der Unterprior im gleichen entschiednen Tone, »erkläre hiermit, daß ich Eure Reise verhindern werde, geschehe, was wolle!« »Wer will mich abhalten,« rief der Ritter, »wenn ich mir den Weg mit Gewalt bahne?« »Ihr werdet klug tun,« erwiderte der Mönch gefaßt, »Euch erst reiflich zu überlegen, was Ihr tut, bevor Ihrs tut, denn es fehlt im Klostersprengel nicht an Männern, die ihre Rechte gegen jeden, wahren, der sie anzutasten wagt.« Bei diesen Worten klatschte er in die Hände und rief mit lauter Stimme. Sogleich trat Edward ein in Begleitung von zwei jungen Männern, die sich zufolge seiner Nachricht bereits wohlbewaffnet eingefunden hatten. »Edward,« redete der Unterprior ihn an, »Du wirst den englischen Ritter in diesem Räume hier mit anständiger Kost für die Nacht versorgen, und ihn im übrigen so behandeln, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Aber Du wirst scharfe Wache halten, daß er nicht entkommt. Und sollte er versuchen, Dir Widerstand zu leisten, dann kämpfe mit ihm auf Leben und Tod; doch darfst Du ihm in keinem andern Falle, so gewiß Dich die Verantwortung dafür trifft, ein Haar auf seinem Haupte krümmen.« »Ihr seid mir in jeder Hinsicht ein Vater gewesen, ehrwürdigster Herr,« sagte Edward Glendinning, »und kennt mich gut genug, um zu wissen, daß meine Hand lieber nach dem Buche griff als nach dem Schwerte, und daß der rasche, kühne Geist mir mangelt, welcher das Eigentum mei ...« hier stockte seine Stimme, er schwieg eine Weile, dann fuhr er entschlossen und mit Heftigkeit fort: »Ich wollte sagen, daß ich meinem Bruder nicht gleichkam an Mut und Kühnheit; aber Halbert ist nicht mehr, und ich stehe nun an seiner Statt und meines Vaters Statt als sein Nachfolger in allen seinen Rechten«, – bei diesen Worten sprühten seine Äugen voll Feuer – »und halte mich für verpflichtet, diese Rechte zu wahren und zu schützen, genau so, wie er es getan hätte. Darum bin ich jetzt ein anderer Mensch, ein Mensch, beseelt von höherm Mute und ausgestattet mit bessern Rechten und Ansprüchen. Und als solcher Mensch, ehrwürdiger Vater, erkläre ich Euch, achtungsvoll aber entschieden und unumwunden: hat dieser Mann meines Bruders Blut vergossen, so soll er dafür büßen, denn Halbert soll nicht vernachlässigt in seinem Grabe schlummern, als wäre mit ihm der Geist meines Vaters für immer entwichen. In meinen Adern rollt sein Blut nicht minder, und so lange Halberts Blut ungerochen ist, so lange wird auch das meinige sich nicht beruhigen. Geduldig will ich den Urteilsspruch des Abtes und der Klosterschaft erwarten und mich bescheiden, wenn sie gerecht am Andenken meines Bruders handeln. Trifft solche Voraussetzung aber nicht zu, dann habe auch ich ein Herz und eine Hand, um solche Irrung zu berichtigen. Denn wer in die Erbfolge meines Bruders tritt, der muß auch seinen Tod rächen.« Nicht ohne Staunen nahm der Unterprior wahr, daß auch bei Edward, trotz der großen Schüchternheit, die sonst seinem Wesen zu eigen war, und trotz des unbedingten Gehorsams, der sonst seine Tugend bildete, die wilden Grundsätze seiner Vorfahren und seiner Umgebung in den Adern tobten, daß seine Augen glühten, daß er am ganzen Leibe bebte und daß ihn ein Rachedurst beseelte, der seinem Wesen eine Heftigkeit verlieh, die an die Ungeduld der Freude stark erinnerte. »Edward,« sagte der Mönch, »ich verlasse mich auf Dein Wort, daß Du Dich aller vorschnellen Handlung enthalten wirst.« »Ich werde Euren Worten gewiß nicht zuwider handeln, ehrwürdiger Vater, denn Ihr seid mir wahrlich mehr denn ein Vater gewesen,« erwiderte Edward; »allein meines Bruders Blut, sowie die Zähren meiner Mutter und ... und ... auch Mary Avenels sollen nicht fließen, ohne daß derjenige, der die Schuld daran trägt, zur strengsten Rechenschaft gezogen werde. Ich will Euch nicht hintergehen, Vater; doch wenn dieser Piercie Shafton meinen Bruder gemordet hat, dann muß er sterben, und wenn alles Blut des Hauses Piercie in seinen Adern rönne.« In dieser Erklärung Edward Glendinnings kam ein so feierlicher Entschluß, ein so tief eingewurzelter Wille zum Ausdruck, daß dem Unterprior nichts andres übrig blieb, als sich für den Augenblick in die Umstände zu fügen. Er verließ das Gemach und begab sich zu den Frauen, um ihnen Trost zuzusprechen. Aber auch hier mußte er erkennen, daß seine tröstliche Stimme vergebens erscholl, und daß er dem Schmerz seinen natürlichen Verlauf lassen mußte. Zehntes Kapitel. Die traurige Nachricht von dem Tode Halbert Glendinnings hatte im Turme von Glendearg alle vorher getroffenen Anordnungen über den Haufen geworfen. So hatte man Mary von Avenel, da ihr Zustand unmittelbare Aufmerksamkeit erheischte, in die Stube gebracht, die bisher Halbert und Edward inne gehabt hatten, da Edward willens war, alle Nächte zu wachen, um seinen Gefangnen an jedem Fluchtversuch zu hindern. Auf Müllers Mysie hatte man in der Folge gar keine Rücksicht genommen. Ohne eine Ahnung davon, daß die Eßstube, durch die man bloß zu dem kleinen Kämmerchen gelangen konnte, das bisher von Mary Avenel bewohnt gewesen war, und das man ihr wegen der vielen Gäste, die abends im Turme eingetroffen waren, angewiesen hatte, dem Ritter Piercie Shafton als Schlafstube dienen sollte, war sie dort zurückgeblieben, als die andern Frauen auf die Aufforderung des Unterpriors hin, sich zurückzogen; und nun traute sie sich nicht mehr hinaus, sowohl aus persönlicher Schüchternheit als aus Ehrerbietung vor dem geistlichen Herrn, der in geheimer Unterredung mit dem Ritter in der Eßstube zurückgeblieben war. Sie mußte also wohl öder übel so lange dort zurückbleiben, bis die Unterredung zu Ende war, und konnte es, da die Verbindungstür nur ein dünner Verschlag war, nicht hindern, daß sie jedes Wort, das zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, hörte. Auf diese Weise traf es sich, daß sie, ohne es zu wollen, mit der Absicht des geistlichen Herrn, dem Ritter die Entfernung aus dem Turme zu wehren, bekannt wurde, und gleichzeitig konnte sie aus dem kleinen Fenster ihres Stübchens, das nach dem Hofe hinaus sah, beobachten, wie sich immer mehr junge Männer draußen einfanden, zufolge des Aufgebots, das Edward im Klostersprengel erlassen hatte. Hierdurch wurde in ihrem Herzen die lebhafteste Besorgnis für den Fremdling wachgerufen, dessen Eleganz und Auftreten die harmlose, schlichte Müllerstochter ebenso bezaubert und geblendet, wie sie die klarer blickende Mary Avenel abgestoßen hatten. Der Ritter seinerseits hatte diesen Eindruck recht wohl bemerkt und sich dadurch nicht wenig geschmeichelt gefühlt, war es ihm doch ein Beweis dafür, daß seine Tugenden und Vorzüge nicht allgemeiner Mißachtung anheimfielen, sondern in dem Herzen wenigstens dieses Mädchens freundliche Anerkennung fanden. Aus Artigkeit hatte er sich Mysie gegenüber weit höflicher gezeigt, als es seiner Ansicht nach ihrem Stande gegenüber in jedem andern Falle am Platze gewesen wäre. Kein Wunder, daß ihr von Natur weichherzig gestimmtes Gemüt sich infolge dieser ihm von dem Ritter erwiesenen Artigkeit noch um so beruhigter fühlte. Freilich sagte sie sich, daß es sehr garstig von ihm gewesen sei, solch jungen Menschen wie Halbert Glendinning umzubringen, aber er war und blieb doch Edelmann von Geburt und Soldat und war doch überhaupt ein so feiner und artiger Herr, daß es ihr gar nicht anders scheinen wollte, als daß Halbert den Zwist veranlaßt haben müsse, der doch eben bloß um Mary Avenels willen entstanden sei, für die beide junge Männer, wie man ja in Glendearg recht gut wußte, derart schwärmten, daß sie kein andres Mädchen im ganzen Klostersprengel angucken mochten. Daß ein so hübscher, netter Mensch, wie dieser edle Ritter, der wie ein Prinz aussah und wie ein Prinz sich zu benehmen wußte, sich durch die Schuld eines groben Bauern in einen Zweikampf eingelassen hatte und nun dafür mit dem Leben büßen sollte, das war ein Gedanke für die arme Mysie, der ihr die hellen Tränen in die Augen trieb. Ihr Herz empörte sich gegen solche Grausamkeit einem Menschen gegenüber, der aus seiner Heimat verbannt war, der ganz ohne Hilfe und Freund dastand, und der so anmutig zu sprechen vermochte und sich so geschmackvoll zu kleiden verstand, und sie fing an, mit sich zu Rate zu gehen, ob es denn gar nicht möglich sei, ihm in solcher Not beizustehen. Ueber diesem Gedanken schwand die Sorge, die ihr Gemüt bisher in Anspruch genommen hatte, einen Weg aus diesem Kämmerchen zu finden, ohne von jemand gesehen zu werden, vollständig; sie pries sich im Gegenteil recht glücklich, daß ihr der Zufall dieses Plätzchen hinter der Eßstube angewiesen hätte, und lebte sich allmählich in die Einbildung hinein, der Himmel habe sie zur Erhaltung und zum Schutze dieses armen Fremdlings dorthin geschickt. Mysie war schlichten Sinnes und empfindsamen Herzens, dabei aber aufgeweckt und unternehmend, und mutiger, als Frauen im allgemeinen zu sein pflegen; auch besaß sie einen ziemlich großen Grad von körperlicher Stärke. Und all diese Umstände zusammen genommen führten sie schließlich zu dem Gedanken: »Ich will ihn retten, den schmucken Menschen, und neugierig bin ich, was er dann wohl von dem armen Müllerstöchterlein denken und was er zu ihr sagen wird, wenn sie so etwas für ihn gewagt und ausgeführt hat, wozu sich doch all die vornehmen Damen in London und andern großen Städten von England im ganzen Leben nicht entschlossen hätten!« Im nächsten Augenblick gab ihr freilich die Klugheit einen Nasenstüber und hielt ihr vor, daß es doch für sie persönlich im selben Verhältnis gefährlich zu werden drohte, wie sich Sir Piercies Herz aus Dankbarkeit ihr zuwendete. Aber da fielen ihre Blicke gleichzeitig auf den kleinen Spiegel, neben den sie ihre kleine Lampe gestellt hatte, und in dem kleinen Spiegel sah sie eine Figur, die von schönstem Ebenmaße war, und ein Paar Augen, die lustig blitzten und funkelten, und noch durch jenen Ausdruck veredelt wurden, der Gemütern zu eigen ist, die kühne Taten entwerfen und in Ausführung setzen können. »Ei, sollten diese Augen, diese Züge und diese Figur nicht im Verein mit dem Dienste, den ich dem Ritter zu tun im Begriff stehe, den Rangunterschied zwischen uns beiden bis zu einem gewissen Grade aufheben können?« Diese Frage wurde durch die nicht geringe Portion von Eitelkeit, die in ihrem Köpfchen steckte, bei ihr wachgerufen, und wenn ihre Phantasie auch nicht gleich mit einem schnellen Ja darauf antworten mochte, so wurde doch ein Mittelweg in dem Schlusse gefunden: »Zunächst will ich dem jungen Menschen mal aus der Patsche helfen, und für das andre mag dann der Himmel sorgen.« Alle selbstsüchtigen Gedanken nunmehr aus dem Sinne schlagend, richtete das ebenso sehr unbesonnene wie mutige Mädchen ihren ganzen Sinn auf die Ausführung des Gedankens, den jungen Ritter zu befreien. Noch kaum ein Viertelstündchen war verflossen, seit der Unterprior die Eßstube verlassen hatte, als Mysie auch schon ihren Plan fertig hatte. Kühn war er freilich, aber er versprach Erfolg, sobald er mit der richtigen Vorsicht ausgeführt wurde. Vor allen Dingen war es notwendig, daß sie das Kämmerchen, in welchem sie sich befand, nicht früher verließ, als bis sich alles im Turme zur Ruhe begeben hatte, die Wachen natürlich ausgenommen. Die Zwischenzeit benützte sie dazu, das Verhalten des Mannes zu beobachten, zu dessen freiwilligem Champion sie sich aufzuwerfen gewillt war. Sie hörte, wie er in der Eßstube hin und her ging, wahrscheinlich in Gedanken vertieft über sein ungünstiges Schicksal und seine keineswegs ungefährliche Lage. Dann hörte sie ihn in seinen Koffern kramen, die ihm auf seinen Wunsch durch den Unterprior aus der Stube, die er bisher bewohnt hatte, geschickt worden waren. Wahrscheinlich suchte er, so dachte das Mädchen bei sich, durch solche Beschäftigung sich von seinen trübsinnigen Betrachtungen Ablenkung zu verschaffen. Dann hörte sie ihn deklamieren, dann ein Liedchen trällern, dann den Takt zu einem Tanze summen, und hieraus schloß Mysie, daß es ihm gelungen sein möchte, seinen Sinn durch die Beschäftigung mit seiner Garderobe aufzuheitern. Zuletzt hörte sie, wie er sich auf sein Lager warf, das man ihm für die nächste Nacht zurecht gemacht hatte, wie er ein paar Gebetsworte vor sich hin brummte, und nach kurzer Zeit gewann sie den Eindruck, daß er eingeschlafen sein müsse. Nun betrachtete sie ihr Vorhaben von allen Seiten, und so große Gefahr damit auch verbunden sein mochte, so half ihr der ruhige Blick, den sie für alles hatte, doch auf die richtigen Mittel und Wege zur Ausführung. Wirken ja Mitgefühl und Liebe an sich schon mit außerordentlicher Macht auf jedes weibliche Gemüt! Es war ungefähr eine Stunde nach Mitternacht. Bis auf die den Gefangnen bewachenden jungen Leute schlief alles im Turme, sogar die Witwe und Mary Avenel waren von dem schweren Kummer, der an ihrem Herzen nagte, so niedergedrückt, daß sie für die Außenwelt so gut wie unzugänglich waren. An Werkzeug, um Feuer zu schlagen, war in dem Kämmerchen das Nötige bei der Hand, und es gelang Mysie, die ja in allen häuslichen Arbeiten wohl bewandert war, die kleine Lampe, die Mary Avenel zu brennen pflegte, anzustecken. Zitternd und zagend machte sie nun die Tür leise auf, die sie von der Eßstube trennte, in welcher der Ritter aus dem Süden eingeschlossen war, und wenig fehlte, so wäre sie wankend in ihrem Entschlusse geworden, als sie sich mit dem schlafenden Gefangnen in dem gleichen Raume sah. Kaum getraute sie sich, die Blicke auf ihn zu richten; in seinen Mantel gehüllt, lag er auf dem ärmlichen Schragen und schlief. Mit abgewandten Augen versuchte sie ihn am Aermel zu zupfen und munter zu machen. Aber er regte sich nicht eher, als bis sie es ein paarmal wiederholt hatte. Dann aber drehte er sich um und war so verwundert, daß wenig fehlte, so hätte er laut aufgeschrieen. Nun wich die Verschämtheit bei Mysie der Furcht. Sie legte die Finger auf den Mund zum Winke für ihn, daß er das strengste Stillschweigen wahren solle, und dann zeigte sie nach der Tür, um ihm verständlich zu machen, daß sie bewacht würden. Jetzt wurde auch Sir Piercie wieder Herr seiner Aufregung und richtete sich in die Höhe. Verwundert betrachtete er die hübsche Mädchengestalt, die sich seinem Blicke zeigte, mit den tadellosen Formen und dem wallenden Haar und den zarten Gesichtsumrissen, und die romantische Phantasie des jungen Ritters wäre sicherlich nicht lange in Verlegenheit gewesen um eine artige Redewendung, aber Mysie ließ ihn nicht Zu Worte kommen. »Ich komme, Herr Ritter,« Hub sie an, »Euer Leben zu retten, das von großer Gefahr bedroht ist. Sofern Ihr mir Antwort geben wollt, so sprecht nur leise, denn Eure Tür ist mit Bewaffneten besetzt.« »Huldreichste aller Müllerstöchter,« erwiderte Sir Piercie, der sich bereits auf seinem Lager aufgerichtet hatte, »sei ohne Furcht wegen meiner Sicherheit! Du darfst mir glauben, daß ich Dir die Wahrheit sage, wenn ich es bestreite, die rote Pfütze, die von den höchst ungesitteten Verwandten des Bauernjungen für dessen Blut gehalten wird, vergossen zu haben. Deshalb bin ich auch ohne alle Sorge um des Ausgangs dieser Haft willen, denn ich weiß, daß sie mir keinen Schaden bringen kann. Immerhin soll Dir, meine schönste Molinara, der Dank, den Deine liebevolle Aufmerksamkeit fordert, nicht vorenthalten bleiben.« »Nicht doch, Herr Ritter, ich verdiene keinen Dank,« antwortete das Mädchen, aber mit so leiser, bebender Stimme, daß er es kaum verstehen konnte, »so lange Ihr meinen Rat befolgt. Edward Glendinning hat nach mehreren jungen Burschen geschickt, ihm Beistand zu leisten, und die sind nun gekommen, und ich hörte sie zusammen sprechen, als sie vorhin im Hofe abstiegen, daß die Buße für den an ihrem Verwandten verübten Mord entrichtet werden müsse, und wenn alle Mönchskutten darüber in Brand gerieten. Die Vasallen sind heute so aufsässig, daß selbst der Abt ihnen nicht Einhalt gebieten könnte, denn das ganze Kloster lebt doch jetzt in ständiger Furcht, sie möchten gleich den andern Leuten in Schottland auch ketzerisch werden und ihren Lehnszins nicht mehr entrichten.« »Freilich, solche Versuchung mag stark sein,« erwiderte Sir Piercie Shafton, »und vielleicht könnten sich die Mönche, wenn sie mich über die Grenze an Sir John Foster oder Lord Husdon, die beiden englischen Grenzhüter, auslieferten und auf diese Weise England und seine Klostervasallen zugleich befriedigten, von all ihren Sorgen befreien. In Anbetracht dessen, schönste Molinara, will ich Deinen Rat befolgen und Deine Schönheit, sowie Deinen Geist, wenn es Dir gelingt, mich aus diesem Hundestall zu erlösen, feiern und preisen, daß Rafaels Bäkernymphe im Vergleich mit meiner Molinara eine gemeine Zigeunerin sein soll.« »Still, still, ich bitt Euch,« erwiderte die Müllerstochter, »denn wenn durch Eure Worte die Wächter draußen aufmerksam werden, dann kann mein Plan nicht gelingen, und nur der Gnade des Himmels und der Fürsorge unsrer lieben Frau haben wir es zu danken, daß uns bis jetzt noch niemand gehört und entdeckt hat.« »Ich werde mich mäuschenstill verhalten,« entgegnete der Engländer, »still wie die Sternennacht! aber, schönste Molinara, sofern Dein Plan Dich selbst irgendwie in Gefahr setzt, dann wäre es doch meiner gänzlich unwürdig, wenn ich meine Rettung Deiner Hand zu verdanken hätte.« »Denkt nicht an mich, Herr Ritter,« erwiderte Mysie, »ich bin geborgen und werde schon an mich denken, sofern ich nur erst Euch aus dieser Gefahr befreit weiß. Und nun macht schnell! besinnt Euch nicht lange, sofern Ihr von Euren Kleidern oder Sachen etwas mitnehmen wollt.« Darüber verging nun freilich noch einige Zeit, bis der Ritter sich schlüssig war, was er von seinen Sachen alles, mitnehmen und was er davon zurücklassen wollte, denn an jedes Stück knüpfte sich eine Erinnerung, bald an eine Festlichkeit, bald an ein Gastmahl, bald an dies oder jenes Abenteuer, wobei er es getragen hatte. Mysie ließ ihm eine Weile Zeit, da ja auch sie selbst einige Vorkehrungen zu der schnellen Abreise zu treffen hatte. Als er aber bei ihrem Wiedereintritt noch immer nicht bereit war, bat sie ihn mit ein paar schlichten Worten, sie nicht beide durch längern Aufenthalt in Fährlichkeit zu setzen, sondern sich entweder zur Flucht aufs schnellste einzurichten oder darauf zu verzichten. Da packte der Ritter trostlos ein paar Sachen in ein Bündel, warf auf seine Koffer noch einen stummen Blick voll Schmerz und Weh und erklärte nunmehr seiner freundlichen Führerin, ihr folgen zu wollen »durch dick und dünn«. Mysie wandte sich nach der Tür und bedeutete den Ritter, sich ihr dicht anzuschließen. Dann klopfte sie leise. Es dauerte eine Weile, bis Edward antwortete, wer denn poche und was man wolle? »Sprecht doch leise,« versetzte Mysie, »sonst wird der englische Ritter munter. Ich bins, Mysie Happer. Ich will hinaus. Ihr habt mich ja in der kleinen Kammer eingeschlossen, und da Hab ich warten müssen, bis der englische Ritter eingeschlafen war. Nun will ich aber nicht länger eingesperrt bleiben.« »Was? Ihr seid eingesperrt gewesen, Mysie?« fragte Edward verwundert. »Ja doch,« erwiderte die Müllerstochter. »Ihr seids doch selbst gewesen, der mich eingesperrt hat! Ich war doch in der kleinen Kammer, in der früher Mary geschlafen hat.« »Könnt Ihr denn nicht warten bis morgen?« versetzte Edward, »Ihr könnt doch die Nacht auch dort schlafen!« »So?« rief Mysie empört, »das wäre ja schön! Nicht um alles in der Welt bliebe ich eine Sekunde länger in einem Raume, der neben der Stube liegt, in der sich ein Mann allein befindet. Nein, dazu ist doch meines Vaters Tochter zu sittsam und streng erzogen, als daß sie ihren guten Namen preisgeben sollte!« »Na, dann kommt heraus und verfügt Euch in Eure Kammer!« sagte Edward und machte die Tür auf. Die Stiege draußen war finster, wie Mysie sich schon vorher überzeugt hatte. Kaum war sie herausgetreten, so faßte sie Edward am Arm, wie wenn sie sich auf ihn stützen wolle, und zog ihn ein kleines Stück von der Tür weg. Dann stellte sie sich unauffällig so, daß sie den Raum zur Tür vertrat, so daß Edward den ihr auf dem Fuße folgenden Engländer nicht gewahren konnte. Barfuß und behutsam schlich dieser auf den Zehen einher, während Mysie sich laut bei Edward darüber beklagte, daß kein Stümpfchen Licht da sei. »Ich kann Euch keins verschaffen, Mysie,« erwiderte Edward, »denn ich darf nicht von diesem Posten weichen. Unten werdet Ihr aber schon Feuer finden.« »Nun, dann kann ich mich schließlich gefaßt machen, bis morgen früh unten zu sitzen,« sagte unwillig das Mädchen und ging die Treppe hinunter, während Edward die Tür der nun leeren Stube unnützerweise wieder abschloß. Unten traf Mysie wieder den Mann ihrer Sorge, dem sie wiederum das strengste Schweigen befahl, wozu er sich auch, wohl zum ersten Male in seinem Leben bequemte. Mit der größten Behutsamkeit, wie wenn sie über brüchiges Eis schritten, schlichen sie bis zu einem finstern Winkel, der als Holzstall benützt würde, und hier flüsterte Mysie dem Ritter zu, sich hinter dem Reisig zu verstecken, bis sie wiederkäme. Dann steckte sie das Küchenfeuer mit ihrer Lampe an und setzte sich an Rocken und Spindel, um nicht unbeschäftigt zu erscheinen, falls jemand hereinkommen sollte. Von Zeit zu Zeit schlich sie auf den Zehen zum Fenster hin, weil sie zur weitern Ausführung ihres Planes das erste Frühlicht abwarten mußte. Endlich färbte sich der Himmel, und mit gefalteten Händen dankte sie der Jungfrau Maria für ihre bisherige Hilfe und bat um weitern Segen für das Werk, das sie vorhatte. Aber bevor sie mit ihrem Gebet zu Ende war, fühlte sie zu ihrem namenlosen Schreck plötzlich die Hand eines Mannes auf ihrer Schulter. »Ei, die schmucke Mysie ans der Klostermühle, und schon so früh bei einem frommen Gebet? Ei, dafür muß ich doch einen Kuß bekommen!" rief eine rauhe Stimme gleichzeitig unter derbem Lachen hinter ihr. Einer von den jungen Burschen war es, die Edward nach dem Turm von Glendearg gerufen hatte, Dan von Howlet-Hirst. Und er ließ seiner lustigen Rede auf der Stelle die kecke Tat folgen, bekam aber dafür nach ländlicher Art einen so derben Knuff in die Seite, daß er kaum einen Aufschrei zu unterdrücken vermochte, im übrigen aber den Knuff ganz ebenso hinnahm, wie ein feiner Herr den Klaps einer schönen Dame mit dem Fächer hingenommen hätte. »Ei was, Herr Hanswurst,« meinte Mysie, »habt Ihr um Narretei willen Euren Wachtposten bei dem englischen Gefangenen im Stich lassen müssen?« »Ganz und gar nicht, schönste Mysie,« antwortete Dan von Howlet-Hirst, »ich habe den Edward noch gar nicht von seinem Posten abgelöst; und wärs nicht schädlich, ihn länger Posten stehen zu lassen, so brächt ichs, meiner Treu, nicht fertig, Euch die ersten zwei Stunden allein mit Euch zu lassen.« »O, Ihr habt Zeit genug, unsereins zu sehen, Dan,« antwortete die Müllerstochter, »aber jetzt solltet Ihr an den Kummer denken, der die Hausleute betroffen hat, und Edward ablösen, damit er sich auch ein bißchen aufs Ohr legen könnte, denn der arme Mensch hat die ganze Nacht gewacht.« »Aber erst muß ich noch einen Kuß haben, Mysie,« sagte Dan von Howlet-Hirst. Mysie war jedoch auf ihrer Hut und leistete dem Burschen, vielleicht auch, weil sie an den nahen Holzstall dachte, kräftigen Widerstand, bis schließlich der liebeskranke Schäfer die spröde Dirne unter ein paar kräftigen Ausdrücken, die von Liebe wenig an sich hatten, stehen ließ, und die Stiege hinauf rannte, um den Kameraden abzulösen. Mysie, die sich bis zur Tür hin schlich, hörte nun die beiden Burschen eine Weile zusammen reden, dann verließ Edward den Posten, den Dan von Howlet-Hirst an seiner Statt bezog. Mysie ließ nun noch einige Zeit verstreichen, bis es noch ein wenig heller draußen geworden war. Dann ging sie zu Dan hinauf, in der Meinung, daß er inzwischen Zeit genug gehabt hätte, allen Groll gegen sie wegen ihrer Sprödigkeit zu vergessen, und sagte ihm, er solle ihr die Schlüssel zum äußern Tor geben. »Und wozu denn?« fragte der Bursche. »Ei, die Kühe müssen doch gemolken und ins Freie gelassen werden,« antwortete Mysie, »oder soll das arme Vieh den ganzen Morgen im Stall bleiben? Die Hausleute sind doch noch alle dermaßen von ihrem Kummer übermannt, daß keiner die Arbeit verrichten kann, außer mir und der Magd.