Felicitas Rose Provinzmädel Liebesgeschichten. Aus Kerlchens Tagebuch. Buchenwalde im Februar. »In meiner Heimat, da wird es jetzt Frühling!« Fritz schreibt, daß in Thüringen schon dicke Knospen an den Sträuchern sind, daß ganz Rotbach an seinem Festgewande arbeitet, – zum Einzuge der Herrin. Der närrische Friedel! Er hält immer noch daran fest, daß unsere Hochzeit im Mai sein soll, trotzdem wir alle ihn schon längst überzeugt davon glaubten, daß sie erst im Oktober sein kann. Aber Fritz tut, als ob der Oktober im Monde läge und alle fünf Jahre einmal herunterstiege, während mir die Zeit, die noch bis dahin liegt, riesig knapp vorkommt. Denn ich bin ja noch urdumm und muß noch rasend viel lernen, sonst dreht schließlich mein Fritz noch vor dem Standesamt um. Bis jetzt sind wir ja wenig beisammen gewesen, da hat er's nicht so gemerkt, ich glaube, er meint, ich bin ein ganz vollkommener Engel, dem eben nur gerade die Flügel fehlen. Aber es juckt mich kein Bißchen an den Schultern, und so werden die Flügel auch wohl niemals kommen, fürchte ich. Ich bin nun in Buchenwalde, um zu lernen, Aussteuer zu nähen, Kochen und Einmachen intus zu bekommen, die Landwirtschaft gründlich zu studieren (weshalb Onkel einstweilen mächtige Fuhren Dünger in der Nähe meines Zimmers hat auffahren lassen), kurz, um eine vollendete Hausfrau zu werden. Mein Fritz hat zwar den unberechtigten Ausspruch getan: »Kerlchen kann alles«, aber da hatte er bei den Buchenwaldern, die alle durch die Bank so tüchtig sind, in ein Wespennest gestochen, und als Tante Hedwig sich zu 'ner Reichstagsrede rüstete, da gab er Fersengeld und ließ seinen armen Kerl in einem Berg von Leinwand und Wirtschaftssorgen zurück. So sind die Männer. Allerdings, als er mich einmal so eifrig Namen sticken sah, da muckte er auf und wurde in der Folge etwas rasend. Ich solle nicht so gequält werden, rief er, ich solle sein Sonnenscheinchen sein und weiter nichts. Er kann überhaupt furchtbar heftig werden, und wenn wir beiden Hitzköpfe erst zusammen hausen, könnten unsere leichteren Möbel und Haushaltungsgegenstände wohl etwas ruiniert werden. Fritz behauptete, die Beschaffung der Aussteuer sei seine Sache, ich solle in das fertige Nestchen kommen und alles, alles von ihm annehmen. Aber das kann ich nicht. Das will ich nicht! Ich will meine Leibwäsche allein beschaffen und will mein Stübchen, meine kleine, liebe, eigene Bude mitbringen, es soll genau so aussehen, wie meine Schwarzhausener Bude. Und mein eigenes geliebtes Feldbett wird schön neu zurecht gemacht, oh, ich bin ja gar nicht so arm, meine Muusch hat mein Sparkassenbuch nicht angerührt, da sind die größten Summen drin, die Stundengelder vom alten Johannsen, dann noch etwas von Onkel Liskow und – kurz – Fritz soll nicht alles beschaffen. Er läßt ja Rumohr und Rotbach schon von Kopf bis zu Fuß einrichten, besonders Rotbach entsteht ganz neu nach dem Brande und dort in unserm Thüringen werden wir hauptsächlich wohnen. Ich hab' das Herrenhaus selbst zeichnen dürfen, ein weißes schlichtes Haus mit großen Fenstern und acht Säulen und einer Riesenterrasse. Wunderbar hat der Baumeister den alten, vom Brande verschont gebliebenen Teil des Schlosses ausgebaut und erneuert, das ist jetzt so ein recht liebes, trautes, efeuumranktes Nestchen geworden, darin will mein Muttchen hausen, mein geliebtes. An alles hat Fritz gedacht und zarte, liebe Überraschungen ausgesonnen, er ist so groß und gut, mein Muttchen hat immer helle Tränen in den Augen, wenn sie mit ihm spricht und kann nur ja und amen zu all seinen Plänen sagen. Nur was die Aussteuer betrifft, da denkt sie, wie ich. Onkel Waldemar sagt: »Ihr habt so 'ne verdammte Art, den Kopf zurückzuwerfen und dann kommt der ›Schliedensche Tück‹ hoch.« Mag sein! – Er hat ihn ja selbst, den Schliedenschen Tück. Fritz schenkt so beinahe alles, selbst das Brautkleid wird, nach Thüringer Sitte, seine Gabe sein. Die Cousinen möchten natürlich, daß wir in Rumohr wohnten, aber Rotbach ist größer und braucht den Herrn mehr, doch hat mir Fritz gesagt, daß wir im Winter nach Rumohr ziehen und dann den herrlichsten Schlittenverkehr mit Buchenwalde pflegen wollen. Augenblicklich ist Fritz in Rotbach und hat viel zu tun, schreibt aber trotzdem jeden Tag. Er sehnt sich tot nach mir, wie er behauptet, während ich – – Doch – doch, – ich sehne mich ja auch, – o unsäglich bange ich mich nach ihm – hier kann ichs ja ruhig niederschreiben, aber – ich kanns nicht so sagen , ich kann es nicht und ich will es nicht ... Wenn Fritz kommt – – dann ist er wie ein Sturmwind. Nur für ihn soll ich da sein, alles andere beiseite setzen, er ist unbeschreiblich zärtlich, stürmisch – – – o – ich – ich finde, er ist sehr gut in Rotbach aufgehoben, man kann viel mehr tun und so schön fleißig sein, wenn er fort ist. Auch bin ich doch nicht so unausgesetzt den Neckereien der Walküren unterworfen, als wenn er da ist. Es ist merkwürdig, welch feinen Geruchsinn sie haben müssen, denn sobald Fritz sich anmeldet, melden sich sicher auch die Drei an, oder wenigstens Munke erscheint plötzlich zu Pferde und tut nie sonderlich überrascht, ihn vorzufinden. Ich bin auch überzeugt, daß sie dann über jede unserer Handlungen Protokoll führt, denn die Walküren rechnen mir später immer jeden Kuß vor. Aber prächtige Menschen sind's doch und wie sie sich über meine Verlobung gefreut haben, das ist einfach unbeschreiblich. Fritz hat sich auch ihre schriftlichen Glückwünsche aufgehoben; sie waren so, – wie die Walküren eben sind. Bümi schrieb: »Na habt Ihr Euch endlich? So sei denn das Schicksal gelobt, getutet, geblasen, gepfiffen und getrommelt. Ihr habt Euch! Kerlchen, ich muß Euch zusammen sehen. Küßt er viel? O Kerlchen, es muß so zum Radschlagen sein, Dich in seinen Armen zu sehen. Spreizt Du noch alle zehn Finger auseinander und bekommst Du eine eiskalte Stirn, wenn er anrückt? Wie Du es früher bei jeglichem Männlein und Weiblein machtest? Oder hast Du Dich furchtbar verändert? Ich gehe unter vor Neugier, aber wundern solls mich nicht, wenn er Dich »bei klein« auffuttert, Du süßes Kerleleini. Nur Einer trauert und das ist – – Franz! – Franz, mein angetrauter Ehemann. Er gönnt Dich dem Rumohr nicht, er gönnt Dich überhaupt niemand. Einen schwarzen Flor hat er sich um die große Zehe getan und seinen Patienten verschreibt er nur noch schwarze Arznei. Es ist ein Kreuz mit ihm. Komm nur bald nach Buchenwalde, hörst Du? Und melde es uns, wenn Du dort bist, ich muß Dich sehen! Und Fritz von Rumohr muß mir 'n Kuß geben. Ich bestehe darauf. Du bist so gut, wie unsere vierte Schwester, ergo ist er unser Bruder, und ich denke mir, er küßt famos. Also bereite ihn schonend vor. Und nun, liebes, liebes Kerlchen – – sieh das war alles toller Unsinn, was ich oben gesagt. Du bist Braut, Kerlchen, – glückseliges Kerlchen! Gottes Segen über Dich! Wie stolz muß der Mann sein, dem Du Deine erste, reine, heilige Liebe schenkst. Glückauf Kerlchen, Glückauf und innige Segenswünsche von Deiner getreuen Bümi.« Nachschrift: Verzeihen Sie meiner kleinen Frau, – liebes, verehrtes Kerlchen, – sie weiß manchmal nicht recht, was sie tut, aber ihre letzten Sätze haben vieles wieder gut gemacht, nicht wahr? – Daß ich Ihnen das reichste, vollste Glück wünsche, wissen Sie, und wo sollten Sie es eher finden, als an der Seite dieses Edelmenschen, als den wir alle Fritz von Rumohr schätzen. Glückauf! Mit treuem Gruß und Handschlag Ihr ergebener Schirmer.« Und richtig, – als unsere Verlobung durch ein Diner in Buchenwalde gefeiert wurde, wobei die Walküren mit Kind und Kegel versammelt waren, bestand Bümi auf ihrem Kuß von Fritz, und als sie ihn endlich hatte, verdrehte sie die Augen, als ob es wirklich was Außergewöhnliches, Herrliches gewesen wäre. Närrische Bümi! * Briefe und Telegramme kamen in Unmengen, – – selbst ein Handschreiben von Tante Emerenzia lief ein, – ich bin wieder in Gnaden aufgenommen, denn – die Fürstin Mutter will mich sehen, Fritz soll mich und sich vorstellen, sobald wir vermählt sind, denn jetzt ist die Fürstin noch in Italien. Sie sandte mir, »der alten Spielkameradin« ein wunderschönes Bild von Li, meinem alten Li, den ich nie, nie vergessen kann. Es soll den Ehrenplatz in unsern Zimmern haben, sagt Fritz. Aber von all den Briefen der liebste ist mir doch wieder der von meinem ältesten Freunde, dem Schlachter Krone: »Edelgeborene Jungfrau und Braut! »Die schönste Zeit, das ist die Liebe Die schönste Jungfrau ist 'ne Braut Mit ihres Herzens heißem Triebe Hat sie den Jüngling angeschaut.« Diese schönen und edelen Worte rufe ich Ihnen heute zu und allen Ihren Festgenossen. Ihre Verlobungsanzeige war mir eine Ehre ohne Gleichen und hängt jetzt neben dem Ehrendiplom, was ich an der letzten Mastviehausstellung für meinen preisgekrönten Ochsen bekam. Vivat sequens sagen die alten Griechen. Was habe ich mir den Kopf zerbrochen mit meine Alte, wen wohl unser allerwertestes Kerlchen einmal beehren würde und ist uns nun so erfreulich kund geworden durch den hochwohlgeborenen Antrag des Herrn von Rumohr. Sagte ich gleich in heftiger und edler Gemütsbewegung zu meiner Frau: »Da hat endlich mal der richtige Topp auch den richtigen Deckel gekriegt!« Und bitte ich meinen untertänigsten Glückwunsch auch der Frau Oberst vor die Füße zu legen zu dürfen, wo an dieser guten und edelen Frau der Herr Bräutigam erkennen werden, daß die Schwiegermutter nicht immer Deubels Unterfutter ist, sondern 'ne gemeine Redensart. Mit diesem Wunsche schließe ich meine Fürbitte und meine Frau auch. Krone, ganz ergebenster Schlachtermeister.« Die Buchenwalder saßen am Kaffeetisch. Der Gutsherr schmauchte ein Pfeifchen, der Duft des Varinas mischte sich mit dem des frischen Kaffees und der blühenden Hyazinthen am Fenster. »Urgemütlich«, sagte Kerlchen und ließ seine Augen fröhlich-liebevoll über die Tafelrunde gleiten. Onkel Waldemar zog die Stirne kraus: »Jawohl, urgemütlich, – aber du willst fort.« »Ach du liebe Zeit, bis zum Oktober sind's ja noch Ewigkeiten, wer wird denn jetzt schon daran denken!« lachte Kerlchen. »Ich!« brummte der Gutsherr. »Unentwegt denke ich daran und die andern auch, nur der Rumohr, dieser Gauner lacht sich ins Fäustchen.« »Gauner« ist sehr treffend,« trumpfte Bümi auf, die einmal wieder Urlaub von ihrem Doktor erbettelt hatte und seit gestern bei den Eltern weilte. »Aber guckt euch mal unser Kerlelein an, wie unvernünftig glücklich es aussieht und wie gern es sich stehlen läßt.« Kerlchen faßte die Hand ihrer Mutter. »Muusch geht ja mit, und ihr besucht uns oft, und im Winter kommen wir nach Schleswig-Holstein.« »So? Als ob dein Othello es erlauben würde, daß wir dich ›oft‹ besuchen! Ins Burgverließ würde er uns werfen, ›da Molch und Uhu hausen‹. Aber seht, da kommt die Post, natürlich ist wieder ein Doppelbrief vom ›Schreibkrampf‹ da, daher auch die ungeheuren Einnahmen der Reichspost.« »Wie das klingt! ›Schreibkrampf!‹ begehrte Kerlchen auf, nahm aber dann errötend und strahlend den dicken Brief in Empfang, mit dem sie sofort ihr Zimmerchen, den ›Parnaß‹, aufsuchte. Bümi raste hinterher, fand aber verschlossene Türen, an denen sie eine Weile planlos bollerte, um sich dann sehr gekränkt wieder zurückzuziehen. Brief von Fritz von Rumohr an Kerlchen. »Mein Einziges! Die Stunden schleichen, trotzdem sie voll frischer, fröhlicher Arbeit sind, Du fehlst mir überall, mein liebes Lieb! Dazu dieses häßliche, naßkalte Wetter, das die Bestellung der Felder so erschwert und uns auch am Bauen sehr hinderlich ist. Bis Mai werden wir natürlich nicht fertig, ich habe deshalb angeordnet, daß wir vorläufig in Rumohr wohnen, was bei den Walküren wohl etliche Freudensprünge zur Folge haben wird und sie gewiß vollständig versöhnt mit mir, wenn ich gegen ihren Willen mein geliebtes Kerlchen schon im Frühjahr zu mir hole. Natürlich zeige ich Dir erst mal die schöne Welt, ehe wir uns seßhaft in Rumohr machen, ich will Dich außerdem für mich allein haben, ganz »leinileini«, wie ich als Kind immer sagte, woraus Du siehst, daß Du Dir einen schauerlichen Egoisten aufgehalst hast. Kerlchen, wie hab' ich Dich lieb! Von Urbeginn an bist Du mein gewesen! Ich sehe Dich immer noch im schwarzen Kleidchen vor dem Altar der alten Schwarzhausener Kirche knieen am Tage Deiner Konfirmation, sehe die Sonne auf Deinem Lockenkopf spielen und ein Strahlenkränzchen um Dich weben. Seitdem schrittest Du immer, immer an meiner Seite, nur mir sichtbar, als mein guter Engel, mein Heiliges! Ich küsse Dich zärtlich, mein Herzensliebling, komm, lege Dein Köpfchen an meine Schulter, bist Du nun in Deiner treuen, starken, warmen Heimat, mein Kerlchen? Schicke mir einen langen Schreibebrief. Du mußt bedenken, daß Deine große, energische Schrift gar zu rasch eine Seite ausfüllt und daß Dein einsamer Schatz immer mit tiefem, schmerzlichem Seufzer Dein Brieflein aus der Hand legt. Aber dieses Langen und Bangen hat nun, will's Gott, bald ein Ende, – im Mai, im schönen Maien hab' i viel noch im Sinn! Kerlchen – ich sehne mich nach Dir und küsse Dich im Geiste zärtlich – stürmisch, leb' wohl, leb' wohl Du mein Einziges! Dein Rumohr.« Antwortbrief von Kerlchen. »Lieber Fritz! Es geht wirklich nicht. Das mit dem Mai, meine ich. Es wäre furchtbar gut von Dir, wenn Du es endlich einsehen möchtest. Sieh' mal, ich bin auch noch so namenlos dumm in allem, Du weißt es nur nicht so. Und keiner von Deinen Leuten würde Respekt vor mir haben und das willst Du doch, Du hast es mir selbst gesagt. Aber bis zum Oktober wird der Respekt schon kommen, bis dahin lerne ich noch einen Haufen. Du fragst mich immer und immerlos, ob ich Dich lieb habe, aber ich glaube, ich hab' es Dir schon dreimal gesagt und auch einmal geschrieben. So etwas Wichtiges mußt Du nicht so rasch vergessen. Jetzt lerne ich das Kochen. Ich brauche es ja leider nicht, wenn ich Deine Frau bin, aber Tante Hedwig sagt: »Wer nie gehorchen lernte, der kann auch nicht befehlen,« und das bezieht sie auch aufs Kochen. Ich muß Dich nun rasch fragen, ob wir später immer »fein« essen, wie es z. B. die Altenhofer taten, oder ob wir so gemütlich schmausen, wie Dr. Schirmers. Mir schmeckt dort immer alles so gut, aber Bümi meint, Du würdest Dich für »Leuteessen« bedanken. Du liebe Zeit, wir sind doch auch »Leute«. Ich frage nämlich deshalb, weil ich so ein einfaches Menü wie: »Kartoffelsuppe, grüne Bohnen und Schweinskoteletten« schon fein herrichten kann. Die Suppe neulich war eine Idee zu dünn und länglich, auch hatte ich das Salz vergessen, die Bohnen schmeckten köstlich, nur zogen sich die Leutchen immer die langen Fäden aus den Zähnen, und die Kotelettes waren ein bißchen zu schwarz gebrannt, aber sonst, wie gesagt – alles tadellos. Bümi sagte, ich sollte Dir dieses Essen nicht eher bereiten, ehe nicht das Standesamt sein Wort gesprochen, aber sie hat immer solche Ideen. Neulich war hier Besuch. Graf Liburg hatte sich mit einigen Rittergutsbesitzern der Umgegend angemeldet, um Onkels neu eingerichtete Ställe zu besehen. Es ist ja alles so hochfein jetzt bei uns; seit Ohmchen die Mittel hat, kann er seinen philanthropischen Gelüsten ordentlich frönen, die schöne Bletz, unsere beste Milchkuh, hat einen feineren Salon als Tante Hedwig, wenigstens nach meinen »Kerlchenbegriffen«, wie Bümi sagt. Aber Du wirst mir sicher Recht geben, denn Tante Hedwig besprengt ihr Zimmer täglich mit dem gräßlichen »Esbouquet« , was die Bleß nicht tut. Aber ich wollte Dir von unserm Besuch erzählen, er war wirklich sehr interessant. Tante Hedwig war in ihrem ff, hatte ein Menü aufgestellt, an dem sich meiner Meinung nach bequem eine Kompagnie Soldaten satt essen konnte und ich, ich sollte kochen. Ich, Kerlchen! Ich tat mir eine Riesenschürze um, denn das gibt schon von vornherein 'ne gewisse Würde, Mutund Beruhigung. Ich sollte also kochen: Legierte Suppe mit Grießschnitten, Kaviar mit Blinis, Filets von Zander mit Kräutersauce, Roastbeaf, Stangenspargel mit Croquettes von Kalbsmilch, Farcierter Puter mit Champignons, Mayonnaise von Lachs, Rehbraten, Rosenkohl mit Semmelcroutons, Plumpudding, Marasquinocreme, Vanilleeis. Ha, und dann noch die Saläter und Kompötter! Aber ich wußte alles und lief in meiner großen Schürze seelenvergnügt unten in die Küche. Die Obermamsell und die zweite Köchin hörten mich gar nicht, die saßen tief gebeugt über ein Buch, aus dem sie sich vorlasen. Erst als ich ganz nahe stand, fuhren sie erschrocken auf und klappten das Buch zu. »Es ist 'ne Gemeinheit,« sagte die Obermamsell, aber sie meinte mich nicht, sondern die russische Gräfin in der Geschichte. Stina Hansohm ist gut Freund mit mir, überhaupt das ganze Küchenpersonal, und sie freuten sich diebisch, daß ich herunterkam. Nur über das Kochen schüttelte die Obermamsell sehr den Kopf, weil es doch gerade so sehr darauf ankam. »Gnädiges Fräulein sollten gewiß man en bißchen zugucken und sehen, wie's gemacht wird,« meinte sie zweifelnd. »I wo,« beharrte ich. »Ich habe die ganze Speisenfolge gestern auswendig gelernt, und wie jedes einzelne Gericht zubereitet wird, ich kann es am Schnürchen.« »Ach, Du liebe Zeit,« meinte Stina Hansohm, »das ist so Bücherweisheit, – gnädiges Fräulein müßten erst so'n Diner mindestens einmal allein gekocht haben, ehe Sie's verstehen.« »Na, merken Sie auf, Stina,« sagte ich. »Zuerst kommt Kaviar mit Blinis. Kaviar ist ja Gott sei Dank von Natur schon fertig, nun die Blinis': Also – – – Kalbsmilch, welche wie in Nr. 402 gereinigt, gar gekocht und abgekühlt ist, schneide man in kleine Würfel und verfahre weiter damit, wie mit dem Hühnerfleisch in Nr. 282 – – – « »Ach, gnädiges Fräulein, das gibt ja Croquettes von Kalbsmilch, wenn's fertig ist,« jammerte Stina, »und die haben wir ja erst zum Spargel, o, o, o, wenn Se nur nich ›theorätsch‹ sein möchten, sondern ›praktsch‹«. Ich war natürlich sehr betippert, denn wenn ich nun auch ebenso rasch die richtigen Blinis herunterrebbelte, so hatte ich mich doch sehr blamiert. »Wissen Sie was, gnädiges Fräulein,« fing jetzt Stina wieder an, »Sie bleiben ruhig hier in der Küche, ich bin ja doch vors Kochen da und krieg meinen guten Lohn, ich glaube immer, die gnädige Frau hats nicht so bös gemeint, als sie sagte, Sie sollten kochen, und da hätten ich und die Nora und die Fite 'ne große Bitte: Wir sind an so'ner spannenden Stelle in unserer Geschichte, gerade eben hat die elende Gräfin die bildschöne Kuhmagd in ein Fallgatter geschmissen und der Graf kam dazu, aber da mußten wir 's Buch zuklappen. Wenn Sie uns nun vorlesen möchten – – –« Na und siehst du, Friedel, das tat ich denn auch und las ihnen vor, es war aber Blödsinn. Gegen Mittag kam Tante Hedwig plötzlich heruntergestürzt mit schreckenerfülltem Gesicht, ich wurde glühend rot und glaubte, sie würde arg schelten, aber sie schrie mit einem Erleichterungsseufzer: »Dem Himmel sei Dank, ich glaubte schon, du kochtest. Es war ja nur Scherz, aber Waldemar meinte, du seist imstande und führtest ihn aus. Das Fräulein hat doch nichts angerührt?« wendete sie sich noch ängstlich an Stina, und diese versicherte: »Bewahre, – ich weiß schon Bescheid.« Beinahe wäre ich empfindlich geworden, aber Tante Hedwig merkte wohl, was in mir vorging, und sagte gütig: »Einziges Kerlchen, du mußt den Tisch schmücken und deine reizend gemalten Kärtchen auflegen, der Gärtner hat sich in den Finger geschnitten und ist vorläufig unbrauchbar. Auch den Wachsbohnen- und Gurkensalat kannst du bereiten, denn so wie Kerlchen versteht das niemand.« Damit entschwand sie wieder aus der Küche, und ich las die Geschichte schnell fertig, denn es war ein graulicher Schluß, sie lagen schließlich alle tot im Fallgatter, nur der edle Graf und die Kuhmagd kriegten sich lebendig. Als wir später bei Tisch saßen, wollte es ein merkwürdiges Geschick, daß gerade die Schmückung des Tisches, die ich mit Efeu und Vogelbeeren bewerkstelligt hatte, Aufsehen erregten, ebenso die Tischkarten, und als Graf Liburg von dem ganzen köstlichen Diner nur den Bohnen- und Gurkensalat rühmend erwähnte und gegen Tante das Glas hob, hieß es: »Das alles ist Felicitas' Werk.« Na, da guckten sie nicht schlecht und Baron Biestorp, ein wirklich greulicher Mensch, der neben mir saß, verzog seinen ohnehin großen Mund zu breitem Grinsen und sagte flüsternd: »Gnädiges Fräulein können also alles, – ›bezaubern‹ und ›Hausfrau sein‹ , welch' eine ›bezaubernde Hausfrau‹ werden Sie einmal abgeben.« Ich glaubte doch natürlich, er spielte auf Dich an, denn ich ahnte ja nicht, daß das Greul nichts von unserer Verlobung wußte. (Der Diamantring sieht auch so gar nicht verlobt aus.) Deshalb schrie ich laut über die Tafelrunde weg, denn ich ärgerte mich, daß er geflüstert hatte: »Ach ja, mein Mann wird hoffentlich sehr glücklich.« Tante Hedwig plinkte mir mit verzweifeltem Gesichtsausdruck zu, Onkel Waldemar und Graf Liburg lachten schallend und der letztere stieß mit mir auf den »Glücklichen« an. Baron Biestorp machte ein Schafsgesicht. Los wurde ich ihn aber trotzdem nicht. Wie ein Schlehdornzweig, in den man sich im Walde verheddert, und den man dann hinter sich herschleift, so hakte er sich an mich fest. Du weißt es ja, Liebster, wenn wir in unserm Thüringen zusammen spazieren gingen und ein solcher Dorn schleifte hinter mir her, wie Du ihn dann schwungvoll befördertest und riefst: »Wieder einen Verehrer an die Luft gesetzt, Kerlchen!« Baron Biestorp wich also nicht von meiner Seite, und als Onkel Waldemar einen Waldspaziergang vorschlug, nahm er gleich meinen Regenschirm, um mich beschützen zu können. Höflich war ich nicht zu ihm, das kannst Du glauben, aber ich wollte furchtbar gern etwas von ihm heraushorchen, er ist nämlich Kammerherr am Schwarzhausener Hof, hat aber auch ein großes Gut in Schleswig-Holstein. Er erzählte denn auch eine Menge und freute sich augenscheinlich über die Maßen, daß ich solches Interesse an dem Hofleben entwickelte. Mit einem Male blieb er stehen, holte einen Krimstecher hervor, guckte ringsum und fragte endlich ahnungslos: »Sagen Sie mal, liegt denn nicht das große Rittergut Rumohr hier herum.« Glühend rot wurde ich, und um das zu verbergen, drehte ich ihn an den Armen nach der richtigen Stelle und sagte »da«. Während er sich Dein liebes Haus besah (man konnte das herrliche Fleckchen Erde so ziemlich in den Umrissen erkennen), redete er weiter: »Kennen Sie den Besitzer?« Siehst Du, Fritz, – es war ja gewiß unrecht, aber er machte so ein urdummes Gesicht, ich konnte nicht anders, ich wollte hören, was er weiter sagen würde und da – sagte ich: »Nein«. Und es hat mich nicht gereut, Friedel, es war zum Radschlagen, was nun kam. »Freiherr von Rumohr-Rotbach,« schnarrte Baron Biestorp. Kenne ihn auch nicht. Soll aber tadelloser Kavalier sein. Harte Schule durchgemacht, deshalb auch in ganz obskurem Rrrrment Reserveoffizier. Ist aber jetzt schwer reich oder wird es in Bälde, – alter Onkel – Millionär. Aber denken sich gnädiges Fräulein, verlobt sich dieser Mensch mit einem unmöglichen Geschöpf – Gouvernante, Stütze der Hausfrau, was weiß ich, gänzlich untergeordnetes Wesen, nicht mal hübsch, gewiß rote Hände und Küchen- oder Schulstubenmanieren, bettelarm, extravagant, soll merkwürdigerweise wie der Satan reiten. Begreife Fürstin Mutter nicht, erzählte ihr, was ich über die künftige Baronin Rumohr gehört, und sie lächelte, – konnte lächeln und mit undefinierbarem Gesichtsausdruck sagen: »Sie sollen die Ehre haben, die junge Frau von Rumohr nächsten Winter kennen zu lernen, – sie wird meine protégée werden.« Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein, – solch ein Wesen – protégée – – warum lachen gnädiges Fräulein?« So lange hatte ichs ausgehalten, aber nun gings nicht mehr, ich lachte schallend, laut, ich setzte mich auf einen moosigen Stein und trocknete mir mit meinem Taschentuch die Tränen, wahr und wahrhaftige Lachtränen. Und immer wenn ich in des Barons dämliges Gesicht sah, fing ich von neuem an und rief zwischendurch: »Ach der arme Rumohr! O der Ärmste!« Darauf setzte ich einen tiefen Knicks vor ihn hin und sagte: »Ja Sie sind nun mal reingefallen Herr Baron, ich bin das schauderhafte Wesen selbst – und die Fürstin Mutter hat mich schon lieb gehabt, als ich noch ein kleines Ding war.« O Fritz, – sein Gesicht! Wenn er nicht zu scheußlich wäre, hätte er mir leid tun können. Er murmelte immer etwas vor sich hin, ob es aber: »Pardon«, oder »hol' Sie der Deubel!« hieß, weiß ich nicht, denn nun kamen die andern Herren und Munke dazu, die mit ihrem Mann inzwischen zu Pferde eingetroffen war. In der allgemeinen Begrüßung verschwand Baron Biestorp, – er war heimgeritten. Onkel Waldemar erzählte nachher, er hätte sich blaß und verstört verabschiedet, wahrscheinlich habe er mir zu Liebe zu viel Gurkensalat gegessen und sei mit dem nicht ins Klare gekommen. Friedel, bist Du sehr bös, daß ich Dich zuerst verleugnete? Gelt, nein! Ich bitte Dich recht herzlich um Verzeihung, aber versprechen, es nicht wieder zu tun, – das kann ich nicht. Ist es eigentlich eine so große Schande, Gouvernante oder Stütze der Hausfrau zu sein? 'rumlungern ist doch eigentlich schandbarer? Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber. Wie seelengern spräche ich über diesen Punkt mit meinem Väterchen, ich weiß so genau, daß er jegliche Arbeit ehrte und jeden Steinklopfer grüßte, der ihm auf seinem Morgenritt begegnete, wie gering er von ererbtem Gelde dachte, wenn es nicht ein tüchtiger Mensch war, der es bekam. Aber ich weiß doch auch, daß er es nie gelitten hätte, daß ich Gouvernante würde, – da liegt aber ein Widerspruch drin. – Lieber Fritz, wenn ich erst Deine Frau bin, werde ich Dich immerzu fragen, alles Mögliche, bis ich beinahe so gescheit bin, wie Du. Ganz so kann ich natürlich nie werden, denn denke Dir, es soll bestimmt feststehen, daß wir Frauenzimmer ein paar Gramm weniger Gehirn haben, als ihr. Hast Du das gewußt, als Du Dich mit mir verlobtest? Ich möchte Dich nicht gern hintergehen. Aber wenn Du es schon gewußt hast, dann danke ich Dir vielmals, daß Du mich heiraten willst, ich will auch sehr gut werden. Und nun leb' wohl, der Brief ist längst doppelt, aber mit Dir plaudere ich ja so schrecklich gern. Gott behüt' Dich, mein lieber Fritz! Dein Kerlchen.« »Bist du endlich fertig, Kerlchen?« fragte Bümi in sehr vorwurfsvollem Ton. »Endlich? Hat es denn so lange gedauert?« »Vier Stunden, knapp gerechnet.« »Bümi, deine Phantasie wuchert.« »Nee!!! He, wat he is, is en olen Schreibkrampf, äwer du büs noch döller,« »Phhhh! Hast du denn deinem Franz keine Briefe geschrieben, als du verlobt warst?« »Natürlich hab' ich das, dumme Deern, aber erstens niemals so lange Briefe wie du, denn ich bin von Natur aus kein Schriftsteller, zweitens bildete ich mir ein, man müßte von seinem Verlobten immerzu und jederzeit wissen, was er treibt, was ganz unnütz ist, denn sie flunkern einem doch was vor. (Franz behauptet, er hätte während seiner ganzen Bräutigamszeit Gesangbuchsverse gelesen.) Drittens war ich bis über beide Ohren in Franz verliebt, während du vorläufig ein Hundeschnäuzchen bist.« »Bümi!! – – du warst doch nicht bloß ver liebt, du hattest ihn doch lieb !« »Himmel, solch' feine Unterschiede mache ich nicht. Na, – jedenfalls wird dieses Paket, das du da so wohlgefällig in der Hand wiegst, Herrn von Rumohr in seliges Entzücken versetzen und ihn veranlassen, schleunigst hierher zu kommen und dich reineweg aufzuessen.« »Dumme Bümi! Fritz hat mehr zu tun, der hat genug Arbeit um die Ohren und ist gut aufgehoben. Außerdem bin ich nicht so appetitlich, daß er mich als »Großfrühstück« betrachten könnte.« »Na, es geht! In meinen Augen bist du ein ganz süßer Kerl, und wenn das ein Frauenzimmer zum andern sagt, steckt mehr Wert darin, als wenn 'ne Mannsperson im Spiele ist. Übrigens – Kerlchen – wann will er heiraten?« »Wann? O Bümi, ich glaube im Mai –« »Kerlchen! Und du hast das zugeben können? – – –« »O Bümi, sieh doch nicht so böse aus. Nichts, gar nichts habe ich zugegeben, aber Fritz ist so – – so bestimmt, so ein ganzer Mann – –« »Ach was, dickköpfig ist er!