« »Und wo ist die Magd?« fragte Dan. »Sie sitzt bei mir in der Küche, denn es könnte ja sein, daß die Hausleute dringender Hilfe bedürfen.« »Na, da nimm den Schlüssel, Du Plagegeist!« sagte der Wachtposten. »Dank schön, Du Tunichtgut,« antwortete die Müllerstochter und rannte die Treppe hinunter. Im Nu war sie im Holzstall und warf dem Ritter einen alten Weiberrock über, der dort am Rechen hing, dann riß sie die Tür auf und lief in den Kuhstall, der im andern Hofwinkel lag, während Sir Piercie Shafton sich über den hierdurch entstehenden Aufenthalt beklagen zu müssen meinte. »Allerschönste und huldreichste Molinara,« rief er, »wäre es nicht gescheiter von uns, wir öffneten das äußre Tor und machten uns wie ein Paar Seemöwen, die bei drohendem Sturmwetter Schutz auf einem Felsen suchen, auf den Weg?« »Zuerst müssen wir die Kühe hinaustreiben,« antwortete Mysie, »es wäre doch sündlich, die Witwe um ihre Herde zu bringen, sündlich um ihretwillen und um der armen Tiere willen. Daß jemand den Turm mir nichts dir nichts verlassen und uns nachsetzen werde, davor habe ich keine Sorge. Zudem müßt Ihr doch auch Euer Pferd haben, denn Ihr müßt schon zusehen, so schnell wie möglich weiter zu kommen, wenn Ihr Euch in Sicherheit bringen wollt.« Mit diesen Worten verschloß und verriegelte sie das innere und äußere Turmtor, rannte in den Kuhstall, trieb das Vieh heraus zum Hoftore und führte das Pferd des Ritters zum Holzstalle, worin derselbe noch steckte. Sie wollte nun noch einmal zum Stalle eilen, um ihren eignen Klepper zu holen, aber das Stampfen der Hufe hatte Edwards Aufmerksamkeit wachgerufen. Er trat an das Fenster seiner Stube und rief hinaus, was denn vorgehe? Ohne Zögern erwiderte Mysie, daß sie die Kühe ins Freie hinaus treibe, weil noch niemand anders im Hause am Gange sei und die Tiere ja hungern müßten. »Schönen Dank, gutes Mädchen,« erwiderte Edward, aber im andern Augenblick wurde er wieder stutzig. »Was hast Du denn für ein Weibsbild bei Dir?« fragte er wieder. Mysie wollte Antwort geben, aber Sir Piercie kam ihr zuvor, weil er nicht leiden mochte, wie es den Anschein hatte, daß das große Werk seiner Befreiung vollständig ohne sein Zutun ins Werk gesetzt werde, und rief ihm vom Hofe aus zu: »Ich bins, mein schöner Hirtenknabe, dessen Aufsicht die milchreichen losen Mütter der Herde von Glendearg unterstellt worden sind.« »Holla, holla!« schrie Edward, von Grimm und Staunen zugleich ergriffen, »das ist ja Piercie Shafton! Verrat, Verrat! Holla, Dan! holla, Kaspar! holla, Martin! Der Schurke entwischt!« »Zu Pferd! zu Pferd!« rief, Mysie und saß im Nu hinter dem Ritter, der sich bereits in den Sattel geschwungen hatte. ... Und los ging es nun auf Tod und Leben. Edward hatte die Armbrust ergriffen und schoß. Dicht an Mysies Ohr schwirrte der Bolzen vorbei. »Flugs, flugs!« rief sie dem Gefährten zu, »der nächste Bolzen fehlt uns sicher nicht. Hätte Halbert an Edwards Stelle geschossen, dann lägen wir schon im Sande!« Der Ritter preßte dem Pferde die Sporen in die Weichen, daß das Blut herausschoß. Er sprengte an den Kühen vorbei und sauste den Hügel hinunter, auf dem der Turm stand. Dann nahmen sie ihren Weg ins Tal hinein, und bald brachte das flinke Tier seine doppelte Last weit genug, daß von dem Lärm, der nun im Turme von Glendearg entstand, nichts mehr zu den Ohren des Ritters und des Mädchens drang. Auf solch wunderliche Weise geschah es, daß ein Menschen-Paar zu gleicher Zeit in verschiedner Richtung von dannen floh, von welchem jeder als des andern Mörder betrachtet wurde. Elftes Kapitel. Sir Piercie Shafton ritt in so flottem Tempo, wie es die Straße erlaubte, bis er das Tal von Glendearg überwunden und das breite Tal des Tweed gewonnen hatte. Bald erschien am jenseitigen Ufer das hohe graue Kloster zu Unsrer lieben Frau, dessen Türme und Zinnen die Strahlen der aufgehenden Sonne eben trafen. Er setzte seinen Ritt am nördlichen Ufer hinab fort, bis sie dem Wehr ungefähr gegenüber waren, wo Pater Philipp seine ungewöhnliche Wasserfahrt beendigt hatte. Ohne eigentlich zu wissen, wohin er seinen Ritt lenken sollte, war Sir Piercie bis hierher gekommen. Der Anblick des Klosters erinnerte ihn aber an die Gefahr seiner Lage und an die Notwendigkeit, einen festen Plan für seine Rettung zu fassen. Zudem nahm er jetzt auch wahr, daß seine Begleiterin bitterlich weinte und seufzte und das Haupt auf seine Schulter stützte. »Schöne Molinara, was fehlt Dir?« fragte er. »Kann Piercie Shafton seine Dankbarkeit auf irgend eine Weise bezeigen?« Mysie zeigte über den Strom, getraute sich aber nicht, den Blick dorthin zu richten. »Sprich deutlich, edelste aller Jungfrauen, was Du mit Deinem Wink meinst?« sagte der Ritter. »Dort drüben liegt meines Vaters Haus,« sagte Mysie schluchzend. »Und ich führte Dich so weit hinweg von dieser Stätte Deiner Wiege?« rief Sir Piercie in dem Wahne, die Quelle ihres Kummers gefunden zu haben. »So steige denn ab, holde Mysinda,« denn so beliebte es ihm, sie umzutaufen, »oder wär es Dir lieber, wenn ich Dich heim zu Deinem kornmahlenden Vater brächte? Sprich ein Wort, Du Süße, und ich trotze gern allen Gefahren, die mir durch Mönch oder Müller drohen.« Tief errötend schlug Mysie die Augen zu Boden, während Sir Piercie im Tone verlegener Artigkeit fortfuhr: »Weine doch nicht so, Du liebe Molinara, wir werden uns ja wiedersehen, wenigstens hoffe ich es fest und zuversichtlich.« »Ach,« sagte Mysie, von deren Wangen jetzt das Scharlachrot wich, um langsam fahler Blässe Platz zu machen, »ich hab jetzt keine Heimat mehr.« »Was? keine Heimat mehr?« rief Shafton. »Spricht meine Molinara das im Ernst, da doch drüben ihres Vaters Haus und Mühle steht?« »Ach,« versetzte die Müllerstochter, »mein Vater ist doch der Abtei untertan. Ich aber habe den Abt beleidigt, und komme ich jetzt nach Hause, so bringt mich der Vater doch sicher um.« »Ich schwöre Dir, meine teure Mysinda, er soll Dir nichts zu leid tun,« rief Sir Piercie. »Vergiß nicht, daß Dir ein Mann zu Dank verpflichtet bleibt, der das leiseste Unrecht zu rächen gewillt ist, das jemand Dir zufügen wollte!« Hiermit sprang er vom Pferde, ergriff die Hand des Mädchens, blickte in ihre großen, schwarzen Augen, die an den seinigen mit einem Ausdruck hingen, den man auch unter dem Schleier mädchenhafter Verschämtheit nicht mißverstehen konnte, blickte auf die Wangen, die ein Hoffnungsstrahl wieder mit ihrer natürlichen Färbung zu beleben anfing, und auf ein Paar Lippen, die sich, Rosenknospen gleich, halb erschlossen und eine Reihe perlengleicher Zähne zeigten. Das war alles nicht ungefährlich anzuschauen, und so war es schließlich kein Wunder, daß der für solche Dinge überempfängliche Sir Piercie Shafton schließlich seine Frage, ob er seine Mysinda nach dem Vaterhaus zurückbringen solle, dahin änderte, ob etwa Mysinda willens sein sollte, mit ihm zu gehen. ... »Wenigstens so lange,« setzte er hinzu, »bis es mir möglich geworden, Mysinda, Euch an einen sichern Ort zu schaffen?« ... Darauf erteilte Mysinda keine Antwort, gab aber, errötend vor Scham und Freude, dadurch, daß sie ihr Bündel fester anzog, zu verstehen, daß sie dem Ritter aus dem Süden zu folgen bereit sei. Sir Piercie Shafton machte nun die kostbare Kette mit dem Medaillon, deren bereits Erwähnung getan worden ist, von seinem Halse los und hing sie der schönen Mysinda um, ohne daß er sich an die Weigerung des Mädchens, sie zu nehmen kehrte, aber er mußte doch zuletzt dulden, daß sie die Kette wieder abnahm und in ihrem Bündel verbarg, mit dem ausdrücklichen Bemerken, sie nur so lange dort behalten zu wollen, bis Sir Piercie sich in Sicherheit befände; »denn die Mädchen in meiner Heimat,« sagte sie, »lassen sich von vornehmen Leuten nun einmal keine Geschenke machen, und um des heutigen Morgens eingedenk zu bleiben, bedarf es für mich keines Andenkens.« Darauf setzten sie ihren Ritt fort. Mysie übernahm jetzt, gestützt auf die Ortskenntnis, die Führung, und Sir Piercie fand nun Muße, allerhand Anekdoten »vom Hofe Felicianas« zum besten zu geben, denen seine Begleiterin, obgleich sie kaum einen Begriff davon hatte, doch ein recht aufmerksames Ohr lieh. So verging der Morgen, und am Mittag gelangten sie an einen andern Strom, an dessen Ufer sich ein altes Schloß, von Bäumen eingeschlossen, erhob. Unfern davon dehnte sich ein Dorf mit einer Kirche in der Mitte. »Dort sind zwei Wirtshäuser,« erklärte Mysie, »aber ich meine, für unsere Zwecke dürfte das geringere den Vorzug verdienen. Uebrigens ist mir dessen Wirt bekannt, denn er hat von meinem Vater Malz gekauft.« Diese Mitteilung war nicht besonders glücklich für die Absicht, die Mysie verfolgte, denn ihr Begleiter, der infolge der muntern Unterhaltung, die sie zusammen unterwegs geführt hatten, allmählich dazu gelangt war, den zwischen ihm und seiner Begleiterin bestehenden Rangunterschied zu vergessen, wurde sich dessen hierdurch jäh wieder bewußt. Aber er ließ es sich nicht recht merken, am wenigsten hätte er ein Wort darüber fallen lassen mögen, denn für eine Müllerstochter war es ja doch nur natürlich, daß sie Bekanntschaft mit Leuten hatte, die mit ihrem Vater Geschäfte gemacht hatten; immerhin wäre es ihm unangenehm gewesen, und wer weiß, ob er seine Dankbarkeit bis zu solcher Selbstverleugnung ausgedehnt hätte, mit einer Müllerstochter hinter sich auf seinem Rosse durch das Dorf zu traben. Aber Mysie ersparte ihm jeden solchen Unglimpf, indem sie schon ein Stück vor dem Wirtshaus vom Pferde sprang und dem Wirt, der mit gaffendem Munde auf seine Schwelle trat, um einen so stattlichen Gast, wie den englischen Ritter, würdig zu begrüßen, flink ein geschickt ersonnenes Märchen aufband von einer Sendung des Klosters an den Hof von Schottland, und daß sie es auf den Wunsch ihres Vaters übernommen habe, den Ritter bis auf die rechte Straße zu führen, daß ihr aber unterwegs der Klepper müde geworden sei, und daß sie ihn deshalb im andern Dorfe auf der Waldseite gelassen habe. Ner Wirt möge vor allen Dingen nur für ein Abendbrot, wie es sich für einen solchen vornehmen Gast schicke, Sorge tragen, und wenn es in der Küche fehlen sollte, so sei sie gern bereit, auszuhelfen und so weiter, kurz, sie stopfte dem Wirt mit ihrer gewandten Zunge die Ohren so voll, daß er froh war, ihr zu entrinnen. Sir Piercie war schier außer sich vor Verwunderung über die Gewandtheit des Mädchens, sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, und setzte sich mit unsagbarer Erleichterung an das von ihr schneeweiß und mit allerhand Leckerbissen geschmackvoll gedeckte Tischchen in der obern Gaststube, der sogenannten »Herrenstube«; und die flinke, dienstbereite Art, wie sie die Speisen auftrug und vorlegte, und das Glas mit edlem Bordeaux füllte, der freundliche Blick, mit dem sie ihn aufforderte, recht tüchtig zuzulangen, da sie noch eine gar tüchtige Strecke vor sich hätten, konnte unmöglich verfehlen, den für Frauenschönheit und Anmut empfänglichen Sir Piercie für seine schöne Molinara noch höher zu begeistern. Aber sich mit an das Tischchen setzen und an dem Mahle teilzunehmen, dazu wollte sich Mysie, aller freundlichen Einladung des Ritters zum Trotz, nicht verstehen, sie verschwand vielmehr alsbald aus der Gaststube und überließ den Schönredner seinen stillen Betrachtungen darüber, wie dies Verschwinden zu erklären sei und ob er richtiger täte, sich darüber zu ärgern oder zu freuen. Er sollte darüber nicht lange im Zweifel sein, denn die Tür ging auf, und der Wirt trat ein mit der Meldung, das Pferd stehe für Seine Gnaden wieder bereit. Auf seine Frage, wo denn das Frauenzimmer, »ich meine das Mädchen«, stecke, fragte der Wirt: »Die Mysie Happer? wie? Na, heimgegangen!« »So, heim?« murmelte Sir Piercie, ein paarmal hastig durch das Zimmer schreitend, »heim? na, mag sie! wär sie länger geblieben, hätte sie mir doch nur Schererei gemacht und sich selbst Unehre! Wie konnte ich mir die Sache bloß so umständlich denken, sie los zu werden! Sicher lacht sie jetzt über mich bei irgend einem Bäuerlein und wird sich über meine Kette freuen als Aussteuerstück! Aber Mercie, Piercie Shafton! wie kannst Du Deiner Retterin die Gabe mißgönnen, die sie doch so sauer sich, verdient hat? ... Doch was lohnt alles weitre Grübeln? Herr Wirt, macht mir die Rechnung, und laßt mein Pferd vorführen!« »Was die Rechnung anbetrifft,« erwiderte der Wirt stockend, »na, so hat sie das Mädel schon bezahlt; aber wenn Euer Gnaden noch etwas zutun wollen, so dürft ichs wohl nehmen, denn die Mysie, die handelt und ist genauer als ihr Vater ...« »Was? die Rechnung schon beglichen?« Der Ritter schüttelte den Kopf, warf aber dem Wirt einen Rosenobel hin, der die Rechnung für damalige Zeit jedenfalls über das Doppelte glich, trat vor das Gasthaus hinaus, stieg zu Pferde und schlug den Weg in nördlicher Richtung ein, der ihm als der kürzeste nach Edinburg angegeben wurde. »Hm, ihr Verschwinden hat schließlich noch einen ganz andern Grund gehabt. Was meinst Du, Piercie?« sprach er bei sich und strich sich wohlgefällig die Seite; »beten wir: Führe uns nicht in Versuchung! und freuen wir uns, daß wir uns nicht weiter erst eingelassen haben, so empfindlich mir wohl bald ihr Verlust werden dürfte,« setzte er hinzu, denn vor ihm dehnte sich, so weit er blickte, Moorgegend, die mit Gestrüpp eingefaßt und von zahllosen kleinen Hügeln bedeckt war; »solche Ariadne, mich durch die Schlupfwinkel dieses Gebirgslabyrinthes zu leiten, wäre freilich im Grunde nicht grade übel.« Da erklang hinter ihm Pferdegetrappel, und als er sich umdrehte, sah er auf einem Nebenpfade hinter dem Dickicht hervor einen schmucken Burschen, kaum über Jungengrüße, auf einem Pony gesprengt kommen. Als derselbe die offne Straße gewonnen hatte, ritt er zu dem Ritter heran, den sein Aeußeres, die saubre Pagentracht und die kecke Miene bestachen, so daß er ihm die Frage stellte, wohin er wolle und von wo er käme. Der Page gab mit abgewandtem Gesicht die Antwort, daß er unterwegs nach Edinburg sei, sich in einem vornehmen Hause einen Dienst zu suchen. »Bist wohl Deinem letzten Herrn entlaufen, daß Du Dir nicht getraust, mir ins Gesicht zu sehen?« fragte Sir Piercie. »Wahrlich nicht,« erwiderte der Page beschämt, indem er sich herumdrehte und sein Gesicht auf einen Augenblick zeigte. Nur einen Blick hatte Sir Piercie auf das Gesicht geworfen, aber er hatte hingereicht, ihm zu offenbaren, daß sich in der Pagentracht niemand anders verbarg, als seine holde Molinara. Das gab ein gar fröhliches Wiedersehen, und Sir Piercie hatte über dem glücklichen Bewußtsein, seine schöne Ariadne wieder zu haben, rasch alte Bedenken vergessen, mit denen er sich noch eben das Herz beschwert hatte. »Aber woher so schnell die Tracht? woher das Pony?« fragte dann Sir Piercie. Die Tracht, erklärte ihm die schmucke Müllerstochter, habe sie geliehen von einem mit ihrem Vater befreundeten Krämer im Dorfe, es seien die Sonntagssachen seines Sohnes, der mit seinem Lehnsherrn ins Feld habe ziehen müssen, und den Klepper habe sie geliehen vom Gastwirt, bei dem sie eben eingekehrt seien. Der möge ihn von der Rechnung streichen, die er beim Vater noch zu begleichen habe. »Aber da leidet doch der Vater Einbuße?« sagte Sir Piercie. »Was müßt Ihr jetzt von meinem Vater reden?« erwiderte verdrießlich das Mädchen, setzte aber gleich hinzu, im Tone tiefen Schmerzes: »Was der Vater heut sonst verloren, dürfte ihm wohl den Verlust aller übrigen Habe leicht machen.« Daraufhin meinte der Ritter, daß ihn Ehre und Gewissen verpflichteten, dem Mädchen Vorhaltungen zu machen, welchen Gefahren sie sich aussetze, und daß die Schicklichkeit ihre Rückkehr ins Vaterhaus verlange. Das Mädchen hörte seinen wie immer blumenreichen Darlegungen aufmerksam zu, senkte das Haupt, wie jemand, der tiefen Gedanken nachhängt, blickte dann ihren Begleiter gefaßt an und antwortete dann mit Festigkeit, daß, wenn er ihrer Gesellschaft müde sei, er es nur sagen solle, dann werde ihm die Müllerstochter nicht weiter lästig fallen; gleichwie er den Weg jetzt nach Edinburg allein finden könne, würde auch sie wissen, wohin sie sich zu wenden habe, und was er ihr in ihrer persönlichen Sache zu erwähnen für notwendig meine, habe sie sich alles schon reiflich überlegt. »Bloß eins will ich noch beifügen,« schloß sie, »Ihr seid hier nicht in Eurem englischen Lande, wo, wie es heißt, gegen hoch und niedrig die gleichen Maße gelten für Recht und Unrecht, sondern in einem Lande, wo die Stärke des Armes entscheidet, wo ein gutes Maß Schlauheit die beste Verteidigungswehr ist. Die Gefahren, denen Ihr hier ausgesetzt seid, kurz gesagt, kenne ich besser als Ihr.« Ein Seitenblick auf seinen Pagen zeigte dem Ritter, mit welchem Geschick derselbe sein Pferd zu führen wußte, ein andrer Blick, auf die kräftig entwickelten Muskeln, daß er auch in Kämpfen und Spielen geübt sein müsse, wenigstens doch seinen Mann zu stellen vermöchte, und so gelangte er, alles in allem erwogen, zu dem Schlusse, daß er mit seiner Begleiterin doch besser zurechtkommen werde als ohne sie. Das Paar ritt nun weiter, wie am Morgen, den ganzen Tag. Noch als es zu dämmern anfing, war die schöne Molinara von der Seite des Ritters verschwunden, und er sah sie erst am andern Morgen wieder, als die Pferde geschirrt vor dem Wirtshause standen, wo er die Nacht über geweilt hatte. »Ein seltsames Geschöpf!« sprach er bei sich, »bei meiner Ehre, ebenso sittsam wie klug und gebildet. Keine Frage! es wäre gemein, ihr Schimpf und Schande anzutun!« Zwölftes Kapitel. Mary Avenel war in das Gemach gebracht worden, worin sonst die Brüder Glendinning gehaust hatten. Tibbie, die treue Magd, hatte sich nach Kräften bemüht, sie zu beruhigen, und auch Pater Eustachius suchte sie durch Trostsprüche zu erheitern. Schließlich mußte man sich darein finden, sie ihrem Gram zu überlassen, der sich übrigens nicht in Seufzern und Tränen erschöpfte, sondern seine Quelle fand in ernsten Erwägungen der Lage, in die sie durch den Tod Halberts versetzt worden war. Sie berechnete, gleich einem bankerotten Schuldner, die ganze Höhe des Verlustes, der sie betroffen hatte. Es schien ihr, als sei mit diesem Bande alles zerrissen, was sie an die Erde gefesselt hatte. Wenn sie auch nie an die Möglichkeit eines ehelichen Bundes mit Halbert Glendinning gedacht hatte, so schien ihr doch jetzt der einzige Baum gestürzt worden zu sein, der sie vor Stürmen hätte schützen können. Sie achtete wohl den sanftern Charakter Edwards, des jüngern Bruders, sie glaubte schließlich, sich nach wie vor mit der rauhen, wenn auch mütterlichen Güte der Mutter der beiden Knaben abfinden zu können, aber für die männlichen Eigenschaften Halberts, die ihr als der letzten Erbin der Anschauungen eines stolzen und kriegerischen Geschlechts, vor allem sympathisch sein mußten, meinte sie, nun und nimmer Ersatz finden zu können. Eine Gemütsleere, wie sie aus der Unwissenheit, in welcher damals Rom die Kinder seiner Kirche hielt, notwendig entstehen mußte, versagte ihr Trost, und auch im Gebete ihn zu finden, war ihr nicht vergönnt, denn ihr Gebet war weiter nichts als Herlallen unbekannter Worte, deren sie sich nur aus Gewohnheit bediente; und so gelangte sie, unbekannt mit wahrer geistiger Andacht und außer stande, die Gnade göttlichen Wesens zu fassen, in ihrem Elend zu der Ueberzeugung, daß es auf Erden für sie keine Hilfe mehr gebe. Endlich befiel ein unruhiger Schlummer ihren erschöpften Geist und Leib, und sie schlief bis zum Tagesanbruch, um erst durch den Lärm geweckt zu werden, der im Turme sich über Sir Piercie Shaftons Flucht erhoben hatte. Rasch fuhr sie, in Furcht vor neuem Unheil, in die Kleider. Als sie aber zur Tür hinausstürzen wollte, vernahm sie von der Magd, die mit fliegenden Haaren, wild vor Aufregung, von einem Raum in den andern stürzte, daß der südländische Schuft entwichen sei, und daß Halbert Glendinning ungerochen in seinem blutigen Grase werde schlummern müssen. Gleich darauf aber war die Stimme des Unterpriors laut geworden, die Schweigen geboten hatte, und darauf hatte sich Mary Avenel, die sich nicht gestimmt fühlte, sich vor den Leuten zu zeigen oder gar an Erörterungen oder Beratungen teilzunehmen, wieder in ihrer Stube eingeschlossen. Dadurch, daß Mysie die Tore von außen geschlossen hatte, saß die ganze Turmbewohnerschaft wie in einer Falle, und in Ermangelung von Werkzeug, die Eisenstäbe vor den Fenstern zu brechen, war ihnen auch dieser Ausweg ins Freie verschlossen. Wenn es ihnen auch gelang, die Bewohner der Hütten außerhalb der Hofmauer zu alarmieren, so waren dort doch nur Weiber und Kinder anwesend, da man die Männer zur Verstärkung der Wache für die Nacht in den Turm hinein befohlen hatte. In dieser allgemeinen Wirrnis kam die Mittagszeit heran, ohne daß man im stande gewesen wäre, das Geringste zur Verfolgung des flüchtigen Ritters zu unternehmen. Da nahte unvermutet Sukkurs von außen durch die Ankunft Christies von Clinthill, der an der Spitze eines kleinen Trupps Reisiger herangesprengt kam, die auf ihren Sturmhauben das Zeichen der Avenel, den Stechpalmzweig, trugen. »Heda,« rief Cristie hinauf, »ich bring Euch einen Gefangenen!« »Besser wärs schon,« antwortete ihm Dan von Howlet-Hirst, »Ihr brächtet uns Freiheit.« Verwundert über die Lage, in der er die Turmbewohner fand, rief Christie: »Und wenn mir der Galgen drohte, ich könnt mir das Lachen nicht verbeißen, Leute wie die Ratten durchs eigne Gitterloch gucken zu sehen! Der mit dem Barte dort sieht aus wie der echte Rattenkönig!« »Schweig, Du Schelm! hier ist jetzt keine Zeit zu rohen Späßen!« rief Edward hinunter. »Ei, ei, mein Jüngling,« rief Christie zurück, »auch obendrein noch naseweis? Immerhin, ich will die Worte heute nicht auf die Goldwage legen. Reicht mir einen Haken herunter! Damit werd ich Euch wohl Luft machen können. Bin doch schon in manch liebes Gitter eingebrochen!« Christie hatte nicht zu viel versprochen, denn noch ehe eine halbe Stunde verstrichen war, stand das Gitter, das allen Anstrengungen von innen so lange getrotzt hatte, offen. »Und nun zu Pferde, Kameraden! und hinter dem elenden Shafton her!« rief Edward, dem Stalle zurennend. »Sachte, sachte,« erwiderte Christie, »Ihr werdet doch nicht Eurem Gaste, einem Freunde meines Herrn, nachsetzen? Mit so was ist ja nicht zu spaßen. Weshalb wollt Ihr ihm hinterher?« »Der Schurke hat meinen Bruder ermordet! Also Platz da!« rief Edward. »Was faselt der Mensch? Wer ermordet? und von wem ermordet?« »Shafton hat heut morgen Halbert im Walde erschlagen,« sagte Dan. »Ihr seid Wohl alle miteinander toll geworden?« rief Christie von Clinthill, »Ihr sitzt hier alle m Eurem Turm eingesperrt, ohne Euch rühren zu können, damit Ihr nicht Rache nehmt für einen Mord, der gar nicht verübt worden ist.« »Ihr hört doch aber, daß dieser Hund von Shafton gestern früh meinen Bruder erschlagen hat,« rief Edward, »Und ich sag Euch,« versetzte Christie, »daß ich gestern abend Euer« Bruder heil und gesund gesehen habe.« Darauf schwiegen alle und gafften verwundert den Reisigen an, bis der Unterprior, der sich bisher von dem Manne ferngehalten hatte, auf ihn zutrat und ihn auf sein Gewissen fragte, ob er als wahr behaupten wolle und könne, daß Halbert Glendinning noch am Leben sei. »Ehrwürdiger Vater,« antwortete Christie mit einer Ehrerbietung, wie er sie außer seinem Herrn sonst niemand zu erweisen pflegte, »ich treibe manchmal meinen Spaß mit Leuten, die Kutten tragen, mit Euch aber nie! denn Euch hab ich, wie Ihr wohl noch wißt, mein Leben zu verdanken! Und Euch sag ich, Pater Prior, so wahr wie gestern abend die Sonne am Himmel untergegangen ist, so wahr ists, daß gestern abend Halbert Glendinning im Schlosse meines Herrn sein Abendbrot gegessen hat, und daß er dorthin gekommen ist in Gesellschaft eines Greises, den ich Euch hierher bringe, als Euren Gefangenen.« Die letzten Worte überhörend oder auf sie kein Gewicht legend, fragte Pater Eustachius: »Und wo befindet sich Halbert jetzt?« »Das kann Euch bloß der Teufel sagen,« versetzte Christie, »denn meiner Meinung nach muß die ganze Sippe seines Namens vom Teufel besessen sein. Der Junge ist über dies und das, was mein Herr gesagt hat, aus Rand und Band geraten, ist aus dem Schloß ausgebrochen, ist über den See geschwommen wie eine wilde Ente und ist nicht wieder aufgebracht worden, trotzdem ihm mehrere unsrer Reisigen auf Tod und Leben nachgesetzt sind.« »Und warum hat ihm Euer Herr nachsetzen lassen? hat er was verbrochen?« »Meines Wissens nicht. Aber der Ritter von Avenel ist seit einigen Tagen schier wie von der Tarantel gestochen,« sagte Christie, »und möchte jeden fressen, der ihm in den Weg tritt.« »Edward,« fragte der Mönch jetzt den jüngern Glendinning, »wohin so eilig?« »Nach Corinnan-Shian, Vater!« versetzte der Jüngling. »Martin, Dan, wenn Ihr Männer seid, so nehmt Hacke und Spaten und folgt mir!« »Recht so,« sagte der Mönch, »und findet Ihr was, setzt uns sofort in Kenntnis.« »Ungesalzen will ich fressen, was Ihr findet,« rief Christie, »wenn Ihr was findet, das mit Halbert Aehnlichkeit hat! ... Aber da bringen meine Reisigen Euren Gefangnen. Von ihm hätt ich schon lange reden sollen, aber Euer Krakehl hat mich noch nicht zu Worte kommen lassen.« Zwei Avenel'sche Reisige ritten in den Hof, in der Mitte ein Klepper, auf dem der reformierte Prediger Heinrich Warden saß. »Mein Herr schickt Euch und Eurem Abt, um sich von böser Verleumdung zu reinigen, die ihn als Ketzer brandmarken möchte, den Mann, der mit seinen Predigten die Welt von oben zu unterst gekehrt hat. Ihr sollt mit ihm verfahren, wie es die heilige Kirche gebeut, und wie es Eure Ehrwürden und Seine Ehrwürden der Abt für recht und billig befinden werden.« Die Augen des Unterpriors leuchteten bei dieser Kunde, denn für das Kloster war es eine Sache von hoher Wichtigkeit, einen Mann in Haft zu nehmen, der von so hohem Eifer für den neuen Glauben beseelt war, daß er die römische Kirche nicht allein aufs tiefste geschädigt hatte, sondern seit langem und noch immer in Schrecken hielt. Für das Verständnis der in diese Erzählung verwobenen Charaktere ist es hier notwendig, zu erwähnen, daß die römische Kirche in dem Königreiche Schottland in ihren letzten Zügen lag, daß in vielen Städten die Klöster schon durch den Pöbel niedergerissen worden waren und die reformierten Barone sich allerorten im Lande an klösterlichem Gut zu bereichern liebten. Das Kloster Kennaqhueir erfreute sich nun aber des besonderen Schutzes der mächtigen Grafen von Northumberland und Westmoreland, und war zufolgedessen noch immer im stande gewesen, all seine Gerechtsame aufrecht zu erhalten und für das Ansehen seiner Kirche als streitende Macht aufzutreten. Zu den eifrigsten Predigern der Gegenkirche hatte nun Heinrich Warden, seitdem er aus dem Kloster geflohen war, in das er seinerzeit zusammen mit dem Prior Eustachius als Novize eingetreten war, gegolten, und nun lieferte der Zufall ihn als Gefangenen in dasselbe Kloster, zu einer Zeit, da sein einstiger Schulkamerad dort die Stelle eines Unterpriors bekleidete und in allem als die rechte Hand, in nicht wenigem als die eigentliche Seele seines Abtes galt. Heinrich Warden hatte in dem Feuereifer, der ihn beseelte, die Grenzen seiner Glaubenspartei eingeräumten Rechte überschritten und sich mit dem Staate und dem Gerichte in Konflikt gesetzt. Zufolgedessen war er aus Edinburg geflohen, hatte aber von Lord James Stuart, nachmals als Graf von Murray berühmt, Empfehlungen an verschiedne Grenzhäuptlinge, darunter an Julian von Avenel, mit auf den Weg bekommen, und diese hatten sich heimlich verschworen, ihn sicher nach England hinüber zu schaffen. Julian von Avenel hatte sich ohne Bedenken mit beiden Parteien eingelassen, würde sich aber, so schlimmen Sinnes er sonst war, nichts gegen einen ihm von so hoher Seite empfohlenen Gast herausgenommen haben, hätte derselbe sich nicht in solcher, wie ihm es schien, maßlos zudringlichen Weise in seine häuslichen Verhältnisse gemischt. Anstatt nun aber gegen Warden in seinem eignen Schlosse Gewalt zu üben, hatte er, mit der ihm eigenen Arglist, den Plan geschmiedet, ihn an das Liebfrauenkloster auszuliefern, um nicht allein ihm die Befriedigung seiner Rachsucht zu überlassen, sondern sich dort auch einen Anspruch auf Belohnung zu sichern, sei es in Geld, sei es in Abtretung von Klosterland gegen geringen Erbzins, der damals üblichen Weise, die Klöster ihres weltlichen Besitzes zu entkleiden. Als nun der Unterprior so unerwartet den unbeugsamen Feind der Kirche seinen Händen überantwortet sah, war seine erste Regung, die Erwartung aller Freunde der Kirche, die sich mit solchem Vorgange verknüpften, dadurch zu erfüllen, daß er die Ketzerei in dem Blute eines ihrer tätigsten Bekenner erstickte. »Räumt das Gemach,« befahl er den Anwesenden,»bloß die zur Bewachung des Gefangenen notwendigen Leute sollen hier bleiben – und dann bringt mir den Mann Herein!« Außer Christie von Clinthill, der selbst die Wache zu übernehmen erklärte, verließen alle den Raum. Antlitz in Antlitz standen sich nun die beiden Nebenbuhler gegenüber: der Mönch im Begriff, mit äußerster Gefahr für sich und seine Brüderschaft ein Werk zu tun, das er in seiner Unwissenheit für seine Pflicht erachtete; der Prediger, von besserer Einsicht erfüllt, sich für die Sache des Herrn jeglicher Strafe zu unterziehen, nötigenfalls seine Sendung mit seinem Blute zu besiegeln. Also gerüstet zu dem geistigen Kampfe, einer den andern mit den Blicken durchdringend, in der Hoffnung, einen Riß oder Mangel in der Rüstung des Gegners zu entdecken, näherten sie sich einander. Aber während sie sich mit den Blicken maßen, fingen doch langsam alte Erinnerungen an, sich in ihren Herzen zu regen. Von der Stirn, des Mönches wich langsam die Strenge und Unversöhnlichkeit, und von Wardens Antlitz der verhaltene Trotz, und auf einen Moment streiften sie die düstre Feierlichkeit des Wesens von sich. Sie hatten zusammen eine Universität im Auslande besucht, waren dort treue Freunde gewesen, hatten sich geholfen in mancher Zeit der Bedrängnis. Dann hatten sie sich auf lange Zeit trennen müssen. Warden hatte um seiner Sicherheit willen, der Mönch der gemeinen Klostersitte gemäß, den bürgerlichen Namen abgelegt, und so war es gekommen, daß sie sich in den feindlichen Rollen in dem großen politischen Drama, das sich zu ihrer Lebenszeit in Schottland abspielte nicht wiedererkannt hatten. Allein jetzt rief der Mönch: »Henry Wellwood!« und der Prediger: »William Allan!« und ergriffen von den alten vertrauten Klängen, ergriffen von den unvergeßlichen Erinnerungen gemeinsamer Jugenderlebnisse, gemeinsamer Studien, reichten sie sich auf einen Augenblick die Hände und blickten einander ins Herz. »Nehmt ihm die Fesseln ab!« sprach der Mönch und half dem Reisigen eigenhändig bei dieser Arbeit. Aber als sie im andern Augenblick zum Bewußtsein der Rollen, die ihnen vom Schicksal zuerteilt worden waren, kamen, da ließ jeder die Hand des andern los und trat von dem andern hinweg. Und jeder maß wieder den andern mit den kalten Blicken des Widersachers. »Ist dies die Grenze von Wellwoods Laufbahn?« hub der Unterprior an, »ist dies das Ende der rastlosen Tätigkeit, der unerschrocknen Wahrheitsliebe, die die Forschung bis auf die Spitze trieb? die den Himmel stürmen zu wollen schien? Mußten wir uns darum in den besten Jahren der Jugend kennen und lieben, um uns im Alter als Richter und Beklagter gegenüberzustehen?« »Nicht so, William Allan, begegnen wir uns wieder,« versetzte Warden, »sondern als irregeführter Tyrann und als demütiges Schlachtopfer. Auch ich frage nun: sind dies die Früchte jener herrlichen Hoffnungen auf William Allans klassische Bildung, scharfe Verstandeskräfte und unschätzbare Kenntnisse, daß er sich erniedrigen mußte zum nutzlosen Einsiedler, vor dem Pöbel beehrt mit dem hohen Auftrage, Roms Bosheit an Roms Widersachern zu üben?« »Nicht Dir,« wiederholte der Mönch, »noch sonst einem Sterblichen, des sei versichert, will ich Rechenschaft geben von der Gewalt, mit der die heilige Kirche mich bekleidet hat, die mir verliehen von ihr wurde als ein Pfand zu ihrem Heile. Und zu ihrem Heile soll diese Gewalt jeder Gefahr zum Trotz angewendet werden, ohne Furcht und ohne Nachsicht!« »Von Deinem mißleiteten Eifer habe ich Geringeres nicht erwartet,« antwortete der Prediger, »und in mir habt Ihr jemand gefunden, gegen den Ihr Euer Ansehen furchtlos geltend machen könnt, mit der Sicherheit, daß wenigstens sein Geist Eurem Einfluß Trotz bieten wird, gleich dem Schnee auf dem Mont-Blanc, der auch nicht schmilzt in der Hitze des Sommers, und den wir einst zusammen sahen.« »Daran zweifle ich nicht,« erwiderte der Mönch. »Du warst von je ein Löwe, der sich gegen den Speer des Jägers wandte, und nicht wie ein Hirsch beim Klange des Hifthorns erbebte.« Schweigend schritt er durch den Raum. Dann sprach er wieder: »Wellwood! wir können nicht länger Freunde sein. Unser Glaube, unser Anker in der Zukunft ist nicht mehr der gleiche.« »Es betrübt mich tief,« erwiderte der andre, »daß Du die Wahrheit redest, Allan! Möge denn Gott mich richten, wenn ich die Belehrung einer Seele, wie der Deinen, nicht mit meinem Herzblut erkaufte.« »Mit besserm Grunde muß ich Dir Deinen Wunsch zurückgeben,« sagte der Mönch. »Ein Arm, wie der Deine, sollte die Bollwerke der Kirche verteidigen! Doch da es der Wille des Schicksals ist, daß wir nicht länger als Freund Seite an Seite fechten, so laß uns wenigstens als edle Feinde handeln. Willst Du ehrlicher Gefangner bleiben auf Dein Wort, wie es die Krieger dieses Landes zur Bedingung setzen? Willst Du feierlich geloben, Dich auf meine Ladung vor dem Abt und Kapitel des Liebfrauenklosters zu stellen, und Dich nicht über eine Viertelmeile in der Runde von diesem Hause zu entfernen? Ich meine, willst Du Dein Wort dafür setzen zum Pfande, so sollst Du, also baue ich auf Deine Ehrlichkeit, unbewacht und ungefesselt Dich hier bewegen können.« »Insofern, als Dein Vorschlag mit solcher Ruhe und Höflichkeit gemacht wird,« sagte der Prediger, »und von meiner Seite mit Ehren angenommen werden kann, will ich darauf eingehen.« »Halt!« rief der Mönch, »einen Punkt noch, den ich fast vergessen hatte! Du mußt geloben, während Deines Aufenthalts hier weder mittel- noch unmittelbar Deine pestartige Ketzerei zu verbreiten.« »Hier müssen wir unsre Unterhandlung abbrechen,« versetzte fest und entschieden der Prediger. »Wehe mir, wenn ich das Evangelium zu predigen unterließe!« Diese Worte brachten den Mönch außer sich. ... »Bereite Dich, zu tragen, was Du um solcher Gesinnung, um solches Trotzes willen verdienst. Kriegsmann, bindet ihn!« Heinrich Warden, mit stolzer Ergebenheit in sein Schicksal, reichte die Arme den Fesseln, ... »Schont meiner nicht!« sprach er zu Christie, der, so rohen Sinnes er war, doch Anstand nahm, die Bande fest zu ziehen. Und während der Mönch aus seiner Kutte hervorsah, wie der Reisige dem Befehle genügte, wahrend er den Blick zu Boden senkte und die Hand an die halb von der Kutte verhüllte Wange legte, als wenn er die Bewegungen seines Gemüts ersticken wolle, erhob sich am Eingänge des Turmes ein wilder Lärm, und gleich darauf stürzte Edward Glendinning mit erhitzten Wangen in das Gemach hinein. »Gott sei Dank, ehrwürdiger Vater,« rief er, »mein Bruder lebt! In Corinnan-Shian findet sich kein Grab, keine Spur von einem solchen. Der Rasen um die Quelle ist weder durch Spaten noch durch Schaufel weggeräumt worden. Mein Bruder lebt, so gewiß ich noch lebe!« Der Ernst des Jünglings, die Lebhaftigkeit seines Wesens, sein blitzendes Auge erinnerten den Prediger, als er ihn sah, lebhaft an Halbert, und er fragte, ohne sich Zeit zu gönnen: »Von wem sprichst Du, mein Sohn, etwa von einem Jünglinge, der etwas älter zu sein scheint, wie Du, schlanker und kräftiger ist als Du, braunes Haar hat und ein offnes Gesicht? der aber beinahe die gleiche Stimme hat wie Du und fast die gleiche Haltung hat wie Du?« »Sprecht, ums Himmels willen, sprecht!« rief Edward, »Tod und Leben liegen auf Eurer Zunge.« Und mit einer Stimme, so ruhig, als stände er nicht hier unter der schwersten Bedrohung von Freiheit und Leben, gab der Prediger einen haarkleinen Bericht, wie er Halbert getroffen, wie ihn Halbert in die Schlucht geführt hatte, worin sie Gras mit Blut bedeckt und ein zugeschüttetes Grab gefunden hätten, wie der Jüngling sich selbst des Mordes an Sir Piercie Shafton bezichtigt habe. »Und sagtest Du nicht eben,« wandte der Mönch sich an Edward, »daß dort keine Spur von einem Grabe zu sehen, zu finden sei?« »Keine Spur!»wiederholte Edward, »indessen muß auch ich sagen, daß der Rasen ringsum niedergetreten und mit Blut bespritzt war.« »Das sind Blendwerke des Bösen,« rief der Mönch, indem er sich bekreuzte, »kein Christ kann länger daran zweifeln! »Wäre dies der Fall,« sagte Würden, »so möchten wohl Christen sich besser davor bewahren mit dem Schwert des Gebets als durch solch kabbalistisches Zeichen!« »Das Zeichen des Kreuzes, das Zeichen der Erlösung,« sagte der Mönch, »entwaffnet alle bösen Geister.« »Das bloße Wort,« erwiderte der immer kampfbereite Warden, »ist kein Beweis! Wo steht geschrieben, daß dergleichen leeren Zeichen und Gebärden solche Kräfte, wie Du behauptest, innewohnen?« »Ich wollte vordem mit Dir disputieren,« antwortete der Mönch, »aber Dein Trotz lehnte es ab. Jetzt bin ich nicht mehr dazu willens.« »Und sollten es die letzten Worte sein, die über meine Lippen dringen,« versetzte der Reformator, »und würden sie gesprochen auf dem Scheiterhaufen, halb erstickt vom Rauche der Flammen, so würde ich doch mit meinem letzten Hauche zeugen gegen Roms abergläubische Erfindungen!« Nur mit Mühe unterdrückte der Unterprior die Antwort, die ihm auf den Lippen schwebte, und sagte zu Edward, er solle seine Mutter auf der Stelle in Kenntnis setzen, daß sein Bruder noch lebe. »Ich habs Euch doch schon vor zwei Stunden gesagt,« bemerkte Christie von Clinthill, »aber mir wolltet Ihr nicht glauben. Wie es scheint, verdients die Aussage solch alten Graukopfs besser? und dabei reite ich doch niemals aus, ohne mein Paternoster herzusagen.« »Führt den Gefangenen ab,« antwortete der Mönch, »und achtet darauf, daß er nicht entweiche. Allein füget ihm kein Leid zu! Bei Eurem Leben!« Kaum sah sich der Unterprior mit Edward, der das Gemach noch immer nicht verlassen hatte, allein, so fragte er: »Was ist Dir widerfahren, Edward, daß Deine Augen funkeln, Deine Wangen bald rot, bald blaß sich färben? daß Du Dich weigerst, Deiner Mutter die frohe Kunde zu bringen? So geh doch und sage es ihr!« »Ich muß ihr, wenn ich das eine melden, jetzt auch das andre melden, daß, wenn sie einen Sohn wiedergewonnen, den andern dafür verliert!« »Was sollen solche Reden bedeuten, Edward?« fragte der Prior streng. »Vater,« sprach der Jüngling, indem er vor dem Prior niederkniete, »ich will Dir meine Sünde bekennen und Du sollst Zeuge sein von meiner Reue.« »Was ist es, mein Sohn, das Dein Gewissen so peinigt?« fragte der Prior gütig. »Laß es mich wissen. Die Gnade der Kirche ist groß gegen ihre folgsamen Kinder, die ihre Gewalt nicht bezweifeln.« »Mein Bekenntnis wird ihrer Gnade gar sehr bedürfen,« erklärte Edward, »ich hörte von dem plötzlichen Tode des Bruders mit Freude und freute mich seiner – ich hörte von seiner Wiedergeburt und betrübte mich dessen.« »Edward!« rief der Mönch, »Du bist von Sinnen! In der Erschütterung Deines Herzens hast Du die Stimme desselben falsch gedeutet! Geh hin, mein Sohn, und sammle Deine Sinne im Gebet!« »O, Vater, was mein Herz erfüllte, was mein Herz trieb zu solch sündiger Freude, es war die Liebe zu Mary von Avenel! durch sie bin ich zu dem schrecklichen Sünder geworden, als welchen ich mich vor Dir und unsrer Kirche bekenne!« »Liebe zu einem Mädchen, das Eurem Stande so weit überlegen ist? Wie durfte Halbert, wie durftest Du es wagen, die Augen zu ihr zu erheben, anders, als mit dem Bewußtsein, daß sie für Euch unerreichbar sei? daß sie an Rang so unendlich über Euch stände, daß jeder solche Gedanke an Wahnsinn streife?« »Wann hat Liebe gewartet auf Ahnen?« erwiderte Edward; »war Mary nicht unsrer Mutter Pflegekind? und in nichts unterschieden von uns, mit denen sie gemeinsam erzogen wurde? Genug, wir liebten sie, liebten sie beide! und ich sah, wenn, wir beisammen saßen, recht gut, daß Halbert ihr der Liebere sei, an tausenderlei Zeichen. Aber ich trug es, Vater, ohne ihn zu hassen ...« »Und wohl Dir,« fiel der Mönch ihm in die Rede, »daß Du es trugst, und daß Du ihn nicht haßtest! wie hattest Du auch so verstockt sein können, ihn zu hassen, weil er töricht war wie Du?« »Vater,« fügte Edward, »die Welt hält Dich für weise und schätzt Deine Kenntnis des menschlichen Herzens. Aber hier gehst Du irre! Es geschah nicht ohne schweren innern Kampf, daß ich mich vor Haß bewahrte, und nie habe ich schwerer gekämpft als in jener Nacht, die uns trennte. Und es war mir kaum möglich, der Freude zu widerstehen, als er von meinem Pfade gerissen wurde – es war mir nicht möglich, mich der Betrübnis zu wehren, als er wieder in meinen Pfad geschleudert wurde.« »Gott sei Dir gnädig, mein Sohn!« sprach der Mönch und legte die Hand auf sein hämmerndes Haupt, »das ist ein gräßlicher Gemütszustand! In eben solch böser Stimmung erwürgte der erste Mörder seinen Bruder, weil Abels Opfer dem Herrn genehmer war.« »Ich will ringen mit dem Dämon, der sich meiner bemächtigt hat,« sprach der Jüngling mit Festigkeit. »Aber ich muß zuerst vor den Auftritten fliehen, die hier stattfinden werden. Ich kann den Anblick nicht ertragen, wenn Marys Augen vor Freude leuchten werden über die Nachricht von dem Wiederfund ihres Geliebten, denn das könnte mich zu einem andern Kain machen!« »Rasender!« rief der Mönch. »Zu welchem Verbrechen droht Deine Wut Dich zu treiben?« »Mein Los ist entschieden,« sprach Edward. »Ich werde in den geistlichen Stand treten, den Ihr mir einst so dringend empfahlet. Es ist mein Vorsatz, mich mit Euch ins Kloster zu begeben, Vater.« »Nicht in diesem Zustande von Zerrüttung, mein Sohn,« antwortete der Mönch. »Ich sage es nicht, um Dich von Deinem Pfade abzubringen, und Du sollst ja mit mir gehen. Aber als Novize mußt Du eine Prüfungszeit bestehen, und für diese ist es Vorschrift des Ordens, daß Du sie antrittst mit kaltem Blute und nach reiflichem Bedacht.« »Es gibt Handlungen, Vater,« erwiderte Edward, »die keinen Verzug gestatten. ... Wann werden wir uns in das Kloster begeben?« »Wenn Du willst, auf der Stelle,« erklärte der Prior, seinem Ungestüm nachgebend. »So gehe und triff die hierzu nötigen Anstalten! Doch warte! Du mußt mir zuvor volle Beichte ablegen, mein Sohn; ich frage Dich drum, hast Du auch nichts mir verschwiegen, was Dich so plötzlich bestimmt hat zu solchem Entschlusse?« »Meine Sünde habe ich vollständig gebeichtet,« sprach Edward, indem er sich wieder auf die Kniee fallen ließ, »aber einer seltsamen Erscheinung habe ich nicht erwähnt, die durch ihre Wirkung auf mein Gemüt wohl dazu beigetragen haben mag, daß ich diesen Entschluß so schnell faßte!« »Laß mich denn alles wissen, mein Sohn!« »Ich erzähle es nicht gern,« sagte Edward. »Erzähle es mir immerhin!« sagte der Mönch, »und fürchte keinen Tadel von mir! denn ich kann Gründe haben, als wahr anzunehmen, was Dir anders bedünken mag.« »So wisset denn, Vater, daß ich, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwebend, den verstümmelten, eilig verscharrten Leichnam zu finden, nach dem Tale eilte. Ihr wißt, in welchem Rufe der Platz in der ganzen Gegend steht. Meine Begleiter gerieten in Angst, und eilten, wie auf einem Verbrechen ertappt, das Tal hinunter. Meine Seele war zu erregt, um Lebendige oder Tote zu fürchten. Ich ging langsamer als meine Begleiter. Schon waren sie mir aus dem Gesicht geschwunden, als ich, mich umschauend, an der Quelle eine weibliche Gestalt erblickte ...« »Hüte Dich, mein Sohn,« fiel ihm der Mönch streng in die Rede, »in einer Stimmung, wie Deiner jetzigen, zu scherzen!« »Ich scherze nicht, Vater,« antwortete der Jüngling, »wer weiß, ob ich je wieder scherze! Ich sage Euch, ehrwürdiger Vater, ich sah eine weibliche Gestalt, in weitem Gewande, schneeweiß, ganz so, wie man den Geist schildert, der um das Haus Avenel wandert. Glaubt mir, Vater, bei Himmel und Erde! ich spreche kein Wort, als was ich mit diesen Augen gesehen habe!« »Ich glaube Dir, mein Sohn,« sagte der Mönch. »Erzähle weiter!« »Die Erscheinung,« sagte Edward Glendinning, »begann zu singen, und zwar wie folgt: – und so seltsam es Euch erscheinen mag, daß ich die Worte noch jetzt so genau weiß, so vermag ich doch keine Erklärung dafür zu geben, außer daß sie mir so unvergeßlich in die Seele geprägt sind, wie wenn sie mir seit meiner Kindheit bekannt wären: – Der Du zu meinem Quell gekommen, Von argen Hoffnungen entglommen, Des Herz von sünd'ger Freude glüht, Wenn scheinbar Gram Dein Aug umzieht, Zurück! hier findest Du fürwahr Nicht Leiche, Sarg, nicht Grab noch Bahr, Der Tot-Lebendige ist nicht hie. Zu den Lebendig-Toten flieh! Zu ihnen, deren Ernst verhehlt Oft jenen Wunsch, der Dich beseelt; Die oftmals, Leidenschaft zernagt, Der sie mit einem Schwur entsagt; Die ernsten Blicke oft wild Verlangen Und eitle Hoffnung hält befangen; Du eile in des Klosters Schoß, Gebet und Wachen sei Dein Los! Weg mit dem Grün, nimm graues Kleid, Hinweg! dem Kloster Du geweiht! »Das ist ja ein seltsamer Singsang,« sagte der Mönch, »und wie mir scheinen will, nicht eben zu Deinem Besten gesungen. Aber wir haben die Gewalt, des Satans Blendwerk zu schanden zu machen. Du sollst mit mir gehen, mein Sohn! Aber willst Du nicht Deine Mutter noch einmal sehen?« »Keinen Menschen mag ich mehr sehen,« rief Edward. »Ich will nicht Gefahr laufen, daß mein Entschluß wankend gemacht werde. ... Aus dem Kloster sollen sie erfahren, was ich will. Sie alle mögen wissen, daß Edward nicht länger mehr der Welt angehört, ihrem Glücke im Wege zu stehen!« »So komm, mein Sohn! und wenn wir durch das Tal hinunter reiten, will ich Dir die Wahrheiten künden, wodurch die Väter und Weisen der Vorzeit zu jener köstlichen Alchimie den Weg fanden, welcher die Kraft innewohnt, unsre Leiden in Glückseligkeit zu wandeln!« Dreizehntes Kapitel. Edward ließ die Pferde anschirren, dann verabschiedete er sich von den Nachbarsleuten, die ihm zu Hilfe geeilt waren, und die über seinen so schnellen Aufbruch wie über die Wendung, die sich so schnell vollzogen hatte, nicht wenig überrascht waren. »Hier ist es mit der Gastfreundschaft gar traurig bestellt,« meinte Dan von Howlet-Hirst zu seinen Kameraden, »soviel steht bei mir fest, die Glendinnings mögen sterben und aufwecken, soviel es ihnen paßt, ich setze wegen dieser Gesellschaft keinen Fuß mehr von meinem Gehöft.