« »Bümi!« »Einziges Kerlchen! Verklär' ihn dir nicht so doll! Ein Gott ist er nicht, sondern Fritz von Rumohr auf Rotbach in Thüringen. Aber nun mach' nicht so ein scheues, unglückliches Gesicht, hörst du? Ich weiß ja, daß er ein sogenannter Prachtmensch ist, das predigt mir Franz alle Tage, aber wehe – – wenn er gereizt wird,« »Ja, er kann so furchtbar zornig werden, er läuft dann im Zimmer 'rum und macht so große wütende Augen – –« »As en lütten bengalischen Tiger! Nee, Kerlchen, ich würde mich nicht so bald in seine Höhle begeben.« »Ich möchte es ja auch garnicht, aber – o Bümi, wenn er es nun dringend, ganz, ganz dringend wünscht, wenn er es befiehlt?« » Befiehlt ?? Na, nun wird's Tag! Kerlchen! Da ist es ja die höchste Zeit, daß ich dir mal den Standpunkt klar mache. Zu befehlen hat dir als Bräutigam der Fritz überhaupt nichts, hörst du? Als Ehemann allenfalls, – – aber auch nur unvollkommen. Und wenn nun die triftigsten Gründe vorliegen, daß du erst im Oktober heiratest, und du , du , die Braut, diese Gründe billigst und es wünschest, noch bei uns zu bleiben, in deinem zweiten Vaterhause –« »Aber wenn nun Fritz die Gründe nicht für stichhaltig ansieht – – –« »Sollte dieser Barbar das tun? Wehe ihm!« »Fritz sagt, er ginge jetzt vor, außer wenn es sich um Muusch handelt, und Fritz meint –« »Siehst du, Kerlchen, das ist nun schon verkehrt, – »Fritz sagt, Fritz meint,« und so fort. Das ist so echt Mannerart, immer was zu sagen und zu meinen. Da mußt du dich beizeiten auf die Hinterbeine setzen.« »Ach Bümi! Früher machte ich so gern Front, aber – jetzt – ich weiß nicht, es kommt mir ganz wonnig vor, zu allem ja zu sagen, was Fritz wünscht. Er meint es so gut!« Bümi legte ihr Gesicht in ernste, strenge Falten und bemühte sich, sehr weise auszusehen. » Dummes !« betonte sie ausdrucksvoll. »Er soll dein Herr sein« ist ein sehr schönes Wort, aber richtig durchzuführen ist es nicht, Kerlchen, glaub' mir's. Und Fritz von Rumohr, – der wird ein besserer Sklavenhalter, wenn du immer kuschst.« »Also Bümi, rate mir, wenn er nun darauf dringt, daß wir im Mai heiraten – ich finde es ja auch viel, viel zu früh – – was soll ich dann sagen?« »Dann sagst du langsam und feierlich: »Meine Basen gehören von Gottes- und Rechtswegen auf meine Hochzeit; es wäre unnatürlich, wenn sie fern blieben, aber im Mai kann Bümi nicht, und im Juli kann Munke nicht, und im September kann Luttewete nicht, ergo heiraten wir im Oktober.« »Nein, Bümi, so kann ich's ihm nicht sagen.« Na, – es ist wohl möglich, daß es 'n büschen komisch klingt. Also dann sagst du so : »Bümi ist im Mai dringend verhindert, im Juli können Munke und ihr Baron unmöglich aus der Ernte fort, und im September ist Naturforscher- und Ärztekongreß, da müssen Schirmers nach Kassel, und Luttewete muß bei Bümi haushalten, kann also nicht zur Hochzeit. Punktum. Nimm mir's nicht übel, ich finde es überhaupt verrückt von deinem Landwirt, vor beendeter Ernte heiraten zu wollen.« » Fritz ist nie verrückt !« Ordentlich feindselig sah Bümi Kerlchen an. »Er ist ein Engel!« beeilte sich diese hinzuzusetzen, und nun versprach Kerlchen, genau nach Vorschrift zu handeln. Brief von Fritz von Rumohr an Kerlchen. »Liebstes! Also es bleibt dabei. Im Mai! Ist Dir der Dreizehnte recht? Mein süßes Mädchen ist doch nicht abergläubisch? Das würde ja garnicht zu Dir stimmen, zu meinem tapferen Kerlchen. Ich habe mich hin- und herbesonnen, mir paßt dieser Tag durchaus am besten, und wenn mein Kerleleini nichts dagegen hat, dann – – o Kerlchen, süßes, süßes Kerlchen! An den 13. Mai knüpfen sich für mich meine liebsten Kindeserinnerungen. An diesem Tage hatte mein liebster Freund Flori Geburtstag, – ach, und das war ein Glanzpunkt in meinem armen Kindesdasein, wenn ich in das reiche Haus eingeladen wurde und in den hohen, hallenden Zimmern umherspringen konnte. Wort lernte ich zum erstenmal die Musik kennen, die Mutter meines Freundes Flori sang herrlich, es war ein hoher, jubelnder Sopran, dazu der weiche, schöne Tenor des Vaters, und Floris eigene wunderschöne Stimme, die später ausgebildet wurde. Sein Schwesterchen Käti spielte Geige und war meine erste Lehrmeisterin – – ich habe später als Jüngling und dann als gereifter Mann so viel liebe Freunde gefunden, – aber mein Flori – ich denke so oft an ihn und den 13. Mai. Liebes Kerlchen, ist er Dir recht, dieser Tag, unser hoher, heiliger Tag? Sag' ja, Kerlchen, laut und deutlich ja, – oder sag' es mir auch leise ins Ohr mit Deinem Silberstimmchen, – wenn Du nur zustimmst, so ist alles gut. Ich lasse ununterbrochen im Schlosse arbeiten, damit die holde Herrin einziehen kann. Kann ja kaum die Zeit erwarten – – – soll ich Dir eine Geschichte erzählen? Eine wunderschöne Geschichte! Wie wir in unserm Hüttchen sitzen werden, ganz leini, Du und ich, und der Sturm braust wild um das Haus, – hei, laß ihn brausen, Du bist warm in Deiner Heimat, Du mein Einziges, mein Geliebtes, mein Kerlchen! Noch sechs Wochen, und Du bist mein! Ein wonniger, herrlicher, glücksvoller, atemraubender Gedanke. Ich bin Egoist, Kerlchen, rücksichtsloser Selbstsüchtling, ich denke keinen Augenblick an Buchenwalde, an die Deinen, die Dich sehr vermissen werden. Denn Dein liebes Muusch, – nun bald auch meine innig verehrte Mutter – kommt uns ja nach, sowie wir von unserer Reise zurück sind. Also Kerlchen, merk' auf den 13. Mai! Gott befohlen! Dein Rumohr.« Brief von Bümi an Kerlchen. »Liebes Kleines! Na, natürlich, das war vorauszusehen. Warum hast Du mir nicht seinen Brief mitgeschickt, damit ich sehen kann, wie, wo, warum. Seiner liebsten Freundin und Base muß man die Briefe des Verlobten zeigen, – hörst Du? Ich habe es dunnemals nur deshalb nicht getan, weil Franz nicht zärtlich veranlagt war, und seine Briefe eigentlich nur Rüffel enthielten, die wollte ich Euch andern natürlich nicht unter die Nase reiben, Ihr hättet doch nur fühllos gegrient, anstatt Mitleid mit der verkannten Bümi zu haben. Bei Dir ist es etwas anderes. Die Rumohrschen Briefe können, wie ich fest annehme, ein Muster für »Liebende« sein, Du wirst sie später mal herausgeben und horrendes Geld damit verdienen. Aber wie ich mit Wehmut sehe, hindert alle Zärtlichkeit diesen Schloßherrn nicht, auf seinem Pakt zu bestehen, und das ist unritterlich. Dixi , ich habe gesprochen. An Dir ist es nun, ihm zu beweisen, daß an der Stelle, wo bei den Mannsleuten die anderthalb Lot mehr sitzen, bei uns »Beharrlichkeit« thront. Freilich rückt der Termin beängstigend nahe. »Was tun?« spricht Zeus. Konntet Ihr nicht mit der Aussteuer etwas mehr trödeln? Daß diese fix und fertig, gewaschen, gerollt und geplättet und mit »FR. S.« gezeichnet im Schranke liegt, ist ein erschwerender Umstand. Aber, Kerlchen, geliebtes, einziges Herzenskerlchen, nicht wahr, Du trittst nicht in den heiligen Ehestand, ohne daß Deine treue Bümi Dir treten hilft. Wirklich, wir könnten Dir nie wieder gut sein, wenn Du in Deinem vollen Glück nicht an uns dächtest, die wir im tiefsten Leid immer an Dich gedacht und uns Deiner angenommen haben. Herrn von Rumohr aber kannst Du sagen, daß ich – »Bümi« seine Eile »unschicklich« finde. Deine treue Bümi. P. S. Bitte, sag' es ihm lieber nicht; Dein Verlobter hat so 'ne Art, einen anzusehen, die höllisch unangenehm und niederdrückend ist.« Aus Kerlchens Tagebuch. Was soll ich tun? Immerwährend lese ich Bümi's Brief durch, um mich stark zu machen. Aber wenn ich dann die Briefe von Fritz hernehme – er hat mich so lieb – er sehnt sich so sehr – ach, das Leben ist doch furchtbar schwer! Und wie unheimlich rasch der Mai näher rückt. Das war sonst immer so ein lieber Monat, aber Bümi – und die andern Walküren – und Fritz – ach, ich bin ganz verwirrt. Onkel Waldemar geht mit einem bitterbösen Gesicht umher, nur wenn ich ihm begegne und mit ihm plaudere, dann hellt es sich etwas auf. Es wird ihm so furchtbar schwer, mich herzugeben. Muusch denkt, sie behält mich noch bis Oktober, denn sie kann sich so schwer aus den altgewohnten Verhältnissen losreißen. Freilich hat sie Väterchens Grab näher, wenn wir erst in Rotbach wohnen, und daran denkt sie, – genau so viel wie ich. Bei Muusch ist's mir am wohlsten. Wenn ich zu ihren Füßen sitze, und wir von Fritz sprechen, dann bin ich stolz auf ihn und höre es so unbeschreiblich gern, wenn Muusch mir alle seine lieben, vortrefflichen Eigenschaften vorhält, ich nicke auch sehr eifrig, wenn sie mich fragt, ob ich ihn denn sehr lieb habe. Aber von selbst sagen kann ich es nicht, es ist so etwas Heiliges, man muß es tief drinnen im Herzen behalten. Nur wenn ich ganz allein in meinem Stübchen bin und so an alles denke, oder des Abends wenn ich mein Gebet gesprochen habe, dann sag' ich es leise vor mich hin, – vielleicht hunder- oder auch tausendmal: »Ich hab' ihn so lieb! Ach so lieb!« Aber ich muß doch fest bleiben, was die Hochzeit anbetrifft. Die Walküren sind meine treuesten Freundinnen, ich hab' ihnen vor vielen Jahren versprochen, daß sie an meinem Ehrentage dabei sein sollten, wenn wir nicht alle tot wären, und ich muß mein Versprechen halten. Buchenwalde ist immer meine Zuflucht gewesen in Freud und Leid, und mein Herzensonkel Waldemar hat Väterchens Bürgschaft übernommen, hat unsern Namen wieder klar und rein leuchten lassen, – o, ich vergesse es nie! Nie! Und deshalb muß ich noch ein bißchen bei ihm bleiben, und Fritz muß das einsehen, ja er muß, und wenn er's nicht tut – – – O – ich sehe keinen Ausweg. Wenn Väterchen noch lebte, – ach, da wäre alles gut. Der würde sagen: »So geschieht's« und damit »Kehrt, Marsch«. Bümi meint, Väterchen würde Fritz einen Puff geben, daß er bis nach Rumohr flöge, und mich würde er fest an sein Herz ziehen und nicht wieder los lassen bis Oktober. Aber, – ich weiß doch nicht so recht. Väterchen war nicht so fürs Gewaltsame, und dann – – wenn er lebte, – wer weiß, ob ich den Fritz so lieb hätte, ich würde dann wohl bei meinem Väterchen geblieben sein. Wenn Fritz doch nachgeben wollte! Er ist doch jetzt ganz eins mit mir und müßte die Cousinen ebenso lieb haben, wie ich. Ach, wenn mir doch jemand sagen wollte, was ich tun soll! Ich möchte so gern Fritz gehorchen, aber sie halten mich dann in Buchenwalde für lieblos und undankbar, das ist ein schrecklicher Gedanke für mich. Ich will nun noch einen Brief von Erich abwarten, – – bin ganz unentschlossen, ganz mutlos. Brief von Erich Schlieden an Kerlchen. »Mein geliebtes Schwesterchen! Viel Arbeit, viel um die Ohren. Rumohr schrieb mir von Eurer Hochzeit und vom Mai, eine Nachricht, die mich recht verstimmte, denn ich hatte immer nur an den Herbst gedacht, (Kerlchen ist noch gar so jung), und nun soll ich eine Generalstabsreise im Mai machen, – denk' doch nur, Liebling, ich soll Dich erst wiedersehen, wenn Du »Kerlchen Rumohr« heißt. Ist es denn nur möglich? Bin ja im Grunde kein sentimentaler Kerl, aber der Gedanke, mein wundersüßes Schwesterlein nicht im Myrtenkranz und Schleier zu sehen, ist mir beinahe unerträglich. Ich möchte mich aber nicht selbstsüchtig in Eure Angelegenheiten mischen, Ihr habt gewiß beide reiflich den Termin überlegt, und Rumohr kann man es nicht verdenken, wenn er sich sein Kleinod so bald wie möglich in seine Burg retten will. Aber traurig ists doch für mich. In allernächster Zeit will ich, wenn möglich, noch einmal kommen, um Abschied von Dir zu nehmen, – vor September werden wir kaum zurück sein. Bereite Muttchen schonend vor, daß ich zu Deinem Ehrentage fehlen werde, der Dienst kennt nur das eiserne »Muß«. Sie war ja Soldatenfrau und versteht das, ob aber mein »lütten Terle« es einsehen wird?? Dein alter Erich.« Aus Kerlchens Tagebuch. Nein, ich sehe es nicht ein, durchaus nicht. – Natürlich, der Dienst muß sein, ein Soldat darf nicht mucken, aber eine Braut darf es, und eine Hochzeit läßt sich verschieben. Mein Erich soll fern sein? Oho, das geht einfach nicht. Fritz ist kein Feldwebel, und ich bin kein Rekrut, er ist Sommerleutnant, und ich bin Kerlchen. Ich will nicht, und ich will nicht! Ich hab' Fritz sehr, sehr lieb (d. h. in diesem Augenblicke nicht gerade doll), aber ich sehe nicht das leiseste Gründchen, weshalb er mich schon im Mai fort holen will. Er soll Erich nicht weh tun und den Buchenwaldern auch nicht, er darf es nicht, sie waren alle so gut mit mir. Und Fritz hat mich doch dann immer bei sich, bis er ein Urahn ist und ich eine Greisin, aber Erich geht immer so einsam seinen Weg weiter, ich muß ihm jeden Gefallen tun. Mir schießen die Tränen ganz heiß in die Augen, am liebsten möcht' ich so recht tüchtig losheulen, aber dann bekomme ich gleich greuliche Külpaugen und ein heißes, rotes Gesicht, und alle Hausbewohner merken, daß etwas nicht im Lot ist, das darf nicht sein. Aber ich finde es nicht gerade über die Maßen schön, Braut zu sein, – die Dichter reden auch viel dummes Zeug zusammen. Brief von Schlachter Krone an Kerlchen. »Achtungsvolle Braut! Sie haben mich in Ihrem letzten Wertesten leise angedeutet, daß Sie in Hoffnung leben, mich bei Ihnen zu sehen, wenn Sie in den heiligen Ehestand 'neintreten. Was meine Frau ist, brach gleich in blutige Tränen aus, denn sie hats sehr mit die Rührung wie alle alten Weiber. Auch die Schwarzhausener Mitbürger finden es eine ausgerechnete Ehre für mir, wogegen ich mir o kontrollör gewundert hätte, wenn Euer Edelgeboren mir mit eine Einladung hintergangen hatten. Und wollte ich ferner sagen, daß ich es dem Herrn Baron von Rumohr in der Seele nachfühlen kann, daß ihm der frühste Termin gerade recht ist, so ein schönes und wohlgebildetes Mädchen zu heiraten und der Mai auch bei alle Dichters der geeignete Momang für so was ist. Ich selber bin im November neingemacht, weil's mit'n Geschäfte besser paßte. Und ist mir auch bei Fräulein Kerlchen das Datum nicht recht, denn es tut mir leid, aber ich muß es mit allen schuldigen Respeck sagen, was mein Rewö is, erwartet im Mai mit seiner lieben Frau einen freudigen Stammhalter und muß dieserhalb dem Ladengeschäft fern bleiben. – Daraufhin hat er mir zu seinen Vertreter estimiert. Gnädiges Fräulein brauchen aber dessertwegen nicht in Unwillen zu verfallen, denn das Hochzeitsgeschenk geht in Einen hin, ob ich abwesend oder an bin. Vierzig Mark. Dabei bleibts, kein Schund ausn Bahzar, daß bin ich dem Herrn Oberst selig schuldig und mir selber. Und ist dieses mein letztes Wort, weil ich den Kopf alleweile voll habe, könnte sich nur ändern, wenn der Herr Bräutigam eine andere Jahreszeit für die heilige Handlung geruhten. Leben Sie so wohl, als auch. Krone, Schlachtermeister.« Brief von Fritz von Rumohr an Kerlchen. »Mein Liebling, Du schweigst Dich seit einiger Zeit völlig aus, – ich kann doch unmöglich glauben, daß mein verständiges Kerlchen mit mir schmollt, weil ich Deinen törichten Einwänden gegenüber etwas hartnäckig auf meinem Wunsche bestehe, Dich im Mai zu mir zu holen. Du bringst mich wirklich dazu, Dich ernstlich zu fragen: »Sehnst Du Dich denn gar nicht nach Deinem Fritz?« Wenn Du wüßtest, wie ich ungeduldig und unvernünftig sehnsüchtig dem Briefboten entgegensehe, der jedesmal mit echt Thüringer Gemütlichkeit sagt: »Herr Barun, heite warsch nischt,« – Kerlchen – geh' in Dich und frage Dich, ob ich dieses trotzige Schweigen verdient habe? Gottlob – nur noch acht Tage und ich bin bei Dir, dann wird sich auch mein Himmel aufklären, – mein Sonnengesichtchen. Die nötigen Förmlichkeiten habe ich alle in der Kreisstadt erledigt, wir »hängen« nun schon, wenn auch, gottlob, nur im Rathaus. Meine Gedanken fliegen unablässig über die acht Tage fort zu Dir hin, wenn es Dir ebenso mit den Deinen geht, so begegnen sich unsere Wünsche und Träume vielleicht jetzt droben in der Luft und halten fröhliche Zwiesprach. Was soll ich noch viel schreiben, Kerlelein, ich komme bald, vielleicht schneller als Du ahnst, – soll ich Dich überraschen? Gott mir Dir, Liebling! Dein Rumohr.« Aus Kerlchens Tagebuch. Es ist, als ob sich ein Netz über meinem Kopfe zusammenzieht, und ich zapple mich nun darin ab. Es wird über mich bestimmt, gerade als ob ich gar nichts zu sagen hätte. Fritz hat alles mit Muusch brieflich besprochen, weil ich nach meinem herzlichen, stürmischen, wütenden, flehenden Brief, der gar keinen Eindruck auf Fritz gemacht hat, überhaupt nicht mehr an ihn geschrieben habe. Ob Fritz annimmt, es sei nur so eine Laune von mir, so ein grundloses Widersetzen? Aber dann wäre ich ja ein richtiges Greuel (kann sein, daß ich es so wie so bin), und er müßte froh sein, mich noch eine Weile los zu sein. Kurz, es ist alles fix und fertig, wir »hängen« in E. und in B. Aber der Strick ist noch nicht ganz zugezogen, ein Luftlöchelchen ist noch geblieben, so daß ich rufen kann: »Ich will nicht!« Zu Mutti bin ich schon mit dem Wort hingegangen, – die sagte ängstlich: »Kerlchen, du bist krank! Denn so unvernünftig kannst du nicht sein. Es ist ja alles fertig, – das Brautkleid ist da – sieh' es dir an, wie duftig und weiß es daliegt.« Aber ich habe es mir nicht angesehen, es ist etwas Zorniges in mir aufgestiegen, das nimmt mich ganz in Anspruch, – aber gut macht es mich nicht. Und Muusch weint, ich sehe es wohl. Sie läßt es sich nur nicht so merken, daß ihr Erichs Fernbleiben genau so weh tut, wie mir, vielleicht denkt sie auch, daß wenigstens eine Schlieden vernünftig sein muß. Es ist gar nicht wie vor einer Hochzeit. Onkel Waldemar sieht bös aus und lächelt so krampfhaft, wenn er mir begegnet. »Na, alte Deern?« – ruft er dann überlaut und klopft mich auf die Schulter, er will doppelt gut und freundlich mit mir sein, denn Tante Hedwig geht mir aus dem Wege, und wenn sie mal wirklich eine kleine Rede schmettert, ist sie spitzig wie eine Nadel. Sie ist bös auf Fritz, natürlich – sie fühlt ebenso wie ich, daß Munke, Bümi und Luttewete »von Gottes- und Rechtswegen« dazu gehören. Heute hat auch noch Onkel Rumohr abgesagt, – ach, ein neuer Schlag! Er hat auf dem Bahnhof Mölln einen schmerzhaften Gichtanfall bekommen und ist sofort zurücktransportiert worden. Ich sehe schon, – das Schicksal ist auf meiner Seite: – wenn Fritz auf dem 13. Mai besteht, dann werden wir allein in die Kirche gehen und wieder hinaus und abdampfen ohne Sang und Klang – – ich will nicht, ich will nicht! Gäste haben wir nicht, außer Pfarrer Richter und Emmy, denn die ich eingeladen habe, meine liebsten Freunde, Onkel Rumohr, Schlachter Krone, Johann und die alte Dorette, die können nicht abkommen. Tante Laura von Hartwig, welche sich auch schon aufgemacht hatte, ist gleich wieder umgedreht und will Onkel Rumohr pflegen. Baron Russee und Ohm Waldemar wollen Trauzeugen sein, aber Munke mukscht natürlich auch, sie will nicht ohne die Schwestern kommen, ich kann ihr's nicht verdenken. Und so bringt Fritz die greulichste Unordnung in unser friedliches Leben. Aber er soll ja nicht denken, daß ich am 13. Mai, wenn ich gerade eben den letzten Bratenbissen heruntergewürgt habe, mit ihm fortrenne. Kein Stück ist gepackt, meine Kleider sind noch nicht mal alle da, weil ich dem Schneider immer schrieb, es hätte keine Eile. – – – * Eben kam ein Telegramm aus S. Bümi ist schwer krank. Tante Hedwig ist abgereist. O lieber Gott, laß es doch nichts Schlimmes sein und behüte meine lieben Buchenwalder recht, sie verdienen es doch so sehr. Und zeige doch meinem Fritz auf irgend eine Weise, daß nicht alles nach seinem Kopfe geht. * Das waren bange Stunden, die wir durchlebt haben. Tante Hedwig schickte immerfort Nachricht: Briefe, Karten und Telegramme, es hat jammervoll mit unserer geliebten Bümi gestanden. Aber nun ist die äußerste, dringendste Lebensgefahr vorbei, sie soll aber sehr schwach und blaß sein, unsere blühende Bümi. – Das kleine Kindchen, das ihr der liebe Gott gestern geschenkt, hat er ihr gleich wieder weggenommen, er dachte wohl, es sei bei ihm besser aufgehoben, denn in so schwerer Zeit hätte sich doch niemand recht um Kleinchen kümmern können. Mich hat das alles sehr niedergedrückt und traurig gemacht. – – – * Tante Hedwig ist wieder zurück, Bümi macht sichere Fortschritte, eine Diakonissin pflegt sie. Tante Hedwig ist bei aller Liebe zu ihren Kindern doch wohl die ungeeignetste Krankenpflegerin, die es gibt, sie haben in S. den nächstbesten Vorwand gesucht, um sie heimzubugsieren. Dafür haben wir sie hier mit großer Sorgfalt empfangen und sind liebevoll um sie herum, was sie furchtbar gern hat, und dafür erzählt sie uns von Bümi. »Sehnsucht hat sie nach Kerlchen,« berichtete Tante Hedwig, »sie phantasierte in der einen Nacht sehr stark, und rief immer nach ihrem Kerlchen, bis der Arzt fragte: »Kann man das Mädchen nicht holen?« »Na, und – – –?« »Ich sagte ihm, du wärst mit den Vorbereitungen zu deiner Hochzeit beschäftigt, und da rief er gleich: ›Um Gotteswillen, dann nicht, – ein Mädel, das nächste Woche heiraten will, ist total unbrauchbar.‹« Phhhh, so ein Doktor tut doch immer unfehlbar und irrt sich manchmal gründlich – ich werde ihm das beweisen – – Eben kommt ein kurzer Brief von Bümis Mann: »Alles Glück über Ihre Zukunft, verehrtes Kerlchen! Ich bin so egoistisch, Sie am liebsten hier haben zu wollen am Krankenlager meiner Bümi, die immer nach Ihnen verlangt – Aber Sie haben jetzt neue Pflichten übernommen, und wer sollte sich mehr darüber freuen, daß Sie nun dem Glücke entgegenschreiten, als meine geliebte, kleine Frau und ich. Bümi trägt mir leise viel tausend Grüße an Sie auf, in die sich ein paar Tränlein mischen« – – – * In Bümis Zimmer ist es still, sehr still. Die pflegende Diakonissin hat sich eben auf ein Weilchen zurückgezogen, denn Bümi hat mit etwas krankhaftem Eigensinn verlangt, allein zu sein. Dr. Schirmer, der Tag und Nacht nicht von der Seite seiner lieben Frau gewichen war, ist auch wieder ins Sprechzimmer gegangen, wo die Leute dicht gedrängt stehen und sitzen. Er ist sehr beliebt in der Stadt und auf dem Lande, und die Schleswig-Holsteiner Bauern sind gut konservativ, die wollen den »Verdrehten« nicht, wie sie den »Vertreter« nennen, sie wollen ihren »Kreisviehsikus«. Bümi ist in der Genesung, aber mit dem voll erwachenden Bewußtsein kommt auch die unendliche Sehnsucht nach dem Kindchen, auf das sie sich so gefreut, das ihr beinahe das Leben gekostet und ihr so rasch wieder genommen worden ist. Und von dem Kindchen schweifen ihre Gedanken zu Kerlchen, dessen Hochzeit in wenig Tagen stattfinden soll, eine Vorstellung, die immer noch Kopfschütteln bei ihr hervorruft. Kerlchen, – eine Hausfrau, Kerlchen – eine Gutsherrin, Kerlchen – Frau von Rumohr, Kerlchen – – – !! Diesmal rief Bümi es nicht nur in Gedanken, sondern laut, fragend, zweifelnd, und endlich mit jubelnder Gewißheit, denn Kerlchen stand in höchsteigener Person in der Tür. Dann kniete es vor Bümis Bett nieder, – tief erschrocken über das blasse, vergrämte Gesicht der ehedem so gesunden, kraftstrotzenden Walküre, und verbarg sein Köpfchen in den Kissen. »Kerlchen, ist es denn wahr? Wer hat dich hergeschickt? Bist du wirklich bei mir?« »Ausgerissen bin ich,« entgegnete Kerlchen trotzig und wischte sich ein paar Tränchen aus den Augen. »Aus – – ge – – rissen?« »Natürlich! Ja!« »Und warum, – du – warum?« »Weil – weil, – ach Bümi!« – Die Beiden saßen Hand in Hand und schwatzten. Die Diakonissin hatte schon ein paarmal besorgt hereingesehen und prüfend den Puls der Patientin gefühlt, aber Bümi schaute sie mit klaren, fieberfreien Augen an. »Nun werde ich erst gesund, Schwester Beate,« lachte sie, – »denken Sie, dieses Frauenzimmer ist mein Kerlchen .« Und Schwester Beate nickte lächelnd. So, gerade so hatte sie sich das vielbesprochene Kerlchen gedacht, – mit verwehtem Haar, trotzig-glücklich aussehend und – – ausreißend einen Tag vor der eigenen Hochzeit, um die kranke Bümi gesund zu pflegen. »Kerlchen, – nun kommt aber eine Kardinalfrage: »Was wird dein bengalischer Tiger tun, wenn er in die Höhle kommt und findet das Nest leer?« »Nicht so beängstigende Vergleiche, Bümi! Fritz sieht eben, wie lieb ich dich und euch habe, und daß nicht alles nach seinem Kopfe gehen kann, und sieht schließlich sein Unrecht ein, dreht um und kommt dann im Oktober vergnügt wieder, – oder nein – er wird hierher kommen, – das glaube ich bestimmt.« »Spiele nicht mit Schießgewehr, denn es fühlt wie du den Schmerz,« – Kerlchen – du ahnst es nicht! Dieser Rumohr sieht nicht aus, als ob er schon heute oder morgen vor dir den Salaam macht. Ich fürchte – – – « »Was denn, Bümi?« »Nichts, Kerlchen! Hier reicht unser beschränkter Untertanenverstand nicht aus, hier muß Franz her, – der hat Medizin studiert. Siehst du, – da hängt er schon – – Himmel, – was für ein geistreiches Gesicht selbst die dümmsten Männer machen können, – na, ich meine es natürlich umgekehrt.« Es war wirklich kein geistreiches Gesicht, das Dr. Schirmer machte, Kerlchen kümmerte sich aber nicht darum, sondern ging fröhlich auf ihn zu, – blieb aber plötzlich stehen und errötete heftig unter den ernsten, forschenden Blicken des Arztes. Dieser zeigte auf ein Blatt Papier, das er in der Hand hielt. »Herr von Rumohr fragt telegraphisch bei mir an, ob Sie hier sind, Kerlchen,« sagte er hastig. »Was ist vorgefallen?« »Nichts,« lachte Kerlchen ziemlich sorglos, »ich wollte nur nicht im Mai heiraten, das wissen Sie ja, und Bümi hatte mir geschrieben, sie guckte mich nie wieder an, wenn ich ohne sie Hochzeit machte, und Munke und Luttewete auch – – –« Es verstummte. Dr. Schirmer hatte sich kurz herumgedreht und das Zimmer verlassen. Nie Zurückbleibenden sahen sich verblüfft an. »Na, nu kenne einer die Männer aus,« meinte Bümi kopfschüttelnd, »Franz war doch sonst immer wie närrisch, wenn er dich sah, – aber heute – – « Dr. Schirmer kam nach fünf Minuten wieder. Er prüfte Bümis Puls, betrachtete etwas besorgt die heißen Backen, welche die ungewohnte Aufregung hervorgerufen hatte, beschied die Diakonissin ins Zimmer, gab ihr Anweisungen und sagte dann zärtlich-ernst: »Du wirst jetzt schlafen, Bümi.« Diese nickte gehorsam und sah etwas scheu in das verfinsterte Gesicht ihres Gatten, der nun Kerlchen einen Wink gab und mit ihm in das Nebenzimmer ging. Hier nahm er ihm ohne weiteres Hut und Jacke ab und blieb dann dicht vor ihm stehen. »Wissen Sie auch, Kerlchen, daß Sie eine ganz ausgesuchte, vielleicht nicht wieder gutzumachende Dummheit verübt haben?« »Nein!« »Kerlchen!« »Nein, und nein und nein ! Bümi hatte Sehnsucht nach mir.« Der Doktor fuhr sich mit allen fünf Fingern in die Haare. »Herrgott, so sind wir am Ende noch allein schuld an Ihrem Hiersein? Hätte ich das geahnt, ich würde ja nie – – « »Ach, – Sie sollen sich gar nicht anklagen,« fiel ihm Kerlchen heftig ins Wort, – »ich hab' das alles allein ausgeheckt und brauche gar keinen Helfershelfer.« Doktor Schirmer ergriff beide Hände Kerlchens. »Aber verstehen Sie denn gar nicht, was Sie getan haben?« fragte er zornig-vorwurfsvoll. »Glauben Sie denn, daß Rumohr Ihnen je verzeihen kann?« Mir? Je? Er? Aber – – –« »Sie haben augenscheinlich keine Ahnung von der Bedeutung Ihrer unverantwortlichen Flucht,« fuhr der Doktor ruhiger fort und brachte Kerlchen einen Stuhl heran, auf den es sich setzte, während er gegenüber Platz nahm. »Jawohl, unverantwortlich ! Sie haben Ihren Verlobten auf das schwerste gekränkt, und da Sie sich hierher geflüchtet haben, muß Rumohr denken, ich sei mit im Komplott.« »Phhh! Komplott! Ich mache meine Dummheiten immer allein! « »Das weiß Gott,« feufzte Doktor Schirmer. »Aber diese hätten Sie sich schenken sollen. Und nun – nehmen Sie einen guten Rat von Ihrem besten Freunde an, liebes, liebes Kerlchen, – reisen Sie mit dem nächsten Zuge nach Buchenwalde.« Kerlchen schrie auf. »Dann heiratet er mich,« rief es angstvoll, »das weiß ich schon, er ist so, – nein, nein, ich bleib' hier.« »Kerlchen, wenn man Sie hört, meint man, Sie wären ein dummes, kleines Kind, ohne Sinn und Verstand, ganz und gar vernagelt, kurz und gut – – « »Horndumm!« ergänzte Kerlchen. »Ich weiß schon, aber das ändert gar nichts.