« Martin redete ihnen gut zu und suchte sie durch Speise und Trank besser zu stimmen. Aber es wollte ihnen nicht schmecken, was Martin ihnen vorsetzte, und übellaunig zogen sie von dannen. Die Familie hatte bald erfahren, daß Halbert Glendinning noch lebe. Die Mutter weinte bald, bald dankte sie dem Himmel für seine Gnade. Frau Tibbie meinte, sie hätte es sich niemals so recht denken können, daß Halbert sich von einem Piercie oder einem dieses Schlages umbringen ließe; man möge über die Englischen reden und denken, was man wolle, einem echten Schotten kämen sie doch einmal an Körperkraft und Ausdauer nicht gleich. Auf Mary Avenel machten diese Ereignisse einen ungleich tiefern Eindruck. Sie hatte erst seit kurzer Zeit Trost im Gebete gesucht, und ihr war ganz so zu Mute, als seien ihre Gebete auf der Stelle erhört worden, als hätte die himmlische Gnade sich an ihr auf höchst seltsame Weise offenbart, kaum daß sie gelernt habe, sich an sie zu wenden; und wenn auch solchen Empfindungen ein bedenklicher Grad von Schwärmerei zu grunde liegen mochte, so ging dieselbe doch nur aus der lautersten Andacht hervor. Das heilige Buch, das sie von nun ab als ihren besten Schatz betrachtete, wickelte sie in ein seidnes Tuch, eins der wenigen Sachen von wirklichem Wert, die sie ihr eigen nannte, und sie fühlte nur eins mit Schmerzen, daß ihr das heilige Buch, weil es ihr an einem geschickten Ausleger gebrach, wohl immer nur ein verschlossnes Buch, eine versiegelte Quelle bleiben werde. Während Edward für die Pferde besorgt war, ersuchte Christie von Clinthill neuerdings um Weisung, was mit dem reformierten Prediger werden solle, und abermals suchte der Unterprior einen Ausweg zu finden aus dem Dilemma, in das ihn das Mitleid mit dem alten Freunde, die hohe Achtung, die er vor ihm fühlte, und die Pflicht, die er seiner Kirche gegenüber zu erfüllen hatte, stürzte. Die beträchtlichste Schwierigkeit war, wie ihm vorkam, durch Edwards unvermuteten Entschluß beseitigt worden, und darum durfte er den Prediger nicht in Glendearg lassen. »Ueberliefere ich diesen Wellwood oder Warden dem Kloster,« sprach er bei sich, »so muß er in seiner Ketzerei sterben, muß Leib und Seele verlieren; und wenngleich solches Verfahren ehedem für ratsam erachtet wurde, um Schrecken unter den Ketzern zu verbreiten, so ist doch ihre Macht jetzt so groß geworden, daß wir durch solches Vorgehen wohl nur ihre Wut entflammen, ihren Rachedurst wecken würden. Freilich hat er mir das Versprechen nicht gegeben, kein Unkraut mehr unter den Weizen säen zu wollen, aber der Boden ist doch anderseits viel zu dürr hier, daß Saat aufgehen könnte. Und daß er Einfluß auf die armen Frauen hier gewinnen könnte, brauche ich doch wahrlich nicht zu befürchten, denn sie sind ja in viel zu strengem Gehorsam gegen die Kirche als ihre Vasallen erzogen worden. Dagegen hätte Edwards scharfer, wißbegieriger Geist sich leicht an der neuen Lehre entzünden können, aber Edward ist nun fort von hier, und außer ihm bleibt nichts mehr hier gegenwärtig, was von der Flamme erfaßt werden könnte. Es wird mithin Warden einerseits alle Gelegenheit fehlen, seine verderblichen Lehren auszustreuen, anderseits ist sein Leben hier in Sicherheit; und wer weiß, ob nicht vielleicht seine eigne Seele aus dem Netze des Vogelstellers gerettet wird. Ließe sich Warden von seinen Irrtümern bekehren, so zöge die Kirche aus solcher geistigen Wiedergeburt hundertfältigen Vorteil, während ihr der zeitliche Tod des Mannes bloß schaden würde.« Am Schlusse dieser Betrachtungen angelangt, die in demselben Maße von seiner Herzensgüte wie von der Beschränktheit seiner Anschauungen und auch einem gewissen Grade von Eigendünkel und Selbsttäuschung Zeugnis gaben, erteilte der Unterprior Befehl, den gefangenen Prediger vor ihn zu bringen. »Heinrich,« sagte er, »alte Freundschaft und christliches Mitleid verbieten mir, das zu erfüllen, was mir das strenge Pflichtgefühl gebeut, und Dich dem sichern Tode zu überliefern. Du warst, wenn auch hart und unbeugsam in Deinen Entschlüssen, doch immer edlen Herzens. Ich verlange von Dir kein andres Versprechen, als daß Du Dein Wort gibst, nicht aus diesem Turme zu entfliehen, und Dich, der Ladung gehorsam, zu stellen.« »Du hast einen Kunstgriff gefunden,« antwortete der Prediger, »mir die Hände fester zu binden, als es die schwersten Kerkerfesseln vermöchten. Selbstverständlich werde ich nichts tun, was Dich bei Deinen Obern in Mißkredit setzen könnte, und werde um so behutsamer vorgehen, als es mir bei weiteren Unterredungen doch am Ende noch gelingt, Deine Seele wie einen Brand aus dem Feuer zu retten, Dich aus den Klauen des Antichrists zu erlösen.« Der Unterprior geriet ob dieser Meinung, die seiner eignen so vollständig gleich war, in hellen Zorn, und streitfertig rief er: »Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt, daß mein Glaube an jenem Felsen ankert, auf welchem der heilige Petrus seine Kirche gegründet hat.« »Das ist eine Textverdrehung,« rief der eifrige Streiter Heinrich Warden, »die sich an ein bloßes Wortspiel klammert, und eine durchaus grundlose Redefigur.« Es fehlte wenig, so hätte sich der Wortstreit wieder entzündet und vielleicht mit der Abführung Heinrich Wardens in den Klosterkerker geendigt, zum Glück aber warf jetzt Christie von Clinthill die Bemerkung dazwischen, daß es spät zu werden anfange und sie wohl gut täten, aufzubrechen, da sie ja noch durch das ganze Tal zu wandern hätten, das doch ziemlich berüchtigt sei, und das er nach Sonnenuntergang nicht gern noch passieren möchte. Der Unterprior bekämpfte deshalb seine Streitlust, erinnerte Heinrich Warden nochmals daran, daß er sich seiner Dankbarkeit und seines Edelsinns gewärtig halte, und verabschiedete sich von ihm. »Du darfst Dich versichert halten, alter Freund,« erwiderte Warden, »daß ich mit Vorsatz und Willen nichts tun werde, was Dir nachteilig werden könnte. Sollte aber mein Meister mich zu einem neuen Werk auffordern, dann ist es für mich Gebot, Gott eher zu gehorchen als den Menschen.« Die beiden Männer, die durch Gaben der Natur und durch einen erworbnen Schatz von Kenntnissen gleich hervorragend waren, hatten der gemeinsamen Berührungspunkte weit mehr, als sie sich zugestehen mochten. Worin sie von einander im Grunde genommen nur abwichen, war die Eigenschaft des einen als Katholik und die Eigenschaft des andern als Protestant. Der Katholik stritt für seinen Glauben, der wenig Raum für Gefühl und Empfindung litt, voll frommer Ergebenheit in die Gerechtigkeit seiner Sache mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen und zeigte sich weltklug, behutsam und listig ... der andre hingegen, den die starke Triebfeder einer im spätern Leben gewonnenen Ueberzeugung leitete, verfocht dieselbe mit dem gerechten Gefühl eines lebendigen Vertrauens, mit Feuer und Begeisterung und, bedingt hierdurch, mit einer gewissen Ueberhast. Wahrend der Katholik also, um sich soldatisch auszudrücken, der Defensive den Vorzug gab, trachtete der Protestant nach der Offensive; der Priester suchte hinzuhalten, der Prediger hingegen zu erringen. Aber sie konnten nicht von einander scheiden, ohne sich noch einmal die Hände zu reichen und mit einem Blicke ins Angesicht zu schauen, aus welchem sowohl Kummer als Liebe und Mitleid deutlich sprachen. Pater Eustachius machte nun der Witwe Glendinning davon Mitteilung, daß der Prediger auf ein paar Tage bei ihr als Gast zu verweilen hätte, und untersagte ihr und allen Hausbewohnern, unter Androhung schwerer Kirchenbußen, sich mit ihm über Glaubenssachen in irgend welches Gespräch einzulassen, hingegen für seine sonstigen Bedürfnisse gewissenhaft Sorge zu tragen. Frau Glendinning war über diese Mitteilung tief erschrocken und fand erst nach einer Weile die Fassung zu folgender Antwort: »Verzeih mirs unsre liebe Frau, ehrwürdiger Vater, aber es ist schon in viele Häuser durch viele Gäste viel Verderben gekommen, und ich fürchte, es wird auch Glendearg nicht frommen, daß es fortwährend einen neuen Gast aufnehmen muß. Zuerst hat sich die Dame von Avenel hergefunden. Nun, ihre Seele möge in Frieden ruhen, aber sie hat einen solchen Schwarm von Geistern und Feen mitgebracht, daß in dem alten Turmgebäude Schrecken und Angst geherrscht haben bis zu ihrem Hinscheiden, und daß es uns allen vorkommt, als hätten wir die ganze Zeit nicht in Wirklichkeit gelebt, sondern nur im Traume. Dann ist der Ritter aus England gekommen, und wenn er auch meinen Halbert nicht gemordet hat, so hat er ihn doch dazu gebracht, daß er dem Vaterhause entwichen und in die weite Welt hinausgelaufen ist. Nun bringen mir Euer Ehrwürden noch gar einen Ketzer ins Haus, der wahrscheinlich den Satan selbst über uns alle bringen wird. Für den Satan ist ja jede Tür und jedes Fenster zu eng, und so wird er wohl ein ganzes Stück von unserm alten Turme mitnehmen. ... Indessen, ehrwürdiger Vater, an mir ist es, Euch und dem Kloster zu Diensten zu sein, und ich will es auch nicht fehlen lassen, diese Pflicht gewissenhaft zu erfüllen.« »Laßt nur gut sein, Frau,« erwiderte hierauf der Priester, »was Ihr an Eurem Hause Schaden gelitten habt, dafür soll Euch das Kloster schadlos halten. Ich werde den Schatzmeister anweisen, Euch auszuzahlen, was Ihr zu fordern habt. Und wegen der Unruhe, die wir Euch bereitet haben, und wegen der Ausgaben, die Euch jetzt wieder entstehen, soll Euch ein Nachlaß am Lehnszins gewährt werden. Außerdem will ich nach dem Verbleib Eures Sohnes die sorgfältigsten Ermittelungen anstellen lassen.« Die Witwe verneigte sich tief vor dem geistlichen Herrn und bat ihn noch, doch ja ihrem Gevatter, dem Müller Happer, sagen zu wollen, daß in betreff seiner Tochter und des Schicksals, das über sie hereingebrochen sei, sie selbst nicht die geringste Schuld träfe. »Da erinnert Ihr mich noch an eine andre Angelegenheit, gute Frau,« nahm Pater Eustachius wieder das Wort, »die nicht verabsäumt werden darf, so viel ihrer mich zurzeit auch bedrängen. Dieser Ritter aus England muß aufgesucht und von diesem seltsamen Ereignis in Kenntnis gesetzt werden. Ebenso muß Sorge dafür getragen werden, daß dieses leichtsinnige Mädchen den Weg ins Vaterhaus zurück finde. Denn litte sie durch dieses Mißverständnis an ihrem Rufe, so könnte ich mich von Schuld an solchem Unglimpf nicht frei halten. Indessen weiß ich im geringsten nicht, wie sie wohl wieder aufzufinden sein könnten.« »Mit Verlaub,« sagte da Christie, »diese Sorge will ich auf mich nehmen. Wenn Ihr mir auch niemals sonderlich freundlich gesinnt gewesen seid, so darf ich doch nimmer vergessen, daß ich ohne Eure Dazwischenkunft schwerlich noch unter den Lebenden weilte. Und wenn anderseits jemand im stande ist, ihre Spur ausfindig zu machen, so bin ich dieser Jemand. Das behaupte ich vor jedermann im ganzen Grenzgebiet. Zuvor aber habe ich noch etwas mit Euch abzutun von seiten meines Herrn, sofern Ihr mir erlauben wollt, mit Euch das Tal hinunter zu reiten.« »Ich dachte, mein Lieber,« erwiderte der Mönch, »Du müßtest Dir allein sagen, daß ich keine rechte Ursache habe, einem Kameraden wie Dir in solch einsamer Gegend mit Vertrauen entgegenzukommen.« »Ehrwürdiger Herr,« antwortete der Reiter, »wollt ich solchen Versuch noch einmal riskieren, so ginge es mir selbst doch am schlimmsten dabei. Habe ich Euch denn im übrigen nicht schon oft genug gesagt, daß ich Euch mein Leben zu verdanken habe? Solchen Dienst bleibt aber Christie von Clinthill niemand schuldig, früher oder später kommt so was zum Ausgleich. Zudem hab ichs verschworen, jemals durch das einsame Tal wieder allein zu ziehen, auch nicht mit meinen Reisigen, denn sie sind doch alle Belialskinder wie ich. Was anders ist es, wenn Euer Ehrwürden mit Psalter und Rosenkranz dabei sind, dann könnt Ihr alle bösen Geister in die Lüfte verjagen, während ich mit meinem Speere alle irdischen Widersacher über Stock und Stein jage.« Edward trat herein mit der Meldung, daß die Pferde gesattelt seien. Dabei fiel sein Auge auf seine Mutter, und sein Entschluß geriet ins Wanken, als ihm einfiel, daß er nun Abschied nehmen müsse. Der geistliche Herr, seine Verwirrung wahrnehmend, kam ihm zu Hilfe. »Liebe Frau,« sagte er, »ich hatte vergessen, Euch davon zu unterrichten, daß Euer Sohn Edward sich mit mir in das Kloster hinüber begibt und vor ein paar Tagen nicht heimkehren wird.« »Ihr wollt gewiß bei der Suche nach dem Bruder helfen. Gott und die Heiligen mögen Euch dafür belohnen!« Der geistliche Herr nahm den Segen, der ihm diesmal recht unverdienterweise in den Schoß fiel, mit auf den Weg und trat mit Edward die Reise an. Dicht auf dem Fuße folgte ihm Clinthill mit seinen Reisigen, so daß man deutlich merkte, wie viel ihm daran gelegen, war, auf seinem Ritte durch das Tal geistliches Geleit wahrzunehmen. »Euer Ehrwürden,« redete er den Prior an, sobald er in seine Nähe gelangt war, »ich war der Meinung gewesen, Euch mit dem alten Evangelischen ein passables Präsent gemacht zu haben. Da Ihr ihm aber so geringe Rücksicht schenkt, scheint Euch wenig daran gelegen zu sein.« »So dürft Ihr die Sache doch eben nicht nehmen,« antwortete der Mönch. »Das Kloster wird Eurem Herrn diesen Dienst hoch anrechnen und auch gut vergelten. Aber der alte Mann ist vormals ein guter Freund von mir gewesen, und ich rechne darauf, ihn vom Wege des Verderbens abzubringen.« »So ist mirs freilich vorgekommen, als ich sah, wie sich die beiden Herren begrüßten. Aber das ist meinem Herrn ganz gleich. Heilige Jungfrau,« rief er plötzlich, »was ist denn das dort?« »Ein Weidenzweig, der zwischen uns und dem Himmel über dem Wege hängt,« antwortete der Mönch. »Gott helf uns!« erwiderte der Reiter, »es sah doch ganz so aus, wie eine Menschenhand mit einem Schwert. ... Aber, um wieder auf meinen Herrn zu kommen, der hat sich als vernünftiger Mann in unfrei schwierigen Zeit so lange in der Schwebe gehalten, bis er genau zu unterscheiden vermochte, wo sich für ihn die größte Sicherheit bietet. Die Lords von der Kongregation hatten ihm ja ganz verlockende Anträge gestellt, und um es Euch rund heraus zu sagen, er hat sich auch eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, mit diesen Herren, die bei Euch ja Ketzer heißen, zu paktieren, hat er doch recht gut gewußt, daß Lord James an der Spitze eines ansehnlichen Reiterhaufens die Straße hier entlang ziehen werde. Anderseits hat aber auch Lord James so bestimmt auf ihn gerechnet, daß er diesen Warden, oder wie er sonst heißt, voraus schickte, mit dem Ansinnen, ihn als Freund in Schutz zu nehmen. Unterwegs aber ist der Lord ...« »Bewahr uns die heilige Jungfrau!« rief der Mönch. »Amen!« ergänzte der Reiter. »Haben Euer Ehrwürden was gesehen?« setzte er ängstlich hinzu. »Nicht das mindeste,« sagte der Mönch; »Deine Erzählung hat mir den Ausruf abgenötigt.« »Na, da mögt Ihr wohl auch im Recht sein, wenn Ihr Euch sorgt,« meinte der Reiter, »denn wenn Lord James den Weg hierher nehmen wollte, dann ginge Euer Kloster wohl in Feuer und Flammen auf. Aber seid gutes Mutes! denn wie auf dem Schlosse Avenel verlautete, ist der Lord wohl auf dem Marsche, aber in westlicher Richtung, nicht hierher, weil die Aufforderung an ihn gelangt ist, dem Lord Semple gegen Cassilis und die Kennedys zu Hilfe zu marschieren.« »Darum also ist dem Prediger Warden eine so frostige Aufnahme auf dem Schlosse bereitet worden?« fragte der Mönch. »Der Grund ist wohl ein andrer gewesen,« sagte der Reiter, »denn mein Herr konnte sich lange nicht darüber schlüssig werden, wie er sich am besten verhielte, und hätte sich ganz gewiß nicht darauf eingelassen, so mit einem Manne zu verfahren, der ihm vom Lord James zugeschickt wurde, wenn nicht irgend ein rühriger Teufel dem Manne zugesetzt hätte, sich mit einer Sache zu befassen, die ihn gar nichts anging, mit dem Verhältnis nämlich, in welchem mein Herr sich zu der Dame Katharina von Newport befindet. Die beiden leben nämlich zusammen, sind aber nicht verheiratet, wohl aber, nach schottischem Hochlandsbrauch, auf ein Jahr zusammen versprochen. Dagegen fing der Prediger an zu eifern, und mein Herr ist darüber in Wut geraten, und darüber ists auf einmal zwischen meinem Herrn und Lord James zu bösem Verdruß gekommen, denn Lord James hat noch nie jemand eine Beleidigung oder Kränkung verziehen. Seitdem steht aber mein Herr Euch mit allem, was sein ist, zu Gebote. Es bleibt ihm ja auch kaum was andres übrig, muß er doch damit rechnen, daß Lord James nicht früher mit der Fehde aufhört, als bis er mit meinem Ritter vollständig fertig ist, das heißt, bis er denselben vom Erdboden getilgt hat und mit ihm das ganze Geschlecht Avenel, denn wenn man das arme Mädel nicht mitrechnet, das hinten in Glendearg hockt, ist doch Ritter Julian der letzte Avenel. Hiermit habe ich Euch wohl mehr mitgeteilt, als meinem Ritter selbst recht sein dürfte; Ihr habt mir aber noch einmal großmütig durchgeholfen, und es könnte sich wohl treffen, daß ich nochmals auf Euren Beistand zu rechnen habe.« »Es soll Euch nicht zum Nachteil sein, daß Ihr uns so aufrichtig Bescheid erteilt habt,« versetzte der Mönch, »denn in solch unsichern Zeiten muß der Kirche natürlich viel daran liegen, zu erfahren, was ihre Nachbarn im Schilde führen, und durch welche Triebfeder sie in Bewegung gesetzt werden. Aber was erwartet Euer Herr als Entgelt für seine Dienste? Ich halte ihn nämlich für einen von jenem Schlage, auf die das alte Wort: Kein Geld, kein Schweizer, zutrifft.« »Nun, das kann ich Euch ganz genau sagen,« antwortete Christie von Clinthill, »Lord James hatte ihm für seine Parteigängerschaft einen schmucken Landstrich zugesagt, der an seine Herrschaft Avenel stößt, und dazu den mitten in seinem Gebiete gelegenen Distrikt Cranberry-Moor. Weniger dürfte er also von Euch auch nicht erwarten.« »Aber was sollte dann mit dem alten Gilbert von Cranberry-Moor werden?« fragte der geistliche Herr. »Ich sollte doch meinen, das Kloster besäße Land genug, um Gilbert, der doch nur knapp über ein paar lahme, gebrechliche Bauern verfügt, anderswo hinzusetzen, wenn auch Cranberry-Moor sein alter Erbsitz sein mag. Aber gegen meinen Herrn, der über fünfzig Berittne kommandiert, die alle schneidig einexerziert sind, kann doch der alte Krippensetzer nicht aufkommen! Zum wenigsten wird Euch wohl der Entschluß zwischen beiden nicht schwer fallen.« »Wir wollen überlegen, wie sich die Dinge einrichten lassen,« erwiderte der geistliche Herr, »und wie sich der tätige Beistand Eures Herrn für das Kloster gewinnen läßt.« Sie langten jetzt an die Stelle, wo dem Sakristan das garstige Begegnis mit dem Geiste passiert war. Es war eine schöne Nacht, und sie setzten ohne Abenteuer und Fährlichkeit über. Aber kaum standen sie an der Pforte des Klosters, als ihnen der Pförtner entgegeneilte und an den Prior die Worte richtete: »Ach, ehrwürdiger Vater, der Lord-Abt vergeht vor Ungeduld, Euch zu sprechen.« »Führe diese fremden Männer hier in die große Halle und trage Sorge, daß sie ordentlich beköstigt und untergebracht werden. Doch erinnere sie daran, daß sie sich bescheiden und sittsam verhalten, wie es sich für Gäste einer frommen Stätte schickt.« »Ehrwürdiger Bruder,« sagte Pater Philipp wieder, »Ihr müßt so freundlich sein, Euch sogleich zu dem Lord-Abt zu begeben, denn so trostlos und kleinmütig habe ich ihn seit der Schlacht bei Pinkie-Cleugh nicht mehr gesehen.« »Ich komme, lieber Bruder, ich komme,« erwiderte Pater Eustachius. »Nur um eins noch bitte ich Dich: diesen Jüngling hier, Edward Glendening aus Glendearg, geleite in die Novizenzelle und überweise ihn dem Bruder Lehrmeister, Gott hat sein Herz gerührt, und er will ein Glied unsers heiligen Ordens werden. Da er gute Fähigkeiten mit Fleiß und Demut verbindet, so denke ich, daß er unserm Kloster dereinst zur Zierde gereichen wird.« Ein andrer Klosterbruder kam herbeigestürzt, der Pater Nikolaus. »Mein allerwürdigster Bruder,« rief er, »begib Dich doch bitte, auf der Stelle, zum Lord-Abt! In solcher tiefen Sorge habe ich ihn noch nie gesehen. Seine Bestürzung ruft mir den Tag ins Gedächtnis, als Pater Ingilram die Unglücksbotschaft von Flodden-Field erhielt.« »Ich komme, ich komme, ehrwürdiger Bruder,« versetzte Pater Eustachius und begab sich nun allen Ernstes zu seinem Obern. Vierzehntes Kapitel. »Meine Brüder,« sprach der Abt, als sein Ratgeber, der Unterprior, mit dem Bruder Sakristan und dem alten Pater Nikolaus in sein Zimmer getreten war, wo er, neben sich die von kostbaren Steinen schimmernde altertümliche Mitra, den Rosenkranz und den prächtig verzierten Krummstab, in einem gewaltigen Armsessel saß, über dessen Lehne seine Hände unruhig hin und her fuhren ... »meine Brüder, ich darf doch wohl annehmen, daß Ihr mir gegenüber gelten lassen werdet, daß ich dem mir zugewiesenen Amte allezeit mit Eifer und Ehren vorgestanden habe. Auch habt Ihr immer Eure Nahrung hier gehabt, und ich habe die Einkünfte des Klosters niemals zu eitlen Genüssen verschwendet, habe niemals die eignen Verwandten oder fremdes Weibsvolk auf Kosten des Klosterschatzes unterhalten oder gar bereichert ...« »Darüber ist niemals eine Beschwerde verlautbart,« antwortete, dem Obern in die Rede fallend, der Prior, »aber dürfen wir fragen, hochwürdiger Herr, welche neue Sorge Euch bedrückt? auf welche neue Sorge Eure Worte hinzudeuten scheinen?« »Ihr wählt das richtige Wort, Pater,« erwiderte der Abt, »jawohl, eine neue Sorge! die Sorge um die Engländer, die unter Führung des Sir John Foster von Hexham im Anmarsch gegen das Kloster sind, und die Sorge, wie wir dem Lord James Stuart entrinnen sollen, der mit seinen Söldnerscharen von der andern Seite, Zerstörung und Verderben drohend, heranrückt.« »Ich dachte, dieser Anschlag sei durch die Fehde zwischen Lord Semple und den Kennedys vereitelt worden?« fragte der Unterprior. »Es ist gegangen, wie es immer geht,« versetzte der Abt, »die beiden strittigen Parteien haben sich auf Kosten des Klosters geeinigt. Der Earl von Cassilis soll die Landstriche bekommen, die eigentlich dem Hause Corseregal gehören, und demzufolge hat er sich dem Stuart angeschlossen, der sich jetzt Murray nennt. Hier sind die Briefe.« Der Prior, nahm die durch einen Eilboten vom Fürst-Primas übersandten Schreiben und trat zur Lampe, um sie mit aufmerksamer Miene zu lesen. Der Sakristan und Pater Nikolaus sahen einander an mit solch jämmerlichen Mienen, wie ein Paar Hähne, wenn über ihrem Hofe der Habicht schwebt. Das Auge des Abtes, das unter der Last schwerer Sorge gebeugt saß, ruhte voll Bangigkeit auf dem Unterprior, wie wenn er aus dem Ausdruck seiner Mienen Trost zu schöpfen suchte; als er aber sah, daß sein Berater noch immer in Nachdenken versunken stehen blieb, fragte er in ängstlichem Tone: »Was beginnen wir nun?« »Was uns die Pflicht vorschreibt,« antwortete der Unterprior, »das übrige steht in Gottes Hand.« »Unsre Pflicht!« wiederholte der Abt; »nun freilich, unsre Pflicht müssen wir tun, aber worin besteht sie? wozu soll sie uns frommen? ... wirds uns gelingen, die Feinde mit Glockengeläut, mit Büchern und Kerzen zu verjagen? Oder wird Murray sich um Chorgesänge und Psalmen was scheren? oder kann ich für das heilige Stift fechten wie Judas Makkabäus gegen den ungläubigen Nikanor? oder kann ich den Sakristan aussenden gegen diesen neuen Holofernes, daß er mir sein Haupt im Korbe herbringe?« »Wohl habt Ihr recht, Mylord-Abt,« erwiderte der Unterprior, »wir können nicht fechten mit weltlichen Waffen, denn das widerspräche unsrer Tracht ebenso wohl wie unserm Gelübde; allein wir können für unser Kloster und für unsern Orden in den Tod gehen.« Der Bruder Sakristan und Pater Nikolaus sahen einander mit einem Ausdruck in ihren Mienen an, der von Entsetzen nicht mehr weit war. »Indessen bleibt uns,« fuhr der Unterprior fort, »noch ein Mittel, nämlich, wir können diejenigen unter die Waffen rufen, die fechten können und fechten wollen. Die Engländer sind nur gering an Zahl und scheinen auf Murrays Beistand zu warten, dessen Marsch aber unterbrochen worden ist. Wagt es nun Foster mit seinen Banditen aus Cumberland und Hexamshire in Schottland einzudringen, in der Absicht, unser Stift zu plündern, so müssen wir unsre Vasallen aufbieten, und daß wir es an Stärke mit ihnen aufnehmen können, erscheint mir nicht zweifelhaft.« »Im Namen unsrer heiligen Jungfrau,« erwiderte der Abt, »meint Ihr, ich sei ein Petrus, um mich als Heerführer an die Spitze einer Armee zu stellen?« »Es gibt doch kriegsgewohnte Männer,« sagte der Unterprior, »zum Beispiel Julian Avenel ...« »Ein schlechter Mensch, ein Lüdrian, ein echter Belialssohn!« erwiderte der Abt. »Und doch müssen wir uns seiner zu solchem Amte bedienen, wozu er erzogen worden ist,« antwortete der Mönch, »zumal wir es ihm ja gut bezahlen können. Ich weiß schon, wie es sich mit seiner Abfindung dafür wird machen lassen. Es scheint wohl sicher, daß die Engländer in der Meinung heranrücken, sich des Ritters Piercie Shafton bemächtigen zu können, der sich zu uns geflüchtet hatte. Zum wenigsten werden sie diesen Vorwand benützen, um unser Kloster zu überfallen.« »Ich habe niemals gewähnt, daß er uns mit seinem Firlefanz von Atlasgewändern und Helmschmuck und Federn sonderlich Gutes bringen, würde,« bemerkte der Abt. »Und doch müssen wir, sofern es irgend angeht, uns auch seiner Hilfe versichern!« sagte der Unterprior. »Mag er doch den großen Piercie, mit dessen Huld und Freundschaft er sich brüstet, bestimmen, daß er zu unsrer Hilfe heranziehe! Dieser gute und getreue Lord könnte einen Foster schon bezwingen und all seine Absichten vereiteln. Ich gedenke, diesen Reitersmann noch heute zu ihm zu schicken.« »Wohl möglich, daß Foster auf Murray wartet,« erklärte der Abt, »zumal dessen Zug gegen uns ja nur auf kurze Zeit verzögert weiden dürfte.« »Das glaube ich nicht,« entgegnete der Unterprior, »denn dieser Foster ist ein zu verzweifelter Ketzer, der zu erpicht ist auf die Zerstörung unsrer Kirche. Als geborner Grenzer trachtet er nach den Schätzen der Kirche, und ein Einfall in Schottland wird ihm ein Gaudium sein! Außerdem hat er noch Beweggründe genug, sich sogleich über uns herzumachen, denn wartet er, bis ihm Murray beisteht, so geht ihm die Aussicht auf die Hälfte der Beute verloren; macht er die Sache allein ab, so fällt ihm alles zu. Ferner kann Julian Avenel den Foster nicht besehen, wie ich gehört habe. Sobald die sich sehen, geht die Hauerei los. Bruder Sakristan, holt doch unsern Vogt herbei! er soll das Verzeichnis der streitbaren Männer mitbringen, die dem Kloster zur persönlichen Hilfeleistung verpflichtet sind. Schickt auch zu dem Baron von Meigallot und laßt ihm sagen, daß sich das Kloster mit ihm wegen des Brückenzolls verständigen werde, falls er uns diesmal mit seinem Trupp helfen wolle. Endlich, Mylord, wollen wir uns an die Abschätzung unsrer Mannschaften und derjenigen des Feindes machen, damit nicht etwa umsonst Menschenblut vergossen werde. Wir wollen also einmal berechnen.« »Mir ist von dem allen so dumm,« rief der Abt, »als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum!. Aber mein Entschluß steht fest, steht schon lange fest,« und bei diesen Worten stand er auf und trat mit all der Würde, die ihm seine stattliche Person vergönnte, einen Schritt vor, um dann fortzufahren: »Vernehmt zum letzten Male die Stimme Eures Abtes Bonifacius! Ich habe für Euch gearbeitet, so weit meine Kräfte es mir erlaubten. In ruhigeren Zeiten wäre mir manches wohl besser gelungen. Habe ich mich doch nur ins Kloster geflüchtet, um der Ruhe pflegen zu können, und das Kloster mußte gerade mir zu einer Stätte der Unruhe werden! Zudem wird es von Tag zu Tag in dieser Hinsicht schlimmer, und je höher ich im Alter herausrücke, desto geringer wird meine Fähigkeit, mich mit all dieser Plackerei zu befassen. Darum gebührt mir ein solcher Platz nicht mehr, denn ich kann die Pflichten, die er auferlegt, nicht mehr erfüllen. So habe ich mich denn entschlossen, mein Amt in die Hände des Paters Eustachius, unsers geliebten Priors, dem es nach der Rangordnung zunächst anheimfällt, niederzulegen. Ich freue mich, daß er noch nicht anderswo eine seinen Verdiensten angemessene Stellung zuerteilt bekommen hat, denn ich hoffe, daß er die Mitra und den Stab aus meinen Händen entgegennehmen werde.« »Mylord-Abt,« nahm hierauf der Unterprior das Wort, »wenn ich von den Tugenden, die Euch bei Führung dieses hohen Amtes geziert haben, schwieg, so dürft Ihr nicht meinen, daß ich dieselben nicht zu würdigen wüßte. Gleich allen, die Euch kennen, bin ich mir des Umstandes wohl bewußt, daß kaum jemals ein Mitglied unsers Ordens zu diesem hohen Amt einen lauterern Willen besessen hat, allen Menschen wie allen Verhältnissen gerecht zu werden, und wenn auch Eure Amtszeit nicht ausgezeichnet war durch kühne Unternehmungen, wie diejenige manches Eurer Vorgänger, so sind hinwiederum Eurem Charakter die Fehler fremd gewesen, die den Charakter solcher Vorgänger verdunkelt haben.« Der Abt richtete seine Blicke mit Verwunderung auf den Prior und sprach: Daß auch Ihr, ehrwürdiger Vater, mir so viel Gerechtigkeit zu teil werden ließet, dessen bin ich mir nicht gewärtig gewesen.« »Ich habe in Eurer Abwesenheit,« sagte der Prior, »diese Meinung noch kräftiger vertreten als in Eurer Gegenwart, und ich möchte nicht unterlassen, hochwürdiger Herr, Euch zu bitten, daß Ihr die gute Meinung, die allgemein über Euch herrscht, nicht dadurch beeinträchtigen möchtet, daß Ihr zu einer Zeit, da Eure Fürsorge gerade am notwendigsten ist, den Verzicht auf Euer Amt erklärt.« »Aber, geliebter Bruder in Christo, ich trete doch mein Amt einem weit besser dafür geeigneten Mitgliede unsers heiligen Ordens ab!« sagte der Lord-Abt. »Zu einer Zeit, wie der jetzigen, bedarf unser Kloster einer kräftigeren Hand. Drum bestimme ich, daß Ihr noch heut abend Euer Amt als Abt antretet und alle notwendigen Anstalten trefft, damit morgen das Kapitel zusammentrete und Eure Wahl vollziehe! Und nun, geliebte Brüder, benedicite ! Friede sei mit Euch! Ich bete mit Euch! Ich wünsche dem Anwärter der Abtswürde, daß er so sanft schlafen möge, wie der, welcher die Mitra niederzulegen im Begriffe steht.« Fünfzehntes Kapitel. Der neu erwählte Abt traf alsbald die Vorkehrungen, die durch den Drang der Umstände geboten waren, und wer in seine Nähe kam, der konnte sehen, daß seine Falkenaugen seltsam blitzten und auf seine hagern, bleichen Wangen eine lebhafte Röte stieg. Kurz und bestimmt schrieb er an verschiedne Barone, um sie von dem bevorstehenden Einfall der Englischen zu unterrichten und um ihre Hilfe in solchem Notfalle anzugehen. Solchen, denen er nicht zutraute, daß sie sich um der bloßen Ehre halber verpflichten würden, bot er mancherlei Vorteile; bei allen aber appellierte er an die Vaterlandsliebe und an den eingeimpften Haß gegen alles Englische. Zu früherer Zeit wäre solcher Appell wohl kaum notwendig gewesen, aber die Unterstützung, die der reformierten Partei Schottlands durch die Königin Elisabeth von England zu teil geworden war, hatte sich von so bedeutenden Folgen erwiesen, daß sich nicht ohne Grund vermuten ließ, ein großer Teil der Edelleute würde sich diesmal neutral verhalten, wenn nicht gar eine Verbindung mit den Englischen gegen die Katholischen eingehen. Als Abt Eustachius erwog, auf wieviel Klostervasallen er zu rechnen habe, erfüllte es ihn mit Betrübnis, daß er dieselben unter das Banner eines so wüsten und hochmütigen Mannes wie Julian Avenel stellen solle ... »Schade,« dachte er bei sich, »daß der junge, schwärmerische Glendinning nicht aufzufinden ist, ihm vertraute ich die Führung lieber an, trotz seiner Jugend, und möchte mich des himmlischen Segens für gewisser halten. Unser Vogt ist leider schon zu alt und zu schwächlich. Es wird sich also wohl kein andrer finden, der für das Amt eines Truppenführers sich eignete, als dieser Julian Avenel.« Er klingelte und gebot dem eintretenden Bruder, Christie von Clinthill zu ihm zu führen. »Du verdankst mir bis zu einem gewissen Grade Dein Leben,« redete der Abt den eintretenden Reiter an, »und wenn Du offen und ehrlich auf die Fragen, die ich Dir stellen werde, antwortest, so kann ich Dir eine Gefälligkeit andrer Natur erweisen.« Christie hatte bereits ein paar Becher Wein geleert, und bei andrer Gelegenheit hatte er Wohl seiner Frechheit unbedenklich die Zügel schießen lassen. Hier aber erklärte er, daß er bemüht sein wolle, auf alle Fragen aufrichtige Antwort zu erteilen. »Steht der Baron von Avenel zu Sir John Foster, dem Grenzwächter der westlichen Marken, in freundschaftlichem Verhältnis?« fragte der Abt Eustachius. »Etwa wie Wildkatze und Dachshund,« erwiderte der Reiter. »Er würde also mit ihm sofort aneinander geraten, wenn sie sich träfen?« »Ganz gewiß.« »Und würde er in einer Kirchenfehde mit Foster Händel anfangen?« »Wenns bloß Fehde ist,« antwortete Christie; »welcher Art, danach früge er ganz gewiß nicht.« »So wollen wir an ihn schreiben und ihm kund tun, daß er im Fall eines Einbruchs Fosters in unser Gebiet seine Mannen mit den unsrigen vereinigen und den Befehl über das vereinigte Korps übernehmen solle. Für diese Dienstleistung wollen wir ihm eine hohe Belohnung sichern, deren Bestimmung in seine Hände gelegt werden soll. Aber nun noch, ein weitres Wort! Du meintest den Aufenthalt des englischen Ritters Piercie auskundschaften zu können?" »Allerdings. Ich schaffe ihn Euch, ob im Guten oder im Bösen, ganz wie es Euer Ehrwürden als das Bessere dünkt.« »Gewalt soll ihm nicht angetan werden,« erwiderte der Abt. »Wie lange Zeit meinst Du dazu zu brauchen?« »Etwa dreißig Stunden, falls er nicht schon Lothian hinter sich haben sollte,« erwiderte Christie. »Wenn Ihrs befehlt, dann setze ich mich sogleich auf und spüre ihn aus, wie der Hund den Landstreicher.« »Bring ihn zur Stelle, und Du sollst rasche und gute Belohnung bekommen,« sagte der Abt. »In dieser Hinsicht verlasse ich mich ganz auf Euer Ehrwürden. Wir Leute mit Schwert und Spieß ziehen ziemlich sorglos durch das Leben. Aber leben muß halt jeder, und das geht manchmal nicht grade.« »Mach Dich also auf den Weg! Ich werde Dir einen Brief an den Ritter mitgeben.« Christie war fast ziemlich an der Tür, als er umdrehte und wie jemand, der, wenn er dürfte, gern einen derben Spaß machte, die Frage stockend stellte, was er denn mit Müllers Mysie anfangen solle, wenn er die beiden zusammen träfe? »Soll ich sie etwa auch mit herbringen, Euer Ehrwürden?« schloß er. »Hierher, Du loser Wicht?« herrschte ihn der Abt an; »weißt Du nicht, an wen Du das Wort richtest?« »Na, böse wars ja nicht gemeint,« entgegnete Christie; »aber wenn Ihr sie nicht hier haben mögt, könnt man sie ja nach Schloß Avenel bringen, wo man eine schmucke Dirne immer ganz gern einziehen sieht.« »Unterlaß Deine Späße!« sprach der Abt. »Nach ihres Vaters Hause bring das übelberatne Mädchen, und sieh zu, daß es in aller Sicherheit und in Ehren für sie geschieht.« »Gegen die Sicherheit soll sich nichts sagen lassen,« erwiderte Christie; »was aber die Ehre anbetrifft, so läßt sich da nur sagen, daß ihr die bleiben soll, die sie noch hat. Und nun, Euer Ehrwürden, lebt wohl! ich muß zu Pferde sein, ehe der Hahn kräht.« »Was? Im Finstern willst Du weg? Wirst Du den Weg auch finden?« »Ich habe die Spuren von des Ritters Gaul bei der Furt gesehen, als wir vorbeiritten,« sagte Christie von Clinthill, »auch bemerkt, daß sie nach Norden ging. Also ist der Herr unterwegs nach Edinburg, dafür möcht ich die Hand ins Feuer legen. Und noch ehe der Tag anbricht, will ich dorthin auf dem Wege sein.« Mit diesen Worten verließ er das Gemach. »Schlimmer Anlaß, der es notwendig macht, sich solcher Werkzeuge zu bedienen,« sagte Abt Eustachius, indem er ihm nachsah. »Allein, da uns von allen Seiten und von allerhand Menschen der Angriff droht, welcher Ausweg bleibt uns dann offen? Aber ich muß nun zu dem allernotwendigsten schreiten, was mir noch zu tun bleibt.« Er setzte sich an seinen Tisch und schrieb noch weitere Briefe, erließ Befehle und nahm die ganze Sorge auf sich für eine Anstalt, die dem Einsturz drohte, aber er verrichtete alles mit dem tapfern Geiste eines Festungskommandeurs, der sich auf die letzten Mittel, den Sturm hintanzuhalten, angewiesen sieht, dieweil sein Vorgänger Bonifacius, aller Sorgen und Beschwerden ledig, nach ein paar Stoßseufzern entschlummerte und den Schlaf des Gerechten schlief. Sechzehntes Kapitel. Wir hatten Halbert Glendinning auf der Hochstraße nach Edinburg verlassen. Sein Zusammentreffen mit Heinrich Warden war so flüchtig gewesen, daß er nicht einmal von ihm hatte hören können, wie der Edelmann hieß, an den er empfohlen worden war. Er hatte nur so viel verstanden, daß er einem Ritter begegnen werde, der mit einem Trupp nach Süden zu unterwegs sei. Bei Tagesgrauen befand sich Halbert noch immer in dieser Ungewißheit. Hätte er eine bessre Schulkenntnis besessen, so hätte er sich durch die Aufschrift, die der Brief trug, belehren können, aber er hatte in dem Unterricht beim Pater Eustachius nicht so viel profitiert, daß er die Buchstaben hätte entziffern können. Indessen sagte ihm die angeborne Klugheit, daß es nicht gut sei, bei der Unsicherheit, die zurzeit überall im Lande herrsche, sich bei Leuten, die ihm unterwegs begegneten, zu erkundigen; als ihn aber nach langem Marsche unfern von einem Dorfe die Nacht überfiel, wurde er doch allgemach unsicher und ängstlich über den Ausgang seines Vorhabens. In einem armen Lande, wo Gastfreundschaft willig gewährt wird, fällt es nicht eben auf und erniedrigt auch nicht, wenn jemand um ein Nachtquartier bittet. Bei einer greisen Bäuerin fand er ein solches und brach am andern Morgen beizeiten auf. Sein Pfad führte durch Sumpf und Moor, bergauf, bergab, und endlich kam er an eine Höhe, die eine weite Aussicht über einen Strich wilden, wüsten Landes bot, das mit Schieferhügeln und seichten Lachen bedeckt war. Durch diese Oedenei zog sich schlangenartig ein kaum sichtbarer Weg. Unschlüssig, ob er gradeaus oder seitab gehen solle, machte Halbert hier Halt; aber er hatte noch nicht lange auf einem Baumstumpf gesessen, als er in nicht zu großer Ferne eine Staubwolke sah, die sich auf ihn zu bewegte, und bald erkannte er, daß sie aus etwa einem Dutzend Reiter sich zusammensetzte. Sie ritten in sehr schnellem Tempo, und ihre Helme und Lanzenspitzen blitzten im Sonnenschein. Der vorderste des Zuges ritt auf der Stelle auf Halbert zu und stellte ihm die Frage, wer er sei? Halbert übergab dem Reiter seinen Brief, und alsbald erscholl von dem hinter dem Vortrab einhersprengenden Haupttrupp der Ruf: Halt! Dann kam der Befehl, daß hier eine Stunde gerastet werden solle. Gleich darauf wurde der junge Erbe von Glendearg auf eine Stelle geführt, die höher lag als der eigentliche Moorgrund. Hier war ein Teppich auf den Boden gebreitet worden. Die Führer der Reiterschar ließen sich rings um den Teppich nieder, um ihr Frühmahl zu halten, das aber kaum viel anders und besser sein mochte, als das, welches Halbert noch eben bei der greisen Bäuerin bekommen hatte. Als Halbert herbeigeführt wurde, erhob sich ein Mann von schöner Gestalt, mit gebietender Haltung, aus dessen ganzem Wesen selbst Halbert trotz seiner Jugend auf der Stelle inne wurde, daß er dem eigentlichen Befehlshaber der Schar sich gegenüber befand. Er trug ein Büffelwams, das mit seidnen Schnüren besetzt war, an Stelle einer Rüstung, und um den Hals eine Kette von gediegnem Golde und ein Medaillon. Das schwarze Samtbarett, das auf seinem Haupte saß, war mit einer Schnur großer, schöner Perlen und mit einem Federstutz verziert, und um die Hüften gegürtet hing ihm ein Schwert an der Seite, das eine auffallende Länge zeigte und wuchtig niederhing. Goldne Sporen an den hohen Reiterstiefeln vervollständigten seine Rüstung. Er winkte Halbert Glendinning, näher zu treten. »Dieses Schreiben,« hub er an, »ist von dem wackern Gottesstreiter Heinrich Warden, junger Mann? nicht wahr?« Halbert antwortete mit einem bestimmten Ja auf die Frage. »Dem Anschein nach schrieb er an Uns im Zustande von Sorge und Bedrängnis und weist Uns betreffs näherer Auskunft an Euch. Laßt Uns also wissen, Jüngling, wie es mit ihm steht.« Halbert erzählte nun nicht ohne Verwirrung, wie es sich gefügt hatte, daß Warden in Haft von dem Baron Avenel genommen worden war. Als er auf den Streit zwischen den beiden Männern über das Leben des Barons in wilder Ehe zu sprechen kam, machte ihn die ernste Miene des Grafen Murray so bestürzt, daß er in der Meinung, doch vielleicht etwas Unschickliches gesagt zu haben, fast gestockt hätte. »Was fehlt denn dem Esel?« rief ein andrer Ritter, der neben dem stand, der mit Halbert sprach, und zog die dunkelroten Brauen finster zusammen, während sich auf der Stirn tiefe Falten zu graben anfingen. »Hast Du nicht gelernt, die Wahrheit zu sagen, ohne zu stocken?« »Mit Verlaub,« erwiderte hierauf mit fester Stimme der Jüngling, »ich habe noch nie mit solchem Herrn gesprochen.« »Wie mir scheint,« nahm hierauf der erste der Herren das Wort, – der kein andrer war als Lord Murray – indem er sich zu dem neben ihm stehenden Ritter wendete, »ist der Jüngling bescheidnen Sinnes, aber doch ein Mensch, der sich in einer guten Sache weder vor Freund noch Feind fürchtet. Sprich weiter, mein Sohn, freimütig und ehrlich.« Nun berichtete Halbert weiter von dem Streit zwischen dem Baron Avenel und dem Prediger. Der Ritter hörte ihm zu, indem er sich auf die Lippen biß, und sich anscheinend zur Gleichgültigkeit zwang. »Warden,« sagte er dann, nicht abgeneigt, sich auf die Seite des Barons Avenel zu schlagen, »ist zu eifrig in seinem Eifer, denn gewisse eheliche Beziehungen sind sowohl nach göttlichem als menschlichem Recht statthaft, auch wenn sie nicht der strengen bürgerlichen Form angemessen geschlossen worden sind, und die Nachkommenschaft, die solchen Verhältnissen entspringt, gilt nicht minder für erbfähig, als die aus den streng bürgerlich geschlossenen Ehen.« Die allgemein gehaltne Meinung, die er mit einem Blick auf die bei dem Gespräch anwesenden Kriegsgefährten begleitete, fand die allgemeine Billigung, und alle, bis auf einen, der den Blick zu Boden schlug und schwieg, riefen: »Dawider läßt sich nichts vorbringen!« Graf Murray wandte sich wieder an Halbert mit der Aufforderung, weiter zu erzählen, aber sich der größten Genauigkeit dabei zu befleißigen. Als nun Halbert schilderte, wie der Baron Avenel seine Konkubine wild von sich schleuderte, knirschte der Graf mit den Zähnen und fuhr mit der Hand an den Griff seines Dolches. Dann aber winkte er, daß Halbert fortfahren solle. Inzwischen hatten sich zu den Zuhörern noch ein paar reformierte Geistliche gefunden, die mit gesteigertem Interesse an den Worten des Jünglings hingen. Als derselbe nun von der schmählichen Weise erzählte, wie Baron Julian den Prediger ins Verließ habe werfen lassen, da schien Graf Murray den richtigen Anlaß gefunden zu haben, seinem Grolle Lust zu machen, denn augenscheinlich war er sich der Zustimmung aller Anwesenden sicher. »Anwesende Pairs und Edlen von Schottland,« hub er an, indem er einen Blick in der Runde schweifen ließ, »richtet Ihr zwischen mir und diesem Julian Avenel! Er hat sein Wort gebrochen und ein sicheres Geleit verletzt. Auch darüber richtet Ihr, daß er sich vergriffen hat an einem Prediger der heiligen Lehre, auch darüber, daß er mit dem Gedanken umzugehen scheint, den Anhängern des Antichrists sein Blut zu verdingen.« »Den Tod eines Verräters soll er sterben,« riefen die weltlichen Hauptleute, »der Henker soll ihm zur Strafe seines Meineids die Zunge mit glühendem Eisen ausreißen.« »Zu den Baalspfaffen soll er hinunter fahren!« zeterten die geistlichen Herren, »und seine Asche sollt Ihr streuen in den tiefsten Abgrund!« Murray hörte ihre Worte mit verhaltnem Lächeln. Er hatte den Ausbruch solcher Rache wohl erwartet, aber er mochte denken, daß die Roheit, mit der der Baron Avenel seine Konkubine behandelt hatte, ein gewisses Seitenstück fand in der Art und Weise, wie auch die Mutter des Ritters behandelt worden war, der vorhin den Blick zu Boden geschlagen und geschwiegen hatte, als er dem in Schottland üblichen »Eheverspruch« das Wort geredet hatte, und der kein andrer war als Graf Morton, der unehelich geborne Halbbruder des Lords; er mochte weiterhin denken, daß man die Ursache zu dem grimmigen Ausdruck, den das Gesicht des Grafen jetzt zeigte, in der Erinnerung hieran zu suchen haben mochte. Dagegen sprach Lord Murray sehr freundlich mit Halbert, als dessen Bericht zu Ende geführt war. Dann wandte er sich zu den Begleitern. »Der Jüngling ist augenscheinlich kühn und tapfer und aus dem Stoffe gebildet, den diese unruhigen Zeitläufte erheischen. Es gibt Vorgänge, die einem Manne Gelegenheit geben, sich als Mann zu zeigen, und einen solchen Vorgang haben wir mit diesem Jüngling eben erlebt. Ich muß ihn näher kennen lernen, den Jüngling.« Umständlich fragte er nun Halbert aus nach den Streitkräften, die dem Baron von Avenel zur Verfügung seien, nach der Stärke seines Schlusses, wie nach dem Schicksal seines nächsten Erben. Dabei mußte natürlich die Rede kommen auf die traurige Lage, in welcher sich die einzige Tochter seines verstorbnen Bruders, Mary von Avenel, befand, und die Halbert mit einer Befangenheit erzählte, die dem Lord Murray nicht entging. »Ha, Baron Julian!« rief er, »Du reizest mich zum Zorn zu einer Zeit, die Dir doch alle Ursache gäbe, meine Gnade zu erflehen? O, ich habe Walter Avenel gut gekannt, er war ein wackrer Schotte und ein tapfrer Kriegsmann. Unsre Schwester, die Königin, muß, seiner Tochter zu ihrem Recht verhelfen, die gewiß eine schickliche Braut abgäbe für einen tapfern Kriegsmann, der Unsrer Gunst würdiger sein dürfte, als dieser Verräter von einem Julian!« Hierauf heftete er einen forschenden Blick auf Halbert und fragte: »Jüngling, bist Du von edlem Geblüt?« Auf diese Frage erwiderte Halbert mit einer längern Darlegung seiner Ansprüche auf die Abstammung von den alten Glendowynes von Galloway, aber Graf Murray unterbrach ihn nach einer Weile mit den Worten: »Ei, Jüngling! laß die Stammbäume von Barden und Wappengelehrten beiseite! Heute ist jeder der Mann seiner Taten. Das erhabne Licht der Reformation erleuchtet den Fürsten wie den Bauern, und Bauer und Fürst einen sich zum Kampfe für die Verbreitung der Glaubensneuerung. Alles in der Welt rührt sich zum Kampfe für den Bezwinger des Antichrists, was über ein tapfres Herz und einen starken Arm gebietet. Jüngling, sage mir freimütig, warum Du Deines Vaters Haus verließest?« Ohne Zaudern bekannte Halbert seinen Zweikampf mit dem Ritter Piercie Shafton und verschwieg auch nicht den vermeintlichen Tod desselben. »Bei meiner Faust!« rief Murray, »Du bist ein kühner Sperber, der einem Falken wie Piercie Shafton gar früh das Gefieder zerzaust! Die Königin Elisabeth hätte ihren Handschuh, mit Goldkronen bis zum Rande gefüllt, dafür gegeben, war ihr bekannt geworden, daß dieser vorlaute Geck unterm Rasen läge. Nicht wahr, Morton?« »Allerdings,« erwiderte dieser, »ihren Handschuh jedoch für ein bessres Geschenk gehalten als die güldnen Kronen!« »Was sollen nun aber wir anfangen mit seinem jugendlichen Mörder?« fragte Murray, »und was werden unsre geistlichen Herren sagen zu diesem Fall?« »Denen erzählt bloß was von Moses und Benajah,« antwortete Morton, »denn es ist schließlich doch nichts weiter als der Tod eines Aegypters.« »Recht so,« erwiderte Murray mit Lachen, »begraben wir also die Geschichte, wie der Prophet den Leichnam im Sande begrub. Hinfort will ich sorgen für unsern Jüngling. Glendinning, denn dies ist hinfort hier Dein Name, bleib bei uns! Du trittst als Squire in unsre Dienste. Unser Stallmeister wird für Deine Ausrüstung sorgen.« Graf Murray bekam während des Kriegszugs, auf dem er sich befand, wiederholt Veranlassung, den Mut und die Geistesgegenwart des jungen Glendinning zu prüfen, und Glendinning stieg bald so schnell in seinem Ansehen, daß alle, die den Grafen kannten, die Meinung gewannen, das Glück des jungen Menschen sei gemacht. Und was ihn noch mehr in dieser Gunst befestigen sollte, das war seine Bereitwilligkeit, die katholische Religion abzuschwören, zu der er sich nie sonderlich hingezogen gefühlt hatte, und sich zu dem neuen Glauben zu bekennen, der jetzt die Gemüter Schottlands erfüllte. Hierdurch trat er seinem Herrn um vieles noch näher, und bald durfte er ihm nicht mehr von der Seite weichen während der ganzen Zeit, die er im westlichen Schottland zubrachte, und das erstreckte sich auf Wochen und Monate, denn der unbeugsame Sinn seiner Widersacher machte ihm das Leben außerordentlich schwer. Siebzehntes Kapitel. Man war schon weit im Herbste vorgerückt, als eines Morgens der Earl von Morton, dessen Bekanntschaft der Leser im vorigen Kapitel zusammen mit derjenigen des Grafen Murray gemacht hat, unvermutet in das Vorzimmer des letztern trat, in welchem grade Halbert Glendinning die Wache hielt. »Ruft Euren Herrn, Halbert,« sagte der Earl, »es sind Neuigkeiten da von Teviotdale, auch für Euch welche, Glendinning!« Der Graf erschien, begrüßte den Earl und fragte hastig, was er zu erzählen hätte. »Es ist ein verläßlicher Mann aus dem Süden bei mir gewesen, « antwortete Morton, »er ist im Liebfrauenkloster gewesen. Der Aegypter unsers getreuen Glendinning, der schottische Moses, ist wieder zum Leben erwacht und wächst und gedeiht herrlicher denn je im Gosen von Teviotdale, zu Kennaqhueir im Kloster.« »Was meint Ihr mit solcher Rede?« fragte Graf Murray. »Nichts weiter, als daß Euer neuer Squire Euch einen Bären aufgebunden hat. Piercie Shafton ist frisch und gesund und liegt in den Fesseln eines holden Müllerskindes, das mit ihm in schmucker Verkleidung das Land durchstreift hat.« »Glendinning,« wandte Murray sich an den Jüngling, während seine Stirn sich in finstre Falten legte, »Du wirst Dich doch nicht unterstanden haben, Dich durch eine Unwahrheit in mein Vertrauen einzudrängend?