« »Na, da muß ich Ihnen ernstlich eine Frage vorlegen, die man eigentlich als guter Vater oder alter Freund vor der Verlobung der Schutzbefohlenen tut: »Haben Sie Rumohr lieb?« »Ja! Ganz doll,« entgegnete Kerlchen leise, während es das heißerglühte Gesicht seitwärts wandte und durch das geöffnete Fenster in den dämmrigen Abend hinausschaute. »Dann verstehe Sie ein anderer!« Doktor Schirmer sah ratlos auf das junge Geschöpf. »Wenn mir doch nur die rechten Worte zu Gebote ständen,« fuhr er eindringlich fort. »Wenn ich Ihnen richtig klar machen könnte, wie unrecht Sie getan haben, – wie wir alle, – Bruder Erich mit eingeschlossen, zurückstehen müssen, unbedingt zurückstehen vor dem Wunsche Ihres Verlobten, Ihnen endlich eine dauernde Heimat zu geben.« Dr. Schirmer sprach warm und herzlich. Er redete in so überzeugendem Tone und Kerlchen war ja kein verstocktes Sünderchen, es war nur verstört und geängstigt durch das rücksichtslose Bestimmen über seine kleine Person, daß es jetzt bei den guten, ruhigen Worten ordentlich aufatmete, und das warme Gefühl es beschlich, seinen Kopf so gern, ach so gern an Fritz von Rumohrs Schulter zu lehnen und seine liebe Stimme zu hören. Noch etwas unsicher schaute es den Freund an. »Aber Bümi – – « sagte es seufzend. »Bümi war immer ein kleines Schaf,« meinte der Doktor, »ich werde ihr den Fall vortragen und ein verständiges Wort mit ihr reden. Und Sie halten vorerst mal verständige Zwiesprache mit diesem guten Rotwein und dem bequemen Sofa dort, – verstanden? So kräftig unser Kerlchen auch ist, so sind doch derartige, dumme Aufregungen ganz unnütz.« Er ging, und nach kurzer Zeit holte er Kerlchen zu Bümi, nicht ohne sich mißbilligend darüber zu äußern, daß Kerlchen immer noch auf derselben Stelle stand und in die ›Wicken horchte‹. »Ach, – ich dachte mir schon ganz lebhaft aus, wenn ich nach Hause komme,« rief es fröhlich und setzte dann in überzeugungsvollem Tone hinzu: »Ich glaube doch, daß ich sehr dumm war.« Dann saßen alle drei an Bümis Bett, die durchaus nicht schlafen wollte, ehe Kerlchen abgereist sei, – der nächste Zug ging in anderthalb Stunden, – so lange sollte noch geschwatzt werden. * Der Weg von der Station nach Buchenwalde kam Kerlchen diesmal endlos vor. Wo würde es Fritz finden? War er vielleicht in hellem Zorn über seine Abwesenheit in den Wald gelaufen und tobte nun dort umher? Würde er ihm gleich verzeihen, wenn er es zurückkommen sähe? Oder wäre er ihm vielleicht gar nicht böse, sondern nur ganz glückselig über Kerlchens schnelle Rückkehr? So glückselig, wie Kerlchen selbst? Mit tausend Fragen im Kopf schritt Kerlchen hastig vorwärts, und das Herz schlug ihm heftig, als das rote Ziegeldach des Buchenwalder Herrenhauses auftauchte. Dort war Fritz – dort wartete das Glück – Tyras, der große Bernhardiner, kam würdevoll angetrottet und rieb seine Schnauze an Kerlchens Kleid, – Blitz, der kleine Foxterrier, sprang bellend an ihm in die Höhe, und da öffnete sich die Tür zur großen Diele, und Onkel Waldemar stand auf der Schwelle. Kerlchen erschrak vor dem düsteren Ausdruck seines Gesichtes, und der fröhliche Willkommensgruß erstarb ihm auf den Lippen. »Du wieder hier?« fragte der Gutsherr mit seltsam heiserer Stimme, »wo warst du?« »Bei Bümi.« »Du wolltest es zwingen, die Hochzeit zu verschieben?« »Ja.« »Nun, du hast deinen Willen.« »Ach nein – ich hab' mich wieder umbesonnen. Der Doktor hat riesig verständig mit mir geredet. Wo ist Fritz? Er kann mich nun doch morgen heiraten, die Walküren sind mir nicht mehr böse, wenn wir's tun.« »Ja, was denkst du dir denn eigentlich, du törichtes, unbegreifliches Geschöpf?« brach der Gutsherr los und schüttelte Kerlchen heftig. »Verzeih« – fuhr er etwas ruhiger fort, – »wir sind ja alle mit daran schuld, – ich weiß, ich weiß! Aber wer konnte auch ahnen, daß du es so machen würdest! Ich nicht, bei Gott nicht, ich hatte dich eines solchen Radikalmittels nicht für fähig gehalten.« »Wo ist Fritz?« fragte Kerlchen mit sprühenden Augen – »ich will ihm alles sagen!« »Nun, dann dampfe mit dem nächsten Zuge nach Italien oder nach Norwegen oder Schottland, – meinetwegen nach Cayenne – – die Frage hat er offen gelassen, – aber fort ist er. Du hättest ihn sehen sollen, als er ankam, strahlend, glücklich, – mit Paketen beladen, wie ein Weihnachtsmann, – als wir ihn nach deinem Zimmer schickten – und wie er dann wieder herunterkam, – mit deinem Brief, – blaß bis in die Lippen und so zornig, auf dich, auf uns, auf Gott und alle Welt. Ein Vulkan ist dieser Mensch – ein Vulkan. Und dann – lief er planlos im Park umher, kam sehr ruhig zu mir zurück, zu ruhig, um glaubwürdig zu erscheinen, schüttelte mir die Hand und bat mich, die Trauung, – alles, alles abzubestellen, – er wolle fort, – ins Ausland – irgendwohin. »Und Kerlchen?« schrie ich ihn an? »Felicitas hat mich nicht lieb,« entgegnete er fest und hart. »Ein Mädchen, das mir solchen Schimpf antut, zwei Tage vor unserer Hochzeit, kann mich nicht lieb haben.« Damit ist er fort, und du kannst dir nun die Bescherung ansehen, – meine heulende Frau, den kopfschüttelnden Pfarrer, die jammernde Frau Pfarrerin, und die grinsenden Dienstboten.« Ohm Waldemar hätte wohl noch eine Weile fortgescholten und getobt, aber das Gesichtchen da vor ihm war gar so totenblaß, die Augen schauten so verloren in die Welt, die eiskalten Hände hatten sich gefaltet, – nein, es lohnte sich nicht, auf dem armen Ding herumzuhacken, – auf seinem Kerlchen – Den Rumohr sollte der Teufel holen, – Kerlchen blieb nun wieder bei ihm – bei Ohm Waldemar. Er schaute bekümmert auf das stumme Mädel vor ihm. Das mußte bis ins Mark getroffen sein. »Komm, mein alter Kerl! War ich sehr heftig?« fragte Ohm Waldemar gütig. »Sieh', es hatte sich so aufgespeichert bei mir, und da bullerte ich los. – Sprich mal ein paar Worte, kleine Deern, oder heule ein bißchen laut, – stampf' mit dem Fuß auf und strecke die Zunge aus, – weit, weit –. Mußt nicht die Natur verleugnen, Kerlchen, – es tut niemals gut.« Kerlchen sah ihn an, – verstanden hatte es offenbar nichts. Endlich öffnete sich der kleine blasse Mund: »Wo ist Tante Hedwig?« Der Gutsherr kraute sich bedenklich hinterm Ohr. »Willst du dich in die Höhle der Löwin wagen, Kerlchen? Ich tät's nicht. Aber wie du willst. Sie ist in ihrer Kemenate.« Langsam schlich Kerlchen die Treppe hinauf und legte die Hand auf die Türklinke. Das Zimmer war verschlossen. Und dann klang Tante Hedwigs Stimme ungewöhnlich hart und kalt heraus: »Ich will dich nicht sehen! Du hast dich und uns alle blamiert, die ganze Nachbarschaft zeigt mit Fingern auf uns.« Stumm schlich Kerlchen wieder hinunter an Ohm Waldemar vorbei, der ingrimmig etwas von »halsstarrigen, alten Weibern« murmelte. – Ein Plätzchen gab's ja noch in Buchenwalde, das ihm blieb, – das Herz der guten, alles verstehenden, alles verzeihenden Muusch. Sachte öffnete Kerlchen das wohlbekannte Zimmer, sah sein Mütterchen am Nähtisch sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, und in der nächsten Minute lag Kerlchen an Muttchens Herz. Leise schloß Ohm Waldemar die Tür wieder. Was hier drinnen verhandelt wurde, das brauchte keinen Dritten. – – – Durch die weite Marschebene arbeitete sich auf nassem, lehmigem Boden eine ungefüge, altmodische Kutsche. Nur wenn die schweren, holsteinischen Gäule ganz und gar stehen blieben und kopfschüttelnd über das Regenwetter und den anstrengenden Weg nachdachten, ermunterte sich auch der schlafende Kutscher etwas und rief: »Hüh – Lotte, mien Deern, wat deihst du?« Dann ging »Lotte« weiter, »Hans« tat desgleichen, und Jürgen, der Kutscher, schlief wieder ein. Auch der einzige Fahrgast hatte sein müdes Köpfchen auf die keineswegs weiche Lehne der Kutsche gelegt und schlief den Schlaf des Gerechten, trotzdem das Persönchen auf dem durchfurchten Wege hin und her flog und die Glieder sehr unsanfte Berührungen mit den Unebenheiten der längst ausgedienten Polsterung hatten. Aber Kerlchen war müde, – todmüde an Leib und Seel'. Es hätte am liebsten schon in Buchenwalde geschlafen und sich eingekapselt wie ein kleines Murmeltier, nur um nicht gesehen zu werden und selbst zu sehen, und um nicht fragen zu müssen und gefragt zu werden – endlos lange, öde Fragen, auf die es nicht zu antworten wußte, – Fragen nach seinem verlorenen Glück. Nur einmal hatte es sich an die Mutter gewendet, und stockend und leise war es von seinen Lippen gekommen: »Muttchen, – ob Fritz nicht bald kommt?« Und die Antwort hatte unter heißen Tränen gelautet: »Nein, mein Herzenskind, ich glaube es nicht!« Von da ab war Kerlchen ganz stumm geworden. Aber ein Brief kam aus der Marsch an Ohm Waldemar von Frau Heinke Tönningsen, der Großmutter Fritz von Rumohrs. Sie schrieb in großen, ungefügen Buchstaben, der Gutsherr möge ihrem Enkel sagen, er solle sofort nach der Hochzeit ihr seine junge Frau zur Pflege bringen, denn sie sei recht krank und wolle auch das junge, glückliche Paar noch vor ihrem Tode sehen, – unverzüglich möchten sie abreisen. Ein junges, glückliches Paar war nicht da, in Ermangelung dessen fuhr Kerlchen allein. Ohm Waldemar war durchaus einverstanden mit diesem Entschluß, – Tante Hedwig »wusch ihre Hände in Unschuld«, und Kerlchens blasse Muusch atmete auf, als ihr Kind im Reisewagen saß. Nur neue Verhältnisse und Umgebung, – stramme Arbeit und Pflichterfüllung konnten hier helfen. Kerlchen war jeden Tag ein bißchen »weniger« geworden, es war die alte Geschichte wie vor Jahren, und Ohm Waldemar hatte schon einen Preis für das erste, silberne, fröhliche Herzenslachen stiften wollen, das er von Kerlchens Lippen hörte – aber, er hörte es eben nicht. – – – * Es war ein langgestrecktes, weißes Gebäude, mit Stroh gedeckt und mit niederen Fensterchen, – vor dem die Reisekutsche hielt. Der große umgebende Hof leuchtete in peinlicher Sauberkeit, das Haus und die großen Wirtschaftsgebäude sahen aus, als seien sie zu Ehren des Gastes frisch angestrichen worden: alles heimelte Kerlchen an. Eine alte verwitterte Magd nahm das Reisegepäck in Empfang, deutete mit ihrem Finger nach einer Tür, die auf die große Diele mündete und sagte: »Da!« Kerlchen durchschritt die Diele, öffnete leise die bezeichnete Tür und stand vor einem hohen Himmelbette, aus dessen aufgetürmten Kissen sich ihm eine runzelige, alte Hand entgegenstreckte. »Gott segne euren Eingang! Bring' deine junge Frau her, Fritz von Rumohr, meine Augen sind schon recht schwach, ich will sehen, ob du ordentlich gewählt hast.« Frau Heinke Tönningsen richtete sich im Bett hoch, sie hatte trotz Krankheit und Alter kraftvolle Bewegungen, und als sie aufrecht saß und das kleine Persönchen da vor sich erblickte, – entfuhr ihr ein Ausspruch, der gar nicht zu Krankheit und Hinfälligkeit paßte: »Donnerwetter noch mal zu!!!« Und gleich hinterher: »Wo ist Fritz, mein Enkel?« Da straffte sich Kerlchen mit einem Ruck in die Höhe, warf den Kopf zurück und sagte laut: »Ich bin allein da, – wir sind kein bißchen verheiratet, – aber ich will Sie gern pflegen, Großmutter Tönningsen.« Das alte Haus in der Marsch hatte wohl noch nie solch ein eigenartiges Menschenkind zu sehen bekommen, das da so zierlich vor dem unförmlich großen Bettgehäuse stand, – Frau Heinke zog Kerlchen mit einem Ruck näher zu sich heran. »Erzähle!« Das war eine ziemlich lange Geschichte, aber sie kam gar nicht stockend aus Kerlchens Munde, sie wurde mit einer ganz gehörigen Portion Trotz vorgetragen, und Großmutter Tönningsen rief beim Schluß mit heiserer Stimme: »Potz Donner und Granaten! Das ist zum Gesundwerden! Das sieht ihm ähnlich! Filou, elendiger! Rumohrscher Dickkopp, Däskopp, – oha!« Dann wurde Kerlchen von zwei Armen umfaßt, sein Kopf an eine alte Schulter gedrückt, die in einer groben Barchentjacke steckte, und Frau Heinke Tönningsen machte leichte, schaukelnde Bewegungen, als wiege sie ein müdes Kind ein. Schweig' ganzen still, mien lütte Deern, du bleibst nun bei mir, hörst du? Kein Mensch soll dich zwingen, diesen gottverlassenen Fritzen zu heiraten – oha, was büst du einmal nüdlich, so was hat mein Hof noch gar nicht gesehen, nie – oha!« * Großmutter Tönningsen war eine Frau von raschen Entschlüssen, eine starke Persönlichkeit, nebenbei eine seltsame Mischung von starrem Trotz, Grämlichkeit und Humor. Sie war krank geworden, weil sie sich unnütz auf dieser Welt vorkam, und hatte sich in den Gedanken, daß es am besten sei zu sterben, so verrannt, daß das glückliche Kerlchen wahrscheinlich zu einer Beerdigung nach dem Marschhofe gekommen wäre, das unglückliche und verlassene Kerlchen aber fand sich einer rasch Genesenden gegenüber, die gleich am nächsten Tage wieder Gehversuche anstellte und den schier entsetzten Landarzt, der eigentlich den Totenschein hatte ausstellen wollen, mörderisch anschrie: »Potz Donner ja, ich hab' keine Zeit zum Kranksein und Sterben. Sehen Sie die Deern da an, Doktor, die hat mir der Storch gestern auf meine alten Tage noch gebracht, und ein Rumohr, mein eigen Fleisch und Blut, hat schuftig an ihr gehandelt, das muß ich wieder gut machen. Sehen Sie sich mal die Deern an!« Der Doktor sah – und schüttelte den Kopf.. Das sollte 'ne junge Deern sein? Das waren ja eigentlich nur ein paar Augen, – große, weltfremde Augen in einem kleinen, blassen Gesicht, dazu die ungebändigte Fülle dunkler Locken auf dem zierlichen Kopf – – – « »Das ischa sonnerbar« murmelte der Doktor, während er seine klappernde Kalesche wieder bestieg und in seinen Bezirk zurückfuhr, um seinen Kunden zu erzählen, daß die »Tönningsen« keineswegs Lust habe, zu sterben, sondern verrückter denn je sei. »Verrückt« war Großmutter Tönningsen keineswegs, dagegen fragte sie bei jeder Gelegenheit das Kerlchen, ob es nicht bei »Fritze, meinem Enkel« Spuren von Geistesstörung bemerkt hätte, eine Frage, die Kerlchen jedesmal mit einem Zornausbruch zu beantworten pflegte. »O Großmutter, wie können Sie nur so was denken! Fritz ist so klug!« »Ein Däskopp ist er.« »Nein, nein, ich bin an allem schuld, – ich allein.« »Nu bist 'ne goldige, sööte Deern.« »Ach nein, – Fritz ist gut, – ich nicht.« »He is 'n Filou!« »Großmutter – ich reise heute noch ab, wenn Sie so etwas sagen – ja wohl, ich tu's!« »Du bleibst hier! Immer!« Diese kleinen Kriege spielten sich täglich ab, sie waren ungeheuer notwendig zu Großmutter Tönningsens Genesung. Aber Kerlchen hätte doch wohl sein Köfferchen gepackt und wäre wieder heimgegangen in sein einsames Mädchenstübchen im Buchenwälder Herrenhause, denn es ging auf die Dauer über seine Kräfte, immer nur polternde Schmähungen über seinen Fritz anzuhören. Seinen Fritz? Er gehörte ihm ja gar nicht mehr. Es hörte nie etwas von ihm. »Der Teufel hat ihn geholt,« sagte die Großmutter grimmig. Also Kerlchen wäre gern heimgegangen, aber der alte Landdoktor war wieder gekommen, hatte es beiseite geführt und gesagt: »Hier bleiben! Der Anfall kann sich wiederholen, – dann wird's schlimmer. Großmutter Tönningsen braucht Sie, – verstanden?« Und mit ihm selbst unerklärlicher Weichheit hatte er hinzugesetzt: Wir alle brauchen Sie!« Doktor Lorentzen war nie aus seiner engeren Heimat herausgekommen. Studiert hatte er in Kiel und dann gleich nach bestandenem Staatsexamen die Praxis seines Vaters in L. übernommen. Er hatte sich früh mit einer Marschbauerntochter verheiratet, die groß und blond, ihn um Kopfeslänge überragte und den Pantoffel siegreich über ihm schwang. Nur ein einziges Mal hatte er in seinem langen Leben ihr widersprochen, das war, als sie in sein Wartezimmer eingedrungen war und einer schwer kranken, jungen Frau, die einer Operation entgegensah, diese in den grellsten, blutigsten Farben geschildert hatte, so daß der Doktor die halb Ohnmächtige und später krampfhaft Weinende kaum hatte beruhigen können. Damals hatte er seiner Frau »Befehl« gegeben, nie wieder mit seinen Patienten ein Wort zu reden, und diese heroische Tat wurde noch Jahrzehnte lang zwischen der Frau Doktor und ihren fünf Töchtern mit den Worten bezeichnet: »Als Vater damals den ›Anfall‹ hatte. –« Doktor Lorentzen hatte viele Vertreter des »homo sapiens Linné« kennen gelernt, – die Gattung »Kerlchen« war ihm neu. Er war von seiner großen, blonden Frau und von seinen großen, blonden fünf Töchtern gewöhnt, daß sie tagsüber mit viel Geschrei und vielen schweren Seufzern »schufteten«, wie die Dienstmägde, daß sie jedes kleine Vorkommnis zu einem Haupt- und Staatsereignis aufbauschten und sich über lächerliche Kleinigkeiten bis zum Abend zanken konnten. Abends wurde dann »Sechsundsechzig« um Pfeffernüsse gespielt, wobei man sich weiter zankte. Die Pfeffernüsse wurden um die Weihnachtszeit für das ganze Jahr gebacken und nahmen mit der Zeit einen merkwürdigen Geschmack und Geruch an, so daß um November des folgenden Jahres herum das »Sechsundsechzig« eine gar üble Sache war. Daß man so ganz still arbeitsam sein konnte, wie das Kerlchen, das so viel vor sich brachte und doch nie ein Wort darüber verlor, – das immer zu haben war, wenn man es brauchte und so gescheit plaudern konnte über ganz wichtige Fragen – das war dem Doktor etwas ganz Neues, er wurde ordentlich wieder jung, und seine Pferde bekamen plötzlich eine unbegreifliche Vorliebe für die holperige, tief durchfurchte Marschstraße, – denn selten verging ein Tag, an dem man nicht den Doktorwagen vor dem Marschhofe halten sah. Großmutter Tönningsen gefiel dies, aber sie machte nicht viel Worte darum. »Der Doktor weiß, warum er so tut,« meinte sie einmal, – »er weiß, daß er einen ordentlichen Batzen von mir bekommt, für sein Kinderhospital. Aber der alte Doktor ertappte sich dabei, daß er weit mehr an das Plauderkerlchen dachte als an das Kinderhospital. – Kerlchen hatte tüchtig zu tun, es wußte Bescheid in Küche, Garten, Hof und Stall, es lernte die Krankheiten und Absonderlichkeiten des Großviehs kennen und behandelte mit wahrhaft mütterlicher Liebe die Kückengesellschaft von Mutter Henne und Ente. Daneben fand es Zeit, an dem altersschwachen Spinett in der »guten Stube« (von Kerlchen die »kalte Pracht« genannt) seine Fingerübungen aufzunehmen und tüchtig weiter zu bauen auf der guten Grundlage, die ihm Meister Johannsen einst gegeben. Ach ja, es war eine gute Schule, der Marschhof, und Kerlchen vergaß nichts Altes und lernte viel Neues, doch ja – eins verlernte es ganz und gar, – zu glauben, daß es jemals anders werden könne, zu hoffen, daß noch einmal das »Glück«, – das liebe, sonnige, zu ihm hereinschreiten könne, – Kerlchen wollte nur noch gut sein und glücklich machen . Brief von Bümi an Kerlchen. »Liebes Kleines! Mir ist in all den Wochen zu Mute, als müßte ich Dir ungeheuer viel Liebes antun, Herzens-Kerlchen, und dann wieder kommt es mir vor, als brauchtest Du uns gar nicht, als wäre Dir allein viel wohler, und als müßtest Du nur mit Groll und Schmerz an uns in der Ferne denken, die wir Dich so übel beraten haben. Nun ich ganz wieder gesund bin, bin ich die geschworene Feindin von Bümi Schirmer, geborenen Schlichen, nein, ein geborenes »Schaf«, das selbstsüchtig nur an sich dachte und das Glück des lieben, lieben Kerlchens mit zur Tür hinausjagen half. O Kerlchen, Du glaubst nicht, wie oft ich mich moralisch ohrfeige, und ich würde – ein moderner Fakir – mich auch physisch verhauen, wenn es Dir nur ein Böhnchen nützen würde. Hast Du eine Ahnung liebes Kerlchen, wo – Dein – – ich meine, wo Fritz von Rumohr ist? Ich frage Dich so ganz offen danach, weil mich der Gedanke beinahe umbringt, zu glauben, Ihr seid beide unglücklich durch unsere Schuld, – jawohl – durch unsere , denn ich sehe es jetzt immer mehr ein, wie sehr wir Deine Liebe zu uns auf die Probe gestellt haben, die Du unvergleichliches Kerlchen so herrlich bestanden hast, auf Kosten Deines eigenen Glückes. Und ich bitte Dich innig, mir zu sagen, wo Fritz von Rumohr steckt, denn wenn ich auch bis jetzt jeden Abend ein gütiges Geschick beschwor, mich Deinen verflossenen Bräutigam nicht wieder sehen zu lassen, weil ich sicher annahm, daß ich ihn um der Tränen willen, die er Dir erpreßt, bei der ersten Begegnung totschlagen würde, so bin ich jetzt fest entschlossen, mal zu sehen, ob ich mich beherrschen kann. Papa war, nachdem er sich etwas über den Fall beruhigt hatte, nach Rotbach gereist, dorthin ist Fritz gefahren, damals – von hier aus, als er Dich nicht fand. Aber anstatt seine Äcker zu bestellen und desgleichen in Kopf und Herz den Samen der Vernunft zu säen, ist dieser Feuerkopf nur einen halben Tag dort gewesen, hat seinem Inspektor unumschränkte Vollmacht gegeben und ist gleich wieder in die Welt hinausgestürmt mit einem Rock, einem Stiefelknecht und, will's Gott, mehreren reinen Kragen. »Wir wissen nicht, wo der Herr Baron find,« hat der alte Inspektor zu Papa gesagt, »'s kann sein, daß er in Italien stecken, kann auch sein, daß er nach Haiti gegangen sind.« – Also Kerlchen, entweder quält uns dieser inspektorliche Sünder absichtlich, indem er was weiß und uns nichts sagt, oder Dein Sturmwind ist tatsächlich zu den Wilden ausgewandert, wo er jetzt, nur mit Siegelring und Klemmer bekleidet, mit dem Tomahawk umherwütet und Dir gewiß nächstens eine vergiftete Ansichtspostkarte schickt. Ach Kerlchen! Fühlst Du nicht, wie ernst ich durch all diese Vorkommnisse geworden bin? Neulich führte mich mein erster Genesungsschritt nach Buchenwalde, aber – es war nichts Rechtes dort zu holen, unsere liebe »Olsch« recht verstimmt, das »Jüngschen« grimmig und voll Sehnsucht nach Dir, und ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, denn der Wäscheschrank, darinnen Deine unnütze Aussteuer schimmelt, wurde lebendig und stampfte mit schweren, eichenen Füßen im Zimmer herum, und Dein leeres Brautkleid erschien als Gespenst und rauschte um meine Bettstatt, wobei es »Wehe, wehe!« schrie. Nein, nein, ich gehe nicht eher wieder ins Elternhaus, bis der Wäscheschrank in Rotbach steht, und Du im gespenstischen Kleide, – aber – natürlich, Ihr vertrotzt Euch jetzt beide, und Du verzeihst es niemals, daß der Fritz Dich, – daß er sich – daß er uns, – daß er überhaupt – – – ach Kerlchen! Deine reuige Bümi,« Aus Kerlchens Tagebuch. Was sie nur immer denken, die Leute! Und nun auch die Bümi. Wie wenig sie mich kennen! Ich mich vertrotzen, – wo ich so genau fühle, daß ich Unrecht getan habe, – ich hab' es ja nicht gewollt, aber es ist doch zum Unheil ausgeschlagen, so hab' ich wohl doch früher zu wenig an Fritz gedacht und bin ihm nicht dankbar genug gewesen, – ihm, meiner Heimat. Und nun ist die Tür des weißen Häuschens zugefallen, das Glück steckt drinnen, fest, fest und kann nicht heraus zu mir, und ich kann nicht hinein zu ihm. Wie das alles weh tut! Wenn ich mein Tagebuch aufschlage, – o so dick und umfangreich ist es geworden – und es durchblättre, dann find' ich doch eigentlich recht wenig Frohes darin, – – es heißt bei den andern immer: »Sonnenkerlchen, Glückspilzchen«, – ach, sie wissen nicht, wie schwer es ist, Sonne abzugeben, wenn man so wenig Sonne einheimst, wenn man immer im Schatten stehen muß. Mein Unrecht drückt mich furchtbar. Ich möchte des Abends in der Dämmerung, wenn ich so still mit Großmutter Tönningsen am großen Kamin sitze, in dem die Kastanien braten und knacken, die Arme um ihren Hals legen und ihr sagen, wie todeinsam ich bin, aber meine Stimmung, mein Schweigen: – alles versteht sie falsch und legt es auf ihre Art aus. Sie ist stolz, Großmutter Tönningsen, aber ich glaubte doch bis jetzt auch, ich sei stolz – – Großmutter meint, ich müsse mich vertrotzen und nie, nie wieder ein Wörtchen mit meinem Fritz sprechen, – ach mein Fritz! Ja, er war es doch einmal und bleibt es immer, immer! Kerlchen ist dir treu, Fritz, auch wenn du's nicht mehr lieb hast, dein Kerlelein, – aber das ist ja gar nicht möglich. Vergib! Dein Bild verzerrt sich ja ganz, wenn ich es unter der Lupe der anderen sehe, – ich muß mich ganz tapfer zusammen nehmen, damit ich dich sehe, wie du immer warst, so groß, so gut und lieb! Großmutter sagt, ich würde dich nie wieder sehen, und deine Sachen müßt ich dir wiederschicken, – je eher alles zwischen uns ganz und gar zu Ende wäre, desto besser sei es. Warum sie dir nur so wenig gut ist, deine Großmutter, – sie kann die Zeit nicht erwarten, bis ich jedes Andenken an dich verpackt und fortgeschickt habe. Wohin denn, – ich weiß ja nicht, wo du bist, Fritz. Und den Verlobungsring, den du mir anstecktest, tief in den Tannen des Thüringer Waldes, in denen wir ganz versteckt saßen und von unserer Zukunft sprachen, – den soll ich forttun? Das kann ich doch gar nicht! Den läßt man sich doch nur nehmen, wenn man tot im Sarge liegt, – aber bitte – bitte – dann laß du ihn mir auch – ja? Ich möchte ihn nie hergeben, deinen Ring. Und jedesmal, wenn der Landbriefträger die Straße heraufkommt und ein Paket trägt, dann sagt Großmutter: »Jetzt schickt Fritz alle deine Briefe und Geschenke wieder.« Dann überfällt mich eine ungeheure Angst, und ich sehe immer ein Kistchen vor mir, in das du meine Briefe gepackt hast und das kleine Bild von Väterchen und die welken Blumen alle und die Photographie, wie ich noch ein Schulmädel bei Fräulein Kleist war. Schickst du mir das alles wieder? Ach, tu es doch nicht! Es ist dann, als wärst du tot. – – Wie lebendig stand plötzlich mein Fritz vor mir, es war, als schriebe ich ihm einen Brief, und das soll ich ja nie mehr tun, sagt Großmutter Tönningsen. Gestern war wieder solch ein stiller Dämmerabend, so recht geeignet, sich warm einzumuscheln und sich etwas recht Liebes zu erzählen. Aber ich hörte eine sehr häßliche Geschichte, die mir Großmutter erzählte von Fritzens Vater, und von Großmutter Tönnigsens Tochter, die dessen Frau war und schrecklich schlecht von ihm behandelt worden sein soll. Fritz hat mir auch schon einmal davon etwas erzählt, aber da klang alles so ganz anders, – da konnte man nur Mitleid mit dem Vater von Fritz haben, und konnte recht bös mit der Großmutter sein, die es nicht besser verstanden hatte, ihrer Tochter einzuprägen: »Er soll dein Herr sein«. Ach, es war kein schöner Abend. Die Großmutter saß so finster am Kamin und starrte in die Flammen. Es war ganz dunkel geworden und sie vergaß den Befehl zu geben, daß die Lampen gebracht wurden. Da sah ihr Gesicht gespenstisch aus, als die roten Flammen es umspielten, und ihre Lippen sich murmelnd bewegten. »Mein Kind ist um einen Rumohr gestorben, – es ist eine schlechte Rasse,« raunte sie mir zu. Ich schüttelte heftig den Kopf und sie sah mich traurig und zornig an. »Willst du noch mehr Beweise? Danke Gott, daß du ihn nicht geheiratet hast, daß du vorher sehend geworden bist. Er hat es nie ernst mit dir gemeint, wie es sein Vater nicht ernst meinte mit meiner unglücklichen Frauke, die er dafür, daß sie treu zu ihm hielt, in den Tod gepeinigt hat. Fritz ist sein Blut. Wie ein Zigeuner schaut er aus und zigeunernd zieht er durch die Welt. Vielleicht verlacht er dich jetzt mit einer andern, daß du Zigeunerliebe getraut hast.« Ich lachte laut und seltsam auf und weinte gleich darauf herzbrechend, stampfte mit dem Fuße und tobte ziemlich tollwütig umher. Nachher schämte ich mich. Großmutter Tönningsen ist alt und wunderlich. Am Abend spürt man's besonders, – sie sieht dann alt und verfallen aus. Am Tage ist besseres Auskommen mit ihr, dann ist sie tatkräftig wie ein Junges und redet nicht über Fritz und ihre Nichtachtung für ihn. Aber sie macht dann andere Pläne, die mich bereits anfangen zu ängstigen. »Ich bin dir Genugtuung schuldig,« sagte sie gestern, »und du sollst sie haben. Ich weiß einen Mann für dich. Ein Mädchen, das nicht heiratet, ist ein Unding, – du wirst den einen Enkel über dem andern vergessen, wirst auf diesem Marschhofe als angesehene Gutsherrin sitzen, über deine ersten Jugendträume lachen und mein Andenken segnen.« Ich schaute sie verblüfft und sprachlos an, und da sagte sie geheimnisvoll: »Ich habe noch einen Enkel: Edmund Tönningsen, der Sohn meines Sohnes. Er ist in Amerika geboren, und lange Jahre drüben gewesen, – ein offener Kopf und geborener Geschäftsmann. Jenseits der großen Pfütze hat er 'ne Farm bewirtschaftet, jetzt soll er meinen Hof hier übernehmen, der mir zu groß wird, und dich soll er heiraten.« »Mich?« schrie ich entsetzt. »Jawohl! Ich werde den Fritz auf das Pflichtteil fetzen, und du wirst mit deinem Manne das Vermögen bekommen.« »Mit meinem Mann? Ich habe keinen Mann.« »Doch, doch, Edmund Tönningsen wird dich heiraten und froh sein, daß er der Mühe des Suchen und Werbens überhoben ist, er ist ganz und gar Geschäftsmann.« So schrecklich redete die Großmutter und ließ sich durch kein Hohngelächter und durch kein Zornigwerden davon abbringen. Am ersten Juli wird Edmund kommen und die Zügelführung übernehmen, er hat sich bereits in fürchterlichem Amerikanerdeutsch angemeldet. Brief von Oberleutnant Erich Schlieden an Kerlchen. »Mein geliebtes Schwesterchen! Es hilft nichts, ich muß vor die rechte Schmiede gehen, denn ich werde sonst noch verrückt vor allem Nachdenken und Grübeln über Euch beide, – über meinen liebsten Freund Rumohr und meinen einzigen Terle-Terle. Sag' Du mir, daß es eine Unmöglichkeit ist, daß ein Fritz von Rumohr unehrenhaft handeln kann, – ich habe es an Muttchen, an Ohm Waldemar, an die Walküren geschrieben, erhalte aber ganz konfuse Antworten, aus denen ich nur sehe, daß sie alle tief erbittert auf Rumohr sind. Mir wurde damals, als ich Euch vermählt glaubte, ein Brief von Fritz nachgeschickt, der den Stempel »Lugano« trug und die für mich völlig rätselhaften Worte enthielt: ›Behalte mich lieb, auch wenn ich nicht Dein Bruder werde. Felicitas hat sich eines andern besonnen und ist einer Heirat mit mir durch kopflose Flucht aus dem Wege gegangen. Ich gehe ins Ausland einstweilen. Gott behüte Dich und Deine Schwester. Fritz von Rumohr.« Einer von Euch Beiden muß mir Rechenschaft über diesen Brief geben, und da Rumohrs Adresse nicht ausfindig zu machen ist, so wende ich mich an Dich. Kerlchen, Kerlchen, – ich bin in großer Aufregung. Ihr beiden liebsten Menschen! Sollte ich mich wirklich eines von Euch zu schämen haben? Es ist unmöglich. Gib mir umgehend Nachricht. Dein Erich-Bruder.« Brief von Kerlchen an Bruder Erich. »Lieber Erich, doch, es ist so. Du hast Dich meiner zu schämen. Ich habe nicht gewußt, daß ich den Fritz von Rumohr so ganz schrecklich lieb habe, daß ich's nun beinahe nicht ertragen kann, ihn zu verlieren. Und weil ich früher nicht so stark drüber nachdachte, tat es mir so sehr leid, daß Ihr alle so traurig über den frühen Termin meiner Hochzeit wart, und ich wollte Euch doch alle dabei haben und Euch zeigen, wie lieb ich Euch hab', und deshalb riß ich aus. Es war gerade zwei Tage vor dem von Fritz anberaumten Hochzeitstage, und ich fuhr nur zu Bümi, die so schwer krank war und sich so namenlos über mich freute. Aber dann hat Doktor Schirmer mit mir rasend vernünftig gesprochen, und ich drehte gleich um und fuhr nach Buchenwalde zurück und konnte beinahe nicht atmen vor Glück und der Zug fuhr mir viel zu langsam. Aber Fritz war schon fortgereist, und Ohm Waldemar erzählte mir, daß ich Fritz bis ins tiefste Herz gekränkt hätte. Sie meinen auch alle, ich hätte das Ehrgefühl von Fritz ganz schlimm verletzt. Aber nicht wahr, das kann doch nicht richtig sein. Ich verehre ja Fritz noch viel, viel mehr, als ich ihn lieb habe und das ist doch schon doll. Aber freilich – sein Herz mag ihm wohl weh getan haben – arg weh, und wenn ich nur wüßte, wo er steckte, dann führe ich gleich hin über Berg und Tal, oder liefe auch zu Fuß – – Das finden nun alle wieder schrecklich und unweiblich, und ich kann es nicht verstehen und sehne mich nach Väterchen, weil der doch gleich das rechte Wort wüßte. Ist es unweiblich, wenn man sein Unrecht einsieht und alles gern wieder gut machen möchte und so schnell wie möglich wieder Sonnenschein in das Herz des Gekränkten schicken will? Ich würde ja auch weiter nichts tun, als rasch einmal Friedels Hand fassen und ihm sagen, daß ich ganz riesig gern seine Frau würde und daß ich ihn über alles in der Welt lieb hab' und es gar nicht ertragen kann, ihn so einsam zu wissen. Dann könnte er ja immer noch tun und lassen, was er wollte, aber ich wär' doch meine Angst und meine Sorge los und die grenzenlose Scham, daß ich undankbar gewesen bin gegen ihn, den Guten, Treuen, Sorgenden. Du wirst mir nun gewiß auch sehr zürnen, lieber Erich, nun Du alles weißt, aber ich kann gar nicht mehr sehr stark weinen darüber, denn ich muß immerfort nur an Fritz denken und hab' kaum noch eine Träne. Schreib' mir doch, ob Du mich auch verlassest. Ich bin sehr einsam. Deine Felicitas.« Brief vom Schlachter Krone an Kerlchen. »In Verehrung geliebtes Fräulein! Es war wie ein Dolchstoß oder auch Schlag auf den Kopf, als ich die Nachricht von Ihrer nicht vollzogenen Vermählung bekam. Und sehe nun wieder, daß Sie in Ihrem undurchdringlichen Edelmut ein krankes, altes Weib pflegen, anstatt mit dem Geliebten am Honigmond zu knabbern. Konnte diese Großmutter nicht etwas später hinfällig werden? Doch dies beiläufig und nur in Ihrem Interesse. Denn in meinem liegt es ja, daß Sie nun erst im Oktober Ihr rotes Blut mit blauem vertauschen und ich dem beiwohnen kann. Denn das freudige Ereignis ist bei meinem Newö eingetroffen und müssen wir nur um Entschuldigung bitten, daß es so kurz vor Ihrer Hochzeit passierte. Haben Sie nur die ergebenste Güte, mir den neuen Termin mitzuteilen, wo doch das Hochzeitsgeschenk schon da und eine silberne »Schardiniäre« ist, was meine Frau selbst gekauft hat, dieselbe kostet fünfzig Mark und wird gern umgetauscht, Und hätte ich damals gern selbst die Schardiniäre ausgesucht, konnte es aber wegen meiner großen Notdurft im Geschäft nicht, sondern tat es meine Alte, welche nur noch mit einem Lederlappen sauber abgerieben zu werden braucht, was ich selbst besorge in Gedanken an Sie. Bis zum Oktober muß ich nun noch reisen und große Vieheinkäufe machen und bleibe nun bis dahin in bräutlicher Aufregung Ihr treuester Freund Krone. Aus Kerlchens Tagebuch. So viele Briefe bekomme ich, – ach, es tut wohl und weh, sie alle zu lesen. Die mir ferner Stehenden glauben, ich sei verheiratet, und schicken viele treue Wünsche für mein eigenes Heim, die andern aber halten mich für das edelmütigste Wesen unter der Sonne, glauben, es würde in Rotbach noch gebaut und ich pflegte nun bis zur Hochzeit die alte Großmutter Tönningsen. Keiner ahnt, daß ich hier wie in der Verbannung lebe, auch Muttchen nicht und die Buchenwälder nicht, denn ich schreibe ganz ruhige Briefe und klage kein einziges Mal. Denn sonst würde Ohm Waldemar darauf bestehen, daß ich heimkomme zu ihm, aber das darf ich nicht. Es ist eine Art Sühne für mich, daß ich hier kaum eine frohe Minute habe, – – Fritz hat sie ja auch nicht, – durch meine Schuld. Großmutter Tönningsen liegt zu Bett, der »Anfall« ist wieder gekommen und hat eine Art Lähmung zurückgelassen, sie kann aber gut sprechen, und nur die rasche Bewegung ist ihr versagt. Dr. Lorentzen hat sie ins Bett gesteckt, und ich habe ihm in die Hand versprochen, auf sie zu achten und sie nicht herauszulassen; es ist schlimmer, als wenn ein wilder, unbändiger Bub krank ist. Frau Heinke Tönningsen ist die sonderbarste Großmutter, die ich je kennen gelernt habe. Ach, aber wie gern wollt' ich sie pflegen, wollte Tag und Nacht nicht von ihr weichen, wollte die schwersten Arbeiten tun, wenn – – ich noch allein hier wäre. Aber – – Edmund Tönningsen ist angekommen. – Ich weiß nicht, was das Gräßlichste an ihm ist: sein rotes Gesicht, sein mottenzerfressener Bart, seine großen gelben Zähne, die aufgeworfenen Lippen, die abscheuliche Sprache, oder der blaue Schlips. Er spricht ganz gut deutsch, aber er »verachtet« unsere Sprache, wie er sich gleich am ersten Tage geschmackvoll ausdrückte. Die Teller, welche ich gerade herausräumte, wurden lebendig in meiner Hand, ich hätte sie ihm am liebsten samt und sonders an den Kopf geworfen. Großmutter Tönningsen ist entzückt von ihm, er imponiert ihr mit seinem Schwadronieren, und als wir am Abend seiner Ankunft ziemlich spät zur Ruhe gingen, sagte sie zu mir: »Mein Gott, wie können zwei Enkel so verschieden sein!« »Ja, das ist wahr!« rief ich, »Fritz von Rumohr so stolz und groß und schön und gut und hochgemut und – dieses Greuel.« Da war die Großmutter zum erstenmal hart und häßlich zu mir. »Schämst du dich nicht?« fuhr sie mich an. »Du willst noch hinter jemand herhimmeln, der dich sitzen gelassen hat? Mir ist der Edmund am kleinen Finger lieber, als der Fritz mit Haut und Haar.« »Mir nicht!« »Mir nicht!« ahmte die Großmutter zornig nach. – »Natürlich solch ein dummes Mädchen urteilt nur nach dem Äußeren, und ein »schöner« Mann ohne Ehr' und Gewissen gilt mehr als ein braver, der häßlich aussieht.« »Der sieht auch nicht brav aus.« »Schweig'!« Natürlich schwieg ich, denn es ist unmöglich, dieser Großmutter auf die Dauer zu widersprechen, aber leider sah sie mit ihren schwachen Augen auch nicht, daß ich trotzdem im hellsten Widerspruch mit ihr stand. Gottlob, – Edmund Tönningsen wohnt nicht in unserm Hof, sondern auf dem Vorwerk, das zehn Minuten von hier entfernt liegt, aber das nützt mir nicht viel, er ist ja immer hier und sieht nach dem Rechten, oder vielmehr nach »der Unrechten« , denn es ist ganz unbegreiflich, daß er mich gern leiden mag und, – wie die Großmutter behauptet – »sofort einverstanden« mit ihrem Plane war. Sie hat diesen Plan gleich mit dem Amerikaner besprochen, und das finde ich abscheulich. Jawohl! Ich bin ja gar nicht frei – nein, ich gehöre dem Fritz, – bis, bis Fritz mir selbst sagt, daß ich nie seine Frau werde und nie Felicitas Rumohr heißen kann. – Und dann gehöre ich ihm immer noch, und nie, nie einem andern. Ich will jetzt gar nicht mehr in mein Tagebuch schreiben, ich will jeden Abend mit Fritz plaudern und wenn ich dann höre, wo er ist, schicke ich schnell alle Briefe auf einmal hin. Dann bin ich nicht so verlassen, ich denke, Fritz wäre in meiner Nähe und ich brauchte bloß zu jodeln: »Hu – hu,« dann käm' er rasch zu mir. 26. August 18.... Mein lieber Fritz! Guten Abend! Es ist schon sehr spät, ich komme jetzt nie bald zur Ruhe und stehe doch immer schon um vier Uhr wieder auf, das macht recht müde auf die Dauer. Aber Großmutter Tönningsen hat so wenig Schlaf und braucht mich abends auch sonst für ihre Person, ich tue auch alles sehr gern, wenn ich ganz allein mit ihr bin. Aber das kommt nur selten vor, denn sowie sie erwacht, ruft sie auch den Amerikaner, und der sitzt dann bei uns und nimmt alle Mahlzeiten mit uns ein. Wenn er nicht ein tüchtiger Landwirt wäre, dann wäre er wahrscheinlich überhaupt nicht los zu werden, aber so nimmt ihn die Ernte, gottlob, stark in Anspruch. Die Großmutter sieht wie in einen Spiegel in ihn hinein, aber es ist ein sehr plumper Spiegel und so fleckig, wie ihn sich das Gesinde kauft und in die Kammer hängt. Und ich hab' ein Grauen vor ihm, lieber Fritz, ich muß es Dir einmal sagen. Er ist gar nicht wie andere Menschen, er geht nicht fort, wenn man grob und abscheulich gegen ihn ist, er kommt sogar immer näher. Denke Dir, er hat mir gesagt, ich wäre ein »reizendes Geschöpf«, und als ich zornig wurde, meinte er, das liebte er erst recht, und wenn ich ihn noch ein einziges Mal wegstieße, würde er mich küssen. Da fühlte ich, daß ich ganz blaß wurde und eiskalt, und ich sagte ganz ruhig zu ihm, so als ob ich es gar nicht selbst sei: »Dann würde ich Sie totschlagen.« Da ging er und lachte kurz auf, aber er sah sich immer besorgt nach mir um und glaubte nun doch wohl, daß es mir Ernst war. Ich mußte mich gleich darauf fest hinlegen, denn, lieber Fritz, es war mir so, als hätte mich jemand heftig geschlagen, ich konnte gar kein Glied rühren. Findest Du nicht auch, daß es furchtbar traurig ist, daß Du nicht bei mir bist und mich beschützen kannst? Ich kann es ja gewiß auch allein und Du mußt ja nicht denken, daß ich nicht tapfer bin, aber ich bin wohl doch nicht so stark wie ein Mann, weil ich nur ein Kerlchen bin, und es fällt mir so schwer, etwas Häßliches anzufassen. Edmund Tönningsen ist sehr häßlich, – innerlich und äußerlich. Er quält Tiere, das habe ich selbst gesehen, und er hat keine so lieben dunklen Augen wie Du, und keine so wunderbar-wunderschöne Nase und nicht so ein längliches edelgeformtes Gesicht, auch keine braunen Locken, ach, und keine liebe, feste Hand, die man gleich so vertrauensvoll festhalten kann, wenn man sie einmal geschüttelt hat. Die Hände vom Amerikaner sind immer so naßkalt – huh – so abscheulich. Du weißt ja, mein Väterchen beurteilte jeden Menschen nach seinen Händen, und das ist auf mich übergegangen. Ich meine immer, wenn Du es so richtig wüßtest, wie einsam und traurig ich hier auf dem Marschhofe sitze und dabei immer auf dem Posten sein muß, – Du würdest ganz schnell herkommen und mir alles verzeihen und mich wegholen. Lieber, lieber Fritz, es tut mir so leid, daß ich so ein schreckliches Mädchen bin und so unweiblich. Aber ich kann wirklich nicht anders, ich muh es Dir sagen, daß ich mich so unbeschreiblich nach Dir sehne und Dich so – so – so lieb habe. Dein treues Kerlchen. P. S. Heute ist Papas Geburtstag. Der 26. August. Ich war im Geiste in Schwarzhausen und habe Blumen auf das liebe Stellchen gelegt, und denke Dir, ich bekam einen Brief von unserm alten Johann und von Dorette, und die schreiben, als sie früh auf den Kirchhof gekommen waren, wär' Väterchens Grab ganz und gar mit den köstlichen Palmen und seltensten Blumen geschmückt gewesen. Wie ein Märchengarten hätte es ausgesehen. Wer das Wohl getan hat! Der muß mein Vaterli sehr lieb gehabt haben! Ich hab' ihn gleich in mein Gebet eingeschlossen, den muß ja der liebe Gott behüten, der die Güte selber ist. den 27. August. Guten Abend, lieber Fritz! Jetzt bin ich wieder bei Dir, ich kam den ganzen Tag nicht dazu, ein Wörtchen mit Dir zu reden. Aber freilich, die Gedanken und das ganze, ganze Kerlchenherz sind immer bei Dir. Und weil ich nicht weiß, wo ich Dich suchen soll, nehme ich den Atlas vor und denke überall hin, jetzt bin ich bei den Südseeinsulanern. Nimm Dich doch ja vor vergifteten Pfeilen in acht und sauge immer gleich die Wunde aus, das ist die einzige Hilfe, wenn jemand auf Dich geschossen hat. Aber ich kann nicht so doll betrübt sein, wenn ich an so was denke, ich meine, unser Herrgott beschützt Dich allüberall, weil Du so gut und lieb bist, und weil ich Dir so weh getan habe und weil ich so herzlich für Dich bete. Heute lief ich in großem Zorn hinaus auf die Heide, die so wundervoll duftet und blüht, und ich warf mich längelang auf die Erde und umklammerte die Erika und weinte auf die roten Blüten. Großmutter und der Amerikaner saßen drinnen im Zimmer und sprachen über den Hof und die Zukunft und – alles – gerade so, als ob ich zu ihnen gehörte und »ja« gesagt hätte und – – als ob ich gar nicht Dein Kerlchen sei. Und mitten in meinem schönsten Zorn kam der Amerikaner mir nachgestampft und sah mich gleich, warf sich neben mich hin und fragte: »Warum sind Sie fortgelaufen?« Ich antwortete ihm gar nicht, – über so was kann man doch nicht reden, sondern guckte ihn nur zornig und verächtlich an. »Ich will Ihnen etwas sagen,« sprach er da ganz leise und brachte sein Gesicht fürchterlich nah an meins, – »wenn Sie mich so ansehen, ist es ganz und gar um Sie geschehen, und jetzt seien Sie vernünftig. Ich will Sie heiraten, weil ich vom ersten Augenblick an einen Narren an Ihnen gefressen habe, trotzdem ich die beste Partie in der Runde bin, und Sie keinen Pfennig haben, und nun geben Sie mir das kleine niedliche Ringelchen da, Sie bekommen dafür einen Diamanten, der ein Vermögen kostet.« Fritz, ich schreibe Dir das Wort für Wort. Es gellt in meinen Ohren noch genau so schrecklich wie heute Mittag, und ich fühle mich krank und unglücklich und beschimpft. Ich riß mich von ihm los mit beinahe übermenschlicher Kraft, denn er hielt meine Hände wie in einem Schraubstock. Den Ring wollte er mir abreißen, meinen Verlobungsring, den ich von Dir bekommen, mein Liebstes! Nun habe ich ihn selbst abgenommen und auf die rechte Hand gesteckt, gerade als wäre ich nun doch Dein liebes Frauchen, – denn an dem Ringfinger der linken Hand ist alles blutig und tut auch sehr weh. Und dann hab' ich dem Amerikaner draußen auf der Heide gesagt, daß ich ihn verabscheue, daß er mir widerlicher sei, als irgend etwas auf Gottes Erdboden, und daß ich längst, längst verlobt sei. Da hat er ganz abscheulich geflucht und ist hineingelaufen zur Großmutter. Und nun ists gar schwül, im Hause sowie draußen, denn ein starkes Gewitter steht am Himmel. Deine Großmutter hat mir nichts gesagt, aber ich weiß, daß sie furchtbar böse ist, denn sie hat sich keine Handreichung von mir tun lassen, sondern ließ sich von Stina bedienen. Und Edmund Tönningsen ist gleich nach dem Vorwerk gegangen in hellem Zorn und hat sich auch zum Abendbrot nicht blicken lassen, das ist noch das Beste. Nachts. Das Gewitter tobt furchtbar. Ich bin wieder aufgestanden, denn sie sind alle wach auf dem großen Hof, aus jedem Fenster schimmert Licht. Ich höre drunten im Zimmer der Großmutter lautes Sprechen, sie hat wohl das ganze Gesinde um sich versammelt. Friedel! Das Wetter ist furchtbar. Blitz folgt auf Blitz, Schlag auf Schlag – es ist, als sollte die Welt untergehen. Mich ruft niemand, ich fürchte mich auch nicht. Viel lieber solch ein Toben in Gottes herrlicher Natur, als so ein häßliches, leises Flüstern von einem verhaßten Menschen, – ich bleibe oben in meinem Stübchen und der liebe Gott ist bei mir. – – – Den 28. August. Lieber Fritz, das war ein grelles Leuchten, als ich gestern: »Mein Liebster« schrieb, und dann war ich fast betäubt, denn der Blitz hatte in das Vorwerk geschlagen, und es loderte hell auf, – die ganze Nacht brannte es bis heute morgen um zehn Uhr, da lag es in Asche. – Und der greuliche Amerikaner ist aus der Asche, hervorgekrochen, – nicht wie ein Phönix, sondern wie ein geprügelter Hund, und er ist nach Hamburg gereist, weil er sagte, diese letzte Nacht sei ihm auf die Nerven gefallen. Er will sich nun von dem Schreck erholen und auch mit einem Architekten sprechen, der ihm das Vorwerk mit verschiedenen Neuerungen wieder ausbauen soll. Ich atme nun auf, trotzdem er der Großmutter gesagt hat, sie möchte mich bis zu seiner Rückkehr »bearbeiten«. Aber Großmutter ist gottlob viel zu schwach dazu, – das Gewitter hat ihr übel mitgespielt, und sie scheint sich außerdem, seit sie mich als Pulverfaß erkannt, zu fürchten, die Lunte an mich zu legen. Nun wollen wir wieder abends gemütlich zusammen sitzen, und ich will der Großmutter vorlesen, – wenn wir nicht gerade von Dir oder vom Heiraten sprechen, dann hat sie mich doch recht lieb. Sie will ja auch mein Bestes, nur meint sie, das »Beste« läge wo anders, und weiß nicht, daß Du es bist. Heute haben Dich meine Gedanken in Rußland gesucht, – ich kam gerade bis zur oberen Tunguska, da wurde ich gerufen und mir wars zu Mute, als sei ich wirklich in der sibirischen Verbannung. Friedelfritz, wann kommst Du zu Kerlchen? Brief von Herrn von Rumohr senior an Kerlchen. »Mein teures Kind! Deine spärlichen Nachrichten aus dem gottverlassenen Neste da oben in der Marsch befriedigen mich ganz und gar nicht und Tante Hartwig, die mich vom Krüppel wieder zum Menschen gepflegt hat, auch nicht. Du mußt nicht denken, daß ich mich wie ein knurrender, bissiger, unversöhnlich blutgieriger Tiger in meinen Wald zurückgezogen habe, bloß weil Du echt kerlchenhaft aus irgend einem dummerhaften Grunde vor Deiner eigenen Hochzeit ausgekniffen bist, die sonst normal veranlagte Mädels kaum erwarten können. Ach nein, ich habe mich nur etwas verknurrt darüber, daß die heutigen jungen Kerle keine »Kerlchen« sind, sondern Besenstiele, hölzerne langweilige Gegenstände, und daß leider mein geehrter Neffe Fritz, auf den ich weiß Gott große Stücke hielt, auch mit zu dieser Löffelgarde zählt. Himmel, ich hätte Dich wohl wieder holen wollen und Dich mores lehren. Und wenn er es so gemacht hätte, dann säße er jetzt mit dem Sonnenscheinchen von Gottes Gnaden im Thüringer Wald, und wir Alten freuten uns wie die Schneekönige an jungem Glück und tauchten auch ein bißchen in Sonnenschein unter. Statt dessen krebst er irgendwo umher, wo, weiß ich auch nicht, denn sein alter Inspektor gibt, trotzdem ich ihn beinahe gemordet habe, nicht Hals, so ein Halunke! Das ist doch noch Treue, Donnerja, – der Kerl reagierte auf nichts . Aber es ist Treue auf dem verkehrten Fleck. Denn ich hätte dem Musje Fritz für mein Leben gern einen Brief geschrieben und darin einen ordentlichen Staar gestochen und ihn mit der klassischen Griechennase auf seine Dummheit und – sein Glück gestoßen. Ich nehme als selbstverständlich an, daß Du auch nicht weißt, wo der Fritz abgeblieben ist, denn ich halte unser Kerlchen für ein ausgesucht kluges Frauenzimmerchen und ein gutes dazu, das sich nicht auf etwas verbockt und vertrutzt, was es doch als Unrecht erkannt haben muß. Du siehst, ich hab' ein Riesenvertrauen zu Dir. Und seit mir Tante Laura noch eine Menge kleiner Närrischkeiten Deines Charakters erzählt hat, was Du für ein noli me tangere bist, wie lieb Du den Fritz hast, wie einzig lieb, und wie das, was Dich einmal erfüllt, auch Dein ganzes Leben hindurch Dein alles bleibt, und wie Du imstande bist, Dich klaglos, spartanerhaft zu verzehren, bloß um nicht zu zeigen, wie es in Dir aussieht, – – – so geb' ich Dir mit dem Rechte eines alten Onkels, der Dich sehr liebt, den strengen Befehl, – nein – ich bitte Dich, liebes, kleines Kerlchen, ruf' mich, wenn Du mich brauchst, – hörst Du? Ich bin der Einzige, der sich um den Fritz grämt, alle anderen sind wütend auf ihn, und schon deshalb gehören Du und ich zusammen. Zwischen Deinen spärlichen Zeilen las ich doch, daß nicht alles im Lot ist auf dem Marschhofe. Großmutter Tönningsen kenne ich nicht persönlich, aber was ich so durch Familientradition von ihr vernahm, berechtigt mich zu der Annahme, daß sie ebensogut die Großmutter vom ††† sein könnte, als von unserem Fritz. › Unser Fritz‹! Gelt Kerlchen, er ist's und bleibt's, der verd... Ausreißer. Also Du rufst mich, – Hand her! Ich würde sagen: »Komm' zu mir«, aber ich verstehe Dich, daß Du Dir diese Buße auferlegt hast. Vergiß aber nie, daß bei mir Deine eigentliche Heimat ist, bis der Fritz Dich holt. Gott befohlen Dein Wolf Rumohr.« Aus Kerlchens Tagebuch. Nun habe ich schon eine ganze Menge Briefe an Fritz aufgestapelt, – ach und nun werde ich mutlos. Ich dachte, man könnte immer mit derselben Freude an den liebsten Menschen schreiben und nie eine Antwort bekommen, und nun ist es doch nicht so. O wie bin ich voll Heimweh! Ohm Waldemar und die Walküren haben mir schon ein paarmal ganz lieb geschrieben, Bümi sogar voll tiefer Sehnsucht, ich möchte zu ihnen kommen, und wir wollten alles vergessen. Aber ich kann's nicht. Ich kann's nicht ertragen, Buchenwalde noch einmal zu sehen, noch einmal den furchtbaren Schmerz zu empfinden, wie damals, als mir Ohmchen sagte: »Fritz ist fort«. Ich kann's nicht ertragen, Muttchens traurigen Augen zu begegnen, denn sie hat Fritz lieb gehabt, so lange sie ihn kennt, wie ihren eigenen Sohn. Und ich kann's nicht ertragen, vor Tante Hedwig als eine Bittende zu stehen, – sie hat mich mit keinem Wörtchen eingeladen. Ich weiß, sie würde mich nicht wegschicken, aber doch immer in Angst sein, »was die Leute sagten«. Und ich hab' Großmutter Tönningsen lieb. Sie ist nicht sehr gut mit mir und quält mich viel, aber sie ist die Großmutter von Fritz und braucht mich. Jetzt hat sie viel Schmerzen, manchmal liegt sie krumm wie ein Flitzbogen, und doch kommt kein Klagelaut über ihre Lippen, sie schimpft und wettert nur, und das gefällt mir. Ich kann auch nicht jammern. Aber wenn die Schmerzen nachlassen, dann wird Großmutter weich und liebevoll, und das ist etwas Schreckliches. Denn nun bittet sie mich, wo sie sonst befohlen hat, und sie sagt mir nicht mehr, daß Fritz schlecht ist, und ich ihn darum aufgeben soll, sondern nun fleht sie mich an, ihn zu vergessen, damit er frei wird und eine andere nehmen kann und glücklich wird. Aber sie tut es nicht um Fritz, sie tut es nur um Edmunds willen. Edmund ist immer der Schlußreim. Er hat so etwas an sich, was ihr gefällt, und er versteht es, zu schmeicheln und sie ganz und gar für sich zu gewinnen. Mag er. Ich will ihn nicht, er ist mir greulicher als eine Spinne. Und Fritz wird nicht glücklich ohne mich, das weiß ich ganz bestimmt, – das fühle ich ganz tief im Herzensgrund. Ich bleibe sein Kerlchen. * Der Amerikaner ist wieder da. Er blinzelte greulich, als er mich sah, mit seinen wasserhellen Augen, die von rötlichen Wimpern und Augenbrauen eingerahmt sind. Ich sah ihn nur ganz fremd an und da biß er die Zahne zusammen. Wir haben jetzt auch Geselligkeit bekommen, – o eine furchtbare Geselligkeit. Die fünf Töchter des Doktor Lorentzen besuchen uns, – ist es zu glauben, daß sie alle fünf den Amerikaner wollen? Ich hätte nie daran gedacht, wenn es mir nicht die Großmutter selbst gesagt hätte, und ich sah es ja mit eigenen Augen, wie sie ihm schmeichelten. Wie schrecklich ist das! Die alte Magd Stina verriet mir außerdem sehr gegen meinen Willen, daß Edmund Tönningsen seiner Großmutter gesagt habe, er wolle mich eifersüchtig machen, dann würde ich schon kommen. Was muß er »drüben« für Menschen kennen gelernt haben, daß er ein deutsches Mädchen so niedrig einschätzt. Die Frau Doktor ist wie ihre Töchter: groß, blond, plump, mit kreischender Stimme; der Doktor selbst ist selten dabei, er hat viel zu tun und wenn er wirklich mal den Abend mit uns verbringt, dann ist er scheu und gedrückt, es sieht aus, als schäme er sich. Ich fühl's ihm nach. Vorgestern kamen wir zum ersten Male zusammen. Die Doktorsmädchen brachten zwei Spiele Karten mit, denen man es ansah, daß sie fleißig benutzt wurden. Im ganzen Marschhofe war nicht ein buntes Kärtchen zu finden, und Großmutter sagte mir finster, – sie habe die Teufelsdinger alle verbrannt, weil Gefahr vorlag, daß der selige Tönningsen Haus und Hof, Weib und Kind »bei klein« verspielte. Die Doktorstöchter schlugen keine gefährlichen Verlierspiele vor, sondern lachten sehr lieblich mit der Großmutter, und dann wurden Karten zum Orakel aufgelegt. Wenn eine der geistreichen Fragen, z. B. »Wer ist verliebt« auf eine Karte der Mädchen fiel, dann brach ein tosendes Gekreische los, und die Betreffende wurde von ihren Schwestern überfallen und beinahe tot gedrückt, wobei sich Edmund stark beteiligte. Die Fragen aber: »Wer heiratet noch in diesem Jahr,« oder, »Wer erringt das höchste Glück« fielen auf mich, und da kreischte niemand, sondern es wurden zarte Anspielungen gemacht, und Fräulein Adeline sagte: »Na seien Sie nur nicht so siegesgewiß! Ein Mann muß sich doch schon sehr über Verschiedenes hinwegsetzen, wenn er ein Mädchen heiratet, das so kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen worden ist.« Ja, – das sagten sie mir, – woher sie es wohl wissen? Ich stand auf, aber Edmund vertrat mir breit den' Weg, und wenn ich ihn nicht berühren und wegschieben wollte, dann mußte ich mich wieder hinsetzen. Das tat ich denn auch, mit grenzenlos wehem Herzen und einem ekelhaften Geschmack auf der Zunge. Und dann spielten wir weiter. Die Karten sagten mir noch, daß ich die Schönste und Reichste, die Dümmste und Lauteste sei. Edmund saß neben mir, und hatte er sich vorher gar nicht um mich gekümmert, so flüsterte er mir jetzt unaufhörlich etwas ins Ohr, und trank von dem schweren Kaffeepunsch ein Glas nach dem andern. Aber immer wenn ich hinaus und auf mein Zimmer gehen wollte, stand er breitspurig in der Tür und litt es nicht. Endlich, endlich kam der Doktorwagen und holte die Gesellschaft ab. Die Mädchen flehten Edmund an, doch bei dem herrlichen Mondschein mit ihnen zu fahren, aber er war ordentlich grob gegen sie und verstand sich nur dazu, sie bis an den Wagen zu bringen. Ich benutzte die Gelegenheit, während sie sich laut lachend an seinen Arm hingen, und schlug die Wohnstubentür hinter ihnen zu, drehte den Schlüssel zweimal um und rief dann heftig und leidenschaftlich: »Großmutter, morgen gehe ich fort.