« »Mylord,« erwiderte Halbert, »ich bin der Lüge unfähig, und sollte es mich das Leben kosten. Ich habe dem Manne, wie ich Euch erzählte, dieses Schwert meines Vaters durch den Leib gestoßen, daß ihm die Spitze zum Rücken herausdrang und der Griff ihm in der Brust saß. Und ebenso tief will ich es demjenigen in den Leih rennen, der sich erfrechen sollte, mich einer Falschheit oder gar einer Lüge zu zeihen.« »Wie, Bursche,« rief Morton, »Du wolltest Dich erfrechen, einem Edelmanne Trotz zu bieten?« »Halbert, still!« kam ihm Murray zuvor, »und Ihr, Mylord von Morton, seht ihm die heftigen Worte nach! Ich sehe ihm die Wahrheit auf der Stirn geschrieben.« »Ich wünschte, was drin im Buche steht, möchte mit der äußern Aufschrift im Einklange stehen. Nehmt Euch in acht, Mylord, durch Euer allzu großes Vertrauen werdet Ihr Euch noch mal selbst ums Leben bringen.« »Und Ihr durch Euern Argwohn um Eure Freunde!« erwiderte Murray.... »Doch genug davon! laßt mich hören, was Ihr zu melden habt.« »Sir John Foster,« berichtete Morton, »steht im Begriff, Truppen nach Schottland zu senden, mit dem Befehle, das Liebfrauenkloster zu verwüsten.« »Ohne auf meine Einwilligung und Anwesenheit zu warten?« rief Murray. »Wie? will er in das Land unserer Königin als Feind einfallen?« »Ja, auf ausdrücklichen Befehl der Königin Elisabeth, und die läßt bekanntlich nicht mit sich spaßen!« versetzte Morton; »von seinem Einmarsch ist schon mehrmals während unsers Hierseins die Rede gewesen, er ist aber immer wieder aufgegeben worden und hat jetzt in Kennaqhueir keinen geringen Schrecken verursacht. Der alte Abt ist zurückgetreten, und wen, meint Ihr wohl, haben sie an seiner Statt zum Abt erhoben?« »Natürlich keinen,« erwiderte Graf Murray. »Bevor man dort nicht meinen Willen und den Willen der Königin kennt, wird man sich solcher Wahl nicht erfrechen.« Earl Morton zuckte die Achseln. »Den Zögling des alten Kardinals Beatoun hat man gewählt, den pfiffigen, resoluten Kämpen Roms, den Busenfreund unsres tätigen Primas von Sankt Andreas, der bis jetzt Unterprior von Kennaqhueir war. Jawohl, Eustachius ist jetzt Abt von Kennaqhueir, und gleich einem andern Papste Julius hebt er Leute aus und schickt sich zum Kampfe mit Foster an, falls er wirklich einrücken sollte.« »Solchem Zusammenstoße müssen wir zuvorzukommen suchen,« erwiderte Graf von Murray hastig, »denn welcher der beiden Teile auch das Feld behielte, immer wäre es für uns eine unangenehme Sache. ... Wer ist Befehlshaber über die Truppen des Abtes?« »Kein andrer, als unser alter, getreuer Freund Julian Avenel,« antwortete Morton. »Glendinning,« sagte Murray, »laß schleunig zum Aufsitzen blasen! Alle, die es ehrlich mit uns meinen, sollen sich ohne Verzug aufmachen. Jawohl, Mylord, wir stecken in einer recht mißlichen Klemme. ... stellen wir uns auf die Seite unsrer englischen Freunde, so laden wir Schimpf auf uns vor dem ganzen Lande, und zu solcher Handlung dürfen wir nicht schreiten. Zumal meine Schwester, deren Vertrauen ich kaum gewonnen habe, mir darüber höchst ungnädig werden dürfte. ... Leisten wir hingegen dem englischen Grenzwächter Widerstand, so müssen wir damit rechnen, daß uns dies Elisabeth als eine Begünstigung ihrer Feinde auslegen dürfte, und das ist für uns in keinem geringern Grade gefährlich.« »Die Dame ist freilich wohl die beste Karte in unserm Spiel,« bemerkte Morton, »und doch würde ich nicht ruhig mit zusehen, wenn englische Klingen in schottisches Fleisch hauen wollten. Ich meine fast, wir täten am klügsten, ruhig unsre Straße zu ziehen, indem wir so tun, als könnten unsre Gäule auf den Hundswegen nicht recht vom Flecke. Mögen sie dann sich verhauen, so viel sie wollen, uns kann dann wenigstens von keiner Seite ein Vorwurf treffen, denn wir haben nichts davon gewußt und sind auch nicht dabei gewesen.« »James Douglas,« erwiderte Murray, »dann würden wir beide Teile einbüßen. Nein, besser, wir rücken mit äußerster Schnelligkeit vor und suchen auf alle Weise den Frieden zwischen beiden Parteien zu erhalten. Hätte der Klepper, der diesen Piercie Shafton über die Grenze trug, bloß den Hals gebrochen! der vermaledeite Hanswurst ist gerade der Kerl danach, alles durcheinander zu wühlen und womöglich gar es zu einem Bürgerkriege zu bringen.« »Hätten wirs beizeiten erfahren, daß der Kerl über die Grenze wollte,« meinte Douglas, »so hätten wir ihm dort heimlich aufgepaßt und ihn beizeiten um die Ecke gebracht! An Kerlen, die dazu bereit gewesen waren, fehlts doch im Lande nicht! Aber nun aufgesessen, James Stuart! Die Trompeten schmettern. Wir werden bald sehen, wessen Klepper den besten Atem hat!« Die beiden mächtigsten Barone des Landes setzten sich an die Spitze des aus 300 Mann bestehenden Zuges, um nach Dumfries und von da nach Teviotdale zu reiten, und zwar in solcher Eile, daß an die hundert Pferde zu Falle kamen, und sie knapp 200 Mann noch stark waren, als sie sich dem Platze näherten, wo sich der Zusammenstoß der beiden feindlichen Truppenteile erwarten ließ. Etwa sechs bis sieben Meilen mochten sie noch von dem Liebfrauenkloster entfernt sein, als ihnen ein Edelmann, den Graf Murray, weil er auf seine Einsicht rechnen zu dürfen meinte, zu sich entboten hatte, mit ein paar Dienern in gestrecktem Galopp ihnen entgegengesprengt kam. Er kam mit der Meldung, daß Foster, nachdem er wiederholt mit seinem Einfalle gedroht hatte, sich über die Kunde, daß Piercie Shafton sich unverhohlen im Klosterbezirk zeige, so ergrimmt habe, daß er die Befehle seiner Königin, die Grenze nicht zu respektieren, um deswillen schon auszuführen willens sei, um sich der Person dieses versäumten Schwätzers zu bemächtigen und den Patron endlich unschädlich zu machen. Der Abt hatte einen Kriegertrupp zusammengebracht, dessen Zahl sich mit derjenigen der Engländer wohl messen könne, wenn er anderseits auch nicht kriegstüchtig sei. Den Befehl habe Julian Avenel übernommen. Wie man allgemein annähme, würde es am Ufer eines kleinen Flusses, der die Grenze des Klostergebiets bilde, zum Zusammenstoße kommen.« »Wer kennt diesen Platz?« fragte Murray. »Ich, Mylord,« erwiderte Glendinning. »Gut,« beschied ihn der Graf, »nimm Dir zwei Dutzend der besten Reiter mit und eile dorthin! Sage beiden, ich sei unterwegs mit einer großen Streitmacht und würde jeden ohne Gnade und Barmherzigkeit über die Klinge springen lassen, der den ersten Streich führen sollte. Davidson,« wandte er sich an den Ritter, der ihm die Meldung gebracht hatte, »Ihr bleibt als Führer bei mir. Du aber, Glendinning, tummle Dich und sage Foster, ich ließe ihm raten, wenn ihm sein Dienst bei der Königin Elisabeth lieb sei, mir nicht in den Kram zu pfuschen. Dem Abte dagegen tue kund und zu wissen, daß ich ihm den roten Hahn auf sein Klosterdach setzen lasse, wenn er sichs einfallen lassen sollte, loszuschlagen, ehe ich an Ort und Stelle wäre. Dem Hund Avenel aber bestelle, er hätte nun schon so, viel auf dem Kerbholz bei mir, daß ich ihn um einen Kopf kürzer machen ließe, wenn er sich etwa erfrechen sollte, noch für weitere Kreidestriche Sorge zu tragen. Und nun los! Schone weder Sporen noch die Weichen Deines Pferdes!« »Zu Befehl, Mylord!« rief Glendinning und sprengte von dannen. Noch hatte er mit seinem kleinen Kommando nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ihm ein paar Leute entgegenkamen, die einen dritten schleppten, der schwer verwundet sein mußte, Halbert erkannte Klostervasallen in ihnen und rief sie an. Aber im selben Augenblick glitt der Verletzte zur Erde, und die andern beiden stiegen ab, um dem Sterbenden die letzte Tröstung zu spenden, und so konnte Halbert nichts von ihnen vernehmen. Er sprengte weiter, und mit um so größerer Hast, als er jetzt immer mehr Leute erblickte, die das Sankt Andreas-Kreuz auf Sturmhaube und Harnisch trugen, und allem Anschein nach, wie die drei ersten, denen er begegnet war, das Schlachtfeld geräumt hatten. Aber auch von ihnen konnte Halbert keine Kunde erlangen. Die meisten ritten dem heranziehenden Reiterhaufen aus dem Wege oder hielten sich rechts oder links in solchem Abstande, daß es nicht möglich war, sich mit ihnen zu verständigen. Aber Halbert zweifelte nun nicht länger mehr, daß die Klösterlichen in die Flucht geschlagen worden seien, und unsäglich besorgt um das Schicksal seines Bruders, der dort sicher an dem Treffen teilgenommen hatte, trieb er sein Roß zu solcher Eile an, daß kaum ein halbes Dutzend seiner Leute mit ihm Schritt halten konnte. Endlich hatte er einen Hügel erklommen, an dessen Fuße die Ebene sich erstreckte, in welcher das Treffen sich abgespielt hatte. Es war ein düstres Bild, das sich vor seinen Augen hier entfaltete. Es war hart gekämpft worden, wie ja immer in diesen Grenzgefechten, bei denen tief eingewurzelter Haß die Waffen schärfte. In der Hütte des Blachfeldes lagen die Leiber von Soldaten, die im Handgemenge niedergemacht worden waren. Neben ihnen lagen Verwundete im Gebete oder bettelten um Wasser. Unsicher, in welcher Richtung er seinen Ritt fortsetzen solle, von Angst erfüllt, daß er den Bruder unter den Toten finden werde, anderseits unter der Annahme, daß er bei weiterer Annäherung sein Leben wie das seiner Mannschaft in die schlimmste Gefahr durch die siegreichen Engländer setzen müsse, beschloß er zu warten, bis Graf Murray mit seinen Streitkräften heran sein werde, und nahm auf einem günstigen Platze Posten, den die Schotten beim Anfange des Treffens innegehabt und, wie der Augenschein lehrte, hartnäckig verteidigt hatten. Kurze Zeit nachher drang auf einmal an sein Ohr leises Wimmern, offenbar von einem Weibe herrührend. Außer stande, sich zu erklären, wie auf einem Kampfplatze, wo doch nur Männer gefochten haben konnten, ein Weib zugegen sein sollte, blickte er sich besorgt um und bemerkte endlich neben einem Ritter in glänzender Rüstung, dessen Helm trotz allem Schmutz, der auf ihm haftete, doch den hohen Rang deutlich erkennen ließ, der ihm gehörte, die Gestalt einer Frau, die, in einen Reitermantel gehüllt, ein Kind an ihrem Busen hielt. Da warf er einen raschen Blick auf die Truppen der Engländer, die aber nicht im Vorrücken waren, sondern augenscheinlich alle Mühe hatten, sich wie er zu sammeln; wenigstens ließ sich das aus den Signalen ihrer Trompeten deutlich erkennen. Auf diese Weise gewann Halbert Zeit, sich um die Unglückliche zu kümmern, die neben dem Ritter lag. Er fragte sie, nachdem er sein Pferd einem Lanzenknecht gegeben, in freundlichem Tone, ob er ihr in ihrer Not beistehen könne. Er bekam nicht sogleich Antwort, denn das Weib war bemüht, dem Ritter, neben dem sie lag, die Springfedern von Helmsturz und Ringkragen zu öffnen, was aber ihrer ungeübten und zitternden Hand nicht gelingen wollte. Aber, nach einer Weile sagte sie im Tone schmerzlicher Ungeduld: »Ach! er erholte sich gewiß bald, wenn ihm Luft verschafft werden könnte! Alles gäbe ich drum, wenn ich diese eisernen Platten lösen könnte, die ihm ja allen Atem benehmen!« Halbert Glendinning bückte sich, den Helmsturz zu öffnen und den Ringkragen zu lösen und erkannte nun zu seinem namenlosen Erstaunen in dem am Boden liegenden Ritter den Baron Julian von Avenel. Sein bleiches Antlitz ließ deutlich erkennen, daß er den letzten Kampf gekämpft hatte, daß der wilde, ruhelose Geist mitten im Kampfe, den er ja immer geliebt hatte, von ihm gewichen war. ... »Er ist tot!« sagte Halbert zu dem jungen Weibe, in welchem er nun ohne Mühe die unglückliche Konkubine des Ritters, Katharina, erkannte. »Nein, nein, nein!« rief das Weib, »sprecht nicht so! er ist nicht tot, er ist bloß ohnmächtig. Ich habe selbst schon einmal so da gelegen, und damals hat mich seine Stimme ins Leben zurückgerufen, als er freundlich zu mir sprach: Blick auf, Katharina! mir zu lieb! Und nun rufe ich, Julian! blick auf, Julian, mir zu lieb! ...« und sie betastete den leblosen Leib, »ich weiß ja, Julian, daß Du nicht tot bist! ... nein, nein, Du tust ja bloß so, Du stellst Dich ja bloß so, um Schreck einzujagen, aber Du kannst mir nicht Angst machen, Julian;« und sie versuchte krampfhaft zu lachen ... dann wechselte sie die Stimme und bat: »Sprich! o, sprich! und wärs auch nur, meine Torheit zu verhöhnen! Ach, Julian, alle rauhen Worte, die Du mir gesagt hast, sie würden mir klingen, wie die liebsten und teuersten, die Du an mich richtetest, ehe ich Dir alles, alles gab. ... Ach, hab Mitleid mit mir und geh nicht so von mir!« und dann wandte sie sich zu Halbert: »Ach, so hebt ihn doch auf! hebt ihn auf! um Gottes willen! habt Ihr denn gar kein Mitleid in Eurer Brust? ... Ach, er hat mir versprochen, mich zur Frau zu nehmen, mich zur Gattin zu machen, wenn ich ihm einen Sohn brächte, und nun bring ich ihm einen! einen, der ihm ähnlich sieht, wie aus den Augen geschnitten! Ach, wie soll er sein Wort halten können, wenn Ihr ihn nicht wieder zu sich bringen wollt! Ach, Christie von Clinthill, Rowley, Hutcheon, Ihr habt an seinen Festen teilgenommen, habt mit ihm geschmaust und gezecht, aber in der Schlacht, da habt Ihr ihn verlassen, da seid Ihr von ihm gewichen, Ihr falschen Schurken! da habt Ihr nicht gesorgt, daß ihn kein Stahl treffe!« »Ich nicht, beim Himmel! ich nicht!« lallte ein im Sterben liegender Krieger unfern von ihm, der sich auf den Ellbogen zu stützen suchte, und in welchem Halbert die ihm wohlbekannten Züge des Knappen Julians erkannte, »ich bin keinen Fußbreit von ihm gewichen, aber der Mann kann nicht länger fechten, als er Atem hat, und mir geht der Atem schon aus. So, mein junger Freund?« sagte er, mit einem Blick auf Glendinning, als er dessen Rüstung erblickte, »hast Du wirklich noch den Helm genommen? Na, es lebt sich besser darunter als es sich stirbt! ... Na, ich hätts lieber gesehen, der Zufall hätte Deinen Bruder hergeführt, an Stelle von ... hm, in dem steckt noch was Gutes ... aber Du ... Du bist von so wildem Sinne ... und wirst bald ganz ebenso gottvergessen sein wie ich ... ganz ebenso gottver...« »Da sei Gott vor!« rief Halbert. »Amen, von Herzen Amen!« lallte der Verwundete, »dort wohin ich komme, wird es Gesellschaft geben auch ohne Dich genug. Aber, Gott sei gelobt! an dieser Schändlichkeit trifft mich keine Schuld!« sagte er, mit einem Blick auf die arme Katharina, und mit einem Gemurmel zwischen den Lippen, das sich halb wie ein Gebet, halb wie ein Fluch anhörte, wandte er sich ... und dann entfloh ihm die Seele. ... Einen Augenblick lang vergaß Glendinning seine Lage und seine Pflicht, denn der Vorgang war von zu erschütternder Wirkung gewesen ... dann aber wurde er durch Pferdegestampf und durch den Schlachtruf: »Sankt Georg für England!« wieder in die Gegenwart zurückgerufen. ... Seine paar Leute, denn die meisten waren in Erwartung von Murrays Ankunft zurückgeblieben, hielten sich mit gelüfteten Lanzen im Sattel, des Befehls gewärtig, ob sie kämpfen oder sich ergeben sollten. »Da steht unser Hauptmann,« sagte einer von Halberts Leuten, als ein an Zahl weit überlegner Trupp Engländer, der Vortrab von Fosters Zuge, heranrückte. »Euer Hauptmann?« wiederholte höhnisch der englische Führer, »oho! mit dem Schwert in der Scheide! und angesichts des Feindes zu Fuße? ... Muß ja ein recht grimmiger Soldat sein! ... Na, junger Frosch!« wandte er sich höhnend an Halbert, »seid Ihr nun fertig mit Träumen? ... wollt Ihr mir nun wohl sagen, ob Ihr fechten ober ausreißen wollt?« »Weder das eine noch das andre!« versetzte Halbert Glendinning mit großer Ruhe. »Dann tu Dein Schwert ab und ergib ich!« sagte der Engländer. »Erst, wenn ich anders nicht kann,« versetzte Halbert, noch immer mit der gleichen Ruhe. »Stehst Du auf eigne Faust hier, oder bist Du in eines andern Dienst?« fragte der englische Hauptmann. »Im Dienste des Grafen von Murray,« erwiderte Glendinning. »«So? Na, dann hast Du Dir ja den besten Dienst ausgesucht!« sagte der Hauptmann, »das ist ja der treuloseste aller Edelleute unter Gottes Sonne! falsch wie Galgenholz, und zwar gegen England sowohl als gegen Schottland!« »Du lügst!« rief Glendinning, ohne Bedacht auf die Folgen zu nehmen. »Oho! jetzt so hitzig, und vor einer Minute noch so kalt?« versetzte der Hauptmann, ... »so? ich lüge? ... willst Du diesen Vorwurf auf mir sitzen lassen oder vom Leder ziehen?« »Mann gegen Mann, oder ich allein gegen zwei, oder zwei gegen fünf ... ganz wie es Euch recht ist,« sagte Halbert Glendinning ... nur gebt Raum genug!« »An Raum solls Dir nicht fehlen, junger Heißsporn,« versetzte der Engländer; »sollt ich fallen, dann laßts ihn nicht entgelten, Kameraden. ... Zurück! Er soll Raum haben, und wenn ich unterliege, Jungens, dann soll er frei abziehen dürfen mit seinen Leuten!« »Lang lebe der Hauptmann!« riefen die Soldaten, erfüllt von Ungeduld, den Zweikampf anzusehen. »Lange wird ers wohl auf diese Weise nicht mehr machen,« sagte der Rottenführer, »wenn er als alter, sechzigjähriger Mann noch mit all und jedem wegen der geringfügigsten Lappalie sich in einen Zweikampf einläßt, obendrein mit solch blutjungem Gesellen, von dem er Vater sein könnte. ... Na, Gott sei Dank! da kommt unser Grenzwächter! der kann ja den Strauß gleich mit ansehen!« Wirklich kam jetzt Sir John Foster herangesprengt mit einem starken Reitertrupp, im selben Augenblick, als seinem Hauptmann, der gegen einen so kräftigen, gewandten Jüngling wie Glendinning nicht mehr standhalten konnte, das Schwert aus der Faust geschlagen wurde. »Pfui, alter Stalwarth Bolton, heb Dein Schwert auf!« rief Sir John Foster, »und Du, junger Sausewind! sage mir, wer und was Du bist und hier willst!« »Wer ich bin? ein Dienstmann des Earl von Murray, der Euer Gnaden durch mich sagen läßt,« versetzte Glendinning; »aber da kommt er ja selbst ... dort sehe ich den Vortrab seiner Reiter den Hügel herauf reiten.« »In Reih und Glied getreten!« kommandierte Foster; »wessen Speer gebrochen ist, der zieht sein Schwert! Wir sind zwar zu neuem Kampfe nicht sonderlich mehr tüchtig, aber wenns sein muß, dann muß es eben gehen, auch wenn wir statt Mäntel bloß Fetzen noch auf dem Leibe haben! ... Inzwischen, mein lieber Stalwarth Bolton, haben wir das Wild gestellt, auf dessen Jagd wir ausgezogen sind. Hier zwischen zwei Reisigen steht Piercie Shafton, unter sichrer Bedeckung!« »Was? der Junge da?« rief Bolton, »der ist Piercie Shafton so blutwenig wie ich! Freilich, er hat seinen prächtigen Kittel an. Aber Piercie Shafton ist ein reichliches Dutzend Jahre älter als dieser Jammerbold! Ich hab den Piercie Shafton doch gekannt, wie er kaum größer war als ein Dreikäsehoch. ... Habt Ihr ihn denn nie in der Rennbahn oder bei Hofe gesehen, wenn Audienz war?« Da schallten Trompetenstöße über das Blachfeld, und ein schottischer Herold trat vor und erklärte, der edle Graf von Murray lasse in allen Ehren und ohne alles Arg um eine Zusammenkunft nachsuchen mit Sir John Foster, inmitten beider Truppen, jeder mit einem Gefolge von sechs Mann und unter zehn Minuten Freiheit, zu kommen und zu gehen, je nach Belieben. »So!« antwortete der Engländer, »also mit diesem falschen Schotten soll ich mich in eine Unterredung einlassen? der weiß doch jeden so zu beschwatzen und einem ehrlichen, schlichten Menschen solchen Staub in die Augen zu streuen, daß einem Hören und Sehen vergeht. Im Reden bin ich ihm nicht gewachsen, und auf einen Waffengang kann ich mich jetzt auch nicht mit ihm einlassen. ... Herold, wir bewilligen die Zusammenkunft, und Ihr, junger Kriegsmann,« wandte er sich zu Halbert Glendinning, »Ihr zieht ab mit Euren Reisigen zu der Partei, zu der Ihr gehört. ... Marsch! folgt Eures Earls Trompete! Und Ihr, Stalwarth Bolton, bringt Euren Trupp in Reih und Glied, bleibt aber in Bereitschaft, vorzurücken, wenn ich Euch winke ...« Trotz des Befehls, den ihm Foster gegeben, konnte Glendinning den Blick nicht von der unglücklichen Frau wenden, die noch immer auf dem Boden lag, unempfindlich für die Gefahr, von den Pferden, die um sie her standen, zertreten zu werden. Ein zweiter Blick aber belehrte ihn, daß es auch mit ihr zu Ende sei, daß auch sie den letzten Hauch von sich gegeben habe. ... Er freute sich fast über diese Wahrnehmung, denn es erfüllte ihn mit seltsamem Wohlbehagen, daß kein Huf mehr ihr wehtun, kein Huf mehr ihr schaden könne. ... Aber er nahm ihr das Kind aus den Armen, wenn er sich auch fürchtete ob des Gelächters, das die Krieger anstimmen würden, wenn sie ihn mit solcher Last in ihrer Mitte sehen würden. ... »Schultert das Kind!« rief ein Arkebusier. »Präsentiert's Kind!« rief ein Lanzenträger. »Schweigt, Unmenschen!« rief Stalwarth Bolton, »aber verliert die letzte Spur von Menschlichkeit nicht! Ich verzeih's dem jungen Menschen, daß er sich an meinen grauen Haaren vergangen hat, weil er sich des armen, hilflosen Wesens auf solche Christenart annimmt, über das Ihr doch alle miteinander hingeritten wäret, als wärs Wolfsbrut, und nicht ein Kind, vom Weibe geboren!« Inzwischen trafen die beiden Truppenführer auf dem gewählten neutralen Platze zusammen, und der Earl von Murray eröffnete die Unterhaltung mit der Ansprache: »Heißt das ehrlich gehandelt, Sir John, oder für was seht Ihr uns beide an, den Earl von Morton und mich, daß Ihr in Schottland einfallt, wie der Führer einer wilden Horde, Treffen liefert und Menschen erschlagt, ganz wie es Euch zu Sinne kommt? ... Was habt Ihr für schriftliches Recht dazu?« »Mylord von Murray,« erwiderte hierauf Foster; »Ihr habt mich wochenlang hingehalten mit dem Versprechen, den Aufwiegler gegen meine Landesherren, diesen Piercie Shafton, zu verhaften und in meine Hände zu liefern, habt aber nicht Wort gehalten, sondern allerhand Ausflüchte vorgebracht, bald die Unruhen im Westen, bald was anders! Da er nun gar die Frechheit gehabt hat, dieser erbärmliche Wicht, sich knapp zehn Meilen weit von England öffentlich zu zeigen, so durfte ich mich nicht länger mehr ungehorsam gegen meine Herrin und Gebieterin zeigen, durfte ich mich nicht länger von Euch hinhalten lassen, sondern mußte meine Macht und Gewalt in Geltung setzen und den Aufwiegler greifen, wo ich ihn fände.« »Und habt Ihr ihn denn nun?« fragte der Earl. »Vergeßt nicht, daß es für mich ein Schimpf wäre ohnegleichen, wenn ich ihn von Euch außer Landes bringen ließe, ohne Euch fühlen zu lassen, daß Ihr niemand, ohne mich zu fragen, aus dem Lande meiner Schwester hinausführen dürft." »Ihr würdet also, aller Gunst zum Hohn, die Ihr von der Königin von England empfinget, um solches Schuftes willen die Hand wider sie erheben?« fragte Sir John Foster. »Nicht um deswillen, Sir John,« antwortete Murray, »aber um der Unverletzlichkeit unsers freien Königreichs willen würde ich in solchem Falle kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!« »Ganz wie es Euch beliebt, Graf Murray,« lautete Fosters frostige Erwiderung, »mein Schwert ist durch den Kampf, den es heute bestanden hat, noch lange nicht rostig geworden.« »Bei meiner Ehre, Sir John,« nahm jetzt Sir George von Chipchase das Wort, »wir haben keinen Grund, uns mit diesen schottischen Lords in einen Kampf einzulassen, denn ich bin ganz der gleichen Meinung, wie unser greiser Stalwarth Bolton, daß wir in unserm Gefangnen den Piercie Shafton so wenig erwischt haben, wie den Earl von Northumberland selber ... Wozu also den Friedensbruch zwischen den beiden Königreichen um einer Lappalie willen verschärfen?« »Sir George,« erwiderte Foster, »ich habe oft die Rede gehört, daß der Reiher, den Ihr in Eurem Wappen führt, sich vor dem Falken fürchte ... ei, laßt die Hand vom Schwertknauf, es war nicht im Ernst gemeint, was ich hier sagte. ... Aber was nun meinen Gefangenen anbetrifft, so soll er herbeigebracht werden, damit wir uns überzeugen können, wer er ist, und was er ist; aber, Mylords, alles unter der Zusage unverbrüchlicher Sicherheit,« sagte er, indem er sich zu den schottischen Lords wendete. »Auf unser Ehrenwort,« erklärte Earl Morton, »es soll keinerlei Gewalt gebraucht werden.« Ein wildes Gelächter brach nun los, als der Gefangene vor die Kriegsmannen geführt wurde und sich in ihm nicht allein eine ganz andre Person entpuppte, als der gesuchte Sir Piercie Shafton, sondern sogar nicht einmal ein Manns-, sondern ein Weibsbild! »Reißt der Betze den Mantel von der Fratze!