« Großmutter winkte mich zu sich heran, und da brach ich in bitterliches Weinen aus. Sie blieb ganz ruhig und sah sehr ernst aus. »Ja siehst du, Kind,« sagte sie, »mir gefällt das heutige Getue von den Frauenzimmern auch nicht. Das hat kein Ehr' und keine Reputation im Leibe. Aber deshalb gefällst du ja gerade dem Edmund so, und ich glaube, er will die fremden Mädchen gar nicht mehr sehen, und wenn du lieb und vernünftig bist, dann sitzen wir von jetzt ab abends wieder hübsch allein, wie es sich für einen geordneten Haushalt schickt, und ihr zwei lernt euch immer besser kennen, – bis – – – « Mir rann ein Schauer über den Rücken, und die Zähne schlugen mir wie im Fieberfrost zusammen. »Sieh' mal, du darfst nicht von mir fort,« klagte auf einmal die Großmutter, ich fühl's, wie die Schwäche immer mehr an mich herankommt. Und wenn du Fritzens Frau geworden wärst, dann wär's deine heilige Pflicht, mich zu pflegen, und du bist es doch nur aus eigener Schuld nicht geworden.« Ja, die Großmutter mußte krank sein, sehr krank, denn sie drehte plötzlich alles herum und gab mir die Schuld, wo sie mich früher immer verteidigt hatte. Aber recht hatte und hat sie, – ich halte an Fritz von Rumohr fest und gehöre zu ihm und zu seiner Großmutter. Aber wie mir zu Mute war, das werde ich nie jemand sagen können, – solchen Jammer gibt es nirgend wieder in einem Mädchenherzen. Ganz mechanisch kleidete ich die Großmutter aus und sah, wie ihre Mundwinkel zuckten, wenn ein Kleidungsstück nicht gleich herunter wollte, sie mußte große Schmerzen haben, die sie gar standhaft trug. Dann kletterte sie mühsam in ihre hohe Bettstatt, ich »bestopfte« sie sorgfältig, und sie küßte mich auf die Stirn. Leise ging ich aus dem Zimmer. Auf der Diele war es stockfinster, trotzdem draußen der helle Mond schien, er hatte uns beim Auskleiden geleuchtet. Alle Fenster, die von der Diele hinaus nach dem Hof gingen, mußten mit den schweren Laden verschlossen sein, – das geschah sonst nie. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ich wußte ja so genau Bescheid im Marschhofe, wie ein Wiesel lief ich nach der Treppe, die zu meinem Zimmer führte. Da prallte ich gegen eine dunkle Gestalt, ich fühlte, wie sich ein Arm um mich legte, und eine feuchte, kalte Hand die meine berührte. Einen gellenden Schrei stieß ich aus, und da war ich auch schon wieder frei und flog die Treppe hinauf nach meinem Stübchen. Voll und breit leuchtete der Mond herein, als ich die Tür aufstieß, und in seinem lieben Licht saß ich die ganze Nacht, – – stumm und verlassen, einsam und verzweifelt. Dann bin ich aber doch auf meinem Stuhl ganz fest eingeschlafen und früh konnte ich zuerst gar kein Glied rühren. Aber ich schleppte mich doch an das tannene Tischchen, darauf mein Schreibzeug steht, holte mir einen Briefbogen und malte große, ungefüge Buchstaben darauf: »Lieber Onkel Rumohr, ich brauche Dich! Komm zu Kerlchen.« Brief von Schlachter Krone an Kerlchen. »Mein Fräulein! Ich stehe in großer Ratlosigkeit vor einem dunklen Punkt. Schwarzhausen ist mit allem Respekt zu sagen ein Lausenest, nichts desto trotz wird darin getuschelt und geredet und gemunkelt und ich schließe mich Tag für Tag ein, weil ich sonst noch Prozesse an den Hals kriege. Aber die ewige Stubenluft fällt mich auf die Nerven und ich sehe, daß alles auch meinen Newö wurmt, der trotz glücklichem Weib und Stammhalter in allen Ehren dem Fräulein Kerlchen mit Leib und Seel ergeben ist. Nun lege ich meine Hand ins Feuer, daß Euer Hochwohlgeboren unschuldig sind wie ein ungeborenes Kind, aber der Teufel und die alten Weiber fragen danach nicht und deshalb frage ich Ihnen im höchsten Zorn als ältester Freund und demütiger Vertreter Ihres Herrn Vaters, ob Sie der hochedelgeborene Herr von Rumohr und Baron, den ich nun als echten Schewalchee schätzen tue, Sie als gemeiner Schuft hat sitzen lassen. Und wenn Sie diese meine ehrerbietige Frage in heiliger Stunde mit »ja« beantworten, so werde ich nicht zur Duellpistole greifen, denn so Einer ist mir nicht gratifikationsfähig, sondern ich werde ihm auf offenen Marktplatz sagen, was ich von ihm halte. Ist kein Ehr und Glauben mehr in der Welt und täten wir Alten gut, rasch wegzusterben. Aber ich würde ja doch niemalen ruhig in meinem Erbbegräbnis liegen, wenn ich wüßte, unser Kerlchen war noch nicht wohlgeborgen im eigenen Nest. Komme eben von meiner Reise und Vieheinkauf und habe auch hier viel Widerwärtigkeiten gehabt, weil ich mit die einfachen Gasthöfe, wo ich immer als Schlachtergeselle abstieg, besser Bescheid weiß, als mit die modernen Hoteliers und kann wohl sagen, daß von all die Leute, mit denen ich so auf Reisen zusammen komme, meine Ochsen immer noch die gescheitesten sind. Und wenn ich den ganzen Tag mit Vieh herumgeschuftet Hab, dann will ich des Nachts mit meiner werten Persönlichkeit Ruhe haben, kann ich das aber? Wenn nebenan die alte Dame Leibkrämpfe bekommt und läßt sich von ihrer Gesellschafterin nachts 'ne heiße Stürze machen und die irrt sich im Zimmer und stürzt mir plötzlich 'n heißen Deckel auf'n Leib, daß ich laut schreie wie niemalen in meine Kinderjahren und ist ein Aufstand im ganzen Hotel? Und muß gleich in aller Herrgottsfrühe abreisen, denn so viel Schamhaftigkeit besitze ich von Natur, daß ich nicht einer Dame unter die Augen trete, die mir aus Versehn 'n Leibumschlag gemacht hat, der mich aber gut bekommen ist. Ihnen das Gleiche wünschend bin ich mit der Bitte mir zu sagen ob Sie heiraten oder nicht Ihr unverbrüchlicher Freund und Schlachter Krone.« Aus Kerlchens Tagebuch. Da sitzen wir heute um den Kaffeetisch, – Großmutter, der Amerikaner und ich. Ich hatte in wildem Zorn und heißen Tränen am andern Morgen der Großmutter erzählt, und ihr altes Gesicht war erst ganz blaß geworden und dann auch rot und zornig. Aber es hat sich nichts ergeben. Der Amerikaner wußte von nichts, er sei gleich in seine Stube gegangen, behauptete er, die am andern Ende des Hofes liegt, und Knechte und Mägde hätten auch längst im Bett gelegen. »Fräulein Felicitas sei wohl ein bißchen mondsüchtig,« hieß es, und »bei solchen Leuten arbeite immer die Phantasie stark.« Ich schaute an ihm vorbei, nicht mit einem Blick habe ich ihn wieder gestreift, fest preßte ich meine Hände ineinander und sprach mechanisch mit Großmutter Tönningsen, mit dem Enkel aber kein Wort. Er war vollständig Luft für mich, aber häßliche, erstickende Luft, ich war grenzenlos froh als er verduftete. Großmutter saß mit finster gefalteter Stirn da, und dann schaute sie mich bekümmert an. »Du zerstörst mir einen Lieblingswunsch,« klagte sie, »aber wenn du den Edmund auch nicht lieben kannst, so sollst du ihn doch nicht verachten.« Ich umklammerte Großmutters Schulter. »Er ist schlecht,« sagte ich laut und fest. Da sprang sie auf, elastisch und energisch wie in gesunden Tagen und tat ein paar Schritte, dann aber fiel sie plötzlich zusammen und weinte kläglich. Ich half ihr auf und bettete sie wieder weich und warm und blieb bei ihr, und wir aßen allein, und ich sah nur auf dem Hof einmal flüchtig den entsetzlichen Menschen, – es war ein friedlicher Tag, nur in mir selbst sah es unfriedlich aus. Da saßen wir heute am Kaffeetisch, und ich dachte, während der Amerikaner höchst unmanierlich seinen Trank schlürfte, ob nun das immer so fortgehen würde, und wie lange ich das wohl aushalten könnte, ohne verrückt zu werden. Da hörten wir Peitschenknallen und das bekannte Räderknarren eines Wagens, der sich durch die tiefen Furchen arbeitete. Ich sah von meinem Platz aus durch das Fenster in die altmodische Kutsche hinein und erblickte einen grauen Haarschopf – und ich sprang auf mit einer Freude im Herzen, die unbeschreiblich war: »Onkel Rumohr!!« Edmund stand wie gewöhnlich in der Tür, ich nahm mir gar nicht die Zeit, ihn wegzustoßen; mit einem Satz saß ich auf der Fensterbrüstung und schwang mich hinaus, fiel hin, raffte mich blitzgeschwind auf, und ehe noch die schwerfällige Tür der Kutsche ihr verrostetes Schloß geöffnet hatte, stand ich am Wagen und jubelte und lachte: »Onkel Rumohr, Onkel Rumohr, Gott sei Dank!!« Dann hielt mich der Riese in seinen Armen, und die Tränen liefen in seinen grauen Bart. »Herr des Himmels, Deern, was ist aus dir geworden! So wein' doch nicht! So lach' doch nicht! So beruhige dich doch! Mein Engelchen, mein Sonnenschein, mein Kerlchen! Mohrenelement, ich heul' wie ein Schuljunge! Komm', sei still! Ich bin ja da! Ich geh' nicht wieder fort, ich nehme dich mit – – –« Er legte seinen großen, wehenden Mantel um mich und trug mich beinahe über die Fahrstraße in den Hof. Onkel Rumohr mußte sich bücken, als er durch die Dielentür in die Wohnstube trat. »Jesus – der Wolf,« schrie Großmutter Tönningsen auf. »Ja, und hier ist das Rotkäppchen!« Damit gab er mich frei, um mich, gleich darauf wieder fest in seine Arme zu schließen. »Ich wollte mal nach meiner kleinen Nichte sehen,« rief Onkel Rumohr grimmig, »und ich muß sagen, sie gefällt mir gar nicht. Ist es nur die Sorge um die Frau Base, die unser Kerlchen so auf den Hund gebracht hat? – Wen haben wir denn da?« fuhr er gleich darauf fort und zeigte mit dem Stock nach Edmund, der eine »smarte« Verbeugung machte. Nie war mir so stark aufgefallen, wie klein und erbärmlich, häßlich und windig der Amerikaner aussah, als jetzt, da er vor dem Hünen stand. Onkel Rumohr ließ seine scharfen Augen unter den buschigen Brauen über den Fant hinweggleiten, dann suchte sein Blick mich, die ich rot und blaß mit finsterer Stirn da stand, und die erste Ahnung dämmerte meinem alten Freunde auf, was sein Kerlchen hier gelitten haben mußte. »Mein Enkel Edmund Tönningsen,« sagte die Großmutter mit seltsam belegter Stimme. »Das beruhigt mich,« entgegnete Onkel Rumohr scharf, »hier auf dem einsamen Hofe ist ein Mann nötig, – ein Ritter zum Schutze der Frauen.« Edmund Tönningsen schlich langsam hinaus. Und dann saßen wir zusammen, »Base Tönningsen« und »Vetter Rumohr« verstanden sich ausgezeichnet, und ich lebte zum erstenmal wieder auf, lachte und gab schlagfertige Antworten, so daß die Großmutter mich ganz erstaunt ansah. »Ist denn hier ein vernünftiger Gasthof in der Nähe, dem ich meine irdische Hülle anvertrauen kann?« fragte Onkel Rumohr. »Ich möchte gern tagsüber bei Kerlchen sein und, wenn es hier mal entbehrlich ist, auch ein paar Ausflüge mit ihm machen. Freilich, ein Springinsfeld wie Kerlchen bin ich nicht mit meiner Gicht in den Potentaten.« Großmutter Tönningsen sah mich an, – sie hatte mich auch noch nicht als »Springinsfeld« kennen gelernt. »Sie wohnen bei mir, Vetter Rumohr,« meinte sie in ihrer kurzen, geraden Art. »Ein Gasthof ist nur im Flecken unten, und das ist zu weit, aber Sie müssen vorlieb nehmen, seidene Steppdecken und dicke Teppiche habe ich nicht.« So war die Sache abgemacht, und ich habe nun den Onkel Rumohr bei mir, ach, und das Leben ist ganz anders seitdem. Edmund Tönningsen läßt sich nur selten blicken, und wenn er zu den Mahlzeiten erscheint, gibt er karge, kurze Antworten, – nur bei den Besprechungen über das Gut wird er lebhafter und scheint ganz Vernünftiges zu Tage zu fördern, denn Onkel Rumohr nickte öfters beifällig. Gleich nach Tisch verschwindet Edmund wieder, Großmama ruht, und Onkel Rumohr und ich wandern über die Heide. Gestern hatte uns Edmund ein Stück begleitet, weil er das Gespräch mit Onkel weiter spann, und als er sich am Hünengrab verabschiedete, sah ihm Onkel ein Weilchen nach und meinte dann: »Äußerlich gefällt mir der Kerl ja den ganzen Tag lang nicht, aber er weiß 'ne Menge und tut forsch seine Dinge – ganz manierlich ist er auch – ich glaube, ich glaube unser Sensitivchen hat wieder mal ein bißchen zu schwarz gesehen.« Ich sah Onkel nur an, und da küßte er mich gleich auf die Stirn. »Kerlchen, Kerlchen, – wer dich schief anguckt, den mache ich zu Mus.« Brief von Fräulein Laura v. Hartwig an Kerlchen. »Mein liebstes Kind! Wahrhaftig, ich komme mir wie die bekannte Hühnermutter vor, die ein Entlein ausgebrütet hat, welches nun munter im See herumschwimmt, während sie selber ratlos und jammernd am Ufer hin und her läuft. Bilde Dir aber ja nicht ein, daß Du das Kücken bist, – nein, mein alter Wolf Rumohr ist es, den ich mit Mühe gesund gepflegt, und der mir jetzt plötzlich ausgerissen ist bis in die Heide hinauf. Er wird wohl laut und polternd lachen über den wundersamen Vergleich, der ihn, den Hünen, zum Kücken macht, – hilft ihm aber nichts. Aber nun frag' ihn doch mal, wie lange er sich da oben einnisten will bei Base Tönningsen? Was ist eigentlich los da, und welche wundersamen Worte enthielt das Telegramm, das ihn aus Podagra und stillen holsteinischen Wäldern hinauslotste in die Marsch? Er hat sich nicht darüber ausgequetscht. Frage ihn ferner, ob es ihn nicht lockt, mit mir und Dir eine nette, kleine Reise zu machen, ich habe mir Bayern vorgenommen, weil ich in Erlangen ein liebes, altes Freundespaar aufsuchen will, die zugleich Verwandte von uns sind, von Hartwig heißen, und die ich Dir gewiß öfters unter dem Namen »Peter-Onkel und Marie-Tante« genannt habe. Dorthin will ich zuerst, dann weiter nach Nürnberg, Regensburg, München, habe dann in Straßburg zu tun und will von dort noch ein wenig in die Vogesen und dann an den Rhein. Ein Plan, Kerlchen, wie? Und Du sollst mit! Heisa juchhe! Wir wollen Dich loseisen vom Norden und Dir den sonnigen Süden zeigen. Arme Deern! Daß Du schon so früh erkennen mußtest, daß die Männer alle nichts taugen, – sieh, mein Lütten, – solche Leute, wie Dein Vater Ernst Schlieden, die werden eben nur alle hundert Jahre einmal geboren, – glückselig, dreimal glückselig das Mädchen, das diesen Mann dann zufällig erwischt. Ich bin vorbei getappt, – Du glaubtest so 'nen Diamanten gefunden zu haben, und dann war's ein Blendkiesel. Laß ihn laufen, Kerlchen! Du wärst ja doch todunglücklich geworden. Du mit Deiner unmodernen Treue im Kinderseelchen. Laß ihn ruhig in Italien. Man sah es ja seinem Zigeunergesicht an, daß er für den Hörselberg besser paßt als für den schlichten Thüringer Wald. Das ist so meine Meinung über diesen Fall. Gott befohlen! Schreibe mir sofort, nachdem Du mit Onkel Rumohr gesprochen, dann gebe ich Dir nähere Reisebestimmungen. Deine alte Tante Hartwig.« * »Na, die hat ja eine nette Charakterisierung unseres Fritz zustande gebracht,« rief Onkel Rumohr grimmig, als er den Brief, den ihm Kerlchen reichte, gelesen hatte. »Und was sagt Kerlchen dazu?« »Nichts.« »Holla! Diese tiefe Falte zwischen den Brauen, dieser gepreßte Mund da, dem man die Schliedensche Quadratschnuut kaum ansieht, so fest ist er zugeschnappt, – ist das noch mein vertrauendes Kinder- und Sonnenkerlchen?« Kerlchen sah ihn an –, er mußte den Blick wegwenden vor dem wehen Ausdruck dieser Augen. »Kerlchen!!« »Sie sollen den Fritz nicht schmähen,« rief es leidenschaftlich, »ich kann es nicht vertragen! Und ich habe die Leute kein bißchen lieb, die das tun, und Tante Hartwig soll allein reisen, und ich will hier bleiben, ganz allein, und will arbeiten und Großmutter Tönningsen pflegen –« »Braves! – Wie konnte ich auch denken, daß in deinem hellen Gemüt Mißtrauen haften könnte! Gelt Kerlchen, – wir kennen den Fritz? Der ist treu! Das klärt sich alles! Aber ein Sturmwind und Trotzkopf ist der Bengel, – möchtest du ihn anders haben?« »Nein, Onkel Rumohr! Er mußte mich ordentlich durch sein Ausreißen strafen. Ich hatte es verdient. Aber Fritz ist treu, ich weiß es. Wo er auch sein mag! Und dann, – er wußte es ja nicht, wie furchtbar weh' seine Strafe tut.« Onkel Rumohr sah sein Kerlchen forschend an, und wie er so das feine blasse Gesichtchen betrachtete, aus dessen tiefen, blauen Augen eine ganze Schmerzenswelt hervorschaute, da ballte er doch insgeheim die Faust und wetterte auf den Zigeuner, Herumtreiber, Ausreißer, Trotzkopf und Neffen Fritz von Rumohr. »O du Himmel, die heutige Jugend,« murmelte er ingrimmig in sich hinein, – dieses Mädel, so 'n Kerlchen, so 'n ganz liebes nicht festzuhalten, – – – Schafskopp!« Und mit diesem unparlamentarischen Ausdruck schien er sich entlastet zu haben, denn er kniff Kerlchen ins Ohr und lachte vergnügt. »Jetzt gilt's, dich hier loszumachen, kleines Wesen, du mußt erst mal wieder heraus, wenn du uns gesund bleiben willst.« »Ich bleibe hier!« »Oho, – auf die Hinterbeine wird sich nicht gestellt, wenn ein alter, verständiger und wohlmeinender Oheim was für dich ausdenkt. Vernageltes Erzgeneraldümmerchen! Meinst du, ich hätte keine Augen im Kopf und sähe nicht, daß du andere Luft schnappen mußt?!« »Großmutter läßt mich nicht fort.« »Das ist 'n anderes Kapitel. Wart's ab. Ich spreche heute noch mit Base Tönningsen, sie munkelte neulich was von einem jungen Mädchen, Tochter einer Jugendfreundin, die hier in der Nähe ganz verwaist haust, – und die sie zu sich holen wolle, damit du Gesellschaft habest, die kann also erst mal allein kommen, woll'n mal sehen, was sich machen läßt.« Brief vom Schlachter Krone an Kerlchen. »Ergebenstes Fräulein Kerlchen! Heute komme ich mit einem Trauerflor um den linken Arm zu Ihnen, denn während ich so schreibe, haben wir meine liebe Frau, die jahrelang mir treu an der Seite und im Laden gestanden hat, schon begraben. Das menschliche Leben ist ein Rätsel, geliebtes Fräulein, und ich bin zu alt, um mich nun noch mit die Auflösung abzugeben, was mich immer schwer wurde schon bei die Scharadens in der Sonntagsbeilage vom Schwarzhausener Anzeiger. Und war es eine durchaus schöne Leiche mit allen Kunden und Honoratioren, die drum und dran hingen und alle auf den Friedhof mitgingen. Wie's so in einer kleinen Stadt ist, ich brauchte keine Anzeigen zu schicken, trotzdem meine liebe Alte nicht lange krank war, sie wußten's alle gleich früh durch meinen Newö, der den Laden bediente. Und wie sie alle ihr Fleisch im Suppentopf hatten, da hab ich das Geschäft für einen ganzen Tag geschlossen und saß ganz still bei meiner stillen Alten und überdachte unser arbeitsreiches Leben. Wollte dann andern Tags wieder an die Arbeit gehen, aber es ging nicht und hatte mir, was man so sagt, einen Knacks gegeben. Meinen nun die Leute alle, ich solle reisen, weiß aber nicht, ob ich dazu passe, gehorche aber, wie ich's bei meiner hochseligen Frau immer gewohnt war. Und fällt mir ein, schickte auch, die Fürstin-Mutter durch einen Diener einen Kranz, was sie »Palmenarrangschmang« nannten und war es viel zu pompös und statiös für uns, nahm es deshalb und legte es auf dero Vater, des Herrn Obersten selig Grab, wo es besser hinpaßte, denn meine Alte war für die gröbste Einfachheit. Und werde nun nach Bayern gehen, wo ich so gute, liebe Freunde hab, den Vetter Hans und die Base Babette, die das Leben auch von die ernste Seite kennen und wissen, daß alles in diesem Erdendasein belämmert ist. Bleibe deshalb in trauriger Verehrung für Sie und der Mitteilungsbitte an Ihre Herrn Verwandtschaft Ihr Krone, Schlachter und Wittmann.« Aus Kerlchens Tagebuch. Erlangen, Oktober. Da sitzen wir nun schon im lieben Bayernländchen und ich komme mir schon so blauweiß gestreift vor, als sei ich nie mit Leib und Seele »Preuß« gewesen. Vor allen Dingen bin ich gut » deutsch « und ärgere mich namenlos über die fremden Marken, wenn mir auch die kleinen gelben Briefkasten sehr gut gefallen. Die Krone von Erlangen sind aber der »Peter-Onkel« und die »Marie-Tante«, bei denen wir wohnen. So was von Gastfreundschaft! Jeden Abend, wenn wir uns in den hochaufgetürmten Betten zur Ruhe legen, nachdem wir die »Paradekissen« fürsorglich fortgelegt haben, sagen wir beide erst mal: »Gottes Segen über dieses gastliche Haus!« Mir ist's wirklich wie ein böser Traum, daß häßliche Eindrücke hinter mir liegen, denn der Abschied von der Großmutter Tönningsen war so gut und herzlich, und ich wußte sie so wohl geborgen bei »Lieschen«, dem blonden, glattgescheitelten, ganz herzensguten Mädchen, das sofort auf Tantchens Ruf zu ihr übersiedelte. Wir verlebten noch einige schöne arbeitsreiche Tage zusammen, denn sie mußte ja tüchtig eingelernt werden. Es machte mich ganz stolz, daß sie alle im Hof und Stall sagten, ich sei nicht leicht zu ersetzen. Aber »Lieschen« wird sich viel leichter hier eingewöhnen, als ich; sie ist immer nur im Schatten gewesen ihr ganzes Leben lang, hat nie einen gütigen Vater, ein herzliebes Muusch gekannt, denn beide sind ganz jung gestorben. Sie fand es »herrlich« auf dem Marschhofe und war mit allen so lieb und gut, selbst mit Edmund, – sie ist viel besser, als ich. Ich sprach Edmund auch noch vor meiner Abreise. Großmutter Tönningsen bat mich darum, – denn ich hätte es sonst wahrscheinlich unversehens – mit Willen – vergessen. Ach, – es war nicht schön. Er hat so schreckliche Augen, und sein Gesicht war ganz weiß, und sein Atem ging so rasch, als ich vor ihm stand. »Leben Sie wohl,« sagte ich nur ganz rasch, aber da nahm er meine beiden Hände und fuhr mich doll an: »Warum gehen Sie fort?« Ich konnte vor Angst oder was es sonst sein mochte, gar nicht antworten, und er ließ meine Hände so plötzlich los, daß ich beinahe taumelte, und ging fort und ich ging auch, nein ich lief, denn ich fürchtete mich wirklich vor ihm. Dann waren wir noch einen ganzen Abend zusammen, Großmutter Tönningsen fühlte sich wohler denn je, und Tante Hedwig war angekommen und so recht fidel, wie sie sein kann, wenn ihr die Umgebung gefällt, und Edmund war gar nicht schweigsam und erzählte sehr nette, interessante Sachen von »drüben«, so daß alle sehr eingenommen waren, und ich selbst ganz gespannt zuhörte, bis er mir seine Augen zuwendete und mich ansah. Da war's vorbei, – ich wäre am liebsten gleich meilenweit fortgelaufen. Aber ich blieb ganz still sitzen und faltete nur meine Hände fest ineinander und sagte immerfort leise vor mich hin, so mehr innerlich: »Fritz Rumohr«, »Fritz Rumohr«, »Fritz Rumohr«, – das war denn wie ein Talisman, und ich wurde ganz, ganz ruhig. Andern Tags reisten wir ab. Tante Laura von Hartwig macht ja solch ein Umweg gar nichts, und sie fand es auch ganz in der Ordnung, daß Onkel Rumohr uns noch wieder ein Stückchen begleitete, ehe er wieder gen Norden zog. Tante Hartwig reist jetzt womöglich noch mehr, als früher, denn seitdem sie sich das Probereisen ein für allemal abgewöhnt hat, findet sie alles so furchtbar bequem und geht mit der ernstlichen Erwägung um, sich ein Zelt anzuschaffen und als besserer Nomade zu leben. Das Eine hab ich der Großmutter versprechen müssen, – wiederzukommen . »Und bleib' nicht zu lange,« rief sie mir noch nach mit einer ganz traurigen Stimme, da wurde mir ordentlich das Herz schwer, und ich wäre am liebsten wieder umgedreht. Aber da stand Edmund Tönningsen wie aus der Erde gewachsen plötzlich da, – er kommt und geht immer so ganz leise auf hellgrauen, weichen, absatzlosen Schuhen – und sein rötliches Haar stand so borstig ab, und die Augen ruhten auf mir, als wollten sie mich durch und durch sehen, – o wenn ich ihm doch nie, nie wieder begegnete. Nachdem wir einen Tag gefahren, kam noch der Abschied von Onkel Rumohr. »Tapfer sein, Kerlchen, Kopf hoch,« schrie er mich an, – er selbst aber hatte das helle Wasser in den Augen. »Immer an Fritz denken, den vernagelten Buben,« schrie er mich weiter an, unbekümmert um die Vorübergehenden, die ob solcher Mahnung schmunzelnd lächelten. Ob ich an ihn denke?! Ach Fritz, mein Fritz, – es vergeht keine Stunde, – du bist immer bei mir, immer! Glaubst du mir's? Fühlst du's im tiefsten Herzensgrund? * Peter-Onkel und Marie-Tante nahmen mich gleich so auf, als sei ich die nächste Verwandte von Jahrzehnten an, und als habe ihr Staatsgemach, wie Tante Laura und ich das Fremdenzimmer wegen seiner unerhörten Pracht nannten, nur darauf gewartet, mich endlich einmal zu beherbergen. Der ganze Haushalt geht nach der goldenen Lebensregel: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und wenn ich nur Peter-Onkel sehe, fragt er besorgt: »Magst aan Fleisch, magst aan Fisch,« worauf die Marie-Tante ebenso sicher behauptet: »Dös Kind hat Hunger.« Einzig lieb sind sie, und wenn ich früh das »Staatsgemach« verlasse und Peter-Onkels Zigarre von weitem angenehm rieche und sein flöhliches: »Sixt Kerlchen, da bist ja schon auf!« höre, dann ist mir der ganze Tag – o so gemütlich und nett verklärt. Am liebsten behielten mich die beiden Alten, die trotz ihrer siebzig Jahre noch sehr rüstig sind, ganz bei sich, und ich blieb' auch gar zu gern in dem traulichen Häuschen mit dem kleinen, gemütlichen Garten davor, in dem ein paar späte Rosen wundervoll dufteten und blühten, die mir Peter-Onkel mit einer gar zierlichen Verbeugung überreichte. »Die Rose der Rose,« sagte er und lachte so herzlich und »sein' Marie« lachte auch. Aber heute heißt es, den Stab weiter setzen, wir sind noch rasch in dem lieben Studentenstädtchen umhergelaufen, haben uns die Häuser der »Uttenruthia«, »Bavaria« und »Bubenruthia« angesehen, das Letzte vor allen Dingen, denn da erzählte unser lieber Möllner Pfarrer so viel davon. »Du hast schon viel hellere Augen,« sagte gestern Tante Laura befriedigt und klopfte mir die Backen. »Reisen ist ein Universalmittel und kommt gleich nach Kamillentee.« Ach, sie weiß ja nicht, daß die Sehnsucht nach meinem Fritz überall mit hin wandert, und dagegen hilft auch kein Kamillentee. Nürnberg, Oktober. Drei Tage bin ich nicht zum Schreiben gekommen, obgleich ich recht genau Buch führen wollte, – aber der Schreck war mir in alle Glieder gefahren – Wir, Tante Laura und ich, wohnen im Kaiserhof, und gegenüber von uns sind die Hotels »Zum weißen Hahn« und »Zum roten Hahn«. Es regnete, als wir ankamen, deshalb stellte ich mich auf unsern hübschen, mit Herbstblumen bewachsenen Balkon und schaute mir das alte, liebe Nürnberg ein wenig an. Dabei musterte ich auch die Häuser gegenüber und war sehr erschrocken, als mir aus dem zweiten Stockwerk des »weißen Hahns« jemand zunickte, der – ganz entschieden nicht fertig angezogen war. Er winkte und winkte mit den hemdärmlichen Armen und zuletzt warf er sogar eine Kußhand hinüber. Da drehte ich mich wütend herum und ließ den Vorhang mit Gepolter herunter. »Du bist wohl von 'ner Kuh gebissen,« fragte Tante Laura in ihrer verblüffenden Ausdrucksweise, denn sie schrieb gerade an einem Brief, und die jäh hereinbrechende Dunkelheit hatte sie sehr erschreckt. »Ach wo,« sagte ich, »eine Kuh ist nicht da, aber ein greulicher Mann, der mir halb angezogen zunickte.« »O die elende Großstadt,« seufzte Tante Laura. »In Mölln könnte so was nie passieren, da wärs gleich rum, und der Reisende müßte sofort mit seinem Musterkoffer abziehen. Ich werde mir den Kunden mal ansehen.« Damit zog sie den Vorhang wieder hoch und trat sehr energisch auf den Balkon. »Wahrhaftig, er winkt immer noch,« rief sie empört. Dann nahm sie zur besseren Orientierung ihr Opernglas vor die Augen, ließ es aber rasch wieder sinken und sagte: »Nein, er hat wirklich zu wenig an.« Ich zog sie vom Altan fort, und wir machten uns rasch zurecht, nm nach der »Burg« zu gehen. Wie interessant waren die alten Straßen und Häuser, das Bratwurstglöckli, das Gänsemännchen und all die wunderschönen, alten Kirchen. Wir waren schon viele Stunden herumgestreift, als wir endlich auf die Burg kamen. Der fünfeckige Turm, »das älteste Baudenkmal der Stadt« zog uns zuerst an, und da Tante Laura etwas von »Museum« las, so gingen wir hinein. Sehr dunkel wars drinnen, außerdem tönte ein heftiger Wortwechsel heraus, und wir unterschieden eine männliche und eine weibliche Stimme. Die männliche sprach im schönsten Thüringisch und schimpfte gewaltig, die weibliche sprach hoch und piepsig im bayrischen Dialekt. »Enne Sinne un enne Schanne is es, sowas hier vorgezeigt zu bekommen, – si Deibel, da gann mer ja de Grepiepse kriejen. Un auserdem glaub echs Sie nich, – so'ne Scheisäler hats nich jegeben, Sie liejen sich un mich de Hucke voll.« Und dagegen wetterte die hohe Frauenstimme: »Dös, wann i jetzt a bissel Hülf hätt, – Sie sollten's a Watschen ham, Sie Spatzenschrecker, Laamsieder verdächtiger – – – « »Komm', Tante Laura,« rief ich leise und zog sie am Kleide von der Schwelle zurück, »hier sieht's unheimlich aus.« »Bangbüx,« entgegnete sie ärgerlich, »meinst du, in einem Museum zankt man sich nicht? Das kommt in den besten Familien vor, sogar in den Häusern des Reichs- und Landtags.« Damit war sie hineingegangen, und ich folgte. Eben hatte sie die Karten erstanden, als plötzlich eine große rote Hand sich auf die meine legte und ich, erschrocken zusammenfahrend, einen Schrei ausstieß. »Nä, das Kind derf nich nein, eche leid's nich,« schrie der dicke, große Mann, hinter dem noch immer zeternd die Museumsjungfrau stand, »unser Gerlichen derf so was nich sehen, Gott Lob und Dank, daß echs g'funden heb. Gommen Se Freilein Gerlichen, wir machen 'naus!« »Herr Krone!« »Nu freilich, Krone, mei liebes, einzches Himmelhundchen Sie! Hab 'ch Sie denn endlich gefunde! Gsehn ham mer uns je schon heit Morjen, ech wohne ju schrä niber von Ihnen in »weißen Hahn« un konnte nur nich so nah ans Fenster träte wejen mei Neklischeh. Awwer wie ech sah, daß der andern Dame was an mir lag, weil se doch mit'n Opernkucker uff'n Aldan trat, da heb 'ch mer gesputt un bin gleich niber geprescht in'n Kaiserhof, aber da warsch's Essig un Sie waren schonne neingemacht nach Nirnberg.« Tante Laura stand auf Kohlen, ich sah's ihr an, aber ich hatte meinen ältesten Freund fest an der Hand gefaßt und war ganz unsäglich glücklich. »Dader drinnen ist's ferchterlich un der Mensch versuche de Getter nich,« rief Schlachter Krone in einer literarischen Anwandlung, »nischt wie Halseisen un Pechpfannen un Nägels un das Mächen behauptet, damit wär den Leiten ins Gesichte gerammelt worden, – su ä Quatsch. Das litte nich mal de Bollezei in Schwarzhausen un da liegt se noch gar sehr in den Windeln.« Die Museumsjungfrau wollte wieder auf meinen Freund los, aber ich zog ihn energisch mit fort, wir hörten nur noch ein Kosewort hinter uns drein schallen: »Ungebildetes Pack!« Ich stellte nun in aller Ruhe den guten Schlachter der Tante Hartwig vor, die gar nicht erbaut von ihm war, was er aber nicht merkte. »Kommen Se Freilein,« sagte er jovial zu ihr und zog ihren Arm durch den seinen, »mir marschieren etze in de Stadt zurick un suchen uns ä Plätzchen im Bratwurschtgleckli, da essen mr ä Sauerkraut un e baar Werschtchen un trinken uns einen an. 's Leben is 'ne Hihnerleiter.« Tante Laura reckte sich bolzengerade und versuchte, ihren Arm aus dem seinen zu lösen, aber es mißlang vollständig. »I du grundgitige Neine,« meinte Schlächter Krone vorwurfsvoll. »Sein se doch nich so etepetetch, – ich schenier mich ja au nich.« So zog er denn als »Henkelpöttchen« in die Stadt ein und führte uns ins Bratwurstglöckli. Kaum aber hatte er einen festen Sitz unter sich, ein Bayrisches sowie Sauerkraut und Bratwürstchen vor sich, so zog er ein blaugewürfeltes Taschentuch hervor, schneuzte sich mit Nachdruck, und – fing bitterlich an zu weinen. »Was missen Sie nur denken,« jammerte er, »daß ich noch mit keinen Wertchen an meine liebe Frau gerihrt habe?« Wir versicherten ihm, daß wir das sehr natürlich fänden und daß wir auch das Bratwurstglöckli nicht für den geeigneten Ort hielten, unser Beileid auszusprechen, oder für ihn, seinen Schmerz auszutoben, aber er ließ sich nicht beirren, sondern hielt dem ganzen Tisch, an dem schmunzelnd eine Reihe Fremder saß, einen Vortrag über die Krankheit seiner Alten und ihr rasches Sterben. Ach, gewiß, sie lächelten alle über ihn, und Tante Laura warf mir verzweifelte Blicke zu, aber ich hörte nur das bittre Leid aus seinen Worten und mußte immer wieder die alte, vertraute Gestalt ansehen, die tausend liebe Kindererinnerungen in mir weckte. Schließlich wurde es mir auch ganz wehmütig zu Sinn (ich hatte nebenbei das große Litergefäß beinahe leer getrunken), und ich lehnte meinen Kopf an seinen dicken, grauen Friesrock, den er statt eines Überziehers trug. Seine große, schwielige Hand streichelte mich zärtlich. »Das weiß, wie mir zu Mute is,« wendete er sich an die Umsitzenden, »das hat's Leben schon elend gebackt und geschittelt, gelle Gerlichen? Erscht d'n Vater verlorn, un was forn Vater, un nunne au noch' Breitjam sozusagen hallewege.« Nun stand aber Tante Laura auf und wollte gehen, vorher aber unser Mahl bezahlen. »Is allens besorcht, Freilein,« rief Meister Krone ihr zu und klopfte klirrend an seine rechte Hosentasche, darinnen der lederne Geldbeutel steckte. »Sie sin meine Gäste, das is der erschte Verstehstemich. Nu lieber Gott, meine Alte trank drei solche Dinger uff einen Hieb. – Sie ham ja nur wie ä Sperlingche genippt. Un wo machen mer nu hin?« Tante Laura versuchte ihm begreiflich zu machen, daß wir beide notwendig der Ruhe bedürften, das Reisen habe uns sehr angegriffen, aber Schlachter Krone ließ sich auf nichts ein. »Etze ham mer uns gfunden, etze bleib'mer bisamm,« rief er. Schlafen genne Se noch immer, aber nach's Essen. Etze wird erscht mal gfuttert.« Er bot wieder Tante galant den Arm, ich hatte den andern schon längst genommen, und wieder half ihr das Zögern nichts. »Ich denke, mer geben unser gutes Geld Ihren Wirt zu verdienen,« sagte er, während wir durch Nürnbergs Straßen wanderten, »Der Kaiserhof hat ä gutes Restorang un ä weritabeln Tropfen. Allo marsch.« So zogen wir denn in die seine Wirtschaft ein, und Schlachter Krone bestellte eine Menge guter Sachen, nachdem er den Kellner arg angefahren hatte, der uns fragte, ob wir ein » Diner « oder » à la carte « zu speisen wünschten: »Reden Sie gefälligst deitsch, engelsch kenne mer nich.« Tante Laura trank nur ein Täßchen Bouillon, zog sich dann etwas Fisch zu Gemüte, schnitt sich ein Finzelchen Braten ab, und dankte sowohl für Pudding, als auch für Butter und Käse. Schlachter Krone und ich dagegen aßen zwei Speisekarten herunter, die Kellner liefen wie die Wiesel, und alle Anwesenden freuten sich über unsern guten Appetit. Zuletzt versicherten wir uns aber beide, daß wir nicht mehr »papp« sagen könnten. Und als Schlachter Krone sich noch zu Tantens Entsetzen einen »Ziehjarn« ansteckte (Schwarzhausener Ernte), welche auch sämtliche Kellner zu Nasenrümpfen reizte, während ein nahesitzender Reisender halblaut sang: »Rauch' sie in der Fischerhütte zwischen Wann- und Schlachtensee–« – raunte mir Tante Laura energisch zu: »Wir gehen jetzt, und du suchst auf jede Weise diesen Kerl loszuwerden, der ist ja zum ohnmächtig werden.« Ich nickte betrübt. Für mich war er nicht unerträglich, für mich stellte er »Schwarzhausen« dar, meine Kindheit, meine sorglose, erste Jugend, für mich war er Beschützer, mein ältester Freund und einer der Wenigen, die mein Väterchen so ganz nahe gekannt hatten. Wie ich ihm gut war! »Was hat sie?« fragte mich Meister Krone halblaut und zeigte mit dem Daumen nach Tante Laura. Ich antwortete nicht, ich schlich mich hinauf in unser Zimmer, wahrend Tante Laura den Streit mit dem Meister um das Bezahlen wieder aufnahm, der diesmal mit ihrem Siege endete. Oben warf ich mich auf mein Bett und grübelte. So ein lieber, guter Meister Krone! So treu und bieder, so puddelnärrisch in seiner Sprache und seinem sonstigen Gebaren, so sauber und altväterisch gekleidet, – was wollte Tante nur? Ihn vor den Kopf stoßen? Sollte der gute alte Mann merken, daß wir uns seiner schämten? Wir? Ich tat es nicht, ich hatte ihn lieb und ehrte ihn. Und so wie ich mich etwas zurecht gemacht hatte, wollte ich wieder hinunter zu ihm, meinetwegen auch in den »Weißen Hahn« hinüberlaufen und ihn wieder holen, ihn bitten, uns zu verzeihen. Guter Meister Krone! Nein, nein, du hattest es nicht um mich verdient, daß dein altes, kleines Kerlchen dich verleugnete. Ich sprang vom Bett auf, wusch mich, striegelte meine widerspenstigen Locken mit Kamm und Bürste und zog mein hellgraues Tuchkleid an. Das war mein liebstes, Schlachter Krone sollte merken, daß ich ihn ehren wollte, er wußte, daß schon früher auf meinen Geburtstags- und Weihnachtswunschzetteln immer gestanden hatte: »Ein Kleid (hellgrau).« Jetzt noch den großen schwarzen Samthut aufgesetzt, der in tadelloser Neuheit in der Hutschachtel lag, den neuen Mufflonpelz umgelegt, den mir Tante Laura heute morgen erstanden, die grauen dänischen Handschuhe – – – »Himmel, Kerlchen, wen willst du unglücklich machen?« rief Tante Laura, die in der Tür stand. »Meister Krone,« rief ich lachend und auch halb trotzig. »Jetzt gleich gehe ich zu ihm – verzeih', Tante Laura, – er, – er darf nicht gekränkt werden – – – « Tante Laura faßte mich an den Händen und schüttelte mich derb. »Wer will ihn kränken, du Dummes?« fragte sie, und ich sah, daß sie sehr erregt war. »Aber du hast recht, Kerlchen, – sehr recht, – wie du überhaupt längst nicht so dumm bist, wie du aussiehst. – Miserabel hab' ich mich benommen, – und jetzt in dieser knappen Viertelstunde, als du hier oben bocktest mit mir, hab' ich den Alten allein auf dem Halse gehabt. – – Kerlchen, du hast keinen treueren Freund, als ihn.« »Weiß ich!« »Kerlchen, sei nicht trotzig. Bild' dir nicht Schwachheiten ein und sei kein Pharisäer, weil du diese Perle eher auf ihren Wert erkannt. Bei dir spricht auch die Dankbarkeit mit, und außerdem kennst du ihn von Urbeginn. Nein, dieser Krone! Ein Prachtmensch! Ein Edelmann!« – Da lag ich auch schon in Tantchens Armen. Und dann machte sich Tante Laura auch pikfein, und war mein Einband hellgrau, so war der ihre schwarz, und unter dem schwarzen Hut sah ihr weiches, graues Haar sehr vornehm aus. »Wohin gehen wir, Tantchen?« »Planlos spazieren,« entgegnete sie. »Herr Krone will uns abholen, und abends geht's ins Theater; er sagte, er hätte seiner Seligen fest in die Hand versprechen müssen, niemals an »Bildung« vorüberzugehen, und zur Bildung rechnet er das Apollotheater mit den »Schlierseeern«. O, Kerlchen, was ist das für ein Mann, was hab ich für einen Einblick in sein biederes Herz getan!« Tantchen war ganz aufgeregt. »Und wie ich gehen wollte,« erzählte sie, »da machte er mir eine wunderlich tiefe Verbeugung und sagte: ›Na, nu verstehn mer uns mit einmal – gelle? Un nu seien Se geine Tante un lassen Sie mich berappen, so gehert sich's.‹ Damit kriegte er den ahnungslosen Kellner an der Gurgel, jagte ihm das Geld, was ich ihm gegeben, wieder ab, um es ihm dann auf's neue aus seinem eigenen Portemonnaie zu überreichen, nebst einem Taler Trinkgeld, – der ›Ober‹ griente von einem Ohr zum andern. Und dann schlug er mich auf die Schulter, daß ich zusammenknickte und rief: ›So, und nun marsch nauf un unser Kind geholt.‹ So, als lebten wir seit zwanzig Jahren in glücklichster Ehe. Die Kellner prusteten hinter ihren Servietten, ich sah es wohl, aber mich kümmerte es nicht. ›Eine schöne Menschenseele finden, ist Gewinn,‹ dachte ich.« – – – »Da kommt unsere schöne Menschenseele aus ihrem Hotel heraus,« rief ich, »o, Tante, er hat den Frack angezogen und was für einen, und all seine Orden hat er angelegt, und – o, Tante, der Zylinder!!« Tante warf einen Blick hinaus und schauderte. »Bei aller Hochachtung, Kerlchen, so können wir nicht mit ihm spazieren gehen, – der Oktober ist doch gar nicht so warm mehr und Fräcke pflegen dünn zu sein, die Orden wärmen auch nicht, – er wird doch nicht seinen entsetzlichen grauen kurzen Fries über den Schwalbenschwanz ziehen wollen?« Schlachter Krone stand auf der Mittelstraße und winkte, er war so versunken in unsern Anblick, daß ihm ein vorüberfahrender Wagen beinahe die große Zehe entrissen hätte. Wir winkten ihn nun erst mal unsrerseits, und nach wenig Minuten stand er in unserm Zimmer. »Donnerschtag und Freitag!« rief er bewundernd aus. »Da weiß mer nich, wäm mer de Balme reichen soll, där Jungen oder där Öllerhaften. Scheener firsch Auge is ja das Gerlichen, aber – à la boncoeur , de Vornehmigkeit ham Sie gepachtet, Freilein von »Hartewich.« Damit schlug er Tante auf die Schulter, daß sie das Gleichgewicht verlor. Es verging eine geraume Zeit, ehe wir's ihm klar gemacht hatten, daß er nochmal zurück müsse, daß dieser Auf- und Anzug unmöglich für unsern Spaziergang passe. »Abber wir wollen doch ins Thejater?!« rief er immer wieder kläglich. »Ich hab doch Losche genommen, fünf Mark pro Platz, es is so fein drin, daß es en Hund jammern kann und man derf nich mal sei Butterbrod mit nein nehmen, nur die Hite dirfen die Damens uffbehalten, und das dirfen die andern Damens uff den andern Plätzen nich.« »Einerlei, lieber Meister! Den Frack zieht man nur zu großen Gesellschaften, Hochzeiten usw. an,« bemerkte Tante, »man würde uns fürchterlich ansehen.« »Donnerkiel, das soll mer ja auch,« rief Herr Krone aufgeregt, – »so was sieht mer au nich alle Tage! Und wenn ich zehnmal mei Frack ausziehe un die Ordens weg tue, dann gucken de Leite ebend nach Ihnen und fragen: »Dunnerje, wär sin enn die hibschen Mächens?« Tante Laura lachte Tränen. »Tun Sie mir die Liebe, Meister,« sagte sie dann sanft und faßte seine Hand, »es ist besser so.« Er sah sie mit merkwürdigem Gesicht an und richtete auch später immer verstohlen die Blicke auf sie. Ich glaube, im Theater hat an dem Tage Tantchen öfters gewünscht, allein zu sein mit mir, denn das dröhnende Lachen des guten Meisters war mehr als einmal die Ursache, daß sämtliche Blicke auf uns ruhten. Aber schlimmer war's noch, als er weinte, laut schluchzend und fassungslos: »Almenrausch und Edelweiß« war zu rührend. Als wir das Theater verließen, war Tante Laura »schachmatt«. »Na,« sagte sie, »ich habe den Nibelungenring in Bayreuth hintereinander gesehen, aber so griff es mich nicht an wie Almenrausch und Edelweiß mit Schlachter Krone dabei. »Freilein,« rief dieser, noch mit Tränen in den Augen, »so was Scheenes hab' ich nie nich belebt, das geht noch über Hamletten.« »Kennen Sie denn Hamlet?« fragte Tante erstaunt. »Nu freilich, das wurde doch in Schwarzhausen gegeben, in der Scheune vom Wirt zur Dreck'gen Gabel. Un scheene wurd's gespielt, weils aber ursprünglich vom Schäksbier so graulich gemacht worden war, nahm der Direktor Ricksicht auf die Schwarzhausener un gab extra 'n Zettel raus, dadruff stand: ›Auf allgemeines Verlangen heiratet am Schlusse Hamlet die Ophelia.‹ »Ach und das war scheene!« Inzwischen waren wir ans Hotel gekommen, und wir zogen uns gleich in unser Gemach zurück. Freilich, Meister Krone war noch sehr für's Beisammenbleiben und »Futtern«, aber Tante Laura blieb fest. »Sie haben recht, Freilein,« meinte er endlich und drückte ihr krampfhaft die Hand. »Ein Wittmann in den besten Jahren is rasch in aller Leite Meiler.« »Du liebe Zeit, nein, Meister, so meinte ich's nicht,« rief Tante, »ich komme doch wohl hier nicht in Betracht.« »Sin Se stille! Alter schützt vor Torheit nich!« »Ein bißchen unglaublich ist er doch,« seufzte Tante beim Auskleiden, »ich habe immer gezittert in dem Gedanken, was nun wohl kommen und den Kellnern Veranlassung zu Bemerkungen geben könnte!« »Ach, Tantchen, darum brauchen wir uns doch gar nicht zu kümmern,« lachte ich sorglos. »Kind, Kind! Auf Reisen doppelte Vorsicht!« * Am andern Morgen wollten wir eigentlich heimlich ausrücken, nach Regensburg fahren und dem guten Meister ein paar freundliche Abschiedsworte hinterlassen. Tante hatte den frühesten Zug, der um acht Uhr ging, ausgesucht. Wir frühstückten, um ganz sicher vor Störung zu sein, auf unserm Zimmer, aber schon um sieben Uhr bullerte es energisch an unserer Tür, und Meister Krone stürmte nach einem aufgeregten Wortwechsel mit dem Zimmermädchen, herein. »Entschuldigen Se, aber der Mensch hat au 'ne Galle,« rief er, »solche ›Quatschmeiler‹ wie Ihre Tauten hier sin mer au noch nich vorgekommen. Wollten mich nich 'neinlassen.« »Ach, da hätte ich mich doch nicht gezankt, mein lieber Meister, sondern wäre hübsch draußen geblieben,« begütigte Tante mit einem kleinen Wink, den der gute Krone aber nicht verstand. »Übrigens ist's ganz schön, daß wir uns noch gesprochen haben, wir reisen um acht Uhr.« »Wohin denn? Um Gotteswillen, un davon weiß ich nischt?« »Wir wollten Sie nicht in Ihren eigenen Reisedispositionen hindern, wir, wir wollen, – nach Regensburg.« – »Justement gerade un uff's Tittelchen der Punkt, den ich mer au ausgesucht hatte,« rief Schlachter Krone fröhlich. »Ich sagte mer noch gestern abend, nischt geht doch über's Zusammenreisen.« Tante Laura schien anderer Meinung zu sein. »Aber machen Sie sich doch ja keine Unbequemlichkeiten unsertwegen, Meister,« rief sie ängstlich. »Nich rihr an! For Damens bin ich immer zu sprechen, und außer Ihnen hab ich noch 'ne Viehlieferung nach Regensburg.« »Na, – dann ist wohl nichts zu ändern.« Tante Laura seufzte schwer. »Nur immer allerte, Fräulein,« ermunterte Herr Krone, »lange habe ich ja nicht zu tun, ich spute mir schon, un denn zeige ich Ihnen Regenschburg mit die Brücke und den interessanten Strudel, da gibt's ä feines Gedicht driber, wenn mer da mit ä paar Mächens driber fährt, de soll mr's gleich merken wie's in Punkto »Moral« steht.« »Felicitas, wir müssen aufbrechen,« rief Tante. Regensburg, Okt. 18... Es regnet in Strömen, wir sitzen im Hotel, nachdem wir den ganzen Tag umhergewandert und todmüde sind. Tantchen ist außerdem sehr verstimmt, und Schlachter Krone, unser lieber Freund, ist krank und will noch heute abend oder nachts nach Hause zurück. Er ißt immer so schrecklich viel durcheinander, jedes Spezialgericht einer Stadt muß er probieren, ob es schwer oder leicht ist, – gestern hat er in einem fort gebackenen Karpfen gegessen, – so fürchterlich fett – und heute begrüßte er uns nur immer auf Sekunden und war dann sofort wieder verschwunden. »Forschen Se mir nich nach, mir is nich recht extra,« rief er Tante Laura zu, die gar keine Lust bezeigte, ihm nachzuforschen, und eben meldete der Kellner grinsend, der »Herr auf Nr. 6« habe schon bezahlt und wolle mit dem Nachtschnellzug fort. Wir atmen wirklich ein klein wenig auf, es ist etwas anstrengend, mit meinem Jugendfreund zu reisen. Wir wollen nun gleich morgen früh nach München und alle Kunstschätze betrachten, darauf freue ich mich ganz unsäglich. Ich kenne ja noch gar wenig und bin ein rechtes Dümmerchen, während Tante Laura in allen Sätteln gerecht ist und mir alles herrlich erklären kann. – – – Brief vom Schlachter Krone an Tante Laura von Hartwig. »Meine geneigte Dame! Habe in diesen Tagen erkennt, daß die oberste Grundsatzregel die Verdauung ist und wo diese hapert auch keine zarten Fäden gedeihen können. Wie ich wieder mein Graubrod hatte und knappe Diät, war alles in schönster Ordnung und möchte ich mir ohrfeigen, daß wir nicht mehr zusammen sind. War eine schöne Zeit, wo Volk und hoher Adel miteinander lebten, wie jetzt auch in Nürnberg und Regensburg. Und nur die verdammten Karpfen zu fett und nicht bekömmlich. Und wie geht es denn unserm Kinde Kerlchen, immer helle Augens und son fröhliches Gemüt, da is der inwendigte Mensch auch gut und nicht von Trichinen belastet. Ist natürlich mein Geschäft auf dieser Reise nicht prima gewesen, was mir schenierlich wegen meinem Newö is, aber wenn der Mensch die Kollern kriegt, kann er nicht auf seine Schutzbefohlenen aufpassen, wo sie noch dazu getrennt waren, die einen im Hotel, die andern im Zentralviehhof. Ist das Rindvieh infolgedessen bei mangelhafter Beschaffenheit angekommen, was mich an Sie erinnerte und sind Sie hoffentlich wohler eingetroffen. Gehe jetzt herum wie ein Huhn ohne Kopf mit 'n jämmerlappschen Gefühl in der Magengegend, wo bekanntlich das Herz dichtebei sitzt. Und würde es »Sehnsucht« nennen, wenn ich Sie nicht zu belästigen wünschte oder Angst davor hätte. Kann unser Kind Tag und Nacht nicht vergessen, wie es in seiner unschuldsvollen Reinheit auf dem Manne wartet, dem es die Ehe versprochen hat, wo doch nie was draus werden kann, weil ihn den Deubel noch vorher holt, daß er dieses Engelsmädchen sitzen lassen konnte. Hätte es diesem Herrn von Rumohr und Baron nie auch nur an der Nasenspitze zugetraut, so ein Filu zu sein und könnte ihn gleich zu »Böffstäck« zermürbeln. Was aber keine Wirkung auf Kerlchens Verhältnisse haben würde. Es tut aber wohl, seine Eingeweide zu entlasten und habe hiermit Ihnen alles auf den Presentierbrette hingelegt zu gütigem Gebrauch. Wälzen Sie dasselbe freundlichst in Kopf und Gemüt herum, indessen ich ein ehrlicher Mensch bin und Ihr Freund Krone.« * Marschhof, im November. Aus Kerlchens Tagebuch. Wie der Spätherbststurm über die Heide braust! So etwas kennt man gar nicht in den festen Städten und Häusern, in den engen Straßen. Nicht halten kann man sich, wenn man jetzt hinausläuft, man wird umgeweht wie ein Blatt Papier. Ich wollte heute über die Heide stürmen, wie ich's so gern im Thüringer Wald getan habe, wenn der Wind doll blies und die Bäume entwurzelte, – aber hier auf der freien Heide war mir's nicht möglich, ich kam keinen Schritt vorwärts und als ich mich umdrehte und mich treiben ließ, da wehte ich wie ein Hälmchen in den Marschhof hinein. Großmutter Tönningsen ist glückselig, daß sie mich wieder hat. Sie hielt mich ganz fest an sich gepreßt, und ich streichelte ihr weißes Haar, – ja, es kommt mir vor, als sei es jetzt erst ganz weiß geworden, während ich fort war. Ich war doch nur wenige Wochen fort, aber es ist seitdem ganz anders hier. Die Dienstboten haben alle gewechselt, nur die alte Stina ist noch da, aber Edmund habe sie auch fortschicken wollen, sie sei aber nicht gegangen, sondern hätte sich am Torgitter festgehalten und ganz furchtbar geflucht. Das erzählen sich die Mägde unten in der Milchkammer. Lieschen ist auch noch da, ich glaub' immer, sie bleibt mal ganz hier, denn Großmutter Tönningsen verläßt so leicht keinen, dessen sie sich mal angenommen hat. Aber Lieschen hat gar nicht mehr so ein blühendes Gesichtchen, wie damals vor Wochen, sie lacht auch nicht so fröhlich, daß man alle Zähne sieht, – sie ist ja auch tagtäglich mit dem greulichen Edmund zusammen gewesen, da kann einem schon das Lachen vergehen. – – – Aber Gottlob, mich guckt er kaum noch an, seit ich wieder hier bin, das ist noch das Beste an der ganzen Geschichte, ich werde nun auch wieder fröhlich und erzähle von meiner Reise und von Schlachter Krone, und dann lächelt selbst Großmutter Tönningsen, aber so müde, – ach, so müde. Gleich nach dem Abendessen geht Edmund hinaus, – gewöhnlich reitet er hinunter nach der Stadt und kommt sehr spät, manchmal auch erst in der Morgenfrühe zurück, – ich hab' jetzt solch' leisen Schlaf und kann es hören, denn das Vorwerk liegt noch immer in Schutt und Trümmern, kein bißchen ist davon aufgebaut, und Edmund wohnt nach wie vor hier im Hof. – »Es ist nicht recht, es ist nicht recht,« klagte mir gestern Großmutter Tönningsen. »Gott soll mich bewahren, wie haust der Jung' herum, hab' immer geglaubt, er wär' ein guter Landwirt, und nun – – « »Großmutter, das ist er auch; Onkel Rumohr hielt so viel von seiner Begabung – – « Großmutter Tönningsen nahm gleich meine Hand. »O, Kerlchen, liebes, liebes Kind, glaubst du's? Das hebt mich wieder auf. Und du vertraust ihm? O, Kerlchen, – wenn du ihm zur Seite stehen könntest – – « »Nie, Großmutter, nie!« rief ich laut und ungestüm. Ich fühlte, daß ich ganz blaß geworden war, und im Innern war ich so tief traurig, denn ich hatte gehofft, dieser entsetzliche Punkt sei nun ein für allemal erledigt. »Keilchen, meine gute, kleine Deern, – der Fritz – – « »Ach, Großmutter, laß doch den Fritz,« flehte ich, – sieh', sie sind doch beide deine Enkel, und du kennst sie doch beide und kannst doch unmöglich denken, daß man jemals den Edmund angucken könnte, wenn man den Fritz auch nur ein einziges Mal gesehen hat.« »Er kommt nicht wieder, Kerlchen – – « »Er kommt wieder, Großmutter, er ist nur irgendwo weit, weit fort und hört nichts von mir und weiß nicht, wie ich leide und wie du leidest – er ist gewiß selbst krank – « Ich bebte am ganzen Körper. Großmutter Tönningsen schüttelte traurig den Kopf. Sie ist gar nicht mehr stark, gar nicht mehr vertrauend, sie ist ordentlich scheu geworden, die gute, alte Großmutter. Ich kniete vor ihr nieder und legte meinen Kopf in ihren Schoß. »Sei mir nur nicht böse, Großmutter,« bat ich... »In diesem Punkte kann ich dir keinen Gefallen tun; sieh' mir ist's genau so, als müßte ich gleich sterben vor Abscheu, wenn ich dächte, der Edmund Tönningsen könnte mich anrühren.« Sie streichelte mein Haar. »Ich hätt's gern gesehen,« murmelte sie. »Du bist stark, als wärst du von meinem Blut, und bist mir doch eine ganz Fremde. Ich mein', du hättest ihn halten können, aber – wer weiß! Und es wär' eine Sünde, sollte zum zweitenmal ein reines, gutes Kind bei so einem verkommen. Du würdest werden wie ich, – wie ich.« Sie sprach das alles zu mir und doch sah sie mich nicht an, es war, als redete sie mit sich selbst und es wurde mir unheimlich zu Mute. Dann kam Lieschen mit der Lampe, und die Großmutter nahm ihr das Licht aus der Hand und leuchtete ihr ins Gesicht. Das war sehr blaß und dann wurde es glühend rot. Da wies die Großmutter mit der Hand nach der Tür, und Lieschen ging hinaus. So geht es immer. Lieschen darf kaum mehr mit mir zusammen sein, nur die Mahlzeiten nehmen wir gemeinsam. Auch bei den kleinen Tagesarbeiten in Küche und Haus weicht mir Lieschen aus, ich hab' sie schon so oft gebeten, doch ein bißchen freundlicher zu sein und auch ein wenig mit mir zu schwatzen, – ach, man weiß hier gar nicht, das man jung ist, – ein »Kerlchen« bin ich schon lange nicht mehr, wenn sie mich auch so nennen. Wenn ich so ein liebes Wort zu Lieschen sage und ihre Hand nehme, dann windet sie sich los und ruft heftig: »Lassen Sie mich!« Was sie nur hat? »Ein schlechtes Gewissen hat sie,« krächzte die alte Stina, die eine richtige alte Marschunke ist. Ich lache sie immer aus, weil sie in allem so schwarz sieht und es dann so heiser verkündet. Auch ihre Träume erzählt sie uns alle und wird böse, wenn ich sie nicht glaube. »Wer lebt, erlebt's,« krächzt sie dann. * O welch' große Freude hatte ich in diesen Tagen! Mein Erich-Bruder war bei mir. Er hatte es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten können und kam – eigentlich sehr widerwillig – zu »Fritz von Rumohrs Großmutter«, aber sie eroberte ihn vollständig schon in der ersten Stunde und er – sie. »Das ist ja eine ganz prächtige Frau, Kerlchen,« sagte er tiefaufatmend zu mir. »Ich hatte mich so geängstigt, aber das war ganz unnütz. Nur verbittert und vergrämt ist sie; und da hat mein Kerlchen wieder einmal eine schöne Mission zu erfüllen.« »Was für ein ganzer Mann!« sagte Großmutter Tönningsen, als ich sie ins Bett brachte. »Ein schöner, kluger, offner Jung'! So sah der aus, den ich lieb hatte, über fünfzig Jahr sind's her, – weißt du, derjenige, den ich haben wollt', – ehe sie mir den Tönningsen aufschnackten.« »Du hattest jemand lieb und nahmst einen andern?« fragte ich tief erschrocken. »Freilich, du dumme Deern! Der andere war bitter arm und konnte nie dran denken, mich zu nehmen, der Tönningsen war schwer reich und hatte den großen Hof. Der andere war schön und klug und fand leicht sein Fortkommen und auch 'ne andere, tat's aber nicht, sondern starb den Heldentot bei Idstedt. Der Tönningsen war häßlich und dumm, – er starb als Säufer, aber ich hab' doch den Hof über Wasser und Schnaps gehalten, hab' meine alten Eltern bis zum seligen Ende pflegen können und meinen jungen Bruder hier auf dem Hofe erzogen. Gottlob, daß ich auch auf dem Hofe sterben kann.