« rief Sir Foster, »und dann jagt sie hinter zu den Stallknechten, denn aus bessrer Gesellschaft kommt sie ja doch nicht. Mein Wort darauf!« Sogar der Graf von Murray fühlte sich über diese Täuschung des Hüters der englischen Reichsgrenze zum Lachen gereizt, was bei ihm nicht grade häufig war. Allein daß der schönen Molinara, die nun zum zweiten Male Sir Piercie Shafton dadurch vor schwerer Gefahr behütete, daß sie sich auf der Flucht für ihn ausgab, irgend welches Leid angetan werde, das litt seine ritterliche Ehre unter keinen Umständen. »Ihr habt nun des Unheils mehr, weit mehr angerichtet, als sich verantworten läßt,« sagte der Earl; »wollte ich jetzt noch dulden, daß diesem jungen Frauenzimmer auch nur ein Haar gekrümmt werde, würde ich Schmach und Unehre auf mich häufen.« »Mylord,« sagte Morton, »wenn Sir John sich dazu verstehen will, auf ein Weilchen mit mir beiseite zu reiten, so werde ich ihm Gründe genug namhaft machen, daß er es für geraten ansehen wird, das Feld zu räumen.« Der Graf winkte zustimmend mit der Hand, und der Earl von Morton nahm nun den Hüter der englischen Reichsgrenze beiseite. »Sir Foster,« erklärte er ihm, »es nimmt mich Wunder, daß ein Mann wie Ihr, der doch seine Königin kennen sollte, sich in Dinge einläßt, die ihr nicht allein keinen Nutzen, sondern im Gegenteil Verdruß und Schaden bringen müssen, indem sie sie in Zwistigkeiten mit ihren Nachbarn verwickeln. Ich will Euch unverhohlen die Wahrheit bekennen, Herr Ritter. Hättet Ihr wirklich bei solch törichtem Einfall den richtigen Sir Piercie Shafton erwischt, und wäre es durch Eure Heldentat, wie doch bestimmt zu erwarten stand, zu einem tatsächlichen Bruche zwischen den beiden Reichen gekommen, so würde die weltkluge Fürstin und ihr nicht minder weltkluger Kronrat dem Ritter Sir John Foster es schwerlich Dank gewußt haben. Sie hätte wohl eher ihn in Ungnade fallen lassen, als daß sie sich in einen zweifelhaften Krieg mit Schottland eingelassen hätte. Allein, nun da Ihr Euer Ziel nicht erreicht habt, dürft Ihr Euch verlassen drauf, daß Ihr Euch bloß in schweren Verdruß setzt, wenn Ihr die Sache noch weiter verfolgen wolltet. ... Ich will den Grafen Murray zu bestimmen suchen, daß er es durchsetzt, daß Sir Piercie Shafton den Boden Schottlands verläßt. Im weitern aber seid klug und laßt von Gewalt ab, denn wenn Ihrs drauf ankommen ließet, so würdet Ihr mit Euren geschwächten Leuten wohl kaum etwas ausrichten gegen unsre durchaus frische Mannschaft.« »Eine verdammte Geschichte!« sagte Foster, nachdem er eine Weile mit gesenktem Haupte neben dem Earl gehalten hatte ... »ich werde für alle Plackerei, die ich heut gehabt habe, wohl nur wenig Dank ernten!« Darauf ritt er zu dem Earl zurück und erklärte, daß er aus Rücksicht gegen Seine Herrlichkeit, wie auch mit Rücksicht auf die persönliche Verwendung des Earl von Morton sich dahin entschlossen habe, von allen weitern Feindseligkeiten Abstand zu nehmen und sich wieder über die Grenze zurückzuziehen. »Einen Augenblick noch, Sir John!« sprach Murray, »es geht nicht an, daß ich Euch aus dem Reiche lasse, ohne daß Ihr mir eine Geisel stellt, als Sicherheit dafür, daß sich das Unheil, das Ihr über Schottland gebracht habt, nicht wiederhole ...« »Das soll niemand in England von John Foster sagen,« rief der Hüter englischer Reichsgrenze, »daß er gleich einem Besiegten sich zur Stellung von Geiseln verpflichtet hätte ... obendrein auf einem Schlachtfelde, auf dem er den Sieg errungen hat. ... Indessen,« setzte er nach einigem Bedacht hinzu, »sollte sich mein Hauptmann Stalwarth Bolton dazu verstehen wollen, aus freien Stücken bei Euch zu verweilen, so hätte ich nichts dawider, und nach meinem Dafürhalten wäre es schon aus dem Grunde recht gut, wenn er hier bliebe, weil er sich doch mit eignen Augen überzeugen könnte, ob dieser Piercie Shafton, den er doch kennt, wirklich des Landes verwiesen wird.« »Ich aber betrachte und behandle ihn, wie eine mir von Euch gestellte Geisel,« erklärte der Graf. Sir John Foster tat jedoch so, als hörte er die Worte nicht, sondern machte sich mit Stalwarth Bolton zu schaffen, dem er seine Weisungen erteilte. »Da reitet ein getreuer Diener einer schönen, aber gestrengen Gebieterin,« sagte Murray beiseite zu Morton, »und doch weiß er nicht, der glückliche Mensch, ob ihm die Vollstreckung ihrer Befehle nicht am Ende gar den Kopf kostet. Eins aber hat er sicher, wenn er sie unvollstreckt läßt, und zwar die Ungnade seiner Gebieterin. ... Wahrlich, ein brillantes Glück, nicht bloß den Launen Fortunas unterworfen zu sein, sondern auch noch den Launen einer Königin, die der andern Donna hierin vielleicht noch voransteht!« »Mylord,« bemerkte Morton, »auch wir dienen einer Herrscherin!« »Freilich, Douglas, freilich,« antwortete Graf Murray mit unterdrücktem Seufzer ... »aber wie lange noch eine Frauenhand in solchem zerklüfteten Reiche wie unserm Schottland die Zügel der Regierung wird in der Hand behalten können, das wird die Zukunft wohl erst zu zeigen haben. Jetzt aber, Douglas, auf nach dem Liebfrauenkloster! wir müssen die Zustände, die dort eingerissen sind, mit eignen Augen sehen. ... Heda, Glendinning! kümmre Dich mal um das Frauenzimmer hier und nimm sie unter Deinen Schutz! Aber zum Teufel, Bursche! was hältst denn Du in den Armen? Ein Kind? Mord und Tod! wo hast Du denn das aufgegabelt? unter solchen Umständen, wie wir sie jetzt erlebt haben?« Halbert Glendinning erzählte nun den Sachverhalt. Der Earl ritt zu der Stelle hin, wo die Leiche Julian Avenels lag, in den Armen der unglückseligen Gefährtin seines wilden Lebens, gleich dem Stamm einer vom Sturm entwurzelten Eiche ... niedergeschmettert mit dem an ihm rankenden Efeu, mit den aus ihm sprossenden Ranken ... Beide waren kalt, der Baron sowohl wie seine Konkubine ... kalt wie der Tod. ... Murray wurde von tiefem Herzweh erfüllt, als er sich bei diesem Anblick der eignen Herkunft erinnerte. ... »Douglas,« sprach er, »was haben die zu verantworten, welche die süßesten Gaben der Zärtlichkeit auf solche Weise mißbrauchen?« Der Earl von Morton, der eben so unglücklich war als Gatte, wie zügellos in seinen Leidenschaften, antwortete: »Ja, Mylord, nach solchen Dingen erkundigt Ihr Euch wohl besser bei Leuten wie Heinrich Warden und John Knox. Denn ich maße mir in allem, was die Weiber angeht, kein Urteil an.« »Auf denn nach dem Liebfrauenkloster!« rief der Earl von Murray, »und Du, Glendinning, gib das Kind dem weiblichen Reitersmanne dort! Der mag dafür sorgen. Den Leichen aber laß keinen Unglimpf antun, sondern sorge dafür, daß sie ein schickliches Grab bekommen, wie es ihrem Ansehen und Stande zukommt! ... und nun vorwärts, Kameraden und Freunde!« Achtzehntes Kapitel. Im Dorf und im Kloster von Kennaqhueir verursachte die Nachricht von dem verlornen Treffen die größte Bestürzung und Verwirrung. Der Sakristan riet zur Flucht, und nicht wenige Mönche pflichteten ihm hierin bei. Der Schatzmeister meinte, es werde am besten sein, alles Kirchensilber als Tribut zu spenden, um den englischen Befehlshaber günstig zu stimmen. Der Abt war der einzige, der den Mut nicht verlor, sondern Mut und Entschlossenheit wahrte. »Meine Brüder,« sagte er, »Gott hat den Unsrigen nicht den Sieg verliehen, mithin legt er uns sicherlich den Kampf als Märtyrer auf, und in diesem edlen Kampfe kann uns nur eins um den Sieg bringen, und das ist unsre eigne Kleinmütigkeit. Laßt uns die Rüstung des Glaubens anlegen und uns bereiten zum Tod unter den Trümmern jener heiligen Stiftung, deren Dienste wir uns geweihet haben. Uns winkt hohe Ehre, von dem frommen Bruder Nikolaus an, dessen graues Haar ihm geblieben ist, daß es die Krone des Märtyrertums trage, bis zu meinem geliebten Sohne Edward hinunter, dem die Mitarbeit in unsern Hallen vergönnt wurde, wiewohl er erst in des Tages letzter Stunde Aufnahme gefunden hat im Weinberge unsers lieben Herrn. ... Aber seid alle gutes Mutes, meine Kinder und Brüder! freilich darf ich Euch nicht Rettung durch ein Wunder verheißen, wie es meinen gepriesenen Vorgängern so oft vergönnet war, denn wir sind solcher Auszeichnung längst nicht mehr würdig; drum müssen wir selbst zusehen, daß wir uns der Aufgabe würdig zeigen, die jetzt an uns herantritt! wir müssen sorgen, daß Euer Vater und Abt die Mitra weiter in Ehren auf seinem Haupte tragen könne, und daß diese Mitra nicht entehrt werde... Drum gehet in Eure Zellen, Kinder, und betet zu unserm Herrn, daß er uns stärke! Und dann legt Eure Chorröcke an, als solltet Ihr das hehrste unsrer Feste begehen. Haltet Euch bereit, dem Feinde, wenn das Geläut der großen Glocke ihn kündet, in feierlichem Ornate entgegenzuziehen! Lasset die Portale der Kirche öffnen, damit sie denjenigen unserer Vasallen eine Zuflucht gewähre, die infolge des unglücklichen Treffens und wegen ihres Anteils daran den Zorn des Feindes am ärgsten zu fürchten haben. ... Und – dann meldet dem Sir Piercie Shafton, wenn er dem Treffen glücklich entronnen sein sollte ... »Hochwürdiger Abt, hier bin ich,« sprach Sir Piercie Shafton, »und falls es Euch schicklich erscheinen sollte, so will ich ohne Säumen alle Mannschaft sammeln, die dem Treffen entronnen ist, und den Kampf hier von neuem beginnen und fortführen bis zum letzten Hauche meiner Seele. O, hätte es Julian Avenel gefallen, nach meinem Rate zu handeln ... Ihr werdet von allen Ueberlebenden hören, daß ich meine volle Schuldigkeit in dieser Sache getan habe, ... hätte Julian Avenel, wie gesagt, nach meinem Rate gehandelt, hätte er sein Haupttreffen um einige Glieder zurückgehalten, wie Ihr ja sicher schon bemerkt haben werdet, wenn der Reiher dem niederschießenden Falken ausweicht, um ihn, statt mit den Flügeln, lieber mit dem Schnabel zu nehmen, so wären, meine ich, die Dinge wohl anders gekommen, und wir hätten uns ohne Frage auf eine weit kriegsmäßigere Weise geschlagen. Demungeachtet liegt es mir ferne, irgend welche geringschätzige Aeußerung über Julian Avenel zu tun, im Gegenteil, denn ich sah ihn in mannhaftem Kampfe fallen, mit dem Antlitz dem Feinde zugewandt, und das hat den häßlichen Ausdruck, den er mir zurief: »Vorlauter Naseweis«, wie ich sagen muß, in einem Momente der Unbedachtsamkeit, aus meinem Gedächtnis getilgt, wenn ich mir auch vorgenommen hatte, den trefflichen Menschen, wenn es dem Himmel und seinen Heiligen gefallen hätte, sein Leben zu verlängern, zur Rechenschaft zu ziehen ...« »Sir Piercie Shafton,« sagte der Abt, indem er ihm endlich ins Wort fiel, »wir haben uns jetzt nicht damit zu befassen, was man hätte tun und lassen können ...« »Ihr habt recht, hochwürdigster Herr und Vater,« erwiderte der unverbesserliche Schönredner, »das Präteritum, wie sich die Sprachlehrer auszudrücken lieben, kümmert die sterbliche Menschheit weit weniger als das Futurum, und im Grunde genommen beziehen sich unsre Gebauten vornehmlich auf das Präsens. Mit einem Worte, ich bin bereit, mich an die Spitze der Mannschaften zu stellen, die bereit sein sollten, mir Gefolgschaft zu leisten, um dem Vordringen der Engländer, trotzdem sie meine Landsleute sind, allen Widerstand entgegenzusetzen, der einem sterblichen Wesen möglich ist. ... Verlaßt Euch drauf, edler Abt, Piercie Shafton wird mit seiner Länge von fünf Fuß zehn Zoll eher den Boden messen, auf dem er steht, als um nur einen Zoll zurückzuweichen.« »Ich zweifle nicht, Herr Ritter, daß Ihr Euer Wort auch einlösen würdet, allein es ist des Himmels Wille nicht, daß wir mit irdischen Waffen siegen sollen. Es ist uns bestimmt zu dulden, und darum steht uns kein Recht weiter zu, das Blut unsrer unschuldigen Gemeinde nutzlos zu vergeuden. ... Männern meines Standes ziemt unnützer Widerstand nicht ... Unsre Paniere sind von Gott und der Jungfrau gesegnet!« »Bedenkt Euch noch, ehrwürdiger Herr,« wandte Piercie Shafton sehr eindringlich ein, »bevor Ihr auf Verteidigung verzichtet, die doch in Eurer Macht steht, daß es am Eingange des Dorfes mehrere Stellen gibt, an denen tapfere Männer viel vermögen gegen einen andringenden Feind, und daß ich noch einen andern Grund habe, auf die Verteidigung nicht zu verzichten, die Rücksicht auf die Wohlfahrt einer Freundin, die den Händen der Ketzer, wie ich hoffen will, entronnen sein wird ...« »Ich verstehe, Sir Piercie, Ihr sprecht von der Tochter unsers Klostermüllers ...« »Hochwürdiger Herr,« erwiderte Sir Piercie, diesmal nicht, ohne zu stocken, »die schöne Mysie ist die Tochter eines Mannes, so läßt sich in gewissem Sinne sagen, ... dessen Beruf es ist, auf mechanischem Wege Korn zu verarbeiten, so daß Brot aus dem Produkt gebacken werden kann, ohne welches die Menschen nicht zu bestehen vermöchten, so daß mithin sein Gewerbe nicht bloß ein höchst ehren- und segensreiches, sondern auch ein unentbehrliches ist. Wenn indessen die hehrsten Empfindungen eines adlig gesinnten Frauenherzens, das davon überströmt, gleich dem Diamant, der die Sonnenstrahlen widerspiegelt, im stande sind, ein Weib zu adeln, das allerdings die Tochter eines Korn auf mechanischem Wege verarbeitenden Müllers ist ...« »Meine Zeit, Sir Piercie Shafton, ist zu kurz, mich mit dergleichen Dingen zu befassen. Laßt Euch darum an der Antwort genügen, daß wir nicht mehr mit irdischen Waffen fechten werden und dürfen. Wir Männer geistlichen Berufs werden Euch weltliche Leute lehren, wie man kalten Blutes stirbt, nicht mit geballter Faust, sondern mit gefalteten Händen, nicht mit haßerfülltem Herzen, sondern mit christlicher Sanftmut, nicht unter dem Lärm von sinnverwirrenden Kriegsdrompeten, sondern unter dem milden Klange frommen Hallelujahs ...« »Lord-Abt,« erwiderte Sir Piercie Shafton, »dies kann an dem Schicksal unsrer Molinara nichts ändern, die ich, wie ich bitte, nochmals bemerken zu dürfen, nicht verlassen werde, so lange noch das goldne Heft und die stählerne Klinge meines Dolches zusammenhalten. ... Ich gab ihr den Befehl, uns nicht in die Schlacht zu folgen, und doch meine ich, sie in der Tracht eines Edelknaben unter dem Nachtrab bemerkt zu haben ...« »Ihr werdet anderswo nach der Person suchen müssen, an der Euch so sehr viel gelegen zu sein scheint,« erwiderte der Abt, »indessen hindert Euch nichts, Euch in der Kirche nach ihr zu erkundigen unter den wehrlosen unsrer Vasallen, die sich dorthin geflüchtet haben ... Euch gebe ich den gleichen Rat, gleichfalls unter den heiligen Altar zu flüchten, im übrigen könnt Ihr Euch einer Sache versichert halten, Sir Piercie Shafton,« schloß er seine Rede, »geschieht Euch ein Leid, so leidet darunter die ganze fromme Brüderschaft, denn nie wird der Geringste von uns sein Heil erkaufen dadurch, daß er einen Gast oder Freund des Klosters ausliefert ... Und nun, mein Sohn, verlaßt uns! und seid Gottes Schutz empfohlen!« Kaum war Sir Piercie Shafton aus der Zelle des Abtes verschwunden, als dieser, im Begriffe, sich in sein Ornat zu kleiden, von einem Unbekannten um eine Unterredung gebeten wurde. Als er diesem Wunsche willfahrte und er sich den Mann ansah, der zu ihm trat, erkannte er zu seinem nicht geringen Staunen den reformierten Prediger Heinrich Warden. Der Abt stutzte und rief voll tiefen Verdrusses: »Ha! sollen die wenigen Stunden, die das Schicksal vielleicht dem Manne läßt, der wohl zum letzten Male den hehren Schmuck dieser heiligen Stätte tragen wird, noch durch die Zudringlichkeit der Ketzerei vergällt werden? Kommst Du, Dich der Hoffnungen zu freuen, die Deiner fluchwürdigen Sekte verstattet zu sein scheinen? kommst Du, den Besen zu führen, der unsre Heiligtümer hinwegfegen, unsre heilige Religion schänden soll? der die Zinnen dieses heiligen Gotteshauses zertrümmern helfen soll?« »Ruhig, William Allan,« antwortete mit Fassung und Würde der protestantische Prediger, »aus solchem Grunde komme ich nicht! Freilich sähe ich gern diese heiligen Hallen der Götzenbilder beraubt, die nicht mehr betrachtet werden als Darstellungen guter und weiser Menschen, sondern die zu Gegenständen schändlichsten Mummenschanzes geworden sind! Nichtsdestoweniger tadle ich scharf all jene Verwüstungen, die das niedre Volk in seiner blinden Zerstörungswut begangen hat, indem es sich, von seinem Eifer gegen falschen Götzendienst zu blutigen Verfolgungen hinreißen läßt ...« »Nichtswürdiger!« erwiderte Pater Eustachius, »wozu der Vorwand, unter dem Du dieses Gotteshaus beraubst? Warum willst Du in solcher Zeit schwerer Bedrängnis seinem letzten Abte Hohn sprechen durch Deine unheilkündende Nähe?« »William Allan, Du bist unbillig, und doch bleibe ich bei meinem Entschlusse! Du hast mich vor kurzem mit Gefahr Deines Standes und, was bei Dir noch mehr gilt, Deines Rufes, bei Deiner eignen Sekte in Schutz genommen. Jetzt hat unsre Partei die Oberhand. Aber ich bin, glaube mir, bloß darum in dieses Tal hernieder gekommen, das Du mir seinerzeit bis zur Entscheidung der Angelegenheit angewiesen hast, um meine Schuld bei Dir abzutragen.« »Es mag wohl sein,« erwiderte der Abt, »daß mich jetzt dafür, daß ich einst schwach genug war, weltlichem und unmännlichem Mitleid Gehör zu geben, die Strafe trifft durch das Herannahen dieses Gerichts ... und daß der Himmel um deswillen den irrenden Hirten gestraft und die Herde zerstreut hat.« »Denke besser vom göttlichen Gericht!« erwiderte Warden, »nicht um der Sünden willen, an denen Deine verkehrte Erziehung die Schuld trifft, wirst Du gestraft, sondern für jene Sünden, die Deine unselige Kirche durch jahrhundertelange Irrtümer auf ihr Haupt und aus das Haupt ihrer Getreuen gehäuft hat.« »Nun, bei meinem unerschütterlichen Glauben an den Felsen Petri,« rief der Abt, »Du entfachst den letzten Funken menschlichen Unwillens, den ich aus meinem Busen gebannt wähnte, und Deine Stimme reizt mich noch einmal zur Aeußerung ungöttlichen Zornes. Ha, in diesen Stunden schweren Herzeleids willst Du der Kirche Hohn sprechen, die das Licht des Christentums seit den Zeiten der Apostel bis auf uns ungetrübt erhalten hat!« »Seit den Zeiten der Apostel!« wiederholte Warden, »nein! William Allan, das ist zu leugnen! Die Urkirche ist von der römischen so grundverschieden, wie Licht von Finsternis. Aber schnöde denkst Du von mir, wenn Du mir unterschiebst, ich sei gekommen, Dich in der Stunde der Betrübnis zu kränken, während ich doch, das weiß Gott, zu Dir herkomme mit dem christlichen Wunsche, eine Schuld abzutragen, in der ich noch immer bei Dir stehe, dadurch abzutragen, daß ich den Grimm der Sieger mildre zu Deinem Besten, den Groll jener Sieger, die Gott als Geisel für Deine Hartnäckigkeit Dir sendet ...« »Ich brauche Deine Güte nicht,« erwiderte der Abt mit Stolz, »die Würde, zu der die Kirche mich erhob, hätte zu keiner Zeit, sogar nicht denen des höchsten Glücks, meinen Busen mit größerm Stolze erfüllt, als es der Fall ist in diesen Stunden schweren Verhängnisses. Ich verlange nichts weiter von Dir, als die Versicherung, daß meine Milde gegen Dich nicht zum Mittel geworden ist, eine Seele dem Satan zuzuführen, die von dem großen Seelenhirten meiner Aufsicht anvertraut wurde ...« »William Allan,« sagte Warden, »ich will aufrichtig sein gegen Dich. Was ich versprach, habe ich gehalten, ich habe meine Zunge gefesselt. Aber es hat dem Himmel gefallen, Fräulein Mary von Avenel zu einem bessern Glauben zu bekehren.« »Elender!« rief der Abt, nicht mehr im stande, an sich zu halten, »Du rühmst Dich vor dem Abt des Liebfrauenklosters, die Seele eines Menschen aus dem Kirchsprengel auf die Pfade des Irrtums, in das Netz der Ketzerei gelockt zu haben? Wellwood, Du treibst mich zum Aeußersten, die letzten Augenblicke meiner Macht zur Vernichtung eines Menschen anzuwenden, der seine ihm von Gott verliehenen Anlagen in so schnöder Weise dem Dienste des Satans geweiht hat!« »Tue, was Dir gefällt, William Allan,« erwiderte der Prediger, »aber Deine nichtige Wut soll mich nicht hindern, meine Pflicht zu Deinem Besten zu erfüllen, so weit ich es darf, ohne daß ich die andern Pflichten meines höhern Berufs dadurch verletze. Ich gehe zum Earl von Murray.« In diesem Augenblick dröhnte die größte Kirchenglocke, und das war das Zeichen, daß der Feind im Anzuge sei. Der Abt wiederholte seinen Befehl, daß sich alle Brüder wie zu feierlicher Prozession kleiden und in dem Chor verharren sollten, dann stieg der Abt auf einer besondern Treppe zu den Zinnen des herrlichen Klosters hinauf, wo er den Sakristan antraf, der eben die gewaltige Glocke in Bewegung gesetzt hatte, gemäß dem ihm vom Abte gegebnen Befehle. »Ich erfülle heute zum letzten Male, hochwürdiger Vater und Lord,« sprach er zu dem Abte, »meine Amtspflichten als Sakristan des Klosters, denn dort nahen die Philister, aber die Glocke sollte nicht anders, als in echten und vollen Klängen erschallen. Für einen Mann unsers Standes bin ich zwar Sündenknecht genug gewesen,« fügte er hinzu mit einem Blicke zum Himmel, »aber das eine glaube ich sagen zu dürfen, daß noch nie eine Glocke vom Turm unsrer heiligen Kirche die Harmonie nicht gewahrt habe, seit Vater Philipp als Glöckner im Amte gewesen ist.« Ohne dem Bruder eine Antwort zu geben, richtete der Abt seine Blicke auf die Straße, die sich um den Berg herum von Süden her um Kennaqhueir zieht. Er sah in der Ferne eine Staubwolke und hörte das Stampfen von Rossen, dann sah er das Blitzen von Speeren, die sich in das Tal herunter bewegten. »Pfui über meine Schwäche,« sprach Pater Eustachius, indem er sich die Augen wischte, »mein Gesicht ist zu trüb geworden, um ihre Bewegungen zu verfolgen. Sieh Du hin, mein Sohn Edward,« ... sein Liebling, der Novize, war eben in seine Zelle getreten ... »und sage mir, was für Fahnen sie führen.« »Schotten sinds, bloß Schotten,« rief Edward, »ich sehe die weißen Kreuze ... vielleicht sind es die westlichen Grenzleute ...« »Sieh nach dem Banner,« sagte der Abt, »was für ein Wappen führt es?« »Das Wappen von Schottland,« sagte Edward, »den Löwen mit dem Saum, durch drei Balken, wie mir deucht, geteilt. Sollte dies etwa die königliche Standarte sein?« »Nein!« versetzte der Abt, »die des Earl von Murray! Er hat ja doch seit seinen letzten Siegen die Abzeichen des mutigen Randolph angenommen und auf seinem angeerbten Wappenschilde die Binde angefügt, die seine niedre Herkunft bekundete ... wollte Gott, daß er sie auch aus seinem Gedächtnisse verwischt hätte!« »Zum wenigsten wird er uns vor den Südländern schützen,« meinte Edward. »Ja, mein Sohn, wie der Schäfer ein schwaches Lamm vor dem Wolfe schützt, das er zu rechter Zeit sich für eine Mahlzeit aufbewahrt. Ach, mein Sohn, schwere Zeiten sind es, die unsrer warten; schon zeigen die Mauern unsers Heiligtums eine Bresche, denn Dein Bruder ist von seinem Glauben abgefallen. So lautet die letzte geheime Nachricht, die mir übermittelt worden ist. Murray hat bereits davon gesprochen, ihn mit der Hand Mary Avenels zu belohnen.« »Mary Avenels!« sagte der Novize, indem er zu der Wand hinüber wankte, die den stolzen Bau stützte. »Ja, Mary Avenels, mein Sohn, und sie ... sie hat gleichfalls den Glauben ihrer Väter abgeschworen. ... Weine nicht, mein Sohn, oder wenn Du weinen willst, dann weine über ihren Abfall, und preise den Herrn, daß er Dich aus dieser sündigen Welt zu sich einberufen hat, denn ohne die Gnade der heiligen Jungfrau wärest Du auch einer von diesen Abtrünnigen geworden.« Nach einer Weile fuhr er fort: »Auch ich weine nicht, mein Sohn, und welchen Verlust habe ich zu gewärtigen! Betrachte hier diese Türme, in denen Heilige wohnten und Helden bestattet wurden. Erwäge, daß ich doch kaum erst zur Leitung der frommen Herde berufen worden bin, die seit den ersten Zeiten des Christentums hier sich zusammengefunden hat. ... O, komm, komm, laß uns hinab steigen! laß uns unserm Schicksal entgegen gehen! Ich sehe, sie nähern sich bereits dem Dorfe.