« Ich sah sie an und – ich konnte es nicht fassen, was sie getan hatte. Zn Erich aber schwieg ich von allem, was mich hier auf dem einsamen Marschhofe bedrückte. Ich wollte ihn in dem Glauben lassen, daß ich eine schöne warme Heimat gefunden hätte, er wäre sonst todunglücklich von mir geschieden oder hätte mich nach Buchenwalde gebracht und – ich bin der Großmutter so nötig. Von Fritz von Rumohr sprachen wir auch, lange, lange – Erich und ich. Er war ganz blaß geworden, als ich ihm alles gebeichtet hatte. »Du hast ihn schwer gekränkt,« sagte er langsam und laut. Da nickte ich und sah ihn an, und nun wußte Erich, wie schwer ich darunter litt. Er nahm meine Hand und drückte sie stark, sprechen konnten wir beide nicht. So fand uns die Großmutter. Sie sah mit ihren hellen, alten Augen bewundernd auf meinen großen, schönen Erich-Bruder. »Wie wär's, junger Mann, wenn Sie den bunten Rock auszögen und hier daheim blieben bei mir?« fragte sie in ungewohnter Lebhaftigkeit. Erst lachte Erich, aber als er sah, daß es ihr Ernst war, schüttelte er den Kopf. »Ich kann nur in Königs Rock glücklich sein,« sagte er ernst. »Phantast!« murmelte sie. »Und immer nur ans eigene Glück denkt die Jugend. He, und das Kerlchen? Die junge Schwester? Was soll aus ihr werden? Die hätte doch dann 'ne Heimat hier gehabt – – « Erich atmete schwer. – Da schlang ich meinen Arm um seinen Hals. »Sorg' dich doch nicht um mich, Erich-Bruder,« rief ich – »ich finde schon meinen Weg.« Aber das Wort der Großmutter hatte Erich verwandelt, ich merkte es wohl. Stundenlang war er noch mit ihr allein, und sie sprachen und beredeten ernste Dinge miteinander, als ich schon schlafen gegangen war. Ihre Stimmen klangen gedämpft zu mir herüber. Und am andern Morgen, ehe Erich abreiste, war er auch mit Großmutter allein auf der Diele, und als ich hinzutrat, hörte ich sie sagen: »Also erst bleibt mal alles beim alten; ich habe gesehen, daß Sie Schneid haben, das ist vorläufig die Hauptsache; nun heißt's: abwarten.« »Für mein Schwesterchen tue ich alles!« rief Erich, und da lag ich auch schon in seinen Armen. Aber gesagt habe ich kein Wort. Wozu auch? Ich weiß es noch besser, als Erich selbst, daß er sehr unglücklich wird, wenn er des Königs Rock auszieht – – nein, nein – ich gehe schon meinen Weg allein. Tapfer, Kerlchen Brief von Schlachter Krone an Fräulein Laura von Hartwig. »Wohlsituiertes Fräulein! Es hat sich eine schöne Lebhaftigkeit in unserm Korrespondenzverhältnis entwickelt und kann ich wohl sagen, daß ich mich über Ihre geehrten Sendschreiben immer erfreulich aufrege. Es ist in der Tat eine Ehre für mich, daß Sie meinen Speck und meine Würste in Ihrem ganzen hochwohlgeborenen Bekanntenkreise empfehlen und auch essen, so daß wir nicht genug machen können und das Geschäft sozusagen hochprima ist. Aber über alle diese Freudigkeiten vergesse ich niemalen unser Kind. – Das sitzt da im wilden Norden auf die Heide und, Fräulein, – mich ist es immer, als zittert durch die kleinen, lieben Briefe ein Ton. Wissen Sie, so'n Ton, wie von'n kranken Kindchen oder 'n wunden Tier. Du lieber Gott, ich bin 'n Schlachter, aber die Menschlichkeit hat trotzdem bei mich Pate gestanden. Und ich schüttle den Kopf und horche auf dem Novembersturm, der nun in wenig Tagen in den Dezember 'nein bläst und denke in meinem lieben Gemüt: »Wenn der Herr von Rumohr nunne nich balde kömmt, nachen wird's bedenklich.« »Bist untreu Willem oder tot?« singt der Dichter, und dies Lied kommt mir nicht aus dem Sinn. Es wäre doch 'n hellichter Jammer, wenn unser fröhliches Kerlchen durch männliche Untreue dazu käme, so jammernd ums Morgenrot zu fahren. Etwas geschehen muß! Wer weiß, wie lange die Frau Oberst noch leben, denn das war immer was Zartes und wird sich mit das beginnende Alter kein Riesenweib draus entwickeln. Punkto I. Punkto II. Der Herr Leutnant. Ein Prachtsmensch von hinten und von vorne betrachtet, kann aber von keiner Seite was Energisches für seine Schwester tun. Punkto III. Der Herr Onkel aus dem Buchenwalde. Der hat selbst drei schöne, edle, aber auch auf seinen Geldbeutel angewiesene Töchter. Punkto IV. Der alte Herr von Rumohr? Ist dem Grabe nahe. Die Marschgroßmutter? Dito. Kommt Punkto V. Sie! Aber eine alte Jungfer in die besten Jahre ist immer noch nicht der rechte Schutz für so ein wunderbares, außerordentliches Knettelchen, wie unser Kerlchen eins ist, – dazu gehört ein Mann, Punkto VI ich! Aber, – gnädiges Fräulein von Hartwig – – ich bin siebenundfünfzig Jahr alt und es ist mir, weiß Gott, zu schanierlich. Nich wegen dem Trauerjahr, – das nimmt auch schon mal 'n glückliches Ende, sondern wegen die lieben blauen Augen von meinem Herzenskerlchen, die justement so gucken wie den Herrn Oberst selig seine taten und die so hellauf lachen würden, daß man's beinahe hören könnte: »Meister Krone, sind Sie denn doll?« Also das geht nicht. Aber Sie, Fräulein von Hartwig, sind über solche lachende Augen weg. Sie sind in meinem Alter, dabei immer noch ganz appetitlich und – was die Hauptsache ist, Sie stoßen sich nich an mein gewesenes Metier, sondern achten den Menschen Krone, der jetzt mit Ihnen und Tränen in die Augens über unser Kind berät. Fräulein von Hartwig, wollen Sie mein eheliches, braves Weib werden, damit Kerlchen 'ne Heimat hat? Meine Vermögensverhältnisse sollen Ihnen kein drückendes Hühnerauge sein, die sind gut, basta. Der Stöhner hat immer mehr als der Prahler und ich hab' mein Lebtag genug gestöhnt. Und nun überlegen Sie sich's im stillen Kämmerlein, daß Sie kein heuriger Hase mehr sind, aber ich habe das Herz auf dem rechten Flecke und rufe mit dem Herrn Oberst seinem Worte: »Schönheit vergeht, aber Schweinsleder besteht«. Womit ich mir im Geiste Ihr errötendes »Ja« hole und verbleibe Ihr getreuer Krone.« Auf dem Marschhofe ist es totenstill. Der Doktor Lorentzen ist dagewesen und hat befohlen, daß große Fuder Stroh ausgebreitet werden sollen auf Hof und Straße, damit nicht das Geräusch der vorüberfahrenden Wagen die Kranke erschrecke. Großmutter Tönningsen ist's. Aber es war kein Stroh in den Speichern und Scheunen gewesen, und Stina hatte Flüche gemurmelt und dann doch wieder die hageren Hände zum Beten gefaltet. Nun liegt dafür dichter weißer Schnee draußen auf dem Hof und auf der Straße, und nichts stört die Ruhe der Sterbenden. Es war so plötzlich gekommen, so wie ein Blitzstrahl. Kerlchen saß noch ganz betäubt da, und das blühende Kindergesicht sah beinahe grau und hager aus. So recht klug war Kerlchen ja auch jetzt noch nicht geworden aus all den Reden; dem Geschrei, dem Jammern und auch der furchtbar deutlichen Sprache, die das verfallene Gesicht in den Kissen dort redete, stand es noch verständnislos gegenüber. Gestern war es gewesen. – Kerlchen war zum Flecken hinabgegangen, um eine Schwerkranke im Auftrage von Großmutter Tönningsen zu besuchen. Es hatte vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein wollen, aber die Kranke hatte sie nicht fortgelassen, und so war denn noch der Abend hereingebrochen, und Kerlchen hatte den Heimweg antreten müssen ohne Mondschein und nur mit der kleinen Handlaterne bewaffnet, die es vorsorglich mitgenommen. Aber Kerlchen kannte keine Furcht. Es begegnete ihm auch kaum jemand, und die wenigen riefen durch die Dunkelheit ihm »Gutenacht« zu, auch ein Lastwagen, ein einziger zog in entgegengesetzter Richtung an ihr vorüber. Kerlchen sah schon die Lichter des Marschhofes blinken, da keuchte etwas hinter ihm her. Laute Reden in eigentümlichem Tone drangen an sein Ohr, – es mußten betrunkene Männer sein, die sich unterhielten, Leute, die nicht mehr ihrer Sinne mächtig waren. Kerlchen hatte seine Schritte beschleunigt, aber es war müde vom weiten Weg gewesen, und plötzlich hatte ein Arm es umfaßt und ein Stück seitwärts gerissen. »Edmund Tönningsen!!« »Jawohl, Edmund Tönningsen,« hatte er gelallt, und Kerlchen sah, daß er allein war und es roch den widerlichen Weindunst, der von ihm ausging. Dann waren heiße, wirre Worte an Kerlchens Ohr gedrungen, daß es vor Scham und Verzweiflung laut aufgeweint hatte. Und immer war er neben ihm geblieben im rasenden Lauf und es hatte die keuchend hervorgestoßenen Worte hören müssen: »Komm'! Sperr' dich nicht! Ich halt's hier nicht aus auf dem Hof, ich geh' fort, komm', geh' mit!« Und plötzlich war eine Gestalt aus dem Dunkel aufgetaucht, hatte eine Laterne hoch gehoben und ihnen ins Gesicht geleuchtet, um dann mit gellendem Lachen wieder zu verschwinden. Lieschen! Das zarte, blasse Lieschen, das so wenig lachte. Endlich war das Haus erreicht, Edmund Tönningsen war mit einem häßlichen Fluch zurückgeblieben, und Kerlchen war zur Großmutter getaumelt. Dort hatte es mit tonloser Stimme und voll heißen, ehrlichen Zornes erzählt, was ihm eben widerfahren. Und dann war es erschrocken verstummt, denn die Großmutter sah so verfallen aus mit einemmal und hatte kein Wort entgegnet, sondern nur mit der eiskalten Hand Kerlchens Haar wieder und wieder gestreichelt. Und heute Nacht, da war Kerlchen plötzlich aus tiefem, bleiernem Schlaf aufgeschreckt und hatte erst in die Dunkelheit hinausgehorcht, bis es summendes Sprechen vernahm, das aus Großmutters Stube drang. Türen wurden auf- und zugeschlagen, über den Hof schlürften die Holzschuhe des Knechtes, aus der Remise wurde der Halbwagen geschoben und angeschirrt, und bald jagten die behäbigen Marschpferde den nächsten Feldweg hin nach der Stadt. Kerlchen hatte zitternd die Tür zu Großmutters Stube geöffnet, – Großmutter Tönningsen saß im Nachtkleid auf dem Sofa, die Hände gefaltet und starrte auf die Verwüstung ringsum. Auf der Erde lagen zerstreute Papiere, ein Hammer, eine Zange, Brechwerkzeuge, der eichene Sekretär war erbrochen, seine Türen und Türchen hingen lose in den Angeln. Vor Großmutter Tönningsen kniete und wand sich eine Gestalt, Lieschen. Ununterbrochen sprach sie flehend, anklagend, bittend, verzweifelnd auf die alte Frau ein und bekam doch keine Antwort. Da erhob sich Lieschen und wankte nach der Tür, Kerlchen sprang hinzu und legte liebevoll den Arm um das Mädchen. Aber da richtete sich die Großmutter hoch auf: »Rühr' sie nicht an, Kerlchen,« – rief sie heiser – »fort – Dirne!« Kerlchen schüttelte traurig den Kopf, noch etwas fester drückte es die schwankende Gestalt an sein Herz und führte sie liebreich hinaus. »Schlaf', Lieschen,« klang Kerlchens kindliche Stimme an ihr Ohr, »soll ich dich in dein Stübchen bringen? Was ist denn nur geschehen?« Ein paar heiße Lippen fühlte Kerlchen auf seiner Wange, dann lief Lieschen hinaus in Nacht und Dunkelheit und warf die schwere Dielentür schmetternd hinter sich ins Schloß. Und jetzt war es Morgen. Ein stürmischer, regensatter Novembermorgen. »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter«. Großmutter Tönningsen wollte Abschied nehmen. Nicht mit Worten, mit Liebkosungen oder Weinen und Stöhnen, – ganz still schickte sich die harte Marschbäuerin zum Sterben an. Als man ihr gestern abend gesagt hatte, daß der schöne, stolze Hof verspielt, vertrunken, verlottert sei bis auf den letzten Strohhalm, als sie heute Nacht von der eiskalten Zugluft erwachte, die durch die weitoffene Tür wehte, durch welche der Enkel entflohen war, als sie den widerlich zugerichteten Schreibsekretär erblickte, das sorgsam gehütete Erbstück ihres eigenen alten Vaters, als sie beim hastigen Durchsuchen merkte, daß ihr auch kein Pfennig ihres Barvermögens geblieben war, da brach sie zusammen. Dann kam noch die Beichte des Mädchens, der kleinen Lieschen, die sie so lieb hatte, der Tochter ihrer toten Jugendfreundin, die sie nun gewiß anklagend droben erwartete: »Was ist aus meinem Kinde geworden?« – – Unaufhörlich flüsterte der welke Mund vor sich hin, aber Kerlchen verstand keines der Worte. – – »Ein schwerer Schlaganfall,« sagte Dr. Lorentzen, »es wird bald vorbei sein. Auf Ihnen ruht jetzt vorläufig alles, Fräulein Felicitas, da heißt's tapfer sein!« Und Kerlchen raffte sich auf, nahm dankbaren Blicks das Glas mit dem heißen Rotwein, das ihr Stina reichte, und saß dann mit Dr. Lorentzen zusammen, setzte Telegramme auf, füllte Formulare, schrieb Zeugnisse für Dienstboten und zahlte Löhne aus. Stina hatte ihr geheimnisvoll einen dickgefüllten Strumpf gebracht, – ihr Erspartes. »Kein Schatten schall up de Nomen von mien Madam fall'n,« sagte zitternd der alte, auf dem Hofe ergraute Dienstbote. »Ik heww nuch, dat wi all ers mol vun leben könnt.« Am Nachmittag schlief Großmutter Tönningsen ein, – für immer. Kerlchen war ganz allein bei ihr, – armes, kleines Kerlchen. So nah' hatte es noch nie den Tod gesehen und es kauerte sich in die Ecke des altmodischen Sofas und flüsterte fieberig vor sich hin: »Fritz, lieber Fritz, komm! Ich fürchte mich unsäglich,« Aber dann galt es, die Leute herbei zu rufen, den Sarg zu bestellen, den Doktor und den Herrn Pfarrer zu holen, – Kerlchen besorgte alles, und es war, als sei das schlanke Kind noch gewachsen unter den schweren Pflichten, die ihm plötzlich auferlegt waren. Am Beerdigungstage arbeitete sich wieder eine schwere Kutsche durch die tiefen Furchen des aufgeweichten Weges, und der alte Herr Wolf von Rumohr wickelte sich aus Pelzen und Decken heraus. Über Kerlchens Gesicht flog ein leichter Freudenschimmel. Nun war es nicht mehr so grauenhaft allein, nun konnte es doch auch einmal ausruhen und den müden Kopf an eine starke Schulter lehnen. »Onkel Rumohr, mein guter Onkel Rumohr!« »Ja, mein Herzenskind, wer hätte das gedacht, daß wir uns so bald wiedersehen würden, – aber holla, du siehst bös aus, – die tiefen Schatten um die lieben Augen gefallen mir gar nicht – – armes Kerlchen, da ist wohl nicht alles im Lot.« Als er aber erfuhr, was hier vorgegangen, – da bebte selbst die harte Stina vor dem Hünen zurück, dessen gewaltige Stimme wie ein Sturm durch das Haus tobte, trotzdem er sie noch zu mildern glaubte, weil er an die Tote dachte, die auf der großen Diele aufgebahrt lag. Mit kraftvoller Hand nahm er nun die Zügel des Haushaltes an sich: er griff tief in seinen Säckel, erstattete erst mal der alten Stina ihre Auslagen zurück und fuhr sie derb an, als sie laut weinend protestierte. Dann gab er Kerlchen Wirtschaftsgeld und bestellte aus Hamburg ein Trauerkleid. Wie eine Mutter, so besorgt war er um sein kleines Mädchen, dessen blasses Gesicht und todtraurige Augen, aus denen die furchtbaren Eindrücke der letzten Tage und Nächte sprachen, er nicht ohne heißen Zorn und tiefes Mitleid ansehen konnte. »Sobald wir hier fertig sind, gehen wir fort,« sagte er, »und fertig sind wir, sobald wir die arme Tönningsen in die Erde gebettet haben. Die Dienstboten gehen fort, Stina zieht zu ihrer verheirateten Tochter und morgen Abend kommt der neue Besitzer des Hofes, ein alter Marschbauer, der schon lange ein Auge auf dieses Gut hat. Für Fritz bleibt natürlich kein Pfennig übrig, dafür hat der durchgegangene Lump gesorgt. Aber wo steckt denn überhaupt Fritz, – Kind, das Leben hat nichts Erfreuliches mehr für mich, – es wird gut sein, wenn ich auch bald in die ewigen Jagdgründe komme.« Kerlchen schlang die Arme um seinen Hals. »Nimm mich dann mit,« sagte es tonlos. Der Alte erschrak. So verzagt war sein Tapferes? – – Die Beerdigung war vorbei. Alle männlichen Insassen des Hofes hatten sich mit dem großen Gefolge auf den Friedhof begeben, von wo sie vor zwei Stunden nicht zurück sein konnten. Kerlchen hatte sich nach der Trauerfeier still in den riesengroßen Lehnstuhl der Großmutter Tönningsen gesetzt. Die Sonne hatte sich heute einmal ausnahmsweise hervorgewagt und schien in die kleinen, von weißen Vorhängen umrahmten Fensterchen, Hyazinthen dufteten, und eine großblättrige Zimmerlinde machte sich behaglich breit. Stina hatte vorhin eine große, braune Kanne voll Kaffee in die Ofenröhre gestellt, nun mischte sich der Duft mit denen der Blumen, – es war so schön und friedlich in dem mit altväterischem Hausrat gefüllten Zimmer. Eine Winterfliege surrte durch den Raum, die Hauskatze schnurrte am Ofen, Kerlchen schlief ein. * Den Weg herauf von der Station her kam ein Mann geschritten. Er schien etwas erschöpft zu sein von dem beschwerlichen Wege, sein blasses Gesicht sprach von überstandener Krankheit; auch schien er mißgestimmt, daß auf dem Bahnhof nicht ein einziges Gefährt zu haben war, die Beerdigung der Marschbäuerin hatte alle Fuhrwerke beansprucht. Der Fremde sah in den menschenleeren Hof, begütigte »Sultan«, welcher an der Kette riß und leise winselte, dann klinkte er die Tür zur Diele auf und atmete erschauernd den Duft der Cypressen und Lorbeeren, die noch zerstreut umherlagen. Er nahm die Reisemütze ab und blieb einen Augenblick still versunken auf dem Platze stehen, wo der Sarg gestanden. Dann öffnete er sacht das Wohnzimmer. Wie süß das Bild war, das sich ihm bot, wie betäubend die Hyazinthen dufteten, und wie einzig lieb das Mädchen aussah mit den vom Schlaf warm geröteten Wangen, dem roten Kindermund und den dunkelblonden Locken, die ihm alle auf die weiße Stirn gefallen waren. »Kerlchen!« rief der Mann bestürzt und tief erschrocken und griff nach einem Halt hinter sich, die ganze Stube schien sich um ihn zu drehen. Kerlchen schlug blinzelnd die Blauaugen auf, es war im Traume weit weg gewesen von diesem düsteren Hof. Tief drinnen im Thüringer Wald hatte es geweilt, darin standen dunkle Tannen, und ein weißes Haus lugte dazwischen hervor, und als es die Tannenzweige zurückbog und lachend und jodelnd »hu – hu« rief, da hatten es zwei Arme umfangen und jubelnd war es gerufen worden: »Kerlchen!« Kerlchen sprang auf. Es strich sich die Haare aus der Stirn und fuhr sich mit der bekannten Handbewegung durch das dichte Gelock. Was es jetzt sah, war doch sicher nur ein Traum, aber ein gar lieber, wonniger. Es wollte sich nur einmal richtig überzeugen und so schritt es vorwärts und legte tastend die Hand auf den Arm des Mannes: »Fritz, bist du bei mir?« Ein schweres Aufatmen, einem Schluchzen gleich, antwortete ihm. Da faltete Kerlchen die Hände. »Lieber, lieber Fritz, ach, verzeih' mir doch endlich!« Fritz riß Kerlchen an sich, er bedeckte seinen Mund, sein Haar mit Küssen, dazwischen sah er es an, und das tiefste Weh überkam ihn, als er sah, wie blaß und hohläugig sein Lieb geworden war. »O, du mein! Mein Einziges, ich hab' dich wieder!« Stina blieb mit offenem Mund und wenig geistreichem Gesicht in der Tür stehen, sie hatte auf der großen Diele für das Trauergefolge gedeckt und nun den Kaffee herausholen wollen. »Jesus, der Enkel Rumohr,« rief sie kreischend und mußte sich gleich darauf setzen, so sehr verblüffte sie die Tatsache, daß Fräulein Felicitas, das scheue Ding, von dem Rumohr-Enkel so heiß geküßt wurde. »Er ist mein Bräutigam, Stina, – schon lange,« raunte Kerlchen ihr zu und verbarg sein glückliches Gesichtchen an dem schwarzen, groben Trauerkleid der Alten. »Junger Herr, Sie kommen zu spät,« murmelte Stina finster und entfernte sich schlurrend. »Nicht zu spät, – gelt, mein Kerlchen – nicht zu spät,« flüsterte Fritz von Rumohr und sah in die strahlenden Augen seines Lieblings. »Nun kommt das Glück wieder, und nun halten wir's fest.« »Aber du warst krank, Fritz, – ich seh's dir an, – o, wie mager bist du geworden.« »Das weiß Gott,« seufzte Rumohr. »Du übernimmst eine schwere Aufgabe, Geliebtes, einen kaum Genesenen sollst du wieder zurechtpflegen, – der Typhus hatte mich hart gepackt.« »Der Typhus?« fragte Kerlchen entsetzt. »Jawohl, drunten in der bella Italia, – ich hab' meinem Hans von Hartwig die Augen zugedrückt und mich dann selbst gelegt.« »Hans von Hartwig?« »O, Kerlchen, was liegt hinter uns beiden, – was waren das für Wochen! Mußte das sein, Kerlchen? Mußte es sein?« Kerlchen schüttelte den Kopf. Die heißen Tränen liefen ihm über das Kindergesicht, und Fritz von Rumohr trank sie mit seinen Lippen auf und gelobte sich, daß es die letzten sein sollten, die dieses liebe Geschöpf durch seine Schuld mit weinte. – – – * »An Hochzeit denken wir aber jetzt nicht,« sagte am andern Tage Herr Wolf von Rumohr und betrachtete seinen Neffen von oben bis unten mit gar nicht sehr freundlichen Blicken. »Hat uns der Ausreißer bis heute zappeln lassen, lassen wir ihn jetzt auch zappeln, bis erstens hier alles in Ordnung ist, bis zweitens mein Zipperlein sich gänzlich empfohlen hat, was immerhin ein halbes Jahr dauern kann – bis drittens dieses süße, kleine Kerlelein ein anderes, runderes Gesichtchen bekommen hat, – gelt Kerlchen, eher ergeben wir uns nicht diesem Zigeuner auf Gnade und Ungnade?« Kerlchen sah seinen »Zigeuner« an. O, die tiefe Falte zwischen den Augen! Es strich rasch mit seiner kleinen Hand darüber hin und wirklich, ein klein wenig glättete sich die Furche dadurch. »Weihnachten,« sagte Fritz von Rumohr nur, aber dieses Wort, so fest und ruhig gesprochen, ließ gar keine Widerrede zu. »Könntest du's übers Herz bringen, mich langer warten zu lassen?« fragte er leise und eindringlich sein Kerlchen. Dieses schlang stürmisch die Arme um seinen Hals. »Nein!« rief es hell und laut. »Lieber, lieber Onkel Rumohr, warum soll ich Fritz quälen?« »Quälen, wer spricht von quälen? Gesund sollst du werden und ich auch.« Fritz sah voll heißer Sorge in das schmale Gesichtchen seines Lieblings. Kerlchen nickte ihm lächelnd und beruhigend zu. »Richtig gesund und rotbackig werd' ich erst, wenn ich bei meinem Fritz bin,« sagte es voll Zuversicht und mußte es sich nach diesen lieben Worten gefallen lassen, daß sein »Sturmwind« es mit Küssen und Liebkosungen überschüttete. Onkel Rumohr sah unbehaglich zu. »Dabei wird's sein Lebtag nicht gesund,« bemerkte er weise. »Ruhe braucht das Mädel, und die findet es in meinem stillen Mölln.« »Nein, – bei mir,« entschied Fritz von Rumohr, und da sich Kerlchen nach diesen Worten noch etwas fester an ihn schmiegte, schien die Sache abgemacht zu sein. »Na, da kann ich mich ja mit meinem Rheumatismus hübsch still allein zurückziehen,« brummte Onkel Rumohr und ließ sich schwer in Großmutter Tönningsens verlassenen Sessel fallen, der am Fenster stand, durch dessen niedere Fenster man über die weite, jetzt so öde Heide sah. Mit einem Satz war Kerlchen bei ihm. »Onkel Rumohr, mein alter, lieber Onkel Rumohr! Nicht so sprechen, ach – nicht so! Bin ich undankbar, wenn ich jetzt zu Fritz will, – undankbar gegen dich? Ach, nur das nicht, nur das nicht! Aber Friede! ist ja auch noch krank, sieh' ihn nur an, er braucht mich sicher auch – o – o – wenn ich mich doch nur teilen könnte!« Onkel Rumohr sah gerührt auf das Kerlchen, das da vor ihm kniete und mit so ratlosem Gesichtchen zu ihm aufsah. »Nein,« meinte er sarkastisch, »diese geteilte Freude wäre für Fritz und mich nur doppelter Schmerz.« Fritz streckte ihm die Hand hin. »Wir bleiben alle zusammen,« sagte er ernst. »Wir gehen nach dem sonnigen Süden, du und Muttchen, Kerlelein und ich, und dort kurieren wir vier uns aus, – sag' ja, Ohm Rumohr!« »Das wär'n Gedanke – hm! Was meint die Hauptperson?« »Bin ich das?« Kerlchen war aufgesprungen, es sah etwas hilflos von einem zum andern. »Freilich, – wer sonst?« »O – dann möcht' ich – zu Hause bleiben,« rief Kerlchen bittend. »Ich mag Hochzeitsreisen gar nicht, – es ist so, als hätte man die Aussteuer gestohlen und risse aus.« »Auch 'ne Auffassung,« brummte Ohm Rumohr, während Fritz in dem kindlichen Ausspruch schon wieder einen Grund sah, sein Kerlchen zu küssen. Wie herzig es war, wie lieb es aussah, wie rein und gut es dachte, – sein Kleinod. »Wir können ja doll heizen, bis die Temperatur italienisch wird, dann werden wir auch in Rotbach gesund,« meinte Kerlchen. Onkel Rumohr lachte dröhnend, und Fritz sah in die tiefen blauen Augen, aus denen ihm ein ganzer Himmel entgegenleuchtete. Stina klopfte hart an die Wohnstubentür und trat, ohne das Herein abzuwarten, über die Schwelle. Es zuckte und wetterleuchtete seltsam in ihrem Gesicht. »Man soll nicht laut lachen, nicht vor achtundvierzig Stunden, wo ein Totes gelegen hat,« sagte sie grämlich zurechtweisend. Herr von Rumohr streckte ihr die Hand hin. »Sie haben Recht, Stina, – aber – Base Tönningsen würde mit in mein Lachen einstimmen, wenn sie dieses Bündel Glück sähe, – meint Ihr nicht auch, Stina?« Stina wischte mit der Hand über die Augen. »Glaub's selber,« meinte sie aufseufzend. »Und nun steht draußen ein Bote und sagt, der neue Herr käm' heute Nachmittag schon von der Station herauf, der Marschbauer Detleffsen – –« »Ein alter Mann schon, wie?« »Freilich, – älter als ich muß er sein, ein harter, eigenwilliger Mensch, man hört's allenthalben. Nun, – was geht's mich an, ich schnür' mein Bündel.« »Du gehst zu deiner Tochter, gelt Stina,« fragte Kerlchen und umfaßte liebreich die Alte. »So lang', wie's möglich ist,« entgegnete Stina mißmutig. »Der Schwiegersohn ist kein Guter, werd's nicht lange aushalten bei ihnen, und der Brief vom Herrn Sohn ist schon so abgefaßt, daß man die Frage heraus liest, ob die Schwieger denn gar keinen andern Platz wüßt' zum Bleiben.« Ein schweres Weh zitterte durch Stinas Worte. »Komme zu uns,« bat Kerlchen, und seine Augen richteten sich gleich darauf vertrauensvoll auf Fritz von Rumohr, der ihm zärtlich zunickte. Stina schüttelte den grauen Kopf. »Einen alten Baum soll man nicht umpflanzen,« sagte sie rauh. »Ich paß nicht da unten hin ins Thüringsche. Hatt' auch gemeint, die Frau Tönningsen hätte im Testament was Schriftliches hinterlassen, daß ich auf dem Hof bleiben könnt', bis man mich wegträgt. Es ist kein Verlaß mehr.« »Stina, Ihr wißt, wie alles so plötzlich kam,« entschuldigte Wolf von Rumohr –, und die Alte winkte abwehrend mit der Hand. »Ich weiß, ich weiß! – Und nun will ich für heute Nachmittag einen guten Kaffee rüsten, der neue Herr soll mich bis zuletzt auf dem Posten finden.« Sie ging rasch hinaus. »Die würde in Thüringen einfach sterben,« sagte Fritz kopfschüttelnd und zog Kerlchen, das der Alten traurig nachschaute, an sich, »die Heide läßt ihre Kinder nicht los, – sie bekommen in der Fremde das ›Schweizer‹-Heimweh, glaub' mir, Kleines, wir können da nichts tun bei der Stina.« Kerlchen nickte wehmütig. »Und du gehst auch heute fort?« fragte es und faßte Fritz von Rumohrs Hand ganz fest. »Ja Liebling! Das muß sein! Rotbach verlangt dringend nach seinem Herrn. Aber Weihnachten! Weihnachten hol' ich dich – Kerlchen – könnt' ich dich gleich mitnehmen! Jetzt, – sofort, – so in meinem großen Mantel, das süßeste Weihnachtspaket von der ganzen Welt.« Kerlchen lehnte sein Köpfchen an die Schulter ihres Fritz. Das war solch ein liebes Stellchen, – seine Heimat. Da ruhte es sich süß und geborgen, und wenn es die Augen schloß, dann sah es »Tannenruh« vor sich, greifbar nahe, und den Text zu dem lieben Bilde flüsterte Fritz ihm zu, – eine ganze, lange, köstliche Geschichte. Herr Wolf von Rumohr hatte schon ein paarmal gehustet, sich auffällig geräuspert, hatte das Fenster geöffnet, hinausgesehen und es mit einem hörbaren Krach wieder zugeschlagen, aber die beiden hörten und sahen nicht, was um sie vorging. Darauf hatte er eine Weile auf dem Fensterglas getrommelt, war vom schlichten Dessauermarsch zur rauschenden Scharwache übergegangen, aber in den Herzen von Kerlchen und Fritz war ein Singen und Klingen, das alle Türkenmelodien übertönte. Schließlich stellte sich Onkel Rumohr mit gefalteten Händen vor die beiden hin, und da nach bekanntem Sprichwort der Müller aufwacht, wenn die Mühle still steht, so erwachte zuerst Kerlchen aus seiner tiefen Versunkenheit und riß auch Fritz heraus, als es tief aufatmend sagte: »Ich glaube, Ohmchen will 'was.« »Wirklich? Dämmert's auch allmählich?« fragte Herr von Rumohr halb ärgerlich, halb lachend. »Aber nun ist mir Zeit und Weile lang geworden, und ich hab's vergessen, was ich euch fragen wollte.« Damit ging er zur Tür hinaus. »Ist Ohmchen bös?« fragte Kerlchen besorgt seinen Fritz. »Ich glaub's nicht. Aber wenn er's auch wäre, Kerlelein,« rief er übermütig, »mir wär's einerlei. Grenzenlos einerlei ist mir die Welt, du mein Süßes, nur deine Augen sollen lachen, nur dein Mund soll liebe, gute Herzensworte sprechen und auch nur zu mir , hörst du, Kerlelein, nur zu mir. Ich bin ein elender Egoist geworden.« »Aber Fritz!« Kerlchen hob warnend den Zeigefinger, und – Fritz küßte erst den Finger und dann wieder das Schelmengesichtchen, das so köstlich-ernsthaft dreinschauen konnte. Onkel Rumohr steckte den Kopf zur Tür hinein und zog ihn ebenso schnell wieder zurück. »Nee, nun soll mal einmal einer sagen, was 'ne Sache ist,« murmelte er und ging mit Riesenschritten auf der Diele auf und ab. Der gute Ohm Rumohr. Diesmal vergaß er mit Willen die wichtige Angelegenheit, um welche er Fritz und Kerlchen hatte fragen wollen. Aus Kerlchens Tagebuch. Buchenwalde, im Dezember. Ob ich wohl später mein Tagebuch weiterführen kann? Oder ob ich dann so rasend viel zu tun haben werde, daß ich zu keiner anderen Arbeit komme? So ein großes Gut, und so ein kleines Kerlchen! Freilich hab' ich entsetzlich viel dienstbare Geister –, aber ob sie alle auch zuverlässig und treu sind? Manchmal hab' ich solche Angst, es könnte schief gehen, daß ich am liebsten um Aufschub bitten möchte, – aber erstens, was würde er denn sagen, und zweitens, würde es mir doch nichts nützen, und drittens, – nein, will ich doch nun endlich zu meinem Fritz. Es war noch ein ganz bunt bewegtes Durcheinander, bis ich hier in Buchenwalde landete. Als Fritz vom Marschhof abreiste, meinte ich, der Himmel sei auf einmal ein anderer, die ganze Welt sei grau in grau, trotzdem die Wintersonne warm und freundlich schien. Ich hab's gemerkt an dem Tage, – tief im Herzensgrund, wie ganz eins ich jetzt mit meinem Fritz bin, und daß mich nichts, – nichts mehr von ihm trennen kann. Wie furchtbar ihm der Abschied war. Er sagte gar nichts, er gab mir auch keinen Kuß, er sah mich nur an und meine Hand drückte er so fest, daß sie schmerzte. »Leb' wohl, Kerlelein, Gott behüt' dich!« »Leb' wohl, Fritz.« O der dunkle, dunkle Weg vom Bahnhof zurück! Und dann saß ich in dem großen Wohnzimmer so mutterseelenallein und hörte nur, wie der Onkel draußen Befehle gab, er hatte alle die alten Dienstboten, die vorher auf dem Hofe gewesen waren und deren er habhaft werden konnte, wieder hinbestellt, denn uns liegt doch der liebe Marschhof, auf dem so lange die Großeltern von Fritz ansässig waren, am Herzen. Dann kam Stina zu mir herein, und ich hielt sie gleich fest. Alles Andere versank vor der einen brennenden Frage, die mir seit Großmutters Tode auf dem Herzen lag: »Wo ist Lieschen?« Zuerst wich mir Stina aus, aber ich wurde bös und zornig, daß sie mirs nicht sagen wollte; ich hatte Lieschen lieb gewonnen und wollte nicht glücklich sein, wenn Lieschen unglücklich war. Konnte es aber nicht möglich sein, daß sie sich um den schrecklichen Edmund grämte? O, mein Gott, – was mir da die alte Stina erzählt hat! Nie, nie wieder möcht' ich jene Stunde durchleben! Wie häßlich ist das alles, o und wie todtraurig! Ich hatte das Gefühl, als könnt' ich Lieschen nie wieder ansehen, nie wieder ein gutes Wort mit ihr sprechen, und dann wäre ich doch in derselben Minute am liebsten zu ihr gelaufen und hätte ihr Gutes getan und tausend tröstende Worte zu ihr gesagt. »Eine andere wär' ins Wasser gegangen,« sagte Stina, »aber das tut Lieschen nicht, dazu ist sie zu brav.« * An demselben Nachmittag kam der alte Marschbauer an, und derselben Kutsche, in der er saß, entstieg eine wohlvermummte Frauengestalt und ja – als wir näher zuguckten, da war's mein Muttchen, meine goldige, liebe Muusch. In all der Kälte, in dem greulichen Novemberwetter hatte sie sich aufgemacht, den Beschwörungen der Buchenwalder zum Trotz. »Kerlchen braucht mich, das fühle ich,« hatte sie gesagt, und war einfach ausgerissen. Das hat sie von mir geerbt. Ob ich sie brauchte? So eine Muusch weiß doch immer, wann sie dem Kind – ach so nötig ist. Aber freilich, gesagt hätt' ich es niemals, Mutti ist ja so zart, sie soll sich pflegen und nicht an das Kerlchen denken, das schlägt sich schon durch. Aber gut war's doch, – daß sie dran gedacht hatte. Und wie wir endlich lachend und weinend vor Glück uns genugsam bestaunt hatten, sahen wir uns auch nach dem alten Marschbauern um, der – gar kein alter, sondern ein junger war. So in den Dreißigern ist er, stämmig und untersetzt, er lachte unbändig über das Mißverständnis und erzählte, daß der »alte« Marschbauer seine Pate sei und dieses Anwesen für ihn erstanden habe. Mutti berichtete dagegen uns, der Herr Detleffsen habe auf der ganzen Reise rührend für sie gesorgt, sie waren schon von S. aus miteinander gefahren. »Und da wußt' ich noch nich' mal, daß Sie so 'ne schöne Tochter hatten,« schaltete hier Herr Detleffsen ein und lachte dazu in seiner behaglichen Weise. Onkel Rumohr stimmte mit ein, ihm gefiel der ehrliche Kerl, das sah ich; er gefiel uns allen. Nun hätten ja Mutti und ich abreisen können, aber – mein kleines, zartes Muuschlein hatte sich arg auf der Reise erkältet, und da bot uns Herr Detleffsen so freundlich an, in Großmutter Tönningsens Stübchen noch so lange zu hausen, bis Mama wieder reisefähig sei, daß wir's ihm nicht abschlagen konnten. Dann kam der eine Abend, den ich auch nie vergessen werde, – er tat mir furchtbar weh, der Abend. Ich packte an meinem Koffer, als Herr Detleffsen eintrat. »Wollen Sie wirklich fort,« fragte er, und sein breites, gutes Gesicht sah ganz traurig aus. »Es wird Zeit,« lachte ich, »und Muttchen ist wieder gesund.« »Wird Ihnen der Abschied gar nicht schwer?« fragte er eindringlich weiter. »Nein,« sagte ich ehrlich. »Für mich knüpfen sich wenig schöne Erinnerungen an den Marschhof, und – Großmutter ist tot.« »Ich habe nie danach gefragt,« sagte da Herr Detleffsen, »aber – da wir gerade bei der Sache sind – war die alte Frau Tönningsen die Mutter Ihrer Mutter?« Ich sah ihn verblüfft an. »Aber nein doch,« sagte ich dann erstaunt, »sie war die Großmutter meines Bräutigams, wußten Sie das nicht?« »Nein.« Sein Ton klang seltsam, und wie ich ihn nun ansah, da war's mir, als nähme man mir mit einmal eine Binde von den Augen, und es tat mir weh, was ich sah. Diesem einfachen, guten Menschen mußte ich einen großen Schmerz zufügen. Und nur sein »Nein« hörte ich, weiter nichts. Er ging mit schweren Schritten hinaus und ich sah ihm nach: – das, das hatte ich nicht geahnt und nicht gewollt. Wie ein schweres Unrecht drückte es mich den ganzen Abend. Ich wollte mit Muusch darüber sprechen, mit Ohm Rumohr, aber die beiden waren so unbefangen, sie schienen nicht das Geringste zu ahnen und auch das Nichterscheinen des Maischbauers zum Abendbrot fanden sie ganz in der Ordnung. »Der geht mit ganzer Kraft ins Zeug,« meinte Onkel Rumohr »und eine ganze, volle Kraft ist auch hier nötig.« Erst am andern Nachmittag sah ich Herrn Detleffsen wieder. Wir wollten in einer Stunde reisen, und ich räumte noch Porzellan und Silber fort, das Ohm Rumohr auf der Auktion für Fritz zurückgekauft hatte. Da kam der Marschbauer mit seinen schweren, wuchtigen Schritten herein. »Wir wollen doch nicht so auseinander gehen Fräulein Felicitas,« sagte er und hielt mir seine schwielige Hand hin, in welche ich rasch meine hineinlegte. »Da kann ja nun kein Mensch was für, und am allerwenigsten Sie . Ich dummer Mensch hatte Sie ja vom ersten Sehen an lieb, weil Sie so was ganz Anderes sind, und mein Herz war ganz närrisch vor Freude, daß sich alles so gut traf, weil ich doch meinte, Sie wären durch den Schuft Tönningsen heimatlos geworden, und ich könnt' Ihnen so einfach die Heimat wieder geben. Und keiner hat ein einziges Wort von Ihrem Bräutigam gesprochen, – ans dem einfachen Grund, weil keiner dran dachte, so'n Bauer wie ich könnt' sein Auge zu so'n Prinzeßchen erheben, und wenn Sie von Fritz und Erich sprachen, da meint' ich, es wären die Herren Brüder. Nun – es ist ja keine Schande für Sie, liebes Fräulein, daß Sie ein ehrlicher Mensch hat haben wollen, ich – ich – werde schwer dran tragen – aber ich hab' Arbeit, genug Arbeit – und – ja – was ich sagen wollt: Alles Glück der Welt – für Sie, liebes Fräulein!« Ich hatte die ganze Zeit stumm dagestanden, nur die Tränen liefen unaufhaltsam über mein Gesicht. Aber dann raffte ich mich auf und wischte energisch die heißen Tropfen ab und nahm Herrn Detleffsens große Hände alle beide und schüttelte sie und sagte ihm, wie ich ihm dankbar sei, und wie leid es mir täte, daß er so ein dummes Mädel lieb hätte, und wie ich ihm so von ganzem Herzen eine schöne, gute, treue, liebe, brave Frau wünschte. Und daß ich glaubte, er sei der beste Mensch auf Gottes Erdboden, – gleich nach Fritz – und daß ich so riesengroßes Vertrauen zu ihm hätte und ihm deshalb auch eine Riesenbitte, nein, eigentlich zwei – vortrüge, deren Erfüllung nur von ihm kommen könne. Und da war er gleich ganz Ohr und versprach mir alles, was in seiner Macht stände. O, solch' ein lieber, guter Mensch! Von Stina hab' ich ihm erzählt und – Lieschen. Ja, von Lieschen. Ich dachte nur an ihr grenzenloses Leid, und daß ihr geholfen werden müsse. Und als ich fertig war, da reichte mir Herr Detleffsen nur einfach die Hand, da wußte ich, daß es »ja« hieß. Stina bleibt auf dem Hof und behält ihren alten Wirkungskreis, und Lieschen soll später auch nach dem Marschhof übersiedeln und dort ihre Heimat haben. So war's doch noch ein schöner Abschied von meiner lieben Heide da oben, und mir blieb kein bitterer Nachgeschmack, sondern nur solch ein herzliches Dankgefühl gegen den lieben Gott, daß das kleine Kerlchen so viel Liebe fand – so unverdient. * In Buchenwalde roch es sehr weihnachtlich nach Tannenbäumen, Wachslichtern und frischgebackenem Kuchen. Die Familie saß beim Kaffeetisch. »Wenn nicht mein neues Hochzeitskleid droben in strahlender Bläue hinge, und Munke ihrs rötlich daneben, und Luttewete nicht seit gestern mit der Benzinflasche zu Gange wäre, um die Kaffeeflecke aus ihrem weißen Gewande rauszukriegen, die ihr der Herr Pfarrer höchst eigenhändig draufgegossen – ich dächte, es wäre gewöhnliches Weihnachten.« Also zürnte Bümi. »Gewöhnliches Weihnachten ist gut,« lachte Kerlchen. »Ach, du hast gut lachen! Sag' selbst, kommt man deshalb von außerhalb meilenweit her –« »Eine halbe Stunde mit der Bahn, Bümi.« »Einerlei, – also kommt man deshalb so weit her, um eine Hochzeit, die Hochzeit der liebsten Cousine und Freundin so sang- und klanglos zu feiern?« »Sang- und klanglos?« »Doch, Kerlchen, so ist's! Überschlag' mal die Einladungen: Herr von Rumohr senior, dein Erich-Bruder, Tante Laura von Hartwig, der Schlachter Krone, – ist es nicht zum Radschlagen?« »Tu's nicht, Bümi, du könntest dir was verknacksen,« riet Munke seelenruhig. »Weshalb ereiferst du dich? Ist es nicht selbstverständlich, daß Fritz und Kerlchen ohne Trara in ihr schwer erkämpftes Nestchen wollen? Ich finde die stille Weihnachtshochzeit unter dem Tannenbaum sehr poetisch.« »Doch nur, weil dir dein zartes, lilafarbenes Damastkleid zu eng geworden ist und du bei einer Riesenfeier Marterqualen ausstehen würdest, während du so bei einer kleinen Familientafel bequem in dein aufgemuntertes ›Rotes‹ schlüpfen darfst.« »Nicht mit 'ner Silbe habe ich an meine engen Seitenteile gedacht,« verteidigte sich Munke, – aber das ist alles Gefühlssache.« »Gewiß,« warf Luttewete seelenruhig ein. »Und Gefühlssache ist es auch, wenn Kerlchen mich eben jetzt ununterbrochen auf mein bestes und einziges Hühnerauge tritt, zum Zeichen, daß über ihre Hochzeit nicht losgezogen werden soll.« Kerlchen war sehr rot. »Verzeih',« sagte es verlegen, »ich glaubte, es wär' das Tischbein.« »Zankt euch nicht!« riet Onkel Waldemar. »Ich bin auf Kerlchens Seite. – Wer einen frohen, ungetrübten Brautstand hinter sich hat, der kann auch meinetwegen mit Pauken und Trompeten das Hochzeitsfest begehen, – aber unsere lieben Beiden – –« Kerlchen sah ihn dankbar an. »Fritz meinte – –« »So, meint er schon wieder was, Kerlchen?« fragte Bümi, »da müssen wir andern natürlich still sein.« »Ach, Bümi,« rief Kerlchen ziemlich kriegerisch, »ich, wollte, ich hätte immer das getan, was Fritz ›meinte‹, da hätt' ich mir viel trübe Stunden erspart.« »So, jetzt kommt mein Hühnerauge dran,« rief Bümi, der von Dr. Schirmer ein kleiner, freundschaftlicher Tritt versetzt wurde. »Beruhige dich, Franz, ich bin schon still.« »Wann kommt dein lieber Fritz,« fragte Tante Hedwig und strich zärtlich über Kerlchens Wange. Sie war jetzt immer gut und mild, wie Kerlchen dankbar anerkannte; als schäme sie sich der einstigen Schroffheit und könnte es sich nicht verzeihen, daß sie Kerlchen damals so ohne ein gutes Wort hatte ziehen lassen in die rauhe Fremde. »Morgen,« rief Keilchen glückselig, – »morgen!« Und es preßte die Hände ineinander, wie in überströmender Glückesfülle und sah strahlend von einem zum andern. »Dieser Rumohr is 'n, is 'n – –« Doktor Schirmer suchte krampfhaft nach einem Wort, das die Größe des Glückes ausdrücken sollte, das dieser Mensch jetzt in sein Haus bekam, aber Kerlchen rief so ängstlich: »Bitte, bitte, reden Sie nicht solch dummes Zeug,« daß er seine Weisheit für sich behielt, während die andern ihn auslachten. Draußen wurde der Schnee stampfend von ein paar derben Stiefeln abgeschüttelt. »Hermes, der Götterbote,« lachte Bümi, sprang schnell auf und holte den dickbeschneiten Briefträger ins Zimmer. »Laden Sie ab, Hansohm, und inzwischen braue ich Ihnen noch 'ne heiße Tasse zurecht, so mit 'n Schuß Rum, ni wohr?« »Gnä Frau ham immer recht,« schmunzelte der alte Bote, und dann händigte er Kerlchen eine ganze Warenladung Briefe ein. »Mehr nicht?« fragte Luttewete. »Na, schieß' mal los!« Aber Kerlchen hatte mit einem glücklichen Ahnungsvermögen die wichtigsten Briefe sofort herausgefunden und war mit einem Sprunge zur Tür hinaus. Droben im Parnaß ordnete sie ihre Schätze: ein Brief von Erich, einer von Fritz, einer von Tante Laura, einer vom Schlachter Krone. Erich schrieb nur kurz: »Ich komme, geliebtes Terle-Terle, ich komme! In welcher Stimmung ich bin, kann ich Dir ja gar nicht sagen! Ich habe Fritz selbst gesprochen, jawohl, ich war bei ihm, und Zeuge seiner tiefinneren Glückseligkeit. Gott segne Euch beide! Fritz sieht ganz prächtig aus, Du hast gar nicht viel zu pflegen an ihm. Auf frohes Wiedersehn am Heiligen Abend. Dein treuer Erich.« Brief von Tante Laura an Kerlchen. »Herzenkind! Nimm meine innigsten Segenswünsche und – laß mich an Deinem Ehrentage in meinem stillen Mölln bleiben. Es ist kalt und unwirtlich draußen – ich bin durch Hans von Hartwigs Tod in trübster Stimmung – ich würde – ach, Kerlchen, wozu die Umschweife, ich bin meiner Lebtage ein ehrliches Frauenzimmer gewesen. Sieh, der Hauptgrund ist der, Dein alter Schlachterfreund Krone hat mir einen ganz närrischen Brief geschrieben, aus der Liebe zu Dir herausdiktiert. Kerlchen, – ich werde ordentlich noch ein bißchen rot auf meine alten Tage, – Meister Krone wollte mich heiraten, damit Du eine Heimat habest. Ich hab' ihm wohl ein bißchen ärgerlich geantwortet bei aller Hochachtung vor seinem ehrlichen, biederen Charakter, – Kerlchen, ich war doch etwas wütend. Und nun hab' ich Angst, wir zwei könnten bei Dir zusammentreffen und Euch Euer Fest ansäuern. Gott mit Dir, Kerlchen! Du hast doch recht behalten. Ich werde am Heiligen Abend mit ol Marie vor meinem winzigen Bäumchen sitzen und – an Dich denken Liebling. Glückauf, glückauf! Deine alte Tante Hertwig,« Brief von Schlachter Krone an Kerlchen. »Mein geliebtes und sehr stark verehrtes Kerlchenfräulein und baldige Madame von Rumohr. Eben ist das Hochzeitsgeschenk mit Wertangabe an Ihnen abgegangen, möchten Sie dieselbe gesund verbrauchen. Kommen kann ich auf Ehre und Gewissen nicht. Habe lange an den Knöpfen abgezählt, die alle mit 'ner gewissen Dreistigkeit »ja« sagten, aber ich haute den gordischen Knoten durch und sagte wie weiland Karl der Große: »Ne!« Fräulein Kerlchen, ich will's kurz machen. Ich könnte jetzt Ihr Onkel sein, aber sie hat nicht gewollt. Fräulein von Hartwig nämlich. Und muß sie das mit sich selber ausmachen; es kann ihr Glück sein, oder 'ne ausgesuchte Dummheit. Das Schönste ist, daß Sie nun auch ohne mir zu inkommodieren, eine dauernde Heimat finden, denn ich hoffe nicht, daß Ihr Baron wieder auskratzt. Und seien Sie mir nicht böse, daß ich nun nicht in Ihre Familie komme, – es läßt sich nicht anders machen. Verzeihen Sie mir auch, wenn ich nicht in Ihre Hochzeitstrompeten einstimme, – ich fürchte mich, daß ich mit meiner verflossenen Kronpretendentin zusammengeraten könnte und das wäre schanierlich für beide Teile, da es ja auf Hochzeiten nie an Anspielungen fehlt. Ihnen aber möge der liebe Gott in seine ganz besonderen Arme nehmen, denn Sie haben's verdient. Ich habe immer den Hut abgezogen vor dem Herrn Oberst seinem Kerlchen und schreibe auch jetzt diesen Brief ohne Käppchen, trotzdem es vom Laden her infam auf meinen kahlen Kopp zieht. Möchte Herr von Rumohr immer dasselbe tun. In Ergriffenheit und Liebe Ihr treuer alter Freund Krone.« Brief von Fritz von Rumohr an Kerlchen. »Mein Lieb, mein Kerlelein! Der letzte Brief an mein Bräutchen! Einen Tag vor dem Heiligen Abend bin ich da... Diesmal ist's kein Traum, wie vor Monaten, diesmal ist's wonnige Wirklichkeit. Kerlchen, ich liebe Dich unsäglich! Wie trunken gehe ich durch unser liebes Nest, das ich für Dich gebaut habe, und das uns beide aufnehmen soll am Weihnachtsheiligabend. Wie gut und lieb von Dir, daß Du gleich so jubelnd einwilligtest, als ich Dir vorschlug, nach all unsern Irrfahrten keine Hochzeitsreise zu machen, sondern in unser liebes, eigenes Heim zu flüchten. O Du Liebes, Liebes! Wenn Du wüßtest, wie traut und heimlich ich alles eingerichtet habe, und wie die großen, stolzen Tannen draußen als treue Wächter vor unsern Fenstern stehen, – o Kerlchen, und wenn Du ahntest, wie ich mich nach Dir sehne! Da würde gewiß aus meinem liebenden Mädchen gleich ein scheues Ausreißerchen, – still, still, ich will's nicht heraufbeschwören. Gott grüß' Dich, mein Lieb, mein Kerlchen, mein süßes, süßes Weib! Ich sitze in Deinem Zimmer, an Deinem kleinen, zierlichen Schreibtisch, über dem Deines Väterchens großes, herrliches Ölbild hängt – von Lenbachs Meisterhand gemalt. Es soll mein Hochzeitsgeschenk für Dich sein, und ich sage es Dir jetzt schon, damit mein scheues Reh sich nicht fürchtet mit mir, dem Sturmwind, hier einzuziehen in das alte Schloß, sondern weiß, daß »Väterchen« seiner wartet. Und »Väterchen« gelobe ich, sein Kleinod zu lieben, es auf Händen zu tragen, zu ehren und hoch zu achten, so wahr mir Gott helfe. Grüße unser treues Muttchen. Auch für sie ist schon alles bereit, aber es zeigt ihr einzigzartes Empfinden, daß sie uns erst lange, glückselige Wochen des vollständigen Alleinseins gönnen will. Wie wollen wir sie dann pflegen, gelt', Kerlchen?! So leb' wohl, mein Herz, mein Glück, mein besseres Ich! Kerlchen, ich liebe Dich! Bis in den Tod Dein Fritz von Rumohr.« Kerlchen schlich still zu den andern zurück. Wenn es das doch nicht brauchte! Wenn es sich ganz still zurückziehen könnte in sein Zimmerchen und dort weiter träumen dürfte bis zu der Stunde, da Fritz kam und es heimholte. »In meiner Heimat, da wird es jetzt Frühling,« jubelte und sang es in Kerlchen. Ei freilich, draußen lag tiefer, tiefer Schnee, aber drinnen im Tannenruhstübchen – o du lieber Gott, gibt es denn wirklich Raum auf Deiner Erde für so viel Glückseligkeit? * Alle Augen richteten sich forschend auf das Kindergesichtchen, das da so verträumt über den Familientisch schaute, bis die »Muusch« es an ihr Herz nahm. »Ist mein Kerlchen glücklich?« fragte die blasse, zarte Frau. »Hast du gute Nachricht?« Kerlchen lehnte sich an die Mutter und nickte froh. »Morgen!« sagte es, – und in dem Wörtchen lag eine ganze Welt voll Glückseligkeit. »Wenn du aufgewacht bist, Kerlchen, dann sagst du uns wohl mal, was du für Briefe bekommen hast,« rief Bümi. »O, ich bin ganz wach,« entgegnete Kerlchen und strich sich wieder mit der Verlegenheitsbewegung durch das Haar. »Tante Laura kommt nicht und Schlachter Krone auch nicht – –« »Na nu?« »Aber Fritz – der kommt!« »Ach, – wirklich! Ist's möglich?« Schallendes Gelächter, und Kerlchen merkte jetzt erst, daß es doch noch etwas sehr zerstreut gewesen war. »Na und sieh' hier!« Ohm Waldemar hob einen starken, weißen Briefumschlag mit großem Wappen in die Höhe. »Von Tante Emerenzia. Aber nimm dich ich acht, der Brief ist mit tausend Nadeln gespickt, sie liebt es ja, unter der Maske der Aufrichtigkeit weh zu tun. Wie ich solche Menschen hasse! Und bedaure gleichzeitig! Andern weh tun! Donnerwetter, das Leben ist so kurz.« »Reg' dich nicht auf, Alterchen,« begütigte Tante Hedwig. »Der liebe Gott hat verschiedene Kostgänger.« Tante Emerenzie schrieb: »Liebe Felicitas! Ich danke Dir bestens für die erneute Einladung zu Deiner Hochzeit mit Friedrich, Freiherr von Rumohr-Rotbach. Ich muß meinem Verlangen, diesem Feste beizuwohnen, leider Einhalt gebieten, denn ich würde die weite Reise ungern umsonst machen und weiß doch, daß Du Deine Entschlüsse leicht änderst. Daß Friedrich, Freiherr von Rumohr-Rotbach, glücklich von seiner Auslandsreise zurückgekehrt ist, freut mich. Ich nehme an, daß er wirklich fort war und nicht, wie die Leute hier tuscheln, in Rotbach gesessen hat, um Dich für irgend einen häßlichen, tollen Streich, wie Du ihn ja früher schon als Kind oft zu machen liebtest, zu strafen. Hoffentlich verfügt Dein zukünftiger Gatte über recht viel Geduld, dann kann Eure Ehe doch noch eine glückliche werden, wenn der Herr es will. Ein silberner Schuhknöpfer geht gleichzeitig mit diesem Briefe ab. Deine Tante Emerenzia von Schlieden.« Onkel Waldemar ballte die Faust. »O, welch ein herrliches Gelüst, einem das Leben zu verbittern, wüßtet ihr, was eine Träne ist, ihr würdet zittern!« zitierte er. »Na, unser Kerlchen wird doch um so was nicht weinen,« rief Bümi ungestüm. »O, wenn sie hergekommen wäre, ich hätte ihr die Meinung sagen wollen!« »Das wäre ein nettes Fest geworden,« bemerkte Dr. Schirmer. »Und das sag' ich dir, Kerlchen,« fuhr Bümi kriegerisch fort, »wenn du ihr einen Besuch machst, dieser – diesem Fliegenpilz – ich, ich – – « ich – – –« »Sie kann mir gar nicht mehr weh' tun, – Fritz ist ja bei mir,« sagte Kerlchen einfach, und es lag eine köstliche Gewißheit in seinen Worten. Ohm Waldemar ging zu Kerlchen hin, umfaßte es und sah ihm gütig in die Augen. »Mein alter Kerl,« sagte er, – »wir werden dich furchtbar vermissen! – – –« »Vom Himmel hoch, da komm' ich her, Und bring' euch gute, neue Mär, Der guten Mär bring' ich so viel, Davon ich singen und sagen will.« Hell klangen die frischen Kinderstimmen vom Chor der kleinen Buchwalder Kirche herab, und unter diesen frohen Klängen schritten Fritz von Rumohr und Kerlchen zum Altar. »Wo du hingehest, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch, dein Gott ist mein Gott!« Pastor Richter sprach warm und eindringlich, manchmal war's, als versage ihm die Stimme, als träte die Vergangenheit mächtig an ihn heran, und er spräche von der Zeit, da diese kindliche Braut, die er heute einsegnete, als ein guter Engel zu ihm gekommen war, um seinem verödeten Hause Sonnenschein zu geben, ihn selbst aufzulichten und seine verwaisten Kinder zu trösten. Gutes, liebes Kerlchen! Durch Kerlchen hatte er auch seine Emmy gefunden, die jetzt die Sonne seines Hauses war. Sie stand im schlichten, schwarzen Seidenkleide neben dem hochgewachsenen Offizier, ihrem Jugendfreunde. Aber nicht ein Blick streifte diesen während der ganzen, heiligen Handlung. Emmys Augen hingen selbstvergessen leuchtend an dem Antlitz des Gatten, der mit zündendem Feuer dem jungen Paare die Heiligkeit der Ehe pries. »Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch, dein Gott ist mein Gott.« Fritz von Rumohr sah voll tiefer Rührung auf das junge Geschöpf an seiner Seite. Sein Weib, sein Kerlchen für Zeit und Ewigkeit. Wie es andächtig war, wie tief es das seine Köpfchen senkte, daß es ganz umflossen war vom weißen Schleier! Und das Myrtenkränzchen auf dem Lockenkopf, so kindlich mit einem Gummiband festgehalten! Fritz von Rumohrs »Ja!« klang laut und hallend durch den Kirchenraum, und Kerlchen rief das ihre ebenso kräftig und sah seinen Fritz durch Tränen lächelnd an. »Die Zwei wissen, was sie wollen,« murmelte der alte Küster, und dann ging er mit dem Klingelbeutel durch die Hochzeitsgesellschaft und nahm das Zwanzigmarkstück von Onkel Waldemar mit derselben Gelassenheit in Empfang, wie das Zehnpfennigstück der Frau Lehrer, die zum »Zusehn« gekommen war und ihren Etat um dieser Hochzeit willen nun unnütz belasten mußte. Unter brausendem Orgelklang schritten Fritz und Kerlchen aus der Kirche und gingen den verschneiten Fußweg hinüber ins Herrenhaus. Dort nahm Fritz Kerlchen an sein Herz und küßte es heiß und zärtlich. »Mein Weib!« »Mein Fritz! Du Lieber! O ich danke dir!« » Mir Du Goldiges! Du Dankbares! Ich habe zu danken, daß du mich nimmst, – Kerlchen meins !« Dann kamen die andern, – alle etwas blau gefroren und verweint. Frau Oberst Schlieden küßte ihr Kind. »Weißt du, wer heute bei uns war in der Kirche?« fragte sie leise voll tiefer Bewegung. »O ich weiß es, Muusch: Väterchen! – ich hab' immer an ihn gedacht.« »Gib mir auch einen Kuß, mein Muttchen,« bat Fritz von Rumohr, »ich will es hegen und pflegen, dein Kerlchen.« »Wenn ihr einmal dabei seid, ich bin bereit,« rief Bümi, und Munke und Luttewete versteckten gleichfalls ihre Rührung unter übermütigen Scherzworten. Kerlchen strahlte. Es war, als sei es ganz und gar wieder in den alten, lieben Kobold verwandelt, das Glück hatte es getan, das reiche, wonnige Glück. Beim Festmahl herrschte ungetrübter Frohsinn. Fritz konnte sich nicht satt sehen an dem süßen Etwas, das neben ihm saß und Felicitas von Rumohr hieß. »Bist du mein – Kerlchen?« fragte er leise und zärtlich. »Ich hab' Hunger,« sagte Kerlchen fröhlich, und es aß – tüchtig aß es an seiner eigenen Hochzeitstafel. »Wie ein Scheunendrescher,« behauptete Bümi. Nach aufgehobenem Mahle öffneten sich die Flügeltüren zum Weihnachtszimmer. Wie die Tannen dufteten, wie hell die Lichtchen brannten. »O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit«, sangen die Buben des Pfarrers, der hochaufgeschossene Christi immer voran mit seinem hellen Sopran, der für die Zukunft einen prächtigen Tenor versprach. In seinem Knabenherzen stritt sich die Freude, daß er seinem geliebten Kerlchen das Weihelied singen durfte, mit dem Leid, daß der schwarze Zigeuner Rumohr die süße Lichtgestalt heute mit sich fortnehmen wollte. Und dann brannte ein Lichtchen nach dem andern herab, die Hochzeitsgäste gingen in die hellerleuchteten Räume nebenan und plauderten weiter. Kerlchen aber schlich sacht hinaus und die Treppe hinauf nach dem alten Parnaß. Noch einmal sah es sich in dem lieben, vertrauten Raume um, der ihm so viel gewesen war. Nie würde es ihn vergessen. Bümi war Kerlchen nachgegangen. »Du Liebes,« sagte sie zärtlich, »ich wollte dir doch die letzten Handreichungen tun vorm Abschied. Liebes, liebes Kerlchen, Gott behüt' dich! Verzeihe mir alles, was ich dir weh getan.« »Still, Bümi! Gute Bümi! Du warst immer gut mit mir!« Vor dem Herrenhause stampften ungeduldig die jungen Pferde an dem neuen Wagen, der das junge Paar nach dem Bahnhof bringen sollte. Fritz saß schon darin und sah durch das Fenster auf das Kerlchen, das im schlichten Reisekleidchen Abschied von seiner zweiten Heimat nahm. Jeder wollte ihm noch ein gutes Wort sagen. Wie es geliebt wurde von allen – sein Kerlchen. Dann hob Ohm Waldemar es zu ihm herein, die Pferde zogen an, ade – ade!! * Einen guten, starken Weihnachtspunsch hatte der Gutsherr gebraut, der half am besten for über das närrische Gefühl unter der linken Westentasche. Wie? Gar Tränen? Pfui, Schlieden, schäm dich! Und Ohm Waldemar mischte energisch den Punsch und goß noch einen »Schuß« Kognak dazu. Droben im verlassenen Parnaßstübchen stand eine stille Frauengestalt, – Kerlchens Mutter. Sie strich das seidene Brautkleid glatt, das noch warm war von dem jungen Körper, der eben darin gesteckt, und hing es sorgfältig in den Schrank. Und dann, als dieser letzte Liebesdienst getan, stand sie mit gefalteten Händen am Fenster, – – lange, lange, und ihr Herz sprach treue Worte, und ihr Auge schaute auf den stillen leuchtenden Vollmond, der heute auch auf »Tannenruh« schien, auf das weiße Haus, in das Fritz von Rumohr sein junges Weib heimführte.