« Kurz nachher tat sich das Hauptportal der Kirche auf, und eine feierliche Prozession bewegte sich langsam aus dem reichverzierten Torwege. Kreuze und Fahnen wurden getragen, Kelche und Monstranzen und Reliquienschreine, Weihrauchfässer wurden geschwenkt, und dem langen Zuge der Mönche in ihren schwarzen, bis zu den Füßen reichenden Talaren, darüber die weißen Skapuliere, schritten die Klosterbeamten voran mit den besonderen Abzeichen ihres Amtes. Und in der Mitte, umringt von seinen vornehmsten Amtsgehilfen, ging der Abt in seiner feierlichen Tracht, mit so ruhiger, ernster Miene, als hätte er nur Sinn für die feierliche Handlung, die sich eben vollzog. Hinter ihm her schritten die geringern Personen des Klosters, die Novizen in ihren weißen Chorhemden, dann die Laienbrüder, sich durch ihre Bärte auszeichnend, die von den Mönchen nur in besondern Fällen beibehalten wurden. Den Nachzug bildeten Weiber und Kinder mit mehreren Männern, die sämtlich über die bevorstehende Verwüstung ihres Klosters bittre Tränen weinten. In dieser Ordnung bewegte sich die Prozession einher, durch leise Klagetöne, die sich in den gemessnen Gesang der Mönche mischten, ihr Nahen kündend. Auf dem Marktplatz des kleinen Dorfes Kennaqhueir, damals wie noch heutzutage sich durch ein uraltes Kreuz von prächtiger Schnitzerei auszeichnend, das neben einer vielleicht noch ältern, aber sicher ebenso hoch verehrten mächtigen Eiche stand, die wohl schon den Götzendienst der Druiden erlebt haben mochte, stellten die Mönche sich auf, das Te-Deum singend, und um sie her drängten sich alle diejenigen, die unter dem Banne des allgemeinen Schreckens standen. Dann trat eine feierliche Pause ein. Der Gesang der Mönche verstummte, die Wehklagen der Laien verstummten, und alles harrte in bangem Schweigen der Ankunft des ketzerischen Söldnertrupps. ... Endlich Stampfen und Wiehern von Rossen, dann blitzten hüben überm Dorfe Lanzen und Speere. Dann Waffengeklirr und laute Stimmen. Und nun zeigten sich am Hauptportal die ersten Reiter, die schnell zum Marktplätze hin sprengten. Paarweis, in geschlossener Ordnung, kamen sie, ritten um den Platz herum, bildeten Front nach der Straße zu, und so ging es fort in der gleichen Ordnung, bis sich der Marktplatz gefüllt hatte. Nun winkte der Abt leise, und gleich darauf stimmten die Mönche den feierlichen Gesang an: De Profundis clamari . ... Unterdes beobachtete der Abt die Reihen der Krieger, um zu erkennen, welchen Eindruck der Gesang auf sie mache. Alle wahrten Schweigen, aber auf manchem Gesicht malte sich deutlich die Verachtung, und fast alle andern zeigten Gleichgültigkeit, denn sie waren schon zu lange an ihr wildes Leben gewöhnt, daß durch Hymnen und Prozessionen noch ihre schlummernden bessern Gefühle hätten geweckt werden sollen. ... Mittlerweile ritten langsam die Kommandanten heran, Earl Murray und Morton, beide in tiefem Gespräch begriffen, mit ihrem Gefolge, darunter auch Halbert Glendinning, bis in die Mitte des Platzes. Heinrich Warden, eben aus dem Kloster zurückgekehrt, gesellte sich sogleich zu ihnen. Er war übrigens der einzige, der bei der Unterredung der beiden Grafen zugegen sein durfte. »Also seid Ihr wirklich entschlossen, Mylord,« sagte Morton, »die Erbin von Avenel mit all ihren Rechten und Ansprüchen diesem in Niedrigkeit gebornen jungen Menschen ohne Namen zu geben?« »Hat Euch nicht Warden gesagt, daß sie zusammen aufgezogen worden sind?« fragte Murray, »und daß sie einander von Jugend auf in Liebe zugetan gewesen sind?« »Nun, meiner Meinung nach recht romantische Gründe, Mylord von Murray, und kaum triftig genug, das junge Ding einem Bennygask zu weigern! Doch sagts nur unumwunden, Mylord! Ihr seht das feste Schloß lieber in den Händen eines Menschen, der, was er ist, Eurer Huld und Gnade verdankt, als in der Hand eines Douglas und meines engsten Verwandten!« »Mylord von Morton,« sagte hierauf Graf Murray, »ich habe in der Sache nicht das geringste getan, was Euch kränken oder gar beleidigen könnte. Ich habe dem jungen Glendinning dieses Versprechen eigentlich schon gegeben zu Julians Lebzeiten, als er, außer der Lilienhand dieses Fräuleins, nichts zu erwarten hatte. Dahingegen habt Ihr für eine Heirat zwischen Mary Avenel und Eurem Verwandten ein Wort erst eingelegt, als Ihr Julian tot auf dem Schlachtfelde liegen sahet. Wahrlich, Mylord, Ihr erweist Eurem Vetter Bennygask nach meinem Dafürhalten keinen sonderlichen Gefallen, denn ihre Herkunft abgerechnet, ist sie doch nur eine Bauerndirne. Ich hätte gemeint, Ihr könntet für Eure Familie weit besser sorgen!« Morton wollte eben hierauf erwidern, als sich Heinrich Warden, der protestantische Pfarrer, die Freiheit, die seinem Stande schon lange zustand, herausnahm zu einer Einmischung. »Mylords,« sprach er, »ich muß der Pflicht gemäß, die mein Stand mir auferlegt, die beiden Edlen, die das Werk der Reformation so eifrig gefördert haben, ermahnen, sich nicht zu veruneinigen um eines alten Schlosses und einiger Sandhügel willen oder gar um einer alten Liebschaft willen, die zwischen einem geringen Lanzenreiter und einem in gleicher Niedrigkeit erzognen Mädchen sich gebildet hat ...« »Edler Douglas,« sprach Murray, »ich glaube, unser frommer Warden hat im rechten Augenblicke das Wort genommen und hat mit dem wenigen, was er gesprochen, durchaus recht.« Hier reichte er Morton-Douglas die Hand. ... »Unsre Einigkeit ist für die gegenwärtige Lage unsers gemeinsamen Vaterlandes zu wichtig, als daß wir sie um geringfügiger Dinge wegen gefährden dürften. Dem Glendinning in diesem Falle den Willen zu tun, bin ich fest entschlossen. Ich kann nicht mehr anders, denn ich habe ihm mein Wort gegeben. Die Kriege, an denen ich beteiligt gewesen, haben manche Familie ins Elend gebracht. Laßt mir den Versuch, ob ich einmal eine Familie werde glücklich machen können! Es gibt Mädchen in Schottland genug, die sich besser schicken für Euern Vetter, und ich geb Euch das Versprechen, daß Bennygask eine treffliche Partie machen soll.« »Mylord,« nahm Heinrich Warden wieder das Wort, »Ihr redet edel und wie ein echter Christ. O, laßt uns in diesem Lande des Blutvergießens die wenigen Spuren der Liebe nicht vertilgen, die sich noch darin vorfinden! Noch nun zu ...« »Ich weiß, Warden, ich weiß! Dort steht der stolze Abt, von dem Ihr nun reden wollt. ... Aber Ihr habt nun schon so viel für ihn gesprochen, daß ich fast hätte sagen mögen: weniger wäre mehr gewesen! Sonst aber, Warden, hätt ich das Nest heut einmal richtig ausgehoben und all dies schwarze Gesindel hinausgeworfen.« »Und ich meine,« sagte Morton, »das solltet Ihr jetzt auch noch tun! den Mönchen die Einkünfte nehmen, heißt ihnen die Fangzähne ausbrechen!« »Nun, etwas rupfen wollen wir ihn doch, trotz aller schönen Worte unsers frommen Warden ... und wenn er in der Abtei verbleiben will, dann wird ihm nichts andres übrig bleiben, als uns den Piercie Shafton herauszurücken!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so waren sie auf den Marktplatz gelangt, und im selben Augenblick sprengte ein Herold aus dem Zuge, der die beiden mächtigsten Edelleute des Reiches begleitete, und ritt zu den Mönchen hinüber. »Dem Abte des Liebfrauenklosters wird hiermit befohlen, vor dem Earl von Murray, dem Landesverweser, zu erscheinen!« »Der Abt des Liebfrauenklosters,« lautete dessen Antwort, »behauptet in seinem Stiftsgebiete den Rang vor jedem weltlichen Lord. Er läßt demzufolge dem Earl von Murray sagen, derselbe möge sich zu ihm verfügen!« Murray vernahm diese Antwort mit Hohnlächeln. Dann schwang er sich aus dem Sattel und näherte sich in Begleitung von Morton-Douglas und mehreren andern den um das Kreuz versammelten Mönchen, die von Schrecken vor dem mächtigen Manne befallen zu werden schienen. Aber der streitbare Abt strafte sie mit einem tadelnden Blicke. Dann trat er aus ihren Reihen heraus und direkt vor die Edelleute. »Lord James Stuart, oder Earl von Murray, sofern dies Euer Titel ist, mit welchem Rechte, frage ich, Eustachius, Lord-Abt des Liebfrauenklosters, Euch hiermit, überfallt Ihr mit streitbaren Haufen unser friedliches Kirchdorf? Weshalb umzingelt Ihr meine Brüder? Nie weigerten wir Euch, wenn Ihr darum ersuchtet, die Gastfreundschaft! Denkt Ihr aber Gewalt gegen friedfertige Geistliche zu gebrauchen, so saget uns zuvor den Grund hierfür und laßt uns auch Zweck und Ziel solches Tuns wissen!« »Herr Abt,« erwiderte Murray, »Eure Redeweise hätte sich für ein früheres Jahrhundert besser geeignet und für geringere Personen, als Ihr in uns vor Euch seht. Wir stehen nicht hier, um Fragen von Euch zu beantworten, sondern um an Euch Fragen zu stellen. – Warum habt Ihr den Frieden gebrochen dadurch, daß Ihr Eure Vasallen unter die Waffen riefet und die Lehnsleute der Königin aufbotet?« » Lupus in fabula !« erwiderte voll Verachtung der Abt, »auch der Wolf warf ja dem Lamme vor, es habe das Bächlein getrübt, dieweil er doch oben am Laufe stand ... aber das gab ihm den Vorwand, das Lamm zu verschlingen. Ich hätte die Lehnsleute der Königin aufgeboten? Ich tat es, um das Land der Königin gegen Fremdlinge zu verteidigen! Ich tat also nichts, als meine Pflicht, und bedaure nur eins, daß ich zu schwach an Mitteln war, meine Pflicht mit stärkerm Nachdruck zu erfüllen.« »Und Eure Pflicht war es auch, Verrätern und Empörern wider die Königin von England in Euern Klostermauern Unterstand zu geben?« »In meinen jüngern Jahren,« erwiderte der Abt mit der gleichen Unerschrockenheit, »war es kein so schlimmes Ding, ein Krieg mit England, daß deshalb ein infulierter Abt einem Fremdling, der Gastfreundschaft bei ihm suchte, sie hätte weigern sollen. In meinen jüngern Jahren,« setzte der Abt hinzu, »hätte sich jeder Bauer geschämt, aus Furcht vor einem Zwiste mit England einem Fremden die Tür zu weisen. Allein in jenen Zeiten sahen Engländer selten das Gesicht eines schottischen Ritters anders als durch sein Visier.« »Mönch!« sprach mit Nachdruck der Graf von Murray, »es soll Dir wenig frommen, daß Du versuchst, Dich in Ungezogenheiten zu überbieten! Wir leben nicht mehr in jenen Zeiten, da sich ein römischer Priester herausnehmen durfte, einem Edelmanne ungestraft Hohn zu sprechen! Den Piercie Shafton gib uns heraus, oder, bei meines Vaters Helmbusch! Deiner Abtei wird der rote Hahn aufs Dach gesetzt!« »Sofern dieser Fall eintreten sollte, so werden die Trümmer meiner Abtei auf die Gräber Deiner Ahnen stürzen. Möge der Ausgang werden, wie er wolle, der Abt des Liebfrauenklosters liefert keinen Menschen aus, der Schutz in den Mauern des heiligen Zufluchtsortes gesucht hat!« »Abt, bedenke Dich,« erwiderte Graf Murray, »und nötige uns nicht zu harten Maßregeln! Die Hände von Kriegern wie diesen,« setzte er hinzu, auf seine Mannen, zeigend, »werden in Zellen und zwischen Heiligtümern keine Euch genehme Arbeit verrichten. Also zwingt uns nicht zu einer Haussuchung, denn wir müssen den englischen Hund haben.« »Das sollt Ihr nicht notwendig haben,« rief eine Stimme aus der Menge, und der Schönschwätzer, den Mantel von sich werfend, in den er sich gehüllt hatte, trat mit allem Anstand eines Edelmannes vor die Grafen und Edelleute, »hinweg mit der Wolke, die Piercie Shafton verdunkelte! hier, Mylords, erblickt den Ritter von Wilverton, der Euch die Schuld erspart, Gewalttat und Kirchenraub zu begehen.« »Vor Gott und der Menschheit protestiere ich wider jeden Eingriff in die Rechte meines heiligen Klosters und seiner Schirmherrschaft,« rief der Abt mit lauter Stimme, die weithin über den Platz erschallte, »und mithin gegen die Festnahme dieses edlen Ritters. Sofern das Parlament Schottlands noch über ein Atom von Macht und Ansehen verfügt, werden wir diesen Fall anderswo zur Sprache bringen.« »Erspart Euch Eure Drohungen,« erwiderte der Graf. »Möglich, daß mein Plan mit Sir Piercie Shafton anders ist, als Ihr vermutet, aber das beschäftigt uns hier jetzt nicht. Nehmt ihn in Haft, Herold, als unsern Gefangnen! Die Folgen treffen uns.« »Ich gebe mich selbst in Gefangenschaft,« erklärte der Schönschwätzer, »behalte mir aber mein Recht vor, die beiden Mylords von Murray und von Morton zum Zweikampfe zu fordern für die mir als Edelmann angetane Schmach!« »Still, Freundchen, still!« rief da eine Stimme aus der Schar der Hauptleute, und Stalwarth Bolton trat vor. »Nur ruhig, ganz ruhig, Kerlchen! Deiner Mutter Vater war nichts weiter als ein Schneiderlein, ich hab ihn gar gut gekannt, den alten Fadenspuler von Holderneß! Meinst, wir solltens vergessen, weil Du Dich erfrechst, Deine Herkunft zu verleugnen, und Dich wie ein aufgeblasner Vogel in unbezahlten Samt und Seide zu stecken und mit Kavalieren und Kammerherren Umgang zu halten? Molly Kreuzstich, Deine Frau Mama, war das niedlichste Marjellchen im ganzen Lande. Die ging mit dem wilden Shafton von Wilverton auf und davon, und der war, wie man sagt, mit den Piercies linker Hand verwandt. Ob sich die beiden hinterher noch geheiratet haben, kann sein. Bestreiten will ich es nicht, aber gehört davon hab ich nichts.« »Holt doch dem edlen Ritter ein bißchen geweihtes Wasser!« rief höhnend Morton, »er ist so hoch herabgepurzelt, daß ihn schwindelt, infolge all des vielen Schwindels, den er uns aufgetischt hat!« Wirklich sah Sir Piercie Shafton aus, als wenn ihn der Donner gerührt hätte, während sich niemand, selbst der heilige Abt nicht, eines Lachens enthalten konnte. »Lacht nur, Ihr ärgert mich damit doch nicht,« sagte Sir Piercie endlich, »aber erlaubt mir, an diesen Squire hier die Frage zu richten, zu welchem Zweck er diesen unseligen Flecken in einer sonst makellosen Abkunft an die große Glocke gehängt hat?« »Ich?« fragte tief verwundert Glendinning, der mit am lautesten gelacht hatte, denn ihm galt die pathetische Frage des Gefoppten; »ich habe bis zur Stunde ja selbst keine Ahnung von diesem Zusammentreffen der Dinge gehabt.« »Wie? nicht von Euch hätte dieser alte Krieger diese Kunde bekommen?« fragte mit steigender Verwunderung der Ritter. »Nein! beim Himmel! von ihm nicht!« beteuerte Stalwarth Bolton, »denn ich hab den Jüngling ja mein Lebtag noch nie gesehen als hier und als heute!« »O, würdiger Herr,« sagte da Frau Glendinning, die jetzt aus der Menge heraustrat. »Ihr habt ihn doch schon früher einmal gesehen ... Halbert, mein Sohn, das ist ja Stalwarth Bolton, dem wir unser Leben und die Mittel zu seiner Erhaltung verdanken. Und wenn er, wie es den Anschein hat, Gefangner im Heere der Schotten ist, so tue, was in Deinem Vermögen steht, ihm seine Lage zu erleichtern. Er hats um uns verdient! ...« »Ach ja, gute Frau,« sagte Bolton, »in meine Stirn haben sich Furchen gegraben, seit wir uns nicht mehr gesehen haben, aber Deine Zunge hält die Probe besser als mein Arm. Dein Junge hat mir heut morgen weidlich zugesetzt! Er ist ein tüchtiger Kriegsmann geworden, der braune Wicht. Aber was ist denn aus Deinem andern, aus dem Weißkopfe, geworden?« »Ach, mein Edward ist Mönch hier in der Abtei geworden,« erwiderte die Witwe. »Ein Mönch und ein Landsknecht. Schlimm ausgesucht von allen beiden! besser hätten sie getan, wenn der eine ein Schneider geworden wäre wie der alte Fadenspuler von Holderneß. ... Damals hab ich sie Euch geneidet, die beiden schmucken Jungen, aber heut beklag ich Euch drum. ... Der Landsknecht stirbt auf offnem Felde, und der Mönch lebt knapp im Kloster.« »Mutter, Mutter!« rief Halbert, »wo ist Edward? Kann ich nicht ein paar Worte mit ihm reden?« »Er ist jetzt unterwegs mit einer Botschaft für den Lord-Abt,« beschied ihn Pater Philipp. »Und Mary, Mutter?« fragte Halbert. Mary war in der Nähe, und bald waren die drei Menschen abseits von den andern, um sich zu erzählen, wie es ihnen in der Zeit, da sie sich nicht gesehen hatten, ergangen war. Inzwischen hatte sich der Abt mit den beiden Grafen über die zukünftige Lage seines Klosters unterhalten und war durch kluge Nachgiebigkeit einer-, durch unbedingte Zähigkeit anderseits zu Abmachungen gelangt, die den bisherigen Fortbestand der uralten Gottesstätte einigermaßen sicherten. Dann legte der Abt ein gutes Wort für Piercie Shafton ein. »Freilich, wohl ist er ein Geck, Mylords,« sprach er »aber er ist doch ein edelsinniger Geck, und Ihr mögt ihm heute wohl weher getan haben, als wenn ein Dolchstoß sein Herz getroffen hätte.« »Oder eine Nadel,« erwiderte lachend Morton, »ich habe wahrhaftig immer selbst gemeint, dieser Schneidersenkel sei zum wenigsten einem fürstlichen Schoße entsprungen.« »Indes muß ich dem Abte beistimmen,« bemerkte Murray, »es möcht uns kaum zur Ehre sein, wollten wir ihn an Elisabeth ausliefern. Aber an einen Ort müssen wir ihn schaffen, wo er weder ihr noch uns ferner zum Nachteil sein kann. Unser Herold mag ihn mit Stalwarth Bolton nach Dunbar bringen. Von dort soll er hinüber nach Flandern. Doch still! da kommt er ja eben mit seiner Donna am Arm.« »Lords und andre,« sprach der Schönschwätzer mit unsagbarer Feierlichkeit. »Bitte, Platz für die Gemahlin Piercie Shaftons! dies Geheimnis, daß mir die Dame hier angetraut worden, sollte nicht eher über meine Lippen kommen, als bis mir das Schicksal die Umstände, es zu offenbaren, günstiger in meinem Leben geordnet hatte. Aber nun muß ich es schon heute ...« »Aber das ist ja die Mysie Happer, die Tochter vom Klostermüller,« rief die Tibb Tacket, die sich ebenfalls mit unter der Menge befand, die sich der Prozession angeschlossen hatte, »so wahr ich lebe! Also so tief ist der Stolz Piercie Shaftons gesunken?« »Ganz recht, es ist die liebenswerte Mysinda,« bestätigte der Ritter, »deren Verdiensten um ihren Herrn und Gemahl ein weit höherer Rang noch zukäme, als ich ihn ihr zu bieten im stande bin.« »Und doch hätten wir,« meinte Graf Murray, »wohl nie in unserm Leben etwas davon vernommen, daß aus der Müllerstochter eine Lady geworden sei, hätte Stalwarth Bolton nicht die Schneidersherkunft bewiesen.« »Mylord,« nahm hierauf der Gekränkte wieder das Wort, »sich an einem Manne zu reiben, der nichts zu erwidern vermag, sich in solch spöttischer Weise zu reiben, ist kein sonderliches Zeichen von Mut, und Ihr werdet, wie ich hoffe, wohl nicht außer Betracht lassen, was Ihr nach dem Kriegsgesetz einem Gefangenen schuldig seid, demgemäß also des häßlichen Gegenstands nicht weiter erwähnen. Sobald ich erst wieder Herr meiner selbst bin, werde ich um Mittel und Wege, mich davor zu bewahren, nicht eben verlegen sein.« »Wenigstens doch in der Phantasie,« bemerkte Morton. »Doch nun gut, Douglas,« sagte Murray, »sonst steht zu fürchten, daß Ihr ihn noch toll macht! Zudem haben wir Wichtigeres zu erledigen. Glendinning soll mit Mary Avenel durch Warden getraut werden. Dann soll er ungesäumt den Besitz der Herrschaft Avenel antreten. Ich bringe dies am besten ins reine, bevor wir aus der Gegend rücken.« »Und ich meinerseits,« nahm hier der Klostermüller das Wort, »habe auch noch solche Metze Korn zu vermahlen, denn ich hoffe, es wird sich wohl von unsern frommen Vätern einer der Mühe unterziehen, eine Mutter mit ihrem zugestutzten Herrn Bräutigam zu kopulieren.« »Das ist nicht mehr von nöten,« erwiderte Sir Piercie Shafton, »denn diese Zeremonie ist bereits in aller Form vollzogen worden.« »Aber es wär doch ganz gut, die Sache geschähe noch einmal,« erwiderte der Müller, »denn es ist immer besser, man sieht alles mit eignen Augen. Das ist meine Rede auch immer, wenn ich den Mahlgroschen zweimal vom gleichen Sacke nehme. Und dann bleiben wir ja doch beim eignen Gewerbe, denn Euer Großvater hat doch gewiß immer gesagt: Doppelt genäht hält!« »Schafft ihm den Mann vom Halse, der mechanisch das Korn verarbeitet, daß es Brot werden kann,« sagte der Graf unter Lachen, »sonst quält er ihn noch zu Tode! Mylord, der Lord-Abt lädt uns ins Kloster ein. Ich denke, wir leisten seiner Freundlichkeit Folge, und Sir Piercie wird sich, denke ich, hiervon nicht ausschließen. Ich muß das Fräulein von Avenel kennen lernen, denn morgen habe ich Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Ganz Schottland soll sehen, wie Graf Murray einen getreuen Diener belohnt.« Mary Avenel und Glendinning begaben sich, statt in das Kloster, einstweilen in ein Haus des Dorfes, aus Rücksicht auf den Abt, den sie durch ihre Anwesenheit, als von der alten Kirche abtrünnig, nicht kränken durften. Am andern Tage aber wurden sie in Anwesenheit der beiden Earls von Schottland durch Heinrich Warden nach protestantischem Ritus getraut, und am selben Tage begaben sich, nachdem der Müller seinen Willen durchgesetzt hatte und das Paar im Kloster in seiner Anwesenheit noch einmal getraut worden war, Sir Piercie Shafton mit seiner Gemahlin und mit Stalwarth Bolton an die Seeküste, wo sie sich nach Flandern einschifften. Am übernächsten Tage setzten die beiden Earls mit ihren Truppen ihren Ritt nach dem Schlosse Avenel fort, wo der junge Ehegemahl mit dem weltlichen Besitztume seiner jungen Ehegattin belohnt werden sollte. Das vollzog sich ohne alle Störung. Aber Mary Avenel nahm von dem Erbe ihrer Väter nicht Besitz, ohne daß sich jene Vorbedeutung gezeigt hätte, die sich immer zeigte, wenn sich irgend ein wichtiger Vorgang in ihrem Hause oder ihrer Familie vollzog. Frau Tibb Ticket und Martin Tibbet erblickten nämlich an diesem Tage die gleiche kriegerische Gestalt, die sie damals gesehen hatten, als sie an den veränderten Glücksumständen ihrer jugendlichen Herrin Anteil bekommen hatten und mit ihr in Glendearg eingezogen waren. Sie schwebte nämlich vor den Reitern hin, als sie über den langen Dammweg zogen, blieb bei allen Zugbrücken stehen und winkte wie im Triumphe mit der Hand, als sie unter dem düstern Torwege verschwand, über welchem man die Wahrzeichen der Avenels eingegraben sieht. Frau Glendinning aber begleitete stolzen Herzens den Sohn, um es mit anzusehen, wie er Aufnahme fand unter den Baronen des Landes. »O, mein geliebter Sohn,« sprach sie, »das Schloß Avenel ist fest und stark, und doch wünsche ich Dir und Deiner Ehefrau, Ihr möchtet Euch niemals zurücksehnen nach den unruhigen Bergen von Glendearg, denn noch immer ist das schwere Spiel nicht zu Ende, noch immer sind die letzten Trümpfe nicht gezogen!« Edward hielt sich während dieser ganzen Zeit im väterlichen Turme verborgen. Wohl hieß es, der Abt habe ihm wichtige Arbeit zugewiesen, in der Hauptsache trug dieser aber den Wunsch im Herzen, ihn nicht zum Zeugen der weltlichen Triumphe seines Bruders zu machen. Endlich war aber auch er nicht mehr im stande, in den öden Gemächern zu verweilen, wo ihn alles erinnerte an die mühseligen Jahre der Jugend, die ihm wie unzufriedne Geister vor den Augen hinzogen und bei jedem Schritte, den er machte, neue Gegenstände heraufbeschwörten, die ihm Ursache gaben zu Gram und Herzeleid. Und da stürmte er hinaus und hinunter in das Tal, wie wenn er dort die Bürde abschütteln wolle, die auf seinem Herzen lastete. Eben ging die Sonne zur Rüste, als er den Eingang von Corrinan-Shian erreichte, und was er bei seinem letzten Besuche der verrufenen Schlucht erblickte, dessen erinnerte er sich nun wieder lebhaft. Aber diesmal war es ihm mehr zu Mute, Gefahren aufzusuchen, als ihnen aus dem Wege zu gehen, wie damals. »Ich will den geheimnisvollen Worten ins Auge sehen,« sprach er, »denn das Schicksal hat mir gekündet, daß es mich in dies finstre Gewand hüllen werde. Nun will ich wissen, ob es mir sonst nichts zu sagen hat über mein Leben, das doch nicht anders werden kann als kläglich und erbärmlich.« Und wirklich sah er den weißen Geist wieder an derselben Stelle sitzen, wie damals, und wieder hörte er ihn singen mit der bekannten leisen, halb verschwommenen Stimme, und während er sang, da war es, als schaue er mit Blicken der Kümmernis nieder auf seinen goldnen Gürtel, der sich nun zu feinen seidnen Fäden verdünnt hatte ... »Lebe wohl nun, Ginster grün, Nimmer seh ich Dich forthin Glänzend hell mit allen Zweigen Meiner schwachen Kunst sich neigen, Daß die Hindin scheu entflieht, Die dich hauchlos flattern sieht. Quell, ade! denn nicht mehr lang Murmelst du zu meinem Sang, Wenn Deine Blasen trüben Tanz Bilden in kristallnem Glanz, Steigen, schwellen, platzen, springen, Plänen gleich, die nicht gelingen. O, des Schicksals Knoten schau! Bau'r ist Lord, und Maid ist Frau! Umsonst hatt ich durch Zaubers Macht Den Liebsten von ihr weggebracht. Welke, Strauch! versiege, Quell! Tief herab sank Avenel!« Und während dieses leisen, verschwommenen Gesanges war es, wie wenn die Gestalt Tränen vergösse ... und ihr Singsang führte herbes Weh in Edwards Herz, denn ihm war, als senke sich über Marys Ehe mit seinem Bruder eine finstre Wolkenlast, die ihnen Schlimmes zuführte. ... Schluß.